﻿











Würde es mich doch am meisten befriedigen, wenn ich nach und nach mir sagen konnte: Das Buch sei in die Familienbibliothek recht vieler meiner deutschen Landsleute aufgenommen worden und wirke nicht bloß wie ein einmal durchgelesener Roman, sondern wie eine durch die verschiedensten Situationen durchgehende, selbst zu wiederholtem Bedenken auffordernde Lebensbetrachtung auf Sinn und Charakter vieler Tüchtigen ein.

Carus in nachgelassenen Papieren über seine
»Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten«[6] 



Vorwort










[7] Diese zumeist zwischen den Jahren 1846 und 1856 niedergeschriebene Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten hatten ursprünglich die Bestimmung, erst nach meinem Ableben der Öffentlichkeit übergeben zu werden. Vielfältig ist mir indes in der letzten Zeit der Wunsch ausgesprochen worden, einem solchen Vorsatze nicht unbedingt treu zu bleiben, vielmehr bald selbst an Herausgabe dieser Hefte zu denken, die in sechs großen Quartbänden nun schon so manche Jahre auf meinem Repositorium gestanden hatten. Wenn ich daher gegenwärtig jenem Wunsche wirklich nachgebe, so muß ich doch sagen, daß dabei auch noch einige besondere Gründe mitwirkten, deren Erwähnung wenigstens ich auch hier nicht ganz unterdrücken darf.
Für alle nachlebende Angehörige und Freunde nämlich wird es in solchem Falle stets eine höchst schwierige Aufgabe bleiben, Erlebnisse und Selbstbekenntnisse eines Verstorbenen in der Tat möglichst genau in derjenigen Weise ans Licht zu stellen, wie man voraussetzen durfte, daß es wohl dem Verfasser selbst hätte homogen und erfreulich genannt werden können. Geschehen doch gerade in unsern Tagen in solcher Beziehung die mannigfachsten und oft bedauerlichsten Mißgriffe! Denn wenn einesteils es zuweilen begegnet, daß Mitteilungen, auf welche der Autor ein größeres Gewicht zu legen das Recht hatte, gänzlich unbeachtet bleiben oder nur unvollkommen und in ungeschickter Weise dem Publikum zukommen, so geschieht es doch noch weit häufiger, daß entweder wirklich unbedeutende und dem Namen des Verfassers wenig entsprechende Fragmente oder aber solche, welche geradezu nie für die[7]  Öffentlichkeit bestimmt, vielmehr nur als stille Besprechung der Seele mit sich selbst entstanden waren, rücksichts- und schonungslos dem Druck übergeben werden. Gegen alles dieses nun wird vollständig immer nur dann Schutz verliehen sein, wenn der, dem solche Aufzeichnungen verdankt wurden, auch seine späten Jahre dazu benutzt, die Herausgabe derselben zu ordnen.
Freilich bleibt es immer wieder ein gewiß schmerzliches Empfinden, Gefühle und Gedanken, deren Aufzeichnung einst in der Stille des Gemüts und zunächst nur zu eigener Aufklärung und Befriedigung geschah, zuletzt so ohne allen Rückhalt ebenso Befreundeten und Teilnehmenden als Gleichgültigen und Widerwilligen hingegeben zu sehen! Da man jedoch zuletzt hier nur die Wahl frei behält, entweder alles dergleichen unmittelbar der Vernichtung zu übergeben oder jenes Empfinden von Scheu durch sorgliche Wahl und freien Geistesblick zu besiegen, so fiel es nicht schwer, zuletzt auch hier eine Entscheidung zu treffen; und ich darf sagen, wenn irgend hierbei noch eine fremde Persönlichkeit mitbestimmend einwirken konnte, so war es der Hinblick auf einen Geist, der seit frühen Jahren mir vielfach und eigentümlich vorgeleuchtet hat und dem ich in der Mitte meines Lebens selbst etwas näherzutreten das besondere Glück hatte: ich sage, daß der Hinblick auf die unübertroffenen Mitteilungen Goethes aus seinem Leben es war, der auch mich bei diesen oft unter der Last vielfältiger Arbeiten geschriebenen Mitteilungen endlich zur Herausgabe derselben bestimmte. Indem daher nun auch seinem Namen ein Teil der Verantwortung für diese Entscheidung mit zugewiesen bleibe, hoffe ich doch andererseits, daß einige Günstiggesinnte auch diesen Blättern nicht unbedingt fehlen werden!


  Amazon.de Widgets
Dresden, im März 1865 
Carus



I.




Erster Teil

[8] Wie indes der Physiognom nie genug körperliche Bildungen der Menschen vergleichen kann, um zu desto sicherern Resultaten über die Symbolik der menschlichen Gestalt zu gelangen, so wird auch der, welchem das höchste Studium des Menschen, nämlich die Kunst rechter und edler Lebensführung, vor allem am Herzen liegt, nie genug Lebensgeschichten – das heißt solche, die diesen Namen durch eine tiefere Auffassung wahrhaft verdienen – verfolgen und vergleichen können, um dadurch und daran in eben jener Lebenskunst sich selbst immer mehr auszubilden und zu vervollkommnen. Denn freilich würde alles das, was ... von dem geheimnisvollen Unbewußten gesagt ist, als wodurch jeglicher Lebensgang auf besondere Weise angebahnt und geleitet werde, sehr falsch verstanden bleiben, wenn man glauben wollte, daß dadurch überhaupt die freie Selbstbestimmung und tätige Mitwirkung des Menschengeistes zur eigenen Vollendung für ausgeschlossen und überflüssig erklärt werden sollte.
Carus






[13] Meine Eltern waren: August Gottlob Carus, geboren in Dahme am 3. August 1763, und Christiane Elisabeth Carus, geborene Jäger, welche am 13. Juli 1763 zu Mühlhausen in Thüringen das Licht der Welt erblickte. Aus diesen bin ich geboren zu Leipzig, im kalten Winter 1789, am 3. Januar nachmittags 3 Uhr. Die Geschichte meines Stammes kann ich weiter hinauf verfolgen auf mütterlicher Seite als auf väterlicher, und jedenfalls bin ich jener Linie auch mehr adäquat als dieser, denn mehrere vielbeschäftigte Ärzte und Naturforscher gehören zu jener Reihe.
Überhaupt erinnere ich mich gern jener alten ehemaligen Freien Reichsstadt Mühlhausen, der Heimat meiner Mutter und ihrer Eltern. Ich selbst habe ein Jahr meiner Kindheit dort verlebt, auch einige Zeit später sie noch einmal wiedergesehen, und einen eigenen poetischen Schleier webt die Erinnerung um diese recht altdeutsche bedeutende Örtlichkeit. Das Land dort umher ist flachhügelig, die Unstrut durchzieht den lockern Kalkboden, auf welchem, wie auf so manchen andern deutschen nördlichen Landen, früher vielfältiger Wein gebaut worden ist und welcher noch jetzt dem Getreide-, Obst- und Gemüsebau sich günstig erzeigt. Bei jedem Schritt stieß man sonst dort auf Erinnerungen an deutsche Vorzeit. Die alten gotischen Kirchen, das Rathaus und das Ritterhaus, wo die Bürger einst im 14. Jahrhundert die besiegten Grafen[13]  von Reinstein und Wernigerode einsperrten, bis sie Urfehde geschworen und Ersatz ihrer Raubzüge geleistet hatten, die Brotlaibe am Obermarkt, wo sonst die Bäcker ihren Verkauf hatten, die grauen Warten und Mauerntürme, an welchen mancher Strauß einst bestanden worden war, alles mußte wohl geeignet sein, schon bei dem Knaben einen eigentümlichen tiefen Eindruck zu hinterlassen.
Dort in diesen alten Mauern also lebte zu Ende des 17. Jahrhunderts ein Arzt aus der Familie derer von Marschall, und dieser war der Ururgroßvater meiner Mutter. Als im Jahr 1683 die Pest Mühlhausen und die Umgegend heimsuchte, soll er insbesondre durch Empfehlung und Anwendung des Zitronensaftes viele glückliche Kuren gemacht haben. Seine Enkeltochter Marie Elisabeth verheiratete sich ebenfalls mit einem Arzte namens Reichel. Dieser, früher ein gewöhnlicher Wundarzt, hatte das Glück, von einem Herrn von Presike mit nach Leipzig genommen zu werden und sich dort weiter ausbilden zu können. Später übte er Chirurgie und Geburtshilfe in Mühlhausen aus, war geschätzt und geachtet und starb hier im sechzigsten Jahre. Er hinterließ zwei Söhne und zwei Töchter. Von den erstern war der eine der durch seine Untersuchungen über den Blutumlauf und sonstige tüchtige Arbeiten berühmte Professor Georg Reichel, welcher lange mit Glück zu Leipzig Vorträge gehalten hat. Der andere studierte Theologie und ist später Superintendent zu Mühlhausen geworden. Von den Töchtern heiratete die eine einen Chirurgen Altenburg, die andere den Färbermeister Andreas Adam Jäger aus Kölln in Sachsen, und letztere wurden meine Großeltern.
Zu der Zeit, wo ich als kleiner Knabe im Hause meiner Großeltern lebte, führte man mich wohl zuweilen in die Wohnung unsers Verwandten und Arztes, des Dr. Altenburg,[14]  und ich sah dort mit gebührender Ehrfurcht die Bibliothek und Instrumente und Mikroskope jenes in Leipzig verstorbenen Professors Reichel, so daß mir denn auch von da bis in spätere Zeit dieser Eindruck als ein Bild damaliger Gelehrsamkeit und damaliger Naturstudien lebhaft gegenwärtig geblieben ist. Unterschied sich doch die Wissenschaft jener Zeit noch so merkwürdig von dem, was ein halbes Jahrhundert später an deren Stelle trat. Die Lehre war noch gewissermaßen enger, es überstieg noch nicht die Kraft eines Menschenlebens, das sich zu eigen zu machen, was vom Baue des Menschen und von der Mannigfaltigkeit der organischen Welt überhaupt bekannt war, und wenn man jetzt fast mehr Geschlechter der dem bloßen Auge unsichtbaren Infusorien kennt als damals Geschlechter großer handgreiflicher Geschöpfe, so fand sich auch die Wissenschaft vom Menschen auf einfachere Weise, aber mit einem gewissen Pedantismus auseinandergelegt, welches alles dann einesteils lebhafter zu einem bald zu bewältigenden Studium aufzufordern schien und andernteils doch auch durch einen steifen, durch und durch latinisierenden Formalismus ein lebendiges Gemüt mehr abzuschrecken geeignet war. – Noch gegenwärtig stehen die Folianten des Albin und Vesal, die Quartanten des Haller, die Reihen der Werke eines Boerhaave und Sydenham, wie sie dort aufgestellt waren, und die ganze altmodische Einrichtung der Bibliothek, dann das große, den Kindern als besonderes Wunderwerk nur von fern gezeigte Sonnenmikroskop und allerhand dabei aufgesammelte naturhistorische Kuriosa in einem eigenen Licht vor meinem Geiste und geben mir das eigentümliche Janusgefühl, mit einemmal um zehn Lustra und mehr in den Bildungsgang der Menschheit somit zurückschauen zu können.
Auch das Bild dieses Dr. Altenburg, das Bild eines geehrten,[15]  überall hilfreich eingreifenden Arztes, eines magern mild-ernsten Mannes, dessen Hilfe ich selbst viel verdanke, steht mir sehr lebhaft bis heute vor der Seele. Er war auch noch ganz ein Mann einer andern Zeit: die abgemessene, etwas pedantische Weise, der breite Frack mit großen, blanken, stählernen Knöpfen, die weiße Krawatte und das spanische Rohr, sie vollendeten die originelle Individualität eines Arztes aus der Schule Friedrich Hoffmanns.
So fern mir nun auch in früher Knabenzeit hier noch die Vorstellung liegen mochte, daß mein eigenes Leben einen verwandten Gang nehmen könnte, so ist doch alle dergleichen Einwirkung in keinem Leben verloren, und wie denn ein jeder finden kann, der in dieser Hinsicht auf sich ausführlich achtet, daß das, was zuerst uns vielleicht nur ein einfacher Lebensfaden zu sein schien, zuletzt aus gar vielen und oft aus den ungleichartigsten Fasern gesponnen erfunden wird, so gaben zuverlässig alle diese Einwirkungen jede ihren eigentümlichen Einschlag in das Gewebe meines Lebens.
Bei dieser Gelegenheit muß ich daher auch gleich noch eines andern, oben nur beiläufig genannten Zweiges aus dem alten Reichelschen Stamme gedenken, von woher mir späterhin ebenfalls ein besonderer Einfluß auf mein Leben zugedacht sein sollte. Der erwähnte Dr. Altenburg nämlich hatte noch eine einzige Schwester, welche an einen nachmaligen Bürgermeister der Stadt Mühlhausen namens Tilesius sich verheiratet und diesem zwei Söhne geboren hatte, deren ältester nachmals sich als der bei der Krusensternschen Erdumsegelung viel genannte Hofrat Tilesius bekannt machte und teils durch seine Richtung auf Naturwissenschaften, teils durch seine entschiedene Anlage zum Zeichnen und Malen später vielfältige Einwirkung auf meine Entwicklung geübt hat. Erwähne ich[16]  dann endlich noch, und zwar vorläufig schon hier, einen Mann, der meine Erziehung leitete, einen geschätzten Chemiker und vielgeliebten Bruder meiner Mutter, Daniel Jäger, so sieht man in der Zeit meiner frühesten Entwicklung fast alle die Elemente vertreten, welche späterhin in die Richtung meines eigenen Lebensganges gezogen werden sollten ...
Nach diesem allen will ich jetzt den Leser näher an das Leben meiner Großeltern, welches mir immer wie ein recht in sich beschlossenes niederländisches Stilleben im Gedächtnis schwebt, heranführen. Es hatte aber in alter Zeit hinter dem Rathause in Mühlhausen die Münze gelegen (denn die Freie Reichsstadt besaß das Privilegium, Geld zu münzen, und hat es vom 15. bis 17. Jahrhundert mehrfältig ausgeübt), und als nun das Münzwesen längst eingegangen war, hatte mein Großvater, Andreas Adam Jäger, diese alten Baulichkeiten durch Kauf an sich gebracht und hier seine kleine Färberei und Druckerei eingerichtet. Das Haus lag an der Wahlgasse, durch welche, wie in der Stadt durch so viele andere, ein klares Bächlein rauschte – für das Färbergeschäft natürlich von ganz besonderm Nutzen –, und hinter dem alten, nur sehr mäßig wohnlichen Vordergebäude, woran zugleich eine Art von Scheuer sich befand, erstreckte sich bis zu einem halbverfallenen Flügel des alten Rathauses der Hof, auf dem mehrere Pflaumenbäume sich befanden, heranwachsenden Knaben zu besonderm Genügen gereichend. Einige alte Schmelztiegel hatten sich bei zufälligen Abgrabungen auf dem Hofe vorgefunden, und es war natürlich, daß sie als merkwürdige Erinnerung an das freireichsstädtische Privilegium des Münzwesens gern den Besuchenden bemerkbar gemacht wurden.
Hier also lebte friedlich das Ehepaar meiner Großeltern, welchem nach und nach sieben Kinder geboren worden[17]  waren und in deren Hause zuweilen auch meine Urgroßmutter, Frau Reichel, einige Zeit zu wohnen pflegte.
Ums Jahr 1785 war es nun, daß mein Vater, August Gottlob Carus, nach Mühlhausen kam. In Oschatz bestand er sechs Jahre lang die Lehre der Färbekunst und ging bald darauf nach Mühlhausen, allwo ein reicher Färber namens Schneider den jungen, sehr wohlgebauten, kräftigen und unterrichteten Mann festhielt und ihm ein Jahr hindurch einen großen Teil seiner Geschäfte übertrug. Während dieser ganzen Zeit war er nicht in das Haus meiner Großeltern gekommen, und nur wenige Tage vor seiner Reise nach den Niederlanden, wohin er sich nun zu wenden gedachte, besuchte er auch diese kleine Färberei, mehr um der Kunst die Ehre zu erzeigen, als um besonderer Absichten willen. Hier sah er meine Mutter; er kam nach zwei Tagen wieder; die Familie nahm ihn gütig auf; meine Mutter, die damals Klavierstunden gehabt hatte und ein kleines Klavier leidlich zu spielen verstand, mußte ihm ein paar Lieder vorspielen, und die jungen Leute vergaßen sich von dem Tage an nicht mehr!

  Amazon.de Widgets
Aber die Reise drängte, man mußte sich trennen; trotz des Versprechens zu schreiben, kamen keine Briefe. Dafür nach einem Vierteljahr kehrte er selbst zurück. Sie beide standen im dreiundzwanzigsten Jahre, bald wurde die Verlobung bestimmt, und nun ging mein Vater nach Leipzig, pachtete dort am Mühlgraben in einem Hause, »Zum Blauen Lamm« genannt, eine Färberei und kam ein Jahr später, im Herbst 1787, nach Mühlhausen zurück, um die Braut heimzuführen. Am 1. November 1787 feierte dasselbe Paar die Hochzeit, und drei Tage darauf zogen die jungen Leute nach Leipzig, wo sie dann sofort ihre kleine Wirtschaft mit gutem Mute eröffneten.
Im Jahre 1789, und zwar wie bemerkt am 3. Januar, wurde ich ihnen geboren, und ich bin denn auch ihr einziges[18]  Kind geblieben, da ein zwei Jahre später geborener zweiter Knabe sehr bald wieder verstorben ist. Bei einem regsam betriebenen Geschäft und vieler häuslicher Arbeit mochte die Sorge für meine erste Erziehung den Eltern nicht leichtfallen, und so geschah es denn, daß sie den Vorschlag annahmen, mich auf etwa ein Jahr zu den Großeltern nach Mühlhausen zu geben, allwo der oben erwähnte geliebte ältere Bruder meiner Mutter für meinen ersten Unterricht treulich zu sorgen versprach. – Was man an sorgfältiger Pflege des unbewußten und des bewußten Lebens in frühen Jahren einem andern danken kann, habe ich daher diesem Manne zu danken, diesem Manne, dessen milde freundliche Züge mir unvergeßlich eingeprägt sind und welchem, bei aller Stille und Einfachheit seines Wesen, doch ein gar merkwürdiges inneres Arbeiten und Streben eigen war. Er hatte früher drei Jahre in Leipzig Theologie studiert, hatte mit Beifall gepredigt, und der Onkel in Mühlhausen, Superintendent Reichel, wünschte ihn im geistlichen Amte bald dort angestellt zu sehen. In ihm selbst aber war ein anderes Sehnen erwacht; die Naturwissenschaften und insbesondere die Chemie, damals in Frankreich zu neuem Leben erstehend und mit den ersten Stürmen der Revolution zugleich nach andern Ländern und namentlich nach Deutschland hinüberwirkend, regte auch ihn heftig auf. Lavoisier und Vauquelin mit ihren antiphlogistischen Theorien stiegen als Gestirne am Horizont der Naturwissenschaft auf, und auch in England wurde dieser Sinn mehr und mehr rege; dies alles verleidete nun dem jungen Theologen sein früheres Studium, und kaum schloß der geistliche Oheim die Augen, so ging er nach Leipzig zurück, vervollkommnete sich im Französischen, studierte Englisch und widmete sich nun ganz dem Studium der Chemie. Dort hatte er noch mit meinen Eltern zusammen ein stilles, aber in sich[19]  regsames und poetisches Leben geführt; in Mußestunden las man zusammen, ihm selbst gelangen mitunter kleine Gedichte, ganz fein und wohlgemeint, und dabei war ihm dann auch der eine Knabe seiner geliebten Schwester so lieb geworden, daß er insbesondere es betrieb, daß, als er Verhältnisse halber nach Mühlhausen zurückkehren mußte, ich ihm dorthin mitgegeben werden sollte.
Indem ich es aber nun versuche, mich selbst in diese frühen Zeiten zurückzuwenden und über das erste Hervorgehen der Welt des Bewußtseins in mir die möglichst vollständige Rechenschaft zu geben, befällt auch mich dieses eigene Gefühl, welches jeder haben wird, wenn er, gleichsam aus der Region seines Bewußtseins heraus, in die Welt seines unbewußten Lebens ganz sich versenken möchte; es ist ein Gefühl gleichsam der Auflösung, des Verfließens im Allgemeinen, welches, in dieser Richtung, der Seele zuletzt gerade ebenso nahe treten muß als in der Richtung des Aufhörens alles Lebens, des Sterbens. Wie die spanischen Dichter es lieben, zwischen Wiege und Sarg vielfache Gleichungen zu finden, so fühlt man ebenso allen Boden unter sich weichen, wenn man in die früheste Kindheit zurückblicken, sie sich geistig ganz klar zurückrufen möchte, als wenn man versuchen will, den Zustand der Grundidee unsers eigenen Daseins nach dem Aufhören dieses zeitlichen Daseins zu denken.
Ein Faktum ist jedenfalls bei diesem tiefen Rückblick merkwürdig, nämlich, daß die allerfrühesten Erinnerungen nie einen Gedanken, sondern immer nur eine oder die andere Sinnesvorstellung, welche gleichsam daguerreotypisch besonders fest sich eingeprägt hatte, zutage fördern werden. Zwar sagt man sich bald, daß es nicht füglich anders sein könne, da eben in erster Kindheit das Denken, dieses wunderbare Rechnen des Geistes mit den sprachlichen Äquivalenten der Idee und der Sinnesvorstellung[20]  zugleich, noch so unbehilflich und schwach ausgeübt wird. So also, wenn ich mich frage, zunächst wie weit ich mich in die Region der Kindheit hinein und was ich mir dort zumeist erinnern kann, so finde ich aus frühester Zeit durchaus nur einzelne Bilder vorhanden, von denen das erste ich schon an das Ende des zweiten Lebensjahres zurückzuversetzen genötigt bin1, während dann einige andere aus meinem dritten und vierten Jahre ihrer Natur nach herstammen müssen. Von irgendeinem eigenen Gedanken aber aus so früher Zeit ist mir eine besondere Erinnerung durchaus nicht verblieben, und wenn ich über diese Gegenstände nun recht scharf nachsinne, so muß ich sagen, daß nicht früher als aus dem fünften Lebensjahre ich das erste entschiedenere und stärkere Gefühl und nicht früher als aus dem sechsten Jahre ich den ersten weiterstrebenden Gedanken mir deutlich zurückzurufen imstande bin; wie, werde ich sogleich erwähnen.
Es war nämlich, wie gesagt, bald nach vollendetem vierten Lebensjahre, daß ich durch die Mutter und deren Bruder nach Mühlhausen gebracht und im Hause meiner Großeltern, zugleich mit dem nur wenig jungern Knaben einer Schwester meiner Mutter, der Pflege und Erziehung meines Oheims übergeben wurde.
Unter solchem Schutze führte ich denn also dort in den alten freireichsstädtischen Mauern ein recht echt kindliches[21]  und einfaches Leben und hatte das in Fülle, was eigentlich allen Menschen, aber zumal dem Kinde, der nötigste und schönste Lebensatem ist – Liebe!
Bei dem allen fehlte mir dort in den ersten Wochen eine Form der Liebe – die Liebe der Mutter, und die gewisse stille Trauer um dieses Fehlen ist das erste entschiedene, oft, wenn ich allein war, mich zu Tränen erregende Gefühl, dessen ich mich erinnere. Später verlor sich diese Trauer, es wuchs die Lust am Lernen und am Erfahren, und dann schreibt denn auch mein Oheim von mir (unter dem 22. Dezember 1793): »Die Naturgeschichte ist ihm jetzt seine angenehmste Unterhaltung. Besonders äußert er allemal seine Verwunderung, daß er dies und jenes von einem ihm bekannten Geschöpfe noch gar nicht gewußt habe; denn er will immer alles lieber selbst erfinden und aus sich selbst gleichsam schöpfen, als daß er es gelernt zu haben gestehen sollte. Beständig ist er beschäftigt. Das erste, wenn er früh aufgestanden, ist: gib mir doch was zu tun! Das gefällt mir außerordentlich an ihm.«
Von allen diesen bei solchem Unterricht in der jungen Seele angeregten Gedanken erinnere ich mich indes gegenwärtig keines einzigen mehr; dagegen ist seltsamerweise ein Gedankenzug mir immer noch gegenwärtig, und wie gesagt der früheste derer, die mir aus der Kindheit verblieben sind, und dies ist – sonderbarerweise für ein Kind – ein Gedanke über die menschliche Seele. In meinen Mußestunden war mir nämlich, anstatt der Flut von Kinderschriften, welche erst eine spätere Zeit geboren hat, ein einziges Buch ein einziger und treuer Gefährte: der alte »Orbis pictus« von Amos Comenius mit seinen kuriosen Holzschnitten und Verzierungen, mit seinem deutschen und lateinischen Text und mit seinen Abbildungen der verschiedensten menschlichen Beschäftigungen und Zustände. Wenn ich nun so darin blätterte und las,[22]  hielt mich immer ein Blatt fest, auf dem geschrieben stand: »Die menschliche Seele.« Da sah man einen Tisch abgebildet, darüber ein Triangel mit dem göttlichen Auge und dabei die mit bloßen Punkten angegebene Figur eines Menschen. Dies Geheimnis – denn daß es ein solches andeute, verstand ich wohl – war es, wodurch der Blick meines Geistes zuerst ganz ins Innere gelenkt wurde. »Auch du hast eine Seele oder bist eine Seele!« Dieses Denken ließ mich nicht los, und dieser zuhöchst doch immer ein Mysterium bleibende Gedanke, freilich noch in voller Naivität und im sonderbaren Staunen des kleinen Knaben, war der erste, dessen ich mich noch heute entsinne und welchen mir immer klarer zu machen ich später ein halbes Jahrhundert hindurch treulich gestrebt habe. Außerdem war mein Leben in jenen Umgebungen das einfachste, und ich habe schon oben erwähnt, wie eigentümlich die dortigen altdeutschen Örtlichkeiten, verbunden mit einer freiern Natur und einem mehr abwechselnden Boden, auf das junge Gemüt wirken mußten. Einen tieferen Eindruck hat mir insbesondere der oft wiederholte Besuch einer der reichen, die Stadt mit reinstem, klarstem Wasser überströmenden Quellen hinterlassen. Die Feierlichkeit, mit welcher man von alten Zeiten her diese schöne Naturgabe dort empfangen hatte, die Dankbarkeit, welche immerfort ihr geweiht wurde, hatte etwas, das mir jetzt wie altgriechische Verehrung einer Najade vorkommt, das aber damals nur eben, weil es mir schön und gemütlich erschien, auf den Knaben eine besondere Wirkung hervorbrachte. Jener Quell ist in Mühlhausen bekannt unter dem Namen des Brunnens zu Popperode und liegt etwa eine halbe Stunde vor der Stadt. Schon vor vielleicht zweihundert Jahren hatte die Bürgerschaft beschlossen, ihn besonders zu schmücken: eine Einfassung behauener Steine wurde ihm gegeben, ein Lusthaus mit[23]  gewölbten Hallen und fünf spitzen Türmchen, mit Schiefer gedeckt, hatte man dabei aufgeführt, den grünen Anger umher sah man mit einer Mauer eingefaßt und den Brunnen selbst von schönen alten Linden beschattet, kurz, das Ganze, belebt von dem wallenden breiten Quell, dessen tiefes klares Wasser zur Seite mächtig abströmt, um bald weiterhin schon Mühlen treiben zu können, es hat durchaus einen still in sich geschlossenen, eigentümlich anziehenden und beruhigenden Charakter. Alljährlich ziehen die Schulen, geführt von Abgeordneten der Bürgerschaft, da hinaus, singen Lieder am Quell und hängen die Kränze, die sie brachten, in der Halle auf; kurz, es ist hier wirklich noch eine Spur eines alten Naturdienstes vorhanden; und ich kann nicht sagen, wie merkwürdig dieses alles auf den Knaben wirkte. Noch jetzt steht die Örtlichkeit von Popperode lebhaft mir vor dem Gedächtnis.


Sodann übte doch auch die Individualität meines Großvaters mit ihrer besondern Milde und mit dem Frieden, der darüber gebreitet war, einen sehr bedeutenden Einfluß auf das leicht gereizte, innerlich heftige Naturell der jungen Seele. Denn freilich konnte ich mitunter auf eine Art mich aufregen lassen, die manche Strafe mir zuzog. So, als beim Abschießen eines kleinen hölzernen Vogels einer meiner Oheime durch einen geschickten Schuß gleich anfangs den ganzen Vogel zu Fall brachte, geriet ich außer mir, warf mich mit Heftigkeit zur Erde und brach in unaufhaltsames, langes, krampfiges Weinen aus. Gegen diese unglückliche Anlage nun war die Einwirkung eines so einfachen stillen Gemüts als das jenes Alten ein überaus wohltätiges milderndes Öl. Noch ganz deutlich erinnere ich mich, wie im Sommer an stillen Sonntagsnachmittagen er auf duftendem Heu in der kühlen Scheune gern mit uns zu ruhen pflegte und wie er uns da bisweilen biblische Geschichten zu erzählen liebte. Besonders der[24]  eine Tag, wo er von der Seefahrt der Jünger sprach und von Christus, wie er über die stürmenden Wogen tröstend und beruhigend daherschreitet, er ist mir immer unvergeßlich geblieben.
Es sollte aber mein Aufenthalt im großelterlichen Hause mir nicht bloß Angenehmes und Gutes bringen, sondern auch eine schwere Erkrankung. Damals, wo Jenners Entdeckung noch nicht die Kindheit gegen das Pockengift schützte, waren denn auch Epidemien der letztern Art häufiger, und so erkrankte ich gleich nach vollendetem fünften Jahre so schwer an den natürlichen Pocken, daß ich fast eine Woche erblindet lag. Auch hier wachte mit rührender Sorgfalt über mich jener gütige Oheim, und noch bewahre ich ein bis ins kleinste gehendes Tagebuch dieser Krankheit, welches er für meine Mutter geführt, ihr aber erst nach beendigter Krankheit gesendet hatte, damit auf zarte Weise mit dem Schreck über die Nachricht von der Erkrankung zugleich die Freude über gelungene Rettung verbunden werde. Mit ihm bewachte treulich Dr. Altenburg den Sturm des Fiebers, leitete es, wie ich noch aus dem Tagebuch ersehe, auf einfach hypokratische Weise, und so kam es denn auch, daß nach überstandenem Leiden ich mich einer fast noch bessern Gesundheit zu erfreuen hatte als vorher.
Im Spätsommer 1794 kamen meine Eltern nach Mühlhausen, um mich abzuholen, und wie schnell doch die Bestimmtheit des Sinneseindrucks in der weichen Seele des Kindes schwindet, dies hatte ich daran Gelegenheit zu erfahren, daß ich beide Eltern und am längsten meinen Vater nicht wiedererkannte, als sie mir scherzweise zuerst unter fremden Namen vorgestellt wurden. Noch immer muß ich, wenn ich hieran gedenke, es seltsam finden, daß, da einzelne Bilder aus frühester Zeit mir noch jetzt vollkommen gegenwärtig sind, damals das Bild geliebter[25]  Personen sich so schnell in der Seele des Kindes verdunkeln konnte! Allein bei näherer Erwägung ergibt sich leicht, daß, indem überhaupt ein Sinneseindruck um so fester in der Seele haftet, je stärker im Moment die von ihm bewirkte Erregung dort war, notwendig alle die Vorstellungen, welche täglich und stündlich ohne besondere Erregung in der Seele sich wiederholen, dergestalt, daß sie ganz zur Gewohnheit und deshalb weniger beachtet werden, auch leichter verblassen als irgendein Bild, irgendeine Vorstellung, deren Aufnahme in der Seele durch eine gewisse Gewaltsamkeit bezeichnet worden ist.
Endlich nach einem Jahre wieder in Leipzig angekommen, fand ich meine Eltern, nicht mehr in dem Hause, wo ich geboren, sondern in einer Färberei, gelegen am Wege nach dem schönen Walde, welcher sich längs des Elsterflusses bis gegen Merseburg und Halle hin ausdehnt und dessen nächster Teil bei Leipzig mit dem Namen des Rosentals belegt wird. In dieser Wohnung verlebte ich nun meine nächsten sechs Jahre, erhielt anstatt des geliebten Oheims mehrere andere Lehrer und trieb ziemlich fleißig alles, was man als lernenswert mir darbot. Wenn ich mir nun Mühe gebe, mich zu erinnern, was in jener Periode als insbesondere wichtig für weitere Entwicklung bezeichnet werden müsse, so darf ich drei Momente namentlich hervorheben: einmal ein beginnendes bestimmteres Verhältnis zur freien Natur, ein andermal eine entschiedenere Beziehung zur Gesellschaft und endlich das erste deutlichere Hervortauchen gewisser Neigungen und Eigentümlichkeiten in mir selbst.
Das erste wurde begünstigt durch die Lage unserer damaligen Wohnung in der Nähe jenes schönen Waldes. Aus meinem Fenster sah ich da hinaus, der Fluß hinter unserm Hause floß da hinein, und ich selbst, allmählich mehr heranwachsend, konnte mich nun schon öfter in Wiesen und[26]  nahen Waldesrand vertiefen. Gibt es doch dort noch einen Überrest altdeutscher Eichenwaldungen, und insbesondere hatte der sich meilenweit erstreckende Teil, welchen man das »wilde Rosental« nennt, damals noch Überfluß an mächtigen, viele Jahrhunderte zählenden Eichen. Mit einem zweiten Oheim, der meinem Vater im Geschäft beistand, zog ich auch wohl an warmen Sommernachmittagen in jene Schatten und kühlte mich in den gelblichen Wellen der Elster, im Herbst ging ich mit andern Knaben hinaus, um Gerten zu schneiden und Sprenkel den Zugvögeln zu stellen; aber am eigentümlichsten wirkte es doch auf mich, als ich späterhin in den nächstgelegenen Waldteilen allein mich ergehen durfte. Ich lag dann wohl unter einer alten Eiche, sah in die mächtigen Äste und in das Blättergewölbe hinauf, gab Achtung auf das Leben der kleinen Käfer im Grase umher und fing an zu ahnen, daß in diesem stillen Leben eine Menge der seltsamsten Geheimnisse verborgen liegen müßten. Es entwickelte sich dort ein gewisser Hang zur Einsamkeit, und es war mir da oft so besonders wohl. Die frische Waldesluft, der Hauch der Wiesen, es schien mir auch körperlich zusagend und gesund, und wenn ich daher nicht gar oft dorthin mich selbst verlieren durfte, so saß oder stand ich dafür um so mehr am Wasser hinter unserm Hause, trieb Fischfang mit der Angel und sah dabei nach den fernen Wipfeln hinüber. Kam dann der Winter, so boten die kleinern Flüsse, die sich um Leipzig durch die Wälder ziehen, die erwünschteste Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen, in welchem ich bald eine bedeutende Fertigkeit bekam, und noch jetzt kann ich mit Vergnügen mancher Abende gedenken, wo ich das Spätrot des Westens und die schimmernde Mondessichel durch die beschneiten Zweige der Büsche und Bäume in immer neuem Reiz verfolgen durfte, während die blanken Eisen mich rasch über die spiegelnde Bahn des[27]  Flusses dahintrugen. Einigemal hätten übrigens beinahe die Najaden den jungen unachtsamen Naturfreund für immer in ihr dunkles Reich hinabgezogen. Zweimal zu verschiedenen Zeiten stürzte ich hinter dem Hause meiner Eltern in den tiefen Fluß und wurde mit genauer Not gerettet, und einmal brach ich, als ich am Waldesrande über das beschneite Flußeis nach der Bahn gehen wollte, plötzlich durch und stand mit einemmal bis an die Brust im Wasser. War an dieser Stelle der Fluß tiefer, so war ich verloren; so waren bloß die Schlittschuhe im Wasser mir entschlüpft, und ich selbst arbeitete mich bald wieder auf das Eis herauf. Im Begriff fortzugehen, vermißte ich jedoch die getreuen Eisen, und sogleich kehrte ich wieder nach der eingebrochenen Stelle zurück und fischte an den schwimmenden Bändern die schon verloren geglaubten heraus, allerdings nicht bedenkend, daß ich mich so einer noch weit größern Gefahr ausgesetzt hatte. Ich kam ganz mit Eiszapfen bedeckt nach Hause, doch blieb dieser Fall sowohl als der zweimalige frühere Sturz ins Wasser ohne weitere Folgen für meine Gesundheit.
Aber nicht bloß für die mich näher umgebende Natur sollte mir deutlicher der Blick aufgehen, auch von weiter entlegener und fremder Landesart einen Begriff zu fassen, sollte dem Knaben erleichtert werden, denn um diese Zeit kehrte Dr. Tilesius, dessen ich oben schon gedacht habe, von Portugal, wohin er als Naturalist mit Graf Hoffmannsegg gegangen, mit vielfältiger Ausbeute beladen zurück und wohnte längere Zeit in oder am Hause meiner Eltern. Ich sah bei ihm ausgebreitet zum erstenmal die wunderlichen Gestalten der Seegeschöpfe, der Seeigel, Korallen, Gorgonien, der Muscheln und Sepien, und sah vielfältige Zeichnungen, die er in jenen Gegenden entworfen hatte; ja, wenn er mir erzählte und ich ihn um ein Bild bat, so nahm er wohl meinen Farbenkasten, zeichnete[28]  mir die Küste von Ceuta oder das malerische Cintra auf ein Stück Papier und weckte und nährte in mir so zugleich die Lust an landschaftlichen Versuchen, wozu die eigene Neigung mich frühe schon, aber freilich noch auf ganz kindische Weise getrieben hatte.
Indem mir nun auf diese Art die äußere Welt nach und nach anfing verständlicher zu werden, sollte es auch nicht an Gelegenheit fehlen, von der großen Verschiedenheit der Elemente, aus welcher die menschliche Gesellschaft immer wieder neu gebildet wird, einen deutlichern Begriff zu erlangen. Da nun übrigens dem Kinde immer die Welt im ganzen außerordentlich eng begrenzt erscheint, so hat es auch noch durchaus keinen Begriff von den Bewegungen der Menschheit im großen, sondern gewöhnlich werden einzelne Individuen, denen es näherkommt, ihm zu Repräsentanten größerer Strahlungen dieses Ganzen. Dieser Gedankengang ist indes nicht so unergiebig, als es auf den ersten Blick aussieht, denn wenn wir uns erinnern, daß es zuletzt doch die höchste Auffassung der Menschheit bleibt, wenn sie im Begriff wie der zu einem einzigen Organismus zusammengeht, so darf man immerhin jene früheste Anschauungsweise ganz wohl als eine bestimmte Vorbereitung zu dieser höchsten betrachten. Was mich betraf, dessen Vorstellungen damals noch im Allernächsten befangen waren, so fand ich das, was ich wohl gehört und gelesen hatte von manchen Zweigen und Ständen menschlicher Gesellschaft, in einzelnen Freunden unseres Hauses und andern mir als auffallend gezeichneten Personen gut genug repräsentiert, um mir auf meine Weise einen Begriff dieser Verschiedenheit einzuprägen. So will ich hiernächst Friedrich August Carus, dem Psychologen, den wir oftmals bei uns sahen und in welchem mir immer durch sein ruhiges gehaltenes Wesen der Begriff der Würde des angehenden akademischen Lehrers besonders[29]  gegenständlich erschien, namentlich eines Mannes gedenken, dessen schönwissenschaftliche Richtung und dessen feines Gemüt ihn teils selbst als Schriftsteller bekannt gemacht haben, teils ihn mit den ersten Geistern seiner Zeit und namentlich auch mit Goethe in Berührung gebracht hatten: ich meine Friedrich Rochlitz. Dieser Mann, der Sohn unbemittelter Leipziger Bürgersleute, hatte gleich meinem Oheim ebenfalls anfangs Theologie studiert, war aber auch gleich diesem, durch eine innere lebendigere Richtung, von dem enger gefaßten Dogma verscheucht worden und hatte damals bereits begonnen, durch verschiedene Erzählungen und manche ästhetische Schilderungen ein gewisses Aufsehen zu erregen. Gleichzeitig hatte er sich durch Begründung der »Musikalischen Zeitung« ein wahres Verdienst erworben und viele schätzbare Beiträge selbst zu derselben gegeben. Sein ganzes Äußere schien noch einer frühern Periode anzugehören: ich erinnere mich, ihn immer noch in kurzen Beinkleidern, weißen Strümpfen und Schuhen mit großen silbernen Schnallen sowie in gepudertem Haar gesehen zu haben. Übrigens war er von langer schmächtiger Statur, feiner gemütlicher Gesichtsbildung und freundlichem, durchaus gehaltenem Benehmen. Ein Freund von ihm, der damalige Organist der Neukirche in Leipzig und späterhin Kapellmeister in Weimar, August Müller, war ebenfalls und zugleich mit Rochlitz viel in unserm Hause. An diesem, einem kräftigen, untersetzten, ziemlich beleibten Mann, erschien mir zum ersten Male die lebenslustige frische Natur, wie wir sie als charakteristisch für viele ausgezeichnete Tonkünstler kennengelernt haben. Müller spielte für damalige Zeit ausgezeichnet das Fortepiano, und wenn er an Sonntagsnachmittagen zuweilen mit Kraft und Leben die Ouvertüre zum »Figaro« oder zur »Entführung aus dem Serail« vortrug, so vortrug, daß[30]  oft die unter unsern Fenstern vorbei nach dem Rosental wallfahrtenden Spaziergänger verweilten, und wenn dann lebhafte Gespräche mit Rochlitz und den Meinigen über Musik sich entspannen, so war ich, so fern mir im ganzen noch diese Sachen lagen, doch immer ein aufmerksamer Hörer. Nicht selten fanden sich bei solchen Gelegenheiten auch noch die Herren Breitkopf und Härtel ein, die Besitzer der großen Handlung, welche Mozarts Werke, die »Musikalische Zeitung« und vieles andere kräftig in die Zeit Eingreifende zutage gefördert hat. Breitkopf, der Sohn von Johann Gottlob Immanuel Breitkopf, dem berühmten Erfinder des beweglichen Notendrucks und vieler andern Vervollkommnungen der Buchdruckerei, ist mir gleichfalls noch als ein jovialer, an allem geistigen Fortschritt lebendigen Anteil nehmender Mann im Gedächtnis, während sein Associé Härtel – weit mehr berechnend und kälter – mir das Bild eines wohlüberlegenden Geschäftsmannes mit der größten Bestimmtheit darstellt.

  Amazon.de Widgets
Ich selbst, soviel ich mich meiner damaligen Eigentümlichkeiten erinnere, hatte stets etwas mehr in mich Gekehrtes, fast mitunter Verschlossenes und Scheues. Es wurde mir sehr schwer, mich irgendeiner mir weniger bekannten Person vorstellen zu lassen, obwohl ich auf meine Umgebungen gar wohl zu achten gewohnt war. Dabei regte sich zeitig eine gewisse pedantische Ordnungsliebe. Es konnte mir Freude machen, wenn mir meine Mutter erlaubte, wenn sie ausging und ich zu Hause blieb, ihr Zimmer auf das sorgfältigste aufzuräumen und zu ordnen. Mein eigenes Zimmerchen hielt ich gern sehr rein, und meine Bücher und sonstiges Eigentum hatte ich meistens sehr wohl aufgehoben. Ich lebte auch eigentlich mehr sozusagen in mich hinein als aus mit heraus. Die großen Weltbegebenheiten, die zu jener Zeit, von Frankreich ausgehend, Europa erschütterten, der Tod Ludwigs XVI., die[31]  Waffentaten der jungen Republik, der sich entzündende Kampf mit England – es lag mir alles zu fern, und wenn auch das Unglück jener Königsfamilie mich in seiner menschlichen Bedeutung rührte, wenn ich davon erzählen hörte, so war doch im ganzen mein Leben noch zu eng begrenzt, um mich an jenen Erschütterungen besondern Anteil nehmen zu lassen.
Daß übrigens bei meiner Erziehung irgendein besonderer Plan befolgt worden wäre oder daß schon früh über den Lebensberuf, den ich dereinst ergreifen sollte, eine Bestimmung stattgehabt hätte, kann ich nicht sagen. Meinem Vater, da ich das einzige Kind blieb, schwebte wohl der Wunsch vor, daß ich dereinst sein Geschäft fortsetzen möchte; indes hörte ich ihn doch oftmals sagen: ich solle nur recht viel lernen, ein vermehrtes Wissen werde auch diesem Geschäft gar sehr zugute kommen. Da es nun ganz gewöhnlich war, daß junge Leute, auch ohne einem eigentlich wissenschaftlichen Studium sich zu widmen, einzelne und namentlich naturwissenschaftliche Collegia an der Universität hörten, und da auch mir dergleichen späterhin für zuträglich gehalten wurde, so ließ man mich um die Zeit meines zwölften Jahres in die Thomasschule eintreten, damit nach weiter verfolgten philologischen Arbeiten späterhin eine Inskription bei der Universität möglich werden möchte.
Bis zu jener Zeit des Eintritts in eine öffentliche Schule hatte ich nur sehr wenig mit andern Knaben verkehrt und wüßte ich denn davon auch nichts Besonderes aufzuzeichnen, was Einfluß auf mein späteres Leben gehabt hätte. Am nächsten meinem Herzen kam ein Knabe, Wilhelm, der Sohn eines Leipziger Kaufmanns Fleischer, aber die Eltern zogen mit ihm in den nächsten Jahren nach Jena, wo ich ihn denn auch einmal besuchte und wohl 12 bis 14 Tage dort in seinem Hause lebte. Der Knabe hatte[32]  etwas Mildes und Sanftes, das meinem mehr ernsten Wesen wohltat; das freundliche Gesicht, mit blonden Locken umgeben, war mir sehr lieb geworden, und so interessierte mich nun auch die Örtlichkeit, in welcher er lebte, ja sie hinterließ mir in mehrfacher Beziehung einen bestimmten Eindruck in meiner innern Welt. Wir bestiegen manchen Berg, wie sie dort von den Ufern der Saale in vielfältigen Rücken und Kuppeln sich erheben. Das Neue der Formation dieser Kalkberge, die Ruinen der Kunitzburg, Lobdaburg – das Ziel mancher Burschenzüge –, der abenteuerlich auf der Höhe gelegene Fuchsturm, das eigene goldene Abendlicht in diesem Saaletale – alles regte mich eigentümlich an und ist mir immer gegenwärtig geblieben. Zugleich beschäftigte mich auch die Örtlichkeit der Stadt, deren hohe gotische Kirche und deren rinnende Wasser in den Straßen mich auffallend an Mühlhausen erinnern mußten; vorzüglich wirkte aber das renommistische Treiben der Studenten sonderbar auf die Phantasie des Knaben. Jena war damals noch sehr stark besucht, in hohen Kanonenstiefeln mit mächtigen Schlägern sah man oft Trupps der Landsmannschaften auf dem Markte einherschreiten; Zweikämpfe waren an der Tagesordnung, Fechtübungen wurden oft am Tage bei dem Marktbrunnen gehalten, und da mehrere Studenten in dem Fleischerschen Hause wohnten, mit denen mein Wilhelm bekannt war, so wurde ich denn auch da mit eingeführt und besah mir mit nicht geringer Aufmerksamkeit die großen bequasteten Pfeifen, die weiten steifen Fechthandschuhe und die langen dreispitzigen Schläger mit ihren großen Stichblättern, denn man focht damals alles auf den Stoß, wobei es mitunter an den gefährlichsten und oft tödlichen Wunden nicht fehlte. Zwei Umstände wirkten während dieses Aufenthaltes übrigens auch noch merkwürdig auf mein Gemüt: einmal, daß mir in unserm Hause oben ein noch[33]  nicht wieder bewohnter leerer Alkoven gezeigt wurde, in welchem etwa ein Jahr zuvor ein junger Studierender nur mit einem Federmesser sich selbst getötet hatte. Ein dunkler Fleck noch nicht ganz ausgewaschenen Blutes war noch sichtbar in dem öden Raume, und es trat mir zum erstenmal nahe, daß es so eigene Stimmungen der Seele geben könne, wo sie mit Ungeduld die Schranken dieser Existenz zu brechen unaufhaltsam genötigt sein kann. Ein anderes war es, daß in jener Familie noch ein junges Mädchen – man nannte sie Lottchen – erwuchs, die immer sehr freundlich gegen mich war und bei deren eben aufblühender Schönheit mir zum erstenmal die Ahnung kam, es könne dem Leben wohl, im Gegensatz zu jenen schweren nächtlichen Stimmungen, auch ein mächtiges beglückendes Gefühl aufgehen.
Alle diese verschiedenartigen neuen Eindrücke verfehlten denn auch dort nicht, mich in eine gewisse innere Zurückgezogenheit und äußere Stille zu versetzen, so daß ich selbst auf gemeinsamen Spaziergängen immer mich abzusondern liebte und gegen die gewöhnliche Knabenart mehr allein als mit den andern ging; wie ich mich denn daher auch ganz wohl erinnere, daß einstmals einer der der Familie befreundeten Studierenden, als ich bei einem Spaziergange wieder so still vorausging, zu meinem Wilhelm halb ironisch sagte: »Laß ihn nur gehen, das ist der Philosoph!«
Es war nicht gar lange, daß ich, zurückgekehrt nach Leipzig, mich wieder in dem Kreise der Meinigen eingewohnt hatte, als wir die Nachricht bekamen, meinen Freund Wilhelm habe ein bösartiges Scharlachfieber hinweggerafft. Wie ich war er der einzige Sohn seiner Eltern gewesen, und so wie er denn diese in grenzenlosem Kummer zurückließ, so erfuhr auch ich hierbei zum erstenmal die ganze Herbheit des Verlustes, an welchem nun einmal[34]  unter tausendfachen Gestalten das Leben des Menschen sich heraufbildet. Verliert er doch sich selbst immerfort (wie Plato sagt, der Leib hört nie auf unterzugehen), und verliert er doch immerfort seine Außenwelt und nur zu oft gerade die ihm besonders lieb gewordenen Gestalten derselben! In früher Jugend, wo man noch gar nicht geeignet ist, zu dem Gefühl einer gewissen höhern Gegenwart in all diesem Wechsel durchzudringen, faßt aber ein jeder bedeutendere Verlust uns um so erschütternder an, und so war ich denn auch hier heftig und tief ergriffen und sollte zum erstenmal rein fühlen, wie dem Menschen, so wie ihm das höchste Glück aus dem Vereinleben mit einer andern Seele erwachsen kann, auch der gewaltigste Schmerz zugeteilt wird, wenn ihm die unmittelbare Wechselwirkung des Lebens mit einer in Liebe umfaßten Seele entrissen wird. Wenn ich unter andern war, so konnte ich ziemlich ruhig erscheinen, aber allein und mir selbst überlassen weinte ich viel und fand Erleichterung in diesen Tränen.
Dieser Tod trennte mich nach und nach auch von andern jungen Freunden, den Geschwisterkindern desselben, in der Familie des Buchhändlers Göschen. Die so nahe verwandten Familien Fleischer und Göschen bewohnten beide die Gebäude des Reichelschen Gartens, in der letztern Familie waren auch mehrere Knaben, und so ergab sich denn früher Gelegenheit genug zu allerhand Spielen; Kinderkomödien wurden aufgeführt, wir lasen die Schlenkertschen Ritterromane zusammen, Friedrich mit der gebissenen Wange war längere Zeit unser Held, und auch die Taten des Wiprecht von Groitzsch wurden mit pappernen Helmen, hölzernen Schwertern und Schilden möglichst nachgeahmt. Dabei kamen denn auch in diesem Hause, dem Hause eines der ersten Buchhändler in Leipzig, manche Fremde und Gelehrte zusammen, deren Persönlichkeit[35]  auch mir zuweilen deutlich wurde und nicht ohne Einfluß auf mich blieb. Namentlich war Seume, der Spaziergänger nach Syrakus, schon vor diesem fast über Verdienst bekannt gewordenen Spazierwege immer in dem Göschenschen Hause. Er hatte sich dort als Korrektor in der Buchdruckerei anstellen lassen, und seine scharfe altsoldatische Persönlichkeit verfehlte nicht, auch mir ein Interesse abzugewinnen. Ich erinnere mich eines ländlichen Festes in der Besitzung der Göschenschen Familie in Hohenstädt bei Grimma, wozu meine Eltern geladen waren. Abends war in dem hübsch angelegten terrassierten Garten bei lustiger Illumination eine Art von Jahrmarkt dargestellt, und Madame Göschen, als Geburtstägerin, wurde denn durch alle dortigen Herrlichkeiten geleitet. Manch heiterer Scherz kam dabei zum Vorschein, aber die ernstesten Wünsche sollten dann als Schlußpunkt des Ganzen durch einen Einsiedler auf der untersten Terrasse in einer Grotte dargebracht werden. Diesen Einsiedler stellte Seume vor, und in seiner braunen Kutte mit dem langen Barte und alten treuherzig tüchtigen Gesicht nahm er sich ganz angemessen für diese Rolle aus. Auch Schiller ist in diesem Hause einmal an mir vorübergegangen. Ich erinnere mich seiner als eines ansehnlichen Mannes im blauen langen Oberrocke, der mir, als wir Knaben eben bei einem geselligen Spiel beschäftigt waren, freilich nur flüchtig gezeigt wurde. Von Künstlern machte damals in Leipzig noch Oeser ein gewisses Aufsehen; die biblischen Geschichten, welche er in der Nikolaikirche gemalt hatte, wurden uns Knaben als besondere Herrlichkeiten gezeigt, und obwohl ich mich eben nicht dadurch besonders enthusiasmiert fand, so nahm ich es doch in gutem Glauben hin, daß hier wirklich etwas Außerordentliches geleistet sei. Im März 1799 starb Oeser, und ich erinnere mich noch gar wohl, daß ich von Göschens aus, welche gerade der[36]  alten Pleißenburg gegenüber wohnten, wo Oeser als Direktor der dortigen Kunstakademie gelebt hatte, sein stattliches Leichenbegängnis nicht ohne Rührung mit angesehen habe. Meine eigenen Kunstversuche waren noch sehr schwach; doch ließ ich's am Zeichnen und Illuminieren nicht fehlen, wunderte mich aber nicht wenig, als ich etwas später mit dem Sohne des Nachfolgers von Oeser, Schnorr, bekannt wurde, daß dieser – der gegen mich einige Jahre jüngere Knabe Julius (der nachmals so berühmte Maler) – mir eine nackte menschliche Figur schon mit solcher Festigkeit hinzeichnen konnte.
Zwei Ereignisse habe ich nun noch als für mein Leben von Wichtigkeit aus dem verflossenen Jahrhundert zu erwähnen: das erste ist ein schweres Nervenfieber, welches ich als neunjähriger Knabe überstand und wozu vielleicht die gleiche Krankheit meines Onkels, des bei uns wohnenden jüngern Bruders meiner Mutter, die Veranlassung gegeben haben mochte. Merkwürdig genug hatte ich nämlich in jüngern Jahren immer einen großen Abscheu vor Kranken; die liebsten Personen, wenn sie erkrankten, konnte ich nur mit großer Überwindung sehen, und in dieser Beziehung schien in Wahrheit gar nichts den künftig so deutlich ausgesprochenen Beruf zum Arzte vorzubedeuten. Ich erinnere mich noch recht gut des eigenen Gefühls, welches mich ergriff, wenn ich in ein Krankenzimmer eintreten sollte: es war, als wäre ein magisches Netz vor die Tür gespannt, das mich zurückhielt. Und in wie viele Krankenzimmer bin ich späterhin gern und freudig und oft als Hilfe bringender Arzt gegangen! Meine Genesung ging ziemlich langsam; ich mußte von neuem gehen lernen, so war ich angegriffen, aber ich hatte dabei auch eine besondere Liebe zu meinem würdigen alten Arzte empfangen, und mit einer gewissen Ehrfurcht sah ich ihm noch oft in den nächsten Jahren nach, wenn er[37]  früh in unserer Nähe vorbei und hinaus in sein Spital zu gehen pflegte.
Das zweite Ereignis, das manchen Einfluß auf mein späteres Leben hatte, war der Umzug meiner Eltern in dasselbe Haus, in welchem ich geboren war. Dies Haus, genannt »Zum Blauen Lamm«, hatte mein Vater, dessen Geschäft immer mehr einen erhöhten Betrieb gewann, im Jahr 1799 angekauft. Manches wurde dort gebaut, ein kleiner Garten ließ sich ganz freundlich einrichten, und ich erhielt nun für meinen Teil eine ruhigere, bequemere Wohnung, welcher glücklicherweise auch hier nicht die Aussicht auf meinen geliebten Eichenwald, das Rosental, fehlte. Daß ich nun noch abgesonderter wohnte, gab meiner Liebe zur Einsamkeit neue Nahrung, und wenn ich dann im elften und zwölften Jahre mehr und mehr in meine Gedanken und meine Lieblingsstudien der Naturgeschichte, der Chemie, Physik und des Zeichnens mich vergrub, so legte das jedenfalls einen wesentlichen Grund für meine künftige Entwicklung.
1
  Amazon.de Widgets
 Ich würde selbst kaum glauben, daß eine Erinnerung aus so früher Zeit erhalten werden könne, allein ich darf daran deshalb nicht zweifeln, weil der zweite Knabe, den meine Mutter gebar, nicht ganz zwei Jahre nach mir zur Welt kam und weil mir eben diesen bald wieder verstorbenen Knaben das Gedächtnis deutlich zeigt. Ich weiß, daß ich eine ältliche Frau in kleiner, goldgestickter Haube sah (die Wehmutter), die ein kleines Kindchen ankleidete, und habe also hieran das Dokument einer Erinnerung aus dem zweiten Jahre.




II.










[38] Nicht lange nachdem wir in diesen neuen Räumen uns eingerichtet hatten, trat ich in die Thomasschule ein. Nach den Kenntnissen der alten Sprachen, die ich durch Privatstunden erhalten hatte, konnte ich in Sekunda aufgenommen werden und sah mich nun auf einmal aus meinem einsamen stillen Zimmer unter eine lärmende Menge bald älterer, bald jüngerer Knaben versetzt und entschiedener der alten Welt Roms und Griechenlands gegenübergestellt. Wir lagen in den Vorhallen der Philologie wie die Kranken um den Teich Bethesda und warteten auch, daß ein[38]  Engel herabkäme und die Wasser bewegte, damit aus ihnen der Hauch des alten Heils aufstiege und uns kräftige.
So quälte denn auch ich mich durch die Alten hindurch, ich betrachtete es wie eine notwendige aufgegebene Arbeit, aber keine Freude ging mir dabei auf! Im ganzen hat mir überhaupt das Leben auf der Schule weder einen angenehmen noch einen anregenden Eindruck zurückgelassen, und es war mir ganz recht, als gegen das Jahr 1804 mir erklärt wurde, für die naturhistorischen und chemischen Studien, die ich damals allein auf der Universität zu verfolgen beabsichtigte, habe ich nun klassische Nahrung genug eingesammelt und ich könne denn unter die Zahl der akademischen Bürger jetzt aufgenommen werden.
Am 21. April 1804 also inskribierte mich der damalige Rektor, Domherr Keil, und von da an begann ich die Vorlesungen über Chemie, Physik, Botanik usw. eifrig zu besuchen. Eine neue Welt dämmerte mir jetzt herauf. Die größere Freiheit in Verfolg dieser Studien, anstatt mich zur Nachlässigkeit zu führen, entzündete nur regern Eifer, und abermals muß ich hier, wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, mich überzeugen, wie sehr diejenigen im Irrtum sind, welche durch irgend eingeführten Zwang die höhere akademische Freiheit des Lebens und Lernens auf Universitäten beeinträchtigt wissen wollen. Wie in der menschlichen Natur überhaupt mannigfaltige Widersprüche vorkommen, so ist der Geist des Widerspruchs namentlich in der Jugend lebendig, und weit entfernt daher, durch irgendwie zwingende Maßregeln das größere Geistesstreben des Schülers zu heben, wird man bald finden, daß dadurch nur lähmend und hemmend eingewirkt wird. Angeregt will der junge Geist sein, ein höheres, ja ein im ganzen Sinn unerreichbares Ziel will er sich gesteckt sehen, und dann wird das Ringen, jenes lebendige feste Streben[39]  anheben, wodurch die Entwicklung des vollendetern Wissens und Könnens allein ermöglicht und endlich verwirklicht werden kann.
Ich verfehlte aber nicht, neben diesen naturwissenschaftlichen Studien auch die Individualität eines Mannes auf mich wirken zu lassen, welcher zu jener Zeit als einer der beliebtesten Professoren von den meisten Studierenden gehört wurde und welcher, obwohl in einer geringern Höhe auf dem Felde der Philosophie sich bewegend, doch durch seine Leichtigkeit des Vortrags und eine gewisse scharfe Dialektik ganz geeignet war, einen Sinn für das Philosophieren in dem Neulinge zu erwecken. Dieser Mann war Ernst Platner, verfolgt in den »Xenien« ob mancher flachen Ansicht und lächerlichen Eitelkeit und von den Philosophen vom Fach ob seines Skeptizismus mit Recht verdächtigt, dessenungeachtet aber von der Menge mit Lust gehört. Unter den übrigen Professoren hatte jedenfalls Schwägrichen den meisten Einfluß auf meine Beschäftigungen; die milde Einfachheit seines Wesens, die völlige Anspruchslosigkeit des stillen Gelehrten, wie sie sich mir in ihm darstellte, sie trugen wesentlich bei, mich an ihn zu ketten. Ich ergriff die Botanik, die er vortrug, mit Leidenschaft, ich war der eifrigste im Kollegium und bei den Exkursionen, die Vergleichung verwandter Formen übte den Verstand, die genauere Kenntnis dessen, was mich im ganzen als Wald und Wiesen schon längst heftig angezogen hatte – es sprach mir nun auch im einzelnen immer mehr zu Herzen. Wie irrig es sei, daß das schärfere Wissen die poetische Wirkung im ganzen störe, er fuhr ich schon damals. Nach Meinung derer, welche nur auf dem Dunkel der Unkenntnis den Regenbogen der Kunst und Poesie leuchtend glauben, hätte mir sollen Flur und Hain verleidet werden, nachdem ich gelernt hatte, in welche Klasse die Gräser und Büsche und Bäume[40]  gehörten und wie ihre Blüten gebaut waren und wie sie keimten und reiften, sie, die ich sonst nur massenweise aufgefaßt hatte; aber es war keineswegs so: sie behielten nicht nur die Wirkung ihrer gesamten Schönheit, sondern die Bewunderung der Gesetzmäßigkeit ihrer Gliederung und der Reihenfolge ihrer Entwicklung ließ mich sie nun auch im ganzen noch weit schöner und anziehender finden als vorher.
Damit es übrigens auch an dem Charakter des pedantischen veralteten Professors nicht fehle, erschien ferner an meinem akademischen Horizonte Ludwig, der die »Naturgeschichte der Menschenspezies« sonderbar genug vortrug und an welchem, als einem selbst originellen, etwas trockenen Exemplar der Menschenspezies, die Studierenden manche schwache Seite aufzutreiben und sich damit zu erlustigen wußten. Nahe verwandt in seinen Formen war demselben auch der Professor der Chemie Eschenbach, welcher in seinem gewölbten Laboratorium der Pleißenburg und umgeben von einigen weißen Spitzhunden ebenfalls manchen Mutwillen der Studenten zu erdulden hatte.
So huben denn also meine Studien an, die von hier an so einige Jahre in gleichem Sinne und mit um so größerer Freiheit fortgeführt wurden, dieweil ich damals noch immer nur für Fortsetzung der Geschäfte meines Vaters alle diese Kenntnisse einzusammeln die Aufgabe zu haben schien. Schon jetzt kam mir freilich oft der Gedanke, ob es mir nicht gar schwer werden würde, aus den Vorhöfen der Wissenschaft später wieder zu einer Beschäftigung zurückzukehren, welche doch großenteils mechanischer Art war und als eigentliches Fabrikwesen doch ganz andere Spekulationen als jene szientifischen, denen ich mich jetzt hinzugeben anfing, erforderte. Ich vermied indes diese Gedanken möglichst, ich fürchtete meinem Vater wehe zu[41]  tun, wenn ich sie äußerte, ich glaubte auch mitunter, es möge sich ja gar wohl mit einem Geschäft, welches ganz auf chemischen Prinzipien ruht, vereinigen lassen, daß dabei fort und fort ein geistiges höheres Ziel angestrebt werde, kurz, ich ließ dies alles noch einstweilen auf sich beruhen und sammelte wie eine Biene im Frühjahr allen Honig des Wissens fleißig ein, den mir die Alma mater eben darbieten konnte.
Um diese Zeit fing ich auch an, das Zeichnen ernsthafter zu betreiben, und wesentlich fand ich mich darin gefördert durch einen Lehrer, den bereits während meiner Schulzeit mein Vater für mich angenommen hatte. Dieser Mann, mit dem ich eine lange Reihe von Jahren in naher Beziehung geblieben bin, hieß Julius Dietz. Er hatte sich teils auf der Leipziger Kunstakademie, teils bei einem Görlitzer Landschaftsmaler Nathe heraufgebildet, und wenn auch von ihm nicht zu sagen ist, daß er als Künstler selbst irgend etwas wahrhaft Bedeutendes hindurchgeführt und vollendet habe, so lebte dagegen ein eigentümlicher scharfer und regsamer Geist in ihm, welcher ihn teils antrieb, zugleich neben dem Zeichnen mit schöner Literatur und ernster Wissenschaft sich zu beschäftigen, teils seinem Gespräch und ganzen Wesen etwas Pikantes und Anregendes gab, was nicht anders als höchst wohltätig auf den Schüler wirken mußte, zumal wenn diesem selbst schon ein lebendiges Streben einwohnte, welches nur oft an einer gewissen mitunter zu großen Weichheit und Reizbarkeit des Gemüts ein Hemmnis fand. Er hat mich jedenfalls besonders dadurch gefördert, daß, sowie ich nur einigermaßen in Führung von Stift und Pinsel fester und fertiger geworden war, er mich mit hinausnahm ins Freie und mich veranlaßte, anhaltend im Zeichnen nach der Natur mich zu versuchen. Viele dieser Wege sind mir noch jetzt in heiterer Erinnerung! Es waren oft[42]  schöne Sommerabende, da wir tief in die Leipziger Waldungen eindrangen, auf irgendeinem freien berasten Platze unser kleines Lager aufschlugen, gegen die uns übermäßig belästigenden Mücken aus dürren Blättern ein kleines Rauchfeuer entzündeten und nun bald einen malerischen alten Stamm, bald einige volle Eichenpartien, bald eins der jäh abstürzenden Ufer des den Wald durchziehenden Flusses mit Pinsel oder Stift eifrig verfolgten. Sank die Sonne, so wanderten wir auf eins der nahen Dörfer zum einfachsten Imbiß, und bei alle diesem ergingen sich denn die Gespräche über manch tüchtigen Gegenstand des Gefühls oder der schärfern Geistesrichtung. Es kam da wohl vor, daß ich mit Heftigkeit irgendeinem Gedankengange mich hingab, welcher mehr von einem heißen Gemüt als umsichtigen Verstande erregt war, und dann fehlte es nicht, daß ein schlagendes Wortspiel oder ein ironischer Scherz meines ältern Freundes dazwischenfuhr und mich einesteils verletzte, andernteils aber gerade am sichersten beitrug, mich auf richtigere Vorstellungen zu leiten. Auch kleine Reisen wurden zusammen ausgeführt; die schönen Saalufer bei Naumburg und die Muldentäler von Grimma sind so von mir zuerst zeichnend durchwandert worden, und wie ich auf diese Weise etwas später auch Dresden zuerst gesehen habe, davon werde ich weiter unten erzählen.
Die Kunst tat übrigens meinen naturwissenschaftlichen Studien nicht nur keinen Eintrag, sondern sie ging mit ihnen Hand in Hand und brachte sogar mannigfaltige Vorteile; denn einesteils gab es bei Botanik, Zoologie und Geologie manche Gelegenheit, wo bildliche Darstellungen höchst erwünscht und nützlich waren (so zeichnete und kolorierte ich Pflanzen für Schwägrichen und malte sauber in Gouache fast sämtliche in Leipzigs Flora vorkommenden Pilze), andernteils übte das Zeichnen den Sinn[43]  für Formen ganz außerordentlich, und es wurde mir somit immer leichter, im Geiste Gestaltungsverhältnisse festzuhalten und den Metamorphosen derselben mit regsamer Phantasie nachzugehen, während dieselben von andern nur mit Mühe deutlich erkannt und nur unvollkommen begriffen zu werden pflegten. Werde ich doch späterhin noch oftmals auf das seltsame Verhältnis der Kunst und Wissenschaft zurückkommen, welches durch mein Leben immerfort sich hindurchgezogen hat – ein Verhältnis, über welches ich heimlich und öffentlich mit vielfachem Tadel oft genug angegriffen worden bin und welches doch allein imstande war, gerade in derjenigen Weise mich entwickeln zu lassen, in welcher ich endlich mich doch entwickelt habe.

  Amazon.de Widgets
Recht erwogen können wir indes im Lebensgange jedes irgend weitergekommenen Menschen einen zwiefachen Boden seines Wachstums unterscheiden. Wir können den ersten den für das unbewußte, den andern den für das bewußte Leben nennen. Der erste umfaßt die Verhältnisse, unter welchen der Mensch geboren wird, die Einflüsse, welche in frühester Zeit die Ausbildung seines Körpers und die Erweckung seines Geistes bedingen, er umfaßt den Stamm, dem er entsprossen, die Örtlichkeit, in welcher er zuerst gelebt hat, kurz alles, wodurch seine Individualität zuerst im ganzen und allgemeinen befestigt worden war. Was dagegen den zweiten betrifft, so gehört zu ihm alles, was in der Periode dieses Lebens irgend bedingend und mächtig einwirken konnte, in welcher zuerst ein kräftiges Wissen von sich selbst, ein bestimmtes Fühlen der gerade dieser Individualität bestimmten Lebensrichtung und das ernstere Wollen, einem gewissen Ziele mit Entschiedenheit nachzustreben, begonnen haben. Dies ist dann die Periode, wo der erwachte Geist gleichsam zum erstenmal sich umschaut und sich besinnt; dies ist die[44]  Periode, von welcher an der Mensch nicht mehr sein Leben nur so hinnimmt als ein gegebenes; die, wo er die Geister, welche auf ihn wirken, bestimmter und freier aufzufassen anfängt, und von welcher an nun erst die reichere und eigentümlichere Zeit des Daseins gerechnet werden kann.
So sage ich denn zunächst von meiner Mutter, daß jedenfalls ihr Wesen von ganz besonderm Einflusse auf mich sich erzeigt hat. In ihr verband sich mit einer feinen und regelmäßigen Organisation jene liebenswürdige Entwicklung des Geistes, welche an Frauen uns immer so ganz besonders zu gefallen pflegt, jene gewisse poetische Weichheit des Gemüts, bei einer Fähigkeit, schnell und lebendig aufzufassen und mit Leichtigkeit ein richtiges Urteil über die Vorkommnisse des Lebens sich zu bilden. Sie hatte, wie das in jener Zeit an einem Ort wie Mühlhausen und in ihren Verhältnissen nicht anders möglich war, nur eine ganz einfache Erziehung erhalten, aber sie bildete sich selbst fort; die Liebe zu ihrem Bruder, der wissenschaftlich entwickelt war und vielfach in kleinen Poesien sich versuchte, hatte beigetragen, ihr am Lesen Freude zu geben und sie gegen Schönes empfänglich zu erhalten, und so ergab es sich denn, daß, unbeschadet einer unausgesetzten häuslichen Tätigkeit, ja regster Geschäftigkeit, sie doch von nichts unberührt blieb, was in der damals unter Goethe und Schiller neu aufblühenden Literatur Deutschlands Vortreffliches bervortrat. Es ist leicht zu denken, daß sie in ihrem lieblichen, das innigste Vertrauen erweckenden Wesen mir schon zu jener Zeit besonders nahe treten mußte, ich konnte alles, was mich von Gedanken über meine künftige Lebensrichtung oftmals beschäftigte, mit voller Unbefangenheit mit ihr besprechen, und die liebevolle Art, wie sie mir dann vieles mehr abfühlte, als daß ich nötig gehabt hätte, es ihr ganz auszusprechen, erwarb[45]  ihr mein Herz, und sie hat es bis in ihr höchstes Alter mir treulich bewahrt.
Es war übrigens auch merkwürdig, wie lange sie in ihrem Äußern eine gewisse Jugendlichkeit sich erhielt. Gingen wir beide zu jener Zeit zusammen aus, so schien sie oft mehr eine ältere Schwester als meine Mutter; auch habe ich mich immer gern daran erinnert, daß von ihr, in noch viel frühern Jahren, als Perücken unter den Frauen sehr in Gebrauch gekommen waren, aus meinen eigenen abgeschnittenen Locken eine Perücke längere Zeit hindurch getragen worden ist, welche ihr ganz zierlich zu Gesicht stand. Ich selbst nämlich konnte als kleiner Knabe fast niemals Kopfbedeckungen leiden und war auch im Winter schwer an Mütze oder Hut zu gewöhnen; dafür ließ man mir denn mein weiches blondes Haar in langen Locken wachsen, die, als sie endlich doch abgeschnitten wurden, meine Mutter veranlaßten, der damaligen Mode zu huldigen und über ihr an sich reichliches dunkelbraunes Haar eine Zeitlang eine Perücke zu tragen, welche aus dem blonden Haar ihres geliebten einzigen Kindes gefertigt war.
War sonach meine Mutter ein recht liebes Bild feiner herzlicher Weiblichkeit, so mußte ich dagegen meinen Vater als Urbild einer kräftigen vollständigen Männlichkeit anerkennen. Seine Kopfmaße waren sehr bedeutend, seine Muskulatur die kräftigste, und noch später, in seinem vierundfünfzigsten Lebensjahre, als ich für das Bild des Marius auf den Ruinen von Karthago ein Urbild suchte, konnte ich kein besseres finden als das seinige. Dabei war er ein in seinem Fache durchaus tüchtiger Mann, tätig wie wenige, und ohne voreilig nach Neuem zu suchen, doch gegen keinen Fortschritt verschlossen, der aus den Bewegungen der chemischen Wissenschaft für die Kunst des Färbers irgend sich ergeben konnte. In seiner Gemütsart[46]  herrschte das Cholerische vor, und es war daher wohl natürlich, daß, so lieb er mich auch hatte, doch gerade mein weicheres, mehr intellektuellen als materiellen Interessen zugewendetes Bestreben mitunter seinen scharfen Widerspruch hervorrief, so daß ich allerdings, nachdem ich hierüber zu klarern Anschauungen gekommen war, nicht mit demselben Vertrauen zu ihm wie zu meiner Mutter mich hinwendete. Nichtsdestoweniger habe ich die schöne Tüchtigkeit seines Wesens im ganzen und seine liebende Gesinnung für mich insbesondere gewiß zu aller Zeit mit wahrer und treuer Anhänglichkeit anerkannt. Hatte ich ihm doch nicht allein zu danken, daß er, selbst auf die Gefahr hin, daß ich künftig seinem Geschäft untreu werden könnte, auf keine Weise meiner wissenschaftlichen Entwicklung Schranken zu setzen versuchte, vielmehr als offenbar fördernd derselben sich bewies, sondern ich sah auch schon damals ein und habe späterhin freilich es noch viel deutlicher gewahr werden müssen, daß eine gewisse höhere Kraft meiner eigenen Organisation ganz und gar als eine Abspiegelung der seinigen angesehen werden durfte und daß ich ihm demnach ganz vorzüglich zu danken hatte, was der Mensch schwerlich je dankbar genug anerkennen kann: eine bessere und ausdauernde Energie des Lebens und der Gesundheit.
Um die Zeit, die ich oben geschildert habe, war übrigens unser Hausstand noch insofern verändert worden, als der jüngere Bruder meiner Mutter uns verließ und sich selbständig machte, nachdem er bis gegen das Jahr, wo wir in das neuerkaufte Haus zogen, bei uns gewohnt und meinem Vater beigestanden hatte. Jene Färberei am Rosental, in welcher wir vorher wohnhaft gewesen, sie war nun von ihm übernommen worden. Gleichsam als sollte daher dieses Ausscheiden durch ein Familienglied wieder ersetzt werden, machte es sich, daß gegen die Zeit, wo ich[47]  die Vorlesungen der Universität zu besuchen anfing, mein Vater eine weit jüngere Stiefschwester zu uns rief und sie der Liebe meiner Mutter, fast an die Stelle einer ihr fehlenden Tochter, übergab.
Dies junge Mädchen, wenige Jahre älter als ich und Karoline genannt, war die Tochter der dritten Frau meines Großvaters Carus in Dahme, so wie mein Vater das Kind seiner ersten. So war mir denn mit einemmal gleichsam eine Schwester gegeben! Das freundliche hübsche Mädchen wollte niemand recht als eine Tante von mir gelten lassen, und bald hatten wir jungen Leute uns recht an einander gewöhnt; wir lasen abends, wenn ich mit meinen Arbeiten fertig war und sie für meine Mutter die Wirtschaft besorgt hatte, manches zusammen, und wir mochten uns in kurzem recht gern, obwohl ich damals noch nicht ahnte, daß mir in ihr dereinst eine so vieljährige treue und liebende Lebensgefährtin erwachsen sollte.
Auch dieses Verhältnis mußte übrigens für meine künftige Richtung von Wichtigkeit sein, denn wenn schon die vorherrschende Liebe zu meiner Mutter mich mehr zu einem weiblichen Herzen hinzog, so gewann bei meinem sonstigen Hange zur Einsamkeit die Neigung, mehr der gemütvollen Seele einer Frau mich zu offenbaren, entschiedene Nahrung darin, daß ich mich jetzt zugleich einem an Jahren mir näherstehenden weiblichen Wesen vertrauen durfte.
Wirklich, so stand ich also damals in den Vorhallen der Wissenschaft! Noch war mein Horizont ein ziemlich beschränkter, die nächst zu bewältigen Studien zogen mich in ihren Einzelheiten unbedingt an, und bei alledem fühlte ich doch etwas in mir, das, über alles Palpable und Reale hinaus, immer noch auf ein Übersinnliches, Höheres, Göttliches blickte und mit ungestillter Sehnsucht danach verlangte.[48] 
Die Vergnügungen, welche angehenden Studierenden besonders lockend zu erscheinen pflegen, das Besuchen öffentlicher Vergnügungsörter, der Tanz, das Kommersieren der Burschen- oder Landsmannschaften – sie existierten für mich gar nicht. Ich hatte keine Art von Verlangen danach, ich fand auch gar keine Versuchung dazu; denn in meinen Kollegien war ich aufmerksam auf die Sachen gespannt, mit meinen Kommilitonen war ich freundlich, aber da sie fühlten, ich bedurfte ihrer nicht, so bekümmerten sie sich auch nicht um mich und überließen mich ruhig meinem stillen Treiben. Was dagegen die gewisse schwermütige Stimmung betraf, deren Grund ich oben berührt habe, so fehlte sie mir auch keineswegs. Sehr bald fand ich, daß dem Geiste Endziele vorschwebten, welche nur einigermaßen zu erreichen ich oftmals völlig verzweifelte. Ich fand die Wissenschaften von einem Umfange, zu welchem meine Kräfte mir unzulänglich erschienen, dabei waren mir meine Verhältnisse selbst zweifelhaft, ob sie jemals mir ein vollkommenes Sichhingeben an die Wissenschaft gestatten würden, und so kam es, daß mich oft ein Gefühl von verfehlter Lebensrichtung anwehen konnte, welches, wenn es bei einsamen Spaziergängen im Walde oder an den stillen Flußufern der Leipziger Umgegend mich befiel, mir eine Trübheit der Seele herbeiführen mußte, welche nicht selten in eine dunkle Sehnsucht nach dem Tode sich endigte. Lange dauerten jedoch damals diese Stimmungen noch nicht. Das Leben war im ganzen noch zu frisch, und die Abwechslung der Gegenstände, welche mich beschäftigten, war noch zu groß, als daß nicht immer bald wieder jene Wolken verscheucht worden wären.


So gingen denn also in den Jahren 1804/05 bis zum Anfang des Jahres 1806 meine Universitätsstudien ihren einfachen Gang fort. Botanik, wie gesagt, beschäftigte mich ganz besonders. Herbarien wurden angelegt; wie der[49]  Schnee schmolz, forschte ich und sammelte die kleinen dann hervortretenden Moose; die ersten Frühlingsblumen wurden mit besonderm Eifer eingelegt, auch wohl gezeichnet und die leicht verderbenden Pilze sauber in Gouache gemalt, und eine besondere Stütze dieser Studien war dann noch eine angeknüpfte Bekanntschaft mit einem wohlhabenden jungen Manne namens Kaulfuß (er wandte sich späterhin nach Halle und hat schöne Arbeiten über die Farnkräuter herausgegeben), welcher, mit reicher Bibliothek und hübschen naturhistorischen Sammlungen ausgerüstet, Botanik mit besonderer Vorliebe trieb und somit mir vielfach nützlich geworden ist. Als wir späterhin auch Zoologie zusammen hörten, lieh er mir zuerst das damals neu herausgekommene »Handbuch der vergleichenden Anatomie« von Blumenbach und erschloß mir damit eine Welt, welche mich späterhin ganz besonders für sich gewonnen hat und der Botanik mich endlich ganz abwendig machte. Ich brachte manche Stunde bei ihm zu; er hatte auch, da er oft auf die Jagd ging, eine Sammlung von Vogelköpfen und Vogelskeletten angelegt, und alles dies verschlang ich mit den Augen und eignete mir das meiste geistig an. Die Chemie, für welche ich eigentlich, durch meinen Onkel und durch das Geschäft meines Vaters veranlaßt, eine besondere Vorliebe hätte gewinnen sollen, wurde damals sehr geistlos von dem obenerwähnten alten Professor Eschenbach – ganz in pharmazeutischer Weise – vorgetragen und gewann mir eben deshalb nur geringe Teilnahme ab. Etwas besser war es mit der Physik bestellt; Hindenburg, zwar auch ein alter, fast abgelebter Mann, trug diese wichtige Wissenschaft vor, und auch hier zwar vermißte man eine höhere und lebendigere Mitteilung; allein mindestens gelangen die verschiedenen Experimente, durch welche das eigene stille bewußtlose Leben der tellurischen Stoffe dem Schüler vor Augen gebracht[50]  werden soll, fast allemal vortrefflich, und es blieb auch auf mich nicht ohne eine besondere Wirkung, als mir so die Gesetze des Falles und Stoßes, die strahlenden Erscheinungen der Elektrizität, die Eigenschaften des Luftdruckes, die wunderbaren Phänomene der Farben und so vieles andere leibhaft sinnlich vorgeführt wurde, zu welchem ich mir dann zum Teil erst späterhin den erklärenden Text durch eigenes Studium verschaffen mußte. – Am Ende sahen wir aber doch alle ein, ich müsse nun bei diesen fortrückenden Studien mir irgendein bestimmteres Ziel setzen, ich müsse mir deutlich machen, zu welchem Ende ich dereinst diesen Eifer für die Naturwissenschaften verwerten, wohin ich diese Lust an Naturbetrachtung wohl lenken möchte. Im Winter 1805/06 kam dies mehr und mehr zur Sprache, und mein Vater drang jetzt auf bestimmtere Entscheidung.
Dergleichen wird nun einem jungen Gemüt allemal schwierig! Der Plan des Lebens liegt zu sehr noch unter den Nebeln der Zukunft verborgen, die einzelnen Lebensverhältnisse, die Vorteile und Nachteile eines jeden Berufs – sie sind dem jugendlichen Verstande noch nicht klar, und so ist es denn gewöhnlich mehr irgendein äußerer Einfluß als eine feste innere Bestimmung, wodurch zuletzt die Entscheidung gegeben wird. Der Gedanke, mich der Besorgung eines Fabrikgeschäfts zu unterziehen, jetzt, nachdem ich die Freudigkeit der Wissenschaft, der freien Geistesübung an der Natur gekostet hatte – es hätte mich unglücklich gemacht, ich konnte es nicht! Schwerer war es zu bestimmen, was an dessen Stelle gesetzt werden dürfe. Hin und her schwankten die Pläne, zuletzt schien mir aber doch der Stand des Arztes der wünschenswerteste, deshalb namentlich wünschenswert, weil er die reichste Gelegenheit darböte, mit allen Zweigen des Naturstudiums stets in innigster Berührung zu verbleiben.[51] 
Bei dem allen sollte die Entscheidung nicht erfolgen, bevor eine gewichtige Stimme noch gehört worden sei. Wir wählten hierzu den Professor Carus, und ich hatte denn mit ihm eine lange Unterredung, welche damit schloß, daß er mein Unternehmen billigte und nur ein ernstes Nachholen der auf der Schule unbeendigt gelassenen philologischen Vorbereitung mir zur Pflicht machte.
Denke ich an diese Unterredung zurück, so ist mir gar wohl erinnerlich, daß ich für meine Wahl auch das besonders in die Waagschale legte: »Diese Wissenschaft sei noch so wenig abgeschlossen und beendet, daß man viel Hoffnung hegen dürfe, hier könne es gelingen, manch Neues zu erfinden, manches Alte zu verbessern und manche unentdeckte Wahrheit aufzudecken.« Diese Äußerung, welche damals nicht ohne ein leichtes Lächeln aufgenommen wurde, ist mir übrigens späterhin nicht sowohl deshalb merkwürdig geblieben, weil ich wirklich hier und da einiges Neue aufgefunden habe, sondern vielmehr deshalb, weil sie mir den damaligen Drang nach selbsttätiger Forschung und überhaupt einen nach allen Seiten regen Produktionsbetrieb recht gegenständlich ausspricht, der sich also schon damals hervorzutun begann und späterhin so mannigfach sich bewährt hat.
Ich habe nun auch im weitern Gange des Lebens oftmals hören müssen: wie es doch gekommen sei, daß ich nie an eine Künstlerlaufbahn gedacht habe, da ein gewisses zeichnerisches und malerisch-erfindendes Talent mir allerdings nicht abgesprochen werden konnte. – Ich gestehe aber, daß ich eine besondere Antwort auf diese Frage durchaus nicht zu geben wüßte! Ich sage daher nur so viel: es sei mir auch nie im entferntesten beigekommen, daran zu denken, mich der Kunst als einem Lebensberufe zu widmen. Einesteils mochte wohl der gewaltige Vorschlag, den das Wissen als Wissenschaft immer in meinem Geiste gehabt hat, davon[52]  die Ursache sein, und andernteils wäre mir auch, gerade bei einer feinen Verehrung für die Künste, es immer etwas Widerstreitendes gewesen, wenn ich meinen materiellen Lebensunterhalt gerade ihnen hätte verdanken müssen. Poesie und Kunst waren mir immer als etwas so Reines, Ätherisches erschienen, daß es mir ganz fern lag, daran denken zu dürfen, man könne davon wohl auch sich nähren und kleiden. Zudem lag im Anfange dieses Jahrhunderts die Kunst in Deutschland noch gleichsam gebunden, sie war noch fast unbeachtet, und es bedurfte späterhin so langer tiefer Friedensjahre, um ein lebhaftes Bedürfnis nach diesen geistigen Spiegelbildern der Wirklichkeit erwachen zu lassen; ja man dürfte wohl selbst jetzt fragen, ob dieses Bedürfnis wahrhaft er wacht sei und ob die Kunst nicht immer noch mehr als eine eigene Art von Luxus gepflegt werde.
Übrigens war allerdings noch im Sommer zuvor, ehe jene Entscheidung über meinen künftigen Lebensweg erfolgte, meine Liebe zur Kunst besonders genährt worden durch eine Reise nach Dresden, die ich mit meinem Freunde und Lehrer Dietz rüstig als Fußwanderer ausgeführt hatte.
Von der Wanderung selbst schweige ich, aber sie war auf den langen, meist baumlosen Wegen in heißen Sommertagen beschwerlich genug. Es hat mir späterhin, wenn ich unter den günstigsten Verhältnissen auf das bequemste reiste, manchmal eigene Gedanken gemacht, wenn ich hier und da ein paar müde Wanderer am Rande der staubigen Heerstraße liegen und ausruhen sah und ich zurückdachte, wie bei jener Reise ich manchmal ebenso gelegen hatte! Die Mühen waren damals gewiß größer, aber auch die Unabhängigkeit und die Freiheit! Ist doch alles im Leben, was uns glückverheißend, ja glückgewährend entgegentritt, auch immer in irgendeinem Maße uns Fesseln[53]  anlegend! Und wahrhaft beglückt bleibt nur der, dem die Fesseln, welche die göttliche Tyche ihm bietet, zu einer Art von Naturnotwendigkeit werden, wie die unsers ganzen organischen Seins und Lebens.
Der erste anregende und belohnende Punkt der Reise war Meißen mit seinem Schloß und seinem schönen gotischen Dom. Das Bedeutende dieser ganzen Situation, die Reinheit und Größe dieses Baustils – sie wirkten doch ganz anders auf mich als früher die altertümlichen Bauten von Naumburg und Jena. Ich zeichnete schon damals die Verzierung über der nördlichen Tür des Doms, wo die gekrönte Madonna mit dem Kinde, umgeben von Heiligen, steht, und konnte mich nicht satt sehen an der Schönheit des Blätterwerks, an den Knäufen der Säulen und den Gesimsen im Chor und an der Schönheit der Aussicht von dem alten durchbrochenen Turm, dem einzigen vollendeten der Kirche.
Am Morgen des dritten Reisetags verließen wir Meißen und wanderten die schönen Elbufer bequem hinauf bis nach Neudorf, nahe vor Dresden, wo die Stadt in so guter Zeichnung über den breiten Spiegel der Elbe sich heraufhebt; aber anstatt nun eilig nach der Residenz hineinzuziehen, schlug in uns beiden dergestalt die Liebe zur freien Natur vor, daß wir sofort, begierig, die vielgerühmten Reize des Plauenschen Grundes kennenzulernen, in einem Kahn uns über die Elbe setzen ließen und quer durch die Reihen alter Linden des Geheges, hier und da fragend, um Friedrichsstadt herum gerade auf das Dorf Plauen zusteuerten. Der Grund, welcher dahinter sich eröffnet, enthält nun allerdings ganz eigentümliche und wahrhaft große Schönheiten, allein wer so bloß der Heerstraße folgend zuerst in ihn eindringt, dem bieten sie sich nur sehr unvollkommen dar. Was Wunder also, daß wir, die wir nur eben auf diesem Wege, und mit ganz besondern Erwartungen,[54]  dort ein Stück hineingingen, uns nur wenig befriedigt erklärten. So kehrten wir denn um, traten durch den altfranzösischen Zwinger in die Stadt ein, erfreuten uns dann der schönen Brücke und fanden in Neustadt für die erste Nacht »Zur Stadt Leipzig« und dann für die folgenden Tage bei ein paar alten gutmütigen Leuten, welche neben der Brücke eine kleine Wirtschaft hielten, ein bequemes Unterkommen. Die Galerie war das, was uns am meisten gezogen hatte, und durch einen meinem Freunde bekannten Maler erhielten wir denn auch bald freien Zutritt zu diesen Schätzen.

  Amazon.de Widgets
Ich erfuhr dort, was die Jugend gewöhnlich erfährt und auch ganz eigentlich erfahren soll, nämlich zuvörderst nur die Freude an treuer, nie zuvor so gesehener Widerspiegelung der Natur und nächstdem das Ergriffensein durch eine gewisse warme Sentimentalität und irgend energische sinnliche Anregung eines erhebenden Gedankens. Da waren denn also die Niederländer von Gerhard Douw an bis zu Mieris und Ostade und zu Netscher und Metsu, was ich zuerst zu bewundern nicht müde wurde, dann aber rührte mich der sentimentale Ausdruck der Madonna des Grafen Rotari, und so wie einiges von Rubens mich beherrschend erfaßte, so stand ich auch lange vor dem »Genius des Ruhms« von Annibale Carracci, und wüßte ich freilich jetzt kaum noch zu sagen, ob mich dabei mehr der aufstrebende Blick des Genius selbst oder der brennende Wunsch, dereinst einen der Kränze zu erlangen, welche ihm am Arme hingen, bewegt hatte. Die ganz großen Sachen von Raffael, Tizian und ähnlichen – sie lagen mir noch zu fern und blieben mir zu jener Zeit noch großenteils fremd.
Außer der Galerie habe ich denn damals auch wenig von Dresden gesehen. Der reizende Blick auf Brücke und Umgegend von der jetzt längst zerstörten Bastio solis – sie lag[55]  da, wo jetzt das Hôtel Bellevue steht und war die Fortsetzung des Zwingerwalles – und dann die Örtlichkeit des Zeughofs mit der alten, sonst dahinterliegenden Bastion, deren Seiten mit wilden Weinreben überzogen waren und deren alte große eiserne Kanonen mir um so sonderbarer vorkamen, weil – ein wahres Bild des damaligen langen Friedens für Dresden – wir an der einen, vorn zwischen Rohr und Lafette, ein kleines Vogelnest entdeckten – sie sind mir am meisten im Gedächtnis geblieben. Ich ahnte dazumal freilich nicht, daß gerade ein Gebäude des Zeughofs, dicht vor jener Bastei, der Ort sein sollte, wo ich späterhin dreizehn Jahre lang in stiller Tätigkeit zu verweilen die Aufgabe haben würde!
So hatte ich denn nun nach meiner Rückkehr nach Leipzig alle Hände voll zu tun, daß ich in den alten Sprachen mich hinreichend befestigte; einen Kursus über Mathematik richteten wir uns auch mit einigen Freunden und Studierenden bei einem wackern alten Leipziger Magister ein; die Psychologie hörte ich bei unserm Verwandten, dem Professor Carus, welchen übrigens bald darauf die Universität durch den Tod verlor; ich hörte ferner den trefflichen Philologen Hermann den »Ödipus auf Kolonos« vortragen und erklären, namentlich um an seiner Latinität mich zu erfreuen, und so, nachdem ich die Jahre zuvor in den Naturwissenschaften leidliche Kenntnisse mir erworben hatte, glaubte ich um Ostern 1806 mich sattsam vorbereitet, die eigentlichen medizinischen Wissenschaften mit dem Studium der Anatomie beginnen zu können.
Eine seltsame Fügung war es übrigens, daß gerade, als ich nun der größten äußern Ruhe und Sammlung bedurft hätte, um in die Flut der neuen Studien so recht tief und nachhaltig einzutauchen, die ersten Unwetter des Krieges Leipzig überzogen. Die kriegerischen Rüstungen Preußens, welche schon im Sommer 1806 auch in[56]  Sachsen vermerkt wurden, hatten mich zwar noch wenig in meinen Kreisen stören können, nur kleine Truppenzüge hatten wir in Leipzig erblickt, man war dort den Frieden so gewohnt worden, und wie es denn geht, man hält gewissermaßen das Nahen des Krieges für unmöglich, soviel man auch aus entferntern Gegenden davon liest oder erzählen hört. Am 14. Oktober jedoch fand ich mich an einem schönen sonnigen Herbsttage im Rosental, hatte im Walde nach der Natur gezeichnet und saß dann umschauend auf dem welken Rasen der großen mittlern Wiese, als öfters wiederholte dumpfe Klänge, gleichsam wie aus der Erde aufsteigend, deutlicher und deutlicher mir zu Ohren drangen. Es war, wie es sich später ergab, der Kanonendonner der Schlacht von Jena gewesen. Den andern Tag liefen dann sofort die widersprechendsten Gerüchte in der Stadt um, und den darauffolgenden sah man schon die Avantgarden des Davoutschen Korps von den Türmen. Eine unheimliche Stille herrschte in der Stadt, noch wußte niemand, wie die Dinge sich wenden würden, da rückten plötzlich in dichtgedrängten Massen die fränkischen Truppen durch unsere Vorstadt herein, und alle Häuser waren bald mit Einquartierungen überfüllt.
Der Anblick dieser Züge hatte für mich einen welthistorischen Charakter. Es war gleichsam eine Neuzeit, die auf einmal hier durch die Straßen hereindrang. Wie ganz anders diese Völkermassen gegen alles das, was ich bisher als Militär hatte kennenlernen! Das waren noch die durch den Sturm der Revolution geborenen Heere, noch waren sie nicht niedergemäht von den unausgesetzten Kriegen ihres Kaisers, noch sah man in ihnen die Frucht einer ganzen, von einer großen Aufregung erfaßten Nation; es waren überall in den Vorderreihen der Regimenter markige gebildete Physiognomien, selbsttätige Mitwirkung und nicht bloß maschinenmäßiges Gehenlassen ausdrückend[57]  und versprechend. Dabei das Große der Taktik im ganzen und das Freie in der Haltung des einzelnen! Scheinbar fast regellos drangen die Massen daher, zum Teil in sonderbarsten Aufzügen. Statt der gewöhnlichen soldatischen Capots Röcke von allen Farben übergeworfen, zinnerne oder blecherne Löffel auf die gekniffenen dreieckigen Hüte gesteckt, oft ein Brot oder andere Lebensmittel über den Tornister gebunden oder an die Bajonette gespießt, kurz, auch hier ganz das, was (wie ich freilich erst viel später einsehen lernte) alle Kunstvollendung charakterisieren muß, nämlich die Durchdringung eines im wesentlichen Rationalen von einem bis zu gewissem Grade Irrationalen.
Ich kam bald in manchen meist unangenehmen Verkehr mit diesen Leuten. Unser Haus ward mit Gästen solcher Art reichlich bedacht, und meine Übung, französisch zu sprechen, machte mich hier fast zum alleinigen Mittelsmann. Der einzige Vorteil erwuchs mir daraus, diese Individuen etwas näher beobachten zu können. Ich fand darunter Männer, die früher ihre Studien gemacht hatten, andere, die Kaufleute gewesen, andere auch, die gleich in erster Jugend das Feuer der Revolution unter die Waffen getrieben hatte. Eine gewisse Bildung war fast allgemein sichtbar, liegt doch eine Art von Politur schon im Blute der Franzosen; und gerade dadurch wurde am Ende auch das Lästige dieses Verkehrs nicht in dem Maße fühlbar, als ich es später noch, unter ähnlichen Verhältnissen, mit Deutschen oder Russen zu erfahren die widerwärtige Gelegenheit haben mußte.
Zuletzt gewöhnte man sich indes doch an all diesen Kriegslärm, und meine Studien schritten auch so ihren einfachen Weg immer weiter. – Glücklicherweise bedurfte ich keiner besondern Anregung, um mit lebendigstem Eifer alle mögliche dargebotenen Erkenntnisse einzusaugen:[58]  ich schwärmte völlig für meine Wissenschaft. Über Osteologie hatte ich mir schon im Sommer ein Heft angelegt, in welches ich alle Knochen des menschlichen Körpers sauber mit Bleistift gezeichnet und mit den ausführlichsten beigeschriebenen Erklärungen versehen hatte. Der Winter eröffnete mir die Lehren über den Bau der Weichteile, und wie sehr ich danach strebte, für den nächstkünftigen Winter mich selbst auf dem Theatrum anatomicum im Zergliedern üben zu dürfen, mag man aus folgender kleiner Geschichte abnehmen:
Es war nicht lange, nachdem das französische Armeekorps des Marschalls Davoust in Leipzig sein Hauptquartier genommen, daß zwei als Marodeurs ergriffene Soldaten, Italiener, vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt wurden. An einem trüben regnerischen Morgen zog früh eine kleine Abteilung Truppen mit den Delinquenten vor unserm Haus vorüber, und unweit der hohen Brücke an der Lindenauer Chaussee erschoß man die Verurteilten und ließ sie dort einscharren.
Einer von den Leuten meines Vaters, einst selbst Soldat, hatte der Exekution beigewohnt, gab uns Bericht darüber und erweckte in mir und einem andern befreundeten Studierenden unwiderstehliches Verlangen, in Besitz eines dieser Körper behufs anatomischer Studien zu gelangen. Die Sache schien leicht ausführbar, und in der nächsten Nacht beluden wir unsern Arbeiter mit dem nötigen Gerät zum Ausgraben und Abtrennen etwa eines Kopfes und einiger Glieder und zogen bei falbem Mondschein dahinaus, im vollen glühenden Eifer für unsere Wissenschaft, wenig daran denkend, daß uns in so rauher Zeit ein Unternehmen dieser Art doch leicht sehr übel hätte bekommen mögen.
Als wir der Brücke uns näherten, in deren Gegend die Opfer des Kriegsgerichts gefallen waren, sahen wir im[59]  ungewissen Mondenschimmer auf der andern Seite der Straße einige Männer mit einer Bahre uns entgegenkommen und vorüberziehen. Wohl denkend, daß man vielleicht schon mit einer Leiche uns zuvorgekommen sei, eilten wir um so mehr, an den bezeichneten Platz zu gelangen, und ließen anfangen, nach der andern zu graben. Die Stelle aber war leer: schon hatte unser nicht minder eifrige Professor Rosenmüller, jedoch mit Erlaubnis der französischen Behörde, beide Leichen auf das anatomische Theater entführen lassen, und wir fanden nur die Tschakos, von deren einem zum Zeichen dieser sonderbaren Kreuzfahrt ich das blecherne Schild mit dem Chasseurhorn und der Regimentsnummer abnahm und es lange bewahrt habe.
Soweit denn diese kleine Begebenheit, welche insofern mir immer merkwürdig bleibt, als sie den damaligen, noch etwas stumpfen, aber durchaus strebsamen und gerade so eigens für die Jugend unerläßlichen Zustand recht lebhaft mir wieder ins Gedächtnis bringt.
Gewiß, es dürfte gesagt werden, der Mensch durchlebe insofern die Geschichte des Planeten, auf dem er selbst einst entstand, metaphorisch mit, als – gleichwie in jener Schöpfung das Reich der Lebendigen mit wunderlichen ungeheuerlichen Geschöpfen beginnen mußte, denen erst später die feiner und höher organisierten gefolgt sind – so auch in seiner geistigen Entwicklung das erste Ergreifen und Produzieren rein massenhafter Vorstellungen und Willensregungen immer lange vorausgehen wird den feinern und bedeutendern Gedanken.
So rückte ich denn in den Studien aller im weitesten Sinne zur Medizin gehörigen Lehren mit anhaltendem Fleiße vor, aber ganz besonders war es das Geheimnis des menschlichen, ja überhaupt des tierischen Baues, welches mit stärkern Fesseln mich an sich zog. Ich zergliederte Tiere mit[60]  Eifer und suchte, wie es nur immer ging, deren mir zu verschaffen. Es kam mir wohl vor, daß, wenn ich an der Straße ein totes Tier liegend fand, es entweder selbst mit nach Hause zu nehmen oder, wenn es größer war, es sofort durch einen von unsern Leuten mir holen zu lassen. Mich, der ich sonst Reinlichkeit und Ordnung liebte und sehr ekel sein konnte, störte dann das Widrige solcher Gegenstände gar nicht. Es ist das überhaupt das Merkwürdige einer tiefern Naturansicht, daß nichts so sehr den alten Satz bewahrheitet: »dem Reinen sei alles rein«, als sie. Doch überraschte es mich eigen, als ich später aus Goethes »Diwan« gewahr wurde, daß in der großartig sittlichen Naturansicht der Orientalen eigentlich ein ganz Ähnliches aus sehr wesentlich andern Gedankenfolgen hervorgehe. Ich meine da die Stelle, wo es heißt: »Dem Aas eines faulenden Hundes versteht Nisami eine sittliche Betrachtung abzulocken, die uns in Erstaunen setzt und erbaut«. Es ist hier die Parabel angezogen, wo Jesus redend eingeführt wird, als er am Markte das Volk gewahr wird, um einen toten Hund sich sammelnd und den Verwesenden mit Verwünschungen überhäufend, da, während alles nur Schmähungen auf der Zunge hat, sagt der Prophet in seiner milden Art:

Die Zähne sind wie Perlen weiß!


  Amazon.de Widgets
und beschämt von solchem Vorzuge eines verachteten Geschöpfes (da schöne Zähne namentlich im Orient sehr wertgehalten sind), kehren aller Gedanken sich bald nach einer andern Richtung.
Ähnliches erfuhr ich denn vollends, als ich im Winter 1807/08 auf den Präpariersaal der Anatomie eintrat und selbst nun mit der Untersuchung und Zergliederung menschlicher Leichen mich beschäftigen konnte. So sehr mir nämlich sonst schon die Luft eines Krankenzimmers[61]  zuwider gewesen war und so sehr ich, bei Liebe zur Kunst und Poesie, mich gern tief in das Reich des Schönen eintauchen mochte, der Leichengeruch dieser kleinen, noch dazu geheizten Zimmer, wo oft drei und vier Kadaver, in Stücken verteilt, teils aufbewahrt wurden, teils unter dem Messer der Studierenden sich befanden – ich wurde davon durchaus nicht abgeschreckt, ja ich bemerkte ihn wirklich kaum. Ich erinnere mich eines späten Nachmittags, wo alles fortgegangen war, selbst der Aufwärter hatte sich beurlaubt, der Wind heulte durch die alten Klostergebäude des Paulinums, und graue Wolken ließen nur ein spärliches Licht zu den schlecht schließenden Fenstern herein; ich aber saß fest über einem Nervenpräparate, welches ich gern vollenden wollte, und als es nun tiefer dämmerte und ich doch aufhören mußte zu arbeiten, kam es mir allerdings eigen vor, aus allen Ecken diese zertrennten menschlichen Fragmente mich anblicken zu sehen, aber kein Schauder erfaßte mich, und nicht eine Spur von Abscheu wurde mir fühlbar.
Dieser Eifer hatte dann allerdings die Folge, daß ich in den Kenntnissen der Anatomie sehr fest wurde. Ich war überall genau bewandert, half mir noch mit vielfältigen Zeichnungen, die ich nach der Natur und nach guten Originalen ausführte, und so hatte ich denn später auch wirklich die Satisfaktion, bei einem Examen besser in der feinern Anatomie bewandert zu sein als mein Examinator. Weniger ging mir damals die Lehre vom Leben selbst, die Physiologie, auf. Freilich waren die Vorträge darüber, wie sie zu jener Zeit von Platner und von Kühn gehalten wurden, die trostlosesten, und wenn ich von dem gegenwärtigen Stande dieser Wissenschaft zurückblicke auf das sogenannte Ganze dieser Lehren, wie es uns dazumal auf der ersten Landesuniversität vorgetragen worden ist, so fühle ich, daß es durchaus nicht möglich sei, daß abermals[62]  in vierzig Jahren von jetzt an diese Wissenschaft solche Fortschritte gemacht haben könnte, als sie in den vierzig Jahren von damals bis zum heutigen Tage im Jahre 1847 in Wahrheit gemacht hat. Unter meinen Arbeiten blieben jetzt auch die übrigen Naturwissenschaften nicht zurück. Botanik setzte ich immer noch fort, obwohl ohne in die so merkwürdige Geschichte der Pflanze lebensvoll einzudringen; in die Mineralogie und Chemie führten mich bessere Vorträge von Weiß ein, der mir auch später, als er Professor in Berlin geworden, immer ein geehrter teilnehmender Freund geblieben ist, und nach und nach rückte ich nun auch dem eigentlichen ärztlichen Wissen näher und ging über zum Studium der Pathologie, Arzneimittellehre und zur Therapie.
Komme ich nun zu diesen Fächern, so darf ich nicht unterlassen, gleich anfänglich zweier Lehrer besonders zu gedenken, obwohl deren Persönlichkeit und Schriften immer mehr Einfluß auf mich geübt haben als ihre Vorträge; es waren Burdach und Heinroth. In dem erstern wurde mir späterhin die physiologische Richtung bedeutend und anregend und der letztere hat mich in philosophischer und psychologischer Beziehung wesentlich und vielfach gefördert, obwohl eigentlich immer mehr antagonistisch, denn die meisten seiner Ansichten schienen mir schon damals sehr unzureichend; aber sein joviales teilnehmendes Wesen und sein präziser klarer Vortrag regten mich doch an und gaben mir vieles zu denken, was allerdings weit später erst zur eigentlichen Gedankenreife kommen konnte. Der junge Geist ist wie die noch schwankende Pflanze, welche der Stütze bedarf; er muß jemand vor sich haben, der ihn teilweise anregt und ermutigt und teilweise wieder bei vorherrschend werdender Selbstzufriedenheit zurückweist und widerlegt.



 III.










[63] Hier ist nun auch der Ort, ausführlicher zu gedenken, wie die Art des Studiums der Krankheit zu jener Zeit einen vom naturgemäßen in vieler Beziehung, abweichenden Charakter großenteils, ja fast überall zeigte. Die Mangelhäftigkeit und das halb nebelhaft rohe, halb ausgetrocknet Abstrakte damaliger Physiologie machte mit voller Gewalt sich auch in der Pathologie geltend. Anstatt daß dem jungen Geiste zuerst und hauptsächlich nur das Konkrete dargeboten werden sollte (denn eben dieses Einzelne, dies den Sinnen scharf und unmittelbar Entgegentretende – es kann doch gefaßt, es kann auch von dem Kurzsichtigen erkannt werden), so liebte man es, gewisse abgezogene Begriffe aufzubauen und mitzuteilen und davon Befriedigung des Wissens zu verheißen! – Wir wurden mit viel Irritabilität, Sensibilität und Reproduktion und der Einteilung der Krankheiten nach diesen Momenten gequält, lange bevor wir wußten, wie im einzelnen eine Zelle entstehe, ein Nerv reizbar sei und eine Faser sich zusammenziehe! Wir sollten uns die Lehre von den sogenannten nächsten Ursachen der Krankheiten, welche eigentlich die Krankheiten selbst wären, einprägen, und doch waren die einfachst sinnlich wahrnehmbaren Elemente eines Krankheitsprozesses und noch fremd, und so vieles dieser Art!
Was die Naturwissenschaften betraf, so möchten sie vielleicht nicht in dem Maße damals meinen Geist erfaßt haben, wäre nicht ihr Wesen selbst zu jener Zeit von einer tiefen Bewegung ergriffen worden, in deren Folge ein neues eigentümliches und bedeutungsvolles Prinzip in ihnen geboren werden konnte. Dieses Prinzip war das einer höhern Einheit, hervorgegangen im Lichte der damals zuerst sich geltend machenden Naturphilosophie.
Es gibt nämlich wohl Seelen und Geister, denen es wenig[64]  Bedürfnis zu sein scheint, von Erfassung irgendeiner Einheit, eines Zentralpunktes besondere Notiz zu nehmen; alles Leben fließt ihnen vorüber, wie die Wolken am Himmel dahintreiben, wie Herbstblätter, auf einem Strome fortgezogen werden, ohne daß irgendein Brennpunkt, irgendein vor allem einschlagender unwandelbar feststehender Gedanke diesem ununterbrochenen Wechsel zugrunde gelegt werden müßte. Wenn Menschen dieser Art der Betrachtung und Erforschung der Natur sich widmen, so sammeln sie ein unendlich buntes Material, häufen Masse auf Masse und können bei dem allen oft dem Ganzen der Wissenschaft sehr nützlich werden. Es fehlt uns auch nicht an geschriebenen Werken, welche auf diese Weise entstanden sind, und ich darf nur an die »Bibel der Natur« Swammerdams oder die Insektenbelustigungen eines Rösel von Rosenhof erinnern, um Kennern dieser Literatur deutlich zu machen, was wir hier im Sinn haben. Auf diese Weise sind ja ebensooft auch große und später häufig sehr nützlich gewordene Sammlungen merkwürdiger Naturgegenstände zusammengebracht worden, rein aus Sammlerlust, ohne irgendein besonderes höheres Ziel.
In nicht viel anderer Weise sah man nun seit Plinius das ganze Material der Naturgeschichte wirklich behandelt, bis der große und umfassende Weltverstand des Ritters von Linné zuerst versuchte, eine bestimmte Ordnung in diese Mannigfaltigkeit zu bringen und einen Standpunkt zu finden, welcher diese ganze ungeheuere Masse einigermaßen in ein dem denkenden Geiste erfaßbares und genehmes Verständnis zu setzen vermöchte.
Bei dem allen fehlte es dem Systeme Linnés an einem höhern innewohnenden geistigen Prinzip völlig, es war ein nach scharfsinnig aufgefundenen Verstandesmerkmalen zu Nutzen und zur Erleichterung der Lernenden aufgeführtes großes Gebäude, aber es war weit entfernt davon,[65]  in sich selbst als ein belebendes und belebtes Ganzes zu erscheinen. Zu diesem wurde es eigentlich zuerst, als der bereits von vielen Philosophen des Altertums geahnte Gedanke von der innern notwendigen und unerläßlichen Verbindung des Weltgebäudes zu einem einzigen unendlichen organischen Ganzen, mit einem Worte, der Gedanke von der Weltseele, durch Schellings damals groß und lichtvoll hervortretenden Geist zuerst wieder in die Wissenschaft eindrang. Auf merkwürdige Weise klang dieser Gedanke gleichzeitig in vielen Geistern wider, wie es denn immer zu gehen pflegt, wenn die Menschheit im Kreißen liegt und eine neue große Idee in ihr hervorzutreten berufen ist; und so fehlte es denn durchaus nicht, daß sehr bald die Folgen desselben in der Behandlung der Naturwissenschaften sich geltend machten. Dabei blieben denn freilich auch keineswegs vielfältige Überstürzungen und Übertreibungen aus! Wie keine Revolution im Politischen sich macht, und wäre sie auch an sich bestimmt, das so viel Bessere und Höhere in das Leben der Menschheit einzuführen, ohne daß mannigfaltige Unordnung und mancher arge Unfug dabei vorkomme, so drängten sich auch hier neben den Berufenen viele Unberufene zu diesem neuen Ideenkreise heran und verfehlten dadurch nicht, allen Widersachern jeder Neuerung hinreichende Blößen zu geben, welche dann benutzt wurden, um das Ganze möglichst zu verdächtigen.

  Amazon.de Widgets
Unter denen jedoch, die als würdige Priester der neuen Ära zum Altar der Isis traten, stand in bezug auf Naturwissenschaften obenan: Oken, ein Mann, dem ich erst fast zwanzig Jahre später im Leben zu begegnen Gelegenheit hatte, dessen Geist aber schon damals mich ganz eigentümlich erfaßte und anregte. Mit großen gewaltigen Zügen wagte er es zuerst, in die chaotische Mannigfaltigkeit von Naturformen und – tatsachen einen einzigen Mittelpunkt,[66]  ein einziges neues belebendes Prinzip einzuführen, und dies Prinzip war das genetische, das Prinzip der Entwicklung.
Ausgehend von dem Gesamtbegriff des einen und ganzen Organismus des Menschen, tat er zuerst den orphischen Ausspruch: »Der Mensch ist das Maß und der Messer der Schöpfung«, und gleichsam wie mit einem Schlage war so die ganze ungeheuere und unermeßliche Mannigfaltigkeit der Welt gegenübergestellt dem einen menschlichen Organismus und seiner besondern Geschichte. Nichts war nun klarer, als daß, sobald wir das Recht hatten, die Schöpfung selbst gleichsam als den in allen seinen Phasen und Formen auseinandergelegten Menschen zu betrachten, somit auf einmal ein innerer Schwerpunkt, eine höhere Einheit für alle diese Formen als gefunden sich darstellte. Am unmittelbarsten aber traten diese Ergebnisse bei der Betrachtung des Tierreichs hervor. Mit Überraschung wurde man gewahr, daß eine gewisse allgemeine, nur nie zu weit ins einzelne auszudehnende Parallele zwischen der menschlichen Entwicklungsgeschichte vom mikroskopischen Ei aus durch den zarten weichen Embryo bis zu seiner vollkommenen Gestaltung als reifer Mensch einerseits, und zwischen den Stufenfolgen des Tierreichs vom mikroskopischen Infusorium an, durch das zarte weiche Molluskum bis zu den menschenähnlichsten Tieren hinauf andererseits, unverkennbar sei und hunderterlei merkwürdige Anwendungen hiervon, namentlich auch auf die Rückwärtsbewegung, welche die sich wieder zum Tier hinneigenden menschlichen Monstrositäten darboten, stellten sich nun sogleich deutlich heraus.
Dies also war es, was nun auch blitzähnlich in meinem Geiste gezündet hatte! Ich durfte nicht mehr, wofür ich immer ein Grauen gefühlt hatte, die Natur und insbesondere die Tierwelt als eine zufällige, ins Unendliche mannigfaltig[67]  gedankenlos variierte Masse mir vorstellen, sondern ich hatte den geistigen Schlüssel zu diesen Verschiedenheiten gefunden; ich durfte nicht mehr nur den Leib der Schöpfung lieben, ich hatte ihre Seele erkannt und fand mich von ihr begeistert!
Gerade zu jener Zeit (1807) erschien das merkwürdige Programm Okens, in welchem zuerst ein Aperçu mitgeteilt wurde, welches früher, aber freilich nur im stillen, auch von Goethe gemacht worden war, nämlich: daß der Bau des Schädels im wesentlichen als der einer Wirbelsäule angesehen werden müsse. Dieser Satz war wichtiger, als es auf den ersten Blick schien; und Okens Schrift verfehlte deshalb schon zu jener Zeit nicht, eine große Sensation zu machen. In ihm nämlich wurde, gleichsam als in einem einzelnen schlagenden Beispiele für viele gleiche Fälle, die entscheidende Frage an die Forscher gerichtet: »Ist es euch gegeben, durch den ewigen Wechsel der Erscheinung, durch die rastlosen Metamorphosen der Gestaltung hindurch das eine, all dieser Mannigfaltigkeit zugrunde liegende Gesetz, das wesentlich feste Schema dieser wechselnden Formen zu erkennen oder nicht?« – Mir war es sogleich eine besondere Freude, daß ich in jenem Satze ein höheres Unveränderliches anerkennen durfte, daß ich nun einsah: so tausendfältig auch die Gestaltung des Schädels in sämtlichen höhern Tierklassen variieren möge, ihr liege doch überall ein einfaches durchaus bleibendes Gesetz und ein festes unveränderliches Zahlenverhältnis zugrunde.
Indem so nämlich die Mannigfaltigkeit der erkannten Formen sich steigerte, steigerte sich auch die Freudigkeit, alle diese Gestalten als Glieder einer höhern Einheit nach und nach deutlicher zu bemerken, und so trat mehr und mehr diejenige Begeisterung für die Wissenschaft in mir hervor, welche einesteils hinwiederum den medizinischen[68]  Studien zugute kam, andernteils mir schon jetzt den Gedanken näher brachte, mich künftighin insbesondere für das akademische Lehrfach auszubilden. Dies alles nun trieb mich vorwärts, entflammte meinen Eifer, begeisterte mich, und eben, daß in irgendeiner höhern Richtung die rechte und wahre Liebe für Wissenschaft vorhanden sei, darauf kommt es ja überhaupt bei dem jugendlichen Geiste an, wenn größere Resultate erlangt werden sollen, und so habe ich denn auch alles, was irgend späterhin für szientifische Zwecke von mir erreicht worden ist, zum großen Teil dieser in der geschilderten Weise erweckten und unterhaltenen Anregung zu danken.
Ich sagte aber oben, daß, wenn eben dieser Drang nach Erkenntnis und Vermehrung des Wissens mich einerseits belebte und immer neu erregte, andererseits auch die Liebe zur Kunst und Poesie beitrug, mein Leben, welches in seinen äußern Verhältnissen bei den vorrückenden kriegerischen Wirren der Zeit von mancherlei Not mehr und mehr heimgesucht wurde, immer wieder aufzurichten, zu kräftigen und selbst rückwirkend in Beziehung auf wissenschaftliche Aufgaben mich zu fördern. Ja, wir finden selbst in der Geschichte der Menschheit überall gewisse, gleichsam gesetzmäßig hervortretende Folgen der auf ihre Bildung einwirkenden Kunst; Folgen, welche mich oft sonderbar an das allmähliche Hervortreten verschiedener Sinnesformen in der Reihe der belebten Geschöpfe erinnert haben. Oder wäre es denn nicht etwa in Wahrheit so, daß eben wie in der Tierwelt zuallererst das tastende Befühlen, weit später das erst lichtvolle Auge und nur zuhöchst in seiner vollen Entwicklung der Sinn des Gehörs hervortritt, so auch in der Menschheit als früheste Kunst die der Plastik auftreten mußte, die Kunst, wo greifbar derb und steinern das Gebilde hingestellt wird, dem tastenden Gefühl in seiner Vollendung fast[69]  noch mehr zugänglich als dem Gesicht; daß dann erst später sich die Kunst des Malers ausbilden konnte, die Kunst, welche eine schon feinsinnlichere Täuschung in lichtbrechenden oder rückwerfenden Medien durchgängig versucht; daß aber am letzten, man darf wohl sagen erst in der neuesten Zeit, die Musik sich vollkommener offenbarte und noch jetzt vielleicht für künftige Generationen manches Mysterium bewahrt, wenn dagegen wirklich die andern Künste gegenwärtig fast abgeblüht zu haben scheinen?


Was nun mein Leben betraf, so habe ich schon früher davon gesprochen, wie da die Kunst des Zeichnens und Malens eigentlich allein jene Entwicklungsreihe begonnen hatte. Ich führte sie indes redlich und nach besten Kräften fort und besuchte auch über ein Jahr die Zeichenakademie auf der Pleißenburg, welche damals von Tischbein, und unter ihm von Schnorr (dem Vater des später berühmten Julius Schnorr), geleitet wurde, jedoch bloß, um für mich in einsamen Stunden nach den dort aufgestellten Abgüssen einiger Antiken zu zeichnen. Tischbein sah kaum nach mir, aber Schnorr kam öfters und lobte nicht selten meine Zeichnungen, obwohl zuweilen in absonderlichen Redensarten; wie es denn ein Lieblingsausdruck von ihm war, wenn er mir einen Kontur korrigierte, zu sagen: »Dies ist um eine Idee zu groß.«
Was dagegen die Kunst der Musik betraf, so lag sie mir, ihrem höhern Sinne nach, damals noch ganz verborgen. Wichtiger für mich und bedeutend auf Geschmack und Nachdenken einwirkend war die dramatische Kunst. Ich rechne es weniger dahin, daß wir Jüngern früher mitunter versucht hatten, auf kleinen, aus Leinwand und gemalten Pappen übel genug zusammengebauten Theatern ein oder das andere Lustspiel, selbst mehr zu unserer Ergötzung als zu besonderm Genügen der gepreßten Zuschauer, darzustellen;[70]  ich rechne auch weniger dahin den im ganzen überhaupt nicht sehr häufigen Besuch der Vorstellungen der damaligen Secondaschen Gesellschaft in Leipzig, bei welchen, obwohl die Truppe einige wirklich ausgezeichnete Schauspieler zählte, das Prinzip einer höchst prosaischen Natürlichkeit durchaus vorherrschend war1, sondern am folgereichsten waren mir gemeinschaftliche Lektüren einer Reihe echt klassischer dramatischer Werke, zu welchen ich mich mit mehrern andern Studierenden einige Jahre hindurch vereinigt hatte. Wir waren ihrer etwa sieben bis neun, die an solchen Dingen Freude fanden, und einige von diesen sind mir dadurch für einige Zeit auch im Leben näher verknüpft worden, von welchen ich zunächst hier nur gedenken will teils des durch seine gelehrten Herausgaben und Übersetzungen des Rabelais und Bojardo bekannt gewordenen Gottlob Regis, teils des trefflichen Philologen Schneider, später Professor in Breslau.
Eine Reihe der außerordentlichsten Werke, welche für einsame Lektüre in der Jugend selten zur Aufnahme gelangen (ich will nur an die Reihe historischer Dramen Shakespeares erinnern, die wir alle in ihrer Folge und mit großer Aufmerksamkeit durchnahmen), wurde auf diese Weise zeitig ein Eigentum meines Geistes; ich gewöhnte mich an größere Ansichten des Lebens, ein höherer freierer Geist begann stufenweise zu reifen, und wenn ich bedenke, wie zwanzig und dreißig Jahre später viele derselben Werke mir nun wieder in anderer und höherer Weise in[71]  den Vorträgen meines verehrten Freundes Tieck entgegengetreten und dann noch so viel durchsichtiger geworden sind, so finde ich abermals, wie in so vielem andern, Gelegenheit, einen gewissen großen, eigentümlich periodischen Verlauf jedes weiter sich ausdehnenden gesunden menschlichen Lebens hier in seiner innern gesetzmäßigen Folge zu bewundern, ja verehrend anzuerkennen.
Gleichsam aber, als sollte mir denn doch auch die Anschauung nicht vorenthalten bleiben, auf welche Weise bedeutende dramatische Werke unter günstigen Bedingungen durch szenische Darstellung wirklich neu erweckt und sozusagen vor unsern Augen belebt werden können, so geschah es, daß im Jahre 1809 die weimarische, damals noch unter Goethes besonderer Leitung stehende Schauspielergesellschaft von Lauchstädt, wo sie gewöhnlich im Sommer Vorstellungen gab, nach Leipzig kam und dort ganz neue Erscheinungen, und diese auch auf durchaus neue, in einem höhern Sinne künstlerische Weise, zur Anschauung brachte. In Wahrheit, es wird mir jetzt schwer zu sagen, in welchem Maße eine vollendete Aufführung, wie man damals diese Vorstellungen von Goethes »Iphigenia«, »Tasso«, »Götz«, »Egmont«, den »Mitschuldigen«, ja selbst der »Natürlichen Tochter« nennen durfte, auf einen jungen lebhaften Geist wirken mußten, der, obwohl im wesentlichen ganz andern Bahnen zugewandt, doch mit großer Heftigkeit das Beste, was große Dichter im Felde des Dramas uns hinterlassen haben, bereits ergriffen und sich angeeignet hatte. Jedenfalls war die Wirkung bedeutend, und wie denn nicht leicht in unsern Zeiten ein irgend lebhafter Sinn vorkommen wird, der nicht mindestens für eine kurze Zeit mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit vom Theater angezogen worden wäre, so darf ich sagen, daß diese auch im nächstfolgenden Jahre sich wiederholenden Darstellungen diejenigen waren und[72]  auch diejenigen geblieben sind, welche mich mit einer wirklichen Schwärmerei für das Theater erfüllten und ergriffen und deren ich noch jetzt mit besonderer Vorliebe gedenke. – Jedenfalls trug es übrigens wesentlich dazu bei, die Wirkung dieser Aufführungen so mächtig zu erhöhen, daß hier im Äußerlichen noch eine Einfachheit herrschte, welche das ganze Gewicht derselben auf die geistige Seite fallen ließ und dadurch jene Atmosphäre noch ganz fühlbar machte, in welcher so außerordentliche Werke entstanden waren; eine Fühlung, welche notwendig sich immer mehr verliert, je mehr Luxus der Dekorationen, Ballette und Kostüme fast zum alleinigen Mittel werden, die schaulustige Menge anzuziehen.

  Amazon.de Widgets
Bei dem allen darf ich sagen, daß diese so wenig als andere Kunstanschauungen keineswegs mir die Lust und den Eifer an meinen übrigen wissenschaftlichen Bestrebungen irgend zu beeinträchtigen imstande waren; im Gegenteil, ich kehrte zu diesen von jenen stets mit erfrischtem Geist und erhobenem Gemüt zurück. Mit Ausdauer saß ich dann wieder tief in die Nächte hinein über den anatomischen Tabellen, die ich mir entworfen; über den physiologischen, pathologischen und morphologischen Schriften, die ich mir irgend verschaffen konnte. Am Tage in Freistunden führte ich schwierige und feine anatomische Zeichnungen aus, ich untersuchte und zergliederte, was ich nur immer mir für meine Zwecke zusammenbringen konnte; kurz, ich darf sagen, daß ich mit voller Seele bei der Sache war und daß ich mich tüchtig gerührt habe, um ein Material vorzubereiten und aufzuspeichern, was mir dann allerdings in spätern Zeiten auf das wünschenswerteste zustatten gekommen ist.
Bevor ich indes weiter verfolge, wie mehr und mehr die Kenntnisse mir heranwuchsen vom Menschen und der Natur, die ihn umgibt, von seinem innern Bau und Leben[73]  und von dem Krankhaften, was in ihm sich entwickeln kann, bleibt mir übrig, nachzudenken und darzustellen, auf welche Weise in jener Zeit das in mir zuerst begründet und gefestigt wurde, was man die Ansicht nennen darf von göttlichen Dingen. Je mehr wir nämlich Menschen beobachten und bedenken, desto deutlicher kann es uns werden, daß etwas sei in der Seele des Menschen, was man den wahren geistigen Schwerpunkt, den Lichtpunkt und recht eigentlichen Silberblick jeder solchen besondern intellektuellen Welt zu nennen berechtigt ist, den Punkt, von welchem aus zuhöchst alles größere Tun und Streben der Seele bedingt wird, den Punkt, an dessen Höhe eigentlich allein und vollkommen gemessen werden kann, was die Seele erstrebt und was sie endlich geworden ist. Dieses Etwas aber ist: die Art der geistigen Anschauung des Verhältnisses alles Vergänglichen zum Ewigen, mit einem Wort, nach dem Selbstbewußtsein – das Gottbewußtsein. Der Verschiedenheiten in der Art dieser Anschauungen sind nun kaum weniger (wenn alle die feinern Nuancen beachtet werden sollen) als die der Menschengeister selbst; denn wenn wir schon in ganz äußerlichen natürlichen Dingen finden, daß irgendeine besondere Erscheinung von jedem Sehorgan nur eben auch auf seine besondere Weise aufgefaßt wird, so muß dies sich noch mehr bei der Art, wie irgendeine geistige Individualität dem höchsten ewigen Mysterium gegenübergestellt ist, der Fall sein.
Was nun mich betraf, so habe ich aber schon oben erzählt, wie der erste Gedankenzug, dessen ich mich in meiner geistigen Entwicklung entsinne, wenn auch in ganz kindischer Weise, das Wesen der menschlichen Seele zum Gegenstand hatte, und ich möchte dies um so mehr fast als symbolisch betrachten, da, je mehr ich mich in die Zeit zurückversetze, welche ich in den nächstvorhergehenden Blättern beschrieben habe, um so mehr ich finde, daß bei[74]  allen Bestrebungen, das sinnlich Erkennbare festzuhalten, doch mich damals immerfort eine stille Verzweiflung quälte, und zwar deshalb quälte, weil jenes eigentliche Ursachliche, das was als ein Übersinnliches notwendig doch allem Sinnlichen zugrunde liegen mußte, mir niemals mit genugsamer geistiger Deutlichkeit innerlich aufgehen wollte. Allerdings war, was ich an philosophischen Vorlesungen zu jener Zeit gehört hatte, wenig geeignet, mich hier in irgendeiner positiven Erkenntnis zu fördern, und von der ganzen Platnerschen Skepsis drang mir nur jenes eine gut ausgedrückte Anfangswort tief einschneidend in die Seele: »Voraussetzen möchte man, der Mensch lebe in stets wachsendem Kummer um das Rätsel der Welt und des menschlichen Daseins.« In Wahrheit, dieser Kummer war in mir eigentlich unablässig! Ein gewisser Zug von Ernst und Schwermut in der Tiefe meines Lebens wurde den meisten fühlbar, die mir damals nahestanden. Es war ein Suchen, ein Ringen nach innerer Gewißheit in mir, und das um so mehr, je mehr mir das Studium der Natur zeigte, in welchem ewigen Wechsel von Entstehen und Vernichtetwerden alles vorübereilte, was dem minder erschlossenen Auge wohl als ein Bleibendes und Festes für einige Zeit sich darstellen kann. Die ungeheuere Frage nach dem »Warum« all dieses Wechsels, all dieser steten Vernichtung, sie lastete oft mit Zentnerschwere auf dem jungen Geiste, und ich darf es wohl als ein besonderes Glück und als die Wohltat einer gesunden und widerhaltenden Organisation betrachten, daß diese entschiedene Überzeugung von dem an sich durchaus Vergänglichen und Eiteln alles Irdischen mich doch keineswegs abhielt, immerfort bemüht zu sein, eben dieses Irdische auf das möglichst Vollkommene erkennen zu lernen.
In all diesem innern Streben und Suchen und mitten unter so vielen Arbeiten, welche zunächst nur die Bewältigung[75]  des Materials zur Aufgabe hatten, traten zwei Geister in ihren Werken mir näher, welche auf meine weitere Entwicklung nicht ohne großen Einfluß geblieben sind: Kant und Schelling. Der erstere in seinen »Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft« läuterte meine Gedanken über das materielle Substrat aller Erscheinung durch die Deduktion der Materie, inwiefern sie allein begriffen werden könne als das »Bewegliche im Raume schlechthin«. Der andere in seiner tiefsinnigen Naturphilosophie, deren mächtige begeistigende Einwirkung auf meine naturwissenschaftlichen Studien ich oben schon berührt habe, erweckte in mir den bestimmtem Gedanken einer Weltseele und gab mir darin den Leitfaden, ein höchstes Göttliches – geistig die Materie, oder wie ich es später genannt habe, den Äther, fortwährend Bestimmendes und Gestaltendes – im Geiste allmählich deutlicher aufzufinden und mehr und mehr erkennen zu lernen. Aus solchen Elementen also entwickelte sich in mir nach und nach eine Ansicht von dem Verhältnis eines Vergänglichen zu einem Ewigen, bei welcher einmal jenes stete Vernichtet- und Verwandeltwerden erkannt wurde als die ganz notwendige Folge der Wesenheit der Materie, eben als eines Ewigbeweglichen an sich, während ein andermal doch bei all diesem notwendigen Untergange sich wieder ein Trost und eine Beruhigung dadurch ergab, daß in jenem Höchsten und Göttlichen ein von diesem Beweglichen an sich durchaus Unabhängiges klar wurde, ja darin eine Wesenheit erschien, welche in ihrer ewigen Wahrheit und Schönheit durchaus frei war und blieb von Vernichtung und Veränderung. Freilich lag von damaliger Erkenntnis aus noch ein weiter Weg zu durchwandern bis zu jener innern Klarheit und Einsicht, wie ich sie so viel später in neuern Werken dargelegt habe; manche andere Geister mußten noch zu diesem Endziel von[76]  mir näher erkannt werden, und vielfältiges schmerzliches Ringen und Arbeiten blieb noch lange bis dahin meines Geistes Aufgabe; aber es galt ja doch auch nur hier den Versuch, den Leser zu einiger Deutlichkeit zu bringen, auf welchem Wege in mir diejenige Ansicht von göttlichen Dingen sich habe begründen können, welche mehr und mehr in mir zu vollenden und zu betätigen ich späterhin immer als höchstes Ziel meines Geistes empfunden habe.
1
  Amazon.de Widgets
 Ich will indes bei dieser Gelegenheit noch erwähnen, daß im August und September 1810 Iffland (damals die Spitze jener naturalistischen Richtung) in Leipzig eine Reihe von Gastrollen gab und nicht verfehlte, auch mir, der ich ihn mehrmals sah, großen Eindruck (namentlich im »Spieler«, »Essighändler«, in den »Hagestolzen« und der »Lästerschule«) zu hinterlassen; er versuchte sich indes damals auch in Rollen wie dem »Geizigen« und »Franz Moor«.




Erstes Buch
Kindheit und Entwicklung der Jugend

Begonnen am ersten Ostertage 1846,
im siebenundfünfzigsten Lebensjahre














1.


2.


3.


4.






I.




Zweites Buch

Reifere Ausbildung


Den 8. März 1848

Indem ich in einer bewegten Zeit die Feder ergreife, um diesen Blättern weiter anzuvertrauen, in welcher Weise einst die Tage meines Lebens sich fortgesponnen haben, darf ich mir eine Betrachtung nicht verbergen, welche mich allerdings fast dahin bringen könnte, sogleich beim Anfang wieder von diesem Unternehmen abzustehen. Ist es doch nämlich nicht zu verkennen, je weiter man vorrückt in diesem menschlichen Dasein, um so mehr fühlt man es in demselben tagen, um so mehr tritt alles in das helle Licht des Bewußtseins, aber um so verwickelter wird auch das wunderbare Getriebe des Lebens, und um so heiliger zieht sich, über all diesen Kreisen thronend, der Geist in das Dunkel des Geheimnisses zurück, ein Dunkel, welches vielleicht einer nächstbefreundeten Seele sich erhellen kann, aber notwendig der Menge durchaus unzugänglich sein muß. So geschieht es daher, daß wer irgend es versucht, aus den reifern Perioden seiner Entwicklung, das heißt da, wo es sich doch eigentlich erst recht der Mühe verlohnte, ausführlich zu sein, Bekenntnisse niederzuschreiben, der befindet sich zuletzt in allen höhern Beziehungen in dem eigenen Falle eines in Mysterien Eingeweihten, nämlich trotz allem Wunsche, sich mitzuteilen – schließt jetzt ein Gott ihm die Lippen zu.
Das einzige ist also hier freigegeben, wenn wir auch dann solche Mitteilungen nicht ganz unterdrücken wollen: sich andeutend zu verhalten, neben dem, was dem Äußern angehört[91] und im vollen Sinne mitteilbar bleibt, von dem Innern, Tiefern, Geistigen nur so viel zu enthüllen, die Bedingungen, durch welche jenes Geheimnis zustande kam, nur so weit darzustellen, daß dann dem irgendwie verwandten Geiste es möglich werde, mindestens eine Ahnung zu fassen von dem, was die Seele außerdem für immer in sich hätte verschließen müssen; ja dieses Verhältnis wird um so eigentümlicher, wenn wir bei genauerm Überdenken nicht umhin können, wahrzunehmen, daß eben dieses Unaussprechbare, dieses sogar uns selbst mindestens halb Unbewußte, doch zuletzt das sei, was eben als ein geheimnisvolles Göttliche allen jenen bewußten Gedanken, Gefühlen und Taten zugrunde liegt, aus denen ein menschliches Leben sich auferbaut und von denen nun auch wieder Mitteilungen nach außen erst möglich sind.
Sei es denn also in diesem Sinne versucht, den Faden da, wo ich ihn früher fallenließ, hier weiter fortzuführen! Vielleicht gelingt es, daß die zurückgerufene Betrachtung einer verhängnisvollen Zeit, wie sie damals zunächst auf mich herandrängte, gegenwärtig, wo nicht minder heftig alle Verhältnisse erschüttert werden, mir jene feste, ruhige Sammlung in der tiefsten Tiefe der Seele erhält, welche ich bei allen äußern Stürmen als eins der höchsten Güter des Menschen von jeher zu erkennen gewohnt war.





[92] Das nächste nennenswerte Ereignis meines Lebens, das mir hier aufzuzeichnen obliegt, würde jetzt sein: der Abschluß meiner bisherigen akademischen Laufbahn durch die Promotion, welche die medizinische Fakultät mir am[92]  20 Dezember 1811 gewährte, und die kurz zuvor, am 1. November, stattgehabte Verbindung mit meiner geliebten Verwandtin Karoline, von der ich oben schon sagte, wie sie die trefflichste Mutter meiner Kinder und die treueste vieljährige Lebensgefährtin mir geworden sei.
Damit indes die Stellung des damaligen jungen Medikus, wie er nunmehr in das öffentliche Leben einzutreten anfing, ganz deutlich werde, bleibt es unerläßlich, einen Blick zu werfen auf die sonderbare schwankende und unheimliche Lage, in welcher sieh, wie Deutschland überhaupt, so insbesondere mein Geburts- und Wohnort Leipzig zu jener Zeit befand; denn allerdings bezeichnet man wohl große geschichtliche Momente zunächst als »Weltereignisse«, dadurch gewissermaßen andeutend, daß hier nur von Bewegungen im großen und ganzen die Rede sei; wie jedoch dergleichen auch einesteils seine Wurzelfasern aus den entschiedensten örtlichen und persönlichen Verhältnissen entnimmt, andernteils aber mit seinen Endzweigen sich wieder auf das merkwürdigste bis in die geheimsten Tiefen des Privatlebens verliert, darüber würden die weitschichtigsten Untersuchungen sich gar wohl anstellen lassen.
Es war aber damals die Zeit, wo die Fremdenherrschaft mit ihrer äußersten Gewalt auf Deutschland lastete. Sachsen war seit 1807 durch Napoleon zum Königtum erhoben, und als Entgelt dafür hörten französische Gäste seitdem nicht mehr auf, Leipzig beschwerlich zu sein, ja ihm vielfach zu schaden.
Wenn ich daher von meinen frühesten Jahren wohl erzählen konnte, wie zuerst das idyllische Leben in Mühlhausen und dann die milde Waldluft des Rosentals die Seele durchaus auf die stillsten Reiche des Geistes richtete, so drängte sich jetzt eine andere Gesinnung mit Gewalt ein, und so teilte sich mir namentlich nunmehr jenes[93]  innere Aufglühen der Gemüter mit, welches, je mehr das Fremde wucherte und drückte, um so mehr in Deutschlands Herzen sich regte und nagte. Gleichzeitig hatte sich freilich auch vieles in den äußern Verhältnissen anders gestaltet, französische geheime Polizei machte sich bis in die Tiefen des Familienlebens Bahn, die gewaltigen Kämpfe des Kaisers in Spanien und in Österreich lenkten mit Macht die Aufmerksamkeit aller auf sich, und eben jetzt war es, wo der kolossale Heereszug Napoleons nach Rußland sich vorbereitete und mehr und mehr die Entscheidung des Schicksals von Europa herannahte. – Im Mai 1812 hielt der Kaiser in Dresden Hof und empfing dort die Monarchen von Österreich und Preußen; die Heere sammelten sich in den ungeheuersten Massen, und die Spannung, welche dieses alles auch in unserer Stadt hervorbrachte, war eine so noch nie dagewesene.

  Amazon.de Widgets
Übrigens setzte ich trotz dieser Unruhe meine Vorlesungen über vergleichende Anatomie regelmäßig fort, ja ich sah den Kreis der Zuhörer von Halbjahr zu Halbjahr sich vermehren, aber freilich, ohne daß dadurch meine Lage im Äußern verbessert worden wäre, denn kaum vom zehnten Teil meiner Schüler wurde ich honoriert. Mir war es indes für jetzt an der Sache selbst genug, und da durchaus niemand sonst dort einer so wichtigen Disziplin sich annahm, so nährten mich einzelne Freunde öfters mit der Hoffnung, eine außerordentliche Professur könne in einigen Jahren mir in keiner Weise fehlen. Daß indes schon jetzt mein Lesen bei den ältern Professoren ein gewisses Aufsehen erregte, konnte mir natürlich nicht entgehen, ja einmal erfuhr ich dies auf sonderbare Weise genug; denn als ich eines Nachmittags durch das Ranstädter Tor nach meiner Wohnung ging, begegnete mir einer dieser Herren, dessen früher schon erwähnte Vorträge über die »Naturgeschichte der Menschenspezies« den Studenten oft zu[94]  gar vergnüglicher Unterhaltung dienten, und nachdem ich grüßend [an] ihm schon vorüber war, stützte er sich auf den goldenen Knauf seines stattlichen spanischen Rohres erst fester, drehte sich dann um und rief mir zu: »Ah! Herr Doktor! Sie lesen ja comparatam!«
Bei alledem drängten aber freilich meine häuslichen Verhältnisse mich peinlich; ich wünschte überdies meiner frühern Gespielin und nun geliebten Frau möglichst bald eine größere Sicherheit der Existenz in Aussicht stellen zu können, und so schwankte ich denn oftmals gar sehr, ob ich nicht besser tun möchte, die akademische Laufbahn, welche mir im besten Falle nur spät reichlichem Ertrag verleihen konnte, zu verlassen und um eine kleine Physikatsstelle mich zu bewerben, welche in irgendeiner Landstadt uns ein eben hinlängliches Auskommen wohl eher hätte gewähren können; – kurz, es fehlte mir keineswegs an manchen gequälten unsichern und unabsehbaren Zuständen!
Noch in einer andern Beziehung ist aber jene Zeit für mich wichtig gewesen, indem in das Jahr 1812 die ersten meiner freien schriftstellerischen Arbeiten gehören. Jener merkwürdige Umschwung im Felde der Literatur nämlich, demzufolge das Abgeben des Urteils und die Stimmführung, zumal in den periodisch erscheinenden Blättern, mehr und mehr in die Hände der Jüngern überging, er war damals bereits eingetreten; das Anwachsen der Zeitschriften, obwohl noch gar nicht mit der hydragleichen Vervielfältigung in unsern Tagen zusammenzustellen, war doch von den ältern gereiften Geistern nicht mehr zu bestreiten, und so konnten denn auch zu Beurteilungen selbst der wichtigsten und ausführlichsten Arbeiten schon berühmter Autoren meistens nur junge angehende Schriftsteller herangezogen werden. Diese Bewegung war in der Tat wichtiger, als sie auf den ersten Blick erschien, und[95]  sie hing genau mit der großen, von der Französischen Revolution ausgegangenen Erschütterung zusammen; sie deutete auf den Übergang des Rats, der Beurteilung und der Tat von den ältern bedächtigern Häuptern an eine mutige, aber freilich oft genug unbedachte und voreilige Jugend. Wie man daher in den ersten Zeiten der französischen Republik Generale und Marschälle sah, welche oft noch nicht oder nur wenig über zwanzig Jahre zählten, so drängte sich auch in die Literatur mehr und mehr eine mitunter sehr unreife Jugend ein, freilich im Reiche des Geistes weit kleinere Eroberungen machend als jene an Ländern und Reichen, aber doch mit beitragend zu dem immer mehr und mehr sich überstürzenden Gang der Zeit. Indes in der Wissenschaft und insbesondere in den Naturwissenschaften erhob sich auch wirklich damals eine merkwürdige und neue Zeit. Wenn ich in diesen Beziehungen die ungeheuern Fortschritte nur der letzten drei Dezennien betrachte, so darf ich kühnlich sagen, daß drei vorhergegangene Jahrhunderte gegen sie nur Geringes geleistet haben, und auch hier dankte man allerdings vieles, ja das meiste, jungen frisch hervorgetretenen Geistern.


Für mich war nun, wie ich schon früher bemerkt habe, die Lehre von der unendlichen Vielgestaltigkeit und den rastlosen Umwandlungen des Organismus das, was mich besonders anzog, was mich zu eigenen Untersuchungen anhaltend drängte und was mich besonders anzog, was mich zu eigenen Untersuchungen anhaltend drängte und was mich auch die Beobachtungen anderer mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgen ließ. Ich darf in dieser Beziehung wohl sagen, daß ich angestrengt um das Material dieser Wissenschaft gekämpft habe und daß ich bemüht war, überall das Konkrete fest ins Auge zu fassen, bevor ich mir erlaubte, zum Abstrakten mich zu wenden. Will doch die Natur durchaus zuerst in allen ihren Tiefen durchdrungen sein, ehe sie dem allgemeinen höhern Überblicke sich darbietet, denn keine[96]  Lücken werden hier geduldet, und wie der reiche selbstbewußte Geist sich überhaupt nur erschließen kann, da, wo durch unbewußtes Walten zuvor eine wundervolle Organisation gereift ist, so dringt auch der höhere, überschauende und vernehmende Geist der Wissenschaft erst dann mit eigentümlichem Rechte hervor, wenn durch tausendfältiges Mühen und Erfassen des Lernens die Gliederung sich entwickelt hat, in welcher dieser Geist zu walten und zu beharren wahrhaft vermag. Mein Freund Heinroth, welcher damals wesentlichen Anteil nahm an der Redaktion der »Leipziger Literatur-Zeitung«, beachtete aufmerksam und ehrte diese Bestrebungen in mir, und so verfehlte er denn auch keineswegs, mich nun zu eigenen Arbeiten aufzufordern und namentlich mich einzuladen, Rezensionen in diesen Fächern für sein Institut zu übernehmen.
Es war eine eigene Seligkeit, die ich damals in diesen ersten Arbeiten zu kosten begann, es war die, zu welcher man gelangt, indem im eigenen Geiste neue, infolge ernstester Betrachtungen und umfänglichster Gedankenzüge entstandene Anschauungen zuerst die kunstgemäße Form einer wissenschaftlichen Arbeit annehmen und dadurch sich selbst mehr und mehr vollenden. Eine solche eigene Produktivität des Geistes, nachdem eine vieljährige anhaltende Rezeptivität vorhergegangen ist, gehört, wenn sie zum erstenmal empfunden wird, und zumal dann, wenn sie ein genügendes Ergebnis wirklich hervorruft, jedenfalls zu den reinsten und freudigsten Erlebnissen; es ist eigentlich die erste tatsächliche Überzeugung von einer wahrhaft erreichten Pubertät des Geistes und der mit dieser Pubertät hervorgetretenen Selbständigkeit und schaffenden Kraft.
Blicke ich jetzt auf mein Leben zurück, so sehe ich, daß von jener hier zuletzt erwähnten Zeit an eigentlich ein[97]  solches produktives Bestreben in mir recht zur besondern Natur gehörte und sich auch später vielfach fort und fort betätigt hat. Was nachhaltig mich fesseln, was tief in meinen Geist eingehen sollte, es mußte allemal auf irgendeine Weise mich zu einer bestimmten Selbsttätigkeit veranlassen und mir dazu Raum geben. Daß sonach das Studium des Organismus eine solche Veranlassung geben mußte, teils als Lehrer mich zu betätigen, teils schriftstellerisch mich produktiv zu verhalten, das hielt mich besonders daran fest, und gerade das förderte auch in mir den Trieb, tief- und weitgreifende Kenntnisse hierüber mit Eifer zu sammeln. Eine fertige Wissenschaft bloß durch ausdauernden Fleiß in mich aufzunehmen, durch vielfältiges Lesen und Sammeln von Auszügen aus dem Gelesenen allein meinen Geist zu einem stets zum Aufschlagen fertigen Kompendium zu machen, wollte mir nie zusagen. Freilich habe ich selbst auch immerfort und viel gelesen und exzerpiert, und es freute mich, nach allen Richtungen hin in mir Kenntnisse jeder Art mehr und mehr aufzuspeichern; aber immer fühlte ich, daß wenn ich irgendeine Sphäre menschlichen Wissens recht vollständig mir aneignen sollte, so mußte ich darüber zugleich eine selbständige Arbeit entweder wirklich unternehmen oder sie mindestens im Geiste vorahnend bedenken, kurz, ich mußte mich produktiv in derselben verhalten.



II.










