
                                Marlitt, Eugenie

                                    Goldelse

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                                Eugenie Marlitt

                                    Goldelse

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Den ganzen Tag ber hatte es geschneit, und zwar so recht mit Mue und
Gemchlichkeit, so da die Dcher und Fenstersimse dicke, fleckenlos weie
Polster angelegt hatten. Nun brach ein frher Abend herein und mit ihm ein
wilder Sturm, der heimtckisch in die niedertaumelnden Schneeflocken fuhr, wie
ein Raubtier zwischen eine friedliche Taubenschar.
    Mag auch das Wetter derart sein, da der gemtliche Kleinstdter nicht
einmal seinen Hund, geschweige denn seine eigenen, edlen Gliedmaen auerhalb
der vier Wnde wissen will, in der groen Hauptstadt B. merkt man abends
zwischen sechs und sieben Uhr keinen auffallenden Unterschied hinsichtlich der
Straenfrequenz. Die Gasflammen ersetzen die Himmelslichter, die nicht kommen
wollen; um die Ecken jagen die Equipagen in so wtender Eile, da die Fugnger
nur durch einen khnen Sprung an die Huser Leben und Glieder retten; dafr
folgt ein Schwall krftiger Flche dem pelzverbrmten Kutscher und dem eleganten
Wagen, hinter dessen festgeschlossenen Scheiben reizende Damen ihr
blumengeschmcktes Kpfchen mhsam ber die ungeheuren Wogen des umfangreichen
Gazekleides heben und keine Ahnung davon haben, da in diesem Augenblicke Feuer
und Schwefel auf ihre duftenden Locken herabgewnscht werden. Wohlfrisierte
Wachskpfe, inmitten schauderhafter schwarzer und blonder Skalps, still und
aufmerksam arbeitende Uhrmacher, lchelnde Kommisgesichter hinter bauschenden
Stoffen und verfhrerischen Mantillen, und alte verkmmerte Boukett- und
Kranzwinderinnen zwischen hold blhenden, frischen Blumen stehen und bewegen
sich in beneidenswerter Sicherheit und wohldurchwrmter Atmosphre hinter den
Schaufenstern, die ein blendendes Licht auf die schlpfrigen Trottoirs und den
vorbeiflutenden Menschenstrom werfen, wobei blaurote Nasenspitzen, thrnende
Augen und verzweifelte Kopf- und Armbewegungen an allen alten und jungen
Vorbereilenden sichtbar werden.
    Doch halt - nicht an allen! Da tritt eben aus einem Seitengchen in eine
der Hauptstraen mit leichtem, elastischem Schritte eine weibliche Gestalt. Das
enge, verwachsene Mntelchen schliet sich fest an die schlanken Glieder, und
der alte, zerzauste Muff wird dicht an die Brust gedrckt, wo er die Enden eines
herabhngenden Schleiers festhlt; unter diesem alten schwarzen Gewebe lachen
zwei Mdchenaugen im Sonnenglanze frischer Jugend; sie blicken frhlich in das
Schneegetmmel, haften innig an den halbgeffneten Centifolien und den dunklen
Veilchen hinter den Glasscheiben und verbergen sich nur dann unter den langen
Wimpern, wenn sich heimtckische Eissplitter unter die Schneeflocken mischen.
    Wer einmal gehrt hat, wie kindliche Hnde, oder auch Hnde, die zu einem
vllig ausgewachsenen Krper und Kopfe gehren, auf dem Klavier eine
wohlbekannte Melodie zuversichtlich beginnen, gleich darauf mittels einer
Dissonanz den musikalischen Faden zerreien, mit falschem Fingersatze in alle
mglichen Tonarten, nur nicht in die angegebene, greifen, wobei der Lehrer den
hochgehobenen, takttretenden Fu verzweiflungsvoll sinken lt, bis endlich die
Melodie langatmend und lebensmde wieder anhebt, um im nchsten Augenblicke
durch einige leichte Takte wie ber eine weite Ebene dahinzurasen - wessen
Ohrennerven einmal auf dieser Folter gelegen haben, der wird begreifen, da das
junge Mdchen, welches soeben zwei Unterrichtsstunden in einem Institute beendet
hat, dem Sturmwinde freudig die heie Wange bietet, als einem wackeren Gesellen
von System und konsequenter Durchfhrung, dessen mchtiges Brausen ja in Orgel
und Aeolsharfe zur wundersamen Melodie wird.
    So eilt das junge Mdchen flchtig und schwebend durch Schneefall und
andringenden Menschenstrom, und ich zweifle keinen Augenblick, sie wrde auf den
schwimmenden Quadersteinen des Trottoirs, umbraust vom Sturme, nicht anders als
auf dem Parkett eines Salons auch, dem Leser unter holdseligem Lcheln die
graziseste Verbeugung machen, wenn ich sie ihm vorstellen wollte als Frulein
Elisabeth Ferber. Diese Vorstellung kann nun freilich nicht stattfinden, und das
ist mir insofern ganz erwnscht, als ich beabsichtige, den Leser mit der
Vergangenheit des jungen Mdchens bekannt zu machen.
    Herr Wolf von Gnadewitz war der letzte Abkmmling eines ruhmreichen
Geschlechts, das seinen Ursprung zurckleiten konnte bis in zweifelhaftes
Dmmerlicht noch vor jenem goldenen Zeitalter, allwo der vorberziehende
Kaufmann in irgend einem Hohlwege seine kostbaren Stoffe und Waren zu adligen
Bannerfhnlein und glnzenden Turnierwmsern, wie zu junkerlichen Gelagen
unfreiwilligerweise ablieferte. Aus jenen unvergelichen Zeiten datierte auch
ein Rad in dem Wappen der Gnadewitze, auf welchem einer der Ahnherren seinen
Heldengeist verhauchen mute, weil er in Ausbung jenes ritterlichen
Aneignungssystems allzuviel Krmerblut vergossen hatte.
    Herr von Gnadewitz, der Letzte seines Stammes, war Kammerherr in Frstlich
X. schen Diensten, zudem Inhaber hoher Orden und verschiedener Rittergter, wie
auch Besitzer aller Charaktereigenschaften, die, seiner Ansicht nach, einem
Hochgebornen zukommen, und die er vornehm nannte, weil dem gemeinen Manne bei
der derben Hausmannskost der Moral und dem strengen Mu der Verhltnisse und
Sitten jedwedes Verstndnis fr jene unnachahmliche Grazie und Eleganz des
Lasters abgehe.
    Herr Wolf von Gnadewitz war auch prachtliebend, wie sein Grovater, der das
alte Schlo Gnadeck auf dem Berge in Thringen, die Wiege seines Geschlechts,
verlie, um sich drunten im Thale einen wahren Feensitz im italienischen
Geschmacke aufzubauen. Sein Enkel lie das alte Haus droben noch mehr verfallen
und erweiterte und verschnerte das neue Schlo um ein betrchtliches. Ja, es
schien, als hege Herr Wolf von Gnadewitz nicht den leisesten Zweifel, da der
Letzte seines Geschlechts dereinst als allerjngstes Menschenkind beim
Weltgerichte erscheinen werde; denn um alle neu angebauten Gemcher auszufllen,
durfte der alte Stamm getrost zahllose Zweige treiben. Allein, das hie die
Rechnung ohne den Wirt gemacht. Herr Wolf von Gnadewitz hatte zwar einen Sohn,
der schon mit zwanzig Jahren ein so vollendeter Gnadewitz war, da selbst das
glnzende Bild des Ahnherrn mit dem Rade vor ihm erbleichen mute. Aber der
junge Herr hatte eines Tages, bei Gelegenheit der ersten, groen Jagd im Herbst,
einem Treiber mit der Hetzpeitsche einen furchtbaren Schlag ber den Kopf
versetzt, und zwar mit vollstem Rechte, wie alle eingeladenen Teilnehmer an der
Jagd einmtig versicherten, denn der Tlpel hatte den Lieblingshund des Herrn
dermaen auf die Pfoten getreten, da das Tier fr den ganzen Tag untauglich
geworden war. Und so kam es, da kurze Zeit darauf Hans von Gnadewitz nicht
allein auf dem Stammbaume in der groen Halle des neuen Schlosses, sondern auch
wirklich und leibhaftig an einem Eichbaume des Waldes, und zwar mit einem
Stricke um den Hals gefunden wurde. Der geschlagene Treiber bte zwar, wenn
auch nicht auf dem Rade, so doch unter dem Beile, diese Frevelthat; allein das
machte den letzten der Gnadewitze nicht wieder lebendig, denn er war tot,
unwiderruflich tot, wie die Aerzte versicherten, und so hatte das lange Lied von
Raubrittertum, Trinkgelagen, Hetzjagden und Pferderennen ausgeklungen
    Nach dieser schrecklichen Katastrophe verlie Herr Wolf von Gnadewitz sofort
das Schlo im Thale, wie berhaupt diese Gegend, und zog nach Schlesien auf
eines seiner vielen Gter. Er nahm eine entfernte Verwandte, die Letzte einer
Seitenlinie seines Geschlechts, in sein Haus, damit sie ihn pflegen solle. Es
zeigte sich aber, da diese Verwandte ein engelschnes, junges Mdchen war, bei
dessen Anblick der alte Herr den eigentlichen Zweck ihres Kommens rein verga
und schlielich meinte, sein sechzigjhriger Rcken sei noch gerade genug, um in
den Hochzeitsfrack schlpfen zu knnen. Zu seiner tiefsten Indignation jedoch
mute er erfahren, da auch eine Zeit kommen knne, wo selbst ein Gnadewitz
nicht mehr begehrenswert erscheine, und wtend wurde er, als das Mdchen ihm
gestand, da sie, ihre hohe Abkunft schnde vergessend, ihr Herz einem jungen,
brgerlichen Offizier, dem Sohne eines seiner Frster geschenkt habe.
    Der junge Mann besa nichts als seinen Degen und seine mnnlich schne
Gestalt, aber er hatte sich eine tchtige, wissenschaftliche Bildung angeeignet,
war liebenswrdig im Umgange und von ausgezeichnetem Charakter. Als Herr von
Gnadewitz die schne Marie infolge ihrer Erklrung verstie, da fhrte sie der
junge Ferber glcklich als Gattin heim und htte in den ersten zehn Jahren
seiner Ehe mit keinem Knig tauschen mgen. Im elften wrde ihn zwar ein solches
Gelst noch viel weniger angefochten haben; denn das war das Jahr 1848 - aber es
brachte auch fr ihn schwere Kmpfe und einen vlligen Umschwung seiner
Verhltnisse ... Er kam in den kritischen Fall, zwischen zwei Pflichten whlen
zu sollen. Die eine, die ihm sein Vater schon an der Wiege vorgesungen, hie:
Du sollst deinen Nchsten lieben als dich selbst, vor allem aber deine
deutschen Brder; die andere dagegen, die er sich, wenn auch viel spter,
selbst auferlegt, gebot ihm, das Schwert fr das Interesse seines Herrn zu
fhren. In diesem Konflikte nun siegte jenes Wiegenlied, das krftige Wurzeln um
sein Herz geschlagen hatte, vollstndig - Ferber scho nicht auf seine Brder,
aber dieser Sieg kostete ihm seinen Beruf, seine gesicherte Lebensstellung. Er
nahm seinen Abschied und sank bald darauf infolge einer Erkltung gelhmt aufs
Krankenlager, das er erst nach jahrelangem Siechtum wieder verlie. Hierauf
siedelte er mit seiner Familie nach B. ber, wo er bald eine ertrgliche Stelle
als Buchhalter in einem bedeutenden Handlungshause erhielt. Es war die hchste
Zeit, denn das kleine Vermgen seiner Frau war bei dem Sturze eines
Bankgeschfts verloren gegangen, und nur die mehrmaligen Gelduntersttzungen,
die Ferbers lterer und einziger Bruder, ein Frster in Thringen, der
bedrngten Familie zukommen lie, hatten bis jetzt den Mangel in seiner
schlimmsten Gestalt ferngehalten.
    Leider sollte dies Glck nicht von Dauer sein. Ferbers Chef gehrte zu den
Frommen im Lande und suchte alle seine Umgebungen mit seinem Bekehrungseifer
heim. Auch Ferber wurden diese Bemhungen zugewandt, stieen aber hier auf einen
zwar mit ruhigem Ernste geuerten und durch eine Flle von Wissen motivierten,
aber so entschiedenen Widerstand, da sich das fromme Gemt Herrn Hagens - so
hie der Kaufmann - darber schier zu Tode entsetzte. Einem solchen Freigeiste
Schutz und Brot zu geben und somit geflissentlich den Untergang des Reiches
Gottes zu befrdern - der Gedanke lie ihm Tag und Nacht keine Ruhe, bis er
mittels eines Entlassungsbriefes sich von dieser Last befreite und das rudige
Schaf aus seiner Lmmerherde stie.
    Um jene Zeit ging auch Herr Wolf von Gnadewitz heim zu seinen Ahnen, und da
er whrend seiner irdischen Laufbahn an dem Grundsatze seines Geschlechts, keine
Beleidigung ungercht zu lassen, streng festgehalten hatte, so konnte dies Leben
wohl keinen wrdigeren Abschlu und Endpunkt finden, als in dem Testamente, das
er eigenhndig niederschrieb, ehe er hinunterstieg in das enge Kmmerlein von
Zinn, in welchem seine Gebeine der Nachwelt aufbewahrt bleiben sollten. Dies
Aktenstck mnnlicher Konsequenz, das einen entfernten Verwandten seiner
verstorbenen Gemahlin zum Universalerben ernannte, schlo mit folgender
Verfgung:
    In anbetracht des unabweislichen Anspruches, den sie an meinen Nachla hat,
vermache ich der Anna Maria von Gnadewitz, verehelichten Ferber, das Schlo
Gnadeck auf dem Berge in Thringen. Anna Maria Ferber wird nicht verkennen, da
ich sie wohlmeinend bedenke, indem ich ihr ein Obdach anweise, das sie mit
zahllosen Erinnerungen an das edle Geschlecht, dem sie einst angehrte, umgeben
wird. Wohl wissend, da ber jenen alten Hallen stets Glck und Segen geschwebt
hat und diese unleugbare Thatsache genau erwgend, halte ich es demnach fr
vllig berflssig, diesem meinem Geschenke noch etwas beizufgen ... Sollte
jedoch Anna Maria Ferber den Wert meiner Gabe nicht einsehend, dieselbe
verkaufen oder auf irgend welche Art veruern wollen, so erlischt sofort ihr
Anspruch an das Erbe, und das Waisenhaus in L. tritt an ihre Stelle.
    Herr Wolf von Gnadewitz hatte sich sonach mit Hinterlassung einer beienden
Satire auf sein schwarzbehangenes Paradebett gelegt. Ferber und seine Frau
hatten zwar nie das alte Schlo gesehen, allein es war weltbekannt als ein
zusammensinkender Trmmerhaufen, den seit wenigstens fnfzig Jahren keine
ausbessernde Hand berhrt hatte, und der bei der Einrichtung des neuen Schlosses
im Thale smtlicher Hausgerte, Wandbekleidung, ja sogar des Kupferdaches auf
dem Hauptgebude beraubt worden war. Seitdem lagen die schweren Riegel und
Vorlegeschlsser eingestubt und eingerostet vor dem mchtigen eichenen
Hauptthore. Die ungeheuren Waldbume, die sich dicht um den grauen Bau scharten,
woben ungestrt ihre breiten Aeste in das ppige Gestrpp zu ihren Fen, und
bald lag das verlassene Schlo hinter der grnen, undurchdringlichen Wand, wie
eine eingesargte Mumie.
    Der glckliche Universalerbe, dem der fremde Besitz inmitten seines Waldes
sehr lstig war, htte gern fr eine ansehnliche Summe das alte Haus
zurckgekauft, allein die vorsichtig ausgedachte Klausel am Schlusse des
Vermchtnisses schnitt jede Unterhandlung ohne weiteres ab.
    Frau Ferber legte die ihr zugesandte Abschrift des Testamentes, auf die
einige Thrnen fielen, stillschweigend auf den Schreibtisch ihres Mannes und
nahm dann mit doppeltem, beinahe fieberhaftem Eifer ihre Arbeit, eine Stickerei,
wieder auf. Ferber hatte trotz aller Bemhungen keine Anstellung wieder erhalten
und sah sich nun gentigt, durch schlecht bezahlte Uebersetzungen, und wenn es
an diesen mangelte, mittels Akten- und Notenschreibens sein und seiner Familie
Leben zu fristen, wobei ihn seine Frau durch den Erls fr Handarbeiten nach
Krften untersttzte.
    So trbe nun auch Ferbers Lebenshimmel umzogen war, ein Stern tauchte
allmhlich auf unter den Wolkenmassen und schien die fehlenden ueren
Gnadenbezeigungen des wetterwendischen Glckes ersetzen zu wollen. Eine Ahnung
von diesem milden Strahle, welcher dereinst in ein dunkles Leben fallen sollte,
berkam Ferber schon, als er zum erstenmal an der Wiege seines erstgeborenen
Tchterchens stand und in die prchtigen Augen sah, die aus dem feinen
Kinderkpfchen ihn anlachten. Smtliche Freundinnen der Frau Ferber waren
einstimmig der Ansicht, der kleine Ankmmling sei ein reizendes Wesen, ein
eigentmlich bevorzugtes Kind, ja es she so ganz und gar nicht aus, wie das
gewhnliche Menschenkind, wenn es krebsrot zum erstenmal die Welt anschreie, da
- hier brachen sie stets ab, und es steht zu vermuten, da nur das
mrchenfeindliche neunzehnte Jahrhundert und die sarkastischen Mienen ihrer
Ehemnner die stille, aber untrgliche Ahnung hinter ihre Lippen verschlo, es
habe hier die geheimnisvolle Macht irgend einer gtigen Fee obgewaltet.
    Sie hielten in corpore das kleine Weltwunder ber die Taufe, stritten sich
dabei, welche wohl die meiste Zrtlichkeit fr das Patchen hege, und schwuren,
dieser Tag werde ihnen unvergelich bleiben - ohne Zweifel eine zu hohe und
voreilige Anforderung an ihr Erinnerungsvermgen, denn als Ferbers in miliche
Verhltnisse gerieten, da wischte der Egoismus mit hartem Finger ber die
Denkschrift, und siehe da, es blieb keine Spur zurck, da sie je gewesen.
    Diese alte Erfahrung, welche die kleine Elisabeth schon in ihrem neunten
Lebensjahre machen mute, beunruhigte sie brigens sehr wenig. Die vermeintliche
Fee hatte ihr zu den anderen reichen Gaben auch einen unzerstrbaren Frohsinn
und sehr viel Willenskraft in die Wiege gelegt; deshalb nahm sie fortan das
drftige Vesperbrot ebenso dankbar und frhlich aus der mtterlichen Hand, wie
ehemals die unerschpflichen Leckerbissen der zrtlichen Paten, und als am
Weihnachtsabend ein lichterarmer Baum nur einige Aepfel und vergoldete Nsse
bot, da schien ihr gar nicht einzufallen, da sich frher stets eine ehrenwerte,
stattliche Gesellschaft aller mglichen guten und wnschenswerten Dinge auf
seinen Zweigen eingefunden hatte.
    Ferber unterrichtete seine Tochter selbst. Nie hatte sie eine Schule oder
ein Institut besucht, ein Mangel, den man leider heutzutage in vielen Fllen
einen Vorzug nennen mchte, wenn man bedenkt, da manche junge Mdchen bei
weitem erfahrener die Schule verlassen, als der sorgsamen Mutter lieb sein
drfte, die daheim die Reinheit der jungen Seele streng behtet und nicht ahnt,
da sie durch die tglich sich mehrenden rudigen Schafe im Schulzimmer
Eindrcke empfngt, deren nachteilige Folgen sich in allen Phasen des spteren
Lebens geltend machen.
    Elisabeths bildsamer Geist entfaltete sich herrlich unter der Leitung der
selbst so reich begabten Eltern. Sie trieb die ihr auferlegten Studien mit
tiefem Ernste und dem rastlosen Drange, alles, was sie in sich aufnahm,
grndlich zu wissen, damit es ein unveruerliches, lckenloses Eigentum ihrer
Seele bleibe; das war ihr strenge Gewissenssache und gehrte in das Reich der
Pflichten. Der Musik aber gab sie sich mit einer Inbrunst hin, mit welcher der
menschliche Geist das umfat, was er als seine spezielle Sendung auf der Welt
erkennt. Bald hatte sie ihre Mutter, die ihre Lehrerin war, weit berflgelt,
und wie sie als kleines Kind ihr Spielwinkelchen verlie, wenn sie Wolken auf
des Vaters Stirn bemerkte, sich auf seinen Scho setzte und ihm selbsterfundene
goldglnzende Mrchen erzhlte, so beschwichtigte sie spter mit wundervollen
Melodieen, die wie klare Perlen in ihrer Seele aufstiegen, und die vorher noch
nie ein menschliches Ohr berhrt hatten, den Dmon finsteren Grames, der oft
Ferbers Gemt umnachtete. Aber nicht allein dieser Segen erwuchs aus dem
seltenen Talente des jungen Mdchens. Das ausgezeichnete Klavierspiel in der
Mansarde hatte die Aufmerksamkeit einiger Hausbewohner erregt. Elisabeth bekam
auf diese Weise nach und nach mehrere Schlerinnen und spter den
Klavierunterricht in einem Institute bertragen, wodurch es ihr mglich wurde,
die Nahrungssorgen der Eltern bedeutend zu mildern.
    Hier nehmen wir den Gang der Erzhlung wieder auf und wollen uns die Mhe
nicht verdrieen lassen, dem jungen Mdchen zu folgen, das an dem strmischen
Winterabend der elterlichen Wohnung zueilte.

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Whrend des endlosen Weges durch krumme und gerade, dunkle und helle Straen
geno Elisabeth schon im Geiste das Behagen, das sie beim Eintritt in das
heimische Stbchen stets berkam. Da sa, von der kleinen Schirmlampe mild
beleuchtet, der Vater am Schreibtische, lchelnd das blasse Gesicht erhebend,
wenn er Elisabeths Schritte hrte. Er nahm die Feder, die den ganzen Nachmittag
ber das Papier geflogen war, in die linke Hand und zog mit der rechten seine
heimkehrende Tochter zu sich nieder, um einen Ku auf ihre Stirn zu drcken. Die
Mutter, die, den Nhkorb zu ihren Fen, gewhnlich neben ihm sa, um den
schwachen Lampenschimmer mglichst nahe zu haben, begrte sie mit einem
zrtlichen Lcheln und zeigte auf Elisabeths Hausschuhe, welche sie vorsorglich
in das warme Zimmer getragen hatte. Auf der heien Ofenplatte zischten einige
Aepfel, und drben in der dunklen, behaglichen Ecke neben dem Ofen summte die
kleine Theemaschine auf dem Sofatische, welche nebenbei mit ihrer schwachen,
blauen Flamme eine ganze Kompanie Bleisoldaten zu beleuchten hatte, die der
sechsjhrige Ernst, Elisabeths einziges Brderlein, exerzieren lie.
    Vier Stockwerke mute Elisabeth ersteigen, ehe sie den schmalen, dunklen
Korridor erreichte, der zu der elterlichen Wohnung fhrte. Hier nahm sie eiligst
den Hut ab, zog eine neue, mit Pelz verbrmte Knabenmtze unter dem Mantel
hervor und drckte sie auf ihr blondes Haar. So trat sie in das Zimmer, wo der
kleine Ernst alsbald mit einem Freudenschrei auf sie zulief.
    Heute aber war die dunkle Ecke am Ofen hell beleuchtet, und der Schreibtisch
stand verlassen im Dunkel, der Vater sa auf dem Sofa und hielt die Mutter
umschlungen; auf den Gesichtern beider aber lag ein eigentmlicher Glanz, und
wenn auch die Mutter verweint aussah, so erkannte Elisabeth doch auf den ersten
Blick, da die Thrnen aus Freude geflossen waren. Erstaunt blieb sie an der
Thr stehen und mochte mit diesem Gesichtsausdrucke unter der schief
aufgedrckten Mtze wohl sehr komisch aussehen, denn beide Eltern lachten laut.
Elisabeth stimmte frhlich ein in das Gelchter und setzte die Pelzkappe auf den
dunklen Lockenkopf des kleinen Bruders.
    Da, Herzensjunge, sagte sie, indem sie zrtlich sein blhendes Gesichtchen
zwischen ihre beiden Hnde nahm und kte, die gehrt dir. Und auch dem
Mtterchen bringe ich etwas mit in die Wirtschaft, fuhr sie glckselig lchelnd
fort und legte der Mutter vier blanke Thaler in die Hand, ich habe heute meine
ersten fnf Thaler Honorar im Institut erhalten.
    
    Aber Elsbeth, sagte die Mutter mit feuchtem Auge, indem sie das
Tchterlein zu sich niederzog, Ernsts vorjhrige Wintermtze sieht noch ganz
anstndig aus, und du httest viel ntiger ein Paar warme Handschuhe gebraucht.
    Ich, Mutter? Fhle doch meine Hnde an, ich komme eben von der Strae, und
sie sind so warm, als htten sie im Ofen gesteckt ... nein, das wre geradezu
Luxus. Unser Junge ist grer und strker geworden, die Mtze aber nicht, drum
war diese Ausgabe im Augenblick die ntigste.
    Ach, du liebe, gute Elsbeth! rief entzckt der Kleine, eine solche schne
Mtze hat ja nicht einmal der kleine Baronsjunge unten im ersten Stock ... Die
wird aufgesetzt, wenn ich auf die Jagd gehe, gelt, Papa?
    Auf die Jagd? lachte Elisabeth, du willst wohl auf die unglcklichen
Spatzen im Tiergarten schieen?
    Falsch geraten, Jungfer Else! jubelte der Kleine. Ja, im Tiergarten,
fgte er ernsthaft hinzu, da wrde ich schn ankommen ... nein, im Walde, im
wirklichen Walde, wo es von Hirschen und Hasen wimmelt, so da man gar nicht
erst zu zielen braucht, wenn man einen schieen will.
    Nun, ich bin sehr neugierig, was der Onkel zu dieser Ansicht vom edlen
Weidwerke meint, sagte lchelnd der Vater, dann nahm er einen Brief vom Tische
und gab ihn dem jungen Mdchen.
    Lies dies Schreiben, mein Kind, sagte er, es ist vom Frsteronkel, wie du
ihn nennst, aus Thringen.
    Elisabeth berflog die ersten Zeilen, dann aber las sie laut:
    ... Der Frst, dem ein Teller Sauerkraut mit Rauchfleisch bei mir besser zu
schmecken scheint, als die Pasteten seines franzsischen Kochs im Schlosse zu
L., blieb vorgestern mehrere Stunden bei mir im Forsthause. Er war sehr
leutselig und sagte mir, er wolle mir noch eine Art Forstschreiber beigeben,
denn er sehe ein, da zu viel auf meinen Schultern liege. Da nahm ich die
Gelegenheit beim Schopfe, das Wild stand schurecht, und wenn es entwischte, so
riskierte ich hchstens ein paar Rehposten ins Blaue hinein, was ich mir
freilich sonst nicht passieren lasse.
    Ich erzhlte ihm also, da Dich das Schicksal seit einer Reihe von Jahren
verteufelt aufs Korn genommen habe und Dich zwnge, bei Deinen schnen
Kenntnissen und Talenten am Hungertuche zu nagen. Der alte Herr wute gleich, wo
ich hinaus wollte, denn ich sprach gut deutsch, wie immer, und bis jetzt hat
mich auch noch keiner falsch verstanden, - es mten denn die vornehmen
Bisambchsen und Katzenbuckel sein, die um den Herrn scherwenzeln und ihm am
liebsten weismachen mchten, das ehrliche Deutsch sei zu grob fr frstliche
Ohren, und man knne nur auf franzsische Art mit ihm reden ... Nun, der alte
Herr meinte also, er sei geneigt, Dich als Forstschreiber anzustellen, weil er
mich - nun, hier hat er mir einige Dinge gesagt, die Du nicht zu wissen
brauchst, ber die ich alter Kerl mich aber ebenso gefreut habe, wie dazumal,
als unser alter Schulmeister nach dem Examen zu mir sagte: Karl, du hast deine
Sache wacker gemacht. ... Nun hat mir der Durchlauchtigste aufgetragen, dir
darber zu schreiben, und er will auch die ntigen Befehle geben -
dreihundertundfnfzig Thaler Gehalt, Holzbedarf frei. Ueberlege Dir's, das Ding
ist so bel nicht, und der grne Wald ist mir doch tausendmal lieber, als eure
vermaledeiten Dachkammern, wo Nachbars Katzen miauen, und wo der Rauch aus
Millionen Kaminschlnden euch in die Augen beit.
    Da Du mir nun aber nicht etwa denkst, ich sei auch so einer von den
Fuchsschwnzen, welche die Gnade ihres Herrn bentzen, um ihre Angehrigen ins
Aemtchen zu bringen. Siehst Du, wenn Du nicht wrst, was Du bist, d.h. wenn Du
Deine Sache nicht gelernt httest, da bi ich mir eher die Zunge ab, als da ich
meinen Herrn mit Dir betrgen mchte; hinwiederum wrde ich jeden wildfremden
Menschen mit Deinen Kenntnissen und Gesinnungen eben so warm empfehlen, wie Dich
... Nichts fr ungut, aber Du weit es ja, da ich niemals ein Freund von
unklaren Begriffen gewesen bin.
    Da kommt nun aber noch ein Kasus, der besprochen sein will. Eigentlich
mtest Du bei mir wohnen, und das ginge auch, wenn Du ein Junggeselle wrst,
der nur vier Wnde fr sein Ich und einen Kommodenkasten fr seine Vatermrder
und dergleichen Zeugs brauchte. Fr eine ganze Familie habe ich jedoch
schlechterdings keinen Platz in meinem einsamen, alten Rattenneste von
Forsthaus, das lngst eine eingreifende Kur ntig htte; aber die gestrengen
Herren von droben denken nicht eher dran, als bis die einbrechenden Balken den
Streusand ber die einhundertundfnfzigste Eingabe schtten. Das nchste Dorf
ist ber eine halbe, die nchste Stadt eine ganze Stunde entfernt vom Forsthause
- lt sich durchaus nicht einrichten; denn Du kannst bei dem Hundewetter, wie
wir's zum ftern hier erleben, nicht so weit laufen.
    Da hatte aber die alte Sabine, meine Haushlterin, die hier im nchsten
Dorfe geboren ist, einen pudelnrrischen Einfall. Das alte Schlo Gnadeck - der
brillante Nachla des hochseligen Herrn von Gnadewitz - liegt, wie ich Dir schon
schrieb, ungefhr einen Bchsenschu weit vom Forsthause. Nun meinte Sabine, als
sie noch eine rstige Dirne gewesen sei - das ist, nebenbei gesagt, weit ber
ein Vierteljahrhundert her - da hat sie als Stubenmdel bei den Gnadewitzens
gedient. Damals sei das neue Schlo noch nicht vollstndig eingerichtet gewesen
und habe nicht ausgereicht fr die vielen Gste, die jedes Jahr die groen
Jagden mitgemacht htten. Da sei nun der sogenannte Zwischenbau auf Schlo
Gnadeck - wahrscheinlich ein Verbindungsgebude zwischen zwei Hauptflgeln des
Schlosses - ein wenig aufgefrischt und hergerichtet worden. Sie selbst hat
droben die Betten machen und lften mssen, wobei sie sich immer sehr gefrchtet
haben will. Na, ich glaub's gerne; es steckt ja ohnehin unter der alten
Bandmtze ein ganzer Wust von Teufelsspuk und Hexengeschichten, sonst ist sie
aber eine ganz respektable Person, die meinen Haushalt am Schnrchen hat.
    Sie behauptet nun steif und fest, der Bau knne noch nicht so arg zerfallen
sein; denn er habe damals sehr fest ausgesehen und gebe doch vielleicht fr Dich
und die Deinen noch eine ganz hbsche Wohnung. Mglich wr's schon; aber ob
Deine Kinder sich nicht vor dem Hans Ruprecht und dergleichen frchten, wenn sie
in dem alten Mauerwerke hausen sollen?
    Du weit, da ich mich schwer gergert habe ber das nichtsnutzige
Vermchtnis des hochseligen Herrn von Gnadewitz, und es deshalb nicht ber mich
gewinnen konnte, das alte Nest, seit meiner Versetzung hierher, auch nur ein
einziges Mal anzusehen. Auf Sabines Aussage hin hat mir jedoch einer meiner
Burschen gestern nachmittag auf einen Baum klettern mssen, an der einzigen
Stelle, wo man in das Kuckucksnest sehen kann; er sagt aber, es liege da drin
alles durcheinander wie Kraut und Rben. Da war ich nun heute morgen drin in der
Stadt bei den Herren vom Gericht; aber sie gaben mir die Schlssel nicht heraus
ohne eine Vollmacht Deiner Frau und thaten berhaupt so ngstlich, als lgen die
Schtze von Golkonda in den alten Rumpelkammern. Keiner von denen, die damals
versiegelt haben, konnte mir sagen, wie's drin aussieht; denn sie waren
wohlweislich drauen geblieben, in der Meinung, es mchten einige Zimmerdecken
die Freundlichkeit haben, auf ihre weisen Kpfe zu fallen, und haben sich
begngt, das Hauptthor mit einem Dutzend handgroer Amtssiegel zu beklecksen.
Wre mir nun am allerliebsten, wenn wir die Dinge in Gemeinschaft besehen und
berlegen knnten; deshalb entscheide Dich mglichst rasch und mache Dich dann
mit den Deinen auf den Weg -
    Hier lie Elisabeth das Blatt sinken und richtete die leuchtenden Augen in
atemloser Spannung auf Ferber.
    Nun, und was hast du beschlossen, lieber Vater? fragte sie hastig.
    Je nun, erwiderte dieser mit ernstem Gesichte, es wird mir einigermaen
schwer, dir meinen Entschlu mitzuteilen, denn ich sehe deutlich an deinem
Gesichte, da du das schne, volksbelebte B. nicht um alles in der Welt mit der
Waldeinsamkeit vertauschen mchtest. Indes, erfahren mut du trotzdem, da dort
auf dem Schreibtische meine Bitte um die Stelle an den Frsten von L. bereits
kouvertiert und versiegelt liegt ... Es ist aber nicht mehr als billig, da wir
auch deine Wnsche dabei in Erwgung ziehen und deshalb sind wir durchaus nicht
abgeneigt, dich hier zu lassen, falls -
    Ach nein, wenn Elsbeth nicht mitgeht, dann will ich lieber auch hier
bleiben! unterbrach ihn der kleine Ernst, indem er sich angstvoll an die
Schwester schmiegte.
    Sei du nur ruhig, mein Herzchen, sagte Elisabeth lachend, ich finde schon
meinen Platz auf dem Wagen, und wenn nicht, nun, so weit du, ich bin mutig wie
ein Soldat und kann laufen wie ein Hase. Als Kompa habe ich die Sehnsucht nach
dem grnen Walde bei mir, die schon, als ich noch ein ganz, ganz kleines Kind
war, einen groen Winkel in meiner Seele eingenommen hat. So geht es tapfer und
bescheidentlich vorwrts auf meinen zwei eigenen Fen, und was will dann Papa
machen, wenn eines Abends ein armer, mder Wanderer mit zerrissenen Schuhen und
leerer Tasche vor dem alten Schlothore erscheint und Einla begehrt?
    Freilich mten wir aufmachen, rief lchelnd der Vater, wenn wir nicht
die Rache aller guten Geister, die ein mutiges Herz beschtzen, auf unser
morsches Dach herabbeschwren wollten! ... Uebrigens wirst du wohl an dem alten
Schlosse vorberziehen und an irgend eine einsame Bauernhtte im Walde anklopfen
mssen, wenn du uns finden willst; denn in dem Trmmerhaufen wird sich
schwerlich ein Asyl fr uns einrichten lassen.
    Das frchte ich auch, meinte die Mutter. Wir arbeiten uns mhsam durch
Hecken und Gestrpp, wie ehemals Dornrschens unglckliche Befreier, und finden
endlich -
    Die Poesie! rief Elisabeth. Ach, dann wre ja schon der erste Duft von
unserem Waldleben abgestreift, wenn wir nicht im alten Schlosse wohnen knnten!
Vier feste Mauern und eine guterhaltene Zimmerdecke werden doch wahrhaftig noch
in einem Turme oder dergleichen zu finden sein, und das brige lt sich mit
Nachdenken und willigen rstigen Hnden leicht beschaffen ... Wir stopfen Moos
in etwaige Mauerritzen, nageln Bretter ber unbequeme Thrbogen, die keinen
Flgel mehr haben, und tapezieren unsere vier Wnde selbst. Auf den
zerbrckelten Estrichfuboden legen wir eigenhndig geflochtene Strohmatten,
erklren den kleinen vierfigen Leckermulern in grauen Samtrckchen, die
unsern Speiseschrank attackieren, ernstlich den Krieg und gehen mit dem
Kehrbesen tapfer auf die groen Spinnen los, die ber unsern Kpfen hngend, in
aller Ruhe berlegen, ob sie sich nicht huslich darauf niederlassen sollen.
    Mit verklrten Augen, ganz versunken in ihre Trumereien von dem
demnchstigen Leben im frischen, grnen Walde, trat sie dann ans Klavier und
schlug den Deckel zurck. Es war ein altes, ausgespieltes Instrument, dessen
schwache, heisere Tne vollkommen harmonierten mit dem herabgekommenen Aeueren;
allein das Mendelssohnsche Lied: Durch den Wald, den dunkeln, geht u.s.w.
klang trotzdem hinreiend unter Elisabeths Fingern.
    Die Eltern saen lauschend auf dem Sofa. Der kleine Ernst war eingeschlafen.
Drauen hatte das Toben des Sturmes aufgehrt; aber an unverhllten Fenstern
vorber sank in wirbelnden Flocken massenhaft und lautlos der Schnee. Die
gegenberliegenden Schornsteine, die nicht mehr dampften, setzten langsam eine
dicke, weie Nachtmtze auf und blickten steif und kalt, wie das verdrieliche
Alter, hinber in die keine Mansardenstube, die mitten im Schneegestber hellen
Frhlingsjubel in sich schlo.

                                       3


Pfingsten! Ein Wort, das seinen Zauber auf das menschliche Gemt ben wird,
solange noch ein Baum blht, eine Lerche schmetternd in die Lfte steigt, und
ein klarer Frhlingshimmel ber uns lacht. Ein Wort, dessen Klang selbst unter
der hrtesten Eiskruste des Egoismus, unter dem Schnee des Alters und in dem
Herzen, das in Leid und Kummer erstarrt ist, noch ein Echo von Lenzeslust
erwecken kann.
    Pfingsten ist vor der Thr. Ein weiches Lftchen flattert ber die Thringer
Berge und streift von ihrem Scheitel die letzten Schneereste. Sie wirbeln
dampfend empor und verlassen als leuchtende Frhlingswlkchen die alte
Lagersttte, die es sich angelegen sein lt, ihre gefurchte Stirn mit einem
Geflechte von jungen Brombeerranken und rtlich blhendem Heidelbeerkraut zu
schmcken. Drunten braust jauchzend der khle Forellenbach aus dem Waldesdunkel
quer ber die buntgesprenkelten Thalwiesen. Die einsame Schneidemhle klappert
wieder lustig, und auf ihr niedriges, graues, geflicktes Schindeldach streuen
die Obstbume ihre Bltenflocken.
    Vor den Httenfenstern der einsamen Holzhacker und der Dorfbewohner, im
engen Kfig, singen die gelehrigen Gimpel, die whrend der Winterszeit in der
heien dunstigen Stube einen Lehrkursus der hheren Gesangskunst durchgemacht
haben, ihre knstlerischen Weisen. Und die drben im Walddickicht jubeln
ungeschult, aber unendlich ser und herzergreifender - sie baden ja die kleine
Sngerbrust im goldenen Strome der Freiheit.
    Wo noch vor wenig Wochen die gewaltigen Schneewasser im selbstgeschaffenen
Bette herabschumten, da weben jetzt die Moose ungestrt ihren buntgefleckten
Teppich und legen ihn weich und schonend um die narbenvolle Brust des Berges,
und hier und da von dem feinen, silbernen Geder durchbrochen, das eine
hervorsprudelnde Quelle hinabschickt.
    Auf der Chaussee, die durch einen reizenden Thalgrund des Thringer Waldes
fhrt, rollte in einer bepackten Postchaise die Familie Ferber ihrer neuen
Heimat zu. Es war frh am Morgen, eben verkndete das dnne, scharfe Stimmchen
einer kleinen Turmglocke in der Nhe die dritte Stunde. Deshalb hatten auch nur
der alte verdrieliche Wegweiser an der Chaussee und ein Rudel stattlicher
Hirsche, das am Saume des Waldes erschien, den kstlichen Anblick eines jungen,
glcklich lchelnden Menschenangesichts.
    Elisabeth hatte sich weit aus dem dumpfen Wagen gebogen und sog mit tiefen
Atemzgen die krftige Waldluft ein, die, wie sie behauptete, auf der Stelle
Lungen und Augen von dem Staube der verlassenen Hauptstadt reingewaschen habe.
Ferber sa ihr sinnend gegenber. Auch er erquickte sich an der Lieblichkeit und
Anmut der Gegend; noch mehr aber bewegten ihn die leuchtenden Augen seines
Kindes, das den Zauber einer schnen Natur so tief empfand, und das so
unaussprechlich dankbar war fr die neue Gestaltung der Verhltnisse ... Wie
hatte sie fleiig die kleinen Hnde gerhrt, als endlich das heiersehnte
Ernennungsdekret des Frsten von L. erschienen war! Da gab es tchtig zu
schaffen. Alle Umzugssorgen der Eltern hatte sie treulich mit auf ihre Schultern
genommen. Der Frst hatte zwar dem neuen Diener ein anstndiges Reisegeld
bewilligt, und auch vom Frsteronkel war eine Geldbeisteuer eingelaufen, allein
das wollte trotz der ngstlichen Berechnung bei weitem nicht reichen, und
deshalb beutete Elisabeth auch noch die wenigen Tagesstunden, die fr ihre
Erholung bestimmt waren, insofern aus, als sie Arbeiten fr ein
Weiwarengeschft bernahm; ja manche Nacht, whrend die Eltern arglos schon
daneben im Alkoven schliefen, durchwachte sie bei der Nadel.
    In all dies rege Streben und Schaffen war nur ein einziger bitterer Tropfen
gefallen, der dem jungen Mdchen aber auch einige schwere Thrnen entlockte: das
war, als zwei Mnner kamen und ihr liebes Klavier auf die Schultern luden, um es
dem neuen Besitzer zu bringen. Es hatte fr wenige Thaler verkauft werden
mssen, weil es alt und gebrechlich war und voraussichtlich einen so weiten
Transport nicht mehr aushalten konnte. Ach, das war ja immer ein so guter, alter
Freund der Familie gewesen! Sein dnnes, zitterndes Stimmchen hatte Elisabeth so
traut und lieb geklungen, wie die Stimme der Mutter! ... Und nun fuhren
vielleicht mutwillige Kinderhnde gefhllos ber die ehrwrdigen Tasten und
qulten das alte Instrument, die schwache Stimme zu verstrken, bis es fr immer
schwieg ... Doch der Schmerz war jetzt auch berwunden und lag hinter ihr, wie
so manches, was sie schweigend entbehrt und geleistet hatte, und wie sie so
dasa, mit den frhlich glnzenden Augen in die Morgendmmerung hineinblickend,
als steige vor ihr aus dem grauen Schleier eine Prophezeiung voll knftigen
Glckes, wer htte da an der jugendlichen Gestalt voll Lebensfrische und
Elastizitt auch nur eine Spur der mhevollen letzten Wochen entdecken knnen?
    Noch ungefhr eine halbe Stunde fuhren die Reisenden die glatte, ebene
Chaussee entlang, dann bogen sie seitwrts ab in den dunkeln Wald, durch den ein
gutgehaltener Fahrweg lief. Die Sonne zeigte sich bereits in voller Pracht am
Himmel und blickte verwundert lchelnd auf die Erde, die ohne Vorwissen ihrer
hohen, leuchtenden Protektorin sich ber Nacht einen prchtigen Brillantschmuck
angeschafft hatte. Nach Mitternacht war ein starkes Gewitter ber die Gegend
gezogen; es hatte viel geregnet, noch hingen schwere Tropfen an Bumen und
Gestruchen und fielen rauschend auf das Wagenverdeck, wenn der Postillon mit
der Peitsche einen niederhngenden Ast berhrte ... Welch ein prchtiger Wald!
Aus dichtem Unterholze stiegen die mchtigen Baumkolosse himmelan und
verschlangen droben brderlich ihre breiten, vollen Aeste, als gelte es, Licht
und Luft wie zwei tdliche Feinde von der stillen, verschwiegenen Heimat
abzuwehren. Nur manchmal schmuggelte sich ein feiner, grngefrbter Sonnenstrahl
von Ast zu Ast hinab auf die gefiederten Grser und die kleinen Erdbeerblten,
die massenhaft, wie hingestreute Schneeflocken, den Boden bedeckten und ihre
weien Kpfchen vorwitzig an die Landstrae legten.
    Nach kurzer Fahrt lichteten sich die Bume und bald darauf zeigte sich das
mitten auf einer Waldwiese gelegene alte Jagdhaus. Der Postillon stie in sein
Horn; zugleich erhob sich wtendes Hundegeklff, und eine groe Schar Tauben
verlie erschrocken und unter lautem Gerusch den gezackten Giebel des Hauses.
    In der offenen Thr stand ein Mann in Jagduniform, eine wahre Hnengestalt
mit einem ungeheuren Barte, der fast bis auf die Brust reichte. Er hielt die
Hand ber die Augen und blickte angestrengt nach dem nher kommenden Wagen; dann
aber sprang er mit einem lauten Ausrufe die Stufen herab, ri den Wagenschlag
auf und zog den herausspringenden Ferber an seine Brust ... Beide Brder hielten
sich einen Augenblick schweigend in den Armen, bis der Oberfrster den
Angekommenen leise von sich schob und, ihn an den Schultern haltend, die ganze
schmale, blasse Gestalt prfend musterte.
    Armer Adolph! sagte er endlich, und die tiefe Stimme klang bewegt. So hat
dich das Schicksal zugerichtet? Na, warte nur, du sollst mir hier gesund werden,
wie ein Fisch im Wasser ... noch ist alles wieder gutzumachen ... Sei mir
tausendmal willkommen! Und nun wollen wir auch zusammenhalten, bis das groe
Halali geblasen wird, wo wir freilich nicht gefragt werden, ob wir bei einander
bleiben wollen oder nicht.
    Er suchte seine Rhrung zu beherrschen und half seiner Schwgerin und dem
kleinen Ernst, den er herzte und kte, aus dem Wagen.
    Nun, sprach er, ihr seid frh aufgebrochen, das mu ich sagen - passiert
sonst nicht, wenn Weibsleute dabei sind.
    Was denkst du denn von uns, Onkel? rief Elisabeth. Wir sind keine
Schlafmtzen und wissen recht gut, wie die Sonne aussieht, wenn sie der Erde
ihren ersten Morgenbesuch macht.
    Heisa! rief berrascht und laut lachend der Oberfrster, was rsoniert
denn da hinten in der Wagenecke? ... Na, komm heraus, kleine Krabbe!
    Ich klein? ... Nun, Onkelchen, du wirst dich schn wundern, wenn ich erst
aussteige, was fr ein groes Mdchen ich bin! Mit diesen Worten sprang
Elisabeth auf den Boden und stellte sich, alle Glieder mglichst streckend, auf
die Zehen neben ihn. Allein, obgleich ihre schlanke, leicht aufgebaute Gestalt
die Mittelgre berschritt, so sah es dennoch in diesem Augenblicke aus, als
wolle sich die zierliche Bachstelze mit dem gewaltigen Adler messen.
    Siehst du, sagte sie ein wenig kleinlaut, ich reiche doch beinahe bis an
deine Schulter, und das ist fr ein respektables Mdchen mehr als genug.
    Der Onkel sah, sich kerzengerade haltend, mit schalkhaftem Blicke und
vergngt in sich hineinlachend, einen Augenblick seitwrts auf sie nieder; dann
aber hob er sie pltzlich wie eine Feder vom Boden auf und trug sie unter dem
Gelchter der anderen auf seinem Arme in das Haus, wo er mit wahrer Donnerstimme
schrie:
    Sabine, Sabine, komm hierher, ich will dir zeigen, wie in B. die Zaunknige
aussehen!
    Im Hausflur setzte er die Erschrockene sacht und vorsichtig wie ein
zerbrechliches Spielzeug nieder, nahm ihren Kopf sanft zwischen seine beiden
groen Hnde, kte sie wiederholt auf die Stirn und rief: Solch ein Liliput,
solch eine Mondscheinprinzessin meint so gro zu sein wie ihr groer Onkel ...
Kleine Waldhexe, du kannst freilich wissen, wie die Sonne aussieht, hast ja den
Kopf voll Sonnenstrahlen!
    Dem jungen Mdchen war infolge des Sturmschrittes, den der Onkel bei der
Entfhrung angenommen, der Hut vom Kopfe gefallen, wobei eine auergewhnliche
Flle blonden Haares sichtbar wurde, dessen klarer Goldglanz um so mehr
auffallen mute, als ihre sehr schn gezeichneten Augenbrauen und die langen
Wimpern tiefschwarz waren.
    Aus einer Seitenthr war indessen eine alte Frau getreten, und oben am
Treppengelnder des ersten Stockwerkes zeigten sich einige Mnnergesichter, die
jedoch schnell wieder verschwanden, als der Oberfrster hinaufblickte. Na,
lauft nur nicht davon, gesehen hab ich euch nun schon einmal! rief er lachend.
Es sind meine Burschen, wendete er sich zu seinem Bruder, die Kerls sind
neugierig wie die Spatzen; nun, heute mag ich's ihnen nun gerade nicht
verdenken! meinte er schelmisch lchelnd mit einem heimlichen Seitenblicke auf
Elisabeth, die abgewendet, ihre gelsten Flechten wieder um den Kopf schlang.
Dann nahm er die alte Frau bei der Hand und fhrte sie in feierlich-komischer
Weise folgendermaen vor:
    Jungfer Sabina Holzin, Minister der inneren Angelegenheiten des Hauses,
hohe Polizei fr alles, was in Hof und Stall des Forsthauses sich des Lebens
freut, und endlich unumschrnkte Herrscherin im Kchendepartement ... Bringt sie
das Essen auf den Tisch, so folgt getrost ihrem Winke, denn ihr geht einen guten
Weg, lt sie sich aber bedrohlicher Weise an, ihre Sagen und Geistergeschichten
auszukramen, so lauft, was ihr laufen knnt, denn da gibt's kein Ende ... Und
nun, wandte er sich zu der lachenden Alten, die eigentlich grundhlich war,
trotzdem aber durch einen Zug von Schelmerei und Humor um Mund und Augen, durch
ihren treuherzigen Blick und mittels der fleckenlosen Sauberkeit ihres Anzuges
sofort alle fr sich einnahm, bringe schnell, was Kche und Keller vermgen.
Hast ja deshalb die Pfingstkuchen frher gebacken, damit die Reisenden gleich
was Frisches einzubrocken htten.
    Damit zeigte er nach der Kche und ffnete zugleich die Thr einer
gerumigen, hellen Eckstube. Alle traten ein, nur Elisabeth konnte nicht
unterlassen, noch einen Blick durch die groe Thr zu werfen, die nach dem Hofe
fhrte; denn durch das weie Staket, das den weiten, von Geflgel aller Art
bevlkerten Raum auf zwei Seiten umschlo, leuchteten farbige Blumenbeete, und
einige sptblhende Aepfelbume streckten ihre rosenfarbenen Zweige weit in den
Hof herein. Der Garten war gro, stieg terrassenartig den Berg hinauf und nahm
noch einige Vortruppen des Waldes, eine schne Gruppe alter Buchen, mit in sein
Bereich. Whrend Elisabeth wie angefesselt sinnend im Hausflur lehnte, wurde die
Thr eines Seitenflgels geffnet, und ein junges Mdchen trat heraus. Es war
auffallend hbsch, wenn auch fast zu klein von Gestalt, was, wie es schien, die
Natur wieder auszugleichen gesucht hatte durch die weitgeffneten groen Augen,
die wie prchtige Sonnen flammten. Das ppige, dunkle Haar war mit
unverkennbarer Koketterie aufgenestelt und lie einige zartgekruselte Lckchen
auf die plastisch geformte, bleiche Stirn fallen. Auch der Anzug, obschon sehr
einfach im Stoffe, zeigte eine fast peinliche Sorgfalt im Arrangement, und der
aufmerksame Beobachter konnte mit dem besten Willen nicht annehmen, da man das
Oberkleid lediglich aus Schonung des Saumes in so zierlichen Falten aufgesteckt
habe; denn zwei reizend geformte Fchen hatten eine auffallend feine Toilette
gemacht, die sicher nicht bestimmt war, unter dem langen Wollkleide zu
verkmmern.
    Das junge Mdchen hielt eine Mulde mit Getreidekrnern im Arme und warf
davon eine Handvoll auf das Pflaster. Alsbald entstand ein groer Lrm, von den
Dchern strzten sich die Tauben, die Hhner verlieen unter lautem Gegacker
Stangen und Nester, und der Hofhund glaubte bei dem allgemeinen Aufstande sich
auch mit einem lauten Gebelle beteiligen zu mssen.
    Elisabeth war berrascht. Der Onkel war zwar verheiratet gewesen, hatte aber
nie Kinder gehabt, das wute sie genau; wer also war das junge Mdchen, das er
nie in einem seiner Briefe erwhnt hatte? ... Sie ging die Stufen hinab, die
nach dem Hofraume fhrten, und trat der jungen Fremden einige Schritt nher.
Gehren Sie auch ins Forsthaus? fragte sie freundlich.
    Die schwarzen Augen hefteten sich fast stechend auf die Fragerin und
drckten einen Augenblick unverkennbar groe Ueberraschung aus; dann erschien
ein Zug von Hochmut um die feinen Lippen, die sich noch fester aneinander zu
schlieen schienen als vorher; die Augenlider fielen bald ber die glnzenden
Augen, welche sich abwendeten, und ruhig und schweigsam, als wisse sie gar
nicht, da jemand neben ihr stehe, fuhr sie fort, die Krner in den Hof zu
werfen.
    In dem Augenblick ging Sabine, das Kaffeebrett auf dem Arme, an der Hofthr
vorber. Sie winkte der tiefbetroffenen Elisabeth, und als diese nher kam,
fate sie ihre Hand und zog sie in das Haus, indem sie sagte: Kommen Sie,
Kindchen, das ist nichts fr Sie.
    In dem Wohnzimmer fand Elisabeth alle schon so gemtlich und vertraut
zusammen, als htte man tagtglich bei einander gesessen. Die Mutter hatte in
einem bequemen Lehnstuhle Platz genommen, den ihr der Oberfrster an das Fenster
gerckt hatte, und von wo aus sie einen lieblichen Fernblick durch den Wald
geno. Eine groe getigerte Katze war vertraulich auf ihren Scho gesprungen und
lie sich mit sichtbarem Behagen das Streicheln der sanften Hand gefallen. Fr
den kleinen Ernst aber waren die vier Wnde des Zimmers eine wahre Fundgrube
aller mglichen interessanten Dinge. Er kletterte von Stuhl zu Stuhl und stand
eben in wortloser Bewunderung vor einem groen Glaskasten, der eine prchtige
Schmetterlingssammlung enthielt. Die zwei Mnner saen auf dem Sofa, eifrig ber
den knftigen Wohnsitz der Familie beratschlagend, und Elisabeth hrte, wie eben
der Onkel sagte: Nun, wenn sich auf dem Berge kein Quartier fr euch einrichten
lt, so bleibt ihr einstweilen droben in meiner Stube. Ich richte meinen
Schreibtisch und meine sonstigen Habseligkeiten unten ein, und dann bombardiere
ich die in der Stadt so lange, bis sie mir drben auf den Seitenflgel ein neues
Stockwerk setzen lassen.
    Elisabeth legte den Reisemantel ab und war der alten Sabine behilflich, den
Kaffeetisch herzurichten. Auf die Glckseligkeit, die ihr ganzes Herz erfllte,
war soeben der erste Schatten gefallen. Mit Unfreundlichkeit war man ihr noch
nie begegnet. Da sie dies dem Liebreiz ihrer Gestalt, der Reinheit und
Kindlichkeit ihres Wesens verdanke, deren Einflusse sich oft die rohesten
Gemter nicht zu entziehen vermgen, davon hatte sie keine Ahnung. Sie hatte das
so hingenommen als eine Sache, die sich ganz von selbst verstehe, da sie es ja
mit allen Menschen wohlmeine und nie sich eine Unhflichkeit gestatte. Ihre
Ueberraschung und Freude, ein junges Mdchen von gleichem Alter hier zu finden,
waren zu gro gewesen, als da ihr nun die Zurckweisung nicht doppelt weh thun
sollte. Auch hatte das schne Gesicht der Fremden ihr lebhaftes Interesse
geweckt. Das Gemachte in der Erscheinung war ihr als solches durchaus nicht
aufgefallen, da sie selbst das Verlangen gar nicht kannte, ihr Aeueres durch
besondere Hilfsmittel der Toilette zu heben. Die Eltern hatten ihr stets gesagt,
sie mge ihren Geist bereichern, so viel sie knne, und sich bestreben immer
besser zu werden, dann wrde auch ihre uere Erscheinung nie abstoend sein,
gleichviel welche Form die Natur verliehen habe.
    Das Nachdenkliche in Elisabeths Zgen fiel der Mutter sogleich auf. Sie rief
sie zu sich, und Elisabeth wollte ihr die Begegnung erzhlen, aber schon nach
den ersten Worten drehte sich der Oberfrster nach ihr um. Eine tiefe Falte
erschien zwischen den buschigen Augenbrauen und machte das Gesicht finster und
grimmig.
    So, sagte er, hast du die schon gesehen? ... Nun, dann will ich euch auch
erzhlen, wer und was sie ist. Ich habe sie vor mehreren Jahren in mein Haus
genommen, um eine Sttze fr Sabine im Hauswesen zu haben. Sie ist eine
Verwandte meiner verstorbenen Frau und hat weder Eltern noch Geschwister. Ich
wollte ein gutes Werk thun und habe mir damit eine Rute aufgebunden, die mich
zchtigt, ohne da ich gesndigt htte ... Schon in den ersten Wochen merkte
ich, da in dem Kopfe auch nicht ein gesunder Gedanke stecke ... nichts als ein
Wust von berspannten Ideen und ein unglaublicher Hochmut. Ich hatte nicht bel
Lust, sie wieder dahin zu schicken, wo sie hergekommen, aber da lamentierte die
Sabine und bat vor, obgleich sie am allerwenigsten Ursache dazu hatte; denn das
junge Ding machte ihr schwer zu schaffen, war naseweis und kehrte bei jeder
Gelegenheit die Verwandte des Herrn gegen die alte Dienerin heraus ... Ich
drckte ihr den Daumen aufs Auge, soviel ich konnte, und lie sie tchtig
schaffen und arbeiten, um ihr den Hochmutsteufel auszutreiben, und da ging's
auch eine Zeitlang ertrglich ... Da lebt aber da drben auf Lindhof - das ist
die ehemals Gnadewitzsche Besitzung, die der Universalerbe an einen Herrn von
Walde verkauft hat, - seit ungefhr einem Jahre eine Baronin Lessen. Der
Besitzer selbst, der weder Frau noch Kinder hat, ist so eine Art
Altertumsforscher, reist viel und lt deshalb seine einzige unverheiratete
Schwester durch die genannte Dame beschtzen - Gott sei's geklagt! denn seitdem
ist alles dort auf den Kopf gestellt ... Wenn mir frher gesagt wurde, das ist
ein Frommer, da hatte ich Respekt und nahm meine Kappe ab; jetzt mache ich eine
Faust und mchte am liebsten die Kappe ber Augen und Ohren ziehen, denn die
Welt hat sich verkehrt ... Die Baronin Lessen gehrt auch zu den Frommen, die
vor lauter gottseligem Wandeln hart, grausam und engherzig werden, die
denjenigen, der nicht immer die Augen heuchlerisch am Boden hat, sondern sie
aufschlgt nach oben, wo er seinen Gott sucht, hartnckiger verfolgen, als meine
Meute das Wild ... In dies Gehege ist denn nun meine vortreffliche Nichte auch
geraten; ein besseres Feld fr all das Unkraut in ihrem Kopfe konnte es nicht
geben, und da haben wir denn nun auch die allerliebste Bescherung. Sie hatte mit
einer Kammerjungfer da drben Bekanntschaft gemacht und brachte ihre ganze freie
Zeit dort zu. Anfangs hatte ich kein Arges, bis sie auf einmal mit
Bekehrungsversuchen anfing ... Da sollte die Sabine nicht fromm sein, weil sie
nicht des Tages wenigstens zehnmal die dringende Arbeit stehen lie, um zu beten
... die arme Alte, die durch Wind und Wetter, oft schwer von Rheumatismus
geplagt, jeden Sonntag nach Lindhof in die Kirche geht und ein arbeitsvolles,
pflichtgetreues Leben hinter sich hat, ein Pfund, das eine lebenslngliche
Knierutscherei bei Nichtsthun jedenfalls zehnmal aufwiegt ... Auch an mich wagte
sich die Moralpredigerin; aber da kam sie an den Rechten - sie hat es bei einem
Versuche bewenden lassen. Ich verbot ihr nun den Umgang mit den Leuten auf
Lindhof. Das hat mir freilich wenig geholfen; denn jeden unbewachten Moment hat
sie bentzt, um heimlicherweise hinber zu schlpfen ... Von einer Dankbarkeit
gegen mich, der ich fr sie sorge, ist nicht die Rede; es fehlt jedes innere
Band zwischen ihr und mir, und da ist es fr mich doppelt schwer, sie zu hten.
Gott mag nun wissen, welche fixe Idee sie in ihrem Kopfe ausgebrtet hat, genug,
seit ungefhr zwei Monaten ist sie vollstndig stumm, aber nicht allein hier im
Hause, sondern gegen alle Menschen. Seit der Zeit ist auch nicht ein Laut ber
ihre Lippen gekommen. Weder Strenge noch ruhiges Zureden richten etwas aus. Sie
verrichtet ihre Geschfte nach wie vor, it und trinkt wie jeder andere gesunde
Mensch, und ist nicht um ein Jota weniger eitel als sonst. Weil sie aber ihre
roten Backen verlor und bla aussah, so befragte ich einen Arzt, der sie schon
frher behandelt hatte. Der sagte mir, sie sei krperlich ganz gesund, scheine
ihm aber eine hchst exaltierte Person zu sein, und da schon in ihrer Familie
Flle von Geistesstrungen vorgekommen seien, so mchten wir sie ruhig gewhren
lassen. Sie wrde mit der Zeit des Schweigens selbst berdrssig werden und
eines schnen Tages sprechen wie eine Elster ... Nun meinetwegen, ich will's
drauf ankommen lassen; da ich aber damit ein schweres Opfer bringe, das ist
gewi. Ich habe mein Lebtag keine sauertpfische Miene um mich leiden mgen und
will lieber Salz und Brot essen inmitten frhlicher Gesichter, als die
kstlichsten Leckerbissen bei Duckmusern ... Na, kleines Goldkpfchen, wandte
er sich an Elisabeth, indem er mit der Hand ber die Stirn strich, als wolle er
alle rgerlichen Gedanken wegwischen, schiebe dein Mtterlein fein suberlich
im Lehnstuhle hierher an den Tisch, binde dem kleinen Kerl da, der sich blind
guckt an meinem Gewehrschranke, eine Serviette um den Hals, und nun wollen wir
zusammen frhstcken. Dann mgt ihr Rast halten und die Glieder ein wenig ruhen
lassen von der langen Reise. Nach Tische aber geht's hinauf nach Schlo Gnadeck.
Es wird gut thun, wenn ihr die Augen durch etwas Schlaf vorher strkt, denn sie
mchten Schaden leiden unter all dem Glanze, den wir da droben vorfinden
werden.
    Nach dem Frhstcke, whrend Vater und Mutter schliefen, und der kleine
Ernst in einem groen Bette von den Wunderdingen in der Forsthausstube trumte,
packte Elisabeth das Ntigste in der Oberstube aus. Sie htte um alles in der
Welt nicht schlafen knnen. Immer wieder trat sie an das Fenster und blickte
hinber nach dem waldigen Berge, der hinter dem Forsthause emporstieg. Dort oben
aus den Baumwipfeln erhob sich ein feiner schwarzer Strich und zeichnete sich
scharf von dem tiefblauen Himmel ab. Das war, wie ihr die alte Sabine gesagt
hatte, eine uralte Eisenstange auf dem Dache des Schlosses Gnadeck, von welcher
in lngst versunkenen Zeiten das stolze Banner der Gnadewitze geflattert hatte
... Fand sich wohl hinter jenen Bumen das seit Jahren heiersehnte Asyl, wo die
Eltern ihre mden Fe ausruhen konnten vom mhsamen Wandern auf nicht
heimischer Erde?
    Auch in den Hof fielen ihre suchenden Blicke; aber das stumme Mdchen lie
sich nicht mehr sehen. Sie war auch nicht beim Frhstck erschienen und schien
sich vorgenommen zu haben, jede Berhrung mit den Gsten zu vermeiden. Das that
Elisabeth leid. Die Schilderung des Onkels hatte zwar einen sehr unerquicklichen
Eindruck auf sie gemacht, allein ein junges Gemt gibt seine Illusionen nicht so
leicht auf und lt sich lieber durch das Zerspringen seiner bunten Seifenblasen
enttuschen, als durch die weisen Erfahrungen des Alters ... Das schne Mdchen,
das sein Geheimnis so beharrlich hinter den Lippen verschlo, wurde ihr nun
doppelt interessant, und sie erschpfte sich in Vermutungen ber den Grund
dieses Schweigens.

                                       4


Nach dem Essen, das in heiterster Weise verflossen war, holte Sabine eine
gestopfte Pfeife vom Eckbrette und brachte sie nebst einem brennenden Fidibus
dem Oberfrster. Was fllt dir ein, Sabine? sagte er abwehrend und mit
komischer Entrstung. Meinst du, ich knnte es bers Herz bringen, in aller
Ruhe eine Pfeife zu rauchen, whrend es der kleinen Else da in den Fen
kribbelt und krabbelt, den Berg hinaufzulaufen und die kleine Nase in das
Zauberschlo zu stecken? Nein, jetzt meine ich, knnten wir unsere
Entdeckungsreise antreten.
    Alles machte sich fertig. Der Oberfrster reichte seiner Schwgerin den Arm
und fort ging es durch Hof und Garten. Drauen schlo sich ein Mann der
Gesellschaft an; es war ein Maurer aus dem nchsten Dorfe, den der Oberfrster
bestellt hatte, um ntigenfalls bei der Hand zu sein.
    Es ging ziemlich steil bergauf durch den dichten Wald, auf einem wenig
betretenen engen Wege, der sich jedoch allmhlich etwas erweiterte und endlich
in einen kleinen, freien Platz auslief, hinter welchem sich, wie es schien, ein
hoher, grauer Felsen erhob.
    Hier habe ich das Vergngen, sagte der Oberfrster sarkastisch lchelnd zu
dem erstaunten Ferber, dir das Vermchtnis des hochseligen Herrn von Gnadewitz
in seiner Herrlichkeit vorzustellen.
    Sie standen vor einer ungeheuren Mauer, die allerdings wie ein einziger
Granitblock aussah. Von den Gebuden, die hinter ihr lagen, konnte man schon
deshalb keine Spur sehen, weil der Wald sich zu nahe herandrngte und dem
Beschauer kein Zurcktreten gestattete. Der Oberfrster schritt die Mauer
entlang, deren Fu dichtes Gestrpp umwob, und machte endlich Halt vor einem
mchtigen eichenen Thore, dessen oberer Teil in ein eisernes Gitter auslief.
Hier hatte er tags zuvor das Gebsch wegrumen lassen und zog nun einen Bund
groer Schlssel hervor, welche Frau Ferber gestern auf der Durchreise in L. in
Empfang genommen hatte.
    Es bedurfte bedeutender Anstrengung der drei Mnner, ehe die verrosteten
Schlsser und Riegel sich ffnen lieen. Endlich drehte sich das Thor krachend
in den Angeln und wirbelte eine mchtige Staubwolke in die Hhe. Die
Eintretenden befanden sich in einem auf drei Seiten von Gebuden umschlossenen
Hofraume. Ihnen gegenber dehnte sich die imposante Front des Schlosses, zu
dessen erstem Stocke von auen eine breite Steintreppe mit schwerflligem
Eisengelnder fhrte. Lngs der Seitenflgel liefen dstere Kolonnaden, deren
granitene Sulen und Bogen unberwindlich der Zeit zu trotzen schienen. Inmitten
des Hofes breiteten einige alte Kastanien ihre drftigen Aeste ber ein
ungeheures Becken, in dessen Mitte vier steinerne Lwen mit aufgesperrtem Rachen
lagerten. Frher mochten hier vier starke Wasserstrahlen aus den Tiefen der Erde
emporgestiegen sein und das Bassin gefllt haben; jetzt aber flo nur noch ein
schwaches Brnnlein durch die druenden Zhne des einen Ungeheuers, gerade stark
genug, um die naseweisen Grashalme zwischen den Steinritzen des Beckens zu
bespritzen und durch sein leises, melancholisches Rieseln einen schwachen Schein
von Leben in die Wstenei zu hauchen. Die ueren Mauern der Gebude und die
Sulengnge waren das einzige in diesem Raume, an welchem der Blick ohne Angst
haften konnte. Die aller Glasscheiben beraubten Fensterhhlen zeigten eine
greuliche Verwstung im Innern. In einigen Zimmern waren die Decken bereits
eingestrzt, in andern bogen sich die Balken hernieder, als wollten sie bei der
leisesten Berhrung zusammenbrechen. Die uere Treppe hing drohend halb in der
Luft; einige schwere, grnbemoste Steine hatten sich bereits gelst und waren
bis zur Mitte des Hofes gerollt.
    Hier ist nichts zu machen, sagte Ferber, gehen wir weiter.
    Durch einen tiefen, finsteren Thorweg traten sie in einen zweiten Hof, der,
obgleich bei weitem grer als der erste, doch einen noch viel unheimlicheren
Eindruck machte, und zwar durch seine Unregelmigkeit. Hier trat ein
zusammensinkender, dsterer Bau weit in den Hof herein und bildete eine dunkle
Ecke, in die kein Sonnenstrahl fiel; dort stieg ein dumpfer Turm in die Hhe und
warf einen tiefen Schatten auf den hinter ihm liegenden Flgel. Ein alter
Holunderbusch, der in einer Ecke kmmerlich sein Leben fristete, und dessen
Bltter mit herabgefallenem Mrtel bedeckt waren, sowie einzelne graue Grser
zwischen dem Pflaster lieen die Oede noch trauriger erscheinen. Kein Laut
unterbrach die Totenstille, die hier waltete; selbst eine Dohlenschar, die
droben das heitere Blau des Himmels durchschnitt, flog lautlos vorber, und
deshalb klang den Eintretenden das Gerusch ihrer eigenen Schritte auf dem
hallenden Steinpflaster fast gespenstisch.
    Da haben nun, sagte Ferber, ergriffen von dem Anblicke des Verfalles
ringsum, die alten, gewaltigen Herren Steinmassen aufgehuft und gemeint, die
Wiege ihres Geschlechts werde, fest und unzerstrbar, durch alle Zeiten den Ruhm
ihres Namens verknden. Ein jeder hat sich, wie der verschiedene Baustil zeigt,
das Erbe nach Bedrfnis und Geschmack eingerichtet, als ob da nie ein Ende
kommen knne ...
    Und doch wohnte er nur ein kleines Weilchen zur Miete, unterbrach ihn der
Oberfrster, und mute es sich zuletzt sogar gefallen lassen, da der groe
Hausherr, die Erde, ihn selbst mit Haut und Haar als Mietzins einforderte ...
Doch gehen wir weiter ... Brr, mich friert ... hier ist Tod, nichts als Tod!
    Nennst du das Tod, Onkel? rief pltzlich Elisabeth, die bis dahin
beklommen geschwiegen hatte, indem sie nach einem Thorbogen zeigte, der halb von
einem vorspringenden Pfeiler bedeckt wurde. Dort hinter einer Gitterthr
schimmerte sonnenbeschienenes Grn, und junge Heckenrosen schmiegten ihre
Kpfchen an die Eisenstbe.
    Elisabeth war mit wenigen Sprngen an der Thr, die sie mit einem krftigen
Rucke aufstie. Dieser ziemlich groe, freie Platz, vor dem sie stand, mochte
wohl ehemals den Garten vorgestellt haben - jetzt konnte man die grne Wildnis
unmglich noch so nennen, denn nicht ein fubreit Weges war zu entdecken, kaum
da hier und da der verstmmelte Kopf einer Statue unter dem Gewirre von
Stauden, Gestruchen und Schmarotzerpflanzen erschien. Die wilde Weinrebe lief
in dicken Strngen bis an das obere Stockwerk der Gebude, rankte sich an den
Fenstersimsen fest und fiel von dort wie ein grner Regen wieder auf die
blhenden wilden Rosen und Fliederstruche hernieder. Es war ein Schwirren und
Summen auf diesem abgeschiedenen, blhenden Fleckchen Erde, als ob der Frhling
seine ganzen geflgelten Heerscharen hier versammelt hielte. Zahllose
Schmetterlinge flatterten durch die Luft, und ber die riesigen Fcher der
Farnkruter zu Elisabeths Fen liefen geschftig goldglnzende Kfer. Ueber all
dies Blhen und Treiben erhoben einige Obstbume und mehrere schne Linden ihre
Kronen, und auf einer kleinen Anhhe lagen die Ueberreste eines Pavillons.
    Der Garten war auf drei Seiten von zweistckigen Gebuden umgeben, und das
Viereck des Raumes wurde durch eine Art hohen Dammes vervollstndigt, ber den
die Wipfel der Waldbume hereinsahen. Auch hier trugen die Baulichkeiten das
Geprge des Verfalles; abermals ziemlich gut erhaltene Mauern nach auen, doch
vollstndige Verwstung im Innern. Nur ein zwischen zwei hohe Flgel
eingeklemmter, einstockiger Bau fiel auf durch sein dunkles Aussehen. Er war
nicht durchsichtig, wie die anderen decken- und threnlosen Gebude; das flache
Dach, das an beiden Seiten schwere Steingelnder hatte, mute Sturm und Wetter
Trotz geboten haben, wie die grauen Fensterlden auch, die hier und da unter dem
Wuste von Schlingpflanzen hervorsahen. Der Oberfrster meinte mit prfendem
Blicke, dies sei hchst wahrscheinlich Sabines berhmter Zwischenbau;
mglicherweise sei er innen nicht so despektierlich zugerichtet, wie die anderen
Baulichkeiten; nur begreife er nicht, wie man zu dem angeklebten Schwalbenneste
gelangen knne. Allerdings war weder von Treppen noch Thren eine Spur zu sehen,
was freilich schon durch das undurchdringliche Gebsch am Erdgeschosse unmglich
wurde. Man beschlo deshalb, das Besteigen einer ausgetretenen, aber noch
ziemlich festen Steintreppe in einem der groen Flgel zu wagen und so auf das
Ziel loszusteuern. Es gelang, wenn auch unter bestndigem Anklammern an die
unebene Mauer. Sie kamen zuerst durch einen groen Saal, der den blauen Himmel
als Decke und einige grne Bsche droben auf den Mauern als einzigen Schmuck
aufzuweisen hatte. Zertrmmerte Balken, Dachsparren, einzelne Plafondstcke mit
Ueberresten von Malerei bildeten ein grauses Gemisch, ber das die Suchenden
hinwegklettern muten. Dann folgte eine Reihe von Zimmern, in demselben Zustande
der Zerstrung. An einigen Wnden hingen noch Fetzen von Familienbildern, die
oft, schauerlich und komisch zugleich, nur ein Auge, ein Paar gekreuzter,
bleicher Frauenhnde oder einen theatralisch vorgestreckten, schienenbekleideten
Mnnerfu zeigten. Endlich hatten sie den letzten Raum erreicht und standen vor
einem hohen Thrbogen, der mit Ziegelsteinen vermauert war.
    Aha! sagte Ferber, hier hat man den Zwischenbau abzuschlieen gesucht von
der allgemeinen Zerstrung. Ich meine, ehe wir noch lnger die halsbrechende
Arbeit des Suchens fortsetzen, wre es gescheiter, die Steine herauszunehmen.
    Der Vorschlag fand Beifall, und der Maurer begann sein Werk; er drang in
eine tiefe Wandnische ein und versicherte, hier seien doppelte Wnde. Beide
Mnner halfen wacker mit, und bald erschien eine mchtige Eichenthr hinter dem
zerstrten Mauerwerke, das schnell hinweggerumt wurde. Die Thr war nicht
verschlossen und gab dem Drucke der Mnner sogleich nach. Sie traten in einen
vllig dunklen, dumpfen Raum. Nur ein dnner Sonnenstrahl drang durch eine
schmale Ritze und zeigte die Richtung der Fenster. Das seit so langer Zeit nicht
berhrte Fensterschlo strubte sich tapfer gegen die Kraftaufwendung des
Oberfrsters, ebenso der Laden, den die starken Zweige der Bume drauen fest
andrckten. Endlich wich er mit lautem Gekreische - ein grngoldenes Sonnenlicht
strmte durch ein hohes Bogenfenster herein und beleuchtete ein nicht sehr
breites aber tiefes Zimmer, dessen Fenster mit Gobelins behangen waren. Der
Plafond zeigte in den vier Ecken das sauber gemalte Wappen der Gnadewitze. Zum
Erstaunen aller war es vollstndig mbliert, und zwar als Schlafzimmer. Zwei
Himmelbetten mit vergilbtem Behange, welche an den zwei langen Wnden standen,
waren vollkommen eingerichtet. Das Bettzeug steckte noch in den feinen
Leinenberzgen, und die seidenen Steppdecken schienen nichts an Farbe und
Haltbarkeit eingebt zu haben. Alles, was zur Bequemlichkeit vornehmer Leute
gehrt, war hier vorhanden, und wenn auch unter einer Last von Staub vergraben,
doch noch in vllig brauchbarem Zustande. An dies Zimmer stie ein zweites, weit
greres mit zwei Fenstern; es war ebenfalls mbliert, wenngleich in veraltetem
Geschmacke und, wie nicht zu verkennen war, mit Mbeln, die man allerorten
zusammengesucht hatte. Ein altertmlicher Schreibtisch mit kunstreich
ausgelegter Platte und seltsam geschnrkelten Fen wollte durchaus nicht zu der
mehr modernen Form des rot berzogenen Sofas passen, und die goldenen Rahmen, in
denen einige nicht bel gemalte Jagdstcke an den Wnden hingen, harmonierten
nicht mit der versilberten Fassung des groen Wandspiegels. Aber sei es auch
darum - es fehlte ja nichts, was den Raum behaglich machen konnte; selbst ein
groer, wenn auch etwas verblichener Teppich lag auf dem Boden, und unter dem
Spiegel stand eine groe, altertmliche Uhr. Es folgte noch ein kleines,
ebenfalls eingerichtetes Kabinett, von welchem eine Thr nach Vorsaal und Treppe
fhrte. Hinter den Zimmern lagen drei Rume von gleicher Gre, deren Fenster in
den Garten sahen, und von denen das eine tannene Mbel und zwei Betten
enthaltend, jedenfalls fr die Dienerschaft bestimmt gewesen war.
    Potztausend! sagte der Oberfrster vergngt lachend, da finden wir ja
eine Bescherung, die unsere bescheidenen Seelen sich nicht einmal haben trumen
lassen. Na, wenn das der Hochselige wte, er drehte sich in seinem zinnernen
Grabe um ... Das sind lauter Dinge, die wir der pflichtvergessenen Seele einer
Beschlieerin oder dem ungetreuen Gedchtnis eines altersschwachen
Haushofmeisters verdanken.
    Aber drfen wir sie denn auch behalten? fragten Frau Ferber und Elisabeth,
die bis dahin vor freudiger Ueberraschung starr gewesen waren, wie aus einem
Munde.
    Ei freilich, liebe Frau, beruhigte der Vater. Dein Onkel hat dir das
Schlo vermacht mit allem, was es enthalte.
    Und das ist wenig genug, grollte der Oberfrster.
    Im Vergleiche zu unseren Erwartungen aber eine wahre Fundgrube von
Schtzen, sagte Frau Ferber, indem sie einen hbschen Glasschrank ffnete, der
verschiedenes Porzellan enthielt, und wenn mich damals, als ich noch
hoffnungsmutig und anspruchslos ins Leben sah, der Onkel mit einem reichen
Vermchtnis bedacht htte, es wrde mir sicher keinen greren Eindruck gemacht
haben, als in diesem Augenblicke die unverhoffte Entdeckung, welche uns groer
Sorgen enthebt.
    Elisabeth bog sich unterdessen aus dem Fenster des zuerst betretenen Zimmers
und versuchte, mit ihren Armen die Zweige zu trennen, welche die ganze
Fensterreihe der Fronte vollstndig verbarrikadierten und deshalb in den Zimmern
gerade nur ein grnes Dmmerlicht zulieen. Schade, meinte sie, das
Ohnmchtige ihrer Anstrengung einsehend, ein wenig Aussicht in den Wald htte
ich schon gern gehabt!
    Glaubst du denn, sagte der Oberfrster, ich wrde euch hinter dieser
grnen Verschanzung stecken lassen, die jeden frischen Luftzug abwehrt? Dem soll
heute noch abgeholfen werden, darauf verlasse dich, Klein-Else.
    Sie gingen die Treppe hinab. Auch sie war in gutem Zustande und fhrte in
eine groe Halle, in deren Mitte eine Tafel, von hochbeinigen Sthlen umgeben,
stand. Der Fuboden war von roten Backsteinen, Wnde und Plafond aber zeigten
kunstvolle Holzschnitzereien. Dieser groe Raum hatte auer vier Fenstern zwei
Thren, die sich gegenber lagen; eine derselben fhrte in den Garten, die
andere, die sich nur schwer ffnen lie, auf einen schmalen freien Platz, der
sich zwischen das Gebude und die uere Mauer drngte. Hier hatten sich die
Syringen und Haselstrucher ungemein ppig ausgebreitet, allein es gelang doch
den Mnnern, einen Durchgang zu erzwingen, und mit drei Schritten standen sie
vor einem Pfrtchen in der gegenberliegenden Mauer, das hinaus in das
Waldgestrpp fhrte.
    Nun, sagte Ferber erfreut, hier fllt auch das letzte Bedenken weg.
Dieser Eingang ist viel wert. Wir brauchen nun nicht mehr durch die Hfe zu
gehen, was jedenfalls sehr umstndlich und immerhin gefhrlich gewesen wre.
    Noch einmal wurde die Wohnung durchschritten, die knftige Einrichtung
derselben besprochen, und der Maurer fr morgen bestellt, damit er eines der
Hinterzimmer zur Kche einrichte. Dann, nachdem man die Eichenthr, die nach dem
groen Flgel fhrte, gehrig verrammelt und verriegelt hatte, wurde der Rckweg
angetreten, ein Unternehmen, das fr den Augenblick durch das dichte Gebsch
zwar sehr erschwert wurde, trotzdem aber dem ersten halsbrechenden Weg
vorzuziehen war.
    Als die Heimkehrenden den Garten des Forsthauses betraten, kamen ihnen
Sabine in Begleitung des kleinen Ernst, den man ihrer Obhut anvertraut hatte,
erwartungsvoll entgegen. Sie hatte unter den Buchen auf einem weigedeckten
Tische den Nachmittagskaffee serviert und das schattige Pltzchen auf das
Behaglichste eingerichtet, wollte nun aber auch wissen, wie man die Dinge droben
gefunden, und schlug bei dem Berichte vor freudigem Erstaunen die Hnde
zusammen.
    Ach, du meine Gte, rief sie aus, sehen der Herr Oberfrster, da ich
recht hatte? ... Ja, ja, die Sachen sind vergessen worden, und ist auch gar
nicht zu verwundern. Sowie der junge Herr von Gnadewitz unter die Erde gebracht
war, ist der alte Gndige ber Hals und Kopf abgereist und hat alle Dienerschaft
mitgenommen. Nur der alte Hausverwalter Silber ist zurckgeblieben; der war aber
zuletzt ganz schwach im Kopfe, und ein unmenschlich viel Zeug hat auch drunten
im neuen Schlosse gesteckt, da hatte er mehr als genug zu thun, da ihm nichts
unter der Hand wegkam, und da ist zuletzt das alles da droben stehen geblieben,
und keine Menschenseele hat mehr davon gewut ... Du lieber Gott, ich habe ja
jedes Stck davon unter den Hnden gehabt und habe es abstuben und putzen
mssen ... Und vor der Uhr habe ich mich immer so gefrchtet, denn die spielt
ein trauriges Stckchen, wenn sie schlgt, und das klang so grausig durch die
Stuben, wo ich mutterseelenallein hantieren mute ... Ja, damals war ich noch
jung ... wo sind die Zeiten hin!
    Es folgte nun eine gemtliche Stunde der Ruhe und des behaglichen
Ueberlegens, whrend der Kaffee getrunken wurde. Weil Elisabeth gemeint hatte,
sie knne sich nichts Schneres denken, als zum erstenmal am Pfingstmorgen da
droben aufzuwachen, wenn die Kirchenglocken der umliegenden Drfer hinauf
klngen, eine Ansicht, die auch Frau Ferber teilte, so wurde beschlossen, die
Renovierung mit allen Krften schon morgen ins Werk zu setzen, um das Beziehen
der Wohnung bis zum Pfingstabend zu ermglichen, und der Oberfrster stellte
alle seine Leute zur Verfgung.
    Sabine hatte nicht weit von der Gesellschaft auf einer Rasenbank Platz
genommen, um bei der Hand zu sein, wenn man etwas bedrfe. Um nicht ganz mig
zu bleiben, hatte sie ein paar Hnde voll junger Mhren aus dem Beete gezogen,
die sie eifrig schabte und putzte. Elisabeth setzte sich zu ihr. Die Alte warf
einen schelmischen Blick auf die schlanken weien Finger, die neben ihren
eigenen braunen, schwielenharten Hnden erschienen und einige Mhren von ihrem
Schoe nahmen.
    Nichts da, sagte sie abwehrend, das ist keine Arbeit fr Sie - Sie
kriegen gelbe Finger.
    Daraus mache ich mir nichts! lachte Elisabeth. Ich helfe Ihnen und Sie
erzhlen mir ein wenig. Sie sind hier aus der Gegend und wissen gewi auch etwas
von der Geschichte des alten Schlosses.
    I nu freilich, entgegnete die alte Haushlterin; Lindhof, wo ich geboren
bin, hat ja den Herren von Gnadewitz seit undenklichen Zeiten gehrt, und sehen
Sie, in einem so kleinen Orte da dreht sich nachher alles um die Herrschaft, der
man unterthnig ist. Da geht nichts verloren, was besonderes im Herrenhause
vorfllt; das vererbt sich auf Kind und Kindeskinder; und wenn den vornehmen
Leuten schon lange kein Zahn mehr weh thut, da erzhlen sich noch die Bursche
und Mdchen im Dorfe ihre Geschichte.
    Da war meine selige Urgromutter, die ich noch recht gut gekannt habe, die
wute Dinge, da einem die Haare zu Berge standen. Sie hatte aber einen heiligen
Respekt vor denen auf Gnadeck und duckte mich mit ihren beiden zitternden Hnden
immer tief auf den Boden, wenn die Herrschaft vorbeifuhr; denn ich war dazumal
noch ein kleines Ding und konnte keinen rechten Knicks machen ... Sie wute
weit, weit in die uralte Zeit hinein die Namen von all den Herren, wie sie der
Reihe nach da droben gehaust haben, und gar vieles, was dort wider Gott und
Recht geschehen ist.
    Wie ich nachher auf das neue Schlo kam und die groen Sle fegen mute, wo
sie alle abgemalt waren, von denen vielleicht jetzt kein Staubkrnchen mehr
brig ist, da habe ich manchmal dort gestanden und mich gewundert, wie sie doch
ganz und gar nicht anders ausgesehen haben als andere Menschenkinder auch, und
haben doch ein Wesens von sich gemacht, als ob sie der liebe Gott in eigener
Person auf die Welt 'runter gebracht htte ... Von Schnheit war bei den Weibern
auch nicht viel zu sehen. Ich meinte immer in meinen dummen Gedanken, wenn das
schne Lieschen, das schnste und feinste Mdchen im Dorfe, in den goldenen
Rahmen 'naufgestiegen wre, in der seidenen Schleppe und mit so viel Edelsteinen
auf der Brust und in den Haaren und der Mohr mit dem silbernen Prsentierteller
htte hinter ihrem schneeweien Gesichte gestanden, das wr' tausendmal schner
gewesen, als die Dame, die eigentlich bitter hlich war und zwei schwarze,
dicke Striche ber den Augen hatte, die sie bis unter die Haare hinaufzog vor
lauter Hochmut. Aber gerade auf die war die ganze Familie stolz. Es sollte eine
reiche, reiche Grfin gewesen sein, aber hart und gefhllos wie Stein.
    Unter den Mnnern war auch nur einer, den ich gern ansehen mochte. Der hat
aber gar ein liebes, treuherziges Gesicht gehabt und ein paar Augen, so schwarz
wie die Schlehen; und an dem ist's auch wieder wahr geworden, da der Beste am
meisten zu leiden hat in der Welt. Von allen anderen in der langen Reihe hat man
nichts gewut, als da es ihnen gut gegangen ist ihr lebenlang ... Viele davon
haben Unglck genug in die Welt gebracht, und haben sich doch nachher so ruhig
auf ihr Sterbebett gelegt, als sei das alles von Rechts wegen geschehen ... Na,
um wieder auf den Jost von Gnadewitz zu kommen, der hat ein recht trauriges
Schicksal gehabt. Die Gromutter von meiner Urgromutter hat ihn selbst gekannt,
als sie noch ein kleines Kind gewesen ist. Er hat dazumal nur der wilde Jger
geheien, weil er den ganzen geschlagenen Tag nicht aus dem Walde gekommen ist.
- Auf dem Bilde war er auch im grnen Rocke gemalt und hatte eine lange, weie
Feder auf dem Hute, was mir immer so gefallen hat zu seinen kohlschwarzen
lockigen Haaren. Aber gut ist er gewesen und hat keinem Kinde was zuleide thun
mgen. Dazumal ist es den Leuten im Dorfe gar gut gegangen, und sie haben
gewnscht, es mchte immer so bleiben.
    Aber auf einmal ist er eine Zeit fortgewesen; kein Mensch hat gewut, wo er
steckt, bis er endlich bei Nacht und Nebel wiedergekommen ist, ohne da es
jemand gemerkt htte ... Von der Zeit an war er aber ganz verwandelt ... Den
Leuten in Lindhof ist zwar nichts entzogen worden; aber sie haben ihren Herrn
nicht mehr zu sehen gekriegt. Er hat alle Dienerschaft fortgeschickt und ist im
alten Schlosse mutterseelenallein mit einem Lieblingsdiener geblieben.
    Da haben denn endlich die Leute viel gemunkelt von der schwarzen Kunst, die
er da oben treibe, und hat sich kein Mensch mehr bei hellem, lichtem Tage auf
den Berg getraut, geschweige denn in der Nacht ... Die alte Gromutter ist aber
in ihrer Jugendzeit gar ein keckes Ding gewesen und hat just erst recht ihre
Ziegen bei den Schlomauern grasen lassen ... Nun, und da hat sie einmal ganz
still und in Gedanken unter einem Baume gesessen und hat hinbergesehen nach der
Mauer, wie die doch so hoch sei, und was wohl dahinter stecken mchte. Und da
ist mit einem Male da droben ein Arm, so wei wie Schnee, hervorgekommen,
nachher ein Gesicht - die Gromutter hat erzhlt, schner sei das gewesen, als
Sonne, Mond und Sterne - und zuletzt hat mit einem Sprunge ein Mdchen droben
gestanden, das hat die Arme in die Luft gestreckt, hat etwas gerufen, was die
Gromutter nicht verstehen konnte, und wre um ein Haar hinunter in das Wasser
gesprungen, das dazumal um das ganze Schlo herumgelaufen ist ... Aber da hat
auf einmal der Jost hinter ihr gestanden, der hat sie umfat und mit ihr
gerungen und hat sie gebeten und gefleht, da es einen Stein htte erbarmen
mgen, und die kohlschwarzen Haare haben ihm vor Angst in die Hhe gestanden.
Nachher hat er sie auf seinen Arm genommen, wie ein Kind, und weg waren sie von
der Mauer ... Dem Mdchen ist aber der Schleier vom Kopfe gefallen und ist
hinbergeflogen bis zu der Gromutter. Er ist wunderfein gewesen, und sie hat
ihn voller Freude mit heimgenommen zu ihrem Vater; der hat ihn voll Schreck ins
Feuer geworfen, weil es Teufelsspuk sei, und die Gromutter hat nie wieder auf
den Berg gedurft.
    Spter - es ist wohl ein volles Jahr herum gewesen, seit der Jost so still
auf Gnadeck gelebt hat - ist er auf einmal frhmorgens zu Pferde den Berg
herabgekommen; aber niemand hat ihn kennen mgen, so verfallen war sein Gesicht,
und hat wohl noch viel blsser deswegen ausgesehen, weil er kohlschwarz
angezogen war. Er ist langsam geritten und hat jedem, der ihm begegnet ist, noch
einmal traurig zugenickt. Dann ist er fortgewesen und ist auch nie
wiedergekommen ... er ist in der Schlacht erschossen worden, und sein alter
Diener auch, der mit ihm war ... es war dazumal der Dreiigjhrige Krieg.
    Nun, und das schne Mdchen? fragte Elisabeth.
    Ja, von dem hat niemand weiter eine Spur gehrt noch gesehen ... Der Jost
hat auf dem Rathause zu L. ein groes versiegeltes Paket niedergelegt und hat
gesagt, das sei sein letzter Wille. Man solle es aufmachen, wenn die Nachricht
von seinem Tode kme. Aber da war eine groe, groe Feuersbrunst in L., viele
Huser, selbst die Kirchen und das Rathaus mit allem, was darin war, sind bis
auf den Grund niedergebrannt, und das Paket natrlich auch mit.
    In der letzten Zeit soll auch einige Male der Pfarrer von Lindhof oben bei
dem Jost gewesen sein. Der geistliche Herr hat aber stillgeschwiegen wie ein
Muschen; und weil er alt war und bald darauf das Zeitliche segnen mute, so hat
er das, was er vielleicht da droben erfahren hat, mit ins Grab genommen ... So
wei nun kein Mensch, was es mit dem fremden Mdchen fr ein Bewenden gehabt
hat, und es wird wohl auch ein Geheimnis bleiben bis an den jngsten Tag.
    Na, geniere dich nur nicht, Sabine! rief der Oberfrster herber, indem er
seine Pfeife ausklopfte, es ist besser, die Else gewhnt sich gleich von
vornherein an den schauerlichen Schlu deiner Geschichten - sag's nur, denn du
weit es ja doch ganz genau, da das schne Mdchen eines schnen Tages auf dem
Besen zum Schornsteine hinausgefahren ist.
    Nein, das glaube ich nicht, Herr Oberfrster, wenn ich auch -
    Drauf schwre, da es in der Umgegend wimmelt von solchen, die jeden Tag
zum Scheiterhaufen reif wren, unterbrach sie der Oberfrster. Ja, ja, wandte
er sich zu den anderen, die Sabine ist noch vom alten Thringer Schlage. Es
fehlt ihr sonst nicht an Verstand und sie hat auch das Herz auf dem rechten
Flecke; wenn aber der Hexenglaube ins Spiel kommt, da verliert sie beides und
ist im stande, ein armes, altes Weib, weil es rote Augen hat, von der Thr
wegzuschicken, ohne einen Bissen Brot abzuschneiden.
    Nu, so schlimm ist's doch nicht, Herr Oberfrster, entgegnete die Alte
gekrnkt, ich gebe ihr zu essen, aber ich ziehe die Daumen ein und antworte
weder ja noch nein - und das kann mir kein Mensch verdenken.
    Alle lachten ber dies Prservativ gegen das Behexen, welch ersteres
augenscheinlich sehr ernst gemeint war. Die alte Haushlterin aber strich die
Mhrenberreste von der Schrze und erhob sich, um das Abendbrot fr die Leute
herzurichten, die heute frher essen sollten, denn bis zum Einbruche der Nacht
gab es noch tchtig zu thun im alten Schlosse.

