
                                Marlitt, Eugenie

                        Das Geheimnis der alten Mamsell

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                                Eugenie Marlitt

                        Das Geheimnis der alten Mamsell

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Na, jetzt sag mir nur um Gotteswillen, wo willst du eigentlich hin, Hellwig?
    Direkt nach X., wenn du erlaubst! klang es halb trotzig, halb spttisch
zurck.
    Aber dahin geht es doch in seinem ganzen Leben nicht ber eine Anhhe! ...
Du bist nicht gescheit, Hellwig ... Heda, ich will aussteigen! Ich habe durchaus
keine Lust, mich umwerfen zu lassen und meine heilen Knochen einzuben - wirst
du wohl halten?
    Umwerfen? Ich? ... I, das wre doch das erste Mal in meinem Leben - wollte
er vermutlich sagen, aber ein entsetzlicher Krach erfolgte, und mit demselben
verstummten die Lippen des Sprechenden wie die eines Toten. Das Schnauben und
Stampfen eines Pferdes wurde fr einen Augenblick hrbar; dann stand das Tier
auf seinen vier Hufen und jagte wie rasend querfeldein.
    Na, da haben wir die Bescherung! brummte endlich der erste Sprecher, indem
er sich auf dem nassen, frisch gepflgten Ackerfelde aufsetzte. He, Hellwig,
Bhm, seid ihr noch am Leben?
    Ja, rief Hellwig nicht weit von ihm und tastete suchend auf den triefenden
Erdschollen nach seiner Percke. Alles Selbstvertrauen, aller Spott waren wie
weggeblasen von dieser schwachen Stimme. Auch das dritte Opfer versuchte es
zunchst mit einer Bewegung auf allen vieren, wobei es entsetzlich fluchte und
sthnte; denn seine gewaltige Korpulenz fhlte sich unwiderstehlich zur Mutter
Erde hingezogen. Endlich war die edle Stellung, die den Menschen als die
bevorzugteste Kreatur in Gottes weiter Schpfung kennzeichnet, wiedergewonnen;
die drei Gefallenen standen auf ihren Fen und besannen sich, was eigentlich
geschehen sei, und was nun geschehen msse.
    Frs erste lag die kleine Chaise, in welcher die drei Herren heute morgen
ihr Vaterstdtchen X. verlassen hatten, um zu jagen, umgestrzt neben der
unglckseligen Anhhe und zeigte dem Himmel ihre vier Rder, wie die drei
tastend bemerkten; der Hufschlag des entfliehenden Rappen war lngst verhallt,
und eine stockfinstere Nacht bedeckte die traurigen Folgen des Hellwigschen
Selbstvertrauens.
    Na, hier bernachten knnen wir nicht - das steht fest. Machen wir, da wir
fortkommen! mahnte endlich Hellwig mit ermutigter Stimme.
    Ja, nun kommandiere auch noch! grollte der Dicke, indem er sich heimlich
berzeugte, da nicht eine seiner Rippen, sondern die Scherben seines schnen
Pfeifenkopfes das bengstigende, knirschende Gerusch an seiner Herzwand
verursachten. Kommandiere auch noch, das steht dir gut an, nachdem du um ein
Haar in deinem schandbaren Leichtsinn zwei Familienvter gemordet httest ...
Uebernachten will ich freilich nicht in dieser Lwengrube; aber nun siehe du
auch, wie du Rat schaffst ... Nicht zehn Pferde bringen mich ohne Licht von
dieser Stelle! Ich versinke zwar im Ackerschlamme, und von da drben her kommt
eine Luft, die mir fr ein halbes Jahr meinen Rheumatismus in die Knochen jagt -
da drein ergebe ich mich, du magst es verantworten, Hellwig! Aber ich werde
nicht so verrckt sein, mir mutwillig in den tausend Lchern und Grben, die
diese gesegnete Gegend aufzuweisen hat, Arme und Beine zu brechen oder die Augen
einzuschlagen.
    Sei kein Narr, Doktor, sagte der dritte. Du kannst nicht wie ein
Meilenzeiger abwechselnd auf einem Beine hier stehen und abwarten, bis Hellwig
und ich in die Stadt tappen und Hilfe holen. Ich hatte lngst gemerkt, da
dieser ausgezeichnete Rosselenker zu viel nach links fuhr. Wir gehen jetzt
schnurstracks ber den Acker nach rechts und kommen an den Fahrweg, dafr stehe
ich ein. Und nun komm und mache keine Flausen; denk an Weib und Kind, die
vielleicht jetzt schon jammern und schreien, weil du bei der Abendsuppe fehlst.
    Der Dicke brummte etwas von heilloser Wirtschaft in den Bart; aber er
verlie seinen Posten und tappte mit den anderen vorwrts. Das war ein
schreckliches Stck Arbeit! Faustdick hingen sich Erdsohlen an die Jagdstiefeln,
und hier und da sank ein unsicher tappender Fu mit aller Vehemenz in eine
Pftze, deren alterierter Wasserspiegel sich sofort in Fontnenform ber die
Kpfe und Flausrcke der drei Unglcklichen ergo. Sie erreichten aber doch ohne
ernstlichen Unfall den Fahrweg, und nun wurde tapfer und wohlgemut drauf
losgeschritten. Selbst der Doktor gewann allmhlich seine gute Laune wieder; er
brummte mit einem frchterlichen Basse: Zu Fu sind wir gar wohl bestellt,
juchhe! etc.
    In der Nhe der Stadt tauchte ein Licht aus der Finsternis auf; es kam in
strmischer Eile auf die Wandernden zu, und Hellwig erkannte alsbald in dem
breiten, frhlich lachenden Gesicht, das sich in greller Beleuchtung ber die
Laterne erhob, seinen Hausknecht Heinrich.
    Ja, herrje, Herr Hellwig, sind Sie's denn wirklich? schrie der Bursche.
Die Madame denkt, Sie liegen mausetot da drauen!
    Woher wei denn meine Frau schon, da wir Unglck gehabt haben?
    Ja, sehen Sie, Herr Hellwig, da ist heute abend eine Kutsche mit Spielern
angekommen - der ehrliche Bursche hatte fr Schauspieler, Taschenspieler,
Seiltnzer und dergleichen nur diese eine Rubrik - und wie die Kutsche in den
Lwen eingefahren ist, da war das Beest, unser Rappe, hintendran, als ob er dazu
gehrte. Der Lwenwirt kennt ihn ja, unseren Alten, und hat ihn gleich selbst
gebracht ... Na, aber der Schreck von der Madame! Sie hat mich gleich
fortgeschickt mit der Laterne, und Friederike mu einen Kamillenthee kochen.
    Kamillenthee? ... Hm, ich meine, ein Glas Glhwein oder wenigstens ein
Warmbier wre vielleicht zweckmiger gewesen.
    Ja, das meinte ich auch, Herr Hellwig; aber Sie wissen ja, wie die Madame
-
    Schon gut, Heinrich, schon gut. Jetzt gehe du voran mit der Laterne. Wir
wollen machen, da wir heimkommen.
    Auf dem Marktplatze trennten sich die drei Leidensgefhrten mit stummem
Hndedrucke; der eine, um pflichtschuldigst seinen Kamillenthee zu trinken, und
die anderen in dem niederschlagenden Bewutsein, da ihrer eine Gardinenpredigt
daheim warte. Denn die Frauen waren der noblen Passion ihrer Eheherren ohnehin
nicht hold, und nun lag die Jagdbeute, das einzige Beschwichtigungsmittel,
zerquetscht drauen unter der umgestrzten Chaise, und das mit zhem Schlamme
bedeckte Jagdkostm verwandelte sicherlich schon die erste Umarmung in einen
jhen Zornausbruch.
    Am anderen Morgen klebten an allen Straenecken rote Zettel, welche die
Ankunft des berhmten Eskamoteurs Orlowsky und seine ausgezeichneten
Kunstleistungen ankndigten, und eine junge Frau ging von Haus zu Haus, um
Billets zu den Vorstellungen anzubieten ... Sie war sehr schn, diese Frau, mit
ihrem prchtigen, blonden Haare und der imposanten Gestalt voll Adel und Anmut;
aber das liebliche Gesicht war bla, bla wie der Tod, sagten die Leute, und
wenn sie die goldig bewimperten Lider hob, was nicht hufig geschah, da brach
ein rhrend sanfter, aber thrnenvoller Blick aus den dunkelgrauen Augensternen.
    Sie kam auch in Hellwigs Haus, das stattlichste am Marktplatz.
    Madame, rief Heinrich in das Zimmer im Erdgeschosse, whrend er den
hellpolierten Messingknopf an der glnzend weien Thr in der Hand behielt, die
Spielersfrau ist drauen!
    Was will sie? rief eine weibliche Stimme streng zurck.
    Ihr Mann spielt morgen, und da mchte sie gern eine Karte an die Madame
verkaufen.
    Wir sind anstndige Christen und haben kein Geld fr solche Faxereien -
schick sie fort, Heinrich!
    Der Bursche schlo die Thr wieder. Er kratzte sich hinter den Ohren und
machte ein sehr verlegenes Gesicht; denn die Spielersfrau mute ja jedes Wort
gehrt haben. Sie stand auch einen Augenblick wie zusammengebrochen vor ihm:
eine fliegende Rte war in ihr bleiches Gesicht getreten, und ein schwerer
Seufzer hob ihre Brust ... Da wurde leise ein kleines Fenster geffnet, das in
die Hausflur mndete; eine unterdrckte Mnnerstimme verlangte ein Billet - es
wurde in Empfang genommen, und ein harter Thaler glitt dafr in die Hand der
jungen Frau. Ehe sie nur aufblicken konnte, war der Fensterflgel wieder
geschlossen, und ein grner Vorhang hing in dichten, undurchdringlichen Falten
hinter den Scheiben. Heinrich ffnete mit einem linkischen Kratzfue und
gutmtig lchelnd die Hausthr, und die Frau schwankte hinaus, schwankte weiter
auf dem Wege voller Dornen und Stacheln.
    Der Hausknecht nahm ein Paar blankgewichster Stiefel, die er vorhin bei dem
Erscheinen der Frau niedergesetzt hatte, wieder auf und trat in das Zimmer
seines Herrn, der sich uns jetzt im vollen Tageslichte als einen kleinen,
lteren Mann mit einem mageren, blassen, aber unendlich gutmtigen Gesicht
zeigt.
    Ach, Herr Hellwig, meinte Heinrich, nachdem er die Stiefel an den
gehrigen Platz gestellt hatte, das war wirklich recht schn, da Sie eine
Karte gekauft haben! Die arme Frau sieht ja aus wie 's Leiden Christi; sie
dauert mich, und wenn zehnmal ihr Mann sein Brot nicht ehrlich verdient ... Er
hat hier so kein Glck - denken Sie einmal an mich, Herr Hellwig!
    Warum denn nicht, Heinrich?
    Ja, weil der Racker, unser Rappe, sich wie eine Klette an den Wagen gehngt
hat, wie er zum Thore hereingefahren ist - das bedeutet nicht Gutes - das
Unglcksvieh kam ja justament von einem Unglcksplatze ... Passen Sie mal auf,
Herr Hellwig, was ich gesagt habe, die Leute haben kein Glck!
    Er schttelte seinen dicken Kopf und ging, da sein Herr auf die Prophezeiung
hin weder ein Fr noch Wider verlauten lie, wieder in die Hausflur, um die
Strohmatte vor der Thr der strengen Madame regelrecht zu placieren; die fremde
Frau hatte unbewut mit dem Fue daran gestoen.

                                       2


Der Rathaussaal war gedrngt voll Zuschauer, und immer noch strmten die
Menschen die Treppe herauf. Heinrich stand im dichtesten Gedrnge und suchte
sich schimpfend Luft zu machen mittels derber Pffe und heimlicher Attacken auf
die Hhneraugen seiner Nchsten. Herr Jesus, wenn das die Madame wte, das
gb' ein Donnerwetter! - Der Herr mte gleich morgen in aller Frhe zur
Beichte, flsterte er vergnglich schmunzelnd einem Nachbar zu, indem er seinen
schwieligen Zeigefinger nach einem der erhhten Sitze an der Seitenwand des
Saales ausstreckte. Dort sa Herr Hellwig in Gesellschaft seines
Leidensgefhrten, des Doktor Bhm. Es hatte dem ehrlichen Burschen Mhe genug
gekostet, seinen schmchtigen Herrn herauszufinden: denn die Honoratioren waren
stark vertreten. Das Programm versprach aber auch lauter neue Wunderdinge, und
der Schlu desselben lautete folgendermaen:
    Madame d'Orlowska erscheint als Schildjungfrau. Sechs Mann Militr werden
mit scharfgeladenem Gewehre auf sie schieen, und sie wird mit einem Hiebe ihres
Schwertes die sechs Kugeln in der Luft zerhauen.
    Die Bewohner von X. waren hauptschlich gekommen, um sich von der Wahrheit
dieses Wunders berzeugen zu lassen. Die schne, junge Frau hatte das allgemeine
Interesse geweckt, und jeder mochte gern wissen, wie sie wohl aussehe, wenn sie
die Feuerrohre auf sich gerichtet wte ... Es gelang brigens auch dem
Taschenspieler, die Aufmerksamkeit des Publikums fr seine Kunstleistungen zu
gewinnen. Er war, was die Frauen einen interessanten Mann zu nennen pflegen.
Mittelgro, von schlanker, biegsamer Gestalt, mit regelmigen, aber bleichen
Zgen, braunen Locken und ausdrucksvollen Augen, zeigte er sehr elegante
Manieren, und sein eigentmlich klingendes Deutsch, das ihn als den Sohn jenes
unglcklichen, auseinander gerissenen Volkes kennzeichnete, machte ihn noch
anziehender ... Das alles war aber sofort vergessen, als die annoncierten sechs
Soldaten unter Kommando eines Unteroffiziers aufmarschierten. Ein Gerusch
entstand im Publikum, wie das Tosen einer Brandung - dann folgte pltzlich
bngliche Stille.
    Der Pole trat an einen Tisch und machte die Patronen angesichts des
Publikums. Mit einem Hammer klopfte er auf jede einzelne Kugel, um die atemlosen
Zuschauer durch den Klang zu berzeugen, da es wirkliche, zweiltige
Gewehrkugeln seien. Dann gab er jedem der Soldaten eine Patrone und lie vor den
Augen des Publikums laden ... Der Taschenspieler klingelte.
    Gleich darauf trat die Frau hinter einem breiten Schirme hervor. Sie schritt
langsam seitwrts und stellte sich den Soldaten gegenber. Es war eine
wundervolle Erscheinung, den linken Arm deckte der Schild und in der Rechten
hielt sie das Schwert. Ein weies Gewand flo in reichen Falten auf die Fe
nieder; um die Hften legten sich silberglnzende Schuppen, und ein strahlender
Harnisch deckte die herrliche Bste ... Was war aber all dieser Glanz gegen den
matten Goldschimmer der Haarwellen, die unter dem Helme hervorquollen und fast
bis auf den Saum des Gewandes herabfielen!
    Das bleiche, schwermtige Gesicht richtete den traurigen Blick auf die
Mndungen der todbringenden Waffen, die hinber starrten. Keine Wimper zuckte.
Nicht die leiseste Bewegung war an dem leicht wallenden Gewande zu bemerken -
sie stand dort wie ein Steinbild ... Das letzte Kommando schallte durch den
totenstillen Saal; die sechs Schsse krachten wie aus einem Rohre - sausend
durchschnitt das Schwert die Luft, und zwlf halbe Kugeln rasselten auf den
Boden.
    Einen Augenblick noch sah man die hohe Gestalt der Schildjungfrau
unbeweglich stehen - der Pulverdampf verwischte ihre Zge, und nur matt
schimmerte die Rstung durch die Wolke ... dann schwankte sie pltzlich, Schild
und Schwert sanken klirrend zu Boden, mit der Rechten griff sie, wie nach einem
Halt suchend, krampfhaft zuckend in die Luft und taumelte mit dem
herzzerreienden Schrei: O Gott, ich bin getroffen! in die Arme ihres
herbeieilenden Mannes ... Er trug sie hinter den Schirm und strzte gleich
darauf wie ein Rasender auf die Soldaten zu.
    Sie hatten smtlich die Weisung erhalten, beim Laden der Gewehre die Kugeln
abzubeien und im Munde zu behalten, das war das ganze Wunder. Einer derselben
jedoch, ein ungelenkes Bauernkind, hatte, vllig verwirrt durch den Anblick der
versammelten Menschenmenge, in jenem verhngnisvollen Momente den Kopf verloren
- als die fnf anderen auf den leidenschaftlich herausgestoenen Befehl des
Taschenspielers die Kugeln sofort aus dem Munde holten, da brachte er zu seinem
eigenen Entsetzen ein wenig Pulver zum Vorschein - seine Kugel hatte die
unglckliche Frau durchbohrt.
    Die Zge des Polen verzerrten sich bei diesem Ergebnis in Schmerz und
Verzweiflung, und er schlug, ganz auer sich, den unfreiwilligen Verbrecher ins
Gesicht.
    Augenblicklich entstand eine unglaubliche Verwirrung im Saale. Mehrere Damen
wurden ohnmchtig, und zahllose Stimmen schrieen nach einem Arzte. Doktor Bhm
aber, der den Vorfall schneller begriffen hatte, als alle anderen, war schon
lngst hinter dem Schirme bei der Verwundeten. Als er endlich mit erblatem
Gesichte wieder hervortrat, sagte er leise zu Hellwig: Mu ohne Gnade sterben,
das arme, prchtige Weib!
    Eine Stunde spter lag die Frau des Taschenspielers auf einem Bette im
Gasthofe zum Lwen. Man hatte sie auf einem Sofa aus dem Saale getragen;
Heinrich war einer der Trger gewesen. Na, Herr Hellwig, habe ich recht oder
unrecht mit dem Unglcksvieh, dem Rappen? hatte er seinen Herrn im Vorbergehen
gefragt, und dabei waren ihm dicke Thrnen ber die Backen gelaufen.
    Die Frau lag still, mit geschlossenen Augen da. Ihre entfesselten Haare
fielen in einzelnen Strhnen ber die weien Kissen und den Bettrand hinab, und
die goldigen Spitzen ringelten sich auf dem dunklen Futeppich ... Vor dem Bette
kniete der Taschenspieler; die Hand der Verwundeten ruhte auf seinem Kopfe, den
er tief eingewhlt hatte in die Bettdecke.
    Schlft Fee? flsterte die Frau fast unhrbar, whrend sie mhsam die
Lider ffnete.
    Der Taschenspieler hob den Kopf und nahm die bleiche Hand zwischen die
seinigen.
    Ja, murmelte er mit schmerzverzogenen Lippen. Die Tochter des Hauses hat
sie mitgenommen in ihr Schlafzimmer; sie liegt dort in einem weien Bettchen -
unser Kind ist gut aufgehoben, Meta, mein ses Leben!
    Die Frau blickte mit einem unaussprechlichen Ausdrucke innerer Leiden auf
ihren Mann, dem die Verzweiflung aus den Augen glhte.
    Jasko - ich sterbe! seufzte sie.
    Der Taschenspieler sank auf den Teppich zurck und wand sich wie in den
heftigsten krperlichen Schmerzen.
    Meta, Meta, gehe nicht von mir! rief er auer sich. Du bist das Licht auf
meinem dunklen Wege! Du bist der Engel, der die Dornen meines verfemten Berufes
sich ins Herz gestoen hat, damit sie mich nicht berhren sollten! ... Meta, wie
soll ich leben, wenn du nicht mehr neben mir stehst mit dem behtenden Auge und
dem Herzen voll unsglicher Liebe? Wie soll ich leben, wenn ich deine
berauschende Stimme nicht mehr hre, dein himmlisches Lcheln nicht mehr sehe?
Wie soll ich leben mit dem marternden Bewutsein, da ich dich an mich gerissen
habe, um dich namenlos elend zu machen? ... Gott, Gott, da droben, du kannst
mich nicht in diese Hlle stoen! ... Er weinte leise. Ich will erst shnen,
was ich an dir gefrevelt habe, Meta. Ich will fr dich arbeiten, ehrlich
arbeiten, bis mir das Blut unter den Ngeln hervorspringt - ich will arbeiten
mit Hacke und Spaten. Wir wollen uns still und zufrieden in einen Winkel der
Erde zurckziehen - er ri das schwarze, mit Goldflitter beste Samtwamms von
den Schultern - fort mit dem Plunder! Er soll mich nie mehr berhren ... Meta,
bleibe bei mir, wir wollen ein neues Leben anfangen!
    Ein schmerzliches Lcheln flog um die Lippen der Sterbenden. Mhsam erhob
sie den Kopf; er schob seinen Arm unter und prete mit der linken Hand ihr
Gesicht wie wahnsinnig an seine Brust.
    Jasko, fasse dich - sei ein Mann! sthnte sie; ihr Haupt sank wie leblos
zurck, aber sie ffnete die halb gebrochenen Augen wieder, und es schien, als
klammere sich die scheidende Seele noch einmal verzweiflungsvoll an die
zusammenbrechende Hlle - diese Lippen, die in Staub zerfallen sollten, muten
noch einmal sprechen; das Herz durfte nicht stillstehen und die Qualen
unausgesprochener Mutterangst mit unter die Erde nehmen.
    Du bist ungerecht gegen dich selbst, Jasko, sagte sie nach einer Pause,
whrend welcher sie noch einmal den Rest ihrer Krfte zusammengerafft hatte;
ich bin nicht elend geworden durch dich ... ich bin geliebt worden, wie selten
ein Weib, und diese Jahre des Liebesglckes wiegen wohl ein ganzes, langes
Menschenleben auf ... Ich habe gewut, da ich dem Taschenspieler meine Hand
reiche - ich bin aus dem Vaterhause, das mich um meiner Liebe willen verstie,
hellen Blickes gegangen, um an deiner Seite zu leben ... Wenn Schatten mein
Glck getrbt haben, so trifft mich, mich allein die Schuld, die ich meine Kraft
berschtzt hatte, und die kleinmtig zusammenbrach unter der Misere deiner
Stellung ... Jasko, fuhr sie leiser fort, den Mann erhebt der Gedanke, da
seine Kunst, gleichviel welche, ihn adle, ber die engherzigen Ansichten der
Menschen - das Weib aber zuckt unter den Nadelstichen einer geringschtzenden
Behandlung ... O Jasko, die Sorge um Fee macht meine Sterbestunde zu einer
qualvollen, schrecklichen! Ich beschwre dich, halte das Kind fern von deinem
Berufe!
    Sie fate nach seiner Hand und zog sie an sich. Ihre ganze Seele drngte
sich noch einmal in diese schnen Augen, die sich binnen kurzem verdunkeln
sollten im Todeskampfe.
    Ich fordre unsglich Schweres von dir, Jasko! fuhr sie flehentlich fort.
Trenne dich von Fee - gib sie unter die Obhut einfacher, braver Menschen, lasse
sie inmitten eines ruhigen, stillen Familienlebens aufwachsen - versprich mir
das, mein einzig geliebter Mann.
    Mit von Thrnen erstickter Stimme gelobte es ihr der Mann. Es folgte eine
schreckliche Nacht, der Todeskampf wollte nicht enden. Als aber das Frhrot
durch die Fenster brach, da warf es seine Rosen auf eine schne Frauenleiche,
deren verklrte Zge die Kmpfe der letzten Stunden nicht mehr ahnen lieen.
Orlowsky hatte sich ber die erkaltende Hlle geworfen, und nur der Anstrengung
mehrerer Mnner gelang es, ihn hinwegzureien und in ein anderes Zimmer zu
bringen.
    Am dritten Tage gegen Abend wurde die Spielersfrau unter groem Zudrange
zur Erde bestattet. Mitleidige Herzen hatten den Totenschrein mit Blumen
bedeckt, und unter den angesehenen Mnnern der Stadt, die im Leichenzuge
schritten, war auch Hellwig ... Der Taschenspieler brach zusammen, als die
ersten Schollen auf den Sarg fielen; aber Hellwig, der neben ihm stand, sttzte
ihn und fhrte ihn in die Stadt zurck. Er blieb mehrere Stunden allein bei dem
Tiefgebeugten, der bis dahin jeden Zuspruch zurckgewiesen und sogar versucht
hatte, Hand an sich zu legen ... Die an der Thr des Sterbezimmers
vorbergingen, hrten bisweilen ein heftiges Aufschluchzen des unglcklichen
Mannes oder Ausbrche leidenschaftlicher Zrtlichkeit, auf die ses
Kindergeschwtz antwortete - sie klangen herzzerreiend zusammen, jene
thrnenerstickte Stimme und die lachenden Silbertne des Kindes.

                                       3


Der Abend war weit vorgerckt. Ein scharfer Novemberwind fegte durch die
Straen, und die ersten Schneeflocken taumelten auf Dcher und Straenpflaster
und auf die dunkle, frisch aufgeworfene Erde des Grabhgels, der sich ber der
jungen Frau des Polen wlbte.
    Inmitten des Hellwigschen Wohnzimmers stand ein gedeckter Tisch. Es waren
massive silberne Bestecke, die neben den Tellern lagen, und das weie
Damasttischtuch hatte Atlasglanz und zeigte ein prachtvolles Muster. Die Lampe
stand auf dem kleinen, runden Sofatische, hinter welchem die Frau Hellwig sa
und an einem langen, wollenen Strumpfe strickte. Sie war eine groe,
breitschultrige Frau, im Anfange der vierziger Jahre. Vielleicht war dies
Gesicht im Schimmer der Jugend schn gewesen, wenigstens hatte das Profil jene
klassische Linie, welche die Gesetze der regelmigen Schnheit verlangen; aber
hinreienden Zauber hatte die Frau wohl nie besessen. Und mochte ihr groes Auge
auch noch so schn geschnitten und glnzend, ihr Teint noch so strahlend gewesen
sein, sie hatten sicher nicht jenen Schmelz zu ersetzen vermocht, den ein
reiches Seelenleben ber die Zge haucht - wie htte sich dies Gesicht so
versteinern knnen bei innerer Wrme? Wie wre es mglich gewesen, nach einer
Jugend voll seligen Gebens und Nehmens, nach den zahllosen Anregungen und
Empfindungen, die das Leben in der empfnglichen Seele weckt, noch so eisig zu
blicken, wie diese starren, grauen Augen blickten? ... Ein dunkler Scheitel
legte sich in einer strengen, festen Linie um die noch immer weie Stirn. Das
brige Haar dagegen verschwand unter einem Mullhubchen von tadelloser Frische.
Diese Kopfbedeckung und ein schwarzes Kleid von gesucht einfachem Schnitt mit
eng anliegenden Aermeln und schmalen, weien Manschettenstreifen am Handgelenke
gaben der gesamten Erscheinung etwas Puritanerhaftes.
    Dann und wann wurde eine Seitenthr geffnet, und das runzelvolle Gesicht
einer alten Kchin erschien forschend in der Spalte.
    Noch nicht, Friederike! sagte Frau Hellwig jedesmal mit eintniger Stimme,
ohne aufzublicken; aber die Nadeln flogen immer rascher durch die Finger, und
ein eigentmlicher Zug von Verbissenheit lagerte um die schmalen Lippen. Die
alte Kchin wute genau, da die Madame ungeduldig sei; sie liebte es, zu
schren, und rief endlich in weinerlichem Tone in das Zimmer:
    Du lieber Gott, wo aber auch nur der Herr bleibt! Der Braten wird schlecht,
und wann soll ich denn heute fertig werden?
    Diese Bemerkung trug ihr zwar eine Rge ein, denn Frau Hellwig litt es
nicht, da ihre Leute unaufgefordert ihre Meinung uerten; aber sie zog sich
vergnglich samt ihrem Verweise in die Kche zurck, hatte sie doch gesehen, da
die Madame nun auch eine tiefe Falte zwischen den Augenbrauen hatte.
    Endlich wurde die Hausthr aufgemacht. Der volle, tiefe Klang der Thrglocke
scholl durch die Hausflur.
    Ach, das hbsche Klingkling da oben! rief drauen eine klare Kinderstimme.
    Frau Hellwig legte den Strickstrumpf in ein vor ihr stehendes Krbchen und
erhob sich. Befremden und Erstaunen hatten den Ausdruck der Ungeduld verdrngt -
sie sah gespannt ber die Lampe hinweg nach der Thr. Drauen kratzte jemand
unzhlige Male mit den Fen ber die Strohmatte, das war ihr Mann. Gleich
darauf trat er in das Zimmer und ging mit etwas unsicheren Schritten auf seine
Frau zu. Er trug ein kleines Mdchen, das ungefhr vier Jahre alt sein mochte,
auf dem Arme.
    Ich bringe dir hier etwas mit nach Hause, Brigittchen, sagte er bittend,
aber er verstummte sogleich wieder, als sein Auge das seiner Frau traf.
    Nun? fragte sie, ohne sich zu bewegen.
    Ich bringe dir ein armes Kind -
    Wem gehrt es? unterbrach sie ihn kalt.
    Dem unglcklichen Polen, der seine junge Frau auf eine so schreckliche
Weise verloren hat ... Liebes Brigittchen, nimm die Kleine gtig auf!
    Doch wohl nur fr diese Nacht?
    Nein - ich habe dem Manne heilig versprochen, da das Kind in meinem Hause
aufwachsen soll.
    Er sprach diese Worte rasch und fest; denn es mute ja doch einmal gesagt
werden.
    Das weie Gesicht der Frau war pltzlich mit einer hellen Rte bergossen,
und ein schneidender Zug flog um ihre Lippen. Sie verlie ihren bisherigen Platz
um einen Schritt und tippte mit einer unbeschreiblich malizisen Bewegung den
Zeigefinger gegen die Stirn.
    Ich frchte, es ist nicht richtig bei dir, Hellwig, sagte sie. Ihre Stimme
hatte noch immer die kalte Ruhe, was in diesem Augenblicke um so verletzender
klang. Mir, mir eine solche Zumutung? ... Mir, die ich mein Haus zu einem
Tempel des Herrn zu machen suche, Komdiantenbrut unter das Dach zu bringen,
dazu gehrt mehr noch, als - Einfalt.
    Hellwig fuhr zurck, und ein Blitz zuckte aus seinen sonst so gutmtigen
Augen.
    Du hast dich gewaltig geirrt, Hellwig! fuhr sie fort. Ich nehme dies Kind
der Snde nicht in mein Haus - das Kind eines verlorenen Weibes, das so sichtbar
vom Strafgerichte des Herrn ereilt worden ist.
    So - ist das deine Meinung, Brigitte? Nun, so frage ich dich, welcher
Snden hat sich dein Bruder schuldig gemacht, als er auf der Jagd von einem
unvorsichtigen Schtzen erschossen wurde? Er war seinem Vergngen nachgegangen -
das arme Weib aber starb in Erfllung einer schweren Pflicht.
    Das Blut wich der Frau aus dem Gesicht, sie wurde pltzlich kreidewei.
Einen Moment schwieg sie und richtete das Auge erstaunt und lauernd zugleich auf
ihren Mann, der pltzlich eine solche Energie ihr gegenber entwickelte.
    Whrenddem zog das kleine Mdchen, das Hellwig auf den Boden gestellt hatte,
die rosenfarbene Kapuze herunter, und ein reizendes Kpfchen voll
kastanienbrauner Locken kam zum Vorschein; auch das Mntelchen flog zur Erde ...
Wie verhrtet mute das Herz der Frau sein, da sie nicht sofort beide Arme
ausbreitete und das Kind kosend an die Brust drckte! War sie vllig blind gegen
den unsglichen Liebreiz der kleinen Gestalt, die auf den zierlichsten Fchen,
die je in einem Kinderschuhe gesteckt, durch das Zimmer trippelte und mit groen
Augen die neue Umgebung betrachtete? ... Das rosige Fleisch der runden Schultern
quoll aus einem hellblauen Wollkleidchen, dessen Bndchen und Sume zierliche
Stickerei zeigten - vielleicht war dieser Schmuck des Lieblings die letzte
Arbeit der Hnde gewesen, die nun im Tode erstarrt waren.
    Aber gerade der elegante Anzug, der ungezwungene, geniale Fall der Locken
auf Stirn und Hals, die grazisen Bewegungen des Kindes emprten die Frau.
    Nicht zwei Stunden mchte ich diesen Irrwisch um mich leiden, sagte sie
pltzlich, ohne auf die eklatante Zurechtweisung ihres Mannes auch nur eine
Silbe zu erwidern. Das zudringliche kleine Ding mit den wilden Haaren und der
entblten Brust pat nicht in unseren ernsthaften, strengen Haushalt - das
hiee geradezu der Leichtfertigkeit und Liederlichkeit Thr und Thor ffnen.
Hellwig, du wirst diesen Zankapfel nicht zwischen uns werfen, sondern dafr
sorgen, da die Kleine wieder dahin zurckgebracht wird, wohin sie gehrt.
    Sie ffnete die Thr, die nach der Kche fhrte, und rief die Kchin herein.
    Friederike, ziehe dem Kinde die Sachen wieder an, befahl sie, auf Kapuze
und Mantel der Kleinen deutend, die noch am Boden lagen.
    Du gehst augenblicklich in die Kche zurck! gebot Hellwig mit lauter,
zorniger Stimme und zeigte nach der Thr.
    Die verblffte Magd verschwand.
    Du treibst mich zum Aeuersten durch deine Hrte und Grausamkeit,
Brigitte! rief der erbitterte Mann. Schreibe es daher dir und deinen
Vorurteilen zu, wenn ich dir jetzt Dinge sage, die sonst nie ber meine Lippen
gekommen wren ... Wem gehrt das Haus, das du, wie du sehr irrigerweise
behauptest, zu einem Tempel des Herrn gemacht haben willst? - Mir ... Brigitte,
du bist auch als arme Waise in dies Haus gekommen - im Laufe der Jahre hast du
das vergessen, und, Gott sei es geklagt, je eifriger du an diesem sogenannten
Tempel gebaut, je mehr du dich befleiigt hast, den Herrn und die christliche
Liebe und Demut auf den Lippen zu fhren, um so hochmtiger und hartherziger
bist du geworden ... Dies Haus ist mein Haus, und das Brot, welches wir essen,
bezahle ich, und so erklre ich dir entschieden, da das Kind bleibt, wo es ist
... Und ist dein Herz zu eng und liebeleer, um mtterlich fr die arme Waise zu
fhlen, so verlange ich wenigstens von meiner Frau, da sie in Rcksicht auf
meinen Willen dem Kinde den ntigen weiblichen Schutz zu teil werden lt ...
Wenn du nicht dein Ansehen bei unseren Leuten verlieren willst, so triff jetzt
die ntigen Anordnungen zur Aufnahme des Kindes - auerdem werde ich die Befehle
geben.
    Nicht ein Wort mehr kam ber die weigewordenen Lippen der Frau. Jede andere
wrde wohl in einem solchen Augenblicke der vlligen Ohnmacht zu der letzten
Waffe, den Thrnen, gegriffen haben; aber diese kalten Augen schienen den sen,
erleichternden Quell nicht zu kennen. Dieses vllige Verstummen, diese eisige
Klte, mit der sich die ganze Frauengestalt frmlich panzerte, hatte etwas
Bengstigendes und mute jedem anderen die Brust zuschnren ... Sie griff
schweigend nach einem Schlsselbunde und ging hinaus.
    Mit einem tiefen Seufzer nahm Hellwig die Kleine bei der Hand und ging mit
ihr im Zimmer auf und ab. Er hatte einen furchtbaren Kampf gekmpft, um diesem
verlassenen Wesen eine Heimat in seinem Hause zu sichern, er hatte seine Frau
tdlich beleidigt; nie, nie - das wute er - vergab sie ihm die bitteren
Wahrheiten, die er ihr eben gesagt hatte, denn sie war unvershnlich.

                                       4


Unterdes stellte Friederike einen kleinen Zinnteller mit einem Kinder-Ebesteck
und einer frischen Serviette auf den Tisch. Zugleich klingelte es drauen, und
gleich darauf ffnete Heinrich die Zimmerthr und lie einen kleinen, ungefhr
siebenjhrigen Knaben eintreten.
    Guten Abend, Papa! rief der Kleine und schleuderte die Schneeflocken von
seiner Pelzmtze.
    Hellwig nahm den blonden Kopf seines Kindes zrtlich zwischen seine Hnde
und kte es auf die Stirn.
    Guten Abend, mein Junge, sagte er; nun, war es hbsch bei deinem kleinen
Freunde?
    Ja; aber der dumme Heinrich hat mich viel zu frh geholt.
    Das hat die Mama so gewnscht, mein Kind ... Komm her, Nathanael, sieh dir
einmal dies kleine Mdchen an - es heit Fee -
    Dummheit! ... wie kann sie denn Fee heien - das ist ja gar kein Name!
    Hellwigs Auge streifte gerhrt ber das kleine Geschpfchen, das
Elternzrtlichkeit selbst mittels des Rufnamens poetisch zu verklren gesucht
hatte.
    Ihr Mtterchen hat sie so genannt, Nathanael, sagte er weich; sie heit
eigentlich Felicitas ... Ist sie nicht ein armes, armes Ding? Ihre Mama ist
heute begraben worden; sie wird nun bei uns wohnen, und du wirst sie lieb haben,
wie ein Schwesterchen, gelt?
    Nein, Papa, ich will kein Schwesterchen haben.
    Der Knabe war das treue Abbild seiner Mutter. Er hatte schne Zge und einen
merkwrdig klaren rosigen Teint; aber er hatte auch die hliche Gewohnheit, das
Kinn auf die Brust zu drcken und mit seinen groen Augen unter der gewlbten
Stirn hervor nach oben zu schielen, was ihm einen Ausdruck von Heimtcke und
Verschlagenheit gab. In diesem Augenblicke bog er den Kopf noch tiefer als sonst
gegen die Brust, hob den rechten Ellbogen wie zu trotziger Abwehr in die Hhe
und sah unter demselben mit einem bsartigen Ausdrucke nach dem Kinde hinber.
    Die Kleine stand dort und zog und zerrte verlegen an ihrem Rckchen; der
bedeutend grere Junge imponierte ihr offenbar, aber allmhlich kam sie nher,
und ohne sich durch seine gehssige Stellung abschrecken zu lassen, griff sie
mit leuchtenden Augen nach dem Kindersbel, der an seinem Grtel hing. Er stie
sie zornig zurck und lief seiner Mutter entgegen, die eben wieder eintrat.
    Ich will aber kein Schwesterchen haben! wiederholte er weinerlich. Mama,
schicke das ungezogene Mdchen fort; ich will allein sein bei dir und dem Papa!
    Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und trat hinter ihren Stuhl am
Etische.
    Bete, Nathanael! gebot sie eintnig und faltete die Hnde. Sofort fuhren
die zehn Finger des Knaben ineinander; er senkte demtig den Kopf und sprach ein
langes Tischgebet ... Unter den obwaltenden Umstnden war dies Gebet die
abscheulichste Profanation einer schnen christlichen Sitte.
    Der Hausherr rhrte das Essen nicht an. Auf seiner sonst so blassen Stirn
lag die Rte innerer Aufregung, und whrend er mechanisch mit der Gabel spielte,
flog sein getrbter Blick unruhig ber die mrrischen Gesichter der Seinen. Das
kleine Mdchen lie es sich dagegen vortrefflich schmecken. Sie steckte einige
Bonbons, die er neben ihren Teller gelegt hatte, gewissenhaft in ihr Tschchen.
    Das ist fr Mama, sagte sie zutraulich; die it Bonbons zu gern; Papa
bringt ihr immer ganze groe Dten voll mit.
    Du hast gar keine Mama! rief Nathanael feindselig herber.
    O, das weit du ja gar nicht! entgegnete die Kleine sehr aufgeregt. Ich
habe eine viel schnere Mama, als du!
    Hellwig sah tieferschrocken und scheu nach seiner Frau, und seine Hand hob
sich unwillkrlich, als wollte sie sich auf den kleinen rosigen Mund legen, der
das eigene Interesse so schlecht zu wahren verstand.
    Hast du fr ein Bettchen gesorgt, Brigittchen? fragte er hastig, aber mit
sanfter, bittender Stimme.
    Ja.
    Und wo wird sie schlafen?
    Bei Friederike.
    Wre nicht so viel Platz - wenigstens fr die erste Zeit - in unserem
Schlafzimmer?
    Wenn du Nathanaels Bett hinausschaffen willst, ja.
    Er wandte sich emprt ab und rief das Dienstmdchen herein.
    Friederike, sagte er, du wirst des Nachts dies Kind unter deiner Obhut
haben - sei gut und freundlich mit ihm; es ist eine arme Waise und an die
Zrtlichkeit einer guten, sanften Mutter gewhnt.
    Ich werde dem Mdchen nichts in den Weg legen, Herr Hellwig, entgegnete
die Alte, die offenbar gehorcht hatte; aber ich bin ehrlicher Leute Kind und
hab' in meinem ganzen Leben nichts mit Spielersleuten zu schaffen gehabt - wenn
man nur wenigstens wte, ob die Menschen getraut gewesen sind.
    Sie schielte hinber nach Frau Hellwig und erwartete ohne Zweifel einen
belobenden Blick fr ihre herzhafte Antwort, allein die Madame band eben
Nathanael die Serviette ab und sah berhaupt drein, als sehe und hre sie von
dem ganzen Handel nichts.
    Das ist stark! rief Hellwig entrstet. Mu ich denn erst heute erfahren,
da in meinem ganzen Hause weder Mitleiden noch Erbarmen zu finden ist? Und Du
meinst, du drftest unbarmherzig sein, weil du ehrlicher Leute Kind bist,
Friederike? ... Nun, zu deiner Beruhigung sollst du wissen, da die Leute in
rechtlicher Ehe gelebt haben; aber ich sage dir auch hiermit, da ich von nun an
sehr streng mit dir verfahren werde, sobald ich merke, da du dem Kinde
irgendwie zu nahe trittst.
    Es schien, als sei er des Kampfes mde. Er stand auf und trug die Kleine in
die Kammer der Kchin. Sie lie sich gutwillig zu Bett bringen und schlief bald
ein, nachdem sie mit ser Stimme fr Papa und Mama, fr den guten Onkel, der
sie morgen wieder zu Mama tragen werde, und - fr die groe Frau mit dem bsen
Gesichte gebetet hatte.
    Spt in der Nacht ging Friederike zu Bett. Sie war zornig, da sie so lange
hatte aufbleiben mssen, und rumorte rcksichtslos in der Kammer. Die kleine
Felicitas fuhr jh aus dem Schlafe empor; sie setzte sich im Bette auf, strich
die wirren Locken aus der Stirn, und ihre Augen glitten angstvoll suchend ber
die rucherigen Wnde und drftigen Mbel der engen, schwach beleuchteten
Kammer.
    Mama, Mama! rief sie mit lauter Stimme.
    Sei still, Kind, deine Mutter ist nicht da; schlafe wieder ein, sagte die
Kchin mrrisch, whrend sie sich entkleidete.
    Die Kleine sah erschreckt zu ihr hinber; dann fing sie an, leise zu weinen
- sie frchtete sich offenbar in der fremden Umgebung.
    Na, jetzt heult die Range auch noch, das knnte mir fehlen - gleich bist du
still, du Komdiantenbalg! Sie hob drohend die Hand. Die Kleine steckte
erschrocken das Kpfchen unter die Decke.
    Ach, Mama, liebe Mama, flsterte sie, wo bist du nur? Nimm mich doch in
dein Bett - ich frchte mich so ... ich will auch ganz artig sein und gleich
einschlafen ... Ich habe dir auch etwas aufgehoben, ich habe nicht alles
gegessen - Fee bringt dir etwas mit, liebe Mama ... Oder gib mir nur deine Hand,
dann will ich in meinem Bettchen bleiben und -
    Bist du wohl still! rief Friederike und rannte wie wtend nach dem Bette
des Kindes ... Es rhrte sich nicht mehr - nur dann und wann drang ein
unterdrcktes Schluchzen unter der Decke hervor.
    Die alte Kchin schlief lngst den Schlaf des Gerechten, als das arme Kind,
die aufgeschreckte Sehnsucht im kleinen Herzen, noch leise nach der toten Mutter
jammerte.

                                       5


Hellwig war Kaufmann. Erbe eines bedeutenden Vermgens, hatte er dasselbe durch
verschiedene industrielle Unternehmungen noch vermehrt. Er zog sich jedoch, weil
er krnkelte, ziemlich frh aus der Geschftswelt zurck und privatisierte in
seiner kleinen Vaterstadt. Der Name Hellwig hatte da einen gewichtigen Klang.
Die Familie war seit undenklichen Zeiten eine der angesehensten, und durch viele
Generationen hindurch hatte immer einer der Trger des geachteten Namens irgend
ein Ehrenamt der Stadt bekleidet. Der schnste Garten vor den Thoren des
Stdtchens und das Haus am Markte waren seit Menschengedenken im Besitze der
Familie. Das Haus bildete die Ecke des Marktplatzes und einer steil
bergaufsteigenden Strae, und an dieser Ecke lief die stattliche Fronte des
Gebudes in einen weit hervorspringenden Erker aus. In den zwei oberen
Stockwerken hingen jahraus, jahrein schneeweie Rouleaus hinter den Scheiben;
nur dreimal im Jahre und dann stets einige Tage vor den hohen Festen
verschwanden die Hllen - es wurde gelftet und gescheuert. Die mchtigen,
erzenen Drachenkpfe hoch oben am Dache, die das Regenwasser aus der Dachrinne
hinunter auf das Pflaster spieen, die Vgel, welche vorberflatterten, sahen
dann die aufgespeicherten Schtze des alten Kaufmannshauses, sahen die
altmodische Pracht der Zimmer - jene hohen Schrnke von kostbarer eingelegter
Arbeit mit den blitzenden Schlssern und Handhaben, die reichen seidendamastenen
Ueberzge auf den strotzenden Daunenkissen der Kanapees und den hochgepolsterten
Sthlen, die deckenhohen, in die Wand eingefgten, venezianischen Spiegel und in
den Kammern die hochaufgestapelten Gastbetten, deren Leinenberzgen ein starker
Lavendelduft entquoll.
    Diese Rume wurden nicht bewohnt. Es war niemals Sitte in der Familie
Hellwig gewesen, einen Teil des gerumigen Hauses zu vermieten. Durch alle
Zeiten hatte da droben vornehmes, feierliches Schweigen geherrscht, das nur
unterbrochen wurde durch eine glnzende Hochzeit oder Kindtaufe und im Laufe des
Jahres dann und wann durch den hallenden Schritt der Hausfrau, die dort ihre
Leinenschtze, ihr Silber- und Porzellangeschirr verwahrt hielt.
    Frau Hellwig war als zwlfjhriges Kind in dies Haus gekommen. Die Hellwigs
waren ihr verwandt und nahmen sie auf, als ihre Eltern rasch hintereinander
starben und sie und ihre Geschwister mittellos hinterlieen. Das junge Mdchen
hatte einen schweren Stand der alten Tante gegenber, die eine strenge und
stolze Frau war. Hellwig, der einzige Sohn des Hauses, empfand anfnglich
Mitleiden fr sie, spter aber verwandelte sich die Teilnahme in Liebe. Seine
Mutter war entschieden gegen seine Wahl, und es kam deshalb zu schlimmen
Auftritten, allein der Liebende setzte schlielich seinen Willen durch und
fhrte das Mdchen heim. Er hatte die mrrische Schweigsamkeit der Geliebten fr
mdchenhafte Schchternheit, ihre Herzensklte fr sittliche Strenge, ihren
starren Sinn fr Charakter gehalten und strzte mit dem Eintritt in die Ehe aus
all seinen Himmeln. Binnen kurzem fhlte der gutmtige Mann die eiserne Faust
einer despotischen Seele im Genicke, und da, wo er dankbare Hingebung gehofft
hatte, trat ihm pltzlich der krasseste Egoismus entgegen.
    Seine Frau schenkte ihm zwei Kinder, den kleinen Nathanael und seinen um
acht Jahre lteren Bruder Johannes. Den letzteren hatte Hellwig schon als
elfjhriges Kind zu einem Verwandten, einem Gelehrten, gebracht, der am Rhein
lebte und Vorstand eines groen Knabeninstituts war.
    Das waren Hellwigs Familienverhltnisse zu der Zeit, wo er das Kind des
Taschenspielers in sein Haus nahm. Das schreckliche Ereignis, dessen Zeuge er
gewesen war, hatte ihn tief erschttert. Er konnte den flehenden, unsglich
schmerzlichen Blick der Unglcklichen nicht vergessen, als sie gedemtigt in
seiner Hausflur gestanden und seinen Thaler in Empfang genommen hatte. Sein
weiches Herz litt unter dem Gedanken, da es vielleicht sein Haus gewesen war,
wo das arme Weib den letzten verwundenden Stachel ihrer unglckseligen
Lebensstellung hatte empfinden mssen. Als daher der Pole ihm die letzte Bitte
der Verstorbenen mitteilte, da erbot er sich rasch, das Kind erziehen zu wollen.
Erst als er auf die dunkle Strae hinaustrat, wohin ihm der letzte,
herzzerreiende Abschiedsruf des unglcklichen Mannes nachscholl, und wo die
Kleine, ihre Aermchen fester um seinen Hals schlingend, nach der Mama frug, erst
da dachte er an den Widerspruch, der ihn voraussichtlich daheim erwartete;
allein er rechnete auf den Liebreiz des Kindes und auf den Umstand, da seiner
eigenen Ehe ja ein Tchterchen versagt sei - er hatte trotz aller schlimmen
Erfahrungen noch immer keinen vollkommenen Begriff von dem Charakter seines
Weibes, sonst htte er sofort umkehren und das Kind in die Arme des Vaters
zurckbringen mssen.
    War bis dahin das Verhltnis zwischen Hellwig und seiner Frau ein frostiges
gewesen, so hatte es jetzt nach der Aufnahme der kleinen Waise den Anschein, als
seien granitene Mauern zwischen dem Ehepaar aufgestiegen. Im Hause ging zwar
alles seinen Gang unbeirrt fort. Frau Hellwig wanderte tglich mehrere Male
durch die Haus- und Wirtschaftsrume - sie hatte durchaus keinen schwebenden
Gang, und fr ein feines oder gar ein ngstliches Ohr hatten diese harten,
festen Schritte etwas Nervenaufregendes. Fortwhrend glitt dabei ihre rechte
Hand ber Mbel, Fenstersimse und Treppengelnder - es war ein unbezwinglicher
Hang, eine Manie dieser Frau, die groe, weie Hand mit den kolbigen
Fingerspitzen und den breiten Ngeln ber alles hinstreifen zu lassen und dann
die innere Flche sorgsam zu prfen, ob nicht Staubatome oder das verpnte
Fdchen eines Spinnewebenversuchs daran hnge ... Es wurde gebetet nach wie vor,
und die Stimmen, die Gottes ewige Liebe und Barmherzigkeit priesen, die sein
Gebot wiederholten, nach welchem wir selbst unsere Feinde lieben sollen, sie
klangen genau so eintnig und unbewegt, wie vorher auch. Man nahm die Mahlzeiten
gemeinschaftlich ein, und Sonntags schritt das Ehepaar eintrchtig nebeneinander
zur Kirche. Aber Frau Hellwig vermied es mit eiserner Konsequenz, ihren Mann
anzureden. Sie fertigte seine Annherungsversuche mit der knappesten Krze ab
und machte es mglich, stets neben oder ber der kleinen Gestalt des Hausherrn
hinwegzusehen. Ebensowenig existierte der kleine Eindringling fr sie. Sie hatte
an jenem strmischen Abende der Kchin ein fr allemal befohlen, tglich eine
Portion Essen mehr anzurichten, und in die Kammer derselben einige Bettstcke
nebst Leinzeug geworfen. Den kleinen Koffer mit Felicitas' Habseligkeiten, den
unterdes der Hausknecht aus dem Lwen gebracht, mute Friederike vor den Augen
der Hausfrau ffnen, und die uerst sauber gehaltene, kleine Garderobe, welcher
der Hauch eines sehr feinen Odeurs entquoll, sofort auf einen offenen Gang zum
Auslften hngen ... Hiermit begann und beschlo sie die ihr aufgedrungene
Frsorge fr das Spielerskind, und als sie danach wieder in das Zimmer trat,
war sie mit diesem Kapitel innerlich fertig fr alle Zeiten. Nur ein einziges
Mal schien es, als ob ein Funke Teilnahme in ihr aufglimme. Eines Tages nmlich
sa eine Nhterin im Wohnzimmer und fertigte aus einem dunklen Stoffe zwei
Kleider fr Felicitas, genau nach dem strengen Schnitte, wie die Frau des Hauses
sich trug. Zu gleicher Zeit prete Frau Hellwig die widerstrebende Kleine
zwischen ihre Kniee und bearbeitete deren Kopf so lange mit Brste, Kamm und
Pomade, bis das wundervolle Lockengeringel die erwnschte Gltte und
Nachgiebigkeit erhielt und sich in zwei hliche, steife Zpfe am Hinterkopfe
zwngen lie ... Die Abneigung dieses Weibes gegen Grazie und Anmut, gegen
alles, was wider die Gebote ihrer verkncherten Ansichten stritt, und was seine
Linien und Formen aus dem Gebiete des Idealen entnahm - jener Widerwille war
strker noch als ihr Starrsinn, als der Vorsatz, die Anwesenheit des Kindes im
Hause vllig zu ignorieren ... Hellwig htte weinen mgen, als ihm sein kleiner
Liebling so entstellt entgegentrat, whrend seine Frau nach der Shne, die ihr
schnheitsfeindlicher Sinn gebieterisch verlangt hatte, womglich noch
zurckweisender gegen das Kind war als vorher.
    Noch war indes die Kleine nicht zu beklagen; noch konnte sie aus dem
Bereiche jener Medusenaugen an ein warmes Herz flchten - Hellwig liebte sie wie
seine eigenen Kinder. Freilich fand er nicht den Mut, dies offen auszusprechen,
- seinen Fonds von Energie hatte er an jenem ereignisvollen Abende seiner Frau
gegenber vllig erschpft - aber sein Auge wachte unablssig ber Felicitas.
Gleich Nathanael hatte sie ihr Spielwinkelchen in ihres Pflegevaters Zimmer;
dort durfte sie ungestrt ihre Puppen herzen und sie einwiegen mit den Melodien,
die sie noch gelernt hatte auf den Knieen der Mutter. Nathanael ging nicht in
die ffentliche Schule; er erhielt seinen Unterricht von Privatlehrern unter den
Augen des Vaters, und als Felicitas ihr sechstes Jahr erreicht hatte, begann
dieser Unterricht auch fr sie. Sobald aber der Schnee schmolz und Krokus und
Schneeglckchen die noch leeren, schwarzen Rabatten besumten, wanderte Hellwig
tglich mit den Kindern hinaus in seinen groen Garten; da drauen wurde gelernt
und gespielt, whrend man nur zur Essenszeit das Haus am Marktplatze aufsuchte.
Frau Hellwig betrat sehr selten den Garten; sie zog es vor, mit dem
Strickstrumpfe in ihrer groen, stillen Stube, hinter dem makellos weien, in
regelrechte Fltchen gebrochenen Fenstervorhange zu sitzen, und zu diesem
Vorzuge hatte sie einen ganz besonderen Grund. Ein Vorfahr Hellwigs hatte den
Garten in altfranzsischem Stile angelegt. Es war sicher eine Meisterhand
gewesen, von welcher die rings verteilten, lebensgroen mythologischen Figuren
und Gruppen aus Sandstein herrhrten. Freilich hoben sich die hellen Gestalten
scharf ab von den dsteren, steifen Taxuswnden. Die reizenden, aber ziemlich
unverhllten Formen einer Flora, die entblten zarten Schultern und Arme der
sich strubenden Proserpina und die muskulse Nacktheit ihres gewaltigen
Entfhrers muten den Blick des Eintretenden sogleich auf sich ziehen - und das
waren in der That Steine des Anstoes fr Frau Hellwig. Sie hatte anfnglich die
Hinwegschaffung dieser sndhaften Darstellung des menschlichen Leibes
gebieterisch verlangt, allein Hellwig rettete seine Lieblinge durch Vorzeigung
des vterlichen Testaments, in welchem ausdrcklich die Entfernung der Statuen
untersagt wurde. Hierauf hatte Frau Hellwig nichts Eiligeres zu thun, als zu
Fen der mythologischen Zankpfel eine Wildnis von Schlingpflanzen anlegen zu
lassen, und nicht lange dauerte es, so erschien Herrn Plutos grimmiges Gesicht
unter einer ehrwrdigen, grnen Allongepercke. Eines schnen Morgens aber ri
Heinrich auf Befehl seines Herrn mit einem wahren Wonnegefhl die grnen
Schmarotzer bis auf das kleinste Wurzelfserchen aus der Erde, und seit der Zeit
vermied es Frau Hellwig im Interesse ihres Seelenheils, noch mehr aber darum,
weil die Statuen hohnlchelnde Zeugen ihrer Niederlage waren, den Garten zu
betreten. Gerade deshalb wurde er aber auch die eigentliche Heimat der kleinen
Felicitas.
    Hinter den groen Taxuswnden dehnte sich ein groer, prchtiger Rasenfleck.
Riesige Nubume senkten die Stmme tief ein in das blumengesprenkelte Gras, und
ein rauschender Mhlbach durchschnitt zum Teil die grne Flche; seine Borde
umsumte dichtes Haselgestruch, und der kleine beraste Damm, den man zum
Schutze gegen das im Frhling reiende Gewsser aufgeworfen hatte, schimmerte im
Mai gelb von Schlsselblumen, und spter lugten die rosenroten Aeuglein der
Feldnelken zwischen den wehenden Halmen.
    Felicitas lernte unermdlich und sa mit merkwrdig beherrschter Haltung in
den Lehrstunden. Wenn aber Hellwig am spten Nachmittage den Unterricht fr
beendet erklrte, dann erschien sie pltzlich vllig umgewandelt. Noch hochrot
vom Lerneifer, war sie doch wie toll, wie berauscht von der Freiheit: sie konnte
immer und immer wieder mit hochgehobenen Armen, wie ohne Zweck und Ziel, ber
den Rasenplatz jagen, ungebndigt, in wilder Grazie, wie das junge Ro der
Steppe. Dann glitt sie blitzschnell am Stamme eines Nubaumes empor, tauchte den
Kopf, umwogt von aufgelsten Haarmassen, jauchzend aus der hchsten Spitze des
Wipfels und lag dann pltzlich wieder drunten am Mhlbache; die gefalteten Hnde
unter den Kopf gelegt und in das grne Dster der droben leise auf und ab
wehenden gefiederten Nubltter schauend, trumte sie, trumte jene hellen,
trgerischen Gebilde von Welt und Zukunft, die sich wohl hinter jeder lebhaft
denkenden Kinderstirne aus gehrten goldenen Mrchen und der eigenen
Einbildungskraft zusammenweben ... Drunten rauschte das Wasser eintnig vorber;
die Sonnenstrahlen taumelten auf den Wellen und drangen gedmpft durch die
dunklen Haselbsche wie halbverschleierte, geheimnisvolle Glutaugen; Bienen und
Hummeln summten vorber, und die Schmetterlinge, die, im Vordergarten
gelangweilt, die sorgfltig gepflegten exotischen Gewchse umflattert hatten,
fanden hier das gelobte Land und hingen sich furchtlos an die Blumenkelche dicht
neben der Wange des kleinen Mdchens ...
    Es zogen wohl auch phantastisch geformte, weie leuchtende Wlkchen droben
ber den Baumwipfel - dann stand pltzlich eine rtselhafte Vergangenheit vor
den Augen des tief sinnenden Kindes. Wei und leuchtend war ja auch das Gewand
der Mutter gewesen; das Kerzenlicht hatte sich frmlich in dem milchweien
Glanze des Stoffes gespiegelt, der lang und mit Blumen bestreut ber das
vermeintliche schmale Bett herabgeflossen war. Felicitas wunderte sich noch
immer, da die Mutter Blumen in den Hnden gehabt und ihr keine einzige
geschenkt hatte; sie grbelte und sann, weshalb man ihr damals nicht erlauben
wollte, die Mama wach zu kssen, was doch sonst jeden Morgen unter gegenseitiger
Schelmerei, zum groen Jubel des Kindes, hatte geschehen drfen - sie wute
nicht, da das bezaubernde Mutterantlitz, welches sich stets in
leidenschaftlicher Zrtlichkeit ber sie herabgeneigt, lngst unter der Erde
moderte. Hellwig hatte nie gewagt, ihr die Wahrheit zu sagen; denn wenn sie auch
nach einem Zeitraume von fnf Jahren nicht mehr so bitterlich weinend und mit
strmischer Heftigkeit nach den Eltern verlangte, so sprach sie doch stets mit
rhrender Zrtlichkeit von ihnen und hielt ihres Pflegevaters doppelsinniges
Versprechen, da sie die Ihrigen dereinst wiedersehen werde, mit unzerstrbarer
Ueberzeugung fest. Ebensowenig kannte sie den Beruf ihres Vaters; er selbst
hatte es so gewnscht, und deshalb sah Hellwig streng darauf, da niemand im
Hause mit der Kleinen von der Vergangenheit spreche. Es fiel ihm nicht ein, da
der wohlthtige Schleier, den er vor ihren Augen festhielt, vor der Zeit seiner
Hand entfallen knne - er dachte nicht an seinen eigenen Tod; und doch schritt
dies furchtbare Gespenst lngst unhrbar, aber sicher neben ihm. Er war
unheilbar brustleidend, allein, wie alle derartigen Kranken, hatte er die
unerschtterlichsten Lebenshoffnungen. Er mute bereits auf dem Rollstuhle in
seinen geliebten Garten gefahren werden - das nannte er vorbergehende Schwche,
die ihn durchaus nicht hinderte, groartige Bau- und Reiseplne zu entwerfen.
    Eines Nachmittags trat Doktor Bhm in Hellwigs Zimmer. Der Kranke sa an
seinem Schreibtische und schrieb emsig; verschiedene Kissen, die man hinter
seinem Rcken und zu beiden Seiten in den Lehnstuhl gesteckt hatte, hielten die
abgezehrte gebrochene Gestalt aufrecht.
    Heda! rief der Doktor, indem er mit dem Stocke drohte. Was sind denn das
fr Extravaganzen? .. Wer, ins Henkers Namen, hat dir denn das Schreiben
erlaubt? Willst du wohl gleich die Feder hinlegen!
    Hellwig drehte sich um - ein heiteres Lcheln spielte um seine Lippen. Da
hast du wieder einmal das Exempel! erwiderte er sarkastisch. Doktor und Tod
gehren zusammen ... Ich schreibe da an den Jungen, den Johannes, ber die
kleine Fee, und da fllt mir, der ich in meinem ganzen Leben nie weniger ans
Sterben gedacht hatte, als gerade jetzt, in dem Augenblicke, wo du ins Haus
trittst, der Satz da aus der Feder.
    Der Doktor bog sich nieder und las laut: Ich halte viel von Deinem
Charakter, Johannes, und wrde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir
anvertraute Kind in Deine Hnde legen, falls ich frher aus der Welt gehen
sollte, als -
    Basta, und nun fr heute kein Wort weiter! sagte der Lesende, whrend er
einen Kasten aufzog und den halbvollendeten Brief hineinlegte. Dann griff er
rasch nach dem Pulse des Kranken, und sein Blick glitt verstohlen ber die zwei
zirkelrunden roten Flecken, die auf den scharf hervortretenden Backenknochen
glhten.
    Du bist wie ein Kind, Hellwig! schalt er. Ich darf nur den Rcken wenden,
so machst du sicher dumme Streiche.
    Und du tyrannisierst mich himmelschreiend. Aber warte nur, mit nchstem Mai
brenne ich dir durch, und dann magst du mir meinetwegen bis in die Schweiz
nachlaufen.
    Tags darauf standen die Fenster des Krankenzimmers im Hellwig'schen Hause
weit offen. Ein durchdringender Moschusduft quoll hinaus in die Strae, und ein
Mann in Trauerkleidung schritt durch die Stadt, um den Honoratioren im Auftrage
der trauernden Witwe anzuzeigen, da Herr Hellwig vor einer Stunde das Zeitliche
gesegnet habe.

                                       6


Unter dem grnverhangenen, nach der Hausflur mndenden Fenster, da, wo vor fnf
Jahren die schne unglckliche Frau des Taschenspielers die Pein tiefer
Demtigung erlitten hatte, stand der Sarg mit Hellwigs sterblichen Ueberresten.
Man hatte die Hlle des ehemaligen Kauf- und Handelsherrn noch einmal mit allem
Glanze des Reichtums umgeben. Massiv silberne Handhaben schimmerten am
Totenschreine, und das Haupt des Heimgegangenen ruhte auf einem weien
Atlaskissen. - Schrecklicher Kontrast! Neben dem eingefallenen Totengesichte
dufteten frisch abgeschnittene Blumen, junges, unschuldiges Leben, bestimmt, vor
der Zeit zu sterben, zur Ehre des Toten!
    Viele Leute kamen und gingen, flsternd und geruschlos. Der da lag, war ein
reicher, angesehener und sehr freigebiger Mann gewesen, aber nun war er ja tot.
Fast aller Augen huschten scheu und rasch ber die bleichen, zerstrten Zge und
konnten sich nicht satt sehen an dem Prunke, dem letzten Aufflackern irdischer
Herrlichkeit.
    Felicitas kauerte in einer dunklen Ecke, hinter den Kbeln mehrerer Oleander
und Orangenbume. Zwei Tage hatte sie den Onkel nicht sehen drfen, das
Sterbezimmer war fest verschlossen gewesen, und nun kniete sie da auf den kalten
Steinfliesen und starrte hinber auf dies vllig fremde Haupt, dem der Tod
selbst
    das Geprge unbegrenzter Gutmtigkeit weggewischt hatte ... Was hatte das
Kind vom Sterben gewut! Sie war in seinen letzten Augenblicken bei ihm gewesen
und hatte doch nicht verstanden, da mit dem Blutstrome, der ber seine Lippen
geflossen, pltzlich alles enden msse. Er hatte die Augen mit einem
unbeschreiblichen Ausdrucke auf sie geheftet, als sie aus dem Zimmer geschickt
worden. Drauen in der Strae war sie tief besorgt und zornig vor den weit
offenen Fenstern des Krankenzimmers auf und ab gelaufen - sie wute ja, er
htete sich ngstlich vor jedem Zuglftchen, und nun waren sie so rcksichtslos
da drinnen. Sie hatte sich gewundert, da abends kein Feuer im Kamin gemacht
werde, und auf ihre endliche Bitte, dem Onkel die Lampe und den Thee
hineintragen zu drfen, hatte Friederike rgerlich gerufen: Ja, Kind, ist's
denn nicht richtig bei dir, oder verstehst du kein Deutsch? Er ist ja tot, tot!
Nun sah sie ihn wieder, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und jetzt fing das
Kind an, zu begreifen, was Tod sei.
    Sobald ein frischer Strom Neugieriger die Hausflur fllte, kam Friederike
aus der Kche, hielt den Schrzenzipfel vor die Augen und pries die Tugenden des
Mannes, den sie zu rgern gesucht hatte, wo sie konnte.
    
    Da seh' einer das Mdchen an! unterbrach sie sich zornig, als sie
Felicitas' blasses Gesichtchen mit den heien, trockenen Augen zwischen den
Orangenbumen entdeckte. Ob sie auch nur eine einzige Thrne vergiet! ...
Undankbares Ding! Sie mu doch auch keinen Funken von Liebe in sich haben!
    Du hast ihn nie lieb gehabt und weinst, Friederike! entgegnete die Kleine
schlagend, aber mit vllig tonloser Stimme, und zog sich tiefer in ihre Ecke
zurck.
    Die Hausflur leerte sich allmhlich. Statt der Schaulustigen aus den
niederen Stnden, die sich jetzt drauen auf dem Markte postierten, um den
Leichenzug mit anzusehen, erschienen vornehme, schwarzbefrackte Herren; sie
gingen, nach kurzem Aufenthalte am Sarge, in das Wohnzimmer, um der Witwe ihr
Beileid auszusprechen. In der groen, hochgewlbten Flur herrschte
augenblickliche Stille, sie htte eine feierliche genannt werden knnen, wre
sie nicht hier und da durch das Stimmengesurr drin im Zimmer unterbrochen
worden.
    Da fuhr die kleine Felicitas jh aus ihrem tiefen Sinnen auf und starrte
erschrocken nach der Glasthr, die in den Hofraum fhrte. Dort hinter den
Scheiben erschien ein merkwrdiges Gesicht - er lag doch hier mit den tief
eingesunkenen Augen und den unbekannten Zgen um den festgeschlossenen Mund, und
dort blickte er forschend in die menschenleere Flur, wiedererstanden mit dem
gtevollen Ausdruck des Gesichts, wenn auch der Kopf in fremdartiger Weise
umhllt erschien ... War es doch fast gespenstig, als das Thrschlo sich leise
bewegte, und gleich darauf die Thr geruschlos aufging ... Die seltsame
Erscheinung trat auf die Schwelle. Ja, es waren Hellwigs Zge in frappanter
Aehnlichkeit, aber sie gehrten einem weiblichen Wesen, einer kleinen alten
Dame, die in wunderlicher, dem Reiche der Mode lngst entrckter Tracht langsam
auf den Sarg zuschritt. Ein sogenanntes Zwickelkleid von schwerem schwarzen
Seidenstoffe, vollkommen faltenlos, spannte sich frmlich ber sehr eckige,
magere Formen; es war kurz und lie ein Paar wunderkleiner Fchen sehen, die
jedoch ziemlich unsicher auftraten. Ueber der Stirn kruselte sich eine Flle
schngeordneter, schneeweier Locken, und darber lag ein klar durchsichtiges,
schwarzes Spitzentuch, das unter dem Kinne gebunden war.
    Die alte Dame bemerkte das Kind nicht, das unbeweglich und atemlos zu ihre
aufsah, und trat an den Sarg heran. Sie fuhr bei Erblicken des Totenantlitzes
sichtlich entsetzt zurck, und ihre linke Hand lie wie unbewut ein Bouquet
kstlicher Blumen auf die Brust der Leiche fallen. Einen Augenblick verbarg sie
ihre Augen im Taschentuche, dann aber legte sie die Rechte, tief erschttert, in
feierlich beschwrender Weise auf die kalte Stirn des Toten.
    Weit du nun, wie alles zusammenhing, Fritz? flsterte sie. Ja, du weit
es - du weit es, wie ja auch lngst dein Vater und deine Mutter es wissen! ...
Ich habe dir verziehen, Fritz - du wutest ja nicht, da du unrecht thatest! ...
Schlaf wohl - schlaf wohl!
    Sie nahm die wachsbleiche Hand des Verstorbenen noch einmal zrtlich
zwischen ihre beiden Hnde; dann trat sie vom Sarge zurck und wollte sich
ebenso geruschlos entfernen, wie sie gekommen war. In diesem Augenblicke
ffnete sich die Thr des Wohnzimmers, und Frau Hellwig trat heraus. Ihr Gesicht
erschien unter der schwarzen Krepphaube weier als Marmor, aber die
Unbeweglichkeit ihrer Zge trat auch schrfer hervor denn je - man suchte
vergebens nach der leisesten Spur vergossener Thrnen an diesen Augen. Sie hielt
einen plumpen Kranz von Dahlien in den Hnden, offenbar, um ihn als letzte
Liebesgabe auf den Sarg zu legen.
    Ihr berraschter Blick begegnete dem der alten Dame. Beide blieben einen
Moment wie angewurzelt stehen, aber in den Augen der Witwe begann es unheimlich
zu glhen, ihre Oberlippe hob sich ein wenig und lie einen der weien
Vorderzhne sehen - es lag etwas wie von unauslschlicher Rachsucht in diesem
Ausdrucke ... Auch die Zge der alten Dame verrieten eine tiefe Erregung, sie
schien mit einem unsglichen Widerwillen zu kmpfen, aber sie berwand ihn, und
mit einem sanften, feuchten Blicke auf den Verstorbenen hielt sie Frau Hellwig
die Rechte hin.
    Was wollen Sie hier, Tante? fragte die Witwe kurz, indem sie die Bewegung
der kleinen Dame vllig ignorierte.
    Ihn segnen! lautete die milde Antwort.
    Der Segen einer Unglubigen hat keine Macht.
    Gott hrt ihn - Seine ewige Weisheit und Liebe wgt nicht zwischen der
armseligen Form - wenn er aus treuem Herzen kommt -
    Und aus schuldbeladener Seele! ergnzte Frau Hellwig in beiendem Hohne.
    Die alte Dame richtete sich hoch auf.
    Richtet nicht, begann sie und hob feierlich drohend den Zeigefinger -
doch nein, unterbrach sie sich mit unbeschreiblicher Milde und blickte auf den
Toten, auch nicht ein Wort mehr soll deinen heiligen Frieden stren ... Leb
wohl, Fritz!
    Sie ging langsamen Schrittes zurck in den Hofraum und verschwand hinter
einer Thr, die Felicitas bis dahin stets verschlossen gefunden hatte.
    Nun, das war doch stark von der alten Mamsell! zischelte Friederike, die
von der Kchenthr aus den Vorgang beobachtet hatte.
    Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und legte den Kranz zu Fen der
Leiche. Noch war sie nicht Herr ihrer inneren Erregung. So ungebt die Zge
dieser Frau im Ausdrucke weiblicher Milde und Sanftmut waren, so unbeweglich und
wandellos sie auch in ihrer eisernen Strenge erschienen, in Ha und Verachtung
wurden sie unheimlich lebendig - wer einmal das schlimme Lcheln gesehen hatte,
das in solchen Momenten ihre Mundwinkel tief herabzog, der traute der Ruhe
dieses Gesichts nicht mehr. Sie bog sich ber den Verstorbenen, anscheinend, um
etwas an dem Arrangement zu ndern; ihre Hand stie dabei an das Bouquet der
alten Dame - es rollte ber den Rand des Sarges und fiel zu Felicitas' Fen
nieder.
    Drauen schlug es drei. Mehrere Geistliche im Ornate traten in die Hausflur;
auch die Herren kamen aus dem Wohnzimmer, und ihnen folgte Nathanael neben einer
hochaufgeschossenen, schmchtigen Jnglingsgestalt. Die Witwe hatte ihrem Sohne
Johannes die Todesnachricht telegraphisch mitgeteilt, und heute morgen war er
gekommen, um der Begrbnisfeierlichkeit beizuwohnen. Die kleine Felicitas verga
fr einen Augenblick ihre Leid und sah mit der ganzen Neugier des neunjhrigen
Kindes zu ihm empor, welcher der Liebling des Vaters gewesen war ... Weinte er
wohl hinter der schmalen, mageren aber wohlgepflegten Hand, die er beim Anblicke
des Dahingeschiedenen ber seine Augen gelegt hatte? ... Nein, es rollte keine
Thrne herab, und ein ungebtes Auge, wie das des Kindes, konnte auer einer
ungewhnlichen Blsse auch sonst kein Merkmal der Erschtterung an dem ernsten
Gesichte bemerken.
    Nathanael stand neben ihm. Er vergo viele Thrnen, aber sein Kummer
hinderte ihn nicht, den Bruder leise flsternd anzustoen, als er Felicitas in
ihrem Schlupfwinkel entdeckte. Johannes' Blick folgte der Richtung des
brderlichen Zeigefingers. Zum ersten Male hefteten sich diese Augen auf das
Gesicht des Kindes - es waren schreckliche Augen, ernst, finster, ohne das Licht
des Wohlwollens und der inneren Wrme. In der Bibel war ein Bild des
Evangelisten, des Lieblingsschlers Jesu, ein sanftes, schnes Gesicht mit fast
weiblich weichen Linien - das ist der Johannes am Rhein, hatte sie stets
behauptet, und der Onkel hatte lchelnd dazu genickt ... Sie hatten nichts
miteinander gemein, jene lieblichen, von hellem Gelock umrahmten Zge und dieser
Kopf mit den schlichten, kurzgeschnittenen Haaren und dem tiefernsten, blassen,
unregelmigen Profil.
    Geh fort, Kind, du bist hier im Wege! gebot er streng, als er sah, da man
Anstalten machte, den Sarg zu schlieen. Felicitas verlie beschmt und
erschrocken, als habe sie Strafe verdient, den Winkel und schlich, ungesehen von
den anderen, in ihres Pflegevaters ehemaliges Zimmer.
    Jetzt weinte sie bitterlich ... Ihm war sie nicht im Wege gewesen! Sie
fhlte seine fieberhafte Hand wieder auf ihrem Scheitel und hrte seine gute,
schwache Stimme, wie in den letzten Tagen, heiser flstern: Komm, Fee, mein
Kind, ich hab' es so gern, wenn du bei mir bist ...!
    Horch, was war das fr ein Hmmern drauen? Es scholl mitnig durch den
hochgewlbten Raum, wo doch die vielen Menschen kaum zu flstern wagten.
Felicitas hob verstohlen den grnen Vorhang und sah hinaus in die Flur ...
Schrecklich! die Gestalt des Onkels war verschwunden; dort der schwarze Deckel
lag auf seinem lieben Gesichte und hielt ihn fr immer unerbittlich fest in der
ausgestreckten Stellung. Wenn er nur ein wenig die Hand hob, stie sie berall
an harte, fest zusammengefgte Bretter ... und dort klopfte der Mann abermals
und rttelte an dem Deckel, ob er auch fest se, ob ihn nicht die Hand da drin
zurckstoen knne, - da drin in der tiefen Dunkelheit des engen Kastens, da
drin, wo man nicht atmen konnte, wo man so furchtbar allein war ... Die Kleine
schrie laut auf vor Entsetzen.
    Aller Augen richteten sich verwundert auf das Fenster, aber Felicitas sah
nur die groen, grauen, deren Blick sie vorhin so tief erschreckt hatte. Er
blickte strafend herber; sie verlie das Fenster und flchtete sich hinter den
groen, dunklen Vorhang, der das Zimmer in zwei Hlften teilte. Dort kauerte sie
sich nieder und blickte furchtsam nach der Thr, wo er gewi eintreten und sie
scheltend hinausfhren wrde.
    In ihrem Verstecke sah sie nicht, wie drauen die Trger den Sarg auf die
Schultern nahmen, wie der Onkel sein Haus verlie fr immer. Sie sah nicht den
langen, schwarzen, unheimlichen Zug, der dem Verstorbenen folgte, wie der letzte
Schatten auf dem nun vollendeten Lebenswege ... Dort an der Ecke hob ein Luftzug
alle die prchtigen weien Atlasbnder, die am Sarge niederhingen - sie
flatterten hoch auf; war es der letzte Gru des Geschiedenen fr das verlassene
Kind, das eine zrtlich besorgte Mutter dem trben Sumpfe der vterlichen
Laufbahn entrissen hatte, um es unwissentlich an einen den, unwirtbaren Strand
zu werfen?