[98] Das denkwürdige Jahr 1813 eröffnete sich mir in ziemlich heiterer Weise. Man sagt, die Deutschen haben, neben manchen Erinnerungen in der Sprache, auch das mit den Persern gemein, daß es bei ihnen üblich ist, die Geburtstage[98]  festlich zu begehen. Ebenso war es denn von alten Zeiten her in unserm Hause gehalten worden, und an diesem 3. Januar hatten die Meinigen unter Beirat von Freund Dietz auch mir eine solche besondere Festlichkeit zugedacht. Es war nämlich damals durch Goethes »Wahlverwandtschaften« eben zuerst jene Art von Unterhaltung vorbereitet worden, welche bald geschmackvoll, bald auch sehr geschmacklos in den folgenden Jahren nur fast zu vielfältig sich wiederholt hat – nämlich das Stellen lebendiger Bilder. Unser Freund hatte denn für diesen Abend einige bedeutsame Gruppen nach Bildern von Rubens und Riepenhausen, freilich mit wenig Mitteln, aber doch sehr originell und durch Anwendung farbigen Lichts besonders wirksam geordnet und mir, dem dergleichen hier zum erstenmal erschien, eine wirklich erfreuliche Überraschung bereitet.
Darf ich daher bei dieser Gelegenheit auch noch eine andere Erfahrung dieser Art einfügen, so sage ich, daß ich in meiner angeborenen Neigung für Kunstübung und Kunstwerke in gleicher Weise die merkwürdigste Steigerung erfahren habe. Es erweckte nämlich damals, wo doch meine Mittel so sehr beschränkt waren, zuerst die Sehnsucht nach Besitz von Kunstwerken ein Bild, das ich eben unter einer Sammlung alter und großenteils wertloser Ölgemälde fand, welche auf der Leipziger Börse versteigert werden sollten, als wohin denn auch mich der Auktionsanschlag gelockt hatte. Das Werk stand als ein Guido Reni im Katalog und war das lebensgroße Brustbild der Mater dolorosa mit dem Dolch im Herzen. Wunderbar zog es mich an, es war, als ob es mir das Geheimnis aller der Schmerzen andeuten sollte, die kein längeres Leben verschonen und die auch mir neben vielem Schönen in reichem, damals noch nicht geahntem Maße zugeteilt sein sollten. Das Bild ließ mir keine Ruhe, ich sprach davon[99]  mit meinen Eltern und erhielt endlich die Billigung, einige zurückgelegte Goldstücke dazu anzuwenden, wenn es eben für so weniges erlangt werden möchte. Glücklicherweise für mich waren kaum einige Käufer vorhanden, und ich erhielt somit ein schönes, ernstes altes Bild, welches, wenn es nicht von Guido selbst sein sollte, jedenfalls eins der besten aus seiner Schule ist, und gründete damit den Anfang einer Sammlung von Kunstschätzen, die jetzt ein geräumiges Haus ziemlich erfüllen. Es begleitete mich später nach Dresden, hat immer in meinem Studierzimmer gehangen, und wie oft haben nicht seitdem meine Augen auf dem tränenreichen Antlitz der göttlichen Schmerzensmutter gehaftet, wenn auch mir wieder ein Schwert des Schmerzes das Herz durchschnitt.
Sowie nun aber das Frühjahr weiter vorrückte, begannen auch drohende Gewitter erneuten Kriegs von allen Seiten aufzuziehen und von Tag zu Tag sich mehr zu nähern. Im März sahen wir die ersten russischen Truppen in Leipzig, und mit welchen ungeheuern Anstrengungen Napoleon zu gleicher Zeit in Frankreich eine neue große Armee hervorgerufen hatte, ist tief in die Tafeln der Geschichte eingezeichnet. Aber auch Preußen rüstete gewaltig, und in ganz Deutschland regte sich stärker und stärker das Gefühl, daß jetzt oder nie der günstige Moment herannahen werde, die eisernen Bande zu sprengen, welche französischer Despotismus lange und hart über unsere Gaue gelegt hatte. Schiller lebte schon nicht mehr, aber die Freiheitsgedanken, welche im »Don Carlos« und »Teil« vielfach ausgesät waren, sie hatten tief im Herzen Deutschlands Wurzel geschlagen, überall regte es sich in Schrift und Rede und Gesang, damit das Volk erwachen und seine Ketten abschütteln möge, Freiwillige erhoben sich überall, große freie Gaben wurden zugleich dem Vaterlande geboten, und eine mächtige Begeisterung[100]  machte sich fühlbar durch das ganze Land. Im April zogen sich gegen Leipzigs Ebenen von Ost und West große Heere zusammen; man erzählte von neuen Gewalttaten der Unterdrücker, in Niederschlesien hatte man für die Sache der Freiheit zu den Waffen gegriffen, und dreiundzwanzig Bürger, in solchem Beginnen verraten und gefangen, wurden dort von den Franzosen gerichtet und erschossen, kurz, die Unruhe, die Aufregung, der Haß, alles stieg auf eine Höhe, die keinen mehr in seinem gewöhnlichen Leben unangefochten lassen konnte.
Allgemein erwartete man Anfang Mai eine Schlacht. Unsere Vorstadt konnte leicht beim Vorrücken der Gefechte gefährdet werden, und so brachte ich meine Frau, deren Umstände damals besondere Schonung forderten, nebst dem wenigen, was wir besaßen, in die Stadt zu Verwandten, und daß in solcher bewegten Zeit nun auch meine wissenschaftlichen Arbeiten mehr und mehr gestört und unterbrochen werden mußten, mag man sich leicht denken. Am 2. Mai hörte man eine heftige Kanonade, die Franzosen rückten von Merseburg her immer weiter vor, man sah die fechtenden Linien bereits vom Boden unsers Hauses, der Lärm wuchs, die Franken drangen fechtend zum Tore herein, ein paar Kanonenschüsse fielen auf unserer Straße. Endlich war die Stadt geräumt, sie wurde förmlich besetzt, und eine Deputation ging ins französische Lager ab, um Schonung bittend.
Aber noch blieben die Franzosen nicht, den 3. Mai zogen sie nach Lützen zu ab, und Kosaken mit preußischen Husaren rückten wieder bei uns ein, die fröhlichsten, täuschendsten Siegesnachrichten mitbringend. Zugleich hieß es, auf dem Schlachtfelde bei Lützen, wo die Deutschen den Sieg erfochten hätten, fehle es an Wundärzten, und sogleich hatten wir jüngern Ärzte uns unter der Leitung von Clarus am 4. Mai früh an der Börse versammelt, wo[101]  requirierte Leiterwagen bereitstanden, uns nach dem Schlachtfelde zu führen, wo die Tausende, in ihrem Blute liegend, nach chirurgischer Hilfe sich sehnten. Mir war es besonders ein eigenes Gefühl! Mein Bindezeug und Charpie hatte ich wohl in Ordnung, aber nie hatte ich in meinen Studien, bei der dazumal ganz schlecht versorgten Professur der Wundarzneikunde an der Universität, Gelegenheit gehabt, mich in diesem Fache praktisch zu üben. Was ich wußte, verdankte ich meinen Büchern und meinem Studium allein, und nun sollte ich auf einmal ausüben, was nur theoretisch mir eigen geworden war. Natürliches Geschick und Begeisterung würden indes doch das Ihrige getan haben, allein – das ganze Vorhaben scheiterte. Wir bekamen Order, nicht abzugehen, denn andere Gerüchte drangen heran, und nur gar zu bald bestätigte sich der abermalige Sieg des französischen Kaisers. Noch am selbigen Tage zog das Neysche Armeekorps in Leipzig ein, und tief getrübt schien wieder auf längere Zeit der Horizont für Deutschlands Hoffnungen.

  Amazon.de Widgets
Große Truppenmassen wälzten sich jetzt durch die von neuem bedrängte Stadt, die Häuser waren mit Einquartierung belastet, Spitäler mußten errichtet werden, und mit Anfang des Monats Juni erging auch an mich die Anfrage: ob ich geneigt sei, die Einrichtung und Leitung eines französischen Militärspitals zu übernehmen. Mein Entschluß war bald gefaßt. An ernste Wissenschaftsarbeiten war in dieser Zeit so nicht zu denken, ich las kein Kollegium diesen Sommer, meine Familie bedurfte der Unterstützung; der Gefahr der Ansteckung, der jetzt so manche Ärzte unterlegen waren, setzte ich Mut und ein höheres Vertrauen entgegen, und so erklärte ich mich bereit.
Westlich von Leipzig, an dem stillen Wasser der Parthe, liegt am Rande des Rosentals ein großes sogenanntes[102]  Vorwerk, ein Meierhof, mit weitläufigen Ställen, Speichern und Scheunen, genannt Pfaffendorf; dort wurde mir diese für mich ganz neue Tätigkeit angewiesen, und einer der Flügel mit seinen ehemaligen Kornböden und Schuppen sollte das Lokal abgeben, aus welchem durch schnell eingezogene Wände nun Krankensäle, Pharmazie und Wärter- und Chirurgenbehausung hergestellt werden mußten.
So war ich nun mit einemmal aus den stillen Kreisen meines Hauses, meiner Studien und meiner Vorträge in ein vielbewegtes Treiben gedrängt. Die Krankensäle füllten sich rasch, und ich hatte täglich gegen zweihundert Kranke zu sehen. Den größten Teil des Vormittags brachte ich so in meinem Spital zu und hatte oftmals auch nachmittags wiederholten Besuch dort zu geben; außerdem versahen ein paar beigegebene Unterärzte den Dienst, und bald fehlte es auch nicht, daß diese gewechselt werden mußten, indem sie Typhus bekamen und der eine starb. Später mußte ich noch eine neue Abteilung einrichten, in welcher kranke und verwundete russische Gefangene untergebracht wurden, und nach der Schlacht von Dresden namentlich häuften sich die Leidenden in allen Abteilungen so sehr, daß der Magistrat genötigt wurde, in größter Eile hinter Pfaffendorf noch ein eigenes weites Gebäude aufführen zu lassen, worin nun ein Spital, bloß von französischen Ärzten verwaltet, eingerichtet wurde. Im September war auch dies im Gange, und ich verfehlte nicht, zuweilen dort an den Visiten teilzunehmen, wobei ich denn freilich oft mit Schrecken gewahr wurde, mit welcher Gleichgültigkeit da über Hunderte von Kranken hingeeilt wurde, kaum einmal mit Ernst bedenkend, um was es sich eigentlich handele.
Erwäge ich jene Zeit recht, so war es im Grunde hier zum erstenmal, daß es mir deutlich fühlbar wurde, wie gering[103]  ein menschliches Dasein oft auf der großen Rechentafel der Welt zu zählen scheint. Ein reiches Land gab hier die Blüte seiner jungen Mannschaft her, Tausende von Familien mußten hierher senden, was lange Jahre mit Liebe und Sorgfalt und voller Hoffnung von ihnen gepflegt worden war, und wie sorglos wurde damit umgegangen! Unzählige hatten kaum vor einem Jahr in Rußlands Eisfeldern ihren Tod gefunden, sehr viele waren jetzt wieder dem feindlichen Geschütz geopfert worden, und nicht wenigere hatten harte Verwundungen oder schwere Erkrankungen sich geholt und lagen nun auf dem Stroh der Spitäler, großenteils unwissenden Ärzten und ungenügender Kost und Pflege anheimgegeben, so daß, wer äußern Feinden entgangen war, oft den innern erlag! Ganze Generationen wurden so niedergemäht von dem unerbittlichen Engel der Verwüstung, und niemand war, der da schien des einzelnen zu achten. Gewiß, es ist nicht möglich, von dem wundervollen Bau des Menschen und von der Würde der Anlagen des menschlichen Geistes einen hohen Begriff erlangt zu haben und sich nicht tief erschüttert zu fühlen, wenn man solcher – man kann es nicht anders ausdrücken – Mißachtung der Menschheit in Massen gewahr wird! Und greift dies dunkle Geheimnis nicht etwa noch viel weiter! Sehen wir nicht oft die kostbarsten Blüten echt menschlicher Individualitäten und Verhältnisse auf eine rohe Weise geknechtet, zerrissen, ja gänzlich zerstört, auch ohne daß es sich dabei um Volkerherrschaften handelte!
Hier liegt der tief umnachtete Abgrund, der uns in erster Jugend wohl lange verborgen bleibt und der allemal, wenn wir irgend zuerst an seinen Rand geführt werden, die Seele mit einem eigenen Schauder erfüllt! Die Weisen aller Zeiten haben vergebens versucht, eine solche Tiefe mit Gründen auszufüllen, und es dauert lange und fordert[104]  eine hohe Reife des Geistes, bis daß man dahin gelangt, einzusehen, es gebe doch zuletzt, und könne für uns nur geben, eine einzige Decke über diesen Abgrund, und diese Decke werde allein gewoben aus dem Geheimnis der göttlichen Liebe und aus dem höhern Mute zu lieben.
Allerdings geschah es nun aber auch, daß die nächste Zeit noch manches heranführte, das als wahrer Prüfstein jener höhern Gesinnung gar wohl angesehen werden durfte, denn jetzt steigen nun auf vor meinem Geiste die Schreckenstage jener gewaltigen Schlacht, in welcher das Schicksal von Europa entschieden und der Held vieler vergangenen Jahre gestürzt werden sollte. Bevor ich indes dazu übergehe, ein Bild jener ungeheuern Erlebnisse zu entwerfen, muß ich noch einiges nachtragen über die ihnen zunächst vorausgehende Lebensperiode und die innerlichen Zustände derselben.
Zuerst darf ich es hier seltsam genug nennen, daß gerade in diesem Sommer, wo mit vermehrter Gewalt durchaus praktische Geschäfte mich so viel mehr als früher fesselten, eine Neigung wieder stärker hervortrat, welche durch die rein wissenschaftlichen Bestrebungen der vorausgehenden Jahre bedeutend zurückgedrängt worden war, nämlich die Neigung zur Kunst. Indes immerfort, nur einmal mehr, einmal weniger, erscheint das Leben des Menschen aus Gegensätzen, ja oft genug aus Widersprüchen zusammengewoben, und ebendeshalb mag wohl auch hier gerade die nach einer Seite überschlagende Richtung eines unmittelbar tätigen Eingreifens ins wirkliche Leben schon Grund genug gewesen sein, die Seele zeitweise wieder in das gerade entgegengesetzte Element stiller und tiefer Betrachtung und Empfindung zu versenken. So fand ich also nicht nur hier und da noch Zeit, landschaftliche Studien zu zeichnen, sondern ich begann auch, mich im Ölmalen zu versuchen, wobei ich denn, da[105]  ich ganz als Autodidaktos verfahren mußte, mit Behandlung der Farben, Trocknen und Anwendung der Firnisse usw. Not genug mir bereitete. Erst später gelang es mir, ein paar kleine Gemälde von Klengel in Dresden, dem damals berühmtesten Landschaftsmaler Sachsens, zu erhalten, und die ganz sauber gelungenen Kopien nach denselben verwahre ich noch jetzt, dankbar für alles, was ich daran gelernt habe, als Zeichen jenes Fleißes und an sich als ganz anmutige Bilder.


Kam ich übrigens dazu, an stillen Nachmittagen mich ein paar Stunden in die Waldeinsamkeit des Rosentals zu versenken und an Studien nach alten Baumstämmen, Laubmassen und üppigen Pflanzengruppen mich zu erholen, so veranlaßte es mich zugleich nicht selten zu besondern Betrachtungen, wenn ich bedachte, wie ruhig und groß das Naturleben in seinem Gange dahinzöge, während der Mensch mit seinen Eroberungsplänen, Völkerbewegungen und Kämpfen gern glauben machen möchte, daß er die Gestaltung der Erde zu verändern imstande sei, indem er das zu schaffen glaubt, was wir mit dem stolzen Namen einer Weltgeschichte belegen. Da lag der große Eichenwald in seiner tiefen Ruhe, das Leben der Vögel drang durch die Zweige, die Wiesen wallten in dem vollen Wuchse ihrer Pflanzen, die Wolken zogen so ruhig ihren Weg, gleichgültig, ob die ganze Menschheit schlafe oder wache, und so hatte man das Gefühl, die Erde lebt ihr stilles unbewußtes Leben nach ewigen Gesetzen von Tag zu Tag dahin, und alles, was wir Übermütigen als Weltbegebenheiten preisen, es drängt sich auf schmalen Landstraßen und in verhältnismäßig so kleinen Ortschaften zusammen, dergestalt, daß kein eben sehr entfernter Standpunkt von der Erde dazugehören würde, um gar nichts mehr davon gewahr zu werden.
Ein anderes ist noch, auf welches ich hier einen rückwärts[106]  gewandten Blick richten möchte: es ist der Standpunkt meines geistig-wissenschaftlichen Ringens und die Stimmung meiner Gemütswelt zu jener Zeit. In ersterer Beziehung habe ich schon früher bemerkt, daß die Schriften von Schelling, Oken, Troxler und ähnlichen nicht ohne Einfluß auf meine physiologisch-philosophische Richtung geblieben waren. Das nähere Verhältnis dieser Strebungen zur Natur, das Festhalten an einem gewissen genetischen Gange der Betrachtung und der Charakter einer frischen, der Zeit überhaupt angehörigen Regung hatten daran indes entschieden mehr teil als die pantheistische Gesinnung dieser Schule; im Gegenteil, ich darf sagen, daß diese letztere mir immer sehr unbefriedigend vorgekommen ist, obwohl ich damals noch nicht so bestimmt das in meinem Geiste ausgebildet hatte, was ich späterhin mit dem Namen des Entheismus am angemessensten bezeichnen zu können glaubte. Bedenkt man es genauer, so dürfte man überhaupt vielleicht am richtigsten Pantheismus einerseits und den personifizierenden Monotheismus andererseits als zwei gleich unhaltbare Ansichten betrachten, und wie mir es früh schon unmöglich gewesen wäre, den Begriff eines alttestamentarischen Gottes, welcher als ein menschlicherweise denkendes und handelndes besonderes Wesen dem Weltall gegenübergestellt wird, zu dem meinigen zu machen, so war mir auch jene Vorstellung, welche Natur und Gott vollkommen identifiziert und das eine gleichsam nur als Kehrseite des andern betrachtet, ebensowenig genügend und störte mich in den Schriften der neuern Naturphilosophen vielfältig. Dagegen war ich in jener Periode wieder zu der dritten, zwischen den genannten Ansichten liegenden innern und tiefern Anschauung eines höchsten göttlichen Mysteriums, in welchem wir zugleich mit dem All »leben, weben und sind«, noch keineswegs hindurchgedrungen, und manche einsame[107]  Stunde rang deshalb der Geist in mir mit Unruhe und Zweifel.
Da es nun zuletzt doch allemal bewußt oder unbewußt maßgebend für die Seelenzustände und das geistige Leben eines Menschen sein muß, wie er sein Verhältnis zum Höchsten auffaßt, so fühlte ich allerdings die Einwirkung jener innern Schwankungen überall, und ein Gefühl eines mir selbst noch nicht recht gemäßen, eines innern unvollkommenen Zustandes, die Ahnung, daß es überhaupt eine Lebensführung geben müsse, welche anders, vollendeter, befriedigender und schöner sei, versenkte mich häufig in jene eigentümliche, tief melancholische Stimmung, welche so oft ein Zeichen von Unreife ist und in der Jugend daher besonders leicht vorkommt. Ist nun aber diese Verstimmung nicht auf wahrer innerer Unfähigkeit für ein Höheres basiert, so wird man meistens auch finden, daß es dem Menschen früher oder später gelingt, nach und nach sich von ihr frei zu machen und jene Trübungen zu überwinden.
Wie es nämlich bei einer wahren Liebe und einem echten rein gegen das Höchste gewandten Streben nur zur Förderung einer solchen Richtung und Festigung des Geistes gereicht, wenn wir uns möglichst vielfältig äußern, das heißt unser Inneres im Äußern uns gegenständlich machen können, so kann auch hinwiederum nichts mehr geeignet sein, uns von halben und ungemäßen Zuständen zu befreien und falsche Umnachtungen aufzuklären, als daß wir sie uns recht unverschleiert und deutlich in einem Spiegelbilde zur Anschauung bringen. Vielfältig ist daher in Lagen dieser Art schon empfohlen worden das Niederschreiben aller unserer Gedanken darüber; aber noch weit mächtiger wirkt ohne Zweifel, eben weil so die gemütliche Stimmung mehr auszudrücken ist, das Ausfuhren und Darlegen derselben durch die Entwerfung[108]  eines Kunstwerks; eines Kunstwerks, welches gleichsam als Ausdruck und Gleichnis des gesamten Seelenzustandes dem Geiste dann wirklich einen Spiegel vorzuhalten vermag. Wie oft ist es mir daher nicht auch noch späterhin gelungen, das innerste Geheimnis der Seele von schwerer Trübung zu reinigen, indem ich dunkle Nebelbilder, in Schnee versunkene Kirchhöfe und Ähnliches in bildlichen Kompositionen entwarf, welche, wenn sie auch manchen andern gleichfalls umflorten Seelen zusagten, doch endlich immer am meisten mir selbst Erleichterung, ja Befreiung zu schaffen pflegten.
Freilich muß ich nun auch noch hinzufügen, daß die wissenschaftlichen Strebungen selbst, so gewiß von ihnen einerseits jene Trübung mit ausging, doch andererseits ohne Widerrede zu einem wahren Halt und Trost mir gereichten. Ich darf mich dabei glücklich preisen, daß meine Laufbahn überhaupt noch in eine Periode des Werdens aller Naturwissenschaft und namentlich der Morphologie und Physiologie gefallen ist. Wo noch so viel unbearbeitetes Feld vorliegt, da ist immer leichter Land zu gewinnen, und der erste Entdecker, der auf einer wüsten Insel des Ozeans seine Fahne, aufsteckt und seinen Namen eingräbt, hat leichteres Spiel, sich selbst unsterblich zu machen und große Eroberungen zu erlangen, als irgendein noch so trefflich ausgerüsteter späterer Reisender, der in längst kultivierte und in geordneten Besitz genommene Länder einzieht. Ich sah also damals auch in der Wissenschaft noch nach allen Seiten viel unerobertes freies Land vor mir, und indem auch dies mir Tatkraft und Lust bedeutend erhöhte und wirklich manches mich rascher erwerben ließ, war auch darin ein Gegengewicht gegen alles Versinken in müßige Schwermut hinreichend dargeboten.

  Amazon.de Widgets
Unter der Besorgung meines französischen Spitals und bei[109]  einem stillen einfachen Leben, teils mit den Meinigen, teils unter meinen Büchern, anatomischen Arbeiten und hier und da unter malerischen Studien, hatte ich den Sommer 1813 verbracht, da kam zuerst die Nachricht von der Schlacht bei Dresden, und bald darauf erfolgte der Waffenstillstand, währenddessen der Kaiser auf einen Tag in Leipzig weilte und uns in dessen Folge angesagt wurde, in den Spitälern parat zu sein, da es wohl sein könne, daß er in einem oder dem andern sich selbst umsehe. Nachmittags war große Parade auf dem Markt, und hier ist es, wo ich den merkwürdigen Mann zum ersten- und letztenmal in meinem Leben flüchtig gesehen habe. Sonderbar ist es, mit welcher Gewalt und mit welchem Nachhalt in solchem Falle das Sinnesorgan eine Erscheinung zu fixieren vermag! Noch jetzt, wenn ich die Augen schließe, kann ich genau den Ort, wo der Kaiser stand und wie er stand, mir visionsartig hervorrufen! Sein Bild, gleichsam das Phantasma von ihm, besteht noch, während seine eigene Erscheinung längst in die zeugenden Elemente wieder aufgelöst ist!
Die Visite der Spitäler erfolgte nicht, doch waren die Berichte über deren Bestand vorgelegt, und der französische Oberarzt Dr. Choppart eröffnete mir bald nachher, daß nebst einigen andern Ärzten wegen vorzüglicher Krankenbesorgung auch ich für den Orden der Ehrenlegion in Vorschlag gebracht worden sei, ein Vorschlag, dem freilich damals die Umstände nicht Folge zu geben erlaubt haben. (Vierzig Jahre später wurde er mir durch Napoleon III. nachträglich verliehen.) Bekanntlich hatte der Waffenstillstand keine lange Dauer, und mehr und mehr zogen sich nun die kriegführenden Heere gleich finstern Wetterwolken gegen die weiten Ebenen von Leipzig heran.
Schon seit dem 14. Oktober hörte man von ferne starken[110]  Kanonendonner; allein immer näher wogte das Ungewitter heran, und mit dem 16. begann nah und fern in der Umgegend eine der fürchterlichsten Schlachten, welche die Geschichte aufgezeichnet hat. Schon am 17. war der Sieg für die Alliierten kaum mehr zweifelhaft, und der Rückzug der Franzosen hob an, sich durch die Straßen Leipzigs und den Ranstädter Steinweg hinauszuwälzen, fast vor unsern Fenstern vorbei, eine der schrecklichsten Szenen, die man sehen konnte; denn die halbaufgelösten Regimenter drängten sich, untermischt mit Packwagen, Vieh, Munitionskarren und Geschütz, in vielfacher Verworrenheit und immer unter dem Rollen des Kanonendonners dahin. Die ganze Nacht durch dauerte der grauenvolle Zug, und als wir am 18. früh ans Fenster traten, lagen in dem breiten Mühlgraben, welcher die Straße durchfließt, umgestürzte Wagen, standen brüllende Rinder und wieherten einzelne Pferde, während immer Zug um Zug auf der Straße sich vorbeidrängte. Am selben Tage sahen wir vom Boden des Hauses über Pfaffendorf hin die schwedischen Truppen anrücken, wir konnten das Aufführen der Geschütze sehen und den Blitz des Pulvers gewahr werden; einzelne Haubitzen fielen in die Stadt und zündeten an einigen Orten, so daß denn dies alles wenig dazu stimmte, daß man noch kurz zuvor zugunsten unsers unglücklichen, hier verweilenden Königs Friedrich August sich mit Siegesnachrichten für Napoleon getragen und mit allen Glocken geläutet hatte. Um diese Zeit war nun auch eine französische Batterie im Löhrschen Garten am Wasser, Pfaffendorf gegenüber, aufgefahren worden, und weil man fürchtete, die Schweden würden sich in jener Meierei, vor kurzem noch meinem Spital, festsetzen, so schoß man von dort aus diese Gebäude in Brand, so daß ich bald aus denselben Dächern die Flammen aufsteigen sah, welche noch vor drei Tagen[111]  meine Kranken und Verwundeten bedeckten. Die Ordre, sie zu entlassen und wegzuschaffen, war mir eben noch kurz vor der Schlacht zugekommen, und von allen waren vielleicht nur einzelne Leichen unter dem Stroh der Lager hier und da zurückgeblieben; kurz, das Gemälde des Tags wurde in jeder Beziehung immer grauenvoller.
Was mich und die Meinigen betraf, so hielten wir uns jetzt zumeist in einem festgewölbten Parterreraum des Hintergebäudes auf, denn schon wurde die Existenz in den obern Räumen unsicher. Am 19. vormittags begegnete es mir, daß, während bereits von allen Seiten her die Tirailleure der Alliierten in die Gärten der Vorstädte eindrangen, ich wieder einmal auf den Boden des Vorderhauses stieg, um die Umgegend zu überblicken, und ebenda, als ich die Treppen wieder herabkam, fand sich, daß unterdessen eine Büchsenkugel durchs Fenster geflogen und gerade über den Stufen in die Wand eingeschlagen war, so daß ich, wäre ich ein paar Minuten früher herabgegangen, jedenfalls die Kugel in die Brust bekommen hätte. Nachmittags, als wir eben wieder nach sparsamem Mahle in unserm Gewölbe beisammensaßen, hörten wir einen furchtbaren Knall, der sich von dem steten Rollen des Kanonendonners deutlich unterschied: es war die Explosion, welche die Brücke am äußern Ranstädter Tore sprengte, um die Flucht des fränkischen Heeres zu decken. Was noch von Franzosen in der Stadt war, verteidigte sich jetzt nur noch schwach; von allen Seiten drangen preußische und russische Truppen herein, hier und da wurde geplündert. Ein preußischer Offizier, den wir an der Haustür mit einem Trunk gelabt hatten, wurde unser Schutz gegen die Plünderungslust russischer Jäger, die vom Rosental her über die Planken der Gärten hereinkamen; aber dawider natürlich konnte nichts uns schützen, daß nicht gegen Abend das ganze Haus voll Soldaten[112]  gelegt wurde. Im Vorderhause lagerten Preußen sich in die Zimmer, im Hofe zogen Kosaken ihre Pferde ein, und sie selbst biwakierten in Menge um die Kessel der Färberei, Kessel, in denen jetzt weniger Farben als Fleisch und Gemüse und Suppen gekocht werden mußten.
Wie in solchen Fällen ein ruhig und friedlich geordnetes Familienleben plötzlich umgestürzt, zum Teil aus allen Fugen gerissen werden kann und doch gewissermaßen in organischem Gange sich fortbewegt, ist seltsam genug zu sagen. Alles Hergebrachte, in gewisser Regelmäßigkeit durch Gewohnheit Geheiligte ist aufgehoben, nur dem Drange des Augenblicks, nur der eben jetzt gebieterisch geforderten Notwendigkeit wird gehorcht, und doch, auch so lebt man weiter und sieht abends fast mit Erstaunen, daß der Tag vorübergegangen ist, den man kurz zuvor fast unübersteigbar wähnte.

  Amazon.de Widgets
Wirklich hatte indes die nun folgende Nacht leicht genug unserer gesamten Existenz ein Ende machen können. Da nämlich fast alle Betten für die Einquartierung in Anspruch genommen waren, so hatten wir, nachdem an Lebensmitteln hergegeben worden war, was immer vorhanden, erst nach Mitternacht auf die wenigen noch übriggebliebenen Strohsäcke uns niederlegen können. Kaum war ein Uhr vorbei, so weckte uns Lärm und gewaltiger Feuerschein; wenig Häuser von uns entfernt brannte ein Dach hell auf, und daß an regelmäßiges Wirken der Löschanstalten nicht zu denken war, mußte jedes sich sagen. Zum Glück war die Nacht ziemlich klar und windstill. Ein mäßiger Luftzug nur, und die ganze Straße war verloren; zumal da auf dem Steinwege alles voll Munitionswagen stand, durch die gesprengte Brücke bis zu deren Wiederherstellung dort aufgehalten. Für alle Fälle blieb uns nichts übrig, als mitten durch die unten biwakierenden[113]  Kosaken und Pferde hindurch unsere besten Habseligkeiten in den Garten zu schaffen und abzuwarten, ob das Feuer sich ausbreiten oder in sich erlöschen würde. Auch aus den Nachbarhäusern erfolgte solcher Auszug mit schlaftrunkenen Kindern und Alten in die Gärten, und da lagen wir nun auf mitgenommenen Wolldecken und warteten unsers Geschicks.
Als sich nun der Zustand der Stadt nur etwas wieder geordnet hatte (am Morgen des 21.), ging ich aus, um mich umzusehen und einiges Nötige zu besorgen. Welcher Anblick aber bot sich mir dar! Der Platz vor der Mühle am Ranstädter Tore war mit weggeworfenen verrosteten Gewehren und umgestürzten Wagen bedeckt, hier und da, kaum kenntlich, lagen im Schmutz des Bodens Leichen französischer Soldaten und gefallener Pferde, überall war das freie Holzwerk an Barrieren usw. zu Wachtfeuern weggebrochen, einzelne Bäume umgehauen, selbst in den Gräben an der Promenade sah man hier und da unter den Büschen menschliche Leichen, und eben als ich wieder nach Hause zurückkehrte, landete dort in der Nähe ein kleiner Fischerkahn, in dem ein stattlicher Leichnam ausgestreckt lag, bekleidet mit polnischer Generalsuniform: es war der des Fürsten Poniatowski, welcher nach gesprengter Brücke mit seinen Lanciers durch den Reichenbachschen Garten die Heerstraße wiedergewinnen wollte und bekanntlich ertrank, als er mit seinem Pferde in das tiefe Wasser der trügerischen Elster gesprengt war. Ein Anblick, der sonst Hunderte von Zuschauern herbeigezogen haben würde, er erregte jetzt kaum das Umsehen einzelner Vorübergehenden.
Den nächsten Tag ging ich nun hinaus nach Pfaffendorf, wo ich fünf Monate hindurch als Arzt nach Kräften gewirkt hatte, und betrachtete die große Brandstätte. Auch die Ställe, in welchen das Vieh der Meierei stand, waren[114]  in Feuer aufgegangen; niemand hatte die armen Tiere herausgezogen, und so lagen sie reihenweise halb verbrannt zwischen den zusammengestürzten Mauern, und man sah, daß hier und da von hungrigen Bewohnern des neu aufgebauten und erhalten gebliebenen Spitalflügels Stücke abgerissen oder abgehauen waren, damit sie zur Nahrung dienten. Ich ging hinüber, wo sonst die französischen Ärzte eine weit größere Anzahl Kranke behandelt hatten. Das Wegtransportieren aller war unmöglich gewesen, aber jede Sorge für die zurückgebliebenen Kranken während der Schlacht hatte aufgehört, und so traf ich nun nur noch auf wenig Lebende, aber auf hochgeschichtete Berge von herabgeschleppten, ja teilweise aus den Fenstern geworfenen Leichen.



 Zweites Buch
Reifere Ausbildung

Den 8. März 1848






III.

[115] Wenn unerwartet ein Vulkan ausbricht, wenn die Erde reißt, Aschenkegel sich auftürmen, alle und jede Kultur des Bodens vernichtet wird, feurige Dämpfe ausbrechen und Lavaströme sich ergießen: nur einem solchen gewaltigen Vorgange großen Naturlebens ist es zu vergleichen, wenn im Leben der Menschheit große Heere sich treffen, die verwüstende Schlacht sich entzündet und so die ruhige Existenz vieler Jahre in Städten und Dörfern in wenig Tagen in Graus und Zerstörung auseinanderfällt!
Der Anblick jenes verbrannten und dieses halb ausgestorbenen Spitals hatte mich im tiefsten ergriffen. Es fehlte dort an aller Aufsicht und Anordnung. Ich konnte es nicht lassen, mehrmals hinauszugehen, ich half mit anweisen, einrichten, sorgte mit für Herbeischaffen von[115] Nahrung und Heilmitteln für die wenigen noch Lebenden; aber in diesen Augenblicken war es auch jedenfalls, daß mich, den von Nachtwachen, Sorge und Schrecken reizbarer Gewordenen, das in der Luft schwebende Gift der Krankheit erfaßte, dem ich fünf Monate hindurch glücklich widerstanden hatte, daß es sich mir einimpfte und mich bewältigte; denn nur wenige Tage vergingen, und ich fühlte die Vorboten des Typhus, und bald lag ich inmitten meiner wehklagenden Familie auf einem Krankenlager, das beinahe zum letzten Lager dieses Lebens geworden wäre.
Eigentlich darf ich sagen, daß einundzwanzig Tage aus dem Bewußtsein meines Lebens bis auf wenige phantastische Erscheinungen vollkommen gestrichen sind. Sowie das Fieber stieg, hatten meine Gedanken allen Halt verloren, und durchgehenden Rossen vergleichbar, verloren sie sich in die wunderlichsten Gefilde. Ein Ideengang, der mich, wie ich mich dunkel entsinne, viel beschäftigte, war auf die Angelegenheiten des damals vielbesprochenen Tugendbundes gerichtet. Durch einen Gewinn in der Lotterie war mir ein ungeheueres Vermögen zugefallen, ich disponierte vielfältig über diese Summen, um die auf Deutschlands Erhebung abzweckenden Pläne dieser Verbindung zu fördern, und mehrmals bezeichnete ich meiner Frau genau die Stellen und Fächer in meinem Pulte, wo die Goldrollen lagen, welche sie bald da-, bald dorthin verabfolgen lassen sollte. Aber die Fieberglut stieg immer mehr, und kaum waren ein paar Wochen unter Qualen mehr der Meinigen als meiner selbst, der ich wie im Traume befangen war, vergangen, so lag ich da mit zusammengefallenem Körper, trockener schwarzer Zunge und unfähig zu irgendeiner verständigen Mitteilung, außer wenn mein Arzt, der würdige Clarus, kam; seinen Schritt hörte ich schon von weitem, und ihm allein konnte[116] ich mich denn auch einigermaßen zusammenhängend aussprechen. Jetzt trat auch jenes Gefühl des Doppeltseins hervor, was man in dieser Epidemie öfters und meist als schlimmes Vorzeichen bemerkte; das eine Bein gehörte meiner Empfindung nach einem andern neben mir liegenden Kranken, der mich höchlich belästigte, und nach all diesen Anzeichen mochte sich nun auch bei Clarus die Ansicht ausgebildet haben, ich sei nicht mehr zu retten. Vielleicht wäre ich auch wirklich verloren gewesen; aber so wie am Ende alle die wunderbaren Lebensprozesse, welche eine Krankheit wieder zur Genesung führen, nur vom Unbewußten unserer Psyche ausgehen können, so erwacht auch zuweilen im bewußten Vorstellungsleben in dergleichen kritischen Lagen eine eigene, vom Unbewußten diktierte Gedankenfolge und leiht dann dem, was man die Heilkraft der Natur oder den Arzt im Menschen nennen kann, bestimmte Worte, mitunter so die glücklichsten Resultate herbeiführend. Also ging es auch mir! Ein prophetisches Gefühl machte sich geltend, und es erwachte plötzlich in mir eine unwiderstehliche Sehnsucht nach einem Bade. Sobald mein Arzt kam, sprach ich es aus, ich müsse ein Bad haben. Den ersten Tag schien Clarus sehr dawider zu sein, als ich aber am folgenden immer wieder darauf zurückkam, gestattete er es (wie ich später hörte, freilich mit wenig Hoffnung), und so wurde denn gegen Abend mit Aufgüssen aromatischer Kräuter eine solche Labung mir bereitet. Es ist merkwürdig, aber ich darf behaupten, der einzige ganz klare und darum auch in der Erinnerung mir ganz lebendig gebliebene Moment in diesem gewaltigen Krankheitssturme war der, wo man mich in das Bad legte. Zwar die Umgebungen schienen mir durchaus verändert; meinen Vorstellungen nach war unser Haus niedergebrannt, und ich befand mich weit weg versetzt auf dem Lande; eigene wunderbare elektrische und[117] magnetische Apparate glaubte ich im Zimmer aufgestellt und auf mich mit geheimen Kräften einströmend, und so kam es, daß ich mit einemmal das so lang entbehrte Gefühl erneuter Gesundheit zu empfinden wähnte und so davon durchdrungen war, daß wie nächtliches Gespinst die Angst der Krankheit von mir wich und ich zur größten Verwunderung meiner Umgebung wie halb träumend anfing, aus Goethes Fischerliede zu rezitieren:

O wüßtest du, wie's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund.

Bald aber verließen mich die Sinne, man hob mich in gewärmten Tüchern wieder auf mein Lager, und das Fieber ging zunächst zwar seinen weitern Gang; allein seine Kraft war doch gebrochen, ein entschiedener Wendepunkt war gegeben, und von diesem Tage an schrieb sich nun eine allmählich fortschreitende Besserung. Übrigens hatte man, aufmerksam geworden durch den entschieden wohltuenden Erfolg dieses ersten Bades, versucht, den andern Tag mir es abermals zu geben, aber seine Einwirkung war nicht mehr wohltätig, es griff mich an und ermattete mich; man durfte es nicht wieder anwenden. Nur jenes durch das dunkle unbewußte Verlangen in mir geforderte Bad, ihm verdankte ich meine Rettung.
Nach und nach kehrte mir dann ein klareres Bewußtsein wieder; aber ich war abgezehrt und so kraftlos, daß ich wie ein Kind wieder allmählich anfangen mußte, gehen zu lernen. Wie sonderbar war mir jetzt, als ich anfing, von den Dingen um mich her wieder Kunde zu nehmen! Die Weltgeschichte hatte eine andere Gestalt angenommen, die fränkische Herrschaft war zertrümmert, Deutschland war frei, und die Verbündeten waren auf dem Wege nach jenem Paris, von wo aus so lange Europa Gesetze diktiert worden waren! Aber in der Nähe fühlte man noch[118] stark die grimmigsten Nachwehen des fürchterlichen, hier vor kurzem wütenden Kampfes! Noch waren die Spitäler der Stadt überfüllt; eine der heftigsten Typhusepidemien hatte pestartig auch unter Leipzigs Einwohnern gehaust; man hatte oft mehrere Hunderte (einmal gegen achthundert) in einer Woche ihr unterliegen gesehen, überall waren Familienbande zerrissen, und so hatten sich nach allen Seiten im großen und kleinen die Verhältnisse durchaus geändert! – Unter diesen Umständen mußte das Wiedererstehen von einem solchen Krankenlager in jedem Sinne eine wahrhafte Wiedergeburt genannt werden.
Mit einem eigenen Gefühl trat ich demnach in das Jahr 1814 ein. Der letztvorhergegangene Monat noch hatte mir, dem kaum Genesenden, wieder manche andere schwere Erkrankungen im Hause gebracht. Meine Mutter sowohl als meine Frau wurden von der Epidemie, wenn auch leichter, ergriffen, und durch alles dieses war die gemeinsame Not und Plage in Verbindung mit den äußern Verhältnissen auf eine fast unleidliche Höhe gesteigert worden. Glücklicherweise ist aber durch ein höheres organisches Walten im Gange des Lebens fast immerdar dem fürgesehen, daß der sterbliche Mensch nicht über sein Vermögen belastet und bedrängt werde und daß auf zu schweren Druck doch immer wieder einige Erleichterung und Befreiung folge. So also ging es auch hier! Das erneute Kraftgefühl, was sich in mir kundgab, außer mir die Freude an dem wieder sich aufrichtenden Deutschland, die Genugtuung, die Meinigen wieder alle wohl um mich zu sehen, zugleich aber auch die Vermehrung ärztlicher Tätigkeit und das nun raschere Vorrücken meiner größern Arbeit über das Nervensystem und Gehirn, zu welcher ich bereits seit ein paar Jahren Materialien gesammelt hatte, das alles erhöhte meinen Lebensmut und erfrischte nach finstern Stürmen mein Dasein.[119]
Schon im Februar kam hierzu noch der Vorschlag, den man mir machte, die Professur der Anatomie und Physiologie in Dorpat anzunehmen. Die erste öffentliche Anerkennung einer wissenschaftlichen Bedeutung, die ein junger Mann durch eigene Kraft sich erworben, sie kann nicht anders als hebend und belebend einwirken; und obwohl ich nach jenem Norden mich sonst keineswegs gezogen fühlen konnte, ja die Sache selbst noch mit manchen Schwierigkeiten verbunden blieb, so mußte dadurch mir doch eine erfreuliche und dankenswerte Anregung werden, welche jedenfalls dem Werke, über dem ich nun Tag und Nacht brütete und zu welchem mir Heinroth den Verleger verschafft hatte, höchlich zustatten kam. Nicht genug, daß ich neben meinen wieder aufgenommenen Vorlesungen die anatomischen Untersuchungen über Hirnbau eifrig fortsetzte und die Präparate sauber zeichnete, ich radierte und ätzte auch die sechs Tafeln, welche den Text erläutern sollten, selbst, und während ich in den ersten Frühstunden an dem Manuskript eines Werks arbeitete, welches später mir einen guten Namen in Deutschland begründet hat, während ich dann in den Vormittagsstunden das Entbindungsinstitut und meine Kranken besuchte, deren Zahl jetzt dadurch, daß ich das Grimmaische Stadtviertel als Armenarzt zu besorgen übernommen, einen bedeutenden Zuwachs erhielt, so blieben mir nachmittags doch immer noch einzelne Stunden frei, welche ich den Arbeiten an der Staffelei widmen konnte. Übrigens war entschieden auch für die Kunst ein neuer Geist eingezogen; denn die Bilder, welche mir im Frühling und Sommer 1814 entstanden sind, tragen gar deutlich ein anderes Gepräge als alle frühern. Eine Szene aus dem Rosental im ersten noch blätterlosen Frühlingstreiben, sorgfältig zuvor nach der Natur gezeichnet und dann als Ölbild mit größter Sauberkeit ausgeführt, gehört zu dem Besten, was[120] ich überhaupt gemalt, und erinnerte späterhin die Künstler vielfältig an manche alte saubere Bilder der niederländischen Schule.
In dieser Art verging mir denn, nach den Qualen des vorigen Jahres, der Sommer 1814 in vielfacher Tätigkeit, erstarkter innerer Heiterkeit und einem reinen Genügen des Daseins, welches – eben weil die Anforderungen, die ich an das Leben machte, nur sehr mäßig waren – ihnen allen genugsame Befriedigung gewähren konnte. Ebendeshalb sah ich es auch zunächst ganz ruhig an, daß von Rußland jener ersten Aufforderung keine weitere Folge gegeben wurde, gab mir doch mein heranwachsendes Werk die sichere Hoffnung, daß ein bestimmter Erfolg im Leben mir auch anderwärts nicht fehlen würde, und als ich nun bald ganz unerwartet einen zweiten Antrag erhielt, nämlich den, bei der neu zu organisierenden Akademie für Chirurgie und Medizin in Dresden eine Professur zu übernehmen, so bewegte mich auch dies damals nicht in dem Maße, als man hätte erwarten dürfen, wenn man bedenkt, daß gerade an diesen Ruf der wichtigste Wendepunkt meines Lebens geknüpft sein sollte. Was mit Anregungen großer Erwartungen beginnt, läuft oft ganz unbedeutend aus, und gerade das, woraus der mächtigste und unerwartetste Umschwung hervorgehen soll, eröffnet sich meistens auf scheinbar anspruchslose und ganz stille Weise. So ging es auch mir, als nach und nach diese Angelegenheit zur Entscheidung kam und es festgestellt wurde, daß ich im November in Dresden die Professur der Entbindungskunde nebst der Direktion des dortigen Entbindungsinstituts, und zwar unter sehr mäßigen Bedingungen (es waren mir bei freier Wohnung nur 500 Taler ausgesetzt), wirklich übernehmen sollte; ich ahnte keineswegs, wie wichtig für inneres und äußeres Leben gerade diese Übersiedlung mir werden würde, und hatte wirklich nicht[121] einmal eine klare Vorstellung davon, wie schwierig doch eigentlich die Aufgabe sei, welche zu lösen mir somit aufgegeben wurde.
Der Herbst war nun herangekommen, bald sollte ich das neue Lehramt in Dresden antreten, und es war nötig, doch zuvor den Boden dort etwas zu sondieren. Im Oktober reiste ich daher zuvörderst allein auf wenige Tage nach Dresden, allwo um diese Zeit noch der russische Fürst Repnin die Verwaltung eines Landes leitete, welches freilich seit dem Ausgange der Schlacht von Leipzig geradezu als ein erobertes angesehen zu werden pflegte. Die Art zu reisen damals gegen die jetzige hatte noch etwas Nomadenhaftes und Schneckenhaftes zugleich. Mit mehrern von der Messe heimkehrenden Kaufleuten fand ich mich in einen Lohnkutscherwagen zusammengepackt, und man schätzte sich glücklich, in der Reihe mehrerer solcher Wagen nach zwei langen Reisetagen und einem schlechten Nachtlager wohldurchgeschüttelt an einem Ziel anzukommen, das man gegenwärtig in kaum vier Stunden erreicht. Es machte mir einen eigentümlichen Eindruck, als ich in der Gegend vor Meißen, wo man einen anmutigen Hügel herabfuhr, das Blinken der breit daherströmenden Elbe wieder erblickte! Hier zum erstenmal kam über mich wirklich der Gedanke, ich stehe an der Pforte eines neuen Lebens, es müsse von hier an etwas anderes und Größeres mein Dasein bewegen! Ich druckte mich tief in die Ecke des engen überfüllten Wagens, hörte nicht mehr die einzelnen gleichgültigen Reden der mitfahrenden Kaufleute, und mancherlei Gedanken zogen durch meine Seele.
So kam ich denn freilich diesmal mit sehr viel andern Gefühlen, Erwartungen und Aufgaben nach Dresden als früher! Ich traf das Gebäude, welches zu meiner Anstalt und Wohnung angewiesen war, noch kaum frei von der Spitaleinrichtung, die es in den Kriegszeiten gehabt hatte,[122] und es kam mir sonderbar vor, als ich fand, daß es ebenda am Zeughause vor dem Walle gelegen war, der mir vor Jahren in solch tiefem Frieden erschien, daß sogar ein kleiner Vogel sein Nest in die Mündung einer Kanone bauen konnte.
Was mich aber am meisten entzückte, war, daß aus den Fenstern der mir zur Wohnung bestimmten zweiten Etage jenes Hauses eine Aussicht auf die Elbe sich öffnete, wie sie mir freilich gegen Leipzigs Aussichten ganz neu war und wie ich sie so sehr mir gewünscht hatte. Nach wenigen mit Geschäften reichlich ausgefüllten Tagen fuhr ich wieder nach Leipzig zurück, wo nun ernstlich die Vorbereitungen zum Umzuge der Familie beschafft werden sollten.
Ein paar ruhige Abendstunden an einem der letzten Tage in Leipzig wandelte ich lange und still unter den fallenden Blättern des Rosentals hin, und viel und mancherlei Gedanken umwebten meinen Geist. Ich kannte hier so viele Bäume wie alte Freunde, so viele Stämme mit den malerischen Wurzeln hatte ich gezeichnet, die Wiesenstreifen zwischen den Waldstrecken hatten mich so recht eigentlich in ihrer Mitte heranwachsen sehen; es ist unglaublich, wie man an solche freie Naturgebilde sich heften kann! Wer das empfunden, dem sind die Sagen von geheimnisvollen Waldfrauen und liebenden Elfen kein Märchen mehr, sondern er erkennt darin nur den Ausdruck des tiefen menschlichen Gemüts, welches Stimmungen, durch weiche und irgend homogene Naturwirkungen hervorgerufen, endlich seltsam objektiviert und damit doch oft prophetisch Ereignisse und Begegnungen andeutet, welche dann erst so viel später und oft genug in ganz unerwarteter Weise in die Wirklichkeit treten können. Es war nicht ohne eine gewisse schmerzlich-wehmütige Empfindung, daß ich an jenem Abende bei aufsteigenden weißen[123] Nebeln den Wurzeln und Zweigen jenes Waldes mich entwand, und nie werden die Zwiegespräche ganz mir entschwinden, die ich so oft in diesen Schatten mit der Waldluft gehalten hatte.
Einen in ganz anderer Weise rührenden Abschied hatte ich auch noch bei den mancherlei dürftigen Familien zu nehmen, denen ich seit längerer Zeit als Armenarzt hilfreich gewesen war. Gerade in diesem Verhältnis aber, wo der Arzt ganz frei und unentgeltlich Kranken und Bedrängten zur Seite steht, in diesem Verhältnis, wo er zugleich durch Verordnung von Nahrung und Holz zum Wohltäter so vieler werden kann, ist dem, der mit Milde und echter Teilnahme seine Aufgabe behandelt, eine gar schöne und im edelsten Sinne humane Stellung gegönnt. Als viele dieser Bedrängten, wie ich sie nun so der Reihe nach zum letzten Mal besuchte, mir mit Tränen die harten Hände reichten und klagend, daß ich sie verlasse, mir ihren Dank und gute Wünsche lebhaft fühlend nachriefen, da empfand ich es wohl, was es mit dem großen, rein menschlichen Berufe des Arztes für eine Bewandtnis habe, und erkannte es zugleich, daß die wahre Belohnung eines echten ärztlichen Wirkens in einem andern Buche niedergeschrieben werde als in dem Kontobuche des Kaufmanns.
Der November eröffnete sich mit trübem Wetter und Schneegestöber, so daß ich mitunter in dem schlechtverwahrten Wagen für die Kinder fürchten mußte, nichtsdestoweniger aber trafen wir den 2. November abends alle wohlbehalten in Dresden ein.



Der Abend, den Faust mit tiefem Nachsinnen über Welt und Menschen und das eigene Ich vollbringt, er hat seit langen Reihen von Jahren eine eigene Gewalt über mich gehabt und bewährt sie auch diesmal! Still und mondlos ist die Nacht, ich durchsuchte alte Papiere, versenkte mich in vergangene Zeiten, bedachte, wie nach und nach gerade dieses mein Sein, mein Denken, mein Leben so herangewachsen und geworden war, und da trat denn auch der Gedanke wieder hervor, ich müsse denn doch die angefangene Geschichte dieses Wachstums weiterführen, ja sie endlich irgendwie abschließen und vollenden!
Welche Betrachtung der Seele ist aber fruchtbarer als die genetische? Was ist lehrreicher als die Geschichte der Entwicklung des Menschen? Lehrreich in der verschiedensten Beziehung! Und so – ohne alle biographische Weitläufigkeit und Ostentation – den Geist nötigen, in sich selbst zurückzublicken und auf sein Werden zu achten: sollte es nicht abermals fördernd und aufklärend erscheinen? Sei denn also in dieser Osternacht der Grundstein gelegt, auch eine dritte, gewichtigste, schwerst darstellbare Phasis meines Lebens betrachtend zu verfolgen und in seiner Folge zu betrachten! Möge einst auch dieser Nacht der wahre Ostermorgen nicht fehlen![127]





[128] Indem ich jetzt das Buch meines Gedächtnisses von neuem aufschlage und das, was ich dort lese, weiter in diese Blätter zu verzeichnen versuche, erfahre ich sogleich die sonderbare Bewegung in meinem Innern, daß mich ein gewisses Grauen anwandelt, wenn ich mich selbst denke, wie ich mir jetzt erscheine gegen damals, vor ziemlich vierzig Jahren; während es mir doch durchaus keine solche Empfindung gab, als ich zurückblickte zur ersten Entwicklung des Kindes und zur allmählichen Heraufbildung desselben zum jungen Manne bis zu dem wichtigen Abschnitte seines Eintritts in den Dresdener Wirkungskreis. Ein Wanderer, der bei Nacht ginge und einer Gestalt begegnete, die ihm bald sein eigenes Bild, bald ein ganz fremdes zu tragen schiene, müßte etwa von einer ähnlichen Empfindung durchdrungen werden!
War es doch im ganzen immer für ein sonderbares Schicksal zu halten, daß ich zu jener Zeit, als fünfundzwanzigjähriger junger Mann, mit noch sehr weichem Gemüt, im Wissenschaftlichen zwar tüchtig durchgebildet und schon als Verfasser eines gutaufgenommenen anatomisch-physiologischen Werks genannt, zugleich aber der Poesie hold und der Landschaftsmalerei mehr als Künstler denn als bloßer Dilettant zugetan, mich plötzlich mit der Führung eines Amts betraut fand, das sonst nur ältern, vielerfahrenen und gewöhnlich nur vollständig prosaischen Naturen übergeben zu werden pflegt. Mancher eigentümliche Konflikt konnte hier nicht ausbleiben, ich mußte in mancher Hinsicht mich unter, in vieler mich über den Forderungen meiner angewiesenen Stellung fühlen; einer Stellung, die übrigens mich vielfach beengte und durch ihre große Verantwortlichkeit doch auch eigentümlich beschränkte, so daß denn natürlich jener schon früher erwähnte[128]  tief melancholische Zug meines Innern aus diesen Verhältnissen noch mannigfache trübe Nahrung saugen konnte und mußte. Dazu kam noch der eigentümliche Umstand, daß ich anfänglich nur von einer provisorischen Landesverwaltung angestellt war und mich selbst insofern sogar in einer etwas unsichern Lage befand. Nach der Gefangennehmung des Königs Friedrich August nämlich war Sachsen, wie ich schon oben bemerkte, durchaus in der Macht der Alliierten, und Rußland hatte den Fürsten Repnin als einstweiligen Gouverneur darin niedergesetzt. Bei dem Bedürfnis einer tüchtigen Bildungsanstalt für Ärzte zweiter Klasse und Militärärzte insbesondere war denn einigen erfahrenen Männern aufgegeben worden, den Plan zu einer neuen Organisation des bisherigen, in keiner Hinsicht mehr zeitgemäßen Kollegiums der Wundärzte in Dresden, und zwar in Form einer medizinisch-chirurgischen Akademie, zu entwerfen und deren Stellen mit tüchtigen Professoren zu besetzen. An der Spitze des Ganzen stand der vormalige Wittenberger Professor Hofrat Seiler, durch welchen denn auch mir der Ruf zugegangen war, und auf seinen und des Kriegsrats von Erdmannsdorf Antrag war sofort mein Bestallungsdekret vom Fürsten Repnin unterzeichnet worden.
Dabei darf ich nicht vergessen, daß eine gewisse, einfache gutmütig-kindliche Sinnesart, die mir von früher her eigen geblieben war, gar sehr ebenfalls beitrug, gegen die zuweilen wirklich etwas über-niederländischen Szenen, wie sie in einem Entbindungsinstitut oft vorkommen müssen, welches in der Regel nur Wöchnerinnen und Lernende aus den untersten Volksklassen aufnimmt, mich weniger empfindlich zu machen. Lebten wir doch selbst, wie es die sehr schmale Besoldung nötig machte, nebst meiner trefflichen Mutter in einfachst bürgerlicher Weise; meine gute Frau, welche mich Ende November mit der[129]  Geburt eines Töchterchens – unserer lieben Marianne – erfreute, hatte sogar die Verwaltung der Verpflegung des Hauses für die ersten Jahre übernommen, um dadurch unserer eigenen Ökonomie förderlich zu sein, und so fehlte es schon infolge dieser allseitigen häuslichen Tätigkeit niemals an jener stillen einfachen Gewohnheit des täglichen Lebens und Wirkens, wodurch ja so manche halbkranke Existenz oft noch auf lange hinaus eine glücklichere Stimmung sich erwirbt und bewahrt.

  Amazon.de Widgets
Einer meiner gewöhnlichen Abendspaziergänge war damals der über die dicht vor meiner Wohnung beginnende schöne Brühlsche Terrasse, und wie eigen dort, wo man damals noch meist sehr einsam sich befand, oft die Witterungs- und Lichteffekte mich innerlich bewegten, davon gibt vielleicht folgende Briefstelle deutlichere Kunde, indem sie zugleich den poetischen Reflex zur vollsten Anschauung bringt, welchen dergleichen größere und mir so neue Szenerien auf mein inneres Leben damals werfen konnten: »Ich komme eben von einem Spaziergange im Brühlschen Garten in später Dämmerung. Der Himmel war gleichförmig grau, kleinflockigen Schnee trieb der Nordwind über die glatte Terrasse, die Elbe verlor sich aufwärts und abwärts im Nebelgrau, die gewaltige Kuppel der Frauenkirche ragte als dunkler Schatten über die niedrigen Häuser, und die Brücke erschien mir wie ein Trauerband über den schönen Strom gelegt als Zeichen seiner baldigen Erstarrung. Das Eigentümlichste aber war die Vorbereitung zu dieser Erstarrung selbst: es war der Fluß nämlich bedeckt mit tausend und tausend langsam forttreibenden dünnen Eisschollen, gleichsam weißen Inseln, welche im langsamen Bewegen fortwährend zusammenstießen und seltsam aneinanderklirrten. Es war höchst anziehend zu sehen, wie aus dem Nebel die Massen hervorschwammen, näher kamen, mit dem eigenen monotonen[130]  Geräusch vorüberzogen und endlich hinter dem dunkeln Bande der Brücke verschwanden. Es war mir, als blickte ich auf den Strom der Zeiten, sähe unzählige Geschlechter aus dunkeln Quellen hervortreten, vorüberrauschen und verschwinden. Ich dachte an vieles dabei! Das Ernste des Schauspiels wurde noch gehoben dadurch, daß alle kleinen Schiffchen und Kähnlein dem erstarrenden Strom ausgewichen waren und er so ganz sich selbst überlassen erschien, ein großes einsames Bild periodisch erlöschenden Lebens.«
Wenn sonach in dieser Weise Natur und Kunst mannigfaltig beitrugen, bei aller Armut äußern Daseins einen höhern Pendelschwung des innern Lebens zu erhalten, so war es doch eigentlich der Geist wissenschaftlicher Forschung, der diesen Schwung stets am meisten neu anregte und zuletzt wohl am wesentlichsten bedingte. Wie aber dem wahren Künstler und Dichter alles, was das Leben bietet, zur fruchtbaren poetischen Aufgabe werden kann, so wird auch der rechte wissenschaftliche Geist, und namentlich dann, wenn er sich den Naturwissenschaften zugewendet hat, in jeder Lebenslage reichen Stoff und vielfältige Anregung zu neuer Tätigkeit finden. So ging es denn auch mir! Kaum war ein Jahr in diesem neuen Wirkungskreise vergangen, so stiegen in meinem Geiste die ersten Gedanken auf zu zwei Werken, die vielleicht am meisten unter allem, was ich literarisch geschaffen habe, praktisch im Großen gewirkt haben und von der Menge der Ärzte am meisten gelesen, ausgebeutet und anerkannt worden sind, nämlich zu jenen beiden Lehrbüchern, von denen das eine (»Lehrbuch der vergleichenden Zootomie«) das weite Gebiet wunderbarer Verschiedenheit im innern Bau tierischer Geschöpfe nach seinem Bedingtsein durch höhere Einheit darzustellen bestimmt war, während das andere (»Lehrbuch der Gynäkologie«) die geheimnisvolle[131]  Natur des Weibes im gesunden und kranken Zustande, und zwar ebenfalls aus dem Ganzen und als Ganzes, dem Schüler vorführen sollte.


In dieser Weise hatte ich also genug zu tragen und zu leiden an der innern Arbeit und Qual, die niemand geschenkt wird, der irgendwie zu einer weitern Entwicklung, einer spätern Reife bestimmt ist, und kaum begreife ich jetzt selbst, wie es möglich wurde, daß bei alle diesem innern Drängen und allem von außen Gedrängtwerden eine so umfassende Arbeit, als die »Vergleichende Zootomie« war, nicht nur begonnen, sondern auch dergestalt eifrig fortgeführt werden konnte, daß es als ein Handbuch, welches später in einer zweiten Auflage und in englischen und französischen Übersetzungen eine so weitverbreitete Wirkung üben sollte und überhaupt ein so großes Material erforderte, bereits im Jahre 1818 ausgegeben werden konnte, und zwar ausgegeben, begleitet von zwanzig Kupfertafeln, die ich alle selbst gezeichnet, auch selbst radiert hatte. Indes, was vermag nicht der Mensch, wenn eine innere Begeisterung ihn treibt und fördert! Die begeisternde Idee für mich bei dieser Arbeit war aber keine andere als die auch schon bei meinen Leipziger Vorlesungen mich leitende, nämlich es zu einer klaren und durch große Mannigfaltigkeit der Tatsachen genügenden Darstellung zu bringen, wie merkwürdig die Stufenfolge, das durchaus von der Natur festgehaltene genetische Prinzip, an sich sei, nach welcher der innere Bau des Tierreichs sich überall entfalte; darzutun, wie auch in der innern Gliederung der Organe das tiefer stehende Tier ein Abbild oder Analogon einer frühern Periode der Entwicklung der höchsten irdischen Gestalt, d.i. der menschlichen, bleibe und somit auf die tausendfältigen Beziehungen aufmerksam zu machen, die sich von hier aus zur Physiologie und Pathologie des Menschen herausstellen. Ich[132]  ging deshalb hier alle die organischen Systeme und großen Lebensfunktionen einzeln durch, zeigte, wie eine jegliche auf den tiefern Stufen beginnt, wies dort die große anfängliche Einfachheit derselben nach und ließ gleichsam vor den Augen des Lesers diesen Wunderbau sich allmählich mehr und mehr erheben, immer zugleich andeutend, wie eine solche Entwicklung nie in einer ununterbrochenen Folge vorwärtsdrängt, sondern wie immer wieder scheinbare Rückschritte im einzelnen vorkommen, während im ganzen freilich ein unaufhaltsames Vorschreiten überall stattfindet. War doch die bisherige Betrachtungsweise dieser Formen, und zwar sogar die eines George Cuvier, immer noch eine sehr sterile gewesen! Denn rein deskriptiv, ohne eine höhere leitende Idee, hatte man gewöhnlich, den menschlichen Bau als bekannt voraussetzend, nur von oben nach unten herabsteigend – also dem Entwicklungsgange der Natur gerade entgegengesetzt – die von ihm abweichenden Bildungsverhältnisse des Tierreichs beschrieben und dargelegt.
Das erste Frühjahr 1815 in der schönen Umgegend Dresdens lockte mich jetzt viel ins Freie, und indem da manche Naturzeichnung entstand, saugte ich Erquickung und neue Lust auch zu meinen wissenschaftlichen Arbeiten aus dieser grünenden und blühenden Welt. Auch gelangte um diese Zeit ein erfrischendes Element in den Kreis meiner wenigen hiesigen Bekannten. Dr. Nasse, später als Geheimer Medizinalrat und Professor in Bonn wirkend, kam damals, noch jung und lebendig, mit seiner schönen und feingebildeten Frau und einigen Kindern nach Dresden; wir waren viel zusammen, und als jene beiden, reich begütert wie sie waren, für einen Sommermonat in Schandau sich eingerichtet hatten, suchte ich sie dort auf, und zusammen durchstreiften wir nun diese durch ihre schöne Natur längst berühmte Umgegend, lagerten uns in den[133]  kühlen Gründen an den murmelnden Wässern, ich zeichnend, er aus Grimms »Volksmärchen« oder aus Goethe vorlesend und dabei in vollen Zügen den Duft der Nadelwälder und die Schönheit der Dämmerungseffekte dieser Felsentäler in uns aufnehmend.

  Amazon.de Widgets
Eine andere mir merkwürdige Persönlichkeit war der Landschaftsmaler Klengel, bei welchem ich durch einen hier aus der Kriegsflut zurückgebliebenen Franzosen eingeführt worden war, der mit Anlegung einer Anstalt für die damals ganz neue Kunst der Lithographie sich viel Mühe gab. War etwas gemacht, um die poetische Begeisterung für Künstlerwelt und Künstlerleben durch das kälteste Wasser der Prosa abzukühlen, so war es diese Individualität. Alt und von der Gicht zusammengezogen, in einen schmutzigen Schafpelz eingewickelt und eine vieljährige, rauchgeschwärzte Tabakspfeife im Munde, welche dem ersten besten Fuhrmann mehr geeignet gewesen wäre als einem Professor der Kunstakademie, so fand ich das kleine vergilbte Männlein an der Staffelei und hörte mich im breitesten und gemeinsten sächsischen Dialekt anreden, und zwar so, daß die Rede immer zwischendurch von einem kurzen Fluche unterbrochen wurde, den die zuckenden Gichtschmerzen ihm auspreßten. Bei alledem mußte ich doch die feine Fühlung des Alten für Farben und Luftton bewundern. Er malte gerade an seiner großen Kartoffelernte, ein Bild, was späterhin als eins seiner mit Recht berühmten anerkannt worden ist, und mit Vergnügen sah ich, in welchem Grade er die eigenen Lufttöne, die Farbenbrechungen auf diesen weithingestreckten Krautfeldern und den zarten Duft hiesiger Fernen ganz in der eigentümlichen Weise gerade dieses Elbtals wiedergegeben hatte. Da war nun viel zu lernen oder vielmehr abzusehen, denn von irgendeiner unterrichtenden mündlichen Mitteilung war durchaus keine Rede! Übrigens[134]  nahm er mich sehr freundlich auf, hörte teilnehmend von meinen eigenen künstlerischen Versuchen und kam bald darauf zu mir, um meine Sachen durchzusehen, die ihm doch ein gewisses Interesse sichtlich einflößten. Seine Äußerungen darüber waren originell genug. »Hat die Sirene Sie och verführt!« war der Ausruf, mit dem er mich gleich empfing, als er von meiner Liebe zur Kunst hörte, und wenn er nun diese Arbeiten selbst sah, in denen Technik und Färbung oft noch so viel zu wünschen ließ, dann rief er wohl: »Hm, hm! Ei, ja! Gekocht müßte es noch werden! Da wäre viel daraus zu machen!«
Im Laufe dieses Jahres ordnete endlich auch mein Vater seine Angelegenheiten in Leipzig. Die Kriegsstürme hatten Haus und Geschäfte vollends zerstört; an Gewinn war kaum mehr zu denken, und so, nachdem durch Verkauf und möglichste Ausgleichung alter Verschuldungen alle Bande dort gelöst waren, zog er mit nach Dresden, wohin meine treffliche Mutter gleich anfangs uns gefolgt war. Hier wohnten denn die beiden lieben Alten in einem Dachzimmerchen bei mir und teilten mit uns, was eben Spärliches uns selbst verliehen war, bis nach und nach bei Verbesserung meiner eigenen Lage es späterhin möglich wurde, eine volle und heitere, hohen Jahren wahrhaft angemessene Bequemlichkeit auch ihnen bis zum Ende zu verschaffen und sie darin noch bis zu ihrer goldenen Hochzeit zu erhalten.
Übrigens fühlte ich nun immer mehr und mehr, wie sehr meine neue Heimat nach allen Richtungen mir zusagte. Der eigene poetische Schimmer, der über Dresdens Terrassen und Kirchen und Brücke gebreitet war (damals noch mehr wie jetzt, weil das Leben um soviel stiller und einfacher), er war ganz für mein Wesen geeignet. Welche Abende verlebte ich nicht mit meinen Phantasien, wenn Nebelduft über die Elbe dämmerte und der Mond über den[135]  fernen bewaldeten Hügeln heraufkam, welche Träume kamen mir nicht, wenn ich über den umrankten Trümmern am Zwinger unter den alten Linden wandelte, und wie eigentümlich wirkte nicht oftmals auch die katholische Kirche mit ihrer schönen Musik und ihren mystischen Gebräuchen auf mein Gemüt! Besonders an den Herbstabenden, so nach 4 Uhr, wenn es zeitig dunkelte, zur Vesper, zog es mich oft dahin. »Es ist«, schrieb ich damals, »zu solcher Zeit gar schön dort. Man lehnt sich an einen Pfeiler; vor der einbrechenden Dämmerung verschwinden die geschnörkelten Zierate, es bleiben nur die hohen Gewölbe, in denen das Spiel eines roten Lichtes von den Kerzen des Chors und des Altars gar wunderlich sich ausnimmt; vor einem liegt die betende Gemeinde auf den Knien, und wenn dann der Priester bei den Tönen der Orgel den Gott dem Volke zeigt und alles sich bekreuzend andächtiger betet, fliegt auch dem kühlem Zuschauer eine heilige Regung durch die Brust, welcher gern ein mannigfaches Spiel poetischer Bilder sich anreiht. Den Hinaustretenden empfängt dann die herbstliche Elbgegend, aus dem Nebel, der über den breiten Fluß sich lagert, flammen einzelne Feuer der Elbschiffe auf, seltsame finstere Wolken fliegen darüber hin, der Wanderer wickelt sich fester in den Mantel, und je finsterer die äußere Welt wird, um so heiterer geht die innere ihm auf.«



II.










[136] Das Frühjahr 1816, von welchem ich nur neue Erfrischung und Fördrung nach allen Richtungen gehofft hatte, brachte mir und unsern beiden Kindern ernstes Erkranken. Ein Scharlachfieber, damals in der Stadt herrschend,[136]  eine Krankheit, die ich so viel behandelt und nie an mir erfahren hatte, ergriff zuerst meine kleine Charlotte, dann mich selbst. Wir beide beendeten die Krankheit leicht. Aber nun erfaßte es meinen dreijährigen Knaben, bis dahin ein Bild frischer Gesundheit und heiterer Gemütlichkeit, und am 11. Mai war er eine Leiche. Es war das erste Mal, daß der Tod, den ich in hundertfältigen Gestalten wohl so viel Opfer hatte fordern sehen, mir nahe ans Herz griff, und eine Eiseskälte durchrieselte mich, von der ich mich nur langsam wieder erholte. So zog es mich also auch jetzt, wie im Frühjahr 1814, nach den schweren Kriegs- und Krankheitsstürmen, in allen Mußestunden wieder an die Staffelei, und je mehr die schwere Trübung des Innern und der einsame tiefe Schmerz in irgendeinem sinnigen dunkeln Bilde offenbar wurde und wie in einer geheimnisvollen Spiegelung dort widerschien, um so mehr kehrte der Friede wieder ein, und selbst die wissenschaftlichen Arbeiten für vergleichende Anatomie und Gynäkologie gingen nun kräftig, ja mit einer eigenen, gleichsam aus der Resignation des Lebens gewonnenen Klarheit wieder vorwärts.
Im verflossenen Winter hatte ich den Dante kennenlernen. Regis war mit einem Übersetzungsversuch des Inferno beschäftigt, und bei seinem damaligen längern Verweilen in Dresden hatten wir in späten Abendstunden begonnen, das gewaltige Werk im Urtext zu lesen, ja zu studieren, und mir war dann auch plastisch darin eine neue Welt aufgegangen. Jetzt, wo ein geliebter Schatten in das geheime Dunkel einer andern Welt verschwebt war, trat mir das Bild jenes mystischen Tores mit seiner schwarzen Inschrift

»Per me si va nella città dolente«1[137] 
seltsam und nebelhaft vor das innere Auge des Geistes, und es war mir ein eigentümlicher Trost, es, so gut ich vermochte, auf der Leinwand festzuhalten; desgleichen entstand ein Bild tiefen innern Naturlebens – ich nannte es »Waldeinsamkeit« –, und eben in diesen Phantasmagorien vertropfte jetzt gewissermaßen der Schmerz und gesundete allmählich wieder mein Geist. So wie der Begriff des Lebens aus dem des Seins und der Tätigkeit sich erzeugt, wie Leben überall nur aus Vereinigung jener Momente hervorgeht, so ist auch das Gefühl der Tatkraft nur geeignet, den Menschen zu jener Weltansicht zu fördern, wo das All als Erscheinung eines unendlich mannigfaltigen, in sich vollendeten und herrlichen, von ewigen Gesetzen geordneten Ganzen erfaßt wird, wo die gewaltigen Schläge des verhüllten Geschicks ihre Schärfe mildern und der Mensch fragen lernt: Tod, wo ist dein Stachel!
Mit dieser Gesinnung gelang es mir denn auch, einer neu herbeigeführten wissenschaftlichen Aufgabe mich zu bemächtigen, deren glückliche Lösung späterhin noch mannigfaltig mir zugute kommen sollte.
Seit kurzem nämlich war das angestammte Regentenhaus wieder nach dem freilich fast um die Hälfte verkleinerten Sachsen und der König nach Dresden zurückgekehrt, die Statuten der während des Interregnums geschaffenen medizinisch-chirurgischen Akademie waren zu höchster Genehmigung vorgelegt worden, und da letztere endlich erfolgt war, sollte nun am 3. August, dem Namenstage des Königs, eine feierliche Einweihung stattfinden. Sämtliche Professoren wurden durch den Direktor Seiler zu einer Beratung zusammengerufen, und daß ohne eine Festrede die Feier nicht gedacht werden könne, war denn bald klar. Ich verhielt mich anfänglich dabei still, da ich ohnehin Arbeiten genug vorhatte, allein als nun die Diskussionen ganz ins Ungewisse gingen und selbst davon die Rede war,[138]  daß der Professor der Physik und Chemie etwas über die Farben sprechen könnte, wobei ich mancher Angriffe auf die von mehrern Seiten mir doch sehr wichtige und bedeutende Goethesche Farbenlehre hätte entgegensehen müssen, so schlug ich eine Rede vor über die fossilen Reste urweltlicher Tiere; ein Gegenstand, der sogleich allgemeinen Beifall erhielt, aber auch nur von mir behandelt werden konnte. Ich hatte die Genugtuung wahrzunehmen, daß mein Vortrag lebhaftes Interesse erregte und offenbar den meisten als eine Entschädigung erschien für manches Langweilige, was bei Gelegenheiten dieser Art gewöhnlich mit angehört werden muß. Haben doch die Naturwissenschaften allemal einen gewaltigen Vorteil über andere ähnliche Aufgaben, indem sie einesteils den Menschen gewissermaßen unmittelbar packen und andernteils durch ihren unermeßlichen Reichtum, wie durch ihr Allumfassendes, mindestens eine gewisse mittlere Region der Teilnahme stets im höchsten Grade aufzurufen geeignet sind. Es wird hierbei nicht der Versicherung bedürfen, daß ich nie daran gedacht habe, diese Rede der Öffentlichkeit zu übergeben. Sie liegt noch unter meinen Papieren, und schon acht Jahre später, an meinem fünfunddreißigsten Geburtstage, hatte ich mit großen Buchstaben auf die Rückseite des Titels geschrieben: »Diese Rede ist zu datieren und zu erklären aus einer Larvenperiode meines Lebens, und der geringe Sinn, der aus vielem dort noch hervordunkelt, wurde später in Entwicklungsperioden mancher Art zur Genüge abgestreift.«

  Amazon.de Widgets
Freilich hat nun übrigens seitdem auch das Material jener Lehren von den fossilen organischen Überresten früherer ungemessener Zeitalter des Planeten einen ungeheuern Zuwachs und eine ganz andere wissenschaftliche Gestaltung erhalten. Wer war, der nicht damals auf die Worte des Alten der Berge von Freiberg schwor? Dieser Bergrat[139]  Werner, dessen persönliche Bekanntschaft ich bald nach jener Feier selbst machte, hatte sein System von der regelmäßigen Aufeinanderfolge der Urgebirge, Übergangs- und Flözgebirge und des aufgeschwemmten Landes scheinbar so fest gegründet und durch Schüler aus allen Weltgegenden so sehr wieder nach allen Richtungen verbreiten lassen, daß ein Untergehen desselben fast eine Unmöglichkeit schien; und doch war schon ein paar Jahrzehnte später, eben durch das genauere Studium der untergegangenen Pflanzen- und Tiergeschlechter sowie durch das der Geschichte vulkanischer Erhebungen und Ausbrüche, dieses ganze Lehrgebäude selbst gleichsam wie von einer vulkanischen Gewalt umgestürzt und durch neue, auf die Arbeiten eines Leopold von Buch und Elie de Beaumont gegründete Ansichten verdrängt! Und wie sehr ist außerdem, namentlich seit man die mächtige zerlegende und bestimmende Kraft des Mikroskops auch nach jenen Tiefen gerichtet hat, ja seit Ehrenberg die Bildung ganzer Gebirge als aus den Trümmern unendlich kleiner Geschöpfe entstanden nachgewiesen hat, dieses Feld erweitert worden! Kurz, in allen diesen Beziehungen war also jene Rede eine wahre Kindesarbeit, und doch hatte sie damals ihren Zweck vollständig erfüllt, sie paßte in die Zeit, sie hatte die hoch und niedrig gestellten Hörer interessiert und meine Darstellungsweise und Eigentümlichkeit zuerst in weitern Kreisen Dresdens bekanntgemacht.
Ich muß nun hier ferner und zunächst eines Mannes gedenken, der von manchem Einflüsse auf mein Leben war, zugleich aber auch an und für sich als ärztliche Zelebrität nähere Erwähnung fordert: es war dies Friedrich Ludwig Kreysig, Leibarzt des Königs und Professor der innern Klinik ... Sein Werk über die Herzkrankheiten hatte ihm in der ärztlichen Welt einen bedeutenden Ruf verschafft, dabei teilte er die Neigung seines Königs für Botanik[140]  und nahm gern Anteil auch an dem, was ich ihm auf dem Gebiete der vergleichenden Anatomie und Physiologie irgend Neues mitteilen konnte; ja er war einer der wenigen, die selbst meinen künstlerischen Produktionen ein gewisses Interesse zuwendeten und den notwendigen Zusammenhang erkannten, in welchem diese Neigung mit meinen wissenschaftlichen Bestrebungen stand, anstatt daß andere so gern hier das Thema von Zeitversplitterung und unersprießlichem Dilettantismus aufnahmen, sobald auf diese Dinge die Rede kam. Kreysig stammte noch aus der ältern humoralpathologischen oder sogenannten gastrischen Schule, aber er hatte das aus jenen Theorien wirklich Brauchbare auf eine eigentümliche, oft geniale Weise vereinigt mit dem, was die Morgenröte einer bessern Physiologie schon damals auf die Lehre von den Krankheiten an hellerm Lichte zu werfen imstande war; mit einem Worte, daß das Verfolgen und Behandeln des Krankwerdens der einzelnen organischen Systeme und Organe die eigentliche Aufgabe des Arztes sei und daß es ein verfehltes Bestreben bleibe, die Krankheiten selbst, gleichsam als besondere kompakte Wesen, in nosologische Systeme bringen und jeder dann eine Liste eigener adäquater Heilmittel lexikonartig zur Seite stellen zu wollen, dies große Geheimnis war ihm zeitig aufgegangen, und das war es, was neben ihm eigentlich zuerst auch mir hier klar wurde.
Meine Entwicklung als Arzt nämlich, wie ich sie in den Leipziger Kollegien und der Leipziger Klinik durchgemacht hatte, fiel in eine ziemlich sterile Periode der Wissenschaft. Noch spukte in der Medizin der rohe Geist des Brownianismus; über die uralte zuwartende hippokratische Heilmethode glaubte man hinweg zu sein und hatte doch den festen Boden einer wirklich physiologischen Medizin noch nicht unter den Füßen, so daß daher selbst bei[141]  vielen Ärzten sich nun jenes unheilvolle Schwanken und jener Skeptizismus entwickelte, welche recht eigentlich den Grund abgegeben haben, daß späterhin so widerwärtige Spaltungen den schönen Tempel des Äskulap zerklüfteten und daß seitdem der Schwarm von Homöopathen, Hydropathen, Magnetiseuren und klugen Frauen ein offenes Feld gefunden hat. Kreysigs Grundsatz: »Ich will meinen Schülern die möglichen Störungen der einzelnen Organe und organischen Systeme kennen und behandeln lehren, dann brauchen sie gar keine Namen von Krankheiten zu wissen«, regte auch mich zu mancherlei Betrachtungen auf, Betrachtungen, die sich weiter und weiter in meinem Geiste fortspannen, die mich dazu leiteten, das eigene Gegengewichtsverhältnis, in welchem in unserm Wunderbau die Systeme und Organe sich befinden, immer ausführlicher zu studieren und es immer sorgfältiger der Natur abzulauschen, wie man durch stärkere absichtliche Erregung des einen die zu heftige krankhafte Aufreizung des andern mäßigen, oft aber auch durch Niederhalten des einen das andere heben könne, und wie es daher in Wahrheit auf diesen und ähnlichen Wegen allerdings nicht selten möglich werde, den kranken und verworrenen Haushalt eines menschlichen Innern zum regelmäßigen Gleichgewicht der Gesundheit zurückzuführen.


War indes jener 3. August bestimmt gewesen, mich von wissenschaftlicher Seite in Dresdens gebildeter Welt einzuführen, so war es sonderbarerweise derselbe Tag, der mich auch in künstlerischer Beziehung hier veröffentlichen sollte. An diesem Tage nämlich, dem Namenstage des Königs, war es üblich, die Kunstausstellung beginnen zu lassen, und eigentlich halb durch einen Zufall wurde ich noch veranlaßt, die beiden obenerwähnten größern Bilder, den »Eingang zur Unterwelt« und die »Waldeinsamkeit«, nebst zwei kleinern, einem »Herbstnebel«[142]  und dem Bilde eines Kirchhofs, unter dem Symbolum »Festtagsarbeiten eines Kunstfreundes« dorthin zu geben. Bei alledem fehlte es den größern Bildern an Rahmen und mir an den eben überflüssigen Mitteln, die Kosten derselben zu bestreiten. Nun hatte man uns zwar einen Ort bezeichnet, wo dergleichen alt und doch noch brauchbar für mäßige Preise zu finden wären, mein Vater aber hatte darum sich vielfach bemüht, ohne doch das Gewünschte zu erreichen. So kam denn der festgesetzte Termin zur Anzeige der Kunstwerke heran, und ich hatte schon den Gedanken der Ausstellung ganz aufgegeben, als bei einem Antiquar, nach andern Dingen fragend, meiner Frau ganz unvermutet zwei große wohlerhaltene Rahmen um ein höchst Billiges angeboten wurden, welche mit weniger Änderung gerade zu den größern Bildern paßten. Diese Stimme des Zufalls entschied; die vier Schatten meiner poetischen Gedanken wanderten dorthin, und weil damals in all solchen Dingen noch eine größere Einfachheit und Gemütlichkeit herrschte, so war es auch ganz die geeignete Zeit für dergleichen, und sie erwarben sich sogar hier und da Freunde, ja ich erfuhr später, daß sie auf einen Künstler Eindruck gemacht hatten, den ich in seinen Landschaftspoesien sehr hoch stellte und zu dem ich in den folgenden Blättern oftmals zurückkommen werde, auf [Kaspar David] Friedrich.
Ich erwähnte oben, es sei damals noch ein mehr einfacher und gemütvollerer Sinn in Dresdens Kunstrichtung gewesen, und ich kann fast sagen, daß dies von Deutschland überhaupt galt, innerhalb dessen zu jener Zeit die Kunstakademie Dresdens noch eine gewisse tonangebende Stimme behauptete.
In Deutschland war nun durch Frankreichs Einfluß jene letzte versunkenste Periode der Kunst am Anfang des 19. Jahrhunderts bekanntlich die allein geltende geworden,[143]  eine wahre Versumpfung hatte Platz gegriffen, und man traut jetzt kaum seinen Augen, wenn man Werken begegnet, die zu jener Zeit sich wirklich eines gewissen Rufs erfreuten. Auch in Dresden teilte die Kunst dieses Schicksal. Seit dem doch schon sehr kühlen Anton Raphael Mengs, welcher 1779 verstarb, war von Historienmalerei gar nicht mehr die Rede, kaum daß noch einige wackere Porträtmaler – so der in Kinderköpfen besonders glückliche Christian Leberecht Vogel und der kernhafte Anton Graff (verstorben 1813) – eine gewisse Auszeichnung verdienten. So herrschte denn auch noch, als ich nach Dresden kam, eine große Flauheit der Kunst vor, und jedermann weiß, wie namentlich im geschichtlichen Fache erst so viel später durch den neuen, aus den Schulen von Cornelius in München und Schadow am Rhein hervorgegangenen Einfluß eine merkbare Erfrischung und Erhebung derselben herbeigeführt wurde.
Achtet man jedoch auf das Eigentümliche solcher Perioden der Erniedrigung, so wird man oft finden, es ist dann eine Art von Schwüle in der Luft, eine gewisse Stille, die auf etwas neu Kommendes und somit wieder auf eine künftige Entwicklung deutet. Brechen dann wirklich die ersten jungen Triebe der Erneuerung hervor, so ist denn zugleich eine besondere Teilnahme, ein allgemeineres Interesse daran vorhanden, ein Interesse, welches gewöhnlich sich mehr verliert, wenn nun wieder die volle Zeit des Treibens angebrochen ist und Kunstwerke bedeutender Art in ganzen Massen sich hervordrängen. Solche stille Zeit nun mit nur noch einzelnen sich ankündigenden Trieben war also damals auch um mich her: Friedrich mit seiner etwas starren und trüben, aber hochpoetischen Weise war überhaupt und insbesondere in der Landschaftsmalerei der erste, der hier das Philistertum angriff und aufschüttelte, und es hatte viel Aufsehen gemacht, als über eins seiner[144]  Bilder, ein Kruzifix auf dem Felsen unter dunkeln Tannen und vor den verglühenden Wolken der Abendröte, ein literarischer Streit sich erhob, der für ihn von dem ihm befreundeten Gerhard von Kügelgen, gegen ihn von einem banalen Dilettanten, einem gewissen Herrn von Ramdohr, zum Nachteil des letztern durchgefochten wurde.
Dabei war die Zahl der Kunstwerke, die entstanden, im ganzen gering. So eine damalige Ausstellung füllte etwa drei mäßig große Räume, eins, das Professorenzimmer genannt, für die Herren von der Akademie (um eine gehörige Rangordnung zu beobachten), eins für die Fremden, die Kunstfreunde und die nicht zünftigen Künstler und eins für die akademischen Schüler. Hier war denn die Übersicht nicht schwer, das Publikum im ganzen gemütlich gebildet, hier und da phantastisch, durch den einige Zeit in Dresden lebenden und schreibenden Dichter [E.T.A.] Hoffmann aufgeregt, nahm überall tätigen Anteil, und der Boden fand sich somit für junge Kräfte ganz gut vorbereitet, Umstände, denen ich es mit zuschreiben darf, daß die mir eingeborene Neigung zur Kunst hier sowohl praktisch als reflektierend mehr und mehr sich entwickelte und so doch einige Früchte tragen konnte, die manchem zugute gekommen sind.

  Amazon.de Widgets
Eine der ersten, die ich wohl nennen darf, da sie auf viele anregend gewirkt hat und später auch von Goethe mit besonderer Teilnahme aufgenommen worden ist, waren meine »Briefe über Landschaftsmalerei«, zu welchen um diese Zeit der Grund gelegt worden ist und welche ich noch jetzt als ebenbürtig spätern Werken anerkennen darf. Es trat in diesen Briefen eine eigentümliche Vermählung von Wissenschaft und Kunst hervor, und dies ist es auch jedenfalls, wodurch ihnen eine bleibende Stelle in der Literatur erhalten werden wird. Das, was um jene Zeit Schelling durch den Begriff der Weltseele auszusprechen[145]  suchte, es war recht eigentlich der Kardinalpunkt, um welchen sich diese Gedankenzüge bewegten. Erst wenn man in der weiten großen Natur der Oberfläche des Planeten das lebendige geistige Prinzip erkannt oder mindestens geahnt hat, bekommt ja alle Szenerie der Landschaft einen höhern und mächtigern Sinn; erst von da aus verstehen und empfinden wir das geistige Band, welches die Regungen und Umgestaltungen des äußern Naturlebens an die Gefühlsschwankungen unsers Innern mit dieser geheimen Gewalt fesselt, und erst von da aus kann auch eigentlich klarwerden, was die wesentlichen Forderungen sind, welche wir an die Landschaftsmalerei oder, wie ich sie besser zu nennen vorschlug, an die »Erdlebenbildkunst« dann zu machen berechtigt sind, wenn sie diejenige hohe Stellung wirklich einnehmen und ausfüllen soll, welche wir für sie von jenem Standpunkt aus in Anspruch nehmen dürfen. War mir doch selbst erst bei Betrachtungen dieser Art klargeworden, warum in mir naturwissenschaftliche Studien und jene künstlerischen Bestrebungen so eng Hand in Hand verflochten waren (ebenso wie etwa das Zeitalter erwachender Naturphilosophie auch erst die Landschaftskunst erweckt hat), und ich verstand nun noch bestimmter als früher, warum dann, wenn ich z.B. das Wesen der Pflanze im einzelnen und in ihren verschiedenartigsten Gattungen zu erforschen bemüht gewesen war, der Anblick von Wiesen und Wäldern – als massenhafteste Zusammenstellung unzähliger einzelner Pflanzen – gerade mit um so tieferm poetischem Gefühl mich durchdrang. Geschah es ja doch unbedingt aus keinem andern Grunde, als weil dasselbe, was dort zuerst nur in einzelnen Tönen vernehmbar geworden war, hier sofort in weitgreifenden Akkorden und in allumfassenden Harmonien mir entgegenrauschte. Daß dabei freilich in den Massen der Menschheit keine solche klaren Erkenntnisse[146]  als Grund des Wohlgefallens an den Schönheiten der Landschaftsmalerei vorausgesetzt werden durften, darüber war ich nicht im geringsten in Zweifel; aber daß die Ahnung von solchen Beziehungen es sei, die auch da zuletzt maßgebend und entscheidend bleibe, davon hatte ich schon damals die bestimmteste Überzeugung gewonnen und werde sie nie verlieren.
Man hätte nun vielleicht glauben mögen, daß, weil Kunst und Wissenschaft mich geistig immer mehr und mehr nach ihrem Heiligtume fortzogen, dagegen der tägliche Beruf meines damaligen Lebens mit aller seiner Prosa mir eine bloße Last gewesen und nur notgedrungen und obenhin von mir verwaltet worden wäre, etwa wie Jean Jacques Rousseau Noten abzuschreiben pflegte oder Spinoza neben seinen philosophischen Studien das Glasschleifen trieb, um sich seinen Unterhalt zu gewinnen, aber ich darf versichern, daß dies keineswegs der Fall war. Der Himmel hatte mir darin eine eigene Gabe verliehen, die mir und andern doch gar mannigfaltig im Leben zugute gekommen ist, nämlich mit ziemlich gleicher Energie und Ausdauer ebenso einerseits in das kleinste Detail praktischer Tätigkeit, als andererseits auch wieder in die verborgensten Tiefen der reinen Abstraktion mich versenken zu können, und so kostete es mir also durchaus keine schmerzliche Überwindung, oft mitten aus meinen vergleichend anatomischen Studien oder aus physiologischen und psychologischen Spekulationen, ja auch wohl von dem Entwurf irgendeines mir lieb gewordenen Gedankenbildes hinabzusteigen zu meinem Lehrzimmer und mich auch da wirklich herabzulassen zu den schwachen Fassungskräften meiner Schülerinnen und zu den oft nicht viel stärkern so mancher unter diesen Chirurgen und Militärärzten. In Wahrheit, ich darf es sagen, es war ein großes Maß von Berufstreue in mir auch für dieses Wirken! Die Überzeugung[147]  war mir zu lebendig, wie unendlich wichtig in seinen Folgen einmal dieser Unterricht – Frauen und Kindern in den gefahrvollsten Lebenslagen auf die rechte Weise Hilfe zu leisten – werden müsse; die größte Genauigkeit und die frischeste kräftigste Darstellung erschien mir hier ganz unerläßlich, und ein Beweis, daß meine Mühe und Sorgfalt gute Früchte trug, war die, außerordentliche Anhänglichkeit und Liebe, mit welcher diese oft so ganz roh vom Lande hereingekommenen Frauen und großenteils auch meine männlichen Zuhörer an mir festhielten; ja auch von den Behörden blieb alles dies nicht unbemerkt, denn kaum hatte ich das zweite Jahr meiner Professur vollendet, als mir eine nicht unbedeutende Zulage in sehr erwünschter Weise bewilligt wurde.
Meine Hauptaufgabe in dieser Zeit blieb mir jedoch bei alledem immer mein vergleichend anatomisches Handbuch! Da waren Exzerpte zu machen, Zeichnungen zu entwerfen, Platten zu ätzen, vorzüglich aber Tiere zu zergliedern, Präparate zu vergleichen und eine konzentrierte und doch lichtvolle Fassung der einzelnen Abschnitte des Werks selbst anzustreben, so daß wirklich ausnehmend mit der Zeit gegeizt werden mußte. Glücklicherweise war meine Gesundheit gut und mein Gemüt jetzt heiterer, letzteres namentlich mit dadurch, daß ich den früher schon mehrfach gedachten Freund, den Zeichner Dietz aus Leipzig, einige Monate bei mir hatte, eine Persönlichkeit, die durch eine gewisse Schärfe etwas Anregendes besaß und durch ihr lebendiges Interesse für Kunst mir ebenso homogen als freilich auch in manchem andern abstoßend erschien. Indes wir machten Abendspaziergänge zusammen, lasen zusammen, zeichneten, besuchten auch wohl die Galerie, und so ergab sich doch immer ein lebendiger geistiger Verkehr, welcher nun einmal der vorwärtsdrängenden jungen Seele – ich stand nun erst im achtundzwanzigsten[148]  Jahre – so sehr Bedürfnis zu sein pflegt, daß sie eher alles andere erträgt als Mangel an solcher Belebung. Ist es mir doch oft merkwürdig gewesen zu beobachten, wie hastig der Mensch, und gerade der am meisten innerlich befähigte, in der Jugend auf Freundschaften sich stürzt. Freunde, Gesellen, Geistesgefährten, er kann deren nicht genug haben und ist anfangs wenig wählerisch in seinem Erfassen. Wie das Kind, wenn es allein ist, sich die Puppe belebt, die mit ihm Gespräche führen muß, für die es sorgt und mit der es auch wohl sich streitet, so die jugendliche Seele mit andern oft ihr selbst im Innern wenig Gemäßen. Nach und nach wird es dann einsamer um uns, vieles wird uns gewaltsam entrissen, das meiste lernen wir aufgeben, denn die Ansprüche steigen und werden nur selten befriedigt, und nur weniges, dies aber dann um so inniger, können wir bis ans Ende festhalten.
1
  Amazon.de Widgets
 Inferno, 3. Gesang, Vers 1: »Der Eingang bin ich zu der Stadt der Schmerzen.« (Anmerkung des Herausgebers.)




III.










[149] Es ist hier nun jedenfalls auch der Ort, mich etwas ausführlicher auszusprechen über das Wesen der innern philosophischen Überzeugung, zu welcher ich in jenen Jahren hindurchgedrungen war und deren Färbung denn mehr oder weniger in allen den einzelnen wissenschaftlichen Arbeiten sich spiegelte, welche damals am meisten mich beschäftigten. Früher schon ist bemerkt worden, wie mächtig die Geister, welche mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts den Anfang einer neuen Periode der Philosophie ins Leben riefen, auch auf mich gewirkt haben. Diese Naturphilosophie, wie man sie nannte, hatte, wie meist alles Neuhervortretende, zunächst etwas Unvollendetes, Rohes, Überstürzendes und wirkte deshalb anfangs mehr[149]  gewaltsam und zerstörend als erhebend und bildend. Wenn Oken in seinem philosophischen Lehrbuche Gott = Zero setze, so waren wenige, die den Ideengang, der ihm dabei vorgeschwebt hatte, wirklich zu erfassen vermochten, als bei dem es ihm doch eigentlich nur darauf ankam, das durchaus Abstrakte, ganz Gedankenhafte dessen, was ich späterhin mit dem Namen eines höchsten ewigen Mysteriums bezeichnet habe, auszudrücken. Wenn nun auch dergleichen mich keineswegs störte und keineswegs imstande war, in mir das tiefe und lebendige Gefühl gegen jenes erhabene Numen zu verdunkeln, welches so weit entfernt ist, dem Nichts anheimzufallen, daß es vielmehr als ein an sich Unbedingtes der einzige Grund von allem bedingt Seienden ist, so hatte es mir doch über mein eigenes Selbst und über das Wesen von Seele und Natur mitunter gewisse halt- und trostlose Gedanken gegeben. Es gehörte hierher zuvörderst die Überzeugung von der Unmöglichkeit aller geistigen Fortdauer nach dem Tode. Macht man die natürliche Welt nur zur umgekehrten Tapete des göttlichen Geistes und ebenso das seelische Leben nur zur negativen Seite des positiven leiblichen Daseins, so ist jene verneinende Überzeugung eine ganz unerläßliche Folge, und es versteht sich von selbst, daß zuletzt alle Existenz zu einer so resultat- und haltlosen Phantasmagorie, zu einem so zwecklosen Vielerlei wird, daß im höhern Sinne kaum mehr ein wahrhaftes Interesse daran genommen werden kann. Auch mich hatten denn Gedankenzüge dieser Art oft mannigfaltig verstimmt, ja sie hatten, nebst vielem Drückenden und Quälenden im Leben, an jener Melancholie Anteil gehabt, gegen welche zuweilen noch am meisten meine künstlerischen Produktionen durch ihre Selbstspiegelung mir einen Widerhalt gewährten. Und doch ging dieser Einfluß nie zu tief! Ein gewisses reineres Wahrheitsgefühl lenkte mich immer[150]  wieder auf etwas Höheres hin, und mehr und mehr erhöhte sich und erstarkte so in mir die Fähigkeit des geistigen Schauens auf ein über den beiden bedingten großen Phänomenen der Welt, dem spirituellen und dem natürlichen, als ein durchaus Bedingendes und Höchstes schwebendes absolutes Göttliche. Denn dieses Schauen – wer empfände es nicht tief, der irgend bedeutende Erfahrungen im eigenen Geistesleben gemacht hat –, es läßt sich nicht bloß überliefern, es läßt sich auch nicht gewaltsam in der unreifen Seele aus ihr selbst erzwingen, sondern es muß erreicht werden durch ein inneres Wachsen des Geistes, durch ein Hinauforganisiertwerden, und bereits Goethe (Gespräche mit Eckermann, 2. Teil [13. Februar 1829]) hat diesen Weg trefflich bezeichnet, indem er sagt: »Der Verstand reicht nicht zu ihr hinauf, der Mensch muß fähig sein, sich zur höchsten Vernunft erheben zu können, um an die Gottheit zu rühren.« So war denn also um die Zeit, von der ich jetzt schreibe, schon manche Schuppe gefallen, manche Blüte im Geiste erschlossen, und der Drang nach Höherm mochte schon um so manchen Schritt seinem Ziele näher gekommen sein, nur eins hielt mich damals noch in Banden, dasselbe, was so vielen Pilgern nach dem Ziele höherer Wahrheit bis auf den heutigen Tag noch Blei an die Füße legt, es war der immer noch mißverstandene Begriff der Kraft als ein besonderes Etwas, der Kraft, welche der rohere Geist so gern von dem Begriff der Materie völlig abtrennt und nur als haftend an derselben bezeichnet. Dieser Mißverstand, den ich erst weit später völlig abstreifen konnte und welchen ich eigentlich zuerst in meinem »System der Physiologie« (zweite Auflage) ganz scharf bezeichnet und widerlegt zu haben glaube, er machte mir damals noch viel zu schaffen und verdunkelte mannigfaltig meinen geistigen Blick.

  Amazon.de Widgets
»Ist nicht«, heißt es da [in Gedenkbüchern aus jener[151]  Zeit], »der Mensch die Erscheinung eines Teils allgemeiner Urkraft in Zeit und Raum, welche Erscheinung nur als Entwicklungsperiode, als Metamorphose dieser Urkraft Bedürfnis war? Die Kraft will sich ausbilden, sie wird endlich, wie der Sohn Gottes Fleisch wurde, sie ist der Funke, welcher dem innern und äußern Sinne als Lebenskraft (Nerven-, Sinnen-, Beweg-, Bildungskraft usw.) erscheint und nun durch diese Kräfte aus verschiedenen irdischen Elementen den Träger dieser Kraft, den Leib erzeugt. Und so werden Leib- und Lebenskraft die endlichen Formen, unter welchen die unendliche Urkraft für kurze Zeit erscheint, die Formen, welche selbst zur Entfaltung jener Urkraft bestimmt erscheinen. Das Nervensystem ist gleich der elektrischen Figur, welche die Strahlung elektrischer Kraft bezeichnet, allein die Kraft schwindet daraus hinweg, strahlt selbst ins Unendliche zurück, die zusammengefügten Stäubchen verweht der Wind. Doch verweht auch wohl der Wind die Stäubchen, und die Strahlung der Kraft dauert noch fort. Im Nervensystem mag dies dann jedoch weniger dauern, weil hier die Figur mehr ist als bloße Figur, weil sie in lebendiger Beziehung steht mit den andern Teilen. Und ist nicht die Welt auf diese Weise überhaupt die endliche Erscheinung Gottes und doch nicht Gott selbst? Ist nicht Licht in der Welt, was Nervenleben im Menschen: die möglichst unmittelbare Erscheinung der unendlichen Urkraft? – Lebenskraft, Leib, Nervenkraft, Seele und also nur Formen der ursprünglichen Kraft, in welchen sie sich zuhöchst offenbart hat. Erschafft, belebt sie das Nervensystem, so erscheint sie als Seele, erschafft und belebt sie den Leib, so erscheint sie als Lebenskraft. Die Kraft ist ewig, ihre endliche Erscheinung ist vergänglich.«
Als frohes Lebensereignis habe ich jetzt zu gedenken, daß in diesem Jahre 1817 mir ein Sohn am 23. April, am Geburtstage[152]  Shakespeares (sowie weit später mein erster Enkel am Geburtstage Goethes), geboren und der schmerzliche Verlust meines Knaben vom Jahre 1816 auf diese Weise glücklich ersetzt wurde. Mein Gemüt war von diesem Wiederfinden im tiefsten bewegt und wunderbar erweicht. Es kam noch hinzu, daß bald nachher mein älteres Kind, Charlotte, schwer erkrankte, ja daß meine geliebte Mutter ihr Krankenlager teilte und so die entgegengesetztesten Gefühle mein Inneres aufregten, während von außen die Tagesgeschäfte sich mehr und mehr häuften. Ich dankte es dann abermals namentlich der schönen Umgebung Dresdens, daß in all diesen Stürmen ich mich aufrecht hielt. Ein paar solcher Naturspiegelungen aus alten Denkbüchern hier mit aufzuführen sei daher vergönnt, um jene tiefe Gefühlsfähigkeit ganz zu verdeutlichen und die Weichheit kenntlich zu machen, welche ja ebensooft zum Glück als zur Qual dem Menschen verliehen sein kann:
»Nie werde ich diesen Abend im Blütenduft des Plauenschen Grundes vergessen, wo beim Heimwege über den am Hügel gelegenen Kirchhof das Orgelspiel aus der verschlossenen Kirche mich an die Kirchtür bannte! Um mich die Blütenbäume über Gräbern, mir zu Füßen der üppigste Rasen mit Frühlingsblumen durchwirkt, vor mir das stille Dörflein und über den Bergen die niedersteigende Sonne in voller Klarheit. In den unnennbarsten Gefühlen schwelgte ich nie so wie diesen Abend.«
»Ich machte einen Gang durch den Großen Garten, und auf den Höhen am östlichen Ende, hinter den schönen Kiefergruppen, kam mir ein Genuß an wunderbaren Farben und Formen, wie er uns nur an glücklichen Tagen zuteil wird. Es hatte vormittags etwas geregnet, und gewitterhaftes, doch feingeflocktes und köstlich gefärbtes Gewölk war an dem gedämpfen Blau des abendlichen Himmels[153]  harmonisch verteilt. Der volle segensreiche Duft des ersten Juni lagerte sich um die herrlichen Formen, auf denen einzelne Sonnenblicke umherirrten, und überall glänzte die Natur in zarter Verklärung dem bewegten Auge entgegen. Selbst der Hügel, auf welchem ich stand, war mit dem üppigsten Walde eines herrlichen Grases dicht geschmückt und von der dunkelblauen Blüte der hier in ungewohnter Menge wachsenden Salvia pratensis sowie von den violetten Blüten des Symphytum, vom herrlichsten Klee, vom Ultramarinblau der Ajuga pyramidalis und anderm reizend geziert. Jeder Gedanke wurde ein Gebet und der Hügel zur geheiligten Stätte des Herrn!«
Man fragt sich wohl zuweilen, wenn man in spätern Jahren den Ausdruck solcher überschwenglichen Gefühle der Jugend überliest, ob man nun wirklich dann um so viel kälter Natur und Leben betrachte und so eigentlich im Falle sei, jene stürmische Periode zu beneiden, oder ob man doch in Wahrheit trotz einem scheinbar weniger bewegten Äußern späterhin den Kern tiefer im Innern erfasse und mit vollendetern Organen die Schönheit aufzunehmen vermöge. Goethe sagte im Alter:



Ich habe geliebet,
Nun lieb' ich erst recht!

und führt dieses Thema durch mehrere Instanzen durch, stimmt also für bejahende Entscheidung; viele andere würden durchaus verneinen, und nicht umsonst hat man ja deshalb das Alter »Laudator temporis acti« genannt. Ich habe es bereits mehrfältig ausgesprochen, man habe die verschiedenen Alter nicht bloß zu beachten als Unterscheidung verschiedener Lebensstufen eines und desselben Individuums, sondern man müsse deren Begriff auch festhalten, um wesentliche Verschiedenheiten unter den Individuen selbst danach zu klassifizieren. Es gibt Naturen,[154]  denen für ihr ganzes Leben mehr der Begriff der Jugend zukommt, wie es andere gibt, die durch und durch, und von klein auf schon, das Alter repräsentieren. Den letztern, die wohl die größere Zahl ausmachen, borgt ihre wirkliche Jugend doch noch einigen Duft und eine gewisse Wärme des Gefühls, und sie vermissen diese Himmelsgaben, welche, wie die Jugendjahre selbst, schnell vorübergehen, dann gar schmerzlich und rufen aus allen Kräften, und eigentlich zu ihrer Qual, es sich immer wieder zurück, wie glücklich sie damals waren; sind sie aber in ihrem Innern so recht zum Greisenhaften berufen, so blicken sie späterhin selbst auf jene laue Wärme, von welcher sie in frühen Jahren angestrahlt worden waren, mit einer gewissen Verachtung zurück und preisen sich glücklich, daß sie nun wirklich einer unbedingten Trockenheit und Kälte genießen. Andere sind dagegen – und diesen mag ich wohl mehr verwandt sein –, die durchaus und also auch bis in höheres Alter hinauf mehr den Charakter der Jugend festhalten, darum freilich nie zum vollständigen Abschluß kommen und somit auch das Strebende der Jugend nie ganz ablegen. In diesen können dann aber wohl die frühern Jahre des Guten etwas zu viel geben, die Wärme des Gefühls schmilzt ihnen oft die Seele in übermäßige Weichheit und jenes schöne, tiefe und feurige Erglühen bei vollkommen festgehaltener Form, welches doch eigentlich der echteste und glücklichste Zustand ist und die reinste Produktivität anregt: es fällt dann meistens, ja eigentlich allein, den spätern Lebensperioden anheim.
Im Jahre 1818 war ich denn endlich so weit, daß ich meine Arbeit über vergleichende Anatomie abgeschlossen und, von Gerhard Fleischer in Druck wohl ausgestattet, vor mir liegen sah. Man kannte bisher in Deutschland nur ein einziges spärliches und unvollkommenes Handbuch[155]  (das von Blumenbach) über diese Wissenschaft, und die Wirkung des meinigen war deshalb und seiner durchaus genetischen Anordnung wegen eine sehr bedeutende. Ich hatte Goethe ein Exemplar desselben gesendet als geringen Dank für unnennbare Anregung und ein großes Vorbild auch im naturwissenschaftlichen Vortrag, und wie diese Sendung den Anfangspunkt bildete einer durch vierzehn Jahre gehenden Korrespondenz und persönlichen Wechselwirkung mit diesem Gewaltigen, davon habe ich späterhin in einer besondern Schrift genauere Rechnung abgelegt; hier jedoch wenigstens einige Fragmente des ersten Briefes mitzuteilen, durch welchen der verehrte Mann diesen Verkehr eröffnete, gehört so wesentlich in die Folge dieser Blätter, daß ich einer solchen Forderung zu genügen mich durchaus nicht enthalten darf. Er schrieb unterm 23. März 1818:
»Ew. Wohlgeb. Sendung kommt mir zu einem glücklichen und bedeutenden Moment. – – – Ich nehme nun mit desto mehr Zuversicht meine alten Papiere vor, da ich sehe, daß alles, was ich in meiner stillen Forschergrotte für recht und wahr hielt, ohne mein Zutun nunmehr ans Tageslicht gelangt. Das Alter kann kein größeres Glück empfinden, als daß es sich in die Jugend hineingewachsen fühlt und mit ihr nun fortwächst. Die Jahre meines Lebens, die ich, der Naturwissenschaft ergeben, einsam zubringen mußte, weil ich mit dem Augenblick in Widerwärtigkeit stand, kommen mir nun höchlich zugute, da ich mich jetzt mit der Gegenwart in Einstimmung fühle, auf einer Altersstufe, wo man sonst nur die vergangene Zeit zu loben pflegt! – – – Unterrichten Sie mich von Zeit zu Zeit von Ihren Zuständen und Arbeiten, ich habe Pflicht und Muße, daran teilzunehmen. – – – Das Beste wünschend ergebenst Goethe.«

  Amazon.de Widgets
Dreier Persönlichkeiten habe ich jetzt noch insbesondere[156]  zu gedenken, welche nach und nach in Dresden mich aufsuchten und deren jede in ihrer Weise bedeutend mich anregte: es waren Thorwaldsen, Alexander von Humboldt und Rudolphi.
Was den großen Isländer betraf, so berührte er Dresden auf einer Reise zwischen Dänemark und Italien, seiner eigentlichen Heimat, nur flüchtig, und ein Freund führte ihn bei mir ein. Er war damals noch nicht fünfzig und in der Blüte seiner vollen plastischen Gestalt, der Kopf selbst wie von dem besten Bildhauer geformt, so scharf und rein die Konturen. Ich hatte große Freude an ihm und seinem fast kindlich einfachen Wesen. Zu derselben Zeit war zufällig ein größeres Bild von mir beendigt – ein einfach, aber in breiten Dimensionen gehaltener Mondschein –, »Marius auf den Ruinen von Karthago«, das schon meinen hiesigen Freunden bedeutenden Eindruck gemacht hatte. Auch Thorwaldsen sah es und saß lange sinnend davor. Ich ahnte damals noch nicht, daß ich zehn Jahre später diesen Heros mitten unter seinen Schöpfungen in Rom und unter so viel andern Verhältnissen wiedersehen sollte! Indes, er hatte schon hier mächtig und nachhaltig auf mich gewirkt.
Wie also dieser Genius künstlerisch mich bedeutend erregte, so gab Alexander von Humboldt, dessen »Ansichten der Natur« zuerst die Wissenschaft mir in poetischer Verklärung vorgeführt hatten, meinen szientifischen Bestrebungen eine höhere Weihe. Dieser Treffliche begleitete in jener Reihe von Jahren regelmäßig seinen König Friedrich Wilhelm III. in die Bäder von Teplitz und pflegte dann sowohl beim Hin- als Rückreisen ein oder ein paar Tage in Dresden zu verweilen. Auch an ihm erschien damals eine Lebendigkeit des Geistes, welche vielleicht am besten bezeichnet wird, wenn ich hier gleich beifüge, daß ihre Nachhaltigkeit nach einigen und dreißig Jahren später[157]  sich immer noch auf glänzende Weise bewährt hat. Was mich an ihm zunächst überraschte, war die vollendete Feinheit des Hofmannes bei einer solchen Tiefe des Wissens und solchem Reichtum von Erfahrungen. Bis dahin war mir die Wissenschaft fast überall nur im ernsten und trockenen Gewande erschienen, denn beinahe so wie Talleyrand von der Sprache sagte, daß sie dem Menschen gegeben sei, seine Gedanken zu verbergen, so waren die deutschen Gelehrten bekannt dafür, der Menge gegenüber die Wissenschaft meist so zu behandeln, daß die Wahrheit dabei großenteils dem gewöhnlichen Publikum verborgen bleiben mußte. Für Humboldt wird immer der Ruhm bleiben, in bezug auf Naturwissenschaften dergleichen Schranken zuerst entschieden durchbrochen zu haben und teils eben in seinen »Ansichten der Natur« und teilweise auch in seiner »Reise in den Äquinoktialgegenden Amerikas« die Kunst gelehrt zu haben, auf eine würdige Weise auch den Fremden in den Tempel der Isis einzuführen und, indem er zunächst nur einen Teil der Geheimnisse mit der Fackel einer edeln Diktion beleuchtet, ihm zugleich die volle Achtung einzuprägen gegen alle dem Neuling unzugänglichem Tiefen des Wissens. Wie oft hat er nicht verfahren, dem großen Kaufmanne gleich, der von allen Enden der Welt reiche Güter zusammenführt und dann dafür sorgt, daß sie in schöner Form und breiter Auswahl allen denen vorgelegt werden, welche eben nur so weit mit Mitteln ausgestattet sind, doch etwas von diesem Überflusse sich zueignen zu können. Wie sehr hat er in seiner bei einem großen Königshause durch eine lange Reihe von Jahren mit Ruhm bekleideten Stellung, dem Throne so nahe, beigetragen, Wissenschaft und Kunst zu fördern und vielen Gelehrten nützlich zu werden! Auch ich sollte von ihm in folgenden Jahren und namentlich bei einem spätern Aufenthalte in Paris mannigfaltige[158]  Förderungen dieser Art erfahren, und in jenen ersten frühern Jahren fühlte ich mich wesentlich gehoben und in meinen Bestrebungen ermutigt, daß ein so Erfahrener und mit Recht Gerühmter an meinen Arbeiten eine wiederholte und aufrichtige Teilnahme bezeigte.

  Amazon.de Widgets
Ganz anderer Art war die Wirkung, die ich durch Rudolphi erfuhr. Dieser, durchaus Mann von Fache, tüchtig in der alten Literatur bewandert und in Anatomie und Physiologie vollkommen tatsächlich und prosaisch verfahrend, wovon seine umsichtige und vieljährige Beschäftigung mit der Naturgeschichte der Eingeweidewürmer sattsames Zeugnis abgab, er hatte bei alle diesem zu dem so viel jüngern, aber für die vergleichende Morphologie aufrichtig begeisterten Mann eine besondere Zuneigung gefaßt und brachte, wenn er während seiner Ferien nach Dresden kam, manche Stunde bei mir zu, durchsah meine Präparate, stritt sich wohl auch mit mir über meine philosophischen Tendenzen und diente so als heilsames Gegengewicht, welches mich immer wieder dem irdischen und praktischen Boden näher brachte, wenn mein vielleicht zuweilen etwas gewagter Flug mich zu weit in die transzendentalen Regionen zu entführen drohte.
Kaum war ich übrigens nun so weit, daß ich den ganzen Ausbau meiner vergleichenden Anatomie fertig vor mir liegen sah, so ging ich mit verdoppeltem Eifer an die Vollendung meiner Gynäkologie, redlich benutzend, was an immer vermehrter Erfahrung sowohl das stärker und stärker sich bevölkernde Entbindungsinstitut als eine auf Stadt und Umgegend sich immer reichlicher erstreckende Praxis gewähren konnte. Der gutbebaute physiologische Boden, den ich bei diesen Arbeiten immerfort unter mir fühlte, war dafür von großem Nutzen und gab namentlich meinem Werke das Frische und Lebensvolle, was denn auch die Ursache wurde, daß es manches Dezennium[159]  hindurch der Leitfaden gewesen ist für eine große Menge von Ärzten und daß, abgesehen von zwei schmählichen Nachdrucken, ich nach und nach drei Auflagen desselben besorgen mußte, deren Ertrag mir denn bestens zustatten kam und den Grund legte zu einer allmählich mehr gesicherten Existenz.
Denke ich an diese Jahre, erinnere ich mich der Anstrengungen, welche meine amtliche Stellung mitbrachte, der Nachtwachen bei manchen schweren Operationen, der Überlandfuhren zu Kranken und Kreißenden bei Tag und bei Nacht, der vielen Lehrstunden des täglichen Unterrichts und der täglichen Klinik, dabei der schriftstellerischen Arbeiten und Korrespondenzen und, als Erholung, der zuweilen wohl auch ermüdenden Fußpartien sowie der künstlerischen Tätigkeit an der Staffelei, so begreife ich kaum, wie ich allen diesen Anforderungen damals Genüge leisten konnte. Doch ein Vorrecht bei so manchem Mangelhaften muß die Jugend sich bewahren, und das ist die enorme Produktivität und der frische Mut, alles rasch zu ergreifen und zu überwältigen, was an Aufgaben das Leben herbeiführt, und nur mittels dieses Zaubers mochte auch ich jene Lasten heben und alle diese Felder bestellen.



IV.










[160] In meinen naturwissenschaftlichen Studien wurden mir einige Jahre später auch noch zwei Freunde von wesentlicher Förderung, Freunde, die, wenig jünger als ich, noch in Leipzig bei meinen Vorträgen über Zootomie mir teilweise Schüler gewesen waren und deren einer im Jahre 1820 ebenfalls eine Professur bei unserer Akademie, nämlich die der Botanik und Zoologie, überkam, während[160]  der andere, von einer Reise nach Island zurückgekehrt, sich mit Bekanntmachung der Resultate derselben beschäftigte und im Jahre 1824 ebenfalls hier, erst bei den naturwissenschaftlichen Sammlungen des Zwingers und dann bei der königlichen Bibliothek, eine Anstellung erhielt. Der erstere war Reichenbach, der andere Thienemann, beide durch ihre Werke in der Wissenschaft rühmlichst bekannt geworden und mir viele Jahre hindurch als treue Teilnehmer an Lebensereignissen und Arbeiten bewährt.
Auch die von der Akademie aus gestiftete gelehrte Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, mit deren Sekretariat man mich gleich anfangs betraut hatte und welcher ich späterhin auch einige Jahre als Präsident vorgestanden habe, nahm meine Tätigkeit mannigfaltig in Anspruch; ja außerdem hatte sich unter des Bergrats Werner Vorsitz und Mitwirkung eine mineralogische Gesellschaft gebildet, in welcher ebenfalls meine Mitwirkung gewünscht wurde und in deren herausgegebenen Schriften sich noch jetzt eine Abhandlung findet »Überlebende Fossilien«, unter welchem Titel ich nämlich jene sonderbaren Fälle zusammengestellt hatte, in denen tief in Felsen eingeschlossen winterschlafende Amphibien, namentlich Kröten, zuweilen gefunden worden waren.
Übrigens pflegen fast alle diese gelehrten Gesellschaften darin mit vielen menschlichen Dingen das gleiche Schicksal zu haben, daß sie anfangs mit Heftigkeit angestrebt sind, einige Zeit in lebendiger Tätigkeit blühen und dann oft bald an innerer Leerheit und Auskühlung verscheiden. Insbesondere letzterwähnter Verein fiel nach wenigen Jahren diesem Ende anheim, zumal da der Stifter selbst schon 1817 in Dresden, wohin er öfters zu Verwandten zu kommen pflegte, plötzlich erkrankte und nach wenigen Tagen verstarb. Ich hatte diesen merkwürdigen Mann[161]  ein Jahr vorher in Freiberg, dem eigentlichen Grund und Boden seines vieljährigen Wirkens, aufgesucht und einen, lehrreichen Tag in seinem Umgange zugebracht. Wir pflegten ihn nur »den alten Berggeist« zu nennen; eine kräftige untersetzte Gestalt mit einem bedeutsamen großen Kopfbau und von rastloser Tätigkeit. Dabei war ihm die Sonderbarkeit eigen, in seinen Unterhaltungen scheinbar für alles andere, und namentlich für Medizin, ein weit größeres Interesse zu zeigen als für sein wahres Fach, die Gebirgskunde. Als ich nach Freiberg ging, und ich machte wirklich diesen ganzen Weg das erstemal zu Fuß an einem schönen Herbsttage – zunächst um meinem alten Freunde Dr. Weiß, dessen getreue Pflege während meines fürchterlichen Nervenfiebers ich früher gerühmt habe und welcher jetzt als Physikus dort angestellt war, einen Besuch abzustatten, sodann aber auch, um das Bergmannsleben kennenzulernen –, da hoffte ich von dem wenn schon nur kurzen Verkehr mit Bergrat Werner manchen Aufschluß über Schichtungsverhältnisse der Gebirgsarten und ähnliche mich interessierende Aufgaben zu erhalten, des Wortes eingedenk, daß der beste Unterricht immer nur von dem erteilt wird, der auf das beste und vollständigste die Sache versteht und überblickt; aber meine Hoffnung wurde durchaus getäuscht.
Wir hatten nämlich, um breiteste Gelegenheit zu Besprechungen zu finden, veranstaltet, zusammen zu speisen, und fanden denn auch den alten Herrn, dessen Bekanntschaft ich bereits gemacht hatte, im besten Humor sich mitzuteilen, indes keineswegs darüber, worüber wir ihn zu sprechen gewünscht hatten, über Bergstruktur und Bergbau, sondern über Krankheiten der Bergleute und Medizin überhaupt. Diese Ausweichungen waren mir damals fast unbegreiflich; gegenwärtig aber legte ich mir sie besser zurecht, indem die Folgezeit bewiesen hat, daß[162]  doch in Wahrheit seine ganze damalige Ansicht vom Wesen der Geologie nur ein Scheinbild war, ein Scheinbild, das bei einigermaßen sorgfältigern und tiefer greifenden Untersuchungen in Rauch aufgehen mußte und gegenwärtig nur historisch noch einiges Interesse haben kann, während das, was er für Kennzeichenlehre der Fossilien und Oryktognosie überhaupt geleistet hat, seinen Namen immer in rühmlichem Andenken erhalten wird.
Dabei war es jedoch keineswegs uninteressant, Werner eben auch über Medizin und Bergmannskrankheiten reden zu hören, denn das hat stets der geniale Kopf voraus (und genial war er nicht nur in der Erschaffung seiner Kennzeichenlehre der Fossilien, sondern in seinem ganzen anregenden Wesen für die Schüler in hohem Grade), daß er, was er immer anfaßt, auch auf besondere und eigentüchtige Weise erfaßt, allein freilich war es uns nicht zu verdenken, wenn wir anderes lieber gehört hatten. Übrigens kam es sehr seltsam, daß, als Werner in Dresden gestorben und feierlich nach Freiberg gebracht worden war und nun seine Dresdener Freunde beabsichtigten, ihn irgend durch einen Denkstein zu ehren, diese Angelegenheit sich so wandte, daß gerade durch dieses Monument nicht sowohl seine eigentümlichen Verdienste um die Wissenschaft, sondern nur eigentlich seine Irrtümer verewigt wurden.
Werner nämlich war durchaus Neptunist und hatte bekanntlich die Ansicht, daß der Basalt, dessen Feuernatur die neuern Forschungen bis zur unumstößlichen Evidenz dargetan haben, als Niederschlag aus dem Wasser entstanden und seine Säulenbildung auf ebendiese Weise beim Trocknen geworden sei, wie auf lehmigen Boden etwa, beim Verdunsten zusammengelaufenen Regenwassers, die Oberfläche in unregelmäßigen Rissen, welche fünf- bis sechs- oder siebenseitige Polygone bilden, sich[163]  aufzublättern pflegt. So sei denn also auch der Basalt nicht etwa unter dem sogenannten Urgebirge des Granits hervorgekommen, sondern auf diesen oder andern Gesteinen abgesetzt worden. Gerade diese Vorstellung nun wählte der mit Entwerfung und Ausführung des Monuments beauftragte Architekt, dem freilich nur eine sehr kleine Summe disponibel übergeben werden konnte, für Verwirklichung eines Denksteins, welcher im ganzen eine derbe Granitwand darstellte, mit einer Gruppe dicht darüber aufgereihter Basaltsäulen. Da, wo Werners Leiche von Dresdener Verehrern an den Freiberger Zug übergeben worden war, kam dies Monument zur Errichtung und kann jetzt noch von jedem, der die Freiberger Chaussee in der Nähe des Dorfes Gorbitz befährt, bequem gesehen werden.
Nach diesen mannigfaltigen Betrachtungen wissenschaftlicher Richtungen und Begegnungen jener Lebensperiode ist es nun wieder an der Zeit, der künstlerischen Seite zu gedenken und auch in dieser Beziehung noch manches der Vergessenheit zu entreißen. Was meinen verewigten Freund Kaspar. David Friedrich betrifft, so waren wir schon um das Jahr 1818 einander nähergekommen. Er stand damals in den vierziger Jahren, und die Schärfe seiner Individualität war eben um diese Zeit leiblich und geistig am entschiedensten ausgeprägt. Gebürtig vom Strande der Ostsee, eine recht scharfgezeichnete norddeutsche Natur mit blondem Haar und Backenbart, einem bedeutenden Kopfbau und von hagerm, starkknochigem Körper, trug er einen eigenen melancholischen Ausdruck in seinem meist bleichen Gesicht, dessen blaues Augenpaar so tief unter dem stark vorspringenden Orbitalrande und buschigen, ebenfalls blonden Augenbrauen verborgen lag, daß darin schon der Blick des die Lichtwirkung im höchsten Grade konzentrierenden Malers sehr charakteristisch[164]  sich erklärt fand. Friedrich erfuhr als Jüngling das Schreckliche, daß beim Schlittschuhlaufen ein besonders geliebter Bruder, mit dem er sich bei Greifswald auf dem Eise befand, vor seinen Augen einbrach und von der Tiefe verschlungen wurde. Kam nun hinzu ein sehr hoher Begriff von der Kunst, ein an sich düsteres Naturell und eine aus beiden hervorgehende tiefe Unzufriedenheit mit seinen eigenen Leistungen, so begriff man leicht, wie er einst wirklich zu einem Versuche des Selbstmords sich verleitet finden konnte. Er hüllte dies immer in ein tiefes Geheimnis, aber man wird fühlen, wie gerade eine solche schon begonnene, obwohl noch zu rechter Zeit gehinderte Tat notwendig eine dumpfe und dunkle Nachwirkung auf eine Individualität dieser Art ausüben mußte. Seine ersten Studien hatte er auf der Akademie zu Kopenhagen gemacht, und im Jahre 1795 kam er nach Dresden, wo er 1817 zum Mitgliede der Akademie und später zum Professor der Landschaftsmalerei erwählt wurde. In Dresden hatte er sich stets sehr abgesondert gehalten, an keinen der damaligen Professoren sich angeschlossen und so allmählich einen eigenen tiefpoetischen, doch oft auch etwas finstern und schroffen Stil der Landschaft sich ausgebildet. Wie in der Kunst, so war er auch im Leben; von strenger Rechtlichkeit, Geradheit und Abgeschlossenheit – deutsch durch und durch –, nie hatte er auch nur versucht, eine der fremden modernen Sprachen zu erlernen, aller Ostentation ebenso fremd wie jeder luxuriösen Geselligkeit. Man sah ihn fast nie unter Menschen, und ich erinnere mich eines einzigen Abends, da es uns gelungen war, ihn in einem kleinen Familienzirkel bei uns festzuhalten. Die Dämmerung war sein Element, früh im ersten Morgenlicht ein einsamer Spaziergang und ebenso ein zweiter abends bei oder nach Sonnenuntergang, wobei er indes die Begleitung eines Freundes gern sah: das[165]  waren seine einzigen Zerstreuungen; übrigens brütete er in seinem stark beschatteten Zimmer fast fortwährend über seinen Kunstschöpfungen. Man kann denken, daß diese Natur mich reizte, und ich darf sagen, auch er hatte mich bald liebgewonnen und folgte ebenso meiner Art von Natur- und Kunstanschauung mit aufrichtiger Teilnahme.
Es war mir von großer Wichtigkeit, Friedrichs Verfahren bei Entwerfung seiner Bilder kennenzulernen. Er machte nie Skizzen, Kartons, Farbenentwürfe zu seinen Gemälden, denn er behauptete (und gewiß nicht ganz mit Unrecht), die Phantasie erkalte immer etwas durch diese Hilfsmittel. Er fing das Bild nicht an, bis es lebendig vor seiner Seele stand, dann zeichnete er auf die reinlich aufgespannte Leinwand erst flüchtig mit Kreide und Bleistift, dann sauber und vollständig mit der Rohrfeder und Tusche das Ganze auf und schritt hierauf bald zur Untermalung. Seine Bilder sahen daher in jeder Stufe ihrer Entstehung stets bestimmt und geordnet aus und gaben immer den Abdruck seiner Eigentümlichkeit und der Stimmung, in welcher sie ihm zuerst innerlich erschienen waren.
»Ein Bild soll nicht erfunden, sondern empfunden sein«, war sein Grundsatz, und man darf sagen, alle seine Bilder sind auf diese Weise entstanden. Sehr lehrreich für mich war das entschiedene Gefühl für reine Konzentration des Lichts, welche seine Werke auszeichnete. Er sagte mir einmal, ein Traum habe ihm zuerst darüber die rechte Erkenntnis gegeben, und er hielt diese Erkenntnis, welcher von Künstlern selten die ganz gebührende Rechnung getragen wird, sehr fest. Ist doch überhaupt in dieser Beziehung einer künftigen »Wissenschaft der Kunst« noch viel vorbehalten klar auszusprechen, was jetzt nur einzeln dunkel gefühlt wird.[166] 

  Amazon.de Widgets
Was künstlich ist, verlangt geschloss'nen Raum
Natürlichem, genügt das Weltall kaum,1

ist ein Wort, das man hier als Grundthema betrachten durfte. Das Bild, könnte man sagen, ist ein fixierter Blick, das gewöhnliche Sehen als ein bewegliches und stets besagtes Umschauen in der natürlichen Welt kennt keine Konzentration der Massen und des Lichts, der möglichst festgeheftete Blick dagegen (einen absolut festgehaltenen gibt es nicht wegen der steten innern Erzitterung des Auges) zeigt uns allemal in der Mitte des Sehfeldes, da, wo die beiden Augenachsen sich vereinigen, die größte Deutlichkeit, das heißt also auch die vollkommenste Lichtwirkung; das Bild folglich, welches als solches die Anschauung bieten soll eines nachgeahmten, aber durch Geistesabstraktion wirklich fixierten Sehfeldes oder Blicks, verlangt ebendarum durchaus teils den »geschlossenen Raum«, teils auch objektiv die Konzentration der Lichtwirkung, und unwillkürlich und halb unbewußt fühlt es daher sogleich der Beschauer als einen Mangel, wenn diesen Bedingungen nicht vollständig entsprochen ist. Friedrich empfahl mir einst ein Experiment, welches mich sehr aufklärte und welches ich hier noch erzähle, weil es wohl manchem nützlich werden könnte. Ein Mondscheinbild fand er einst auf meiner Staffelei, was ihm wahrhaft gefiel seiner Empfindung und Anordnung nach, welchem aber eben jene Konzentration noch sehr fehlte. Da bat er mich, eine dunkle Lasur auf die Palette zu nehmen und außerhalb des Mondes und der nächsterleuchteten Stellen alles, und je mehr gegen den Rand des Bildes um so dunkler, damit zu übertuschen und dann auf die veränderte Wirkung achtzugeben. Ich tat es, und das Bild war mit eins ein anderes geworden; nun erst war die Illusion der Mondbeleuchtung deutlich.[167] 
Dabei erfreute ihn übrigens sehr ein gewisser freier Naturalismus in meinen Bildern, wie er eben nur aus unzähligen Naturstudien vollkommen hervorzugehen pflegt. Friedrich war es daher namentlich, der mich ermutigte, einige kleine Ölbilder an Goethe zu senden, dem sie gewiß gefallen wurden. Auch dies tat ich, und der alte Meister hat denn auch dieser Dinge in seinen Heften von Kunst und Altertum sehr teilnehmend gedacht, besonders eines Osterabends mit Faust und Wagner, welches späterhin Eigentum der Königin Karoline von Bayern geworden ist.
Mein Freund war dann im Jahre 1818 einmal wieder in seiner Vaterstadt Greifswald gewesen und hatte auch die Insel Rügen wieder durchwandert und mannigfache Studien mitgebracht, welche mich nicht wenig ergriffen und sehr den Wunsch rege machten, diese Gegenden und namentlich das Meer selbst kennenzulernen. Das nächste Jahr daher gelang mir wirklich die Erfüllung dieses Wunsches, und so danke ich Friedrich auch dort Eindrücke, die, selbst nachdem ich späterhin so viel Größeres und Reicheres gesehen, immerfort eine eigentümliche Tiefe und Schönheit bewahrt haben, mich aber zugleich auch immer deutlicher verstehen ließen, was eigentlich bei seinen Bildern der Magnet war, der mehr oder weniger ihrer aller Richtung bestimmte. Ich werde darauf noch kommen, wenn ich ausführlicher meiner Rügenschen Wanderung gedenke.
Sehr überrascht waren Friedrichs Freunde, als er um diese Zeit sich verheiratete, denn dem menschenscheuen melancholischen Künstler hatte niemand diesen Entschluß zugetraut. Er wohnte da an der Elbe, man nennt es den Elbberg, und eine Bürgerstochter aus seiner Nähe – er hatte sie wohl beim Stellen lebender Bilder kennen lernen, welches die jüngern Künstler zuweilen veranstalteten –[168]  war seine Wahl; eine einfache stille Frau, die ihm nach und nach einige Kinder gebar, übrigens aber sein Leben und sein Wesen in nichts änderte.
Seine Bilder waren damals sehr gesucht, und er erhielt viele Besuche hoher und geringer Kunstfreunde, wobei es denn zuweilen auch an wunderlichen Begegnungen nicht fehlte, indem manche seiner Werke geradezu von kältern Naturen gar nicht verstanden werden konnten. So führte der weltbekannte gelehrte Hofrat Böttiger, mit dem auch ich damals öfters in Berührung kam und von dessen überall behäbiger Gefälligkeit und (nach Goethes Ausdruck) Ubique-Natur viele Geschichtchen kursierten, einst einige aristokratische Damen bei ihm ein, als eben ein neues Bild, eine weite nebelige Gebirgsferne mit einem einzigen darüber schwebenden Adler, auf der Staffelei stand. Der blinzelnde Archäolog stellte sich alsbald halb mit dem Rücken davor und entwickelte in fließender Rede den etwas erstaunten Beschauerinnen die Schönheit und tiefe Bedeutsamkeit dieses Seestücks, bis Friedrich verdrießlich auf die Gebirge zeigte und das Bild wegnahm. Ein anderer Kunstfreund stellte auch wohl einmal eins der von Friedrich allerdings oft etwas barock genommenen Seebilder, in denen aber doch stets irgendein der Ostseenatur charakteristischer Lichteffekt dem Künstler tief empfunden vorgeschwebt hatte, verkehrt auf die Staffelei und hielt den dunkeln Wolkenhimmel für die Wellen und den Himmel für das Meer und sonst dergleichen!
Doch lassen wir nun vorerst unsern Freund und wenden uns zu dem, was in meinem Geiste aufging durch Betrachtung der großen Kunstsammlungen.
Wenn man bedenkt, daß ich mit eingeborenem Verlangen nach den Wundern der Kunst früher in Leipzig mich völlig von allen Anschauungen dieser Art abgeschnitten fand und daß damals ein einziger Besuch in Dresden diesen[169]  Durst nur noch mehr gesteigert hatte, so wird man fühlen, wie mächtig nun hier es mich bewegen mußte, in einzelnen Mußestunden ganz mich in solche Betrachtung zu versenken. Die damalige Anordnung der Gemälde in den beiden ungeheuern Galerien, der innern und äußern, ohne alle Querwände, hatte allerdings viel Unzweckmäßiges im einzelnen, trug aber dazu bei, im ganzen einen großen und feierlichen Eindruck zu machen. Trat man in einen dieser Säle, deren Wände das Beste trugen, was die Künstler mehrerer Jahrhunderte hervorgebracht hatten, so gab es das Gefühl, als eröffnete sich eine Kirche der Kunst. Von allen Seiten blickten bald erhabene, bald reizende Gestalten herab, hier eröffneten sich die weiten Gegenden Italiens, und dort sah man in Intimitäten niederländischen Lebens hinein, und das Auge schweifte eine Zeitlang wie auf Blumenbeeten unstet umher, bis es von irgendeinem besonders hellen Glanzpunkte festgehalten wurde und nun dort tiefer und tiefer sich ansaugte.
Eine allgemeine Bemerkung, die sich als eine der ersten mir aufdrängte, war dann immer die über die ruhige Licht- und Farbenwirkung aller dieser alten Bilder, wenn ich mich dagegen der bunten unruhigen Wirkung erinnerte, welche mir von jeher auf Ausstellungen größere Massen neuere Werke gemacht hatten. Ich fühlte wohl, daß die Patina des Alters hier auch einen Anteil hatte, aber sie war es doch keineswegs allein, was diese Ruhe hervorbrachte. Um dies alles recht zu empfinden, stelle man sich nämlich so weit von einem Bilde, daß schlechterdings nicht mehr erkannt werden könne, was es im einzelnen vorstellt, sondern daß nur die Gesamtheit von Licht und Schatten, nach hellern und dunklern Farben, ins Auge falle. Hier wird man nun bald finden, sehr viele der neuern Bilder, namentlich landschaftliche (doch auch[170]  ein großer Teil der historischen), sie wirken dann fast landkartenartig bunt und unruhig auf das Auge, während in den meisten Bildern der alten Zeit, mit Ausnahme mancher altdeutschen und ähnlicher, eine gewisse Bescheidenheit der Farbe herrscht und aus breiten Schatten eine klare harmonische Lichtwirkung hervordringt. Wie sehr fand ich das namentlich an den beiden einzig vortrefflichen hiesigen Bildern des Claude [Lorrain] bestätigt, wenn ich an die Ostentation mancher neuen Landschaftsdarstellungen Italiens dachte, die mir früher vorgekommen waren, und wie sehr fand ich nun auch bei näherer Betrachtung es bestätigt, daß gerade nur durch diese bescheidene Ruhe es jenem in seiner Zeit so wunderbar hervortretenden Künstler gelang, den milden Hauch südlicher Lüfte und Fernen mit ihrer ganzen brusterweiternden Klarheit zur Empfindung zu bringen. Kam ich dann an Ruysdaels und Everdingens Bilder, so wurde mir, obwohl mit sehr veränderten Umständen, doch alsbald der gleiche Grund ihrer tiefen Wirkung bemerkbar, und natürlich verfehlte dies alles nicht, mich über vieles aufzuklären und auch für Förderung meiner eigenen Versuche mir wichtig zu werden.


Ich traf einigemal mit dem alten Klengel auf der Galerie zusammen und verdankte ihm dann über das Technische der ältern Malerei ebenfalls manche interessante Mitteilung. Es war seine Überzeugung, daß uns doch manche Geheimnisse der ältern Farbenbehandlung verlorengegangen seien, denn damals, als jeder Maler sich seine Leinwand selbst bereiten und seine Farben selbst reiben und mischen lassen mußte, habe denn freilich sehr verschiedenerlei Verfahren stattgefunden, das uns jetzt fehle, und wirklich habe ich es später auch noch erlebt, daß eine ganz neue Art zu malen an die Tagesordnung kam, von welcher damals noch niemand einen Begriff[171]  hatte. Klengel führte mich unter anderm vor ein Bild von Lilienburg – es ist mäßig groß, auf Holz gemalt und zeigt ein aufgehangenes totes Birkhuhn und eine tote Lachtaube neben ein paar andern kleinen Vögeln liegend, was mit bewundernswerter Weichheit den Flaum des Gefieders und seine Farben wiedergibt – und fragte mich, ob ich glaube, daß durch eins der jetzigen Farbenmittel wohl diese Durchsichtigkeit und zugleich dieses Pastose der Behandlung zu erreichen möglich sei. Ohne Zweifel hätten diese Maler ein Bindemittel der Farbe besessen, welches ihnen verstattete, der feinsten Behandlung bald einer lasurmäßigen Klarheit bei voller Konsistenz der Farbe, bald einer großen Tiefe des Schattens bei immer bewahrter Durchsichtigkeit Herr zu sein, und allerdings fanden wir dann auch namentlich an den Bildern von Berghem noch mehr Beweise für diese Annahme. Überblickt man die breiten Massen seiner mit so großer Routine gemalten Bilder, den fast tuscheartig durchsichtigen Auftrag seiner Schatten bei schärfster Zeichnung des Pinsels und dabei die Weichheit und doch Präzision seiner Plastik in den Lichtern, so kann man kaum anders als glauben, daß er mit einem Stoffe malte, der bei größter Flüssigkeit doch überall die entschiedenste Modellierung und Sicherheit zugelassen habe. Übrigens war der alte Herr mit seinen Künstlertheorien schnell fertig! In seinem Felde, der Landschaft, meinte er, gäbe es doch am Ende nur zweierlei Stil: einmal den des Claude und ein andermal den des Ruysdael, und weiter sei damit nichts anzufangen, man müsse zu einem oder zum andern sich bekennen. Und dabei war doch gerade unmittelbar neben ihm eigentlich schon eine ganz neue Zeit aufgetaucht, und zwar zuerst in Friedrich, von dem späterhin mir einmal mein Freund David d'Angers sagte, als er mit seinen Werken bekannt wurde: »Voilà un homme, qui a découvert[172]  la tragédie du paysage!«2 Allein das pflegt ja immer das Sonderbare verjährter Zustände unter den verschiedensten Verhältnissen zu sein, daß dann, wenn nun unmittelbar neben den Menschen eine neue Gestaltung der Dinge aufkeimt, sie nicht eher davon Kenntnis nehmen, als bis oft sie selbst davon sich plötzlich verdrängt finden.
Was die italienischen Schulen betraf, welche damals wesentlich die innere Galerie umschloß, so machten sie mir freilich stets den großen gewaltigen Eindruck, den sie fast nie auf das unbefangene Gemüt verfehlen; allein ich war meinem ganzen Entwicklungsgange nach so sehr dazu gedrängt, überall von der Natur zur Kunst geführt zu werden, daß hier immer noch ein gewisses unsichtbares Band von völligem Verständnis mich zurückhielt; ein Band, welches nicht eher ganz sich löste, bis Italien selbst sich mir erschlossen hatte. Ist es doch fast unglaublich, mit welch tiefen Wurzeln alle jene Darstellungen in der glühenden Atmosphäre, in dem leidenschaftlichen Gemüt, in der Schönheit des Landes und der Generation und im Katholizismus jener Zeiten wurzeln! Ebendarum war ja die neuere deutsche Kunst verloren, solange sie den Spuren jener großen Meister durchaus und unbedingt nachgehen zu müssen glaubte! Es konnte das nur zu Zwittergeburten leiten, und man kann recht eigentlich sagen, daß auch hier lange Zeit Irrtümer herrschten gleich dem obenerwähnten von Klengel in bezug auf den Landschaftsstil von Claude und Ruysdael. Die großen neuern Werke eines Cornelius, Lessing, Kaulbach, Gallait und Paul Delaroche haben erst lebendig gezeigt, daß die Neuzeit eine eigene Kunstrichtung im historischen Stil nicht nur zu fordern das Recht hat, sondern daß sie auch in Wahrheit in freierm, ich möchte sagen mehr kosmopolitischem Sinne[173]  (weil weniger vom Boden abhängig) Großes zu schaffen vermag. Wie es demnach nicht leicht war, der neuern Kunst den rechten Weg zu bereiten, so war auch das Verständnis der alten historischen Kunst von jeher mit Schwierigkeiten verknüpft. Ging es doch selbst Goethe so, den auch auf unserer Galerie zuerst die Bilder des Domenico Feti mit ihren Darstellungen unmittelbar praktischer Lebensaufgaben weit stärker anzogen als die wunderbaren Werke der großen römischen und venetianischen Meister.
Was mich betraf, so war mir daher eigentlich ein niederländischer Maler – Schüler des Rembrandt –, von welchem die Galerie drei ganz ausgezeichnete Werke besitzt, Ferdinand Bol, der Führer zum bessern Verständnis höhern historischen Stils überhaupt. Nimmt man es nämlich genau, so darf man wohl sagen, das rechte historische Bild müsse im Wesen stets irgendwie an die alte Tragödie erinnern, indem es, gleich dieser, durch lebensvolle Darstellung bedeutender Persönlichkeiten einen jener unendlich verschiedenen möglichen Konflikte zur Anschauung bringt, in welche Gefühl, Erkenntnis und Wollen menschliche Seelen tausendfältig verwickeln und welche dann zuhöchst wieder in irgendeiner Beziehung zur Förderung der Entwicklung gegen vollendetere Offenbarung des Göttlichen gereichen sollen. Gleich der antiken Tragödie wählt daher das echte historische Bild stets nur wenige seelische Individualitäten in ihrem Aufeinander- oder Zusammenwirken, läßt sie aber mit möglichster Klarheit und Entschiedenheit hervortreten und hat nur das im reinsten Zusammenfassen von Form und Farbe als Moment zu ergreifen und räumlich auszudrücken, was das tragische Kunstwerk, im Zusammenhalten von Bewegung und Handlung in der Zeitfolge, durch Menschen darstellt. Will man wirkliche Werke in dieser Beziehung vergleichen,[174]  so wird man, bei allem Weitauseinanderliegen der äußern Verhältnisse, merkwürdige Übereinstimmungen der Wesenheit gar wohl zu erkennen vermögen. Die Heilige Familie zum Beispiel, in deren Mitte jenes wunderbare Kind hervortritt, welches im Opfer seines Blutes als welterlösend sich dereinst erzeigen soll, wenn sie als Bild von drei oder vier Figuren nach der ganzen Tiefe ihrer Bedeutung zur Anschauung gebracht wird, wir können sie einer Euripideischen Tragödie, etwa von der Iphigenia in Aulis, die zum Heil ihres Volks der Opferung verfällt und doch ihrem Wesen nach gerettet bleibt, ganz wohl gegenüberstellen und im Aufsuchen mancher Gleichartigkeiten und Ungleichheiten zwischen beiden unsern Scharfsinn beweisen.
Ich hoffe, nach dem Vorhergehenden wird man daher vollständiger begreifen, wenn ich jetzt darzulegen versuche, inwiefern Bilder jenes neuern Niederländers (Ferdinand Bol starb 1681) für mich bedeutungsvoll und lehrreich gewesen sind. Ich muß jedoch, um mich ganz klar zu machen, zunächst den Inhalt dieser Bilder etwas näher andeuten. Das merkwürdigste derselben ist unter dem Namen des »Uriasbriefes« bekannt.3 David, den edeln, dichterischen Helden, sieht man vom Throne dem Urias den verhängnisvollen Brief empfehlen, den der alte, widrig kalte Schreiber zur Seite des Thrones eben vollendete und dem Opfer übergab. Ein entschiedener Konflikt zwischen dem ehrlich festen Kriegergesicht und dem innern beengenden Herzschlage des Königs tritt merkwürdig hervor, und man ahnt im voraus den Tod des einen und die Buße des andern. Gleichsam in ihrem Mittelpunkte ist also eine ganze Tragödie erfaßt. Das andere Bild, mehr im Sinne eines Familienlebens ergriffen, stellt Joseph dar,[175]  wie er seinen Vater dem Pharao entdeckt und empfiehlt. Hier ruht der Akzent ganz auf dem Joseph, in dessen großen, klugen Zügen eine merkwürdige Durchschauung der Weltverhältnisse und so auch das Talent, sie glücklich zu lösen, hervortritt. Das letzte endlich ist eine ganz im niederländischen Sinne alltäglichen Lebens aufgefaßte Flucht nach Ägypten. Von keiner Erhabenheit der mystischen Bestimmung des Christuskindes ist hier die Rede, wohl aber von dem schwer lastenden und endlich doch besiegten Geschick einer mit bitterer Not kämpfenden Familie. Der Mutter Brust entbehrt schon der Nahrung für das Kind, und mit schweren Gedanken innerlich kämpfend, starrt der Mann über die scheinbar Hilflosen hin; während zwischen den Fingern seiner Hand ein Messer halb bewußtlos gewiegt wird.