                                       5


Als Elisabeth am andern Morgen die Augen aufschlug, verkndete die groe Wanduhr
drunten in der Stube gerade die achte Stunde und berzeugte sie zu ihrem
Verdrusse und Schrecken, da sie sich verschlafen habe. Daran aber war nichts
schuld, als ein tiefer hlicher Morgentraum ... Der goldene, poetische Duft,
den ihre Phantasie gestern um Sabines Erzhlung gehaucht hatte, war ber Nacht
zur trben Wolke geworden, deren Druck noch im Augenblicke des Erwachens auf ihr
lastete ... Sie war in Todesangst durch die wsten, weiten Sle des alten
Schlosses gelaufen, immer verfolgt von Jost, dem sich die Haare auf der
todblassen Stirn aufbumten, und der sie mit den schwarzen Augen anglhte, und
hatte eben unter tiefem, nie empfundenem Grauen die Hnde ausgestreckt, um ihn
zurckzustoen, als sie erwachte ... Noch klopfte ihr das Herz, und sie dachte
mit Schauder an jene Unglckliche auf der Mauer, die vielleicht, ebenso gehetzt
wie sie, verzweiflungsvoll den Tod suchte und in dem frchterlichen Augenblicke
von dem Verfolger ergriffen wurde.
    Sie sprang auf und khlte sich das Gesicht in frischem Wasser; dann ffnete
sie das Fenster und sah hinunter in den Hof. Dort sa Sabine unter einem
Birnbaum, mit dem Butterfasse beschftigt. Das ganze Hhnervolk hatte sich um
sie geschart und sah erwartungsvoll zu ihr empor, denn von dem groen
Butterbrote, das neben ihr auf dem Steintische lag, warf sie dann und wann
einige Brocken auf den Boden, wobei sie nicht unterlie, die Unverschmten zu
schelten und die Unterdrckten zu trsten.
    Als sie das junge Mdchen erblickte, nickte sie freundlich und rief hinauf,
alles, was im Forsthause Hnde und Fe habe, arbeite seit sechs Uhr droben im
alten Schlosse. Auf Elisabeths Vorwurf, weshalb man sie nicht geweckt,
entgegnete sie, das sei auf den Wunsch der Mama geschehen, weil ihr Tchterlein
sich in den letzten Wochen weit ber seine Krfte angestrengt habe.
    Sabines gutes, friedvolles Gesicht und die frische Morgenluft beruhigten
Elisabeths Nerven augenblicklich und fhrten die Wirklichkeit zurck, die sich
ja gerade jetzt so hell und so rosig gestaltete ... Sie gab sich unsgliche
Mhe, sich selbst auszuschelten, da sie, der vterlichen Ermahnung des Onkels
entgegen, gestern bis um Mitternacht am Fenster gelehnt und ber die
mondbeglnzte Wiese in den schweigenden Wald hinausgesehen hatte. Allein der
angeregten Phantasie gegenber spielt der Verstand oft eine klgliche Rolle.
Mitten in der Untersuchung verschwinden pltzlich Anklger und Zeugen, er sieht
sich allein auf seinem Richterstuhle und mu es sich sogar gefallen lassen, da
er hinter die Kulissen gesteckt wird, whrend um und neben ihm die
Spektakelstcke der Phantasie von vorn anheben. Deshalb verstummten Elisabeths
rgerliche Betrachtungen auch sehr bald vor dem Bilde, das sich in einem Nu vor
ihrem inneren Auge aufrollte und sich noch einmal den ganzen Zauber einer
Mondnacht im Walde nachempfinden lie.
    Nachdem sie sich angekleidet und rasch ein Glas frische Milch getrunken
hatte, eilte sie den Berg hinauf. Der Himmel war bedeckt, aber nur mit jener
hellen, hohen Wolkenschicht, die zwar keinen goldenen, aber einen desto
frischeren Frhlingstag verheit. Deswegen dauerte auch heute das Morgenkonzert
der Vgel etwas lnger, und die Tautropfen schaukelten sich noch so voll in den
Blumenkelchen, als sei ihr zartes Dasein fr heute unantastbar.
    Als Elisabeth in das weit offene Hauptthor des Schlosses trat, fiel ihr
sogleich ein ungeheurer grner Hgel neben dem Brunnen ins Auge. Es waren
Distelbsche, Farnkrautbndel und Brombeerranken, die, ihrem alten, trauten
Wohnplatze, dem Garten, entrissen, hier ihr lustiges Leben verhauchen muten.
Der Weg durch den gewlbten Thorbogen des zweiten Hofes bis zur Gitterthr war
mit verzetteltem Grnzeuge bestreut, als solle ein frhlicher Hochzeitszug durch
die Ruine wandeln, und sogar an dem Sims eines hohen Fensters, das droben in
seinem Spitzbogen eine prchtige durchbrochene Steinrosette mit Resten bunter
Glasmalerei zeigte, hatten sich im Vorbertragen einige Ranken gehngt und
legten ihr lebendiges Grn traulich neben die steinernen Kleebltter der
heiligen Dreifaltigkeit, die nicht verkennen lieen, da der dunkle, wste Raum
da drinnen einst die Schlokapelle gewesen war.
    Der Garten, in welchem man gestern nicht zwei Schritt weit vordringen
konnte, erschien dem jungen Mdchen vllig verwandelt. Ein betrchtliches Stck
lag aufgedeckt und zeigte nun die Reste zierlicher Anlagen. Elisabeth konnte auf
einem ziemlich gesuberten Hauptwege, ber den erschreckte Eidechsen
blitzschnell huschten, bis nach dem grnen Damme gelangen, den man gestern von
der Ferne aus entdeckt hatte. Zu beiden Seiten des langen, berasten Erdaufwurfs
fhrten breite, ausgewaschene Steintreppen in die Hhe bis zu einer niedrigen
Brstung, ber die man in den Wald und da, wo die Bume ein wenig auseinander
traten, hinunter in das Thal sehen konnte, wo das Forsthaus mit seinem blauen
Schieferdache voll weier Tauben behaglich auf der grnen Wiese lag. Zu Fen
des Walles, gerade da, wo der Hauptweg endete, befand sich ein kleines Bassin,
in das eine grnbemoste Gnomengestalt einen starken, kristallhellen Wasserstrahl
spie. Zwei Linden wlbten sich ber dem rauschenden Brunnen und warfen ihren
wohlthtigen Schatten auf die zarten Vergimeinnicht, die hier massenhaft aus
der feuchten Erde sproten und das Bassin in dunkler Blue umfingen.
    Dem Damme gegenber lag der Zwischenbau; er sah mit seinen
zurckgeschlagenen Fensterlden und der groen, offenen Thr im Erdgeschosse
heute so hell und gastlich aus, da sich Elisabeth freudig dem sen Gefhle
hingab, hier auf heimischem Boden zu stehen. Sie berblickte den Garten und
dachte an ihre Kinderjahre, an jene Momente voll unbezwingbarer Sehnsucht, wo
sie beim Spaziergange hinter den Eltern zurckblieb und, ihr Gesicht an das
festgeschlossene Gitter gepret, in fremde Grten hineinsah. Dort tummelten sich
glckliche Kinder ungezwungen auf den Rasenpltzen; sie durften die aufgeblhten
Rosen am Stocke in ihre kleinen Hnde nehmen und sich an dem Dufte erquicken,
solange sie wollten ... Und was mute das fr eine Lust sein, den kleinen Krper
unter einen vollen Strauch zu ducken und gerade so im Grnen zu sitzen, wie die
groen Leute in einer Laube! Damals blieb es bei Wunsch und Sehnsucht. Nie
ffnete sich eine der geschlossenen Thren vor dem Kinde mit den bittenden
Augen, und es wre doch schon zufrieden gewesen, wenn man durch das Gitter
einige Blumen in seine kleinen Hnde gelegt htte.
    Whrend Elisabeth auf dem Walle stand, erschien der Oberfrster an einem der
oberen Fenster des Zwischenbaues. Als er das junge Mdchen erblickte, wie es,
die zarte Gestalt an die Brstung gelehnt und den schnen Kopf halb nach dem
Garten gewendet, sinnend vor sich hinsah, da berflog ein unverkennbarer
Ausdruck von Wohlgefallen und stiller Freude sein Gesicht.
    Auch Else wurde den Onkel gewahr, nickte lustig ihm zu und lief schnell die
Stufen hinab nach dem Hause. Da sprang ihr der kleine Ernst aus der groen Halle
entgegen und lachend fing sie ihn in ihren Armen auf.
    Seiner enthusiastischen Beschreibung nach hatte der Kleine schon
Unglaubliches geleistet. Er hatte dem Maurer, der den Herd errichtete,
Backsteine zugetragen, war von Mama beim Ausklopfen der Betten beschftigt
worden und meinte mit groem Stolze, die Herren und Damen auf der wollenen
Tapete shen viel schner und freundlicher aus, seit er mit der Brste ber ihre
staubigen Gesichter gefahren sei. Er schlang entzckt die Arme um den Hals der
Schwester, die ihn die Treppe hinauftrug, und hrte nicht auf zu versichern, da
er es hier oben doch tausendmal schner finde, als in B.
    Der Oberfrster empfing Elisabeth droben im Vorsaale. Er lie ihr kaum Zeit,
die Eltern zu begren, und fhrte sie, ohne ein Wort zu sagen, in das Zimmer
mit den Gobelins ... Welche Vernderung! ... Das grne Bollwerk vor dem Fenster
war verschwunden, drauen, jenseits der ueren Mauer, trat der Wald auf beiden
Seiten kulissenartig zurck und gewhrte einen vollen Einblick in ein weites
Thal, das Elisabeth wahrhaftig paradiesisch erschien.
    Das ist Lindhof, sagte der Oberfrster und zeigte auf ein ungeheures
Gebude in italienischem Geschmacke, das sich ziemlich nahe an den Fu des
Berges drngte, auf welchem Gnadeck lag. Ich habe dir hier etwas mitgebracht,
das dir sofort jeden Baum drben auf den Bergen und jeden Grashalm drunten auf
den Wiesen vorfhren wird, fuhr er fort, indem er dem jungen Mdchen ein gutes
Perspektiv vor die Augen hielt.
    Da rckten die gewaltigen, ernsten Bergkuppen herber, deren granitene
Gipfel hier und da den Wald zerrissen und auf ihrer uersten Spitze eine
einsame Tanne gen Himmel streckten. Hinter diesen nchsten Bergen trmten sich
zahllose bewaldete Rcken im blauen Dmmerlichte, und aus einem fernen dunklen
Thale, das nur wie ein tiefer Einschnitt zwei Bergriesen voneinander trennte,
tauchten zwei schlanke gotische Trme bleich und nebelhaft empor. Ein kleiner
Flu, eine von Pappeln eingefate Chaussee und mehrere schmucke Drfer belebten
den Hintergrund des Thales; vorn lag das Schlo Lindhof, umgeben von einem im
groartigsten Stile angelegten Parke. Unter den Fenstern des Schlosses breitete
sich ein weiter, kurzgeschorener Rasenplatz aus, auf dem kleine, wunderlich
geformte Beete in feuriger Tulpenpracht hingestreut lagen. Elisabeths Blick
schweifte darber hinaus und tauchte erquickt in das geheimnisvolle Dunkel einer
Allee prchtiger Linden, deren Kronen sich dicht ber den braunen Stmmen
wlbten, whrend einzelne schwere untere Zweige ihre breiten Bltter zwanglos
auf den Kies niederhingen. Bisweilen streckte ein Schwan seinen weien Hals
neugierig in den Schatten der Allee, wobei seine Flgel einen blitzenden
Regenschauer an die alten Stmme schleuderten - ein klarer kleiner See schmiegte
sich dicht an ihre Fe; er lag in diesem Augenblicke ziemlich melancholisch in
seinem blumengeschmckten Ringe, denn ein bewlkter Himmel spiegelte sich in
seiner Flche.
    Hatte Elisabeth das Fernrohr bis dahin rastlos von einem Gegenstande zu dem
andern wandern lassen, so suchte sie jetzt einen festen Halt und Sttzpunkt fr
dasselbe; denn sie hatte eine Entdeckung gemacht, die ihr Interesse in hohem
Grade fesselte.
    Unter dem letzten Baume in der Allee stand ein Ruhebett. Eine junge Dame lag
darauf; sie hatte den reizenden Kopf zurckgelehnt, so da ein Teil ihrer langen
kastanienbraunen Locken ber das Polster herabfiel. Unter dem Saume des langen
weien Musselinkleides, das die ganze Gestalt bis an den Hals zchtig verhllte,
erschienen zwei zarte Fchen in goldglnzenden Saffianschuhen. Die Dame hielt
zwischen den feinen, fast durchsichtig mageren Fingern einige Aurikeln, welche
sie gedankenlos unaufhrlich hin und her drehte. Nur auf den schmalen Lippen lag
ein schwacher Anflug von Rot, sonst war das Gesicht lilienwei, man htte sich
versucht fhlen knnen, seine Lebenswrme zu bezweifeln, htten nicht die blauen
Augen in einem wundersamen Ausdrucke geleuchtet. Diese Augen mit diesem
Ausdrucke aber waren auf das Gesicht eines Mannes gerichtet, der, gegenber
sitzend, ihr vorzulesen schien. Elisabeth konnte sein Gesicht nicht sehen, denn
er wendete ihr den Rcken zu. Er schien jung, gro und schlank zu sein und hatte
ppiges dunkelblondes Haar.
    Ist die reizende Dame da drunten die Baronin Lessen? fragte Elisabeth
gespannt.
    Der Oberfrster nahm das Perspektiv. Nein, sagte er, das ist Frulein von
Walde, die Schwester des Besitzers von Lindhof. Du nennst sie reizend, und ihr
Kopf ist es auch, aber ihr Krper ist krppelhaft - sie geht an der Krcke.
    In diesem Augenblicke trat Frau Ferber hinzu. Auch sie sah durch das Glas
und fand das Gesicht der jungen Dame beraus lieblich; sie hob besonders den
Ausdruck von Seelengte hervor, der die Zge verklre.
    Ja, sagte der Oberfrster, gut und mildthtig soll sie auch sein. Als sie
hierher kam, war die ganze Umgegend ihres Lobes voll ... Aber auch darin hat
sich das Blttchen sehr gewendet, seit die Baronin Lessen das Regiment im Hause
fhrt ... Da kommt kein Almosen mehr unter die Armen, das nicht erst mit dem
Muckertum auf der Goldwage gelegen htte ... Wehe dem armen Bittsteller, er
kriegt keinen Pfennig Untersttzung, und noch spitze Bemerkungen obendrein, wenn
es sich nmlich herausstellt, da er lieber beim Pfarrer in Lindhof die Predigt
hrt, als in der Schlokapelle, wo ein Kandidat - der Hauslehrer der Baronin -
allsonntglich Feuer und Schwefel und alle erdenklichen Hllenqualen von der
Kanzel herab auf die Hupter der Gottlosen schleudert.
    Solche Zwangsmaregeln sind ein sehr bles Mittel, den christlichen Sinn im
Volke wieder zu erwecken, meinte Frau Ferber.
    Sie schlagen ihn vollends tot und fttern dafr die Heuchelei gro, sage
ich! rief zornig der Oberfrster. Schon deshalb, weil sie selbst das Beispiel
dazu geben. Da lesen sie jederzeit in der Bibel von der christlichen Demut und
werden doch von Tag zu Tag hochmtiger und anmaender; ja, sie wollen einem
sogar weismachen, ihr hochgeborener Leib sei schon aus einem ganz andern Stoffe,
als der ihrer niederen Brder in Christo ... Wenn du aber Almosen gibst, so
lasse deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte thut, so steht geschrieben
... ein Huhn macht aber wahrlich nicht mehr Geschrei um sein eben gelegtes Ei,
als diese Leute um ihre milden Thaten. Da gibt's Kollekten, Armenlotterien u.
dergl. m., wobei die ganze Umgegend unaufhrlich gebrandschatzt wird; wenn es
aber gilt, da zu nehmen, wo am meisten zu finden ist, im eigenen Geldbeutel, da
hrt der Spa auf, wie man zu sagen pflegt ... Ich kenne Leute, die seit zwanzig
Jahren milde Gaben anderer sorgfltig zusammensparen, um dereinst ein Armenhaus
zu grnden. Diese vortrefflichen Leute beziehen ein jhrliches Einkommen von
ungefhr sechstausend Thalern. Zu verlangen, da sie von diesem Lumpengelde hier
und da ein Smmchen abbrechen sollen zum Besten ihres lblichen Vorhabens, das
darf einem beileibe nicht einfallen ... sie haben den Heiligenschein
christlicher Aufopferung und Hingebung so billiger ... Herr Gott, wie mich das
rgert, wenn die Leute ihre Frmmigkeit so auf dem Prsentierteller herumtragen!
... Da drunten in dem Hause, da bimmelt das Glckchen so und so vielmal des
Tages; dann heit es in der Umgegend - denn man hrt's weit und breit - jetzt
beten die im Schlosse. Das Kmmerlein, in welchem sie nach Gottes Gebot zu ihm
reden sollen, ist ihnen zu klein und nicht nach ihrem Geschmacke ... Aber mir
ist nicht allein das Gesperr ein Greuel; nein, es ist auch geradezu gottheillos,
so mir nichts dir nichts das Heiligste in die Berufsgeschfte hineinzuziehen ...
Jetzt frage ich, ob die Jungfer, die eben ein glhendes Pltteisen handhabt,
oder der Koch, der einen heiklen Braten in der Rhre hat, sich freuen kann, wenn
das Glckchen mit einemmale anfngt?
    Ja, in diese Art Andacht setze ich allerdings einige Zweifel, sagte
lchelnd Frau Ferber.
    Oder ob der Gndigen selbst - die vielleicht gerade einen interessanten
Roman liest, oder eine neue Hofintrige im Kopfe hat - denn diese Geschichten
lassen sich auch neben der Frmmigkeit ganz vortrefflich abwickeln - ein solcher
Harrassprung vom Weltlichen in die Gottesverehrung wohl mglich ist? ... Ja, ja,
da laufen diese Leute ungesubert und ungewaschen im Reiche Gottes aus und ein
und denken auch noch wunder, wie sehr sich unser Herrgott freuen mu, da sie
ihm diese Ehre schenken.
    Und ist Herr von Walde mit den Reformen der Baronin Lessen einverstanden?
fragte Frau Ferber.
    Nach allem, was ich in der Beziehung von ihm hre, wahrscheinlicherweise
nicht; aber was hilft das? ... Der durchstbert vielleicht im Augenblicke die
Pyramiden, um Licht in die alten Zeiten zu bringen; da seine Frau Kousine
unterdes im christlichen Eifer das anrchige Licht der Gegenwart nach Krften
mit auszublasen sucht, das kann er ja nicht wissen ... Er mag brigens auch
seinen ganz gehrigen Sparren haben ... Der Frst von L., dem er sehr nahe
steht, soll in frheren Jahren lebhaft eine Verbindung zwischen ihm und einer
jungen Dame am Hofe gewnscht haben; er hat, dem Vernehmen nach, die Partie
ausgeschlagen, weil das Frulein nicht die erforderliche Anzahl Ahnen besitze.
    Nun, da kann es sich wohl ereignen, da er einstmals eine schne
Fellahtochter, die ihre Ahnen noch unter den Mumien von Memphis suchen darf, als
Herrin in das reizende Lindhof einfhrt? meinte lachend Elisabeth.
    Ich glaube berhaupt nicht, da er sich noch verheiratet, entgegnete der
Oberfrster. Er ist nicht mehr ganz jung, hngt viel zu sehr am Wanderleben und
soll sich auch im ganzen nie was aus Weibsleuten gemacht haben ... Ich will
gleich meinen kleinen Finger verwetten, da der da drunten mit dem Buche in der
Hand diese meine Ansicht teilt und Lindhof und alle die anderen schnen
Besitzungen in Sachsen und Gott wei wo noch im innersten Schrein seiner Seele
als unverlierbares Eigentum betrachtet.
    Hat er Ansprche daran? fragte Frau Ferber.
    Freilich wohl. Er ist der Sohn der Baronin Lessen. Auer dieser Familie
haben die Geschwister von Walde keine Verwandten in der ganzen weiten Welt. Die
Baronin war zuerst mit einem Herrn von Hollfeld verheiratet; aus dieser Ehe
stammt der junge Mann da drunten, der durch den frhen Tod seines Vaters Herr
von Odenberg, einer groen Besitzung jenseits L., geworden ist. Die schne Witwe
hat damals gemeint, sie msse eiligst ihre Freiheit bentzen, um wenigstens noch
eine Staffel auf der Leiter menschlicher Glckseligkeit und Vollkommenheit zu
ersteigen; diese Staffel aber konnte natrlicherweise nur der Freiherrnrang
sein, und deshalb wurde Frau von Hollfeld eines schnen Tages die Gemahlin des
Baron Lessen. Sein Name war zwar etwas anrchig, es klebten einige Thatsachen
daran, die man in niedrigerer Sphre spiebrgerlicherweise unehrenhaft nennt,
aber das schadete nichts, er war ja auch Kammerherr, der Schlssel am Rockknopfe
schliet das Hofparadies auf, und davor mssen sich selbst die gewaltigen
Schlssel des heiligen Petrus verstecken, trotz aller Verheiungen, die sie
einst wahrmachen sollen. Der Baron machte brigens nach zehnjhriger Ehe seine
Gemahlin abermals zur Witwe und hinterlie ihr, auer einer kleinen Tochter,
eine enorme Schuldenlast ... Es mag ihr nun freilich gefallen, in Lindhof
unumschrnkt die Herrin spielen zu drfen, denn wie ich hre, hat sie auf dem
Gute ihres Sohnes weder Sitz noch Stimme.
    Eine Magd aus dem Forsthause unterbrach hier das Gesprch, indem sie, mit
Scheuereimer und Kehrbesen bewaffnet, durch unzweideutige Bewegungen zu erkennen
gab, da jetzt ihr Herrscheramt hier beginne. Das Fernrohr wurde eiligst
zusammengeschraubt, und whrend der Oberfrster daran ging, die Fenstersimse an
der Gartenseite von den Umarmungen der Schlingpflanzen vollends zu befreien,
nahmen Frau Ferber und Elisabeth die inmitten der Zimmer zusammengestellten
Mbel in Angriff, um deren ursprnglichen Glanz mittels Staubtuch und Brste
wiederherzustellen.

                                       6


Pfingsten war vorber. Die Glocken, die ehernen, hatten sich ins Stilleben
zurckgezogen und blickten droben schwarz und ganz unbeweglich durch die
Schalllcher, als seien sie die Srge des melodischen Lebens, das whrend der
Feiertage die Trme umbraust hatte. Die bunten Glckchen im Walde aber, lose auf
grnem Stengel hngend und ihres feierlichen Amtes wohl bewut, konnten das Fest
nicht vergessen. Sie waren wacker mit eingefallen, wenn es durch die Lfte
harmonisch und erhaben gezittert hatte, und luteten nun auch unermdlich weiter
bei jedem Windhauche, der durch das Unterholz strich. Es kmmerte sie ganz und
gar nicht, da der Holzhacker, Sonntagsstaat und Festmiene zu Hause lassend, nun
mit grober Sohle an ihnen hinstreifte und ein rauhes Lied vor sich hin pfiff.
Lie sich doch der Wald auch nicht irre machen; es zog und wehte geheimnisvoll
durch seine Baumwipfel, wie ein von tausend Stimmen geflstertes Gebet, und die
Vgel sangen in den Morgen- und Abendstunden nach wie vor ihre Hymne zur Ehre
Gottes.
    Droben im alten Schlosse Gnadeck harmonierte die nachhaltige
Festtagsstimmung mit der des Waldes, obgleich Ferber seine Geschfte bernommen
und auerdem die unvermeidlichen Antrittsbesuche in L. abzumachen hatte. Frau
Ferber und Elisabeth hatten sich durch Sabine bedeutende Auftrge eines
Weiwarengeschfts in L. zu verschaffen gewut und waren nebenbei im Garten
beschftigt, der in diesem Jahre noch nach Krften seinen Tribut abgeben sollte.
Da trotz dieser Rhrigkeit immer noch ein sonntglicher Hauch durch die Rume
des Zwischenbaues wehte, lag in der gehobenen Stimmung der Familie selbst, die
den Einflu eines glcklichen Wendepunktes in ihrem Leben ungeschwcht
fortempfand und sich jeden Augenblick angeregt fhlte, das Sonst mit dem Jetzt
zu vergleichen; das Waldleben, so ungewohnt und neu, wirkte fast berauschend auf
die Gemter.
    Die zrtlichen Eltern hatten Elisabeth das Zimmer mit den Gobelins
angewiesen, weil es die schnste Aussicht bot und gleich bei der ersten
Musterung des Zwischenbaues von dem jungen Mdchen fr das hbscheste und
gemtlichste erklrt worden war. Die unheimliche Thr, die nach dem groen
Flgel fhrte, hatte man wieder zugemauert; die hohen Eichenflgel mit den
Messingschlssern und Riegeln bedeckte das Mauerwerk und lie nicht ahnen, da
jenseits die Wstenei begann. Den Hintergrund des Zimmers fllte eines der neu
hergerichteten Himmelbetten aus; in der Nhe des Fensters befand sich der
altertmliche Schreibtisch, auer einem altmodischen Porzellanschreibzeuge und
den ntigen Schreibutensilien auch noch zwei hbsche kleine Vasen voll frischer
Blumen auf seiner Platte tragend, und drauen auf dem breiten Steinsims, von der
Krone eines Syringenbusches schmeichelnd umspielt, stand der gelbe Messingkfig,
in welchem Hnschen, der Kanarienvogel, mit dem ganzen Neide einer verzogenen
Bravoursngerin seine schmetternden Triller vor denen der Waldvirtuosen geltend
zu machen suchte.
    Als das Zimmer eingerichtet wurde und Frau Ferber alle Augenblicke einen
neuen Gegenstand brachte, um den kleinen Raum auch recht anmutend
auszuschmcken, da trat der Vater endlich an die lngste Wand, breitete die Arme
darber und verbannte den kleinen Divan, der eben hereingeschoben werden sollte,
wieder in das Nebenzimmer.
    Halt, diesen Platz reserviere ich mir! rief er lachend. Er holte eine
groe Konsole von dunklem Holze und befestigte sie an der Wand, die gerade an
dieser Stelle eine sehr breite Holzleiste zeigte. Hier, fuhr er fort, indem er
eine Bste Beethovens darauf stellte, hier soll er, der Einzige, ganz allein
thronen!
    Aber das sieht ja abscheulich aus, meinte Frau Ferber.
    Na, warte nur, morgen oder bermorgen wirst du dich berzeugen, da mein
Arrangement nicht so sehr zu verwerfen ist, und da fr Elisabeth noch ein ganz
besonderer Vorteil aus den vorgefundenen Mbeln entspringt.
    Am folgenden Tage, es war der Pfingstabend, fuhr er mit dem Oberfrster nach
der Stadt, und als er gegen Abend zurckkehrte, kam er nicht durch das
Mauerpfrtchen. Das groe Thor wurde geffnet, und vier starke Mnner trugen
einen groen, glnzenden Gegenstand durch die Ruinen. Elisabeth stand gerade in
der Nhe des Kchenfensters und war - zum erstenmal in der neuen Wohnung - mit
der Zubereitung des Abendbrotes beschftigt, als die Mnner mit ihrer Last den
Garten betraten.
    Sie schrie laut auf; denn das war ja ein Klavier, ein schnes, tafelfrmiges
Instrument, das ohne weiteres in den Zwischenbau hineingetragen und droben im
Gobelinzimmer unter Beethovens Bste gestellt wurde. Elisabeth weinte und lachte
in einem Atem und schlang jubelnd die Arme um den Hals des Vaters, der sein
einziges kleines Kapital - den Erls aus den Mbeln in B. - hingegeben hatte, um
ihr das, was die Wonne ihres Lebens war, wieder zu verschaffen. Dann aber
ffnete sie das Instrument, und gleich darauf schlugen mchtige Akkorde an die
engen Wnde, die so lange das Schweigen des Todes umfangen hatte.
    Der Oberfrster war auch mitgekommen, denn er wollte Elisabeths Freude und
Ueberraschung sehen. Er lehnte jetzt stumm an der Wand, als die wunderbaren
Melodieen unter den Fingern des jungen Mdchens hervorrauschten. In diesem
Augenblicke sprach ja die glhende, mchtige Seele, die in der lieblichen jungen
Hlle wohnte, zum erstenmal in ihrer ganzen Gewalt zu ihm. Dieser feingemeielte
Kopf, wie wunderbar beseelt und gedankenschwer erhob er sich jetzt ber der
zarten Gestalt, welche der ganze Zauber des Mdchenhaften und Tiefsinnigen
umwob! Bis dahin waren ja nur Neckereien und Witzworte zwischen ihr und dem
Onkel hin und her geflogen. Er nannte sie der Leichtigkeit ihrer Bewegungen und
ihrer Gedankenschnelle halber, die nie um eine witzige Replik verlegen sein
lie, oft seinen Schmetterling, am meisten aber Goldelse, indem er behauptete,
ihr Haar sei so golden, da er es durch den dichtesten Wald blitzen und
schimmern she, wie einst jung Roland das Kleinod im Schilde des Riesen.
    Als Elisabeth geendet, legte sie beide Hnde ber das Klavier, als wollte
sie den neuen Besitz umarmen, und lchelte glckselig vor sich hin; der
Oberfrster aber nherte sich ihr leise, kte sie auf die Stirn und ging
schweigend hinaus.
    Von diesem Momente an kam er jeden Abend hinauf ins alte Schlo. Sobald die
letzten Streiflichter der Sonne auf den Baumgipfeln erloschen waren, mute sich
Elisabeth an das Klavier setzen. Die kleine Familie nahm Platz in der Nische des
weiten Bogenfensters und versenkte sich in das Gedankenmeer des Meisters, dessen
Bild von der Wand herab ernst auf die begeisterte junge Spielerin schaute. Dann
dachte Ferber wohl daran, wie sich Elisabeth das Leben im Walde ausgemalt hatte,
als der Brief vom Frsteronkel in B. eingelaufen war. Elfen und Kobolde
erschienen freilich nicht; wohl aber zogen die Geister, die der gewaltige
Tondichter in die Tne gebannt hat, entfesselt auf dem Musikstrome hinaus und
hauchten in die feierliche Stille jenes geheimnisvolle Leben, dessen Wonnen und
Leiden, wenn auch durch jede empfindende Menschenbrust flutend, auszusprechen
und zu verkrpern doch nur dem Genius beschieden ist.
    Eines Nachmittags sa die Familie Ferber beim Kaffee. Der Oberfrster war
auch heraufgekommen, hatte Zeitung und Pfeife mitgebracht und lie es sich gern
gefallen, da ihm Elisabeth eine Tasse des dampfenden Trankes einschenkte. Er
wollte eben einen interessanten Artikel vorlesen, als drauen am Mauerpfrtchen
gelutet wurde. Zum Erstaunen aller trat, nachdem der kleine Ernst geffnet
hatte, ein Bedienter vom Schlosse zu Lindhof ein und berreichte Elisabeth einen
Brief. Er war von der Baronin Lessen. Sie begann damit, dem jungen Mdchen sehr
viel Schmeichelhaftes zu sagen ber sein vortreffliches Klavierspiel, das sie
bei ihren Spaziergngen durch den Wald seit einigen Abenden belauscht haben
wollte, und knpfte daran die Frage, ob Frulein Ferber geneigt sei, natrlich
unter vorher festzustellenden Bedingungen, wchentlich einigemal mit Frulein
von Walde vierhndig zu spielen.
    Der Brief war in sehr hflichem Tone gehalten; gleichwohl warf ihn der
Oberfrster, nachdem er ihn zum zweitenmal durchgelesen, unmutig auf den Tisch
und sagte, Elisabeth scharf anblickend:
    Du gehst nicht darauf ein, wie ich denke?
    Und warum nicht, lieber Karl? fragte Ferber an ihrer Stelle.
    Weil Elisabeth nun und nimmermehr in den Kram da drunten pat! rief
ziemlich heftig der Oberfrster. Willst du das, was du sorgfltig aufgebaut
hast, unter giftigem Mehltau oder Reif vergehen sehen - nun, so thue es.
    Ich habe allerdings, entgegnete Ferber ruhig, bis jetzt die Seele meines
Kindes allein in den Hnden gehabt und bin, wie es meine Pflicht war, eifrig
besorgt gewesen, jeden Keim zu wecken, jedes Pflnzchen, das ausbiegen wollte,
zu sttzen. Nichtsdestoweniger ist es mir nie eingefallen, eine kraftlose
Treibhauspflanze erziehen zu wollen, und wehe mir und ihr, wenn das, was ich
seit achtzehn Jahren unermdlich gehegt und gepflegt habe, wurzellos im Boden
hinge, um von dem ersten Windhauche des Lebens hinweggerissen zu werden ... Ich
habe meine Tochter fr das Leben erzogen; denn sie wird den Kampf mit demselben
so gut beginnen mssen, wie jedes andere Menschenkind auch. Und wenn ich heute
meine Augen schliee, so mu sie das Steuer selbst ergreifen knnen, das ich
bisher fr sie gefhrt habe ... Sind die Leute drunten im Schlosse in der That
kein Umgang fr sie, nun, dann wird sich das sehr bald herausstellen. Entweder
es fhlen beide Teile sofort, da sie nicht fr einander passen, und das
Verhltnis lst sich von selbst wieder, oder aber Elisabeth geht an dem vorber,
was ihren Grundstzen widerspricht, und es bleibt deshalb nicht an ihr haften
... Du gehrst ja selbst zu denen, die nie einer Gefahr ausweichen, sondern
stets ihre Kraft, ihren Wert an ihr erproben.
    Alle Wetter, dafr bin ich auch ein Mann, der fr sich selbst einstehen
mu!
    Weit du denn, ob Elisabeth in spteren Jahren je eine andere Sttze haben
wird, als sich selbst, je eine fremde Kraft, die die Verantwortlichkeit fr sie
mit bernimmt?
    Der Oberfrster warf einen schnellen Blick auf das junge Mdchen, das seine
Augen feurig auf den Vater geheftet hielt. Er sprach ihr aus der Seele, der fr
sie der Inbegriff des Unfehlbaren und der Weisheit war - das lag sprechend in
ihren Zgen.
    Vater, sagte sie, du sollst sehen, da du dich nicht geirrt hast, da ich
nicht schwach bin ... Ich habe von jeher das abgenutzte Bild vom Epheu und der
Eiche nicht leiden mgen und werde es am allerwenigsten an mir wahr machen ...
Lasse mich getrost ins Schlo hinuntergehen, Onkelchen, wandte sie sich
schelmisch lchelnd an den Oberfrster, dem die grimmige Falte in mglichster
Entwickelung zwischen den Augenbrauen erschienen war. Sind die Bewohner
herzlos, ei, so setzt das noch lange nicht voraus, da ich sofort zum Kannibalen
werden und mein eigenes Herz unter dem Mhlsteine der Grausamkeit zermalmen mu.
Wollen sie mich treten und verletzen durch Hochmut, dann setze ich mich
innerlich auf einen so hohen Standpunkt, da alle Pfeile umsonst nach mir
verschossen werden, und sind sie Heuchler, nun, so sehe ich der Wahrheit um so
fester ins sonnige Angesicht und wei dann desto klarer, wie hlich jene
schwarzen Masken sind.
    Schn gesagt, unvergleichliche Else, und wre auch wunderleicht
durchzufhren, wenn nur die Leute die Freundlichkeit haben wollten, ihre Masken
so handgreiflich zur Schau zu tragen ... Wirst dich schon wundern, wenn du eines
Tages Spreu da findest, wo du so und so lange auf Gold geschworen hast.
    Aber, lieber Onkel, ich werde doch nicht so thricht sein, mich lediglich
Illusionen hinzugeben ... Bedenke nur, wie viel Trbes in meine Kinderzeit
gefallen ist; und das ist durchaus nicht so unverstanden an mir vorbergegangen
... Allein, ein wenig Vertrauen auf seinen guten Stern und auf sich selbst mu
das Menschenkind auch haben; und deshalb verzweifle ich noch gar lange nicht,
selbst wenn ich gleich beim Eintritt in die fremde Welt in einen Abgrund von
gyptischer Finsternis und greulicher Molche fallen sollte ... Siehst du, liebes
Onkelchen, das hast du nun von deinem Eifer fr mein Seelenheil - deine Tasse
sieht aus, als solle eine Eisbahn darauf erffnet werden und dein unglcklicher
Meerschaumkopf liegt in den letzten Zgen.
    Der Oberfrster lachte, wenn auch, wie es schien, wider Willen. Dann aber
sagte er zu Elisabeth, die geschftig seine Tasse frisch fllte und einen
brennenden Fidibus herbeibrachte, du brauchst nicht etwa zu denken, da ich all
mein Pulver verschossen habe, wenn ich sage: na meinetwegen, da gehe hin und
versuch's. - Ich will mir lediglich die Genugthuung verschaffen, eines schnen
Tages das heldenmtige Kchlein eilig und verscheucht unter den schtzenden
Flgel des Daheim kriechen zu sehen.
    Ach! lachte Frau Ferber, da kannst du warten, du kennst unsern kleinen
Eisenkopf schlecht! ... Aber lat uns einen Entschlu fassen. Meiner Ansicht
nach wre es passend, wenn Elisabeth sich morgen den Damen vorstellte. -
    Tags darauf, und zwar nachmittags gegen fnf Uhr, stieg Elisabeth den Berg
hinab. Ein schn gehaltener Weg fhrte durch den Wald, der in dem Parke
gewissermaen aufging. Kein Gitter trennte den ersten, herrlich gepflegten
Rasenplan, der mit seinen feinen, elastisch auf und ab wehenden Grsern wie ein
duftiges grnes Gefieder dalag, von dem mit knorrigen Wurzeln bedeckten
Waldboden.
    Elisabeth hatte ein frischgewaschenes, helles Musselinkleid angezogen, und
ein weier, runder Strohhut bog sich leicht ber ihre Stirn. Der Vater gab ihr
das Geleite bis an die erste Wiese, dann schritt sie allein mutig vorwrts.
Keine menschliche Seele begegnete ihr auf dem langen Wege durch die reizenden
Anlagen; ja, es schien, als flsterte es hier im Laube der Bosketts tiefer, als
droben im Walde, und als hteten sich selbst die Vgel, allzu laut zu werden.
Sie erschrak vor dem Knirschen des Sandes unter ihren Fen, als sie in die Nhe
des Schlosses kam, und wunderte sich ber sich selbst, wie diese bngliche
Stille sie mit einemmal so verzagt mache.
    Endlich hatte sie den Hauptflgel erreicht und erblickte das erste
Menschenangesicht. Es war ein Bedienter, der in einem imposanten Vestible
geschftig, aber mglichst geruschlos hantierte. Auf ihre Bitte, sie bei der
Baronin zu melden, schlpfte er die breite, gegenberliegende Treppe hinauf, an
deren Fu zwei hohe Statuen standen, die ihre weien Glieder halb unter dem
dunklen Laube mehrerer Orangenbume versteckten. Sehr bald zurckkehrend,
meldete er, da sie willkommen sei, und eilte flchtigen Fues wieder voraus,
kaum mit der Fuspitze die Stufen berhrend.
    Beklommenen Herzens folgte ihm Elisabeth. Nicht der sie umgebende Glanz war
es, der sie niederdrckte, nein, es war das Gefhl des Alleinstehens in dieser
neuen, ungekannten Sphre. Der Diener fhrte sie durch einen langen Korridor, an
den sich mehrere Zimmer anschlossen, die, auerordentlich reich und elegant
ausgestattet, jene tausend Kleinigkeiten in sich schlossen, welche ein
unbefangenes und unverwhntes Menschenkind auf die Vermutung bringen mssen, es
sei in eine Warenausstellung geraten.
    Der Bediente ffnete leise und behutsam eine Flgelthr und lie das junge
Mdchen eintreten.
    In der Nhe des Fensters, Elisabeth gegenber, lag auf einem Ruhebette eine
dem Anscheine nach sehr leidende Dame. Ihr Kopf ruhte auf einem weien Kissen,
warme Decken verhllten fast die ganze Gestalt, die jedoch - so viel lie sich
trotz der Umhllung beurteilen - von betrchtlichem Embonpoint sein mute. In
der Hand hielt sie ein Flakon.
    Die Dame richtete sich ein wenig in die Hhe, so da Elisabeth vollstndig
ihr Gesicht sehen konnte; es war voll und bla und erschien im ersten
Augenblicke nicht unangenehm. Bei schrferer Beobachtung jedoch mute man
finden, da die groen blauen Augen, von weiblonden Wimpern umrahmt und unter
ebenso hellen, in die Hhe gezogenen Brauen liegend, kalt wie Gletschereis
blickten, ein Ausdruck, den ein Zug von Hochmut um Lippen und Nasenflgel und
ein stark hervortretendes, breites Kinn keineswegs milderte.
    Ach, es ist sehr freundlich von Ihnen, mein Frulein, da Sie kommen! rief
die Baronin mit schwacher, aber trotzdem hart und sprde klingender Stimme,
indem sie mittels einer Handbewegung nach einem ihr nahe stehenden Fauteuil
deutete und das sich hflich verbeugende junge Mdchen aufforderte, sich zu
setzen. Ich habe, fuhr sie fort, meine Kousine bitten lassen, sich bei mir
mit Ihnen zu verstndigen, da ich leider zu unwohl bin, Sie hinberfhren zu
knnen.
    Der Empfang war jedenfalls hflich und zuvorkommend, obgleich sich in Ton
und Bewegung der Dame eine bedeutende Dosis Herablassung nicht verkennen lie.
    Elisabeth setzte sich und wollte eben auf die Frage, wie es ihr in Thringen
gefalle, antworten, als die Thr heftig aufgerissen wurde. Ein kleines, ungefhr
achtjhriges Mdchen mit fliegenden, etwas rtlichen Locken strzte herein, in
ihren Armen einen niedlichen, zappelnden und quiekenden Hund an sich drckend.
    Ali ist so unartig, Mama, er will gar nicht bei mir bleiben! rief die
Kleine fast atemlos, indem sie den Hund auf den Teppich warf.
    Wahrscheinlich hast du das kleine Tier wieder einmal zu arg geneckt, mein
Kind, sagte die Mama. Ich kann dich brigens hier nicht brauchen, Bella; du
machst zu argen Lrm, und ich habe Kopfweh ... Geh hinber auf dein Zimmer.
    Ach, dort ist's so langweilig. Mi Mertens hat mir verboten, mit Ali zu
spielen, immer soll ich die alten Fabeln lernen, die ich gar nicht leiden mag.
    Nun, so bleibe hier, aber verhalte dich ruhig.
    Die Kleine strich dicht an Elisabeth vorber, wobei sie deren Anzug von oben
bis unten musterte, und stieg auf einen gestickten Fuschemel neben der
Spiegelkonsole, um eine Vase voll frischer Blumen besser erreichen zu knnen. Im
Nu verwandelte sich das reizend geordnete Boukett in ein wildes Chaos unter den
kleinen Hnden, die sich eifrig bemhten, einzelne Blumen in die feingestickten
Lcher der Vorhangsbordre zu placieren. Bei diesem Arrangement liefen dicke
Tropfen der trben Lache, in der die Blumen gestanden, von den Stielen auf
Elisabeths Kleid, so da diese sich gentigt sah, weiter zu rcken, denn es
hatte nicht den Anschein, als ob die kleine Vandalin selbst oder ein Verbot der
Mama dem Amsement so bald ein Ende machen wrde.
    Elisabeth hatte eben nur so viel Zeit gehabt, zu retirieren und auf die
wiederholte Frage der Baronin zu antworten, da sie sich in Thringen bereits
vollkommen heimisch und sehr glcklich fhle, als die Dame sich ziemlich rasch
aus ihrer liegenden Stellung emporrichtete und mit einem verbindlichen Lcheln
auf den Lippen nach einer Tapetenthr winkte, die sich seitwrts geruschlos
aufthat. Auf ihrer Schwelle erschienen die zwei jungen Leute, die Elisabeth
neulich durch das Fernrohr beobachtet hatte; aber wie ganz anders und seltsam
sahen sie jetzt nebeneinander aus! Herr von Hollfeld, eine fast bergroe,
schlanke Gestalt, mute sich tief auf die Seite neigen, um der kleinen Hand eine
Sttze sein zu knnen, die auf seinem Arme lag. Jenes sylphenartige Wesen, das
damals auf dem Ruhebette gelegen, war eine gnzlich verschobene Kindergestalt.
Der auch in diesem Augenblicke vollendet schne Kopf steckte tief in den
Schultern und die Krcke in der rechten Hand zeigte, da auch in den Fen ein
Miverhltnis sein msse.
    Verzeihe, teure Helene, rief die Baronin der Eintretenden entgegen, da
ich dich herberbemhen mute; allein du siehst, ich bin wieder einmal der arme,
geplagte Lazarus, an dem du deine Engelsgte ja stets bst ... Frulein Ferber,
deutete sie vorstellend auf das junge Mdchen, das sich errtend erhob, hat die
Freundlichkeit gehabt, auf mein gestriges Billet selbst zu kommen.
    Und dafr bin ich Ihnen von Herzen dankbar! wandte sich die junge Dame mit
einem liebreizenden Lcheln an Elisabeth und reichte ihr die Hand. Ihr Auge
glitt dabei wie im bewundernden Erstaunen ber die Erscheinung des jungen
Mdchens und blieb dann in den blonden Flechten haften, die unter dem Hute
hervorquollen. Ach ja, sagte sie, Ihr schnes Goldhaar habe ich schon
gesehen, und zwar gestern auf einem Spaziergange durch den Wald - Sie bogen sich
ber eine Mauer droben im alten Schlosse.
    Elisabeth errtete noch tiefer.
    Aber eben weil Sie dort waren, fuhr die junge Dame fort, kam ich um den
Genu, um dessenwillen ich eigentlich die Anhhe hinaufgeklettert war -
lediglich um Sie noch einmal, wie am Abend zuvor, spielen zu hren ... So jung
und kindlich, und ein so tiefes Verstndnis der klassischen Musik, wie ist das
mglich! ... Sie werden mich sehr glcklich machen, wenn Sie fter mit mir
spielen wollen.
    Es glitt etwas wie Mibilligung ber das Gesicht der Baronin, und einem
feinen Beobachter wre auch wahrscheinlicherweise das leise, spttische Lcheln
in den Mundwinkeln nicht entgangen; fr Elisabeth aber war es vollstndig
verloren, denn ihr ganzes Interesse wandte sich der unglcklichen jungen Dame
zu, deren weiche Silberstimme unmittelbar aus dem Herzen zu quellen schien.
    Herr von Hollfeld hatte unterdes einen Fauteuil fr Frulein von Walde an
das Ruhebett gerckt; dann empfahl er sich, ohne ein Wort gesprochen zu haben.
Weil er aber durch die Thr das Zimmer verlie, die Elisabeth gerade
gegenberlag, so konnte ihr nicht entgehen, da sein letzter langer Blick auf
ihr ruhte, ehe er die Thr langsam schlo. Sie erschrak frmlich darber, denn
die Art und Weise, wie er sie angesehen, war zu eigentmlich gewesen, so da sie
im stillen ihren Anzug prfte, ob er wohl am Ende gar zu auffallend sei.
    Frulein von Walde unterbrach diese Musterung mit der Frage, welchem Lehrer
Elisabeth ihr vollendetes Spiel verdanke, worauf letztere erzhlte, da die
Mutter sie ganz allein ausgebildet, wie berhaupt die Eltern sie in allem, was
sie habe lernen mssen, selbst unterrichtet htten.
    Whrend dieser Mitteilung hatte sich Bella auf den Teppich gekauert und
spielte mit dem Hunde. Es wrde ein allerliebstes Bild gewesen sein, htten
nicht das Gewinsel und die heftigen Bewegungen des kleinen Tieres bewiesen, da
es geqult werde. Nach jedem lauteren Schrei des Hundes, bei dem Frulein von
Walde stets erschreckt zusammenfuhr, rief die Baronin wie mechanisch: La doch
die Possen, Bella! Endlich aber, als das Tier in ein schmerzliches Geheul
ausbrach, hob sie drohend den Finger gegen die kleine Unartige und sagte: Ich
werde Mi Mertens rufen mssen.
    Ach, entgegnete die Kleine geringschtzend, die darf sich doch nicht
unterstehen, mich zu strafen; du hast es ihr ja selbst streng verboten.
    In dem Augenblicke wurde die Tapetenthr leise aufgemacht, und ein blasses,
lteres Frauenzimmer trat ein. Indem sie sich demtig vor den Damen verbeugte,
sagte sie schchtern:
    Der Herr Kandidat wartet auf Bella.
    Ich will heute aber keine Stunde! rief die Kleine, whrend sie ein
Wollknuel vom Tische nahm und dasselbe nach der Eingetretenen warf.
    Ja, mein Kind, das mu sein, sagte die Baronin. Gehe mit Mi Mertens, sei
hbsch artig, Bella.
    Bella setzte sich, als ginge sie die Sache so wenig an, als den hinter das
Sofa geflchteten Ali, in ein Fauteuil und zog die Fe in die Hhe. Die
Gouvernante schien sich ihr nhern zu wollen, aber ein zorniger Blick der
Baronin wies sie an die Thr zurck.
    Wahrscheinlicherweise wrde diese widerwrtige Szene noch lange gespielt
haben, htte nicht die Baronin Hilfstruppen in Gestalt von Bonbons
aufmarschieren lassen. Die Kleine verlie, nachdem sie Mund und Taschen
vollgestopft hatte, ihren Sitz, und whrend sie die Hand der Gouvernante, die
sie fhren wollte, zurckstie, lief sie hinaus.
    Elisabeth sa starr vor Erstaunen. Auch die sanften Zge des Fruleins von
Walde drckten unverkennbare Mibilligung aus, aber sie sagte kein Wort.
    Die Baronin sank in die Kissen zurck. Diese Gouvernanten rauben mir Jahre
vom Leben! seufzte sie. Ob diese Mi Mertens nur einmal lernen wird, Bella zu
behandeln, wie es dies erregbare Kind mit seinen empfindlichen Nerven verlangt
... Da wird keine Rcksicht auf Lebensstellung, Temperament und
Krperkonstitution genommen. Alles kommt unter eine Schablone, gleichviel, ob
Krmer- oder Pairstochter, ob zartbesaitete Wesen oder robuste Tagelhnernaturen
... Mi Mertens ist ein widerwrtiger pedantischer Schulmeister. Dabei ist ihr
Englisch abscheulich; Gott wei, aus welchem Winkel Englands sie stammen mag!
    Aber das kann ich durchaus nicht finden, liebe Amalie, sagte Frulein von
Walde; ihre Stimme hatte dabei etwas unendlich Begtigendes.
    Ach ja, das sagst du nun wieder in deiner Engelsgte; aber obgleich ich
selbst nicht Englisch verstehe, so hre ich doch auf der Stelle, wenn du, liebes
Herz, mit ihr sprichst, wie ungleich eleganter deine Aussprache ist.
    Elisabeth bezweifelte innerlich die Kompetenz dieses Urteils, und Frulein
von Walde machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, wobei sie leicht
errtete. Die Baronin aber fuhr unbehindert fort: Bella scheint dies auch recht
gut zu fhlen. Sie schweigt hartnckig, wenn ihre Gouvernante sie englisch
anredet; ich verdenke es ihr keinen Augenblick, mu mich aber immer
unbeschreiblich rgern, wenn diese Person auch noch behauptet, es sei Eigensinn
und Bosheit von dem Kinde.
    Die anfnglich so schwache und angegriffene Stimme der Baronin war unter dem
Ergusse des Verdrusses merkwrdig krftig geworden. Sie schien dies pltzlich
selbst inne zu werden und schlo ermdet die Augen. O mein Gott, seufzte sie,
da spielen mir nun wieder einmal meine unglcklichen Nerven bel mit ... Ich
werde heftig, wo ich langmtig sein sollte; diese Verdrielichkeiten sind doch
wahres Gift fr Leib und Seele.
    Ich wrde dir raten, zuzeiten, wo du so angegriffen bist, wie heute, Bella
unter der Obhut des Herrn Mhring und der Mi Mertens getrost zu lassen. Ich bin
berzeugt, da sie da ganz gut aufgehoben ist ... Wenn ich auch deine rhrende
Angst und Sorge um das Kind vollkommen begreife, so mu ich doch zu deiner
Beruhigung sagen, da Mi Mertens viel zu sanft und gebildet ist, um irgend
etwas zu thun, was nicht zum Heile der Kleinen wre ... Du siehst ganz erschpft
aus, fgte sie teilnehmend hinzu. Es wird gut sein, wenn ich dich jetzt allein
lasse. Frulein Ferber wird gewi die Gte haben, mich bis an mein Zimmer zu
fhren.
    Damit erhob sie sich, bog sich ber die Baronin und hauchte einen Ku auf
deren Wange. Dann legte sie ihre Hand auf Elisabeths Arm, die von der Baronin
mittels einer sehr gndig aussehenden Handbewegung verabschiedet wurde, und
verlie das Zimmer.
    Auf der langsamen Wanderung durch verschiedene Korridors sagte sie, es werde
vorzglich fr ihren Bruder, der jetzt so fern von ihr lebe, eine groe Freude
sein, wenn sie die Musik wieder aufnehme. Er habe frher stundenlang in einer
dunklen Ecke sitzen und ihr zuhren knnen, bis eine erhhte Nervenreizbarkeit
sie gezwungen habe, auf eine lange Zeit der geliebten Musik zu entsagen. Jetzt
fhle sie sich wieder viel krftiger, und auch der Arzt habe seine Zustimmung
gegeben - nun wolle sie fleiig ben, um den Bruder zu berraschen, wenn er
dereinst zurckkehre.
    Elisabeth eilte wie geflgelt durch den einsamen Park und den Weg hinauf.
Droben auf der Waldble vor dem offenen Mauerpfrtchen gingen die Eltern auf
und ab, und der kleine Ernst sprang ihr schon von weitem entgegen. Wie heimisch
und traut erschien ihr alles hier oben. Die Ihrigen begrten sie, als sei sie
schmerzlich vermit worden; droben am Fenster schmetterte und jubelte Hnschen,
da es eine wahre Lust war, und hinter den zwei sich gegenberliegenden offenen
Thren der groen, dmmerstillen Halle glnzte der grne Garten doppelt sonnig
und zeigte im Hintergrunde die Lindengruppe ber dem khlen Brunnen, in dessen
Nhe ein weigedeckter Tisch mit dem Abendbrote stand.
    Das ganze italienische Schlo mit all seiner Pracht, seiner vornehmen
Atmosphre und seiner fast bengstigenden Stille, die nur durch den Lrm eines
ungebrdigen, verzogenen Kindes unterbrochen worden war, versank hinter ihr wie
ein Traum, den man gern abschttelt; und als sie die Reihenfolge ihrer Eindrcke
den Eltern mitgeteilt hatte, da schlo sie mit den Worten: Deiner Lehre nach,
Vterchen, drfte ich mir heute noch kein festes Urteil ber die neue
Bekanntschaft bilden; denn du verwirfst den ersten Eindruck als etwas
Trgliches, das uns leicht ungerecht macht. Aber was kann ich fr meine
widerspenstige Phantasie? So oft ich an die beiden Damen denke, sehe ich eine
junge, einsame Hngebirke, die einer vom Sturme getragenen Wetterwolke ihre
elastischen Zweige willenlos preisgibt.

                                       7


Von nun an ging Elisabeth zweimal wchentlich hinunter nach Lindhof. Die Baronin
Lessen hatte am Tage nach ihrer Aufwartung mittels eines hflichen Billets die
Stunden angeordnet und zugleich ein sehr anstndiges Honorar fr Elisabeths
Bemhung festgestellt. Diese Stunden wurden fr das junge Mdchen sehr bald eine
Quelle hoher Gensse. Helene von Walde hatte zwar durch jahrelangen Mangel an
Uebung in Hinsicht auf technische Fertigkeit sehr verloren und konnte sich mit
Elisabeth nicht messen; aber sie spielte mit tiefer Empfindung, hatte einen
durchaus geluterten Geschmack und besa nicht im entferntesten jene hliche
Angewohnheit der meisten Dilettanten, nmlich, das gering zu schtzen, was ber
ihren Horizont geht. Die Baronin Lessen war nie zugegen, wenn musiziert wurde,
und deshalb gewannen auch die Erholungspausen nach und nach einen eigentmlichen
Reiz fr Elisabeth. Ein Bedienter brachte dann gewhnlich einige kleine
Erfrischungen; Helene lehnte sich in ihren Fauteuil zurck, und Elisabeth setzte
sich auf einen Fuschemel zu ihren Fen, entzckt der fltenartigen,
melancholischen Stimme lauschend, mit der das arme, migestalte Wesen aus seiner
Vergangenheit erzhlte. Dann trat jedesmal das Bild des fernen Bruders in den
Vordergrund. Sie konnte nicht genug rhmen, wie er fr sie sorge und denke, wie
er, obgleich bedeutend lter und sehr ernst, sich bemhe, auf ihre kleinen
Liebhabereien und Eigenheiten einzugehen. Sie erzhlte ferner, da er die
Besitzung Lindhof einzig aus dem Grunde gekauft, weil die Schwester bei einem
lngeren Besuche am Hofe zu L. gefunden habe, die Thringer Luft wirke ganz
besonders wohlthtig auf ihren leidenden Zustand. Aus allem ging hervor, da er
Helene zrtlich lieben msse.
    Eines Nachmittags, als ungewhnlich lange musiziert worden war, trat ein
Bedienter ein und meldete Besuch.
    Bleiben Sie heute abend bei mir zum Thee, sagte Frulein von Walde zu
Elisabeth. Mein Arzt aus L. ist gekommen, und es haben sich auch einige Damen
aus der Nachbarschaft melden lassen. Ich werde jemand hinaufschicken zu Ihrer
Mama, damit sie sich ber Ihr Ausbleiben nicht ngstigt. Mein Zwiegesprch mit
dem Doktor wird nicht lange dauern, bald bin ich wieder bei Ihnen.
    Damit ging sie hinaus. Es waren kaum zehn Minuten vergangen, als die Thr
sich wieder ffnete und Frulein von Walde am Arme eines Herrn eintrat, den sie
Elisabeth als Herrn Doktor Fels aus L. vorstellte. Er war ein stattlicher Mann
mit einem geistvollen Gesichte, der sich bei Nennung ihres Namens sogleich
lebhaft an Elisabeth wandte und ihr in ergtzlicher Weise erzhlte, wie er
sowohl, als die ganze ehrsame Bewohnerschaft von L. des Erstaunens und
Entsetzens kein Ende gewut htten, als es laut geworden sei, da das alte
Gnadeck wieder Bewohner und zwar aus Fleisch und Bein beherberge.
    Pltzlich rauschte es im Nebenzimmer, und gleich darauf erschienen zwei
weibliche Gestalten, eine alte und eine jngere, von etwas absonderlichem
Aeueren, in der Thr. Die groe Aehnlichkeit in den Gesichtszgen lie sogleich
erkennen, da die Eingetretenen Mutter und Tochter seien. Beide trugen dunkle
Kleider, die gegen die herrschende Mode lang und schlaff auf den Boden fielen,
groe Mantillen von schwarzem Wollstoffe und braune, runde Strohhte, die bei
der Mutter mit einer schwarzen, bei der Tochter dagegen mit einer lila Schleife
unter dem Kinn gebunden waren.
    Helene von Walde begrte die Damen als Frau und Frulein von Lehr, und
Elisabeth erfuhr spter, da sie, in L. wohnhaft, den Sommer gewhnlich im Dorfe
Lindhof zuzubringen pflegten, wo sie sich in einem Bauernhause eingemietet
hatten.
    Unmittelbar nach den Eingetretenen kam die Baronin Lessen am Arme ihres
Sohnes und von einem Herrn begleitet, der von den Anwesenden als Herr Kandidat
Mhring angeredet wurde.
    Die Baronin war dunkel, aber mit ausgesuchtester Eleganz gekleidet; sie sah
imposant aus. Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen und schien sehr
unangenehm berrascht durch Elisabeths Anwesenheit. Sie ma das junge Mdchen
mit einem hochmtig fragenden Blicke und erwiderte ihre Verbeugung mit einem
kaum bemerkbaren Kopfnicken.
    Helene hatte den Blick aufgefangen und trat ihr nher, indem sie begtigend
flsterte: Ich habe meinen kleinen Liebling heute hier behalten, weil es durch
mein Verschulden doch gar zu spt geworden war.
    Elisabeths feinem Ohre entging jedoch diese Entschuldigung nicht. Sie war
emprt und wre am liebsten durch das Fenster geflohen, in dessen Nische sie
stand, htte nicht gerade der Stolz ihr geboten, zu bleiben und dem Hochmut der
Baronin die Stirn zu bieten. Diese schien indes durch die Shne des hinter ihrem
Rcken begangenen Verbrechens zufriedengestellt zu sein. Sie nahm Helene in ihre
Arme, streichelte zrtlich ihre Locken und sagte ihr tausend Schmeicheleien.
Dann forderte sie die Anwesenden auf, ihr in das Nebenzimmer zu folgen, wo
serviert sei. Sie machte die Honneurs am Theetische und entwickelte dabei die
allerdings nicht wegzuleugnende Gabe, das Gesprch in Atem zu erhalten. Mit
bewunderungswrdigem Geschick wute sie es auerdem einzurichten, da Helene
stets der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeiten blieb, ohne da die anderen dadurch
irgendwie htten verletzt werden knnen.
    Elisabeth sa schweigend zwischen dem Arzte und Frulein von Lehr. Die
Unterhaltung hatte im ganzen fr sie wenig Interesse, da sie sich hauptschlich
um ihr ganz fremde Persnlichkeiten und Verhltnisse drehte. Frau von Lehr
erzhlte viel und schien sehr unterrichtet von allem, was whrend der letzten
Wochen, gleichviel ob von den Betreffenden geheim gehalten oder ffentlich
ausgesprochen, in der Umgegend von Lindhof geschehen war. Sie sprach dabei in
eigentmlich klagenden, gehaltenen Tnen und senkte jedesmal beim Schlusse
irgend einer emprenden Neuigkeit demtig und sanft das ausgetrocknete
Eulengesicht, als sei sie das Lamm, das der Welt Snde trage. Dann und wann zog
sie ein Flschchen mit Fenchelwasser aus dem groen Strickbeutel und befeuchtete
damit ihre angegriffenen Augen, die fast immer den Himmel suchten.
    Welch ein Kontrast zwischen ihr und Helenes Madonnengesichtchen, das, an den
dunklen Plsch des Sofas geschmiegt, Elisabeth heute mehr denn sonst an die
Seerose denken lie, wie sie ihr glnzendweies Haupt trumerisch erhebt aus dem
dunklen Grunde. Es lag aber auch heute ein seltsamer Schimmer ber ihren Zgen.
Ganz verwischt war der Ausdruck des Leidens freilich nicht, aber es brach ein
voller Strahl des Glckes aus den Augen, und um die blaroten Lippen spielte ein
entzcktes Lcheln, so oft sie das volle Rosenboukett vom Schoe aufnahm, das
Herr von Hollfeld bei seinem Kommen in ihre Hand gedrckt hatte. Er sa neben
ihr und mischte sich einige Male in das Gesprch. Sobald er sprach, schwiegen
smtliche Damen und hrten mit sichtbarem Eifer und Interesse zu, obgleich seine
Art zu sprechen nichts weniger als flieend war und, wie es Elisabeth vorkam,
auch durchaus keinen originellen Gedanken verriet.
    Es war ein schner junger Mann von vielleicht vierundzwanzig Jahren. Es lag
eine groe Ruhe in den edelgeformten Zgen, die in ihren Linien leicht auf
mnnliche Festigkeit htten schlieen lassen; allein wer nur einmal fest und
forschend in sein Auge gesehen hatte, dem imponierte die plastische
Gesichtsbildung sicher nicht mehr. Diese Augen, obgleich gro und tadellos
geschnitten, entbehrten der Tiefe und zeigten nie jenes meteorartige
Aufleuchten, das uns oft den geistreichen Menschen verrt, selbst wenn er noch
kein Wort gesprochen hat. Dieser Mangel kann brigens ersetzt werden durch jenen
milden dauerhaften Glanz, der von einem tiefen Gemte ausgeht, und der uns nicht
hinreit, wohl aber anzieht und fesselt. Aber auch davon verrieten die groen
schnen Blauen des Herrn von Hollfeld keine Spur.
    Diese Beobachtung indes machten vielleicht nur sehr wenige; denn es war nun
einmal, und zwar vorzglich am Hofe zu L., hergebracht, in Herrn von Hollfeld
einen Sonderling zu sehen, dessen meist schweigsamer Mund ein um so tieferes
Innere verschliee, und am allerwenigsten wrden wohl die Damen in und um
Lindhof jene Ansicht unterzeichnet haben. Das bewies vor allen Frau von Lehrs
sehr korpulente Tochter, indem sie sich jedesmal, als gelte es die Verkndigung
eines Evangeliums, ber die ngstlich zurckweichende Elisabeth hinberbog, so
oft Herr von Hollfeld den Mund aufthat. Aber auch sie schien gern ihr Licht
leuchten zu lassen.
    Sind Sie nicht auch entzckt von den herrlichen Predigten, mit denen uns
Herr Kandidat Mhring an den heiligen Festtagen erquickt hat? fragte sie, sich
an Elisabeth wendend.
    Ich bedaure, sie nicht gehrt zu haben, entgegnete Elisabeth.
    So haben Sie den Gottesdienst gar nicht besucht?
    O ja ... ich war in Begleitung meiner Eltern in der Dorfkirche zu Lindhof.
    So, sagte die Baronin Lessen, indem sie zum erstenmal den Kopf nach
Elisabeth umwandte, wodurch diese ein uerst hhnisches Lcheln zu sehen bekam,
und es war wohl recht erbaulich in der Dorfkirche zu Lindhof?
    Gewi, gndige Frau, entgegnete ruhig Elisabeth und sah fest in das
spttisch funkelnde Auge der Dame. Ich war tief bewegt von den schlichten und
doch so ergreifenden Worten des Predigers, der brigens nicht in der Kirche,
sondern auerhalb derselben, unter den Eichen seinen Vortrag hielt ... Als der
Gottesdienst beginnen sollte, da stellte es sich heraus, da die kleine Kirche
die massenhaft herbeigestrmten Zuhrer nicht fassen knne. Es wurde sofort eine
Art Altar unter Gottes freiem Himmel errichtet, wie es schon oft geschehen sein
soll.
    Jawohl, ist leider bekannt, unterbrach sie hier der Kandidat Mhring, der
bis dahin nicht viel gesprochen und sich damit begngt hatte, die Berichte der
Frau von Lehr mit einem zuvorkommenden Lcheln oder einem beipflichtenden
Kopfnicken zu begleiten. Jetzt aber war sein breites, etwas glnzendes Gesicht
dunkelrot, als er, gegen die Baronin gewendet, spttisch fortfuhr: Gndigste
Frau Baronin, ja, es ist weit gekommen - die alten Gtzen steigen hernieder in
die heiligen Haine, und der Druide opfert ihnen unter den Eichen!
    Ich wte nicht, da dergleichen vorgekommen wre, und htte mir mit der
lebhaftesten Einbildungskraft in jenem Augenblicke auch nicht vorstellen knnen,
da ich einem heidnischen Opferfeste beiwohne, entgegnete Elisabeth. Sie
lchelte, fuhr dann aber warm und ernster fort: Mir war an dem herrlichen
Pfingstmorgen, als der Orgelton aus den geffneten Kirchenfenstern und Thren
quoll, und der ehrwrdige alte Mann unter dem lebendigen Grn der Bume seine
bewegte Stimme erhob, genau so zu Mute, wie da ich zum erstenmal in meinem Leben
das Gotteshaus betreten durfte.
    Sie scheinen ein vortreffliches Gedchtnis zu haben, mein Frulein, warf
hier Frau von Lehr ein. Wie alt waren Sie damals, wenn man fragen darf?
    Elf Jahre.
    Elf Jahre? ... O, mein Gott, wie ist das mglich? rief die alte Dame
entsetzt. Knnen das christliche Eltern wohl bers Herz bringen? ... Meine
Kinder kannten das Haus des Herrn schon in ihrer frhesten Kindheit, das mssen
Sie mir bezeugen, bester Doktor!
    Ja wohl, meine Gndigste, entgegnete dieser ernst. Ich erinnere mich, da
Sie den Krupanfall, an welchem Sie leider Ihr zweijhriges Shnchen verlieren
muten, einem Besuche des Kindes in der kalten Kirche zuschrieben.
    Elisabeth sah erschrocken ihren Nachbar an. Der Doktor hatte der
anfnglichen Unterhaltung nur insofern beigewohnt, als er hier und da in
trockener Weise Sarkasmen einstreute, die dem jungen Mdchen um so ergtzlicher
waren, als die Baronin ihm jedesmal einen verweisenden Blick dafr zusandte. Als
Elisabeth selbst zu sprechen begann, hatte sie auf ihn nicht mehr geachtet,
ebensowenig wie die anderen, die nur das unglckliche Heidenkind im Auge hatten;
deshalb bemerkte niemand, da er sich innerlich fast zu Tode lachen wollte ber
die freimtigen Antworten des jungen Mdchens und deren Wirkung auf die
Anwesenden. Jetzt kam er Elisabeth grausam vor durch seine Antwort; aber er
mute wohl seine Leute kennen, denn Frau von Lehr blieb ruhig und unbewegt und
sagte salbungsvoll: Ja, der Herr nahm den kleinen, frommen Engel zu sich, er
war zu gut fr diese Welt ... Und so war und blieb Ihnen fr die ersten elf
Jahre Ihres Lebens das Reich des Herrn verschlossen? wandte sie sich an
Elisabeth.
    Nur sein Tempel, gndige Frau ... Ich wute schon als kleines Kind die
Geschichte des Christentums und lernte jedenfalls mit meinen ersten Gedanken das
hchste Wesen kennen und verehren, denn ich wei nicht, da ich je gelebt htte
ohne die Vorstellungen von Gottes Dasein ... Es ist meines Vaters Grundsatz,
seine Kinder nicht zu frh das Haus Gottes betreten zu lassen; er meint, so
junge Seelen seien unfhig, die hohe Bedeutung desselben zu verstehen,
langweilen sich bei der Predigt, die sie mit dem besten Willen nicht fassen
knnten, und so entstnde von vornherein eine saloppe Anschauung ... Mein
kleiner Bruder ist sieben Jahre alt und war noch nicht in der Kirche.
    O der glckliche Vater, rief der Doktor, da er dies durchfhren kann und
darf!
    Nun, was hindert Sie, Ihre Kinder moralisch wie die Pilze aufschieen zu
lassen? fragte malitis die Baronin.
    Das kann ich Ihnen mit wenig Worten sagen, gndige Frau. Ich habe sechs
Kinder und bin nicht reich genug, einen Hauslehrer fr sie zu halten. Sie selbst
zu unterrichten, daran hindert mich mein Beruf; mithin bin ich gezwungen, sie in
die ffentliche Schule zu schicken und mich mit ihnen zugleich in die Gesetze
der Anstalt zu fgen - dahin gehrt der Kirchenbesuch der Kleinen ... Genau so
verhlt es sich mit einer anderen Ueberzeugung, die ich ebensowenig zur Geltung
bringen darf - das ist das selbstndige Bibellesen der Kinder. In diese kleinen
Hnde gehrt die Bibel nicht, die, als Fundament unseres ganzen spteren Lebens
und Wirkens, fr die Jugend mit einer unnahbaren Glorie umgeben sein mte ...
Das Kind, mit sehr seltenen Ausnahmen, sucht lieber Unterhaltung als ernste
Belehrung, und hat den Trieb, gerade das, was ihm verschwiegen wird, zu
enthllen. Und so wei ich, und streng beobachtende Lehrer wissen es auch, da
die Kleinen, das ehrwrdige Buch auf dem Schoe und von unachtsamen Eltern
darber belobt, nicht immer den Text der letzten Predigt, sondern auch anderes
aufblttern und sich gegenseitig auf verpnte Worte aufmerksam machen, die die
gebildete und moralische Mutter daheim nie zu ihren Ohren gelangen lt, deren
Sinn ihnen aber oft genug klar gemacht wird durch Kinder, die, in ungebildeter
Sphre lebend, von unvorsichtigen, rohen Eltern und Dienstboten mehr erfahren,
als ihnen gesund ist. Und gesetzt auch, das letztere fllt nicht vor und das
Kind fragt die Mutter ber die Bedeutung des unverstandenen Wortes, so wird sich
eine verstndige Frau wohl zu helfen wissen, aber sie wird sich trotzdem
gentigt sehen, dem Kinde den Gebrauch der Ausdrcke zu verbieten - denken wir
nur an das Hohelied - so entstehen aber die ersten Skrupel und Zweifel in der
jungen Seele, die um so tiefer Wurzel greifen mssen, als das unausgebildete
moralische Gefhl und der unreife Verstand noch kein Gegengewicht bieten
knnen.
    Hier erhob sich die Baronin Lessen mit einer ungeduldigen Bewegung. Auf
ihren blassen, vollen Wangen waren allmhlich zwei rote Flecken aufgeblht,
welche fr alle, die sie kannten, das Zeichen inneren Zornes waren. Deshalb
stand auch Frulein von Walde, die sich whrend des ganzen Gesprchs passiv
verhalten hatte, sofort auf, bot ihrer Kousine den Arm und fhrte sie ans
Fenster, indem sie fragte, ob es ihr wohl genehm sei, wenn sie mit Elisabeth ein
wenig musiziere.
    Dieser Blitzableiter wurde mit einem Kopfnicken bewilligt, vielleicht
hauptschlich aus dem Grunde, weil die Frau Baronin dem Doktor gegenber sich
doch nicht gewachsen fhlte. Ihre Indignation mute jedes gemerkt haben, und so
war es ja die schne Musik, durch welche sie sich besnftigen und abhalten lie,
des Doktors himmelschreiende Angriffe gegen ihren Eifer im Dienste des Herrn -
sie verteilte ja hchst eigenhndig die Bibeln unter die armen Kinder - zu Boden
zu schmettern.
    Sie zog sich in eine Fensternische zurck und starrte hinaus in die Gegend,
auf die sich die ersten, leichten Schatten der hereindmmernden Nacht legten.
Ihr Blick zeigte einen kaltgrausamen Ausdruck, wie er jener gewissen Art
wasserblauer, hellbewimperter Augen so leicht innewohnen kann. Eine tiefe Falte
lagerte um die Mundwinkel, ein Zeuge tiefen Grolles, der auch nicht verschwand,
als Schuberts Erlknig, zu vier Hnden und meisterhaft von den beiden Damen
vorgetragen, in dmonischer Gewalt erbrauste. An dieser Brust verhallten
ungefhlt die Tne, wie der Wellengesang am Uferfelsen.
    Als der letzte Akkord verklungen war, erhoben sich die beiden Damen, und der
Doktor, der regungslos zugehrt hatte, eilte aus sie zu. Sein Auge glnzte; er
dankte begeistert fr den Genu, der ihm, wie er versicherte, seit vielen Jahren
nicht zu teil geworden sei ... Hier wurde Frulein von Lehrs Gesicht dunkelrot,
und die Mama scho einen wahren Giftblick nach dem unglcklichen Enthusiasten
... Hatte nicht die Tochter im vergangenen Winter zum Besten mildthtiger Zwecke
mehrere Male ffentlich in L. gespielt, und war er nicht in jedem Konzerte
zugegen gewesen? ... Der Doktor schien brigens gar nicht zu bemerken, welches
Gewitter sich hinter seinem Rcken auftrmte. Er sprach eingehend ber Schuberts
herrliche Tonschpfung, wobei er ein feines Urteil und den grndlich gebildeten
Musikverstndigen verriet.
    Pltzlich wurde mit hartem Anschlage ein voller Akkord auf dem Flgel
gegriffen - es war, als ob kncherne Finger auf die Tasten schlgen. Erschrocken
drehten sich die Plaudernden um. Der Kandidat sa am Klavier mit hochgehobenem
Kopfe und ausgedehnten Nasenflgeln und lie eben wieder beide Hnde zu einem
zweiten schrillenden Akkorde auf die Tasten fallen. Er begann einen schnen
Choral, der aber durch das schauderhafte Spiel zu einer wahren Marter fr
feingebildete Ohren wurde. Das htte sich am Ende noch berstehen lassen; aber
nun fiel er zu Elisabeths Verzweiflung auch noch mit einer abscheulich nselnden
Stimme ein. - Das war zu viel. Der Doktor griff nach seinem Hute und verbeugte
sich abschiednehmend vor Helene und der Baronin. Die letztere bog ihr Gesicht
nach dem Fenster und bewegte nachlssig ihre Hand als Zeichen der Entlassung.
    Ein unvergleichlicher Ausdruck von Humor berflog die Zge des Doktors. Er
drckte Elisabeths Hand herzlich beim Scheiden und empfahl sich dann mit einer
hflichen Verbeugung bei den brigen.
    Sobald sich die Thr hinter ihm geschlossen hatte, erhob sich die Baronin
und trat aufgeregt zu Helene, die sich still in einer Sofaecke niedergelassen
hatte.
    Unertrglich! rief sie, und ihre scharfe Stimme klang gedmpft, als ob ihr
der innere Grimm den Hals zusammenschnre, whrend sie ihr stechendes Auge fest
auf das junge Mdchen heftete, das fast schchtern und beklommen den blick zu
ihr erhob. Und du duldest es so widerstandslos, Helene, fuhr sie fort, da
man in deinen Zimmern unsere Standesvorrechte, unsere Frauenwrde, ja, das
Heiligste, was wir treulich behten und pflegen, mit Fen tritt?
    Aber, liebe Amalie, ich sehe nicht ein -
    Du willst nicht einsehen, Kind, in deiner unerschpflichen Geduld und
Langmut, da dieser Doktor mich beleidigt, wo er kann. Nun, ich mu mir das
gefallen lassen, weil es nicht in meinem Hause geschieht, und weil ich als gute
Christin lieber dulde und Unrecht leide, als da ich die unziemlichen Waffen der
Wiedervergeltung in die Hand nehmen mchte ... Diese Duldsamkeit jedoch findet
ihr Ende, sobald unser Herr in seinen gttlichen Rechten angegriffen wird. Hier
sollen wir kmpfen und streiten und nicht ermden ... Ist es nicht wahrhaft
gotteslsterlich, da dieser Mensch sans faon seinen Hut nimmt und mit groem
Gerusche das Zimmer verlt, whrend unsere Seelen durch den erhabensten
Gedanken der Musik, durch den Choral, tief bewegt sind?
    Sie war immer lauter und heftiger geworden und bedachte nicht, da sie in
diesem Augenblicke ein sanftes, smtliche Tne einer ganzen Oktave berhrendes
Hinaufschleifen des unermdlich weitersingenden Kandidaten vllig wirkungslos
machte.
    Ach, das mut du dem Doktor nicht so bel nehmen, sagte Frulein von
Walde. Er ist an seine Zeit gebunden, hat vielleicht noch einen Krankenbesuch
in L. zu machen und wollte ja eigentlich schon aufbrechen, ehe wir zu spielen
anfingen.
    Indes der heidnische Spuk des Erlknigs lie diesen vortrefflichen Mann
seine Patienten vergessen, unterbrach sie die Baronin hhnisch. Nun, ich
bescheide mich ... Es liegt leider in unserer traurigen Zeit, da die Vertreter
des Unglaubens die herrschenden werden.
    Aber, mein Gott, Amalie, was willst du denn, da ich thun soll? Du weit ja
nur zu gut, da Fels mir unentbehrlich ist .. er ist der erste und einzige Arzt,
der meine krperlichen Leiden zu lindern versteht! rief Helene, und ihr Auge
schimmerte feucht, whrend die Rte der Aufregung in ihre blassen Wangen stieg.
    Ich dchte, mein Frulein, begann hier Frau von Lehr, die bis dahin
schweigend und lauernd wie eine Spinne in einer Ecke gesessen hatte, langsam und
feierlich, vor allem msse wohl das Seelenheil bercksichtigt werden; die Sorge
fr das krperliche Wohl kommt meiner Ansicht nach erst in zweiter Linie ... Im
brigen hat L. noch mehr vortreffliche Aerzte aufzuweisen, die es getrost mit
der Gelehrsamkeit des Herrn Doktor Fels aufnehmen knnen ... Glauben Sie mir,
liebes Frulein, es berhrt die Glubigen in unserem guten L. oft schmerzlich,
wenn sie sehen mssen, wie ihr offenkundiger Widersacher als Freund und Ratgeber
in Ihrem Hause aus und ein gehen darf.
    Wenn ich auch das Opfer bringen wollte, einen anderen Arzt zu nehmen,
entgegnete Helene, so drfte ich doch ohne die Einwilligung meines Bruders
diesen Schritt nicht thun. Da aber wrde ich auf den heftigsten Widerstand
stoen - ich wei es - denn Rudolf hlt sehr viel auf den Doktor und schenkt ihm
sein unbedingtes Vertrauen.
    Ja, Gott sei's geklagt! rief die Baronin. Das ist auch so eine schwache
Seite in Rudolfs Charakter, die ich nie habe begreifen knnen! ... Mit diesem
sogenannten Freimute, den man am besten mit Frechheit bersetzen knnte,
imponiert ihm der Herr Fels ... Nun, ich wasche meine Hnde, werde mir aber
knftig die Besuche des Herrn Doktors verbitten und halte mich bei dir, liebe
Helene, fr die Zeit stets entschuldigt, wenn du ihn bei dir siehst.
    Frulein von Walde erwiderte kein Wort. Sie erhob sich, whrend ihr
getrbtes Auge durch das Zimmer glitt, als vermisse sie etwas; es schien
Elisabeth, als gelte dieser suchende Blick Herrn von Hollfeld, der vor einer
Weile unbemerkt das Zimmer verlassen hatte.
    Die Baronin griff nach ihrer Spitzenumhllung, und auch Frau von Lehr nebst
Tochter rsteten sich zum Aufbruche. Beide sagten dem Kandidaten, der seinen
Vortrag geendet hatte und nun, verlegen seine Hnde reibend, am Flgel stand,
noch einige Liebenswrdigkeiten und verabschiedeten sich dann in Begleitung der
Baronin von Helene, die ihnen mit erschpfter Stimme gute Nacht sagte.
    Als Elisabeth die Treppe hinunterstieg, sah sie Herrn von Hollfeld in einem
gegenberliegenden, nur schwach beleuchteten Korridor stehen. Er hatte droben
whrend des Zornergusses seiner Mutter in einem Album geblttert und sich mit
keinem Worte in die leidenschaftlichen Verhandlungen gemischt. Das war Elisabeth
ganz abscheulich vorgekommen; sie hatte lebhaft gewnscht, er mge zu Helene
stehen und dem Treiben der Baronin durch ein mnnlich ernstes Wort ein Ende
machen. Noch mehr aber mifiel es ihr, als sie bemerken mute, da er, ber das
Buch hinweg, sie unausgesetzt fixiere. Mglich war es schon, da er in ihren
Zgen den Verdru ber sein Benehmen gelesen hatte, aber sie meinte, dafr habe
er sie nun lange genug angestarrt. Sie fhlte, da sie endlich unter seinem
Blicke tief errtete, und rgerte sich darber um so mehr, als dies ihm
gegenber, ganz gegen ihren Willen, schon einige Male der Fall gewesen war. Ein
eigentmlicher Zufall wollte nmlich, da sie beim Nachhausegehen von Schlo
Lindhof Herrn von Hollfeld stets begegnete, sei es nun im Korridor, auf der
Treppe, oder da er pltzlich hinter einem Boskett hervortrat. Warum ihr dies
zuletzt peinlich wurde und sie verlegen machte, wute sie selbst nicht. Sie
grbelte auch nicht weiter darber und hatte die Begegnung meist vergessen, ehe
sie noch daheim war.
    Jetzt nun stand er da drunten in dem dunklen Gange. Ein schwarzer, tief
herabgedrckter Hut bedeckte halb sein Gesicht, und den hellen Sommerrock hatte
er mit einem dunklen Ueberzieher vertauscht. Er schien auf etwas gewartet zu
haben und trat, sobald Elisabeth die letzte Stufe erreicht hatte, rasch auf sie
zu, als ob er ihr etwas sagen wolle.
    In dem Augenblicke erschienen Frau und Frulein von Lehr droben auf der
Treppe. Ei, Herr von Hollfeld, rief die alte Dame hinab, wollen Sie denn noch
eine Promenade machen?
    Die Zge des jungen Mannes, die Elisabeth auffallend belebt und erregt
vorgekommen waren, nahmen sofort einen gleichgltigen, ruhigen Ausdruck an.
    Ich komme aus dem Garten, sagte er in eigentmlich nachlssigem Tone, wo
ich mich in der milden Nachtluft noch ein wenig ergangen habe. Bringe Frulein
Ferber nach Hause, gebot er dann dem Hausknechte, der eben zu diesem Zwecke mit
einer Laterne aus der Domestikenstube trat, und schritt, nach einer Verbeugung
gegen die Damen, in den Korridor zurck.
    Wie gut ist's, sagte Elisabeth eine Stunde spter, als sie, am Bette der
Mutter sitzend, ihren Bericht ber die heutigen Erlebnisse schlo, da wir
morgen Sonntag haben. Da wasche ich in unserer lieben, einfachen Lindorfer
Dorfkirche den hlichen Eindruck aus der Seele, den mir die letzten Stunden
hinterlassen haben ... Nie htte ich geglaubt, da ich beim Anhren eines
Chorales je eine andere Empfindung haben wrde, als die der Erhebung und
Andacht. Heute aber berkam es mich wie Zorn, ja, ich fhlte mich im Innersten
tief verletzt, als mitten in das Theetassengeklirr und, nachdem man stundenlang
ber dem guten Namen des Nchsten durchaus nicht liebevoll zu Gericht gesessen,
pltzlich das Lied einfiel, das ich gewohnt bin, nur in weihevollen Stunden zu
hren ... Hinter diesem christlichen Eifer steckt eine malose Herrschsucht -
das ist mir heute klar geworden; wenn aber andere so empfinden wie ich, dann
steht es schlimm um die Siege dieser Bekehrer ... gelt, Mtterchen, ich habe
doch eigentlich keine Ader vom Rebellen? allein, heute zum erstenmal in meinem
Leben fhlte ich eine unwiderstehliche Neigung zum Trotz und Widerspruch in
mir.
    Schlielich gedachte sie noch des Herrn von Hollfeld und seines sonderbaren
Benehmens in der Hausflur, woran sie die Bemerkung knpfte, da sie sich doch
gar nicht denken knne, was er eigentlich von ihr gewollt habe.
    Nun, darber wollen wir uns auch den Kopf nicht zerbrechen, sagte Frau
Ferber. Sollte es ihm jedoch einmal einfallen, dir seine Begleitung beim
Nachhausegehen anbieten zu wollen, so weise sie unter allen Umstnden zurck.
Hrst du, Elisabeth?
    Aber, liebe Mama, was denkst du denn? rief lachend das junge Mdchen. Da
steht eher des Himmels Einfall zu erwarten, als ein solches Anerbieten ... Haben
Frau und Frulein von Lehr, die sich jedenfalls zu den vornehmen Leuten zhlen,
allein nach Hause gehen mssen, da wird er sich doch wahrhaftig meiner simplen
Persnlichkeit gegenber nicht herablassen.