                                       7


Das Stimmengemurmel in der Flur war pltzlich verstummt - und es folgte tiefe
Stille. Felicitas hrte, wie die Hausthr geschlossen wurde; aber sie wute
nicht, da damit das Drama in der Hausflur zu Ende sei. Noch wagte sie sich
nicht aus ihrem Winkel hervor. Sie sa auf dem kleinen, gepolsterten Lehnstuhle,
den der Onkel ihr am letzten Weihnachtsabend geschenkt, und das Kpfchen ruhte
auf ihren beiden Hnden, die sich auf dem Tische kreuzten. Ihr Herz klopfte
nicht mehr so ngstlich, aber hinter der kleinen, gesenkten Stirn hmmerte es,
und die Gedanken reihten sich in fieberhafter Schnelligkeit aneinander. Sie
dachte auch an die kleine, alte Dame, deren Bouquet drauen auf den Steinfliesen
lag und wahrscheinlich von den unachtsamen Leuten zertreten wurde ... Das war
also die alte Mamsell gewesen, jene Einsame hoch droben unter dem Dache des
Hinterhauses, der stete Zankapfel zwischen der Kchin und Heinrich! Nach
Friederikes Aussage hatte die alte Mamsell Furchtbares auf dem Gewissen - sie
sollte schuld sein an ihres Vaters Tode. Die haarstrubende Geschichte hatte der
kleinen Felicitas stets Furcht und Entsetzen eingeflt; aber jetzt war das
vorbei ... Die kleine Dame mit dem guten Gesichte und den Augen voll sanfter
Thrnen eine Vatermrderin! Da hatte Heinrich sicher recht, wenn er beharrlich
den dicken Kopf schttelte und ebenso konsequent den geistreichen Satz
aufstellte, das msse anders zusammenhngen!
    Vor Jahren hatte die alte Mamsell auch hier unten im Vorderhause gewohnt,
aber, wie sich die alte Kchin mit immer neu aufloderndem Zorne ausdrckte - sie
war nicht davon abzubringen gewesen, Sonntagnachmittags unheilige Lieder und
lustige Weisen zu spielen. Die Madame hatte ihr Himmel und Hlle vorgestellt,
aber das war alles umsonst gewesen, bis kein Mensch im Hause den Greuel mehr mit
anhren konnte - da hatte Herr Hellwig seiner Frau den Willen gethan, und die
alte Mamsell hatte hinauf gemut unters Dach ... Dort wre sie unschdlich,
meinte Friederike stets, und man mute ihr recht geben, denn man hrte nie auch
nur einen Laut des verpnten Klavierspiels im Hause ... Der Onkel mute
jedenfalls sehr bse auf die alte Mamsell gewesen sein, denn er hatte nie von
ihr gesprochen; und doch war sie seines Vaters Schwester und sah ihm so hnlich
... Eine heie Sehnsucht erfate die kleine Felicitas bei dem Gedanken an diese
Aehnlichkeit - sie wollte hinauf in die Dachwohnung, aber da stand ja der
finstere Johannes - das Kind schttelte sich vor Angst - und die alte Mamsell
steckte jahraus, jahrein hinter Riegeln und Schlssern.
    Am Ende eines langen abgelegenen Korridors, dicht an der Treppe, die aus den
unteren Stockwerken herauf fhrte, war eine Thr. Nathanael hatte einmal, als
sie da droben spielten, leise zu ihr gesagt: Du, da droben wohnt sie! dann
hatte er, mit beiden Fusten auf die Thr schlagend, laut geschrieen: Alte
Dachhexe, komm herunter! und war in schleuniger Flucht die Treppe
hinabgelaufen. Wie hatte da das Herz der kleinen Felicitas vor Angst und
Schrecken geklopft! denn sie war keinen Augenblick im Zweifel gewesen, es msse
ein schreckliches Weib mit einem groen Messer in der Hand hervorstrzen und sie
bei den Haaren fassen ...
    Es fing an, leise zu dmmern. Drben am Rathause huschte der letzte goldene
Schein der Herbstsonne um das Giebelkreuz, und auf der groen Wanduhr drin im
Zimmer schlug es langsam und rasselnd fnf - sie hatte genau so eintnig und
langsam jene drei Schlge herabgerasselt, nach welchen ihr ehemaliger Besitzer,
der sie lange Jahre hindurch pnktlich und mit liebevoller Vorsicht bedient,
hinausgetragen worden war.
    Bis dahin war es ziemlich still im ganzen Hause geblieben; aber jetzt wurde
die Thr des Wohnzimmers pltzlich geffnet, und harte, feste Schritte schollen
durch die Flur. Felicitas zog ngstlich den Vorhang an sich heran, denn Frau
Hellwig nherte sich dem Zimmer des Onkels. Das erschien dem Kinde wunderbar
neu; es war nie vorgekommen, da die groe Frau bei Lebzeiten ihres Mannes je
diese Schwelle betreten hatte ... Sie kam ungewhnlich rasch herein, schob leise
den Nachtriegel vor und blieb dann einen Augenblick mitten im Zimmer stehen. Es
war ein Ausdruck unsglichen Triumphes, mit welchem diese Frau ihre Blicke
langsam durch den so lange streng gemiedenen Raum gleiten lie.
    Ueber Hellwigs Schreibtisch hingen zwei schngemalte Oelbilder, ein Herr und
eine Dame. Die letztere, ein stolzes Gesicht, aus dessen Augen aber Geist und
Lebenslust sprhte, war in jener Tracht, welche so unschn die altgriechische
nachzuahmen sucht. Die kurze Taille, die ein weier leuchtender Seidenstoff
umschlo, wurde noch verkrzt durch einen roten, golddurchwirkten Grtel; Brust
und Oberarme, fast zu ppig geformt und nur sehr wenig bedeckt, harmonierten in
ihrer herausfordernden Schnheit durchaus nicht mit dem anspruchslosen,
zchtigen Veilchenstraue, der im Grtel steckte ... Es war Hellwigs Mutter.
    Vor dieses Bild trat die Witwe jetzt; sie schien sich einen Moment daran zu
weiden. Dann stieg sie auf einen Stuhl, hob es von seiner gewohnten,
langjhrigen Stell und schlug vorsichtig, ohne groes Gerusch einen neuen Nagel
inmitten der zwei alten, an welchen sie das mnnliche Brustbild, Hellwigs Vater,
hing. Es blickte jetzt einsam hernieder, whrend die Witwe den Stuhl verlie
und, das weibliche Portrt in der Hand, aus dem Zimmer ging ... Felicitas'
gespanntes Ohr folgte ihren Schritten durch die Hausflur, ber die erste Treppe
- sie stieg immer hher in dem widerhallenden Treppenhause - wahrscheinlich bis
in den Bodenraum.
    Sie hatte die Thr nicht vllig hinter sich geschlossen, und als ihr letzter
Schritt droben verhallt war, da erschien Heinrichs scheues Gesicht in der
Spalte.
    Na, da haben wir's, Friederike! rief er mit gedmpfter Stimme, der man
aber den Schrecken anhrte, in die Flur zurck. Es war richtig der sel'gen Frau
Kommerzienrtin ihr Bild!
    Die alte Kchin ri die Thr weit auf und sah herein.
    Ach, du meine Gte, wirklich! rief sie, die Hnde zusammenschlagend. Herr
Je, wenn das die stolze Frau wte, die drehte sich in der Erde um - und der
sel'ge Herr erst! ... Na, sie war aber auch zu schrecklich angezogen - so blo
auf der Brust - ein Christenmensch mute sich schmen!
    Meinst du? entgegnete Heinrich, schlau mit den Augen blinzelnd. Ich will
dir was sagen, Friederike, fuhr er fort und legte abzhlend den Zeigefinger der
Rechten gegen den linken Daumen. Die alte Frau Kommerzienrtin hat's durchaus
nicht leiden wollen, da unser Herr die Madame genommen hat - das kann ihr die
Madame zum ersten nicht vergessen. Zum zweiten war sie eine fidele Frau, die
gern was mitmachte und am liebsten da war, wo lustig aufgespielt wurde, und zum
dritten - hat sie unsere Madame einmal eine herzlose Betschwester geschimpft ...
Merkst du was?
    Whrend Heinrichs Beweisfhrung war Felicitas aus ihrem Verstecke
hervorgekommen. Das Kind fhlte instinktmig, da es an dem rauhen, aber
grundgutmtigen alten Burschen von nun an die einzige Sttze im Hause haben
werde. Er hatte sie sehr lieb, und seinen stets wachsamen Augen dankte es die
Kleine hauptschlich, da sie bis dahin in glcklicher Unwissenheit ber ihre
Vergangenheit geblieben war.
    Na, Feechen, da bist du ja! sagte er freundlich und nahm ihre kleine Hand
fest in seine schwielige Rechte. Ich hab' dich schon in allen Ecken gesucht ...
Komm mit 'nber in die Gesindestube; denn hier wirst du ja doch nicht mehr
gelitten, armes Ding! ... wenn gar die alten Bilder fort mssen, nachher -
    Er seufzte und drckte die Thr zu; Friederike war bereits eilig in die
Kche zurckgekehrt, denn man hrte die Schritte der herabsteigenden Frau
Hellwig.
    Felicitas sah sich scheu um in der Hausflur - sie war leer; da, wo der Sarg
gestanden hatte, lagen zertretene Blumen und Bltter am Boden.
    Wo ist der Onkel? fragte sie flsternd, indem sie sich widerstandslos von
Heinrich nach der Gesindestube fhren lie.
    Nu, sie haben ihn fortgetragen; aber du weit ja doch, Kindchen, er ist nun
im Himmel - da hat er's gut, besser als auf der Erde, antwortete Heinrich
wehmtig.
    Er nahm seine Mtze vom Nagel und ging fort, um einen Auftrag in der Stadt
zu besorgen.
    In der Gesindestube herrschte bereits starke Dmmerung. Seit Heinrichs
Weggange kniete Felicitas auf der Holzbank, die unter den eng vergitterten
Fenstern weglief, und blickte unablssig in das Stckchen dunkelnden Himmels
droben ber den Giebelhusern der schmalen, steilen Gasse, wo ja der Onkel nun
sein sollte ... Sie fuhr erschrocken zusammen, als Friederike mit der
Kchenlampe eintrat. Die alte Kchin stellte einen Teller mit Butterbrot auf den
Tisch.
    Komm her, Kind, und i - da ist dein Abendbrot! sagte sie.
    Die Kleine kam nher, aber sie rhrte das Essen nicht an; sie griff nach
ihrer Schiefertafel, die Heinrich aus des Onkels Zimmer herbergebracht, und
fing an zu schreiben. Da kamen hastige Schritte durch die anstoende Kche, und
gleich darauf steckte Nathanael seinen blonden Kopf durch die offenen Thr.
Felicitas zitterte, denn er war stets sehr ungezogen, wenn er sich mit ihr
allein sah.
    Ah, da sitzt ja Jungfer Fee! rief er in einem Tone, den Felicitas so sehr
an ihm frchtete. Hr mal, du ungezogenes Ding, wo hast du denn die ganze Zeit
ber gesteckt?
    In der grnen Stube, antwortete sie, ohne aufzublicken.
    Du, das probiere nicht noch einmal! sagte er drohend. Da hinein gehrst
du jetzt nicht mehr, hat die Mama gesagt ... Was schreibst du denn da?
    Meine Arbeit fr Herrn Richter.
    So - fr Herrn Richter, wiederholte er und wischte dabei mit einer raschen
Bewegung das Geschriebene von der Tafel. Also du bildest dir ein, Mama wre so
dumm, die teuren Privatstunden noch fr dich zu bezahlen? ... Sie wird sich
hten. Das ist alles vorbei, hat sie gesagt ... Du kannst nun wieder dahin
gehen, wo du hergekommen bist - nachher wirst du das, was deine Mutter war, und
dann machen sie es mit dir auch so - er legte die Hnde gegen die Wange, machte
die Pantomime des Schieens und schrie: Puff!
    Die Kleine sah ihn mit weitgeffneten Augen an. Er sprach von ihrem
Mtterchen - das war ja noch nicht geschehen, aber was er sagte, klang so
unverstndlich.
    Du kennst doch meine Mama gar nicht! sagte sie halb fragend und ungewi;
es schien, als ob sie den Atem anhielt.
    O, ich wei viel mehr von ihr, als du! erwiderte er und setzte nach einer
Pause hinzu, whrend sein Blick heimtckisch unter der gesenkten Stirn
hervorschielte: Gelt, du weit noch nicht einmal, was deine Eltern waren?
    Die Kleine schttelte das Kpfchen mit einer lieblich unschuldigen Bewegung,
aber zugleich hefteten sich ihre Augen wie ngstlich flehend an seine Lippen -
sie kannte die Art und Weise des Knaben viel zu gut, um nicht zu wissen, da
jetzt etwas kommen msse, was ihr wehe thun sollte.
    Spielersleute waren sie! schrie er mit hmischer Betonung. Weit du,
solche Leute, wie wir sie auf dem Vogelschieen gesehen haben - sie machen
Kunststcke, Purzelbume und solches Zeug und gehen nachher mit dem Teller herum
und betteln.
    Die Schiefertafel fiel auf den Boden und zerbrach in kleine Stcke.
Felicitas war aufgesprungen und strzte wie toll an dem verblfften Knaben
vorber hinaus in die Kche.
    Er lgt, gelt, er lgt, Friederike? rief sie in schneidenden Tnen und
fate den Arm der Kchin.
    Das kann ich gerade nicht sagen, aber bertrieben hat er, entgegnete
Friederike, deren hartes Herz beim Anblick des furchtbar aufgeregten Kindes ein
menschliches Rhren empfand. Gebettelt haben sie nicht; freilich - das ist wahr
- Spielersleute sind sie gewesen -
    Und sehr schlechte Kunststcke haben sie gemacht! ergnzte Nathanael,
indem er an den Herd trat und forschend in Felicitas' Gesicht sah - sie weinte
ja noch nicht; ja, sie sah ihn so unverschmt wild an mit ihren heien,
funkelnden Augen, da er in eine frmliche Wut geriet.
    Greuliche Kunststcke haben sie gemacht! wiederholte er. Deine Mutter hat
Gott, den Herrn, versucht, und deshalb kommt sie auch nie in den Himmel, sagte
die Mama.
    Sie ist ja gar nicht gestorben! stie Felicitas hervor. Ihr kleiner,
blasser Mund zuckte fieberisch, und ihre Hand umschlo krampfhaft die Rockfalten
der Kchin.
    O, freilich, du dummes Ding, lngst, lngst - der sel'ge Papa hat dir's nur
nicht gesagt ... Drben im Rathaussaale ist sie bei einem Kunststcke von den
Soldaten erschossen worden.
    Das gequlte Kind stie ein herzzerreiendes Jammergeschrei aus; Friederike
hatte bei Nathanaels letzten Worten besttigend mit dem Kopfe genickt - er hatte
also nicht gelogen.
    In diesem Augenblicke kehrte Heinrich von seinem Ausgange zurck. Nathanael
machte sich aus dem Staube, als die breitschultrige Gestalt des Hausknechts auf
der Schwelle erschien ... Heimtckische Naturen haben stets eine unberwindliche
Scheu vor einem geraden, ehrlichen Gesichte. Auch der Kchin schlug das Gewissen
- sie hantierte emsig bei ihrem Herde.
    Felicitas schrie nicht mehr. Sie hatte die hochgehobenen, verschrnkten Arme
gegen die Wand geworfen und ihre Stirn darauf gepret, aber man hrte, wie sie
gegen ein heftiges Schluchzen ankmpfte.
    Der durchdringende Schrei des Kindes war bis in die Hausflur gedrungen,
Heinrich hatte ihn gehrt; er sah noch, wie Nathanael hinter der Zimmerthr
verschwand, und wute sogleich, da hier irgend eine Bosheit verbt worden war.
Ohne ein Wort zu sagen, drehte er die Kleine von der Wand weg und hob das
Gesichtchen empor - es war furchtbar entstellt. Bei seinem Anblicke brach das
Kind abermals in ein lautes Weinen aus und stie schluchzend die Worte hervor:
Sie haben mein armes Mtterchen totgeschossen - meine liebe, gute Mama!
    Heinrichs breites, gutmtiges Gesicht wurde ganz bla vor innerem Grimme -
er schien einen Fluch zu unterdrcken.
    Wer hat dir denn das gesagt? fragte er und sah drohend nach Friederike
hinber.
    Das Kind schwieg; aber die Kchin begann den Hergang zu erzhlen, wobei sie
das Feuer schrte den eben begossenen Braten noch einmal bego und allerlei
unntige Dinge verrichtete, um nicht in Heinrichs Gesicht blicken zu mssen.
    Na, ich meine auch, Nathanael htte es ihr just heute noch nicht zu sagen
gebraucht, schlo sie endlich, aber morgen oder bermorgen nimmt sie die
Madame doch ins Gebet, und da wird sie ganz gewi nicht mit Handschuhen angefat
- darauf kannst du dich verlassen!
    Heinrich fhrte Felicitas in die Gesindestube, setzte sich neben sie auf die
Holzbank und suchte sie zu beruhigen soweit er es in seiner ungelenken Redeweise
vermochte. Er erzhlte ihr schonend den schrecklichen Vorfall im Rathaussaale
und sagte schlielich, da ja die Mama, von der die Leute schon damals gesagt
htten, sie she aus wie ein Engel, nun auch droben im Himmel sei und jeden
Augenblick ihre kleine Fee sehen knne. Dann streichelte er zrtlich das
Kpfchen des Kindes, das aufs neue in krampfhaftes Weinen ausbrach.

                                       8


Am anderen Morgen hallte das Ausluten der Glocken feierlich ber die Stadt. Die
schmale, steile Gasse hinauf strmten die Andchtigen nach der hochgelegenen
Barferkirche. Samt und Seide und auch minder kostbare, aber doch sonntgige
Stoffe wurden in die Kirche getragen, nicht allein zur Ehre Gottes, sondern auch
um der Augen des lieben Nchsten willen.
    Aus dem stattlichen Eckhause am Marktplatze schlpfte eine kleine, schwarz
umhllte Gestalt. Niemand htte unter dem groen, plumpen Umhngetuche, das eine
Nadel unter dem Kinne zusammenhielt, die feinen, grazisen Formen der kleinen
Felicitas zu entdecken vermocht. Friederike hatte der Kleinen das hliche,
grobe Gewebe mit den wichtig betonten Worten umgelegt, da die Madame ihr das
schne Tuch zur Trauer schenke; dann hatte sie die Hausthr geffnet und dem
hinauseilenden Kinde streng anbefohlen, ja nicht etwa, wie sonst, in den
Familienkirchenstuhl zu gehen - es sei Platz fr sie auf den Bnkchen der
Schulkinder.
    Felicitas drckte das Gesangbuch unter den Arm und schritt hastig um die
Ecke. Es war unverkennbar, sie strebte ungeduldig vorwrts zu kommen; aber da
drben schritten feierlich gemessenen Ganges drei schwarzgekleidete Gestalten,
deren Anblick sofort ihre Schritte verlangsamte ... Ja, dort ging sie, die groe
Frau inmitten ihrer zwei Shne, und alle Menschen, die vorberkamen, neigten
sich tief und respektvoll. Sie hatte zwar das ganze Jahr ber fast fr niemand
einen guten Blick, und der Mund sprach oft unbarmherzig zu denen, die Hilfe
suchten; und dort der kleinere Knabe an ihrer Linken schlug die Bettelkinder,
die sich ins Haus wagten, und trat mit Fen nach ihnen. Er log auch abscheulich
und schwur dann heilig und teuer, da er nicht gelogen habe - aber das schadete
alles nicht. Sie gingen jetzt in die Kirche, setzten sich in den streng
abgeschlossenen Kirchenstuhl, hinter vornehme Glasscheiben, und beteten zum
lieben Gott, und er hatte sie lieb, und sie kamen in seinen Himmel: denn - sie
waren ja keine Spielersleute.
    Die drei Gestalten verschwanden in der Kirchenthr. Das Kind folgte ihnen
mit den ngstlichen Augen, dann huschte es vorber, vorber an all den offenen
Thren, aus denen bereits der Orgelklang scholl, und die einen Blick gewhrten
in das magische Dster der Kirchenhalle, ber die dichtgedrngten Reihen der
Andchtigen. An das trotzig emprte, heftig pochende Kinderherz aber, das da
drauen vorbereilte, schlug der Orgelton vergeblich. Es konnte heute nicht zum
lieben Gott beten; er wollte ja nichts wissen von dem armen, erschossenen
Mtterchen, er litt es nicht in seinem groen, blauen Himmel - es lag einsam
drauen auf dem Gottesacker, und da mute das Kind hin und mute es besuchen.
    Felicitas bog ein in eine zweite Gasse, die noch steiler den Berg
hinauflief, als die drunten neben dem Hause. Dann kam das hliche Stadtthor mit
dem noch viel hlicheren Turme, der auf seinem Rcken drute, aber durch die
Thorwlbung leuchtete es grn. Da schlangen sich die prchtigen, wohlgepflegten
Lindenalleen in wunderlichem Kontraste um alte, geschwrzte Stadtmauern, wie ein
frischer Myrtenkranz um einen ergrauten Scheitel ... Wie war es so feierlich
still hier oben! Das Kind erschrak vor seinen eigenen Schritten, unter denen der
Kies knirschte - es ging ja auf verbotenem Wege. Aber es lief immer rascher und
stand endlich, tief Atem schpfend, vor dem Eingangsthore des Gottesackers.
    Noch nie hatte Felicitas diesen stillen Ort betreten - sie kannte jene
kleinen, gleichfrmig nebeneinander liegenden Felder noch nicht, jene
Schlusteine, unter denen das vielgestaltige Leben urpltzlich verbraust und
verklingt. Neben dem schwarzen Eisengitter der Thr streckten zwei groe
Holunderbsche die Zweige hervor, gebeugt von der Last ihrer schwarzen,
glnzenden Beerendolden, und da seitwrts erhob sich das graue Gemuer einer
alten Kirche - das sah dster aus: aber dort hinber dehnte sich ein weiter
Plan, bunt best mit Blumen und Bschen, auf denen das Gold der milden
Herbstsonne lag.
    Wenn willst du denn besuchen, Kleine? fragte ein Mann, der in Hemdrmeln
an der Thr des Leichenhauses lehnte und blaue Wolken aus seiner Tabakspfeife in
die klare Luft blies.
    Meine Mama, entgegnete Felicitas hastig und lie ihre Augen suchend ber
das groe Blumenfeld gleiten.
    So - ist die schon hier? - Wer war sie denn?
    Sie war eine Spielersfrau.
    Ah, die vor fnf Jahren auf dem Rathause umgekommen ist? ... Die liegt da
drben, gleich neben der Kirchenecke.
    Da stand nun das kleine, verlassene Wesen vor dem Fleckchen Erde, das den
Gegenstand all seiner sen, sehnschtigen Kindestrume deckte! ... Ringsum
lagen geschmckte Grber; die meisten waren mit buntfarbigen Astern so vllig
bedeckt, als habe der liebe Gott alle seine Sterne vom Himmel schneien lassen.
Nur der schmale Streifen zu des Kindes Fen zeigte drres, verbranntes Gras,
gemischt mit ppig wuchernden Queckenranken. Unachtsame Fe hatten bereits
einen Weg darber gebahnt; die anfangs lockere, von Regengssen durchwhlte Erde
war tief eingesunken, und mit ihr der weie, schmucklose Stein zu Fen des
vernachlssigten Grabes - Meta d'Orlowska stand in groen, schwarzen Lettern
dicht am Erdrande ... An diesem Steine kauerte sich Felicitas nieder, und ihre
kleinen Hnde whlten in eienr von Gras entblten Stelle ... Erde, nichts als
Erde! Diese schwere, fhllose Masse lag auf dem zrtlichen Gesichte, auf der
lieben Gestalt im lichtglnzenden Atlasgewande, auf den Blumen in den
lilienweien, erstarrten Hnden. Jetzt wute das Kind, da die Mutter damals
nicht blo geschlafen habe.
    Liebe Mama, flsterte sie, du kannst mich nicht sehen, aber ich bin da,
bei dir! Und wenn auch der liebe Gott nichts von dir wissen will - er hat dir ja
nicht ein einziges Blmchen geschenkt - und kein Mensch kmmert sich um dich,
ich hab' dich lieb und will immer zu dir kommen! ... Ich will auch nur dich
allein lieb haben, nicht einmal den lieben Gott, denn er ist so streng und
schlimm gegen dich!
    Das war das erste Gebet des Kindes am Grabe der verfemten Mutter ... Ein
leichtes Lftchen strich vorber, weich und khlend, wie sich die
beschwichtigende Mutterhand um die klopfenden Schlfe des fieberkranken
Lieblings legt. Die Astern nickten herber zu dem tieftraurigen Kinde, und auch
durch die drren Bltenrispen der Grser zog es leise flsternd; und droben
dehnte sich der Himmel in durchsichtiger Klarheit - der ewige, wandellose
Himmel, den Menschenbegriffe zu einem Tummelplatze irdischer Leidenschaften
machen.
    Als Felicitas spter in das dstere Haus am Marktplatze zurckkehrte - das
Kind wute nicht, wie lange es trumend da drauen auf dem weiten, stillen
Totenfelde gesessen hatte - fand sie die Hausthr nur angelehnt. Sie schlpfte
hinein, blieb aber sofort erschrocken in der nchsten Ecke stehen, denn die Thr
zu des Onkels Zimmer stand ziemlich weit offen, Johannes' Stimme klang heraus,
und Felicitas hrte, wie er mit festen, langsamen Schritten auf und ab ging.
    Ein so eigentmlich wilder Trotz auch seit gestern ber die Kleine gekommen
war, die Furcht vor jener unbewegten, grausam kalten Stimme und den
unerbittlichen, grauen Augen war doch noch grer. Sie konnte unmglich in das
Bereich der halboffenen Thr treten - ihre kleinen Fe standen wie eingewurzelt
auf den Steinplatten.
    Ich gebe dir vollkommen recht, Mama, sagte Johannes drinnen, indem er
stehen blieb; das kleine, lstige Geschpf wre am besten in irgend einer
braven Handwerkerfamilie aufgehoben. Aber dieser unvollendete Brief hier ist fr
mich so magebend, wie ein rechtskrftiges Testament ... Einmal sagt der Papa,
da er das Kind um keinen Preis aus dem Schutze seines Hauses entlassen werden -
es sei denn, da es der Vater selbst zurckfordere - und hier mit den Worten: -
ich wrde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir anvertraute Kind in deine
Hnde legen - macht er mich unwiderleglich zum Vollstrecker seines Willens ...
Es kommt mir durchaus nicht zu, an der Handlungsweise meines Vaters irgendwie zu
mkeln, aber wenn er gewut htte, wie unsagbar zuwider mir die Menschenklasse
ist, aus der das Kind stammt - er wrde mich mit dieser Vormundschaft verschont
haben.
    Du weit nicht, was du von mir verlangst, Johannes! entgegnete die Witwe
im Tone tiefsten Verdrusses. Fnf lange Jahre habe ich diesen Auswrfling, dies
gottverlassene Wesen stillschweigend neben mir dulden mssen - ich kann es nicht
lnger!
    Nun, dann bleibt uns kein anderer Ausweg, als ein Aufruf an den Vater des
Kindes.
    Ja, da kannst du rufen! erwiderte Frau Hellwig mit einem kurzen,
hhnischen Auflachen. Der dankt Gott, da er den Brotesser los ist! Doktor Bhm
sagt mir, soviel er wisse, habe der Mann zu Anfang ein einziges Mal von Hamburg
aus geschrieben - seit der Zeit nicht wieder.
    Als gute Christin wirst du brigens auch nicht zugeben, liebe Mama, da das
Kind dahin zurckkehrt, wo seine Seele verloren geht -
    Sie ist so wie so verloren!
    Nein, Mama! Wenn ich auch nicht leugnen will, da der Leichtsinn in diesem
Blute stecken mu, so glaube ich doch auch fest an den Segen einer guten
Erziehung.
    Du meinst also, wir bezahlen das schwere Geld noch so und so viel Jahre
lnger fr ein Geschpf, das uns auf der Gotteswelt nichts angeht? - Sie hat
Unterricht im Franzsischen, im Zeichnen -
    Ei behte, das fllt mir nicht ein! unterbrach Johannes die Aufzhlung -
zum erstenmal erhielt diese monotone Stimme eine etwas lebhaftere Klangfarbe.
Das fllt mir nicht ein, wiederholte er. Mir ist diese moderne weibliche
Erziehung ohnehin ein Greuel ... Solche Frauen wie dich, die, echt christlichen
Sinnes und in wahrhafter Weiblichkeit, nie die ihnen gesteckten Grenzen
berschreiten, die wird man in kurzem suchen mssen ... Nein, das alles hat von
jetzt ab ein Ende! Erziehe das Mdchen huslich, zu dem, was einst seine
Bestimmung sein wird - zur Dienstbarkeit ... Ich lege die Angelegenheit vllig
und unbesorgt in deine Hnde. Mit deinem starken Willen, deinem Christentum -
    Hier wurde die Thr pltzlich weiter aufgerissen, und Nathanael, der sich
bei dem Zwiegesprche langweilen mochte, sprang heraus. Felicitas drckte sich
gegen die Wand; aber er sah sie doch und strzte wie ein Stovogel auf die
Zitternde zu.
    Ja, verstecke dich nur, das hilft dir nichts! rief er und prete ihr
zartes Handgelenk beim Weiterzerren so heftig, da sie aufschrie. Jetzt kommst
du mit und sagst der Mama gleich den Text der Predigt! Gelt, das kannst du
nicht? Du warst nicht auf den Schulbnkchen, ich hab' genau aufgepat ... Und
wie siehst du denn aus? ... Nein, Mama, sieh dir nur einmal dies Kleid an!
    Mit diesen Worten zog er die widerstrebende Kleine an die Thr.
    Komm herein, Kind! gebot Johannes, der mitten im Zimmer stand und den
Brief seines Vaters noch in der Hand hielt.
    Felicitas trat zgernd ber die Schwelle. Sie sah einen Moment an der hohen,
schmalen Gestalt empor, die vor ihr stand. Da lag kein Stubchen auf dem
ausgesucht feinen, schwarzen Anzuge; das Weizeug leuchtete in blendender
Frische; nicht ein Hrchen auf der Stirn krmmte sich gegen die Hand, die
unablssig, fast ngstlich darber hinstrich - da war alles peinlich geordnet
und sauber. Er blickte mit einer Art von Abscheu auf den Kleidersaum des Kindes.
    Wo hast du dir das geholt? fragte er und zeigte nach der Stelle, die
seinen Blick auf sich zog.
    Die Kleine sah scheu hinab - das sah freilich schlimm aus. Gras und Wege
drauen waren noch tauna gewesen; sie hatte beim Niederwerfen am Grabe nicht
daran gedacht, da solche auffallende Spuren an dem schwarzen Kleide
zurckbleiben knnten ... Sie stand schweigend mit gesenkten Augen da.
    Nun, keine Antwort? ... Du siehst aus wie das bse Gewissen selbst - du
warst nicht in der Kirche, wie?
    Nein, sagte die Kleine aufrichtig.
    Und wo warst du?
    Sie schwieg. Sie htte sich lieber totschlagen lassen, ehe der Muttername
vor diesen Ohren ber ihre Lippen gekommen wre.
    Ich will dir's sagen, Johannes, entgegnete Nathanael an ihrer Stelle; sie
war drauen in unserem Garten und hat Obst genascht - so macht sie's immer.
    Felicitas warf ihm einen funkelnden Blick zu, aber sie ffnete die Lippen
nicht.
    Antworte, gebot Johannes, hat Nathanael recht?
    Nein; er hat gelogen, wie er immer lgt! entgegnete das Kind fest.
    Johannes streckte in diesem Augenblicke ruhig den Arm aus, um Nathanael
zurckzuhalten, der wtend auf seine Anklgerin losstrzen wollte.
    Rhr sie nicht an, Nathanael! gebot auch Frau Hellwig dem Knaben. Sie
hatte bis dahin schweigend im Lehnstuhle des Onkels am Fenster gesessen. Jetzt
erhob sie sich - hu, was warf die groe Frau fr einen dstern Schatten in das
Zimmer!
    Du wirst mir glauben, Johannes, wendete sie sich an ihren Sohn, wenn ich
dir versichere, da Nathanael niemals die Unwahrheit sagt. Er ist fromm und lebt
in der Furcht des Herrn, wie selten ein Kind - ich habe ihn behtet und
geleitet, das wird dir gengen ... Es hat noch gefehlt, da sich dies
erbrmliche Geschpf zwischen die Geschwister stellt, wie es bereits zwischen
den Eltern der Fall gewesen ist ... Ist es nicht an sich unverzeihlich, da sie,
statt in die Kirche zu gehen, sich an anderen Orten herumtreibt? - mag sie nun
gewesen sein, wo sie will!
    Ihre Augen glitten mit tdlicher Klte ber die kleine Gestalt.
    Wo ist das neue Tuch, da du heute Morgen bekommen hast? fragte sie
pltzlich.
    Felicitas fuhr erschreckt mit den Hnden nach den Schultern - o Himmel, es
war verschwunden, es lag sicher drauen auf dem Gottesacker! Sie fhlte recht
gut, da sie sich einer groen Unachtsamkeit schuldig gemacht habe - sie war
tief beschmt; ihre gesenkten Augen fllten sich mit Thrnen, und die Bitte um
Verzeihung drngte sich auf ihre Lippen.
    Nun, was sagst du dazu, Johannes? fragte Frau Hellwig mit schneidender
Stimme. Ich schenke ihr das Tuch vor wenig Stunden, und an ihrem Gesicht wirst
du sehen, da es bereits verloren ist ... Ich mchte wissen, wieviel diese
Garderobe deinem seligen Vater das Jahr ber gekostet hat ... Gib sie auf, sag
ich dir! Da ist Hopfen und Malz verloren - du wirst nie ausrotten knnen, was
von einer leichtfertigen, liederlichen Mutter aufgeerbt ist!
    In diesem Augenblicke ging eine schreckliche Vernderung in Felicitas'
Aeuerem vor. Eine tiefe Scharlachrte ergo sich ber das ganze Gesicht und den
lilienweien Hals bis unter den Ausschnitt des groben schwarzen Wollkleides.
Ihre dunklen Augen, in denen noch die Thrnen der Reue funkelten, blickten
sprhend empor zu dem Gesichte der Frau Hellwig. Jene ngstliche Scheu vor der
Frau, die fnf Jahre lang auf dem kleinen Herzen gelastet und ihr stets die
Lippen verschlossen hatte, war verschwunden. Alles, was seit gestern ihre
kindlichen Nerven in die furchtbarste Spannung versetzt hatte, es trat pltzlich
berwltigend in den Vordergrund und nahm ihr den letzten Rest von
Selbstbeherrschung - sie war auer sich.
    Sagen Sie nichts ber mein armes Mtterchen, ich leide es nicht! rief sie;
ihre sonst so weiche Stimme klang fast gellend. Es hat Ihnen nichts zuleide
gethan! ... Wir sollen nie Bses von den Toten sprechen - hat der Onkel immer
gesagt, denn sie knnen sich nicht verteidigen - Sie thun es aber doch, und das
ist schlecht, ganz schlecht!
    Siehst du die kleine Furie, Johannes? rief Frau Hellwig hhnisch. Das ist
das Resultat der freisinnigen Erziehung deines Vaters! Das ist das feenhafte
Geschpfchen, wie er das Mdchen in dem Briefe da nennt!
    Sie hat recht, wenn sie ihre Mutter verteidigt, sagte Johannes halblaut
mit ernstem Blicke; aber die Art und Weise, wie sie es thut, ist eine
ungebrdige, abscheuliche ... Wie kannst du dich unterstehen, in so
ungebhrlicher Weise zu dieser Dame zu reden? wandte er sich zu Felicitas, und
ein schwacher Schimmer von Rot flog ber sein bleiches Gesicht. Weit du nicht,
da du verhungern mut, wenn sie dir kein Brot gibt, und da drauen das
Straenpflaster dein Kopfkissen sein wird, wenn sie dich aus dem Hause stt?
    Ich will ihr Brot nicht! prete das Kind hervor. Sie ist eine bse, bse
Frau - sie hat so schreckliche Augen ... Ich will nicht hier bleiben in euerem
Hause, wo gelogen wird, und wo man sich den ganzen Tag frchten mu vor der
schlechten Behandlung - lieber will ich gleich unter die dunkle Erde zu meiner
Mutter, lieber will ich verhungern -
    Sie konnte nicht weiter sprechen; Johannes hatte ihren Arm gefat, seine
mageren Finger drckten sich wie eiserne Klammern in das Fleisch - er schttelte
sie einige Male heftig.
    Komm zu dir, komm zur Besinnung, abscheuliches Kind! rief er. Pfui, ein
Mdchen und so zgellos! Bei dem unverzeihlichen Hange zu Leichtsinn und
Liederlichkeit auch noch diese malose Heftigkeit! ... Ich sehe ein, hier ist
viel versehen worden, wandte er sich an seine Mutter, aber unter deiner Zucht,
Mama, wird das anders werden.
    Er lie den Arm der Kleinen nicht los und fhrte sie unsanft aus dem Zimmer
hinber in die Gesindestube.
    Von heute an habe ich ber dich zu gebieten - merke dir das! sagte er
rauh; und wenn ich auch fern bin, ich werde dich doch exemplarisch zu strafen
wissen, sobald ich erfahre, da du meiner Mutter nicht in allen Stcken ohne
Widerrede gehorchst ... Fr dein heutiges Benehmen hast du auf lngere Zeit
Hausarrest, um so mehr, als du von der Freiheit einen so schlechten Gebrauch
machst. Du betrittst den Garten ohne ganz spezielle Erlaubnis meiner Mutter
nicht wieder; ebensowenig gehst du auf die Strae, die Wege nach der
Brgerschule ausgenommen, die du von nun an besuchen wirst; und hier in der
Gesindestube magst du essen und dich tagber aufhalten, bis du bessere Sitten
zeigst ... Hast du mich verstanden?
    Die Kleine wandte schweigend das Gesicht ab, und er verlie die Stube.

                                       9


Nachmittags trank die Familie Hellwig den Kaffee drauen im Garten. Friederike
hatte ihren kattunenen, flanellgeftterten Sonntagsmantel ber die Schultern
geworfen, die schwarzseidene, wattierte Staatsmtze aufgesetzt und war zuerst in
die Kirche und dann zu einer Frau Muhme auf Besuch gegangen. Heinrich und
Felicitas waren allein in dem groen, kirchenstillen Hause. Ersterer war lngst
heimlicherweise drauen auf dem Gottesacker gewesen und hatte das
verhngnisvolle Tuch heimgeholt - es lag nun gesubert und regelrecht
zusammengelegt im Kasten.
    Der ehrliche Bursche hatte die vormittgige Szene von der Kche aus mit
angehrt und zum Teil auch gesehen; er war sehr in Versuchung gewesen,
hervorzuspringen und mit seinen derben Fusten den Sohn des Hauses ebenso zu
schtteln, wie die zarte Gestalt des aufrhrerischen Kindes hin und her
geschttelt wurde. Jetzt sa er da in der Gesindestube und schnitzelte an seinem
defekten Ausgehstock herum, wobei er leise und zwar sehr ungeschickt und
unmelodisch pfiff. Er war ja aber auch gar nicht bei der Sache; seine Blicke
huschten rastlos und verstohlen hinber nach dem schweigenden Kinde ... Das war
gar nicht mehr das Gesicht der kleinen Felicitas! Sie sa dort wie ein
gefangener Vogel, aber wie ein Vogel, dem die Wildheit in der Brust brennt und
der voll unvershnlichen Grolles der Hnde denkt, die ihn gefesselt haben ...
Auf ihren Knieen lag der Robinson, den Heinrich auf eigene Gefahr hin von
Nathanaels Bcherbrett geholt hatte, aber sie warf keinen Blick hinein. Der
Einsame hatte es gut auf seiner Insel, da gab es doch keine bsen Menschen, die
seine Mutter leichtsinnig und liederlich schalten; da lag der funkelnde
Sonnenschein auf den Palmenkronen, auf den grnen Wogen des fetten Wiesengrases
- und hier brach das Gotteslicht gedmpft, als trbe Dmmerung durch die
engvergitterten Fenster, und nirgends, weder drauen in der schmalen Gasse noch
hier im ganzen Hause, erquickte ein grnes Blatt das Auge ... Ja, drin im
Wohnzimmer, da stand freilich ein Asklepiasstock im Fenster - die einzige Blume,
die Frau Hellwig pflegte, aber Felicitas konnte diese regelmigen, wie aus
kaltem Porzellan geformten Bltenbschel, die starren, harten Bltter nicht
leiden, die stocksteif und ungerhrt dahingen, mochte auch der Luftzug
durchstreichen, soviel er wollte - was gab es denn Schneres, als drauen die
leichtbeweglichen, grnen Zungen an Bschen und Bumen mit ihrem unaufhrlichen
Rauschen und Flstern?
    Die Kleine sprang pltzlich auf. Droben auf dem Dachboden, da konnte man
weit hinaus in die Gegend sehen, da war sonnige Luft - wie ein Schatten glitt
sie die gewundene steinerne Haupttreppe hinauf.
    Das alte Kaufmannshaus war eigentlich nach gewissen Begriffen degradiert
worden. Vor langen Zeiten war es ein Edelsitz gewesen. Es hatte auch noch etwas
Ehrgeiziges in seiner Physiognomie - wenn auch nicht in dem Mae, wie die Trme,
die alles unter sich lassen und, wenn es ginge, am liebsten auch den Himmel als
alleiniges Eigentum auf ihre Spitze spieen mchten - aber es zeigte doch hier
und da dies Emporstreben in dem Turmansatze des Erkers und vor allem in den
mchtigen Schornsteinen, die sich in jenen Zeiten so ntig machten, wo noch die
Wildbraten in ihrer natrlichen Gre und Urwchsigkeit auf den Bratspieen
adeliger Kchen steckten ... Das blaue Blut, das die Herzen der ehemaligen
ritterlichen Bewohner klopfen gemacht, war lngst versiegt, ja, in den letzten
Stadien war es ihm ergangen, wie dem alten Hause auch - es war degradiert
worden.
    Die vordere, nach dem Marktplatz gewendete Front des Hauses hatte sich
allmhlich in etwas modernisiert, die Hintergebude dagegen, drei gewaltige
Flgel, standen noch in keuscher Unberhrtheit, wie sie aus der Hand ihres
Schpfers hervorgegangen waren. Da gab es noch jene langen, hallenden Gnge mit
schiefen Wnden und tief ausgetretenem Estrich, in denen selbst bei strahlendem
Mittagssonnenscheine eine traumhnliche Dmmerung webt, und die es einer
sagenhaften Ahnfrau so leicht machen, in grauer Schleppe, mit verblichenem
Antlitz und schattenhaft gekreuzten Hnden umherzuspuken. Da waren noch jene
unvorhergesehenen, unter dem leisesten Tritte kreischenden Hintertreppchen, die
pltzlich am Ende eines Korridors auftauchen, um drunten vor irgend einer
unheimlichen, siebenfach verriegelten Thr zu mnden - jene abgelegenen,
scheinbar zwecklosen Ecken mit einem einsamen Fenster, durch dessen runde,
bleigefate Scheiben fahle Lichtsulen auf den zerbrckelnden Backsteinfuboden
fallen. Der Staub, der hier auf die Kpfe der Vorberwandelnden herabrieselte,
war historisch; er hatte als jugendliche Holzfaser irgend eines Balkens oder als
neuer Mrtel die hochgehenden Wogen des blauen Blutes mit angesehen.
    Wo es irgend mglich gewesen, hatte der Steinmetz das Wappen des Erbauers
des Hauses, eines Ritters von Hirschsprung, angebracht. Die steinernen Thr-und
Fenstereinfassungen, ja selbst einzelne Quadern des Fubodens zeigten den
majesttischen Hirsch, wie er, die Vorderlufe hochhebend, zum grausigen Sprunge
ber einen Abgrund ansetzte. Auf den Thrpfosten einer der groen Staatsstuben
im Vorderhause befanden sich auch die Bildnisse des Erbauers und seiner
Ehegesponsin, langgestreckte Gestalten in Barett und Schneppenhaube. Der
ehrenfeste Ritter blickte mit unvergnglich herausforderndem Stolze in die Welt,
aus der lngst sein Staub und seine fr ewig besiegelten und verbrieften
Ansprche hinweggeweht waren.
    Felicitas stand droben an der Mndung der Treppe und sah mit groen,
verwunderten Augen in eine halboffene Thr, die sie nicht anders als
verschlossen kannte ... Wie sehr mute die Ausfhrung ihres Racheaktes alles
Denken der sonst so peinlich pnktlichen Hausfrau in Anspruch genommen haben,
da sie darber Schlo und Riegel vergessen konnte! ... Hinter der Thr lag ein
scheinbar endloser Korridor, der ber eines der Hintergebude hinlief, und in
welchen verschiedene Thren mndeten. Eine derselben stand offen und lie in
eine Rumpelkammer mit einem sehr hochliegenden Mansardenfenster sehen. Sie war
vollgepfropft mit altem Germpel, und da seitwrts an einem Rokokoarmsessel
lehnte auch das Bild der Frau Kommerzienrtin. Es war nicht einmal gegen eine
schtzende Wand gekehrt; Staub und Spinnen durften sich nun ungestrt des
Gesichts bemchtigen, das dem Maler in der stolzen Ueberzeugung gesessen hatte,
es werde fr Kind und Kindeskinder bis in die fernste Zeit ein Gegenstand hoher
Verehrung sein.
    Die groen, hervortretenden, etwas lsternen Augen hatten, so nahe gesehen,
etwas Furchterregendes fr das Kind - es wandte sich ngstlich ab, aber in dem
Momente fuhr es wie ein Stich durch das kleine Herz und das Blut brauste nach
dem Kopfe - den mit Seehundsfell berzogenen Koffer dort am Boden kannte ja die
kleine Felicitas ganz genau! ... Scheu, mit angehaltenem Atem - schlug sie den
Deckel zurck - da lag obenauf ein hellblaues Wollkleidchen, dessen Sume und
Bndchen zierliche Stickerei zeigten. Ach ja, das hatte ihr Friederike eines
Abends ausgezogen, und dann war es verschwunden, und die kleine Felicitas mute
dafr ein abscheuliches, dunkles Kleid anlegen.
    Immer tiefer und heftiger whlten die kleinen Hnde, - was kam da alles zum
Vorschein, und wie strmte es in der Kinderseele bei diesem Wiedersehen! ... All
diese Gegenstnde, so elegant, als sollten sie den vornehmen Krper einer
kleinen Prinzessin umhllen, hatte die tote Mutter in den Hnden gehabt.
Felicitas erinnerte sich mit peinlicher Schrfe des sen Gefhls, wenn die Mama
sie angekleidet und mit ihren samtweichen, zarten Fingern berhrt hatte ... Ach,
hier tauchte auch das buntscheckige Ktzchen auf, das einst der ganze Stolz des
Kindes gewesen! Es war auf eine kleine Tasche gestickt. - Halt, da steckte auch
etwas drin, aber es war kein Spielzeug, wie das Kind anfnglich meinte, es war
ein hbsches Petschaft von Achat, auf dessen silberner Platte derselbe
majesttische Hirsch sich bumte, den das Mauerwerk des Hellwigschen Hauses bis
zum Ueberdru zeigte. Unter dem Wappen stand in feinen, flchtigen Zgen M. v.
H.... Das hatte gewi der Mama gehrt, und das Kind hatte einst die ruberische
kleine Hand danach ausgestreckt. -
    Hher und hher wuchs die Flut der Erinnerungen und auf manche fiel ein
Strahl des gereiften Verstndnisses. Jetzt begriff sie jene Momente, wo sie, aus
dem ersten Schlafe aufschreckend, den Vater im goldblitzenden Wams und die
Mutter mit den aufgelsten blonden Locken an ihrem Bettchen stehen sah - sie
waren aus der Vorstellung heimgekommen ... und da war auch jedesmal auf die arme
Mama geschossen worden, und das Kind hatte so ahnungslos in das totenbleiche
Gesicht gesehen; es wute aber noch, da es an solchen Abenden stets strmisch,
wie in atemloser Hast, an das Mutterherz emporgerissen worden war ...
    Stck um Stck der neuentdeckten Schtze wurde gestreichelt und geliebkost
und dann sorgsam in den Koffer zurckgelegt, und als der Deckel alles wieder
verschlo, da schlang das Kind seine Arme um den kleinen, vielgereisten Kasten
und legte das Kpfchen darauf - sie waren ja alte Kameraden, zwei, die
zusammengehrten in der weiten Welt, welche nicht so viel Heimatboden fr das
Spielerskind hatte, als auch nur sein kleiner Fu bedeckte .. Jetzt sah das erst
so wildtrotzige Gesichtchen mild und vershnt aus, als es, die zarte Wange auf
die von den Motten halbzerfressene Decke des Koffers gepret, mit geschlossenen
Augen regungslos dalag.
    Durch das Fenster zog die laue Luft aus und ein und hauchte einen Strom
balsamischer Dfte in den abgelegenen, stillen Bodenwinkel ... wie konnte sich
dies berauschende Aroma, das ganzen Resedabeeten entquellen mute, so hoch in
die Lfte versteigen? Und was waren das fr Tne, die jetzt von fern herber mit
ihm herein strmten? ... Felicitas ffnete die Augen und setzte sich horchend
auf. Das konnte nicht die Orgel der nahen Barferkirche sein - der Gottesdienst
war ja lngst aus. Ein gebildeteres Ohr als das des harmlosen, unwissenden
Kindes wrde auch eher alles andere, als diese Harmonien mit der Orgel in
Verbindung gebracht haben - die Ouvertre zum Don Juan wurde meisterhaft auf dem
Klavier gespielt.
    Felicitas schob einen wackeligen Tisch unter das Fenster und stieg hinauf.
Ah, was war das! ... Freilich, mit der getrumten Ausschau in die weite
Gotteswelt war es hier nichts; vier Dcher bildeten ein festgeschlossenes
Quadrat, von denen das gegenberliegende die anderen berragte und dem Blicke
jede Fernsicht verwehrte; aber gerade dies Dach-Vis-a-vis war fr die zwei
erstaunten, weitgeffneten Kinderaugen ein Wunder, wie es die schnsten
Mrchenbcher nicht wunderbarer erzhlen konnten. Dort auf der hohen, doch sanft
geneigten Schrgseite gab es nicht etwa Ziegel, wie sie die anderen Dcher
schwarzbraun, schmutzig und bemoost zeigten - nein, es war frmlich berschttet
mit Blumen, mit Astern und Dahlien, welche ihre bunten Hupter hoch droben in
den Lften mit derselben Sicherheit wiegten, wie drunten, dicht an der starken
Muttererde. Soweit ein pflegender menschlicher Arm von der am unteren Rande des
Daches hngenden Galerie aus reichen konnte, stiegen Blumenreihen empor, dann
aber schlo sich ihnen ein in allen Nancen des Rot spielendes Blttergewirr an,
fast wie ein Mantel, der sich um die Schultern einer glnzenden Schnheit legt -
die wilde Weinrebe reckte und streckte sich bis hinauf zum First; selbst auf die
Nachbardcher krochen die Ranken noch mit ihren leuchtenden, gefingerten
Blttern und den schwarzblauen Trauben. Die Galerie hatte die ganze Lnge des
Daches und hing so luftig und leicht da, als sei sie hingeweht, und doch trug
die Brstung ihres Gelnders schwere Kasten voll Erde, aus denen dicke
Resedabsche quollen und Hunderte von Monatsrosen ihre lachenden Kpfchen
steckten.
    Ein weier, ziemlich plumper Gartenstuhl neben einem runden Tischchen, auf
welchem ein Porzellankaffeegeschirr stand, bewies unwiderleglich, da Geschpfe
von Fleisch und Blut hier oben hausten; gleichwohl behielt die ursprngliche
Vermutung des Kindes etwas fr sich, nach welcher dort der kleine Vorbau, den
eine Glasthr von der Galerie abschlo, das Httchen der Blumenfee sein mute.
Man sah weder Dach noch Mauern; es war alles berwuchert von grobltterigem,
schottischem Epheu; die Kapuzinerkresse rankte sich hinauf, verstreute droben
ber die grne Kuppel ihre gespornten Bltenkelche mit den feurig orangegelben
Samtblttern und hing sie mutwillig schaukelnd ber die Glasthr. Diese Thr
klaffte ein wenig, und aus ihr quollen die Tne, die das Kind ans Fenster
gelockt hatten.
    Ein Blick hinunter in den Raum, den die vier Hintergebude umschlossen, lie
pltzlich eine Ahnung in der kleinen Felicitas aufdmmern. Da drunten krakeelte
und krhte es um die Wette - es war der Geflgelhof. Felicitas hatte ihn noch
nie gesehen; denn aus Furcht, da eines der schnarrenden Geschpfe in den
Vorderhof oder wohl gar in die Hausflur dringen knne, trug Friederike den
Thrschlssel stets in der Tasche. Wie oft aber war sie mit zornigem Gesichte in
die Kche gekommen und hatte zu Heinrich hinbergescholten: Die Alte da oben
giet wieder einmal ihr nichtsnutziges Gras, da die Rinnen berlaufen ...!
Ach, das nichtsnutzige Gras waren die Tausende ser Blumengesichtchen da
drben, und das Wesen, das sie pflegte und behtete, war - die alte Mamsell, die
ja auch in diesem Augenblicke wieder den Sonntagnachmittag entheiligte durch
unheilige und lustige Weisen.
    Diese Gedanken waren kaum in dem Kpfchen aufgetaucht, als auch schon die
kleinen Fe auf der Fensterbrstung standen. Die ganze Elastizitt der
Kinderseele, die Leid und Kummer ber etwas Neuem fr einen Moment vllig
vergessen kann, machte sich auch hier geltend ... Das Kind konnte ja klettern
wie ein Eichhrnchen, und ber die Dcher hinzulaufen, war eine Kleinigkeit. Da
unten auf den zwei an den Dchern hngenden Rinnen lie es sich jedenfalls
prchtig marschieren; sie sahen zwar etwas bemoost und wackelig aus, und dort in
der Ecke, wo sie zusammenstieen, hingen beide schief, allein sie zerbrachen
jedenfalls noch lange, lange nicht und lieen sich ja gar nicht vergleichen mit
dem dnnen Seile, auf welchem Felicitas noch viel kleinere Mdchen, als sie
selbst war, hatte tanzen sehen. Sie schlpfte zum Fenster hinaus, und nach zwei
Schritten ber das abschssige Dach stand sie in der Rinne. Es chzte und
knackte widerwillig unter den Fchen, die tapfer vorwrts trippelten - rechts
nicht der mindeste Halt, und links eine ghnende Tiefe von vier Stockwerken -
wenn das die Mutteraugen gesehen htten! - aber es ging vortrefflich. Noch ein
Hinaufklettern auf das bedeutend hhere Dach, dann ein Sprung ber das Gelnder
und das Kind stand mit glhenden Wangen und leuchtenden Augen mitten unter den
Blumen und sah ber die anderen Gebude hinaus in die weite, weite Welt, auf die
ein purpurglhender Abendhimmel niederstrahlte.
    Auf dem runden Tischchen lagen auch verschiedene Zeitungen, und auf einer
derselben las das Kind im Vorberschreiten lchelnd den Titel: Die
Gartenlaube. Eine Gartenlaube, ja, die pate freilich prchtig hierher, wo es
hell und sonnig war, und wo eine so reine, frische Luft wehte!
    Und nun stand das kleine Mdchen da und blickte schchtern durch die
Glasscheiben, die vielleicht noch nie ein Kindergesicht widergespiegelt hatten
... Wuchsen denn die Epheuzweige durch das Dach und rankten sich da drinnen in
dem groen Zimmer weiter? Von der Wandbekleidung konnte man nichts sehen, sie
war vllig berstrickt von Gezweig, aber in kleinen Zwischenrumen traten
Postamente aus der Wand hervor, auf denen groe Gipsbsten standen - eine
merkwrdige Versammlung ernster, bewegungsloser Kpfe, die sich leuchtend und
geisterhaft abhoben von dem krftigen Grn der Bltterwand. Sie lieen es sich
schweigend gefallen, da die Epheuranken Allotria trieben und sich hier quer um
die Brust des einen und dort als Kranz um eines anderen ernste Stirn schlangen.
Die Mutwilligen machten es ja mit den Fenstern nicht besser; sie hingen wie eine
grne Wolke verdunkelnd ber den Vorhngen, und doch waren diese zwei Fenster
zwei prchtige Landschaftsbilder, sie lieen drauen die Straendcher weit
unter sich und faten da drben den herbstlichen bunten Wald auf dem Bergrcken
und die fahlen Streifen der Stoppelfelder in ihren Rahmen.
    Unter den Fenstern stand ein Flgel. Die alte Mamsell, genau so gekleidet
wie gestern, sa davor, und ihre zarten Hnde griffen mit gewaltiger Kraft in
die Tasten. Das Gesicht sah etwas verndert aus; sie trug eine Brille, und ihre
gestern so schneebleichen Wangen waren gertet.
    Die kleine Felicitas war leise eingetreten und stand in dem Bogen, welchen
der Vorbau bildete ... Fhlte die alte Dame die Nhe eines menschlichen Wesens,
oder hatte sie ein Gerusch gehrt - sie brach pltzlich mitten in einem
rauschenden Akkorde ab, und ihre groen Augen richteten sich sofort ber die
Brille hinweg auf das Kind. Wie ein elektrischer Schlag fuhr es durch die
schwchliche Gestalt der Einsamen, ein leiser Schrei entfloh ihren Lippen; sie
nahm mit der zitternden Rechten die Brille ab und erhob sich, whrend sie sich
auf das Instrument sttzte.
    Wie kommst du hierher, mein Kind? fragte sie endlich mit unsicherer
Stimme, die jedoch trotz des Schreckens sanft und mild blieb.
    Ueber die Dcher, versetzte das ngstlich gewordene kleine Mdchen
beklommen und zeigte mit der Hand zurck nach dem Hofe.
    Ueber die Dcher? - Das ist unmglich! Komm her, zeige mir, wie du gegangen
bist. Sie fate die Hand des Kindes und trat mit ihm auf die Galerie. Felicitas
deutete auf das Mansardenfenster und nach den Rinnen. Die alte Dame schlug
entsetzt die Hnde vor das Gesicht.
    Ach, erschrecken Sie ja nicht! sagte Felicitas mit ihrer lieblich
unschuldigen Stimme. Es ging wirklich ganz gut. Ich kann klettern wie ein
Junge, und Doktor Bhm sagt immer, ich sei ein Flederwisch und htte keine
Knochen.
    Die alte Mamsell lie die Hnde vom Gesicht fallen und lchelte - es lag
noch so viel Anmut in diesem Lcheln, das zwei Reihen sehr schner, weier Zhne
sehen lie. Sie fhrte die Kleine in das Zimmer zurck und setzte sich in einen
Lehnstuhl.
    Du bist die kleine Fee, gelt? sagte sie, indem sie Felicitas an ihre Kniee
heranzog. Ich wei es, wenn du auch nicht auf rosa Gazewolken zu mir
hereingeflogen bist ... Dein alter Freund Heinrich hat mir heute mittag von dir
erzhlt.
    Bei Heinrichs Namen kam die ganze Wucht des Leides wieder ber das Kind. Wie
heute morgen stieg eine glhende Rte in die Wangen, und Groll und Weh zogen
jene herben Linien um den kleinen Mund, die ber Nacht den Ausdruck des
Kindergesichts zu einem vllig anderen gemacht hatten ... Den Augen der alten
Mamsell entging diese pltzliche Vernderung nicht. Sie nahm schmeichelnd das
Gesicht des kleinen Mdchens zwischen ihre Hnde und bog es zu sich herab.
    Siehst du, mein Tchterchen, fuhr sie fort, seit vielen Jahren kommt der
Heinrich allsonntglich herauf zu mir, um Verschiedenes fr mich zu besorgen ...
Er wei, da er nie gegen mich erwhnen darf, was sich drunten im Vorderhause
ereignet, und bisher hat er auch nie das Gebot berschritten ... Wie lieb mu er
die kleine Fee haben, da er pltzlich gegen meinen so streng ausgesprochenen
Wunsch handeln konnte!
    Die trotzigen Augen des Kindes schmolzen.
    Ja, er hat mich lieb - sonst niemand, sagte sie, und ihre Stimme brach.
    Sonst niemand? wiederholte die alte Dame, whrend ihr unaussprechlich
sanfter Blick ernst liebevoll auf dem Gesichte der Kleinen ruhte. Weit du denn
nicht, da einer da ist, der dich immer lieb haben wird, auch wenn sich alle
Menschen von dir abwenden sollten? ... Der liebe Gott -
    O, der will mich ja gar nicht, weil ich ein Spielerskind bin! unterbrach
Felicitas die Sprecherin mit ausbrechender Heftigkeit. Frau Hellwig hat heute
morgen gesagt, meine Seele sei so wie so verloren, und alle drunten im
Vorderhause sagen, er habe meine arme Mama verstoen, sie sei nicht bei ihm ...
Ich habe ihn aber auch nicht mehr lieb - ganz und gar nicht, und ich will auch
nicht zu ihm, wenn ich gestorben bin - was soll ich denn dort, wo meine Mama
nicht ist?
    Gerechter Gott, was haben diese Grausamen mit ihrem sogenannten
christlichen Glauben aus dir gemacht, armes Kind!
    Die alte Dame erhob sich hastig und ffnete eine Seitenthr. Es war dem
Kinde, als umflatterten hier weie Wlkchen des Himmels sein Haupt. Ueber das in
einer Ecke stehende Bett, ber Thren und Fenster floen weie Mullvorhnge
herab. Die blagrne Wand des kleinen Gemachs tauchte nur in einzelnen schmalen
Streifen zwischen dem wolkigen Gewebe auf ... Welch ein Kontrast zwischen diesem
kleinen Raume, so frisch und makellos rein, wie der Gedanke, der aus einer
gesunden, unbefleckten Seele kommt, und jenem dsteren Boudoir drunten im
Vorderhause, in welchem Frau Hellwig whrend der frhen Morgenstunden auf dem
Betstuhle kniete, auf jenem Betstuhle, dessen gestickte Polster wohl fr die
grausigen Marterwerkzeuge, nirgends aber fr ein Symbol des Friedens und der
Vershnung Raum hatten.
    Auf dem Nachttische, neben dem Bette, lag eine groe, vielgebrauchte Bibel.
Die alte Dame schlug sie mit sicherer, kundiger Hand auf und las laut und
tiefbewegt: Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und htte der Liebe
nicht, so wre ich ein tnendes Erz oder eine klingende Schelle. Und sie las
weiter und weiter und schlo mit dem Verse: Die Liebe hrt nimmer auf, so doch
die Weissagungen aufhren werden und die Sprachen aufhren werden und das
Erkenntnis aufhren wird.
    Und diese Liebe kommt von ihm, ja, Gott ist diese Liebe selbst, sagte sie
und legte ihren Arm um die Schultern des Kindes. Deine Mama ist sein Kind, wie
wir alle, und sie ist eingegangen zu ihm, denn die Liebe hrt nimmer auf ...
Suche sie getrost da droben, und wenn du nachts aufblickst zum Himmel mit seinen
Millionen wundervoller Sterne, so denke du fest und sicher: Neben einem solchen
Himmel gibt es keine Hlle! ... Und nun hast du ihn auch wieder lieb, gelt,
recht von Herzen lieb, meine kleine Fee?
    Das Kind antwortete nicht, aber es schlug leidenschaftlich beide Arme um die
milde Trsterin, und ein heier Thrnenstrom strzte aus seinen Augen. -
    Zwei Tage darauf hielt ein Wagen vor dem Hellwigschen Hause. Die Witwe stieg
ein mit ihren zwei Shnen, um ihnen das Geleit bis zur nchsten Stadt zu geben.
Johannes ging nach Bonn, um Medizin zu studieren, zuvor aber sollte er Nathanael
demselben Institut bergeben, in welchem er erzogen worden war.
    Heinrich stand breitspurig und behaglich in der offenen Hausthr neben
Friederike und sah dem Wagen nach, der langsam und schwerfllig ber das
holprige Pflaster des Marktplatzes hinschwankte. Es zog etwas wie ein leiser
Pfiff ber seine gespitzten Lippen - bei ihm stets das Anzeichen einer wohligen
Stimmung - und beide Daumen steckten fest eingeklemmt in den gewaltigen Fusten,
was der Volksmund ungefhr in die Worte bersetzt: Herr, behte uns, da das
Unheil nicht wiederkehre!
    Da knnen nun so ein halb Mandel Jhrchen vergehen, bis wir den einen oder
den anderen wieder ins Haus kriegen, sagte er seelenvergngt zu Friederike, die
sich pflichtschuldigst mit dem Schrzenzipfel ber die Augen fuhr.
    Und das ist dir wohl ganz recht, du Dickkopf? fuhr sie ihn an. Ein
schner Dank fr das Trinkgeld, das du vom jungen Herrn gekriegt hast!
    Geh in deine Kche - auf dem Herde liegt das Zeug noch; ich rhr's mit
keinem Finger an! Kannst dir meinetwegen einen roten Rock und gelbe Schuhe zum
Vogelschieen dafr kaufen.
    Ach, du gottheilloser Mensch! ... Einen roten Rock und gelbe Schuhe, wie
eine, die auf dem Seile tanzt! rief die alte Kchin erbittert. Na, es ist nur
gut, da man wei, warum du so wtend bist - der junge Herr hat dir's heute
morgen gut gegeigt!
    I, was du nicht alles weit! warf der Hausknecht gleichmtig ein. Er
steckte die Hnde in die Seitentaschen seines Rockes, zog die Schultern in die
Hhe und pflanzte sich noch breiter auf die Schwelle als bisher. Diese Haltung
emprte Friederikes Gemt stets bis zur Leidenschaft, denn es lag die uerste
Verachtung dessen drin, was sie sagte.
    Hat der Mensch da zwanzig Thaler Lohn und hchstens fnfzig Thaler in der
Sparkasse, fuhr sie giftig fort, und stellt sich vor seine reiche Herrschaft
hin wie der Gromogul und spricht: Geben Sie mir das fremde Kind, ich bringe es
bei meiner Schwester unter, es soll Ihnen keinen Heller kosten, und -
    Und da hat der junge Herr geantwortet, ergnzte Heinrich, indem er das
Gesicht langsam der Erzrnten zuwendete: Das Kind ist in den besten Hnden,
Heinrich; es bleibt bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre unter allen Umstnden
hier im Hause, und du wirst dich nicht unterstehen, es je zu bestrken, wenn es
widerspenstig gegen meine Mutter ist, und - solltest du einmal wieder die alte
Kchenhexe drauen beim Horchen ertappen, so nagle sie ohne Gnade am Ohrlppchen
auf der Thr fest. Was meinst du denn, Friederike, wenn ich jetzt - er hob den
Arm, und die alte Kchin floh schimpfend in die Kche.

                                       10


Neun Jahre waren an dem stattlichen Hause auf dem Marktplatze vorbergestrichen;
aber weder auf die eisenfesten Mauern, noch in das Frauenprofil am wohlbekannten
Fenster des Erdgeschosses hatten sie einen Zug des Verfalles zu zeichnen
vermocht ... Vielleicht sahen die Drachenkpfe hoch oben am Dache fr den
aufmerksamen Beschauer etwas mitgenommen aus - kein Wunder, wenn auch
Drachenkpfe, weinten sie doch jahraus jahrein mit dem Himmel und gossen seine
Thrnenstrme auf das Pflaster; nachher kam wieder die Sonne und durchglhte
sie, solcher Wechsel verndert die Physiognomie. Die Frau da drunten aber stand
auf dem Boden der starren Ueberzeugung, auf dem hohen Piedestal der eigenen
Unfehlbarkeit - in dieser wandellosen, eisigkalten Region gibt es keinen
Zweifel, keine Kmpfe, kein inneres Ringen, daher die uere Versteinerung, die
man eine gute Konservation zu nennen pflegt.
    Eine auffallende Vernderung zeigte das alte Haus aber doch: die Rouleaux in
der groen Erkerstube des ersten Stockes waren seit einigen Wochen stets
aufgerollt und Blumentpfe standen auf den Fenstersimsen. Der Blick der
Vorbergehenden suchte pflichtschuldigst nach wie vor zuerst das Fenster mit dem
Asklepiasstocke, und Frau Hellwig konnte der ehrerbietigen Gre stets sicher
sein, aber dann huschten die Augen verstohlen hinauf nach dem Erker. Dort,
inmitten der steinernen Fenstereinfassung, erschien hufig ein reizendes
Frauengesicht von frmlich blendender Frische, ein Kopf voll aschblonder Locken,
mit blauen Taubenaugen, die fast kinderhaft gro und rund in die Welt schauten,
und dieser Kopf sa auf einem blhenden Leibe vom schnsten Ebenmae, den meist
ein weies Mullkleid umhllte. Manchmal, freilich nicht oft, erhielt das
liebliche Bild im Fensterrahmen aber auch eine entstellende Zugabe - eine
Kindergestalt war dann auf einen Stuhl geklettert und sah neugierig ber die
Schultern der Dame hinunter auf den Marktplatz; es war ein armes, durch die
Skrofelkrankheit furchtbar entstelltes Kpfchen; die Hand, welche das sprliche,
weiblonde Haar so sorgfltig in zierliche Ringel kruselte, machte sich
vergebliche Mhe - unter dem knstlichen Lockenbau trat die Hlichkeit des
fahlen, aufgedunsenen Gesichtchens nur um so grotesker hervor, und der stets
hchst elegante Anzug war auch selten geeignet, die unfrmliche Taille und die
aufgetriebenen Gelenke des Kindes zu verbergen. Allein bei allem Kontraste in
der ueren Erscheinung waren beide doch Mutter und Kind, und um des letzteren
willen waren sie nach Thringen gekommen.
    Innerhalb der letztverflossenen neun Jahre nmlich hatte ein Ingenieur seine
Wnschelrute ziemlich nahe dem Weichbilde der Stadt X. spielen lassen; der
moderne Mosesstab hatte dem Boden einen bitteren Quell entlockt, der an der
Luft, wenn auch nicht zu Gold und Silber, so doch zu sehr schtzenswerten
Salzkrystallen erhrtete. Das war ein Fingerzeig fr die Bewohner von X. Sie
etablierten ein Soolbad, das im Vereine mit dem ausgezeichneten Renommee der
Thringer Luft sehr bald Hilfesuchende aus aller Herren Lnder herbeizog.
    Die junge Dame war auch in die Stadt gekommen, um ihr Kind in der Salzflut
zu baden, und zwar auf Anraten des Professors Johannes Hellwig in Bonn ... Ja,
die Frau da drunten hinter dem Asklepiasstocke hatte viel fr ihren Sohn gethan!
Sie hatte es durchgesetzt, da er frhzeitig unter das Regiment des
strengglubigen Verwandten am Rhein gekommen war; sie hatte es nie geduldet, da
er whrend seines siebenjhrigen Fernseins auch nur ein einziges Mal auf Ferien
nach Hause kommen durfte; sie hatte jeden Morgen pnktlich und regelrecht seinen
Namen auf dem Betstuhle genannt und war nie mde geworden, die Zahl und
Beschaffenheit seiner Hemden von der Ferne aus streng zu kontrollieren - und da
war er nun auch ein berhmter Mann geworden.
    Es wrde brigens dem jungen Professor bei all seiner Berhmtheit und
Wohlerzogenheit schwerlich gelungen sein, einen seiner Patienten in der
geschonten Erkerstube seiner Mutter unterzubringen, wren nicht seine beiden
Schtzlinge Tochter und Enkelin jenes strengglubigen Verwandten am Rhein
gewesen, auf welchen Frau Hellwig groe Stcke hielt. Nebenbei hatte auch die
schne junge Frau den Vorzug eines hbschen Titels - sie war die Witwe eines
Regierungsrates in Bonn. Es konnte der Welt gegenber ganz und gar nichts
schaden, wenigstens eine kleine Regierungsrtin in der Familie zu haben, da Herr
Hellwig sich stets starrkpfig geweigert hatte, seine Gattin zu einer Frau
Kommissionsrtin oder dergleichen zu machen.
    Frau Hellwig sa am Fenster auf der Estrade. Man htte meinen knnen, die
Zeit sei auch spurlos an dem feinen, schwarzen Wollkleide, an Kragen und
Manschetten vorbergegangen; bis auf die kleine Nadel, die den Kragen unter dem
Kinne zusammenhielt, war der Anzug genau derselbe, wie wir ihn am ersten Abend
an der groen Frau kennen gelernt haben. Nur erschien die Bste voller; die
engen Aermel umschloen drall die starken Oberarme, und der Schneider hatte,
vielleicht heimlicherweise, den Rock faltenreicher um die plumpe, sehr
ungrazise Taille gereiht ... Ihre groen weien Hnde lagen mit dem Strickzeuge
feiernd im Schoe - sie hatte in diesem Augenblicke Wichtigeres zu thun.
    An der Thr, in sehr ehrerbietiger Entfernung stand ein Mann; seine schmale
Gestalt steckte in einem abgeschabten Rocke, und die Hand, die er fter beim
Sprechen hob, war voller Schwielen. Er sprach leise und stockend - war es doch
so unheimlich still im Zimmer; nur das Ticken der Wanduhr begleitete seinen
Vortrag. Aus dem Munde der gestrengen Frau kam kein ermutigendes Wort, ja, es
schien, als fehle dieser regungslosen Gestalt sogar der Atemzug, als knne der
starre, unbewegliche Blick stets und immer nur das eine Ziel haben - das
ngstliche, blasse Gesicht des Mannes, der endlich erschpft schwieg und sich
mit seinem kattunenen Taschentuche den Schwei von der Stirn wischte.
    Sie sind an die Unrechte gekommen, Meister Thienemann, sagte Frau Hellwig
nach einer abermaligen Pause kalt. Ich zersplittere mein Geld nicht in so
kleine Kapitalien.
    Ach, Madame Hellwig, so ist's ja auch gar nicht gemeint; ich werde doch
nicht so unbescheiden sein! entgegnete der Mann lebhaft und trat einen Schritt
nher. Aber Sie sind bekannt als eine wohlthtige Dame, denn Sie sammeln
jahraus jahrein fr die Armen und stehen so oft im Wochenblatte mit Lotterien
und dergleichen, und da wollte ich nur bitten, mir fr ein halbes Jahr gegen
Zinsen das Kapitlchen von fnfundzwanzig Thalern aus dem Gesammelten
vorzustrecken.
    
    Frau Hellwig lchelte - der Mann wute nicht, da dies ein Todesurteil fr
seine Hoffnung war.
    Ich knnte beinahe denken, es sei nicht ganz richtig bei Ihnen, Meister
Thienemann - diese Zumutung ist wirklich neu! sagte sie beiend. Allein ich
wei ja, da Sie sich um die Bestrebungen der Glubigen fr die heilige Kirche
nicht kmmern, und deshalb will ich Ihnen sagen, da von den dreihundert
Thalern, die gegenwrtig disponibel in meinen Hnden sind, nicht ein Heller hier
in der Stadt bleibt. Ich habe es fr die Mission gesammelt - es ist heiliges
Geld, - bestimmt zu einem Gott wohlgeflligen Werke, nicht aber, um Leute zu
untersttzen, die arbeiten knnen.
    Madame Hellwig, an Flei lass' ich's nicht fehlen! rief der Mann mit
halberstickter Stimme. Aber die Krankheit hat mich ins Elend gebracht ... Du
lieber Gott, wie noch bessere Zeiten fr mich waren, da hab' ich ber Feierabend
Kleinigkeiten gearbeitet und hab' sie in Ihre Lotterien gegeben, weil ich
dachte, sie kmen unseren Armen zu gute, und nun geht das Geld hinaus in die
weite Welt, und bei uns gibt's doch auch viele, die keinen Schuh an den Fen
und im Winter kein Scheit Holz auf dem Boden haben.
    Ich verbitte mir alle Anzglichkeiten! ... Wir thun brigens hier auch
Gutes, aber mit Auswahl, Meister Thienemann ... Solche Mnner, die im
Handwerkervereine Vortrge voller Irrlehren mit anhren, bekommen natrlich
nichts. Sie thten auch besser, bei Ihrer Hobelbank zu stehen, als da Sie in
die Sterne und in die Steine gucken und behaupten, es sei da auch vieles anders,
als die heilige Schrift aussage ... Ja, ja, dergleichen gotteslsterliche Reden
kommen uns schon zu Ohren, und wir merken sie uns fleiig fr vorkommende Flle
... Sie kennen nun meine Ansicht und haben bei mir gar nichts zu hoffen.
    Frau Hellwig wandte sich ab und sah zum Fenster hinaus.
    Lieber Gott, was mu man sich doch alles sagen lassen, wenn man in Not
ist! seufzte der Mann. Das verdanke ich meiner Frau; sie hat nicht geruht, bis
ich in dies Haus gegangen bin.
    Er sah noch einmal nach dem zweiten Fenster des Zimmers, und als ihm auch
von dort her weder Hilfe noch ein trstendes Wort kam, ging er zur Thr hinaus.
Der letzte Blick des armen Handwerkers hatte der Regierungsrtin gegolten, die
Frau Hellwig gegenber sa. War je eine weibliche Erscheinung geeignet, eine
frohe Hoffnung in dem Herzen Hilfsbedrftiger zu erwecken, so war es jene rosige
Gestalt im duftigen, fleckenlos weien Kleide. Die weichen Linien des Profils,
der Glorienschein der hellen Locken ber der Stirne, die blauen Augen, - das
alles machte den Gesamteindruck eines Engelkopfes - fr den aufmerksamen
Beobachter jedoch den eines gemeielten; denn whrend mehr als einmal das Rot
der Entrstung ber Frau Hellwigs Stirne geflogen war, und der Bittende so
beweglich in Stimme und Gebrden seine sorgenvolle Angst an den Tag gelegt
hatte, war von jenem lieblichen Oval auch nicht einen Augenblick der Ausdruck
lchelnder Ruhe gewichen. Der schne Busen hob und senkte sich in gleichmigen
Atemzgen; die halbgestickte Rose unter ihren Fingern hatte sich whrend der
kleinen Szene um ein Blatt vermehrt, und das strengste Auge wrde an den
sorgfltig abgezhlten Kreuzstichen auch nicht den geringsten Makel entdeckt
haben.
    Du hast dich doch nicht gergert, Tantchen? fragte sie aufblickend mit
lieblich schmeichelnder Stimme, als der Meister das Zimmer verlassen hatte.
Mein seliger Mann stand auch mit diesen Fortschrittlern stets auf sehr
gespanntem Fue, und das Vereinswesen war ihm ein Greuel ... Ah, sieh da,
Karoline!
    Bei diesem Ausrufe winkte sie nach der Kchenthr. Dort war schon lngst,
noch whrend der Anwesenheit des Tischlermeisters, ein junges Mdchen leise und
geruschlos eingetreten ... Wer vor vierzehn Jahren die schne junge Frau des
Taschenspielers vor den Gewehrlufen der Soldaten hatte stehen sehen, der mute
unwillkrlich erschrecken bei dieser wiedererstandenen Erscheinung. Es waren
dieselben Krperformen, wenn auch zarter und mdchenhafter und hier in einen
groben, dunklen Stoff gehllt, whrend jenes unglckliche Weib der gleiende
Schimmer theatralischen Pompes umgeben hatte. Es waren dieselben tadellosen
Linien des Kopfes mit der perlmutterweien, schmalen Stirne und den unmerklich
herabgesenkten Mundwinkeln, die dem Gesicht einen hinreienden Ausdruck leiser
Schwermut verliehen. Bei jener Unglcklichen hatte der thrnenvolle Blick aus
dunkelgrauen Augensternen diesen Ausdruck vollendet; das junge Mdchen dagegen
hob in diesem Momente die schwarzbewimperten Lider, und ein Paar brauner
leuchtender Augen wurden sichtbar. Sie zeugten von einer Seele, die sich nicht
berwunden gab, die sich nicht hatte beugen lassen zu widerstandsloser Duldung;
es lag Kraft und Opposition in diesem Blicke - rollte doch auch polnisches Blut
in den Adern dieses jungen Geschpfes, ein versprengter Tropfen jenes edlen,
heien Stromes, der sich immer wieder erhebt zu erfolglosem Kampfe gegen die
Uebermacht.
    Wir wissen jetzt, da das an der Thr stehende junge Mdchen Felicitas ist,
wenn sie auch notgedrungen auf den simplen Namen Karoline hrt - den
Komdiantennamen hatte Frau Hellwig sofort bei Beginn ihrer Selbstherrschaft
zu dem Theaterplunder in die Dachkammer geworfen.
    Felicitas nherte sich der Herrin des Hauses und legte ein
bewunderungswrdig gesticktes Batisttaschentuch auf den Nhtisch derselben. Die
Regierungsrtin griff hastig danach.
    Soll das auch verkauft werden zum Besten der Missionskasse, Tante? fragte
sie, whrend sie das Tuch entfaltete und die Stickerei prfte.
    Je nun, freilich, versetzte Frau Hellwig; Karoline hat es ja zu diesem
Zwecke arbeiten mssen - sie hat lange genug damit getrdelt. Ich denke, drei
Thaler wird es doch wohl wert sein.
    Vielleicht, meinte die Regierungsrtin achselzuckend. Woher haben Sie
denn die Zeichnung zu den Ecken, liebes Kind?
    Ein leises Rot stieg in Felicitas' Gesicht. Ich habe sie selbst entworfen,
antwortete sie mit leiser Stimme.
    Die junge Witwe sah rasch auf. Ihr blaues Auge vernderte sich fr einen
Moment - es schillerte fast ins Grnliche.
    So, selbst entworfen? wiederholte sie langsam. Nehmen Sie mir's nicht
bel, Kindchen, aber das ist eine Khnheit, die ich mit dem besten Willen nicht
fasse. Wie kann man nur so etwas wagen ohne die erforderlichen Kenntnisse! ...
Das ist echter Batist, der Tante kostet dies Stck mindestens einen Thaler - es
ist verdorben durch die stmperhafte Zeichnung.
    Frau Hellwig fuhr heftig empor.
    Ach, sei nicht bse auf Karoline, liebe Tante, sie hat es gewi nur gut
gemeint, bat begtigend mit sanfter Stimme die junge Dame. Vielleicht lt es
sich doch noch verwerten ... Sehen Sie, liebes Kind, ich habe mich grundstzlich
nie mit Zeichnen abgegeben, der Stift in der weiblichen Hand gefllt mir nicht,
aber nichtsdestoweniger habe ich ein sehr, sehr scharfes Auge fr eine
fehlerhafte Zeichnung ... Gott im Himmel, was ist das fr ein monstrses Blatt
hier!
    Sie zeigte auf ein lngliches Blatt, dessen Spitze umgebogen war, und das
sich in tuschenden Umrissen abhob von dem durchsichtigen Gewebe. Felicitas
erwiderte kein Wort, doch sie prete die zarten Lippen aufeinander und sah fest
in das Gesicht der Tadlerin ... Die Regierungsrtin wandte sich hastig ab und
legte die rechte Hand ber die Augen.
    Ach, liebes Kind, jetzt hatten Sie wieder einmal Ihren stechenden Blick!
klagte sie. Es schickt sich wirklich nicht fr ein junges Mdchen in Ihren
Verhltnissen, andere so herausfordernd anzusehen. Denken Sie nur an das, was
Ihnen Ihr wahrer Freund, unser guter Sekretr Wellner, immer sagt: Hbsch
demtig, liebe Karoline! ... Sehen Sie, da haben Sie nun gleich wieder einen
verchtlichen Zug um den Mund - das knnte einen beinahe rgern! ... Wollen Sie
sich denn wirklich auf das Romantische spielen und das Anerbieten dieses
Ehrenmannes hartnckig zurckweisen, weil - Sie ihn nicht lieben? ...
Lcherlich! Da wird schlielich mein Vetter Johannes doch einen Machtspruch thun
mssen!
    Wie mute sich das junge Mdchen in der Selbstbeherrschung gebt haben! Bei
den letzten Worten der Regierungsrtin fuhr sie empor; man sah, wie ihr das
rebellische Blut nach dem Kopfe strmte; das pltzlich hoch empor gerichtete
Haupt erhielt einen Augenblick etwas Dmonisches durch den Ausdruck des Hasses
und der Verachtung. Dennoch sagte sie gleich darauf ruhig und kalt: Ich werde
es darauf ankommen lassen.
    Wie oft soll ich denn noch bitten, Adele, diesen widerwrtigen Handel nicht
mehr zu berhren! sagte Frau Hellwig erbittert. Bildest du dir denn ein, in
wenig Wochen diesen Starrkopf, dieses Stck Holz zu brechen, nachdem ich's neun
Jahre umsonst versucht habe? Sobald Johannes kommt, wird die Sache ein Ende
nehmen, und ich mache meine drei Kreuze ... Jetzt geh und hole mir Hut und
Mantille, herrschte sie Felicitas zu. Ich hoffe zu Gott, da diese Stmperei,
sie warf das Taschentuch verchtlich beiseite, die letzte ist, die du dir in
meinem Dienste hast zu schulden kommen lassen!
    Felicitas ging schweigend hinaus. Bald darauf schritten Frau Hellwig und ihr
Gast ber den Marktplatz. Die schne Frau fhrte ihr krankes Kind mtterlich
zrtlich an der Hand. Verschiedene Kpfe fuhren aus den Fenstern und sahen der
reizenden Erscheinung nach, die fr alle ein sanftes, kinderfrohes Lcheln
hatte. Rosa, ihr Dienstmdchen, und Friederike folgten mit Krben am Arme; das
Abendbrot sollte drauen im Garten gegessen werden, zugleich wollte man Krnze
und Guirlanden binden. Morgen wurde der junge Professor nach neunjhriger
Abwesenheit im Elternhause erwartet, und obgleich Frau Hellwig ber die
Alfanzereien brummte, lie es sich die Regierungsrtin doch nicht nehmen, das
Zimmer des Ankmmlings zum Willkommen zu schmcken.

                                       11


Heinrich schlo die Hausthr, und Felicitas stieg die Treppe hinauf. Der schmale
Gang mit seiner dumpfen, eingeschlossenen Luft, der sich da oben seitwrts
abzweigte, wie lieb und traut umfing er das junge Mdchen, das eilig hindurch
schlpfte! Dann kam ein stiller, abgelegener Vorplatz; auf schiefe Wnde, ein
plumpes, wurmzerfressenes Treppengelnder, das unten aus unheimlicher Dmmerung
emporstieg, und auf eine uralte, mit steifgemalten Tulpen und ziegelroten Rosen
bedeckte Thr fiel hier ein falber Lichtschein, den bouteillengrne Glser
hineinwarfen. Felicitas zog einen Schlssel aus der Tasche und ffnete
geruschlos die Thr, hinter welcher eine schmale, dunkle Treppe nach der
Mansarde fhrte.
    Das junge Mdchen hatte den halsbrechenden Weg ber die Dcher nur ein
einziges Mal machen mssen, von jenem Momente an war ihr der Eintritt in die
abgeschiedene Klause der alten Mamsell unverwehrt. Whrend der ersten Jahre
hatten sich ihre Besuche auf den Sonntag beschrnkt, sie war dann in Heinrichs
Begleitung hinaufgegangen. Nach ihrer Konfirmation jedoch hatte ihr die alte
Mamsell den Schlssel zu der gemalten Thr bergeben, und seitdem benutzte sie
jeden freien Augenblick, um hinaufzuschlpfen ... sie fhrte sonach ein
Doppelleben. Es war nicht nur uerlich, da sie dabei Hhe und Tiefe berhrte,
zwischen trber Dmmerung und klarem Sonnenlichte wechselte - ihre Seele machte
dieselbe Wandelung durch, und allmhlich war sie so erstarkt, da zuletzt alle
Schatten, alles Trbe der unteren Region hinter ihr blieben, sobald sie die
schmale, dunkle Treppe hinaufstieg ... Unten handhabte sie Bgeleisen und
Kochlffel; ihre sogenannte Erholungszeit mute sie ausfllen mit Stickereien,
deren Ertrag zu wohlthtigen Zwecken bestimmt war, wie wir bereits gesehen
haben, und auer der Bibel und einem Gebetbuche wurde ihr jede Lektre streng
verweigert. In der Mansarde dagegen erschlossen sich ihr die Wunder des
menschlichen Geistes. Sie lernte mit wahrer Begierde, und das Wissen der
rtselhaften Einsamen da droben war wie ein unerschpflicher Quell, wie ein
geschliffener Diamant, dem nach jeder Richtung hin Funken entsprhen ... Auer
Heinrich wute niemand im Hause um diesen Verkehr, die leiseste Ahnung seitens
der Frau Hellwig wrde ihm natrlicherweise sofort den Todessto versetzt haben.
Trotzdem hatte die alte Mamsell dem Kinde stets eingeschrft, streng die
Wahrheit zu sagen, wenn es jemals darum befragt werden sollte. Dazu kam es indes
niemals; Heinrich wachte treulich, er stand auf der Lauer und hatte Augen und
Ohren offen.
    Die dunkle Treppe war erklommen. Felicitas blieb horchend vor einer Thr
stehen, schob einen kleinen Schieber an derselben seitwrts und blickte lchelnd
hinein. Da drin ging es toll zu - es war ein seltsames Gemengsel von Singen,
Piepen und Schreien. Inmitten des Raumes erhoben sich zwei Tannen; die Wnde
entlang liefen Boskette, wie sie ein Garten nicht frischer aufweisen konnte, und
auf dem Gezweige hauste ein lustiges Vogelgesindel. Das war das Lebendige, das
sich die alte Mamsell in ihre stille Einsiedelei heraufgeholt hatte. Die kleinen
melodischen Kehlen sangen zwar immer die nmlichen Weisen, aber dafr hatten sie
auch nicht jene unselige Wandelung der Menschenzunge, die heute hosianna und
morgen kreuzige ruft.
    Felicitas schlo den Schieber und ffnete eine zweite Thr. Der Leser hat
bereits vor Jahren einen Blick in diesen epheuumsponnenen Raum geworfen, er
kennt die Versammlung ernster Kpfe, die sich an den Wnden hinreiht, aber er
wei nicht, da sie in innigem Zusammenhange stehen mit jenen groen, in roten
Maroquin gebundenen Bchern, welche dort in einem altvterischen Glasschranke
aufgeschichtet liegen ... Es ist eine gewaltige Flut, die von jenen Stirnen
ausgegangen - wer sie zu entfesseln versteht, der kennt keine Einsamkeit, kein
Verlassensein ... Die groen Tonmeister verschiedener Zeiten waren es, welche in
Bild und Werken das Asyl der alten Mamsell teilten, und wie sich die Epheuranken
vermittelnd und unparteiisch um alle Bsten schlangen, ebenso vorurteilslos
begeisterte sich die einsame Klavierspielerin an der altitalienischen, wie an
der deutschen Musik. Der Glasschrank barg aber auch noch Schtze, die einen
Autographensammler in Ekstase htten versetzen knnen. Manuskripte und
Handschriften jener gewaltigen Mnner, die meisten von seltenem Werte, lagen in
Mappen hinter den Scheiben. Diese Sammlung war in frheren Jahren
zusammengetragen worden, wo, wie die alte Mamsell lchelnd meinte, ihr Blut noch
feurig durch die Adern gerollt sei und hinter den Wnschen noch die Energie
gestanden habe - manches vergilbte Blatt war mit bedeutenden Opfern und seltener
Ausdauer errungen worden.
    Felicitas fand die alte Mamsell in einem Zimmer hinter der Schlafstube. Sie
kauerte auf einem Fubnkchen vor einem geffneten Schranke, und um sie her auf
Sthlen und Fuboden lagen Rollen weier Leinwand, Flanell und eine Menge jener
kleinen Gegenstnde, die das Menschenkind sofort nach seinem ersten Schrei
beansprucht. Die alte Dame wandte den Kopf nach der Eintretenden. Ihre feinen
Zge hatten sich merkwrdig verndert, und wenn sie auch jetzt eben lebhafte
Freude ausdrckten, so konnten doch damit die Spuren des Verfalles nicht
verwischt werden.
    