  Amazon.de Widgets
Indes, wie gesagt, für damals waren jene Bilder mir ungefähr das gewesen, was für Goethe die Parabeln des Domenico Feti, und von da an wurden mir nach und nach nun auch die großen Italiener in ihren Werken verständlicher, doch immer so, daß für die neuern verhältnismäßig früher mir der Sinn aufging als für die ältern. So entsinne ich mich wohl, daß die büßende Magdalena von Franceschini (gestorben 1729) mir damals auch zuerst in einer tiefern Bedeutung aufging. Der nagende Schmerz der ermattet Zusammensinkenden, wie aller Schmuck des Lebens von ihr abfällt und ein inniger aufwärts gerichteter Blick allein ihr Ersatz gewähren darf für vollkommenste Resignation, er gab mir zu vielfältigsten Betrachtungen Anlaß und ließ mich zu dieser Zeit noch übersehen, daß bei alledem eine gewisse Üppigkeit des Stils im ganzen Bilde von dieser höhern Aufgabe im Stoff doch noch bedeutend sich entferne.
Allmählich ging mir dann die Hoheit der ältern Venetianer auf. Giacomo Palma namentlich und dann Tizian[176]  selbst, sie zogen mich mehr und mehr an, und insbesondere übte ein Werk des erstern – die drei wunderbaren Frauenbilder – auf mich lange Zeit eine so eigene Anziehung, daß ich vielfach damit umging, alle die Gedanken, die sich mir hierbei zudrängten, in Form einer Novelle, welche diese idealen Gestalten irgendwie verwirklichen sollte, auszusprechen; ein Unternehmen, welches indes nie zur Ausführung gekommen ist. Wie ich denn endlich zu Correggio überging, wie Paul Veronese mich in seinen großen dramatischen Darstellungen beschäftigte und wie zuletzt das nie genug zu preisende Werk Rafaels in seiner ganzen Schönheit mir immer näher rückte, darüber werde ich vielleicht noch in den folgenden Blättern manchmal zu berichten die Gelegenheit finden.
Wie denn also nur durch innere Geistesentwicklung allmählich die Schätze der Galerie sich mehr und mehr mir erschließen konnte, so verdient nun auch das Verhältnis der jungen Seele zu den plastischen Bildwerken des Altertums wohl einer nähern Erwägung. Es verbirgt sich hier viel Seltsames im menschlichen Gemüt! Vermöge des ungemein Naiven, Ursprünglichen und Reinen in der Antike sollte man glauben, es müsse von Haus aus sogleich eine unmittelbare Verwandtschaft zu ihr in uns vorhanden sein, und strenggenommen existiert auch diese Verwandtschaft allemal im ganz Unverdorbenen; aber wie lange dauert es, bevor sie in dem Menschen des Tages wahrhaft zum Bewußtsein zu gelangen vermag! Man könnte dies Verhältnis in Wahrheit fast vergleichen dem des Menschen zu seinem eigenen Innern! Dieses Innere sind wir selbst, wir leben, atmen, denken durch dasselbe, und wieviel Leben vergeht, bevor wir zu einer einigermaßen vollständigen Erkenntnis von demselben gelangen, ja, es kann der Seele anfänglich davor wahrhaft grauen! So nun ungefähr ist es auch mit der Antike! Eben weil[177]  der Mensch ihr ursprünglich so sehr nahesteht, bleibt er ihr geistig lange fern, und sie erscheint ihm anfangs in ihrer großartigen Abstraktion mit einer gewissen Starrheit, so daß mir immer geschienen hat, der Mythus von der alles versteinernden Schönheit des Medusenhauptes werde zunächst von der Antike selbst erzählt.
Als ich nach Dresden kam, war eine tiefere Kenntnis der Antike mir noch fast ganz fremd. Ich hatte auf der Leipziger Akademie, wie ich früher erzählte, größere Studien nach dem Borgheseschen Fechter, nach Laokoon und ähnlichem mit Sorgfalt gezeichnet, aber ich hatte diese Werke so hingenommen, wie man die Natur hinnimmt, ohne viel dabei zu denken; und als mir hier das Augusteum seine Schätze öffnete, als die reiche Sammlung der Mengsschen Abgüsse sich auftat und so nun auf einmal ein reicher Blick in jene Kunstwelten selbst gewährt wurde, da fühlte ich innerlich mich erschüttert, und weite neue Gedankenzüge drängten sich mir zu. Ein einziges gab es, das anfänglich störend einwirkte, und das waren die Umstände, unter welchen damals diese Sammlungen allein sichtbar wurden. Nicht, wie jetzt, frei und offen dem Publikum zur Anregung und Bildung anheimgegeben, sondern der eifersüchtigen Bewachung habsüchtiger Inspektoren anvertraut, wurden sie nur unter drückenden Verhältnissen geöffnet, und mancher Aufflug der Gedanken erlahmte sogleich, wenn man der in der Person eines philisterhaften Führers verkörperten Prosa streng zu folgen verpflichtet war. Als ich mit Freund Nasse und den Seinigen zum erstenmal das Erdgeschoß des Japanischen Palais mit seinen Altertümern durchwanderte, führte uns der damalige Aufseher Lipsius, und soll ich von der Art etwas näher berichten, wie ein solcher Führer diese unschätzbaren Überreste betrachtete, so bedarf es nur der Erwähnung, daß dieser Seltsame uns am Schlusse der Wanderung[178]  mit großer, ja fast unglaublicher Selbstzufriedenheit versichern konnte: der Katalog, den er über diese Sammlung ausgearbeitet habe, sei von einer solchen Vollständigkeit, daß, wenn ja einmal eins der hier bewahrten Stücke abhanden kommen sollte, dasselbe nach seinen Angaben recht füglich wiederhergestellt und ersetzt werden könne. Nicht viel besser ging es bei des Mengs Abgüssen. Man sah sie häufig bei Fackelbeleuchtung, welcher sie ein gut Teil jener Schwärze danken, womit man sie vielfältig überzogen fand, bevor sie in das neue Museum überwanderten, und in der bunten Gemeinde, die dann dem prosaischen Cicerone nachzog, war ebenfalls wenig innere Sammlung denkbar.
Nach und nach jedoch fand ich Wege, auch allein, in einzelnen Stunden und mit Muße, dem Studium so großer Werke mich hinzugeben, und nun ging auch hier eine eigene Welt mir auf.
Ich hatte früher so oft von der ungeheuern Naturwahrheit und der strengen Nachahmung der Wirklichkeit in der Antike vieles Rühmen gehört, und es überraschte mich daher nicht wenig, als ich bei ruhigerm Erwägen bald zu der Überzeugung gelangte, daß gerade die Freiheit und die Abstraktion in diesen Werken es sei, die die höchste Bewunderung verdiene. Bei Oken hatte ich die etwas paradoxen Worte geschrieben gefunden: »Schön ist, was den Willen der Natur darstellt. Unschön ist, was die Natur durch Kunst darstellt«, und diese Worte wurden in meiner Anschauungsweise und Kunstphilosophie erst zur Gewißheit durch das tiefere Erkennen der Antike.
In Wahrheit, je mehr man die Werke der Griechen von diesem Standpunkte aus erwägt, um so mehr muß man erstaunen, woher dies Volk den Mut nahm, das Gängelband der reinen Naturnachbildung zu verlassen, und woher es die Weisheit nahm, nachdem es dieser doch so[179]  sichern Führerin keineswegs mehr so geradezu nachging, mit so magnetisch richtigem Gefühl die Idee selbst zu erfassen und an ihrer Hand Formen zu bilden, die, eben, weil sie die der Idee gemäßen waren, den Namen der idealen wirklich verdienten! Für immer wird das Erschaffen des sogenannten griechischen Profils, welches wir allerdings als den Prototyp dieser ganzen Richtung gelten lassen müssen, das schlagendste Beispiel solcher innern künstlerischen Macht der Nation darbieten. Wie denn kam sie darauf, den Gesichtswinkel, der im wohlgebildeten Menschen selten 80 Grad übersteigt, kühn auf 90 Grad, ja darüber zu steigern und so eine Schönheit zu gestalten, die wir ganz vergeblich in der Natur suchen, wenn nicht unbewußt in ihr eine Ahnung damals noch nirgends ausgesprochener Gesetze gelebt hätte, denen zufolge die Nase als absteigende Antlitzwirbelsäule das parallele Verhalten mit der aufsteigenden Rückenwirbelsäule als ideelle Notwendigkeit unabwendbar fordert! Was aber in diesem Beispiele mit besonderer Deutlichkeit und Unverkennbarkeit hervortritt, geht es nicht durch die ganze Behandlung des Marmors in Darstellung des nach geheimnisvollen Gesetzen gegliederten Baues des Menschen? Ist die Art, wie Brust und Leib, Rücken und Hüften, Gesichtszüge und Gliedmaßen, ja sogar die Gewänder von den Griechen behandelt sind, nicht voll ebensolcher Abstraktion, wenn auch hier dem ungeübten Auge weniger bemerkbar?
Auch ich konnte damals noch keineswegs dieses reiche Feld seiner ganzen Tiefe nach ermessen, allein mit großer Freude ahnte ich doch schon seine Bedeutung, und nachfolgende Dezennien haben dann mir immer mehr und mehr davon verraten! Namentlich förderte es mich späterhin in hohem Grade, als ich imstande war, den Begriff der ägyptischen Kunst, aus wirklich großen Werken derselben,[180]  in mir aufzuerbauen und mit dem der griechischen zu vergleichen, denn es war und ist noch jetzt immer ein großer Mangel der Dresdener Sammlungen, daß sie für diesen höchst merkwürdigen Kunststil so sehr wenig enthalten. Wäre doch vielleicht den Griechen selbst die oben besprochene Abstraktion nie möglich geworden, hätten sie nicht das alte Wunderland Ägypten unmittelbar vor sich gehabt und aus seiner strengen Schule den Mut entnommen, in ähnlicher Weise frei der Natur gegenüber sich zu verhalten!
Ganz neuen Forschungen ist es ja erst gelungen, nachzuweisen, daß am Nil einst, und wahrscheinlich zuerst, der Gedanken eines Kanon, einer abstrakten Regel der Plastik entstand, von welchem der nie vollständig zu unserer Kenntnis gekommene Polykletskanon der Griechen nur der Abklang und die vielleicht etwas feinere Durchführung gewesen ist. Man betrachte das kolossale Haupt König Ramses', man erwäge die geradlinige große Bildung eines Sphinxhauptes oder einer Osirisstirn, und man wird fühlen, daß hier eigentlich schon der volle Keim des griechischen Profils vorliegt. Diese Gedanken sollten mir je doch bald noch merkwürdiger werden, indem sie in mancher Beziehung mit einer Aufgabe zusammentrafen, welche mich von der Zeit an, wo ich meine »Vergleichende Anatomie« abgeschlossen hatte, sogleich in Anspruch nahm und zehn Jahre hindurch das wesentliche Ziel blieb, dem ich meine besten Kräfte widmete. Das Typische in den Naturgestalten nämlich, das heißt der äußere entschiedene und strenge Ausdruck einer tiefen innern Gesetzmäßigkeit, ein Ausdruck, der, indem er das Individuelle aufhebt, das Allgemeine um so schärfer hervortreten läßt, ihm möglichst vollständig auf die Spur zu kommen, war überhaupt schon lange mein eifriges Bestreben gewesen. Seit ich nun bei jener Arbeit genötigt worden[181]  war, unter andern organischen Bildungen auch das Skelett durch alle seine Hauptformen zu verfolgen, erfaßte es mich um so heftiger, hier nicht zu ruhen, bis ich in diesem Gebilde, welches recht eigentlich der Träger und maßgebende Grundbau jeder höher belebten Gestalt ist, auf das allerentschiedenste und in ganz mathematischer Weise den wahren Urtypus aufgefunden und in den Gesetzen seiner Entwicklung nachgewiesen haben würde. Wo ich daher irgendwie jener Abstraktion der Form begegnete, welche allemal das Einzelne zum Allgemeinen zu vergeistigen strebte, da fand sich meine Aufmerksamkeit besonders angeregt, und von hier aus wird man dann begreifen, wie sehr es mich anziehen mußte, als ich bei aufmerksamer Vergleichung der besten mir nun zugänglich gewordenen griechischen Bildwerke nach und nach auch anfing gewahr zu werden, wie das in all ihrer schönen Mannigfaltigkeit verborgene Gesetz recht eigentlich nur aus der abstrakten Einheit mystischer früherer Kunstperioden der Menschheit hervorgegangen sei. Darf man doch sagen, daß es immer das wahre Ziel und der Gipfelpunkt jeder Wissenschaft und so auch der Wissenschaft der Kunst sei, wenn sie das ganz Allgemeine ihres Feldes als eine göttliche Notwendigkeit erkennt, dann aber auch alles Besondere in diesem Felde als durch jenes Allgemeine begründet und als Verwirklichung desselben nach allen gegebenen Möglichkeiten hin zu erkennen vermag! Halten wir daher diese Gedanken recht fest, so werden wir gewiß nicht verkennen, daß es auch ein ganz ihnen gemäßer Gang in der Entwicklung der Kunst genannt werden müsse, wenn sie stets zuerst im ganz Typischen, Abstrakten, ich möchte sagen im Allgemeinen der Menschheit, sich bewegt und ausspricht, und wenn allemal erst späterhin die Besonderheit, die unendlich verschiedene Möglichkeit der Individualitäten zur Darstellung kommt.
1
  Amazon.de Widgets
 Goethe: Faust II, 2. Akt, Laboratorium (Anm. des Herausgebers.)
2 »Hier ist ein Mensch, der die Tragödie der Landschaft entdeckt hat.« (Anmerkung des Herausgebers.)
3 Das Bild wird gegenwärtig dem Govaert Flinck, auch einem Schüler Rembrandts, zugeschrieben.




 V.










[182] Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.1

Diese Dichter- und Seherworte, wie sie tausendfältig von jeher sich bei vielen bestätigt haben, erkenne ich auch an mir recht in ihrer Wahrheit, indem ich hier auf meinen frühern Lebensgang zurückblicke. Oben schon sagte ich, wie eigen mich das Doppelgängerhafte meiner Gestalt in jenen Jahren oft berührt habe, wie namentlich, neben manchem Tiefsinnigen und Tüchtigen, was dabei im stillen doch fortwuchs, so viel Unfertiges, Halbes, ja fast Kindisches zuweilen aus den Briefen jener Zeit mich anblicke, und gebe ich nun acht, wodurch gerade das nach und nach sich gänzlich verloren und ausgeglichen hat, so muß ich allerdings erkennen, daß es insbesondere die immer weitschichtigern Kombinationen des Lebens und die immer mannigfaltigern Berührungen mit bedeutenden Individualitäten gewesen sind, welche endlich zu entschiedenern Formen mich gefördert haben, wobei natürlich denn auch kleinere und größere Reisen vielfach und kräftig mithelfen mußten.
Ist es doch so sonderbar, das Leben, wenn man es im einzelnen nimmt, scheint so gleichmäßig; Tag reiht sich an Tag, mit wenig Abwechslung erscheinen dieselben Personen und Gegenstände – man zweifelt oft, daß die Zeit fortrückt! So scheinen die Himmelskörper selbst fast unbeweglich ihre Stelle zu behaupten; und doch, wie ein Stern nun gleich wieder an ganz anderer Stelle steht, wenn wir lange nicht nach ihm gesehen haben, so finden wir auch eine Lebensform sogleich ganz und gar verändert, wenn wir einige Zeit lang sie außer acht gelassen hatten.[183] 
So fand ich also auch in Leipzig Örtlichkeiten und Individualitäten mannigfaltig fortgerückt. Ich lebte wieder zu Stunden mit Heinroth, Clarus, Rosenmüller und Joerg und tauschte Erlerntes und Erlebtes von allen Seiten ein; mein alter Freund Dietz war mit zeichnerischen Aufgaben zu einer neuen Ausgabe der Minnesänger beschäftigt und begleitete mich abends in meine wohlbekannten Eichenwälder, die am wenigsten ihr treuherziges Antlitz verändert hatten – und von neuern Persönlichkeiten kamen Ritterich, der später so rühmlich bekannte Augenarzt, und die jüngern Osiander und Langenbeck aus Göttingen mir näher.
Am meisten wurde ich mit Heinroth in Disputationen verwickelt, denn unsere Ansichten waren in drei Jahren meilenweit auseinandergerückt. In ihm waren seitdem gewisse pietistische Ansichten von der Sündhaftigkeit des Menschen als nächstem Grunde von Krankheit und namentlich psychischen Krankheitszuständen aufgetaucht, welche ich keineswegs teilen konnte und welche auch in ihm zuletzt nur auf unvollkommenen physiologischen Ansichten ruhten. Es war eigen, in dem Manne erschien, bei einer großen Volubilität und Verstandesschärfe des Geistes, eine gewisse Unfruchtbarkeit der Idee, die ich und manche seiner Freunde zuweilen wohl mit der Unfruchtbarkeit seiner Ehe (er hatte nie Kinder gehabt) in Verbindung zu bringen versucht waren. Da aber die Natur selbst in ihren großen Metamorphosen und wahren innern Produktivität ihm nie recht lebendig aufgegangen war, so suchte er gern nach gewissen facticen Erklärungen und supernaturalistischen Gründen für Erscheinungen, die mir und meinen Glaubensgenossen auf einem weit einfachern und ebenern Wege entgegenkamen. Wie es indes zu gehen pflegt, unsere Naturen waren zwar gewiß zu verschieden, um jemals eine vollkommene Verständigung zuzulassen;[184]  da er jedoch lebendig, von freiem Humor und ein leichtgewandter Fechter mit Worten war, so dienten unsere Kontroversen doch uns gegenseitig zum besten und hatten den unfehlbaren Nutzen, daß jedem, anstatt den andern zu bekehren, seine eigene Ansicht und Meinung immer entschiedener und deutlicher vor die Seele trat.
Am 8. Oktober ging ich nach Halle ab, allwo unterdessen mein Freund Nasse die Professur der innern Klinik auf des verstorbenen Reil Antrieb übernommen hatte und wo damals der als Anatom so berühmt gewordene Johann Friedrich Meckel wirkte, dem ich bereits einige Abhandlungen für das von ihm neu herausgegebene »Archiv für Physiologie« zugesendet hatte. Ich wohnte bei Nasse, und gleich der erste Abend brachte reiche Diskussionen, gemischt mit freudigen Erinnerungen an die zwei Jahre früher zusammen verlebten Tage in Dresden und in den Felsentälern von Schandau. Die merkwerteste und schärfste Individualität aber, die mir überhaupt dort entgegentrat, war Meckel. Die Gebrüder Meckel gehörten zu einer von den wenigen Familien Deutschlands, in welchen bedeutende Anlagen, Fähigkeiten und Neigungen ganz in einer und derselben Richtung, durch mehrere Generationen hindurch, zusammentrafen. Wie in den Bachs und Schneiders die Musik, so war hier vom Großvater bis zum Enkel die Anatomie in Fleisch und Blut übergegangen, und von dem Verbissensein in ihre Wissenschaft konnte es Kunde geben, wenn man auf dem anatomischen Theater den Schrank sah, in welchem der Vater dieses Meckel sein eigenes Skelett aufzustellen befohlen hatte, eine Anordnung, welcher dann auch der Sohn durch sorgfältiges Abpräparieren der Knochen des Vaters pünktlich Folge geleistet hatte. Scheinen doch selbst die Frauen an diesen Passionen Anteil genommen zu haben, denn man versicherte mich, daß die diesen alten Herrn überlebende Ehehälfte, als man[185]  ihr die Nachricht brachte, daß beim Skelettieren des seligen Professors die anatomische Merkwürdigkeit sich ergeben, daß statt zwölf Rippenpaaren hier dreizehn vorhanden waren, sie freudig bewegt ausgerufen habe: »Ach! Hätte mein lieber Mann doch das noch erfahren.«
Mich interessierte indes mehr als das Skelett des toten Professors, wenngleich es das einzige geblieben ist, das mir vorgekommen (obwohl es doch sonst eigentlich an trockenen Professoren nicht mangelt), die große treffliche Sammlung vergleichend anatomischer Präparate, welche mit unsäglichem Fleiße durch den Lebenden geschaffen war. Die Seeküsten Italiens hatten ihm hier reichen Stoff geboten. Zum erstenmal sah ich manche seltsame Organisation in der Wirklichkeit, welche ich in meinem zootomischen Lehrbuche nur nach Beschreibung und Abbildung verzeichnet hatte, und man kann denken, daß ich mich hier sobald nicht trennen konnte. Dabei war dazumal mir Meckel freundlich und gefällig, denn noch hatte ich ihm keine Eifersucht erregt, und so konnte ich manche Notiz aufnehmen und manche Form festhalten, die bei der letzten Handanlegung an meinem Werke mir ganz wohl zugute kam. Weiterhin, als dies Buch große Teilnahme erregte und mehrere ähnliche Arbeiten von mir folgten, wurde er mir auffallend feindselig und suchte sogleich mir möglichst Abbruch zu tun. So war es denn auch schon zwischen ihm und Nasse, der mit seinem großartig bequemen Wesen ihn nicht gerade immer schonte, zu argen Zerwürfnissen gekommen, und an einem der nächsten Abende, wo wir alle bei Nasse zu heiterer Geselligkeit uns versammelt hatten, mußte ich selbst erfahren, wie eine leichte wissenschaftliche Kontroverse bald zu dem ärgerlichsten und verdrießlichsten Gezänk zwischen den beiden ausging. Bei alledem lernte ich doch mehr von ihm als von meinem weichern Freunde, und wenn schon die Perser sagen: »Ein[186]  Messer wetzt das andere und ein Mann den andern«, so erfuhr ich hier, daß, wie ein härterer Stahl mehr schärft als ein weicher, auch gerade solch harter, eckiger Charakter, wenn er sonst mit einem gehaltvollen Geiste verbunden ist, mehr anregend und aufrufend wirkt als ein sanfter.

  Amazon.de Widgets
Ein schöner Herbstmorgen wurde übrigens auch benutzt, die hübschen Saalufer in der Umgegend von Halle zu sehen. Das alte Giebichenstein mit seiner Fensterruine, aus welcher Ludwig der Springer einst hinab zum bereitgehaltenen Kahne sich gerettet haben soll, blieb nicht ungezeichnet, und da oben, in erwärmender Sonne gelagert und hinabblickend auf die anmutigen Flußbiegungen, umkränzt mit herbstlich buntbelaubtem Gebüsch und Bäumen, überdachte ich die mannigfaltigen Eindrücke der letzten Tage. Manche artige Gärten liegen auch da in der Nähe, man zeigte mir des nur vor kurzem verstorbenen Reil Berg sowie den wohlangelegten Garten des ehemals gerühmten Liederkomponisten Reichardt, den auch Goethe dort zuweilen besucht hatte. Man erzählte mir dabei noch den deutschtreuherzigen Zug von dem Musiker, daß, als das erstemal Goethe dorthin kam und anfänglich, ohne sich zu erkennen zu geben, unter Leitung des Besitzers die hübschen Aussichtspunkte des Gartens besuchte, dann aber beim Fortfahren seinen Namen genannt hatte, Reichardt schnell ins Haus sprang, seine Frau rief und dieser noch den in einer Staubwolke schon weit fortrollenden Wagen zeigte, mit den Worten: »Frau, dort fährt Goethe!«, wobei die Arme freilich nun nichts mehr von dem großen Poeten gewahr werden konnte. Indes haben ihn doch wohl sehr viele von Angesicht gesehen, die darum auch nichts weiter von ihm gewahr geworden sind als diese Frau!
Nachdem ich auch noch Nasses Klinik und Irrenhaus und[187]  dann einen alten Freund aus meinen Leipziger Studienjahren, den zu dieser Zeit doch schon sehr kränkelnden und bald nachher verstorbenen Kaulfuß, besucht hatte, welcher mir seine schönen Arbeiten über die Entwicklung der Farnkräuter vorzeigte, die es anschaulich machten, wie diese merkwürdig zarten Pflanzengestalten in ihren Metamorphosen die ihnen vorhergehenden Pflanzenfamilien der Algen und Jungermannien so bedeutungsvoll wiederholen, ging ich nach Leipzig zurück, weilte noch ein paar Tage unter den dortigen Gelehrten und fuhr dann nach Berlin.
Schon die weitschichtige Architektur von Potsdam mit den breiten Wasserflächen der Havel und dem Marmorpalais daran, dann die Größe der Hauptstadt selbst mit ihrem Schlosse, ihren Linden und Brandenburger Tore, welches erst seit kurzem durch die wiedereroberte Quadriga geziert war, machten einen erweiternden Eindruck auf mich, das Volk aber – die preußische Nationalität – die damals durch die großen Ereignisse so mächtig gehoben war, steigerte diesen Eindruck noch vielfältig und gab mir gar allerhand zu bedenken. Ist es doch sonderbar mit unserm deutschen Vaterlande beschaffen! Im allgemeinen wird es als ein großer Nachteil dargestellt, daß die einzelnen Charaktere des Schwaben, Franken, Österreichers, Bayern, Sachsen, Preußen, Westfalen usw. so scharf abgesondert nebeneinanderstehen und daß Germania nie eine Einheit werden will, und wer wollte auch leugnen, daß manches Schlimme daraus für uns erwächst; allein, einem großen Naturgesetze zufolge, könnte man doch auch hinwiederum behaupten, daß gerade durch diese innere Spaltung in so viel deutlich abgegrenzte Volksstämme Deutschland im Gegenteil und in Wahrheit eine höhere Stellung bewähre gegen alle andern europäischen Nationen.
Die große Verschiedenheit jedoch so nahe liegender Volksstämme,[188]  wie die der Sachsen und Preußen, sie kam mir jetzt eigentlich zum erstenmal recht im großen zur Anschauung und gab mir während jenes ganzen Berliner Aufenthalts ebensoviel zu überlegen als das mannigfaltige Neue, was in wissenschaftlichen Anstalten und Persönlichkeiten sich darbot. Es ist sonderbar, der Preuße wohnt nördlicher als der Sachse und steht doch eigentlich zu ihm fast in dem Verhältnisse des Südländers zum Nordländer. Ihm ist größere Lebendigkeit, Frischheit, Schnelligkeit des Mutterwitzes, aber auch größere Voreiligkeit, Eitelkeit und geringere Gründlichkeit eigen, und wenn im sächsischen Charakter, seinem denkenden Wesen, seinem Kosmopolitismus, seiner größern Gemütstiefe und seiner Ausdauer nach, vielleicht gerade das recht eigentlich Deutsche sich vorzugsweise abbildet, so regt sich im Preußen einerseits mehr eine normannische, andererseits auch wohl slawische Individualität. Die Folgezeit hat mir freilich erst, was ich damals nur ahnte, nach und nach in bedeutenden Erfahrungen zu größerer Klarheit gebracht, aber ich habe mich manchmal gewundert, daß die Aufgabe, diese widerstreitenden Gegensätze und auch wieder deren wechselseitige Anziehungen recht vollkommen darzustellen, niemals tiefer gehende Bearbeitungen gefunden hat. Das zierliche Bild, welches Lessing in seiner »Minna von Barnhelm« zum Teil auch von diesem Verhältnis entworfen, wird selten eben in solcher Beziehung genugsam geschätzt.
Nachdem ich also in Berlin mich in einer kleinen Wohnung einigermaßen eingerichtet hatte, war meine erste Fahrt nach der Charité, welche damals zur Hälfte unter der Leitung von Geheimrat Horn stand und als eine der größten Krankenanstalten Norddeutschlands besonders Anteil an dem Wunsche gehabt hatte, Berlin kennenzulernen. Horn empfing mich sehr freundlich. Er war zu[189]  jener Zeit in den vierziger Jahren, etwas hager und ernst, aber von intelligentem Ausdruck und keineswegs abstoßendem Äußern. Namentlich interessierte mich die seiner besonderen Aufsicht untergebene Irrenanstalt, in welcher ich eine neue Hausordnung eingeführt fand, über deren Strenge man ihm gerade um diese Zeit einen sehr unangenehmen Prozeß angeregt hatte, indem eine in Wahnsinn tobende Kranke auf seine Anordnung in einen weiten Sack gesteckt worden, darin aber am Schlagfluß plötzlich verstorben war. Übelwollende, und zwar hauptsächlich sein Nebenarzt, Professor Kohlrausch, hatten diesen Todesfall, als durch Erstickung veranlaßt, ihm zum harten Vorwurf gemacht, und es führte dies zu Weiterungen, in deren Folge im nächsten Jahre Horn denn auch seine Stelle niederlegte. Wir sprachen viel über Geisteskrankheiten, ein Kapitel, über das ich mit Heinroth oftmals weitläufig verhandelt hatte, und er gab seine Überzeugung dahin ab, daß, da die tiefen innern Veranlassungen dieser seltsamen Abirrungen oft so wenig ermittelt werden können, die strenge Gewöhnung der Kranken an eine sehr regelmäßige und stundenweise wechselnde Tätigkeit gewiß immer eins der wichtigsten allgemeinen Mittel darbiete, allmählich die abschweifenden Gedanken wieder in die rechten Bahnen zu lenken, eine Ansicht, die jedenfalls viel Wahres enthält. So fand ich denn nun wirklich, als wir die Säle durchgingen, alles in irgend bestimmter und durch strenge Aufsicht der Aufwärter festgehaltener Tätigkeit. In dem einen Saale wurden gerade zu dieser Stunde Handarbeiten gefertigt, in dem andern saßen die Irren um lange Tafeln und mußten zeichnen, was sie nun eben vermochten und konnten; wieder in einem andern gab man Stunde in Geographie, und alle die Kranken hatten Landkarten vor sich; nochmals in einem andern wurde exerziert usw. Hätte ich damals schon die Anschauungen[190]  gehabt über Kranioskopie und Symbolik, die mir später aufgegangen sind, so würden mir hier die Individualitäten freilich schärfer charakterisiert erschienen sein, als ich gerade zu jener Zeit sie aufzufassen vermochte. Bei alledem ergriff mich einiges doch schon dort so bedeutend, daß die Erinnerung mir noch jetzt lebendig gegenwärtig ist. Es gehörten dahin besonders die Wahnsinnigen, welche aus den großen Jahren 1813/15 – das heißt aus der Erhebung Deutschlands – die Veranlassung ihrer Krankheit datierten; denn wohl ist es das Eigentümliche aller großen Bildungs- und Umwandlungsepochen der Menschheit, daß die wahrhaft fähigen Geister dadurch zwar zu eminenten Höhen sich gehoben finden können, während dagegen die schwachen oder mit Krankheitsanlagen behafteten dadurch auch oftmals geradezu umgeworfen oder zu Wahnsinn und Monomanien abgelenkt werden. Da saßen zum Beispiel in der Zeichenstunde einige solche Männer – früher erfaßt von gewaltiger Aufregung gegen die fremden Unterdrücker und in öffentliche Dienste des Zivils oder Militärs für dergleichen Zwecke sich stürzend, denen aber das Schicksal die Klarheit ruhiger Geisteskraft versagt hatte und die nun gleichsam in ihren eigenen Gefühlen und Gedanken untergegangen waren –, die Sturm- und Drangperiode ihres Innern schien mit ihrer Vernunft durchgegangen, in irren Blicken rollten ihre Augen, und mechanisch zeichneten ihre Hände die wunderlichsten Gestalten auf das Papier, Gestalten, die eben in ihrer Überschwenglichkeit die deutlichsten Verräter ihres konfusen Innern wurden. Einer malte hier seltsam aufgetürmte Schlangenleiber, mit Fahnen phantastisch dekoriert, der andere zeichnete Himalajas von Bergen, deren Gletscher er noch mit den abenteuerlichsten Türmen und Burgen verzierte, der andere endlich dachte sich die seltsamsten Ungeheuer aus; für alle aber existierte in diesen Augenblicken keine[191]  ihrer wirklichen Umgebungen, und nur das neue Antreiben der Wärter zur Fortsetzung der Arbeit konnte sie dann minutenlang wieder aus ihrer Erstarrung, ihrem Absorbiertsein, erwecken.


Man stritt damals in medizinischen Blättern viel darüber, ob Zwangsbeschäftigungen dieser Art einen großen Nutzen zur Heilung der Wahnsinnigen gewähren könnten, und wenn man allerdings weiterhin sah, mit welchen Zwangsmitteln außerdem noch Widerstrebende genötigt wurden, sich diesen Anordnungen zu fügen, Zwangsmittel, zu denen Horn namentlich die Drehmaschine und den Drehstuhl rechnete, auf welchen der Kranke ein paarmal im Kreise herumgewirbelt wurde, bis er blindlings befolgte, was ihm aufgegeben war, so drängten sich freilich manche gerechte Zweifel ein, ob nicht des Guten hierbei etwas zu viel geschehen möchte. Soviel ist wenigstens gewiß, daß mit Horn dieses System der Behandlung dort aufgehört hat und auch in keiner andern Anstalt mit dieser Konsequenz wieder durchgeführt worden ist; einiges davon möchte indes sicher mit Nutzen der Vergessenheit entrissen bleiben.
In den chirurgischen Abteilungen der Charité war es mir interessant, noch zwei Notabilitäten alter preußischer Militärärzte zu begegnen, Rust und Mursinna. Der letztere war schon ein Siebziger, doch sah ich ihn noch mit Leichtigkeit und Sicherheit eine schwierige Operation2 verrichten. Beide hatten in vielen Feldzügen und Schlachten ihre Tätigkeit bewährt und auch von ihrer Seite den Ruhm des preußischen Heeres aufrecht gehalten.
Der Tag verlief dann noch unter Betrachtung mancher öffentlicher Baulichkeiten, und da es gerade der 18. Oktober war, so führte mich abends Osann, ein jüngerer Verwandter und Assistent von Hufeland, hinaus auf den großen[192]  Turnplatz der Hasenheide, wo Jahn, der Vater deutschen Turnwesens, mit seinen jungen Scharen das Gedächtnis der Völkerschlacht von Leipzig feierte, welches freilich mir, der ich sie in der Nähe miterlebt hatte, am wenigsten entschwunden sein konnte.
Es war ein echt preußisches Jugendfest, und wenn ich mich jetzt der damaligen Aufregung, der großen Hoffnungen für Deutschlands Zukunft und der frischen Begeisterung erinnere und dann der Gegenwart gedenke, so geht es mir wie dem König im »Hamlet«, und ich habe in einem Auge das Lächeln, im andern die Träne. Es gab einen hübschen Anblick, die lodernden Feuer, das Turnen in Masse um das auf dem Sandhügel aufgerichtete Kreuz, hinter welchem eben das erste Viertel des Mondes hinabsank! Auch der Gesang der Turner klang hell in die Nacht hinein und hätte eigentlich durchaus freudig stimmen sollen, und doch kam mir auch manches in diesen und ähnlichen Dingen forcierter vor, als es der wahrhaft deutsche Charakter verlangte, so daß es endlich etwas ins Gegenteil umschlug und manche unheimliche Ahnung erweckte. Immer jedoch ist es mir lieb, aller dieser Vorgänge lebhaft gedenken zu können; denn ich erlebe es zu oft, wie wenig Personen, denen diese ersten gewaltigen Schwingungen neuerer deutschen Geschichte niemals gegenständlich gewesen sind, die spätern abklingenden Schwingungen richtig zu bemessen und zu verstehen geeignet sein können.
Es waren indes nicht bloß die Naturwissenschaften und die Heilkunde, die dort mir Früchte trugen, sondern dieser Aufenthalt sollte mir auch wichtig werden für eine Kunst, deren ich hier in den frühern Blättern noch gar nicht gedacht habe und welcher ich doch in spätern Jahren Unschätzbares verdanken sollte: für die Musik. Es war sonderbar, daß so lebendig schon in früherer Zeit meine[193]  Neigung für Form und Malerei war, so wenig reizten mich damals Töne und musikalische Kunst. Ich hatte zwar, wie früher erwähnt, als Knabe lange Klavierunterricht gehabt, hatte als junger Mann wohl auch gespielt und Zumsteegs Balladen gesungen: von dem innern Geheimnis der Musik aber war mir kaum eine Ahnung aufgegangen, und nur erst in Dresden, als ich anfing, mitunter die Musikaufführungen in der Katholischen Kirche zu besuchen, mahnte es mich seltsam an ein Mysterium, welches in der Tonwelt verborgen liege und wohl einst auch mir aufgehen könnte. Bei alledem war es mir noch nicht ganz klargeworden, ob es nicht, wenn ich mich in den Vespern der Herbsttage dort an einen Pfeiler lehnte, mehr das Dämmerlicht an den weiten Wölbungen jener Kirche war, gemischt mit einzelnem Kerzenschimmer aus den Betstühlen der dann gewöhnlich nur spärlich versammelten Gemeinde, sowie das Symbolische des Altardienstes überhaupt, welches dann, mehr als die Musik, meinen Geist in Gedanken versenkte. Und da sollte ich also jetzt plötzlich die Macht eines großen Psalms von Fasch und der besten Motetten von Haydn erfahren, wie sie mir bei einer solennen Aufführung der Singakademie unter Zelters Leitung aus 300 wohlgeschulten und gebildeten Stimmen entgegenklang! Ich darf wohl sagen, der Eindruck ist mir unvergeßlich geblieben und half mächtig mit, das Sprengen der Hülle vorzubereiten, unter welcher mir so lange das Rätsel der Harmonie verborgen lag.
Durch Osann hatte ich Zelter persönlich kennenlernen, und es ist mir gar wichtig, daß somit auch diese bedeutende Individualität, welche Goethe lange Jahre so nahegestanden hat, einstmals deutlich durch mein Sehfeld gegangen ist; denn nicht Jahre zu erleben ist es, wonach das Leben zählt, sondern Ereignisse, Personen und innere geistige[194]  Entwicklung sind es, welche seinen Wert bestimmen. Zelter war damals ein Sechziger, seine kräftige männliche Gestalt mit markigen Zügen eines wohlgebildeten Hauptes trat mir entschieden entgegen; wir sprachen manches über Dresden und seine musikalischen Kräfte, und obwohl unsere Unterredung nur kurz war, fühlte ich doch das Inhaltreiche des Geistes, dem ich gegenübergestanden hatte, vollkommen. Es ist Zelter oftmals, namentlich nachdem seines Korrespondenz mit Goethe gedruckt war, Unrecht geschehen, indem man ihn im Vergleich zu diesem Mächtigen oft so ganz gering anschlagen wollte; wer aber ihn persönlich gekannt und seine Briefe näher angesehen hat, kann unschwer lernen, warum ein solcher Genius gern mit ihm verkehrte. Die Macht seiner Persönlichkeit war übrigens auch in einer solchen Gesangsaufführung recht wohl zu fühlen! Man vernahm, wie jeder Chor von einem Geiste rein durchdrungen war, und es machte mir Freude, als ich im Herausgehen mich unter die zur Akademie gehörigen Damen mischte, zu hören, wie in allen jetzt nur eben der Gedanke lebte, ob auch die Aufführung seinen Beifall ganz gehabt habe. Indes er war auch mit Leib und Seele bei seinem Chor, und wenn man in seinen Briefen liest, wie er den Zusammenklang dieser Stimmen so genau kannte, daß er oft nach deren verschiedener Temperatur die Witterungsänderungen voraussagte, so blickt man ganz und gar in sein Wesen hinein! Er war Musiker durch und durch und dabei eine derbe altpreußische Natur. Ich weiß, daß ihm einst jemand die Musikaufführungen in der Katholischen Kirche zu Dresden lobte, deren große musikalische Resonanz er wohl zur Genüge kannte, obwohl ihm die Wahl der Sachen dort nicht immer recht zu Sinne sein mochte; und er antwortete: »Oh, und wenn man da die Katze in den Schwanz kneift, es wird immer gut klingen!«[195] 
  Amazon.de Widgets

Unter mancherlei, was mir sonst in jenen Tagen in Berlin an Sehenswürdigkeiten noch aufstieß, muß ich doch auch erwähnen, daß ich dort am Tiergarten auf der Spree das erste kleine Dampfschiff sah, das mir vorgekommen ist. Es war wirklich das erste in Deutschland erbaute! Es war von Humphreys zu Pichelsdorf an der Spree erbaut worden und sollte zwischen Hamburg und Berlin fahren, wurde aber wenig benutzt und ging bald ein. Ich besitze noch eine flüchtige Zeichnung, die ich an Ort und Stelle mir davon entworfen hatte, und weiß, daß es die Neugier vielfältig beschäftigte, obwohl es von vielen Superklugen der Zeit als eine ganz müßige Erfindung betrachtet wurde, die unmöglich große Resultate haben könne. Es erinnert mich das lebhaft an die erste Gasbeleuchtung, die ich als Knabe in einem Gartensaale zu Leipzig zur Meßausstellung eingerichtet sah und von welcher auch noch niemand die ungeheuern Anwendungen ahnte, zu denen sie später geführt hat.
Gas und Dampf, diese gewaltigen Hebel der Zustände gegenwärtiger Menschheit! Die neue Generation weiß es schon gar nicht mehr, wie die vorübergegangene unter Mühe und Not zu jenen großen Besitztümern gekommen ist, die dieser nun so ganz unverdientermaßen zugefallen sind; ja anstatt dankbar und bescheiden ihr gutes Teil dahinzunehmen, verfährt sie oft wie ein ungezogener Erbe eines reichen Vermögens und verpraßt aufgeblasen, als ob es so sein müßte, diese Güter in Eitelkeiten und Leerheit, anstatt sie in würdiger Weise allein dem Vorschreiten gegen höhere Menschheitszustände zu widmen.
Endlich habe ich denn hier auch noch eines wunderlichen Abends zu gedenken, den ich in dem mesmerisch-magnetischen Kreise des Dr. Wolfart zugebracht habe. Schon meine kleine Hauswirtin, Frau eines Mützenmachers auf[196]  der Mittelstraße, hatte mir gelegentlich erzählt, daß mit vielen andern auch sie Herrn Dr. Wolfarts magnetisches Baguet besuche und daß sie teils unmittelbar große Linderung davon für ihre nervösen Zufälle spüre, teils dabei oder nachher auch besondere Träume habe, die ihr anzeigten, was weiter zu tun sei, um allmählich zu einer guten Gesundheit zu gelangen. Ich hatte schon vielfach von diesen magnetischen Sessionen gehört, und man kann denken, daß nicht die schonendsten Urteile unter dem ärztlichen Publikum darüber gefällt wurden. Seit Mesmer waren Unternehmungen der Art im großen kaum wieder versucht, und natürlich fühlte ich mich daher gereizt, die Gelegenheit auch zu dieser Erfahrung nicht ungenutzt zu lassen. Ich machte zuerst Wolfart selbst meinen Besuch und fand einen kleinen, etwas untersetzten Mann mit einem gewissen unsteten Blick und geschäftigem Wesen, welcher mir alsbald die Erlaubnis gab, einer magnetischen Abendsitzung beizuwohnen. Ich hätte gern gesehen, daß er mir vorher die Experimente an der Magnetnadel vorgezeigt hätte, von denen damals in einem von ihm herausgegebenen magnetischen Journal – »Asklepiäon« genannt – und sonst vielfach gesprochen wurde, aber ich war nicht so glücklich. Er behauptete nämlich, allein durch seine magnetische Kraft die Magnetnadel ablenken zu können, wovon indes die Berliner Physiker, Humboldt an der Spitze, durchaus nichts wissen wollten.
Als ich nun abends in das Heiligtum des Magnetismus eingeführt wurde, bot sich mir ein sonderbarer Anblick dar. Der ziemlich große Saal war spärlich erleuchtet, man trat ein unter herabrollenden Vorhängen, und rings an den Wänden standen hinter ähnlichen Vorhängen und spanischen Wänden Sofas und Armsessel in noch tieferm mystischen Dunkel. In der Mitte des Saales stand das große Baguet. Man kann in Mesmers und Puysegurs Schriften[197]  nachlesen, wie aus Feilspänen, Glasscherben, Kohlen usw. mit einer durchgehenden Eisenstange ein solcher magnetischer Kondensator konstruiert werden soll; hier sah die Maschine aus wie ein großer, aber nicht hoher Ofen, aus dem eine starke Eisenstange heraufragte, an welcher weiter oben eine Anzahl breiter bunter Wollenbänder befestigt waren, deren eins jede der Kranken, die im Kreise auf Stühlen um das Baguet saßen, mit dem freien Ende in die eine Hand bekam, damit dann mit der andern Hand durch regelmäßiges Herabstreichen das magnetische Fluidum den Nerven zugeführt werden könne, was nach der Gläubigen Meinung in dem Eisenstabe aufsteige und durch die leitenden Bänder sich ausbreite.
Man denke sich denn die seltsame Erscheinung: in all diesem Halbdunkel und zwischen all den Schirmen und Vorhängen eine Anzahl von zehn oder zwölf Kranken, meistens Frauen und Mädchen, die in größter Stille mit Streichen an jenen Bändern einen geheimnisvollen Selbstmagnetismus ausübten! Zwischendurch schritt Wolfart gleich einem Magier umher, hier und da hörte man ein leises Flüstern über die kommenden oder ausbleibenden Wirkungen, und plötzlich mußte auch wohl eine der in Schlaf fallenden Kranken (mir schien mehr Langeweile, Affektation, höchstens auch wohl überreizte Imagination die Ursache) fortgeführt oder fortgetragen werden, um dann auf einem der Sofas oder Armsessel hinter den Schirmen nun den sogenannten magnetischen Schlaf- und Traumzustand abzuwarten. Ich gab ziemlich lange einen Zuschauer dieses etwas unheimlichen Schauspiels ab und hätte freilich wohl, bevor ich ging, etwas tiefer in die Geschichte aller der dort Streichenden und Schlafenden eindringen mögen; etwas romanhafte Verhältnisse würden sich dabei öfters herausgestellt haben!
In nicht zu langer Zeit endigte sich denn auch in Berlin,[198]  wie mehrfach schon an andern Orten, die magnetische Anstalt und mit ihr Wolfarts Wirksamkeit, und zwar wirklich als ein unglücklich ausgehender Roman.
Es ist recht sonderbar, wie so vieles in der Welt sich nie ins rechte Gleichgewicht stellen zu können scheint, so auch die so inhaltsschwere Angelegenheit des Lebensmagnetismus!3 Was für merkwürdige und außerordentliche Kräfte liegen hier verborgen! Wie ungeheuer wichtig vermag er zu werden, um Leiden zu beschwichtigen, Krankheiten zu bekämpfen, die gesamte Lebensenergie zu heben; und wie selten wird sein Wesen verstanden und seine Heilkraft richtig aufgerufen. In einer mehr als vierzigjährigen ärztlichen Tätigkeit habe ich nur in sehr gewählten Fällen davon Gebrauch gemacht und dann die außerordentlichsten Wirkungen davon gesehen, und sieht man sich um in der Welt, wie oft ist er verworfen oder vergessen worden und zu wieviel Scharlatanerie und unreinen Absichten hat man ihn mißbraucht! Eben indes, weil die rechte Anwendung dieser Kräfte immer etwas Mysteriöses behalten wird (nämlich nicht, als ob etwa die Kräfte selbst wunderbar wären und nicht in den Kreis anderer physiologischen Erscheinungen des Nervenlebens gezogen werden könnten, sondern weil ihre Anwendung immer als ein gewisses Geheimnis im Verhältnis des Magnetisierten und Magnetiseurs erscheint), halte ich dergleichen gemeinsame Institute, wie sie mehrfach versucht worden sind und wie eben das oben beschriebene von Wolfart war, allemal für durchaus unangemessen und zweckwidrig; mag man doch eine Heilgymnastik und mag man Brunnenkuren und dergleichen gemeinschaftlich unternehmen lassen, ein Magnetisieren en masse hingegen[199]  wird allemal entweder absurd werden oder zu noch unangenehmern Konflikten führen.
1
  Amazon.de Widgets
 Goethe: »Tasso« 1, 2. (Anmerkung des Herausgebers.)
2 Hernia cruralis incarcerata
3 Ich habe meine Ansichten hierüber später ausführlich dem Publikum vorgelegt in der Schrift: Über Lebensmagnetismus und über die magischen Wirkungen überhaupt (Leipzig 1857)




VI.










[200] Der Winter 1817/18 verging mir, wie man schon aus Früherm entnehmen konnte, zumeist unter Vollendung meines vergleichend anatomischen Handbuchs, zugleich aber bereitete sich in meinem Geiste eine Arbeit vor, die mich dann das ganze folgende Dezennium, also bis zum Jahre 1828, mit unsäglichen Studien festgehalten hat; nämlich mein großes Werk »Von den Ur-Teilen des Knochen- und Schalengerüstes«. Diese Aufgabe ist mir eine zu wichtige, eine zu tief mit meiner ganzen naturwissenschaftlichen und philosophischen Richtung verflochtene geworden, als daß ich hier sie nicht etwas ausführlicher besprechen, ja – wie die gegenwärtige Stimmung und Tendenz dieser Literatur ist – sie gewissermaßen rechtfertigen müßte. Denn so sonderbar ist die Welt gestellt, daß der ernste Wille, die umsichtige Kenntnis, die mühsamste Ausdauer für irgendein größeres Unternehmen oft ebensosehr zu einer Zeit dem Tadel unterliegen als zur andern gepriesen werden kann, je nachdem im geistigen Leben der Menschheit dieser oder jener Wind weht und diese oder jene Ansichten die herrschenden geworden sind. Namentlich in den Naturwissenschaften hat hierin von jeher eine große Mannigfaltigkeit der Zustände geherrscht, indem, da in letzter Instanz die Erklärung aller physischen wie psychischen Zustände in ein nie völlig zu durchdringendes Geheimnis verhüllt ist, man es der Menschheit unmöglich verdenken kann, wenn sie immer neue und gelegentlich auch wohl wieder die alten Methoden[200]  versucht, um einem an sich nie vollständig zu Entschleiernden doch durch Approximation mindestens etwas mehr Aufklärung abzugewinnen.
Auf diese Weise hatte ich demnach schon zeitig bei der Ausarbeitung meiner Schrift über Nervensystem und Gehirn nicht geruht, bis ich ein gewisses klares genetisches Prinzip in der Entwicklung dieser Formen aufzufinden und darzustellen vermochte, und später war mir dann immer mehr und mehr deutlich geworden, daß wenn es irgendeine Bildungsreihe organischer Formen gebe, an welcher es möglich sei, das Offenbarwerden einer einzigen höhern Grundidee mit größter Schärfe und Konsequenz mathematisch nachzuweisen, so müßte das diejenige sein, durch welche – als durch starke gleichsam architektonische Substruktionen – überall die Gestaltung des Lebendigen gemodelt und bestimmt wird: also die Bildungsreihe des Skeleton.
So war mir denn nach und nach der Gedanke gekommen, an diesen Formen, gleichsam wie an einem Schema, es auf alle Weise durchzuführen, wie die Natur in ihrem Schaffen jenem Magier gleich verfahre, der aus einigen wenigen höchst einfachen Elementen ebenso durch immer neue Kombination, Versetzung, Beugung und Umkehrung die allerheterogensten und vielfachsten Erscheinungen hervorgehen läßt, wie etwa die Sprache aus wenigen Buchstaben und Zeichen die mannigfaltigsten Formen der Rede hervorruft. Man kann nun aber denken, daß bei einem so ungeheuer reichen Stoff diese Durchführung kein leichtes Unternehmen war, daß die unsäglichsten Vergleichungen, Unterscheidungen, Überlegungen nötig wurden, um in diesem Chaos den Ariadnefaden der Idee nicht zu verlieren, vielmehr endlich dem eigentlichen Zielpunkte der Arbeit möglichst nahe zu kommen; und wenn schon Menschen, welche sich irgendein abstruses,[201]  aber weitaussehendes Unternehmen vorsetzen, als etwa den Rösselsprung im Schachspiele durch alle seine Möglichkeiten zu verfolgen oder nachzusuchen, wie oft irgendein Buchstabe in der Bibel vorkommt usw., bloß der Unabsehbarkeit des Gebarens wegen eine Leidenschaft dafür empfinden können, so wird man mir glauben, daß hier, wo auch ein Unendliches und noch dazu ein höchst Bedeutungsvolles und Schönes vorlag, ich eine wahre Leidenschaft für das Unternehmen fassen konnte und es viele Jahre mit einer fast unbegreiflichen Tenazität verfolgen mußte.

  Amazon.de Widgets
Hat man aber bei Betrachtung eines menschlichen Lebensganges irgendworan das rechte deutliche Zeichen, daß jeglicher einzelne nur als organischer Teil der gesamten Menschheit besteht und fortwächst, so ist es die Wahrnehmung, wie für gewisse besondere Lebensaufgaben und Lebensepochen meistens auch gerade die rechten fördernden Persönlichkeiten heranzutreten und mitzuwirken pflegen. Wie oft wird man da bemerken: jetzt möchte vielleicht ein Leben stocken oder im Fließen sich gar rückwärts wenden; aber soll die Aufgabe überhaupt begünstigt werden, so stellt sich dann sofort eine sich irgend geneigte zeigende, besonders mächtige, besonders anregende, auch wohl im guten Sinne bewahrend zurückhaltende Persönlichkeit ein, und eine neue Begeistigung erwacht und ein kräftiges Vorwärtsgehen findet statt.
Viele Erfahrungen dieser Art habe auch ich gemacht im großen wie im kleinen, und so darf ich, in Beziehung auf Entwicklung meiner philosophischen Ansichten im allgemeinen sowie in bezug auf schärfere Kritik und strengere mathematische Anschauungen, wie sie mir zur Durchführung der obgenannten Arbeit über die Formenlehre des Skeletts unentbehrlich waren, es wohl als sehr wichtig aufführen, daß gerade um die Zeit ein Mann mir nähertreten[202]  mußte, dessen scharfe philosophische Methode und tiefe mathematische Kenntnis durchaus bedeutend für mich werden sollte. Dieser Mann war Karl Christian Friedrich Krause, welcher damals mit seiner Familie von Berlin, wo er seit der Kriegszeit gelebt hatte, sich nach Dresden wendete, nachdem er von einer im Jahre 1817 durch Italien und Frankreich gemachten Reise eben zurückgekommen war. Er war etwa ein Jahrzehnt älter als ich, untersetzter Gestalt, mit großem, mehr breitem, wenig behaartem Haupte und einer reinen ausdrucksvollen Gesichtsbildung, die Augen klar und scharfblickend, doch in ihrer Achsenstellung ein wenig auseinanderweichend, dabei in seiner ganzen Organisation und namentlich in den breiten, weichen Händen mit spatelförmigen Fingern den Ausdruck magnetischer Kraft unverkennbar tragend. In Wahrheit heilte er auch die Krankheiten seiner zahlreichen Familie großenteils nur auf diese Weise. Er wurde mir bekannt durch Lecerf, einen frühern Universitätsfreund, den eine leidenschaftliche Neigung zur Musik längst von Verfolgung seiner Rechtsstudien abgelenkt, dagegen jetzt mit Krause, dem in der Theorie der Musik allerdings Tiefbewanderten, in mannigfaltige Berührung gebracht hatte. Fast jedoch hätte das heftige Drängen ebendieses Freundes, mich für den Philosophen in ganz ungemessener Weise zu interessieren, gerade die entgegengesetzte Wirkung hervorgebracht und mich ihm mehr entfremdet, da diese Art von unbedingtem Enthusiasmus mir gewissermaßen unheimlich vorkam und von jeher etwas verdächtig gewesen ist. Jedenfalls blieb auch davon ein Eindruck zurück, der insoweit fortwirkte, mich von den Vorträgen Krauses und namentlich von seiner versuchten Begründung eines sogenannten »Menschheitbundes« entschieden fernzuhalten; eine Seite, die ich an sich nie für die wahrhaft heilbringende an diesem Geiste habe[203]  halten können; denn nicht genug, daß sie es besonders war, welche ihn mit dem mächtigen Bunde des Freimaurerordens vielfältig entzweite und ihm selbst dadurch manches Unheil bereitete, so hat es mir auch immer geschienen, als ob die hier im Auge gehabte Vereinigung der Bessern unter den Menschen doch eigentlich überall nur als unsichtbare Kirche zur Geltung kommen könne, jeder Versuch aber, dergleichen in der Wirklichkeit unter gewissen festen Formen auszuführen, an hundert Unmöglichkeiten stets wieder scheitern müsse.


Es war damals überhaupt eine eigen tiefsinnige und spintisierende Richtung in der gelehrten Welt! So kam auch Dr. Werneburg aus Jena, dessen in dem Goethe-Zelterschen Briefwechsel mehrfach gedacht wird, um diese Zeit in meinen Bereich. Seine merkwürdigen Berechnungen über die gleichartigen Grundverhältnisse der Farben- und Tonwelt sowie seine Entwürfe über eine höchst sinnreiche und neue Bezeichnung aller Musik- und Farbentöne durch das System einer besondern Bezifferung, welches namentlich die Notenschrift außerordentlich vereinfachen sollte, machte er mir selbst bekannt und klärte dabei ebenfalls über vieles mich auf, obwohl seine Bestrebungen hierbei mir weniger nahekamen als die von Krause, indem sie vom anatomisch-morphologischen Felde doch entschieden allzuweit entfernt lagen.
Ist es doch mit vielen menschlichen Dingen so! Und eben in der Schwierigkeit, ja oft Unmöglichkeit, so manches in unsern Einrichtungen, woran der klare Verstand sehr leicht entschiedene Mangelhaftigkeit und zuweilen selbst eine gewisse Absurdität nachweisen könnte, trotzdem anders zu gestalten und neu einzurichten, bewährt sich dann das Recht der organischen Fortbildung der Menschheit im großen, welche ja eben, wie alles Lebendige, stets neben dem Rationalen ein Maß von Irrationalem fordert, damit[204]  sie nur überhaupt ein Wirkliches werde und bleibe. Die Sprache selbst ist offenbar das beste Beispiel hierin! Wie leicht scheint es, alle die unregelmäßigen Beugungen, die anomalen Konjugationen und dergleichen durch einen Machtspruch umzugestalten, und welche endlose Verwirrung und Unschönheit würde daraus hervorgehen, und eben wie unmöglich ist daher ein solches Unternehmen! Es ist jedenfalls lehrreich und empfehlenswert, über diese Dinge nachzudenken und das Mögliche und Unmögliche davon sich recht klarzumachen! Wieviel unglücklich abgelaufene Versuche in Staatsverbesserungen hätten allein bei hellen Ansichten dieser Art sich vermeiden lassen! Allerdings wäre es aber auch wieder eine verkehrte Anwendung solcher Erkenntnis, alles, was einmal historisch sich entwickelt hat, als gänzlich unantastbar und für immer notwendig anzusehen. Auch hierin gibt die Betrachtung der organischen Verhältnisse den besten Maßstab! Selbst in lebendigen Bildungen sehen wir ja, wie gewisse Formen zum Untergange bestimmt sind und durch neue ersetzt werden sollen, dergestalt, daß man sagen darf, es würde durchaus etwas Monströses und Entsetzenerregendes sein, einen Organismus zu betrachten, an welchem gar nichts abgestorben, nichts abgeworfen worden wäre und wo in widerwärtiger Übereinanderhäufung Eischalen und embryonische Formen am Leibe des Erwachsenen sich fortwährend erhalten fänden.
Daß nun alle diese verschiedenartigen Anstrengungen meines Geistes, verbunden mit nicht unbedeutendem körperlichem Kraftaufwand, wie er durch die Direktion eines großen Entbindungsinstituts, einer oft die Nachtzeit mit in Anspruch nehmenden weitläufigen Praxis und durch mehrfache Vorlesungen und Privatunterrichtsstunden über operative Hilfsleistungen bedingt wurde, zuletzt nicht verfehlen konnten, meine Gesundheit etwas anzugreifen,[205]  kann man wohl denken. In Wahrheit fing ich damals an, öfters an rheumatischen Anfällen zu leiden, sah übel aus, war zuweilen auch innerlich tief verstimmt, und so stellte es sich mir immer deutlicher heraus, daß, sollte ich nicht erliegen, ich einige Jahre hindurch die Sommerferien würde zu Reisen benutzen müssen, zu Reisen, welche zu neuen größern Naturszenen mich brächten und dadurch geistig und leiblich zu erfrischen, ja zu erneuen imstande wären. Denn so sehr war von jeher meine Seele dem großen göttlichen Naturleben verschwistert, daß ich am besten die Mythe vom Antäos, dem Sohne der Tellus, verstand, als dem sogleich neue Kräfte die Adern durchströmten, sowie er nur irgend den mütterlichen Boden berührte.

  Amazon.de Widgets
Es war infolge meiner geschlossenen Freundschaft mit Friedrich und einer dadurch vielfach geweckten Sehnsucht nach der von ihm in Zeichnungen so schön aufgefaßten Ostsee und der Rügenschen Insel, daß das Meer zum ersten Zielpunkte eines solchen Ausflugs gewählt wurde. Mein alter Freund Dietz aus Leipzig und ein hiesiger Münzbeamter Kummer, welcher früher schon mit Friedrich auf Rügen gewesen war und dem ich selbst des edeln Künstlers Bekanntschaft zunächst zu danken hatte, schlossen sich an mich an, als ich am 5. August 1819 Dresden verließ. Nach Berlin, welches wir jetzt in fünf Stunden erreichen, fuhr man damals drei ganze Tage! Man muß den Nachlebenden wirklich diese antediluvianischen Zustände treulich aufbewahren, da sie jedenfalls von den nächstkommenden Generationen bald gänzlich vergessen sein werden und doch so vieles und Ungeheueres in der Geschichte der Menschheit gerade nur durch diesen Umschwung bedingt ist. Denke ich zum Beispiel jener langsamen Fahrt, wie sie über Sand und Sumpf im kleinen Wagen durch Dörfer und Städte uns dahintrug, wie da[206]  die Zeit sich bot, über die schönen Eichenwaldungen um Herzberg, über einzelne malerische Kiefern, über die Störche, im Morgenlicht auf den Bauernhütten stehend, und hunderterlei ähnliche kleine Reisebilder Betrachtungen anzustellen, und vergleiche ich dann damit den brausenden Eilzug der Eisenbahn, der über alle Mittelzustände rasch hinweg mich zugleich mit hundert andern Reisenden einzig auf den Reisezweck hindrängt, so ist der Unterschied in der Wirkung schon an und für sich ganz inkommensurabel; denkt man aber weiter, wie millionenfältig dieser Abstand sich jetzt täglich und stündlich in der Menschheit fühlbar macht und wie überhaupt bald nirgends mehr jene einfachern kontemplativen Zustände vorkommen werden, so ist eine wesentliche Umgestaltung im Denken und Fühlen der Massen wirklich eine ganz unausbleibliche Folge. Praktische Verstandesschärfe, Schnelligkeit der Kombination, Prosa, Luxus und unmittelbarste Genußsucht werden charakteristisch sein für das Neue, eben so wie Gemütlichkeit, beschauliche Sinnesart, Poesie, Anspruchslosigkeit und ein gewisses Genügenlassen für das Alte. Das Thema erlaubte eine sehr weitschichtige Durchführung! Es genüge indessen hier an dieser Andeutung.



VII.










[207] In Berlin blieb ich diesmal nur einen Tag, um manche Neuigkeiten des Anatomischen Museums aufzufassen, und mit der gewöhnlichen Post fuhren wir dann über Oranienburg und Fürstenberg nach Neubrandenburg, wo wir nach Friedrichs Anweisung bei seinem Bruder, einem ehrenwerten Meister Schmied, ein paar Tage verweilten. Die ganze dortige Örtlichkeit hat mir damals einen tiefen[207]  Eindruck hinterlassen, dessen noch jetzt ich mich gern erinnere. Es ist auch eins von den Bildern, die in der gegenwärtigen Zeit bald als eine Art von Märchen erscheinen werden. Schon die kleine Stadt selbst, mit ihrem eichenbepflanzten Wall, ihren hohen stattlichen, in reichem gotischen Stil verzierten Toren, an deren rotem Backsteinmauerwerk hier und da wuchernde Fliederbüsche die besten Bilder gaben, überall zum Zeichnen einladend und zum Teil auch wirklich von uns gezeichnet; dann die Anspruchslosigkeit der Stadt, das stille, aber tüchtige Aussehen der Männer und Frauen und vor allem das altbürgerliche echtdeutsche Hauswesen unsers lieben Meisters Wirt, in welchem mir auf eigene Weise die große Künstlernatur des Bruders in die einfach-markige Tätigkeit des Handwerks umgesetzt erschien; ich wurde nicht fertig mit Betrachten und Aufmerken!
Manches erinnerte mich wieder an mein altes Mühlhausen, mit seinen freien Reichsbürgern, und manches war doch auch wieder ganz anders. Recht bezeichnend kam es mir jedenfalls vor, als Meister Friedrich, wie wir um den Wall gingen, uns erzählte: es sei seit alten Zeiten hier Brauch, wenn ein junger Mann zum Bürger gemacht werde, so habe er am Wall eine Eiche zu pflanzen, und so gehe denn dort ebensowenig echtes Bürgertum als der echte deutsche Baum aus. Alles dies war so eben das rechte Vorspiel und die eigentümliches Ouvertüre für Rügen, wohin jetzt so viele mittels Eisenbahn und Dampfschiff plötzlich versetzt werden und dann doch zu keinem wahren Verständnis der dortigen Natur gelangen. Wir aber genossen Zug für Zug aus diesem romantischen Becher! Am ersten Tage in Neubrandenburg bestiegen wir den Turm, um von seiner Galerie das weite flachhügelige Land und die glänzende Fläche des Tollensees zu überblicken, und abends zeichnete ich das schöne Treptower Tor mit seinen[208]  stattlichen Zinnen. Am zweiten Tage wanderten wir hinaus an den breiten umbuschten See, begrüßten bei der Krappmühle die ersten Hünengräber, und dann wurde das Friedländer Tor gezeichnet. Ich war in der kurzen Zeit ganz heimisch hier geworden, das Glück der Beschränkung zog mich recht eigen in seinen stillen Hafen, und all mein ängstliches Suchen nach Erkenntnis und nach wissenschaftlicher tiefster Befriedigung fing an, fürerst mir etwas ferner zu treten.
Es war indes hier kein Bleibens, und noch am Spätabend des zweiten Tages fuhren wir fort über Demmin und die weiten pommerschen Ebenen durch tiefe Lehmwege auf Greifswald zu, wo wir den 13. August früh ankamen. Auch hier gab es oft Bilder unterwegs, die an Ruysdael erinnerten. Die Eichengehölze bei Demmin mit vielen von den hereinstreichenden Seewinden abgewetterten grauen dürren Ästen der Bäume, auf denen Störche und Nebelkrähen saßen, gehörten dahin und ebenso die aufgehäuften spärlich berasten Sandhügel, die gegen grauen Wolkenhimmel oft glänzend sich abhoben, sowie die breiten strohgedeckten großen Bauerhäuser, unter einem Dach oft Familienstuben, Stall und Scheuer zugleich umfassend, einem Dach, an welchem du vergeblich nach einem Schornstein suchst, denn der Rauch, der zunächst in die Räume aufdampft, welche die trefflichen Speckseiten und Gänsebrüste verwahren, mag sich da, wenn er für Räucherung dieser Kostbarkeiten gearbeitet hat, selbst seinen Ausweg zwischen den Spalten der Strohbedeckung suchen. Wir hatten hier unsere Betrachtung, warum eine arme Natur dieser Art in den Niederlanden, mit Eichen, Sand und Feld und Sumpf, einen Künstler bilden konnte wie den obengenannten großen Meister, während die reiche Natur des Schweizerlandes und ähnlicher lange Zeit auch nicht entfernt dergleichen hervorgebracht hat. Ist es nicht[209]  – um es kurz zu fassen – nur deshalb, weil in der Kunst wie im Leben die Tiefe in wenigem immer mehr wirken muß als die Oberflächlichkeit in vielem? Und kann der Mensch am Ende mehr, als in einem oder nur wenigem wirklich tief sein?
Der Tag in Greifswald verging uns sehr schnell. Am Morgen wurde der Turm bestiegen, und von da oben begrüßte, ich zuerst den weiten blauen Spiegel der Ostsee und atmete von fern her die erquickende Luft, welche überall zu ruhen pflegt, wo das Blut der Erde, das Meer, seine Arme und Buchten dahinstreckt. Dann wanderten wir nach der Universität, wo Professor Hornschuh, dem Botanischen Garten vorstehend, uns mit großer Zuvorkommenheit die Sammlungen dieses kleinen äußersten Vorpostens deutscher Wissenschaft aufschloß. Alles Naturwissenschaftliche war noch sehr im Werden, nur die Bibliothek, herstammend noch von der alten Universitätsstiftung des Herzogs Wratislaw in der Mitte des 15. Jahrhunderts, ist bedeutender und erfreute uns durch ein echt norddeutsches Denkmal, den aufbewahrten Trinkbecher Martin Luthers. Umwandelnd dann in der Stadt, gelangten wir an den freilich nur engen Hafen, und zum erstenmal erfreute mich hier der Mastenwald kleiner Kauffahrer, der malerische Anblick der Krane, der Segelboote, der gehäuften Warenballen und Tonnen, über welchem allem jener eigene aromatische See- und Teergeruch schwebt, den niemand wieder vergißt, der einmal nur eine Seestadt besucht hat. Auch trafen wir hier auf einen dritten Friedrich, ebenfalls ehrsamer Bürger der Stadt, aber Seifensiedermeister. Er ähnelte in langer, hagerer Gestalt dem Maler am meisten, war dagegen vielleicht geistig von ihm am verschiedensten. Die Krone des Tages war ein Abendspaziergang am Ryckgraben, der Mündung des Hafens, hinaus nach Eldena, wo eine der malerischsten Klosterruinen, ein einsames umbuschtes[210]  hochgotisches Fenster mit starken Pfeilern, kühn sich hervorhob und nebst einem sich anlehnenden Hüttchen, im Hintergrunde das Meer bei spätem Abendduft, eins der reizendsten Bilder darstellte, die bis dahin mir vorgekommen waren.
Ich muß hierbei überhaupt eine Bemerkung anschließen über den sehr eigentümlich schönen gotischen Baustil, den man in diesen gesamten Ostseegegenden – und zwar schon von Neubrandenburg anfangend – in bürgerlichen sowohl als kirchlichen Bauwerken wahrnimmt. Das Material desselben ist zwar durchaus nur der gebrannte Ziegel, jedoch so gut gebrannt, daß man es wohl wagen durfte, die scharfgefügten Mauersteine frei und ohne Bewurf der Luft auszusetzen, welches dann den Gebäuden einen eigenen warmen, rotbraunen Ton gibt, der vom Witterungseinfluß allmählich in dunkelgraue Farben anmutig variiert wird. Mit diesem Material nun sind die alten Baukünstler hier in aller Weise frei und genial verfahren. Ich erwähnte schon am Treptower Tore Neubrandenburgs des hochschlanken Giebelbaues mit seinen freien Zinnen, und ebenso sieht man auch in Greifswald und Stralsund die vorgekehrten Giebelseiten alter Bürgerhäuser sehr gut verziert. Was aber die Kirchen selbst betrifft, so findet man die Schlankheit hoher Spitzbogen der Pfeiler und Fenster in diesem Kunstgestein oft in Wahrheit gewagter gehalten als anderswo im Naturgestein, und dabei sind die Verzierungen der Gesimse, die gegliederten Einschmiegungen der Fenster und Tore so fein und in so gutem Geschmack, daß eine eigene Sammlung gotischer Architektur aus jenen Gegenden gewiß ein erwünschtes Unternehmen sein würde, zumal da auch die Dauerhaftigkeit dieser Bauten auf eine innere Sicherheit der Konstruktion schließen läßt, aus welcher gewiß noch manches Lehrreiche für unsere Zeit zu entnehmen sein dürfte. Schade,[211]  daß dieses Eldena durch Feuer und Krieg so gründlich zerstört ist! Die wenigen Überreste lassen auf einen besonders reichen und großartigen Bau jener Zeiten schließen, von dem jetzt nur noch die erwähnten Pfeiler und das prächtig in die Luft hineingezeichnete Fenster, welches ich später mehrfach in Bildern wiedergegeben habe, übrig sind.

  Amazon.de Widgets
Zur Fahrt nach Rügen – über den breiten Rügenschen Bodden hinüber – hatten wir eine kleine Schifferjacht gemietet, und bei schönem Morgenhimmel am 14. August legte ich denn also aus zu dieser ersten Seefahrt. Ein leichter Landwind trieb uns bald in offene See, die Wellen kräuselten sich an dem kleinen Fahrzeug, und wir verfolgten die vorüberstreifenden Jollen und Fischerboote mit ihren gelblichen oder rotbraunen Segeln und malerischen Formen häufig mit dem Zeichenstift auf dem Papier. Die schillernden Farben einer leise bewegten Seefläche, im Sonnenlicht mit Wolkenschatten unterbrochen, wurden mir jetzt zum ersten Male sichtbar, und nun erst verstand ich, warum die Alten den Proteus, den stets die Erscheinung Wechselnden, zum Gott des immer in neuen Farben erglänzenden Meeres erschaffen hatten!
Schon waren die Türme von Greifswald am Horizonte tief hinuntergesunken, und wir verhofften in kurzem die wenigen Meilen des Meerbusens zwischen der pommerschen Küste und der Gegend von Putbus überschifft zu haben, als der Wind mehr und mehr abnahm, unsere kleinen Segel regungslos hingen und das Schifflein auf dem spiegelglatten Bodden vollkommen zu ruhen begann. Unsere zwei Schiffsleute ließen den kleinen Anker nieder, ermahnten zur Geduld und kochten uns einige Kartoffeln, ich aber setzte mich auf das Verdeck, um in der Abendsonne die Örtlichkeit des Schiffes selbst mit allen seinem einfachen Segelwerk und seinen Einrichtungen aus der[212]  Kindheit der Schiffahrt säuberlich zu zeichnen. Ich habe diese Zeichnung späterhin einmal als Mondschein ausgeführt und endlich das fertige Ölbild vor Jahren dem König Friedrich August verehrt, so daß denn vielleicht noch in später Zeit Kunstfreunde dies kleine Werk, welches eine ganz artige Wirkung macht, in der Galerie moderner Kunstwerke auf dem Dresdener Schlosse gewahr werden können. Nach und nach kam die Nacht heran; wir kochten uns Tee, wozu etwas schwarzes Schifferbrot leidlich mundete, dann hüllten wir uns unter dem niedern Verdeck in dort liegende Bastmatten und schliefen einige Stunden, bis früh das letzte Mondviertel aufstieg, ein leiser Wind zu wehen anfing, unsere Schiffer den kleinen Anker aufhoben und wir nun der Küste entgegentrieben, welche wir endlich gegen 6 Uhr erreichten.
Es war damals Rügen im ganzen noch wenig von Fremden besucht, und eine größere Einfachheit herrschte dort. Statt eines zum Empfange wohleingerichteten Hotels etwa lag da unter verstreuten Granitblöcken eine rauchige Fischerhütte, die dem Anlangenden eben nur Befriedigung der nächsten Bedürfnisse bot. Ich fand es sehr originell, als die Wirtin, um unser Frühstück zu besorgen, aus dem großen Rauchfange gleich neben der sogenannten Gaststube von den in dichten Reihen dort hängenden Flundern und Zungen sofort eine Anzahl herunterholte und uns zum Kaffee auftischte, aber die Praxis war gar nicht übel, und die zarten wohldurchräucherten Seebewohner mundeten wirklich gut. Alles war eine neue Welt für mich, und mit Lust ging ich immer wieder hinaus an den Strand, atmetete die prächtige Seeluft und fühlte von Stunde zu Stunde mich frischer.
Gegen Mittag wanderten wir nach dem nicht weit abliegenden fürstlichen Schlosse von Putbus. Seine kleine Kunstsammlung enthielt einige Marmorstatuen Thorwaldsens,[213]  ein paar Landschaften von Philipp Hackert, wobei ich der Goetheschen Schilderungen dieses auf Rügen selbst zuerst sich ausbildenden Meisters gedenken mußte, und einige jener sinnigen Bilder Friedrichs, die mir hier, gleichsam wie in ihrem eigentlichen Vaterlande, noch näher traten als sonst. Doch nicht Kunstbetrachtens halber war ich auf dies Inselland gekommen, sondern um in seinen Buchten und Wäldern mir wieder volle Gesundheit und Kraft zu holen. Ich stürzte mich noch auf einige Minuten in die blauen Wellen, die über den Ufersand zwischen einzelnen Granitblöcken das anmutigste Spiel trieben, und nach einfachem Mahle zogen wir aus, das Rügensche Land zu umkreisen.
Der nächste Punkt war die kleine bewaldete Insel Vilm, die ein paar Stunden östlich von Putbus im Bodden liegt und von welcher wir dann nach Mönchgut hinüberzufahren gedachten. Es war ein prächtiger Sommernachmittag, das kleine Boot, nur von einem Fischer gerudert, glitt leicht über die schaukelnden Wellen, und bald waren wir unter den mächtigen Buchen und Eichen von Vilm gelandet. Ich kann sagen, ich habe kaum jemals wieder dies Gefühl so ganz reinen, schönen und einsamen Naturlebens gehabt wie damals auf diesem kleinen Eilande, das sonst niemand zu sehen pflegt, der Rügen besucht. Wie malerisch drängt sich dort über das am Ufer gehäufte Gestein die frischeste Vegetation des Gebüsches, wie ungestört und ehrwürdig sind da Eichen und Buchen zu ungewöhnlichem Umfange aufgewachsen! Ich traf eine uralte Eiche inmitten der Insel, sie war fast ganz abgestorben, und die ungeheuern Äste streckten sich abgewettert und glänzend grau in die blaue Luft, aber statt der eigenen Blätterfülle hatte sich nun ein gewaltiger Efeu hinangerankt und umgab die fast Verdorrte mit Behängen erneuten Lebens. Nicht weit davon stand eine alte Rotbuche, die Zweige,[214]  reich mit Blätterfülle belastet, hingen laubenartig bis auf den Rasen um den alten Stamm herum. Kurz, wohin man sah, reiche kräftige Urnatur des Nordens! Ich habe späterhin in einem größern Bilde: »Erinnerung an eine bewaldete Insel der Ostsee« einiges aus dieser Szenerie mir geistig zu reproduzieren versucht, und manche Betrachtende haben sich noch an diesem Schattenbilde erfreut; möchten die, die es verdienen, sich an dem Urbilde (wenn es noch so wie damals bestehen sollte, woran ich jedoch sehr zweifle) ebenfalls erquicken können! Eine einzige kleine Meierei lag auf dem Inselchen, deren Bewohner von Zeit zu Zeit ihre Produkte an Käsen, Butter, Schinken und dergleichen nach Greifswald hinüberschifften zum Verkauf. Wie wenig indes diese Leute dabei mit der Welt in Berührung kamen, erfuhren wir, als wir uns dort mit etwas Milch und Schwarzbrot stärkten, im Gespräch; denn alles, was da drüben in der Geschichte sich ereignet hatte, selbst Napoleons Vertreibung und Absetzung, war ihnen ganz unbekannt geblieben.
Die sinkende Sonne mahnte aber zur Abfahrt, und so schifften wir nun, während die leuchtenden Farben der Abendsonne mit Gold und Violett die Wellen überzogen, nach Mönchgut hinüber. Ein Seehund tauchte ein paarmal unweit unsers Bootes aus den Wellen und verschwand ebenso rasch, erhöhte aber doch durch sein Erscheinen das Neue dieser heitern Fahrt. Es begann bald nach der Landung zu dunkeln, und wir hatten einige Mühe, den Weg nach Middelhagen zu finden, wo wir Gastfreiheit forderten und auf Stroh übernachteten. Am andern Tage wanderten wir denn wieder hinab an den Meeresstrand, um das Vorgebirge Perd herum, und über Sellin und Lanken endlich nach Bergen wieder hinauf. Dieser Weg war so recht bezeichnend für die Rügensche Natur! Still und träumerisch wie eine altschottische Ballade, zur Rechten[215]  das Meer, oft weit hinaus am Strande mit unzähligen Granitblöcken bestreut, welche urweltliche Fluten mit ihrem alten Eise einst von Skandinavien herüber auf diese Küsten geführt haben, dazwischen mitunter für die Fischerjollen einfache hölzerne Landungsbrücken weit hinausgebaut oder lange Linien von Netzen zum Trocknen aufgehangen. Zur Linken stiegen dann die gelben Lehmwände von Perd auf oder streckten sich Dünen von feinem weißem Sand, mit der violettblühenden Mannestreue und Weidenbüschen verziert, weit an der Küste daher. Dabei nun diese lautlose Stille, kaum vom leisen Anschlage der kleinen Wellen unterbrochen; zuweilen der Flug einer Möwe oder Seeschwalbe und immer die lange, lange Horizontlinie der Ostsee, an deren Rande manchmal ein kleines Segel sich zeigte; ich wüßte gar keine Gegend so geeignet, sich seinen Gedanken und Gefühlen ganz dahinzugeben, als diese. Wir setzten uns mehrfach nieder zum Zeichnen, und als wir endlich den Strand verlassen mußten, um wieder nach dem Innern der Insel zu ziehen, trafen wir das erste größere Hünengrab, aus vier mächtigen Granitblöcken gehäuft, und nahmen auch davon den Kontur in unsern Mappen mit.


In Wahrheit, ich würde schwerlich alles Datail dieser kleinen Wanderung hier, wo es mehr darum zu tun ist, von meiner gesamten geistigen Entwicklung ein treues Bild zu zeichnen, so ausführlich aufgenommen haben, wenn nicht wirklich diese Erscheinungen einen eigentümlich bleibenden Eindruck in mir zurückgelassen und an meiner innern Fortbildung teilgehabt hätten, als welches ja auch allein macht, daß ich ihrer noch jetzt mit dieser Deutlichkeit mich erinnere. Liegen doch hunderterlei verschiedene Fähigkeiten im Menschen und warten dann auf eine oder die andere Einwirkung von außen, um dadurch oder daran endlich zur tatsächlichen Offenbarung hervorzutreten![216]  Und so waren es also auch hier namentlich zwei Momente, welche gerade nur infolge dieser Rügenschen Phantasmagorien zur Entwicklung gelangen sollten, einmal die tiefere Fühlung des eigentümlich norddeutschen romantischen Elements und ein andermal das vollkommenere Verständnis dessen, was man in der Zeichnung die Linie nennt. Allerdings nämlich liegt schon in dem reinen Begriff der Linie eine weite und inhaltsschwere Seite der bildenden Kunst, und wohl eben nur darum, weil man im eigentlichen Verstande sagen darf, daß es in der Natur gar keine Linie gibt, wird sie um so mehr zur Aufgabe der Kunst und ist einer so großen Durchbildung fähig. Man erzählt von zwei altgriechischen Malern, von welchen, wetteifernd miteinander, der eine eine wunderzart und rein gezogene Linie auf die Tafel schrieb, der andere aber ihn überwand, indem er mit noch größerer Freiheit und Sicherheit genau in die Mitte seiner Linie noch eine zweite so viel zartere und feinere rein hineinzeichnete. Liegt nun gewiß sonach schon in der Linie an und für sich eine besondere Kunstschönheit, so wird doch noch eine weit größere Vollendung in den Verhältnissen derselben gegeben sein können, insoweit sie wirkliche Gegenstände umgrenzt, und es ist dann merkwürdig, wie verschieden in verschiedenen Menschen nicht nur die Möglichkeit der Ausführung solcher Linien, sondern selbst das rechte Verständnis und wahre Schönheitsgefühl dafür ist. Wer sich einiger Raffaelschen, mit Rotstift fein ausgeführten Zeichnungen in ihrer unsäglichen Linienreinheit und Schönheit erinnern kann, oder wer sich die helle Tageslandschaft von Claude auf unserer Galerie, in zarten, ganz reinen Konturen dargestellt denken könnte, der hätte etwa von dem, was wir hier bei Linienvollendung im Sinne haben, wohl die annähernd deutliche Vorstellung. Es kann daher in der Landschaft wie in der menschlichen Gestalt[217]  eine ausnehmende Steigerung der Linienschönheit gedacht werden, und es ist vielleicht eins der am meisten unterscheidenden Merkmale zwischen dem Stümper und dem wahren Zeichner, daß der letztere diesen Verhältnissen das vollkommenste Recht angedeihen läßt, während der erstere dasselbe oft genug nur zu schmählich mit Füßen tritt. Nun ist aber kaum etwas mehr geeignet, das Bedeutungsvolle der Linie so recht zur Empfindung und Anschauung zu bringen, als das Studium solcher Küstengegenden wie die des Rügenschen Eilands. Diese eigentümliche Linie des Seehorizonts schon, die als gerade Linie nur gezeichnet werden kann und doch eine horizontalkreisförmige eigentlich ist; dann die feinen Linien der ins Meer sich streckenden Landzungen, der am Meere sich hinlagernden Küstenerhöhungen! Nur mit der genauesten Aufmerksamkeit, der sichersten Hand, dem schärfsten Bleistift und der reinsten Papierfläche lassen sie sich ganz entsprechend wiedergeben. Alle diese Dinge nun hatte ich früher wohl leichter genommen, die Linie an sich war mir nie so bedeutungsvoll vorgekommen, und so hatte ich auch die Festigkeit nicht angestrebt, sie vollständig nachzubilden. Gegenwärtig wurde dies anders! Ich verstand nun auch besser, was Friedrich mit seinen feinen Zeichnungen gewollt hatte, und für alle künftige Zeit wurde mir daher von nun an eine reinere Intention in Darstellung der Linie zur andern Natur, eine Intention, welche mir dann weit späterhin noch bei meinen Studien über die Symbolik der menschlichen Gestalt, welche in so vielem Sinne durch die Linie bestimmt wird, gar sehr zugute gekommen ist.
Doch ich habe nun noch zweier großen Erscheinungen auf damaligen Wanderungen zu gedenken, bei welchen ebenfalls das Kapitel von der Linie die reichste Anwendung finden mußte – nämlich des Besuchs von Stubbenkammer und des von Arkona.[218] 
Am 17. August zogen wir von Bergen fort, nachdem wir noch auf der Anhöhe in der Nähe der kleinen Stadt – dem Rugard –, dem höchsten Punkte der ganzen Insel, wo in grauer Vorzeit die Burg des alten Fürsten Jaromer gestanden, und die etwas einförmige Aussicht betrachtet hatten, und wendeten uns über die Jasmunder Fähre und Sagard nach der schönen und weiten Buchenwaldung, welche das gepriesene Stubbenkammer ankündigt. Hier gegen Abend verabschiedeten wir das leichte Bergensche Fuhrwerk und wanderten nun den Fußweg durch die grünen Laubgänge, indem von weitem schon das Rauschen des Meeres mit dem nahen Spiel des Windes in den Blättern sich mischte. Mit eins öffnet sich der Wald, wir stehen an den jäh abstürzenden Kreideklippen des Königsstuhls, junge Rotbuchen wehen mit ihren weit hinabhängenden Ästen über der tief unten brausenden Brandung, und in breiter Ausdehnung bis an die feine Linie des Horizonts dehnt sich der blaugraue Spiegel der Ostsee, während feiner Regen herabsprüht und unter fernem Donner ein Regenbogen östlich über der Wasserfläche sich auferbaut. Wie jemand, der mit viel Sinn für Musik sich immer an leichten Melodien und heitern Gesängen hat begnügen müssen und dem nun mit einemmal eine große vollständige Beethovensche Symphonie ins Ohr dröhnt, so ungefähr war mir, und man wird es um so mehr verstehen, wenn ich sage, daß ich von dieser Reise manche für immer nachwirkende Naturanschauungen heimgebracht habe.
Wir übernachteten in dem kleinen Fremdenhause unter diesen Buchen. In tiefer Dunkelheit ging ich noch heraus, um bei dem fast phosphorähnlichen Leuchten der Kreidewände dem Brausen der See in der Tiefe zu horchen, sowie früh ich der erste war, der die Morgensonne auf diesen weißen Klippen und dann unten am Strande begrüßte. Hier traf ich eine Stelle, wo der Ostwind stärker die Fluten[219]  herantrieb, hoch und braun die Wogen anrollten und schäumend sich überschüttend, ja immer neu sich gebärend auf dem Küstensande zerschellten. Ich wollte Studien zeichnen, aber kaum hatte ich ein paar Striche gemacht, als ich die Mappe weit wegschleuderte in der Überzeugung, hier sei jeder Strich nur eine Lästerung dieses ganz überschwenglichen Phänomens, und dann nur in höchster Bewegung dem wunderbaren Kampfe des Elements zustarrte. Gerade dadurch hatte ich ihn indes tiefer der Seele eingegraben. Ich habe im folgenden Jahre dann ein Bild von dieser Brandung gemalt, dem ich die Fühlung eines eigenen Naturlebens noch jetzt zusprechen muß und welches vielleicht verdiente, einmal eine etwas sorgfältigere Aufstellung zu erfahren, als ich ihm gegenwärtig, wo es unter altem Plunder vergraben hängt, eben gewähren kann.

  Amazon.de Widgets
Nachdem übrigens die Gewalt all dieser ersten Eindrücke etwas sich gemäßigt hatte, fing doch auch an, das geologische Phänomen jener merkwürdigen Kreidebildung sein Recht auf mich geltend zu machen. Solche meilenweit dahingestreckt zwischen 400 und 500 Fuß hohe, seltsam zerklüftete Kreidewände, mit den Millionen eingeschichteter Feuersteine, gaben allerdings über ihre Entstehung vieles zu denken! Noch wußte man damals nicht, was Ehrenberg später entdeckt hat, daß alle diese ungeheuern Massen wunderbaren, nur mikroskopisch erkennbaren kleinen Geschöpfen und deren schneckenartig gewundenen Gehäusen ihre Entstehung verdanken; man wurde nur durch tausendfältige, größere, eingeschlossene Körper, Seeigelschalen und Stacheln, Muscheln, Korallen und Sepienstücken darauf hingewiesen, dies alles als Absetzung früherer Flutperioden des Planeten zu betrachten, indes es war darum nicht weniger merkwürdig; bleibt es ja doch in gewissem Sinne zuletzt immer unbegreiflich! Der Stand war erfüllt mit losen und teilweise zertrümmerten Feuersteinen,[220]  die sich ebenfalls bald deutlicher, bald undeutlicher als Versteinerungen zu erkennen gaben, und so sah ich neben den Schönheiten der Form in Linie und Farbe nun auch in manches Geheimnis der Wissenschaft gegenständlicher und heller hinein!
Ich verweilte den ganzen Vormittag an dieser merkwürdigen Küste, stieg nach Klein-Stubbenkammer hinauf, zeichnete noch viel und durchstrich die Waldung der Stubbnitz bis zu dem kleinen dunkeln See in ihrer Mitte, in dem man das heilige Gewässer wiederfinden will, aus welchem zu beglückter Jahreszeit die Göttin Hertha ihren Wagen emporhob zu ihrem segenbringenden Zuge durch das Land und worin sie ihn dann wieder verbarg. Ich war doch noch nie so nahe von der alten Sagenwelt unsers nordischen Stammes berührt worden als hier, und wieviel späterhin die Kritik auch an dergleichen zurechtzulegen hat, in der Gegenwart weht immer ein besonderes Gefühl aus solchen Dingen uns zu.
Auf dem Wege zu dem letzten Glanzpunkte von Rügen – Arkona – hatten wir am nächsten Tage eine sonderbare flache schmale Landzunge zu überwandern, welche zwei große Inselteile, Jasmund mit Wittow, verbindet. Auf einer Seite hat man die weite offene Ostsee, deren Wellen, wenn sie hoch gehen, oft die ganze flache Strecke überspülen, von der andern Seite dehnt sich ein breites Binnengewässer weit in die Insel hinein. Es ist ein sonderbarer Anblick, der schmale, von den Wellen festgeschlagene feine weiße Sandboden, nur mit wenigem Weidengesträuch und Büschen des grauen Dünengrases überwachsen, auch hoch vom angeschwemmten Seetang überstreut! Bei stürmischem Wetter, wenn die Wogen hoch heranrollen und den Weg überspülen, mitunter kaum zu passieren. Etwas reizte mich jedoch auch hier besonders, was ebenfalls weit in die alte Geschichte hinaufdeutet, nämlich dieser Strand war[221]  ein berühmter Fundort des Bernsteins. Wir suchten denn auch selbst eifrig zwischen dem ausgespülten Seetang, und wirklich, einige Fragmente des vorweltlichen, verhärteten Baumharzes belohnten die Mühe des Suchers. Von diesen weit entfernten nordischen Küsten also hatten Römer und Griechen schon diesen feinen goldgelb und braunen Schmuck sich geholt! Ich habe diese kleinen kostbaren Fragmente lange aufbewahrt.
Arkona selbst war damals ein ganz öder, wüster Punkt; wir übernachteten in dem ihm zunächst gelegenen Dorfe Putgarten in einer Scheune, standen dann früh auf und gingen hinaus zu jener äußersten nördlichen Spitze deutschen Landes, wo drei Vierteile des Horizonts durch die freie weite Ostsee gegeben sind und in nebelichter Ferne im Westen die Kreidewände der dänischen Insel Möen gesehen werden. Arkona ist ein rechter Gegensatz zu Stubbenkammer, ebenso breit und weit und öde als diese hoch, bewaldet und in den Formen unterbrochen ist. Diese lange Linie seltsam verbrochener Kreidewände, zum Teil mit unzähligen Schwalbennestern bedeckt, der breite hallende Strand mit seinem unendlichen Feuersteingeröll und die weite stahlgraue Fläche der See: es machte mir alles den eigentümlichen Eindruck echter und ungestörter Urnatur.
Von nun an wendete unser Weg sich rückwärts; wir berührten Altenkirchen, das durch Kosegarten bekannt gewordene, wo jetzt ein Freund Friedrichs, Pastor Schwarz, seine Stelle verwaltete, eine treue, gute, etwas breite Natur, der Kunst dilettantisch zugeneigt und selbst schriftstellernd in diesem Sinne. Wir widerstanden der Einladung zu längerm Verweilen, hatten jedoch noch eine schöne Abendstunde an dem weiten Binnengewässer, welches hinter Altenkirchen gegen Jasmund sich ausstreckt und wo merkwürdige alte Runensteine ein langes Hünengrab[222]  oder auch wohl nur einen besonders geheiligten Hügel einfassen.
Am 21. früh schifften wir bei frischem Winde uns wieder in einem kleinen Fischerboote ein, segelten zwischen Rügen und Hiddensöe diesmal rasch und ohne Aufenthalt rüstig hindurch, daß oftmals der spritzende Schaum der herrlichen Wellen ins kleine Boot schlug, und nach einigen Stunden tauchten im Süden die alten Türme von Stralsund über dem Horizont herauf, das wir denn auch schon in den Mittagsstunden glücklich erreichten.
Noch mehr als Greifswald hat dies Stralsund prächtige altgotische Bauwerke aufzuweisen: Kirchen, Rathaus, Giebelhäuser, alles in jenem braungrauen Ziegelbau, aber bedeutend und tüchtig, gaben uns, sowie der Hafen, für den Nachmittag zu betrachten genug, ja noch einmal blickte ich von der Galerie des höchsten Kirchturms hinüber auf das weit dahinaus sich streckende Rügensche Land, dem ich in den verflossenen Tagen so viele Bereicherungen meines Vorstellungslebens verdankte.
Was dann die beschleunigte Rückreise über Walde, Strelitz und Berlin betrifft, so gedenke ich hier nur noch der Sammlung obotritischer Altertümer, welche in Neustrelitz der Bibliothekar Reinbeck uns mit Bereitwilligkeit und Kenntnis vorzeigte. Es war dies noch eine Art von Komplementswinkel zu vielem eben Gesehenen, was doch großenteils auf alte Mythologie und Ethnologie entschieden zurückwies. Durch Öffnen vieler Grabhügel und Urnen, durch sorgfältiges Sammeln aller beim Auspflügen des Landes, Grundgraben usw. gefundenen Altertümer, hier und da auch wohl durch Ankauf, war hier ein kleines Museum entstanden, dem Reisenden entweder eine lehrreiche Vorbereitung oder eine wünschenswerte Nachbetrachtung, für die auch ich mich dankerfüllt bekannte. Götzenbilder des Swantowit (auf Rügen besonders verehrt)[223]  sowie des Radegast (dessen Verehrung mehr in der Gegend des Tollensees gemein war), der Hela, des Baldur, Czernebog (bösen Gottes) und Bielbog (des Guten), Opfer- und andere Messer aus Feuerstein, Vasen mancherlei Art, Armringe, auch einige römische Waffen nebst einigen Goldmünzen aus Theodosius des Großen Zeiten; es gab eine sehr interessante Rekapitulation und setzte in mancher Beziehung das Tüpfelchen auf das i dieser langen Reihe wohlzubedenkender Anschauungen.

  Amazon.de Widgets
Vielfach erfrischt und an Geist und Körper wieder vollkommen gesundet, kehrte ich an Goethes Geburtstage in den Kreis meiner gewohnten Tätigkeit heim und nahm nun nach und nach alle die Fäden wieder auf, die ich, auf einen Monat etwa, nur zu gern hatte fallenlassen können.
Einige Wochen später schrieb ich über meine Rügensche Fahrt an Regis, der in diesem Sommer die Schweiz durchwandert hatte, und eine Stelle dieses Briefes gibt so sehr das Bild von dem, was jene Eindrücke in mir zurückgelassen hatten, daß ich sie hier noch zur Vervollständigung mitteile:
»Wie so ein recht einfaches, aber tief empfundenes Gedicht hat diese Ostseenatur auf mich gewirkt! Das Meer ist natürlich in allem das erste, aber in einem einzigen Hinblick auf diese elementarische, stets in sich wühlende und wogende salzige Flut, welche mit ihrer grenzenlosen Ausbreitung sich so ganz einfach vor uns hinstreckt, liegt auch eine unaussprechliche Erhabenheit! Überall ist hier dem Sinn nur wenig, dem Geist das meiste gegeben, und so muß denn der, welcher nur Augenlust sucht, manchmal sich kümmerlich behelfen, doch Sie werden, denke ich, mir einmal recht geben, daß man nicht vergebens nach Rügen zieht. Eigentlich muß man jedoch Rügen allein besuchen! Man muß sich still und treu dieser monotonen Natur überlassen, einsam an den hellenden Buchten die anrollende[224]  Meereswoge beobachten, den Flug der Möwen, der Kraniche und Schwäne verfolgen, dem Rauschen oder Donnern der Brandung horchen, in den dichten Buchenwäldern um die Denkmäler alter nordischer Vorzeit schweifen und von den gewaltigen Kreideklippen dann wieder die fernhin segelnden Schiffe über die stets farbewechselnde Meeresflut mit Blicken begleiten, und dann, glaube ich, regt dieses Leben in uns mancherlei auf, wovon die Früchte noch in späten Tagen erfreulich sind!«



VIII.










[225] Noch im Herbst desselben Jahres, unmittelbar vor dem Cäcilientage des Novembers, wurde mir ein zweites Dresdener Töchterchen geboren, meine liebe Cäcilie Karoline, und dadurch glückliche Häuslichkeit und Heiterkeit nicht wenig vermehrt.
Der folgende Winter dann zeichnete sich dadurch aus, daß er mich mehrern höhern Familienkreisen durch meine ärztliche Wirksamkeit enger verband. In dem Leben des Arztes, wenn es so recht selbständig und ohne Eingeführtwerden durch andere sich entwickelt, ist hierin eine merkwürdige Progression gewöhnlich mit großer Deutlichkeit zu verfolgen. Geht er als junger unbekannter Mann aus der Mitte des Volks hervor, so nimmt auch das Volk selbst in seinen niedern Regionen ihn zuerst und zumeist in Anspruch. Nach und nach dann, je mehr sein Ruf sich hebt, werden die höhern Schichten der Gesellschaft auf ihn aufmerksam, begehren seine Hilfe und bringen ihn wohl gar am Ende dahin, gleich einem Berliner Operateur, endlich zu erklären, daß er keine Visiten außer in der Belétage der Gebäude übernehme. Was mich betraf, so war ich als[225]  Leipziger Armenarzt und sodann als Direktor einer der untersten Volksklasse hauptsächlich geöffneten Gebäranstalt zunächst ganz an das Volk unmittelbar gewiesen und hatte mich einer Menge von Personen und Familien dieser Region vielfach hilfreich und treu teilnehmend erwiesen.
Nun kann ich indes mit Entschiedenheit es aussprechen, daß, so mancher Fehler und Schwächen ich mich auch gern schuldig bekenne, doch irgendeine Art von Hochmut, so sehr ich späterhin wohl mitunter dessen beschuldigt worden bin, mir in Wahrheit und immerdar fremd geblieben ist, daß vielmehr eine tiefgefühlte innere Demut mir stets eingeboren war und der Schein einer andern Gesinnung nur davon ausgegangen sein kann, daß ich manche kleine Verhältnisse oft übersah und vergaß, weil ich eben nur auf ein wahrhaft Größeres und geistig Höheres mich innerlich gespannt fühlte.
Man kann nun wohl sich denken, daß es mir, zurückschauend, ebenfalls oft ein Traum scheint, wenn ich gedenke, wie so ganz allmählich aus den engsten und anspruchlosesten Verhältnissen des Lebens meine Stellung und meine häusliche Existenz weiter und weiter sich heraufgehoben und endlich im Äußern es zu einer Daseinsform gebracht hat, von welcher ich, so sehr sie auch in mancher Hinsicht immer beschränkt blieb, in frühern Jahren doch noch wirklich keine Vorstellung haben konnte.
Der Winter 1819/20 war es demnach, wie gesagt, welcher auf dieser Stufenleiter mich wichtige Schritte tun ließ, und bedenke ich es recht, so war es teils die Behandlung der Marquise Latour-Maubourg, Frau des französischen Gesandten, teils meine ärztliche Wirksamkeit in der Familie des damaligen englischen Gesandten, Morrier, welche ebenso als Arzt in höhere Kreise mich einführte, als[226]  meine Rede im Sommer 1817 als Mann der Wissenschaft mich zuerst dort bekannt gemacht hatte. Manche andere einheimische und fremde Familien der sogenannten Gesellschaft folgten dann jenen nach, mein Ruf breitete sich aus, ich sah mich zuweilen eingeladen in jenen Häusern und erinnere mich noch wohl einer Art naiven Erstaunens, wenn ich, der ich immer in größter Einfachheit und Enge gelebt hatte, hier zum erstenmal sah, welche Weitläufigkeiten veranstaltet und welche Dienerschaften in Bewegung gesetzt wurden, um das Alltäglichste des Lebens, ein Mittag- oder Abendessen zustande zu bringen, dann auch, welche Bequemlichkeiten die Häuser der Reichen darboten und wie eine Leichtigkeit der Formen am Ende zuweilen wieder das Seltsame erreichen konnte, ein scheinbar so Vielfachgewordenes abermals zu einer gewissen Einfachheit zu verbinden. Wo das letztere wirklich erreicht wurde, da nur machte es mir einen überredenden und wohltuenden Eindruck! Glanz und Reichtum allein, sie imponierten mir gar nicht, gesellte sich indes in einzelnen bei uns immer seltenen Fällen jene von geistiger Herrschaft diktierte feine und bequeme Form hinzu, wodurch das Alltägliche ein gewisses Parfüm und selbst das Ungewöhnliche den Schein des Wohlbekannten und der Eleganz annahm, so konnte ich nicht umhin, mich überrascht und kaptiviert zu empfinden; ja, es geschah mir anfangs dies letztere öfters, eben weil ich noch zu neu in diesen Kreisen war und oftmals also keineswegs zu unterscheiden vermochte, wo dergleichen auch wirklich oder wo es nur als Schein sich geltend zu machen versuchte.
Nach und nach wirkte denn dieses alles auch auf die eigene Häuslichkeit zurück, und ich erinnere mich, daß Heinroth, der um diese Zeit wieder einmal nebst Frau ein paar Wochen in Dresden verweilte und viel bei uns war, einigermaßen darüber scherzte, wie er gar wohl bemerke, daß[227]  manches im Hause und bei Tische anders und feiner sich einrichte als vorher, und dabei von Galenus, welcher, altem lateinischem Sprüchlein gemäß, Reichtümer verleihe, und von dergleichen mehr allerhand Ergötzliches vorbrachte. Hierbei will ich bemerken, daß man künftig, wenn in der Literaturgeschichte diesem seinerzeit in Leipzig wirklich sehr geschätzten Professor seine wahre Stelle angewiesen werden soll, nie vergessen darf, daß er, noch pseudonym, als »Treumund Wellentreter« dialektische und poetische Versuche herausgegeben hat, welche eben jenes Halbe, aber Heitere seines Geistes besonders bezeichnen, ebendadurch aber auch manche Unvollkommenheit seiner wissenschaftlichen Arbeiten erst wahrhaft erklären.
Gibt es doch im allgemeinen zu vielfältigen Betrachtungen Veranlassung, wenn man auf diese Weise bei vielen andern und besonders wahrhaft hervorragenden Persönlichkeiten der Literatur das untereinander vergleicht, was diese Männer einmal als ihre wahren und echten Geisteskinder und was sie ein andermal als ihre Nebenarbeiten und Wildlinge betrachteten! Ganz eigene Mißverständnisse wird man da gewahr werden, Mißverständnisse, von denen mein Freund übrigens wenig berührt wurde, da er in gutmütiger Heiterkeit auf keine von beiden Gattungen seiner Sachen viel Gewicht zu legen pflegte. Dagegen ist es mir allerdings zum Beispiel selbst bei Goethe merkwürdig gewesen, daß er mitunter nicht undeutlich zu verstehen gibt: durch seine Farbentheorie, die wir, so interessant sie auch in vielen Beziehungen ist, doch mit einem »Faust« oder »Tasso« nie auf eine Linie setzen werden, habe er der Welt einen größern Dienst geleistet als mit all seinen Poesien; und stellte nicht Petrarca etwa seine jetzt längst vergessenen lateinischen Abhandlungen wirklich höher als seine unsterblichen Sonette?
Nach fünf Jahren Dresdener Lebens fing ich sonach an,[228]  auch als Arzt hier aus der Verborgenheit der Studierstube hervorzutreten, und konnte von nun an mehr von den seltsamen, oft in die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Seelenlebens deutenden Erfahrungen sammeln, welche in keinem andern Stande so vielfach und eigentümlich sich darbieten als in dem ärztlichen und ebendeshalb wohl mitunter Veranlassung gegeben haben, sie in novellistischer Weise auszubeuten und so zum Gegenstand einer Art von Unterhaltungsliteratur zu machen. Indes, da dies bisher immer nur von Nichtärzten versucht worden ist (die wirklichen haben in der Regel nicht Zeit dazu und finden auch dergleichen Mitteilungen aus ihren Tagebüchern gegen die Pflicht der Verschwiegenheit), so fehlt gewöhnlich hierbei die rechte Physiognomie der Wahrheit und damit zugleich das Siegel eines höhern Interesses. Wie anders würde dies sein, wenn man wirkliche Aufzeichnungen solcher Art nach der Natur vorlegen wollte! Gleich damals kam solch ein Fall in meiner Nähe vor, der, wenn sonst die Konstellation dazu gewesen wäre, Goethe ebensogut zu einem Werther hätte anregen können, wenn er ihn erfahren hätte, als der Tod des jungen Jerusalem. Auch hier gab die Verfolgung der Fäden, welche den Geist eines jungen Mannes so umsponnen hatten, daß aus ihrem Gewebe ein mit eigentümlicher Kaltblütigkeit ausgeführter Selbstmord hervorgehen mußte, mir viel zu denken. Ein Kandidat der Theologie, als Lehrer in einem angesehenen Hause in sehr guten Verhältnissen lebend und wegen seines durch vielfache Reisen und Studien gebildeten Geistes sehr geachtet, kommt hierher, besucht meinen Kollegen, Hofrat Seiler, welchen er von Wittenberg noch kennt, und verspricht zum Abend vor seiner Abreise einen zweiten Besuch zu festgesetzter Stunde. Statt seiner kommt zu dieser Zeit ein Brief nebst Schlüssel und Paket; er schreibt: »Wenn Sie diesen Brief[229]  empfangen, nehmen Sie beiliegenden Schlüssel, begeben sich baldigst nebst meinem Verwandten N.N. in das Kleine Rauchhaus Nr ...., vielleicht treffen Sie mich noch lebend. Beikommendes Paket senden Sie an N.N. usw. – versagen Sie diese Bitte einem Sterbenden nicht.« Seiler hört von dem Mädchen, welche den Brief bringt, der Herr sei noch ganz wohl gewesen und habe eben Kaffee bestellt. Er eilt indes hin, öffnet mit dem Verwandten das Zimmer und findet den Mann auf dem Sofa tot, vor ihm ein Tisch mit zwei Wachskerzen, mit Blumen usw. Mit einem langen, scharfen Dolch hat er sich genau das Herz durchstoßen, den Dolch wieder ruhig herausgezogen und neben sich gelegt. Bestimmtere Angaben über Veranlassung zu dieser Tat waren nicht aufzufinden. Man blickt in einen solchen Seelenzustand wie in einen dunkeln Abgrund hinab, in dem das Auge vergebens bemüht ist, Gestalten zu unterscheiden!
Mein Interesse für ungewöhnliche psychische Zustände trieb mich zu jener Zeit auch öfters dazu, die auf dem Sonnenstein im Jahre 1811 eröffnete Irrenanstalt – die erste in Deutschland, welche nach höhern wissenschaftlichen Ansichten eingerichtet worden war – zu besuchen und dort Beobachtungen der verschiedensten Art einzusammeln. Ich hatte dabei nicht nur mit dem Anstaltsdirektor Dr. Pienitz, sondern auch mit dem späterhin als Augenarzt so berühmt gewordenen Dr. Schmalz, dem damaligen Amtsphysikus von Pirna, mich befreundet, und beiden Männern verdankte ich interessante Mitteilungen in jenem Felde. Der letztere namentlich war nächster Zeuge sonderbarer Zustände gewesen, welche sich ergeben hatten, als im Jahre 1813 beim Vorrücken der Franzosen der Sonnenstein plötzlich wieder auf Napoleons Befehl in eine Festung verwandelt und von den Irren in Zeit weniger Stunden geräumt werden mußte. Dr. Schmalz hatte[230]  damals selbst mehrere distinguierte Irre, welche als Pensionärs in der Anstalt verweilten, in sein Haus aufgenommen, während die übrigen – über ein paar hundert – in die große Stadtkirche eingeschlossen und dort militärisch bewacht wurden. Man kann denken, welche merkwürdige Begegnungen sich da hervorgetan haben mögen. Einst geschah es zum Beispiel, daß ein paar kaiserliche Pagen aus Neugier die französischen Wachen beredeten, sie in die Kirche einzulassen, um unter den Geisteskranken umherzustreifen. Kaum hatten sie sich in das Kirchenschiff vertieft, als sie von den Narren umdrängt und förmlich gefangengenommen wurden. Nur mit Mühe gelang es ihnen, sich frei zu machen, und nicht ohne daß sie ihren Vorwitz sattsam bereut hätten. Ein andermal fand sich, daß eine bei Schmalz untergebrachte, an Erotomanie leidende Kranke von heftiger Liebe für den Kaiser selbst entbrannt war, obwohl sie ihn kaum gesehen hatte. Sie schrieb sofort Briefe, packte kleine Geschenke zusammen und fand endlich den Weg durch einen der Pagen, diese Liebespfänder an den Kammerdiener des Kaisers gelangen zu lassen, welcher denn hoffte, abends beim Auskleiden seinen Gebieter damit etwas zu amüsieren. Napoleon jedoch schob mürrisch die Dinge zurück mit dem Ausruf: »J'ai assez de fous à Paris«!1

  Amazon.de Widgets
Der Sonnenstein enthielt denn auch in den Jahren 1819 und 1820 manches merkwürdige Original seltsamer Trübung des Bewußtseins, aber zum erstenmal wurde es mir dabei – wenn ich an die in Berlin bei Horn gefundenen Geisteskranken gedachte – recht klar, wie sehr die Eigentümlichkeiten der Landesart und nationalen Denkweise sich auch im kranken Zustande des Geistes spiegeln. Jene politischen Exaltationen, die ich dort beobachten konnte,[231]  suchte ich hier vergeblich, es waren mehr seltsame Halluzinationen, eigene Monomanien und endlich jene dumpfen trüben Seelenzustände, in denen der Kranke regungslos, wie mit Blick so mit Gedanken, auf einen Punkt starrt und die den Blödsinn oftmals vorbereiten, welche sich hier einheimisch fanden.
So sammelte ich also überall und fortwährend die mannigfaltigsten Erfahrungen, und indem in meiner Anstalt die zunehmende Zahl der Geburten, durch mancherlei merkwürdige Fälle, mein Beobachtungsvermögen schärfte und eine sich allmählich immer mehr ausbreitende Stadt- und Landpraxis die Anstrengung meiner ärztlichen Wirksamkeit mir oft nur zu sehr fühlbar machte, gab es dagegen eine angenehme Zerstreuung, wenn Fremde oder Einheimische sich dann und wann bei mir einfanden, um an meinen künstlerischen Produktionen sich zu erfreuen, auch wohl einzelne derselben käuflich an sich zu bringen; Vorkommnisse, die ihre Bedeutung doch stets mehr gewannen als Beweise eines wahrhaften, nach Besitz strebenden Interesses, als daß auf ihren pekuniären Wert ein besonderer Akzent gelegt hätte werden können. In meinen künstlerischen Bestrebungen förderte mich um diese Zeit außerdem noch sehr der öftere Besuch des königlichen Kupferstichkabinetts, dessen in der Geschichte der alten Drucke und Zeichnungen sehr erfahrener Inspektor Frenzel meinen Wünschen nach einem gründlichen Studium hier verwahrter Schätze immer sehr freundlich entgegenkam. Was auf der Gemäldegalerie niemals von mir versucht worden war, das Zeichnen nach besonders mich interessierenden Werken, hier übte ich es häufig. War doch da eher eine Annäherung an das Original möglich als dort, wo das massenweise Kopieren mir oft genug so lästig gefallen war, daß manchmal ein Einfall Goethes mir ganz plausibel erscheinen konnte, als von welchem man[232]  erzählt, wie er einst bei Wahrnehmung der Unmöglichkeit, die damalige Galerie gegen Winterkälte zu schützen, ausgerufen habe: »Man solle doch im Winter hier mit den Kopien heizen, die im Sommer gemacht worden!«
In jenem Kabinett also holte ich mir zuerst auch den vollständigen Überblick der ältern italienischen Malerschulen, studierte aufmerksam die Altdeutschen und Niederländer und faßte da namentlich jene Vorliebe zu unserm vielgetreuen Albrecht Dürer, die mich späterhin nicht ruhen ließ, bis seine beiden trefflichen Blätter, der Ritter mit dem Tod und Teufel und die Melancholie (beide von mir auch in meinen Briefen über »Faust« ausführlich beschrieben), unter Raffaels Poesie und Philosophie über meinem Pulte eingerahmt sich fanden, mir und Geistesverwandten zu täglicher Betrachtung und Erhebung.
Im Landschaftlichen waren mir Antoni Waterloo und Hermann Swanevelt insbesondere merkwürdig und lehrreich. Ich konnte an erstern nicht genug die ausnehmende Naivität bewundern, mit welcher er die Vegetation unserer Wiesen und Wälder durch seine Radiernadel wiedergab und die nur von dem recht gewürdigt werden kann, der sorgfältig und lange diesen Dingen im Freien nachgegangen ist und dort am Studium derselben sich versucht hat. Bei dem letztern zog mich dagegen die Schönheit der Linien- und Massenverhältnisse mehr an, und indem diese mich an den Schönheitssinn seines Meisters, des Claude, erinnerten, mußte ich auch hier bei genauerer Durchsicht seiner bessern Blätter erstaunen, wie sehr es ihm gelungen war, in so unvollkommenem Material, als die Radierung darbietet, den Duft und Ton der Laubmassen zwar eigentlich nur andeutend und doch in so hohem Grade frappant wiederzugeben. Beide Künstler werden in der Neuzeit keineswegs mehr genugsam beachtet, ja sie sind der jüngern Generation fast unbekannt geworden,[233]  und doch verdienen sie im höchsten Sinne ein eigentümliches und ganz besonderes Studium.
Soll ich nun auch vom innern still-heitern Leben in meinem Hause ein Bild aus jenen Tagen geben, so darf ich nur eine Briefstelle ausheben, wo ich von meinem Geburtstage 1820 berichte, und ein in mancher Beziehung idyllisches Bild wird vor dem Leser auftauchen und zeigen, durch welche Wurzeln der Baum im Boden festgehalten wurde, der nach so verschiedenen Richtungen hin Früchte tragen sollte. Ich schrieb damals: »Ihr Wunsch ist trefflich in Erfüllung gegangen, denn am 3. Januar stand wirklich alles recht gut, ja ich kann sagen, daß ich fast noch nie einen so heitern Abend an diesem Tage vollendet habe als dieses Jahr. Friedrich, der Norweger Dahl, Schneiders, Lecerfs, Kummers und Ficinus hatten sich zusammengefunden und feierten das Mahl der Muscheln fröhlich miteinander. Es war ein guter Geist eingekehrt, nach Tische klang der König von Thule und der Fischer unter manchen andern Phantasien, und wir schieden erst lange nach Mitternacht. Und wohl, wie man es in dieser Zeit sein kann, ist auch alles gewesen, von den Großeltern bis zur kleinen Karoline Cäcilie! ... Der Junge ist jetzt sehr gut, hat bereits Kosakenjäckchen an und springt, schreit, spielt, wie es sein muß. Er gleicht jetzt meinem verstorbenen Albert unendlich, nur scheint er mir noch tüchtiger; und wenn er nun ein Jüpchen oder so etwas, das dem Verstorbenen gehörte, an sich trägt, so steigt die Täuschung und rührt mich oft wunderbar. Ja, Gott hat mir, denke ich zuweilen, dieses geliebte Kind jetzt zum zweitenmal gegeben, und fasse ihn dann mit einer gewissen heiligen Scheu in sein lockiges Haupt!«
Dabei muß ich übrigens sogleich gedenken, daß an den beiden hier nach Friedrich zuerst Genannten, an Dahl und Schneider, der enge Kreis meiner damaligen Freunde einen[234]  recht erfrischenden Zuwachs erhalten hatte. Der erstere, als junger norwegischer Künstler seit nicht langem hier eingezogen, hatte sich mit Friedrich und durch ihn mit mir sehr bald näher verbunden. Im Auffassen der Landschaft war er jenem der vollkommenste Gegensatz, den man sich denken kann: purer Naturalist, nur das Detail der Felsen und Bäume und Kräuter und Wiesen, aber dies mit ganz eigentümlicher Meisterschaft ergreifend, mit außerordentlicher Fertigkeit arbeitend, aber vieles dem Zufall anheimgebend, schien er ebensooft an das Objektive sich zu sehr zu verlieren, als Friedrich zuweilen im Subjektiven unterging; dabei aber war er eine treue, einfache Seele und das beste Herz, er hat sich mir über drei Jahrzehnte im Leben und für Friedrich noch weit über das Grab hinaus als solcher fest bewährt.
Ich war nun 31 Jahre geworden, die immer weitergreifenden Naturstudien, der philosophische Umgang mit Krause, die Kunst, alles mochte an mir fortgebildet haben, und das, worin sich jederzeit seelisches Wachstum besonders zeigt – der Sinn für das Göttliche –, er ging mir daher nun auch mehr und mehr auf. »Ich fühle es« – schrieb ich im Februar 1820 – »immer deutlicher, wie die Empfindung des Göttlichen, welches in allen Dingen lebt, uns nicht nur zu allem hinzieht und mit Liebe zur Natur und zum Menschen erfüllt, sondern auch innerlich uns erheitert und in den Produkten des Innern fortlebt.« Hat man aber eben diesen Sinn heller in sich aufgeschlossen, dann ist man gewiß auch für Musik wie für alles Schöne um so empfänglicher! Übrigens mochte wohl auch manches in meiner wissenschaftlichen Richtung ganz besonders durch diesen innern Fortschritt bestimmt werden! Drängte es mich doch jetzt überhaupt weit mehr dazu, die Tiefen der menschlichen Natur zu erforschen und darüber gewiß zu werden, während die früher so vorherrschend erscheinende[235]  Neigung zur vergleichenden Anatomie offenbar nun anfing, sich zu vermindern und mir nur als unerläßliche Vorbereitung zur Kunde vom Menschen zu erscheinen. »Was sollte uns die Kenntnis vom Baue des Wurms ohne Beziehung auf Höheres?« ist daher ebenfalls ein geschriebenes Wort aus jener Zeit.
Bei alledem war es mir doch erfreulich und bedeutend, als in diesem Jahre der alte Blumenbach aus Göttingen, der Nestor der deutschen vergleichenden Anatomie, nach Dresden kam und mich besuchte. Er war damals 68 Jahre, aber kräftig und von stattlicher Haltung. Wir verkehrten viel miteinander, und wenn ihm auch manche von den Richtungen, die mich besonders beschäftigen, fremd blieben, so fanden sich doch andere Berührungspunkte genug, und damit ich nebenbei auch einen realen Nutzen für mich aus diesem Zusammentreffen gewinnen möchte, so studierte ich vorläufig schon an ihm, wie man es anfängt, um Schwächen, Nachlässigkeiten und das geistige Sinken der höhern Jahre am sichersten und längsten fern von sich zu halten. Blumenbach hatte einen Grundsatz, den man nicht genug bei vorrückendem Alter empfehlen kann und durch dessen mangelhafte oder Nichterfüllung wir so viel dürftige und lästige Erscheinungen an Bejahrten bemerken; er hütete sich nämlich auf alle Weise, »es sich bequem zu machen«. Schlafröcke, bequeme Pantoffeln und Schlafmützen waren ihm fast unbekannte Gegenstände – von früh bis abends adrett im alten Stile gekleidet –, immer tätig, seine Collegia mit Pünktlichkeit abwartend, hatte er sich eine merkwürdige Frischheit und Geistesgegenwart erhalten; somit wohl ein Vorbild darstellend, dem in Gesamthaltung nachzueifern allerdings der Mühe wert war.
Um dieselbe Zeit lernte ich auch einen Zeitgenossen Blumenbachs kennen, dem aber die Physiognomie höhern[236]  Alters weit mehr aufgedrückt war, es war Tiedge, der mit seiner Beschützerin, der ebenfalls bejahrten und kränklichen Frau von der Recke, seit kurzem seinen Wohnsitz in Dresden genommen hatte. Ich bin nie in nähere Berührung mit ihm gekommen, indem der ganze Charakter seiner Poesie und das, was ich von dem Kreise, der sich um ihn sammelte, hören mußte, meinem Wesen zu entgegengesetzt war, als daß ich mich damit zu befreunden imstande gewesen wäre. Wie Goethe einmal sagt, daß Bodmers Noachide für ihn recht eigentlich der Ausdruck von der Wasserflut damaliger Poesie gewesen sei, so pflegte ich den übrigens guten und einfachen Unsterblichkeitsdichter wohl einem Steine zu vergleichen, an welchem für mich nichts zu bemerken bleibe als der Strich, welcher die Höhe eines frühern Wasserstandes angibt. Es war mir immer, als sollte ich an ihm ablesen, so und so hoch stand, für die Menge, im Jahre der Herausgabe der »Urania« das Fluidum der Poesie.
Dresden war übrigens in jenen ersten Frühlingstagen sehr aufgeregt durch den Raubmord, der an einem sehr geschätzten, mir aber immer fremd gebliebenen Künstler, Professor Kügelgen, nahe an der Stadt auf offener Landstraße mit großer Frechheit verübt worden war. Hatte ich doch auch, nach meiner Gewohnheit, in den Tagen vorher in gleichen Vorabendstunden weit ausgedehnte einsame Spaziergänge gerade in derselben Gegend gemacht, wo das Schreckliche vorfiel, worüber ich nun manche liebevolle Vorwürfe hören mußte. Als Maler gehörte Kügelgen noch ganz in jene flaue Kunstperiode, die ich früher geschildert habe, und zeichnete sich nur durch etwas mehr von jener poetisch-romantischen Tendenz aus, welche in Retzsch zu einem gewissen Rufe gekommen ist und nun ebenfalls völlig sich überlebt hat. Als Mensch soll er indes höchst liebenswürdig gewesen sein und wurde auch von meinem[237]  Freunde Friedrich sehr beklagt. Der Mörder, der ihn um ein Weniges, was sich bei ihm fand, erschlagen hatte, wurde bald entdeckt und hingerichtet.
Während nun so das Leben mir in immer größerer Mannigfaltigkeit fortschritt und der Kreis unmittelbarer Erfahrung sich mehr und mehr ausdehnte, fand ich doch fast täglich Zeit, außer der streng wissenschaftlichen auch der allgemeinen Literatur ihr gebührendes Recht zu tun. Zwei damals neu erschienene Werke interessierten mich besonders, das eine war das aus dem Persischen übersetzte Buch »Kabus«, das andere »Das Leben des Dänen und Altertumsforschers Zoëga«. Im erstern liest man, wie in der Vorzeit ein alter König im Orient, seinem Sohn zu Nutz und Frommen, eine Art von Lebenskunst niederschrieb, worin er sich über jedes einzelne verschiedenartigster menschlicher Lagen und Zustände mit größter Klarheit, Ausführlichkeit und Sicherheit verbreitet. Das ganze Leben scheint vor dieser ruhigen Beschaulichkeit im großen organischen Zusammenhang ausgebreitet vorzuliegen, so daß der moderne Mensch mit seiner Unruhe und ängstlichem Getreibe hier nur schwach und ärmlich dem vergleichenden Blicke des Lesers vorkommt. Das Buch wirkte ebendadurch damals, wo ich durch vielerlei Tätigkeit sehr nach außen gerissen wurde, durchaus beruhigend und kräftigend auf mich, und haben nicht die Einstrahlungen vom Morgenlande auf das Abendland fast immer in dieser Weise gewirkt! Fast möchte man glauben, daß, wenn Friedrich Schlegel die germanische Sprache vom Orient herleitet, ebendeshalb auch namentlich der germanische Stamm soviel mehr für die Beschaulichkeit des Orients empfänglich sei als die meisten andern.
In einem ganz andern Sinne wirkte dann wieder das letztere von Welcker herausgegebene Buch über Zoëga. Durch Schilderung dieses eigentümlichen Entwicklungsganges[238]  mit seinem Irren, Ringen, Streben, wie dies alles aus den Briefen seiner Jünglingsjahre deutlich hervorgeht, fand ich mich überall auf mich selbst zurückgewiesen, und zum ersten Male wurde es mir hier recht klar, wie sehr auch den mannigfaltigen Irrtümern des Lebens eine bestimmte Bedeutung für allgemeine Fortbildung einwohnt. Wohl darf man sie zuweilen den Wolken vergleichen, deren Ausbreitung und Ziehen, obschon in gewissem Grade die Einwirkung des Himmelslichts dadurch gehindert wird, doch in der Landschaft so oft die reizendsten Abwechslungen von Farben und Licht dem Auge gewährt! Man blicke nur durch ein scharfes Teleskop in den wachsenden Mond, sehe seine Klarheit und dann die schwarzen, scharfen Schlagschatten seiner Gebirge und erkenne daraus den Mangel einer Atmosphäre wie aller Wolken, und man friert ja unwillkürlich. Dem Erdgeborenen ist das Ringen durch Irrtum zur Wahrheit ebenso unentbehrlich als das Spiel der Wolken und das Durchbrechen der Sonne.
Ebenso gab mir die Geschichte eines schwedischen Bauern und Malers, des Pehr Hörberg »Selbstbiographie«, übersetzt von Professor Schildner (Greifswald 1819), vielfältig zu denken. Wie ein ausgesprochenes Talent hier unter den ungünstigsten Umständen in eigentümlicher Weise sich Bahn bricht, wie endlich in der Hütte des Bauern große Altarbilder entstehen, die noch jetzt manche Kirche zieren, wenn auch ihr Wert nie sehr hoch angeschlagen werden durfte, regte ebenfalls mancherlei Vergleichungen auf mit Richtungen und Befähigungen, die ich selbst nun einmal unter den heterogensten Lebenslagen nicht abweisen konnte und bei welchen ich mich oft genug mit der Frage nach dem »Warum« im stillen abquälte.
Endlich lernte ich um diese Zeit auch zuerst die merkwürdige Individualität des Pater Abraham a Sancta Clara in[239]  seinen Predigten kennen und finde noch Notizen darüber aufgezeichnet, welche beweisen, daß sie mich tiefer beschäftigten als bloß ihrer wunderlichen Form und seltsamen Wortstellungen nach, wegen deren man sie öfters zitiert findet. Von einigen dieser Reden vermag ich noch jetzt Rechenschaft zu geben und gedenke ihrer deshalb hier mit ein paar Worten, weil sie in der Neuzeit fast gänzlich verschollen sind, ein Schicksal, welches die Mehrzahl derselben vielleicht nicht unverdient trifft, von dem jedoch die gleich zu erwähnenden sicher ausgenommen zu werden verdienen. Obenan möchte ich zunächst die stellen, welche die Überschrift trägt:



Wer will gefroren sein ohne Sünd',
Einen guten Passauer Zettel da find't.

Der Redner spielt hier zuerst humoristisch an auf die Kunst des »Festmachens« oder »Gefrorenseins«, wodurch alle Kugeln der Schlacht machtlos an den so Geschützten vorübergehen. Dann rückt er heraus mit seinem »wahrhaften Passauer Zettel«, und was steht darauf? »Ego sum, nolite timere« (fürchtet euch nicht, ich bin's – ich bin bei euch – Christus). Und nun erheben sich seine Gedanken wunderbar – die große Sicherheit des göttlichen Geistes, wenn er, vom Ewigen angehaucht, in höherer Flamme sich ergeht und dann über den Wechselfällen des Lebens steht, daß machtlos von ihm abprallt, was sonst ihn zum Tode getroffen hätte – man kann es kaum erhabener und doch so natürlich ausgesprochen lesen.
Eine andere Predigt trägt als Motto:

Die Tochter wird verehrt,
Die Mutter ist nichts wert,

und setzt in den sonderbarsten Gleichnissen das Verhältnis der Sünde (der Mutter) und der Reue (der Tochter)[240]  auseinander, entschieden festhaltend ein stetes Fortwachsen des Geringern zum Erhabenen und ein Ablösen des Befleckenden sowie ein Hervortreten des Reinen; ein Thema, welches dann auch eine dritte Rede unter der Aufschrift »Pauli Bekehrung« unter den mannigfaltigsten Wortspielen und kuriosesten Phrasen in einer bei alledem würdigen Weise fortsetzt.
Sage ich nun über alles dieses noch, daß ich in diesem Jahre auch wieder einmal nach längerer Zeit den »Wilhelm Meister« durchlesen und dabei recht empfunden hatte, wie erst das Vorrücken eigener Erfahrung freudig und deutlich die Werke eines so Vielerfahrenen anerkennen läßt, so bekommt man einen immer entschiedenern Überblick von dem, was ein lebendiger jugendlicher Geist alles zu bemeistern und zu überwältigen vermag! Welch ein Werk! Wie durch das Ganze hindurch die Hinweisung auf rüstige, nur immer im Nächsten zu übenden Tätigkeit leuchtet und wie die Bedeutung der wahren Entwicklung sowohl als Verkrüppelung des Menschen hier so recht an der Wurzel gefaßt ist! Und doch, wenn ich späterhin abermals an dessen Lektüre gekommen bin, haben immer neue und immer lebendigere Seiten daran sich mir erschlossen! An den »Briefen über Landschaftsmalerei« war nun auch wieder einiges gearbeitet worden, und namentlich hatte es mich beschäftigt, die nähern Gründe aufzusuchen, warum dies Fach überhaupt erst so spät – eigentlich nur vom 17. Jahrhundert an – zu einer eigenen bedeutenden Kunstform gelangt war und warum das Altertum in dieser Beziehung noch so leer erscheint. Das Verhältnis des Menschen zur Natur in allen seinen Phasen durchzudenken, es gab mir bei dieser Veranlassung vielfache Beschäftigung, und gerade aus jener Zeit ist mir deshalb folgende Aufzeichnung, welche die Sphäre der Natur und die der Vernunft gegeneinander genauer abzuwägen versucht,[241]  wichtig genug, um auch sie hier noch mitzuteilen. »Mir scheint«, heißt es da, »die eigentliche Achtung gegen die Natur keineswegs bloß in sinnlicher Neigung zu der Lust, die sie uns bietet, zu bestehen, sondern vielmehr in jener heiligen Scheu, jenem innern geheimen Schauer, mit welchem wir, dafern wir ihrer würdig sind, alles und jedes reine Wirken der Natur auffassen; jenes Wirken, in dem nichts so klein, gering oder gemein ist, daß es uns nicht mit wahrer Achtung, ja mit Bewunderung erfüllen sollte, kurz, es steht mir hier jenes zarte Verhältnis vor Augen, in welchem so viele, namentlich der ältern Naturforscher, Swammerdam, Lyonnet, Linné usw., zur Natur sich befanden und welches vielleicht auch nur dem, der durch eigene naturforschende Arbeiten der Natur sehr nahe gekommen ist, recht klar werden kann. Ein Verhältnis, bei welchem nicht die Vergänglichkeit der Naturformen als Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit gerechnet wird, so daß sie deshalb etwa bloß als Mittel zum Zweck besonderer Vernunftdarbildung betrachtet werden müßten, sondern wobei gerade diese Flüchtigkeit der Erscheinungen es bedingt, daß mit desto innigerer Liebe und Sehnsucht ihnen nachgetrachtet wird.«
Es bedarf jetzt, glaube ich, nur eines Rückblicks auf alles, was sonach wieder vom Herbst 1819 bis zum Sommer 1820 noch außer der Vollendung der »Gynäkologie«, die nun gedruckt wurde, gearbeitet und erstrebt worden war, um zu fühlen, daß es Pflicht blieb, auch in diesem Jahre sich ein Respiro zu gönnen und in Tälern und auf Bergen für Körper und Geist Erfrischung und neue Kräftigung zu suchen. Ich hatte also diesmal einen Besuch der böhmischen Mineralquellen und dann eine Wanderung durch die großartigen urgebirgigen Regionen des Riesengebirges mir als Reiseziel vorgezeichnet, mit Absicht in diesem Jahre die Pläne nicht zu weit ausdehnend, da ich schon[242]  daran dachte, dafür im nächsten vielleicht einen um so größern Überblick zu gewinnen.
Von Dresden durch Böhmen bis Prag begleitete mich der als Chemiker, Physiker und Botaniker bekannt gewordene Professor Ficinus, und wie ich mit ihm bisher schon manche Arbeit gemeinschaftlich vollendet hatte, so war er nun auch auf der Reise ein befreundeter und heiterer Gefährte, dessen Kenntnisse gerade bei dem Besuch jener merkwürdigen Mineralquellen mir trefflich zustatten kamen. Der erste Reisetag war der Letzte des Juli, und noch gedenke ich des großen Eindrucks, den die erste Fernsicht auf der Nollendorfer Höhe, welche gleich so viel alten Straßen jetzt verlassen liegt, mir damals gemacht hat; diese feinen, im bläulichen Luftton mehrfach hintereinander gezogenen Konturen des böhmischen Mittelgebirges, so deutlich die neuern plutonischen Erhebungen jener Kette bezeichnend, im Verhältnis zu den ruhigen großen Linien des granitischen Erzgebirges; ich konnte mich nicht satt daran sehen, und die ersten Gedanken zu der später in den »Briefen über Landschaftsmalerei« niedergelegten Skizze einer Physiognomik der Gebirge mögen damals wohl in mir sich hervorgetan haben. Dann der schöne Sommerabend in Teplitz, die reichfließenden warmen Quellen mit ihrer klargrünen Farbe, durch welche alles Urgewässer vom Meere bis zum tausendjährigen Gletschereise bezeichnet ist, die hochschattenden Bäume seines Parks und die prachtvoll breit überhängenden Weiden um seine Wasserfläche, es erheiterte mir Sinn und Geist, und oftmals habe ich seidem mich an denselben Erscheinungen erfrischt.
Über Saatz und Buchau kamen wir dann den 2. August nach Karlsbad, wo wir den nächsten Tag verweilten und ich nun zum erstenmal mir von dem eigentlichen Badeleben in einer von der Natur so groß und seltsam ausgestatteten[243]  Örtlichkeit den gegenständlichen Begriff gewann. Wenige bekannte Gestalten begegneten mir in dem Gedränge um den schäumenden Sprudel und seine Schwesterquellen, und einige neue wurden mir bekannt, unter denen ich Schelling als hervorragendste Persönlichkeit bezeichne, mit dem ich hier zum erstenmal einige Worte wechselte, während ich so oft schon in seinen Schriften eine Gedankenlese gehalten hatte. Am 4. August war ich in Franzensbrunnen, prägte mir das Bild seiner perlenden Quellen und ihrer Geburtsstätte, der weiten, von Höhenzügen umschlossenen Ebene seines eisenhaltigen Torfmoors, ein und sah diesmal nur erst von weitem jenen seltsamen kleinen, als unterseeischen Vulkan später erkannten Hügel, dem auch Goethe besondere Aufmerksamkeit zugewendet hat: den Kammerbühl.
Wir fuhren dann nach Eger und feierten dort auf den Ruinen seines alten Schlosses die Erinnerung an Schillers Wallenstein, dann aber weiter nach Marienbad, wo wir länger verweilten, um diesen damals schon vielversprechenden und späterhin so berühmt gewordenen Kurort in seinem Werden etwas genauer zu beobachten. Eben war der erste dortige Arzt, Hofrat Dr. Nehr, verstorben, welcher so viel Verdienst um die Fassung und Benutzung dieser – früher nur unter dem Namen der Auschowitzer Quellen hier und da für Kranke verwendeten – Wässer sich erworben hat und dem man im eigentlichen Sinne die Gründung von Marienbad verdankt, da er die Mittel zur Anlage der ersten Gebäude den Grundbesitzern, den geistlichen Herren des Stifts Tepel, mit unendlicher Mühe abzudringen die Ausdauer hatte. Es ist merkwürdig zu lesen, wie er selbst, noch im Jahre 1779, diese brunnenreiche Gegend fand. »Wie erstaunte ich«, sagt er in seiner »Geschichte Marienbads«, »als ich dieses verwilderte, ringsumher mit steilen Bergen und finstern Wäldern dicht[244]  eingeschlossene Tal, in welchem diese Quellen ihr heilbringendes Wasser so reichlich ergießen, betrat! Alles, was man sah, erregte Furcht, Widerwillen und Abscheu; Berge und Täler, Wasserrisse und Gesümpfe, Stein- und Sandhügel, vermoderte Stöcke und Windbrüche wechselten unausgesetzt untereinander ab. Außer einer alten hölzernen, den Einsturz drohenden Hütte, in der zwei eiserne, zur Bereitung des im Kreuzbrunnen reichlich enthaltenen Glaubersalzes bestimmte Kessel auf einem Herd eingemauert standen, und einer gleichfalls hölzernen, rohen, uralten Einschränkung des Kreuzbrunnens fand und sah man nichts, was Menschenhände gemacht hätten.« Gegen diese, freilich wenig Liebe zu irgendeiner Waldeinsamkeit verratenden Schilderung war nun dazumal allerdings schon die Umgestaltung sehr groß; indes wie sehr stand doch noch alles zurück gegen die jetzige Zeit!
Auch Goethe war in ebendiesem Sommer 1820 in Marienbad und schreibt darüber an Zelter so treffend, daß ich nichts Besseres tun kann, als folgende mit meinen Anschauungen ganz übereinstimmende Stelle von ihm hier anführen: »Die Anlage des Orts ist erfreulich; bei allen dergleichen finden sich schon fixierte Zufälligkeiten, die unbequem sind; man hat aber zeitig eingegriffen. Architekt und Gärtner verstehen ihr Handwerk und sind gewohnt, mit freiem Sinne zu arbeiten. Der letzte, sieht man wohl, hat Einbildungskraft und Praktik, er fragt nicht, wie das Terrain aussieht, sondern wie es aussehen sollte; abtragen und füllen rührt ihn nicht. Mir war es übrigens, als wäre ich in den nordamerikanischen Einsamkeiten, wo man Wälder aushaut, um in drei Jahren eine Stadt zu bauen. Die niedergeschlagene Fichte wird als Zulage verarbeitet, der zersplitterte Granitfels steigt als Mauer auf und verbindet sich mit den kaum erkalteten Ziegeln; zugleich arbeiten Tüncher, Stukkaturer und Maler[245]  von Prag und andern Orten in Akkord gar fleißig und geschickt, sie wohnen in den Gebäuden, die sie in Akkord genommen, und so geht alles unglaublich schnell.«
Gewiß, es war eine eigentümliche Erscheinung, dieses Herauswachsen einer kleinen Stadt aus dem Walde! Mir fielen namentlich auf ganze Striche Land, wo die alten Fichten ein paar Ellen über dem Boden abgesägt und weggeschafft waren und nun einstweilen, bis man Zeit gehabt habe würde, auch die Baumstumpfen auszuroden, Korn dazwischengesät worden war, so daß die Halme mit ihren Ähren um jene Stammreste im Winde wogten.

  Amazon.de Widgets
Von Marienbad fuhren wir die Nacht durch nach Prag, wo wir den 6. August nachmittags ankamen, und wer möchte diese Hauptstadt der Tschechen mit ihren siebzig Türmen und Kuppeln und ihrer reichgezierten Moldaubrücke gesehen haben, den nicht der Anblick überrascht und in eigen romantischer Weise erfaßt hätte! Man kann denken, daß wir unsere Zeit dort aufs beste benutzten. Meinen Gefährten interessierte zumeist der Botaniker Preßl, den wir zuerst besuchten, mich weit mehr der Anatom Ilk, zu welchem wir uns dann wandten, insbesondere um seine trefflich ausgearbeiteten Knochenpräparate zu sehen. Weiterhin öffneten sich uns die Schätze der Universitätsbibliothek, wo so viele Handschriften und Inkunabeln, wichtig für die Geschichte Böhmens, verwahrt werden. Die Schriftzüge von Huß waren es, die gerade hier am meisten mich anziehen mußten. Auch daß echt böhmische Drucke schon vom Jahre 1468 aufgezeigt werden können, war mir neu. Jedoch noch um manches Jahrtausend ältere Drucke, freilich keinen Bücherdruck, sondern Abdrücke fossiler Hölzer und die verwandelten Hölzer selbst, fand man auf dieser Bibliothek noch aufgestellt; es waren die vom Grafen Kaspar von Sternberg aus allen böhmischen Kohlenwerken zusammengebrachten Originale[246]  seiner später herausgegebenen »Flora der Vorwelt«, welche sodann dem nach Jahren erst errichteten ständischen Museum einverleibt worden sind. Ich hatte hier zum erstenmal Gelegenheit, von diesen merkwürdigen Formen urweltlicher Farnkraut-, Equiseten- und Palmenstämme eine so schön geordnete reiche Folge vor mir zu sehen; die ungeheuere Verschiedenheit jener uralten Pflanzenwelt von der gegenwärtigen trat mir mit voller Gegenständlichkeit und Neuheit vor Augen, und schon damals befestigte sich in mir die Ansicht, wie höchst eng und befangen der Naturforscher denke, welcher von einer Möglichkeit neu entstehender Gattungen und Arten deshalb sich keinen Begriff machen kann, weil an den gewöhnlich uns umgebenden Naturformen überall die Kette von gleicher Fortpflanzung durch Ei- und Samenbildung von Geschlecht zu Geschlecht sich findet. Dieselbe ursprünglich schaffende Macht der Idee, welche doch unerläßlich wird, anzunehmen für die erste Belebung der Oberfläche des Planeten, sie macht sich in den großen Revolutionsperioden der Erde ja immer wieder von neuem geltend; ja nehmen wir es ganz genau, so können wir sie zuletzt sogar noch alle Tage selbst vor Augen haben.
Wir sahen dann noch das Polytechnische Institut und allerhand andere Sehenswürdigkeiten, und am 8. früh verließ mich mein Gefährte, um nach Dresden zurückzukehren. Allein jetzt und ganz meinen Gedanken nachhängend, wanderte ich nun auf den Hradschin hinauf, um noch einmal ruhig den Überblick der Stadt im Morgenduft zu gewinnen und das Innere der großen in so reichem gotischen Stil gebauten Metropolitankirche ausführlich zu betrachten. Beides versetzte mich in eine durchaus feierliche Stimmung. Ich stand vor der aus 36 Zentner Silber auferbauten Grabstätte der schon mythisch gewordenen Person des Johann Nepomuk, welcher der Sage nach vom[247]  König Wenzeslaus zum Tode verurteilt wurde, dieweil er das Geheimnis der Beichte der Königin mitzuteilen standhaft verweigerte und dessen schweigsame Zunge deshalb hier, in edelm Metall eingefaßt, den Gläubigen zur Beförderung der Andacht an Festtagen vorgezeigt wird. Man stürzte ihn, wie es heißt, am 16. Mai 1383 von der Prager Brücke in die Moldau, und fünf Sterne leuchteten da, wo er im Wasser verschwand. Dann sah ich jenes feine alte Muttergottesbild von Cimabue, in dem eine eigene Heiligung lebt, und weidete mich an manchen schönen Wirkungen der großartigen Architektur dieses mächtigen Doms, kurz, ich trank wieder einmal mit vollen Zügen jenen romantischen Duft des Mittelalters, der fast in allen strebenden jugendlichen Gemütern während einer eigenen Lebensepoche besonders ersehnt wird.
Den Rest des Tages widmete ich noch der Besichtigung einiger medizinischen Anstalten und fuhr abends gegen Reichenberg zu weiter, so daß ich dann den zweiten Tag darauf früh, am 10. August, in Zittau eintraf, wo ein anderer Reisegefährte, mir und noch mehr meinen Eltern von Leipzig her befreundet, mich erwartete, um teils die dortigen Basaltberge, teils das Riesengebirge selbst mit mir zu durchwandern. Dieser Mann namens Gerstäcker (dem später so bekannt gewordenen Reisenden ganz fremd) hatte in früherer Zeit in Leipzig allerhand kaufmännische Spekulationen versucht, bei welchen er indes gewöhnlich zu kurz kam, und war nun nach Waltersdorf bei Zittau gezogen, hatte sich dort verheiratet und wohnte jetzt im eigenen ländlichen Hause an einem vorbeisprudelnden Gebirgsbache recht anmutig, übrigens mit Vertrieb der in dortiger Gegend blühenden Damastwebereien Geschäfte machend, die wenigstens ihm ein leidliches Auskommen gewährten. Ich blieb zuerst ein paar Tage bei ihm, machte einige Exkursionen in der malerischen Umgegend, von[248]  welcher besonders der Oybin mit seinen im höchsten Grade romantischen Ruinen mir einen großen Eindruck hinterließ und einige zeichnerische Studien veranlaßte, an welchen ich mich noch jetzt gelegentlich erfreue, und am 12. brachen wir auf gegen die höhern Gebirge.
Man gelangt zunächst über Zittau und Reichenau zu dem altertümlichen, auf säulenförmigem Basalt ruhenden Schloß Friedland, wo ein gutes Porträt des berühmten Friedländers verwahrt wird, welches uns denn hauptsächlich Schillers Dichtung halber beschäftigte und auf alle Weise mit der dichterischen Persönlichkeit sich identifizieren sollte. Es bleibt ja allemal eine eigene poetische Wiedergeburt, welche solche geschichtlich halbverblichene Gestalten erfahren, wenn die Muse sie anhaucht! Müssen wir doch dieser Beispiele aus der neuern Zeit besonders gedenken, wenn wir uns erklären wollen, wie die Menschheit zu dem Kultus alter Heroen, eines Achill, eines Odysseus und anderer, gekommen sei. Solange nämlich bloß trockene Aufzeichnungen einer Chronik oder geschichtliche Sagen von bedeutenden Charakteren vermelden, behalten diese Namen ja immer ein mattes haltloses Dasein und schweben wie die Geister, welche dem Odysseus erscheinen, ehe sie vom Blute der Opfer getrunken hatten, nur bleich und gestaltlos im Eingange der Unterwelt; allein erfaßt sie nun der schaffende Genius eines wahren Poeten, bildet dieser sie gewissermaßen von neuem und durchgeistigt sie mit seinen eigenen Gedanken, siehe da, sogleich gewinnen sie Konsistenz und Farbe, ihr Wesen wird vielleicht in etwas geändert, aber es wird innerlich neu geboren, und zwar um jetzt nicht mehr ein vergängliches, sondern ein ewiges Dasein zu leben! Erst von da an gehören sie daher recht eigentlich ihrem Volke oder vielmehr dem Volke des Dichters, ja, im höchsten Falle, in Wahrheit der Menschheit, und ihr höherer Kultus[249]  erhält sich dann fort und fort durch alle kommenden Geschlechter. So ist nun auch Wallenstein mir immer ein merkwürdiges Beispiel dieser Art (wenn auch keineswegs höchster Ordnung) gewesen! Denn wer hätte des Kriegsfürsten jener rohen Zeit wohl mit dieser Teilnahme gedacht, hätte ihm Schiller nicht seinen Odem eingehaucht und ihm ein neues, unsterbliches Dasein verliehen! Ebenso aber ist es mit Egmont, mit Tell, mit Don Carlos und so manchen andern!
Von Friedland aus begann unsere Fußwanderung. Ein Träger trug unsere Reisebündel, und heiter durch angenehm wechselnde, ländliche Gegenden schreitend, hofften wir vor Nacht das kleine Bad Liebwerda zu erreichen. Noch vor Dunkelwerden jedoch umlagerte sich der Horizont mit finstern Gewitterwolken, bald war kaum mehr Weg und Steg zu sehen, und jetzt brach nun ein Unwetter los, wie ich deren kaum weiter erlebt zu haben mich erinnere. Der Träger und Führer schritt rüstig voraus und zeigte notdürftig die Straße, ihm folgte ich im triefenden Mantel gehüllt und weiter zurück Gerstäcker. Blitze umleuchteten uns unter gewaltigen Schlägen, und plötzlich fuhr unweit von mir ein Wetterstrahl nieder, so blendend und mit solchem Donnerschlag, daß ich mich kaum aufrecht hielt und wenigstens einen der Gefährten erschlagen wähnte, während mir später Gerstäcker versicherte, er habe mich in dem Augenblicke für verloren gehalten. Indes keinem von uns beiden sollte hier das Ziel gesteckt sein, wir schritten immer tapfer vorwärts, soweit die Blitze den Weg zeigten, und in kurzem waren wir unter Dach und Fach angekommen. Früh beim Auszuge nach den Bergen hin leuchtete ein herrlicher Morgen, und im Westen über fernen Wetterwolken erschien ein prachtvoller Regenbogen, welchen die uns begegnenden Gebirgsbewohner alle für ein sicheres Zeichen nachfolgender schöner[250]  Tage erklärten, eine Voraussagung, die sich pünktlich bestätigte, denn unsere ganze Gebirgswanderung war von dem prachtvollsten Wetter begünstigt.
Auch diese in vier Tagen vollendete Tour über den Kamm des Riesengebirges, mit allen seinen Glanzpunkten, die unter den Namen des Zackenfalles, der Elbquellen und Elbwiesen, des kleinen und großen Rades, der Sturmhaube, der Dreisteine und der Schneekoppe bekannt sind, hat mir einen sehr tiefen und unvergeßlichen Eindruck zurückgelassen. Hatte ich bei Rügen zum erstenmal die größern Wellen der See kennenlernen, so war mir dies Gebirge wie eine große beruhigte Welle an der Erdfeste des Planeten. Überall erkennt man zwar noch das harte starre Gerüst des granitenen Skeleton dieser Höhenzüge, aber nur einzelne Klippen, und diese meistens als Trümmerhaufen, ragen aus dem schon durch vieltausendjährige Verwitterung gerundeten, dem organischen Leben wieder zugänglich gewordenen erdigen Überzuge als von weitem kaum merkbare Störungen der großen Wellenlinien des Ganzen heraus! Und welche Zartheit ist in diesen Linien, wie weich geschwungen, wie schwer treu nachzuzeichnen sind sie! Steht man auf den Elbwiesen, da, wo unser schöner Elbstrom als kleiner, klarer Bach zwischen einem Alpenrasen und leicht zu überschreiten dahinfließt, und blickt man nach den sogenannten Siebengründen hinein, wo mächtige Höhen in feinen Lufttinten sich heraufheben, wie hat man da Gelegenheit, abermals die Schönheit der Konturen, aber in ganz anderer Art als an den fast waagerechten Horizonten der See und der Rügenschen Küsten, zu bewundern! Ja, streckt sich denn, von Warmbrunn aus gesehen, nicht die gesamte Masse des Riesengebirges fast gleich den zartgeschwungenen Linien eines schönen Frauenkörpers dahin! Dies alles also war mir neu und gab mir viel zu beobachten. Dazu nun die reine, so noch[251]  nie geatmete Alpenluft dieser Höhen, die schon merklich abweichende Vegetation, zumal die weiten Strecken des seltsamen Knieholzes, welches, in dem Verwebtsein seiner Wurzeln und Zweige fast undurchdringlich, viele Abhänge und Rücken überzieht, die weiten Fernsichten ins offene Land, die andern Farbentöne der Luft bei den herrlichen Morgen- und Abendröten; man möchte wochenlang verweilen, um alles dies durch ausführliche Studien sich vollständig einzuprägen!
Den 16. August kam ich hinab nach Warmbrunn, sah dort die eigentümlichen warmen Quellen und jede Einrichtung ihrer heilsamen Bäder, machte dann am folgenden Tage noch die Exkursion nach der romantischen, wohlerhaltenen Ruine des Kynast und dem schäumenden Kochelfall, welche beide in sorgfältigen Studien noch jetzt vor mir liegen, und übernachtete endlich in dem seltsam stundenlang in den Vorgebirgstälern sich dahinstreckenden Dorfe Schreibershau, von wo aus ich endlich über Flinsberg, dessen angenehme kohlensaure Quellen in der Hitze uns sehr erquickend waren, am 19. mittags in Zittau wieder eintraf.
Ich wohnte nun noch ein paar Tage bei meinem Reisegefährten in Waltersdorf, wohlgepflegt von seiner einfachen sorglichen Hausfrau, und benutzte diese Zeit, um noch die merkwürdigsten Basalte dortiger Umgegend kennenzulernen. Es ist dies eine sehr interessante Stelle unserer Höhenzüge; der Basalt in ungeheuern Erhebungen hat die Sandsteinlager jener Gegend vielfach zerrissen und bald in den schönsten säulenförmigen Massen, bald als ungeformtes Gestein, so an der sogenannten Lausche (einer beträchtlichen Höhe, von wo aus ich das Riesengebirge noch einmal begrüßen konnte), sich emporgedrängt. Vorzüglich überraschend war mir bei einer Wanderung in das dicht an Waltersdorf grenzende Böhmen die Ruine[252]  des Tollensteins, einer auf solcher Basaltmasse gelegenen alten Burg, wo innerhalb der noch ziemlich erhaltenen Ringmauer ein formloser Basaltkegel turmhoch heraufsteigt und für die selbst auf mäßiger Höhe gelegene, ganz aus Basalttrümmern erbaute Burg als Warte dienen mußte. Der Anblick beschäftigte mich sehr, und ich zog denn auch sogleich die Mappe hervor und begann eine ausführliche Zeichnung der ganzen originellen Lokalität.
Dies hätte mir indes allerdings bald sehr übel ausgehen können, denn nicht lange hatte ich gezeichnet, so kam aus unten im Tale gelegenen Häusern ein Mann herauf, nichts Geringeres beabsichtigend, als mich festzunehmen und als irgendeinen verfänglichen Kundschafter des Landes nach Theresienstadt abführen zu lassen. Ich hatte gut meine Zeichnungen vorlegen, die von irgend militärischen Situationsplänen weit entfernt waren, auch das Interesse der Kunst geltend zu machen; »das Zeichnen nach der Natur sei einmal in den österreichischen Staaten verboten, und das k.k. Einbruchsamt habe den Auftrag, auf alle Zuwiderhandelnde zu fahnden und nach Befinden sie einzuliefern«, hieß es, und nur die Dazwischenkunft von Gerstäcker, der mir später nachgegangen war, nun zufällig richtig mich hier traf und sich als selbst hier wohlbekannter Handelsmann auf seine Bekanntschaft mit Grenzbeamten berufen, auch für mich gutsagen konnte, beendigte diesen verdrießlichen Handel, von dem ich mich indes nicht abhalten ließ, nun doch meine Zeichnung bis auf den letzten Strich zu vollenden.
So kehrte ich denn abermals mit vielen neuen Vorstellungen bereichert, durchatmet von Gebirgsluft und gestärkt in allen Gliedern, am 24. August zu meiner gewohnten Tätigkeit in Dresden zurück.
1
  Amazon.de Widgets
 »Ich habe genug Verrückte in Paris.« (Anmerkung des Herausgebers.)




 Drittes Buch
Erster Wirkungskreis in Dresden

Osterheiligabend 1852





IX.