                                       8


Der Oberfrster hatte ungefhr acht Tage nach Ankunft seiner Verwandten ein
neues Hausgesetz erlassen, das, wie er sagte, von seinem Minister freudig
begrt worden war, und kraft dessen der Familie Ferber die Verpflichtung
auferlegt wurde, allsonntglich im Forsthause das Mittagbrot einzunehmen ... Das
waren Freudentage fr Elisabeth.
    Lange vor dem ersten Glockenluten wurde gewhnlich der Kirchgang
angetreten. Im wehenden weien Kleide, die Seele geschwellt von jener sen
Ahnung der Jugend, als knne ein schner, heiterer Tag auch nur Glck in sich
schlieen, schritt Elisabeth den Eltern voraus und freute sich stets auf den
Moment, wo der goldene Knopf des Lindhofer Kirchleins tief drunten im Thale aus
den grnen Wogen des Waldes aufleuchtete; wenn rechts und links auf dunklen,
verschwiegenen Waldwegen die Kirchgnger der verschiedenen Filialen ihnen
entgegenschritten und sich mit freundlichem Grue und Handschlage zu ihnen
gesellten, bis sie in zahlreicher Gesellschaft unter dem Gelute der Glocken den
weiten Wiesenplan vor der Kirche betraten, wo meist der Onkel schon wartete. Er
begrte sie dann schon von weitem mit glnzenden Augen und freudigem
Hutschwenken. In jeder Bewegung seiner hohen Gestalt, in seiner ganzen Haltung
offenbarte sich jene unbeugsame Wahrhaftigkeit, die vor dem Grten nicht
zurckschreckt, jener Ausdruck von Manneskraft und Manneswillen, hinter dem wir
groe Entschlsse, khne Thaten, nie aber die zarten Empfindungen eines reichen
Gemtes vermuten. Deshalb meinte auch Elisabeth, es sei unbeschreiblich rhrend
und ergreifend, wenn ein einzelner, kleiner Stern sein mildstrahlendes
Gesichtchen aus dunklen Wolken strecke; genau so aber erscheine ihr der gerade,
feste Blick des Onkels, sobald er in einem weichen Gefhle schmelze. Und sie
hatte oft genug Gelegenheit, die Metamorphose zu beobachten; denn sie war sein
Augapfel geworden. Er hatte ja nie Kinder gehabt und trug nun alle
Vaterzrtlichkeit, deren sein reiches, volles Herz fhig war, auf sein
liebliches Bruderskind ber, das, wie er deutlich mit groem Stolze fhlte, ihm
in vieler Beziehung geistig verwandt war, wenn auch hier alle jene Charakterzge
unter dem Hauche echt holdseliger Weiblichkeit sich verklrten.
    Sie vergalt ihm aber auch seine Liebe mit kindlicher Hingebung und
zrtlicher Frsorge. Bald hatte sie alles das, was zu seinem huslichen
Wohlbehagen gehrte, herausgefunden und griff da, wo Sabines Scharfsinn oder
ihre waltende Hand nicht mehr ausreichte, unmerklich und mit so vielem Takte
ein, da die alte treue Dienerin niemals verletzt wurde, whrend um den Onkel
ein ganz neues, behagliches Leben aufblhte, da Elisabeth auch auf seine kleinen
Liebhabereien geschickt einzugehen und ihnen Geschmack abzugewinnen wute.
    Auf dem Heimwege aus der Kirche, der dann gemeinschaftlich angetreten wurde,
fhrte der Onkel Elisabeth gewhnlich an der Hand, wie ein kleines
Schulmdchen sagte sie, und es sah auch genau so aus. Die eben gehrte
vortreffliche Predigt gab Veranlassung zu einem lebhaften Austausche neu
angeregter Gedanken und Empfindungen; dazu sangen und schmetterten die Vgel im
grnen Dickicht, als sei es ihr gutes Recht, hier auch mitzusprechen, und durch
die dichten Baumkronen taumelten grngoldene Lichter verklrend auf die Hupter
der Wandelnden.
    Am fernsten Ende des langen, dunklen Laubganges, denn es war ein sehr
schmaler Holzweg, der vom Dorfe Lindhof nach der Frsterei lief, blinkte wie ein
goldener Punkt die helle, sonnenbeglnzte Lichtung, auf deren Mitte das alte
Jagdhaus lag. Mit jedem Schritte nher wurde das kleine Bild deutlicher und
klarer, bis man unter der Thr die harrende Sabine zu erkennen vermochte, wie
sie, den einen Zipfel der weien Kchenschrze quer aufgesteckt, die Hand
schtzend ber die Augen haltend, nach den Heimkehrenden sphte und bei ihrem
Erblicken eiligst in das Haus zurcklief; denn es galt ja, droben unter den
Buchen hinter der dampfenden Suppenterrine in treuer Pflichterfllung zu stehen,
wie der gewissenhafte Festungskommandant auf seinen Wllen.
    Heute aber hatte die alte Sabine ein besonders herrliches Mahl hergerichtet;
neben der Suppenschssel leuchtete eine purpurrote Pyramide, die ersten
Walderdbeeren, die der kleine Ernst, aber auch die groe Elisabeth mit lautem
Jubel begrte. Der Oberfrster lachte ber den Enthusiasmus des groen und des
kleinen Kindes und meinte, er drfe doch nicht hinter Sabine und ihrer
Extraberraschung zurckbleiben; er wolle deshalb den Braunen einspannen und
Elisabeth, wie lngst versprochen, nach L. fahren, wo er ohnehin Geschfte
abzumachen habe. Der Vorschlag wurde von dem jungen Mdchen mit heller Lust
aufgenommen.
    Bei Tische erzhlte Elisabeth vom gestrigen Abend. Der Onkel wollte sich
ausschtten vor Lachen.
    Kourage hat der Doktor freilich gezeigt, rief er lachend, aber was
hilft's ihn, es war doch die letzte Tasse Thee, die er gestern in Lindhof
getrunken hat.
    Unmglich, Onkel, es wre emprend! rief Elisabeth, das kann und wird
Frulein von Walde nicht zugeben, sie wird sich aus allen Krften widersetzen.
    Nun, sagte er, ich wnschte nur, wir knnten auf der Stelle das Frulein
um ihre heutigen Gesinnungen gegen den Doktor befragen, da solltest du dein
blaues Wunder hren ... Wie sollte auch in solch einem gebrechlichen Gehuse
eine starke Seele stecken; mit der wird das herrschschtige Weib bald fertig,
und jeder andere Zgel fehlt, denn der Himmel ist hoch und der Zar ist weit,
sagen die Russen ... Gelt, Sabine, wir haben schon gar wunderliche Dinge erlebt,
seit die Frau Baronin das Regiment fhrt?
    Ach, ja wohl, Herr Oberfrster, entgegnete die Alte, die eben ein neues
Gericht auf den Tisch setzte, wenn ich nur an die arme Schneider denke ... Das
ist eine Taglhnerswitwe aus Dorf Lindhof, wandte sie sich an die anderen, sie
hat immer rechtschaffen gearbeitet, um sich durchzubringen, und hat ihr auch
niemand was Unrechtes nachsagen knnen; aber sie mu vier kleine Kinder
ernhren, das arme Weib, und lebt nur von der Hand in den Mund ... Und da ist's
ihr einmal im vorigen Herbst recht schlecht gegangen; sie hat nicht gewut, wie
sie die Kinder satt machen soll, nu, da hat sie sich etwas zu schulden kommen
lassen, was freilich nicht recht war - sie hat von einem herrschaftlichen Acker
eine Schrze voll Kartoffeln mitgenommen. Der Verwalter Linke aber hat hinter
einem Busche gestanden; das sehen, vorspringen und auf die Frau losschlagen ist
eins gewesen. Ja, wenn er's bei einem kleinen Denkzettel htte bewenden lassen,
da wollte ich nichts sagen; aber er hat gar nicht wieder aufgehrt und hat sie
sogar wtend mit dem Fue getreten ... Ich hatte dazumal gerade etwas in Lindhof
zu besorgen, und wie ich da unter den Kirschbumen beim Dorfe hingehe, sehe ich
einen Menschen an der Erde liegen, es war die Schneider; sie hatte ein
erschreckliches Blutbrechen, konnte kein Glied mehr rhren, und keine
Menschenseele war bei ihr. Da hab' ich Leute gerufen, und die haben mir
geholfen, sie nach Hause zu bringen. Der Herr Oberfrster war zwar damals
verreist, aber ich habe mir gedacht, er wrde mir's auch nicht verwehren, wenn
er da wre, und habe das arme Weib verpflegt, soviel in meinen Krften stand ...
Die Leute im Dorfe waren wtend ber den Verwalter, aber was konnten sie denn
machen? Es wurde zwar gesagt, die Sache kme vor Gericht; ja, da kann man warten
... Der Linke ist einer von den Frommen; er ist die rechte Hand bei der Baronin,
verdreht die Augen und thut alles im Namen des Herrn. Es durfte doch um keinen
Preis unter die Leute kommen, da so ein Frommer mitunter auch recht
unmenschlich sein knne, und da ist die Frau Baronin alle Tage in die Stadt
gefahren und hat sich sehr herabgelassen; kurz und gut, die Geschichte ist
vertuscht worden, und die Schneider, die noch immer nicht ordentlich fort kann,
hat ihre Schmerzen leiden mssen, und ist ihr und ihren Kindern weder ein Trank
noch ein Bissen Brot vom Schlosse aus gereicht worden whrend ihrer schweren
Krankheit ... Ja, der Verwalter und die alte Kammerjungfer bei der Baronin, die
treiben's arg zu Lindhof. Die sitzen in der Bibelstunde und in der Schlokirche
und schnffeln und merken sich fleiig, wer fehlt, und das hat schon manchen
ordentlichen Menschen um die Arbeit im Schlosse gebracht.
    Na, jetzt wollen wir uns aber nicht weiter rgern, sagte der Oberfrster.
Mir wird jeder Bissen im Munde bitter, wenn ich an diese Geschichten denke, und
unser schner Sonntag, auf den ich mich die ganze Woche freue, soll keinen
anderen Schatten haben, als den sich die schuldlosen, weien Wlkchen da droben
erlauben.
    Bald nach dem Essen rollte die kleine Equipage vor das Haus. Der Oberfrster
stieg hinauf, und wie ein Blitz war Elisabeth an seiner Seite. Indem sie den
Zurckbleibenden noch einmal grend zunickte, flog ihr Blick ber das Haus;
aber sie erschrak bis ins innerste Herz vor den Augen, die aus dem oberen
Stockwerke auf sie niederstarrten. Freilich verschwand der Kopf gleich wieder,
allein Elisabeth hatte die stumme Bertha erkannt, hatte gesehen, da der Blick
voll Ha und Ingrimm ihr gegolten, obgleich sie sich die Ursache dieser
Feindseligkeit nicht denken konnte. Bertha hatte bisher in der strengsten
Zurckgezogenheit der Familie Ferber gegenber beharrt; nie kam sie zum
Vorschein, so oft auch Elisabeth im Forsthause war. Sie a allein auf ihrem
Zimmer, seit sie wute, da der Onkel allsonntglich Gste habe, und er lie sie
auch gewhren. Es mochte ihm ganz recht sein, da die beiden Mdchen gar nicht
zusammenkamen.
    Frau Ferber hatte auch einmal den Versuch gemacht, sich dem jungen Mdchen
zu nhern. Ihrer echt weiblichen Anschauungsweise gem hielt sie es fr
unmglich, da Trotz und Bswilligkeit die Triebfedern zu Berthas sonderbarem
Benehmen sein knnten. Sie vermutete eine tiefere innere Niedergeschlagenheit,
irgend einen Kummer, der sie gegen ihre Umgebung gleichgltig, oder auch bei
ihrem heftigen Naturell wohl gar so gereizt mache, da sie lieber das Sprechen
vermeide, um keinen Konflikt herbeizufhren. Sanftes Zureden, ein freundliches
Entgegenkommen, hatte sie gehofft, werde das Siegel auf Berthas Lippen lsen;
allein es war ihr nicht besser gegangen, als Elisabeth, ja das Benehmen des
Mdchens hatte sie dermaen emprt, da sie ihrer Tochter jeden ferneren
Annherungsversuch streng untersagte. -
    Nach kurzer Fahrt war das Ziel erreicht.
    L. war eine echte Kleinstadt und verleugnete auch dies bescheidene Geprge
durchaus nicht, obgleich vom Erscheinen der ersten Primel an bis zum Sinken der
letzten herbstlichen Bltter der Hof hier residierte, und die
Hauptbewohnerschaft groen Eifer und Flei darauf verwendete, in ihrem
geselligen Leben, wie auch hinsichtlich der Moden den grostdtischen Ton zu
erreichen. Allein die rasselnden Leiterwagen samt Zubehr einer sehr schwunghaft
betriebenen Oekonomie lieen sich durch das Rauschen selbst der umfangreichsten,
elegantesten Krinolinen nicht bertnen. Das ehrliche Hhnervolk, das die weit
offenen Einfahrten der Huser in vollkommener Sicherheit verlie, um zwischen
den unebenen Pflastersteinen und auf den grnen Rasenstreifen lngs der
Huserseiten sein tgliches Brot zu suchen, wurde so wenig zu stolzen Pfauen,
wie Nachbars Enten, die freudig auf dem quer die Stadt durchschneidenden kleinen
Bache hinsegelten, auf Schwanenhoheit Anspruch machten.
    Die Lage des Stdtchens war unbestritten eine reizende. Inmitten eines nicht
sehr weiten Thales, an den Fu einer Anhhe geschmiegt, deren Gipfel das
imposante frstliche Schlo krnte, lag es tief gebettet im dunklen Grn
schner, alter Lindenalleen und im Frhling umwogt von einem wahren Bltenmeere
zahlloser Obstgrten.
    Der Oberfrster fhrte Elisabeth in das Haus eines ihm befreundeten
Assessors. Sie sollte dort auf ihn warten, bis er seine Geschfte besorgt haben
wrde. Wenn auch herzlich bewillkommnet von der Dame des Hauses, htte das junge
Mdchen doch am liebsten sofort umkehren und dem die Treppe hinabeilenden Onkel
folgen mgen; denn zu ihrem Verdrusse geriet sie mitten in einen groen
Damenzirkel. Die Assessorin teilte ihr in wenigen flchtigen Worten mit, da zur
Feier des Geburtstages ihres Mannes lebende Bilder aus der Mythologie gestellt
werden sollten, zu welchem Zwecke sich das darstellende weibliche Personal
bereits eingefunden habe. Am Kaffeetische eines hbsch eingerichteten Zimmers
plauderten mit groer Lebhaftigkeit acht bis zehn Damen, die smtlich schon im
mythologischen Kostme steckten und jetzt mit ihren Augen der neuen Erscheinung
bis in die geheimsten Falten ihres einfachen Anzugs zu schlpfen versuchten.
    Smtliche Gttinnen ohne Ausnahme hatten sich dem Modezepter der ppigen
Kaiserin von Frankreich willig unterworfen und lieen ihre weien Gewnder ber
die Krinoline herabflieen; denn - meinte die Ceres, eine ziemlich kompakte
Blondine, auf deren gerteter Stirn ein ganzer Erntesegen schwankte - man sehe
ja zum Skandal aus, und es sei auch rein unmglich gewesen, ohne diesen Halt die
Aehren- und Klatschrosenbschel auf ihrem Kleide zu arrangieren; - wie Frau
Ceres zu den Zeiten ihres Glanzes sich aus dieser Verlegenheit geholfen haben
mochte, das war nach dieser Erklrung ein interessantes Problem.
    Vielleicht war die Abendbeleuchtung so wohlwollend, ber das oft sehr
merkwrdige Arrangement der einzelnen Toiletten ein milderndes Licht zu gieen;
jetzt aber beleuchtete der helle Sonnenstrahl unerbittlich und mit grauenhafter
Wahrheit jedes aufgeklebte Goldpapier, jede Atlas heuchelnde Kattunschleife und
jeden langen Heftstich der improvisierten Tunikas. Auf dem Grtel der Venus
glnzten einige steinbesetzte Rokokoschuhschnallen, und der schlecht befestigte
silberne Halbmond auf Dianas Scheitel zeigte bei jeder Kopfbewegung eine
lschpapierene Kehrseite.
    Die Frau des Hauses ging geschftig ab und zu und schob hier und da einige
Worte in die Unterhaltung der Damen.
    Da haben wir's, sagte sie eintretend, nachdem sie seit geraumer Zeit das
Zimmer verlassen hatte. Die Rtin Wolf lt soeben bedauern, da ihr Adolf
heute nicht mitwirken knne, er habe Fieber und liege zu Bett ... Ich lief nach
der Hiobspost nochmals selbst hinber zum Doktor Fels; aber eher will ich einen
Mhlstein von seiner Stelle rcken, als diesen Menschen vom Standpunkte seiner
Kindererziehung ... Er wiederholte seine Weigerung von frher, und zwar in so
anzglicher Weise, da ich ganz auer mir bin. Fr halbwchsige Jungen, wie sein
Moritz, halte er derartige Mitwirkung unter Erwachsenen fr gnzlich unpassend;
sie bekmen leicht eine hohe Meinung von ihrer kleinen Persnlichkeit, wrden
zerstreut, von ihren Schularbeiten abgezogen, und Gott wei, was alles ... Ich
htte auch besser gethan, meinte er hochweise, wenn ich heute abend meinen
leidenden Mann - ich bitte euch, leidend, er ist bis auf ein bichen
Rheumatismus gesund wie ein Fisch im Wasser - also, wenn ich ihm heute abend ein
Lieblingsgericht vorgesetzt htte, statt ihn mit der Mummerei zu qulen, die ihn
nur um die ntige Nachtruhe und Bequemlichkeit bringe, und aus der doch im
ganzen Leben nichts Gescheites werde.
    Welche Roheit! ... Wie gemein! ... Er spielt sich immer auf den
Kunstrichter, und versteht nicht so viel davon, wie mein kleiner Finger! hallte
es in wildem Durcheinander von den Lippen der Damen.
    Trste dich mit mir, liebe Adele, sagte die Ceres. Wre mein Mann nicht,
der Fels als Arzt nicht entbehren kann, mein Haus drfte er schon lngst nicht
mehr betreten ... Als ich vorigen Winter die Kindermaskerade arrangierte - die
doch gewi reizend ausgefallen ist - da hat er die Einladung fr seine Kinder
zurckgewiesen; und was sagte er mir, als ich ihn persnlich um Erlaubnis fr
seine kleinen Mdchen bat? Ob es denn mir wirklich Spa mache, eine Affenkomdie
zu sehen - das vergesse ich ihm nie.
    Vor Elisabeth tauchte pltzlich das geistreiche Gesicht des Doktors auf, mit
dem durchdringenden, sarkastisch lchelnden Blicke und dem bermtigen Zuge des
Spottes um die feinen Lippen. Sie mute innerlich lachen ber seine derben
Ausflle; aber es drngte sich ihr dabei auch der niederschlagende Gedanke auf,
wie schwer es doch oft dem Menschen gemacht werde, seinen Ansichten gem zu
handeln.
    Ach, was wollen Sie, Frau Direktor! eiferte Flora, eine beraus zarte,
schmchtige Erscheinung mit einem schnen, aber todbleichen Gesichte, die sich
bis dahin einzig und allein damit beschftigt hatte, ihr blumengeschmcktes Bild
im gegenberhngenden Spiegel anzulcheln. Uns hat er's nicht besser gemacht
... Meinen Eltern hat er vor zwei Jahren geradezu ins Gesicht gesagt, es sei
nicht allein Thorheit, sondern sogar eine Gewissenlosigkeit - denken Sie - mich,
bei meiner Konstitution, so frh auf den Ball zu fhren ... Papa und Mama waren
auer sich - als ob sie als Eltern nicht am besten wissen mten, was ihren
Kindern dienlich ... Nun, es ist nur gut, da man wei, was ihn zu dieser
Frsorge bewogen hat. Seine jngste Schwester war damals noch nicht verheiratet,
und solchen ist das Erscheinen des Nachwuchses auf den Bllen nie angenehm. Papa
htte damals dem Doktor sogleich den Abschied gegeben; allein Mama kann ohne
seine Mittel nicht sein ... Nun, man hat zum Glck nicht auf seine Ratschlge
gehrt, und wie Sie sehen, lebe ich noch!
    Das Schweigen smtlicher Damen besttigte Elisabeths Ueberzeugung, da
dieser Triumph ein sehr zweifelhafter sei, und da dies zarte Wesen mit seiner
schmalen, eingesunkenen Brust und der krankhaften Gesichtsfarbe das
Nichtbeachten des rztlichen Rates noch schwer werde ben mssen.
    Pltzlich zog eine, die Strae langsam herabrollende Equipage die Damenschar
an die Fenster. Elisabeth konnte von ihrem Sitze aus die Strae und mithin auch
den Gegenstand der allgemeinen Neugierde bersehen. In dem eleganten Wagen saen
die Baronin Lessen und Frulein von Walde. Letztere hatte das Gesicht herber
nach dem Hause des Assessors geneigt, und es sah aus, als ob sie gewissenhaft
alle Fenster des Erdgeschosses zhle. Die Wangen waren leicht gertet, bei ihr
stets ein Zeichen innerer Erregung. Die Baronin dagegen lehnte nachlssig im
Fond; fr sie schienen weder Huser noch Menschen in der Strae zu sein.
    Die Lindhofer Damen, sagte Ceres. Aber mein Gott, was soll denn das
heien? ... Sie ignorieren ja frmlich die Fenster des Doktor Fels! ... Dort
steht die Doktorin ... ha, ha, ha, seht nur das lange Gesicht, das sie macht;
sie hat zu gren versucht; aber die Damen haben leider am Hinterkopfe keine
Augen!
    Elisabeth sah nach dem gegenberliegenden Hause. Dort stand eine sehr
hbsche Frau, ein reizendes Blondkpfchen auf dem Arme, am Fenster. Es lag
allerdings einiges Befremden in den schnen blauen Augen, die dem Wagen folgten;
aber lang war das blhende Oval ihres Gesichts durchaus nicht geworden. Durch
eine Bewegung des Kindes veranlat, das seine Hndchen nach den seltsam
geschmckten Damenkpfchen im Assessorhause streckte, sah sie herber und nickte
schelmisch lchelnd den Damen zu, die den freundlichen Gru mittels Kuhnden
und allerhand zrtlichen Pantomimen erwiderten.
    Sonderbar, sagte die Assessorin. Was nur die beiden Damen haben mochten,
da sie ohne Gru nach da drben vorbergefahren sind! Bis jetzt haben sie noch
nie die Strae passiert, ohne da der Wagen gehalten htte. Die Doktorin stand
dann halbe Stunden lang am Wagenschlage, und Frulein von Walde schien sich sehr
in der Unterhaltung mit ihr zu gefallen ... die Baronin machte freilich manchmal
ein saures Gesicht ... Wirklich merkwrdig; nun, die Zukunft wird ja zeigen, was
dahinter steckt.
    Herr von Hollfeld mu wohl in Odenberg geblieben sein. Er war heute morgen
mit den Damen, als der Wagen bei uns vorberfuhr, sagte Diana.
    Wie wird Frulein von Walde die Trennung ertragen? meinte Flora spttisch
lchelnd.
    Steht es denn so mit den beiden? fragte die Assessorin.
    Nun, wenn du das noch nicht weit, Kind! rief Ceres. Wie er denkt und
fhlt, darber suchen wir freilich noch Aufklrung, da sie ihn aber
leidenschaftlich liebt, steht auer allem Zweifel. Es ist brigens fast mit
Gewiheit anzunehmen, da diese Neigung einseitig ist; denn, ich bitte euch, wie
ist es mglich, da ein so entsetzlich verkrppeltes Wesen Liebe einzuflen
vermag! ... Und nun gar einem so eiskalten Menschen wie Hollfeld, der an den
grten Schnheiten ungerhrt vorbergeht!
    Ja, das ist wahr, bemerkte Venus mit einem Blicke nach dem Spiegel, den
aber Flora, trotz ihrer Magerkeit, anmaenderweise vollstndig in Beschlag
genommen hatte. Aber Frulein von Walde ist enorm reich.
    Nun, den Reichtum kann er billiger haben, sagte Flora berlegen. Er ist
ja doch der mutmaliche Erbe der beiden Geschwister.
    Der Schwester, willst du sagen, verbesserte die Assessorin. Herr von
Walde ist doch noch nicht zu alt zum Heiraten?
    Ach, gehe mir doch mit dem! rief Ceres erzrnt. Die Frau mte erst noch
geboren werden oder geradezu vom Himmel niedersteigen, die dem zusagen sollte
... Der ist aus lauter Hochmut zusammengesetzt und hat noch weniger Herz als
sein Vetter ... Was habe ich mich als Mdchen ber den gergert, wenn er bei den
Hofbllen in der Thr lehnte, die Arme verschrnkt, als wren sie
zusammengewachsen, und vornehm auf die Versammlung herabsah! Nur wenn er von der
Frstin oder den Prinzessinnen zum Tanzen befohlen wurde, rhrte er sich von der
Stelle; und auch da hielt er's nicht der Mhe wert, zu verbergen, da er fr
diese Ehre keinen Pfifferling gebe ... Nun, wie er in Bezug auf diejenige denkt,
der er den stolzen Namen der Frau von Walde zu Fen legen wrde, das wissen wir
ja, er hat's rund heraus erklrt: Ahnen, Ahnen mu sie haben und ihren Stammbaum
womglich vom Mnnlein und Frulein in der Arche Noah herleiten knnen.
    Alle lachten, nur Elisabeth blieb ernst. Frulein von Waldes Benehmen hatte
einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Sie war emprt und fhlte ihre Ansichten
vom menschlichen Charakter gedemtigt ... War eine solche Wandlung in wenig
Stunden wohl mglich? ... Fr andere mit weniger idealer Anschauung wre der
unbegreifliche Zauber, den die Baronin Lessen auf Helene von Walde ausbte,
sofort aufgeklrt worden durch den Ausspruch der Damen, da das junge Mdchen
den Sohn der Baronin liebe - fr Elisabeth jedoch nicht. Jenes erhabene Gefhl,
das die Dichter aller Zeiten und Zonen begeistert als das Lieblichste und
Herrlichste auf Erden feierten, konnte doch unmglich zur Triebfeder unedler
Handlungen werden; ebensowenig konnte sie aber auch begreifen, wie Herr von
Hollfeld ein solches Gefhl einzuflen vermochte. Hier betrat sie den
einseitigen Standpunkt, auf welchem wir nach unserer Individualitt die Neigung
anderer bemessen; aber war es der Instinkt der edlen weiblichen Natur oder in
der That jener seltene scharfe Blick, fr den die Linien der Physiognomie mit
den Fden der Seele so eng verwebt sind, da er sie verfolgen kann bis zu ihrem
Ursprunge - genug, hier war ihr Urteil ber einen Menschen, mit dem sie doch
eigentlich noch fast gar nicht verkehrt hatte, vollkommen gerechtfertigt.
    Herr von Hollfeld war durchaus nicht befhigt, das Ideal einer schnen
weiblichen Seele verwirklichen zu knnen. Er besa weder Geist noch Witz. Bei
alledem war er malos eitel und wollte nicht allein durch seine schne Gestalt
Interesse erwecken; er wute recht gut, da die meisten Frauen eher ein
hliches Aeuere, als den Mangel an innerem Fond verzeihen. Es blieb ihm mithin
nichts anderes brig, als jene Verschlossenheit und Schroffheit des Wesens
anzunehmen, hinter denen die Welt sehr leicht geneigt ist, durchdringenden
Verstand, Originalitt und Strenge der Ansichten zu vermuten. Es gab keinen Mann
in der Welt, der sich rhmen konnte, auf vertrautem Fue mit Herrn von Hollfeld
zu stehen; er war schlau genug, jeden Einblick in sein Inneres abzuwehren, und
vermied streng jedes eingehende Gesprch mit Mnnern; den Damen gengte jene
rauhe Schale vollkommen, um hier das Sprichwort vom desto seren Kern in
Anwendung zu bringen. Herr von Hollfeld verstand zu rechnen. Er wurde der
Gegenstand stiller Wnsche und Sehnsucht, wie ja das Eroberungsgelst in der
Schwierigkeit den Sporn findet. Was indes Hollfelds Geiste an Kraft und Feuer
gebrach, das wurde vollkommen ausgeglichen im Gebiete der niederen
Leidenschaften, unter denen die Habsucht und die sinnliche Liebe die Hauptstimme
hatten. Um seine Stellung in der Welt zu einer glnzenden und angenehmen zu
machen, scheute er keine Intrige; er hatte den ergiebigsten Boden fr dieselbe
unter den Fen, denn er war Kammerjunker am Hofe zu L. Er log und trog und war
um so gefhrlicher, als hinter seinem geraden, trockenen Wesen niemand, nicht
einmal die Mnner, einen solchen Feind vermuteten, so wenig, wie die Frauen
zugegeben haben wrden, da da, wo ihrer Ueberzeugung nach die kstliche Perle,
die Liebe, noch unberhrt schlief, eine unreine Flamme verheerend lodere.
    Elisabeth war froh, als sie den Onkel um die Ecke biegen und auf das Haus
zukommen sah. Tief aufatmend sa sie endlich an seiner Seite im Wagen. Sie hatte
den Hut abgenommen und badete die heie Stirn in einem kstlich frischen
Abendlftchen, das leise vorberstrich. Auf den schwach zitternden Blttern der
Pappeln zu beiden Seiten der Fahrstrae glnzte der letzte Sonnenstrahl; auch
ber die blhenden Kartoffelfelder flog noch ein goldener Hauch, aber der Wald,
der mit seinen Armen Elisabeths trautes Heim umschlo, lag dunkel und dster da
drben, als habe er bereits das sonnige Leben vergessen, das ihm doch heute bis
in das innerste Herz geschlpft war.
    Der Oberfrster hatte das schweigende junge Mdchen einige Male von der
Seite angesehen. Pltzlich nahm er Zgel und Peitsche in eine Hand, fate mit
der anderen Elisabeths Kinn und bog ihr Gesicht zu sich herber.
    He, la mal sehen, Else! sagte er. Was, zum Henker, hast ja zwei Runzeln
auf der Stirn, so tief, wie der Sabine ihre Ackerfurchen! ... Hat's was gegeben
da drin? Heraus mit der Sprache - du hast dich gergert, nicht?
    Nein, Onkel, Aerger war's nicht, aber geschmerzt hat es mich, da du so
recht gehabt hast hinsichtlich deiner Ansicht ber Frulein von Walde,
entgegnete Elisabeth, indem ein tiefes Rot der Erregung ber ihre Zge flog.
    Geschmerzt, weil ich recht behielt, oder weil Frulein von Walde unrecht
gethan hat?
    Nun eigentlich, weil es bses war, was du prophezeit hast. -
    So solltest du mir auch nun von Rechts wegen gram sein, gelt? Drftest an
einem Hofe gelebt haben, wo derjenige der Strafbare ist, der sich unterfngt,
ber einen nichtsnutzigen Bevorzugten die Wahrheit zu sagen ... Na, und welcher
Vorfall verschafft denn meiner geschmhten Lebensweisheit den Sieg?
    Sie schilderte ihm Helenes Benehmen und teilte ihm auch die Vermutungen der
Damen mit. Der Oberfrster lchelte vor sich hin.
    Ja, die Weiber, die Weiber - und die da drinnen vollends! sagte er. Die
lassen die Leute schon miteinander verheiratet sein, wenn sie zum erstenmal in
ihrem Leben guten Tag zu einander sagen ... Na, in dem Falle knnen sie brigens
recht haben, was ich bis jetzt nicht begriffen habe.
    Um einer solchen Neigung willen, Kind, sind schon ganz andere Dinge
geschehen, und wenn ich auch Frulein von Waldes Schwche und Nachgiebigkeit
durchaus nicht billige, weit entfernt! so beurteile ich sie doch jetzt milder
... Das ist die Macht, die uns selbst Vater und Mutter vergessen lt um eines
anderen willen.
    Ja, das eben kann ich mir ganz und gar nicht vorstellen, Onkel, wie man
einen fremden Menschen lieber haben kann als die eigenen Eltern, entgegnete
Elisabeth eifrig.
    Hm, meinte der Oberfrster und lie die Peitsche leicht auf den Rcken des
Braunen fallen, um ihn ein wenig anzutreiben. Diesem Hm folgte ein leichtes
Ruspern, und dabei lie er es bewenden; denn er dachte ganz richtig: Steht es
so, dann wird meine Definition der Liebe nicht verstanden, und wenn ich mit
Engelszungen sprche - und er selbst! ... Die Zeit lag fern, da er den Namen
der Geliebten in die Baumrinde geschnitten, und seine Stimme gezwungen hatte, in
zarten Liebesliedern hinzuschmelzen; da er stundenweit gelaufen war, um einen
einzigen Blick zu erhaschen, und denjenigen als seinen bittersten Feind gehat
hatte, der es wagte, die Angebetete beifllig anzusehen. Jetzt blickte er
beschaulich zurck und freute sich jener tollen Zeit; sie aber, mit ihrem
Wogengebrause aufgeregter Gefhle, mit ihrem Lachen und Weinen, Hoffen und
Verzagen zu schildern, das vermochte er nicht mehr.
    Siehst du dort den schwarzen Strich ber dem Waldeck? fragte er dann nach
einem lngeren Schweigen, indem er mit der Peitsche nach den immer nher
rckenden Bergen zeigte.
    Jawohl, das ist die Fahnenstange auf Schlo Gnadeck. Ich habe sie schon
vorhin entdeckt und bin in diesem Augenblicke unsglich froh in dem Gedanken,
da dort ein Stckchen Erde ist, auf welchem wir heimisch sind, eine Sttte, von
der niemand in der Welt das Recht hat, uns zu vertreiben. Gott sei Dank, wir
haben eine Heimat!
    Und was fr eine! sagte der Oberfrster, whrend sein leuchtender Blick
ber die Gegend flog. Als ich noch ein kleiner Junge war, da lebte schon die
Sehnsucht nach den Thringer Wldern in mir, und daran war der Grovater schuld
mit seinen Erzhlungen. Er hatte seine Jugendzeit in Thringen verlebt und
schttelte Sagen und Mrchen seiner Heimat frmlich aus dem Aermel. Nachdem ich
denn meine Sache gelernt hatte, wanderte ich hierher. Damals gehrte noch der
ganze Forst, den wir hier vor uns sehen, den Gnadewitzen; aber denen mochte ich
nicht dienstbar sein, ich kannte diese Menschenkinder genug von meinem Vater
her. Ich war der erste Ferber seit undenklichen Zeiten, der darauf verzichtete,
in ihren Diensten zu stehen, und lie mich beim Frsten von L. anstellen. Der
Universalerbe des letzten Gnadewitz hat die groen Waldungen geteilt, weil der
Frst von L. seinen Waldbesitz zu vergrern wnschte und sich diese Liebhaberei
ein tchtiges Stck Geld kosten lie. So kam es, da ein lebhafter Wunsch meiner
Jugend erfllt wurde, denn ich wohne jetzt in dem Hause, das eigentlich die
Wiege der Ferber ist ... Du weit doch, da wir aus Thringen stammen?
    Jawohl, schon seit meiner Kinderzeit.
    Weit auch, was es fr Bewandtnis mit unserer Herkunft hat?
    Nein.
    Nun, es ist freilich schon ein wenig lange her, und ich bin vielleicht noch
der einzige, der die Geschichte kennt; aber ganz verlieren soll sie sich doch
nicht, das Andenken ist ja der einzige Dank, den wir Nachkommen fr eine brave
That haben knnen; drum sollst du die Geschichte jetzt hren, und spter einmal
erzhlst du sie weiter ... Vor etwa zweihundert Jahren - du siehst, wir knnen
unsern Stammbaum auch ein gutes Stck zurckleiten, nur schade, da wir nicht zu
sagen wissen, wer unsere Ahnenmutter war; solltest du indes einmal gefragt
werden, vielleicht von der Frau Baronin Lessen und dergleichen, so kannst du
getrost sagen, da wir vermuten, es sei - wenn auch nicht gerade die Gustel von
Blasewitz, denn die Geschichte spielt im Dreiigjhrigen Krieg - so doch eine
Marketenderfrau gewesen ... Vielleicht war es auch eine rechtschaffene, brave
Frau, die bei ihrem Manne in allen Bedrngnissen des Krieges treu ausgehalten
hat; aber verzeihen kann ich's ihr doch nicht, da sie ihr Kind verlassen konnte
... Nun also, vor etwa zweihundert Jahren sieht die Frau des Jgers Ferber, als
sie in der Morgenfrhe die Hausthr aufmacht - - dieselbe, die jetzt auch mein
Hab und Gut verschliet - ein Kindlein auf der Schwelle liegen. Heisa, die hat
die Thr wacker zugeschlagen, denn damals hat sich viel Zigeunergesindel in den
Wldern umhergetrieben, und sie hat gemeint, es sei solch ein unreines Wesen.
Ihr Mann aber war christlicher, er hat das Kind hereingeholt, es war kaum einen
Tag alt. Auf seiner Brust hat ein Zettel gelegen, der hat gesagt, man mge sich
des kleinen Knaben annehmen, er sei ehelich geboren und habe in der heiligen
Taufe den Namen Hans erhalten, man werde spter nheres ber das Kind erfahren.
In dem Wickelkissen hat auch ein Beutelchen mit etwas Geld gesteckt. Die
Jgersfrau ist sonst ein gutes Weib gewesen, und als sie gehrt hat, da der
Knabe von christlichen Eltern und wahrscheinlich ein ehrlich Soldatenkind sei,
das wohl die Eltern ausgesetzt hatten, um es nicht in die Gefahren des Krieges
zu bringen, da hat sie ihn an ihr Herz genommen und mit ihrem kleinen Mdchen
aufgezogen, als ob sie Geschwister seien. Und das war sein Glck, denn es hat
sich keine Menschenseele von seinen Verwandten wieder um ihn gekmmert. Spter
hat ihn sein Pflegevater adoptiert, und um sein Glck vollzumachen, hat er auch
sein schnes Milchschwesterlein heimfhren drfen. Er sowohl wie auch sein Sohn
und ein Enkel haben als Jger derer von Gnadewitz in meiner jetzigen Wohnung
darin gelebt und sind auch darin gestorben. Erst mein Grovater ist auf die
Besitzung nach Schlesien versetzt worden ... Als Knabe rgerte ich mich immer
unbeschreiblich, da nicht nach so und so viel Jahren eine grfliche Mutter
aufgetaucht war, die in dem Findlinge ihr durch Bosheit geraubtes Kind erkannt
und ihn triumphierend in ihr Schlo zurckgefhrt hatte. Diese fehlende
romantische Wendung im Geschicke unseres Ahnherrn habe ich freilich spter um so
lieber verschmerzt, als mir der Gedanke kam, da mein Erscheinen auf dieser
schnen Welt dann doch vielleicht ein sehr zweifelhaftes sei; auch gefiel mir
mein wackerer Name zu gut, als da ich einen anderen htte fhren mgen ... Aber
wunderbar war mir doch zu Mute, als ich zum erstenmal die Schwelle berschritt,
auf welcher der kleine Ausgesetzte wohl den hilflosesten Augenblick seines
Lebens verbringen mute; seine natrlichen Versorger hatten ihn verlassen, und
das Mitleid hatte ihre Stelle noch nicht eingenommen ... Der tief ausgetretene
Stein ist ohne Zweifel noch derselbe, auf dem das Kind gelegen hat, und solange
ich lebe oder in dem Hause etwas zu sagen habe, soll er nicht von seiner Stelle
gerckt werden.
    Pltzlich beugte sich der Oberfrster vor und deutete durch die Zweige, denn
man fuhr bereits im Walde.
    Siehst du dort den weien Punkt? fragte er.
    Der weie Punkt war die Haube Sabines, welche vor der Thr sa und nach den
Rckkehrenden ausschaute. Als sie des Wagens ansichtig wurde, stand sie eiligst
auf, schttelte den Inhalt ihrer Schrze, der sich spter als eine Menge
Vergimeinnicht auswies, in einen neben ihr stehenden Korb und half Elisabeth
beim Aussteigen.
    Der Braune trabte wiehernd hinter das Haus, wo bereits der Knecht in dem
offenen Hofthore wartete, und das Thier mit einem liebkosenden Schlage empfing:
Hektor legte sich schwanzwedelnd auf den Rasen nieder, und die durch den Lrm
verjagten Tauben und Spatzen kehrten nach und nach zurck und hpften zutraulich
auf den Tisch und die grn angestrichene Bank unter der Linde, wo der
Oberfrster sein Frhstck und Abendbrot einzunehmen pflegte, und das wuten die
kleinen Schmarotzer sehr genau. Er ging auch nur in das Haus, um seine Uniform
mit einem bequemen Hausrocke zu vertauschen, und kehrte bald mit Pfeife und
Zeitungen unter die Linde zurck, wo Sabine bereits gedeckt hatte.
    Gelt, das ist auch ein nrrischer Sonntagszeitvertreib fr so ein altes
Weibsbild, wie ich bin? sagte die Haushlterin im Vorbergehen lachend zu
Elisabeth, die, auf der nun so interessant gewordenen Thrschwelle sitzend, den
Korb mit den Blumen auf den Scho genommen hatte und an dem Kranze weiterflocht,
den die Alte angefangen. Aber ich bin das nun einmal so gewhnt von meiner
Jugendzeit her. Da hab' ich zwei kleine schwarze Bildchen in meiner Kammer - sie
stellen meine seligen Eltern vor; die haben's wohl um mich verdient, da ich ihr
Andenken ehre und ihnen ein frisches Krnzchen hinstelle, solange es Blmelein
gibt. Ein paar Kinder aus Lindhof bringen mir jeden Sonntag frische; heute aber
hab ich so viel bekommen, da auch ein Kranz fr Goldelschen abfllt - wenn Sie
den in einen Teller voll Wasser legen, da haben Sie die ganze Woche etwas
Schnes vor Augen.
    Noch eine Zeitlang sa heute abend Elisabeth mit dem Onkel zusammen. In dem
Oberfrster waren eine Menge Erinnerungen wach geworden. Mit dem Erzhlen der
zweihundertjhrigen Familiengeschichte waren auch viele Entschlsse, Plne und
Empfindungen seiner Jugendzeit aufgetaucht, die er jetzt mitleidig lchelnd an
sich vorbergehen lie; sie waren samt und sonders vor dem reellen Leben
zerstoben, wie Spreu im Winde. Er erzhlte behaglich, wie einer, der auf
sicherem Lande steht und nur von fern noch das Rauschen der Brandung hrt, die
ihm nichts mehr anhaben kann. Manchmal fiel auch ein Witzwort oder eine Neckerei
dazwischen, die von Elisabeth oder Sabine, wem es gerade galt, gehrig pariert
und zurckgegeben wurden.
    Mittlerweile flog ein heller Schein hinter den Baumwipfeln auf, die erst
gestaltlos mit dem dunklen Himmel vermischt, jetzt in scharfen Umrissen auf dem
lichten Hintergrunde erschienen. Einzelne Lichter zuckten wie silberne Pfeile
durch gekreuzte Aeste und blieben als kleine Lichtoasen eine Zeit lang
unbeweglich auf der nachtdsteren Wiese liegen, bis endlich der Mond gro und
siegreich ber den Baummassen schwebte und seinen bleichen Strahl ungehindert
ber sie herflieen lie. Das leichte Abendlftchen hatte lngst seine Flgel
zusammengefaltet; man htte den Schatten der Lindenbltter auf dem
hellbeleuchteten Rasen nachzeichnen knnen, so unbeweglich hingen sie droben.
Desto vernehmlicher drang das Brunnengepltscher aus dem Hofe ber das Haus
herber und ein schwaches, unbestimmtes Gerusch von den Wldern her, was
Elisabeth das schlaftrunkene Regen des Waldes nannte.
    Da, sagte Sabine und drckte den eben fertiggewordenen
Vergimeinnichtkranz auf Elisabeths Stirn. So bringen Sie ihn unzerdrckt
heim.
    Da mag er auch bleiben, meinte lachend das junge Mdchen und erhob sich.
Schnen Dank fr die Spazierfahrt! ... Gute Nacht, Onkel! Gute Nacht, Sabine!
    Damit eilte sie durch Haus und Hof und stand bald droben auf dem Berge
auerhalb des Gartens, dessen Thr sie zuschlug. Sie flog auf dem schmalen,
mondbeglnzten Waldwege aufwrts. Droben im Wohnzimmer brannte die Lampe, der
Lichtschimmer war trotz der Mondbeleuchtung weithin sichtbar, weil die Front des
Zwischenbaues im tiefen Schatten lag. Als sie auf die Waldble heraustrat, fiel
ein merkwrdiger Schatten quer ber ihren Weg ... das war weder ein Baum noch
ein Pfahl, sondern eine fremde Mnnergestalt, die seitwrts gestanden hatte und
jetzt zu ihrem Schrecken auf sie zuschritt. Die Erscheinung nahm hflich den Hut
ab, und in dem Augenblicke verschwand Elisabeths Furcht, denn sie blickte in das
lchelnde, gutmtige Gesicht eines ltlichen, feingekleideten Herrn.
    Verzeihung, mein Frulein, wenn ich Ihnen vielleicht einen kleinen
Schrecken eingejagt habe, sagte er und blickte freundlich ber zwei groe,
funkelnde Brillenglser hinweg in ihr Gesicht, aber ich habe es weder auf Ihr
Leben noch auf Ihre Brse abgesehen und bin nichts weiter als ein heimkehrender,
friedlicher Reisender, der gern wissen mchte, was es mit dem Lichte da droben
in den Ruinen fr ein Bewenden hat ... Ich berzeuge mich brigens in diesem
Augenblicke, da es ganz berflssig war, zu fragen ... Die Feen und Elfen
fhren dort ihren Reigen auf, und die Schnste streift im Walde umher, um keinen
ungestraft des Weges ziehen zu lassen, der ihren gefeiten Ring betritt.
    Der galante Vergleich, so abgenutzt er brigens auch sein mochte, war doch
in diesem Augenblicke nicht bel angewendet, denn die schlanke Mdchengestalt im
weien Gewande, den blauen Kranz ber dem engelschnen Gesichte und vom
Mondlichte umflossen, konnte recht wohl fr eine Mrchenerscheinung gelten, als
sie so leicht durch die Gebsche ber den einsamen Berg dahinflog.
    Sie selbst aber lachte innerlich ber das seichte Kompliment und dachte
zugleich ein wenig entrstet, sie sehe doch wahrhaftig nicht so leichtfertig aus
wie solch ein quecksilbernes Elfenkind, und das wollte sie dem alten Herrn auf
der Stelle klarmachen.
    Es thut mir leid, sagte sie leicht, da ich Sie in die rauhe Wirklichkeit
zurckfhren mu, aber ich wte wahrhaftig nicht, wie ich es anfangen sollte,
dort in dem Lichte etwas anderes zu sehen, als die respektable Lampe in der
gemtlichen Stube eines frstlich L.schen Forstschreibers.
    Ei, lachte der Herr, und haust der Mann ganz allein in den unheimlichen
alten Mauern?
    Er knnte es getrost wagen, denn ber den, der den rechten Weg wandelt,
haben die Unheimlichen keine Gewalt ... Uebrigens leisten ihm noch einige
lebende Wesen Gesellschaft, unter anderen auch zwei gutgeartete Ziegen und ein
allerliebster Kanarienvogel; die Eulen ungerechnet, die sich jedoch sehr
indigniert ins Privatleben zurckgezogen haben, weil sich das Treiben lustiger
Menschenkinder nicht mit der ernsten Lebensanschauung dieser gestrengen Herren
vertrgt.
    Oder auch, weil sie lichtscheu sind und es nicht vertragen knnen ...
    Da der neue Ankmmling die Wahrheit verehrt?
    Auch mglich ... Ich wollte aber eigentlich sagen, da sie die zwei Sonnen
fliehen, die pltzlich in den Ruinen aufgegangen sind.
    Zwei Sonnen auf einmal? ... Das wre aber auch eine starke Zumutung fr die
armen Eulenaugen und mchte selbst einem Feueranbeter zuviel werden! entgegnete
lachend Elisabeth, indem sie mit einer leichten Verbeugung an ihm vorbereilte,
denn die Eltern traten eben aus dem Mauerpfrtchen und gingen ihr einige Schritt
entgegen. Sie waren besorgt heruntergeeilt, als sie Elisabeths Stimme und die
eines fremden Mannes gehrt hatten, und gaben ihr nun, nachdem sie ihr kleines
Abenteuer erzhlt hatte, einen sanften Verweis dafr, da sie so rckhaltlos auf
ein Gesprch eingegangen war.
    Deine Neckerei htte sehr unangenehme Folgen fr dich haben knnen, mein
Kind, sagte die Mutter. Zum Glck sind es Mnner von Bildung gewesen ... ...
    Mnner? unterbrach sie das junge Mdchen erstaunt. Es war ja ein
einziger.
    Nun, dann sieh dich um, sagte der Vater, dort kannst du sie noch sehen.
    Wirklich tauchten da, wo der Weg anfing, steil abwrts zu laufen, noch zwei
helle Herrenhte auf.
    Da kannst du sehen, Mtterchen, meinte Elisabeth lachend, wie wenig
verfnglich die Begegnung gewesen ist. Der eine hat sich nicht einmal aus dem
Gebsche heraus getraut, und hinter dem guten, alten Gesichte des anderen steckt
sicher auch nicht das Atom einer Banditenseele.
    Oben in ihrem Zimmer nahm sie vorsichtig den Kranz von der Stirn, legte ihn
auf einen Teller und stellte beides unter Beethovens Bste. Dann kte sie den
schlafenden Ernst auf die Stirn und sagte den Eltern gute Nacht.

                                       9


Holla, Else, lauf nicht so! schrie der Oberfrster, als er am andern Tage, die
Bchse ber die Schulter geworfen, in der dritten Nachmittagsstunde aus dem
Walde trat und quer ber die Wiese nach seinem Hause schritt.
    Elisabeth flog den Berg herab, den runden Hut am Arme, statt auf den
Flechten, die im Sonnenglanze weithin leuchteten, und lief, unten am Hause
angekommen, lachend in die Arme des Onkels, die er ihr ausgebreitet
entgegenhielt.
    Sie steckte die Hand in die Tasche und trat einen Schritt zurck. Rate
einmal, was ich in meiner Tasche habe, Onkel? sagte sie lchelnd.
    Nun, was wird's denn sein ... Da braucht man sich nicht lange den Kopf zu
zerbrechen. Vielleicht ein wenig sentimentales Heu, so einige unter wehmtigen
Erinnerungen getrocknete Blmlein? Oder ein Huflein gedruckten Weltschmerzes
zwischen zwei vergoldeten Pappdeckeln?
    Bedaure ... zweimal fehlgeschossen, Herr Oberfrster; denn einmal rgere
ich mich ganz und gar nicht ber dein Raten, und dann - da, sieh her!
    Sie zog eine kleine Schachtel aus der Tasche und ffnete den Deckel. Da
dehnte sich trge auf grnen Blttern eine dicke, zitronengelbe Raupe mit
schwarzen Punkten, schrgen blulichgrnen Streifen und einem gekrmmten Horne
am Schwanze.
    Alle Tausendsapperment, Sphynx Atropos! rief der Oberfrster entzckt.
Ja, Blitzmdel, wo hast du denn das Prachtexemplar aufgestbert?
    Drben bei Lindhof auf einem Kartoffelacker ... gelt, die ist schn? ...
So, nun wollen wir die Schachtel hbsch wieder zumachen und einstecken.
    Was, ich bekomme die Raupe nicht?
    O ja, die kannst du schon haben, das heit wenn du sie bezahlen willst.
    Alle Wetter, bist du denn ein Handelsjude geworden? ... Na, da gib sie her
... hier sind vier Groschen.
    Behte Gott ... unter zwlf Groschen thue ich's nicht. Wird doch manch
altes verschimmeltes Pergamentblatt, das man kaum anrhren mchte, so
abscheulich sieht es aus, gar manchmal mit Gold aufgewogen - sollte da so ein
lebendiges Prachtstck der Natur nicht seine zwlf Groschen wert sein?
    Altes, verschimmeltes Pergamentblatt, na, das sage einmal vor gelehrten
Ohren, da wirst du schn ankommen.
    Ach, hier im frischen, freien Walde gibt es keine.
    Nimm dich in acht - Herr von Walde -
    Steckt in den Pyramiden.
    Knnte aber pltzlich kommen und gewisse naseweise Frulein zur
Rechenschaft ziehen, ist ein Haupthahn der Gelehrtenwelt.
    Nun, meinetwegen knnen sie ihm Denksulen errichten und Lorbeeren streuen,
soviel sie wollen, ich kann es ihm nicht vergeben, da er ber diesem toten
Krame die Ansprche vergit, die das Leben an ihn zu stellen berechtigt ist, da
er vielleicht nach einem unversehrten Kchenzettel des Lukull oder Gewiheit
darber sucht, ob die Rmer in der That ihre Fische mit Sklavenfleisch
ftterten, whrend die Armen auf seinen Gtern hungern und unter der Geiel der
Baronin in ein modernes Sklavenjoch getrieben werden.
    Heisa, dem mag sein linkes Ohr klingen! ... Schade, da er dies
Glaubensbekenntnis nicht mit anhren kann ... Hier also sind deine zwlf
Groschen, wenn's nicht anders sein soll. Du willst dir doch irgend einen
Firlefanz, eine Feder oder solch einen Tand auf deinen Hut dafr kaufen? sagte
er lchelnd.
    Sie hielt ihren Hut mit ausgestreckten Armen von sich ab und betrachtete
entzckt die zwei frischen Rosen, die sie in das einfach geschlungene schwarze
Samtband gesteckt hatte. Sieht das nicht wunderlieblich aus? fragte sie. Und
glaubst du, ich werde mein junges Haupt freiwillig unter dstere Federwolken
stecken, wenn ich Rosen, frische Rosen haben kann? ... Und da ist deine Raupe,
und nun sollst du auch wissen, weshalb ich dich gebrandschatzt habe ... Heute
Morgen war die Frau eines armen Webers aus Lindhof bei meiner Mutter und bat um
eine Untersttzung. Ihr Mann ist gestrzt, hat sich Arm und Fu verletzt und
kann seit Wochen nichts verdienen. Die Mutter gab ihr altes Linnen und ein
groes Hausbrot; mehr zu geben geht ber ihre Krfte, wie du weit ... Sieh,
hier habe ich fnfzehn Groschen aus meinem Sparschatze, mehr war zur Zeit nicht
drin - drei desgleichen sind von Ernst, der am liebsten seine Bleisoldaten
verkauft htte, um der armen Frau zu helfen; dazu kommt der Preis fr die Raupe,
macht zusammen einen ganzen Thaler, und der wird sogleich in das Weberhuschen
getragen.
    Lt sich hren ... Hier ist noch ein Thaler, und - Sabine, rief er in das
Haus hinein, hole ein tchtiges Stck Fleisch aus dem Salzfasse und lege es
zwischen zwei grne Bltter - das nimmst du auch mit, wandte er sich wieder zu
Elisabeth.
    Ach, du lieber, prchtiger Onkel! jubelte das Mdchen, indem sie seine
groe Hand zwischen ihre schlanken Finger nahm und sich bemhte, sie beherzt zu
drcken.
    Pass' aber auf, fuhr er fort, da das ehrliche Rindfleisch nicht etwa zu
Rosen werde; denn damit wre der armen Weberfrau wohl schwerlich gedient - gehst
ja hnliche Wege, wie deine heilige Namensschwester.
    Ja, aber zum Glck habe ich keinen grimmigen Landgrafen zu frchten ...
Uebrigens, wenn auch - ich wrde ihm trotzdem keine Unwahrheit sagen.
    Potztausend, was fr eine Heldenseele!
    Nun, ich meine, es gehre ungleich mehr Mut dazu, eine offenbare Lge
dreist zu sagen, und wenn es zehnmal eine fromme sein sollte.
    Hast recht, mein Tchterchen - brcht's auch nicht fertig ... Na, da kommt
auch die Sabine.
    Die alte Haushlterin trat aus der Thr, und whrend sie auf des
Oberfrsters Wink Elisabeth das Fleisch hinreichte, flsterte sie ihm zu, Herr
von Walde, der gestern spt abends von seiner Reise zurckgekehrt sei, warte
schon seit einiger Zeit auf ihn.
    Wo? fragte er.
    Hier unten in der Wohnstube.
    Sie standen aber gerade vor dieser Stube, und die Fenster waren offen.
Elisabeth drehte sich berrascht um, konnte aber nichts entdecken, sie war
feuerrot geworden. Der Onkel jedoch zog, ohne sich umzusehen, seinen Kopf auf
eine unendlich komische Weise zwischen die Schultern, strich schmunzelnd seinen
Bart und sagte leise mit unterdrcktem Lachen: Da haben wir die Bescherung; du
hast dir ein gutes Sppchen eingebrockt, der hat alles mit angehrt.
    Desto besser, erwiderte das junge Mdchen und hob fast trotzig den Kopf,
er wird ohnehin selten genug die Wahrheit zu hren bekommen. Dann reichte sie
dem Onkel und Sabine die Hand zum Abschiede und schritt langsam durch den Wald
nach Lindhof zu.
    Im ersten Augenblicke war ihr der Gedanke peinlich gewesen, da Herr von
Walde ihr Urteil ber ihn so wider Willen hatte mit anhren mssen; dann aber
meinte sie, ganz ebenso wrde sie ihm ja auch die Wahrheit ins Gesicht gesagt
haben. Da aber nicht zu vermuten stand, da er sie je um ihr Gutachten befragen
wrde - ein Gedanke, der sie lcheln machte im Hinblicke auf seine Unnahbarkeit
- so konnte es ihm wirklich nicht schaden, da ihn der Zufall zum Zeugen eines
vllig unparteiischen Ausspruchs - wenn auch nur aus einem Mdchenmunde -
gemacht hatte ... Wie mochte es aber kommen, da er so pltzlich und unerwartet
zurckgekehrt war? Frulein von Walde hatte stets ein mehrjhriges Ausbleiben
ihres Bruders vorausgesetzt und war vorgestern noch gnzlich ahnungslos in Bezug
auf seine Rckkehr gewesen ... Die Begegnung am gestrigen Abend fiel ihr
pltzlich ein. Der alte Herr hatte ja auch gesagt, er sei ein heimkehrender
Reisender, aber er mit seinen gemtlich lchelnden Zgen und seinem behbigen
Wesen war nun und nimmermehr der ernste, stolze Besitzer von Lindhof; dann wohl
eher der, der schweigend im Dunkel der Gebsche gewartet hatte, bis seinem
Begleiter die gewnschte Auskunft ber das fragliche Licht zu teil geworden war
... Was aber mochte Herr von Walde von ihrem Onkel wollen, der, wie sie wute,
niemals in irgend welchem Verkehr mit ihm gestanden hatte?
    Diese und hnliche Gedanken beschftigten sie lebhaft auf ihrem Wege nach
dem Hause des Webers. Mann und Frau weinten vor Freude ber die unverhofften
Spenden, und von tausend Segenswnschen der armen Leute begleitet, verlie
Elisabeth das Huschen.
    Elisabeth schritt durch das Dorf nach Lindhof zu ihren gewhnlichen
Musikbungen, die trotz der Ankunft des Herrn von Walde nicht abgesagt worden
waren. Mit der Rckkehr des Besitzers hatte das Schlo eine ganz andere
Physiognomie angenommen. Smtliche Fenster im Erdgescho an der Sdseite, die so
lange verschwiegen und geheimnisvoll hinter den weien Lden gesteckt hatten,
spiegelten ihre lange glnzende Reihe im Sonnenlichte. In den Rumen selbst
wurde gewaltig gelrmt und hantiert, gesubert und gelftet. Eine Glasthr, die
das Innere eines groen Saales zeigte, stand weit offen; auf einer der Stufen,
die hinunter nach dem Garten fhrten, lag ein schneeweies Windspiel; den
schlanken Leib unbeweglich hingestreckt auf den sonnenbeschienenen heien Stein,
und die Schnauze auf die Vorderpfoten gelegt, blinzelte es Elisabeth an, als sei
sie eine alte Bekannte. An einem offenen Fenster ordnete der Grtner einen
Blumentisch und der alte Hausverwalter Lorenz schritt eben mit dem Blick eines
Untersuchungsrichters durch das Zimmer.
    Es war auffallend, da smtliche Menschen, die dem jungen Mdchen im Hause
begegneten, wie durch einen Zauberschlag einen vllig anderen Gesichtsausdruck
angenommen hatten. War ein Sturmwind durch die schwle Atmosphre gebraust und
hatte einen neuen Odem in die Rume gebracht, so da die Stimmen heller klangen,
und die gedrckten Menschengestalten sich erfrischt und elastisch aufrichteten?
... Selbst der alte Lorenz, dessen Gesichtsmuskeln stets so schlaff und grmlich
herabhingen, als ob sie Bleigewichten nachgeben mten, hatte heute einen wahren
Sonnenschein in den Augen, obgleich er einen Augenblick auf die Staubausklopfer
erbost war; auch klang seine Stimme so laut, da Elisabeth berrascht aufsah,
denn sie kannte den alten Mann ja nur, wie er geruschlos auf den Zehen in das
Zimmer der Damen trat und lispelnd, mit mglichst unterdrckter Stimme seine
Meldungen machte.
    Erstaunt ber dies urpltzlich aufgeblhte neue Leben und Treiben wandte
sich Elisabeth nach dem Flgel, den die Damen bewohnten. Hier herrschte jedoch
die tiefste Stille. In der Wohnung der Baronin hingen smtliche Rouleaus dicht
und schwer hinter den Scheiben. Kein Laut drang durch die Thren, an denen
Elisabeth vorbei mute. Die Luft des schmalen Korridors war mit dem
durchdringenden Geruche starker Baldriantropfen gemischt, und als endlich am
untersten Ende des Ganges eine Thr geffnet wurde, erblickte Elisabeth wohl ein
menschliches Haupt, aber in welcher Verfassung! Es war die alte Kammerjungfer
der Baronin, die vermutlich sehen wollte, wer so vermessen sei, die feierliche
Ruhe des Korridors zu unterbrechen. Die Haube sa schief auf den falschen
Locken, von denen das eine Paket bedenkliche Anstalten machte, herunterzufallen.
Die Gesichtszge sahen verstrt aus, und zwei zirkelrunde feuerrote Flecken auf
den hervorstehenden Backenknochen zeugten entweder von Fieberhitze oder einer
groen geistigen Erregung. Sie erwiderte Elisabeths Gru kurz und mrrisch und
verschwand schnell wieder hinter der leise zugemachten Thr.
    Als Elisabeth Frulein von Waldes Zimmer betrat - auf ihr mehrmaliges
Klopfen war kein Herein erfolgt - da meinte sie, hier spiele der letzte Akt
des geheimnisvollen Dramas, das in den Rumen der Baronin begonnen hatte. Nicht
allein die Rouleaus sondern auch die dicken seidenen Vorhnge waren dicht
zugezogen. Die tiefe Dunkelheit und Stille hielten sie ab, einzutreten, und eben
wollte sie die Thr wieder schlieen, als Helene mit schwacher Stimme sie
hereinrief. Die junge Dame lag in einem Fauteuil im Hintergrunde des Zimmers;
sie hatte den Kopf in ein weiches Kissen gedrckt, und Elisabeth konnte hren,
wie ihr leise die Zhne zusammenschlugen.
    Ach, liebes Kind, sagte sie und legte ihre feuchtkalten Hnde auf den Arm
des jungen Mdchens, ich habe Nervenzuflle gehabt. Niemand von meiner Umgebung
hat es bemerkt, da ich so unwohl hier liege, und da war ich so frchterlich
allein in dem finstern Zimmer ... Bitte, ffnen Sie die Fenster weit - ich
brauche Luft, warme Gottesluft.
    Elisabeth erfllte sogleich ihren Wunsch, und als das Tageslicht auf das
blasse Gesicht der Kranken fiel, sah das junge Mdchen, da sie heftig geweint
hatte.
    Die eindringenden Sonnenstrahlen erweckten mehr Leben und Bewegung in dem
Zimmer, als Elisabeth geahnt hatte; sie schrak heftig zusammen, als es pltzlich
in einer Ecke laut aufkreischte. Dort wiegte sich ein Kakadu mit schneeweiem
Gefieder und emporgestrubter gelber Krone in einem Ringe.
    Gott, wie frchterlich! seufzte Helene und drckte die schmalen Hnde an
beide Ohren. Das abscheuliche Tier zerreit mir noch die Nerven.
    Elisabeths Blick haftete erstaunt auf dem kleinen Fremdlinge und glitt dann
durch das Zimmer, das aussah wie ein Bazar. Auf allen Tischen und Sthlen lagen
reiche Stoffe, Shawls, kostbar gebundene Bcher und die verschiedenartigsten
Toilettegegenstnde. Frulein von Walde fing Elisabeths Blick auf und sagte
kurz, mit abgewandtem Gesichte: Lauter Geschenke meines Bruders, der gestern
unerwartet zurckgekehrt ist.
    Wie kalt klang ihre Stimme, als sie dies sagte! Auch nicht der leiseste
Anflug von Freude war in den verweinten Zgen zu entdecken; aus den sonst so
sanften Rehaugen sprachen unverhohlen Groll und Bitterkeit.
    Elisabeth bckte sich schweigend und hob ein prachtvolles Kamelienboukett
auf, das halb verschmachtet am Boden lag.
    Ach ja, sagte Helene und richtete sich empor, whrend ein schwaches Rot
ber ihr Gesicht flog, das ist der heutige Morgengru meines Bruders; es ist
vom Tische herabgefallen und vergessen worden ... Bitte, stecken Sie es dort in
die Vase.
    Die armen Blten, sagte Elisabeth halblaut, indem sie die welken, braunen
Rnder an den weien Blumenblttern betrachtete, sie haben auch nicht geahnt,
als sie ihre Knospen ffneten, da sie in einer so kalten Region wrden atmen
mssen.
    Helene blickte betroffen und forschend zu dem jungen Mdchen auf, und ihr
Auge sah einen Moment aus, als schmelze es in Reue. Stellen Sie die Blumen in
das offene Fenster; dort haben sie Luft, und sie wird ihnen gut thun, flsterte
sie hastig. O, mein Gott! rief sie, in das Polster zurcksinkend, er ist ja
gewi ein vortrefflicher Mensch ... aber sein Erscheinen zerreit die Harmonie
eines beglckenden Zusammenlebens!
    Elisabeth sah mit einem fast unglubigen Ausdruck auf die junge Dame, wie
sie so dalag, die gerungenen Hnde emporgehoben und die starren Augen nach der
Zimmerdecke gerichtet, als habe ihr das Geschick die furchtbarste Prfung
auferlegt ... Fehlte dem jungen Mdchen schon gestern jegliches Verstndnis fr
Helenes Handlungsweise, so stand es jetzt geradezu fassungslos vor diesem
unbegreiflichen Charakter ... Wo war so urpltzlich jenes heie Dankgefhl
geblieben, das aus jedem Worte sprach, sobald Helene des fernen Bruders
gedachte? Hatte ein einziger Moment die ganze schwesterliche Zrtlichkeit, die
ihr Herz zu erfllen schien, spurlos verflchtigen knnen, so da sie jetzt
beklagte, was nach ihren frheren Aeuerungen doch ein glckliches Ereignis fr
sie sein mute? ... Und wenn auch der Heimgekehrte nicht mit dem Kreise
sympathisierte, in welchem sie sich allein beglckt fhlte, selbst wenn er ihre
liebsten Wnsche durchkreuzte, war es trotzdem mglich, da sofort Klte und
Groll zwischen zwei Wesen treten konnten, die das Geschick eng aneinander
gekettet hatte, und die sich um so inniger angehren muten, als das eine
schutzbedrftig war, und das andere so allein stand in der Welt? ... Elisabeth
fhlte pltzlich ein tiefes Erbarmen fr den Mann, der ferne Meere durchschifft,
fremde Lnder einsam durchstreift hatte und nun nach langem Umherirren blo als
strendes Element am eigenen Herde begrt wurde. Allem Anscheine nach hatte er
nur den einen warmen Punkt, die Liebe zu der Schwester in seinem stolzen Herzen;
wie tief mute es ihn dann verwunden, da gerade sie kein freundliches
Willkommen fr ihn hatte und ihr Herz kalt von ihm abwandte!
    Unter diesen Betrachtungen ordnete Elisabeth die Blumen in der Vase. Sie
hatte mit keiner Silbe auf Helenes leidenschaftlichen Ausbruch geantwortet, der
so rcksichtslos den Bruder vor fremden Ohren anklagte. Offenbar fhlte die
junge Dame selbst, vielleicht durch Elisabeths Schweigen beschmt, da sie sich
hatte hinreien lassen, denn sie bat pltzlich mit gnzlich vernderter Stimme,
einen Stuhl zu nehmen und ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten.
    In diesem Augenblicke wurde die thr heftig aufgestoen, und eine weibliche
Gestalt erschien auf der Schwelle. Es kostete Elisabeth Mhe sich zu berzeugen,
da diese Erscheinung in uerst vernachlssigter Toilette, und alle Zeichen
groer Aufregung an sich tragend, die Baronin Lessen war. Das sprliche, sonst
stets mit peinlicher Sorgfalt geordnete Haar fiel aus einer Morgenhaube auf die
Stirn, die gewhnlich so bla und elfenbeinartig jetzt eine dunkle Rte
berflammte. Aus den Augen war das stereotype stolze Selbstbewutsein gewichen,
und wie unbedeutend erschienen sie jetzt, als sie scheu und erschreckt in das
Zimmer blickten!
    Ach, Helene! rief sie angstvoll, ohne Elisabeth zu bemerken, und mit
ungewohnt raschen Schritten ihre korpulente Gestalt vorwrts bewegend, Rudolf
hat soeben den unglcklichen Linke auf sein Zimmer befohlen ... Er wtet und
tobt so laut gegen den armen Menschen, da es ber den Hof bis in mein
Schlafzimmer schallt ... Gott, ich fhle mich so elend ... der heutige Morgen
hat mich so angegriffen, da ich mich kaum auf den Fen halten kann; aber ich
konnte die Ungerechtigkeit nicht lnger mit anhren und flchtete hierher ...
Und diese feilen Seelen, diese Dienerschaft, die whrend Rudolfs Abwesenheit
nicht mit den Augen zu blinzeln gewagt, da steht sie frech unter den Fenstern
und belacht schadenfroh das Unglck, was ber einen treuen Diener hereinbricht
... Es strzt alles zusammen, was ich mhsam im Dienste des Herrn und zum Heil
des Hauses aufgerichtet habe ... Und da Emil gerade in Odenberg sein mu! Wie
beklagenswert und verlassen sind wir, teure Helene!
    Sie schlang ihre Arme um den Hals der jungen Dame, die sich bestrzt und
leichenbla erhoben hatte. Diesen Moment bentzte Elisabeth, um aus dem Zimmer
zu schlpfen.
    Als sie den Korridor betrat, der in das Vestibl mndete, schallte ihr
lautes Sprechen entgegen. Es war eine tiefe, klangreiche Mnnerstimme, welche
sich dann und wann in heftiger Erregung steigerte, nie aber, selbst im hchsten
Affekt, eine Spur von Schrfe annahm. Obgleich sie kein Wort verstehen konnte,
so bebte sie doch schon bei dem Klange der Stimme; es lag etwas Unerbittliches,
Eisernes in der Art und Weise, wie die einzelnen Stze markiert wurden.
    Der Schall in dem langen Korridor tuschte. Elisabeth wute nicht, von
welcher Seite die Stimme kam, und lief deshalb vorwrts, um schneller ins Freie
gelangen zu knnen. Aber schon nach wenig Schritten hrte sie, als stnde sie
neben dem Sprechenden, die Worte: Sie verlassen Lindhof bis morgen abend.
    Gndiger Herr - wurde geantwortet.
    Es ist mein letztes Wort, gehen Sie! klang es gebieterisch, und in
demselben Augenblick sah sich Elisabeth zu ihrem Schrecken neben einer weit
offenen Flgelthr. Eine hohe Mnnergestalt stand, die linke Hand auf den Rcken
gelegt und mit der rechten auf die Thr zeigend, mitten im Zimmer. Ein Paar
sprhende dunkle Augen begegneten ihrem Blicke, den sie tief betroffen abwandte,
indem sie schnell nach dem Vestibl und hinaus in den Garten eilte ... Ihr war,
als verfolge sie dieser Blick, aus dem eine emprte Seele flammte, und treibe
sie rastlos weiter.
    Als die Familie Ferber beim Abendbrote zusammensa, erzhlte der Vater
lebhaft angeregt, da er heute im Forsthause die Bekanntschaft des Herrn von
Walde gemacht habe.
    Nun, und wie hat er dir gefallen? fragte seine Frau.
    Ja, das ist eine Frage, liebes Kind, die ich dir vielleicht erst in einem
Jahre beantworten knnte, vorausgesetzt, da ich tglich Gelegenheit htte, mit
dem Gutsherrn zu verkehren, und da fragt es sich noch sehr, ob ich wirklich im
stande sein wrde, ein Endurteil zusammenzufassen ... Mir ist der Mann dadurch
interessant geworden, da man fortwhrend angeregt wird, darber nachzudenken,
ob er das wirklich ist, was er scheint, nmlich eine vllig kalte,
leidenschaftslose Natur ... Er kam zu meinem Bruder, um nheres ber den Vorfall
zwischen seinem Verwalter und der armen Taglhnerswitwe zu hren, weil man ihm
irrigerweise gesagt hatte, da Sabine die Mihandlung selbst mit angesehen
htte. Sie wurde hereingerufen und mute erzhlen, wie sie die Schneider
gefunden habe. Er fragte nach dem kleinsten Umstande, aber immer kurz, bestimmt.
Welchen Eindruck Sabines Bericht ihm machte, darber blieb man vllig im
Dunkeln, so undurchdringlich war sein Blick; nicht die leiseste Bewegung in
seinen Zgen verriet die Richtung seiner Gedanken ... Er kommt direkt aus
Spanien. Aus den wenigen Aeuerungen, zu denen er sich herablie, konnte man
entnehmen, da ihm brieflich durch irgend einen Freund das Unwesen auf seinem
Gute mitgeteilt worden war, worauf er sofort die Rckreise nach Thringen
angetreten hatte.
    Und seine uere Erscheinung? fragte Frau Ferber.
    Gefllt mir, obgleich mir so viel Zurckweisung und Unnahbarkeit in Haltung
und Bewegung fast noch nie bei einem Menschen vorgekommen ist. Ich begreife
vollkommen, da man ihn fr unbegrenzt hochmtig hlt, und doch kann ich mir
anderseits wieder nicht einreden, da hinter den merkwrdig geistvollen
Gesichtszgen ein so thrichter Wahn Grund und boden habe. Sein Gesicht hat
stets den Ausdruck kalter Ruhe, dessen ich gedachte; nur zwischen den
Augenbrauen liegt ein, ich mchte sagen, unbewachter Zug; der flchtige
Beobachter wrde ihn hchst wahrscheinlich finster nennen, ich aber finde ihn
melancholisch schwermtig.
    Elisabeth hrte dieser Schilderung nachdenklich zu. Sie hatte bereits die
Erfahrung gemacht, da jene kalte Ruhe auf Momente bedeutend aus dem Geleise
weichen konnte, und erzhlte dem Vater die Szene, deren Zeugin sie gewesen war.
    Nun, da ist ja das Strafgericht schneller hereingebrochen, als sich denken
lie, sagte Ferber. Mglich, da der Onkel mit seinen Aeuerungen auch das
Seinige dazu beigetragen hat - der kennt keine Rcksicht, sobald er um sein
Urteil befragt wird. Er hat dem Schloherrn so reinen Wein eingeschenkt, da
auch nicht ein Jota von dem auf seinem Herzen blieb, was ihn im Verlaufe eines
Jahres ergrimmt hat.

                                       10


Kaum eine Woche war seit jenem Abende vergangen. Diese wenigen Tage aber hatten
einen gewaltigen Umschwung im Lindhofer Schlosse hervorgebracht, wie man hrte.
Der entlassene Verwalter war bereits durch einen neuen ersetzt, dem jedoch sehr
enge Grenzen gesteckt waren, indem der Gutsherr sich selbst die Oberaufsicht
vorbehielt. Einige Taglhner, die man eigenmchtig verabschiedet hatte, weil sie
dem Ortsgeistlichen anhingen und der Bibelstunde im Schlosse einigemal untreu
geworden waren der dringenden Arbeit wegen, oder auch, weil sie vom Kandidaten
Mhring das Wort Gottes nicht hren wollten, arbeiteten wieder nach wie vor auf
dem Gute. Gestern, als am Sonntage, hatte Herr von Walde in Begleitung der
Baronin Lessen und der kleinen Bella dem Gottesdienste in der Dorfkirche zu
Lindhof beigewohnt. Herr Kandidat Mhring war zum Erstaunen der Gemeinde als
Zuhrer neben der Orgel erschienen - und mittags hatte der wrdige Dorfpfarrer
im Herrschaftshause gespeist ... Doktor Fels kam jeden Tag nach Lindhof, denn
Frulein von Walde war krank. Das war jedenfalls der Grund, weshalb Elisabeth
bisher keine Aufforderung erhalten hatte, wieder zur Stunde zu kommen, und auch
die Ursache, meinte der Oberfrster, da die Baronin Lessen der Verbannung nach
Sibirien entgangen sei; denn, sagte er, Herr von Walde wird kein solcher
Barbar sein, die kranke Schwester noch krnker zu machen, indem er ihr den
liebsten Umgang raubt, und wenn das auch nicht gerade die Baronin ist, so hren
doch mit ihrer Entfernung selbstverstndlich auch die fteren und langen Besuche
ihres Sohnes auf. Das war boshaft, aber unumstlich richtig kalkuliert, wie
er hinzufgte.
    Im Dorfe wute man, da es auf dem Gute furchtbare Strme gegeben hatte, bis
die Luft rein geworden war. Herr von Walde hatte die drei ersten Tage nach
seiner Ankunft allein auf seinem Zimmer gegessen und smtliche Briefchen der
Baronin, mit denen die alte Kammerfrau zu allen Tageszeiten vor seiner Thr
gesehen worden war, zurckgewiesen, bis endlich das heftige Unwohlsein seiner
Schwester ihn mit der Kousine im Krankenzimmer zusammengefhrt hatte. Seit jenem
Tage war der Verkehr scheinbar wieder im Geleise, wenn auch die Bedienten
erzhlten, da bei Tische fast kein Wort gesprochen werde. Herr von Hollfeld war
auch einmal herbergekommen, um den Heimgekehrten zu begren; man wollte aber
bemerkt haben, da er nach sehr kurzem Aufenthalte mit einem bedenklich langen
Gesichte wieder heimgeritten war.
    An einem trben, regnerischen Augusttage war Elisabeth von Frulein von
Walde ersucht worden, doch auf eine halbe Stunde ins Schlo zu kommen. Die Dame
war nicht allein, als das junge Mdchen eintrat. Im Fenster sa Herr von Walde.
Die hohe Gestalt in einem Fauteuil zurckgelehnt, berhrte sein Kopf leicht die
hellbekleidete Wand, wodurch das dunkle Braun seines Haares auffallend
hervortrat. Seine Rechte hing, die Zigarre zwischen den Fingern haltend,
nachlssig vom Fenstersimse herab, whrend er die Linke gehoben hielt, als habe
er soeben gesprochen. Seine Nachbarin, die Baronin Lessen, hielt den Oberkrper
vorwrts gebeugt und schien seinen Worten mit einem uerst verbindlichen
Lcheln zu lauschen, obgleich die Rede augenscheinlich nicht an sie selbst,
sondern an Helene gerichtet war; sie sa ihm ziemlich nahe und hatte eine
Hkelarbeit in der Hand; im ganzen sah die Gruppe sehr friedfertig aus. Auf
einer Chaiselongue lag Frulein von Walde. Ein weiter Schlafrock umhllte die
kleine Gestalt, und die schnen braunen Locken waren unter ein Morgenhubchen
gesteckt, dessen Rosabnder die krankhafte Blsse ihres Gesichtes noch mehr
hervorhoben. Auf ihrem ausgestreckten Finger sa der Kakadu; sie hielt ihn von
Zeit zu Zeit liebkosend an ihre Wange. Das abscheuliche Tier hie jetzt
Liebchen, durfte schreien, soviel es wollte, und wurde hchstens durch ein
mitleidiges: Was rgert denn mein Herzchen? zu beschwichtigen gesucht - also
auch hier Vershnung und vollkommener Friede.
    Bei Elisabeths Eintreten winkte Helene ihr freundlich mit der Hand entgegen;
es entging jedoch dem jungen Mdchen nicht, da sie mit einer leichten
Verlegenheit zu kmpfen hatte.
    Lieber Rudolf, sagte sie, indem sie Elisabeth bei der Hand nahm, du
siehst hier die liebenswrdige Knstlerin, der ich manche genureiche Stunde
verdanke ... Frulein Ferber - von ihrem Onkel und bereits auch in der Umgegend
Goldelschen genannt - spielt so hinreiend, da ich sie bitten will, uns heute
den trben, grauen Himmel vergessen zu machen. Sie sehen, liebes Kind, wandte
sie sich an Elisabeth, da ich noch unfhig bin, Ihnen am Klavier Gesellschaft
zu leisten; wollen Sie die Freundlichkeit haben, etwas allein zu spielen?
    Von Herzen gern, erwiderte Elisabeth, aber ich werde sehr ngstlich sein;
denn Sie haben mir selbst zwei unbesiegbare Mchte entgegengestellt, die Wolken
da drauen und das gnstige Vorurteil, das Sie soeben fr mein Spiel geweckt
haben.
    Darf ich mich jetzt auf eine Stunde beurlauben? fragte die Baronin, indem
sie ihre Arbeit zusammenlegte und sich erhob. Ich mchte mit Bella ein wenig
ausfahren, das arme Ding ist so lange nicht an die Luft gekommen.
    Nun, ich meine, die kann sie stets aus der ersten Hand haben, wenn sie sich
die Mhe nimmt, den Kopf zum Fenster hinauszustrecken, sagte Herr von Walde
trocken, whrend er die Asche von seiner Zigarre abstrich.
    Mein Gott, ist es dir unangenehm, Rudolph, wenn ich fahre? ... Ich bleibe
auf der Stelle zu Hause, wenn -
    Ich wte in der That nicht, weshalb ich dich abhalten sollte. Fahre so oft
und so viel es dir beliebt, war die gleichmtige Antwort.
    Die Baronin prete die Lippen zusammen und wandte sich zu Helene. Also
bleibt es dabei, da der Kaffee auf meinem Zimmer getrunken wird? ... Sehr lange
bleibe ich doch nicht drauen, des Sprhregens halber; ich bin pnktlich in
einer Stunde zurck und werde es mir nicht nehmen lassen, dich, liebste Helene,
selbst in mein Zimmer zu fahren.
    Das wirst du dir doch wohl nehmen lassen mssen, sagte Herr von Walde. Es
ist mein Amt seit vielen Jahren, und ich will nicht hoffen, da meine Schwester
glaubt, ich sei whrend meiner Abwesenheit zu ungeschickt geworden.
    Gewi nicht, lieber Rudolf ... ich bin dir sehr dankbar, wenn du so
freundlich sein willst! rief lebhaft Helene, whrend ihr Blick ngstlich
zwischen den beiden hin und her flog. Die Baronin hatte jedoch ihren Aerger
bereits tapfer niedergekmpft. Mit dem verbindlichsten Lcheln auf den Lippen
reichte sie Herrn von Walde die Hand, kte Helene auf die Wange und rauschte
mit einem: Nun denn, auf Wiedersehen! zur Thr hinaus.
    Whrend dieser kurzen Verhandlung beobachtete Elisabeth die Gesichtszge des
Mannes, dessen Blick und Stimme ihr neulich einen so tiefen Eindruck gemacht ...
Hatte sich doch der Schrecken - denn das war ohne Zweifel einzig und allein jene
mchtig angeregte Empfindung gewesen - soeben wiederholt, als sie, in die Thr
tretend, Herrn von Walde unerwartet sich gegenbersah ... Wie ruhig blickte
heute sein Auge, aus welchem damals Funken zu sprhen schienen; ja es wurde
sogar eisig kalt, als es auf dem Gesichte der Baronin haftete. Die obere Partie
seines Kopfes, die ohnehin in ihren Linien etwas ungemein Strenges hatte,
erschien durch diesen Ausdruck der Augen geradezu eisern. Ein schngepflegter
kastanienbrauner Bart umgab Lippen und Wangen und flo in weichen Wellen vom
Kinne herab auf die Brust ... Herr von Walde sah nicht jung aus, und wenn auch
seine schlanke Gestalt viel Elastizitt bewahrt hatte, so gaben doch die
unbeschreibliche Beherrschung und Ruhe in Haltung und Gebrden seinem ganzen
Auftreten jene Respekt einflende Wrde, wie sie nur dem reiferen Manne eigen
sein kann.
    Als die Baronin das Zimmer verlassen hatte, ffnete Elisabeth den Flgel.
    Nein, nein, keine Noten! rief Helene hinber, als sie sah, da das Mdchen
unter den Musikalien suchte und whlte. Wir wollen Ihre eigenen Gedanken hren,
bitte, spielen Sie aus dem Stegreife.
    Elisabeth setzte sich ohne Zgern nieder. Bald hatte sie in der That die
Auenwelt vergessen. Ein Melodienreichtum quoll in ihr auf, der ihre Seele hoch
emportrug. In solchen Momenten empfand sie stets beseligt, da sie vor Tausenden
anderer Sterblicher begnadigt sei, denn sie hatte die Macht, der leisesten
Regung ihres Herzens Ausdruck verleihen zu knnen. Die Klarheit ihrer ganzen
inneren Welt spiegelte sich in den Klngen wieder; nie noch hatte sie nach der
verkrpernden Melodie ihre Empfindung suchen mssen, sie lag fertig in ihrem
Innern, wie das Gefhl selbst ... Heute aber mischte sich etwas in die Tne, was
sie nicht begreifen konnte; es hatte durchaus keine eigene Stimme; sie htte es
um keinen Preis verfolgen und erfassen knnen, denn es flog nur wie ein neuer,
unbekannter Hauch ber die Tonwellen. Es war ihr, als wandelten Schmerz und
Freude nicht mehr nebeneinander, sondern flssen in eins zusammen ... Dies
Suchen nach dem Wesen jenes unfabaren Klanges lie sie aber immer tiefer in
ihre Gefhlswelt hinabsteigen. Das ganze se Geheimnis einer reinen, keuschen
Mdchenseele entfaltete sich allmhlich vor den Zuhrern, sie blickten in einen
Wunderbrunnen, aus dessen Tiefe die uere Erscheinung des jungen Mdchens
doppelt verklrt wieder auftauchte, denn es war ja eine unlsbare Harmonie in
ihrem ueren und inneren Menschen.
    Der letzte leise Akkord war verklungen. An Helenes Wimpern hingen zwei
schwere Thrnen, die Blsse ihres Gesichts war fast geisterhaft geworden. Sie
blickte nach ihrem Bruder, aber er hatte das Gesicht abgewendet und sah hinaus
in den Garten. Als er sich endlich umdrehte, waren seine Zge ruhig wie immer,
nur eine leichte Rte frbte seine Stirn, die Zigarre war seinen Fingern
entglitten und lag auf dem Boden. Er sagte Elisabeth, die sich inzwischen
erhoben hatte, nicht ein Wort ber ihr Spiel. Helene, der das Schweigen sichtbar
peinlich wurde, erschpfte sich in Lobeserhebungen, um dem jungen Mdchen die
Klte und Indolenz ihres Bruders vergessen oder wenigstens weniger fhlbar zu
machen.
    War das wieder einmal genial! rief sie. Die Leute in B. hatten sicher
keine Ahnung von dem goldenen Liederquell in Elschens Brust, sonst htten sie
wohl das liebe Mdchen nicht in die Thringer Wlder auswandern lassen.
    Sie haben bis jetzt in B. gelebt? fragte Herr von Walde, das Auge auf
Elisabeth richtend; sie sah einen Augenblick hinein, das Eis war geschmolzen,
ein seltsamer Schimmer tauchte dafr auf.
    Ja, antwortete sie einfach.
    Aus einer groen, schnen Stadt, die alle erdenklichen Gensse und
Annehmlichkeiten bietet, pltzlich in den stillen Wald, auf einen einsamen Berg
versetzt zu werden, das ist ein unliebsamer Tausch ... Sie waren natrlich
trostlos ber diese Vernderung?
    Ich betrachtete sie als ein unverdientes Glck, war die unbefangene
Antwort.
    Wie? ... Sonderbar ... Ich meine, man greift nicht nach der Distel, wenn
man die Rose haben kann.
    Ueber Ihre Meinungen habe ich begreiflicherweise kein Urteil.
    Ganz recht, weil Sie mich nicht kennen ... jene Ansicht ist jedoch eine
ganz allgemeine.
    In ihrer Anwendung ist sie einseitig.
    Nun denn, ich will Ihre Geschmacksrichtung, mit der Sie unter Ihren
Altersgenossinnen wohl schwerlich eine gleichgesinnte Seele finden drften,
nicht weiter anfechten ... In Ihrem Interesse will ich jedoch glauben, da es
Ihnen nicht ebenso leicht geworden ist, Ihre Freunde zu verlassen.
    Sehr leicht sogar; denn - ich hatte keine.
    Ist das mglich? rief Frulein von Walde. Sie hatten mit niemand
Verkehr?
    O ja; aber das waren Leute, die mich bezahlten.
    Sie gaben Unterricht? fragte Herr von Walde.
    Ja.
    Aber hatten Sie nie das Bedrfnis, eine Freundin zu besitzen? rief Helene
lebhaft.
    Niemals, denn ich habe eine Mutter, erwiderte Elisabeth mit einem Tone
tiefen Gefhls.
    Glckliches Kind! murmelte jene und senkte den Kopf.
    Elisabeth fhlte, da sie hier eine wunde Stelle in Helenes Herzen berhrt
hatte. Es that ihr leid und sie wnschte lebhaft, den Eindruck zu verwischen.
Herr von Walde schien diese Gedanken auf ihrem Gesicht zu lesen; denn ohne auf
Helenes Verstimmung zu achten, frug er: Und war es der Thringer Wald ganz
besonders, wo Sie zu leben wnschten?
    Ja.
    Und warum?
    Weil mir schon in meiner frhesten Kindheit erzhlt wurde, da wir aus den
Thringer Bergen stammen.
    Ah, aus dem Geschlechte der Gnadewitze?
    So hie frher meine Mutter - ich bin eine Ferber, antwortete Elisabeth
bestimmt.
    Sie sagen das mit einem solchen Nachdrucke, als ob Sie Gott dankten, da
Sie jenen Namen nicht zu fhren brauchen?
    Ich bin auch froh darber.
    Hm ... er hat seiner Zeit bedeutenden Klang gehabt.
    Aber keinen reinen.
    Ei, was wollen Sie? ... An allen Hfen hat er so gut gegolten wie
unverflschtes Gold; denn er war sehr alt, und vorzglich die letzten seiner
Trger sind deshalb stets mit den hchsten Wrden berhuft worden.
    Verzeihen Sie, aber dafr habe ich ganz und gar kein Verstndnis, da ...
Sie hielt errtend inne.
    Nun? ... Sie haben den Satz angefangen, und ich bestehe darauf, auch sein
Ende wissen zu wollen.
    Nun, da Snden belohnt werden, weil sie alt sind, erwiderte sie zgernd.
    Gemach, man sagt von mehreren Ahnen der Gnadewitze, da sie sich tapfer und
brav gezeigt haben.
    Das mag sein, aber es liegt auch ein Unrecht in dem Gedanken, da dies
Verdienst noch nach Jahrhunderten ausgebeutet werden darf von solchen, die nicht
brav und tapfer sind.
    Sollen groe Thaten nicht fortwirken?
    Gewi, aber wenn wir es verschmhen, ihnen nachzueifern, dann sind wir auch
nicht wrdig, ihre guten Folgen zu genieen, gab Elisabeth mit Entschiedenheit
zur Antwort.
    Ein Wagen rollte donnernd in die Einfahrt. Herr von Walde runzelte die Stirn
und strich mit der Hand ber die Augen, als sei er unsanft aus einem Traume
geweckt worden. Gleich darauf ffnete sich die Thr und die Baronin trat ein.
Sie hatte gleich Bella, die heute mit dem Anstande einer erwachsenen jungen Dame
neben der Mama herschritt, Hut und Mantille noch nicht abgelegt.
    Da wren wir glcklich wieder! Ist das eine abscheuliche Luft heute! Ich
habe es tausendmal bereut, mich hinaus gewagt zu haben, und werde wahrscheinlich
fr meine mtterliche Frsorge mit einem tchtigen Schnupfen ben mssen ...
Bella mchte gern selbst sehen, wie es dir geht, liebe Helene; ich habe mir
deshalb erlaubt, sie mit herein zu nehmen.
    Die Kleine ging geraden Schrittes auf das Ruhebett los. Sie schien Elisabeth
nicht zu bemerken, die dicht daneben sa, und streifte sie so hart, als sie sich
bckte, um Helenes Hand zu kssen, da ein Knopf ihres Mantels die leichte
Garnierung an Elisabeths Kleid fate und zerri. Bella hob den Kopf und schielte
seitwrts auf den Schaden, den sie angerichtet; dann drehte sie sich um und ging
hinber zu Herrn von Walde, um ihm die Hand zu geben. Nun, sagte dieser, indem
er seine Hand zurckzog, hast du keine Entschuldigung fr deine
Ungeschicklichkeit?
    Sie erwiderte kein Wort und retirierte neben die Mama, auf deren Wangen die
zwei verhngnisvollen roten Flecken erschienen. Der Blick, den sie Elisabeth
zuwarf, zeigte indes, da ihr Unwille nicht dem ungezogenen Tchterchen galt.
    Nun, Kind, kannst du nicht reden? fragte Herr von Walde nochmals, indem er
sich erhob.
    Frulein Ferber sa aber auch so nahe, entschuldigte die Baronin an Stelle
der hartnckig schweigenden Bella.
    In der That, ich htte fortrcken sollen ... Das Unglck ist ja auch gar
nicht so gro, sagte Elisabeth ngstlich und griff mit einem anmutigen Lcheln
nach Bellas Hand. Die Kleine aber that, als she sie diese Bewegung nicht, und
steckte beide Hnde unter den Mantel.
    Ohne ein Wort zu sagen, schritt Herr von Walde auf sie zu, fate sie am Arme
und fhrte sie direkt zur Thr, die er ffnete. Du gehst jetzt augenblicklich
hinber in dein Zimmer, gebot er, und kommst mir nicht eher wieder vor die
Augen, als bis ich es wnsche.
    Die Baronin war innerlich auer sich. Ihre Zge arbeiteten einen Augenblick
heftig; aber was konnte sie thun? Sie hatte keinerlei Waffen gegen die
Gewaltthtigkeit und Barbarei dieses Mannes, der hier Gebieter war und jetzt mit
einer so emprenden Ruhe seinen Platz wieder einnahm, als sei er sich der
Grausamkeit seiner Handlungsweise nicht im entferntesten bewut. Endlich siegte
die Klugheit der Dame.
    Ich hoffe, lieber Rudolf, sagte sie, ihre Stimme bebte ein wenig, du
wirst Bella die kleine Unart nicht nachtragen ... Ich bitte dich, nimm ein wenig
Rcksicht, ihre Gouvernante ist gar zu tlpelhaft.
    Mi Mertens? ... Nun, der mag es bei ihrer angeborenen Sanftmut und ihrem
feinen Takte unsgliche Ueberwindung kosten, Bella so zu erziehen, wie sie sich
eben gezeigt hat!
    Ueber die Stirn der Baronin flammte es abermals dunkelrot. Aber sie bezwang
sich. Mein Gott! rief sie, um dem Gesprche eine andere Wendung zu geben, da
habe ich ber der dummen Geschichte ganz und gar vergessen zu sagen, da Emil
von Odenberg herbergekommen ist. Er war zu Pferde, ist sehr na geworden und
wechselt gegenwrtig seinen Anzug ... Darf er seine Aufwartung machen?
    Eine hohe Glut flog ber Helenes Wangen, und aus ihren Augen brach ein
leuchtender Strahl des Glckes. Allein sie sprach kein Wort, sondern senkte das
Gesicht tief herab, um die Zeichen ihrer inneren Erregung zu verbergen.
    Gewi, erwiderte Herr von Walde. Beabsichtigt er, lnger hier zu
bleiben?
    Einige Tage, wenn du es erlaubst.
    Ganz recht ... Nun, wir werden ihn ja bei dir sehen, wenn wir zum Kaffee
kommen.
    Er wird sehr glcklich sein ... Wenn es brigens gefllig ist, so kann die
Uebersiedelung sogleich vor sich gehen; denn meine Kammerfrau meldete mir, als
ich aus dem Wagen stieg, da alles zum Empfange meiner lieben Gste bereit sei.
    Hier erhob sich Elisabeth und rstete sich zum Fortgehen. Herr von Walde
richtete einen fragenden Blick auf die Baronin. Ohne Zweifel erwartete er, da
sie das junge Mdchen auffordern wrde, mitzukommen; die Dame fand jedoch in
diesem Augenblicke, da der Grtner den Blumentisch im Fenster doch zu reizend
arrangiert habe, und vertiefte sich frmlich im Anschauen einer Gruppe Azaleen,
wobei sie dem jungen Mdchen den Rcken zukehrte.
    Elisabeth verabschiedete sich mit einer tiefen Verbeugung, nachdem ihr
Helene mit unsicherer Stimme, aber in herzlicher Weise gedankt hatte. Drauen im
Korridor kam ihr Herr von Hollfeld entgegen. Bei ihrem Anblicke verdoppelte er
seine Schritte; zugleich fuhr sein Blick wie ein Blitz nach allen Seiten hin,
als wolle er sich versichern, da kein Lauscher in der Nhe sei. Ehe sie sich
dessen versah, hatte er Elisabeths Hand erfat, drckte einen glhenden Ku auf
dieselbe und flsterte: Wie glcklich bin ich, Sie wiederzusehen!
    Elisabeths Betroffenheit war so gro, da sie im ersten Augenblicke keine
Worte finden konnte. Sie zog aber schnell, als sei sie gestochen worden, ihre
Hand zurck, und er schien sehr einverstanden damit zu sein, denn Helenes Zimmer
wurde in diesem Augenblicke geffnet und Herr von Walde trat heraus. Hollfeld
nahm, als she er erst in diesem Augenblicke Elisabeth, den Hut leicht vor ihr
ab, wobei seine Zge wieder einen vllig fremden Ausdruck hatten, und ging
seinem Verwandten entgegen.
    Elisabeth war auer sich ber diese Komdie. Zuerst die emprende
Vertraulichkeit, die ihr das Blut wallen machte vor Entrstung, und dann die
Verleugnung derselben vor dritten Personen. Ihr Mdchenstolz war tief verwundet.
Sie schalt sich, ihn nicht auf der Stelle hart angelassen und seine Dreistigkeit
gergt zu haben. Eine helle Rte stieg ihr in das Gesicht aus Scham darber, da
ein Mann in der Weise sie berhrt hatte ... es war ihr, als brenne die Stelle
noch, auf der die heien Lippen geruht; sie lie eilends den Strahl einer
Fontaine im Parke ber ihre Hand sprhen, um den vermeintlichen Fleck
wegzusplen.
    In groer Aufregung kam sie nach Hause und klagte der Mutter unter Thrnen
des Unwillens die ihr widerfahrene Beleidigung. Frau Ferber war sehr verstndig
und besa einen ruhigen, klaren Blick. Sie erkannte sofort aus Elisabeths
Entrstung, da hier nicht die mindeste Gefahr fr das Herz ihres Kindes zu
befrchten sei, und war beruhigt. Aeuere Anfechtung lie sich abwehren, nicht
aber der Jammer, den eine unglckliche Neigung heraufbeschwrt.
    Du weit nun, wes Geistes Kind Herr von Hollfeld ist, sagte sie. Es wird
dir durchaus nicht schwer werden, jede fernere Begegnung mit ihm streng zu
vermeiden, und wenn er trotzdem abermals zudringlich werden sollte, ihn
gebhrend in die Schranken zurckzuweisen ... Sein Benehmen zeugt von
aristokratischem Dnkel und Feigheit, zwei Eigenschaften, die ihn hchst
wahrscheinlich nicht weiter vorgehen lassen werden, wenn er sieht, da du seine
Huldigungen verschmhst ... Auf alle Flle aber mache dich mit dem Gedanken
vertraut, da dir mit dieser Zurckweisung ein Feind erwchst, der spter
mglicherweise deine Beziehungen zu Frulein von Walde lsen wird ... Das kann
dich selbstverstndlich nicht einen Augenblick im unklaren lassen, wie du dich
zu verhalten hast. Gehe also ruhig und besonnen deinen Weg weiter ... Vorlufig
rate ich dir noch nicht, deine Besuche im Schlo Lindhof einzustellen.
    O behte! ... Das werde ich auch ganz und gar nicht! rief Elisabeth
lebhaft. Was wrde der Onkel dazu sagen, wenn das Kchlein in der That eilig
und verscheucht unter die Flgel des Daheim krche! fgte sie unter Thrnen
lchelnd hinzu. Es wre doch schlimm, wenn ich von all der Strke, deren ich
mich gerhmt, nicht einmal so viel bese, um einen zudringlichen Menschen in
der Weise abzufertigen, da ihm die Wiederholung des aufgedrungenen Handkusses
fr alle Zeit vergeht.
    Sie dachte an ihr heutiges Gesprch mit Herrn von Walde und fand zu ihrer
groen Beruhigung, da sie doch eigentlich sehr tapfer sei; denn diesen
durchdringenden Augen, dieser strengen Stirn gegenber, war es wahrhaftig nicht
so leicht gewesen, eine Ueberzeugung auszusprechen, die kecklich an dem stolzen
Gebude seines Ahnenhochmutes zu rtteln wagte. Sie hatte jeden Augenblick
erwartet, sein Blick werde sich wieder zu Eis panzern, wie im Gesprch mit der
Baronin; allein der eigentmliche Glanz und Ausdruck, der ihr sogleich
aufgefallen war, als sie ihm gegenber Platz genommen, war nicht gewichen; ja,
einigemal hatte es ihr sogar geschienen, als ob sich die Lippen unter dem Barte
zu einem leisen, kaum bemerkbaren Lcheln verzgen ... Vielleicht hat er sich
heute in der Rolle des Lwen der Maus gegenber gefallen. Er hatte gromtig
geduldet, da ein kleines Mdchen seine naiven Ansichten zu seinen Fen
auskrame; dort blieben sie freilich liegen; denn sich danach zu bcken, das war
einem hochadligen Rcken nicht zuzumuten - aber sie hatten ihn doch einen
Augenblick amsiert als ein Beweis, da das Sprchlein vom Hndlein, welches den
Mond anbellt, sich bewahrheite. ... Sie sagte sich dies eindringlich, um ihrem
ungetreuen Gedchtnisse die allgemein feststehende Ansicht von seinem
unbegrenzten Hochmute aufs neue fest einzuprgen.
    Sie wute selbst nicht, wie ihr der Gedanke kam, aber sie war sich pltzlich
bewut, da sie unter dem Hochmute des Herrn von Walde unsglich leiden mte,
wenn er denselben ihr gegenber geltend machen wrde; deshalb mute sie doppelt
auf ihrer Hut sein, um sich durch die Formen der allgemeinen Hflichkeit nicht
irrefhren zu lassen. Da er diese achte und konsequent zur Geltung zu bringen
suche, davon hatte sie schon am nchsten Tage den schlagendsten Beweis.