    Gut, da du kommst, meine liebe Fee! rief sie dem jungen Mdchen entgegen.
Bei Tischler Thienemann kann alle Augenblicke der Storch ins Haus fliegen, wie
mir eben die Aufwartefrau sagte, und die Leute haben auch nicht das kleinste
Stckchen Wsche fr das arme Kindchen ... Unser Vorrat ist noch recht
anstndig, wir werden ein ganz hbsches Bndel zusammenbringen, nur daran fehlt
es - sie setzte ein Mtzchen von rosa Kattun auf ihre kleine Faust und hielt
eine schmale weie Spitze daran. Das knntest du gleich fertig machen, Fee,
fuhr sie fort; die Sachen mssen auf jeden Fall heute abend noch hingeschafft
werden.
    Ach, Tante Cordula, sagte Felicitas, indem sie Nadeln und Faden zur Hand
nahm, damit ist den Leuten nicht allein geholfen - ich wei ganz genau, Meister
Thienemann braucht auch Geld, und zwar fnfundzwanzig blanke Thaler.
    Die alte Mamsell berlegte.
    Hm, es ist ein wenig viel fr meine gegenwrtigen Finanzen, meinte sie,
aber es wird doch gehen.
    Sie erhob sich mhsam. Felicitas reichte ihr den Arm und fhrte sie nach dem
Musikzimmer.
    Tante, sagte sie pltzlich stehen bleibend, die Frau Thienemann hat sich
vor kurzem geweigert, deine Wsche zu besorgen, um es nicht mit Frau Hellwig zu
verderben - hast du nicht daran gedacht?
    Ich glaube gar, du willst deine alte Tante aufs Eis fhren! rief die alte
Mamsell bitterbse, aber der Schalk leuchtete aus ihren Augen. Sie fuhr leicht
mit den Fingern ber die Wange des jungen Mdchens. Beide lachten und schritten
nach dem Glasschranke.
    Dies schwerfllige, altvterische Mbel hatte auch seine Geheimnisse. Tante
Cordula drckte auf eine harmlos scheinende Verzierung, und an der ueren
Seitenwand sprang eine schmale Thr auf. Der sichtbar werdende Raum war die Bank
der alten Mamsell, und in frheren Zeiten hatte er fr Felicitas' Kinderaugen
den Nimbus einer Christbescherung gehabt; denn nur selten durfte sie einen
scheuen, halbbefriedigten Blick auf all die hier aufgespeicherten Kostbarkeiten
und Raritten werfen. Auf den schmalen Regalen lagen einige Geldrollen,
Silberzeug und Schmucksachen.
    Whrend die Tante eine Rolle anbrach und die Thaler bedchtig zhlte,
ergriff Felicitas eine in der dunkelsten Ecke stehende Schachtel und ffnete sie
neugierig. Es lag ein goldener Armring, weich auf Watte gebettet, darin; kein
edler Stein blitzte an dem Reifen, allein er wog schwer in der Hand und mute
wohl massiv von Gold sein. Was aber ganz besonders an ihm auffiel, das war sein
Umfang - einer Dame wre er sicher ber die Hand geglitten, er schien somit weit
eher fr das derbe Handgelenk eines krftigen Mannes bestimmt zu sein. Nach der
Mitte zu wurde er bedeutend breiter, und hier hatte der Grabstichel in
wundervoller Weise Rosen und feines Gezweig zu einem Medaillon ineinander
geschlungen. Der Kranz umfate folgende Verse:

Swa zwei liep ein ander meinent
herzelichen ne wanc
Und sich beidiu s vereinent,

Das junge Mdchen drehte den Ring nach allen Seiten und suchte eine Fortsetzung;
denn wenn auch des Altdeutschen nicht mchtig, bersetzte sie doch mit
Leichtigkeit den letzten Vers in die Worte: Und sich beide so vereinen, - das
war aber kein Schlu.
    Tante, kennst du das weitere nicht? fragte sie, immer noch eifrig suchend.
    Die alte Mamsell hielt den Finger auf einen eben hingelegten Thaler und sah
mitten im Zhlen auf.
    O Kind, ber was bist du da geraten! rief sie heftig - es lagen Unmut,
Schrecken und Trauer zugleich in ihrer Stimme. Sie griff rasch nach dem
Armbande, legte es mit bebender Hand in die Schachtel und drckte den Deckel
darauf. Ein feiner, roter Fleck brannte pltzlich auf der einen Wange, und die
gerunzelten Augenbrauen gaben ihrem Blick etwas dster Brtendes - ein nie
gesehener Anblick fr das junge Mdchen. Ja, es schien fast, als versnke die
Gegenwart vllig vor einer gewaltsamen Flut pltzlich heraufbeschworener
Erinnerungen, als wisse die alte Dame gar nicht mehr, da Felicitas neben ihr
stehe, denn nachdem sie mit fieberhafter Hast die Schachtel in die Ecke gestoen
hatte, ergriff sie einen danebenstehenden, mit grauem Papier beklebten Kasten
und fuhr streichelnd und liebkosend mit der Rechten ber die abgestoenen Ecken
desselben; ihre Zge wurden milder, sie seufzte und murmelte vor sich hin,
whrend sie ihn gegen ihre eingesunkene Brust drckte: Es mu vor mir sterben
... und ich kann es doch nicht sterben sehen!
    Felicitas schlang ngstlich die Arme um die kleine schwchliche Gestalt, die
in diesem Augenblick wie hilf- und haltlos vor ihr stand. Es war zum erstenmal
seit ihrem neunjhrigen Verkehr, da die Tante die Herrschaft ber sich selbst
verlor. So zart und hinfllig in der ueren Erscheinung, hatte sie doch unter
allen Umstnden einen merkwrdig starken Geist, eine unerschtterliche
Seelenruhe gezeigt, die kein uerer Anla aus dem Gleichgewichte zu bringen
vermochte. Sie hatte sich mit jeder Faser ihres Herzens liebend an Felicitas
angeschlossen und alle ihre Kenntnisse, ihren ganzen Schatz kerngesunder
Lebensansichten in die junge Seele niedergelegt, aber vor ihrer Vergangenheit
lagen heute noch wie vor neun Jahren Siegel und Riegel. Und nun hatte Felicitas
in unvorsichtiger Hast an dies scheu verschlossene Stck Leben gerhrt - sie
machte sich die bittersten Vorwrfe.
    Ach, Tante, verzeihe mir! bat sie flehentlich - wie kindlich rhrend
konnte dies junge Mdchen bitten, das Frau Hellwig einen Starrkopf, ein Stck
Holz genannt hatte!
    Die alte Mamsell fuhr sich mit der Hand ber die Augen.
    Sei still, Kind, du hast nichts verbrochen, aber ich, ich schwatzte
kindisch wie das Alter! sagte sie mit erloschener Stimme. Ja, ich bin alt, alt
und gebrechlich geworden! Frher, da bi ich die Zhne zusammen, die Zunge lag
still dahinter, und ich stand stramm nach auen - das will nicht mehr gehen - es
ist Zeit, da ich mich hinlege.
    Sie hielt den kleinen schmalen Kasten noch immer zgernd in den Hnden, als
ringe sie nach Mut, das ausgesprochene Todesurteil jetzt gleich zu vollziehen.
Allein nach einigen Augenblicken legte sie ihn rasch an seine frhere Stelle und
schlo den Schrank. Und damit schien auch die uere Ruhe zurckzukehren. Sie
trat an den runden Tisch, der neben dem Schranke stand, und auf welchem sie das
Geld hingezhlt hatte. Als sei nicht das mindeste Strende vorgefallen, nahm sie
die Rolle wieder auf und legte noch zwei Thaler zu den blanken Reihen.
    Das Geld wollen wir in ein sauberes Papier wickeln, sagte sie zu Felicitas
- an ihrer Stimme hrte man freilich noch den schwer bekmpften inneren Aufruhr
- und das Pckchen in die kleine rote Mtze stecken, da ist doch schon etwas
Segen darin gewesen, ehe das junge Kpfchen hineinkommt ... Und Heinrich soll
heute abend punkt neun Uhr auf seinem Posten sein - vergi das ja nicht!
    Die alte Mamsell hatte nmlich auch ihre groen Eigenheiten - sie war
lichtscheu, und zwar in ihren Thaten. Sie wurden, wie die Fledermuse, erst mit
der Nacht lebendig und klopften an die Hhlen der Armut, wenn die Straen leer
und die Menschenaugen mde waren ... Heinrich war seit langen Jahren die rechte
Hand, von der die linke nicht wissen sollte, was sie thue; er trug die
Untersttzungen der alten Mamsell mit einer Schlauheit und Unsichtbarkeit in die
armen Wohnungen, als knne er fr dergleichen Wege seine schwerfllige
Hausknechtshlle vllig abstreifen - so kam es, da viele in der Stadt
unwissentlich das Brot der alten Mamsell aen, von der sie die ungeheuerlichsten
Dinge glaubten und ntigenfalls beschworen ... Das war gewi eine schwer
verstndliche Eigenheit fr jene frommen Seelen, die mit Inbrunst das Bibelwort
festhalten, das da heit: Lasset euer Licht leuchten!
    Whrend Tante Cordula das Geld mit peinlicher Genauigkeit einpackte, ffnete
Felicitas die Glasthr, die nach der Galerie fhrte. Es war Ende Mai .. O du
vielbesungener Frhling, wie wenige wissen um dein Walten im Thringer Lande! Du
bist nicht jener blondlockige, ausgelassene Knabe des Sdens, dem es wie
Champagner durch die Adern braust und dessen Fustapfen mhelos Orangeblten und
Myrten entsprieen. Hoheit liegt auf deiner Stirn und um deine Lippen blht das
ruhige Lcheln tiefsinnigen Schaffens. Du mischest die Farben bedchtig und
untermalst deine Bilder in langsamer Behaglichkeit; wir folgen deinen
Pinselzgen mit stiller Freude - sie sind nicht khn und gewaltig, aber lieblich
und voll sinniger Grazie. Den brunlich grnen Flaum, der sich um die Brust der
waldigen Berge legt, whrend droben noch unangetastet das Schneekrnchen auf
ihrem Scheitel sitzt, das feine, grne Spitzengewebe junger Halme und Grser
ber braunen Erdschollen und auf dem verdorrten vorjhrigen Graswuchse der
Wiesen und Abhnge - das wandelst du allmhlich und leise zu jungen
Maienzweigen, zu Schneeglckchen und Veilchenstruen, und nach ruhigem
Ueberlegen und Behten holst du, wie der sorgsame Grtner, endlich die
tausendfltige Farbenpracht aus den geschtzten Grten und legst sie auf Hecken,
Wiesen und Raine ... Und der Hauch deines Mundes ist jene herbkrftige Luft, die
Nerven und Sehnen des Thringer Menschenkindes sthlt, die sein Herz empfnglich
macht fr das Lied und es zhe ausdauern lt im Festhalten poetischen
Aberglaubens, die ihm erhlt seinen Sinn fr das Recht, seine Neigung zur
Opposition, sein naiv treues Gemt und - seine himmlische Grobheit!
    Weit da drben lsten sich die grnen Streifen der Saatfelder wie breite
Bnder vom Waldessaume ab und liefen thaleinwrts. Das jngste Kirschbumchen,
wie der wilde, knorrige Birnbaum standen weiflockig und leuchtend an ihren
Grenzen, auf verschiedenem Piedestal ein gleich jugendliches Haupt - eine
Unparteilichkeit der Natur, die der Mensch vergeblich ersehnt .. Auf der
Brstung der Galerie blthen Hyacinthen, Maiblumen und Tulpen, und zu beiden
Seiten der Glasthr standen mchtige Syringen- und Schneeballenbsche in Kbeln.
    Felicitas rckte den kleinen runden Tisch in den Vorbau und daneben den
bequemen Lehnsessel der alten Mamsell. Sie legte eine frische Serviette auf und
machte die kleine Kaffeemaschine zurecht; das noch zu vollendende Kinderzeug
wurde daneben gelegt, und als es in der kleinen Messingkanne sang und zischte
und ein kstlicher Mokkaduft auf die Galerie hinausstrmte, da sa die alte
Mamsell behaglich in ihrem Lehnstuhle und blickte trumerisch hinaus in die
sonnenbeschienene Frhlingswelt.
    Felicitas hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen.
    Tante, sagte sie nach einer kleinen Pause, jedes ihrer Worte betonend, er
kommt morgen.
    Ja, mein Kind, ich wei es aus der Zeitung; da steht die Notiz aus Bonn:
Professor Hellwig geht zu seiner Erholung auf zwei Monate nach Thringen. ... Er
ist ein berhmter Mann geworden, Fee!
    Ihm mag sein Ruhm leicht werden. Er kennt nicht die Qual, die das Mitleiden
der Pflicht gegenber verursacht ... Er schneidet in das Fleisch und in die
Seelen seiner Mitmenschen mit gleichem Behagen.
    Die alte Mamsell heftete erstaunt ihren Blick auf Felicitas' Gesicht; dieser
Ton voll unsglicher Bitterkeit war ihr neu.
    Hte dich, ungerecht zu werden, mein Kind! sagte sie nach einem momentanen
Schweigen langsam und mit unbeschreiblicher Milde.
    Felicitas sah rasch auf - ihre braunen Augen erschienen in diesem
Augenblicke fast schwarz.
    Ich wte nicht, wie ich es anfangen sollte, nachsichtiger ber ihn zu
denken, entgegnete sie; er hat sich schwer an mir versndigt, und ich wei -
ich wrde es nie beklagen, wenn ihm ein Leid widerfhre, und wenn ich ihm zu
einem Glcke verhelfen knnte, ich wrde keinen Finger bewegen -
    Fee -
    Ja, Tante, das ist die Wahrheit! ... Ich habe stets ein ruhiges Gesicht zu
dir heraufgebracht, weil ich dir und mir die kargen Stunden unseres
Beisammenseins nicht vergllen wollte; du hast oft an den Frieden meiner Seele
geglaubt, whrend es in ihr strmte ... Lasse dich in den Staub treten, tglich,
stndlich - hre, wie deine Eltern geschmht werden, wie man sie Gottverfluchte
nennt, denen du alle dir angedichteten Fehler verdanken sollst - fhle das
Streben nach Hherem in dir und lasse dich unter Hohnlachen hinabstoen in die
ungebildete Sphre, weil du arm bist und kein Recht hast an hherer Bildung -
siehe, wie diese deine Peiniger den Nimbus der Frmmigkeit tragen und dich
ungestraft im Namen des Herrn geistig vernichten drfen und trgst du das alles
ruhig, emprt sich nicht jeder Blutstropfen in dir, kannst du verzeihen, so ist
das nicht die Duldsamkeit eines Engels, sondern die feige, sklavische
Unterwerfung einer schwachen Seele, die es verdient, da man ihr den Fu auf den
Nacken setzt!
    Felicitas sprach fest, mit tiefer klangvoller Stimme. Welche Gewalt hatte
dieses merkwrdige, junge Geschpf ber sein Aeueres! - kaum, da es die Hand
hob bei den leidenschaftlichen Worten, die ber seine Lippen strmten.
    Der Gedanke, da ich jenem Steingesichte wieder gegenber stehen soll, regt
mich mehr auf, als ich dir sagen kann, Tante! fuhr sie nach einem tiefen
Atemholen fort. Er wird mit der Stimme ohne Herz und Seele alles wiederholen,
was er seit neun Jahren schriftlich an mir verbrochen hat ... Wie der grausame
Knabe, der ein armes, geflgeltes Geschpf am Faden flattern lt, so hat er
mich an dies schreckliche Haus gebunden und dadurch den letzten Willen des
Onkels in einen Fluch fr mich verkehrt ... Kann es etwas Grausameres geben, als
seine Handlungsweise mir gegenber? Ich durfte keine geistigen Fhigkeiten, kein
weiches Herz, kein empfindliches Ehrgefhl haben - das alles war unstatthaft bei
einem Spielerskinde; seine schmachvolle Abkunft konnte nur geshnt werden
dadurch, da es eine sogenannte Magd des Herrn werde, eines jener armen
Geschpfe mit mglichst engbegrenztem Gesichtskreise.
    Nun, darber sind wir hinausgekommen, mein Kind! sagte Tante Cordula mit
einem feinen Lcheln. Uebrigens wird jedenfalls mit seiner Ankunft ein
Wendepunkt fr dich eintreten, fgte sie ernst hinzu.
    Nach verschiedenen Kmpfen sicher - Frau Hellwig gab mir heute den Trost,
es werde dann alles ein Ende haben.
    Nun, und dann werde ich dir nicht mehr zu wiederholen brauchen, da du
drunten ausharren mtest, um den letzten Willen dessen zu ehren, der dich in
sein Haus genommen und wie ein eigenes Kind geliebt hat ... Dann bist du vllig
frei und wirst die Pflegerin deiner alten Tante vor aller Welt, und wir drfen
nicht mehr frchten, auseinander gerissen zu werden, denn die drunten haben sich
ihres Rechtes begeben.
    Felicitas sah mit leuchtenden Augen auf, sie ergriff rasch die kleine, welke
Hand der alten Mamsell und zog sie an ihre Lippen.
    Und denke nicht schlimmer von mir, Tante, seit du tiefer als bisher in mein
Inneres gesehen hast, bat sie mit weicher Stimme. Ich liebe die Menschen und
habe eine sehr hohe Meinung von ihnen, und wenn ich mich so energisch gegen
geistigen Tod gewehrt habe, so hat mich zum Teil auch der Gedanke angetrieben,
in ihrem Kreise mehr zu sein, als ein gewhnliches Lasttier ... Werde ich auch
durch einzelne mihandelt, so bin ich doch weit entfernt, meine Anklage ber die
gesamte Menschheit auszudehnen - ich habe nicht einmal Mitrauen gegen sie ...
Dagegen bin ich nicht im stande, meine Feinde zu lieben und die zu segnen, die
mir fluchen. Ist das ein dunkler Punkt in meinem Charakter, so kann ich's nicht
ndern, und, Tante - ich will auch nicht, denn hier ist die haarscharfe Grenze
zwischen Milde und Charakterlosigkeit!
    Tante Cordula schwieg und heftete den trben Blick auf den Boden ... Hatte
sie auch einen Moment in ihrem Leben, wo sie nicht oder nur mit unsglicher
Ueberwindung verzeihen konnte? ... Sie lie das Gesprch absichtlich fallen,
nahm selbst Nadel und Faden zur Hand, und nun wurde ununterbrochen gearbeitet,
und als der Abend hereindmmerte, war ein stattliches Bndel fertig. Tief in
seinem Innern steckte der silberne Kern, jenes kleine Kapital, das der arme
Tischlermeister von den Gottbegnadeten vergebens erfleht hatte und welches er
nun unbewut empfing aus den Hnden der sogenannten Unglubigen.
    Als Felicitas die Wohnung der alten Mamsell verlie, war es schon lebendig
im Vorderhause. Sie hrte das Kind der Regierungsrtin, die kleine Anna, lachen
und plaudern, und der Vorsaal im zweiten Stockwerke hallte wider von krftigen
Hammerschlgen. Das junge Mdchen flog durch den Korridor, der in den Vorplatz
mndete. Dort stand Heinrich auf einer Leiter und befestigte Guirlanden ber
einer Thr. Bei Felicitas' Erblicken schnitt er eine urkomische Grimasse, in
welcher Grimm, Spott und Laune um die Oberhand stritten, und schlug noch
einigemal heftig auf die unglcklichen Ngelkpfe, als sollten sie zu Brei
zermalmt werden, dann stieg er herunter.
    Die kleine Anna hatte mit feierlichem Ernste die Leiter gehalten, damit sie
nicht umfallen sollte, als sie aber Felicitas erblickte, da verga sie ihres
wichtigen Amtes, wackelte schwerfllig auf sie zu und schlang zrtlich die
Aermchen um deren Knie. Das junge Mdchen hob sie vom Boden auf und nahm sie auf
den Arm.
    Thun die Leute nicht, als ob morgen eine Kopulation im Hause wre, sagte
Heinrich halblaut und gergert, und derweil kommt einer, der nicht rechts, noch
links sieht und den ganzen Tag ein Gesicht macht, als ob er Essig verschluckt
htte ... Er hob das eine Ende der Guirlande auf. Gucke da, Blmelein
Vergimeinnicht ist auch d'rin ... na, die das Dings da gebunden hat, die wird
schon wissen warum ... Aber Feechen, unterbrach er sich rgerlich, als er sah,
da das Kind seine Wange an Felicitas' Gesicht legte, thue mir doch den
einzigen Gefallen und nimm das kleine Scheuslchen nicht immer auf den Arm - es
hat ja keinen gesunden Tropfen Blut im Leibe, und vielleicht steckt's doch an.
    Felicitas legte rasch die Linke um die kleine Gestalt und drckte sie voll
tiefen Erbarmens an ihre Brust. Das Kind frchtete sich vor Heinrichs
feindseligem Blicke und versteckte sein hliches Gesichtchen, man sah nur den
kleinen Lockenkopf, und so war das junge Mdchen mitdem Kinde auf dem Arme in
diesem Augenblicke das schnste Madonnenbild.
    Sie war eben im Begriff, unwillig zu antworten, als die bekrnzte Thr
aufging; sie mochte nur angelehnt gewesen sein, denn langsam und allmhlich fiel
sie zurck und lie die Drauenstehenden ins Zimmer sehen. Es war in der That,
als solle eine junge Braut ihren Einzug halten; auf dem Sims des einzigen
Fensters da drin standen Vasen voll Blumen, und die Regierungsrtin hatte eben
eine lange Guirlande in zierlichen Festons ber den Schreibtisch gehangen. Sie
trat zurck, um das Werk ihrer Hnde von fern zu betrachten, dabei wandte sie
den Kopf und erblickte die drauen stehende Gruppe. Vielleicht mifiel ihr die
Madonnenhnlichkeit, sie runzelte mimutig die feinen Brauen, rief ihr
Dienstmdchen herbei, das mit dem Staubtuche ber die Mbel fuhr, und zeigte
nach der Thr.
    Wirst du denn gleich 'runtergehen, Aennchen, schalt Rosa herauseilend, du
sollst dich ja von niemand auf den Arm nehmen lassen, hat die Mama gesagt ...
Die gndige Frau sieht es gar nicht gern, sagte sie schnippisch zu Felicitas,
whrend sie die Kleine nahm und auf den Boden stellte, wenn Aennchen zu allen
Leuten geht und sich kssen und htscheln lt - es sei nicht gesund, meint
sie.
    Sie fhrte das bitterlich weinende Kind ins Zimmer und schlo die Thr.
    Ei, du heiliges Kreuz, ist das ein Volk! knirschte Heinrich, indem er die
Treppe hinabstieg. Siehst du, das hast du nun von deinem guten Willen, Feechen!
- Solche Leute denken, ihre Krankheiten seien ebenso vornehm, wie sie selber,
und man msse Gott danken, wenn man mit seinen gesunden Hnden ihre elenden
Leiber anrhren darf.
    Felicitas schritt schweigend neben ihm. Als sie die Hausflur betraten,
rollte drauen ein Wagen ber den Marktplatz und hielt vor dem Hause. Ehe
Heinrich die Thr erreichen konnte, wurde sie mit einem krftigen Rucke
geffnet. Es dmmerte bereits stark in der Flur; man konnte nur an den Umrissen
erkennen, da es eine gedrungene Mnnergestalt war, welche auf die Schwelle
trat. Mit wenigen raschen Schritten stand der Herr vor der Thr des Wohnzimmers,
die von innen aufgemacht wurde. Den Ausruf der Ueberraschung von Frau Hellwigs
Lippen und die trockenen Worte: Ei, du bist unpnktlich geworden, Johannes, wir
erwarteten dich erst morgen! schollen heraus, dann wurde die Thr geschlossen,
und nur der drauen harrende Wagen und das zurckgebliebene Aroma einer feinen
Zigarre bewiesen, da die Erscheinung wirklich gewesen war.
    Das war er! flsterte Felicitas und legte die Hand auf ihr erschrockenes
Herz.
    Nun kann's losgehn! brummte Heinrich zu gleicher Zeit, aber er schwieg
alsbald wieder und horchte lchelnd nach dem Treppenhause.
    Da droben kam es herabgebraust wie die wilde Jagd. Die Regierungsrtin flog
frmlich ber die Stufen, die blonden Locken flatterten, und das weie Kleid
umwogte die schwebende Gestalt wie eine Wolke. Sie lie Rosa und das langsam
herabpolternde Kind weit hinter sich und stand nach wenigen Augenblicken im
Wohnzimmer.
    Gelt, Feechen, nun wissen wir doch auch, warum Blmelein Vergimeinnicht in
der Guirlande steckt? lachte Heinrich und ging hinaus, um die Effekten des
Ankmmlings in Empfang zu nehmen.

                                       12


Um anderen Morgen - es war noch ziemlich frh - benutzte Felicitas einen freien
Augenblick und schlpfte hinauf zur Tante Cordula, um ihr mitzuteilen, da
Heinrichs Expedition bei der armen Tischlerfamilie geglckt sei. Auf dem
Vorplatze des zweiten Stockes kam ihr Heinrich entgegen, er schmunzelte
seelenvergngt und deutete mit dem Daumen ber die Schulter zurck nach der
Thr, die er gestern bekrnzt hatte. Der Blumenschmuck war verschwunden; ein
frmlicher Knuel von Guirlanden lag am Boden, und an der Wand hin reihten sich
verschiedene Blumenvasen.
    Hui, das flog 'runter! flsterte Heinrich. Eins, zwei, drei, da lag das
Blmelein Vergimeinnicht auf der Erde - ich kam gerade dazu, wie er auf der
Leiter stand.
    Wer?
    Nun, der Professor ... Er machte ein schreckliches Gesicht, ich hatte aber
auch das Dings fr alle Ewigkeit festgenagelt - er hat frchterlich reien und
zerren mssen ... Aber denke dir nur, Feechen, er gab mir die Hand, wie ich ihm
guten Morgen wnschte - das hat mich doch gewundert.
    Felicita's Lippen kruselten sich - sie war im Begriffe, etwas Herbes zu
sagen, aber pltzlich huschte sie um die Ecke in den dunklen Korridor; drin im
Zimmer hatten sich rasche Schritte der Thr genhert.
    Als sie spter aus der Mansarde zurckkehrte und die Treppe hinabgehen
wollte, da klang die Stimme der Regierungsrtin aus dem ersten Stock herauf; sie
sprach in sanft klagenden Tnen - es gab wohl nicht leicht etwas Melodischeres,
als das Organ dieser Frau.
    Die armen Blumen! klagte sie.
    Wie hast du mir aber auch das anthun knnen, Adele! antwortete eine
mnnliche Stimme. Du weit doch, da mir dergleichen Verherrlichungen ein
Greuel sind.
    Es war dieselbe kalte Stimme, die einst auf die kleine Fee einen so
unauslschlich schlimmen Eindruck gemacht; nur klang sie tiefer und hatte in
diesem Augenblicke eine Beimischung tadelnden Verdrusses. Felicitas bog sich
ber das Gelnder und sah scheu, mit angehaltenem Atem hinab. Da schritt er,
vorsichtig die kleine Anna an der Hand fhrend, langsam Stufe um Stufe hinunter!
Es lag nichts, auch gar nichts in dieser Erscheinung, was sich htte in Einklang
bringen lassen mit dem Professortitel. Diese Vertreter des Gesamtwissens hatten
fr das junge Mdchen den Nimbus des Vornehmen und der Erhabenheit; hier aber
suchte sie vergebens nach diesen Eigenschaften. Eine kernige, wie es schien,
eisenfest zusammengefgte Gestalt mit eckigen Bewegungen und von, wenn auch
sicherer, doch nichts weniger als eleganter Haltung; gerade in ihr lag etwas
Hartnckiges, Unverbindliches; man htte meinen knnen, dieser Nacken habe sich
noch nie, nicht einmal im Grue gebeugt. Und wie wenig war der Kopf geeignet,
diese Meinung zu widerlegen! Er bog einen Moment das Gesicht aufwrts, dies
unschne Gesicht, das einst der Vorstellung des Kindes vom fernen Johanneskopfe
so wenig entsprochen; es war nicht wohlwollender geworden in seinem Ausdrucke.
Ein rtlich blonder, sehr starker, krauser Bart bedeckte das Kinn und den
unteren Teil der Wangen und fiel fast bis auf die Brust herab, und zwischen den
buschigen Augenbrauen, die in diesem Momente wohl auch noch finsterer
zusammengezogen wurden im Verdru ber die bel angebrachte Verherrlichung,
lagerte eine tiefe Falte. Allein diese nichts weniger als aristokratisch und
einnehmend gebildete Auenseite hatte trotzdem etwas Bedeutendes, und zwar durch
den unwiderleglichen Ausdruck mnnlicher Kraft und eines starken Willens.
    Und jetzt bog er sich nieder zu der mhsam hinabkletternden Kleinen und nahm
sie auf den Arm.
    Komm her, mein Kind, es will doch nicht so recht gehen mit den armen
Beinchen, sagte er. Das klang berraschend mild und mitleidsvoll.
    Es ist aber auch kein Spielerskind, zu dem er spricht, dachte Felicitas,
und ihr Herz schwoll voll Bitterkeit.
    Die Morgenstunden wurden sehr geruschvoll fr das stille Haus; die Glocke
an der Hausthr hrte fast nicht auf, zu klingeln. Es gab auch in dieser kleinen
Stadt, so gut wie in jeder anderen, Leute genug, die ihre Alltagsgesichter gar
zu gern von der Glorie eines berhmten Mannes mit beglnzen lassen, ohne zu
bedenken, da gerade dieser Strahl ihr armes Ich unerbittlich beleuchtet. Diese
Besuche kamen brigens fr Felicitas sehr erwnscht, denn obgleich sie nichts
sehnlicher erhoffte, als eine rasche Entscheidung, so bebte sie doch vor dem
ersten Zusammenstoe, und pltzlich fhlte sie, da sie noch nicht gesammelt und
ruhig genug sei - jede Stunde Zeit schien ihr deshalb ein Gewinn. Allein die
Machthaber in der Wohnstube hatten jedenfalls den Wunsch, die Katastrophe
mglichst rasch in Szene zu setzen, denn kaum nachdem das Mittagessen abgetragen
war, kam Heinrich in die Kche; er betrachtete Felicitas' Anzug aufmerksam,
klopfte ein wenig Mehlstaub von ihrem dunklen Aermel und sagte mit einem etwas
unsicheren Blicke: Da am Ohre ist der Zopf ein wenig aufgegangen, Feechen - das
steck erst fest, der da drin darf so etwas nicht sehen, das weit du ... Du
sollst nmlich gleich 'nber in dem sel'gen Herrn sein Zimmer kommen - dort sind
sie ... na, na, wer wird denn gleich so erschrecken! - bist ja kreidewei
geworden. Tapfer, Feechen - den Kopf kann er dir nicht abreien!
    Felicitas ffnete die Thr und trat leise in das ehemalige Zimmer des
Onkels. Noch lag es schneebleich auf ihren Lippen und Wangen, dadurch erschien
aber auch ihr Gesicht fr den Augenblick fast geisterhaft still und unbeweglich.
    Genau wie vor neun Jahren, an jenem strmischen Morgen, sa Frau Hellwig im
Lehnstuhle, nahe dem Fenster. Neben ihr, den Rcken nach der Thr gewendet und
die gefalteten Hnde rckwrts gekreuzt, stand er, der dies Geschpf dort
eigenmchtig auf den Weg der Dienstbarkeit gedrngt und nie und nimmer geduldet
hatte, da diese dunkle Linie sich auch nur die kleinste Ausbiegung erlaube, der
es stets von weiter Ferne unerbittlich gestraft hatte, ohne je zu fragen: Bist
du auch schuldig?
    Felicitas hatte mit Recht vor dieser ersten Begegnung gezittert, denn jetzt,
bei seinem Anblicke, fhlte sie, wie Groll und Erbitterung bermchtig in ihr
wurden, und doch war ihr Selbstbeherrschung nie ntiger gewesen, als in diesem
entscheidenden Augenblicke.
    Da ist Karoline, sagte Frau Hellwig.
    Der Professor drehte sich um und zeigte ein sehr erstauntes Gesicht.
Wahrscheinlich hatte er nie daran gedacht, da das Spielerskind, welches einst
auf derselben Stelle mit dem kleinen Fue gestampft und sich wie unsinnig
gebrdet hatte, auch wachsen und ruhig aussehen knne. Jetzt stand die
Erwachsene da, hoch und stolz aufgerichtet, wenn auch ihr Blick am Boden hing.
    Er schritt auf sie zu und machte eine Bewegung mit dem rechten Arme - wollte
er ihr auch etwa die Hand reichen, wie er bei Heinrich gethan? Ihr Herz drehte
sich fast um bei dem Gedanken, die feinen Finger bogen sich krampfhaft nach der
innern Handflche und unbeweglich lagen die Arme am Krper, aber die Wimpern
hoben sich, und ein Blick voll tdlicher Klte traf den ihr gegenberstehenden
Mann - so mit ein erbitterter Gegner den anderen. Das mochte dem Professor auch
sofort klar werden; er wich unwillkrlich zurck und ma scharf die ganze
Gestalt vom Kopfe bis zu den Fen.
    In diesem Moment wurde an die Thr geklopft, und gleich darauf steckte die
Regierungsrtin ihr blondes, lachendes Kpfchen herein.
    Ist's erlaubt? bat sie mit schmeichelnder Stimme, und ehe geantwortet
werden konnte, stand sie mitten im Zimmer.
    Ah, ich komme wohl gerade recht zum peinlichen Verhr? fragte sie. Meine
liebe Karoline, jetzt werden Sie wohl einsehen lernen, da es auch noch einen
andern Willen gibt, als den Ihrigen, und fr den armen Wellner kommt endlich die
Entscheidung.
    Ich bitte dich, Adele, lasse jetzt Johannes reden! rief Frau Hellwig
ziemlich kurz und ungndig.
    Nun, bleiben wir vorlufig bei diesem einen Punkte stehen, sagte der
Professor. Er kreuzte die Arme ber der Brust und lehnte sich an einen Tisch.
Wollen Sie mir sagen, weshalb Sie den ehrenvollen Antrag des Mannes
zurckweisen?
    Sein ruhiges, leidenschaftsloses Auge ruhte prfend auf dem jungen Mdchen.
    Weil ich ihn verachte. Er ist ein elender Heuchler, der die Frmmigkeit als
Deckmantel fr seine Habgier und seinen Geiz benutzt, entgegnete sie fest und
sicher; es galt jetzt durch ruhige, rcksichtslose Offenheit die Schlge zu
parieren.
    Gott, welche Verleumdung! rief die Regierungsrtin. Sie schlug in
schmerzlichem Unwillen die weien Hnde zusammen, und ihre groen, blauen Augen
suchten anklagend den Himmel. Frau Hellwig aber stie ein kurzes, rauhes Lachen
aus.
    Da hast du ja gleich ein Prbchen von der Art und Weise deiner sogenannten
Mndel, Johannes! rief sie. Dies Mundwerk ist stets fertig mit Verachtung und
dergleichen - ich kenne das! ... Mach's kurz! Du kommst nicht um ein Haar breit
weiter mit ihr, und ich habe keine Lust, ehrbare Leute, die in meinem Hause aus
und ein gehen, lstern zu hren!
    Der Professor antwortete nicht. Whrend er mit der Hand langsam ber den
Bart strich - es war eine merkwrdig schne schmale Hand - hing sein Blick an
der Regierungsrtin, die noch wie ein betender Seraph dastand. Es schien fast,
als habe er nur ihren Ausruf gehrt, seine Lippen verzogen sich ein wenig - wer
vermochte in dieser eigenartigen Physiognomie zu lesen?
    Du hast ja gewaltige Charakterstudien in den wenigen Wochen deines
Hierseins gemacht, Adele! sagte er. Wenn man in der Weise als Anwalt auftreten
kann -
    Um Gott, Johannes, unterbrach ihn die junge Witwe lebhaft, du wirst doch
nicht denken, da ein besonderes Interesse - sie schwieg pltzlich, und ein
tiefes Rot scho in ihre Wangen.
    Jetzt blitzte es entschieden wie Spott aus dem Auge des Professors.
    Smtliche Damen, die bei der Tante aus und ein gehen, stimmen darin
berein, da Wellner ein Ehrenmann ist, setzte sie nach einer Pause der
Sammlung entschuldigend hinzu. Die Missionsgelder gehen durch seine Hnde und
die Glubigen finden keinen Tadel an ihm -
    Und darauf schwrst du nun natrlicherweise, ergnzte der Professor kurz
abbrechend. Ich kenne den Mann nicht, wandte er sich zu Felicitas, und kann
deshalb nicht wissen, inwieweit Ihre Anklage gerechtfertigt ist.
    Johannes! unterbrach ihn Frau Hellwig gereizt.
    Bitte, Mutter, wir wollen das spter allein errtern, sagte er ruhig und
beschwichtigend. Zwingen wird Sie natrlich niemand, fuhr er zu dem jungen
Mdchen gewendet, fort. Ich habe Ihnen allerdings bis hierher nie das Recht
eingerumt, in irgend einer Angelegenheit selbst zu entscheiden, einmal, weil
ich Sie unter einer Fhrung wute, der ich mein unbedingtes Vertrauen schenke,
und dann, weil Sie ein Charakter sind, der sich gern gefhrlicher Uebergriffe
schuldig macht und sich stets gegen das auflehnt, was zu seinem wahren Wohl
geschieht ... In dieser Frage jedoch hrt meine Macht auf. Ich kann Ihnen sogar
in mancher Beziehung nicht unrecht geben, denn Sie sind jung, und er steht, wie
ich hre, in vorgercktem Alter - das taugt nicht. Ein zweiter Stein des
Anstoes ist die Standesverschiedenheit; fr den Augenblick wird er wohl ber
Ihre Herkunft hinwegsehen - spter tritt in solchen Dingen gewhnlich ein
Rckschlag ein, Strung des Gleichgewichts rcht sich stets.
    Wie klang das vernnftig und - herzlos! Er war in diesem Momente genau der
Verfasser aller jener schriftlichen Maregeln, die nie den verfemten Boden aus
dem Auge verloren, dem das Spielerskind entsprossen. Er verlie seinen
bisherigen Platz und trat vor das junge Mdchen, dessen Lippen in einem bitteren
Lcheln zuckten.
    Sie haben uns schwer zu schaffen gemacht, sagte er und hob den
Zeigefinger. Sie haben es durchaus nicht verstanden und, wie ich annehmen mu,
auch nicht gewollt, die Zuneigung meiner Mutter zu gewinnen ... So wie die
Sachen liegen, werden Sie selbst nicht wnschen, lnger hier im Hause zu
bleiben.
    Ich ginge am liebsten in dieser Stunde noch.
    Das glaube ich Ihnen gern, Sie haben ja stets deutlich genug gezeigt, da
Ihnen unsere strenge und gewissenhafte Frsorge unertrglich ist. Sein Ton
hatte jetzt doch eine Beimischung von Aerger und Gereiztheit. Es ist eben eine
vllig verlorene Mhe unsererseits gewesen, die Zugvogelnatur in Ihnen
unterdrcken zu wollen ... Nun, Sie sollen haben, was Sie wnschen, aber ich
halte meine Aufgabe noch nicht fr beendet - ich will erst noch den Versuch
machen, Ihre Angehrigen aufzufinden.
    Du warst frher anderer Ansicht ber diesen Punkt, warf Frau Hellwig
spttisch ein.
    Die hat sich im Laufe der Dinge gendert, wie du siehst, Mutter, erwiderte
er ruhig.
    Felicitas schwieg und sah vor sich nieder. Sie wute, da dieser Schritt
ohne Erfolg bleiben wrde - Tante Cordula hatte ihn lngst gethan. Vor vier
Jahren war durch die Redaktion einer der ersten Zeitungen ein Aufruf an den
Taschenspieler d'Orlowsky und die Verwandten von dessen Ehefrau ergangen, er
hatte alle namhaften Bltter durchlaufen, aber bis zur Stunde war niemand
erschienen. Das konnte das junge Mdchen freilich nicht sagen.
    Ich werde heute noch die ntigen Schritte thun, fuhr der Professor fort,
und glaube, da ein Zeitraum von zwei Monaten vllig gengt, um Aufschlu zu
gewinnen ... Bis dahin stehen Sie noch unter meiner Vormundschaft und im
dienstlichen Verhltnisse zu meiner Mutter. Sollte sich jedoch, wie ich frchte,
keines Ihrer Anverwandten auffinden lassen, dann -
    Dann bitte ich um meine sofortige Freiheit nach Ablauf der gestellten
Frist! unterbrach ihn Felicitas rasch.
    Nein, das klingt denn doch zu abscheulich! rief die Regierungsrtin
entrstet. Sie thun ja wirklich, als htte man Sie in diesem Hause des Friedens
und der christlichen Barmherzigkeit gemartert und gekreuzigt! ... Undank!
    Sie meinen also, umseren ferneren Beistand entbehren zu knnen? fragte der
Professor, ohne den Zornesergu der jungen Witwe zu beachten.
    Ich mu dafr danken.
    Nun gut, sagte er nach einem Moment des Schweigens kurz, nach Verlauf von
zwei Monaten soll Ihnen freistehen, zu thun und zu lassen, was Sie wollen! Er
wandte sich ab und schritt nach dem Fenster.
    Du kannst gehen! gebot Frau Hellwig rauh.
    Felicitas verlie das Zimmer.
    Also noch ein achtwchentlicher Kampf! flsterte sie, whrend sie durch
die Hausflur schritt. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod werden.

                                       13


Drei Tage waren seit des Professors Ankunft vergangen; sie hatten das einfrmige
Leben in dem alten Kaufmannshause vllig verwandelt, aber fr Felicitas waren
sie wider alles Erwarten ruhig verflossen. Der Professor hatte sich nicht wieder
um sie bekmmert; er schien den Verkehr mit ihr auf die erste und einzige
Unterredung beschrnken zu wollen. Sie atmete auf, und doch - seltsamerweise -
hatte sie sich nie mehr gedemtigt und verletzt gefhlt, als jetzt ... Er war
einigemal in der Hausflur an ihr vorbergegangen, ohne sie zu sehen - freilich
war er da rgerlich gewesen und hatte ein grimmiges Gesicht gemacht, was ihn
durchaus nicht verschnte. Frau Hellwig lie es sich nmlich trotz aller seiner
Bitten und Vorstellungen nicht nehmen, ihn hinunter in das Wohnzimmer zu
bescheiden, wenn Besuchende aus ihrem Bekanntenkreise kamen, die ihn zu sehen
wnschten. Er erschien notgedrungen, aber dann stets als sehr unliebenswrdiger,
schroffer Gesellschafter ... Es kamen aber auch viele andere tglich, die von
Heinrich hinaufgewiesen wurden in das zweite Stockwerk - Hilfesuchende, oft sehr
drftige, armselige Gestalten, die Friederike zu jeder anderen Zeit ohne
weiteres an der Schwelle zurckgewiesen haben wrde; sie schritten jetzt zum
Aerger der alten Kchin und eigentlich auch gegen den Wunsch und Willen der Frau
Hellwig ber die schneewei gehaltene, frmlich gefeite Treppe des vornehmen
Hauses und fanden droben ohne Unterschied Einla und Gehr. Der Professor hatte
hauptschlich Ruf als Augenarzt; es waren ihm Kuren gelungen, die andere
anerkannt tchtige Fachmnner in das Bereich der Unmglichkeiten verwiesen
hatten - der Name des noch sehr jungen Mannes war dadurch pltzlich ein
glnzender und gepriesener geworden.
    Frau Hellwig hatte Felicitas das Abstuben und Aufrumen im Zimmer ihres
Sohnes bertragen. Der kleine Raum erschien vllig verwandelt, seit er bewohnt
wurde; vorher mit ziemlichem Komfort ausgestattet, glich er jetzt weit eher
einer Karthuserzelle. Ein gleiches Schicksal wie den Guirlandenschmuck hatte
die bunten Kattunvorhnge ereilt - sie waren sofort unter den Hnden des
Professors als lichtraubend gefallen; ebenso hatten einige unknstlerische, mit
groer Farbenverschwendung illuminierte Schlachtenbilder an den Wnden weichen
mssen; dagegen hing pltzlich ein sehr alter, in eine dunkle Ecke des Vorsaales
verbannter Kupferstich, trotz seines zerbrckelnden, schwarzen Holzrahmens, ber
dem Schreibtische des Bewohners. Es war ein wahres Meisterstck der
Kupferstecherkunst, eine junge schne Mutter vorstellend, die ihr Kind zrtlich
in ihren pelzverbrmten Seidenmantel hllt. Die wollene Decke auf dem Sofatische
und mehrere gestickte Polster waren als Staubhalter entfernt worden, und auf
einer Kommode standen statt der Meiner Porzellanfiguren die Bcher des
Professors, dicht aneinander gedrngt und symmetrisch geordnet. Da sah man kein
umgeknicktes Blatt, keine abgestoene Ecke, und doch wurden sie ohne Zweifel
viel gebraucht; sie steckten in sehr unscheinbarem Gewande und waren je nach der
Sprache, in der sie geschrieben, uniformiert - das Latein grau, Deutsch braun
etc. ... Genau so versucht er die Menschenseelen zu ordnen, dachte Felicitas
bitter, als sie zum erstenmal die Bcherreihen sah, und wehe, wenn eine ber
die ihr angewiesene Farbe hinaus will!
    Den Morgenkaffee trank der Professor in Gesellschaft seiner Mutter und der
Regierungsrtin; dann aber ging er auf sein Zimmer und arbeitete bis zum
Mittage. Er hatte gleich am ersten Morgen den Wein zurckgewiesen, den Frau
Hellwig zu seiner Erquickung hinaufgeschickt; dagegen mute stets neben ihm eine
Karaffe voll Wasser stehen. Es schien, als vermeide er geflissentlich, sich
bedienen zu lassen - nie benutzte er die Klingel; war ihm das Trinkwasser nicht
mehr frisch genug, so stieg er selbst hinunter in den Hof und fllte die Karaffe
aufs neue.
    Am Morgen des vierten Tages waren Briefe an den Professor eingelaufen.
Heinrich war ausgegangen, und so wurde Felicitas in das zweite Stockwerk
geschickt. Sie blieb zgernd vor der Thr stehen, drin wurde gesprochen; es war
eine Frauenstimme, die, wie es schien, eben eine lngere Ansprache beendete.
    Doktor Bhm hat mit mir ber das Augenleiden Ihres Sohnes gesprochen,
antwortete der Professor in gtigem Tone; ich will sehen, was sich thun lt.
    Ach, gnd'ger Herr Professor, ein so berhmter Mann, wie Sie -
    Lassen Sie das, Frau! unterbrach er die Sprechende so rauh, da sie
erschrocken schwieg. Ich will morgen kommen und die Augen untersuchen, setzte
er milder hinzu.
    Aber wir sind arme Leute; der Verdienst ist gering -
    Das haben Sie mir bereits zweimal gesagt, liebe Frau! unterbrach sie der
Professor abermals ungeduldig. Gehen Sie jetzt; ich brauche meine Zeit ntiger
... Wenn ich Ihrem Sohne helfen kann, so geschieht es - adieu!
    Die Frau kam heraus, und Felicitas schritt ber die Schwelle. Der Professor
sa am Schreibtische; seine Feder flog bereits wieder ber das Papier. Er hatte
aber doch das junge Mdchen eintreten sehen, und ohne das Auge von seiner Arbeit
wegzuwenden, streckte er die Linke nach den Briefen aus. Er erbrach einen
derselben, whrend Felicitas wieder nach der Thr zu schritt.
    Apropos, rief er, schon halb und halb in den Brief vertieft, wer stubt
denn hier im Zimmer ab?
    Ich, antwortete das junge Mdchen stehen bleibend.
    Nun, dann mu ich Sie ersuchen, knftig meinen Schreibtisch mehr zu
respektieren. Es ist mir sehr unangenehm, wenn ein Buch auch nur von seiner
Stelle gerckt wird, und hier fehlt mir sogar eines.
    Felicitas schritt gelassen nach dem Tische, auf welchem mehrere Bcherste
lagen.
    Was hat das Buch fr einen Titel? fragte sie ruhig.
    Es zuckte etwas wie ein Lcheln durch das ernste Gesicht des Professors.
Diese Frage aus einem Mdchenmunde klang aber auch eigentmlich naiv und
bedenklich im Studierzimmer des Arztes.
    Sie werden es schwerlich finden - es ist ein franzsisches Buch, erwiderte
er. Cruveilhier. Anatomie du systme nerveux steht auf der Rckseite, setzte
er hinzu - wieder zuckte es ber sein Gesicht.
    Felicitas zog sofort eines der Bcher hervor; es lag zwischen mehreren
anderen franzsischen Werken.
    Hier ist es, sagte sie. Es lag jedenfalls noch auf der Stelle, wo Sie es
selbst hingelegt hatten - ich nehme keines der Bcher in die Hand.
    Der Professor sttzte seine Linke auf den Tisch, drehte sich mit einem Rucke
nach dem jungen Mdchen um und sah ihm voll ins Gesicht.
    Sie verstehen Franzsisch? fragte er rasch und scharf.
    Felicitas erschrak; sie hatte sich verraten. Freilich verstand sie nicht
allein Franzsisch, sie sprach es auch leicht und flieend - die alte Mamsell
hatte sie vortrefflich unterrichtet. Jetzt sollte sie antworten, und zwar
entschieden antworten. Die stahlgrauen Augen mit dem unabweisbaren Blicke wichen
nicht von ihrem Gesichte, sie htten die Lge jedenfalls sofort abgelesen - sie
mute die Wahrheit sagen.
    Ich habe Unterricht gehabt, entgegnete sie.
    Ach ja, ich entsinne mich, bis zu Ihrem neunten Lebensjahre - und da ist
etwas hngen geblieben, sagte er, indem er sich mit der Hand die Stirne rieb.
    Felicitas schwieg.
    Das ist ja auch der unglckliche Kasus, an welchem wir mit unserem
Erziehungsplane gescheitert sind, meine Mutter und ich, fuhr er fort. Es ist
Ihnen zu viel weisgemacht worden, und weil wir darber unsere eigene Ansicht
hatten, so verabscheuen Sie uns als Ihre Peiniger und Gott wei was alles, nicht
wahr?
    Felicitas rang einen Augenblick mit sich, aber die Erbitterung siegte. Sie
ffnete die blagewordenen Lippen und sagte kalt: Ich habe alle Ursache dazu.
    Einen Moment runzelten sich seine Augenbrauen wie in heftigem Unwillen;
allein vielleicht erinnerte er sich so mancher trotzigen und unfreundlichen
Antwort, die er oft als Arzt von ungeduldigen Patienten ruhig hinnehmen mute
... Das junge Mdchen da vor ihm krankte ja auch seiner Meinung nach an einem
Irrtume; daraus entsprang jedenfalls die Gelassenheit, mit der er sagte: Nun,
von dem Ihnen gemachten Vorwurfe der Verstocktheit spreche ich Sie hiermit frei
- Sie sind mehr als aufrichtig ... Uebrigens werden wir uns ber Ihre schlechte
Meinung zu trsten wissen.
    Er nahm den Brief wieder auf, und Felicitas entfernte sich. Als sie auf die
Schwelle der offenen Thr trat, da flog ein Blick des Lesenden ihr nach. Der
Vorsaal war erfllt von warmem Sonnenglanze; die Mdchengestalt stand plastisch
da in dem dunkleren Zimmer wie ein Gemlde auf Goldgrund. Noch fehlte den Formen
jene Rundung und Flle, die bei der vollkommen entwickelten Frauenschnheit
unerllich ist; trotzdem erschienen die Linien weich und zeigten in der
Bewegung eine unbeschreibliche Grazie, man mchte sagen, jene Schmiegsamkeit,
wie sie die Mrchenpoesie ihren schwebenden und huschenden Gestalten andichtet
... Und was war das fr ein merkwrdiges Haar! Gewhnlich erschien es
kastanienbraun; wenn aber, wie in diesem Augenblicke, ein Sonnenstrahl darauf
fiel, dann blinkte es rtlich golden. Es erinnerte durchaus nicht an jenes
geschmeidige, lang herabflieende Frauenhaar, wie es einst unter dem Helme der
schnen Spielersfrau hervorgequollen. Ziemlich kurz, aber von mchtiger Flle,
Welle an Welle bildend, strubte es sich noch sichtbar widerwillig in dem
dicken, einfach geschlungenen Knoten am Hinterkopfe. Einzelne starke Ringel
befreiten sich stets eigenmchtig und lagen, wie eben jetzt, auf dem weien
Halse.
    Der Professor bog sich wieder ber seine Arbeit; aber der Gedankenflu, den
vorhin die Brgersfrau unterbrochen, lie sich nicht sofort wieder in die rechte
Bahn lenken. Er rieb sich verdrielich die Stirne und trank ein Glas Wasser -
vergebens. Endlich warf er, rgerlich ber die Strungen, die Feder auf den
Tisch, nahm den Hut vom Nagel und ging die Treppe hinab. ... Htte der
Mohrenkopf, der als Tintenwischer seinem gelehrten Herrn seit Jahren
gegenberstand, den groen grinsenden Mund noch weiter aufzureien vermocht, er
htte es sicher gethan, und zwar vor Erstaunen - da lag die Feder, dick
angefllt mit frischer Tinte, und der unglckliche Mohr lechzte vergeblich nach
dem Na und dem gewohnten Vergngen, mit seinem Kleide ihre vielvermgende
Spitze blank zu putzen - unerhrt! Der peinlich pnktliche Mann war zerstreut.
    Mutter, sagte der Professor, im Vorbergehen das Wohnzimmer betretend,
ich wnsche ferner nicht, da du mir das junge Mdchen mit Auftrgen
hinaufschickst - berlasse das Heinrich, und ist er einmal nicht da, so kann ich
schon warten.
    Siehst du, entgegnete Frau Hellwig triumphierend, dir ist schon nach drei
Tagen diese Physiognomie unertrglich; mich aber hast du verurteilt, sie neun
Jahre lang um mich zu dulden!
    Ihr Sohn zuckte schweigend die Achseln und wollte sich entfernen.
    Der frhere Unterricht, den sie bis zu des Vaters Tode erhalten, hat vllig
aufgehrt mit ihrem Eintritte in die Brgerschule? fragte er, sich nochmals
umwendend.
    Was das fr nrrische Fragen sind, Johannes! rief Frau Hellwig rgerlich.
Habe ich dir nicht ausfhrlich genug ber diesen Punkt geschrieben, und ich
dchte auch gesprochen bei meinem Besuche in Bonn? ... Die Schulbcher sind
verkauft worden, und die Schreibehefte habe ich in derselben Stunde verbrannt.
    Und was hat sie fr Umgang gehabt?
    Was fr Umgang? ... Na, eigentlich nur den mit Friederike und Heinrich; sie
hat es ja selbst nicht anders gewollt. Jener grausam boshafte Zug erschien in
dem Gesicht der Frau, infolgedessen sich die Oberlippe leicht hob und einen
ihrer Vorderzhne sehen lie. Ich habe es natrlich nicht ber mich gewinnen
knnen, sie an meinem Tische essen zu lassen und in meiner Stube zu dulden,
fuhr sie fort; einmal war und blieb sie das Wesen, das sich zwischen deinen
Vater und mich gedrngt hat, und dann wurde sie ja immer unausstehlicher und
hoffrtiger. Ich hatte ihr brigens ein paar Tchter aus christlichen
Handwerkerfamilien ausgemacht, mit denen sie umgehen sollte; aber du weit ja,
da sie mir erklrt hat, sie wolle nichts mit den Leuten zu schaffen haben, das
seien Wlfe in Schafskleidern und dergl.... Na, du wirst in den acht Wochen, die
du dir selbst aufgebrdet hast, schon noch dein blaues Wunder sehen!
    Der Professor verlie das Haus, um einen weiten Spaziergang zu machen.
    Am Nachmittage desselben Tages erwartete Frau Hellwig mehrere Damen, meist
fremde Badegste, zum Kaffee. Er sollte im Garten getrunken werden; und weil
Friederike pltzlich unwohl geworden war, so wurde Felicitas allein
hinausgeschickt, um alles vorzurichten. Sie war bald fertig mit ihrem
Arrangement. Auf dem groen Kiesplatze, im Schutze einer hohen Taxuswand stand
der schn geordnete Kaffeetisch, und in der Kche des Gartenhauses zischte und
brodelte das Wasser im Erwarten seiner Umwandlung zu dem allgeliebten
Mokkatranke. Das junge Mdchen lehnte an einem offenen Fenster des Gartenhauses
und sah wehmtig sinnend hinaus ... Da drauen duftete, grnte und blhte es so
lustig und harmlos in die blaue, stille Luft hinein, als habe nie ein
verheerender Herbststurm an den Zweigen gerttelt, nie der Winterfrost seinen
ttenden Krystall um vergehende Blumenhupter gesponnen. Vor Jahren hatte es
ebenso farbig geleuchtet auf Bschen und Beeten fr ihn, dessen warmes, weiches
Herz nun in Staub zerfiel, fr ihn, der seine helfende, sttzende Hand berall
anlegte, wo es galt - bei seinen emporsprossenden Blumen, wie bei
Menschenhilflosigkeit und Elend ... Die jungen Blumenaugen da allerorten
lchelten jetzt ebenso frhlich in andere, kalte Gesichter, und die Menschen
sprachen nicht mehr von ihm ...
    Hierher hatte er sich und die kleine Waise gerettet vor den vernichtenden
Blicken und der schneidenden Zunge da drin in der Stadt - nicht allein zur
lustigen Sommerzeit; wenn drauen der Frhling noch mit dem Winter rang, da
prasselte hier im weien Porzellanofen ein tchtiges Feuer; ein dicker Teppich
auf dem Boden wrmte die Fe, die Bsche drckten ihre Knospenanstze gegen die
erwrmten Scheiben, auf denen einzelne verwegene Schneeflocken rettungslos
zerschmolzen, und ber den weiten, noch wsten Gartenplan guckte der
halbbeschneite Berg herein mit dem wohlbekannten Pappelkreise auf der Stirn ...
traute, liebe Erinnerungen! Und da drben standen die Nubume; die kaum
entwickelten Bltterzungen hingen in diesem Augenblicke mig und unbewegt, wie
trunken vom goldenen Sonnenlichte, berander ... Was hatten sie einst dem Kinde
alles zugeflstert! Se, selige Verheiungen von Welt und Zukunft, Trume, so
klar und schattenlos, wie der unbewlkte Himmel droben - und dann war es
pltzlich dunkel und druend ber dem schuldlosen Haupte des Spielerskindes
geworden, ein greller Blitz der Erkenntnis hatte die Bltterzungen zu Lgnern
gemacht.
    Nher kommende Mnnerstimmen und das Knarren der Gartenthr schreckte
Felicitas aus ihrem trben Grbeln auf. Durch das nrdliche Eckfenster konnte
sie sehen, wie der Professor in Begleitung eines anderen Herrn den Garten
betrat. Sie schritten langsam dem Hause zu. Jener Herr kam seit einiger Zeit
fter zu Frau Hellwig; er war der Sohn eines sehr angesehenen, der Familie
Hellwig befreundeten Hauses. Im Alter mit dem Professor gleichstehend, hatte
auch er seine Erziehung in dem Institute des strengglubigen Hellwigschen
Verwandten am Rhein erhalten. Beide waren dann, freilich nur fr kurze Zeit,
Studiengenossen auf der Universitt gewesen, und wenn auch vllig verschieden in
Charakter und Anschauungsweise, hatten sie doch stets freundschaftlich zu
einander gestanden. Whrend Johannes Hellwig fast sofort nach Beendigung seiner
Studienzeit den Lehrstuhl bestiegen, war der junge Frank auf Reisen gegangen.
Erst vor kurzem hatte er sich auf Wunsch seiner Eltern herbeigelassen, sein
juristisches Examen zu machen; er war nun Rechtsanwalt in seiner Vaterstadt und
harrte der Dinge und Klienten, die da kommen sollten.
    Wie er so nher schritt, war er eine fast vollkommen schngebildete
Mnnererscheinung - ein geistreiches Gesicht ber schlank und edel geformten
Gliedern. Vielleicht htte dieser sehr zierliche Kopf mit der feinen, etwas
weich verlaufenden Profillinie einen weiblichen Eindruck gemacht; aber so, wie
er getragen wurde, fest und sicher auf den Schultern und untersttzt von
entschiedenen, wenn auch sehr eleganten Bewegungen der gesamten Gestalt, lie er
diesen leisen Tadel nicht aufkommen.
    Er nahm eben die Zigarre aus dem Munde, betrachtete sie aufmerksam und
schleuderte sie dann verchtlich von sich. Der Professor holte sein Etui hervor
und bot es ihm.
    Ei, Gott bewahre! rief der Rechtsanwalt, indem er mit komischer Gebrde
beide Hnde abwehrend ausstreckte. Es knnte mir doch nicht einfallen, die
armen Heidenkinder in China und Gott wei wo noch zu bestehlen!
    Der Professor lchelte.
    Denn so wie ich dich kenne, fuhr der andere fort, hltst du jedenfalls
mit unbestreitbarem Heroismus dein Kasteiungswerk aus der Jugendzeit fest, das
heit du bestimmst dir tglich drei Zigarren, rauchst aber konsequent nur eine,
whrend das Geld fr die beiden anderen in deine Missionssparbchse fliet!
    Ja, die Gewohnheit habe ich noch, besttigte mit ruhigem Lcheln der
Professor; aber das Geld hat eine andere Bestimmung - es gehrt meinen armen
Patienten ohne Unterschied.
    Nicht mglich! ... Du, der starre Vorkmpfer pietistischen Strebens, der
getreueste unter den Jngern unseres rheinischen Institutsdespoten! Befolgst du
so seine Lehren, Abtrnniger?
    Der Professor zuckte die Achseln. Er blieb stehen und streifte nachdenklich
die Asche von seiner Zigarre.
    Als Arzt lernt man anders denken ber die Menschheit und die Pflichten des
einzelnen ihr gegenber, sagte er. Ich habe stets das eine groe Ziel im Auge
gehabt, mich wahrhaft ntzlich zu machen; um das zu erreichen, habe ich vieles
vergessen und verwerfen mssen.
    Sie schritten weiter, und ihre Stimmen verhallten. Allein auf dem Kieswege,
den sie wandelten, lag die Sonne trge und brtend, sie kehrten, in ihr Gesprch
vertieft, fast instinktmig zurck unter die Akaziengruppe, die ihre Zweige
ber den am Hause hinlaufenden, mit breiten Steinplatten belegten Weg hing und
ihn khl und schattig machte.
    Streite nicht! hrte Felicitas den Professor ein wenig lebhafter als
gewhnlich sagen. Daran nderst du nichts ... Genau, wie vor so und so viel
Jahren, langweile ich mich entweder entsetzlich, oder ich rgere mich in
weiblicher Gesellschaft; und - das kann ich dir sagen - mein Verkehr als Arzt
mit dem sogenannten schnen Geschlechte ist auch durchaus nicht geeignet, meine
Meinung zu erhhen ... Welch ein Gemisch von Gedankenlosigkeit und
Charakterschwche!
    Du langweilst dich in weiblicher Gesellschaft, sehr begreiflich! eiferte
der junge Frank, unter dem Eckfenster stehen bleibend. Suchst du doch
geflissentlich die geistig einfache, um nicht zu sagen, einfltige ... Du
verabscheust die moderne weibliche Erziehung - in mancher Hinsicht freilich
nicht ohne Grund - ich bin auch kein Freund von geistlosem Klaviergeklimper und
gedankenloser, franzsischer Plapperei, aber man mu das Kind nicht mit dem Bade
verschtten ... In unserer Zeit, wo der menschliche Geist fast tglich neue,
ungeahnte Bahnen betritt, wo er mitwirkt, schafft und geniet bei dem mchtigen
Aufschwunge, den das Menschengeschlecht nimmt, da wollt ihr das Weib womglich
hinter die mittelalterliche Kunkel, in den Kreis und zugleich in den engen
Ideengang ihrer Mgde zwingen - das ist nicht allein ungerecht, es ist auch
thricht. Das Weib hat die Seele eurer Shne in den Hnden, in einem Stadium, wo
sie am empfnglichsten ist, wo sie die Eindrcke wie Wachs aufnimmt und gerade
so unverwischbar durchs ganze Leben trgt, als wren sie in Eisen gegraben! ...
Regt die Frauen an zu ernstem Denken, erweitert den Kreis, den ihr Egoisten eng
genug um ihre Seelen zieht und welchen ihr weibliche Bestimmung nennt, und ihr
werdet sehen, da Eitelkeit und Charakterschwche verschwinden!
    Lieber Freund, den Weg betrete ich ganz sicher nicht! sagte der Professor
sarkastisch, indem er langsam einige Schritte weiter ging.
    Ich wei wohl, da du eine andere Ueberzeugung hast - du meinst, das alles
erreiche man mheloser durch eine fromme Frau ... Mein sehr verehrter Professor,
auch ich mchte keine unfromme Lebensgefhrtin - ein weibliches Gemt ohne
Frmmigkeit ist eine Blume ohne Duft. Aber seht euch wohl vor! Ihr denkt, sie
ist fromm, mithin besorgt und wohl aufgehoben, und whrend ihr sie vollkommen
und sorglos gewhren lasset, erwchst euch eine Tyrannei in eurem Hause, wie ihr
sie von einer weniger frommen Frau nun und nimmer ertragen wrdet. Unter dem
Deckmantel der Frmmigkeit schieen leicht alle im weiblichen Charakter
schlummernden schlimmen Neigungen auf. Man darf grausam, rachschtig und auch
ganz gehrig hochmtig sein und im blinden Zelotismus Schnes und Herrliches
verdammen und zerstren - alles im Namen des Herrn und im sogenannten Interesse
des Reiches Gottes.
    Du gehst sehr weit.
    Gar nicht ... Du wirst schon noch einsehen lernen, da auch der erwgende
Verstand gehrig geklrt und ausgebildet und das Gemt der Humanitt zugnglich
gemacht sein mu, wenn die Frmmigkeit der Frau wahrhaft beglckend fr uns sein
soll.
    Das sind Ziele, auf die ich gar nicht Lust habe, loszusteuern, erwiderte
der Professor kalt. Meine Wissenschaft beansprucht mich und mein Leben so
vllig -
    Ei - und die dort? unterbrach ihn der Rechtsanwalt leiser, whrend er nach
dem Eingange des Gartens zeigte. Dort hinter der Gitterthr erschien die
Regierungsrtin in Begleitung ihres Kindes und der Frau Hellwig. Ist sie nicht
vollkommen die Verwirklichung deines Ideals? fuhr er mit nicht zu verkennender
Ironie fort. Einfach - sie erscheint stets in weiem Mull, der ihr, nebenbei
gesagt, vortrefflich steht - fromm, wer wollte das bezweifeln, der sie in der
Kirche mit den schwrmerisch emporgerichteten schnen Augen sieht? Sie
verabscheut alles Wissen, Denken und Grbeln, weil es dem Wachstum ihres
Strickstrumpfes oder ihrer Stickerei hinderlich sein knnte - ist eine
standesgeme Partie, denn diese Gleichheit gilt dir ja auch als unerllich zu
einer guten Ehe - enfin, man bezeichnet sie allgemein als diejenige, welche dich
-
    Du bist boshaft und hast Adele nie leiden mgen, unterbrach ihn der
Professor gereizt, ich frchte, lediglich aus dem Grunde, weil sie die Tochter
des Mannes ist, der dich sehr streng gehalten hat ... Sie ist gutmtig, harmlos
und eine vortreffliche Mutter.
    Er schritt auf die langsam nherkommenden Damen zu und begrte sie
freundlich.

                                       14


Es dauerte nicht lange, so war der Kiesplatz belebt von anmutigen
Frauengestalten, die, meist in hellen Musselin oder Gaze gehllt, wie weie
Sommerwolken auf und ab schwebten. Die dunklen, steifen Taxuswnde gaben einen
vortrefflichen Hintergrund fr diese grazisen, leichtbeschwingten Wesen;
silberhelles Lachen und lebhaftes Geplauder schollen durch die weiche Luft, dann
und wann unterbrochen durch eine der sonoren Mnnerstimmen. Der geladene Kreis
war bald vollzhlig, man gruppierte sich um den Kaffeetisch, und die
Arbeitskrbchen wurden hervorgeholt.
    Auf einen Wink der Frau Hellwig schritt Felicitas mit dem Kaffeebrett ber
den Kiesplatz.
    Mein Wahlspruch ist: Einfach und billig! hrte sie die Regierungsrtin in
munterem Tone sagen, als sie nher kam. Ich trage grundstzlich im Sommer
keinen Stoff, der mich ber drei Thaler kostet.
    Sie vergessen aber, meine liebe Regierungsrtin, widersprach eine andere
junge, sehr geschmckte Dame, whrend ihr boshafter Blick ber die gerhmte
einfache Toilette glitt, da Sie auf diesem billigen Stoffe eine Menge
gestickter, mit Spitzen garnierter Einstze tragen, die den Wert der Robe selbst
mindestens um das Dreifache bersteigen.
    Bah, wer wird diesen Duft nach prosaischen Thalern berechnen! rief der
junge Frank, belustigt den feindlichen Blick auffangend, den beide Damen
austauschten. Man sollte meinen, er trge die Damen himmelwrts, wren nicht -
ja wren nicht zum Beispiel solche dicke, goldene Armbnder, die unzweifelhaft
wieder zur Erde niederziehen mssen!
    Sein Auge haftete mit sichtbarem Interesse auf dem Handgelenke der nicht
weit von ihm sitzenden Regierungsrtin; es zuckte wie unwillkrlich zurck, und
eine hohe Rte bedeckte fr einen Moment Stirne und Wangen der jungen Witwe.
    Wissen Sie, meine Gndige, sagte er, da mich dieses Armband seit einer
halben Stunde lebhaft beschftigt? ... Es ist von prchtiger, uralter Arbeit.
Was aber meine Wibegierde ganz besonders reizt, das ist die mutmaliche
Inschrift, dort inmitten des Kranzes.
    Das Gesicht der Regierungsrtin hatte bereits wieder seine zartrosige Farbe;
ihre sanften Augen blickten ruhig auf, whrend sie unbefangen die Armspange
lste und ihm hinreichte.
    Felicitas stand in diesem Augenblicke hinter dem Rechtsanwalt. Sie konnte
bequem den Schmuck in seinen Hnden sehen ... Seltsam, es war bis in die
kleinsten Einzelheiten derselbe Armring, der im Geheimfache der alten Mamsell
lag und ohne Zweifel eine geheimnisvolle Rolle im Leben der Einsamen spielte;
nur war er hier von weit geringerem Umfang, er umschlo ziemlich eng das feine
Handgelenk der jungen Frau.

daz ir liebe ist ne krane,
Die ht got zesamme geben
f ein wnneclichez leben!

las der Rechtsanwalt gelufig. Merkwrdig, rief er, die Strophe hat keinen
Anfang ... Ah, es ist ja ein Bruchstck aus den Minnesngern, und zwar aus dem
Gedicht, Stete Liebe von Ulrich von Lichtenstein; die ganze Strophe lautet in
der Uebersetzung ungefhr:

Wo zwei Lieb' einander meinen
Herziglich in rechter Treu'
Und sich beide so vereinen,
Da die Lieb' ist immer neu,
Die hat Gott zusammengeben,
Auf ein wonnigliches Leben.