[253] Auch diese Reise ließ eine lebendige Phantasmagorie von Bildern in der Seele, und ich finde noch in manchen Briefen aus der nachfolgenden Zeit Eindrücke dieser Art besprochen, beweisend, wieviel dadurch in mir aufgeregt worden war. Eine Stelle glaub' ich hier noch mitteilen zu müssen, weil sie, indem einiges Frühere dadurch vervollständigt wird, zugleich ein psychologisches Faktum enthält für das eigene Verhältnis, in welchem sich verschiedene Vorstellungen in der Seele befinden und wie die einen die andern zerstören können: »Das Bild der Madonna [in der Prager Metropolitankirche] hatte mich innig angezogen, und wie ich die alte gewaltige Kirche verließ, schwebte sie mir hell und glänzend vor. Herausgetreten auf den Platz, wo man zur Stadt niedersteigt, sah ich nun in reinster Morgensonne das Tal der Moldau entlang. Siebzig Türme und Türmchen konnte ich zählen, und dabei war alles in den feinen Schleier eines weißen Dufts gehüllt, so daß ich kaum etwas Schöneres gesehen zu haben mich erinnerte. So allein, mir selbst überlassen, lebte ich ganz in diesem Doppelbilde, jenem innerlichen und diesem äußerlichen, und nur wie beim Herabsteigen das Bild der Stadt mir aus den Augen schwand, trat das der Madonna um so lebendiger wieder hervor, ja es schien sich alles, was ich Gutes und Schönes gekannt und empfunden hatte, in diesem Bilde zu einigen. So trat ich nun in das Gewirr der Straßen; Schacher und Hader schnarrte um mich herum, und ich weiß nicht welche Äußerung einiger Leute untereinander, worin, wie man es in dem Straßengespräch nun eben hört, die eigentliche Gesinnungsniedrigkeit so recht offenbar wurde, riß mich zu ärgerlichen Gedanken und innerm Unwillen plötzlich hin; da, wie mit einem Zauberschlage, war jene Erscheinung[254] mir plötzlich verschwunden, und auf keine Weise wollte es mir möglich werden, die Züge dieses Himmelsangesichts mir wieder hervorzurufen. Ich weiß nicht, wie mich das so traurig machte, daß ich fast ohne Umsehen die schöne Brücke zurücklegte, bis mir einfiel, es müsse gewiß dies herrliche Antlitz mir in der Todesstunde wiedererscheinen, wodurch ich denn, innerlich beruhigt, den alten Gleichmut wiedergewann. Es ist doch ein eigenes Ding um die innere Äolsharfe, wie sie oft so gar empfindlich in ihrer Stimmung ist!«
Übrigens mußte ich mich ja doch nun immer mehr und mehr daran gewöhnen, eine Menge der verschiedenartigsten Verhältnisse und Persönlichkeiten wieder auf mich wirken zu lassen und dabei nichtsdestoweniger immerfort den Ausbau der eigenen Individualität tatkräftig und schaffend fortzuführen. Um dies mir zu erleichtern, fing ich daher jetzt an, sorgfältiger als früher die Verschiedenheit der Menschen zu studieren, und als Resultat solcher Studien finde ich aus jener Zeit noch folgende Worte aufgezeichnet, in denen zwei Hauptklassen von Individuen gar nicht unpassend charakterisiert werden. »Einige nämlich«, heißt es da, »scheinen vollkommen fertig, ihr Tun und Treiben, es gehe ins Große oder Kleine, es sei klug oder dumm, schön oder häßlich, es bleibt sich von nun an gleich, sie wollen nichts weiter, sie sind abgeschlossen. Andere hingegen treibt eine ewige Sehnsucht immer weiter, man sagt ihnen vielleicht, daß sie schon viel erreicht haben, sie selbst aber scheinen erst anzufangen, sie können nie ruhig werden; rastlos im Innern oder Äußern bewegt zu sein, ist ihr Los. Welches von beiden besser sei, will ich nicht entscheiden, daß das erstere ein momentan glücklicheres Dasein gewähren möge, ist mir fast wahrscheinlich, obwohl ich, zu den zweiten gehörend, darüber nicht eigentlich urteilen kann.«[255]
Eine Bekanntschaft mit Schubarth, einem der scharfsinnigen Beurteiler Goethes jener Tage, gab mir zunächst zu mehr solchen psychologischen Exkursionen Gelegenheit. Er blieb einige Zeit in Dresden, ich machte mehrere Spaziergänge mit ihm, er zeigte mir einen Brief Goethes, den er über sein Buch erhalten, und unsere Gespräche über diesen Gewaltigen, mit dem ich nun auch, seit meiner »Zootomie«, von Zeit zu Zeit Briefe wechselte, gingen ins Unendliche. Einer seiner paradoxen Sätze, die mich besonders zu lebhafter Gegenrede reizten, war die ausgesprochene Meinung, Mephisto im »Faust« sei eigentlich an sich ein ebenso unschuldiger Charakter als Gretchen. Indes verteidigte er doch seine Ansicht ganz gut; von ihm selbst aber schrieb ich damals nieder: »Er hat viel Geist, aber, fast möchte ich glauben, sehr wenig Liebe.«
Auch in den Briefen, die ich mit Regis wechselte, kam manches dergleichen zur Sprache, da in ihm damals schon oft jenes Ungesunde und Trübe zutage trat, woran er einige und dreißig Jahre später mir und sich selbst unterging. Fast gleichnisweise zu ihm stand so in einem Briefe jenes Jahres: »Über Swift (welchen er immer sehr hoch stellte) möchte ich einen ähnlichen Vergleich machen wie Sie über Petrarca. Es gibt nämlich Knospen, welche zu herrlichen lebensfrischen Zweigen und Blättern auszuschlagen ursprünglich bestimmt waren, nun aber, durch ein sonderbares Spiel der Natur, durch äußere Einwirkung von Kälte und dergleichen, zu Stacheln geworden sind (jeder Dorn ist ja Umbildung einer Knospe) und welche somit, da sie jetzt nicht mehr grünen können, höchstens nützen werden, durch ihre Spitzen das Vieh abzuhalten, dadurch also immer zur Sicherung des Ganzen beitragend. Großenteils ist Swift, glaube ich, einem solchen zum Dorn verwandelten Zweige vergleichbar. – Was ich kaum überwältigt zu haben glaube, scheint auch[256] Sie zu quälen, nämlich das Messen dieser menschlichen Existenz nie mit dem eigenen, sondern immer mit fremdem Maßstabe, das unwillkürliche Nebeneinanderhalten von irdischem Treiben und höchster geistiger Reinheit usw., kurz diese ganze Faustsche Richtung, von der es heißt:

Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungemessen immer vorwärts dringt
Und dessen übereiltes Streben
Der Erde Freuden überspringt.

Gewiß ist es, daß nur die innige, feste Überzeugung, der wahre Glaube daran, daß die Natur wie die Vernunft gleich göttlich, unendlich und herrlich sind und in beiden fortwährend Offenbarung des göttlichen Wesens geschehe, ja nur in ihnen zugleich geschehen könne, gegen jene ungerechte Geringschätzung des Lebens uns bewahrt. Aber das Schlimmste ist, daß wir jene Überzeugung uns nicht geben können, daß sie sich nur als eine Gabe von oben in die Seele senkt und wir uns nur vorzubereiten vermögen, sie würdig zu empfangen. Ich weiß nicht, ob ich mich klar ausgesprochen habe, indes fühle ich lebhaft, daß in diesem Gleichachten der Natur und des Geistes der Schlüssel zu aller wahren Lebenskunst liegt, daß nur hier wahre tätige Liebe sich begründen kann und daß Goethe wohl so etwas im Sinne gehabt habe, wenn er das schöne, alles Naturgemäße, wenn auch noch so Irdische, mit reiner Liebe umfassende und ebendadurch das Irdische selbst dem Himmel verbindende, ruhige, in sich die volle selige Genüge freudiger Existenz tragende Gretchen dem irr umgetriebenen Faust gegenüberstellt.«
So trieb denn also, zwischen viel solchen ideellen Betrachtungen und einer vollen realen Wirksamkeit, der Nachen des Lebens immer weiter den breiten Strom der Zeit hinab, und hier will ich doch auch noch bemerken, daß der[257] erste Versuch, das Gleichnis meiner damaligen Gestalt bleibend und plastisch festzuhalten, noch in eben dieses Jahr 1820 fällt. Der Bildhauer Kühn, zu jener Zeit alles, was Dresden in dieser Kunst aufzuweisen hatte, ein Freund von Friedrich und durch seine römischen Studien doch etwas mehr über das Rokoko des Tags erhoben, obwohl im jetzigen Sinne immer noch keineswegs bedeutend, fühlte sich mir für manches Gute, das ich ihm an seiner Familie als Arzt hatte erzeigen können, so sehr verpflichtet, daß er einen Teil dieser Schuld durch eine Büste von mir abzutragen versuchen wollte. Wir ließen es beide nicht an Mühe fehlen, ich durch Aushalten im Atelier – in Betrachtung mancher Art versunken, während ein Menschenabbild so aus dem Erdenkloß des Tons sich gestaltete, und er im Bilden selbst; allein das jetzt noch vorhandene Werk wollte doch den Meister nicht loben, und so ist denn überhaupt von meinen gesamten frühern Lebensperioden von irgend kunstwürdigen Nachbildungen nichts Nennenswertes übriggeblieben. Meine eigenen Kunstbestrebungen dagegen erhielten sich unerschüttert in ihrem gewohnten Gange. Ich hatte Mittel gefunden, Goethe ein paar kleine Ölbilder, einen dunklen Tannengrund und das Brockenhaus im Morgenlicht, zugehen zu lassen und fand mich durch sehr freundliche Zuschriften und anerkennende Worte in seinen Heften zu Kunst und Altertum überreichlich belohnt; auch das »Morgenblatt« lieferte in seinen Kunstberichten zu unsern Ausstellungen ähnliche Auslassungen über meine fortgesetzten Versuche, und da denn außerdem damals bei mir im Hause alles munter und lebenslustig aussah, so traten meine alten melancholischen Stimmungen mehr und mehr in den Hintergrund, und die Kraft wie die Lust auch an meinen höhern wissenschaftlichen Lebensaufgaben waren im erwünschten Verhältnis vereint.[258]
Ist es doch so merkwürdig, wenn ich auf den Gang meines eigenen Lebens zurückblicke oder irgendein anderes ausführlicher verfolge, überall gewahre ich eigentümliche, mehr oder weniger sich wiederholende Schwankungen! Einzelne Zeiten sind, in denen alles nur langsam und fast widerwillig fortrückt, ja wo gleichwie in winterlicher Erstarrung das meiste zu stocken scheint; andere sind dann wieder, wo zwar das Fortschreiten unverkennbar ist, aber doch keine bedeutenden Resultate sich ergeben, und noch andere endlich kommen, wo ein wahrer Frühling einzieht, alles sich frisch regt und quillt und in wenigen Monaten oft mehr durchmessen und geschaffen wird als sonst in zwei- und dreifach längern Zeiträumen. Das Jahr 1821 war mir ein solches besonders treibendes und förderndes! Gleich der Anfang war bedeutungsvoll. Ich erhielt einen Brief aus Erlangen, gezeichnet am 3. Januar, in welchem mir ein ehrenvoller Ruf zur Professur der Physiologie und Pathologie mit 2000 Florin Gehalt zukam. Manches war da wieder zu beraten und abzuwägen, zuletzt entschied ich mich aber doch, ihn abzulehnen, da schon der Tausch der Örtlichkeiten ein gar zu unvorteilhafter gewesen wäre.
Außerdem war mir noch die Aussicht gestellt, hier eine angemessene Unterstützung zu einer Reise nach den Küsten des Mittelländischen Meeres für diesen Sommer zu erhalten, und man kann denken, daß ich nicht Lust hatte, solche Pläne mir durch einen Wechsel des Aufenthalts zu verderben, zumal da ich sehr darauf rechnete, bei dieser Gelegenheit Goethe in Weimar persönlich meinen Besuch abzustatten und dadurch diesen Verkehr, der sich so schon immer lebendiger gestaltet, noch mehr zu befestigen. Er hatte mir eben das dritte Heft »Zur Naturwissenschaft« zugesendet, und welche Ermutigung es mir gab, für diejenige Richtung, welche nun einmal die mir ganz[259] homogene blieb, bei ihm überall Bestätigung zu finden, brauche ich nicht zu sagen. Ich finde, daß von reiner, gesunder Naturforschung lange nichts Ähnliches erschienen ist; und wie recht er hat mit seinem kecken Wort gegen Haller1, davon wäre viel zu sagen. Es ist mir eine der[260] besten Bürgschaften der Richtigkeit, daß, in meiner jetzigen Arbeit über die Bedeutung des Knochengerüstes, ich auf ganz andern Wegen zu denselben Anschauungen gekommen bin, wie sie Goethe schon vor dreißig Jahren vorschwebten; ja sehe ich ihn selbst diesen Sommer, so bin ich sicher, daß, wenn ich ihm meine Architektonik des Skeletts erörtern kann, es ihm große Freude machen müsse, denn er wird da ausgesprochen finden, was er wohl geahnt, aber, bei nicht genugsamer Kenntnis im einzelnen, nicht im ganzen Umfange zu erkennen vermocht hat. Oh, es stehen den Wissenschaften ähnliche Revolutionen wie den nichtkonstitutionellen Staaten bevor! Ja, überall – auch in der bildenden Kunst – treibt gewaltig ein neues Regen, welches die alte erstorbene Borke absprengen muß! Bei alledem gibt es indes wohl viele, die in den Wunsch einstimmen, den neulich einmal meine kleine Marianne aussprach: »Ach, wenn's doch nur recht regnete, aber – daß keine Pfützen würden!«
Wie sonach im Wissenschaftlichen eine neue Begeisterung mich ergriffen hatte, so auch in Poesie und Kunst. Novalis zog mich jetzt mächtiger an. Ich schrieb über seinen »Heinrich von Ofterdingen«: »Welch schöne Klarheit hier in so vielen Stellen, zum Beispiel über das Wesen des Dichters in dem Gespräche mit Klingsohr! Das ist ein Gemüt, welches in Welt und Menschheit sich abspiegelt! Etwas, das ich zum Beispiel ganz an Rousseau vermisse, welcher sich selbst nur im Spiegel zu beäugen liebt und darum nirgends zu jenem heitern Gefühl wahren Einklangs und voller Genüge gelangt, sondern im ewigen Widerstreben gegen Phantome wie im ängstlichen Traume sich abmüht!« Und so kam ich denn auch auf all solchen Wegen zeitig zu Erkenntnissen in diesem Felde, welche man sonst wohl oft erst später gewinnt und welche zuletzt doch alle darauf hinausgehen, ein höchstes Inkommensurables im Wesen[261] der Poesie unbedingt zu verehren. Überhaupt ist denn Genie etwas anderes als die Gabe einer reinen, freien, allseitigen Beschaulichkeit? Und ist denn Kunst, wahre Kunst, etwas anderes als Schaffen des Genius?! Sehr stimme ich einem neuern Werke über Kunstwissenschaft bei, wo es heißt: »Kunst ist nur da, wo Genie ist!« – woraus sich denn wieder die Unzulänglichkeit aller Schule sogleich ergibt. Letztere ist in Kunst und Wissenschaft stets nur das schwache Surrogat des Genies – die Runkelrübe für echten Mokkakaffee!
Endlich brachte denn auch dieses Frühjahr mich zuerst mit Ludwig Tieck in persönliche Berührung, nachdem seine Werke – namentlich sein »Phantasus« – schon lange einen mächtigen Einfluß auf meine poetischen Anschauungen wie auf meine gesamte künstlerische Richtung gehabt hatten. Es war im Zimmer der Frau des obengedachten Dr. Schneider, wo ich ihm zufällig begegnete, und mit wenigen allgemeingültigen Worten leitete sich so ein Verhältnis ein, welches ich zu den bedeutungsvollsten zählen darf, die mich mit nachhaltigen selbstschöpferischen Geistern irgend verknüpft haben. Tieck war damals im achtundvierzigsten Jahre, schon der Rücken etwas gekrümmt und durch lange gichtische Leiden zusammengezogen, so daß die Gestalt im ganzen etwas verkleinert und an Brust und Leib zu stark erschien, aber sein Aussehen war munter, sein Gang noch kräftig, und vor allem frappierten in dem feinen geistvollen Gesicht das Paar der hellen braunen Augen. So ein Paar helle, scharfe, listig klare Augen sind mir noch nicht vorgekommen. Ist es wahr, daß Tieck in Italien katholisch geworden, so kann man sicher sagen, daß nicht er dabei der Betrogene gewesen. Es dauerte übrigens noch einige Jahre, bevor wir in ein näheres und wahres Freundesverhältnis traten, da erst später, nachdem er seine Wohnung am Altmarkte[262] bezogen und seinen Salon fast regelmäßig abends geöffnet hatte, unter vielen auch mich sein merkwürdiges und schönes dramatisches Lesen herbeizog, dann aber im Lesenden selbst der eigene große und bedeutende Geist mehr und mehr mir aufging und mich festhielt. Ich werde daher später noch viel von ihm hier zu erzählen haben.
Dagegen trat zu jener Zeit noch eine andere bedeutende Individualität, aber bedeutend in einem ganz andern Felde, mir entgegen; es war Chladni. Dieser Mann, bekannt und berühmt geworden durch seine Untersuchungen über Akustik wie über die Meteorsteine, hielt sich damals in Dresden auf und gab vor einem zahlreichen Publikum, unter welchem man auch die jungen Prinzen bemerkte, Vorlesungen über beides. Chladni war 1756 zu Wittenberg geboren, wo sein Vater als Professor der Jurisprudenz einen großen Ruf erlangt hatte. Auch er hatte diesen Studien anfänglich sich widmen müssen und war Doktor der Rechte geworden; sobald indes sein Vater verstorben, verließ er dies Fach und wendete sich ganz den physikalischen Studien zu, von welchen denn zunächst die Theorie des Klangs und der Musik ihn festhielt. Er hatte hier wichtige Entdeckungen gemacht, die seltsamen Klangfiguren hatte er zuerst hervorgerufen und beschrieben und beiher die merkwürdigste Sammlung von Meteorsteinen auf seinen vielen Reisen zusammengebracht. Es war eine kleine, ältliche, unansehnliche Gestalt, aber mit einem kräftigen Kopfbau und wunderlich heiserer Stimme, bei schlechtestem, immer sich unterbrechendem Vortrage; nichtsdestoweniger jedoch erregte er großes Interesse, und man gewahrte überall den mächtigen Vorzug des gesprochenen Worts gegen das geschriebene. Das von ihm neugeschaffene Fach beherrschte er ganz, und weil ihm eben alles so zu Gebote stand, daß er es mehr gesprächsweise[263] erzählte, ohne irgend den Schmuck der Rede zu bedürfen, so kam es, daß, indem man ihm zuhörte und er mit seinem alten Gesicht so heiter und gemütlich in die Welt hineinsah, der Schatz seiner Kenntnisse gleichsam wie von selbst und man möchte wohl sagen fast magnetisch dem Schüler sich mitteilte. Die Bedeutung und Größe solch eines rein wissenschaftlichen Lebens hinterließ mir abermals einen mächtigen Eindruck.
Das Fortarbeiten an meinen »Briefen über Landschaftsmalerei« brachte mich um diese Zeit auch wieder mit unserm wunderlichen Archäologen und Kunstfreund Böttiger in nähere Berührung. Allerdings war der Mann ein lebendiges Register vielfacher Kenntnisse und verdiente auch in dieser Beziehung den Namen »Ubique«, den man ihm in Weimar beigelegt hatte. Es lag mir aber eben daran, zu wissen, was im Altertum von Anfängen der Landschaftsmalerei bekannt gewesen, und alsbald hörte ich denn auch von ihm die Bestätigung dessen, was ich mir selbst schon gesagt hatte, nämlich daß durchaus nichts sich dort nachweisen lasse, was in unserm Sinne Landschaft – oder, wie ich es gern bezeichnete, Erdlebenbild – genannt zu werden verdiene. Er sagte ganz richtig: Alles wurde den Alten menschliche Gestalt; der Quell Najade, der Strom ein Flußgott, der Baum Hamadryade. Einige Prospekte von Städten und Gärten ohne Perspektive sei daher alles, was in dieser Gattung vorkomme. Nach solchen Mitteilungen zog ich mich übrigens immer gern von dem Übergefälligen zurück, indem es außerdem nahegelegen hätte, mich einem Kreise irgendwie näher zu bringen, welcher unter der Ägide des damaligen Ministers Nostitz und Jänckendorf (als Dichter »Arthur von Nordstern« genannt) und im Verein mit Tiedge und Winkler (Theodor Hell) eine Richtung der Poesie und Literatur vertrat, gegen welche in den folgenden Jahren Tieck so viel zu[264] kämpfen hatte und die mir selbst so heterogen war, daß auch hierdurch ein Band mehr gewoben wurde, um mich eben dem letztern immer fester zu verbinden.
Ich dachte jetzt wirklich daran, diese Landschaftsbriefe der Öffentlichkeit zu übergeben, vorher sollten sie jedoch Goethe vorgelegt werden, und es ging mir mit diesen Arbeiten in Wahrheit fast wieder auf ähnliche Weise wie bei der ersten Ausstellung meiner Bilder, bei welchen noch endlich der Zufall mit den Rahmen entschied. Damals nämlich war es mir auch zunächst eine schmerzliche Empfindung, wenn ich gedachte, daß jene eigentümlichen Blütenknospen eines vorwärts strebenden Geistes plötzlich so allem Volk zur Schau ausgesetzt werden sollten, und nachher fand ich auch, es war dies in mancher Hinsicht gut gewesen; denn mich hatte der Ärger über die mir nun deutlicher fühlbar werdenden Mängel gefördert und gespornt, und hier und da klang übrigens auch wohl innig wieder, was ich einsam dabei empfunden hatte. Man tut deshalb bei solchen Dingen immer am besten, zu denken:

Dein Pfeil flog ab so schön befiedert,
Hat man dir's irgendwo erwidert? –
Der ganze Himmel stand ihm offen,
Er hat wohl irgendwo getroffen.

Also, so schrieb ich damals: »Man rede nur tüchtig und aus dem innern Gemüt zur Menschheit, und trotz der Verkehrtheit des Haufens wird uns doch über lang oder kurz der Mensch antworten! Ich weiß wohl, es ist hier wie beim Baden, man möchte wohl ins Wasser und fühlt, daß es wohlig auf dem Grunde sein müsse, aber doch schaudert uns, wenn das frische Wasser uns benetzt, und die Brust wird gewaltig eingeschnürt, atmet aber nachher desto kräftiger! Merck sagte zu Goethe: ›Frisch auf die Zäune, so trocknen die Windeln!‹ Wie daher ein jedes Wesen, nur[265] insofern es im Ganzen lebt, überhaupt existiert; so erlangt auch der Mensch das recht kerngesunde, geistige Leben nur, indem er sich selbst im Ganzen der Menschheit leidend und tätig gewahr wird. Dies ja so schön bei den Griechen!« Bei alledem wurden diese Briefe nicht vor dem nächsten Jahre an Goethe gesendet und kamen dann doch erst 1830 nebst Goethes Empfangsschreiben und noch manchen Beilagen zum Druck.
Unter so viel verschiedenen glücklichen Berührungen und Beschäftigungen fehlte es indes auch nicht an Stunden, wo ausgesponnene Betrachtungen über Leben und Lebensaufgaben an die Reihe kamen, bei welchen jenes schon im frühern erwähnte Gefühl einer gewissen Inkohärenz der so gar verschiedenartigen Richtungen, die mich immerfort in Anspruch nahmen, doch auch wieder zu manchem innern Kampf und Unfrieden Veranlassung gab. Das alte schwere Wort aus dem »Tasso«:

Wer ist denn glücklich?

machte sich dann geltend, und die Empfindung eines gewissen, nach Entwicklung und Befreiung strebenden Larvenzustandes lastete wieder zeitweise schwer genug auf mir. Ich finde noch eine Briefstelle vom Februar 1821, welche Vergleichungen und Betrachtungen enthält über jene sonderbaren Geschöpfchen, die man vielfach im Frühling auf dem Boden flacher, stehender Gewässer ihr Dasein dahinschleppen sieht. Es sind die Larven der Frühlingsfliege, welche nach dem ihnen zugemessenen Geschick sich eine künstliche, aus Holz- und Blattstückchen, Steinchen und ähnlichem Material zusammengesetzte Puppenhülle bauen und dies merkwürdige Gehäuse überall mit sich herumtragen, bis endlich wärmere Sonnenstrahlen den Sumpf austrocknen, dann die Hülle fällt und die Flügel sich entfalten. Ich fahre dann in Beziehung auf[266] den obenerwähnten Ruf nach Erlangen fort: »Übrigens wüßte ich doch eigentlich nicht, wie ich es woanders besser erwarten sollte! Manchmal spielte ich mit mir selbst den Philipp und Posa, und wenn ich mich dann frage: welchen Posten wollt ihr einnehmen, sucht ihn euch aus in allen meinen Reichen; so muß ich immer antworten: Sire, ich finde keinen, der mir sich eignet, oder muß es einer sein, so ist es am Ende gleichgültig, welcher. Es drängt mich im Grunde alles nur zu einer rein menschlichen Existenz. Wie ich von Gott aufrecht auf diese Erde gesetzt bin, um mich frei am ganzen Horizonte umzuschauen, so will ich auch frei nach allen meinen Anlagen tätig sein, im Wissenschaftlichen mich regen, im Kunstfache streben, im Leben mich Lebenden nach Kräften hilfreich und förderlich zeigen. So aber will freilich der Staat in der Regel niemand; einseitig sollen seine Glieder sein, daß jeder gehörig an seiner eigenen Leine dressiert werden könne und keiner das Ganze zu überschauen wage. Überlege ich es nun, wie ich will, so finde ich hier in meiner Stellung mich immer noch am wenigsten beschränkt, weil das, was ich dem Staate leiste und was als gut erkannt wird, geistige Kräfte nicht so in Anspruch nimmt, daß man mir nicht jede andere Tätigkeitsäußerung noch, gleichsam als Zugabe, danken sollte. Kostet mir diese Stelle, welche mir die Freude gewährt, meine Eltern und meine Kinder mit allem Nötigen zu versorgen, auch, mit Ausschluß der Festtage und der zwölf Ferienwochen, jeden Tag drei bis vier Stunden Zeit, so bleibt mir doch immer noch eine reiche Muße, welche ich zu allem, was mir gemäß und gelegen ist, frei verwenden kann. Bedenke ich ferner, wie sehr mich der hiesige Ort in der Kunst gefördert hat und noch fördert, wie manche wissenschaftliche Arbeit mir hier durchzuführen gelungen ist, und sehe ich mich jetzt in einer neuen begriffen, welche hoffentlich die beste und[267] die eindringendste von allen werden soll, so bleibt doch in allem Unvollkommenen und Larvenhaften noch des Dankenswerten genug übrig!«
Bemerken muß ich noch, daß mir allerdings bei meinen Arbeiten schon damals überall ein wahrhaft hohes Ziel vorschwebte, und wenn ich hier und da einiges geschaffen habe, was über das Gewöhnliche sich erhebt, so lag es jedenfalls nur daran, daß eben ein ganz Ungewöhnliches, ja Außerordentliches ich mir durchaus als Zielpunkt festgesteckt hatte. Aus demselben Briefe, der die obige Stelle enthält, glaube ich daher noch eine andere mitteilen zu dürfen, weil sie zeigt, daß selbst bei der Art der Bearbeitung und des Vortrags wissenschaftlicher sowohl als poetischer Aufgaben ich nirgends einen leichten oder oberflächlichen Maßstab anzulegen gewohnt war: »Es ist ja wohl«, heißt es da, »das schöne, aber schwere Ziel aller Darstellung, sowohl poetischer als geschichtlicher (welche, wie Novalis sagt, doch am Ende einerlei sind), daß die schwankenden Gestalten der Welt von einer völlig ruhigen (wie die Griechen von der Zikade sagen, ohne Fleisch und Blut geborenen) Menschenseele aufgefaßt und ausgesprochen werden, dergestalt, daß man im Kunstwerk nicht sowohl das Individuum, sondern vielmehr die Natur, ja Gott erkenne. Auch hier wird die Aufopferung der Individualität gefordert, wenn das Höchste geleistet werden soll, und gerade hier ist das Selbst am meisten und leichtesten der dunkle Körper, welcher das Durchscheinen reinen göttlichen Lichts hindert. Beispiele können dafür sein die Werke von Byron, welche nicht sowohl Gott und Welt, sondern wesentlich die Verstimmung des Dichters aussprechen und wiedergeben.«
So nahm ich also wirklich alles sehr ernst, und wenn das Strenge der Arbeit vielleicht in einer Hinsicht manchmal mich wirklich aufzureiben drohte, so war eben die Begeisterung[268] dafür wieder das Heilmittel, ja das stete Wiederherstellende der Seele, und so floß also unter Erfüllung der einzelnen täglichen Lebensaufgaben der Strom aller meiner Studien immer im ganzen sicher und unaufhaltsam weiter.
Übrigens war nun die Entscheidung gekommen, daß die Regierung mir eine Unterstützung von 300 Talern zu einer wissenschaftlichen Reise an die Küste des Mittelmeers bewillige, und da noch außerdem gerade im Vorsommer ein Glücksfall in der ärztlichen Praxis mir 100 Dukaten eintrug, so sah ich mich sattsam ausgerüstet, nicht nur überhaupt die Reise zu unternehmen, sondern auch noch meinen alten ehemaligen Lehrer und Freund, den Zeichner Dietz aus Leipzig, mitzunehmen, von welchem ich gute Beihilfe für Nachbildung naturhistorischer Gegenstände erwarten durfte. Der Plan war natürlich zugleich mit auf die Schweiz gerichtet, welche künstlerisch, wie Italien, als Gelobtes Land, lange schon mir vorschwebte. Vorbereitende Notizen aller Art wurden daher nach Möglichkeit gesammelt, die Meinigen sollten mich bis Leipzig begleiten, und gegen die Mitte des Juli war denn alles soweit, den Auszug zu unternehmen.
Ich habe von dieser Reise damals ein ausführliches Tagebuch geschrieben, welches noch jetzt in sauberer Reinschrift vor mir liegt, allein nie hat es mir im ganzen bedeutend genug geschienen, um es der Öffentlichkeit ebenso zu übergeben, wie ich es später mit einigen andern Reisetagebüchern gemacht habe. Dessenungeachtet sind von dieser ersten größern Wanderung mir sehr wichtige Förderungen gekommen, sie hat in vieler Beziehung einen bleibenden Einfluß auf mein späteres Leben geäußert, gab außerdem Gelegenheit zu Aufzeichnung mancher auch an und für sich interessanten Bemerkungen über damalige Begegnisse und Zustände, und da ich sie ebendeshalb gegenwärtig[269] nicht ganz übergehen darf, so muß ich mich, wenigstens zu einem auszugsweisen Wiedergeben entschließen, welches denn hier unmittelbar seinen Platz finden mag. (Vielleicht wird übrigens eine solche Mitteilung auch in späterer Zeit manchen Leser schon deshalb anziehen, weil sie den Begriff gibt, von einer Art zu reisen, von welcher unter den Kindern des Tages bald alle Kunde völlig verloren sein wird und welche doch, so langsam und unbequem sie oft war, Menschen und Länder meist besser kennen lehrte als unser jetziges Dampffahren.)2
Ich habe die Abteilung nach Tagen des ursprünglichen Manuskripts beibehalten, ohne mich dadurch behindern zu lassen, in der spätern Redaktion einzelne Hinweisungen auf neuere Verhältnisse beizufügen.
1
»Ins Innere der Natur – o du Philister« usw. Goethes »Freundlicher Zuruf« (1820) lautet vollständig: »Eine mir in diesen Tagen wiederholt sich zudringende Freude kann ich am Schlusse nicht verbergen. Ich fühle mich mit nahen und fernen, ernsten, tätigen Forschern glücklich im Einklang. Sie gestehen und behaupten, man solle ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbst keine Grenzlinie ziehen. – Muß ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es eigentlich mit mir beschaffen sei; studiere ich mich nicht immer fort, ohne mich jemals zu begreifen, mich und andere, und doch kommt man fröhlich immer weiter und weiter. – So auch mit der Welt! Liege sie anfang- und endelos vor uns, unbegrenzt sei die Ferne, undurchdringlich die Nähe – es sei so! Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in seine und ihre Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt noch abgeschlossen. – Möge nachstehendes heitere Reimstück in diesem Sinne aufgenommen und gedeutet werden!
›Ins Innre der Natur –‹ / O, du Philister! –
›Dringt kein erschaffner Geist.‹
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern;
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
›Glückselig, wem sie nur / Die äußre Schale weist!‹
Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen
Und fluche drauf, aber verstohlen,
Sage mir tausend-, tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.« (Anm. d.H.)
2
Späterer Zusatz



Zweiter Teil

[270] Nach alle diesem darf man wohl sagen, es sei vorzüglich jenem in neuerer Zeit immer allgemeiner hervortretenden Drange nach scharfer, ja stets weiterstrebender Erkenntnis zuzuschreiben, daß, je mehr man überhaupt zu klarerm Selbstbewußtsein heranwuchs, immer auch um so mehr die genauere Selbstschau – und infolgedessen die ausführlichere Beschäftigung mit Biographien und namentlich mit Aufzeichnungen des eigenen Lebens – vorherrschend wurde. Aus dem Altertume leuchten ebendeshalb fast nur die Vergleichungen fremder Lebensläufe von Plutarch als ein schönes und merkwürdiges Muster herüber; und wenn auch aus dem Mittelalter verhältnismäßig nur wenig Autobiographien (von denen es genug sei, hier an Benvenuto Cellini und Götz von Berlichingen zu erinnern) heraustreten, so wird dagegen in der so viel mehr selbstbewußten Neuzeit – und namentlich seit Jean Jacques Rousseaus »Confessions« – ein merkwürdiges Regen und Streben dieser Art überall sichtbar, allwo denn wieder Goethes Name, wie immer bei höhern Forderungen der Zeit, vor allen würdig uns entgegentritt, indem er es namentlich ist, der es zuerst verstand, sein eigenes schönes Selbst gewissermaßen durchsichtig zu machen, um so den Entwicklungsgang eines der merkwürdigsten Geister auch der Nachwelt in lebendigster Anschauung zu erhalten.
Carus









Gern habe ich immer den Gedanken festgehalten, daß der Mensch eigentlich jedes Herrliche, welches irgend Natur ihm bieten kann, schon wahrhaft, das ist geistig, in sich tragen müsse, um der sinnlichen Aufnahme desselben überhaupt fähig zu sein. Die Anschauung selbst scheint ihm dann als äußerer glücklicher Anstoß, durch welchen ein Unbewußtes plötzlich zum Bewußtsein gelangt, sie erscheint als die günstige Konstellation, unter welcher ein ruhender Keim schnell zum vollen Leben aufschwillt, und wir fühlen dann damit erst eine innere Lücke ergänzt, einem dunkeln, unausgesprochenen Wunsche Erfüllung gewährt.
So lag ja eigentlich auch jede große Idee, welche ein begabter Mensch aussprach, schon lange zuvor in seinem Innern schlafend, und nur irgendeine oft an sich sehr unbedeutende äußere Anregung erweckte und hob sie ans Licht, brachte in Wort, Bild oder Tat sie zur Erscheinung.
Ich selbst hatte vor zwei Jahren, als ich das erstemal das Meer erblickte, bereits eine ähnliche Erfahrung gemacht. Ich erfaßte dieses ungeheuere Phänomen nicht als etwas Fremdes, sondern als etwas längst mir Zugehöriges, längst Vermißtes, nur jetzt zum Bewußtsein Kommendes, und konnte nun auch wohl wahrnehmen, daß hier eine neue Seite meines Innern sich erschlossen hatte. So also gehe ich nun den Alpen mit großer innerer Spannung, so gehe[275]  ich der südlichen Natur Oberitaliens und des Mittelländischen Meeres entgegen, und zwar nicht bloß im allgemeinen die weitere Entfaltung eines bis dahin nicht gebrauchten Flügelpaares der Psyche mit ruhiger Ergebung erwartend, sondern auch der schärferen Bestimmung wissenschaftlicher Bestrebungen und der Erweiterung des Gesichtskreises in der Lehre von Bildung und Leben der Erde und ihrer Geschöpfe mit Zuversicht entgegensehend.
Den ersten Lichtpunkt dieser Reise muß ich den Sonntagsmittag in Meißen nennen, wo wir den edeln deutschen Bau des Doms betraten. Heiteres Sonnenlicht fiel durch die schön gewölbten Fenster, und mit voller Klarheit folgte das Auge den leicht aufstrebenden Pfeilern bis zu den wohlgezeichneten, die Kreuzgewölbe schließenden und zierenden Rosetten. Wir standen eben unter der Orgel, den Blick nach dem Chore gewendet, wo die schlanken Gewölbe und drei in alter Farbenpracht leuchtende Fenster den Raum des Gebäudes auf würdige Weise begrenzen, als feierlich der Schlußchoral zu uns herniedertönte und uns gegenüber der Priester vor den Altar trat, mit den üblichen Segnungen den Gottesdienst beschließend.
Gestern gegen Mittag trafen wir dann in Leipzig ein. Wie solch eine Stadt ihren innern Bedürfnissen nach sich allmählich aus sich selbst regeneriert, namentlich wie hier eine Handelsstadt ihre alten Mauern und Festungstore immer mehr von sich wirft und im elegantern, bequemern Kleide, mit flach hingestreckten, schiefergedeckten Zoll- und Waagehäusern nach römischem Zuschnitt, gleich dem gewandten Commis im englischen Frack, zu erscheinen versucht, darf auch als bedeutungsvoll nicht übergangen werden. Die ganze Umwandlung neuerer Menschheit zeigt sich eigentlich in solchen Bildern an. Ich war abends noch einmal in meinem alten geliebten Eichenwalde. Nach[276]  Regen hatte ein langer Nebelstreif die Wiesen inmitten des Waldes überzogen. Hinter einigen kahlen Baumstämmen des Vordergrundes lag der verschleierte Plan vor mir. Es war die Scheide von Tag und Nacht, rötliche Gegendämmerung belebte den Osten, und wogend gleich Meereswellen zog der Nebel, bei übrigens ruhiger Atmosphäre, vorüber. Ein innerer Zug schien diese zu Boden gesunkenen Wolken zu treiben. Auf einem Fußsteige kamen drei Knaben über die Wiese; sie schienen in diesen Wellen und auf ihnen zu wandeln! – Ein vollkommen in sich beschlossenes Bild!

Weimar, 20. Juli abends

Gestern früh bei reinem Morgen fuhren wir aus Leipzig. Noch etwas unbeholfen in Reiseeinrichtungen, hatte ich einen Lohnwagen bis Nürnberg gedungen, und natürlich ging so die Reise langsam, aber auch mit mehr Beachtung des durchstrichenen Landes. Wir begrüßten nachmittags das Saaltal in der Naumburger Gegend und dann das ebenfalls bereits in Erneuerung begriffene Naumburg selbst. Nur der alte Dom ragte mit seinen drei wunderlichen Kuppeltürmen noch treuherzig über die Menge der Dächer herauf, und hier und da standen auch wohl noch einige alte Mauertürme, in frühern Zeiten der Schirm der Stadt gegen manche harte Berennung. Es fiel mir dabei wieder auf, daß die gotische oder vielmehr deutsche Baukunst gerade in diesen Landesstrichen nirgends zu besonderer Vollkommenheit gediehen ist und im ganzen die Grundidee des Aufstrebens, trotz manchen anmutig gebildeten Einzelheiten, hier nie genügend und rein sich ausgesprochen hat. Am meisten noch ist ein eigentümlicher Stil in Burggebäuden getroffen, und ich erinnere mich aus früherm Durchstreifen des Saaltales, daß die bei Kösen gelegene Rudolfs- oder Rudelsburg als wahres Muster[277]  eines festen und tüchtigen Baues solcher Art angenommen werden darf.
Von Naumburg führte damals der Weg in lauter Kalkhügeln durch abscheuliche Hohl- und Bergwege nach Kamburg, wo wir schlecht genug übernachteten; dafür indes 8 Uhr früh in Jena eintrafen, nachdem wir uns noch vor Dornburg an manchen malerischen Stellen des Saalufers erfreut hatten. – Die sonderbaren, waagerecht geschichteten Kalkfelsen, welche infolge starker Verwitterung so leicht vom strömenden Regenwasser herabgeschwemmt werden, bilden mit ihren abgerundeten Kuppen oder schroff abfallenden Wänden die anmutigsten Linien, und die Saale selbst windet sich zwischen breiten Wiesengründen, umgeben von Eichen-, Eschen- und Erlengebüschen, tief unten im Tale frisch und glänzend hindurch.
In Jena suchte ich zunächst Frommann auf, dem ich über Goethe frühere Notizen verdankte. Ich erfuhr bald Okens Abreise nach Paris sowie Goethes Verweilen in Weimar, und es blieb demnach diesmal wenig für mich an diesem Ort zu erlangen; nur einige mir noch nicht persönlich bekannte Männer wünschte ich vorher zu sehen. Ist man nämlich bei gewöhnlichen Bekanntschaften zunächst an das Äußerliche gewiesen und lernt erst durch längeres Zusammensein das Innere kennen, so befindet man sich bei Gelehrten und Künstlern meistens im entgegengesetzten Falle und sucht dann die äußerliche Erscheinung nur als Komplement des schon mehr gekannten innern geistigen Lebens auf, überzeugt sich auch dabei oft, daß diese Kenntnis ganz unentbehrlich war, um so erst den eigentlichen Menschen herausfinden und verstehen zu lernen.
So sah ich denn zuerst Kieser, eine etwas ungelenke große Gestalt in ziemlich pedantischer Haltung eines modernen Professors. Es lag für mich etwas Starres, Festgewordenes in seinem Wesen, welches mir damals einigermaßen mit[278]  dem System seiner Krankheitslehre zu stimmen schien; denn die meisten Systeme gleichen ja dem Kristall, dem man zwar wohl ein organisches Leben zusprechen muß, solange er sich bildet, der aber, indem er fertig ist, auch erstarrt, erstorben vor uns liegt. Ich hätte Kieser kennen mögen, wie er eifrig noch den Pflanzenbau studierte; denn ein schönes Vermögen zu geistreicher Naturanschauung ist ihm sicher verliehen, und er hat es durch manche tüchtige Arbeit beurkundet. Unsere anfangs trockene Unterhaltung wurde nach und nach mitteilender, und wir schieden in Frieden. Wie weit war ich damals davon entfernt, zu ahnen, daß ich über vierzig Jahre später diesem Mann in der Präsidentschaft der alten Leopoldo-Carolinischen Akademie, welcher ich in jener Zeit noch nicht einmal als Mitglied angehörte, sukzedieren sollte.
Ich ging dann zu Renner, Professor der Tierheilkunde und als Direktor der Veterinärschule von ausgezeichneten Verdiensten. – War in Kieser die theoretische Seite überwiegend, so wurde hier eine in aller Hinsicht tätige praktische Natur auch durch die Lebendigkeit des kleinern Körpers angekündigt. Mit großer Gefälligkeit zeigte er mir die Sammlungen für physiologische und pathologische Zootomie sowohl der Veterinärschule als des großherzoglichen Naturalienkabinetts, beide an Merkwürdigkeiten ziemlich reich, das letztere noch neuerlich durch ein fossiles kolossales Auerochsenskelett und menschliche Skelette aus unzubestimmender Vorzeit vermehrt, die, in der Gegend von Weimar gefunden, wahrscheinlich aus dem Begräbnisplatz eines früher diese Gegend bewohnenden Stammes herrührten. Diese großherzoglichen Sammlungen befinden sich übrigens nebst andern auf dem Schlosse und enthalten unter andern durch Goethes Vermittlung auch die schönen Abgüsse antiker Pferdeköpfe, den des Leukippus und einen venetianischen. Goethe selbst hat in[279]  seinen Heften zur Naturwissenschaft (Band I, Heft 2) das Nähere mitgeteilt.
Den Mittag brachte ich in Frommanns Haus zu, einer vielseitig nach Goethescher Weise gebildeten Familie. Überhaupt konnte es mir nicht entgehen, daß in der Nähe eines solchen Meteors wie Goethe alles entweder für oder wider ihn entschieden Partei zu nehmen angeregt werden müsse und keine Neutralität mehr gelten könne.
Jena an sich frischte in vieler Hinsicht die Erinnerung an meinen frühern Knabenaufenthalt daselbst [auf]. Die nicht unbeträchtlichen kalkigen Bergrücken wurden mir jetzt freilich ihrer schönen Zeichnung nach bemerklicher als sonst; auch betrachtete ich aufmerksamer die gotische Architektur der alten Stadtkirche, welche viele einzelne Schönheiten zeigt, obwohl im ganzen auch hier der wahre und reine Sinn dieser Bauart nie wahrhaft herrschend war. Ein Tor der Rückseite hätte ich wegen schöner Einfügung eines Kreuzes in das mit kleeblattförmigen Bogen geschlossene Türgewölbe gern gezeichnet. Um 8 Uhr abends erreichten wir Weimar. Goethe werde ich den nächsten Tag um 11 Uhr sehen.
Der eben verklingende Lärm eines Jahrmarkts gewährte noch mancherlei Unterhaltung, und beiläufig lernten wir von der Dienerschaft im »Elefanten« auch etwas von der Art kennen, wie das Volk von Weimar sich die Verhältnisse außerordentlicher Männer in seine trivialen Kreise herunterzieht.

Rudolstadt, 21. Juli abends


  Amazon.de Widgets
Heute in den Frühstunden ergingen wir uns in den Parkanlagen zu Weimar, erfreut durch den schönen Sinn für Einfachheit und Naturfreiheit, der hier überall herrscht. Welche Gänge hochstämmiger Weiden und Eschen! Wie verständig sind die Bäume unten glatt und luftig gehalten,[280]  damit oben frei und leicht die ineinander verschlungenen weitverbreiteten Kronen sich im Winde wiegen können; wie trefflich auch sind die natürlichen Felsen an der Ilm und einiges in ihrer Nähe vorgefundene alte Gemäuer benutzt; auf eine Weise, daß oft aus der einfachsten Anlage ein voller geschichtlicher Sinn hervorgeht.
Nach 9 Uhr zog mich der Wunsch, die anatomischen Sammlungen des Obermedizinalrats von Froriep zu sehen, nach der Stadt. Sie wurden mir durch die Gefälligkeit des Besitzers, den ich in merkantilische Geschäfte seines Schwiegervaters (Legationsrats Bertuch) vergraben antraf, sogleich geöffnet. Sie sind bedeutend genug, enthalten eine schöne Reihe osteologischer Präparate und außerdem eine instruktiv gewählte und aufgestellte Folge sorgfältig gearbeiteter Tieranatomien.
Unter all diesen Betrachtungen war indes 11 Uhr herangerückt, ja vorübergegangen, und ich eilte nun, Goethes Wohnung aufzufinden. Gleich beim Eintritt in das mäßig große, im einfach antiken Stil gebaute Haus deuteten die breiten, sehr allmählich sich hebenden Treppen sowie die Verzierung der Treppenruhe mit dem Hunde der Diana und dem jungen Faun von Belvedere die Neigungen des Besitzers an. Weiter oben fiel die Gruppe der Dioskuren angenehm in die Augen, und am Fußboden empfing den in den Vorsaal Eintretenden, blau ausgelegt, ein einladendes »Salve«. Der Vorsaal selbst war mit Kupferstichen und Büsten auf das reichste verziert und öffnete sich gegen die Rückseite des Hauses durch eine zweite Büstenhalle auf den lustig umrankten Altan und auf die zum Garten hinabführende Treppe. In ein anderes Zimmer geführt, sah ich mich aufs neue von Kunstwerken und Altertümern umgeben; schön geschliffene Schalen von Chalcedon standen auf Marmortischen umher, über dem Sofa verdeckten halb und halb grüne Vorhänge eine große Nachbildung[281]  des unter dem Namen der Aldobrandinischen Hochzeit bekannten alten Wandgemäldes, und außerdem forderte die Wahl der unter Glas und Rahmen bewahrten Kunstwerke, meistens Gegenstände alter Geschichte nachbildend, zu aufmerksamer Betrachtung auf.
Endlich kündigte ein rüstiger Schritt durch die anstoßenden Zimmer den werten Mann selbst an. Einfach, im blauen Zeugoberrock gekleidet, gestiefelt, in kurzem, etwas gepudertem Haar, mit den bekannten von Rauch herrlich aufgefaßten Gesichtszügen, in gerader kräftiger Haltung schritt er auf mich zu und führte mich zum Sofa. Die zweiundsiebzig Jahre haben auf Goethe wenig Eindruck gemacht, der Arcus senilis in der Hornhaut beider Augen beginnt zwar sich zu bilden, aber ohne dem Feuer des Auges zu schaden. Überhaupt ist das Auge an ihm vorzüglich sprechend, und mir erschien darin zumeist die ganze Weichheit des Dichtergemüts, welche sein übriger ablehnender Anstand nur mit Mühe zurückzuhalten und gegen das Eindringen und Belästigen der Welt zu schützen scheint; doch auch das ganze Feuer des hochbegabten Sehers leuchtete in einzelnen Momenten des weitern mehr erwärmten Gesprächs mit fast dämonischer Gewalt aus den schnell aufgeschlagenen Augen.
So saß ich denn nun ihm gegenüber! Die Erscheinung eines Menschen, welchem ich selbst einen so großen Einfluß auf meine Entwicklung zugestehen mußte, war mir plötzlich nahe gerückt, und ich war um so mehr bemüht, diese merkwürdige Gegenwart genau zu beachten und zu erfassen. Die gewöhnlichen einleitenden Gespräche waren bald beseitigt, ich erzählte von meinen neuen Arbeiten über die Ur-Teile des Knochengerüstes und konnte ihm die Bestätigung seiner frühern Vermutung über das Dasein von sechs Kopfwirbeln mitteilen. Zur schnellern Darlegung des Ganzen ersuchte ich um Bleistift und Papier;[282]  wir gingen in ein zweites Zimmer, und wie ich nun den Typus des Fischkopfes in seiner Gesetzmäßigkeit schematisch entwickelte, unterbrach er mich oft durch beifällige Ausrufungen und freudiges Kopfnicken. »Jaja, die Sache ist in guten Händen«, sagte er; »da haben uns der Spix und Bojanus so etwas hergedunkelt! Nun, nun! Ja, ja!« Mit diesen, auf eigentümlich gutmütige Weise betonten Worten pflegte er überhaupt alle Pausen des Gesprächs zu beleben.
Der Diener brachte eine kleine Kollation. Es war mir ein rührendes Verhältnis, Goethe zu sehen, wie er mir den Wein eingoß und ein Brot mit mir teilte, selbst von der einen Hälfte genießend und mir die andere reichend! – Dabei sprach er von meinen beiden Bildern, die ich ihm vor einem Jahre durch Frommann gesendet hatte, erzählte, wie ihm das eine (das Haus auf der Brockenspitze) längere Zeit seiner Bedeutung nach rätselhaft geblieben, wie nur später erst eine dritte Person (der Großherzog, wie Frommann mir sagte) ihm den Aufschluß darüber gegeben und wie diese Dinge überhaupt wohl in Ehren gehalten würden. Dann ließ er sein Portefeuille über vergleichende Anatomie bringen und zeigte seine frühern Arbeiten. Späterhin kamen wir auf das Bedeutungsvolle in der Form der Felsen und Gebirge für Bestimmung der Art des Gesteins, ja für die gesamte Bildung der Erdoberfläche; und auch in diesen Ideen war er völlig einheimisch, ja er hatte dafür gesammelt, wie eine zweite wohlgefüllte Mappe mit Felsenzeichnungen vom Harz und andern Orten deutlich bewies.
Merkwürdig waren mir, als ich jetzt kurze Zeit im Zimmer allein blieb, die Anordnungen und Ausschmückungen desselben. Außer einem hohen Gestelle mit gewaltigen Mappen für Kupferstiche in ihrer geschichtlichen Folge interessierte mich ein mit Schubkästen, behufs der Aufbewahrung[283]  einer Münzsammlung, versehener Schrank. Der Aufsatz desselben trug nämlich unter Glas eine ansehnliche Menge antiker Götterbildchen, Laren, Faunen usw., unter welchen ein ganz kleiner goldener Napoleon, in das glockenförmig verschlossene Ende einer Barometerröhre, gestellt, sich sonderbar genug ausnahm. Auch sonst aber wollte noch manches beachtet sein; so beschäftigte mich ein altertümliches wunderliches Schloß, welches mit seinem Schlüssel am Fenstergewände hing, so forderten auch hier manche Kupferstiche zur Betrachtung auf, ja selbst die Einrichtung der Zimmertür war bemerkenswert, da sie nicht in Angeln sich bewegte, sondern aus dem Türgewände hervor- und zurückgeschoben werden mußte. Zuletzt noch sprachen wir über entoptische Farben, und es brachte ihn dies darauf, Karlsbader Glasbecher mit gelber durchsichtiger Malerei herbeibringen zu lassen, an denen er mich die fast wunderbar scheinenden Verwandlungen von Gelb in Blau und Rot in Grün, je nachdem die Beleuchtung auf eine oder die andere Weise geleitet wurde, wahrnehmen ließ.1 – Äußerungen über die ungünstige Aufnahme so mancher seiner wissenschaftlichen Arbeiten konnte er hierbei doch nicht ganz unterdrücken. – Gegen 1 Uhr entfernte ich mich endlich, in aller Hinsicht erfreut und erwärmt.

[284]  Spätere Nachschrift



Seit jenem Morgen des 21. Juli sind nun mehr als vier Dezennien vorübergegangen, und immer noch steht mir die einfach schöne Gestalt des werten Mannes, ganz in der Art, wie ich sie sah und wie der treffliche Rauch als Statuette sie bald nachher ausgeführt hatte, vor der Seele! Sie steht, von Rauch selbst mir verehrt, täglich vor meinem Blick. Ich hätte ihn damals länger sehen sollen! Er wollte mich zu Tisch behalten, ein paar Tage in seiner Nähe – welche vermehrte und liebe Erinnerungen würde ich mir bereitet haben! Aber so ist die Jugend! Mit Hast treibt sie meist fernen Zielen zu, und vieles Große, zu spät Erkannte, geht ihr darüber verloren. – So ich damals! Ich habe Goethe nie wiedergesehen, obwohl ich noch lange mit ihm korrespondierte! – Die Sehnsucht nach Ungesehenem, mein Eifer, die Geschöpfe des Meeres, über deren Bau ich so viel studiert hatte, nun im frischen Zustande kennenzulernen, sie zu zergliedern und lebendig zu beobachten, das war damals mir das Wichtigste! Und wäre es mir nicht so gewesen, ich hätte freilich manche Arbeit nicht gemacht, die ich später rühmlich durchführen konnte! Ich betrachte es als einen dankbar zu erkennenden Ersatz, daß ich in späten Jahren seinen Hinterbliebenen, seiner Schwiegertochter Ottilie, deren Schwester und Söhnen näherkam; ja daß mir von diesen seine schöne Büste von Tripel in den Saal gestiftet wurde mit den Worten: »Wenn der Papa dies sehen könnte, würde er sagen: Hier weilte ich schon lange!«

Bamberg, 24. Juli

Gestern abend spät trafen wir hier ein. Die Fahrt von Weimar über Rudolstadt, Steinach bis Koburg führte mich zum erstenmal über das Thüringerwaldgebirge, der Wasserscheide zwischen den Flußgebieten der Elbe und des[285]  Main und Rhein, wo mich geognostische Verhältnisse, Gegend und Landesart mannigfaltig interessierten. Das Maintal selbst gab mir dann wieder andere Bilder; man konnte den heitern, schon etwas südlichern Charakter der Gegend nicht verkennen. Bis vor kurzem hatte die Bauart noch etwas von Gebirgsmäßigem; man traf, wie schon in Steinach, die Häuser auch äußerlich mit Schiefer bekleidet und, um das tote Grau doch etwas zu beleben, dann mit weißen Verzierungen bemalt. Jetzt wurde dies seltener; man kam durch eine Menge nahe aneinander liegender Ortschaften von ursprünglich massiver, fast opulenter Bauart, indes herrschte Verfall infolge langer Kriegsjahre überall. Ein großer Teil wohlhäbiger früherer Anlagen kommt sicher auf Rechnung des geistlichen Regiments, welches sonst hier waltete und seine Spur in der Unzahl von Betsäulen, Kalvarienberge usw. hinterlassen hat. Der Stolz der Bischöfe, welcher eine Menge prächtiger Klöster und Kirchen schuf, rief einen grandiosern, obwohl im ganzen geschmacklosen Stil in der Architektur hervor, und die mildere Regierung des Krummstabes, welche zum Sprichwort geworden war, ließ auch dem Volk damals noch zu größern Bauten hinreichende Kosten erschwingen.
Heute früh sind wir nun hier umhergewandelt, die Baulichkeiten dieses Bamberg mit seinen wohlgebauten Straßen zu betrachten. Die Regnitz durchströmt es in zwei breiten Armen, um sich dann mit dem Main zu verbinden. Mitten auf der Hauptbrücke, welche die beiden Hälften der Stadt verbindet, steht das Rathaus, nach beiden Flußseiten hin mit kolossalen, die ganzen Fronten bedeckenden Freskomalereien eines Veroneser Malers verziert. Es waren die ersten Freskomalereien, welche in dieser Größe uns im Freien aufstießen, und wenn man auch dem französierten Stil derselben nicht eben geneigt sein konnte, so[286]  war doch nicht zu leugnen, daß das Ganze durch die Freiheit und Größe der Ausführung imponierte und durch seinen südlichen Charakter ergötzte. Dem Dom dann in seiner alten rundbogigen Bauart, bei seiner Größe und innern Übereinstimmung, gaben die Freitreppen, welche zum Gebäude hinanführen, und die altertümliche Farbe des wohnbehauenen und gefügten Gesteins ein malerisches und imposantes Ansehen. Auch im Innern macht die feierliche Pracht der weiten Räume bedeutende Wirkung. Alle Pfeiler sind mit Gemälden größtenteils neuitalienischer Schulen bedeckt, doch machte sich auch eine alte byzantinische Madonna durch ihre mohrenhafte Färbung und reichen Schmuck uns bemerklich. Es wurde eben Messe gelesen, welches an ausführlicher Besichtigung des reichen Chors, der mancherlei Statuen und sonstigen Merkwürdigkeiten hinderte, doch eine Gittertür, welche aus einem Kreuzgang in die unterirdische Kirche hinabführte, gestattete wenigstens einen Blick in das Helldunkel dieser Tiefe, wo mehrere zu einzelnen Kapellen führende Treppen sowie ein Brunnen nur mit Mühe unterschieden wurden. Das Ganze roch wohl etwas nach Klosterwesen und Inquisition, und es stimmten dazu die sonderbaren Anschläge an den Kreuzgängen, welche zu fleißigem Beten für Befreiung von Ketzereien und zu Prozessionen für ähnliche Zwecke aufforderten.
Mir waren diese katholischen Zustände hier zum erstenmal so recht gegenständlich geworden, und die Erzählung von den neulichen Vorgängen bei Anwesenheit des Fürsten von Hohenlohe vermehrte deren widrige Wirkung; denn als dieser nach der sogenannten Heilung der Fürstin von Schwarzenberg hierherkam, füllte sich der ganze Domplatz mit Gebrechlichen, um von dem neuen Wundertäter Linderung und Heilung zu begehren. Ein Auflauf, bei welchem jeder Andersdenkende und seine Überzeugung[287]  Äußernde in Gefahr gewesen wäre, von dem wütenden Volke gesteinigt zu werden, entstand damals, und nur die unter näheren Aufsicht im Krankenhause angestellten und dort vollständig scheiternden Heilversuche des Fürsten, endlich aber das von höherer Behörde untersagte öffentliche Auftreten desselben stellten die Ruhe wieder her.
Ich ging dann vom Dom nach dem herrlichen, am Ende der Stadt an der Regnitz liegenden Krankenhause, dessen Einrichtung mir von Dr. Reutel gezeigt wurde, und fand die Ordnung des Ganzen musterhaft. Die Anstalt ist im Jahre 1783 durch den Bischof Franz Ludwig gegründet, und zwar auf Anregung seines Leibarztes Marcus, dessen Gedächtnis eine am Eingange eingelegte Marmortafel ehrenvoll erhält. Von da zieht die Stadt sich an Hügeln hinauf, und bei dieser Lage gewährten mehrere einzelne Punkte die anmutigsten Aussichten, wobei eine große Ruine, Giegburg genannt, in weiter Ferne an der Höhe der Talwände gelegen, recht gut zu der Masse von Giebeln und Türmen stand, welche im Vordergrund sich gruppierten. Ein anderes hübsches Bild gewährte es, als wir zu einer gotischen Stadtkirche kamen und unter weit vorgebauter Halle, welche die Durchsicht auf tiefer liegende Straßen gestattete, mehrere alte Leute, vom Kirchweg ermüdet, dort ausruhen fanden; schienen doch recht eigentlich diese Hallen dazu gebaut, daß die Müden ruhen, die Erhitzten sich kühlen und die Schwachen sich hier erholen und alle so gekräftigt ins Heiligtum eintreten sollten. – Wie wir dann durch kleine Nebengäßchen weiterzogen, hatten wir noch über mannigfaltige im Innern der Stadt aufgerichtete Betsäulen und an den Häusern befestigte Heiligenbilder unsere Betrachtung. Ich konnte diesen Brauch im ganzen nicht tadeln, denn man sage, was man will, so bleibt es doch zuletzt ein unmittelbar ins Leben[288]  eingreifendes Hinweisen auf das Höhere, woran erinnert zu werden dem so leicht in bloß äußerliches Tageleben sich verlierenden Menschen nie überflüssig wird. Höchst naiv erschien es indes doch, als wir an einem ärmlichen Häuschen über der Haustür zwischen den Fenstern den heiligen Laurentius auf seinem Roste liegen sahen, zu dessen beiden Seiten ein paar leere Weinflaschen standen, in welche irgendeine fromme Hand weiße Lilienstengel gesteckt hatte.
1
  Amazon.de Widgets
 Ich hatte damals sehr den Wunsch, solchen Glasbecher zu erlangen, allein der verehrte Mann sagte mir, dergleichen wären jetzt nicht mehr zu haben, aber versprach mir einen Ersatz dafür. In Wahrheit sendete er mir später einen hübschen kleinen Apparat, in welchem sich über schwarz und weißem Felde schwachfarbige Glasplättchen hin- und herschieben lassen und das Phänomen vortrefflich zeigen. – Ich bewahre diesen kleinen Apparat als teueres Andenken.




II.
[289] Pommersfelden, denselben Tag abends











Nach 2 Uhr von Bamberg abgefahren, kamen wir nach 4 Uhr auf den schlechtesten Waldwegen hier an. Der Ruf einer bedeutenden Gemäldesammlung hatte mich hierher gezogen, und sicher ist jedem, der in diese Gegend mit ähnlichen Intentionen kommt, anzuraten, unserm Beispiel zu folgen. Schon von weitem erblickt man das mächtige, in opulentem altfranzösischem Stil gebaute Schloß, die ehemalige Besitzung eines Kurfürsten von Trier, jetzt dem Grafen von Schönborn gehörig. Von einem weitläufigen Garten umgeben und auf einer mäßigen Anhöhe gelegen, überschaut es mit seinen vier Flügeln weithin die an sich sonst nicht eben reizende flachhügelige Gegend. Der Eintritt selbst überrascht durch eine gewaltige Säulenhalle mit großem, in Fresko gemalten Plafond, und von hier aus wird man sodann durch eine leidlich unterrichtete Schloßverwalterin in die lange Reihe von Sälen und Zimmern geführt, wo die trefflichsten Gemälde sich finden. Ferner sind zum Betrachten derselben die bequemsten Vorrichtungen gemacht; die an den Pfeilern zwischen den Fenstern hängenden Gemälde können durch Angeln vorwärts[289]  in vorteilhaftes Licht gewendet werden; die den Fenstern gegenüber stehenden erhalten durch geschicktes Schließen der untern und Öffnen der obern Fensterladen stets die beste Erleuchtung und dergleichen mehr. – Etwas Wichtiges mußte der Fremde freilich damals vermissen, nämlich einen gedruckten Katalog; indes hören wir, daß auch diesem Mangel begegnet werden solle.
Gleich im ersten Saal hielt mich ein großes Bild von Annibale Carracci fest. Sicher eins der besten dieses Meisters. Man erkennt schnell die Segnung des Jakob durch den erblindeten Isaak, und besonders wirkt das würdige, ernste, in Halbschatten gehaltene Gesicht des Greises bedeutend. Weiterhin wurden drei herrliche Köpfe von Giorgione bemerkenswert, und nicht minder zeichnet sich aus durch treffliche Zeichnung und Ausführung der Wettstreit des Apollo und Marsyas von Domenichino. – Als Landschaft ferner regte mich zu besonderer Betrachtung an ein großes Bild von Backhuisen, ein Walfischfang im Nordmeer; große Schiffe liegen im Mittelgrunde zwischen breiten Eismassen, auf denen hin und wieder weiße Bären sichtbar werden; im Vordergrunde heben die graurückigen Walfische selbst ihre ungeheuern Häupter aus den blaugrünen Wogen, Boote sieht man mit deren Angriffe beschäftigt, während die echt winterliche Schneeluft das Ganze glücklich vollendet. – Durch besonders großen und ernsten Stil und eine hellere Behandlung, als man sonst von diesem Künstler gewohnt ist, zeichnete sich aber namentlich ein mäßig großes Bild Rembrandts aus. Es stellt Paulus dar, an die Römer schreibend. Mit strengem, kraftvollem Antlitz sitzt der Apostel auf seinem harten Lager aufrecht, und hinter ihm wirft das hoch angebrachte Fenster einen milden Sonnenschimmer an die Mauer. – Ein Gegenstück dazu gewissermaßen war ein größeres Bild von Guido Reni: Petrus, wie er St. Agatha im Kerker[290]  besucht; die feste und vollkommene Ruhe im Gesicht der Agatha wirkt hier auf den Betrachtenden durchaus mit verwandter Stimmung. – Ebenso schön empfunden, obwohl auf andere und ängstlichere Weise ausgeführt, war von unserm vielgetreuen Lukas Cranach ein Christus unter den Kindlein. Vorzüglich der Ausdruck des innigen liebevollen Gemüts im Angesicht des Christus (das Bild zeigte alle Figuren nur bis zur Brust) fesselte den Blick des Beschauers.
Was nun das sogenannte Genre betrifft, so war vorzüglich ein Bild von Gabriel Metsu trefflich gemalt; es zeigte eine schreibende Dame, von einem hinter ihr argwöhnisch heranschleichenden Ritter in reicher spanischer Tracht belauscht, und war mit allem Farbenglanz und Seidenschimmer ausgeschmückt, die diesem Künstler so ganz zu Gebote stehen. – Eines großen Familienbildes mit sechs Köpfen von van der Helst muß ich aber dann noch besonders gedenken, es war das erste von solcher Kraft und solchem Umfang, das ich von ihm sah, und bot eine außerordentliche Charakteristik des Individuellen dar. Man kann ferner denken, daß in einer so reichen Galerie auch die kostbarsten Tierstücke nicht fehlen. Van der Meulen hatte einen herrlichen Postzug von sechs Apfelschimmeln gemalt, von Vitt fand sich eine schöne Gruppe Jagdhunde, und Weenix' Hasen mußten auf mehrern Bildern ihrer unendlichen Ausführung wegen vollkommen bewundert werden. – Zuletzt jedoch muß ich des Bildes erwähnen, welches als die Krone der Sammlung betrachtet wird, obwohl der Künstler bisher nicht mit Sicherheit zu ermitteln war, indem manche es für Raffaels, andere für Leonardo da Vincis Werk erklären. Mir schien es beider würdig, obwohl es doch auch von dem Stil beider wesentlich abweicht. Der Gegenstand ist eine trauernde Frau mit einem Kinde auf dem Schoß, in dessen Zügen sie die Bildung[291]  irgendeines geliebten Verstorbenen zu erkennen scheint. Die Gestalt ist lebensgroß und von schöner Bildung, so daß uns ihre Züge gewißt nicht leicht wieder entschwinden werden, und eine sanfte Schwermut wirkt nach, wie das Gedächtnis einer stillen Mondnacht.
Bei alledem darf über Betrachtung der Kunstwerke auch der reiche Schmuck der Zimmer nicht unerwähnt gelassen werden. Eins, ein Eckzimmer, zeichnet sich besonders aus durch die Bekleidung aller Wände und selbst der Decke mit Spiegeltafeln, über welche eine unsägliche Menge bronzener vergoldeter Arabesken gelegt war. Es machte eine imposante Wirkung, als die von der Abendsonne vergoldete Gegend durch die gewaltigen Fenster in diesen goldbelegten Spiegelwänden zurückstrahlte! – Außerdem die Arbeiten von Marmor, die Humpen von schön geschnitztem Elfenbein, das treffliche Porzellan, viele kleine Bildwerke, zum Beispiel ein gar anmutig gearbeiteter handhoher Löwe von Bergkristall, sie bewiesen sämtlich, daß diese geistlichen Fürsten gar wohl wußten, die Pracht der Erde mit den Gütern des Himmels zu vereinigen!
Wir wurden für die Nacht in einem Seitengebäude des jetzt gänzlich unbewohnten Schlosses einquartiert und hatten in den weiten öden Zimmern Muße genug, über die mannigfaltigen Gegenstände, welche an uns vorübergegangen waren, ausführlich nachzudenken.

Nürnberg, 25. Juli abends

Früh nach Erlangen, wo wir gegen 11 Uhr eintrafen und wo ich mich leicht vollends überzeugte, daß man wohl nicht leicht von Dresden sich hierher wird berufen lassen mögen. Erlangen an sich ist ein ganz hübsch gebauter, aber schlecht unter Kiefernwäldern, Sand und Sumpf gelegener kleiner Ort. Die Zahl der Studierenden wurde[292]  gegen 600 angegeben. Das abgebrannte, am Markt liegende Schloß ist von der Regierung der Universität angewiesen worden, und es schienen jetzt einige, obwohl kleine Anstalten zum Wiederaufbau desselben getroffen zu werden.
Schnell rollte der Wagen von hier nach Nürnberg, und ich darf sagen, daß der Vorstellung, welche man von dieser alten Reichsstadt mitbringt, zuvörderst durch ihren Anblick aus der Ferne keineswegs entsprochen wurde. In größerer Nähe treten freilich dann die mächtigen Mauern, die einzelnen großen runden Mauertürme und das auf felsiger Anhöhe liegende Schloß bestens hervor, und die Wirkung wird alsbald bedeutend und eigentümlich. Die neue Zeit arbeitet indes auch hier mächtig daran, die Reste alter Bauart immer mehr und mehr zu zerstören. – Bald nachdem wir abgestiegen waren, eilte ich zur Sebalduskirche. Ihre äußern Verzierungen sind nicht rein gotisch, vielmehr teils unbeholfen, teils überladen; bei weitem besser aber ist das Innere. Bereits im Jahre 801 soll hier eine Kapelle gestanden haben, die Kirche selbst wurde in den Jahren des 11. Jahrhunderts durch ihren dritten Baumeister Paul Ackermann vollendet. Die hohen, mit Statuen verzierten Pfeiler des Kirchenschiffs, besonders aber die noch schlankern Pfeiler am Hochaltar, machen eine Gesamtwirkung, welche durch die mit schönen Glasmalereien reichgeschmückten Fenster gar um vieles erhöht wird. Es befindet sich hier ein Bild von Albrecht Dürer, der Familie Holzschuher gehörig, welches bei aller Steifigkeit viel des Guten enthält. Es ist eine Kreuzigung, worauf der Sage nach die Tore von Jerusalem, der Weg nach Golgatha sowie das Heilige Grab, nach Zeichnungen, welche ein Holzschuher aus dem Morgenlande brachte, von dem ehrlichen Meister treu dargestellt wurden. Als ein anderes Werk von ihm wird das zierliche Schnitzwerk am Kirchenstuhl[293]  seines Freundes Schreyer gezeigt, welches den heiligen Sebald vorstellt. Nicht ohne Rührung sah ich dann das berühmte Grabmal des heiligen Sebaldus von Vischer, woran dieser alte getreue Meister mit seinen Söhnen fünfzehn Jahre gearbeitet hat. Die Apostel zwischen den Säulen und besonders das unten angebrachte eigene Bildnis des Meisters, in ganzer Figur mit Schurzfell und Käppel, verfehlen nicht ihre Wirkung; der Gesamteindruck aber war mir für meinen Sinn zu überladen, und selbst der zierliche Gedanke mit den laubenförmig das Ganze schließenden Bögen und den das Fußgestell tragenden Schnecken wollte nicht ansprechen. Wir sahen ferner ein schön gemaltes Chorbuch von 1482; eine Gedenktafel Martin Behaims, welcher 1449 schon Inseln von Amerika entdeckte und mit Columbus korrespondierte, und endlich Veit Hirschvogels treffliche Glasmalerei vom Jahre 1515, an den Fenstern hinter dem Chor, wo bereits Martin Luthers und Melanchthons Bildnisse gesehen werden, welche der damalige Burggraf Friedrich, Markgraf von Brandenburg, um sie gegen Unbilden zu schützen, dann in die obersten Fensterrosen zu setzen befahl, jetzt, zur Jubelfeier der Reformation, sind sie jedoch wieder herabgenommen und tiefer unten eingesetzt worden. Vor dem Fortgehen zeigte der alte Kirchner uns noch ein merkwürdiges, der Familie Böhmer gehöriges Schnitzwerk vom Jahre 1131 sowie eine durch die fromme Familie Tucher gestiftete Ewige Lampe. Die letztere wird auch jetzt beim protestantischen Kultus fortwährend unterhalten und von Kranken oder sonst Beschwerten noch immer gläubig besucht; hat sie doch eben durch diesen Glauben vielleicht noch fortwährend manchem Erleichterung gebracht.

  Amazon.de Widgets
Nun hinauf zur Burg, wo mittwochs und sonnabends die Gemäldesammlung einem jeden geöffnet ist. In der Vorhalle ein sonderbares Bild von Hütt von sehr tüchtigem[294]  Machwerk, zwei Riesenschildkröten täppisch übereinander hinkriechend, hinter ihnen das Meer mit Schiffen. Besser jedoch sagten uns zu in dem Hauptzimmer die trefflichen Dürerschen Apostel. Zwar streiten Nürnberg und München sich darum, wer die Originale besitze, denn beide haben diese Figuren lebensgroß und fast gleich schön; diese aber hatte ich jetzt vor mir, und sie erfreuten mich innig. Die eine große Tafel zeigt den Johannes und Petrus, die andere den Paulus und Markus. Welche ernste gewaltige Köpfe, welche großartig gestalteten Gewänder, welche Treue und Wahrheit der Ausführung! Das, mag man sagen, heißt gemalt wie ein Mann, und zwar wie ein christlicher Mann, in dessen Sinne der »Demut und Kraft doppelte Palme« sich einigt! – Außerdem sah ich eine Reihe großer Bilder von Michael Wolgemut, Dürers Lehrer. Vier heilige Frauen fast lebensgroß nebeneinandergestellt, lenken die Blicke durch hohe Reinheit ihrer verklärten Gesichter unwiderstehlich auf sich. Mag auch sonst in der Zeichnung manches verfehlt sein, mag man die kleinliche Behandlung der Blumen und Kräuter tadeln, auf denen sie stehen, es weht doch ein Geist im Innern, welcher alle diese Mißgriffe übersehen läßt. – Außerdem trifft man freilich hier eine Menge Bilder von geringer Bedeutung, und das unfreundliche Lokal ladet nicht zu langem Verweilen. Ein großes Bild aus Johann van Eycks Schule, das lebensgroße Porträt einer Frau und eines Knaben, muß ich indes auszeichnen. Es hatte ungemeine Frische und Klarheit der Farben, und anmutig war, wie der Knabe in dem kleinen Frauengemach so gar fein und züchtig vor der jungen Mutter stand. Noch fiel uns das eherne etwa zweieinhalb Fuß hohe Bild eines Apollo, wie er den Pfeil abzudrücken im Begriff ist, durch tüchtige Arbeit auf. Das Jahr ist 1532, als Verfertiger wird abermals Vischer genannt. Endlich viele Glasmalereien, Wappen[295]  und dergleichen, die alle beitragen, den eigenen nebelhaft mittelalterlichen Duft fühlbar zu machen, der dies alte Nürnberg wohl noch lange umschweben wird.
Die Aussicht aus den Burggemächern über Stadt und Umgegend ist natürlich auch zustimmend und historisch bedeutend, denn südwestlich gleich liegt hier der Berg, wo die Schweden vergebens Wallensteins Lager zu erstürmen versucht hatten. Im Burghof selbst liegen auch noch eine Reihe alter Hellebarden, obwohl diesmal nur junge altdeutsch gekleidete Maler statt der alten Knappen daneben umherwandeln. Dafür gab es jedoch auch jetzt noch dort die reizendsten alten Baulichkeiten zu betrachten, ja zu zeichnen. Besonders nahmen die unterirdischen Ausfalltore mit ihren Brücken und ihrem von oben einfallenden Licht gar pittoresk sich aus.
Wir strichen nun durch mancherlei Straßen umher, alle von ungleicher winkeliger Bauart, und fanden uns plötzlich in der Dürerstraße, wo ein großes, altertümlich mit vielem Holzwerk ausgebautes Haus, einem Stadttor und Mauerturm gegenüber, allen als Dürers Wohnhaus bekannt ist. Sah man sich nun hier die nähern Umgebungen an, betrachtete man die großen Ziehbrunnen, die mit den Giebeln vorwärts gebauten Häuser, die alten Galerien an den Stadtmauern und deren Türme, so mußte man sogleich an Dürers Radierungen und Holzschnitte erinnert werden, wo oft genug dergleichen Gegenstände als Hintergrund zu morgenländischen Begebenheiten erscheinen. Weiterhin kamen wir zur Lorenzkirche, in deren Nähe jener seltsame Brunnen unsere Aufmerksamkeit festhielt, an welchem feine Wasserstrahlen aus den Trompeten der zahlreich angebrachten Genien und aus den Brüsten sämtlicher Kardinaltugenden sich ergießen, in deren Mitte Justitia mit Waage und Schwert thront. Das Ganze ist das fleißigste, indes auch überladenste Gußwerk, und doch[296]  muß man gestehen, daß dem Gedanken, eine ganze Stadt aus so tugendreichen Brüsten unmittelbar tränken zu lassen, an kindlicher Naivität nicht leicht ein anderer beikommt. Jedenfalls machen die vielen zarten, springenden Wasserstrahlen immer eine gar hübsche Wirkung! – Die Lorenzkirche selbst hat wieder ein mit Verzierungen sehr überladenes Portal und ist keineswegs im reinsten gotischen Stil erbaut; doch herrscht ja überhaupt in diesem Baustil eine wunderbare Freiheit, und eben weil ein fester Kanon fehlt und alles mehr dem Gefühl des Architekten überlassen bleibt, mußten, neben so viel Trefflichem, auch mancherlei Fehlgriffe hervorgehen. Nur die durchgehende Empfindung des Aufstrebenden und der Entwicklung und Erhebung eines sich immer Verfeinernden, und hierin zugleich das Gefühl des die unendliche Naturmanigfaltigkeit Zusammenfassenden und in höchster Einheit Vollendenden, konnte daher hier dem Künstler sagen, was zu viel und was zu wenig sei.
Im Innern der Lorenzkirche herrschte schon die Dämmerung des einbrechenden Abends und die altersgrauen, schlanken Pfeiler, namentlich aber die hier noch ganz mit tieffarbiger Glasmalerei ausgefüllten hohen Fenster machten eine eigene schwermütige Wirkung. Hinter dem Hochaltar findet sich von Wolgemut ein halbverblichenes, doch eigentümlich schönes Gemälde, neben dem Altar aber steigt das ungeheuere, nur mit gotischen Zieraten freilich auch überladene, ja ganz daraus zusammengesponnene steinerne Tabernakel von [Adam] Krafft bis zum Gewölbe der Kirche.

Ingolstadt, 27. Juli mittags

Gestern noch war in der Frühe unser erster Gang in Nürnberg zu dem vorgestern verfehlten Grab Dürers. Wir wanderten zum Johanniskirchhofe, an den sieben Leidensstationen[297]  vorbei, die einst ein frommer Mann aus der Familie Holzschuher in Jerusalem selbst abgemessen und hier durch aufgerichtete, mit Inschriften versehene halberhabene Bildwerke von Krafft seinen Mitbürgern hat ausführen lassen. Dicht am Johanniskirchhof endigte sich diese Reihe durch einen Kalvarienberg, einen von niedrigen Steinen eingefaßten Platz mit drei hohen Kreuzen, alles gleich den beiden untenstehenden Marienbildern aus Sandstein sehr wacker gearbeitet, aber leider sehr beschädigt. Das Ganze gewährte mit dem dicht dahinterliegenden Kirchhof ein gutes Bild.1 – Auch auf diesem Kirchhof sind die Steine alle flach gelegt und gewöhnlich mit äußerst brav gegossenen Bronzeschildern versehen. Männer, mit Vorrichtung eines Grabes beschäftigt, wiesen uns nach der Stätte, wo Albrecht Dürer ruht. Wir verweilten lange in hellem Schein der Morgensonne an diesem stillen Ort und konnten nicht umhin, die Umgebungen durch eine Zeichnung uns einzuprägen. So saß ich dort vor einem frischgeöffneten Grabe, der Morgenwind bewegte leise die Sonnenrosen, die fromme Hände zwischen die Gräber gepflanzt hatten, und nur manchmal wurde ich durch die in Nürnberger Mundart geführten Gespräche einiger Kinder unterbrochen, welche mit Gießkannen die Pflanzungen zwischen den Gräbern erfrischten. Es stehe hier Dürers Grabschrift, ihm von seinem Freunde Pirkheimer gestiftet:[298] 
ME. AL DU.
QUICQUID ALBERTI DURERI MORTALE FUIT
SUB HOC CONDITUR TUMULO
EMIGRAVIT VIII IDUS APRILIS
MDXXVIII.



HIER RUHE
KÜNSTLERFÜRST
DU MEHR ALS GROSSER MANN
IN VIEL KUNST HAT ES DIR
NOCH KEINER GLEICH GETHAN
DIE ERD WARD AUSGEMAHLT
DER HIMMEL DICH NUN HAT
DU MAHLEST HEILIG NUN
DORT AN DER GOTTESSTADT.
DIE
BAU- BILD- MAHLER-KUNST
DIE NENNEN DICH PATRON
UND SETZEN DIR NUN AUF
IM TOD
DIE
LORBEER KRON.



Diese letztern Verse stehen auch lateinisch daneben, und am Umrande des Grabsteins sind noch in großen goldenen Buchstaben die Worte zu lesen:

PICTURA. SCULPTURA. ARCHITECTURA.

Ein Totengräber führte uns noch zu den Denksteinen von Pirkheimer, Hans Sachs und Martin Behaim, indem er beiläufig meinte: es trete hier mancher über so einen Stein hin, ohne daran zu denken, daß etwas gar Wertes und[299]  Würdiges darunterliege. – Ich setze noch die Grabschrift her, welche des ehrlichen Hans Sachs Denkstein auf bronzener Tafel angefügt ist.

Des Ersamen Hanss Sachsen Zuckhermachers
und Anna seiner Ehewirtin
und irer beider selige Erben begrebtnisz
An. Dom. 1589.
Hir lieg ich in der Erden Ruhe und schlaff
bis ich durch Christum widerum erwach
der da mein Grab wirdt entdeckhen
und mich zu ein herliche 4 Leben erweckhen
doden Leib und Seel wird wider vereinigt
werden
darin ich werde sehen Gott meinen Hern
die heilige Dreifaltigkeit mit grossen Ehrn.

In die Stadt zurückgekommen, gingen wir nun zu dem Rathause, wo in dem großen Saal, sonderbar kontrastierend, Dürers Wandgemälde eines Triumphzuges (von dem indes gar wenig mehr zu erkennen) und der moderne Königsthron mit dem Bildnis Maximilians von Bayern gezeigt wurde. Außerdem enthalten die obern den Hof umgebenden Galerien des Rathauses lange und lebensgroße Plafonds in Stukkaturarbeit, Turniere vorstellend, welche einst in Nürnberg gehalten worden sind. Die wunderlich geharnischten Ritter und Rosse, die Kampfwärter und die Galerie der Zuschauer geben reichen Stoff zur Betrachtung und lassen deutlich einsehen, warum die neuromantische Schule von diesem Nürnberg so recht wie das Kind von der Amme ernährt werden mußte.
Nun sollte denn auch noch die Stadtbibliothek besichtigt werden, und in Wahrheit gab es hier Eigentümliches genug! In einem alten, winkeligen, dunkeln Gebäude gelangten[300]  wir mit Mühe zu dem die Aufsicht führenden Prediger. Der alte Mann wohnte mit seiner Ehewirtin in einem kleinen Stübchen mit mehr breiten als hohen großen rundscheibigen Fenstern, ganz so wie man auf altdeutschen Bildern sie so häufig gemalt sieht. Zwei schöne, gleich Seidenhasen ganz aschgraue Augsburger Katzen schnurrten behaglich auf dem altväterlichen Sofa, und überhaupt sah man sämtlichem Geräte wohl an, daß es schon frühern Generationen gedient hatte. Endlich wurden wir wirklich zu der ungefähr 30000 Bände zählenden, ärmlich in niedrigem klösterlichem Lokale aufgestellten Bibliothek geführt. Das Merkwürdigste war mir hier ein Globus aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts, auf welchem die Länder in den sonderbarsten Gestalten verzeichnet und namentlich von Amerika erst zwei schmale Landstrecken sichtbar waren. Was alles hat sich doch seit jenen Zeiten an solchen Karten, aber auch auf diesem Erdball geändert! – Auch ein altes Bild zog mich hier an, einen im 16. Jahrhundert gesehenen Kometen über einer Nürnberger Straße in tiefer Nachtzeit darstellend. In aller Unvollkommenheit hatte es doch etwas, das mich an manche Friedrichsche Bilder erinnerte. – Sonst wurden uns noch einige von Luthers Handschriften und manche schön ausgeführte Glasmalereien gezeigt. Unter den aufgehangenen Bildnissen fand ich auch den als Anatom und Arzt gleich wackern Coiter, welcher in seinem einundvierzigsten Jahre zu Nürnberg verstarb – als ich aber endlich den am Gewölbe aufgehangenen vertrockneten Blütenstengel einer großen, einst hier im Garten eines Patriziers blühenden Aloe gewahrte (der Stengel mochte wohl seine 12 Fuß Länge haben), so hätte ich ihn freilich am liebsten einer Ungeheuern, südwärts zeigenden Magnetnadel verglichen, welche aus all diesem Moderduft und Dunkel mich nach wärmern und hellern Regionen[301]  hinwies. War ich doch diesmal auch wirklich auf dem Wege dahin!
Es blieb nun zuletzt noch die Ägidius- und Liebfrauenkirche zu sehen. Die erstere aber schreckte mich ab durch ihr modernisiertes Äußere, und die letztere quälte das Auge durch die schreienden Farben, mit welchen ihr Inneres neu aufgeputzt war. Die Architektur ist überdies äußerlich und innerlich überladen, und diese Pfeiler im Kirchenschiff stehen überhaupt einer gotischen Kirche nicht wohl zu Gesicht.
So beschlossen wir also diese Rundschau und fuhren mit einem neu gemieteten Wagen über Weißenburg und Ingolstadt gen München ab.

München, 28. Juli abends

Die vergangene Nacht wurde in Pfaffenhofen zugebracht. Auf dem Wege dahin, unmittelbar hinter Ingolstadt, begrüßten und überschritten wir die Donau, die hier noch fast zur Hälfte schmäler ist als die Elbe bei Dresden und durch weitausgedehnte Ebenen unter Weiden und Wiesen dahinströmt. Weiterhin wird der Boden bloß sandig, die Gegend ist einförmig, und in der Vegetation machen nur die großen Büsche des schön blühenden und ebenso schön riechenden Feldholunders sich bemerklich. In Pfaffenhofen waren wir jetzt zuerst so recht im Bayerlande, und eine bequeme materielle Behaglichkeit charakterisiert sogleich Gegend und Menschen. Die dicke, gutmütig schwatzhafte Wirtin war über unsere im Wagen mitgeführten Feldholunderbüsche nicht wenig erfreut. Auch sie hatte wohl einige Stöcke ausländischer Pflanzen auferzogen und schien Lust an dergleichen zu haben, aber daß eine so zierliche Pflanze als dieser Feldholunder in ihrer Nähe wild wachsen könnte, das war ihr eine ganz fremde Begebenheit. Ihr bejahrtes kupfriges[302]  Vollmondsgesicht sah dabei zutraulich unter der kleinen, goldgestickten bayrischen Mütze und über den fünf silbernen Ketten des Mieders hervor, und das Verstehen ihres Dialekts machte uns nicht geringe Mühe. Seltsamerweise hing unter dem Spiegel unsers Zimmers Luthers und seiner Frau Bildnis, und als wir unsere Wirtin inquirierten, wie ein solcher Ketzer in diesem tiefkatholischen Lande zu dergleichen Ehren gelange, so meinte sie naiv genug, daß dies eben nur der einkehrenden Fremden halber geschehe, unter denen oft Protestanten und Juden sich befänden, was doch halt alles gute Leute wären, welche an dem Luther und seinem »Kätterl« ihre Freud' hätten.
Heute früh waren wir nun von Pfaffenhofen hinangefahren gegen die Münchener Hochebene, welche, gebildet durch unendliches Kalkgerölle, sich bis zum Fuße der Alpen ausdehnt. Lange schon hatte ich mich jetzt auf das Erscheinen der Alpen gefreut, als endlich plötzlich, wie wir eben eine geringe Anhöhe erreichten, über einem lang hingestreckten Kiefernwalde ein blauer, zackiger Rücken gleich einer fernen Wolke sichtbar wurde; es waren wirklich jene gewaltigen Felsenmauern, welche Europa seine Richtung von Osten nach Westen angewiesen haben und welche jetzt an ihren Kämmen und Spitzen die leuchtende Bekleidung ewigen Schnees erkennen ließen! Der ungeheure Zug der Hochgebirge von Steiermark, Salzburg, Tirol und der Schweiz lag in seiner Herrlichkeit mir somit hier zum erstenmal vor Augen.
Ein Punkt vorzüglich gewährte die trefflichste Ansicht, indem zugleich die weite Ebene mit sichtbar wurde, welche bis zum Fuße der Gebirge sich erstreckt. Im reinen Sonnenlicht bekam diese Ferne ganz die Farbe eines sich lang ausdehnenden violettblauen Meeres, und die hohen zackigen Gebirgsmassen ragten majestätisch darüber hervor[303]  vor, an ihrem Fuße duftigblau und nur an ihren Kämmen und Gipfeln bestimmter begrenzt. Ich fühlte, daß hier eine zweite große Seite der Erscheinungen des Erdenlebens mich erwarte.
Um Mittag fuhren wir nach München herein, und ich blieb nun die übrigen Tage des Monats in München und durchging alle die Schätze der Kunst und Wissenschaft, soviel ihrer damals dort schon aufgespeichert waren. Allerdings fand ich die Glyptothek noch im Bau, und nur einzelne Säle enthielten einige Antiken und ließen den Reichtum erst ahnen, der später dort dem Fremdem imponieren sollte. Noch war der kunstliebende und kunstschöpferische König Ludwig nur als Kronprinz in diesen Regionen schaffend, und noch fehlte bei weitem der größte Teil von dem, was ich 20 Jahren später dort kennenlernen sollte.
Schleißheim sah ich bei jenem Aufenthalt nicht, doch war ich in Nymphenburg, wohin mich der Anfang eines zoologischen Gartens gezogen hatte, den man übrigens später bald beseitigt hat.
Unter den Männern der Wissenschaft lernte ich in München nur den damals schon bejahrten Gruithuisen kennen, den ich in ziemlich ärmlichen Umgebungen antraf. Er hatte sich von der Physiologie zur Astronomie gewendet und beschäftigte sich viel mit dem Mond, über dessen Kraterbildungen er sich freilich sehr seltsame und unphysiologische Vorstellungen geschaffen hatte, daß sie nämlich entstanden seien durch Hineinstürzen kleiner kosmischer Massen in den noch weichen Mondkörper, wobei jedes einstürzende Stück dann einen aufgeworfenen Wall zurückgelassen habe, ohngefähr so (wie er sich ausdrückte), als ob Knaben Tonkugeln mit dem Blaserohr in einen weichen Tonklumpen geschossen hätten; ein Gedanke, so abenteuerlich, daß man nicht bedauern konnte,[304]  seinen Urheber der Physiologie der Erde abtrünnig geworden zu sehen. Auch Wolken behauptete er im Mond gesehen zu haben sowie ein Flußbett. – Im allgemeinen ließ mir München einen reichen, aber keinen besonders begeistigenden Eindruck zurück.

Buchlor, 1. August abends


  Amazon.de Widgets
Heute früh 6 Uhr rollte unser Wagen bei sich aufhellendem Wetter zum letztenmal über das Münchener Marmorpflaster.
Hinter Inning, wo wir zu Mittag blieben und wo uns bei einem Spaziergange die auf dem Gottesacker fromm den Kreuzen angehängten Weihkessel so malerisch und bedeutungsvoll waren, daß wir nicht umhin konnten, ein solches Kreuz zu zeichnen, trafen wir den eigentlichen Lichtpunkt dieses Tags, den herrlichen, mehrere Meilen langen Ammersee. – Hinter großen Linien von üppig wachsendem Schilf, hinter eingesteckten Netzstöcken und Reusen dehnte sich die bläuliche Fläche des Sees weit aus; links sprang ein flacher waldiger Hügel herein, den Hintergrund schlossen dann die schönen violett und ultramarinblauen Fernen, in denen eben noch ein hochliegendes Kirchlein sichtbar wurde, und endlich folgten die großen Tiroler Gebirge, wo über die breiten, abgerundeten Massen der Vorgebirge die zackigen Formen der Alpen, mit ewigem Schnee bedeckt, hoch heraufragten.
Der Boden ist bis gegen Landsberg immer noch Nagelflue, wird aber schon bedeutend hügelig. Getreidefelder wechseln mit großen Waldungen, schönen Weiden und Wiesen; herrliche Eichen und vollbelaubte Buchen stehen am Wege, gewiß, man versteht nun, warum Claude einen Teil seiner Studien gerade in diesen Gegenden sammeln konnte. – Auf der Nachmittagsstation fand ich bei einem Dorfwirt einen geschriebenen Theaterzettel angeschlagen[305]  und erfuhr, daß hierherum häufig Burschen und Mädchen Komödien aufführen, wozu Nachbarn und Landsleute förmlich eingeladen werden, was schon in Hinblick auf die alten Passionsspiele im bayrischen Hochlande mein Interesse erregen mußte. – Ein solcher Komödienzettel war mir zu merkwürdig, als daß ich ihn nicht in der Schreibtafel hätte notieren sollen, und ich gebe ihn hier meinen Freunden zur Ergötzung:

Mit obrigkeitlicher Bewilligung
wird Sonntag den 5. August von der Gesellschaft
in Pflugdorf aufgeführt

Die von Gott gekrönte Unschuld
Ein Schauspiel in 10 Abhandlungen
dargestellt an der Pfalzgräfin Genoveva

Personen

Siegfried Pfalzgraf – Michael Schmid Pechler von Stoffen
Genoveva dessen Gemahl – Jungfer Elise Landsbergerin von Pflugdorf
Schmerzenreich ihr Sohn – Sohn von Peter Schmid Maler detto
Gollo Hofmeister der Bösewicht – Mathäus Frieholz
Rudinger sein Mitgehülfe – Mathäus Schmid
Reinhold Jägermeister – Sebastian Schmid
Dietrich Hofherr – Peter Schmid
Heinrich Hofherr – Mathäus Fischer
Rosalie Oberhofmeisterin – Jungfer Rosalie Allmayerinn von Stadel
Kerkermeisterin – Jungfer Susanne Aichbergerin
Kerkermeisters Tochter – Jungfer Maria Wurmin
Drogenes, Koch – Adam Allmayer von Stadel
Faustus Jäger – Sylvester Berchtold
Sylvester Jäger – Anton Schmid
Karuka Zauberin, 2 Fischer, 6 Waldmänner, 1 Engel,
1 Postillon, 1 Klopfer, 2 Läufer und Soldaten
Preis der Plätze.
1r Platz und Gallerie nach Belieben, 2r Platz 12 Xr. 3r Platz 6 X. –
Der Anfang präcis 1 Uhr Nachmittags.

Leider konnte ich nicht zuhören! – – –[306] 
Gegen Abend passierten wir hinter Landsberg, einer alten, ehemals wohlbefestigten, am Berg angelehnten Stadt, den Lech, welcher hier gewaltig brausend über ein großes Wehr fällt und der Donau zueilt.

Kempten, 2. August abends

Der Morgen war heute ziemlich bewölkt und kalt; auf den Höhen spiegelten die Tiroler Gletscher mit ihren zackigen Kanten im Frühlicht. In den nähern Umgebungen tritt der Charakter des Hochlandes immer bestimmter hervor, indem die Häuser mehr die platten, steinbeschwerten Dächer annehmen und Gentianen am Wege blühen.
Mittags in Kaufbeuren machten wir einen Spaziergang vor die Stadt, um die höchst reizende Gegend, in welcher dieser mit alten Ringmauern, hochliegender Burg und einer bedeckten Brücke gezierte Ort liegt, etwas ausführlicher zu betrachten. Das Ganze bildet ein von den Tiroler Alpen sich herabziehendes Quertal und wird von einem mäßigen, hier schon sehr beruhigten Gebirgswasser lustig durchströmt. – Wir kehrten dann wieder zu unserm Wirtshaus zurück, wo sich indes eine große Volksmasse gesammelt hatte. Die Bierkrüge wurden emsig gefüllt und geleert, und an Fäden waren über den Köpfen der trinkenden Bauern Schiefertafeln beweglich aufgehangen, welche der Wirt bei jedem neuen Kruge herniederließ, weislich indes die Tafel nach geschehener Einzeichnung jedesmal wieder über den Horizont der Tischgesellen hoch hinaufzog.
Nachmittags kamen wir durch Günzburg, und in dieser Gegend sah man vorzüglich allerliebst gebaute Bauerhäuser, welche, flach und breit hingestreckt, Scheune und Stall umfassend, mit ihren weißen Vordermauern und bunten, meist blau und goldgelb bemalten Giebeln eine gar anmutige Wirkung hervorbrachten.
1 Ich habe später dasselbe zu einem meiner tüchtigsten Bilder wirklich ausgeführt und hatte lange dasselbe nebst einem Bild von der Gotthardsstraße unserer Freundin Frau von Lüttichau zur Dekoration ihres Familienzimmers überlassen, wo beide Einheimische und Fremde vielfältig erfreut haben.




 III.
[307] Lindau, 3. August abends











So begrüss' ich denn heute, gerade am Geburtstage meines Vaters, die langersehnte Schweiz!
Wir fuhren früh bei schwülem, etwas gewitterhaftem Morgenhimmel aus Kempten, passierten einen Gebirgszug, welcher die Wasserscheide zwischen dem Flußgebiet der Donau und dem des Rhein bildet, und kamen gegen Mittag in ein kleines württembergisches Städtchen, Isny. Ich hatte den ziemlich hohen Berg größtenteils zu Fuß erstiegen und genoß eben noch einmal des Überblicks über einen Teil des Illertals. Am Wege stand eine kleine Kapelle, und der Anblick von zwei dort betenden Frauen stimmte gut zu diesem stillen Morgen.
In dem winkeligen, ärmlichen Isny ging ich vor Tisch noch ein paar Gassen auf und nieder und blieb endlich vor einem Buchladen stehen, welcher sich wohl neben den Apothekerladen stellen durfte, den Shakespeare im »Romeo« aufs beste geschildert. An der zugeschlossenen kleinen Glastür (die Käufer wurden durch einen Zettel ersucht, mittels der Klingelschnur den Besitzer herbeizuvermögen) lehnten aber doch unter allerhand Postillen Schillers Gedichte und einige seiner Dramen. Es war mir nun mit einemmal erst recht deutlich, daß ich hier im Württembergischen in Schillers Geburtslande sei, denn dieser Rücksicht wohl allein hatten jene Bücher ihren Platz zu danken.
Nachmittags war es, als wir auf einer Anhöhe zuerst den Bodensee als dünnen Silberstreif erblickten. Noch einmal wurde in einem Dorfe vom Kutscher angehalten, und von hier an wurde jetzt im Wirtshause der Wein das einzig vorrätige Getränk. Fuhrleute und wandernde Soldaten saßen in der freundlichen fensterreichen Wirtsstube[308]  im lustigsten Sonnenschein bei Most und Markgräfler- oder Seewein. – Eine Strecke weiter fort, und das Rhein- und Bodenseetal öffnete sich den erstaunten Augen auf eine herrliche Weise. Der Weinbau zeigte sich dabei immer mächtiger, und auf dem weithin ausgedehnten Spiegel des Sees lag auf einmal Lindau mit seinen Wällen und Brücken vor uns.
Der Weg führte nun anhaltend bergab, die Hitze wurde drückender und die Vegetation üppiger. Unter den schönsten Wein- und Obstgärten näherten wir uns dem See, wo uns mehrere Fuhrmannswagen, mit Kirschkörben reich befrachtet, begegneten, und rollten endlich langsam über die lange, die Stadt mit dem Lande verbindende Brücke, indem wir uns zu beiden Seiten, vorzüglich aber in Süden, wo die herrlichsten Gebirge bis an den See herantragen, mit reichster Augenweide umgeben fanden. – Ein Altan hinter unserm Wirtshause gewährte so herrliche Aussicht über Hafen und See, daß wir uns gleich dort niederließen, um zu zeichnen. Bei sinkender Sonne umgingen wir dann noch die Wälle der Stadt, welche weitläufige Weingärten mit einschließen. – Herrlich sank die Sonne in das nordwestliche Ende des Sees, badende Knaben sprangen von den Hafenmauern in die grünen, wenig bewegten Wogen, und über der schönsten Abendröte schimmerte das erste Viertel des Mondes, der See selbst aber streckte sich in zauberhaft duftigem Grau den Hochgebirgen entgegen. – Ja, noch auf dem Heimweg gestaltete sich bei nun mächtiger werdendem Mondlicht das alte Hafentor mit seinem altergrauen Turm zum anmutigsten Bilde.

Konstanz, 4. August abends

Durch die üppigsten Felder unter Obstbäumen, deren Stämme bis zur Krone hinauf mit Efeu umsponnen, und bei der köstlichsten, wärmsten, gewürzreichsten Luft[309]  wanderten wir heute früh von Lindau den Weg längs dem Seeufer hinauf. Die Straße zog sich dann höher an de Bergen hin, die Umgebungen wurden alltäglich, und die Hitze drückte gewaltig. In Friedrichshafen nahmen wir Post nach Meersberg, und dort mieteten wir abends ein kleines Fahrzeug, und so stießen wir mit einbrechender Dämmerung in dem von Kalkfelsen umgebenen kleinen Hafen vom Lande. – Ein günstiger Ostwind trieb uns jetzt langsam über die herrlich wogende smaragdgrüne Fläche des Sees; das allmählich immer heller leuchtende Mondviertel spiegelte sich in den zitternden Wellen, und die schönen Farben des Abendhimmels verglühten mehr und mehr vor der in Osten aufsteigenden Nacht. Oft verbarg nun das leichtgeschwellte Segel den Mond, das Spiegelbild seines Lichts erschien dann doppelt leuchtend, und so, unter mannigfaltigen Betrachtungen, landeten wir nach dreiviertel Stunden, immer noch viel zu bald, in einer recht muntern Brandung an einem Dorfe vor Konstanz.
Wir hatten noch einen halbstündigen Weg zu Fuß zu machen. Unter dem köstlichsten Sternenhimmel schritten wir bei stiller Nacht an manchem hohen Kreuz vorbei zwischen lauter Weingärten hindurch und endlich über die Rheinbrücke hin zu unserm Gasthof »Zum Adler«. – Am Markte gewahrte ich noch im Vorübergehen den hoch in den Sternenhimmel hinaufragenden Dom, dessen gotisches Portal von einer einzigen Lampe, aber hell genug, erleuchtet wurde.

Denselben Tag mittags auf dem Rhein

Still an der Spitze eines kleinen Rheinschiffs liegend und von nichts leidend als von gewaltiger Sonnenhitze, fahre ich im Tagebuche fort.
Der Konstanzer Dom hatte, seinem einfachen Stil gemäß[310]  schon von außen wohltätig auf mich gewirkt, und als wir nun die Tür zum Turm entdeckten, wurde schnell der Entschluß gefaßt, bei dem köstlichen wolkenlosen Himmel seine Höhe zu ersteigen. Ein dienstfertiger Knabe zog für uns die Klingel, und bald schaute der Turmwächter über die schwindelnd hohe Galerie herab. Es wurde geöffnet, und mühsam erstiegen wir die 14 schlechten hölzernen Stiegen. – Die Gegend mit ihren milden Hügeln, vielfachen Weingärten, schönen Feldern, vom breiten, große Inseln umfassenden Rhein durchschnitten, glich nordwärts einem Frühlingsgarten, wenn südwärts der schöne Spiegel des Bodensees unabsehlich sich ausdehnte. Eine Stelle der Turmgalerie, wo man den spitzen Glockenturm des Doms mitten vor sich hatte und über das Kreuzdach der Kirche auf den das Sonnenlicht widerspiegelnden See hinausblickte, hielt mich besonders fest, und ich fing an zu zeichnen. Nicht lange aber hatte ich so gestanden, da begannen die Glocken zu läuten, die feierliche Kirchenmusik, mit Gesang begleitet, klang aus dem Dom zu mir herauf, und alles stimmte zu einem großen andächtigen Chor zusammen.
Augenblicke dieser Art lassen sich im Leben zählen; sie kommen selten, und es ist immer gleich gesorgt, daß irgendeine Störung folge, um uns von solchen Flügen wieder zur Erde herabzubringen. So auch hier; der Turmwächter trat mit seinen Ortserklärungen hervor, zeigte ausführlich die Stelle, nordwestlich der Stadt, wo im Jahre 1415 Huß verbrannt worden war, machte das Haus bemerklich, wo das ihn verurteilende Konzilium gehalten wurde, und fort war die höhere Stimmung. – Man führte uns dann zu dem Hause, wo Huß gewohnt hatte, sein Brustbild, in Stein gehauen, schaut dort aus der Mauer; sein Andenken ist dauerhafter.
Im ganzen ist Konstanz ein verfallener, winkeliger, trauriger[311]  Ort, und alle Bemühungen der Regierung, ihm aufzuhelfen, sind bis jetzt vergeblich gewesen. Der Schiffer selbst, der uns zur Rheinfahrt abholte, ein bejahrter, wohlbeleibter Mann, sprach es aus, daß die Stadt leide um des unschuldig Gemordeten willen; der Fluch dieser Tat hafte noch immer auf ihren Bewohnern.
Gegen 10 Uhr fuhren wir mit dem Boot von der großen bedeckten Rheinbrücke ab und glitten aus jener verwitterten dumpfigen Stadt frisch auf den köstlich blaugrünen Wellen stromabwärts. Der Rhein ist hier noch mehr See als Fluß, und in seinem weiten Spiegel ruht die weitläufige Insel Reichenau.

Zürich, 6. August abends


  Amazon.de Widgets
Von Konstanz bis Stein am Rhein ist die Strömung noch kaum bemerklich, aber von hier aus, wo wir einen neuen Schiffer erhielten, wurden die grünen, klaren Wogen schon um vieles lebendiger. Immer schöner lehnten die dichtbepflanzten (nicht terrassenförmig angelegten) Weingärten sich an den anmutigen Hügeln übereinander, immer lustiger wurde es in den am Ufer gereihten Dörfern und Flecken, deren Häuser und Mauern ganz zuversichtlich (da hier der Flußstand nie bedeutend variiert) fast bis in die klaren grünen Wellen hineingebaut sind. Badende Knaben schwammen oft zu beiden Seiten an den Ufern, Musik schallte aus den Dörfern herüber, und es sah besonders keck und vergnüglich aus, als in einem Hause dicht am Wasser ein Fensterladen des ersten Stocks, offen bis zum Stubenboden, die volle Einsicht in die Wirtsstube gestattete, wo eben recht verwegen eine artige Frau sich nahe am Fenster auf den massiven Schenktisch gesetzt hatte. – Weiterhin hingen wieder herrliche Walnußbäume ihr breites Laub über das sie nährende Gewässer, Ruinen alter Schlösser ragten hier und da aus den bewaldeten[312]  Hügeln auf, und das fort und fort klar ausgegossene Sonnenlicht vollendete den südlichen Charakter des Ganzen.
Weht doch wirklich ein recht eigener Zauberhauch über diesen hier im Jünglingsalter strömenden Rhein! – Denn betrachtete ich mir so diese Ufer im einzelnen, so mußte ich manchmal gestehen, daß die Elbufer wohl der Form nach ganz gut mit ihnen sich messen können; aber verglich ich nun wieder im ganzen, wie dürftig kam mir dann der Charakter jener gegen diese jugendliche Heiterkeit vor!
Gegen halb sieben Uhr landeten wir vor Schaffhausen, welches von dieser Seite einen besonders zierlichen Anblick gewährt, indem es mit seinem alten Schloß zwischen den Berglehnen des Ufers hervortritt.
Schaffhausen ist klein und winkelig gebaut, doch bei weitem belebter als Konstanz. Im ganzen sah alles, bis auf die Torwärter herunter, sehr naiv und unzulänglich aus, doch war hier und da die Neigung sichtbar, in Inschriften den Vorübergehenden sich auf eine witzige Art mitzuteilen. So sahen wir auf einer Gartenwand einige Totenköpfe gemalt mit einer Inschrift, welche den Vorübergehenden aufforderte, doch auszusuchen, welcher hiervon wohl Kaiser, welcher Edelmann und welcher Bauer gewesen sei.
Unser Abendspaziergang führte uns über den Schloßberg zwischen Weinbergen und Gärten zuletzt an das untere Ende der Stadt, und wir sahen uns jetzt wieder am Rhein. Aber wie ganz anders erschien nun hier dieser wohlbekannte Strom! Es war, als träfe ich einen lieben Freund wieder an, aber ich fände ihn verändert, von heftiger Bewegung ergriffen, auf ein nahes, bedeutendes Ereignis gespannt. – Schon hier beginnen die Wellen sich schäumend über mächtige Felsplatten zu stürzen, das klare,[313]  blaugrüne Wasser bricht sich in den mannigfaltigsten Formen und Farben, die Ufer werden schroffer, und das mächtige Flußbett ist ein Wühlen und Brausen. Kein Kahn wagt schon von hier an sich mehr in dieses Toben, und mit Lust sieht man so den herrlichen Strom zum gewaltigen Katarakt sich vorbereiten. –
Erheitert durch ein in der Badeanstalt des Wirts genommenes Rheinbad, verschliefen wir ein starkes, in der Nacht vorüberziehendes Gewitter glücklich und waren heut früh 6 Uhr schon auf dem Weg zum Rheinfall. – Man geht am rechten Rheinufer zwischen Weinbergen und unter mächtigen Nußbäumen wohl eine halbe Stunde, bis man gegenüber Schloß Lauffen gewahrt und den Donner des Rheinfalls deutlicher vernimmt, kommt dann einen Hohlweg herunter und befindet sich plötzlich vor dem hart am Falle gelegenen Hammerwerk, unmittelbar über dem Katarakt. Die mächtigen, tiefunterwaschenen Felskegel ragen herrlich aus dem zum Absturz eilenden tobenden Strome hervor, und im leicht aufsteigenden Wassernebel bildeten die jetzt eben durch Frühgewölk brechenden Sonnenstrahlen duftige Farbenbogen. Nachdem wir nun hier die mannigfaltigsten Ansichten aufgesucht, ja zum Teil gezeichnet hatten, stiegen wir herab, um die Ansicht der Gesamtbreite des Falles zu genießen.
Wir kamen dort auch zu dem Turm, in welchem ein Spekulant mittels einer Camera obscura die Natur für Fremde in ein zweckmäßiges Taschenformat zusammenbricht, schifften dann, ohne diesen Ehrenmann zu belästigen, im schwankenden Kahne über die vom Sturze noch zitternden dahineilenden Wellen an das linke Ufer und gingen nun hier zu der hart am heftigsten Falle vorgebauten Galerie.
Hier war denn doch erst die wahre volle Genüge! Gleich großen Wolkenbergen stürzten die ungeheuern Gewässer[314]  vor den unterwaschenen, im Sturze ungebrochen feststehenden Felsmassen hernieder! Dichter Wasserstaub umgab mich; ganze Wassermassen flogen stäubend über die Galerie, und von oben beleuchtete die Sonne die rastlos fortsteigenden und schäumenden Wellen. Man war so recht mitten im Reiche Neptuns!
Wir stiegen endlich zum Schlosse Lauffen hinauf und hatten dort jetzt, von einer andern Galerie, besonders aber von einem kleinen Eckturme, die Masse des Sturzes in ihrem herrlichsten Wellenleben und innerlichen Schäumen in einem Gesamtbilde zusammengefaßt unter uns. Das Phänomen war in jedem Sinne außerordentlich!
Über die Berge des linken Rheinufers gingen wir von da in drückender Mittagshitze nach der Stadt, bestiegen gleich nach Tische den leichten einspännigen Wagen unsers Wirts und rollten so über Eglisau, wo die bedeckte Rheinbrücke passiert wird, die mit einem alten Turme zusammen ein hübsches Bild macht, hierher nach Zürich.

Zürich, 7. August

Sogleich beim Erwachen sah ich heute über den Spiegel des Züricher Sees hinaus und erfreute mich des wieder aufgeheiterten Himmels. Viele mit Holz beladene Kähne liegen hier am Ufer, ein Tor, von einem Wächter bewohnt, steht geradezu im Wasser am Eingang des Hafens. – Auf der Stadtbibliothek sahen wir einen als Hautrelief gearbeiteten Plan der Schweiz. Er hat die Größe etwa eines gewöhnlichen Billards, umfaßt den größten Teil der gesamten Schweiz und ist von einem Bauern namens Müller von Engelberg gearbeitet. Die höchsten Gebirge haben hier über zwei Zoll Höhe, die Region des ewigen Schnees ist durch weiße Färbung angegeben, die Seen durch eingelegte Spiegel und Dörfer und Städte mit linsengroßen Häuserchen sorgfältig bezeichnet. Gewiß[315]  eine stattliche Landkarte und sehr geeignet, einen bequemen Überblick dieser verschlungenen Gebirgsketten und Täler zu gewähren. – Ebenso sieht man Lavaters Marmorbüste von Dannecker, auch ist Lavaters (seitdem vermehrte) Naturaliensammlung hier aufgestellt.

Auf dem Rigi, 9. August vormittags

Wir zogen gestern früh mit dem beladenen Führer von Zürich aus über den Albis, einem hohen, aus Nagelflue bestehenden Gebirgszug, dessen Kamm in einem Gebirgspasse überschritten wird, von dem sich die herrlichste Aussicht zurück nach dem Züricher und vorwärts nach dem Zuger See darbietet. Vom Albis herab geht dann ein höchst anmutiger Fußweg, immerfort durch Gärten, Felder, Weinberge und unter gewaltigen efeuumsponnenen Nußbäumen hinführend, an Kappel vorbei (der Ort ist bekanntlich merkwürdig durch die in seiner Nähe vorgefallene Schlacht, in welcher Zwingli blieb) nach Zug, wo wir einen Kahn mieteten zur Fahrt nach dem am Fuße des Rigi liegenden Arth.
Schon vom See aus hatten wir die mächtigen Mythenberge hinter Arth aufragen sehen, und ohne uns im Orte zu verweilen, wanderten wir gleich die halbe Stunde zu dem verschütteten Goldau im Tal hinauf. Der Roßberg, welcher die furchtbare Steinlawine auf diesen unglücklichen Ort herabsendete, bleibt uns dabei immer zur Linken, und ich überzeugte mich schon auf dem Wege, wie sehr ich Ursache hatte, die mitgebrachte Vorstellung von der Natur eines solchen Bergsturzes zu berichtigen. Man denkt sich nämlich in solchem Falle gern einen jähen Abhang, von dessen Gipfel eine Erd- und Steinmasse losbricht und Vernichtung bringend niederstürzt; statt dessen erblickt man einen sehr allmählich, etwa unter einem Winkel von 40 Grad ansteigenden Berg, aus wechselnden Schichten[316]  eines fetten Letten und Nagelflue gebildet, dessen größerer unterer Teil mit Wiesen und Gebüsch recht anmutig bedeckt ist. Wirken nun schmelzender Schnee, verbunden mit heftigen Regengüssen, anhaltend ein, so erklärt es sich leicht, wie ganze Schichten des Letten sich erweichen können, wie sie dann den aufgelagerten Schichten von Nagelflue nicht mehr den nötigen Halt gewähren und somit das Herabgleiten einer solchen Schicht herbeiführen müssen, die, wenn man sie auch an der Form des Berges so gut als gar nicht vermißt, doch oft eben hinreicht, um eine ganze Stadt zu bedecken.
Dämmerung senkte sich nun allmählich ins Tal, spät verglimmte das Licht an den Gipfeln der Mythensteine, die Glocken einzeln weidender Kühe und das Rauschen der vom Rigi herabströmenden Wasserfälle läuteten die Vesper dieses reichen Tages, und als wir endlich zu dem Kloster Maria zum Schnee (dem Klösterli, wie unser Führer sagte) gelangten, war völlige Nacht eingetreten, und wir sahen uns dort Quartier zu nehmen genötigt.
Das Haus war ziemlich voll von Leuten, welche aus benachbarten Orten über den Rigi nach Luzern wallfahrten, wo ein Volksfest eine große Menschenmasse versammelt; denn zum Gedächtnis der am 10. August 1789 in Verteidigung Ludwigs XVI. gefallenen Schweizer ist dort an einer Felswand ein kolossaler, auf Frankreichs Schilde sterbender Löwe, und zwar nach einem Modell Thorwaldsens und von einem seiner Schüler, ausgehauen worden, und die Einweihung dieses Denkmals soll nun eben morgen, wieder am 10. August, stattfinden. Natürlich war alles aufs lebhafteste mit solchem Feste beschäftigt; dabei aber freilich das Nachtlager das schlechteste, und schon gegen 3 Uhr weckte uns der wackere Führer, damit wir noch vor Sonnenaufgang auf den Rigikulm gelangen möchten.[317] 
Es war ein wunderlicher Gang durch die noch ganz dunkle Nacht; der geübte Führer voraus zeigte die schmalen Fußpfade, dabei die Luft derb kalt auf diesen Höhen, welche den Kamm des Riesengebirges schon übertreffen. In den Tälern rauschten eine Menge Wasserfälle. Schnaufende Kühe mit Glocken lagen hier und da unter den Tannen, und zuweilen ragte ein einsames Kreuz in den Nachthimmel hinauf. So stiegen wir wohl anderthalb Stunden und erreichten jetzt, bei schon etwas dämmerndem Tag, ein zunächst vor dem eigentlichen Kulm liegendes Wirtshaus. Mächtig traten nun aus dem Dunkel die großen, schön gezeichneten Kämme der verschiedenen Gebirgszüge hervor, und klein und einsam schimmerte dagegen im Haus ein stilles Lichtchen. Ohne zu weilen, wendeten wir uns zur Ersteigung des höchsten Kulms, wo wir allerdings vor Sonnenaufgang anlangten, doch den östlichen Himmel stark bewölkt fanden. Auch so war indes die Wirkung des an den Wolkensäumen gebrochenen Lichts, wie es sich auf der langen Reihe der in Süden zackig aufragenden Gletscher spiegelte, unbeschreiblich schön. In Süden zieht sich die Kette der Surenen hin, aus Alpenkalkstein bestehend, und deshalb in den schroffsten Formen und von wunderlichem Gefüge, die Gipfel mit ewigem Schnee und Eis bedeckt. Scheerhorn, Finsteraarhorn, Schreckhorn, Wetterhorn, Jungfrau lagen vor uns, nur der Gipfel der letztern in Wolken gehüllt. Das treffliche Fernrohr eines Herrn Keller (dem Fertiger des für Reisende sehr zweckmäßig eingerichteten Panoramas vom Rigiberge) zeigte uns diese öden Eisfelder, wohin fast nie der Fuß eines Menschen sich verirrt, in größerer Nähe, so daß man sich mit einemmal in die Mitte des Dezember versetzt meinte.
Wie nun das Sonnenlicht immer heiterer und wärmer sich verbreitete, fingen plötzlich am östlichen Abhange an[318]  die mannigfaltigsten Nebel- und Wolkenspiele sich zu entwickeln. Massenweis schienen sie rastlos aus den erwärmten Wänden des Berges zu dringen, stiegen dicht vor uns drehend und ziehend aufwärts, verschwanden scheinbar in dem von leichten Streifwölkchen durchzogenen Himmelblau, bis sie späterhin als kleine Kumuli sichtbar wurden. Und wie dies Spiel in der Nähe fortdauerte, so spann sich auch ein zarter weißlicher Duft um die ultramarinblauen Spitzen der entfernten Gebirge. – Gedenke ich dabei noch der vielen nähern, größtenteils mit zum Rigi gehörigen schön geformten Gebirgskämme, der Hinabsicht auf dreizehn bald näher, bald ferner liegenden Seen, des heitern Sonnenlichts auf dem zierlichen Schweizerhause am Rigikulm und der schönen, mit Gentianen und Alpenrosen geschmückten Alpenweiden des Rigi selbst, so habe ich doch immer nur schwache Umrisse zu einem Bilde gezogen, welches überdies noch durch die in Menge umhergrasenden mächtigen dunkelfarbigen Kühe und die zierlichen Schafe und Ziegen auf das eigentümlichste belebt wird.

Stans, denselben Tag abends



Unser Führer, ein alle Wege wackerer und starker Mann, dem die schweizerische Antwort »Ja Herr!« fast biblisch zu Munde steht, brachte uns beim Herabsteigen vom Rigi noch in eine Sennenhütte. Dieses kleine, von Balken zusammengeschränkte, mit Holz gedeckte und mit Steinen beschwerte Haus lag in einem weitläufigen Gehege, wo schönes Vieh umhergraste. In der Hütte war nur ein Bub von etwa 16 Jahren, guter Gesichtsbildung, mit langem, gerade abgeschnittenem Haar, grauem Oberhemd und einer im Nacken angebrachten Kapuze. Das Holzwerk der Hütte war gewaltig verräuchert, und den Fußboden gab die Erde selbst her. Der große Kessel, in welchem die Milch zum Gerinnen erwärmt wird, hängt in solchen[319]  Hütten allemal zum Hin- und Zurückdrehen beweglich über dem Feuer. Er war jetzt eben geleert, und der Käsekoloß stand in der Presse. Allerhand Gerät lag und hing umher, besonders durften die einbeinigen, gleich an den Hüften festzuschnallenden Stühle zum Melken und die gedrechselten Eimer nicht übersehen werden. Auch sehr große hölzerne Kübel mit Molken waren aufgestapelt, welche letztere teils das gewöhnliche Getränk abgeben, teils zur Bereitung des Ziegers dienen; und endlich wurden in der einen Nebenkammer uns ganze Gestelle voll Käse gezeigt sowie in einer andern Kammer ein großer Trog mit durchfließendem Quellwasser, in welches eine Reihe von Äschen voller Milch gestellt war, denn alle Milch wird hier zur Käsebereitung verbraucht.
Nach langem Bergabsteigen gelangten wir gegen 2 Uhr in die hohle Gasse von Küßnacht, einem ganz gewöhnlichen wenig tiefen Hohlwege, von jungen Buchen beschattet. Fromm haben die alten Schweizer am Eingange eine Kapelle mit spitzem Glockentürmchen errichtet, unter deren Vordach die Begebenheiten der Schweizerbefreiung in einem Bilde vereinigt sind. Geßlers Tod durch den Pfeil Tells, dessen Gedächtnis das Kirchlein geweiht ist, fällt am meisten ins Auge. Nebenan steht manch alter gemütlicher Reim, zum Beispiel:

Hier ward Geßlers Hochmuth erschossen,
Daraus ist unsre Freiheit entsprossen.
Wie lange wird solche währen?
Noch lange, wenn wir die Alten wären!

Wir mieteten in Küßnacht einen Kahn und fuhren über den Vierwaldstätter See nach Stansstad, Wäggis links, Luzern rechts liegen lassend, von welchem letztern uns die Menschenmasse des Volksfestes zurückscheuchte. Es war Regenwetter eingefallen, die niedrig ziehenden Wolken[320]  spielten mannigfaltig um die hohen Berggipfel, die Bergwände selbst waren in düsteres Grau gehüllt, der hellgrüne See wallte unruhig, und so wie die gestrige Fahrt den heitersten Eindruck hinterließ, so trug die heutige durchaus einen trüben, melancholischen und doch immer großen Charakter.
Bei Stansstad kamen Gebirgshörner von Alpenkalkstein näher an den See, und man bemerkte deutlich die stark einfallenden, oft gebogenen Schichten und die senkrecht abgesonderten, fast säulenförmigen Stücken. Stansstad, im Eingange eines herrlichen Tales zwischen dem schroffen Pilatusberge und Buochserhorn gelegen, erreichten wir gegen 7 Uhr und hatten nun noch einen halbstündigen, höchst anmutigen Weg durch ein wahres Alpental nach Stans. Schon der Eingang des Tales wurde durch die schönen Seeufer und einen alten, romantisch genug in die See hineingebauten Turm trefflich eingeleitet. Weiterhin nun die großen, köstlich verästeten Nußbäume und der üppige Graswuchs am Wege; der klar herabrauschende starke Gebirgsbach und die zierlichen, längs seiner Ufer erbauten Schweizerhäuser, von Holz sauber zusammengefügt und breit bedacht; oben aber die ungeheuern, häufig fast senkrechten Gebirgswände, mit Waldstreifen doch bis zur Höhe bewachsen und von immer noch sprühenden Wolken umspielt. Wir schienen erst jetzt recht mitten in die Schweiz eingetreten zu sein!
Stans war der Wohnort des Arnold von Winkelried, und ritterlich steht seine Bildsäule, ein Bündel Lanzen im Arm haltend, auf einem Brunnen der Kirche gegenüber.

Stans, 10. August vormittags

Gestärkt durch eine glückliche Nachtruhe, erwachten wir unter gewaltigen Regengüssen. Immer noch umweben die Wolken die Berge, und es ist leider wenig Aussicht zu[321]  gutem Wetter. – Es ist heute hier Feiertag; die zierlich gekleideten Schweizerinnen ziehen zu der unsern Fenstern gegenüberliegenden Kirche, die mit ihrer luftigen Vorhalle ein heiteres Ansehen hat. Diesen immer etwas breitschulterigen, von Gesicht selten hübschen Frauen steht übrigens ihre Tracht meistens sehr gut. Die geflochtenen Haare werden durch eine große silberne Nadel in einem Neste zusammengehalten und sind mit einer roten Schleife geziert, ein großer, ganz flacher Strohhut, mit vier mächtigen Bandschleifen geschmückt, ein buntes Mieder, weite kurze Hemdärmel, schmale Schürzen, breite, aber kurze Röcke nebst Schnallenschuhen gehören zu dem üblichen Anzuge. Was männliche Tracht betrifft, so ist sie weniger ausgezeichnet. Sehr breitrandige Filzhüte und Ledergürtel scheinen vorzüglich getragen zu werden. Einige bemerken wir jedoch auch mit wahren Sandalen.

Stans, denselben Tag abends

Dieser vom Wetter erzwungene Rasttag war bei allem Regen doch nicht ohne mannigfaltig hübsche Erscheinungen. Vormittags beschäftigte mich insbesondere die Beobachtung der rastlos entstehenden und die Berge umlagernden Wolken. An dem ungeheuern, hinter den nächsten Häusern aufragenden Bergrücken lagen zuweilen zwei ganz verschiedene Wolkenschichten gleichsam terrassenartig übereinander. Bald flockten sie sich gleich zarter Baumwolle auseinander und umspannen die Tannenspitzen, bald sah man sie sich massiger zusammenballen und ratlos wechselnd zur Höhe hinanstreben. Erfährt man aber in diesen Gebirgen so deutlich die Bildung der Wolken, so kann man auch hinwiederum ihre Auflösung sehr bestimmt verfolgen. Gegen Abend stand zum Beispiel vor einem fernern Berge ein länglicher, völlig geformter weißer Kumulus. Kurze Zeit nachher fing er an sich aufzulockern,[322]  auszubreiten und war, ehe man es dachte, völlig verschwunden. Eine wahre Naturgeschichte der Wolken könnte eigentlich nur in solchen Hochgebirgen, wo man mit diesen Luftgestalten nach und nach höchst vertraut wird, ausgearbeitet werden.
Trotz allem Regen wanderte ich vormittags noch zur Kirche. Man ist hier erzkatholisch, und in diesem Sinne ist denn auch die neue Kirche innen und außen verziert. Merkwürdig war mir eine kleine Nebenkapelle, in welcher ein unterirdisches Gewölbe zugleich als Beinhaus diente; sparsam durch einige kleine, schief eingebaute Fenster erleuchtet, mit wenigen morschen Gebetbänken versehen, ließ es in seiner hintern Halle eine ganze dicht mit Totenköpfen und Totenbeinen belegte Wand mühsam erkennen. Zwei kreuzförmige Leuchter dienten wahrscheinlich zum Lichteraufstecken am Allerseelentag, waren aber jetzt auch mit einigen Totenköpfen behangen und besteckt, dunkel aber brannte in einem großen eisernen Gehäuse die Ewige Lampe. – In der obern Kirche neben dem Altar sah man die widrigsten Votivbilder von barocker Arbeit. Einige Weiber beteten an der Grabstätte eines neuerlich kanonisierten Geistlichen, und ich sah dort eine ganze Reihe unförmlicher Wachsbilder an Schnuren aufgehangen, Krankheiten andeutend, von denen dieser Heilige geholfen haben sollte.

Altdorf, 11. August abends


  Amazon.de Widgets
Heute früh endlich, gegen 9 Uhr, zogen wir unter fortwährendem Regen von Stans nach Buochs, an dem einsam unter mächtigen Obstbäumen gelegenen Hause des Arnold von Winkelried vorüber; dort nahmen wir einen dreirudrigen Nachen und fuhren so gen Flüelen ab. – Dieser Vierwaldstätter See zeigte sich heute in peinlichem Lichte. Schwere Wolken des grauen Regenhimmels lagen gleich einer finstern Decke auf allen Bergen, deren untere Hälfte[323]  sonach allein sichtbar blieb. Dumpfe Schwüle herrschte in der Luft, und die an sich herrlich mit Nußbäumen und Dörfern geschmückten, ja infolge des unendlichen Regens noch mit vielen Wasserfällen gezierten Ufer lagen grün und blau in unerfreulicher Härte unter den Wolken.
Wir landeten zuerst vor Tells mit bunten Wandgemälden und vielen Reimen gezierter Kapelle, welche recht wild und keck, gleich Tells Sprung selbst, am schroffen, bewaldeten Axenberge hervorgebaut ist. Um den Fuß des Axen, welcher weiterhin mit ungeheuern senkrechten Felsenmauern in den See hereintritt, fuhren wir dann nach Flüelen, wo wir in starker Brandung landeten. Immer noch hatten uns streifende Sonnenblicke von Zeit zu Zeit erfreut, und der mächtige Briestenstock, eine Spitze des Hochgebirges, trat mehrmals majestätisch über den glänzenden Wolken hervor, so daß uns denn doch dieser schönste Teil des Vierwaldstätter Sees, wo man sich, dank Schillers Genius, schon lange einheimisch gefühlt hatte, nicht ganz verlorenging.
Dann von hier nach Altdorf, einem hübsch und nach dem Brande vom Jahre 1800 neugebauten Flecken. Auf dem Markt steht ein einzelner Turm, wieder mit Tells Geschichten bemalt, dahinter dann die ungeheuersten Gebirgswände aufsteigend, dicht mit Schwarzwald bedeckt.
Vor einem Gasthof war eben eine ganze Karawane Reisender vom Gotthard heruntergekommen. Die Saumrosse und Maultiere mit Klingeln, die absteigenden Frauenzimmer, das hohe Gepäck, alles hatte schon ein völlig italienisches Ansehen.

Altdorf, 12. August

Den ganzen Tag Regen! Wir mieteten indes doch zur morgenden Abreise die Maultiere des Wirts und machten dann mit Schirmen bewaffnet uns auf, um nach Bürglen, Tells Geburts- und Wohnort, zu wandern. Ein halbstündiger[324]  Weg führte zwischen vielen Gartenmauern unter großen Nußbäumen und über manchen von dick-trübem Gebirgswasser angeschwollenen Bach dahin. Auf einer Anhöhe, unter welcher der ganz erdfarbige Schächen fürchterlich brausend aus dem Schächentale hervortobte, lag die Kirche des Orts und ihr gegenüber, da wo Tells Haus gestanden haben soll, eine kleine, jetzt sehr beschädigte Kapelle, welches denn doch alles genau betrachtet sein wollte. Viele auf Tells Geschichte bezügliche Bilder sind fast unerkennbar geworden und ebenso die an sich schwachen Verse unleserlich.

Andermatt auf dem Sankt Gotthard,
13. August abends

So wäre uns denn doch dieser Zug trotz allem Wetter gelungen. Allerdings erwachte ich nämlich auch diesen Morgen zu Altdorf noch unter ziemlich heftigen Regengüssen, bald jedoch hielten sie an, die dicke graue Nebeldecke bildete sich wenigstens zu geformten Wolken, ja endlich wurde zu unserer großen Freude blauer Himmel hier und da sichtbar. Die Abreise wurde sofort nach 8 Uhr bestimmt, und wir fuhren mit zwei Maultieren in »ä leichte Wägeli«, wie der Wirt sagte, zu Altdorf hinaus.
Anfangs zieht die alte Straße sich immer am rechten Ufer der Reuß hinauf, dahingegen die neue auf der linken Seite sich hält und mit ihrer reinen Linie von weitem schon sich deutlich verfolgen läßt. Hier erst eröffnet sich nun die wahre Herrlichkeit des Reußtales! Die schneebedeckten Berghörner standen ihm besonders gut; die Sonne fing sie an zu erleuchten, und von allen Seiten stürzten schäumende Bergwasser zur Reuß hernieder. Der Reitweg geht oft dicht an schroffen Abgründen und mitten durch die herniederstürzenden Wasserfälle hindurch, allein der sichere Tritt dieser Maultiere entfernt die Gefahr, und man blickt bequem sitzend nach allen Seiten frei um sich. Herrlich[325]  wurde dieser Weg vorzüglich gegen Wassen, einem ganz in diese Schluchten in der Nähe des Pfaffensprungs (einer gewaltigen Felskluft) hineingebauten Dorfes. Welch ein Rückblick da über die dunkle Schlucht, in welcher die grünliche Reuß schäumt, nach der beschneiten, sonnig erleuchteten hohen Alpe, die Windgälle genannt!
Hinter Wassen kaufte ich von einem Mädchen ein paar Gemshörner und einige Bergkristalle. Der Weg führt jetzt wieder am linken Ufer der Reuß hinauf. Hinter dem Dorfe Göschenen, dessen graue, aus Holz zusammengefügte Häuser selbst nur herabgerollte Felsstücke scheinen, verliert sich allmählich der Holzwuchs, die Flora aber bleibt auf den Matten zwischen den Steinen noch ziemlich gewöhnlich. Immer enger und ungeheuerer türmen sich nun diese Granitfelsen, anfänglich noch mit Knieholz kümmerlich umwachsen, oft furchtbar überhängend. Unter einzelnen Granitblöcken zeigten kleine hölzerne Kreuze zuweilen die Stellen an, wo im Winter und Frühjahr (denn die Straße wird das ganze Jahr hindurch bereist) Wanderer durch stürzende Lawinen begraben worden waren.
Fürchterlich schön tobt jetzt der Fluß in unzähligen Wasserfällen durch das enge Felsenbett. Keck gesprengte Bogenbrücken führen hinüber und herüber, bis zuletzt über einem herrlichen Wassersturze und zwischen den ganz veränderten Felsen des Urgesteins die sogenannte Teufelsbrücke sichtbar wird. Kühn ist ihr schmaler Bogen über den schäumenden stäubenden Sturz gespannt, und die schroffsten Granitblöcke umgeben sie. Der Weg wendet sich nun auf dem rechten Ufer jäh aufwärts, und man sieht den Eingange des Ursener Lochs, eines über 100 Schritte langen Felsenganges, welcher in seiner Mitte Licht durch eine vergitterte, zur Reuß führende Öffnung, erhält. Hindurchgedrungen, steht man dann in einem[326]  neuen Tale oder vielmehr in einem Gebirgskessel, worin Andermatt liegt. Die Berge, welche dieses Wiesental einschließen, waren sämtlich seit gestern beschneit, das Ganze hatte, bei wieder ziemlich bewölktem Himmel, ein höchst winterliches Ansehen, und wir waren trotz der Mäntel tüchtig durchfroren.



IV.
[327] Faido, 14. August abends











Früh gegen 7 Uhr bestiegen wir heute zwei Pferde, welche uns nach Airolo über den Gotthard bringen sollten. Es war ein heiterer, kalter Morgen, und herrlich spielten leichte Wölkchen um die Schneegipfel. Noch in Andermatt begegneten uns Prozessionen zum morgigen Feste Mariä Himmelfahrt. Voraus alte Fahnen und Knaben mit Klingeln, dann aber eine Menge ziemlich werktägig gekleideter Frauen und Kinder, alles unter Läuten der Dorfglocken fortschreitend. – Hospenthal, an dessen Kirche sich die Straßen nach Gotthard und Furka teilen, stellt durch und durch einen wahren Gebirgsort dar. Grau, schmutzig, unordentlich liegen die Hütten, untermischt mit einigen modernen Gasthöfen, unter- und übereinander; ein hoher alter Wartturm scheint schon in grauen Zeiten die Wacht über diese Bergstraßen gehalten zu haben.
Von hier ritten wir endlich auf allmählich ansteigenden Wegen immer der Reuß entgegen zum wahren Gotthardpaß hinauf. Merklich wird jetzt dies Gebirgswasser kleiner, bildet aber fortwährend die schönsten Wasserfälle. Das Tal flacht sich nach und nach mehr aus; die Vegetation ist auf Gras und Kräuter eingeschränkt, welche letztere im allgemeinen immer noch wenig Neues zeigen.[327] 
Höher steigend werden die Bergwände rauher und kahler, herabgestürzte größere und kleinere Granitblöcke liegen an ihren Lehnen und an ihrem Fuße; die weißen Gipfel leuchten schon näher, immer noch zuweilen von Wolken umspielt.
Endlich traten wir hinter einem über gewaltige Felsblöcke sprudelnden Wassersturz, von wo noch ein köstlicher Rückblick in das Reußtal nach der Windgälle hin, in die völlige Schneeregion ein. Der frischgefallene Schnee war schon häufig wieder geschmolzen und lag nun in einzelnen Massen auf Gras und Steinen. Eine göttlich reine heitere Bergluft umgab uns, die lange entbehrte Sonne erwärmte uns, und gleich wie an einem schönen Märztage blühten die Blumen unter dem Schnee hervor.
Nach langem Fortreiten in dem immer flacher werdenden beschneiten Tale, wo uns ganze Züge beladener Maultiere, aber auch manche einzelne Wanderer begegneten, gelangten wir jetzt auf den höchsten Punkt des Gebirgspasses, auf die Wasserscheide des Gotthard, wo es interessant ist, unter ungeheuern Felsblöcken einen klaren Wasserspiegel zu gewahren, aus welchem einerseits die gegen die Nordsee strömende Reuß und andererseits der gegen das Mittelmeer strömende Ticino zugleich ihren Ursprung nehmen. Links und hoch über sich aber sah man nun die eigentliche Gotthardspitze und rechts den gleichfalls mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Berges Santa Maria.
Tiefer und tiefer neben dem herrlich schäumenden Tessin stieg nun der Weg abwärts; der Schnee war bald gänzlich verschwunden, Gesträuche und Bäume zeigten sich wieder, lange Züge beladener klingelnder Maultiere zogen zum Gotthard hinauf, und die Täler der italienischen Schweiz öffneten sich immer schöner. Vor Airolo sahen wir schon die längs des Ticino üblichen aufgerichteten[328]  Stangen mit Querhölzern (großen Leitern vergleichbar), um das immer noch schwer reifende Korn dieser Täler daran abzutrocknen.
Airolo selbst, wo wir Mittag hielten, ist ein ärmlicher Ort, in dessen Bauart schon Schweizerisch und Italienisch sonderbar zusammenfließen. Die Volkssprache ist ein italienisches Patois. Schon hier war nun im Wirtshause alles anders; italienischer Schmutz fing sich an zu zeigen, auf dem Estrich des Zimmers standen zwei merkwürdige Beteten, jedes fast für drei Personen breit genug, übrigens bloß aus einigen derben Matratzen bestehend, welche auf zwei sägebockartig gekreuzten Fußpaaren ruhten; eine Rolle diente zum Kopfkissen, und etliche buntgewirkte Tiroler Decken stellten das Deckbett vor. Auch fiel ein eiserner Dreifuß, welcher das Waschbecken tragen mußte, in dieser Weise fast noch mehr in die Augen, auch einige bunte Heiligenbilder daneben wurden natürlich nicht vermißt; dem Wirte aber, in luftiger Nankingjacke mit gelbem Strohhut und brennendem Sigaro, sah schon so ziemlich der italienische Beutelschneider aus den Augen.
Mit einem Träger versehen, und nachdem wir unsern vorigen Führer nebst Pferden zurückgesendet hatten, wanderten wir jetzt nachmittags von hier weiter auf einer trefflich gebauten Heerstraße das reizende Tessiner Tal hinab.
Die Straße führte durch mehrere Dörfer, wo die niedliche Tracht der Mädchen mit ihren zierlichen Strohhüten und die freundlichen Kindergesichter uns zu wahrer Ergötzung gereichten; ja hier und da zeigten sich an Wegkapellen und an den Häusern große Heiligenbilder, deren meistens sehr tüchtige Ausführung einen volkstümlich bessern Stand der Kunst schon sichtlich beurkundet.
So führte uns denn dies anmutig begrünte, aber immerfort von ungeheuern Bergwänden eingeschlossene Tal fast[329]  unmerklich hierher nach Faido, während von allen Seiten die herrlichsten Wasserfälle zum Ticino herabstürzten; und wir mußten uns fast wundern, daß im allgemeinen doch diese Gegend so wenig genannt wird.
Überschüttet von den so mannigfaltig schönen und großen Erscheinungen der letzten zwei Tage, suche ich jetzt im ersten italienischen Nachtlager endlich das hochbeinige Bett auf, nachdem uns die Magd längst ihr »felice notte« gewünscht hatte, während sie die abendliche Lampe brennend auf den Tisch setzte.

Bellinzona, 15. August mittags

Der Himmel sah gestern abend ziemlich trübe aus, und so hatten wir uns denn unserm Wirt von Faido verdungen, uns in zwei Tagen nach Milano zu schaffen. Gegen 5 Uhr wurden wir also mit dem Zurufe der Magd »E ora!« geweckt und bestiegen nun bald ein leicht fortrollendes Fuhrwerk. Es hatte in der Nacht stark geregnet, und noch war der Himmel leicht umflort. Die köstlichen Talwände des Ticino erschienen im feinsten Duft bis zu den schneebedeckten Häuptern hinauf.
Die herrlichsten, in reizenden Gegensätzen sich gegeneinander senkenden Linien wurden jetzt im Morgenduft sichtbar, und gerade die gewaltige Höhe ist es, welche hier ganzen Kastanienwäldern und Felsmassen nur die Wirkung kleiner Verzierungen eines unendlich Großen zuteilt. Links am Wege lag auf ungeheuer hohen Felsen eine kleine Kirche, rechts spielten die Morgenwolken um eine Schneespitze und sahen fast aus, als glühten sie an einem Vesuv herauf. Alles groß und nie gesehen!
Bald kamen wir an eine nach dem Kanton Chur führende, hier in das Tessiner Tal geöffnete gewaltige Bergschlucht, wo auf dunkelblauen, vierfach hintereinander abgestuften Gebirgsrücken glänzend weiße Wolken auflagen. Die[330]  Fernsicht in dieses Tal, der Vorgrund näherer mit Kastanien bedeckter, schräg gegeneinander sich senkender Bergwände, die heitere warme Luft, der lustig am Wege umher sich rankende Wein, es war das erste Bild eines wahrhaft südlichen Himmels, welches mir entgegentrat! – Überhaupt erschien nun der sonnige Himmel merklich in glänzenderm Licht, ja nachdem wir am Morgen noch frischgefallenen Schnee auf den hohen Bergköpfen deutlich bemerkt hatten, erfreuten wir uns mittags dieser südlichen Heiterkeit doppelt. Nun sahen wir Bellinzona, ein auf mehrern Hügeln gelegenes Städtchen von völlig italienischem Ansehen. Mehrere Zitadellen mit zackigen Zinnen werden sichtbar, üppige Weingärten strecken sich mit Landhäusern untermischt an den untern Bergwänden hinauf, und hoch über der Stadt, wie zur Seite des Weges, ragen nackte, aber nicht mehr beschneite Gipfel in die Wolken.
Wir fahren durch das Tor und finden statt eines ärgerlichen Pflasters den Wagen federleicht auf Steinplatten, welche gleich Trottoirs für die Räderspuren gelegt sind, dahinrollen. Auf den Straßen ist es sehr lebhaft; viele Leute kommen zufolge des heutigen Feiertags aus der Kirche, vor deren Tür auf echt italienische Weise ein großer Vorhang die Türflügel ersetzt. Die Frauen, in weißen, zum Teil auch bunten Kleidern, sind meistens mit schwarzen Florschleiern geschmückt. Ihre Physiognomien sind durchgängig interessant und haben meistens etwas von jenen geistreichen eigentümlichen Zügen, die ich bisher nur zuweilen an italienischen Sängerinnen bewundern konnte. Auch der Gasthof, wo wir Mittag halten, ist charakteristisch. Ein großer, mit Backsteinen gepflasterter Saal, mit verzierter Balkendecke und großem, in Stukko reich ausgearbeitetem Kamin wird uns zum Tafelzimmer angewiesen. Man sieht wenig Fenster, und diese wenigen[331]  gehen nach dem Hofe und sind noch zur Erhaltung der Kühle mit Jalousien bedeckt. Unsere Stanza ist ganz von gleichem Schlage: überall Steinpflaster, die Öfen gänzlich verschwunden und italienischer Schmutz bereits nicht zu verkennen. Man kann sich schwer überreden, daß man hier noch in der Schweiz sei.
Wir machen vor Tische einen Spaziergang. Zwischen den Weinbergsmauern vor der Stadt überblickten wir das herrliche Tal mit Lust und fühlten uns endlich einmal wieder von der Sonne recht ordentlich durchwärmt. Eidechsen in Menge fuhren pfeilschnell an den Mauern entlang und hinauf, auch wurden so fort einige gefangen und bestens aufbewahrt. Zurückgekehrt, wurden mancherlei uns noch wenig mundende Gerichte aufgetragen. Kartoffeln und Fleisch finden wir hier zuerst in Öl gebraten. Auch der italienische tintenhafte Rotwein will nicht behagen.

Lugano, denselben Tag abends


  Amazon.de Widgets
Gegen 3 Uhr fuhren wir von dem schön gelegenen Bellinzona weiter. Der Weg führt über den Monte Ceneri, und zwar immer auf denselben herrlichen Straßen. Nur hier und da hatten wilde, von den Bergen stürzende Gewässer infolge des letzten heftigen Regens Beschädigungen verursacht. Auch hier sind die Berge mit üppigen Kastanienwäldern bedeckt, deren mit großen Früchten beschwerte Bäume eine reichliche Ernte hoffen lassen. Ebenso trafen wir am Fuße des Berges den ersten Feigenbaum, welcher seine reichbeladenen Zweige breit über die Gartenmauer herüberhing. Weiter hinauf am Berge fand sich dann viel Stechpalmengesträuch, auch sahen wir in der Wirklichkeit, was als Staffage, bald gut, bald schlecht gemalt, man längst auf vielen Bildern gesehen hatte, eine Wegkapelle unter Kastanienbäumen, von andächtigen italienischen Frauen in ihren breiten Strohhüten oder zierlichen Schleiern[332]  umgeben; daneben aber wurde durch das dunkelgrüne, in der Sonne blitzende Kastanienlaub der Anfang vom Lago Maggiore sichtbar, in den hier der Ticino sich ergießt, und am Ufer des Sees erscheint Locarno, der Hauptort des Kanton Tessin.
Wie aber doch dieses heiße Sonnenlicht jenseits der Alpen so ganz anders leuchtet als in unserm Norden! Wie dunkelblau die Schatten der schönen fernen Gebirgsmassen; wie scharf die Umrisse der ganzen Ferne von dem so durch und durch leuchtenden Himmel sich absetzen; wie dunkel und schön reflektieren die Schatten selbst auf den nahen Gegenständen, und wie blitzend und sonnig die Lichter!
Hinter dem Monte Ceneri bis in die Nähe von Lugano war der Weg weniger ausgezeichnet. Frauen, auf Eseln dahertrabend, auch ein Geistlicher, auf wohlgeputztem Eselein in Begleitung einiger Weiber des Weges ziehend, wurden nicht unbeachtet gelassen.
Die Dörfer mit ihren Häusern mit ganz offenen Fenstern und fast ganz platten Steindächern haben ein pittoreskes, aber sehr verwildertes Ansehen. Dabei sind die Kirchturmspitzen völlig verschwunden; kleine oder größere platt geendete schlanke Glockentürme sind an ihre Stelle getreten. Besonders gedeiht überall der Wein, dessen Beeren hier schon der Reife ganz nahe sind, man sieht ihn lustig über flach liegende Lattengerüste oder von Baum zu Baum sich ranken, und Winter wie Sommer bleibt er unbedeckt stehen. Auch Maisfelder sind nun schon ganz allgemein geworden und ersetzen die fast verschwundenen Kornfelder.
Endlich, endlich Lugano selbst, herrlich am Lago di Lugano gelegen, von gewaltigen Bergen umgeben! Der spitzige Monte San Salvatore, dicht vom grünen Spiegel des Sees aufsteigend, zeichnet sich vorzüglich aus.
Diese Stadt ist nicht unbedeutend, die Straßen sind wieder[333]  mit breiten Steinplatten für Wagenräder belegt, und ein offener Platz am Seeufer, von hübschen Gebäuden umgeben, macht eine sehr gute Wirkung. Die meist lang und flach gebauten Häuser werden schon an vielen Fenstern mit kleinen, von Eisengeländern umfaßten Balkonen verziert. Auch hier finden wir im Gasthof wieder einen ungeheuern Speisesaal mit gewaltigem, arabeskenreichem Kamin und Austritt auf weinumrankten Balkon, übrigens aber immer dieselbe Mischung von vergangener Pracht und von Schmutz.

Milano, 17. August früh

In Capo di Lago, einem kleinen dürftigen Orte, aber gelegen an der Paradiesespforte dieses herrlichen Sees, erhielten wir jetzt einen gebrechlichen Einspänner mit einem Fuhrmann der Art, wie man sie als Mausefallen- und Tintenkrämer wohl in Deutschland umherziehen sieht, nichtsdestoweniger jedoch gelangten wir noch zu rechter Zeit nach Como, sehr anmutig halbzirkelförmig ausgebreitet am südwestlichen Ende des Comer Sees gelegen. Hohe, mit Villen, Gärten, Wäldern und Wiesen gezierte Gebirgsufer geben auch diesem See eine mannigfaltige, wenn auch dem See von Lugano nicht zu vergleichende Schönheit. Bald nach der Ankunft strichen wir etwas durch die Stadt. Die Handwerker arbeiteten hier schon in großen offenen Gewölben an der Straße, und wenn man so an verschiedenen belebten Werkstätten vorüberkommt, fühlt man sich durch dieses frische Heraustreten innerlichen Lebens ans Öffentliche gleichsam mit erheitert. Die Frauen tragen einen fast altrömischen Kopfputz, denn die geflochtenen Zöpfe werden durch eine mächtige, mit zwei Knöpfen versehene Nadel zusammengehalten, und außerdem ist noch eine Menge großer glänzender Nadeln nach Art eines Fächers in diesem Neste zusammengesteckt.[334] 
So kommen wir denn auf den Marktplatz und vor die Hauptkirche! Sie ist an ihrer Fassade mit weißem Marmor durchaus belegt und mit viel Bildhauerarbeit halb gotisch, halb italienisch, im ganzen etwas sinnlos, verziert. Vor dem Eingange hing anstatt der Türflügel auch hier nur ein Vorhang. Es wurde Messe gelesen, und wir traten hinein. Man findet nur wenig Bänke in diesen Kirchen, da das Volk am Boden kniet, und das Ganze erhält dadurch immer ein geräumigeres, freieres Ansehen. Auch geben die wenigen, gleichfalls mit Vorhängen verdeckten Fenster ein gewisses mystisches Halblicht, was immer die poetische Wirkung erhöht. Dabei aber hörten wir freilich die Musik eines Opernrezitativs, womit man eben die Messe begleitete; und damit konnten wir uns nun weniger verständigen! – Jetzt führte uns der Weg an die Ufer des weit in die Stadt hinein ausgetretenen Sees! Zwei Gondoliere luden uns ein zu einer Fahrt auf dem See, wir stiegen ein, und unzählige Villen, meistens mailändischen Patriziern gehörig, sahen wir die Ufer verzieren, über welche denn immer die schönen Berge emporsteigen. Auch die Stadt mit ihrer Domkuppel und der über sie herabschauenden Burgruine stellt sich vom See höchst anmutig dar.
Halb vier Uhr fuhren wir aus den Toren von Como. Die Gegend flacht sich nun vollkommen ab, nur die Voralpen bleiben in Nordosten als eine schön geformte Kette mit schneegekrönten Häuptern immerfort sichtbar und schimmern bei voller Abendbeleuchtung in den anmutigsten Farben. Die Straßen sind trefflich, und unser Vetturin jagte immer in vollem Trabe von dannen. Erst nach 9 Uhr, als längst schon der feuriger als bei uns aufgegangene Mond seine Strahlen versendet hatte, fuhren wir zu Mailands Toren hinein und gelangten durch eine Menge meist enger, aber sehr lebhafter, von vielen Gewölben,[335]  Cafés und dergleichen hellerleuchteter Straßen in den trefflichen deutschen Gasthof von Reichmann.