                                       11


Sie war nmlich nachmittags eben im Begriffe, mit dem Nhkorbe in den Garten zu
gehen, als am Mauerpfrtchen gelutet wurde.
    Im Hinblicke auf die gestrige Szene war ihre Verwunderung wohl sehr
begrndet, als sie beim Oeffnen der Thr Bella vor sich sah. Hinter der Kleinen
standen Mi Mertens und der Herr, mit dem sie neulich abends die Begegnung
gehabt hatte. Bella reichte ihr beim Eintritte sogleich die Hand, machte aber
ein scheues verlegenes Gesicht und sagte kein Wort. Elisabeth erriet jetzt, sehr
erstaunt, den Grund ihres Kommens und suchte ihr ber das Peinliche der
Situation hinwegzuhelfen, indem sie ihre Freude aussprach, die Kleine in ihrem
Heim begren zu knnen, und sie aufforderte, mit in den Garten zu kommen.
Allein Mi Mertens trat vor.
    Machen Sie es Bella nicht so leicht, Frulein Ferber, sagte sie. Es ist
ihr ausdrcklich anbefohlen worden, Ihnen der gestrigen Unart wegen Abbitte zu
thun ... ich mu darauf bestehen, da sie spricht.
    Diese mit groer Bestimmtheit gesprochenen Worte, mehr aber vielleicht noch
das schtzende Dunkel der Halle, in welche sie an Elisabeths Hand eingetreten
war, lsten endlich Bellas Zunge. Sie bat leise um Verzeihung und versicherte,
nie wieder unartig sein zu wollen.
    Na, das wre ja glcklich berstanden! rief der Herr, indem er sich an Mi
Mertens Seite stellte und nun Elisabeth schelmisch lchelnd eine tiefe
Verbeugung machte.
    Es mag Ihnen vielleicht sehr ungewhnlich erscheinen, begann er, da ich,
als nicht dazu gehrig, mich dieser Deputation in Shne- und Ausgleichungssachen
anschliee; allein ich bin der Ansicht, bei einem Akte der Vershnung sei man
meist geneigt, ein Auge zuzudrcken, und dies scheint mir ganz der geeignete
Moment fr einen Fremdling, sich einzuschmuggeln ... Ich heie Ernst Reinhard,
bin Reisebegleiter und Sekretr des Herrn von Walde und kenne seit acht Tagen
kein sehnlicheres Verlangen, als die interessante Familie im Schlosse Gnadeck
kennen zu lernen.
    Elisabeth reichte ihm freundlich die Hand. Die alten Mauern haben bereits
die Unthaten des Raubrittertums mit angesehen, entgegnete sie, wir haben
deshalb ganz und gar keine Ursache, die Schmuggelei zu verurteilen ... Sie
werden meinen Eltern gewi willkommen sein.
    Sie schritt voran und stie die hohe Eichenthr auf, die nach dem Garten
fhrte.
    Die Eltern und der Onkel, die mit dem kleinen Ernst unter den Linden saen,
erhoben sich beim Erblicken der Eintretenden und gingen ihnen entgegen.
Elisabeth stellte gegenseitig vor und verschwand dann wieder im Hause, um auf
den Wink der Mutter einige Erfrischungen fr die Gste zu besorgen. Als sie
zurckkam, hatte Bella bereits Mantille und Sonnenschirm abgelegt. Sie sa mit
strahlendem Gesichte auf einer Schaukel, die der Vater zwischen zwei Bumen
aufgehangen hatte. Ernst schaukelte sie und schien nicht wenig stolz auf seine
neue Spielgefhrtin zu sein.
    Wahrhaftig, sagte Reinhard, indem er auf Bella zeigte, die eben jubelnd
hoch durch die Lfte flog, wer die Kleine heute morgen gesehen hat, mit welch
unkindlicher Haltung sie in Herrn von Waldes Zimmer trat, ihn um Verzeihung zu
bitten wegen der gestrigen Ungezogenheit, und wie sie zornig und trotzig zu ihm
aufsah, als er ihr erklrte, da er sie nicht eher wiedersehen wolle, als bis
sie Frulein Ferber persnlich um Verzeihung gebeten habe - hier wurde
Elisabeth purpurrot und beschftigte sich eilends und angelegentlichst mit zwei
groen Honigbroten, die sie fr Bella und Ernst strich - der erkennt sie
schwerlich wieder dort in dem kleinen Dinge, das die ganze harmlose
Kinderfrhlichkeit im Gesichte trgt.
    Es war eine genureiche Stunde, die nun folgte. Mi Mertens zeigte sich als
sehr unterrichtet und gebildet, und Reinhard erzhlte in hchst anziehender
Weise von seinen Reisen und Forschungen.
    An die Heimkehr wre wahrscheinlicherweise noch sehr lange nicht gedacht
worden, schlo er eine interessante Reihenfolge von Mitteilungen ber Spanien,
allein verschiedene sehr ungnstige Nachrichten aus Thringen, die nacheinander
einliefen, bewogen Herrn von Walde, einen Ri durch einen kaum entworfenen neuen
Reiseplan zu machen ... Dem Herrschschtigen passiert es eben manchmal, da ihn
die Begier blind macht ... der unvorsichtig ausgesprochene Wunsch aus zarter,
weiblicher Feder: Herr von Walde mge doch den guten, aber nun altersschwachen
Ortsgeistlichen in Lindhof pensionieren, weil er stumpf und nicht mehr fhig
sei, die Gemter zu erbauen, setzte jenen unliebsamen Nachrichten die Krone auf
und war die Veranlassung, da sofort die Rckreise angetreten wurde ... Als wir
spt abends, in der Nhe von Lindhof Wagen und Chaussee verlassend, das letzte
Stckchen Weg durch den Wald zu Fue zurcklegten, stieen wir noch auf ein
allerliebstes Abenteuer ... Merkwrdig, sehen Sie doch, Reinhard, fr was halten
Sie den Schimmer da droben auf dem alten Gnadeck? fragte Herr von Walde. Fr ein
Licht, war meine Antwort. Das mssen wir nher untersuchen, meinte er und stieg
aufwrts. Der Punkt wurde immer grer und ergab sich zuletzt zu unserm
Erstaunen als zwei hohe, hellerleuchtete Fenster ... Da trippelt es hinter uns
leicht den Berg herauf, es flattert wei durch die Bsche, und pltzlich schwebt
ein Etwas auf die mondbeglnzte Lichtung, das ich fr ein hheres Wesen halte
... Ich bin der Beherztere, trete nher, immer frchtend, die Lichtgestalt werde
vor dem Hauche meines Mundes zerflieen - wehe, da ffnen sich die Lippen und
erzhlen von zwei gutgearteten Ziegen und einem allerliebsten Kanarienvogel.
    Ein allgemeines Gelchter folgte dieser Schilderung.
    Als wir den Berg wieder hinabstiegen, fuhr Reinhard fort, sprach mein
Herr keine Silbe; allein gewisse Anzeichen lassen mich frchten, da ich damals
nicht von Ihnen allein ausgelacht worden bin ... Es wre wahrlich nicht vom
Uebel gewesen, wenn Sie uns als gute Fee begleitet htten; aber aller
Mondesglanz, alle Lieblichkeit blieben droben auf dem Bergrcken, whrend wir
hinunter in den dunklen Thalscho wandern muten, wo eine dumpfe Schwle
brtete, und wo uns niemand, nicht einmal ein erwachendes Lftchen, ein
Willkommen in der Heimat entgegentrug ... Im Schlosse Lindhof flogen zahllose
Lichter eilig wie Irrwische an den Fenstern vorber. Der Wagen mit dem Gepck
war vor uns eingetroffen und mute mit seinem Rdergerolle hnliche Wirkung
hervorgebracht haben, wie man dem Donner beim jngsten Gerichte dereinst
zuschreibt, denn es herrschte eine solche Aufregung in dem Hause, als wir
eintraten, da ich am liebsten meine Schritte wieder hinweggelenkt und mein
mdes Haupt unter den ersten, besten, stilldunklen Busch gebettet htte ... Der
einzige, der inmitten des aufgescheuchten Ameisenschwarmes einen
bewunderungswrdigen Gleichmut zur Schau trug, war Herr Kandidat Mhring. Er
hatte sich schleunigst in eine weie Halsbinde geworfen und empfing den Herrn
des Hauses mit einer salbungsvollen, wohlgesetzten Rede am Fue der Treppe.
    Das Regiment dieses gestrengen Herrn ist wohl jetzt zu Ende? fragte der
Oberfrster.
    Jawohl - Gott sei Dank! entgegnete Mi Mertens. Er wird in der Krze
Lindhof ganz und gar verlassen - die Frau Baronin Lessen hat ihm durch ihren
Einflu eine gute Predigerstelle verschafft ... Er konnte es nicht ertragen, so
pltzlich in das Nichts zurcksinken zu mssen, da, wo er geherrscht hatte. Ich
glaube es ihm; denn wie hat er geherrscht - mit der ganzen Verfolgungswut des
Tyrannen, der alles unter seine Fe zu bringen sucht ... Nicht ein Gedanke
sollte mehr in seinem Bereiche gedacht werden ohne seine Zustimmung, und whrend
er seine Herrin kriechend anlchelte, hielt er ihr seine eiserne Faust auf den
Nacken. Alle, ohne Ausnahme, im Hause muten die Gedanken und Empfindungen
niederschreiben, die sie tags ber bei ihrer Berufserfllung gehabt hatten ...
Ich sehe noch die armen Hausmdchen, denen schon ein kleiner Brief an die
Ihrigen ungleich saurer wurde, als ein angestrengter Bgeltag, wie sie an den
Winterabenden in der kaltgewordenen Stube saen und, die Feder zwischen
ungelenken, todmden Fingern haltend, in ihrem armen Kopfe einige Phrasen mhsam
zusammensuchten. Ja, wenn der Herr Kandidat so gearbeitet htte, wie ich heute
den ganzen Tag, flsterte dann wohl auch hier und da eine mit scheuer Stimme,
aber im tiefsten Grolle, da wrde ihm das Schreiben wohl vergehen.
    Ja, das will ich auch meinen! rief der Oberfrster. Nun sag' mir einer,
ob das nicht die abscheulichste Menschenschinderei ist, die man da unter dem
Deckmantel eines gottgeflligen Strebens getrieben hat!
    Das Schlimmste dabei ist, sagte Ferber, da der Mensch, wenn er nicht
sittlich hoch steht, oder einen ganz besonderen Fond von Gutmtigkeit besitzt,
nicht allein seinen Qulern, sondern zuletzt auch der Sache grollt, um
derentwillen er leiden mu. So entfernt er sich innerlich immer weiter vom
Glauben, whrend er nach auen das Gegenteil zeigen mu; denn sein
Lebensunterhalt hngt von der Maske ab ... das nenne ich Totschlag der
Religiositt im Volke.
    Na, es ist gut, da wenigstens zu uns endlich einer kam, der Kraft und
Manneswillen genug hatte, zu gebieten: Bis hierher und nicht weiter! ... Tausend
noch einmal, das kam dahergebraust wie eine Sndflut! sagte der Oberfrster.
    Herr von Walde besitzt aber auch eine Energie, eine moralische Kraft, wie
selten ein Mensch, erwiderte Mi Mertens lebhaft. Er hat einen verschlossenen
Mund, doch einen offenen Blick, und vor diesem Blick erschrickt die Angeberei,
und Bosheit und Heuchelei verlieren Mut und Larve.
    Mittlerweile hatte Reinhard das Gemuer des alten verfallenen Schloflgels
aufmerksam betrachtet, der nach Sden hin den Garten begrenzte. Es war ein
hchst unregelmiger Bau. Drei ungeheure Spitzbogenfenster von tadelloser Form
erhoben sich ungefhr sechs Fu ber dem Boden und stiegen durch zwei Stockwerke
in die Hhe. Dicht neben ihnen trat eine Art Erker weit in den Garten herein und
bildete eine tiefe Ecke; eine mchtige Steineiche erhob sich zwischen den zwei
Mauern und streckte einzelne Aeste durch die zwei nchsten, scheibenlosen
Fenster in den khlen, luftigen Raum hinein, der einst die Schlokapelle
vorgestellt hatte, und den man auf eine bedeutende Zuhrerschaft berechnet haben
mute, denn er nahm die ganze Tiefe des Flgels in Anspruch. Den genannten
Fenstern lagen drei ganz gleiche gegenber; sie waren Sturm und Wetter weniger
preisgegeben und hatten oben in den feingemeielten Steinrosetten einige bunte
Glasstckchen bewahrt. Hinter ihnen erschien der dstere Hof mit seinen
zusammensinkenden, gespenstigen Mauern wie ein in Grau gemaltes Bild. Die
Gartenseite des Flgels sah buntscheckig genug aus. Die schrankenloseste Willkr
hatte Fenster und Zierraten von allen Sorten zusammengewrfelt; diesem Aeueren
nach mute das groe Gebude ein wahres Labyrinth von Gemchern, Gngen und
Treppen in sich schlieen. Der Erker war es zumeist, der den Bau gefahrdrohend
erscheinen lie. Er neigte sich bedenklich seitwrts und schien auf den Moment
zu lauern, wo er das blhende Leben der Eiche unter seinen Steinmassen begraben
wrde. Er hatte sich brigens kokett einen lebensfrischen Mantel ber seine
gebrechlichen Glieder gebreitet, ein undurchdringliches Epheugespinst umwob ihn
vom Boden bis zu dem zerklfteten Dachstuhle und lie weder Fenster noch Risse
und Sprnge in dem Mauerwerke sehen. Einzelne Ranken waren hinter der Eiche
vorber geschlpft, sie kletterten an den gelockerten Mauersteinen der
Hauptfronte in die Hhe und umarmten keck die allerorten angebrachten
Steinwappen, die grmlich genug unter dem aufgedrungenen Schmucke hervorsahen.
    Ich habe, sagte Ferber, bald nach meiner Hierherkunft gerade diesen
Flgel, soweit es mglich, zu durchforschen gesucht, denn er interessiert mich
seiner eigentmlichen Bauart wegen; allein ich kam nicht weiter, als in die
Kapelle, und auch hier erschien mir das Verweilen gefhrlich. Sie sehen, das
ganze obere Stockwerk ist eingestrzt; die Wucht der Trmmer hat den Plafond der
kleinen Kirche tief niedergesenkt, so da man meint, er msse bei der leisesten
Luftschwingung herniederstrzen. Der Erker ist erst in den letzten Wochen so
hinfllig geworden, und zwar infolge mehrerer Gewitterstrme. Er mu entfernt
werden, weil uns sonst ein Teil des Gartens unzugnglich bleibt. Htte ich
Arbeiter bekommen knnen, so wre er schon abgetragen.
    Nach dieser Schilderung versprte Reinhard, wie er sich ausdrckte, weiter
keinen Appetit, in den Ruinen umherzuwandeln. Desto mehr interessierte ihn der
Zwischenbau, und auf diese Aeuerung hin erhob sich Ferber, um seinen Gsten die
Wohnung zu zeigen. Zuerst aber wurde der hinter ihnen liegende Damm bestiegen.
Ferber war sehr geschickt und thtig, er benutzte jede freie Stunde zur
Verschnerung seines neuen Besitztums. Die Stufen, die auf die Hhe des Dammes
fhrten, hatte er eigenhndig ausgebessert, sie hoben sich jetzt wei und glatt
von der geschorenen Rasendecke ab, welche duftig grn die Schrgseite des
Erdaufwurfes bedeckte. Droben das ziemlich breite Plateau war mit frischem Kiese
bestreut, und in der Mitte desselben, dicht an dem Gezweige der Linden, die sich
unten ber dem Bassin wlbten, stand eine Gruppe selbstgezimmerter weier
Gartenmbel.
    Whrend die Gesellschaft an der Brstung lehnte und den sehr beschrnkten,
aber lieblichen Blick ber den hier ziemlich steil abfallenden Berg hinweg in
das Thal geno, erzhlte Elisabeth die Geschichte von Sabines Urahne; denn ohne
Zweifel war der Damm der Schauplatz des Ereignisses gewesen.
    Brr! sagte Reinhard, sich schttelnd. Ich danke fr einen solchen
Luftsprung. Die Mauer ist hoch, und wenn ich mir da, wo jetzt die grne
Moosdecke liegt, das trbe, schlammige Wasser eines Schlograbens voller Frsche
und Krten denke, da ist mir der Entschlu, hinabzuspringen, geradezu
unfalich.
    Nun, sagte Mi Mertens, die Verzweiflung hat manchen auf noch grlichere
Weise den Tod suchen lassen.
    In dem Augenblicke war es Elisabeth, als hafte auf ihrem Gesichte abermals
der Blick voll Glut und Leidenschaft, mit welchem Hollfeld gestern auf sie
zugeeilt war ... sie gedachte des Abscheues, den sie bei seiner Berhrung
empfunden hatte, und meinte innerlich, es sei nicht so schwer, sich in den
Zustand der Verfolgten zu denken.
    Na, Kind, weckte sie der Onkel aus ihrem Nachsinnen, willst du da drunten
das Gras wachsen hren, weil du so lautlos stehen bleibst!
    Vor seinen klaren Augen und der krftigen, biederen Stimme verflog im Nu das
Grauen. Nein, Onkel, entgegnete sie lachend, den Versuch will ich doch lieber
bleiben lassen, wenn ich mir auch einbilde, fr das Leben und Weben in der Natur
ganz besondere Augen und Ohren zu haben.
    Er nahm sie bei der Hand und fhrte sie den anderen nach, die eben das Haus
betraten. Oben an der Treppe kam Bella auf Mi Mertens zugelaufen; sie hatte in
der einen Hand verschiedene Bilderbcher, und mit der anderen zog sie ihre
Gouvernante in Elisabeths Zimmer.
    Denken Sie sich, Mi Mertens, hier oben sieht man doch unser Schlo! rief
sie. Der Begriff vom Eigentumsrechte in dieser Richtung hin sa fest in ihrem
Kpfchen; kein Wunder, die Art und Weise, wie die Mama das Zepter bisher gefhrt
hatte, lieen ja selbst die Erwachsenen nicht im Zweifel, da sie sich als die
unumschrnkte Herrin in Lindhof ansehe. Sehen Sie dort unten den Weg? fuhr
Bella lebhaft fort, da ist eben Onkel Rudolf vorbergeritten. Er hat mich
erkannt und mir mit der Hand zugewinkt; die Mama wird froh sein, da er wieder
gut mit mir ist.
    Mi Mertens ermahnte sie, nun aber auch hbsch artig zu bleiben, jetzt aber
Hut und Mantel zu holen, denn es sei Zeit aufzubrechen.
    Elisabeth und Ernst begleiteten sie bis an den Park.
    Wir haben uns zu lange aufgehalten, bemerkte Mi Mertens mit besorgtem
Gesichte, als sie am Mauerpfrtchen von Ferbers Abschied genommen hatte und
herauf auf die Waldble trat. Ich mache mich fr heute noch auf Sturm und
bses Wetter gefat.
    Sie meinen, die Baronin werde ungehalten sein ber Ihr langes Ausbleiben?
    Ohne Zweifel.
    Nun, lassen Sie sich dies trotz alledem nicht reuen ... Wir haben
jedenfalls einen reizenden Nachmittag verlebt, meinte Reinhard heiter.
    Die Kinder waren Hand in Hand vorausgegangen und verschwanden hier und da
seitwrts im Gebsche, um Blumen zu suchen. Hektor, der seinem Herrn untreu
geworden war und sich der Gesellschaft angeschlossen hatte, sprang lustig mit
ihnen hin und her, wobei er jedoch nicht unterlie, dann und wann zu Elisabeth -
der Dame seines Herzens, wie der Onkel immer sagte - zurckzukehren, um sich den
Kopf streicheln zu lassen.
    Pltzlich stutzte er und blieb mitten im Wege stehen. Man war bereits in der
Nhe des Parkes; durch das Gebsch schimmerte das leuchtende Grn der
Rasenflchen herauf, und das Pltschern der nchsten Fontne wurde hrbar.
Hektor hatte etwas entdeckt, und das war eine weibliche Gestalt, die mit
hastigen Schritten den Hinabwandelnden entgegenkam. Elisabeth erkannte sie
sogleich als die stumme Bertha, obgleich ihr die ganze Erscheinung merkwrdig
verndert erschien.
    Das junge Mdchen mute keine Ahnung von der Nhe anderer haben, denn sie
gestikulierte im Weiterschreiten heftig mit den Armen; eine dunkle Rte bedeckte
ihre Wangen, die Augenbrauen waren wie im tiefsten Seelenschmerze
zusammengezogen, und die Lippen bewegten sich im leisen Selbstgesprche. Das
weie, blumengeschmckte Htchen war von den Flechten herabgesunken und hing
mittels der Bnder am Halse; infolge der heftigen Bewegungen jedoch lsten sich
auch diese, und es fiel auf den Boden, ohne da die Eigentmerin es bemerkte.
    Sie lief vorwrts, und erst in dem Augenblicke, als sie dicht vor Elisabeth
stand, schlug sie die Augen auf. Entsetzt, als habe sie auf eine Natter
getreten, fuhr sie zurck. In dem Momente aber auch verwandelte sich ihr
schmerzlicher Gesichtsausdruck in den der tiefsten Erbitterung. Ihre Augen
sprhten Ha, ihre Hnde ballten sich krampfhaft, whrend ein zischender Laut
ber die Lippen glitt; es sah aus, als wolle sie sich wtend auf das junge
Mdchen strzen ... ... Reinhard stand sofort neben Elisabeth und zog sie einen
Schritt zurck. Als Bertha ihn erblickte, stie sie einen leisen Schrei aus und
rannte blindlings in das Gebsch, durch welches sie sich gewaltsam Bahn brach,
obgleich ihre Kleider an den Dornen hngen blieben und niederhngende Aeste
gegen ihre Stirn schlugen ... in wenig Augenblicken war sie im Dickicht
verschwunden.
    Das war ja die Bertha aus dem Forsthause!? rief Mi Mertens erstaunt. Was
mu ihr geschehen sein?
    Ja, was mag vorgefallen sein? wiederholte Reinhard. Die junge Person war
in einer furchtbaren Aufregung, schien aber erst in die hchste Wut zu geraten
bei Ihrem Anblicke, wandte er sich an Elisabeth. Sie ist Ihnen verwandt?
    Eigentlich nicht, entgegnete das junge Mdchen, denn sie steht nicht
einmal meinem Onkel in dieser Beziehung sehr nahe. Ebensowenig ist sie mir
bekannt. Sie hat meine Nhe von Anfang an konsequent gemieden, obgleich ich
einen freundschaftlichen Verkehr mit ihr eine Zeitlang sehr gewnscht habe ...
Es ist klar, da sie mich hat, aber ich wei nicht, weshalb; das mte mich
eigentlich betrben, allein ihr Charakter gefllt mir zu wenig, als da ich
einen besonderen Wert auf ihre Gesinnung gegen mich legen mchte.
    Zum Henker auch, Kindchen, da ist nicht allein mehr von Gesinnung die Rede!
... Die kleine Furie htte Sie am liebsten mit den Zhnen zerrissen.
    Ich frchte mich nicht vor ihr, erwiderte Elisabeth lchelnd.
    Nun, ich mchte Ihnen doch zur Vorsicht raten, meinte Mi Mertens. Die
kleine Person hat etwas Dmonisches in ihrer Erscheinung ... wo mochte sie nur
herkommen?
    Allem Anscheine nach aus dem Schlosse, bemerkte Elisabeth, indem sie
Berthas Hut aufhob und einige drre Bltter und Moose von den Klatschrosen
abstreifte.
    Das glaube ich nicht, entgegnete Mi Mertens. Seit sie stumm ist, hat sie
merkwrdigerweise auch ihre Besuche in Lindhof eingestellt ... Sie war frher
tglich im Schlosse, wohnte den Bibelstunden bei und hatte bei der Baronin einen
groen Stein im Brette ... Das alles hat pltzlich ein Ende genommen, ohne da
irgend jemand sagen kann, weshalb. Nur dann und wann habe ich sie auf meinen
einsamen Spaziergngen durch den Park schlpfen sehen, flink wie eine Schlange
und fr mich ebenso unheimlich, wie alle Reptilien.
    Die Sprechenden hatten bereits den ersten mit Kies bestreuten Parkpfad
betreten, es war Zeit zum Abschiede, der von Besuchern und Besuchten auf das
herzlichste genommen wurde.
    Hre, Else, sagte Ernst, als die anderen drei hinter dem nchsten Boskett
verschwunden waren, wir wollen doch einmal sehen, wer von uns beiden zuerst
dort an der Ecke sein wird. Diese Ecke war die Mndung eines schmalen
Waldweges, der sich an dem Fue des Berges hinzog.
    Gut, mein Junge! lachte Elisabeth und begann zu laufen. Anfangs hielt sie
Schritt mit den Beinchen, die tapfer nebenher trippelten und sich mhten, ihr
den Vorsprung abzugewinnen; in der Nhe des Zieles jedoch flog sie, um den
Kleinen zu necken, wie eine Feder vorwrts und stand mit einem Schritte mitten
im Waldwege, zu ihrem Schrecken aber auch dicht vor einem Pferdekopfe, der sie
heftig anschnaubte. Hektor, welcher nebenher gelaufen war, erhob ein lautes
Gebell ... Das Pferd machte einen furchtbaren Satz nach rckwrts und stand in
einem Nu fast kerzengerade auf den Hinterbeinen.
    Zurck! rief eine gewaltige Stimme. Elisabeth umfate den Knaben, der
inzwischen herangekommen war, und sprang seitwrts mit ihm; fast in demselben
Momente strzte das Pferd aus dem Walde hervor und brauste, mit seinen Hufen
kaum die Erde berhrend, querfeldein ... Herr von Walde ritt das scheu gewordene
Tier, das die gewaltigsten Anstrengungen machte, seinen Reiter abzuwerfen; aber
er sa fest wie eine Mauer, nur einmal bog er sich herab und hieb mit der Gerte
nach Hektor, der in tollen Sprngen auf und ab jagte und das Pferd durch sein
Gebell immer wilder machte. Eine Weile zerstampfte der Renner den groen
Rasenplatz, dann wendete er sich pltzlich seitwrts und verschwand jenseits im
Walde.
    Elisabeth fhlte, wie ihr die Zhne zusammenschlugen in namenloser Angst,
denn nun zweifelte sie keinen Augenblick mehr, da ein Unglck geschehen msse.
Sie nahm Ernst bei der Hand und wollte nach dem Schlosse laufen, um Hilfe zu
holen, allein schon nach wenigen Schritten sah sie den Reiter zurckkehren. Das
Tier war ruhiger, der Schaum flo vom Gebisse, und Elisabeth sah, wie die Beine
des Pferdes zitterten. Herr von Walde klopfte es liebkosend auf den Hals, sprang
herab und band es an einen Baum, dann schritt er auf Elisabeth zu.
    Verzeihen Sie! sagte das junge Mdchen mit bebender Stimme, als er vor ihr
stand.
    Was denn, mein Kind? entgegnete er mild. Sie haben ja nichts verbrochen
... Kommen Sie, setzen Sie sich ein wenig hier auf die Bank ... Sie haben sich
erschreckt und sind totenbla geworden.
    Er machte eine Bewegung, als wolle er ihre Hand ergreifen und sie fhren,
aber sein Arm sank sogleich wieder herab. Elisabeth folgt mechanisch seinem
Geheie, er setzte sich ohne weiteres neben sie. Der kleine Ernst lehnte sich an
seine Schwester und sah Herrn von Walde mit seinen groen, schnen Augen
unverwandt ins Gesicht. Der Kleine war nur einen Moment erschrocken gewesen, als
das Pferd unvermutet aus dem Walde hervorkam; das Umherjagen auf der Wiese aber
hatte ihn amsiert, denn er hatte keine Ahnung von der Gefahr.
    Was hatten Sie vor, als Sie vorhin so strmisch in den Wald einzudringen
versuchten? fragte Herr von Walde Elisabeth nach einem kurzen Schweigen.
    Ein schelmisches Lcheln schwebte um die noch immer blassen Lippen des
jungen Mdchens. Ich wurde verfolgt, antwortete sie.
    Von wem?
    Von diesem hier, - sie zeigte auf Ernst - wir sind um die Wette
gelaufen.
    Ist der Kleine Ihr Bruder?
    Ja. Sie sah dem Knaben zrtlich ins Gesicht und strich mit der Hand ber
seinen dunklen Lockenkopf.
    Und sie ist meine einzige Schwester, bemerkte der Kleine mit groem
Nachdrucke.
    So - nun, wie es scheint, vertrgst du dich sehr gut mit dieser einzigen
Schwester? sagte Herr von Walde.
    O ja, ich habe sie sehr lieb ... sie spielt mit mir gerade wie ein Junge.
    Wirklich? fragte Herr von Walde.
    Wenn ich exerzieren will, dann setzt sie sich einen ebensolchen Papierhut
auf, wie sie mir einen macht, und trommelt durch den Garten, solange ich will.
Vorm Schlafengehen erzhlt sie mir Geschichten und streicht mir auch die
Butterbrote viel dicker als Mama.
    Ein heiteres Lcheln glitt ber Herrn von Waldes Gesicht. Elisabeth sah es
zum erstenmal und fand, da es seine Zge, deren tiefen Ernst sie fr
unverwischbar gehalten hatte, unbeschreiblich anziehend machte ... es kam ihr
vor, wie der klare Sonnenglanz, der unerwartet ber einen wolkendsteren Himmel
hinfliegt.
    Du hast recht, mein Junge, sagte er und zog den Kleinen zu sich hinber,
das sind ohne Zweifel anerkennenswerte Eigenschaften; aber wird sie nie bse?
fragte er weiter, indem er auf Elisabeth zeigte, die wie ein Kind lachte, denn
Ernsts Mitteilungen erschienen ihr urkomisch.
    Nein, bse niemals, antwortete der Knabe, nur ernsthaft manchmal, und
dann spielt sie immer Klavier.
    Aber Ernst ...
    O ja, Else, fiel ihr der Kleine eifrig ins Wort, weit du noch, in B., wo
wir so arm waren?
    Nun, da magst du freilich recht haben, erwiderte das junge Mdchen
unbefangen, aber das war doch nur in der Zeit, wo Papa und Mama allein sich
abmhen und fr das tgliche Brot arbeiten muten, spter wurde es ja besser.
    Aber Sie spielen noch Klavier?
    Ja, entgegnete Elisabeth lachend, jedoch nicht mehr in dem Sinne, wie
Ernst es meint, die Meinen sind ja versorgt.
    Und Sie? forschte Herr von Walde weiter.
    Nun, ich? Ich habe den Mut, es mit dem Leben aufzunehmen und ihm das
abzuringen, was zu meiner Selbstndigkeit ntig ist.
    Wie wollen Sie das anfangen?
    Ich werde im nchsten Jahre eine Stelle als Erzieherin annehmen.
    Schreckt Sie Mi Mertens' Beispiel nicht zurck?
    Ganz und gar nicht ... Ich bin nicht so schwach, ein mheloses Brot zu
wnschen, wo ich Tausende in meinen Verhltnissen mutig die Last der
Dienstbarkeit auf sich nehmen sehe.
    Hier handelt es sich aber nicht allein um die Arbeit, sondern auch um das
Ertragen und Dulden ... Sie sind stolz; nicht allein Ihr Gesicht in diesem
Augenblicke, sondern auch Ihre gestern ausgesprochenen Ansichten beweisen es.
    Nun ja, es mag Stolz sein, da ich die Menschenwrde hher stelle, als jene
Aeuerlichkeiten, die der Egoismus erfunden hat und aufrecht erhlt - aber
ebendeshalb glaube ich auch, da ein Mensch den andern nur insofern demtigen
kann, als er, moralisch und geistig hochstehend, ihm unerreichbar erscheint -
niemals aber durch erniedrigende Behandlung.
    Und Sie glauben sich durch diese Ansicht gesthlt gegen alle jene groen
und kleinen Leiden, die eine launenhafte, herzlose Herrin ber Sie verhngen
kann?
    O nein, aber ich werde mit ihr den Kopf oben behalten.
    Es entstand eine kleine Pause, whrend welcher Ernst sich dem Pferde nherte
und dasselbe mit groer Aufmerksamkeit betrachtete.
    Aus Ihren gestrigen Reden schlo ich, da Sie Ihre jetzige Heimat lieben,
begann Herr von Walde wieder.
    Ja, unbeschreiblich.
    Nun, ich begreife das; denn wir haben hier das schnste Stck Thringens
... Wie ist es Ihnen dann aber mglich, den Gedanken so leicht zu nehmen, da
Sie wieder gehen mssen?
    Leicht wird es mir auch durchaus nicht, im Gegenteil, aber mein Vater hat
mich gelehrt, da man stets das Notwendige ber die Annehmlichkeit stellen
msse, und das begreife ich vollkommen ... weniger klar dagegen ist es mir, wie
man die Annehmlichkeit verlassen kann, ohne da es die Notwendigkeit gebietet.
    Ah, das gilt mir! ... Sie fassen es nicht, da ein Mensch freiwillig in den
dumpfen Pyramiden steckt, whrend er im khlen sonnigen Thringen atmen knnte.
    Elisabeth fhlte, wie ihr eine brennende Rte in das Gesicht stieg. Herr von
Walde berhrte hier mit leichtem Humor jenes scherzhafte Gesprch zwischen ihr
und dem Onkel, dessen unfreiwilliger Zuhrer er gewesen war.
    Wenn ich Ihnen das auch begreiflich machen wollte, Sie wrden mich doch
nicht verstehen; denn, wie mir scheint, vermissen Sie ja noch nichts im Kreise
der Ihrigen? fragte er nach kurzem Schweigen. Er hatte sich vorwrts geneigt
und strich mechanisch mit der Spitze der Reitgerte ber den Kies zu seinen Fen
... Er sprach in jenen tiefen Tnen, die stets etwas Ergreifendes fr Elisabeth
hatten. Aber es kommt die Zeit, fuhr er fort, da flieht man hinaus in die
Welt, um drauen zu vergessen, da daheim das Glck fehlt ... Eine schmerzlich
empfundene Lcke in seinem Dasein kann der Mann, wenn auch nicht ausfllen, so
doch am besten in den Hintergrund drngen, wenn er sich in die Wissenschaft
versenkt.
    Also hier stand sie vor der wunden Stelle in seinem Herzen ... Er fhlte
tief, da ihn daheim die Liebe nicht empfing, die er lebhaft wnschte, und die
er auch mit vollstem Rechte beanspruchen konnte, da er seiner Schwester die
reinste, aufopferndste Zrtlichkeit unausgesetzt bewies. Diesen Schmerz hatte ja
Elisabeth schon begriffen, noch bevor sie Herrn von Walde kannte. In dem
Augenblicke aber, als er ihn so unumwunden aussprach, wallte ihr das Herz auf in
dem lebhaften Verlangen, ihn zu trsten. Die Worte des Mitgefhls drngten sich
ihr fast auf die Lippen; aber zugleich empfand sie eine unerklrliche Scheu, das
auszusprechen, was sie bewegte, und als ihr Blick seitwrts streifte ber die
festen Linien seines Profils, ber die Stirn, die gebieterisch und stolz blieb,
whrend die Stimme weich und trauervoll klang, da kam ihr pltzlich die
bengstigende Vermutung, er habe einen Moment vergessen, wer neben ihm sitze,
sein aristokratisches Gefhl werde ihn spter den Migriff bitter bereuen
lassen, infolgedessen ein unbedeutendes Mdchen in sein streng verschlossenes
Innere einen Blick werfen durfte ... Dieser Gedanke trieb ihr das Blut in die
Wangen, sie erhob sich schnell und rief Ernst zu sich. Herr von Walde wandte
berrascht den Kopf nach ihr und sein Auge ruhte einen Augenblick forschend auf
ihrem Gesichte; dann verlie er gleichfalls die Bank und stand, als wolle er
ihre Annahme besttigen, pltzlich in seiner ganzen, stolzen Ruhe und
Gelassenheit vor dem jungen Mdchen; aber jener dstere, schwermtige Zug
zwischen den Augenbrauen, den der Vater schon beobachtet hatte, fiel ihr zum
erstenmal auf und machte ihr denselben Eindruck, wie vorher seine Stimme.
    Sie sind gewhnlich sehr flink im Denken, sagte er, sichtbar bemht, einen
leichteren Ton anzuschlagen, und langsam neben Elisabeth herschreitend - sie
ging, um Ernst zu holen, der ihren Ruf nicht gehrt hatte - noch ehe man einen
Satz vllig geendet hat, sieht man an Ihrem Auge, da Sie die Antwort bereits
auf den Lippen haben. Ihr Schweigen in diesem Augenblicke sagt mir also, da ich
vorhin recht hatte, als ich annahm, Sie wrden mich nicht verstehen, weil Sie
noch nichts vermissen.
    Der Begriff von Glck ist so sehr verschieden, da ich in der That nicht
wissen kann -
    Den Begriff haben wir alle gemein, unterbrach er sie. In Ihnen schlummert
er nur noch.
    O nein! rief sie, ihre Zurckhaltung vergessend, lebhaft und erstaunt,
ich liebe die Meinen von ganzem Herzen und habe das beseligende Bewutsein, da
ich wieder geliebt werde!
    Ah, also haben Sie mich doch nicht ganz falsch verstanden! ... Nun, und die
Ihrigen ... das ist wohl ein sehr groer Personenkreis, den Sie da in Ihr Herz
schlieen mssen?
    Nein, rief sie lachend, die sind schnell zusammengezhlt! Meine Eltern,
der Onkel und dieses kleine Menschenkind hier, sie nahm den herbeigelaufenen
Ernst bei der Hand, das sich sehr breit macht und mit jedem Jahre mehr Terrain
erobert ... Jetzt mssen wir aber fort, mein Junge, sagte sie zu dem Kleinen,
sonst ngstigt sich die Mama.
    Sie verbeugte sich leicht vor Herrn von Walde, es kam ihr vor, als sei der
Schatten auf seiner Stirn pltzlich wieder verschwunden. Er zog hflich den Hut
vor ihr und reichte Ernst die Hand; dann schritt er langsam hinber zu dem
Pferde, das ungeduldig stampfte, fate den Zgel und fhrte es fort.
    Weit du, Else, sagte Ernst, als sie den Berg hinaufstiegen, wie Herr von
Walde aussieht?
    Nun?
    Wie der Ritter Georg, der den Lindwurm totgemacht hat.
    Ei, lachte das junge Mdchen, du hast ja noch kein Bild dieses tapferen
Ritters gesehen!
    Nu nein - ich denke auch nur so.
    Und sie hatte hnlich gedacht, als sie ihn, das ungebrdige Pferd
beherrschend, dahinfliegen sah ... In diesem Augenblicke erinnerte sie sich aber
auch der Qualen, die sie ausgestanden bei dem Gedanken, er knne verunglcken
und der unsglichen Freude, als sie ihn aus dem Walde unversehrt zurckkehren
sah ... Sie blieb stehen und legte, verwundert lchelnd, die Hand auf ihr
klopfendes Herz.
    Siehst du, meinte Ernst, du bist wieder einmal zu schnell bergauf
gelaufen - ich konnte gar nicht nachkommen. Wenn das der Onkel wte, der wrde
schn zanken.
    Langsam und trumerisch schritt sie weiter - sie hatte den Vorwurf des
Kleinen kaum gehrt ... Was war es nur, jenes wundersame Empfinden, das sich
gestern zwischen ihre Melodien gedrngt hatte und sie zugleich jauchzen und
weinen lie? ... In diesem Augenblicke wogte es wieder durch ihre Seele, weit
mchtiger und berauschender als gestern, aber ebenso unverstanden und
rtselhaft.
    Aber Else, rief Ernst ungeduldig, was hast du nur? ... Jetzt gehst du
wieder so langsam, da es gewi dunkel ist, ehe wir hinaufkommen.
    Er fate ihr Kleid und suchte sie fortzuziehen. Diese Mahnung an die
Auenwelt war doch zu energisch, als da Elisabeth ihr lnger htte widerstehen
knnen; sie raffte sich auf und schritt nun zu des Kleinen Genugthuung im
richtigen Tempo vorwrts.
    Oben in der Halle angekommen, legte Elisabeth Berthas Hut, der noch an ihrem
Arme hing, auf das Bffett. Sie wollte den Eltern vorlufig noch nichts von der
Begegnung sagen, weil sie mit Recht annahm, da sie sich beunruhigen und es dem
Onkel erzhlen wrden. Der war aber in den letzten Wochen wieder sehr heftig und
bitter geworden, wenn er auf diesen Punkt zu reden kam, so da Elisabeth die
Ueberzeugung hatte, er werde nach einer solchen Mitteilung zum Aeuersten
schreiten und die Strerin seines Hausfriedens verstoen. Ernst hatte weder den
Hut an Elisabeths Arme, noch ihr Bemhen, denselben zu verstecken, bemerkt, er
konnte also nichts verraten.
    Nach dem Abendbrote ging Elisabeth hinunter ins Forsthaus. Sie traf Sabine
im Garten und hrte befriedigt, da der Onkel nach Lindhof gewandert sei. Indem
sie der alten Haushlterin den Hut bergab, teilte sie ihr das auffallende
Gebaren Berthas mit und fragte schlielich, ob dieselbe nach Hause gekommen sei.
Sabine war auer sich.
    Na, das knnen Sie mir glauben, Kindchen, sagte sie, waren Sie allein,
die htte Ihnen die Augen ausgekratzt ... Ich wei nicht, was noch daraus werden
soll, vorzglich in den letzten Tagen ist es sehr schlimm geworden ... Sie
schlft keine Nacht mehr, rennt auf und ab und spricht auch wieder, aber nur mit
sich selbst ... Wenn ich's nur ber mich gewinnen knnte, einmal geradezu die
Thr aufzumachen, wenn der Spektakel so gro ist; aber ich kann's nicht, und
wenn Sie mir Berge von Gold hinlegen wollten ... Sie lachen mich aus, ich wei
es; aber - mit der ist's nicht richtig! Sehen Sie ihr nur einmal in die Augen;
das funkelt und blitzt, als wenn sie das ganze Feuer vom Blocksberge drin htte
... Na, ich bin still, ich sage nichts, der Herr Oberfrster hat einen gesunden
Schlaf, und die anderen auch; aber ich bin da, wenn sich ein Muschen rhrt, und
so wei ich recht gut, da Bertha gar des Nachts drauen herumflankiert, und
allemal ist der Hofhund aus seiner Htte verschwunden. Das ist noch der einzige
im Hause, der sie lieb hat, und so bs er ist - ihr thut er nichts.
    Wei das mein Onkel? fragte Elisabeth erstaunt.
    Ei, beileibe nicht! ... Ich werde mich hten, etwas zu sagen, das knnte
mir schlecht bekommen.
    Aber Sabine, bedenken Sie denn nicht, da Sie mit Ihrem Schweigen dem Onkel
groen Schaden zufgen knnen? Das Haus liegt so allein; wenn kein Hund im Hofe
ist -
    So stehe ich droben am Fenster und wache, bis sie endlich wieder ber den
Berg kommt und das Tier an die Kette legt.
    Das sind ja bermenschliche Opfer, die Sie Ihrem Aberglauben bringen! ...
Man sollte doch lieber der Bertha -
    Still, nicht so laut, dort sitzt sie! Sabine deutete durch das Staket auf
den Birnbaum im Hofe. Elisabeth ging leise nher. Unter dem Baume, auf der
Steinbank, sa Bertha, scheinbar ruhig, und schnitt Bohnen. Die glhende Rte
der Erregung auf Stirn und Wangen war einer fahlen Blsse gewichen. Elisabeth
sah jetzt, da das junge Mdchen in der letzten Zeit bedeutend magerer geworden
war. Die schmale Nase trat schrfer aus dem Gesichte, und die Wangen hatten die
liebliche Rundung verloren. Dunkle Ringe lagerten um die Augen, und zwischen den
Brauen gruben sich zwei Falten tief in die feine Haut, die dem Gesichte etwas
finster Brtendes, aber auch im Vereine mit gewissen Zgen um die Lippen einen
unsglich schmerzlichen Ausdruck gaben ... Dieser Anblick schnitt tief in
Elisabeths Seele. Auf den Schultern jener Einsamen lastete das Elend und mute
sie um so tiefer beugen, weil sie es schweigend trug ... Elisabeth verga alle
Feindseligkeit, die ihr Bertha bisher gezeigt hatte, und ging rasch einige
Schritte nher, um jenes schmerzensmde Haupt an ihre Brust zu lehnen und zu
sagen: Hier ruhe dich aus; schtte all deinen Jammer, mit dem du so allein
kmpfst und ringst, in mein Herz, ich will ihn redlich mit dir tragen, - allein
Sabine klammerte sich fest an ihrem Arm.
    Sie werden doch nicht hingehen! flsterte sie heftig. Das leide ich
nicht, sie ist im stande und stt mit dem Messer nach Ihnen.
    Aber sie ist grenzenlos unglcklich. Es gelingt mir vielleicht doch, sie zu
berzeugen, da mich nur das innigste Mitgefhl zu ihr fhrt.
    Nein, nein! ... Nun, Sie sollen gleich sehen, wie weit man mit ihr kommt.
    Sabine schritt die Stufen hinab in den Hof. Bertha lie sie herankommen,
ohne die Augen aufzuschlagen.
    Frulein Elisabeth hat ihn gefunden, sagte Sabine, Bertha den Hut
hinhaltend; dann legte sie ihre Hand auf die Schulter des jungen Mdchens und
fuhr freundlich fort: sie mchte Ihnen gern einige Worte sagen.
    Bertha fuhr auf, als sei ihr eine tdliche Beleidigung widerfahren. Sie
schttelte wild die Hand von sich, und ihr Auge richtete sich zornig auf die
Stelle, wo sich Elisabeth befand, ein Beweis, da sie die Anwesenheit des jungen
Mdchens lngst bemerkt hatte. Sie warf das Messer auf den Tisch, stie mit
einer ihrer heftigen Bewegungen den Korb zu ihren Fen um, so da die Bohnen
nach allen Seiten hin auf das Pflaster flogen, und ging in das Haus. Man hrte
durch das offene Fenster, wie sie droben in der Stube die Thr zuschlug und den
Riegel vorschob.
    Elisabeth war stumm vor Ueberraschung, aber auch vor Schmerz. Sie wre der
Unglcklichen so gerne nher getreten, doch jetzt sah sie, da sie den Gedanken
daran aufgeben mute.
    Seit einer Woche ging sie tglich hinunter ins Schlo. Frulein von Walde
hatte sich merkwrdig schnell erholt seit jenem Nachmittage, wo sie, wie die
Baronin zrtlich betonte, Heilung in dem von ihr eigenhndig bereiteten Kaffee
gefunden hatte, und wo Herr von Hollfeld angekommen war. Sie bte aus allen
Krften einige vierhndige Musikstcke und vertraute Elisabeth endlich an, da
in die letzten Tage des August das Geburtsfest ihres Bruders falle; sie wolle
dasselbe diesmal ganz besonders verherrlichen, weil sie mit ihm die glckliche
Rckkehr des Vielgereisten zu feiern gedenke. An diesem Tage sollte er sie zum
erstenmal nach langer Zeit wieder spielen hren; sie wute, da sie ihn damit
freudig berraschen wrde.
    Elisabeth sah diesen Uebungsstunden stets mit einem Gemisch von Freude,
Angst und Widerwillen entgegen ... Sie wute selbst nicht warum, aber Schlo und
Park waren ihr pltzlich lieb und vertraut geworden; ja, sie fhlte sogar fr
jene Bank, auf der sie mit Herrn von Walde gesessen hatte, eine Art zrtlicher
Zuneigung, wie fr einen alten Freund, so da sie stets, um an derselben
vorberzukommen, einen kleinen Umweg machte ... Angst und Widerwillen dagegen
flte ihr Herrn von Hollfelds Benehmen ein. Nachdem sie einigemal seine
Versuche, ihr in den Weg zu treten, durch schleuniges Ausweichen vereitelt
hatte, kam er eines Tages ohne weiteres auf Frulein von Waldes Zimmer und bat
um die Erlaubnis, der Stunde beiwohnen zu drfen. Zu Elisabeths Schrecken
versicherte ihm Helene mit freudestrahlenden Augen, sie heie ihn doppelt
willkommen als einen Bekehrten, der ja frher der Musik keinen Geschmack habe
abgewinnen knnen ... Er erschien nun beharrlich jedesmal, legte stillschweigend
bei seinem Kommen einige frischgepflckte Blumen vor Helene auf das Klavier
nieder, infolgedessen sie konsequent verschiedene falsche Akkorde griff, und
setzte sich in eine Fensterecke, von wo aus er den Spielenden gerade in das
Gesicht sehen konnte. Er hielt, solange musiziert wurde, die Hand ber die
Augen, als wolle er sich gnzlich den Eindrcken der Auenwelt entziehen, um im
Reiche der Tne zu versinken. Elisabeth bemerkte jedoch sehr bald zu ihrem
Verdrusse, da er sein Gesicht nur so weit bedecke, als es von Helene gesehen
werden konnte; hinter der vorgehaltenen Hand starrte er unausgesetzt zu ihr
selbst hinber und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Sie erbebte unter diesen
Augen, die, sonst so nichtssagend und leer, ihr gegenber stets in einem
eigentmlichen Feuer aufglhten, so da sie oft die grte Selbstbeherrschung
ntig hatte, um unbeirrt weiter zu spielen.
    Helene hatte augenscheinlich keine Ahnung von der Hinterlist, mit welcher
Hollfeld seinen Zweck zu erreichen suchte. Sie machte ftere Pausen und
unterhielt sich lebhaft mit ihm, das heit sie sprach dann fast immer allein und
meist sehr hbsch. Jede seiner einsilbigen Antworten, so banal und gewhnlich
wie sie waren, nahm sie auf wie eine Gunst, wie einen Orakelspruch, dessen Sinn
man stets tiefer zu suchen habe.
    Wenige Minuten vor dem Schlusse der Stunden entfernte er sich stets. Gleich
das erste Mal jedoch hatte ihn Elisabeth beim Nachhausegehen bemerkt, und zwar
durch eines der Korridorfenster im ersten Stocke, von wo aus man einen
bedeutenden Teil des Parkes berblicken konnte, wie er wartend vor dem Waldwege
auf und ab ging, den sie passieren mute. Sie durchkreuzte seinen Plan, nicht
ohne heimliches Lachen, indem sie Mi Mertens besuchte, und sich ber eine
Stunde bei ihr aufhielt. Dort wurde sie stets mit offenen Armen aufgenommen und
gewann die Gouvernante allmhlich so lieb, da sie zuletzt gar nicht mehr an
deren Thr vorbeigehen mochte, ohne auf ein Plauderstndchen einzukehren.
    Mi Mertens war meist traurig und niedergeschlagen. Sie fhlte, da ihr
Bleiben in Lindhof immer unmglicher wurde. Die Baronin, ihrer Herrschermacht
und der damit verknpften Thtigkeit pltzlich enthoben, langweilte sich jetzt
fter bis zum Sterben. Ihren Verwandten gegenber mute sie die Maske der
Harmlosigkeit und Zufriedenheit vornehmen, was ihr wohl herzlich sauer werden
mochte, sie war also gezwungen, ihre ble Laune hinter den verschlossenen Thren
ihrer Appartements zu lassen, dort aber wurde sie nachgerade unertrglich; nicht
fr Bella, denn dem Kinde gegenber, in welchem sie bereits mehr die geborene
Baronesse, als ihre Tochter sah, lie sich die Dame nie zu Ausschreitungen
hinreien; vor ihrer alten Kammerfrau aber hatte sie, man wute nicht warum,
einen heillosen Respekt, wie der Hausverwalter Lorenz sich ausdrckte, und der
niederen Dienerschaft durfte sie nicht zu nahe treten, ohne den Herrn des Hauses
herauszufordern; mithin wurde all der verbissene Groll gegen die unglckliche,
wehrlose Gouvernante geschleudert.
    Um ihr Opfer recht grndlich zu qulen, befahl die Dame, da die
Unterrichtsstunden von nun an unter ihrer hchsteigenen Aufsicht stattfinden
sollten. In Gegenwart der Schlerin wurde die Methode der Lehrerin vom ersten
Momente an unausgesetzt getadelt. Man wunderte sich jetzt durchaus nicht mehr,
da das Kind bei dem Unterricht nicht vorwrts komme, auch muten ja die Nerven
der Kleinen in steter Aufregung sein, denn Mi Mertens hatte beim Dozieren die
widerlichste Stimme von der Welt; und wie sollte Bella jemals grazis werden,
wenn sie immer die eckigen Bewegungen vor Augen haben mute, mit denen ihre
Gouvernante das Buch hielt, die Bltter umwendete u.s.w.? In der Geschichte
zeigte Mi Mertens hier zu sentimentale, dort fast lcherlich spiebrgerliche
Anschauungen und war bisweilen sogar so malos unverschmt, eine freie Ansicht
zu haben. In solchen Fllen wurde die Stunde frmlich unterbrochen; die Frau
Baronin setzte sich auf den Lehrstuhl, und die Gouvernante mute eine mit Hohn,
aristokratischem Hochmut und Bosheit gesttigte Vorlesung in Devotion anhren.
Fhlte sich die Dame nicht sattelfest genug, so wurde Herr Kandidat Mhring zu
diesem Gerichte herbeigerufen. Die Nadelstiche ihrer eigenen Vortrge aber
verschwanden neben dieser Grausamkeit, die alle bisher unterdrckten Predigten,
alle heimlich verschluckte Galle des vermeintlichen Mrtyrers in einem
unabsehbaren Redestrome auf die bedauernswrdige Gouvernante herabbeschwor. Die
Baronin wute, da der Kandidat ein abscheuliches Franzsisch sprach; gleichwohl
wurde er gebeten, solange er noch im Schlosse Lindhof sei, den Sprachstunden
beizuwohnen, um die Aussprache der Lehrerin zu korrigieren ... Wie Bella dabei
fuhr, das kam bei solchen Anwandlungen von Bosheit nicht in Betracht.
    Gar oft sagte Mi Mertens unter Thrnen, nur die Liebe zu ihrer alten
alleinstehenden Mutter bewege sie immer wieder, diesen Martern sich zu
unterwerfen. Die alte Frau lebe fast nur von dem, was ihr die Tochter schicke,
deshalb sei sie gezwungen, ein fteres Wechseln der Stellung, der pekuniren
Verluste wegen, zu vermeiden ... So betrbt sie nun aber auch meist war, ihre
sanften Zge hellten sich ganz gewi auf, wenn Elisabeth den Kopf durch die Thr
steckte und mit ihrer frhlich frischen Stimme hereinrief, ob sie kommen drfe.
Mit dem Eintritte des jungen Mdchens flohen die Bekmmernisse und Sorgen, und
wenn sie auf dem kleinen Sofa am Fenster dicht nebeneinander saen, so fand ein
Gedankenaustausch zwischen den beiden statt, bei dem die Gouvernante sich in die
eigene Jugend zurckversetzt fhlte, und Elisabeth manchen Schatz hob aus den
reichen Kenntnissen und Lebenserfahrungen der lteren Freundin.
    Diese kleinen Nachmittagsbesuche hatten aber auch noch einen geheimen Reiz
fr das junge Mdchen, den sie sich aber um alles in der Welt nicht eingestand,
obgleich sie infolge desselben schon vor der Thr ein starkes Herzklopfen zu
bekmpfen hatte und ein unerklrliches Gemisch von Freude und Bangen empfand.
    Die Fenster von Mi Mertens' Wohnung sahen in einen groen Hofraum, den
Elisabeth den Klostergarten zu nennen pflegte, denn er lag so still und
abgeschieden zwischen den vier hohen Mauern. Einige breitstige Linden warfen
eine grne Dmmerung auf die saftigen Rasenpltze, die nur hier und da ein
gepflasterter Weg durchschnitt. Inmitten des Hofes befand sich ein Brunnen, der
das Haus mit einem kstlichen Wasser versorgte; auf dem Rande des mchtigen
Bassins ruhten die weien Glieder einiger Sandsteinfiguren, umhaucht von dem
grnen Lichte der Wipfel droben. Wenn drauen auf den Bosketts und Kieswegen die
Nachmittagssonne glhend und trge lastete, wie flssiges Blei, dann wehte hier
unter den Bumen eine erfrischende Khle. Eine Thr im Erdgeschosse, die
unmittelbar aus dem Arbeitskabinett des Herrn von Walde in den Hof fhrte, stand
deshalb auch meist offen. Er selbst trat dann und wann heraus und schritt mit
gekreuzten Armen auf und ab ... Welcher Gedankenstrom mochte dann wohl hinter
der schnen, bleichen Stirn fluten, wenn er, eine Zeitlang gesenkten Hauptes
dahinwandelnd, pltzlich sich aufrichtete, wie aus einem lieblichen Traume
aufgeschreckt? Mi Mertens sagte fter, sie finde, da er sehr verndert
zurckgekehrt sei.
    Vor seiner Reise, erzhlte Mi Mertens, sei ihr Herrn von Waldes Gesicht
vorgekommen, wie das einer Statue, so ernst und unbewegt, und obgleich sie schon
damals erkannt habe, da er ein durchaus edler Mensch sein msse, sei sie doch
stets in seiner Nhe von einer Eisklte berschlichen worden. Jetzt kme es ihr
vor, als habe eine lebenerweckende Hand ber seine Erscheinung hingestreift;
selbst sein Gang sei elastischer und rascher geworden, und sie wolle darauf
schwren, da bei seinen einsamen Wanderungen durch den Hof fter ein Lcheln
ber seine Zge gleite, als tauche irgend ein Wesen vor ihm auf, dessen
Anschauen ihn glcklich mache. Bei dieser Bemerkung lchelte Mi Mertens selbst
und meinte geheimnisvoll, er habe auf alle Flle sehr angenehme Erinnerungen mit
heimgebracht, und sie knne die stille Ahnung nicht unterdrcken, als msse
binnen kurzem alles anders werden in Lindhof. Sie sah aber nie, da ihre junge
Freundin bei dieser Schlufolgerung stets mit der Hand nach dem Herzen griff,
und diese selbst bemerkte es noch viel weniger, denn der schmerzliche Stich, der
schneidend ihr Inneres durchdrang, lie sie ganz und gar vergessen, ihre ueren
Bewegungen zu beherrschen.
    Die stillen Spaziergnge unter den Linden wurden aber auch fter
unterbrochen, und zwar durch die Leute, die irgend ein Anliegen vorzubringen
hatten. Dann kamen die Arbeiter und Geschftsleute, aber auch die Unglcklichen
und Bedrftigen. Zagend schritten die letzteren, vom Bedienten angewiesen, die
Stufen herab und standen dann meist mit gesenktem Kopfe vor der gebietenden
Gestalt des Herrn, der sie mit milder Stimme aufforderte, zu sprechen, und sich
gtig zu ihnen herabbog, um keines ihrer geflsterten Worte zu verlieren. Sie
verlieen ihn stets gehoben und getrstet; denn diejenigen, die seiner Hilfe
nicht wrdig waren, wagten schon gar nicht, ihm unter die Augen zu treten.
    Heute hatte Elisabeth ihre Wanderung ins Thal eine halbe Stunde frher
angetreten. Der Vater war nmlich mittags, als er aus dem Forsthause
zurckkehrte, Mi Mertens im Walde begegnet. Sie hatte sehr verweint ausgesehen
und war augenscheinlich im Momente auer stande gewesen, zu sprechen, denn sie
hatte ihm nur einen Gru zugenickt und war rasch weiter gegangen. Diese
Nachricht lie Elisabeth keine Ruhe; um keinen Preis htte sie mit ihrem Besuche
bei der Gouvernante bis nach Beendigung der Stunde warten knnen; das arme
einsame Wesen brauchte sicher Trost und ein Herz, an dem es sich ausweinen
konnte.
    Jenseits der groen Wiese, die an den Saum des Waldes stie, lag ein
allerliebster Pavillon. Ein dunkles Gebsch umschlo den zierlichen Bau von drei
Seiten und lie die helle Fronte um so leuchtender hervortreten. Das kleine Haus
hatte bisher verschlossen gestanden; die Lden waren jedoch meist
zurckgeschlagen und durch den Spalt, den ein verschobenes Rouleau bildete,
hatte Elisabeth gesehen, da der innere Raum sehr elegant eingerichtet war. Als
sie heute aus dem Walde trat, sah sie sogleich, da die Thren des Pavillons
offen standen. Ein Bedienter mit einem leeren Prsentierteller trat heraus und
winkte ihr, hinber zu kommen. Beim Nherschreiten erkannte sie bald Frulein
von Walde, die Baronin und Hollfeld, die den Kaffee tranken in dem einzigen
Zimmer, aus welchem der Pavillon bestand.
    Sie kommen heute ein wenig zu frh, liebes Kind! sagte Helene, als das
junge Mdchen ber die Schwelle trat.
    Elisabeth sagte ihr, da sie Mi Mertens zuvor einen Besuch machen wolle.
    Ach, lassen Sie das heute! rief Helene lebhaft, aber sehr verlegen,
whrend die Baronin mit einem unbeschreiblich malizisen Lcheln von ihrer
Hkelarbeit aufsah. Wissen Sie, da diesen Morgen ein groes Paket neuer
Musikalien aus Leipzig angekommen ist? fuhr Frulein von Walde fort. Ich habe
sie schon ein wenig durchgestbert, meist prchtige Sachen. Vielleicht finden
wir noch eine brillante Piece fr unser Konzert ... Setzen Sie sich; wir gehen
dann zusammen ins Schlo. Sie bot Elisabeth ein Krbchen mit Kuchen und legte
ihr eine schne Birne auf den Teller.
    Herrn von Waldes Hund sprang in diesem Augenblicke ber die Schwelle. Sofort
richteten sich beide Damen aus ihrer bisherigen Stellung auf. Helene blickte
gespannt nach der Thr und gab sich offenbar die grte Mhe, so freundlich und
harmlos wie mglich auszusehen. Die Baronin aber warf ihre Arbeit in den Korb;
sie untersuchte die silberne Kaffeekanne, ob sie noch hei sei, stellte eine
Tasse nebst Zuckerschale zurecht und zog einen Stuhl aus der Ecke an den Tisch.
Das impertinente Lcheln war verschwunden, dafr lagerte sich ein gewisser Ernst
auf ihre Stirn, und die ganze Erscheinung prparierte sich, einen wrdevollen
und imposanten Eindruck zu machen. Hollfeld eilte beim Erblicken des Hundes
sogleich hinaus in den Garten und trat nach wenigen Minuten mit Herrn von Walde
wieder ein, der, wie es schien, von einem Ausfluge zurckkam, denn er trug einen
staubgrauen Ueberzieher und einen runden Filzhut.
    Wir haben schon gefrchtet, lieber Rudolf, rief Helene ihm entgegen,
whrend sie sich erhob und ihm die Hand hinreichte, dich fr heute ganz
entbehren zu mssen.
    Ich fand in L. mehr Geschfte vor, als ich erwartet hatte, erwiderte er
und setzte sich nicht auf den ihm gebotenen Stuhl, sondern neben seine Schwester
auf das Sofa, wodurch Elisabeth gezwungen wurde, sobald sie die Augen erhob, ihm
in das Gesicht zu sehen, denn er sa ihr gerade gegenber. Uebrigens, fuhr er
fort, bin ich schon seit einer halben Stunde wieder zurck; allein Reinhard
hatte mir eine Privatangelegenheit mitzuteilen und verlangte eine sofortige
Entscheidung von mir ... deshalb wre ich beinahe um das Vergngen gekommen, den
Kaffee bei dir zu trinken, liebe Helene.
    Der bse Reinhard, schmollte Frulein von Walde, er htte auch ein wenig
warten knnen, die Welt wrde ja wohl nicht gleich aus den Fugen gegangen sein.
    Ach, liebes Kind, seufzte die Baronin, das sind Dinge, die wir nie ndern
werden ... Wir sind eben fr unser ganzes Leben verurteilt, die Sklaven unserer
Untergebenen zu sein.
    Herr von Walde wendete ruhig den Kopf nach ihr und lie seinen Blick langsam
ber ihre Gestalt gleiten.
    Nun, weshalb fixierst du mich so angelegentlich, lieber Rudolf? fragte die
Baronin nicht ohne einen Anflug von Verlegenheit.
    Ich wollte mich nur berzeugen, ob du in der That geeignet seiest, eine
jener traurigen Rollen in Onkel Toms Htte durchzufhren.
    Stets Spott, wo ich Teilnahme suche, entgegnete die Dame, indem sie sich
bemhte, ihrer sprden Stimme einen weichen trauervollen Klang zu geben. Ich
knnte es nun nachgerade wissen; allein ... sie seufzte abermals. Nicht jeder
hat brigens deinen beneidenswerten Gleichmut, der die kleinen Bitterkeiten und
notwendigen Uebel des Lebens an sich vorbergleiten lt ... Wir armen Frauen
haben leider unsere unseligen Nerven, die uns jede Gemtserschtterung doppelt
fhlbar machen ... Httest du mich heute morgen gesehen, in welch trostlosem
Zustande ich war -
    So?
    Ich habe einen furchtbaren Aerger gehabt ... Nun, diese Mi Mertens wird es
dereinst verantworten mssen!
    Hat sie dich beleidigt?
    Welcher Ausdruck, liebster Rudolf! Wie knnte mich diese Person in ihrer
Stellung beleidigen! ... Erzrnt, auf das uerste erbittert hat sie mich!
    Nun, ich sehe mit groer Befriedigung, da du dich nicht so leicht unter
das Sklavenjoch beugen wirst.
    Ich habe in der letzten Zeit unsglich viel mit dieser albernen Person zu
ertragen gehabt, fuhr die Baronin fort, ohne den Einwurf ihres Kousins zu
beachten. Meine Mutterpflichten sind mir heilig und aus dem Grunde halte ich es
fr unumgnglich ntig, den Unterricht meines Kindes zu berwachen; denn es kann
mir durchaus nicht gleichgltig sein, welche Richtung der jungen Seele gegeben
wird ... Leider mute ich immer mehr finden, da Mi Mertens' Wissen sehr
mangelhaft, und ihre Anschauungsweise durchaus nicht derart ist, da ich eine
gleiche fr ein junges Mdchen in Bellas Verhltnissen wnschen mchte ... Heute
morgen hre ich, wie diese einfltige Mertens dem Kinde sagt, der innere Adel
stehe weit ber dem Adel der Geburt - als ob das zu trennen sei - sie stelle den
Bettler, der ein reines Herz habe, hher, als ein gekrntes Haupt, das sndige,
und dergleichen mehr ... Wenn ich dir nun sage, da Bella dereinst - so es im
Ratschlusse des Herrn liegt - am Hofe leben wird - ich habe eine Hofdamenstelle
in B. so gut wie in der Tasche fr sie - dann wirst du begreifen, da ich die
Lehren der allzu freien Gouvernante unterbrach ... Das mut du mir doch zugeben,
lieber Rudolf, da Bella mit solchen Ansichten bei Hofe eine klgliche Rolle
spielen und sich sehr bald unmglich machen mte.
    Dagegen lt sich nichts einwenden.
    Nun, Gott sei Dank! rief die Baronin aufatmend. Ich war wirklich ein
wenig in Sorge, wie du die Entlassung der Mi Mertens, die du wirklich weit ber
ihr Verdienst geschtzt hast, aufnehmen wrdest ... Die Person wurde dermaen
impertinent, als ich ihren Vortrag unterbrach, da mir nichts anderes brig
blieb, als sie fortzuschicken.
    Ich habe ganz und gar kein Recht, dir Vorschriften in bezug auf deine Leute
zu machen, entgegnete Herr von Walde kalt.
    Aber ich suche mich darin so viel wie mglich deinen Wnschen
unterzuordnen, bester Rudolf ... Ich kann dir brigens nicht sagen, wie froh ich
bin, da ich dies unausstehliche englische Gesicht nicht mehr zu sehen brauche.
    Es thut mir leid, aber ganz umgehen wirst du das doch nicht knnen, da sie
mit dir hier in Lindhof stets unter einem Dache sein wird; denn Reinhard, mein
Sekretr, hat sich vor einer halben Stunde mit ihr verlobt.
    Die Arbeit entsank den Hnden der Baronin. Diesmal erschienen nicht nur die
bekannten Flecken in vergrerter Gestalt, sondern auch die Stirn war in eine
dunkle Rte getaucht.
    Hat denn der Mensch seinen Verstand verloren? rief sie endlich, aus ihrer
Erstarrung erwachend.
    Ich glaube nicht; denn er hat ihn ja eben bewiesen, entgegnete Herr von
Walde gelassen.
    Nun, das mu ich sagen, er zeigt sich auch hier als Altertmler! ... Welch
eine jugendliche, blhend schne Braut! rief die Dame hhnisch und wollte sich
totlachen. Hollfeld stimmte ein in das Gelchter und gab somit das erste
Zeichen, da er teilnehme an dem Gesprche. Helene warf ihm einen trben Blick
zu, Elisabeth aber schnitt dieses Lachen tief in die Seele, und sie fhlte etwas
wie Zorn in sich aufwachen.
    Nun, ich hoffe, nahm die Baronin wieder das Wort, du wirst mir nicht
zumuten, lieber Kousin -
    Was denn?
    Da ich mit dieser Person noch lnger zusammen sein soll.
    Zwingen kann ich dich freilich nicht, Amalie, so wenig es in meiner Macht
steht, meinem Sekretr das Heiraten zu verbieten.
    Aber entlassen kannst du ihn, wenn er eine Wahl trifft, die deinen nchsten
Anverwandten den Aufenthalt in deinem Hause verleidet.
    Auch das kann ich nicht, denn er ist lebenslnglich bei mir angestellt, und
ich habe soeben seiner zuknftigen Frau im Falle seines Todes eine Pension
zugesichert ... Uebrigens bist du doch ein klein wenig im Irrtume, beste
Kousine, wenn du glaubst, es knne mich irgend etwas in der Welt bewegen, einen
Menschen, den ich einmal als treu und zuverlssig erkannt habe, von mir zu
lassen ... Ich bin mit Reinhards Wahl vollkommen einverstanden und habe ihm die
hbsche, groe Erdgeschowohnung im nrdlichen Flgel fr alle Zeiten angewiesen
... er wird auch seine Schwiegermutter zu sich nehmen.
    Nun, ich gratuliere ihm zu dieser vortrefflichen Acquisition, entgegnete
die Baronin, und ihre scharfe Stimme wankte im verhaltenen Zorne. Nur eines
erlaube ich mir zu bemerken, ich kann es nicht ber mich gewinnen, die Person
auch nur einen Tag lnger um mich zu dulden, mag sie sehen, wo sie bis zu ihrer
Hochzeit unterkommt ... Hoffentlich wirst du einsehen, lieber Rudolf, da die
interessanten Brautleute unter den obwaltenden Umstnden nicht unter einem Dache
bleiben drfen.
    Wenn Sie mir erlauben wollen, wendete sich hier Elisabeth an Helene, so
mchte ich meine Eltern bitten, die Braut aufzunehmen; wir haben Raum genug!
    Ach ja, thun Sie das; besser knnte die Frage nicht gelst werden,
antwortete Frulein von Walde und reichte Elisabeth die Hand. Die Baronin scho
einen wtenden Blick auf Elisabeth.
    Nun, da wre ja jetzt die Sache zur allseitigen Zufriedenheit geordnet,
sagte sie, mhsam ihre Fassung behauptend. Ich bescheide mich und will in Demut
abwarten, ob mir die zuknftige Frau Sekretrin ein Pltzchen briglassen wird,
wo ich vor ihrem widerwrtigen Anblicke sicher bin ... Apropos, Frulein
Ferber, fuhr sie nach einer Weile in leichtem Tone fort, da fllt mir eben
ein, da Ihr Honorar fr die Stunden bereits seit einigen Tagen in den Hnden
meiner Kammerfrau ist ... klopfen Sie im Vorbergehen bei ihr an, sie wird Ihnen
das Geld geben, samt Berechnung, die ich aber zu quittieren bitte.
    Aber Amalie! rief Helene, sich erschrocken aufrichtend.
    Ich werde Ihrem Befehle nachkommen, gndige Frau, entgegnete Elisabeth
ruhig. Sie hatte bemerkt, wie bei den Worten der Baronin in Herrn von Waldes
Auge ein zorniger Blick jh aufgeflammt war; es hatte ausgesehen, als ob eine
dunkle Wetterwolke ber seine Stirn hinziehe; aber schon im nchsten Augenblicke
waren diese Zeugen innerer Bewegung einem unbeschreiblich sarkastischen
Ausdrucke gewichen.
    Wenn ich Ihnen raten soll, Frulein, wandte er sich an das junge Mdchen,
so wagen Sie sich nicht ohne weiteres in die Appartements der Frau Baronin - es
geht dort um - ja, lcheln Sie nur, ich wei es ganz genau. Bse Geister zeigen
sich am hellen Tage, und ihr Thun und Treiben hat schon manches Unheil gestiftet
... Kmmern Sie sich nicht weiter um die berhrte Sache, mein Hausverwalter soll
sie in Ordnung bringen; er ist zuverlssig und behandelt dergleichen
Angelegenheiten mit so viel Takt, da er darin selbst Damen beschmen knnte.
    Die Baronin rollte ihre Arbeit hastig zusammen und stand auf.
    Es wird gut sein, wenn ich fr den Rest des Tages mein einsames Zimmer
aufsuche, wendete sie sich mit zuckenden Lippen an Helene. Es gibt
Augenblicke, wo man mit den harmlosesten Absichten und Worten verstt und sich
zu seinem Schmerze miverstanden sieht ... Ich bitte also, mein Nichterscheinen
beim Thee zu entschuldigen.
    Sie machte eine zeremonielle Verbeugung vor den Geschwistern, ergriff den
Arm ihres Sohnes, der sehr verlegen aussah, und rauschte zur Thr hinaus.
    Helene erhob sich mit Thrnen in den Augen und wollte ihr nachgehen, aber
ihr Bruder fate mit sanftem Ernste ihre Hand und zog sie wieder neben sich auf
das Sofa.
    Willst du mir nicht wenigstens so lange Gesellschaft leisten, bis ich
meinen Kaffee getrunken habe? fragte er freundlich und so unbefangen, als sei
nicht das mindeste vorgefallen.
    O ja, wenn du es wnschest, antwortete sie zgernd und die Augen von ihm
abwendend, aber so leid es mir auch thut, mu ich dich doch bitten, ein klein
wenig zu eilen, denn Frulein Ferber ist zur Stunde gekommen und hat schon
ungebhrlich lange warten mssen.
    Nun, dann wollen wir gleich gehen, aber ich mache eine Bedingung, Helene.
    Und die ist?
    Da ich zuhren darf.
    Nein, nein, das geht wirklich nicht ... Ich bin noch zu weit zurck, deine
Ohren wrden die mangelhafte Stmperei nicht ertragen!
    Armer Emil! ... Er ahnet sicher nicht, da er die Gunst, zuhren zu drfen,
seinen ungebildeten Ohren verdankt!
    Helene wurde dunkelrot. Sie hatte ihrem Bruder bisher nichts von Hollfelds
Besuchen gesagt, aus leicht erklrlichen Grnden. Uebrigens war sie auch der
Meinung gewesen, da er darber gleichgltig denken wrde, und nun legte er, wie
es schien, Gewicht darauf. Sie kam sich vor, wie eine ertappte Lgnerin, und war
im ersten Augenblick sprachlos. Elisabeth ahnte, was in ihr vorging; sie wurde
mit ihr verlegen und fhlte, wie ihr pltzlich eine Purpurglut in das Gesicht
stieg. In diesem Momente wandte Herr von Walde den Kopf nach ihr; ein
forschender, scharfer Blick flog ber ihr Gesicht, und zugleich erschien eine
finstere Falte zwischen den Augenbrauen.
    Spielt Frulein Ferber auch ihre Phantasien in diesen sogenannten
Uebungsstunden? fragte er rascher als gewhnlich seine Schwester.
    O nein, entgegnete diese, froh, ihre Fassung wiedergewonnen zu haben,
dann wrde ich doch wahrhaftig nicht von Stmperei sprechen ... Ich habe Emil
auch nur den Zutritt gestattet, weil ich denke, man msse die erwachende Liebe
zur Musik pflegen, wo man sie finde.
    Ein leises Lcheln glitt ber Herrn von Waldes Gesicht, aber es war nicht
jenes Lcheln, das neulich einen so eigentmlichen Reiz fr Elisabeth gehabt
hatte. Die finstere Falte verschwand nicht, und auch sein Auge hatte etwas
Dsteres, als er das junge Mdchen abermals durchdringend ansah.
    Du hast recht, Helene, sagte er endlich kalt und nicht ohne einen Anflug
von Spott. Aber welcher Magnet mu in diesen musikalischen Uebungen liegen, da
solche Wunder geschehen ... Noch vor ganz kurzer Zeit hrte Emil das Gebell
seiner Diana lieber, als die Beethovenschen Sonaten.
    Helene schwieg und senkte die Augen.
    Da fllt mir eben die arme Mi Mertens ein, nahm ihr Bruder pltzlich in
gnzlich verndertem Tone wieder das Wort. Wre es nicht zweckmig, wenn
Frulein Ferber vor allem diese Angelegenheit in Ordnung brchte?
    Ei freilich, entgegnete Helene, den Gedanken mit Hast ergreifend, denn er
gab ja dem peinlichen Gesprche eine andere Wendung. Wir wollen lieber die
Stunde fr heute streichen, damit Sie, liebes Kind, wendete sie sich an
Elisabeth, die ntigen Schritte thun knnen ... Gehen Sie also jetzt zu Ihren
Eltern und bitten Sie auch in meinem Namen um Aufnahme der armen Mi.
    Elisabeth erhob sich. Zu gleicher Zeit stand auch Helene auf. Als ihr Bruder
bemerkte, da sie den Pavillon verlassen wolle, schlang er rasch seine Arme um
die kleine Gestalt, hob sie wie eine Feder vom Boden auf und trug sie hinaus auf
den Rollstuhl, der vor der Thr stand. Nachdem er die Kissen sttzend hinter
ihrem Rcken geordnet und ihre kleinen Fe sorgsam mit einem Shawl bedeckt
hatte, lftete er den Hut leicht vor Elisabeth, wobei sie bemerken mute, da
sich die Wolke zwischen den Brauen noch nicht verzogen hatte, und schob den
Rollstuhl auf den nchsten Weg, der nach dem Schlosse fhrte. -
    Sie mu doch seine ganze Seele ausfllen, dachte Elisabeth, als sie den
Berg hinaufstieg, und Mi Mertens irrt sich bedeutend, wenn sie glaubt, er
werde ein anderes weibliches Wesen je neben oder wohl gar ber seine Schwester
stellen ... Er ist eiferschtig auf seinen Vetter, und leider mit vollem Rechte
... Wie ist es nur mglich, hier stand sie still, denn zwei Mnnergestalten
erhoben sich vor ihrem inneren Auge, da ein Mensch wie Hollfeld neben Herrn
von Walde Bedeutung gewinnen konnte fr Helene? ... Jener, der sich hinter
einer bedeutungsvoll scheinenden Schweigsamkeit verschanzt, weil er in der That
nichts zu sagen wei, und dieser, durch dessen edle uere Ruhe ein Feuergeist
blitzt, ein unerschpflicher Quell von Gedanken, der jedoch gebndigt und
geleitet wird durch einen mchtigen Willen ... Daher diese mavolle uere
Haltung, die gewhnlichen Naturen stets unverstndlich bleiben wird.
    Es fiel ihr wieder ein, da Herr von Walde sie ganz besonders fixiert hatte,
als sein Verdacht wach geworden war ... Hielt er sie fr eine Mitschuldige, fr
eine Vertraute seiner Schwester? und warf er nun auch seinen Groll auf sie, die
doch am lebhaftesten wnschte, Herr von Hollfeld mge seiner pltzlich erwachten
Passion fr die Musik so schnell wie mglich wieder untreu werden? ... Das
konnte sie freilich niemand, am allerwenigsten aber Herrn von Walde sagen, und
mute somit schmerzlich ben fr das abscheuliche Errten, das gerade in einem
verhngnisvollen Augenblicke, so ganz zur Unzeit und ohne jeglichen vernnftigen
Grund, ihr Gesicht berflammt hatte.

                                       12


Die Eltern erklrten sich sofort mit Elisabeths Bitte und Vorschlag
einverstanden, und diese eilte unverweilt wieder hinunter ins Schlo, Mi
Mertens im Namen der Eltern einzuladen. Als sie in das Zimmer der Erzieherin
trat, lehnte diese mit gefalteten Hnden an der Wand. Zu ihren Fen stand ein
halb gepackter Koffer, Schrnke und Kommoden standen offen, und die Sthle lagen
voll Bcher, Kleidungsstcke und Wsche. Das junge Mdchen eilte auf die
Gouvernante zu, schlo sie in ihre Arme und hob das von Thrnen berstrmte
Gesicht in die Hhe, aber unter den hellen Tropfen strahlte das Glck.
    Ich bin durch die pltzliche Wendung meines Geschickes so berrascht,
sagte Mi Mertens, nachdem Elisabeth ihren Glckwunsch ausgesprochen hatte, da
ich fr Momente meine Augen schlieen mu, um mich zu sammeln ... Heute morgen
war es dunkel ber mir und ich wute buchstblich nicht, wohin ich meine
Schritte lenken sollte ... der Boden schwankte unter meinen Fen ... und nun
mitten in dieser Bedrngnis thut sich pltzlich eine Heimat vor mir auf. Ein
Herz, das ich hochachte, dessen Neigung fr diese arme Gouvernante mir aber bis
dahin vllig unbekannt geblieben war, will mir treu zur Seite stehen und der
heieste Wunsch meines Lebens erfllt sich, denn ich darf nun das gute alte
Mtterchen selbst hegen und pflegen ... Was wird sie nur sagen, wenn sie die
Nachricht erhlt, sie, die mit der schmerzlichsten Mutterangst mich drauen
wute in Sturm und Wetter und mich doch nicht zurckrufen durfte an ihr Herz!
    Sie erzhlte Elisabeth, da Reinhard in einigen Wochen selbst nach England
gehen und die Mutter holen werde. Sein Gebieter habe es also bestimmt und trage
die Reisekosten. So oft Mi Mertens Herrn von Walde erwhnte, flossen ihre Augen
ber, und sie versicherte wiederholt, alles, was die Baronin an ihr verschuldet,
sei tausendfach ausgeglichen durch ihn, der es nicht ertragen knne, da in
seinem Hause irgend eine Ungerechtigkeit ungeshnt bleibe. Mit ihrer Einladung
machte Elisabeth das Ma der Freude voll. Mi Mertens hatte fr den ersten
Augenblick in das kleine Lindhofer Gasthaus gehen wollen, bis sich ein
Unterkommen im Dorfe selbst fr sie finden wrde.
    Nun wollen wir aber auch so bald wie mglich auf den Berg, rief sie
freudestrahlend. Die Baronin hat mir vorhin meinen Gehalt herbergeschickt und
sich jegliche Annherung meinerseits verbitten lassen ... Bella ist durch mein
Zimmer gegangen, ohne mich eines Blickes zu wrdigen; das thut wehe, schmerzlich
wehe, denn ich habe sie gepflegt und behtet, wie meinen Augapfel. Sie war
frher sehr krnklich, und whrend die Mutter die Hoffeste besuchte, sa ich
daheim viele Nchte hindurch und bewachte die Fiebertrume des Kindes ... Nun,
das soll alles vergessen sein ... Ich wollte eigentlich auch nur sagen, da ich
des Abschiedes von beiden berhoben bin.
    Whrend Mi Mertens, um sich zu verabschieden, zu Frulein von Walde und
einigen Leuten im Hause ging, die sie liebgewonnen hatte, packte Elisabeth ein.
Die neue Bewohnerin von Gnadeck nahm nur das Ntigste mit, alles brige wurde
hinab in die Wohnung des zuknftigen Ehepaares geschafft.
    Es amsierte Elisabeth, unten in einem Glasschranke - denn Herr von Walde
hatte auch die ganze Einrichtung den knftigen Bewohnern zur Benutzung
berlassen - smtliche Bcher der Gouvernante aufzustellen. Das waren aber
lauter Werke, die ihr Interesse lebhaft weckten; es blieb nicht beim Aufschlagen
des Titels, sondern ganze Kapitel wurden stehenden Fues, bei offenen Thren und
Fenstern in aller Eile durchflogen. Mi Mertens und ihr Umzug versanken, als ob
sie nie dagewesen, und die Gedanken des jungen Mdchens flatterten eben neben
Goethes gewaltiger Erscheinung durch das Gewhl bei der Krnung Josephs des
Zweiten, als ber ihre Schulter herab eine frische Rose auf das Buch fiel.
Elisabeth erschrak, aber gleich darauf lchelte sie und las ruhig weiter, mit
einer leichten Wendung die Rose abschttelnd. Mi Mertens, die ohne Zweifel
hinter ihr stand, sollte den Triumph ihrer Neckereien nicht genieen ...
Pltzlich aber stie sie einen leisen Schrei aus - eine schngeformte, weie
Mnnerhand kam neben ihr zum Vorschein und legte sich sanft auf die ihre. Sie
drehte sich um, nicht Mi Mertens, sondern Hollfeld stand hinter ihr und
breitete lchelnd seine Arme aus, als wolle er die Erschrockene auffangen.
    Sofort verwandelte sich ihr Schrecken in Zorn und Entrstung, aber ehe sie
noch ein Wort hervorbringen konnte, rief eine befehlende, rauh klingende Stimme
in ihrer Nhe: Emil, du wirst im ganzen Hause gesucht. Dein Verwalter aus
Odenberg hat dir Dringendes mitzuteilen. Gehe hinber!
    Neben Elisabeth befand sich das Fenster - es war offen. Drauen stand Herr
von Walde und sah, beide Arme auf die Brstung gestemmt, in das Zimmer herein.
Er hatte die Worte gerufen, die den tdlich erschrockenen Hollfeld wie eine
Handvoll Spreu hinauswehten. Welcher Ausdruck voll Grimm lag in diesem
Augenblicke auf der unbedeckten Stirn, in den zusammengepreten Lippen und dem
funkelnden Auge, das noch eine Weile nach der Thr starrte, durch welche
Hollfeld verschwunden war!
    Endlich fiel sein Blick wieder auf Elisabeth, die bis dahin regungslos
gestanden hatte, jetzt aber, von ihrem zwiefachen Schrecken sich erholend, eine
Bewegung machte, als wolle sie in den Hintergrund des Zimmers zurcktreten.
    Was thun Sie hier? fragte er barsch; seine Stimme hatte genau den rauhen
Klang wie zuvor. Das junge Mdchen fhlte sich tief verletzt durch die Art und
Weise der Anrede und war im Begriffe, trotzig zu antworten, als sie bedachte,
da sie ja auf seinem Grund und Boden stehe; deshalb erwiderte sie ruhig:
    Ich ordne Mi Mertens' Bcher.
    Sie hatten eine andere Antwort auf den Lippen - ich sah es und will sie
wissen.
    Nun denn - ich wollte sagen, da ich auf eine so ungewhnliche Art zu
fragen keine Antwort habe.
    Und warum unterdrckten Sie diese - Zurechtweisung?
    Weil mir einfiel, da Sie hier das Recht haben zu befehlen!
    Das ist lobenswert, da Sie dies einsehen, denn ich bin gesonnen, dieses
mein gutes Recht gerade in diesem Augenblicke voll zur Geltung zu bringen -
zertreten Sie die Rose, die da so schmachtend zu Ihren Fen liegt.
    Das werde ich nicht thun - denn sie hat nichts verschuldet. Sie hob die
Rose, eine schne, halbgeffnete Centifolie, vom Boden auf und legte sie auf den
Fenstersims. Herr von Walde ergriff die Blume und warf sie ohne weiteres auf den
Rasenplatz.
    Dort stirbt sie einen poetischen Tod, sagte er ironisch, die Grashalme
decken sie zu, und abends kommt ein mitleidiger Tau und weint seine Thrnen auf
die arme Geopferte.
    Die Spannung in seinen Zgen hatte nachgelassen, aber sein Auge hatte noch
denselben Inquisitorenblick wie zuvor, und auch sein Ton klang nicht viel
milder, als er fragte:
    Was lasen Sie eben, als ich das Unglck hatte zu stren?
    Goethes Wahrheit und Dichtung.
    Kennen Sie das Buch?
    Nur einzelne Auszge.
    Nun, wie gefllt Ihnen die rhrende Geschichte vom Gretchen?
    Ich kenne sie nicht.
    Sie halten sie ja gerade aufgeschlagen in den Hnden.
    Nein, ich las die Krnung Josephs des Zweiten in Frankfurt.
    Zeigen Sie her.
    Sie gab ihm das aufgeschlagene Buch.
    Wahrhaftig! ... Aber sehen Sie doch, wie abscheulich das ist! gerade hier,
wo Goethe den Kaiser die Rmerstiege hinaufschreiten lt, ist ein hlicher
saftgrner Fleck ... Sie haben ohne Zweifel die Rosenbltter zu innig darauf
gedrckt, das werden der Kaiser, Goethe und Mi Mertens Ihnen sicher nicht
verzeihen.
    Der Fleck ist alt, ich habe die Rose gar nicht berhrt.
    Aber Sie haben gelchelt bei ihrem Anblicke.
    Weil ich glaubte, sie sei von Mi Mertens.
    Ach, diese Freundschaft hat etwas Rhrendes! ... Es war jedenfalls eine
Enttuschung fr Sie, als Sie statt der Freundin das schne Gesicht meines
Vetters hinter sich sahen?
    Ja.
    Ja - wie das nun klingt! ... Ich liebe die lakonische Krze; aber sie darf
mich nicht im Zweifel lassen ... Was soll ich nun mit diesem Ja anfangen? Es
klingt weder s noch bitter, und dazu Ihr Gesicht! ... Warum haben Sie
pltzlich eine trotzige Falte zwischen den Augen?
    Weil ich denke, jedes Recht habe seine Grenzen.
    Ich wte nicht, da ich in diesem Augenblicke von meinem Rechte Gebrauch
gemacht htte.
    Das wird Ihnen gewi klar werden, wenn Sie sich die Frage stellen, ob Sie
mir in meines Vaters Hause in so rauher Weise begegnen wrden.
    Eine tiefe Blsse flog ber Herrn von Waldes Gesicht. Er prete die Lippen
aufeinander und trat einen Schritt zurck. Elisabeth nahm das Buch, das er auf
den Fenstersims gelegt hatte, und ging nach dem Bcherschranke, um ihn zu
schlieen.
    Ich wrde unter den gleichen Verhltnissen in Ihres Vaters Hause ganz
ebenso gesprochen haben, sagte er nach einer Weile etwas ruhiger und wieder
nher an das Fenster herantretend. Sie haben mich ungeduldig gemacht, warum
antworten Sie so unbestimmt ... Wie soll ich nach der einzigen Silbe wissen, ob
jene Enttuschung eine unangenehme war, oder eine willkommene? ... Nun? ...
    Er bog sich weit in das Fenster hinein und sah starr in ihr Gesicht, als
wolle er eine Antwort von ihren Lippen ablesen; aber sie wendete sich entrstet
ab ... Abscheulich! wie war es nur mglich, zu denken, da Hollfeld ihr je
willkommen sein knne! Mute nicht ihr Gesicht, ihr ganzes Wesen dem verhaten
Menschen gegenber stets und immer ihre tiefste Abneigung beweisen?
    In diesem Augenblicke trat Mi Mertens in das Zimmer, um das junge Mdchen
abzuholen; sie war mit allem fertig und vollstndig gerstet, das Haus zu
verlassen. Elisabeth eilte aufatmend ihr entgegen, whrend Herr von Walde das
Fenster verlie und drauen einigemal auf und ab schritt. Als er wieder nher
trat, verbeugte sich Mi Mertens tief und ging freudig auf ihn zu. Sie sagte
ihm, da sie heute schon mehrere Male bei ihm vergeblich Zutritt gesucht habe
und sich nun freue, ihm doch noch ihren Dank aussprechen zu drfen fr alle
seine Gte und Frsorge.
    Er winkte abwehrend mit der Hand und wnschte ihr dann Glck zu ihrer
Verlobung. Er sprach sehr ruhig. Wie durch einen Zauberschlag hatte sich
pltzlich seine ganze Erscheinung wieder mit dem Nimbus der Hoheit und
Unnahbarkeit umgeben, so da Elisabeth nicht mehr begriff, wo sie den Mut
hergenommen hatte, diesen Mann auf die Gesetze der allgemeinen Hflichkeit
zurckzufhren ... Die vorhin so leidenschaftlich flammenden Augen ruhten jetzt
ernst auf Mi Mertens' Gesicht. Der weiche tiefe Klang seines Organs lie nicht
mehr ahnen, da er sich noch vor wenig Augenblicken in beiender Ironie
verschrft hatte, da jedes seiner Worte ein Ausdruck der tiefsten Gereiztheit
gewesen war und geklungen hatte, als solle es rchen und verwunden.
    Herr von Walde war mit Bitterkeit gegen seinen Vetter erfllt, das hatte
Elisabeth ja heute schon einmal bemerkt. Warum aber mute sie es ben, wenn ihm
der Verhate vor die Augen kam? ... War sie nicht schon beleidigt genug gewesen
durch Hollfelds abermalige Zudringlichkeit? ... Und nun wurde sie auch noch das
Opfer einer Entrstung, an der doch nur Helene die Hauptschuld trug ... Ein
stechender Schmerz durchzuckte sie, als sie sich erinnerte, wie zrtlich und
verzeihend Herr von Walde die Schwester in seine Arme genommen hatte, wie auch
nicht ein Blick des Vorwurfs auf sie selbst gefallen war bei Erwhnung der
Hollfeldschen Besuche ... sie, die arme Klavierspielerin, die notgedrungen
Hollfelds Anwesenheit mit dulden mute, wurde nun zum Blitzableiter des
brderlichen Zornes ... Oder hatte er mit angesehen, wie Hollfeld ihr die Rose
auf das Buch warf, und war in seinem aristokratischen Stolze tief beleidigt, da
sein Vetter einem brgerlichen Mdchen in der Weise huldige? ... Dieser Gedanke
kam Elisabeth wie ein erleuchtender Blitz ... Ja, ganz gewi, so nur konnte sie
sich sein Benehmen erklren ... Sie sollte die arme Blume zertreten und mit ihr
den Beweis vernichten, da Herr von Hollfeld einen Augenblick seine hohe Abkunft
vergessen hatte. Darum wurde so pltzlich in rauhem, befehlendem Tone zu ihr
gesprochen, in einem Tone, welchen sicher nur diejenigen an ihm kannten, die ein
Vergehen zu ben hatten; und darum auch sollte sie durchaus sagen, welchen
Eindruck ihr Hollfelds pltzliches Erscheinen gemacht habe ... In diesem
Augenblicke htte sie nun hintreten und ihm unumwunden erklren mgen, wie
verhat ihr sein hochgeborener Vetter sei, da sie sich durchaus nicht geehrt
fhle durch dessen Aufmerksamkeiten, sondern dieselben stets als eine ihr
widerfahrende Schmach ansehe. Allein es war zu spt. Herr von Walde sprach mit
Mi Mertens ber Reinhards Reise nach England so ruhig und eingehend, da es
geradezu lcherlich gewesen sein wrde, mitten hinein den Faden des vorigen
strmischen Gesprchs wieder aufzunehmen. Auch fiel nicht ein Blick seines Auges
mehr auf sie, obgleich sie ziemlich nahe bei Mi Mertens stand.
    Ich bin eigentlich halb und halb entschlossen, die Reise selbst
mitzumachen, sagte er schlielich zu der Gouvernante. Reinhard soll mit Ihrer
Frau Mutter zurckkehren, denn ich will Lindhof von nun an ganz unter seine
Aufsicht stellen; ich aber bleibe den Winter ber in London, gehe im Frhjahre
nach Schottland ...
    Und kehren dann jahrelang nicht wieder heim, unterbrach ihn Mi Mertens
erschrocken und betrbt zugleich. Hat denn Thringen ganz und gar keine
Anziehungskraft fr Sie?
    O ja, aber ich leide hier, und Sie werden wissen, da oft ein herzhafter
Schnitt eine Wunde rasch und glcklich heilt, whrend sie unter einer allzu
nachsichtigen feigen Behandlung gefhrlich werden kann ... Ich hoffe viel von
der schottischen Luft fr mich.
    Die letzten Worte hatte er in einem Ton gesprochen, der scherzhaft sein
sollte, allein der gewisse Zug zwischen den Augenbrauen trat schrfer hervor,
denn je, und lie Elisabeth seine heitere Stimmung sehr bezweifeln.
    Er reichte darauf Mi Mertens die Hand und schritt langsam den Kiesweg
hinab, wo er bald hinter einem Boskett verschwand.
    Da haben wir's nun, sagte die Gouvernante traurig. Statt da er uns, wie
ich im stillen hoffte, eine schne junge Frau nach Lindhof bringt, zieht er
wieder hinaus in die weite Welt und lt in Jahr und Tag nichts wieder von sich
hren noch sehen ... Es ist etwas Ruheloses in ihm; kein Wunder, wenn man die
unerquicklichen hiesigen Verhltnisse bedenkt ... Die Baronin Lessen ist ihm ein
Greuel, und doch ist er gezwungen, an seinem eigenen Herde stndlich mit ihr zu
verkehren, denn die Schwester, die er zrtlich liebt, hat ihm ja erklrt, da
sie im Umgange mit dieser Frau das Herbe und Freudenlose ihres Daseins vergit.
Auch sein Vetter ist ihm ein ungebetener Gast ... Herr von Walde ist eine viel
zu gerade Natur, als da es ihm glcken sollte, seine Abneigung zu verbergen,
und doch sind diese Menschen wie von Stahl und Eisen; die wenig rcksichtsvolle
Behandlung des Hausherrn gleitet vollstndig an ihnen ab, sie haben weder Augen
noch Ohren, wenn er auf eine Trennung hindeutet. Und Herr von Hollfeld, nun, der
ist in meinen Augen ein ganz erbrmlicher Mensch; ich begreife heut' noch nicht,
wie er Frulein von Waldes Herz gewinnen konnte.
    Also wissen Sie das auch? fragte Elisabeth.
    Ach, Kindchen, das ist ja lngst ein ffentliches Geheimnis ... Sie liebt
ihn so tief und hingebend, wie ein Weib nur lieben kann. Diese unselige Neigung
aber, in der sie jetzt lebt und atmet wie im Sonnenlichte, sie wird dereinst den
dstersten Schatten werfen auf das Leben der ohnehin so schwer Heimgesuchten ...
Dies ganze traurige Verhltnis und seine Zukunft durchschaut und ahnt Herr von
Walde, aber da er seiner Schwester nicht die Augen ffnen kann, ohne sie tdlich
zu verwunden, so bringt er seiner brderlichen Zrtlichkeit die schwersten Opfer
und geht lieber, da ihm der Aufenthalt in seinem eigenen Hause zu unertrglich
wird.
    Whrend dieses Gesprchs hatten Mi Mertens und Elisabeth lngst das Schlo
verlassen und stiegen bergauf. Bald stie Reinhard zu ihnen, der einen Gang nach
dem Dorfe gemacht hatte. Mi Mertens erzhlte ihm das Zusammentreffen mit Herrn
von Walde und seine letzten Aeuerungen bezglich seiner Reise.
    Gesagt hat er mir noch nichts, meinte Reinhard, aber er sah vorhin gerade
so aus, als mchte er am liebsten auf der Stelle Lindhof verlassen ... Schne
Wirtschaft das! ... Der Herr des Hauses ist das fnfte Rad am Wagen in seinem
Verwandtenkreise; er mu die Sippschaft ernhren, und als Dank dafr machen sie
ihm das Herz seiner Schwester abspenstig ... Herr Gott, steckte ich doch nur
zwei Tage in seinen Schuhen, ich wollte den unsaubern Geist austreiben, da auch
nicht eine Spur brigbliebe! ... Uebrigens hoffe ich, da Herr von Hollfeld
wenigstens wieder auf einige Tage nach Odenberg geht. Sein Verwalter hat soeben
die Nachricht gebracht, da die Wirtschafterin ihm pltzlich auf und davon
gegangen ist; es bleibt keine, der saubere gndige Herr ist zu geizig ... Es
sollen auch noch andere Unannehmlichkeiten drben vorgefallen sein.
    Burg Gnadeck war erreicht, und der Gast wurde von Ferbers sehr herzlich
begrt. Wie heimlich und traut umfing Mi Mertens' Stbchen die neue
Bewohnerin! Es blinkte in Sauberkeit; auf Bett und Tisch lagen frische, weie
Decken, eine hbsche Schwarzwlderuhr tickte leise neben dem zierlich geordneten
Schreibtische, und einige Reseden- und Rosenstcke auf dem Fenstersimse hauchten
ihren Duft durch den kleinen Raum. Durch die offene Thr sah man in das
Wohnzimmer der Familie. Dort auf dem gedeckten Tisch entzndete Elisabeth die
Spiritusflamme in der Theemaschine, whrend Mi Mertens rasch ihre wenigen
Habseligkeiten in Kommode und Schrank einrumte.
    Unterdes hatte sich auch der Onkel in Begleitung Hektors und der langen
Pfeife eingefunden. Auch Reinhard blieb da, und so sa bald eine frhliche
Gesellschaft zusammen. Der Oberfrster war sehr rosiger Laune. Elisabeth sa
neben ihm. Sie bemhte sich aus allen Krften, auf seine Neckereien einzugehen,
aber noch nie war es ihr so schwer geworden, und er, der ein sehr feines Ohr fr
die leiseste Modulation ihrer Stimme hatte, bemerkte das sehr bald.
    Holla, Goldelse, was ist mit dir? rief er pltzlich, da ist etwas nicht
in Ordnung. Er fate sie am Kinn und sah ihr in die Augen. Richtig, hast einen
Schleier ber den Augen und auf der Seele! ... Potztausend, du siehst ja auf
einmal ganz anders aus! ... Was soll's mit dem trbseligen Nonnengesichte da?
    Elisabeth wurde feuerrot unter seinem forschenden Blicke. Sie bot alles auf,
um durch munteren Scherz einer Beichte zu entgehen, allein es gelang ihr sehr
schlecht, und zuletzt blieb ihr nichts brig, als sich an das Klavier zu setzen,
dort neckte und strte er sie ja nie.
    Wie wohl that es ihrem gepreten Herzen, als es aufgehen durfte in vollen
rauschenden Akkorden, als die Tne schmerzlich hinausklangen in die beginnende
Abenddmmerung, ein Echo jenes tiefen Wehes, das sie erfllte, seit sie wute,
da Herr von Walde Thringen wieder verlassen wollte ... Vorbei war es mit jenem
Grbeln und Sinnen, jenem Haschen nach dem unklaren, fremdartigen Etwas, das
pltzlich wie ein liebliches Rtsel zwischen ihren Tongedanken aufgetaucht war!
Es sprach jetzt mit eigener, fester Stimme, in gewaltigen Klngen, vor denen das
einstige, harmlose Saitenspiel ihres Innern zu einem unhrbaren Suseln erstarb
... Ein Wunderland voll goldener Verheiungen that sich vor ihr auf - ihr Auge
irrte trunken darber hin; aber nie, nie sollte sie jenen Boden betreten; denn
ber die finstere Kluft zu ihren Fen fhrte keine Brcke ... Der Schleier,
unter dem ihre Seele in glcklicher Unwissenheit bis dahin gelegen, war
zerrissen, sie erkannte mit Lust und unsglichem Schmerze, da - sie liebte.
    Wie lange sie gespielt hatte, sie wute es nicht. Aber sie erwachte jh aus
dem gnzlichen Vergessen der Auenwelt, wie ein Lichtstrom aus dem Wohnzimmer
herberquoll und grell ber Beethovens bleiche Bste flo. Die Mutter hatte die
groe Lampe angezndet, und Elisabeth sah jetzt, da der Onkel neben ihr im
Fenster sa; er mute sehr geruschlos eingetreten sein. Als ihre Hnde von den
Tasten herabglitten, strich er leise mit der Hand ber ihr Haar.
    Siehst du, Kind, sagte er endlich mit bewegter Stimme, nachdem das letzte
Vibrieren der Saiten verhallt war, wenn ich nicht schon gemerkt htte, da
etwas ganz Absonderliches in dir vorgeht, so wte ich's jetzt durch dein Spiel;
das waren ja Thrnen, nichts als Thrnen.