Dieses Armband hat unzweifelhaft einen treuen Kameraden, der ihm eng angefgt
ist durch den Anfang der Strophe, bemerkte er lebhaft angeregt. Ist das
Seitenstck nicht in Ihrem Besitze?
    Nein, entgegnete die Regierungsrtin und bckte sich auf ihre Arbeit,
whrend der Schmuck von Hand zu Hand ging.
    Und wie kommst du zu dem sehr merkwrdigen Stck, Adele? fragte der
Professor herber.
    Wieder stieg eine leise Rte in das Gesicht der jungen Dame.
    Papa hat es mir vor kurzem geschenkt, antwortete sie, Gott wei, von
welchem Altertmler es stammt!
    Sie nahm den Schmuck wieder in Empfang, legte ihn um den Arm und richtete
dabei eine Frage an eine der Damen, wodurch das Gesprch sogleich eine andere
Wendung erhielt.
    Whrend die Aufmerksamkeit aller auf das interessante Armband gerichtet
gewesen war, hatte Felicitas die Runde um den Tisch gemacht; man hatte sich
rasch bedient, ohne die Trgerin des Kaffeebrettes weiter zu beachten. Sie ging
ebenso unbemerkt, wie sie gekommen, nach der Kche zurck. Auf Bitten der
kleinen Anna, die sich auf dem schattigen Wege neben dem Hause tummelte, blieb
sie einen Moment stehen, griff, Haupt und Oberkrper elastisch zurckbeugend,
mit hochgehobenen Armen in die niederhngenden Aeste der zunchststehenden
Akazie und versuchte, einen Zweig fr das Kind zu brechen ... Fr eine tadellos
gebaute weibliche Gestalt kann es nicht leicht eine vorteilhaftere Stellung
geben, als die, in welcher das junge Mdchen fr einige Augenblicke verharrte -
der Rechtsanwalt nahm pltzlich seine Lorgnette, er war ziemlich kurzsichtig;
diese zwei dunklen Mnneraugen, die mit sichtlichem Erstaunen auf der
jugendlichen Gestalt unter der Akazie hafteten, wurden scharf beobachtet und
zwar von der scheinbar sehr eifrig stickenden Regierungsrtin. Nachdem Felicitas
ins Haus gegangen war, lie der junge Mann das Glas fallen - er hatte offenbar
eine hastige Frage auf den Lippen, mit welcher er sich an Frau Hellwig wenden
wollte, aber die junge Witwe schnitt ihm sofort das Wort ab; sie verlangte
Aufklrung ber einen Unfall, der ihm auf einer seiner Reisen zugestoen war,
und brachte ihn somit geschickt auf ein Thema, das er selbst sehr gern berhrte.
    Spter erhob sie sich geruschlos und schritt hinber nach dem Gartenhause.
    Liebe Karoline, sagte sie, in die Kche tretend, es ist nicht ntig, da
Sie drben bedienen ... Ah, ich sehe, da ist ja ein Kaffeewrmer, das macht sich
vortrefflich ... Fllen Sie die Kanne mit heiem Kaffee; ich werde sie mitnehmen
und das Einschenken selbst besorgen - es ist so gemtlicher fr die Gste und -
aufrichtig gesagt - Sie sehen zu erbrmlich aus in dem verwaschenen
Kattunkleidchen. Wie mgen Sie sich nur in diesem kurzen, abscheulichen Rocke
vor Mnneraugen sehen lassen! Es ist geradezu unanstndig - fhlen Sie das nicht
selbst, Kind?
    Der geschmhte Rock war der beste des jungen Mdchens, ihr sogenannter
Sonntagsrock. Freilich war er verwachsen und bereits ziemlich mifarben; aber er
war tadellos sauber gewaschen und gebgelt ... Da ihr nun auch das noch zum
Vorwurf gemacht wurde, worein sie sich stets stillschweigend und klaglos gefgt
hatte, machte sie bitter lcheln; aber sie schwieg - war doch jedes
verteidigende Wort berflssig und hier geradezu lcherlich.
    Als die Regierungsrtin an den Kaffeetisch zurckkehrte, war ein Gesprch,
das sie vorhin zu vereiteln gesucht hatte, bereits im vollen Gange.
    Auffallend schn? wiederholte Frau Hellwig rauh auflachend. Pfui, mein
lieber Frank, was soll ich von Ihnen denken! ... Auffallend, ja, das gebe ich
Ihnen eher zu; aber auffallend, wie ein Mdchen nicht sein soll ... Sehen Sie
sich doch dies blasse Gesicht mit den liederlichen Haaren genauer an! Diese
herausfordernden Mienen und leichtfertigen Bewegungen, diese Augen, die
respektablen Leuten unverschmt und dreist ins Gesicht starren, - das sind
Erbstcke einer elenden, zuchtlosen Mutter. Art lt nicht von Art, und was
hinterm Zaune geboren ist, das wird sein Lebtag nicht ehrbar ... Ich hab's
erfahren; neun Jahre lang hab' ich mir keine Mhe verdrieen lassen, dem Herrn
eine Seele zuzufhren - dies verstockte Geschpf hat alle meine Sorgfalt zu
schanden gemacht.
    Ach, Tantchen, das ist ja nun bald berstanden! begtigte die
Regierungsrtin, whrend sie Kaffee einschenkte und herumreichte. Noch einige
Wochen, und der bse Strenfried verlt dein Haus fr immer ... Ich frchte
leider auch, da der gute Same auf steinigen Boden gefallen ist - ein edler Zug
steckt ganz gewi nicht in einer Seele, die, undankbar genug, bisher nur danach
gestrebt hat, die Fesseln der Moral und guten Sitten abzuwerfen ... Uebrigens
wollen wir, die wir das Glck haben, von gesitteten Eltern abzustammen, nicht zu
streng mit ihr ins Gericht gehen - der Leichtsinn steckt ihr im Blut ... Wenn
Sie in Jahr und Tag wieder auf Reisen gehen, Herr Frank, wandte sie sich
scherzend an den Rechtsanwalt, so kann es sich schon ereignen, da Sie unter
einem fremden Himmelsstriche Tantchens ehemalige Hausgenossin als Grazie auf dem
Seile oder im Zirkus bewundern drfen.
    So sieht sie nicht aus! sagte pltzlich der Professor in seinem ruhig
entschiedenen Tone. Er hatte bis dahin konsequent geschwiegen; sein Widerspruch,
der sehr mibilligend klang, mute daher doppelt auffallen. Frau Hellwig wandte
sich jh und zornig nach ihrem Sohne, und die Augen der jungen Witwe verloren
fr einen Moment die stereotype Sanftmut; gleich darauf schttelte sie jedoch
gutmtig lchelnd den Lockenkopf und ffnete die Lippen, ohne Zweifel, um Liebes
und Freundliches zu sagen; aber sie wurde verhindert - ein lautes Weinen
Aennchens scholl ber den Kiesplatz, und infolgedessen, was die Regierungsrtin
im Umdrehen erblickte, stie sie selbst einen Schrei des Entsetzens aus. Das
Kind lief, so schnell es sein schwerflliger Krper gestattete, auf seine Mutter
zu; in der angstvoll emporgestreckten Rechten hielt es krampfhaft ein Pckchen
Schwefelhlzer fest, das Rckchen aber stand in hellen Flammen. Wir sagten, die
Mutter stie einen Schrei des Entsetzens aus, zugleich irrte ihr verstrter
Blick ber die eigene, leicht feuerfangende Toilette - wie geistesabwesend, mit
tdlich erblatem Gesichte streckte sie abwehrend ihre Hnde dem Kinde entgegen
und war mit einem Sprunge hinter der schtzenden Taxuswand verschwunden.
    Die in Duft gekleidete Damengesellschaft zerstob wie eine aufgescheuchte
Taubenschar unter lauten Angstrufen nach allen Richtungen hin; nur Frau Hellwig
erhob sich tapfer zur Rettung des Kindes, und die beiden Herren sprangen sofort
hinber; allein sie kamen zu spt. Felicitas stand bereits da, sie breitete ihre
Kleider aus, schlug sie eng um das brennende Kind und suchte die Flammen zu
ersticken - sie waren zu mchtig; der dnne Kattunrock des jungen Mdchens fing
selbst Feuer, es zngelte gierig an ihr empor. Rasch entschlossen prete sie das
Kind in ihre Arme, flog durch den Grasgarten den Damm hinauf und warf sich in
den vorberrauschenden Mhlbach.
    Todesgefahr und Rettung hatten sich in wenige Augenblicke zusammengedrngt;
ehe die beiden Herren nur die Absicht des fortstrzenden Mdchens begriffen, war
das Feuer bereits gelscht. Sie betraten den Damm in dem Augenblicke, als
Felicitas, wieder aufrechtstehend und das triefende Kind auf dem rechten Arme
haltend, mit der Linken in die Zweige eines Haselstrauches griff, um sich gegen
das hier mit groer Gewalt vorberschieende Wasser zu halten. Mit den Herren
zugleich erschien die Regierungsrtin auf dem Damme.
    Mein Kind, rettet mein Aennchen! rief sie in verzweiflungsvollen Tnen, es
sah aus, als wolle sie schnurstracks in das Wasser laufen.
    Mache dir die Schuhe nicht na, Adele, du knntest leicht den Schnupfen
bekommen, sagte der Professor mit beiender Ironie, whrend er rasch hinabstieg
und Felicitas beide Hnde bot, um sie zu sttzen; aber er lie sie langsam
wieder sinken - das erst vllig ruhige Gesicht des jungen Mdchens hatte sich
pltzlich verwandelt, eine tiefe Falte grub sich zwischen ihren Brauen, und
jener tdlich kalte, feindselige Blick, den er bereits kannte, traf sein Auge.
Sie reichte ihm, das Gesicht abwendend, die kleine Anna hin und schwang sich
dann, die Hand des Rechtsanwalts mit einem schwachen Lcheln der Dankbarkeit
ergreifend, auf den Damm.
    Der Professor trug das Kind in das Gartenhaus, entkleidete es mit Hilfe der
jammernden Mutter und forschte nach den mutmalichen Brandwunden, aber es war,
wunderbar genug, fast unverletzt; nur die linke Hand, von welcher, wie es selbst
weinend erzhlte, das Feuer ausgegangen war, zeigte Brandspuren. Die Kleine
hatte, whrend die Regierungsrtin in der Kche gewesen, unbemerkt die
Schwefelhlzchen vom Herde genommen; beim Anznden drauen im Garten war ein
Zeugstreifen, den man infolge einer kleinen Schnittwunde um ihren Daumen
gewickelt, in Brand geraten; sie hatte die Flamme am Kleide abzustreifen gesucht
und dadurch das Unglck herbeigefhrt.
    Die geflchteten Damen kehrten nun auch smtlich zurck. Ein Gemisch von
Wehklagen und Glckwnschen fr die Mutter des geretteten Kindes strmte von all
den zarten Lippen, und der arme Engel wurde mit Liebkosungen berschttet.
    Aber, beste Karoline, sagte die Regierungsrtin mit sanftem Vorwurfe zu
dem jungen Mdchen, das, bang auf das Ergebnis der Untersuchung harrend, in
ihrer Nhe stand, konnten Sie denn Aennchen nicht ein wenig drauen im Garten
berwachen?
    Der Vorwurf war zu ungerecht.
    Sie hatten mir wenige Augenblicke zuvor verboten, das Haus zu verlassen,
entgegnete Felicitas finster, mit einem ihrer durchdringenden Blicke auf die
Frau, whrend das Rot der Entrstung in ihre Wangen stieg.
    So, ei warum denn das, Adele? fragte Frau Hellwig verwundert.
    Mein Gott, Tantchen, antwortete die junge Witwe, ohne jedwedes Zeichen der
Verlegenheit, das wirst du leicht begreifen, wenn du dir dies Haar ansiehst ...
Ich wollte ihr und uns den blen Eindruck ersparen, den Nachlssigkeit stets
hervorrufen mu.
    Felicitas griff bestrzt nach ihrem Kopfe; sie war sich bewut, ihr Haar mit
ngstlicher Sorgfalt geordnet zu haben; aber der Kamm, der nie recht fest sitzen
wollte in den dicken, widerspenstigen Wellen, war entschlpft - er lag
hchstwahrscheinlich im Mhlbache. Das aufgelste, wundervolle Gelock wogte wie
ein Glorienschein um Wangen und Schultern, noch bestreut mit einzelnen Perlen
des aufgepeitschten Wassers.
    Ist das alles der Gesamtausdruck Ihrer Dankgefhle fr die rettende Hand,
die Ihr Kind unversehrt durch Feuer und Wasser getragen hat, meine Gndige?
fragte der Rechtsanwalt scharf - sein Auge hatte bis dahin fast unverwandt auf
Felicitas geruht.
    Wie mgen Sie nur so ungerecht von mir denken, Herr Frank! verteidigte
sich die junge Witwe tief gekrnkt. Ein Mann wird freilich nie recht das
Mutterherz begreifen lernen; es zrnt im ersten Augenblicke wider Willen denen,
die ein Leiden des geliebten Kindes htten verhten knnen, wenn es auch dankbar
anerkennt, da sie ihr Versehen durch die schlieliche Rettung geshnt haben ...
Meine teure Karoline, wandte sie sich an das junge Mdchen, ich werde Ihnen
den heutigen Tag nie vergessen ... Knnte ich doch in diesem Augenblicke schon
beweisen, wie dankbar ich Ihnen bin! Rasch, als ob sie einer pltzlichen
Eingebung folgte, lste sie das Armband und reichte es Felicitas hin. Da nehmen
Sie vorlufig - es ist mir sehr wert; aber fr die Rettung meines Aennchens
knnte ich das Liebste freudig opfern!
    Felicitas schob tief verletzt die Hnde zurck, die ihr den Schmuck um den
Arm legen wollten.
    Ich danke, sagte sie mit jenem stolzen Zurckwerfen des Kopfes, welches
die demutsvollen Glubigen an dem Spielerskinde stets so entsetzlich fanden;
ich werde mich nie fr das Gengen der Nchstenliebe bezahlen lassen; noch
weniger aber bin ich gesonnen, irgend welches Opfer anzunehmen ... Sie sagen
selbst, da ich einfach ein Versehen geshnt habe, und sind mir mithin nicht im
mindesten verpflichtet, gndige Frau.
    Frau Hellwig hatte der Regierungsrtin das Armband bereits weggenommen.
    Du bist nicht bei Trost, Adele! schalt sie rgerlich, ohne Felicitas'
stolze Antwort weiter zu beachten. Was soll denn das Mdchen mit dem Dings da
anfangen? ... Schenk ihr ein Kleid von derbem, haltbarem Gingham, das kann sie
besser brauchen - und damit ist die Sache abgemacht, basta!
    Nach den letzten Worten ging der Rechtsanwalt hinaus. Er holte seinen Hut
und trat unter das offene Fenster, an welchem Felicitas stand.
    Ich finde, da wir samt und sonders sehr grausam gegen Sie sind! rief er
ihr zu. Zuerst werden Sie mit schndem Golde verwundet, und dann sehen wir Sie
ungerhrt in durchnten Kleidern dastehen ... Ich werde in die Stadt laufen und
das Ntige fr Sie und die kleine Brandstifterin herausschicken.
    Er grte und entfernte sich.
    Er ist ein Narr, sagte Frau Hellwig zornig zu den Damen, die ihm
verdrielich und mit schlecht verhehltem Bedauern ber sein Gehen nachblickten.
    Der Professor hatte, mit dem Kinde beschftigt, kein Wort in die
Belohnungsdebatte fallen lassen; wer ihm aber nahe gestanden, der mute wissen,
da seit dem Moment, wo die Regierungsrtin dem jungen Mdchen das Armband
angeboten hatte, sein Gesicht stark gertet war ... Zum Frauenarzte, oder wohl
gar zu einem jener feinen, geheimen Medizinalrte, die hohe und hchste
Krankheiten und Launen zu ihrem besonderen Studium machen, war er sicher nicht
geschaffen. Er hatte etwas entsetzlich Rcksichtsloses dem zarten Geschlechte
gegenber. Es war doch so natrlich, da man sich ber den Unfall des Kindes zu
Tode erschreckt hatte und gar zu gern ber die etwaigen Folgen beruhigt sein
mochte; aber auf alle die teilnahmvollen Fragen der Damen hatte der Mann der
Wissenschaft nur kurze, trockene Antworten, ja, einige etwas schuldlos klingende
Bemerkungen wurden sogar mit beiendem Sarkasmus gegeielt.
    Er berlie die in einen dicken, wollenen Shawl gewickelte Kleine endlich
den zarten Hnden und schritt auf die Thr zu. Felicitas hatte sich in die
fernste Ecke des Salons zurckgezogen - dort glaubte sie sich vllig
unbeobachtet. Mit schmerzhaft emporgezogenen Schultern lehnte sie an der Wand;
ihr Gesicht hatte eine fahle Blsse angenommen, das vor sich hinstarrende Auge
unter den gerunzelten Brauen und die fest aufeinander gepreten Lippen zeigten
unverkennbar, da sie physisch litt - sie hatte eine bedeutende Brandwunde am
Arme, die ihr unsgliche Schmerzen verursachte.
    Im Begriff, die Thr zu schlieen, sah der Professor noch einmal forschend
in das Zimmer zurck; sein Blick fiel auf das junge Mdchen, er fixierte es
einen Moment scharf und stand pltzlich mit wenig Schritten vor ihr.
    Sie haben Schmerz? fragte er rasch.
    Er lt sich ertragen, antwortete sie mit zitternden Lippen, die sich
sofort krampfhaft wieder schlossen.
    Die Flamme hat Sie verletzt?
    Ja - am Arm. Trotz ihrer Leiden nahm sie eine zurckweisende Haltung an
und wandte das Gesicht nach dem Fenster - sie konnte um alles nicht in diese
Augen sehen, die sie seit ihrer Kindheit verabscheute. Er zgerte einen
Augenblick; aber die Pflicht des Arztes siegte.
    Wollen Sie nicht meine Hilfe annehmen? fragte er geflissentlich langsam
und in gtigem Tone.
    Ich will Sie nicht bemhen, entgegnete sie mit finsterem Blick; ich kann
mir selbst helfen, sobald ich in der Stadt sein werde.
    Nun, wie Sie wollen! sagte er kalt. Uebrigens gebe ich Ihnen doch zu
bedenken, da meine Mutter vorlufig noch Anspruch auf Ihre Zeit und Kraft hat.
Sie drfen sich schon aus dem Grunde nicht mutwillig krank machen. Bei den
letzten Worten vermied er, Felicitas anzusehen.
    Ich vergesse das nicht, versetzte sie minder gereizt; sie fhlte recht
gut, da dies Zurckfhren auf ihre Pflicht nicht geschah, um sie zu demtigen;
er wollte sie offenbar bestimmen, seine rztliche Hilfe anzunehmen. Ich kenne
unser Uebereinkommen genau, fgte sie hinzu, und Sie werden mich bis zu der
letzten Stunde auf dem mir angewiesenen Platze finden.
    Nun, ist auch hier deine rztliche Hilfe ntig, Johannes? fragte die
Regierungsrtin hinzutretend.
    Nein, sagte er kurz. Aber was thust du noch hier, Adele? fuhr er
verweisend fort. Ich habe dir vorhin gesagt, da Anna sofort in die frische
Luft mu, und begreife nicht, weshalb du den Aufenthalt hier in dem schwlen
Zimmer fr ntiger hltst.
    Er ging zur Thr hinaus, und die Regierungsrtin beeilte sich, ihr Kind auf
den Arm zu nehmen; smtliche Damen folgten ihr. Drben am Kaffeetische sa Frau
Hellwig lngst in unerschtterter Gemtsruhe. Zwischen der vorletzten
Maschentour und dem jetzt unter ihren Fingern wachsenden neuen Streifen des
Strickstrumpfes lag die Todesgefahr zweier Menschen; aber das hatte jenes
Gleichgewicht, welches auf sthlernen Nerven und einer noch hrteren Seele
beruhte, nicht zu stren vermocht.
    Endlich kam Heinrich mit den ersehnten Kleidern. Er war so gelaufen, da ihm
der Schwei von der Stirne rann.
    Mit Heinrich zugleich war Rosa eingetroffen. Felicitas erhielt deshalb von
Frau Hellwig die Erlaubnis, in die Stadt zurckzukehren. Sie wute, da Tante
Cordula eine ausgezeichnete Brandsalbe in ihrem reichhaltigen Medizinkasten
hatte, und eilte sofort, indes Heinrich das Haus bewachte, hinauf in die
Mansarde.
    Whrend die alte Mamsell bestrzt die khlende Salbe hervorholte und mit
sanfter Hand den verletzten Arm verband, erzhlte Felicitas den Vorfall. Sie
sprach hastig, in fliegenden Worten. Physischer Schmerz und Gemtsbewegung
hatten sie in eine fieberhafte Aufregung versetzt. Noch siegte indes der starke
Wille des Mdchens ber die Leidenschaftlichkeit; als aber Tante Cordula ruhig
einwarf, sie htte die rztliche Hilfe nicht zurckweisen sollen, da brach die
letzte mhsam behauptete Schranke.
    Nein, Tante! rief sie hastig, die Hand soll mich nicht berhren, und wenn
sie mich aus Todesnot erretten knnte! ... Die Menschenklasse, aus der ich
stamme, ist ihm unsglich zuwider. Dieser Ausspruch aus seinem Munde hat einst
mein Kinderherz bis in den Tod betrbt - ich werde ihn nie vergessen! ... Seine
Pflicht als Arzt lie ihn heute fr einen Moment den Abscheu berwinden, den er
gegen die Paria fhlt, ich will sein Opfer nicht!
    Sie schwieg erschpft, und ihr Gesicht verzog sich im Schmerze, den die
Wunde verursachte.
    Er ist nicht mitleidlos, fuhr sie nach einer Pause fort, ich wei es, er
versagt sich Gensse um seiner armen Patienten willen. An jedem anderen wrden
mich solche fortgesetzte Opfer, solch stille Tugend zu Thrnen rhren, hier aber
empren sie mich wie an einer anderen Menschenseele das Laster ... Ich bin
unedel, Tante, niedrig denkend - ich fhle es wohl, aber ich kann mir nicht
helfen, es verursacht mir heftige Pein, Zorn und Groll, an ihm etwas bewundern
zu sollen, den ich bis in alle Ewigkeit verabscheue!
    Einmal vom Boden strenger Zurckhaltung und Verschlossenheit gewichen,
beklagte sie sich auch heute zum erstenmal bitter ber das herzlose Benehmen der
jungen Witwe. Jener eigentmliche rote Fleck erschien, wenn auch flchtig, unter
dem linken Auge der alten Mamsell.
    Kein Wunder - sie ist ja Paul Hellwigs Tochter! warf sie hin. In diesen
wenigen, mit schwacher, aber schneidender Stimme gesprochenen Worten lag eine
strenge Verurteilung. Felicitas horchte berrascht auf. Nie hatte Tante Cordula
eine Beziehung zu irgend einem Hellwigschen Familiengliede berhrt - die
Nachricht von der Ankunft der Regierungsrtin hatte sie damals schweigend und
scheinbar vllig teilnahmslos angehrt, so da Felicitas annehmen mute, die
Verwandten am Rhein haben ihr zeitlebens fern gestanden.
    Frau Hellwig nennt ihn den Auserwhlten des Herrn, den unermdlichen
Streiter fr den heiligen Glauben, sagte das junge Mdchen nach einer kurzen
Pause zgernd. Er mu ein glaubensstrenger Mann sein, einer jener finsteren
Eiferer, die zwar mit eiserner Konsequenz nach Gottes Geboten leben, aber auch
eben deshalb unerbittlich und unnachsichtlich die Fehler und Schwchen anderer
richten.
    Ein leises, heiseres Gelchter schlug an Felicitas' Ohr. Die alte Mamsell
hatte eine eigentmliche Art von Gesichtszgen, bei welchen man nie fragt: sind
sie schn oder hlich? Die herzerquickende Sprache weiblicher Sanftmut und
Gte, eines tiefsinnigen Geistes vermittelt hier zwischen den strengen
Anforderungen der Schnheitsgesetze und der eigenwillig formenden Natur - wo die
Linie abweicht, da ergnzt der Ausdruck, aber eben deshalb kann uns auch diese
Gattung Gesichter pltzlich vollkommen fremd werden, sobald ihre gewohnte
Harmonie gestrt wird. Tante Cordula erschien in diesem Augenblicke frmlich
unheimlich; es war ein Hohngelchter, wenn auch ein leises, gedmpftes, welches
sie ausstie; ihr sonst so stilles, liebes Gesicht hatte etwas Medusenhaftes
durch den pltzlichen Ausdruck unsglicher Bitterkeit und einer namenlosen
Verachtung. Jene Aeuerung im Verein mit dem seltsamen Gebaren der alten Mamsell
warfen abermals einen schwachen Lichtreflex auf ihre geheimnisvolle
Vergangenheit, aber nicht ein leitender Faden wurde sichtbar in dem dunklen
Gewebe, und auch jetzt that sie alles, um den Eindruck ihres momentanen
Sichgehenlassens bei dem jungen Mdchen zu verwischen.
    Auf dem groen, runden Tische mitten im Zimmer lagen verschiedene Mappen,
sie waren geffnet. Felicitas kannte die zerstreut umherliegenden Bltter und
Hefte sehr gut. Da, auf grobem, vergilbtem Papiere, mit verblichener Tinte und
oft in sehr verzwickten Hieroglyphen hingeworfen, leuchteten Namen wie Hndel,
Gluck, Haydn, Mozart - es war Tante Cordulas Handschriftensammlung berhmter
Komponisten. Bei Felicitas' Eintritt in das Zimmer hatte die alte Dame in den
Papieren gekramt, die, jahrelang unausgelftet hinter den Glasscheiben liegend,
jetzt einen durchdringenden Modergeruch ausstrmten. Sie nahm schweigend die
Arbeit wieder auf, indem sie die Papiere mit groer Vorsicht und Behutsamkeit in
die Mappe schob. Der Tisch leerte sich allmhlich, und dadurch wurde auch ein
tiefer unten liegendes, dickes, geschriebenes Notenheft sichtbar. Musik zu der
Operette: Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des Bierbrauens, von Johann
Sebastian Bach, stand auf dem Titelblatte.
    Die alte Mamsell legte bedeutungsvoll den Finger auf den Namen des
Komponisten. Gelt, das kennst du noch nicht? fragte sie mit einem wehmtigen
Lcheln. Das hat viele Jahre zusammengerollt im obersten Fache meines
Geheimschrankes gelegen ... Heute morgen gingen allerlei Gedanken durch meinen
alten Kopf - sie meinten alle miteinander, es sei Zeit, Ordnung fr die
Heimreise zu machen, und nach dieser Ordnung gehrt das Heft in die rote Mappe
... Es mag wohl das einzige Exemplar sein, das existiert - es wird dereinst mit
Gold aufgewogen werden, meine liebe Fee. Das Textbuch, ganz speziell fr unsere
kleine Stadt X. und meist im hiesigen Dialekt geschrieben, ist vor beinahe zwei
Jahrzehnten hier aufgefunden worden und hat um seiner mutmalichen Bachschen
Komposition willen in der musikalischen Welt Aufsehen erregt; diese Komposition,
die man noch sucht - hier ist sie. Die Melodien, die fr die Welt weit ber ein
Jahrhundert hier auf dem Papiere geschlafen haben, sind fr die Musiker eine Art
Nibelungenhort, umsomehr, als sie die einzigen eigentlichen Opernmelodien sind,
die Bach je komponiert hat ... Anno 1705 haben die Schler der hiesigen
Landesschule und verschiedene Brger drben im alten Rathaussaale, damals der
Tuchboden genannt, die Operette aufgefhrt.
    Sie schlug das Titelblatt um; da stand auf der Rckseite in zierlicher
Schrift: Johann Sebastian Bachs eigenhndig geschriebene Partitur, von ihm
erhalten zum Andenken im Jahre 1707. Gotthelf v. Hirschsprung. - Der da soll
mitgesungen haben, fuhr sie mit etwas vibrierender Stimme fort, indem sie auf
den letzten Namen zeigte.
    Und wie kam das Heft in deine Hnde, Tante?
    Durch Erbschaft, klang es kurz abweisend, fast rauh von Tante Cordulas
Lippen, whrend sie die Partitur in die rote Mappe legte.
    In solchen Momenten war es geradezu unmglich, ein Gesprch verlngern zu
wollen, welches die alte Mamsell abzubrechen wnschte. In Haltung und Gebrden
der kleinen, hinflligen Gestalt lag dann eine so entschiedene Zurckweisung,
da nur Taktlosigkeit und unverschmte Neugierde vorzugehen vermochten.
Felicitas warf einen sehnschtigen Blick auf das verschwindende Manuskript; die
Melodien, die kein Lebender, auer Tante Cordula, kannte, erregten ihr hchstes
Interesse, aber sie wagte nicht, um einen Einblick zu bitten, wie sie ja auch
vorhin bei ihrer Mitteilung die Armbandgeschichte vllig unerwhnt gelassen
hatte - nie htte sie eine schmerzlich klingende Saite im Innern ihrer
Beschtzerin zum zweitenmal berhren mgen.
    Die alte Mamsell schlug den Flgel auf, und Felicitas zog sich in den Vorbau
zurck ... Die Sonne war im Untergehen. Dort drben lag es noch wie ein
aufgewirbelter, funkelnder Goldstaub, der das Auge blendete und Himmel und Erde
formlos ineinander schwimmen lie. Wie aus der Hand des Smanns die weithin
geschleuderten Krner, so fielen von dort her Streiflichter purpurn und goldig
frbend auf die Wipfel des Bergwaldes und auf das bltenbeschneite Thalgelnde.
Einzelne Partien der Gegend traten dadurch berraschend und fremdartig hervor,
gleich einem neuen Gedanken in der sinnenden Menschenstirne ... Das kleine Dorf
dort, das seine letzten Htten keck den Fu des Berges ersteigen lie, erreichte
der Sonnenstrahl nicht mehr, aber vom Kopfe des spitzen Kirchturms zuckten noch
Blitze, und die weit offenen Thren der Huser zeigten das rotglhende
Herdfeuer, auf welchem die Abendkartoffeln kochten ... Ser Abendfrieden lag da
drauen, und hier oben quoll der Blumenduft betubend empor, kein Lftchen trug
ihn weiter, noch rhrte es an die sonnenmden Bltter und Zweige. Manchmal fiel
ein schwerflliger Maikfer klatschend auf die Galerie, oder ein Schwalbenpaar
schwirrte, von Elternsorgen getrieben, vorber - sonst war es still, feierlich
still. Um so ergreifender schwebten die Klnge des Beethovenschen Trauermarsches
heraus in den Vorbau, aber schon nach wenigen Akkorden hob Felicitas erschreckt
den tiefgesenkten Kopf und blickte angstvoll in das Zimmer zurck - das war kein
Klavierspiel mehr; ein Tongeflster, hinsterbend und geisterhaft, schlug es doch
mit der ganzen Kraft einer unabweisbaren, urpltzlich begriffenen Mahnung an das
Herz des jungen Mdchens: die Hnde, die ber die Tasten hinglitten, waren mde,
sterbensmde, und das, was unter ihnen hervorklang, waren die Flgelschlge
einer Seele, die sich losreien wollte fr immer.

                                       15


Die Feuer- und Wassertaufe hatte fr die zwei Beteiligten doch ihre Folgen. Ein
starkes Schnupfenfieber brach whrend der Nacht bei dem Kinde aus, und Felicitas
erwachte am anderen Morgen mit heftigem Kopfweh. Sie besorgte trotzdem die ihr
bertragenen Geschfte mit gewohnter Pnktlichkeit, der verletzte Arm hinderte
sie wenig, denn die vortreffliche Salbe hatte ber Nacht bereits ihre
Schuldigkeit gethan.
    Nachmittags kehrte der Professor nach Hause zurck. Er hatte eben eine
Augenoperation, an die sich bis dahin kein Arzt gewagt, glcklich ausgefhrt. In
Gang und Haltung offenbarte sich wie immer jenes ruhige, rcksichtslose
Sichgehenlassen, das scheinbar durch nichts aus dem Gleichgewicht gebracht
werden konnte, auch die krftige Hautfarbe seines Gesichts war nicht um eine
Nance erhhter - wer aber sein Auge kannte, dem mute der ungewohnte Glanz
auffallen, der unter den starken Brauen hervorleuchtete; diese kalten,
stahlgrauen Augen, die nur gemacht schienen, prfend und khl sondierend in das
Seelenleben anderer zu dringen, hatten also doch auch Momente, wo sie eigene
innere Befriedigung und Wrme ausstrahlten.
    Er blieb an der Hofthr stehen und frug Friederike, die mit einem Eimer voll
Wasser in die Hausflur trat, nach ihrem Befinden.
    Mir geht es wieder gut, Herr Professor, antwortete sie, ihren Eimer
hinstellend, aber die da drben, sie zeigte ber den Hof hinweg nach einem
Fenster im Erdgescho, die Karoline hat gestern bei der Feuergeschichte eins
weggekriegt. Ich hab' fast kein Auge zuthun knnen, so hat sie die ganze Nacht
im Schlafe vor sich hingeschwatzt, und heute geht sie mit einem Kopfe 'rum, der
wie Scharlach, und -
    Das htten Sie frher sagen sollen, Friederike, unterbrach sie der
Professor streng.
    Ich hab's auch der Madame gesagt, aber sie meinte, es wrde sich schon
wieder geben. Fr die ist sein Lebtag kein Doktor geholt worden, und sie ist
auch durchgekommen - Unkraut verdirbt nicht, Herr Professor! ... Es hilft ja
auch gar nichts, wenn man gut mit ihr sein will, setzte sie entschuldigend
hinzu, als sie sah, da sich sein Gesicht auffallend verfinsterte; sie war von
klein auf ein verstocktes Ding und hat immer so apart gethan, wie ein Knigskind
- da Gott erbarm', so ein Spielersmdchen! ... Manchmal, wenn ich fr die
Madame was Gutes gebacken oder gebraten hatte, da hab' ich ihr auch ein paar
Bissen hingestellt - lieber Gott, man hat ja doch auch ein Herz! Aber glauben
Sie denn, sie htte es angerhrt? Ja, Gott bewahre - ich hab's allemal wieder
forttragen mssen. Sehen Sie, Herr Professor, so machte sie's schon als Kind!
Sie hat sich berhaupt immer nur halb sattgegessen von der Zeit an, wo der
sel'ge Herr gestorben ist ... Das ist aber alles die pure Verstocktheit und der
sndhafte Hochmut, sie will nichts geschenkt haben, partout nicht! Ich hab's mit
meinen eigenen Ohren gehrt, wie sie dem Heinrich gesagt hat, wenn sie erst
einmal das schreckliche Haus im Rcken htte, da wollte sie arbeiten, da ihr
das Blut unter den Ngeln hervorkme, und jeden verdienten Groschen an die
Madame schicken, bis jeder Bissen Brot, den sie hier im Hause gegessen htte,
bezahlt wre.
    Die alte Kchin bemerkte nicht, da ihrem Zuhrer whrend ihres
Herzensergusses das Blut immer mehr in das Gesicht stieg. Sie hatte kaum den
letzten Satz beendet, als er, ohne ein Wort zu entgegnen, sofort ber den Hof
nach dem ihm bezeichneten Fenster schritt. Es war ein groes Bogenfenster mit
steinerner Einfassung, das sehr tief auf den Boden herabging und zu der Kammer
gehrte, in welcher Friederike und Felicitas schliefen. Die offenen Flgel
lieen nackte, getnchte Wnde und elende Gertschaften sehen, es war jener
enge, abscheuliche Raum, in welchem einst die kleine vierjhrige Felicitas die
ersten Sehnsuchtsschmerzen hatte durchleiden mssen ... Jetzt sa sie da am
Fenster, die Ausgestoene, die Verstockte, die sich nicht satt a in fremdem
Brote, die arbeiten wollte, bis ihr das Blut unter den Ngeln hervorkam, um jede
Verpflichtung trotzig abschtteln zu knnen - ein Stolz, der sich mit wahrhaft
mnnlicher Unbeugsamkeit inmitten der tiefsten Demtigungen aufrecht erhalten
hatte, eine energische Seele voll unerschpflicher Kraft, und das alles in
diesem jungen Geschpfe, das sich da so kindlich lieblich, scheinbar im Schlafe,
zusammenschmiegte. Ihr Kopf ruhte, vom untergelegten Arme gesttzt, auf dem
Fenstersims, die atlasweie Haut des Gesichts und die schimmernde Pracht der
Haare hoben sich scharf ab von dem verwitterten, grauen Gestein. Unschuldig
still und leidvoll erschien das reine Profil mit den sanftgeschlossenen Lippen
und den schwermtig herabgeneigten Mundwinkeln - lagen doch die dunklen Wimpern
tief auf der bleichen Wange und bedeckten die Augen, die so oft in Groll und
Erbitterung aufblitzten.
    Der Professor war geruschlos herangetreten, er betrachtete sie einen Moment
unbeweglich, dann bog er sich zu ihr nieder.
    Felicitas! klang es weich und mitleidsvoll von seinen Lippen.
    Sie fuhr empor und starrte wie unglubig in die Augen, die auf sie
niedersahen - ihr Name, von ihm ausgesprochen, hatte sie wie ein elektrischer
Schlag berhrt. Aber ihre Gestalt, die eben noch wie ein harmloses Kind sich
elastisch zusammengeschmiegt hatte, sie stand urpltzlich da, in jedem Muskel
gespannt, gleichsam aufhorchend, als gelte es, einen feindlichen Angriff
abzuwehren.
    Der Professor ignorierte diese Umwandlung vllig.
    Ich hre von Friederike, da Sie leidend sind, sagte er in dem gewohnten,
ruhig freundlichen Ton des Arztes.
    Ich fhle mich wieder wohl, antwortete sie gepret. Ungestrte Ruhe
stellt mich stets rasch wieder her.
    Hm - Ihr Aussehen jedoch, er vollendete den Satz nicht, streckte aber ohne
weiteres den Arm herein und wollte ihr Handgelenk ergreifen. Sie wich einige
Schritte tiefer ins Zimmer zurck.
    Seien Sie vernnftig, Felicitas! ermahnte er, immer noch freundlich ernst,
aber seine Brauen runzelten sich finster, als das Madchen bewegungslos stehen
blieb, whrend sie die Arme beinahe krampfhaft fest um ihre Taille legte. Trotz
des dichten Bartes konnte man sehen, wie er zornig die Lippen zusammenkniff.
    Nun, so werde ich nicht mehr als Arzt, sondern als Vormund zu Ihnen
sprechen, sagte er in hartem Tone, und als solcher befehle ich Ihnen, sofort
hierher zu kommen!
    Sie sah nicht auf, ihre Wimpern legten sich vielmehr noch tiefer auf die
Wangen, die eine glhende Rte bedeckte, und ihre Brust hob und senkte sich im
schweren inneren Kampfe, aber sie kam langsam heran und reichte ihm schweigend,
mit weggewandtem Gesichte, die Hand hin, die er sanft in die seine nahm ...
Diese auerordentlich schmale, kleine, aber hartgearbeitete Hand zitterte so
heftig, da es wie ein tiefes Erbarmen durch die ernsten Zge des Professors
ging.
    Thrichtes, eigensinniges Kind, da haben Sie mich nun wieder einmal
gezwungen, mit aller Strenge gegen Sie aufzutreten! sagte er mit mildem Ernste.
Und ich htte gewnscht, da wir ohne weitere Feindseligkeiten auseinandergehen
sollten ... Haben Sie denn gar keinen anderen Blick fr mich und meine Mutter,
als den eines unauslschlichen Hasses?
    Man kann nicht anders ernten wollen, als man geset hat! entgegnete sie
mit halberstickter Stimme. Sie strebte fortwhrend sich loszuwinden, und ihre
Augen hafteten mit einem so still entsetzten Ausdruck auf den Fingern, die ihr
Handgelenk weich, aber krftig umschlossen, als seien sie glhendes Eisen.
    Jetzt lie er ihre Hand rasch fallen. Milde und Mitleid verschwanden aus
seinen Zgen, er stie mit der Spitze seines Stockes rgerlich nach einigen
schuldlosen Grashalmen, die zwischen dem Gefge des Pflasters sproten -
Felicitas atmete auf, so sollte er sein, rauh, hart; sein mitleidsvoller Ton war
ihr entsetzlich.
    Immer derselbe Vorwurf, sagte er endlich kalt. Ihr bermiger Stolz mag
freilich oft genug verwundet worden sein; war es doch gerade unsere Aufgabe, Sie
auf mglichst gemigte Ansprche zurckzufhren ... Ich kann getrost Ihren Ha
auf mich nehmen, denn ich habe nur Ihr Bestes gewollt; und meine Mutter? ...
nun, ihre Liebe mag schwer zu gewinnen sein, das will ich nicht bestreiten, aber
sie ist unbestechlich gerecht, und schon ihre Gottesfurcht wird nicht zugelassen
haben, da Ihnen wirkliches Leid und Unrecht geschehe ... Sie sind im Begriff,
hinauszutreten in die Welt und sich auf eigene Fe zu stellen, dazu bedarf es
in Ihrer Lage vor allem der Fgsamkeit ... Wie soll Ihnen der Verkehr mit den
Menschen berhaupt mglich werden bei Ihren falschen Ansichten, die Sie so
eigensinnig festhalten? Wie wollen Sie je auch nur ein Herz gewinnen mit diesen
trotzigen Augen?
    Sie hob die Wimpern und sah ihn ruhig und fest an.
    Wenn man mir beweist, da meine Ansichten der Moral und der reinen Vernunft
gegenber nicht Stich halten, dann will ich sie gern fallen lassen, entgegnete
sie mit ihrer tiefen, ausdrucksvollen Stimme. Aber ich wei, ich stehe nicht
allein mit der Ueberzeugung, da keinem Menschen, und sei er, wer er wolle, das
Recht zukommt, andere zu geistigem Tode zu verurteilen; ich wei, da tausend
andere mit mir fhlen, wie ungerecht und strafbar es ist, einer Menschenseele
die Berechtigung des Aufwrtsstrebens abzusprechen, weil sie in einem niedrig
geborenen Leibe wohnt ... Ich gehe getrost hinaus unter die Menschen, denn ich
habe Vertrauen zu ihnen und hoffe zuversichtlich, diejenigen zu finden, denen
ich ganz gewi nicht trotzig gegenberstehen will ... Ein unglckliches
Menschenkind wie ich, das unter gemtlosen Seelen leben mu, hat keine andere
Waffe, als seinen Stolz, keine andere Sttze, als das Bewutsein, da es auch
Gottes Kind, Geist von seinem Geiste ist. Ich wei, da fr ihn alle die Stufen
und Schranken in der menschlichen Gesellschaft nicht bestehen - sie sind
Menschenerfindung, und je kleiner und erbrmlicher die Seele, um so fester hlt
sie an ihnen.
    Sie wandte sich langsam um und verschwand hinter der Thr, die nach der
Gesindestube fhrte, und er stand drauen und starrte ihr nach, dann drckte er
den Hut tief in die Stirne und schritt dem Hause zu. Was in diesem gesenkten
Kopfe vorging, vermochte wohl niemand zu ergrnden; so viel aber war gewi,
jener Glanz seiner Augen, den er vorhin mit heimgebracht, war verflogen - es lag
wie ein finster brtender Geist auf den stark gefurchten Brauen.
    In der Hausflur standen der Rechtsanwalt Frank und Heinrich beisammen. Der
Professor sah rasch, wie erwachend, auf, als ihre Stimmen sein Ohr berhrten.
    Nun, du hast Patienten im Hause, Professor? fragte der Rechtsanwalt, indem
er ihm die Hand reichte. Die Feuergeschichte hat fatale Folgen, wie ich hre -
das Kind -
    Hat ein tchtiges Schnupfenfieber, ergnzte der Professor trocken. Er
schien offenbar nicht in der Laune, sich auf weitere Erterungen einzulassen.
    Ach, Herr Professor, das hat ja wohl nicht viel zu bedeuten! meinte
Heinrich. Das Kind ist einmal eine arme kranke Kreatur und pimpelt den ganzen
Tag - wenn aber so ein Mdchen, wie die Fee, der das ganze Jahr keine Ader weh
thut, den Kopf hngt, da kommt einem die Angst.
    Nun, von der Kopfhngerei habe ich nicht viel bemerken knnen, sagte der
Professor mit auffallend scharfer Stimme, - man sah, wie unter dem Barte die
Mundwinkel ironisch zuckten. Der Kopf sitzt fest wie irgend einer, darauf
kannst du dich verlassen, Heinrich!
    Er schritt mit dem Rechtsanwalt die Treppe hinauf. Auf den obersten Stufen
kam ihnen Aennchen entgegen; sie war barfu und im Nachtkleidchen, auf dem
gedunsenen Gesichtchen glhten Fieberflecken und die Augen waren geschwollen vom
Weinen.
    Mama fort, Rosa fort, Aennchen will Wasser trinken! rief sie dem Professor
entgegen. Er nahm sie erschrocken auf den Arm und trug sie in das Schlafzimmer
zurck - niemand war zu sehen. Erzrnt rief er nach dem Mdchen. Eine ferne Thr
ging auf, und mit erhitztem Gesicht, das Bgeleisen in der Hand, kam Rosa
herbeigelaufen; dort in dem Zimmer blhte sich eine ungeheure, bltenweie
Mullwolke auf dem Bgelbrette.
    Wo stecken Sie denn? Wie knnen Sie das Kind allein lassen? fuhr er sie
an.
    Ach, Herr Professor, ich kann mich doch nicht in Stcke teilen,
verteidigte sich das junge Mdchen, fast weinend vor Aerger. Die gndige Frau
mu durchaus ein frischgewaschenes Kleid morgen frh haben - das Waschen und
Bgeln nimmt ja gar kein Ende mehr - wenn Sie nur wten, solch ein Kleid ist
eine Heidenarbeit -
    Sie hielt inne, der Rechtsanwalt brach in ein lautes Gelchter aus.
    O, ber die Frau im einfachen weien Mullkleide! rief er und hielt sich
die Seiten, denn das finster verlegene Gesicht des Professors erschien ihm
urkomisch.
    Die gndige Frau meinten, nahm Rosa ihre Verteidigungsrede wieder auf, es
sei ja doch nur ein leichtes Schnupfenfieber bei Aennchen, sie knnte ganz gut
einmal auf ein halbes Stndchen allein bleiben; sie hat ihr allerhand Spielzeug
aufs Bettchen gegeben -
    Und wo ist meine Kousine? unterbrach der Professor sie rauh.
    Die gndige Frau sind mit Madame Hellwig in den Missionsverein gegangen.
    So, schnitt er ihren Bericht kurz ab - er sah grimmig aus. Jetzt gehen
Sie und machen Sie den Plunder fertig! befahl er, nach der Thr zeigend, aus
der sie gekommen war, dann rief er nach Friederike, aber die alte Kchin steckte
mit beiden Hnden in einem eben angerhrten Teige und schickte Felicitas.
    Das junge Mdchen kam die Treppe herauf. Noch lag die feine Rte innerer
Bewegung auf ihren Wangen, doch ihr Auge streifte khl und ernst das aufgeregte
Gesicht des Professors. Sie blieb in ruhig fester Haltung stehen und erwartete
schweigend seine Befehle. Es kostete ihm augenscheinlich groe Ueberwindung sie
anzureden.
    Die kleine Anna ist ohne Aufsicht - wollen Sie bei ihr bleiben, bis ihre
Mutter zurckkommt? fragte er endlich; einem aufmerksamen Ohre konnte es nicht
entgehen, da er seine Stimme zu einem freundlichen Tone zwang.
    Sehr gern, antwortete sie unbefangen, aber ich habe ein Bedenken - die
Frau Regierungsrtin liebt es nicht, das Kind mit mir zusammen zu sehen. Wollen
Sie die Verantwortlichkeit bernehmen, so bin ich bereit.
    Ja wohl, das will ich.
    Sie schritt ohne weiteres in das Schlafzimmer und schlo die Thr. Der
Rechtsanwalt sah ihr mit aufleuchtenden Augen nach.
    Fee nennt sie Heinrich seltsamerweise, sagte er zu dem Professor, whrend
er neben ihm die Treppe nach dem zweiten Stocke hinaufstieg, und so sonderbar
auch der Name auf seiner derben Zunge klingt, auf die Erscheinung pat er
prchtig ... Ich mu aufrichtig gestehen, ich begreife nicht, wo ihr, du sowohl
wie deine Mutter, den Mut hernehmt, dies merkwrdige Mdchen eurer alten Kchin
und dem naseweisen Kammerktzchen da unten gleichzustellen.
    Ah - wir htten sie in Samt und Seide wickeln sollen, meinst du? rief der
Professor so heftig gereizt, wie ihn sein Freund noch nie gesehen. Und weil dem
Hause Hellwig eine Tochter versagt ist, so htte, deiner Ansicht nach, der leere
Platz nicht vortrefflicher ausgefllt werden knnen, als mit dieser Fee, oder
besser Sphinx, wie ich sie nenne ... du bist von jeher ein Schwrmer gewesen!
... Uebrigens steht es dir frei - sein Ton vibrierte vor innerer Aufregung -
die Tochter des Taschenspielers zur Frau Frank zu machen - meinen Segen als
Vormund hast du!
    Das feine Gesicht des Rechtsanwaltes errtete bis unter den lockigen
Haarstreifen ber der Stirne. Er sah einen Moment angelegentlich durch das
Fenster hinunter auf den Marktplatz - sie hatten im Gesprch das Zimmer des
Professors betreten - dann wandte er sich lchelnd um.
    So, wie ich das innerste Wesen des Mdchens auffasse, wird sie sich
schwerlich um deinen vormundlichen Segen kmmern; ich wrde mithin lediglich auf
ihre Entscheidung angewiesen sein, entgegnete er nicht ohne leisen Spott, und
wenn du meinst, mein Ohr mit der Bezeichnung Taschenspielerstochter zu
erschrecken, so irrst du dich gewaltig, mein sehr verehrter Professor ... Du
freilich, bei deinen Grundstzen, wrdest einen solchen Gedanken nicht ohne
gewaltige Nervenerschtterung ausdenken - ein Spielerskind mit warmem, raschem
Herzschlag und das khle Blut ehrenfester Kauf- und Handelsherren, das fein
gemessen durch deine Adern fliet - das ginge freilich nun und nimmer - die dort
mten sich ja samt und sonders im Grabe umdrehen!
    Er zeigte durch die offene Thr in die anstoende groe Erkerstube. Dort an
der langen Wandseite hing eine Reihe vortrefflich gemalter mnnlicher Oelbilder,
stattliche, behbige Gestalten mit funkelnden Diamanten an den Fingern und auf
dem zierlich gefltelten Busenstreifen. Das waren verschiedene Brgermeister und
Kommerzienrte, die einst den Namen Hellwig getragen hatten.
    Der Professor ging hinber in das Zimmer - die Nadelstiche des Spottes
schienen an ihm abzugleiten. Er kreuzte die Arme ber der Brust und schritt
einigemal unter den Bildern auf und ab.
    Sie haben tadellos dagestanden im Leben, sagte er pltzlich stehen
bleibend. Ob jeder ohne innere Anfechtung und Kmpfe diese makellose uere
Wrde und Haltung behauptet hat - ich glaube es nicht. Die menschliche Natur hat
viel Sprdes, sie widerstrebt da meist am hartnckigsten, wo sie gehorchen mu
... Alle diese Opfer sind Steine zu einem soliden Bau gewesen, und dieser Bau
heit das Haus Hellwig. Sollen sie gefordert und gebracht worden sein, damit ein
Enkel kommt und sie mit einem Futritte wie ein Kartenhaus umstt? ... Gott
soll mich bewahren!
    Es sah fast aus, als habe er mit diesen Worten einen inneren Konflikt
gelst, denn die seltene Gereiztheit, die Frank mit Verwunderung an ihm
beobachtet hatte, war verschwunden, als er in sein Zimmer zurckkehrte. -
    Felicitas mochte vielleicht eine halbe Stunde am Bette des Kindes gesessen
haben, als die Regierungsrtin nach Hause kam. Ihr Gesicht verfinsterte sich
sofort beim Erblicken des jungen Mdchens.
    Wie kommen Sie hierher, Karoline? fragte sie scharf, indem sie ihren
Sonnenschirm auf das Sofa warf und hastig ihre feinen dnischen Handschuhe
abstreifte. Ich habe Sie doch sicher nicht um diese Dienstleistung ersucht!
    Aber ich! sagte der Professor mit harter Stimme, der pltzlich hinter ihr
auf der Schwelle der offenen Thr erschien. Dein Kind brauchte Aufsicht, es kam
mir barfu auf der Treppe entgegen.
    Nicht mglich! ... Ja, Aennchen, wie konntest du denn so unfolgsam sein?
    Bist du wirklich im Zweifel, Adele, wer hier den Vorwurf verdient, fragte
der Professor noch immer sich beherrschend, aber es grollte bereits in seiner
Stimme.
    Mein Gott, ich bin ja trostlos ber dies pflichtvergessene Geschpf, die
Rosa! ... Sie hat auf der Gotteswelt nichts zu thun, als das Kind zu
beaufsichtigen, aber ich wei schon, man darf nur den Rcken wenden, da gafft
sie zum Fenster hinaus, steht vorm Spiegel -
    Zufllig steht sie in diesem Augenblicke am Bgelbrette und richtet im
Schweie ihres Angesichtes ein Kleid her, das du  tout prix morgen anziehen
mut, unterbrach sie der Professor, in schneidendem Hohne jedes Wort
markierend.
    Sie erschrak heftig. Die tdlichste Verlegenheit spiegelte sich momentan auf
ihrem Gesichte, allein sie fate sich rasch.
    Gott, wie albern! rief sie unmutig die weie Stirne runzelnd, da hat sie
mich wieder einmal vllig miverstanden - ich habe hufig das Unglck!
    Gut, unterbrach er sie beharrlich, wir wollen dies Miverstndnis gelten
lassen, aber wie mochtest du ihr, deren Unzuverlssigkeit du eben hervorhobst,
dein krankes Kind allein anvertrauen?
    Johannes, mich rief eine heilige Pflicht! antwortete die junge Witwe
nachdrcklich mit einem schwrmerischen Aufschlag ihrer schnen Augen.
    Deine heiligste ist die Mutterpflicht! rief er - in diesem Augenblicke war
er sehr zornig. Ich habe dich nicht hierhergeschickt, um in
Missionsangelegenheiten thtig zu sein, sondern einzig und allein des Kindes
wegen!
    Um Gottes willen, Johannes, wenn die Tante und mein Papa dich hrten! ...
Frher dachtest du anders!
    Das gebe ich dir vollkommen zu. Eigenes Denken aber wird uns stets auf den
unerschtterlich festen Satz der Moral zurckfhren, da wir zunchst unsere
ganzen Krfte dem Boden zuwenden sollen, auf den uns die Vorsehung gestellt hat
- und wenn du dereinst hundert aus dem Heidentume gerettete Kinderseelen dem
Ewigen aufzhlen kannst, sie werden nicht um ein Jota den Vorwurf rechtfertigen,
da du dein eigenes darber hast zu Grunde gehen lassen!
    Das Gesicht der Regierungsrtin glhte wie eine Ponie. Sie rang nach
Fassung und der gewohnten Sanftmut, und es gelang ihr.
    Sei nicht so streng gegen mich, Johannes! bat sie. Bedenke, da ich ein
schwaches Weib bin, aber gewi immer nur das Beste will ... Habe ich gefehlt, so
ist es wohl auch hauptschlich aus Liebe zu deiner guten Mutter geschehen, die
meine Begleitung wnschte - es soll aber gewi nicht wieder vorkommen.
    Die Regierungsrtin hatte mit dem weichsten Tone ihrer fltenartigen Stimme
gesprochen und bot dem Professor lieblich lchelnd die Hand. Sonderbar, der
ernste Mann errtete wie ein junges Mdchen - es war ihm wohl selbst unbewut,
da ein scheuer Seitenblick rasch nach der hinberstreifte, die mit gesenkten
Lidern am Bette des Kindes sa - er erfate zgernd die Hand mit zwei Fingern
und lie sie sofort wieder fallen ... Die zwei Taubenaugen, welche bittend und
unverwandt auf seinem Gesichte geruht hatten, funkelten auf, und das Gesicht
erblate, aber die Sanftmut wurde tapfer behauptet. Die junge Frau nahm den Kopf
ihres Kindes zwischen ihre Hnde und hauchte einen Ku auf die kleine,
fieberglhende Stirne.
    Ich kann nun Aennchens Pflege wieder bernehmen und danke Ihnen herzlich,
liebe Karoline, da Sie mich einstweilen vertreten haben, sagte sie freundlich
zu Felicitas.
    Das junge Mdchen erhob sich rasch, aber die Kleine brach in ein
bitterliches Weinen aus und umklammerte mit beiden Hndchen fest ihren Arm.
    Der Professor prfte den Puls des Kindes.
    Sie hat starkes Fieber; ich darf durchaus nicht zulassen, da sie sich noch
mehr aufregt, sagte er mit kalter Freundlichkeit zu Felicitas. Sie bringen
wohl das Opfer, dazubleiben, bis sie eingeschlafen sein wird?
    Sie nahm schweigend ihren Platz wieder ein, und er ging hinaus. Zu gleicher
Zeit eilte die Regierungsrtin in ihr Wohnzimmer und lie die Thr hinter sich
ziemlich unsanft ins Schlo fallen. Felicitas hrte, wie sie drin mit raschen
Schritten auf und nieder lief. Pltzlich klang ein scharfes Gerusch, wie das
Zerreien irgend eines Gewebes, durch die Thr. Aennchen richtete sich horchend
auf und fing an zu zittern; das Gerusch wiederholte sich und folgte immer
rascher aufeinander.
    Mama, Aennchen will artig sein, will's nicht wieder thun! Ach, Mama,
Aennchen nicht patschen! rief das Kind pltzlich wie auer sich.
    In dem Augenblicke trat Rosa in das Zimmer. Das frische Gesicht des Mdchens
sah bla und erschreckt aus.
    Sie zerreit wieder einmal - ich hrte es auf dem Vorplatze, murmelte sie
mit einem unsglich verchtlichen Ausdruck zu Felicitas hinber. Still,
Herzchen, flsterte sie dem Kinde beschwichtigend zu, Mama thut dir nichts;
sie kommt nicht heraus und wird bald wieder gut!
    Drben wurde eine Thr zugeschlagen, die Regierungsrtin hatte sich
entfernt. Rosa ging in das Wohnzimmer und kam gleich darauf mit einem Bndel
weier Fetzen in der Hand zurck - es waren die Ueberreste eines ehemaligen
Batisttaschentuches.
    Wenn sie in Wut kommt, so kennt sie sich selbst nicht mehr! grollte das
Mdchen flsternd. Da zerreit sie, was sie gerade unter den Hnden hat, und
schlgt auch ohne Gnade und Barmherzigkeit zu - das wei der arme, kleine Tropf
da recht gut.
    Felicitas drckte das Kind an ihre Brust, als msse sie es vor den
Zornausbrchen der leidenschaftlichen Mutter schtzen; ihre Besorgnis war jedoch
ohne Grund. Die Stimme der Regierungsrtin klang pltzlich in ihrer
Glockenreinheit vom Vorsaale her; sie plauderte heiter mit dem die Treppe
herabkommenden Rechtsanwalt, und als sie bald darauf das Schlafzimmer wieder
betrat, war ihr Aussehen schner und anmutiger denn je. Die Zornrte lag noch
als zart hingehauchter Karmin auf den sanft gerundeten Wangen, und wer htte bei
dem ganzen lieblichen Gesichtsausdruck den auffallenden Glanz der Augen fr
etwas anderes, als die erhhten Regungen einer schnen weiblichen Seele halten
mgen?

                                       16


Als Felicitas auf das Ersuchen des Professors hin den Platz an Annas Bett wieder
einnahm, htte sie nicht gedacht, da sie ein vieltgiges Wrteramt antrete -
die Kleine wurde gefhrlich krank und litt weder ihre Mutter noch Rosa in ihrer
Nhe; nur der Professor und Felicitas durften sie berhren und ihr die Medizin
reichen. In ihren Fieberphantasien spielte das zerrissene Batisttuch eine groe
Rolle. Der Professor hrte mit Verwunderung die Angst- und Furchtuerungen des
Kindes und jagte mehr als einmal durch seine eindringlichen, forschenden Fragen
die Rte des Schreckens und der Verlegenheit in das Gesicht der Regierungsrtin.
Sie blieb aber, von Rosa untersttzt, stets bei dem Ausspruche, da Aennchen
einen schlimmen Traum gehabt haben msse.
    Felicitas fand sich rasch in ihre Aufgabe als Pflegerin, obgleich ihr
dieselbe anfnglich durch den stndlichen Verkehr mit dem Professor sehr
erschwert wurde, aber die Sorge um das Leben des Kindes, die sie mit ihm teilte,
half ihr schneller ber das Peinliche ihrer Situation, als sie meinte. Es kam
ihr selbst hchst wunderbar vor, wie gut sie ihn in seinem Wesen als Arzt
verstand. Whrend er den anderen, selbst der Mutter des Kindes, undurchdringlich
erschien, wute sie stets sofort, ob er die Gefahr gesteigert fand oder Hoffnung
schpfte. Deshalb bedurfte es aber auch fast nie eines erklrenden Wortes
seinerseits, um sie auf das eingehen zu machen, was der Augenblick erheischte.
Er wechselte mit ihr im Nachtwachen ab, allein auch tagsber war er sehr viel im
Krankenzimmer. Stundenlang sa er geduldig neben dem Bettchen und legte seine
Hnde abwechselnd auf die Stirne des Kindes - dann ruhte es still und
unbeweglich, es mute eine eigentmlich beschwichtigende Kraft in diesen Hnden
liegen.
    Unwillig und tief erregt suchte das junge Mdchen die vergleichenden
Gedanken abzuschtteln, die sie beschlichen, wenn sie, unfern von ihm sitzend,
ihn schweigend beobachtete. Das waren noch dieselben unregelmigen, harten
Linien des Gesichts, dieselbe wuchtig hervortretende Stirne, ber welche das
dicke Haar peinlich sorgfltig zurckgeschlagen lag - es waren dieselben Augen,
dieselbe Stimme, alles in allem der Schrecken ihrer Kindheit, aber den finster
asketischen Zug, der einst den Jnglingskopf so unjugendlich und abstoend hatte
erscheinen lassen, suchte sie vergebens ... Von jener nicht schn geformten,
jedoch bedeutenden Stirne ging es aus wie ein mildes Licht, und wenn sie hrte,
wie er dem aufgeregten Kinde mit unaussprechlich sanfter Stimme beschwichtigend
zuredete, so konnte sie sich nicht verhehlen, da er seinen Beruf in seiner
ganzen Heiligkeit erfasse. Er stand nicht mit kalt-grausamem Achselzucken den
unvermeidlichen Schmerzen anderer gegenber, suchte nicht allein den Krper vor
der Vernichtung zu retten - die bangende Seele fand an ihm eine Sttze; sie las
das Mitgefhl in seinen Augen und schpfte Mut und Trost aus seiner Stimme. Er
hatte die Sprache in seiner Gewalt, wie selten ein Mensch. Es standen ihm Klnge
und Worte zu Gebote, die das Herz des jungen Mdchens wie elektrische Schlge
berhrten ... Wer dachte in solchen Augenblicken an seine unschnen, eckigen
Bewegungen, an sein abstoendes Wesen im geselligen Verkehr? Da war er eine
sittlich schne Erscheinung, ein Mann im Bewutsein groer moralischer Kraft,
der rastlos denkende und kmpfende Vermittler zwischen den zwei erbitterten
Gegnern Leben und Tod ... Aber mochten auch alle diese Gedanken vershnend an
ihr vorberziehen, die Schlubetrachtung war dieselbe: Er fhlt und denkt
menschlich, er hat Erbarmen mit dem hilflosen Zustande des geringsten Nchsten -
das verfemte Spielerskind hat mithin doppelten Grund, ihn zu verabscheuen, denn
ihm war er ein mitleidsloser Unterdrcker, ein vorurteilsvoller, ungerechter
Richter.
    Er hatte bei dem jetzigen tglichen Verkehr nicht ein einziges Mal jenen
weichen Ton wieder angeschlagen, der ihr schrecklich war, und gegen welchen sie
stets mit den Waffen des Trotzes und der Zurckweisung kmpfte. Er hielt die
kalt hfliche Freundschaft fest, die er seit dem letzten Gesprch mit ihr
angenommen, und auch diese lag mehr in seinem Gesichtsausdruck als in seinen
Worten, denn die unerllichen Fragen ausgenommen, sprach er fast nie mit ihr.
Einen schweren Stand hatte er der Regierungsrtin gegenber. Sie gebrdete sich
anfnglich wie unsinnig und wollte es durchaus nicht zulassen, da Felicitas
ihre und Rosas Stelle am Krankenbett einnehme; es bedurfte seiner ganzen
Entschiedenheit, um sie zur Ruhe zu bringen. Dagegen lie sie es sich durchaus
nicht nehmen, alle Augenblicke den von dem Kinde so sehr gefrchteten Lockenkopf
lauschend zur Thr hereinzustecken, sonderbarerweise traf es sich dann stets,
da ihr Kousin und Felicitas zusammen im Krankenzimmer waren ... Sie weinte und
rang die weien Hnde - es gibt kein menschlisches Gesicht, das in wahrhaft
schmerzlicher und angstvoller Aufregung schn unter einem Thrnenergu bliebe,
mgen die Dichter auch ihre Heldinnen hinreiend in ihren Thrnen sein lassen -
hier aber auf diesem rosigen Ovale vertiefte sich kein Zug, nicht ein krampfhaft
verzogenes Fltchen erschien, die zarte Haut zeigte keinen einzigen
entstellenden roten Flecken, leise rieselten die hellen Thrnenperlen ber die
Wangen - es war ein so vollendet knstlerisches Weinen, wie es sich der Maler zu
einer Mater dolorosa nicht schner denken kann ... Welch ein Unterschied
zwischen ihr und jenem bleichen, berwachten und angstvollen Mdchengesicht am
Bett des Kindes! ... Jeden Abend erschien sie pnktlich in elegantem Schlafrock;
ein wunderfeines Spitzenhubchen umschlo das bezaubernde Gesicht, und die
feinen Hnde hielten ein Andachtsbuch - sie wollte wachen. Ein und dasselbe
Wortgefecht erhob sich jedesmal zwischen ihr und dem Professor, sie wiederholte
stets ein und dieselbe Phrase der Verwahrung gegen Eingriffe in ihre
mtterlichen Rechte und ging dann sanft weinend und klagend, um am anderen
Morgen frisch wie eine Mairose aufzustehen.
    Es war der neunte Abend seit Aennchens Erkrankung. Das Kind lag in dumpfer
Betubung; nur dann und wann rang sich ein unartikuliertes Lallen von seinen
Lippen. Der Professor hatte lange, die Stirne sorgenvoll in die verschlungenen
Hnde gedrckt, am Bettchen gesessen; da stand er pltzlich auf und winkte
Felicitas in das Nebenzimmer.
    Sie haben die vergangene Nacht gewacht und sich auch gestern und heute
nicht einen Moment der Ruhe gnnen drfen, und doch verlange ich noch weitere
Opfer von Ihnen, sagte er. Diese Nacht wird entscheidend sein. Ich knnte nun
zwar meine Kousine oder Rosa in die Nhe des Kindes lassen, denn es ist
bewutlos; aber ich brauche wahrgemeinte Hingebung und Besonnenheit neben mir -
wollen Sie heute noch einmal wachen?
    Ja!
    Doch es werden voraussichtlich Stunden der Angst und Aufregung, die Sie
durchmachen mssen - fhlen Sie sich noch stark genug?
    O ja - ich habe das Kind lieb und schlielich - will ich.
    Haben Sie ein so festes Vertrauen auf die Kraft Ihres Willens? Seine
Stimme nahm bereits wieder jene milde Frbung an.
    Er ist mir bis jetzt noch nicht treulos geworden, entgegnete sie; ihr bis
dahin vllig ruhiger Blick wurde sofort eisig und abweisend.
    Die Nacht brach herein - eine se, lautlos schweigende Frhlingsnacht! Das
volle, funkelnde Mondlicht schwebte ber der schlafenden Stadt; im Erkerzimmer
des alten Kaufmannshauses streifte es gleichsam mit silbernem Flgel die stillen
Bilder an den Wnden und hauchte ein fremdartiges Leben ber die festgezauberten
Gestalten; die Blumen im Futeppich leuchteten auf unter dem bleichen Licht und
aus dem Krystallkronleuchter an der Decke sprhten Millionen Silberfunken ...
Drin aber, im dunklen Krankenzimmer, kreiste eine furchtbare Gewalt ber dem
schmalen Bett - die Kreise wurden enger und senkten sich tiefer und tiefer auf
den qualvoll ringenden kleinen Krper, das Kind lag in den heftigsten Krmpfen
... Der Professor sa neben dem Bett; sein Blick ruhte unverwandt auf den
zuckenden Gliedern und dem unkenntlich gewordenen, verzerrten Gesichtchen. Er
hatte alles gethan, was im Bereich rztlicher Kunst und menschlichen Wissens
lag, und nun mute er macht- und thatlos verharren und die Naturkrfte ihren
erbitterten Streit allein auskmpfen lassen.
    Drauen schlug es zwlf mit lang aushebenden Schlgen. Felicitas, die still
am Fuende des Bettes sa, schauerte in sich hinein; es war ihr, als msse eine
dieser mchtigen Schwingungen die Kinderseele mit hinwegnehmen ... und wirklich
wurde der heftig arbeitende Krper pltzlich schlaffer, die kleinen,
festgeballten Hnde lsten sich und fielen matt auf die Decke, und nach wenig
Augenblicken lag auch das Kpfchen bewegungslos in den Kissen ... Der Professor
hatte sich ber das Bett geneigt - bange zehn Minuten verstrichen, dann hob er
den Kopf und flsterte bewegt: Ich halte sie fr gerettet!
    Das junge Mdchen bog sich forschend ber die Kranke; sie hrte tiefe,
ruhige Atemzge und sah, wie sich die kleinen, todmden Glieder behaglich in den
Kissen streckten. Lautlos erhob sie sich und ging hinaus in das Nebenzimmer. Sie
trat in eines der weit offenen Fenster. Die wrzige Nachtluft, in die sich
bereits ein Hauch von herber Morgenrte mischte, strich erquickend an ihr
vorber; sie lehnte das mde Haupt an die steinerne Fenstereinfassung, whrend
ihre gefalteten Hnde schlaff niedersanken. Auf dem Simse stand ein
Theerosenstrauch; er hatte eine einzige prachtvolle Blte - doppelt bleich im
weien Mondenglanz, hing sie schaukelnd ber der blassen Stirn, dem flimmernden
Haar des Mdchens ... Felicitas' Pulse klopften fieberhaft - kein Wunder; da
drin in dem dumpfen, schwlen Raum war ja der Tod hart an einem Menschen
vorbergeschritten; die Spannung ihrer Nerven whrend der letzten Stunden war
eine furchtbare gewesen - kein anderer Laut, als das vereinzelte schrille
Aufkreischen des Kindes hatte ihr Ohr getroffen; sie hatte nichts gesehen, als
den zuckenden Krper der Kranken und das stumme bleiche Gesicht des Arztes, der
nur durch Winke und Blicke ihre Hilfeleistungen forderte - vier enge Wnde
umschlossen ihn und sie allein; sie wirkten zusammen in Ausbung der
Nchstenpflicht und Barmherzigkeit, whrend die tiefe Kluft des Hasses und des
Vorurteils zwischen ihnen lag.
    Die heien, trockenen Augen des jungen Mdchens starrten durch das
gegenberliegende Eckfenster nach der mondbeleuchteten Front des Rathauses. Die
Statuen zu beiden Seiten der Uhr, eine Muttergottes und der heilige Bonifacius,
traten geisterhaft lebendig aus ihren Nischen hervor - was half es, da sie
schtzend und segnend da droben standen? Dicht unter ihnen war doch das Unglck
geschehen. Die drei hohen Fenster dort, die jetzt silbern glitzerten, hatten an
jenem unglckseligen Abend die rote Glut einer feenhaften Beleuchtung
ausgestrahlt, und da, wo jetzt der Mondschein einsam und harmlos auf dem Boden
spielte, war die wundervolle Frauengestalt unerschrocken vor die versammelte
Menschenmenge und die druenden Feuerwaffen hingetreten; aber unter dem Panzer
hatte ein warmes, banges Mutterherz geklopft - einsam, im fremden Hause
schlummerte derweil ihr Kind, fr das sie erwerben mute, fr das sie immer
wieder hinaustrat, bis die letzten sechs Schsse krachten, unter denen sie
sterbend zusammenbrach.
    Der Professor trat aus dem Krankenzimmer und schlo die Thr geruschlos
hinter sich. Er ging auf Felicitas zu, die unbeweglich im Fenster stehen blieb.
    Aennchen schlft sanft, sagte er. Ich werde den Rest der Nacht bei ihr
bleiben; ruhen Sie nun auch.
    Felicitas verlie sofort, ohne das Ende seiner Worte abzuwarten, die
Fensternische und ging schweigend an ihm vorber, um das Zimmer zu verlassen.
    Ich meine, heute sollten wir doch nicht so fremd auseinandergehen! rief er
ihr mit gedmpfter Stimme nach - fast klang es, als streife er wider Willen den
Bann des ernsten Schweigens ab. Wir haben in den letzten Tagen treulich, wie
zwei gute Kameraden, zusammengehalten und gemeinschaftlich ein Menschenleben dem
Tode abzuringen gesucht - bedenken Sie das! fgte er warm hinzu. In wenigen
Wochen gehen wir ja ohnehin auseinander und jedenfalls auf Nimmerwiedersehen ...
Ich will Ihnen die Genugthuung nicht versagen, einzugestehen, da Sie durch
eigene Kraft vieles widerlegt haben, was ich an Vorurteil und bler Meinung
Ihnen gegenber neun Jahre hindurch festgehalten; nur in einem dunklen Punkt, in
Ihrem unseligen Ha und Starrsinn, sind Sie das ungebrdige Kind geblieben, das
einst meine ganze Hrte und Strenge herausgefordert hat!
    Felicitas war ihm wieder einige Schritte nher getreten. Der Mondschein
berstrahlte voll ihre Gestalt. So wie sie dastand, den Kopf stolz ber die
Schulter nach ihm zurckbiegend, whrend das Gesicht mit den strenggeschlossenen
Lippen noch tiefer erblate, lag etwas unerbittlich Feindseliges in der ganzen
Erscheinung.
    Bei den Krankheiten des menschlichen Krpers forschen Sie zuerst nach der
Ursache, ehe Sie sich ein Urteil bilden - entgegnete sie. Aus was aber die
sogenannte Ungebrdigkeit der Menschenseele hervorging, die Sie bessern wollten,
das hielten Sie nicht der Mhe wert, zu untersuchen ... Sie urteilten blindlings
auf Einflsterungen hin und haben sich damit einer ebenso groen Snde schuldig
gemacht, als wenn Sie durch rztliche Nachlssigkeit einen Leidenden zu Grunde
gehen lassen ... Entreien Sie einem Menschen sein Ideal, eine ganze ertrumte,
goldene Zukunft, er wird, und sei er der frmmste und tugendhafteste, im ersten
Augenblick sicher nicht die Hnde falten und ergeben in den Scho legen; wie
viel weniger aber ein neunjhriges Kind, das sein Auge unablssig auf den Tag
gerichtet hielt, an welchem es einst seine vergtterte Mutter wiedersehen
sollte, durch dessen Seele kein Traum, keine Hoffnung ging, die nicht mit diesem
Wiedersehen verknpft gewesen wre!
    Sie hielt inne, aber ber die Lippen des Professors kam kein Wort; nicht
einmal sein Auge war ihr zugewendet. Er hatte anfnglich bei ihrer Beschuldigung
einmal rasch und heftig den Arm ausgestreckt, als wolle er sie unterbrechen;
allein je weiter sie sprach, desto unbeweglicher und aufhorchender wurde seine
Haltung; er hob nicht einmal die Hand, um sie ber den Bart gleiten zu lassen,
eine Bewegung, die er beim Zuhren unablssig zu wiederholen pflegte.
    Der Onkel hat mich in jener glckseligen Unwissenheit gelassen, fuhr sie
nach einer Pause fort, aber er starb und mit ihm das Erbarmen in diesem Hause
... An jenem Morgen war ich zum erstenmal am Grabe meiner Mutter gewesen; ich
hatte abends zuvor ihr schreckliches Ende erfahren - man hatte mir zugleich
gesagt, die Spielersfrau sei ein verlorenes Geschpf, das selbst der
allbarmherzige Gott nicht in seinem Himmel dulde -
    Warum sagten Sie mir das alles damals nicht? unterbrach sie der Professor
dumpf.
    Felicitas hatte in Rcksicht auf die nebenan schlummernde Kranke mit
unterdrckter Stimme gesprochen, dadurch wurde der Ausdruck dsteren Grolles
noch verschrft. Sie sprach auch jetzt in dem angenommenen Ton weiter, whrend
sie ihrem Widersacher das schne, bitterlchelnde Gesicht zuwandte.
    Warum ich das damals nicht sagte? wiederholte sie. Weil Sie von
vornherein erklrt hatten, die Menschenklasse, aus der ich stamme, sei Ihnen
unsglich zuwider, und der Leichtsinn msse in meinem Blute stecken. - Der
Professor legte einen Moment die Hand ber die Augen. - So jung ich war und
obwohl erst eine einzige groe, bittere Erfahrung hinter mir lag, wute ich doch
in jenem Augenblick genau, da ich kein Erbarmen, kein Mitgefhl finden wrde -
und haben Sie je Erbarmen, Mitgefhl fr das Spielerskind gehabt? fragte sie,
rasch einen Schritt nher tretend und mit unsglicher Bitterkeit jedes Wort
betonend. Ist Ihnen je eingefallen, da das Geschpf, welches Sie lediglich in
das Arbeitsjoch einspannen wollten, doch vielleicht auch Gedanken haben knne?
Haben Sie seine Seele nicht tausendfach gemartert, indem Sie jede nach auen
dringende hhere Regung, jeden Ausdruck einer sittlichen Selbstndigkeit, jeden
Trieb zu eigener Veredelung wie wilde Schlinge erstickten? ... Glauben Sie ja
nicht, da ich mit Ihnen rechte, weil Sie mich zur Arbeit erzogen haben -
Arbeit, und sei es die strengste und hrteste, schndet nie - ich arbeite gern
und freudig; aber da Sie mich zur willenlosen, dienenden Maschine machen und
das geistige Element in mir vllig vernichten wollten, welches doch einzig und
allein ein arbeitsvolles Leben zu veredeln vermag - das ist's, was ich Ihnen nie
vergessen werde!
    Nie, Felicitas?
    Das junge Mdchen schttelte energisch, mit einer fast wilden Gebrde den
Kopf.
    Also darein mu ich mich unwiderruflich ergeben, sagte er mit einem
schwachen Lcheln, das sich jedoch, wahrscheinlicherweise sehr gegen seinen
Willen, merkwrdig melancholisch gestaltete. Ich habe Sie tdlich beleidigt,
und doch - ich wiederhole es - konnte und durfte ich nicht anders handeln ...
Er ging einigemal im Zimmer auf und ab. Ich mu noch einmal eine schmerzende
Stelle in Ihrer Seele berhren, indem ich meine Motive verteidige, fuhr er
rasch fort; Sie sind vllig mittellos und von - verfemter Herkunft. Sie sind
darauf angewiesen, Ihr Brot selbst zu verdienen. Wenn ich Ihrer Erziehung eine
hhere Richtung gab, dann erst wre es grausam gewesen, Sie in die niedere
Dienstbarkeit zurckzustoen, und doch htte ich nicht anders gekonnt; oder
glauben Sie, da eine Familie sich dazu verstehen wird, ihren Kindern die
Tochter eines Taschenspielers als Erzieherin zu geben? ... Wissen Sie nicht, da
ein Mann - er hielt einen Augenblick inne, tief Atem schpfend, whrend eine
fahle Blsse sein Gesicht bedeckte - ja, da ein Mann aus den hheren Kreisen,
der sein Leben vielleicht mit dem Ihrigen verknpfen wrde, groe innere und
uere Opfer bringen mte? - Welch unausgesetzte Demtigung fr Ihr stolzes
Herz! ... Das sind die sozialen Gesetze, die Sie miachten, welche aber die
Mehrzahl der Menschen oft mit unsglich innerer Anstrengung und Aufopferung
aufrecht erhlt, aus Piett vor dem Vergangenen, und weil sie politisch
unbedingt notwendig sind ... Auch ich mu mich ihnen unterwerfen - es steht ja
nicht jedem auf der Stirne geschrieben, was er innerlich durchmacht - auch von
mir verlangen jene Gesetze Entsagung und - einen einsamen Lebensweg.
    Er schwieg. Es durchschauerte Felicitas seltsam, hier in stiller
Mitternachtsstunde in das Geheimnis eines streng verschlossenen Mnnerherzens
blicken zu knnen, das in scheuer Hast, fast widerwillig und mit bebenden Lippen
ausgesprochen wurde ... Er liebte, und ohne Zweifel ein weibliches Wesen, das
nach sozialen Begriffen hoch ber ihm stand. Eben noch in Ha und Entrstung ihm
gegenberstehend, beschlich sie jetzt ein ihr bis dahin vllig unbekanntes Weh
... War es mglich, da sie Mitleid fhlen konnte fr ihn? Hatte sie in der That
einen so unverzeihlich schwachen Charakter, sie, die neulich so entschieden
ausgesprochen: Wenn ihm ein Leid widerfhre, ich wrde es nie beklagen! Und
schlielich war er ja gar nicht einmal zu bedauern - warum legte er die Hnde
entsagend in den Scho, statt mit mnnlicher Thatkraft um den hohen Preis zu
ringen?
    Nun, Felicitas, haben Sie keine Entgegnung? fragte er, oder fhlen Sie
sich abermals gekrnkt durch meine Erklrung, die ich nicht umgehen konnte?
    Nein, entgegnete sie kalt. Das ist Ihre spezielle Ansicht - es liegt mir
nichts ferner, als der Wunsch, sie gendert zu sehen ... Sie werden hingegen
auch mir den Glauben nicht nehmen knnen, da es brave, vorurteilslose Menschen
gibt, die das ehrliche Herz und treue Wollen auch in einer
Taschenspielerstochter anerkennen ... Was soll ich Ihnen noch antworten? Wir
wrden doch nie zu einem Ende kommen ... Sie stehen auf dem Standpunkte der
sogenannten Vornehmen, die sich selbst mit Ketten anbinden, damit sie um Gottes
willen nicht herunterfallen, und ich gehre in die von Ihrer Kaste miachtete
Klasse der Freidenkenden ... Sie selber sagen, unsere Lebenswege gehen binnen
kurzem auseinander auf Nimmerwiedersehen - noch strenger geschieden aber sind
wir innen ... Haben Sie noch einen Befehl in Bezug auf die Kranke fr mich?
    Er schttelte den Kopf, und ehe er noch ein Wort zu sagen vermochte, hatte
sie das Zimmer verlassen.

                                       17


Aennchens Genesung schritt rasch vorwrts; gleichwohl wurde Felicitas ihres
Wrteramtes noch nicht enthoben. Die Kleine, sonst ein stilles, geduldiges Kind,
wurde heftig und aufgeregt, sobald das junge Mdchen das Zimmer verlie; es
blieb mithin der Regierungsrtin nichts brig, als Felicitas zu bitten, so lange
bei dem Kinde zu bleiben, bis es vollkommen hergestellt sei. Die junge Witwe
that dies ohne Zweifel mit um so leichterem Herzen, als der Professor sich im
Krankenzimmer fast gar nicht mehr aufhielt. Er kam jeden Morgen, um nach der
Kleinen zu sehen, aber diese Besuche whrten kaum drei Minuten. Manchmal nahm er
das Kind auf den Arm und trug es einigemal drunten im sonnigen, geschtzten
Vorderhof auf und ab - sonst wurde er wenig im Hause gesehen. Es war, als habe
ihn pltzlich eine wahre Leidenschaft fr den Garten erfat; seine
Tageseinteilung war eine ganz andere geworden; er arbeitete frh nicht mehr in
seinem Zimmer - wer ihn sprechen wollte, wurde hinaus in den Garten geschickt.
Frau Hellwig fgte sich seltsamerweise der Marotte, wie sie diesen Umschlag
nannte, und richtete es zur groen Genugthuung der Regierungsrtin so ein, da
nun auch die Hauptmahlzeiten meist im Gartenhause gehalten wurden. Das alte
Kaufmannshaus war dadurch zu Zeiten wieder stiller als je; man kam oft vor zehn
Uhr abends nicht nach Hause. Es geschah aber auch manchmal, da der Professor
allein und frher zurckkehrte. Dann hrte ihn Felicitas langsam die Treppe
heraufkommen; sonderbarerweise wiederholte sich dabei stets etwas Eigentmliches
- er ging nmlich konsequent einige Schritte wie mechanisch nach dem
Krankenzimmer hin, dann blieb er pltzlich mitten im Vorsaale stehen, als
besinne er sich, und rascher als vorher stieg er schlielich in den zweiten
Stock hinauf. Sein Zimmer lag ber der Krankenstube - an solchen Abenden sa er
nicht ber seinen Bchern - stundenlang ging er ruhelos droben auf und ab; diese
einsame Wanderung hatte stets etwas Aufregendes fr Felicitas - sie brachte
dieselbe in Einklang mit jenem nchtlichen Gestndnis.
    Um acht Uhr abends war Aennchen gewhnlich eingeschlafen; dann nahm Rosa
Felicitas' Platz am Bette des Kindes ein, und nun kamen auch Erholungsstunden
fr das junge Mdchen - sie ging hinauf in die Mansarde. Tante Kordulas neuliche
Krperschwche und Todesahnung schien glcklich berwunden; sie war heiterer als
je und konnte froh wie ein Kind von der nahen Zeit plaudern, wo sie Felicitas
ganz bei sich haben wrde. Sie wartete gewhnlich mit dem Abendbrote auf das
junge Mdchen. Dann stand der sorgfltig arrangierte Theetisch im Vorbau; fr
irgend ein Lieblingsgebck Felicitas' war stets gesorgt, und ein ganzes Paket
neu eingelaufener Zeitungen wartete auf die jugendliche Vorleserin. In diesen
knapp zugemessenen gemtlichen Stunden versank alles, was in jngster Zeit
Felicitas' Herz - oft zu ihrer eigenen Verwunderung - bedrckte und qulte. Sie
sprach nie ber ihre Begegnisse im Vorderhause; die alte Mamsell, ihrer
Gewohnheit treu, regte sie auch durchaus nicht zu irgend einer Mitteilung an,
und so traten leicht Felicitas' augenblickliche, ihr selbst rtselhafte innere
Zerwrfnisse in den Hintergrund.
    An einem schnen, sonnigen Nachmittage sa Felicitas allein bei Aennchen; im
ganzen Hause herrschte frmliche Kirchenstille - Frau Hellwig und die
Regierungsrtin waren ausgegangen, um Besuche zu machen, und der Professor hielt
sich ohne Zweifel im Garten auf, denn im zweiten Stock wurde nicht ein
Lebenszeichen laut ... Die Kleine hatte lange gespielt, nun legte sie sich mde
zurck und sagte bittend: Liedchen singen, Karoline!
    Das Kind hrte Felicitas leidenschaftlich gern singen. Das junge Mdchen
hatte eine Altstimme. Ihre Stimme hatte jenen Klang, der wie ein tiefer, voller
Glockenschlag ohne hrbare Vorbereitung sich gleichsam aus der Brust lst - jene
Frbung, wie sie auch dem Cello eigen; der Ton, der ohne irgendwelche fabare,
scharfe Kante in der Luft verschwimmt, trgt einen Hauch leiser Schwermut, den
Ausdruck unergrndlicher Gedankentiefe. Die alte Mamsell mit ihrem seltenen
musikalischen Verstndnis und der groartigen Ausbildung, die ihr eigenes Talent
einst durch tchtige Meister erhalten, hatte dieses kstliche Material
vortrefflich geschult - Felicitas sang namentlich deutsche Lieder in wahrhaft
klassischer Weise ... Sie hatte gefunden, da sie die Aufregung des Kindes stets
beschwichtigte, wenn sie in leisen Tnen irgend eine getragene Melodie anhob;
spter lie sie ihre Stimme auch gewaltiger ausstrmen - begreiflicherweise
jedoch nie, wenn sie feindliche Ohren in der Nhe wute.
    Du junges Grn, du frisches Gras, dieses tiefsinnige Schumannsche Lied
klang jetzt durch das stille Krankenzimmer mit so keusch beherrschtem Ausdruck,
wie er nur aus einer reinen Mdchenseele kommen kann. Felicitas sang die erste
Strophe weich, in ergreifender Einfachheit und mit zurckgehaltener Kraft, aber
mit Beginn der Worte: Was treibt mich von den Menschen fort, mein Leid, das
hebt kein Menschenwort, da brauste die mchtige Stimme auf, wie Orgelklang - in
diesem Augenblicke wurde droben im Zimmer des Professors ein Stuhl nicht
gerckt, sondern fortgeschleudert - rasche Schritte eilten nach der Thr, und
schrill und heftig wie Sturmluten scholl pltzlich eine Klingel durch das
menschenleere Haus. Es war das erste Mal, da im Studierzimmer des zweiten
Stockes der Glockenzug in Bewegung gesetzt wurde. Friederike eilte atemlos die
zwei Treppen hinauf und Felicitas schwieg tdlich erschrocken. Nach wenig
Augenblicken polterte die alte Kchin wieder herab und trat in das
Krankenzimmer.
    Der Herr Professor lt dir sagen, du solltest nicht mehr singen - er
knnte nicht arbeiten, rapportierte sie in ihrer rauhen, rcksichtslosen Weise.
Er war kreidewei und konnte kaum sprechen vor Aerger ... Was machst du denn
aber auch fr dumme Sachen? Hab ich doch mein Lebtage so 'was nicht gehrt - du
singst ja akkurat wie ein Mannsbild, und - da Gott erbarm' - das Lied! - ein
reines Nachtwchterlied! ... Ich wei nicht, was du fr ein Mdchen bist! Ich
hab' auch singen knnen, wie ich noch jung war! Und was gab's damals fr Lieder
- schne Lieder: Freut Euch des Lebens und Guter Mond, du gehst so stille ...
La das ein andermal gut sein, Karoline - das kannst du nicht! ... Ja, und du
sollst das Kind ein bichen in den Hof tragen und herumfahren, hat der Herr
Professor gesagt.
    Felicitas verbarg ihr glhendes Gesicht in den Hnden - es war ihr, als habe
sie einen vernichtenden moralischen Schlag erhalten - wie tief beschmt und
gedemtigt fhlte sie sich in diesem Augenblicke! So mutig sie sein konnte, wenn
es galt, ihre Ueberzeugung zu verteidigen und ihren Gegnern die Wahrheit
ungeschminkt ins Gesicht zu sagen, so scheu und ngstlich war sie in Bezug auf
ihre Talente und Kenntnisse. Schon der Gedanke, da ihre Stimme bis zu fremden
Ohren dringen knne, schnrte ihr den Hals zu und machte sie sofort verstummen,
irgend jemand aber gar lstig damit zu werden, das htte sie nicht einmal
auszudenken vermocht. Und nun war es wirklich geschehen; man hielt sie fr
aufdringlich, der Verdacht lastete auf ihr, als habe sie sich bemerkbar machen
wollen, und dafr war sie auf die schonungsloseste Weise gestraft und beschmt
worden - das war nicht zu ertragen! Die grbsten Ungerechtigkeiten und
Mihandlungen seitens der Frau Hellwig hatten ihr nie eine Thrne zu entlocken
vermocht - jetzt aber weinte sie bitterlich.
    Eine Viertelstunde spter rollte Felicitas den Kinderwagen inmitten des
Hofes langsam und vorsichtig auf und ab. Die fieberroten Flecken auf den Wangen
des jungen Mdchens erblichen allmhlich unter dem erfrischenden Hauche der
Luft, aber den Ausdruck finsteren Brtens auf der blassen Stirn vermochte er
nicht wegzuwischen ... Es whrte nicht lange, so kam Frau Hellwig in Begleitung
der Regierungsrtin zurck; zu gleicher Zeit stieg der Professor die Treppe
herab, er war im Begriff, auszugehen, denn er hielt Hut und Stock in der Hand.
Alle drei traten in den Hof. Die Regierungsrtin trug ein groes Paket, und
nachdem sie ihr Kind begrt und geliebkost hatte, schob sie die Papierumhllung
des Pakets ein wenig zurck und lchelte in reizend schalkhafter Weise nach
ihrem Kousin hinber.
    Sieh mal her, Johannes, bin ich nicht eine recht leichtsinnige Frau?
scherzte sie. So sehr mein Herz gegen weiblichen Putz gesthlt ist, so wenig
widersteht es den Verlockungen einer Leinenhandlung. Da sah ich in einer Auslage
dies wundervolle Tischzeug - glaubst du, ich htte vorbergehen knnen? Nicht
mglich! Ehe ich mich dessen versah, hatte ich das Tischzeug im Arme und dies
Schock superfeine Leinwand dazu ... Nun adieu, Winterstaat! Wenn ich
gewissenhaft sein will, so mu ich diese Lcke in meinem Etat durch Weglassung
verschiedener Wintertoiletten wieder ausfllen - sei's drum - eine echte
deutsche Hausfrau kann nun einmal ihren Leinenschrank nicht voll genug haben!
    Der Professor antwortete nicht. Er sah ber die Sprechende hinweg nach der
Hofthr. Dort trat eben die Brgersfrau herein, die Felicitas neulich im
Studierzimmer des zweiten Stockes gesehen hatte. Sie schien unter ihrem groen,
verhllenden Mantel sehr bepackt zu sein und schritt in fast ehrfurchtsvoller
Haltung auf den Professor zu.
    Herr Professor, mein Wilhelm sieht wieder - er sieht so gut, wie ich und
alle gesunden Menschen, sagte sie; ihre Stimme bebte und ein Thrnenstrom
strzte aus ihren Augen. Wer htte das gedacht! Ach, was war das fr ein
unglcklicher Mensch und wir alle mit! ... Nun kann er wieder sein Brot
verdienen, und ich darf mich einmal ruhig hinlegen, denn ich hinterlasse kein
blindes, hilfloses Kind ... Ach, Herr Professor, alle Schtze der Welt wren mir
nicht zu viel fr Sie! Aber wir sind ja so grundarme Leute - es ist ja gar nicht
daran zu denken, da wir Ihnen das je vergelten knnen, was Sie an uns gethan
haben ... Seien Sie nicht bse, Herr Professor, ich meinte, wenigstens eine
geringe Kleinigkeit -
    Nun, was soll's werden? unterbrach sie der Professor barsch und trat einen
Schritt zurck.
    Die Frau hatte whrend ihrer letzten Worte den Mantel zurckgeschlagen; ein
groer Vogelbauer und eine Rolle Leinwand kamen zum Vorschein.
    Sie haben die Nachtigall da so gern gehrt, wenn Sie bei uns waren, hob
sie wieder an; wenn Sie das Tierchen in einen kleinen Bauer thun, da knnen
Sie's getrost mit nach Bonn nehmen ... Und das Stck Leinwand - es ist nicht
fein, aber fest, ich habs selbst gesponnen - wenn es Madame Hellwig zu
Leintchern gebrauchen wollte -
    Sind Sie denn nicht recht gescheit, Frau, da Sie Ihrem Mann den Vogel da
wegnehmen? fuhr sie der Professor grimmig an - man sah seine Augen fast nicht,
so finster runzelten sich die berhngenden Brauen. - Ich kann Vgel gar nicht
leiden - absolut nicht leiden - und meinen Sie denn, Sie seien berufen, fr
unsere Leibwsche zu sorgen? ... Packen Sie auf der Stelle Ihre Sachen zusammen
und gehen Sie nach Hause!
    Die Frau stand bestrzt und wortlos vor ihm.
    Das htten Sie sich und mir ersparen knnen, Frau Walther! sagte er
milder. Ich haben Ihnen wiederholt erklrt, da Sie mir damit nicht kommen
sollen ... Nun, da gehen Sie jetzt und gren Sie mir Ihren Wilhelm, morgen
werde ich noch einmal nach ihm sehen.
    Er reichte ihr die Hand und schlug den Mantel ber die Gegenstnde der
verunglckten Expedition. Die Abgewiesene knixte mit niedergeschlagenen Augen
und entfernte sich ... Frau Hellwig und die Regierungsrtin waren stumme Zeugen
gewesen; das Gesicht der ersteren drckte jedoch entschiedene Mibilligung aus,
und einmal hatte es sogar geschienen, als wolle sie sich selbst in den Handel
mischen.
    Nun, das verstehe ich aber nicht recht, Johannes, sagte sie in
zurechtweisendem Ton, nachdem die Frau das Haus verlassen. Wenn ich bedenke,
was dein Studium gekostet hat, so sollte ich meinen, httest du gar keine
Ursache, irgend eine Entschdigung zurckzuweisen ... Die Idee mit dem Vogel war
freilich dumm - das Gezwitscher knnte mir fehlen in meinem stillen Hause - aber
die Leinwand htte die Frau hier lassen mssen, wenn es auf mich angekommen wre
- Leinen wirft man nicht so mir nichts, dir nichts zum Fenster hinaus!
    Ach Tantchen, da wre ich wohl sehr schlecht bei dir angekommen mit meinen
barmherzigen Gedanken, die vorhin in mir aufstiegen? sprach die Regierungsrtin
leicht scherzend. Denke dir nur, Johannes, fuhr sie ernster werdend, mit einem
sanften Aufschlag ihrer Augen fort, da haben wir heute morgen von einer
unglcklichen, aber braven Familie gehrt - die armen Kinder haben nicht einmal
Wsche unter ihren elenden Kleidern - das dauert mich unsglich - Tantchen und
ich haben auch schon an eine Kollekte gedacht ... Httest du die Leinwand
angenommen, da wre ich als Bettlerin zu dir gekommen - du httest sie mir wohl
oder bel schenken mssen; sie htte prchtige Hemden fr die Kinder gegeben -
ich wrde sie selbst genht haben -
    O, ber diesen Tiefsinn christlicher Barmherzigkeit! unterbrach sie der
Professor mit einem ingrimmigen Auflachen. Das letzte Scherflein einer armen
Familie mu her, damit die Not anderer Bedrftiger gestillt werde - und ber
diesem Liebeswerk steht die gromtige Vermittlerin und zeigt der zerknirschten
Welt den Glorienschein weiblicher Mildthtigkeit um ihre blonden Locken!
    Du bist boshaft, Johannes! rief gekrnkt die junge Witwe. Ich gebe sehr
gern -
    Aber es darf mich ums Himmelswillen nichts kosten, nicht wahr, Adele?
ergnzte er in bitterer Ironie. Warum greift denn die echte, deutsche, fromme
Hausfrau nicht in ihren vollen Leinenschrank? ... Hier dies vllig berflssige
Stck zum Beispiel - er griff nach der Leinwandrolle auf ihrem Arme. Beide
Damen wehrten entsetzt seine Hand ab, als beabsichtige sie ein Attentat auf das
Leben der jungen Witwe selbst.
    Nein, das geht denn doch ber den Spa, Johannes! klagte sie, dies
wunderfeine Linnen!
    Ich habe vorhin den Vorwurf von dir hren mssen, wandte sich der
Professor an seine Mutter, ohne den Kummer seiner tiefbeleidigten Kousine weiter
zu beachten, da ich die Frchte meines sehr teuern Studiums nicht so verwerte,
wie es ntig sei ... Ich kann dir versichern, da ich auch praktisch bin und es
fr eine Aufgabe des Mannes halte, zu erwerben - aber nebenbei habe ich doch
auch noch eine etwas hhere Meinung von meinem Berufe; er fhrt weit mehr als
jeder andere Wirkungskreis - der des Geistlichen nicht ausgenommen - auf das
weite Gebiet menschlicher Barmherzigkeit. Ich werde nie zu den Aerzten gehren,
die mit der einen Hand einem unbemittelten Kranken von seinem Schmerzenslager
aufhelfen, um ihn auf der anderen Seite in die Sorge, wie er wohl diese Hilfe
bezahle, zu strzen.
    Er hatte bis dahin Felicitas' Anwesenheit vllig unbeachtet gelassen. Auch
jetzt streifte sein Blick nur wie unbewut nach ihr hinber; aber er blieb an
diesem in innerer Befriedigung frmlich leuchtenden Gesicht hangen - zum
erstenmal begegneten sich diese vier Augen mit dem Ausdruck innigen
Verstndnisses - freilich nur mit der Schnelligkeit des Blitzes; das junge
Mdchen senkte tdlich erschrocken die Lider, und der Professor zog pltzlich
seinen Hut mit einer fast zornigen Bewegung so tief in die Stirn, da das stark
gertete Gesicht unter der breiten Krempe beinahe verschwand.
    Nun meinetwegen, das ist deine Sache, Johannes, das magst du halten, wie du
willst, sagte Frau Hellwig eiskalt. Deinem Grovater httest du brigens mit
der Ansicht nicht kommen drfen. Die rztliche Praxis ist dein Geschft, und im
Geschft, pflegte er zu sagen, darf man keine sentimentalen Anwandlungen
dulden.
    Sie schob migelaunt ihre schwerfllige Gestalt nach der Hofthr. Die
Regierungsrtin drckte mit einer lieblich schmollenden Gebrde das Paket an ihr
Herz und folgte ihr, neben dem Professor fortschreitend. In der Hausflur wandte
der Letztere den Kopf noch einmal nach dem Hofe zurck. Felicitas hob eben
Aennchen aus dem Wagen, um sie auf ihre Bitten noch einigemal auf und ab zu
tragen. Man htte meinen mgen, die zarte, leichte Gestalt msse zerbrechen in
dem Augenblick, wo das Kind, die Arme um den feinen Hals des Mdchens
schlingend, in seiner ganzen Schwere emporgehoben wurde. Der Professor kehrte
sofort in den Hof zurck.
    Ich habe Ihnen schon einigemal das Tragen des Kindes verboten - es ist zu
schwer fr Sie! rief er ihr verweisend und rgerlich zu. Hat Ihnen Friederike
nicht gesagt, da Sie Heinrich zu Hilfe nehmen sollen?
    Das hat sie vergessen; - Heinrich ist auch nicht zu Hause.
    Der Professor nahm ihr das Kind vom Arme und setzte es in den Wagen, wobei
er ihm ernst zuredete. Der Ausdruck seines Gesichts war strenger und finsterer
als je - zu jeder anderen Zeit wrde ihm Felicitas trotzig den Rcken gekehrt
haben, aber heute war sie schuld an dieser blen Laune; sie hatte das ernste,
tiefe Studium des Arztes durch ihren Gesang unterbrochen und ihm mglicherweise
eine sich eben gestaltende neue Idee verscheucht. Es half nichts, und wenn er
auch noch so zornig und gereizt war, sie mute um jeden Preis die Last
loswerden, die ihre Seele bedrckte, er mute erfahren, da sie unwissentlich
gefehlt hatte. Der Moment war ihr insofern gnstig, als sie ihren Gegner nicht
anzusehen brauchte; er neigte sich ber den Wagen und sprach noch mit Aennchen.
    Ich habe Sie sehr um Verzeihung zu bitten, da Sie durch mein Lied
belstigt worden sind, sagte sie schchtern. Dieser ihm vllig neue, lieblich
bittende Ton ihrer Stimme bte eine merkwrdige Wirkung auf ihn aus; er fuhr
empor und warf einen durchdringenden Blick auf das Gesicht des Mdchens. Wenn
Sie mir doch glauben wollten, fuhr sie eindringlicher fort, da ich nicht die
entfernteste Ahnung von Ihrer Anwesenheit im Hause gehabt habe!
    Das Wort Lied mochte die Erinnerung an Felicitas' Thrnen in Aennchen
wecken. Bser Onkel! Arme Karoline hat geweint! schalt sie und hielt ihm
drohend die kleine geballte Faust entgegen.
    Hat das Kind recht, Felicitas? fragte er rasch.
    Sie vermied es, diese Frage direkt zu beantworten.
    Ich war sehr unglcklich in dem Gedanken -
    Da man glauben knne, Sie wollten sich hren lassen? unterbrach er sie,
whrend ein flchtiges Lcheln ber sein Gesicht hinhuschte. Darber mgen Sie
sich beruhigen ... Fr wie rachschtig und bsartig unvershnlich ich Sie auch
halte - an Gefallsucht Ihrerseits denkt meine Seele nicht - das brchte ich mit
dem besten Willen nicht fertig ... Ich habe Sie bitten lassen, zu schweigen -
nicht eigentlich, da Sie mich gestrt htten - sondern, weil ich - unfhig bin,
Ihre Stimme zu hren ... Das krnkt Sie wohl nun ber die Maen?
    Felicitas schttelte lchelnd den Kopf.
    Nun, das ist vernnftig ... Uebrigens will ich Ihnen etwas sagen. - Er bog
den Kopf tief herab und sah ihr fest und aufmerksam forschend in die Augen. Ihr
heutiger Gesang hat mir ein strengverschlossenes Geheimnis verraten!
    Felicitas erschrak tdlich. Er war ihrem Verkehr mit Tante Kordula auf die
Spur gekommen. Sie fhlte, wie sie flammendrot wurde, und sah ihn ngstlich
verwirrt an.
    Ich wei nun, weshalb Sie sich jedweden ferneren Beistand unsererseits fr
die Zukunft verbeten haben. In die Sphre, in der Sie spter leben und wirken
wollen, reicht freilich unser Arm nicht - Sie werden auf die Bhne gehen!
    Da irren Sie sich! antwortete sie entschieden und sichtlich erleichtert.
Wenn ich es auch fr eine der herrlichsten Aufgaben halte, seinen Mitmenschen
die Schpfungen groer Geister vorfhren zu drfen, so fehlt mir doch dazu
gnzlich der Mut. Ich bin unsglich feig der Oeffentlichkeit gegenber und wrde
es jedenfalls schon aus Mangel an Selbstvertrauen in meinen Leistungen nicht
ber die Mittelmigkeit hinausbringen ... Weiter gehren zu diesem Berufe
grndliche musikalische Kenntnisse, und die werde ich nie besitzen.
    Das lge doch ganz und gar in Ihrer Macht.
    Eben deshalb. Ich habe mir als Kind eingebildet, die Musik sei ein Ding,
das man durchaus nicht wie Lesen und Schreiben lernen knne - ein Etwas, das, so
ungefhr wie die Lehre Jesu, direkt vom Himmel gekommen sein msse - und diese
kindische Vorstellung will ich behalten ... Da das, was mich zu Thrnen rhren
und mehr begeistern kann, als viele andere Herrlichkeiten der Welt, auf steifen,
pedantischen Gesetzen beruhen und auf dem Papiere in einer Anzahl dicker,
hlicher Notenkpfe stehen soll, die ngstlich nachgezhlt werden mssen - der
Gedanke schon raubt mir allen Genu; er berhrt mich so abstoend wie die
Thatsache, da das Knochengerst eines schngebildeten Menschengesichts ein
Totenkopf ist - ich thue deshalb grundstzlich keinen Blick in die leidige
Maschinerie.
    Da haben wir ja gleich wieder den Grundton in Ihrer Natur, der sich gegen
alles auflehnt, was Gesetz und Regel heit, sagte er sarkastisch, obwohl er mit
sichtbarem Interesse ihrer eigentmlichen Definition der Musik gefolgt war.
Also mein Schlu war falsch und Ihre sehr auffallende Beklommenheit vorhin
berflssig, fgte er nach einer Pause scharf hinzu. Es mu das ein
merkwrdiges Geheimnis sein! ... Ich htte fast Lust, schlielich doch noch
kraft meines Amtes als Vormund auf eine Darlegung Ihres Lebensplanes zu
dringen.
    Das wrde umsonst sein, erwiderte sie ruhig und entschieden. Ich werde
nicht sprechen ... Sie haben es mir selbst freigestellt, nach Verlauf von zwei
Monaten zu handeln, wie ich wolle.
    Ja, ja, der Fehler ist leider gemacht, versetzte er gereizt. Aber ich
finde es denn doch - gelinde gesagt - verwegen, in Ihrem noch sehr jugendlichen
Alter Lebensfragen ganz nach eigenem Belieben, ohne jedweden Rat und Beistand
eines Verstndigen, entscheiden zu wollen ... Ich setze den Fall, es handle sich
um den wichtigsten Schritt im Leben des Weibes - um ein Gebundensein fr immer
-
    In einem solchen Falle wre mein Vormund der letzte, den ich um Rat bitten
wrde! unterbrach ihn Felicitas flammendrot im Gesicht. Ich wre bereits
gebunden, und zwar an einen verhaten, charakterlosen Menschen, bese ich nicht
eben die Verwegenheit, in meinen Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen ...
Sie htten getrost Ja und Amen zu jenem sogenannten ehrenvollen Antrage Wellners
gesagt, wenn ich schwach genug gewesen wre, mich durch vorhergehende schlechte
Behandlung und Drohungen einschchtern zu lassen!
    Dieser Vorwurf traf wie ein zweischneidiges Schwert, denn er war gerecht.
Der Professor bi sich auf die Lippen - sein Blick irrte einen Moment unsicher
ber die Steinplatten zu seinen Fen.
    Ich habe freilich gemeint, die mir von meinem Vater gewordene Aufgabe so am
besten zum Abschlusse zu bringen, sagte er nach einer peinlichen Pause - seine
Stimme hatte bei weitem nicht die gewohnte Festigkeit. Es war ein Irrtum, aber
durchaus kein hartnckig behaupteter, wie Sie wissen. Wenn ich auch auf den Rat
und das Zeugnis meiner Mutter hin ohne nhere Prfung meine Einwilligung gegeben
habe, so bin ich doch weit entfernt gewesen, Ihren Entschlu durch Zureden oder
wohl gar Strenge beeinflussen zu wollen ... Uebrigens sollen meine Worte von
vorhin der letzte Versuch gewesen sein, mein Vormundsrecht zu gebrauchen, fuhr
er nicht ohne Bitterkeit fort. Ich mu Sie Ihrem Schicksale berlassen ... Sie
gehen ihm froh und hoffnungsvoll entgegen?
    Ja! antwortete das junge Mdchen mit leuchtenden Augen.
    Und glauben, in dem neuen Verhltnis glcklich zu werden?
    So gewi, als ich an ein schneres Jenseits glaube!
    