[Milano,] denselben Tag abends

Heute früh weckte mich die Helligkeit des heitersten Himmels, dessen tiefdunkles Blau hier nur selten durch Regenwolken getrübt wird. Ich suchte zuerst den Dr. Farnese auf, welcher, über ein mitgebrachtes Diplom der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden höchst erfreut, mir allen Vorschub leisten zu wollen versicherte und mir zunächst die Tafeln der von ihm veranstalteten zweiten Ausgabe von Mascagnis »Anatomie« vorzeigte.
Mein weiterer Weg führte dann am Dome vorbei, und um mich etwas zu erholen von der Hitze dieser Straßen, trat ich hinein. Diese altersgrauen Marmorgewölbe, auf eine vierfache lange Reihe von starken, oben mit Heiligenbildern verzierten Pfeilern gestützt, diese herrlichen sparsam verteilten, aber ganz mit dunkelglühender Glasmalerei ausgefüllten Fenster, der freie, nicht mit Stühlen besetzte Fußboden, die einzeln hier und da knienden Leute, der einförmige Ton des Messelesens, alles machte einen mysteriösen erhabenen Eindruck. Aufmerksam überschritt ich die noch von Galilei gezogene Mittagslinie, welche, von Messing in den Marmorfußboden eingelassen, quer durch das Kirchenschiff nahe an der Hauptpforte hindurchgeht. Eine kleine Maueröffnung im Deckengewölbe wirft hier täglich genau zur Mittagszeit einen Sonnenstrahl auf diese Linie und dient so nicht nur astronomischen Zwecken, sondern zugleich der jedermann zugänglichen Berichtigung bürgerlicher Zeit.
Als ich nun wieder unter dem Vorhange des Haupteingangs der Kathedrale heraustrat, fiel mir freilich der stärkste Kontrast grell ins Auge; denn unmittelbar vor den Kirchenstufen zeigte sich ein in Eile eröffnetes Polichinelltheater,[336]  wo der Arlechino im schnarrenden Ton und mit häufigen Pritschenschlägen die gaffende Menge belustigte. Auch sitzen die Leute, welche Vögel, Hunde, Kaninchen usw. feilhaben, unmittelbar um den Dom herum, und zwischen den Pfeilern an den Mauern finden sich wahrhaft überströmende luftverpestende Kloaken.
Um 11 Uhr trat ich in die Galleria Brera. Ein höchst opulenter Palast mit Kolonnaden, Freitreppen, Korridoren und einem großen viereckigen Hofe geziert, war er ehemals [als] Jesuitenkollegium gegründet und ist späterhin von Napoleon der Akademie der Wissenschaften und Künste eingeräumt worden. Außer der ebenfalls neu zusammengebrachten und hier aufgestellten Gemäldesammlung umfaßt die Brera die Studiensäle der Künstler, die physikalische Sammlung der Akademie und den Botanischen Garten.
Gleich beim Eintritt in die Gemäldegalerie hielt mich eine Reihe von Freskogemälden Luinis fest, welche aus den Wänden einiger alten Kirchen mit vieler Sorgfalt herausgenommen und hier gleich Ölbildern in Rahmen aufgestellt worden sind. Vorzüglich ist da ein herrliches Bild der Maria mit dem Kinde, der heiligen Ursula und dem heiligen Antonius zur Seite, welches eine wohlgelungene Tafel der neuern mailändischen Kupferstecherschule mir früher schon bekannt werden ließ; nur daß das Bild selbst unendlich schöner war und daß ihm sogar das halb Verblichene der Freskofarben einen besondern geisterhaften Zauber mitteilte. Ferner war die Verlobung der Maria mit Joseph, von Luini schön in großen Figuren behandelt. Man erblickt Joseph kniend; sein Stab allein vor denen aller andern Freier hat Blüten getrieben, und ergeben in die vom Himmel selbst ausgesprochene Wahl, kniet Maria unter andern Jungfrauen auf einer erhabenen Galerie im Hintergrunde. Die Charakterfigur eines[337]  Mannes, rechts am Bilde, welcher gutmütig welterfahren über den seiner Meinung nach zu enthusiastischen Joseph hinschaut, war besonders gelungen.
Unter den übrigen Bildern zeichne ich noch folgende an: Ein Guercino da Cento, Abraham, wie er die Hagar verstößt – halbe Figuren. Die aufgehobene fortweisende Hand Abrahams erscheint sinnvoll als Mittelpunkt des Bildes, dessen eine Seite von der weinenden Hagar, mit ihrem Sohne, dessen andere Seite von der mehr im Rücken gesehenen neuen Sklavin und Abrahams Kopf erfüllt wird. – Auch das reiche Bild des Paolo Veronese, die Hochzeit zu Kanaan, die reizende Kindergruppe von Albani, das in starker Verkürzung trefflich gemalte Brustbild eines toten Mönchs von Velasquez und die Sammlung von Malerbildnissen, durch die Künstler selbst gemalt (worunter auch das Bild des Raphael Mengs), dürfen nicht übergangen werden. Das eigentliche Kleinod dieser Galerie aber bleibt die berühmte Verlobung der Maria und des Joseph von Raffael. Ein so zartes, so in sich vollendetes klares Bild von ihm mag schwerlich weiter gefunden werden! Nur eine reine jungfräuliche Seele konnte ein solches Jungfrauengesicht wie das dieser Maria darstellen. Raffael malte bekanntlich dieses Bild, von welchem Longhi den schönen Kupferstich gegeben hat, als Jüngling von 21 Jahren.
Merkwürdig ist indes doch auch noch ein Bild vom Vater Raffaels, eine Verkündigung Mariä. Neben mancher Unvollkommenheit erscheint hier viel, das wir gar wohl als Hindeutung auf den Sinn des Sohnes ansprechen dürfen.
Drei Hauptsäle der Sammlung sind übrigens von musterhaft schöner Einrichtung. Nicht genug, daß Fußboden und Säulen von Gipsmarmor sie in edler Weise verzieren, es fällt auch ein höchst günstiges Licht von oben durch eine Kuppelöffnung herein, und zwar so, daß eine unter[338]  der Glasdecke übergespannte Leinwand das Sonnenlicht auf solche Weise mildert, wie es eben zur Betrachtung am vorteilhaftesten wirkt.

[Milano,] 19. August



Der gestrige Vormittag war der Besichtigung des großen Krankenhauses sowie des Gebär- und Findelhauses gewidmet, wobei Dr. Farnese meinen Führer machte. Später um 6 Uhr wanderte ich nun wieder aus und jetzt zunächst nach der berühmten Kolonnade von sechzehn schönen korinthischen Marmorsäulen, dem einzigen großen antiken Monumente, welches Mailand aus allen gewaltsamen Verheerungen gerettet hat. Sie stehen vor der Kirche San Lorenzo, mit einem langen, schmalen Dache überbaut, durch große Eisenstangen und Reifen zusammengehalten, und beide Enden der Kolonnade werden durch aufgemauerte starke Pfeiler geschützt. Ein großes al fresco gemaltes Marienbild mit davorhängender Laterne an der Seite des zur Linken stehenden Pfeilers macht dabei freilich den sonderbarsten Kontrast. Man glaubt, daß diese Säulen zu den Herkulesbädern gehört haben, welche Maximian (mit dem Zunamen Herkules der Mitregent des Diokletian) erbauen ließ. Andere wollen jedoch den schönen Stil derselben nicht mit dem Zeitalter des Maximian im Einklange finden und setzen sie in frühere Zeiten. Wie dem auch sei, es ist ein herrliches Werk des Altertums und schaut mit seinen schwärzlichen verwitterten Massen recht ernst und tüchtig auf das gemeine tägliche Treiben herab.
Wir besuchten dann einige Kirchen. Ihre Pracht machte mir keinen weitern Eindruck, dagegen ist es in den meisten so schön kühl und still. Hier und da sieht man einzelne Betende. An der mit einem reichen Vorhange verhangenen Haupttür sitzt gewöhnlich eine bejahrte Frau,[339]  mit Stricken beschäftigt, als einziger Hüter oft so vieler Schätze. Wenn ich hier lebte, diese Kirchen sollten mir oft das Asyl sein, wenn ich in einsamer Betrachtung mich über mich selbst aufzuklären bestrebt wäre! – Warum will man bei uns nicht fühlen, daß für den einen die einsam stille Betrachtung ebenso reiner, ja vielleicht innigerer Gottesdienst sein könne als für andere das Anschließen an zahlreiche Versammlungen?
Reizend ist doch übrigens der Abend in einer italienischen Stadt! Überall die bis zum Zimmerboden geöffneten Jalousienfenster mit kleinen, von Eisengeländer umgebenen Balkonen! Schöne Frauengestalten daran lehnend oder sitzend, von Blumen umgeben! Auf den Straßen wird zur Vermehrung der Kühlung gesprengt, eine rege Heiterkeit bewegt das Volk, und ein eigentümlicher, goldig rötlicher Glanz belebt als schöneres Abendrot die mild erwärmten Luftwellen. –
Am heutigen Morgen machten wir zuerst einen Gang nach dem Fischmarkte, denn es lag mir daran zu wissen, ob hier aus Seen oder Flüssen etwa ungewöhnliche Arten zu Markte gebracht würden. Bedeutendes fand sich nicht vor; dafür hatten wir aber Gelegenheit, manches Nationale in diesem Markt- und Krämerwesen zu bemerken. So sieht man zum Beispiel das Eis überall als notwendigen Marktartikel. Fische und Fleisch, meist auf grünen Reisern ausgebreitet, werden durchaus mit Stücken Eis belegt, und nur so erhält man unter viel wärmerm Himmel diese Dinge länger als in unserm Klima frisch. – Weiter ergötzt sich das Auge gern an den zu großen Haufen aufgeschütteten Melonen, an den mancherlei Kürbissen, den Pfirsichen, Feigen, Trüffeln usw. Von den letztern nötigte uns ein Kerl, der sein »tuberi belli!« rastlos ausschrie, zu kosten, und wir fanden den Geschmack selbst roh ziemlich angenehm. Unbarmherzig aber werden[340]  hier die armen Frösche behandelt; denn es saßen da viele Weiber, ganze Säcke voll lebendiger Frösche zur Seite, und indem sie fortwährend schwatzten oder verkauften, griffen sie einmal ums andere eine Handvoll dieser armen Leibeigenen heraus, um sie jämmerlich zu erwürgen. Denn Stück für Stück wurde einzeln gepackt, die andere Hand schnitt »rasch mit zwei geschickten Griffen« Vorderpfoten, Kehle und halben Kopf weg und zog dann zugleich dem ganzen übrigen Rumpfe nebst den Hinterpfoten die Haut ab, so daß jetzt mit einemmal das Tier für die Küche fertig erschien. Oft versuchte so ein armer Entkleideter, Kopfloser noch einen vergeblichen Sprung, aber umsonst; denn gleichgültig schleuderte ihn die Hand der Tyrannin zu den übrigen Präparierten.
Was weiter den Fremden auffällt, ist die Art des Verkaufs selbst. Nichts wird hier gezählt oder nach der Hand, wie wir sagen, ausgegeben, sondern alles, Gemüse, Salat, Obst, Fische, Fleisch, Trüffeln usw., muß gewogen werden. Da sitzt der ärmlichste Höker mit seiner Schnellwaage, deren einziges Gewicht an dem langen Waagebalken er geschickt hin- und herzuschieben weiß, und so, wirklich sehr schnell, wird das Gewicht bestimmt.
Wir entfernten uns endlich aus diesem Gedränge und wendeten uns wieder zum Dome, diesmal namentlich zur Besteigung des Domdachs, zu welchem man aus dem Kirchenschiff durch eine Seitentür auf schön gehauenen Stufen gelangt.
Die Übersicht des Domgebäudes von oben ist die imposanteste! – Denkt euch einen so gewaltigen Bau, mit nur wenig geneigter Bedachung von weißen Marmorplatten so belegt, daß das Ganze wie auf breiten Treppenstufen an jedem Punkte bequem umgangen werden kann, denkt euch die großen, von den gotischen Pfeilern gebildeten Galerien mit unzähligen Spitzsäulen, Heiligenbildern,[341]  durchbrochenen Strebepfeilern und Geländern verziert, denkt euch hinauf und hinab freie Bogentreppen geschwungen, denkt euch alle diese Werke mit größter Nettigkeit aus weißem Marmor gearbeitet und ahnt nun hinter diesem Walde gotischer Architektur die weite herrliche Aussicht über die mächtige Stadt, über die große fruchtbare Ebene der Lombardei, welche gegen Venedig hin sich unabsehlich verliert, während sie westlich und nördlich von den Apenninen und der schneebedeckten Alpenkette begrenzt wird, und ihr werdet fühlen, was hier das Hinabsteigen erschwert!
Wie um Mailand überhaupt, so hat auch um den Dom Napoleons Regierung sich große Verdienste erworben, indem sie die Vollendung der Westseite und der Fassade, den ältern Baurissen gemäß, bewirkte. Auch jetzt wird an diesem im Jahre 1386 zuerst begonnenen Werke noch fortgebaut, leider indes schläfrig genug. Mag jedoch endlich auch einmal, vielleicht nach der Arbeit von sechs Jahrhunderten, der Bau völlig beschlossen werden, ein Ganzes wird er doch nie! Denn schon in den ersten Jahrhunderten seiner Entstehung haben die Ideen von mehr als 60 Architekten sich hier gekreuzt, und römischer, gotischer und modern italienischer Stil erscheinen daher da in wundersamer Vermischung. Es gleicht dieses Werk einem begabten Geiste, unter Verhältnissen und Zeiten auf die Welt getreten, welche ihn hinderten, sich zu dem in der Wirklichkeit zu entfalten, wozu der ideale Keim, mächtig treibend, in seinem Innern gegeben war!
Wir wanderten jetzt zur nächsten Umgebung der Stadt, und ein neues tüchtiges Werk nahm alsbald unsere Teilnahme in Anspruch. Es ist die große Arena, von Napoleon mit kaiserlicher Pracht angelegt, ganz im Stil eines antiken Zirkus, und zu Kampfspielen, Wettrennen, ja selbst zu Naumachien eingerichtet, da durch Verbindung mit[342]  dem großen Kanale der gesamte, 400 Ellen lange und 200 Ellen breite Kampfplatz in kurzem unter Wasser gesetzt werden kann. Zehn Stufenreihen und die obern Galerien fassen über 30000 Zuschauer, und das Hauptgebäude über dem großen Eingange prangt auf der inneren Fassade mit acht kolossalen Säulen aus dem schönsten Granit und von korinthischer Ordnung. Der schaffende, immer weitgreifende Geist des Kaisers sieht aus allen Zügen dieses Bauwerks hervor, trotzdem daß die jetzigen Behörden Napoleons und Josephinens Porträt dort in römische Götterbilder umzuwandeln versucht haben.
Zum Kloster Madonna delle Grazie zog uns hierauf Leonardo da Vincis unsterbliche »Cena«. Ein hohes, rundliches, altes Gebäude von unbeworfenen Ziegelsteinen, jetzt mehr und mehr der Verwitterung sich entgegenneigend, birgt dieses wunderbare Werk. Die Kirche allein dient noch ihrem ersten Zwecke, die Klostergebäude sind für Ökonomisches verwendet. Es wird die große Türe des Refektoriums aufgeschlossen, man tritt ein in den langen, hohen, gewölbten Saal und gewahrt sogleich an der rechten Querwand, halb über einer jetzt vermauerten Tür, dieses gewaltige, nun in das vierte Jahrhundert hineinleuchtende Kunstwerk; zwar in seinem allerletzten Verblassen, aber auch so noch schön. Man erkennt erst hier recht deutlich, wie bei der weit übermenschlichen Größe der Figuren Vinci nur durch Einfachheit und Vermeidung alles Verwirrenden die höchste Wirkung hervorgebracht hat. Mit Ehrfurcht berührte ich die Wand, an welcher Vinci einst arbeitete! Nie, ich gestehe es, habe ich ein so eigentlich historisches Bild sonst irgendwo gefunden, nie so tiefe Weisheit des Meisters so schön ausgesprochen gesehen als in diesem, jetzt nur auf fleckiger, vermodernder Wand noch unbestimmt schwebenden Bilde, welches, einem Geiste vergleichbar, der höhern Regionen[343]  gereift ist, schon großenteils von diesem irdischen Boden sich gelöst hat. – Ausdrücklich will ich hier jetzt nur noch des Umstandes gedenken (denn über alles andere hat ja Goethe zu vollständige Berichte gegeben), daß auch die räumlichen Verhältnisse des Bildes, namentlich die der Breite zur Höhe, vollkommen rein und bei weitem schöner sind, als man in den unzähligen Nachbildungen zu sehen gewohnt ist, deren ungemäße Ausdehnung in die Breite stets einen unerfreulichen Eindruck hinterläßt. – Es ist übrigens Vincis »Cena« nicht das einzige Gemälde in diesem Refektorium, sondern auf der entgegenstehenden Querwand findet sich noch von Donatus eine Kreuzigung Christi. Fünf Jahre älter als Vincis Bild, nämlich vom Jahre 1495, hat sie sich doch um vieles besser erhalten, welches dem Umstande zuzuschreiben, daß es Fresko gemalt, ja in einzelnen Armaturen und dergleichen sogar als Basrelief behandelt ist, dahingegen Vinci das Seinige leider nur in Ölfarben ausführte.

  Amazon.de Widgets
In der Kirche dieses Klosters, welche wir nun betrachten, wurde uns noch ein zweites Werk als von Leonardo da Vinci herrührend gezeigt. Man sieht auf dem Altare einer Nebenkapelle nämlich hinter Glas eine braune, byzantinische Madonna, welche als Vorhang niedergelassen wird, um nun erst die Madonna Vincis sichtbar zu machen. Ganz geradeaus blickend, im Königsschmuck, den Hals mit reichen Schnuren wirklicher Perlen umgeben, steht sie streng und groß als Himmelskönigin da; zwei Gestalten, ein alter Geistlicher und eine wegen Vertiefung des Bildes schwer sichtbare Frau, blicken andächtig zu ihr auf. Die Kirche selbst ist ein seltsames altes Gebäude, rund gewölbt, mit vielerlei Gitterwerk und Draperien auf das sonderbarste verziert.
Von andern Kirchen will ich nur zwei noch ausführlicher erwähnen. Die erste ist die des heiligen Ambrosius, die[344]  älteste Kirche Mailands, wo sonst langobardischen Königen und Kaisern die eiserne Krone aufgesetzt zu werden pflegte und wo noch jetzt mehrere der erstern begraben liegen. Schon von außen zeichnen sie zwei schlanke, flach zugespitzte Türme neben dem flachgiebeligen Hauptgebäude aus. Auch ist sie an der Front mit einer Kolonnade umgeben, in deren Seiten eine Menge römischer Grabsteine eingemauert sind. Die Kirchenwände sind aus weißem Marmor, und der Stil ist roh und massiv, womit denn die neue Kuppel und einige modern verzierte Seitenkapellen wenig übereinstimmen. Rätselhaft erscheint eine einzelne alte Säule, eine eherne Schlange tragend, von welcher das Volk sich erzählt, ihr Zischen werde den Jüngsten Tag einst verkünden.
Die zweite ausgezeichnete Kirche war die eines ehemaligen Nonnenklosters (Monasterio maggiore), deren gesamte Wände mit Freskogemälden Luinis verziert sind. Diesen trefflichen Mann kennenzulernen ist außerhalb Mailand, der Seltenheit seiner Bilder wegen, kaum möglich; hier aber gewinnt man ihn um so lieber, denn in allen seinen Werken ist ein reines, dem Göttlichen innig zugekehrtes Gemüt deutlich durchleuchtend. Vorzüglich schön war die Darstellung der Taufe Christi. Christus kniet, Johannes steht bekleidet und vom himmlischen Strahle beleuchtet über ihm, und links ist eine sehr schöne Gruppe von vier knienden Engeln. Auch die Darstellung des Johannes des Täufers, umgeben von mehrern andern Heiligen, sowie die einzeln auf Pilaster gemalten Figuren mehrerer weiblichen Heiligen, der Apollonia, Barbara, Ursula und anderer, waren durchaus sehenswürdige Bilder.
Den Beschluß unserer Wanderung machten wir in der Ambrosianischen Bibliothek, welche besonders wegen ihres Reichtums an Handschriften (sie zählt deren gegen 20000) berühmt ist. Wir sahen zuerst hiervon manches[345]  Seltene, zum Beispiel ein Manuskript auf Papyrus aus dem fünften Jahrhundert, auch den ganzen Virgil, von Petrarca aufs zierlichste auf Pergament geschrieben und mit vielen Randnoten ausgestattet. Napoleon pflegte dieses Exemplar stets auf seinem Arbeitszimmer zu haben, neuerlich erst hat es die Bibliothek zurückbekommen.
Hinter der Bibliothek, welche im Erdgeschoß eines nicht eben imposanten Gebäudes aufgestellt ist, liegt ein kleiner Garten, wo, untermischt mit manchen fremden Gewächsen, schöne Hibiskusgesträuche aus ihren großen violetten Blumen den angenehmsten Duft spenden. Von hier tritt man in die Kunstsammlung. Im ersten Saale finden sich Gipsabgüsse, einige Antiken und Canovas Monument für den Maler Bossi. Am bemerkenswertesten war uns die Büste Dantes mit den scharfen unverkennbaren Zügen. Im andern Saale hängen Gemälde. Vor allen ist hier wichtig der große Karton von Raffael zu seiner Schule von Athen. Eine kolossale, herrliche Zeichnung! Nächst diesem sind schöne Sachen von Vinci und Luini da. Von ersterm mehrere Porträts, auch ein gezeichnetes der neapolitanischen Königin Johanna. Von letzterm ein schöner Johanneskopf, an Zartheit und Empfindung mit Recht das Gegenstück zu der Münchener Cäcilie von Vinci zu nennen. Dann noch eine heilige Familie und viele einzelne Köpfe. Zuletzt fand sich von unserm lieben Dürer ein kleines, historisches Bildchen, der heilige Hubertus vor dem Hirsch, und dann (in seiner ausgebildeten klassischen Art zu malen) das blutende Haupt Johannis des Täufers.
Damit wir nun nicht aus Mailand reisen möchten, ohne seine Theater gesehen zu haben, gingen wir abends zu Teatro alla Scala. Man gab »Cenerentola« mit Musik von Rossini und zwei Balletts. Das Theater fängt um 8 Uhr an.[346] 
Die Anlage des Hauses ist durchaus groß und gewaltig; es enthält ein einziges, aber sehr großes und mit höchst bequemen Sitzen versehenes Parterre und sechs Logenreihen übereinander. Über dem Proszenio zeigt auf großem, transparentem Zifferblatt eine Uhr fortwährend Stunde und Minute. Bei Anfang des Stücks war alles noch ziemlich leer, erst nach und nach füllten sich Logen und Zirkel. Man kommt, den Hut auf dem Kopfe, unter dem Stück herein, spricht, lacht, in den Logen schienen hier und da Spielpartien arrangiert zu werden, weshalb denn häufig, um alle von seiten des Stücks mögliche Störung zu vermeiden, die Logenvorhänge dicht zugezogen wurden, und nur eine Bravourarie oder eine neue Tänzerin fesselt dann auf kurze Zeit die allgemeine Aufmerksamkeit. Kurz, es ist eigentlich auf einen Unterhaltungssaal abgesehen, wobei die guten Musen eben einigen Stoff hergeben müssen, wenn sie geduldet sein wollen. Nur mit dem Technischen der Musik und des Gesanges scheint es schärfer genommen zu werden, denn als in einem Duett ein paar junge Sängerinnen nicht recht genau Takt hielten, rief man gleich ziemlich laut: »A tempo ragazze!« Auf dem Theater ist alles auf Sinnenreiz berechnet: Beleuchtung, Maschinerie, Dekorationen, Kleidung, alles ist höchst glänzend, dabei die Individualität dieser Sänger, ihre Lebendigkeit, ihre Komik namentlich, höchst anregend; an etwas Höheres wird dabei eben nicht gedacht. Mit einem Worte, es geht durchaus nach dem Sinne des Direktors im Vorspiel zum »Faust«.
Nach dem ersten Opernakte folgt das große Ballett, und welches! »Die Jungfrau von Orleans«, völlig nach Schillers Drama; nur daß mancher Spektakel, den Schiller bloß erzählen läßt, hier dem Schaulustigen deutlich vor Augen gestellt ist. Wie denn zum Beispiel die Belagerung Orleans sehr prachtvoll dargestellt, auch das Stück selbst[347]  mit der Erscheinung eines Engels bei der Wundereiche eröffnet wird. Dieses Werk so wiederzusehen war hart! Dabei indes wirklich Aufzüge, Schlachten, Erscheinungen, Kleidungen, Waffen, Dekorationen mit einer Pracht eingerichtet, von welcher mir unsere Theater bisher noch keinen Begriff gegeben hatten. Nach diesem Ballett folgte der zweite Opernakt und endlich das zweite Ballett, eine Szene aus »Don Quichote«, welche ausgepfiffen wurde. Erst um ein Uhr nachts war das Ganze geendet, und nur die schöne, reine, italienische Nacht, wo das letzte Viertel des Mondes noch, gleich dem Vollmonde bei uns, den großen Dom auf der Westseite herrlich erleuchtete, konnte wahren Ersatz gewähren für den doch eigentlich meist in Indignation zugebrachten Abend.
Was ließe sich mit solchem Aufwande wahrhaft Großes und Herrliches leisten! Welche reiche Talente zeigten einzelne Sänger, namentlich die beiden Tenoristen! Und wie wird doch alles hier einem falschen Götzen zum Opfer gebracht! Es scheint uns nun einmal nicht möglich, Sinnenreiz und Geistesgewalt in gleich hohem Grade zum Kunstwerk einen zu können; eins muß nachstehen! Und da mag mir es doch keiner verdenken, wenn ich lieber den Leib hart gehalten wissen will, auf daß der Geist desto freier zu seinem Urquell aufstrebe!
Wie anders stand es da noch um dramatische Kunst zu Shakespeares und Cervantes Zeiten, wo in der »Numancia« angeordnet ist, statt des Donners ein Geräusch mit Stöcken unter dem Theater zu machen! Es ist ganz wie mit der trockenen, einfältigen Malerei der Alten! In der Trockenheit liegt's freilich nicht, daß sie groß sind, wohl aber in der menschlichen, die wahre Größe immer nur in einer Richtung gestaltenden Natur.



 V.
[348] Genua, 23. August











Endlich angelangt in diesem fernen Ziel, suche ich zunächst noch einige der Eindrücke der Reise festzuhalten. Wir fuhren hierher mit einem Vetturin über Voghera und die Bocchetta. Bis zur letztern war der Weg wenig interessant, aber auf diesem Gebirgspasse sprangen wir aus dem Wagen, um frei und allein der ersten Aussicht nach dem Mittelländischen Meere uns zu erfreuen.
Die Straße fällt nun steil abwärts. Lange Züge von Maultieren strichen an uns vorbei, regiert von Treibern mit bunten Hemdärmeln und langen, rotstreifigen Zipfelmützen, die zu den sonneverbrannten Gesichtern recht verwegen standen. Noch einmal wurde jetzt in einem Dorfe gehalten und die Ungeduld, Genua zu sehen, auf die Probe gestellt. Der Vetturin fütterte lange, und wir konnten eben nur vor der Osteria auf- und abgehen, wobei die hohen Buchsbaumgebüsche der Gärten uns ergötzten. Endlich gewahrte ich in einem Mauerwinkel neben allerhand Unrat einen ziemlich hohen Baum von neuer Form, ich trat näher, hob abgefallenes Laub auf – es war ein Lorbeer! – An den nächsten Villen, welche meist mit den buntesten Farben bemalt sind, fanden wir dann diesen poetischen Baum noch in Menge. Dabei fielen uns neben den Landhäusern die freien erhöhten Tennen auf, welche, mit einer niedern Mauer umgeben und mit Marmorplatten belegt, zum Dreschen, vielleicht auch zum Rösten des Getreides, des Mais usw. benutzt werden.
Schon nähern wir uns nun den Vorstädten Genuas, wir fahren in eine lange Allee, biegen um eine Ecke und siehe da, das Meer! Der Weg führt jetzt längs einer schönen Häuserreihe (der Vorstadt San Pietro di Arena) und dem Strande hin, so daß volle Muße gegönnt ist, diese Prachterscheinung zu begrüßen. Es war ein milder, ruhiger[349]  Abend, die See fast ganz abgeglättet, nur ein stilles Wallen über der weiten schönen Fläche verbreitet, welche im reinen Grün des Chrysopras den schönsten Gegensatz bildete zu dem an den Wolken spielenden Rot der untergehenden Sonne. Auf diese Art sah ich doch die Ostsee nie; die Farbe des Mittelmeeres ist in ihren Abstufungen gegen die Luft gemilderter und das Grün wunderbar intensiv. Der Strand war übrigens sehr lebhaft, viele Boote und größere Fahrzeuge (Feluken) waren auf den Sand heraufgezogen; in der Ferne lag ein Zweimaster vor Anker, und jetzt kamen wir dem schlanken, hohen Pharus nahe, welcher kühn von einer weit ins Meer vorspringenden Marmorklippe emporsteigt; der Wagen rollte über eine Zugbrücke und an mächtigen Basteien vorüber, bog nun beim Leuchtturm um eine Ecke, und mit einemmal lag der große halbmondförmige Hafen, umschlossen von Genuas Palästen und den dahinter aufsteigenden Apenninen vor uns. – Ja, es verdient mit Recht den Beinamen »Superba«, dieses Genua! Welch kolossaler Halbkreis, und von welchen Zyklopenmauern getragen! Die Spitzen der Zweimaster, welche unter dem Pharus bei den Quarantänegebäuden vor Anker lagen, blieben noch haustief unter den Brustwehren der Straße! Dann diese Masse großer massiver Gebäude, auch der Farbe nach wohltätig ins Auge fallend, mit ihrem gelblichen oder rötlichen Ton und ihren flach zulaufenden Dächern mit blaugrauem geschnittenem Kalkstein gedeckt! – Größe, Üppigkeit, Hochmut spricht aus allen Zügen dieser Anlagen!
Längs der mit Schießscharten durchschnittenen, hier und da mit Kanonen besetzten Hafenmauer, am Palast Doria vorbei, gelangten wir endlich zu dem stark befestigten innern Tor, wo wir die Pässe abgeben mußten, und fuhren dann noch durch eine Reihe von Palästen, an die Strada Lomellina, in welcher der uns bezeichnete deutsche Gasthof[350]  liegt. – Allerhand Gesindel drängte sich herbei, unsere Habseligkeiten zu tragen, denn wenige Straßen Genuas sind fahrbar, die meisten eng, und zwischen hohen Gebäuden verstatten sie nur allenfalls einem belasteten Maultier den Zugang. So auch die Straße Lomellina, wo in dem Palazzo Cambiasso ein Schweizer, namens Gebner, wirtschaftet, bei diesem wohnen wir denn in einem wahrhaft fürstlichen Gebäude, zwar im vierten Gestock (das dritte Gestock ist hier das beliebteste ungefähr wie bei uns das erste, und zwar der reinen Luft wegen), aber in alle Wege trefflich. Fensterbrüstungen und Türgewände von weißem Marmor, die steinernen Fußböden, die roten Tapeten sowie die Möbel, alles geschmackvoll. Unwillkürlich gedenkt man der großen Tage der genuesischen Republik Fiescos und am meister immer Schillers, der wunderbar auch hier uns vorleuchtet wie in der Schweiz.

Genua, 24. August


  Amazon.de Widgets
Es war das erstemal, daß ich an einem südlichen Meere mich befand, und mein erster Gang früh trieb mich daher sogleich auf den Fischmarkt in eine der engen, heißen Straßen, nicht allzuweit von der Börse und vom Hafentor. Nichtachtend Hitze, übeln Geruch und schmutziges, bettlerisches Volk, durch welches man sich drängen mußte, stachen mir die wunderlichen Formen der stacheligen Rochen, meergrauer Haie, brauner Meeraale, grüner Hornhechte, Tintenwürmer, Seeigel und hundert anderes, eben aus dem Meere und frisch, in die Augen, worüber ich zu Hause aus Büchern, Abbildungen und Spirituspräparaten mühsam mich hatte belehren müssen. Es war ein wahres Fest! Immer hatte mir bisher die Totalanschauung gefehlt; ich hätte alles auf einmal in mein Zimmer transportieren mögen! Da lagen auf den langen Tafeln der Fischer neben den sonderbar gestalteten Fischen die großen,[351]  schön gesprenkelten Hummer, die schlanken Squillen und Garnelen, die seltsamen Muscheln; daneben saßen Kleinverkäufer mit Eimern voll Austern, und ein Kerl beschäftigte sich, mit einem Messer Seeigel aufzubrechen und die gelben Eierstöcke herauszunehmen, welche zum italienischen Salat beliebt sind, wobei er denn oft grausam das schöne Zahngestell zerbrach, welches unter dem Namen der Laterne des Aristoteles mir lange bekannt war.
Wir richteten nun allmählich unser Leben ein; wir essen um 2 Uhr in einem schönen kühlen Saal, aber ich muß dies ändern, denn man verliert zu viel Zeit bei dem langen Tafeln, wo die verschiedensten Idiome sich kreuzen. Abends, nach Rücksprache über anzuknüpfende Fischerbekanntschaft mit unserm gefälligen Schweizerwirt, machen wir einen Spaziergang zum Hafen. Diese ganze Natur wirkt eigen auf mich! Ich erkenne die Schönheit dieser Gegenden, aber ich fühle mich ihr fremd, und die künstlerische Anregung fehlt mir noch ganz. Sie würde übrigens unter diesem Himmel gewiß nicht lange schweigen.
Genua selbst steht mir offenbar über allen bisher gesehenen italienischen Städten trotz der so schmalen und engen kleinern Straßen. Selbst die Einwohner machen einen bessern Eindruck, namentlich die Frauen in ihren langen Batistschleiern, welche von Vornehmen und Geringen getragen werden.

Genua, 26. August

Gestern hatten nun unsere Arbeiten an den angekauften Fischen begonnen, um ein tüchtiger, hübscher, junger Fischer schleppt nun fleißig neue, zum Teil lebende Seetiere herbei. Mit einem Hai wurde der Anfang gemacht, und Dietz bekam genug zu zeichnen, während ich sezierte und selbst skelettierte. Es gab fortwährend Neues und Interessantes! Besonders beschäftigt mich die Farbengebung und[352]  bei Lebenden der chamäleonartige öftere Farbenwechsel bei den Tintenwürmern, besonders den Moschuspolypen; auch erhielt ich frische Kalmar und Seeigel. Den einen großen Kalmar hatte ich angefangen zu zergliedern und ließ ihn zur Nacht auf einer zinnernen Schüssel mit Meerwasser ausgebreitet. Es war sehr warm, Fäulnis begann, und in der Nacht erwachte ich von einem hellen Lichte (ich schlafe gern im Dunkeln), das von der Schüssel ausstrahlte. Es war der Kalmar, der so stark phosphoreszierte! – Am Morgen kam der Wirt sehr höflich in mein Zimmer und fragte, ob es mir nicht gefällig wäre, weiter oben ein einsameres Zimmer in Beschlag zu nehmen. Hier in der belle Etage (vierter Stock) beklagten sich die Nachbarn über den Geruch. Wir zogen also aus in die sechste Etage, wo es einsam und sehr hell, aber grimmig heiß ist.

Genua, 28 August



Wir machten abends wieder unsern Spaziergang am Hafen. Es war hohes Abendwasser und trübe, man sah daher wenig Leben im Meere. Heute brachte der Fischer einen lebenden, etwa fußlangen Zitterrochen (Roja Torpedo). Das Tier war schon matt, gab aber doch, wenn man mit Daumen und drittem Finger es zugleich oben und unten an den elektrischen Organen berührte, einen empfindlichen Schlag. Nach dem Tode präparierte ich sofort die ungemein starken Nerven der elektrischen Organe, und Dietz mußte sie sogleich zeichnen. – Ferner erhielt ich seltene Seeigel, an denen mir die Beobachtung der Bewegung der Stacheln interessant war, und eine der großen nackten Seeschnecken, hier »Asini marini« genannt (Aplysia depilans), deren Anatomie George Cuvier so schön geliefert hat. Ebenso bekam ich einen großen lebenden Seestern, woran die sich bewegenden Fühlerreihen und das dem Tiere merkwürdig leichte Umstülpen des Magens[353]  nach außen mir reichlich zu beobachten gab, desgleichen schöne Seeanemonen (Actinia), eine große lebende Krabbe, die ein paarmal entschlüpfte und pfeilschnell auf dem Fußboden umherrasselte, und dergleichen mehr.

Genua, 31. August

Wir arbeiteten in all diesen Tagen fleißigst, denn die Abreise steht bevor und es gibt zu tun, einen guten Teil der gesammelten Sachen in großen Gläsern unter Spiritus zu verwahren und alles in eine große Kiste zu verpacken, welche einem Spediteur übergeben werden soll, wobei uns Herr Mojon mit Rat und Tat beisteht. Manche dieser Präparate, welche ich nach sechs Wochen richtig im Landtransport nach Dresden erhielt, kamen hier teils in die königliche Naturaliengalerie, teils in die Sammlung der Chirurgisch-Medizinischen Akademie.
Beiläufig bemerkte ich auch gar wohl die tristen politischen Zustände des Landes und hörte Viviani viel klagen, denn es schien im Werke, die Universität ganz aufzuheben, an welcher er bisher tätig war. Bereits war das schöne Universitätsgebäude, ein Marmorpalast mit Kollonnaden und Freitreppen, zur Kaserne genommen, so daß Viviani, der noch dort wohnt, von der Soldateska viel zu leiden hatte.
Endlich mußten wir doch auch suchen, noch einiges von der Stadt zu sehen. Die Hauptkirche San Lorenzo mit ihrer Bekleidung von schwarzem und weißem Marmor ist wohl reich genug, aber in einem üppig modernen Stil, der mich kalt läßt. Auch den Palazzo Durazo sollten wir sehen, der außerhalb der Stadt liegt und eine leidliche Naturaliensammlung enthält. Man kommt am Pharus vorbei, durch die Vorstadt San Pietro di Arena, und findet ein mehr elegant als wissenschaftlich aufgestelltes Kabinett. Mehr jedoch ist die Aussicht zu loben Es ist etwas[354]  Köstliches, auf so eine Marmorbalustrade gelehnt über duftende Gärten und Laubgänge von Orangen nach dem blaulichen Meere hinauszuschauen, wie es donnernd seine weiße Brandung im heitersten Sonnenlicht über den lang hingestreckten Strand ergießt, und dabei noch auf der andern Seite den Rückblick nach den Apenninen als Zugabe.

  Amazon.de Widgets
Wollen wir abends nach dem Arbeiten uns etwas Bewegung machen, so ziehen wir meistens die prächtige Strada nuova vor, wo Palast an Palast sich reiht. Man blickt da durch die mächtigen Tore in geräumige Hausfluren, wo Kolonnaden sich hinziehen und Freitreppen sich erheben und wo große Ampeln in der regungslosen Luft ruhig und weithin schimmernd brennen, so daß jeder Palast überraschende Effekte einer Art gewährt, welche Dekorationsmalern zum Studium und zur Nachbildung nicht genug empfohlen werden könnte. Eine Serenade in einer kleinen Nebenstraße machte das Bild einer italienischen Nacht vollständig.
Abschied von all diesen Herrlichkeiten nahmen wir gestern gegen Abend durch einen Spaziergang zum Thomastor hinaus, vorbei am Leuchtturme wieder gegen San Pietro di Arena hinaus, um noch einmal an dem Anblick des eben lebhaft bewegten Meeres uns zu erfreuen. Schon an dem Felsen des Pharus schäumte die Brandung gewaltig auf, ohne doch zu hindern, daß badende Knaben von dem Bollwerk des Quarantänegebäudes in die auf flachem Sande heranrollenden Wogen hineinsprangen. Wie wir nun aber selbst dicht am Strande waren, wie in unabsehlicher Breite die mächtigen Wogen anrollten und donnernd ihren Schaum gegen uns herauffluteten, da erst war uns recht wohl, und wir warfen uns auf den feuchten Sand nieder, um uns recht satt zu sehen an dem großen Phänomen, das ich vielleicht sobald nicht, ja vielleicht nie wiedersehe.



 VI.
[355] Voltagio, 1. September mittags











So liegt denn Genua hinter uns, der Weg zeigt wieder nach Norden, und sehnsüchtig schweift der Blick nach vorwärts, nach den Geliebten der Heimat!
Der vorletzte Abend in Genua war noch einer der anmutigsten. Nach rüstig vollbrachter Tagesarbeit gingen wir zum Hafentor, die Sonne war unter, das duftige Zwielicht eines ziemlich bewölkten, aber farbigen Himmels schwebte über dem Meere, über der Hafenmauer ragte der Wald der Masten und Segelstangen hervor, in dem feinen Violettgrau des Spätabends, welches Schiffe, Meer und Hafengebäude halb einhüllte, wurden hier und da einzelne Lichtpunkte sichtbar, die großen, schiefgehängten, in einen Knopf sich endigenden Segelstangen der Barken standen schön zu den weiter entfernten geraden Kauffahrteimasten, und dazu nun die tiefe Ruhe des Abends, das sanfte Wiegen der Feluken untereinander, die großen Gewitterwolken, welche, am Horizonte hingelagert, noch an die Schwüle des Tags erinnerten, sie bildeten ein Ganzes, das sich mir tief eingeprägt hat.

Mailand, 3. September

Unsere Begleitung hierher machte diesmal eine römische Familie von vier Personen, eine Frau mit ihrem Manne, einem Knaben und einer schon erwachsenen Tochter, welche als Sängerin von einem Theater zum andern geführt zu werden schien, wenigstens haben alle schon seit langer Zeit keine eigentliche Heimat mehr und sahen denn auch etwas romanhaft und ärmlich aus, obwohl das Mädchen ihren kleinen seidenen Hut recht nett zu tragen wußte und überhaupt sich anmutig darstellte, ohne sonst eben sehr hübsch zu sein. Der Vater mit dem Knaben[356]  saß auf dem Bocke, und wir plagten uns von Zeit zu Zeit, mit den beiden Damen etwas italienisch zu radebrechen. Sie selbst sprachen es sehr rein und verständlich.

Mailand, 4. September

Gestern sind wir hier angekommen und werden morgen weiterziehen. Auf der Brera hatte man indes die moderne Kunstausstellung geöffnet, und natürlich verfehlte ich nicht, sie zu besuchen. Hier nun in den herrlichsten Sälen, auf geschmackvolle und zweckmäßige Weise in guter Beleuchtung verteilt, stehen die ausgestellten Arbeiten der Beschauung einer Volksmenge offen, welche zu mehrern Hunderten in diesen Räumen sich ganz frei und gemächlich ergeht! Und daß dabei die großen üppigen Gestalten der vornehmen Mailänderinnen im höchsten Staate nicht versäumen sich zu zeigen, kann man denken.
Was die ausgestellten Werke selbst betrifft, so läßt sich wenig davon rühmen. Zwar Farbenpracht, Glätte der Ausführung, Handfertigkeit fast in allen Bildern; dagegen auch französierendes Wesen, ein überall durchstechender Mangel höherer Intention und Untergang in genußsüchtiger Sinnlichkeit. Eine dem Göttlichen entfremdete Seele spricht mehr oder weniger überall sich aus, und das treue einfache Halten am Wahren und Reinen suchst du vergebens. – Es gab viele Landschaften, aber fast alle nur im obigen Sinne.

Castellanza (auf der Straße nach dem Simplon),
5. September mittags

In einer Laube von ehrlichem Rüstergebüsch und in einem Garten, der seiner Physiognomie nach ebensogut drei Meilen von Leipzig als drei Meilen von Mailand[357]  liegen könnte, soll eine magere Kollation von Früchten und Wein den Staub und Lärm der Landstraße vergessen machen. Zu sonstiger Erquickung greife ich nach dem Tagebuche.
Wir waren gestern nochmals auf der Brera, nachdem ich früh Farnese besucht und die geliehenen anatomischen Instrumente richtig wieder abgegeben, auch mit ihm einen Besuch bei Morlacchi, seinem teuern Cugino, dem sächsischen Kapellmeister aus Dresden, gemacht hatte. Morlacchi gefiel mir nicht übel, er ist geistreich und offen, und wenn auch seine Werke der wahren Musik im höhern Sinne des Wortes nicht angehören, so ist doch ein eminentes Talent gar wohl kennbar. Er lebt jetzt auf einige Zeit hier, um eine Oper für Venedigs Karneval zu komponieren, und denkt dann nach Dresden zurückzukehren. Seine Wohnung in einem schönen Gebäude am Corso, mit Aussicht nach schattigen Gärten, war anmutig genug. Überrascht fand ich mich etwas, in seinem Vorzimmer eine junge Mohrin Wäsche plätten zu sehen. Es war ein höchstens fünfzehnjähriges, zartes Geschöpf, deren samtene Haut bei ihrem feinen Nationalgesicht und ihrer weißen Kleidung einen eigenen, interessanten Anblick gewährte.
Nun noch ein letzter, kurzer Besuch bei den alten Bildern der Brera, vorzüglich bei Luini, Raffael, Guercino und Vitti. – Raffaels Verlobung allein wiegt die Beschwerden einer ganzen italienischen Reise auf! Ich entdeckte noch hier die Kopie von Vincis »Cena«, welche dem Original fast gleichgeschätzt wird: sie ist in vieler Hinsicht dürftig und trocken, wenn man des herrlichen Urbildes gedenkt, doch ziehe ich sie immer noch der großen modernen Kopie vor, welche im ersten Studiensaale hängt und mit einer Farbenpracht und weichlichen Eleganz prangt, welche bei dieser Aufgabe doppelt lästig wird.[358] 
Arona, 5. September abends

Auf dieser Straße zum Simplon wird schon hinter Castellanza das Land immer hügeliger, blaue Gebirgsrücken kündigen das Annähern der Alpen an, und der Lago Maggiore wird als Silberstreif sichtbar. Bei Sesto setzen wir über den aus dem See tretenden grünen Ticino und gelangen bei Sonnenuntergang hierher in ein Wirtshaus, dicht am See gelegen, wo wir der anmutigsten Aussicht uns erfreuen.
Tiefe Dämmerung senkt sich nun über den breiten Spiegel des Gewässers, dunkel ragt gegen uns über auf schroffen Felsen Angera, und weithin strecken sich die Ketten der Alpen, über denen ein Spätrot des Abends schimmert. Es ist alles so still. In der Bucht vor unsern Fenstern schwankte noch eine Barke bei leisem Wellenschlage des Sees, und ganz im Vorgrunde öffnet sich die alte gezackte Mauer, welche den kleinen Hafen umschließt, mit zwei Türmen zum Hafentore. Ein einsames Licht schimmerte in dem einen Turme über der Wasserfläche. Es war mir lange nicht so beruhigt, so friedlich zu Sinne wie diesen Abend!

Domodossola, 6. September abends


  Amazon.de Widgets
Mit verändertem Vetturin, städtischen Pferden und zur Genüge betrogen, zogen wir heute früh aus Arona. Die schöne Straße läuft von da dicht am Seeufer hin, immer sich gleich, schon hier mit häufigen granitenen großartig ausgeführten Brücken versehen. – Bei Stresa werden die Borromeischen Inseln sichtbar, und wir steigen zu Kahn, um nach der gepriesenen Isola bella zu fahren. Herrliches meerartiges Wogen dieses grünkristallenen Sees; köstliche, duftige, schön gezeichnete Bergrücken in Osten; vor uns Isola bella mit seinen wunderlichen Terrassen, ganz von Lorbeer, Zitronen und Orangen umgrünt, dahinter die schneebedeckten Gipfel der Alpen![359] 
Wir landeten an der breiten Treppe des noch jetzt vom Grafen Borromeo bewohnten Schlosses und fanden uns auf dem Vorhofe eines mäßig großen, im altfranzösischen Stil erbauten Palastes. Sein unteres Gestock ist zu Grotten benutzt, deren Wände und Fußböden mit kleinen bunten Kalkgeschieben ausgelegt sind. Hin und wieder sind in Nischen Marmorstatuen von Schülern Canovas aufgestellt, am besten bleibt aber immer die außerordentliche Aussicht über den See hin. Es folgt dann ein auch etwas überladener Saal, mit weißem Marmor ausgelegt, und endlich eine Reihe geschmacklos verzierter, zum Teil mit schlechten Gemälden behangener Zimmer, alles an das Zeitalter Ludwigs XIV. erinnernd.
Es sind jetzt ungefähr 150 Jahre, daß diese wunderlichen Baulichkeiten entstanden, indem man einen nackten Gneisfelsen durch Überwölbung zu Terrassen umschuf und mit Erde mühsam bekleidete. Die Wahl des Orts hätte schwerlich glücklicher, der architektonische Geschmack der Ausführung schwerlich unglücklicher sein können!
So ruderten wir zurück nach Fairolo am Ufer des Sees, wo der Wagen uns erwartete, welcher gegen Abend durch herrliche Alpentäler hierher nach Domo uns führte.

Schweiz

Brieg, 8. September

Der Simplon sollte ganz zu Fuß überwandert werden. Gestern früh daher, bei leichtbewölktem schönem Morgenhimmel, zogen wir, unsere Bündel auf dem Rücken, aus Domo hinaus, über tauige Fußpfade längs des Tales hin, und zwar noch eine Stunde lang auf ziemlich ebenem Boden. Weiter fängt sich die Straße an zu erheben, aus tiefen Felsschluchten hervor stürzt reißend die Variola,[360]  und eine auf kolossalen Pfeilern ruhende Brücke geleitet bequem den Wanderer über den Abgrund.
Wo abermals die Straße sich stärker erhebt, kommt man durch eine zweite kürzere Felsengalerie und gelangt nach Iselle, dem letzten sardinischen Orte mit einem Grenzamte. Ein Knabe bot Granaten, wie sie hier im Glimmer und Feldspat öfters vorkommen, zum Verkauf; wir brachten einige an uns. Bald darauf trafen wir auf den Rest einer im Frühjahr niedergestürzten Lawine. Selbst die schwüle Luft dieses heißen Tales hatte sie nicht ganz zu schmelzen vermocht. So immerfort allmählich zwischen den an ihren Häuptern von Sommerwolken umspielten Felswänden aufsteigend, gelangten wir zum ersten deutschen, dem Kanton Wallis zugehörigen Dorfe. Es ist ein recht eigentliches Gebirgsdorf! Unscheinbar liegen die grauen, von Steinen beschwerten Hütten zwischen den mächtigen Gebirgsmassen. Ein inmitten des Dorfes abgesondert liegendes Wirtshaus ist turm- oder kirchenartig, mit vielen Stockwerken übereinander, in die Höhe gebaut, offenbar des vielen Schnees wegen, welcher im Winter diese Täler erfüllen mag.
Immer mehr wird nun das Tal eine bloße Felsschlucht; der Weg windet mit gleicher Schönheit sich höher und höher, und endlich gelangt man zu einem von rechts herabstürzenden Wasserfall, welcher, die Straße kreuzend, schäumend der links in jäher Tiefe tobenden Variola zueilt. Ein Brückenbogen führt sicher über den stäubenden Fall, und durchnäßt vom Sprühen des Gewässers tritt man in die längste Felsengalerie dieser Bergstraße, welche, in ihrer Mitte zu Tage geöffnet, einen Blick in das neben ihr herabstürzende Wasser gestattet. Weiter oben fließt nun der Gebirgsbach ruhiger, man trifft abermals auf ein Refuge (schon weiter unten stehen mehrere große, mit Kaminen versehene massive Gebäude zum Dienst der Reisenden)[361]  und gelangt durch eine vierte Galerie nach dem Dorfe Gesteig. Einzelne zerstreute Hütten zwischen öden, auf ihren Häuptern nur mit Flechten bekleideten Felsen bilden dieses Dorf. Die Straße wendet sich jetzt mehr nördlich, und bald erreicht man Dorf Simpeln, an welches schon ein zum Fletschhorn gehöriger Gletscher nahe heranreicht. Zierlich spielten die Wolken um die dunkeln Alpenhörner, die Luft war kalt, und wir freuten uns, vor einbrechender Dämmerung im Bereich eines trefflichen Wirtshauses zu sein.
Früh bei nebeligem Wetter schieden wir wieder von dannen, und seltsam jagten jetzt die grauen Wolken sich um uns her. Immer noch hebt sich die Straße, obwohl wenig. Gebirgsbäche stürzen schäumend zwischen Felstrümmern und Lärchenbäumen daher, Wolken ziehen in mancherlei Bildungen, Herbstnebeln ähnlich, dahinter; Gletscher reichen zur Linken tief herab, und an roh unter Felsblöcke hineingebauten Häusern fesselt ein einfältiglich wacker geschnitztes Kruzifix die Aufmerksamkeit des vorübereilenden Wanderers. – Die Straße selbst ist größtenteils öde; dunkelfarbige Kühe und gewaltige Schafe, meist auch dunkelfarbig, weiden hier und da am Wege. Einige Frauen begegnen uns, in deren kleinen runden Filzhüten und wunderlich steifen Kleidern schon die schweizerische Nationaltracht sichtbar wird.
So erreichen wir denn, immer von Wolken umspielt, das etwas tiefer links vom Wege abliegende Hospitium, wo zwei Bernhardinermönche mit ihren Doggen stets zum Wohle der Fremden beschäftigt sind. – Wir konnten nicht vorüberziehen, ohne von der Gastfreundlichkeit dieser wackern Männer eine Erfahrung mitzunehmen, und kehrten vertrauensvoll ein. Das Hospiz, ein altes, dunkles, wieder turmartig in mehrern Stockwerken aufgerichtetes Gebäude, gewährte einen unfreundlichen Eintritt. In Gesellschaft[362]  einer französischen Magd und eines häßlichen Kretin blieben wir in der dumpfigen rauchgeschwärzten Unterstube bis zum Eintritt des Geistlichen. Es war ein sechzigjähriger, munterer Mann, über dessen schwarzer Kutte ein weißes Ordensband mit blauer Schleife vom Halse und rechter Schulter nach der linken Hüfte herabhing. Wohlwollend empfing er uns und führte uns ins obere Zimmer, wo wir mit Brot, Käse und Wein freundlich bewirtet wurden. Der gute Mönch er zählte, wie er nun bereits 14 Jahre hier auf dem Simplon wohne und wie er 18 Jahre vorher auf dem St. Bernhard zugebracht habe, während welcher ganzen Zeit er nicht einer einzigen Krankheit sich entsinnen könne. Mancherlei Personen waren in diesen 32 Jahren an ihm vorübergegangen; der meisten ausgezeichneten französischen Feldherren wußte er sich gar wohl zu entsinnen, und Murat war einer der letzten unter ihnen. Als bemerkenswert hob es der Mönch hervor, daß Napoleon die Straße über den Simplon, welche wir doch nur ihm verdanken, nie selbst bereist habe, obwohl seine beiden Frauen und seine Feinde hier über die Alpen gegangen sind. Schnurrend strich unter diesen Gesprächen eine starke braune Katze an unsern Stühlen hin und erregte durch ihre kleinen Ohren, den langhaarigen Schwanz und das seltene Gelbbraun ihres Pelzes unsere Aufmerksamkeit. Wir erfuhren, daß es der Bastard sei einer mit hierher gebrachten Katze und der Steinmarder der Gegend. Diese Bastarde sollen untereinander fruchtbar sein, und das Hospiz hält mehrere dergleichen. – Endlich schieden wir freundlich dankend; der Mönch geleitete uns bis zur Tür, den Fußsteig andeutend, auf welchem wir nun rüstig wieder die Heerstraße hinaufstiegen.
In einer Viertelstunde war jetzt der höchste Punkt der Simplonstraße erreicht; rechts und links dehnten sich öde, spärlich beraste Bergwände hinan, deren Häupter von[363]  rastlos treibenden Wolken verborgen wurden. Eine Zeitlang geht die Straße ziemlich eben fort und leitet am Fundament des großen, von Napoleon beabsichtigten Hospizes vorbei. Das erste Geschoß ist in guten Verhältnissen und bedeutender Ausdehnung aufgebaut, auch liegen viele Materialien noch um die Straße her aufgehäuft, aber alles ist öde und tot, und schwarz starrt die Ruine des kaum begonnenen Gebäudes dem Wanderer entgegen, indes gewaltige schneebedeckte Felshörner, an denen ein Gletscher sich herabsenkt, dahinter aufragen, heute von rastlos sich wälzenden winterlichen Wolken bald entschleiert, bald verdeckt.
Wenn das Gewordene, das Ausgebildete zugrunde geht, so läßt sich der Mensch wohl noch darüber bedeuten, aber wenn das Werdende, das einer schönen Zukunft erst Entgegengehende plötzlich niedergeworfen und langsamer Vernichtung preisgegeben wird, so hält es ziemlich schwer, nicht mißmutig zu werden. Zu solchen und ähnlichen Betrachtungen, die ja das Leben oft genug herbeiführt, hatten wir Stoff genug, während wir eine Zeichnung dieser Umgebung zu entwerfen versuchten. Die Umnachtung des Gewölks ließ es indes nicht zu, alles und jedes nach Wunsch zu beendigen.
Die Straße fängt sich nun an nach der Nordseite der Alpen zu senken und öffnet den Blick in das mächtige Tal der Rhône. Zur Rechten stürzen aus einem ziemlich nahen Gletscher Wasserfälle hernieder, und eine Galerie führt durch einen weit vorspringenden Felsen, bis zu dessen Haupte der Gletscher sich vorstreckt. Von Strecke zu Strecke folgen nun regelmäßig kleine Gebäude mit der Inschrift »Refuge«; Reisenden zum Schutz und Leuten zur Wohnung bestimmt, deren Geschäft es ist, im Winter den angehäuften Schnee wegzuschaffen und die Bahn für die täglich passierende Diligence offen zu erhalten.[364] 
Das Wetter wurde jetzt trübe und regnerisch, und um so gewaltiger und finsterer erschienen die zur Linken liegenden Abgründe und Höhen. – So gelangen wir zu einzelnen im Tale liegenden Bauerhäusern von vollkommen schweizerischer Bauart und mit hohen Nußbäumen umpflanzt. Auch die Neigung, durch irgendeinen Denkspruch sich dem Wanderer mitzuteilen, tritt wieder hervor, wie ich denn zum Beispiel an einem neugebauten Hause folgendes las:



Wer da baut an die Straßen,
Der muß die Leute reden laßen.

Unter wechselndem Sonnenschein und Regen erreichen wir endlich gegen 6 Uhr dieses Brieg, ein kleines, reinliches, katholisches Städtchen, wo moderne und echte Schweizerhäuser bunt untereinandergereiht sind und wo eben jetzt die Leute vor den Fenstern unsers Wirtshauses auf einem einfachen, hinreichend beregneten Fußwege mit Kegelschieben sich zu vergnügen trachten.

Martinach (Martigny), 10. September abends

Gestern, in Brieg, erwachte ich bei gewaltigen Regengüssen, die Berge hatten ihre Wolkenkragen umgetan, und wenn auch auf einzelnen Höhen etwas frisch gefallener Schnee sichtbar wurde, so war doch der Himmel so grau umzogen, daß wir, an Stans und Altdorf gedenkend, langes Regenwetter befürchten mußten. Ich entschloß mich sofort, die Grimsel und das Berner Oberland für diesmal aufzugeben, mietete einen elenden Einspänner, teuer genug, und so fuhren wir gen Sion ab.
Die Straße geht das Rhônetal entlang und hat wenig Abwechselndes, ist häufigen Überschwemmungen des wilden Flusses ausgesetzt, und durch Weiden und Hippophaägebüsch sich dahinziehend, übt sie den Reisenden im Ertragen tüchtiger Stöße des Wagens. Die anstehenden Talwände[365]  zeigen sich an ihrem Fuße aus schiefrigem, krummschaligem Alpenkalkstein bestehend, lehnen sich aber unter mäßigem Neigungswinkel so gewaltig in die Höhe, daß ihre Gipfel in die Schneeregion eingreifen und von Wolkenzügen fortwährend umspielt werden. Weiter abwärts sind sie bewaldet oder bebaut. Die Dörfer dieser Walliser haben ein elendes Ansehen, die Unreinlichkeit herrscht im Innern, die Häuser, aus Holz zusammengefügt, ruhen gewöhnlich auf vier mit Steinplatten bedeckten Pfählen, und die häßlichen Kretins, einer immer widerlicher als der andere, begegnen dem Fremden allerwegen. – In manchen Dörfern sehen die Bewohner winterszeiten keine Sonne, weil sie über die Gebirge nicht heraufkommt, und daß gerade dieser Lichtmangel an der Entstehung des Kretinismus großen Anteil habe, scheint keinem Zweifel unterworfen. – Spät in der Nacht endlich gelangten wir nach Sitten (Sion), wo wir einige Mühe hatten, noch ein Unterkommen zu finden.

Martinach, 11. September

Wir gingen nun am 10. September früh von Sion ab und wanderten durch das schöne Wallisertal auf Martigny zu. Der Morgen war heiter und zeigte die herrliche Gegend von Sion in ihrem vollen Reichtum. Malerisch ragen über der Stadt die beiden alten Schlösser herauf, und gegen die fernen bläulichen Alpenketten bilden die schöne Talvegetation und die nähern, mit mannigfaltigem Grün bedeckten Vorsprünge der Berge, zum Teil mit Ruinen geziert, den anmutigsten Gegensatz.
Bei Ardon überraschte uns der Anblick eines aus ungeheuern Felsmauern hervorbrechenden Gebirgswassers (der Lucerne). Die Schlucht, aus welcher dieses Wasser hervorströmt, war von so gewaltiger Höhe, die Formen der Felsen so kolossal, daß man Dantes Eingang zur Unterwelt[366]  füglich hierher hätte verlegen mögen. Noch imponierender jedoch erschien weiterhin bei St. Pierre der Einblick in die Kalkfelsen der Diablerets. Titanenhaft übereinander getürmt starrt hier eine grauenerregende Masse von Zacken und Pyramiden in schwindelnder Höhe. Eben zogen aufsteigende Regenschauer ihren zarten grauen Schleier um diese Schluchten, gespensterhaft stiegen Wolken an ihnen empor, und die abgedämpften, violetten, rötlichen und olivengrünen Töne vollendeten das Ganze zu einer zauberhaften Erscheinung.
Wir überschritten die Rhône und kamen im Sprühregen unter Erlengebüsch nach St. Pierre, wo eine alte dicke Wirtin uns ein einfaches tüchtiges Mittagsmahl bereitete, zu welchem der leidliche Landwein gut genug mundete. Alles spricht hier schon französisch.

Chamouny, 11. September abends

Mittag war vorüber, und wir stiegen wieder auf, um die Höhe des Col de Balme zu gewinnen, von wo uns die herrlichste Aussicht in das Chamounytal versprochen war. Diese Gebirgspfade jedoch waren die knappsten, die wir noch angetroffen, mühsam klimmen über Wurzeln und Blöcke die Maultiere hinauf, querüber geworfene Lärchentannen nötigen oft zu großen Umwegen, und mit Mühe hält man sich bei dem Geradeaufklettern der Tiere in dem sonst so bequemen Sattel. Endlich müssen wir absteigen, denn grimmig blicken die Tiefen herauf, und blendend leuchtet seitwärts durch die Tannen der Gletscher.
Höher hinauf kommen wir ins Freie, an ungeheuern Felsmassen vorbei, auf Alpenweiden, wo unter umhergestreuten Steinen läutende Herden klettern. Eine elende Sennhütte, von übereinandergelegten Steinplatten aufgerichtet, ragt kümmerlich auf einer Anhöhe vor, und ein Ziegenhirt[367]  am Wege, hinter einem Felsblocke in ein braunes zottiges Schaffell eingewickelt, paßt gut genug zu dieser verödeten Umgebung. So reiten wir fortwährend aufwärts dem Col de Balme entgegen, über den noch immer sonnige Wolken in raschem Zuge herüberstreifen. Eine neue Flora von Gentianen, moosartigen Saxifragen und Sempervivum erscheint; Schnee, halb überfroren, wird in ziemlichen Flächen sichtbar, die Luft zieht schneidend kalt, und endlich sind wir auf der Höhe! Nun war's gut! Die Sonne leuchtete fort trotz mancher vorbeieilenden Wolke; mitten aus wogenden, hellerleuchteten Kumuli wurde der Montblanc sichtbar, weiter nach uns zu der Mont Dru. Rechts lagen die Aiguilles rouges; lange Gletscher strecken sich in das weitgeöffnete Chamounytal hinab; immer aber kehrt das Auge zu den ungeheuern Eis- und Schneemassen des Montblanc zurück, auf denen die wunderbarsten Spiele von Licht und Färbung sich entwickeln.
Jetzt kommen neue Wolken gezogen; erst vorbei, dann uns nebelartig einhüllend und endlich, sich gleich einem Vorhange wieder aufhebend, die herrlichen Täler und Firnen entschleiernd und weiterziehend. Eine wärmere Temperatur, minderer Luftzug und Geruch nach Nebel bezeichnet jedesmal dieses Wandeln in einer Wolke. – Zu Fuß wandern wir nun über abhängige feuchte Alpenwiesen, an großen Büschen der Gentiana purpurea vorbei ins Tal hernieder. Tiefer herabgekommen, zieht uns der Glacier du Tour an, wir ruhen nicht, bis wir über das aus ihm hervorquellende Gewässer, über den Sand- und Steinwall, der seinen Fuß umgibt, auf das Eis selbst vorgedrungen sind, und sitzen nun dort vor den ungeheuern Spitzen und Höhlen, um sie zu zeichnen. Zum erstenmal hören wir den Donner gelöster Eismassen, welche in den obern Regionen herabstürzen, und schauen das wunderbare Vitriolgrün, welches die Klüfte und Spalten dieses körnigen Eises bezeichnet.[368]  – Einige Achattrümmer werden beim Weggehen aus der Oberfläche großer Eisblöcke losgebrochen und zum Andenken mitgenommen; denn bekanntlich führen die langsam herabsteigenden Gletscher vielfältiges Gerölle mit sich, jedoch immer wieder stößt die reine Kristallbildung des Eises die fremden Körper nach außen, und sie sind darin dem Meere sowie einem kräftigen menschlichen Gemüt ähnlich, die zwar auch halb freiwillig, halb gedrungen vielfältiges Fremdartige in sich aufnehmen müssen, jedoch zu rechter Zeit auch davon loszukommen, es von sich auszuscheiden hinreichende Macht haben.
Viel beschäftigte uns das Spiel der jetzt farbig werdenden Wolken um die ungeheure Höhe des Montblanc; ja, endlich in dem zierlichen Prieuré de Chamouny selbst, wo unsere Fenster die volle Ansicht des Montblanc geben, sehen wir die ihm angehörigen Gebirgsketten in der Abendsonne vergoldet. Als später aber das Dunkel der Nacht hereingebrochen war, hob eine noch zauberhaftere Erscheinung aus dem dunkeln Nachthimmel sich hervor, denn der aufgehende, uns lange noch nicht sichtbare Mond umgoß jetzt mit mildem Lichtsaume den Gipfel des weißen Berges.
O Gott! Hier ist ja nun eben das Ideal, welches ich von der Alpenwelt in mir trug, wirklich und wahrhaftig da! Und ich habe Mühe, mich zu überreden, daß es nicht ein bloßer Traum ist.

Chamouny, 12. September abends


  Amazon.de Widgets
Diesen Tag zeichne ich rot im Kalender! Ich war auf dem Mont Anvert, welcher, am Gebirgsjoche des Montblanc, östlich von Chamouny gelegen, 450 Toisen über das Tal und 900 Toisen über das Meer sich erhebt.
Mit guten Alpenstäben bewehrt, waren wir früh beim heitersten Morgen aufgebrochen, und ein dreistündiger, oft sehr mühseliger Waldweg leitete uns gegen 9 Uhr zur erfreulichen[369]  Höhe. Erquickung boten unterwegs Kinder mit reinlichen Körbchen, worin sie Milch, Wasser, Erdbeeren, Kirschwasser und dergleichen dem Wanderer entgegentrugen. Mehr als alles erquickte jedoch auf der Höhe eine Gebirgsluft, wie ich sie noch nie und nirgends geatmet hatte. Vom reinen Himmelsblau niederwehend, über die ungeheuersten Eismassen streifend, schien sie von jedem irdischen Duft befreit, und schwach nur mischte sich ihr ein Würzgeruch der herrlichsten Alpenkräuter bei, welche üppig hier zwischen mächtigen Felsblöcken und einzelnen halbverwitterten Fichten emporsproßten. Zu alldem nun aber der Blick über das Eismeer, dessen bläulichgrünen, ewig starren Wogen, halb vom Mont Dru, halb vom Montblanc sich niedersenkend, bald zu einem einzigen Eisfelde sich vereinigen. Dann die schönen Alpenhörner mit ihren ewigen Schneefeldern! Der Grand Jorasse, der Geant, an dessen Fuße Saussure seine Beobachtungen anstellte, der Mont Dru, welcher mit seinen Glimmerschiefernadeln, gotischen Münstern ähnlich, in den blauen Himmelsraum aufragt, mit lockerm Schnee aufs zierlichste bestäubt, Alles in so übermenschlichen Verhältnissen, daß man erst Vergleiche anstellen muß, um die wahre Größe sich zu versinnlichen! Und wie reizend ist das Farbenspiel dieser gigantischen Massen, wie zart und rein die Abstufung ihrer rötlichen, ockerfarbigen und weiterhin violetten Töne, bei allem Ungeheuern ihrer Verhältnisse!
Eine kleine, von Pictet in Genf gestiftete Hütte nimmt uns jetzt auf, und durch Milch und Erdbeeren erquickt, machen wir uns nun auf den Weg zum Eismeer. Durch Gebüsch von Alpenrosen leitet hier ein Fußsteig abwärts, man gelangt zum hohen Steinwall, der hier wie überall die Ränder des Gletschers umgibt, und über das vom Eise herabgeführte und ausgestoßene Gerölle, ja über mächtige[370]  Felsblöcke klimmend, betritt man endlich die furchtbaren bläulichen Wogen. Jetzt erscheint, was von oben als mäßige Rauhigkeiten sich darstellte, als baumhohe, pyramidalische Massen, als ein Gebirgsbild, von Tälern durchschnitten, ja von gewaltigen smaragdgrünen Spalten zerrissen. Diese Spalten sind von kristallreinem Wasser erfüllt, auf dem die reine frische Morgenluft eine leichte Eisrinde erzeugt hatte. Hinuntergeworfene Steine donnerten hohl in ihre gähnende Tiefe hinab, und gefährlich genug wandelt sich's an ihren glatten Rändern auf dem durchaus körnigen Eise.
Endlich mußten wir scheiden. Durch Alpenrosen und Wacholder, zwischen halberstorbenen Lärchentannen stiegen wir längs des Gletschers herab. Die warme Sonne löste von Zeit zu Zeit große Eismassen von den grimmig aufstarrenden Zacken; da, wo die Wasserfälle aus dem Eise sich ergossen, brachen sie vorzüglich los, senkten sich erst, hemmten den Lauf des Wassers und stürzten dann, zu feinem Eisstaube sich zermalmend, donnernd in die Tiefe neben uns hinab. Oft hemmte unsere Schritte das Vernehmen dieses herrlich widerhallenden Donners, aber vielmals mußten unsere Augen die Stelle lange suchen, wo eine solche Staubwolke am Eise niederschwebte, so klein erschien in der Ferne ein solcher Sturz an diesen ungeheuern Wänden.
Es war eben noch Zeit, einen Blick in das sogenannte Naturalienkabinett [von Prieuré] zu tun, ein mit Mineralien, Gemshörnern und dergleichen aufgeputztes Gewölbe, welches mehr zum Handel als für wissenschaftliche Zwecke zusammengebracht ist. Wichtiger dagegen war uns der nebenan in einer Scheune gehaltene lebende Steinbock. Das Tier ist dreijährig, grau, mit dunkler gezeichnetem Rücken, männlich, die Hörner mit drei Ringen umgeben. Es ist ganz jung gefangen, und eine Ziege hat es aufgesäugt.[371]  Der Kopf ist größer als der der Gemse, das Auge groß und gar klug und lebhaft, der Hals kurz und kräftig und die Bewegung energisch, rasch und äußerst geschickt. Sein gewöhnlicher Aufenthalt waren die freiliegenden Hahnebalken der Scheune; mit einem Satze schwang es sich, von einem Knaben mit einer Stange aufgescheucht, herab auf die Tenne, aber ebenso rasch und kaum sichtbar erst an die Mauer anspringend, hatte es sich wieder auf seinen Balken hinaufgeschwungen. Wie frisch mögen diese tüchtigen Geschöpfe erst in ihrer Freiheit sich von Klippe zu Klippe schwingen!



Viertes Buch
Reise nach Genua













1.


2.


3.


4.


5.


6.


7.






I.




VII.

[372] Sallanches, 13. September abends

Heute früh wanderten wir von Chamouny fort; noch einmal zeigte der Montblanc, obwohl der Himmel schon mit Hochgewölk bedeckt war, sein weißes Haupt, und kaum war noch eine Zeichnung seiner mannigfaltigen Zacken und Vorsprünge entworfen, so zogen auch schon niedrigere Wolken heran, um ihn zu verhüllen. Wir kamen jetzt dem Glacier Bosson gegenüber, der mit gewaltig aufragenden Eispyramiden gerade vor dem Felsen sich niedersenkt, welche gemeinhin »Les grands Mulets« genannt werden und das Ziel der ersten Tagereise für die Reisenden abgeben, welche den Montblanc besteigen wollen. – Wir stiegen jetzt gegen den Gletscher hinauf. Es ist dies einer von denen, welche im Zurückgehen begriffen sind, und gerade daraus erklären sich die ungeheuern Eisnadeln, welche, wie hohe Tannenbäume aufgerichtet, diesen Gletscher vor andern auszeichnen. Ziemlich weit ging es erst durch Gärten und Wiesen, dann aber kam ein höchst beschwerlicher Weg über eine große Fläche losen Gerölles[372] und über Felsblöcke, welche als breiter Wall den Fuß des Gletschers umringen. Endlich standen wir nahe an jenen Eistürmen, die aus der Ferne schon die Blicke mächtig angezogen hatten; aber wie groß ragten sie nun erst vor uns auf! Dunkelviolettgraues Gewölk zog wogend hinter ihnen vorüber, und wie schön stand die lichtgrüne Farbe dieser Pfeiler, deren Oberfläche von Luft und Wärme kleinmuschelig ausgenagt war, gegen solchen Hintergrund! Manche dieser Massen fürchtet man jeden Augenblick einstürzen zu sehen, und doch stehen sie zum Teil schon seit vielen Jahren. Anhaltendes warmes Wetter und Regen machen sie dann früher oder später zusammenbrechen.
Dietz stieg mit dem Führer noch weiter hinauf, ich setzte mich auf einen Felsblock, hüllte mich in meinen Mantel und fing an zu zeichnen. Eine wunderbare Stille war um mich her; ich sah mich allein diesen gigantischen Massen gegenüber. Um mich her nichts als ödes Gerölle, die Trümmer allmählich sich zerklüftender Urgebirge; nahe die tiefziehenden dunkeln Wolken, einige entfernte Tannen dienten nur, die Höhe der Eistürme anschaulicher zu machen, und vor mir nun die grünlichen Massen des Gletschers, in dessen Innern von Zeit zu Zeit ein dumpfes Krachen und Klirren stürzender Eisstücke hörbar wurde. Lustig flogen dann wohl wieder einige Vöglein über die starrenden Massen dahin, und endlich drängte sich die Sonne durch das Gewölk und ließ für wenig Augenblicke diese reinen Kristalle in ihrer eigensten Natur funkeln. Nur der stärker andringende Regen konnte mich zuletzt von dieser Szene verscheuchen. Ich stieg meinem Begleiter nach; mit Mühe kletterten wir dann seitwärts über die furchtbaren Moränen hinab, und bald gelangten wir über üppige Triften wieder zum verlassenen Fußweg. Es war wohl der letzte Blick, den uns die wahre Schweizer Natur zuwarf.

[373] Genève, 14. September

Auf einem Char à bancs, einer sonderbaren Art bedeckter Droschke, rollten wir nun über die hohe Bogenbrücke der Arve das von Hochgebirgen umschlossene Tal hinab. Alles ist fleißig bebaut, Gärten und Felder bedecken die Berge bis in ihre mittlere Höhe, dann schließen Waldungen sich an, und endlich erheben sich mächtige Felsgipfel zu den obern Regionen der Atmosphäre.
Wir kamen hier an dem schönen Wasserfall d'Arpens vorüber. Aus hohen Kalkfelsen, an ihren Gipfeln von Wolken umhüllt, stürzt sich in zarten Silberschleiern der Bach hernieder, zerteilt sich tiefer unten über großen Felsblöcken in mehrere Silberadern und sammelt sich endlich in einem stärkern Guß. Ein solches Niedergießen aus Wolkenschleiern ist allemal eine herrliche bedeutungsvolle Erscheinung.
Nun immer weiter, nach Cluse, wo das Arvetal gänzlich geschlossen scheint und die Felswände schroffer aneinanderrücken. Vorher schon bei Balme gewahrt man an den Wänden des Kalkfelsens zur Rechten den Eingang einer großen Höhle, wo die Umwohnenden sich mitunter zu Festlichkeiten zusammenfinden.
Ein mehr städtisches Aussehen der Dörfer bezeichnet jetzt das Annähern an eine größere Stadt. Endlich fährt man eine mäßige Anhöhe herab, und Genf wird sichtbar; gegenüber liegt das lang hingestreckte Gebirge der Dôle, und seitwärts breitet zwischen bebuschten Ufern der schöne Spiegel des Genfer Sees sich aus. Genf selbst mit seinen paar alten viereckigen Türmen, übrigens mit starken Wällen und Zugbrücken umgeben, nimmt sich nicht übel aus, ist sehr lebendig von innen, sonst nicht sehr regelmäßig gebaut.
Im »Hôtel aux balances« hatten wir ein mittelmäßiges Unterkommen erlangt, und eben waren die zu Domodossola[374] der Simplonpost aufgegebenen Sachen richtig wieder erobert, als ich im Fremdenbuche unsers Wirtshauses den Namen Nasse lese und sein Hierwohnen erfahre. Wir fanden uns alsbald, doppelt erfreut über so unerwartetes Zusammentreffen!

Lausanne, 16. September abends

Am gestrigen Tage, zu Genf, früh 6 Uhr, ein einsamer Spaziergang längs der Wälle bis zum See. Das Reinliche, Abgeglättete in den Umgebungen der Stadt, in den Toren, Wällen usw. macht in solcher Morgenstille einen guten Eindruck, und man könnte wohl daran Freude haben, wenn nicht eine gewisse Kleinlichkeit doch auf die Länge unangenehm fühlbar würde.
Nachher machte ich einen Gang über die beiden schönen, innerhalb der Stadt gelegenen Terrassen, deren eine auf die Kette des Juragebirges, die andere auf den Genfer See die freie Aussicht gewährt. Zumal die Fläche des Sees war heute schön von schimmernden Farben überlaufen, da ein frischer Ostwind sie bewegte.
Auch Leseinstitut, Bibliothek und Naturaliensammlung wurden mir gezeigt. Die Genfer, seit sie wieder eine Art von Selbständigkeit erlangt haben, geben in diesen Dingen einer eigenen patriotischen Eitelkeit Raum. Ein kleines Paris vorstellen zu können, wäre ihnen ganz angenehm, und sie subskribieren nach Möglichkeit, um die mannigfaltigsten gemeinnützigen Anstalten zustande zu bringen. Auf solchem Wege haben sie in zwei Jahren eine Bibliothek von 9000 Bänden aufgestellt, und ihr Leseinstitut hat bloß durch freiwillige Beiträge 12000 Franken Einkünfte.
So war denn die Zeit des Diners herangerückt, und ich verfügte mich jetzt mit Nasses zu dem eleganten Butini, den ich schon in Dresden kennengelernt und der mich sogleich eingeladen hatte, wo denn aufs zierlichste gespeist und[375] vieles oberflächlich verhandelt wurde. Später versammelte sich bei Butini, dem Vater, eine medizinische Gesellschaft, wo ich noch einige Genfer Ärzte, namentlich Coindet und Maunoir, kennenlernte. Die Einladung des jüngern Butini zum Ball auf heute abend, wo »toute la jeunesse de Genève« zugegen sein würde, hatte ich höflichst abgelehnt, um sofort noch bis Lausanne zu fahren.
Der Weg dahin läuft fortwährend längs des Seeufers, es wehte ein scharfer Nordostwind (die Bise hier genannt) und bewegte die schönfarbigen Wellen zum lebhaftesten Schäumen. Blau, Violett, Purpur und Grün wechselten in den mannigfaltigsten Verbindungen. Die vielen trefflich appretierten, etwas kleinlichen Landhäuser am Wege stimmten zum Aussehen dieser Genferinnen mit ihren langgeschlitzten kleinen Augen und blassen langen Gesichtern; alles gleichsam geborene Gouvernanten.
Gegend Abend erreichten wir Lausanne, eine auf Berg und Tal gelegene, zum Teil elegant und halb italienisch, zum Teil aber auch gewöhnlich und schlecht gotisch gebaute Stadt.
Wir machten noch bei einbrechender Dämmerung einen Gang zum Dome, der hoch über der Stadt inmitten alter Linden liegt. Eine lange bedeckte Treppe führt da hinauf. Die wunderlich verschränkte, ins Breite gezogene, gotische Bauart konnte gerade nicht gerühmt werden, aber hübsch war es doch, wie unter den alten Bäumen in der milden Abendluft Kinder tanzten und sangen und wie von der westlichen Mauer herab die still gewordene Stadt vor dem Spiegel des Sees und unter Abendrot und Abendstern sich ausbreitete.

Yverdon, 17. September

Dieses Yverdon ist ein kleines reinliches Städtchen an den flachen, von Pappelalleen bekränzten Ufern des Neufchâteler Sees. Ich hatte einen Brief an Niederer abzugeben,[376] einen ehemaligen Schüler Pestalozzis, jetzt ihm in vielem entgegen und einem besondern Erziehungsinstitut vorstehend. Es war mir nicht uninteressant, einen Blick in das Treiben der hiesigen Erzieher zu werfen, deren jeder sein eigenes System sich gebildet hat. Niederer nimmt die Aufgabe prosaischer als Pestalozzi, vielleicht aber eben darum erfolgreicher. Ich fand bei ihm auch die Schwester eines Dresdener Erziehers, selbst dort Unterricht gebend, ein stilles, anmutiges, etwas schwärmerisches Wesen, welche eigene magnetische Zustände erfahren und viele Monate auf einer hohen Alpe einsam gelebt hatte. Mein Abend in dieser Familie verging mir demnach ganz angenehm.
Vorher hatte Niederer mich zu Pestalozzi geführt, und auch diese Individualität mir recht deutlich zu machen, war ich bemüht gewesen. Pestalozzi ist jetzt 78 Jahre alt, von kleinem Körper, aber großer Lebendigkeit im Betragen. Sein Äußeres neigt etwas zum Zynismus, der struppichte Bart, die schwarzen Kleider, denen die Bekanntschaft einer Bürste auf alle Fälle erwünscht gewesen wäre, und der Teint der Wäsche ließen auf so etwas schließen. Er verehrte mir seine neueste Schrift über die Erziehungsanstalt, welcher er und sein Schwiegersohn Schmidt vorstehen. Sie ist noch mit ziemlichem Feuer geschrieben. Wie ich höre, pflegt er gewöhnlich vormittags, im Bette liegend, dergleichen zu diktieren. Man sieht es ihm unbedingt an, daß einst eine große Idee in ihm aufgegangen, aber man fühlt auch, daß er ihrer nicht ganz Herr zu werden vermochte. Die Schüler machen sich jetzt aus dem Tuche, das der Meister nicht zum fertigen Mantel verarbeiten konnte, Kleider auf ihre eigene Manier, wie denn dies vielfältig so zu gehen pflegt. Es gibt hier außer Pestalozzis Anstalt, welche gegen 80 Zöglinge zählt, noch drei andere Erziehungsinstitute und auch eine Taubstummenanstalt.

[377] Basel, 21. September

Gestern bei schönem Morgen durch das frische, mannigfach abwechselnde Val moutier. Die Gegend ist hübsch, reich bevölkert und führt uns sofort bis Lauffen, wo zuerst wieder alles deutsch spricht. Ein alter treuherziger Wirt besorgte ein preisliches Mittagsmahl, und vorher wanderten wir um die Mauern des Städtchens, in dessen flachen Stadtgräben die Gemüse aufs beste gedeihen. Die Sonne schien warm, und ich lehnte beruhigt an der Türe eines Kirchleins, wo eben der Kantor die Orgel mit einigen Chorälen zu prüfen suchte. Es war schon wieder das ganze alte liebe deutsche Wesen, das wir nun einmal nicht so leicht vergessen können. Hinter Lauffen bei Zwingen, einem Schlosse mit gewaltigen Mauertürmen, zieht sich das Tal enger zusammen, und so fährt man in immer wechselnder und reizender Umgebung an den Ruinen des Pfäffinger Schlosses vorüber bis zum Schlosse Angerstein.
Weiter hin öffnet sich das Tal völlig in das flach ausgedehnte Rheintal; die Gegend erweitert sich, Weingärten kommen zum Vorschein, an den waldigen Hügeln zur Rechten liegen noch Klöster und viele verfallene Burgen, im Nordosten aber werden zum erstenmal die blauen Berge von Deutschland jenseits des Rheins sichtbar, endlich auch die Türme der Münsterkirche von Basel, und bald rollt der Wagen in die Vorstadt ein. Im Innern erscheint die Stadt groß, aber winkelig, schlecht und ungleich gebaut. Vor den vergitterten gotischen Hallen des alten Rathauses vorüber ging's zum Gasthof der Drei Könige. Ein langer Saal mit vielen Fenstern stößt hier gerade an den Rhein, und vom Altan schaute ich hinaus in seine hohen Fluten, über die Rheinbrücke hin und auf die lang ausgedehnte Stadt und die fernen Berge! Rechts hinauf nach der Brücke bespülen die Wellen den Fuß eines alten, von[378] rötlichen Steinen gebauten Gefängnisturms, der recht wie zu unheimlichen Sagen gemacht aussieht; weiterhin gewahrt man den Brückenturm und fern dahinter die Spitzen der Münsterkirche. Links hinunter strecken sich dann noch lange Reihen von alten Gebäuden, bis sich weiterhin die freien begrünten Ufer nach Hüningen zu öffnen, während von drüben die kleinere Hälfte der Stadt herübersieht und am Ufer eine Reihe tüchtig gezimmerter Rheinschiffe festliegen. Wie das alles so bei sinkendem Abend um mich her gebreitet war, wie unten der alte herrliche Rhein aufrauschend den Wiederkehrenden grüßte – es war mir ganz heimisch zu Sinn!
Wir gingen zur Münsterkirche, deren Bauart manches Schöne zeigt, zumal in dem westlichen Turm und seiner durchbrochenen Spitze. Ein spätes Abendrot, an herrlichem Gewölk verglühend, umschwebte die Spitzen der Kirche, und tiefer erdunkelten bald die Schatten unter den alten Bäumen der sogenannten Pfalz. Die Kirche liegt hoch, und der beschattete Platz hinter dem Chor endigt an einer Brüstung, wo man Fluß, Stadt und Land weithin überblickt. Jetzt verglomm vollends das Licht des Tages an den gotischen Pfeilern, der Strom brauste, die Luft war mild, das Lied der Nibelungen fiel mir ein, und ich glaube, nie fühlte ich mich jener alten wundersamen Zeit näher als eben hier.

Dorf Schlingen zwischen Basel und Freiburg,
21. September abends

Ich war früh in Basel noch im Innern der Münsterkirche. Sie ist eine der ältesten. Ihr Bau ist 1010 angefangen und 1019 beendigt; der Stil ist deshalb etwas unbeholfen, die Gewölbe sind niedrig, die Säulen schwerfällig, und die überall gehäufte rote Bemalung ist höchst barbarisch. Die Treppen der unterirdischen Kirche sahen besonders pittoresk aus, und mitunter gab es auch durch die Schwibbögen[379] hindurch ganz gute Effekte. Das Chor und ein jenem nahe liegender Saal sind die Orte des berühmten Baseler Konziliums im 15. Jahrhundert. Jetzt hatte man dort eine Sammlung von Versteinerungen und Antiquitäten nicht sowohl aufgestellt als untergebracht. Da lag ein altes wunderliches Schwert der heiligen Feme, da waren Bruchstücke altrömischer Fußböden, alte Pickelhauben, Armbrüste und dergleichen. Auch den Promotionssaal der jetzigen Universität fanden wir in der Nähe. Er sah ziemlich ebenso verstaubt aus wie alles übrige. Endlich bestiegen wir den östlichen Turm, dessen Galerie eine schöne Übersicht von Stadt und Umgebung gewährt, nordwestlich die Vogesen, südöstlich die Schweiz und westlich der Jura.
Wir wendeten uns dann zur Stadtbibliothek. Das Merkwürdigste war uns die schöne Reihe von Holbeins Zeichnungen und Gemälden, welche dort aufgestellt sich finden. Wie lehrreich und interessant mußte es mir sein, hier die so höchst charaktervollen Zeichnungen der Porträts vom Bürgermeister Meyer nebst Frau und Tochter zu finden, deren ausgeführte Köpfe auf dem Madonnenbilde zu Dresden ich so oft betrachtet hatte! Es ist außerordentlich, was hier mit einem bloßen Umriß und wenigen schwarzen und rötlichen Schraffierungen ausgedrückt ist! Wer diese Konturen doch einmal unmittelbar mit dem Bildet vergleichen könnte! Auch sein eigenes Bild findet sich hier, von ihm bei noch jungen Jahren in ähnlicher Manier gezeichnet, und die reine, gute, gewissenhafte Seele spricht aus allen Zügen dieser wahren Schweizer Physiognomie. Unter den sonst aufgestellten Ölgemälden Holbeins sind besonders zwei Köpfe des Erasmus von Rotterdam sehr zu beachten. Ferner gedenke ich des ruhig und würdig gehaltenen Christus, wie er vor Pilatus geführt wird, auf einem größern, aus mehrern Abteilungen bestehenden Altarbilde,[380] und außerdem finden sich noch schöne Zeichnungen zu größern Ölgemälden, als da sind: die Familie des Thomas Morus, eine wunderschöne Beterin, eine Schlacht und einiges andere. Seltsam und fast grauenhaft erschienen mir endlich teils ein stilles Klosterzellenfenster, in dem zwei Totenköpfe (natürlicher Größe) liegen, teils ein schauderhafter wahr gemalter, schon von Fäulnis ergriffener Leichnam; beide ebenfalls von Holbein. Die Bibliothek endlich bewahrt auch noch drei Fragmente des berühmten Baseler Totentanzes, von welchem sonst um so weniger eine Spur mehr gesehen werden kann, als selbst die Mauer, an der er sich befand, längst niedergerissen wurde.

Freiburg, 23. September

Gestern früh erfreuten wir uns eines schönen nebeligen Herbstmorgens. Die Gegend zeigt zur Rechten einen Höhenzug, zum Schwarzwalde gehörig, Alleen von Nußbäumen reihen sich auf, und die Dörfer haben ein durchaus wirtliches Ansehen. In einem derselben, wo wir etwas anhielten und an der Kirche hin uns ergingen, rührten mich ein paar Verse an der Kirchhofsmauer über einem Grabe. Sie könnten auf manchem andern stehen! Hier sind sie:

Hier ruhe ich in sanftem Schlummer
Von Sorgen und von Arbeit aus,
Und keine Schlange weckt den Kummer
In meinem kleinen Totenhaus.

Gegen Mittag dann erschien in weiter Ferne der schöne Münsterturm Freiburgs, die Straßen wurden belebter durch viele vom Sonnabendsmarkte heimkehrende Landleute. Die Frauen meist schwarz gekleidet, in kurzen Röcken und mit großen bauschig abhängenden Halstüchern, im ganzen kein schöner Menschenschlag.[381]
Freiburg selbst liegt in der Ebene, nahe am Fuße des Schwarzwaldes; westlich nach dem Rhein hin erhebt sich mit drei vorzüglich bemerkbaren Höhen der Kaiserstuhl, ein merkwürdiges halb vulkanisches Gebirge, und jenseits des Rheins sieht man die Vogesen. Hinter der Stadt liegt der Schloßberg mit einigen Ruinen des alten Freiburger Schlosses und mit gar schöner Einsicht in die Täler des Schwarzwaldes. Umher überall viel Weinbau!
Die Stadt war sonst viel größer im Umfange, wurde aber im 17. Jahrhundert von den Franzosen halb eingeäschert, um das übrige zu befestigen. Herrlich ragt über alles der Münster hervor, bei weitem der schönste, den ich je sah, und sicher einer der trefflichsten, die es gibt. Auch zog es mich zuerst in seine Nähe, ja in sein Inneres. Wie schön und rein steigt der gewaltige Turm immer mehr sich verjüngend und verfeinernd, fast pflanzenartig, zu seiner Spitze auf! Der Blick verliert sich, wenn man davor steht, in der mächtigen Höhe, und gar malerisch ist die dunkelrötliche Farbe des dazu verarbeiteten Sandsteins, von gelblichen Tinten der angeflogenen Flechten hier und da unterbrochen.
Von gleicher Erhabenheit ist das Innere der Kirche, mit den gewaltigen Pfeilern, einfach großartigen Verzierungen, ganz im Sinne des Meißener Doms, und mit seinen schönen Glasmalereien. Das Sonnenlicht warf eben die Schimmer der bunten Scheiben auf den Fußboden und an die gotischen Bögen, und feierliche Stille herrschte in den wohlgeordneten Räumen.
Nach Tische suchte ich den Anatomen Professor Schultze auf, einen lebendigen wackern Mann, mit dem ich manches Wissenschaftliche zu verkehren hatte. Er beeilte sich, meinen Führer bei allen Sehenswürdigkeiten zu machen, und so bestiegen wir denn zuerst den Münsterturm, dessen obere offne geräumige Halle die freieste Umsicht gewährt.[382] Ganz ohne Zwischenspannung erhebt sich über ihr die ungeheuere durchbrochene Spitze der achteckigen Pyramide, in welcher der Turm sich endigt, und frei steigt der Blick von dieser Halle innen bis zum obersten Knauf der Spitze hinan. Sehr einfach und groß sind zugleich die Spitzsäulen oder Nebentürmchen, welche vor den offenen gewaltigen Fensterbögen jener Halle sich erheben, und so hat man überall, wo man hinsieht, den schönen einfachen Sinn und den reinen Stil des alten unbekannten Baumeisters zu erkennen und zu ehren. Auch die an den Ecken der Treppentürme angebrachten kolossalen Evangelisten mit den seltsam genug als Dachrinnen vorliegenden Anachoretenfiguren sind von großer Wirkung.
Herabgestiegen fanden wir dann im Innern des Chors noch manche gar feine gotische Verzierungen und einige merkwürdige Bilder. Namentlich eins zog mich sehr an, ein viergeteiltes schönes Altarbild mit dem heiligen Sebastian, Christophorus, Rochus und zwei Bischöfen, lebensgroß auf dunkelblauem, mit goldenen Sternen besätem Grunde. – So wandelten wir denn hier in den stillen Kreuzgängen noch einige Zeit herum, betrachteten den seltsamen Springbrunnen hinter dem Altar wie die zur morgigen Prozession aufgestellten Heiligenbilder und Reliquien und gingen dann, die wissenschaftlichen Anstalten kennenzulernen.
Abends führte man mich in den Klub der Professoren im »Pfau« ein, wo bei Wein und Tabak allerhand lustiger und politischer Zwiesprach umkreiste.
Heute in Sonntagsfrühe nun nochmals einen Abschiedsgruß dem Münster! Es war festlicher Gottesdienst, das Schiff der Kirche von vielen Menschen erfüllt, wir aber stiegen wieder hinauf auf den im Frühnebel halb verschleierten Münsterturm. Wie ich nun in der großen offenen Turmhalle stand, wie von dort die beiden kleinern[383] Türme durch den Nebel schimmerten, die Sonne den Schatten des gewaltigen Turmes langhin auf den über der Stadt wogenden Duft warf und wie jetzt leichte Nebelwolken durch die Halle selbst zogen und das Sonnenlicht die herrlichsten Farbenspiele an den Pfeilern und Bögen sichtbar werden ließ, es war außerordentlich! Die Wirkung zu vollenden, erklang jetzt Orgelton und Gesang von unten herauf in diese morgendlich duftige Welt, und wen hätte da nicht das lebendigste Gefühl der Andacht durchdringen müssen!

Kehl, 24. September abends

Spät kamen wir gestern von Freiburg hier an, und heute früh sah ich den Münster von Straßburg schon aus meinem Fenster. Wir machten uns bald auf zur Wanderung, um ihn in der Nähe zu begrüßen.
Neben der zur Hälfte abgebrochenen soliden Brücke führt jetzt eine lange bewegliche Schiffbrücke an der in ihrer Mitte postierten ersten französischen Schildwache vorbei auf französischen Boden. Wie verschieden waren diese trüben Wellen, die wir hier überschritten, von den bläulich schimmernden Wogen des Rheinfalls!
Der gewaltig aufragende, in der Nähe immer lichter und schöner erscheinende Münster war unser Leitstern. Endlich über die die Stadt durchströmende Ill an einem Kai neben großen zweimastigen Rheinschiffen hin zum Münsterplatz! Die erste sich darbietende südliche Seite des Doms ist mit einem wenig geratenen Portale des Chors verunziert, ich hielt mich indes sogleich an die Schönheit der vordern Hauptmasse und fand bald der nordwestlichen Ecke gegenüber den Standpunkt, welcher mir den Urgedanken des ungeheuern Baues am reinsten offenbarte. Einheit und unübersehliche Mannigfaltigkeit, das Ungeheuere der Masse und die höchste Zierlichkeit des einzelnen; vollkommene Zweckmäßigkeit der Grundverhältnisse[384] und passendste Einfügung der untergeordneten Glieder, das möchte es etwa zunächst sein, was hier insbesondere rühmend anerkannt werden soll. Indes sind dergleichen Gegensätze am Ende immer nur Zeichen, in denen der Verstand sich über ein solches die ganze Seele bewältigendes Gefühl Rechenschaft zu geben versucht; im wesentlichen verhält er sich doch stets zum Kunstwerk wie der Mensch überhaupt zur lebendigen Natur; er kann wohl töten und in einzelne Teile zerlegen, aber nicht beleben, nicht die Teile wieder zum Ganzen einigen.
Ich konnte es nicht erwarten, den ganzen Bau erst zu umgehen, ich trat sogleich in seine Hallen! Der erste Eindruck herrlich! Das düstere Licht der gemalten Fenster, die schönen Verhältnisse der Kreuzgänge und ihrer Pfeiler zum Hauptschiff; es ist höchst erhaben! Dann aber fällt das Auge auf manches Störende, und nicht alles ist so wie im Dom zu Freiburg ein Guß und eine Harmonie. Besonders nachteilig wirkt das Chor mit seinem ungeschickten, lang viereckigen Mittelfenster; wie man sagt, der älteste Teil des ganzen Gebäudes. Auch das Unreinliche der Seitenwände und des Fußbodens stört, und der alte im Geschmack Ludwigs XIV. geputzte Portier ist auch nicht eben gemacht, diesen Eindruck zu verbessern.
Lange Wendelstiegen führen zum Turme hinauf. Man gelangt zuerst auf die Plattform, von wo aus die beiden Türme sich erheben sollten. Den Platz des südlichen, nie begonnenen Turmes bedeckt nun das kleine Haus des Turmwächters und Turmwirtes; denn wie die Tische und Bänke zeigen, scheint man hier nicht bloß an geistige, sondern auch an leibliche Genüsse sich zu halten. O Erwin von Steinbach! Darauf war dein Plan wohl nicht abgesehen! Es liegt etwas bitterlich Komisches darin, daß dieser sitzengebliebene Turm immer doch noch eine brauchbare Weinstube abgegeben hat![385]
Sonst ist die Aussicht von dieser Plattform freilich sehr schön; Stadt und Land, Rhein und ferne Gebirge breiten sich zu einem großen freudigen Panorama umher, neben dem Umschauenden aber steigt der ungeheuere Spitzkegel des eigentlichen Turmes mit seinen unendlichen Zieraten und den durchbrochenen Korallengewinden vergleichbaren Treppen in die höhern Regionen hinauf!
Wohl ist man, die Herrlichkeit dieses Wunderbaues anzuerkennen, durchaus genötigt, fühlt aber unbedingt die hohe Einfachheit des Freiburger Münsters überschritten und gesteht sich zuletzt wieder einmal: daß auch hier weniger mehr gewesen sein würde.
In der Halle unter dem Münsterturme (dessen Kegel überhaupt innerlich nicht frei, sondern durch mehrere Gewölbe geschlossen ist) haben sich viele Namen zusammengefunden. Unter andern las ich denn auch Goethes Namen mit einer ganzen Reihe früherer Genossen unter der Jahreszahl 1776.1 Wir stiegen in einem der vier Treppentürmchen bis dahin, wo das weitere Fortsteigen, frei an der Spitze hinauf, durch ein Eisengitter gewehrt wird. Höchst künstlich winden sich diese Treppen um ihre Spindel herum und hinauf! Eins dieser Türmchen hat sogar eine doppelt übereinander hinlaufende Treppe. Schöne Durchsichten ergeben sich bei diesem Steigen durch das überall luftig geöffnete Gebäude des Turmes auf die gegenüberliegenden Treppentürme und die bald mit Heiligen, bald mit Tiergestalten verzierten Galerien. Lästig dagegen war mir einigermaßen der auf dem Kirchendache über dem Chore angebrachte Telegraph, von dem uns versichert wurde, daß er morgen bei hellem Wetter den Erfolg[386] der Pariser Lotterie verkünden würde. Also abermals das Negative dem Positiven eng zur Seite!
Wieder herabgekommen auf die Plattform, mußte man noch einen Blick in das schön gebaute Werk der Turmuhr werfen und gab sich dann an das Herabsteigen, welches von solcher Höhe hinunter nicht eben schnell zu beenden ist.
Da standen wir nun wieder vor der übergewaltigen Masse der Hauptfront und nahmen jetzt noch manches einzelne in nähere Betrachtung; so zunächst die Heiligengestalten an den drei Portalen. Gewiß ist hier die Skulptur hinter der Architektur zurückgeblieben, die Gestalten sind oft verrenkt, hart und geradezu unrichtig, und doch fühlt man einen innersten Kern durch, welcher seine Wirkung auf das Gemüt nie verfehlt. Es ist die Innigkeit einer frühern einfach christlichen Welt, welche aus diesen Zügen spricht und, wenn sie auch im Bildwerk nicht zu ihrer vollen Blüte sich erschließen konnte, es doch ahnen läßt, daß diese Blüte, hätte sie sich je entfaltet oder sollte sie sich jemals noch wirklich entfalten, eine ganz andere und vielleicht doch eine höhere als die der griechischen Skulptur gewesen sein würde.
Geht übrigens der Stil dieser Gotik selbst in dem besten Teile des Münsters unleugbar über die reine Mitte zwischen roher Einfachheit und höchster Künstlichkeit hinaus, so darf dagegen von dem nördlichen, später gebauten Portale des Chors in Wahrheit gesagt werden, daß es in Künstelei völlig untergegangen sei. Die Spitzbogen treten hier mit doppelter Biegung nach außen hervor, höchst willkürlich sind viele Bögen geradezu abgebrochen (man findet deren im großen auch im Innern des Münsterturms), und andere Stäbe steigen von dem abgebrochenen wieder empor; kurz, alle Verzierungen sind geradezu ins Unmäßige gehäuft.
Auch die Statuen dieses Portals sind offenbar schlechter[387] als die des vordern, und so wird solch ein Werk, das durch mehrere Jahrhunderte geht, immer zugleich geschichtlich, für den mit den Zeiten sich ändernden Kunstgeschmack der untrügliche Maßstab. Von dem Münster gingen wir zur St.-Thomas-Kirche, wohin Pigalles Denkmal für den Marschall von Sachsen uns zog. Die Kirche ist einfach gotisch, mit Schiff, Chor und zwei Seitengängen, ziemlich im Sinne des Meißener Doms geordnet. Das Grabmal selbst fand ich besser, als ich erwartet hatte. Groß, wohl ausgeführt und an gutem Orte aufgestellt, wirkt es im ganzen imponierend, und der Grundgedanke spricht sich leicht und deutlich aus. Die Gestalt des Marschalls schreitet ruhig und fest dem geöffneten Sarge zu, von welchem Frankreich ihn zurückzuhalten sich vergeblich bemüht. Unter dem Denkmale umschließt eine enge Gruft den mächtigen steinernen Sarkophag des Helden.
Noch enthält die Kirche andere Monumente, so wie von Koch und Oberlin. Namentlich Kochs Denkmal, von Ohmacht gearbeitet, zeigt in der sitzenden weiblichen Gestalt eine reine und edle Art der Behandlung.
Ehe wir die Kirche verließen, führte uns der Sigrist noch in ein dumpfiges Nebengewölbe, mehr ähnlich einer Gruft als einer Kapelle, um uns zwei unter Glasdecken in hölzernen Särgen verwahrte Leichen sehen zu lassen, welche, völlig ausgetrocknet, durch ihre über drei Jahrhunderte sich erstreckende Dauer merkwürdig werden. In der Revolution waren nämlich hier alle Grüfte durchwühlt, die Erbbegräbnisse zerstört und die Gebeine der adeligen und fürstlichen Personen zerstreut worden. Hierbei wurden denn auch diese Särge erbrochen, durch Zufall aber blieben die Leichen unversehrt. Das eine ist ein Graf von Nassau, eine tüchtige Mannesgestalt, dessen Gesichtszüge noch wohl kenntlich sind; auch der deutsche dunkelbraune Rock, die breiten Schuhe mit hohen Absätzen und kleinen[388] Schnallen sowie die großen Schlaghandschuhe sind gut erhalten. Die andere Leiche ist dem Namen nach unbekannt, es scheint eine junge Dame hohen Ranges gewesen zu sein. Aus blauem, wohlerhaltenem reichbesetztem Seidenkleide und über dem Ordenskreuze ragt der fast nackte Schädel hervor, und noch blitzen an den kleinen vertrockneten, aber gut erhaltenen Händen goldene Ringe. Der wunderlichste Mißklang von Pracht und Verwesung, über welchen viele Hamletmeditationen sich anstellen ließen.

Freudenstadt, 25. September abends

Unser Weg von Kehl nach Tübingen führte nun über den Schwarzwald. Wir hielten Mittag in Obenau und erfuhren vom Wirt bei dieser Gelegenheit manche Beispiele von Betriebsamkeit der Schwarzwälder. Bekanntlich werden unzählige Wanduhren hier herum gefertigt; indes versteht man auch wohlklingende Spieluhren zu bauen; der Wirt selbst hatte eine solche und amüsierte uns damit, während in der stillen, geräumigen, ausgetäfelten Oberstube die durch Regenwolken dringende Sonne eben ihre ersten Strahlen in die runden Scheiben warf, die Uhr ein etwas schwermütiges Rondo recht gut ausführen zu lassen. Ferner fänden sich Leute, welche mit besonderer Geschicklichkeit in gläserne Hohlkugeln allerhand sparriges Geräte hineinzubauen wissen, und zumal habe ein kleiner buckeliger Kerl die wunderlichste Fertigkeit besessen und zum Beispiel ein kleines Faß von ein paar Zoll Länge, innerhalb einer solchen Kugel, durch die enge Öffnung derselben in ganz kurzer Zeit aus seinen Teilen zusammenzusetzen und wieder auseinanderzunehmen gewußt. Auch hier verweisen somit diese einförmigen Täler und weiten Nadelwälder den Menschen mehr auf sich selbst und bringen ihn hierbei zu ähnlichen grillenhaften Beschäftigungen. Daß Geisteskrankheiten in diesen Gegenden[389] viel vorkommen, ist eine bekannte Sache und fließt unbedingt aus gleicher Quelle.
Gegen Abend, nach überschrittener Gebirgshöhe, kamen wir nach diesem Freudenstadt, welches von Friedrich I. von Württemberg mit weitaussehenden Plänen einst zu einer Handels- und Bergstadt gegründet worden war. Die Anlagen wurden aufs größte gemacht, mit hohen Toren und Festungsmauern wurde nicht sparsam umgegangen, freie Plätze wurden abgesteckt, Warenhäuser erbaut, Brunnen mit Standbildern aufgerichtet, und es fehlte zu einer tüchtigen Stadt nur eben die Menschenzahl und der lebendige Verkehr. Schon der Dreißigjährige Krieg verwüstete dann vieles von den gemachten Anlagen, und wenn auch die spätern Generationen sich nun wieder ziemlich wohnlich dort eingerichtet haben, so ist der Ort doch nie wirklich in Aufnahme gekommen, und selbst der Markt ist wieder bereits halb zu Feld und Garten geworden. Was sonst noch von alten Anlagen besteht, verrät überall den schlechten Geschmack aus dem Anfange des 17. Jahrhunderts. Das sonderbarste Werk jedenfalls ist die Kirche; sie fällt schon von außen auf, weil sie aus zwei rechtwinkelig zusammenstoßenden Flügeln gebaut und an beiden Enden mit einem Turme verunziert ist. Jetzt erzählte uns also ein redseliger Bürger, daß der eine Flügel den Männern, der andere den Weibern bestimmt sei, Altar und Kanzel aber lägen eben in der Spitze des Winkels beider Flügel, so daß dadurch erreicht werde, daß die Männer nicht die Frauen und diese nicht die Männer sehen könnten, wohl aber beide Teile den Pfarrer sehen und hören müßten. O weiser Baumeister!

Heilbronn, 29. September abends

Es ist schon 10. Uhr vorbei, und eben erst langen wir von Stuttgart an, doch wird sich bei einer erquicklichen Tasse[390] Tee noch manches von dort nachtragen lassen. Von der Reise, hierher ist so nichts aufzuzeichnen, was nur zum kleinsten Gedichte Stoff gäbe.
Also was Stuttgart angeht, so gelang es mir gestern nach Tisch, Dr. G. Jäger aufzufinden, und dieser treffliche intelligente Mann und Arzt hatte denn die Güte, uns sogleich das königliche Naturalienkabinett im alten Schlosse zu öffnen. Die Schädel der hirnarmen Kinder, deren Geschichte Jäger später bekanntgemacht hat, waren mir in aller Hinsicht das Wichtigste, und ich konnte die Sammlung nicht verlassen, ohne sofort durch Dietz den einen derselben zeichnen zu lassen. Die Kleinheit der Schädel ist entsetzlich.
Wie denn nun soviel möglich alles und jedes betrachtet worden, schickten wir uns an, noch einen Spaziergang nach Cannstadt zu machen, denn gern hätte ich mir selbst dort ein paar Stücken fossilen Elfenbeins zugeeignet, von dem wir auf der Sammlung so große Massen gesehen hatten. Dr. Jäger, welcher die bei Cannstadt gefundenen Elefantenknochen beschrieben hat, machte uns starke Hoffnung, dergleichen zu finden.
Der Weg dahin führt durch den königlichen Park, welcher durch ein Tor in der Fassade des wenn auch nicht im reinen Stil, doch in einem großen Sinne erbauten neuen Schlosses eröffnet wird. Besonders die mit Blumenvasen reichverzierte Rückseite des letztern nimmt sich gut aus, und ihr gegenüber ist an einem weiten Bassin eine Gruppe zweier kolossaler Frauengestalten von Dannecker auch sehr tüchtig ausgeführt. Man sieht dort die Nymphe des Neckar (in Beziehung auf Schiller angemessenerweise mit der Lyra im Arm) auf ihre Urne gelehnt, welche von einer andern weiblichen Gestalt (wir nahmen sie für die Wahrheit) bekränzt wird. Besondere Wege für Fußgänger und Wagen umgeben das Bassin, alles mit Blumen und[391] Bäumen anmutig verziert, die hohen Talwände des Neckargrundes erheben sich dahinter, und das Ganze machte somit, selbst heute bei dem trüben Wetter, einen signorilen und vergnüglichen Eindruck. Hier sahen wir auch die Überreste der ehemals so reichen königlichen Menagerie in zwei schwarzen Schwänen mit ihren roten, weißgebänderten Schnäbeln, wie sie auf der Spiegelfläche des klaren Gewässers, unter allerhand anderm ausländischen Geflügel, ruhig ihre Kreise dahinzogen.
Hinlänglich ermüdet, kamen wir erst spätabends nach Stuttgart zurück, setzten heute früh zuvor unsere Studien auf dem Naturalienkabinett fort und wendeten uns dann zu der merkwürdigen Sammlung alter Gemälde bei den Gebrüdern Boisserée.
Bekanntlich ist aber vom Könige von Württemberg mit schöner Uneigennützigkeit diesen Herren ein besonderes Gebäude zum Aufstellen ihrer mit großer Mühe und Kenntnis gesammelten Bilder eingeräumt worden, obwohl bisher die Sammlung selbst noch ihr Privateigentum blieb. Hier nun geben die Besitzer wöchentlich einigemal Fremden und Einheimischen eine Art von Ausstellung, und es wäre dies vielleicht noch dankenswerter, wenn der Kunstfreund dabei seiner stillen Beschauung noch etwas ruhiger sich überlassen bleiben könnte.
Die Eintrittszimmer zeigen eine sehr symmetrische Verzierung der Wände und Anordnung der Mobilien. Regelmäßig sind Abgüsse der Vischerschen Apostel und die Tafeln vom Dom zu Köln zwischen Steindrücke nach Bildern ihrer Sammlung geordnet, und auf Marmortischen ausgelegt, erfreuen besonders höchst zierlich in Holz geschnitzte Basreliefs von Albrecht Dürer, deren eins die Himmelskönigin auf dem Sichelmonde stehend (wie man sie auch in Kupfer gestochen von ihm kennt), und zwar in ganz trefflicher Arbeit, darstellt. Durch die[392] offenen Türen gewahrt man außerdem im hintersten Bibliothekzimmer noch ein die Perspektive schließendes vergoldetes Tabernakel, und alles verkündigt somit die Neigungen der Besitzer aufs deutlichste.
Es erschienen nun einige Damen und Herren, man hörte von Kunstsinnigkeit, Gemütlichkeit und dergleichen sprechen und wurde alsbald in das erste Stock des Gebäudes geführt, wo sich denn die Sammlung in einer Reihe von Zimmern sehr eigentümlich aufgestellt findet. Es ist nämlich Sorge getragen, in halbverfinsterten Zimmern, welche fast wie zu theatralischen Vorstellungen mit Reihen von Stühlen und Bänken besetzt sind, die Bilder immer ins hellste Schlaglicht zu stellen, und wenn man nun erwägt, daß stets nur ein oder einige Bilder zugleich gezeigt und so Aufmerksamkeit und Auge aufs höchste konzentriert werden, so läßt sich eine heftige Wirkung auf reizbare Gemüter allemal unfehlbar erwarten. Überdies ist die Gefälligkeit, Unermüdlichkeit und Ausdauer der Besitzer höchst rühmenswert, denn es ist nichts Kleines, allwöchentlich mehreremal diese Demonstrationen und Aufstellungen zu wiederholen. Ihre Aufmerksamkeit geht so weit, daß wir beim Fortgehen noch besonders dringend und höflich erinnert wurden, ja keine Geschenke an die Türsteher und Aufwärter zu machen, indem es diesen Leuten durchaus untersagt sei, dergleichen anzunehmen.
Was nun von dem, was ich sah, mich vornehmlich erfreut hat, sei hier nach der Reihe der Zimmer kürzlich aufgezeichnet.
Erstes Zimmer. Drei Bilder von Schoreel, einem Brabanter Maler aus Vincis Zeit und noch nach ihm lebend. Er war von geistlichem Stande, wurde in Rom hoch geehrt, und König Franz I. suchte ihn nach Frankreich zu ziehen. Man sieht selten Bilder von ihm, aber immer steht er würdig dem Leonardo da Vinci gegenüber.[393]
Diese drei Bilder haben einem Altar mit zwei Flügeltüren zugehört. Man sieht auf dem mittlern, größern den Tod der Maria und auf den Seitenbildern die Familie, welche die Bilder im frommen Glauben gestiftet hat. Rechts Mutter und Tochter mit ihren beiden Schutzheiligen, links Vater und Sohn mit ihren Patronen. Besonders die schönen, kräftigen, reinen Züge der Köpfe, die unendliche Ausführung und der Reichtum der Gewänder, die glatte, höchst saubere Behandlung und der ganz ungeschwächte Glanz der reinsten Farben haben sich mir tief eingeprägt.
Zweites Zimmer. Wieder drei Bilder von einem Altar. Ein großes mittleres und zwei kleinere hohe Seitenbilder, alle drei von Johann von Eyck. Das mittlere zeigt die Anbetung der Könige, ist reich an Figuren und mancherlei Nebenwerken und von einer Ausführung, welche auch bei minderm Gelingen, schon inwiefern sie von der tiefen Ruhe und liebevollen Ausdauer der Künstlerseele Zeugnis gibt, äußerst ergreifend genannt werden darf. Die charaktervollen Bildnisse von Karl dem Kühnen und Philipp dem Guten, welche mit eingewoben sind, dürfen dabei nicht übergangen werden. Die Seitenbilder enthalten den Engelsgruß an Maria und die Darbringung Christi im Tempel. Das erstere ist mir besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben. Man sieht ein stilles, wohlgeordnetes Jungfrauenzimmer. Maria, eine gar zarte Gestalt, kniet an einem Betpult, und links im Bilde schwebt eine wunderschöne Engelsgestalt heran, das Haupt von goldenen, zierlich gescheitelten Locken umwallt. Die schöne Zeichnung dieses Gesichts, die herrliche Ausführung des rosenfarbenen, goldgesäumten Gewandes und die sauberste Ausführung der in Regenbogenfarben glänzenden Schwingen; man kann nichts Lieblicheres sehen!
Drittes Zimmer. Ein großes Bild von Lukas von Leyden.[394] In einer offenen Galerie sitzt Maria und vor ihr Lukas, der Evangelist, sie malend. Durch die Säulen der Halle sieht man hinaus in eine weite Landschaft. Ein herrliches helles Tageslicht zeichnet dieses Bild besonders aus, und ebenso ist, außer vielem andern, der Kopf des Lukas von höchstem Verdienst.
Viertes Zimmer. Nächst einem schönen männlichen Kopf von Holbein wurden uns hier drei sehr verdienstliche kleinere Bilder von Hemmlink gezeigt. Das mittlere, wieder eine Anbetung der Könige, aus welcher mir namentlich eine schöne, ritterliche, kniende Figur und ein niedlicher Mädchenkopf im Gedächtnis geblieben sind. Das zur Rechten, den Christophorus darstellend, wie er das Jesuskind durch das Wasser trägt, sodann das zur Linken, Johannes in der Wüste, welcher auf dem roten Buche des Evangeliums das Lamm trägt. Vorzüglich das erstere ist von mächtiger Wirkung, und man vergißt leicht die räumliche Kleinheit des Bildes über der geistigen Größe der Auffassung. Der Kopf des Christuskindes wie der des Christophorus sind besonders ausgezeichnet. Eben hebt sich die Sonne über dem bewegten Meere herauf, und wenn auch Felsen und Meereswogen an sich manches Steife und Unnatürliche haben, so ist doch immer die Klarheit der im Vorgrunde anspielenden Wellen bewundernswert. Auch an dem Johannes erfreut die edle männliche Gestalt und die unendliche Ausführung des berasten Vordergrundes mit seinen Büschen und Blumen.
Fünftes Zimmer. Ein großes Bild von Lukas von Leyden. Vier heilige Frauen mit ihren Attributen sind wie vor einem hellen Teppich stehend gemalt, doch so, daß über dem Rande des Teppichs sich eine Aussicht in weite Ferne eröffnet. Mit großer Kunst und bis auf hohen Grad der Täuschung ist das Abstehende der Figuren herausgebracht, und ebenso sind die Köpfe zum Teil sehr schön.[395] Zu Füßen der einen Heiligen sieht man ein Ungeheuer sich winden, an dessen Augen der alte Meister besondern Fleiß gewendet hat. Es sind wirklich feuersprühende Tigeraugen, mit Tennerscher Ausführlichkeit dargestellt. Es fällt mir dabei ein, daß schon die eine Heilige auf dem Bilde von Schoreel ein kleines Ungeheuer neben sich hatte, welches wunderlicherweise an einer Laterne heraufklettert, die die Heilige trägt. Von ihr erzählt nämlich die Legende, daß sie die Kranken und Leidenden vielmals in der Nacht besuchte und pflegte; hierbei nun bewies sich der Teufel in Gestalt eines kleinen Drachen geschäftig, sie in ihrem Werke zu stören und ihr das Licht auszublasen, obwohl vergeblich. Eine kleine Geschichte, die sich ein Arzt immer besonders zu Nutz und Frommen gesagt sein lassen darf.
Sechstens folgte eine Reihe Zimmer mit vielen Gemälden, welche ausführlich zu betrachten keine Zeit gegönnt wurde; kaum konnte ich die von Goethe besprochene schöne Veronika mit dem Schweißtuche und dem byzantinisch dargestellten braunen Antlitz Christi etwas näher ins Auge fassen. Auch fiel mir eine niedliche Madonna in hübscher Landschaft von Dirk von Harlem, eine schöne figurenreiche Kreuzigung und eine alte Landschaft, eine wahre Inkunabel dieser Kunst, mit wunderlichen, kleinlich ausgeführten Bäumen im Vorübergehen auf.
Siebentes Zimmer. Hier zeigte man uns noch ein Bild von Hemmlink, die Aufsammlung des Manna in der Wüste durch die Israeliten. Ein gar seltsames Bild, wo der Maler mit der Kostümierung der Israeliten sich viel gemüht und all diese Leute in die absonderlichsten Kleider gesteckt hatte. Übrigens naivste Motive und die lebendigste Auffassung.
Achtes Zimmer. Ansprechender war in diesem Zimmer der Christuskopf von demselben Meister. Er ist lebensgroß[396] und von bewundernswerter Ausführung; im Charakter freilich zu weich gehalten.
Und hiermit beschloß man die Aufstellung, und wir nahmen Abschied von einer Sammlung, welche man für die alte deutsche Kunstgeschichte allerdings eine der wichtigsten nennen darf. Gewiß bleiben bei allen diesen Bildern die meist geradezu von zwei Seiten angenommene Beleuchtung, die allzu schreienden Farben und die einfachen Verzeichnungen große Unvollkommenheiten, allein der Geist innigster Liebe, die unerschöpfliche Sorgsamkeit und die überall durchleuchtende Reinheit und Treue des Gemüts machen das alles vergessen und sichern ihnen immer einen hohen Rang in der Reihe der Kunstwerke. – Bekanntlich sind diese Bilder später nach München verkauft worden und finden sich dort in der Pinakothek. So wie sie damals einzeln in gewählter Beleuchtung gezeigt wurden, sieht man sie jetzt freilich nicht mehr.

Dorf Hehlfeld zwischen Bamberg und Bayreuth,
4. Oktober mittags

Über Heilbronn, Weinsberg und Dirzbach (wo wir übernachteten) kamen wir am 1. Oktober gegen Abend nach Würzburg. Bis kurz vorher war der Weg immer uninteressant; vor Würzburg aber öffnet sich ein herrliches Tal, unendliche Weinberge in sanft gesenkten Linien treten hervor mit einzeln vorstehenden Kalkfelsen, und inmitten nun das große prächtige Schloß sowie am Fuße des Schloßberges die weithin gelagerte Stadt mit zahlreichen Kuppeln und Türmen gewährte den reichsten Anblick.
Man fährt durch ein stattliches Festungstor in die Stadt und gelangt über die mit Bildsäulen reichverzierte Mainbrücke, an mehrern Kirchen vorbei, zum »Adler«, wo wir uns indes nicht besonders quartiert fanden. Die Stadt nimmt sich auch von innen gut aus und erinnert in vieler[397] Hinsicht an Bamberg; besonders fiel eine gewisse Helligkeit und Rundung der Gesichter ihrer Bewohner auf, denen man es wohl anmerkt, daß edler Wein hier ein auch dem Volke eröffnetes Gut ist.
Ich ging noch diesen Abend zu Doutrepont, welcher mich äußerst befreundet empfing. Er ist Medizinalrat und Direktor des Entbindungshauses, vielfach praktisch beschäftigt und von sanfter, Vertrauen erregender Gemütsart. Hier erfuhr ich, daß ich sehr zu guter Stunde eingetroffen sei, da vor kurzem ein großer Transport brasilischer Naturalien für Wien unter der Aufsicht des Dr. Pohl angekommen sei, welcher morgen schon wieder abgehe. Da Pohl diesen Abend bei Döllinger sein werde, so verwies mich Doutrepont an diesen und begleitete mich selbst zu ihm. Wieder machte ich denn hier persönliche Bekanntschaft mit einem Manne, der durch seine den meinigen oft begegnenden Arbeiten mich längst interessiert hatte! Hofrat Döllinger ist ein starker, wohlausgebildeter Mann von vieler Tätigkeit und nicht ohne ein gewisses lebenslustiges Wesen, was denn auch im Wissenschaftlichen die Regsamkeit des Geistes unterhält. Außer Pohl und dem Wiener Hofgärtner, den Mitgliedern der naturhistorischen Expedition, die zugleich mit der kaiserlichen Prinzessin nach Rio de Janeiro abging, fanden sich noch einige Freunde Döllingers ein, und wenn es auch nicht zu vielen wissenschaftlichen Erörterungen kommen konnte, so brachten wir doch bei trefflichem Wein einen ganz vergnügten Abend zu. Dieser Dr. Pohl hat übrigens wahrscheinlich auf lange seine Gesundheit durch die Reisen in Brasilien zerrüttet; besonders waren ihm Leberleiden gekommen infolge der großen überstandenen Hitze. Manche interessante Notiz verdankte ich ihm, auch versah er mich mit brasilischem Brotsurrogat, einer Art von Kleie aus der geriebenen und getrockneten Maniokwurzel, welche,[398] so wie sie ist, trocken auf den Tisch geschüttet und mit Behendigkeit während des Essens in den Mund geworfen wird; nebenbei erzählte er viel von dem merkwürdigen Stamme der Botokudos. Zwei derselben, Mann und Frau, hat er mitgebracht, und bei der Ankunft in Europa haben sie zu drei sich vermehrt, indem die Frau zu Gorkum in den Niederlanden, wo das Schiff anlegte, niedergekommen ist. – Die Mannigfaltigkeit und den Reichtum brasilischer Natur hörte ich hier zum erstenmal von Augenzeugen und Kennern in vielen Zügen hervorgehoben.
Wir hatten übrigens kaum unsere Betrachtungen beendigt, als die brasilischen Reisenden sich ebenfalls wieder einfanden, um den Frauen des Hauses treffliche Schmuckkästchen vorzuzeigen. Pohl hatte sie dort eingekauft, um Gelder vorteilhaft anzulegen, und er mag sich damit schwerlich verrechnet haben. Die Halsbänder, Armbänder, Kämme und Diademe, mit gelben und weißen Topasen von besonderm Feuer oder mit trefflichen Amethysten besetzt, gewährten in den zierlichen, mit Seide gefütterten Maroquinkästchen eine köstliche Augenlust, von welcher die Damen sich sichtbar mit schwerem Herzen trennten.
Was mich betraf, so ging ich jetzt mit Döllinger, um die Botokudos zu sehen. Sie waren noch auf dem Schiffe, welches sie den Rhein und Main herauf hierher gebracht hatte. Der Mann ist 19, die Frau 21 Jahre alt, ihr Kind vier Wochen. Bekanntlich zeichnet es die Leute dieses Stammes aus, daß in Unterlippe und Ohrläppchen große hölzerne Pflöcke getragen werden, und man liest wohl dergleichen so hin, ohne es sich mit voller Lebendigkeit vorzustellen; dagegen die Verunstaltung des Menschenantlitzes nun hier in der Natur zu betrachten, war nun doch ein anderes und gab wirklich ein eigenes peinliches[399] Gefühl. Der Mann mit seinem dumpfen, tierischen Wesen lachte mich beiläufig etwas aus, als ich seinen Kopf der Schädelform halber genau befühlte, doch war es immer als eins der ersten Zeichen seiner Perfektibilität anzuerkennen, daß er schon pantomimisch zu verstehen geben konnte, man möge ihm etwas schenken. Übrigens hat er es freilich noch nicht zur Erkenntnis des konventionellen Geldwertes gebracht, sondern er hebt bloß die Münzen auf, die ihm gefallen, und wirft die andern weg. Sein Bau ist groß und stark, die Farbe ins Kupferbraun, das Haar spießig, schwarz und glänzend, die kleinen Augen sind schief einwärts geneigt, die Backenknochen stark und hervorstehend. Der Pflock, den er in der Unterlippe trug, maß gut seine zwei Zoll im Durchmesser und glich ziemlich einem Faßspunde. Wenig kleiner waren die Pflöcke in den Ohrläppchen. Pohl sagte mir, daß sie mit dem Durchbohren dieser Teile im vierten Jahre anfangen, nach und nach immer stärkere Hölzer einlegen und es endlich so weit treiben, bis sie Pflöcke von drei bis vier Zoll Durchmesser einbringen, wobei indes zuweilen die Lippe platzt und nun in Form zweier Lappen herabhängt. Natürlich hindert sie diese Verunstaltung im Essen und Trinken, sie trinken aus hohlen Bambusstäben und müssen alles von der Seite in den Mund stecken, ertragen aber diesem Putz zuliebe gern all dergleichen Beschwerden, doch am Ende ganz wie der gebildete Europäer, der sich ebenfalls vielfach die größte Gêne auflegt, nur um einer Mode und vorgefaßten Meinung genugzutun. Pohl war zu Rio de Janeiro einmal unter einem Haufen von einigen fünfzig solcher Botokudos gewesen und meinte, dergleichen bleibe immer eine fatale Situation, zumal wenn man sich ihres starken Appetits auf Menschenfleisch erinnere. Es war dieser Trupp aber nebst einigen Weibern in die Nähe von Rio geschickt worden, um der Gesandtschaft[400] eine Probe zu geben, daß man jetzt auch diese Nachbarn wirklich zu zähmen anfange; gegenwärtiges Paar hatte man dabei aufs geratewohl aus dem Haufen herausgegriffen und dem Kaiser in Wien bestimmt. Was die Frau betraf, so war sie ganz besonders häßlich, sonst dem Manne ziemlich ähnlich. Sie trug etwas kleinere Pflöcke. Das Kind war bis jetzt noch von gewöhnlicher heller Farbe und zeigte wenig Abweichendes in der Bildung.
So denn über die großen Rheinschiffe wieder herauskletternd, gingen wir zu den bereits auf Wagen geordneten Tieren. Viel war davon nicht sichtbar, und noch weniger war Muße zu genauer Betrachtung vergönnt. Ein fünf Fuß langer Alligator und eine große lebende Riesenschildkröte waren uns indes doch zugänglich und besonders interessant.
Endlich noch ein Besuch der ärztlichen Anstalten. Ich ging zuerst nach Doutreponts Entbindungshause und dann zum Orthopädischen Institut von Heine. Dieser Heine ist ein bejahrter, aber noch sehr tätiger Mann, von kleinem, magerm, aber gewiß dauerhaftem Körperbau; er war lange schon als geschickter Arbeiter chirurgischer Instrumente berühmt, nun aber hat er, ohne eigentliche wissenschaftliche Vorkenntnis und bloß selbst erfinderisch und unverdrossen, sich Apparate ausgedacht, verkrümmten Gliedern, besonders durch Anwendung der Federkraft, wieder ihre natürliche Richtung zu geben. Die Regierung unterstützt ihn, und in den Zimmern eines ansehnlichen Gebäudes werden jetzt seine Kranken in bester Weise verpflegt, auch fehlt es nicht an Badeanstalten und einem hübschen Garten, worin die Kranken der Luft genießen können, indem einige umhergehen, andere auf künstlichen Stühlen, in ihre Maschinen eingespannt, sich selbst umherfahren. Ist etwas zu tadeln, so ist es, daß zu wenig ärztliche Beratung bei der Behandlung stattfindet, da doch[401] die meisten solcher Formänderungen stets auf innern Übeln beruhen und daher keineswegs allein durch äußere Gewalt bekämpft sein wollen.
Es wurde mir denn auch das Bett gezeigt, auf welchem die Prinzessin Schwarzenberg gelegen und allmählich so viel Kräfte gesammelt hatte, daß endlich es ihr möglich wurde, dem »Stehe auf und wandle« des Fürsten von Hohenlohe Folge zu leisten. Ein Vorfall, der dem guten Heine, in dessen Abwesenheit der Fürst die Anstalt besucht hatte, damals zu besonderm Verdrusse gereichte.
Ich aß jetzt noch bei Doutrepont, und nach Tische besahen wir schließlich das große, schön gebaute Juliusspital, welches im 16. Jahrhundert begründet und im 17. in dieser opulenten Form aufgeführt wurde. Es ist auf zirka 300 Kranke der Stadt und Umgegend und auf einige bloß Verpflegte (sie nennen sie Pfründner) berechnet. Schönlein, Textor und Müller leiteten hier ärztliche, wundärztliche und psychische Klinik.
So war denn nun in geringster Zeit das meiste hier gesehen, und am 3. Oktober früh fuhren wir gen Bamberg ab. – Bei Dettelbach (in dessen Nähe der Spessart anfängt sowie auch der Odenwald zwischen Würzburg und Wertheim liegt) setzt man auf einer Fähre über den Main. Die Gegend ist durchaus wohl angebaut, und vor Dettelbach finden sich noch die größten Weinberge. Mittags kamen wir nach Ebenach, sonst ein übermäßig reiches Kloster, in dessen Hofe die äußerst opulent verzierte Kirche noch erhalten ist. Sie wurde im 13. Jahrhundert durch Gertrud, Gemahlin des römischen Königs Konrad, erbaut und zeigt von außen den gotischen Stil, obwohl nicht ganz rein. Leider hatten dann in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Mönche sie im Innern im überladenen neuen Stile ausgebaut, und kaum war somit alles umgeschaffen, kaum waren alle die Vergoldungen, Marmorwände und erhabenen[402] Arbeiten beendigt, so wurde das Kloster aufgehoben, und die Kirche wurde, was sie noch ist, die Pfarrkirche eines mäßigen Sprengels. Alles hat daher jetzt ein höchst verlassenes Ansehen, die Vergoldungen und Arabesken sind dick bestäubt, die drei Orgeln werden kaum einigemal des Jahres noch gerührt, statt goldener und silberner Altargeräte gleicht die Verzierung des mächtigen Altars der einer Dorfkirche, still brennt in den verödeten Räumen die Ewige Lampe, und ein ärmlicher Sigrist dominiert nun allein in all dieser vergänglichen Pracht. Nebenbei sieht man auch eine Menge Gemälde, meistens neuitalienischer Meister und ohne besondern Wert, aber alles zerfällt immer mehr!
Durch hügelige waldige Gegend endlich kamen wir ziemlich spät nach Bamberg und übernachteten wieder im Gasthof »Zum Lamme«, wo wir auf der Hinreise so gut aufgenommen gewesen waren. – So hatten wir also den Zyklus der Reise geschlossen und hofften einigermaßen, daß man hier doch auch uns wiedererkennen, ja uns vielleicht mit einiger Freude aufnehmen werde, aber – niemand erkannte uns wieder. So schnell verschwindet immer der Mensch aus dem Gedächtnis der Menschen.
Am 7. Oktober kehrten wir über Bayreuth, Plauen und Chemnitz nach Dresden zurück. Meine Ankunft war nicht fröhlich. Schon mein Freund Weiß (Amtsphysikus in Freiberg) hatte es übernommen, dort auf manche traurige Ereignisse, welche während meiner Abwesenheit begegnet waren, mich vorzubereiten, und so geschah es, daß ich die wenigen Meilen von Freiberg nach Dresden in der peinlichsten Stimmung zurücklegte. Ähnliche vorbereitende Notizen, hier am äußern Tore für mich niedergelegt, steigerten diese Unruhe nur noch mehr; ich sprang vom Wagen und wußte kaum zu sagen, wie schnell ich den Weg nach dem bekannten Hause zurückgelegt habe.[403] Da ich auf das Schlimmste gefaßt war, so mußte mir freilich, wie ich die Meinigen fand, noch über Erwartung scheinen! War ich doch nun wieder unter ihnen und konnte selbst auf weitere Hilfe denken!
1
1776 war Goethe nicht in Straßburg. Das Datum zeigt das Stiftungsjahr der Tafel an, die u.a. zusammen mit Goethe die Namen Schlosser, Ziegler, Lenz, Herder und Lavater verzeichnet. (Anmerkung des Herausgebers.)





[407] Die reiche Symphonie dieser Reise endigte sonach mit einer Dissonanz, die mich mannigfaltig beunruhigte. Meine Frau und unser jüngstes Kind Karoline waren von ernster Krankheit heimgesucht gewesen, die erstere fand ich noch sehr angegriffen und bettlägerig, bei dem Kinde erkannte ich eine böse Hüftgelenkskrankheit, welche fürs Leben die Schwäche und Verkürzung eines Fußes zurückließ und somit also immer wieder neue Sorgen und gespannte Zustände! Bei alledem arbeitete es damals mächtig in mir, das neu erbeutete reichliche Material von Erfahrungen und Ansichten der Reise mehr und mehr zu bewältigen und zu neuen Zwecken zu gestalten. Sowie ich daher nur etwas mich wieder gesammelt hatte und etwas besser wieder die Zustände im Hause geworden waren, schrieb ich davon:
»Das unruhige Wogen, durch so mannigfaltige Ereignisse im Äußern und Innern herbeigeführt, fängt nun allgemach an sich zu legen, ruhige Beschaulichkeit gewinnt Raum und besonnene Mitteilung wird wieder möglich. Wie doch das alles so sonderbar in uns und in der Welt sich umtreibt! Es scheint, als müsse der Mensch öfters etwa wie Korn gemahlen und wie Mehl gebeutelt werden, freilich um zuletzt doch auch, gleichwie jenes Mehl von uns, so wir von der Zeit verschlungen zu werden; wozu er aber dann weiter verarbeitet und assimiliert wird, das ist nun immer noch die Frage! Indes soll uns das, solange[407]  wir selbst seelengesund bleiben, nicht besonders kümmern!

Schwerer Dienste tägliche Bewahrung,
Sonst bedarf es keiner Offenbarung!

O wenn doch das Zünglein der Waage nur immer so recht mitteninne stehen wollte, dann möchte das Äußere schon nach Belieben schalten; aber die Aufgabe ist so gewaltig schwer! Wir gelangen zu dieser innern Ruhe und vollen Genüge erst dann, wenn wir unser Inneres für ein Höheres opfern lernen, für ein Höheres, welches seinerseits nun auch die Beweise dieser Opferung in der Art unsers Gebarens mit der Außenwelt würdig verkündigen soll. Ich kenne wohl Momente, wo eine solche innere Ruhe und Seelenheiterkeit mir klar wird, ja, wo sie mich tief durchdringt, es sind das die, von denen es heißt, ›daß man dem Weltgeist näher ist als sonst‹, aber dergleichen fliegt doch immer nur wie ein Sonnenblick bei bewölktem Himmel über das innere Land!«
Was übrigens diesmal noch besonders an all diesen innern Bewegungen teilhatte, war eine abermalige Berufung auf eine auswärtige Universität. Man hatte mir jetzt eben den Antrag gemacht, als Professor der Physiologie nach Breslau zu gehen. Die Bedingungen waren zwar etwas höher als mein Gehalt in Dresden, aber immer noch nicht so, daß sie mir erlaubt hätten, die ärztliche Wirksamkeit ganz aufzugeben und einzig und allein der Wissenschaft zu leben, und einen solchen Preis verlangte ich, wenn ich Dresdens Vorzügen entsagen sollte. Da man daher zu so bedeutenden Opfern sich nicht verstehen wollte, so zerschlugen sich die Unterhandlungen, und ich habe auch diese Entsagung niemals bereut.
Am deutlichsten erkannte ich bald und dankbar die wohltätigen Folgen der Reise für die eigene Gesundheit; das[408]  Arbeiten wurde mir leichter, das Gefühl war frischer, und seltener kamen die trüben, belästigenden Stimmungen. Fühlte ich doch schon damals eine besondere Verwandtschaft zur Sonne. Von ihrem heißern Feuer einmal so recht durchstrahlt worden zu sein, hatte mir offenbar gut getan. Manche Naturen verhalten sich ja darin wirklich dem Traubensafte ähnlich, welcher auch, je mehr die Beere den solarischen Einfluß empfängt, um so besser und geistiger zu werden geneigt ist, während andere darin vielleicht dem Wildbret oder gegorenen Getränken verglichen werden möchten, die man nicht wohl länger der Sonne aussetzen darf, ohne daß sie verderben und umschlagen. Ich habe denn auch, je älter ich wurde, diese Art von Sonnenanbetung mehr und mehr betrieben und kannte daher kaum etwas mir mehr Zusagendes und Wohltätiges, als periodisch in warmer Juni-, Juli- oder Augustsonne einer wahren römischen Apricatio mich hinzugeben.
Zunächst also half mir jene Nachwirkung den Winter 1821/22 glücklich und besser als andere überstehen; meine Arbeiten für jenes große Werk zur Theorie der Skelettbildung, von welchem ich Goethe erzählt hatte, gingen rüstig vorwärts, ich erquickte mich zuweilen an guter Musik, so daß die großen Symphonien von Mozart und Beethoven mir in ihrer Bedeutung für die Weltgeschichte des Geistes näher und näher traten, kurz, das Schifflein des Lebens hielt auf der Woge der Zeit einen guten Kurs! Allein neue Unruhe sollte nicht ausbleiben. Im Frühjahr 1822 starb Osiander, berühmter Professor der Geburtshilfe in Göttingen, und nicht lange darauf ging mir der Ruf zu, dort seine Stelle einzunehmen. Das gab denn wieder mannigfaltiges Bedenken! – Jene alte berühmte Universität, der Reichtum, den sich Osiander erworben hatte, das Eintreten in die Gemeinschaft vieler tüchtiger[409]  Gelehrten, die große dortige Bibliothek! Dann auch wieder der Ruf des Pedantentums, der um den Ort schwebte, die Aussicht, mich nun lebenslänglich an ein Fach zu binden, dessen Studien und Übung mir doch bisher immer mehr als ein Durchgangspunkt vorgekommen waren, und außerdem das Verlassen Dresdens mit seiner Kunstwelt und Schönheit der Gegend! Es gab schwer zu entscheidende Fragen! – Endlich wurde mir geschrieben, daß die reichdotierte Stelle Osianders nicht ganz so auf den Nachfolger übertragen werden könne. Bei alledem blieben freilich immer noch Vorteile genug übrig! Indes war ich im innern Herzen nicht unzufrieden, als ich hierin einen Grund fand, zu erklären, daß nur unter der Bedingung, mich ganz in die Emolumente des Vorgängers zu setzen, ich die Stelle annehmen würde. Dies konnte die Universität nicht, da von jenem Überfluß bereits zwei andere Professoren beglückt worden waren, und so zerschlugen sich denn diese Unterhandlungen abermals. Es war auch so gut, hatte mich aber doch lange in Atem gehalten. Ich schrieb darüber an Regis: »Was mich betrifft, so bin ich hier weder die Schelle auf Fortunas Kappe noch die Sohle ihrer Füße. Lange Zeit, so lange fast, als mich die Göttinger Geschichte beschäftigte, stagnierte die Kunst; es war fast, als wenn schon gewisse Perücken von dort mir die ganzen Farben verpudert hätten! Jetzt geht es wieder eher!«
Wirklich stammen denn von damals einige gute Bilder, und namentlich eine Aussicht vom Rigi-Kulm mit dem Kulmhause ziert noch jetzt einen Salon meines Hauses und beweist, daß so große Eindrücke, wie die jener Reise, nicht ohne Nachwirkung auch in dieser Beziehung geblieben waren. Dahl und Friedrich, beide kamen öfters und fanden mehr System in Durchführung von Zeichnung und Farbe; das ganz Vollendete aber und mich wahrhaft Zufriedenstellende wollte immer nicht erscheinen[410]  und wird es schwerlich! Wie viele Bilder steigen nicht in mir auf, wie schöne Momente bietet mir Natur, und nur eins oder das andere konnte ich festhalten und ausführen. Wirklich, nur die Unendlichkeit des Elements, des Stoffs, für jede Art von Tätigkeit bedenkend und fühlend, wird es uns leichter, auch die Ewigkeit des Geistes als beseligende Wahrheit zu empfinden! Freilich gehört aber auch wieder dazu die Selbstbeschränkung, welche als Gegensatz uns einer fruchtlosen Zerstreuung entzieht, welche an einem mit voller Liebe uns festhalten läßt und uns dann erst den Übergang zu anderm gestattet, wenn eine erst erfaßte Idee, soweit es unsere Kräfte erlaubten, zuvor wahrhaft erschöpft ist. Ohne jene Selbstbeschränkung daher würde die Masse des Elements uns erdrücken, im völlig Bodenlosen schienen wir uns dann hin- und hergestoßen, und rettungslos verlöre sich so der Geist in vernichtender Zerstreuung. Dies ist ein Punkt, wo ich oft mit mir selbst im Streit bin, obwohl doch jetzt viel sicherer an dem einmal recht Erkannten haftend als früher! Die Kunst ist auch hier meine Führerin, denn in ihren Werken tritt es am auffallendsten hervor, wenn diese innere Ruhe, dieses Haften an einem vermißt wird. Jedes Kunstwerk eigentlich ist eine Suleika, welche spricht: »In mir liebt Gott für diesen Augenblick.«

  Amazon.de Widgets
Einen Teil dieses Sommers verbrachten wir des kränkelnden Kindes wegen auf einem kleinen Dorfe unfern der Stadt. Mit Goethe wechselte ich mehrere Briefe, und er schickte mir regelmäßig die neuen Hefte zur Naturwissenschaft, sowie denn der damals erschienene Feldzug in der Champagne als köstliche Gabe mit vollen Zügen genossen wurde. Er hatte gewünscht, einmal wieder etwas von meinen Bildern zu sehen, und ich sendete ihm diesmal einige größere Sachen, welche einige Zeit in Weimar ausgestellt wurden, zugleich aber die jetzt vollendeten[411]  Briefe über Landschaftsmalerei. Die Erwiderung, die ich erhielt, war sehr zustimmend, und ein junger Künstler, der nachmals so berühmt gewordene Landschaftsmaler Preller, wurde mir zugleich zu Rat und Tat von Goethe empfohlen. Ist es doch immer ein eigenes Glück, einen solchen gewaltigen Urgeist noch unter seine Mitlebenden zu zählen – ein Glück, von welchem die neue Generation bald gar keinen Begriff mehr haben wird. Man lebt gewissermaßen zwiefach in der Welt, wenn man sie noch von solchem Geiste erleuchtet weiß und wenn man von Tag zu Tag erwarten darf, wieder durch irgendeine neue Ausstrahlung von daher überrascht zu werden; ja ich möchte sagen, man glaubt mehr an die Welt, weil sie noch ein so Vortreffliches enthält und wir nicht im einzelnen uns überall sogar sehr an das Mittelmäßige gewiesen sehen. – Auch ein anderer großer Geist, und zwar des Altertums, wurde um diese Zeit mir zuerst näher bekannt; es war der Herodot in der Übersetzung von Lang, welche Schneider mir empfohlen hatte. Zu der erfahrenen wirklichen paßte genau diese geistige Alpenwelt mit all der ursprünglichen, gewaltigen, ja oft entsetzlichen Größe, die mir da aufging. Weitet doch jede solche uns neue Geistesgröße, gleich einer neuen Seite der Erdnatur, ja noch mehr als diese, auch eine eigene Seite unsers Seelenlebens in uns aus!
In meiner ärztlichen Tätigkeit wurde ich jetzt anhaltender beschäftigt, und meine Anstalt nebst vielem praktisch Merkwürdigen, worüber ich jährlich in eigenen Aufsätzen berichtete, gab mir neben dem Gynäkologischen mitunter auch psychologisch merkwürdige Tatsachen, wovon ich denn eine der auffallendsten hier der Vergessenheit entreiße, weil sie in ein Feld gehört, in welchem noch so viel Dunkel herrscht und wo es oft schwer ist, so entschiedene Fakta zu sammeln und als dieses eins genannt werden[412]  darf. Es betraf die Oberhebamme meiner Anstalt, eine verständige und gebildete Frau, welche, an einen Buchbinder verheiratet, jetzt selbst ihrer Entbindung bald entgegensah und sich eben um ihre Mutter sehr bekümmerte, welche zu Adorf im Vogtlande schwer krank lag. Eines Tags nun kommt sie weinend zu meiner Frau und versichert, diese Nacht müsse ihre Mutter gestorben sein; 23/4 Uhr war sie durch ein starkes Klopfen am Bette aufgewacht und sah dann das Brustbild einer weiblichen Gestalt vor ihren Augen durchs Zimmer schweben. Am andern Morgen kommt nun ein Brief, den man ihr selbst noch verheimlicht; aber bald erzählt uns ihr Bruder, die Mutter sei wirklich in jener Nacht 23/4 Uhr gestorben. – Es bewegt sich doch noch eine eigene geheimnisvolle Welt hinter dem Vorhange dieser Zeitlichkeit! Es führte mich dies dann weiterhin zu manchen Erörterungen über das Wechseln von Tag- und Nachtseite unsers Geisteslebens usw. So habe ich neulich träumend irgendeines Philisters triviale Bemerkungen über Goethe so begeistert und tiefsinnig widerlegt und ihm bewiesen, wie einem Genius, der einmal die Idee der Schönheit rein erschaut habe, alle Dinge zum Besten dienen müßten, daß ich im Erwachen nichts mehr wünschte, als dies alles so geschrieben zu überlesen, denn ich fühlte nun, daß ich es jetzt nicht mehr so klar zu erörtern vermochte. Ebenso eigen war es ein andermal spätabends, als ich in Goethes Schweizer Briefen las: »Bei der gewaltigen Natur dieses Landes gibt man gern das Übersinnliche auf, da man fühlt, daß man ja selbst mit dem Sinnlichen nicht fertig werden könne.« – Das Verhältnis einer sinnlichen zur übersinnlichen Welt trat mir mit einemmal so deutlich vor die Seele wie nie zuvor, und es wurde mir klar, nie stehe es zu hoffen, mittels einer gewissen Sublimation des Sinnlichen zum Übersinnlichen aufsteigen zu können, sondern zwei ganz verschiedene[413]  Welten seien es, welche hier ewig sich in- und durcheinander bewegen, und man müsse den Mut haben, in beiden zugleich zu leben oder auf beide zu verzichten.
Von all dergleichen Spekulationen wurde ich indes im Herbste wieder losgerissen und ganz dem Leben und den frischen Naturstudien zugewendet durch einen Ausflug nach Leipzig, wohin Oken zum 18. September 1822 die deutschen Naturforscher und Ärzte berufen hatte. Es war dies der erste Versuch, jene Versammlungen zu begründen, welche von da an sich immer zahlreicher gestalteten später fast ohne Unterbrechung jährlich an den verschiedensten Orten Deutschlands abgehalten worden sind, dann in der Schweiz, in England, Frankreich, Italien sowie auf der skandinavischen Halbinsel vielfache Nachahmung und Wiederholung gefunden haben und in vieler Hinsicht belebend und fördernd für den Aufschwung der Naturwissenschaft und Heilkunde gewesen sind. Auch hier war der Anfang klein, aus welchem nachmals eine große Bewegung hervorging. Okens Aufruf war von den meisten der Leipziger Professoren für eine bloße exzentrische Idee genommen worden, und auch nur wenige von andern Orten hatten das Bedeutungsvolle desselben erkannt. Als ich daher mit Freund Reichenbach von Dresden ankam, fanden wir noch wenig Glauben an irgendeinen Erfolg des Unternehmens und kaum einige Vorkehrung, um der Versammlung doch wenigstens ein Lokal anzuweisen. Nach und nach kam indes eine geringe Zahl Teilnehmender zusammen, und in einem kleinen Auditorium wurde durch einige kräftige und entschiedene Worte Okens endlich die Versammlung eröffnet. – Wie es denn schon in dem Aufrufe ausgesprochen worden war, daß diese Zusammenkünfte wesentlich den Zweck persönlicher Bekanntschaft und wechselseitiger Unterstützung für wissenschaftliche Arbeiten haben sollten, so war auch mir zunächst die Persönlichkeit[414]  Okens selbst der interessanteste Erfolg dieser Reise. Oken war damals noch Professor in Jena, und sein Wesen hatte den vollen Ausdruck von Schärfe, Lebendigkeit und Tatkraft. Seine Arbeiten, namentlich seine Naturphilosophie, hatten, wie ich dies früher schon erzählt habe, vielfältige Wirkung auf mich geübt, aber ich freute mich nun auch, an ihm wahrzunehmen, daß jene gewisse ideale Richtung des Geistes ihn keineswegs verhindert hatte, zugleich eine große Kenntnis des Speziellen der Naturwissenschaft und eine rege Tätigkeit im Leben zu beweisen, ja zu behaupten. Seine Gestalt war nicht groß, wenig beleibt, aber elastisch, die Stirn wohlgebaut und stark, doch nicht übermäßig breit, das Auge braun und lebendig, der Mund scharf geschnitten mit schmalen Lippen. Wir kamen ganz gut zusammen aus, eine Rede, die ich zu Hause entworfen hatte und nun vortrug – über die Bedeutung der Naturwissenschaften – (sie wurde alsbald gedruckt und viel verbreitet), hatte ganz seinen Beifall, manche andere Naturforscher hielten dann ebenfalls kürzere Vorträge und zeigten Seltenheiten vor; meine schönen, von Genua mitgebrachten Abbildungen dortiger Sepien wurden bewundert, kurz, es kam nach und nach mehr Leben in die Zusammenkünfte, und eine neue Versammlung auf nächstes Jahr in Halle wurde beschlossen, von welcher man denn schon jetzt voraussehen konnte, daß sie weit zahlreicher und umfänglicher sich gestalten würde. So schloß denn also dieser erste Versuch nach wenigen Tagen doch sehr befriedigend, und es ist mir immer angenehm, mich zu erinnern, daß ich einer der Mitbegründer eines Unternehmens gewesen bin, welches für Förderung jenes höhern und rechtmäßigen Sozialismus der Wissenschaft stets wird bedeutend genannt werden müssen.