                                       13


Mit Mi Mertens' Einzuge in der alten Burg hatte sich das Ferbersche
Familienleben womglich noch freundlicher gestaltet als bisher. Die Gouvernante
fhlte sich seit langer, trostloser Zeit zum erstenmal wieder heimisch angeweht
und von Liebe umgeben. Ihr warmes Fhlen, bis dahin ngstlich bewacht und
zurckgehalten, brach jetzt hervor und lie sie im Vereine mit ihrem reichen
Wissen hchst liebenswrdig erscheinen. Sie trachtete sich ntzlich zu machen,
wo sie konnte. Namentlich beschftigte sie sich viel mit dem kleinen Ernst, der
unter ihrer Anleitung eifrig englische und franzsische Vokabeln lernen mute;
auch Elisabeth suchte von dem Aufenthalte der Mi Mertens auf Gnadeck so viel
Vorteil wie mglich zu ziehen. Sie studierte emsig, denn das war ja die beste
Abwehr fr alle trbe Grbelei.
    Die Uebungsstunden bei Frulein von Walde hatten mittlerweile ihren
regelmigen Fortgang. Hollfeld, der nur auf einen Tag nach Odenberg gegangen
war, kam nach wie vor als eifriger Zuhrer und bot alles auf, einen Moment des
Alleinseins mit Elisabeth zu gewinnen. Er hatte es schon einigemal so schlau
einzurichten gewut, da Helene whrend der Pause aufgestanden war, um irgend
einen besprochenen oder von ihm gewnschten Gegenstand in einem anderen Zimmer
zu holen; allein er erreichte einen Zweck nicht, denn Elisabeth ging zugleich
hinaus und lie sich von dem Bedienten ein Glas Wasser geben. An ein Begegnen
auf dem Nachhausewege durfte er auch nicht denken, da Mi Mertens regelmig mit
Ernst kam, um das junge Mdchen abzuholen ... Dieses stete Vereiteln seiner
Wnsche machte ihn endlich ungeduldig und rcksichtsloser. Die Hand fiel von dem
Gesichte, er trug seine Leidenschaft unverhohlen zur Schau, und nur ihrer
Kurzsichtigkeit verdankte es Helene, da ihr eine schmerzvolle Entdeckung
vorderhand noch erspart blieb ... So wurden Elisabeth die Gnge ins Schlo immer
peinlicher, und sie dankte Gott, als endlich das beabsichtigte Fest heranrckte,
denn mit ihm hrten dann wenigstens die tglichen Uebungsstunden auf.
    Es war am Tage vor dem Geburtsfeste des Herrn von Walde, als Reinhard
nachmittags bei einem Besuche auf Gnadeck erzhlte, da bereits ein Gast unter
im Schlosse angekommen sei
    Der Flederwisch hat uns noch gefehlt! meinte er rgerlich.
    Wer ist denn das? fragten lachend Frau Ferber und Mi Mertens zugleich.
    Ach, eine sogenannte Freundin von Frulein von Walde, eine Hofdame aus L.
Sie will beim Arrangement des Festes helfen; gnade Gott den armen Leuten, die
kehrt das Unterste zu oberst!
    Ah, Frulein von Quittelsdorf! rief Mi Mertens noch immer lachend. Nun
ja, die hat allerdings Quecksilber in den Adern, sie ist entsetzlich
oberflchlich, aber von Herzen nicht bse.
    Spter ging Elisabeth in Reinhards Begleitung hinunter nach Lindhof. Als sie
in die Nhe des Schlosses kamen, wurde gerade Herrn von Waldes Reitpferd an die
groe Freitreppe mitten der sdlichen Fronte gefhrt. Gleich darauf trat er
selbst aus der Glasthre, mit der Reitpeitsche in der Hand, und stieg die Stufen
hinab ... Elisabeth hatte ihn nicht wieder gesehen seit jenem Nachmittage, wo er
ihr so rauh und rcksichtslos begegnet war: er erschien auffallend bleich und
finster.
    In dem Augenblicke, als er sich auf das Pferd schwang, erschien eine junge
Dame in weiem Kleide auf der Treppe. Sie war sehr hbsch und eilte mit
grazisester Leichtigkeit hinunter, um das Pferd auf den Hals zu klopfen und ihm
ein Stck Zucker zu reichen.
    Frulein von Walde, die an Hollfelds Arm mit ihr zugleich herausgetreten
war, blieb oben stehen und winkte ihrem Bruder grend mit der Hand zu.
    Die junge Dame ist Frulein von Quittelsdorf? fragte Elisabeth.
    Reinhard bejahte mit einem mivergngten Gesichte.
    
    Ihre uere Erscheinung gefllt mir, meinte das junge Mdchen. Herr von
Walde scheint sich gern mit ihr zu unterhalten, fgte sie leise hinzu. Der
Reiter bog sich in diesem Augenblicke vom Pferde herab und schien nachdenklich
auf das zu hren, was ihm die junge Dame vorplauderte.
    Je nun, er will nicht grob sein und lt sich das Geschwtz einen Moment
gefallen, sagte Reinhard weiterschreitend. Die spricht das Blaue vom Himmel
herunter und ist im stande, dem Pferde in die Zgel zu fallen, wenn er davon
will, ehe sie mit ihrem Kapitel fertig ist.
    Inzwischen waren sie in das Vestibl getreten. Elisabeth verabschiedete sich
hier von Reinhard und begab sich hinauf in das Musikzimmer, wo sich alsbald auch
Frulein von Walde und Hollfeld einfanden. Erstere ging noch einmal in ihr
Ankleidezimmer, um ihre ein wenig derangierten Locken in Ordnung bringen zu
lassen; diesen Moment benutzte Hollfeld und trat eilig auf Elisabeth zu, die
sich in die Fensternische zurckgezogen hatte und in einem Notenhefte bltterte.
    Wir wurden neulich abscheulicherweise gestrt, flsterte er.
    Wir? fragte sie ernst und mit Nachdruck und trat einen Schritt zurck.
Ich hatte allerdings Ursache, mich ber Strung zu beklagen, und mu gestehen,
da ich sehr entrstet war, meine Lektre unterbrochen zu sehen.
    Ah, jeder Zoll eine Frstin! rief er scherzhaft, aber mit unterdrckter
Stimme. Ich habe brigens durchaus nicht beabsichtigt, Sie zu beleidigen, im
Gegenteil, wissen Sie nicht, was die Rose sagt?
    Gewi, sie hat sicher gemeint, es sei tausendmal schner am Zweige zu
sterben, als zu einem so unntzen Zwecke abgerissen zu werden.
    Grausame! ... Sie sind hart wie Marmor ... Ahnen Sie denn gar nicht, was
mich tglich hierher zieht?
    Ohne Zweifel die Bewunderung fr unsere groen Tonmeister.
    Sie irren sich.
    Dann jedenfalls zu Ihrem Vorteile.
    O nein, denn damit kme ich um keinen Schritt weiter. Die Musik ist
lediglich fr mich die Brcke -
    Von der Sie sehr leicht ins kalte Wasser fallen drften.
    Und wrden Sie mich untergehen lassen?
    Ja, ganz sicher ... Ich bin nicht ehrgeizig genug, um mir die
Rettungsmedaille verdienen zu wollen, antwortete Elisabeth trocken.
    Frulein von Walde kam zurck. Sie schien verwundert, die beiden im
Gesprche zu finden, denn bis dahin war ja noch nie ein Wort zwischen ihnen
gewechselt worden. Ihr Blick streifte prfend ber Hollfelds Gesicht, das den
Ausdruck eines lebhaften Verdrusses noch nicht ganz zu unterdrcken vermochte,
dann setzte sie sich schweigend an das Klavier und prludierte, whrend
Elisabeth die Noten zusammensuchte. Hollfeld nahm seinen gewhnlichen Platz ein
und sttzte melancholisch den Kopf auf die Hand. Noch nie aber hatten seine
Blicke so glhend und verzehrend auf Elisabeth geruht, als in diesem
Augenblicke. Sie bereute, sich in ein Gesprch mit ihm eingelassen zu haben; ihr
Bestreben, ihn durch Klte und Schroffheit zurckzuweisen, schien eine ganz
entgegengesetzte Wirkung gehabt zu haben. Furcht und Widerwillen bemchtigten
sich ihrer beim Anblicke seiner auffallend erregten Gesichtszge, und obgleich
das triumphierende Lcheln des Onkels vor ihr aufstieg, gewann doch der
Entschlu, lieber den Stunden zu entsagen, als sich noch lnger diesen
unverschmten Blicken auszusetzen, immer mehr Boden in ihrer emprten Seele.
    Die Stunde nahte ihrem Ende, als Frulein von Quittelsdorf rasch eintrat.
Sie trug ein kleines Wesen im weien Tragkleidchen auf dem Arme und drckte mit
der einen Hand den Kopf desselben an ihre Schulter.
    Frau Oberhofmeisterin von Falkenberg empfiehlt sich gehorsamst, sagte sie
zeremoniell, und bedauert unendlich, ihres Zipperleins wegen sich morgen nicht
einfinden zu knnen ... Dafr aber gibt sie sich die Ehre, ihr geliebtes,
blhendes Enkelkind zu schicken -
    In dem Augenblicke machte das Geschpfchen auf ihrem Arme einige
verzweifelte Bewegungen und sprang pltzlich mit einem lauten Quieken auf den
Boden, wo es sofort, das lange Kleid nachschleppend, unter einem Stuhle
verschwand.
    Nein, Cornelie, du bist doch zu kindisch! rief Frulein von Walde lachend
und rgerlich zugleich, als Alis angstvolles Gesicht, von einer bebnderten
Kinderhaube umgeben, scheu unter dem Stuhle hervorguckte. Das sollte die gute
Falkenberg wissen, da wre es sicher aus mit deinen Schelmenstreichen am Hofe zu
L.
    Bella, die mit hereingekommen war, wollte ersticken vor Lachen und suchte
sich erst zu migen, als ihre Mutter, erstaunt ber den Lrm, eintrat und ihr
das Unschickliche einer so lauten Lustigkeit zu Gemt fhrte. Die Baronin drohte
Frulein von Quittelsdorf lchelnd mit dem Finger, als ihr Helene deren tollen
Einfall mitgeteilt hatte, und nherte sich darauf Elisabeth.
    Frulein von Walde wird Ihnen wohl noch nicht mitgeteilt haben, sagte sie
in ziemlich gndigem Tone zu dem jungen Mdchen, da sich alle Geladenen zu dem
Feste morgen um vier Uhr unten im groen Saale einfinden werden? Ich bitte, die
Stunde ja nicht zu versumen. Das Konzert wird jedenfalls gegen sechs Uhr zu
Ende sein; ich bemerke Ihnen dies nur, damit Sie die Ihrigen nicht frher zu
Hause erwarten.
    Helene sah bei diesen Worten verlegen auf die Tasten, whrend Frulein von
Quittelsdorf sich neben die Baronin postierte und Elisabeth neugierig ins
Gesicht starrte. So hbsch auch die schwarzen Augen waren, die auf ihr ruhten,
so fhlte sich das junge Mdchen doch verletzt durch das unausgesetzte Fixieren.
Sie verbeugte sich leicht vor der Baronin mit der Versicherung, da sie sich
pnktlich einfinden werde, und heftete dann einen festen, ernsten Blick auf die
hbsche Zudringliche. Die Wirkung war eine blitzschnelle. Frulein von
Quittelsdorf wandte den Kopf weg und drehte sich verlegen und wie ein
ungezogenes Kind auf dem Absatze herum. In demselben Augenblicke entdeckte sie
Herrn von Hollfeld in der Fensternische.
    Wie, Hollfeld, rief sie, sind Sie es selbst, oder ist's Ihr Geist? Was
thun Sie hier?
    Ich hre zu, wie Sie sehen.
    Sie hren zu? ... Ha, ha, ha! ... Und genieen Unverdaulichkeiten wie
Mozart und Beethoven? ... Wissen Sie nicht mehr, da Sie mir noch vor vier
Wochen beim letzten Hofkonzert versichert haben, Sie litten jedesmal nach dem
Genusse klassischer Musik an verdorbenem Magen?
    Sie hielt sich die Seiten vor Lachen.
    Ach, lassen Sie jetzt die Possen, beste Cornelie, sagte die Baronin, und
helfen Sie mir lieber mit Ihrem erfinderischen Geiste beim Festprogramm ... Und
auch du, lieber Emil, wrdest mir einen groen Gefallen thun, wenn du mitkommen
wolltest ... Du weit ja, ich bin jetzt in die traurige Notwendigkeit versetzt,
eine mnnliche Sttze neben mir haben zu mssen, wenn meine Anordnungen
respektiert werden sollen.
    Hollfeld erhob sich mit sichtlichem Widerstreben.
    Nun, dann nehmt mich auch mit! ... Wollt ihr so grausam sein, mich die
ganze, lange Zeit bis zum Thee allein zu lassen? rief Helene vorwurfsvoll und
stand auf. Sie sah verstimmt aus, und es kam Elisabeth zum erstenmal so vor, als
hafte ihr Blick neidisch auf Corneliens flinken Fen, die ohne weiteres
Hollfelds Arm genommen hatte und zur Thr hinaushpfte. Elisabeth machte den
Flgel zu und wurde eiligst entlassen.
    In den Gngen des Schlosses, die das junge Mdchen passieren mute,
herrschte ein reges Leben. Mehrere Bediente schleppten Krbe voll Silberzeug und
Porzellan in ein Zimmer neben dem groen Saale. Aus den Kchenfenstern im
Souterrain quollen Duftstrme aller mglichen gebackenen und gebratenen guten
Dinge, und in einem offenstehenden Domestikenzimmer lagen ganze Berge grnen
Laubwerks und bereits fertiger Guirlanden und Krnze.
    Und er, zu dessen Verherrlichung sich aller Hnde heute rhrten und regten,
er ritt einsam drauen, mit umdsterter Seele auf Mittel und Wege sinnend, wie
er dem fried- und freudelosen Leben in seinem Hause entfliehen knne!
    Elisabeth ging hinber in das Dorf, um einen Auftrag ihres Vaters
auszurichten. Vor einigen Tagen nmlich hatte ein heftiger nchtlicher
Gewittersturm dem bauflligen Erker im Garten wieder dergestalt zugesetzt, da
man frchten mute, er werde bei der leisesten Erschtterung zusammenstrzen und
die ihm naheliegenden, kaum erst mit so groer Mhe hergestellten Gartenanlagen
mit seinen Trmmern zerstren. Zwei Lindhofer Maurer hatten endlich Ferber
versprochen, die Ruine nchsten Montag abzutragen; da ihnen aber in bezug auf
das Worthalten nicht zu trauen war, wie der Oberfrster nach gemachter Erfahrung
versicherte, so sollte Elisabeth sie nochmals an ihre Zusage erinnern und ihnen
die Notwendigkeit ihres Kommens vorstellen.
    Das Resultat ihrer Wanderung war ein befriedigendes. Einer der Arbeiter
hatte ihr sogar bei allem, was ihm heilig und teuer, geschworen, zu kommen, und
nun schritt sie durch den stillen, einsamen Wald nach Hause. Ungefhr in der
Mitte des Pfades, der vom Dorfe nach dem Forsthause lief, bahnte sich ein
schmaler, nach der Burg Gnadeck aufwrts fhrender Weg ab. Er wurde selten
betreten und wre deshalb fr ein fremdes Auge gar nicht sichtbar gewesen, denn
an vielen Stellen berwucherte ihn das Gestrpp, und das modernde Laub lag so
locker aufgeschichtet zwischen den knorrigen Baumwurzeln, als sei es noch nie
von der Sohle eines Menschen berhrt worden. Elisabeth liebte diesen Pfad und
whlte auch jetzt ihn zum Rckwege.
    Noch nie war ihr ein menschliches Wesen begegnet; heute aber war sie noch
nicht weit in die grne Dmmerung vorgedrungen, als sie die Bemerkung machte,
da ungefhr zwanzig Schritt vor ihr, und zwar rechts, drunten am Abhange, neben
dem Stamme einer mchtigen Buche, etwas wie ein Arm sich langsam vorwrts
strecke und dann wieder zurcksinke. Sie konnte diese Bewegung um so deutlicher
erkennen, als an jener Stelle die Bume weiter auseinander traten und eine
kleine Lichtung begrenzten, deren grner heller Rasenfleck wie eine Oase mitten
im Waldesdster lag. Elisabeth schritt unhrbar und langsam weiter und kam
dadurch immer nher in das Bereich jener Buche, bis sie pltzlich erschrocken
stehen blieb.
    An dem Baume lehnte ein Mann. Er kehrte ihr den Rcken zu; sein Haupt war
unbedeckt und zeigte einen Wust ungekmmter, struppiger Haare. Einen Augenblick
stand er unbeweglich, als lausche er auf irgend ein Gerusch; dann trat er einen
Schritt vor, hob den ausgestreckten Arm in die Hhe, richtete die Mndung einer
Pistole hinaus nach der Waldble, als wolle er auf einen gegenberstehenden
Baum schieen, und lie nach einer Weile den Arm niedersinken.
    Er bt sich, dachte Elisabeth, aber sie dachte es nur, um sich zu
beruhigen, denn eine unbeschreibliche Angst hatte sich ihrer pltzlich
bemchtigt; sie wute nicht, sollte sie vor- oder rckwrts laufen, um von dem
Unheimlichen nicht bemerkt zu werden, und blieb deshalb gerade wie festgewurzelt
stehen.
    Da schlug Pferdegetrappel an ihr Ohr. Der Mann drben richtete sich wie
elektrisiert in die Hhe. Wenige Augenblicke darauf erschien jenseits der
Lichtung ein Reiter. Langsam schritt das Pferd ber den weichen Wiesenboden -
sein Herr hatte, in Gedanken verloren, den Zgel fallen lassen ... Der Mann mit
der Pistole trat rasch zwei Schritt vor, hob den Arm in der Richtung des Reiters
und wandte dabei den Kopf etwas seitwrts ... Elisabeth erkannte sofort in den
todblassen, von Ha und Grimm entstellten Zgen den ehemaligen Verwalter Linke,
und jener dort, den sein Pferd immer nher vor die Mndung der todbringenden
Waffe trug, war Herr von Walde ... In diesem Augenblicke ging eine merkwrdige
Verwandlung in Elisabeth vor. Hatte sie noch eben mdchenhaft ngstlich vor der
Begegnung mit jenem unheimlichen Menschen gezittert, so berkam sie jetzt ein
wunderbarer Mut, eine unbegreifliche Ruhe und Beherrschung ihrer selbst in dem
Gedanken, da sie berufen sei, zu retten ... Lautlos glitt sie vorwrts und
stand pltzlich, wie aus der Erde gewachsen, neben Linke, der das Auge gespannt
auf sein Opfer richtend, ihre Nhe nicht ahnte ... Mit aller Kraft, deren sie
fhig, packte sie seinen Vorderarm und ri ihn zurck. Die Pistole entlud sich
mit einem lauten Knalle und die Kugel schlug zischend seitwrts in einen Baum,
whrend der Elende entsetzt zur Erde taumelte. Zu gleicher Zeit scholl ein
lauter weiblicher Hilferuf durch den Wald ... Der Mrder richtete sich auf und
floh in das Gestrpp ... Drben bumte sich das Pferd im ersten Schrecken, dann
aber flog es, von seinem Herrn angetrieben, ber die Wiese und stand mit einigen
Stzen nahe bei Elisabeth, die sich totenbleich an der Buche festhielt, denn
nun, nachdem die Gefahr vorber, machte die weibliche Natur ihr Recht geltend.
Das junge Mdchen zitterte am ganzen Krper, aber ein glckliches Lcheln
verklrte ihr ganzes Gesicht, als sie Herrn von Walde gerettet vor sich sah.
    Er sprang bei ihrem Erblicken bestrzt vom Pferde; sie aber, die eben noch
eine so auerordentliche Selbstbeherrschung an den Tag gelegt, stie einen
lauten Schrei aus und drehte sich tdlich erschrocken um, als sich von rckwrts
zwei Arme um ihre Schulter legten; sie blickte in Mi Mertens' tief erregte
Zge.
    Um Gotteswillen, Elisabeth, rief die Gouvernante atemlos, was haben Sie
gethan, er konnte Sie ermorden.
    Herr von Walde drang durch den Rest von Gestrpp, der ihn von den beiden
trennte.
    Sind Sie verletzt? fragte er rasch und heftig Elisabeth.
    Sie schttelte mit dem Kopfe. Ohne ein Wort weiter zu sagen, hob er sie vom
Boden auf und trug sie nach einem umgestrzten Baumstamme, wo er sie niederlie.
Mi Mertens setzte sich zu ihr und lehnte den Kopf des jungen Mdchens an ihre
Schulter.
    Nun sagen Sie mir, was geschehen ist, sagte Herr von Walde zur
Gouvernante.
    Nein, nein, rief Elisabeth angstvoll, nur hier nicht, wir wollen gehen,
der Mrder ist entkommen; er lauert vielleicht im nchsten Gebsche und fhrt
sein Vorhaben doch noch aus!
    Linke wollte Sie ermorden, Herr von Walde, sagte Mi Mertens mit
zitternder Stimme.
    Der Elende! Der Schu galt also mir, entgegnete er ruhig, ohne das
mindeste Anzeichen von Bestrzung. Er ging hierauf tief in das Gebsch, durch
welches, nach Mi Mertens' Angabe, Linke entflohen war. Elisabeth zitterte, als
er im Dickicht verschwand, und war eben im Begriffe, alle Selbstbeherrschung zu
verlieren und ihm nachzuspringen, als er zurckkehrte.
    Sie knnen ruhig sein, sagte er zu dem jungen Mdchen; es ist keine Spur
von ihm zu entdecken, der schiet heute sicher nicht zum zweitenmal ... Nun
erzhlen Sie mir den Vorfall, Mi Mertens.
    Sie war, wissend, da Elisabeth heute ber das Dorf zurckkehre, ihr auf dem
schmalen Waldwege entgegengegangen. Langsam vom Berge niedersteigend, hatte sie
dieselbe Entdeckung gemacht, wie das junge Mdchen. Die Absicht des Erbrmlichen
war ihr sofort klar geworden, aber der Schrecken hatte sie dergestalt bermannt,
da sie im ersten Augenblicke weder Zunge noch Fu zu bewegen vermochte. So
hatte sie in tdlicher Angst wie eingewurzelt gestanden, als pltzlich
Elisabeth, die sie vorher nicht gesehen, hinter dem Mrder erschienen war. Im
Entsetzen ber die Gefahr, in welche sich das junge Mdchen begeben, war ihr der
Hilferuf entflohen, den man mit dem Schusse zugleich gehrt hatte ... Sie
erzhlte dies alles in fliegenden Worten. Wo nahmen Sie nur den Mut her,
Elisabeth, sagte sie schlielich, den Menschen zu packen? ... Ich schauderte
schon bei dem bloen Gedanken an die Berhrung und htte es sicher beim Schreien
bewenden lassen.
    Wenn ich schrie, entgegnete Elisabeth einfach, dann konnte eine
unwillkrliche Bewegung Linkes infolge des Schreckens das Unglck gerade
herbeifhren.
    Herr von Walde hrte der Schilderung mit groer Ruhe und Aufmerksamkeit zu.
Nur als Mi Mertens beschrieb, wie Elisabeth den Mrder mit Blitzesschnelle
gefat hatte, wechselte er jh die Farbe und warf einen langen, ngstlich
forschenden Blick auf das junge Mdchen, als wolle er sich versichern, da es
auch wirklich unverletzt aus der Gefahr hervorgegangen sei ... Er bog sich zu
ihr nieder, nahm ihre Rechte und fhrte sie an seine Lippen; sie fhlte dabei
ein leises Beben seiner Hand.
    Mi Mertens, welche bemerkte, da diese Dankesuerung Elisabeth sehr
verlegen machte und ihr eine Purpurglut auf die Wangen trieb, verlie ihren
Platz, hob die Pistole vom Boden auf, die Linke auf seiner Flucht von sich
geworfen hatte, und gab sie Herrn von Walde.
    Abscheulich! murmelte er. Der Elende hat sich auch noch einer Waffe
bedient, die mir gehrt.
    Elisabeth erhob sich jetzt auch und versicherte auf Mi Mertens' Befragen,
da sie von den Wirkungen des Schreckens ganz und gar nichts spre und den
Rckweg antreten knne. Beide wollten sich von Herrn von Walde verabschieden;
allein er band sein Pferd an der verhngnisvollen Buche noch fester an und sagte
in scherzhaftem Tone: Linke ist, wie wir uns heute berzeugt haben, sehr
rachschtiger Natur; es drfte leicht sein, da er meine Lebensretterin noch
grimmiger hat, als mich selbst ... ich kann nicht zugeben, da Sie ihm ohne
mnnlichen Schutz begegnen.
    Sie stiegen den Berg hinauf. Mi Mertens eilte voraus, um auch Herrn von
Walde zur Eile anzutreiben, denn es muten ja doch Schritte zur Verfolgung des
Verbrechers geschehen; allein ihre Bestrebungen waren umsonst. Er schritt
langsam und schweigend neben Elisabeth, die eine Zeitlang mit sich kmpfte,
endlich aber in leisem, verzagtem Tone ihn bat, er mge jetzt nicht wieder
allein zu seinem Pferde zurckkehren, sondern dasselbe holen lassen.
    Er lchelte. Mein Belisar ist wild und eigensinnig, Sie kennen ihn ja,
sagte er. Er geht nur mit mir und wrde es sehr bel vermerken, wenn ihn ein
anderer, als sein Herr, nach Hause bringen wollte ... Jener feige Mensch wird
brigens, wie ich Ihnen schon gesagt habe, heute auf keinen Fall einen zweiten
Angriff gegen mich wagen ... Nun, und wenn auch, ich bin ja gefeit! ... Ist
nicht heute ein guter Stern ber mir aufgegangen!
    Er blieb stehen. Was meinen Sie, fragte er pltzlich mit gedmpfter
Stimme, whrend sein Auge aufleuchtete und das ihre forschend suchte, soll ich
wohl den entzckenden Wahn festhalten, da er mich durch mein ganzes Leben
begleiten werde?
    Wenn Sie Wagestcke in diesem Sinne ausfhren wollen, dann ist es freilich
besser, Ihr Glaube an jenen Stern ist kein so unbedingter.
    Das grte Wagestck war wohl dieser augenblickliche Wahn selbst, murmelte
er fr sich, whrend ein finsterer Schatten ber sein Gesicht flog.
    Ich verstehe Sie nicht, sagte Elisabeth erstaunt.
    Das ist ganz natrlich, entgegnete er bitter, Ihr Denken und Wnschen hat
ja eine ganz entgegengesetzte Richtung ... Bei aller Strenge gegen sich selbst
begegnet es einem doch manchmal, da man sich von einem lieblichen Traume
beschleichen lt ... Nein, nein, sagen Sie nichts mehr! ... ich bin ja schon
bestraft, denn ich wache.
    Jetzt beschleunigte er seine Schritte und ging nun an Mi Mertens' Seite,
whrend Elisabeth stumm folgte und sich den Kopf darber zerbrach, warum er wohl
so pltzlich wieder in jenen rauhen Ton verfallen war, der sie stets so tief
verletzte. Er sprach kein Wort mehr, und als endlich die Mauern des alten
Schlosses durch die Bsche blickten, empfahl er sich in auffallend kurzer und
knapper Weise und schritt rasch den Berg wieder hinunter.
    Mi Mertens sah ihm erstaunt nach. Sonderbarer Mann! sagte sie endlich und
schttelte den Kopf. Und wenn auch wirklich das Leben fr ihn sehr wenig Wert
hat, wie ich in diesem Augenblicke annehmen mu, so meine ich doch, wre ein
Wort des Dankes beim Auseinandergehen nicht gerade berflssig gewesen, wenn man
bedenkt, da Sie Ihr Leben um seinetwillen in Gefahr gebracht haben.
    Ich sehe diese Notwendigkeit durchaus nicht ein, entgegnete Elisabeth.
Sie legen berhaupt meinem Anteil bei dem Vorfalle viel zu viel Gewicht bei ...
Ich habe einfach eine Pflicht gegen den Nchsten erfllt, und wrde, fgte sie
mit einem eigentmlichen Trotze in Ton und Gebrden hinzu, ganz ebenso
gehandelt haben, wenn der Fall ein umgekehrter, und Linke der Bedrohte gewesen
wre ... Es ist mir sehr erwnscht, da auch er die Sache in der Weise auffat;
denn bei seinem Hochmute mte ihm das Gefhl einer nicht einzulsenden
Verbindlichkeit einem anderen menschlichen Wesen gegenber jedenfalls ein hchst
peinliches werden, ich aber mchte um alles dieses Wesen nicht sein.
    In diesem Augenblicke stritten zrtliche Angst und Bitterkeit in ihr. Sie
verfolgte in Gedanken den Hinabsteigenden Schritt um Schritt und schttelte sich
vor Entsetzen, wenn sie dachte, er gehe vielleicht gerade jetzt an der Stelle
vorber, wo der Rachedrstende auf ihn lauere ... dann meinte sie, indem sie
hastig vorwrts schritt, es sei doch recht thricht, alles Denken und Empfinden
an einen Mann zu verschwenden, der ihr geflissentlich die rauheste Seite seines
Wesens zeige ... Selbst der Baronin gegenber, die ihm doch in tiefster Seele
zuwider war, verlor er keinen Augenblick seine Ruhe, setzte er nie die Formen
der allgemeinen Hflichkeit aus den Augen, wenn er ihr auch seine Ueberzeugung
stets ungescheut ins Gesicht sagte. Seine ganze Umgebung kannte ihn nicht
anders, als von dem Nimbus der Ruhe und Wrde umgeben; nur im Gesprch mit ihr
hielt er es nicht der Mhe wert, sich zu beherrschen ... Wie heftig konnte er da
werden! Wie flammten seine Augen auf und hingen mit verzehrender Ungeduld an
ihren Lippen, wenn sie nicht rasch oder bestimmt genug antwortete! ... Dabei
verlangte er, sie solle ihn womglich schon verstehen, noch bevor er gesprochen,
und doch war er ihr noch vllig unverstndlich, wenn er fertig zu sein meinte.
Vielleicht waren alle anderen scharfsinniger als sie und fanden sich rascher in
seine Sprech- und Denkweise, die fr sie nun einmal ein unlsbares Rtsel war
und blieb ... War es ihr zu verdenken, wenn sie sich vornahm, dergleichen
Konflikten knftig auszuweichen? ... Gewi nicht ... Nun, zum Glcke war ja
seine Abreise nahe ... zum Glcke? ... Der mittels Trotz und Stolz aufgerichtete
Bau der Selbstbetrgerei zerfiel pltzlich vor diesem einen Gedanken; ja, er
versank so spurlos, da sie zu Mi Mertens' Verwunderung eilig in den Weg
einbog, der von der Waldble hinunter nach dem Schlosse fhrte ... Sie mute
sich berzeugen, ob Herr von Walde unangefochten zurckkehre. Mi Mertens folgte
ihr willig bis in ein Boskett, nahe bei der Thr, wo er abzusteigen pflegte, und
auch ihr fiel ein Stein vom Herzen, als er gleich darauf aus dem Walde
hervorsprengte.

                                       14


Abends sa die Familie Ferber im Garten unter den Brunnenlinden, Frau Ferber und
Mi Mertens arbeiteten an einem warmen Futeppich aus lauter Tuchstckchen, der
im Winter unter das Klavier gelegt werden sollte.
    Die Mutter hatte ein bedeutendes Teil der gleichmigen Ruhe eingebt, die
ihre uere noch immer schne Erscheinung so wohl kleidete. Sie konnte sich noch
immer nicht beruhigen ber den Vorfall am Nachmittage; denn obgleich ihr Kind
wohlbehalten und unverletzt vor ihr gestanden hatte, war sie doch auer sich
gewesen bei Mi Mertens' Erzhlung. Ihr Blick suchte seitdem unablssig die
Tochter; der leiseste Farbenwechsel auf Elisabeths Wangen beunruhigte sie und
lie sie eine Erkrankung infolge der gehabten Alteration befrchten ... Anders
dachte der Vater. So recht, mein tapferes Tchterchen, hatte er mit
strahlenden Augen gesagt, mit khlem Blute berlegt und dann flink und
unerschrocken mit Hand und Fu bei der That - so wollte ich dich haben.
    Frau Ferber sah in ihrem Gatten stets das Ideal eines Mannes. Noch jetzt,
nach so und so viel Ehestandsjahren, schwur sie blindlings auf seine Aussprche,
als auf etwas Unfehlbares. Heute aber, bei seiner vterlichen Belobung, war ihr
doch ein Seufzer entschlpft, und sie hatte gemeint, eine Mutter liebe ihre
Kinder doch ungleich mehr, als der Vater.
    Mehr sicher nicht - nur anders, war Ferbers ruhige Antwort gewesen.
Gerade, weil ich sie liebe, erziehe ich sie zu Menschen, die selbstndig und
mutig denken und handeln, damit sie nicht spter einmal zu jenen unglckseligen
Umhergestoenen gehren, die aus Mangel an Thatkraft die unausgesetzt Leidenden
sind.
    Elisabeth brachte auch eine Arbeit mit in den Garten; allein der kleine
Ernst machte ein sehr ungndiges Gesicht, als sie das Nhzeug auspackte.
    Na warte nur, Else! sagte er entrstet. Herr von Walde kann mich zehnmal
fragen, ob ich dich lieb habe - ich werde ganz gewi nicht wieder ja sagen ...
Du spielst ja gar nicht mehr mit mir und bildest dir wohl gar ein, du seiest
auch nun auf einmal ein so groes Mdchen wie Mi Mertens? ... Ach, das lasse du
ja bleiben - das bist du noch gar lange nicht.
    Ein allgemeines Gelchter erscholl ber die Verwechselung des Alters und der
Gre. Elisabeth aber erhob sich eilig, um den Vorwrfen zu begegnen, schrzte
ihr langes Kleid und zhlte mit dem Kleinen ab, wer zuerst der Haschende sein
msse - dann ging es pfeilschnell den Damm hinauf und herunter.
    Unterdes war am Mauerpfrtchen gelutet worden. Der Vater ging hinber um zu
ffnen und gleich darauf erschienen in der offenen Thr der Halle Doktor Fels,
Reinhard und der Oberfrster. Elisabeth eilte gerade als Verfolgte durch den
Hauptweg und bemerkte die Eintretenden nicht sogleich.
    Nun, das mu ich sagen! lachte Doktor Fels und blieb stehen. Das ist eine
wunderbare Entpuppung ... nachmittags Walkre und abends Schmetterling.
    Der Oberfrster aber schritt vor, fing das Mdchen in den Armen auf und
drehte sich jubelnd einigemal mit ihr herum. Prachtmdel! rief er endlich und
schob sie von sich, whrend er mit leuchtenden Blicken ihre zierliche Gestalt
musterte. Da sehe mir einer das Ding an! ... sieht aus, wie aus Elfenbein
geschnitzt, so fein und zerbrechlich, und hat doch eine Kraft in Herz und
Hnden, wie ein Mann ... schade, da du kein Junge bist - du mtest in den
grnen Rock, da mchte nun dein Vater sagen, was er wollte.
    Doktor Fels war mittlerweile auch nher herangetreten. Er reichte Elisabeth
die Hand. Herr von Walde war in der Stadt, sagte er, und forderte mich auf,
mit hierher zu kommen ... Es liegt ihm sehr daran, zu wissen, ob Ihnen die
Aufregung und der Schrecken nicht geschadet haben.
    Ganz und gar nicht, entgegnete sie tief errtend. Wie Sie sehen, fgte
sie scherzhaft hinzu, bin ich vollkommen im stande, meinen schwesterlichen
Pflichten zu gengen, und Ernst hat mir soeben rgerlich versichert, ich sei
sehr schwer zu fangen.
    Nun, ich werde diese Antwort Herrn von Walde wrtlich beroringen, sagte
der Doktor mit einem feinen Lcheln; er mag selbst entscheiden, ob sie
besorgniserregend oder beruhigend fr ihn ist.
    Ferber forderte die Herren auf, Platz zu nehmen, was auch sofort geschah.
Der Doktor zndete sich eine Zigarre an und schien sich bald sehr behaglich in
dem Kreise zu fhlen. Es wurde viel ber Linkes Attentat gesprochen. Gleich nach
seinem Weggange von Lindhof war man zahllosen Unterschleifen auf die Spur
gekommen, die er sich whrend der Abwesenheit des Gutsherrn erlaubt hatte. Die
Sache war auch ruchbar geworden - obgleich Herr von Walde keine Schritte gethan
hatte, den Betrger zur Rechenschaft zu ziehen - und war die Veranlassung
gewesen, da sich ein neues Engagement des Verwalters zerschlug. Diese
Enttuschung hatte offenbar das Ma seiner Rache gefllt und ihn zu der heutigen
That getrieben ... Es war alles aufgeboten worden, um des Verbrechers habhaft zu
werden; auch der Oberfrster hatte auf die Nachricht hin mit seinen Burschen den
Wald durchstreift, aber bis jetzt waren alle Anstrengungen vergeblich gewesen.
Reinhard erzhlte, da Herr von Walde den Leuten im Schlosse streng untersagt
habe, seiner Schwester den Vorfall mitzuteilen, weil ihr der Schrecken schaden
knne. Auch die Baronin, Hollfeld und die alte Kammerfrau sollten nicht davon
wissen.
    In L. wird man sich auf Herrn von Waldes Wunsch ebenfalls bemhen, die
Sache vorderhand noch geheim zu halten, fuhr er fort; denn er wei, da auf
morgen die halbe Stadt eingeladen ist -
    Das heit, alles was kreucht und fleucht an Vierflern und Geflgel im
silbernen oder bunten Felde, unterbrach ihn sarkastisch der Doktor; nmlich
alle adligen Wappen, und dann alle Beamten vom Rate aufwrts ... Man hat eine
strenge Auswahl getroffen, genau nach der Hofordnung ... Deshalb habe ich meiner
Frau auch bereits eingeschrft, da sie mir hbsch demtig ist als Krhe unter
den Edelfalken. Wir sind zu unserer Verwunderung von der Frau Baronin - denn sie
leitet das Ganze - auch befohlen worden.
    Apropos, Herr Doktor! rief lachend Reinhard, man erzhlte mir heute in
L., die alte Prinzessin Katharine habe Sie zu ihrem Leibarzte machen wollen, Sie
htten sich aber dem Antrage zu entziehen gewut - ist das wahr? ... Ganz L.
steht auf dem Kopfe vor Erstaunen.
    Ach, das ist nichts Neues - das passiert der lieben kleinen Stadt bei jeder
Gelegenheit. Deshalb ist auch die Intelligenz stets unten, und das Gotteslicht
der Erkenntnis scheint vergeblich auf ihre unempfnglichen Fusohlen ...
Uebrigens haben Sie ganz recht gehrt; ich bin in der That so frei gewesen, mich
fr die Ehre zu bedanken.
    Aber weshalb?
    Weil ich erstens keine Zeit habe, die hysterischen Grillen jenes
hochgeborenen Kopfes tglich in frische Windeln zu legen - verzeihen Sie, meine
Damen - und dann habe ich einen heiligen Respekt vor der Hofetikette.
    Ja, ja, rief lachend der Oberfrster, die ist auch schuld, da ich stets
drei Kreuze mache, wenn ich das Schlo in L. im Rcken habe. Die Herrschaften,
besonders aber unsere prchtige Frstin, die machen's einem nicht schwer; sie
drcken womglich beide Augen zu, wenn man einen anderen Kratzfu macht, als das
steife Unding vorschreibt. Aber der Hoftro, der um sie her knickst und
schwnzelt und lispelt - da Gott erbarm' - der schreit Zeter, wenn ein
Mnnerabsatz fest auftritt, und kriegt Krmpfe ber eine Stimme, die frei aus
der Brust herauskommt, wie sie der liebe Gott geschaffen hat.
    Es war dunkel geworden. Die Familie und Mi Mertens begleiteten die
Aufbrechenden bis vor das Mauerpfrtchen, und als alle auf die Waldble
heraustraten, da klang es feierlich aus dem Thale herauf durch den nachtstillen
Wald, wo sich kein Vogel auf den Zweigen rhrte, und selbst der Abendwind in den
Wipfeln eingeschlafen war ber den Wundersagen aus fernen Landen, die er
allabendlich den Blttern erzhlt ... Das Stadtmusikkorps aus L. brachte Herrn
von Walde ein Stndchen.