    Er hatte bei seiner letzten Frage einen jener durchdringenden, prfenden
Blicke auf ihr ruhen lassen, wie er sie wohl bei seinen verstocktesten Patienten
anzuwenden pflegte; als aber ihr Gesichtsausdruck immer strahlender wurde,
wandte er wie verletzt oder gergert den Kopf weg. Er sagte kein Wort mehr.
Zerstreut reichte er Aennchen die Hand, griff leicht grend an seinen Hut und
ging langsam nach dem Hause zurck. -
    An demselben Abende sa Rosa in der Gesindestube. Ein zartblauer, duftiger
Stoff bauschte sich auf ihrem Schoe und ihre Finger handhabten die Nhnadel mit
beinahe fieberhafter Geschwindigkeit. Friederike leistete ihr Gesellschaft. Das
Kammermdchen sah sich gentigt, bis nach Mitternacht zu arbeiten, und da hatte
die alte Kchin den vortrefflichen Einfall gehabt, einen steifen Kaffee zu
kochen, nur von wegen des Munterbleibens.
    Es hatte lngst zehn geschlagen. Felicitas war in die Schlafkammer gegangen,
um sich zur Ruhe zu begeben, aber das unaufhrliche Geplauder der
nebenansitzenden Kaffeetrinkerinnen machte ihr den Aufenthalt in dem dumpfen,
schwlen Raume unertrglich. Sie ffnete das Fenster weit, setzte sich auf den
Sims, die gefalteten Hnde um die Kniee legend und sah hinaus in den Hof. Er war
nicht ganz dunkel. Auf den Vorslen des ersten und zweiten Stockes brannten noch
die Astrallampen. Durch die hohen Fenster fielen lange Lichtsulen auf das
Steinpflaster; sie streiften den silbern aufblitzenden Wasserstrahl des
rauschenden Rhrenbrunnens, lieen in unheimlichen Ecken trbe Glasscheiben
aufglhen und warfen schlielich noch einen falben Schein auf die ziemlich weit
entfernte Fassade des Hinterhauses. Ueber das groe Viereck der Gebude aber
spannte sich der flimmernde Nachthimmel. Unverndert, wie vor lngst
verrauschten Zeiten, sahen seine Sternbilder herein in den Hofraum, den die Sage
mit haarstrubenden Gespenstergeschichten bevlkerte - sie hatten diejenigen,
die jetzt als wehklagende Schemen hier angstvoll umherschweben sollten, in
blhender Leibesgestalt gesehen, edle Ritter und stattliche Handelsherren,
vornehme Damen in seidener Schleppe und die ehrbar im Leinenkleide
einherschreitende brgerliche Hausfrau; zu ihnen hatten Augen aufgeblickt, aus
denen Weltlust glhend begehrlich sprhte, auch solche, die im aufgeblasenen
Eigendnkel kalt und teilnahmlos an Gottes wundervollster Schpfung
vorberstreiften, scheue Augen, hinter denen das Verbrechen lauerte, und in
Thrnen schwimmende, bang blickende Kinderaugen - der Glanz war verlscht, sie
alle moderten; aber die groe Lehre der Natur, da alles vergehen msse, bleibt
unbegriffen. Geschlecht nach Geschlecht that die Augen auf und schlo sie
wieder, und was zwischen diesen zwei Momenten lag, das war Kampf und Ringen um
ein Stck Erde, Titel und Wrden, volle Ksten und Kleiderpracht gewesen. Und
ein die Welt bewegender Zug im Menschencharakter, er trat auch hier hervor: die
Herrschsucht, der unheimliche Trieb, andere Menschenkinder hinabzudrngen und
ihnen den Fu auf den Nacken zu stellen; und wo ueres Ansehen und eigenes
Geistesvermgen nicht ausreichte, da hllte man sich in die Weihrauchswolke des
Glaubens. - Nichts ist mehr verdreht und ausgebeutet worden im Interesse
weltlicher Zwecke, als Gottes Wort, nie ist mehr gesndigt worden, als in Gottes
Namen!
    Whrend diese Gedanken hinter der Stirn des jungen Mdchens kreisten,
wechselten drben in der Gesindestube Friederikens blecherne Stimme und der
schneidend hohe Sopran der Zofe unaufhrlich im Zwiegesprche.
    Ja, sagte Rosa, pltzlich auflachend, meine Gndige fiel aus den Wolken,
als der Professor heute gegen Abend zurckkam und erzhlte, da er mit
verschiedenen Herren und Damen bermorgen eine Partie auf den Thringer Wald
machen wolle - der und eine Partie! Gott im Himmel! In Bonn hockt er jahraus,
jahrein hinter den Bchern, geht zu seinen Patienten und auf die Universitt -
das ist alles! Kein Ball, keine Soiree ... Greulich! An den Mnnern kann ich nun
einmal das Frommthun nicht ausstehen!
    Pfui, schmen Sie sich, Rosa! schalt Friederike entrstet. Wenn das Ihre
gndige Frau hrte!
    Na ja, alles hat seine Grenzen ... Im Institut ist er so gewesen, da er am
liebsten nicht mehr gegessen und getrunken htte, um heilig und selig zu werden
- damals hat ihn kein Mitschler ausstehen knnen!
    Die Menschen sind zu schlecht! - Da knnen sie ihn wohl jetzt auch noch
nicht leiden?
    Ach nein - jetzt wird er vergttert ... Wie er's angefangen hat, wei ich
nicht, aber seine Studenten htscheln ihn wie ein Wickelkind, und die Damen -
na, das ist geradezu schauderhaft - die kssen ihm womglich die Hnde, wenn er
ihnen ein Rezept verschreibt. Meine Gndige macht's ja nicht besser - ich mchte
mich manchmal grn rgern! Ja, wenn er noch hbsch wre! Aber so ein hlicher
Mann mit dem roten Bart und den ungeleckten Manieren! Mir sollte er kommen, der
ungeschliffene Br! ... Der kuriert alles mit Grobheit. Meine Gndige liegt zum
Beispiel in Krmpfen; da tritt er an das Bett, sieht sie an, als ob er sie mit
den Augen spieen wollte, und spricht: Nimm dich zusammen, Adele! Auf der Stelle
stehst du auf! Ich werde einen Augenblick hinausgehen, und wenn ich zurckkomme,
wirst du angekleidet dort auf dem Stuhle sitzen - hast du mich verstanden? Und
er kam wieder herein, und sie sa richtig da - die Krmpfe sind auch
weggeblieben; aber sagen Sie selbst, ob das nicht scheulich ist, eine Dame von
Stande so zu behandeln?
    Er htte es hflicher machen knnen, freilich! meinte die alte Kchin.
    Er tyrannisiert sie berhaupt frchterlich ... Ihre ganze Freude ist, sich
gut anzuziehen. Ich sage Ihnen, Friederike, wir haben in Bonn Schrnke voll
Kleider, da man sich nicht satt sehen kann, und was die Mode bringt, das wird
mitgemacht. Weil aber der Herr Brummbr immer salbungsvoll von der Einfachheit
predigt, da lt sich meine Gndige nie in einem eleganten Anzug vor ihm sehen -
Mull, nichts als Mull! ... Wenn er nur wte, wie teuer die weien Fhnchen
kommen! ... Er wollte ja auch durchaus, die arme Frau sollte bermorgen zu Hause
bleiben, Aennchens wegen; aber da kam die andere Reisegesellschaft und hat
vorgebeten - was konnte er da machen? ... Dies blaue Kleid wird ihr hbsch
anstehen zur Reise, meinen Sie nicht, Friederike?
    Die Enthllungen der leichtsinnigen Kammerjungfer machten auf Felicitas
einen peinlichen Eindruck. Sie glitt vom Simse herab, um noch einmal in die
Gesindestube zurckzukehren; vielleicht verhinderte ihre Anwesenheit weitere
Mitteilungen ber Verhltnisse, die doch sicher nicht zu fremden Ohren dringen
sollten. Ohne eigentliches Ziel streifte ihr Auge noch einmal das ihr
gegenberliegende Seitengebude - sie stutzte. Die Astrallampe im Vorsaal des
zweiten Stockes warf ihren Schein auch in den langen Korridor, der nach Tante
Cordulas Wohnung fhrte. Die ersten zwei Fenster waren ziemlich hell erleuchtet,
man konnte die schlechtgetnchte Hinterwand sehen, aus welcher die alten Balken
braun heraustraten. An dieser Wand hin glitt eine Gestalt, aber nicht als
durchsichtiger, spukhafter Schatten - Er war's, den die Kammerjungfer so hlich
nannte. Felicitas sah deutlich die krftigen Linien seines Kopfes, die starken
Wellen des mchtigen Bartes, den hnenhaften Oberkrper, der in seinen Formen,
seinen Bewegungen freilich jeden Begriff von Eleganz ausschlo. Er durchschritt,
mechanisch und unablssig mit der Hand ber den Bart gleitend, die ganze Lnge
des Korridors bis an das letzte Fenster, das an den Vorplatz mit der gemalten
Thr stie, und hinter welchem der sehr entfernte Lampenschein nur noch matt und
unheimlich aufdmmerte; dann kehrte er zurck. Er machte ohne Zweifel seine
nchtliche Promenade, und weil unter seinem Zimmer die Regierungsrtin und das
Kind schliefen, so durchwandelte er ungehrt den einsamen, abgelegenen Gang ...
Was trieb ihn wohl so rastlos auf und ab? Grbelte er ber einem medizinischen
Problem, oder umflatterte ihn das Bild der Entfernten, um deren willen er einen
einsamen Lebensweg gehen mute?
    Sinnend schlo Felicitas das Fenster und zog die alten, verblichenen,
grnwollenen Vorhnge dicht zusammen, welche seit Menschengedenken die Trume
der Kchinnen im alten Kaufmannshause behteten.

                                       18


Drauen im Garten, auf dem groen Wiesenflecke, den die Nubume beschatteten,
war vor wenigen Tagen das Gras gemht worden. Ein herzerquickender, krftiger
Duft entstieg dem Heuhaufen, auf deren einem Aennchen behaglich die armen
kleinen Glieder ausstreckte. Felicitas lehnte am Stamme des grten der
Nubume; er war immer ihr Liebling gewesen. Da droben hatten einst ihre
leichten Kinderfe gestanden, und nicht allein das Rasenstck unten, sondern
die ganze weite, himmlische Welt war ihr blumenbestreut erschienen. Ihr Auge
glitt an dem Riesenstamm empor bis in das dunkle Herz, von wo aus das gewaltige
Gest sich weit und verwegen in die Lfte hinausreckte. Da drin, hinter der
rauhen Rinde, pulsierte auch Leben; es stieg hinauf und flutete bis in das zarte
Geder der Bltter, die wie Fhlfden hinaustrieben in die Welt und dem alten
Stamm wohl schwer zu schaffen machten - sie zitterten in jedem Lufthauch,
brausten jh auf, wenn der rauhe Wind ber sie hinstrich, und sanken schlaff
nieder unter dem sengenden Strahl der Sonne; aber mochte es droben auch zittern,
seufzen und rauschen, der Stamm stand unbewegt - und das Menschenkind? Wie
leicht brach es zusammen, wenn der Sturm des Schicksals ber sein Empfinden
hinbrauste!
    Dieser ernste Gedanke - so oft er sich auch bewahrheitet - hinter der weien
Mdchenstirn, die sich leuchtend abhob von der dunklen Baumrinde, war er wohl
nicht ganz gerechtfertigt. Gerade dies junge Geschpf, so eigenartig, so zart
und tief in seinen Empfindungen angelegt, hatte Strmen getrotzt, die tausend
andere seines Geschlechts in den Staub niedergeworfen haben wrden. Vielleicht
entsprang jene trbe Reflexion der unbewuten Furcht, der pltzlichen Ahnung
einer unbekannten Gefahr, unter welcher der gesthlte Wille des jungen Mdchens
doch dereinst zusammenbrechen konnte. Wie wenig vermgen wir selbst, die
Vorgnge in unserem Seelenleben zu begreifen - wir fassen sie so verkehrt und
ungeschickt auf, wie es einem fremden, unparteiischen Blick gar nicht einmal
mglich sein wrde, und erst wenn hereinbrechende Katastrophen vorber sind,
erkennen wir, da wir ihr Eintreten vorher gefhlt und gewut haben.
    Seit der Abreise des Professors und der Regierungsrtin waren bereits zwei
Tage verstrichen. Der erstere war mit einem Gesichtsausdruck und einer Bewegung
in den Reisewagen gestiegen, als schttle er eine schwere Last ab, die er gern
und freudig der guten kleinen Stadt X. hinterlasse. In der Hausflur hatte er
Rosa, Heinrich und der alten Kchin abschiednehmend die Hand gereicht, an
Felicitas aber war er, die Hutkrempe leicht berhrend, vorbergeschritten, fremd
und so ruhig, als habe dieser Mdchenmund nie ein herbes Wort zu ihm gesprochen,
als kenne er die Augen nicht, die ihn so oft durch ihren trotzigen Ausdruck
gergert hatten. Nun, das war ja recht und vernnftig, meinte Felicitas mit
zusammengepreten Lippen, nun war er doch, wie er sein sollte ... Ihm gegenber
hatte die junge Witwe Platz genommen. Sie war wie eine Fee inmitten blulicher
Wolken an den Abschiednehmenden vorbergeschwebt, und unter dem italienischen
Strohhtchen hatte das Gesicht so hoffnungsvoll gestrahlt, als sei sie gewillt,
von dieser Reise ein langersehntes Glck mit heimzubringen.
    Es war der zweite Nachmittag, den Felicitas mit Aennchen allein im Garten
verbringen durfte - das waren nicht blo friedliche Stunden, sie hatten ihr auch
Angenehmes - Wunderbares, wie sie es nannte - von auen her gebracht. Der
Nachbargarten, den nur ein lebendiger Zaun von dem Hellwigschen Grundstck
trennte, war vor einigen Tagen in den Besitz der Frankschen Familie gekommen.
Gestern hatte der Rechtsanwalt ber den Zaun hinweg in seiner liebenswrdigen,
vertrauenerweckenden Weise freundliche Worte mit ihr gewechselt, und heute hatte
pltzlich eine alte Dame in schwarzem Seidenkleide, das liebe, gtevolle Gesicht
von einem weien Hubchen umrahmt, dort gestanden und sie angeredet. Es war die
Mutter des jungen Frank gewesen. Sie lebte uerst zurckgezogen nur fr ihren
Mann und den einzigen Sohn und war eine in der Stadt hochgeachtete
Persnlichkeit. Sie hatte im Hinblick auf Felicitas' baldiges Scheiden aus dem
Hellwigschen Hause dem jungen Mdchen Rat und Beistand angeboten - ein
ungeahnter Sonnenstrahl im Leben des miachteten Spielerskindes! ... Und dennoch
lehnte Felicitas, jetzt in ernstes Sinnen verloren, da am alten Nubaume. Ueber
ihr zog es leise durch den dunklen Wipfel - sie lchelte trbe - in dem
Geflster hrte sie Nachklnge eines versunkenen Paradieses. - Ihre
halbzertretene erste Jugend zog an ihr vorber, und jetzt klang ihr das leise
Rauschen anders in der finsteren Prophezeiung: sie sei berufen zu kmpfen, zu
leiden bis zum letzten Atemzug ... Da aber das Verhngnis in diesem Augenblick
bereits ber ihre schwachen Lebenshoffnungen zermalmend hinschreite - das hrte
sie doch nicht.
    Heinrich war vor wenigen Augenblicken zur Gartenthr hereingekommen; es
hatte ausgesehen, als wolle er auf Felicitas in strmischer Eile zulaufen, dann
aber war er hinter einer Taxuswand verschwunden. Jetzt kam er langsam hervor.
Mit dem ersten Blick auf dies breite, ehrliche, aber furchtbar verstrte Gesicht
wute das junge Mdchen, da er Unheil bringe - von welcher Seite kam es? Sie
sprang ihm entgegen und fate angstvoll seine Hand.
    Ja, Feechen, ich kann dir nicht helfen - erfahren mut du's doch einmal,
sagte er tonlos, whrend er sich mit der verkehrten schwieligen Hand ber die
erhitzte Stirn strich und die Augen wegwandte. Siehst du, armes Ding, das ist
ja nun einmal so der Welt Lauf -
    Weiter! unterbrach sie ihn rauh, fast aufschreiend; dann bi sie
krampfhaft die Zhne zusammen.
    Ja doch - da Gott erbarm, wenn du so bist, wie soll ich dir's denn da
beibringen? ... Die alte Mamsell -
    Ist tot! vollendete sie in gellenden Tnen.
    Noch nicht, Feechen, noch nicht; aber freilich - so gut, als wr's schon
vorbei, sie kennt schon niemand mehr - der Schlag hat sie gerhrt ... Ach du
lieber Gott, und so mutterseelenallein ist sie gewesen! Die Aufwartefrau hat sie
gefunden, in der Vogelstube, auf dem Boden hat sie gelegen - hat erst noch fr
die armen Kreaturen gesorgt - Die Stimme versagte ihm, er weinte wie ein Kind.
    Felicitas stand im ersten Augenblick erstarrt, der letzte Blutstropfen war
aus ihrem weien Gesichte entwichen; mechanisch prete sie die schmalen Hnde
gegen die klopfenden Schlfen, aber keine Thrne kam aus ihrem Auge. Nur einen
Moment irrte ein unsglich bitteres Lcheln um ihre Lippen, dann griff sie mit
unheimlicher Ruhe nach ihrem Hute, der auf einem Heuhaufen lag, rief Rosa
herbei, die arbeitend unter den Akazien sa, und bergab ihr das Kind.
    Sind Sie unwohl? fragte das Kammermdchen. Das bildsulenartige Aussehen,
die unheimliche Starrheit in dem aschbleichen Gesichte des jungen Mdchens
erschreckte sie.
    Ja, sie ist krank, antwortete Heinrich an Felicitas' Stelle, die rasch
nach der Gartenthr zuschritt.
    Feechen, nimm dich zusammen, mahnte er, ein Stck Weges neben ihr
herschreitend, die Madame ist bei ihr - gut, da das die arme Mamsell nicht
wei! ... Doktor Bhm ist schon wieder fort - er kann nichts mehr thun ... Ach,
und gerade heute, gerade heute! Du bist nun einmal ein Unglckskind!
    Felicitas hrte nicht, was er sagte; die Worte schwirrten unverstanden an
ihren Ohren vorber, wie sie auch die Menschen auf den Straen nicht sah, die
ihr begegneten. Von Friederike ungesehen, betrat sie das Haus und stieg die
Treppe hinauf. Auf dem Vorplatze der Mansarde warf sie ihren Hut in eine Ecke.
Die Thr der Vogelstube klaffte, ein wildes Geschrei scholl heraus. Wie war
diese Thr sonst gehtet worden, damit kein Flchtling entschlpfe! Jetzt ging
das junge Mdchen vorber, ohne die Hand zu bewegen - mochten diese verlassenen
Geschpfe ihre Nahrung unter Gottes freiem Himmel suchen, sie hatten ja keine
Pflegerin mehr.
    Sie trat in die groe Wohnstube; aus dem anstoenden Schlafkabinett scholl
das unbiegsame, eintnige Organ der Frau Hellwig herein in den Raum, der seit
vielen Jahren nur die Sprache der Musik oder den seltenen Wohllaut einer
unsglich milden, seelenvollen Frauenstimme gehrt hatte. Die groe Frau las
eines jener sogenannten alten Kernlieder, welche, fr die Anschauungen eines
noch auf niederer Bildungsstufe verharrenden Volksgeistes gedichtet, in ihrem
leitenden Gedanken, ihrer Ausdrucksweise den Zweck als Vermittler zwischen dem
Himmel und der Menschenseele fr unsere Zeit vllig verloren haben. Diese grob
zugehauenen, von gemein sinnlichen Ausdrcken strotzenden Verse vor den Ohren
einer Sterbenden, die ihr ganzes Leben lang dem wahrhaft Schnen gehuldigt, die
ihrer Gottverehrung nur Ausdruck gegeben hatte in dem, was von seinem Geiste
ausgegangen: in der Poesie, in den himmlischen Melodien gottbegnadeter Meister!
    Geruschlos wie ein Schatten glitt Felicitas in das Sterbezimmer. Frau
Hellwig las weiter, ohne sie zu bemerken ... Dort, unter den weien Gardinen des
Bettes, die sich leise wie Flgel in dem Luftzuge des geffneten Fensters hoben
und senkten, als seien sie bereit, die scheidende Seele zu empfangen und
hinaufzutragen, lag ein aschgraues Gesicht ... O, wie grausam ist der Tod, da
er das, was wir auf Erden nicht wiedersehen sollen, vor unseren Augen erst noch
so furchtbar entstellt, da wir mit unwillkrlichem Grauen und Entsetzen in Zge
blicken mssen, in denen wir gewohnt waren, die traute Sprache der Liebe, eines
uns innig verwandten Geistes zu lesen!
    Festgeschlossen waren die tief herabgesunkenen Lider dort noch nicht. Die
Augpfel irrten rastlos hin und her, ein leises Rcheln begleitete die schweren
Atemzge; in kurzen Unterbrechungen hob sich wie zum Schlage ausholend der
rechte Arm und lie dann die wachsbleichen gekrmmten Finger kraftlos auf die
Decke niedersinken ... Welch ein furchtbarer Anblick fr das junge Mdchen, dem
dort der letzte Liebesstrahl in seinem armen Leben erlosch! - Felicitas trat an
das Bett. Mit malosem Erstaunen hob Frau Hellwig die Augen von ihrem
Gesangbuche und starrte in das totenbleiche, thrnenlose Gesicht, das sich ber
das Bett neigte.
    Was willst denn du hier, unverschmtes Geschpf? fragte sie laut und
rcksichtslos; ihre groe Hand hob sich und deutete gebieterisch nach der Thr.
    Felicitas antwortete nicht, aber die Unterbrechung der eintnigen Vorlesung
schien Eindruck auf die Sterbende zu machen. Sie suchte ihren Blick zu fixieren
- er fiel auf Felicitas. In diesem Strahle lag ein freudiges Erkennen; ihre
Lippen bewegten sich, anfnglich freilich ohne Erfolg - es lag eine namenlose
Angst in diesem Streben, sich verstndlich zu machen; und siehe, die
willenskrftige Seele siegte in der That und zwang den halbverstorbenen
Mechanismus des Krpers noch einmal zum Dienste. Gericht holen! klang es
eigentmlich gurgelnd, aber deutlich von ihren Lippen.
    
    Das junge Mdchen verlie sofort das Zimmer - hier war keine Minute zu
verlieren. Sie flog durch den Vorsaal, allein in diesem Augenblick, als sie an
der Vogelstube vorberkam, wurde die Thr derselben weiter aufgerissen -
Felicitas fhlte sich rckwrts von gewaltigen Fusten gepackt, ein furchtbarer
Sto schleuderte sie mitten in die Stube, whrend hinter ihr die Thr
zugeschlagen und von auen verschlossen wurde. Ein wahrhaft hllischer Lrm
umtobte sie drinnen; die Vgel flatterten erschreckt mit sinnverwirrendem
Gekreische durcheinander. Felicitas war zu Boden gestrzt; im Vorwrtstaumeln
hatte sie eine der inmitten des Raumes stehenden Tannen ergriffen und mit
niedergerissen ... Was war geschehen? ... Sie richtete sich empor und warf das
in vollen Strhnen ber ihr Gesicht fallende Haar zurck. Sie hatte niemand
gesehen, keinen Schritt gehrt, und doch hatte ein Mensch hinter ihr gestanden
und sich mit dmonischer Gewalt ihrer bemchtigt in einem Moment, wo es galt,
den letzten Willen einer Sterbenden auszufhren, wo sie mit jeder Minute Verzug
die schrecklichste Verantwortung auf ihre Seele nahm.
    Sie strzte nach der Thr, aber die war fest verschlossen; ihr Pochen und
Rtteln ging unter in dem entsetzlichen Geschrei, das sich abermals erhob. Die
aufgeregten Tiere kreisten ber ihrem Haupte, fuhren wie sinnlos gegen die Wnde
und beruhigten sich auch dann noch nicht, als das Mdchen in stiller
Verzweiflung die Arme sinken lie ... Wer sollte ihr denn auch ffnen? Die
Hnde, die sie hier hineingestoen hatten, sicher nicht! - Sie kannte diesen
eisernen Griff nur zu gut - es waren dieselben Hnde, die eben noch das
Gesangbuch gehalten; sie hatten es fortgeworfen, um einen Gewaltstreich
auszufhren, und nun sa das schreckliche Weib wieder am Sterbebett und las mit
eintniger, unbewegter Stimme weiter; sie lie es erbarmungslos geschehen, da
die Sterbende mit bermenschlicher Willenskraft den Todeskampf verlngerte, in
dem Wahne, noch einmal, und sei es auch nur fr Sekunden, hienieden ntig zu
sein ... Arme Tante Cordula! Sie schied aus der Welt, die sie einsam
durchwandelt hatte, mit einer bitteren Tuschung - die letzten Eindrcke, die
ihre Seele mit hinwegnahm, waren der religise Fanatismus in Gestalt jener
verabscheuten Frau und die sprichwrtlich gewordene menschliche Undankbarkeit,
deren sich Felicitas scheinbar schuldig machte. Dieser Gedanke trieb dem jungen
Mdchen das Blut siedend nach dem Kopfe. Sie lief auer sich auf und ab und
pochte mit erneuerter Kraft abermals an die Thr - vergebens ... Warum war sie
eingesperrt? Sie sollte das Gericht holen, hatte Tante Cordula geboten - galt es
ein letztes Bekenntnis? Nein, nein, die alte Mamsell hatte nichts zu bekennen!
Wenn sie die Last einer Schuld durchs Leben hatte tragen mssen, so war es eine
fremde gewesen, die sie erst da droben abwerfen durfte; denn das war Felicitas
allmhlich klar geworden: sie war unschuldige Mitwisserin, niemals aber
Mitschuldige irgend eines verbrecherischen Geheimnisses gewesen ... Sie hatte
vielleicht ber ihr Eigentum verfgen wollen, und das war nun durch die
Gewaltthtigkeit der groen Frau vereitelt. Wenn Tante Cordula ohne Testament
starb, so fiel ihr ganzes Vermgen an das Haus Hellwig ... wer wei, wie viele
Arme und Unglckliche in diesem Augenblick einer Untersttzung beraubt wurden,
die sie vielleicht glcklich gemacht htte fr ihr ganzes Leben, whrend die
Kaufmannsfamilie, deren Reichtum fr sehr gro galt, durch die List einer Frau
aufs neue ihre Kisten und Ksten fllte.
    Felicitas trat an das Fenster und sah hinab auf die Nachbarhuser. Sie
sphte angstvoll nach einem Menschengesicht, das sie um Hilfe anrufen konnte,
aber die Wohnungen lagen so tief drunten, sie wurde weder gehrt, noch gesehen
... Wie klopften ihre Pulse in Seelenqual und fieberischer Aufregung! Sie warf
sich auf den einzigen Stuhl, der im Zimmer stand und brach in Thrnen der
Verzweiflung aus ... Jetzt war es auf alle Flle zu spt, auch wenn sie in
diesem Augenblick noch frei wurde. Vielleicht waren die lieben Augen da drben
bereits gebrochen und das Herz stand still, das in seinen letzten Augenblicken
mit gesteigerter Angst vergebens auf Felicitas' Wiedererscheinen gehofft hatte
... Den allgemeinen Trost, da die verklrte Seele nun wisse, woran ihr letzter
Wunsch gescheitert sei, hatte dies junge, sehr scharf und logisch erwgende
Mdchen nicht - es ist schwer zu denken, da der menschliche Geist, der, wie
alles Geschaffene, dem groen Gottesgedanken gem, zahllose Phasen bis zu
seiner hchsten Vollkommenheit allmhlich durchlaufen mu, nach der beschrnkten
irdischen Kurzsichtigkeit sofort die gttliche Eigenschaft der Allwissenheit
annehmen und aus dem Jenseits herber in das Handeln und Treiben der
Erdbewohner, in die geheimsten Motive der Menschenbrust wie in ein
aufgeschlagenes Buch blicken knne.
    Sie mochte weit ber zwei Stunden abwechselnd in dumpfem Hinbrten und
verzweiflungsvollen Anstrengungen, sich zu befreien, in ihrer Haft zugebracht
haben. Ihre Umgebung war ihr geradezu entsetzlich geworden. Diese unvernnftigen
Geschpfe, einst ihre Lieblinge, die bei jeder rascheren Armbewegung ihr
furienhaftes Gekreisch erhoben und umhertobten, wurden fr ihre berreizte
Phantasie zu wahren Spukgestalten - sie zitterte vor ihren eigenen Bewegungen.
Dazu brach der Abend herein; es wurde dmmrig in dem unheimlichen Raum, der
erste, wilde Schmerz um die Verlorene brannte in ihrer Brust - es war eine
Situation zum Wahnsinnigwerden! Noch einmal lief sie nach der Thr - wie betubt
vor Ueberraschung blieb sie stehen, das Schlo wich ohne den geringsten
Widerstand unter ihren Hnden ... Drauen auf dem Vorsaal war es totenstill;
Felicitas htte meinen knnen, ein schrecklicher Traum habe sie geqult, wre
nicht das Wohnzimmer fest verschlossen gewesen. Sie sah durch das Schlsselloch;
ein heftiger Zugwind brauste ihr entgegen, die losen Epheuranken drin an den
Wnden bewegten sich schaukelnd hin und her; man hatte die Fenster geffnet - -
ja, es war alles vorber, vorber! ...
    Drunten im Vorderhause sa die Kchin strickend an der offenen Hausthr, wie
sie an schnen Sommerabenden zu thun pflegte. Aus der Kche quoll der Duft
frischen Gebckes, sie hatte kaum erst ein Kuchenblech voll kleiner Brezeln, wie
sie Frau Hellwig stets zum Kaffee geno, aus der Rhre gezogen - es war also
hier unten alles in seinem Geleise fortgegangen, whrend droben ein Glied der
Familie aus der Welt geschieden war.
    Felicitas ging in die Gesindestube. Gleich darauf trat auch Heinrich herein.
Er hing still seine Mtze an den Nagel, dann schritt er auf Felilitas zu und
reichte ihr wortlos die Hand. Der wehmtige Blick der rotgeweinten Augen in
diesem alten, wetterharten Gesicht drang wie erlsend in das schmerzerstarrte
Innere des jungen Mdchens - sie sprang auf, schlang ihren Arm um seinen Hals
und brach in ein leidenschaftliches Weinen aus.
    Du hast sie nicht noch einmal gesehen, Feechen? fragte er nach einer Pause
leise. Friederike sagt, die Madame habe ihr die Augen zugedrckt - ach, gerade
die Hnde! ... Von dir ist nicht die Rede gewesen, und das kann man sich doch an
allen zehn Fingern abzhlen, die Madame wre wtend geworden, wenn sie dich da
oben gesehen htte ... Wo hast du denn gesteckt?
    Felicitas' Thrnen hrten sofort auf zu flieen. Mit sprhenden Augen
erzhlte sie ihm, was geschehen war. Er rannte wie besessen in der Stube auf und
ab.
    Ist denn das menschenmglich! rief er einmal um das andere und fuhr sich
mit beiden Hnden in seinen dichten grauen Haarwust. Und das hat der liebe Gott
so mit ansehen knnen? ... Ei, du heiliges Kreuz! ... Ei, du heiliges Kreuz! ...
Und nun gehe du hin und klage und erzhl's! Bei Gericht schicken sie dich heim,
weil du keine Zeugen hast, und in der ganzen Stadt glaubt dir's kein Mensch,
denn das ist die gerechte, fromme Frau Hellwig, und du ... Und wie hinterrcks
sie's gemacht hat! unterbrach er sich grimmig auflachend. Just in einem
Moment, wo die Vgel recht geschrieen haben, hat sie die Thr sachte wieder
aufgeschlossen ... Ja, ja, ich sag's ja immer - 's ist eine von den Schlimmsten!
... Feechen, du armes Unglckskind, dich hat sie bestohlen! Ich hab' heute
morgen die Herren vom Gericht zur alten Mamsell bestellen mssen - morgen
nachmittag um zwei Uhr wollte sie ihr Testament machen - deinetwegen ... Ja, ja,
wer wei, wie nahe mir mein Ende! Sie war so erstaunlich weltpolitisch,
unsereiner hat sich ordentlich gegraut vor so viel Gescheitheit in einem
Weiberkopfe, aber den schnen Vers hat sie doch nicht ordentlich gekonnt, sonst
htte sie nicht so lange gewartet!

                                       19


Es war noch sehr frh am Morgen, als Frau Hellwig im Vorderhof erschien. Statt
der wohlbekannten, in ihrer Form seit vielen Jahren fast unverndert gebliebenen
weien Haube legten sich schwarze Spitzen um die blassen, fleischigen Wangen.
Das unselige Geschpf, das so oft den Sabbat des Herrn entheiligt hatte durch
unheilige Lieder und lustige Weisen, war ja nun tot; auch die letzte Spur
seines gechteten Daseins war aus dem alten Kaufmannshause bereits verwischt -
man hatte den Leichnam gestern abend noch in das Leichenhaus geschafft ... Trotz
alledem hatte die Verstorbene den Namen Hellwig getragen - ihm galten die
schwarzen Spitzen und der Kreppstreifen, der heute den wohlgestrkten
Leinwandkragen am Halse der groen Frau verdrngt hatte.
    Sie schlo die Thr auf, in welcher einst Felicitas die alte Mamsell hatte
verschwinden sehen. Auer der bekannten Treppe, welche hinter der gemalten Thr
lag, fhrte noch ein zweiter Aufgang, eine enge, gewundene Stiege, in die
Mansarde, und zwar direkt von der schmalen, steilen Strae aus; das war der Weg,
den Heinrich und die Aufwartefrau benutzt hatten, und zu welchem auch die
Hofthr fhrte.
    Wohl sahen die Gipsbsten noch unangetastet von ihren hohen Postamenten
herab, allein der Genius war entflohen aus dem Raume, den die groe Frau jetzt
mit der sichern, unanfechtbaren Haltung der Besitzergreifenden betrat ... Ein
kaltes, verchtliches Lcheln umspielte ihre Lippen, whrend sie die Reihe der
Zimmer durchschritt, deren jedes einzelne in seiner Einrichtung das poesievolle
Gemt, den feinempfindenden Geist seiner ehemaligen Herrin bezeichnete, aber sie
runzelte auch mit einem haerfllten Ausdruck die Brauen, als ihr Auge ber die
Bcherreihen hinter den Scheiben eines Glasschrankes streifte, die auf ihren
zierlich gepreten Saffianeinbnden gefeierte Dichter- und Schriftstellernamen
trugen.
    Sie ergriff einen starken Schlsselbund, der auf dem Nachttisch lag und
ffnete einen Sekretr - das offenbar interessanteste Mbel fr sie. Eine
musterhafte Ordnung herrschte in all den Ksten; einer nach dem andern wurde
aufgezogen - vergilbte, mit verblaten Bndern zusammengebundene Briefpakete,
Schreibehefte kamen zum Vorschein. Die plumpen weien Hnde stopften sie
ungeduldig wieder hinein - was interessierte sie das Geschreibsel, die groe
Frau war nicht neugierig! ... Desto wohlwollender wurde ein Kstchen behandelt,
das sich bis an den Rand mit Dokumenten gefllt erwies. Mit groer
Aufmerksamkeit und dem Ausdruck innerer Befriedigung entfaltete Frau Hellwig
Blatt um Blatt; sie verstand ausgezeichnet zu rechnen, im Nu hatte sie die sehr
bedeutende Totalsumme dieser einzelnen, sicher und vorteilhaft angelegten
Kapitalien berschlagen - sie bertraf ihre Erwartung.
    Damit hatte jedoch die Forschung keineswegs ein Ende; es kamen die
verschiedenen Kommoden und Schrnke an die Reihe, und je lnger Frau Hellwig
suchte, desto ungeduldiger und hastiger wurde sie. Allmhlich rtete sich ihr
Gesicht, mit ungewhnlicher Lebhaftigkeit schritt ihre schwerfllige Gestalt von
Zimmer zu Zimmer, rcksichtslos durchwhlten ihre Hnde die Wscheksten, warfen
die zierlich gefltelten Krausen und Hauben der Verstorbenen durcheinander,
stieen Glas und Porzellan in den Schrnken zusammen, da es klang und klirrte -
das, was sie suchte, war nicht zu finden. Sie trat endlich aufgeregt hinaus auf
die Galerie. Da sie verschiedene Blumentpfe umstie und mittelst ihrer
schwerflligen Bewegungen nach allen Seiten hin Blten und Zweige abknickte, war
ihr sehr gleichgltig - sie hatte in diesem Augenblicke nicht einmal ihr
stereotypes verchtliches Lcheln fr diesen Quark, diese Alfanzereien.
    Friederike ftterte gerade das Geflgel drunten im Hofe; Frau Hellwig befahl
ihr, sofort den Hausknecht heraufzuschicken und trat wieder zurck, um ihr
Suchen von neuem zu beginnen.
    Weit du nicht, wo die verstorbene Tante ihr Silberzeug aufbewahrt hat?
rief sie dem bald darauf eintretenden Heinrich entgegen. Es mu viel da sein,
ich wei es von meiner Schwiegermutter. Sie hat mindestens zwei Dutzend schwere
silberne Elffel, eine gleiche Anzahl schner vergoldeter Kaffeelffel,
desgleichen silberne Leuchter, Kaffee- und Milchkanne gehabt, - dieses mit
verwunderungswrdiger Gedchtnistreue festgehaltene Verzeichnis rollte von den
Lippen, als werde es abgelesen - ich kann nichts von alledem finden - wo steckt
es?
    Das wei ich nicht, Madame, versetzte Heinrich ruhig. Er schritt auf einen
Tisch zu, zog dessen Kasten auf und nahm zwei silberne Ebestecke heraus. Das
ist alles, was ich je von Silber bei der seligen Mamsell gesehen habe, sagte
er, ich mute es fters putzen, weil es die Aufwartefrau nicht recht machte.
    Frau Hellwig schritt hin und her und bi sich zornig auf die Lippen. Die
strenge Zurckhaltung, die sie dem Gesinde gegenber stets beobachtete, verlie
sie fr einen Augenblick.
    Es wre eine schne Geschichte, ein wahrer Skandal, wenn die Alte diese
wertvollen alten Familienstcke verkauft oder wohl gar - verschenkt htte;
hnlich she es ihr schon! sagte sie, freilich mehr wie fr sich. Es mu
wieder her, ich ruhe nicht eher! ... Sie hat auch Brillanten gehabt, sehr
schnen Schmuck; es ist alles, was von solchen Sachen der Familie Hellwig je
gehrt hat, zwischen ihr und meiner Schwiegermutter geteilt worden, sie
unterbrach sich, ihr Blick fiel in dem Momente auf den Glasschrank, der die
Noten enthielt. Ihn hatte sie noch nicht untersucht.
    Der Schrank selbst stand auf einem schwerflligen Kasten, den sehr schn
geschnitzte Holzthren umschlossen; sie ri dieselben auf - hohe Ste
sorgfltig geordneter Zeitschriften fllten die zwei Regale aus. Jener grausam
boshafte Zug erschien verstrkt in dem ungewhnlich aufgeregten Gesichte, die
Oberlippe krmmte sich nach innen und lie fast die ganze obere Reihe ihrer
schngepflegten festen Zhne sehen ... Sie zog ein Paket um das andere hervor
und schleuderte es auf die Erde, da die einzelnen Hefte weit umherflogen.
    In dem alten Manne kochte der Ingrimm. Er ballte die Fuste und sah mit
einem fast wilden Blick auf die Vandalin. Diese Bltter, er hatte sie alle
selbst von der Post geholt, sie waren eine wahre Erquickung und Freude fr die
Einsame gewesen; noch sah er ihre freundlichen Augen aufstrahlen, wenn er ein
neuangekommenes Heft auf ihren Tisch legte.
    Da haben wir ja gleich die Erbfeinde der heiligen Kirche beisammen!
murmelte sie. Diese Schandbltter, diese hllischen Sudeleien! Ja, ja, sie
hat's arg getrieben, die gottvergessene alte Jungfer, und ich bin gezwungen
gewesen, so viele Jahre lang den unsauberen Geist unter meinem Dache zu dulden.
    Sie richtete sich empor und sah hinter die Glasscheiben. Bei dem Anblick der
Noten klang eine Art kurzen, rauhen Gelchters von ihren Lippen. Sie schlo den
Schrank auf und befahl Heinrich, einen Waschkorb zu holen. Was von Bchern und
Notenheften auf den Regalen lag, mute er in den Korb rumen. Er zerbrach sich
den Kopf, was wohl das Schicksal dieser schnen Bcher sein wrde, die so oft
dort auf dem Flgel gelegen und von denen die alte Mamsell so kstliche Musik
abgelesen hatte. Die groe Frau stand neben ihm und sah streng darauf, da kein
Blttchen zurckblieb; sie selbst rhrte nichts an, es sah fast aus, als frchte
sie, ihre Finger daran zu verbrennen.
    Schlielich befahl sie dem Hausknecht, den Korb in das Vorderhaus zu tragen.
Sie verschlo alle Thren der Mansardenwohnung sorgfltig und folgte ihm. Zu
Friederikens Aerger, der solche Besuche ein Greuel waren, trat sie in die Kche;
Heinrich mute seine Last niedersetzen und eine Papierschere aus dem Wohnzimmer
bringen. Die alte Kchin hatte gerade starkes Bratfeuer.
    Heute kannst du das Holz sparen, Friederike! sagte Frau Hellwig, ergriff
ein loses Heft und warf es in die Flammen. Die zierlichen Mappen mit der
kostbaren Handschriftensammlung der alten Mamsell lagen obenauf in dem Korbe.
Die seidenen Bandschleifen, mit denen sie zusammengebunden waren, lsten sich,
eine nach der andern, unter den ruhig und beharrlich manipulierenden Fingern der
groen Frau ... Hei, wie das loderte und fra! Hier strahlte noch einmal der
Name Gluck im roten Glanze, dort glhten die Notenkpfe einer brillanten
Schlukadenz Cimarosas wie feurige Perlen, um dann in ein und demselben
Flammenmantel unterzugehen, der Italiener, Deutsche und Franzosen parteilos
umfate.
    Heinrich hatte im ersten Augenblick fassungslos dabeigestanden - der Grimm
schnrte ihm die Kehle zu. Noch lag die Leiche der armen Einsamen ber der Erde,
und dieses gefhllose Weib da hauste bereits in der Hinterlassenschaft und
plnderte und zerstrte, wie kaum der roheste Kriegsknecht in Feindesland.
    Aber, Madame, sagte er endlich, es knnte doch ein Testament da sein!
    Frau Hellwig erhob ihr von dem Feuer rot angestrahltes Gesicht, es zeigte
ein Gemisch von Hohn und Unwillen.
    Seit wann habe ich dir denn erlaubt, mir gegenber deine weisen Bemerkungen
zu machen? fragte sie beiend. Sie hatte eben das Bachsche Opernmanuskript in
den Hnden, von welchem die alte Mamsell neulich gesagt, da es, als nur in
diesem einzigen Exemplare vorhanden, dereinst mit Gold aufgewogen werden wrde.
Energischer als vorher und mit einem ganz besonderen Nachdrucke zerri und
zerschnitt sie die Bltter in Atome und stopfte sie unter die Bratrhre.
    In diesem Augenblick wurde drauen die Hausglocke stark angezogen. Heinrich
ging, zu ffnen. Ein Justizbeamter in Begleitung eines Gerichtsdieners trat ein.
Er verbeugte sich vor der verwundert aus der Kche kommenden Frau des Hauses und
stellte sich in seiner Eigenschaft als Amtskommissr vor, der beauftragt sei,
den Nachla der verstorbenen Frulein Cordula Hellwig zu versiegeln.
    Vielleicht zum erstenmale in ihrem Leben verlor Frau Hellwig ihre eiserne
Ruhe und Kaltbltigkeit.
    Versiegeln? stotterte sie.
    Es liegt ein Testament bei der Justizbehrde.
    Das ist ein Irrtum, fuhr sie heraus. Ich wei ganz genau, da sie nach
dem Willen ihres Vaters kein Testament machen durfte - es fllt alles an das
Haus Hellwig zurck.
    Thut mir leid, sagte der Beamte achselzuckend. Das Testament existiert,
und so sehr ich auch bedaure, inkommodieren zu mssen, meine Pflicht zwingt
mich, die Versiegelung sofort vorzunehmen.
    Frau Hellwig bis sich auf die Lippen, ergriff den Schlssel zur
Mansardenwohnung und schritt dem Herrn voran. Heinrich aber lief triumphierend
hinauf zu Felicitas, die bereits ihr Amt als Kinderwrterin wieder verwaltete,
heute jedoch zu Aennchens Verwunderung starr und stumm wie eine Statue neben der
plaudernden Kleinen sa. Heinrich teilte ihr das Vorgefallene mit. Bei der
Beschreibung des Autodaf fuhr sie empor.
    Einzelne Bltter waren es, die sie verbrannte? fragte sie mit erstickter
Stimme.
    Ja, einzelne Bltter. Sie lagen in roten Mappen, schne Bnder hingen dran
-
    Sie hrte nicht mehr auf ihn und eilte hinab in die Kche. Da stand der
Korb, er enthielt noch verschiedene Klavierauszge und Notenhefte, aber die
Mappen lagen geffnet und zerstreut auf dem Ziegelfuboden, auch nicht ein
einziges Blttchen lag mehr darin. Der Zugwind hatte einen kleinen zerrissenen
Papierfetzen in die Herdecke geweht. Felicitas hob ihn auf. Johann Sebastian
Bachs eigenhndig geschriebene Partitur, von ihm erhalten zum Andenken im Jahre
1707. Gotthelf von Hirschsprung las sie mit berstrmenden Augen ... Das war
das letzte Ueberbleibsel des geheimnisvollen Manuskriptes - die Melodien waren
verstummt fr ewig.
    Allem Anscheine nach hatte Frau Hellwig anfnglich nicht die Absicht gehabt,
um des Todesfalles willen die Vergngungsreise ihres Sohnes zu unterbrechen,
aber nach der Versiegelung, von der sie sehr echauffiert, mit einem unglaublich
grimmigen Gesichte zurckgekehrt war, warf sie hastig einige zurckrufende
Zeilen auf das Papier. Bereits am Tage nach der Beerdigung sollte, dem letzten
Willen der Verstorbenen gem, das Testament erffnet werden. Zu diesem Akte
brauchte Frau Hellwig eine Sttze, sie war berhaupt fassungslos, wie noch nie
in ihrem Leben. Der mgliche Verlust eines bedeutenden Vermgens, das sie stets
fr unverlierbar gehalten, wirkte in seiner Schreckgestalt selbst deprimierend
auf ihre eisernen Nerven.
    Ein eigentliches Ziel hatte sich die Reisegesellschaft nicht gesteckt. Eine
Reise ins Blaue hinein, und wo es uns gefllt, wollen wir Htten bauen, hatte
das Programm gelautet; Frau Hellwig mute demnach ihren Brief auch ziemlich ins
Blaue hineinschicken ... Das Suchen, mit welchem sie in der Mansardenwohnung den
Tag begonnen hatte, wurde nun im Zimmer ihres verstorbenen Mannes fortgesetzt.
Unter den Familienpapieren muten sich Beweise finden, da der alten Mamsell
nicht das Recht zugestanden habe, eigenmchtig ber ihren Nachla zu verfgen.
Sie hatte mglicherweise Ersparnisse von ihren Zinsen gemacht, das war bereits
gestern abend Frau Hellwigs Vermutung gewesen - das Thrschlo der Vogelstube
hatte wacker seine Schuldigkeit gethan und auch dieses Kapital der Familie
erhalten ... Wie die groe Frau auch sann und grbelte, sie wute sich selbst
nicht mehr zu sagen, woher ihr jene Ueberzeugung, die sie viele Jahre hindurch
unumstlich festgehalten, gekommen war. Hatte sie die Verfgung von Cordula
Hellwigs Vater einst selbst gelesen, oder war es die mndliche Ueberlieferung
irgend einer glaubwrdigen Person - genug, berzeugt war sie noch, und die
Papiere muten sich finden ... Sie suchte und las, bis ihr leichte Schweiperlen
auf die blasse Stirn traten - es war heute ein wahrer Unglckstag - ihre
Forschungen waren ebenso erfolglos wie die von heute morgen ... Das Glck
schttet am liebsten kaltherzigen, berechnenden, phantasielosen Menschen seine
Rosen vor die Fe - scheint es doch, als whne es bei reich angelegten Naturen
seine Schtze minder sicher als bei solchen, die nicht allein am Geldkasten,
sondern auch vor der Seele eiserne Riegel haben ... Die groe Frau war eines
jener verwhnten Glckskinder - sie war daher sehr verwundert ber den heutigen
Unglckstag.
    Zwei Tage waren vergangen, der abgesandte Brief irrte wahrscheinlicherweise
noch wohlverpackt in der Postkutsche durch die grnen Thler des Thringer
Waldes, und die alte Mamsell wurde zur Erde bestattet, ohne da ein Trger des
Hellwigschen Namens hinter ihrem Sarge geschritten wre.
    Felicitas trug ihren tiefen Schmerz schweigend, mit jener
Selbstbeherrschung, die gro angelegten Charakteren eigen. Die Schwche, welche
Trost im Zureden anderer sucht, kannte sie nicht - seit ihrer Kindheit war sie
gewhnt, alles Schwere mit sich allein auszukmpfen und ihre Seelenwunden
ausbluten zu lassen, ohne da ihre nchste Umgebung das Vorhandensein derselben
ahnte. Sie hatte es grundstzlich vermieden, die Tote noch einmal zu sehen. Der
letzte bewute Blick der Sterbenden, der noch einmal auf ihr geruht, war fr sie
der Abschied gewesen - sie wollte das liebe Gesicht unbeseelt nicht in ihre
Erinnerung aufnehmen ... Aber am Nachmittag des Begrbnistages, als Frau Hellwig
ausgegangen war, nahm sie einen der Schlssel, die in der Gesindestube hingen;
er schlo den Korridor, in welchen die dem Leser bekannte Rumpelkammer mndete.
Die mit den Jahren so bedeutend zunehmende Korpulenz der Hausfrau lie sie alles
Treppensteigen mglichst vermeiden, aus dem Grunde hatte die alte Kchin schon
seit lnger ungehindert Zutritt in die am hchsten gelegenen Rume.
    Tante Cordula sollte und mute heute noch frische Blumen auf ihrem Grabhgel
haben, aber nur solche, die sie selbst gepflanzt hatte. Die Mansardenwohnung
war, mit Ausnahme der Vogelstube, versiegelt - auf diesem Wege konnte man mithin
nicht zu dem hngenden Garten gelangen, den die Nachlssigkeit des Justizbeamten
von aller menschlichen Pflege abgeschnitten hatte ... Nach neun Jahren zum
erstenmale wieder stand Felicitas am Fenster der Dachkammer und sah hinber nach
dem blumenbedeckten Dach ... Was alles lag zwischen jenem unglckseligen Tage,
wo ihre gemihandelte Kinderseele sich gegen Gott und die Menschen emprte, und
heute! Dort drben war ihr Heim - dort hatte die Einsame das gechtete
Spielerskind beruhigend an ihr groes, edles Frauenherz genommen und mit allen
Waffen ihres Geistes den Mordversuch auf seine Seele abgewehrt. Dort hatte das
Kind unermdlich gelernt und infolge dieses Lernens erst wahrhaft gelebt ... Er,
der in diesem Augenblick in schner Damengesellschaft genieend die prchtigen
Thringer Wlder durchstreifte - er ahnte nicht, da sein einstiger, auf
Vorurteil und finster zelotischer Anschauungsweise basierter Erziehungsplan
einzig an einigen wagehalsigen Schritten ber die zwei schlanken Rinnen da unten
gescheitert war.
    Und jetzt sollte dieser Weg noch einmal zurckgelegt werden. Felicitas stieg
aus dem Fenster und schritt ber die Dcher; sie kam rasch und leicht hinber
und hatte bald den ebenen Boden der Galerie unter ihren Fen ... Die armen
Dinger da, die so harmlos mit den Kpfchen im leisen Zugwind nickten, waren weit
schlimmer dran, als die Lilie auf dem Felde. Wie durch ein Zauberwort hoch in
den Lften festgehalten, wuten sie nichts von der sen warmen Muttererde,
nichts von dem starken Heimatboden, der die Grundfesten mchtiger Bume wie das
zarte Wurzelgefaser der kleinsten Blume sich fest in das Herz drckt - ihr Wohl
und Wehe hatte in den zwei kleinen weien, welken Hnden gelegen, die jetzt
selbst still in dem Heimatboden ruhten und zu Erde wurden. Noch fhlten indes
die Herausgesperrten ihre Verwaisung nicht, es hatte mehreremal zur Nachtzeit
stark geregnet - in diesem Augenblick blhten und dufteten sie um die Wette.
    Felicitas drckte ihr Gesicht gegen die Scheiben der Glasthr und sah hinein
in den Vorbau. Da stand der kleine runde Tisch; das Strickzeug mit einer halb
abgestrickten Nadel lag neben dem Knuelbecher, als sei es eben nur aus der Hand
gelegt worden, um im nchsten Augenblick wieder aufgenommen zu werden. Quer ber
einem aufgeschlagenen Buche lag die Brille; das junge Mdchen las tiefbewegt
einige Zeilen - der letzte geistige Genu, den die alte Mamsell auf Erden gehabt
hatte, war die Rede des Antonius in Shakespeares Julius Csar gewesen ... Da
drben im Wohnzimmer stand der geliebte Flgel, und seitwrts blinkten die
Scheiben des groen Glasschrankes - sie zeigten die leere Flche der Regale, das
alte Mbel hatte sich treuloserweise seine musikalischen Kostbarkeiten entreien
lassen, sie waren zu Asche zerstiebt, andere dagegen hielt es um so fester -
Frau Hellwig hatte vergebens nach den Silberschtzen der alten Mamsell gesucht
... in diesem Augenblick erschrak Felicitas heftig. Das Geheimfach des Schrankes
enthielt nicht allein Schmuck und Silber, in einer Ecke stand auch ein kleiner
grauer Pappkasten. Er mu vor mir sterben! hatte Tante Cordula gesagt ... war
er vernichtet? ... Um keinen Preis sollte er in die Hnde der Erben fallen, und
doch war die alte Mamsell stets zu feig gewesen, Hand an ihn zu legen. Es war
mehr als warscheinlich, da er noch existierte. Wenn das Testament den Ort
bezeichnete, wo das Silber lag, dann wurde mglicherweise auch ein Geheimnis
offenbar, das die Einsame mit allen Krften der Welt zu entziehen gesucht hatte
- das durfte nun und nimmer geschehen.
    Die Glasthr des Vorbaues war von innen verriegelt. Rasch entschlossen
drckte Felicitas eine Scheibe ein und griff nach dem Riegel - er lag nicht vor,
wohl aber hatte man zugeschlossen und den Schlssel abgenommen - eine trostlose
Entdeckung! ... Ein leidenschaftlicher Grimm bemchtigte sich des jungen
Mdchens gegen das Verhngnis, das ihr konsequent in den Weg trat, wenn sie
hoffte, fr Tante Cordula wirken zu knnen. In den Schmerz um die Verstorbene
mischte sich nun auch die schwere Frage um das, was wohl nun kommen werde. War
der Inhalt des kleinen grauen Kastens geeignet, das Gercht bezglich einer
Schuld der alten Mamsell zu widerlegen? Oder warf er, vielleicht mystisch und
unlsbar, einen noch tieferen Schatten auf die Heimgegangene?
    Sie schnitt rasch ein schnes Bouquet ab, steckte zwei Tpfe mit Aurikeln -
Tante Cordulas Lieblinge - in ihren Korb und legte den Weg ber die Dcher mit
weit schwererem Herzen zurck, als sie gekommen war.
    Nun hatte dies junge Mdchen bereits drei Grber da drauen auf dem weiten,
stillen Totenfelde! Die liebsten Menschen, die ihr warmes Herz mit Inbrunst
umfate, deckte die Erde. Sie warf einen unsglich bitteren Blick gen Himmel,
als sie die Blumen auf Tante Cordulas frisches Grab streute - er konnte ihr nun
nichts mehr nehmen! Ihr Vater war seit vielen Jahren verschollen - er moderte
wohl lngst in fremder Erde; dort drben auf einem kostbaren Marmorblock
leuchtete in Goldschrift der Name Friedrich Hellwig, und hier - sie schritt auf
das Grab ihrer Mutter zu, es war, dank der Frsorge der alten Mamsell, seit neun
Jahren zur schnen Jahreszeit stets mit kstlichen Blumen bedeckt. Aber heute
lag der Grabstein herausgerissen neben dem Hgel; Heinrich hatte erst vor
einigen Tagen erklrt, die Inschrift msse endlich einmal erneuert werden, sie
sei am Erlschen - wahrscheinlicherweise war auf seinen Betrieb der Stein
herausgenommen worden. Er war bis dicht an den Namen der Verstorbenen
eingesunken gewesen; heute nun zeigte er sich in seiner ganzen Lnge. Meta
d'Orlowska las Felicitas mit verdunkeltem Blick; aber da stand ja weiter
drunten noch ein Name, den die Erde bis jetzt vollkommen verdeckt hatte. Von der
schwarzen Farbe zeigte sich freilich nur noch hier und da ein schwacher Rest an
den Schriftzgen; allein sie waren in den Sandstein vertieft - Geborne von
Hirschsprung aus Kiel lie sich ohne Mhe entziffern.
    Felicitas versank in tiefes Sinnen ... Dieser Name hatte auf dem Bachschen
Opernmanuskript gestanden! er hatte ferner dem uralten thringischen
Rittergeschlecht gehrt, dessen Wappen noch auf allen Wnden des alten
Kaufmannshauses prunkte - das kleine silberne Petschaft in Felicitas'
Kindertschchen zeigte aber auch denselben springenden Hirsch ... wunderbares
Rtsel! Das stolze Geschlecht, das in seinen letzten Generationen zu Hobel und
Pfrieme hatte greifen mssen, war ja lngst erloschen. Heinrich hatte als Kind
den letzten Trger des alten Namens noch gekannt - er war jung und unverheiratet
als Student in Leipzig verstorben ... und doch war vor vierzehn Jahren aus dem
fernen Norden eine junge Frau gekommen, die im Elternhause den Namen getragen
und das Wappen gefhrt hatte ... War einst ein Zweig vom alten Thringer Stamme
losgerissen und in die Ferne geschleudert worden? ... Du stolzer Ritter, der du
deine Gestalt auf der Steinplatte im alten Kaufmannshause verewigen lieest,
tritt heraus aus deinem Zinnsarge und wandle ber dies Grberfeld! Verschiedene
Steine tragen deinen Namen und unter ihnen ruhen Mnner mit schwieligen
Arbeiterhnden, Mnner, die im Schweie ihres Angesichts ihr Brot essen muten,
whrend du die Ansprche und Vorrechte deines Geschlechts bis in alle Ewigkeit
verbrieft und besiegelt hinterlieest, whrend du in dem unzerstrbaren Wahne
die Augen schlossest, dein bevorzugtes Blut, die aristokratischen Hnde deiner
Nachkommen seien gefeit gegen die Befleckung der Arbeit! Tritt her an dies Grab,
das den Staub einer weither gewanderten Tochter deines Hauses deckt! Das Brot,
das sie a, war ein ungleich hrteres, ein verachtetes - sie mute im
Gaukelspiel vor die Menschen treten, und dies Gaukelspiel zerstrte ihren
blhenden Leib ... Du hast nicht an den Wechsel gedacht, der in der Welt- und
Menschengeschichte dort eine Woge gen Himmel trgt und hier einen Abgrund
ffnet, um beide dann fr einen Augenblick trgerisch wieder zu ebnen und
auszugleichen.
    Ob noch Verwandte von Felicitas' Mutter existierten? Das junge Mdchen
beantwortete sich diese Frage selbst mit einem bitteren Lcheln; auf alle Flle
existierten sie nicht fr die Tochter der Meta von Hirschsprung. Sie waren
zweimal ffentlich aufgerufen worden und hatten konsequent geschwiegen.
Vielleicht hatte diese Linie des alten Geschlechts seine ursprngliche Reinheit
behalten bis zu dem Augenblick, wo eine Tochter derselben dem Taschenspieler
Herz und Hand schenkte - sie wurde verstoen aus dem Paradiese adeligen Glanzes,
aus dem Kreise der Ihrigen auf Nimmerwiederkehr ... So viel war gewi, ihr Kind
beschritt die Schwelle derer niemals, die ihre Familienbeziehung zu der Ehefrau
des Taschenspielers ffentlich verleugneten.