Unter den übrigen Versammelten ist mir Formey, einer[415]  der zu jener Zeit berühmtesten Ärzte Berlins, noch am entschiedensten im Gedächtnis geblieben. Er repräsentierte namentlich in dieser kleinen Zahl die praktische Medizin und fiel uns auf durch eine gewisse imponierende Persönlichkeit, wobei der Ruf seiner ausgezeichneten »Praxis aurea« nicht wenig mitwirkte. Irgend bedeutendere wissenschaftliche Mitteilungen bot er nicht dar, aber er beförderte den geselligen Verkehr durch einen eigentümlichen berlinischen Humor, wie er mir denn noch ganz deutlich vorschwebt, wie er bei unsern Nachmittagszusammenkünften in Rudolphs Garten – einem damals beliebten Café Leipzigs – perorierend saß und dabei aus einer stattlichen, gekrümmten Hornpfeife mit porzellanenem Kopfe emsig rauchte.
Bald zurückgekehrt nach Dresden, verfloß mir nun der Rest des Jahres ganz still, und sollte ich noch irgend etwas hervorheben, so könnten es nur die wunderschönen Tage des Spätherbstes sein, welche uns zu einer Zeit noch einmal auf die besten Höhen der Sächsischen Schweiz lockten, wo man sonst in unserm Klima nur in die erwärmten Zimmer sich einzuschließen pflegt. – Es war aber wirklich der reinste Himmel und die wärmste sonnigste Luft; noch waren damals die schönsten Punkte nicht immerfort von spekulierenden Wirten besetzt, in so später Zeit fand man alles still und einsam, und man atmete so den Hauch der Gebirge in einer Reinheit, die mich ganz wieder an meine Alpen erinnerte. Kaum je habe ich das Prebischtor wieder so herrlich gesehen als an jenem Abend, noch hatte kein Waldbrand die weiten Felsen ihres Kieferschmucks beraubt, auf den tiefen Tannengründen lag ein golden duftiger Schleier, die Sonne, schon tief stehend, färbte den Himmel über dem Rosenberge und ihn selbst dem Namen entsprechend, und so, unter dem mächtigen Felsengewölbe stehend, sah ich den goldhaarigen Sohn der Luft glühend[416]  hinter dem Tzschirnsteine hinabsinken. Einsam entzündeten wir dann am Felsen ein kleines Feuer, die beiden Frauen bereiteten den notdürftigen Imbiß selbst, endlich stiegen wir hinab und abends unterm Sternenhimmel, auf schmalem Kahn, gleiteten wir, von leichtem Wind und Wellenzug doppelt begünstigt, gen Schandau hinab, wo wir blieben, um den andern Morgen nach Dresden zurückzukehren. Die Betrachtung dieser wunderbaren Herbstschönheit gab mir viel Stoff zu Vergleichungen mit der Reise des vorhergegangenen Jahres, und der Reichtum dieser Elbnatur fesselte mich immer fester an einen Ort, dem man mich nun schon mehrmals hatte so gern entführen wollen. Mögen seine Sterne mir bis ans Ende günstig leuchten!
Es ist eine eigene Sache um das Wachstum des Menschen! Erst neuerlich hat man sich genauer mit der Geschichte des leiblichen Wachstums beschäftigt und hinreichender beachtet, wie dasselbe so merkwürdig an ein gewisses periodisches Aufschießen geknüpft ist. Man braucht ja auch nur schärfer auf Kinder und junge Leute Achtung zu geben, um sich zu überzeugen, wie da manchmal zeitenlang alles Größerwerden aufzuhören oder zu stocken scheint und wie dann mit einemmal wieder ein Schub erfolgt, so daß, wenn man den jungen Menschen nach einem halben Jahre wiedersieht, man ihn kaum wiedererkennt. So aber geht es doch eigentlich auch mit dem geistigen Wachstum! Jahre kommen und gehen, und das innere Sein des Menschen zeigt wenig merkbaren Umschwung, und dann kommt oft plötzlich wieder ein Jahr, in welchem alles treibt und drängt und vorwärts will, ja wirklich ein gut Stück vorwärts kommt. Das Jahr 1823 war mit ein solches, und manches wirkte zusammen, um mich innerlich zu fördern.
Sollte ich aber jetzt im einzelnen aufzählen, was es gerade[417]  war, das diese innere Triebkraft so besonders aufgeregt hatte, so würde es mir doch nur sehr unvollkommen gelingen. Der Mensch hat Mühe, sich in der Gegenwart zu verstehen, 30 Jahre rückwärts aber mit klarem Auge die Fäden alle zu verfolgen, welche immer als neuer Einschlag in den alten Aufzug des Lebensgespinstes verwoben wurden, ist fast unmöglich. Vielleicht war es im ganzen doch, daß die heiße Sonne Italiens mir etwas eingeimpft hatte, was nun mit besonderm leidenschaftlichem Regen sich zutage herausarbeiten wollte! Erscheinungen, von denen ich gegenwärtig es nicht begreifen könnte, daß sie Gewalt über mich haben sollten, konnten daher damals bei solch entzündlichem Zustande mit fieberhafter Heftigkeit mich aufregen, meine Tatkraft steigern und meinem Gefühl eine Wärme geben, welche ebenso in tiefempfundenen künstlerischen Produktionen sich Luft machte, wie sie den wissenschaftlichen Arbeiten, die mir damals vorlagen, so gut wie meiner praktischen Wirksamkeit zum wahren Vorteil gereichten. Wie es aber zu gehen pflegt, daß, wenn überhaupt eine größere Empfänglichkeit gegeben ist, sogleich alle äußere Einwirkungen entschiedenere Folgen hervorrufen, als sie außerdem gehabt haben könnten, so wird man es nun auch erklärlich finden, daß bei solcher Stimmung meines Innern jede Begegnung mit selbst nur einigermaßen befähigten Individuen stärkern Eindruck machte und mich einerseits zuweilen verletzte, andererseits aber, und zwar häufiger, zu merkwürdigster Förderung meines Wesens ausschlug.
In diesem Sinne darf ich daher auch jenes Zusammentreffen von Umständen glücklich nennen, wodurch es mir um diese Zeit möglich wurde, neben meinen amtlichen Vorlesungen mitunter wieder Vorträge über vergleichende Anatomie für eine Auswahl von Zuhörern zu halten. Das alte Wort, »daß wir im Lehren lernen«, bewährte sich dabei[418]  vielfach, und außerdem, da auch mehrere ältere, wissenschaftliebende Männer an diesen Vorträgen teilnahmen (es hörte zum Beispiel der damalige Besitzer des Schlosses Wesenstein, ein Baron von Uckermann, bei mir, ein Mann, der eine reiche Bibliothek gesammelt hatte und viel Fremde bei sich sah), so kam ich dadurch überhaupt in manche angenehme und ersprießliche Berührung.
Unter die guten Begegnungen dieses Frühjahrs durfte ich es noch weiter rechnen, daß mir von Kopenhagen die Anzeige zukam, es sei eine von mir der dortigen Akademie eingesendete Schrift über eine ausgesetzte Preisfrage gekrönt worden, womit denn zugleich die Übersendung der großen goldenen Medaille von daher verbunden war. Jene Frage betraf die »äußern Lebensbedingungen weiß- und kaltblütiger Tiere« und sollte namentlich beitragen, einen Streit zu entscheiden, welcher, durch einen sehr seltsamen Fall im Kopenhagener Spital veranlaßt, in der Akademie über die Möglichkeit des Fortlebens gewisser niederer Geschöpfe innerhalb des menschlichen Leibes geführt worden war. Natürlich mußten, um hierüber zur Entscheidung gelangen zu können, zuerst die Bedingungen geprüft werden, unter welchen das Leben solcher Geschöpfe überhaupt nur zu denken ist. Daß diese Bedingungen wirklich ganz andere sein würden als die für das Leben höherer Tiere oder des Menschen, verstand sich alsbald, dieselben indes genau und einzeln aufzuführen war bisher unterlassen worden, und eben darum hatte jene Frage mich interessiert, ich hatte ziemlich lange an deren Beantwortung gearbeitet und meine Schrift endlich im vorigen Jahre der Akademie übersendet, von welcher sie denn preiswürdig gefunden wurde.
Hierbei ist es vielleicht nicht uninteressant, noch jenes Falles zu gedenken, welcher die obgedachte Streitfrage in der Akademie angeregt hatte und der einer der seltsamsten[419]  Beiträge zur Geschichte menschlicher Irrtümer wohl genannt werden darf. Seit einigen Jahren nämlich befand sich in dem großen Kopenhagener Spital ein Frauenzimmer namens Rachel Herz, welche die unglaublichsten Erscheinungen darbot und dadurch in der medizinischen Welt nicht wenig Aufsehen veranlaßt hatte. Das Seltsamste waren Hautabszesse, die an verschiedenen Teilen ihres Körpers vorkamen und aus welchen jedesmal bald größere, bald kleinere Nähnadeln hervorgezogen wurden, bevor sie heilten. Man hatte nach und nach ein ganzes Paket solcher Nadeln gesammelt, und die darüber gebildete Hypothese, welche man in mehrern medizinischen Zeitschriften las, war die, daß die Person als Kind wirklich ein Paket solcher Nadeln verschluckt haben müsse, welche nun auf diese merkwürdige Weise ihren Ausweg suchten. Dabei waren später noch ungewöhnliche Unterdrückungen natürlicher Ausleerungen und Klagen über Bewegung lebendiger Tiere in ihrem Innern hinzugetreten; kurz, Professor Herold, der Direktor des Krankenhauses, wurde über diese sogenannten Krankheitserscheinungen auf das mannigfaltigste in Anspruch genommen, bis endlich, nach beinahe zehnjähriger Dauer dieser Komödie der Irrungen und lange nach jener aufgegebenen Preisfrage der Akademie, man die Betrügerin entlarvte und sich überzeugte, daß sie namentlich alle jene Nadeln (gewiß unter vielen Schmerzen) sich absichtlich in Haut und Fleisch eingestochen habe, um später das Vergnügen zu haben, deren Herausschwären von vielen Ärzten höchlich bewundert zu sehen. Auf gleiche Weise hatte sie die andern Krankheitssymptome vorgespiegelt und hatte es wenigstens dadurch erreicht, einen so langen Aufenthalt im Hospital sich zu erzwingen; für welches ungewöhnliche Bestreben übrigens auch, wie man sagte, eine verborgene Neigung für den Direktor der Anstalt den Grund mit abgegeben haben[420]  sollte, welchem letztern daher freilich aus all diesen Geschichten auch manches Unangenehme erwuchs, wie denn das ebenfalls mit in die Irre geführte Publikum dadurch sich einst an ihm rächte, daß, als sein Porträt in Form eines großen Ölgemäldes auf der Kunstausstellung erschien, dasselbe eines schönen Morgens mit einer in das Auge eingestochenen großen Nadel gesehen wurde, wobei dann die Geschichten jener Nadeln vielfältig zu seinen Ungunsten ausgebeutet wurden.
Dieser Fall, dem ich leicht noch manchen andern beigesellen könnte, bietet übrigens einen merkwürdigen Beitrag dar, nicht bloß zur Geschichte menschlicher Irrtümer überhaupt, sondern auch zur Schilderung jener sonderbaren, tief im Menschen gelegenen Lust zur Täuschung, zur absichtlichen Herbeiführung des Irrtums. Die Neigung, sich zu verbergen, sich zu verkleiden, eine Art von Komödie zu spielen, ist bei Kindern schon vielfältig zu bemerken, es sagt Goethe selbst, daß ihn dergleichen gar oftmals angewandelt habe, und in seinen größten Werken leuchtet die Freude zuweilen hervor, den Leser gewissermaßen irrezuführen und auf falsche Spur zu bringen; ja haben doch diese Dinge mit der Geschichte der Entstehung der Künste selbst einen tiefen wunderbaren Zusammenhang! Wollte man endlich paradox sein, so könnte man – die Erscheinung des Lebens vorzüglich ihrem Scheine nach nehmend – vielleicht sogar sagen, jegliches sich leiblich Verwirklichen einer Idee, jegliches Fleischwerden des Geistes sei gewissermaßen ein sich Verstecken und sich Verkleiden, und es konnte insofern endlich selbst einem Dante wohl erlaubt sein, die große und tiefsinnige Geschichte der Seele an und für sich mit dem Namen einer Divina Commedia zu bezeichnen.
Ich darf übrigens vielleicht noch erwähnen, daß diese seltsame Krankengeschichte (wie denn im Leben so oft[421]  ganz unerwartete Verkettungen von Ursache und Wirkung sich einstellen) für mich gerade im Gegensatz des Krankhaften eine offenbare Förderung meiner Gesundheit herbeiführte, indem jene Medaille für die dadurch veranlaßte Preisschrift in ihrer Verwertung das Mittel wurde, mir ein eben um mäßigen Preis verkäufliches Reitpferd zu erwerben. War doch das Bedürfnis, mich aus der gedrückten Luft der Krankenzimmer und des Lehrsaals in eine frische, weite Atmosphäre einzutauchen, seit der letzten Reise nur noch größer geworden, und empfand ich es gleich um so niederdrückender, wenn ich durch Mangel an Zeit ein solches Bedürfnis entbehren mußte.
Natürlich hatte ich nicht verabsäumt, von dem schön geprägten Geldstück einen zierlichen Abguß entnehmen zu lassen, bevor es dem Wechsler anheimfiel, und es wurde mir derselbe zwar von dem Inspektor der königlichen Stück- und Glockengießerei des Zeughofes gefertigt, einem Manne, den ich damals schon in schweren Krankheitsfällen glücklich behandelt hatte und den ich später noch 30 Jahre erhalten konnte, obwohl die vielen Metall- und Schwefeldünste dergestalt auf ihn eingewirkt hatten, daß dadurch eigentlich alle Anwartschaft auf eine nur kurze Existenz gegeben schien. Der Mann hieß Schröttel, war aus Nürnberg gebürtig und hatte in seinem Fache tüchtige Erfahrung und gesunden Handwerksverstand dergestalt erwandert und sich abgesehen, daß er, der als ganz unbemittelter Gesell hierher kam, später sich eine nicht unergiebige Stelle erworben und durch Lösung mancher wichtigen Aufgabe für die sächsische Artillerie sich rühmlich bekannt gemacht hatte. Nun war es mir immer interessant gewesen, Menschen dieser Art in ihrem tüchtigen Geschäftstreiben zu beobachten; es lag mir darin so viel echt Deutsches, und das gute alte Nürnberg, hatte auch mit aus diesem Grunde mich mannigfaltig beschäftigt.[422]  Kam nun noch die Liebe zu Schillers »Glocke« hinzu, deren Sang und Geschichte ich bei ihm oftmals praktisch mir deutlich zu machen Gelegenheit hatte, so versteht man vollkommen, warum der Mann mich interessierte und warum auch er wieder mit ausnehmender Treue zu mir hielt. Es wurde nicht leicht ein bedeutendes Geläut Glocken gegossen, ohne daß ich, vom Arbeiten der Form an bis dahin, wo es heißt:


  Amazon.de Widgets
Stoßt den Zapfen aus,
Gott bewahr' das Haus!
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießt's mit feuerbraunen Wogen,

Kenntnis davon genommen hätte, und manch Phänomen kam mir dabei vor, dessen Schiller wohl noch hätte gedenken können, zumal eins, welches so bedeutungsvoll und so wenig gekannt ist, daß ich es hier noch mit einigen Worten erwähne. Man hat nämlich, wie ich da lernte, eine Art der Berechnung der Glockenform und der Metallmasse gefunden, um einem Geläute dreier Glocken jeden beliebigen Akkord zu geben, dergestalt, daß Prime, Terz und Quinte, in welcher Tonart man will, schön zusammenklingen müssen. War nun die Glocke gegossen und ziseliert und hing sie schwebend in der großen Werkstatt, so kam es natürlich darauf an, sich zu versichern, ob sie auch ganz rein den beabsichtigten Ton angebe. Hierzu bediente man denn sich folgenden Verfahrens. Einer mäßig großen, aber doch leicht mit dem Munde anzublasenden hölzernen Orgelpfeife hatte man die Einrichtung gegeben, daß sie durch einen tiefer oder weniger tief einzustoßenden Stempel ganz rein die zwölf Töne einer Oktave angab. Sollte nun die Glocke zum Beispiel die Stimmung von f haben, und man wollte sich überzeugen, ob sie auch wirklich diesen Ton ausgebe, so brauchte man die Pfeife nur auf f[423]  zu stellen und nahe bei der Glocke sie sanft anzublasen, und alsbald fing die große Glocke an zu tönen. Kein andrer Ton, zum Beispiel e oder fis, machte sie mitklingen, nur f versetzte sie in lebhaftes Tönen. Wäre aber etwa die Glocke selbst in ihrer Stimmung nicht gelungen gewesen, hätte sie nicht rein in f geklungen, so hätte sie auch auf das angeblasene f keineswegs geantwortet. Gewiß! Hat irgendein einfaches physikalisches Experiment einen entschiedenen, tiefen und poetischen Sinn, so ist es dieses! Das Wort »Anklang«, das unsere Sprache bereits so schön benutzt, um die Verwandtschaft eines geistigen Lebens zu einem andern zu bezeichnen, es findet in diesem Miterzittern des gleichgestimmten Metalls teils seine Erklärung und teils auch seine vollkommene Rechtfertigung.
So genoß ich denn also, seit ich ein Reitpferd besaß, öfters der Erfrischung, die schönen Umgegenden der Stadt in früher Morgenstunde (die einzige, die mir gewöhnlich frei blieb) im Sattel zu durchstreifen, und wenn ich dabei die Launen eines Tieres studierte, wurde mir oft manches in der menschlichen Natur auch klarer, ja, das, was ich eben mit mir selbst zur Entscheidung zu bringen hatte, entwirrte sich auf solchen einsamen Ritten oft rascher als bei ruhigem Nachdenken im Zimmer. So hatte mir zum Beispiel um diese Zeit abermals ein neu wiederholter Antrag jener Breslauer Professur, aber diesmal mit beträchtlich erhöhtem Gehalt, neues und vielfaches Hinundherdenken veranlaßt; ich kam indes an eben einem solchen Morgen schnell zum Entschluß und schrieb es auch zum zweitenmal ab. Ich darf wohl sagen, daß ich dabei zugleich besonders meiner großen Arbeit über die »Ur-Teile des Knochengerüstes« gedachte, welche jedenfalls durch jene Übersiedelung bedenklich gestört worden wäre. Mit meinem Werke schreite ich gemessen und langsam schon ins fünfte Jahr vorwärts. Ich möchte hier den Kern von dem,[424]  was ich für diesen Bereich der Naturwissenschaft zu leisten irgend vermag, treu und sorgsam niederlegen. Das Bewußtsein, so etwas recht mit voller Kraft und so rein um der Sache willen mühevoll durchzuführen, ist der eigentliche Lohn solcher Arbeiten. Zoëga schreibt einmal über dergleichen Dinge, zwar vielleicht etwas in der Sprache der Sturm- und Drangperiode, aber doch wahr: »Der Mensch hat nur eine wahre edle, hohe Bestimmung – die Fülle des Genusses in der Wirksamkeit, wenn der Geist vom Himmel auf uns fällt, die Feuerseele heilig und allgewaltig, Funke zur ewigen Flamme, daß der Trieb selbst Zweck ist, der Kampf selbst Siegeskrone. All das übrige ist Sklavenarbeit ohne die Freude der Ernte, Mühe ohne Dank, Hingeben sich selbst und seine Kraft um das, was nichts ist. Ein Wesen, das nicht alles ist, was es sein kann, nicht in der geraden, unwankenden Richtung es zu werden, ist nichts, stets in dem Gefühl des Überdrusses und der Zernichtung.« – Was mich betrifft, so habe ich bei dieser Arbeit so recht die Freude, mich an keine Mutter Baubo, sondern an die wahre Isis zu halten, und so darf ich wohl sagen, daß die hier allmählich tiefer und tiefer sich erschließenden Erkenntnisse nebst der Kunst und der Liebe zu den Meinen, bei eigenem aufrichtigem Wohlwollen für die Menschheit, recht eigentlich die Flügel sind, die mich allein über manches Mühsal hinüberheben.
Schiller hat in seinen »Räubern« einem herrlichen Gedanken Luft gemacht, wenn er sagt: »Frei muß Moor sein, wenn er groß handeln soll!« und ebenso da, wo sich Tells Knabe nicht will binden lassen, weil er sonst toben würde gegen seine Bande. Ich fühle in mir oft etwas Ähnliches, ja ich glaube, ich könnte schlecht handeln, wenn man mich zum Guten zwingen wollte. Empfinde ich doch immer eine geheime Freude, wenn ich daran denke, daß ich hier,[425]  durch die noch so ungewissen Zustände bei meiner Anstellung verhindert, gar nicht so, wie es sonst jedem bei seiner Amtseinführung geschieht, feierlich verpflichtet worden bin, und ich darf wohl sagen, daß ich eben deshalb nun um so mehr pünktlich und pflichttreu mich verhalte. – Ich lese mit den Meinigen abends die »Lalla Rookh« von Thomas Moore; es ist wohl manches wahrhaft Hübsche und Lebendige darin, aber an sich geht auch das nicht aus einem ganz gesunden und tüchtigen Gemüt hervor. O du dreimal seliger Homer! In dir ist allein so gar nichts Krankes, nichts gereizt Humoristisch-Sarkastisches, nichts erschlafft Sentimentales, nichts überladen Gewaltsames! Immer groß auf großem Bezirk schreitet rein und frei der Genius der Dichtung aus! Deinesgleichen wird wohl dem armen Menschen nie wieder erstehen! Ich muß noch mein Griechisch wieder anfangen, nur um des Homer willen! –
Ich habe nun schon oben erwähnt, daß Krause, eine Individualität, die im Wissenschaftlichen hier eigentlich am bedeutendsten auf mich wirkte, in diesem Jahre Dresden verließ, um nach Göttingen zu ziehen. Neun lebende Kinder nahm er mit dahin, und man kann denken, daß somit der Umzug nicht leicht war. Eins davon, das zwölfte Kind, hatte ich ihm noch zuvor aus der Taufe gehoben, und einen Sohn ließ er hier zurück, den ich durch einige Freitische und sonst unterstützte. Noch ehe er uns verließ, hatten wir manche tiefgehende und vielumfassende Gespräche, von denen einige Resultate auch meinem großen Werke von den Ur-Teilen des Knochen- und Schalengerüstes zugute gekommen sind. Einesmals sah ich ihn mit Schneider, Ficinus und meinem Oheim Jäger aus Leipzig bei mir, und das Heterogene dieser vier Naturen stellte sich erst in solchem Gegenüber recht lebhaft heraus. Jener Oheim, der jüngere Bruder meiner Mutter und der Vater[426]  des nachmals anerkannt tüchtigen Historienmalers Jäger, hatte eine stark pietistische Färbung, Ficinus, ein derber praktischer Chemiker, und Schneider, dieser vagierende Halbphilolog, Halbkameralist, sie befanden sich mit dem tiefsinnigen Krause vor vier Bildern, die ich um diese Zeit [alla] prima gemalt hatte und in denen die alten vier Elemente ganz frisch und leicht kenntlich symbolisch sich aussprachen. Wie ein und dasselbe Objekt nun so ganz verschieden auf verschiedene wirkt und oft so ganz Entgegengesetztes in ihnen anregen kann, ist mir fast nie so klar geworden als hierbei! Wo der eine an Schlange und Lilie, welche über dem Element der Erde erschienen, das Christentum und die Bekämpfung des Satans ablas, da sprach der andere von Kohlenstoff und Stickstoff, der dritte berechnete den verkäuflichen Wert der Bilder, und der vierte erkannte absolut nur die philosophische Seite und ließ daher dieser das eigentlich Artistische fast ganz fallen. Und treiben es denn etwa die Menschen mit dem großen Element des Lebens anders? Wie engherzig höken es die einen aus, und wie leichtsinnig vergeuden es die andern!



II.










[427] Es war in jenen Jahren noch die letzte Glanzperiode der italienischen Oper in Dresden! Eine Signora Tibaldi, eine schöne Altstimme und reizende Erscheinung, zog mich öfter als sonst in das Theater und half den Begriff des geistigen Italien, den eigentlich die Reise noch wenig entwickelt hatte, vollständiger zur Reife bringen. Ihr Tancred und Page im »Figaro« wird wohl den meisten unvergeßlich bleiben, von denen sie in diesen Rollen gehört worden ist. Eigentümlich wirkte übrigens bei mir das[427]  Musikalische auf die Malerei zurück, und so wenig ich jemals dem sogenannten Malerischen der Musik großen Geschmack habe abgewinnen können, so ist mir dagegen doch immer ein gewisses inneres musikalisches Gefühl unerläßlich gewesen, wenn ein landschaftliches Werk mich wahrhaft und nachhaltig anziehen sollte.
Ich gedenke dabei noch eines Bildes (es ist späterhin nach Petersburg gekommen und bewegte dort den Dichter und Erzieher des Thronfolgers, Joukowski, so sehr, daß er eine Kopie davon entnehmen ließ), worin ich versucht hatte, diese Beziehung der Musik selbst symbolisch auszudrücken: Es stellte beginnende Nacht dar, man sah eine gotische offene Halle, weinumrankt, und mit der Aussicht über Münstertürme hin nach dem Meere; im Vordergrunde stand ein Sessel, leer, aber noch mit einem golddurchwirkten, dunkelblauen Gewande bedeckt, daran lehnte eine Harfe, und hinter ihren Saiten, ja durch diese hindurch, sah man den Mond über den Meereshorizont sich erheben. Ich hatte das Bild mit großer Sorgfalt behandelt, und die Wirkung war immerhin bedeutend genug zu nennen; kurz, aus all diesem wird man abermals erkennen, wie so vielfältig, was mich irgend geistig tiefer in Anspruch nahm, auch künstlerisch eine Offenbarung im Äußern sich erzwang und vor der Erreichung dieses Zieles mir keine Ruhe ließ.
Übrigens neckten mich die Freunde öfters damit, daß ich lauter Mondschein male, und obwohl dies nun nicht gerade in der Wahrheit begründet war, so will ich doch gern eingestehen, daß jener wunderliche Nebenplanet, welcher das eigene Schicksal hat, mit seinen siedend heißen Flächen und Bergwänden gerade für ganz kalter Natur gehalten zu werden, immer auf mich eine besondere Einwirkung und Anziehung gehabt hat und daß ich mir auch viel Mühe gegeben habe, die romantischen Lichtwirkungen,[428]  mit denen er so viele unserer Abende und Nächte belebt, in vielerlei Gestalten auf der Leinwand und dem Papier festzuhalten. Es liegt nun einmal im Mondlicht ein nicht abzuweisender Zauber, den Tieck in seinem »Mondsüchtigen« gar gut dargesteltt hat, und von jeher habe auch ich das neue Licht immer sehnlich herbeigewünscht, wenn einmal die zehn oder vierzehn ganz mondlosen Abende wieder vorüber waren. Ich erinnere mich, daß eben im Juni des Jahres, von dem ich jetzt erzähle, mir einmal die silberne Sichel besonders lange auszubleiben schien, so daß mir der Gedanke kam, unter der Überschrift »Der verlorene Mond« einen kleinen poetischen Aufsatz zu schreiben, welcher erzählen sollte, wie es sein würde, wenn einmal diese Leuchte, über deren Lichtabnahme damals der Schotte Leslie geschrieben hatte, wirklich gänzlich verschwunden wäre.

Die Sage vom verlorenen Monde

(Am 8. Juni 1823)

Es war einmal eine Zeit gekommen, da begann das Licht des stillen Mondes zu schwinden. Vergeblich hofften die Menschen, daß in später Abendröte sich wieder die silberne Sichel zeigen und hinabtauchen sollte, vergeblich sahen sie der goldenen Scheibe des Vollmonds entgegen, daß sie aus violetter Gegendämmerung nach Sonnenuntergang glühend sich hervorheben sollte, nimmer und nimmermehr leuchtete in dunkeln Nächten der milde lang gewohnte Glanz, und am weiten Sternenhimmel irrten schwarze Nachtwolken umher, als suchten sie den feuchten Blick des Mondes, dessen Strahlen sie in frühern Tagen oft mit goldenen Rändern aufs lieblichste geschmückt hatte. Viele Geschlechter der Menschen gingen vorüber, und lebhaft war noch immer die Trauer über den verlorenen leuchtenden Freund, noch immer suchten die Blicke[429]  sehnsüchtig in stiller Nacht, ob das silberne Licht nicht etwa plötzlich aus verhüllenden kosmischen Wolken hervorträte, und wenn dann auch leuchtend und herrlich die Sonne, der goldstrahlende Sohn der Luft, sich in Osten hervorhob, war es doch, als ob unruhig und verstimmt die Wogen des Gefühls in tiefster Seele sich bewegten. Wie denn aber die Erinnerung an den stillen Gefährten der Nächte erlosch, wie immer mehr und mehr die Überlieferung schwand von den schönen Mondesaufgängen, von dem farbigen Leuchten des Nachtgewölks und der milden Klarheit, welche damals vom Monde über die ruhende Erde sich ergoß, wie die Bilder verblichen waren, in welchen frühere Erdbewohner die Empfindung jenes stillen duftigen Lichts ausgesprochen hatten, da erstarb allmählich auch die Sehnsucht nach dem nicht gekannten Etwas, da gedachten die meisten Menschen nicht mehr des Verschwundenen, und zerstreut von den Tagesgeschäften verschliefen sie ohne ahnende Träume die finstern Nächte. Immer schwächer wurde das Gedächtnis jener frühen Zeit, wo auch der Nacht eine Sonne gegeben war, immer mehr beruhigte man sich bei mäßigem Sonnenlicht und wenigem Sternenschimmer, und immer weniger empfand man, daß das Erdenleben einen Teil seiner Schönheit verloren habe. Ja, es fehlte nicht an unterrichteten Leuten, welche, wo immer etwa des ehemaligen Mondes gedacht wurde, recht verständig beweisen wollten, daß dieser Verlust für einen wahren Gewinn und mächtigen Fortschritt im menschlichen Dasein geachtet werden müsse. Denn, sagten sie, hat man nicht in uralten Büchern gelesen, wie es sonst Menschen gegeben haben soll, welche durch hellen Vollmondsschein zu den wunderlichsten Träumen verführt worden waren, welche, wie angezogen von den Mondesstrahlen, schlafend aufstanden, Mauern, Bäume und Felsen erklommen und den bedeutendsten Gefahren sich[430]  bloßgaben? Hat man nicht gelesen, wie durch jenen sogenannten Mond ein starkes Schwanken des Meeres veranlaßt worden sei, welches Ebbe und Flut genannt zu werden pflegte und welches an Häfen und Dämmen mannigfaltige Beschädigungen herbeiführte? Soll nicht sogar zuzeiten durch diesen Mond das einzig echte Sonnenlicht verfinstert worden und an vielen Orten Furcht und Schrecken verbreitet worden sein? – Da die Menschen in der Mehrzahl um diese Zeit auch schon viel gesetzter geworden waren, so fanden sie solche Gründe höchst einleuchtend und vergaßen des Mondes um so schneller. Bald fingen sich hier und da an Stimmen zu erheben, welche keck behaupteten, die ganze Sage vom Monde sei eigentlich nur aus der Luft gegriffen, und es stünde sehr zu bezweifeln, daß es je einen Mond wirklich gegeben habe; es stehe vielmehr sehr zu fürchten, daß einige Dichter, durch welche überhaupt so viel unnützes, phantastisches Zeug von jeher verbreitet worden, durch lebhafte Gedichte allein jene Sage veranlaßt hätten. Ja, es gab gelehrte Leute, welche fanden, daß die Annahme eines Mondes so sehr ihren kosmologischen Theorien zuwiderlaufe, daß die ganze Erscheinung geradezu als unmöglich angesehen werden müsse. Zwar wollte man nun dieser Meinung anfangs vielerlei entgegensetzen, man berief sich auf historische Zeugnisse, auf gewisse alte astronomische Berechnungen, ja sogar auf einige uralte Mondkarten, welche in einigen besonders reich ausgestatteten Bibliotheken als Merkwürdigkeiten vorgezeigt wurden; indes ließen sich dadurch die Gegner doch nicht aus dem Felde schlagen, sie waren mit einer Menge Beispielen bei der Hand, wo die gelehrtesten Leute die abgeschmacktesten Irrtümer sich hatten zuschulden kommen lassen, und fanden als gerüstete Skeptiker in solchen Betrachtungen genügende Widerlegung aller Entgegnungen.[431] 
Wie es nun aber zu gehen pflegt, daß bei aller Trefflichkeit unserer Staatsverfassungen ein gewisses ursprüngliches Gefühl angeborener Freiheit sich nicht ganz unterdrücken läßt, wie es zu gehen pflegt, daß irgendein Genius durch alle Formen einer wohl ausgedachten und mühsam geleiteten wissenschaftlichen Bildung hindurchgreift und plötzlich nach einem Ziele sich wendet, welches dem einmal gefaßten Plane völlig entgegengesetzt ist, so gab es auch zu jener Zeit junge poetische Seelen, denen alle die angenommenen Meinungen über die Sage vom Mond höchst ungenügend vorkamen. Eifrig wurden von ihnen die ältesten Mythen vom Mond bis auf die letzten Angaben gesammelt, Luna und Endymion waren ihnen nicht unbekannt, die ältesten Gedichte über den Mond wurden in die herrschende Sprache mit wehmütiger Lust übertragen, und sehnsüchtig blickte noch manches Auge zum Horizont, wenn im Innern die alten Sagen erwachten, wenn man las, wie vor Jahrtausenden ein Dichter den aufsteigenden Mond dem goldleuchtenden Schilde des Helden vergleichen und wie ein etwas späterer von ihm gesagt hatte, daß er über die nächtliche Gegend so mild sich verbreitet habe wie des Freundes Auge über des Freundes Geschick. War dann ein tiefes Gemüt recht lebhaft erfüllt vom Verlangen, die ungekannte Seligkeit einer stillen Mondnacht zu schauen, war in ihm die Freudigkeit einer reinen Liebe zu allem Guten und Schönen recht hell und kräftig aufgegangen, dann geschah es wohl, daß in stillen Nächten der Traum den alten treuen Gefährten der Erde wieder zurückführte, daß er glänzend über dem leuchtenden Saume dunkeln Gewölks die mildstrahlende Mondeskugel wieder heraufhob und Erde und Meer in ungewohnter Klarheit sich wieder jugendlich zu beleben schienen, bis wiederkehrenden Geräusch des Tages die lieben Bilder verscheuchte. – Man erzählt, daß[432]  mehrere bald nach solchen Erscheinungen plötzlich verstorben sind.


  Amazon.de Widgets
In dergleichen Reverien möchte sich der Geist nun zuweilen vielleicht wirklich zu tief versenkt haben, wäre ich nicht dann immer wieder zeitweise von scharfen, unmittelbar ins Leben eingreifenden Aufgaben gefaßt und zu frischer Tätigkeit angespannt worden.
Zum 18 September reiste ich abermals zur Versammlung der Naturforscher und Ärzte nach Halle und diesmal von einem andern unserer Professoren, Ficinus, begleitet. Die Gesellschaft erschien jetzt schon in großartigerm Maßstabe. Curt Sprengel, als Botaniker und Literarhistoriker der Medizin gleich berühmt, präsidierte, und manche interessante Vorträge wurden gehalten, wie ich denn namentlich hervorheben will, daß Professor Döbereiner aus Jena hier zum erstenmal öffentlich über die so merkwürdige, von ihm entdeckte Erscheinung sprach, bei welcher ein Strom kalten Wasserstoffgases, auf Platinkalk geleitet, diesen sofort erglühen macht, dergestalt, daß das Wasserstoffgas selbst daran sich entzündet. Alle sahen bei ihm mit Verwunderung das schöne Experiment, und wenn dasselbe auch nicht gleich manchem andern wichtige praktische Anwendung im Großen gefunden hat, so ist es doch an sich einer der interessantesten Belege für die Möglichkeit einer ungeheuern Wirkung durch bloße Berührung zweier so sehr heterogener Elemente. – Auch mein Vortrag, den ich hielt über das merkwürdige, planetenhafte Drehen des Dotters im Schneckenei und über die Entwicklung der Schnecke und welchen ich mit saubern Zeichnungen erläuterte, fand so viel Beifall, daß späterhin der alte Sprengel mir versicherte, er habe eigentlich ein Vorurteil gegen mich gehabt, indem er mich für einen der dezidiertesten Naturphilosophen gehalten,[433]  Tieck war von erwünschester Laune, ganz so wie ihn seine Freunde wohl öfters gesehen haben, wenn er eben über das Bouquet eines edeln Rheinweins mit vollem Humor den Segen sprach, und so versenkte denn auch ich mit ihm mich immer tiefer in mannigfaltige Kreuzundquerzüge der Betrachtung. Damals hatte ich die ersten Bogen und das Vorwort der Rabelais-Übersetzung von Regis vor mir gehabt, und da ich Tiecks Vorliebe für dergleichen Kuriosa kannte, so verhandelten wir viel darüber, und ich versprach, sie ihm zu bringen, ob er vielleicht zu einem tüchtigen Verleger Rat wüßte. In den nächsten Tagen führte ich diesen Vorsatz aus, und von da an kamen wir uns näher und näher. War doch die romantische Poesie, die in ihm einen ihrer leuchtendsten Brennpunkte fand, auch mir tief ins Herz gewachsen, es glühte ihre Empfindung und Richtung bei tausendfältigen Gelegenheiten und in vielen Bildern und Gedanken gleich feurigen Erzadern in meinem Innern, ja es war in mir wie in Tieck, doch auch wieder dieser Glutstrom durch Felslager des Wissenschaftlichen überdeckt und gemildert.
Gleich beim ersten Besuche hatte ich mir Hamanns und Jacobis Briefe von Tieck mitgenommen. Daß nun gerade das Theologische der Stab sein mußte, an welchem dieser Hamann sich hinaufrankte, und daß er nicht an dem Urquell des Lebens selbst schöpfen konnte! Mir wird daraus manches Unklare und Abstruse deutlich! Ich halte es zwar keineswegs mit dem hiesigen Schneider, der, Krausen folgend, die Schwäche der Zeit meist dem Christentume schuld gibt und besonders in ihrer antichristlichen Richtung die Freimaurerei schätzt, aber Quellwasser ist doch besser als Röhrwasser, und wenn es goldene Röhren wären. Seine ersten Briefe sind historisch-psychologisch für die Einsicht in das Werden dieses Mannes sehr wichtig, aber aus den spätern leuchtet der Gewordene schon aufs[434]  trefflichste hervor. Ich fühle hier wieder recht die Unmittelbarkeit der Geisterwelt. Hamann spricht manchmal etwas aus, was scharf geprüft wohl als Irrtum sich ergäbe, allein man empfindet darin sofort die eigene Tüchtigkeit des redenden Geistes, und man ist nun gleich inniglich erbaut, ja wahrhaft aufgeklärt; dagegen mag hinwiederum ein moderner Flachling vielleicht etwas sehr Wahres aussagen, aber die Schwächlichkeit des Geistes, aus dem es fließt, macht doch, daß wirklich niemand wohl dabei werden kann. Also: Tüchtigkeit, Klarheit, Wärme, darauf kommt's überall an! Alles andere ist und bleibt Stückwerk, Element, Vergänglichkeit; jenes allein ist das Ewige!
Was nun ferner Tieck betraf, so konnte ich mich sogleich in ihn selbst, in seine Umgebungen dagegen nur mit Mühe finden. Saß ich bei ihm, so öffneten sich die Pforten des Geistes, und ich fühlte, über wie vielerlei ich hier mich aufklären könne; dann aber störte mich gewöhnlich der Ton, der von dem Teetisch ausging, an welchem Gräfin Finkenstein saß, die mit der Familie wohnte und hier zu präsidieren pflegte. Das Gefühl einer unabweisbaren innern Spannung, das sichtbare Bestreben, Personen aus den höhern Kreisen hier möglichst zu fesseln, der gewisse Kultus, der somit von vier Frauen: der Gräfin, der Frau und den beiden Töchtern, um Tieck getrieben wurde, und dann die sehr verschiedenen, mitunter wohl auch etwas abstrusen Gestalten, die der offene Salon häufig heranzog, sie gaben mir leicht ein unheimliches Gefühl und hinderten mich, so oft zu ihm zu kommen, als ich sonst jedenfalls es gewünscht hätte. – Von seinen Töchtern sah ich zuerst Agnes, die jüngere, die als anmutig zarte Erscheinung auf mich wirkte; später lernte ich Dorothea, die ältere, näher kennen und schätzen; sie war die eigentliche Tochter ihres Vaters, kenntnisvoll, etwas scharf, aber immer interessant in ihrer Unterhaltung. War der Tee weggenommen,[435]  so las Tieck gewöhnlich irgend etwas Dramatisches oder eine Novelle und dergleichen, und ich habe später versucht, diesen Lektüren, welche in ihrer Art wohl das Vollendetste waren, das man hören konnte, in Raumers »Historischem Taschenbuch« ein besonderes Monument zu setzen; allein es dauerte bei alledem noch längere Zeit, bevor ich mich in diesem Kreise genug heimisch fühlen konnte, um recht mit voller Seele an solchen Abenden teilzunehmen. War es möglich, so besuchte ich daher Tieck lieber in der Mittagsstunde, wo er von 12 bis 1 Uhr nähere Freunde allein in seinem Studierzimmer unter unendlichen Büchern empfing und wo sich oft die erquicklichsten Gespräche ergaben; kurz, mein Verhältnis zu ihm entwickelte sich langsam, aber es ist ein dauerndes gewesen bis zu seinem Tode, und ich werde im Künftigen noch oft darauf zurückkommen.
So breitete denn abermals der Sommer seinen grünen, blumendurchwirkten Teppich über die reichen Umgebungen Dresdens, und er wird mir deshalb jetzt lebendiger in der Erinnerung, weil ich in ihm die besondere Freude hatte, das Schöne unserer Gebirgstäler zum erstenmal allein mit einem auch gerade frühlingsmäßig lieb und schön aufblühenden Kinde, mit meiner eben im fünfzehnten Jahre stehenden und dann auch früh uns entrissenen Charlotte, zu durchwandern. Es gibt nichts, was sich mehr entspricht als die Natur eines solchen lieben, eben der Welt erwachenden jungen Geschöpfes und die warme Juni-Natur einer schönen Gegend! Was diese im Gefühl erregt, spricht jene in Blick und Wort, ja durch ihre Gestalt aus! War sie doch selbst eine reichbegabte Natur, fein und lieblich, weichfühlend und verständig; noch immer schwebt sie meiner Seele wie ein Engel voraus, und ich ahnte nicht, daß so viel später noch ein zweiter Schwester-Engel sich ihr gesellen sollte![436] 


Zu solchen kürzern zweisamen Exkursionen munterte es mich sehr auf, daß ich jetzt meine Reitgelegenheit, wegen Unarten des Tieres, in eine kleine Fahrgelegenheit verwandelt hatte. So war ich mehrmals auch mit Friedrich über die nähern Höhen und Tiefen der Gegend gezogen, und wenn wir dann bei dem Interessantesten hielten, ja wohl beide dasselbe Objekt zu zeichnen anfingen, so hatte ich oftmals meine Betrachtung, wie unendlich verschieden, und doch immer in ihrer Art vollkommen treu, die Auffassung von einem und demselben Gegenstande durch zwei verschiedene Geister sein könne! Ich bewahre noch in meinen Portefeuillen nebeneinander die saubern Bleistiftzeichnungen eines mit wilden Winden gar anmutig umwachsenen eisernen Kreuzes auf dem schön gelegenen Kirchhofe des Dorfes Priesnitz bei Dresden, welche wir beide, nebeneinander sitzend, treulich und bestens vollendet hatten, und jeder Betrachtende wird zwei ganz verschiedene Blätter und doch ein Objekt erkennen, so wenig wir es doch auf irgendeine ideale, sondern nur auf ganz treue Naturauffassung abgesehen hatten.
Eine gute Wirkung machte es unter anderm auf mich, daß mein alter Freund und Verwandter, der Weltumsegler Tilesius, auf einige Zeit nach Dresden kam und dadurch zu vielerlei Besprechungen und naturhistorischem Austausch Veranlassung gab. In frühen Jahren wirkte hier die Anregung mehr von ihm ausgehend auf mich, jetzt war ich es mehr, der in diesem Sinne auf ihn zurückwirkte. Ist es doch so eigen! Lange Jahre verschlingende Reisen, namentlich wie sie damals, noch ohne den Zauber der Dampfkraft, gemacht wurden, haben von einer Seite wohl etwas Förderndes, Bereicherndes, von anderer Seite aber auch etwas Zurücksetzendes, außer Beziehung Bringendes! Tilesius fühlte das sehr! Während er mit[437]  Krusenstern auf dem Ozean umherschwamm, hatte auch die Wissenschaft Eilande entdeckt und Reiche kultiviert, die vor kurzem noch unbearbeitet lagen, und nun war er zurückgekommen, schon gewissermaßen ein Epimenides, während dessen Schlafen Sterne aufgegangen waren, in früherer Zeit nicht gesehen und am wenigsten gemessen, und nun wollte der Tag nicht ausreichen, zugleich alle diese neuen Errungenschaften des Geistes nachzuholen und doch auch die mitgebrachten Schätze zu verarbeiten.
Von jungen Künstlern hatten mich die raschen Fortschritte des früher von Goethe an mich empfohlenen Preller sehr erfreut, die jungen Dresdener Landschaftsmaler Oehme und Götzloff, beide späterhin gleichfalls rühmlich durch größere Werke bekannt geworden, sah ich öfters, und einem andern ebenso mir von auswärts empfohlenen jungen Künstler, Ezdorf (eben im Begriff, nach Schweden und Norwegen zu gehen, von wo er in den folgenden Jahren sehr schöne Landschafts- und Seebilder zurückbrachte und in München dann eine rühmliche Stellung einnahm), konnte ich gerade durch Tilesius damals noch sehr wirksame Empfehlungen nach dem Norden verschaffen. Kurz, es war immer große Regsamkeit in meinem Leben, und das Kaleidoskop der Zeit schüttelte fort und fort Altes und Neues immer wieder zu andern und oft seltsamen Figuren zusammen.
Meine praktische Tätigkeit war jetzt ziemlich umfänglich geworden; größere fremde Familien, welche damals noch häufiger als späterhin Dresden für längere Zeit zum bleibenden Wohnsitz nahmen, wendeten sich häufig an mich und steigerten, indem sie oft durch nationale Eigentümlichkeiten interessierten, meine Einkünfte ansehnlich. In dieser Weise war mir zum Beispiel eine russische Familie merkwürdig, in welcher die Frau nahe von jenem Jakoblew abstammte, in dessen Besitzungen am Ural die ersten großen[438]  Goldschürfungen vorgenommen wurden, wodurch weiterhin Rußland in so ungeheuerm Maße sich bereichert hat; auch sie verdankte diesem Ahnherrn ein jährliches Einkommen von etwa 100000 Talern, und da ich die zarte, kleine Frau unter besonders schwierigen Umständen von einem lebenden Kinde entband, so zeigte sich die Familie auch wahrhaft dankbar, und die ersten Geschenke in Arbeiten aus Platin, welche in mein Haus kamen, rührten von diesen Awdoulins her.
In den spätern Abendstunden wurde fortwährend viel gelesen, und Altes und Neues ging nicht an meinem Geiste vorbei, ohne daß Betrachtungen angeregt worden wären, von denen ich noch immer manche aufgezeichnet unter meinen Papieren finde, einige auch schon mitgeteilt habe, und so stehe gleich hier noch ein Wort aus jener Zeit über [E.T.A.] Hoffmanns Leben, das wir eben gelesen hatten und worüber ich niederschrieb, was ich nachher nicht selten auf manche unserer neuern produktiven Literaten habe anwenden können: »Hoffmann scheint mir auch einer von denen, welche der Wirbelwind dieser Zeit schwindelig gemacht hat und die sich, obwohl mit eminenten Anlagen, doch nicht fest auf den Füßen erhalten konnten. Es will allerdings fest gestanden sein, wenn der freie Lebensblick nicht umdüstert werden und der Geist stets frei, tüchtig, tätig auf sich selbst ruhen soll; es täte not, man machte es wie jene afrikanischen Krieger, von denen Molien erzählt, die sich, um nicht zu weichen, ihre weiten Hosen mit Sand vollfüllten und auch richtig fortstritten, bis der letzte Mann gefallen war.«
Solchen Nachgedanken über Gelesenes habe ich aber selbst stets viel zu verdanken gehabt und oft darüber gesprochen, wie doch überhaupt Lesen und Lesen so sehr verschieden in der Welt geübt werde. Gleich der Begegnung mit irgendeinem bedeutenden Menschen oder gleich dem Erleben[439]  eines wichtigen Weltereignisses kann dann ein Buch zuweilen eine gewisse Umstimmung unsers Geistes, eine Erweiterung unsers innern Sehfeldes hervorbringen und ebendadurch uns für immer unvergeßlich werden. War mir doch Dante, war mir noch mehr und am meisten Goethe, ja waren mir fast sämtliche Klassiker, die wahrhaft diesen Namen verdienen, in solcher Weise stets von tiefster Einwirkung gewesen und hatten entschieden beigetragen, das innere Leben irgendwie umzugestalten und zu fördern! Dabei ändern sich freilich überhaupt die eigentlichen Zielpunkte des Lebens erstaunlich mit den vorrückenden Jahren. In früherer Zeit hat man gewöhnlich eine ungeheuere Lernbegier, man möchte alles umfassen, Geschichte, Astronomie, Völkerleben, Botanik, Physik, Optik, Geologie, Atmosphärologie usw. Alle Wissenschaften hätte ich früher umfassen mögen, und später sah ich nach und nach ein, daß man Mühe hat, nur mit einer einzigen in leidlicher Weise fertig zu werden.
Überhaupt verlief mir das Jahr 1825 mit Ausnahme eines zweiten bald näher zu erwähnenden Besuchs in Berlin ohne besonders merkwerte Vorgänge; unser Leben war einfach, still und tätig, die Kinder wuchsen und entwickelten sich anmutig, und nur ein Schmerz wurde uns nicht erspart, nämlich daß im November, wo wir hofften, diesen kleinen lieben Kreis wieder vermehrt zu sehen, uns zwar ein schönes Kind, ein Mägdlein, geboren wurde, das aber tot zur Welt kam, so daß ich davon schrieb: »Nun, ich lege diese aufgegebene Hoffnung zu mancher andern« und die schöne Stelle aus Dante beifügte, die mir später wohl noch ein paarmal zu weit schwerern Tagen einfallen mußte:


  Amazon.de Widgets
Come del suo voler gli Angeli tuoi
Fan sagrificio a te, cantando Ossanna,
Cosi facciano gli nomini de 'suoi.[440] 
Dafür hatte ich die Genugtuung, in diesem Sommer das erste Heft meines Prachtwerks über vergleichende Anatomie zu vollenden und es dem würdigen Jubilar Blumenbach zu widmen, dessen früheres Handbuch ja diese so wichtige Wissenschaft zuerst in Deutschland eingeführt hatte und dem ich nun so gewissermaßen eine Entschuldigung aussprach dafür, daß ich selbst durch meine allerdings viel vollständigere und umfangreichere Zootomie wieder sein Handbuch zu verdrängen bestimmt gewesen war. Geht es doch nicht bloß in den Künsten so, wie Dante sagt: Adesso a Giotto il grido – nämlich daß Giotto den Cimabue und so immer ein Künstler den andern verdrängt, sondern in der Wissenschaft ist dergleichen noch weit auffallender, und namentlich die Hand- und Lehrbücher gelten da meistens nur als Jahresringe am Baume solcher Erkenntnisse, die jedes Jahr immer wieder von neuen Anlagen bedeckt und überdeckt werden, so daß man am Ende das Alter einer sehr weit vorgerückten Wissenschaft gewiß ebenso richtig nach alle den vorausgegangenen, unbrauchbar gewordenen Hand- oder Lehrbüchern bestimmen könnte, als man das Alter eines Baumes nach den verholzten, zu Jahresringen gewordenen Splintlagen zu berechnen pflegt. – Wer daher sich die Mühe gibt, ein noch so treffliches Handbuch dieser Art auszuarbeiten, wird einesteils sicher seiner Mitwelt etwas sehr Nützliches vollenden und für einige Zeit manche Anerkennung finden, andernteils aber wird er immer sich sehr irren, wenn er glaubt, dadurch auch den Dank späterer Generationen verdient zu haben. Die Wissenschaft wächst mit den Jahren, ein neues, noch umfangreicheres Kompendium wird notwendig, und dann wieder ein paar Lustren, und auch dieses wird nicht mehr ausreichen und seinerseits abermals der Vergessenheit übergeben sein.
Gegenwärtig sei jedoch noch zuvor erwähnt, was in diesem[441]  Jahre neben jenen wissenschaftliches Arbeiten auch Musik und Malerei mir Besonderes geboten hatten, und hier darf ich zuerst nicht übergehen, wie eine anfänglich am Krankenbett geschlossene Bekanntschaft mit dem für die damalige Dresdener Bühne bedeutenden Sänger Hauser mir in ersterer Beziehung manche Früchte getragen.
Hauser war [ein] tüchtig durchgebildeter Musiker, trefflicher Bassist und in seinem häuslichen Wesen (er war mit einer feinen, gebildeten Frau verheiratet) eine rühmliche Ausnahme von dem gewöhnlichen Treiben in diesen Regionen. Karl Maria von Weber, der damalige erste Kapellmeister des Königs, schätzte ihn sehr, und ich danke es nur Hauser, auch mit dieser musikalischen Summität in einige Berührung gekommen zu sein. Waren doch jene Jahre eine große Zeit für die Dresdener Oper! Weber hatte seinen »Freischütz« in Szene gesetzt, der später die Runde über die Erde machte, die »Euryanthe« mit ihren für jene Periode neuen und mitunter gewagten Modulationen und Harmonien trat, trefflich einstudiert, hervor, an Bergmann, der uns auch bald näher befreundet werden sollte, hatte man einen sehr ausgezeichneten Tenor, namentlich aber in Wilhelmine Schröder, der Tochter jener als erste Künstlerin des Schauspiels durch ganz Deutschland berühmten Sophie Schröder, ging der Kunst ein Stern auf, bestimmt, das Licht der Mutter noch weit zu überstrahlen. In einer kleinen Soirée, welche Hauser einst bei sich veranstaltete, fand ich nun alle diese großen Talente vereinigt und erinnere mich noch wohl des ausdrucksvollen scharfgezeichneten Gesichts, mit dem Weber, neben mir auf dem Sofa sitzend, den Tongängen eines Beethovenschen Trio folgte, welches von einem Fräulein Veltheim, deren Klavierspiel mehr Aufsehen machte als ihre Stimme, sehr brav vorgetragen wurde, merkte auch dabei, daß es ihn einigermaßen inkommodierte, als ich,[442]  den die Musik ebenfalls lebhaft aufregte, dabei mich einigemal zu kleinen taktierenden Bewegungen hinreißen ließ, und mußte nachher noch manchmal darüber nachdenken, ob ihm nicht dergleichen deshalb besonders unangenehm geworden sei, weil es ihm jedesmal das Mühsal des nur durch eigenes Taktieren möglichen Einstudierens vor dem Orchester vergegenwärtigte oder ob nicht eigentlich in jedem größern Musiker das Erinnertwerden an das notwendige Übel des Takts eine Art von Qual bleibe (ungefähr als ob der Dichter der einzelnen Regeln der Grammatik seiner Sprache stets gedenken müßte), während doch alles an ihm in Wahrheit dahin strebe, auf dem Flusse der Harmonie alle Erinnerung an Takt in der Bewegung eines höhern Rhythmus untergehen zu lassen.
Was die edle Malerkunst betraf, so hatte ich nun teils noch einige Erinnerungen an die Schweizerreise vollendet, unter welcher ich namentlich ein großes Bild des Mont Anvert mit einem ganz abgewetterten Tannenstamm im Vorgrunde, und dem Hinausblick auf die Aiguilles-Dru und Couvercle und den Grand Jorasse, noch heute als ein tüchtiges rein durchgeführtes Bild betrachte, teils waren mir einige mehr subjektive Bilder wohl gelungen, von denen zwei über Schillers Ballade vom Ritter Toggenburg später die lebhafte Teilnahme von Schillers Tochter Emilie erregten und endlich sich nach Paris verloren haben, während das andere, die Erscheinung eines musizierenden Engels im Morgennebelduft vor dem weinumrankten Fenster eines Malerzimmers, noch jetzt manchen Kunstfreund bei mir erfreut. Jene beiden Bilder nach Schillers Ballade waren eigentümlich genug erfunden (oder wie Friedrich lieber zu sagen pflegte, empfunden); sie stellten beide bloß Fenster dar, das eine das Fenster der Klosterjungfrau von außen, gotisch einfach gehalten,[443]  von blühenden, sehr sauber ausgeführten Lindenzweigen umgeben, eine weiße Lilie blüht in einem Blumenasch vor dem geschlossenen Fenster; das andere, das Fenster der Hütte des Ritters, auch von außen; aber es war Winter, die Scheiben, innen gefroren, waren hier und da zerbrochen, ein zerstörtes Schwalbennest hing oben am Gebälk, und ein verwelkter erfrorener Rosenstock hielt sich nur kümmerlich auf der verwitternden Fensterbrüstung. Man sah wohl, die Hütte war nicht mehr bewohnt.
Das Jahr darauf lernte ich auf der Galerie Frau von Wolzogen, die Schwägerin Schillers, und seine Tochter Emilie sowie Frau von Hellwig (als Amalie von Imhoff in den frühern weimarischen Kreisen ganz heimisch) kennen, und die Damen besuchten mich dann. Hier war es, wo unter manchen andern besonders jene beiden Bilder die Beschauenden festhielten, und ich bewahre noch ein hübsches Billett, das mir Emilie von Schiller bald nachher schrieb, worin sie mir den Wunsch ausdrückte, ich möge doch auch jenen wunderbaren »Nachen, dem der Fährmann fehlt« aus ihrem Lieblingsgedicht »Sehnsucht« aufähnliche Weise im Bilde erscheinen lassen! Es ist aber nie dazu gekommen. Es war eine interessante Erscheinung, diese Emilie! Die Züge des Vaters waren in feiner Weiblichkeit wie durchscheinend sichtbar, und ein tieferer Geistesblick leuchtete aus dem schön gezeichneten Auge! Ich habe sie nie wiedergesehen.

  Amazon.de Widgets
Es war übrigens wirklich seltsam genug, was für eine Menge von Gedanken zu Bildern mir in jener Zeit, mitten unter Vorlesungen, Krankenbesuchen und wissenschaftlichen Arbeiten, zuströmte! Die wenigsten davon konnte ich ausführen, und doch entstanden eine Menge von Entwürfen, und selbst die, welche nun weiter durchgebildet wurden, ermangelten öfters einer letzten, eigentlich[444]  künstlerischen Vollendung. Viele habe ich nach und nach vernichtet, und doch hatten alle, wenn auch bald mehr, bald weniger bedeutend, ein gewisses inneres poetisches Prinzip, wodurch sie dem Beschauer meistens einen durchaus bleibenden Eindruck hinterließen; indes bei alledem wuchs mir nach und nach deren Menge so zu Häupten, daß ich endlich, um sie nur etwas aus dem Wege zu räumen, mir irgendwo einmal eine große alte Truhe zueignete, in welcher dann die meisten, wie eingesargt, ruhig beieinander standen, freilich mitunter auch durch Aneinanderliegen und Bestoßenwerden nach und nach rettungslos zugrunde gingen. –
Also jetzt nun noch einige Erinnerungen an jenen zweiten Berliner Aufenthalt.



III.
Berlin 1825
[445] 19. August











Graue dicke Stratus am Himmel, märkisches Sandland und ein Sommerwind wie im November wirkten auf der Reise in aller Weise widerwärtig, nur der eine Nachmittag war besser, er führte mich wieder an den herrlichen Eichen um Herzberg vorüber. Edle markige Bäume! Bald werden euersgleichen so wenig mehr sein als Menschen der Art wie Götz von Berlichingen. Erlengebüsche verdrängt alles. Ein einzelnes irrendes Schaf auf einem öden Anger lange nach Sonnenuntergang, als nur noch leuchtendes Abendgewölk den westlichen Himmel säumte, machte einen fast rührenden Eindruck. – Noch am Abend meiner Ankunft sah ich Rudolphi, der mich mit gewohnter Herzlichkeit und Offenheit empfing. Das Bild des ausgezeichneten Gelehrten, der seinen Wissenszweig ganz[445]  umfaßt, dessen reichausgestattete Bibliothek seiner Wirksamkeit ein mannigfaltiges Material bietet, der, ganz schulmäßig herangebildet, doch als Mensch offen und treuherzig erscheint, es sprach mich in voller Lebendigkeit an und regte im stillen wieder den Wunsch auf, auch so nur eine einzige Richtung in meinem Leben zu sehen. Indes, das Schicksal scheint nun einmal mich besondere Wege führen zu wollen, und ich lasse es gewähren. Zu einer gewissen Höhe und dann wohl zu einer schönern, eigentlich menschlichen Umsicht muß es auch so kommen können!
Nun gleich zum zootomischen Museum! – Diese herrliche Sammlung, fast allein Rudolphis Schöpfung, fand ich bereits zu einem Umfange angewachsen, der mich mit lebhafter Freude erfüllte. Nach vieljähriger ernster Betrachtung des Knochengebäudes mich nun mit einemmal so inmitten der reichsten Aufstellung der verschiedenartigsten Skelettformen zu finden, tausenderlei Gestalten gewahr zu werden, in denen die Natur ihren einfachsten Typus auf immer neue Weise variiert, und dabei mich immer mehr von der Richtigkeit der von mir zuerst in seiner schönen Gesetzmäßigkeit erschauten Architektonik des Skeletts zu überzeugen, mußte notwendig mir einen durchaus bedeutenden Eindruck machen. Die Freudigkeit der Wissenschaft hatte ich kaum je so in ihrer vollen Reinheit empfunden! Noch mehr belebt wurde diese erste Durchsicht durch ein Zusammentreffen mit einigen jungen Männern, welche hier vergleichende Anatomie mit Eifer treiben. Der Sohn D'Altons war darunter. Ich fand Veranlassung, ihnen manche meiner Ansichten zu entwickeln, ihr Interesse, ihre Teilnahme aufzuregen, und sah mich, ehe ich vermutete, mitten im Lehren.
Erholung von der Mühe stundenlangen angestrengten Sprechens mußte mir noch ein Gang durch die neuen Baulichkeiten[446]  der Stadt gewähren. Man hat sich hier tüchtig geregt, vieles ist entstanden, vieles entsteht und vieles wird vorbereitet. In allem waltet ein zeitgemäßer, großartiger Geist. Schinkels Wirksamkeit zeigt sich durchgängig, und selbst an den Privathäusern ist ein feinerer, mehr zur Idee der Schönheit anstrebender Sinn vielfach wahrzunehmen.

[Berlin,] 22. August

Der Vormittag des 20. August war sehr reichhaltig. Wir gingen zum Museum, und die sämtlichen Säle wurden noch einmal durchgegangen; dann stellte ich Dietz ein Präparat zum Zeichnen und suchte nun den Geheimen Rat Johannes Schulze auf, dessen Sohn ich längere Zeit ärztlich beraten. Er erbot sich mit größter Zuvorkommenheit, mich zu den Gipsabgüssen der Akademie zu führen. Im Erdgeschoß des Museums steht diese Sammlung, in welcher gar herrliche Sachen zusammengebracht sind. Zum erstenmal sah ich hier die Gruppe der Niobe in ihrer vollen Herrlichkeit, Abgüsse von Elginschen, Äginetischen und andern nicht genug zu preisenden Sachen. Am meisten war mir wissenschaftlich der strenge einfache Kanon, gleichsam nur das Schema der Menschengestalt, wie es in den Kriegergestalten von Ägina sich ausdrückt, merkwürdig. Indes stehen hier diese Sachen nur interimistisch, ein Museum1 wird gebaut, und die Fronte desselben, mit 18 Säulen geschmückt, sahen wir vorläufig in Abbildung. Nachmittagsbesuche bei Hufeland und Osann. Schon war die Zelebrität des erstern mehr historisch, und das etwas Schwächliche seiner Individualität hinterließ keinen bedeutenden Eindruck. Abends bei aufsteigendem Monde ging ich an der Spree hinauf, wo die großen Spreekähne, die Brücken, das alte Schloß und die massenhaften[447]  Gebäude sich doch immer imposant ausnahmen. Die spätem Stunden waren Rudolphis Familie gewidmet.
Den 21. August, nach langem Arbeiten im Museum, unter Schulzes Leitung zum kleinern königlichen Palais. Der König kauft viele neue Kunstwerke, hat sich die schönsten Raffaelschen Bilder kopieren lassen und scheint viel zu lesen, am meisten Erbauungsschriften. An Bildern waren mir wichtig: Zunächst der Engel aus dem großen Jüngsten Gericht, unter dem Namen des »Danziger Bildes« bekannt. Der geharnischte Engel hält die Gerichtswaage, und seine ernste einfache Schönheit mahnte an den »ufficiale di dio« beim Dante. Sodann drei große Bilder von Friedrich, worunter sein Leichenzug am Spätabend im Winter zu einer mit Eichen umgebenen Kapellenruine; vielleicht das tiefsinnigste poetische Kunstwerk aller neuern Landschaftsmalerei! Endlich war mir merkwürdig Krügers Kosakengruppe: es ist regnerisch, die Wege spiegeln, und ein matter Sonnenschein erleuchtet die vordern Figuren. Die Wahrheit im ganzen bei einer gewissen naturwüchsigen Poesie war mir so noch nicht vorgekommen.

  Amazon.de Widgets
Noch gingen wir zum Dom, hörten einen Teil des Gottesdienstes nach der neuen Agende, und ich kann sagen, daß mir diese Kirche in ihrer modernen betsaalähnlichen Einrichtung ganz wohl gefallen. Ein schönes vergoldetes Gitter mit Vischers Aposteln sondert das Schiff vom Altar, den ein Bild von Begas ziert, und im Hintergrunde nimmt sich noch ein wohlgegossenes Monument eines alten Kurfürsten von Brandenburg gut aus. Endlich leitete unser unermüdlicher Führer uns noch nach Monbijou, wo die modernen Glasmalereien, für Marienburg bestimmt, und manche ägyptische und altdeutsche Altertümer, so hier noch ungeordnet umherliegen, zu sehen waren. Die Glasmalereien sind wirklich wohlgeraten, besonders das mit[448]  nächtlicher Beleuchtung, nur hätte auch das Material mehr beachtet und stärkeres Glas genommen werden sollen, leider waren schon hier manche Scheiben gebrochen, was denn wieder die Alten besser verstanden. Nachmittags arbeiteten wir im Museum, und abends sah ich im großen Opernhause »Das unterbrochene Opferfest«. Die großartigen Chöre, die reiche Harmonie, das schöne Organ des jungen Devrient und zumal der Seidler waren immerhin eine Quelle dem Durstenden in der Wüste.
Heute auf der Giustinianischen Gemäldegalerie2. Ein Kaiser Karl V. von Amberger, die »Instruction paternelle« von Douw3 und eine große Landschaft von Swanevelt nebst zweien von Claude möchten wohl das Sehenswerteste dieser sonst etwas dürftigen Sammlung sein.
Nach Tische holte uns Staatsrat Schulze zu Wagen ab, um zum Monument auf dem Tempelhofer Berge zu fahren. Im trüben nebeligen Wetter fuhren wir aus, als wir aber auf der Anhöhe ausstiegen, flogen die ersten Sonnenblicke über die Gegend. Das Monument selbst in seiner einfachen Tüchtigkeit rief die vielfachsten Erinnerungen in mir auf und erfreute als Resultat einer eigenen kräftigen Zeit. Vieles ist an diesem Eisenwerke zu loben, am meisten aber die Statue, welche Paris bezeichnet und die Quadriga auf der Hand trägt (Gestalt und Maske sind von der Königin Luise entlehnt). Der ihr zunächst stehende Genius der Schlacht von Bar-sur-Aube mit den Zügen des Prinzen Wilhelm ist ihr auch an Schönheit der nächste. Überhaupt gefällt es mir wohl, daß somit auch vom Volke ein im Gedächtnisse Behalten der Züge seiner[449]  Helden gefordert wird zum vollen Verständnis des Monuments, denn die Inschriften nennen nur zwölf Siege, aber keine Einzelnamen. Einem alten einarmigen Krieger ist unweit des Monuments ein kleines Haus gebaut, und indem so für seinen Unterhalt gesorgt ist, dient er dem Monument als Wärter und Wächter.
Unter steten Auseinandersetzungen unsers sorglichen Führers kamen wir dann nach dem Botanischen Garten in Schöneberg. Der Garten ist schön, enthält mehrere große Treibhäuser und ein pagodenartig gebautes Palmenhaus, in dem eben eine herrliche hohe Dracaena draco verblüht hatte. Köstliche Musa, Cycas, Cecropia und andere Palmenarten machten ein dichtes Gebüsch heißer Zonen, und golden blitzte das Sonnenlicht im Laube der Fächerpalmen durch die oben in schönen Zieraten eingesetzten farbigen Scheiben. In einem kältern Hause erfreuten große Eukalyptusarten, eine herrliche blühende Magnolia und Griffina hyacyntha, eine dickstämmige Casuarina und eine einige hundert Jahre zählende Sagopalme.
Wir beschlossen den Tag in dem zierlichen Garten von Charlottenburg, dessen dunkelste Partie die Leiche der geliebten Königin einschließt. Das Mausoleum ist edel und rein. Die einfachen dorischen Säulen am Eingange, die bronzene Tür, innen die Marmorsäulen, die Treppe zum Grabgewölbe, mit einer zweiten Bronzetür verschlossen, und dort der Sarkophag mit der schlummernden Gestalt; alles wirkt mächtig, wir fühlen uns angeregt zum ruhigen Hinüberblicken ins Schattenreich; ja, indem wir das Schattenhafte unsers gegenwärtigen Zustandes zugleich mit anschauen, fühlen wir uns geläutert und aufgeklärt. Wirklich, auch hier ist Rauchs Verdienst nicht genug zu rühmen! Die leicht auf der Brust ruhenden Arme, die schönen Gewande, die zarte Behandlung des Ganzen; selbst die beiden zur Seite gestellten Kandelaber;[450]  alles ist dieses tüchtigen Künstlers vollkommen würdig. – Dabei hatte sich der Himmel immer mehr geläutert, ein goldenes Abendlicht ruhte auf der erfrischten Gegend, und die noch weitern schönen Partien des Parks mit der freiern Umsicht über die Spree und umliegende Waldung bis zu den Türmen Spandaus führten uns aus poetischem Traume wieder in die wirkliche Welt ein.

[Berlin,] 23. August

Der heutige Tag ist mir sehr einfach und doch nicht ohne ein sehr Schönes vorübergegangen. Früh war ich teils auf dem Museum, teils bei dem aus Würzburg hierher berufenen Professor der Geburtshilfe Elias von Siebold, der mit steifer breiter Treuherzigkeit manches Merkwerte vorzeigte. Nachmittags von neuem zum anatomischen Museum; von hier aber, und zwar durch besondere Fügung ganz allein, so wie es mir am liebsten, zu Zelters Singakademie. In einem schönen Saale hörte ich nun diese Chöre wie vor sechs Jahren, und doch um wie anders, denn ich selbst war wieder ein anderer geworden. Musik von Bach, Zelter und, Fasch, allesamt tüchtig durchgearbeitete Werke und klar und reich ausgeführt! Ernst und still ging ich durch das wogende Heer der bunten Menge unter den Linden, die Sonne vergoldete eben die Säulenknäufe am großen Opernhause, und nicht ohne noch einmal an Scharnhorsts Standbild vorübergegangen zu sein, wendete ich mich zu meinem ruhigen Zimmer, vieles wiederholt überlegend, doch ohne Leid und ohne Wunsch.

[Berlin,] 25. August



Gestern zur Sollyschen Gemäldesammlung. Zwar ist hier alles noch unaufgestellt, und mehrere Maler sind mit Restaurationen beschäftigt, so daß in der Regel Fremde nicht zugelassen werden, doch unserm getreuen Führer[451]  öffneten seine Verbindungen den Eintritt. Für die alte Kunstgeschichte wird diese Sammlung unfehlbar von der größten Wichtigkeit werden, da man über 300 Bilder aus der Zeit vor Raffael zählt und unter diesen treffliche Sachen. Wenig nur von dem, was mich besonders erfreute, kann ich hier bemerken. Ein wohlerhaltenes großes Bild vom Vater des Raffael erinnerte mich zuerst an jenes Bild auf der Brera. Die einfache reinliche Zeichnung, die empfundene Zusammenfügung der Gruppe (es stellt eine heilige Familie dar) waren überall zu loben. Dann ein Porträt einer schönen feurigen Frau aus dem Hause der Cosmus, von Bronzino, von höchst eindringlicher Wirkung. Ebenso von Fra Filippo die Vision eines heiligen Eremiten. In waldiger Bergeseinsamkeit, wo unter dicken Bäumen ein Waldbach herniederrauscht, erscheint Maria mit dem vor ihr liegenden Jesusknaben, auf dem ein Strahl vom Himmel niedersinkt. – Von Tizian das Brustbild einer herrlichen Magdalena und von Palma Vecchio eine Maria mit dem Kinde und einigen Heiligen, von wunderbarer Zartheit der Formen. Zumal ist ein Mädchen darauf zu sehen, ein Mädchen von etwa 13 Jahren, in welchem aller Zauber eben erblühender Schönheit sich mit dem Hauch voller innerer Reinheit vereinigt. Ein Gesicht, wie man sie schwer auf Erden sieht; für ein von Stürmen der Leidenschaft viel bewegtes Gemüt wüßte ich kaum ein Mittel von höherer Beruhigung als den Blick auf dies Gesicht. Dann sah ich höchst merkwürdige Bilder von Fiesole, Orgagna und andern; meistens a tempera gemalt. Die Krone dieser Sammlung aber in Hinsicht allseitiger Kunstvollendung ist ein Christuskopf mit der Dornenkrone von Albrecht Dürer und ein Porträt der Anna Bolein von Holbein. Merkwürdig ist ferner ein Bild von Quinten Massys (eine Jungfrau mit dem Kinde, mit ganz unerwarteter Frischheit und Anmut gemalt);[452]  endlich aber und vor allem die großen Altarbilder von Johann von Eyck. Nicht alle zum Altar gehörige Bilder sind hier, aber die sechs vorhandenen sind gerade hinreichend, um die hohe Kunststufe, welche die Malerei am Niederrhein ein halbes Jahrhundert vor Fiesole erreichte, vollkommen zu beurkunden. Zumal ein Zug von Rittern und ein Zug einsiedlerischer heiliger Männer und Jungfrauen sind in aller Hinsicht und durchaus vollendet. Dieses Tüchtige einer jeden Individualität, diese Schönheit der Zeichnung, diese Frische der Farben, diese höchste Ausführung selbst der Landschaft, ohne alle Peinlichkeit und Ziererei, lassen den Beschauer nirgends los. Aus den Beiwerken (Palmen- und Orangenwäldern und Zypressen, mit großer Treue nach der Natur gemalt) will man schließen, der Künstler müsse Italien gesehen haben, doch läßt sich das alles wohl auch ohne dies erklären.

[Berlin,] 26. August

Nach den gewöhnlichen Arbeiten und einem Mittag bei Hecker hatte ich gestern einen sonderbaren Abend bei Geheimrat Schulze. Zwar die Ordnung der Gesellschaft im ganzen war wie bei hundert andern, aber Hegel war dort und Marheineke, beide am Whisttisch emsig beschäftigt, und das Hinhören auf diesen breiten stichelnden Ton der Berliner Kollegen untereinander war mir eine Belehrung, die ich nicht vergessen werde. Wenn diese Philosophie nicht zu Höherm und zum Hintansetzen von Whist und dergleichen Konversationen führt, so werde ich überhaupt etwas zweifelhaft bleiben über ihre Erfolge.

[Berlin,] 27. August

Nach Tische hatten wir verabredet, das Schloß zu besuchen, und Freund Schulze war auch hier der Geleitsmann. Die alten Kur- und Rittersäle, mit Samttapeten[453]  und versilberten Arabesken, die Spiegelzimmer und glatten Parketts, alles in altfranzösischem Geschmack, machte mir wenig Eindruck. Von Bildern fesselten mich am meisten ein David, der den Goliath erlegt, von Lukas Cranach lebendig und einfach gedacht und kräftig gefärbt. In starker Rüstung liegt der Riese am Boden, David in leichtem, ritterlichem rotem Gewande, bohrt dem Gefallenen eben sein eigenes Schwert unter die Halsberge. Der Grund ist buschig, weiterhin zeigt sich kiesiger Boden, dem Schleudrer sehr günstig, und noch weiter zurück dringen unter kühn gewölbten Felsen die gewappneten Züge der Israeliten heran. Dann gab es einige merkwerte Bilder von Rembrandt, zumal ein kleines, eine Eremitenwohnung, wo das Tageslicht sehr klar und warm durch das alte Fenster schimmerte. Ferner herrliche van Dycks, ein Hauptbild von Guido Reni, die Familie des Herzogs von Modena, einige schöne Marinen, eine Schlacht von Hughtenburg und ergötzliche Wouwermans. Auch mehrere schöne Antiken, alle gleich den sonstigen besten Bildern für das neue Museum bestimmt. Nach dem Schlosse ging ich in Hufelands ärztliche Gesellschaft, wo Dr. Stabroh eine sehr gründliche Abhandlung über Erkenntnis der Vergiftungen vortrug und Hufeland selbst ziemlich wankelmütige Ansichten in Beziehung auf die Homöopathie entwickelte. Der alte Heim war nach seiner Art um so derber, und ich geriet über Graviditas extrauterina beim Herausgehen in einen ziemlich lebhaften Streit mit ihm, der nur bewies, wie wenig er selbst von neuen Fortschritten ärztlichen Wissens unterrichtet war, während übrigens sich alles noch ganz leidlich schlichtete. Mehrere andere Ärzte wurden bei dieser Gelegenheit mir bekannt.
Heute, nach Arbeiten im anatomischen Museum Rudolphis und in der Tierarzneischule, führte uns Geheimrat Schulz zur Kunstkammer des Schlosses, wo die große[454]  Sammlung ägyptischer Altertümer und Mumien reichlichen Stoff zur Betrachtung darbot. Die wunderlichsten Amulette, Götterbilder, Nilschlüssel und Isisklappern, die trefflichen Farben am Sykomorosholze der alten Mumiensärge und die wohlerhaltenen Byssusbinden, eine alte ägyptische Harfe, ein Helm und vergoldetes Speereisen aus Theben, die zierlichst gearbeiteten Skarabäen von allen Größen, die niedlichsten römischen Bronzen, wo selbst aus fratzenhaften Gebilden immer eine kernhafte Vorstellung durchbricht, schöne hetrurische Vasen und alte Glaswaren, eine vollständige antike Vase usw., alles hätte eine längere Betrachtung verdient, als wir ihm hier gewähren konnten. Doch sollten auch die sonstigen Kuriosa dieser Kunstkammer überblickt werden; wir mußten die alten Rüstungen, die zierlichen Elfenbeinarbeiten, die schönen Trinkhörner, dann Napoleons Hut und Friedrichs II. Degen, die ethnographische Sammlung merkwürdiger Arbeiten der Wilden usw. durchgehen, und endlich wurde uns noch der berühmte Kunstschrank gezeigt, der sonst einem pommerschen Herzoge gehörte und der aus massivem Silber alle im Leben oft gebrauchten Apparate, vom Tafelzeuge an bis zur Hausapotheke, enthält. Es hätte nur noch die Wiege und der Sarg dabei gefehlt, sonst war für alles gesorgt.
Mittags mußte ich mit Schulze im Kämpferschen Garten essen, wo eine geschlossene Gesellschaft, die »Gesetzlosigkeit«, wie sie sich nennt, zusammenkam. Ich lernte hier noch einige namhafte Männer kennen, unter denen Geheimrat Stägemann, als Politiker und Dichter bekannt, mir durch einen gewissen mephistophelischen Zug etwas bedenklich vorkam, dahingegen der Geograph Ritter und der Philolog Buttmann, der sich hier als großer Gastronom und Präses zeigte, durch redliche offene Züge mir gar wohl gefielen. Gegen uns über feierte eine andere Gesellschaft[455]  den Tag des Hagelsberger Treffens durch Gesang und Musik. Meistens Zivilisten, die damals in der Landwehr mitgestritten hatten.

[Berlin,] 29. August


  Amazon.de Widgets
Die Zeit meiner Abreise rückt näher, und wirklich fängt man auch an, nach etwas freierer Aussicht und reinerer Luft sich zu sehnen.
Nach Tische trat Pascal, ein reicher, hiesiger Privatmann, der nun bloß der Landschaftsmalerei lebt, bei mir ein. Ich hatte gestern bei ihm, den ich zuletzt 1821 in der Schweiz traf, meine Karte abgegeben und wurde jetzt eingeladen, seine Sachen zu sehen. Ihm gehört ein prächtiges, von Schlüter erbautes Haus an der Königsbrücke, und man sieht dort einige hübsche alte Bilder, namentlich eine Landschaft von Teniers, wo ein Maler einen lehmigsandigen, mit Bäumen bewachsenen Abhang zu zeichnen im Begriff ist, auch einen kleinen Ruisdael von höchst durchsichtiger und wahrer Behandlung. Seine eigenen Sachen sehen leidlich farbig und nett aus, aber es befiel mich dabei ein gewisses unaufhaltsames Gähnen, welches ich lange nicht beschwichtigen konnte. Weiter führte mich mein Weg zu Schulze, der mich noch zur Niederlage der Eisenwaren geleitete, wo ich Andenken an Berlin für die Meinigen auszusuchen hatte, und so blieb mir dann eben noch Zeit, einen Blick in die Einrichtung der Bibliothek zu tun, welche in ihrer Vermehrung beneidenswert vorschreitet. Ein Realkatalog stach mir besonders in die Augen. Die Bibliothek zählt gegen 200000 Bände und hat jährlich an 8000 Taler zu ihren Ausgaben. Endlich noch durch das ärgste Gedränge der Königsstraße zu Rauchs Werkstatt, wo ich noch manch tüchtiges Werk sah. Zwei antike Siegesgöttinnen wurden eben restauriert, ein trefflicher Äskulapkopf war nebst einer schönen Diana aus Italien angelangt, die Basreliefs zu Blüchers Statue, die[456]  kolossale Statue selbst, noch unter den Händen der Ziselierer, der Genius der Schlacht von Belle-Alliance, welcher alle die andern Schachtengenien in verkleinerten Wiederholungen am herabhängenden Gürtel trug, Blüchers kolossaler Marmorkopf, ferner das Modell zu Goethes Statue, Ifflands Statue (diese schon halb ausgeführt in Marmor) und manches andere würdige Zeichen einer ernsten Kunstbestrebung hatte ich hier zu betrachten. Rauch selbst war nach Dresden abgereist. –
Vom 30. August, dem letzten Tage, den ich in Berlin zubrachte, will ich nur anmerken, wie ich früh meine Arbeiten auf dem Museum beschloß und gegen elf Uhr zu Professor Weitsch ging, an welchen mich Pascal adressiert hatte. Es war mir unerwartet, den alten Künstler selbst zu finden, da ich bloß auf seine Sammlung gerechnet hatte und er mir als verreist angekündigt worden war. Indes freute mich die Beobachtung auch dieses Charakters in mancher Hinsicht. Der Mann ist viel in Holland gewesen und hat selbst etwas Holländisches angenommen. Zu dem freundlichen, etwas breiten alten Gesicht standen Samtkäppchen und grünwollener Schlafrock recht zweckmäßig. Seine eigenen Arbeiten im Landschaftlichen und Historischen zeigen viel Praktik, aber wenig Geist; die Stilleben gelingen ihm offenbar am besten. Mir war es namentlich um die alten Bilder zu tun, deren er viele und vorzügliche besitzt. Ein schönes Bild vom Lehrer Metsus fiel mir zuerst durch Klarheit und Ruhe seiner Töne auf. Es war so eine niederländische, geräumige Stube im Erdgeschoß, das Fenster halb von Wein umsponnen, und einige Figuren bewegten sich recht anmutig in diesem friedlichen Raume. Dann sah ich ein Bild von Hobbema, einen durchsichtigen Wald am Rande eines sumpfigen Wassers, wie es Ruisdael gern malt, und von einer außerordentlichen Vollendung. Es war nur etwas zarter und klarer, sonst ganz[457]  wie Ruisdael. Von Ruisdael selbst sah ich einen Kanal aus Antwerpen (wenn ich mich recht erinnere), dessen Schiffswesen gar erfreulich von dem alten Meister gehandhabt war. Auch das zweite Bildchen von demselben, eine kleine niederländische Stadt, nahe am Meere, war von trefflichster Wirkung, obwohl etwas flüchtig gemalt. Es steht mir immer noch vor Augen, wie der alte, dicke, hohe Kirchturm sich von dem fernen Meere so ruhig absetzt und wie schön das graue Gewölke des Himmels wiedergegeben war! Einen Schatz besitzt ferner dieser Alte an einem Bilde von Peter de Laar (Bamboccio), welches eine Rückkehr von der Jagd vor einer wüst gelegenen Schenke darstellt. Der treffliche breite Pinsel, die reine sichere Zeichnung, das dunkle, saftige Kolorit waren nicht genug zu loben. Besonders ein Mädchen im blauen Pagenwams, wie es so freundlich mit einem Jagdhunde spielt, war eine fast an Mignon erinnernde Erscheinung Dann sah ich ein schönes Bild von Albrecht Dürer, den heiligen Hieronymus, ebenso einen Viehmarkt von Potter, wenn auch von geringerm Wert, und manches andere. Herausheben muß ich jedoch besonders noch ein Bild von Nicolas Poussin, der Narziß am Bach: im weiten, stillen, reich bewachsenen Tale sieht man zur Linken den Narziß, schön gezeichnet und gemalt als Hauptfigur, ihm gegenüber ahmt eine Najade (das ganz im antiken Geiste personifizierte Spiegelbild des Wassers) seine Gebärde nach, und rechts gewahrt man im Busche die verborgene Echo. Schlanke Bäume streben auf, ernste Felsen ragen im Hintergrunde hervor, und eine sehr großartig aufgefaßte Luft mit einfachen, schön gezeichneten Wolkenköpfen schließt das Ganze. Ich habe eigentlich immer einen innern Widerwillen gegen die theatralische Manier der Poussins, allein hier bei dieser großartigen Einfachheit erschien das ganz freie, gleichsam von der Natur losgelöste[458]  Behandeln jeder Einzelheit völlig an seinem Orte. Ich kann den Eindruck dieser Landschaft nur mit dem einer tragischen Dichtung des Calderon vergleichen.
Ich schied mit stillem, aber innigem Dank. – Zwei Tage später war ich wieder in Dresden.
1
  Amazon.de Widgets
 das man jetzt das Alte Museum nennt.
2 Man sah damals noch in allen diesen verschiedenen Galerien gesondert, was später in einem Museum vereinigt wurde.
3 Von Terborch. Von Goethe als »die sogenannte ›Väterliche Ermahnung‹ von Terburg« in »Die Wahlverwandtschaften« (2. Teil, 5. Kapitel) beschrieben. (Anm. d. Herausgebers.)




 Fünftes Buch
Vermehrte ärztliche Tätigkeit in Dresden













1.


2.


3.


4.






I.




IV.

[459] Das Jahr 1826 wurde mir bedeutsam genug eingeläutet durch ein Glückwünschungsschreiben Goethes, welches ich wohl hier wieder aufnehmen muß1, da es mir halb wie ein Zeugnis der Vergangenheit und halb wie eine Bürgschaft der Zukunft erschien und in das Verhältnis des Dichters zu den Naturwissenschaften selbst einen gar lebendigen Blick gestattet:

Herrn Carus und D'Alton2
Zum neuen Jahr

Weimar, 1826

Wenn ich das neueste Vorschreiten der Naturwissenschaften betrachte, so komme ich mir vor wie ein Wanderer, der in der Morgendämmerung gegen Osten ging, das heranwachsende Licht mit Freuden anschaute und die Erscheinung des großen Feuerballens mit Sehnsucht erwartete, aber doch bei dem Hervortreten desselben die Augen wegwenden[459] mußte, welche den gewünschten, gehofften Glanz nicht ertragen konnten.
Es ist nicht zu viel gesagt, aber in solchem Zustande befinde ich mich, wenn ich Herrn Carus' Werk vornehme, das die Andeutungen alles Werdens von dem einfachsten bis zu dem mannigfachsten Leben durch führt und das große Geheimnis mit Wort und Bild vor Augen legt: daß nichts entspringt, als was schon angekündigt ist, und daß die Ankündigung erst durch das Angekündigte klar wird, wie die Weissagung durch die Erfüllung.
Rege wird sodann in mir ein gleiches Gefühl, wenn ich D'Altons Arbeit betrachte; der das Gewordene, und zwar nach dessen Vollendung und Untergang darstellt und zugleich das Innerste und Äußerste, Gerüst und Überzug, künstlerisch vermittelt vor Augen bringt und aus dem Tode ein Leben dichtet. So seh' ich auch hier, wie jenes Gleichnis paßt. Ich gedenke, wie ich seit einem halben Jahrhundert auf eben diesem Felde aus der Finsternis in die Dämmerung, von da in die Hellung unverwandt fortgeschritten bin, bis ich zuletzt erlebe, daß das reinste Licht, jeder Erkenntnis und Einsicht förderlich, mit Macht hervortritt, mich blendend belebt und, indem es meine folgerechten Wünsche erfüllt, mein sehnsüchtiges Bestreben vollkommen rechtfertigt.

Treu, teilnehmend und ergeben
J.W. Goethe

Ich darf wohl sagen, daß noch jetzt, wenn ich diese Worte überlese, mich eine eigene Rührung ergreift. Man ist in der Jugend und so recht mitten in der regsten Tätigkeit des Lebens selbst fast nie reif genug, um gewichtige Worte solcher Art in ihrem ganzen Umfang zu erfassen und zu schätzen. Wende ich dagegen meine Gedanken ihnen recht zu, so ist ihre Wirkung jedenfalls mächtiger und nachhaltiger![460] Zieht man doch in spätern Jahren überhaupt mehr das eigentliche Fazit der Lebensrechnung und stellt vieles da in andern Wert, als man es in der Gegenwart zu beurteilen geneigt war, einiges beträchtlich tiefer, einiges aber auch entschieden höher als sonst. Zu letzterm wird in jedem edeln Gemüt gewiß immer vornehmlich gehören, was uns mit andern bedeutenden Geistern in wahre, reine und bleibende Beziehung brachte, und so auch alles, was uns das Zeugnis gab, daß wir ihnen wirklich etwas gewesen sind, daß wir, daß unsere Bestrebungen, deren so viele der Luftzug der Zeiten stets entblättert und abstreift, doch irgendeinen bleibenden Eindruck dem Wesen einer andern an sich mächtigen und bedeutenden Idee hinterlassen haben. Aus solchen Gedanken allein schreiben sich jene schönen Worte im »Tasso«3 her: »Wer den Besten seiner Zeit genug getan, der hat gelebt für alle Zeiten«, und darauf eben ruht ja nun auch jene obenerwähnte Unsterblichkeit gerade des Subjektivsten der Seele, daß nämlich der Geist des großen Dichters oder großen Philosophen mit so vielen tausend andern Geistern nicht nur für diesmal in nähern Rapport gestellt ist, sondern auch für immer darin erhalten wird.
So geht es daher auch sehr natürlich zu, daß, indem ich in höhern Jahren immer vollkommener die fast inkommensurable Tiefe und Mächtigkeit des Goetheschen Genius erkenne, ich es jetzt auch um so viel mehr schätze und mehr als eigentümliches Glück achte, in irgendeiner Richtung, und sei es auch nur eben eine Nebenrichtung, diesem Geiste ein gewisses Genügen gegeben und hinterlassen zu haben; eine Achtung und Schätzung, deren ich in jüngern Jahren doch immer nur im unvollkommenen Maße fähig sein konnte.[461]
Ich erzähle aber nun weiter, wie in der Nacht vor dem 3. Januar dieses Jahres ich von einem wunderbar schönen Mondschein träumte, ja im Traum davon sprach; als ich aber erwachte, war es mir dann, als sei das eben nur der verlorene Mond aus meinem Märchen gewesen, und ebenso wie wir wohl hören, daß das Volk schon glänzende Träume für üble Vorbedeutung nimmt, während es von geträumten Leichenzügen Freudiges erwartet, so brachte ich damals den Tag in trüber Stimmung und Kopfweh hin, bis endlich abends neue musikalische Elemente, zur Geburtstagsfeier von den Meinigen in heiterer Geselligkeit herangezogen, alles glücklich ausglichen. Diese Elemente waren aber gegeben in dem schon erwähnten Bergmann und dem trefflichen Organisten Johann Schneider, einem Bruder des Kapellmeister Friedrich Schneider in Dessau, ja durch Vater und Großvater einer ganz musikalischen Familie in der Art der Bachs angehörig. Man hatte diesen verdienten Mann von Görlitz hierher als Organist der Hofkirche berufen, und wie er später zugleich durch treffliche Leitung der hiesigen Singakademie und Förderung der edeln Musica auf allen Wegen sich von Dresden aus bis England berühmt gemacht hat, wird noch manchmal Gelegenheit sein zu erwähnen. Wir dankten zunächst Tilesius seine nähere Bekanntschaft, und er hat sich uns von da an fort und fort als treuer redlicher Freund bewiesen.
Der gedachte Abend war das erste Zeichen dieser Art, und Beethovens merkwürdiges und tiefsinniges Werk – die »Adelaide« – wurde mir so durch diesen Gesangesvortrag und Schneiders kunstgerechte Begleitung zum erstenmal in ihrer ganzen Mächtigkeit und Schönheit verständlich. Alle Geistestrübung war danach verschwunden, und der Tag schloß so schön, als der Traum war, mit dem er begonnen hatte.
Nicht aber bloß der Genuß an der Kunst, sondern auch[462] der an schöner Natur von Dresdens Umgegend breitete in diesem Jahre sich vollkommener aus, letzterer dadurch, daß es nun gelungen war, mir auch ein vollständiges Zweigespann nebst Reitpferd zu ermöglichen, wodurch ich denn selbst, bei so viel vermehrter praktischer Tätigkeit, des Schönen mancherlei erreichte. Und es blieb nicht ohne Frucht in meinem Geiste! Ich finde unter alten Papieren mehrere Aufzeichnungen über dergleichen, welche vielleicht als Nachtrag zu meinen Briefen über Landschaftsmalerei dereinst gut zu benutzen sein würden. Eine Stelle solcher Art, geschrieben nach einem Ritt durch die Nadelwälder im Tale der Priesnitz, darf ich wohl ausheben, da die angeschlossenen allgemeinen Bemerkungen auch jetzt noch ihre Bedeutung behalten: »Tausende von Bildern standen heute vor mir! Lichtwirkungen, wie sie kein Maler erreicht, tüchtige reiche Formen massenhaft zusammengedrängter Fichten, Kiefern, Buchen und Felsen, feuchte Moosbekleidung und wunderlichstes Wurzelwerk; ich schwamm durch ein Meer reizender Erscheinungen. Wer mag in solchen Augenblicken noch recht ernsthaft selbst an die besten Landschaftsbilder denken, und wer verstände dann die Künste selbst nicht vielmehr nur als Übergangspunkt zu höherer Erkenntnis, gleich so vielem andern! Wird es mir doch seit einiger Zeit mehr und mehr deutlich, daß was mir in Betrachtung landschaftlicher Natur begegnet, auch vollständig so im Gewahrwerden von Geschichte und Leben sich ereignet. Im Landschaftlichen empfinde ich nämlich längst, wie mich Beschäftigung mit der Kunst und Studium vieler Kunstwerke mehr und mehr dahin geleitet haben, die Natur an sich als ein Bild erfassen zu lernen und in ihr selbst eine Schönheit zu erkennen, welche so unendlich, so bis in die äußersten Tiefen unergründlich ist, daß nichts von wirklichen Bildern ihr irgend verglichen werden könnte. Dasselbe nun[463] begegnet mir jetzt auch in anderer Beziehung! Menschheitleben und Geschichte (obgleich jeder ein Stück davon ist) wird nämlich doch gewöhnlich der Mensch selbst erst spät gewahr; Dichtungen und Kunstwerke, in denen ein erdichtetes Menschenleben abgespiegelt wird, ziehen ihn anfangs viel mehr an, und zwar nicht vergebens! Denn unvermerkt wird der Sinn dadurch geöffnet und der Geist über sich und die Welt aufgeklärt. Allein eben indem sich nun so die Erkenntnis immer weiter entwickelt, schließt sich der Mensch auch wieder mehr an die Natur an, er lernt das Leben, die Geschichte, den Teil derselben zumeist, der ihm zunächst steht, in ihrem innern, wunderbaren Zusammenhange erkennen, er dringt hindurch zur Idee der Schönheit, welche den Kern alles Lebens ausmacht, und wird endlich so durch Lebens- und Geschichtsbetrachtung tiefer angeregt und inniger gerührt, als irgendeine Dichtung ihn rühren konnte, denn von nun an erst erkennt er in Wahrheit den Unterschied zwischen Erdichtetem und Wirklichem, gleich einem Unterschiede zwischen Menschlichem und Göttlichem! – Auf solche Weise ist mir denn auch verständlich geworden (was mich oft selbst überrascht hatte) ein mir jetzt aufgegangenes, so viel lebendigeres Interesse für wahrhaft Historisches (gegenwärtiges wie vergangenes, und zwar Interesse der ganzen Seele) als für irgendein wenn auch höchst vollkommen Erdichtetes.«
Von meinen Landschaftsbriefen ließ ich übrigens in diesem Jahre die ersten Proben im Kunstblatt des »Morgenblatt« abdrucken, dasselbe, welches auch meinen Aufsatz über die Eigentümlichkeit der Augenform in den Bildern der altitalienischen Künstler bekanntgemacht hatte, und man sieht also, das Interesse an der Kunst war fortwährend in mir lebendig und produktiv genug, obwohl ich für längere Zeit gerade damals meine nächsten künstlerischen[464] Freunde entbehren mußte, da Dahl auf einige Zeit wieder nach Norwegen gegangen war und Friedrich ebenfalls bald nach Rügen abreiste.
Überhaupt! Was hätte mir denn den frischen freien Herzschlag des Lebens erhalten sollen unter so viel schweren praktischen Lebensaufgaben, welche mühselig genug oft auf mir lasteten, wenn es nicht, nebst dem reinen Äther wissenschaftlichen Strebens, das Element der Kunst und Poesie gewesen wäre, das mir nie ganz ausging, so karg mir oft die Zeit zugemessen blieb! Von Musik wirkte daher in jener Zeit namentlich so auf mich eine große und schöne Aufführung von Mozarts Requiem, zum Besten der Griechen, in der Neustädter Kirche; in der Poesie erhob mich Dante fortwährend, als über dessen Inferno ich einen eigenen großen Plan aufgezeichnet hatte, auf den ich noch später zurückkommen werde; und in Beziehung auf eigentliche Lebensdichtung war mir jetzt zuerst Cervantes deutlicher aufgegangen, dessen »Don Quichote« wir abends zusammen lasen und über dessen innere Signatur ich aus jener Zeit noch ein geschriebenes Blatt finde, welches ich um so weniger hier unterdrücken will, da die hier berührte Seite gerade seltener aufgefaßt worden ist:
»Was an diesem Dichter so insbesondere erbaut, ist die tiefe Einsicht in das wunderliche Treiben des Menschen bei der nichtsdestoweniger durchaus fühlbaren innern Freudigkeit und schönen Geistesgesundheit. In Wahrheit, wir Deutschen treiben uns oft, nach dem Vorbilde der Engländer, so gern mit milzsüchtigen Vorstellungen um; und wenn Schiller uns vorsagt: ›Wer erfreute sich des Lebens, der in seine Tiefen blickt‹, so machen wir gern ein recht tiefsinniges Gesicht und sagen Amen, anstatt daß wir uns zu der Erkenntnis durcharbeiten sollten, daß eben nur der das Leben wirklich im höhern Sinne verstehen und bewältigen kann, dem sich ein hellerer Blick in die unendlichen[465] Tiefen und Fernen des Lebens erschlossen hat und dem, wie durch bunte Kirchenfenster das Sonnenbild, so der ewige Urquell aller Seligkeit durch alles bunte Gewirr hindurch stets gegenständlich bleibt, dergestalt, daß ihm alle diese vergänglichen Bilder jetzt nur um so lieber werden, weil er nun erkennt, daß sie an sich selbst die Gleichnisse zu einer Wahrheit sind, die er jetzt noch nicht in ihrer ganzen Reinheit zu erfassen imstande ist. Ich glaube, ich hätte diesen Cervantes unendlich lieben können, als Mensch, so gesund und aufrichtig kommt er mir überall vor; auch kann man ein merkbares Reiferwerden des Dichters in den spätern Teilen des Buchs, welche geraume Zeit nach den erstern verfaßt sind, keineswegs verkennen. Diese seine Freudigkeit, sein Gefühl für sittliche Schönheit und dabei doch diese Lust am Leben haben mir zu den mannigfaltigsten Betrachtungen Anlaß gegeben. Dann aber die hohe Weisheit in Auffassung dieses Don Quichote selbst! Liegt nicht die ganze Torheit des Menschengeschlechts hier auf das heiterste abgespiegelt? Wer wäre nicht, wenigstens zu irgendeiner Zeit einmal, ebenso im Falle gewesen, nur bis auf einen gewissen Punkt vernünftig zu sein, sobald aber dieser Punkt berührt wurde, gleich mit irgendeinem Mambrins-Helm dazustehen? Und wie tiefsinnig gedacht erscheint überhaupt die ganze Geschichte des edeln Ritters von La Mancha!«
Dieser Sommer war es nun auch, in welchem mir die interessante Entdeckung der Zirkulation der Blutflüssigkeit in den Insekten gelang, welche ich späterhin durch eine eigene Schrift, mit schönen Tafeln aus gestattet, bekanntmachte. George Cuvier erfuhr dadurch gewissermaßen die Erfüllung einer frühern Erwartung, denn man findet in seinen trefflichen »Leçons d'Anatomie comparée« eine Stelle, welche zeigt, wie emsig, jedoch vergeblich, er nach dem Phänomen eines solchen Blutlaufs gesucht hat,[466] und er war es daher jedenfalls auch, der es veranlaßte, daß mir das Institut de France bald nach dem Bekanntwerden jener Schrift, in Anerkennung dieser Entdeckung, die große goldene Preismedaille mit meinem eingravierten Namen zugehen ließ, als wodurch dasselbe denn um so mehr seine völlige Unparteilichkeit beurkundete, da ich jene Schrift weder ihm noch Cuvier selbst zugeschickt hatte. Das schöne Phänomen dieses Blutlaufs, welches namentlich in gewissen im Wasser lebenden Insektenlarven deutlichst hervortritt, konnte ich natürlich nun auch den im September in Dresden zusammenkommenden Naturforschern und Ärzten unmittelbar vorlegen; es erregte auch dort nicht geringe Aufmerksamkeit und vermehrte die Zahl interessanter Vorträge, welchen diesmal hier zuerst ein glänzenderes Auditorium und eine größere äußere Feierlichkeit bereitet wurde.
Die Regierung hatte nämlich auf Antrag Seilers einen der größern Säle des Landhauses zu den öffentlichen Sitzungen gewährt. Die königlichen Prinzen wohnten einigen Versammlungen bei, und den in großer Anzahl herbeigekommenen fremden Gelehrten wurde ein Festmahl auf dem Linckeschen Bade bereitet, zu welchem die Gesellschaft auf geschmückten, mit Böllerschüssen begrüßten Gondeln hinausfuhr. Das Ganze bekam so einen größern festlichen Charakter, ohne doch an innerm Gehalt zu verlieren. Späterhin haben diese Versammlungen dagegen nicht nur immer mehr ins Äußere sich verloren, sondern sie haben zugleich eine solche Menge anderer Versammlungen, Stiftungsfeste, Zweckessen und dergleichen nach sich gezogen, daß man jetzt zuweilen versucht wird, mit Hamlet zu sagen:

Meines Dünkens ist's ein Gebrauch,
Wovon der Bruch mehr ehrt als die Befolgung.
[467]
Nach und nach wurde es endlich wieder stiller um mich her, die Tage wurden kürzer, die Abende länger, und ich kam noch vor Ablauf des Jahres dazu, meine erste ausführliche Lektüre des Dante zu vollenden und mit ihr die Aufzeichnung des schon erwähnten Plans des Inferno in Form einer großen gotischen Fensterrose. Man sieht auf ihm genau die ganze Wanderung des Dichters; alle merkwürdigen Momente und alle bedeutendem Personen, die im Laufe des Weges angetroffen werden, finden sich nach den einzelnen Gesängen sorgfältig eingezeichnet, und umher in den gotischen Zieraten, welche die Rose umgeben, stehen die leitenden Himmelszeichen und leuchten das geheimnisvolle Dreigestirn und Viergestirn sowie das Geburts- und Todesjahr Dantes und der Beatrice.
Ist doch überhaupt das eine eigene und mächtige Nebenwirkung, die dieser wunderbare Geist auf jeden ausübt, der sich dem ernsten Studium seines Werks hingibt, daß früher oder später dadurch überall der Trieb geweckt wird, auf irgendeine Weise produktiv gegen ihn sich zu verhalten! Dies nur ist es denn, was die vielfachen Übersetzungsversuche veranlaßt, dies ist es, was so viele darüber geschriebene Kommentare und Auslegungen bedingte, dies, was so manchen Künstler, von Michelangelo an bis zu Koch, Flaxman und Pinelli, veranlaßte, seine gedankenhaften Gestalten durch Zeichnungen oder Bilder zu verwirklichen, und dieser Drang war es also auch, der jenen Plan schuf, den ich später lithographieren und manchen Dantophilen habe zukommen lassen.
Auch mit Tieck führte dieser Winter mich öfter zusammen, ich hörte ihn mit höchster Laune und Anmut Goethes »Mitschuldige« vorlesen und verdankte es ihm, den »Julius Cäsar« in Szene gesetzt zu sehen und so zum erstenmal dieses gewaltigen Werkes ganze dramatische Wirkung zu erfahren. Mehr und mehr fühlte ich jetzt das[468] volle Gewicht der geistigen Persönlichkeit Tiecks, die, wenn irgendeine, so vollkommen den Beinamen einer »attischen« verdiente, und oftmals zürnte ich mit mir selbst, daß ich immer noch durch die früher berührten Gründe so vielfach mich abhalten ließ, seinen Salon zu besuchen, wenn auch sonst meine Arbeiten den Abend mir eben freigelassen hatten. Etwas lag übrigens hierbei vielleicht doch auch in der großen Verschiedenheit unserer Naturen! Ein gewisses Negatives, Ironisches, auch wohl Krankhaftes, Anti-Goethisches konnte mir, dem die durchaus positive, klar gegenständliche und gesunde Richtung des letztern im Blute lag, nie ganz und gar homogen sein, und so nahe wir uns daher auch späterhin kamen und so sehr er bis ans Ende ein lieber, verehrter Freund mir geblieben ist, so blieben doch immer Gegenden übrig, in denen wir uns nicht ganz verstanden.
So kam also das Jahr 1827 heran, in welchem der Gang meines Lebens abermals eine so folgenreiche Umänderung erfahren sollte.
Allerdings mochte ich nämlich damals mit Recht zu den beschäftigtsten Ärzten Dresdens mich zählen dürfen. Schon früher habe ich mehrere fremde Familien genannt, die mich zu Rate zogen und empfahlen; ebenso aber waren es jetzt auch manche der ersten hiesigen, zum Hofe in naher Beziehung stehenden Häuser, welche jene Entdeckung teilten und nützten: Das gräflich Einsiedelsche und Vitzthumsche Haus, die Familien derer von Könneritz, des Grafen Bose und derer von Löwenstern, einer Familie Ungern-Sternberg und andere gehörten namentlich dahin, und vor allem habe ich dabei einer trefflichen, durch Herzensgüte und damals auch noch durch große Schönheit ausgezeichneten Frau zu gedenken, welche drei Dezennien hindurch bis zu ihrem Tode meinem Hause eine sehr treue und verehrte Freundin geblieben ist und schon zu jener[469] Zeit sich mir überall förderlich erzeigte. Es war die Gräfin Ernestine von Einsiedel, geborene von Warnsdorf und Gemahlin des königlichen Obermundschenk Grafen Heinrich von Einsiedel. In diesem Hause, dem neben manchen andern Gütern auch die Standesherrschaft Reibersdorf bei Zittau gehörte, war, wie in dem gräflich Bünauschen (wo einst Winckelmann als Bibliothekar lebte) und in dem des damaligen Oberhofmarschalls von Racknitz, noch aus früherer Zeit eine Neigung vorhanden, durch Bücher- und Kunstsammlungen zu glänzen, eine Neigung, welche späterhin unter dem sächsischen Adel mehr und mehr erloschen ist. Die Mutter des Grafen Heinrich hatte auf dem schönen Schlosse zu Reibersdorf eine reiche Bibliothek, vorzüglich aber jene prächtige Kupferstichsammlung gegründet, welche freilich später durch üble finanzielle Verhältnisse des ältern Sohnes Georg zerstreut werden mußte und aus welcher seltene Blätter in viele öffentliche und Privatsammlungen übergegangen sind. Ein gewisses Interesse für dergleichen war indes von hier aus doch dem Stamme eingeimpft geblieben und wirkte auch zum Teil noch späterhin in der Familie weiter, so daß denn selbst hierdurch die Berührungspunkte sich vermehrten, mittels welcher wir uns gegenseitig allmählich näherkamen. Noch mehr aber brachte mich vielleicht die Beziehung zu einem andern Hause recht unmittelbar in die elegantesten Gesellschaftskreise, zu einem Hause, welches in den Jahren 1825–29 in Dresden viel Aufsehen machte und so viel auf mich und in gewisser Beziehung auch für mich gewirkt hat, daß eine etwas nähere Erzählung davon hier wohl nicht umgangen werden dürfte. – Wer nämlich in jenen Jahren in Dresden lebte, wird sicher sich eines Barons von Malzahn erinnern, der zum Unterschiede von vielen dieses Namens der Rosenfarbene genannt wurde. Ein welterfahrener, im Reiten,[470] Jagen, Schießen und Spielen wohlgeübter schlanker Mann, in den Hauptstädten Europas viel verweilend und in London, wo er die Tochter eines reichen Brauherrn geheiratet, nun mit einem großen Vermögen ausgestattet, hatte er sich endlich in Dresden niedergelassen, und außer dieser seiner Frau lebte noch eine Schwester derselben, Miß Tomson, sowie die Witwe seines vor einigen Jahren schnell verstorbenen Bruders – ein besonders feines und angenehmes Wesen, in seinem Hause. Als ich das erstemal dort eintrat, fand ich mich in einem reichen Salon, eine lange, weißgekleidete Engländerin von schöner Bildung lehnte an einer Harfe; die Baronin, welche nächstens niederkommen sollte und welcher zunächst mein Besuch galt, empfing mich mit einer gewissen Feierlichkeit, während jene angenehme Witwe (man nannte sie vorzugsweise »die Schwägerin«), mit leichter Arbeit beschäftigt, fein und anmutig zu mir aufblickte, sich bald in das Gespräch mischte und nicht verfehlte, mich sogleich besonders zu interessieren. Von diesem Tage an wurde ich nach und nach zum täglichen Besucher; die Baronin gebar nicht lange darauf einen Knaben; etwas zu klagen hatte fast jedermann, ich speiste nicht selten dort, nahm an manchen Abendgesellschaften teil, sah den Zufluß der eleganten Welt, welche den Damen den Hof machte, lernte den Baron und manche seiner Abenteuer näher kennen und bewegte mich bald auf diesem glatten Parkett ziemlich mit eben der Leichtigkeit, die nicht selten das einzige Erbteil oder mindestens das einzige Geschick und Talent ist, welches viele von denen auszeichnet, für die schon durch die Geburt dieser Boden als alleinige Lebenslaufbahn angewiesen ist. Eben hier begab sich denn auch unter meinen Augen jene Wette, welche den Beinamen des Rosenfarbenen veranlaßte, indem der Baron sich vermessen hatte, einen vom Hut zum Schuh ganz[471] rosenfarbenen Anzug acht Tage unausgesetzt auf Markt und Straßen so zu tragen, daß demungeachtet kein Auflauf dadurch veranlaßt werden sollte, was er denn auch geschickt vollführte und allerdings so die Wette zu gewinnen wußte. Indem ich nun alle diese Dinge beobachtete, manche Nutzanwendungen daraus für mich ableitete und zuweilen wohl auch die sonderbarsten Gedanken darüber mir aufbaute, kam ich mir doch mitunter vor wie Faust, wenn Mephisto zu ihm sagt:

Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
Das ist die Art mit Hexen umzugehen.

Daß ich bei alledem das Hohle und Frivole des Treibens einer nur sogenannten großen Welt, welche doch eigentlich klein und eng genug ist, schnell so weit überblicken konnte, um stets mit wahrer Lust in mein Haus und mein stilles Studierzimmer zurückzukehren, wird man mir wohl ohne weiteres glauben. Übrigens wurde ich nun auch eben auf diesem Felde jetzt wieder stark in Anspruch genommen! Meine »Gynäkologie« war in Österreich nachgedruckt worden, und eine neue vermehrte Auflage wurde dringend notwendig, zugleich stieg die Frequenz meiner Entbindungsanstalt so sehr, daß mir mehr und mehr der Wunsch auftauchte, von ihr, die doch wissenschaftlich jetzt wenig Neues mir darbot, endlich mich auch »entbinden« zu lassen; kurz, ich war oft so überhäuft, daß die wenigen einzelnen Stunden, wo aus Malerei und Musik Erfrischung und neue Kräftigung erwachsen konnten, mir immer mehr als ein besonders erwünschtes Geschenk erscheinen mußten. –
Ich hatte mit Goethe auch in diesem Jahre mannigfaltigen brieflichen Verkehr. Das zweite Heft meiner großen anatomischen Erläuterungstafeln war ihm übersendet worden, in welchem die Wirbelbildung, namentlich mit Hilfe[472] der aus Berlin zurückgebrachten osteologischen Zeichnungen, durch alle Tierklassen und alle Regionen des Tierlebens in vielen Beispielen verfolgt wurde, und ich freute mich jetzt, in seiner Antwort zu lesen: »Höchst erwünscht erschien mir Ihr zweites Heft, indem es eine wissenschaftliche Augensalbe enthält, die mich klarer und frischer in die Tierwelt hineinsehen macht, nachdem ich dieses Frühjahr und Sommer über veranlaßt worden, auf das ewige Bilden und Umbilden der Pflanzenwelt meine Aufmerksamkeit zu erneuen.« Er fügte noch bei: »Persönliche Gegenwart und eine freilich nicht vorübergehende Unterhaltung über diese Gegenstände würde mich schneller dahin führen, wohin zu gelangen ich kaum hoffen darf. Indessen geschieht ja das viele Gute, Treffliche, wenn ich es auch nicht in seinem ganzen Umfange mir zueignen kann.«
Leider ließ ich auch diese Aufforderung zu einem wiederholten Besuche in Weimar, als zu sehr eingesponnen in meine damaligen Arbeiten und Verhältnisse, unbeachtet und kam denn so nie wieder zu ihm.
Nicht minder ging mir jetzt, namentlich durch Tiecks Lesen, manches tiefere Verständnis über Shakespeare auf. Meine Betrachtungen über den innern Grundgedanken des »Lear«, wonach das ungeheure Schicksal desselben wesentlich aus der steten Übereilung dieses Geistes sich entwickelt, ließ Tieck zuerst in seinen »Dramaturgischen Blättern« abdrucken, indem er demselben seine eigenen Betrachtungen über Hamlet und das durchaus Retardierende und daher Unheilbringende dieses Charakters anfügte, während mir dagegen letzteres Stück bald darauf ebenfalls Veranlassung gab, über seinen tief geheimnisvollen und so ganz besonders organischen Gang wieder andere Bemerkungen aufzuzeichnen, denen später über »Macbeth«, »Heinrich IV.« usw. noch verschiedene Aufsätze[473] nachfolgten, welche hier und da wohl von Freunden nicht ohne Zustimmung gelesen worden sind, ihren größten Nutzen und tiefste Bedeutung aber doch eigentlich in ihrer subjektiven Seite fanden. Dies ungestörte und ungeteilte Abrollen solchen Stücks durch einen Mann wie Tieck, der so genaue Kenntnis mit so hochgebildetem Geiste vereint, wird mir für immer ein wichtiges und nachhaltiges Phänomen bleiben. Diese Heinriche sind nun doch auch an sich höchst wunderbare Werke! Keine irgend besondere und befangene leidenschaftliche Stimmung des Dichters läßt darin entfernt sich spüren, und immer nur fühlt man, über dem Ganzen schwebend, eine höchst freie, tüchtige, edle und sittlich schöne Seeleneigentümlichkeit, welche somit der eigentliche Lichtäther wird, durch welchen alle diese so gegenständlichen Farben bedingt werden. Ich habe Ähnliches wohl immer davon geahnt, nie aber war diese Art der Verklärung historischer Begebenheiten mir so deutlich erschienen, bevor ich solche Werke auf solche Weise vorgetragen gehört hatte!
Eine andere Begegnung ferner, welche wieder für meine künstlerische Tätigkeit nicht ohne Folgen blieb, war die mit dem russischen Staatsrat Joukowsky, dessen Bekanntschaft schon vor mehrern Monaten ich in einer Petersburger Familie gemacht hatte, welche zu meiner ärztlichen Klientel gehörte. Herr von Joukowsky, in Rußland als Gelehrter und Dichter, insbesondere auch als Übersetzer Schillers bekannt, war vom Kaiser Nikolaus zum Erzieher des jungen Kronprinzen Alexander bestimmt, und durch das Gemütvolle seines Wesens und seine vielseitige Bildung hatte hier alsbald eine nähere Berührung zwischen uns sich ebenfalls ergeben. Er besuchte mich darauf, sah meine Bilder, und vorzüglich eins, wo die drei Könige aus Morgenland in frühem Tagesgrauen dem geheimnisvollen[474] Sterne nachziehen, es wirkte so nachhaltig auf ihn, daß er mich ersuchte, ihm ein ähnliches zu malen, nur sollte hier im Vordergrunde eine einzige Jünglingsgestalt gesehen werden, welche dem heranbrechenden Tage mit Gottergebenheit und Vertrauen entgegenblickte. Das Bild sollte dem jungen Kronprinzen bestimmt sein und symbolisch ihm eine Andeutung seiner Zukunft aussprechen.
Dieser Antrag kam mir denn allerdings zuerst seltsam genug vor, und ich wollte mich anfänglich durchaus nicht dazu verstehen, vieles Ungenügenden meiner Arbeiten mir nur zu gut bewußt. Er ließ indes nicht ab, er legte eine Summe in Gold voraus, und ich mußte ihm denn versprechen, in einiger Zeit das Bild zu senden. Nach und nach erwärmte mich der Gegenstand. Umgeben von aufblühenden Lilien, zunächst vor einem Riff schroffer Felsen, und darüber hinausblickend auf eine weite, von erstehendem Tageslicht erleuchtete Ferne, trat die Gestalt des ritterlichen Jünglings, auf den Kreuzgriff seines Schwertes gestützt, allmählich dunkel und wirksam auf der Leinwand hervor; im ganzen erschien das Bild keineswegs unbedeutend, und im September war es denn so weit gediehen, daß ich es endlich wirklich fortsenden konnte.
Ja, das Bild sollte noch weiter wirken, denn er zeigte es in Berlin dem Kronprinzen von Preußen (nachmaligen König Friedrich Wilhelm IV.), und dieser gab darauf den Auftrag, für sich jene drei Magier mit dem Stern von mir zu akquirieren, und somit sah ich auch dies Bild bald von mir scheiden, hatte aber doch die Beruhigung, hierbei zu erfahren, daß auch diese meine geistigen Nebensprossen irgendeinmal und irgendwie zu einem Resultat und Endziel gediehen waren.
Im September war es denn endlich auch, daß zwei neue[475] glückliche Gestirne mir aufgingen, das eine, das leuchtendste, sollte 24 Jahre meines Lebens mit wunderbaren Strahlen mir verschonen, aber auch mit tiefstem Kummer mich und die Meinigen umnachten durch sein frühes Scheiden: es war die Geburt eines lieblichen Mägdeleins (am 11. September), welches wir Eugenia nannten; das andere war gegeben in der Berufung zum königlichen Leibarzte, wodurch eine wichtige Änderung aller meiner Verhältnisse, das Aufgeben der Professur und der Direktion der Entbindungsanstalt, dagegen die so nahe Beziehung zu einem alten, hochverehrten Königshause bedingt wurde, dem ich fortan alle die besten Früchte meines ärztlichen Wissens zu widmen verpflichtet sein sollte. Von dem ersten Gestirn, solange es zu unserer Freude über dem Horizonte stand, wird in den folgenden Blättern noch manchmal die Rede sein, von dem zweiten muß ich hier doch sagen, wie sehr sein Aufgang mich überraschte. Man hatte mir so viel von der strengen Etikette des Hofs und manchem Beschwerlichen im Dienste der Leibärzte erzählt, daß, so sehr ich auch gerade damals entschlossen war, nicht lange mehr meine Professur zu behalten, und so sehr ich auch den unerwarteten und ehrenvollen Beweis eines großen Vertrauens der höchsten Personen des königlichen Hauses zu schätzen wußte, doch anfangs zweifelte, ob ich wohl auch meinem innern Wesen nach allen diesen Anforderungen hinreichend zu entsprechen imstande sein werde. Indes nach einem langen Gespräch mit Kreysig, ihm, dem alle diese Hofverhältnisse aus langer Erfahrung bekannt waren, ja der zuletzt als vieljähriger Arzt des Ministers von Einsiedel wissen konnte, inwiefern die nächste Zeit manche Veränderungen herbeiführen werde und daß namentlich von dem strengen Zeremoniell und der steifen Etikette der vorigen Regierung manches schon nachgelassen sei, entschied ich mich für[476] die Annahme und darf wohl sagen, daß ich diesen Entschluß, auch nach Ablauf eines Vierteljahrhunderts, nicht zu bereuen Ursache gehabt habe.
Am 22. September wurde ich der königlichen Familie in Pillnitz vorgestellt, Kreysig hatte es eingerichtet, daß in einem Wagen er und seine Frau und ich und Francke hinausfuhren, und noch manche eigene Gedanken über Abhängigkeit und Freiheit regte es mir da an, als wir an der Gondel hielten und die sechs in gelb und blauer Fischerlivree gekleideten Ruderer uns hinüberbrachten, wo an der alten großen Treppe fast venetianischen Stils man hinaufsteigt zu dem sogenannten Wasserpalais, damals der Wohnung des Königs Anton und seines Bruders, des ebenfalls hochbejahrten Prinzen Max. Wir traten in das hübsche, später so lange Jahre von mir bewohnte Zimmer der Leibärzte, und ich und mein neuer Kollege, wir wurden dann durch Graf Vitzthum nach und nach zu sämtlichen Herrschaften geführt und ihnen vorgestellt. Noch lebte damals die Gemahlin des Königs, Königin Therese, eine feine und trotz ihres nur einen Auges doch wohl ziemlich klar sehende Frau. Der alte König selbst war einfach, humoristisch und herzlich; er hoffe, uns nicht viel zu tun zu geben, meinte er, und so waren alle unsere Präsentationen in etwa einer halben Stunde abgetan.
Dies ganze Pillnitz mit seinem damals noch sehr einförmig dekorierten Garten, die Stille, die überall herrschte, die meistens kleinen einfachen Zimmer, in welchen wir die fürstlichen Personen trafen, alles hatte mir einen eigenen Eindruck hinterlassen, und ich, der ich das erstemal in dergleichen eingeführt wurde, schrieb darüber an Regis: »Ein solcher Hof ist, wie sich manche die Sonne denken, äußerlich weithin leuchtend, innerlich dunkel und still.«[477]
So mußte ich denn nun vor allen Dingen Veranstaltung treffen, meine bisherige Dienstwohnung zu verlassen. Glücklicherweise fand sich ein geräumiges Lokal in einem Eckhause an der Moritzstraße und Landhausgasse, in welchem wir die zweite Etage bezogen, und freilich hatte ich nun statt der frühern reizenden Aussicht nach der Elbe nur einen Blick frei in den Hof des Landhauses, aber dafür hatte ich auch das Perpetuum mobile einer Entbindungsanstalt und nicht mehr am Hause, und die Plage, zum zwanzigsten und dreißigsten Mal die Anfangsgründe der Hebammenkunst vorzutragen, war von jetzt an von mir genommen, dafür aber meinem Nachfolger, Professor Haase aus Leipzig, einem etwas jüngern Koätaneus von mir, übergeben, was denn alles auch erfrischend und erhellend einwirkte.
Meine neue Stellung hatte nebenbei zur Folge, daß ich nun zugleich als Hof- und Medizinalrat in das damalige Kollegium der Landesregierung eintrat, welches unter Vorsitz des Kanzlers von Werthern, wie für die meisten übrigen Verwaltungszweige, so auch für die Medizinalangelegenheiten die höchste Behörde bildete. Gerade also dreizehn Jahre nach unserm Einzuge in Dresden, nämlich am 2. November, wurde ich hier eingeführt, und auch dies durfte ich jetzt als merkwürdig für mein inneres Leben betrachten, indem der Einblick in die innern organische Verhältnisse der Regierung eines Landes doch nie verfehlen wird, einem empfänglichen Geiste das Getriebe des Lebens der Menschheit im ganzen hier und da durchsichtiger zu machen und ihm zu lehren, das Große im Kleinen sowie die Wirkung des Kleinen auf das Große überall genügender zu verstehen und zu erfahren.
1
Teils in meiner Schrift »Goethe, zu dessen näherm Verständnis«, teils von ihm selbst in den »Naturwissenschaftlichen Heften« früher mitgeteilt.
2
Vater des jüngern Professors Eduard D'Alton in Halle, meines getreuen Mitarbeiters an den spätern Heften der großen Erläuterungstafeln für vergleichende Anatomie. Der Vater hatte sich durch seine trefflich gezeichnete Anatomie des Pferdes, seine Skelettafeln der Pachydermen und Raubtiere usw. berühmt gemacht.
3
Stehen im Prolog Schillers zu »Wallensteins Lager«. (Anmerkung des Herausgebers.)





[483] Es gab mir zuweilen eigene Gedanken, wenn ich daran mich erinnerte, wie Goethe damals, als die Frage in seinem Leben aufgeworfen wurde, »ob nach Hof oder nicht nach Hof«, so lange das Für und Wider erwogen und so manchen humoristischen Einfall daran geknüpft hatte. Bei mir war es allerdings schneller entschieden – ich war nun drin, und am 7. Oktober 1827 trat ich mit den gewöhnlichen formellen Besuchen ein, die damals doch noch im braunen Hofrock mit goldbesponnenen Knöpfen, seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen gemacht wurden. Ich machte also fortwährend, abwechselnd mit Francke, eine Woche um die andere, einige formelle Besuche am Hofe, bei deren einen der gute alte königliche Herr selbst mir sagte: »Wenn Sie ein paarmal in der Woche nachsehen, ob ich noch lebe, so ist's schon gut«, und so behielt ich denn, außer einer sonst soviel ruhigern und ehrenvollern Stellung, für meine Arbeiten und meine ärztliche Praxis beträchtlich mehr Zeit übrig, als ich früher gehabt hatte. Einmal wöchentlich, Sonnabend von 9 bis 12 Uhr, hatte ich Session in der Landesregierung, und auch hier wußte ich vieles, da man doch immer wieder von neuen Standpunkten m menschliches Leben hineinsah, für eigene Entwicklung auszubeuten und ging oft von da durch neue weitere Ansichten der Verhältnisse bereichert zu Hause.
So schien denn wohl jetzt alles recht darauf angelegt, eine[483]  Periode stiller, mehr innerlicher Tätigkeit einzuleiten und jegliche Schwankung und Unsicherheit im Äußern abzuwenden – und doch sollte es nicht so bleiben! Schon am Abend meines Geburtstags 1828 war es, daß meine Mutter mit der Dämmerung ins Zimmer trat und mir einen Brief gab, der eben von Berlin angelangt sei. Ich öffne ihn und finde, daß man mir unter äußerst glänzenden Bedingungen von dort den Ruf sendet, die Professur der Klinik anzunehmen. Natürlich wachten nun alle Geister, die mich schon früh zur lehrenden akademischen Tätigkeit drängten, mit Macht wieder auf, ja es schien mir fast Feigheit, eine so große und weite Wirksamkeit, wie sie dort geboten wurde, nur so unbedingt hin abzulehnen. Andererseits fühlte ich freilich sogleich wieder deutlich: mit dem stillen Forschen im Reiche der Isis wie mit aller Freude an der Kunst möchte es dann wohl für immer vorbei sein! Kurz, die Sache regte mich im höchsten Grade auf, und ich konnte mich vorderhand nicht entschließen, eine bestimmte Entscheidung zu fassen.
Bevor ich weitergehe, muß ich übrigens sogleich noch gedenken, daß ich bei dieser freiern Stellung schon im Dezember angefangen hatte, einem Kreise von Räten, andern Geschäftsmännern und Offizieren in dem hübschen Saale meiner neuen Wohnung einige anthropologische Vorträge zu halten, und allerdings trug auch das Interesse, das meine Zuhörer den Gegenständen und mir bewiesen, sowie die Freude, mich wieder im Lehrfache tätig zu fühlen, abermals dazu bei, mich mehr an Dresden zu fesseln und mir eine Zusage auf jenen Berliner Vorschlag zu erschweren. Auf der andern Seite ließ man jedoch mich auch dort nicht so leicht los. Da ich zögerte, mich zu erklären, sendete Minister Altenstein meinen alten Freund, den Geheimrat Schulze selbst nach Dresden, um die Unterhandlungen zu fördern. Die Professur allein sollte auf[484]  5000 Taler Gehalt gesetzt werden, und noch andere Vorteile wurden zugesagt, mit einem Wort, der Entschluß wurde immer schwieriger. Auch in Dresden dagegen, als der Oberkämmerer des Königs Kenntnis von der Sache erhielt, blieb man nun nicht untätig, auch hier wurden mir Zusicherungen einer verbesserten Stellung gegeben, ein Gefühl der Dankbarkeit und eigentümlicher Verehrung, das mich bereits dem königlichen Hause verpflichtet hatte, kam hinzu, kurz, ich entschied mich endlich dafür, auch diesen Antrag gleich den frühern abzulehnen. Schrieb damals über diese Ablehnung an Regis: »Ich glaube allerdings hier meinem innersten Wesen wieder ganz konform geblieben zu sein, und obwohl ich Ihre Ansicht keineswegs teile, daß man soviel als möglich dem Mitwirken am öffentlichen Staatsleben sich entziehen müsse, vielmehr es für die rechte Aufgabe jedes Tüchtigen halte, mit einzugreifen, und wenn auch nur ein Sandkorn damit am großen Bau der Zeiten gefördert würde, so glaube ich doch auch, daß man nur dann eine vollkommen tüchtige Wirksamkeit üben könne, wenn man geistig möglichst gesund und mit Rundung entwickelt ist, und das letztere bin ich denn allerdings überzeugt hier weit eher als dort zu erlangen.«

  Amazon.de Widgets
So waren denn also auch diese Zweifel wieder beseitigt, und ich fing an, nach und nach mich in meiner veränderten Bestimmung mehr einzugewöhnen.
Auch Tieck konnte ich nun bei etwas mehr Muße mit größerer Freiheit genießen. Mit Freuden fühlte ich hier abermals einer bedeutenden Vorzeit mich zugewendet und schwärmte dafür, aus seinem Munde Sophokles und Euripides mir nähergerückt zu erfahren. Eines Abends erinnere ich mich noch besonders, wo Tieck die »Antigone« ganz trefflich vorlas; alle waren wir von dem mächtigen Werke und dem schönen Vortrage lebhaft ergriffen,[485]  ich aber war nicht wenig frappiert, als mitten in dieser allgemeinen Aufregung des Lobes und der Bewunderung ein junger, ebenfalls anwesender Fürst L ... mich fragte, ob denn wohl bei den Griechen ein so kurzes Stück einen ganzen Theaterabend ausgefüllt hätte, was denn glücklicherweise Tieck nicht hörte, dessen Humor eine solche Naivität vielfältig ausgebeutet haben möchte.
Mitten unter dergleichen heitern Lebensaufgaben überraschte mich jetzt eine Aufforderung des Prinzen Friedrich, ihn auf einer Reise durch Italien zu begleiten. Das schöne Land »dove il si suona«, von dem ich kaum den obern Rand, und den noch unter gedrängten Verhältnissen, hatte kennenlernen, so mit einemmal reich und glänzend sich wieder auftun zu sehen, war mir natürlich von unsaglichem Werte und gab meinen Bestrebungen plötzlich einen ganz neuen Zielpunkt.
Endlich waren denn alle Vorbereitungen beendigt, alle die kleinen Scheidebriefe und Testamente gefertigt, mit denen der Mensch mit einem empfänglichen Herzen in diesem flüchtigen Leben so vielfach sich zu waffnen hat und die schon bei so viel kleinern Gelegenheiten, geschweige denn bei allen größern Auszügen zur Geltung gelangen, und so kam der 1. April heran, an welchem Tage ich im Gefolge des Prinzen, meines künftigen königlichen Herrn, mit Obristhofmeister von Minkwitz, dem Adjutanten Obrist von Cerrini und den durch längern Aufenthalt früher in Italien einheimisch gewesenen Professor Hartmann, dessen ich oben schon als Maler gedacht habe, jene Reise antrat, welche über Wien und Venedig nach Florenz, von da nach Rom und Neapel und endlich wieder zurück nach Florenz und dann über die Schweiz nach Hause sich wendete.
Ein eigenes und schönes Gefühl war es mir gewesen, in Florenz von Goethe die Antwort auf mein Schreiben, mit[486]  welchem ich ihm noch vor der Abreise das Werk über die »Ur-Teile des Knochengerüstes« zugesendet hatte, und den Dank für dieses Werk zu erhalten. Habe ich irgend von Mitlebenden für diese mühevolle große Arbeit einer wohltuenden und reinen Entgegnung mich zu freuen gehabt, so war es diese, und ich darf auch diese Worte hier nochmals wiederholen, da der Ort und ihre eigene Schönheit in so hohem Grade es rechtfertigen. Unter dem 8. Juli nämlich hatte er von Weimar geschrieben:
»Ein alter Schiffer, der sein ganzes Leben auf dem Ozean der Natur mit Hin- und Widerfahren von Insel zu Insel zugebracht, die seltsamsten Wundergestalten in allen drei Elementen beobachtet und ihre geheim-gemeinsamen Bildungsgesetze geahnet hat, aber, auf sein notwendigstes Ruder-, Segel- und Steuergeschäft aufmerksam, sich den anlockenden Betrachtungen nicht widmen konnte, der erfährt und schaut nun zuletzt, daß der unermeßliche Abgrund durchforscht, die aus Einfachstem ins Unendliche vermannigfaltigten Gestalten in ihren Bezügen ans Tageslicht gehoben und ein so großes und unglaubliches Geschäft wirklich getan sei. Wie sehr findet er Ursache, verwundernd sich zu erfreuen, daß seine Sehnsucht verwirklicht und sein Hoffen über allen Wunsch erfüllt worden. Mehr darf ich nicht sagen, denn ich habe kaum einen Blick in das Werk getan, der aber schon auf das vollkommenste erhebt und befriedigt.
Mit den treuesten Wünschen und Grüßen folge dem würdigen Naturforscher gegenwärtiges Blatt, und wo es ihn trifft, sei es Zeuge meines Danks und meiner Segnungen.

Und so fortan treu teilnehmend
J.W. Goethe.«



Bin ich aber einmal dabei, der Anerkennung zu gedenken, welche diese große Arbeit hier und da fand, so muß[487]  ich doch auch ein mit obigem Briefe fast gleichzeitiges Dankschreiben von Alexander von Humboldt erwähnen, welches mir seinen Beifall in nachstehender Weise ausdrückte:
»Potsdam, 15. Juni 1828. Seit fünf Tagen besitze ich durch die Güte des Geheimrat Schulze Ihre herrliche Schrift über den Knochenbau, und seit fünf Tagen bin ich ununterbrochen damit beschäftigt. Lange hat mich nichts so bewegt als Ihre großartigen Ansichten der Natur ... Meine schönsten Hoffnungen, Sie für den hiesigen Staat zu erwerben, sind leider nicht erfüllt worden ... Ich fühle bei Erscheinung dieser Ihrer letzten Arbeit doppelt, was mir entfahren, aber ich ehre und billige die Motive, welche Sie in dem schönen Lande zurückhalten, dem ich meine mineralogische und bergmännische Bildung verdanke und in dem die Freunde meiner Jugend leben. Ich glaube an die Einheit unsers deutschen Vaterlandes und das geistige Bestreben der Menschen. Die, welche – wie Sie und ich – den Wissenschaften leben und die Freuden, welche die Intelligenz gewähren kann, jeder andern vorziehen, müssen unablässig dahin arbeiten, das Band, welches alle wissenschaftlichen Institute verbinden soll, inniger zu knüpfen. Ihre historische Einleitung, Ihre Vorbegriffe, die allgemeinen Begriffe über den Organismus, die Hautskelette der Amphibien, die Kopfwirbel der Fische und die Antlitzbildung des Menschen, haben mich besonders entzückt. Was mir von den geometrischen Konstruktionen, den Zahlenverhältnissen und ihrer Beziehung auf Musik, von der Wiederholung der Formen in den einzelnen Gruppen, zum Beispiel von den Gliedmaßen des Schädels, jetzt noch minder überzeugend scheint, wird es bei ernsterm Studium werden. Wie angenehm wäre uns Ihre mündliche Belehrung, wenn Sie uns zur Gesellschaft der Naturforscher mit Ihrer Anwesenheit beehrten. Ich[488]  werde wahrscheinlich meinen König nach Teplitz begleiten, aber schon im August hier sein. Künftiges Frühjahr gehe ich nach dem Ural und Tobolsk.

Mit der freundlichsten Hochschätzung
Ew. Hochwohlgeboren ergebenster
Al. Humboldt«

Bald nachdem die Unruhe der Rückkehr sich beschwichtigt hatte, zogen wir nach Pillnitz. Das Zimmer des Schlosses, das ich in diesem und vielen der folgenden Sommer bewohnte, hatte eine reizende Aussicht auf die breite Elbe und die reichbelaubte Insel auf ihr. Die Reinheit der Luft, die Stille des Orts, das Rauschen des Wassers, die Klarheit der Fernen, sie waren so recht geeignet, meinen Gedanken zu gestatten, noch um alle die kurz zuvor gesehenen Schönheiten zu schweifen. Ich schrieb dort meine Tagebücher, ordnete meine Zeichnungen, lebte mittags und abends mit den Meinigen, welche im Dorfe ein leidliches Unterkommen gefunden hatten, und unter vielfachen Erzählungen und Besprechungen durchstrichen wir denn auch wohl die anmutigen Hügel und Täler um Pillnitz, welche schon in diesem Jahre mir lieb wurden und künftig mir immer lieber werden sollten.
In jenen Jahren war auch auf dem Schlosse mit Dekorierung des festlichen Speisesaales und der neugebauten Hofkapelle Professor Vogel beschäftigt, Sohn des Malers Vogel, dessen Kinderköpfe und Kindergruppen einen sehr ausgebreiteten Ruf bekommen hatten. Wir wurden bald bekannt, und ist uns derselbe lange Jahre ein treu teilnehmender Freund geblieben. Man weiß, daß die Kunst ihm eine große Sammlung zum Teil trefflich gezeichneter Köpfe irgend bekannter oder berühmter, namentlich für Kunst sich interessierender Zeitgenossen verdankt,[489]  und es hat derselbe denn damals auch einen sauber gezeichneten Kopf nach mir vollendet, welcher sich in einem der ersten Bände dieser bedeutenden, jetzt der königlichen Kupferstich- und Handzeichnungsgalerie anheimgefallenen Sammlung befindet. Auch er war viel in Italien gewesen, und alles dies gab, wie meine eigenen Kunstbestrebungen, manche Gelegenheit zu näherm Verkehr. Nebenbei sahen wir übrigens mitunter in einem leichtgebauten Hause der innern königlichen Gärten – es war eigentlich das Haus, in welchem in den Wintermonaten die Orangerie aufbewahrt wurde – Komödien und kleine Opern aufführen, wozu jedesmal die Familien der irgend dem Hofe näherstehenden Personen eingeladen wurden, und auch ein solcher kleiner Überrest jener frühern glänzenden ländlichen Hoffeste, welche den sächsischen Hof sonst auszeichneten, war mir durch manche Eigentümlichkeit interessant. Kurz, diese ganze Villeggiatura, die ich hier zum erstenmal so miterlebte, war mir eine neue merkwürdige Erfahrung, und ich, der ich bisher fast immerfort in der unausgesetztesten Weise nur in Mühe und Arbeit eingetaucht gewesen war, fand mich hier in eine angenehme Muße versetzt, die mir denn zwar später auch wieder zu vielfachen geistigen Arbeiten die alleinige Möglichkeit geboten hat, zu jener Zeit aber um so angenehmer mir erscheinen mußte, weil sie durch lange vorausgegangene Entbehrungen und Mühsal gehoben wurde.
Eine neue Erfahrung gab es ferner im Laufe des beginnenden Winters, in dem Friedrich Schlegel nach Dresden gekommen war und Vorlesungen hielt über eine Philosophie, welche er, dem es besonders um Ausbreitung des katholischen Glaubens zu tun war, gänzlich im Sinne dieser Richtung entworfen und durchgeführt hatte. Ich höre diese Vorlesungen, weniger aus ursprünglichem Interesse[490]  und mehr als Mitglied der Naturae Curiosorum mit an, indem ich sie wesentlich als einen Spiegel der Zeit betrachte. Es verfließen da manche ganz sinnvolle, ja tiefe Gedanken mit vielen unreifen, unklaren und höchst willkürlichen Annahmen, so daß das zahlreiche Publikum, welches die Vornehmsten außerhalb des Hofes umfaßt und zur Hälfte aus Damen besteht, oft wunderlich genug dreinsieht. – Er war viel mit Tieck, welcher, auch in diesem Herbste erst aus der Schweiz zurückgekommen, seinen Salon wieder regelmäßig geöffnet hatte und vielerlei Schönes und schön las. Natürlich gab die Anwesenheit Schlegels manchem dieser Abende einen eigenen pointiert ultramontanen Beischmack, so daß ich selten oder gar nicht mich dort einfand. Eine Zuflucht im Kloster nach einem vielbewegten, vielgequälten Leben gleich dem eines Tasso, über dessen letzte Zelle in San-Onofrio zu Rom die guten Mönche geschrieben hatten: »Sera malorum Pausa«, das konnte ich wohl recht verstehen, aber für den modernen Katholizismus eines Friedrich Schlegel ging mir der Sinn ganz und gar ab.


  Amazon.de Widgets
Das Jahr 1829 eröffnete sich mir mit meinem vierzigsten Geburtstage sehr musikalisch und hat mir überhaupt in dieser feinen Kunst manchen besondern Genuß gebracht. Für diesmal war es die »Zauberflöte« Mozarts, die die mehrfach genannten musikalischen Freunde abends am Flügel mit großer Vollkommenheit aufführten; und in Wahrheit! Eine solche Aufführung, die an sich immer ein besonderer Prüfstein des Echten und Tüchtigen in der Musik bleibt, ist bei Werken gleich diesem, wo auf der Bühne so viel Absurdes im Dialog mit in Kauf genommen werden muß, ganz vorzüglich geeignet, den Reichtum und die Schönheit des Ganzen vollkommen zum Verständnis zu bringen. In der gesamten Musik des hier vorgeführten[491]  Priestertums (welches eigentlich keins ist, sondern einen Bund der Weisheit, der Philosophie bedeuten soll) ist eine Tonart angeschlagen, die bis dahin noch niemand gehört hatte und der auch seitdem nichts anderes gleichgekommen ist; eine Tonart, die sich zur Kirchenmusik genau so verhält, wie sich verhält Philosophie zur Religion oder Wissenschaft zum Christentum. Sie haben beide Schönheit und Größe und Wahrheit gemein und sind doch jegliche so eigentümlich. Ein drittes dieser Art hat vielleicht so viel späterhin nur Mendelssohn geleistet, in den großartigen Chören der Priester seiner Goetheschen »Walpurgisnacht«, als deren Gesamtcharakter nun wieder zwischen Sarastro und Kirchenmelodie gerade so steht, wie eine reine Naturreligion stehen müßte zwischen Wissenschaft und Christenglauben.
Manches andere wichtig Musikalische schloß dann in den folgenden Monaten noch jenem Mozartschen Studium sich an. Zuächst um Ostern, indem um diese Zeit durch den Kapellmeister der Italienischen Oper, Morlacchi, eingeführten großen Konzerte des Palmsonntags, wo ich Pergolesi in seinem »Stabat mater« kennenlernte, und späterhin dann in der seltsamen und doch eigentümlich großen Erscheinung Paganinis. – Schon in dem ersten jener Palmsonntagskonzerte, welches ich 1828 unmittelbar vor meiner italienischen Reise hörte, war mir im »Judas Mackabäus« von Händel eine Musik aufgegangen, von der ich damals schrieb: »Wie wenn jemand Berge zwar gesehen, aber Alpen nicht, und nun kommt er in die echten Alpenregionen und fühlt jetzt eine bisher in ihm nur schlummernde Vorstellung zur lebendigen Anschauung erwacht, so ist es mir gewesen bei dem gewaltigen, durchaus alpenhaften Charakter dieser Händelschen Musik! Wieder ein ganz anderer Genius als Mozart, und doch auch so außerordentlich schön! – Ein Michelangelo neben[492]  Raffael!« Indes auch Pergolesi war mir merkwürdig! Dieser Gesang von den Marien unter dem Kreuze, so rein und klar, nur von Saiteninstrumenten begleitet, von zwei italienischen Sängerinnen, einer Alt- und Diskantstimme, schön vorgetragen; es war eine durchaus katholische, vollkommen klösterliche Musik, aber in diesem Sinne denn auch außerordentlich vollendet.
Was aber soll ich endlich von Paganini sagen, der um diese Zeit mehrmals in Dresden auftrat! Diese verwundersame Erscheinung! Dies blasse, steife Gesicht, wie das abgehauene Johanneshaupt in der Schüssel der Herodias! Und dabei doch ein wühlendes, tiefinnerliches Feuer! Es lag etwas Dämonisches auf dem Menschen, aber nie hatte ich zuvor eine so klare Tonbildung gehört, gegen alle andere kam sie mir vor wie volles italienisches Sonnenlicht gegen deutsches, und eben deshalb konnte man nicht los von ihm! Spielte er gute Kompositionen (worunter doch gar manche seiner eigenen allerdings gehörten), so war die Freude an solcher Tonbildung hinreißend, wurde auch wohl durch manche humoristische, nur von der ungeheuersten Fertigkeit eingegebene Bizarrerie erhöht. Mitunter freilich verlor er sich in die widrigsten Parforce-Touren, und nur die sichere, überall durchleuchtende Genialität machte zuletzt auch diese erträglich. Er war damals 45 Jahre alt, ich habe ihn später nicht wieder gehört.



II.










[493] Während nun so also manches um mich her von außen erklang, ging das innere Arbeiten an der Ausbeute meiner italienischen Reise immer weiter vorwärts, und zugleich fingen sich die ersten Gedanken zu konzentrieren an um[493]  eine Aufgabe, die ihrer vollen Entwicklung doch erst gegen 16 Jahre später entgegengehen sollte. Mir schwebt jetzt zuweilen der Entwurf einer Arbeit vor, welche ich wohl nach und nach durchzuführen und ins Werk zu setzen suchen möchte, nämlich, nachdem ich mit so vielfältigen Entwicklungsgeschichten und Metamorphosen mich herumgeschlagen habe, einmal die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Seele recht einfach und klar zu verfolgen, zu beginnen mit der

Anima semplicetta, che sa nulla,
Salvo che mossa da lieto fattore
Volentier torna à ciò che la trastulla1

und nun alle den mancherlei Wurzel-, Stengel-, Kelch- und Blumenblättern dieses wundersamen Gewächses nachzugehen, auch die Abwege, welche diese Vegetation nehmen kann, zu zeigen, zumeist aber die Bedeutung seiner eigentlich höchsten Richtung nachzuweisen. Die Vorlesungen über Psychologie, die ich im folgenden Jahre hielt, endlich aber die Vollendung meiner »Psyche« (1846) bildeten die Spitze einer Pyramide, deren Basis in den obigen Worten eigentlich zuerst dargelegt worden ist.
Was äußere Lebensvorgänge betrifft, so muß ich bemerken, daß im März der Antrag, nach Berlin zu gehen, doch noch einmal sich wiederholte. Elias von Siebold war gestorben, welcher dort die geburtshilfliche Klinik zuerst höhern Anforderungen gemäß gegründet hatte, und vielleicht hoffte man, daß die ältere Neigung gerade zu diesem[494]  Fach mich starker ziehen könnte als der ein Jahr zuvor mir gemachte Antrag, die therapeutische Klinik zu übernehmen. Ich schrieb indes diesmal sogleich an Schulze: »nähme ich diese Stelle an, so würde ich mir wohl vorkommen wie ein Ulysses, der eines zurückgelassenen Gürtels wegen wieder in die Höhle des Zyklopen zurückkehren wollte«, und so blieb alles beim alten, ich war in gewohnter Weise tätig, meine ärztliche Wirksamkeit war eine sehr ausgebreitete, mit meiner Gesundheit konnte ich zufrieden sein, und doch kamen mitunter wieder schwermütige trübe Stimmungen, von denen ich in Briefen jener Zeit manche Spuren finde und über welche ich mir damals wohl selbst nicht vollkommene Rechenschaft zu geben imstande war. Übersehe ich jetzt dergleichen Perioden im ganzen und großen, so scheinen sie mir größtenteils eine Art von Entwicklungskrankheit zu sein. Sobald nämlich eine neue Richtung innerer Tätigkeit sich Bahn brechen sollte, sobald Gedanken und Gefühle in mir aufstiegen, die noch nicht in Wort oder Bild sich recht kundgeben wollten, dann legte sich nicht selten, wie bei Witterungsänderungen, über die Atmosphäre ein Nebel über die Welt meiner Vorstellungen und verzog sich erst dann, wenn die Eisen wieder im Feuer lagen und der Geist zu neuen Flügen wieder seine Schwingen ausbreitete.
Daß übrigens die Übung der Kunst noch immer kräftig mitwirkte, um solche momentane Trübungen zu zerstreuen, mag man wohl glauben, wenn man diesen meinen Entwicklungsgang überhaupt im Auge behalten hat. Und so waren mir denn in diesem Sommer wirklich wieder einige gute Erinnerungen an Italien aus der Leinwand hervorgewachsen und hatten dabei wohltätig auf mich zurückgewirkt. Indes auch andere Musen hatten nun ihre Segnungen nicht versagt. So zum Beispiel erregte es mich[495]  im hohen Grade, Goethes »Faust« jetzt zum erstenmal auf der Bühne zu sehen. Ich schrieb zwar damals über den Schauspieler, welcher die Titelrolle gab:

Armseliger Faust, ich kenne dich nicht mehr;

und von welchem andern hätte ich späterhin nicht mehr oder weniger immer dasselbe wieder sagen müssen, da nun einmal überhaupt kein Geist aus diesen Regionen solcher Aufgabe gewachsen sein kann und wird, aber in dem Ganzen lag an jenem Abend doch eine große Begeisterung! Es war aber Goethes achtzigster Geburtstag, der Dichter selbst lebte noch, Tieck hatte die Veranlassung zur Aufführung gegeben und dafür einen schönen, von innerlicher Erwärmung diktierten Prolog geschrieben. Das Publikum verhielt sich durchaus anerkennend und lebendig, kurz, es gab doch die Erscheinung jenes Fleischwerdens der Dichtung, was eben nur von der Bühne gewährt werden kann, und in diesem Sinne fühlte dann auch ich mich dadurch gehoben und erfrischt. Nicht ganz im gleichen Maße hatte mich der »Fidelio« Beethovens bewegt, das Mozartsche Element war noch zu mächtig in mir, und ich drückte mich daher damals über diese dramatische Musik in der Weise aus: »Beethoven hat für mich noch eine Schwerkraft, die ihn zu fest an die Erde bindet, als daß ich ihn in dieser Beziehung den ganz vollkommenen Musiker nennen könnte! Von einem solchen nämlich verlange ich, wie die Hindus von ihren heiligsten Brahmanen, daß er in der Luft sitzen, ja daß er, dort schwebend, den Hörer selbst zu sich mit hinaufziehen könne.« – So damals! Späterhin freilich erkannte ich wohl, daß er, namentlich in seinen Symphonien, sich genugsam als ein solcher Brahmane bewährt hat! Aber, wie gesagt, Mozart war mir in jener Periode alles! Selbst im Kreise der Meinigen wurde ich fast nur mit seiner Musik genährt, da[496]  unter Leitung eines tüchtigen Künstlers in meinen beiden ältern Töchtern ein Talent sich entwickelte, welches mir in zwei- und vierhändigen Ausführungen am Flügel manchen Genuß gab und zum Studium vieler Einzelheiten der Kompositionen führte. So konnte ich denn mitunter gegen alles andere geradezu ungerecht werden, und Weber zum Beispiel, dessen Werke mich doch noch oft genug entzücken sollten, erschien mir dann vollkommen krankhaft (wovon übrigens viele seiner spätern Sachen doch auch nie ganz freigesprochen werden können), und höchstens rechnete ich ihn unter die »interessanten Kranken«, deren denn allerdings mir auch einige sehr ausgezeichnete vorgekommen sind.