                                       15


Am andern Morgen um fnf Uhr wurden die Bewohner von Gnadeck durch Bllerschsse
geweckt. Aha, sagte Ferber zu seiner Frau, die Verherrlichung nimmt ihren
Anfang. Elisabeth aber fuhr jh aus einem schrecklichen Traume auf. Das
Unglck, welches sie gestern abgewendet, hatte der Traum wahr gemacht; sie sah
in dem Augenblicke Herrn von Walde sterbend zusammenbrechen, als der Schu im
Thale sie aufschreckte. Es bedurfte langer Zeit, ehe sie sich zu sammeln
vermochte. In einen einzigen Moment hatten sich unnennbare Schmerzen
zusammengedrngt. Sie hatte gewhnt, Himmel und Erde mten mit jener hohen
Gestalt zusammenstrzen und auch sie unter ihren Trmmern zerschmettern, und
noch jetzt, nachdem sie sich berzeugt hatte, da das goldene Morgenlicht in ihr
Stbchen und nicht auf die blutgetrnkte Waldwiese falle, vibrierten die
aufgestrmten Gefhle nach ... nicht einmal gestern, als sie ihr Leben fr das
seine wagte, war sie sich so klar bewut gewesen, da sie in einem solchen
Augenblicke mit ihm sterben msse.
    Wieder und wieder donnerte es drunten durch das Thal. Die Fensterscheiben
klirrten leise, und Hnschen flatterte entsetzt auf und klammerte sich an die
Stbe seines Kfigs. Elisabeth schauderte jedesmal zusammen, und als die Mutter,
die sich noch immer nicht ber den Vorfall des gestrigen Tages beruhigen konnte,
obgleich sie ihr Kind wohlbehalten und unverletzt sich zurckgegeben sah, an der
Tochter Bett trat, um zu fragen, wie sie geschlafen habe, da schlang diese
heftig die Arme um ihren Hals und brach in einen unaufhaltsamen Thrnenstrom
aus.
    Um Gotteswillen, Kind! rief Frau Ferber erschrocken, du bist krank! ...
Ich wute wohl, da die gestrige Nervenaufregung nicht ohne Folgen bleiben wrde
... und nun schieen sie auch noch so unvernnftig da unten.
    Es kostete Elisabeth viele Mhe, die Mutter zu berreden, da sie sich ganz
gesund fhle und um keinen Preis im Bette bleiben, sondern mit den anderen
zusammen Kaffee trinken wolle. Um jede Einwendung sofort abzuschneiden,
schlpfte sie in ihre Kleider, wusch das verweinte Gesicht mit frischem Wasser
und stand bald drauen am Herde, um die letzte Hand an das von der Mutter
vorbereitete Frhstck zu legen.
    Die Schsse waren pltzlich verstummt, und es whrte nicht lange, da waren
auch die Thrnenspuren aus Elisabeths Augen verwischt. Sie blickte wieder heller
in die Welt, denn wenn sie auch ein Leben voll Entsagen vor sich sah, so lebte
er ja doch; dieser Gedanke hatte infolge des frchterlichen Traumgesichts eine
beschwichtigende Kraft fr ihr unruhiges Herz ... und wenn er auch ging - weit
fort - und sie mute jahrelang leben, ohne ihn zu sehen, einmal kam doch eine
Zeit, da er wiederkehrte ... Und ihn lieben und an ihn denken durfte sie ja
auch, denn er gehrte ja keiner anderen.
    Spter ging sie mit den Ihrigen und Mi Mertens nach dem Forsthause, wohin
die Gesellschaft wie alle Sonntage fr den Mittag eingeladen war. Auf der Stirn
des Oberfrsters, der ihnen entgegenkam, lagen schwere Wolken. Wie Elisabeth
bald bemerkte, machte ihm Bertha schwer zu schaffen.
    Ich kann und werde diese Wirtschaft nicht lnger mehr mit ansehen! rief er
heftig. Soll ich in meinen alten Tagen noch Zuchtmeister werden und in meinem
eigenen Hause Tag und Nacht auf der Lauer stehen, um ein junges, eigensinniges
Ding, das mich eigentlich auf der Gotteswelt nichts angeht, von verrckten
Streichen abzuhalten?
    Onkel, bedenke, da sie unglcklich ist! rief Elisabeth erschrocken.
    Unglcklich? ... Eine Komdiantin ist sie ... ich bin auch kein
Menschenfresser, und als ich sie fr wirklich unglcklich hielt, das heit wie
sie beide Eltern auf einmal verlor, da bin ich ihr Stab und Sttze gewesen,
soviel nur in meinen Krften stand ... Aber da steckt das Unglck auch gar
nicht; denn dazumal, kaum zwei Monate nach dem Trauerfalle, trillerte sie den
ganzen Tag wie eine Heidelerche, so da mir das Herz weh gethan hat bei so viel
Leichtsinn und Herzlosigkeit ... Worber ist sie unglcklich, he? ... Ich will
es brigens auch gar nicht wissen, das Staatsgeheimnis, und wenn sie kein
Vertrauen zu mir hat, so mag sie's bleiben lassen ... Meinetwegen knnte sie
auch das ganze Jahr ein Thrnenweidengesicht machen, wenn sie sich nun einmal
darin gefllt; aber sich stumm stellen, des Nachts wie eine Verrckte im Walde
herumlaufen und mir eines schnen Tages das Haus ber dem Kopfe anbrennen, das
sind Dinge, in die ich denn endlich doch ein Wrtchen reden werde.
    Hast du denn meine Warnung neulich nicht beachtet? fragte Ferber.
    Ei freilich ... Ich habe ihr sofort eine andere Stube angewiesen, sie
schlft jetzt ber mir, so da ich jeden Tritt droben hren kann. Nachts werden
beide Hausthren nicht blo verriegelt, wie frher immer geschehen ist, sondern
auch zugeschlossen, und ich nehme die Schlssel mit in meine Kammer ... Aber
Weiberlist - nun, das ist eine alte Geschichte ... Wir haben durch die
Vorsichtsmaregeln wenigstens eine kurze Zeit Ruhe gehabt. Diese Nacht aber
konnte ich nicht einschlafen - die Geschichte mit dem Linke ging mir noch durch
den Kopf - da hrte ich droben Schritte, so leise, als ob eine Katze ber die
Dielen schliche. Aha, dachte ich, da geht das Nachtwandeln wieder los, und
machte mich auf; aber als ich hinauf kam, da war das Nest schon leer; auf dem
Tische am offenen Fenster brannte ein Licht, und als ich die Thr aufmachte, da
flog der Vorhang ber die Flamme - Herr Gott, wre ich nicht sofort
zugesprungen, es htte ein Feuerwerk geben knnen, bei dem die alten Balken im
Forsthause sicher gern mitgeholfen htten ... Und wie war sie hinausgekommen?
... Durchs Kchenfenster ... Ei, da will ich doch lieber einen Ameisenschwarm
hten, als solch eine geriebene Person ...
    Ich bin fest berzeugt, das Mdchen hat ein Liebesverhltnis, meinte Frau
Ferber.
    Ja, das haben Sie mir schon einmal gesagt, Frau Schwgerin, entgegnete der
Oberfrster rgerlich, wenn Sie mir aber auch dabei bemerken wollten, mit wem,
dann wrde ich Ihnen sehr dankbar sein ... Sehen Sie sich doch nur um, ob nur
ein einziger da ist, der einem Mdchen so den Kopf verdrehen knnte ... Meine
Gehilfen? ... Die sind ihr lange nicht gut genug, die hat sie gleich zu Anfang
ablaufen lassen, da es eine Art hatte ... und der Schurke, der Linke, der
wird's wohl auch nicht sein mit seinen krummen Beinen und der semmelfarbenen
Percke, und damit wre denn das Register voll.
    Einen haben Sie vergessen, sagte Frau Ferber bedeutsam und sah sich um
nach Elisabeth, die einige Schritt zurckgeblieben war, um fr Ernst eine Gerte
abzuschneiden.
    Nun? fragte der Oberfrster.
    Herrn von Hollfeld.
    Der Oberfrster blieb betroffen stehen. Hm, brummte er endlich, das wre
mir auch in meinem ganzen Leben nicht eingefallen ... Nein, nein, fuhr er
lebhaft fort, das glaube ich nicht; denn erstens wird das Mdel nicht so
stockdumm sein, sich einzubilden, der werde sie zur gndigen Frau auf Odenberg
machen -
    Vielleicht hat sie das doch gehofft und sieht sich nun enttuscht, warf
Frau Ferber ein.
    Hochmtig und eitel genug wre sie am Ende, meinte der Onkel nachdenklich,
aber er - er soll sich ja ganz und gar nichts aus den Weibern machen.
    Er ist ein kalter Egoist, sagte Mi Mertens.
    Das letztere glaube ich - das erstere aber nicht, erwiderte Frau Ferber,
und eben diese Anschauung erklrt mir Berthas ganzes Thun und Treiben.
    I, das wre ja eine greuliche Geschichte! rief der Oberfrster zornig.
Und ich htte mir in meiner Arglosigkeit und Nachsicht eine Nase drehen lassen,
wie nur irgend ein alter, bornierter Komdienvater! ... Ich werde der Sache
jetzt unerbittlich auf den Hals rcken, und wehe der ehrvergessenen Person, wenn
sie es wirklich gewagt hat, unter meinem ehrlichen Dache eine Liebelei
anzuzetteln, die ihr und mir nur Schande bringen kann!
    Das Mittagessen verlief sehr still. Der Oberfrster war und blieb verstimmt
und htte am liebsten Bertha sogleich in die Beichte genommen, wenn nicht Frau
Ferber gebeten htte, er mge des Sonntags gedenken. Nach dem Kaffee verlieen
die Gste das Forsthaus. Der Onkel warf die Bchse ber die Schulter, ging mit
hinauf bis vor das Mauerpfrtchen und verlor sich dann in den Wald, der, wie er
sagte, ihn stets beruhigte und wieder zu sich selbst brachte.
    Elisabeth schmckte sich zum Konzert, d.h. sie zog ein einfaches, weies
Mullkleid an und steckte als auergewhnlichen Schmuck ein frisches
Waldblumenboukett an die Brust. Die Mutter brachte ein kleines Medaillon am
schwarzen, schmalen Samtbndchen und legte ihr dasselbe um den Hals - das war
die Konzerttoilette, die gewi jedes andere junge Mdchen, im Hinblicke auf sein
Erscheinen in einer glnzenden Gesellschaft, mit einem bedrckten Gefhle
angelegt haben wrde. Elisabeth dagegen fand mit groer Genugthuung, da das
schon so oft gewaschene Kleid noch nie so tadellos unter ihrem Pltteisen
hervorgegangen sei, als diesmal, und htte am liebsten den kleinen goldenen
Schmuck der Mutter wieder abgelegt; denn sie war der Ansicht, da unten sei sie
ja nur Musikant und nicht Gesellschaft, und die Hauptsache seien heute ihre
Finger. Es beunruhigte sie brigens einigermaen, da sich an diese Finger ein
entblter Arm schlo, und da das Kleid auch die Schultern frei lie. Bis dahin
war sie stets bis an das Kinn verhllt gegangen; sie begriff nicht, weshalb die
vornehme Welt es passender finde, bei festlichen Gelegenheiten dekolletiert zu
gehen ... Da ihre Schultern und Arme reizend geformt und von einem fast
glnzenden Wei waren, fiel ihr selbst nicht auf, so wenig, als sie bemerkte,
wie ihr schner Kopf voll schwerer, blonder Flechten im Vereine mit dem
schlanken Halse und den Schultern eine unbeschreiblich grazise Linie bildete.
Die Mutter hatte heute das goldene Lockengekrusel selbst geordnet, das auf
Elisabeths Stirn fiel und durch seinen lichten Glanz die feinen, aber festen
Bogen der schwarzen Augenbrauen, als einen eigentmlichen Reiz, wunderbar
hervortreten lie ... Sie konnte Mi Mertens nicht widersprechen, die, nachdem
Elisabeth den Weg ins Schlo angetreten hatte, begeistert meinte, der Anblick
des jungen Mdchens habe etwas Ueberirdisches, denn sie selbst hatte heute
berrascht die Bemerkung gemacht, da ihr Kind in auffallender Schnheit erblht
sei.
    Als Elisabeth das Vestibl im Lindhofer Schlosse betrat, bemerkte sie den
Doktor Fels, der, seine Frau am Arme fhrend, eben in einen Korridor einbiegen
wollte. Sie eilte auf ihn zu und begrte ihn freudig, denn ihr Herz hatte auf
dem ganzen Wege ngstlich geklopft bei dem Gedanken, da sie allein in den
weiten Saal werde eintreten mssen, wo voraussichtlich schon der grte Teil der
Geladenen versammelt war. Der Doktor reichte ihr sogleich die Hand und stellte
sie seiner Frau mit halblauter Stimme als das Heldenmdchen von gestern vor.
Beide nahmen das junge Mdchen herzlich gern ins Schlepptau ... Die hohe
Flgelthr des Saales rauschte auf. Elisabeth dankte in diesem Augenblicke ihrem
guten Sterne, der sie hinter der imposanten Gestalt der Doktorin vllig
verschwinden lie, denn der Eindruck des groen, festlich geschmckten Raumes,
ber dessen spiegelglattes Parkett prachtvolle Damenroben rauschten, und die
feinen Lackstiefel der vornehmen befrackten Herren hinglitten, hatte etwas
Ueberwltigendes fr sie ... Inmitten des Saales stand die Baronin Lessen, von
einem prchtigen, dunkelblauen Moir antique umbauscht, und machte die Honneurs.
Sie erwiderte den Gru des eintretenden Ehepaares sehr hflich, aber auch sehr
khl, und deutete auf des Doktors Frage nach Herrn von Walde auf einen
Menschenknuel, nahe am Fenster, von welchem ein Gesumm, unverstndlich wie die
babylonische Sprachverwirrung, herberscholl.
    Whrend Fels mit seiner Frau dorthin schritt, folgte Elisabeth froh und
dankbar einem Winke Helenes, die, in einem andern Fenster sitzend, ihr hastig
und aufgeregt mitteilte, da sie pltzlich vom sogenannten Lampenfieber
berfallen worden sei; sie habe entsetzliche Angst, vor all diesen Leuten zu
spielen, und mchte am liebsten in ein Museloch kriechen. Schlielich bat sie
das junge Mdchen, statt der vierhndigen Piece, mit der das Konzert erffnet
werden sollte, eine Sonate von Beethoven zu spielen, ein Wunsch, auf den
Elisabeth sofort einging. Ihre Befangenheit war verflogen. Sie trat an den
Tisch, auf welchem die Musikalien lagen, und schlug die Sonate auf, die sie
vortragen wollte. Whrenddem fuhren drauen Wagen auf Wagen donnernd in die
Einfahrt. Die Thren ffneten sich unermdlich und befrderten nach und nach
einen solchen Ueberflu von Tll und Spitzen und Samt und Seide in den Saal, da
Elisabeth bedauerlich lchelnd auf ihr schn gebgeltes Mullkleid hinabsah, denn
einmal zwischen jenes Krinolinengedrnge geraten, mute es auf der Stelle seine
tadellose Gltte einben.
    Aus der Begrung der Baronin konnte sie sehr leicht erkennen, auf welcher
Rangstufe die Eingetretenen standen. Mittels einer einzigen Wendung des
federgeschmckten Hauptes schwebte die Dame sofort ber dem Fahrwasser
freundschaftlichen Verkehrs, wenn brgerliches Element in ihre Nhe kam, und
dieses brgerliche Element that auch alles, jenen hohen, unnahbaren Standpunkt
streng zu respektieren und anzuerkennen. Zuerst strmten gewhnlich alle
Ankommenden auf den Wink der Baronin nach dem Fenster, wo Herr von Walde stehen
sollte - von ihm selbst sah Elisabeth keine Spur, denn der Ring, den die
Glckwnschenden bildeten, war stets undurchdringlich - dann verteilten sie sich
in einzelne Gruppen, die entweder ruhig der Dinge harrten, die da kommen
sollten, oder eine Unterhaltung auf eigene Faust anknpften.
    In diesem Augenblicke rauschte abermals die Thr auf, und eine alte
korpulente Dame hinkte am Arme eines ebenso bejahrten, vielfach dekorierten
Herrn, und von Frulein von Quittelsdorf begleitet, in den Saal. Die Baronin
eilte den Eintretenden entgegen, auch Frulein von Walde erhob sich mhsam und
trat, von Hollfeld gefhrt, auf das alte Paar zu, whrend die um sie
versammelten Damen ihr folgten, wie ein Kometenschweif. Der Menschenknuel am
Fenster lste sich ebenfalls wie durch einen Zauberschlag, und Herrn von Waldes
hohe Gestalt wurde sichtbar.
    Man mu zu Ihnen kommen, wenn man Sie sehen will, Sie Unartiger! rief die
alte Dame, indem sie, mit dem Finger drohend, auf ihn zuwackelte. Hat denn das
schne Spanien jede Erinnerung an Ihre alten Freunde verwischt? ... Sie sehen,
trotz meiner kranken Fe, und obgleich ich mich von Ihnen schmerzlich
vernachlssigt fhle, komme ich heute doch, um unter denen nicht zu fehlen, die
Ihnen ihre Glckwnsche aussprechen.
    Er verbeugte sich und sagte ihr einige Worte, worauf sie ihm lachend einen
leichten Schlag auf die Schulter versetzte; dann fhrte er sie zu einem
Fauteuil, auf welchem sie sich mit groer Grandezza niederlie.
    Die Frau Baronin von Falkenberg, Oberhofmeisterin am Hofe zu L.,
antwortete die Doktorin auf Elisabeths Frage, wer die alte Dame sei. Frulein
von Quittelsdorf sah heute wunderschn aus in ihrem weien Kreppkleide und einen
brennend roten Malvenkranz auf ihr dunkles Haar gedrckt, als sie sich in
ehrerbietigster Weise um ihre Vorgesetzte bemhte, wobei sie jedoch nicht
unterlie, dann und wann einen schalkhaften Blick auf Frulein von Walde zu
werfen.
    Das Erscheinen der Gste vom Hofe war das Signal zum Beginn des Konzerts.
Elisabeth hrte fast ihr Herz klopfen. Noch stand sie hinter der Doktorin; noch
konnte sie ihr Gesicht verbergen vor all den Augen, die im nchsten Momente auf
ihr haften, jeder ihrer Bewegungen folgen wrden. Eine unsgliche Scheu berkam
sie pltzlich, und sie bereute bitter, da sie darauf eingegangen war, zuerst
allein zu spielen ... ... Sie bebte, als Frulein von Walde ihr winkte, zu
beginnen; aber nun half kein Struben mehr ... Sie schpfte tief Atem, nahm das
Notenheft und schritt langsam, mit gesenkten Augen zum Klavier, wo sie sich
schchtern verbeugte.
    Zuerst entstand atemlose Stille, dann lief ein Geflster von Mund zu Mund,
das aber sofort erlosch, als das junge Mdchen die Tasten berhrte. Auch
Elisabeths Angst und Beklemmung entwichen bei dem ersten Akkorde. Sie war ja
nicht mehr allein, er war ja bei ihr, an dessen Hand sie unzhligemal ber
sonnige Halden, an dunklen Abgrnden vorber, durch Sturm und Wetter geschritten
war, der se Ahnungen in ihr geweckt und alle heiligen und erhabenen
Empfindungen ihres Herzens in unendlichem Wohlklange zusammenfate ... er, der
ihr so lieb und vertraut war, wie das Gesicht der Mutter, wenn sie auch scheu
den Blick senken mute vor der feurigen Glorie, die sein gewaltiges Haupt
umzuckte ... Die geschmckten Damenkpfe, die sich drben an den Wnden
hinreihten, die Lorgnetten- und Brillenglser, welche in der Sonne funkelnd,
beharrlich ihre Blitze auf die einsame Spielerin mitten im Saal schleuderten,
alles verschwand, sie war allein mit dem groen Beherrscher der Tne und folgte
entzckt jeder Wendung seines schpferischen Geistes.
    Ein wahrer Beifallssturm schreckte sie auf, als sie geendet hatte. Sie
verbeugte sich und floh dann frmlich zu ihrer Beschtzerin, der Frau Fels, die
ihr, sprachlos vor innerer Bewegung, beide Hnde entgegenstreckte.
    Das Konzert dauerte nicht lange. Vier junge Herren aus L. sangen ein
hbsches Quartett, dann folgte der Vortrag eines tchtigen Geigenspielers.
Frulein von Quittelsdorf sang auch zwei Lieder mit schner Stimme, aber ohne
Gehr, so da bei jedem hohen Tone die Gesellschaft entweder unwillkrlich und
angstvoll auf den Sthlen hin und her rckte oder verlegen den Blick auf den
Boden richtete. Auch eines der so lange einstudierten vierhndigen Musikstcke
kam an die Reihe. Frulein von Walde hatte ihre Fassung wiedergewonnen und
spielte im Vereine mit Elisabeth vortrefflich.
    Als das Konzert zu Ende war, trat Elisabeth in die Thr eines Nebenzimmers,
um ihre Mantille zu holen. Fast auf dem Fue folgte ihr ein ltlicher Herr, der
ihr gegenber gesessen und sie fortwhrend mit groer Aufmerksamkeit betrachtet
hatte. Die Doktorin, die mit Elisabeth gegangen war, stellte ihn auf sein
Verlangen dem jungen Mdchen vor als den Herrn Kreisgerichtsdirektor Busch. Er
sagte ihr viel Schnes ber ihr Klavierspiel und fgte hinzu, es sei fr ihn von
groem Interesse, die khne Lebensretterin des Schloherrn kennen zu lernen; er
habe um so eiliger die heutige Gelegenheit ergriffen, als ihm seit einigen
Stunden die Hoffnung genommen sei, in der Untersuchung der Attentatsgeschichte
mit ihr verkehren zu drfen.
    Elisabeth fuhr erschrocken zurck. Er lachte laut und herzlich.
    Nun, nun, entsetzen Sie sich nicht nachtrglich, mein Frulein! rief er
endlich. Wir haben ja, wie ich Ihnen eben sagte, leider keine Veranlassung
mehr, Sie vor unsere Schranken zu laden ... Linke hat die ganze Angelegenheit
mittels eines einzigen Sprunges niedergeschlagen - seine Leiche wurde heute
nachmittag aus dem Teiche bei Lindhof gezogen, fgte er mit gedmpfter Stimme
hinzu. Man machte mir die Meldung im Gasthofe, wo ich abgestiegen war. Ich
begab mich in Begleitung des Wahlheimer Arztes, der sich zuflligerweise im
Gastzimmer befand, nach dem Schauplatze des Verbrechens und habe mich berzeugt,
da sich jene Hand nie wieder gegen das Leben eines andern erheben wird ... Der
Zustand der Leiche beweist, da Linke sofort nach dem Milingen seiner
verbrecherischen Absicht den Tod gesucht hat.
    Elisabeth schauderte. Wei Herr von Walde dies schreckliche Ende? fragte
sie mit bebender Stimme.
    Nein, ich fand noch keine Gelegenheit, ihn allein zu sprechen.
    Von allen Anwesenden scheint niemand eine Ahnung zu haben von dem, was
gestern geschehen ist, sagte Frau Fels.
    Glcklicherweise nicht, und dank unserer Umsicht und Verschwiegenheit,
entgegnete der Kreisgerichtsdirektor ironisch. Der arme Herr von Walde hat sich
ohnehin kaum retten knnen vor der Gratulantenberschwemmung; wehe, wenn die
Veranlassung eine doppelte gewesen wre, ihn seines Daseins wegen zu
beglckwnschen!
    Der Hausverwalter Lorenz nherte sich in diesem Augenblicke Elisabeth und
prsentierte ihr einen kleinen silbernen Teller, auf welchem mehrere
Papierrllchen lagen. Als ihn das junge Mdchen erstaunt ansah, sagte er
respektvoll: Bitte, haben Sie die Gte, eines der Papiere an sich zu nehmen.
    Elisabeth zgerte.
    Es wird sich um irgend einen Scherz handeln, meinte die Doktorin. Nehmen
Sie schnell, damit der Hausverwalter nicht lnger aufgehalten wird.
    Fast mechanisch ergriff das junge Mdchen ein Rllchen, fuhr aber
erschrocken zurck, als die Baronin Lessen pltzlich in der Thr erschien und
einen forschenden Blick in das Zimmer warf.
    Nun, sagte die Eingetretene rasch, indem sie auf den alten Diener
zuschritt, was thun Sie hier, Lorenz? ... Sie knnen sich doch denken, da Frau
Fels sich nicht entschlieen wird, mit einem andern als ihrem Herrn Gemahl zu
gehen!
    Ich habe dem Frulein Ferber prsentiert, gndige Frau, entgegnete der
alte Mann.
    Die Baronin schleuderte ihm einen wtenden Blick zu, dann ma sie das junge
Mdchen von Kopf bis zu Fen. Wie, Frulein Ferber, sagte sie schneidend,
Sie sind noch hier? ... Ich glaubte Sie lngst zu Hause auf Ihren Lorbeeren
ruhend.
    Ohne eine Antwort abzuwarten, trat sie wieder ber die Schwelle, wandte sich
aber nochmals, den Kopf schttelnd, zurck nach dem verblfft dastehenden
Hausverwalter und zuckte mit den Achseln.
    Sie waren wieder einmal recht zerstreut, Lorenz, eine Schwche, die sich
leider in der letzten Zeit oft sehr unangenehm fhlbar macht.
    Mit diesen Worten rauschte sie hinaus, whrend ihr der Alte geruschlos
folgte. Er erwiderte auf ihre malizise Zurechtweisung nicht eine Silbe, aber in
sein blasses Gesicht trat eine leichte Rte, und die weien, buschigen Brauen
zogen sich dergestalt zusammen, da die gutmtigen Augen fast verschwanden.
    Noch standen die drei Zurckbleibenden und sahen sich erstaunt an, als der
Doktor hereintrat. Er machte eine tiefe, komische Verbeugung vor seiner Frau und
sagte feierlich:
    Sintemalen Frulein von Quittelsdorf soeben die Gnade gehabt hat, uns
abermals zusammenzuthun, wie bereits vor fnfzehn Jahren durch Priesterhand
geschehen, so bin ich gewillt, das sanfte Joch der Ehe geduldig
weiterzuschleppen und heute ausschlielich an deiner Seite, vielgetreues
Ehegespons, genhrt und gepflegt von deiner zartwaltenden Hand, die Freuden des
Tages zu genieen!
    Was fllt denn dir ein, lieber Mann? rief erstaunt und lachend die
Doktorin.
    Bitte, das ist nicht mein Einfall ... Ach, ich merke, du hast Frulein von
Quittelsdorfs schwungvolle Rede nicht mit angehrt ... wie schade! ... Ich sehe
mich also gentigt, dir hiermit zu sagen, da jegliches Ehepaar, gleichviel, ob
auf dem Kriegsfue stehend oder nicht, binnen jetzt und einer Viertelstunde sich
hbsch eintrchtig nach dem Nonnenturme im Walde zu verfgen hat, allwo ein
lndliches Fest gefeiert werden soll. Dort hast du die Verpflichtung, mich zu
bedienen, respektive mir so viel Essen und Trinken herbeizuschaffen, wie mein
Herz begehrt, und berhaupt fr mein Wohlbefinden zu sorgen, wie es nur je die
vielgefeierte Penelope gethan ... Damit aber die unbeweibten Mnner, die in der
Mehrzahl hier vertreten sind, nicht zu kurz kommen, d.h. wenn sie es fr einen
Vorzug halten wollen, da ihnen der Mund gestopft wird, so hat man hchst
sinnreich eine Art Lotterie veranstaltet. Jede unverehelichte Dame zieht ein mit
dem Namen eines unverheirateten Herrn versehenes Papierrllchen, und es bleibt
nun Fortuna und Amor berlassen, ob sie begnstigen oder hmischerweise zwei
zrtliche Herzen trennen wollen.
    Elisabeth geriet bei diesem Berichte in eine unbeschreibliche Aufregung. Sie
hatte nicht weiter darber nachgedacht, ob sich an das Konzert eine andere
Festlichkeit reihen werde. Jetzt wurde ihr klar, weshalb die Baronin gestern den
Schlu des Konzerts und ihr Nachhausegehen so eigentmlich betont hatte ... Ihre
Wangen glhten vor Beschmung, denn sie hatte sich mit der Annahme des
Papierstreifens, den der Hausverwalter aus Versehen ihr prsentiert hatte, und
der in diesem Augenblicke wie Feuer in ihrer Hand brannte, den Anschein einer
grenzenlosen Aufdringlichkeit gegeben. Rasch entschlossen trat sie in den Saal,
wo eben das Oeffnen der verhngnisvollen Rollen unter Lachen und gegenseitigen
Verbeugungen der Herren und Damen vor sich ging.
    Welche abgeschmackte Idee von der Quittelsdorf! sagte eben, als Elisabeth
vorberging, ein junger adliger Aktuar verdrielich zu seinem Nachbar. Jetzt
habe ich die dicke, fromme Lehr auf dem Halse - Fi donc!
    Das junge Mdchen brauchte die Baronin nicht lange zu suchen; sie stand
ziemlich abgesondert in der Nhe des einen Fensters. Frulein von Quittelsdorf,
die Oberhofmeisterin und Helene standen bei ihr in lebhaftem, aber, wie es
schien, nicht sehr angenehmem Wortwechsel. Die Oberhofmeisterin sprach heftig
auf Frulein von Quittelsdorf hinein, die ein um das andere Mal ratlos mit den
Achseln zuckte. Auf dem Gesichte der Baronin Lessen spiegelte sich der tiefste
Verdru, es htte diesmal der zwei roten Flecken nicht bedurft, um zu erkennen,
da sie sich schwer rgerte. Nicht weit von der Gruppe, an einem Pfeiler, lehnte
Herr von Walde mit verschrnkten Armen; er schien nur mit halbem Ohre auf die
Mitteilungen des alten neben ihm stehenden, dekorierten Begleiters der
Oberhofmeisterin zu hren, whrend seine Augen unablssig auf den
gestikulierenden Damen ruhten.
    Elisabeth schritt eilig auf die Baronin zu. Sie konnte nicht umhin, zu
bemerken, wie Frulein von Quittelsdorf bei ihrem Erblicken die Oberhofmeisterin
leicht anstie, und wie diese sich daraufhin umdrehte und einen feindseligen
Blick auf sie richtete. Sie erkannte, da sie der Gegenstand der Debatte gewesen
war, und beeilte ihre Schritte, um so schnell wie mglich den unwrdigen
Verdacht zurckzuweisen.
    Gndige Frau, sagte sie, sich leicht verbeugend, zu der Baronin, ich
habe, ohne zu wissen, um was es sich handle, infolge eines Miverstndnisses
dies Papier an mich genommen und erfahre in diesem Augenblicke, da mit
demselben eine Verpflichtung verknpft ist, die ich nicht auf mich nehmen kann,
denn meine Eltern erwarten mich.
    Sie reichte die kleine Rolle der Baronin, die, urpltzlich einen wahren
Sonnenschein in ihren Zgen entwickelnd, hastig danach griff.
    Ich glaube, Sie sind im Irrtume, Frulein Ferber! rief pltzlich Herr von
Walde mit seiner ruhigen, klangvollen Stimme herber. Vor allem haben Sie sich
wohl bei dem Herrn zu entschuldigen, dessen Namen das Papier enthlt; von ihm
hngt es ab, ob er Sie freigeben will oder nicht. Sein Auge flog whrend er
eigentmlich lchelte, ber die Anwesenden, die sich bereits paarweise gruppiert
und zum Fortgehen gerstet hatten; selbst der alte Kavalier schritt eben auf die
Oberhofmeisterin zu und reichte ihr galant den gekrmmten Arm. Herr von Walde
fuhr fort, indem er langsam nher trat: Als Hausherr, der keine
Beeintrchtigung eines Gastes dulden darf, mu ich Sie bitten, mein Frulein,
das Papier zu ffnen.
    Elisabeth gehorchte schweigend und reichte ihm tief erglhend den
entfalteten Papierstreifen hin. Er warf einen Blick auf den Zettel.
    Ah! rief er. Ich habe, wie ich sehe, meine eigenen Rechte gewahrt! ...
Sie werden mir zugeben, Frulein, da es vllig in meiner Hand liegt, ob ich
Ihre Entschuldigung beachten will oder nicht; ich ziehe das letztere vor und
bitte Sie, streng der Verpflichtung nachzukommen, die Ihnen dies kleine
Stckchen Papier auferlegt.
    Die Baronin nherte sich ihm und legte die Hand auf seinen Arm. Es sah fast
aus, als ob sie mit dem Weinen kmpfe.
    Verzeihe, lieber Rudolf, sagte sie, es ist wirklich nicht meine Schuld!
    Ich wei nicht, welche Schuld du meinst, Amalie, erwiderte er eiskalt,
aber du hast den richtigen Moment gewhlt, wenn du Verzeihung suchst, ich
knnte in diesem Augenblicke viel Bses vergessen, was mir widerfahren ist.
    Er griff nach dem Hute, den ihm ein Bedienter brachte, reichte Elisabeth den
Arm und gab das Signal zum Aufbruche.
    Aber meine Eltern! stammelte Elisabeth.
    Sind sie krank, oder wollen sie in diesem Augenblicke verreisen? fragte er
stehen bleibend.
    Beides nicht.
    Nun, dann lassen Sie mich dafr sorgen, da sie den Grund Ihres Ausbleibens
erfahren.
    Er rief einen Bedienten und schickte ihn sofort hinauf nach Gnadeck.
    Whrend der Saal sich allmhlich leerte, blieb die Gruppe, zu der sich auer
dem alten Kavalier auch noch Hollfeld mit einem sehr verdrielichen Gesicht
gesellt hatte, am Fenster stehen.
    Es geschieht Ihnen ganz recht, Cornelie, zrnte die Oberhofmeisterin. Sie
haben sich heute blamiert fr alle Zeiten ... Welch ein hirnloser Gedanke, diese
Lotterie! ... Wie oft schon habe ich gegen Ihre Farcen geeifert, denen leider
unsere gndigste Frstin auch manchmal ein williges Ohr leiht! ... Nun soll der
Hausverwalter schuld sein! Warum haben Sie ihn nicht gehrig instruiert? ... Sie
halten sich fr eine Hofdame par excellence und wissen nicht einmal, da diese
Art Leute nie ihre eigenen Gedanken haben drfen? ... Ihnen gnne ich diese
Lehre von Herzen, wenn nur nicht gerade der unglckliche Walde das Opfer Ihres
Leichtsinns sein mte! ... Da hat er nun das blonde Gnschen am Arme, er, der
sich in seinem stolzen aristokratischen Bewutsein unzhlige Male des Fehlers
schuldig gemacht hat, es nicht zu bemerken, wenn sehr hochgestellte Damen von
ihm gefhrt zu sein wnschten ... Wie mag ihm zu Mute sein gegenber dieser
kleinen Klavierlehrerin, der Tochter eines - Forstschreibers!
    Warum opfert er sich so bereitwillig? entgegnete Frulein von
Quittelsdorf; es war ganz unntig, da er sich in den Handel mischte. Die
Kleine war ja im Begriffe zu gehen; nein, da tritt er vor, wie der Ritter ohne
Furcht und Tadel, und nimmt die Last freiwillig auf sich.
    Nun, diese Last ist wenigstens blendend schn! hstelte der alte Kavalier
mit einem frivolen Lcheln.
    Was fllt Ihnen ein, Graf? rief die Oberhofmeisterin. Das ist wieder
einmal eine Bemerkung, ganz Ihrer wrdig, der Sie sich fr jedes runde
Bauerngesicht enthusiasmieren ... Uebrigens leugne ich nicht, da die Kleine
hbsch ist - aber war nicht die arme Rosa von Bergen ein wahrer Engel an
Schnheit? Hunderte haben ihr zu Fen gelegen; der Walde aber, auf den sie sich
kapriziert hatte, ist wie ein Gletscher an ihr vorbergegangen ... Nein, fr
weibliche Schnheit und Liebenswrdigkeit hat er kein Verstndnis! ... Ich habe
ihn auch lngst vom Register der Heiratsfhigen fr meine jungen Protegs
gestrichen ... Weshalb er sich heute gromtig opfert, das hat er ja eben
deutlich genug ausgesprochen. Er ist innerlich befriedigt und beglckt durch die
groe Teilnahme und Aufmerksamkeit, die wir alle ihm heute an den Tag gelegt
haben, und will alles, selbst das kleine Ding, das brigens ganz nett gespielt
hat, froh und heiter sehen ... Ich rate Ihnen, liebste Lessen, knftig bei
dergleichen Arrangements dem Takte und Talente unserer Quittelsdorf nicht allzu
unbedingt zu vertrauen.
    Die Hofdame bi sich auf die Lippen und warf heftig ihren Spitzenshawl ber
die Schultern. Drauen rollte der Wagen vor, der die Hofmeisterin und Helene in
Begleitung der Baronin und des Grafen nach dem Festplatze bringen sollte.
    Die alte Katze! rief Frulein von Quittelsdorf, nachdem sie der
Oberhofmeisterin in den Wagen geholfen und darin fr die Bequemlichkeit der Dame
gesorgt hatte. Sie ist wtend, da man bei dem Arrangement nicht erst ihren
hochweisen Rat eingeholt hat ... Haben Sie nicht gesehen, Hollfeld, beinahe wre
Ihrer Exzellenz der falsche Scheitel auf die Nase gefallen, als sie so zornig
mit dem Kopfe wackelte? Ich htte mich vierzehn Tage lang nicht beruhigen knnen
vor Lachen, wenn pltzlich unter dem Blumengarten ihrer Haube der kahle Kopf zum
Vorschein gekommen wre!
    Sie wollte sich auch jetzt ausschtten vor Lachen bei dem Gedanken. Ihr
Begleiter aber schritt wortlos, als habe er von ihrem ganzen, langen Geschwtze
nicht eine Silbe gehrt, immer rascher vorwrts. In seinem ganzen Wesen lag eine
auffallende Hast und Unruhe. Es schien ihm offenbar daran zu liegen, die
vorausgegangene Gesellschaft so schnell wie mglich zu erreichen. Sein Blick
eilte stets weit voraus und drang nach allen Richtungen hin in das Gebsch; nur
wenn der Schimmer eines weien Kleides in der Ferne auftauchte, dann blieb er
einen Augenblick stehen, als wolle er beobachten.
    Nein, Sie sind doch zu langweilig, Hollfeld! Langweilig bis zum Sterben!
rief die Hofdame rgerlich. Sie haben zwar das Privilegium, stumm zu sein wie
ein Fisch, um dabei doch fr einen geistreichen Mann zu gelten ... wo ich aber
in diesem Momente Ihren Geist suchen soll, wei ich wahrhaftig nicht ...
Weshalb, um Gotteswillen, rennen Sie denn so? ... Und denken Sie, wenn ich
bitten darf, doch an mein nagelneues Kreppkleid, das alle Augenblicke an den
Bschen hngen bleibt, an denen Sie mich vorbeizerren wie ein armes
Schlachtopfer!
    Der sogenannte Nonnenturm, das einzige standhafte Ueberbleibsel eines
ehemaligen Frauenklosters, lag tief versteckt in einem Eichen- und Buchenforste,
auf dem Waldgebiet, das zu dem Gute Lindhof gehrig, sich meilenweit nach Osten
hin erstreckte.
    Ein Frulein von Gnadewitz, die Schwester jenes Ahnherrn mit dem Rade, hatte
das Kloster erbaut, um mit noch zwlf anderen Jungfrauen fr das Seelenheil des
schmhlich Dahingegangenen zu beten. Viele Jahre lang hatten die mchtigen Aeste
der Eichen an die Zellenfenster geklopft und sich ber die Mauer in den engen
Garten geneigt. Sie hatten gesehen, wie manches junge, frische Menschenkind
hastig den schmalen, stillen Waldweg dahergeschritten kam, in fieberhafter
Ungeduld an dem schrillen Pfortenglcklein reiend, als drfe der verheiene
Frieden da drinnen nicht um eine Minute verzgert werden ... Sie hatten gesehen,
wie dann hinter den nie wieder zu lsenden Riegeln der schweigende Mund der
Nonne erblate, wie ihre wachsbleichen Hnde krampfhaft das Kruzifix
umschlossen, wie ihre wundgeriebenen Kniee immer wieder auf das Steinpflaster
sanken, whrend der Blick angstvoll am Boden irrte - denn der heitere, blaue
Himmel da droben, der sich auch drauen ber den genieenden Weltkindern wlbte,
rief glckliche Erinnerungen wach und hauchte Lebensluft und frhliche Sehnsucht
in die Brust, die unwiderruflich eingesargt war in das hrene Ordensgewand.
    Die Reformation, welche die Klster umstie wie Kartenhuser, war auch durch
den stillen Wald geschritten und hatte mit gewaltigem Finger ber die Mauern des
dunkeln Hauses gestreift, das, um Verbrechen und Elend zu shnen, dem Fluche
seiner Entstehung zufolge, stets neues Elend umschlo ... Und siehe da, selbst
das Scheinleben entfloh nach allen vier Winden - ein Stein nach dem andern
rollte herab neben die alten Eichenstmme, deren Wipfel ihn einst als zierlich
gemeielten Fenstersims oder als stattliches Glied der Mauer berhrt hatten, und
die nun jahraus, jahrein ihr Laub auf ihn streuten, bis er versank, weicher
gebettet, als die Nonnenleichen da drunten, die der Sage nach samt und sonders
in einem unterirdischen Grabgewlbe schliefen.
    Der Turm stieg viereckig, plump und schmucklos in die Hhe. Droben auf dem
platten Dach, das eine steinerne Galerie umgab, endete die Treppe in einem engen
viereckigen Raume, den eine schwere Eichenthr verschlo. Von dem Plateau aus
geno man eine reizende Fernsicht nach L. Diesem Vorzuge hatte wohl
hauptschlich der Turm sein durch aufbessernde Menschenhnde gefristetes Dasein
zu verdanken. Mchtige Eisenklammern umschnrten die Ecken, und zahllose Adern
frischen Mrtels ringelten sich durch das geschwrzte Gemuer, so da der alte
Bau von weitem aussah, wie ein riesiger Achat.
    Heute aber hatte sich der alte Bursche ausstaffiert wie ein junges Blut, das
auf die Wanderschaft gehen will. Frische Reiser, d.h. vier krftige Tannenbume
steckten auf seinem alten Hute, und darber her wehten ungeheure Fahnen und
schwammen wie helle Schwne ber den grnen Wogen der Baumwipfel. Er, der zwar
bisher Tag und Nacht ein trautnachbarliches Gesprch mit seinen Kameraden, den
Eichen, gefhrt hatte, nie aber auch nur fingerbreit von seinem wrdevollen
Standpunkte aus ihnen entgegengerckt war, er griff heute mit grnen Armen keck
an ihr ehrwrdiges Haupt, es waren lange Guirlanden an den Mauern befestigt,
deren anderes Ende unter den Zweigen der Bume verschwand. Sogar ein langes
weies Taschentuch hing dem junggewordenen Springinsfeld aus der Tasche. Die
beiden freien Zipfel des Tuches waren stramm an zwei mit Laubwerk bekleideten
Tannenstmmen befestigt; es beschtzte einige Fchen, eine ganze Batterie
bestaubter, rotgesiegelter Bouteillen, zahllose Flaschen mit silbernen Kpfen in
Eiskbeln und ein neben all diesen Herrlichkeiten stehendes hbsches Mdchen in
Marketenderkostm vor den Sonnenstrahlen ...
    Elisabeth hatte willenlos und schweigend an Herrn von Waldes Arme den Saal
verlassen. Sie hatte trotz der Ueberzeugung, da sie gehen msse, nicht den Mut
gefunden, ihm zu widersprechen, zu sagen, da sie bei ihrem Entschlusse beharre.
Er hatte in einem so gebietenden Tone gesprochen, und - was ihr zumeist den Mund
verschlo - er war fr sie in die Schranken getreten und hatte ihr offenbar aus
der Verlegenheit helfen wollen; jeder Widerspruch htte in jenem Momente wie
Trotz aussehen mssen, auch wre durch eine Entgegnung ihrerseits das peinliche
Aufsehen erhht worden, dessen Gegenstand sie ohnehin schon geworden war.
    Hinter ihr streiften knisternd die seidenen Gewnder der Damen an die Wand
des Korridors. Lachend und plaudernd folgte der Menschenschwarm in langem Zuge
Herrn von Walde bis vor das Hauptthor, dann aber floh alles auseinander und
begab sich auf die verschiedenen Waldwege, die nach dem Nonnenturme fhrten.
Viele, die besondere Toilettercksichten zu nehmen hatten, blieben auf dem
breiten, gut gehaltenen Fahrwege. Herr von Walde hatte sicher keine Ahnung, da
seine Begleiterin ihr selbstgewaschenes und gebgeltes Mullkleid mit ebenso
ngstlichem Auge behtete, wie die anderen Damen ihre teueren Toiletten, sonst
wrde er sie sicher nicht auf den schmalen, wenig betretenen Weg gefhrt haben,
in den er pltzlich einbog.
    Hier ist es gewhnlich sehr feucht, brach Elisabeth mit schchterner
Stimme das Stillschweigen, denn es war bisher kein Wort zwischen ihnen gefallen.
Ihr Fu zuckte, als habe er die grte Lust, zurck statt vorwrts zu gehen.
Vielleicht dachte sie aber auch in diesem Augenblicke gar nicht an ihr Kleid und
ihre dnnen Schuhe, und sah nur den engen, grnen Laubgang vor sich, durch den
sie mutterseelenallein mit ihm gehen sollte, hrte bebend schon im Geiste seine
Stimme, die pltzlich rauh, ungeduldig und herrisch wurde, denn das war ja stets
der Fall, wenn er sich mit ihr allein sah.
    Es hat lange nicht geregnet; sehen Sie die Risse und Sprnge in dem
trockenen Boden? entgegnete er ruhig weiterschreitend und einen Zweig
abknickend, der Elisabeths Wange bedrohte. Wir kommen auf diesem Wege schneller
vorwrts und haben den Vorteil, auf eine Viertelstunde dem Geschnatter zu
entgehen, das meine Verwandten zur Verherrlichung meiner siebenunddreiig Jahre
heraufbeschworen haben ... Oder frchten Sie in dieser engen Gasse Linkes
Begegnung?
    Ein Schauder flog durch die Glieder des jungen Mdchens. Sie dachte an das
verzweiflungsvolle Ende des Verbrechers, aber sie konnte es nicht ber sich
gewinnen, Herrn von Walde diese Mitteilung zu machen.
    Ich frchte ihn nicht mehr! sagte sie ernst.
    Er hat auf alle Flle die Gegend verlassen, und wenn nicht, nun, so wird er
doch nicht so unhflich sein, den Leuten die Freude zu verderben, die sich nun
auch fr die gehabte Anstrengung des Glckwnschens amsieren wollen ...
Apropos, es wird Ihnen nicht entgangen sein, da ein jedes aus der Gesellschaft
mir heute einen Augenblick besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat; selbst das
jngste Gnschen im florenen Flgelkleide hat nicht versumt, mir seinen
huldigenden Knix zu machen und einen einstudierten Glckwunsch herzusagen ...
Sie halten mich wohl noch nicht fr alt genug, um mir ein noch lngeres Leben zu
wnschen?
    Ich meine, diesen Wunsch kann man der Jugend und dem krftigen Lebensalter
so gut aussprechen, wie den greisen Menschen; denn jene haben ebensowenig ein
Monopol fr die Lebensdauer, wie diese.
    Nun, warum kamen Sie dann nicht auch zu mir? ... Gestern retten Sie mir das
Leben, und heute ist es Ihnen so gleichgltig, da Sie nicht einmal die Lippen
ffnen und sagen mgen: Gott beschtze es auch ferner.
    Sie sagten vorhin selbst: Jedes aus der Gesellschaft, ich gehrte aber
nicht zu der Gesellschaft und durfte mich deshalb auch nicht in die Reihen der
Glckwnschenden drngen. Sie sprach hastig, denn schon grollte es in seiner
Stimme, und er machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Arme, auf welchem ihre
Hand lag.
    Sie waren doch eingeladen -
    Um die Eingeladenen zu amsieren.
    War diese bescheidene Ansicht einzig und allein der Grund, weshalb Sie
vorhin nicht mit mir gehen wollten?
    Ja, meine Weigerung galt durchaus nicht dem Herrn, dessen Name mir ja
vllig unbekannt war.
    Das machen Sie mir nicht weis, Sie muten ja auf den ersten Blick sehen,
da bereits smtliche Herren - mich ausgenommen - versagt waren; Sie wuten
sogar, da meine Schwester, ohne ein Papier zu ziehen, sich schon vorher
Hollfelds Begleitung ausgebeten hatte, weil sie an seinem Arme am sichersten
geht. - Gestehen Sie!
    Ich sah und wute gar nichts ... Ich war viel zu aufgeregt, als ich in den
Saal trat, um das Papier zurckzugeben; denn man hatte mir gestern ganz bestimmt
die Stunde genannt, zu welcher mir gestattet sein wrde, nach Hause zu gehen.
Da nach dem Konzerte irgend welche Festlichkeit folgen knne, darber hatte ich
gar nicht nachgedacht; mit der Annahme der kleinen Papierrolle habe ich mir eine
Gedankenlosigkeit zu schulden kommen lassen, die ich mir nie verzeihen werde.
    Er blieb pltzlich stehen.
    Sehen Sie mich einmal an! sagte er gebieterisch.
    Sie hob das Auge, und obgleich sie fhlte, da eine hohe Rte in ihr Gesicht
stieg, hielt sie seinen Blick doch aus, der zuerst flammend auf ihren Zgen
ruhte, dann aber in einem unbeschreiblichen Ausdrucke schmolz.
    Nein, nein, flsterte er wie fr sich mit weicher Stimme, es wre Snde,
hier an das abscheuliche Laster, die Lge, zu denken ... Ja, doppelte, fuhr er
in gnzlich verndertem, sarkastischem Tone fort - es klang fast, als wollte er
seine momentane Weichheit persiflieren - habe ich nicht selbst als
unfreiwilliger Zeuge den Ausspruch von Ihnen gehrt: Man brauche mehr Mut dazu,
eine offenbare Lge dreist zu sagen als einen Fehler zu bekennen?
    Das ist meine Ueberzeugung, ich wiederhole sie.
    Ah, es ist etwas Hohes um die Charakterfestigkeit! ... aber ich meine, wenn
man zu wahrhaftig ist, um seine Lippen mit einer Unwahrheit zu beflecken, so
darf man auch seinem Auge nicht gestatten, zu lgen ... ich kenne jedoch einen
Moment in Ihrem Leben, wo Sie sich anders zeigten, als Sie dachten.
    Das junge Mdchen zog verletzt die hand aus seinem Arme.
    O nein, so wohlfeil entkommen Sie mir nicht! rief er, sie festhaltend.
Jetzt heit es besttigen oder widerlegen ... Sie schienen neulich
gleichgltig, als ich das zrtliche Andenken meines Vetters, die Rose, wegwarf.
    Htte ich ihr nachspringen sollen?
    Allerdings, wenn Sie wahrhaftig waren.
    Elisabeth wute jetzt, weshalb er den einsamen Waldweg mit ihr betreten
hatte, sie sollte beichten, wie sie ber Hollfeld denke; es war richtig, wie sie
damals vermutet hatte, Herr von Walde war offenbar in groer Besorgnis, da sie
jene Huldigung seines Vetters zu hoch anschlagen und sich wohl gar einbilden
knne, er habe ihren brgerlichen Standpunkt vergessen. Jetzt war der Moment
gekommen, wo sie ihre Ansicht aussprechen durfte. Mit einer raschen Bewegung
befreite sie ihre Hand von der seinigen und trat einen Schritt seitwrts.
    Ich mu Ihnen zugeben, sagte sie, da mein Aeueres, wenn es in jenem
Augenblicke gleichgltig war, durchaus nicht im Einklange mit meinem Innern
gewesen ist.
    Sehen Sie! rief er, aber es lag nichts weniger als ein Triumph in diesem
Ausrufe.
    Ich war vielmehr entrstet.
    Ueber mich?
    Zunchst ber den unpassenden Scherz des Herrn von Hollfeld.
    Er hat Sie erschreckt - freilich -
    Nein, beleidigt. Wie konnte er es wagen, sich mir in der Weise
aufzudrngen! ... Ich verabscheue ihn!
    Sie hatte recht gehabt in ihrer Voraussetzung, aber da er einen solchen
auerordentlichen Wert auf ihren Ausspruch legen wrde, hatte sie nicht geahnt.
Es schien ihm eine Zentnerlast vom Herzen zu fallen ... Brach es nicht wie
heller Jubel aus den Augen, die eben noch in einem Gemische von Mitrauen, Hohn
und Bitterkeit auf sie gerichtet gewesen waren? Er schpfte tief Atem und
breitete pltzlich die Arme aus ... Elisabeth sah sich um nach dem unbekannten
Etwas, das seine leuchtenden Blicke in der Luft suchten, um es ohne Zweifel an
sein Herz zu ziehen. Sie entdeckte nichts, wohl aber fhlte sie ein heftiges
Zittern seiner Hand, als er die ihrige nahm und sie wieder auf seinen Arm legte.
Sie gingen einige Schritt weiter, er sprach kein Wort.
    Pltzlich blieb er wieder stehen.
    Wir sind in diesem Augenblicke ganz allein, sagte er mit unbeschreiblich
milder Stimme. Sehen Sie, nur ein Stckchen blaues Himmelsauge sieht auf uns
herab, keines jener Gesellschaftsgesichter drngt sich zwischen uns ... ich kann
und will Ihren Glckwunsch nicht entbehren ... Sagen Sie ihn jetzt, wo ihn
niemand hrt, als ich, ich ganz allein!
    Sie schwieg verlegen.
    Nun, wissen Sie nicht, wie man das macht? drngte er.
    O ja, entgegnete sie, und ein schelmisches Lcheln flog um ihren Mund,
ich habe Uebung darin; die Eltern, der Onkel, Ernst -
    Jedes hat seinen Geburtstag, fiel er lchelnd ein, aber Sie knnen es mir
nicht verdenken, wenn ich meinen Glckwunsch fr mich ganz allein haben will,
da ich verlange, er soll ganz anders klingen, als alle, die Sie bisher
ausgesprochen haben, denn ich bin weder Ihr Vater, noch der barsche
Frsteronkel, am allerwenigsten beanspruche ich die Rechte des Bruders, mit dem
Sie spielen ... Nun sprechen Sie!
    Sie schwieg abermals. Was sollte sie sagen? ... Sie hatte schon lngst die
Augen gesenkt, denn sie konnte den Blick nicht ertragen, der so peinlich
forschend, mit einem eigentmlichen Ausdrucke von ngstlicher Unruhe und
Erwartung tief in ihre Seele drang.
    Kommen Sie! rief er rauh, nachdem er einen Augenblick auf einen Laut von
ihren Lippen gewartet hatte, und zog sie fort. Es war ein thrichtes Verlangen
von mir ... Ich wei ja, Ihr Mund, der allezeit bereit ist, anderen Freundliches
und Liebes zu sagen, schweigt entweder fr mich, oder ergeht sich in strenger
Zurechtweisung.
    Sie erblate bei diesen Worten und blieb unwillkrlich stehen.
    Sie wollen? frug er milder. Geht es durchaus nicht? fuhr er
kopfschttelnd fort, als sie noch immer nicht sprach, ihn aber bittend ansah.
Nun, dann will ich Ihnen einen Vorschlag machen ... Ich werde Ihnen den
Glckwunsch sagen, wie ich ihn ungefhr von Ihren Lippen zu hren gewnscht
htte, aber ich mache die Bedingung, da Sie ihn Wort fr Wort nachsprechen.
    Jetzt erschien wieder ein Lcheln auf Elisabeths Gesicht, und sie nickte
zustimmend.
    Zuerst reicht man dem - dem Freunde die Hand, begann er und nahm ihre Hand
in die seine - sie bebte, zog aber die Hand nicht zurck - und spricht: Sie
sind bisher ein armer, unbeglckter Wanderer gewesen; es war hohe Zeit, da die
Wolken sich teilten, und da endlich der holde Lichtstrahl erschien, der Ihr
ganzes Dasein umgewandelt hat. Es ist mein eigener, unumstlicher Wunsch und
Wille, da er Sie nie wieder verlasse, hier ist meine Hand als Brge eines
unaussprechlichen Glckes -
    Bis dahin hatte sie den hchst seltsam lautenden Glckwunsch pnktlich
nachgesprochen, bei dem letzten Satze trat sie erstaunt zurck und zgerte. Er
aber fate heftig auch ihre andere Hand und drngte: Weiter, weiter!
    Hier ist meine ... begann sie endlich.
    Das ist hbsch, Herr von Walde, rief pltzlich Cornelies Stimme durch das
Gebsch, da wir uns hier treffen! So habe ich doch den Triumph, an Ihrer Seite
mit Musik empfangen zu werden!
    Nie in ihrem ganzen Leben hatte Elisabeth eine so entsetzliche Vernderung
in einem menschlichen Antlitz bemerkt, wie die, welche in Herrn von Waldes Zgen
vor sich ging. Auf der bleichen Stirn zeigte sich sofort eine starke blaue Ader,
seine Augen sprhten, und die Nasenflgel dehnten sich aus. Er stampfte heftig
mit dem Fue, und es sah aus, als habe er die grte Lust, die unwillkommene
Strerin, die jetzt, ihr Kreppkleid hoch aufnehmend, sich durch die Bsche
arbeitete, wieder dahin zurckzuschleudern, wo sie hergekommen war. Diesmal
gelang es ihm nicht so rasch, Herr seiner inneren Bewegung zu werden, vielleicht
wollte er auch gar nicht, denn seine Augenbrauen falteten sich noch grimmiger,
als Hollfeld hinter der Hofdame auftauchte. Bei dessen Erblicken schob Herr von
Walde Elisabeths Arm heftig in den seinigen und prete ihn fest an sich, als
solle sie ihm entrissen werden.
    Wie sehen Sie denn aus, Herr von Walde? rief Frulein von Quittelsdorf,
mitten in den Weg springend. Sie machen uns wahrhaftig ein Gesicht, als wren
wir Banditen, die es auf Ihr kostbares Hab und Gut abgesehen htten!
    Ohne ein Wort auf diese Ansprache zu erwidern, wandte er sich an seinen
Vetter und fragte kurz: Wo ist Helene?
    Sie bekam pltzlich Angst vor dem weiten, unebenen Wege, entgegnete
dieser, und hat es vorgezogen, zu fahren.
    Nun, ich denke, du wirst es dem alten Grafen Wildenau nicht berlassen,
Helene aus dem Wagen zu helfen; ich begreife berhaupt nicht, wie du, als
vielgetreuer Ritter, den Hauptweg verlassen konntest ... Einige rasche Schritte
werden die Versumnis ausgleichen, ich will dir nicht hinderlich sein, sagte
Herr von Walde mit auffallend scharfer Stimme, whrend ein sarkastisches Lcheln
um seine Lippen zuckte. Er trat mit Elisabeth seitwrts, um das Paar
vorberzulassen.
    Und warum sind Sie nicht auf dem Hauptwege geblieben, wenn man fragen
darf? frug Frulein von Quittelsdorf pikiert und schnippisch; sie war in diesem
Augenblicke bei weitem mehr Kammerktzchen als Hofdame.
    Das knnen Sie erfahren; einfach, weil ich hoffte, auf diesem einfachen
Wege der redseligen Zunge gewisser Damen zu entgehen, erwiderte Herr von Walde
trocken.
    Hu, wie grob! ... Gott behte einen in Gnaden vor solch einem
sauertpfischen Geburtstagskinde! rief die Hofdame sich schttelnd und im
komischen Entsetzen einen Schritt zurckprallend. Es war sicher ein Migriff,
da wir heute nicht mit Leichenbittermienen, Zitronen in den Hnden und bis ber
die Nase in schwarzen Krepp gewickelt, erschienen sind.
    Sie hing sich schmollend wieder an Hollfelds Arm und schob ihn vorwrts;
allein es hatte den Anschein, als wolle dieser unerhrterweise und vielleicht
zum erstenmale in seinem Leben seinem Vetter trotzen. Langsam, wie ein
Lebensmder, schritt er weiter. Er sah angelegentlich rechts und links in die
Bsche, als beschftige ihn jeder Stein, jede vorbeihuschende Eidechse; dabei
knpfte er ein Gesprch mit seiner Begleiterin an; ihre Antworten waren
scheinbar von groem Interesse fr ihn, denn er blieb sogar einmal stehen, um
keines ihrer Worte zu verlieren.
    Herr von Walde murmelte etwas zwischen den Zhnen, Elisabeth konnte es nicht
verstehen, aber der feindselige Blick, den er auf seinen Vetter schleuderte,
lie sie erraten, da er aufs uerste ergrimmt sei ber dessen Gebaren. Mit ihr
sprach er nicht mehr. Er wandte einmal langsam den Kopf nach ihr, und sie
fhlte, da seine Blicke unverwandt auf ihr ruhten, allein es war ihr unmglich,
die Augen zu ihm aufzuschlagen. Htte er nicht auf der Stelle sehen mssen, da
ihr ganzes Innere in Aufruhr war ber jenen rtselhaften Glckwunsch, den er ihr
mit tiefbewegter Stimme souffliert hatte? ... Er wrde mittels eines einzigen
Blickes erraten haben, was in ihr wogte und strmte, und - sie mochte diesen
Gedanken gar nicht ausdenken - infolge dieser Wahrnehmung seinen vielleicht sehr
harmlos gemeinten Einfall bereuen. Es war eine natrliche Folge dieser
Befrchtung, da die Lider des jungen Mdchens sich noch tiefer senkten, als
zuvor, und deshalb konnte sie auch nicht bemerken, wie ein leiser, unhrbarer
Seufzer ber die Lippen ihres Begleiters glitt, whrend der Groll aus seinen
Zgen verschwand, um dem gewissen melancholischen Schatten ber und zwischen den
Augen Platz zu machen.
    Ein schwacher, schnell hinsterbender Trompetenton, den ohne Zweifel die
Ungeduld der auf der Galerie des Turmes wartenden Musikanten hinausgeschickt
hatte, verriet die Nhe des Festplatzes. Bald summte und lrmte es, als ob ein
groes Zigeunerlager in der Nhe sei; der Weg wurde breiter, hinter dem nchsten
Buschwerke wogte ein buntes Gedrnge, und pltzlich schmetterte eine wahre Salve
von Posaunen- und Trompetentnen auf die Ankommenden herab. Elisabeth benutzte
diesen Moment, ihren Arm leise aus dem Waldes zu ziehen und sich unter die
Gesellschaft zu mischen, die einen dichten Kreis um den Schloherrn bildete,
whrend eine junge Dame als Dryade kostmiert und von vier anderen dekorierten
Waldnymphen umgeben, ihn in holperigen Hexametern im Waldreviere begrte.
    Nun, der Walde hat wenigstens im geeigneten Momente seine aufgedrungene
Dulcinea abzuschtteln gewut, ich sehe die Kleine nicht mehr, flsterte
lchelnd die Oberhofmeisterin dem Grafen Wildenau zu, der neben ihr auf einem
erhhten Sitze unter den Eichen sa. Der vergibt es der Lessen und unserer
vorwitzigen Hofdame nie und nimmer, da er durch ihr einfltiges Arrangement
gezwungen worden ist, dem kleinen Dinge gegenber einen Augenblick die Rolle des
Ritters spielen zu mssen ... Kindchen, wandte sie sich an Helene, die, zu
ihrer Rechten sitzend, ihr getrbtes Auge suchend ber den Menschenschwarm
gleiten lie, wir mssen ihn nachher, wenn die dort drben ihn freilassen, in
unsere Mitte nehmen und alles aufbieten, damit er den unerquicklichen Anfang des
Festes vergit.
    Helene nickte mechanisch mit dem Kopfe. Sie hatte offenbar nur die Hlfte
von dem verstanden, was die alte Dame ihr zugeflstert. Ihre kleine,
verkrppelte Gestalt, die ein schwerer, zartblauer Seidenstoff umhllte, drckte
sich hilflos und matt an die hohe Stuhllehne, und ihre Wangen waren weier, als
der Seerosenkranz, der ber ihrer Stirn lag.
    Elisabeth hatte sich unterdes im Gedrnge wieder mit Doktor Fels und dessen
Frau zusammengefunden. Letztere nahm das junge Mdchen sogleich bei der Hand,
damit sie nicht wieder getrennt wrden.
    Bleiben Sie noch so lange, bis man anfngt zu tanzen, meinte sie auf
Elisabeths Aeuerung hin, da vielleicht jetzt der passende Augenblick gekommen
sei, wo sie sich unbemerkt entfernen und nach Hause gehen knne. Ich verdenke
es Ihnen gar nicht, wenn Sie die Gesellschaft so bald wie mglich zu verlassen
wnschen, fgte sie lchelnd hinzu; auch wir werden nicht lange bleiben, mir
lt die Sorge um meine Kleinen daheim keine Ruhe, und da ich berhaupt hier
bin, ist ein schweres Opfer, welches ich der Stellung meines Mannes bringe ...
Herr von Walde, dem Sie nun einmal heute durch das Los angehren, tanzt nicht,
er wird Sie gewi freigeben, wenn der Tanz beginnt, denke ich.
    Der Menschenknuel entwirrte sich pltzlich. Von der Zinne des Turmes
rauschte ein imposanter Marsch hernieder, und whrend die Herren schattige
Pltze suchten, eilten die Damen nach den Bffetts, um, den Statuten des Festes
gem, das beste fr die Herren der Schpfung herbeizutragen.
    Herr von Walde schritt langsam ber den Platz, er hatte die Hnde auf den
Rcken gelegt und sprach mit dem Kreisgerichtsdirektor Busch, der an seiner
Seite ging.
    Mein bester Herr von Walde, nun kommen Sie zu uns! rief die
Oberhofmeisterin zu ihm hinber und streckte ihm in beinahe zrtlicher Weise die
Hnde entgegen. Ich habe Ihnen ein reizendes Pltzchen reserviert ... Ruhen Sie
hier aus auf den wohlverdienten Lorbeeren, die man Ihnen heute streut ... Zwar
sind smtliche junge Damen durch das Los gefesselt, aber hier unsere schnen,
liebenswrdigen Waldnymphen sind bereit, Ihnen den Wein zu kredenzen und von den
Bffetts herbeizutragen, was Ihr Herz begehrt.
    Ihre Gte und Frsorge rhrt mich, Exzellenz, entgegnete der Angeredete,
aber ich will nicht hoffen, da Frulein Ferber mich dem allgemeinen Mitleide
berlassen wird.
    Er sprach mit lauter Stimme und wandte sich um nach Elisabeth, die nicht
sehr entfernt von ihm stand. Sie hatte jedes Wort gehrt. Sofort schritt sie
hinber und stellte sich so ruhig und fest an seine Seite, als sei sie durchaus
nicht gewillt, auch nur ein Haar breit von ihrer Verpflichtung an andere
abzutreten. Es flog in diesem Augenblicke etwas, wie ein freudiges Erschrecken
ber sein Gesicht. Sein Auge begegnete aufleuchtend dem ihren, das, unbeirrt
durch die Umgebung, lchelnd zu ihm aufsah. Er schien unerhrterweise ganz und
gar zu vergessen, da die Frau Oberhofmeisterin ein reizendes Pltzchen fr
ihn reserviert hatte, denn nach einer leichten Verbeugung gegen die Exzellenz
und die sie umringenden, willfhrigen jungen Damen reichte er Elisabeth den Arm
und fhrte sie ber den Platz nach einer dickstmmigen Eiche, unter deren
Schatten Doktor Fels soeben fr sich und seine Frau einen Sitz zurechtmachte.
    Nein, diese Rache geht denn doch ein wenig zu weit! wandte sich die
Oberhofmeisterin entrstet an den Grafen Wildenau und die sehr verblfft
dastehenden fnf Waldgrazien. Er sucht das ganze Fest zu persiflieren, indem er
die Anwesenheit der kleinen Person in so auffallender Weise markiert ... Jetzt
fange ich an, mich ber ihn zu rgern ... Niemand sieht es ja besser ein, als
ich, da er vollkommen recht hat, wenn er zrnt; aber ich meine auch, er drfte
sich nicht so weit hinreien lassen, die Rcksicht fr die brigen Anwesenden zu
vergessen, die ja vllig schuldlos sind an dem geistlosen Machwerke der Lessen
und der Quittelsdorf ... Ich wette, schlielich bildet sich das Gnschen dort
auch noch ein, das geschehe alles nur um ihrer schnen Augen willen.
    Alle zehn Augen der schnen, liebenswrdigen Dryaden schleuderten a tempo
einen vernichtenden Blick auf Elisabeth, die in diesem Augenblicke unbefangen
nach dem Marketenderzelte ging und bald darauf mit einer Flasche Champagner und
vier Glsern nach der Eiche zurckkehrte, wo sich Herr von Walde und das
doktorliche Ehepaar bereits eintrchtig hinter einem Tische niedergelassen
hatten.
    Unsere smtlichen Damen haben heute wahre Blumengrten auf dem Scheitel,
sagte Frau Fels, als das junge Mdchen an den Tisch trat, nur Frulein Ferber
geht schmucklos wie Aschenbrdel; das leide ich nicht.
    Sie zog aus dem groen Boukett, das sie in der Hand hielt, zwei Rosen und
stand auf, um Elisabeth mit denselben zu schmcken.
    Halt! rief Herr von Walde und hielt ihre Hand zurck. In diesem Haare mag
ich nur die Orangenblte sehen.
    Die ziemt eigentlich nur den Bruten, meinte die Doktorin unbefangen.
    Ja, eben deshalb, entgegnete er, und so ruhig, als habe er etwas gesagt,
das sich ganz von selbst verstehe, fllte er die Glser und wandte sich an Fels.
    Stoen Sie mit mir an, Doktor, sagte er. Ich trinke auf das Wohl meiner
Retterin, der Goldelse auf Gnadeck!
    Der Doktor schmunzelte und stie krftig an. Auf dies Signal nherte sich
eine Schar Herren, mit den Glsern in der Hand.
    Schn, meine Herren, da Sie kommen! rief ihnen der Schloherr entgegen,
trinken Sie mit mir auf die Erfllung meines hchsten Wunsches!
    Ein Hoch schallte durch die Lfte, und die Glser klangen lustig aneinander.
    Skandals! rief die alte Exzellenz und lie die Gabel mit einem saftigen
Stcke marinierten Aales auf den Teller fallen. Dort drben geht es ja
wahrhaftig zu, wie in einer Studentenkneipe ... Ich bin ganz konsterniert! Welch
unanstndiger Lrm! Da schreit ja wirklich der Pbel auf den Straen
manierlicher, wenn er unseren Durchlauchten ein Hoch zu bringen sich erlaubt ...
Apropos, meine Liebe, wandte sie sich an Helene, ich bemerke mit groem
Erstaunen, da Ihr Herr Bruder ziemlich familir mit dem Doktor Fels verkehrt.
    Er schtzt ihn hoch als einen durchaus rechtlichen Mann mit bedeutendem
Wissen, erwiderte Helene.
    Das ist alles recht schn und gut, aber er wei sicher nicht, da dieser
Mensch gegenwrtig sehr bel angeschrieben ist an unserem Hofe. Denken Sie sich,
er hat die unbegreifliche Khnheit gehabt, unserer allgeliebten Prinzessin
Katharina -
    Ja, ich kenne diese Geschichte, unterbrach Frulein von Walde die
Entrstete, mein Bruder hat sie mir vor einigen Tagen selbst mitgeteilt.
    Wie, er wei das und bercksichtigt so wenig die Stimmung des Hofes, der
ihn stets ausgezeichnet hat? ... Unglaublich! ... Ich versichere Ihnen, liebes
Kind, mir schlgt schon jetzt das Gewissen, und ich werde bei Ankunft unserer
Herrschaften sicher die Augen nicht aufschlagen knnen, in dem schuldigen
Bewutsein, da ich mit diesem unmanierlichen Menschen hier zusammengekommen
bin.
    Helene zuckte mit den Achseln und berlie die Oberhofmeisterin ihren
Gewissensbissen und einem frisch gefllten Glase Champagner, mit welchem sie
sich ohne Zweifel jetzt schon fr jenen groen, gefrchteten Auskunftsmoment Mut
und Fassung einzuflen suchte.
    Frulein von Walde litt neben der Dame alle jene Qualen, die uns so manchmal
die Konvenienz auferlegt; sie mute mit zuvorkommender Aufmerksamkeit auf
tausend Nichtigkeiten hren und antworten, whrend ein heier Schmerz ihr
Inneres zerri. Aber auch nur eine Frau, wie die Oberhofmeisterin, die das
hchste Erdenglck in einem Gnadenblicke aus frstlichen Augen suchte und fand,
eine Person, deren ganze Seelenthtigkeit sich darauf beschrnkte, Schildwache
vor dem Reiche der Etikette zu stehen und den Nimbus ihrer sauer genug
errungenen Exzellenz ngstlich zu behten, nur sie konnte wiederholt in das
Gesicht der jungen Dame sehen, ohne die tiefe innere Erregung in den Zgen zu
bemerken.
    Hollfeld war nicht allein so unaufmerksam gewesen, Helene bei ihrer Ankunft
auf dem Festplatze der Frsorge des Grafen Wildenau zu berlassen, er hatte
auch, als er endlich erschienen war, kein Wort der Entschuldigung fr seine
Sumnis gehabt, und mrrisch und zerstreut hatte er sich endlich an ihre Seite
gesetzt. Sie fand ihn seltsam verndert, und ihr unruhiges Herz, ihr Kopf
zermarterten sich in Vermutungen. Zuerst folgte ihr argwhnisches Auge Cornelie,
die ihrer Quecksilbernatur gem wie ein Irrwisch von Gruppe zu Gruppe flatterte
und unaufhrlich plauderte und lachte. Ueber diesen Punkt war sie jedoch bald
beruhigt; denn es gelang ihr nicht ein einziges Mal, einen Blick Hollfelds auf
dem Wege nach der koketten, aber anmutigen Hofdame aufzufangen. Ihre besorgten
Fragen wurden einsilbig beantwortet. Sie lie durch einen Diener Speisen
herbeitragen und legte Hollfeld selbst vor, aber er rhrte keinen Bissen an und
trank nur rasch hintereinander einige Glser starken Weines, den er sich am
Marketenderzelte einschenken lie. Dies nachlssige Benehmen, das sie zum
erstenmale an ihm bemerkte, that ihr unbeschreiblich wehe. Sie schwieg endlich
und lie ermdet die Lider ber die Augen sinken - niemand bemerkte die zwei
hellen Tropfen, die an ihren Wimpern hingen.
    Mitten in den Toastjubel hinein, der augenscheinlich bedeutend erhht wurde
dadurch, da der sonst so ernste, schweigsame Schloherr ihn veranlat hatte,
fiel pltzlich ein Schatten; wenigstens schien es Elisabeth, als verknde das
Gesicht des Hausverwalters Lorenz, das auf einmal zwischen den Baumstmmen in
der Nhe auftauchte, nichts Gutes. Der alte Mann gab sich die grtmglichste
Mhe, um die Aufmerksamkeit seines Herrn auf sich zu lenken, ohne da es die
anderen bemerken sollten. Endlich gelang es ihm. Herr von Walde warf einen
raschen Blick hinber, stand auf und ging mit dem alten Diener tiefer in das
Gestrpp, whrend die anderen Herren ihre frheren Pltze wieder aufsuchten. Er
kehrte sehr bald mit bleichem Gesichte zurck.
    Ich habe eine erschtternde Nachricht erhalten, infolge deren ich sofort
abreisen mu, sagte er mit gedmpfter Stimme zu dem Doktor. Herr von Hartwig
in Thalleben, ein alter Freund von mir, ist auf einer Spazierfahrt verunglckt,
die Verletzung ist tdlich; wie man mir schreibt, kann er hchstens noch einen
Tag leben ... er beruft mich zu sich, um die Sorge fr seine unmndigen Kinder
in meine Hnde zu legen ... Teilen Sie der Baronin Lessen meine Abreise und
deren Veranlassung mit; sie soll dafr Sorge tragen, da das Fest nicht gestrt
werde. Meine Schwester und die Gesellschaft sollen in dem Wahne bleiben, da ich
in einer Geschftsangelegenheit abberufen worden bin und mglicherweise bald
wieder nach dem Festplatze zurckkehre. Man wird mich nicht mehr vermissen,
sobald der Tanz begonnen hat.
    Der Doktor entfernte sich sogleich, um die Baronin aufzusuchen. Seine Frau
war schon vor einer Weile nach dem Bffett gegangen, und so stand Elisabeth in
diesem Augenblicke Herrn von Walde allein gegenber. Er nherte sich ihr rasch.
    Ich hatte geglaubt, wir wrden heute nicht auseinandergehen, ohne da der
Schlu des Glckwunsches ausgesprochen worden wre, sagte er, whrend sein Auge
ihren ausweichenden Blick aufzufangen suchte. Ich gehre nun schon einmal zu
jenen Glckspilzen, denen noch in der letzten Stunde ein Unstern das gelobte
Land verschliet. Er bemhte sich, diesen Worten einen humoristischen Anstrich
zu geben, aber sie klangen deshalb nur um so bitterer. Diesmal soll er mich
jedoch zhe finden, sprach er in entschlossenem Tone weiter, fort mu ich, das
lt sich nicht ndern, aber die Erfllung dieser schweren Pflicht kann mir sehr
erleichtert und verst werden durch ein Versprechen Ihrerseits ... Wissen Sie
noch die Worte, die Sie mir vorhin nachgesprochen haben?
    Ich vergesse nicht so schnell.
    Ah, das klingt schon bedeutend ermutigend fr mich! ... Es existiert ein
Mrchen, in welchem ein einziges Wort ein Reich voll unermelicher Schtze und
lieblicher Wunder erschliet; der Schlu jenes Glckwunsches ist auch ein
solches Wort ... Wollen Sie mir behilflich sein, da es ausgesprochen werde?
    Wie knnte ich Ihnen zu Schtzen und Reichtmern verhelfen?
    Das ist meine Sache ... Ich bitte Sie ernstlich, in diesem Augenblicke
keinen weiteren Ausweichungsversuch zu machen; denn die Zeit drngt ... Ich
frage Sie also, wollen Sie in den Tagen, die ich ausbleiben werde, sich
bestreben, den Anfang des Glckwunsches in Erinnerung zu behalten?
    Ja.
    Und Sie werden bereit sein, wenn ich zurckkehre, das Ende zu hren?
    Ja.
    Gut, ich werde mitten in Trbsal und Leiden ein Stck blauen Himmels ber
mir behalten, und Ihnen - mge unterdes mein guter Engel den Namen jenes
Wunderreiches zuflstern ... Leben Sie wohl!
    Er reichte ihr die Hand und schritt hinter dem Turme weg auf den nchsten
Weg, der nach dem Schlosse fhrte.
    Elisabeth blieb eine Weile in einer Art ser Betubung stehen, aus welcher
sie erst durch die Doktorin geweckt wurde, die mit Tellern und Schsseln beladen
zurckkehrte und nun sehr erstaunt war, keinen der Herren vorzufinden. Das junge
Mdchen teilte ihr das Geschehene mit. Bald darauf kam auch der Doktor und
erzhlte, die Frau Baronin sei sehr pikiert gewesen, da ihr Kousin es nicht der
Mhe wert gehalten habe, sie persnlich von dem Vorfalle in Kenntnis zu setzen.
Der unglckliche Doktor hatte einige Bitterkeiten der gereizten Dame in den Kauf
nehmen mssen, aber er war so unhflich, sich dadurch ganz und gar nicht in
seiner Gemtsruhe stren zu lassen. Er setzte sich behaglich hinter die vollen
Schsseln und a mit vortrefflichem Appetit.
    Whrenddem ging Elisabeth hinber zu Frulein von Walde, um sich zu
beurlauben. Es hielt sie ja hier nichts mehr zurck. Sie hatte das lebhafte
Verlangen, mit ihren Gedanken allein zu sein, jedes Wort, das er zu ihr
gesprochen, sich noch einmal ungestrt zurckrufen und ber den Sinn desselben
nachdenken zu knnen.
    Sie wollen gehen? fragte Helene, als das junge Mdchen hinter ihren Stuhl
trat und sich empfahl. Was meint mein Bruder dazu?
    Rudolf ist in einer dringenden Geschftssache nach dem Schlosse gerufen
worden, antwortete die Baronin, die eben erschien, schnell an Elisabeths
Stelle, Frulein Ferber ist mithin der Verpflichtung des Hierbleibens
enthoben.
    Helene warf der Sprecherin einen mibilligenden Blick zu. Das sehe ich doch
nicht ein, sagte sie, die Geschfte werden doch wahrhaftig nicht derart sein,
da er gar nicht wieder hierher zurckkehrt.
    Ich denke nicht, erwiderte die Baronin zgernd, aber seine Rckkehr kann
mglicherweise sehr spt erfolgen ... Frulein Ferber wird sich voraussichtlich
unterdes sehr langweilen in einem ihr vllig unbekannten Kreise und -
    Hat mein Bruder Sie frei gegeben? wandte sich Frulein von Walde an
Elisabeth, ohne die Baronin ausreden zu lassen.
    Ja, antwortete das junge Mdchen, und ich bitte auch Sie, mir zu
erlauben, da ich mich entfernen darf.
    Whrend dieses kurzen Wortwechsels bog sich die Oberhofmeisterin zurck und
musterte Elisabeth von Kopf bis zu den Fen mit ihren kalten, stechenden Augen;
Hollfeld aber stand auf und entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen. Frulein von
Walde sah ihm mit einer Art von schmerzlichem Unwillen nach und antwortete im
ersten Augenblicke gar nicht auf Elisabeths Bitte; endlich reichte sie ihr
sichtlich zerstreut die Hand und sagte: Nun, da gehen Sie, liebes Kind, und
haben Sie vielen Dank fr Ihre heutige freundliche Mitwirkung.
    Elisabeth verabschiedete sich noch rasch von Doktor Fels und Frau und
schritt dann mit erleichtertem Herzen in den Wald hinein.
    Sie atmete auf, als das Gewhl hinter ihr lag, als ein rauschender Akkord
den Walzer schlo, dessen jubelnde Tne sie noch eine Weile begleitet hatten ...
Jetzt durfte sie sich ungestrt dem Zauber hingeben, der ihrem ganzen Denken und
Sinnen einen sen Bann auferlegte, der sie zwang, immer wieder auf jene lngst
verhallte Stimme zu hren, die mit ergreifendem Klange ihr Herz bestrickte, und
vor welcher alle Vorstze ihres Mdchenstolzes, alle Vorsichtsmaregeln des
Verstandes haltlos verwehten ... Sie dachte daran, wie sie zuerst ihm
widerstandslos gefolgt war, obgleich ihr tief gekrnktes Ehrgefhl ihr gebot,
den Kreis, in welchem sie so unwillkommen erschien, zu verlassen; sie empfand
noch einmal jene Glckseligkeit, mit der sie an seine Seite geeilt war, als er
es vor allen Anwesenden betont hatte, da er ihr fr heute angehre und keine
Stellvertreterin fr sie wolle. Er htte sie bis an das Ende der Welt fhren
knnen, sie wre ihm blindlings gefolgt mit unerschtterlichem Vertrauen und der
vollsten Hingabe ihres ganzen Wesens ... Und ihre Eltern? ... Jetzt begriff sie,
wie eine Jungfrau das Vaterhaus verlassen knne, um einem Manne anzugehren,
dessen Lebensbahn bis dahin, fernab von der ihrigen, ber vielleicht ganz
entgegengesetztes Gebiet gelaufen war, der nichts wute von all jenen Neigungen,
Beziehungen, groen und kleinen Ereignissen, durch die jede Faser ihres
bisherigen Lebens mit dem ihrer gesamten Familie innig verwebt wurde. Noch vor
zwei Monaten war ihr das ein unlsbares Rtsel gewesen.
    Sie hatte einen Weg betreten, den sie oft in Mi Mertens' Gesellschaft
zurckgelegt hatte. Er mndete, in zahllosen Windungen schmal durch das Dickicht
laufend, an der Chaussee, die den Wald durchschnitt und eine Strecke lang die
Grenze zwischen dem Frstlich L.schen Forstgebiete und dem des Herrn von Walde
bildete; jenseits der Chaussee, dem Fuwege gegenber, ffnete sich die breite
Fahrstrae, die nach dem Forsthause lief.
    In ihre Trumerei versenkt, hatte Elisabeth nicht gehrt, da schon lngst
rasche Schritte ihr folgten; deshalb erschrak sie jetzt doppelt, als dicht in
ihrer Nhe ihr Name von einer mnnlichen Stimme genannt wurde - Hollfeld stand
hinter ihr. Sie ahnte, was ihn hierher fhrte, sie fhlte ihr Herz klopfen, aber
sie fate sich schnell und trat ruhig seitwrts, um ihn auf dem schmalen Wege
vorber zu lassen.
    Nein, so ist es nicht gemeint, Frulein Ferber, sagte er lchelnd und in
einem eigentmlich vertrauten Tone, der sie tief verletzte. Ich wollte mir
erlauben, Sie zu begleiten.
    Ich danke, entgegnete das junge Mdchen ruhig, aber zurckweisend, es
wre eine nutzlose Aufopferung Ihrerseits denn ich gehe am liebsten allein durch
den Wald.
    Und kennen Sie keine Furcht? fragte er, so nahe an sie herantretend, da
sein heier Atem ihre Wange berhrte.
    Nur die vor ungebetener Gesellschaft, entgegnete sie, mhsam ihre
Entrstung bekmpfend.
    Ah, das ist wieder einmal jene hoheitvolle Haltung, hinter der Sie sich mir
gegenber stets verschanzen; weshalb? nun, das wei ich mir schon zurechtzulegen
... Heute jedoch werde ich sie nicht so respektieren, wie ich sonst
folgsamerweise thue - ich mu Sie sprechen.
    Und ist das so wichtig, da Sie um deswillen Ihre Freunde und das Fest
verlassen?
    Ja, es ist ein Wunsch, der mit meinem Leben zusammenhngt, der mich Tag und
Nacht verfolgt. Ich bin krank und elend, seit ich frchte, er knne sich
vielleicht nie verwirklichen - ich -
    Elisabeth war unterdes immer rascher vorwrts geschritten. Es wurde ihr
unsglich unheimlich diesem Menschen gegenber, aus dessen Augen jetzt jene
Leidenschaft unverhohlen loderte, die ihr schon einen heftigen Abscheu
eingeflt hatte, als sie noch beherrscht wurde. Sie fhlte aber auch, da Ruhe
in diesem Augenblicke ihre einzige Waffe sei, und deshalb unterbrach sie ihn,
whrend der schwache Versuch eines Lchelns um ihre Lippen zuckte.
    Ach, sagte sie, unsere Klavierbungen sind also vom besten Erfolge
gewesen, Sie wnschen meinen Beistand auf dem Gebiete der Musik, wenn ich recht
verstehe?
    Sie verstehen mich absichtlich falsch, rief er zornig.
    Nehmen Sie das als eine Art von Schonung meinerseits, ich mte Ihnen sonst
Dinge sagen, die Sie vielleicht noch weniger zu hren wnschen, erwiderte
Elisabeth ernst.
    Sprechen Sie immerhin, ich kenne die Frauen genug, um zu wissen, da sie es
lieben, eine Zeitlang die Maske der Klte und Zurckweisung vorzuhalten ... die
Beglckung ist dann um so ser. Ich gnne Ihnen die Freude dieser unschuldigen
Koketterie, aber dann -
    Elisabeth stand einen Augenblick starr und sprachlos vor dieser
Unverschmtheit; solch hliche Worte hatten noch nie ihr Ohr berhrt. Scham und
Entrstung trieben ihr das Blut in das Gesicht, und sie suchte vergebens nach
Worten, um diese beispiellose Frechheit zu strafen. Er fate ihr Schweigen
anders auf.
    Sehen Sie, rief er triumphierend, da ich Sie durchschaut habe! ... Das
Errten des Ertapptseins steht Ihnen unvergleichlich! ... Sie sind schn wie ein
Engel; noch nie ist mir eine solche Nymphengestalt vor die Augen gekommen, wie
die Ihre ... Sie wissen recht gut, da Sie mich bei unserer ersten Begegnung
bereits zum Sklaven gemacht haben, der zu Ihren Fen schmachtet ... Welcher
Nacken! ... Welche Arme! und das alles haben Sie bisher neidisch verhllt.
    Ein Ausruf der hchsten Aufregung entrang sich Elisabeths Lippen.
    Wie knnen Sie es wagen, rief sie laut und heftig, mich so zu beleidigen!
... Haben Sie mich vorhin nicht verstanden, so sage ich Ihnen jetzt klar und
deutlich, da mir Ihre aufgedrungene Gesellschaft verhat ist, und da ich
allein sein will.
    Bravo, der befehlende Ton gelingt Ihnen vortrefflich! sagte er spttisch.
Man sieht doch gleich, da von der Mutter her ein Trpflein adlig Blut in Ihren
Adern rollt ... Was habe ich Ihnen denn gethan, da Sie so pltzlich die
Entrstete spielen? Ich habe Ihnen das Kompliment gemacht, da Sie schn sind,
das aber lassen Sie sich des Tages unzhlige Male von Ihrem Spiegel sagen, und
ich bezweifle sehr, da Sie ihn dafr zertrmmern.
    Elisabeth wendete ihm verachtungsvoll den Rcken zu und schritt hastig
weiter. Er hielt sich an ihrer Seite und schien durchaus nicht gesonnen zu sein,
auf einen endlichen Sieg zu verzichten.
    Sie hatten oben die Chaussee erreicht, als eine Equipage vorberbrauste. Ein
Mnnerkopf bog sich aus dem Wagenfenster, fuhr aber jh, wie erschrocken, zurck
- es war Herr von Walde. Noch einmal sah er heraus nach dem Waldwege, als ob er
sich berzeugen wolle, da er recht gesehen habe, dann verschwand der Wagen bei
einer scharfen Biegung der Chaussee.
    Elisabeth hatte unwillkrlich die Arme nach dem davonrollenden Wagen
ausgestreckt, als mchte sie ihn zurckhalten; er, der da drinnen sa, wute ja
um ihre Abneigung gegen Hollfeld; nach ihrer vor wenig Stunden abgegebenen
Erklrung durfte er keinen Augenblick im Zweifel sein, da sie sich nicht
freiwillig in dessen Gesellschaft befand. Konnte er nicht fr einen Moment seine
Reise unterbrechen, um sie von dem Zudringlichen zu befreien?
    Hollfeld hatte ihre Bewegung gesehen.
    Ei, rief er unter boshaftem Lachen, das sah ja beinahe zrtlich aus! ...
Mte ich nicht an die siebenunddreiig Sommer meines Vetters denken,
wahrhaftig, ich knnte eiferschtig werden! ... Ah, Sie dachten wohl, er solle
sofort aussteigen und Ihnen galant den Arm bieten, um Sie nach Hause zu fhren?
Sie sehen, er ist tugendhaft, er verzichtet auf dies Glck und erfllt lieber
eine sogenannte heilige Pflicht. Er ist ein Eisblock, fr den die Reize des
schnen Geschlechts vergebens in der Welt sind ... Da er heute ausnahmsweise
ritterlich gegen Sie war, das galt durchaus nicht Ihren bezaubernden Augen,
schne Goldelse, es geschah lediglich, um meine Mama ein wenig zu rgern.
    Und scheuen Sie sich nicht, den Mann, dessen Gastfreundschaft Sie
unausgesetzt genieen, einer so gemeinen Denkungsweise zu beschuldigen? rief
Elisabeth emprt. Sie hatte sich zwar vorgenommen, ihm mit keiner Silbe mehr zu
antworten, in der Hoffnung, da sie ihn mit diesem Schweigen langweilen und
endlich verscheuchen wrde, allein die Art und Weise, wie er sich ber Herrn von
Walde uerte, brachte ihr ganzes Innere in den heftigsten Aufruhr.
    Gemein? wiederholte er. Sie reden in sehr starken Ausdrcken. Ich nenne
es eine kleine Revanche, zu der er vollkommen berechtigt war ... Und was die
Gastfreundschaft betrifft, so geniee ich jetzt schon einfach von dem, was
spter doch einmal mein Eigentum sein wird; ich sehe nicht ein, wie ich um
deswillen das Urteil ber meinen Vetter ndern soll ... Uebrigens bin ich
derjenige, welcher sich aufopfert und Dank verdient; rechnen Sie meine Hingebung
und Aufmerksamkeit fr Frulein von Walde gar nicht?
    Es mag in der That eine schwere Aufgabe sein, hie und da einige Blumen zu
pflcken, um sie einer armen Kranken zu bringen, sagte Elisabeth ironisch.
    O, Sie sind ber diese kleinen Huldigungen mivergngt, wie ich zu meiner
groen Befriedigung bemerke, rief er triumphierend. Haben Sie im Ernste
geglaubt, ich knne da zrtlich fhlen, wo mein Schnheitssinn so stark
beleidigt wird? ... Ich schtze mein Mhmchen, aber deswegen vergesse ich doch
keinen Augenblick, da sie ein Jahr lter ist als ich, einen Hcker und eine
schiefe Hfte hat und -
    Abscheulich! unterbrach ihn Elisabeth, auer sich vor Entrstung, und
sprang hinber auf die Chaussee. Er folgte ihr.
    Abscheulich sage auch ich, fuhr er fort, indem er gleichen Schritt mit ihr
zu halten suchte, besonders wenn ich Ihre Hebegestalt neben ihr sehe ... Und
nun laufen Sie nicht so, schlieen Sie lieber Frieden mit mir und verzgern Sie
nicht mutwillig das Glck, von dem ich Tag und Nacht trume.
    Er legte pltzlich den Arm um ihre Taille und zwang sie stehen zu bleiben,
sein glhendes Gesicht mit den funkelnden Augen nherte sich dem ihrigen. Im
ersten Augenblicke starrte sie ihn an, wie gelhmt oder bewutlos, dann flog ein
Schauder durch ihre Glieder, und mit einer Gebrde des tiefsten Abscheues stie
sie ihn von sich.
    Wagen Sie es nicht noch einmal, mich zu berhren! rief sie mit weithin
klingender Stimme. In diesem Augenblicke erscholl lautes Hundegebell in der
Nhe. Elisabeth wandte freudig erschrocken den Kopf nach der Richtung.
    Hektor, hierher! rief sie in den Wald hinein. Gleich darauf strzte der
Jagdhund des Oberfrsters aus dem Dickicht und sprang mit einem Freudengeheul an
ihr in die Hhe.
    Mein Onkel ist in der Nhe, wandte sie sich jetzt ruhig und kalt an den
verdutzt Dastehenden, er kann jeden Augenblick hier sein ... Sie werden sicher
nicht wnschen, da ich ihn bitte, mich von Ihrer Begleitung zu befreien; ich
rate Ihnen deshalb, freiwillig den Rckweg anzutreten.
    Wirklich blieb er feige stehen, whrend sie sich mit dem Hunde entfernte,
aber er stampfte wtend mit dem Fue auf und verwnschte seine rasende
Leidenschaft, die ihn unvorsichtig gemacht hatte. Da er dem jungen Mdchen in
Wirklichkeit einen Widerwillen einflen knne, das fiel ihm nicht im
entferntesten ein, ihm, dem Vielbegehrten, von dem ein karges Wort, eine
Aufforderung zum Tanze in der gesamten L.schen Damenwelt Sensation machte und
oft zur Fackel der Zwietracht wurde. Ihm konnte ein solcher Gedanke gar nicht
kommen. Es lag viel nher, da die Forstschreiberstochter eine Kokette war, die
ihm die Eroberung so schwer wie mglich zu machen suchte. An die jungfruliche
Reinheit der Seele, die Elisabeths ganze Erscheinung so unwiderstehlich machte,
und deren Zauber gerade auf ihn, wenn auch von ihm unverstanden, hinreiend
wirkte - an jenes keusche, unentweihte innere Leben glaubte er nicht, und
deshalb konnte er auch nie zu dem Schlusse gelangen, da das junge Mdchen
instinktmig vor seiner inneren Zerrttung und Verdorbenheit zurckbebe. Er
machte sich heftige Vorwrfe, zu plump und strmisch gewesen zu sein, wodurch er
das heibegehrte Ziel selbst wieder in unbestimmte Ferne gerckt hatte. Ueber
eine Stunde lief er im Walde umher, um Herr seiner Aufregung zu werden, denn die
dort drben auf dem Festplatze, von welchem die heiteren Klnge der Tanzmusik zu
ihm herberschallten, durften ja nie erfahren, da hinter der interessant
kalten, verschlossenen Auenseite ein solcher Vulkan tobte.
    Elisabeth war scheinbar festen Fues schnell weiter geschritten. Sie htete
sich jedoch, rechts oder links zu sehen, in der Furcht, sein verhates Gesicht
knne pltzlich wieder neben ihr auftauchen. Endlich wagte sie es, stehen zu
bleiben und sich umzusehen - er war verschwunden. Aufatmend lehnte sie sich an
einen Baumstamm, um vorerst ihre Gedanken zu sammeln, whrend Hektor ruhig und
mit klugem Blicke vor ihr stehen blieb, als wisse er genau, da er heute die
Rolle ihres Beschtzers spiele. Er hatte ohne Zweifel einen Spaziergang auf
eigene Faust durch den Wald gemacht, denn von seinem Herrn war keine Spur zu
sehen. Elisabeth fhlte jetzt erst, wie ihre Kniee zitterten. Ihr Schrecken, als
Hollfeld gewagt hatte, sie zu umschlingen, war ein unbeschreiblicher gewesen. In
ihrer unschuldigen Seele war nicht einmal der Gedanke an eine solche Roheit
aufgetaucht; deshalb hatte der pltzliche Angriff sie momentan starr gemacht vor
Entsetzen. Sie vergo schmerzliche Thrnen der Scham, als Herrn von Waldes Bild
vor ihr aufstieg, nicht mit dem milden Ausdrucke der letzten Stunden, sondern in
seiner ganzen Strenge und Unnahbarkeit; sie glaubte, nicht zu ihm aufblicken zu
drfen, weil jener Mensch sie berhrt hatte. Ihre ganze Glckseligkeit lag
zertrmmert zu ihren Fen. Die unselige Begegnung mit Hollfeld hatte sie
schonungslos in die Gegenwart zurckgefhrt; seine Aeuerungen ber Herrn von
Walde, wenn auch niedertrchtig und verleumderisch, hatten doch vieles wieder
wachgerttelt, was sie sich einst als Steuer gegen ihre wachsende Neigung
eingeprgt ... Sie dachte an seinen unerschtterlichen Ahnenstolz, an die sich
selbst vergessende Liebe zu seiner Schwester und an die Meinung aller, da er
ein vllig kaltes Herz habe gegenber dem anderen Geschlechte ... All die
bunten, schimmernden Trume, die sie umflattert hatten auf dem Wege durch den
stillen Wald, sie legten jetzt die Flgel zusammen und starben einer nach dem
andern unter dem prfenden Blicke des erwachten Auges ... Sie war sich ja jetzt
nicht einmal klar, worin jene Glckseligkeit bestanden. Da er heute eine
wunderbar weiche Stimmung ihr gegenber gezeigt und sie gegen den Hochmut seiner
Verwandten hochherzig in Schutz genommen hatte, konnte dies nicht alles aus dem
Gefhle einer strengen Gerechtigkeitsliebe stammen? Hatte er nicht auch Mi
Mertens geschtzt und gromtig das Unrecht auszugleichen gesucht, das ihr unter
seinem Dache widerfahren war? Und der Glckwunsch ... an den Glckwunsch und an
sein noch ungelstes Ende durfte sie freilich nicht denken, wenn nicht alle
Traumleichen ein frhliches Auferstehen feiern sollten.
    Als sie in die Thr des Forsthauses trat, kam ihr Sabine mit angstbleichem
Gesichte entgegen. Sie deutete stumm auf die Wohnstube. Der Onkel sprach drinnen
laut und heftig, und man hrte deutlich, wie er dabei mit starken Schritten auf
und ab ging.
    Ach, ach, flsterte Sabine, da drinnen geht's schlimm her! ... Die Bertha
ist dem Herrn Oberfrster in den letzten Wochen immer geschickt aus dem Wege
gegangen; vorhin aber hat sie hier in der Hausflur gestanden und hat nicht
gemerkt, da er durch die Hofthr hereingekommen ist; das war ihm gerade recht.
Er hat nicht lange Federlesens gemacht, hat sie von hinterrcks bei der Hand
genommen und in die Stube gezogen. Sie sah aus wie eine geweite Wand vor
Schrecken, aber all ihr Sperren und Zerren hat nichts genutzt, sie hat mit
gemut ... Herr meines Lebens, bei dem Herrn Oberfrster mchte ich auch nicht
zur Beichte gehen ...
    Ein lautes Aufschluchzen, das fast wie ein erstickter Schrei klang,
unterbrach Sabines Geflster.
    So recht! hrten sie jetzt den Oberfrster mit bedeutend milderer Stimme
sagen, das ist doch ein Zeichen, da du nicht gnzlich verhrtet und verdorben
bist ... Und nun sprich auch. Denke, da ich hier an Stelle deiner braven Eltern
stehe ... Hast du einen Kummer, so schtte ihn aus; ist er ohne dein Verschulden
ber dich gekommen, so kannst du sicher sein, da ich ihn redlich mit dir tragen
werde.
    Es erfolgte abermals ein leises Weinen.
    Du kannst nicht sprechen? frug der Oberfrster nach einer kleinen Pause;
das heit, ich wei ganz genau, da dich kein krperliches Leiden verhindert,
deine Zunge zu gebrauchen, denn du sprichst ja, wenn du dich unbeachtet glaubst,
mit dir selbst; es ist also ein moralischer Zwang, dem du dich unterwirfst, wohl
gar ein Gelbde?
    Jedenfalls mute ein stummes Kopfnicken seine Vermutung besttigt haben,
denn er fuhr heftiger fort: Hirnverbrannte Idee! ... Glaubst du, dem lieben
Gott eine Freude zu machen, wenn du ihm seine herrliche Gabe, die Sprache, vor
die Fe wirfst? ... Und willst du deine ganze Lebenszeit hindurch schweigen?
... Also nicht? Du wirst einmal wieder sprechen, auch wenn sich das nicht
erfllt, was du durch dein Gelbnis zu erreichen suchst? ... Nun gut; ich kann
dich nicht zwingen, zu reden, trage demnach allein, was dich bedrckt, und was
dich unglcklich macht; denn da du das bist, das steht leserlich genug auf
deinem Gesichte geschrieben ... Aber das sage ich dir, an mir hast du einen
unerbittlichen Richter, wenn es einmal klar werden sollte, da du etwas gethan
hast, was das Licht scheuen und hten mu, vor den Ohren rechtlicher Menschen
laut zu werden; denn du hast in deinem grenzenlosen Hochmute von vornherein
jeden ehrlich gemeinten Rat, jede gute Lehre von dir gewiesen und es mir
unmglich gemacht, dir so zur Seite zu stehen, wie ich es als Vertreter deiner
Eltern gewnscht und gesollt htte ... Ich will es noch einige Zeit mit dir
versuchen, aber sobald ich nur ein einziges Mal merke, da du dich bei Nacht und
Nebel aus dem Hause entfernst, dann kannst du dein Bndel schnren ... Noch
eins, morgen werde ich den Doktor hierher kommen lassen, er soll mir sagen, was
dir fehlt, denn du bist in den letzten Wochen geradezu unkenntlich geworden ...
Jetzt geh!
    Die Thr ffnete sich und Bertha taumelte heraus. Sie bemerkte Elisabeth und
Sabine nicht, und als sie die Thr hinter sich ins Schlo fallen hrte, da
streckte sie pltzlich in sprachloser Verzweiflung die gerungenen Hnde gen
Himmel, und strzte, wie von Furien gejagt, die Treppe hinauf.
    Die hat etwas auf dem Gewissen, es mag nun sein, was es will, sagte Sabine
kopfschttelnd. Elisabeth aber ging hinein zum Onkel. Er lehnte am Fenster und
trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben, was er gewhnlich that, wenn er
aufgeregt war. Er sah sehr finster aus, allein es flog ein heller Schein ber
sein Gesicht, als Elisabeth eintrat.
    Gut, da du kommst, Goldelse! rief er ihr entgegen. Ich mu ein klares,
reines Menschengesicht sehen, das thut mir not ... Die schwarzen Augen von der,
die da eben hinausgegangen ist, sind mir frchterlich ... Na, nun habe ich doch
mein Hauskreuz wieder aufgenommen, um es ein Stck weiter zu schleppen ... Kann
nun einmal so ein Wesen nicht weinen sehen, und wenn ich zehnmal wei, da ich
mit dieser Zerknirschung ber den Lffel barbiert werden soll.
    Elisabeth war herzlich froh, da das gefrchtete Zusammentreffen zwischen
dem Onkel und Bertha so glimpflich abgelaufen war. Sie beeilte sich, seine
Gedanken vllig abzuziehen von der Unglcklichen, indem sie ihm von der heutigen
Festlichkeit und, wenn auch in etwas hastiger und flchtiger Weise, von der
schnellen Abreise des Herrn von Walde erzhlte. Auch Linkes schauerliches Ende
teilte sie ihm mit, eine Nachricht, die ihn nicht sehr berraschte, denn er
hatte diesen Ausgang vermutet.
    Er begleitete das junge Mdchen bis an die obere Gartenthr.
    Sei hbsch vorsichtig und lute nicht zu stark am Mauerpfrtchen, mahnte
er beim Abschiede, deine Mutter hat heute nachmittag einen Anfall ihrer Migrne
bekommen, sie liegt zu Bette ... ich war vorhin noch einmal droben.
    Erschrocken lief Elisabeth den Berg hinauf. Sie brauchte nicht zu luten;
Mi Mertens kam ihr, in Begleitung des kleinen Ernst, auf der Waldble entgegen
und beruhigte sie sofort. Der Anfall war vorber, die Mutter lag in einem
erquickenden Schlummer, als das junge Mdchen leise an das Bett trat.
    Es dmmerte bereits stark, und die tiefste Stille herrschte in der
traulichen Wohnung; die Schlaguhren waren in ihrem Gange gehemmt worden; an den
verschlossenen Fenstern verhallte das leise Geflster der Bltter drauen, nicht
einmal das Summen einer naseweisen Fliege wurde hrbar, denn der Vater hatte
alles, was die Ruhe der Kranken stren konnte, unerbittlich entfernt.
    Htte die Mutter jetzt auf ihrem Lehnstuhle in der einen Fensternische der
Wohnstube gesessen, zwischen dem schtzenden Vorhange und der grnen Buschwand
vor dem Fenster, auf die der dunkelnde Abendhimmel schweigend niedersah, dann
wre heute die traute Ecke zum Beichtstuhle geworden; Elisabeth htte, knieend
auf dem Fukissen, den Kopf auf die Kniee der Mutter gelegt, ihr bervolles Herz
dem mtterlichen Auge erschlossen ... Nun zog sich das se Geheimnis wieder in
den innersten Schrein ihrer Seele zurck; wer wei, ob sie je wieder den Mut
fand, das auszusprechen, was unter den obwaltenden Verhltnissen die Mutter
voraussichtlich erschrecken und mit groer Sorge um die Tochter erfllen mute.

                                       16


Die Ruinen von Gnadeck mochten wohl verwundert aufhorchen bei dem seltsamen
Gerusche, das seit dem ersten Morgengrauen mit kleinen Unterbrechungen an ihre
schiefen Mauern schlug. Das klang so ganz anders, als das Zerstrungswerk der
Regenfluten, oder der Schneemassen, wenn sie in der Frhlingssonne schmolzen.
Leise grub dann das Wasser kleine Rinnen zwischen das Gemuer und hob einen
Granitblock um den andern aus dem Sattel, ohne da er es ahnte; er blickte noch
eine Weile stolz und druend in die Welt, denn sein Untergang wurde so
geruschlos vorbereitet, wie kaum der Sturz eines Frstengnstlings, oder der
eines miliebigen Ministeriums. Dann kam nchtlicherweile ein Sturmwind
dahergebraust - es erfolgte ein gewaltiges Krachen, und der Strahl der
Morgensonne irrte zum erstenmal ber Wnde und Fubden, die er bis dahin nie
berhrt hatte. Es lag dann freilich ein tchtiges Stck Mauerwerk zerschmettert
unten auf dem Steinpflaster, und den ganzen Tag ber, wenn ein leichtes Lftchen
vorberflog, oder der Flgel eines Vogels droben anstreifte, rieselten
zerbrckelter Mrtel und feine Sandbche aus der Wunde; aber nicht lange, so
sprote junges Grn aus dem Risse, und nun vergingen wieder Jahre, lange Jahre,
ehe das heimtckische Nagen der Wasser unter der trgerischen grnen Decke ein
neues Opfer fr die Strme hergerichtet hatte. Das war ein langsames,
unmerkbares Hinscheiden - die Ruinen konnten getrost sein, wie der Kranke, der
ein unheilbares Leiden in sich trgt, bei welchem er jedoch ein womglich
alttestamentliches Alter erreichen kann.
    Heute waren es Menschenhnde, welche das Zerstrungswerk vollbrachten.
Unglaublich schnell und rhrig hoben sie Stein um Stein ab. Der Erker, der so
khn seinen Fu vorgestreckt hielt und jahrhundertelang wie ein
unerschtterlicher Wachtposten vor dem Flgel gestanden hatte, sah klglich aus.
Er hatte bereits ein betrchtliches Stck von seiner Hhe eingebt; sein
Epheugewand war zerrissen, es wurden nun dunkle Fensterhhlen und
grnangelaufenes Mauerwerk sichtbar, dessen jetzt freilich verstmmelte und
zerklftete Steinzieraten einst schn und kunstreich gewesen sein mochten. Die
Arbeiter waren sehr fleiig. Es interessierte sie selbst, so halsbrechend auch
die Aufgabe war, von oben herab in die dunkeln Winkel und Ecken des alten Nestes
sehen zu knnen, das der Gespensterglaube des Volkes mit zahllosen schauerlichen
Erscheinungen bevlkerte.
    Am Nachmittage sa Frau Ferber mit Elisabeth und Mi Mertens auf dem Damme,
als Reinhard, der sich stets nachmittags zu einer bestimmten Stunde einfand, die
Lektre unterbrach. Er erzhlte, da Linke heute morgen in aller Stille beerdigt
worden sei, und da Frulein von Walde nun auch durch einen unvorsichtigen
Diener das Attentat auf ihren Bruder erfahren habe. Mit tiefer Bitterkeit
bemerkte der Erzhler, Herrn von Waldes Besorgnis, da der Schreck ber den
Vorfall nachteilige Folgen fr seine Schwester haben knne, sei sehr unntig
gewesen, denn das Frulein habe die Nachricht mit groer Kaltbltigkeit
entgegengenommen; auch das Unglck des Herrn von Hartwig, mit dessen Frau sie
befreundet sei, berhre sie durchaus nicht in der Weise, wie man sich htte
denken mssen. Ja, wenn es ihrem blondgelockten Proteg ans Leben gegangen
wre, meinte er zornig, dann htte sie sich sicher ihre schnen,
kastanienbraunen Locken einzeln ausgerissen ... Dieser Herr von Hollfeld wird
mir nachgerade unertrglich! Heute geht er mit einem Gesichte im Hause herum,
als ob er die ganze Welt vergiften mchte. - Ich wette, die rosenfarbene Laune
ist einzig und allein schuld an Frulein von Waldes verweintem Gesicht, das sie
vorhin, bei einer Begegnung im Garten, vor mir zu verbergen suchte!
    Elisabeth bog sich bei Erwhnung des verhaten Namens tiefer auf ihre
Arbeit. Das Blut scho ihr in das Gesicht bei dem Gedanken an Hollfelds gestrige
Unverschmtheit, von der sie jedoch bis jetzt der Mutter noch nichts erzhlt
hatte, aus Furcht, sie knne sich nachtrglich alterieren. Vielleicht war dies
auch nicht der einzige Grund - wenigstens vermied sie es, die unumstliche
Thatsache klar zu errtern, nach welcher sie doch eigentlich groe Furcht hatte,
die Eltern knnten ihr infolge der Zudringlichkeiten Hollfelds die ferneren
Besuche im Lindhofer Schlosse verbieten - damit aber wre ihr ja jegliche
Gelegenheit, Herrn von Walde wieder zu sehen, abgeschnitten worden.
    Whrenddem rollte und prasselte es beinahe unaufhrlich drben bei dem
Erker. Bald darauf trat Ferber in den Garten. Er war im Forsthause gewesen und
kam nun in Begleitung des Oberfrsters zum Kaffeestndchen heim. Ernst lief ihm
aufgeregt entgegen. Der Kleine hatte, obgleich den Kordon streng respektierend,
den der Vater der Sicherheit wegen fr ihn gezogen, bis dahin fast immer im
Hauptwege gestanden und mit groem Interesse das Abtragen des Erkers verfolgt.
    Papa, Papa! rief er, der Maurer will dich sprechen, du sollst
hinaufkommen ... er sagte, er habe etwas gesehen.
    Wirklich winkte einer der Arbeiter den beiden Mnnern eifrig zu, nher zu
kommen.
    Wir sind auf eine Kammer, oder was es sonst sein mag, geraten, rief der
Mann hinab, und wenn ich recht sehe, so steht ein Sarg drin. Wollen Sie nicht
erst einmal die Sache ansehen, Herr Ferber, ehe wir weiter arbeiten? ... Sie
knnen sich getrost herauf wagen; wir stehen auf einer noch recht festen Decke.
    Reinhard hatte den Zuruf gehrt und kam eilends die Terrassenstufen
herabgelaufen. Ein verborgener Raum, der einen Sarg enthielt, das klang fast
berauschend fr seine Altertumsforscherseele.
    Vorsichtig stiegen die drei Mnner die Leiter hinauf.
    Die Arbeiter standen da, wo der Erker aus dem Hauptgebude hervorsprang, und
zeigten auf eine ziemlich weite Oeffnung zu ihren Fen. Bis dahin waren sie auf
keinen verschlossenen Raum gestoen. Dem Hauptgebude fehlte ja zum Teil das
Dach. Man sah, auf dem Erker stehend, nach allen Richtungen hin durch ein
Wirrsal offener Zimmer, halb eingestrzter Gnge und durch breite Spalten im
Fuboden hinunter in die Schlokapelle. Der Erker selbst sah ebenfalls in seinem
Innern nicht halb so unheimlich aus, wie von drauen gesehen; der blaue Himmel
lugte allerorten herein, und die frische Luft fegte hindurch, soviel sie Lust
hatte ... Und nun erschien pltzlich da unten ein Raum, umschlossen von
scheinbar festen Wnden und geschtzt durch einen ziemlich gut erhaltenen
Plafond. Soviel man von oben herab beurteilen konnte, schob sich das Zimmer wie
ein Keil zwischen die Kapelle und den Raum, der hinter dem Erker lag. Jedenfalls
mute sich an der uersten Spitze, welche die Wnde bildeten, und die in die
Ecke des Erkers und des Hauptgebudes mndete, ein Fenster befinden, denn von
dorther fielen schwache Lichtreflexe durch gefrbtes Glas herein und huschten
ber den Gegenstand, den man nur zum Teile sah, und den der Maurer fr einen
Sarg erklrt hatte.
    Es wurde sofort eine Leiter von betrchtlicher Lnge hinabgelassen, da das
Zimmer eine bedeutende Hhe hatte, und in lebhafter Spannung stieg einer nach
dem anderen hinunter. Man hatte beim Herniedersteigen in nchster Nhe ein durch
das Alter beinahe schwarzbraun gewordenes Wandgetfel vor sich. Das Auge
erschrak fast vor den wunderlichen Schnrkeleien, die hier aus der Hand des
Holzschnitzers hervorgegangen waren. An der Decke hin lief eine schmale
kunstvolle Holzleiste von viel spterem Datum, an der lange schwarze Tuchfetzen
herabhingen; die andere Hlfte der Trauerbekleidung lag unten auf dem Boden, ein
modernder, gestaltloser Klumpen.
    Ohne Zweifel hatte der Raum vom Anbeginne den Zweck der Verborgenheit
gehabt, denn es war auf seine Form nicht die mindeste Rcksicht genommen worden.
Ein unregelmiges Dreieck, in dessen eine etwas abgestumpfte Spitze in der That
das vermutete, sehr schmale Fenster eingefgt war, schmiegte er sich so eng an
die Kapelle, da Reinhards Vermutung, man habe hier in alten, katholischen
Zeiten die Kirchenkostbarkeiten verwahrt, sehr viel Wahrscheinlichkeit erhielt,
um so mehr, als fnf bis sechs ausgetretene Steinstufen zu einer von innen
vermauerten Thr in der Kapellenwand hinabfhrten. Das Fenster lag hinter der
Steineiche, die ihre dicken Aeste gerade hier fest andrckte; auch einige
Epheuranken woben ein zartes Gespinst ber die Scheiben; trotzdem stahl sich die
Sonne durch die zierlichen, farbenprchtigen Glasrosetten, welche auch nicht
eine Spur von Zerstrung an sich trugen.
    Es war in der That ein Sarg, ein kleiner, schmaler Zinnsarg, der, hell von
der schwarzen Samtdecke des Postaments sich abhebend, einsam und vergessen
inmitten der drei Wnde stand. Zu seinen Hupten erhob sich ein mchtiger
Kandelaber, auf dessen Armen noch Reste von dicken Wachskerzen sichtbar waren;
ihm zu Fen aber stand ein Schemel, eine Mandoline lag darauf, die Saiten
hingen zerrissen herab. Es war schon ein altes Instrument zu Lebzeiten des
letzten Besitzers gewesen, denn das schwarze Griffbrett zeigte viele helle,
abgegriffene Stellen, und der Resonanzboden war da leicht eingebogen, wo der
Spielende den kleinen Finger aufzusetzen pflegt.
    Die letzten Atome verdorrter Blumenspenden flogen bei Annherung der
Herabsteigenden vom Sarge nieder, auf dessen Deckel in vergoldeten Lettern der
Name Lila stand.
    An der tiefen Wand, zugleich auch der breitesten des Raumes, war ein groer
dunkler Schrank aus Eichenholz angebracht - zur Aufbewahrung der Meornate
bestimmt, meinte Reinhard im ersten Augenblicke. Er schlug die beiden nur
angelehnten Thren zurck; infolge dieser Erschtterung rauschte und rieselte es
drinnen, und kleine Staubwolken flogen aus den Falten einer Menge hier
aufgehangener Frauengewnder ... Es war das aber eine merkwrdig phantastische
Garderobe; bunt und von fast leichtfertig kokettem Schnitte, kontrastierten
diese Maskeradeanzge seltsam mit der Feierlichkeit und dem Ernste ihrer
Umgebung.
    Es mute ein kleines, auerordentlich zartes Geschpfchen gewesen sein, das
diese Gewnder getragen hatte, denn die seidenen, meist mit einer reichen
Goldstickerei bordierten Rckchen waren kurz wie ein Kinderkleid, und die Form
der Mieder von purpurnem oder veilchenblauem Samt mit den seidenen Bandschleifen
und dem Latze von goldenem Zindel lieen auf eine bewundernswrdig biegsame,
feine Mdchentaille schlieen ... Viele, viele Jahre mochten hier
vorbergeglitten sein, ohne da ein menschlicher Atemzug in dieser
Abgeschiedenheit hrbar geworden war, eine lebenswarme Hand die hier
eingeschlossenen Gegenstnde berhrt hatte. Die Haken im Schranke hatten
allmhlich die mrbe gewordenen Stoffe durchbohrt, und die Fden, die einst
Perlen und Goldflitter auf den seidenen Boden festgehalten hatten, hingen lose
und zerrissen herab.
    An eine der Seitenwnde lehnte sich ein kleiner Tisch mit einer
Marmorplatte. Er schien sich kaum noch auf den alterschwach gewordenen Fen
halten zu knnen und brachte durch seine schiefe Haltung einen auf seiner Platte
stehenden Kasten in die Gefahr herabzustrzen. Dieser Kasten war ein wahres
Meisterstck von eingelegter Arbeit in Metall und Elfenbein. Der Deckel schien
nicht verschlossen zu sein, es sah vielmehr aus, als sei er nur lose
niedergelegt, um ein breites Papier festzuhalten, das aus dem Kasten hervorragte
und augenscheinlich mit groer Sorgfalt so placiert war, um die Aufmerksamkeit
auf sich zu lenken. Es war braun gefrbt vom Alter, auch lagerte, wie auf allem,
eine dicke Staubschicht darber; aber die groen, steifen schwarzen Schriftzge
schauten unvertilgbar darunter hervor, und der Name Jost von Gnadewitz war
auch in weiterer Entfernung lesbar.
    Potztausend, was steht denn da! rief der Oberfrster, vor Ueberraschung
kaum der Worte mchtig. Jost von Gnadewitz, das ist ja der Held in Sabines
Geschichte von der Urahne!
    Ferber trat nher und hob bedeutsam den Deckel in die Hhe. Da lagen auf
dunklem Samtpolster Schmuckgegenstnde von altertmlicher Fassung, Armbnder,
Nadeln, eine Schnur gehenkelter Goldstcke und mehrere Reihen echter Perlen.
    Das Papier war herabgefallen; Reinhard hob es auf und erbot sich, den Inhalt
vorzulesen: er war, selbst fr die damalige Zeit - vor ungefhr zwei
Jahrhunderten - sehr unorthographisch und ungelenk geschrieben - der Verfasser
hatte sicher das Schiegewehr besser zu fhren verstanden, als die Feder -
trotzdem wehte ein poetischer Hauch durch die Zeilen. Sie lauteten:
    Wer Du auch seiest, der Du diesen Raum betrittst, bei allem, was Dir
heilig, bei allem, was Du liebst und was je Dein Herz gerhrt, stre ihre Ruhe
nicht! ... Sie liegt da, schlummernd wie ein Kind. Das se Antlitz unter den
dunkeln Locken, es lchelt wieder, seit der Tod es berhrt ... Noch einmal, wer
Du auch seiest, ob hochgeboren oder ein Bettler, ob Du ein Anrecht an die Tote
hast oder nicht, lasse mein Auge das letzte sein, das auf ihr geruht!
    Ich konnte sie nicht unter die schwere, dunkle Erde legen - hier spielen
goldene Lichter um sie her, und drauen auf dem Baume lt sich der Vogel
nieder; auf seinen Flgeln ruht noch der Waldodem, und aus seiner Kehle strmen
die Lieder, die ihre Wiegenlieder waren ... Es sanken auch goldene Lichter in
das Walddickicht herab, und die Vgel sangen droben auf den Zweigen, als das
schlanke Reh das Gebsch teilte und erschreckt die scheuen Augen auf den jungen
Jger richtete, der unter dem Busche ruhte. Da fuhr es jh und hei durch sein
Herz, er warf das Gewehr weit von sich und folgte rastlos der Mdchengestalt,
die vor ihm floh. Sie, das Kind des Waldes, eine Tochter jener Horden, die ein
Fluch ber die Erde treibt, die nirgends heimischen Boden unter den irrenden
Fen, nicht eine Scholle vaterlndischer Erde haben, auf die sie das sterbende
Haupt legen knnen, sie hatte das Herz des wilden Junkers bezwungen ... Um ihre
Liebe bettelnd, streifte er Tag und Nacht um das Lager ihres Stammes, folgte
ihren Schritten wie ein Hund und umschlo rasend vor Leidenschaft ihre Kniee,
bis sie gerhrt einwilligte, die Ihrigen zu verlassen und ihm heimlich zu folgen
... Er trug sie in der Stille der Nacht hinauf auf sein Schlo - wehe - und
wurde ihr Mrder! ... Er achtete nicht ihr Flehen, als sie pltzlich die
unbezwingliche Sehnsucht nach der Waldfreiheit erfate; wie der gefangene Vogel
umherflattert und angstvoll sein zartes Kpfchen gegen die Stbe des Kfigs
stt, so irrte sie verzweiflungsvoll zwischen den Mauern, die einst ihre
berauschende Stimme, ihr wunderbares Saitenspiel gehrt hatten und nun von ihren
schmerzlichen Klagen und Seufzern widerhallten. Er sah ihre Wangen bleich
werden, sah, wie ihr Auge im Ha sich von ihm abwandte; sein Herz erlitt
tausendfach den Tod, wenn sie ihn von sich stie und vor seiner Berhrung
schauderte; er geriet in Verzweiflung, aber er schob doppelte Riegel vor und
bewachte in Todesangst die festverschlossenen Thren; denn er wute, sie war fr
ihn verloren, wenn einmal ihr flchtiger Fu den Waldboden wieder berhrte ...
Da kam endlich eine Zeit, da wurde sie ruhiger; zwar glitt sie an ihm vorber,
als sei er ein Schatten, ein Nichts, sie hob keine Wimper, wenn er in ihre Nhe
trat und bittend und schmeichelnd sie anredete; seit lange hatte sie kein Wort
zu ihm gesprochen und auch jetzt kam kein Laut ber ihre Lippen, aber sie
rttelte nicht mehr wild an den Fenstern, die zarte Brust wund schlagend und in
gellenden Tnen nach denen rufend, die drauen in goldener Freiheit durch den
Wald zogen; sie jagte nicht mehr wie gehetzt durch Zimmer und Sle oder hinauf
auf die Mauer, um den schnen Leib im trben Grabenwasser zu betten. Unter der
Eiche, neben dem Erker, sa sie geduldig mit dem lilienweien Gesichte und sah
still vor sich hin; sie wute, da sie Mutter werden sollte. Und wenn die Nacht
hereinbrach, nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinauf; sie litt es, aber
sie wandte das Gesicht von ihm, da sein Atem sie nicht berhre, und kein Strahl
seines heien Auges auf sie falle.
    Da klopfte eines Tages der Pfarrer von Lindhof an das Schlothor. Das Volk
fabelte, sein Beichtkind, der Jost, halte Verkehr mit dem Teufel, und da kam er,
um die arme Seele zu retten. Er fand Einla und sah das Wesen, um dessen willen
der lustige Jger das lustige Leben im Walde und den Himmel vergessen hatte.
Ihre Schnheit und Reinheit rhrten ihn; er sprach zu ihr mit milder Stimme, und
ihr in Schmerz erstarrtes Herz ffnete sich seinem Zuspruche. Um ihres Kindes
willen lie sie sich taufen und lie es geschehen, da jenes unselige Bndnis
durch Priesterwort geheiligt wurde ... Als ihre schwere Stunde vorber war, da
legte sie mhsam ihre Lippen auf die Stirn des Kindes und mit diesem Kusse
entfloh ihre Seele; sie war frei, frei! noch auf der entseelten Hlle strahlt
der Abglanz dieses Triumphes! ... Der Unselige sah ihre Wunderaugen brechen; er
wand sich in den Schmerzen der Reue und Verzweiflung zu ihren Fen und flehte
vergebens um einen einzigen, letzten Liebesstrahl.
    Der Knabe wurde getauft auf den Namen seines Vaters - auf meinen Namen ...
Ich sah schaudernd in seine Augen - er hat die meinen - er und ich haben sie
gemordet ... Mein alter Diener Simon hat den Kleinen fortgetragen; ich kann
nicht fr ihn leben. Simon sagt - der Pfarrer auch - es werde sich kein Weib
entschlieen, meinem Kinde die Brust zu reichen, weil ich in den Augen des
Volkes ein Verlorener, ein der Hlle Verfallener sei ... Das Weib meines
Forstwarts Ferber nhrt den Kleinen jetzt, ohne zu wissen, von wem er stammt -
    Der Vorleser hielt inne und sah erstaunt ber das Papier hinweg. Der
Oberfrster, der bis dahin, aufmerksam zuhrend, ihm gegenber an der Wand
gelehnt hatte, stand mittels einer raschen Bewegung pltzlich an seiner Seite
und fate krampfhaft seinen Arm. Sein braunes Gesicht war bleich geworden, als
ob eine mchtige innere Erschtterung momentan seine Pulse stocken mache. Auch
Ferber war mit allen Zeichen hchster Ueberraschung nher gekommen.
    Weiter, weiter! rief endlich der Oberfrster mit fast erstickter Stimme.
    Simon hat ihn auf die Schwelle des Forsthauses gelegt, las Reinhard, er
hat heute gesehen, da ihn die Ferberin herzt und pflegt, wie ihr eigenes
Mgdlein ... Nach den Gesetzen meines Hauses hat er keine Ansprche an das Erbe
derer von Gnadewitz, aber mein mtterliches Erbteil wird ihn vor dem Mangel
schtzen. Auf dem Rathause zu L. liegen meine Verfgungen, die ihn als meinen
Sohn und Erben besttigen. Mag er als Hans von Gnadewitz ein neues Geschlecht
begrnden: der Allmchtige mge mitleidige Herzen lenken, da sie seine Jugend
beschtzen, ich kann es nicht! ...
    Alles, was jene liebliche Hlle in glcklichen Tagen geschmckt hat, es soll
sie auch im Tode umgeben, soll mit ihr vermodern. Auf die Kleinodien hat ihr
Kind Anspruch, aber alles in mir emprt sich, wenn ich denke, da das, was auf
ihrer glnzenden Stirn, ihrem reinen Nacken geruht hat, vielleicht durch
treulose Hnde auseinander gerissen und entweiht wird; eher soll es hier
erblinden und verderben.
    Noch einmal wende ich mich an Dich, den vielleicht der Zufall erst nach
Jahrhunderten in dies Heiligtum fhrt; ehre die Tote und bete fr mich!
                                                            Jost von Gnadewitz.