                                       20


Felicitas kehrte, nachdem sie den Gottesacker verlassen, nicht in das Haus am
Markte zurck. Rosa und Aennchen erwarteten sie im Garten, gegen Abend wollte
auch Frau Hellwig kommen, um mit dem Kinde unter den Akazien zu essen ... Die
groe Frau hatte ihre uere Ruhe scheinbar wiedergewonnen, nur war es
auffallend, da sie viel mehr, als sonst, ausging; es hatte fast den Anschein,
als sei es ihr Bedrfnis, sich bis zur Ankunft ihres Sohnes zu zerstreuen und
vielleicht auch ein wenig auszusprechen.
    Die Begegnung mit Felicitas in der Mansarde schien sie vllig ignorieren zu
wollen. Auf die Vermutung, da das Mdchen Verkehr mit der alten Mamsell gehabt
habe, war sie augenscheinlich nicht gekommen; sie hatte Felicitas' Eindringen
einfach fr Neugierde gehalten, die sie unter anderen Umstnden freilich nicht
straflos htte hingehen lassen; aber im Hinblick auf die weiteren Vorgnge jenes
Abends war es ihr ohne Zweifel wnschenswert, da das Vorgefallene mglichst
rasch vergessen werde.
    Felicitas hatte eilig beinahe die ganze kleine Stadt umschritten und blieb
nun vor einer Gartenthr stehen. Sie schpfte tief Atem, dann legte sie rasch
entschlossen die Hand auf den Drcker und ffnete die Thr; sie fhrte in den
Nachbargarten, in das Besitztum der Frankschen Familie ... Das junge Mdchen war
jetzt einzig und allein auf sich und seine eigenen Entschlsse angewiesen. So
schmerzzerrissen auch ihre Seele war, auf die Energie ihres im Kampfe
hartgewordenen Charakters hatten diese inneren Leiden keinen Einflu; ihr
auerordentlich klarer Kopf stand auch nach dem hrtesten Schlage sehr bald dem
Unvermeidlichen gegenber, und nie hatten die Nebel der Gefhlsseligkeit oder
Schwrmerei diesen scharfen logischen Gedankengang zu beeinflussen vermocht.
    Die zarte, sehr distinguiert aussehende Dame im weien Hubchen, die
Felicitas vor wenigen Tagen angeredet hatte, sa zeichnend in einem schattigen
Laubengange. Sie erkannte die Eintretende sofort und winkte ihr eifrig, nher zu
kommen.
    Ah, da kommt meine kleine, junge Nachbarin und will einen guten Rat, nicht
wahr? fragte sie mit herzgewinnender Freundlichkeit und lie das junge Mdchen
neben sich niedersetzen. Felicitas sagte ihr, da sie nach Verlauf von drei
Wochen das Hellwigsche Haus verlassen msse und eine Stelle suche.
    Wollen Sie mir nicht ungefhr sagen, was Sie leisten knnen, mein Kind?
fragte die Frau und lie ihre groen, klugen Augen, welche lebhaft an die ihres
Sohnes erinnerten, auf Felicitas' Gesicht ruhen; es wurde flammend rot ... Sie
sollte von ihren scheu verschwiegenen Kenntnissen sprechen und sie pltzlich
auskramen, wie der Kaufmann seine Waren - es war ihr ein unsglich peinliches
Gefhl, und doch mute es sein.
    Ich glaube, ganz leidlich im Franzsischen und Deutschen, in Geographie und
Weltgeschichte unterrichten zu knnen, antwortete sie zgernd, auch im
Zeichnen habe ich mich gebt; musikalisch ausgebildet bin ich nicht, allein ich
wei, was zu einem tchtigen, schulgerechten Gesangsvortrage gehrt; - die
Augen der Frau Hofrtin vergrerten sich merklich im Erstaunen - dann kann ich
auch kochen, waschen, bgeln und auf Verlangen auch scheuern. Die letzten
Artikel des Berichtes kamen ungleich rascher von den Lippen des jungen Mdchens,
als die anfnglichen.
    Hier, in unserem guten, kleinen X. mchten Sie wohl nicht bleiben? fragte
die Dame lebhaft.
    Wnschenswert wre mir allerdings ein lngerer Aufenthalt nicht, aber ich
habe liebe Grber hier, allzu rasch mchte ich mich auch nicht von ihnen trennen
-
    Nun, dann will ich Ihnen etwas sagen. Die Gesellschafterin meiner Schwester
in Dresden verheiratet sich; diese Stelle wird in sechs Monaten frei, ich werde
Sie dort empfehlen, und bis dahin bleiben Sie bei mir. Sind Sie damit
einverstanden?
    Felicitas kte ihr berrascht und dankbar die Hand, aber dann richtete sie
sich empor und sah die alte Dame mit einem beweglichen Blick an, es war nicht zu
verkennen, da ihr noch ein Wunsch auf den Lippen schwebte. Die Hofrtin
bemerkte es sofort.
    Sie haben noch etwas auf dem Herzen, nicht wahr? ... Wenn wir eine Zeitlang
miteinander leben wollen, dann mssen wir vor allem offen sein, also heraus mit
der Sprache! sagte sie munter.
    Ich mchte Sie bitten, meiner Stellung in Ihrem Hause, sei sie auch die
untergeordnetste und von der krzesten Dauer, eine bestimmte Gestalt zu geben,
antwortete Felicitas rasch und fest.
    Ah, ich verstehe! Sie sind es mde, ein Brot zu essen, das Sie sauer genug
verdienen muten und welches - sprechen wir es aus - trotzdem ein Gnadenbrot
genannt worden ist!
    Felicitas bejahte eifrig.
    Nun, in diese drckende Lage sollen Sie bei mir nicht kommen, mein liebes,
stolzes Kind. Ich engagiere Sie hiermit als meine Gesellschafterin. Waschen,
scheuern, bgeln sollen Sie natrlich nicht, wohl aber manchmal in der Kche
nachsehen, denn ich und meine alte Dora werden nachgerade morsch und mde -
wollen Sie?
    Ach, und wie gern! Zum erstenmal nach Tante Cordulas Tode glitt es wieder
wie ein schwaches Lcheln ber das ernste Gesicht des jungen Mdchens.
    Ein feiner Sonnenstrahl, der durch das wilde Weinlaub des schattigen Ganges
spielend auf und ab geglitten war, erlosch pltzlich - es wurde Abend. Felicitas
erinnerte sich, da sie auf ihrem Posten sein msse, bevor Frau Hellwig in den
Garten kme, und bat deshalb um die Erlaubnis, sich entfernen zu drfen. Die
Hofrtin entlie sie mit einem warmen Hndedruck, und nach wenigen Augenblicken
stand sie drben im Garten und hatte die kleine Anna auf dem Arme. Bald darauf
kam auch Friederike; sie trug einen schweren Korb voll Geschirr und sah sehr
erhitzt aus.
    Vor einer Stunde sind sie angekommen! rief sie beinahe atemlos und
sichtbar rgerlich, indem sie ihre Last niedersetzte. 's ist wahr, so
kunterbunt wie jetzt ist's noch nie bei uns zugegangen! ... Die Madame sagt mir,
wie noch der Wagen ber den Markt 'rber kommt, es solle nun in der Stadt
gegessen werden; ich richte auch im guten Glauben alles vor - da heit's auf
einmal wieder, der Professor wolle partout in den Garten, und da bin ich nun so
gut, packe die ganze Wirtschaft zusammen und schleppe sie da heraus.
    Damit rannte sie nach einem Beet und schnitt einige Salatkpfe ab.
    Es hat Spektakel drin gegeben, einen gottheillosen Spektakel! sagte sie
leise, whrend Felicitas in der Kche neben ihr stand und den Salat putzte. Die
Madame hatte noch nicht einmal recht Guten Tag gesagt, da war auch ihr erstes
Wort die Testamentsgeschichte ... Hre, Karoline, so fuchswild wie heute hab'
ich unsre Madame in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Der junge Herr
brachte aber auch nrrisches Zeug aufs Tapet; meinte er doch, die alte Tante sei
eine Ausgestoene gewesen, niemand in der Familie htte sich um ihr Leben und
Sterben gekmmert, und da she er gar nicht ein, warum sie den Leuten, die sie
verachtet htten, ihr Geld in die Tasche stecken solle - er htte in seinem
ganzen Leben nicht an die Erbschaft gedacht ... Und mitten hinein, wenn die
Madame einen Augenblick verschnaufte, da fragte er allemal, ob auch alles im
Hause wohl gewesen sei ... Er kam mir gar kurios vor, und die arme gndige Frau,
die sah aus, als wenn ihr die Hhner das Brot genommen htten!
    Felicitas erwiderte, wie sie es gewohnt war, kein Wort auf die
Ausplaudereien der alten Kchin. Sie zog sich spter mit einer Handarbeit unter
den Nubaum zurck, whrend Aennchen auf der Wiese neben ihr spielte. Von ihrem
Platze aus konnte sie durch eine schmale Spalte der kulissenartig sich
vorschiebenden Taxuswnde gerade auf die Gartenthr sehen. Dieses feine
gueiserne Gitter, das auf beiden Seiten wildblhende Rosenstrucher einfaten,
whrend es hinter ihm in der vorberlaufenden prchtigen Lindenallee dunkelgrn
dmmerte, hatte stets fr das junge Mdchen einen geheimnisvollen Reiz gehabt
... Sie hatte viele Menschen durch diese Thr kommen und gehen sehen;
freundliche, traute Gesichter, denen sie einst jubelnd entgegengelaufen war;
aber auch Gestalten, die ihr das Herz beklemmt, und hinter denen sie gern und
aufatmend das eigentmlich schnurrende Gerusch der zufallenden Thr gehrt
hatte ... Noch nie aber war ihr ein so jher Schreck, fast ein stechender
Schmerz, durch die Glieder gefahren, als in diesem Augenblick, wo sich das
Gitter knarrend vorwrtsschob, whrend Frau Hellwig, am Arme ihres Sohnes und
gefolgt von der Regierungsrtin, in den Garten trat ... Was hatte sie von jenen
Menschen zu frchten? Frau Hellwig ignorierte mglichst ihre Existenz, und jener
Mann dort hatte es ja auch aufgegeben, die Taschenspielerstochter zu seinen
Ansichten zu bekehren, nach welchen sie eine Ausgestoene, Gechtete des
Menschengeschlechts war und blieb.
    Friederike hatte gesagt, er sei ihr gar kurios vorgekommen, und Felicitas
mute ihr zum mindesten zugeben, da etwas Auffallendes in seinem Wesen liege.
Der Begriff Hast lie sich mit seinen nachlssigen Bewegungen und der
auerordentlich indifferenten Haltung im gewhnlichen Leben eigentlich gar nicht
in Verbindung bringen, und doch htte das junge Mdchen in diesem Moment sein
Gebaren mit dem besten Willen nicht anders zu bezeichnen gewut ... Er strebte
sichtbar ungeduldig vorwrts zu kommen - bei Frau Hellwigs schwerfllig
gemessenem Gange ein Ding der Unmglichkeit - und lie mit hochgehobenem Kopfe
seine Augen suchend ber den Garten gleiten - das galt jedenfalls seiner kleinen
Patientin.
    Rosa kam ber den Kiesplatz gesprungen, um Aennchen zu holen, und Felicitas
folgte den beiden bis hinter die erste Taxuswand, um das Wiedersehen zwischen
Mutter und Kind zu beobachten. Die Regierungsrtin schlang freilich ihre Arme um
das kleine Mdchen und ttschelte seine Wangen, aber whrenddem schalt sie Rosa
heftig aus, da sie die Schlssel zur Wohnung mitgenommen und sie gezwungen
habe, in dem entsetzlichen Kleid durch die Stadt zu gehen. Die duftige
Reisetoilette hatte in der That zum Teil ihre zarte Blue eingebt und hing
schlaff, welk und mit einem sehr mifarbenen Saume ber der Krinoline.
    Nun, ich werde mir diese ganze Partie bis zum Schlumoment zu den
unerquicklichsten Ereignissen meines Lebens notieren! sagte die junge Dame
verdrielich und schmollend, whrend sie sich einen Ri in dem verdorbenen
Kleide mit einer Nadel zusammensteckte. Wre ich bei dir geblieben, Tantchen,
in deinem stillen Zimmer! Tausend Unbequemlichkeiten, sag' ich dir - wohin wir
uns auch wenden mochten, stets einen Gewitterregen auf den Fersen, und dazu die
unglaublich schlechte Laune meines Herrn Kousin Isegrim! ... Du machst dir
keinen Begriff, Tantchen, wie rcksichtslos und - liebenswrdig er gewesen ist!
Er htte am liebsten gesehen, wir wren schon am ersten Tage wieder umgekehrt.
Und was fr Mhe haben wir uns gegeben, sein bsartig finsteres Gesicht
freundlicher zu machen! Frulein von Sternthal hatte sich mit solchem Eifer in
ihre Aufgabe versenkt, da ich jeden Augenblick erwartete, sie werde eine
Liebeserklrung in Szene setzen. - Nun, sag selber, Johannes, war sie nicht die
Bereitwilligkeit und Zuvorkommenheit selbst?
    Was der Professor antwortete, konnte Felicitas nicht verstehen. Sie war
bereits unter den Nubaum zurckgekehrt und arbeitete weiter, in der Hoffnung,
da man sich nicht um sie kmmern werde ... Das sah bs und drohend aus da
drben! Noch lag die grelle Rte einer heftigen Aufregung auf den Wangen der
Frau Hellwig, und die schlechte Reiselaune ihrer Sohnes war keinesfalls
verbessert worden durch die Empfangsszene.
    Eine Zeitlang schien es, als sollte die einsame Nherin unter dem Nubaume
in ihrer Zurckgezogenheit unangefochten bleiben; aber einmal schlpfte ihr
Blick durch die Lcke der Taxushecke und fiel zugleich auf die Gestalt des
Professors. Er kam ruhig schlendernd, die Hnde auf dem Rcken zusammengelegt,
ber den Kiesplatz; seine Zge hatten jedoch, ganz im Gegensatze zu seiner
nachlssigen Haltung, etwas Erregtes, Gespanntes, und sein Blick drang unruhig
in die verschiedenen Gnge zwischen den verschnittenen, grnen Wnden.
    Felicitas sa bewegunslos und beobachtete ihn; unwillkrlich hatte sie die
Rechte auf ihr klopfendes Herz gelegt - ihr war fast unheimlich zu Mute - sie
frchtete sich vor dem Moment, wo sein Blick auf sie fallen mute ... Noch
langsamer als zuvor schritt er auf dem schmalen Kieswege weiter, der den groen
Wiesenfleck umfate. Sein Haupt war unbedeckt - war es der eigentmliche, vllig
ungewohnte Ausdruck, oder hatte seine Gesichtsfarbe den krftigen Ton verloren -
der Kopf erschien dem jungen Mdchen verndert.
    Er griff in die Zweige eines Apfelbaumes, zog sie zu sich nieder und
betrachtete die sich ansetzenden Frchte scheinbar mit ungeteiltem Interesse -
er sah jedenfalls das Mdchen unter dem Nubaume nicht. Die Zweige schnellten
wieder empor, und er setzte seinen Weg fort. Jetzt stand er in gleicher Richtung
mit Felicitas; er bckte sich rasch und pflckte irgend ein am Wiesenrande
befindliches Etwas.
    Ach, sehen Sie doch, Felicitas, ein vierbltteriges Kleeblatt! rief er
hinber, ohne aufzublicken. Das klang so ruhig und zuversichtlich, als sei sein
Verkehr mit ihr noch nie unterbrochen oder getrbt gewesen, als sei es
selbstverstndlich, da sie da drben unter dem Nubaume sitze; aber es lag auch
zugleich eine gebieterische Notwendigkeit in dieser Anrede, er fesselte das
Mdchen gewissermaen an die Stelle, wo es sich jetzt erhob.
    Die Leute sagen, diese vier Blttchen bringen dem Finder Glck, fuhr er
fort, indem er rasch ber die Wiese herkam. Nun, ich werde ja gleich sehen,
inwieweit es leidiger Aberglaube ist!
    Er stand vor ihr. Jetzt lag auch etwas Straffes, die ganze Energie des
willensstarken Mannes in seiner Haltung. Das Kleeblatt entfiel seinen Hnden, er
streckte sie beide Felicitas entgegen.
    Guten Abend! sagte er - es waren bebende Laute, in denen diese zwei
einfachen Worte gesprochen wurden. Htte er einst vor Jahren diesen Ton
angeschlagen, dann wre er dem neunjhrigen Kinde gegenber, das mit aller
Heftigkeit eines leidenschaftlichen Herzens Liebe und Teilnahme verlangte,
gerechtfertigt gewesen - fr diese verfinsterte, von ihm so lange gemihandelte
Mdchenseele jedoch blieb der svertrauliche Gru, in welchem sich unverkennbar
die Wonne des Wiedersehens abspiegelte, geradezu unverstndlich. Gleichwohl hob
sie die Hand - sie, die Paria, die seine Hand in der hchsten Todesnot
zurckstoen wollte, sie legte, von einer unerklrlichen Macht getrieben, fr
einen Moment leise ihre Rechte in die seine. Es war das eine Art von Wunder, und
er fate es wohl selbst so auf - eine einzige unachtsame Bewegung konnte es
verscheuchen auf Nimmerwiederkehr ... Mit der ganzen Selbstbeherrschung, die der
Arzt sich errungen, ging er sofort in einen anderen Ton ber.
    Hat Ihnen Aennchen viel Last gemacht? fragte er freundlich und
teilnehmend.
    Im Gegenteil - die Anhnglichkeit des Kindes rhrt mich - ich pflege es
gern.
    Aber Sie sind bleicher als sonst - und da der bitter schwermtige Zug um
Ihren Mund ist schrfer ausgeprgt als je ... Sie sagten vorhin, die
Anhnglichkeit des Kindes rhre Sie - andere Leute sind auch anhnglich,
Felicitas! Ich werde Ihnen das sogleich beweisen. Sie haben gewi nicht ein
einziges Mal an die Menschen gedacht, die der kleinen Stadt X. entflohen waren,
um sich Seele und Willen in der krftigen Waldluft zu sthlen?
    Ich hatte weder Zeit noch Anknpfungspunkte dazu, entgegnete sie stark
errtend, aber mit finsterem Ausdruck.
    Das setzte ich voraus. Ich aber bin menschenfreundlicher gewesen, ich habe
an Sie gedacht - Sie sollen auch erfahren, wann und wo ... Ich sah eine
Edeltanne ganz allein auf einer Felsenzacke stehen - es sah aus, als sei sie in
dem Nadelwalde zu ihren Fen verwundet und gekrnkt worden, und sie habe sich
auf die einsame Hhe geflchtet. Dort stand sie fest und finster, und meine
Phantasie lieh ihr ein Menschengesicht mit wohlbekanntem, stolzverchtlichem
Ausdrucke. Da kam ein Gewitter, der Regen peitschte ihre Zweige und der Sturm
schttelte sie unbarmherzig, aber nach jedem Stoe richtete sie sich auf und
stand fester als zuvor.
    Felicitas hatte die Augen halb scheu, halb trotzig zu ihm aufgeschlagen ...
Wie seltsam verndert war er zurckgekehrt! Der Mann mit den kalten, stahlgrauen
Augen, der ehemalige Pietist und Mystiker, der eingefleischte Konservative, dem
Gesetz und Regel jeden Funken poetischer Freiheit erstickt haben muten, er, der
Pedant, den der Gesang der menschlichen Stimme belstigte, er erzhlte ihr mit
seiner tiefen Stimme, die der ernsten Wissenschaft mit so mchtigem Erfolge
diente, eine Art Mrchen, ein selbsterfundenes, dessen Sinn sie nicht
miverstehen konnte.
    Und denken Sie, fuhr er fort, da stand ich nun drunten im Thale, und
meine Begleiter schalten den unpraktischen Professor, weil er sich vollregnen
lasse, whrend er doch unter Dach und Fach flchten konnte. Sie wuten ja nicht,
da ihn, den trockenen, nchternen Doktor, pltzlich eine Vision gepackt hatte,
die sich weder durch kalte Regenschauer noch durch den Sturm verscheuchen lie
... Er sah nmlich, wie ein Mutiger den Wald verlie, den Felsen
hinaufkletterte, droben die Arme um die Tanne legte und sagte: Du bist mein! ...
Und was geschah weiter? -
    Ich wei es, unterbrach ihn das Mdchen in tiefen, grollenden Tnen; die
Einsame blieb sich selbst getreu und brauchte ihre Waffen.
    Auch als sie einsah, da er sie fest und sicher an sein Herz nehmen werde,
Felicitas? Als sie erkannte, da sie an diesem Herzen getrost ausruhen knne von
allen Strmen, da er sie zrtlich behten werde, wie seinen Augapfel, sein
ganzes Leben lang?
    Der Erzhler hatte sich offenbar mit einer Art von Leidenschaft in das
Geschick seiner zwei Visionsgestalten versenkt, denn er sprach mit zuckenden
Lippen, und in seiner Stimme wurden alle jene Klnge wach, die Felicitas' Herz
am Krankenbett des Kindes erschttert hatten - jetzt verhallten sie machtlos.
    Die Einsame wird erfahrungsreich genug gewesen sein, zu wissen, da er ihr
ein Mrchen erzhlte, versetzte sie hart. Sie sagen selbst, sie habe den
Sturmsten getrotzt - nun wohl, sie hatte sich selbst gesthlt und brauchte
keine andere Sttze!
    Es war ihr nicht entgangen, wie ihm allmhlich die Farbe aus dem Gesicht
wich - er sah fr wenige Sekunden erdfahl aus. Es schien fast, als wolle er sich
abwenden und gehen, aber nherkommende Schritte wurden laut. Er blieb dicht
neben Felicitas stehen und erwartete ruhig seine Mutter, die am Arme der
Regierungsrtin zwischen den Taxuswnden hervortrat.
    Nun, das nimm mir aber nicht bel, Johannes, schalt sie, da stehst du,
hltst die Karoline von der Arbeit ab und lssest uns unverantwortlich mit dem
Abendbrot warten! Glaubst du denn, ich liebe es, wenn die Eierkuchen zu Leder
werden?
    Die Regierungsrtin lie den Arm der Tante los und schritt ber die Wiese.
Sie sah bei weitem nicht so hbsch aus wie gewhnlich; die blonden Locken hingen
wild und aufgelst an den Wangen herab, welche in einem unschnen Rot glhten,
aus den Taubenaugen aber sprhte es unheimlich.
    Ich habe Ihnen noch nicht einmal danken knnen, Karoline, da Sie Aennchen
whrend meiner Abwesenheit beaufsichtigt haben, sagte sie. Das sollte
freundlich klingen, aber die sanfte Stimme verschrfte sich, sie klang hher als
gewhnlich und war dadurch schneidend. Sie stehen ja aber auch hier wie eine
Einsiedlerin unter dem abgelegenen Nubaume - wie soll man Sie da finden? fuhr
sie fort. Haben Sie diese interessante, zurckgezogene Rolle fter gespielt?
... ... Ich wrde es dann freilich um so leichter begreifen, da ich Aennchen so
unverantwortlich vernachlssigt wiederfinden mu. Ich habe Rosa bereits sehr
gescholten; das Haar hat nicht die mindeste Pflege gehabt, ihre Haut ist so
sonnenverbrannt, da man sie fr ein Kaffernkind halten mchte, und ich frchte,
sie ist berfttert worden.
    Hast du nicht noch einen Vorwurf fr die Pflegerin, Adele? Besinne dich!
mahnte der Professor in vernichtendem Hohne. Vielleicht ist sie auch schuld,
da dein Kind an den Skropheln leidet, mglicherweise hat sie die vielen
Gewitterregen ber den Thringer Wald geschickt, die dir die Laune verdorben
haben, wer wei߫ - er hielt inne und wandte sich mit einer fast verchtlichen
Gebrde ab.
    Ja, es ist besser, du redest nicht aus, Johannes, klagte die junge Witwe,
mit einem krampfhaften Weinen kmpfend. Ich mu fast annehmen, du weit nicht
mehr, was du mir gegenber sprichst. Ich habe Sie nicht beleidigen wollen,
Karoline, wandte sie sich an das Mdchen, und damit Sie sehen, da ich nicht
den mindesten Groll gegen Sie hege oder Ihnen gar mein Vertrauen entzogen habe,
will ich Sie bitten, heute abend Aennchen noch einmal zu berwachen - ich fhle
mich sehr angegriffen und reisemde.
    Daraus wird nichts! entschied der Professor hart. Die Zeit der
grenzenlosen Aufopferung ist vorber. Du verstehst es vortrefflich, Adele, die
Krfte anderer auszuntzen; von nun an wirst du dein Kind selbst wieder unter
deine Obhut nehmen.
    Gut - ist mir auch recht! rief Frau Hellwig herber. Dann mag das Mdchen
heute abend tchtig jten; von Heinrich und Friederike kann ich's ohnehin
billigerweise nicht mehr verlangen - sie werden zu alt.
    Ein tiefes Rot lief wie eine Flamme ber das Gesicht des Professors. So
schwer auch seine eigenartigen Zge sich entziffern lieen, in diesem Moment
zeigten sich unverkennbar Scham und Verlegenheit. Vielleicht noch nie war in ihm
das Emprende der Stellung, in die er selbst dies junge, reichbegabte Wesen
gedrngt hatte, so zum Bewutsein gekommen, wie jetzt. Felicitas verlie sofort
ihren Platz unter dem Nubaume; sie wute, die wenigen Worte der Frau Hellwig
waren ein Befehl fr sie, dem sie ohne weiteres Folge leisten mute, wenn sie
nicht eine Flut spitziger Bemerkungen hren wollte. Aber der Professor trat ihr
in den Weg.
    Ich glaube, ich habe hier auch noch ein Wort als Vormund mitzusprechen,
sagte er scheinbar sehr ruhig, und als solcher wnsche ich nicht, da Sie
dergleichen Arbeiten verrichten.
    So - willst du sie etwa in den Glasschrank setzen? fragte Frau Hellwig,
indem sie nun auch ihren groen Fu auf die Wiese setzte und rascher als
gewhnlich sich vorwrts bewegte. Sie ist genau nach deiner Vorschrift erzogen,
ganz genau! ... Soll ich dir vielleicht deine Briefe vorzeigen, in denen du
immer und immer wieder, ja wirklich bis zum Ueberdru, wiederholst, da sie
dienen solle und msse, da sie nicht streng und scharf genug in der Zucht
gehalten werden knne?
    Es fllt mir nicht ein, auch nur ein Jota von dem verleugnen zu wollen, was
auf mein ausdrckliches Verlangen geschehen ist, entgegnete der Professor mit
dumpfer, aber fester Stimme, ebensowenig kann ich mein Verfahren bereuen - es
ist damals aus reiner, voller Ueberzeugung, aus dem aufrichtigen Wunsch, das
allein Zweckmige und Vernnftige zu thun, hervorgegangen, aber ich werde mich
auch nie der Schwche schuldig machen, einen erkannten Irrtum eigensinnig
festzuhalten, lediglich der Konsequenz halber, und deshalb erklre ich hiermit,
da ich jetzt anders denke und folglich auch anders handeln werde.
    Die Regierungsrtin bckte sich bei den letzten Worten. Sie pflckte eine
einsame Kleeblume, welche die Sichel verschont hatte, und zerzupfte sie in
Atome. Frau Hellwig aber lachte spttisch auf.
    Mache dich nicht lcherlich, Johannes! sagte sie in eisigem Hohne. In
deinen Jahren fngt man nicht noch einmal von vorn an mit seinen Grundstzen, da
mssen sie fest und hart sein, sonst wird's eine Stmperei frs ganze Leben ...
Du hast brigens nicht allein in der Sache gehandelt - ich war auch dabei, und
ich sollte meinen, mein ganzes Leben beweise es, da ich mit Gottes Gnade stets
das Richtige gethan habe ... Es sollte mir leid thun, wenn jetzt noch die
Hellwigsche Schwche auch in deinem Charakter zum Durchbruch kme, dann - das
sage ich dir rundheraus - wren wir geschiedene Leute ... Solange das Mdchen
noch in meinem Hause ist, bleibt sie mein Dienstbote, der nicht einen Augenblick
auf der faulen Brenhaut liegen darf, und damit basta! .. Nachher mag sie
meinetwegen nichtsnutzig werden, die groe Dame spielen und ihre Hnde in den
Scho legen!
    Das wird sie nie, Madame Hellwig! sagte Felicitas, indem sie mit einem
flchtigen Lcheln ihre schngeformten, aber braunen und hartgearbeiteten Hnde
betrachtete; Arbeit gehrt mit zu ihren Lebensbedingungen ... Wollen Sie die
Gte haben, mir die Beete zu bezeichnen, damit ich anfangen kann?
    Der Professor, welcher der herben Standrede seiner Mutter gegenber seine
gelassene Haltung angenommen hatte, wandte sich jh um nach Felicitas, und ein
tief erbitterter Blick traf ihr Auge.
    Ich verbiete es Ihnen hiermit nochmals! befahl er mit finster gerunzelten
Brauen rauh und entschieden. Und wenn meine Einsprache als Vormund Ihren
unbezhmbaren Trotz nicht zu beugen vermag, so appelliere ich jetzt als Arzt an
Ihre Vernunft ... Sie haben sich bei Aennchens Pflege berangestrengt, Ihr
ganzes Aussehen beweist es. Binnen kurzem wollen Sie das Haus meiner Mutter
verlassen - es ist unsere Pflicht, dafr zu sorgen, da Sie wenigstens einen
gesunden Krper in Ihren knftigen Wirkungskreis mitbringen.
    Nun, das ist doch noch ein Grund, der sich hren lt, meinte Frau
Hellwig. Fr ihr Ohr, das bisher vergebens auf einen Tadel ihres Sohnes gewartet
hatte, klangen die Worte unbezhmbarer Trotz offenbar wie Musik. Sie mag
meinetwegen fr heute nach Hause gehen, setzte sie hinzu, obgleich ich
eigentlich nicht recht begreife, wie das bichen Pflege sie elend gemacht haben
soll. Sie ist jung und hat ihr gutes Essen dabei gehabt ... Da sieh dir andere
Mdchen in ihren Verhltnissen an, Johannes, die mssen Tag und Nacht arbeiten
und haben doch rote Backen!
    Sie nahm den Arm der jungen Witwe und ging ber die Wiese zurck, in der
Meinung, da ihr Sohn folge; auch die Regierungsrtin vermied es, offenbar aus
Trotz und Groll, sich nach ihm umzusehen. Anfnglich hatte es auch den Anschein,
als wolle er mitgehen, allein schon nach wenigen Schritten wandte er sich um,
und whrend der letzte Schimmer des verunglckten blablauen Reisekleides hinter
der nchsten Taxushecke verschwand, schritt er langsam wieder auf den Nubaum
zu. Er blieb einige Sekunden lang schweigend neben Felicitas stehen, die eben
die Bnder ihres runden Strohhutes unter dem Kinn zusammenband ... Pltzlich bog
er sich nieder und sah unter die breite Hutkrempe, welche Stirn und Augen des
Mdchens vollkommen bedeckte. Noch war die Erbitterung in seinen Zgen
vorherrschend; als jedoch ihr Auge dem seinen begegnete, da schmolz sein Blick.
    Sie fhlen wohl gar nicht, da Sie mir heute sehr weh gethan haben? fragte
er kopfschttelnd und so weich, als ob er zu einem Kinde sprche.
    Sie schwieg.
    Felicitas, es ist mir nicht mglich, zu denken, da Sie zu jenen Frauen
gehren sollten, denen die Bitte um Verzeihung aus einem Mnnermunde ein
ersehnter Genu ist, sagte er jetzt sehr ernst und nicht ohne eine Beimischung
von Schrfe.
    Sie fuhr empor. Ihr weies Gesicht mit dem wahrhaft keuschen, mdchenhaft
reinen Ausdruck errtete bis ber die Stirn.
    Eine solche Bitte hat in meinen Augen stets etwas Peinliches fr den
Gekrnkten, antwortete sie nach einer Pause in sanfterem Tone, als sie gewohnt
war, ihm gegenber zu sprechen; von solchen aber, denen in der Welteinrichtung
eine besondere Wrde zugestanden ist, mchte ich sie um keinen Preis hren ...
Kinder sollen die Eltern um Verzeihung bitten, aber ich kann mir den Fall nicht
umgekehrt denken. Ebensowenig - sie schwieg, whrend abermals die zarte Rte
ber ihr Gesicht flog.
    Ebensowenig wollen Sie den Mann gedemtigt vor sich sehen, nicht wahr,
Felicitas? ergnzte er rasch den unterbrochenen Satz, in seiner Stimme klang es
wie Frohlocken. Aber eine so hochherzige Anschauungsweise hat auch ihre
Konsequenzen, fuhr er nach einem momentanen Schweigen fort. Und nun seien Sie
einmal recht gut und ruhig und berlegen Sie, ob es nicht die Pflicht des Weibes
ist, dem Manne hilfreich die Hand zu bieten, wenn er einen Irrtum ausgleichen
mchte! ... Halt, jetzt will ich keine Antwort hren! Ich sehe schon an Ihrem
Auge, da sie ganz anders ausfallen wrde, als ich wnsche ... Ich will geduldig
warten - einmal kommt doch vielleicht eine Zeit, wo die bse Tanne auf dem
Felsen ihre Waffen nicht braucht!
    Er ging. Ihr Auge haftete auf dem Boden, an dem Kleeblatte, das seinen
Hnden entglitten war, und das er als Symbol des Glckes gepflckt hatte. Es
lag, die vier Blttchen sauber ausbreitend, wie hingemalt auf den Stoppeln des
Wiesengrases - aufnehmen durfte sie es nicht - sie hatte ja nichts mit seinem
Glcke zu schaffen - aber - sie umschritt in einem weiten Bogen den kleinen
grnen Propheten - zertreten wollte sie es auch nicht!

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Nach einer Reihe blauer Tage voll Sonnenglanz und Frhlingslust hing heute ein
bleifarbener Regenhimmel ber der kleinen Stadt X.; er lag fest auf dem hohen
Turme, der, eine Art Wahrzeichen des kleinen Stdtchens, wei, rund und mit
einer leuchtend grnen Kuppel wie ein Spargelstengel in die Lfte stieg. Das
alte Kaufmannshaus am Markt nahm in solch trber Beleuchtung stets den vornehm
dsteren, verschlossenen Charakter jener Zeiten wieder an, wo noch die Bilder
raubritterlicher Ahnen in seinen Slen hingen, und der vor einer neuen Zeit
geflchtete Geist des Mittelalters finster und grollend in ihm hauste.
    Heute hingen smtliche Rouleaus herabgelassen hinter den Fenstern der groen
Vorderfront. Die Regierungsrtin litt an einer heftigen Migrne und war
berhaupt in einer unbeschreiblichen Aufregung; man hatte ihr Zimmer verdunkelt
und vermied jedes laute Gerusch. Auch das Frauengesicht, das jahraus, jahrein
jeden Morgen pnktlich neben dem Asklepiasstocke am Fenster des Erdgeschosses
erschien, lie sich heute nicht sehen. Der graue Himmel droben war eine schlimme
Vorbedeutung fr den Tag, der in der That einer der grauesten, mifarbigsten im
Leben der groen Frau werden sollte - es war der Tag der Testamentserffnung.
Mit vlliger Uebergehung ihrer Person waren nur ihre beiden Shne und der
Hausknecht Heinrich auf das Justizamt beschieden worden, aber sie vertrat ihren
abwesenden Sohn Nathanael und mute deshalb der Erffnung beiwohnen.
    Gegen Mittag kehrte sie in Begleitung des Professors ber den Markt zurck,
Heinrich folgte in bescheidener Entfernung ... Sterbeflle und gefhrliche
Krankheiten im Kreis ihrer Angehrigen waren einflulos auf die marmorharten
Zge der groen Frau geblieben; ihr starker Geist, der sich nicht beugen lie,
ihre tiefe Frmmigkeit, die sich stets thrnenlos dergleichen Heimsuchungen
gefgt hatte, waren gar oft mancher schwachen, verzagenden Frauen- und
Mutterseele als erhebendes Vorbild hingestellt worden ... Heute nun hatte die
kleine Stadt das ungewohnte Schauspiel, dies Muster unerschtterlicher
Charakterstrke aus dem Geleise weichen zu sehen. Auf den Wangen der stattlichen
Frau lag eine verrterische Glut innerer Aufregung, ihr feierlich gemessener,
stets im Kirchenstil gehaltener Gang zeigte Hast und Eile, und wenn sie auch nur
leise in ihren schweigend neben ihr herschreitenden Sohn hineinsprach, so lie
sich doch nicht verkennen, da es heftige Worte waren, die sie flsterte.
    Die Regierungsrtin hatte trotz ihrer Kopfschmerzen jedenfalls hinter einem
der Rouleaus auf der Lauer gestanden und die Zurckkehrenden erwartet, denn als
sie die Hausflur betraten, kam die junge Witwe zwar mit erdfahlen Wangen und
eingesunkenen Augen, aber trotzdem in uerst geschmackvoller Morgentoilette die
Treppe herab, um nach dem Ergebnis zu fragen. Sie traten zusammen in das
Wohnzimmer.
    Nun, gratuliere uns doch, Adele! rief die groe Frau tief erbittert und
malizis auflachend. Zweiundvierzigtausend Thaler Barvermgen ist da, und die
Familie Hellwig, der das Geld von Gott und Rechts wegen gehrt, kriegt keinen
Groschen! ... Dies Testament ist das hirnverrckteste Machwerk, das sich denken
lt, aber man darf um Gottes willen mit keinem Finger daran rhren und mu sich
dies himmelschreiende Unrecht ruhig gefallen lassen! ... Da sieht man, wohin es
fhrt, wenn die Mnner Schlafmtzen sind; wre ich Chef des Hauses gewesen, mir
htte das nun und nimmer passieren drfen! ... Ich begreife nicht, wie mein
seliger Mann, ohne die mindeste Sicherheit in der Tasche, die alte Person unter
dem Dache so ohne alle Aufsicht hat schalten und walten lassen!
    Der Professor war, die Hnde auf den Rcken gelegt, schweigend hin und
wieder gegangen. Auf seiner Stirne lag eine dstere Wolke, und unter den
gefurchten Brauen hervor zuckten Blitze der Entrstung nach seiner Mutter
hinber. Jetzt blieb er vor ihr stehen.
    Wer hat es denn durchgesetzt, da die alte Tante hinauf unter das Dach
verwiesen worden ist? fragte er ernst und nachdrcklich. Wer hat den damaligen
Chef des Hauses, meinen Vater, in seiner Abneigung gegen sie bestrkt, und wer
ist unerbittlich streng gegen eine Annherung der alten Verwandten an uns Kinder
gewesen? ... Das warst du, Mutter! ... Wenn du erben wolltest, dann mutest du
ganz anders handeln!
    Nun, du meinst doch nicht etwa, ich htte mich zu ihr auf einen guten Fu
stellen sollen? Ich, die ich im Herrn gewandelt bin mein lebenlang, und diese
schuldbeladene Person, die den Sonntag entheiligte, die nie im wahren Glauben
gelebt hat! - sie wird jetzt wissen, da sie vor dem Angesicht des Herrn auf
ewig verstoen ist ... Nein, dazu htte mich keine Macht der Erde gebracht! ...
Aber sie mute fr unzurechnungsfhig erklrt und unter Kuratel gestellt werden,
und dazu htten deinem Vater tausend Mittel und Wege zu Gebote gestanden.
    Das Gesicht des Professors wurde ganz bla; er warf einen tief erschrockenen
Blick auf seine Mutter, dann nahm er stillschweigend seinen Hut und ging hinaus
... Er hatte eben in einen Abgrund geblickt ... Und dieser starre
Buchstabenglaube, dieser entsetzliche christliche Hochmut, unter welchem ein
bodenloser Egoismus mit dem Anschein vollster Berechtigung wuchern durfte, sie
waren ihm viele Jahre lang ein Glorienschein gewesen, der das Haupt seiner
Mutter umstrahlt hatte! ... Das war der Frauencharakter, den er so lange als das
Urbild der Weiblichkeit festgehalten! Er mute sich eingestehen, da er einst
auf demselben Boden gestanden, wie seine Mutter und der Fhrer seiner Jugend,
ja, sie hatten ihm kaum genug gethan in Unduldsamkeit und Glaubensstrenge; auch
er war damals ein rastloser Kmpfer gewesen, um diese Partei zu einer mchtigen
zu machen, er hatte um Seelen geworben und sie in sein Bereich zu ziehen
gesucht, in der starren Ueberzeugung, da er sie dem ewigen Heil zufhre ... Und
jene arme, schuldlose Waise mit dem Kpfchen voll klarer, idealer Gedanken, mit
dem stolzen, rechtschaffenen, tiefsinnigen Gemt - er hatte sie mit harter Hand
gepackt und in jene lichtlose, tdlich kalte Region gestoen ... Wie mute sie
gelitten haben, die se Nachtigall unter - den Raben! ... Er legte die Hand
ber die Augen, als ob ihm schwindle, stieg langsam die Treppe hinauf und
verschlo sich in sein einsames Studierzimmer.
    Whrend dieser Verhandlungen im Wohnzimmer spielte in der Gesindestube des
Hellwigschen Hauses eine hnliche Szene der Aufregung und Entrstung. Die alte
Kchin lief mit fliegenden Haubenbndern auf und ab, als werde sie gejagt;
Heinrich aber stand vor dieser weiblichen Gemtsbewegung unerschtterlich wie
der Fels am Meere. Er war im Sonntagsstaat, und sein Gesicht zeigte ein
seltsames Gemisch von Freude, Wehmut und Laune.
    Du mut nicht etwa denken, da ich neidisch bin, Heinrich, das wr' ja
unchristlich! rief Friederike. Ich gnn' dir's wirklich! ... Zweitausend
Thaler! Sie schlug die Hnde zusammen, rang sie und lie sie zusammengefaltet
wieder sinken. Du hast mehr Glck als Verstand, Heinrich! ... Du lieber Gott,
was hab' ich mich geplagt mein lebenlang, wie bin ich fleiig in die Kirche
gegangen, im Winter, in der strengsten Klte, wie hab' ich zum lieben Gott
gebetet, er solle mich doch auch einmal so glcklich machen - nichts, gar nichts
hat mir's geholfen, und dem Menschen da fllt so ein unmenschliches Glck zu!
... Zweitausend Thaler, das ist ja ein Heidengeld, Heinrich! ... Aber eines will
mir dabei noch nicht recht in den Kopf - kannst du denn das Geld auch mit gutem
Gewissen-annehmen? Eigentlich durfte dir die alte Mamsell keinen Pfennig
vermachen, denn was da ist, gehrt von Gott und Rechts wegen unserer Herrschaft
... Wenn man's recht bei Licht besieht, stiehlst du ja frmlich das Geld,
Heinrich; ich wei doch nicht, was ich an deiner Stelle thte -
    Ich nehm's, ich nehm's, Friederike, sagte Heinrich in vlliger Gemtsruhe.
    Die alte Kchin lief in die Kche und schlug krachend die Thr hinter sich
zu.
    Das Testament der alten Mamsell, das so heftige Strme im alten
Kaufmannshause hervorrief, war bereits vor zehn Jahren auf dem Justizamte
niedergelegt worden. Es lautete, von der Testatorin selbst aufgesetzt, nach dem
blichen Eingange, im wesentlichen folgendermaen:
    1. Im Jahre 1633 hat Lutz von Hirschsprung, ein Sohn des von schwedischen
Soldaten ermordeten Adrian von Hirschsprung, die Stadt X. verlassen, um sich
anderweitig anzusiedeln. Dieser Seitenlinie des hier erloschenen alten
thringischen Rittergeschlechts vermache ich:
    a) dreiigtausend Thaler aus meinem Barvermgen,
    b) das goldene Armband, in dessen Mitte einige altdeutsche Verse, umgeben
von einem Blumenkranze, eingraviert sind,
    c) das Bachsche Opernmanuskript; es ist meiner Handschriftensammlung
berhmter Komponisten einverleibt, liegt in der Mappe Nr. 1 und trgt den Namen:
Gotthelf von Hirschsprung.
    Ich ersuche hiermit die wohllbliche Justizbehrde, sofort einen
ntigenfalls wiederholten ffentlichen Aufruf an etwaig existierende Abkmmlinge
besagter Seitenlinie ergehen zu lassen. Sollte sich jedoch binnen Jahresfrist
kein Ansprucherhebender melden, so ist es mein Wunsch und Wille, da das Kapital
von dreiigtausend Thalern, nebst Erls von dem zu verkaufenden Armbande und dem
ebenfalls zu veruernden Opernmanuskripte, dem wohllblichen Magistrate der
Stadt X. bergeben werde, und stifte ich hiermit genanntes Kapital als Fonds zu
folgendem Zwecke:
    2. Die Zinsen des sicher anzulegenden Kapitals sollen fr alle Zeiten
alljhrlich zu gleichen Teilen an acht Lehrer der gesamten ffentlichen
Unterrichtsanstalten in X. verabfolgt werden, und zwar in der Weise, da in
regelmiger Abwechselung keiner der Herren bevorzugt oder bergangen werde.
Direktoren und Professoren haben keinen Anspruch.
    Ich grnde diese Stiftung in dem festen Glauben, da ich ebenso gemeinntzig
testiere, als wenn ich eine ffentliche wohlthtige Anstalt ins Leben rufe. Noch
ist der Lehrerstand das Stiefkind des Staates, noch sind die Mnner, deren
Wirken einen gewaltigen Stein in der Basis der Volkswohlfahrt bildet, qulenden
pekuniren Sorgen ausgesetzt, whrend an ihren geistigen Anstrengungen Millionen
sich bereichern. Mchten auch andere ihre Augen auf diesen Schatten in unserer
hellen, fortschreitenden Zeit richten und einen Beruf heben und sttzen, dessen
hohe Bedeutung noch von so vielen unterschtzt wird!
    3. Mein smtliches Silberzeug und alles, was ich an Schmuck besitze, mit
Ausnahme obigen Armbandes, fllt an den derzeitigen Chef des Hauses Hellwig
zurck, als alter Familienbesitz, der nicht in fremde Hnde kommen soll,
desgleichen alles, was ich an Betten, Wsche und Mbeln hinterlasse.
    4. Meine Handschriftensammlung berhmter Komponisten, mit Ausnahme des
berhmten Bachschen Opernmanuskriptes, soll von Gerichts wegen verkauft werden.
Den Betrag der Verkaufssumme bestimme ich meinen beiden Groneffen, Johannes und
Nathanael Hellwig, in Anbetracht, da ich stets beklagt habe, ihnen nie zu
Weihnachten etwas bescheren zu drfen.
    Es folgten noch Legate an viele arme Handwerker und dergleichen mehr im
Betrage von zwlftausend Thalern, worunter Heinrich mit zweitausend und die
Aufwartefrau mit eintausend Thalern bedacht waren.
    Heinrich hatte Felicitas den Inhalt des Testamentes mitgeteilt, so gut er es
eben vermochte. Der Ort, wo die alte Mamsell das Silber aufbewahrt hatte, war
also nicht nher bezeichnet, das ging aus seiner Mitteilung hervor. Das junge
Mdchen frohlockte. Wenn das Geheimfach nicht durch irgend einen Zufall entdeckt
wurde, dann war es in ihre Hnde gegeben, den grauen Kasten zu vernichten, ohne
da ihn das Auge irgend eines anderen Sterblichen erblickte.
    Siehst du, Feechen, das verwinde ich in meinem ganzen Leben nicht! sagte
Heinrich traurig - sie saen allein zusammen in der Gesindestube - du sollst
nun einmal zu nichts kommen in der Welt! Htte die alte Mamsell nur noch
vierundzwanzig Stunden gelebt, da war das alte Testament jetzt umgestoen, und
du httest das unmenschlich viele Geld gekriegt - sie hatte dich gar lieb.
    Felicitas lchelte. Der ganze Jugendmut, der sich seiner Kraft bewut ist,
dem nichts ferner liegt, als das Ringen um schnden Gelderwerb, die Sorge um
hilflose, alte Tage - lag in diesem Lcheln.
    Es ist ganz gut so, Heinrich, entgegnete sie. Alle die Armen, die bedacht
worden sind, brauchen das Geld viel ntiger als ich, und bei der Verfgung ber
das Hauptkapital hat die Tante jedenfalls ihre sehr gewichtigen Grnde gehabt,
die sie ohne Zweifel auch bei Abfassung eines spteren Testaments festgehalten
haben wrde.
    Ja, ja, mit den Hirschsprungs mu es doch sein eigenes Bewenden gehabt
haben! meinte Heinrich nachdenklich. Der alte Hirschsprung, auf den kann ich
mich noch ganz gut besinnen; er war ein Schuhmacher und hat mir meine
allerersten Stiefel gemacht - so was vergit sich nicht. Er wohnte oben in der
Gasse, gleich neben unserem Hause, und da hat's denn die Nachbarschaft gemacht,
da sein Junge und die alte Mamsell als Kinder miteinander gespielt haben. Der
Junge ist spter ein Student geworden und soll der alten Mamsell ihr Liebster
gewesen sein - so sagen die Leute. Sie erzhlen auch noch immer - und das wurmt
mich am allermeisten - die Liebschaft eben wr' dem alten Herrn Hellwig, ihrem
Vater, sein Grab gewesen. Er htte sie nicht leiden wollen, und einmal wr' er
mit der alten Mamsell so hart zusammengekommen, und sie htte ihn dermaen
gergert, da er auf der Stelle tot umgefallen sei - wenn's wahr ist, ich
glaub's nicht! ... Gleich nachher soll die alte Mamsell nach Leipzig gereist
sein; der Student hat das Nervenfieber gehabt, und sie ist bei ihm geblieben und
hat ihn gepflegt bis zum letzten Augenblick. Darber sind die Verwandten
vollends wtend geworden; sie haben sie ein liederliches Weibsbild geschimpft,
sie ist verstoen worden, und das haben die Leute in X. gleich nachgemacht, und
kein Mensch hat sie auch nur angesehen, wie sie endlich wiedergekommen ist. -
Mag das nun alles sein, wie's will - es kommt mir doch kurios vor, da da Leute
erben sollen, die vor vielen, vielen Jahren ausgewandert sind - die waren ja mit
dem Studenten schon lngst gar nicht mehr verwandt - das mache mir einer klar!
    Am darauffolgenden Tage wurden in der Mansardenwohnung die Gerichtssiegel
abgenommen.
    Es waren unheimliche Tage, die auf den Akt der Entsiegelung folgten. Die
einfrmig graue, unbewegliche Wolkenschicht am Himmel schien unerschpflich. Tag
und Nacht pltscherte es auf Dcher und Straenpflaster, und aus den
Drachenkpfen am alten Kaufmannshause schossen die Wasserstrahlen in mchtigen
Bogen hinunter auf den Marktplatz. Sie sahen grimmiger aus als je, diese
metallenen, weit aufgerissenen Rachen am Dache; der mifarbene Gischt, der
drunten zwischen den Pflastersteinen zerschellend aufspritzte, schien eitel Gift
und Galle; sie hatten aber auch viele Jahre hindurch gesehen, wie die Schtze im
alten Hause sich mehrten und aufspeicherten, wie stets ein Geldstrom
hineingeflossen war, von dem die Welt nur ein schwaches, streng berwachtes
Bchlein zurckempfing, und nun geschah das Unerhrte - ein bedeutendes Vermgen
ging aus diesem Hause hinaus ins Weite, und weder die eisenfesten Mauern, noch
die Frau mit den eisenharten Zgen neben dem Asklepiasstock vermochten es
zurckzuhalten.
    Felicitas hatte sich whrend der Regentage in die Kammer neben der
Gesindestube zurckgezogen. Sie war, ohne Zweifel auf den ausdrcklichen Befehl
des Professors, noch immer von den schweren Hausarbeiten dispensiert. Dagegen
sa sie in hohe Ste alten Leinenzeugs frmlich vergraben; sie mute
ausbessern, denn ganz umsonst sollte sie ihr Brot doch nicht essen.
    Drauen im Hofe rauschte eintnig der ferne Brunnen, der Regen fiel
unermdlich in regelmigen Taktschlgen klatschend auf die breiten Bltter des
Huflattichs, der in einer feuchten Ecke wucherte; bisweilen scholl das Krhen
der Hhne aus dem Geflgelhof herber, oder der graue Ton, den das farblose,
matte Tageslicht ber alle Gegenstnde hauchte, wurde unterbrochen durch
einzelne hereinfliegende Tauben, die auf den triefenden Simsen ihr
hellleuchtendes Gefieder vollregnen lieen. Licht, Gerusch und Bewegung, alles
erschien gedmpft und gedrckt, und diese Apathie erstreckte sich scheinbar auch
ber das bleiche Mdchen im Bogenfenster. Zwar hob und senkte sich die Hand mit
dem Fingerhut unablssig und taktmig, aber das herrliche Profil neigte sich in
fast eherner Unbeweglichkeit ber die Arbeit. Das Leben mit seinen furchtbaren
Erschtterungen hatte bis jetzt vergebens versucht, den Stempel des Leidens und
der Ergebung in diese Zge zu graben - sie waren nur immer bleicher geworden, es
hatte den Anschein, als wollten sie in dem Ausdruck eines ungebrochenen Geistes,
einer zhen Widerstandsfhigkeit allmhlich erstarren.
    Allein unter dem groben, dunklen Stoffe, der die zarte Bste umschlo,
klopfte ein tief beunruhigtes Herz, und whrend die Hand mechanisch allerlei
Schden zudeckte und ausglich, zermarterte sich der Geist ber die mgliche
Lsung schwerer Aufgaben und der damit verbundenen Konflikte ... Auch die
Behrde hatte vergebens nach dem Silberzeug und dem Schmuck der alten Mamsell
gesucht. Anfnglich war dies Ergebnis von beschwichtigender Wirkung auf das
angstvoll erregte Gemt des jungen Mdchens gewesen; seit jenem Augenblick
jedoch ging Heinrich verstrt und in unbeschreiblicher Aufregung umher; Frau
Hellwig hatte der Kommission gegenber mit sehr zweideutigen Blicken nach dem
Hausknecht betont, da er und die Aufwartefrau seit vielen Jahren allein bei der
alten Mamsell aus und ein gegangen, und auf diese einer Anklage sehr hnliche
Aussage der gestrengen Frau hatte man den ehrlichen Burschen ohne weiteres und
in durchaus nicht schonungsvoller Weise ins Verhr genommen. Er war auer sich
... Welche Qual fr Felicitas, den bitteren Jammer dieses alten, treuen Freundes
mit ansehen zu mssen, ohne da auch nur eine Andeutung des Geheimnisses ber
ihre Lippen schlpfen durfte! So ruhig und besonnen er sich sonst auch in allen
Lebenslagen erwiesen, dieser Verdchtigung stand er geradezu fassungslos
gegenber, das junge Mdchen frchtete mit Recht, er werde in dem
unwiderstehlichen Drange, die abscheuliche Beschuldigung abzuschtteln, hastig
und unvorsichtig sein, und hier war gerade die uerste Vorsicht und
Beharrlichkeit ntig, um das Geheimnis der alten Mamsell zu retten.
    Es war jetzt doppelt schwierig, in die Mansardenwohnung zu gelangen. Der
Professor hatte am Tage der Entsiegelung aufs hchste berrascht die Zimmer der
geheimnisvollen alten Tante durchschritten und dieselben sofort als Chef des
Hauses frmlich mit Beschlag belegt. Mglich, da ihm angesichts der originellen
und sinnigen Ausstattung der Rume pltzlich ein Licht aufgegangen war ber den
Geist und das Wesen der einsamen Verbannten. Nicht ein Mbel durfte von seiner
Stelle gerckt werden, und er war zornig geworden, als die Regierungsrtin vor
seinen Augen eine Nadel aus einem Stecknadelkissen gezogen hatte.
    Es schien, als wolle er den Rest seines Aufenthaltes im mtterlichen Hause
da oben unter dem Dache zubringen. Er kam nur zur Essenszeit in das Wohnzimmer
des Erdgeschosses und dann stets mit einem brummigen Gesicht, wie Friederike
sagte. Aber auch die Regierungsrtin hatte eine Art Leidenschaft fr das
reizend stille Asyl erfat; sie erbat es sich als eine besondere Gunst von
ihrem Vetter, sich fter in der Mansardenwohnung aufhalten zu drfen. Rosa mute
die Fubden reinigen, und die junge Witwe wischte mit hchsteigenen zarten
Hnden den Staub von den Mbeln. Tante Cordulas Zimmer standen somit nicht einen
Augenblick unbewacht; zudem hatte der Professor das altvterische, unbequeme
Schlo an der gemalten Thr entfernen und durch ein neues ersetzen lassen -
Felicitas' Schlssel war vllig unbrauchbar geworden - sie war jetzt lediglich
auf den Weg ber die Dcher angewiesen.
    Bei dem Gedanken, da sie gezwungen sei, wie ein lichtscheuer Verbrecher in
festverschlossene Rume zu dringen, schttelte sie sich stets vor Abscheu und
Aufregung; dies Lauern auf den ersten unbewachten Moment, wo der ahnungslose
Bewohner sich entfernt haben wrde, war ihr entsetzlich. Nichtsdestoweniger
behielt sie ihr Ziel fest im Auge, und es konnte sie pltzlich ein heier
Angstschauer berlaufen, wenn ihr einfiel, da die Zeit, welche ihr noch zur
Erfllung ihrer Aufgabe verblieb, bereits auf zwei Wochen zusammengeschmolzen
war.
    Endlich waren die Regentage vorber. Ein Stck klaren, blauen Himmels hing
ber dem Viereck des Hofes, der Lattich trocknete seine grndlich gewaschenen
Bltter in einem herbkrftigen, frischen Lufthauche, emsig flogen die Schwalben,
deren zahllose Nester an den Dchern und Fenstersimsen der Gebude hingen, aus
und ein, und ihr kleiner blauer Rcken funkelte frmlich in dem neuen warmen
Sonnenlichte. Das war ein Tag, der ins Freie lockte. Vielleicht wurde heute
drauen im Garten gegessen, und dann - war der Weg ber die Dcher frei. Diese
Hoffnung Felicitas' erfllte sich jedoch nicht. Gleich nach Tische kam Rosa an
das Bogenfenster und brachte ihr die Weisung, mit Aennchen in den Garten zu
gehen, der Herr Professor habe es dem Kinde versprochen. Spter werde die
Herrschaft nachfolgen und das Abendbrot drauen einnehmen.
    Da schritt nun Felicitas, die kleine Anna an der Hand, auf Befehl durch
den einsamen Garten. Statt der Dachziegel oder des Bretterfubodens der luftigen
Galerie hatte sie den Kies der sonnenbeschienenen Gartenwege unter den Fen ...
Whrend der Regenzeit hatten Tausende von Rosen ihre Kelche geffnet. Auf dem
eleganten Rasenrunde des Vordergartens standen hohe Stockrosen, der dunkle Samt
ihrer Blten schwebte hoch und unnahbar ber den demtigen Grsern, wie ein
Knigspurpur ber dem Volke, aber im Gras- und Gemsegarten, da war das niedrige
Zentifoliengestruch minder vornehm, die prachtvollen, strotzenden Kelche mit
dem glhroten sen Munde wiegten sich zutraulich neben dem dickkpfigen
Kohlrabi, und ihr berauschender Duft flo mit dem krftigen, aber gemeinen
Geruch der Dill- und Schnittlauchbeete ineinander.
    Felicitas strich mit gesenktem Haupte an der Bltenpracht vorber, und das
gutmtige Kind schwankte schwerfllig nebenher; der kleine Mund schwieg, kein
Geplauder strte das Nachsinnen des jungen Mdchens. Sie dachte mit einer Art
von wildem, brennendem Schmerz an die Rosenzeit vergangener Jahre - da hatten
die Rosen doch anders geleuchtet und geduftet, als Tante Cordulas klare,
liebestrahlende Augen noch nicht erloschen waren, als sie noch in stillen
Sonntagnachmittagsstunden, neben der bebewegungslos aufhorchenden Schlerin im
Vorbau sitzend, mit ihrer ausdrucksvollen Stimme begeistert aus den Klassikern
vorlas, whrend von der Galerie die betubenden Duftwogen hereinquollen und weit
drauen das grne Thringer Land sich hinstreckte ... Da war auch allmhlich das
se Heimatgefhl in der Seele des jungen Mdchens gewachsen, sie hatte sich zu
Hause gewut in den friedlichen, trauten Rumen, beschtzt und geleitet von
einer treumtterlichen Liebe; sie war, wenn auch nur auf einige Stunden, frei
gewesen, ungefesselt in ihren Bewegungen, in den Anschauungen und Betrachtungen,
die sich auf ihre Lippen drngten - darum wohl auch hatten die Rosen anders
geleuchtet und geduftet, und die Welt war sonniger gewesen ...
    Sie hob den Kopf und sah ber den Zaun in den Nachbargarten. Dort schimmerte
das weie Hubchen der Hofrtin Frank. Die alte Dame sa mit ihrem Sohne am
Kaffeetische, er las ihr vor, whrend sie, behaglich in einen Fauteuil
zurckgelehnt, die blitzenden Stricknadeln durch ihre Finger gleiten lie. Das
sah auch heimisch und friedlich aus. Felicitas sagte sich selbst, da sie auch
unter jenen Menschen in einem gewissen Grade frei sein werde, da sie im Verkehr
mit ihnen, die so human und hochgebildet, geistig fortschreiten msse, auf
keinen Fall war sie in den neuen Verhltnissen der Automat, der auf Befehl
gehen und die Hnde rhren mute, whrend Augen und Lippen nie das Vorhandensein
eines lebhaften, selbstndigen Geistes verraten durften.
    Trotz dieser Gedanken wurde es nicht heller in ihr. Es hatte schon vor Tante
Cordulas Tode ein Etwas in ihrer Seele gelegen, ber das sie selbst nicht klar
werden konnte - eine dunkle Qual, die bei nherer Besichtigung zurckwich wie
ein Phantom - nur eines stand fest: diese Stimmung hing mit der Anwesenheit
ihres einstigen Peinigers zusammen. Wohl war sie vor seiner Ankunft der
Ueberzeugung gewesen, seine persnliche Erscheinung werde ihren Groll, ihre
Erbitterung noch verschrfen, aber da diese Empfindungen so mchtig und in fast
rtselhafter Weise verdunkelnd auf ihr ganzes briges Seelenleben zurckwirken
wrden, das hatte sie nicht geahnt.
    Dann und wann drang die erhobene Stimme des Vorlesers ber den Zaun herber
- es lag viel Wohllaut in den Klngen, aber sie besaen doch nicht das Markige,
die Modulation, welche das einst so eintnige Organ des Professors mit den
Jahren in so auffallender Weise angenommen hatte ... Felicitas schttelte
unwillig den Kopf und warf ihn zurck - woher kam ihr nur der Vergleich? ... Sie
zwang ihre Gedanken sofort in eine andere Bahn, auf ein Thema, das allerdings
nahe lag, und welches seit der Testamentserffnung sehr oft Gegenstand ihres
Nachdenkens war. Das Gericht hatte den Rechtsanwalt Frank zum Kurator fr die
mutmalich existierenden Hirschsprungschen Erben ernannt. Seit zwei Tagen
bereits durchlief ein Aufruf die Zeitungen; Felicitas harrte mit einer fast
leidenschaftlichen Spannung auf den Erfolg - ihr brachte er mglicherweise
bittere Schmerzen. Meldete sich die Familie Hirschsprung in Kiel auf diesen
Aufruf, der eine reiche Erbschaft verhie, so besttigte sich die Vermutung, da
die Spielersfrau eine Ausgestoene gewesen war ... Was aber muten das fr
Menschen sein, in deren Augen ein Familienglied selbst durch ein so tragisches,
erschtterndes Ende nicht hatte entshnt werden knnen! Felicitas knpfte
deshalb nicht einen einzigen hoffenden Gedanken an das mgliche Auftreten naher
Anverwandten; sie wollte ihnen gegenber auch nie das Dunkel der Verborgenheit
verlassen, dennoch schlug ihr Herz heftig bei der Vorstellung, da ein Tag
kommen knne, wo die grausamen Groeltern ahnungslos dem schweigenden Enkelkinde
begegnen wrden.
    Die Hofrtin Frank hatte Felicitas am Zaune bemerkt. Sie stand auf und kam
in Begleitung ihres Sohnes herber. Beide begrten das junge Mdchen sehr
herzlich, und der Rechtsanwalt sprach seine Freude darber aus, demnchst als
Hausgenosse mit ihr verkehren zu drfen. Damit leitete er leicht und ungezwungen
ein lngeres Gesprch ein. Den formgewandten Weltmann berkam es fast wie eine
ungewohnte Verlegenheit dem tiefernsten Mdchen gegenber, das so ruhig und
unbefangen in sein Auge sah und in merkwrdig klarer und bestimmter Weise
ungewhnliche Gedanken zum Ausdruck brachte. Sie unterhielten sich lange und
eingehend, und das Gesprch berhrte die verschiedenartigsten Themen.
Schlielich erkundigte sich die Hofrtin nach Aennchen. Felicitas nahm das Kind
auf den Arm und deutete mit frohem Lcheln auf den Anhauch einer frischen,
gesunden Rte, welche die frher so fahlen Wangen der Kleinen bedeckte.
    Beim Auseinandergehen reichte die alte Dame Felicitas die Hand; auch ihr
Sohn streckte die Rechte ber den Zaun herber, und das junge Mdchen legte
unbedenklich und freundlich die ihre hinein ... In dem Augenblick knarrte die
Gartenthr und der Professor trat auf die Schwelle. Er blieb einige Sekunden wie
angewurzelt stehen, dann griff er langsam nach dem Hute und grte herber -
Felicitas sah, wie ihm eine jhe, tiefe Rte ber das Gesicht flog ... Der
Rechtsanwalt ffnete die Lippen, um ihn anzurufen, aber er wandte rasch den Kopf
nach der entgegengesetzten Seite und ging in das Gartenhaus.
    Nun, das war wieder einmal ein echter, zerstreuter Professorengru! sagte
der junge Frank lachend zu seiner Mutter. Der gute Johannes hat offenbar irgend
einen unglcklichen Patienten in effigie unter dem Messer, und in solchen
Augenblicken kennt er seine besten Freunde nicht.
    Mutter und Sohn kehrten an den Kaffeetisch zurck, und Felicitas suchte
Schutz und Schatten im Grasgarten.

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Die riesigen grnen Schirme des Taxus waren eine vortreffliche Schutzmauer gegen
die Sonne, den Wind, welcher seit kurzem ziemlich heftig ber den weiten
Kiesplatz fegte - und gegen strafende Blicke, die mglicherweise aus dem
Gartenhause herberfliegen konnten ... Felicitas kannte das Gesicht des
Professors viel zu gut, um nicht zu wissen, da er vorhin rgerlich und gereizt,
nicht aber zerstreut gewesen war; sie meinte sogar auch den Grund seines Unmuts
zu kennen. Er verlangte bezglich seiner rztlichen Maregeln stets einen
unbedingten Gehorsam, und nach allem, was Rosa ber seine Bonner Praxis erzhlt
hatte, war er gewohnt, seinen Wunsch und Willen stets streng respektiert zu
sehen - er hatte Felicitas mehrmals, zuletzt sogar mit groer Ungeduld das
Tragen Aennchens untersagt, und heute mute er abermals sehen, da sie sein
Verbot miachte ... So nur konnte sie sich seinen Blick voll rgerlicher
Ueberraschung erklren, den er ihr beim Eintreten in den Garten zugeworfen
hatte.
    Felicitas setzte sich auf eine Bank des weit abgelegenen Dammes. Eine
einsame Hngebirke erhob hier ihren feinen weien Stamm und lie die elastischen
Zweige zum Teil laubenartig ber die Bank fallen. An dieser geschtzten Stelle
strich der Wind fast unmerklich hin; manchmal zitterten die Grser auf wie im
tieferen Atemholen, und die Birkenzweige schttelten sich leise. Der Mhlbach
aber, durch die Regenfluten stark angeschwollen, scho brausend vorber - ein
gurgelndes, mifarbenes Gewsser, das heimtckisch an den Haselbschen des Ufers
ri und whlte.
    Das Kind pflckte mit unbeholfenen Fingerchen Wiesenblumen, und Felicitas
mute die armen, meist nahe am Kelch abgerissenen Dinger zu einem kurzstieligen
Struchen fr den Onkel Professor zusammenbinden. Dies mhsame Geschft
erforderte Ausdauer und Aufmerksamkeit; Felicitas heftete ihre Augen unablssig
auf das werdende Bouquet in ihren Hnden - sie sah nicht, wie der Professor
zwischen den Taxuswnden hervortrat und ber den groen Rasenplatz rasch auf sie
zuschritt. Ein Ausruf Aennchens schreckte sie endlich auf; allein da stand er
auch schon neben ihr. Sie wollte sich erheben, er fate jedoch sanft ihren Arm
und drckte sie auf die Bank nieder - dann setzte er sich ohne weiteres neben
sie.
    Es geschah zum erstenmal, da sie ihm gegenber einen Moment vllig
fassungslos war. Noch vor vier Wochen wrde sie entschieden, voll Abscheu seine
Hand zurckgestoen und sich sofort entfernt haben ... jetzt sa sie wie gelhmt
da, willenlos, als stehe sie unter dem Banne eines Zaubers. Es verdro sie, da
er seit kurzem einen so vertraulich unbefangenen Ton gegen sie annahm - sie
wnschte nichts sehnlicher, als ihn zu berzeugen, da sie, genau wie ehedem,
ihn hasse, verabscheue bis zum Sterben; allein pltzlich fand sie weder Mut noch
Worte, ihm dies auszusprechen. Ihr scheuer Blick streifte seine Zge - sie sahen
nichts weniger als zornig oder verdrielich aus, die auffallende Rte war
verflogen - Felicitas grollte mit sich selbst, weil sie sich eingestehen mute,
da ihr dies unschne Gesicht in seiner Kraft und Entschlossenheit wider Willen
imponiere.
    Er sa einige Sekunden, ohne zu sprechen, neben ihr; sie fhlte mehr, als
sie sehen konnte, da sein Blick unverwandt auf ihr ruhe.
    Thun Sie mir den Gefallen, Felicitas, und nehmen Sie das abscheuliche Ding
da vom Kopfe, unterbrach er endlich das Schweigen; auch seine Stimme klang
ruhig, fast heiter, und ohne die Zustimmung des jungen Mdchens abzuwarten,
fate er leicht die Krempe ihres Hutes und schleuderte dies allerdings sehr
hliche, abgetragene Exemplar verchtlich auf den Rasen. Ein Sonnenstrahl, der,
durch das leichtbewegliche Birkenlaub schlpfend, bisher ber das schwarze
Strohgeflecht gegaukelt war, lag jetzt auf dem kastanienfarbenen Haar des
Mdchens - ein Streifen flimmerte auf wie gesponnenes Gold.
    So - nun kann ich doch sehen, wie Ihnen die bsen Gedanken hinter der
Stirne arbeiten! sagte er mit dem schwachen Anfluge eines Lchelns. Ein Kampf
im Dunkel hat fr mich Unheimliches - ich mu meinen Gegner sehen knnen, und
da ich's hier - er deutete auf ihre Stirne - mit einem sehr schlimmen zu thun
haben werde, wei ich.
    Wo wollte er hinaus mit dieser seltsamen Einleitung? Vielleicht erwartete er
irgend eine Antwort von ihr, allein sie schwieg beharrlich. Ihre Finger packten
ohne jedwede Symmetrie alle die Butterblumen, Maliebchen und Grashalme
nebeneinander, die das Kind unverdrossen immer wieder herbeitrug ... Diese
kleinen Hnde da, die sich nicht stren lieen in der einmal begonnenen Aufgabe,
hatten whrend der mehrtgigen Zurckgezogenheit im Zimmer viel von ihrer
braunen Farbe verloren, sie sahen fast rosig aus. Der Professor griff pltzlich
nach der Rechten des jungen Mdchens, wandte sie um und betrachtete die innere
Flche - da waren freilich Spuren, die sich nicht so rasch verwischen lieen,
harte Schwielen bedeckten die Haut. Das Mdchen, das auf den ausdrcklichen
Befehl seines unerbittlichen Vormunds zur Dienstbarkeit erzogen worden war,
hatte sich wacker auf diese Lebensstellung vorbereitet, das lie sich nicht
ableugnen.
    Obgleich bei dieser Prfung eine tiefe Rte ber Felicitas' Gesicht flog -
auf sehr fein empfindende Naturen macht das aufmerksame Betrachten der inneren
Handflche fast denselben Eindruck, als wenn die Gesichtszge stark fixiert
werden - fand sie doch gerade in diesem Augenblick ihre ganze frhere
geschlossene Haltung wieder. Sie sah mit einer ruhigen Wendung des Kopfes empor,
und er lie langsam ihre Hand sinken - dann rieb er sich mehrmals die Stirne,
als glte es fr einen schwierigen Gedanken den Ausdruck zu finden.
    Sie sind gern in die Schule gegangen, nicht wahr? fragte er pltzlich.
Geistige Beschftigung macht Ihnen Vergngen?
    Ja, entgegnete sie berrascht. Die Frage klang eigentmlich - sie war
frmlich vom Zaune gebrochen. Eigentlich diplomatische Wendungen lagen aber auch
durchaus nicht in der Natur dieses Mannes, so sehr er auch sonst die Sprache in
seiner Gewalt hatte.
    Nun gut, fuhr er fort, Sie werden ohne Zweifel noch wissen, was ich Ihnen
neulich zu bedenken gegeben habe?
    Ich wei es noch.
    Und sind natrlich zu der Ansicht gekommen, da es die Pflicht des Weibes
ist, den Mann treulich zu untersttzen, wenn er einen Irrtum gut machen mchte?
Er sttzte die Hand auf das Knie, bog sich vor und sah gespannt in ihr Gesicht.
    So unbedingt nicht, versetzte sie fest, whrend sie die Hnde mit dem
Bouquet in den Scho sinken lie und den Fragenden voll ansah. Ich mu erst
wissen, worin die Shne besteht.
    Ausflchte, murmelte er, und sein Gesicht verfinsterte sich auffallend. Er
schien zu vergessen, da er bisher im allgemeinen gesprochen hatte, und fgte
ziemlich gereizt hinzu: Sie brauchen sich nicht so entsetzlich zu verwahren -
ich kann Ihnen versichern, da schon Ihrem Gesichtsausdruck gegenber es niemand
einfallen wird, irgend etwas Uebermenschliches von Ihnen zu verlangen ... Es
handelt sich einfach darum, da Sie - mag nun Ihr geheimnisvoller Lebensplan
beschaffen sein, wie er will - noch ein Jahr unter meiner Vormundschaft bleiben
und diese Zeit lediglich auf Ihre geistige Ausbildung verwenden ... Lassen Sie
mich ausreden! fuhr er mit erhobener Stimme und gerunzelten Brauen fort, als
sie versuchte, ihn zu unterbrechen. Sehen Sie einmal ganz davon ab, da ich es
bin, der Ihnen diesen Vorschlag macht, und denken Sie, da ich einzig im Sinne
und nach den ausdrcklichen Worten meines Vaters handle, indem ich fr Ihre
hhere Ausbildung sorge!
    Dazu ist es viel zu spt.
    Zu spt? Bei Ihrer Jugend?
    Sie miverstehen mich. Ich will damit sagen, da ich einst, als
unzurechnungsfhiges, hilfloses Kind, gezwungen war, Almosen anzunehmen - ich
mute das, wohl oder bel, ber mich ergehen lassen. Jetzt stehe ich auf eigenen
Fen, ich kann arbeiten und werde nie auch nur einen Groschen annehmen, den ich
nicht verdient habe.
    Der Professor bi sich auf die Lippen, und seine Brauen senkten sich so
tief, da die Augen fast verschwanden.
    Ich habe diesen Einwurf vorausgesetzt, entgegnete er kalt, denn ich kenne
ja Ihren unbezhmbaren Stolz bis auf den Grund ... Mein Plan ist der: Sie
besuchen ein Institut - ich leihe Ihnen die ntigen Mittel, und Sie zahlen mir
spter, wenn Sie selbstndig sind, das Geld bei Heller und Pfennig zurck ...
Ich kenne in Bonn eine ausgezeichnete Erziehungsanstalt und bin Hausarzt bei der
sehr wrdigen Vorsteherin derselben. Sie wrden dort gut aufgehoben sein und -
fgte er mit leicht vibrierender Stimme hinzu - das Scheiden auf
Nimmerwiedersehen wre dann auch noch ein wenig hinausgeschoben ... In vierzehn
Tagen gehen meine Ferien zu Ende; ich reise in Begleitung meiner Kousine nach
Bonn zurck, und Sie wrden dann natrlicherweise gleich mit uns gehen ...
Felicitas, ich habe Sie neulich ersucht, recht gut und ruhig zu sein - ich
wiederhole jetzt diese Bitte. Folgen Sie einmal nicht den Einflsterungen Ihres
verletzten Gefhls; vergessen Sie - wenn auch nur fr Augenblicke - die
Vergangenheit und lassen Sie mich gut machen, was versumt worden ist.
    Sie hatte beklommen zugehrt. Wie neulich bei Erzhlung seiner sogenannten
Vision hatte seine Stimme etwas Bestrickendes. Er war nicht so unerklrlich
erregt wie damals, aber die wahr und aufrichtig gemeinte Reue, die er, ohne
seiner mnnlichen Wrde irgend etwas zu vergeben, mit einem so milden Ernst an
den Tag legte, ergriff sie wider Willen.
    Drfte ich noch ber meine nchste Zukunft verfgen, so wrde ich unbedingt
und getrost Ihr Anerbieten annehmen, sagte sie weicher, als sie je zu ihm
gesprochen; aber ich bin gebunden - an dem Tage, wo ich Frau Hellwigs Haus
verlasse, trete ich in einen neuen Wirkungskreis.
    Unabnderlich?
    Ja - mein einmal gegebenes Wort ist mir heilig, ich ndere oder deutele
niemals daran, sollte es mir in seiner Konsequenz auch die grten
Unannehmlichkeiten bringen.
    Er stand rasch auf und trat aus dem Bereiche der Birke.
    Und darf man auch jetzt noch nicht erfahren, was Sie vorhaben? fragte er,
ohne das Gesicht nach ihr zurckzuwenden.
    O ja, entgegnete sie gelassen; Frau Hellwig wrde bereits darum wissen,
wenn ich Gelegenheit htte, in ihre Nhe zu kommen - die Frau Hofrtin Frank hat
mich als Gesellschafterin engagiert.
    Diese wenigen letzten Worte hatten die Wirkung eines pltzlichen
Donnerschlags. Der Professor wandte sich jh um, und ber sein Gesicht scho
eine dunkle Flamme.
    Die Frau da drben? fragte er, als traue er seinen Ohren nicht, und
deutete mit der Hand nach dem Frankschen Garten. Er kehrte rasch unter den Baum
zurck. Das schlagen Sie sich nur gleich aus dem Sinn, sagte er entschieden
und gebieterisch; dazu werde ich nie meine Einwilligung geben.
    Jetzt erhob sich das junge Mdchen mit einer unwilligen Bewegung - die
mhsam gepflckten Blumen fielen auf den Rasen. Ihre Einwilligung? fragte sie
stolz. Die brauche ich nicht! In vierzehn Tagen bin ich vllig frei und kann
gehen, wohin es mir beliebt.
    Die Sache liegt jetzt anders, Felicitas, entgegnete er sehr beherrscht.
Ich habe mehr Rechte ber Sie, als Sie denken. Es knnen Jahre vergehen, ehe
diese Rechte erlschen, und auch dann - ja, auch dann fragt es sich noch, ob ich
Sie freigebe.
    Das werden wir sehen! sagte sie kalt, mit entschlossener Haltung.
    Ja, das sollen Sie sehen! ... Ich habe gestern mit Doktor Bhm, dem
vertrautesten Freunde meines verstorbenen Vaters, ausfhrlich und eingehend ber
Ihre damalige Aufnahme in meinem elterlichen Hause gesprochen, und es stellt
sich folgendes heraus: Sie sind meinem Vater mit der ausdrcklichen Bedingung
bergeben worden, da er Sie unter seinem Schutz behalten msse, bis Ihr eigener
Vater Sie zurckfordere, oder ein anderer braver Beschtzer sich finde, der -
Ihnen seinen Namen gebe. Mein Vater hat mich fr den Fall seines Todes
schriftlich als Stellvertreter in dieser Angelegenheit ernannt, und ich bin fest
entschlossen, die Bedingung aufrecht zu erhalten.
    Jetzt war es um die Fassung des jungen Mdchens geschehen.
    Gott im Himmel! rief sie auer sich und schlug die Hnde zusammen. Soll
denn dies Elend nie aufhren? ... Ich soll gezwungen werden, in dieser
entsetzlichen Abhngigkeit weiter zu leben? Jahrelang hat mich der Gedanke
aufrecht erhalten, da ich mit meinem achtzehnten Lebensjahre erlst sein wrde!
Nur in diesem Gedanken habe ich vermocht, uerlich ruhig und unverwundbar zu
scheinen, whrend ich innerlich namenlos litt! ... Nein, nein, ich bin nicht
mehr das geduldige Geschpf, das sich aus Achtung vor dem Willen der Toten
knechten und treten lt! ... Ich will nicht! ... Ich will nichts mehr mit den
Hellwigs zu schaffen haben - ich werde diese verhaten Fesseln abschtteln um
jeden Preis!
    Der Professor ergriff ihre beiden Hnde, seine Zge waren bei den letzten
Worten totenbleich geworden.
    Besinnen Sie sich, Felicitas! sagte der Professor mit beschwichtigender,
aber vllig erloschener Stimme. Wten Sie nicht gegen sich selbst, wie ein
kleiner ohnmchtiger Vogel, der sich lieber den Kopf einstt, ehe er sich in
das Unabnderliche fgt ... Verhate Fesseln! ... Kommt es Ihnen denn gar nie
zum Bewutsein, da Sie mir unsglich weh thun mit Ihren harten, rcksichtslosen
Worten? ... Sie sollen frei sein, vllig frei in Ihrem Denken und Handeln, nur
beschtzt und behtet, wie - ein zrtlich geliebtes Kind ... Felicitas, Sie
sollen jetzt erkennen lernen, wie es ist, wenn die Liebe fr uns denkt und sorgt
... Nur noch dies eine Mal werde ich als gebietender Vormund auftreten,
erschweren Sie mir die ntigen Schritte nicht durch Ihren Widerstand, der Ihnen
ganz und gar nichts helfen wird - das erklre ich Ihnen entschieden. Ich werde
die Angelegenheit in meine Hnde nehmen und Ihr Uebereinkommen mit der Hofrtin
Frank rckgngig machen.
    Thun Sie das! stie Felicitas mit bebenden Lippen fast heiser hervor - aus
ihrem Gesicht schien der letzte Blutstropfen entwichen. - Aber auch ich werde
handeln, und Sie knnen sicher sein, da ich mich bis zum letzten Atemzug wehren
werde!
    Nie in ihrem jungen, schwergeprften Leben hatte ein solcher Sturm ihr
Inneres durchtobt, wie in diesem Augenblick. Es tauchten pltzlich neue,
unbekannte Stimmen in ihr auf, die mchtig mitsprachen in diesem Aufruhr - es
war, als seien sie nur der Widerhall seiner innigen, beschwrenden Worte. Wie
eine dunkle Gewitterwolke hing eine furchtbare Gefahr ber ihrem Haupte, und -
das fhlte sie instinktmig - sie mute sich um jeden Preis von ihm losreien,
wenn sie nicht dieser Gefahr rettungslos verfallen wollte ... War es doch jetzt
schon, als habe er eine unbegreifliche Gewalt ber ihr ganzes Wesen, als schlge
jedes harte Wort, das sie ihm sagte, schmerzend auf ihr eigenes Herz zurck.
    Er hatte bis dahin ihre Hnde festgehalten, und whrend sie sprach, ruhte
sein Blick durchdringend auf ihren Zgen, die fr einen Augenblick rckhaltslos
das leidenschaftlich erregte Innere des Mdchens widerspiegelten - den Augen
dieses Arztes und Menschenkenners hatten sich wohl schon ganz andere Geheimnisse
und Vorgnge der Menschenbrust offenbaren mssen, als die einer, wenn auch noch
so stolzen, doch gerade vermge ihrer Reinheit und Schuldlosigkeit unbewachten
Mdchenseele ... Sie werden nichts ausrichten! sagte er pltzlich gelassen,
mit einer fast heiteren Ruhe. Ich habe die Augen offen, und mein Arm reicht
ziemlich weit ... Sie entgehen mir nicht, Felicitas! ... Hier in X. lasse ich
Sie auf keinen Fall, und - ebensowenig werde ich ohne Sie nach Bonn
zurckreisen.
    Die Gartenthr hatte lngst geknarrt, aber das Gerusch war den Sprechenden
entgangen. Jetzt kam Rosa und meldete dem Professor, da Frau Hellwig im Salon
warte, auch die Frau Regierungsrtin lasse ihn recht sehr bitten, zu kommen.
    Ist sie unwohl? fragte der Professor rauh, ohne sich nach der
Kammerjungfer umzuwenden.
    Nein, entgegnete sie verwundert, aber die gndige Frau wird bald fertig
sein mit dem Kaffee, den sie selbst kocht - sie wnscht, der Herr Professor
mchte ihn recht frisch trinken ... der Herr Rechtsanwalt Frank ist auch im
Salon.
    Nun gut, ich werde kommen, sagte der Professor, aber er machte keine
Anstalt zu gehen. Vielleicht hoffte er, Rosa solle sich wieder entfernen, darin
irrte er sich jedoch. Das Mdchen machte sich mit Aennchen zu schaffen, die
jammernd und wehklagend die Hndchen zusammenschlug ber alle die totgetretenen
Blmchen auf dem Rasen. Endlich schritt er mimutig den Damm hinab.
    Halten Sie sich nicht so lange hier auf, rief er nach Felicitas zurck.
Der Wind wird strker, er bringt uns mglicherweise ein Gewitter. Kommen Sie
mit Aennchen in das Gartenhaus.
    Er verschwand hinter den Taxuswnden. Felicitas aber durchschritt hastig die
ganze Lnge des Dammes. In ihrem sonst so klaren Kopf wirbelte es chaotisch
durcheinander. Sie rang vergebens nach der ntigen Fassung und Ruhe, um ihre
augenblickliche Lage bersehen und Herr derselben werden zu knnen ... Also sie
sollte ihr Joch weiterschleppen, und nicht genug, da man ihr jedwede
Selbstndigkeit auf lange Zeit hinaus verweigerte, sie sollte sogar in seiner
unmittelbaren Nhe leben, jahrelang tglich mit ihm verkehren - als ob dies
nicht die furchtbarste Aufgabe wre, die ihr je gestellt werden konnte! ...
Hatte sie nicht alles gethan, ihm zu beweisen, da er ihr in tiefster Seele
verhat sei, da sie unvershnlich bleiben werde ihr lebenlang? War es nicht
gerade deshalb die raffinierteste Grausamkeit, sie in der Weise fesseln zu
wollen? ... Nein, tausendmal lieber wollte sie sich noch auf Jahre hinaus von
Frau Hellwig mihandeln lassen, als auch nur einen einzigen Monat lnger mit ihm
zusammen sein, der eine wahrhaft dmonische Macht ihr gegenber entfaltete.
Schon allein seine Stimme vermochte ihren sonst so geordneten Gedankengang zu
verwirren - der unbeschreiblich milde und warme Ton, den er jetzt immer annahm,
berhrte jede Fiber ihres Herzens und machte es heftiger klopfen - das war
natrlicherweise der alte Ha, der sich aufbumte, aber mute sie nicht
schlielich an diesem einen so furchtbar erregten und fortwhrend genhrten
Gefhle physisch und moralisch zu Grunde gehen? ... Die neulich erzhlte Vision
hatte ihr viel zu denken gegeben, jetzt wurde ihr die einzige mgliche Lsung
durch die Worte besttigt: Felicitas, Sie sollen jetzt erkennen lernen, wie es
ist, wenn die Liebe fr uns denkt und sorgt!
    Er beabsichtigte jedenfalls, trotz ihrer entschiedenen Erklrung in ihren
Lebensfragen selbst entscheiden zu wollen, spter eigenmchtig ber ihre Hand zu
verfgen, sie sollte an irgend einen Mann, den er whlte, gebunden werden -
damit war sie versorgt und das ihr widerfahrene Unrecht, welches er allerdings
eingesehen hatte, gut gemacht - das Herz drehte sich ihr um bei dieser
Vorstellung ... Wie vermessen und unmoralisch war eine solche Absicht! Konnte er
irgend einen Menschen zwingen, sie zu lieben? Er selbst hatte eine unglckliche
Neigung und ging deshalb einsam durch das Leben; mit diesem Enschlu gestand er
seinem Herzen groe Rechte zu - es durfte entscheiden ber seine ganze Zukunft
... Er sollte sehen, da auch sie fr sich selbst genau dasselbe Vorrecht
beanspruche, da sie sich nicht verhandeln liee wie eine Ware ... Was hielt sie
ab, sofort zu der Hofrtin Frank zu gehen und sich unter deren Schutz zu
flchten? ... Ach, da war ja der kleine graue Kasten, der kettete sie fester an
das unselige Haus, als es irgend ein menschlicher Wille vermocht htte - um
seinetwillen mute sie ausharren bis zum letzten Augenblick.
    