  Amazon.de Widgets
Dabei beschäftigte mich außerdem zugleich höchlich das eben herausgekommene dickleibige Buch von Nissen über Mozart selbst. Welch merkwürdige Entwicklungsgeschichte dieses Geistes! Wie dies Wunderkind so aus lauter Liebe von Vater und Mutter und Schwester hervorgeht! Und wie schnell dann dieser Genius reift! Dies alles kam meiner Liebe zu ihm so recht gelegen und war mir überdies im allgemeinen wichtig für den oben schon aufgeführten Gedanken, nach und nach eine Geschichte der Seele zu bearbeiten, zu deren Material ich dann freilich überall und immerfort sammeln mußte.
Was sonst nächst alle diesem mein Leben betraf, so floß es in diesem Jahre ganz einfach und still dahin. Wir brachten diesmal den Frühling mit dem Hofe in Pillnitz zu, und dankbar für manche erquickliche Luft- und Lichtwelle, die mich dort umspielte, und dankbar auch für manchen schönen Morgen-, Mittag- und Abendspaziergang, zogen wir im Juni wieder herein. Der Ort wurde uns immer lieber. In der Stadt ging das einzige Schwere, was in jener Zeit zuweilen mich drückte, von ein paar Freunden aus, die mir als Menschen auch lange sehr lieb gewesen[497]  waren, aber zu denen nun doch das stets fortrückende, immer leise umstellende und umgestaltende Leben nach und nach die Verhältnisse völlig verschoben hatte.
Der erste dieser Freunde war Friedrich. In seiner eigentümlichen, immer dunkeln und oft harten Gemütsart hatten, offenbar als Vorläufer eines Hirnleidens, dem er auch später unterlag, gewisse fixe Ideen sich entwickelt, welche anfingen, seine häusliche Existenz vollständig zu untergraben. Mißtrauisch, wie er war, quälte er sich und die Seinigen mit Vorstellungen von der Untreue seiner Frau, die ganz aus der Luft gegriffen waren, dessenungeachtet aber hinreichten, ihn ganz zu absorbieren. Anfälle von roher Härte gegen die Seinigen blieben nicht aus. Ich machte ihm die ernstesten Vorstellungen darüber, suchte auch als Arzt einzuwirken, aber alles vergebens, und so wurde denn natürlich dadurch auch mein Verhältnis zu ihm gestört, ich kam fast nicht mehr zu ihm, bis späterhin, nachdem er vom Schlage gelähmt wurde, um ihm noch nach Kräften nützlich zu sein, verlor aber doch immer einen bedeutenden und mir in jeder Beziehung werten Umgang.
Der andere war Dietz, der schon mehrerwähnte Zeichner, später auch als Kupferstecher für mich beschäftigt, ein Mann, dessen eigen scharfe und originelle Natur mir in früher Zeit mehrfach förderlich gewesen war und dem ich dafür manche Jahre im Leben fortgeholfen, ihn mit nach Italien genommen, nach Dresden gezogen, ja zuletzt großenteils erhalten hatte. Nun bleibt sich aber keine Individualität, und eine solche am wenigsten, durchaus gleich. Charaktere dieser Art werden nach und nach schroff und starr, oft genug geradezu krank, nämlich geisteskrank, von Phantasien gequält und durch Einbildungen der verschiedensten Form sich und andern zur Last. Mit großer Geduld trug ich vieles und lange, denn dergleichen alte Verhältnisse[498]  verwachsen zuletzt so mit uns, daß wir Dinge jahrelang mit uns herumschleppen, welche man augenblicklich abwerfen würde, wären sie neu an uns herangetreten. So ich auch hier! Endlich ging es aber doch nicht länger; mitten in der Familie brachen einst seine Halluzinationen in einer Weise hervor, daß eine Trennung sofort unerläßlich wurde, und obwohl ich immer noch im stillen für ihn besorgt blieb, mußte ich denn auch in dieser Beziehung Verhältnisse aufgeben, aus welchen mir früherhin entschieden so manche Anregung zu geistigem Wachstum und frischer Tätigkeit sich ergeben hatte. An Vorgängen dieser Art wurde es mir zum erstenmal recht deutlich, wie der Lebensgang des Menschen, welcher anfänglich gewöhnlich die Bestimmung hat, aus enger Beschränkung in möglichste Mannigfaltigkeit und Vielfachheit der Verhältnisse zu leiten, späterhin wieder sogar sehr gegen die Einsamkeit zurückdeutet, ja immer mehr und mehr uns endlich vereinsamt; freilich damit auch uns eindringlich ermahnend, die einzelnen Geister, die wir wirklich als tief innerlich verwandte erkannt haben, dann um so gewaltiger festzuhalten.
Glücklicherweise blieb mir in jener Zeit nicht viel Muße, dergleichen trüben Betrachtungen lange nachzuhängen, denn ein neues Unternehmen drängte auf mich ein und spannte meine Tätigkeit in ganz ungewöhnlicher Weise: es waren die Vorlesungen über Psychologie, die ich im Winter 1829/30 vor einem großen Kreise von Zuhörern zu halten mich veranlaßt sah. Natürlich war von mir alles aufgeboten, den Stoff so tüchtig und reichlich als möglich auszubeuten. Ich stand in diesem Winter trotz der Kälte und trotz aller täglichen Anstrengungen meines ärztlichen Berufs stets früh um 4 Uhr auf, und mit rührender Sorgfalt erschien schon in so früher Morgenstunde bei mir mein gutes Mütterchen, welche es[499]  sich nicht nehmen ließ, für erste Erwärmung des Zimmers und den Frühkaffee selbst zu sorgen, und so arbeitete ich denn jede Vorlesung gleich vor dem ersten Vortrage schon so vollständig aus, wie sie nachher in der später danach herausgegebenen Druckschrift dem Publikum sämtlich vorgelegt worden sind.
Diese Vorlesungen sind mir hauptsächlich wichtig, weil sie mich zwingen, meine Ansichten für mich zu ordnen und niederzuschreiben. Das Dokument, welches ich dadurch mir selbst gewinne, wird mir späterhin jedenfalls sehr lehrreich sein, da ich durchaus meinen eigenen Weg gehe, mir die Entwicklungsgeschichte der Psyche als wesentlichste Aufgabe zugeteilt und alles Kompendienhafte verworfen und vermieden habe, vielmehr mich durchaus in der Form freier Diskussion halte. Man erkennt hieraus also, wie ganz ich bei der Sache war!
Als später Oken diese »Vorlesungen über Psychologie« in seiner »Isis« anzeigte und schärfer charakterisierte, freute mich nichts mehr, als daß er es aussprechen durfte, mit diesem Buche sei der »Embryo der Psychologie« zur Welt gekommen; denn damit meinte er doch nichts anderes, als daß hier zuerst der rechte genetische Weg in dieses Labyrinth gefunden und der eigentliche Schlüssel zur ganzen Tiefe des Seelenlebens nachgewiesen sei. Im ganzen nahm ich damals auch den wesentlichen Stoff zu diesen Vorträgen durchaus nur aus mir selbst, und trotzdem, daß ich ein großes literarisches Material zu ihrem Behuf um mich aufgespeichert hatte, schrieb ich doch im Januar 1830: »Es geht mir sonderbar mit den Hand- und Lehrbüchern der Psychologie; ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich kann außer einigen hier und da erzählten Tatsachen auch gar nichts davon brauchen. Ich will natürlich nicht sagen, daß ich deshalb etwas Besseres gebe, aber ein anderes, als früher gegeben wurde, ist es ganz gewiß.« –[500]  Übrigens war das Jahr 1830 mir abermals am 3. Januar sehr musikalisch eröffnet worden, indem man veranstaltet hatte, daß die »Missa Papae Marcelli« von Palestrina, welche ich selbst nebst mehreren andern Hymnen alter Meister in Abschrift aus der päpstlichen Kapelle von Rom mitgebracht hatte, abends in meinem Saale aufgeführt wurde. Bekanntlich sind diese Manuskripte eigentlich nur traditionell verständlich, und hätte nicht abermals unser trefflicher Freund, der Hoforganist Schneider, der Sache sich angenommen, so würde es schwerlich gelungen sein, aus den schweren Pfundnoten und veralteten Schlüsselzeichen den feinen Geist, der darin eingesargt liegt, hervorzurufen.


Dieser Winter war dabei einer der längsten und kältesten gewesen, und im März gaben mir daher die Szenen des Eisganges auf der Elbe sowie mancherlei mit dadurch bedingte Naturbilder für meine künstlerischen Bestrebungen vielfache Anregung. Wahr ist es, daß dieses Elbtal, auch schneebedeckt, durch seine schönen Linienverhältnisse und den eigentümlich hier herrschenden Luftton einen Reichtum an Schönheiten, selbst im Winter, aufschließt, die mir großenteils neu waren und mich sehr anzogen. Einzelne Schilderungen solcher Winterszenen habe ich später meinen »Briefen über Landschaftsmalerei« beigefügt und darf davon namentlich den Aufbruch des Elbeises im Jahre 1821 als ein sehr treues Naturbild empfehlen; diesmal aber gaben mir auch die aufgeschichteten Eismassen, welche der damals rasch steigende und ebenso rasch fallende Elbstrom um die mächtigen alten Lindenstämme des sogenannten großen Geheges aufgehäuft liegen ließ, zu besondern Studien reichliche Gelegenheit, welches alles dann, nachdem meine Vorlesungen beschlossen waren und ich somit etwas freier mich bewegen konnte, auch treulich benutzt wurde. Noch jetzt bewahre[501]  ich mehrere Zeichnungen, die damals entstanden sind, und gewiß, die Erscheinungen waren zum Teil merkwürdig genug. Kolossale Eisblöcke von zwei bis drei Ellen Stärke und zehn- und zwölffacher Ausdehnung in der Länge waren ruinenartig oft zu beträchtlicher Höhe aufgetürmt, neuer Schneefall hatte dann zu den grünen und blaulichen mächtigen Bruchflächen anmutigste weiße Verzierungen gegeben, die alten, oft wunderlich gestalteten Baumstämme ragten mit ihren kahlen Zweigen darüber hinaus, und als Hintergrund streckte sich entweder die Stadt mit der immer groß und elegant sich ausnehmenden Elbbrücke dahin, oder die feinen, langen Linien der sogenannten Hoflößnitz stuften im zart violetten, winterlichen Duft reizend sich ab, kurz, es gab Bilder, die sehr verdient hätten, in größern Ölgemälden würdig dargestellt zu werden, wozu jedoch mir weder Zeit noch Kunst ausreichen wollten.
Nach ganz anderer Seite interessierte mich ferner in jenen Tagen ein neues Phänomen, welches zum Teil auch Natur-, zum größern Teil aber doch Geistesphänomen genannt werden mußte, es war die junge neunjährige Pianistin Klara Wieck aus Leipzig, später als Klara Schumann mit Recht zu großem musikalischem Ruhme gelangt. Durch unsern Krägen war sie mit ihrem Vater bei uns eingeführt worden, und wir hörten sie schon damals mit Bewunderung und inniger Teilnahme. Dies feine neunjährige Mädchen spielt die schwersten Sachen von Weber, Beethoven und Bach mit einer Zartheit und Reinheit des Ausdrucks, daß ich mich kaum erinnere, Ähnliches gehört zu haben. Dabei komponiert sie sehr artig, ist übrigens ganz Kind, und am vergnügtesten bei den Kinderspielen unter andern Kindern; sitzt sie aber am Flügel, so scheint sie sofort ein anderes Wesen und beherrscht ihr Instrument mit größter Sicherheit und Zierlichkeit. Sie[502]  hat mir zu vielfältigen Beobachtungen Veranlassung gegeben.
Ich hatte nicht verfehlt, den ganzen Kreis unserer Bekannten und Freunde mehrmals um sie zu versammeln, und während sie von allen mit Lob und Anerkennung überhäuft wurde, sorgte unsere Freundin, Gräfin Einsiedel, dafür, ihren Ruhm auch in den Hofkreisen auszubreiten und war wohl die erste, die durch Verehrung eines Ringes dem Kinde hier, wo es späterhin so reiche Lorbeern ernten sollte, eine erwünschte Aufmunterung gewährte.
Aber nicht bloß zu zeichnerischen und musikalischen Studien sollte ich in diesem Frühjahr neu herangezogen werden, sondern auch die des Dante wurden durch eigene Veranlassung wieder erweckt. Ich habe schon früher dessen gedacht, daß es zu besonderer Genugtuung mir gereichte, als ich erkannte, daß ein Glied desselben königlichen Hauses, dem ich nunmehr meine besten Kräfte zu widmen berufen war, der Prinz Johann, ein so gründlicher Kenner und Verehrer jenes großen Poeten sei.
Im April dieses Jahres wurde ich denn eingeladen, bei dem Prinzen einer kleinen Abendgesellschaft beizuwohnen, allwo derselbe aus seiner Übersetzung, nachdem er den letzten Gesang des Inferno eben am Osterabende (das heißt also gerade 530 Jahre nach Dantes poetischer Höllenfahrt) beendigt hatte, davon den 11.–19. Gesang vorlas. Eingeladen dazu war auch noch, nebst Legationsrat Breuer, Professor Förster von der Ritterakademie, dessen Arbeiten über die italienische Literatur vielfach rühmlich bekannt geworden sind, und Graf Wolf Baudissin, ein naher Freund unsers Tieck, späterhin mit diesem so tätig für die Vollendung der Schlegelschen Übersetzung des Shakespeare. Wir erhielten sämtlich schöne Originalausgaben des Dichters vorgelegt und hatten dem hohen Übersetzer nach jedem Gesange unsere Bemerkungen über das mehr[503]  oder weniger Gelungene der Übersetzung mitzuteilen. Diese kleinen Komiteesitzungen sind von da an viele Jahre fortgegangen, auch Tieck nahm späterhin daran tätigen Anteil, und so wurde mir in dieser Weise die erwünschteste Gelegenheit, nicht nur den Dichter noch einmal mit allergrößter Gründlichkeit durchzugehen und überall genau kennenzulernen, sondern auch ein so gelehrtes und von allen Seiten mit der größten Auszeichnung anerkanntes Werk, als die Übersetzung des Prinzen ist, so ganz allmählich heranwachsen zu sehen, ja selbst durch einige wenige, in das Fach der Naturwissenschaften einschlagende Noten mit vollenden zu helfen, was ich denn abermals als eine glückliche Begegnung hier dankbar anzumerken nicht unterlassen darf.
Meine Pillnitzer Villeggiatur betreffend, so fiel sie diesmal in die Monate Juli und August, und ich erinnere mich wohl, wie gerade auf der dortigen Elbfähre, als ich bei einem schönen Sommerabend aus der Stadt zurückkehrte, durch einen uns nahegekommenen königlichen Adjutanten wir mit der Nachricht von der Julirevolution und der Vertreibung Karls X. aus Paris überrascht wurden. Man war indes damals in so tiefe Friedenszustände eingetaucht, daß niemand noch augenblickliche Ahnung davon hatte, wie ungeheuer die Erschütterung sein würde, die von diesem Ereignis ausgehend und lang nachhallend über ganz Europa sich verbreiten sollte! Gleichzeitig mit mir waren jedoch ein paar der katholischen Geistlichen des Königs in ihrem Hofwagen auf der Fähre, und in den bedenklichen Mienen, die bei dieser Kunde über die Physiognomien dieser Herren sich verbreiteten, malte sich allerdings sogleich eine weit bestimmtere Vorahnung dieser aufziehenden Gewitter; sie mochten empfinden, daß Königtum und Kirche, die sich sonst oft genug gestritten haben, jetzt in ihrer Autorität immer enger verbunden bleiben müßten,[504]  wenn sie nicht beide im Fortschritt solcher Bewegungen den ernstesten Gefahren sich ausgesetzt finden sollten.

  Amazon.de Widgets
Wirklich war fürerst bei uns noch wenig von diesen sich verbreitenden Erdbeben zu spüren. Im August kam der Großherzog von Toscana nach Pillnitz und brachte in seinem Gefolge Professor Savi aus Pisa mit, so daß sich denn manche Wechselwirkung hier fortspinnen konnte, welche früher in Florenz begonnen hatte. Ebenso traf Alexander von Humboldt bei uns ein und gab mir abermals Gelegenheit, einen Blick zu tun in den Reichtum seiner erlebten und erwanderten Anschauungen und Kenntnisse. Eine Nachmittagsstunde namentlich, welche derselbe nebst dem Großherzog und Savi auf meinem Zimmer im Pillnitzer Schlosse zubrachte, wird mir in dieser Beziehung vorzüglich merkwürdig bleiben. Schon vormittags nämlich war er bei mir gewesen, hatte von meinen Untersuchungen über Entwicklung unserer Flußmuscheln, die mich damals beschäftigten, und ähnlichen Arbeiten Kenntnis genommen und hatte versprochen, nach der königlichen Tafel, zu welcher er befohlen war, wieder zu mir zu kommen. Zufällig begegnete ich vorher dem Großherzog, erzählte ihm von unsern Gesprächen und von dem Versprechen Humboldts, worauf er denn erwiderte, er werde zu dieser Stunde auch auf meinem Zimmer sein, da er wünschte, über Erdmagnetismus und amerikanische Reihenvulkane manche Aufschlüsse von dem berühmten Reisenden zu empfangen. So geschah es denn, und in Wahrheit, es war eine Freude zu hören, wie klar und mit wie genauen Angaben im einzelnen bereichert nun die Mitteilungen sich ergossen. Es wäre die lehrreichste und faßlichste Abhandlung gewesen, hätte ein Stenograph Wort für Wort diese Mitteilungen festgehalten! Ich habe kaum später wieder Humboldt mit dieser Einfachheit und zugleich Fülle sprechen hören.[505] 
Ebenso sahen wir da Stackelberg manche Tage bei uns, erfreuten uns an seinen interessanten Darstellungen griechischer Gegenden, von denen er die neuesten Hefte mit herausbrachte, und hatten an ihm überhaupt einen angenehmen Gefährten auf manchen Wegen und Wogen um Pillnitz. Namentlich konnte er einen dieser wundervollen Augustabende lange nicht vergessen, an dem wir mit ihm bei zunehmendem Mondlicht und purpurner Abendröte eine anmutige Wasserfahrt um die schöne, reichbewachsene Elbinsel, dem Schlosse gegenüber, ausgeführt hatten. Ist doch auch wirklich über dies Stückchen Erde und Wasser ein seltener Zauber ausgegossen. Es möchte schwer sein, den Charakter dieser Gegend anders als mit dem »der Süßigkeit«, des »Soave« der Italiener zu bezeichnen, so weich biegt sich der breite klare Strom an den weintragenden Hügeln dahin, und so schön ist diese Vegetation; wie ich denn im Ernst bekennen muß, daß Baummassen, wie sie damals noch die erwähnte Insel zierten und zwischen denen wie in einem Urwalde die frischeste Begrünung einer üppig emporwuchernden Pflanzenwelt den Eintretenden mit Bewunderung erfüllte, mir von dieser Schönheit nirgends weiter vorgekommen sind. Leider hat auch hier in spätem Jahren amtliche, auf Nutzen ausgehende Verwaltung vieles Schöne zerstört, doch wird hoffentlich immer noch genug übrigbleiben, um auch künftighin den Künstler wie den einfachen Naturfreund tief und nachhaltig anzuziehen.
Kaum hatten wir aber nun Ende August Pillnitz verlassen, als denn auch in Dresden der erste revolutionäre Sturm losbrach. Am 2. September in Leipzig begonnen, fand die Volksaufregung in den nächsten Tagen sich auch in Dresden ein; lärmende Haufen, abends vom Großen Garten hereinziehend, benutzten die Abwesenheit fast allen Militärs und drangen vor das Polizeigebäude in der[506]  Scheffelgasse, welches erstürmt wurde und in Brand geriet. Wir hörten das Schreien, Laufen und das Stürmen der Glocken, und wer war damals, dem nicht alsobald die Szenen von Paris vorschwebten und das Schrecknis vermehrten. Allerdings litt Sachsen gleich den meisten deutschen Staaten damals noch an manchen veralteten hemmenden Zuständen. König Anton, dem der verstorbene König Friedrich August nie Gelegenheit gegeben hatte, sich um Regierungsangelegenheiten zu bekümmern, überließ unbedingt die Verwaltung des Landes an Minister Graf Einsiedel, und so hatten sich Wünsche und Bedürfnisse schon längere Zeit dringend genug vernehmen lassen, um eine Erneuerung der Verhältnisse anzubahnen.
Gerade zu rechter Zeit fand sich denn glücklicherweise damals ein tüchtiger kenntnisvoller Mann, dem das Vertrauen aller Klassen entgegenkam und der von dem Prinzen Friedrich, dessen eigenen ernsten, im besten Sinn vordringenden Sinn ich schon auf der italienischen Reise aus vielen Äußerungen erkannt hatte, persönlich geschätzt wurde. Es war der Baron Bernhard von Lindenau. Einer meiner Kranken, der damalige Oberst und Adjutant von Schreibershofen, hatte mir Gelegenheit gegeben, ihn schon vor seinem Eintritt in seine höhern Verhältnisse kennenzulernen, und eine Reihe von Jahren hatte ich denn auch später das Glück, ihm selbst als befreundeter Arzt zur Seite zu stehen und so an der Milde, Geradheit, Wissenschaftlichkeit und unbedingten Rechtlichkeit dieses Mannes mich zu erfreuen. Lindenau war 1780 zu Altenburg geboren, wurde 1808 Direktor der Sternwarte auf dem Seeberge bei Gotha, regierte seit 1820 als Minister die Lande von Sachsen-Gotha, trat 1827 in sächsische Dienste und war zuvor Gesandter beim Bundestage, bis er hier 1829 als Wirklicher Geheimrat die Direktion der Dresdener Museen übernommen hatte. Jetzt nun, als infolge[507]  der aufrührerischen Bewegungen eine Krisis in den Staatseinrichtungen unvermeidlich wurde, als Graf Einsiedel sich genötigt sah, seine Entlassung zu nehmen, als Prinz Friedrich neben König Anton als Mitregent eintrat und Sachsen eine Verfassung versprochen worden war, wurde er sofort Kabinettsminister und nahm von nun an an der Ordnung aller öffentlichen Verhältnisse wie an Ausarbeitung der Verfassung selbst den tätigsten und entschiedensten Anteil. Ich widme ihm hier diese Bemerkungen als dankbares Andenken nicht bloß an den bedeutenden Staatsmann, welcher eine neue Ära über Sachsen wesentlich mit heraufführen half, sondern zugleich als einen der liebenswürdigsten und einfachsten Charaktere, die mir vorgekommen sind, und bewahre noch aus seinen spätesten Jahren, als er sich auch aus dem sächsischen Staatsdienste wieder zurückgezogen hatte, eine Reihe interessanter und teilnehmender Briefe, welche diese Eigentümlichkeit überall in schönster Weise beurkunden.
Also, wie gesagt, durch Eintritt und Mitwirkung dieses ausgezeichneten Mannes war es, daß es gelang, aus den an sich so rohen Massen dieser kleinen Revolution ein neues organisches Gebilde zu formen, welches dem Ganzen wahrhaft zugute kommen sollte. Indes konnte freilich nicht erwartet werden, daß dies alles von da an so ruhig und in einer Folge weiter sich entwickeln würde. Neue Stockungen traten bald ein, man hörte von Vereinen, die zum Zweck hatten, die überschwenglichen Forderungen der Demokratie geltend zu machen, und ich werde in den Blättern des folgenden Jahres noch heftigerer Bewegungen Erwähnung zu tun haben, als die waren, von denen ich bis jetzt gesprochen.
Von den Revolutionen des Tags, zu denen nun auch noch der Aufstand in Polen getreten war, wendete jetzt für einige Tage meine Gedanken gegen die so viel größern,[508]  ja geradezu ungeheuern vorweltlichen Umwälzungen der Erdfläche der abermalige Besuch von Professor Weiß aus Berlin, welcher mir die ersten Abbildungen mitbrachte von jenen großen fossilen Hautpanzerstücken eines antediluvianischen, damals noch unbekannten Tieres, welches man später als die des Glyptodon erkannt hat. Wir führten weitläufige Gespräche über die mannigfaltigen neuern Entdeckungen auf diesem Felde und verloren darüber gern manches Unerquickliche aus den Augen, dessen die Gegenwart gewöhnlich nur in zu reichlichem Maße bietet. Wissenschaft und Natur! Gibt es wohl überhaupt etwas, das mehr als diese beiden es vermag, den von der Welt schmerzlich umgetriebenen Geist zu beruhigen und zu heilen! Beide haben etwas Abstraktes, ja Übermenschliches und zugleich so Unverwüstliches, demgegenüber alle einzelnen Schmerzen und Qualen des Menschen so gering erscheinen, daß nicht lange das Geistesauge auf ihnen verweilen kann, ohne im Innern eine wiederherstellende Kraft der Seele angeregt zu empfinden.
Nach langem, trübem, verwünschtem Winterwetter erschien heute ein wahres Prachtexemplar von Winterszenerie. Mittags klärte es sich auf, und der Abend, der auf dichtbeschneite Fluren und versilberte Bäume niedersank, glänzte mit allen zierlichen, violetten, rötlichen und gelblichen Himmelsfarben, zwischen welchen hell und scharf die Sichel des ersten Mondviertels schwebte. Von der Terrasse, stromauf und stromab, die klarsten, reizendsten Bilder! Wir gingen die breite Treppe hinab und stiegen in einen der dort haltenden Schlitten, um auf der an der Elbe hinauf sich ziehenden Bautzener Straße ein Stück hin- und zurückzufahren. So stark und schön schneebedeckt habe ich diese Kieferwaldungen doch noch kaum gesehen, und welcher Rückblick nach der Stadt und der weiten Ferne! Kehrt man von solchen Szenen dann wieder in das angenehm[509]  erwärmte Haus und sammelt sich hier um die trauliche Lampe zu einer guten Lektüre, so ist auch das wohlgetan!
Wir lasen in diesen Tagen namentlich Tiecks »Dichterleben«. Das Ende läuft mir etwas zu rasch ab und stimmt in der flüchtigen Behandlung nicht ganz zu dem klaren, kontemplativen Gange der ersten zwei Drittel. Tieck beabsichtigt, wie er mir sagt, noch einen dritten Teil, wo er Shakespeare aufführen will beim Tode des Essex und der Elisabeth (ist nie ausgeführt worden). – Neulich aßen übrigens Tieck, Stackelberg und einige andere bei uns. Der Novellist war der heiterste, und war es mir doch immer eine merkwürdige und lebensvolle Erscheinung, sein helles Augenpaar über einer Schale Rheinwein aufblitzen zu sehen! Gewiß! So gehen wohl ein paar Sterne über dem Meere auf und leuchten dann zu fröhlicher Fahrt!
1
  Amazon.de Widgets
 Dante, Divina Commedia, Purgatorio, CXVI, 89. Die Stelle lautet in der Ubersetzung von Philalethes: Einfältiglich die Seele, die nichts weiß noch, Als daß, vom heitern Schöpfer ausgegangen, Sie gern nach dem sich kehrt, was sie ergötzet. (Anmerkung des Herausgebers.)




III.










[510] Ich hatte übrigens in diesem Winter noch viel mit meinem Manuskript der Vorlesungen über Psychologie zu tun. Wären die Zeiten ruhiger geblieben, so hätte es wohl dazu kommen mögen, die Vorlesungen selbst noch einmal zu halten; so war nur daran zu denken, sie überhaupt zu erhalten und wenigstens in bester Form durch den Druck der Öffentlichkeit zu übergeben. Ich arbeitete, nachdem eine Reinschrift genommen worden war, mannigfaltig hinein, immer auf größere Klarheit und Rundung zielend, schloß aber endlich auch damit ab, nachdem mir einer meiner Zuhörer, Professor Chalybäus (später durch sein Werk über die verschiedenen neuern Systeme der Philosophie rühmlichst bekannt geworden), schon im vorigen Jahre gesagt hatte: »Wenn Sie es nun nicht drucken lassen,[510]  so werden Sie so viel hineinarbeiten, daß Sie es am Ende gar nicht vollenden!«
Bei alledem war mein äußeres Leben ein sehr bewegtes, da die Kranken mir so viel Zeit nahmen, daß ein au-niveau-Bleiben in den Naturwissenschaften eigentlich nur dadurch mir noch möglich wurde, daß an bestimmten Tagen Freund Thienemann von seinem Weinberge hereinkam, mit uns aß und wir dann nach Tische alles Neue, was eben in diesen Reichen vorgekommen war, ausführlich durchlasen und besprachen. Auch die Beschäftigung mit der Kunst mußte sehr zurückstehen und möchte mir vielleicht manchmal die Lebendigkeit des Gemüts und die Frische des Geistes durch Überladung mit täglichen Lebensaufgaben gänzlich beeinträchtigt worden sein, hätte nicht abends zuweilen ein schönes musikalisches Werk oder eine Lektüre von Tieck wie ein Staub abspülendes Bad gewirkt und neuen Lebensatem gegeben.
Mein Verhältnis zu dem letztgenannten war, wie schon aus dem Obigen hervorging, jetzt ein viel näheres geworden. Er freute sich, wenn ich zum Tee bei ihm eintrat, und die Töchter sagten wohl: »Heute wird sicher ein antikes oder Shakespearesches Drama gelesen, Carus ist ja gekommen.« Sein Lesen war in diesen Jahren, wo alle Mittel noch so vorhielten, ein höchst vollendetes, und ich fing nun an, öfters nach solchen Abenden Aufzeichnungen zu machen, von denen noch manche Briefe sowie der erwähnte spätere Aufsatz in Raumers »Historischem Taschenbuch« Zeugnis geben. Ich erinnere mich namentlich, daß damals zuerst »Antonius und Kleopatra« anfing, in seiner ganzen Macht auf mich zu wirken. – »Coriolan«, Bild der römischen Republik in voller Kraft; »Julius Cäsar«, Bild des schon sich auflösenden Staats, wo das Volk zum Fetzen wird, den jeder Stärkere an sich reißt, und nun »Antonius und Kleopatra«, wo vom Volke gar nicht[511]  mehr die Rede ist und das ganze Wesen einem einzigen in die Hände fällt! Oh, es ist wirklich unerläßlich, dergleichen so in einem Gusse von Anfang bis Ende ohne Störung rein aufzufassen, wenn das organische Getriebe des Stücks sich uns so recht deutlich hervorheben soll. Mir war bei »Antonius und Kleopatra« immer, als sehe ich Shakespeare auf hoher Klippe als Seher stehen, um ihn her der Nebel der Vorzeit; und nun deutete er nach tiefbegründeter innerer Folge hierhin und dorthin, und jedesmal hüben sich Szenen und Gestalten aus der Vergangenheit in neuer Lebensfrische aus dem Nebelmeere hervor, zeigten sich deutlich dem erstaunten Auge und schwanden dann wieder in den Nebel zurück.
Mit dem April dieses Jahres erneuten sich jetzt die Szenen der Unruhe und Aufregung der Stadt. Der weitverbreiteten Wirkung jenes schon oben gedachten Bürgerclubs war es zuzuschreiben, daß abends wieder die Straßen, mit lärmenden Müßiggängern sich füllten, Laternen zerschlagen wurden und bald es sich zeigte, daß die Bürgergarden, welche im vorigen Jahre sich gebildet hatten, nicht imstande waren, dem Unfuge Schranken zu setzen. Es war mir, der das königliche Haus und insbesondere die jungen Prinzen so wahrhaft verehrte und hochhielt, ein ergreifender Anblick, aus meinen Fenstern zu gewahren, daß Prinz Johann, dem die Regierung das Kommando sämtlicher Kommunalgarden des Königreichs übergeben hatte, nachdem er zur Schlichtung des heranwachsenden Sturmes mit einigen Adjutanten zu Pferde am Gewandhause gehalten hatte, plötzlich genötigt wurde, der Menge zu weichen und nach den Hauptplätzen, wo bereits Militär aufgestellt war, sich zurückzuziehen. Ich mußte sehen, wie den mit seinem Gefolge die Moritzstraße Hinabsprengenden der wütende Pöbel mit Schreien, Schimpfen und Pfeifen verfolgte, und freute mich bloß seines[512]  guten Pferdes, das ihn sicher und ohne zu stürzen über das glatte Pflaster dahintrug; denn welche Folgen ein Fall in diesem Gewühl hätte haben müssen, war unschwer zu denken. Diese unleugbarsten Tendenzen zu einem republikanischen Sansculottismus sowie die Entdeckung eines Verfassungsentwurfs von extremster Färbung, den man einem gewissen Dr. Moßdorf zuschrieb, welcher sonst als heller befähigter Kopf wohl früher manche verständige Beziehungen zu Krause gehabt hatte, später aber ganz in diesem wilden Treiben untergegangen war, bestimmten nun freilich zu ernsten Maßregeln. Das Militär bemächtigte sich der Hauptstraßen, und nach mehrern Aufforderungen zum Auseinandergehen, welche mit Schmähungen und Steinwürfen beantwortet wurden, erfolgten einige scharfe Salven, wobei mehrere Menschen (größtenteils Unschuldige) stürzten und das Volk sich endlich verlief. Von dieser blutigen Krisis an, welche die Höhe der fieberhaften Aufregung gebrochen hatte, kehrte nach und nach der Stadt und dem Lande wieder größere Ruhe zurück, die Regierung blieb der vom Prinzen Friedrich schon im vorigen Jahre gegebenen Zusicherung einer Konstitution getreu, die Arbeiten dafür gingen unter Lindenaus Mitwirkung unausgesetzt vorwärts, und bekanntlich wurde es somit wirklich möglich, am 4. September, gerade ein Jahr nach dem zuerst ausgebrochenen Sturme, dem Lande eine Verfassungsurkunde vorzulegen, welche, wenn auch nicht ohne Mängel, doch jedenfalls zu den bessern gehört, wie sie in der Neuzeit in verschiedenen Ländern irgend zur Entwicklung gekommen sind.
Hatten wir denn somit nach kaum beschwichtigten revolutionären Bewegungen uns wieder etwas heimischer gefühlt und im gewohnten Kreise altbekannter Tätigkeit angefangen wieder mehr uns selbst zu leben, so mußte plötzlich jetzt aus Osten jenes schwarze Gespenst heranschreiten,[513]  dessen verpestenden Hauch seitdem mehr oder weniger ganz Europa schwer empfunden hat. Von Indien nämlich durch die breiten Steppen Asiens daher kam damals die Cholera zum erstenmal nach Rußland, ja rückte nach Polen und Preußen vor, und überall in den deutschen Staaten wurde alsbald die Frage rege, auf welche Weise man wohl imstande sein würde, gegen ihre todbringende Atmosphäre sich zu schützen. In Sachsen war zu jener Zeit sogleich eine »Immediatcommission zur Abwehr der Cholera« durch die Regierung gebildet worden, zu deren Sitzungen die Hof- und Medizinalräte, mehrere Regierungsbeamte und einige höhere Militärs beordert waren. Wir hielten wöchentlich drei bis vier Zusammenkünfte, und die erste Frage, die hier entschieden werden mußte, war die, ob man wohl hoffen dürfe, durch Maßregeln einer Landessperre den fürchterlichen, damals im ganzen doch noch wenig gekannten Feind abzuhalten. Wir entschieden uns damals für die Bejahung einer Frage, welche freilich jetzt, wo aus vielen Gründen das ansteckende Prinzip der Cholera höchst zweifelhaft geworden ist, überall verneint zu werden pflegt, und umgaben unser kleines Königreich, nicht ohne große Kosten, mit einem streng militärischen Kordon, unter genauer Untersuchung der Pässe an den Hauptstraßen und mit angelegten Quarantänestationen. Vielfältige Klagen über gehemmten Verkehr und dergleichen bekamen wir in jeder Sitzung zu hören und zu lesen, hatten auch allerdings nicht die Genugtuung, daß in irgendeiner unserer Quarantänen ein wirklicher Cholerafall vorgekommen und somit das Übel doch einmal authentisch mittels dieser Anstalten vom Lande ferngehalten worden wäre, und bei alledem kann ich nicht anders als heute noch, wo ich allein von allen damals mitberatenden ärztlichen Mitgliedern der Kommission übrig bin, die Überzeugung aussprechen, daß diese Absperrung von irgendeinem[514]  Einfluß darauf geblieben ist, daß sowohl in dem damaligen als auch in dem folgenden Näherkommen der Epidemie Sachsen überhaupt, und insbesondere Dresden, fast allgemein verschont geblieben ist. Liegt doch in allen Ansteckungsprozessen etwas seltsam Geheimnisvolles, ja man darf sagen Magisches, und wie dieselben in tausend Fällen von den sonderbarsten oft kaum wahrnehmbaren Ursachen abhängen, so ist auch nicht zu sagen, wie bedeutend doch vielleicht eine Maßregel gewirkt habe, welche so viel wenigstens sicher verhinderte, daß, als die Länder noch ganz unberührt, aber furchtsamst aufgeregt dieser fremden Feindin gegenüberstanden, kein erstes Samenkorn derselben bei uns eingeworfen werden konnte.
In solchen Fällen geht es nämlich oft, wie es den Römern ging mit den Elefanten des Pyrrhus; die Neuheit macht den Feind dreimal fürchterlicher, als er in Wahrheit ist, und ist der erste Eindruck der Erscheinung überwunden, so ist es alsbald auch die Erscheinung selbst.
Wir sind in jenen Tagen vielfach über diese Entschließung zur Sperre getadelt worden, und ich würde sicher in jetziger Zeit auch nicht mehr dafür stimmen, allein für damals, bin ich, wie gesagt, noch gegenwärtig überzeugt, war die Maßregel eine vollkommen geeignete. War doch der Zustand unserer Stadt und unsers Landes wirklich ein ganz exzeptioneller; in jeder Familie fast wurden Unmassen von Choleramitteln angehäuft, Cholerabetten und Dampfapparate wurden gefertigt, eigene Ärzte wurden nach Warschau und Berlin gesendet, um in den Spitälern dort die Krankheit zu studieren, und man kann daher wohl denken, daß es für Unzählige jedenfalls ein durch die altbewährten Sicherungsmaßregeln Österreichs gegen die Pest wohl einigermaßen gerechtfertigtes und vielfach beruhigendes Verfahren erschien, daß man nun wußte, der[515]  Verkehr mit den angesteckten Orten sei wirklich auf ein Minimum herabgesetzt und jedenfalls somit wenigstens ein Moment der Weiterverbreitung des Übels aufgehoben. Nichtsdestoweniger wurden indes auch im Lande alle Vorkehrungen getroffen, den gefürchteten Gast in geeigneter Weise zu empfangen; überall waren Lokale zu Krankenanstalten vorgerichtet, ich selbst hatte eine Tabelle über Kennzeichen und erprobteste Schutz- und Heilmittel drucken lassen und in meiner Klientel verteilt; kurz, die Tätigkeit, die sich entfaltete, war ganz dem Schrecken gemäß, welcher dem Feinde voranging. Glücklicherweise blieb es wirklich bei dem bloßen Schreck, und die Krankheit ging diesmal, wie auch größtenteils die folgenden Male, gnädiglich an den Grenzen Sachsens vorüber.
In bezug der Fremden, von denen ich schon weiter oben gesagt hatte, daß in diesem Sommer ihrer viele durch Dresden zogen, muß ich doch insbesondere noch des Dichters Oehlenschläger gedenken. Ich lernte ihn kennen bei Prinz Johann, an dessen Tafel ich ihn nebst Tieck eines Tages vorfand. In frühern Jahren hatte mir sein »Correggio«, seine »Axel und Walpurg« und »König Hakon Jarl« wohl ebenso wie sein »Aladin« einen Eindruck gemacht. Er gehörte einer weichen, romantischen Schule an, die damals viele Verehrer zählte und wenigstens durch innerlich wärmere und reinere Gesinnung immer bedeutend die spätern französisch-deutschen Ausläufer jener Literatur der Verzweiflung überragte. Ich fand ihn im höchsten Grade übereinstimmend mit seinen Schriften! Ganz das Gemütliche, Geistreiche, mitunter Breite, Selbstgefällige, ja zuweilen auch ans Leere Streifende, wie es seine Werke bezeichnet, prägte sich ebenso aus in seiner mäßig großen, ziemlich dicken Figur, in dem wohlhäbigen, runden Gesicht mit vorstehender gebogener Nase und in den kleinen lebhaften phantasiereichen Augen. Es tat mir leid, daß er[516]  nicht länger hier weilte, ich hätte gern etwas näher mit ihm bekannt werden mögen!
Wir brachten diesmal Spätsommer und Herbstes Anfang in Pillnitz zu, und neben manchen malerischen Studien ergab sich da zum ersten Male mir die Gelegenheit, eins der merkwürdigsten mikroskopischen Geschöpfe vielfältig, ausführlich und in voller Muße zu untersuchen, welches unsere stehenden Wässer darbieten – es war das sogenannte Kugeltierchen, Volvox globator. Viele Zeichnungen wurden davon entworfen, die Prinzen Friedrich und Johann und manche der Damen, auch unsere Freundin Gräfin Einsiedel, besuchten mich auf meinem Zimmer und bewunderten das seltsame Wesen, wenn es in einem Tröpfchen Wasser unter dem Mikroskop, einem rollenden Weltkörper vergleichbar, ruhig dahinzog, und für eine Woche war das Kugeltier somit förmlich in die Gespräche des Hoflagers aufgenommen, wo doch gerade wissenschaftliche Dinge seltener ausgebeutet zu werden pflegten. Die Ausbildung meiner Gedanken über das, was ich »Protorganismen« nenne und als ein eigenes Reich der Indifferenz zwischen den so differenten Reichen des Tier- und des Pflanzenlebens als ein Ursprüngliches in die Mitte stellte, befestigte sich namentlich an diesen Gebilden, und habe ich ihnen daher über Anschauung einfachster Lebensformen für immer viel zu danken gehabt.
Nebenbei befreite mich auch der Pillnitzer Aufenthalt für alle diese Wochen von den Sitzungen in der Kommission gegen die Cholera, als welche meist einen etwas langweiligen und alltäglichen Geschäftsgang darboten; dagegen war damals ernstlich davon die Rede, daß, wenn die Epidemie trotz all unserer Maßregeln Dresden erfassen würde, der Hof in Pillnitz bleiben und auch dort eine Art lokaler Zernierung veranstaltet werden dürfte; Einrichtungen, bei denen freilich alle meine praktischen Geschäfte in der[517]  Stadt hätten aufhören müssen. Glücklicherweise trat das erstere nicht ein, und so wurde nun das letztere überflüssig. Am 30. September stand ich noch spätabends in stiller Sammlung auf der Elbterrasse des Löwenkopfes, der Insel gegenüber, hinschauend auf die schlafende Gegend und aufschauend zu den tausend aufgewachten Sternaugen des Himmels, und nahm wieder Abschied von der mir immer lieber werdenden Umgebung. Es war damals ein eigenes Wogen in meinem Gemüt, wie es dort heißt:


  Amazon.de Widgets
Wind ist der Welle / Lieblicher Buhler;
Wind mischt von Grund aus
Schäumende Wogen.

Ich wurde angezogen, ich wurde teilweise abgestoßen, die Bewegung war oft schwer genug zu beherrschen, und wieder war die Ableitung in der Kunst dankbar zu erkennen, welche unter allem Treiben alltäglichen Lebens manche recht hübsche poetische Perle in Form von Bildern an den Strand warf und dabei vieles dazu tat, daß das Gleichgewicht des eigenen Fahrzeuges nicht ganz verlorenging. Eins der besten Bilder aus dieser Periode war eine Erinnerung an Rom: man sieht die Peterskirche, es ist Abenddämmerung. Im Vorgrunde rechts Hügel mit Gewölben von Opus reticulatum, darüber eine junge Pinie. Die Abendröte mit der Mondsichel verglimmt am Horizont. Links auf dem vordern Hügel zwei Gestalten in Mänteln; ich hatte an Michelangelo und Raffael dabei gedacht, und die Bezeichnung mußte deutlich genug sein, denn als ich das Bild Dahl zeigte, fragte er sogleich, ob ich nicht jene beiden gemeint habe. Da ich damals noch mit Regis viel korrespondierte, schrieb ich ihm auch davon, und dies wurde die Veranlassung, es später nach Breslau zur Kunstausstellung zu senden, wo es sogleich angekauft worden ist, so daß ich nie weiter erfahren habe, wem es eigentlich[518]  zuteil geworden. Späterhin habe ich alsdann denselben Gegenstand noch einmal, aber mit aufgehendem Vollmonde, ausgeführt, ein Bild, das ich späterhin meiner lieben Schwiegertochter verehrt habe.
So war denn nach und nach wieder ein Jahr vorübergegangen, und gleich der Anfang des folgenden (1832) wurde mir merkwürdig, namentlich durch die Mitwirkung Tiecks zur Feier des 3. Januar, welche nun einmal den Meinigen und unsern Freunden typisch zu werden den Anschein hatte. Es war das erste mal, daß wir ihn mit all seinem feinen Humor so ganz zum engern Kreise zählen durften, und Freund Ungern-Sternberg war es, der ihn für diesen Abend besonders angeregt hatte, indem er einen dramatischen Scherz dichtete, der durchgreifend genug war, um von Tieck mit trefflicher Laune gelesen, eine ganze Gesellschaft von Freunden und Freundinnen in heiterste Stimmung zu versetzen. – Nach dem Vorbilde der »Frösche« des Aristophanes, mit deren Lesung Tieck uns in vorausgehenden Tagen einigemal im engsten Kreise erfreut hatte, war hier geschildert: Dr. Hahnemanns Fahrt in die Unterwelt, um sich einen Nachfolger zu holen. Natürlich geht es ihm dabei nicht besser als dort dem Dichter, der mit Herakles' Keule kommt und nichtsdestoweniger bedeutend geschlagen wird. Der Homöopath muß vor Plutos Thron eine Disputation mit Telesphoros überstehen, der ihn alsbald kurz und vollständig widerlegt, worauf er dann weiter genötigt ist, einer Feier beizuwohnen, welche für einen gerade heute geborenen Arzt und Naturforscher veranstaltet wird, als von welchem man denn allerhand Neues und Großes prophezeit. Die harten Verse der Voßschen Übersetzung des griechischen Lustspieldichters waren hierbei gut genug nachgeahmt, und die grotesk eingewobenen Figuren der Architekten Schurig und Weinbrenner nahmen sich gleichfalls in Tiecks[519]  Vortrag gar lustig aus, und so verfloß der Abend völlig zu allgemeinem Ergötzen.
Nebenbei hatte ich auch in den letzten Monaten des vorigen Jahres eine ausführliche Anzeige von der damals mit französischer Übersetzung Sorets neu herausgegebenen »Metamorphose der Pflanzen« von Goethe für die Berliner »Jahrbücher wissenschaftlicher Kritik« geschrieben, und so kam mir nun in einem Briefe Varnhagens von Ense aus Berlin noch ein besonderer Dank des alten Dichterfürsten zu. Was Goethe ihm darüber geschrieben, hatte er nicht verfehlt, reinlichst abzuschreiben und wie nachstehend mir zu senden: »Für die verschiedenen interessanten Mitteilungen danke zum allerschönsten, worunter der liebenswürdigen Anzeige meiner neuesten botanischen Bemühungen von Herrn Carus vor andern erwähnen muß. Es ist so erfreulich, ein klares Wort über das zu hören, was uns im Innersten glücklich macht! Er durchschaut die Natur und wird am besten und reinsten beurteilen, was redlich geschieht, um ihr das Mögliche abzugewinnen. Danken Sie ihm aufs beste, bis ich Raum finde, es selbst zu tun. Sie wissen, wenn man sich zur Abreise anschickt, so finden sich am Ende mehr Schulden und Reste abzutun, als man denken konnte.«
Waren doch ein paar Jahre vergangen, daß ich keine unmittelbare Mitteilung mehr von dem werten Manne erhalten, von Monat zu Monat konnte man dem Verluste des Trefflichen entgegensehen, und wirklich blieb dies denn auch der letzte Gruß an mich; den schon bald nach des Märzen Idus (am 22.) war er uns entrissen. Ich gebe hier, was ich damals darüber an Regis schrieb: »Der lang gefürchtete Schlag ist gefallen! Und wie wir auch vorbereitet zu sein glaubten, so hat uns doch dies wie fast immer so recht unerwartet einbrechende Geschick heftig erschüttert. Ja, mich hat doch dieser Tod eigentlich[520]  zwiefach betrübt! Denn er erscheint mir zugleich symbolisch wie der Tod einer Blütenzeit der Nation, und zwar wie der einer Blütenzeit gefüllter Blumen, welche keine oder nur dürftige Früchte hinterlassen; denn gestehen Sie nur, daß von der nächsten Folge in seinem Sinne wenig Trost zu hoffen ist. Wenn ich so die neuesten Schreier deutscher Zunge, Börne und Heine zum Beispiel, betrachte, welche nach Goethes Abgange ihr Wesen um so frecher treiben werden, so kommt es mir wohl vor, als sei auf einem Theater eben aufs würdigste Iphigenia gegeben worden, und nun, während die Lichter verlöschten, stritten sich nur noch widerlich allerhand Statisten hinter dem gefallenen Vorhange. Es liegt mir ein angenehmes Gefühl darin, daß ich glauben darf, meine Anzeige seiner ›Metamorphose‹ habe ihm noch ›vor den letzten Sonnen‹ ein heiteres Wohlgefallen ›abgewonnen‹.«
Das Frühjahr brachte mir übrigens noch vielfache Erinnerungen an den Dahingeschiedenen, und namentlich war es mir höchst interessant, als der langjährige Freund Goethes, der Kanzler Müller, auf einige Tage aus Weimar hier eintraf und ich nebst Tieck mit ihm mich an der Tafel des Prinzen Friedrich zusammenfand. Natürlich gab es hier merkwürdigen Austausch von Mitteilungen! Einmal kamen wir hierbei auf Goethes Ansichten über Dämonologie, und zwar im reinsten Sinne, wo Dämon mit Idee – Urbild – Gottesgedanken – zusammenfällt. Da wurde denn erzählt, wie er sich einmal spätabends darüber ausgesprochen, wie es denn doch so gar verschiedene Dämonen gebe, darunter einige höhern Ranges – Urgeister, welchen die kleinen Dämonen manches in den Weg zu legen suchten, die aber trotz allem doch immer wieder durchdrängen und gewissermaßen schon in ihrem Menschendasein sich von unverwüstlicher Natur zeigten; dann, wie es gar wohl in der Macht des den göttlichen Funken in sich bewahrenden[521]  und erhellenden Dämon stehe, zur eigentlichen individuellen Unsterblichkeit sich hindurchzuarbeiten, da der getrübte und schwache dagegen allmählich wie ein Licht verlösche, und dergleichen tiefsinnige Bemerkungen mehr! Endlich aber war er in tiefster Nacht vom Tisch aufgestanden, sagend: »Es ist unrecht, daß ich mich über diese Dinge hier so ausspreche, darüber spreche ich eigentlich nur mit Gott!«
Müller selbst, damals ein Mann in den höhern Fünfzig, machte mir überhaupt einen günstigen Eindruck! Ich sah ihn öfters, und er kam späterhin nie nach Dresden, ohne mich aufzusuchen. Man durfte von ihm sagen, daß er ganz in seinem großen Freunde lebte. Auch von dem vollendeten Faust erzählte er viel, wie ihn Goethe vor seinem letzten Geburtstage versiegelt und darüber bestimmt habe, daß er erst nach seinem Tode bekanntgemacht werden solle; ja auch von andern Sachen, welche dalägen und erst im Jahre 1850 zu eröffnen sein würden usw.
Andere Mitteilungen über Goethes letzte Tage kamen brieflicherweise nach Dresden durch Fräulein Seidler, die Malerin, doch zeichne ich dies hier nicht auf, da seitdem all dergleichen längst öffentlich vorliegt. Es war mir wirklich zu jener Zeit, als habe sich die Atmosphäre etwas verfinstert, und so traf es sich glücklich genug, daß diesmal gerade das Frühjahr uns nach Pillnitz rief, wo ich eben ein kleines Landhaus für eine mäßige Summe käuflich an mich gebracht hatte, dessen Einrichtung und einfache Verzierung denn nun etwas mehr Bewegung in unser Leben bringen mußte. Fehlte es doch außerdem nicht, daß zuweilen das Einerlei des Geschäftslebens, wie es meine zu jener Zeit sehr ausgebreitete Praxis mit sich brachte, mir wieder, wie in alten Tagen, manche schwarze Stunde machte, woran freilich hier und da ein tieferer, unruhiger Herzschlag und manches ungestillte Sehnen zugleich seinen[522]  Anteil haben konnte. Diese ewigen Repetitionen des Lebens, die doch, weil sie wieder irgendeinem fremden Leben sehr wichtig sind, auch ihren eigenen Ernst fordern, braten mich mitunter an einem gelinden Feuer. Da zuckt und windet sich denn zuweilen die arme Seele an der Lebensnadel wie der Schmetterling an der Todesnadel, und beide werden dabei schwach, bis sie wirklich verenden. Beim Himmel, es macht mir zuweilen eigene Gedanken, wenn ich darauf komme, daß solches Einerlei täglichen Treibens uns am Ende so weich machen könnte, daß man dann für die letzten Lebensjahre kein Mark mehr in den Gliedern behielte; oh, dann lieber fort und dahin zur rechten Zeit, wenn wir noch frisch und frei zum Sternenzelt aufblicken können!
An dergleichen kranken Stimmungen mochte es indes auch mit Anteil haben, daß ich zu jener Zeit mehrfach von hypochondrischen, ja zum Teil an wahrer Monomanie leidenden Kranken heimgesucht wurde, die mit ihren verrückten Vorstellungen mich auf Schritt und Tritt verfolgten und oft nur schwer einigermaßen gebessert werden konnten. Wenn ich mich indes all dergleichen innerer und äußerer Trübung nicht immer vollständig entschlagen konnte, stellte ich mich wohl vor des ehrlichen Albrecht Dürer »Ritter mit dem Tod und Teufel«, von dem mir durch unsere Freundin, Gräfin Einsiedel, aus den Reibersdorfer Sammlungen ein vorzüglich schöner Abdruck zugekommen war, der stets neben meinem Pulte hing, und sah dem alten Kriegsmann fest ins Gesicht, wie da alle Nachtgespenster ihm doch nichts anhaben dürfen, eben weil er es vollkommen versteht, den Teufelsspuk entweder unter die Hufe seines Rosses zu bringen oder ihn tapfer an die Lanze zu spießen. Beruhigter wandte ich mich dann gewöhnlich dem wirklichen Leben wieder zu!


Wir lasen bei diesem zweiten Landaufenthalte einmal[523]  wieder die Goetheschen »Wanderjahre« durch, und es war natürlich, daß jetzt, wo all unsere Gedanken noch so ganz vom Bilde des Verfassers erfüllt waren, dies merkwürdige Werk mit um so schärfern Zügen sich wieder einprägte. Dies ist auch eins von den Büchern, von denen Carlyle sagt, daß ihre Kenntnis erst nach fünfzig Jahren zur Sprache der Tagesblätter durchgedrungen sein werden. Nach welchen Regionen streckt nicht dieser gewaltige Geist da seine Fühlfäden aus! Ist er nicht selbst ein Makarios, dessen Schauen auf geheimnisvolle Weise durch das gesamte Sonnensystem sich ausdehnt? – Auch ein Bild ging endlich aus all diesen Gedanken hervor, das wohl verdient, daß ich seiner etwas ausführlicher gedenke, zumal da ich noch einiges Hübsche mitteilen muß, was Tieck einst vor demselben uns aussprach. Da ich nämlich außerstande war, dem Dichter das Monument zu errichten, dessen er würdig war, so hatte ich versuchen wollen, ein solches zu malen. Man sah da also in klarem Sommermondschein in ein wunderbares Felsental hinein, wo auf großer, von Klippen umragter Platte ein dunkler Sarkophag sich erhob, dessen Mitte eine hohe metallene Harfe zierte, zu deren beiden Seiten Bilder von betenden Engeln knieten, von Nebelsilberduft umzogen und von schlanken Tannen überwachsen. Das ganze Bild trug den Ausdruck von Stille, Einsamkeit und Klarheit und ziert noch, indem ich dieses schreibe, unsere Zimmer. Eine eigene Begeisterung wehte in dem Ganzen, und es verfehlte nicht seinen Eindruck auf viele, die es betrachteten.
Einst kam Tieck mit Ungern-Sternberg um Mittag zu uns, und in günstiger Beleuchtung stellte ich ihm das fertige Bild vor. Auch bei ihm war sofort eine tiefere Bewegung unverkennbar, und endlich sagte er: »Ach, warum habe ich doch nicht den Plan einer Dichtung ausführen können, die mir so lange in Beziehung auf Goethe[524]  im Geiste vorschwebte und an welche mich nun der Blick auf diese tiefe Einsamkeit lebhaft erinnert! So hatte ich wollen das Märchen von der schlafenden Schönen neu umgestalten. Die deutsche Poesie sollte es sein, die unter dem Bilde der schlafenden Königstochter mitten in einer Wildnis und verborgen von Fels und Dorngesträuch schlummerte, bis der glückliche Jüngling geboren wurde, dessen Bestimmung es war, den Zauber zu lösen. Endlich kam denn der Auserwählte; als getreuer Eckart erschien ihm der ehrliche Meister Hans Sachs, der vor ihm die Dornen auseinanderbog, und so drang er denn durch alle feindlichen Mächte, küßte die Schöne auf den Mund, dieser öffnete sich, und Goethes Dichtungen drangen hervor zum Erstaunen der Welt.« – Leider hat wirklich Tieck nie diese schönen Gedanken ausgeführt!
In diesem Jahre ging denn auch ein anderer Geist aus diesem Leben, der meinem Denken vielfältig Anregungen gegeben: Krause starb in München, wo er noch einige Jahre Vorlesungen gehalten hatte, und ließ auch dort mehrere enthusiastische Verehrer, seine Familie aber in sehr dürftigen Umständen zurück. Ich hatte übrigens in den letzten Jahren keinen weitern Verkehr mit ihm gehabt und kann auch nicht sagen, daß mir seine spätern Schriften einen irgend nachhaltigen Eindruck gemacht hätten. Ist doch gewiß kaum sonstwo der Boden so gefährlich für den Geisteswanderer als im Empyreum der Philosophie! Nirgends mehr als dort straft sich die Einseitigkeit so sehr, nirgends ist die Versuchung, sich ganz und gar in sich einzuspinnen oder zu verbeißen, so groß, und nirgends wird dann der Wissende auch so von der Menschheit allein gelassen als hier. Krause hatte manche schwere Erfahrungen der Art zu machen gehabt, und doch war er eine so sehr bedeutende Erscheinung im Felde des Geistes.[525] 
Noch kam es vor, daß das schöne Oktoberwetter uns alle einmal wieder in die Berge der Sächsischen Schweiz lockte, wo wir denn auf der mächtigen Platte des Prebischtores eines der prachtvollsten Sonnenuntergänge, die man sehen kann, uns erfreuten. Das tiefblau Nebelhafte der gewaltigen Talgründe, der ernste Ton der Felswände und das zauberhafte Schimmern des Abendgewölks, über dem die Mondsichel hervortrat, während unter ihm die glühende Kugel der Sonne rein hinter dem fernen Geising des Erzgebirges hinabstieg; es war ein unvergeßlicher Eindruck! Ich fühlte wohl, wie frisch belebend dies Aufatmen in freier Luft wieder auf mich gewirkt hatte, so daß ich mit ungewöhnlicher Empfänglichkeit an einem der nächsten Abende Tieck den »Macbeth« vorlesen hörte und mit größerer Ruhe und Festigkeit nun den Blick auch in solche Abgründe der ethischen Natur des Menschen versenken konnte.
Ein merkwürdiges Gegengewicht gegen all dergleichen Höhen und Tiefen gewährte es übrigens, wenn ich dann wieder der fortgesetzten Überlieferungen des Kanzler von Müller über Goethesche Lebensweisheit gedachte. Er sagte uns da einmal: »Von Rom her, aus der Mitte reichsten und großartigsten Lebens, datiert sich die ernste Maxime der Entsagung, die Goethe sein ganzes Leben hindurch geübt hat und in der er die einzig sichere Bürgschaft innern Friedens und Gleichgewichts fand.« Es traf mich damals dies Wort, was doch eigentlich nur die alte Inschrift vom Tempel zu Delphi »nichts zuviel« bedeutet, sehr eigentümlich und erschloß mir gewissermaßen zum erstenmal seinen tiefern Sinn. Entsagendes Zusammenhalten eines vollkräftigen Daseins, die Wurzel hoher freier Tätigkeit in den Reichen des Geistes! War es nicht diese Zauberformel, der Goethe den wesentlichsten Teil seiner Titanenkunst zu danken hatte? Und wie sehr mißverstehen[526]  ihn die, welche ihn nur als in jedem Überfluß schwelgend sich vorzustellen gewohnt sind! Bedenke ich das und wieder alle Erfahrungen der letzten Tage, so flammt eine Stimmung hervor, wie sie zu allem Tüchtigen und Schönen das rechte Aufgelegtsein gibt. Möge diese Flamme in solcher Glut sich erhalten, sie wird dann unfehlbar zu den rechten Werken leuchten!
Endlich kam denn auch Humboldt in dieser Zeit abermals nach Dresden, und da ich ihn diesmal nicht bloß im stillen Raume des Studierzimmers, sondern auch in einer kleinen Abendgesellschaft bei Prinz Johann sah, so wurde mir zum erstenmal jener geglättetste Weltton und große Volubilität der Sprache auffallend, die es bei ihm für einen Augenblick zweifelhaft lassen können, ob er mehr dem Salon oder mehr dem Museum ursprünglich gehöre. Die Spitze solcher Äußerungen war es, als er mit humoristischer Ausführlichkeit aus seiner sibirischen Reise beiden Prinzen die Einrichtungen in den kleinen Tempeln der Diener des Buddha beschrieb, wo bald Windfahnen, bald Wasserräder sich angebracht finden, um durch ihre Bewegung das Umdrehen jener geschriebenen Gebetrollen zu bewerkstelligen, worin dort ein wesentlicher Teil des Kultus besteht; und als er dann auf die Frage, was denn in aller Welt ein solches mechanisches Drehen helfen könne, mit größter Geläufigkeit und äußerster Leichtigkeit des Tons hinzufügte: »Ebensoviel als wenn man selbst betet, königliche Hoheit, aber es ist bequemer!« – Den Mann der Wissenschaft in ihm zog ich indes immer dem Manne des Salons vor, obwohl selbst diese letzte Eigenschaft in ihm viel genützt hat, um im großen und ganzen an einflußreichen Orten zum Besten der Wissenschaft zu wirken.
Was mich betraf, so blieb mir, mitten unter anstrengenden literarischen und praktischen Arbeiten, nächst der[527]  edeln Malerkunst, die Musik (obwohl ich diese nie selbst übte) eine besondere Freude und Kräftigung. Es gelang in diesem Herbste wieder einmal, die alten schönen Hymnen von Palestrina, Vittoria und Lotti durch Schneiders Mitwirkung in unsern Räumen zur Aufführung zu bringen, und über manche andere gehörte große musikalische Werke schrieb ich von diesem Jahre an mitunter Gedanken nieder, welche zum Teil in meiner »Mnemosyne« abgedruckt worden sind und hier und da wohl einige Zustimmung gefunden haben mögen. Freilich darf ich auch nicht verschweigen, daß damals, und so das ganze folgende Dezennium, die Musik in dem merkwürdigen und in dieser Macht und Schönheit wohl so leicht nicht wiederkehrenden Genius der Schröder-Devrient hier einen Vertreter gefunden hatte, welcher selbst die Trägen und wenig Begabten hinriß, den Wissenden und Empfindenden aber ein fortwährender Gegenstand des Studiums und der Bewunderung blieb. Es liegt in dieser Frau etwas, das durchaus zur Antike hinanstrebt. Eine volle, große gesunde Natur, welche die Kraft sich bewahrt hat, einen Gedanken Mozarts vollständig zu fassen! Das Rezitativ »Schon sank der Abend nieder« habe ich noch nie so singen hören. Alle Glut eines italienischen gewitterhaften Abends breitete sich über die mächtig gehaltenen Töne! Ist es doch wunderbar mit so einem herrlich gewaltigen Werke wie dieser »Don Juan«! Das kommt immer so von Zeit zu Zeit wie Mahadö aus den himmlischen Regionen herab, schwebt, mehr oder weniger getrübt und verdunkelt von irdischem Dunst und Rauch, einen Strich über die Erde hin und verschwindet dann wieder in Nacht und Öde; in sich aber ist es ewig, und in dauernden Gedanken vermögen wohl auch wir es uns so zu befestigen.
Überlege ich jetzt manchmal alle die großen und schönen Einwirkungen, die ich in solcher Weise erfahren habe, so[528]  erkenne ich recht deutlich, wie mein inneres Wissen und Erkennen in seinem ganzen Umfange keineswegs etwa bloß durch den und an dem Buchstaben der Überlieferungen fortgewachsen ist, sondern wie alles dies einzelne konkrete Schöne so ganz besonders dazu beitragen mußte, mich auch im Abstrakten zu erleuchten und zu klären, ja ich erwähne das ausdrücklich hier um so mehr, da mir oft scheinen will, daß der echte platonische Kultus des Ur-Schönen in der Neuzeit weit mehr als billig vernachlässigt zu werden pflegt.
In Wahrheit lag mir dieser Kultus von jeher tief im Blute, und ich entsinne mich, daß ich deshalb selbst mit sonst Nahestehenden, zum Beispiel mit Regis, den bei aller Tüchtigkeit ein gewisser angeborener Zynismus zu Dingen nach Art des Gargantua von Rabelais herunterziehen konnte, mancherlei Streit und Zwiespalt erlebte. Wirklich sendete der Genannte mir seinen verdeutschten Rabelais mit dem Anfange des Jahres 1833 fertig zu, und wie sehr sich mein Sinn doch unwiderruflich gegen alles empörte, was gleich diesem von der Sonne der höhern Schönheit sich abkehrt, entnimmt man am besten aus folgender damals geschriebenen Erwiderung: »Sage Ihnen also für diesen hänflichen sinnigen, pampigen innigen, reckenhaft minnigen Wälzer besten Dank und weiß wohl, daß es nicht fehlen wird, daß eine so tüchtige Arbeit auch allgemeinen Dank kritisch Belesener deutscher Zunge Ihnen zuziehen wird. Schon klingt dergleichen aus Wolfgang Menzels Literaturblatt und aus Tiecks Worten wie aus denen des ästhetischen Gastronomen oder gastronomischen Ästhetikers Rumohr hervor. Möchten Sie sich nur auch schnell noch den zweiten literarisch-kritischen Teil vom Halse schaffen, damit diese Ihre ›Zootomie‹ nicht so weit hinter meiner Zootomie zurückbleibt, und dann lüften Sie sich wieder im Freien! War gewissermaßen[529]  in Zweifel, ob man die ›Anatomie der Fastnacht‹ nicht geradezu in die vergleichende Anatomie der Tiergeschlechter aufnehmen sollte, denn am verfänglichsten ist offenbar der Wille dieses Untiers ›wie drei Nuß in einer Schal‹, doch wollen wir ihn einstweilen noch bei den Menschen lassen, wenn auch mehr bei den Calibans.«
Wie groß erschien mir jetzt dagegen der Genius Goethes, selbst bei allem scharf naturalistisch Gezeichneten im »Faust«! Ich hatte dazumal gerade in einer Auktion das sonderbare Buch erstanden: »G.R. Widman wahrhaftige Historie von den grewlichen und abschewlichen Sünden und Lastern des Dr. Joh. Faustus (Hamburg 1599)«, und wenn man da einen Blick hineintut und bedenkt, was der Dichterfürst aus solchem Stoff geschaffen hat, dann erst muß man ihn recht verehren!
Wirklich war es übrigens auch für mich eine besondere Segnung des neuen Frühjahrs 1833, daß mir nun wirklich die Vollendung des zweiten Teils von »Faust« zukam. – Bevor ich indes noch dazu gelangte, mich hier tiefer zu versenken, diente mir fürerst eine Aufführung der Passion des Sebastian Bach zu wahrer Erhebung. Diese Passion (sie wurde am Palmsonntage mit großem Komitat im alten Opernhause aufgeführt) ist ein Werk, welches ganz den Eindruck jener alten, großen, gotischen Münstergebäude mir erneuert hat und in welchem die großartigste, reinste und andächtigste Gesinnung sich mit unendlicher Zierlichkeit der Ausführung paart; was aber die Goethesche Beschließung des »Faust« betrifft, so zähle ich auch sie zu dem Gewaltigsten von allem, wessen der Geist des Menschen jemals Meister geworden ist. Freilich liegt das Werk da wie die Partitur einer großen Symphonie! Nur dem, der Noten lesen, der sich den Klang und die Harmonie aller Instrumente bei den[530]  schwarzen Notenköpfen deutlich machen kann und der zugleich den Geist mitbringt, die durchgeführte Idee des Meisters zu fassen, dem ist eine solche Partitur etwas, während ein anderer, Nichtwissender, wohl imstande ist, das alte Papier ruhig liegenzulassen, ja es als Makulatur zu verwenden. Und ist es doch immer so! Die Totalität des Menschen ist es, worauf alles zuletzt ankommt. Nur der tüchtige, der edelgesinnte Mensch wird etwas wahrhaft Tüchtiges, etwas Edles vollbringen, und sei es die kleinste Handlung, das kleinste Gedicht, es wird stets den Abdruck des Ganzen tragen!
Wie gesagt, jene Fortsetzung und Beschließung des »Faust« wirkte nun, je weiter ich eindrang, um so mehr; ich sprach Freunde und Bekannte viel darüber, hielt auch einst in der früher gedachten Löwensternschen Familie, wo noch andere Freunde und Freundinnen sich versammelt hatten, einen eigenen Vortrag über dieselbe, die prägnantesten Stellen lesend, das übrige aber erzählend und möglichst erklärend, und so kam es endlich auch, daß bald nachher sich in meinem Geiste die Grundgedanken zu jenen »Drei Briefen über Goethes Faust« kristallisierten, welche allerdings dann erst im Jahre 1835 herauskamen, dafür aber auf lange hin manchen strebenden Gemütern zugute gekommen sind und ihnen geholfen haben, in diesem ungeheuern Werke mehr und mehr sich zu orientieren.
Gleichsam als ein Ausruhen von dergleichen schweren Gedanken beschäftigte mich nebenher in einzelnen Mußestunden auch die Lektüre der »Promessi sposi« des Manzoni, auf welche mich namentlich Tieck gebracht hatte, der sie selbst sehr hoch hielt und dem ich bald hierin vollkommen beistimmte. Diese klare reine Gesinnung, diese Kraft der Plastik, diese Frische der Schilderung und dieser echt italienische Hauch, der sich über das Ganze breitet,[531]  sie hielten mich lange fest und lassen mich jetzt noch oft wünschen, daß dem Werke größere Beachtung des an dergleichen Erzählungen sich erfreuenden Publikums zuteil werden möchte!
Was Tieck selbst betraf, so feierte er am letzten Mai dieses Jahres seinen sechzigsten Geburtstag, und da ich ihm doch einigermaßen zu vergelten wünschte, was er durch seine Lektüre so oft in mir gewirkt hatte, so widmete ich ihm ein im letzten Winter entstandenes Bild, gemalt nach der um die Weihnachszeit gesehenen wunderbar schönen Konstellation dreier Planeten mit dem Neumonde, und gab dazu jenes kleine Gedicht, welches so viel später am Schlusse des gedachten Aufsatzes über Tieck in Raumers »Historischem Taschenbuch« (1845) abgedruckt ist, ursprünglich aber gewissermaßen zur Erklärung jenes Bildes dienen sollte.
Wir waren diesmal schon im Frühjahr in Pillnitz, ich aber kam zu jenem Tage herein nach der Stadt und fand den Dichter in seiner Wohnung am Altmarkte gegen die Mittagsstunde, umgeben von Frau und Töchtern, Gräfin Finkenstein und einer Menge glückwünschender Freunde und Freundinnen, heiter, bequem in seinem Armstuhle sitzend und ironisch wohlwollend alle Huldigungen in Empfang nehmend. Ach, er sollte sich auch nicht lange mehr eines so vollzähligen Kreises erfreuen!


  Amazon.de Widgets
Eine zweite längere Exkursion und gesellige Unterbrechung meiner einsamen Tätigkeit gab dann im September meine Reise nach Breslau zur elften Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte. Den 15. September abends fuhr ich im Eilwagen dahin ab, mit der Aussicht, diese Nacht, dann den ganzen Tag und dann wieder eine Nacht zu fahren und erst den 17. September früh anzukommen, eine Zeit, welche jetzt kaum mehr gebraucht[532]  wird, um bequem Paris oder London zu erreichen. Die erste Nacht hielt der Postwagen über eine Stunde in Bautzen sich auf, und ich war somit wieder nahe bei jenem Schlosse, wo ich kurze Zeit zuvor ein paar so schöne Tage verlebt hatte. Ich wanderte eben gedankenvoll im Sternenlicht durch die mitternächtigen Straßen, aber bald rasselte der alte Postwagen über das holpernde Pflaster, und der in unsern Tagen fast schon mythisch gewordene Ton des Posthorns versammelte alsbald auch die andern schlaftrunkenen Passagiere unter seinem braunledernen Dache. Die Versammlung selbst war sehr zahlreich und fand für die öffentlichen Vorträge in der prächtig dekorierten, noch aus der Jesuitenzeit stammenden Aula ein sehr schönes Lokal. Auch Humboldt war damals anwesend und trug zuerst den später im »Kosmos« erschienenen Aufsatz vor: »Über Einfluß der Landschaftsmalerei und des Anbaues exotischer Gewächse auf Belebung des Naturstudiums.« Die übrigen Vorträge wechselten in interessanter Folge, und in der dritten öffentlichen Versammlung gab auch ich eine Abhandlung über ein seltsames parasitisches Geschöpf (Leucochloridium parodoxum), welches das Innere einer Schnecke (Succinea) bewohnt und zuweilen bis in deren Fühlhörner heraufsteigt, diesen dann ein sonderbares weiß- und grüngestreiftes Ansehen verleihend. Es war eine Entdeckung, die ich mit Freund Thienemann auf der Pillnitzer Insel gemacht hatte.
Da ich für Vollendung meiner zweiten Ausgabe der vergleichenden Zootomie noch einiges auf dem großen Museum zu Berlin nachzusehen wünschte, so nahm ich meine Rückreise über dort, und Regis begleitete mich bis dahin. Der König hatte aber damals, nicht ohne Beirat Humboldts, die Pfaueninsel bei Potsdam zu einer Art von kleinem naturhistorischem Paradiese umgestalten lassen,[533]  und man sah da eine Menge seltener ausländischer Tiere (wie jetzt im Zoologischen Garten bei Berlin) teils frei in Gehegen, teils in zweckmäßig angelegten Häusern; besonders aber wurden die Fremden durch das schöne und geräumige Palmenhaus angezogen, welches, im indischen Stil reich verziert, wirkliche Prachtexemplare verschiedener Palmen, baumartiger Farnkräuter, Calladien, Pothos und prächtiger, gleich zart gewirkten Vorhängen von den Galerien niederschwebenden Lianen enthielt. Nicht minder waren Rauch und seine jüngst vollendeten Werke etwas, das mich wieder sehr in Berlin festhielt. Diesmal folgte mir die »Jungfer Lorenz auf dem Hirsch«, dieses reizendste derartiger modernen Sachen, von seiner eigenen Hand verehrt, auf meiner Heimkehr bald nach. Es ist die eigene Frische, das schöne lebendige Gefühl in seinen Werken, was uns so anzieht! Und wenn ich bedenke, daß seit der Zeit, wo er dies ebengenannte Werk schuf, seine Produktivität noch ziemlich ein Vierteljahrhundert vorhielt, ja sich erhöhte und jetzt, da ich dies schreibe, noch immer fortgrünt, so muß ich auch darin etwas von Goethescher Natur unbedingt anerkennen. Als Erinnerung an einen andern, hinsichtlich der Dauer und Tüchtigkeit mehr als der schönen Produktivität nach ihm verwandten Berliner, kam mir übrigens bald nach meiner Rückkehr eine interessante Neuigkeit zu Händen: es war der erste Band des Goethe-Zelterschen Briefwechsels. Ich hatte mit Tieck damals einigen Streit darüber, der den Zelter gar zu gering hielt und nicht vergessen konnte, daß er einst Goethe brieflich fragt, was denn »Byzanz« sei, während mir doch gar wohl verständlich wurde, warum dieser Dichter gerade diesen Lebens- und Musikkräftigen sich insbesondere zu solchem Gedankenaustausch ausgesucht habe. Zwar schrieb ich einst auch von ihm, »es sei doch immer ein Zelter neben einem Pegasus«, indes ist späterhin[534]  meine Freude an seinem Wesen stets mehr und mehr im Steigen geblieben.
Beiläufig war ich nun auch während des Breslauer Aufenthalts mit einigen Dantophilen über meine Zeichnung des Höllentrichters aus der »Divina Commedia« insofern in Streit geraten, als man meine Ansicht angriff, nach welcher der Berg der Läuterung im Purgatorio in des Dichters Sinne doch nur der umgekehrt an der andern Erdhalbkugel nach außen gedrängte Höllentrichter selbst sein könne, auch Dante eigentlich in diesem Bilde es nur habe anschaulich machen wollen, wie Geburt und Tod im Naturganzen überall die ewigen Gegensätze bleiben, welche dadurch, daß sie einander stets wechselseitig bedingen, ebenso die eine Welterscheinung notwendig hervorbringen. – Ich ließ mich indes von jenen Widersprüchen um so weniger irren, als ich nicht verkennen konnte, daß die verschiedenen Abtiefungen der Hölle offenbar den verschiedenen Bergesstufen der Läuterung auf der andern Seite vollkommen entsprechen und man überhaupt gewiß sein kann, bei Dante immer um so weniger zu fehlen, je tiefsinniger man ihn nimmt. Übrigens hängt es doch (beiläufig gesagt) meist nur von der Stimmung des menschlichen Gefühls ab, ob uns ein und dasselbe ewige Weltganze zuletzt entweder als fortgehende stete Zerstörung oder als unausgesetzte Schöpfung erscheinen soll! Und geht denn nicht diese Ansicht selbst über auf die Offenbarung der besondern Idee, welche auch nicht anders als im steten Wechsel von Untergang und Aufgang hervorzutreten imstande ist! Schrieb daher in dieser Beziehung noch nach meiner Rückkehr an Regis: »Fortdauer der sich bewußt gewordenen Idee als Individuum ist Grundansicht meines Denkens, aber Fortdauer in Metamorphose, mit Abstreifung aller Zufälligkeit der Existenz und immer neuer Entfaltung desselben ewigen Geistes,[535]  derselben Monade und in stets neuer Form. Goethes Faustschluß enthält hierüber Herrliches! Wie ahnet man da ein neues Aufgehen von Fausts Grundidee in einer reinern höhern Sphäre!« Könnte denn doch auch nicht sagen, daß ich so viel später irgend Ursache gefunden hätte, von diesem Glaubensbekenntnis wieder zurückzuweichen!
So kam denn nun allmählich wieder der Herbst heran. Im Oktober übernachteten wir noch einmal in der Sächsischen Schweiz auf der Bastei, ich namentlich, um die wunderbaren Wirkungen des Mondlichts auf diesen gewaltigen Felsmassen zu studieren, und ein Aufsatz, der späterhin in der zweiten Auflage meiner Briefe über Landschaftsmalerei abgedruckt worden ist, kann noch jetzt Naturfreunden einigermaßen den Eindruck vergegenwärtigen, den dieses Licht neben diesen Abgründen dort in einer Mondnacht hervorbringt. Man sage nicht, daß man die ganze Wirkung des Mondlichts kenne, wenn man es nicht über eine solche Natur gebreitet gesehen hat.



IV.










[536] In den November fällt denn noch ein Ereignis, das für die Gestaltung unsers fernern Lebens so wichtig geblieben ist, wie es eben irgend die äußere Form für das innere Wesen nur werden kann: es war der Ankauf der hübschen gartenumgebenen Villa aus dem Nachlaß der Familie Globig in der östlichen Vorstadt Dresdens. Dies Haus war damals in einem sehr verwilderten Zustande. Der letzte Besitzer und Bewohner, Präsident von Globig, war längere Zeit schon erblindet gewesen, nur obenhin waren selbst die durch einige bei der Dresdener Schlacht hier hereingeworfenen Kanonenkugeln verursachten Zerstörungen ausgebessert[536]  worden, ein Seitenflügel war überhaupt noch gar nicht heraufgebaut gewesen, und ein Spekulant, der die Gesamtbesitzung vor mir kaufte und große Gartenflächen davon abtrennte, hatte noch weniger an Wiederherstellung gedacht, sondern war nur auf baldigsten Wiederverkauf mit Gewinn bedacht gewesen. Bei alledem fand ich mich überrascht von dem innern Baustil, namentlich von der Anlage der Treppe, ja noch mehr davon, daß an der Gartenseite über der schönen Bogentür zu den in den Garten führenden Stufen den übrigen in Stukko ausgeführten Attributen der Künste auch eine große aufgesetzte Palette beigegeben erschien, über welche die Schlange der Hygieia sich hervorringelte, so daß es wirklich ganz wie eine Hindeutung auf meine eigenen Bestrebungen aussah. Mir selbst jedoch in solchen Kaufangelegenheiten weniger vertrauend, holte ich erst den Rat der Freunde ein und gedenke noch mit Rührung, daß, sowie die Familie von Einsiedel, auch der treffliche von Lindenau selbst die Güte hatte, alles durchzusehen und mich mit Rat und Beistimmung zu unterstützen. Das Haus ist unmittelbar nach dem Siebenjährigen Kriege und auf dem Grunde von Brandstätten, als welche jener Krieg den größten Teil der Pirnaischen Vorstadt zurückgelassen hatte, im Jahre 1764 durch Frau von Schönberg, Gemahlin jenes Herrn von Schönberg, erbaut worden, welcher den sächsischen Hof zum letztenmal als Minister bei der noch von Goethe beschriebenen Kaiserkrönung Josephs II. in Frankfurt a.M. repräsentierte. Vor dieser Ehe war genannte Frau von Schönberg mit einem Grafen Bünau verheiratet, und ein Sohn aus dieser Ehe verband sich nun mit einer Gräfin Cosel, einer Enkelin jener Cosel, welche auf Stolpen endigte, aus welcher Ehe denn vier Töchter erwuchsen, deren älteste, eine vermählte Frau von Globig, dies Haus von ihrer Stiefmutter späterhin erbte.[537] 
Ich erfahre übrigens als Beitrag zur Geschichte jener Zeit noch, daß Frau von Schönberg, die Erbauerin des Hauses, nach dem Tode auch ihres zweiten Gemahls geraume Zeit hindurch diese Besitzung bewohnend, häufig hier große Gesellschaften im Garten und Gartensalon veranstaltete und wie anders damals denn all dergleichen noch eingerichtet zu sein pflegte. Indem es nämlich Brauch war, sehr zeitig zu Mittag zu speisen (in früherer Zeit war die Mittagstafel selbst des Hofes schon früh 10 Uhr), so begannen dagegen die Abendgesellschaften bereits um 5 Uhr nachmittags, allwo denn die Gäste sich an kleinen Tischen im Garten oder Salon verteilten, meistens spielten und dann ziemlich einfach soupierten. Mitunter wurde auch wohl musiziert oder eine kleine Komödie aufgeführt. Noch hängt in unserm obern Salon das Porträt dieser Dame vom Hause, eine Kopie eines alten Familienbildes, welche wir der kunstgeübten Hand einer später uns so lieb und wert gewordenen Freundin, Ida von Lüttichau, verdanken, und manchmal haben wir wohl bei dem Blick auf dies vorhundertjährige Kostüm und eigenen kapriziösen, altaristokratischen Ausdruck dieses Gesichts unsere Betrachtungen gehabt über eine so ganz vorübergegangene Zeit. Scheint es doch zuweilen, als müßte selbst das Klima im vorigen Jahrhundert noch ein anderes gewesen sein, denn den großen Salon, worin auch damals die Gesellschaft zusammenkam und längere Zeit weilte, fand ich noch mit Steinplatten gepflastert, wie es jetzt etwa nur in Italien gut ertragen zu werden pflegt und selbst für kalte Sommerabende sich bei uns nicht mehr eignen will: Außerdem war dieser Raum für kältere Jahreszeit kaum mit einem kleinen Kamin versehen, während wir ihn jetzt in solchen Tagen, nachdem er durch hölzerne Fußboden geschützt ist und wohl noch mit Teppichen reichlich belegt wird, mittels viel kräftiger Heizung kaum hinreichend zu erwärmen[538]  vermögen. – So verging denn also jener Winter im Bauen, Ausmessen, Einteilen, Einrichten, Ausschmücken des Hauses, im Ordnen eines neuen Planes für den Garten, Aufrichten eines Weinlaubenganges und allerhand dergleichen Vorkehrungen, in denen der Mensch seinem flüchtigen Dasein irgendwie einen Reiz, eine Beschwichtigung oder heitere Erleichterung zu geben gedenkt und mitunter wirklich gibt.
Endlich mit dem Frühlingsanfange und nachdem ich noch kurz vorher die zweite Ausgabe der »Vergleichenden Anatomie« völlig beendigt hatte, bezogen wir jetzt das neue oder vielmehr erneute Haus und gefielen uns darin ebensowohl, wie es den Freunden da gefiel, unter welchen namentlich Tieck mir in seiner humoristischen Weise erklärte, er habe bereits einen Plan entworfen, mich aus dem Posseß zu treiben, worauf ich ihm freilich mit Wallenstein antwortete: »Mit Kettenkugeln will ich Sie empfangen!« Dabei gab es übrigens immer auch des Schweren, ja des Bedenklichen manches! Unter vielen Kranken machte einer mir besondere Sorge, und das war Prinz Friedrich, dessen trübe, quälende Gemütsstimmung von körperlichen Leiden bedingt wurde, gegen welche, wie sich immer deutlicher herausstellte, nur eine durchgreifende Brunnen- und Badekur wirksame Hilfe versprach. Eine Kur im Marienbad wurde endlich genehmigt und festgesetzt, daß ich mit Anfang Juni ihn dahin begleiten oder vielmehr dorthin ihm bald nachfolgen sollte, was denn nun wieder meinerseits mancherlei Vorkehrungen und Einrichtungen erforderte, auf die ich im Winter noch nicht gefaßt war, und namentlich die Arbeit an meinen »Briefen über das Erdleben«, die ich jetzt ernstlich zu fördern gedacht hatte, wieder ganz unterbrach. Da war es denn gut, daß bei alledem der Segen der Kunst und Literatur nicht verfehlte, Sinn und Geist frisch zu halten und[539]  zu dem Schatten auch das nötige Licht in das Lebensbild zu bringen! Es gehörte zunächst dahin mehreres, was der jetzt wieder recht kräftig auflebende von Stackelberg an interessanten Anschauungen uns zuführte. So war zum Beispiel eben aus Rom die zierliche Amazone angekommen, welche er bei Salamis aufgefunden und dann in Thorwaldsens Atelier mit nötigen Restaurationen und einem nach seinem System farbiger Architektur verzierten Sockel hatte versehen lassen, und alles erfreute sich an dem reizenden Werke, welches gegenwärtig in der Dresdener Antikengalerie sich aufgestellt findet. Ebenso kam ein bedeutendes Werk von Everdingen, der große Wasserfall, den man jetzt in der hiesigen königlichen Bildergalerie sieht, zur Ausstellung. Er stammte zunächst aus Weimar, wo er sich im Besitz der Frau von Heygendorf befunden hatte, und gab mir hier Veranlassung durch seine eigene große, man darf sagen historische Naturbehandlung, einen Aufsatz darüber zu schreiben, welcher in der zweiten Auflage meiner »Briefe über Landschaftsmalerei« abgedruckt worden ist.
Im Dramatischen endlich war eben die neue Übersetzung des »Macbeth« durch Dorothea Tieck beendet worden, und wir hörten eine vortreffliche Lesung derselben durch Tieck selbst, sowie auf der Bühne der kleine Master Burton, einer von den dramatischen Wunderkindern Englands oder den »jungen Nestlingen«, wie sie Hamlet nennt, uns einige Rollen aus Shakespeare – namentlich den Juden im »Kaufmann von Venedig« – vorführte und dadurch eben nur die erste entfernte Ahnung gewährte von dem sonderbaren typischen Charakter der englischen Bühne überhaupt.
So war denn der Anfang des Juni herangekommen, der Prinz-Mitregent nebst Gemahlin und Gefolge gingen nach Marienbad ab, und am 6. Juni reiste ich ihnen nach,[540]  meine Charlotte mit mir nehmend, um die langen Tage des Badelebens mir nicht zu lang werden zu lassen. Ich finde noch unter alten Heften eine Art von Tagebuch jener Zeit – nach Ovids Vorgange »Tristia« überschrieben (denn durch so vieles an Dresden gefesselt, mußte ich mir dort wohl eigentlich immer etwas wie in Verbannung lebend vorkommen) –, kann jedoch jetzt nur hie und da einiges davon mitteilen, da vieles davon zu individuell bleibt, um ein allgemeineres Interesse in Anspruch nehmen zu dürfen.

Tristia

(Auszug)


  Amazon.de Widgets
Der erste Tag führte uns bei heiterm Wetter nach Annaberg. Von Tharandt den Berg hinauf wanderte Goethes Enkel, den ich schon in Dresden gesehen, mit seinem Mentor rüstig gen Freiberg hinaus. Möge etwas von dem Einflusse, den das Geheimnisvolle alles Bergwesens immer auf den Großvater gehabt hatte, auch ihm zugute kommen! Weiterhin beschäftigten mich die eigenen Physiognomien der Bergleute. Meist kluge, stille und in sich zusammengefaßte Gesichter! Ist es doch merkwürdig, wie selbst gemeine Naturen durch eine gleichmäßige, nicht ohne Gefahr geübte und auf wissenschaftlicher Basis ruhende Tätigkeit sich zu veredeln pflegen! Ihr Wesen stimmt recht zu dem Eindrucke der öden und dabei innerlich reichen Freiberger Gegend, mit ihren Halden, ihren grauen, spitz gebauten Pferdegöpeln und alten Schmelzwerken! Wir machten noch abends einen Spaziergang um das reinliche Annaberg und weilten mit Interesse auf dem Kirchhofe am Dresdener Tore am Leichensteine jener Barbara Uttmann, der Erfinderin des Spitzenklöppelns, welche im 16. Jahrhundert hier verstarb. Auch steht da eine alte Linde, eine Art Heiligtum der Stadt; denn vor ein[541]  paar hundert Jahren wurde sie von einem eifernden Geistlichen als Symbol der Auferstehung umgekehrt mit der Krone in die Erde gesetzt, so daß nun Pfahl- und Nebenwurzeln sich zu Zweigen entwickeln mußten; denn so sollten sie beweisen, daß ein einmal wahrhaft Lebenskräftiges auch unter den sonst zerstörendsten Einflüssen doch sein eigenstes Wesen zu erhalten die Kraft habe; und wirklich wurden hier die Wurzeln zu Ästen, ihren frühesten Typus übrigens immer noch deutlich genug verratend. Grau und eintönig hoben sich jetzt einzelne Häuser, zumeist aber die alte hohe Kirche, über die verfallende Stadtmauer herauf, und ein spätes Abendrot schimmerte unter ziehendem Gewölk friedlich über der einsamen Landschaft.
Am andern Tage im nebeligen Morgen über den Kamm des Erzgebirges, am Fichtelberg vorüber und durch das arme graue Joachimsthal hinaus nach dem lustigen Karlsbald, wo die verschiedensten Physiognomien der Menschen wie des Baustils sich begegnen! Wir speisten an reich besetzter Wirtstafel im »Paradiese«, und wirklich war die mannigfaltigste, wenn auch nicht immer ganz paradiesische Gemeinde da zusammengekommen! Dann ein Gang zum Sprudel, diesem wunderbaren Phänomen, an welchem man nun schon so lange herumerklärt, fast wie an einem Genie! Von beiden hat ja doch eigentlich noch niemand recht sagen können, wie sie eigentlich begründet werden und zustande kommen! Abends dann über Petschau und Einsiedeln nach Marienbad, wo wir dicht neben dem Königswarter Hause, der Wohnung unsers Prinzen, eben da uns ein bequemes Quartier bereitet finden, wo ich bei meinem ersten Besuch dieses Ortes die Arbeitsleute noch mit Ausrodung des Waldes beschäftigt sah.
Von besondern Persönlichkeiten, die mir in diesen Tagen begegneten, will ich zunächst bei Streckfuß, dem Übersetzer[542]  des Dante, und bei Sulpiz Boisserée etwas näher verweilen. Es gibt Menschen, welche, ohne selbst irgendwie sehr bedeutend zu sein, doch entschieden anregend auf uns wirken und merkwürdig geeignet sind, oft wahrhaft bedeutende Gedanken in uns zu entbinden, und wieder andere sind, vor denen, ohne daß wir ihnen gerade eine unmittelbar feindliche, gehässige oder durchaus geringe Natur zuschreiben müßten, unser Inneres sich gewissermaßen zuschließt, vor denen kein frischer, freier Gedanke uns aufgeht und welche nicht selten eine geradezu lähmende hemmende Einwirkung auf uns üben; wobei übrigens seltsamerweise zuweilen eine solche Wirkung sogar uns von Menschen kommen kann, denen wir außerdem ganz gern einen Blick in den innern Reichtum unsers Lebens vergönnt hätten. Es gehört dergleichen zu den merkwürdigsten Offenbarungen jener verwickelten magnetischen Verhältnisse und vielfachen geheimen Anziehungen und Abstoßungen des innern Lebens der Menschheit, wie sie nur irgend dem tiefern Beobachter klar werden! Boisserée ist eine Natur der erstern Art! Ruhig und mehr behaglich als geistreich in seinem Wesen, hatte er doch offenbar etwas eigentümlich Anregendes, und ich verstand von nun an besser, warum Goethe einst näher mit ihm sich befreunden konnte.
Eine dritte interessante Begegnung war mir Graf Kaspar von Sternberg, auch einer der noch überlebenden Freunde Goethes, der dem Prinzen hier einen Besuch abstattete und den ich am 15. Juni an der Tafel desselben antraf. Wieder hatte ich an ihm der Erscheinung eines im höhern Alter noch frisch und aufrecht sich haltenden Geistes mich zu erfreuen! Er brachte allerhand Neues mit aus den Steinkohlenlagern Böhmens; Zeichnungen ihrer vorweltlichen Gewächse mit wunderbaren Formen von Stämmen, Blättern und Früchten, noch ungekannte Gestalten eines[543]  zu der Familie der Trilobiten gehörigen Tieres jener uralten Sümpfe und Seen; kurz, die Mitteilungen, die er machte, waren ebenso anziehend als die Persönlichkeit des Mitteilenden selbst.


Sodann habe ich doch auch noch einer für den Prinzen arrangierten Fahrt nach Königswart, der Besitzung des Fürsten Metternich, zu gedenken, wohin auch mein Töchterchen uns begleitete, die ich somit dort als »Lottchen am Hofe« scherzend begrüßen konnte. Die Gebäude des Schlosses sind klein, und die Zimmer nichts weniger als glänzend eingerichtet; dafür war mir das Verhältnis des Ganzen zu dem weiterhin gelegenen Städtchen Königswart und besonders zu der oberhalb desselben gelegenen alten, mit Bäumen durchwachsenen Burgruine deshalb sehr merkwürdig, weil ich nicht umhin konnte, durch all diese Örtlichkeiten ganz entschieden an die der berühmten Goetheschen »Novelle« erinnert zu werden. War denn nicht Goethe so oft in Marienbad? Muß ihm nicht auch diese Szenerie genau bekannt gewesen sein? Und kann man wohl die angelegten Gänge in der Ruine und die hoch darüber sich wölbenden Bäume umwandeln, ohne des Ortes zu gedenken, wo der Löwe von dem wunderbaren Kinde besänftigt wird? – Die Gesellschaft speiste in dem fürstlichen Saale des Schlosses und sah nach der Tafel jene unter Obhut des ehemaligen Scharfrichters von Eger stehende, ja großenteils von diesem geschaffene Kuriositätensammlung durch, deren in den Briefen aus Goethes Badeleben oft genug Erwähnung geschieht.
Auf dem Rückwege nach Marienbad leuchtete uns dann noch ein schönes Abendlicht durch die tiefdunkeln Massen der dichten Nadelwaldung!
Während alledem schritt nun die Kur unsers hohen Kranken sehr regelmäßig vor, sein Befinden war von Tag zu Tag besser, und so wurde es denn mir möglich, zunächst[544]  auf kurze Zeit wieder nach Dresden zurückzukehren, wohin allerdings die dringenden Wünsche so mancher Kranken mich riefen. Seltsam unvergeßlich war mir indes der Morgen dieser Fahrt des letzten Tages! Gibt es doch so eigene halb prophetische, halb träumerisch-hellsehende Stimmungen, die den Menschen in einzelnen vorzüglich stillen Augenblicken heimsuchen und dann mehr oder weniger klar für immer ein gewisses phosphorisches Leuchten in der Seele zurücklassen. Dieser Morgen war ein solcher! Es war auf dem Wege hinter Annaberg, da, wo die schön begrünten Hügel vor Wolkenstein sich erheben, als mich die sonderbarste Regung befiel! Wie ich so ruhig in schöner Morgensonne auf die blühenden Wiesenblumen und schwärmenden Insekten blickte, so klar den Gesang der Vögel und das Rauschen der Luft in den jungen Blättern vernahm, da kam es mir vor, als sei jetzt mit einem Male die Natur mir ganz durchsichtig geworden; ich gedachte des Geheimnisses der Metamorphose der Pflanzen und ihrer Spiraltendenz; die bewundernswerte, nie ganz zu ergründende Eigentümlichkeit ihrer innern Struktur und all ihre wunderbaren Zahlenverhältnisse traten mir vor das Bewußtsein; die bedeutungsvollen Bildungsverhältnisse ihrer Blätter und Blüten, die unzähligen merkwürdigen Organisationen der von ihnen genährten Insekten, die feinen Gebilde, welche das Luftleben und die Stimmen der Vögel bedingen. – Es war ein eigentümlicher, durchaus seliger Zustand! Kurz; wie alles höhere Glück dieses Daseins. –
Schnell vergingen in Dresden acht Tage unter den Meinigen und unter meinen Kranken, und schon der 29. Juni fand mich wieder auf meinem Posten in Marienbad, wo indes die Kur des Prinzen sich auch ihrem Ende zuneigte. Diesmal hatte mich Mariane begleitet, und wir wählten zur Abwechslung den Weg über Teplitz, um mich wieder[545]  einmal an der großartigen Aussicht von der Nollendorfer Höhe zu erfreuen. Das Wahrnehmen der schon so rasch zunehmenden Kultur in der Nähe all dieser Straßen – der Vorläufer des spätern Eisenbahn-Zeitalters – brachte mich zu der nachstehenden Einzeichnung in die Schreibtafel, welche in ihrer Gültigkeit vielleicht jetzt sogar noch angemessener erscheinen möchte als damals:
»Sehen wir in all dergleichen, wie der Mensch die Elemente des Erdlebens mehr und mehr zu bewältigen trachtet, wie er überall das Rauhe zu glätten, das Unbestimmte zu begrenzen, das üppigst Bewachsene zu lichten und das Öde zu bepflanzen bemüht ist, so werden wir dabei nie verkennen können, wie ihm nichtsdestoweniger in alledem und nach allen Seiten hin noch so unendliche und unermeßliche Aufgaben übrigbleiben, daß zuletzt immer wieder, er habe getan, was er wolle, noch die Unendlichkeit eines noch weiter zu Tuenden vor ihm steht. Ist doch im Geistigen wie im Sinnlichen das das Außerordentliche und Geheimnisvolle unsers Daseins, daß wir, indem allerdings jeder bei der Unendlichkeit des Weltganzen als dessen besonderer Mittelpunkt sich empfinden darf, doch überall von Elementen für die Ausbildung unserer Kräfte umgeben sind, welche, während wir sie scheinbar mit großer Leichtigkeit in unserer Nähe bewältigen, andererseits wieder in so ungeheuere Fernen sich ausdehnen, daß sofort alles, was wir etwa daran zu bilden und zu ändern vermochten, hiergegen gehalten, sogleich wieder in ein wahres Nichts zu zerfallen scheint. Fühlen wir dann aber unsere Wirksamkeit zuletzt wirklich in solchem Grade reduziert und gewissermaßen vernichtet, so drängt uns dies jedenfalls zuletzt zu der Überzeugung, nicht sowohl unser Tun selbst als vielmehr unser Streben und die in diesem Streben erreichte Entwicklung der Monas in unserm Innern sei eigentlich das, worauf es ankomme, und bleibe[546]  denn auch der eigentliche und unvergängliche Gewinn dieses Daseins.«
In Teplitz verfehlten wir damals nicht, eine Stunde des schönen Abends im Park unter den prachtvollen Eschen und Weiden, die dort um breite Wasserflächen hangen, uns zu ergehen; dann aber erquickte ich meine von Staub und Hitze gequälten Glieder in einer der zierlichen Badezellen des Fürstenbades. Sind dies doch die wahren Bäder im Sinne der Alten! Diese schönen abgestuften Bassins, mit rötlichen und weißen Fliesen belegt, von den kristallreinen Wellen dieser meergrünen, angenehm warmen vulkanischen Gewässer erfüllt! Viele Kranke schon hatte ich hergesendet und badete jetzt selbst zum erstenmal hier! Es war mir wunderbar zumute! Das eigene Gefühl, von dem Zentralfeuer des Planeten unmittelbar auf so milde erquickende Weise erwärmt zu werden, belebte mich sonderbar!


  Amazon.de Widgets
Du Geist der Erde bist mir näher!

rief ich mit »Faust« und senkte mich tiefer in die klaren Wellen.
In Karlsbad sah ich mich wieder von mancherlei Kranken in Anspruch genommen, und endlich fand sich auch mein Töchterchen wieder zu mir, mit welcher ein gemeinsamer Spaziergang dann noch den Tag beschloß. In Wahrheit! An solch herrlichem Sommerabend dies bunte Gewühl verschiedenartigster Menschen, diese ganze lustige Örtlichkeit, die ausgelegten Schätze der Kaufleute, die überall hereinsehenden hohen, üppig belaubten Bergwände, der durchziehende Fluß und die mancherlei hier und da aus dem Stegreife sich ergebenden Festlichkeiten; es vermag wohl in die heiterste Stimmung zu versetzen! Wir gingen über die sogenannte Wiese, welche eben alles andere eher ist als eine Wiese, und stiegen dann den Berg gegen »Marianens Ruhe« hinan. Hier schallte nun der[547]  Lärm von Bereitern und Gymnasten, dort flog eine aerostatische Figur mit zwei kleinen Ballons in die Luft, und drüben lagerten bunte Menschengruppen auf den wahren Bergwiesen, während von überallher Musik tönte – man glaubte sich kaum mehr in einem Lande des halben Nordens! Von da nun hinauf, unter tüchtig gewachsenen Kiefern und Buchen, an den schönen, mit großen Feldspatkristallen gezierten Granitfelsen vorbei zu jener umwaldeten Felsspitze, welche, nach alter Sage von Entdeckung des Bades, mit dem Namen des Hirschensprunges bezeichnet wird; und hier war denn die Umsicht wirklich die reizendste! Westwärts, im Lichte der untergehenden Sonne, das weite Egertal mit der großartigen Kette des Erzgebirges; ostwärts aber und zu unsern Füßen das enge Tal der Tepel mit seiner reichen Vegetation; und südwärts endlich, über dunkeln Tannenbergen, eine prächtige, hellerleuchtete Gewitterwolke, ruhig hingelagert: »come il lion quando si posa!« –
Zurückgekehrt stiegen wir nach leichtem Souper um 9 Uhr zu Wagen und fuhren bei sinkender Nacht und milder Sommerluft gegen die Höhen des Erzgebirges hinan. Nach und nach wird es dunkel, Gewittergewölk erhebt sich von mehrern Seiten, es leuchtet, und ein aufgeregter Luftstrom verkündet »geschäftige Bewegung am Himmel«. So gelangen wir nach Joachimsthal, wo wir Pferde wechseln und genau in der Mitternachtsstunde wieder abgehen. Es gab nun eine eigene Fahrt so in diese weitschichtigen Berge hinein. Blitze umleuchteten uns; dann wieder alles so dunkel, daß der neben den Pferden wandernde Postillion kaum den Weg sah, dabei Rauschen der Tannenwälder, aber kein Sturm; der Donner nur selten als fernes Rollen hörbar. Immer fester zieht sich jetzt die Wolkendecke des Himmels zusammen, und als wir endlich zwischen 1 und 2 Uhr bei dem auf der äußersten[548]  Höhe gelegenen Zollhause ankommen, gießt der Regen so in Strömen herunter, daß selbst die mühsam angezündeten Wagenlaternen auszulöschen drohen. Endlich Ruhe! Im Hinabfahren bricht die erste Morgendämmerung durch die Wolken, und von da an nun der indifferente Weg nach Annaberg und so fort bis Dresden.
Das Einförmige letztern langen Weges ließ ich mir einige Stunden hindurch mit Vorlesen aus »Wilhelm Meister« verkürzen und fühlte mich doch immer wieder von neuer Bewunderung dieses seit einer Reihe von Jahren nicht angesehenen Werkes tief durchdrungen. Muß man auch da nicht immer wieder ausrufen:

O Glück der Jugend! O goldner Stern!

Welch andere Frischheit der Darstellung hier, selbst gegen das außerordentlichste der spätern Sachen und namentlich gegen jenes sonst so tiefsinnige Bild der »Wahlverwandtschaften«!



Sechstes Buch
Größerer Wirkungskreis nach außen und stilleres Leben nach innen

Pillnitz, 30. August 1854
(Im fünfundsechzigsten Lebensjahre)






V.

[549] Meine »Psychologie« ist seit einiger Zeit eine Speise für mehrere rezensierende Würmer geworden, die sich bald lobend, bald tadelnd daran ergehen, ohne mich eben sonst in meinen Forschungen wesentlich zu fördern. Wolfgang Menzel hat meine Liebe zu Goethe abermals durchaus nicht verwinden können, und was wird er erst sagen, wenn er das ihn Betreffende im »Goethe-Zelterschen Briefwechsel«, [Band] V, selbst liest.
Diese Zelterschen Briefe beschäftigen mich übrigens vielfach; so ist Goethes Wolken- und Wettertheorie in eben jenem Bande mir doch sehr merkwürdig gewesen. Dagegen, was seine Kunstschemata betrifft, so kann ich ihnen[549] im ganzen keine große Bedeutung beilegen; denn es kommt ja wohl hier vor, daß er, der Bequeme, dem mitunter etwas ignoranten Zelter als »neuesten Philosophen« ein Schema hinstellt, was jenem vielleicht deshalb um so absonderlicher vorkommen mußte, da es ihm gerade »klar wie die Sonne« entgegenleuchten sollte. Nach meiner Ansicht ist aber der Sinn seiner Darstellungen kürzlich folgender: Die mittlern Werke verschiedener im Gegenschein befindlicher Literaturperioden setzen sich allerdings schnurstracks in Opposition und verhalten sich somit völlig polar. Die vortrefflichsten Werke derselben Perioden hingegen, in ewigem Äther der Schönheit schwebend, deuten zwar auch einen gewissen Gegensatz des Sinnes an, jedoch nur in sanften Schönheitswellenlinien, und dadurch wie in elastischer Biegung zu unmerklichem Übergange sich vermählend.
Der Herbst dieses Jahres führte mir nun wieder mannigfaltige Fremde herbei. Der eine, Buchhändler Mainoni aus Leipzig, in dessen Hände damals der Verlag meiner »Gynäkologie« übergegangen war, kündigte mir abermals eine notwendige Arbeit an, nämlich eine neue (die dritte) Auflage dieses Werkes vorzubereiten, wobei er denn mit einer Art von Entsetzen von fünf Nachdrucken sprach, welche die ersten beiden Auflagen desselben im Württembergischen und in Wien nach und nach erfahren hatten. Ein anderer Gast war der Pastor Schwarz aus Rügen nebst Familie, der mehrerwähnte alte Freund Friedrichs, welchen Dresdens Kunstschätze einmal wieder hierherzogen; ein wunderlicher, ästhetisch-gemütlicher, mild-guter Seelenhirt, an dem, als Nachfolger Kosegartens auf jener stillen Insel, man alles studieren konnte, was Ruhe, Einsamkeit und weithin hallendes Meer in dem Menschen an Fühlung, aber oft auch an Beschränkung hervorrufen. Er war ein rechtes Gegenstück zu einer dritten Individualität,[550] deren ich hier nun, mehrere andere übergehend, etwas ausführlicher zu gedenken habe; nämlich zu der des Bildhauers David d'Angers aus Paris. David hatte bereits vor mehrern Jahren durch einen gewissen kosmopolitischen Kultus Deutschlands sich bemerklich gemacht, indem er plötzlich in Weimar eintraf, um die kolossale Büste Goethes zu modellieren, welche er dann in Marmor von Paris aus wieder nach Weimar sendete, wo sie jetzt noch auf der großherzoglichen Bibliothek aufgestellt ist. Ebenso kam er nun nach Dresden, um von Tieck eine ähnliche Büste auszuführen und gleichzeitig für seine »Galerie des Contemporains«, in welcher er, in Form kleinerer Medaillons, die Porträts aller irgend in Kunst und Wissenschaft berühmten Personen auszuführen beabsichtigte, mehrere Porträts zu vollenden. Für letztern Zweck kam er denn auch zu mir mit der Bitte, ihm einige Stunden zu sitzen, damit er mein Reliefprofil machen könne, und so lernte ich ihn zuerst kennen. Ich darf sagen, wir kamen uns bald näher und sagten uns wechselseitig zu. Er verband eine gewisse Tüchtigkeit des Künstlers mit der Liebenswürdigkeit und Frische des gebildeten Franzosen, und die Großartigkeit, mit welcher er von der Kunst dachte, fand in mir ihren vollkommenen Widerklang. Tieck mußte sich nun auch entschließen, ihm ausführlich für die Kolossalbüste zu sitzen, und zwar geschah dies im Atelier des Professors Vogel, welcher denn nicht versäumte, diese Gelegenheit zu benutzen, um von Tieck ein hinsichtlich des Kopfes sehr befriedigendes, lebensgroßes Bild zu malen und zugleich die ganze Gruppe des Originals, der Büste und des modellierenden Künstlers nebst den im Atelier versammelten Freunden des Dichters zu einem kleinhistorischen Bilde zu verarbeiten, welches sich noch in der nachgelassenen Sammlung König Friedrich Augusts II. befindet.[551]
Ich unterließ nun bei dieser Gelegenheit natürlich nicht, David auch zu Friedrich zu führen und ihn, der noch von dessen neuer und eigentümlich poetischer Art der Behandlung der Landschaft gar keinen Begriff hatte, in diese Vorstellungsweise einzutauchen. Die Wirkung war schlagend! David war, womit vielleicht überhaupt seine Verehrung Deutschlands zusammenhing, einer der wenigen Franzosen, welche dergleichen Richtungen unsers Genius wirklich verstehen können, und so brach denn auch vor einem der neuern seltsamen Bilder Friedrichs jenes von mir anderweit schon erwähnte hübsche Wort hervor: »Voilà un homme, qui a découvert la Tragédie du paysage!«
Auch manche von meinen Bildern wirkten in diesem Sinne bedeutend auf unsern neuen Freund, welcher denn nicht verfehlte, einige Gemälde Friedrichs anzukaufen und ein paar andere von mir anzunehmen, gegen welche er mir später seine kolossale Büste von George Cuvier und einige seiner lebensvollen kleinen Statuetten sendete.
Es verflossen uns somit die paar Wochen, welche unsere fränkischen Freunde hier weilten, ganz angenehm, und da ich jetzt schon Pläne hatte, vielleicht nächstes Jahr selbst einen Monat in Paris zuzubringen, so wurden noch, bevor sie uns verließen, manche Vorsätze durchgesprochen, welche bei diesem Gegenbesuche zur Ausführung kommen sollten. Vor seiner Abreise führte David noch eine kleine Statuette des in seinem Armsessel sitzenden Tieck aus, von welcher ich einen Abguß noch verwahre, welche zwar bei der gebrechlichen Bildung dieses Freundes keinen ästhetisch erwünschten Eindruck machte, aber doch von seiner gesamten Haltung immerhin ein sprechendes Abbild uns erhalten hat, was nie fehlen kann, seinen Freunden stets ein wertes Andenken zu bleiben.
Von Tieck selbst machte um diese Zeit die Novelle, welcher[552] unter dem Namen der »Vogelscheuche« gewisse ihm vielfach zur Belästigung gereichende Dresdener Zustände und Personen ironisch und humoristisch scharf abzeichnete, vieles Aufsehen. Er hatte sie uns zum Teil selbst vorgelesen, wir hatten sie größtenteils mit Gemütsergötzung gehört, und wenn wir auch nicht alles überall billigen konnten, so waren doch wieder dichterisch bewundernswürdige Sachen darin, so daß wir denn nicht unterlassen durften, wo immer möglich den oft genug geärgerten und hier endlich zu einer kleinen ästhetischen Rache schreitenden Poeten gegen männiglich zu verteidigen. Man muß, indem man sich wirklich auf einem zum Echten und Tüchtigen führenden Wege befindet, es erfahren haben, von Überlästigen und Unzulänglichen auf hundertfältige Weise gekreuzt und behindert zu werden, um nachsichtig zu werden, wenn der Pegasus gegen solche Mückenschwärme einmal etwas derber ausschlägt; gingen doch auch so viel schöne und leuchtende Strahlen von ihm aus! – Jedenfalls konnten wir übrigens mit solchen Arbeiten Tiecks uns besser befreunden als mit andern belletristischen Neuigkeiten, wie sie damals die Zeit herbeiflutete. Erinnere ich mich doch zum Beispiel, daß ich von dem neuen Berliner »Musenalmanach« in jenen Tagen schrieb: »Auch in diese Sammlung habe ich geblickt, es war mir aber gerade, als sehe ich in eins der großen offenstehenden italienischen Spitäler hinein; mitunter wohl eine interessante Physiognomie, aber alles krank!« Nur den Liebesgedichten Rückerts in dem 1834 erschienenen Bande gestand ich eine tiefere Wirkung zu, wobei jedoch auch manches Individuelle der Situation entschiedenen Anteil haben konnte. Und so näherte denn auch dies Jahr sich seinem Ende. Im neuen Hause waren wir völlig eingerichtet, ein eigenes, nach Norden gelegenes Malerzimmer, so ich mir gebaut hatte, lud mich zu fernern Studien[553] auf das beste ein, der Druck meiner »Italienischen Reise« näherte sich seiner Vollendung, der der »Landschaftsbriefe« wurde vorbereitet, vielfältige praktische Tätigkeit nahm mich außer dem Hause in Anspruch, und im Hause waren Großeltern, Eltern und Kinder heiter vereinigt – kurz, das Schiff des Lebens lief damals mit dankenswert günstigem Winde!
Mit dem Anfang des Jahres 1835 erhielt ich jetzt von Regis als Glückwunsch zum 3. ein merkwürdiges Heft »Proben aus altenglischen Schauspielen«, welches er zur Förderung eigener Studien aus alten Originalien übersetzt und zusammengestellt hatte und womit er denn mir, der ich nicht dazu kam, dergleichen selbst aufzusuchen, eine besondere Freude bereiten mußte. War mir doch an diesem wunderlichen Freunde das immer so bedeutend und durch und durch antik vorgekommen, daß er in seinen Lukubrationen eine Menge Arbeiten vornahm und mühevoll durchführte, keineswegs wie jetzt all dergleichen getrieben zu werden pflegt, nur um eilig damit zum Buchhändler zu laufen und den Druck, ja wenn das Glück gut ist, ein Honorar zu erlangen, sondern in Wahrheit rein um der Sache selbst willen und aus Anerkennung eigenen daher zu entnehmenden Wachstums! So hatte er auch hier Vorgänger und Zeitgenossen von Shakespeare ernstlich durchgearbeitet und Bruchstücke aus Thomas Middleton und John Cook übersetzt, welche in ihrem entschiedenen, kecken, humoristischen und sehr lebensvollen Stil gar wohl geeignet sind, zu zeigen, daß ein gewisser Teil von dem, was wir hinsichtlich des Schwunges der Form an jenem Genius bewundern, schon vollkommenes Eigentum der Zeit gewesen ist. Diese Fragmente nenne ich wahrhaft lehrreich, denn sie erheben wieder den Blick vom Menschen auf die Menschheit und zeigen uns Shakespeare nicht mehr als das vom Himmel herabgekommene Meteor,[554] sondern als den aus dem Pflanzenwalde seiner Zeit allein in ganzer Vollendung aufschießenden Blütenschaft.
Dieser damals noch so lebhafte Verkehr mit Regis hatte übrigens auch Einfluß darauf, daß die Briefe über »Faust«, deren schon oben gedacht worden ist, in diesem Winter weiter fortgeführt und als an Regis gerichtet wirklich vollendet wurden. Selbst die darin enthaltene Schilderung jenes schönen radierten Blattes von Albrecht Dürer, welches unter dem Namen »Melancholia« allen Liebhabern mittelalterlicher Kunst bekannt ist, wurde dadurch veranlaßt, daß mir dasselbe (ebenfalls an diesem 3. Januar) als Liebesgabe dargebracht worden war; ein Blatt, in welchem ein seltsamer Anflug Faustschen Geistes mit der Individualität dieser frommen, stillen Künstlerseele wunderbar genug kontrastiert.
Was sonstige Literatur betraf, so gab der damals herausgekommene »Briefwechsel Goethes mit einem Kinde« meiner Korrespondenz mit Regis mancherlei Nahrung. Letzterm hatte doch das Seltsame und Überschwengliche des Buchs eigen imponiert, und ich antwortete ihm einst: »Was Sie über ›das Kind‹ schreiben, hat mir wohlgefallen, und auch ich lese den Briefwechsel nicht ohne Interesse. Hätte er Ihnen auch nur den Gedanken gegeben: ›daß in der Menschheit viel himmlische Seelen verborgen sind‹, so wäre das schon mir für Sie viel wert, und es gibt deren doch noch andere als diese! Übrigens stimme ich Ihnen wirklich insoweit bei, daß herrliche Sachen dort vorkommen, dagegen ist eine gewisse forcierte Überreife und eine Ostentation mit karikierter Natürlichkeit auch das wahrhaft Unglückliche dabei, und das, wodurch jeder Gedanke an einfache, wahre Seelenschönheit mir gänzlich getrübt wird. Tieck ist zumal für dergleichen ein unerbittlicher Richter! Einmal drückte er mir seinen Unwillen über diese Art Frauen, deren anderer aber wirklich[555] geisttiefere Repräsentant die Varnhagensche Rahel ist (ich weiß nicht, ob Sie die drei Bände ihrer geistreichen und doch oft etwas verwirrten Briefe durchgesehen haben), nicht übel dadurch aus, daß er sagte: ›Es sind aus dem Paradiese entlaufene Affen!‹, und wirklich sieht bei diesem liebenswürdigen ›Kinde‹ doch das Schwänzlein oft merklich genug heraus.« – Es fällt mir dabei ein, daß ich zu jener Zeit einmal selbst gesprächsweise von Bettina sagte: »In ihren Schriften sind selbst die guten und auserlesenen Gedanken doch immer etwas von der Art wie im Tanz ›el Olé‹: fein das Röckchen aufgehoben und auf die Wade aufmerksam gemacht!« Denn der Kultus, der mitunter mit diesen Sachen getrieben wurde, ging damals wirklich oft zu weit. – Daß ich überhaupt jenem Buche gegenüber etwas kälter blieb, mochte auch darin begründet sein, daß ich ein paar Jahre früher der Verfasserin einmal in der Wohnung Stackelbergs begegnet war, wo sie in Gestalt einer alten Virago, die Brille auf der Nase, dessen Zeichnungen durchsah und in ermüdender Suada dabei sich hören ließ. Wurde doch damals von ihr erzählt, sie selbst sei es gewesen, die einmal, Goethe adorierend, zu Tieck gesagt haben sollte: »Von Goethe muß ich ein Kind haben!« – Einleitungen, welche nun freilich nicht eben gemacht waren, dem romantischen Schwung ihrer neuern kindlichen Mitteilungen großen Sukzeß bei mir zu verschaffen.
Im Mai konnte ich endlich meine drei Briefe über »Faust«, zierlich ins reine geschrieben, an Regis absenden, nachdem auch der Kanzler von Müller vorher beiläufig Einsicht davon genommen hatte, und die Antwort, die ich darüber aus Breslau zurückerhielt, war im hohen Grade anerkennend, obwohl hier und da durchleuchtete, daß man dort mitunter dem Gedanken Raum gab, der Faust, von welchem in jenen Briefen die Rede war, sei vielleicht mehr[556] »der von mir Gedachte« als der Goethesche selbst; worauf ich denn freilich erwidern mußte: »Niemand kann am Ende völlig aus seiner Individualität heraus! Sie waren ja immer einer von denen, die die Blumen am liebsten pflücken, wie sie Gott wachsen ließ! Und so mögen Sie denn auch mit diesen fürliebnehmen.«
Den Frühling brachten wir wieder bis zum Juni in Pillnitz zu, und ich hatte dort gerade Muße genug, um manche Arbeiten noch abzuschließen, deren Beendigung um so dringender erschien, als mir im Juli eine Reise in die böhmischen Bäder und dann im August die Reise nach Paris in Aussicht stand.
In nächster Zeit gab es sodann alle Hände voll zu tun, um mich zur Pariser Reise hinreichend vorzubereiten. Wie ein Segen aus anderer Welt erschien es mir dabei, als gerade jetzt, wo nun auch der Druck meiner drei Briefe über den Faust beginnen sollte, ich ganz unerwartet durch Kanzler von Müller aus Weimar, nebst seinem herzlichen Schreiben über jene Briefe selbst, noch einen liegengebliebenen letzten Brief Goethes zugeschickt erhielt, der sich auf die frühere Übersendung meiner »Vorlesungen über Psychologie« bezog und somit noch in den letzten Monaten seines Lebens mir die ungetrübt erhaltene freundliche Gesinnung des verehrten Mannes bezeugte. Ich nahm das teuere Blatt als günstiges Omen für die Reise an, welche ich denn wirklich am 17. August antrat und über welche ich hier kein Wort weiter zu sagen habe, da alles Gute, was mir das Durchstreifen der Rheingegend, alles Bedeutende, was drei Wochen meines Aufenthalts in Paris mir brachten, sowie alles, was noch auf dem Rückwege mir durch den Besuch der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Bonn und eines kurzen Verweilens in Göttingen an Interessantem zuteil wurde, in den beiden Bändchen niedergelegt ist, welche späterhin[557] (1836) unter dem Titel »Paris und die Rheingegenden« bei Gerhard Fleischer erschienen sind und hier und da manchen freundlichen Leser gefunden haben.
Mit dem Anfange Oktober hatte ich mich jetzt in Dresden wieder ganz eingearbeitet, sah mich dort wie sonst in gewohnter Weise tätig und fing nun auch an, die Reiseerinnerungen sorgfältig in Ordnung zu legen. Der Ausflug hatte mir im ganzen gut getan; obwohl ich nach und nach bei dem damaligen langsamen Reisen 13 Nächte durchfahren hatte, fühlte ich mich frisch und gekräftigt, und insofern war es ein guter Moment gewesen, den David d'Angers, der früher gedachte Freund, gewählt hatte, um in Paris auch meine Kolossalbüste zu modellieren, welche er mir dann späterhin, ebenso wie früher an Tieck dessen Büste – beide vielleicht mehr in einer tüchtigen als sehr ähnlicher Weise in Marmor ausgeführt –, nach Dresden übersendete.
Wie es immer nach längern Abwesenheiten zu gehen pflegt, hatten auch diesmal die Geschäfte sich sehr gehäuft, und in erster Zeit kam ich daher selten dazu, in der Literatur nachzuholen, was unterdessen eben der Zeitstrom wieder Neues herangeflutet hatte. Eins der ersten Bücher, die unter den nichtmedizinischen nachhaltige Anziehungskraft übten, waren die Briefe von Merck, welche aus der Goethe-Periode so viel des Dankenswerten enthalten. Alles in allem genommen macht mir Herder doch oft und vielfach den Eindruck einer gezierten Natur, ich habe mich über einige seiner Briefe wahrhaft geärgert; Goethe dagegen erscheint hier immer wieder hoch zu Roß, und auch der erste Brief von Schlosser hat mir einen schönen Begriff von dieser Individualität gegeben.
Meinen alten Freund Friedrich hatte ich nach meiner Rückkehr leidend und fast unfähig zum Malen gefunden. Die Folgen eines Schlagflusses machten sich in quälender[558] Weise kenntlich, und ich schöpfte nur daraus einige Hoffnung, daß eben jetzt die Gelegenheit sich ihm geboten hatte, für 1200 Taler seine Bilder nach Rußland zu verkaufen und somit nun die Möglichkeit sich herausstellte, doch etwas mehr für seine Gesundheit tun zu können. – Zu eigenen künstlerischen Versuchen fehlte mir jetzt die Zeit gänzlich.
So kam denn das Jahr 1836 heran; es sollte in mancher Beziehung mir ein merkwürdiges, inhaltschweres sein! Meine geliebte Charlotte schied in ihm, erst lebend und liebend aus unserm Hause, um dann kaum zwei Jahre später uns aus dem Leben selbst hinweggenommen zu werden; in meinem praktischen Wirkungskreise, früher fast immer und überall mit Glück gekrönt, häuften sich einzelne schwere Unglücksfälle, das höherwerdende Alter meiner Eltern rückte die Aussicht auf Verluste in dieser Richtung ebenfalls näher; kurz, mehr und mehr kamen Mahnungen an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge, denen freilich später noch schwere, ja zerreißende Entbehrungen folgen sollten; und doch nicht so, daß nicht auch zeitweise Herrliches wieder erschienen wäre, genug, um aufrecht zu halten, was dem Menschen immerfort das Unentbehrlichste genannt werden darf: den liebenden Mut, die Hoffnung und den Glauben!
Außerdem arbeitete ich in diesem Jahre mehreres für die Berliner »Kritischen Jahrbücher«, wodurch mir manche Wechselwirkung mit Varnhagen von Ense und Henning entsprang. Bemerken darf ich wohl, daß insbesondere meine Kritik des großen Schadowschen Werkes »Polyklet«, in welcher ich eigentlich die ersten Keime von dem niedergelegt hatte, was ziemlich zwanzig Jahre später in meiner »Proportionslehre« über den wahren organischen Modul der menschlichen Gestalt veröffentlicht worden ist, ganz aus jener Zeit datiert; und so ging denn das Schaffen[559] und Treiben und Arbeiten nach wie vor immer unausgesetzt weiter, wurde mir gelegentlich auch dadurch mit vergolten, daß der ehrwürdige preußische Veteran Dr. Johann Nepomuk Rust mir den 47. Band seines vielgelesenen »Magazins für die gesamte Heilkunde« dedizierte, ihn durch mein nach dem Zöllnerschen Steindruck in Stich ausgeführtes Porträt zu zieren die Güte hatte und mir den Band mit freundlichem Schreiben zusendete.
Im Anfang Juni erkrankte jetzt schwer unser greiser König Anton; ich befand mich gerade zum Dienst in Pillnitz, meine Kollegen Francke, Kreysig und Hedenus waren verreist oder selbst krank, kurz, ich hatte einige schwere Tage und Nächte mit der Pflege des würdigen alten Herrn zu bestehen, welcher denn am 6. Juni früh, umgeben von der gesamten königlichen Familie, endlich wirklich den Geist aushauchte und dadurch den Prinzen Friedrich als König Friedrich August II. auf den Thron rief.
Es war vielleicht schon kein gutes Omen, daß nun gerade mitten in der tiefen Landestrauer, welche jetzt folgte, sich in meinem Hause der Brautstand meiner geliebten Charlotte erklärte. Mehrere Monate früher nämlich hatte sich ein schon damals geschätzter Künstler, dessen Ruf späterhin indes von Jahr zu Jahr sich erhöht hat, Professor Rietschel, in meiner Familie einführen lassen, wie man sagte aus Verlangen, meine Büste, nebst denen einiger andern Notabilitäten Dresdens, ausführen zu wollen, in Wahrheit aber wohl mehr, weil ihn die große Liebenswürdigkeit unserer Charlotte gerührt hatte, und er wünschte, sein durch den Tod seiner ersten Frau verödetes Haus durch eine so schöne Blüte neu zu beleben. Der erste Wunsch war nicht wohl abzulehnen, und wirklich ging man denn auch bald ans Werk; ich mußte zu mehrern Sitzungen mich entschließen, bei welchen Lottchen zum Vorlesen veranlaßt wurde, und die Büste wurde nach und nach ein recht schönes[560] Werk, wodurch vielen, die sie namentlich späterhin der Büste Davids weit vorzogen, besondere Freude erwachsen ist; und nur dem noch später ebenfalls von Rietschel ausgeführten lebensgroßen Profilmedaillon, welches dem Bilde vor der »Psyche« als Original gedient hat, gab man dann an geistreich aufgefaßter Ähnlichkeit abermals den Vorzug. Wir wußten übrigens alle gar wohl, daß der Künstler durch den Verlust seiner Frau sehr gebeugt worden war, und die Meinigen nahmen ihn ebendeshalb mit besonderer Aufmerksamkeit auf, auch ich selbst erfreute mich vielfach sowohl an seinem redlichen, tüchtigen Wesen als an seiner echten Kunstbegeisterung; bald aber schien denn doch die Schönheit und Lieblichkeit meiner ältesten Tochter ihn weit mehr zu beschäftigen als die Aufgabe, die er für meine Büste sich gestellt hatte. Lottchen sah ihn denn auch gern, beide kamen sich bei häufigen Besuchen und Einladungen näher – kurz, schon in der zweiten Hälfte des Juni und, wie gesagt, mitten in der allgemeinen Landestrauer wurde unter heißen Segenswünschen, die freilich nur unvollkommen in Erfüllung gingen, die Verlobung erklärt.1
Im Juli zogen wir von Pillnitz wieder zur Stadt, und wenn[561] dies dem jungen Paare der Verlobten einerseits erfreulich war, so durfte auch ich damit zufrieden sein, da es mir zunächst Gelegenheit gab, nun auch einige künstlerische Erinnerungen an die letzte Reise, die mich schon im Frühjahr abwechselnd beschäftigt hatten, mit Sorgfalt zu vollenden. Das eine Bild war das der alten Wernerikirche von Bacharach, welches noch jetzt bei mir den Freunden einen Schatten der Schönheit der Rheinumgebung zurückruft, das andere gab eine seltsam phantastische Erinnerung an Paris, von der ich jetzt fast beklage, daß ein begüterter Russe mir einst keine Ruhe ließ, bis ich sie ihm überlassen. Als ich nämlich in jener Weltstadt einstmals einen Künstler aufsuchte, welcher in der Nähe des Vendômeplatzes die sechste Etage bewohnte, überraschte es mich eigen, über einem Meer von Dächern, Schornsteinen, Kuppeln und Türmen die Vendômesäule mit der Bildsäule Napoleons geisterhaft heraufragen zu sehen. Der Eindruck blieb mir lange in der Seele und wandelte sich endlich in ein Bild um, welches diese Szene im bleichen Mondschein dem Beschauer vergegenwärtigte. Dies Bild sowie jenes von Bacharach durfte ich wohl unter meine besten Arbeiten zählen, und so veranlaßte das erstere mich späterhin, es mit Abänderungen noch einmal mit Abenddämmerung zu malen, aber ich war wenig dazu geeignet, abgetane Sachen zum zweitenmal mir zurechtzulegen, und so ist denn auch diese Wiederholung mir wenig zu Dank geraten.
Im Anfang August kam Alexander von Humboldt wieder einmal zu mir. Schon war ihm der indes vollendete Druck meines Pariser Tagebuchs zu Gesicht gekommen, und als ich ihm von dem im zweiten Bändchen abgedruckten Briefe über Erdentstehung aus den »Erdlebenbriefen« sprach, ließ er es sich nicht nehmen, diesen Brief zur Anbahnung mehr ausführlicher Diskussionen darüber selbst[562] mir vorzulesen, so daß ich das eigene Gefühl hatte, meine eigenen Denkversuche über solch ungeheuere Vorgänge hier aus dem Munde eines Mannes wiedergegeben zu hören, der späterhin dieselben Aufgaben in seinem »Kosmos« mit so viel größerer Ausführlichkeit und Vollständigkeit bearbeiten sollte. Ich verlebte damals mit ihm, dem ich auch bei meinem Pariser Aufenthalte so viel zu danken gehabt hatte, einige sehr angenehme und interessante Stunden, und es war namentlich der erste allgemeinere Teil meiner »Physiologie«, der dabei vielfältig besprochen wurde.
Von Regis bekam ich dazumal seinen Shakespearealmanach zugeschickt, bekanntlich die merkwürdigen und früher in Deutschland wenig beachteten Sonette des Dichters enthaltend. Die Sendung beschäftigte mich viel, und ich pries mit Recht das Talent des Übersetzers; dagegen ließen die Sachen selbst durch ihre innere etwas seltsame Richtung es nicht zu dem kommen, was mir in Dichterwerken immer das Liebste bleibt und was ich am besten vielleicht mit dem Namen der Lebenswirkung bezeichne; eine Wirkung, die gerade bei Shakespeare in seinen übrigen Werken eine so ungeheuere zu sein pflegt und auch mir eine solche vielfältig gewesen war.
Im September ging ich zur Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte nach Jena. Es lag mir am Herzen, bei dieser Gelegenheit Jena, an welches sich bei mir Erinnerungen aus so frühen Jahren knüpften, einmal wiederzusehen und zugleich Weimar wieder aufzusuchen, wo ich 15 Jahre früher jene merkwürdige Stunde mit Goethe verlebt hatte. Die Versammlung selbst bot des wahrhaft Interessanten nicht sehr viel dar; namentlich zeigten auch hier die eigentlich ärztlichen Verhandlungen großenteils jenen halb trivialen, halb banalen Charakter, der so häufig in diesem an sich so ehrenwerten Stande das große[563] Wort führt. Merkwürdig war vorzüglich Humboldts fortgesetzte Mitteilung der Einleitungen zu seinem »Kosmos«. Ich selbst trug damals in einer der öffentlichen Versammlungen meine Beobachtungen vor über das Gefühl eines aufgehenden Bläschens im Ohr beim Ersteigen hoher Gebirge und dessen barometrische Bedeutung. Am dritten Tage waren wir durch den Großherzog sämtlich nach Weimar eingeladen; alle die dortigen Sammlungen waren uns geöffnet, und in den Nachmittagsstunden, in den jetzt leeren und eigens zum Feste geschmückten Orangeriehäusern von Belvedere, war ein großes Diner bereitet, an welchem der Großherzog selbst teilnahm; auch hatte später eine Elite der Gesellschaft, unter welcher ich mich befand, die Ehre, auf dem Schlosse der Frau Großherzogin vorgestellt zu werden, wobei es indes, da die hohe Dame sehr schwer hört, zu wenig geistiger Mitteilung kommen konnte. Am wichtigsten war mir, daß ich, ehe man nach Belvedere fuhr, noch Zeit gewinnen konnte, Goethes Haus noch einmal zu besuchen und in der Stadtkirche des Lukas Cranach großes Altarbild gründlich zu betrachten. Das erstere machte mir einen wunderbaren Eindruck! Ich habe manchmal wohl im Scherz gesagt: »Es müßte hübsch sein, wenn man Häuser aus Gummielastikum zu bauen wüßte, damit sie nach dem Bedürfnis der Bewohner bald erweitert, bald zusammengezogen werden könnten«; nun, dies Haus schien mir wirklich jetzt ganz zusammengeschrumpft und klein, wie es mir damals, als Goethe dort noch waltete, mächtig und palastartig erschienen war. Dabei war es zur Hälfte vermietet, die Statuen auf der Treppe sah man hier und da ausgebrochen, das »Salve« oben am Eingange erschien fast verwischt; alles verstaubt! Es gab ein eigenes, wehmütiges Gefühl, das seinen Höhepunkt erreichte, als das kleine Kämmerchen sich öffnete, worin das alte Hölzerbett stand, auf welchem er starb! Ist[564] nicht jedes solches letzte Schmerzenslager, worauf irgendein Genius oder Heiliger der Menschheit die letzten Atemzüge verhauchen muß, auch eine Art von hölzernem Kreuz gleich jenem, an welches der größte der Heiligen geschlagen wurde! Ob uns diese letzte Qual auf einem Golgatha trifft oder in solchem kleinen Kämmerlein, es ist immer nur eine relative Verschiedenheit, und selig der, welcher, wenn auch nicht wie jener Größte, mit der Bitte um Vergebung für die Sündigen, doch mit einem Gedanken scheiden kann gleich dem: »Mehr Licht!«
Als ich von Jena wiederkehrte, war eben meine kolossale Marmorbüste von David aus Paris angekommen und wurde im großen Salon zu ebener Erde aufgestellt. Die Künstler erfreuten sich an der Vollendung der technischen Behandlung des Marmors; an Ähnlichkeit zogen alle die Büste Rietschels vor.
Nun aber bereitete sich denn wirklich Lottchens Trauung, welche am Tage der unserigen, den 2. November, gehalten werden sollte. Ich schrieb darüber später an Regis: »Ihren Glückwunsch habe noch nachträglich Lottchen mitgeteilt. Ach, ich wünschte, Sie hätten sie noch einmal als Braut gesehen! Diese reine jungfräuliche Gestalt mit den schönen braunen Locken, dem Myrtenkranze und sanft herabwehenden Schleier und dem weißen Atlaskleide mit leichtem Überwurf von violetter, mit braunem Pelz zierlich verbrämter Seide! Mir war es eine schwere Fahrt zur Kirche! Dies liebe, liebe Kind so aus meinen Armen zu entlassen! Nun, Gott wende alles zum Besten, sie ist sehr heiter und glücklich!«
Konnte etwas sein, was mir damals die Lücke, welche durch Lottchens Fortziehen und Alberts Universitätsleben in dem weiten Hause entstanden war, doch leichter ertragen ließ, so war es die Freude an der frischen Entwicklung und Liebe der übrigen Kinder, unter denen insbesondere[565] die jüngstgeborene Eugenie eine Anmut und eine heitere geistvolle Lebendigkeit entfaltete, welche machten, daß ich dies neunjährige holde Kind, wenn es mit seinen feinen blonden Locken sich an mich schmiegte, wohl im Scherz »den wahren Philosophen« zu nennen pflegte und gern einzelner hypochondrischer Gedanken mich schämte, wenn ich in dies Gesichtchen sah. Dabei dachten wir auch bereits daran, daß im nächsten Jahre die goldene Hochzeit meiner Eltern, welche beide in ihrem stillen Zimmerchen ein gesundes kräftiges Alter friedlich verlebten, sich vorbereiten müsse, und so war denn immer noch hinreichend für Leben und Bewegung gesorgt.
Was mein Verhältnis zu den höchsten Personen unserer königlichen Familie betraf, so durfte ich es ein durchaus erfreuliches und günstiges nennen. Die Gesundheit meines königlichen Herrn, dem seit seiner Thronbesteigung von allen Orten Beweise von Anhänglichkeit und Vertrauen entgegenkamen, war seit seinen zwei Badereisen eine sehr zufriedenstellende; die Königin umgab ihn mit Liebe und Sorgfalt und veranlaßte auch jetzt, wie schon als Prinzessin, vielfältig freiere und geistvollere Unterhaltungen, als der königliche Hof seit langem gesehen hatte; ja ich selbst fand mich nicht selten wieder veranlaßt, in diesen Abendzirkeln kleine Vorlesungen zu geben, wozu namentlich das Pariser Tagebuch in der letzten Zeit mannigfachen Stoff darbot. Auch Tieck hatte wieder mehreremal das Glück, seinen trefflichen dramatischen Lesungen dort Gehör zu verschaffen, und überdies sah Prinz Johann fast allmonatlich einmal in der Stunde von 6 bis gegen 9 Uhr kleine Abendgesellschaften von Gelehrten und Künstlern bei sich, an denen zuweilen auch der König teilnahm und in welchen mitunter die interessantesten, freiesten und vielseitigsten Diskussionen zustande kamen, Diskussionen, zu welchen jetzt, bei wieder herannahendem Winter, namentlich[566] ein neues und merkwürdiges Phänomen in der Kunstwelt Veranlassung zu geben pflegte, ein Phänomen, welches übrigens selbst einer der wichtigsten Wendepunkte werden sollte, den das Künstlertreiben in Dresden seit vielen Dezennien erfahren hatte.
Man erinnert sich nämlich, daß in jenen Jahren Düsseldorf anfing, durch die in seinen Mauern aufblühende neue Malerschule das größte Aufsehen zu erregen. Der älteste Sohn des greisen Direktors Schadow in Berlin hatte dort am Rhein als Akademiedirektor und als einer der in Italien von altkatholischer Kunstbegeisterung Ergriffenen eine Anzahl junger, feuriger Gemüter um sich versammelt; rheinisches Leben, deutsche Romantik in Musik und Poesie und eine tüchtige, akademische Schulbildung hatte mancherlei Werke hervorgerufen, von welchen ganz Deutschland mit Aufmerksamkeit sprach, und so waren nun im Herbst 1836 eine Reihe Gemälde von daher zur großen Kunstausstellung nach Berlin geschickt worden, welche nicht verfehlten, auch dort, wo in Hinsicht der Malerei seither sehr wenig des Erfreulichen zustande gekommen war, sich viele Freunde und Bewunderer zu erwerben.
So kam es denn bei dem hiesigen akademischen Senat und im Komitee des Kunstvereins, dessen Vorstand ich damals geworden war, sehr in Frage, ob man nicht veranlassen könne, daß die vorzüglichsten jener Düsseldorfer Gemälde, bevor sie wieder in ihre Heimat gesendet oder den Eigentümern ausgehändigt werden möchten, auf einige Wochen nach Dresden zur Ausstellung gesendet würden. Natürlich taten wir alles Mögliche, um das projektierte Unternehmen zur Ausführung zu bringen. Die Mittel, um den Transport zu decken, wurden beschafft, der Ausstellungssaal auf der Brühlschen Terrasse eingeräumt, dem Publikum gegen mäßiges Entree der Eintritt eröffnet,[567] und bald versammelte sich nun dort alles, was in Dresden irgend auf Kunstbildung Anspruch machte; insbesondere aber waren es der »Jeremias auf den Ruinen Babylons«2 von Bendemann und die »Hussitenpredigt« von Lessing, welche eine mächtige Anziehungskraft auf sämtliche Beschauer ausübten.
Es liegt nun in jeder neu aufblühenden Kunstperiode immer ein eigentümlicher Zauber; jedes neu Hervortreibende, weil es doch irgendeine innere Schöpferkraft beurkundet, ist gleich dem Frühlinge selbst allemal von einer gewissen, freilich bald mehr, bald weniger nachhaltigen Wirkung, und dies Gesetz machte sich denn auch hier und auch bei mir in hohem Grade geltend. Was aber jedenfalls bedeutender genannt werden konnte: unser kunstliebender König selbst war durch diese Ausstellung eigentümlich bewegt worden, und ohne daß er darüber irgend weitere Mitteilungen vorläufig gemacht hätte, veranlaßte er jetzt in der Stille durch Minister von Lindenau, daß Unterhandlungen eröffnet würden, ob es wohl möglich sei, einige der bedeutendern Kräfte dieser neurheinischen Schule auf hiesigen Boden zu verpflanzen; Unterhandlungen, aus welchen es später hervorgegangen ist, daß die Professoren Bendemann und Hübner nach Dresden berufen wurden, denen dann bald noch einige andere sich anschlossen und was denn alles zusammen nach und nach dahin gewirkt hat, die Kunstakademie Dresdens auf eine Höhe zu bringen, wie sie sie zuvor noch unter keinem der frühern sächsischen Regenten irgend erreicht hatte.
Was nun sonstiges Dresdener Leben betraf, so hatten wir diesmal einen sehr kalten Winter, und die Folge davon[568] mochte es mit sein, daß im Februar 1837 eine sehr heftige Influenza in der Stadt ausbrach, welche auch mich nicht ganz unberührt ließ, aber besonders mit ärztlichen Geschäften dergestalt überhäufte, daß für einige Zeit alle andern Arbeiten beiseite gelegt werden mußten. Trotz des im allgemeinen schnellen und gutartigen Verlaufs der Krankheit erlagen ihr doch so viele namentlich ältere Personen, daß die Sterbelisten fast auf das Doppelte sich steigerten. Auch die schon seit längerer Zeit von Wassersucht heimgesuchte Frau unsers Tieck unterlag ihrem Übel im Februar, er selbst jedoch erhielt sich fortwährend kräftig. Am 3. Januar hatte er uns noch namentlich durch die Lektüre eines altmönchischen Fratzenspiels, die »Sündflut« genannt, erfreut, wo er so recht seinem verwegenen Humor den Zügel schießen lassen konnte und viel dazu beitrug, die Gesellschaft von Freunden und Freundinnen, welche sich abends zur Ehre des Tages eingefunden hatten, in die heiterste Stimmung zu versetzen.
Eine Nachwirkung meines vorjährigen Besuchs in Weimar durfte ich es ferner nennen, daß ich jetzt endlich auch den Gipsabguß von Schillers Schädel von dort zugeschickt erhielt, nach welchem ich so lange gestrebt hatte. Ist doch von Goethe mit Recht dieses merkwürdige Gebäude, in welchem eine so begabte Psyche lange gewirkt hat, in einem eigenen Gedichte verewigt worden, und mir war nur aufgegeben, als Gegengabe dafür eine lebensgroße Kreidezeichnung meines eigenen Angesichts für das Goethe-Album nach Weimar zu schicken, was ich denn auch mittels eines von Rietschel ausgeführten Profils richtig vollbrachte, späterhin dafür aber von Schillers Schädel selbst eine sehr sorgfältige Abbildung in meinem »Atlas der Kranioskopie« dem Publikum übergab. Überhaupt beschäftigten mich in jenen Tagen die Reminiszenzen an Weimar viel, denn eben war mir der zweite Teil des[569] Literaturwerks von Gervinus zu Händen gekommen, wo das, was dort über Goethe gesagt ist, mir ganz eigene Betrachtungen erregen mußte. Wie gering doch alles, was man hier von ihm erfährt! Ein Bestreben zum Nivellieren dieses Geistes mit so viel Schwächern ist sicher gar nicht zu verkennen! Die Deutschen haben sich von jeher etwas lumpig gegen ihre großen Geister benommen, und so frappiert mich auch dies so wenig als die Weimarische Auktion.3 Freilich kann man sagen, daß, so interessant auch Goethes Sammlungen waren, sie doch immer, gleich dem Hause selbst, an und für sich klein und dürftig bleiben, wenn man sie gegen Museen hält. Wie daher die arme Form des Leibes in Asche verwehen soll, wenn der Geist entschwand, so mögen auch immerhin diese Sammlungen sich zerstreuen und das Haus zerfallen, nachdem der Begründer gestorben; in der Erinnerung werden dann auch sie um so mehr groß und unvergänglich bleiben!
Was Tieck betrifft, so hat er uns neulich auch wieder einmal »Das Leben ein Traum« vorgelesen, und ich bin abermals in wahrer Andacht bei diesem Werke verweilt! Das ist jedenfalls das Schlimme in unserer stets druckfertigen Zeit, daß von unsern großen Geistern gegenwärtig nun auch jegliches Geringste aufbewahrt wird und nicht bloß ihre mächtigsten Sachen! Muß es doch künftig der Nachwelt immer ein wunderliches Bild geben, wenn dem Geiste, der jetzt nicht mehr durch die Macht seiner lebendigen Persönlichkeit wirken kann, fortan auch noch alle seine Windeln und Kinderkleidchen nachgetragen werden! Hätte man von Calderon nur obiges Stück und noch einige[570] andere seiner besten und ebenso auch von andern immer nur das Beste, mir deucht, es wäre gesünder, konzentrischer und begeisternder!
Mitten aber im Strom all dieser Tätigkeit trat plötzlich mir ein Hemmnis heran, welches auf einmal meinen Bahnen ganz andere Richtungen anwies und eine Reise mir herbeiführte, von welcher ich den Tag zuvor, ehe ich sie antrat, auch noch nicht die leiseste Ahnung haben konnte. Der König nämlich, welcher diesen Sommer wieder, wie schon mehrmals in vorausgegangenen Jahren, eine Reihe von Sommerwochen sich zu einer Gebirgsreise ausgewählt hatte und diesmal einige Gegenden Oberitaliens mit besuchen wollte, war, zurückkehrend aus den Küstengegenden um Triest, in Laibach ernstlich erkrankt. So kam es denn, daß, als ich am 31. Juli mittags ganz unbefangen von meinen Besuchen aus der Stadt zurückkehrte, mir ein Bote eilig entgegenkam, meldend, daß der Kämmerer des Königs mich erwarte und wegen Erkranken des königlichen Herrn meine schleunige Abreise sich unbedingt notwendig machen werde. – Die Lage der Dinge war schwierig genug. In wenigen Wochen sah meine Charlotte ihrer ersten Entbindung entgegen, und daß dabei das liebe Kind die Anwesenheit des Vaters sehr vermissen würde, fiel mir freilich am schwersten aufs Herz.
Auch von dieser Reise hielt ich schon unterwegs ein sorgfältiges Tagebuch, welches später ins reine gebracht wurde, ohne darüber bisher irgend etwas zu veröffentlichen. Da ich indes gegenwärtig bei wiederholter Durchsicht doch gewahr werde, daß so manches darin auch andern Lesern sicher nicht uninteressant sein dürfte, so habe ich nun angemessen gefunden, auch von diesen Aufzeichnungen alles Wesentliche hier einzureihen und es als Vervollständigung meines Lebensbildes hinzustellen.

1
Ich bringe hier gleich bei, daß, nachdem unser Lottchen und noch eine dritte Frau verstorben waren, Rietschel anfing, immer ernster brustleidend zu werden, dergestalt, daß ich ihn, bevor er die Verbindung mit einer vierten Frau eingehen konnte, auf einen Winter nach Palermo sendete und daß denn dessenungeachtet das Lungenleiden doch allmählich sich mehr und mehr vergrößerte, bis es ihn endlich im Februar 1861 trotz aller erschöpften Kunstmittel hinwegnahm; wobei denn seltsamerweise, neben seiner großen Aufgabe des Luthermonuments, eine seiner letzten Nebenarbeiten wieder meine im Frühjahr 1860 vollendete Büste gewesen ist. Sie wurde natürlich weit trefflicher als die erste; das Original aber hatte freilich indes auch weit tiefere Falten bekommen als im Jahre 1836.
2
Es muß heißen: Jerusalem. Wahrscheinlich Verwechslung mit Bendemanns »Trauernden Juden im Exil«, die (nach dem 137. Psalm) »an Babylons Flüssen saßen und um Jerusalem weinten«. (Anmerkung des Herausgebers.)
3
Nachdem damals Goethes Enkel das Gebot des Bundestags für Ankauf des Ganzen als Eigentum Deutschlands abgelehnt hatten, da es ihnen nicht groß genug schien, so war wirklich von Veranstaltung einer Auktion des Goetheschen Nachlasses die Rede, zu welcher es indes glücklicherweise doch nie gekommen ist.