    Die beiden Brder reichten sich wortlos die Hnde und traten an den Sarg. In
ihren Adern kreiste das Blut jenes Wunderwesens, das einst den wilden, stolzen
Junker in Liebesraserei entflammt, jenes Weibes, dessen glhende Seele, nach
Freiheit lechzend, jubelnd dem vergtterten Leibe entfloh, der hier im engen
zinnernen Schreine zu einem Hufchen Asche zusammensank ... Da standen die zwei
hohen Gestalten, die Abkmmlinge dessen, der, mit dem Weihkusse der sterbenden
Mutter auf der Stirn hinausgetragen wurde in den Wald, auf die niedrige Schwelle
des Dieners, whrend sein hochgeborner Vater verzweifelnd in den Tod ging.
    Sie war unsere Stammmutter, sagte endlich Ferber tiefbewegt zu Reinhard.
Wir sind die Nachkommen jenes Findlings, dessen Abkunft ein Rtsel geblieben
ist bis zu dieser Stunde; denn die Papiere, die das Kind in seine Rechte
einsetzen sollten, sind mit dem Rathause zu L. ungelesen verbrannt ... Wir
mssen die Arbeit fr einige Tage unterbrechen, wandte er sich an den einen der
Maurer, der in verzeihlicher Wibegierde bis zur Mitte der Leiter
herabgeklettert war und von diesem hohen Standpunkte aus in sprachloser
Verwunderung die Aufklrung einer Geschichte mit anhrte, die noch in den
Lindhofer Spinnstuben eine groe Rolle spielte.
    Dafr aber sollt Ihr morgen auf dem Lindhofer Gottesacker ein Grab
ausmauern, rief der Oberfrster hinauf; ich werde gleich nachher mit dem
Pfarrer Rcksprache nehmen.
    Er trat noch einmal an den Schrank und berblickte die Gewnder, die einst
die feinen Glieder des Zigeunerkindes eingehllt hatten und offenbar mit groer
Genauigkeit in der Zusammenstellung aufgehangen waren, wie sie das entzckte
Auge des Liebenden an der schnen Lila gesehen hatte. Auf dem Boden des
Schrankes standen Schuhe. Der Oberfrster nahm ein Paar derselben - sie
bedeckten gerade seine breite Hand, es muten wahre Aschenbrdelfchen gewesen
sein, die darin gesteckt hatten.
    Die will ich der Else mitnehmen, sagte er lchelnd und fate sie behutsam
mit Daumen und Zeigefinger. Die wird sich wundern, da ihre Urahne gerade solch
ein Liliput gewesen ist.
    Ferber hatte unterdes die Mandoline vom Staube gesubert und schob sie
vorsichtig unter den Arm, whrend Reinhard den Juwelenkasten verschlo und ihn
an der im Deckel angebrachten zierlichen Handhabe vom Tische hob. So stiegen die
drei Mnner die Leiter wieder hinauf. Droben wurden alle Bretter, deren man
habhaft werden konnte, zum einstweiligen Schutze gegen Wind und Wetter ber die
Oeffnung im Plafond gedeckt, und dann trat man den Rckzug an.
    Die Damen, die unterdes in groer Spannung am Fue des Erkers gewartet
hatten, waren nicht wenig erstaunt ber den seltsamen Zug, der sich die Leiter
herab bewegte. Sie erfuhren aber nicht eher ein Wort von dem, was sich droben
ereignet hatte, als bis man unter den Linden angekommen war. Hier stellte
Reinhard den Kasten auf den Tisch, beschrieb genau das verborgene Zimmer und
dessen Inhalt, zog endlich das verhngnisvolle Papier hervor und wiederholte
seinen Vortrag von vorhin, diesmal jedoch bei weitem flieender.
    Schweigend und atemlos lauschten die Damen den Ausbrchen eines heien,
leidenschaftlichen Herzens. Elisabeth sa bla und still da, aber als die Stelle
kam, die so pltzlich ein grelles Licht auf das dunkle Stck Vergangenheit ihrer
Familie warf, da fuhr sie jh in die Hhe, und ihr Auge richtete sich voll
unsglicher Ueberraschung auf das lchelnde Gesicht des Onkels, der sie
erwartungsvoll beobachtete. Auch Frau Ferber blieb eine Weile, nachdem der
Vorleser geendet hatte, wie betubt. Fr ihren klaren, gewhnlich sehr ruhig
erwgenden Geist war diese romantische Lsung einer jahrhundertealten
Familienfrage im ersten Augenblicke unfalich. Mi Mertens aber, der Ferber erst
die ganze Tragweite der Entdeckung auseinandersetzen mute, da sie ja um die
Findlingsgeschichte nichts wute, schlug die Hnde ber dem Kopfe zusammen ber
die wunderbare Fgung.
    Nun, und haben Sie auf dies Blatt hin Ansprche auf Ihr Erbe? frug sie
lebhaft und gespannt.
    Ohne Zweifel, entgegnete Ferber, aber wie sollen wir wissen, worin jenes
mtterliche Erbe bestanden hat? ... Die Familie ist ausgestorben, der Name von
Gnadewitz erloschen. Alles ist in fremde Hnde bergegangen; wer kann uns sagen,
was und wo wir beanspruchen sollen?
    Nein, dahinein stren wir nicht, entschied der Oberfrster; solche
Geschichten kosten Geld, und schlielich haben wir vielleicht das Vergngen, auf
einen Vergleich im Betrage von einigen Thalern eingehen zu mssen ... Ei was,
la fahren dahin! ... Wir sind bisher auch nicht verhungert.
    Elisabeth nahm trumerisch die Schuhe auf, die der Onkel vor sich
hingestellt hatte. Der verblichene, hie und da zerschlitzte Seidenstoff zeigte
noch jede Biegung des Fues. Sie waren viel benutzt worden; aber augenscheinlich
nicht auf dem Waldboden, denn die Sohlen waren rein - jedenfalls hatten die
raschen Fchen darin gesteckt whrend der Gefangenschaft, zu jener Zeit, da sie
wie gehetzt durch die Zimmer und Sle lief, die zarte Brust wund schlagend.
    Guck, Else, nun wissen wir auch, wo du herkommst mit deiner zerbrechlichen
Taille und den Fen, die ber den Grashalm hinlaufen, ohne da er sich biegt,
sagte der Onkel. Bist gerade solch ein Waldschmetterling, wie deine Urahne;
wrdest auch die Stirn an den Wnden zerstoen, wenn man dich einsperren wollte.
- 's ist doch ein Zigeunerblut in dir, und wenn du zehnmal die Goldelse bist und
eine Haut hast wie Schneewittchen ... Da, ziehe einmal die Dinger an, du wirst
gleich sehen, da du drin tanzen kannst.
    Er hielt die Schuhe hin.
    O nein, Onkel! rief Elisabeth abwehrend, das sind Reliquien fr mich! ...
Ich knnte sie nie in der Weise berhren, ohne zu frchten, da Josts schwarze,
zornige Augen neben mir auftauchten.
    Frau Ferber und Mi Mertens waren derselben Ansicht, und erstere meinte, der
Schrank mit allem, was er enthalte, msse mit mglichster Vorsicht an einen
ruhigen, trockenen Ort geschafft werden, wo er als Familienreliquie unangetastet
stehen bleiben solle, bis sich auch sein Geschick, das der zeitlichen
Zerstrung, erflle.
    Nun, in dem Punkte will ich die Piett gelten lassen, nahm Reinhard das
Wort, anders dagegen denke ich ber diese Gegenstnde.
    Er schlo den Kasten auf. Der Sonnenstrahl, der in das Innere glitt, kam in
tausendfltigen Blitzen zurck und blendete aller Augen. Reinhard nahm ein
Halsband heraus; es war sehr breit und von bewunderungswrdiger Arbeit.
    Das sind Brillanten vom reinsten Wasser, belehrte er die Umstehenden - das
Kollier war beset mit den kostbarsten Steinen - und diese Rubinen hier mssen
wundervoll aus den dunkeln Locken der schnen Zigeunerin gestrahlt haben, fuhr
er fort, indem er zwei Nadeln von dem Samtpolster aufhob, deren Kpfe
Blumenglocken aus roten Steinen bildeten. Aus den Kelchen fielen zierliche
Ketten, die in jedem beweglichen Gliede einen kleinen Rubin hielten, wie ein
buntfarbiger Regen nieder.
    Elisabeth hielt lchelnd eine prchtige Agraffe ber ihre Stirn.
    Sie meinen also, Herr Reinhard, frug sie, hier sollten wir die Piett
beiseite lassen und uns unbedenklich mit diesen Kostbarkeiten behngen? ... Was
wohl mein weies Mullkleid dazu sagen wrde, wenn ich ihm zumuten wollte, eines
Tages neben so vornehmer Gesellschaft zu erscheinen!
    Die Steine stehen Ihnen unvergleichlich, erwiderte Reinhard lchelnd,
aber zum weien Mullkleide wrde mir ein Strau frischer Blumen auch besser
gefallen; deshalb rate ich diese Steinpracht beim Juwelier in klingende Mnze
umschmelzen zu lassen.
    Ferber nickte zustimmend.
    Wie, Reinhard, rief Mi Mertens, du glaubst, man sollte diese
Familienstcke verkaufen?
    Ei freilich, erwiderte er. Es wre geradezu sndhaft und thricht, ein
solches Kapital brach liegen zu lassen ... Die Steine sind allein gegen
siebentausend Thaler wert; dann sind noch die sehr schnen Perlen und das
gehenkelte Gold zu berechnen, das gibt auch noch ein hbsches Smmchen.
    Potztausend! rief der Oberfrster berrascht, da wird nicht gefackelt,
fort damit! ... Guck, Adolf, fuhr er weicher fort und schlang den Arm um die
Schulter seines Bruders, nun hat's der da droben doch noch gut mit dir gemacht
... Ich hab' dir gleich gesagt, in Thringen wird's besser, wenn mir auch nicht
eingefallen wre, zu denken, da dir auf einmal so ein achttausend Thlerchen
ins Haus fallen wrden.
    Mir allein? rief Ferber erstaunt. Hast du nicht als Aeltester vor allem
Anspruch an den Fund?
    Nichts da ... Was soll ich um Gotteswillen mit dem Mammon anfangen? Ich
soll mich wohl in meinen alten Tagen noch damit beschftigen, Kapitalien
auszuleihen? ... Das knnte mir einfallen ... Ich habe weder Kind noch Kegel,
beziehe einen schnen Gehalt, und wenn es einmal mit den alten Knochen hapert,
dann habe ich eine Pension, die ich nicht aufzehren kann, mit dem besten Willen
nicht. Ich trete also mein Erstgeburtsrecht ab, und zwar an das Mdel da mit den
goldenen Haaren und unseren Stammhalter, den Schelm, den Ernst; ich will nicht
einmal ein Linsengericht dafr, denn dazu schmeckt das Wildbret nicht gut, sagt
Sabine ... Bleibt mir vom Halse! rief er, als Frau Ferber mit feuchtem Auge
sich erhob und ihm die Hand hinstreckte und sein Bruder bewegt ihm noch
Vorstellungen machen wollte. Sie thten viel besser, Frau Schwgerin, wenn Sie
fr eine Tasse Kaffee sorgten, das ist ja himmelschreiend! ... vier Uhr, und
noch keinen Tropfen des gewohnten Labsals auf den Lippen, um deswillen ich doch
einzig und allein den Berg hinaufgeklettert bin.
    Er erreichte seinen Zweck, den Danksagungen zu entgehen, vollkommen; denn
Frau Ferber eilte, von Elisabeth begleitet, ins Haus, und die anderen lachten.
Bald sa die Gesellschaft auf der Terrasse, um den braunen, krftig duftenden
Trank versammelt.
    Ja, ja, sagte der Oberfrster, sich behaglich in den Stuhl zurcklehnend,
htte heute morgen beim Aufstehen nicht gedacht, da ich mich am Abend als Herr
von Gnadewitz niederlegen wrde ... Nun kann mir der Oberforstmeister nicht
entgehen; hat mich auf einmal das braune Blttchen da mit seinen verzwickten
Buchstaben geschickt dazu gemacht, was dreiig schwere Dienstjahre nicht zuwege
gebracht haben. Werde, sobald Seine Durchlaucht in L. einrckt, meinen Kratzfu
machen und mich vorstellen mit dem neuen Namen ... Potz Blitz, die werden die
Augen aufreien da drinnen!
    Ein eigentmlicher Seitenblick huschte bei diesen Worten hinber nach
Elisabeth, zugleich aber that der Sprechende ein paar krftige Zge aus der
Pfeife und hllte pltzlich sein Gesicht in eine dicke Rauchwolke.
    Onkel! rief das junge Mdchen, stelle dich, wie du willst, ich wei doch,
da dir nicht einfllt, das zerbrochene Wappen der Gnadewitze wieder
zusammenzufgen.
    Aber ich sehe nicht ein, es ist ein ganz hbsches Wappen mit Balken,
Sternen -
    Und einem Rade voller Blutflecken, unterbrach ihn Elisabeth. Gott behte
uns, da wir es machen, wie jene, welche die Snden ihrer Vorfahren aufgraben,
um das Alter ihres Geschlechts zu beweisen und die den Adel dadurch unadlig
machen: eine grere Widersinnigkeit hat die ganze Welt nicht ... Mir ist, als
mten sich die Schatten aller derer, die jenes hochmtige, erbarmungslose
Geschlecht geqult und durch das Leben gehetzt hat, anklagend erheben, wenn der
Name wieder aufleben sollte, unter dessen Deckmantel jahrhundertelang alle
erdenklichen Greuel verbt worden sind ... Wenn ich die zwei Vter nebeneinander
stelle, den leiblichen, der feig aus dem Leben floh, nicht einen Augenblick
erwgend, da sein armes Kind die heiligsten Rechte an ihn hatte, und jenen
armen Diener, der den hilflosen Ausgestoenen erbarmungsvoll an sein Herz nahm
und ihm seinen ehrlichen Namen verlieh, dann wei ich, welcher der adelige, das
heit der edle war, und wessen Namen verdient, fortzubestehen ... Und wieviel
Herzeleid hat jenes bermtige Geschlecht meinem armen Mtterchen zugefgt!
    Jawohl, jawohl, bekrftigte Frau Ferber mit einem Seufzer: frs erste
verdanke ich ihm eine strmische, freudenlose Kindheit; denn meine Mutter war
ein liebenswrdiges, schnes aber brgerliches Mdchen, das mein Vater gegen den
Willen seiner Verwandten geheiratet hat. Diese sogenannte Miheirat wurde eine
Quelle endloser Krnkungen und Leiden fr die arme Brgerliche. Mein Vater war
nicht willensstark genug, um mit jener stolzen Hauptlinie derer von Gnadewitz zu
brechen und nur fr seine Frau zu leben. Aus dieser Schwche entstanden zahllose
Konflikte zwischen meinen Eltern, die mir nicht verborgen bleiben konnten ...
Nun, und wir, sie reichte ihrem Manne die Hand ber den Tisch hinber, wir
werden wohl die Kmpfe nie vergessen, welche wir durchmachen muten, ehe wir uns
gehren durften ... Ich mchte nie wieder in jene Kaste zurckkehren, die, um
dem ueren Glanze und der Form zu gengen, so oft das warme, menschliche Fhlen
unbarmherzig zertritt.
    Das sollst du auch nicht, Marie, beruhigte lchelnd Ferber, indem er ihre
Hand drckte. Er warf einen schelmischen Seitenblick auf seinen Bruder, der
mchtige Dampfwolken vor sich her blies und sich vergebens bemhte, die Stirn in
dstere Falten zu legen.
    Ach, meine schnen Aussichten! seufzte dieser endlich in komischer Wehmut.
Else, du bist grausam und thricht. Du bedenkst nicht, was ich dir fr ein
Herrenleben verschaffen kann, wenn ich Oberforstmeister bin ... und du ein
gndiges Frulein - nun, lockt dich das nicht?
    Elisabeth schttelte lachend, aber energisch den Kopf.
    Und wer wei, nahm Mi Mertens das Wort, ehe man sich dessen vershe,
klopfte irgend ein edler Ritter von tadellosem Geblt an das alte Gnadeck und
holte die hochgeborne Goldelse als gndige Frau heim.
    Und Sie glauben, ich wrde mit ihm gehen! rief Elisabeth heftig, und ihre
Wangen flammten in hoher Rte.
    Ei, warum denn nicht? ... wenn Sie ihn liebten ...
    Nie, niemals! entgegnete das junge Mdchen mit fast erstickter Stimme,
auch wenn ich ihn liebte ... Ich wrde dann nur um so unglcklicher sein in dem
Gedanken, da der Nimbus meines Namens schwerer in die Wagschale gefallen sei,
als mein Herz; da in den Augen jenes Mannes alles Streben nach geistiger Hhe
und moralischer Tchtigkeit wertlos zusammensinke vor einem Schemen, den
erbrmliche Menschensatzungen mit trgerischem Goldschaume bekleiden!
    Frau Ferber heftete einen erstaunten Blick auf ihre Tochter, in deren Zgen
sich pltzlich alle Spuren einer tiefen Gemtsbewegung zeigten. Der Oberfrster
dagegen klemmte seine Pfeife zwischen den Zhnen fest und klatschte in seine
gewaltigen Hnde.
    Else, Goldkind! rief er endlich. Na, gib deine Hand her, bist ein
wackerer Kmpe durch und durch! ... Ja, auch ich sage, Gott behte mich, da ich
die Zahl derer vermehre, die um ihres persnlichen Vorteils willen ihren
ehrlichen Namen aufgeben ... Gelt, Adolf, wir machen das Kirchenbuch in der
kleinen schlesischen Dorfkirche, wo wir getauft worden sind, nicht zu schanden,
wir schreiben unseren Namen fort und fort, wie er dort eingetragen?
    Und wie er ein halbes Jahrhundert hindurch in Freud' und Leid uns treulich
begleitet hat, bekrftigte Ferber mit seinem ruhigen Lcheln. Das Dokument
werde ich fr diesen hier, - er legte seine Hand auf den Lockenkopf des kleinen
Ernst - unseren Stammhalter, aufheben, bis er selbst ein eigenes, reifes Urteil
hat. Ich kann und darf jetzt nicht fr ihn entscheiden; aber ich werde ihn zu
lenken wissen, da er es dereinst vorzieht, seinen Weg durch eigene Kraft zu
gehen, und nicht, trge auf dem Lotterbette alter Traditionen und
Ungerechtigkeiten liegend, Vorrechte geniet, die allein nur das edle Streben
krnen sollten ... Die Gnadewitze haben auf ihrer langen Laufbahn der Welt
nichts gegeben, dafr aber um so mehr genommen; sie mgen modern in ihrer Gruft,
und ihr unverdient berhmter Name mit ihnen!
    Sela! rief der Oberfrster und klopfte seine Pfeife aus. Er stand auf.
Jetzt wollen wir gehen, sagte er zu seinem Bruder, und Rcksprache mit dem
Lindhofer Pfarrer nehmen. Der Platz unter den schnen Linden auf unserem
Dorfkirchhofe gefllt mir tausendmal besser, als die drei dsteren Wnde da
droben, zwischen denen unsere Stammmutter lange Jahre hat ruhen mssen. Und
damit die schwere, kalte Erde ihren Sarg nicht berhre, wollen wir das Grab
ausmauern und mit einem Steine verschlieen lassen.
    Er entfernte sich, von Ferber und Reinhard begleitet, und whrend die Mutter
und Mi Mertens den Juwelenkasten in Sicherheit brachten, stieg Elisabeth die
Leiter am Erker in die Hhe, schob die Bretter hinweg und schlpfte hinab in das
verborgene Gemach. Ein feiner Strahl der Abendsonne fiel schrg durch einen
rubinroten Glasstreifen des Fensters und warf auf den Namen Lila einen
blutigen Schein. Lange stand das junge Mdchen mit gesenktem Haupte und
gefalteten Hnden neben dem einsamen Totenschreine, in welchem jenes heie Herz
schlief seit dem Augenblicke, da sein Jammer ein Ende hatte und in Grabesstille
verhallte. Jahrhunderte waren vorbergeflogen; sie hatten all den hinreienden
Zauber jenes kurzen Daseins, die strmischen Gefhle, durch die es seinen
Untergang fand, hinweggesplt, als sei all das nie gewesen, und doch whnte das
junge Herz, das bang und unruhig inmitten der stillen Totenkammer klopfte, sein
inneres Strmen knne niemals verhallen.

                                       17


Das Ereignis auf Gnadeck war schon im Lindhofer Schlosse ruchbar geworden, noch
bevor Reinhard dasselbe betrat. Die Maurer hatten auf ihrem Nachhausewege durch
den Park einem Bedienten die wunderbare Geschichte erzhlt, worauf diese, von
Mund zu Mund laufend, mit Blitzesschnelle zu den Damen des Hauses gedrungen war
und dort beinahe die Wirkung einer hereinfallenden Bombe gehabt hatte.
    Es war ein Lieblingsthema der Frau Baronin, die Lehre vom blauen Blute in
ihrer Untrglichkeit zu beweisen. Sie behauptete, mittels einer sehr feinen,
empfindlichen Organisation das Vorhandensein dieses bevorzugten Lebensstromes zu
erkennen, herauszufhlen an Personen, deren Namen sie noch nicht einmal wute.
Es war somit ganz natrlich, da sie auch jedes versprengte edle Trpfchen in
plebejischen Adern scharfsichtig erkannte. Aus dem Grunde gab sie auch stets
bereitwillig zu, da die kleine Ferber etwas Distinguiertes in ihrer
Erscheinung habe, als das unleugbare Erbteil ihrer adlig geborenen Mutter ...
Dem Oberfrster gegenber hatte sich jedoch jene untrgliche Stimme immer so
muschenstill verhalten, da es ihr nicht im Traume eingefallen wre, ihm fr
seinen Gru anders zu danken, als mit einem Kopfnicken nach der Schablone fr
Niedrigstehende. Ja, im edeln Zorne darber, da dieser ungeschliffene Mensch
und Gottesverchter seiner Nichte Bertha die ferneren Schlo- und
Bibelstundenbesuche verboten hatte, war sie zum fteren so weit gegangen, zu
behaupten, man she ihm seine gemeine Abkunft auf hundert Schritt Distanz an ...
Und nun sollte gerade er ihren hundertmal erprobten Sprblick fr
aristokratisches Blut zu schanden machen! Er war der Abkmmling eines berhmten
Geschlechts, war der Trger eines Namens, den der Nimbus feudalen Glanzes bis in
die fernste Zeit zurck umschwebte!
    Freilich lag eine groe Beruhigung fr sie in dem Gedanken, da das edle
Blut durch brgerliche Heiraten whrend zweier Jahrhunderte unkenntlich geworden
sei. Sie sprach dies in sehr lebhafter Weise gegen Frulein von Walde aus, die,
still auf ihrem Ruhebette liegend, mit einem feinen spttischen Lcheln die
Aufregung der Baronin beobachtete. War es nun das persnliche Interesse fr die
Familie Ferber, oder ein vorurteilsfreier Standpunkt der jungen Dame, von
welchem aus sie ihrer Kousine die kleine Lehre gnnte, genug, sie richtete sich
auf und sagte lebhaft, nicht ohne eine leichte Beimischung von Schrfe:
Verzeihe, aber das ist ein kleiner Irrtum, Amalie ... Ich wei ganz genau, da
die Frau des Forstschreibers nicht die einzige Adlige ist, die in die Familie
Ferber geheiratet hat. Sie sind ein schnes, geistig hervorragendes Geschlecht
immer gewesen, dessen persnliche Vorzge mehrere Male den Sieg ber
Geburtsvorurteile davongetragen haben ... Es drfte leicht sein, da sich nicht
mehr brgerliche Heiraten in jener Familie aufzhlen lassen, als deren auf den
Stammbaum des guten Lessen fallen, und du wirst doch sicher nicht aufstellen
wollen, da kein reines Blut in Bellas Adern fliee?
    Ein leichtes Rot flackerte ber die fahlen Wangen der Baronin und der Blick
war nichts weniger als liebevoll und sanftmtig, der unter den halbgesenkten,
weibewimperten Augenlidern hervor nach dem jungen Mdchen zuckte. Aber es
erschien fast ebenso schnell ein vershnliches Lcheln um ihren Mund. Sie fhlte
zu ihrem Entsetzen seit gestern fter den Boden unter ihren Fen wanken. Es war
eine erschreckende Wahrnehmung fr sie, pltzlich da auf Widerspruch zu stoen,
wo sie seit einem Jahre blinde Unterwerfung und vllige Hingebung zu sehen
gewohnt war.
    Sie hatte brigens ganz recht, wenn sie den Grund der Vernderung in Helenes
Benehmen nicht eigentlich in dem unseligen Einflusse von deren Bruder suchte,
sondern die Schuld bei weitem mehr ihrem Sohne zuma, der in den letzten Tagen
eine so eigentmliche Haltung angenommen hatte. Helene war zwar im Grunde eine
durchaus edle Natur, befhigt, sich fr Groes und Edles zu begeistern, und vom
besten Willen beseelt, das Gute zu thun; aber sie war von Kindheit auf daran
gewhnt, sich als den Mittelpunkt allseitiger zrtlicher Frsorge und Rcksicht
zu betrachten. Sie hatte, trotz ihrer krperlichen Gebrechen, nie die Bitterkeit
der Zurcksetzung empfinden mssen. Um sie die Verkrzung ihrer natrlichsten
Rechte vergessen zu machen, war jedes im Umgange mit ihr beflissen, sie doppelt
auszuzeichnen. Wohl wissend, da sie dem Berufe als Gattin entsagen msse, hatte
sie doch ihr an Zrtlichkeit so reiches Herz jubelnd der ersten Liebe geffnet,
und wenn sie im stillen weinend die Natur ob der ihr widerfahrenen
Vernachlssigung und somit der Zerstrung ihres Lebensglckes anklagte, so blieb
ihr doch immer die beseligende Gewiheit, da ihre Neigung erwidert werde. Die
unausgesetzten Aufmerksamkeiten Hollfelds, sein stetes Verweilen in Lindhof,
einzelne hingeworfene zrtliche Worte waren freilich geeignet gewesen, diese
Meinung zu einer unerschtterlichen zu machen ... Nun war er pltzlich
beleidigend zerstreut ihr gegenber und vernachlssigte sie auf eine unerhrte
Weise. Sie litt namenlos, ihr ganzes Innere emprte sich, die gekrnkte
weibliche Wrde, ein nie gekannter heftiger Zorn und ihre unsgliche Liebe
rangen miteinander; sie war noch weit entfernt von jenem Stadium, welches edle
Naturen frher oder spter stets erreichen mssen: das der Resignation und
Verzeihung. Sie wurde bitter und heftig, und diese Empfindungen offenbarten sich
weniger dem, der ihr wehe that, als da sie sich mit einer Art von Genugthuung
gegen diejenigen richteten, deren Tyrannei das junge Mdchen um ihrer Liebe
willen bis dahin widerstandslos ertragen hatte.
    Hollfeld hatte gerade, als die alte Kammerfrau der Baronin einer
unerheblichen Meldung wegen in das Zimmer trat und alsbald mit gelufiger Zunge
die merkwrdige Begebenheit auf Gnadeck mitteilte, den Damen vorgelesen. Htten
Helenes Blicke nicht berrascht an den Lippen der Erzhlenden gehangen, so wre
ihr sicher die pltzliche Vernderung in den Zgen ihres Vetters nicht
entgangen. Atemlos, mit dem Ausdrucke hchster Befriedigung hrte er zu. Die
gefundenen Kleinodien hatten sich auf dem Wege ber die verschiedenen Lippen zu
einem unermelichen Werte gesteigert, und der einfache Sarg der schnen Lila
war zu purem Silber geworden.
    Auch die Baronin hatte die auffallende Umwandlung in dem bisher so
mrrischen Wesen ihres Sohnes nicht bemerkt und schleuderte ihm, infolge jener
bitteren Zurechtweisung Helenes, logischerweise einen von dem jungen Mdchen
ungesehenen Zornblick zu. Sie war jedoch erstaunt, ihn pltzlich Helene nher
rcken zu sehen. Er legte das gestickte Rouleau im Nacken der jungen Dame
zurecht und schob das Boukett in der Blumenvase nher zu ihr hin, damit sie den
Blumenduft bequemer einatmen knne.
    Helene hat ganz recht, Mama, sagte er, einen sehr freundlichen Blick auf
das junge Mdchen werfend, der mit einem glckseligen Lcheln erwidert wurde.
Es kommt dir am wenigsten zu, den guten Adel der Familie anzufechten.
    Obgleich es ihr ein entsetzlicher Gedanke war, da die bisher so tief unter
ihr Stehende jetzt neben ihr stehen und an Reichtum sie sogar bedeutend
berragen sollte, war die Baronin doch klug genug, die bittere Entgegnung, die
ihr auf den Lippen schwebte, zu unterdrcken und sich mit der Aeuerung zu
begngen, da die Sache denn doch zu unglaublich und fabelhaft klinge, als da
man ihr so unbedingt Glauben schenken drfe. Sie msse erst einen kompetenteren
Augenzeugen hren, als die beiden Maurer seien, bevor sie sich entschlieen
knne, zu glauben.
    Dieser kompetente Augenzeuge schritt eben wie gerufen unter den Fenstern
vorber. Es war Reinhard, der von dem Berge zurckkehrte. Er lchelte, als er
schleunigst zu Frulein von Walde befohlen wurde, denn aus den neugierigen
Fragen des Bedienten ersah er, da der Fund auf Gnadeck im Schlosse bereits
bekannt war, und da er nur zu den Damen gerufen werde, um berichten zu sollen.
    Bei seinem Eintritte wurde er auch sofort von Helene mit Fragen bestrmt. Er
erzhlte in seiner ruhigen Weise, und es belustigte ihn ber die Maen, hinter
den scheinbar nachlssig und gleichgltig hingeworfenen Fragen und Bemerkungen
der Baronin die gespannte Neugier und den tiefsten Verdru zu bemerken.
    Und werden die Ferber auf jenen Zettel hin in der That Anspruch auf den
alten Namen erheben drfen? fragte sie, eine groe Dahlia aus der Blumenvase
ziehend und daran riechend.
    Ich mchte wissen, wer ihnen das Recht streitig machen wollte, erwiderte
Reinhard. Es bleibt einfach zu beweisen, da sie die Abkmmlinge jenes
ausgesetzten Hans von Gnadewitz sind, und das knnen sie zu jeder Stunde.
    Die Dame legte den Kopf an die hohe Rcklehne ihres Stuhles und lie die
Lider wie ermdet oder gelangweilt halb ber ihre Augen sinken.
    Nun, und jene entdeckten Schtze von Golkonda, sind die wirklich so
unermelich, wie Frau Fama wissen will? fragte sie. Ihr Ton sollte spttisch
klingen, allein Reinhards feines Ohr hrte mit groer Genugthuung eine
unsgliche Spannung und etwas wie eine geheime Angst heraus.
    Er lchelte.
    Unermelich! wiederholte er. Nun ja, es kommt bei dergleichen Dingen sehr
viel auf den Begriff dessen an, den sie berhren ... Ich kann hier nicht
urteilen.
    Er htte es sehr gut gekonnt, wie wir wissen, aber er meinte
ungalanterweise, die kleine Aufregung der Ungewiheit sei der Dame ganz gesund.
    Das Examen wrde hchst wahrscheinlich noch nicht so schnell sein Ende
erreicht haben, wenn nicht pltzlich Bella in ihrer lebhaften, aufgeregten Weise
in das Zimmer gestrzt wre.
    Mama, die neue Gouvernante ist angekommen! rief sie atemlos und warf mit
einer schttelnden Bewegung ihres Kopfes ihre roten Locken zurck, die vornber
gefallen waren. Pfui, die ist noch hlicher, als Mi Mertens! fuhr sie fort,
ohne die mindeste Rcksicht auf den danebenstehenden Reinhard zu nehmen. Auf
ihrem Hute hat sie knallrotes Band, und ihre Mantille ist noch altmodischer, als
die von Frau Lehr ... Mit der gehe ich ganz gewi nicht aus, darauf kannst du
dich verlassen, Mama!
    Die Baronin fuhr mit beiden Hnden nach den Ohren.
    Kind, ich bitte dich um Gotteswillen, sei nicht so laut! sthnte sie.
Deine Stimme geht mir durch Mark und Bein ... Und was sind das fr alberne
Reden, setzte sie streng hinzu. Du wirst schon mit Mademoiselle Jamin gehen
mssen, wenn ich es wnsche.
    Diese mit ziemlicher Heftigkeit ausgesprochene Zurechtweisung, infolge deren
die verdutzte Bella schmollend die Unterlippe hngen lie und heimlicherweise
ein Stck Franse an dem Fauteuil der Mama abri, hatte einfach ihren Grund in
der sogenannten Marterzeit, die auf Mi Mertens' Weggang gefolgt war. Die
Baronin hatte notgedrungen die einstweilige Aufsicht ber Bella bernehmen
mssen, und das war, wie sie versicherte, ein wahrer Totschlag fr ihre Nerven.
Frulein von Walde gegenber behauptete sie zwar stets, lediglich unter Mi
Mertens' Erziehungssnden leiden zu mssen; im Grunde ihres Herzens aber fand
sie, da das Tchterlein in frappanter Aehnlichkeit alle Charaktereigenschaften
des seligen Lessen geerbt hatte, worunter sich hauptschlich ein unbeugsamer
Starrsinn und der unbezwingliche Hang zum sen Nichtsthun auszeichneten ... Sie
war indes weit entfernt, zu denken, da Mi Mertens Unrecht geschehen sei -
diese Person hatte sich als Erzieherin bezahlen lassen, mithin verstand es sich
von selbst, da sie - natrlicherweise ohne je gegen die Wnsche und Ansichten
der Mutter zu handeln oder die Schutzbefohlene gar eigenmchtig zu strafen -
alle Fehler des Kindes beseitigte. Jener mtterliche Einblick in Bellas
Charakter hatte deshalb auch ganz und gar keinen Vorteil fr die schmerzlich
erwartete neue Gouvernante - die unglckliche Franzsin mit der Farbe der Freude
auf ihrem Hute hatte sicher keine Ahnung von den freudelosen Tagen, denen sie
entgegenging. - In diesem Augenblicke jedoch fiel mit ihrem Kommen der Baronin
ein Stein vom Herzen, und die Dame wnschte nichts weniger als einen Konflikt
gleich zu Anfang zwischen Lehrerin und Zgling - deshalb wurden Bellas naseweise
Ausstellungen gergt.
    Die Baronin erhob sich und ging in Begleitung ihrer grollenden Tochter
hinber in ihre Gemcher, um die Angekommene in Augenschein zu nehmen. Zugleich
wurde Reinhard von Frulein von Walde entlassen.
    Befiehlst du, da ich weiter lese, Helene? fragte Hollfeld, nachdem die
drei das Zimmer verlassen hatten, in sehr verbindlicher Weise, whrend er die
Zeitung wieder aufnahm.
    Spter, entgegnete sie zgernd und richtete forschend, aber doch mit einer
Art schchterner Beklommenheit ihre Augen auf ihn. Ich wollte dich eigentlich
bitten, da wir fr einen Augenblick allein sind, mir endlich zu sagen, was dich
in den letzten Tagen so sehr verstimmt hat ... du weit, Emil, da es mich
unsglich schmerzt, wenn du mir verweigerst, an dem, was dich freut oder
bedrckt, teilzunehmen. Du weit auch, da es nicht mige Neugier ist, die in
deine Angelegenheiten eindringen will, sondern wahres, warmes Interesse fr dein
Wohl und Wehe ... Du siehst, da ich schmerzlich unter deiner kalten
Verschlossenheit leide; sage mir offen, habe ich unwissentlich etwas gethan, um
deswillen du mich deines Vertrauens nicht mehr fr wrdig hltst?
    Sie streckte wie flehend die Hnde nach ihm aus; ein Stein htte sich
erbarmen mgen bei dem unsglich weichen, trauervollen Klange ihrer Stimme.
    Hollfeld bog das knisternde Zeitungsblatt zwischen seinen Fingern hin und
her. Er hielt den Kopf gesenkt und vermied es konsequent, dem reinen, offenen
Blicke des jungen Mdchens zu begegnen. Ein feiner Menschenkenner wrde in
dieser Haltung und den unter den gesenkten Lidern rastlos hin und her irrenden
Augpfeln wohl keinen Moment den Duckmuser verkannt haben, der zgernd
berlegt, wie er wohl am schlauesten handelt. Fr ein argloses, liebendes
Mdchenherz dagegen mochte diese hohe, ein wenig nach vorn gebeugte Gestalt mit
dem schnen Gesichte unter den prchtigen blonden Haarwellen weit eher ein
sinnender Apoll sein.
    Mein Vertrauen hast du noch, Helene, unterbrach endlich der Angeredete das
minutenlange Schweigen, du bist ja die einzige in der Welt, der ich vertraue -
Helenes Augen leuchteten auf bei diesen Worten, die Arme war ja so stolz auf
diese Auszeichnung - aber es gibt herbe Notwendigkeiten, die wir uns selbst
zuerst nicht einmal eingestehen mgen, geschweige denn, da wir den Mut haben,
sie auszusprechen.
    Die junge Dame richtete sich betroffen und in unaussprechlicher Spannung in
die Hhe.
    Ich bin gezwungen, fuhr Hollfeld stockend fort, einen Entschlu zu
fassen, der mir sehr, sehr schwer wird, und das lastet seit einigen Tagen auf
mir.
    Er erhob jetzt den Blick, um zu sehen, welchen Eindruck seine Worte
hervorgebracht hatten.
    Helene schien offenbar keine Ahnung von dem zu haben, was er sagen wollte,
denn sie vernderte ihre Haltung nicht im geringsten und schien die Worte von
seinen Lippen lesen zu wollen. Er sah sich also gentigt, weiter zu operieren,
ohne da sie ihm zu Hilfe kam.
    Du weit, Helene, sprach er langsam weiter, da ich seit einem Jahre
unsglichen Verdru mit meinen Wirtschafterinnen gehabt habe. Sie laufen mir auf
und davon, ehe ich mich dessen versehe, und ich vermag nichts, diesem Unwesen zu
steuern ... Vorgestern hat mir die letzte, die kaum vor zwei Wochen den Dienst
angetreten hat, wieder gekndigt ... Ich bin auer mir, denn der bitterste
Schaden erwchst mir aus dem ewigen Wechsel; meine Besitzung ist mir dadurch
vollstndig verleidet.
    Ah, du willst Odenberg verkaufen? unterbrach ihn Helene lebhaft.
    Nein, das wrde Thorheit sein, denn es ist eines der schnsten Gter in
Thringen, aber ich bin gezwungen, einen anderen Ausweg zu suchen; es wird mir
nichts anderes brigbleiben, als - mich zu verheiraten.
    Wenn eine pltzliche Gewalt die junge Dame gepackt htte, um sie in einen
frchterlichen Abgrund zu schleudern, ihr Gesicht wrde sicher nicht mehr
schreckensvolle Ueberraschung und Entsetzen ausgedrckt haben, als in diesem
Augenblicke. Sie ffnete die schneebleich gewordenen, zuckenden Lippen, aber
kein Laut kam hervor, und unfhig, ihren Schmerz zu bewltigen, schlug sie
pltzlich die Hnde vor das Gesicht und sank mit einem leisen Weherufe in die
Kissen zurck.
    Hollfeld eilte sofort an ihre Seite und nahm ihre beiden Hnde in die
seinigen.
    Helene, flsterte er leise, aber zrtlich - der Ton gelang ihm
vortrefflich - willst du, da ich rede und dir eine wunde Stelle in meinem
Herzen zeige? ... du weit es nur zu gut, da ich dich liebe, und da diese
Liebe meine erste und einzige durch mein ganzes Leben hindurch bleiben wird.
    Die Zunge verdorrte ihm nicht bei dieser abscheulichen Lge, ja, sie
vermochte sogar mit einer ihr sonst fremden Geschmeidigkeit tiefinnige Klnge
anzuschlagen, welche die ganzen Gefhle des jungen Mdchens aufstrmten und in
einen unaussprechlichen Taumel versetzten. Htte ein guter Engel der Armen
zugeflstert, sie mge nur ein einziges Mal die Augen aufschlagen, so wre
freilich der furchtbare Schmerz der Enttuschung unausbleiblich fr sie gewesen,
denn der Blick, der bei jener Versicherung ber ihre verkrppelte Gestalt
hinglitt, war ein beraus spttischer; aber sie htte doch vielleicht in ihrer
Entrstung die Kraft gefunden, sich den Schlingen des erbrmlichen Egoisten zu
entziehen. Ihre Augen blieben jedoch geschlossen, als wolle sie die ganze
Auenwelt von sich weisen, um einzig in dem Klange der Stimme zu schwelgen, die
zum erstenmal das Wort der Liebe aussprach.
    Wollte Gott, fuhr er fort, ich drfte meinem Herzen folgen und nur dieser
Neigung leben, denn wenn auch meine hchsten Wnsche unerfllt bleiben mssen,
so bin ich doch glcklich neben dir, in deinem Umgange, Helene ... Aber, du
weit, ich bin der letzte Hollfeld, schon aus dem Grunde bin ich gezwungen, mich
zu vermhlen ... Es bleibt mir nur ein Mittel, mir dieses Opfer zu erleichtern;
ich mu eine Frau whlen, die dich kennt -
    O, sag es nur schnell! rief Helene in ausbrechendem Schmerze, whrend
unaufhaltsame Thrnenstrme aus ihren Augen strzten, du hast bereits gewhlt,
meine Ahnung hat mich nicht betrogen, es ist Cornelie!
    Die Quittelsdorf? rief er lachend, dieser Irrwisch? ... Nein, da will ich
doch lieber mein Hab und Gut in den Hnden widerspenstiger Wirtschaftsmamsellen
wissen! ... Wo kme ich hin bei meinem ohnehin nicht sehr bedeutenden Einkommen
mit solch einer putzschtigen, leichtsinnigen Frau! ... Uebrigens sage ich dir
ja, und ich wiederhole es ausdrcklich, da ich noch nicht gewhlt habe; la
mich denn ausreden, se Helene, und weine nicht so schrecklich, du
zerschneidest mir das Herz. Ich mte also eine Frau haben, die dich kennt und
lieb hat, die einfachen Sinnes und so verstndig ist, da ich ihr sagen kann:
mein Herz gehrt einer anderen, die ich nicht besitzen kann, sei mir und dieser
anderen eine Freundin.
    Und glaubst du, dazu wrde sich irgend eine verstehen?
    Gewi, wenn sie mich lieb htte.
    Nun, ich knnte es nicht, nie, nie! Sie vergrub, konvulsivisch
schluchzend, ihr Gesicht in die Kissen.
    Auf Hollfelds wachsbleicher, glatter Stirn erschienen pltzlich zwei
hliche Falten. Seine Lippen preten sich aufeinander, und die Farbe trat fr
einen Augenblick aus seinen Wangen. Er war offenbar sehr zornig. Ein Ausdruck
des Hasses glhte in seinem Auge auf, als es auf der jungen Dame haftete, die
ihm das Spiel, das er sich so leicht gedacht hatte, wider alles Erwarten
erschwerte. Er beherrschte sich jedoch und hob mit sanfter, liebkosender Hand
ihr Gesicht in die Hhe. Das arme Wesen zuckte und zitterte unter dieser
heuchlerischen Berhrung und lie willenlos ihr zartes Kpfchen auf seiner Hand
liegen.
    Du wrdest mich also verlassen, Helene, frug er traurig, wenn ich den
schweren Schritt thun mte? Wrdest dich von mir abwenden und mich einsam
lassen mit einer ungeliebten Frau?
    Sie hob die vom Weinen gerteten Lider in die Hhe, und ein Strahl
unsglicher Liebe brach aus ihren Augen. Er hatte seine Rolle vortrefflich
gespielt und erkannte aus diesem einen Blicke sofort, da er gewonnenen Boden
unter den Fen habe.
    Du kmpfst jetzt denselben Kampf, fuhr er fort, den ich in den letzten
Tagen durchmachen mute, ehe ich zu dem festen Entschlusse kam ... Im
Augenblicke mag auch dir der Gedanke schrecklich sein, da eine dritte Person in
unser schnes Verhltnis eintreten soll; ich gebe dir aber mein Wort, da dies
durchaus nicht auf strende Weise geschehen wird ... Bedenke, Helene, da ich
dann viel mehr fr dich thun, fr dich leben kann, als jetzt ... Du kannst zu
mir nach Odenberg ziehen, und ich will die Hnde unter jeden deiner Schritte
legen, will dich behten und halten wie meinen Augapfel.
    Hollfeld besa nicht Geist, dafr aber einen hohen Grad von Schlauheit, wie
wir sehen, mit der er wirksamer agierte, als vielleicht ein anderer mit
bedeutenden Gedanken. Sein armes Opfer ging mit blutendem, zerrissenem Herzen
und vllig zerstrter Willenskraft in sein Netz.
    Ich will es versuchen, den Gedanken zu ertragen, flsterte Helene endlich
fast unhrbar. Was aber mte das fr ein Wesen sein, das mich duldet, und das
ich endlich als Schwester lieben lernte ... Kennst du wohl ein solch
opfermutiges, hochstehendes weibliches Gemt?
    Ich habe eine Idee ... sie kam mir vorhin ganz pltzlich ... sie ist aber
ganz flchtig und unausgebildet. Ich behalte mir vor, sie dir nach reiflicher
Ueberlegung mitzuteilen ... Aber du mut erst ruhiger werden, teure Helene.
Bedenke, ich lege ja die Wahl meiner knftigen Gattin einzig und allein in deine
Hnde; es hngt von dir ab, das zu verwerfen oder anzuerkennen, was ich dir
vorschlagen werde.
    Und fhlst du dich stark genug, neben einem Weibe zu leben, dem dein Herz
nicht gehrt?
    Er unterdrckte weislich ein spttisches Lcheln, denn Helenes Augen hingen
an seinem Munde.
    Ich kann alles, was ich will, antwortete er, und deine Nhe wird mir
Kraft geben ... Um eins aber will ich dich bitten, sage meiner Mutter noch
nichts von dieser wichtigen Angelegenheit. Sie will, wie du weit, ihre Hnde in
allem haben, und ich dulde nun einmal ihre Bevormundung nicht; sie erfhrt die
Sache noch zeitig genug in dem Momente, wo ich ihr meine Braut vorstelle.
    Zu jeder anderen Zeit wrde dieser herzlose, unkindliche Ausspruch Helene
emprt haben, aber in diesem Augenblicke hrte sie ihn kaum; denn ihr ganzes
Fhlen und Denken wirbelte abermals in einem wilden Aufruhr durcheinander bei
dem einzigen Worte Braut, das nun einmal - obgleich es sehr oft namenlos
unglckliche Brute gibt - den Begriff von Liebesseligkeit und Maiwonne an sich
knpft.
    O mein Gott! seufzte sie und rang die fest zusammengeballten Hnde, die
auf ihren Knieen lagen, in namenloser Qual. Ich habe immer gehofft, das nicht
erleben zu mssen ... Nicht, da ich so selbstschtig gewesen wre zu denken, du
solltest um meinetwillen einsam durchs Leben gehen, aber ich glaubte, die
voraussichtlich kurze Dauer meines Daseins wrde dich bestimmen, diesen
Schmerzenskelch an mir vorbergehen zu lassen, du wrdest warten, bis meine
Augen das Schreckliche nicht mehr sehen knnten.
    Aber Helene, wo gertst du hin? rief Hollfeld, nur noch mhsam seine
Ungeduld unterdrckend. Wer wird in deinen Jahren an den Tod denken! ... Leben,
leben wollen wir und mit der Zeit noch recht glcklich werden, das hoffe ich
ganz gewi ... Ich will dich jetzt allein lassen. Ueberlege dir die Sache, und
du wirst zu demselben Schlusse kommen wie ich.
    Er drckte ihre Hnde zrtlich an seine Lippen, hauchte einen Ku auf ihre
Stirn - was er bis dahin nie gethan hatte -, nahm seinen Hut und verlie leise
das Zimmer.
    Drauen, nur durch die Thr von der armen Getuschten geschieden, schlug er
verschmitzt lchelnd ein Schnippchen; wie gemein und bubenhaft sah er in diesem
Augenblicke aus! Er war ber die Maen zufrieden mit sich selbst ... Noch vor
einer Stunde war sein Herz von Grimm erfllt gewesen. Seine Leidenschaft fr
Elisabeth, durch den Widerstand des jungen Mdchens zu einer rasenden angefacht,
war in hellen Flammen ber seinem eigenen Haupt zusammengeschlagen und hatte ihn
seit gestern um alle seine gerhmte Selbstbeherrschung gebracht. Inmitten dieser
Liebesraserei war ihm aber trotzdem nicht ein einziges Mal der Gedanke gekommen,
dem heibegehrten Mdchen seine Hand zu bieten, um in ihren Besitz zu gelangen;
er wrde sich selbst fr wahnsinnig gehalten haben, wenn eine solche Idee durch
seinen Kopf geflogen wre. Dafr aber zermarterte er sein Gehirn in
niedertrchtigen Plnen und Anschlgen, wie er den Widerstand der
Forstschreiberstochter besiegen knne ... Das Ereignis auf Gnadeck lenkte
pltzlich seine Gedanken in eine ganz andere Bahn. Das junge Mdchen war jetzt
eine begehrenswerte Partie, von altem Adel und reich. Kein Wunder, da er
innerlich aufjubelte bei der Nachricht und sofort den gromtigen Entschlu
fate, die liebreizende Blume auf Gnadeck mit einem Heiratsantrage zu beglcken
... Da sie ohne Zgern die Ehre annehmen wrde, lag natrlich auer allem
Zweifel; denn wenn sie auch aus Koketterie seinen Liebesantrgen auf eine Zeit
zu widerstehen vermocht hatte, so war das doch nicht denkbar der Aussicht
gegenber, vielbeneidete Frau von Hollfeld zu werden. Ueber diesen Punkt war er
so vollkommen klar und sicher, da auch nicht ein Wlkchen der Befrchtung ihm
die lockende Aussicht verdunkelte ... Es war indes nicht der glhende Wunsch
allein, Elisabeth zu besitzen, der ihn antrieb, so rasch wie mglich zu handeln;
er mute sich sagen, da, wenn der Fund in den Ruinen bekannt wurde, auch noch
andere Freier bei der ihrer Schnheit wegen bereits vielgenannten Goldelse
anklopfen wrden - schon der Gedanke machte ihm das Blut sieden.
    Der Ausfhrung seines Entschlusses stand indes noch ein Hindernis entgegen,
und das war Helene. Nicht etwa, weil ihm eine mitleidige Regung gekommen wre
darber, da das heiliebende Mdchen namenlos leiden msse infolge dieses
Schrittes - was das betraf, so kannte er kein Erbarmen - wohl aber hatte er zu
bedenken, da er mglicherweise durch die pltzliche Heirat um die Erbschaft
kommen knne, die er von Helene erwartete. Es galt also, vorsichtig und schlau
zu sein. Wir haben gesehen, wie er kalten Blutes die tiefe, blinde Liebe der
Unglcklichen ausbeutete und sie dadurch, da er sich in seiner hchsten
Lebensfrage ihr scheinbar unterwarf, unauflslich an sich kettete.
    Sobald er das Zimmer verlassen hatte, schwankte Helene nach der Thr und
schob den Riegel vor. Jetzt erst berlie sie sich vllig ihrer Verzweiflung.
    Wer sie nicht kennt, jene qualvollen Stunden, die auf eine ungeahnte,
pltzlich wie aus der Luft herniederstrzende, zermalmende Nachricht folgen,
jene Stunden, in denen der Mensch seinen Schmerz in die Welt hinausschreien
mchte, und wo er, der Sttze und des Trostes anderer so bedrftig, doch scheu
und wie gehetzt Dunkel und Einsamkeit aufsucht, als seien Licht und Klang
tdliches Gift fr seine brennende Wunde; wem sie erspart wurden, jene Qualen,
die pltzlich ein harmonisch geordnetes Gemts- und Gedankenleben aus den Fugen
zu reien vermgen: der wird freilich nicht begreifen, da Helene auf dem
Futeppich zusammensank und verzweiflungsvoll in ihren Locken whlte, whrend
ihre kleine, gebrechliche Gestalt wie im Fieber hin und her geschttelt wurde
... Sie lebte und atmete ja nur in dieser glhenden Neigung! Hatten doch schon
einige finstere Blicke, eine mehrtgige dstere Zurckhaltung des geliebten
Mannes hingereicht, sie in den tiefsten Kummer zu versenken und sie sogar
teilnahmslos zu machen fr ein Ereignis, das in frherer Zeit ihr
schwesterliches Herz tief erschttert haben wrde, um wie viel mehr mute sie
jetzt leiden in der Ueberzeugung, da sie ihn verlieren werde.
    Obwohl ein wildes Chaos von Gedanken in ihrem Kopfe kreiste, so war sie doch
unfhig, einen einzigen klaren, sichtenden zu erfassen. Das demtigende
Bewutsein ihrer krperlichen Gebrechen, um deren willen sie aus ihrem
getrumten Paradiese gestoen wurde, Hollfelds heutiges Bekenntnis seiner Liebe,
das ihr zugleich Himmel und Hlle erschlossen hatte, eine wahnsinnige Eifersucht
auf diejenige, die sie noch gar nicht einmal kannte, welche aber dereinst an
seiner Seite mit allen Rechten der Gattin stehen sollte, das alles wogte und
strmte in ihr und drohte, den schwachen Faden zu zerstren, der ihre Seele an
den hinflligen Krper fesselte.
    Erst spt, nachdem die Nacht bereits hereingebrochen war, ffnete sie der
besorgten Kammerfrau die Thr und lie sich auf vieles Bitten derselben zu Bette
bringen. Sie verbat sich streng den Besuch des Arztes, den die Zofe vorschlug,
lie der Baronin, die ihr persnlich gute Nacht wnschen wollte, hinaussagen,
da sie der grten Ruhe bedrfe und nicht gestrt sein wolle, und verbrachte
dann einsam die schrecklichste Nacht ihres Lebens.
    Sie wurde erst ein wenig ruhiger, das heit die furchtbare Spannung ihrer
Nerven lie nach, als das Morgenlicht durch eine Spalte des Vorhanges in das
Zimmer huschte. Es war, als glitte der dnne, goldene Strahl auch in ihre
umnachtete Seele und werfe ein Streiflicht auf das, was ihre Gedanken im tollen
Kreislaufe unberhrt gelassen hatten. Sie fing an zu berlegen, da Hollfeld ja
vllig selbstlos handle. Wenn auch die Notwendigkeit, da er sich vermhlen
msse, stets wie ein Schreckbild vor ihr aufgestiegen war, so hatte sie dieselbe
doch nie wegzuleugnen vermocht; und mute sie es nicht anerkennen, da ihr
Gedanke, er werde warten, bis sie aus dieser Welt geschieden sei, in ihm keinen
Raum gefunden hatte? Brachte er nicht auch ein schweres Opfer? Denn er liebte ja
sie, nur sie allein, und mute sich entschlieen, einer anderen anzugehren;
durfte sie ihm die Erfllung einer heiligen Pflicht noch schwerer machen durch
ihren Jammer? ... Er forderte sie auf, einen mhevollen Weg mit ihm zu gehen;
sollte sie sich da feig und mutlos zeigen, wo er eine groe Willensstrke bei
ihr vorausgesetzt hatte? ... Und fand er ein Weib, das sich mit der Freundschaft
begngte, da, wo es mit vollstem Rechte Liebe heischen konnte, wie htte sie
sich an Selbstverleugnung bertreffen lassen mgen?
    In fieberhafter Hast griff sie nach der silbernen Glocke auf dem Nachttische
und berief die Kammerfrau, um sich ankleiden zu lassen. Ja, sie wollte entsagen,
wollte stark sein, aber sie meinte auch, nur der ganzen, vollen Gewiheit
gegenber werde sie Mut und Strke finden, und deshalb mute sie vor allem den
Namen derjenigen wissen, welche Hollfeld fr geeignet hielt, die schwere Mission
zu bernehmen. Sie hatte freilich bereits alle unverheirateten weiblichen Wesen
ihrer Bekanntschaft prfend an sich vorbergehen lassen, doch da war auch nicht
eine einzige, die sie nicht sofort ungeduldig und heftig verworfen htte.
    Es war zwar noch nicht die Stunde, in welcher sie jeden Morgen mit der
Baronin und Hollfeld zu frhstcken pflegte - ihr Bruder blieb diesen frhen
Zusammenknften stets fern - aber sie hielt es nicht lnger aus in ihrem
einsamen Zimmer und lie sich, da sie sich sehr schwach fhlte, im Rollstuhle
nach dem Esalon fahren. Zu ihrer Verwunderung hrte sie von dem Bedienten, der
alles zum Frhstcke vorbereitete, da die Baronin schon vor einer halben Stunde
spazieren gegangen sei; das war ein seltener Fall, aber er kam der jungen Dame
sehr erwnscht, denn in dem Augenblicke, als sie sich in eine der
Fenstervertiefungen rollen lie, erblickte sie Hollfeld, der drauen auf dem
groen Kiesplatze vor dem Schlosse auf und ab promenierte. Er schien keine
Ahnung zu haben, da er beobachtet werde. Den breiten, schngebauten Oberkrper
elastisch auf den Hften hin und her wiegend, schritt er rasch und leicht dahin.
Dann und wann fhrte er mit sichtlichem Wohlbehagen die Zigarre an den Mund,
deren feiner Duft durch das geffnete Fenster bis zu Helene drang. Die junge
Dame war zuerst schmerzlich betroffen und wollte es sich durchaus nicht
eingestehen, da das Aussehen des Geliebten ein auffallend frisches war und von
heiterster Laune zeugte, aber es war ihr unmglich, in seiner Haltung, in jeder
Bewegung, ja selbst in dem halb unbewuten Lcheln, das seine Lippen ffnete und
die wunderschnen Zhne sehen lie, einen anderen Ausdruck zu finden, als den
eines kecken, jugendlichen Uebermutes, der Lebenslust und eines unendlichen
Behagens ... Da war auch nicht eine Spur jener Kmpfe zu entdecken, in denen sie
die ganze Nacht verbracht hatte; wie ein Opfer grausam gebieterischer
Verhltnisse sah er ganz gewi nicht aus ... oder wirkte hier eine groe,
geistige Kraft, der starke, mnnliche Wille? Dann muten beide einen Hhepunkt
erreicht haben, der an das Uebermenschliche streifte.
    Die junge Dame zog finster die Augenbrauen zusammen.
    Emil! rief sie heftig, mit fast rauher Stimme hinab.
    Hollfeld erschrak sichtlich, aber mit einem Satze stand er unter dem Fenster
und schwenkte grend seinen Hut.
    Wie? rief er, du bist schon hier? ... Darf ich hinaufkommen?
    Ja! klang es in bereits milderem Tone herab.
    Nach wenigen Augenblicken trat er in den Salon. Helene hatte jetzt eher
Grund, mit seinem Aussehen zufrieden zu sein; denn es lag ein tiefer Ernst auf
seiner Stirn. Er warf seinen Hut auf den Tisch und rckte einen Stuhl neben die
junge Dame. Ihre beiden Hnde zrtlich an sich ziehend, sah er ihr ins Gesicht;
er schien selbst betroffen zu sein ber ihre aschbleichen Wangen und den
erloschenen Blick, der dem seinigen begegnete.
    Du siehst sehr bel aus, Helene, bemerkte er teilnehmend.
    Und nimmt dich das wunder? fragte sie, unfhig, ihre Bitterkeit zu
unterdrcken. Mir ist leider jene glckliche Gabe des Gleichmuts versagt,
mittels der man schon wenige Stunden nach einer herben Prfung wieder heiter und
lebensfroh in die Welt blicken kann ... Ich beneide dich.
    Ihr Auge streifte vorwurfsvoll sein blhendes Gesicht. Er verwnschte
innerlich seine Morgenpromenade, oder vielmehr die Unvorsichtigkeit, mit der er
seine Gedanken an Elisabeth und den Sieg, welchen er ber das sprde Mdchen
feiern werde, zur Schau getragen hatte.
    Du bist ungerecht, Helene, entgegnete er lebhaft, wenn du mich nach
meiner ueren Haltung beurteilst ... Soll denn der Mann, wenn er sich in das
Unvermeidliche fgen mu, weinen und wehklagen?
    Nun, davon schienst du vorhin auch sehr weit entfernt zu sein.
    Ein unaussprechlicher Aerger bemchtigte sich seiner. Das armselige Wesen da
vor ihm, das bei seinem migestalten Krper Gott danken mute, wenn ein Mann ihm
gegenber sich berwand, nicht gerade unfreundlich und abstoend zu sein, und
das auch wirklich frher jede kleine Aufmerksamkeit mit unsglicher Dankbarkeit
aufgenommen hatte - es wurde pltzlich so anmaend, ihm Vorwrfe zu machen.
Obgleich er alles daran gesetzt hatte, sie an seine feurige Liebe glauben zu
machen, meinte er doch innerlich, es sei eine grenzenlose Eitelkeit von der
kleinen Buckeligen, sich einzubilden, sie knne in der That eine solche Neigung
einflen; auch erkannte er voll Ingrimm, da er es hier mit dem hartnckigsten
Eigensinn und einer widerwrtigen Sentimentalitt zu thun habe. Es kostete ihn
unsgliche Mhe, sich zu beherrschen, aber er that es, und es glckte ihm sogar
ein Lcheln mit einem Anstriche von Melancholie, was ihn in diesem Augenblicke
sehr interessant erscheinen lie.
    Wenn du hrst, weshalb ich vorhin heiter ausgesehen habe, so wirst du
deinen Vorwurf gewi bereuen, sagte er. Ich vergegenwrtigte mir nmlich den
Moment, wo ich vor deinen Bruder hintreten und sagen darf: Helene hat sich
entschlossen, knftig in meiner Familie zu leben, und ich leugne nicht, da ich
das mit einer Art von Genugthuung dachte; denn er hat ja von jeher meine Liebe
zu dir mit scheelen Augen angesehen.
    Leser - man sagt, die Liebe sei blind; allein in den meisten Fllen schliet
sie freiwillig die Augen, denn sie wei, da sie an der Erkenntnis sterben
mte, und gegen die Vernichtung kmpft sie verzweifelter noch, als das Leben.
    Helene bemhte sich, das, was er vorgab, mit seinem Aussehen von vorhin in
Einklang zu bringen, und es harmonierte denn auch vortrefflich. Sie reichte ihm
aufatmend die Hand.
    Ich glaube dir, sagte sie innig, der Verlust dieses Glaubens wre ja auch
mein Todesurteil ... Ach, Emil, du darfst mich nie, niemals hintergehen; auch
nicht, wenn du denkst, da es zu meinem Heile sei - ich will lieber eine
schlimme Wahrheit hren, als den qualvollen Verdacht mit mir schleppen, da du
nicht wahr gegen mich seiest ... Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt, aber
jetzt bin ich gefater und bitte dich, mir die Idee mitzuteilen, von der du
gestern sprachst. Das fhle ich klar, ich werde nicht eher mein inneres
Gleichgewicht wieder erlangen, bis ich das Gesicht kenne, das fr die Zukunft
zwischen uns stehen soll. Bis jetzt ist dieses Wesen nur noch ein Phantom fr
mich, und ich glaube, eben in dieser Unsicherheit liegt die qulende Unruhe, die
mich verzehrt ... also den Namen, Emil, ich bitte dich instndig!
    Hollfelds Augen irrten wieder am Boden. Die Sache schien ihm milich in
diesem Augenblicke.
    Weit du auch, Helene, begann er endlich, da ich groes Bedenken trage,
heute die Angelegenheit mit dir zu besprechen? ... Du bist sehr angegriffen; ich
frchte, ein eingehendes Gesprch macht dich krank. Und dann mu ich sagen, da
mir mein gestrigen Gedanke, je fter ich ihn beleuchte, immer praktischer
erscheint; es sollte mir deshalb sehr leid thun, wenn du in der Aufregung seine
vorteilhaften Seiten bershest.
    Das werde ich ganz gewi nicht! rief Helene, sich lebhaft emporrichtend,
ihr Auge hatte einen fieberhaften Glanz. Ich habe mich berwunden und bin
bereit, mich in das Unvermeidliche zu fgen ... Ich verspreche dir, so vllig
unparteiisch zu sein, als ob - ich nicht liebte. Sie errtete, denn zum
erstenmal sprach sie das Wort aus.
    Nun denn, sagte Hollfeld zgernd - er vermochte nicht ganz seine innere
Erregung zu beherrschen - was meinst du zu dem jungen Mdchen auf Gnadeck?
    Elisabeth Ferber? rief Helene aufs hchste berrascht.
    Elisabeth von Gnadewitz, verbesserte Hollfeld rasch. Gerade die
pltzliche Vernderung ihrer Stellung hat mich auf die Kleine aufmerksam
gemacht. Bis dahin habe ich sie wenig beachtet, und ist mir nur ihr bescheidenes
Wesen und die groe Ruhe in ihren Gesichtszgen aufgefallen.
    Wie, an der reizenden, wunderbar beseelten Erscheinung wre dir nichts
bemerkenswert vorgekommen, als die Ruhe und Bescheidenheit?
    Nun ja, entgegnete er gleichgltig. Ich erinnere mich, da du manchmal
ber deine eigenen Finger rgerlich wurdest, whrend sie nie eine Miene verzog
und geduldig immer wieder von vorn anfing, bis du ihr folgen konntest. Das
gefiel mir schon damals. Ich halte sie fr einen sehr ruhigen Charakter, und den
mu vor allem meine knftige Frau haben. Auch ist es nicht zu verkennen, da sie
dich verehrt; damit wre die Hauptbedingung erfllt. Ferner ist sie in engen,
beschrnkten Verhltnissen aufgewachsen; sie wird keine Ansprche machen und
sich leicht in die Stellung dir und mir gegenber finden. Ich glaube, sie hat
Takt, ist sehr huslich erzogen, ein groer Vorzug, und -
    Helene war in das Kissen zurckgesunken und legte die Hand ber die Augen.
    Nein, nein! rief sie, sich rasch wieder aufrichtend und seinen eifrigen
Redeflu unterbrechend. Nicht das arme, liebliche Kind! Elisabeth verdient,
geliebt zu werden.
    Ein pltzliches Hundegeheul unterbrach sie und lie sie selbst einen Schrei
des Schreckens ausstoen. Hollfeld hatte seine Diana, die mit hereingekommen war
und zu den Fen ihres Herrn hingestreckt lag, auf die Pfote getreten. Dieser
Zwischenfall kam ihm sehr gelegen, denn Helenes letzte Worte klangen, seinen
eigenen glhenden Wnschen gegenber, so komisch, da er lachen mute. Er
ffnete die Thr und jagte das hinkende Tier hinaus. Als er zu dem jungen
Mdchen zurckkehrte, waren seine Zge wieder vllig ruhig und beherrscht.
    Lieben wollen wir ja die Kleine auch, Helene, sagte er anscheinend
gleichmtig, whrend er seinen Platz wieder einnahm - Helene war zu sehr erregt
und wohl auch zu reinen Sinnes, um die leichte Beimischung von Frivolitt in
seinem Tone herauszuhren - sie soll dir nur den Vorrang lassen in meinem
Herzen, und das wird sie auch gewi ... Sie besitzt sehr viel ruhige Ueberlegung
und Kaltbltigkeit, das hat sie vorgestern vollstndig bewiesen, als sie Rudolf
rettete.
    Wieso? rief Helene, die Augen voll unsglichen Erstaunens weit ffnend.
    Der Diener, welchem gestern wider Willen das Ereignis im Walde entschlpft
war, hatte, erschrocken ber sein Versehen, alle nheren Umstnde des Attentats
unerrtert gelassen und war einfach dabei stehen geblieben, da der
beabsichtigte Schu Herrn von Walde glcklicherweise nicht getroffen habe. Auch
Hollfeld hatte den Sachverhalt erst vor einer Stunde vom Grtner erfahren. Das
unerschrockene Benehmen Elisabeths verlieh ihr, wie man denken kann, in seinen
Augen einen neuen Reiz und stachelte seine Sehnsucht, sie so rasch wie mglich
zu gewinnen, aufs hchste. Er teilte Helene jetzt alles mit, was er ber die
Begebenheit erfahren hatte, und schlo mit den Worten: Du hast jetzt einen
Grund mehr, das Mdchen zu lieben, und mich bestrkt ihre Handlungsweise in dem
Glauben, da sie die einzige ist, die in die Verhltnisse pat.
    Hiermit hatte er sein letztes Pulver verschossen. Er strich mit seiner
weien, schlanken Hand langsam das Haar von der Stirn zurck und beobachtete
dabei hinter dem vorgehaltenen Arme gespannt die junge Dame, die den Kopf so in
das Kissen gedrckt hatte, da er nur ihr Profil sehen konnte. Aus ihren
geschlossenen Lidern quollen Thrnen! Sie sprach kein Wort mehr, vielleicht rang
sie zum letztenmal mit sich selbst.
    Warum sie aber nicht ein einziges Mal die Frage aufwarf, ob auch Elisabeth
in der That Hollfeld ihre Neigung zuwenden werde? Das wird sich vielleicht
manche Leserin selbst beantworten knnen, sobald sie bedenkt, da das liebende
Herz gewhnlich den Gegenstand seiner Leidenschaft fr unwiderstehlich hlt und
es schwer begreift, wenn er nicht allen anderen Menschenkindern ebenso
begehrenswert erscheint.
    Das Schweigen, das peinlich zu werden anfing, wurde durch das Eintreten der
vom Spaziergange zurckkehrenden Baronin unterbrochen. Helene fuhr in die Hhe
und trocknete rasch ihre Thrnen. Mit sichtlicher Ungeduld lie sie sich die
Liebkosungen gefallen, mit denen sie von der augenscheinlich sehr echauffierten
Dame frmlich berschttet wurde, und antwortete sehr einsilbig auf die Fragen
nach ihrem Befinden.
    Puh! rief die Baronin sich schttelnd und lie die Mantille in den Hnden
ihres Sohnes, whrend sie schwerfllig in einen Fauteuil niedersank. Mir ist
warm geworden ... Ist das ein vertrackter Weg ber den Berg! ... Mich bringt
keine Macht der Erde je wieder da hinauf!
    Du warst auf dem Berge, Mama? frug Hollfeld unglubig.
    Nun ja - du weit ja, der Arzt hat dergleichen Morgenspaziergnge immer fr
mich gewnscht.
    Ach, das war aber vor so und so viel Jahren, und seitdem behauptest du ja
stets, dein Herzbel mache dir derartige Promenaden ganz unmglich.
    Man mu alles in der Welt mehrmals probieren, entgegnete die Mama ein
wenig verlegen; und als ich heute nacht durchaus nicht schlafen konnte,
beschlo ich, nochmals einen Versuch zu wagen - und dabei bleibt es nun auch ...
Ich habe obendrein gleich wieder einen tchtigen Aerger gehabt. Denke dir nur,
Helene, da kommt mir drauen auf dem Kiesplatze Bella in Begleitung der neuen
Gouvernante entgegen - kannst du wohl glauben, da diese Person die
Unverschmtheit hat, das Kind zu ihrer Linken gehen zu lassen? ... Dazu sieht
sie aus, da man sie in die Schoten stellen mchte ... Ich war sehr auer mir
und habe ihr sofort ihren Standpunkt klar gemacht ... Aber sage selbst, ob es
nicht arg ist; ich darf nur daran denken, mich einmal erholen zu wollen, da kann
ich sicher sein, da alles geschieht, um mich krank und elend zu machen!
    Sie wollte die Stirn schwermtig auf den Arm sttzen, fhlte aber in diesem
Augenblicke, da die geschickt angebrachten falschen Zpfe an den Schlfen unter
dem Drucke des Hutes eine bedenkliche Richtung angenommen hatten. Sie erhob sich
schnell und erbat sich noch auf ganz kurze Zeit Urlaub, um ihre derangierte
Morgentoilette in Ordnung bringen zu lassen.
    Apropos! sagte sie nachlssig und drehte sich im Weitergehen noch einmal
um nach den Zurckbleibenden, whrend sie den Hut einstweilen fest auf die
rebellischen Zpfe drckte, da hat uns der einfltige Reinhard gestern schn
blau anlaufen lassen ... Ich begegnete zuflligerweise dem Forstschreiber Ferber
droben bei den Ruinen ... ich gratulierte ihm -
    Ah, ich begreife jetzt deine Wanderung auf den Berg! unterbrach Hollfeld
ironisch seine Mutter. Und du hast den Mann angeredet, Mama?
    Nun, jetzt kann man das ja ... Mich interessierten hauptschlich die
Juwelen.
    Wolltest du sie kaufen? fragte ihr Sohn spttisch - er mochte an die stete
Ebbe in ihrer Kasse denken.
    Das weniger, erwiderte sie mit einem Zornblicke. Aber ich habe stets eine
Leidenschaft fr schne Steine gehabt - und wre dein Vater nicht so pltzlich
gestorben, so htte ich jetzt sehr schne Brillanten, denn er hatte sie mir
versprochen, du aber wrst um ein Kapital von circa sechstausend Thalern rmer
... Aber um wieder auf die gefundenen Kostbarkeiten zu kommen: Ferber sagte mir,
aus was sie bestanden, und erzhlte mir auf mein Befragen ohne Umstnde, da sie
ungefhr - achttausend Thaler wert seien - und das nennt der Mensch, der
Reinhard, einen unermelichen Wert ... Einstweilen Gott befohlen - in wenigen
Augenblicken bin ich wieder da!
    Aus Hollfelds Gesicht war das spttische Lcheln verschwunden, mit dem er
die Erzhlung der Mutter angehrt, und hatte einem unverkennbaren Ausdrucke der
Enttuschung Platz gemacht; es war ihm pltzlich zu Mute, als ob ein kaltes
Sturzbad sich ber ihn ergossen habe.
    Kaum hatte sich die Thr hinter der Baronin geschlossen, als Helene aus
ihrer bisherigen scheinbaren Apathie erwachte und Hollfeld beide Hnde
entgegenstreckte.
    Emil, sagte sie rasch, wenn auch mit etwas verschleierter Stimme und
bebenden Lippen, wenn es dir gelingt, Elisabeths Herz zu gewinnen, was ich
nicht bezweifle, dann gehe ich auf deinen Plan ein; aber es bleibt dabei, da
ich bei euch in Odenberg wohne.
    Das versteht sich, entgegnete er, wenn auch etwas zgernd; sein Ton hatte
bei weitem nicht mehr die Festigkeit von vorhin, aber ich mache dich vorher
darauf aufmerksam, da du eine etwas schmale Kche finden wirst ... Meine
Einknfte sind nicht besonders glnzend, und da Elisabeth so gut wie gar nichts
besitzt, hast du eben gehrt.
    Sie soll nicht arm in dein Haus kommen, Emil, darauf verlasse dich,
antwortete das junge Mdchen mit weichem Tone und unnatrlich glnzenden Augen.
Von dem Augenblicke an, wo sie erklrt, die Deine sein zu wollen, ist sie meine
Schwester ... Ich will redlich mit ihr teilen ... ich weise ihr vorlufig die
Einknfte von meinem Gute Neuborn in Sachsen zu und werde ber diesen Punkt mit
Rudolf sprechen, sobald er zurckkehrt ... Und wenn ich die Augen schliee, so
gehrt euch beiden dann alles, was ich besitze ... Bist du zufrieden mit mir?
    Du bist ein Engel, Helene! rief er. Niemals sollst du deine Gromut und
aufopfernde Liebe bereuen!
    Diesmal war sein Feuer, seine Ekstase nicht erheuchelt, denn die Einknfte
von Neuborn machten Elisabeth zu einer sehr reichen Braut.

                                       18


Zwei Tage waren vergangen seit dem Morgen, an welchem Helene, wie sie whnte,
den vollstndigen Sieg ber sich selbst errungen hatte, wo sie fest berzeugt
war, der unumstlichen Gewiheit gegenber werde das Strmen und Wogen ihrer
aufgeregten Gefhle sich beruhigen ... Wie wenig war sie im stande gewesen, die
Tiefe ihrer Leidenschaft zu bemessen! Sie hatte nach einem Strohhalme in der
emprten Flut gegriffen, und er war treulos mit ihr gesunken ... Nur zwei Tage!
... aber sie wogen ihr ganzes bisheriges Leben an Seelenschmerzen auf. Sie sagte
sich unaufhrlich, da das Ziel ihrer Tage, die heiersehnte Ruhe, nicht fern
sei, und doch schauderte sie vor dem kurzen Stcke irdischen Daseins, das noch
vor ihr lag, wie die nichtglubige Seele angesichts des Grabes. Sie fhlte immer
deutlicher, da ihr Versprechen, in Odenberg leben zu wollen, ihr Opfer erst
recht zu einem bermenschlichen mache; aber um keinen Preis htte sie auch nur
ein Jota von dem ndern mgen, was sie Hollfeld gelobt hatte; sie wollte seiner
Liebe wrdig sein, wollte seine Achtung verdienen durch die ungeheuerste
Selbstberwindung. - Arme Verblendete.
    Ihr schwaches Nervenleben litt unbeschreiblich unter den fortgesetzten
inneren Kmpfen. Sie fieberte bestndig und wurde von einer qulenden Unruhe
fast aufgerieben. Fort und fort drngte sich das, womit sich ihr ganzes Denken
und Empfinden ausschlielich beschftigte, auf ihre Lippen, aber sie schwieg
pflichtschuldigst, weil Hollfeld es wnschte. Ebensowenig hatte er erlaubt, da
sie Elisabeth in den ersten Tagen zu sich berufen durfte, denn er frchtete,
vielleicht nicht mit Unrecht, sie mchte ihm in ihrer Aufregung das Spiel bei
dem jungen Mdchen verderben. Er selbst hatte bereits die ersten Schritte
gethan, um sich Elisabeth wieder zu nhern. Er war schon zweimal vor dem
Mauerpfrtchen erschienen, um der Familie von Gnadewitz seine Aufwartung zu
machen, aber, ob er auch den Klingelgriff fast abgerissen hatte, es war ihm doch
nicht aufgethan worden. Das erste Mal war in der That niemand zu Hause gewesen;
gestern jedoch hatte ihn Elisabeth kommen sehen. Die Eltern waren mit Ernst im
Forsthause, und Mi Mertens erklrte sich mit der Absicht des jungen Mdchens,
den Besuch nicht einzulassen, vllig einverstanden. Die beiden saen oben
lachend in der Wohnstube, whrend die kleine Mauerglocke sich fast heiser
lutete. Von diesem Komplott hatte der Untenstehende freilich keine Ahnung.
    Es war sieben Uhr morgens. Helene lag bereits angekleidet auf ihrem
Ruhebette; sie hatte sich die ganze Nacht schlummerlos auf ihrem Lager
umhergeworfen. Die Baronin schlief noch, Hollfeld war ebensowenig sichtbar,
allein sein konnte und wollte die junge Dame um keinen Preis, deshalb hatte die
Kammerfrau eine Handarbeit nehmen und sich zu ihr setzen mssen. Was das Mdchen
plauderte, es flog unverstanden an ihren Ohren vorber, aber nichtsdestoweniger
hatte der Klang einer menschlichen Stimme nach der einsamen, fieberhaften Nacht
etwas Beschwichtigendes fr sie.
    Das Gerusch eines nherkommenden Wagens lie pltzlich die Erzhlerin
verstummen. Helene ffnete das Fenster und bog sich hinaus. Eben verlie die
zurckkehrende Equipage ihres Bruders die Chaussee, und ihre Rder sanken tief
ein in den hochaufgeschichteten, knirschenden Kies des breiten Parkfahrweges.
Der Wagen war leer.
    Wo ist dein Herr? rief Helene dem Kutscher zu, als er ziemlich nahe
vorberfuhr.
    Der gndige Herr sind auf der Chaussee ausgestiegen, antwortete der alte
Mann, seinen Hut abnehmend, und kommen zu Fue ber den Berg, bei dem Gnadecker
Schlosse vorber.
    Die junge Dame schlug das Fenster zu und schauderte zusammen, als frstele
sie; das einzige Wort Gnadeck hatte ihre Nerven berhrt wie ein elektrischer
Schlag. Sie konnte nichts mehr hren, was sie an Elisabeth erinnerte, ohne jenen
jhen Schrecken zu empfinden, den z.B. eine pltzlich erscheinende Spukgestalt
unserer Einbildungskraft verursacht.
    Sie erhob sich und ging, gesttzt auf die Kammerfrau, hinunter in die Zimmer
ihres Bruders. In dem Salon, dessen Glasthren auf die Freitreppe mndeten, lie
sie ein Frhstck servieren und setzte sich, den Zurckkehrenden erwartend, in
einen Lehnstuhl. Sie nahm eines der prachtvoll gebundenen Albums, die auf den
Tischen umherlagen, auf den Scho; mechanisch wendete ihre Hand die Bltter um,
ihre Augen ruhten wohl auf den feinen Stahlstichen, aber sie htte um alles
nicht zu sagen gewut, ob sie ein Portrt oder eine Landschaft ansehe.
    Nach halbstndigem Warten erschien endlich die hohe Gestalt ihres Bruders in
der Glasthr. Sie lie das Buch von ihrem Schoe heruntergleiten und streckte
dem Eintretenden die Hand entgegen. Er schien berrascht von dem Empfange, aber
es berhrte ihn offenbar sehr wohlthuend, die Schwester nach so langer Zeit
wieder einmal allein und fr seine Bequemlichkeit zrtlich besorgt zu sehen.
Rasch eilte er zu ihr hin, allein ein zweiter Blick, den er auf ihr Gesicht
warf, machte ihn stutzen.
    Fhlst du dich krnker, Helene? fragte er besorgt, indem er sich neben sie
setzte. Er schob seinen Arm unter ihren Rcken und hob sie sanft ein wenig
hher, um besser in ihr Gesicht sehen zu knnen. Es lag so viel Bekmmernis und
zrtliche Teilnahme in seinem Blicke und Tone, da es ihr war, als zge
pltzlich eine milde Frhlingsluft durch ihr schmerzerstarrtes Innere. Zwei
schwere Thrnen rollten ber ihre Wangen, und sie drckte ihr Gesicht fest an
die Schulter ihres Bruders.
    Hat Fels in diesen Tagen nicht nach dir gesehen? fragte er beklommen. Das
Aussehen des jungen Mdchens versetzte ihn offenbar in heftige Sorge.
    Nein - und ich habe auch ausdrcklich befohlen, da man ihn nicht rufen
solle. Ich nehme die Tropfen, die er mir fr meine Nervenanflle verschrieben
hat; mehr knnen er und ich nicht thun ... Aengstige dich nicht, Rudolf, es wird
wohl auch einmal wieder besser mit mir ... du hast eine schwere Zeit in
Thalleben durchmachen mssen?
    Ja, entgegnete er, whrend sein Auge noch immer ngstlich auf den
merkwrdig vernderten Zgen der Schwester ruhte. Ich fand den armen Hartwig
nicht mehr am Leben; ein Schlagflu hatte seinen unaussprechlichen Qualen rasch
ein Ende gemacht ... Gestern abend wurde er beigesetzt. Seine unglckliche Frau
wrdest du nicht wieder erkennen, Helene, sie ist ber Nacht zur Matrone
geworden.
    Er teilte ihr noch nheres mit ber den Unglcksfall, dann strich er mit der
Hand ber die Augen, als wolle er damit all den Jammer, den er in den letzten
Tagen gesehen, wegwischen.
    Nun, und finde ich hier alles beim alten wieder? frug er nach einem kurzen
Schweigen.
    Nicht ganz, antwortete Helene zgernd, Mhring hat gestern unser Haus
verlassen.
    Ah - Glck auf die Reise! ... Er ist einer letzten Begegnung mit mir
geschickt ausgewichen ... Nun habe ich einen Feind mehr drauen in der Welt - es
konnte nicht wohl anders sein, da er zu jenem unheimlichen Nachteulengeschlechte
gehrt, das ich verabscheue.
    Und auf dem Berge - bei den Ferbers - ist das Glck eingekehrt, fuhr
Helene mit gepreter Stimme und abgewendetem Gesicht in ihrem Berichte fort.
    Der Fauteuil, auf welchem sie sa, erhielt pltzlich einen Ruck an der
Seite, wo ihr Bruder seinen Arm aufgesttzt hatte. Sie sah nicht auf, und
deshalb bemerkte sie nicht, wie das Gesicht neben ihr fr einen Augenblick mit
einer fahlen Blsse berzogen wurde, und wie die bebenden Lippen zweimal
vergebens sich mhten, um endlich das einzige Wrtchen nun? hervorzubringen.
    Helene erzhlte die Begebenheit in den Ruinen, whrend ihr Bruder aufatmend
zuhrte. Mit jedem Worte weiter schien ihm ein Stein vom Herzen zu fallen; er
ahnte freilich nicht, da jedes dieser Worte wie ein zweischneidiges Schwert in
dem Herzen der Erzhlerin whlte und da diese Mitteilung bereits der Anfang
eines furchtbaren Opfers war, das sie bringen sollte.
    Das ist in der That eine wunderliche Lsung alter Rtsel, sagte er,
nachdem Helene geendet hatte. Ob aber die Familie es fr ein Glck hlt, dem
Geschlechte der Gnadewitz anzugehren, bezweifle ich.
    Ah, du meinst, unterbrach ihn Helene rasch, weil das junge Mdchen einst
sehr viel an dem Namen auszusetzen hatte? ... Ich kann mir nicht helfen, aber
ich denke bei dergleichen Dingen manchmal unwillkrlich an die Trauben, die dem
Fuchse zu sauer sind. Sie sprach die letzten Worte mit einer schneidenden
Schrfe. So weit ging ihre leidenschaftliche Aufregung und Bitterkeit, da sie
ihre bessere Einsicht verleugnete und die Gesinnungen eines Wesens verdchtigte,
das sie nie beleidigt, und welches sie frher bei unparteiischer Anschauung als
eines der reinsten bezeichnet hatte.
    Ein Ausdruck des hchsten Erstaunens erschien in Herrn von Waldes Zgen. Er
bog sich nieder und sah forschend in das gesenkte Gesicht der Schwester, als
wollte er sich berzeugen, ob es wirklich ihr Mund gewesen sei, der diese herben
Worte gesprochen hatte.
    In diesem Augenblicke sprang Hollfelds Jagdhund die Stufen herauf, machte
einige tppische Sprnge durch das Zimmer und verschwand sofort wieder auf einen
grellen Pfiff, der ber den breiten Kiesplatz herberscholl. Sein Herr ging
drben vorber. Er schien nicht zu wissen, da Herr von Walde zurckgekehrt war,
sonst wrde er doch gewi gekommen sein, ihn zu begren. Er schritt eilig
vorwrts und bog in den Weg ein, der hinauf nach Gnadeck fhrte. Helenes Blicke
folgten der Gestalt, bis sie verschwunden war, dann sank sie mit krampfhaft
gefalteten Hnden in den Stuhl zurck; es sah aus, als versagten ihr momentan
die Krfte.
    Herr von Walde schenkte ein wenig Rotwein in ein Glas und hielt es an ihre
Lippen. Sie sah dankbar auf und versuchte zu lcheln.
    Ich bin noch nicht zu Ende mit meinem Berichte, begann sie wieder und
richtete sich auf aus ihrer halbliegenden Stellung. Ich mache es, wie der
Romandichter, der den Haupteffekt bis zuletzt aufhebt; es war nicht zu
verkennen, da sie whrend dieser Vorrede, die scherzhaft klingen sollte, nach
Kraft und Festigkeit rang, um das, was sie sagen mute, ruhig vorzubringen. Ihr
Auge haftete angestrengt auf einem der gegenberliegenden Bosketts, whrend sie
fortfuhr: Unserem Hause steht ein glckliches Ereignis bevor, Emil - wird sich
verloben.
    Sie hatte sicher erwartet, ihr Zuhrer werde sofort seine hchste
Ueberraschung aussprechen, denn nach einem augenblicklichen Schweigen drehte sie
sich erstaunt nach ihm um. Er hatte die Hand auf Stirn und Augen gepret, und
der Teil des Gesichts, den sie nicht bedeckte, war aschbleich. Bei Helenes
Bewegung jedoch lie er die Hand sinken, erhob sich rasch und trat an das offene
Fenster, um frische Luft einzuatmen.
    Bist du unwohl, Rudolf? rief sie ngstlich hinber.
    Ein vorbergehender Schwindel, weiter nichts, antwortete er und nherte
sich ihr wieder. Seine Zge sahen entstellt aus. Er ging einigemal im Zimmer auf
und ab und nahm dann seinen Platz wieder ein.
    Ich habe dir gesagt, da Emil sich verloben will, Rudolf, begann Helene
wieder, jedes Wort markierend.
    Das hast du gesagt, wiederholte er tonlos und mechanisch.
    Du billigst diesen Schritt?
    Der geht mich nichts an. Hollfeld ist sein eigener Herr; er kann thun, was
ihm beliebt.
    Ich glaube, er hat gewhlt. Drfte ich, so wollte ich dir den Namen des
jungen Mdchens nennen.
    Ist nicht vonnten ... Ich werde ihn frh genug hren, wenn er von der
Kanzel herab verkndigt wird.
    Sein Gesichtsausdruck war eisig, die Stimme klang rauh und abweisend, und
aus den Wangen schien auch der letzte Blutstropfen entwichen zu sein.
    Rudolf, ich bitte dich, sei nicht so entsetzlich schroff! bat Helene
flehentlich. Ich wei ja, da du die vielen Worte nicht liebst, und bin an
deine lakonischen Antworten gewhnt; aber in diesem Augenblicke bist du geradezu
abstoend, und gerade jetzt, wo ich eine Bitte an dich richten mchte.
    Sprich nur; soll ich vielleicht die Ehre haben, Brautfhrer des Herrn von
Hollfeld zu sein?
    Helene zuckte zusammen vor dem schneidenden Hohne, mit welchem diese Worte
gesprochen wurden.
    Du bist dem armen Emil abgeneigt, und das macht sich heute wieder einmal
recht geltend, sagte sie vorwurfsvoll nach einer kleinen Pause, whrend welcher
Herr von Walde aufgestanden war und mit raschen Schritten einigemal das Zimmer
durchmessen hatte. Ich bitte dich instndig, lieber Rudolf, hre mich ruhig an;
ich mu heute mit dir ber die Angelegenheit sprechen!
    Er lehnte sich mit verschrnkten Armen an einen Fensterpfeiler in der Nhe
und sagte kurz: Du siehst, ich bin bereit, zu hren.
    Das junge Mdchen, hob sie stockend an, diesmal weniger infolge einer
Gemtsbewegung, als weil sie der eiskalte Blick ihres Bruders einschchterte,
das junge Mdchen, das Emil gewhlt hat, ist arm.
    Sehr uneigenntzig in der That; weiter!
    Emils Einknfte sind nicht sehr bedeutend -
    Der arme Mann hat nur sechstausend Thaler Revenen; er mu notwendig dabei
verhungern.
    Sie schwieg, sichtlich betroffen. Ihr Bruder bertrieb nie; die Summe, die
er aufstellte, war sicher bis auf den Groschen richtig angegeben.
    Nun, er mag schon reicher sein, als ich glaubte, hob sie nach einer kurzen
Pause wieder an; das kommt brigens hier ganz und gar nicht in Betracht ... Ich
habe die Erwhlte sehr, sehr gern - mit welcher Anstrengung sie sprach! - sie
hat etwas gethan, wofr ihr mein schwesterliches Herz ewig dankbar sein wird.
Herrn von Waldes verschrnkte Arme lsten sich; er trommelte mit den Fingern der
Linken so heftig gegen die Fensterscheibe, da Helene meinte, das Glas msse
zerspringen.
    Sie soll meine Schwester sein, fuhr sie fort; ich will nicht, da sie
Emils Haus arm betrete, und mchte ihr sehr gern die Einknfte von Neuborn
zuweisen ... darf ich?
    Das Gut gehrt dir, du bist majorenn, ich habe hier durchaus nicht das
Recht, zu verweigern oder zu erlauben.
    O ja, Rudolf, insofern, als du die nchsten Ansprche an mich und mein Erbe
hast ... Also bin ich deiner Zustimmung gewi?
    Vollkommen, wenn du denn durchaus der Ansicht bist, da sie dazu gehre -
    Dank, vielen Dank! unterbrach sie ihn und bot ihm die Hand; aber er schien
es nicht zu bemerken, obgleich sein Blick auf sie gerichtet war ... Verdenkst
du mir das? fragte sie nach einer Weile beklommen.
    Ich verdenke es dir nie, wenn du den Wunsch hast, Menschen glcklich zu
machen; du wirst dich erinnern, da ich dir stets bei dergleichen Gelegenheiten
rckhaltlos die Hand geboten habe. Wohl aber mache ich dir den Vorwurf der
Uebereilung; du bist sehr schnell bereit, jenes junge Wesen ins Unglck zu
stoen.
    Sie fuhr wie von einer Viper gestochen in die Hhe. Das ist ein harter
Ausspruch! rief sie heftig, dein Vorurteil gegen den beklagenswerten Emil,
Gott mag wissen, auf was es sich begrndet, geht denn doch zu weit ... du kennst
den armen Menschen viel zu wenig -
    Ich kenne ihn viel zu gut, als da ich ihn noch nher kennen lernen mchte
... Er ist ein ehrloser Schmarotzer, ein erbrmlicher Bursche ohne allen
Charakter, an dessen Seite ein Weib, selbst wenn es nur geringe Anforderungen an
mnnliche Ehrenhaftigkeit stellt, elend werden mu ... wehe der Armen, wenn sie
zur Erkenntnis kommt! ... Seine Stimme wankte im verhaltenen Schmerze. Helene
hrte jedoch nur Groll und Ingrimm heraus.
    Gott, wie ungerecht! rief sie, ihre weinenden Augen nach der Zimmerdecke
richtend. Rudolf, du versndigst dich schwer ... Was hat dir nur Emil gethan,
da du ihn so unvershnlich verfolgst?
    Mu man erst persnlich beleidigt werden, um zu wissen, was man von dem
Charakter eines andern halten soll? frug er zrnend zurck, Kind, du bist die
Schwerbeleidigte, aber du bist verblendet ... Es wird eine Zeit kommen, wo du
das, tief gedemtigt, erkennst. Wenn ich dir auch diesen Schmerzenskelch von den
Lippen nehmen wollte, es wrde zu nichts fhren; du wehrst dich verzweifelt und
siehst in mir einen Barbaren, der dich in deinen heiligsten Gefhlen krnkt ...
Du zwingst mich selbst, dich deinen Weg allein gehen zu lassen bis zu dem
Augenblicke, wo du trostbedrftig an mein Herz zurckflchten wirst ... Dir ist
dann die Umkehr mglich; was aber bleibt jener anderen brig, die unauflslich
gebunden ist?
    Er ging in das Nebenzimmer und lie die Thr hinter sich ins Schlo fallen.
Helene sa eine Zeitlang wie betubt; dann erhob sie sich mhsam und verlie,
sich an Wnden und Mbeln festhaltend, so schnell es ihr mglich war, den Salon.
    Eine unsgliche Bitterkeit, ja beinahe ein Gefhl von Ha erfllte sie gegen
den Bruder, der heute zum erstenmal das, was jede Faser ihres Herzens liebend
umschlo, so rcksichtslos und rauh antastete. Ihr Herz brach fast vor Leid,
indem sie sich alle vermeintliche Aufopferung des Geliebten lebendig zurckrief;
ja, es war ihr, als habe sie sich ihm gegenber schon dadurch der grten Snde
schuldig gemacht, da jene abscheulichen Schmhungen ihr Ohr berhrt hatten. Er
sollte nie, niemals erfahren, zu welchen Beschuldigungen ihr Bruder sich hatte
hinreien lassen. Keines, auch nicht das grte Opfer sollte ihr jetzt zu schwer
werden, um das Unrecht zu shnen, das er, wenn auch unbewut, erdulden mute.
Freilich nun, nachdem ihr Bruder so unumwunden seine schlimme Meinung ber
Hollfeld ausgesprochen hatte, durfte sie nicht mehr leiden, da letzterer die
Gastfreundschaft in Lindhof geniee. Sie wollte - natrlich ohne Angabe der
Grnde - ihn selbst veranlassen, nach Odenberg zurckzukehren; vorher aber
sollte er sein Verhltnis zu Elisabeth feststellen.
    Mit diesen Gedanken betrat sie das Ezimmer, und als Hollfeld sich kurze
Zeit darauf auch einfand, empfing sie ihn mit einem ruhig freundlichen Lcheln
und verkndete ihm, da ihr Bruder, ohne den Namen der Erwhlten erfahren zu
haben, ihren Entschlu bezglich der Mitgabe fr die Braut billige. Sie
verlangte nun aber auch, Elisabeth heute bei sich sehen zu drfen, und Hollfeld,
sehr erfreut ber die ruhige Art und Weise, mit welcher sie sprach, ging darauf
ein. Nachmittags um vier Uhr sollte die Zusammenkunft im Pavillon stattfinden.
Hollfeld verlie sofort das Zimmer, um einem Bedienten in Helenes Namen den
Auftrag zu geben. Wie wrde die junge Dame erstaunt gewesen sein, htte sie
hren knnen, da dem Diener ganz ausdrcklich die Weisung gegeben wurde,
Frulein Ferber auf drei Uhr einzuladen, whrend der Haushofmeister den Befehl
erhielt, bis zu der genannten Stunde alles Erforderliche im Pavillon zu
arrangieren, ja nicht spter!