                                       23


Aennchen unterbrach das qualvolle Sinnen und Grbeln des jungen Mdchens. Sie
nahm schmeichelnd Felicitas' Hand und zog sie den Damm hinab. Der Wind sauste
bereits mit groer Gewalt durch die Baumwipfel, er fuhr auch stoweise und
bissig in die geschtzteren Regionen - erschrocken beugten sich die kleinen,
schchternen Grasblumen vor dem Strenfried. Ueber die Sonne hin jagten einzelne
Wolkengebilde, deren Schatten sich fr Momente wie dunkle Riesenflgel ber die
Kies- und Rasenpltze hinstreckten, Rosenbltter wirbelten hoch in den Lften,
und selbst die starren Taxuspyramiden neigten sich steif und gravittisch wie
alte Hofdamen.
    Da war es gemtlich im schtzenden Hause. Felicitas setzte sich auf einen
Gartenstuhl in der Hausflur und zog eine Handarbeit hervor. Die Thr der kleinen
Kche und auch die des Salons standen weit offen. Es lie sich wohl nicht leicht
etwas Anmutigeres denken, als die Regierungsrtin, indem sie das wirtliche
Hausmtterchen reprsentierte. Sie hatte eine reichgarnierte, schwarzseidene
Latzschrze vorgebunden, in dem blonden Lockengeringel, nahe am Ohre, wiegte
sich eine Rose mit dunkelpurpurnem Kelch - sie war offenbar im Vorbergehen vom
Strauche genommen und wie in absichtsloser Selbstvergessenheit placiert worden,
das war von allerliebster Wirkung. Unter dem festonartig aufgenommenen Kleide
bewegten sich die kleinen, in zimtfarbenen Stiefelchen steckenden Fe mit
kinderhafter Leichtigkeit und Grazie, auch der augenblickliche Ausdruck des
rosigen Gesichts war der eines glckseligen, harmlosen Kindes, das mit wichtigem
Eifer ein ihm anvertrautes Amt versieht - wer htte bei diesem vollendeten
Geprge unschuldvoller Naivett an die Bezeichnung Witwe und Mutter denken
mgen?
    Whrend sie am Kchenherd wirtschaftete, war im Salon zwischen Frau Hellwig
und dem Rechtsanwalt ein lebhaftes Gesprch im Gange - es drehte sich um das
Testament der alten Mamsell. Heinrich und Friederike hatten dem jungen Mdchen
bereits versichert, da die Madame nichts mehr spreche und denke, was nicht
mit der unglcklichen Testamentsgeschichte zusammenhinge. Felicitas sah fr
einen Augenblick das Gesicht der groen Frau, es erschien ihr merkwrdig grau
und gealtert, auch in ihrer Art und Weise, zu sprechen, lag eine ungewohnte Hast
- Grimm und Groll hatten offenbar noch die Oberhand in dieser tief alterierten
Frauenseele.
    Der Professor beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, ja, es schien, als
gleite sie vllig unverstanden an ihm ab. Er durchschritt, die Hnde auf den
Rcken gelegt und wie in tiefen Gedanken verloren, unausgesetzt die ganze Lnge
des Salons, nur wenn er an der offenen Thr vorberkam, hob er den Kopf, und ein
prfender Blick fiel auf das arbeitende Mdchen in der Hausflur.
    Ich beruhige mich mein lebenlang nicht, mein lieber Frank! wiederholte
Frau Hellwig. Ja, wenn nicht jeder Groschen von den Hellwigs sauer erworben
gewesen wre! Aber nun kommt da vielleicht irgend ein verkommenes Subjekt und
verjubelt in kurzem die Ersparnisse eines ehrbaren Hauses - zu welcher
Segensquelle htte dies Geld in unseren Hnden werden mssen!
    Aber, Tantchen, begtigte die junge Witwe, die eben mit der dampfenden
Kaffeekanne eintrat und die Tassen fllte, da vertiefst du dich nun wieder in
die leidige Geschichte, die dich so sichtbar angreift - du wirst dich noch krank
machen ... Denke an deine Kinder und auch an mich, Tantchen, um unsertwillen
suche zu vergessen!
    Vergessen? fuhr Frau Hellwig auf. Niemals! Dafr hat man Charakter,
welcher leider der jngeren Welt immer mehr abhanden kommt! - ein vernichtender
Blick streifte ihren auf und ab wandelnden Sohn. - Die Schmach eines erlittenen
Unrechts geht mir in Blut und Nerven ber - ich kann's nicht verwinden ... Wie
magst du mir nur mit solchen abgedroschenen Phrasen kommen! Du bist doch
manchmal entsetzlich oberflchlich, Adele!
    Das Gesicht der Regierungsrtin verfrbte sich, ein trotzig herber Zug
erschien um ihren Mund, und die Tasse, die sie Frau Hellwig hinreichte, klirrte
in ihrer Hand, aber sie besa doch Selbstbeherrschung genug, um die malizise
Antwort, die sich unverkennbar auf ihre Lippen drngte, zu unterdrcken.
    Den Vorwurf verdiene ich ganz gewi nicht, sagte sie nach einem
augenblicklichen Schweigen sehr sanft. Niemand kann sich die Abscheulichkeit
mehr zu Herzen nehmen, als ich. Nicht allein, da ich fr dich, liebe Tante, und
die beiden Vettern den pekuniren Verlust beklage - es ist fr das weibliche
Gemt auch stets ein bitterer Schmerz, wenn es der moralischen Versunkenheit
begegnen mu ... Da hat diese alte, tckische Person unter dem Dache ihr halbes
Leben lang darber nachgedacht, wie sie wohl ihre nchsten Verwandten am
empfindlichsten krnkt. Sie ist aus der Welt gegangen, unvershnt mit Gott und
den Menschen, und ein Sndenregister auf der Seele, das ihr den Himmel
verschlieen mu auf ewig - schrecklich! ... Lieber Johannes, darf ich dir eine
Tasse Kaffee einschenken?
    Ich danke, antwortete der Professor kurz und setzte seinen Weg fort.
    Felicitas' Hnden war die Arbeit entfallen. Sie lauschte atemlos den Worten
des verleumderischen Mundes da drinnen. Wohl wute sie durch Heinrich, da die
Welt hart und verdammend ber die alte Mamsell urteilte; aber es geschah zum
erstenmal, da sie selbst Zeugin eines solchen Ausspruchs war ... Wie scho ihr
das Blut siedend nach den Schlfen! Jedes Wort traf ihr Herz wie ein Messerstich
- das waren Schmerzen, die sie um die Tote litt, schneidender noch, als das
Trennungsweh selbst!
    Inwiefern die alte Dame gesndigt hat, wei ich nicht, meinte der
Rechtsanwalt. Uebrigens, nach allem, was ich hre, kann ihr niemand etwas
Positives nachweisen - die Klatschchronik unserer guten Stadt begngt sich mit
dunklen Ueberlieferungen ... Ihr Nachla dagegen beweist unzweifelhaft, da sie
eine originelle Frau von ungewhnlichem Geist gewesen sein mu.
    Frau Hellwig lachte hhnisch auf und wandte dem khnen Verteidiger
verachtungsvoll den Rcken.
    Mein bester Herr Rechtsanwalt, es ist die Aufgabe Ihres Berufs, die
schwrzesten Vergehen wei zu waschen, und da, wo bereits die gesamte Welt mit
Recht verdammt hat, noch Engelsunschuld zu finden - von dem Standpunkt aus lt
sich Ihr Urteil begreifen, sagte die Regierungsrtin unbeschreiblich malizis.
Ich kenne dagegen ein anderes, das mir - verzeihen Sie - ungleich magebender
ist - Papa hat sie gekannt. Ein Starrkopf ohnegleichen, hat sie ihren Vater
buchstblich zu Tode gergert. Wie gleichgltig sie ferner gegen ihren guten Ruf
gewesen ist, beweist ihr skandalser Aufenthalt in Leipzig, und mit dem
ungewhnlichen Geist, wie Sie ihn nennen, ist sie auf die entsetzlichsten Abwege
geraten - sie war ein Freigeist, eine Gottesleugnerin.
    In diesem Augenblick sprang Felicitas empor und trat auf die Schwelle der
Salonthr. Die Rechte gebieterisch ausgestreckt, das sonst so bleiche Gesicht
mit einer glhenden Rte bergossen, stand sie dort, schn und zrnend wie ein
Racheengel. Die rosigen Lippen, die unbedenklich, mit unglaublicher Sicherheit
so furchtbare Anklagen aussprachen, verstummten unwillkrlich vor dieser
Erscheinung.
    Eine Gottesleugnerin ist sie nie gewesen! sagte das junge Mdchen
entschieden, und ihre Augen hafteten flammend auf dem Gesichte der Verleumderin.
Ja, sie war ein freier Geist! Sie forschte ohne Angst um ihr Seelenheil oder
einen zerbrechlichen Glauben in Gottes Werken; denn sie wute, da da jeder Weg
auf ihn zurckfhre. Der Konflikt zwischen der Bibel und den Naturwissenschaften
beirrte sie niemals. Ihre Ueberzeugung wurzelte nicht im Buchstaben, sondern in
Gottes Schpfung selbst, in ihrem eigenen Dasein und der himmlischen Gabe zu
denken, in dem selbstndigen Wirken und Schaffen des unsterblichen
Menschengeistes ... Sie ging nicht wie tausend andere in die Kirche, um Gott im
eleganten Hut und Seidenkleid anzubeten; aber wenn die Glocken luteten, da
stand auch sie in der Stille demtig vor dem Hchsten, und ich zweifle, da ihm
das Gebet derer lieber ist, die stndlich seinen Namen anrufen und mit denselben
Lippen den Namen des Nchsten ans Kreuz schlagen!
    Der junge Frank hatte sich unwillkrlich erhoben; er sttzte seine Hand auf
die Stuhllehne und blickte mit einem fast unglubigen Ausdruck nach dem mutigen
Mdchen hinber.
    Sie haben die rtselhafte Frau gekannt? fragte er wie mit zurckgehaltenem
Atem, als Felicitas schwieg.
    Ich habe tglich mit ihr verkehrt.
    Das sind ja allerliebste Neuigkeiten! sagte die Regierungsrtin. Diese
Bemerkung sollte ironisch klingen; aber die Stimme der jungen Frau hatte
bedeutend an Sicherheit verloren, und eine auffallende Blsse bedeckte fr einen
Augenblick das schne Gesicht. Dann wissen Sie ohne Zweifel auch manches
pikante Geschichtchen aus der Vergangenheit Ihrer verehrungswrdigen
Bekanntschaft zu erzhlen? fragte sie in studiert nachlssigem Tone, whrend
ihre Hand mit dem Kaffeelffel spielte.
    Die Dame hat nie ber ihr vergangenes Leben mit mir gesprochen, entgegnete
Felicitas ruhig. Sie wute, da sie einen furchtbaren Sturm heraufbeschworen
hatte - es galt jetzt, ihn besonnen, mit khlem Blute zu erwarten.
    Wie schade! bedauerte die junge Witwe, ironisch den Lockenkopf hin und her
wiegend - die blhende Farbe war bereits in ihre Wangen zurckgekehrt. Ich
bewundere brigens Ihr vortreffliches Schauspielertalent, Karoline! Sie haben ja
diese geheimen Zusammenknfte reizend zu maskieren gewut ... Lieber Johannes,
bereust du auch jetzt noch deine vermeintlich falsche Beurteilung dieses
Charakters?
    Der Professor war berrascht stehen geblieben, als das junge Mdchen auf der
Schwelle erschien. Ihre verteidigenden Worte, herb, geielnd und doch
schwungvoll, sprangen ihr frmlich von den Lippen - diesem scharf logischen
Geiste, der sich offenbar unausgesetzt bte, fehlte es doch nie am sofortigen,
schlagenden Ausdruck. Die letzte beiende Frage der Regierungsrtin blieb
unbeantwortet. Der Blick des Professors hing unverwandt an Felicitas - er
lchelte, als er sie, bei aller Selbstbeherrschung, doch unter jenen
Nadelstichen aufzucken sah.
    War das Ihr eigentliches Geheimnis? fragte er hinber.
    Ja, antwortete das junge Mdchen, und ihr ernstes Auge leuchtete auf - kam
ihr doch, wunderbar genug, bei dem Klange dieser Stimme urpltzlich die
Ueberzeugung, da sie nicht allein stehen werde in dem unausbleiblichen Kampfe.
    Sie wollten spter mit der alten Tante zusammenleben, und das war das
Glck, das Sie erhofften? fragte er weiter.
    Ja.
    Wre die Regierungsrtin nicht zu lebhaft mit der entlarvten Heuchlerin
auf der Thrschwelle beschftigt gewesen, sie htte erschrecken mssen ber den
vollen Glcksstrahl, der aus den Augen des Professors brach und sein tiefernstes
Gesicht in nie gesehener Weise verklrte.
    Fragen und Antworten waren bisher mit Blitzesschnelle erfolgt und hatten
Frau Hellwig keine Zeit gelassen, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen. Starr
wie ein Steinbild lehnte sie in ihrem Stuhle; der Strickstrumpf war ihren Hnden
entglitten und das schneeweie Knuel rollte unbeachtet bis in die Mitte des
Salons.
    Das ist eine hchst interessante Entdeckung fr mich! rief der
Rechtsanwalt, indem er sich Felicitas rasch nherte. Frchten Sie ja nicht, da
auch ich in die mutmalichen Geheimnisse der Verstorbenen dringen will, das sei
fern von mir! Aber vielleicht sind Sie imstande, mir Anhaltspunkte zu geben
bezglich der unbegreiflichen Lcken im Nachlasse -
    Gott im Himmel, sie sollte ber das fehlende Silber verhrt werden! Sie
fhlte, wie ein Beben ihren ganzen Krper durchlief, ihr Gesicht wurde weier
als Schnee - bestrzt schlug sie die Augen nieder; in diesem Moment war sie
allerdings das vollendete Bild einer Schuldbewuten.
    Als leidenschaftlicher Musikfreund und Autographensammler bin ich
eigentlich seit der Testamentserffnung in einer gelinden Aufregung, fuhr der
Rechtsanwalt fort, nachdem er, betroffen durch die auffallende Vernderung im
Aeueren des Mdchens, momentan gezgert hatte. Das Testament erwhnt
ausdrcklich eine Handschriftensammlung berhmter Komponisten - wir suchen sie
jedoch vergebens. Es wird von vielen Seiten behauptet, die Verstorbene habe an
Geistesstrung gelitten, dieser Teil der Hinterlassenschaft sei ein
Hirngespinst, eine Chimre. Haben Sie je eine solche Sammlung im Besitz der
alten Dame gesehen?
    Ja, sagte Felicitas aufatmend, aber auch zugleich tief erbittert ber
diese Behauptung. Ich habe jedes Blatt gekannt.
    War sie reichhaltig?
    Sie umfate hauptschlich alle Namen des vorigen Jahrhunderts.
    Eine Bachsche Oper - ich halte diese Bezeichnung fr einen Irrtum - wird
mehrfach in dem Testamente erwhnt; knnen Sie sich nicht ungefhr auf den Titel
dieses Werkes besinnen? examinierte der Rechtsanwalt in hchster Spannung
weiter.
    O ja, versetzte das junge Mdchen rasch. Auch darin hat sich die
Verstorbene nicht geirrt. Es war eine Operette. Johann Sebastian Bach hat sie
fr die Stadt X. komponiert, und sie ist im alten Rathaussaale aufgefhrt
worden. Der Titel lautet: Die Klugheit der Obrigkeit in Anordnung des
Bierbrauens.
    Nicht mglich! rief der junge Mann, er prallte frmlich zurck im Ueberma
des Erstaunens. Diese Komposition, die fr die musikalische Welt eine Art Mythe
ist, sollte in der That existieren?
    Es war sogar die von Bach eigenhndig geschriebene Partitur, fuhr
Felicitas fort. Er hatte sie einem gewissen Gotthelf von Hirschsprung
geschenkt, und durch Erbschaft war sie spter in die Hnde der Verstorbenen
gekommen.
    Das sind ja unschtzbare Enthllungen! - Und nun beschwre ich Sie auch,
mir zu sagen, wo diese Sammlung sich befindet.
    Da stand sie pltzlich vor einer Klippe. Emprt darber, da nun auch noch
Tante Cordulas klarer Geist angezweifelt wurde, hatte sie alles aufgeboten, die
abscheuliche Verleumdung zu widerlegen. Im Verteidigungseifer war ihr nicht
eingefallen, zu welchem Ausgangspunkte ihre Beweisfhrungen notwendig kommen
muten ... Jetzt mute sie auf diese peinliche Frage direkt antworten ... sollte
sie geradezu lgen? Das war unmglich!
    Soviel ich wei, existiert sie nicht mehr, sagte sie leiser, als sie
bisher gesprochen.
    Sie existiert nicht mehr? Damit wollen Sie doch wohl nur sagen, da sie
nicht mehr im Zusammenhang vorhanden ist?
    Felicitas schwieg. Sie wnschte sich meilenweit fort aus dem Bereiche dieses
leidenschaftlichen Drngers.
    Oder wie! fuhr er bestrzt fort, wre sie in Wirklichkeit vernichtet?
Dann mssen Sie mir auch erklren, wie das geschehen konnte.
    Das war eine qualvolle Lage. Dort sa die Frau, die durch ihre Aussage
kompromittiert wurde ... Wie oft war in Augenblicken leidenschaftlicher
Aufregung ein hliches Rachegefhl gegen ihre herzlose Peinigerin in ihr
aufgeflammt! Sie hatte dann gemeint, es msse s sein, dies abscheuliche Weib
auch einmal leiden zu sehen ... Jetzt stand sie vor einem solchen Moment - sie
konnte die groe Frau beschmen, sie einer ungesetzlichen That berfhren ...
Wie wenig hatte sie sich selbst, den Adel ihrer Natur gekannt - sie war
vollstndig unfhig, sich zu rchen! ... Verstohlen sah sie hinber nach ihrer
Feindin, ein wahrhaft tigerartiger Blick begegnete dem ihren - das beirrte sie
nicht.
    Ich war nicht zugegen, als die Sammlung vernichtet worden ist, und kann
deshalb auch nicht das Geringste aussagen, erklrte sie so fest und
entschieden, da man sofort erkennen mute, sie werde sich nie zu irgend einer
Mitteilung herbeilassen ... Diese Handlungsweise sollte ihr teuer zu stehen
kommen, denn jetzt brach das Gewitter los, das bis dahin dumpf grollend ber
ihrem Haupte geschwebt hatte. Frau Hellwig war aufgestanden, sie sttzte beide
Hnde auf den Tisch, und ihre Augen funkelten wahrhaft dmonisch aus dem
farblosen Gesichte.
    Elendes Geschpf, glaubst du, mich schonen zu mssen? rief sie mit
zornbebender Stimme. Du unterstehst dich zu denken, ich htte Ursache, irgend
eine meiner Handlungen vor der Welt zu verbergen, und du mtest die Hehlerin
machen, du? - Sie wandte verachtungsvoll den Kopf weg und richtete ihre grauen
Augen mit der wiedergewonnenen Klte und stolzen Ueberlegenheit auf den
Rechtsanwalt. Eigentlich bin ich gewohnt, nur Gott, meinem Herrn, Rechenschaft
abzulegen von meinen Thaten, sagte sie. Was ich thue, geschieht in seinem
Namen, zu seiner Ehre und zur Aufrechterhaltung seiner heiligen Kirche. Aber Sie
sollen trotzdem erfahren, mein lieber Frank, was aus jenen unschtzbaren
Papieren geworden ist, lediglich aus dem Grunde, damit die Person dort nicht
einen Augenblick in dem Wahne bleibt, ich htte irgendwie Gemeinschaft mit ihr
... Die verstorbene Cordula Hellwig war eine Gottesleugnerin, eine verlorene
Seele - wer sie verteidigt, der beweist nur, da er denselben Weg wandelt. Statt
zu beten um den verlorenen Frieden, betubte sie die Stimme ihres Gewissens mit
dem Gifte weltlicher Musik voll strflicher Sinnenlust. Selbst am Sonntag
entweihte sie mein stilles Haus mit ihrem sndhaften Treiben; tagelang sa sie
vor den unseligen Bchern, und je mehr sie sich hinein vertiefte, desto
halsstarriger und unzugnglicher wurde sie fr mein Bestreben, sie zu retten ..
Seit jener Zeit kenne ich keinen sehnlicheren Wunsch, als diese nichtswrdige
Menschenerfindung, an der Gott keinen Teil hat, und welche die Seelen vom Wege
des wahren Heils verlockt, von der Erde vertilgen zu knnen - ich habe die
Papiere verbrannt, mein lieber Frank!
    Diese letzten Worte sprach sie mit erhobener Stimme und dem Ausdruck eines
unsglichen Triumphes.
    Mutter! rief der Professor entsetzt und eilte auf sie zu.
    Nun, mein Sohn? fragte sie zurck mit einer Gebrde der Unnahbarkeit. Ihre
ganze Gestalt streckte sich - sie stand dort wie in Erz gepanzert. Du willst
mir offenbar den Vorwurf machen, da ich dich und Nathanael um dies kostbare
Erbteil gebracht habe, fuhr sie mit unbeschreiblichem Hohne fort. Beruhige
dich, ich habe lngst beschlossen, die paar Thaler aus meiner eigenen Kasse zu
ersetzen - ihr seid da jedenfalls im Vorteil.
    Die paar Thaler? wiederholte der Rechtsanwalt; er bebte vor Zorn und
Entrstung. Madame Hellwig, Sie werden das Vergngen haben, Ihren Herren Shnen
bare fnftausend Thaler hinausbezahlen zu mssen!
    Fnftausend Thaler? lachte Frau Hellwig auf. Das ist lustig! Diese
elenden, beschmutzten Papiere! ... Machen Sie sich nicht lcherlich, lieber
Frank!
    Diese elenden, beschmutzten Papiere werden Ihnen teuer zu stehen kommen,
wiederhole ich! versetzte der junge Mann, indem er sich zu beherrschen suchte.
Ich werde Ihnen morgen eine eigenhndige Notiz der Verstorbenen vorlegen, die
den Wert der Handschriftensammlung auf volle fnftausend Thaler angibt - das
Bachsche Manuskript nicht mitgerechnet; verstehen Sie mich recht, Madame Hellwig
- in welch bsen Handel Sie sich durch die Vernichtung dieses in der That
unschtzbaren Werkes, den Hirschsprungschen Erben gegenber, verwickelt haben,
das lt sich noch gar nicht absehen! Er schlug sich im Ueberma der Emprung
mit der Hand gegen die Stirn. Unglaublich! rief er. Johannes, in diesem
Augenblick erinnere ich dich an meine Behauptung, die ich vor wenig Wochen
aufgestellt habe - schlagender konntest du nicht berfhrt werden!
    Der Professor antwortete nicht. Er war an ein Fenster getreten und wandte
das Gesicht nach dem Garten. Inwieweit ihn die Beweisfhrung seines tieferregten
Freundes traf, das lie sich nicht ermitteln.
    Einen Moment schien es, als ob Frau Hellwig begriffe, da sie mutwillig ein
unabsehbares Gefolge von Unannehmlichkeiten sich selbst heraufbeschworen habe;
ihre Haltung verlor pltzlich das starre Geprge der Unfehlbarkeit und
unerschtterlichen Zuversicht, und das spttische Lcheln, das sie zu behaupten
suchte, war nur noch eine Verzerrung der Lippen. Aber wie htte je der unerhrte
Fall eintreten knnen, da die groe Frau in die Lage gekommen wre, irgend
einen Schritt zu bereuen? Sie handelte ja stets im Namen des Herrn, da war kein
Irrtum, kein Fehlgehen mglich. Sie fate sich rasch.
    Ich erinnere Sie an Ihren eigenen Ausspruch von vorhin, Herr Rechtsanwalt,
sagte sie kalt und frmlich; man bezichtigt die Verstorbene mit vollem Recht
der Geistesstrung - es drfte mir nicht schwer werden, gengende Beweise dafr
zu bringen ... Wer will mich denn berfhren, da jene geradezu lcherliche
Wertangabe nicht im Wahnsinn niedergeschrieben worden ist?
    Ich! rief Felicitas rasch und entschieden, wenn auch ihre Stimme im
Widerstreite der Empfindungen bebte. Diese Angriffe werde ich von der Toten
abzuwehren suchen, solange ich kann, Madame Hellwig! Nie mag es wohl ein
gesnderes, lichtvolleres Denkvermgen gegeben haben, als sie besessen hat -
meine Aussage wird freilich nicht in Betracht kommen; aber wenn es Ihnen auch
gelingt, jeden Beweis fr die ungetrbte Geistesklarheit der Verstorbenen
umzustoen, so sind doch noch die Mappen da, in denen die Sammlung gewesen ist -
ich habe sie gerettet! Jede derselben enthlt auf der inneren Seite das
vollstndige Inhaltsverzeichnis; bei jedem einzelnen Autographen ist mit
strenger Genauigkeit angegeben, wann, von wem und zu welchem Preise derselbe
angekauft worden ist.
    Ei, da habe ich mir ja einen vortrefflichen Gegenzeugen grogefttert!
stie Frau Hellwig hervor. Aber jetzt werde ich mit dir ins Gericht gehen! ...
Also du hast es gewagt, mich jahrelang mit beispielloser Frechheit zu
hintergehen? Du hast mein Brot gegessen, whrend du mich hinter meinem Rcken
verhhntest? Von Thr zu Thr httest du betteln gehen mssen, wenn ich nicht
war! Fort aus meinen Augen, du ehrlose Betrgerin!
    Felicitas wich nicht von der Schwelle. Es sah aus, als wachse die zarte
Gestalt unter den Vorwrfen, die zu ihr hinbergeschleudert wurden; ihr Gesicht
war totenbleich; nie aber hatte es so entschieden den unbeugsamen, furchtlosen
Geist des Mdchens ausgedrckt, als in diesem Augenblick.
    Den Vorwurf, da ich Sie hintergangen habe, verdiene ich! sagte sie mit
bewunderungswrdiger Fassung. Ich habe vorstzlich geschwiegen und htte mich
lieber zu Tode mihandeln lassen, ehe auch nur eine Andeutung ber meine Lippen
gekommen wre - das ist wahr! Trotzdem stand dieser Vorsatz auf sehr schwachen
Fen - ein gutes, herzliches Wort aus Ihrem Munde, ein wohlwollender Blick
allein htten ihn umzustoen vermocht, denn nichts widerstrebt mir mehr, als ein
scheues Verbergen meiner Handlungen ... Ein sndhafter Betrug aber war es nicht!
Wer wrde wohl die ersten Christengemeinden Betrger nennen, weil sie in Zeiten
der Verfolgung heimlich und gegen das Verbot zusammenkamen? - Auch ich mute
meine Seele retten! Sie schpfte tief Atem und ihre braunen Augen richteten
sich mit einem energischen Ausdruck auf das Gesicht der groen Frau. Ich wre
in bodenlose Nacht versunken ohne das Asyl und den Schutz, den ich in der
Dachstube gefunden habe ... An den ewig zrnenden und strafenden Gott, zu
welchem Sie beten, Madame Hellwig, der eine Hlle neben sich duldet, und welcher
seine Kinder zum Bsen verfhrt, um sie zu prfen und dann strafen zu knnen, an
dieses unvershnliche hchste Wesen konnte ich nicht glauben ... Die Verstorbene
hat mich zu dem Einzigen hingeleitet, der ganz Liebe und Erbarmen, Weisheit und
Allmacht ist, und der allein herrscht im Himmel und auf der Erde ... Der Trieb
zum Lernen, die Wibegierde lag unbesiegbar in meiner Kinderseele - htten Sie
mich verhungern lassen, Madame Hellwig, es wre nicht so grausam gewesen, als
Ihr unermdliches Bestreben, meinen Geist zu knebeln, ja, ihn systematisch zu
tten ... Verhhnt habe ich Sie nicht hinter Ihrem Rcken, aber Ihre Absichten
habe ich vereitelt - ich bin die Schlerin der alten Mamsell gewesen!
    Hinaus! rief Frau Hellwig, ihrer nicht mehr mchtig, und zeigte nach der
Thr.
    Noch nicht, Tantchen! bat die Regierungsrtin dringend und erfate den
ausgestreckten Arm der groen Frau. Du wirst doch einen so kostbaren Augenblick
nicht unbenutzt vorbergehen lassen! ... Herr Rechtsanwalt, Sie haben vorhin
Ihrer Pflicht als leidenschaftlicher Musikfreund vortrefflich gengt; hiermit
ersuche ich Sie, mit demselben Eifer zu inquirieren, wo die fehlenden Schmuck-
und Silbergegenstnde stecken - hat Eine die Hand dabei im Spiele gehabt, so ist
es Jene dort!
    Der Rechtsanwalt nherte sich dem jungen Mdchen, das sich krampfhaft mit
der Linken an die Thrbekleidung festhielt, er bot ihr mit einer Verbeugung den
Arm und sagte freundlich ernst: Wollen Sie mir erlauben, Sie in das Haus meiner
Mutter zu fhren?
    Hier ist Ihr Platz! klang es pltzlich laut und entschieden von den Lippen
des bis dahin lautlos schweigenden Professors. Er stand hochaufgerichtet neben
Felicitas und hielt ihre Rechte fest in seiner Hand.
    Der junge Frank wich unwillkrlich zurck - beide Mnner maen sich einen
Augenblick schweigend; in dem seltsamen Blick, den sie austauschten, lag
durchaus nichts mehr von dem Gefhl ruhiger Freundschaft.
    Ah, bravo, zwei Ritter auf einmal, das ist ja ein reizendes Bild! rief die
Regierungsrtin auflachend - eine Tasse flog zerschmetternd auf den Boden; in
jedem anderen Augenblicke wrde Frau Hellwig diese Unachtsamkeit der jungen
Witwe bitter gergt haben, aber jetzt stand sie bewegungslos vor Grimm und
Ueberraschung.
    Es scheint, ich komme heute oft in den Fall, an die Vergangenheit
appellieren zu mssen, unterbrach der Rechtsanwalt, bitter gereizt, die
momentane Stille. Du wirst dich erinnern, Johannes, da du dich deiner
Autoritt mir gegenber vollstndig entuert und mich zu dem jetzigen Schritte
ermchtigt hast?
    Ich leugne nicht ein Jota davon, antwortete der Professor kalt. Wnschest
du eine bndige Erklrung fr diese meine Inkonsequenz, so stehe ich dir
jederzeit zu Diensten - nur hier nicht.
    Er zog Felicitas von der Schwelle fort und trat mit ihr in den Garten.
    Gehen Sie jetzt in die Stadt zurck, Felicitas, sagte er, und seine einst
so eisig kalten, stahlgrauen Augen ruhten mit unbeschreiblicher Innigkeit auf
dem Gesicht des jungen Mdchens. Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein, arme
kleine Fee! ... Nur noch eine einzige Nacht sollen Sie unter dem Dache meiner
Mutter zubringen - von morgen ab beginnt ein neues Leben fr Sie!
    Er zog ihre Hand, die er noch festhielt, wie unbewut nher an sich heran,
dann lie er sie fallen und trat in das Haus zurck.

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Felicitas verlie mit geflgelten Schritten den Garten - der Professor irrte
sich, nicht einmal der Abend, geschweige denn die Nacht sollte sie noch im alten
Kaufmannshause finden ... Jetzt war der Moment gekommen, wo sie in Tante
Cordulas Zimmer dringen konnte. In der Allee begegnete ihr die alte Kchin, die
das Abendbrot in den Garten trug - es war mithin niemand zu Hause als Heinrich
... Wie das sauste und brauste durch die alten, knorrigen Linden! Der Wind trieb
das junge Mdchen unwiderstehlich vorwrts - das war auf dem ebenen, festen
Boden unter dem Schutz dichter Baumkronen; was aber stand ihr fr ein Gang bevor
hoch droben in den brausenden Lften, ber abschssige Dcher hinweg!
    Heinrich ffnete ihr die Hausthr. Felicitas glitt atemlos an ihm vorber,
trat in die Gesindestube und nahm den Dachkammerschlssel von der Wand.
    Nun, was soll's denn werden, Feechen? fragte der Alte verwundert.
    Ich will dir deine Ehre und mir die Freiheit wieder holen! Sei hbsch
wachsam unterdes, Heinrich! rief sie zurck und sprang die Treppe hinauf.
    Du wirst doch keinen dummen Streich machen? Heda, Feechen, 's ist doch
nichts Gefhrliches? rief er ihr nach; aber sie hrte nicht. Er mute unten auf
seinem Posten bleiben und schritt aufgeregt in der Hausflur auf und ab.
    Ueber Felicitas' Haupt zog es bald seufzend, bald in lang gezogenen, leise
pfeifenden Tnen hin, als sie den Korridor unter dem Dache betrat. Das Sparrwerk
knarrte, und durch die Oeffnungen der sonnenerhitzten Hohlziegel fuhr stoweise
der schwle, heie Atem des Gewitterwindes. In diesem Augenblick hing eine grau
und wei gemischte Hagelwolke ber dem Dcherquadrat, ein fahlgelbes Licht
zuckte schrg auf den blumenbedeckten First, es glitzerte wie ein falscher Blick
in den Glasscheiben der Vorbauthr, ber welche sich losgerissene Ranken des
Epheu und der Kapuzinerkresse haltlos bumten, und beleuchtete grell das
aufgepeitschte Blttergewirr des wilden Weines.
    Als das junge Mdchen den Kopf aus dem Dachfenster steckte, fuhr ihr ein
heftiger Windsto ber das Gesicht; er raubte ihr den Atem und zwang sie,
augenblicklich zurckzuweichen - sie lie den Unhold vorberbrausen, dann aber
schwang sie sich hinaus ... Wem es vergnnt gewesen wre, dies schne, bleiche
Gesicht mit den fest aufeinandergepreten Lippen und dem dster entschlossenen
Ausdruck aus dem dunklen Dachfenster auftauchen zu sehen, der htte erkennen
mssen, da das Mdchen einer entsetzlichen Gefahr sich vollkommen bewut und
da es bereit sei, selbst den Tod zu erleiden um seiner Mission willen! ...
Welch ein wunderbares Gemisch war doch diese junge Seele! Ueber einem heien
Herzen, das so glhend hassen konnte, ein so khler, besonnener Kopf!
    Sie lief leichten Fues ber die knirschenden Ziegel, und nicht einen Moment
dunkelte es vor diesen klaren Augen; ihr brausender Feind aber gnnte sich nicht
viel Zeit zum Ausschnaufen - ein greller Pfiff, und er kam wieder daher mit
niederstrzender Wucht. Die Vorbauthr flog klirrend auf, Blumentpfe strzten
zerschmetternd auf den Fuboden der Galerie, und die uralten Sparren chzten und
zitterten unter Felicitas' Fen. Sie stand noch auf dem Nachbardache, aber ihre
Hnde umklammerten das Galeriegelnder, das sie in demselben Augenblicke
erreicht hatte.
    Wohl ri ihr der Sturm das Haar auseinander und peitschte die gewaltigen
Strhne, als sollten sie in alle Lfte zerstreut werden, allein sie selbst stand
fest. Nach einem Moment geduldigen Ausharrens konnte sie sich ber das Gelnder
schwingen, und gleich darauf trat sie in den Vorbau ... Hinter ihr brauste und
tobte es weiter - sie hrte es nicht mehr, sie dachte auch nicht an den
todbringenden Rckweg - die gefalteten Hnde schlaff niederhngend, stand sie in
dem khlen, epheuumsponnenen Raume - sie sah ihn zum letztenmale ... Die
stillen, schneeweien Gesichter an den Wnden schauten wohlbekannt und doch auch
wieder so verwundert fremdartig hernieder - einst hatten sie diesen Raum
beseelt, denn ihre lebendigen Gedanken wurden heraufbeschworen und umflatterten
die kalten Stirnen, jetzt waren sie nur noch ein Schmuck, eine Dekoration der
Wnde, sie starrten ebenso gleichgltig auf die jugendstrahlende Gestalt der
koketten Regierungsrtin, wie auf das blasse Mdchengesicht, das sich
thrnenberstrmt zu ihnen emporhob.
    Im brigen erschien das Zimmer so traut wohnlich, wie zu Tante Cordulas
Lebzeiten. Kein Stubchen lag auf dem spiegelglatten Mahagonideckel des Flgels,
der Epheu streckte, als Zeichen, da es ihm wohlgehe, zahllose junge hellgrne
Triebe aus der dunkeln Bltterwand, und in der einen Fensternische standen
sorgsam gepflegt der prachtvolle Gummibaum und die Palme, zwei Lieblinge der
alten Mamsell. Aber die andere Fensterecke war verndert, das zierliche
Nhtischchen stand nicht mehr dort - der Professor hatte sich die Nische als
Studierwinkel eingerichtet.
    Ueber Felicitas' Gesicht ergo sich eine brennende Schamrte ... Also sie
stand doch wie ein Dieb in seinem Zimmer! Wer wei, was dort auf dem
Schreibtisch fr Briefe und Papiere lagen, auf die kein fremder Blick fallen
durfte! Er hatte sie sorglos, ohne Arg offen liegen lassen, denn er trug ja den
Zimmerschlssel in der Tasche - das junge Mdchen flog wie gejagt nach dem
Glasschranke.
    Auf der Seitenwand des alten Mbels, inmitten einer geschnitzten, seltsam
verschnrkelten Arabeske befand sich ein feiner, fr ein uneingeweihtes Auge
kaum erkennbarer Metallstift. Felicitas berhrte ihn mit festem Druck, und die
Thr des Geheimfaches sprang auf. Da standen und lagen die vermiten
Kostbarkeiten in wohlbekannter Ordnung! Die weitgebauchten silbernen Kaffee- und
Milchkannen, die mit seidenen Bndern zusammengebundenen schweren Lffelpakete,
die altmodischen Etuis mit dem Brillantschmuck, alle diese Dinge befanden sich
genau auf demselben Platze, den sie seit vielen Jahren im tiefen Dunkel der
Verborgenheit eingenommen hatten ... und dort in der Ecke stand die Schachtel
mit dem Armring, daneben aber - der kleine, graue Kasten in schrger Stellung,
wie ihn die alte Mamsell vor wenigen Wochen hastig hingeschoben - sie hatte ihn
offenbar nicht wieder berhrt.
    Felicitas nahm ihn mit bebenden Hnden heraus - er war nicht leicht -
sterben sollte sein Inhalt, aber auf welche Weise? Wie war er beschaffen?
    Sie hob vorsichtig den Deckel - ein plump gearbeitetes, in Leder gebundenes
Buch lag darin - die starren Bltter klafften auseinander, und der Einbanddeckel
hatte sich im Lauf der Zeit aufwrts gekrmmt. Ein scheuer Blick belehrte das
junge Mdchen, da dies grobe Papier da drinnen nicht bedruckt, sondern
vollgeschrieben sei.
    Tante Cordula, da ruhen zwei Augen auf deinem Geheimnisse - zwei Augen, in
denen du unzhligemal treue, kindliche Liebe und Hingebung gelesen hast, und ein
junges Herz, das nie an dir gezweifelt, steht heftig klopfend vor dem Rtsel
deines Lebens! Es ist von deiner Schuldlosigkeit so unerschtterlich fest
berzeugt wie von dem Dasein der leuchtenden Sonne, aber es will wissen, wofr
du littest; es will die Gre deines lebenslnglichen Opfers in seinem ganzen
Umfange ermessen knnen ... Dein Geheimnis soll sterben; diese Bltter werden zu
Asche zerstieben, und der Mund, der schon in zarter Kindheit unverbrchlich zu
schweigen verstand, wird es so fest verschlieen, wie der deine!
    Die zitternden Finger des jungen Mdchens schlugen den Deckel zurck.
Joseph von Hirschsprung, Studiosus philosophiae stand in krftigen Zgen auf
dem ersten Blatte ... Es war das Tagebuch des Studenten, des adligen
Schustersohnes, um dessenwillen Tante Cordula ihren Vater buchstblich zu Tode
gergert haben sollte. Der Schreiber hatte stets nur die erste Seite eines jeden
Blattes beschrieben und die Rckseite desselben, ohne Zweifel zu Anmerkungen,
freigelassen. Diese Blattseiten aber zeigten in dichtgedrngten Reihen die
feinen, zierlichen Schriftzge der alten Mamsell.
    Felicitas las den Anfang. Tiefe, originelle Gedanken, mit einer seltenen
Kraft und Knappheit zum Ausdruck gebracht, fesselten sofort das flchtige Auge
und zwangen zum Nachdenken. Es mute ein wunderbarer Mensch gewesen sein, dieser
junge Schustersohn, mit der Phantasie voll grandioser Bilder, mit dem
tiefeinschneidenden Urteil und dem feurigen Herzen voll leidenschaftlicher
Liebe! ... Und darum hatte ihn auch Cordula, die Tochter des gestrengen Kauf-und
Handelsherrn, geliebt bis in den Tod. Sie schrieb:
    Du schlossest die Augen fr ewig, Joseph, und hast nicht gesehen, wie ich
vor Deinem Lager kniete und mir die Hnde wund rang im Gebet zu Gott, da er
Dich mir erhalten solle. Du riefst meinen Namen in der Wut des Fiebers
unaufhrlich mit dem sen Schmeichellaute der Liebe, aber auch in zrnenden
Tnen eines tiefverwundeten Herzens, mit dem Aufschrei einer wilden Rache, und
wenn ich zu Dir sprach, da starrtest Du mich fremd an und stieest meine Hand
zurck.
    Du bist von hinnen gegangen in dem Wahn, da ich meinen Schwur gebrochen
habe - und als alles vorber war und sie Dich hinweggenommen hatten von Deinem
Schmerzenslager, da fand ich dies Buch unter Deinem Kopfkissen. Es sagt mir, wie
ich geliebt worden bin; aber Du hast auch an mir gezweifelt, Joseph! ... Nur
noch auf einen einzigen bewuten Blick wartete ich in Todesangst - er htte Dich
berzeugen mssen, da ich schuldlos war, und mein trostloses Geschick htte
seinen schrfsten Stachel verloren - vergebens! ... Ein Auseinandergehen fr
immer, ohne Vershnung zwischen den scheidenden Seelen - es gibt keine grere
Seelenmarter! Und wenn ich die schwersten Verbrechen begangen htte, ich knnte
nicht grausamer gestraft werden, als mit diesem Herzen, das Tag und Nacht
aufschreit und mich ruhelos umherjagt, wie den flchtigen Kain!
    Dein groer Geist strmt jetzt weiter auf ungemessenen Bahnen, ich aber
wandere noch ber die arme, kleine Erde und wei nicht, ob Dir ein Zurckblicken
mglich ... Ich darf mit niemand ber meine inneren Strme sprechen, und ich
will auch nicht; denn wo wre ein Mensch, der meinen Verlust begriffe? Es hat
Dich keiner gekannt, als ich! ... Aber einmal mu es noch ausgesprochen werden,
wie alles kam. In diesem Buche hast Du Deine Gedanken niedergelegt; allein so
khn und gewaltig sie sind, nebenher geht ein s erquickender Hauch tiefer,
unsterblicher Liebe zu mir, Joseph. Das alles spricht zu mir, wie mit lebendigem
Atem und Deiner sympathischen Stimme ... ich will Dir antworten, hier auf
denselben Blttern, wo Deine Hand geruht hat, und will denken, Du stehest neben
mir und Deine tiefen Augen verfolgen die Feder, wie sie Zug um Zug hinzeichnet,
bis das Rtsel gelst vor Dir liegt!
    Weit Du noch, wie die kleine Cordula Hellwig ihr weies Lieblingshuhn, das
der Jagdhund verscheucht hatte, auf dem Hausboden suchte? Es war dunkel da
droben, aber durch eine Bretterritze flo es golden, und die Sonnenstubchen
spielten zu Milliarden in der Lichtsule. Das kleine Mdchen lugte durch die
Ritze. Da drben hatte Nachbar Hirschsprung eben die Frucht seines einzigen
Ackers eingeheimst, und hoch auf den gelben Garben sa der wilde, schwarze
Joseph und schaute durch die Dachluke.
    Such mich doch! rief das Kind durch die Spalte. Der Knabe sprang herab und
sah sich trotzig um. Such mich doch! klang es wieder. Da geschah ein Krach, und
eines der Bretter, hinter welchen die kleine Cordula steckte, fiel polternd
herein auf den Dachboden des vornehmen Nachbarhauses ... Ja, so warst Du,
Joseph! und ich wei, Du wrdest spterhin genug der unwrdigen Schranken in der
Menschenwelt und manches mhsam erbaute falsche System genau so zertreten haben,
wie das Brett, hinter welchem Du geneckt wurdest.
    Ich weinte bitterlich vor Schreck, und da warst Du pltzlich ganz sanft und
unsglich gut und fhrtest mich hinunter in das enge, rucherige
Schusterstbchen ... Die Bretterwand wurde wieder hergestellt; seit der Zeit
aber wanderte ich tglich ber die Strae und besuchte Dich ... Ach, was waren
das fr Winternachmittage! Drauen stberte und strmte es um die Wette; der
Rosmarinstock auf dem Fenstersims zitterte bei jedem Windsto, der an den
runden, bleigefaten Scheiben vorberbrauste, und der sonst so beherzte
Stieglitz klammerte sich an die innere Wand seines Bauers. Auf dem riesigen
Kachelofen brodelte der Kaffeetopf; Deine ehrbare Mutter sa am schnurrenden
Spinnrade und spann Hanf, und der Vater hmmerte tapfer auf seinem Schemel und
verdiente das tgliche Brot.
    Ich sehe noch sein edles, melancholisches Gesicht vor mir, wenn er erzhlte
von vergangenen Zeiten. Da waren die Hirschsprungs ein gewaltiges, berhmtes
Geschlecht gewesen, ein tapferes Hnengeschlecht von riesiger Krperkraft! Welch
eine unabsehbare Reihe von Heldenthaten hatte ihr starker Arm ausgefhrt! Aber
mir graute vor den Strmen edlen Menschenblutes, das sie vergossen - ich hrte
viel lieber die Geschichte von dem Ritter, der sein junges Weib so herzlich und
treu geliebt hatte. Er lie zwei Armringe machen und auf jedem stand die Hlfte
eines Liebesverses eingegraben; den einen Ring trug er, den anderen sein trautes
Gemahl ... Und als er in der Schlacht todeswund zu Boden strzte, da kam ein
ruberischer Kriegsknecht und wollte ihm das kostbare Liebeszeichen entreien;
aber der Sterbende prete krampfhaft seine Linke auf das Kleinod - er lie sich
die Hand verstmmeln und zerhauen, bis sein Knappe zu Hilfe eilte und den Ruber
niederschlug ... Die Armringe wurden in der Familie als Reliquien aufbewahrt,
bis - ja bis die Schweden kamen ... Wie hatest Du damals diese Schweden,
Joseph! Sie sollten ja schuld sein an dem Untergange derer von Hirschsprung ...
Das war eine tieftraurige Geschichte, und ich mochte sie schon um deshalb nicht
hren, als Dein Vater jedesmal sagte: Siehst Du, Joseph, wenn das Unglck nicht
geschehen wre, da knntest Du studieren und ein groer Mann werden, - so aber
bleibt Dir nichts als der Schusterschemel. Ach, diese Geschichte hat noch eine
ganz andere Kehrseite, als der ehrliche Schuster meinte! ...
    Die Hirschsprungs waren gut papistisch geblieben, als auch das ganze Land
ringsum abfiel und sich zu der neuen lutherischen Lehre bekehrte. Sie lebten von
da an streng zurckgezogen um ihres Glaubens willen, aber dem alten Adrian von
Hirschsprung gengte das nicht, denn er war ein wilder Fanatiker, der lieber
Haus und Hof und die alte Thringer Heimat verlassen, als unter Ketzern leben
wollte. Er hatte sein Besitztum, bis auf das Haus am Markt, um bare
sechzigtausend Thaler in Gold verkauft, und seine zwei Shne ritten eines Tages
davon, um in gut katholischen Landen eine neue Heimat zu suchen ... Da geschah
es, da der Schwedenknig, Gustav Adolph, mit einundzwanzigtausend Mann
Kriegsvolk durch das Thringer Land zog. Er rastete auch einen Tag in dem
kleinen Stdchen X. - das war am 22. Oktober 1632 - und seine Leute besetzten
die Huser. Auch das Ritterhaus am Marktplatz steckte voll schwedischer Reiter,
und das mute den alten Adrian mit Wut und Ingrimm erfllt haben. Es kam zu
einem heftigen Wortwechsel zwischen ihm und den Soldaten, die halbtrunken im
Hofe Wein zechten, und da geschah das Schreckliche - ein Kriegsknecht stie dem
alten, finsteren Eiferer das Schwert mitten durch die Brust; er strzte mit
ausgebreiteten Armen rcklings auf das Steinpflaster und verschied, ohne einen
Laut, auf der Stelle. Die wtenden Schweden aber zerschlugen und zertrmmerten
alles im Hause, was nicht niet- und nagelfest war, und als die Shne
zurckkamen, da lag der alte Adrian lngst unter den Steinfliesen der
Liebfrauenkirche, und sie suchten vergebens nach ihrem Erbe. Die sechzigtausend
baren Thaler hatten die Schweden fortgeschleppt, Kisten und Ksten standen leer,
ihr Inhalt lag zerfetzt und zerstampft am Boden, und die Familienpapiere waren
in alle Winde zerstreut, nicht ein Blttchen lie sich mehr auffinden ... So
erzhlte Dein Vater, Joseph! Darauf kam das Haus um einen armseligen Preis in
die Hnde des Brgers Hellwig. Die zwei Shne des Adrian teilten den Erls;
Lutz, der Aeltere, zog von dannen, und es hat nie wieder etwas von ihm
verlautet, die andere Linie aber hing das Ritterschwert an den Nagel, und die
Nachkommen derer, die gegen die Saracenen gekmpft, die einst wohlgelitten waren
an Kaiserhfen um ihrer Tapferkeit und adligen Sitten willen, sie griffen zu
Hobel und Pfrieme.
    Du aber nicht, Joseph! Wie die prchtigen Locken ber Deiner Stirn sich
eigenwillig ringelten und aufbumten, so schweifte Dein Geist weit ab von der
engen Lebensbahn Deiner letzten Vorfahren; Du gingst Deinen eigenen Weg, ob Du
auch wutest, da er dornenvoll und steinig war, da Mangel und Entbehrung an
Deiner Seite schreiten muten; Du sahst nur das Ziel, das hohe, leuchtende Ziel,
und so viel Heldenmut endete schmhlich in einer Dachkammer! Der Geist entfloh,
weil der Krper hungerte! ... Allmchtiger, eine Deiner herrlichsten Schpfungen
ging unter aus Mangel an Brot!
    Wer htte an dies spurlose Verlschen Deines Daseins gedacht, wenn Du mit
berzeugender Gewalt Deine neuen, khnen, ursprnglichen Ideen entwickeltest?
Oder wenn Du am Klavier saest und die wundervollen Harmonien unter Deinen
Fingern emporquollen? ... Es war ein armes, kleines Spinett, das in einer
dunklen Ecke Deiner elterlichen Stube stand; seine Tne klangen stumpf und rauh,
aber Dein Genius beseelte sie, sie erbrausten in Sturm und Gewitter und malten
den lachenden Himmel ber einer strahlenden Welt ... Weit Du noch, wie Dein
guter Vater Dich belohnte, wenn er zufrieden mit Dir war? Da schlo er mit
feierlicher Gebrde eine kleine, uralte Spinde auf und legte Dir ein Notenheft
auf das Pult - es war die Operette von Johann Sebastian Bach; sein Grovater
hatte sie von dem Komponisten selbst erhalten und sie wurde wie ein Heiligtum in
der Familie aufbewahrt ... Sie fanden nicht einen Pfennig Geldes, nicht einen
Bissen Brot bei Dir, als Du heimgegangen warest, aber das Bachsche
Opernmanuskript, dessen materiellen Wert Du wohl kanntest, lag unangerhrt,
unter meiner Adresse, auf dem Tisch.
    Da drben auf der Seite, genau auf der Stelle, wo ich jetzt schreibe, da
steht: Meine se, goldlockige Cordula kam herber im weien Kleide, das war an
meinem Konfirmationstag, Joseph! Meine strenge Mutter hatte mir gesagt, es
geschehe zum letztenmal, von nun an sei ich die erwachsene Tochter des Kauf-und
Handelsherrn und mein Verkehr mit der Schusterfamilie schicke sich nicht mehr
... Deine Eltern waren nicht in der Stube und ich teilte Dir das Verbot mit ...
Wie wurde Dein Gesicht bleich unter den kohlschwarzen Locken! Nun, so gehe doch!
sagtest Du trotzig und stampftest mit dem Fue auf, aber Deine Stimme brach und
in den zornigen Augen funkelten Thrnen. Ich ging nicht; unsere zitternden Hnde
schlangen sich pltzlich wie unbewut und unauflslich ineinander, das war der
Uranfang unserer seligen Liebe!
    Ich sollte das je vergessen haben und, nachdem ich jahrelang meinen
zrnenden und bittenden Eltern widerstanden, pltzlich aus eigenem Antriebe
meineidig geworden sein? Sie schalten Dich einen Hungerleider, einen miachteten
Schustersohn, der brotlose Knste treibe; sie drohten mit Fluch und Enterbung -
ich blieb standhaft, wie leicht war das damals, Du standest ja neben mir! Aber
als Deine Eltern starben und Du fortgingst nach Leipzig, da kam eine furchtbare
Zeit! ... Da erschien eines Tages eine hohe, schlanke Mnnergestalt im Hause
meines Vaters, und auf dieser Gestalt sa ein Kopf mit fahlen Wangen, an denen
drftiges dunkles Haar lang und glatt niederhing, und den Mund umzogen
unheimliche, schlaffe Linien ... Es gibt einen Seherblick, Joseph, und das ist
der Instinkt in einer reinen Menschenbrust ... ich wute sofort, da mit jenem
Menschen das Unheil ber unsere Schwelle geschritten war. Mein Vater dachte
anders ber diesen Paul Hellwig. Er war ja ein naher Anverwandter, der Sohn
eines Mannes, der sein Glck drauen in der Welt gemacht hatte und einen
ansehnlichen Posten bekleidete. Da war der Besuch des jungen Vetters eine Ehre
fr das Haus. Und wie diese hohe Gestalt sich demutsvoll bcken konnte, wie das
s und salbungsvoll von den Lippen flo!
    Du weit, da der Elende es wagte, mir von Liebe zu sprechen, Du weit
auch, da ich ihn heftig und emprt zurckwies; er war erbrmlich und ehrlos
genug, die Hilfe meines Vaters anzurufen; der wnschte lebhaft diese Verbindung,
und nun begannen entsetzliche Tage fr mich! ... Deine Briefe blieben aus, mein
Vater hatte sie unterschlagen, ich fand sie nebst den meinigen in seinem
Nachlasse. Ich wurde wie eine Gefangene behandelt, aber es konnte mich doch
niemand zwingen, im Zimmer zu bleiben, sobald der Verhate eintrat ... Dann floh
ich wie gehetzt durch das Haus, und die Geister Deiner Ahnen beschtzten mich,
Joseph. Ich fand Schlupfwinkel genug, wo ich vor meinem Verfolger sicher war.
    Ob es wohl auch der geheimnisvolle Finger einer unsichtbaren Ahnfrau
gewesen ist, der eines Tages meinen Blick auf das Goldstck zu meinen Fen
lenkte? ...
    Eine Mauer im Geflgelhofe hatte sich gesenkt, und nachmittags waren
Arbeiter dagewesen und hatten den schadhaften Teil niedergerissen. Ich sa still
auf dem Trmmerwerke und dachte an die Zeit, wo man diese Steine aufeinander
getrmt hatte - und da lag pltzlich das Goldstck vor mir im Grase; es war
nicht das einzige, auch zwischen den Mrtelbrocken schimmerte es golden. Ohne
Zweifel war ein betrchtliches Mauerstck nachgestrzt, als die Arbeiter den Hof
bereits verlassen hatten, denn es lag alles wild und zerklftet durcheinander,
und zwischen den Bruchstcken hervor guckte die scharfe Ecke einer hlzernen
Truhe - sie war zum Teil geborsten, dieser Spalt erschien frmlich gespickt mit
dem gernderten Gold.
    Joseph, ich hatte den Fingerzeig Deiner Ahnmutter nicht begriffen - ich
holte meinen Vater, und der Verhate kam auch mit. Sie hoben mhelos den Kasten
aus den Trmmern und schlossen ihn auf mit dem gewaltigen Schlssel, der noch im
Schlosse steckte ...
    Die Schweden waren es nicht gewesen, Joseph! ... Da lagen wohlbehalten die
zwei Armringe, da lagen die sechzigtausend Thaler in Gold und die vergilbten
Pergamente und Papiere Derer von Hirschsprung! Der alte Adrian hatte alles
hierher gerettet vor den heranziehenden Schweden! ... Ich war wie trunken vor
Glck. Vater, jubelte ich auf, nun ist der Joseph kein Hungerleider mehr!
    Ich sehe ihn noch, wie er dastand! Du weit, er hatte ein ernstes, strenges
Gesicht, das heitere Wort erstarb einem auf den Lippen, wenn man in diese
wandellosen Zge sah, aber seine ganze Erscheinung trug das Geprge einer
unerschtterlichen Rechtschaffenheit - er war der geachtetste Mann in der Stadt.
Jetzt stand er vorwrts gebeugt da, und seine Hnde whlten in dem Golde. Was
war das fr ein eigentmlicher Blick, der aus dem kalten Auge auf mich fiel! Der
Schusterjunge? wiederholte er, was hat der damit zu schaffen?
    Nun, das ist sein Erbe, Vater! Ich hatte das Testament des alten Adrian in
der Hand und deutete auf den Namen Hirschsprung.
    O, wie entsetzlich vernderte sich pltzlich dies sonst so unbewegliche
Gesicht!
    Bist du wahnsinnig? schrie er auf und schttelte mich heftig am Arme. Dies
Haus gehrt mir mit allem, was es enthlt, und ich will den sehen, der mir auch
nur einen Pfennig Wert von meinem Grund und Boden wegholt!
    Sie sind vollkommen in Ihrem Recht, lieber Vetter, besttigte Paul Hellwig
mit seiner sanftesten Stimme. Aber vordem hat das Haus mit allem, was es
enthalten, meinem Grovater gehrt.
    Schon gut, Paul, ich leugne deinen Anspruch nicht! sagte mein Vater ... Sie
trugen den Kasten vor in das Haus. Niemand wute um den Raub, als ich und der
letzte Abendsonnenstrahl, der neugierig ber das funkelnde Gold hingeglitten
war. Er erlosch, um drben neu aufzugehen und vielleicht auf ein glckseliges
Menschenangesicht zu fallen; ich aber irrte umher und sah Nacht und Fluch und
Verbrechen, wohin ich blickte!
    Noch an demselben Tage hrte ich, wie Paul Hellwig zwanzigtausend Thaler
und einen der Armringe beanspruchte und erhielt ...
    Weit Du nun, was ich litt, whrend Du mich fr treulos, falsch und
leichtsinnig hieltest? Ich stand allein meinen zwei Peinigern gegenber - meine
strenge, aber rechtschaffene Mutter war tot und mein einziger Bruder in fernen
Landen ... Es handelte sich nicht allein mehr um meine Liebe zu Dir - ich sollte
auch schweigen, unverbrchlich schweigen vor Dir und der Welt, und dazu verstand
ich mich nun und nimmer! ... Hat nie Dein Herz bang und ahnungsvoll geklopft in
jenen unseligen Momenten, wo ich meinem zrnenden Vater unerschtterlich fest
gegenberstand, wo er die Hand hob, um die starrsinnige, entartete Tochter zu
Boden zu schleudern? ...
    Ich hatte das Testament des alten Adrian zurckbehalten - das wuten sie
nicht, und als eines Abends Paul Hellwig hhnisch fragte, womit ich denn
eigentlich den Fund beweisen wolle, da wies ich auf dies Papier hin - und da kam
das furchtbare Ende! Mein Vater hatte nachmittags einer groen Gasterei
beigewohnt, sein Gesicht war stark gertet, er hatte offenbar viel Wein
getrunken. Bei meiner Erklrung strzte er auf mich zu, schttelte mich mit
seinen gewaltigen Hnden, da ich aufschrie vor Schmerz, und fragte knirschend,
ob mir denn seine Ehre und sein Ansehen nicht einen Pfifferling wert seien. Noch
hatte er das letzte Wort nicht ausgesprochen, als er mich zurckstie - sein
Gesicht wurde dunkelbraun, er fuhr mit beiden Hnden nach dem Halse und brach
pltzlich wie niedergeschmettert vor mir zusammen - der groe, stattliche Mann!
... Er atmete noch, als wir ihn aufhoben, ja er hatte sogar Bewutsein, denn
sein Blick ruhte unverwandt mit einem furchtbaren Ausdruck auf meinem Gesicht,
und - da brach mein Widerstand, Joseph! Als der Arzt fr einen Augenblick das
Zimmer verlassen hatte, da zog ich das Papier hervor und hielt es an die Flamme
des Lichtes. Ich konnte meinen Vater nicht ansehen, aber ich gelobte ihm mit
weggewandtem Gesicht, da ich schweigen wolle fr immer, da mit meinem Willen
kein Flecken auf seine Ehre fallen solle ... Wie lchelte Paul Hellwig teuflisch
bei diesem Schwur! ... O Joseph, das that ich! Ich sicherte meiner Familie das
Dir gestohlene Erbe, in dem Augenblick, wo Dich der Mangel auf das Sterbebett
warf!

                                       25


Felicitas schlug erschpft das Buch zu - sie konnte nicht weiter lesen. Drauen
pfiff und tobte es an den Fenstern vorber, da sie klangen und klirrten - was
war dies Brauen gegen die Strme in der Menschenbrust, von denen das Buch
erzhlte!
    Tante Cordula, du bist gemartert und gekreuzigt worden! Die in dem
gestohlenen Gut schwelgten, sie stellten sich auf den hohen Standpunkt
angestammter Familientugend und Rechtschaffenheit; sie verstieen dich als eine
Entartete, und die blinde Welt besttigte diesen Urteilsspruch. Hoch droben in
den Lften standest du, verfemt und verlstert, und hinter den festgeschlossenen
Lippen ruhte dein Geheimnis! Du riefst nicht Wehe ber die Blinden da drunten -
sie aen gar oft dein Brot und erfaten unbewut deine rettende Hand in Not und
Elend. Dein starker Geist erbaute sich seine eigene Welt, und das stille,
vershnliche Lcheln, das im Alter deine Zge verschnte, war der Sieg einer
erhabenen Seele!
    Welch ein Unding ist die ffentliche Meinung! Die Welt hat nichts
Haltloseres, und doch darf sie tief und bestimmt eingreifen in das Schicksal der
einzelnen! Leiden nicht Familien noch nach Jahren fr ein einziges Glied, das
die ffentliche Stimme gerichtet und verfemt hat, und gibt es nicht
Geschlechter, die den Nimbus angestammter Tugend und Ehrbarkeit mhelos tragen,
blo weil ihr Name dem Volksmunde als gut gelufig ist? Wie viel unbestrafte
Schurkerei hat die ffentliche Meinung auf dem Gewissen, und wie oft weint das
stille Verdienst unter ihren blinden Fusten!
    Die Familie Hellwig gehrte auch zu jenen Unantastbaren. Wenn einer gewagt
htte, den Finger aufzuheben gegen die stattlichste und stolzeste Erscheinung
unter den Oelbildern der Erkerstube und zu sagen: Das ist ein Dieb! - er wre
gesteinigt worden vom groen Haufen. Und doch hatte er den armen Schustersohn um
sein Erbe betrogen; er war gestorben, der Ehrenmann, mit dem Diebstahl auf dem
Gewissen, und seine Nachkommen waren stolz auf den sauer und redlich
erworbenen Reichtum des alten Handlungshauses ... Wenn er das wte, wenn er
einen Blick in dies Buch werfen knnte, er, der sein eigenes Wnschen derartigen
geheiligten Traditionen unterwarf, der so lange den Satz festgehalten hatte,
nach welchem Tugend und Laster, hoher Sinn und Gemeinheit sich an die Familie
und deren Stellung, nicht aber an das einzelne Individuum knpfen sollten! ...
    Felicitas streckte unwillkrlich die Rechte mit dem Buche wie triumphierend
in die Hhe und ihre Augen funkelten ... Was hinderte sie, diesen kleinen,
grauen Kasten mit seinem furchtbaren Inhalt dort auf dem Schreibtisch liegen zu
lassen? ... Dann kommt er herein und setzt sich arglos in die traute,
epheuumhangene Nische. Die wuchtige Stirne voll tiefer Gedanken, nimmt er die
Feder auf, um an dem dort liegenden Manuskript weiterzuarbeiten ... Da steht das
kleine, unbekannte Etwas vor ihm - er hebt den Deckel auf, nimmt das Buch heraus
und liest - und liest, bis er totenbleich zurcksinkt, bis die stahlgrauen Augen
erlschen unter der Wucht einer schreckensvollen Entdeckung ... Dann ist sein
stolzes Bewutsein lebenslnglich geknickt. Er trgt im Verborgenen die Last der
Schande ... Will er die Annehmlichkeiten seines reichen Erbes genieen - es sind
gestohlene Freuden; liest er seinen so gepriesenen Namen - es ruht ein hlicher
Flecken darauf ... er ist innerlich gebrochen, gemordet fr alle Zeiten, der
stolze Mann! ...
    Buch und Kasten fielen schallend zur Erde, und ein heier Thrnenstrom
strzte aus Felicitas' Augen ... Nein, tausendmal lieber sterben, als ihm dies
Leid anthun! ... War der Mund, der diese Worte bebend herausstie, derselbe,
welcher einst hier, zwischen diesen vier Wnden gesagt hatte: Ich wrde es
nicht beklagen, wenn ihm ein Leid widerfhre, und wenn ich ihm zu einem Glcke
verhelfen knnte, ich wrde keinen Finger bewegen! War das wirklich noch der
alte, wilde Ha, der sie weinen machte, der ihr Herz mit unsglichem Weh
erfllte bei dem Gedanken, er knne leiden? War es Abscheu, das se Gefhl, mit
welchem sie pltzlich seine kraftvolle, mnnliche Gestalt vor sich
heraufbeschwor, und hatte die glckselige Genugthuung, da sie berufen sei, die
Hnde schtzend ber seinem Haupte zu halten, ihn vor einer niederschmetternden
Erfahrung zu bewahren, noch etwas gemein mit dem hlichen Gefhl der Rache? ...
Ha, Abscheu und Rachedurst - sie waren spurlos verlscht in ihrer Seele! ...
Wehe, sie hatte ihr Steuer verloren! ... Sie taumelte zurck und schlug die
Hnde vor das Gesicht - der geheimnisvolle Zwiespalt ihres Herzens lag gelst
vor ihr, aber nicht unter jenem Lichte einer himmlischen Erkenntnis, das
pltzlich ungeahnte, lachende Gefilde bestrahlt - es war ein grelles
Wetterleuchten, in welchem ein Abgrund zu ihren Fen sichtbar wurde ...
    Fort, fort - es hielt sie nichts mehr! Noch einmal den Weg ber die Dcher
zurck, dann den letzten eilenden Schritt ber die Schwelle des Hellwigschen
Hauses, und sie war frei, sie war entflohen auf Nimmerwiedersehen!
    Sie raffte das Buch auf und schob es in ihre Tasche - aber da stand sie mit
zur Flucht gehobenem Fue und zurckgehaltenem Atem einen Moment wie versteinert
- drauen im Vorsaal war eine Thr zugeschlagen worden, und jetzt schritt es
rasch auf das Wohnzimmer zu. Sie floh in den Vorbau und ri die Glasthr auf -
der Sturm fuhr herein und schleuderte ihr einzelne groe Regentropfen in das
Gesicht ... Ihre Augen irrten ber das Dcherquadrat, da hinber kam sie nicht
mehr, dort mute sie gesehen werden - ihre einzige Rettung war ein
augenblickliches Versteck.
    Zwischen der Vorbauwand und den Blumentpfen lief ein schmaler, unbesetzter
Raum empor. Felicitas flchtete hinauf und erfate droben taumelnd und mit
versagenden Blicken die Eisenstange des Blitzableiters, der sich ber den First
hinzog. Sie stand hoch ber dem Vorbau ... Hei, wie der Sturm die zarte Gestalt
packte und schttelte, wie er in erneutem Ingrimm versuchte, sie hinabzustoen
in die Strae, die wie ein dunkler Spalt jenseits herauf klaffte ... Ueber den
Himmel hin brausten die schwarzen Gewitterwolken - war kein Engel droben ber
der kochenden, grenden Wetterwand, der seine Hnde schirmend herniederstreckte
auf die mit der furchtbarsten Gefahr Ringende?
    Wer es auch sein mochte, der in diesem Augenblick heraustrat auf die
Galerie, das Mdchen da droben stand als Diebin gebrandmarkt vor ihm ... Sie war
in verschlossene Rume eingedrungen - die ganze Welt nannte das Einbruch; schon
hatte man die Anklage, da sie um den Silberdiebstahl wisse, auf ihr Haupt
geschleudert - jetzt lag ihre Schuld sonnenklar am Tage! Sie wanderte nicht mehr
freiwillig ber die Schwelle des alten Kaufmannshauses, sie wurde hinausgestoen
als Entehrte, und wie Tante Cordula mute sie fortan mit festgeschlossenen
Lippen Schimpf und Schmach unverschuldet durchs Leben tragen ... War es da so
schrecklich, wenn sie sich dem Arme des Sturmes willig berlie und nach wenigen
qualvollen Augenblicken ihr junges Leben drunten auf dem Straenpflaster
aushauchte? ...
    Mit wirren Blicken starrte sie hinab auf das vorspringende Dach des Vorbaues
- die Person unter blieb nicht vor der Glasthr stehen - Felicitas' letzte
verzweifelte Hoffnung - sie schritt, trotz Sturm und Wetter, weiter und weiter
auf der Galerie, und jetzt wurde die Gestalt sichtbar - es war der Professor ...
Hatte er die fliehenden Schritte des Mdchens gehrt? - Noch kehrte er ihr den
Rcken, noch war es mglich, da er zurckging, ohne sie gesehen zu haben - aber
da kam der Sturm, der Verrter; er zwang den Professor, sich umzudrehen, und
lie in dem Augenblick Haar und Gewand der Flchtigen wild aufflattern - und er
erblickte die Gestalt mit den krampfhaft um das Eisen geschlungenen Armen und
dem geisterhaften Gesicht, das aus den wogenden Haarmassen verzweiflungsvoll auf
ihn niedersah.
    Einen Augenblick war es, als gerinne ihr unter dem entsetzten Blick, der sie
traf, das Blut in den Adern; dann aber scho es siedend nach dem Kopfe und
raubte ihr den letzten Rest von Besonnenheit.
    Ja, da steht die Diebin! Holen Sie das Gericht, holen Sie Frau Hellwig! Ich
bin berfhrt! rief sie unter bitterem Auflachen hinab. Sie lie mit der Linken
die Eisenstange los und warf das Haar zurck, das ihr der Sturm ber das Gesicht
peitschte.
    Um Gottes willen, schrie der Professor auf, fassen Sie die Stange - Sie
sind verloren!
    Wohl mir, wenn's vorber wre! klang es schneidend durch das Brausen und
Pfeifen.
    Er sah den schmalen Raum nicht, auf welchem Felicitas emporgeklimmt war. In
wenig Augenblicken hatte er die Blumentpfe herabgeschleudert und sich einen Weg
gebahnt, und da stand er pltzlich neben ihr. Er umschlang mit unwiderstehlicher
Kraft die widerstrebende Gestalt und zog sie herab in den Vorbau - krachend fiel
die Thr hinter ihnen in das Schlo.
    Der starke, mutige Geist des Mdchens war gebrochen - vllig betubt, wute
sie nicht, da ihr vermeintlicher Widersacher sie noch sttzte; sie hatte die
Augen geschlossen und sah nicht, wie sein Blick tiefsinnig auf ihrem bleichen
Gesicht ruhte. Felicitas, flsterte er mit tiefer, bittender Stimme.
    Sie fuhr empor und begriff sofort ihre Lage. Aller Groll, alle Bitterkeit,
an denen sich ihre Seele jahrelang genhrt, kamen nochmals ber sie - sie ri
sich heftig los, und da war er wieder, der dmonische Ausdruck, der eine tiefe
Falte zwischen ihre Augenbrauen grub und die Mundwinkel in herben Linien umzog!
    Wie mgen Sie die Paria anrhren? rief sie schneidend. Aber ihre
hochaufgerichtete Gestalt sank sofort wieder in sich zusammen; sie vergrub ihr
Gesicht in den Hnden und murmelte grollend: Nun, so verhren Sie mich doch -
Sie werden zufrieden sein mit meinen Aussagen!
    Er nahm ihre Hnde sanft zwischen die seinen.
    Vor allem werden Sie ruhiger, Felicitas! sagte er in jenen weichen,
beschwichtigenden Tnen, die sie schon am Bette des kranken Kindes wider Willen
bewegt hatten. Nicht den wilden Trotz, mit dem Sie mich geflissentlich zu
verletzen suchen! ... Sehen Sie sich um, wo wir sind! Hier haben Sie als Kind
gespielt, nicht wahr? ... Hier hat Ihnen die Einsiedlerin, fr die Sie heute so
hei gekmpft haben, Schutz, Belehrung und Liebe gewhrt? ... Was Sie auch hier
gethan oder gesucht haben mgen - es ist kein Unrecht gewesen, ich wei es,
Felicitas! Sie sind trotzig, verbittert und ber die Maen stolz, und diese
Eigenschaften verleiten Sie oft zur Ungerechtigkeit und Hrte - aber einer
gemeinen Handlung sind Sie nicht fhig ... Ich wei nicht, wie es kam, aber es
war mir, als msse ich Sie hier oben finden - Heinrichs scheues, verlegenes
Gesicht, sein unwillkrlicher Blick nach der Treppe, als ich nach Ihnen fragte,
bestrkten mich in meiner Annahme ... Sagen Sie kein Wort! fuhr er mit
erhobener Stimme fort, als sie ihre heien Augen rasch zu ihm aufschlug und die
Lippen ffnete. Verhren will ich Sie freilich, aber in einem ganz anderen
Sinne, als Sie denken - und ich glaube, ich habe ein Recht dazu, nachdem ich
durch Sturm und Wetter geschritten bin, um mir meine Tanne herabzuholen.
    Er zog sie tiefer in das Zimmer hinein - schien es doch, als sei es ihm zu
hell im Vorbau, als bedrfe er der halben Dmmerung des Wohnzimmers, um weiter
sprechen zu knnen. Felicitas fhlte, wie ein leises Beben durch seine Hnde
ging. Sie standen genau auf der Stelle, wo sie vorhin einen furchtbaren Kampf
mit sich selbst gekmpft hatte, wo sie versucht gewesen war, ihm einen Dolch in
das Herz zu stoen, ihn moralisch zu lhmen fr seine ganze Lebenszeit ... Sie
senkte den Kopf tief auf die Brust, als eine Schuldbewute, unter den Augen,
die, sonst so tiefernst, jetzt eine wunderbare Glut ausstrahlten.
    Felicitas, wenn Sie hinabgestrzt wren! hob er wieder an, und es war, als
liefe noch bei dieser Vorstellung ein Schauder durch seine krftige Gestalt.
Soll ich Ihnen sagen, was Sie mir angethan haben durch diesen verzweifelten
Trotz, der lieber zu Grunde geht, als da er an das vernnftige Urteil anderer
appelliert? Und meinen Sie nicht, da ein Augenblick voll Todesangst und
namenloser Leiden ein jahrelanges Unrecht zu shnen vermag?
    Er hielt erwartungsvoll inne, aber die erblaten Lippen des jungen Mdchens
blieben geschlossen, und ihre dunklen Wimpern lagen tief auf den Wangen.
    Sie haben sich in Ihre bittere Anschauungsweise frmlich verrannt, sagte
er nach vergeblichem Warten herb und mit sinkender Stimme, der man die
Entmutigung anhrte; es ist Ihnen geradezu unmglich, eine Wandlung der Dinge
zu begreifen. Er hatte ihre Hnde sinken lassen, aber jetzt nahm er nochmals
ihre Rechte und zog sie heftig gegen seine Brust. Felicitas, Sie sagten
neulich, da Sie Ihre Mutter vergttert haben - diese Mutter hat Sie Fee
genannt; ich wei, alle, die Sie lieben, geben Ihnen diesen Namen, und so will
auch ich sagen: Fee, ich suche Vershnung!
    Ich habe keinen Groll mehr! stie sie mit erstickter Stimme hervor.
    Das ist eine vielsagende Versicherung aus Ihrem Munde, sie bertrifft meine
Erwartungen, allein - sie gengt mir noch lange nicht ... Was hilft es, wenn
zwei sich vershnen und dann auf Nimmerwiedersehen scheiden? Was hilft es mir,
da ich wei, Sie grollen mir nicht mehr, und ich kann mich nicht stndlich
davon berzeugen? ... Wenn zwei sich vershnt haben, die so getrennt gewesen
sind wie wir, dann gehren sie zusammen - auch nicht eine Meile Raum dulde ich
ferner zwischen uns - gehen Sie mit mir, Fee!
    Ich habe Abscheu vor dem Aufenthalte in einem Institut - ich knnte mich
nie in die schablonenmige Behandlung fgen, antwortete sie hastig und
gepret.
    Der Anflug eines Lchelns glitt ber sein Gesicht.
    Ach, das mchte ich Ihnen auch nicht anthun! ... Die Idee mit dem Institut
war nur ein Notbehelf, Fee. Ich selbst wre dann ziemlich ebenso bel daran ...
Es knnte sich ereignen, da ich Sie einen, auch zwei Tage nicht sehen drfte,
und dann stnde ein Dutzend naseweiser Mitschlerinnen um uns her und finge
jedes Wort auf, das zwischen uns fiel; oder Frau von Berg, die strenge
Vorsteherin, se daneben und duldete nicht, da ich auch nur einmal diese
kleine Hand in der meinigen behielt ... Nein, ich mu zu jeder Stunde in dies
liebe, trotzige Gesicht da sehen drfen - ich mu wissen, da da, wohin ich nach
den Anstrengungen meines Berufes zurckkehre, meine Fee auf mich wartet und an
mich denkt - ich mu am stillen, trauten Abend inmitten meiner vier Wnde bitten
drfen: Fee, ein Lied! Das alles aber kann nur geschehen, wenn - Sie mein Weib
sind!
    Felicitas stie einen Schrei aus und versuchte sich loszureien; aber er
hielt sie fest und zog sie nher an sich heran.
    Der Gedanke erschreckt Sie, Felicitas! sagte er tief erregt. Ich will
hoffen, da es nur der Schreck des Unerwarteten ist und nichts Schlimmeres ...
Ich sage ja mir selbst, da es vielleicht langer Zeit bedrfen wird, ehe Sie mir
das sein knnen, was ich ersehne - gerade bei Ihrem Charakter lt sich eine so
rasche Wandlung schwer annehmen, nach welcher der verabscheute Todfeind ein
Gegenstand inniger Neigung werden soll. Aber ich will um Sie werben mit aller
Ausdauer einer unvergnglichen Liebe; ich will warten - so schwer dies auch sein
mag - bis Sie mir einst aus eigenem Antriebe sagen: Ich will, Johannes! ... Ich
wei ja, welche Wunder im Menschenherzen vorgehen knnen. Ich floh aus der
kleinen Stadt, um mir selbst und meinen furchtbaren inneren Kmpfen zu
entrinnen, und da vollzog sich das Wunder erst recht! Der qualvollsten Sehnsucht
gegenber zerfielen diese Kmpfe in nichts; ich wute nun, da das, was ich
vermessen und trotzig abschtteln wollte, meines Lebens Seligkeit werden wrde
... Fee, inmitten nichtssagenden Geschwtzes und koketter Gesichter schritt das
einsame Mdchen mit der energischen Haltung und der weien Stirne voll
kraftvoller Gedanken unablssig neben mir her, ber Berg und Thal - sie gehrte
zu mir, sie war die andere Hlfte meines Lebens, ich sah ein, da ich mich nicht
von ihr losreien knne, ohne mich innerlich zu verbluten! ... Und nun ein
einziges Wort der Beruhigung, Felicitas!
    Das junge Mdchen hatte allmhlich ihre Hand aus der seinigen gezogen. Wie
war es mglich, da ihm, whrend er sprach, die Vernderung in ihrem Aeueren
entgehen konnte! Die Brauen wie in heftigem, physischem Schmerz zusammengezogen,
haftete ihr erloschener Blick lngst am Boden, und die eiskalten Finger
verschlangen sich krampfhaft ineinander.
    Beruhigung wollen Sie von mir? versetzte sie mit schwacher Stimme. Vor
einer Stunde haben Sie mir gesagt: Das soll Ihr letzter Kampf gewesen sein, und
jetzt schleudern Sie mich mit eigener Hand in den entsetzlichsten, den die
Menschenseele durchzumachen hat! ... Was ist ein Kampf wider uere Feinde gegen
das Ringen mit sich selbst und den eigenen Wnschen? Sie hob die
festverschlungenen Hnde empor und warf wie in Verzweiflung den Kopf zurck.
Ich wei nicht, was ich verbrochen habe, da Gott mir diese unselige Liebe ins
Herz gelegt hat!
    Fee!
    Der Professor breitete seine Arme aus, um sie an seine Brust zu ziehen, aber
sie streckte ihm abwehrend die Hnde entgegen, wenngleich ein Schimmer der
Verklrung ber ihr Gesicht flog. Ja, ich liebe Sie - das sollen Sie wissen!
wiederholte sie in Tnen, die zwischen Jauchzen und Thrnen schwankten. Ich
wrde schon in diesem Augenblick sagen knnen: Ich will, Johannes! aber diese
Worte werden nie ausgesprochen werden!
    Er wich zurck und Leichenblsse bedeckte sein Gesicht; er kannte das
Mdchen mit der energischen Haltung und der weien Stirne voll kraftvoller
Gedanken viel zu gut, um nicht zu wissen, da sie mit diesem Ausspruch fr ihn
verloren sei.
    Sie sind geflohen aus X., und warum? hob sie fester an; sie richtete sich
empor, und einer ihrer durchdringendsten Blicke traf die Augen, aus denen
pltzlich alles Leben entwichen schien. Ich will es Ihnen sagen. Ihre Liebe zu
mir war ein Verbrechen gegen Ihre Familie, sie stie alle Ihre wohlgepflegten
Grundstze um und mute deshalb wie ein Unkraut aus Ihrem Herzen gerissen
werden. Da Sie von Ihrer Flucht nicht geheilt zurckgekehrt sind, ist nicht
Ihre Schuld - Sie unterlagen derselben Macht, die auch mich zwingt, Sie gegen
meine Grundstze zu lieben ... Wohl mag es ein erbitterter Kampf gewesen sein,
bis alle die stolzen Kauf- und Handelsherren dem verachteten Spielerskinde Platz
gemacht haben - nichts in der Welt wird mich glauben machen, da ich diesen
Platz fr meine ganze Lebenszeit behaupten werde! ... Sie haben mir vor wenigen
Wochen die unerschtterliche Ueberzeugung ausgesprochen, da die
Standesverschiedenheit in der Ehe sich unausbleiblich rche - dieses Prinzip
haben Sie Gott wei wie viele Jahre hindurch festgehalten, es kann unmglich in
den sechs Wochen sich spurlos verflchtigt haben, es ist nur bertncht, es wird
nur verleugnet - und selbst wenn es einer anderen Ueberzeugung gewichen wre,
was mte alles geschehen, um die Erinnerung an diesen Ausspruch in meiner Seele
zu verlschen!
    Sie schwieg einen Augenblick erschpft. Der Professor hatte die Rechte auf
die Augen gepret, und um seine Lippen zuckte es wie ein leichter Krampf. Jetzt
lie er die Hand sinken und sagte tonlos: Ich habe die Vergangenheit gegen mich
- aber Sie sind doch im Irrtum, Felicitas ... O Gott, wie soll ich Ihnen das
beweisen!
    In den ueren Verhltnissen hat sich nicht das mindeste gendert, fuhr
sie unerbittlich fort. Es ist weder ein Flecken auf Ihre Familie gefallen, noch
bin ich irgendwie meinem verachteten Standpunkte entrckt - meine Persnlichkeit
ist es mithin allein, welche diese Umkehr bewirkt hat - es wre vermessen und
gewissenlos von mir, wollte ich den Moment benutzen, wo Sie die mit Ihnen
festverwachsenen Prinzipien mhsam niederhalten und nur Ihrer Liebe Gehr geben
... Ich frage Sie aufs Gewissen: Nicht wahr, Sie haben eine sehr hohe Meinung
von der Vergangenheit Ihrer Familie? ... Und haben Sie sich auch nur einen
Augenblick einzureden vermocht, da diese Vorfahren, die smtlich standesgem
gewhlt hatten, eine solche Miheirat ihres Enkels billigen wrden?
    Felicitas, Sie sagen, Sie lieben mich, und sind fhig, mich so systematisch
zu martern? rief er heftig.
    Ihr Blick, der unverwandt auf seinem Gesicht geruht hatte, schmolz - wer
htte in diesen stolzen, zurckweisenden Augen den Ausdruck unbeschreiblicher
Zrtlichkeit gesucht, der sie jetzt beseelte! Sie nahm die Rechte des Professors
in ihre beiden Hnde.
    Als Sie mir vorhin das Leben an Ihrer Seite schilderten, da habe ich mehr
gelitten, als sich aussprechen lt, sagte sie in tiefster Bewegung; es wrden
vielleicht hundert andere an meiner Stelle die Augen vor der Zukunft
verschlieen und nach diesem augenblicklichen Glck greifen, aber so wie ich
einmal bin, kann ich das nicht ... Das, was lebenslnglich zwischen uns stehen
wird, ist meine Furcht vor Ihrer Reue. Bei jedem finsteren Blick, bei jeder
Falte auf Ihrer Stirne wrde ich denken: Jetzt ist der Augenblick da, wo er
bedauert, wo er umkehrt zu seinen ursprnglichen Ansichten, wo er dich innerlich
verstt als die Ursache seines Abfalles! Ich wrde Sie unglcklich machen mit
diesem Mitrauen, das ich nicht besiegen knnte.
    Das ist eine furchtbare Wiedervergeltung! sagte er dumpf und schmerzlich.
Uebrigens will ich dies Unglck getrost auf mich nehmen ... Ich will Ihr
Mitrauen ohne Murren ertragen, so tief verwundend es auch ist - es mu ja doch
einmal eine Zeit kommen, wo es hell zwischen uns wird ... Felicitas, ich werde
Ihnen eine Huslichkeit schaffen, in der Ihnen so bse Gedanken gar nicht kommen
knnen. Freilich wird es sich ereignen, da ich manche Falte auf der Stirne,
manch' finsteren Blick mit nach Hause bringe - die sind unausbleiblich in meinem
Wirkungskreise - aber dann ist ja eben meine Fee da, die sofort die Falten
verwischt und den Blick aufhellt ... Knnten Sie es wirklich ber das Herz
bringen, Ihre eigene Liebe zu zertreten und einen Mann, dem Sie das hchste
Erdenglck zu geben vermgen, elend zu machen?
    Felicitas war allmhlich nach der Thr zugeschritten, sie fhlte ihre
moralische Kraft treulos werden dieser angstvollen Beredsamkeit gegenber, und
doch mute sie fest bleiben gerade um seinetwillen.
    Wenn Sie mit mir in Abgeschiedenheit und Einsamkeit leben knnten, dann
wrde ich Ihnen willig folgen, entgegnete sie, whrend sie hastig das
Thrschlo ergriff, als sei es ihr letzter Halt. Glauben Sie nicht, da ich die
Welt selbst und ihr Urteil scheue - sie urteilt meist blind und einsichtslos -
aber im Verkehr mit ihr frchte ich eben den Feind in Ihnen selbst. Dort gilt
eine respektable Herkunft sehr viel, und ich wei, da Sie darin mit der Welt
harmonieren ... Sie haben einen bedeutenden Familienstolz - wenn Sie ihm auch in
diesem Augenblick kein Recht einrumen - im Umgange mit solchen Bevorzugten wird
und mu Ihnen frher oder spter der bedauernde Gedanke kommen, da Sie viel,
sehr viel fr mich aufgegeben haben.
    Das heit also mit anderen Worten, wenn ich Sie besitzen will, dann mu ich
entweder meinen Wirkungskreis aufgeben und in einer Einde leben, oder irgend
einen Flecken, einen unwrdigen Moment aus der Vergangenheit meiner Familie
aufzufinden suchen! rief er gereizt und bitter.
    Eine jhe Rte stieg bei seinen letzten Worten in das Gesicht des jungen
Mdchens. Unwillkrlich glitt ihre Hand ber die Falten ihres Kleides und
befhlte die scharfen Ecken des grauen Kastens, ob er auch sicher sei in seinem
Versteck.
    Der Professor durchma in unbeschreiblicher Aufregung das Zimmer.
    Das trotzige, unbeugsame Element in Ihrem Charakter hat mir bereits viel zu
schaffen gemacht, fuhr er in demselben Tone fort, indem er vor Felicitas stehen
blieb, es zieht mich an und erbittert mich zugleich; in diesem Augenblick
jedoch, wo Sie mit rauher Konsequenz mir meine Liebe vor die Fe werfen und
sich selbst zu einem so unntzen Opfer verurteilen, fhle ich geradezu eine Art
Ha, einen wilden Ingrimm - ich knnte es zertreten! ... Ich sehe ein, da ich
fr jetzt nicht um einen Schritt weiter mit Ihnen komme - aber Sie aufgeben,
daran denkt meine Seele nicht! ... Ihre Versicherung, da Sie mich lieben, ist
fr mich ein unverbrchlicher Schwur - Sie werden mir niemals treulos werden,
Felicitas?
    Nein, versetzte sie rasch, und wohl gegen ihren Willen brach abermals ein
voller Strahl der Liebe aus ihren Augen.
    Der Professor legte seine Hand auf den Scheitel des jungen Mdchens, bog
ihren Kopf leicht zurck und sah ihr mit einem Gemisch von Schmerz, Groll und
Leidenschaft in das Gesicht ... Er schttelte leise den Kopf, als unter diesem
beschwrenden Blicke ihre Wimpern sich tief auf die Wangen legten und die Lippen
festgeschlossen blieben - ein tiefer Seufzer hob seine Brust.
    Nun, da gehen Sie! sagte er gepret und tonlos. Ich willige in eine
vorlufige Trennung, aber nur unter der Bedingung, da ich Sie fter sehen darf,
wo Sie auch sein mgen, und da ein schriftlicher Verkehr zwischen uns bleibt.
    Sie schalt sich innerlich unsglich schwach, da sie ihm zusagend die Hand
hinreichte, doch ihm diesen Trost zu nehmen, vermochte sie nicht ... Er wandte
sich rasch ab, und sie trat hinaus in den Vorsaal.

                                       26


Drauen streckte sie in namenloser Qual unwillkrlich die Arme gen Himmel. Wie
hatte sie gelitten in den letzten Augenblicken, die an Bitterkeit und Schmerzen
alles hinter sich lieen, was dies junge, schwergeprfte Herz bereits hatte
durchkmpfen mssen.
    Sie zog wie unbewut den kleinen Kasten hervor - das Geheimnis da drinnen
zertrmmerte sofort die Schranke, die sich zwischen ihr und dem geliebten Manne
auftrmte, es fiel schwer in die Wagschale ihrer verachteten Herkunft gegenber
- kam der Versucher nochmals ber sie? Nein, Tante Cordula, dein Wille soll
geschehen, so glnzend auch dies Buch dich rechtfertigt! Und er? ... Ihn wird
die Zeit heilen; der Schmerz der Entsagung heiligt die Seele - die
Mitwissenschaft eines Verbrechens aber erniedrigt und lhmt sie fr immer ...
Noch in dieser Stunde sollte dies kleine, unheilvolle Buch zu Asche werden!
Felicitas sah noch einmal nach der Thr zurck, hinter welcher sie den Professor
rastlos auf und ab gehen hrte, dann glitt sie die Mansardentreppe hinab und
ffnete geruschlos die gemalte Thr.
    Den Wanderer, der ahnungslos auf den grauenvollen Leib einer Schlange tritt
und pltzlich das furchtbare Haupt der Gereizten vor sich aufbumen sieht, ihn
kann kein greres Entsetzen packen, als Felicitas in dem Augenblick empfand, wo
sie in den Korridor heraustrat. Fnf Finger legten sich mit raschem Griff wie
Eisen um ihre Linke, die noch den Kasten hielt, und dicht neben ihrem Gesicht
funkelten zwei Augen in einem grnlichen Lichte - es waren die sen, sanften
Madonnenaugen der Regierungsrtin.
    Das schne Weib hatte in diesem Moment den bestrickenden Zauber weiblicher
Anmut und Zartheit vllig abgestreift - wie konnten diese rosigen, im Gebet so
weich und grazis sich verschlingenden Hnde derb und energisch zugreifen und
festhalten! Welcher Ausdruck satanischer Bosheit lag in diesem Engelsangesicht
und verzerrte die kindlich weichen Linien bis zur Unkenntlichkeit!
    Das trifft sich ja scharmant, schne, stolze Karoline, da ich Ihnen gerade
begegnen mu in dem Augenblick, wo Sie dies allerliebste Schmuckkstchen in
Sicherheit bringen wollen! rief sie hohnlachend und legte rasch auch noch ihre
Linke wie einen Schraubstock auf die Hand des Mdchens, das sich loszureien
suchte. Haben Sie die Freundlichkeit, diesen unglcklichen, kleinen Verrter da
noch ein wenig in der Hand zu behalten - es liegt mir durchaus nichts daran, da
Sie ihn fallen lassen ... Nur noch einen Moment Geduld; ich brauche einen
Zeugen, um vor Gericht beweisen zu knnen, da ich die Diebin auf frischer That
ertappt habe - Johannes, Johannes!
    Wie klang es schrill und kreischend durch den Korridor, das sonst so
silberreine, in Erbarmen und christlicher Milde hinschmelzende Organ der jungen
Witwe!
    Ich bitte Sie um Gottes willen, lassen Sie mich los, gndige Frau! bat
Felicitas in Todesangst, whrend sie mit ihr rang.
    Nicht um die Welt! Er soll sehen, wen er heute an seine Seite gestellt hat
... Es war wohl recht s, zu hren: Hier ist Ihr Platz? Sie glaubten sich am
Ziele, Sie ehrlose Kokette, aber ich bin auch noch da!
    Sie wiederholte ihren Hilferuf - es war unntig; der Professor kam bereits
die Treppe herab und trat in die Thr; zu gleicher Zeit erschien Heinrich am
anderen Ende des Korridors.
    Ach, da oben warst du, Johannes? rief die Regierungsrtin. Ich glaubte
dich hier unten im zweiten Stock. In dem Falle ist ja die Kunst dieser jungen
Taschenspielerstochter um so mehr zu bewundern, als sie dir das Erbteil der
seligen Tante sozusagen unter der Hand wegeskamotiert hat!
    Bist du von Sinnen, Adele? rief er rasch, die letzte Stufe verlassend, von
wo aus er erstaunt die unbegreifliche Szene berblickt hatte.
    Ganz und gar nicht! klang es ironisch zurck. Halte mich nicht fr
gewaltthtig, lieber Vetter, weil ich notgedrungen das Amt eines Hschers
bernehmen mute. Aber der Herr Rechtsanwalt Frank verweigerte mir indigniert
seine Hilfe bei Entdeckung des Silberdiebes, du selber nahmst diese Unschuld
hier unter deine Flgel - was blieb mir da anders brig, als eigenmchtig zu
handeln? Du siehst diese fnf Finger hier, sie umklammern den Kasten, den sie
von da oben herabgetragen haben - diese Thatsache wre konstatiert, und nun
wollen wir sehen, was die Elster in ihr Nest tragen wollte!
    Sie ri mit Blitzesschnelle den Kasten aus Felicitas' Hand. Das junge
Mdchen stie einen Schrei aus und haschte angstvoll nach dem entrissenen
Geheimnis, allein die Regierungsrtin flog auflachend mit dem Raube einige
Schritte tiefer in den Korridor und hob in fieberhafter Hast den Deckel ab.
    Ein Buch! murmelte sie bestrzt - Kasten und Deckel fielen zur Erde. Sie
nahm den Einband mit beiden Hnden, schttelte das Buch heftig hin und her und
lie die Bltter voneinander klaffen - es sollten und muten doch wenigstens
Banknoten oder Dokumente oder irgend etwas Wertvolles herausfallen - nichts von
allem dem!
    Unterdes hatte sich Felicitas von ihrem tdlichen Schrecken erholt. Sie ging
der Dame nach und verlangte mit ernsten Worten das Buch zurck; aber bei aller
scheinbaren Ruhe hrte man doch die innere Angst deutlich an ihrer Stimme.
    Ha - meinen Sie wirklich? rief die junge Witwe hmisch und drehte ihr, das
Buch fest an ihre Brust drckend, gewandt den Rcken zu. Sie sehen mir viel zu
ngstlich aus, als da ich meinen Verdacht sofort aufgeben sollte, fuhr sie
fort, indem sie den Kopf verchtlich ber die Schulter nach dem jungen Mdchen
zurckbog. Irgend eine Bewandtnis mu es mit dieser Geheimthuerei haben -
lassen Sie uns einmal sehen, meine Kleine!
    Sie schlug das Buch auf - es waren keine Banknoten, keine Kostbarkeiten, die
auf dem gelb gewordenen Blatte dalagen - nur Worte, zart und anmutig
geschriebene Worte; aber wenn pltzlich aus diesem hlichen Bchlein ein Dolch
nach der Brust der jungen Witwe gezckt worden wre, sie htte nicht entsetzter
und fassungsloser zurckschrecken knnen, als bei dem augenblicklichen
Ueberfliegen dieser so harmlos aussehenden, ber die aufgeschlagene Seite
hingestreuten kleinen Worte! Das rosige Gesicht wurde wei bis in die Lippen,
sie legte instinktmig die Hand bedeckend ber die stieren Augen, und die
ppige Gestalt sah fr einen Moment aus, als bedrfe sie einer Sttze, um nicht
zusammenzubrechen.
    Aber diese junge Frau hatte sich ja zeitlebens in der Selbstbeherrschung vor
Zeugen gebt, um des Nimbus der Gottseligkeit willen. Sie hatte gelernt, die
Augen fromm und madonnenhaft zum Himmel aufzuschlagen, ob auch ihr Herz in Groll
und Rache schwoll; sie konnte mit tiefer Inbrunst einer Predigt zuhren, whrend
ihre Seele bei einer neuen Toilette verweilte; sie sprach, wo sie konnte, emprt
und mit dem Rot der Entrstung auf den Wangen ber das sndhafte Treiben der
Welt, ber den nicht zu verzeihenden Mangel an Bibellesen und las heimlich die
schlpfrigsten franzsischen Romane.
    Diese unglaubliche Biegsamkeit und Elastizitt ihres ueren Menschen hatte
sich in entscheidenden Momenten stets bewhrt, und auch jetzt bedurfte es kaum
einiger Sekunden, um ihr die vollstndigste Fassung zurckzugeben. Sie schlug
das Buch zu, und ein vortrefflich gelungener Zug der Enttuschung spielte um
ihre blassen Lippen.
    Es ist wirklich eine elende, alte Scharteke! rief sie nach dem Professor
hinber, whrend sie wie in halber Zerstreutheit das Buch in ihre Tasche schob.
Ich finde es sehr albern von Ihnen, Karoline, da Sie um dieser Lappalie willen
einen solchen Lrm veranlassen!
    Sie hat diesen Lrm veranlat? fragte der Professor rasch hinzutretend -
er bebte vor innerer Aufregung. Ich glaubte, du habest mich zu Hilfe gerufen,
um dieses junge Mdchen vor Zeugen des Silberdiebstahls zu berfhren! ...
Willst du wohl die Gewogenheit haben, deine nichtswrdige Anschuldigung hier auf
dieser Stelle zu motivieren?
    Du siehst, da ich augenblicklich auer stande bin -
    Augenblicklich? unterbrach er sie heftig. Du wirst dies krnkende Wort
zurcknehmen und der Beleidigten in meiner und Heinrichs Gegenwart sofort volle
Satisfaktion geben!
    Mit tausend Freuden, lieber Johannes! Es ist ja Christenpflicht, einen
Irrtum zu bekennen und gut zu machen ... Meine beste Karoline, verzeihen Sie
mir, ich habe Ihnen unrecht gethan!
    Und nun gib das Buch zurck! befahl der Professor kurz und unerbittlich
weiter.
    Das Buch? fragte sie mit ihrer vllig wiedergewonnenen, kindlich
unschuldigen Miene. Aber, liebster Johannes, es gehrt ja gar nicht der
Karoline.
    Wer sagt dir denn das?
    Nun, ich habe flchtig den Namen der alten Tante Cordula darin gelesen! ...
Wenn jemand darber zu verfgen hat, so bist du es, als Erbe ihrer Mobilien und
Bcher ... Es hat an sich nicht den geringsten materiellen Wert - wie es
scheint, ist es eine Abschrift alter Dichtungen ... Was wolltest du mit dem
sentimentalen Zeuge da anfangen? Aber ich bin eine Freundin solcher alten,
vergilbten Bcher - fr mich ist es trotz seiner Unsauberkeit und Plumpheit eine
Art Kabinettstck ... Bitte, schenke es mir!
    Vielleicht, nachdem ich's gesehen haben werde, versetzte er kalt und
achselzuckend und streckte die Hand aus, um das Buch in Empfang zu nehmen.
    Aber es wrde ja dadurch gerade einen erhhten Wert fr mich erhalten, wenn
du es mir unbesehen berlassen wolltest, bat sie mit lieblich schmeichelnder
Stimme weiter. Mte ich nicht denken, du httest materielle Rcksichten bei
diesem ersten und einzigen Geschenk, um das ich dich bitte?
    Eine dicke Zornader schwoll auf der Stirn des Professors. Ich erklre dir
hiermit, da es mir sehr gleichgltig ist, wie du ber dieses mein Verhalten
denkst, sagte er schneidend ... Ich verlange unter allen Umstnden das buch
zurck ... Du bist mir sehr verdchtig! Die Abschrift irgend einer alten,
sentimentalen Dichtung kann unmglich die vollendete Weltdame pltzlich so
schreckensbleich gemacht haben.
    Mit diesen Worten vertrat er der Regierungsrtin den Weg; ihr ungewisser
Blick, der mit Blitzesschnelle die Lnge des Korridors durchma, und eine rasche
Bewegung verrieten unwiderleglich, da sie das Weite suchen wolle. Der Professor
ergriff ihre Hand und hielt sie fest.
    Felicitas geriet auer sich bei dem Gedanken, da er seine Absicht erreichen
werde. Es war ihr schrecklich, das Buch im Besitz der abscheulichen Heuchlerin
zu wissen, aber sie mute sich selbst sagen, da es dort so sicher sei, wie in
ihren Hnden, und jedenfalls heute noch fr immer spurlos verschwinden werde.
Sie stellte sich deshalb an die Seite der Regierungsrtin, um ihr die Flucht zu
erleichtern.
    Ich bitte, Herr Professor, lassen Sie der gndigen Frau das Buch! bat sie
so ernst und ruhig, als es ihr in diesem kritischen Moment mglich war. Sie
wird sich beim Lesen desselben vllig berzeugen, da es voreilig war, irgend
eine Kostbarkeit in dem kleinen Kasten zu vermuten.
    Der erste mitrauische Blick fiel aus den stahlgrauen Augen auf ihr Gesicht
- es war, als trfe sie ein Messerstich; sie wurde flammendrot und schlug die
Augen nieder.
    Also auch Sie lassen sich zu einer Bitte herbei? fragte er scharf und
sarkastisch. Da handelt es sich ganz gewi um mehr, als um sentimentales Zeug!
... Zudem erinnere ich mich, da meine Kousine vorhin behauptete, Sie shen sehr
ngstlich aus, und ich gestehe, da ich dieselbe Bemerkung gemacht habe ... Ich
frage Sie jetzt auch aufs Gewissen: Was enthlt das Buch?
    Das war ein entsetzlicher Moment. Felicitas rang mit sich selbst; sie
ffnete die Lippen, aber kein Laut wurde hrbar.
    Bemhen Sie sich nicht! sagte er ironisch lchelnd zu dem jungen Mdchen,
whrend er die Hand der Regierungsrtin fester zusammenprete, da sie
verschiedene Manipulationen machte, um sich allmhlich loszuwinden. Sie knnen
mitleidslos, rauh und entsetzlich aufrichtig sein, aber lgen knnen Sie nicht
... Das Buch enthlt also keine Dichtungen, sondern irgend eine Wahrheit, eine
Thatsache, die ich um keinen Preis wissen soll ... Wirst du endlich die
Freundlichkeit haben, Adele, mir mein Eigentum, wie du es selbst genannt hast,
herauszugeben?
    Mache mit mir, was du willst, aber bekommen wirst du es nie! rief mit
verzweiflungsvoller Entschiedenheit die Regierungsrtin, die in ihrer Angst
gnzlich aus der Rolle des harmlos bittenden Kindes fiel. Sie machte abermals
verzweifelte Anstrengungen, sich loszureien, und es gelang - sie floh wie
gejagt; aber da stand Heinrich mit ausgespreizten Armen und Beinen wie eine
Mauer und fllte den schmalen Korridor vllig aus. Sie prallte zurck.
Unverschmter Mensch, gehen Sie mir aus dem Wege! schrie sie auf und stampfte
auer sich mit dem Fue.
    Ja wohl, gleich, gndige Frau Regierungsrtin, entgegnete er ruhig und
hflich, ohne jedoch im geringsten seine Stellung zu verndern; geben Sie nur
erst das Bchelchen her, nachher will ich schon gern auf die Seite treten.
    Heinrich! rief Felicitas herbeispringend; sie rttelte verzweiflungsvoll
an seinem Arme. Ach, das hift dir nichts, Feechen! schmunzelte er, als seine
alten Knochen unter den ohnmchtigen Anstrengungen des jungen Mdchens eisenfest
verharrten. Ich bin nicht so auf den Kopf gefallen, wie du denkst - du mchtest
aus purer Gutmtigkeit gern einen dummen Streich machen, und das leide ich
nicht!
    La die Dame vorber, Heinrich! gebot der Professor ernst. Aber hiermit
sollst du wissen, Adele, da ich ohne weiteres den einzigen Weg einschlagen
werde, der mir zu meinem Eigentum verhilft! Es kann mir niemand verwehren,
anzunehmen, da dies Buch wichtige Enthllungen ber den Nachla der Tante
enthlt - mglicherweise gibt es Aufschlu ber verborgene Gelder -
    Nein, nein! beteuerte Felicitas, ihn unterbrechend.
    Es ist meine Sache, zu denken, was ich will! versetzte er streng und
unerbittlich, und Sie sowohl wie Heinrich werden mir vor Gericht bezeugen, da
diese Dame hier ein vielleicht sehr bedeutendes Erbteil meiner Familie
unterschlagen hat.
    Die Regierungsrtin fuhr empor, als habe sie eine Natter gebissen. Sie warf
einen wilden Blick auf ihren unbeugsamen Peiniger, und jetzt kam die rasende
Leidenschaftlichkeit ber sie, mit der sie Taschentcher zerri und Tassen
zerschmetterte. Sie ri das Buch aus der Tasche und warf es ihm unter gellendem
Hohngelchter vor die Fe.
    Da nimm es, du eigensinniger Thor! rief sie, und ihr ganzer Krper bebte,
als schttele sie ein Krampf. Ich gratuliere dir zu dem interessanten
Schriftstck! ... Trage die Schande, von der es dir erzhlen wird, mit Wrde!
    Sie flog durch den Korridor die Treppe hinab und warf unten die Zimmerthr
schmetternd in das Schlo.
    Der Professor sah der Regierungsrtin mit einem entschiedenen Ausdruck von
lchelndem Hohn und tiefer Verachtung nach; dann betrachtete er einen Moment das
plumpe Aeuere des Buches, whrend Felicitas' Blick in namenloser Angst an den
Fingern hing, die sich zwischen die Bltter legten und sie jeden Augenblick
aufschlagen konnten. Ein Gemisch von sorgenvollem Sinnen und peinlicher Spannung
lag in seinen Zgen - die letzten verhngnisvollen Worte der Regierungsrtin
hatten ihn nicht eigentlich frappiert, er hatte offenbar diese Entwickelung des
widerwrtigen Vorganges vermutet; es handelte sich fr ihn jedenfalls nur noch
darum, welcher Art die geweissagte Schande sei ... Pltzlich sah er auf und in
die flehenden braunen Augen des jungen Mdchens - welche Gewalt hatten doch
diese Augen ber den strengen Mann! Es war, als streiche sofort eine sanfte Hand
glttend ber die finster gerunzelte Stirne, und um die Lippen zuckte es wie ein
halbes Lcheln.
    Und nun werde ich ber Sie Gericht halten! hob er an. Sie haben mich
schmhlich hintergangen. Whrend Sie mir da droben mit einer Aufrichtigkeit
gegenberstehen, auf die ich htte schwren wollen, tragen Sie ein Hellwigsches
Familiengeheimnis in der Tasche! ... Was soll ich von Ihnen denken, Fee? ... Sie
knnen diese abscheuliche Falschheit nur wieder gut machen, wenn Sie ohne
Rckhalt meine Fragen beanworten.
    Ich will alles sagen, was ich darf, aber dann bitte ich Sie, ach, ich bitte
Sie instndigst, geben Sie mir das Buch zurck!
    Ist das wirklich meine stolze, trotzige, unbeugsame Fee, die so s bitten
kann?
    Bei diesen Worten des Professors entfernte sich Heinrich unbemerkt und
wohlweislich, aber er setzte sich wie zum Tod erschrocken auf die erste
Treppenstufe nieder und griff an seinen grauen Kopf, ob er nach dem Gehrten
wirklich noch an der alten Stelle sitze.
    Sie sind also heute lediglich in die Mansardenwohnung eingedrungen, um dies
Buch zu holen? inquirierte der Professor.
    Ja.
    Auf welchem Wege? - Ich fand alle Thren fest verschlossen.
    Ich bin ber die Dcher gegangen, versetzte sie zgernd.
    Das heit, durch die Bodenrume?
    Sie wurde dunkelrot. War sie auch befreit von dem Verdachte einer gemeinen
Handlung, so trug dieselbe immerhin das tadelnswerte Geprge des Einbruchs.
    Nein, sagte sie gedrckt, durch die Bodenrume fhrt kein Weg, ich bin
aus einem der gegenberliegenden Mansardenfenster gestiegen und ber die Dcher
gegangen.
    Bei diesem furchtbaren Sturm? fuhr er erbleichend auf. Felicitas, Sie
sind entsetzlich in Ihren Konsequenzen!
    Es blieb mir keine Wahl! erwiderte sie bitter lchelnd.
    Und warum suchten Sie um jeden Preis in den Besitz des Buches zu gelangen?
    Ich betrachtete es als ein heiliges Vermchtnis meiner Tante Cordula. Sie
hatte mir gesagt, der kleine graue Kasten - seinen Inhalt kannte ich nicht -
msse vor ihr sterben. Der Tod berraschte sie, und ich hatte die feste
Ueberzeugung, da der Kasten nicht vernichtet sei; zudem stand er in dem
Geheimfach, welches das smtliche Silberzeug enthlt, ich konnte dieses Versteck
nicht angeben, ohne das Buch unbefugten Hnden mit zu berliefern.
    Armes, armes Kind, wie mgen Sie sich gengstigt haben! ... Und nun ist all
diese heroische Selbstverleugnung umsonst gewesen, das Buch ist doch in
unbefugten Hnden!
    O nein, Sie werden es mir zurckgeben! bat sie in Todesangst.
    Felicitas, sagte er ernst und gebieterisch, Sie werden mir jetzt streng
der Wahrheit gem zwei Fragen beantworten: Kennen Sie den Inhalt genau?
    Zum Teil, seit heute.
    Und kompromittiert er Ihre alte Freundin?
    Sie schwieg unschlssig. Vielleicht gab er ihr bei Bejahung dieser Frage das
Buch behufs der Vernichtung zurck, aber dann beschimpfte sie Tante Cordulas
Andenken und besttigte die abscheulichen Gerchte von ihrer vermeintlichen
Schuld.
    Es ist Ihrer unwrdig, auf Ausflchte zu sinnen, mag Ihre Absicht auch noch
so gut und rein sein! unterbrach er das momentane Schweigen streng. Sagen Sie
einfach ja oder nein!
    Nein!
    Ich wute es, murmelte er. Und nun seien Sie verstndig, mahnte er, und
fgen Sie sich in das Unabnderliche, ich werde das Buch lesen!
    Sie wurde bla wie der Tod, aber aufs Bitten verlegte sie sich nicht mehr.
Thun Sie das, wenn es sich mit Ihrer Ehre vertrgt! stie sie hervor. Sie
legen Hand an ein Geheimnis, das Sie nicht wissen sollen ... In dem Augenblick,
wo Sie das Buch aufschlagen, nehmen Sie den furchtbarsten, fortgesetzten Opfern
eines ganzen Frauenlebens allen Wert!
    Sie kmpfen tapfer, Felicitas, entgegnete er ruhig, und wren die letzten
Worte nicht, die jene Frau - er deutete nach der Richtung, wo die
Regierungsrtin verschwunden war - in ihrer Raserei mir hingeworfen hat, so
gbe ich Ihnen das schlimme Geheimnis unbesehen zurck. So aber will und mu ich
die Schande kennen, die auf meinem Namen liegt, und ist die arme Einsame in der
Mansarde stark genug gewesen, sie vor fremden Augen zu hten, so werde ich auch
wohl die Kraft finden, sie zu ertragen ... Ich bin doppelt gezwungen, der Sache
auf den Grund zu gehen. Die Linie Hellwig am Rhein ist offenbar im Mitbesitz des
Geheimnisses und mglicherweise an irgend einer Bberei beteiligt - wenn Sie
auch schweigen und die Augen niederschlagen, ich sehe doch deutlich an Ihrem
Gesicht, da ich richtig vermute - meine Kousine wute ohne Zweifel um die
Familienschande und war nur entsetzt, sie pltzlich niedergeschrieben zu finden
... ich werde mit diesen Hehlern abrechnen! ... Trsten Sie sich, Fee! fuhr er
weich und zrtlich fort und strich sanft mit der Hand ber den Scheitel des
jungen Mdchens, das in stummer Verzweiflung vor ihm stand. Ich kann nicht
anders handeln, und wenn mir als Preis die Versicherung geboten wrde, da Sie
sofort die Meine werden wollten - ich mte Nein sagen!
    Ich kann mich nie wieder beruhigen, rief sie in ausbrechender Klage, denn
ich habe Sie unglcklich gemacht durch meine Unvorsichtigkeit!
    Sie werden ruhig werden, sagte er ernst und nachdrcklich, wenn Sie
einsehen lernen, da Ihre Liebe mir alles berwinden hilft, was das Leben
Schweres auf meinen Weg wirft!
    Er drckte ihre kleine, eiskalte Hand und ging in sein Zimmer. Felicitas
aber prete die heie Stirne an das Fensterkreuz und starrte hinab in den
Vorderhof, wo ein furchtbarer Gewitterregen mit solchem Ungestm
niederprasselte, als gelte es, das Blut des gemordeten Adrian Hirschsprung von
den Steinplatten wegzuwaschen, und mit ihm den Schandflecken, der auf dem Namen
Hellwig lastete.

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Eine Stunde spter trat der Professor in das Wohnzimmer seiner Mutter. Seine
Hautfarbe war um einen Hauch bleicher als gewhnlich; aber Gesichtsausdruck und
Haltung lieen mehr als je die mnnliche Entschiedenheit und moralische Kraft
hervortreten, die seine uere Erscheinung zu einer bedeutenden machten.
    Frau Hellwig sa hinter ihrem Asklepiasstock und strickte. Masche um Masche
wurden unter diesen fleischigen weien Hnden zu Sprossen einer Leiter, die
schnurstracks zum Himmel emporstieg - denn es war ein Missionsstrumpf, an
welchem die groe Frau strickte.
    Der Professor legte ein aufgeschlagenes kleines Buch auf das Tischchen,
hinter welchem sie sa.
    Ich habe in einer sehr ernsten Angelegenheit mit dir zu reden, Mutter,
sagte er, zuvor aber mu ich dich bitten, einen Blick in diese Bltter zu
werfen.
    Sie legte erstaunt den Strickstrumpf hin, setzte die Brille auf und nahm das
Buch. Ei, das sind ja der alten Cordula ihre Kritzeleien! meinte sie unwirsch,
aber sie fing an zu lesen.
    Der Professor legte die linke Hand auf den Rcken, lie die rechte
unablssig ber den Bart gleiten und ging schweigend im Zimmer auf und ab.
    Ich sehe nicht ein, inwiefern mich die kindische Liebesgeschichte mit dem
Schusterjungen interessieren soll! rief die groe Frau unwillig, nachdem sie
zwei Seiten berlesen hatte Wie kommst du denn auf die Idee, mir die alte
Scharteke zu bringen, die mir die ganze Stube verpestet mit ihrem Modergeruch?
    Ich bitte dich, lies weiter, Mutter! rief der Professor ungeduldig. Du
wirst sehr bald den Modergeruch vergessen ber anderen schlimmen Seiten, die das
Buch hat.
    Sie nahm es mit sichtbarem Widerwillen auf und berschlug einige Bltter.
Aber allmhlich kam Spannung in dies Steingesicht; die knisternden Bltter
flogen immer rascher durch ihre Finger. Ein feines Rot trat in die weien
Wangen, es lief ber die Stirne und wurde pltzlich zu Purpur ...
Merkwrdigerweise jedoch war es weder ein eigentlicher Schrecken, noch gar
Entsetzen, was die Frau erfate - mit einem malosen Erstaunen, in das sich sehr
bald ein unsglicher Hohn mischte, lie sie das Buch in den Scho sinken.
    Das sind ja merkwrdige Dinge! Ei sieh da, wer htte das gedacht! Die
ehrenhafte, hochangesehene Familie Hellwig! rief sie, die Hnde
zusammenschlagend - in ihrer Stimme stritten Ha, Triumph und gesttigte
Bosheit. - Also die Geldscke, auf denen die stolze Frau Kommerzienrtin, meine
Frau Schwiegermutter, stand, waren zum Teil gestohlen! ... Ei, ei, da rauschte
man in Samt und Seide daher - da gab man Feste, wo der Champagner in Strmen
flo, und wo man sich von den Schmarotzern eine schne und geistreiche Frau
nennen lie! ... Und ich, ich mute diese jubilierenden Gste bedienen - niemand
beachtete neben der leichtfertigen, ppigen Frau die arme, junge Verwandte, die
in ihrer Tugend und Gottesfurcht hoch stand ber den sndhaften, elenden
Schwelgern ... Da hab' ich oft die Zhne zusammengebissen und im Herzen zu
meinem Gott gebetet, er mge dieses verruchte Treiben strafen nach seiner
Gerechtigkeit! ... Er hatte bereits gerichtet ... O, wie wunderbar sind seine
Wege! - Es war gestohlenes Geld, das sie verpraten - ihre Seelen sind zwiefach
verloren!
    Der Professor war regungslos mitten im Zimmer stehen geblieben. Er hatte
diese Art Auffassung so wenig vorausgesehen, da er einen Augenblick fassungslos
schwieg.
    Wie du die Gromutter dafr verantwortlich machen kannst, da sie unbewut
diese veruntreuten Gelder benutzt hat, begreife ich nicht, Mutter, sagte er
nach einer kurzen Pause entrstet. Dann sind auch unsere Seelen verloren, denn
wir sind bis auf den heutigen Tag im Genu der Zinsen verblieben ... Uebrigens
wirst du bei dieser Ansicht um so mehr mit mir einverstanden sein, da wir uns
das sndhafte, unehrliche Geld so bald wie mglich vom Halse schaffen und es bei
Heller und Pfennig zurck geben.
    Vorhin, bei ihrem grenzenlosen Erstaunen, war Frau Hellwig sitzen geblieben
und hatte einfach ihre Hnde zusammengeschlagen; jetzt sttzte sie dieselben auf
die Armlehnen des Stuhles und fuhr mittels eines Ruckes empor.
    Zurckgeben? wiederholte sie, als zweifle sie, recht gehrt zu haben. Wem
denn?
    Nun, selbstverstndlich den mglicherweise existierenden Hirschsprungschen
Erben.
    Wie, an die ersten besten Strolche und Tagediebe, die vielleicht daher
kommen und sich melden, sollten wir eine so enorme Summe hinauszahlen? ...
Vierzigtausend Thaler blieben ja wohl der Familie Hellwig, nachdem -
    Ja, nachdem Paul Hellwig, der Ehrenmann, der echte und gerechte Streiter
Gottes, der unleugbare Erbe des Himmelreiches, zwanzigtausend Thaler an sich
gerissen hatte! unterbrach sie der Professor, bebend vor Entrstung. Mutter,
du lssest die Seele meiner Gromutter zur Hlle fahren, weil sie unwissentlich
geraubtes Geld verwendet hat - was verdient der, welcher mit teuflischer
Ueberlegung und Berechnung ein Vermgen stiehlt?
    Ja, er ist einen Moment der Versuchung erlegen, versetzte sie, ohne auch
nur im mindesten ihre Fassung zu verlieren. Er war damals ein unbesonnener,
junger Mensch, der den rechten Weg noch nicht gefunden hatte - der Teufel whlt
ja gerade die besten und edelsten Seelen, um sie dem Reiche Gottes abwendig zu
machen - aber er hat sich emporgerafft aus dem Pfuhle der Snde, und es steht
geschrieben: Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes ber einen Snder, der
Bue thut. Er kmpft unermdlich fr den heiligen Glauben - das Geld ist
entshnt, geheiligt in seinen Hnden; denn er benutzt es zu Gott wohlgeflligen
Zwecken!
    Wir Protestanten haben auch unseren Jesuitenorden, wie ich sehe! lachte
der Professor in unsglicher Bitterkeit auf.
    Genau so verhlt es sich mit dem, was an unser Haus gekommen ist, fuhr die
groe Frau unerschtterlich fort. Sieh dich um, ob nicht auf allem, was wir
thun und wirken, Gottes Hand sichtbar ruht! ... Klebte die Snde noch an dem
Gelde, es knnte nicht so herrliche Frchte bringen ... Wir, du, mein Sohn, und
ich, haben in Segen verwandelt, was einst Verbrechen gewesen ist, durch unseren
Eifer im Dienste des Herrn, durch unseren gottseligen Wandel.
    Ich bitte dich, Mutter, mich lasse unerwhnt! unterbrach er aufs tiefste
emprt diese haarstrubende Beweisfhrung. Er griff mit der Hand nach der Stirne
und prete sie, als ob sie unsglich schmerze.
    Ein giftiger Blick flog hinber nach dem protestierenden Sohne, aber
nichtsdestoweniger fuhr die groe Frau mit erhhter Stimme fort: Wir sind nicht
ermchtigt, Mittel, mit denen wir einer heiligen Sache dienen, mir nichts, dir
nichts fortzuwerfen, damit sie vielleicht in weltlichen Genssen vergeudet
werden ... Das ist der Hauptgrund, aus welchem ich mich mit allen Krften gegen
ein Aufrhren dieser verschollenen Geschichte struben werde - der zweite ist,
da du einen deiner Vorfahren beschimpfst.
    Beschimpft hat er sich selber und uns alle mit! sagte der Professor rauh
und finster. Aber wir knnen wenigstens unsere Ehre retten, indem wir es
verschmhen, die Hehler zu machen.
    Frau Hellwig verlie die Estrade und trat in ihrer ganzen Ueberlegenheit und
stattlichen Wrde vor ihren Sohn.
    Gut - setzen wir den Fall, ich gbe dir nach in dem widerwrtigen Handel,
sagte sie kalt. Wir nhmen also diese vierzigtausend Thaler - deren Verlust
uns, nebenbei gesagt, zu einer nur mig bemittelten Familie machen mte, aber
sehen wir einmal auch davon gnzlich ab - also wir nhmen dies Geld und gben es
bei Heller und Pfennig zurck - wie nun, wenn die lachenden Erben auch noch die
aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen forderten - was dann?
    Ich glaube nicht, da sie dazu berechtigt sind - wenn es aber der Fall
wre, dann mtest du dich eben an das Wort halten: Ich will die Snden der
Vter heimsuchen an den Kindern.
    Ich bin keine geborene Hellwig - vergi das nicht, mein Sohn! unterbrach
sie ihn schneidend. Einen vllig unbefleckten, hochangesehenen Namen habe ich
mit in dies Haus gebracht - mein Vater war ein frstlicher Rat - auf mich fllt
die Schande mithin nicht; ebensowenig bin ich gesonnen, irgend ein pekunires
Opfer zu bringen, um den Flecken abzuwaschen - meinst du, ich sollte in meinen
alten Tagen darben um dieser fremden Snde willen?
    Darben, wo du einen Sohn hast, der imstande ist, fr dich zu sorgen? ...
Mutter, glaubst du nicht, da ich dir mit dem, was ich gelernt habe, ein
schnes, vllig sorgenfreies Alter verschaffen kann?
    Ich danke dir, mein Sohn! sagte sie eisig. Aber ich ziehe es doch vor,
von meinen Renten zu leben und mein eigener Herr zu bleiben. Ich hasse die
Abhngigkeit - seit dem Tode deines Vaters habe ich keinen Willen gekannt als
den des Herrn, meines Gottes, und meinen eigenen - und so soll es bleiben ...
Uebrigens streiten wir nicht um des Kaisers Bart! Ich erklre dir hiermit, da
ich diese ganze Geschichte fr eine Erdichtung der hirnverbrannten Person unter
dem Dache halte. - Nichts in der Welt wird mich zwingen, sie als wahr, als
wirklich geschehen anzuerkennen!
    In diesem Augenblick wurde die Thr geruschlos geffnet, und die
Regierungsrtin trat herein. Die schne Frau hatte geweint, aber diesmal nicht
als Mater dolorosa - man sah die Spuren deutlich an den gerteten Augenlidern,
und auf dem zarten Samt der Wangen glhten dunkle Flecken. Es war unverkennbar,
die Leidenschaft hatte eben noch diese Seele derb geschttelt, wenn auch von
seiten der Dame alles geschah, die unwiderleglichen Zeugen zu einem Gesamtbilde
unverschuldeten Leidens umzustempeln. - Sie hatte, um ihr sehr derangiertes Haar
zu verstecken, eine weie, duftige Tllecharpe um den Kopf geschlungen; das
ideale Haupt mit den einzelnen, dicken, blonden Locken, die sich regellos unter
dem Tllduft hervorstahlen, erhielt dadurch etwas Verklrtes. Jedenfalls hatte
man versucht, den so lange festgehaltenen Nimbus des zart Mdchenhaften und der
naiven Kindlichkeit einstweilen durch die unschuldig weien Tllwogen zu
ersetzen.
    Sie sah das verhngnisvolle Buch auf dem Tische liegen und zuckte zusammen.
Langsam, wie eine Bende, schritt sie auf den Professor zu und bot ihm mit
schamvoll abgewandtem Gesicht die Hand - er verweigerte ihr die seinige.
    Verzeihe mir, Johannes, bat sie. Ach, ich bin so ungestm gewesen, da
ich's vor mir selbst nicht verantworten kann! ... Ich, die ich sonst so still
und ruhig in meinem Gemt bin, wie konnte ich nur so heftig werden! Aber die
unselige Geschichte, sie trgt ganz allein die Schuld! ... Bedenke, Johannes,
mein lieber Papa ist durch dies abscheuliche Buch dort kompromittiert, und dir
wollte ich doch auch um jeden Preis eine niederschlagende Entdeckung ersparen
... Ich kann mir nicht helfen, aber ich mu immer denken, Karoline habe diesen
entsetzlichen Zeugen aufgestbert, nur um uns vor ihrem Weggang noch einen recht
schlimmen Streich zu spielen ...
    Hte deine verleumderische Zunge! rief er drohend und so heftig
auffahrend, da sie erschrocken schwieg. Uebrigens will ich dir verzeihen,
setzte er nach einer Pause, sich mhsam beherrschend, hinzu, aber nur unter
einer Bedingung.
    Sie sah ihn fragend an.
    Da du mir ohne jedweden Rckhalt mitteilst, auf welche Weise du in den
Besitz des Geheimnisses gekommen bist.
    Einen Augenblick schwieg sie, dann hob sie niedergeschlagen an: In Papas
letzter Krankheit, die, wie du weit, einen tdlichen Verlauf zu nehmen schien,
forderte er mich auf, ihm verschiedene Papiere aus seinem Sekretr zu bringen -
ich mute sie vor seinen Augen vernichten; es waren Hirschsprungsche Dokumente,
wahrscheinlich hatte er sie als Kuriositten aufbewahrt ... Machte ihn nun die
scheinbare Nhe des Todes mitteilsamer, oder hatte er berhaupt das Bedrfnis,
einmal ber diesen Vorgang zu sprechen - genug - er weihte mich ein -
    Und schenkte dir ein gewisses Armband, nicht wahr? warf der Professor
ingrimmig ein.
    Sie nickte schweigend und sah flehend und hilfsbedrftig zu ihm auf.
    Hltst du den Vorfall nach dieser Erklrung noch fr die Erdichtung einer
Wahnsinnigen? wandte sich der Professor kalt lchelnd nach seiner Mutter um.
    Ich wei nur, da diese Person, sie deutete zornbebend auf die junge Frau,
an Faselei und Unverstand alles bertrifft, was mir bis jetzt vorgekommen ist!
... Da ist aber der Eitelkeitsteufel, der lt einem keine Ruhe, da mu man
solch ein seltenes Armband umlegen, das bewundern die Leute und sehen auch so
nebenbei den schnen, weien Arm!
    Die Regierungsrtin fiel aus ihrer Rolle als schmerzlich Bende und
schleuderte einen wilden Blick auf die Tante, die pltzlich eine ihrer
schwchsten Seiten schonungslos an das Licht zog.
    Ich will nicht weitern errtern, Adele, wie es dir bei deinem Gemt, dessen
Reinheit und Schuldlosigkeit du bei jeder Gelegenheit betonst, mglich gewesen
ist, gestohlenen Schmuck zu tragen, sagte der Professor scheinbar ruhig, aber
in seiner Stimme grollte es dumpf, wie vor dem Ausbruch eines heranziehenden
Gewitters. Es bleibt dir selbst berlassen, zu entscheiden, wer strafbarer ist,
ob die arme Mutter, die Brot fr ihre hungernden Kindern stiehlt, oder die
reiche, elegante Frau, die im Wohlleben schwimmt und den Diebstahl liebevoll
protegiert ... Da du aber die Stirne haben konntest, diesen veruntreuten
Schmuck mit groer Ostentation um die reine Hand des Mdchens zu legen, welches
dir dein Kind gerettet hatte - du sagtest dabei ausdrcklich, das Armband sei
dir sehr wert, aber fr Aennchen knntest du das Liebste freudig opfern; - da
du es ferner gewagt hast, im Hinblick auf die Abkunft jenes Mdchens dich auf
den hohen Standpunkt einer makellosen Abstammung zu stellen, alle Tugenden des
reinen Blutes fr dich beanspruchend und sie in die Sphre der Verdorbenheit
hinabstoend, whrend du um die That deines Vaters wutest: das ist eine
emprende Infamie, die nicht streng genug gerichtet werden kann!
    Die Regierungsrtin wankte, schlo die Augen und griff mit unsicher
tappender Hand nach der Tischecke, um sich festzuhalten.
    Nun, ganz unrecht hast du nicht, Johannes, sagte die groe Frau, indem sie
die Wankende behufs der Erweckung derb am Arme schttelte, ohnmchtige Frauen
waren ihr ein Greuel, ganz unrecht hast du nicht, aber dein letzter Ausspruch
klingt denn doch zu stark! Eine grenzenlose Dummheit war's freilich, allein
deshalb darfst du doch nicht vergessen, was du Adelens Stellung schuldig bist
... Der Vergleich mit der armen Frau war - nimm mir's nicht bel - ein wenig
albern ... Es ist ein bedeutender Unterschied, ob man herrenloses Gut findet,
oder mit allem Vorsatz anderen Brot stiehlt ... Aber das ist auch wieder so eine
von den abscheulichen neumodischen Ideen, da man Vergleiche macht zwischen dem
gemeinen Volke und den Hhergestellten; es befremdet mich hchlich, solche Dinge
aus deinem Munde zu hren. Ebenso ist es geradezu unverantwortlich, ein Mdchen,
wie die Karoline, einer Frau vom Stande in der Weise gegenber zu stellen, solch
eine Dirne -
    Mutter, ich habe dir bereits heute nachmittag im Garten erklrt, da ich
die unverzeihlichen Angriffe auf die Ehre dieses Mdchens nicht mehr dulden
werde! rief der Professor, und die gewaltige Zornader erschien auf seiner
Stirne.
    Oho, mehr Beherrschung und Achtung, mein Herr Sohn, wenn ich bitten darf!
Du stehst vor deiner Mutter! gebot sie, whrend sie abwehrend die Hand gegen
ihn ausstreckte, ein vernichtender Blick zuckte aus ihren kalten, grauen Augen.
Du spielst dich ja vortrefflich auf als Ritter dieser hergelaufenen Prinzessin;
da wird mir freilich nichts anderes brig bleiben, als ihr auch meinen Respekt
zu Fen zu legen!
    In den Fall wirst du allerdings kommen, Mutter, antwortete er mit groer
Ruhe auf den beienden Hohn, und seine Augen hefteten sich fest und
durchdringend auf ihr Gesicht. Du wirst ihr die Achtung und den Respekt nicht
versagen drfen, denn - sie wird mein Weib werden!
    Und es geschah wirklich, das Unerhrte - das alte Kaufmannshaus blieb stehen
nach dieser Erklrung; die Erde ffnete sich nicht, um die kleine Stadt samt dem
miratensten aller Hellwige zu verschlingen, wie die groe Frau in der ersten
entsetzensvollen Bestrzung vermutete ... Er selbst stand dort, kaltbltig und
unerschtterlich, das Bild eines Mannes, der mit sich abgeschlossen hat, und an
dem Weiberthrnen, Krmpfe und Zorneswten machtlos abprallen, wie die Wellen am
felsenharten Ufer.
    Frau Hellwig war frmlich sprachlos zurckgetaumelt - die Regierungsrtin
aber erwachte aus ihrer halben Ohnmacht und stie ein hysterisches Gelchter
aus. Der verklrende Schleier fiel vom Haupte herab auf den Nacken, und die
zerstrten Locken, in welchen noch die halbverwelkte Purpurrose von heute
nachmittag hing, ringelten sich wie Nattern um die gertete Stirne.
    Da hast du deine vielgepriesene Weisheit, Tante! rief sie gellend. Jetzt
triumphiere ich! ... Wer hat dich himmelhoch gebeten, dies Mdchen um jeden
Preis zu verheiraten, ehe Johannes kme? ... Mir sagte es eine untrgliche
Ahnung beim ersten Anblick dieser Person, da sie unser aller Unglck werden
wrde ... Nimm du nun auch die Schande auf dich, gegen welche du dich
geflissentlich verblendet hast! - Ich aber werde sofort nach Bonn abreisen, um
den Professorenfrauen zu verknden, welcher Art die neue, kleine Kollega ist,
die nchstens in ihren exklusiven Kreis eintreten wird.
    Sie strzte zur Thr hinaus.
    Whrenddem war die Erstarrung der groen Frau gewichen. Sie umgrtete sich
mit ihrer ganzen eingebildeten Hoheit und ueren Wrde.
    Ich habe dich vorhin offenbar falsch verstanden, Johannes, sagte sie
scheinbar sehr gelassen.
    Wenn du das glaubst, so werde ich meine Erklrung wiederholen, versetzte
er kalt und unbeugsam. Ich werde mich mit Felicitas d'Orlowska verheiraten.
    Du wagst es, mir gegenber diese wahnsinnige Idee festzuhalten?
    Statt aller Antwort frage ich dich: Wrdest du mir auch jetzt noch deinen
Segen zu einer Verheiratung mit Adele geben?
    Ohne weiteres. Sie ist eine standesgeme Partie - ich kenne keinen
greren Wunsch.
    Der Professor wurde dunkelrot im Gesicht; man sah, wie er die Zhne
zusammenbi, um eine Flut heftiger Worte zurckzuhalten.
    Mit dieser Erklrung hast du den letzten Rest von Berechtigung verloren, in
einer meiner wichtigsten Lebensfragen mitzusprechen, prete er, sich mhsam
bezwingend, hervor. Da dies moralisch durch und durch verdorbene Geschpf,
diese erbrmliche Heuchlerin, mein ganzes Leben vergiften msse, kommt also
nicht in Betracht ... Du sitzest ruhig hier in deinem stattlichen Hause, und es
gengt dir vollkommen, von deinem fernen Sohne sagen zu knnen: Er hat sich
standesgem verheiratet! ... Diesem unbegrenzten Egoismus gegenber erklre ich
dir, da ich um jeden Preis glcklich werden will, und das kann ich nur mit
jenem armen verachteten Waisenkinde, das wir einst so grausam gemihandelt
haben!
    Frau Hellwig stie ein rauhes Hohngelchter aus.
    Noch halte ich an mich, nicht das Schlimmste auszusprechen! rief sie mit
zuckenden Lippen. Vergi nicht: Des Vaters Segen bauet den Kindern Huser, aber
der Mutter Fluch reit sie nieder!
    Willst du behaupten, dein Segen vermge Adeles moralische Gebrechen
wegzuwaschen? ... Ebenso wenig kann dein Fluch wirken, wenn er auf ein
schuldloses Haupt fllt ... Du wirst ihn nicht aussprechen, Mutter! Gott nimmt
ihn nicht an - er fllt auf dich zurck und macht dein Alter einsam und
liebeleer!
    
    Was frage ich danach? ... Ich kenne nur zwei Dinge, an die ich mich halte,
die meine Richtschnur sind: Ehre und Schande! ... Du hast meinen Willen zu
ehren, und kraft dieser Pflicht wirst du deinen unsinnigen Ausspruch
widerrufen!
    Nie! darein ergib dich, Mutter! rief der Professor zurck und verlie das
Zimmer, whrend sie mit ausgestreckten Armen wie eine Bildsule stehen blieb. Ob
diese verzerrten, blutlosen Lippen den Fluch gesprochen? Kein Laut drang heraus
in die Hausflur, und wenn es geschehen, er wre spurlos verhallt - der Gott der
Liebe gibt nicht ein so furchtbares Werkzeug in die Hnde der Bsen und
Rachschtigen!
    Durch das groe Viereck des Vorderhauses huschten bereits die Schatten der
hereindmmernden Nacht. Sturm und Gewitter hatten ausgetobt, aber noch
flatterten dunkle, zerrissene Wolkengebilde ber den Himmel, wie zrnende
Verlassene, die sich gegenseitig mit Riesenarmen zu erreichen suchten, um als
vereinte Macht herabzustrzen ...
    Droben im ersten Stock wurden Thren geschlagen, Kasten geschoben, und
schwerfllige und behende Fe liefen auf und nieder - es wurde eingepackt auf
Nimmerwiederkehr. Da htten wir also das Ende vom Blmelein Vergimeinnicht!
brummte Heinrich seelenvergngt vor sich hin, indem er einen groen Koffer ber
den Vorsaal trug.
    Wie ruhig und gelassen gegen das Hasten und Poltern im Vorderhause erschien
das blasse Mdchengesicht im groen Bogenfenster des Hofes! Eine Kchenlampe
brannte auf dem Tische, und daneben stand das Kfferchen mit Felicitas'
Kindergarderobe. Frau Hellwig hatte, den Missionsstrumpf in der Hand, von ihrer
Estrade aus vor einer Stunde den Befehl gegeben, dem Mdchen ihren Plunder
auszuliefern, damit es keine Ursache habe, die Nacht noch im Hause zu bleiben
... Felicitas hielt eben noch das kleine Petschaft mit dem Hirschsprungschen
Wappen gegen das Licht, als das bleiche Gesicht des Professors im Bogenfenster
erschien.
    Kommen Sie, Felicitas! Nicht eine Sekunde lnger sollen Sie in diesem Hause
des Verbrechens und der bodenlosen Selbstsucht bleiben, sagte er tief erregt.
Lassen Sie einstweilen diese Sachen hier, Heinrich wird Ihnen morgen alles
bringen.
    Sie warf ihren Shawl ber und traf gleich darauf mit dem Professor in der
Hausflur zusammen. Er nahm ihre Hand fest in seine Rechte und fhrte sie durch
die Straen. Am Hause der Hofrtin Frank lutete er.
    Ich bringe Ihnen einen Schtzling, sagte er zu der alten Dame, die das
Paar im erleuchteten, trauten Wohnzimmer freundlich, aber erstaunt empfing. Er
ergriff ihre Hand und legte die des jungen Mdchens hinein. Ich vertraute Ihnen
viel an, Mama, fuhr er bedeutsam fort, hten und beschtzen Sie mir Felicitas
wie eine Tochter - bis ich sie von Ihnen zurckfordern werde.

                                       28


Das junge Mdchen war nur durch einige Straen und ber zwei Schwellen gegangen;
aber welch ueren und inneren Umschwung hatten diese wenigen Schritte bewirkt!
... Die gewaltigen Steinmassen des alten Kaufmannshauses lagen hinter ihr und
mit ihnen der Druck einer unwrdigen Behandlung ... Hell und sonnig war es,
wohin sie blickte - nicht der leiseste Zug jenes finsteren Zelotentums trat ihr
entgegen, das wie ein unheimlicher Nachtvogel ber dem Hellwigschen Hause
kreiste und mit seinen Fngen jede arglos nahende Menschenseele zu packen suchte
... Eine freie, gesunde Weltanschauung, lebhaftes Interesse fr alles, was die
Welt Schnes und Herrliches hat, und ein frhliches, inniges Familienleben, das
waren die Eigenschaften, die im Frankschen Hause vorwalteten. Felicitas befand
sich somit in ihrem eigentlichen Lebenselemente. Es war ihr ein s wehmtiges
Gefhl, sich pltzlich wieder mit all den Schmeichelnamen nennen zu hren, die
Tante Cordula ihr gegeben hatte - sie war sofort das Schokind des Frankschen
Ehepaares geworden.
    So sah die uere Wandlung aus, die mit ihr vorgegangen - vor der inneren,
tiefgehenden stand sie selbst in ser Befangenheit ... Sie hatte an jenem Abend
auf die Aufforderung des Professors hin ohne weiteres ihre wenigen
Habseligkeiten liegen lassen; in der Hausflur hatte sie stumm ihre kleine Hand
in seine Rechte geschmiegt und war mit ihm gegangen, ohne wissen zu wollen,
wohin ... Und wenn er sie weiter gefhrt htte durch die dunklen Straen, zum
Thore hinaus - sie wre mit ihm gepilgert ber die ganze Erde, ohne ein Wort des
Widerspruchs oder des Zweifels. Sie war ein seltsames Geschpf, das bei aller
feurigen Phantasie, bei einem enthusiastischen, hochauffliegenden Geiste doch
unerbittlich eine feste Basis fr alles Thun und Lassen forderte. Die innigen
Liebesbeteuerungen des Professors, sein angstvolles Flehen hatten ihr das Herz
zerrissen, aber sie waren weit davon entfernt gewesen, ihren Entschlu zu
erschttern, eine innere Umkehr zu bewirken - es mute etwas ganz anderes
gesprochen werden, um dies Mdchen zu gewinnen, und er hatte es gethan,
jedenfalls ohne es zu wissen. Er hatte ihr bei Verweigerung des Buches gesagt:
Ich kann nicht anders handeln, und wenn mir als Preis die Versicherung geboten
wrde, da Sie sofort die Meine werden wollten, ich mte nein sagen. Trotz der
angstvollen Situation, in welcher sie sich damals befand, hatte ihr Herz doch
aufgejubelt - die Kraft des mnnlichen Entschlusses, der Nachdruck, mit welchem
er zur Geltung gebracht wurde, selbst um den hchsten Preis - sie waren die
einzige Lsung der Frage gewesen, und da war es nun, das Vertrauen, ohne welches
sie sich ein Zusammenleben mit ihm nicht hatte mglich denken knnen!
    Der Professor kam jeden Tag in das Franksche Haus. Er war ernster und
verschlossener als je - es lastete viel auf ihm. Der Aufenthalt in seinem
mtterlichen Hause war unertrglich. Wahrscheinlicherweise hatte die
fortgesetzte, ungewhnliche innere Aufregung endlich doch die sthlernen Nerven
der groen Frau erschttert - sie wurde krank und mute das Bett hten. Sie
weigerte sich zwar konsequent, ihren Sohn zu sehen - Doktor Bhm mute sie
rztlich behandeln - aber der Professor war dadurch gezwungen, in X. zu bleiben.
    Mittlerweile hatte er den Rechtsanwalt Frank, als Kurator der
Hirschsprungschen Erben, in das Familiengeheimnis eingeweiht und ihm den festen
Entschlu ausgesprochen, das Unrecht shnen zu wollen. Alle Einwrfe, die der
Freund vom juristischen Standpunkte aus versuchte, diese Shne wenigstens zu
beschrnken, entkrftete der Professor stets durch die entschiedene Frage, ob er
das Geld fr ein ehrlich erworbenes halte, und das konnte selbst der Advokat
nicht mit ja beantworten. Uebrigens meinte der Rechtsanwalt genau wie Frau
Hellwig, wenn auch von einem anderen Gesichtspunkte aus, es sei dies ein
Streiten um des Kaisers Bart, denn er glaube nicht an die Existenz der
Hirschsprungschen Familie. Aber seiner Ansicht nach durfte dem strengglubigen
Verwandten am Rhein, dem hochangesehenen Herrn Paul Hellwig, eine tchtige
Nervenerschtterung nicht erspart werden, und deshalb wurde der wehrhafte
Streiter Gottes zur Herausgabe der veruntreuten zwanzigtausend Thaler
aufgefordert. Der fromme Mann antwortete ruhig, mit dem gewohnten salbungsvollen
Schwunge, er habe allerdings diese Summe von seinem Onkel erhalten, als Tilgung
einer alten Familienschuld, denn sein Vater sei von der Hellwigschen Hauptlinie
bervorteilt worden. Woher der Onkel das Geld genommen, sei ihm vllig
gleichgltig gewesen und mache ihm auch jetzt nicht die mindesten Skrupel - das
sei nicht seine Sache. Das Geld befnde sich in den besten Hnden; er betrachte
sich berhaupt nicht als Besitzer seines Vermgens, sondern als Verwalter und
zwar im Dienste des Herrn. Er werde den Besitz der Summe aus diesem Grunde mit
allen Krften zu verteidigen wissen und es getrost auf einen Proze ankommen
lassen ...
    Ziemlich ebenso antwortete Nathanael, der Student. Ihm war es sehr egal,
was ein lngst vermoderter Vorfahr vor so und so viel Jahren verschuldet hatte -
er hielt sich durchaus nicht fr verpflichtet, anderer Snden wei zu waschen,
und wollte sein Erbteil auch nicht um einen Pfennig verkrzt sehen; auch er
erwartete einen Proze in aller Gemtsruhe, wie er schrieb, und freute sich
bereits auf den Moment, wo die mutmalichen Erben die Kosten und sein
berspannter Herr Bruder seinen hochangesehenen Namen hinterdrein werfen
wrden.
    Da bleibt mir also nichts brig, sagte bitter lchelnd der Professor,
indem er diese schriftlichen Zeugen Hellwigscher Ehrenhaftigkeit auf den Tisch
warf, als alles zu opfern, was ich an Erbteil und Ersparnissen besitze, wenn
ich nicht auch Hehler und Mitwisser einer schlechten Sache sein will!
    So war allmhlich das Ende der Ferien herangekommen. Frau Hellwig war wieder
auer Bett, hatte aber entschieden erklrt, ihren Sohn vor seiner Abreise nur
unter der Bedingung noch einmal wiederzusehen, da er den ganzen verrckten
Hirschsprungschen Handel als niedergeschlagen betrachte und seinen Entschlu,
Felicitas zu heiraten, widerrufe - das gengte, um Mutter und Sohn fr immer zu
trennen.
    Felicitas befand sich in einer schwer zu beschreibenden Stimmung. Solange
sie im Frankschen Hause war, sa sie jeden Nachmittag zur bestimmten Stunde mit
klopfendem Herzen am Fenster und sah verstohlen die Strae hinab - dann kam sie
endlich um die Ecke, die krftige, mnnliche Gestalt mit dem mchtigen Vollbart
und der ruhigen Haltung. Es bedurfte jedesmal der ungeheuersten
Selbstberwindung, da das junge Mdchen nicht aufsprang und ihm bis auf die
Strae entgegenging ... Dann kam er nher und nher, er sah nicht rechts, noch
links, er grte die Vorbergehenden nicht - sein Blick haftete unverwandt auf
dem Fenster, hinter welchem der Mdchenkopf sich scheinbar ber die Arbeit
neigte; endlich war der Moment gekommen, wo man aufsehen durfte - die vier Augen
begegneten sich, ach, das Leben schlo doch ein Ueberma der Glckseligkeit in
sich, von der das junge Herz bis dahin nicht einmal getrumt hatte! - Der
Professor sprach zwar nie mit einer Silbe ber seine Liebe, Felicitas htte
denken knnen, dies Gefhl sei durch die letzten Ereignisse bei ihm vllig in
den Hintergrund gedrngt worden, wren nicht eben seine Augen gewesen; aber
diese stahlfarbenen Augen folgten ihr unablssig, sobald sie durch das Zimmer
ging oder eine husliche Verrichtung besorgte; sie leuchteten auf, wenn sie
eintrat, wenn sie den Kopf von der Arbeit hob und ihm das Gesicht voll zuwandte.
Sie wute, da sie noch seine Fee war, die daheim auf ihn warten und an ihn
denken sollte, und in dem Sinne empfing sie ihn auch bei seinen nachmittgigen
Besuchen. Das Mdchen mit dem einst so eisenharten Sinn, mit dem haerfllten
Blick und der kalt zurckweisenden Haltung ahnte nicht, welch ein Zauber und
Liebreiz ihrem ganzen Wesen jetzt entstrmte; alles Schroffe, alle Hrten dieses
vielgeprften Charakters waren untergegangen in der sinnigen, demtigen Liebe
des Weibes.
    Und da sollte nun morgen ein Tag werden, wo sie vergebens da am Fenster
sitzen und ihn erwarten wrde. In der stets ersehnten Nachmittagsstunde war er
bereits weit, weit von ihr entfernt, zahllose fremde Gesichter hatten sich
zwischen ihn und seine Fee gedrngt - es verging vielleicht ein ganzes,
unermelich langes Jahr, ehe sie ihn wiedersehen durfte; was sollte das fr eine
Zeit werden, die nun kam? ... Felicitas blickte in einen den, leeren Raum, in
welchem sie sich nicht mehr zurechtfinden konnte - sie hatte ja ihr Steuer
verloren.
    Am Tage vor der Abreise des Professors saen die Familie Frank und Felicitas
beim Mittagsessen, als das Dienstmdchen eintrat und dem Rechtsanwalt eine Karte
bergab. Ein jhes Rot der Ueberraschung scho in sein Gesicht, er warf die
Karte auf den Tisch und ging hinaus; auf dem kleinen, weiglnzenden Blttchen
stand: Lutz von Hirschsprung, Rittergutsbesitzer aus Kiel. ... Man hrte
drauen in der Hausflur eine mnnliche Stimme mit vornehmer Ruhe in elegantem
Deutsch sprechen, dann gingen die zwei Herren hinauf in das Zimmer des
Rechtsanwaltes.
    Whrend das Franksche Ehepaar sich ber das Auftauchen dieses doch
gewissermaen in das Reich der Fabel versetzten Erben in einen lebhaften
Gedankenaustausch vertiefte, sa Felicitas in groer Gemtsbewegung schweigend
da ... Das arme Spielerskind, das, losgelst aus jeglicher Familienverbindung,
bisher einsam inmitten Fremder gestanden hatte, befand sich pltzlich unter
einem Dache mit einem unbekannten Blutsverwandten ... War es ihr Grovater, oder
ein Bruder ihrer Mutter? Hatte diese ernst ruhige Stimme da drauen, deren Klang
dem jungen Mdchen durch Mark und Bein gegangen, einst den Fluch gesprochen ber
die abtrnnige Tochter derer von Hirschsprung?
    Der Ankmmling nannte sich genau wie sein ausgewanderter Vorfahr. Dieser
fast antediluvianisch klingende Name lag sehr aristokratisch mit viel
Ostentationen auf der kleinen Karte. Man liebt es, die alten Kraftnamen aus dem
Schutte und Staube vergangener Jahrhunderte hervorzusuchen - sie lassen
unwillkrlich eine eisenklirrende Rittergestalt vor uns aufsteigen und
kennzeichnen doch das aristokratische Blut, wenn sie auch unserem heutigen
Pygmengeschlechte im schwarzen Fracke wunderlich genug anstehen ... Diese Linie
der Hirschsprungs legte ersichtlich viel Gewicht auf ihre Ahnen; es lie sich
fast mit Gewiheit voraussehen, da die Taschenspielerstochter ihre
Verwandtschaft mit dem Herrn Rittergutsbesitzer nicht ungestraft wrde geltend
machen knnen. Bei dem Gedanken an eine Zurckweisung emprte sich jeder
Blutstropfen in Felicitas; sie schlo die Lippen fester aufeinander, als wolle
sie damit jedes rasche Wort zurckdrngen, das ihr mglicherweise in der
Aufregung entschlpfen konnte. Dagegen lie sich ihr lebhaftes Verlangen, den
Mann zu sehen, nicht unterdrcken, und die Gelegenheit sollte ihr werden.
    Bald nach der Ankunft des Fremden hatte der Rechtsanwalt den Professor zu
sich beschieden. Die Konferenz der drei Herren dauerte weit ber zwei Stunden.
Whrend dieser Zeit der hchsten Spannung hrte Felicitas den Professor oft,
aber mit ruhigem, gemigtem Schritte oben auf und ab gehen. Sie sah im Geist,
wie der Mann der Wissenschaft gelassen seine schne, schlanke Hand ber den Bart
gleiten lie und dem Aristokraten ruhig Geld und Gut bot, um den Schandflecken
von der Ehre seines Namens zu vertilgen ...
    Spter lie der junge Frank seine Mutter bitten, Kaffee bereit zu halten, er
werde mit seinem Besuche nach dem Schlu der Geschfte in das Wohnzimmer kommen.
Felicitas besorgte das Ntige, und whrend sie noch in der Kche mit dem Ordnen
des Kaffeegeschirres beschftigt war, hrte sie die Herren bereits die Treppe
herabsteigen. Fast wollte ihr der Mut sinken, als sie den Fremden langsam und in
ein Gesprch mit dem Professor verwickelt durch die Hausflur schreiten sah. Es
war eine fast bergroe, schmale Gestalt, die in Haltung und Gebrden den
feinen, formgewandten Weltmann, aber auch den gebietenden Herrn, den seiner
bevorzugten Stellung sich bewuten Aristokraten unleugbar verriet ... Ihr
Grovater war der Fremde keinenfalls, dazu sah der feingemeielte, sehr kleine
Kopf mit dem kurzgeschorenen braunen Haar zu jung aus. In diesem Augenblick
spielte freilich um die schmalen, dnnen Lippen ein verbindliches Lcheln, mit
welchem er sich zu dem Professor hinberneigte, aber das schne,
scharfgeschnittene Gesicht mit dem gelblich bleichen Teint war offenbar mehr
gebt im Ausdruck herrischer Strenge, als in dem der Gte und des Wohlwollens.
    Felicitas strich mit bebenden Hnden glttend ber ihr Haar und trat in das
Zimmer, nachdem die Kchin den Kaffee hereingetragen hatte. Die Anwesenden
standen smtlich in der einen groen Fensternische und wandten der leise
Eintretenden den Rcken. Sie fllte geruschlos die Tassen, nahm das Kaffeebrett
und bot es mit einigen Worten dem Fremden - er drehte sich jh um bei dem Klange
ihrer Stimme, taumelte aber sofort zurck, als habe ein heftiger Schlag sein
erbleichendes Gesicht getroffen, whrend das entsetzte Auge ber die
Mdchengestalt irrte.
    Meta! stie er hervor.
    Meta von Hirschsprung war meine Mutter, sagte das junge Mdchen mit ihrer
tiefen, melodischen Stimme, scheinbar sehr ruhig, setzte aber das Brett auf
einen Tisch, weil die Tassen bedenklich zu klirren begannen.
    Ihre Mutter? - Ich wute nicht, da sie ein Kind hinter- lassen hat,
murmelte Herr von Hirschsprung, indem er Herr seines Schreckens zu werden
suchte.
    Felicitas lchelte bitter und verchtlich - teilweise wohl ber die eigene
Schwche, mit der sie sich, trotz aller guten Vorstze, hatte hinreien lassen,
diesem Mann gegenber ihre Abkunft einzugestehen. In seine schreckensvolle
Ueberraschung mischte sich auch nicht ein Laut der Liebe oder des schmerzlichen
Mitleids - sie fhlte sofort, da sie eine Reihe von Demtigungen fr sich
heraufbeschworen hatte, sie mute sie nun erleiden und hinnehmen in Gegenwart
der Umstehenden, die, lautlos vor Erstaunen und Verwunderung, der weiteren
Entwickelung des merkwrdigen Vorgangs harrten.
    Mittlerweile wich die Bestrzung des Herrn von Hirschsprung, aber nur um
einer peinlichen Verlegenheit Platz zu machen. Er strich sich mit der Hand ber
die Augen und sagte leise und stockend: Ja, ja, ganz recht, diese kleine Stadt
X. war es ja, wo die Nemesis die Unglckliche ereilt hat - eine furchtbare, aber
leider gerechte Nemesis!
    Es hatte den Anschein, als kehre ihm mit diesem Ausruf die volle Gewalt ber
sich selbst zurck. Er richtete sich in seiner ganzen Lnge auf und sagte mit
der vornehmen Leichtigkeit des vollendeten Kavaliers zu den Umstehenden: Ah,
Pardon, wenn ich mich durch einen augenblicklichen Eindruck hinreien lie, zu
vergessen, da ich mich in Gesellschaft befinde! ... Aber ich glaubte ein
Familiendrama fr alle Zeiten abgeschlossen und begraben, und nun tritt mir hier
ein ungeahntes Nachspiel entgegen! ... Sie sind also eine Tochter des
Taschenspielers d'Orlowska? wandte er sich an Felicitas, sichtbar bemht,
seiner Stimme einen Anflug von Wohlwollen zu geben.
    Ja, versetzte sie kurz und stand ebenso hoch aufgerichtet ihm gegenber.
In diesem Moment trat die Familienhnlichkeit zwischen den beiden Gestalten
scharf und schlagend hervor. Stolz war der vorherrschende Ausdruck in diesen
edelschnen Linien, wenn er auch auf einer vielleicht grundverschiedenen
Anschauungsweise beruhte.
    Ihr Vater hat Sie nach dem Tode seiner Frau in X. zurckgelassen? Sie sind
hier aufgewachsen? frug er weiter, unverkennbar betroffen durch die imposante
Haltung des Mdchens.
    Ja!
    Dem Mann ist freilich nicht viel Zeit verblieben, fr Sie zu sorgen -
soviel ich mich erinnere, ist er ja wohl vor acht oder neun Jahren in Hamburg am
Nervenfieber verstorben.
    Ich erfahre erst in diesem Moment, da er nicht mehr lebt, entgegnete
Felicitas bebend, whrend ihre Mundwinkel krampfhaft zuckten und eine Thrne in
ihr heies Auge trat. Aber trotz der Gemtserschtterung, die ihr die Nachricht
brachte, fhlte sie doch eine Art von schmerzlicher Genugthuung; Frau Hellwig
hatte ja oft genug gesagt, ihr Vater ziehe als liederlicher Strolch in der Welt
umher und frage viel danach, was es anderen Leuten koste, sein Kind
aufzufttern.
    Ah, es thut mir leid, da ich dazu berufen war, Ihnen diese
niederschlagende Mitteilung zu machen! rief Herr von Hirschsprung, bedauernd
den Kopf hin und her wiegend. Mit ihm haben Sie freilich den einzigen
Verwandten verloren, der Ihnen nach dem Tode Ihrer Mutter geblieben ist ... Es
gab eine Zeit, wo ich der Vergangenheit dieses Mannes nachforschte - er hat von
zarter Jugend an allein gestanden in der Welt - es ist beklagenswert, aber Sie
haben niemand mehr von Ihrer Familie.
    Und darf man fragen, Herr von Hirschsprung, in welcher Beziehung die Mutter
dieses jungen Mdchens zu Ihrer Familie gestanden hat? rief die Hofrtin,
emprt ber die erbarmungslose Art und Weise, wie er Felicitas aus dem Bereiche
seiner adeligen Sippe hinauswies.
    Ein fahles Rot flackerte ber sein Gesicht ... So hinreiend das Errten auf
den Wangen der Unschuld ist, so widerwrtig berhrt es uns in dem Gesicht eines
hochmtigen Mannes, den wir im offenbaren Kampfe sehen, ob er etwas ihn
Demtigendes vor uns verbergen soll oder nicht.
    Sie war einst meine Schwester, antwortete er mit klangloser Stimme, aber
das Wort einst scharf markierend; ich habe es geflissentlich vermieden, diese
Beziehung zu betonen, fuhr er nach einer ziemlichen Pause fest fort; so wie
die Sachen liegen, bin ich zu Errterungen gezwungen, die mich mglicherweise
rcksichtslos erscheinen lassen ... Ich mu dieser jungen Dame Mitteilungen ber
ihre Mutter machen, die ihr besser erspart geblieben wren ... Frau d'Orlowska
hat in dem Augenblick, wo sie dem Polen die Hand reichte, fr alle Zeiten
aufgehrt, ein Glied der Familie von Hirschsprung zu sein ... In unserem
Familienbuche steht nicht, wie gebruchlich, hinter ihrem Namen, mit wem diese
Tochter des Hauses vermhlt war - in dem Moment, wo sie zum letztenmal ber
unsere Schwelle geschritten ist, hat mein Vater mit eigener Hand ihren Namen
durchstrichen - das war tausendmal hrter fr ihn, als wenn er das Totenkreuz
htte hinzeichnen mssen ... Seitdem ist der Name Meta von Hirschsprung spurlos
verschollen fr uns - kein Freund des Hauses, kein Diener hat je gewagt, ihn
wieder laut werden zu lassen; meine Kinder wissen nicht, da sie je eine Tante
gehabt haben - sie ist enterbt, verstoen, und war lngst fr uns gestorben, ehe
sie auf eine so schreckliche Weise endete.
    Er schwieg einen Augenblick. Die Hofrtin hatte whrend dieser in wahrhaft
vernichtender Weise gegebenen Enthllungen ihren Arm um Felicitas gelegt und sie
mtterlich liebevoll an sich herangezogen ... Und dort stand der Professor - er
sprach nicht, aber sein Auge ruhte unverwandt und innig auf dem blassen Gesicht
des Mdchens, das abermals fr seine tote, vergtterte Mutter so schwer leiden
mute ... Es entstand eine momentane, peinvolle Stille. In diesem Schweigen lag
unverkennbar eine strenge Verurteilung; auch der Sprechende vermochte nicht,
sich diesem Eindrucke zu entziehen - stockend, mit unsicherer Stimme fuhr er
fort: Seien Sie versichert, da es fr mich eine sehr schwere Aufgabe ist,
Ihnen in der Weise weh thun zu mssen - ich erscheine mir selbst in einem so -
so unritterlichen Lichte, aber, mein Gott, wie soll ich denn die Dinge anders
beim Namen nennen? ... Ich mchte gern etwas fr Sie thun ... In welcher
Eigenschaft sind Sie denn hier in diesem sehr ehrenwerten Hause?
    Als mein liebes Tchterchen, antwortete die Hofrtin an Felicitas' Stelle
und sah ihn fest und durchdringend an.
    Nun sehen Sie, da haben Sie ja doch ein sehr glckliches Los gezogen!
sagte er zu dem jungen Mdchen, whrend er sich vor der Hofrtin verbindlich
neigte. Leider ist es nicht in meine Hand gegeben, mit Ihrer edlen Beschtzerin
zu wetteifern - die Rechte einer Tochter des Hauses drfte ich Ihnen schon um
deswillen nicht zugestehen, als meine Eltern noch leben; in ihren Augen wrde
leider der Umstand, da Sie den Namen d'Orlowska tragen, vollkommen gengen, um
Sie nie vor sich zu lassen.
    Wie, die leiblichen Groeltern? rief die alte Dame entrstet. Sie knnten
um das Dasein einer Enkelin wissen und sterben, ohne sie gesehen zu haben? - Das
machen Sie mir nicht weis!
    Meine liebe Frau Hofrtin, entgegnete Herr von Hirschsprung kalt lchelnd,
das stark ausgeprgte aristokratische Gefhl, ein hoher Sinn fr die
unbefleckte Ehre des Hauses sind Familieneigentmlichkeiten der Hirschsprungs,
denen auch ich mich nicht entziehen kann - die Liebe kommt bei uns erst in
zweiter Linie. Ich begreife die Anschauungsweise meiner Eltern vollkommen und
wrde genau so handeln, wenn sich eine meiner Tchter je vergessen sollte.
    Nun, mgen die Mnner Ihrer Familie ber diesen Punkt denken, wie sie
wollen, sagte die Hofrtin beharrlich, aber die Gromutter - sie mte ja ein
Stein sein, wenn sie von diesem Kinde hrte und -
    Gerade sie verzeiht am wenigsten, unterbrach er die alte Dame in sicherer
Ueberlegenheit. Meine Mutter hat verschiedene Glieder alter Grafengeschlechter
auf ihrem Stammbaum und htet den Glanz des Hauses, wie selten eine Frau ...
Uebrigens steht es Ihnen frei, meine sehr geehrte Frau Hofrtin, setzte er,
nicht ohne einen leisen Anflug von Spott, hinzu, einen Versuch fr Ihren
Schtzling zu wagen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, da ich Ihnen nicht nur
nicht entgegen sein, sondern Ihr Vorhaben sogar mglichst untersttzen werde.
    O bitte, nicht ein Wort mehr! rief Felicitas in namenloser Qual, whrend
sie sich aus den Armen der alten Dame loswand und die Hnde derselben
beschwrend erfate. Seien Sie berzeugt, mein Herr, wendete sie sich nach
einer momentanen Pause ruhig und khl, wenn auch mit zuckenden Lippen, an den
Herrn von Hirschsprung, da es mir nie einfallen wird, mich auf ehemalige
Rechte meiner Mutter zu sttzen - sie hat sie hingeworfen um ihrer Liebe willen,
und nach allem, was Sie soeben ausgesprochen, hat sie dabei nur gewonnen ... Ich
bin in dem Glauben aufgewachsen, da ich allein stehe in der Welt, und so sage
ich mir auch jetzt: Ich habe keine Groeltern.
    Das klingt scharf und bitter! sagte er leicht verlegen. Aber, fgte er
mit einem Achselzucken hinzu, so wie die Verhltnisse nun einmal sind, bin ich
gentigt, Sie in dieser Art der Auffassung verharren zu lassen ... Im brigen
will ich fr Sie thun, was in meinen Krften steht. Ich zweifle keinen
Augenblick, da es mir gelingen wird, von meinem Vater eine anstndige
lebenslngliche Rente fr Sie zu erwirken.
    Ich danke! unterbrach sie ihn heftig. Ich habe Ihnen eben erklrt, da
ich keine Groeltern habe; wie knnen Sie denken, da ich von Fremden Almosen
annehmen werde?
    Er errtete abermals, allein jetzt war es das dunkle Rot der Beschmung,
welche vielleicht zum erstenmal im Leben diese hocharistokratische Seele
beschlich. In offenbarer Verlegenheit griff er nach seinem Hute - niemand
hinderte ihn daran. Er berhrte, sich gegen den Rechtsanwalt wendend, mit
einigen fast geflsterten Worten noch einmal das Geschftliche; dann bot er, wie
von einem pltzlichen Impuls bewegt, Felicitas die Hand, allein das junge
Mdchen verneigte sich tief und zeremoniell vor ihm und lie ihre beiden Hnde
langsam an den Seiten niedersinken ... Das war eine herbe Shne, die das
Spielerskind dem stolzen Herrn von Hirschsprung gegenber fr sich verlangte! Er
wich bestrzt zurck, neigte sich mit einem Achselzucken und, fr diesen
Augenblick aller aristokratischen Hoheit bar, vor den brigen und verlie, vom
Rechtsanwalt begleitet, das Zimmer.
    Als die Thr hinter ihm in das Schlo fiel, schlug Felicitas mit einer
heftigen Gebrde die Hnde vor das Gesicht.
    Fee! rief der Professor und breitete seine Arme weit aus. Sie sah empor
und - flchtete hinein. Die Arme um seinen Hals schlingend, drckte sie ihren
Kopf fest an seine Brust ... Der junge, wilde Vogel ergab sich fr alle Zeiten,
er machte auch nicht den leisesten Versuch mehr, aufzufliegen; es war s, in
starken Armen geborgen zu rasten, nachdem er im einsamen Fluge durch Sturm und
Wetter sich fast zu Tode gekmpft und geflattert hatte.
    Bei diesem Anblick gab die Hofrtin ihrem vergngt lchelnden Gemahl einen
Wink, und beide gingen geruschlos aus dem Zimmer.
    Ich will, Johannes! rief das junge Mdchen und schlug die Wimpern auf, an
denen noch die Thrnen des kindlichen Schmerzes hingen.
    Endlich! sagte er und legte seine Arme fester um die zarte Gestalt, sie
war ja mit diesem Ausspruche sein eigen. Welch ein Gemisch von Glut und
Zrtlichkeit brach aus den strengen, stahlgrauen Augen, die auf das glckselig
lchelnde Mdchenantlitz niedersahen!
    Ich habe von Stunde zu Stunde auf dies erlsende Wort gewartet, fuhr er
fort; Gott sei Dank, es ist aus eigenem Antriebe gesprochen worden! Ich wre
sonst heute abend noch gezwungen gewesen, es zu veranlassen; ob es mir dann so
s geklungen htte, wie eben jetzt, ich bezweifle es! ... Bse Fee, muten erst
so bittere Erfahrungen ber mich kommen, ehe du dich entschlieen konntest, mich
glcklich zu machen?
    Nein! rief sie entschieden aus und wand sich los. Nicht der Gedanke, da
Ihre uere Lage sich gendert habe, hat mich besiegt; in dem Augenblick, wo Sie
mir konsequent und entschieden die Zurckgabe des Buches verweigerten, kam
urpltzlich das Vertrauen -
    Und wenige Augenblicke darauf, als das Geheimnis mir offenbar wurde,
unterbrach er sie und zog sie abermals an sich, da erkannte ich, da du bei
aller Schroffheit, bei allem Trotz und Stolz, doch die echte, beseligende Liebe
des Weibes im Herzen trgst. Du wolltest lieber entsagen, ehe du das Leiden
einer schmerzlichen Erfahrung ber mich kommen lieest ... Wir haben beide eine
harte Schule durchgemacht, und - tusche dich nicht, Fee, ber die Aufgabe, die
dir wird! Ich habe meine Mutter verloren, mein Vertrauen auf die Menschheit hat
einen starken Sto erlitten und - auch das mu gesagt sein - ich besitze in
diesem Augenblick fast nichts, als meine Wissenschaft!
    O, ich Glckselige, da ich neben Ihnen stehen darf! unterbrach sie ihn
und legte die Hand leicht auf seinen Mund. Ich darf freilich nicht hoffen,
Ihnen das alles ersetzen zu knnen, aber was ein demtiges Weib irgend thun und
ersinnen kann, um das Leben eines edlen Mannes zu erhellen, das soll gewi
geschehen!
    Und wann wird dieser stolze Mund sich herablassen, mich du zu nennen?
fragte er, auf sie herablchelnd.
    Ihr lilienweies Gesicht errtete bis an die Haarwurzeln.
    Johannes, bleibe nicht allzulange fern von mir! flsterte sie bittend.
    Ach, hast du im Ernst geglaubt, da ich ohne dich gehen wrde? rief er
leise lachend. Wenn es sich in diesem Augenblick nicht so schn fgte, so
wrdest du heute abend erfahren haben, da du morgen frh um acht Uhr, in
Begleitung unserer lieben Hofrtin, mit mir nach Bonn abreisest. Die liebe, alte
Mama hat dir ein wenig Komdie vorgespielt, mein Kind; droben im Staatszimmer
stehen seit gestern die gepackten Koffer, und ich habe, untersttzt von ihrem
Rat, selbst das Reisehtchen ausgesucht, das ich auf der trotzigen Stirne da
sehen will ... Du bleibst vier Wochen als meine erklrte Braut im Hause der Frau
von Berg, und dann - zieht eine kleine Frau neben das Studierzimmer des
grimmigen Professors, der Falten auf der Stirne und bitterbse Blicke mit nach
Hause bringt.

Herr von Hirschsprung legitimierte sich, respektive seinen noch lebenden Vater,
als einzigen Erben, und das Vermchtnis der alten Mamsell wurde ihm
ausgehndigt. Er erklrte die Ansprche der Hirschsprungs an die Familie Hellwig
bezglich der unterschlagenen sechzigtausend Thaler fr vollkommen getilgt,
nachdem der Professor die dreiigtausend Thaler der Tante Cordula aus seinem
eigenen Vermgen verdoppelt und somit das Kapital bis zu seiner vollen Hhe
ergnzt hatte.
    Fr das verbrannte Bachsche Opernmanuskript mute Frau Hellwig bare tausend
Thaler erlegen; sie fgte sich knirschend, weil sie von allen Seiten die
Versicherung erhielt, da ein Proze noch ganz andere Opfer von ihr fordern
drfte.
    Warum soll ich's leugnen? sagte am Reisemorgen der Rechtsanwalt errtend
und lebhaft erregt zu dem Professor, der reisefertig in der Fensternische neben
ihm stand und auf seine Begleiterinnen wartete. Ich gnne dir Felicitas nicht!
... Ich habe im ersten Augenblick dies seltene Geschpf erkannt und werde lange
Zeit brauchen, um - zu vergessen ... Aber einen Trost habe ich dabei: sie hat
dich zu einem anderen Menschen gemacht und den sittlichen Rechten der
Menschheit, ihrer unanfechtbaren guten Sache einen neuen Bekenner zugefhrt ...
Schlagender konnte meine freie und gewi gesunde Ansicht ber unsere sozialen
Miverhltnisse nicht motiviert werden, als durch den Umstand, da - verzeihe
mir die bittere Wahrheit - die stolzen Hellwigs den Angehrigen des verachteten
Spielerskindes gegenber Schwerschuldige waren ... Da stehen die einen und sehen
hochmtig auf die anderen herab, und die blinde Welt ahnt nicht, da es faul ist
unter ihren gerhmten Institutionen, und da der frische Luftzug der Freiheit
ntig ist, um sie wegzufegen, die den Hochmut, die Herzlosigkeit und mit ihnen
eine ganze Reihe der schlimmsten Verbrechen begnstigen.
    Du hast recht, und ich nehme diese bittere Schlufolgerung ruhig hin,
sagte der Professor ernst, denn ich habe in der That schwer geirrt. Aber der
Weg, den ich zurckzulegen hatte, war steinig, und deshalb gnne mir den Preis,
den ich schwer erringen mute.

Der Professor hat seine junge Frau in den exklusiven Kreis der
Professorenfrauen eingefhrt, und das ideal schne Wesen an seiner Hand ist,
trotz der boshaften Einflsterungen der Regierungsrtin, mit Liebe und
Bewunderung aufgenommen worden ... Es ist Wahrheit, was er sich einst so
hinreiend gedacht hatte: Felicitas schmeichelt ihm die medizinischen
Sorgenfalten von der Stirne, und wenn er abends inmitten seiner gemtlichen vier
Wnde bittet: Fee, ein Lied! da braust sofort die prachtvolle Altstimme auf,
die ihn einst hinausgetrieben hat aus dem mtterlichen Hause in die Thringer
Wlder, der er entflohen, weil sie ihn unwiderstehlich hinberri nach dem
wunderbaren Spielerskinde.
    Er hat smtliche Mbel aus der Mansardenwohnung nach Bonn schaffen lassen.
Der Flgel und die Bsten samt der ppigen Epheudraperie schmcken jetzt
Felicitas' Zimmer. Im Geheimfache des Glasschrankes bewahrt die junge Hausfrau
auch jetzt noch das kostbare altvterische Silberzeug auf; den kleinen grauen
Kasten samt Inhalt aber hat der Professor an demselben Tage verbrannt, wo die
Hirschsprungs das ausgleichende Kapital in Empfang genommen haben. Das
Schuldbuch ist vernichtet, das Unrecht geshnt, soweit menschliche Krfte es
vermochten, und Tante Cordulas Geist kann unbeirrt seinen hohen Flug weiter
verfolgen, den er schon auf Erden angenommen.
    Heinrich lebt in Bonn bei dem jungen Paare. Er wird hoch in Ehren gehalten
und fhlt sich ber die Maen wohl; wenn er aber auf der Strae der in Samt und
Seide gehllten, jetzt ungeniert nach der neuesten Mode gekleideten
Regierungsrtin begegnet, die stets den Kopf wegwendet, als habe sie das
ehrliche Gesicht des alten Mannes nie gesehen, da schmunzelt er vergnglich in
sich hinein: Das Blmelein Vergimeinnicht hat doch nichts geholfen, gndige
Frau Regierungsrtin!
    Die schne Frau kann brigens ihren tadellos geformten weien Arm nicht mehr
mit dem Armringe schmcken; ihr Vater hat ihn gewissenhaft mit dem Bemerken,
da er durch Zufall und Irrtum in seinen Besitz gekommen, an die
Hirschsprungschen Erben ausgeliefert. Er lebt auf sehr gespanntem Fu mit seiner
Tochter, weil sie die grenzenlose Dummheit begangen hat, seinen Anteil an dem
Raube zu besttigen ... Sie hat lngst den Nimbus der Frmmigkeit und sanften
Milde eingebt, beteiligt sich aber noch immer mit groer Ostentation an
frommen Bestrebungen, whrend ihr Aennchen unter fremder Pflege einem sicheren
Tode entgegenwelkt ... Und er, der strengglubige Verwandte am Rhein? ... Es ist
nicht zu denken, da ihn die Nemesis auf Erden ereilt, er wird mit frommer
Ergebenheit alles, was ber ihn kommen mag, Prfung nennen. Wir bergeben ihn
deshalb dem ffentlichen Gerichte; die empfindlichste Strafe fr den Heuchler
ist, da ihm vor aller Augen die Maske vom Gesicht genommen wird! ...
    Frau Hellwig sitzt nach wie vor hinter ihrem Asklepiasstocke. Das Unglck
ist endlich auch ber ihre gefeite Schwelle geschritten; sie hat zwei Kinder
verloren: ihren Sohn Johannes hat sie verstoen, und eines Tages lief die
Nachricht ein, da Nathanael im Duell geblieben sei. Er hat viele Schulden und
einen sehr befleckten Ruf hinterlassen ... Die eisernen Zge der groen Frau
sind schlaffer geworden, und manchem will es scheinen, als neige sich der Kopf
mit dem einst so starren Geprge des Hochmutes und der Unfehlbarkeit oft recht
mde auf die Brust ... Der Professor hat ihr vor kurzem die Geburt seines
erstgeborenen Kindes angezeigt. Seit der Zeit liegt in dem Strickkrbchen, das
bis dahin nur derbe blaue und weie Knuel mit grobem Faden beherbergt hat, ein
zartrosiges Strickzeug, Frau Hellwig arbeitet nur verstohlen und ruckweise
daran. Friederike schwrt, es sei kein Missionsstrumpf, sondern ein
allerliebstes Kinderstrmpfchen. Ob und wann diese zierlichen, rosenroten Dinger
die strampelnden Beinchen des jngsten Hellwigschen Familiengliedes umschlieen
werden, wir wissen es nicht, aber zur Ehre des Menschengeschlechts soll es
gesagt sein: Es ist keine Seele so verhrtet, da nicht ein weicher Punkt, eine
edle Regung, eine sklingende Saite in ihr schliefen; sie wird sich freilich
oft dieses inneren Schatzes nicht bewut, wenn die Erweckung von auen fehlt.
Aber vielleicht ist die gromtterliche Liebe solch ein ungeahnt warmer Punkt im
Herzen der groen Frau, der, pltzlich angefacht, ein mildes Licht ausstrmt und
das brige Eis des Innern schmilzt.
    Hoffen wir, lieber Leser!