                                       19


Als der Diener aus Lindhof am Mauerpfrtchen lutete, sa Elisabeth in der
groen Halle. Sie wand aus Immergrn und Epheu eine lange Guirlande, whrend Mi
Mertens, ihr zur Seite sitzend, einen halbfertigen bunten Asternkranz in den
Hnden hielt. Das Grab auf dem Lindhofer Gottesacker war vollendet. Heute
nachmittag, zwischen fnf und sechs Uhr, sollte der Zinnsarg mit den sterblichen
Ueberresten der schnen Lila der Erde feierlich bergeben werden. Htten Josts
gefrchtete Augen neben den Kranzwinderinnen auftauchen knnen, sie wrden gewi
mild und vershnt geruht haben auf seinem lieblichen Urenkelkinde, welches die
frisch vom Waldboden abgeschnittenen grnen Ranken als letzten Schmuck auf den
Totenschrein legen wollte.
    Nach Rcksprache mit der Mutter nahm Elisabeth die Einladung an, um so mehr,
da sie nur auf ein Plauderstndchen lautete. Bald nachdem der Diener sich
entfernt hatte; kam auch Reinhard. Er sah sehr ernst aus und erzhlte auf Mi
Mertens' Befragen, da sein Herr in einer nicht zu beschreibenden Gemtsstimmung
aus Thalleben zurckgekehrt sei.
    Die Eindrcke im Trauerhause mssen schrecklicher Art gewesen sein,
bemerkte er, denn ich erkenne Herrn von Walde nicht wieder. Ich hatte ihm
notwendig verschiedene Meldungen zu machen, allein im Laufe meines Vortrags
merkte ich wohl, da ich umsonst sprach ... Er sa vor mir wie gebrochen, wie
vllig verloren in qualvolle Gedanken. Merkwrdigerweise fuhr er heftig auf, als
ich ihm zum Schlusse die Entdeckung hier oben in den Ruinen mitteilen wollte;
ich habe die Sache bereits zur Genge gehrt, unterbrach er mich zornig und
ungeduldig, bitte, lassen Sie mich allein!
    Es entging Mi Mertens nicht, da Reinhard sich verletzt fhlte durch die
Art und Weise, wie sein Gebieter ihn angelassen hatte.
    Lieber Freund, sagte sie beschwichtigend, in einem Augenblicke, wo ein
groer Seelenschmerz uns beherrscht, berhrt uns die Auenwelt entweder gar
nicht oder sie wird uns peinlich; wir fhlen uns abgestoen dadurch, da in ihr
sich alles nach wie vor unbeirrt abwickelt, whrend unsere innere Welt schwankt
und aus dem Geleise getrieben ist. Herr von Walde mag den Verunglckten wohl
sehr geliebt haben ... Aber mein Gott, Elisabeth, was thun Sie denn? unterbrach
sie sich selbst. Meinen Sie wirklich, da das hbsch aussieht?
    Sie deutete auf die Guirlande. Elisabeth hatte nmlich, whrend Reinhard
sprach, mit zitternden Hnden einige dickkpfige Dahlien ergriffen und dieselben
dem schlanken, bis dahin einfrmig grnen Gewinde einverleibt. Es war in der
That ein arger Migriff, auf den sie selbst mit erstaunten Augen und
hochgerteten Wangen niedersah. Die armen Dinger wurden sofort wieder von dem
weichen, grnen Pfhle entfernt, an den sie sich behaglich geschmiegt hatten,
und mit einer Strenge behandelt, als htten sie sich eigenmchtig vorgedrngt.
    Es hatte schon lngst auf dem Lindhofer Kirchturme drei geschlagen, als
Elisabeth den Berg hinabeilte. Der Onkel hatte sie im Gesprche festgehalten; er
war unwirsch darber, da sie der Einladung folgen wollte. Denn, meinte er,
und zwar nicht mit Unrecht, das arme Wesen, welches heute eingesenkt werden
soll, verdiene es schon, da man wenigstens einen Tag seinem Andenken allein
weihe. Er hatte freilich keine Ahnung von dem, was in dem Herzen des jungen
Mdchens vorging. Er wute nicht, da sein kleiner Liebling in den letzten Tagen
sehnschtig Stunde auf Stunde gezhlt hatte, deren jede den Augenblick ja nher
rcken mute, da es heien wrde: Er ist wieder da! und mute es erleben, da
sein sonst so gehorsames Herzblatt unter seinen Hnden wegschlpfte und wie ein
Sturmwind durch das Mauerpfrtchen flog.
    Ihre Fe berhrten kaum die Erde. Sie hoffte, durch rasches Laufen den
Zeitverlust einigermaen zu ersetzen, aber beinahe htte sie Thrnen der
Ungeduld vergossen, als zum Ueberflusse auch noch ihr leichtes Kleid an einer
wilden Rosenhecke hngen blieb und mit sehr vorsichtiger Hand und vieler Langmut
losgemacht werden mute. Fast atemlos erreichte sie den Pavillon. Beide Flgel
der Thr standen offen, der Salon war noch leer. Auf dem Tische war eine Auswahl
von Erfrischungen, und die eine Ecke im Sofa fr Helene bequem hergerichtet.
    Mit erleichtertem Herzen trat Elisabeth ein und lehnte sich an eines der
hinteren Fenster, vor welchem sich die dichte Buschwand hinzog, als sie ein
leises Gerusch hinter sich hrte ... Hollfeld hatte hinter einem der
vorstehenden Thrflgel gestanden und nherte sich ihr. Sie wollte sofort den
Salon wieder verlassen, ohne den Verhaten eines Blickes zu wrdigen; er trat
ihr jedoch in den Weg, wenn auch durchaus nicht in unbescheidener Weise, es lag
vielmehr etwas Unterwrfiges und Ehrerbietiges in seiner Haltung, und
versicherte, die Damen wrden gleich erscheinen. Elisabeth sah erstaunt auf, da
war auch nicht der leiseste Rest jenes frechen Tons in seiner Stimme zu
bemerken, der ihr neulich jeden Blutstropfen emprt hatte.
    Ich gebe Ihnen mein Wort, da Frulein von Walde jeden Augenblick kommen
mu! beteuerte er, als sie abermals den Versuch machte, in die Thr zu treten.
Ist Ihnen denn meine Gegenwart hier gar so schrecklich? fgte er leiser mit
einem Anfluge von Trauer hinzu.
    Allerdings, entgegnete Elisabeth kalt und rckhaltlos, wenn Sie sich
Ihres neulichen Benehmens gegen mich erinnern, so werden Sie wissen, da es mir
unertrglich sein mu, auch nur einen Augenblick mit Ihnen allein zu sein.
    Wie hart und unvershnlich klingt das! ... Soll ich den kleinen,
unbedachten Scherz wirklich so grausam ben?
    Ich rate Ihnen, knftig vorsichtiger zu sein in der Wahl der Leute, mit
denen Sie scherzen wollen.
    Mein Gott, ich sehe ja ein, da es ein Migriff war, ich schme mich dieser
Uebereilung ... wie htte ich aber auch ahnen knnen -
    Da man mir Achtung schuldig sei!? unterbrach ihn Elisabeth mit flammenden
Augen.
    Nein, nein ... das habe ich gar nicht bezweifelt. Gott, wie Sie heftig
werden knnen! Aber ich konnte doch wahrhaftig nicht wissen, da Ihnen das Recht
zusteht, weit, weit mehr zu beanspruchen.
    Elisabeth sah ihn fragend an; sie verstand ihn offenbar nicht.
    Kann ich mehr thun, als Sie kniefllig um Verzeihung zu bitten? fuhr er
fort.
    Die soll Ihnen werden unter der Bedingung, da Sie mich sofort allein
lassen.
    Hartnckiger Trotzkopf, der Sie sind! ... Ich wre ein Thor, wenn ich den
kostbaren Augenblick vorbergehen lassen wollte ... Elisabeth, ich habe Ihnen
bereits gesagt, da ich Sie glhend liebe, liebe bis zum Sterben!
    Und ich bin mir bewut, Ihnen sehr deutlich erklrt zu haben, da mir dies
sehr gleichgltig ist. Sie fing an zu zittern; nichtsdestoweniger blieb ihr
Blick fest und ruhig.
    Elisabeth, treiben Sie mich nicht zum uersten! rief er aufgeregt.
    Vor allem mu ich Sie ersuchen, die einfachste Hflichkeitsform
festzuhalten, die uns gebietet, Fremde nicht mit dem Eigennamen anzureden.
    Sie sind ein Satan von Klte und Bosheit! rief er bebend vor Zorn. Nun,
ich gebe zu, da Sie einen Schein von Berechtigung haben, mich zu qulen, fgte
er, sich mhsam bezwingend hinzu, ich habe mich gegen Sie vergangen, aber ich
will ja alles wieder gutmachen ... Hren Sie mich nur einen Augenblick ruhig an,
und Sie werden mir Ihre Hrte sicher abbitten ... Ich biete Ihnen hiermit meine
Hand. Sie werden wissen, da ich im stande bin, meiner knftigen Frau, was Rang
und Vermgen betrifft, eine glnzende Existenz zu bereiten.
    Mit einem triumphierenden Lcheln sah er auf sie nieder. Es war ja so
natrlich, da seine schne Widersacherin diese beglckende Wendung nicht
vermutet hatte, sie mute wohl starr sein vor freudiger Ueberraschung, aber das
geschah unerhrterweise nicht, Elisabeth richtete sich vielmehr stolz auf und
trat einen Schritt zurck.
    Ich bedauere, Herr von Hollfeld, sagte sie mit ruhiger Wrde, Sie htten
sich selbst einen unangenehmen Moment ersparen knnen. Nach allem, was ich Ihnen
bis jetzt gesagt habe, fasse ich kaum, da Sie noch ein solches Wort aussprechen
mgen ... Da Sie mich denn durchaus zwingen, so erklre ich Ihnen hiermit, da
unsere Wege weit auseinandergehen -
    Wie!
    Und da ich mich nie entschlieen knnte, an Ihrer Seite zu leben.
    Er starrte sie einen Moment an, wie geistesabwesend, oder wie gnzlich
unfhig, ihre Worte aufzufassen. Seine Gesichtsfarbe wurde grnlich, und seine
weien Zhne gruben sich in die Unterlippe.
    Und Sie treiben wirklich die Komdie so weit, mir eine solche Antwort zu
geben? frug er endlich mit ungewisser, fast heiserer Stimme.
    Elisabeth lchelte verchtlich und wandte sich ab. Diese Bewegung brachte
ihn fast zur Wut.
    Die Grnde, die Grnde will ich wissen! stammelte er und trat abermals
zwischen Elisabeth und die Thr, nach der sie zustrebte. Er haschte mit der Hand
nach ihrem Kleide, um sie festzuhalten. Sie erschrak vor dieser Bewegung und
wich einige Schritt tiefer ins Zimmer zurck.
    Lassen Sie mich! rief sie mit fliegendem Atem; die Angst erstickte ihr
fast die Stimme, trotzdem raffte sie ihren ganzen Mut noch einmal zusammen und
hob den Kopf stolz und gebieterisch. Wenn denn nicht ein Funken von Ehre in
Ihnen ist, an den ich appellieren kann, so sehe ich mich gezwungen, auch meine
Waffen zu gebrauchen, indem ich Ihnen sage, da ich Sie tief, tief verachte, da
ich Ihren Anblick hasse; nicht das Zischen einer Schlange knnte mir mehr
Abscheu und Schrecken einflen, als Ihre Worte, mit denen Sie meine Zuneigung
zu erringen hoffen ... Niemals hat auch nur die leiseste Regung in mir zu Ihren
Gunsten gesprochen; aber selbst, wenn es der Fall gewesen wre, sie htte sofort
erstickt werden mssen durch Ihr verachtungswrdiges Betragen gegen mich ...
Lassen Sie mich jetzt ruhig gehen und -
    Er lie sie den Satz nicht vollenden. Das werde ich wohl bleiben lassen,
knirschte er wtend. Sein vorher so bleiches Gesicht glhte, die Augen rollten,
er war auer sich vor Leidenschaft und strzte auf sie zu wie ein Raubtier. Sie
floh zu dem Fenster, weil sie die Thr nicht zu erreichen vermochte, und
versuchte, den Flgel aufzureien, um ber die sehr niedrige Brstung
hinauszuspringen, aber wie angefesselt vor Schrecken haftete pltzlich ihr Fu
am Boden. Drauen aus dem Buschwerke, dicht an den Scheiben, starrte ein
schreckliches Gesicht. Die todbleichen Zge verzerrten sich in einem hhnischen
Grinsen, und aus dem Auge, das sich stier in das Gesicht des jungen Mdchens
bohrte, glhte der Wahnsinn ... Elisabeth erkannte mit Mhe die stumme Bertha;
sie schttelte sich vor Entsetzen und wich zurck. Hollfelds Arme fingen sie auf
und umklammerten sie mit eiserner Gewalt; blind vor Aufregung, bemerkte er die
Erscheinung vor dem Fenster nicht. Elisabeth drckte die eiskalten Hnde auf
ihre Augen, um das entsetzliche Gesicht drauen nicht zu sehen; sie fhlte den
heien Atem ihres Peinigers ber ihre Finger hinstreifen, sein Haar berhrte
ihre Wange, sie schauderte, aber alle physischen Krfte versagten ihr
buchstblich; das zwiefache Entsetzen hatte sie momentan gelhmt, nicht einmal
ein Laut entrang sich ihrer Kehle ... Bei Hollfelds Anblick erhob Bertha drohend
die festgeballten Hnde und richtete sie gegen die Scheiben, um das Glas zu
zerschmettern; doch pltzlich wandte sie den Kopf seitwrts, als lausche sie auf
ein Gerusch; sie lie die Hnde sinken, stie ein grelles Lachen aus und
entfloh in das Gebsch.
    Das alles war das Werk weniger Augenblicke gewesen. Infolge des hlichen
Geschreies sah Hollfeld erschreckt auf. Einen Moment versuchte sein Auge, in das
Gebsch zu dringen, wo Bertha verschwunden war, aber gleich darauf kehrte es
wieder zurck auf die Gestalt, die er in seinen Armen hielt, und die er nur um
so fester an seine Brust drckte. Seine ngstliche Vorsicht, sein heuchlerisches
Bestreben, seine niedrigen Neigungen vor dem Auge der Welt zu verbergen, waren
in diesem Augenblicke vllig von ihm gewichen. Er dachte nicht daran, da die
Zeit da war, wo Helene kommen sollte; durch die weit offene Thr konnten jeden
Moment der Grtner oder einer von der Dienerschaft hereinsehen, er lag vllig im
Banne seiner Leidenschaft und bemerkte deshalb nicht, da Frulein von Walde in
der That am Arme ihres Bruders auf der Thrschwelle stand; hinter ihnen erschien
die Baronin mit langem Halse und einem nicht zu verkennenden Ausdrucke heftigen
Unwillens.
    Emil! rief sie mit zornbebender Stimme. Er fuhr empor und sah mit wirren
Blicken um sich; unwillkrlich ffneten sich seine Arme, Elisabeth lie die
Hnde von den Augen fallen und fate taumelnd nach der nchsten Stuhllehne.
Diesmal klang ihr die harte, abscheuliche Stimme der Baronin s wie Musik, denn
von ihr kam ja die Hilfe ... Und dort stand die hohe, mnnliche Gestalt, deren
Anblick sofort ihre stockenden Pulse lebendig klopfen machte. Sie htte sich ihm
zu Fen werfen und bitten mgen: Schtze mich vor jenem dort, den ich fliehe
und verabscheue wie die Snde! Aber welch ein Blick fiel auf sie! ... Kam
dieser niederschmetternde Strahl in der That aus jenem Auge, das erst vor wenig
Tagen mit so wunderbar sinnigem Ausdrucke das ihre gesucht hatte? War jene
Erscheinung mit dem streng zurckgeworfenen Kopfe und der todbleichen eisernen
Stirn jener Mann, der sich damals ber sie geneigt und in unsglich weichem
Klange die Worte gesprochen hatte: Ihnen mge unterdes mein guter Engel den
Namen jenes Wunderreiches zuflstern! ... Er selbst stand dort wie ein bser
Engel, der gekommen ist, zu rchen, zu vernichten und ein armes, zuckendes
Menschenherz zu zertreten.
    Helene, die wie angemauert oder leblos auf die Szene in der Tiefe des
Zimmers geblickt hatte, zog pltzlich hastig ihren Arm aus dem ihres Bruders und
wankte auf Elisabeth zu; sie war keinen Augenblick im Zweifel, da Hollfelds
Werbung geglckt und der Bund geschlossen sei.
    Seien Sie mir tausendmal willkommen, liebe Elisabeth! rief sie in heftiger
Bewegung, whrend Thrnenstrme aus ihren Augen strzten; sie nahm die
zitternden Hnde des jungen Mdchens zwischen die ihren. Emil fhrt mir in
Ihnen eine liebe Schwester zu; haben Sie mich lieb als eine solche, ich werde
Ihnen lebenslnglich dafr dankbar sein ... Sei nicht so finster, Amalie,
wandte sie sich bittend zurck nach der Baronin, die noch immer wie eine
Bildsule auerhalb des Pavillons stand, es gilt ja Emils ganzes Lebensglck
... Sieh dir Elisabeth an. Kann sie nicht alle Ansprche erfllen, die du mit
Recht an diejenige stellst, welche dir in Zukunft so nahe stehen soll? Jung, von
der Natur reich ausgestattet, aus alter Familie mit berhmtem Namen -
    Sie hielt erschrocken inne. Es war, als kehre erst jetzt das Leben in
Elisabeths erstarrte Glieder zurck, als sei sie erst in diesem Momente fhig,
das, was gesprochen wurde, aufzufassen. Mittels einer raschen Bewegung hatte sie
Helene beide Hnde entzogen und stand pltzlich hoch aufgerichtet neben ihr.
    Sie irren, gndiges Frulein, sagte sie in eigentmlich vibrierendem Tone,
ich bin eine Brgerliche.
    Wie, haben Sie nicht das festbegrndete Recht, den Namen von Gnadewitz zu
fhren?
    Ja, unzweifelhaft, aber wir lassen dieses Recht fallen.
    Sie wrden in Wirklichkeit ein solches Glck mit dem Fue fortstoen?
    Ich kann nicht einsehen, wie das wahre Glck sich an einen Klang, einen
Schall knpfen soll. Man hrte deutlich, wie sie rang, um ihrer tonlosen Stimme
Festigkeit zu geben.
    Die Baronin war indessen nher getreten. Sie fing an, zu begreifen, was hier
vorging. Innerlich war sie wtend, da ihr Sohn eine Wahl getroffen hatte, ohne
auch nur im entferntesten um ihren mtterlichen Rat, ihre Einwilligung zu
fragen; ferner war und blieb der Gegenstand dieser Wahl fr sie ein verhates
Wesen. Allein sie wute recht gut, da ihr Einspruch hchstens ein mitleidiges
Achselzucken, eine spttische Miene ihres Sohnes hervorrufen und ihn erst recht
in seinem Vorhaben bestrken wrde; auch fiel es fr sie und ihre eigenen
Interessen schwer ins Gewicht, da Helene die Sache in die Hand genommen hatte
und dieselbe mit einer Art von enthusiastischem Opfermute durchfhren zu wollen
schien. Wenn auch vllig im unklaren ber die Motive dieser hchst merkwrdigen
Thatsache, fhlte sie doch instinktmig, da hier kein Nachteil zu befrchten
sei, und deshalb entschlo sie sich rasch, obschon mit grollendem Herzen, gute
Miene zum bsen Spiele zu machen und die Rolle der verzeihenden und segnenden
Mutter zu spielen. Elisabeths Antworten verschlossen ihr jedoch pltzlich wieder
den Mund. Die Hoffnung tauchte in ihr auf, da das Mdchen durch seinen
Eigensinn die Sache selbst verderben wrde, und dann galt es, Oel ins Feuer zu
gieen.
    Da stoen wir auf einen spiebrgerlichen Begriff, meine Liebe, sagte sie
zu Helene, die Elisabeths Erwiderung ganz bestrzt gemacht hatte. Sie mgen
indes jedenfalls Ihre triftigen Grnde haben, das Licht der hheren Regionen zu
scheuen, fuhr die Dame in beiendem Tone zu Elisabeth gewendet fort.
    Ich habe durchaus keine Ursache, das Licht zu fliehen, entgegnete diese,
bei weitem ruhiger und beherrschter sprechend, als zuvor, es mte mir denn
pltzlich unvermutete hliche Fehler meines Charakters zeigen, wie es die
Flecken auf jenem Wappenschild grell beleuchtet ... Aber wir lieben unseren
Namen, weil er rein und ehrlich ist, und wollen dies fleckenlose Erbteil nicht
vertauschen gegen ein Gut, das sich aus den Thrnen und dem Schweie anderer
gro genhrt hat!
    Gott, wie erhaben! rief die Baronin hhnisch lachend.
    Das kann Ihr Ernst nicht sein, Elisabeth, sagte Helene. Vergessen Sie
nicht, da an diesem Ausspruche das Lebensglck zweier Menschen hngt. Sie warf
dem jungen Mdchen einen vielsagenden Blick zu, der aber begreiflicherweise
nicht verstanden wurde. Sie mssen nun einmal in die Sphre, der Sie von nun an
angehren sollen, einen adligen Namen mitbringen; das wissen Sie so gut wie ich
und werden um einer Grille willen nicht Ihre eigenen Hoffnungen und die anderer
zerstren wollen.
    Aber ich bin vllig unfhig, Sie zu verstehen! rief Elisabeth aufgeregt.
Es fllt mir gar nicht ein, irgend eine Hoffnung mit jenem Namen in Verbindung
zu bringen; am allerwenigsten aber begreife ich, wie die Wnsche oder das
Geschick anderer abhngen sollten von dem Entschlusse eines so unbedeutenden
armen Mdchens wie ich bin.
    Sie sind nicht arm, liebes Kind, erwiderte Helene. Kommen Sie, fuhr sie
tief bewegt fort, wir sind von heute an treue Schwestern! ... Nicht wahr,
lieber Rudolf, wandte sie sich nicht ohne Verlegenheit an ihren Bruder, auch
du heiest Emils Braut willkommen in unserer Familie und erlaubst, da ich
schwesterlich mit ihr teile?
    Ja, klang es dumpf, aber fest herber.
    Elisabeth fuhr mit der Hand nach der Stirn, es klang so unglaublich, was sie
eben gehrt hatte ... Emils Braut hatte Frulein von Walde gesagt, und das
sollte sie, sie sein - es war unmglich. Hatten diese Menschen sich verschworen
ihr einen frchterlichen Schrecken einzujagen? ... Und er, der wute, da sie
Hollfeld verabscheue, er hielt zu jenen; er stand dort drben mit
untergeschlagenen Armen, ein Bild unerbittlicher Strenge und Zurckweisung. Er
hatte die ganze Zeit unbeweglich gestanden und jetzt nur die Lippen geffnet, um
das Ja auszusprechen, das von beinahe zermalmender Wirkung fr das junge Mdchen
war. Hatte er nicht frher selbst in der rauhesten Weise ein Entgegenkommen
seines Vetters ihr gegenber zu verhindern gesucht? ... Wie ein leuchtender
Blitz fuhr es pltzlich bei diesem Gedanken durch ihre Seele. Sie war jetzt von
Adel, das erklrte alles. Hollfelds Stammbaum wurde nicht mehr verunehrt durch
die brgerlich Geborene; daher die Bereitwilligkeit der Verwandten ihn in seiner
Werbung zu untersttzen; daher Helenes Betroffenheit bei ihrer Erklrung, da
sie den ihr zugefallenen Namen verschmhe ... Wie es aber zusammenhing, da alle
bereits ein vlliges Einvernehmen zwischen ihr und dem Verhaten voraussetzten,
das zu ergrnden war ihr im Augenblicke unmglich; denn ihre Gedanken wirbelten
in einem unaussprechlichen Aufruhre durcheinander. Nur eines war ihr klar: da
sie augenblicklich ohne Rckhalt jenes Ansinnen zurckweisen msse.
    Ich sehe mich einem Miverstndnisse gegenber, dessen Entstehen ich mir
nicht entrtseln kann, nahm sie das Wort in fliegender Hast. Es wre wohl
Herrn von Hollfelds Pflicht, hier Aufklrung zu geben; da er es jedoch vorzieht,
zu schweigen, so sehe ich mich gentigt, auszusprechen, da er nie und nimmer
irgend welches Versprechen von mir erhalten hat!
    Aber, liebes Kind, sagte Helene zgernd und verlegen, haben wir nicht
vorhin bei unserem Eintritte mit eigenen Augen gesehen, da - sie brach ab.
    Wie ein Donnerschlag trafen Elisabeth diese Worte. In ihrer reinen,
unschuldigen Seele war auch nicht einen Moment die Furcht aufgetaucht, da jener
Augenblick des Schreckens und der Hilflosigkeit miverstanden werden knne, und
nun mute sie zu ihrem hchsten Schmerze erfahren, da er ein abscheuliches
Licht auf sie geworfen hatte ... Sie wandte sich noch einmal rasch um nach
Hollfeld; doch schon der eine Blick auf ihn belehrte sie, da sie von dieser
Seite keine Genugthuung, keine Ehrenrettung zu hoffen habe. Er lehnte, den
anderen Anwesenden den Rcken halb zuwendend, wie ein ertappter Schulknabe am
Fenster. Wren die Damen allein gewesen, so htte er sich ohne Zweifel durch ein
freches Lgengewebe zu helfen gesucht; allein Herrn von Waldes Anwesenheit
lhmte ihn vollstndig. Er begngte sich, in einem zweifelhaften Schweigen zu
verharren, welches die verschiedenartigsten Deutungen zulie.
    Gott im Himmel, wie schrecklich! rief das junge Mdchen auer sich und
rang die Hnde. Sie haben gesehen, fuhr sie, das Gesicht schamhaft senkend,
nach einem tiefen Atemholen fort, wie ein wehrloses Mdchen vergebens gestrebt
hat, die Zudringlichkeiten eines Ehrlosen zurckzuweisen ... Die Versicherung
meiner tiefsten Verachtung, meiner vlligen Abneigung vermochten nicht, ihn zu
verscheuchen. Ich habe Herrn von Hollfeld diese Gesinnungen stets unverhohlen
gezeigt, trotzdem -
    Ein starkes Gerusch hinter ihr lie sie pltzlich verstummen. Helene war in
das Sofa zurckgesunken, ihre Rechte klammerte sich krampfhaft an die Tischecke
und zitterte so heftig, da das auf der Platte stehende Porzellangeschirr
aneinanderklirrte. Das Gesicht der jungen Dame war aschfarben; ihr erlschender
Blick irrte hinber zu Hollfeld ... Vergebens bemhte sie sich, ihrer tdlichen
Bestrzung Herr zu werden, das Licht, das pltzlich auf ein Netz hlicher
Intriguen fiel, war zu grell; sein Strahl hatte etwas von der vernichtenden
Gewalt des Blitzes fr das bis dahin arglos vertrauende Gemt Helenes.
    Obgleich selbst in hchster Aufregung und im Begriffe, ihrer Entrstung noch
weiteren Ausdruck zu geben, fhlte Elisabeth doch sofort ihr Herz in innigem
Mitleiden schmelzen bei dem Anblicke der jungen Dame. Sie hatte, indem sie ihre
Ehre vertrat, der Unglcklichen die Binde von den Augen gerissen; das that ihr
schmerzlich leid um Helenes willen, wenn sie auch wute, da diese Enttuschung
doch frher oder spter htte erfolgen mssen. Rasch trat sie zu ihr und nahm
die eiskalten Hnde, die langsam vom Tische niederglitten, zwischen die ihrigen.
    Vergeben Sie mir, wenn ich Sie durch meine heftigen Worte erschreckt habe,
sagte sie bittend, aber fest. Es wird Ihnen nicht schwer werden, sich in meine
Lage zu versetzen ... Einige erklrende Worte des Herrn von Hollfeld wrden
gengt haben, den unwrdigen Verdacht von mir zu nehmen. Ich wrde dann nicht
gezwungen gewesen sein, meine Ansicht ber seinen Charakter und seine
Handlungsweise so unumwunden auszusprechen ... Ich bedauere, da es geschehen
mute, aber ich kann kein Jota davon zurcknehmen.
    Sie kte Helenes Hnde und verlie schweigend den Pavillon. Es war ihr, als
strecke Herr von Walde hastig die Hand nach ihr aus, als sie an ihm
vorberschritt, aber sie sah nicht auf.
    Drauen verfolgte sie den schmalen, gewundenen Pfad, der durch ein kleines
Gehlz nach dem Teiche mndete; sie schritt ber den groen Kiesplatz am
Schlosse vorber und betrat den engen Waldweg, der nach dem Nonnenturme fhrte,
ohne zu wissen, wo sie sich befand, ohne daran zu denken, da sie sich immer
weiter vom Heimwege entferne.
    Sie war in einer unaussprechlichen Gemtsaufregung. Wie ein Sturm brauste es
durch ihr Gehirn ... Hollfelds Heiratsantrag, seine malose Leidenschaft,
Berthas pltzliche Erscheinung am Pavillonfenster, die unbegreifliche Thatsache,
da Helene sie freudig als die Braut dessen begrt hatte, den sie selbst
leidenschaftlich liebte, dies alles flog immer und immer wieder an ihr vorber,
und dazwischen klang schneidend das Ja des Herrn von Walde ... Er htte sie
also willkommen geheien als Hollfelds Braut ... es wrde ihn nicht die
geringste Ueberwindung gekostet haben, sie an der Seite seines Vetters zu sehen!
... Diese Heirat war ohne Zweifel im Familienrate beschlossen worden. Herr von
Walde hatte mit kalt prfendem Verstande das Fr und Wider erwogen und war
schlielich mit seiner Schwester darin bereingekommen, da Emils Auserwhlte
jetzt die Geschlechtstafel derer von Hollfeld nicht mehr verunehre; man wolle
sie in Gnaden annehmen und einem Mangel der Braut, ihrer Armut, gromtig aus
eigenen Mitteln abhelfen.
    Bei diesem Gedanken bi Elisabeth die Zhne heftig aufeinander, wie bei
einem starken krperlichen Schmerze. Eine unaussprechliche Bitterkeit erfllte
ihr Gemt, dessen tiefsinnige Neigung unverstanden zertreten worden war von
jenem kalt berechnenden, eingefleischten Aristokraten ... Wie hatte sie nur
hoffen knnen, da er je Sympathie fhlen knne fr ein warmpulsierendes
weibliches Herz, fr eine junge Seele, die, nach Freiheit ringend, keinen Raum
gab jenen engherzigen, oft so lcherlichen Satzungen der Menschen? ... er, der
nur in Moder und Schutt alter Geschlechter den Nimbus und die Vorzge der Frau
suchte?
    Sie blieb manchmal in Gedanken versunken stehen; dann schritt sie wieder
hastig, wie von ihrem Gedankenstrome getrieben, weiter, ohne zu bemerken, da
sie denselben Weg verfolgte, den sie vor wenigen Tagen an seiner Seite voll
Scheu und Angst betreten hatte. Die vorstehenden Zweige der Bsche schlugen an
ihre Stirn; sie dachte nicht daran, da er sie neulich vorsorglich weggebogen
hatte, wenn sie ihr Gesicht bedrohten ... Noch war das Buschwerk eingeknickt,
und abgestreifte Bltter lagen welkend am Boden, da, wo Frulein von
Quittelsdorf und Hollfeld sich Bahn gebrochen hatten zu den zwei einsam
Wandelnden. Das war auch die Stelle, wo der halbvollendete Glckwunsch
souffliert worden war; Elisabeth glitt achtlos vorber, und das war gut, denn
ihr heies Auge hatte keine Thrnen, und hier war der Ort, wo sie sicher ihr
ganzes Herz htte ausweinen mgen.
    Endlich sah sie sich erstaunt um. Sie stand vor dem Nonnenturme. Sie war
vielleicht das erste menschliche Wesen, das den Festplatz wieder betrat, seit
ihn die letzten Gste oder die mde Schlodienerschaft neulich nachts verlassen
hatte.
    Es sah wst und unordentlich aus auf dem kleinen Plane, der auch nicht ein
aufrechtstehendes Grashlmchen mehr zeigte; alles war niedergetreten worden beim
Tanze, der sonach kein Elfenreigen gewesen sein mochte. Die zwei Tannen, die das
Marketenderzelt getragen hatten, lagen hingestreckt am Boden, auf einem Gemische
von Flaschenscherben und den Ueberresten eines in der Nhe abgebrannten
Feuerwerkes, und droben hingen noch die zusammengeschrumpften Guirlanden
zwischen Turm und Eichen, ein leiser Luftzug strich flsternd ber die drren
Blumenhupter, die, fest aneinander gepret und hoch in der Luft schwebend, ber
einem Zusammenflusse von Genssen hatten verschmachten mssen.
    Eine leichte Dmmerung webte bereits unter den Eichen, wenn auch noch ein
goldiger Schein auf ihren Wipfeln und ber der grauen Zinne des Turmes gaukelte.
    Elisabeth fhlte pltzlich, leicht zusammenschauernd, ihr Alleinsein mitten
im Herzen des todstillen, dunkelnden Waldes; trotzdem zog es sie noch einmal
unwiderstehlich nach jener Stelle, wo Herr von Walde von ihr Abschied genommen
hatte. Sie schritt ber den zerstampften Rasenplatz, blieb aber einen Augenblick
wie festgewurzelt stehen; denn der Abendwind trug einzelne, abgebrochene Tne
einer menschlichen Stimme zu ihr herber. Anfnglich klang es wie ein ferner,
vereinzelter Hilferuf, aber allmhlich reihten sich die Tne aneinander, sie
kamen rasch nher. Es war eine schneidend scharfe, gellende, weibliche Stimme,
die ein geistliches Lied mehr schrie als sang. Elisabeth hrte deutlich, da das
Wesen whrend des Singens schnell vorwrts lief.
    Pltzlich zerri die Melodie und an ihre Stelle trat ein entsetzliches
Gelchter, oder vielmehr ein Geschrei, das eine Skala von Hohn, Triumph und
bitteren Qualen bildete.
    Eine schlimme Ahnung stieg in Elisabeth auf. Ihr Blick tauchte erschreckt in
das Baumdunkel nach der Richtung hin, wo der Lrm sich nherte. Er verstummte in
diesem Augenblicke jedoch wieder, und die Stimme begann das Lied von neuem ...
jetzt aber kam sie wie im Sturmschritte heran.
    Elisabeth trat in die offene Thr des Turmes, denn sie mochte der wandernden
Sngerin, die offenbar ein unheimliches Wesen sein mute, nicht in den Weg
kommen; allein kaum hatte sie die Schwelle berschritten, als das Gelchter
abermals und zwar sehr nahe erscholl.
    Jenseits des Rasenplatzes strzte Bertha aus dem Walddickicht hervor, ihr
zur Seite lief Wolf, der grimmige Hofhund des Oberfrsters.
    Wolf, fa an! kreischte sie, beide Hnde nach Elisabeth ausstreckend. Das
Tier jagte heulend ber den Platz.
    Elisabeth warf die Thr ins Schlo und lief die Treppe hinauf. Sie gewann
einen Vorsprung, aber noch ehe sie die Zinne des Turmes erreicht hatte, wurde
drunten die Thr aufgestoen. Der keuchende Hund strzte herauf, ihm nach die
Wahnsinnige, indem sie unausgesetzt ihren hetzenden Zuruf wiederholte.
    
    Atemlos erreichte die Verfolgte die letzte Stufe, sie hrte das Schnauben
des ungebrdigen Tieres hinter sich - es war ihren Fersen nahe -, warf mit der
letzten Kraftaufwendung die eichene Thr zu, die auf das Plateau fhrte, und
stemmte sich dagegen.
    Einen Augenblick darauf rttelte Bertha drinnen am Thrschlosse, es wich
nicht. Sie tobte und warf sich wtend mit der ganzen Schwere ihres Krpers gegen
die eichenen Bohlen, whrend Wolf abwechselnd heulend und knurrend an der
Schwelle kratzte.
    Bernsteinhexe da drauen! schrie sie. Ich drehe dir den Hals um ... Ich
werde dich bei deinen gelben Haaren nehmen und dich durch den Wald schleifen!
... Du hast mir sein Herz gestohlen, du Mondscheingesicht, du Tugendspiegel,
Scheinheilige! Wolf, fa an, fa an!
    Der Hund winselte und schlug mit den Tatzen gegen die Thr.
    Zerreie sie in Stcke, Wolf, schlage deine Zhne in ihre weien Finger,
die ihn behext haben mit der Musik, die vom Teufel kommt! ... Wehe, wehe!
Verdammt seist du da drauen, verdammt seien die Tne, die deine Finger
hervorbringen; sie sollen zu giftigen Mordspitzen werden, die sich gegen dein
eigenes Herz wenden und es zerfleischen!
    Abermals warf sie sich gegen die Thr. Das alte Brettergefge erzitterte und
chzte, aber es wich nicht unter den Sten des kleinen ohnmchtigen Fues.
    Elisabeth lehnte whrenddem mit festgeschlossenen Lippen und bleichem
Gesichte drauen. Sie hatte ein Stck Holz, das zu ihren Fen lag, ergriffen,
um sich ntigenfalls gegen den Hund zu verteidigen. Bei den Flchen und
Verwnschungen, die Bertha ausstie, erbebte ihr ganzer Krper, doch sie
richtete sich um so entschlossener und trotziger auf.
    Htte sie einen prfenden Blick auf das Thrschlo geworfen, so wrde sie
gemerkt haben, da das Anstemmen ihrer zarten Gestalt ganz unntig sei, denn ein
mchtiger Riegel war vorgesprungen, gegen den die schwache Kraft der
Wahnsinnigen nichts auszurichten vermochte.
    Wirst du wohl aufmachen? tobte sie wieder drinnen. Du durchsichtiges,
zerbrechliches Ding! ... Ha, ha, ha! Goldelse nennt sie der alte Brummbr den
ich hasse, wie das Gift; der Alte will durchaus nicht fromm werden, er mag zur
Hlle fahren, aber ich werde selig sein, selig! ... Goldelse nennt er sie, weil
sie bernsteingelbes Haar hat! Pfui, wie bist du hlich, du Fchsin.... Mein
Haar ist schwarz, wie ein Rabenflgel. Ich bin schn, tausendmal schner, als
du! Hrst du das, du Affengesicht da drauen?
    Sie schwieg erschpft, auch Wolf unterbrach sein Zerstrungswerk an der
Schwelle.
    In demselben Augenblick zog fernes Glockengelute durch die abendstillen
Wipfel des Waldes. Elisabeth wute, was es bedeutete. Aus den Ruinen der alten
Burg Gnadeck bewegte sich eben ein Leichenzug den Berg herab. Lilas sterbliche
Ueberreste verlieen das Haus, gegen dessen Mauern einst das schne Zigeunerkind
verzweifelnd die Stirn geschlagen hatte. Sie wurde durch den grnen Wald
getragen, um deswillen vor zwei Jahrhunderten ihr Herz gebrochen war.
    Auch Bertha schien den Glockentnen zu lauschen. Sie regte sich nicht.
    Sie luten! schrie sie pltzlich. Komm, Wolf, wir wollen in die Kirche
gehen ... Sie mu droben bleiben bei den Wolken, die werden des Nachts ber sie
herstrzen, der Sturm reit an ihren Haaren, und die Raben werden kommen und
nach ihren Augen hacken, denn sie ist verflucht, verflucht!
    Gleich darauf begann sie das Lied wieder. Ihre schreckliche Stimme schlug
grauenhaft gegen die engen Wnde des Treppenhauses. Polternd lief sie hinab und
trat unten aus der Thr. Sie sprang singend ber den Plan, nach derselben
Richtung, woher sie gekommen war, der Hund trabte nebenher. Nicht ein einziges
Mal drehte sie sich um nach dem Turme; nun sie ihn im Rcken hatte, schien sie
bereits nicht mehr zu wissen, da da droben hinter dem grauen Steingelnder der
Gegenstand ihres Hasses stehe. Noch einmal tauchte ihr hochroter Rock aus dem
dunkelnden Gebsch auf, dann verschwand die Gestalt samt ihrem schrecklichen
Begleiter. Allmhlich verhallte auch ihr Gesang und bald trug die weiche Luft
nur noch das Gelute zu der Einsamen auf der Turmzinne.
    Sie verlie aufatmend ihren Verteidigungsposten, den sie mechanisch noch
inne behalten hatte, und griff nach dem Thrschlosse, aber der alte,
eingerostete Knauf blieb so unbeweglich, wie unter Berthas Hnden. Mit Schrecken
entdeckte sie den vorgesprungenen Riegel, er hatte sie freilich wacker geschtzt
und verteidigt, indes hielt er sie auch gefangen. Er rhrte sich nicht von der
Stelle bei allen Versuchen und Anstrengungen; ermattet und mutlos lie das junge
Mdchen endlich die Hnde sinken.
    Was nun anfangen? Angstvoll dachte sie an ihre Eltern, die gewi schon in
diesem Augenblicke sich um ihr Ausbleiben beunruhigten, denn sie hatte ja
selbstverstndlich der Beisetzung beiwohnen wollen.
    Um sie her scharten sich die gewaltigen Hupter des Waldes, hier und da noch
rosig betupft von einem verblassenden, letzten Sonnenstrahle. Weit, weit da
drben schlo sich erst ein lichter Streifen an die dunkeln Massen, dort lag L.
mit seinem stolzen, hochgelegenen Schlosse, dessen lange Fensterreihe eben noch
einmal feurig aufblitzte und dann erlosch ... Und dort trmte sich der Berg mit
den Gnadecker Ruinen, aber der Wald verbarg die traute Heimat; nicht einmal die
weithin sichtbare Fahnenstange war von hier aus zu entdecken.
    Die Hoffnung, gesehen zu werden, gab Elisabeth sofort auf, und ihr schwacher
Hilferuf, das sagte sie sich ebenfalls, mute ungehrt verhallen, denn der Turm
lag ja so tief versteckt im Forste, keine belebte Fahrstrae fhrte in der Nhe
vorber, und wer betrat wohl bei hereinbrechendem Abende noch die stillen Wege,
die kein anderes Ziel hatten, als den Nonnenturm?
    Trotzdem machte sie einen Versuch und schickte einen Ruf hinaus in die
Lfte. Wie schwach klang er! Es kam ihr vor, als htten ihn die nchsten
Baumkronen eingesogen; er hatte nur einige Raben in der Nhe aufgeschreckt, die
nun krchzend ber dem Haupte des jungen Mdchens wegflogen, dann war es wieder
still, schaurig still. Die Lindhofer Kirchenglocken waren verstummt. Im Westen
glimmte ein schwaches Rot, einige kleine Wlkchen zart besumend, der Wald aber
lag bereits im tiefen Abendschatten.
    Ratlos schritt Elisabeth auf dem Plateau des Nonnenturmes hin und her.
Manchmal blieb sie an einer Ecke stehen, in deren Richtung das Lindhofer Schlo
liegen mute - denn das war dem Nonnenturm noch am nchsten - und erhob ihre
Stimme zu erfolglosen Hilferufen. Endlich gab sie die Bemhung auf und setzte
sich auf die Bank, welche, in die uere Mauer des Treppenhauses eingefgt, von
dem berstehenden Schieferdache desselben so ziemlich gegen Wind und Wetter
geschtzt wurde.
    Sie frchtete nicht, die Nacht hier oben zubringen zu mssen, denn es lag
wohl auf der Hand, da man sie im Walde suchen wrde. Bis man sie in ihrer Haft
entdeckte, welche Stunden qualvoller Ungewiheit und Befrchtungen muten die
Ihrigen durchleben!
    Dieser Gedanke ngstigte sie unbeschreiblich und steigerte ihre nervse
Aufregung. Alle heute empfangenen Eindrcke waren ja so schrecklicher Art
gewesen, und sie mute alles allein, ohne jedwede Sttze, als die ihrer eigenen
moralischen Kraft, durchkmpfen ... Noch zitterten ihre Kniee infolge des
letzten Angstmomentes ... Was mochte Berthas pltzlichen Wahnsinn zum Ausbruche
gebracht haben? Sie hatte von einem Herzen gesprochen, das Elisabeth ihr geraubt
habe; war wirklich, wie die Mutter in der letzten Zeit fters die Vermutung
ausgesprochen hatte, Hollfeld in die dunkle Geschichte verwebt?
    Bei dem Gedanken an ihn tauchten alle die schmerzlichen Empfindungen wieder
auf, die ihr Inneres heute durchstrmt hatten. Jetzt aber, wo sie still und
unbeweglich an die Mauer gedrckt dasa, dem dunkelnden Himmel nher gerckt,
kein Zeichen des Lebens um sich fhlend, als das Wehen der feuchten Nachtluft,
die schmeichelnd ber ihr heies Gesicht strich, jetzt brach der finstere Trotz,
mit welchem ihr zertretenes Herz sich zu waffnen gesucht hatte, und ihre Augen
wurden feucht ... Es war nun alles, alles vorber; sie hatte heute mit den
Bewohnern von Lindhof gebrochen fr alle Zeiten! Helene hatte sie ihr Ideal
geraubt, und Herrn von Walde, der gewhnt hatte, sie mit seiner in Gnaden
gewhrten Einwilligung zu beglcken, ihm hatte sie diese Gabe vor die Fe
geworfen ... sie hatte ohne Zweifel seinen Stolz tief verwundet.
Wahrscheinlicherweise sah sie ihn nie wieder; er reiste fort und war froh,
drauen den unangenehmen Eindruck los zu werden, welchen ihm das undankbare
Benehmen der armen Klavierspielerin gemacht hatte.
    Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden, und die Thrnen drangen zwischen
den schmalen, weien Fingern hervor.
    Inzwischen dmmerte die Nacht herein; es wurde jedoch nicht vllig dunkel.
Die schmale Mondsichel stand am Himmel, und die anderen leuchtenden Wanderer
traten hervor und wandelten ihre Bahn, nicht ahnend, da der mit ihnen im All
kreisende Planet, die Erde, Millionen kleiner Welten in sich schliet, deren
jede ihre Hhen und Tiefen, ihre brausenden Meereswogen mit Ebbe und Flut, ihre
gewaltigen Strme, selten aber die heilige Stille des Friedens hat.
    Im Turme wurde es lebendig. Aengstliches Sthnen und leise Klagelaute
drangen heraus. Es polterte schwerfllig auf der Treppe, schlug klatschend gegen
die inneren Wnde und klopfte an die Thr: die Eulen und Fledermuse wollten
ihre Abendbesuche machen und suchten vergebens den gewohnten Ausweg. Auch
drunten im Walde knisterte und rauschte es; das Wild brach aus dem Dickicht und
schritt in vollkommener Sicherheit ber die Lichtung ... Aus weiter Ferne, von
Osten her, da, wo der Wald fast noch in unberhrter Urwchsigkeit und Wildheit
in tiefe Thler hinabstieg und an den jenseitigen Bergen ungebndigt wieder
hinaufkletterte, klang bisweilen ein schwacher Knall herber. Elisabeth
schmiegte sich dann jedesmal leise erbebend fester an die Mauer, unter das
schtzende Vordach, als knne irgend ein unheimliches Augenpaar von dort herber
bis zu ihr dringen; die dort jagten, hatten gebrochen mit dem Gesetze.
    Noch kam keine Hilfe. Ihre Sorge, da sich die Eltern ngstigen knnten, war
sonach ganz unbegrndet gewesen. Auf alle Flle vermuteten sie die Tochter noch
im Schlosse, waren vielleicht sehr ungehalten ber ihr Ausbleiben und warteten
mglicherweise bis um zehn Uhr auf ihre Heimkehr. So konnte Mitternacht
herankommen, bis man sie erlste.
    Es wurde empfindlich khl. Frstelnd zog sie die leichte Mantille ber die
Brust zusammen und schlang das Taschentuch um den Hals. Sie sah sich gentigt,
die Bank zu verlassen und auf der Plattform hin und her zu gehen, um sich vor
Erkltung zu schtzen. Oefters bog sie sich ber das Gelnder und sah hinab.
    Ueber die Lichtung wogten und wallten weiliche Streifen, wirbelten zusammen
und flatterten zerrissen wieder auseinander; es waren die Nebel, die dem
feuchten Waldboden entstiegen ... Elisabeth dachte nicht mehr, wie bisher, an
die buntschimmernde Pracht, an die Anmaung und Eitelkeit, die sich vor wenigen
Tagen da drunten geblht hatten, nicht mehr an die vielen nichtigen Worte, die
da gefallen sein mochten, und die ein Geschwirr hervorgebracht hatten, als stehe
der Nonnenturm nicht auf altehrwrdigem, thringischem Waldboden, sondern erhebe
sich himmelstrmend an den Ufern des Euphrat. Aus den Dunstwogen tauchten die
Schatten der Klosterfrauen auf mit starren, leidenschaftslosen Zgen, das
ausgeglhte Herz unter dem lang herabflieenden Gewande, und die wchserne Stirn
hinter der mattschimmernden Binde befreit von den unruhigen, marternden
Gedanken, die den Weg zwischen Himmel und Welt unausgesetzt durchlaufen hatten
und strrig immer wieder zurckgesunken waren auf die enge Erde voll Snde und
bser Lust ...
    Elisabeth dachte an jene finstere Zeit, da hier dunkle Mauern in die Lfte
stiegen, die Verbrechen eines adligen Mrders zu shnen - kalte, starre Mauern,
um den zu vershnen, der uns das lebendige Wort gegeben hat, der der Urquell der
warmen, ewigen Liebe ist! ... Ob wohl all die geflsterten Gebete der lebendig
Begrabenen, all der Megesang und Orgelklang vermocht hatten, die Blutflecken
hinwegzusplen, die der Verbrecher hinauftrug zu den Fen des Ewigen? ... Nein,
und abermals nein. Er lt sich nicht Weihrauch streuen im Baalsdienste und
ndert niemals seine ewigen Beschlsse nach dem einsichtslosen Begehr seiner
Kreaturen! ...
    Welch grauenvolles Stck Familiengeschichte derer von Gnadewitz erzhlten
die zerbrckelnden Mauerreste da drunten! ... Und doch sollte ein Wesen, das
sich seines Ringens und Strebens nach Tugend und geistigem Fortschreiten wohl
bewut war, erst Geltung erhalten in dem Augenblicke, da es jenen Namen tragen
durfte? Es mute erfahren, da sein reines Leben als ein Nichts galt
menschlicher Satzung gegenber, die in der That ein Hirngespinst, ein Nichts
war?
    War der Aberglaube, der Hexen verbrannte, finsterer, als der Wahn der
Geburtsbevorrechtigung, der, in seinen Konsequenzen wahrlich nicht weniger
grausam als die Flamme des Scheiterhaufens, manche schne, reiche Menschenseele
erstickt? Jener Wahn, der schnde entgegentritt der Absicht des Allgtigen, nach
welcher alle seine Kinder gleich aus seiner Hand hervorgehen, gleich in der
ueren Gestalt, in ihrem Baue, in der Ausrstung ihrer Sinneswerkzeuge, mit
denen der Knig wie der Bettler auf gleiche Weise geniet oder leidet, gleich in
der Beschaffenheit des Lichtfunkens, der diese uere Hlle beseelt; oder wo
wre eine Seele, die selbst auf dem Gipfel menschlicher Vollkommenheit nicht
ihre Schwchen htte, und wo der gesunkenste Mensch, bei welchem unter dem
Schutte der Verkommenheit nicht noch wenigstens eine gute Eigenschaft
auftauchte? ... Und er, der das Geprge eines denkenden Geistes auf der ernsten
Stirn trug, dessen Blick und Stimme, wenn auch selten, doch in einer Weichheit
schmelzen konnten, wie sie nur aus einem Gemte kommt, welches tiefen
Erschtterungen zugnglich ist, auch er stand unter dem Einflusse jener starren
Vorurteile? Die zerbrechliche Form stellte er ber das unsterbliche Recht des
Menschengeistes, nach welchem wir frei denken und handeln sollen? ... Und war es
nicht gerade das hchste und heiligste Gefhl des menschlichen Herzens, die
Liebe, das so oft von jenem Systeme erbarmungslos zermalmt wurde? Htte
Elisabeth in der That Hollfeld geliebt, was wre ihr Los gewesen, ohne jene
Entdeckung? ... Und wre - ein schneidender Zug flog um die zuckenden Lippen des
jungen Mdchens - in Herrn von Waldes Brust je eine Neigung fr sie aufgetaucht,
und er kme jetzt und bte ihr seine Hand? Schrecklicher Gedanke! Nie und nimmer
wrde sie neben ihm leben knnen in dem Bewutsein, da ihre unsgliche Liebe
nur insoweit erwidert werde, als es die Konvenienz, alterssteife, verkncherte
Gesetze gestatteten. Einer solchen fortgesetzten Qual gegenber verlor der
Schmerz der Entsagung viel von seiner Furchtbarkeit.
    Mit verfinstertem Blick trat Elisabeth in die Ecke des Gelnders und sah
hinber nach dem Lindhofer Schlosse. Dort herrschte das tiefste Schweigen. Ueber
der rmlichsten Htte des Dorfes, wie ber dem stolzen Schlobau flimmerte ein
und derselbe Stern und schickte seinen milden Schein unparteiisch hernieder,
oder fiel wirklich ein vereinzelter Strahl des roten Lichtes dort auf die
Stelle, wo der Wald sich lichtete und in den Park auslief? Nein, der Schimmer
stieg vom Boden auf und frbte, rasch in den dichten Wald eindringend und
fortlaufend, schwachrtlich die Wipfel. Es war ohne Zweifel eine Fackel, die den
schmalen Weg entlang getragen wurde, auf welchem auch Elisabeth bis zum
Nonnenturm gelangt war.
    Einmal blieb das Licht unbeweglich stehen, und in demselben Augenblicke
drang ein ferner Ruf bis zu Elisabeth herber. Sie sagte sich freudig, da sich
Hilfe nahe, da sie gesucht werde, und erhob ihre Stimme zu einer Antwort,
obwohl sie wute, da der schwache Laut die Rufenden nicht erreichen knne. Noch
einen Augenblick verweilte der Schimmer, dann kam er in fliegender Eile nher
und nher. Das junge Mdchen unterschied bald die Flamme und sah, wie beim
Niederstoen auf den Boden ein Funkenregen umhersprhte.
    Elisabeth! scholl es pltzlich durch den Wald.
    Die Stimme ging ihr durch Mark und Bein, denn es war seine Stimme; Herr von
Walde rief nach ihr in den Tnen unbeschreiblicher Angst.
    Hier, rief sie hinab, hier bin ich, auf dem Turme!
    Der Fackeltrger strzte durch das Dickicht, ber die Waldble hinweg. In
wenigen Augenblicken stand er drinnen auf den obersten Treppenstufen und
rttelte mit gewaltiger Hand an der Thr. Unmittelbar darauf erfolgten einige
krftige Fuste, und das alte Brettergefge barst krachend auseinander.
    Herr von Walde trat heraus auf die Plattform. In der Linken hielt er die
Fackel und mit der Rechten zog er Elisabeth in den Bereich der Flamme. Er war
ohne Kopfbedeckung, das dunkle Haar fiel ungeordnet auf die Stirn und eine tiefe
Blsse bedeckte sein Gesicht. Sein Blick lief wie ein Blitz ber ihre Gestalt,
als wollte er sich berzeugen, da sie auch wirklich unverletzt vor ihm stehe.
Er schien in einer unbeschreiblichen Aufregung zu sein; die Hand, die ihren Arm
umklammerte, zitterte heftig, er war im ersten Augenblicke keines Wortes
mchtig.
    Elisabeth, armes Kind! stie er endlich seufzend hervor. Hierher, in die
dunkle Nacht, auf dies unheimliche Gemuer hat Sie die Schmach getrieben, die
Sie heute in meinem Hause erdulden muten?
    Elisabeth erklrte ihm, da ihr Verweilen hier oben kein freiwilliges
gewesen sei, wie ja die geschlossene Thr beweise, und erzhlte in flchtigen
Worten den Verlauf der Sache. Dabei schritt sie die Treppe hinab. Er ging ihr
voraus und bot ihr die Hand, um sie zu sttzen; aber sie fate nach dem Strick,
der als Treppengelnder diente, und wandte die Augen weg, um seine Bewegungen
ignorieren zu knnen.
    In diesem Augenblicke erlosch die Fackel, die ohnehin nur noch schwach
brannte, in einem starken Luftzuge, der durch eine offene Luke einstrmte; tiefe
Finsternis umgab die Hinabsteigenden.
    Geben Sie mir jetzt die Hand, sagte er, in den befehlenden Ton von frher
verfallend.
    Ich halte mich am Gelnder und brauche keine andere Sttze, entgegnete sie
abwehrend.
    Kaum war das letzte Wort ber ihre Lippen, als sie sich von zwei Armen
umschlungen fhlte, die sie ohne weiteres wie eine Feder vom Boden aufhoben und
die Treppe hinabtrugen.
    Thrichtes Kind, sagte er, indem er sie drauen auf dem Rasenplatze
niederlie, ich werde doch nicht leiden, da Sie sich auf den Steinfliesen des
Turmes die Glieder zerschmettern!
    Sie schlug den Weg ein, der direkt nach dem Lindhofer Schlosse fhrte; er
war ja der krzeste. Herr von Walde schritt schweigend neben ihr her.
    Sie haben die Absicht, heute von mir zu gehen, ohne mir ein vershnliches
Wort zu sagen? fragte er, pltzlich stehen bleibend. In seinem Tone stritten
Schmerz und verhaltener Groll. Ich habe das Unglck gehabt, Sie zu beleidigen?
    Ja, Sie haben mir wehe gethan.
    Weil ich meinen Vetter nicht sofort zur Rechenschaft zog?
    Das konnten Sie ja nicht, seine Werbung geschah mit Ihrer Genehmigung. Sie
so gut, wie die anderen, wollten mich zwingen, Herrn von Hollfeld meine Hand zu
reichen.
    Ich Sie zwingen? ... Kind, wie schlecht verstehen Sie sich auf die
Erforschung eines mnnlichen Herzens? ... Ich war von einem finsteren Irrtume
befangen, oder richtiger, ich wollte diesen Irrtum vollends von mir werfen,
wollte prfen, als ich ja sagte ... Sie sollen im Gegenteil erfahren, da ich
alles entfernen werde, was Sie an den heutigen Vorfall erinnern knnte ... Sie
sind gern in Lindhof?
    Ja.
    Die Baronin Lessen wird das Schlo verlassen, und ich will Sie bitten,
meiner Schwester Sttze und Umgang zu sein, wenn - wenn ich wieder in die weite
Welt hinausziehen werde, wollen Sie?
    Das kann ich Ihnen nicht versprechen.
    Und warum nicht?
    Frulein von Walde wird meine Gesellschaft nicht wnschen, und wenn auch
... ich habe heute schon einmal erklrt, da ich den neuen Namen nicht fhren
werde.
    Wunderliche Antwort! ... Das gehrt nicht hierher ... Ah, jetzt verstehe
ich! Endlich wird es hell vor meinen Augen! Sie glauben also, ich habe Hollfelds
Wahl gebilligt, weil Ihnen pltzlich ein adliger Name zugefallen ist ... wie,
ist's nicht so?
    Ja, das glaube ich.
    Und folgern weiter, da ich Sie aus dem Grunde auch jetzt als Umgang fr
meine Schwester wnsche? ... Sie sind berhaupt der Ansicht, da der Aristokrat
bei allem, was ich thue und denke, die erste Stimme hat?
    Ja, ja!
    Nun, dann frage ich Sie, welchen Namen fhrten Sie, als ich hier, auf
diesem Wege, Sie um einen Glckwunsch fr mich bat?
    Damals wuten wir noch nicht, welches Geheimnis der Erker enthielt,
flsterte Elisabeth kaum hrbar.
    Haben Sie die Worte vergessen, die Sie mir an jenem Tage nachsprechen
muten?
    Nein, ich habe jede Silbe klar und fest im Gedchtnis, entgegnete das
junge Mdchen rasch.
    Nun, und halten Sie es fr mglich, da solche Worte enden knnten mit
einem und bleiben Sie gesund im neuen Jahre oder dergleichen?
    Das junge Mdchen antwortete nicht, sah aber tief errtend zu ihm auf.
    Hren Sie mich einen Moment ruhig an, Elisabeth, fuhr er fort; er selbst
aber war so wenig ruhig, da man das Klopfen seines Herzens in der schwankenden,
von innerer Bewegung fast erstickten Stimme hren konnte. Ein Mann, den das
Glck bevorzugte, indem es ihm eine hhere Lebensstellung und Reichtum in die
Wiege legte, mitraute diesen Vorzgen, als er anfing, selbstndig zu denken. Er
frchtete, da gerade an ihnen das scheitern knne, was er Lebensglck nannte.
Er schuf sich deshalb in bezug auf die Wahl seiner Lebensgefhrtin ein Ideal;
nicht, da er auerordentliche geistige und krperliche Vorzge beansprucht
htte, er suchte einfach ein Wesen im Besitze eines reichen und reinen Herzens,
das kein Verstndnis habe fr die Vorteile des Ranges und Reichtums und sich
ihm, nur ihm ohne jedwede Nebenrcksicht, hingeben wrde ... Er kam allmhlich
zu der Ueberzeugung, da sein Ideal ein Ideal bleiben werde; denn er war ber
seiner Erforschung nachgerade siebenunddreiig Jahre alt geworden ... Wenn die
Hoffnung bereits die Flgel zusammenfaltet, wenn es dunkel werden will, dann hat
das in der zwlften Stunde noch pltzlich aufglhende Morgenrot etwas
Ueberwltigendes fr die Menschenseele. Sie wird aus dem Geleise gerissen, und
eben die Versptung, das so lange erfolglose Harren strzen sie in ein Meer von
Zweifeln und lassen sie nicht recht mehr an das unerwartete Glck glauben ...
Elisabeth, er fand ein solches Herz, das, untersttzt von einem klar erwgenden,
reich ausgestatteten Geiste, hoch stand ber jenen kleinlichen Interessen; aber
es schlug in einer jungen, mit dem hchsten Liebreize geschmckten Hlle ... War
es da wohl ein Wunder, wenn der gereifte Mann, der, wie er wohl wute, nichts
Bestechendes in seinem Aeuern hatte, mitrauisch und voll Angst auf einen
anderen blickte, der Jugend und eine schne Gestalt in die Wagschale legen
durfte? ... War es ein Wunder, wenn er durch einen Blick, eine Versicherung,
eine Handlung des jungen Mdchens sich einen Augenblick zu den khnsten
Hoffnungen hinreien lie, um im nchsten der tiefsten Mutlosigkeit zu
verfallen, wenn er jenen um sie bemht sah? War es nicht ganz begreiflich, wenn
er frchtete, die Jugend werde sich zur Jugend gesellen? ... Nie hat wohl ein
mnnliches Herz glhender die Erfllung seiner Wnsche herbeigesehnt, als das
seinige, nie aber auch mag feiger gezweifelt worden sein an einem Erfolge, als
er in namenloser Qual gezweifelt hat! ... Und als man ihm sagte, da sein
kleiner, vergtterter Liebling jenem andern angehren werde, da leerte er den
Schmerzenskelch und sagte ja, weil er whnte, er handle in ihrem Sinne ...
Elisabeth, ich stand heute vllig vernichtet und verzweifelnd an der Schwelle
des Pavillons. Sie wissen nicht, was es heit, wenn der Schiffer alle seine
besten Schtze, seine Kleinodien auf ein einziges Schiff huft, und dies vor
seinen Augen versinkt ... Soll ich Ihnen beschreiben, was ich empfand, als Sie
so entschieden die Standeserhhung von sich wiesen und somit eine Verbindung mit
Hollfeld unmglich machten? Soll ich Ihnen sagen, da mich nur der Zustand
meiner Schwester und die Rcksicht auf Sie selbst abhalten konnten, den ehrlosen
Buben vor Ihren Augen zu zchtigen? ... Er hat bereits Lindhof verlassen und
wird nie wieder Ihren Weg kreuzen. ... Wollen Sie die Beleidigung vergessen, die
Ihnen heute in meinem Hause widerfahren ist?
    Er hatte lngst ihre beiden Hnde ergriffen und hielt sie gegen seine Brust.
Sie lie es widerstandslos geschehen und bejahte mit bebenden Lippen seine
Frage.
    Und wollen wir nicht berhaupt alles vergessen, meine se, kleine
Goldelse, was sich zwischen Anfang und Schlu des Glckwunsches gedrngt hat?
... Mein liebliches, blondes Mdchen, die Wonne meiner Augen, meine kleine
Elisabeth Ferber steht wieder vor mir und sagt folgsam Wort fr Wort nach, nicht
wahr? ... Der letzte Satz, der so grausam unterbrochen wurde, lautete?
    Hier ist meine Hand als Brge eines unaussprechlichen Glckes, stammelte
Elisabeth.
    Ich will die Deinige sein im Leben und Sterben bis in alle Ewigkeit!
    Aber sie ffnete vergebens die Lippen, um die Worte, die er feierlich in
tiefster Bewegung sprach, zu wiederholen. Thrnen strzten aus ihren Augen, und
sie schlang ihre Arme um den Hals dessen, der sie jubelnd an seine Brust zog ...
    Nun flieht mein himmlischer Traum wieder von mir, sagte er mit einem
Seufzer, als sich Elisabeth endlich leise aus seinen Armen wand. Lasse mir
wenigstens deine Hand, Elisabeth; ich mu erst lernen, an mein Glck zu glauben.
Wenn du heute von mir gehst, werde ich in die Nacht der Zweifel zurckfallen ...
Du bist dir klar und fest bewut, da du jetzt unwiderruflich mein bist? Du
weit doch, da du nun Vater und Mutter und die traute Heimat auf dem Berge
verlassen mut um meinetwillen?
    Ja, das wei ich und das will ich, Rudolf, sagte sie lchelnd, aber fest.
    Sei gesegnet, mein Liebling, fr diese Worte ... Aber du sollst die ganze
Schwche meines Unglaubens kennen lernen. War es nicht nur Erbarmen mit meiner
grenzenlosen Liebe, was dich bewog, meiner ungestmen Werbung nachzugeben?
    Nein, Rudolf, es war die Liebe, die in meinem Herzen lebt, seit ich -
klingt das nicht seltsam - in deine zrnenden Augen sah, seit ich deine Stimme
gehrt hatte, wie sie menschliche Grausamkeit und Hrte unerbittlich richtete.
Und sie ist seit jenem Augenblicke auch nie wieder von mir gewichen; sie ist im
Gegenteil gro gewachsen und immer mchtiger geworden, trotz all meines
Bestrebens, sie zu vernichten, trotz aller rauhen Worte, die oft genug tdlich
verwundeten.
    Wer hat das gethan?
    Du selbst, du warst heftig, abstoend gegen mich.
    O Kind, das waren die Ausbrche einer wahnsinnigen Eifersucht! Ich habe
mich mein ganzes Leben hindurch in der Selbstbeherrschung gebt, aber jene
schrecklichste aller Qualen lie sich nicht hinter den Schild zwingen ... Und
deshalb wollte mein kleines Mdchen den Himmel zerstren, den sie mir jetzt
erffnet?
    Deshalb nicht, das wre auch ganz vergebliche Mhe gewesen, denn ein warmer
Blick von dir machte alles wieder gut; aber es trat ein anderer hartnckiger
Streiter in die Schranken - das war der Verstand. Er hatte sich die allgemein
verbreitete Sage von deinem unglaublichen aristokratischen Hochmute wacker
eingelernt und wiederholte mir bei jeder Aufwallung meines Herzens eindringlich
den Grund, weshalb du die Hand einer frstlichen Hofdame zurckgewiesen haben
solltest.
    Ah, die sechzehn Ahnen! rief Herr von Walde lchelnd. Siehst du, kleine
Goldelse, das ist das Walten der Nemesis! fuhr er ernster fort. Um
Widerwrtigkeiten zu entgehen, griff ich ohne weitere Ueberlegung zu dem ersten,
besten Mittel, das wie ich jetzt merke, mich um ein Haar mein ganzes Lebensglck
gekostet htte ... Ich verkehre sehr gern mit dem Frsten von L., aber der
Aufenthalt an seinem Hofe wurde mir eine Zeitlang grndlich verleidet durch die
Heiratsplne, mit denen mich besonders die Prinzessin Katharine verfolgte. Sie
hatte sich in den Kopf gesetzt, aus einer ihrer Hofdamen und mir ein Paar zu
machen. Da mir das Mdchen vllig gleichgltig sein knne, hielt man fr
unmglich, da sie fr eine der ersten Schnheiten galt und vieler Herzen
umstrickt hatte. All mein Protestieren half nichts, man spann die kleine Intrige
immer weiter, und so schnitt ich sie eines Tages kurz ab, indem ich Ihrer
Durchlaucht erklrte, da mich eine derartige Wahl eines meiner Gter kosten
wrde; denn es falle laut Testament meines Onkels dem Staate anheim, wenn ich
eine Gattin heimfhren sollte, die nicht ihre sechzehn Ahnen habe ... Mit jener
Erklrung hatten alle Qulereien ein Ende; im ganzen, kleinen Lande ist ja kein
solcher Stammbaum zu finden, und man begriff vllig, da ich mein Gut zu
behalten wnschte.
    Und um meinetwillen erleidest du jetzt einen solchen Verlust? rief
Elisabeth betroffen.
    Es ist kein Verlust, Elisabeth, es ist nur ein Tausch, ein Tausch, bei
welchem ich einen unermelichen Schatz, des Lebens hchste Glckseligkeit,
gewinne.
    Eine Fackel tauchte seitwrts im Dickicht auf.
    Halt, hierher! rief Herr von Walde.
    Einer seiner Diener stand alsbald vor ihm. Er beauftragte denselben, so
rasch wie mglich hinauf nach Gnadeck zu eilen und Frulein Ferbers Zurckkunft
anzumelden.
    Der Bediente eilte spornstreichs davon.
    Ich bin sehr egoistisch gewesen, Elisabeth, sagte Herr von Walde, indem er
ihren Arm in den seinen legte und nun ungesumt mit ihr vorwrts schritt. Ich
wute, da deine Verwandten in groer Angst und Unruhe um dich sind; Vater und
Onkel suchen dich drben im frstlichen Waldreviere; meine smtlichen Leute und
die Lindhofer Bauern durchstreifen deinetwegen die Gegend nach allen Richtungen
hin, und ich verga alles in dem Augenblicke, als ich dich fand.
    Meine armen Eltern! seufzte Elisabeth nicht ohne Gewissensbisse; auch fr
sie war ja die ganze Welt versunken, als er gekommen war, sie zu befreien.
    Friedrich hat flinke Fe, trstete Walde, er wird lange vor uns auf dem
Berge sein und die Deinen beruhigen.
    Sie traten in den Park ein und schritten am Schlosse vorber. Es lag finster
und schweigend da. Nur aus Helenes Schlafzimmer schimmerte gedmpftes
Lampenlicht.
    Dort wird jetzt ein Kampf auf Leben und Tod gekmpft, murmelte Herr von
Walde hinberblickend. Sie hat den Elenden wahrhaft fanatisch geliebt; wie
furchtbar mu die Erkenntnis sein!
    Gehe hinauf und trste sie, bat Elisabeth.
    Trsten? In solchem Augenblicke? ... Kind, mir htte einer mit Trostgrnden
kommen sollen, als ich dich zu verlieren glaubte ... Helene hat sich
eingeschlossen, seit ich den Befehl gegeben habe, man mge Herrn von Hollfelds
Pferd vorfhren, aber die Kammerfrau ist in ihrer Nhe. Es wird einer lngeren
Zeit bedrfen, ehe sie mich sucht und meinen Anblick wnscht, denn sie hat sich
um jenes Erbrmlichen willen von mir losgerissen; ein Mensch aber, der so schwer
getuscht wurde, kehrt selten augenblicklich zurck zu denen, die ihn gewarnt
haben ... Uebrigens werde ich heute mein Haus nicht wieder betreten, ohne mich
versichert zu haben, da deine Eltern dich mir nicht entreien wollen.
    Seitwrts zweigte sich der Weg ab, an welchem die bewute Gartenbank stand.
    Weit du noch? fragte Elisabeth lchelnd und deutete hinber.
    Ja, ja. Dort sprachst du den khnen Entschlu aus, als Erzieherin in die
weite Welt zu gehen, und ich nahm mir die Freiheit, zu denken, da ich dies nun
und nimmer zugeben wrde. Es bedurfte all meiner Selbstbeherrschung, da ich den
kleinen verwegenen Zugvogel nicht sofort in meine Arme nahm und sein goldenes
Kpfchen voll trotziger, stolzer Gedanken an meine Brust drckte ... Dort
entlockte ich dir das unbewute naive Gestndnis, da deine Eltern noch den
ersten Platz in deinem Herzen behaupteten. Aber du nahmst auch eine abweisende,
khle Haltung an, als ich mich unterfangen wollte, vertrauensvoll zu sprechen.
    Das war Schchternheit ... und ich bin noch nicht sicher, ob ich nicht
morgen, wenn ich deine strenge Stirn bei Tagesbeleuchtung sehe, in meine
Verzagtheit zurckfalle.
    Sie wird nicht mehr streng aussehen, mein Kind, das Glck hat sie mit
weichem Finger berhrt. -
    Bald nachher erlebten die alten Buchen, die ber die Waldble hinweg in das
hellerleuchtete Ferbersche Wohnzimmer sehen konnten, ein seltenes Schauspiel.
Ein hoher Mann, dessen Gesicht die Blsse tiefer, innerer Bewegung bedeckte,
fhrte die Tochter den Eltern zu, um sie in demselben Augenblicke
zurckzufordern als sein knftiges Weib, sein zweites Ich. Die alten Buchen
sahen, wie er die junge Braut in die Arme nahm und so den Segen der
erschtterten Eltern empfing, sahen, wie ein unter Thrnen lchelndes
Muttergesicht dankend zum Himmel aufblickte, und wie der kleine Ernst an
Hnschens Kfig rttelte, um dem verschlafenen Snger im gelben Fracke feierlich
zu verknden, da die Else merkwrdigerweise Braut sei.

                                       20


Whrend im Zwischenbau auf dem alten Gnadeck Glck und Freude einzogen,
ereignete sich ein Fall trauriger Art unten im Thale.
    Zwei Lindhofer Bauern, die, mit Fackeln versehen, nach Elisabeth suchten,
hrten, als sie von ihrem Dorfe her nach dem Walde schritten, vor sich pltzlich
ein heftiges Knurren, es klang wie das Knurren eines gereizten Hundes. Nicht
weit von ihnen lag eine Gestalt quer ber den Weg hingestreckt; ein groer Hund
stand daneben und hatte, wie zur Verteidigung, beide Vorderpfoten auf das am
Boden liegende Wesen gestellt. Das Tier wurde wtend bei Annherung der Mnner,
fletschte die Zhne und machte Miene, auf sie loszuspringen. Sie wagten sich
nicht weiter und liefen in das Dorf zurck, wo sich in demselben Augenblicke
mehrere Fackeltrger zusammenfanden, unter ihnen der Oberfrster, der soeben
durch Herrn von Waldes Bedienten erfahren hatte, da Elisabeth gefunden sei.
    Sofort eilten alle nach der bezeichneten Stelle. Diesmal knurrte der Hund
nicht. Er winselte und kroch schwanzwedelnd bis zu den Fen des Oberfrsters;
es war Wolf, sein Hofhund, und dort lag, anscheinend leblos, Bertha. Sie blutete
aus einer Kopfwunde, und das Gesicht hatte die Blsse des Todes.
    Der Oberfrster sagte kein Wort. Er vermied es, den mitleidigen Blicken der
Umstehenden zu begegnen; in seinen Zgen kmpften Groll und Schmerz. Er hob
Bertha vom Boden auf und trug sie in das letzte Haus des Dorfes; es war das
Weberhuschen. Von dort aus schickte er einen Boten nach Sabine. Zum Glck
verweilte der Wahlheimer Arzt noch bei einem Patienten im Dorfe. Er wurde
herbeigeholt und brachte die Ohnmchtige sehr bald wieder zu sich. Sie erkannte
ihn und verlangte nach einem Trunke Wasser. Ihre Wunde war ungefhrlich; aber
der Arzt schttelte den Kopf und warf einen seltsamen Blick auf den Oberfrster,
der mit besorgter Miene seine Manipulationen verfolgte.
    Der Doktor war ein gerader Mann von etwas rauhen, derben Manieren. Er trat
pltzlich auf den Oberfrster zu und sagte ihm mit nicht sehr unterdrckter
Stimme einige Worte.
    Wie von einem tdlichen Schusse getroffen, taumelte der alte Mann zurck,
starrte den Doktor an wie geistesabwesend, und ohne auch nur eine Silbe zu
erwidern, ohne einen Blick auf die Kranke zu werfen, schritt er zur Thr hinaus.
    Onkel, Onkel, verzeihe mir! schrie das Mdchen mit herzzerreiender Stimme
auf, aber er war schon verschwunden in der dunklen Nacht drauen.
    Dafr erschien Sabine atemlos auf der Schwelle. Eine Magd folgte ihr und
trug ein ungeheures Bndel Bettstcke auf dem Kopfe und einen Handkorb voll
Verbandzeug, Erfrischungen und aller mglichen praktischen und ntigen Dinge am
Arme.
    Gott im Himmel, was machen Sie fr Streiche, Berthchen? rief die Alte mit
Thrnen in den Augen, als sie das entfrbte Gesicht mit dem Verbande ber der
Stirn auf dem Kissen liegen sah. Und gerade heute mittag, wie Sie fortgingen,
kamen Sie mir munterer vor; Sie hatten so schne rote Backen.
    Das Mdchen vergrub das Gesicht in das Bett und verfiel in ein
konvulsivisches Schluchzen.
    Der Arzt gab Sabine einige Verhaltungsregeln, verbot der Kranken streng
alles Reden und verlie das Zimmer.
    Nicht sprechen soll ich! rief Bertha, indem sie sich im Bette aufsetzte.
Solch einem alten Manne mit dem khlen Blute in den Adern und den abgemessenen
Gedanken unter den weien Haaren, dem mag das Schweigen freilich leicht werden.
Aber ich, ich mu sprechen, Sabine, und wenn es mir den Tod bringt, desto
besser!
    Sie zog die Haushlterin auf den Bettrand und beichtete bitterlich weinend
ihre Schuld.
    Sie hatte ein Liebesverhltnis mit Hollfeld gehabt. Er hatte ihr
versprochen, sie zu heiraten; sie dagegen hatte ihm feierlich schwren mssen,
da sie das Verhltnis geheimhalten und ihre Rechte auch nicht eher ffentlich
geltend machen wolle, als bis er sie dazu autorisiere; denn er mute, wie er
vorgab, seine Mutter und die Verwandten in Lindhof bercksichtigen, die er erst
ganz allmhlich seinen Wnschen geneigt machen knne. Die Unbesonnene schwur,
und, exaltiert wie sie war, fgte sie das Gelbde hinzu, da anderen gegenber
nicht eher wieder ein Wort ber ihre Lippen kommen solle, als bis sie der Welt
ihr stolzes Geheimnis mitteilen drfe. Die Zusammenknfte beider fanden
gewhnlich im Nonnenturme oder im Pavillon des Lindhofer Parkes statt. Niemand
kam ihnen auf die Spur. Nur die Baronin Lessen hatte eines Tages Verdacht
geschpft, infolgedessen sie in den heftigsten Zorn geriet und dem Mdchen den
ferneren Zutritt im Lindhofer Schlosse verbot.
    Das erschtterte Berthas khne, hochstrebende Hoffnungen nicht, denn
Hollfeld trstete sie und verwies sie auf die Zukunft ... Aber da kam Elisabeth
Ferber, und von jenem Augenblicke an war er ein anderer. Er vermied sie, und
wenn sie ihn endlich durch Drohungen zu einer Zusammenkunft zwang, zeigte er ihr
eine hhnische Klte, eine Nichtachtung, die ihr das Herz umwendeten und ihr
leidenschaftliches Gemt bis zur Wut emprten.
    Als sie endlich erkannte, da sie es mit einem Ehrlosen zu thun habe, da
wurden ihr die ganzen Schrecken ihrer Lage klar. Sie geriet in Verzweiflung und
von da an begannen ihre nchtlichen Wanderungen. Kein Schlaf berhrte ihre
Augen, und nur drauen im nachtstillen, einsamen Walde, wo sie ihren heien
Schmerz, ihre Seelenangst ausschreien durfte, ward sie momentan ruhiger.
    Endlich fand das Drama seinen Schlu, wie dergleichen Liebesdramen schon
unzhligemal geschlossen haben und wohl noch ebenso oft schlieen werden, denn
das warnende Exempel hat wohl Kraft fr den Verstand, nie aber fr ein arglos
liebendes weibliches Herz; Hollfeld bot der Bethrten eine Summe Geldes, wenn
sie ihre Ansprche aufgeben und sich in eine entfernte Stadt zurckziehen wolle.
Er gab vor, da seine Mutter und die Lindhofer Verwandten ihn zwngen, das
neugebackene Frulein von Gnadewitz zu heiraten. Sie schalt ihn einen
ehrvergessenen Lgner und strzte wie rasend fort ... Zornflammend und
rachedrstend drang sie in das Zimmer seiner Mutter und sagte ihr alles.
    Bis dahin hatte Bertha unter heftigen Gestikulationen, mitunter von
Schluchzen und Weinen unterbrochen, in geordneter Reihenfolge erzhlt. Jetzt
aber schwieg sie einen Augenblick, und ein Ausdruck von unauslschlichem Hasse
entstellte ihr fiebergertetes Gesicht.
    Das abscheuliche Weib, rief sie endlich mit fliegendem Atem, hat stets
Bibelsprche auf den Lippen. Sie strickt und nht und sammelt Tag und Nacht fr
die Mission, die Gottes Wort unter die Heiden tragen soll, damit sie menschlich
werden; unmenschlicher und grausamer aber knnen sie nicht sein in ihrer
Unwissenheit, als diese Christin in ihrem Hochmute. Den Gtzendienst will sie
ausrotten helfen, diese Hochgeborne! sie selbst aber macht sich zum Gtzen,
umgibt sich mit Kriechern, Schmeichlern und Speichelleckern, welche ihr stets
wiederholen mssen, da sie zu den Auserwhlten gehre, die aus ganz anderem
Stoffe gemacht sein sollen, als die brigen Menschenkinder. Wehe, wenn ein
gerader, ehrlicher Mensch diese Meinung nicht teilt! seine Schuld ist nicht
geringer, als die des Gotteslsterers! ... Sie stie mich vor die Thr und
wollte mich mit Hunden aus dem Schlosse hetzen lassen, wenn ich mich je wieder
blicken liee ... Von dem Augenblicke an wei ich nicht mehr, was mit mir
vorgegangen ist, sagte sie, erschpft in die Kissen zurcksinkend, whrend sie
die Hand gegen die schmerzende Stirn prete. Ich wei nur, da ich erwachte und
das Gesicht des Doktors ber mir sah ... Er hat dem Onkel meine Schmach
mitgeteilt, ich hrte es ... Was soll aus mir werden!
    Sabine hatte die Beichte mit Schauder und Schrecken gehrt. Sie hielt streng
auf einen reinen Lebenswandel und war eine unnachsichtige Richterin fr
Fehltritte, wie sie Bertha bekannt hatte. Aber sie besa auch ein Herz, reich an
Liebe und tiefem Erbarmen. Deshalb sah sie jetzt mit Thrnen auf die
zerknirschte Verirrte und legte trstend und beschwichtigend das mde Haupt an
ihre Brust. Sie hatte die Genugthuung, da das Mdchen wie ein mdegeweintes
Kind in ihren Armen einschlief.
    Bald hrte man nur noch die ruhigen Atemzge der Kranken und das leise
Ticken der Wanduhr im engen Stbchen. Sabine zog die Brille und ein abgerissenes
Exemplar des Neuen Testamentes aus dem Handkorbe und wachte treulich, bis das
helle Morgenlicht durchs Fenster schaute.
    Bertha starb nicht, wie sie gehofft hatte, infolge ihrer erschtternden
Bekenntnisse. Sie erholte sich im Gegenteile wunderbar schnell unter Frau
Ferbers und Sabines Pflege. Ein Anfall von Geistesstrung war nicht
wiedergekehrt. Die Kopfwunde, die von einem Falle auf einen spitzen Stein
herrhrte, war durch den starken Blutverlust, den sie zur Folge hatte,
heilbringend geworden.
    Der Oberfrster war auer sich ber die Schande, die Bertha unter sein
ehrliches Dach gebracht. Selbst dem ruhigen Zuspruche seines Bruders war er in
den ersten Tagen nicht zugnglich. Nachdem ihm Sabine Berthas Bekenntnisse
mitgeteilt hatte, ritt er sofort nach Obenberg, um den nichtswrdigen Buben
zur Rede zu stellen, aber die Dienerschaft berichtete ihm achselzuckend, der
gndige Herr sei auf unbestimmte Zeit verreist, und man wisse nicht wohin. Auch
Herrn von Waldes Nachforschungen blieben ohne Erfolg.
    Bertha selbst erklrte, da sie von ihrem Verfhrer, den sie jetzt ebenso
glhend hasse, wie sie ihn ehedem geliebt habe, nichts wieder hren wolle.
Wenige Wochen nach ihrer Wiederherstellung verlie sie das Weberhuschen - das
Forsthaus hatte sie nicht wieder betreten drfen - um nach Amerika auszuwandern.
Aber sie ging nicht allein. Ein Jgerbursche ihres Onkels, ein braver junger
Mann, bat eines Tages um seine Entlassung, weil er die Bertha immer im stillen
geliebt habe und es nun nicht bers Herz bringen knne, sie so
mutterseelenallein in die weite Welt ziehen zu lassen. Sie habe ihm versprochen,
die Seine zu werden. In Bremen wolle er sich mit ihr trauen lassen und es dann
drben mit dem Farmerleben versuchen. Herr von Walde untersttzte das Paar mit
einer bedeutenden Summe Geldes, und auf Frau Ferbers und Elisabeths Bitten lie
es der Oberfrster stillschweigend geschehen, da Sabine die aufgespeicherten
Leinenschtze der seligen Oberfrsterin plnderte, um die knftige Farmerin
anstndig auszustatten.
    Es war ein trber, nebeliger Herbsttag, als ein bepackter Reisewagen das
Lindhofer Schlo verlie und die Richtung nach L. einschlug. Vllig
zusammengebrochen und vernichtet drckte sich die Baronin Lessen in die Ecke des
Wagens. Ihre glnzende Rolle in Lindhof war zu Ende; sie kehrte unfreiwillig
zurck in enge Rume und drftige Verhltnisse.
    Mama, sagte Bella mit ihrer scharfen, kreischenden Stimme, whrend sie das
Glasfenster unablssig auf und nieder zog und mit den Fen baumelte, gehrt
denn nun das Schlo der Elisabeth Ferber? Wird sie in unserem schnen Wagen mit
den weien Seidendamastpolstern fahren? Darf sie jetzt in deinen Salon gehen und
sich auf die schnen, gestickten Fauteuils setzen? Der alte Lorenz sagt, sie
werde nun die gndige Frau, und alles, was sie befehle, msse geschehen.
    Kind, martere mich nicht mit deinem Geschwtze! sthnte die Baronin und
versenkte das Gesicht in das Taschentuch.
    Es ist doch sehr dumm von Onkel Rudolf, da er uns fortschickt, fuhr die
Kleine unerbittlich fort. Gelt, wir haben in B. keine silbernen Teller, von
denen wir essen werden, Mama? Ich wei es noch von frher ... Und einen Koch
haben wir auch nicht. Werden wir wieder aus dem Speisehause essen, Mama? ...
Wirst du dich wieder selbst frisieren, wenn die Karoline wscht und bgelt?
Warum -
    Schweig! unterbrach die Mama den Schwall von Worten, deren jedes zur
Dolchspitze fr sie wurde.
    Bella kauerte sich erschrocken in die Ecke und tauchte erst wieder empor,
als der Wagen ber das Straenpflaster in L. rasselte. Die Baronin dagegen warf
einen scheuen Blick hinauf nach dem Schlosse; dann zog sie den Schleier hastig
ber das Gesicht und brach in ein heftiges Weinen aus.
    Es war infolge von Berthas Gestndnissen zu einem heftigen Auftritte
zwischen Herrn von Walde und der Baronin gekommen, der mit Ausweisung der
letzteren endete. Helene stie sie mit Abscheu zurck, als sie Hilfe und
Frsprache bei ihr suchte, und so sah sie sich gezwungen, den Reisewagen zu
besteigen, der pnktlich zu der vom Schloherrn bestimmten Stunde an der
Einfahrt hielt ... In den Wermutbecher fiel brigens ein Trpfchen Sigkeit.
Herr von Walde hatte ein Erziehungsgeld fr Bella ausgesetzt, unter der
Bedingung, da sie von nun an vernnftiger erzogen werde, als bisher geschehen.
-
    Fast zur nmlichen Stunde, da die Baronin Lessen Lindhof fr immer verlie,
erschien die Oberhofmeisterin von Falkenberg im Boudoir der Frstin, die in
Begleitung ihres Gemahls vor wenigen Tagen aus dem Bade zurckgekehrt war.
    Die Oberhofmeisterin verbeugte sich so tief, wie es ihre unsicheren
Fundamente nur irgend gestatteten, aber es geschah in einer eigentmlichen Hast,
die sie bei jedem anderen Eintretenden hchst indigniert als etikettenartig
gergt haben wrde. Sie hielt einen offenen Brief in den Hnden, der seine
ursprngliche Gltte offenbar erst zwischen den zitternden Fingern eingebt
hatte.
    Ich bin sehr unglcklich, begann sie mit alterierter Stimme, den
durchlauchtigsten Herrschaften eine skandalse Nachricht unterbreiten zu mssen
... O, mon dieu, wer htte das gedacht! ... Nun, wenn selbst in dieser Sphre
Scham und hheres Bewutsein aufhren, wenn jeder der Eingebung einer gemeinen
Neigung folgen will und seine heiligen Vorrechte unter die Fe des Pbels
wirft, dann ist es freilich kein Wunder, da wir zuletzt den Nimbus nicht mehr
zu halten vermgen, und das Volk sogar an den Thronen zu rtteln wagt!
    Alterieren Sie sich nicht, meine liebe Falkenberg, sagte der Frst, der
zugegen war, sichtlich amsiert, Ihre Einleitung hat etwas vom grandiosen Stile
der Kassandra ... Aber ich spre bis jetzt noch nichts von dem geweissagten
Erdbeben, und zu meiner Befriedigung bemerke ich auch, - sein Blick streifte
lchelnd drunten den stillen Marktplatz - da meine getreuen Unterthanen sich
ruhig verhalten ... Was haben Sie mir mitzuteilen?
    Sie sah betroffen zu ihm auf; sein sarkastischer Ton machte sie unsicher.
    O, wenn Durchlaucht wten! rief sie endlich. Gerade er, auf dessen
stolzes Blut ich Huser gebaut haben wrde! Herr von Walde zeigt mir an, da er
sich verlobt habe, und mit wem? mit wem?
    Mit Frulein Ferber, der Nichte meines alten, braven Oberfrsters,
ergnzte der Frst lchelnd. Ja, ja, ich habe schon so etwas gehrt ... Der
Walde ist nicht auf den Kopf gefallen, wie ich merke. Die Kleine soll ein wahres
Wunder von Schnheit und Liebenswrdigkeit sein ... Nun, ich hoffe, er lt uns
nicht lange warten auf die allerliebste kleine Bekanntschaft und stellt sie uns
bald vor.
    Durchlaucht, rief die Oberhofmeisterin erstarrt, sie ist die Tochter
Hchstihres Forstschreibers!
    Ja, ja, beste Falkenberg, beschwichtigte die Frstin, das wissen wir ja.
Aber beruhigen Sie sich nur, sie ist ja eigentlich doch von Adel, wie ich gehrt
habe.
    Erlauben Eure Durchlaucht gndigst, entgegnete die alte Dame, hochrot im
Gesicht, und deutete auf den zerknitterten Brief, hier steht sie schwarz auf
wei, diese Verlobung mit einer Brgerlichen; hier steht der Name Ferber und
kein anderer, und so wird er auch auf dem Stammbaume derer von Walde stehen fr
alle Zeiten; scheint es doch, als ob ihn der Herr Brutigam auch noch mit einer
gewissen Ostentation betone! ... Da diese Menschen mit dem edeln Geschlechte
der Gnadewitze nichts gemein haben, beweisen sie am schlagendsten dadurch, da
sie den herrlichen, alten Namen nicht zu wrdigen wissen, indem sie sich in
unbegreiflicher Indolenz weigern, ihn zu fhren. Der versprengte Tropfen nobles
Blut ist im Laufe der Jahre verkommen in ihren Adern, und fr meine
Adelsbegriffe ist und bleibt das Mdchen unadlig ... Ich beklage aufrichtig den
armen Hollfeld, der, wie Eure Durchlaucht doch gewi gndigst zugeben werden,
ein Kavalier vom reinsten Wasser ist; er verliert durch diese Mesalliance
mindestens eine halbe Million, und die unglckliche Lessen, von der ich mit der
Verlobungsanzeige zugleich einige trostlose Abschiedszeilen erhielt, verlt
heute noch Lindhof, jedenfalls um der skandalsen Geschichte aus dem Wege zu
gehen.
    Das sind Dinge, die speziell Ihr freundschaftliches Gefhl berhren, und
deshalb will ich nicht rechten mit Ihnen ber die Art und Weise Ihrer
Auffassung, entgegnete der Frst nicht ohne Schrfe. Uebrigens will ich Sie
hiermit ersucht haben, der Frstin und mir sofort Anzeige zu machen, wenn Herr
von Walde uns seine Braut vorzustellen wnscht.
    Drin im Nebenzimmer, dessen Thr offen stand, drehte sich Cornelie lustig
auf dem Absatz herum und schlug ein Schnippchen.
    Ah, also deswegen wollte der Herr Eisbr der Zunge gewisser redseliger
Damen entgehen! rief sie mit unterdrcktem Lachen. Cornelie, wo blieb damals
dein untrglicher Scharfblick fr das Verliebtsein der Mnner! ... Uebrigens
macht mir die Geschichte unendlichen Spa um der alten Falkenberg willen,
wandte sie sich flsternd an eine andere junge Dame, die stickend am Fenster
sa. Jetzt werden wir mindestens vierzehn Tage lang das Vergngen haben, zu
sehen, wie die vielgetreue Royalistin unsere Durchlauchten am liebsten mit den
Blicken spieen mchte, sobald sie ihr ahnungslos den Rcken zukehren, whrend
sie den Honigseim des gelobten Landes ber ihre welken Lippen flieen lt, wenn
der Sonnenschein der frstlichen Augen auf sie fllt. Um dieses Genusses willen
mchte man wirklich wnschen, da unsere smtlichen Herren solche dumme Streiche
machten.
    Um Gotteswillen, Cornelie, bist du wahnsinnig? rief die Kollegin im
Fenster und lie entsetzt die Nadel fallen. -
    Und wiederum in der nmlichen Stunde, da sich selbst das kleinste Trpflein
Blut in den aristokratischen Adern der Frau Oberhofmeisterin von Falkenberg
emprte, trat Doktor Fels heimkehrend in die Kinderstube, wo seine Frau eben das
Kleinste badete und dabei die strickenden Fingerchen ihrer zwei kleinen Tchter
beaufsichtigte.
    Frau, freue dich mit mir! rief er mit strahlendem Gesichte schon vor der
Thr. Lindhof bekommt eine Herrin, und was fr eine! ... Goldelse, die schne
Goldelse wird's, hrst du, mein Schatz? ... Nun wird's wieder hell und sonnig da
drauen! Der gesunde Gedanke siegt, und der finstere Geist, der auf die armen
Menschenseelen einen wahren Mehltau geworfen hatte, entflieht - ich habe ihn
eben im Reisewagen des Herrn von Walde vorbeirasseln sehen. Drauen in Lindhof
mgen vor einer Stunde der unsichtbaren Kreuze genug in der Luft herumgeflogen
sein ... Die Verlobungsanzeige ist wie eine Bombe in unsere gute Stadt gefallen.
Ich sage dir, es ist eine wahre Lust, die langen, die unglubigen und die
neidischen Gesichter alle zu sehen! ... Mich aber hat sie ganz und gar nicht
berrascht, diese Nachricht. Ich wute seit der Attentatgeschichte, was kommen
wrde. Als ich noch an demselben Abende an Herrn von Waldes Seite nach Lindhof
rollte, um zu sehen, ob die Alteration fr das kleine, khne Mdchen keine
nachteiligen Folgen gehabt habe, da merkte ich pltzlich, da endlich auch seine
Stunde geschlagen hatte, da auch er ein Herz habe, und zwar eines voll tiefer,
leidenschaftlicher Liebe.

Will der Leser einen Zeitraum von zwei Jahren berspringen und noch einmal an
unserer Hand die Gnadecker Ruinen betreten, so fhren wir ihn auf den Windungen
einer breiten, schnen Fahrstrae den Berg hinauf vor das Schlothor, das, neu
angestrichen, seine rostigen Schlsser und Bnder mit neuem Eisenwerke
vertauscht hat.
    Wir gedenken frstelnd des kalten, feuchten Hofraumes hinter diesem
Hauptthore, den dstere Kolonnaden an drei Seiten einschlieen, whrend die
oberen Stockwerke die mrderische Absicht zeigen, auf uns herabzustrzen. Wir
erinnern uns des einsamen Wasserbeckens inmitten des Hofes, das, von den
steinernen Lwen beherrscht, seit vielen Jahren vergebens auf die silberhellen
Fluten hofft, die sein Rund ausfllen sollen.
    Mit diesen Vorstellungen luten wir. Auf den tiefen Klang der Glocke ffnet
alsbald eine frische, krftige Magd den schweren Thorflgel und bittet uns,
einzutreten. Wir aber weichen wie geblendet zurck, denn aus der Thrffnung
quillt uns ein Licht- und Farbenstrom entgegen. Die Ruinen sind verschwunden,
nur die hohe, eisenfeste Ringmauer steht noch und lt uns jetzt erst recht
erkennen, wie ausgedehnt der Raum ist, den sie umschliet.
    Wir treten nicht auf das hallende Steinpflaster des Hofes, unter dem Fue
weicht hoch aufgeschichteter Kies. Vor uns dehnt sich eine prchtige,
wohlgepflegte Rasenflche. In ihrer Mitte ruht die ungeheure Granitschale, und
aus den druenden Lwenrachen rauschen vier gewaltige Wasserstrahlen. Die
Kastanien stehen noch als treue Wchter um das Bassin, aber seit sie ihre Wipfel
in dem freien, frischen Luftstrome baden, haben sie sich erholt und sind in
diesem Augenblicke mit zahllosen weien Bltenkerzen besteckt.
    Wir biegen in einen der Kieswege, die das Rasenrund umschlieen, wandeln
zwischen geschmackvoll angelegten, freilich noch schwach entwickelten Bosketts
und weiden unsere Augen an blhenden Struchern und augenscheinlich zrtlich
gepflegten Blumenbeeten, die buntfarbig auf dem Rasen liegen.
    Da drben liegt der Zwischenbau. Die Luft bestreicht jetzt seine vier Wnde,
die ein sauberes, helles Kleid angelegt haben, aber seine Fronte ist stattlicher
geworden. An jeder Seite blitzen neue Fenster; Ferber hat das Haus um vier
Zimmer erweitern lassen, denn der Oberfrster will, wenn er sich ins Privatleben
zurckzieht, mit Sabine da droben wohnen.
    Im Ferberschen Wohnzimmer, dessen zwei hohe Fenster jetzt dieselbe Aussicht
gewhren, wie frher nur das Bogenfenster in Elisabeths ehemaligem Stbchen -
Herr von Walde hat die Bume lichten lassen, damit die Eltern das Heim ihres
Kindes immer vor Augen haben -, also im Wohnzimmer steht die junge Frau von
Walde. Sie ist mehrere Wochen an das Haus gebannt gewesen, und ihr erster
Ausgang fhrt sie auf den Berg, um ihren Erstgeborenen im groelterlichen Hause
vorzustellen ... Da liegt er auf ihrem Arme. Mi Mertens, oder vielmehr die
lngst glcklich verheiratete Frau Reinhard, hat den Kleinen heraufgetragen und
schiebt vorsichtig den schtzenden Schleier zurck. Das frische, rote
Gesichtchen trgt die Zge derer von Walde, und aus dem Spitzenhubchen fllt
ein feiner, dunkler Haarstreifen auf die Stirn. Ernst will sich totlachen ber
die tppischen Bewegungen der drallen, roten Fustchen, die sich nach allen
Richtungen hin recken und strecken. Der Oberfrster aber hat in eigentmlich
ngstlicher Haltung seine eigenen gewaltigen Hnde auf den Rcken gelegt, als
frchte er, durch irgend eine seiner krftigen Bewegungen dem winzigen
Geschpfchen einen Schaden zuzufgen. Er ist nicht minder entzckt von seinem
Groneffen, wie die Groeltern von ihrem Enkelchen. Er hat die schlimme
Erfahrung bezglich Berthas verschmerzt und sonnt sich in Elisabeths Glck, das
ihm anfangs wunderbar genug vorkam, und von welchem er behauptete, er msse
jeden Morgen von neuem lernen, daran zu glauben. Nicht etwa, da er gemeint
htte, es sei zu auerordentlich fr seinen kleinen Liebling - er htte wohl die
hchste Krone der Erde auf Elisabeths reiner Stirn als ganz an ihrem Platze
gefunden -, es war ihm nur sehr verwunderlich, das junge Wesen mit den
quecksilbernen Fen und dem sonnigen Gesichte so hingebend an der Seite des
ernsten, gereiften Mannes zu sehen.
    Elisabeth ist glcklich in des Wortes hchster Bedeutung. Ihr Mann betet sie
an, und sein Ausspruch ist wahr geworden; jener Ausdruck von Melancholie und
Strenge scheint fr immer von seiner Stirn gewichen zu sein.
    Sie blickt in diesem Augenblicke glckselig auf das zarte Wesen in ihrem
Arme und dann hinunter ins Thal, wo er bald ber den Kiesplatz schreiten und
heraufeilen wird, um sie und das Kleine abzuholen ... Einen Moment verdunkelt
sich ihr Blick und wird feucht; er fllt auf ein hohes, vergoldetes Kreuz, das
aus dem Wldchen am See aufblitzt; dort, unter den rauschenden Wipfeln, in einem
prchtigen Mausoleum, schlummert Helene seit einem Jahre. Sie ist in Elisabeths
Armen gestorben, mit dem Gebete auf den Lippen, da Gott die segnen mge, die
des Grames Last treulich mit ihr getragen und sie gesttzt hat, bis die
gebrochene Seele sich losringen durfte von der hinflligen Hlle.
    Hollfeld hat Odenberg verkaufen lassen, und niemand wei, in welchem Winkel
der Erde er ber das Scheitern aller seiner Anschlge und Plne grollt.