Dritter Teil

Diese Blätter ... waren bestimmt, zunächst mir selbst treue Gefährten der letzten Dezennien meines Lebens zu werden, zugleich aber auch andere – indem sie ihnen den gesamten Entwicklungsgang eines in vieler Beziehung reichen Lebens treu und offen darlegten – in ihrer Selbsterkenntnis zu fördern, auch sie durch den Blick auf manche vorübergegangene Lebens- und Zeitperioden überhaupt an Verständnis des Lebens zu bereichern. Ich habe es daher nicht verschmäht, namentlich in den letzten Jahren, hier nebenbei auch allerhand Betrachtungen zu sammeln, wie sie eben der Tag herbeiführte, das heißt Gedanken über andere Menschen und Zeitereignisse, über Bücher und Kunstwerke, anregende Vorkommnisse des Drama, gehörte Musik und dergleichen; denn an allen diesen spiegelt das Ich sich jedenfalls vielfachst wider und klärt an diesen Spiegelungen sich auf.
Carus





1.


2.


3.


4.


5.






I.
[9] Abreise den 31. Juli abends 8 Uhr











Es gibt ein gewisses Gefühl der Trauer, so allein in die Nacht hinauszufahren! – Es war ein gleichgültig trüblicher Abendhimmel, späterhin schwacher Sternschimmer. Erstes Morgengrauen auf den Nollendorfer Höhen. Im Tale nach Teplitz lagen dichte weiße Nebelstratus, und die noch dunkeln Berge des Mittelgebirges sahen gleich Inseln über der weißen Nebelschicht hervor. Unten im Tale kalt und feuchte Luft. In Teplitz hielt eben der Eilwagen vor der Post; unten im Hause wüstes Wesen vieler Fremden und schläfrige Gesichter der Aufwachenden. Kaum aber eine Viertelstunde, so fuhr ich zum andern Tore wieder hinaus, die Straße nach dem Milleschauer zu. – Nichts als schroff aufgeschobene kuppelförmige Berge! Weiterhin kommt man auch an einem großen Steinbruch kugeliger Basalte vorbei. Der Boden überall rot gebrannt von altem vulkanischem Feuer! Gletscherberg, Lobositzer, Rudnitzer Berg, alle scheinen nichts als aufgehobene Wellen der Erde. Das Wetter wird sonnig. Man kommt in die Gegend von Theresienstadt; von außen und von weitem scheint es sehr unbedeutend. Man glaubt hinter sacht aufsteigenden Wiesen und Büschen etwa einen gewöhnlichen Marktflecken vor sich liegen zu sehen, kommt man aber herein zwischen die gewaltigen Mauern, über die breit und tief zwischen den grünen Flächen eingeschnittenen Festungsgräben mit ihren schroffen, scharfkantigen Batterien, so ist der Eindruck[9]  durchaus imposant. Die geketteten Baugefangenen, die straffen österreichischen Kanoniere, die Brückenketten und die kellerartigen Gewölbe der Tore, es gibt den Ausdruck des höchsten Pedantismus des Lebens. Ich fahre schnell hindurch. Die Berge treten hinter Theresienstadt in die Ferne, man setzt auf einer etwas gebrechlichen Fähre nach Weltrus über und fährt auf langen schnurgeraden Chausseen, bis endlich zur Rechten in der Ferne auf bergigen Boden weit hingestreckt Prag erscheint.
Bei schönem Nachmittagssonnenlicht nahm es sich bedeutend aus. Das Großartige vielfältig zusammengedrängten Menschenlebens verfehlt doch nie seine Wirkung! Ich war von dieser Seite noch nicht nach Prag hereingekommen. Erst als ich am Stadthause die alte kunstreiche, gotisch verzierte Uhr wiedersah, kam mir die volle Erinnerung von meinem frühern Aufenthalt in Prag wieder. Die schöne Moldaubrücke hatte ich zuletzt um Mitternacht auf meinem Wege nach Italien überfahren, diesmal schimmerte alles im herrlichen Lichte der Abendsonne. Es wird sich in dieser Art doch schwerlich eine Brücke in Europa mit der Prager Brücke vergleichen können! Die alte, sonst in Ruinen liegende Maltheserkirche sah ich von außen wieder neu, doch etwas ungeschickt aufgeputzt. Eine noch sonderbarere Verwandlung einer Kirche fand ich indes im Posthause! Auf die Pferde wartend, ging ich auf der Flur des Posthauses auf und ab, als das eigene Licht des Hofs, wo die Postwagen eingeschoben waren, mich anregte, einige Schritte dorthin zu tun. Was war dieser Posthof? Ein Kirchenschiff; noch sah man die Pfeiler der Kirche, oben den Gang zum Chor; was sonst zu Kapellen führte, das waren jetzt Türen zu Expeditionen und dergleichen. Das Tageslicht fiel noch von oben durch die hohen, abwärts zugemauerten Kirchenfenster, daher der eigene Farbenton, der sich über diesen[10]  Raum ausbreitete. Das Ganze wäre keine üble Aufgabe für einen Interieur-Maler gewesen. Ein Kirchenschiff als Gasthof, es wollte mich fast gemahnen, wie etwa ein Liebesbrief als Wechselbrief überschrieben! Ich mußte wieder über die schöne Brücke zurückfahren, sie war gedrängt voll von Spaziergängern; eine sonderbar eigentümlich sinnliche Physiognomie gewahrt man doch an den meisten dieser Leute. Mein Weg führt mich den steilen Berg zu der halb in Ruinen liegenden Burg hinauf und dort oben durch die letzten Festungswerke wieder ins Freie. Eine farbige Dämmerung sinkt herab, die Luft ist rein und kalt; ich bereite mich, die zweite Nacht zu durchfahren.

Am 2. August

Es war eine trübe Nacht. Als es eben Tag wurde, lag auf einer Anhöhe vor mir das alte Tabor, der von den Hussiten verschanzte Berg, wo sie dem kaiserlichen Heere Trotz boten, wo sie eine Stadt gegründet hatten und, indem sie sie Tabor benannten, von ihr wieder den Namen Taboriten empfingen. Auch hier war die Metamorphose neuerer Zeit unverkennbar, einige alte Mauertürme, von denen vielleicht Ziska einst kommandierte, hatten sich's gefallen lassen müssen, daß man sie anweißte, die Mauern daneben abbrach und Gärtchen und Gartenhäuser dort anlegte. Wollte man doch nur überall begreifen, daß so, wie dergleichen und überhaupt alles um uns her unaufhaltsam sich verwandelt, auch der Mensch in seinem Wollen und Verneinen, Lieben und Hassen, Leben und Streben stets von Zeit zu Zeit ein anderer wird, andere Bedürfnisse hegt und andere Verhältnisse fordert! – Von hier aus über manch hügelige Landstrecke in kaltem Nebelregen unter stillen innern Betrachtungen bis gen Budweis, wo ein helles Sonnenlicht die Wolken durchbrach und das heitere Örtchen heiter erleuchtete. Es ist manches[11]  in der Baulichkeit hier, das an den Stil der Jesuiten erinnert: so der opulente hohe Brunnen auf dem Markte mit dem Simson und dem Löwen. Trotz allem Schnörkelhaften ist, was unter ihnen gebaut wurde, meistens in einem großen Sinne getan. Den ersten Ruhepunkt eines guten und schnellen, freilich ganz einsamen Diners auf dieser flüchtigen Reise hielt ich hier! Noch während die Pferde kamen, skizzierte ich ein Stückchen des Markts mit dem Brunnen, den Arkaden und dahinter sich gruppierenden Häusern, und wieder fort ging's dann über die Höhen nach Linz hin, der Eisenbahn folgend, welche (freilich nur für mit Pferden bespannte Wagen) sich dort in Schlangenlinien an den Anhöhen hinaufzieht. Die Gegend umher ist mannigfaltig und anmutig, und es fuhr sich in meinem leichten offenen Wagen, von mancherlei guten Büchern umgeben, ganz angenehm. Da hörte ich von weitem einen eigenen schrillenden Ton – es war eine Strohfiedel. Am Wege saß oder vielmehr kniete ein Mann, halb in Lumpen gekleidet, das Instrument gegen den Boden stemmend und spielend, nicht weit davon ein Wägelchen mit dürftigem Hausgerät, ein Kind, eine ältliche, elend aussehende Frau und neben ihr angebunden ein junges Schwein! Das Ganze nahm sich bei dem sonderbar schrillenden Klange auf der einsamen sonnigen Wiese seltsam aus, war es doch das geschlossene Bild eines ganzen kleinen menschlichen Daseins! Der Mann hatte übrigens ein hübsches mager-blasses Gesicht mit langem blondem Knebel- und Kinnbart! Was hätte unter andern Umständen vielleicht aus ihm werden können!

Am 3. August


  Amazon.de Widgets
Nur wenige Stunden hatte ich in Freistadt, nach zwei ganz durchfahrenen Nächten, dem Schlafe gegönnt, und beim ersten Morgengrauen fuhr ich durch dichte Frühnebel[12]  zwischen den bewaldeten Höhen gegen Linz weiter. Der Weg schlingt sich dann durch mancherlei Täler zu einer Höhe hinan, und auf einmal treten die beschneiten Gipfel der Steirischen Alpen erst einzeln hervor, bis hinter Neumarkt auf einmal in herrlich reiner Morgensonne und unter weitem blauem Himmelszelt die ganze Kette dieser Gebirge bis zum Traunstein und weiter ins Salzburgische hinaus vor mir ausgebreitet liegt! Das Wetter hatte durch starken Schneeniederschlag in höhern Regionen eine Krisis bewirkt und sich auf lange geläutert, aller Rasen und alle Büsche und Bäume schimmerten von Tau, munteres Landvolk in seinen breiten runden Hüten war in den Feldern schon für die Ernte tätig, und wie ich so in der reinen Luft durch alle diese Herrlichkeit im offenen Wagen hindurchrollte, da wurde mir zum erstenmal wieder recht freudig zu Sinne, und mit frischerm Mute aller früher schon überstandenen Lebensmühen und Gefahren gedenkend, zog ich meines Weges vorwärts!
Ich konnte mich nicht satt sehen an diesen schön gezeichneten Alpen, in ihren runden, vollen, bläulichen Schatten und blitzenden Schneelichtern! Es liegt so etwas durchaus Genügendes, Klares in diesen alten Erhabenheiten der Erde!
Noch oft erschienen sie mir, immer hinter den nähern Höhenzügen wieder auftauchend, bis endlich auf der Höhe vor Linz sich nun auch das Donautal auftat, auch die Donau mit ihren Biegungen und Inseln sich zu allem andern Großen gesellte und die reiche Stadt und die Alpen zugleich im heitern Sonnenlicht dalagen!
Die Kette der Linzer Befestigungstürme, von welchen ich früher manches gelesen, machte sich schon von weitem, wie sie um die bebuschten Höhen vor der Stadt sich hinanzog, bemerklich, und bald fuhr ich nun über die lange hölzerne Donaubrücke in das Innere der Stadt ein. Wie[13]  sehr hat hier nicht alles schon ein südliches, ein italienisches Ansehen! Lauter weiße hohe Häuser mit sehr niedrigen, wenn auch nicht ganz flachen und oft maskierten Dächern, kein Glasfenster sichtbar, sondern alle Fenster mit grünen Jalousien bedeckt, an welchen höchstens einige Chassis aufgeklappt hervorstehen, an vielen Fenstern eiserne Balkone, ich glaubte mich fast in Domodossola oder Como! Und welch gesunder, frischer Menschenschlag auf den Straßen sichtbar, einige sehr schöne Mädchengesichter (die Linzerinnen sind ja berühmt) begegneten mir schon auf der Brücke.
Ich fuhr nun durch fortwährend reiche mannigfaltige Voralpengegend bis Gmunden. Immer die in der Tiefe hinziehende blaugrüne Traun einerseits und den hohen Traunstein andererseits! Die Sonne sank, und gegenüber glühten die Kämme der Alpen im Spätrot. Seit zwei Jahren hatte mich ein Bild beschäftigt, wo hinter zwei mächtigen, innig verschlungenen Eichen eine im Abendrot verglühende Alpenkette sich hinzieht. Es war, als sollte ich hier diese Wirkung noch einmal sehen, bevor ich das Bild vollendete! Aber was sage ich von diesem Gmunden, unter breithin schattenden Nußbäumen am Ausfluß der Traun aus dem Traunsee gelegen! Welcher Anblick, schon von dem Wege, wo man zur Stadt und zur Brücke über die Traun herabfährt, zu diesem herrlichen Traunsee, dessen bläulicher Spiegel unter mildfarbiger Gegendämmerung zwischen schön gezeichneten Kalkalpen sich hinausdehnt! Hier wäre so ein Ort, um in schöner Jahreszeit monatelang ein erquickliches, inneres Leben förderndes, poetisches Dasein zu führen!
Der König, hieß es in Lambach, werde in Gmunden sein, um mit der Familie des österreichischen Kaisers einer großen Festlichkeit beizuwohnen, welche mit Lustfahrten auf dem See, Erleuchtungen und dergleichen begleitet[14]  sein sollte; von alledem keine Spur! Und so denke ich mindestens die Nacht hier zuzubringen, um morgen früh gleich nach Ischl zu gehen, wo ja sämtliche hohe Häupter verweilen sollen.
Schon dunkelte der Abend nieder, und ich konnte nicht widerstehen, noch eine Strecke auf den See hinaus mich rudern zu lassen, um nach heißem Tage hier die anmutigste Kühlung zu atmen, während ringsumher die Gebirge in immer tieferes Dunkel sich hüllten und über und unter mir die Gestirne sich entzündeten. Ganz eigentümlich, ein Duodez-Neapel, liegt dies Gmunden mit seinen flachgedeckten weißen Häusern mit grünen Jalousien am Seeufer! – Die Fenster meines Zimmers im Gasthofe gehen auf den freien Platz vor dem Hause, und dieser Platz ist wieder gegen den See geöffnet! Noch spät atme ich am Fenster mildere erquickende Seeluft, von den Alpen herab über das Wasser herüberwehend; noch immer plätschern ein paar Ruder auf dem See – die Leute plaudern vor den Türen (auch hier ist ein feiner, wohlgebildeter Menschenschlag), und drüben von einer Landspitze am See steigen einige Raketen und romantische Lichter blitzend vor den dunkeln Bergwänden auf, während ihr Widerleuchten im See sich unter die widergespiegelten Sterne mischt.

Am 4. August



Welch köstlich reiner Morgen! Das erste Frührot erleuchtet die Felskanten der Alpen dahinten über dem bläulichen dampfenden See! Aber noch einen Blick – und fort!
Ich fuhr bis Traunkirchen immer längs der Ufer des Sees; welche Fülle von Bildern! Leichte holzerbaute Häuser von hohen Nußbäumen beschattet, üppige Vegetation auf dem Boden bis hinunter an die schilfigen Ufer des Sees. Ein kleines Schloß auf ein paar Felsblöcke in den See hineingebaut,[15]  über welchen noch weiße Nebelstreifen sich breiten. Hinter alledem immer die gewaltigen Massen des Traunsteins und des an ihn sich anlehnenden Alpenzugs! So in steter Abwechslung fort bis Traunkirchen, wo auf einem scharfen umbuschten Felsvorsprunge die Kirche sich über das Holzwerk der Wohnungen erhebt und im See sich spiegelt.
Man schiebt meinen Wagen hier auf einen breiten Kahn, sechs Ruderer setzen das doppelsinnige Fahrzeug in Bewegung, und ich gleite in warmer Morgensonne über den grünen Spiegel des Sees bis hinüber nach Ebensee.
Das wenige, was ich im Herein- und Hinausfahren von Ischl sah, zeigte mir ein gewöhnliches, zwischen hohen mit Nadelholz bedeckten Bergwänden eingeschlossenes Örtchen, durch das neuerlich sehr in Aufnahme gekommene Bad mit vielen ganz netten, aber alltäglichen Häusern vermehrt. Aussicht auf die höhern Alpenkämme ist natürlich soviel als keine; an einer Stelle nur sieht man den Dachsteingletscher, und bei schlechtem Wetter mag daher auch in diesem Bade die Existenz trist genug sein!
Es war wieder heiße Mittagssonne, als ich den gewaltigen, den Pferden selbst bei meiner leichten Chaise zur langen Qual gereichenden Berg gegen Aussee hinanfuhr.
Nach endlich gewonnener Höhe tritt man in das Tal der Enns ein und ist in Steiermark. Ein schöner Menschenschlag! Als ich in Aussee beim Wechseln der Pferde in ein Wirtshaus trat, um mit einer Tasse Bouillon das übergangene Diner zu ersetzen, welch eine ausgezeichnete Mädchengestalt trat mir da entgegen, um mich zu bedienen! Voll, schön und schlank aufgewachsen wie eine junge Birke, ein Teint und eine Zartheit der Haut, die unsere Damen mit Gold erkaufen würden, wenn sie sie erlangen könnten, und welch schön gezeichnetes Gesicht! Mir fiel die Chocoladière Liotards von unserer Galerie dabei ein,[16]  nebenbei so fein in ihren Bewegungen, eine wahre Huris eines mohammedanischen Paradieses – doch vorbei, vorbei!

Am 5. August

Die Nacht war klar und warm, fernes Wetterleuchten in Westen! Ein sonderbarer Kontrast, als ich in Rottenmann um Mitternacht auf dem Markte stand, die frischen Pferde erwartend: über mir schimmerten die lichten Sterne so rein, gegenüber gegenüber leuchtete rottrübes Licht aus einer Taverne, und während dorther in der stillen Nacht wüster Tanzlärm herüberscholl, zog vor der andern Seite eine große Herde echt ungarisches Hornvieh mit seinen Treibern heran und drängte sich in wunderlicher Hast in dieser gänzlichen Dunkelheit durch den Ort!

Am 6. August

Am klaren duftiger Morgen fahre ich dann in die gesegneten Fluren um St. Veit herein. Umher edle Bergformen, auf den Feldern wuchern Mais, Kartoffeln und Kürbis oft auf einem Acker zusammen, Wein rankt über die Mauern, schönes Vieh wandelt auf den Triften, nur die Menschen haben in Miene, Wuchs und selbst in der ungeschickten schwerfälligen Kleidung etwas Dumpfes. Nun nach Klagenfurt. Auch hier ist der König nicht, obwohl man ihn täglich erwartet, und so führt mich denn mein Weg über die breite reißende Drau zunächst dem gewaltigen Gebirgspaß des Leobel oder Leubell entgegen. Das Herauffahren mit vier starken Pferden an meiner leichten Chaise ging rasch genug, die Hitze war groß, und die blauen Schatten standen den ungeheuern Berg- und Felswänden oft ausnehmend gut. Zugleich änderte sich die Flora merklich, gelbe Salvien, Zyklamen, Alpen-Huflattich und der blaßgelbe Fingerhut blühten am Wege. Im ganzen fehlt indes immer noch, namentlich auf den Tälern der[17]  Nordseite, das recht Alpenhafte, denn man vermißt die über die bewaldeten Gebirge aufragenden Gletscher und höchsten Felshörner. Nur an einzelnen Stellen lagen zwischen den obersten Klippen noch einzelne Schneefelder. Bedeutender wird alles schon auf der Südseite, dort sind die Abstürze schroffer, die grauen Felshörner (immer Alpenkalk) mächtiger, und der Hinabblick in das tiefe Tal und in die weite Ferne bis nach den Gebirgen gen Triest hin wird sehr großartig. Auch steigen nun die Spiralen der Weglinie scheinbar fast senkrecht hinab, und man schauert unwillkürlich, wenn man fühlt und sieht, wie der Wagen, von zwei Hemmschuhen und zwei Pferden gehalten, so rasch von einem Abschlage zum andern hinabschurrt. Unten im Tale rauscht ein starker Gebirgsbach blauen klaren Wassers, über die grauen und gelben Felsblöcke sprudelnd und schäumend, der Save zu. In Neumärktel am Wirtshaus zur Post sitzt das illyrische, nicht eben anmutige Gebirgsvolk in seiner meist schwärzen Tracht, sonntägig geputzt, zusammen und ist in slawisch-krainischer Mundart auf fast italienische Weise laut. Auch hier eilig weiter! Ich überschreite bei Krainburg die nun schon breit strömende blaue Save und komme durch heiter angebautes, oft schön bewaldetes Land, die Kärntner Alpen im Rücken, bei schönster Abendröte mit glänzendem Sichelmonde, zur Ansicht dieses endlichen Reiseziels, Laibach, welches mit seinem Kastell in weiter Ebene und vor einer Reihe höherer Waldberge recht stattlich im letzten Abendsonnenstrahl daliegt! Möge hier diese Irrfahrt glücklich enden, die von so manchen andern mindestens die unerwartetste war!

Laibach, 8. August


  Amazon.de Widgets
Die Tage vergehen mir hier natürlich fast ganz an der Seite meines Kranken. Ich konnte heute in das über seinen Gesundheitszustand ausführlich gehaltene Tagebuch[18]  eine wichtige kritische Erscheinung eintragen und hoffe somit auf eine baldige entschiedenere Besserung. Schon seit einigen Tagen ist der König bei den warmen Abenden zwischen fünf und sechs Uhr etwas ausgefahren, und obwohl das Fieber noch nicht ganz verschwunden ist, kann man in diesem Klima eine solche Erquickung dem Kranken wohl gestatten. Ich fuhr daher gestern selbst mit ihm und fand ihn auch schon etwas heiterer als vorgestern. Ich selbst erfreute mich dieser südlichen, durch die Abendstunden angenehm gedämpften Wärme und dieser farbigern Beleuchtung. Besonders schön nahm sich, als wir zurückfuhren, das Abendlicht aus, wie es sich über die Stadt und den Burgberg verbreitete. Namentlich war das Grün des letztern von einer Klarheit und Dunkelheit, wie grüner Samt auf einem Bilde Tizians. Auch die Waldung hierherum hat einen eigenen Charakter! Den niedern Pflanzen und den Bäumen nach gleicht sie unsern Fichten- und Kiefernwäldern mit all ihrem Adlerfarnkraut, allein es hat doch schon alles ein volleres frischeres Ansehen; gute Kastanienbäume wachsen oft mitten unter den Kiefern, und die Schatten zwischen den Bäumen haben einen mildern Ton, auch fehlt die feuchte Kälte, die im Dunkel unserer Wälder, selbst an warmen Tagen, uns oft so belästigt.
So vergehen denn hier im ganzen die Tage wohl zuweilen etwas peinlich, doch richtet es mich bei dergleichen immer wieder auf, wenn ich dabei der alten Ritter gedenke, welche im Kampfe gegen die Sarazenen die stille Pflicht der Krankenpflege übten, oder es fällt mir der alte Konnetabel von Frankreich ein, der, mit Ludwig dem Heiligen im Gelobten Lande im dicksten gefährlichsten Gedränge kämpfend, seinen Gefährten zuversichtlich den Mut stählte, indem er ausrief: »Oh! Nous en parlerons encore devant les dames!«

[19]  Laibach, 10. August

Der gestrige Tag brachte einmal eine reichere Mannigfaltigkeit. Früh, nachdem ich mit Professor Zschuber den König gesehen und mit Freuden mich von seiner fortschreitenden Besserung überzeugt hatte, begleitete mich Zschuber zunächst in sein Krankenhaus, das hiesige Zivilhospital. Ein ehemaliges vom Kaiser Joseph II. aufgehobenes Kloster hat das Lokal dazu hergegeben und ist zweckmäßig vergrößert und ausgebaut. Es gewährt zugleich der kleinen Medizinisch-Chirurgischen Akademie, welche hier besteht und an welcher Zschuber Professor der Klinik ist, die nötigen Hörsäle und ein anatomisches Theater. Die Krankensäle sind meist hoch, geräumig, reinlich und gegen Sommerhitze und Winterkälte gut geschützt. Zweierlei Krankheitserscheinungen waren mir dort merkwürdig: die erste ein »Brand der Alten«, an einer bejahrten kachektischen Frau, deren rechter Unterschenkel bereits unter heftigen Schmerzen völlig abgestorben, kaltbraun, lederartig eingetrocknet (mumisiert) war (wie sonderbar, daß wir unter unsern eigenen Augen zur Mumie werden können!), die andere, und zwar noch nie gesehene Erscheinung war die bösartige, in Dalmatien und Kroatien einheimische Flechte des »Scarlievo«. Man ist dort genötigt, noch eigene Hospitäler hiergegen, wie sonst gegen den Aussatz, zu errichten, und nur unter der kräftigsten Einwirkung gelingt die Heilung. Auch viel biliose und nervöse Wechselfieber, in ihrem Gange der Krankheit unsers Königs nicht unähnlich, fanden sich vor. Im ganzen können etwa 150 Kranke unterkommen, indes baut man noch zu. Auch Gebärhaus und Irrenhaus gehören zur Anstalt, letzteres ist ein kleines Gebäude und enthält etwa 20 Kranke, alle in besondern, durch Gittertüren auf einen gemeinsamen Korridor geöffneten Zellen bewahrt. Unter den Irren befand sich einer, der die fixe Idee gehabt[20]  hatte, Scharfrichter zu sein, und dem daher die Lust anwandelte, mit der Axt umherzugehen und die ihm Begegnenden hinzurichten. Unter allem Dilettantismus wohl der gefährlichste!
Wir wendeten uns darauf zu dem nicht weit entfernt liegenden Militärhospital, wo uns die Behörden in militärischer Parade empfingen. Auch hier ist ein aufgehobenes Kloster und noch dazu ein Nonnenkloster! Das Lokal ist weniger günstig, die Luft nicht überall rein, die Verpflegung mit Kost (es wurde mir davon vorgelegt) nicht uneben bis auf den Wein, dem ich einen andern Namen gewünscht hätte. Das traurigste Krankheitsbild gab ein junger Mensch, am Heimweh leidend und dadurch in lebensgefährlichen dumpf nervösen Zustand versetzt. Umsonst hatte man ihm nun versichert, er sei frei und solle zu seinen Eltern zurückgebracht werden; es schien wenig Hoffnung für ihn mehr übrig! – Übrigens glaube ich mich noch um diese Spitäler verdient gemacht zu haben durch manche Fingerzeige über Heilmethoden einiger den Anstalten dieser Art oft zu besonderer Last gereichenden Krankheiten.
Das Museum [des Herzogtums Krain] befindet sich in dem Gebäude des Gymnasiums, und der mit der Kuratel des letztern beauftragte Domdechant Jarrin ermöglichte die Eröffnung desselben.

  Amazon.de Widgets
Auch dies, jenseits der Laibach, in der eigentlichen Stadt und unweit des Marktes gelegene Gymnasialgebäude ist ein ehemaliges Kloster, durch die vulkanische Erschütterung des kräftigen Willens Kaiser Josephs aus dumpfem Mönchtum zur Unterrichtsanstalt auferwacht. Schon in der Vorhalle des Museums sah man verschiedene auf die alte Geschichte dieser Stadt bezügliche römische und mittelalterliche Monumente eingemauert. Sei es daher bei dieser Gelegenheit gleich mit erzählt, daß Laibach nach[21]  vielfältigen Forschungen schon einem hohen Altertume angehört. Man sagt, Jason, als er mit den Argonauten den Ister und die Save hinaufschiffte, habe es unter dem Namen »Hemone« gegründet, und der Fluß Laibach sei der »Nauportus« der Alten. Gewiß aber ist es, daß das heutige Laibach (italienisch Lubiana) die Kolonialstadt Aemona der Römer war, welches durch zahlreiche Grabsteine, Lampen, Münzen usw., die man hier ausgräbt, erwiesen wird. Unter den römischen Grabsteinen verschiedener Art fand sich auch ein späterer christlicher, mit hocherhabenem Brustbilde eines bärtigen Ritters, Kiesel von Kieselstein, welcher zur Zeit der Reformation, deren starker Verfechter er war, sich in diesen Gegenden um Verbesserung des Zustandes des Volks (so sagte selbst der Domdechant) mannigfaltig verdient gemacht hatte.
Was mich betraf, so fühlte ich mich im Innern schwermütig gestimmt. Es war so vieles da und fehlte doch so vieles! Die Gegend, so hübsch sie ist, hat durchaus die Bedeutung einer Übergangsgegend. Laibach ist die am südlichsten gelegene Stadt, wo noch deutsch gesprochen wird; ihrem Breitengrad nach (46°2' nördlicher Breite) sollte das Klima völlig italienisch sein, aber ihre beträchtliche Höhe (912 Fuß über dem Adriatischen Meere) wirkt wieder störend ein und bedingt die vorherrschende Nadelwaldung. So ist denn die südliche Sonne da, aber Pinien, Feigen, Zypressen und Wein suchst du vergebens; der Himmel kleidet sich in mildere Farben, doch in den Gesichtern wie in den Wohnstätten der Menschen regt sich kein Funken von Kunstsinn. Selbst die hohen Alpenzüge in der Nähe, so schön oft ihr Farbenschimmer – ihre Zeichnung stimmt nicht zu den Formen, die uns im Nahen umgeben; kurz, ich fühlte mich einsam, unbefriedigt, keine Stimmung so wenig als irgendeine Lust zum Zeichnen dieser Formen wollte kommen. Erst später[22]  abends, als ich wieder auf der Galerie unsers Hauses einsam stand und über die Dächer und den fernen Waldhügel in das köstliche, in reinsten Farben ersterbende Abendrot sah und mir höher oben im purpur-geröteten Blau das blanke Gold des wachsenden Mondes leuchtete, wurde es mir heimatlicher zumute.



II.
[23] Laibach, 11. August











Wieder ein Tag abgetan in dieser illyrischen Einöde! Die Hitze verhindert vieles Ausgehen, unser erhabener Kranker schreitet täglich etwas in der Besserung vorwärts, und sein fieberhaft gereizter Zustand nimmt ab. – Ich saß daher den größten Teil des gestrigen Tages über meinen illyrischen Büchern. Vieles über Volkssitten und Volksgebräuche findet sich hier vor, und alles deutet auf einen gewissen rohsinnlichen Charakter dieser Stämme. Ein Beispiel ist auffallend genug, um zu zeigen, in welche ganz materielle Formen sie die erhabensten Vorstellungen zu drängen versuchen. So erzählt Hacquet, daß man, um anzudeuten, es sei die Himmelskönigin Maria die Beherrscherin aller Elemente, bei diesen Slawen zuweilen sich mit Abbildungen geholfen hat, allwo Maria nicht anders erscheint als die vogelfüßigen Sirenen auf manchen altgriechischen Darstellungen, das ist ein Löwenleib (Erde), Adlerflügel und -füße (Luft), ein Fischschwanz (Wasser), und um das Menschenhaupt der Maria mit der Königskrone ein Lichtschein (Feuer). Eine Abbildung dieser Art sieht man im Buche kopiert; gewiß das wunderlichste, am meisten heidnische Marienbild, welches wohl irgend vorgekommen! Endlich hat mich auch noch des F.S. Metelko »Lehrgebäude der slawonischen Sprache[23]  im Königreiche Illyrien« (Laibach 1825) beschäftigt. Nebst manchen interessanten Etymologien, die man daraus lernt, ist mir eine Sammlung slawischer Sprichwörter interessant gewesen. Ich schreibe einige davon in ihrer deutschen Übersetzung ab:
»Wen einmal die Schlange beißt, der fürchtet sich vor jedem gewundenen Seile.«
»Sei nicht zu süß, damit dich nicht jemand verschluckt.«
»Die Wahrheit ist ein Tau des Himmels, dem du, um ihn aufzubewahren, ein reines Gefäß bereiten sollst.«
»Die Frauenzimmer sind von langen Haaren und kurzen Gedanken.«
»Die Ewigkeit windet um den bittern Becher des Frommen einen wohlriechenden Kranz der Hoffnung.«
Und so haben mir denn meine literarischen Exkurse doch allerhand Früchte eingetragen!
Beiläufig machte ich übrigens gestern gegen Mittag auch noch einen wirklichen Exkurs in die Stadt, um einiges einzukaufen. Ich hatte meine Betrachtung über die alte hölzerne Brücke, welche über die schmale Laibach zur eigentlichen Stadt führt. Sie ist, wie der Pont-neuf in Paris, hüben und drüben mit kleinen Verkaufsbuden eingefaßt, gleicht aber sonst dem Pont-neuf, wie Laibach Paris gleicht. Am Anfang der Brücke, zur Linken, steht, auch unter einer Art Budendach, eine ungeschickt geschnitzte, halberhabene, buntgemalte Kreuzigung, an welcher die vorübergehenden Weiber unterer Klassen die Füße des Gekreuzigten zu küssen pflegen, während die übrigen meistens nur grüßend vorübergehen. Betrachte ich wieder das Innere der Stadt, so tut sich stets im Stil der Häuser etwas Ungeschicktes und Schwerfälliges hervor, die Gassen sind krumm und schlecht gepflastert, und die Verkaufsläden sehen mindestens dürftiger aus, als es von einer Stadt, welche ein wichtiger Punkt auf der großen Handelsstraße[24]  zwischen Wien und Triest ist, erwartet werden sollte.
Um den Brunnen am Markte saßen eine Menge alter illyrischer Weiber, allerhand Gemüse und dergleichen feilhaltend. Ein entschieden anderer Menschenschlag, durch ein lang viereckiges Gesicht mit großem Unterkiefer und breitem Mund ausgezeichnet. Ideale zu den Phorkyaden im »Faust« hätten in diesen alten sonnenverbrannten Gesichtern sich wohl auffinden lassen.
Bei einem ähnlichen Gange, den ich heute machte, begegnete ich übrigens auch einigen sehr hübschen, elegant gekleideten Frauenzimmern, meist von kurzem, üppigem Wuchse. Aber fast allemal neigte das deutsche Gesicht durch etwas stumpfe Formen sich zum slawischen, selten war eine Hinneigung zum italienischen sichtbar. Ziemlich viel italienisch hört man schon sprechen und findet italienische Inschriften, häufiger aber klingt uns das Slawonische um die Ohren.
Die Aussicht vom Burgberge über Stadt und Umgebung könnte man schön nennen, besonders die nördliche Fernsicht nach den majestätischen Steirischen Alpen mit ihrer höchsten Kuppe, dem Sattelberge, und mehr westlich nach dem höchsten Punkte der Krainer Alpen, dem Mont Terglou (Dreikopf), zumal die zart ultramarinblaue Färbung der erstern war prächtig. Dagegen sind die Linienverhältnisse all dieser Umgebungen auch von hier aus gesehen nicht so rein und schön, wie sie einem Bilde sich eignen. Hier noch mannigfaltig über Natur des Bodens und Verlauf der Laibach, wie sie am östlichen Rande dieser Ebene der Save zueilt, belehrt, lernte ich auch noch besser verstehen, wodurch diese Gegend überhaupt einen so eigentümlichen Charakter erhält: So gewahrt man zum Beispiel auf den Feldern überall aufgebaute lange bedachte Gerüste, welche »Harfen« genannt werden und in[25]  welchen das geerntete Getreide aufbewahrt wird. Eine solche Vorkehrung erhält nämlich dadurch ihre Bedeutung, daß es nach hiesiger Feldwirtschaft besonders darauf ankommt, das Getreide schnell abzuräumen, um dann den Boden gleich wieder, und namentlich mit Buchweizen, zu besäen. Man schafft also auf diesen Harfen das Getreide immer nur zunächst etwas beiseite und bringt es dann erst im Spätherbst mit aller Bequemlichkeit zur Scheuer.
Was die Burg selbst betrifft, welche als weitläufiger Bau diesen Hügel bedeckt, so war sie sonst der Sitz der Herzoge von Krain, ist aber jetzt – ein Zuchthaus.
Trauriger Anblick! Auf dem weiten Burghofe vorn durch ein hohes eisernes Gitter von dem Wachtlokal abgesondert, wanderten eben in diesem milden Abendlichte die aus ihren Zellen und Arbeitssälen gelassenen, aber immer geschlossenen Gefangenen zu zwei, vier oder sechs auf und ab, damit ihnen die nötige Lüftung und Bewegung zuteil werde! Ich dachte an Fidelio! Aber der schöne Chorus der Gefangenen fehlte freilich sowie ein Fidelio selbst! Ein Blick in die Schlaf- und Arbeitssäle dieser Unglücklichen, welche, wie ich höre, auch hier gewöhnlich schlechter aus dem Zuchthause hervorgehen, als sie hineinkamen, war trübselig genug, trotzdem daß Ordnung, Lüftung, Reinlichkeit nicht zu verkennen war. Selbst das Kirchlein, ausgemalt mit den Wappen aller frühern Gouverneurs, so hier befohlen hatten, als dies noch der Sitz der Regierung war, sollte nicht unbesucht bleiben, dann aber verließen wir diese Kerkermauern und wendeten uns nach dem südlichen Ende des Burgberges, wo noch manche Ruinen älterer Befestigungsmauern und Türme stehen.

Laibach, 12. August

Endlich leuchtet ein Gestirn, welches wieder nach Norden deutet! Die bedeutend fortgeschrittene Besserung des Königs[26]  erlaubt daran zu denken, morgen zu reisen, und läßt erwarten, sich etwa den 23. August wieder in Dresden, zu finden.
Der gestrige Vormittag führte mich noch zur Besichtigung des anatomischen Theaters, welches unter der Direktion des Professors Melzer steht oder vielmehr liegt, denn es war das schlechteste, so ich noch gesehen! Und gegen Abend sahen wir dann die große, in der östlichen Vorstadt gelegene, durch eine treffliche englische Dampfmaschine betriebene Zuckerraffinerie. Zwei Raffinerien dieser Art, die andere auf dem Wege nach Wien gelegen, gehören einem Handelshause und fertigen zusammen jährlich ohngefähr 60000 Zentner Zucker aus westindischem Rohzucker. Wir stiegen zuerst zu der Wohnung des Direktors. Eine Tochter desselben empfing uns in einem eleganten Zimmer. In Mähren geboren, voll und kräftig, mit weißer Haut und schwarzem langlockigem Haar, mit nur halbösterreichischem Dialekt, stellte sie eine eigentümliche Nationalität sehr gut dar.
Die Fabrik selbst war in vieler Hinsicht interessant und gab mir zuerst den vollen Begriff, wie von dem Zustande des rohen, halb mehl-, halb sandartigen Materials, welches unappetitlich genug noch mit Knochenkohle vermischt wird, durch Kochung, Filtrierung, Abrauchung und Kristallisierung der Zucker von gröbern bis zu den feinsten Sorten sich vollendet. Die Dampfmaschine war natürlich mit ihren hunderterlei Dampf- und Wasserröhren, welche das hohe Gebäude durchzogen, das eigentlich schlagende Herz dieses ganzen Organismus.
Der heutige Tag verging mir unter mancherlei Vorbereitungen zur Abreise. Früh wanderte ich noch einmal zu Professor Zschubers Hospital, um den Kopf eines hier erschossenen türkischen Räubers anzusehen, welchen jener gute Kollege für mich den Kriminalbehörden durch seine[27]  Konnexionen abgedrungen hatte. Er hatte einem echten Bosniaken gehört; dunkelfarbig, glatt geschoren mit einem langen schwarzen Haarbüschel auf dem Wirbel und einem schwarzen Knebelbarte, war er charakteristisch genug; er soll mir, sauber skelettiert, nachgesendet werden und wird eine gute Bereicherung meiner Sammlung abgeben. Übrigens merkt man doch an solchen Zeichen schon sehr, daß man hier der türkischen Grenze ziemlich nahe ist, und das Überstreifen solcher türkischer Räuber mag denn auch an den noch mehr genäherten Orten unbequem genug sein!
Endlich wurde mir auch noch an ebendiesem Abend durch die Gefälligkeit des Apothekers am Ort ein für diese Gegend beziehungsreiches Geschenk zuteil, welches ich als Trophäe dieser Reise mit nach Hause zu bringen gedenke, nämlich ein lebender Proteus anguinus. Schon früher waren zwei dieser Bewohner der geheimnisvollen Gewässer in der Adelsberger und Magdalenengrotte, nach Wien für Professor Czermak bestimmt, uns zur Ansicht gebracht worden, als nun unmittelbar an mich dieses besonders große und muntere Exemplar gelangte. Die nötigen Vorkehrungen, um es im Wagen sicher unterzubringen, waren bald gemacht, und so ist der Komitat, mit welchem wir morgen reisen, abermals um ein Geschöpf größer geworden.

Neumarktel, 13. August abends


  Amazon.de Widgets
Wie schön war von Krainburg hinaus zur Rechten des Wegs die Alpenkette mit den sie umspielenden Wolken! Die Farbe des angelaufenen Silbers mit ultramarinblauen, ins Violett ziehenden Schatten bezeichnet immer das Phänomen am gegenständlichsten! Wenig Schnee sieht man in den Furchen! Überhaupt ist die Gegend sehr bedeutend; fast zu reich zur künstlerischen Nachbildung. Das gewaltige tiefe Tal der Save mit den schönen Eichen an den[28]  Abhängen, diese malerischen Dörfer mit hoch und weit verbreiteten Nußbäumen, diese stracken, schlanken Bauernburschen mit hohen Hüten mit breiten, silbernen Schnallen, in roten Westen und blauen Tuchjacken, alles stattlich mit Silberknöpfen besetzt, wie sie heute, sonntags, zu Dutzenden die sehr nationale Staffage des Weges bilden, wohin sie der stäubende Zug unserer Wagen bringt, und hinter alledem die Vorgebirge der Alpen und die Alpen selbst; es gäbe dem Maler einen überreichen Stoff!

Kirschentheuer, 14. August mittags

Der gefürchtete Leubelpaß über diesen hohen Kalkalpenzug liegt hinter uns! Noch einmal habe ich das Maestoso dieser Natur in mich lebendig und mit ruhigem Bewußtsein aufgenommen! Früh war der Himmel noch umwölkt, die Luft abgekühlt, und im Tale hinauf bildete das stürzende, bläulich schäumende, klare Gebirgswasser über den gelbgrauen Kalkfelsen die prächtigsten Effekte. Als es aber dann gegen die schroffern Höhen hinanging, die höchsten grauen Alpenklippen mit einzelnen Schneeresten und den gewaltigen Widerlagen abgestürzter Bergtrümmer hervortraten, als dunkelbläuliche Gewitterwolken zwischen den Klippen hindurch und hervor sich wälzten und einzelne Donnerschläge durch die Berge hallten, während die Höhe des Leubelpasses in klarem Sonnenlicht vor uns lag, da fühlte ich mich zum erstenmal so recht vollkommen von dem Phänomen befriedigt.
Auf der Höhe des Passes, da wo die weite Pforte mit ihren beiden, den Ruhm der Ausführung dieser Straße verkündenden Obelisken die letzte Felsmauer durchbricht, hielten die Wagen, um den Vorspann zurückzusenden. Ich überzählte die Pferde und die Menschen, welche als Fuhrleute oder als mitlaufende Wagenhalter, hie und da auch wohl als nur scheinbar Geschäftige durch unsern Zug in[29]  Bewegung gesetzt waren. Es ergaben sich für unsere vier Wagen 26 Pferde und 24 Leute, die Dienerschaft abgerechnet. Lange stand ich in meinem Wagen rückwärts gekehrt und übersah noch einmal dieses großartige Tal mit seinen Vorsprüngen, Felsen, Wäldern und fernen Bergrücken bis gen Laibach hinaus, wie es in duftiger Morgenbeleuchtung unter schwerem Gewölk vor mir sich ausbreitete! Ich nahm wieder einmal Abschied von einem Teile des südlichen Europa, der diesmal unerwartet und unerwünscht sich mir eröffnet, doch aber mit einem glücklichen Resultat und manchen neugewonnenen Anschauungen mich entlassen hatte! Ein kalter Lufthauch wehte uns entgegen, sowie wir in die nördlichen Täler hinabfuhren, bald klangen die Donner stärker, und unter gießendem Regen kamen wir hier an.

Den 15. August

Heute früh noch ein schöner Abschiedsblick auf die Alpen.
Schon gestern, als wir über die Drau fuhren und auf Klagenfurt zukamen, leuchtete der Mont-Owir (bekannt durch seine Bleiminen) als nackter hoher Alpenkegel im Abendlichte, und weiter zurück, zwischen ihm und dem Singerberge, war eine Kette höherer Alpen sichtbar, deren ätherisch gelbliche Lichtkanten mit den ultramarinblauen Schatten wunderschön aussahen. Ich machte in der Dämmerung noch einen Spaziergang durch Klagenfurt, wo wir übernachteten. Die Stadt sieht sich ganz wohlhabig und symmetrisch an, besonders zeichnet sich das Landhaus – ehemals war es ständisch, jetzt, nämlich 1837, wo von Landständen in Österreich nicht mehr die Rede ist, kann man das Wort Landhaus mehr im Sinne von Villa gebrauchen – durch eigentümlich italienischen Stil und zwei mit blankem Blech gedeckte schlanke Türme aus.[30]  Nicht weit davon stand eine alte gotische Kirche, und es machte sich romantisch genug im einbrechenden Dunkel, das große Kruzifix zwischen zwei Fenstern derselben durch zwei angezündete Lampen erleuchtet und daneben eine auf Siege über die Ungläubigen deutende Säule mit einer Kugel, über welcher ein Sichelmond und darüber wieder ein Kreuz! – Auch auf dem Markte erregte ein ungeheuerliches Kunstwerk meine Aufmerksamkeit, ein steinerner plumper Lindwurm auf einem Brunnen, davor Herkules mit reitermäßigem Schnurrbart, das Untier, welches früher Wasser gesprudelt haben mag, eben zu erschlagen bereit.
Das Tal, welches wir am heutigen Tage durchstreifen, war mir teilweise von früher bekannt, mit Ausnahme von Friesach, einem alten, sonst stark befestigten Besitztume der Fürstbischöfe von Salzburg. Wir machten hier Mittag in der Posthalterei, welche mitten in die alten Mauern eines Stiftes hineingebaut, sehr zierlich eingerichtet und mit Korridors, Lustgarten und hübschen Zimmern angenehm eingerichtet ist; dabei sahen die verfallenen Türen und Mauern drüben vom Berge so geisterhaft herüber! Die wunderlichsten Geschichten müßten sich hier auffinden oder erfinden lassen! Man servierte uns ein treffliches Diner, und dabei war viel von der sehr schönen Frau des Postmeisters die Rede, welche dem Orte zu nicht geringer Zierde gereiche. Tirolerin von Geburt, stand ihr noch jetzt der hohe grüne Hut über den dunkeln, zu beiden Seiten des Gesichts herabfallenden Locken sehr gut, und schwer ließ man sich überzeugen, daß sie (die freilich mit fünfzehn Jahren geheiratet hatte) sich zweier Söhne von siebzehn und neunzehn Jahren rühmen könne. – »Gute Gesundheit und ein ruhiges Gemüt erhalten den Menschen gar lange frisch«, meinte sie und mag recht haben! Sie setzte sich zu mir; ein ärztlicher Rat, den ich ihr[31]  erteilen konnte, wurde dankbar angenommen, und ein treuherziger Handschlag und ein kleiner Blumenstrauß zum Andenken begleiteten den schnellen Abschied!

Den 17. August abends in Steier

Die Fahrt dieses Morgens in das Tal der Enns immer tiefer hinein war ebenfalls interessant genug! Gewaltige Felsen, hohe tannenbewachsene Berge und drüber aufragend schroffe Kalkalpenspitzen! Man konnte dies wohl eher eine Schweiz im Kleinen nennen als wir unsere sächsischen Sandsteine!
Dann auf lauter Schlangenwegen um schroffe Felsenecken dahin! Tief unten die brausende Enns, so daß es fast Schwindel erregte. Schön war es nicht immer, aber durchgängig bedeutend! Von da ging es durch Nacht und Gewitter noch bis hierher, wo wir erst nach 10 Uhr ankamen. Das Gewitter begann auf eigene Weise. Ich fuhr lange noch im offenen Wagen, um es besser zu beobachten. Der Himmel war mit lockern Kumulostratus-Gewölk bedeckt, zwischen welchem fortwährend blendendes Wetterleuchten zuckte. Oft war dies Wetterleuchten fast gerade über mir, doch hörte man durchaus keinen Donner, und ich überzeugte mich diesmal noch deutlicher, daß ein solches Leuchten gewiß vom eigentlichen Blitz unterschieden werden muß, daß es gleichsam ein zuckendes und schnell verschwindendes Nordlicht, ein flammendes, plötzliches, nicht funken-, sondern strahlenartiges Entladen von Elektrizität an sehr hohen Wolken zu nennen ist. Nach und nach schienen die Wolken massiger zu werden und in tiefere Regionen herabzusinken; nun erst erhob sich Sturm, dann ergoß sich Regen, endlich aber kamen dann eigentliche Blitze mit Donner, und die ganze Szenerie gewöhnlichen Gewitters entwickelte sich.
Damit es denn auch nicht an einem Abenteuer fehle, blieb[32]  an einer steilen Anhöhe, wo der Regen den Boden schon erweicht hatte, des Königs Wagen stecken, ich hörte das Schmähen der Dienerschaft auf die Postillions, Herr von Minkwitz springt aus dem Wagen, man zündet Fackeln an, die Pferde werden angetrieben, schon will man die andern Pferde ausspannen, um sie dem Wagen des Königs vorzulegen, [doch] der Regen und Sturm verlöscht die Fackeln! Endlich werden die Pferde noch einmal angetrieben, der Wagen folgt, alles kommt ins Gleis, und wir finden uns im erleuchteten Hotel. Die Majestäten sind zu Bett, wir aber gehen halb zwölf Uhr zum Souper, als befänden wir uns auf einem Balle!

Linz, 18. August abends



Früh noch einen Blick auf Steier und die wegen unsers Abzugs an Tür und Fenster versammelten Bewohner des Ortes. Das Südliche tut sich deutlich hervor in der Lust an bunten Malereien der Häuser und Kirchen, in den grünen Jalousien aller Fenster, in den lebhaften Kleiderfarben und an den goldenen helmartigen Hauben der Frauen sowie in den eigentümlichen hübschen pikanten Gesichtern der Mädchen. Die Stadt liegt am hohen Ufer der hier schon mit starken Fahrzeugen befahrenen Enns, und über eine weite, noch hoch liegende und allmählich der Donau sich zusenkenden Fläche kommt man über Enns, einem wenig bedeutendem Ort, nach Linz. Bei Enns ergießt sich der Fluß gleichen Namens in die Donau, und es war mir merkwürdig, somit den ganzen Lebenslauf dieses Flusses von seiner Entstehung über Eisenerz durch die gewaltigen Felstäler bis Steier und dann durch die weite Ebene bis zur Donau verfolgt zu haben. Erkennt man doch in allem Wiederholung desselben Lebensprinzips! Erst der lustig schäumende Gebirgsbach, dann die Schlangenlinien des mutig und schlank durch Felsen sich Bahn brechenden[33]  Flusses, welcher später in breiter Allmählichkeit sein Aufhören im großen Strome und zuletzt sein Verschwinden im Meere findet; wer sähe hier nicht das Vorbild zu den Spiralgängen eines in sehr ähnlicher Fortschreitung sich bewegenden Menschenlebens!
Über Tisch war beiläufig auch auf meinen stummen Reisegefährten, den Proteus, die Rede gekommen, und ich konnte somit nicht umhin, denselben nachmittags in einem klaren Wasserbecken zu allgemeiner belehrender Betrachtung vorzuzeigen. Später benutzte ich eine Stunde zu einem Wege durch die Stadt über die Donaubrücken und auf die höhern Wälle, wo man einer ergötzlichen Fernsicht in das Donautal gen Wien und auf die im Süden wolkenhaft sich hinlagernden Alpen von Ischl genießen kann. Abends gewann ich sogar noch Muße, eine halbe Stunde das hiesige Theater zu besuchen, wo ich etwas volkstümlich Komisches zu sehen hoffte, denn das Stück hatte den Nebentitel: »Wie sieht es in Linz aus«; allein ich fand das elendeste Mittelgut, das man sich denken kann, und mußte am Casinoplatze noch schnell mit etwas Eis mich erfrischen, um so schales Zeug schnell zu vergessen!

Schloß Krummau, 19 August abends

Wie wunderbar wechseln die Lebenslagen des Menschen, zumal auf Reisen, und zumal wenn man mit einem Könige reist! Vorgestern im heftigsten Gewitter nach Steier, gestern schöner Mondscheinabend im Gasthof zum Stuck in Linz, nebenbei ein seltenes Nachtwächterlied, als hörte man den Priester die Litanei absingen, heute mittag reiches Diner bei geistlichen Herren in einer Abtei und heute abend hier im fürstlich Schwarzenbergschen Schlosse zu Krummau, prächtig mit Fackelreitern empfangen, und jetzt, nach opulentem Souper im Zimmer mit Gobelintapeten[34]  und im rotdamastenen goldbesetzten Himmelbette liegend und schreibend!
Es war diesen Morgen sieben Uhr geworden, ehe die fürstlichen Personen sich trennen konnten und wir, aber diesmal in einer andern Ordnung, von Linz abfuhren. Der Morgen war prächtig, und wir kamen zuerst ein anmutiges reichbelaubtes Tal hinauf, am Schlosse Wildberg, einer Besitzung des Grafen Starhemberg, vorüber und durch Leonfeld über ziemlich gleichgültiges hügeliges Land bei mehr und mehr sich bewölkendem Himmel nach der Abtei Hohenfurt, einem altbegründeten, reichdotierten und schon in Böhmen an der obern Moldau liegenden Zisterzienserkloster.
Wir wurden sehr artig im Hofe empfangen, und was mich betraf, so wurde mir als Abtretezimmer die sogenannte Bildergalerie angewiesen, in welcher jedoch nur eine Menge alter tapetenhafter verstaubter Malereien aufgehangen war, die ich wohl mit mehr Recht zum Feuertode verdammt hätte als geistliche Herren in früherer Zeit die Ketzer! Geschmackvoller bei weitem als diese Bilder war das Diner und waren die Weine, welche bald darauf in Gesellschaft des Herrn Abtes, dem die Königin den Platz neben sich anwies; uns vorgesetzt wurden. Dieser Abt war ein gemütlich freundlicher, wohlbeleibter Herr, und als er mir über Tische erzählte, daß ihnen bei ihrer Abtei die Leitung der philosophischen Studien in Böhmen und die Besetzung der dahin einschlagenden Lehrstühle am Gymnasium zu Budweis und der Universität Prag obliege, so fühlte ich mich freilich zu einigen mephistophelischen Äußerungen über eine so vertretene Philosophie versucht. Gleich nach Tisch entfernte sich die Königin, ich aber setzte mich noch mit dem Herrn Abt zu einer Tasse Kaffee, und als ich dann um Wasser bat und das Wohltätige des Wassertrinkens früh und nach dem Kaffee anpries,[35]  meinte der Herr Abt ganz behaglich und vertraulich: »Kann's nit auch ä Bier sein?« Ich bestand aber auf dem Wasser!
Es war über vier Uhr geworden, ehe wir mit den Rossen der geistlichen Herren wieder abfuhren, zuerst die Moldau ein Stück verfolgten (welche eine halbe Stunde oberhalb des Klosters über eine Granitbank einen schönen Wasserfall bilden soll), dann aber auf durchregnetem lehmigem Boden (ein Gewitter hatte sich nämlich während unsers Diners entladen) über Höhen und Tiefen gegen Krummau uns hinwendeten.
Solange nun die Anhöhen nicht zu steil waren, ging alles trefflich, aber am ersten bedeutenden Berge gefiel es den geistlichen wohlbeleibten Rossen, nicht mehr zu ziehen, und der Wagen des Königs blieb stecken. Das Königspaar mußte die Anhöhe zu Fuß hinaufgehen, und nach einer bessern Zusammenspannung kam denn auch der Wagen nach. Allein am zweiten, höhern Berge wiederholte sich die Szene; alles Antreiben, Peitschen und Schmähen der Dienerschaft half nichts, und wir vermochten endlich die Herrschaften, sich in meinen kleinen, mit zwei tüchtigen Bauerpferden bespannten Wagen zu setzen, und ließen sie vorausfahren, während von Minkwitz sie ein Stück begleitete, um nach dem fürstlich Schwarzenbergschen Vorspann zu sehen, der in kurzem eintreffen mußte. Da stand ich nun mit der bejahrten Frau Obristhofmeisterin neben den beiden großen Wagen und den widerspenstigen Rossen in dem tiefen Hohlwege bei niedersinkendem Abend und hatte meine Betrachtungen über das ziemlich Komische der ganzen Situation. Zum Überfluß wurde noch einer von den Leuten des Königs von einem Pferde geschlagen, daß man mit dem Stillen des Blutes zu tun hatte, kurz, die Verwirrung war groß. Glücklicherweise traf ganz zur rechten Zeit der Vorspann ein, wir setzten[36]  uns in den Reisewagen des Königs, an welchem nun vier stattliche Pferde vorgelegt waren, ebenso wurde auch der Wagen der Frau Obristhofmeisterin in Gang gebracht, und so kamen wir denn durch das nebelerfüllte felsige Tal der Moldau gegen neun Uhr hier an, wo alles festlich erleuchtet, das Grenadierkorps des Fürsten aufgestellt ist und wir auf das trefflichste aufgenommen sind, obwohl niemand von den fürstlich Schwarzenbergschen Personen hier ist und überhaupt diese herrliche Besitzung nur selten von ihnen besucht wird. Dies Schloß liegt auf einem Felsen über der Moldau und über der daran hingebreiteten Stadt, welche 6–7000 Einwohner fassen soll. Noch spät sah ich hinab von dem an den Speisesaal stoßenden Balkon in das tiefe dunkle Tal und die sternhelle Nacht, welche eben vom aufgehenden Monde erhellt wurde. Dann in mein Zimmer! Und wenn ich mich hier unter den alten Familienporträts und den Gobelins umsehe, so hat mir diese ganze Existenz geradezu etwas Feenhaftes! »In die Traum- und Zaubersphäre sind wir, scheint es, eingegangen!«

Budweis, 20. August mittags

Dieser Morgen auf dem Schlosse zu Krummau gewährte noch manche hübsche Szenerie! Zuerst erzähle ich, wie überrascht ich war, als ich auf meinem Zimmer bei dem herrlichen Morgen am offenen Fenster das Frühstück nahm und, nachdem ich an dem weiten Tale mich ergötzt hatte, nun gerade hinabsah und unten, tief unter meinem Fenster, am grünbewachsenen Burgberge sechs bis acht Damhirsche anmutig weidend erkannte. Brocken zarten Weißbrotes, zum Fenster hinabgeworfen, verfehlten nicht, den zierlichen Geschöpfen zugute zu kommen, so senkrecht stürzt hier der Fels ab. Durch die weiten Säle wanderte ich dann nach dem östlichen Flügel des Schlosses, wo mich die Aussicht von einem andern Balkon auf das lebhafteste[37]  bewegte! Man steht auch hier fast senkrecht über der Moldau, welche sich unten an dem Felsen vorbeikrümmt und in einem Halbkreise das Städtchen umschließt, zu beiden Seiten dehnt sich das mächtige Schloß mit hoher kuppelförmig gedeckter Turmwarte aus, unten die Brücke, das mittelalterliche hochgiebelig gebaute Städtchen mit seiner gotischen Kirche und ringsum die felsigen Anhöhen, alles in duftigen breiten Schattenmassen unter der blendend hellen Morgensonne; es war ein reizender Anblick!
Von hier wanderte ich in Begleitung des Direktors der Schwarzenbergschen Besitzungen, eines ältlichen Herrn Kutschera, nach der Bildergalerie des Schlosses, wo in kurzem auch beide Majestäten zu uns stießen.
Eine Menge Familienporträts gaben zu mancherlei Vergleichungen und Anekdoten genügsame Gelegenheit. Eins dieser Porträts in ganzer Figur ist das einer verwitweten Frau von Lichtenstein, geborenen von Rosenberg, welche hier unter dem Namen der »Weißen Frau« bekannt ist. Sie hatte gegen Ende des 15. Jahrhunderts gelebt, war in Dürftigkeit geraten und hatte nichtsdestoweniger die Kinder ihres Bruders mit vieler Liebe und Sorgfalt erzogen, auch durch Kenntnis mancherlei Kräuter und Steine sich um Behandlung von Kranken verdient gemacht. Von ihr geht die Sage, daß sie umgehe und bei Familienereignissen oftmals als warnender Geist erschienen sei. Ihr Bild ist offenbar hier erst Anfang des 17. Jahrhunderts gemalt, und zwar im weißen Kleide mit einem Zauberstabe und innerhalb eines gezogenen Kreises von Charakteren stehend. Ist sie nach irgendeinem vorhandenen Original gemalt, so war sie damals eine anmutige schlanke Frau. Ein anderes merkwürdiges und offenbar älteres Bild, etwa aus Anfang oder Ende des 16. Jahrhunderts, enthält eine ganze Geschichte. In der Mitte hält auf einem Burghofe[38]  ein großer Reiterhaufen, darunter stehen ein alter und sechs junge Ritter in goldenen Rüstungen, welche etwas zu verhandeln scheinen. Ferner aber sieht man drum herum sechs kleinere Reiterhaufen mit Wappenfähnlein der Rose nach verschiedenen entfernter oder näher liegenden Burgen fortziehen, und jedes hat wieder einen goldgeharnischten Ritter an der Spitze, so daß man bald sieht, es seien dies dieselben Ritter, die zuerst auf dem mittlern Burghofe versammelt waren, und eine doppelte Handlung werde sonach auf einem und demselben Bilde vorgestellt. Darüber erfuhr man nun folgendes: Ein Ulrich von Rosenberg habe im Anfang des 14. Jahrhunderts die Herrschaft Krummau nebst manchen andern böhmischen Herrschaften besessen und sei Vater von sechs Söhnen gewesen. Im hohen Alter berief er diese Söhne und eröffnete ihnen, wie er seine Besitzungen in sechs gleiche Teile geteilt unter sie zu verteilen die Absicht habe. Einer von ihnen jedoch wäre außer der Ehe erzeugt, und er frage sie jetzt, ob er diesen, der keiner ehelichen Geburt sich erfreue, nennen und ausschließen solle. Jeder nun, befürchtend vielleicht, daß ihn dies Los treffen könne, oder auch wohl aus echter Liebe gegen die andern, erklärte, er wolle keine Kunde davon, und so wurden die sechs Söhne allesamt gleich beteiligt, wie es denn auch jenes alte Bild bezeichnet. Nichtsdestoweniger soll späterhin verraten worden sein, welcher Stamm von Bastardnatur war, und wirklich wurde dieser nach und nach von den übrigen hintangesetzt, allein bei alledem mag seine Dauer besser begründet gewesen sein, denn die Rosenberge, welche noch jetzt in Böhmen leben, sollen eben nur vom letztern Stamme sich herleiten.
Von hier ging es ferner durch lange, auf Bogenstellungen ruhende Galerien hinüber nach dem Schloßgarten. Auch dort alles großartig und reich! Zuerst ein weiter Freiplatz,[39]  mit prächtigen Linden umgeben und zur Reitbahn trefflich eingerichtet; dann Orangerieanlagen, von welchen man im verflossenen Jahre allein 2000 Zitronen geerntet hatte, und mitten in demselben eine Kaskade mit viel Bildhauerarbeit und spritzenden Wasserstrahlen, alles im altfranzösischen Geschmack. Der Weg führte dann nach dem Obst- und Küchengarten, und am Ende desselben fanden wir uns unter einem pilzartigen Schirm auf hoher Felswand wieder über der Moldau und erfreuten uns abermals der vollen Übersicht über Schloß und Stadt und Fluß in köstlicher Morgenbeleuchtung.
Endlich blieb nun im Schloß selbst noch einiges zu betrachten; zuvor jedoch gingen die Majestäten heute, sonntags, zur Messe in die geräumige Schloßkapelle, während ich noch die alten Bilder und Gobelins in den Sälen musterte; dann aber führten die unermüdlich gefälligen Beamten uns teils in das geräumige, im altfranzösischen Stil verzierte Schloßtheater, auf welchem manchmal noch jetzt Dilettanten spielen – zu wohltätigen Zwecken (wie sie sagen) –, teils in den großen Ballsaal, an den Wänden mit einer gemalten Maskenversammlung bunt, aber geschickt genug dekoriert, und nun zum Schluß in die Gewehrgalerie, woselbst unter einer Auswahl von Jagdgeräten und Gewehren noch einige im 17. und 18. Jahrhundert den Türken abgenommene, prächtig verzierte Musketen sich befanden. – So war denn endlich alles betrachtet, die Wagen sind aufgefahren, eine Menge Menschen, sonntäglich geputzt, haben sich versammelt, und von den trefflichen fürstlichen Pferden gezogen, rollten wir fast zu schnell aus dem Portal und durch den Hof des Schlosses.
Übrigens rückt nun Dresden in der Vorstellung schon immer näher. Eine Stafette vom Minister von Lindenau, welcher seine morgende Ankunft in Prag ankündigt, traf uns heute unterwegs. Morgen abend werde ich also doch[40]  wohl von dem, was mich jetzt bei den Meinigen am meisten beschäftigt, Kunde erhalten!

Auf einer Straße zwischen Prag und Teplitz,
22. August


  Amazon.de Widgets
Sonntags den 20. waren wir noch abends spät nach Tabor gekommen, um daselbst zu übernachten. Von dort brachen wir gestern frühzeitig auf und kamen schon um zwei Uhr nach Prag in den eleganten Gasthof zum Schwarzen Roß, wo kurz zuvor Minister von Lindenau angekommen war und mir zugleich einige beruhigende Zeilen von Dresden übergab. Eilig hatte ich dann zu Corda, dem Kustos des naturhistorischen Teiles vom ständischen Museum, gesendet, um mindestens noch einiges Merkwürdige hier zu sehen.
Das schöne große Gebäude dieses Museums liegt auf dem Hradschin unweit der Kathedrale, und die erste Abteilung desselben, die wir durchwanderten, war die Gemäldegalerie. Sie ist seit 1792 begründet, wird durch das Zusammenhalten reicher Böhmen vermehrt und enthält viele Gemälde, welche noch das Eigentum einzelner Familien sind, aber dort hingegeben wurden, um das Museum zu zieren und von mehrern gesehen zu werden.
Endlich traten wir in das für mich Interessanteste, in das Naturhistorische Museum. Namentlich der großen Tätigkeit von Corda verdankt man hier den schönen Anfang einer zoologischen Sammlung. Ein großer Saal enthält Vögel, Säugetiere, eine Menge Versteinerungen, eine Reihe Skelette und den erst kürzlich angeschafften Gipsabguß des ungeheuern Schädels vom Deinotherium. Namentlich wurde es mir nun alsbald klar, daß nur von der ganz paradoxen Richtung der Schädelwirbelsäule aus alles sonstige Paradoxe und Ungewöhnliche in dieser Bildung sich erklärt. Hat nämlich sonst diese Säule der Wirbelkörper des Kopfes die Neigung, wenn sie von horizontaler[41]  Richtung einmal abweicht, sich nach oben konvex und unten konkav zu verhalten, so ist es hier gerade umgekehrt, und die Konvexbiegung geht hier abwärts an der Basis, das Konkave ist an der obern Fläche, und natürlich drehen sich nun sogleich alle Verhältnisse mit um; der Schädel ist oben nicht nur platt, sondern eingedrückt, und die Basis nicht nur hohl, sondern abwärts sich hervordrängend, endlich aber kehrt sich selbst das Verhältnis der Gliedmaße des Kopfes, das ist des Unterkiefers, um, und die Zähne sind nicht nur nicht mehr aufwärts gekrümmt, sondern abwärts und einwärts gebogen. Noch niemand hatte mir bisher von diesem sonderbaren Verhalten auch nur eine Vorstellung gegeben, obwohl in ihm gerade das Merkwürdigste des ganzen Fundes liegt! Natürlich, diese Leute sind ja immer noch weit entfernt, von der organischen Bedeutung des Schädels als Wirbelsäule überhaupt eine lebendige Vorstellung zu haben! Ihre Geistesaugen sind nun einmal für dergleichen geschlossen, und so schalten sie den Sehenden einen Phantasten, ganz wie eine blinde Menschenmenge den mit Leibesaugen Sehenden Phantast nennen würde, wäre er allein der Bevorzugte.
Wir gaben uns dann noch an die Betrachtung der oryktognostischen und geognostischen reichen Sammlung. In Suiten stehen hier die Produkte aller Gebirgszüge Böhmens wohlgeordnet beisammen, und eine Menge Schränke werden außerdem durch die zum Teil von dem würdigen Grafen Kaspar von Sternberg beschriebenen Versteinerungen aus dem Kohlensandstein Böhmens erfüllt. An vielen dieser versteinerten rätselhaften Stämme hatte Corda die Struktur genauer untersucht und zeigte mir die Stücke davon unter der Lupe vor, wo denn der Bau entschieden auf eine Art Sagopalme deutete. Diese Säle sind recht geeignet, den großen Reichtum und die Mannigfaltigkeit der[42]  tellurischen Produkte Böhmens, namentlich auch in vulkanischen Bildungen, erkennen zu lassen!
Selbst der Luftkreis hatte das Seine dieser Sammlung beigesteuert, denn es finden sich hier die meteorischen Eisenmassen von Stannern, die mehr erdigen Massen von Lissa und (jedoch nur als Abguß) die größte in Böhmen niedergefallene Eisenmasse dieser Art, der sogenannte verwünschte Burggraf von Ellenbogen. Einige Fragmente dieser drei Massen aus dem Privatschatze des Herrn Corda wurden mir bei dieser Gelegenheit als eine werte Erinnerung an Prag verehrt.
So fuhr ich nun, da es zu dunkeln begann, mit diesem jungen tätigen Manne nach unserm Gasthause zurück, wo derselbe bei einer Tasse Tee mir noch sein neues Werk über Schimmelvegetationen vorlegte und verehrte, dann mich aber auch eine Reihe großer, prächtig gezeichneter und gemalter Tafeln durchsehen ließ, auf welchen er die auf verwesenden Pflanzen, auf Brot und dergleichen vorkommenden Schimmelpflänzchen einzeln unter starken Vergrößerungen, als wären es Pflanzen gewaltiger Größe, mit den feinsten Zergliederungen dargestellt hatte. Hier erst kam zur klaren Anschauung, welche Pracht an Formen und zuweilen selbst an Farben auch in diesen kleinsten vegetabilischen Werken erscheint!
Noch blieb mir nun übrig, mich dem auch von mir so hochverehrten Minister von Lindenau, welcher in der Nacht noch abreiste, zu empfehlen und ihm einige vorläufige Begrüßungen nach Hause mitzugeben. Der König fährt von hier über Weltrus und das Mittelgebirge. Ich im großen sechsspännigen Landauer ganz allein, gefolgt von dem Kammerwagen, fahre die Straße über Schlan, welche der König nicht liebt und auf welcher doch irrtümlich nun einmal die Postpferde bestellt waren.
Diese einsame Fahrt in solchem weiten bequemen Wagen[43]  und durch ziemlich gleichgültige Gegenden bei kühlem, etwas windigem Wetter kommt mir übrigens ganz gelegen, um noch einmal diese ganze Reise zu überdenken und die Bemerkungen über den gestrigen Tag einzutragen.
Man durchfährt hinter Laun und vor Bilin ein über eine Stunde im Durchmesser haltendes Ringgebirge, aus dem recht in der Mitte zwei Bergkegel, ein höherer und ein niederer, sich erheben. Das Vulkanische der Bildung (ganz nach Art eines Mondringgebirges) ist nicht zu verkennen, und es erregt zu gar seltsamen Betrachtungen, wenn man nun durch diesen weiten, jetzt nur Felder einschließenden Kreis, in welchem früher in der Urzeit das furchtbarste Walten feuriger Erdlebenprozesse sich betätigte, ja durch diese Ebene, welche später wieder von wütenden Fluten überschwemmt und dadurch mit mächtigen Kieslagern ausgefüllt worden ist, kurz, durch alle diese Phänomene, welche an die erhabensten Vorgänge des tellurischen Lebens mächtig erinnern, nun so ganz prosaisch die ordinäre Poststraße sich hindurchwinden sieht und bedenkt, von wieviel Tausenden diese Straße jährlich überfahren und übergangen wird, welche durchaus keine Ahnung haben von den Dokumenten so großer Erscheinungen, die unter ihren Füßen liegen! Und gehen nicht viele so durch das ganze Leben, ohne von dem Tiefsinn desselben einen irgend deutlichern Begriff zu erlangen?
Auch mir schließt übrigens sich jetzt wieder ein Kreis plötzlich und gleichsam vulkanisch heraufgeschobener Lebensereignisse, und wieder wende ich mich dem ruhiger dahingleitenden gewöhnlichen Lebensgange zu! Möge sich in diesem nun wie bisher ein stilles Fortbilden des Innern tätig bewähren, ja dem ganzen Dasein einst ein reiner und glücklicher Abschluß gegönnt sein![44] 
Den 23. morgens fuhren wir bei nebeligem Wetter von Teplitz. Ich sah noch am Wege das bald beendigte eiserne Monument für die bei Kulm gefallenen österreichischen Krieger, und zwar nach etwas trivialer Vorstellung ausgeführt (ein geflügelter Engel hält ein Schild, auf dem die Inschrift sich befindet) – wanderte dann die Nollendorfer Höhe zu Fuß hinan und sah endlich, wie an der sächsischen Grenze, bei aufgestellter Kommunalgarde, Jägerei und Schuljugend, unter einem Ehrenbogen der König festlich empfangen wurde. Auf einer Anhöhe vor Zehista traf ich jetzt auch die Meinigen als liebe Wegelagerer, und nachdem ich mich den hohen Reisegefährten schon früher für diesmal empfohlen hatte, wurde mir noch die Freude, als ich mit den Meinen im eigenen Wagen nun weiterfuhr, kurz vor Dresden meiner ältesten Tochter, für die ich unterdessen so viel gefürchtet hatte, heiter und wohl mit den Ihrigen auf der Chaussee zu begegnen. Dergestalt alle zumal glücklich vereint, zogen wir jetzt in die festlich bekränzte Tür meiner Villa wieder ein, allwo ich denn auch meine Eltern umarmen und bei gemeinsamem Mahle von den mancherlei gehabten Schicksalen auf diesem unerwarteten Ausfluge erzählen konnte.



III.










[45] So war denn also diese wirklich etwas abenteuerlich begonnene Fahrt doch glücklich vollendet, und als Fortsetzung dieses Glücks betrachtete ich es mit Recht, daß nun erst, am 28. August, dem Tage, der uns allen ja des Guten und Großen schon genug gebracht hatte, die Niederkunft meiner geliebten Tochter erfolgte und daß sie dabei einen wackern Knaben ans Licht brachte, der denn[45]  natürlich ebenfalls mit dem Namen Wolfgang benannt worden ist. Ich hatte später die Freude, ihn am Tage, als man das fünfzigjährige Jubiläum meiner eigenen Promotion feierlich beging, selbst als neupromovierten medizinischen Doktor zu begrüßen.
Auch die nächste Zeit brachte noch manches Gute – so unter anderm führte sie mir im September mehrere merkwürdige Fremde heran. Die Versammlung der deutschen Ärzte und Naturforscher war nämlich diesmal in Prag gewesen, und schon das war Veranlassung genug; viele reisende Gelehrte durch Dresden zu bringen. Auch Freund Otto aus Breslau brachte wieder ein paar Tage in Dresden zu und kam gerade recht, um in unserm hübschen Saale an einem schönen Musikabend teilzunehmen, den wir der Schröder-Devrient und Clara Wieck zu verdanken haben sollten. Der erstern, deren größte Zeit in diese und die nächstfolgenden Jahre fiel und deren mächtiger dramatischer und musikalischer Wirkung in diesen Blättern schon oftmals gedacht worden ist, war ich jetzt durch einige ärztliche Beratungen nähergetreten, und sie freute sich ebenso der aufrichtigen Bewunderung, welche ihr in meinem Hause zuteil wurde, wie des schönen Klanges ihrer eigenen Stimme in unserm akustisch so günstig wirkenden Saale. Die letztere betreffend, so war sie nun schon als Pianistin zu verdientem, seitdem immer noch sich steigerndem Ruhme gelangt und hatte alle die Hoffnungen erfüllt, welche man schon damals von ihr hegen durfte, als sie (wie früher erzählt wurde) vor einer Reihe von Jahren als zehnjähriges Kind uns zum erstenmal die größte Teilnahme abgewann.
Von dem Rest des Jahres wüßte ich etwas Besonderes nicht aufzuzeichnen, dafür tauchte sich aber gleich der Anfang des neuen (1838) in die Farbe der Trauer.
Gegen Ende des März schrieb ich an Regis: »Seit bald[46]  fünf Wochen ist mein Haus in peinlicher Unruhe über meine Charlotte Rietschel. Sie liegt krank an einem schleichenden Fieber, und noch ist die Gefahr nicht vorüber. Ich habe schwere Tage gehabt und kam mir hier als Arzt oft vor wie Tell, wenn er vom Haupte des geliebten Kindes den Apfel schießen soll, ohne das teuere Haupt zu treffen, ja meine Lage war die noch schwierigere und quälendere! Jetzt kommt Kreysig mit hin, aber der alte Mann wartet auch fast mehr auf Rat von mir als ich von ihm!«
Wir hatten das liebe Kind, das in den letzten Wochen, gleich der erlöschenden Lampe des armen Klärchen noch einmal mit Hoffnung uns etwas erleuchtete, aus Rietschels Wohnung wieder zu uns gebracht. Ich selbst fuhr sie in meiner Batarde, eingehüllt in Decken und in meinen Armen, wieder in unser Haus. Alles, was nur umsichtigste Pflege schaffen konnte, wurde aufgeboten, einmal noch atmete sie Frühlingsluft und Sonne in meinem Garten, dann sanken die Kräfte mehr und mehr, und am 12. Mai abends gegen zehn Uhr, als eben ein duftig geröteter Vollmond über den Bäumen erschien – verschied sie.
Früh hatte am klarsten Morgen ein Frost so manche junge Pflanze in meinem Garten getötet, die schönste Blume aber welkte erst abends.
Es bleibt mir unvergeßlich, wie nach einigen wilden trüben Phantasien an ihrem letzten Lebenstage eine ganz wunderbare Verklärung sich über ihr Antlitz verbreitete. Ein tiefer Frieden ruhte da auf den feinen blassen Zügen, und sie sprach noch milde wohlbewußte Abschiedsworte, bevor der letzte, endlich in Tod übergehende Schlummer sie umfing.
Die Krankheit hatte in ihrem eigenen geheimnisvollen Gange, der, dunkel und problematisch, wie er mir und[47]  Kreysig stets blieb, aller wohldurchdachtesten Heilversuche spottete, auch mich tief erschüttert und auf lange allen frischen Lebensatem vernichtet1. Ende Mai brachte ich mit Mariane meinen Albert wieder nach Leipzig zu Fortsetzung seiner Studien, sah dortige Anstalten und Sammlungen wieder durch, suchte meine alten Bäume im Rosental wieder auf und ging später im Juni nach Eger, wo Prinzeß Johann in Franzensbrunn nach meiner Anordnung Bäder brauchte und wo ich dann selbst nicht verfehlte, in den so erquickenden Quellen mich etwas wieder zu kräftigen.
»Denn was verschmerzte nicht der Mensch!« – Es traf sich sonderbar, daß ich in Franzensbrunn noch die dringende Aufforderung meines Freundes Professor Stark aus Jena erhielt, die schwerkranke Gemahlin des großherzoglichen Oberstallmeisters von Bielka in Weimar zu besuchen, und wirklich, nachdem ich mir hierzu den Urlaub unserer Prinzessin erbeten, fuhr ich bei schönem Sommerwetter durch das weite fruchtbare thüringische Land da hinüber und hatte dort nach Krankenexamen und Verordnung nur eben noch so viel Zeit übrig, um abends einen Spaziergang unter den Bäumen jenes schönen Parks zu machen, den ich, seit ich das letztemal bei Goethe war, nicht wieder betreten hatte. Was war seit jener Zeit nicht alles anders geworden! Ich fuhr, um mit Stark noch zu konsultieren, über Jena zurück, und auch an diesen Ort knüpften sich die mannigfaltigsten Erinnerungen aus früher Zeit.

  Amazon.de Widgets
Als ich dann wieder nach Franzensbrunn zurückgekommen war, trat eines Morgens ganz unerwartet Leopold von Buch bei mir ein, indem ich gerade mit mikroskopischer[48]  Untersuchung der zierlichen vorweltlichen Bazillarienschalen des dortigen Kieselgur beschäftigt war. Der berühmte Geolog befand sich wieder auf einer seiner vielen Geniereisen, die er in altem Frack und Schuh und Strümpfen auszuführen pflegte, und eben das Schadhaftwerden dieser Fußbekleidung hatte ihn hier einen Tag aufgehalten, um »einen Wundarzt für alte Schuhe« in Anspruch zu nehmen. Meine Untersuchungen waren ihm sehr willkommen, und der neu durchgrabene Kammerbühl gab denn auch zu manchen sonstigen interessanten Besprechungen Anlaß. Schon nachmittags wanderte er weiter. Da es der Prinzessin vollkommen gut ging, so reiste auch ich, nachdem ich abermals mit dem würdigen Grafen Kaspar von Sternberg zusammengetroffen war, wieder nach der Heimat ab, hatte aber diesmal die Meinigen veranlaßt, mir nach Teplitz entgegenzukommen, wo wir denn den 6. Juli, nach so viel überstandenem Elend, in der heitern Gegend und warmen Luft uns möglichst erheiterten und wiederherstellten. Merkwürdig war mir dort auch noch das Zusammentreffen mit dem bejahrten Generalstabchirurgen der preußischen Armee, Rust, der, mir von früher her als kräftiger Operateur und durchgreifender Führer preußischen Armeemedizinalwesens wohlbekannt, ja mir insbesondere geneigt (hatte er doch einen Band seines »Archiv« mir gewidmet und denselben mit meinem Brustbilde verziert), jetzt hier als Erblindeter mir entgegentrat. Er versicherte mich, daß obwohl er durch vierzig Jahre schon seinen Schülern die Lehre von der Cataracta (grauen Star) vorgetragen habe, er doch nie geglaubt hatte, daß das Übel mit so rasender Schnelligkeit sich entwickeln könne. Er war nämlich früh bei hellem Tage erwacht und hatte seinen Diener heftig ausgescholten, »warum er die Fensterladen nicht geöffnet habe, es sei stockdunkel«! Er hoffte von dem Gebrauche[49]  der Bäder eine günstige Vorbereitung für die künftige Operation, hat jedoch seine Erblindung nicht sehr lange überlebt.
Auch Alexander von Humboldt war in Teplitz, und ich verfehlte nicht, ihm mein Zusammentreffen mit Leopold von Buch und dessen Veranlassung zu besonderer Erheiterung mitzuteilen, wie sich denn auch sonst wieder mancherlei interessante Gespräche ergaben.
So diente also diesmal dieses Landleben teils der Wissenschaft, teils der Ausheilung der Seele nach schweren Erfahrungen! Und als ich wieder zur Stadt kehrte, fühlte ich mich denn auch wieder empfänglicher für die gesamte immerfort sich ändernde Bewegung täglichen Lebens.
Auch die Kunst gelangte nach und nach wieder zu ihrem alten Rechte. Bendemann arbeitete jetzt seine ersten Entwürfe aus für die großen Säle des königlichen Schlosses, auf welche ich noch später mehrfach zurückkommen werde, und gab mir dadurch viel zu denken und manches zu besprechen. Das Theater führte außerdem die großen Werke von Meyerbeer, »Robert der Teufel« und »Die Hugenotten«, uns vor, und im letztern war es wieder namentlich die Devrient, welche in außerordentlicher Wirkung glänzte. Dabei leitete mich der Charakter dieser Musik zu manchen neuen Betrachtungen. »Es ist merkwürdig«, schrieb ich, »wie auch die echteste Kunst immer genötigt ist, ihr Antlitz zu ändern mit der Zeit. Wie weit ist Shakespeare von Sophokles, und wie unrecht, wollte man erstern in der Form nach letztern messen. Die Franzosen freilich, albern genug die Alten deutend, fanden einst Shakespeare abscheulich, weil er nicht antik war, und kamen dadurch in ihrer eigenen Poesie auf arge Irrwege! Ist es doch freilich auch immer so gar schwer, über das, was in unserer Zeit selbst entsteht oder doch weit in sie hineinreicht, ein ganz reines Urteil zu haben. Das echte Kunstwerk[50]  muß erst auch in anderm Sinne zeitlos werden, um ganz seinem Werte nach gewürdigt zu sein.«
Neben allem übrigen ging denn auch die Betrachtung des Dante jetzt ihren Weg weiter. Im Dezember lud Prinz Johann, nebst Tieck und Förster, auch mich abends zu sich ein und las uns die große Skizze der Psychologie des Thomas von Aquino vor, welche er aus den Quellen für das »Purgatorio« (den zweiten Teil seiner Übersetzung) bearbeitet hatte, und lehrte dadurch eben mich selbst erst verstehen, wie doch noch von Aristoteles her in diesen alten Kirchenvätern zum Teil eine bessere und tiefere Anschauung von dem Wesen des menschlichen Geistes enthalten ist als in so vielen Neuern; indem dort recht deutlich hervortritt, daß alles das, was späterhin so oft unter dem Namen der Lebenskraft von der Seele getrennt wurde, hier noch geradezu als Teil des Seelenlebens selbst, das ist als qualitates vegetativae, angesehen wird. Der erste Teil dieses übersetzten Dante war übrigens in jener Zeit unter dem Namen »Philalethes« längst ausgegeben und hatte bereits große Anerkennung gefunden, doch wurde das Spätere immer vollendeter und in den Noten immer reicher, wie wir dies aus den fortgesetzten Lesungen in dem erwählten und schon früher erwähnten Komitee mit wahrem Genügen fortwährend anzuerkennen die reichste Gelegenheit hatten.
Und so eilte denn auch dies Jahr, das so Schweres mir gebracht hatte, zum Schlusse und ließ nur in den Christtagen noch die schöne Gabe eines neugewonnenen Freundes zurück, indem Bendemann, dessen junge Frau ich glücklich durch schwere Krankheit geführt hatte, mir damals eine seiner besten Zeichnungen verehrte, das große Blatt »Pilger, in der Wüste verirrt«, an welchem seitdem viele Künstler und Kunstfreunde bei mir sich erfreut haben; eine Gabe, an welche dann mit Anfang des Jahres 1839[51]  die mir von Rietschel zum 3. Januar verehrten Büsten des kolossalen olympischen Jupiter, des Apollo von Belvedere und der altgriechischen Pallas Athene sich anschlossen, welche noch jetzt die schöne Treppe meines Hauses in so würdiger Weise verzieren.


Die Hauptaufgabe meiner wissenschaftlichen Arbeiten blieb übrigens fortwährend der neue spezielle Teil der »Physiologie«. Was den ersten allgemeinen betraf, so kamen mir von den verschiedensten Seiten Beweise der Anerkennung zu Händen, sowie es andererseits allerdings auch an Widersachern nicht fehlte, ja ich die entschiedenste Verneinung desselben insofern erfuhr, als man in Galizien ihn bereits unter die verbotenen Bücher gesetzt hatte, was ich freilich im Sinne der dortigen geistlichen Herren eigentlich keineswegs inkonsequent nennen konnte.
Man kann nun denken, daß neben jener Arbeit und neben einer allein schon reichliche Lebensaufgaben bietenden Praxis das Umsehen in sonstiger Literatur sehr beschränkt hatte bleiben müssen, indes erinnere ich mich nichtsdestoweniger zweier Schriftsteller, welche doch auch damals, nicht ohne einen gewissen Eindruck hinterlassen zu haben, an mir vorübergegangen sind; es war einmal der Angelus Silesius und dann Dickens in seinen »Pickwickiern«. Auf den erstern, den alten Leibmedikus Kaiser Ferdinands III. aus dem 17. Jahrhundert, hatte mich Regis aufmerksam gemacht, und die Ausgaben desselben, welche von Franz Horn und Varnhagen besorgt worden waren, gaben eben denn auch hier die bequeme Übersicht des wirklich Bedeutenden, indem sie das Ungenießbare klüglich abschnitten. Man könnte diesen Angelus vielleicht am besten mit jenen Pflanzen der Alpenwelt vergleichen, die in rauher Luft und auf steinigtem Boden hervorbrechen und dabei doch oftmals eine große Feinheit und eigene[52]  Süßigkeit sich bewahren. Eine ganz entgegengesetzte Wirkung machte mir dagegen Dickens, in welchem eigentlich mehr das überwuchernde Unkraut moderner Geselligkeit karikaturmäßig sich verkörpert, so daß nun freilich bei manchem scharfen und kecken Federzuge auch wieder auf lange der Leser durch bedeutende Steppen hindurchgeschleppt wird.
Ferner darf ich nicht übergehen, daß dieses Jahr das erste wurde, welches eins der größten Phänomene aller Neuzeit, das Eisenbahnwesen, mir nahe brachte und verdeutlichte, indem die Bahn zwischen Leipzig und Dresden (nächst der Fürth-Nürnberger die erste Deutschlands), von welcher ich voriges Jahr in Leipzig nur ein kleines Stück durch eine Probefahrt kennengelernt hatte, nunmehr dem öffentlichen Verkehr übergeben worden war und nach und nach ihre Wunder entwickelte. In Wahrheit, die jüngere Welt wird es bald gänzlich vergessen haben, wie sonderbar, fremdartig und geradezu dämonisch dieses große Verkehrsmittel damals ins Leben trat! – Hatten doch sonst ganz tüchtige Staats- und Finanzmänner jener Zeit ein Unternehmen wie das der Eisenbahn zwischen Leipzig und Dresden seiner Nützlichkeit und Rentabilität nach noch sehr in Zweifel gestellt und durchaus keine Ahnung gehabt von den ungeheuern Resultaten, welche Werke dieser Art dereinst und in der Folge gewähren würden. Wirklich! Diese Erfindung trat hervor wie Herkules, in der Wiege schon Schlangen würgend, und machte mit Riesenschritten nach allen Seiten sich Platz. Was jedem Kinde jetzt bekannt ist, die Einfachheit der Signale, die Zweckmäßigkeit der Waggons, die Phänomene des Fahrens selbst, das alles war damals wunderneu und erregte die mannigfaltigsten Besprechungen; und doch dauerte es lange, ja es mußten erst die großen Reisen durch Dampf möglich werden, bis die ganze Tragweite[53]  von Phänomenen überblickt werden konnte, welche nach und nach auf sämtliche Angelegenheiten des Lebens so durchaus umgestaltend einwirken sollten.
Fast um dieselbe Zeit beschäftigte es mich auch zuweilen, eine Stunde in Rietschels Atelier zuzubringen, allwo eben die Büste der gefeierten Sängerin, der Schröder-Devrient, entstehen sollte. Ich hätte es gar zu gern gesehen, wenn auch ihre Statue dort hätte ausgeführt werden können! War doch in dieser Frau eine Plastik der Gestalt, wie sie selten gesehen worden ist, und es hätte da gewiß ein Werk hervorgehen können, welches an die Frauenstatuen des Phidias am Parthenon erinnern durfte! Allein der Gedanke, eine solche Statue späterhin an oder in dem neuen Theater aufzustellen, welches man jetzt eben aufzuführen begann, wurde, so angemessen es jedenfalls gewesen wäre, damals abgeworfen, und so blieb es freilich bei der Büste, welche indes auch so ein um so trefflicheres Kunstwerk genannt werden muß, je mehr sie an ein außerordentliches, naturwüchsiges und Geisteswerk überall erinnert. Sie selbst war jetzt wieder im vollen Besitz ihrer Stimmittel und in frischester Gesundheit, was denn alles oft eine gewisse übermütige Laune in ihr hervorrief, bei welcher allerdings von vorsichtiger Lebenskunst nicht immer viel die Rede blieb. Ich erinnere mich, daß ich sie einmal in solcher Stimmung über Mozarts »Don Juan« sprach, für den natürlich auch sie schwärmte. »Wissen Sie, was ich da möchte?« rief sie plötzlich aus. »Die Rolle des Don Juan möchte ich geben, ließe sich's nur singen! Sie sollten sehen, was mir da gelingen müßte!«, und dabei schüttelte sie ihre blonden Locken, und das Auge strahlte so blendend übermütig, daß es eine Lust war hineinzusehen. Und all solche Wildheit verband sich wieder in ihr mit großer Gutmütigkeit, fast übermäßiger Wohltätigkeit und dem Talent eines vollkommenen Ordnunghaltens[54]  in ihrem Hauswesen, das, wenn ich mitunter bei ärztlichen Besuchen einen Blick hineinwerfen konnte, mich wahrhaft überraschte.
Wieder brachten wir dies Jahr den größern Teil des Sommers in Pillnitz zu, und die großen Feierlichkeiten, mit welchen am 3. Juni das dreihundertjährige Jubiläum der 1539 unter Herzog Heinrich dem Frommen in Dresden eingeführten Reformation begangen wurde, berührten uns daher nur ganz von weitem. Die Eisenbahn hatte indes hierzu 400 Studenten von Leipzig nach Dresden gebracht, und unter ihnen auch unsern jungen Medikus, so daß denn doch der Familie von der allgemeinen Heiterkeit wenigstens etwas mit zuteil wurde; wie es mir denn überhaupt noch recht gut im Gedächtnis geblieben ist, daß von Pillnitz aus an jenem schönen Juniabend, gerade unter dem hellstrahlenden Hesperus, die Illumination der Stadt und namentlich die im Scheine der tausend Lichter und Lampen rötlich leuchtende Kuppel der Frauenkirche sich sehr gut ausnahm.

  Amazon.de Widgets
Übrigens wurden unsere Dante-Lektüren selbst durch den Landaufenthalt nicht unterbrochen. Es finden sich in dem verschlossenen Teile der königlichen Gärten in Pillnitz einige Pavillons, von denen diesmal den einen östlich gelegenen, im japanischen Stil verzierten, der Prinz Johann gewählt hatte, um dort das kleine Dante-Komitee auch ein paarmal im Sommer zu versammeln. Freund Tieck fuhr dazu mit Graf Baudissin in den warmen Vormittagsstunden heraus, und da saßen wir denn in dem altmodisch verzierten bequemen Gartenzimmer, welches wohl noch nie dergleichen poetische Zusammenkünfte gesehen hatte, jeder mit seinem Dante bewaffnet, vor uns die sonnig-heitern Blumenbeete, und hörten von Tiecks sonorer Stimme aufmerksam die von einem Fürsten verdeutschten Verse des Dichterfürsten vortragen, einzig unterbrochen[55]  von einer leichten Kollation, bei welcher dann eine meist mit gutem Humor geführte Konversation erfrischend umkreiste. Eine Sitzung dieser Art dauerte gewöhnlich von elf bis drei Uhr, und meist fuhr dann Tieck mit zu meinem Hause, wo denn auch wohl einige von seiner Familie angekommen waren, um bei uns zu essen, und dann, nachdem er in möglichst heißer Sonne (einer besondern Leidenschaft dieses Freundes) sich recht durchwärmt hatte, pflegte er oft den Nachmittag noch mit Lesung einer kleinen Novelle zu beschließen.
Nebenbei war dieser Sommer in unserm Pillnitz sehr belebt durch die Anwesenheit vieler hohen Häupter; wir sahen da die verwitwete Kaiserin von Österreich und die verwitwete Königin Karoline von Bayern sowie die Zwillingsschwester der Prinzeß Johann, die Kronprinzessin von Preußen, welche längere Zeit hier wohnte und später durch ihren Gemahl, den spätern König von Preußen, abgeholt wurde. Am 12. August, als alle die obengenannten Herrschaften dort versammelt waren, wurde eine große gemeinsame Partie in die Umgegenden veranstaltet, zu welcher ich mich ebenfalls eingeladen fand und welche ich hier noch mit ein paar Zügen aufzeichne, damit auch ein Bild solcher Art unter den mannigfaltigen andern Bildern diesen Blättern nicht fehle:
In einer ziemlich langen Wagenreihe also fuhr man zuerst vormittags von Pillnitz nach dem Königstein, um dort die Festung zu besichtigen und eine Kollation einzunehmen. Es war das erstemal, daß ich diesen seltsamen Ort auf seinen ungeheuern Felsmauern, mit seinen gewaltigen Bastionen und Eingangstoren, im Innern sah, und wieweit war man damals noch davon entfernt zu denken, daß nur zehn Jahre später das gesamte königliche Haus genötigt sein würde, gegen einen Teil ihres eigenen Volks hier Schutz zu suchen! Alle Sehenswürdigkeiten der Festung[56]  öffneten sich natürlich jetzt den hohen Gästen. In den Kasematten, wo die Munitionsvorräte geordnet, gewogen und bewahrt werden, stand unter andern auch eine Schnellwaage in Form eines bequemen Armsessels, auf welchen Herren und Damen zum Scherz sich setzten, um ihr Bruttogewicht (und zwar diesmal in aufrichtigen Angaben) zu erfahren, und ich erinnere mich unter anderm, daß es den Kronprinzen von Preußen sehr amüsierte, als ihm der Offizier, welcher die Gewichte ablas, berichtete, daß gegen seine frühere Schwere gegenwärtig sein Gewicht um volle 30 Pfund weniger betrage, welches denn als ein Triumph der Marienbader Kur sofort rühmend allen hohen Verwandten erzählt wurde.
Besonders schön waren an diesem Tage die Fernsichten über die Höhen der Sächsischen Schweiz, und als nun die Kanonen donnerten und der Widerhall durch die Täler fernab rollte, gab diese Musik einen schönen Rahmen um das weite großartige Gebirgsbild. Auch abwärts wurde mit kleinern Geschützen nach einem am andern Ufer auf den Wellen der Elbe aufgelegten Brettboden, welcher ein Schiff vorstellen sollte, gefeuert, und es war interessant zu sehen, wie selbst in dieser gewaltigen Entfernung die Kugeln doch immer ganz nahe um das nur kleine Ziel herum ins Wasser einschlugen.
Nach beendigter Schau und eingenommenem Déjeuner dinatoire stieg man durch das dunkle Gewölbe des Eingangs wieder hinab, die Wagen fuhren vor, und man begab sich nun nach dem Bilaer Grunde, wo in der Nähe der sogenannten Schweizermühle, zwischen Tannenwald und Felsen, die Gesellschaft im schattigen Grün unter dem blauen Himmel sich erging und dann an zwei im Freien improvisierten Tafeln sich versammelte, um dort, während in den nahen Büschen nach und nach die ländliche[57]  Jugend zahlreich zusammenlief, ein luxuriöses Diner einzunehmen.
Nach Tisch lustwandelte man endlich noch ein Stück das Tal hinauf bis da, wo jene grotesken Felsen aufragen, von denen man jedesmal glaubt, man sähe sie zum letztenmal, weil sie notwendig nächstens zusammenstürzen müßten, obwohl sie doch schon lange das ganze Heilige Römische Reich überdauert haben; dann jedoch wurden abermals die Wagen bestiegen, auf welchen man gegen das Städtchen Königstein durch anmutige Waldwege hinabrollte bis zum Einschiffungsplatze unter den letzten Häusern dieses stillen Örtchens, welches damals sich auch noch nichts davon träumen ließ, daß anderthalb Dezennien später auch hier auf gewaltigen Steindämmen Lokomotiven mit Tausenden von Fremden hindurchsausen würden. Es war ein schöner milder Sommerabend, die kleine Flottille schwamm langsam auf dem breiten Spiegel des noch nicht von Dampfern beunruhigten Flusses hinab, bald klangen Waldhörner aus den Gebüschen am Ufer, und ein Kahn mit Sängern folgte uns von weitem, so daß die lang gehaltenen Töne gutgestimmter Quartetten über den Wellen dahinzitterten und wünschen ließen, der Abend möchte zum vollen Tage sich ausdehnen.
Unsere Wasserfahrt die Elbe herab ging übrigens nur bis Pirna, wo bei eintretender Dunkelheit höchst zweckmäßig dafür gesorgt war, daß Hofequipagen bereitstanden, welche endlich, unter dem Leuchten lodernder Fackeln, die Gesellschaft rasch durch die angenehmen Waldwege nach Pillnitz zurückbrachten, gewiß nicht, ohne daß bei allen der reiche Tag eine angenehme Erinnerung zurückgelassen hätte.
Schließlich muß ich nun doch noch erzählen, daß am andern Morgen nach dieser hübschen Partie der Kronprinz von Preußen Pillnitz nicht verließ, ohne noch mich in[58]  meinem kleinen Hause besucht zu haben, als wohin ihn eine seltsame Naturmerkwürdigkeit zog, welche diesen Sommer schon vielfach am Hoflager hatte von sich reden machen, auch bereits von den meisten Gliedern unserer königlichen Familie bei mir in Augenschein genommen worden war. Diese Seltenheit bestand in einem Wespennest von der Größe etwa einer starken Mannesfaust, welches die arbeitsamen Geschöpfe nach und nach im Laufe einiger Monate hinter der immer uneröffnet gebliebenen Jalousie des einen Stubenfensters unsers Familienzimmers von außen dergestalt an eine Fensterscheibe angebaut hatten, daß man von innen nicht nur den ganzen merkwürdigen Zellenbau, sondern auch das Herumwandern, Ordnen und Aufspeichern der Bewohner des kleinen Königinnentums überblickte. Was man bei der Bienenzucht gewöhnlich nur unvollkommen erreicht, wenn man Glasfenster an den Stöcken anbringt, um die innere Ökonomie des Zellenbaues zu beobachten, indem da die fleißigen Tierchen das Glas oft mit Wachs zu überziehen und dadurch es undurchsichtig zu machen pflegen, das hatte sich hier ganz von selbst gemacht, und zwar vollkommener, da das papierartige Material des Nestes wohl am Glase festsaß, aber überall so, daß der Einblick in die Zellenräume völlig frei blieb. Wie oft machten wir uns da am Tage oder auch abends, wenn Tee und Lektüre beendigt waren, das Vergnügen, leise an das Fenster zu pochen und nun Achtung zu geben, wie sogleich alles im Reiche lebendig wurde, die Wächter herbeiliefen, ihre Kiefern zum Biß aufrissen und als Besatzung dieser Festung kampffertig sich aufstellten! Auch von all diesem war nun auf jener Kahnfahrt die Rede gewesen, und der Kronprinz, nach seiner lebhaften Art, wollte denn durchaus jetzt auch dieses Kuriosum selbst sehen, kam, sah, klopfte an, beobachtete den dadurch entstehenden Aufruhr,[59]  und als ich dabei erzählte, daß ein solches Nest eigentlich durch ein Wespenweibchen geschaffen werde, als welches die ersten Zellen selbst baut, Eier dareinlegt, so sich Arbeiter erziehe usw., verfehlte er nicht, diesen Staat sofort mit England zu vergleichen, ja ihn über England zu setzen, da Königin Viktoria doch nicht in dieser Vollkommenheit die Stelle einer wahren Landesmutter ausfüllen könnte. Im Winter, als alles Leben des Stocks erstorben war, ließ ich den Fensterflügel ausheben, das Feld das Glases mit einem Stück Rahmen ausschneiden und bewahre so das merkwürdige an das Glas geheftete Nest noch jetzt in meiner Sammlung.
Im September machten wir einen Besuch auf der Leipziger Kunstausstellung und erfreuten uns fast mehr noch als an den Bildern an der Erfahrung, daß es jetzt möglich blieb, in einem Tage sich dorthin zu versetzen, zu promenieren, zu speisen, Gemälde zu betrachten und am selben Abend wieder hier zu sein; eine Aufgabe, wozu früher etwa fünf Tage notwendig gewesen wären. Ich hatte damals selbst noch ein Bild zur Ausstellung gesendet – eine altdeutsche Stadt im Frühlicht, wenn zwischen vier und fünf Uhr die Glocken läuten und Dohlen um die Türme fliegen. Das Bild ziert noch heute ein Zimmer meines Hauses und sah auch damals unter den andern Sachen ganz tüchtig aus, ist indes doch ziemlich das letzte gewesen, das ich so zur Öffentlichkeit ausgesetzt habe, denn am Ende hatte dergleichen allerdings zu wenig von irgendeiner Folge.
1
  Amazon.de Widgets
 Die Leichenöffnung zeigte eine sehr eigentümliche Melanose mehrerer Abdominalorgane und vollkommene Erweichung der Substanz des linken Ovarium.




Siebentes Buch
Reise nach Laibach 1837 und fortgesetzte ärztliche und literarische Tätigkeit




IV.

[60] Was meine wissenschaftlichen Arbeiten betraf, so wurde in diesem Sommer der Abschnitt über das Nervenleben in meinem »System der Physiologie« ziemlich vollständig[60] abgeschlossen. Ich las Otto, der mich von Breslau besuchte, ein gut Teil davon vor, sendete auch sechs Aphorismen über Nervenleben zur diesjährigen Versammlung der Naturforscher und Ärzte in Pyrmont, da ich nicht selbst hinging, und hatte doch damals schon auf eine im allgemeinen selten richtig erfaßte Bedeutung jenes großen Phänomens aufmerksam gemacht, welches in den von Marshall Hall zuerst angestellten Versuchen sich hervortut. Indem nämlich hierbei die obern oder hintern Wurzeln der Rückenmarksnerven allerdings als die sensitiven, die untern oder vordern dagegen als die motorischen (d.i. die Bewegung leitenden) sich darstellen, so wird dadurch in den erstem eine zentripetale, in den letztern eine zentrifugale Regung der Nervenfasern sehr entschieden dagetan, und das ideele Gleichnis von Venen- und Arterienströmung des Blutes ist daran somit in Wahrheit so vollkommen dokumentiert, daß daraus manche Folgerungen sich ergaben, von denen man zwar gegenwärtig gerade ihrer Einfachheit wegen fast überall sich abwendet, welche aber nach und nach ihr unleugbares Gewicht sicher behaupten werden, ja behaupten müssen. Erinnere ich mich hierbei überhaupt der vielen Widersprüche und Anfeindungen, welche gerade die einfachsten und von einer gesunden Philosophie geleiteten Ansichten über Gegenstände der Lebenslehre unter uns zu erfahren pflegen (wie heftig wurde früher selbst Harvey über seine entdeckte Blutströmung angegriffen), so muß ich freilich darin oft mehr die Äußerung der fieberhaften Unruhe einer Zeit anerkennen, welche eben nicht befriedigt sein will, als daß ich es bloß der Unfähigkeit zuschreiben sollte, jene Einsicht selbst zu erreichen.
In künstlerischer Beziehung haben in diesem Herbste zwei Dinge mächtig auf mich gewirkt, und zwar sehr verschieden! Das erste war das Werk von Passavant über[61] Raffael, das andere waren die Abgüsse des Elginschen Marmors, welche durch die geschickten Unterhandlungen unsers Ministers von Lindenau in diesem Sommer für Dresden erlangt wurden.
Dem Passavant verdankte ich namentlich die Einführung zum tiefern Verständnis der Entwicklungsgeschichte jenes großen Künstlers von Urbino. Mit umsichtigem Geist findet man hier alles gesammelt, was über seine Jugend und jene Hofhaltung ein helleres Licht verbreiten kann. Man erfährt da, wie reich doch eigentlich, mitten in einer im ganzen barbarischen Zeit, das Leben dort sich gestaltete, wie fein die Unterhaltung geführt wurde und wie lebensfrisch und gesund die Geistesblüte in diesem Kreise sich erschloß. Vieles, was mir an Raffael sonst fast als ein Wunder erschien, ist mir seitdem klargeworden, und zu manchem, was uns in neuerer Zeit die Glanzperiode von Weimar gezeigt hat, wird nun in der Schilderung des Fürstenhofes von Urbino und ähnlicher ein würdiges Vorbild gegeben. Dabei enthält das Buch die bis dahin vollständigste Aufzählung Raffaelischer Werke, gibt interessante artistische Beilagen und überblickt treu und klar die große und vielseitige Tätigkeit eines Lebens, das an sich so kurz war und doch auf so ungeheuere Zeiten hinaus seine Wirksamkeit ausdehnte; kurz, ich hatte mich für einige Zeit völlig in das Studium desselben vertieft.
Nach einer ganz andern Seite dagegen weiteten die Elginschen Abgüsse meinen Geist aus! Es war eigentlich, als träte nun zum erstenmal die Antike mit ihrer großen und ganzen Macht dicht an mich heran. Und gewiß, es ist ein ungeheuerer Schritt, wenn man bisher die Kenntnis antiker Plastik fast allein dem Laokoon, dem Apollo von Belvedere und der Venus der Mediceer entnommen hatte und nun auf einmal an die Werke des Phidias unmittelbar herankommt! Ich werde nie den Eindruck vergessen, den[62] es mir machte, als ich zum erstenmal in jenen Pavillon des Zwingers eintrat, wo man damals diese großen Werke vorläufig und allein aufgestellt sah! Ich fühlte, daß für Verständnis der Plastik jetzt ein neuer Sinn mir aufging! Und nicht bloß, daß diese Art, die menschliche Gestalt an sich zu behandeln, so groß und bedeutend war, auch wie die Gewandung dem Stein aufgeprägt ist, erschien mir durchaus neu. Man weiß, daß jene großen Frauengestalten des Giebelfeldes in weiches vielgefaltetes Zeug gekleidet dargestellt sind, und es war mir merkwürdig, welche Bewegung der Künstler ohne alle minutiöse Ausführung auch darin erreicht hatte. Sah man eine Zeitlang weg und dann wieder fest darauf hin, so war es immer, als habe indes ein Luftzug oder ein Rücken der Gestalt den Faltenwurf geändert, obwohl Beleuchtung und alles dasselbe geblieben war.
Ja! Phidias und Raffael haben manches in ihrer Lebensstellung Verwandtes gehabt, obwohl der letztere schneller und glücklicher endete, aber am meisten gleichen sie sich doch beide darin, daß jeder für seinen Teil und in seiner Kunst für alle künftige Zeiten die leuchtendste Epoche bezeichnet.
Bei all diesen Studien, bei so manchen interessanten Berührungen und bei viel liebevoller Teilnahme, die mir im einzelnen zuteil wurde, fühlte ich indes doch oftmals sehr ein Isoliertsein meiner Stellung und einen Mangel an Austausch von Gedanken mit Gleichgesinnten und Gleiches Anstrebenden, so daß ich dann nicht selten wieder diejenigen beneidete und pries, die, an Universitäten tätig, soviel mehr die Wirkung von dem erfahren, was der Perser meint, wenn er sagt: »Ein Messer wetzt das andere und ein Mann den andern.« – Schrieb daher auch damals davon: »So wird der Mensch, je tüchtiger er an sich arbeitet und sich auferbaut, auch allmählich immer mehr[63] isoliert und auf sich selbst verwiesen, so daß es denn allerdings um so nötiger erscheint, beizeiten schon die Zitadelle seines Daseins so zu verproviantieren und so zu zieren, daß, wenn wir uns zuletzt wirklich ganz einsam dahin zurückziehen, wir mit Wohlgefallen darin verweilen mögen, auch dabei doch eine freie Umsicht ins weite Land uns offen erhalten.«
Seltsam war es nun, daß, bald nachdem ich jene aus dem Bedürfnis nach geistiger Mitwirkung hervorgegangenen Zeilen geschrieben hatte, mir durch das, was der Mensch einen Zufall nennt, eine Individualität näher gebracht wurde, welche späterhin so vielfältig an meinen Bestrebungen teilgenommen hat und in Wahrheit mehr als irgendeine das Heranwachsen besonders meiner psychologischen, ästhetischen und selbst der philosophischen Arbeiten durch Wechselrede, Verständnis und innige Teilnahme und Anerkennung gefördert hat. Es war eine Frau, welcher ich früher bei Tieck und in der obengedachten Löwensternschen Familie oft begegnet war und deren tief und umfassend gebildeten Geist jener Freund mir ebenso sehr gerühmt hatte, wie von anderer Seite ihre schmerzlichen Verluste mehrerer Kinder und ihre langen eigenen körperlichen Leiden mir vielfach erzählt worden waren.
Es war aber eben der 18. Oktober, und in manchen betrachtenden Erinnerungen des gewichtigen Tages verloren, wartete ich im Vorzimmer des Schlosses auf das Eintreten des Königs, als in gleicher Absicht der Gemahl jener Dame, der Intendant des königlichen Theaters, Geheimrat von Lüttichau, eintrat und sogleich mich dringend bat, baldmöglichst nach seinem Hause zu kommen und der Gesundheitspflege seiner schwerkranken Frau mich anzunehmen, welche vor kurzem erst ihren langjährigen Arzt, meinen dritten alten Kollegen Hedenus,[64] durch den Tod verloren hatte. Natürlich entsprach ich diesem Wunsche sogleich und um so mehr, da mir schon lange das ganze Sein dieser ausgezeichneten Persönlichkeit das höchste Interesse eingeflößt hatte. Ich fand allerdings eine sehr schwer Kranke, einen jener verwickelten Fälle, wo es nur nach und nach dem Arzte durch sorgfältigste Benutzung aller und jeder Berichte und Symptome gelingen kann, das richtige Bild der Wesentlichkeit des Zustandes sich zu entwerfen, und wo er gewöhnlich nur durch einen auf Jahre berechneten großem Kurplan dahin gelangen wird, die Gesundheit zurückzugeben. Ich darf sagen, daß denn auch allmählich alles erreicht wurde, was möglicherweise in einer sehr unterminierten Konstitution gelingen kann, um ein besseres Befinden herbeizuführen, und wenn ich dabei und dafür die dankbarsten Gesinnungen der ganzen Familie nicht genug rühmen durfte, so wurde mir zugleich dadurch das Glück, in eine der edelsten weiblichen Seelen und einen mit den Blüten ältester sowohl als neuester Literatur reichgenährten Geist tiefer zu blicken. Hatte daher früher Tieck, dem sie schon so manches Jahr eine treu teilnehmende Freundin gewesen war, mir oft versichert: »Wenn irgendeine, so sei diese Frau eigentlich berufen und berechtigt gewesen, als Schriftstellerin aufzutreten und als solche nachhaltig zu wirken, nur daß die feine Fühlung ihres Wesens ihr selbst überall dergleichen untersagt habe«, so ist es dann mir selbst, nachdem sie unter meiner Pflege allmählich soweit als möglich hergestellt und dabei auch den Meinigen überall eine liebevolle Freundin geworden war, immer vollkommener aufgegangen, welch feines Urteil und welch durchaus tief und schön entwickeltes Gemüt hier gegeben sei; und könnte ich deshalb alle den Einfluß schildern, den ihre Entgegnungen und Zustimmungen, wenn ich ihr späterhin manche meiner Arbeiten im Manuskript vorlas, auf diese letztern gehabt[65] haben, so hätte ich darüber jedenfalls die längsten Kommentare zu schreiben.
In Wahrheit war übrigens, daß mir gerade jetzt in einer so tief geistigen Persönlichkeit ein neues belebendes Element aufgehen sollte, um so mehr für mich als ein Glücksfall zu achten, als ich damals von sich zudrängenden Aufgaben des Arztes wie von wissenschaftlichen Arbeiten im höchsten Grade in Anspruch genommen wurde und dabei auf andern Seiten und namentlich in dem mich sonst oft so erfreuenden Dresdener Kunstleben allmählich vieles sich dergestalt geändert hatte, daß es die Erheiterung und Erfrischung wie früher mir nicht mehr zu bieten vermochte. Die alten, mir zum Teil nahe befreundeten Elemente waren fast gänzlich geschwunden, die neuen aber mir doch großenteils noch ziemlich fremd, und so schrieb ich darüber im Dezember 1839 an Regis:
»Was Friedrich betrifft, so lebt er zwar jetzt leidlich genug, jedoch vom Schlage gelähmt und ohne zu arbeiten oder geistigen Umgang zu gewähren. Seine Tochter ist an einen braven Elbfischer verheiratet – Freunde haben eine Unterstützung für ihn selbst zusammengebracht, deren er wohl bedurfte. Es ist aber seltsam, wie doch jene ganze Kunstperiode, in welcher Friedrich, Matthäi, Vogel, Rößler, Klengel und Hartmann tätig waren, jetzt schon so ganz untergegangen oder durch die neu aufgehenden hier sich fixierenden Zweige [der] Düsseldorfer Schule weit zurückgedrängt ist! – Da meine Kunstbestrebungen selbst noch mehr in dieser frühern Zeit wurzelten und immer mit denen Friedrichs so nahe verwandt waren, so macht dies mir oft einen eigen wehmütigen Eindruck. Es ist wohl schon ein paar Monate, daß ich keinen Pinsel angerührt habe. Ich fühle mich in meinem Innern noch so jugendlich, und doch merkt man an dem Vorübergehen solcher Perioden so sehr, wie das Alter herankommt.«[66]
So kam nun das Jahr 1840 herauf und brachte ebenfalls gleich an seinem Beginn allerhand musikalische Schätze mit. Denn nicht nur, daß der Morgen des 3. Januar durch Gesang verschönt wurde, welchem die sonore Altstimme von Tiecks zweiter Tochter diesmal einen besondern Reiz verlieh, sondern der Abend dieses Tages führte mir zum erstenmal Sebastian Bachs großes Konzert d-Moll (für drei Flügel mit Quartett von Streichinstrumenten) heran, eins der wunderbarsten Werke, das dieser Wunderbare geschrieben hat. Graf Wolf Baudissin, meine liebe Mariane und unser guter Krägen waren es, die die Flügel beherrschten, während Mitglieder der königlichen Kapelle das Quartett ausführten. Viele Freunde zwar hörten das große Werk mit an, doch hätte ich es gern noch weit mehrern gegönnt, denn merkwürdigerweise sind es gerade all dergleichen tüchtige ältere Sachen, welche in ihren schwarzen, symbolischen Zeichen fast fortwährend tief vergraben liegen und selten nur hier und da einmal zur Auferstehung geweckt werden.
So war ich nun mit klassischer Musik hinreichend genährt; bald darauf kam aber auch Liszt nach Dresden und spielte mehrmals öffentlich, so daß denn zugleich das Allermodernste der Musik gehört werden konnte. Ich schrieb damals über ihn: »Dieser Liszt ist nun wohl der Sterbliche, der es im Pianismus (wie man das jetzt zu nennen beliebt) am weitesten gebracht hat, ja denselben eigentlich zum Fortismus (damit das Neue durch ein neuestes Wort bezeichnet werde) treibt. Sie werden wohl von ihm gelesen haben! Er ist keiner von den größten Tondichtern, aber in seiner Seele kocht ein Vulkan von Tönen, welche sich denn wohl oft in wundersamsten Strömen ergießen.« Das Konzert, worin ich ihn hörte, gab er eigentlich ganz allein mit der Devrient! Kein Orchester, nichts weiter! Und nahm doch den Abend bei dem brillantesten[67] Auditorium über 1000 Taler ein. Sein Kopf wurde damals in Gips abgeformt und fehlte natürlich späterhin nicht in meiner kranioskopischen Sammlung, wo er freilich nicht zum Beleg jenes sogenannten Organs für Musik im Gallschen Sinne gebraucht wird, immer aber doch den Bau des irdischen Gehäuses für einen intelligenten, willenskräftigen und mit entschiedenem Vorwalten des Hörsinnes begabten Geist darstellt.
Diese musikalischen Genüsse gaben mir übrigens auch nach anderer Seite zu denken, indem ich gerade in jenen Tagen für den Schluß meines »Systems der Physiologie« mich viel mit der Lehre von den Sinnesorganen beschäftigt und namentlich die großen weitgreifenden Sinne des Gesichts und Gehörs bearbeitet hatte, wobei denn natürlich zugleich die akustischen Lehren und die Theorie der Musik nicht fehlen durften. Blicke ich jetzt nach so langen Jahren auf diese Arbeiten zurück, so muß ich allerdings sagen, daß die Aufschlüsse, die mir damals über die Lehre vom Sehen kamen, noch bedeutender und mehr neu waren als die über das Gehör. Die Ansicht, »daß das Sehen ein zwar höchst flüchtiger, aber doch wahrhaft daguerreotypischer oder photographischer Vorgang der Netzhaut sei, welcher, indem sich das Licht in die Substanz derselben stets für den Moment einlebt, ebendadurch die Empfindung des Sehens hervorbringe«, hatte entschieden noch niemand vor mir ausgesprochen, und so vielfältig sich dieselbe auch seitdem mir bestätigt hat und so gewiß sogar nur sie ausreicht, alle Erscheinungen unsers Auges vollkommen zu erklären, so finde ich doch immer noch, daß sie verhältnismäßig nur erst von wenigen begriffen und von noch wenigern ihrer ganzen Bedeutung nach erfaßt worden ist. Durchdringen muß man sie aber doch dereinst, denn am Ende gibt es eben keine andere echte![68]
Im Mai gelangte ich endlich dahin, den dritten und letzten Band meiner »Physiologie« zu beschließen. Über die philosophischen Grundgedanken des Ganzen, welche in dem Schlußkapitel, dem Abriß einer Seelenlehre, notwendig wieder schärfer zum Durchbruch kommen mußten, hatte ich damals noch mit Professor Chalybäus mannigfachen Verkehr. Auch Tieck und seinem Freunde von Raumer aus Berlin, welcher letztere regelmäßig einige Zeit bei ihm in Dresden verbrachte, las ich jenes ganze Schlußkapitel vor und erfreute mich größtenteils ihrer Zustimmung, obwohl der letztere namentlich alles, was feinere und eigentlich höchste Geistesanschauungen betraf, in seiner derben Berliner Weise mitunter seltsam genug auffaßte, so daß ich einmal ebenfalls in Pantagruelscher Weise dem Rabelais-Übersetzer darüber schrieb: »Himmel, wie knollig nimmt doch dieser Raumer das schon im ersten Bande der ›Physiologie‹ dargelegte Zustandekommen der Welterscheinung aus Idee und Äther! Ich habe ihm erwidert, ›daß in so schwierigen Dingen alles darauf ankomme, im Geiste des Lesers einen guten Willen und ein eigenes Entgegenkommen zu finden‹; denn freilich, wenn sich jemand die Idee als Darm und den Äther als hineingestopftes Fleisch vorstellt, um so zu dem Begriffe der Welt im Sinne eines Aristophanischen Wursthändlers1 zu gelangen, so kann er sich immerhin in seinem eigenen Riemen aufhängen lassen.«
Einen Freund, aber allerdings einen bereits längere Zeit mir halb Toten, nahm dieser Mai nun auch hinweg: meinen alten Friedrich! Er hatte so viel Kirchhöfe gemalt – er muß sich ganz heimisch dort vorgekommen sein! – Seine Bilder werden doch in später Zeit noch mannigfaltige Anerkennung finden!
Ich habe es nun unterlassen, in der Schilderung der nächst[69] vorausgegangenen Jahre wieder einmal meiner praktischen Tätigkeit als Arzt ausführlicher zu gedenken, und nur weil es vielleicht beim Hervorheben so vieler andern Vorkommnisse und wissenschaftlichen oder künstlerischen Lebensaufgaben scheinen möchte, es wäre jene Seite dabei nach und nach mehr zurückgetreten, muß ich doch hier noch ausdrücklich bemerken, daß im Gegenteil gerade diese und die nächstfolgenden Jahre meine umfassendste und vielfältigste ärztliche Wirksamkeit enthalten haben. Dresden war damals namentlich für die von Osten her aus Polen und Rußland kommenden Fremden nicht bloß, was es jetzt fast allein noch ist, ein Durchgangspunkt, sondern ein Ort halber Niederlassung und mindestens längern Verweilens. – Oft habe ich denn auch wohl angesetzt, aus den vielen merkwürdigen Fällen, welche im Flusse jener Zeiten vorübergegangen sind und von mir beraten wurden, die wichtigsten auszuheben und so sie der Wissenschaft zu bewahren, und doch ist es immer wieder liegengeblieben; vielleicht namentlich aus einem gewissen Überdruß an den gewöhnlichen, im medizinischen Zeitungswesen überall langweilig und breit gehäuften Krankengeschichten, zum Teil aber, weil ich mich auch abgestoßen fühlte durch das nicht zu leugnende Abwenden der Neuzeit von jenem Erfassen der Krankheit in ihrer lebenvollen Totalität, worauf es mir immer besonders ankam, sowie von dem Begreifen eines Heilplanes als größer durchdachtes und reiner im ganzen angeschautes Kunstwerk. Hat doch dasselbe realistische und roh materielle Treiben, welches in Physiologie und Psychologie Erscheinungen hervorbrachte, welche man in späterer Zeit vielleicht nur schwer mit der hochgerühmten Einsicht der jetzigen Periode in Einklang zu bringen imstande sein wird, auch offenbar in so vieler Hinsicht störend und zurücksetzend auf das gewirkt, was ich die eigentliche Kunst[70] nenne und was noch sehr von dem Wissen zu unterscheiden ist; da jemand allerdings den ganzen gelehrten Apparat des Arztes besitzen und dabei doch im hohen Grade unfähig sein kann, das wahre Kunstwerk eines zuweilen auf Jahre zu berechnenden Heilplanes mit fester Hand zu entwerfen. Gewiß nämlich habe ich stets am wenigsten verkannt, was wir den neuern Forschungen in pathologischer Anatomie, in mikroskopischer und mikrochemischer Kenntnis kranker Gewebe und parasitischer Gebilde und dergleichen zu danken haben, aber wie in der Physiologie aus den obgenannten Richtungen oftmals die Vernachlässigung aller reinen philosophischen Anschauung, so ging hier aus gleicher Ursache nicht selten das Hintansetzen der eigentlichen Würde der ärztlichen Kunst hervor. Wie möchten auch, wenn das Gefühl für eben diese Würde und Bedeutung nicht so sehr gesunken wäre, schon so rohe innere Zerwürfnisse erklärlich sein, wie sie seitdem die Medizin in Homöopathie, Allopathie, Hydrotherapie, Heilgymnastik, Siderismus und Mesmerismus auseinandergetrieben und schon dadurch dem Publikum die Achtung vor wahrer ärztlicher Kunst sehr gemindert haben! Ist es daher hier und da zuweilen noch einzelnen und so mitunter auch mir gelungen, jenem Bilde des echten Arztes in seiner fast priesterlichen und, insoweit es ein schöpferisches Gestalten des Kunstwerks eines tiefer greifenden Heilplanes einschließt, auch poetischen Bedeutung nahezukommen, so bleibt immer eine gewisse Scheu doch sehr natürlich, der großen, nicht dazu herangebildeten Menge gegenüber davon so geradezu öffentlich zu handeln und da Überzeugungen anzustreben, wo die Vorbereitung und das Verständnis dafür augenblicklich noch so sehr und fast überall fehlt.
Ich hoffe, daß wer mit mir und in diesem Sinne diese Angelegenheit betrachten will, der wird nun auch die[71] Gründe jenes langen Schweigens sattsam begreifen und mich nicht darum geringerer Liebe für mein Fach zeihen, weil ich vor der Welt weniger davon gesprochen habe, sondern es verstehen, daß gerade darin vielmehr diese Liebe sich eigentümlich und nachdrücklich beweist. Daß ich indes jene innere Nötigung, die besten Ergebnisse eines langen ärztlichen Lebens und Handelns einmal doch zusammenzufassen und der Öffentlichkeit zu übergeben, nicht ganz und unbedingt abweisen konnte, habe ich bewiesen durch meine im Jahre 1859 herausgegebenen »Erfahrungsresultate«, welche allerdings nur sehr Einzelnes aus dem Schatze einer langen und reichen Erfahrung mitteilen, aber an sich auch mehr bestimmt sein sollten, den Geist meines ärztlichen Handelns fühlbar zu machen und es daran verstehen zu lassen, warum so viele und hohe Familien mit so viel Vertrauen an mir festhielten, dergestalt, daß ich wohl hoffen darf, mein Andenken werde vielfach in Segen bleiben.

Unser Pillnitzer Aufenthalt im Spätsommer dieses Jahres bekam diesmal einen besonders melodischen Charakter dadurch, daß ein paar bedeutende musikalische Elemente dort gleichfalls der Landluft sich erfreuten: es waren die Devrient und die Familie des trefflichen Violinspielers, Konzertmeisters Schubert von der königlichen Kapelle. Da gelang es denn auch, daß letzterer ein paarmal mit Mariane Mozartsche Sonaten für Piano und Violine uns vortrug, und ebenso hörten wir in unserm kleinen Hause wohl die große Stimme der erstern, wie sie Lieder von Franz Schubert wunderbar belebte und uns in die verschiedensten Stimmungen hineinsang. Wenn dabei dann das späte Abendrot durch die kleinen offenen Fenster hereinschien, während die Blumen aus dem Gärtchen heraufdufteten und einsame Spaziergänger vor der Terrasse[72] stillstanden, um den seltenen schönen Tönen zu horchen, so war das alles wohl sehr eigentümlich und poetisch und blieb nicht ohne Einfluß, die Gabe des Gesanges in meiner damals so süß aufblühenden Eugenie zu wecken, der wir später manches ähnliche Schöne zu danken haben sollten, bis auch sie ein unerbittliches Schicksal uns abforderte.
Außerdem war sonst diesmal Pillnitz großenteils sehr still, da der König im August einen botanischen Ausflug nach den Karpaten angetreten hatte, eine jener Reisen, die er immer nur in Begleitung eines Adjutanten ausführte und während welcher denn natürlich die Königin entweder auch verreiste oder doch ganz still und zurückgezogen lebte. Es blieb mir daher diesmal viel freie Muße, welche ich großenteils verwendete, wieder ein neues, dem Andenken Goethes gewidmetes Buch in seinen ersten Linien anzulegen, worin denn zugleich die Reihe merkwürdiger und schöner Briefe veröffentlicht werden sollte, welche ich in einer Zeit von fünfzehn Jahren von diesem Außerordentlichen erhalten hatte. Das meiste dazu wurde freilich erst im folgenden Winter fertig, aber es war schon genug, mich wieder für ein frisches Werk lebendig entzündet zu fühlen, denn wohl pflegten mir die Tage immer dann am leichtesten auf dem Lebensstrome hinabzufließen, wenn der Gedanke einer neuen Produktivität mich eben wieder recht ernstlich ergriffen hatte. Dabei gab mir zugleich ein neues Buch von Tieck mancherlei zu denken, da dieser teuere Freund ein schön gebundenes Exemplar von dessen ersten Abzügen mir eben zu dieser Zeit verehrt hatte. Es war die »Vittoria Accorombona«, von welcher wir damals noch nicht ahnen konnten, daß es wirklich sein letztes Werk bleiben sollte! Es ist ein scharf gezeichnetes, aber ein Buch nicht ohne bittern Beigeschmack. Ich las es natürlich mit äußerstem[73] Interesse, fühlte mich von vielen Schilderungen in hohem Grade angezogen, dann aber von andern auch unbedingt abgestoßen. Manchmal erinnerte es mich an Manzoni, ohne jedoch dessen frisch bequeme, poetische Ader zu zeigen; gegen seine Novellen gehalten, vermißte ich die vielen dort überall schlagend hervortretenden Beziehungen auf die Fragen unserer Zeit sowie den reichen Humor des Dichters, und bei alledem überraschten mich dann wieder schöne historische Darstellungen, welche, wie die im »Cevennenkrieg«, aufrichtig beklagen ließen, daß Tieck sich nie an einem eigentlichen Geschichtswerke versucht hat; kurz, es hielt mich fest und hat auch später bei wiederholtem Lesen mir immer eine bedeutende Wirkung gemacht. Leider hatte ich es kaum das erstemal beendigt, als ich erfuhr, daß Friedrich Wilhelm IV., der am 7. Juni jetzt den Thron bestiegen hatte, sofort unsern Dichter, vorläufig zwar nur erst periodisch, durch eine reiche Pension nach Berlin zu ziehen unternahm, worauf, wie man natürlich sogleich erwarten mußte, bald auch die völlige Übersiedlung dorthin folgen sollte. Mit desto größerm Eifer hörten wir daher noch diesen Herbst seine Lektüren! »König Johann«, »Götz von Berlichingen« und die»Iphigenien« des Euripides waren diesmal die hellsten Lichtpunkte darunter! Ach, was hätte ich späterhin für solchen Abend nicht alles gegeben! Und damals nahm man es eben nur so hin, wie der Mensch mit manchem Herrlichen es zu machen pflegt, ohne dabei immer der Seltenheit des Glücks und dessen großer Flüchtigkeit zu gedenken!
Auch unsere neuerworbenen Künstler Bendemann und Hübner hielten sich sehr zu ihm. Der letztere malte damals für das im Bau begriffene neue Schauspielhaus nach einer Zeichnung aus Tiecks Vorspiel zum »Kaiser Octavianus« den großen Theatervorhang, der noch jetzt dort[74] viele erfreut. Was den erstern betraf, so wirkten schon die Anfänge seiner schönen Freskobilder im Thronsaal des königlichen Schlosses sehr mächtig, der Maler selbst aber fing damals bereits an, an den Augen zu leiden, und machte mir, der ich als Arzt ihm zur Seite stand, viele Sorge. Und wie viel hat ihn späterhin noch dies Übel gequält, und um wieviel Schönes und Großes sind wir dadurch gebracht worden! War es mir dabei doch oft, als erführe ich hier wieder eine Bestätigung eines frühern Gedankens, nämlich, als solle nun einmal der Moderne nie ganz die Höhe der Vorzeit erreichen! Zeigt er sich daher nun einmal wirklich in der Kunst tüchtig, so muß ihm im Leben gleich irgend etwas fehlen! Und so scheint es fast nie dahin kommen zu sollen, daß neben dem Trefflichen einzelner Leistungen auch jener Reichtum massenhafter Produktionen uns erfreue, wie wir ihn an den Genien früherer Jahrhunderte zu bewundern gewohnt sind.

Zu erzählen habe ich aber ferner, wie jetzt seit einiger Zeit im Treiben meines Lebens dadurch mir ein neues Interesse erwachsen war, daß mir eben jetzt jene Gedanken über Kranioskopie entschiedener sich zudrängten, wie sie zuerst im dritten Bande der ersten Ausgabe meiner »Physiologie« vorläufig dargelegt sind, ein Interesse, das mich sofort bestimmter auf Menschenbeobachtung richtete und mir oft und vielfaltig zu tun gab. Da wurden also nun Messungen der Köpfe aller Bekannten vorgenommen, eine Sammlung von Gipsformen bedeutender Köpfe sowie von Schädeln verschiedener Nationen wuchs mir unter den Händen hervor, und zu verschiedentlichen literarischen Arbeiten, welche auf diese Dinge sich beziehen sollten, stiegen ebenfalls neue Gedanken in mir auf. Freilich war ich damals noch weit von der Klarheit entfernt, mit welcher ich alles dahin Gehörige vierzehn Jahre später in[75] meiner »Symbolik der menschlichen Gestalt« zusammenfassen durfte, allein gerade über das wunderbare, schwerverständliche Gebäude des knöchernen Hauptes war mir doch (und zwar einmal ganz plötzlich, als ich abends in einer kleinen Gesellschaft mich über die Phrenologie Galls auszusprechen veranlaßt fand) die maßgebende Idee aufgegangen, und diese Idee selbst befruchtete nun weiterhin meinen Geist zu tausendfältigen Anwendungen. Dabei hütete ich mich indes sehr wohl, die Linien meines Systems zu schroff zu ziehen, denn ich hatte an Gall selbst ein lehrreiches Beispiel, wie leicht ein glückliches erstes Aperçu, wenn es zu pedantisch und in zu weiter Ausdehnung verfolgt wird, geradezu zu einer Absurdität zu werden imstande ist. Hatte nicht dieser Mann allerdings schon recht gut geahnt, nach welchen Richtungen hin am Schädel die geistigen Qualitäten sich vorzüglich andeuten müssen, ja lag ihm nicht bei seiner neuen Methode der Hirnzergliederung es schon ganz nahe, teils die drei Urmassen des Hirns selbst sowie die drei darauf sich beziehenden Wirbel zu erkennen, teils zu finden, daß nur eben diese drei Schädelwirbel in ihrer Beziehung auf die drei wesentlichen Hirnmassen auch den Schlüssel zur Physiognomik der gesamten Kopfoberfläche enthalten könnten? Und wie bald hatte er sich doch nachher in die Lächerlichkeit der einzelnen sogenannten Hirnorgane verloren! Ich suchte mich daher durchaus immer mehr im Ganzen, Großen und Allgemeinen zu halten, trug überall möglichste Rechnung der zuletzt doch inkommensurabeln Natur organischer Bildung und geistiger Strahlung und kann doch nun, drei Lustren später, es unumwunden aussprechen, daß jene Grundanschauung über Zusammenhang und Bedeutung von Wirbel- und Hirnbildung mich wirklich hier zu immer tiefern Erkenntnissen geleitet hat.[76]
Indem sonach all dieses mich gar sehr und lange in Anspruch nahm, trat natürlich für eine längere Zeit die künstlerische Beschäftigung fast ganz zurück. Anteil daran mochte es wohl auch haben, daß dergleichen Produktionen damals schon anfingen von allen Seiten so sich um mich zu häufen, daß oft eine Art von Übersättigung eintrat und mir selbst meine Bilder in meinem Hause zu viel wurden; schrieb auch deshalb einmal: »Und so schauen mich von allen Wänden längst verklungene Zustände an, daß ich zuweilen innerlich darüber ergrimmen möchte. – Ob ich einmal ein paar Dutzend in eine Auktion gebe?« Unter solchen Umständen kann einem dann wohl eine gewisse Furcht anwandeln, neuen dergleichen Schöpfungen sich zu überlassen; und doch, es kamen dann immer wieder von Zeit zu Zeit auch Vorstellungen und Gedanken, die mir übermächtig wurden, dergestalt, daß sie so lange mich wie Gespenster verfolgten, bis ich irgendwie es dahin gebracht hatte, sie auf der Leinwand zu fixieren. Wegen der eben angeführten Briefstelle wurde ich übrigens von Regis, an den sie gerichtet gewesen, hart apostrophiert, indem er mir sie wie ein Unrecht gegen eigene Kinder vorwarf. Ich antwortete dagegen: »Es ist wohl recht hübsch, Kinder zu haben, wenn sie sich aber gar nicht in der Welt forthelfen und nie ihren eigenen Weg machen wollten, so würde es immer ein schmerzliches Gefühl bleiben, sie gleichwohl fortwährend um sich zu sehen! Zumal nun bei dieser Art von Bildern, von denen die besten eben nur die stärksten lebendigsten Abdrücke einzelner früherer Zustände sind! Es ist dann fast, als wenn die Schlange alle ihre Natterhemden, die sie seit Jahren abstreifte, fortwährend noch mit sich tragen sollte! Und doch macht es diese Arbeiten gerade dadurch, daß sie wirklich eben nur solche Natterhemden sind, wieder auch psychologisch wichtiger, ja hier und da auch für andere eindringlicher[77] wirkend als manches elegante Handwerksbild.«
Die langen Abende des nun nach und nach einrückenden Spätherbstes führten übrigens wieder einzelnes literarisch Neue unserm Kreise heran; so kamen wir unter anderm auf »Steffens Leben«, wo uns im Eingange zwar die Seebilder wahrhaft anzogen, späterhin aber ein gewisser abstruser Pietismus und ein Mangel schärferer und lebendiger Zeichnung auch ebensosehr zurückstießen. Kräftiger und nachhaltiger fanden wir Arndt, das Interessanteste aber blieb uns der Wiederabdruck der alten Selbstbiographie von Thomas und Felix Platter, der gar prächtige Sächlein enthält. Zuletzt kamen wir jedoch meist wieder auf Tieck zurück, dessen schöne, früher in der »Urania« erschienene Novelle »Waldeinsamkeit« uns namentlich sehr beschäftigte. Das Tagebuch eines Irren darin enthält ganz absonderliche, oft wirklich sehr tiefgehende Reflexionen. Es ist jedoch eigen, daß man bei Tieck immer einen gewissen festen Grund, einen Grund, wo in dem Dichter selbst ein wahres seliges Genügen wohnt, vermissen muß, und seine Lebenserfahrung und Kenntnis geht doch übrigens so weit und tief! Am wenigsten wollte die »Günderode« von Bettina (der übrigens auch wohl das meiste darin selbst angehört) ansprechen; es kam mir vor, wie wenn die Kinder eine artige Torheit, die uns das erstemal amüsierte, nun geradezu bis zum Überdruß und zur Abgeschmacktheit wiederholen; man gibt es denn doch bald auf, mit dergleichen sich weiter zu befassen.
Der Winter trat diesmal mit ganz ungewohnter Kälte ein, indem man am 15. Dezember bereits 20 Zentigrad auf unserer Elbbrücke zählte, so daß ich an Regis schrieb: »Was Ihre Frage wegen fettschmelzender Hitzegrade in Afrika betrifft, so las ich neulich, daß in Nubien, wo die Männer das Haar sehr stark mit Fett einreiben und aufstreifen,[78] man gern geradezu ein Stück Schöpsfett unmittelbar vom Tier auf den Kopf legt und es dann in der Sonne schmelzen läßt, wo es nun über den Kopf rieselt und den Leuten so eine eigene Art Kühlung gegen die Sonnenstrahlen gewährt. Man wärmt sich bei dieser Kälte jetzt ordentlich schon in Gedanken an einer solchen Sonne!« Ich füge indes gleich noch eine andere Stelle desselben Briefes bei, welche zeigt, daß wir damals auch noch andere und freilich von innen kräftiger wirkende Mittel der Erwärmung anwenden konnten als jene Sonnengedanken; sie betrifft eine Lesung der »Andromache« des Euripides, welche Tieck uns gerade am Abend desselben kalten Tages trefflich und zu allgemeiner Erbauung vortrug. Ich schrieb davon: »Diese ›Andromache‹ kannte ich noch gar nicht, und zufällig hatte auch Tieck sie bis dahin noch nie vorgelesen. Es liegt ganz gewiß etwas darin, daß die Griechen keine Pantalons und Westen und Fracks getragen haben und daß sie den Menschen im wesentlichen so, wie er von Gott erschaffen ist, viel vor Augen hatten! Ist es mir doch immer bei diesen großen Werken, als sähe ich so ganz in den Menschen hinein; und weil nun eben in dem menschlichen Organismus so ungeheuer viel gegeben ist, so brauchen nur so einige wenige dieser Gestalten etwas ganz Einfaches vor unsern Augen zu erleben, so sind wir dabei stets mehr beschäftigt und mehr festgehalten, als wenn bei irgendeinem Modernen – wie ein Raupach etwa – ein ganzer Staat zugrunde geht! – Welche Gestalt dieser alte Peleus! Und wie herrlich zuletzt die Erscheinung der Thetis – es gemahnte mich fast an die klassische Walpurgisnacht Goethes!«








1.


2.


3.


4.






I.










[83] Der Beginn des Jahres 1841 brachte mir das freudige Ereignis, daß ich Regis, den ich damals bei all seinen Wunderlichkeiten noch als lieben und wahren Freund betrachten durfte, die Anzeige machen konnte, der König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., habe nach seinem großen Interesse für geistige Produktivität ihm eine Jahrespension von 300 Talern in Gnaden gewährt. Ich verdankte diese Mitteilung und großenteils zugleich die Vermittlung der Sache selbst unserer neuen, sich etwas von langem Kranksein erholenden Freundin, Frau von Lüttichau, und ihren gewichtigen Konnexionen in Berlin, und ich fühlte mich wirklich dadurch wesentlich beruhigt, da ich nun da eine Aussicht auf drückenden Mangel beseitigt sah, wo dieser mir besonders ans Herz gegriffen haben würde.
Wie denn aber im Leben wohl Glück als Unglück nicht allein zu kommen pflegen, so schloß sich auch diesmal solcher günstigen Begegnung alsbald eine andere an, und zwar eine, die wegen ihrer besondern Schönheit es gar sehr verdient, hier ihr Gedächtnis sorgsam zu bewahren. Es handelt sich aber um nichts Geringeres als um die Erscheinung sämtlicher neun Musen!
Für, den Abend des 3. Januar hatten nämlich den Meinigen unsere Künstler die Darstellung eines Tableau vorgeschlagen und eingerichtet, wie es in Dresden noch nie und überhaupt wohl bisher nur selten gesehen worden war. Im obern Salon meines Hauses war eine künstliche,[83]  leichte, großenteils aus Karton bestehende Wand hergestellt und mit Kränzen architektonisch nach Art eines großen Marmorfrieses angenehm verziert worden, auf welcher nun der Chor der Musen, ganz so, wie sie etwa an Tempelfriesen des Altertums vorzukommen pflegen, diesmal aber aus wirklichen lebenden und schönen Gestalten dargebildet erscheinen sollte. Man kann denken, daß wenn Künstler wie Hübner, Bendemann und Rietschel solche Vorstellung ordnen und leiten und wenn sich Gestalten dazu verwenden lassen, die es verdienen, als Musen gesehen zu werden, so mußte, bei einer gewählten Beleuchtung, der Effekt ein außerordentlicher sein. Um die Ähnlichkeit mit dem Skulpturwerk eines Frieses vollständig zu machen, waren nicht nur auf lichtweißem Grunde die Gestalten alle mit weißen Draperien geziert und trugen goldene Attribute, sondern die Wand des Kartons war bei den meisten Figuren nach Maßgabe ihres Umrisses dermaßen ausgeschnitten, daß dieselben wirklich zum Teil in die Wand zurücktraten und somit die Eigentümlichkeit eines Hautrelief auf das merkwürdigste darstellten. In Wahrheit, als vor der versammelten zahlreichen Gesellschaft der breitgespannte Vorhang zurückwich, als die schönen Gestalten in voller Neunzahl sichtbar wurden, hier die schöne Melpomene mit tragischer Maske und der Keule des Helden, dort Urania sinnend, Polyhymnia in der schönen Stellung der gewandreichen Antike des Berliner Museums, Erato mit goldener Lyra, Klio mit der Rolle der Geschichte und so fort, wurde von allen Seiten ein allgemeiner Laut der Bewunderung hörbar, und gern hätte man stundenlang an den Schönheiten, deren immer mehr in Gliederhaltung, Antlitz und Gewandung erschienen, je mehr man hinsah, sich geweidet. Zugleich ertönte aus dem Nebenzimmer ein Quartettgesang wohl komponierter und gesungener Horazischer Verse, und[84]  dreimal nacheinander zeigte sich und verschwand so das zauberhafte Bild, das gewiß keiner der Zuschauenden jemals wieder vergessen hat.

  Amazon.de Widgets
Soviel ist übrigens gewiß, daß von allen Arten der Tableaustellung, wie sie sich, namentlich nach dem Vorgange von Goethes »Wahlverwandtschaften«, mit zuweilen etwas zur Absurdität getriebener Wiederholung vielfältig ausgebreitet haben, keine ist, welche bei vollkommener Ausführung ein künstlerisches Auge so vollkommen zu befriedigen vermag als diese! Denn wenn das Nachahmen von Gemälden durch lebende Personen notwendig immer vieles vermissen lassen muß, wodurch uns eben erst das Bild recht zum Bilde wird, wenn hier die Feinheiten der Konzentration des Lichts meistens wegfallen, und selbst die zu große Annäherung an die Wirklichkeit, oder vielmehr die Wirklichkeit geradezu, sehr leicht eine Art von Wahrheit gibt, welche zu ihrem Nachteil mehr an Wachsfiguren als an Bilder erinnert, so hat dagegen eine von einem vollendeten Kunstsinne angeordnete Darstellung der obigen Art, eben weil sie entschieden von der bloßen Natur sich ablöst und einfachere Forderungen der Beleuchtung stellt, dabei aber in vieler Beziehung, besonders in der Gewandung, wirkliche Idealformen der Plastik darzubieten vermag, einen ganz entschiedenen Vorzug und kann zugleich wesentlich beitragen, bei vielen ein näheres Verständnis der Plastik selbst teils vorzubereiten, teils wirklich zu fördern.
Soll ich übrigens bei dieser Gelegenheit, nachdem nun nicht nur jene erste Ausgabe meiner »Physiologie«, sondern auch eine später mit Sorgfalt bearbeitete zweite Auflage derselben weit hinter mir liegen, mich noch einmal über dies Ganze aussprechen, so kann ich zwar nicht verkennen, daß dasselbe in Beziehung auf die jetzt mit hauptsächlichem Eifer fortgesetzten mikrologischen Forschungen[85]  über Form und Mischung des menschlichen Organismus schon damals manche Mängel verriet und natürlich gegenwärtig deren noch weit mehr verraten muß, allein bei alledem glaube ich entschieden behaupten zu dürfen, daß in der Gesamtheit dieses Buches eine gesündere und angemessenere Ansicht des Lebens herrschte, als sie in fast allen übrigen, zum Teil mit so enormen Material überhäuften Physiologien damals gefunden wurde, und daß auch über das Wesen der einzelnen Lebensfunktionen hier Ansichten und Aufschlüsse gegeben worden sind1, welche insbesondere dem Arzte erfolgreicher und förderlicher erscheinen müssen, als sie gewöhnlich sonst ihm geboten worden. Es war jedenfalls wirklich für eine geraume Zeit das letzte philosophisch erfaßte Werk über die ganze ungeheuere Aufgabe, den Wunderbau der menschlichen Organisation in seinem fortwährenden Werden zur Anschauung zu bringen, und wenn einmal wieder die Zeit kommt, da man allgemeiner gewahr werden wird, daß der Geist des Menschen seinem eigenen höhern Wesen nach sich nicht an dem allein genügen lassen kann, was zunächst durch die Phantasmagorie der Sinne ihm vorgespiegelt wird, sondern daß er bestimmt ist, hinter allem Sachlichen dem Ursachlichen nachzuspüren und auch darüber ein entschiedenes Schauen zu erreichen, so wird es wohl nicht fehlen, daß man zugleich den Bestrebungen, welchen ich nun schon ein halbes Jahrhundert nachgehe und welche sich in diesem »System der Physiologie« ganz besonders konzentriert hatten, wieder genügende Anerkennung gewähren wird.[86] 


Während ich denn nun in dieser Weise nach gewohnter Art von Tag zu Tag tätig mich bewies, bereitete sich ein Ereignis vor, welches auf einmal und für längere Zeit dem Kreise dieser Tätigkeit mich entrücken und einen ganz andern mir anweisen sollte. Unser gesamtes königliches Haus befand sich nämlich bereits seit Monaten durch Nachrichten vom toskanischen Hofe in Unruhe versetzt, Nachrichten, welche von einem längern und ernstern Erkranken der ältesten Tochter des Großherzogs, der Erzherzogin Karolina, meldeten. Viele dieser Berichte wurden mir mitgeteilt, und ich wurde gewöhnlich um so mehr aufgefordert, darüber mich auszusprechen, als ich das Glück gehabt hatte, vor mehrern Jahren die jüngere Schwester der Kranken, Prinzeß Auguste, welche ihre Tante, die verwitwete Frau Großherzogin Marie, damals hierher gebracht hatte, von einem drohenden Brustleiden wiederherzustellen. Nach und nach mochte nun, eben weil die Krankheit der Erzherzogin Karolina denselben Charakter, nur entschiedener, angenommen hatte, der Wunsch rege geworden sein, zu versuchen, ob eine Behandlung im Sinne der deutschen Medizin vielleicht kräftiger wirken und dem Leiden festere Schranken entgegenzustellen imstande sein möchte, als die bisherige Behandlung durch italienische Ärzte; kurz, in der Mitte des Februar teilte mir der König mit, daß es des Großherzogs und sein eigenes Verlangen sei, daß ich mich nach Florenz verfüge, um die Leitung dieser Behandlung zu übernehmen.
Ich verließ Dresden den 25. Februar abends, um erst den 4. Mai dahin zurückzukehren. Ein Tagebuch dieser Reise, die manche merkwürdige Erfahrung mir heranführte, findet sich in meiner »Mnemosyne« abgedruckt. Leider waren die Resultate derselben in ärztlicher Beziehung nicht erwünschter Art und konnten es nicht sein, da bereits entschiedene Kavernenbildung in den Lungen der Kranken[87]  vorhanden war. Bei alledem hatte ich die Freude, als ich im April Florenz verlassen mußte, die Prinzessin etwas gekräftigt und beruhigt zu sehen; es war indes nur vorübergehende Erleichterung; sie starb im Oktober, und nur ein wichtiges Resultat ließ sich jedenfalls aus diesem Vorfalle für die Heilkunde ziehen, nämlich: daß auch da, wo entschiedene Anlage zur Phthisis vorwaltet, eine rechtzeitige gründliche Behandlung sie unschädlich zu machen imstande ist.
Übrigens sollte ich, ehe ich diesmal Dresden verließ, noch einen wahren Kummer erfahren, indem ich es durch keine angewandte Sorgfalt und Mühe verhindern konnte, daß meines teuern Freundes Tieck älteste Tochter, die vielbegabte Dorothea, infolge der Masern und eines daran sich unmittelbar anschließenden typhösen Fiebers ihm und zugleich eigentlich uns allen durch den Tod entrissen wurde. Die jüngere Tochter, Agnes, war ebenfalls masernkrank, kam aber glücklich durch. Tieck war tief erschüttert, und doch hatte er die Kranken selbst gar nicht besucht, was ihm denn vielfach als Egoismus und Härte ausgelegt wurde und mir freilich auch durchaus gegen die Natur gewesen wäre; aber wer will in Sachen des Gefühls dem andern Gesetze geben! Ist es nicht vielleicht so, daß manche sehr sensible Natur es überhaupt nicht erträgt, ein geliebtes Leben noch im Stande der beginnenden Auflösung zu sehen, während eine andere, stärker liebende und weniger empfindliche sich noch an den letzten Schatten mit Zähigkeit anklammert? Dorothea war seit langen Jahren zugleich sehr intim mit Frau von Lüttichau, und so erwuchs auch dieser kaum von eigenem schwerem Erkranken etwas sich erholenden Freundin ein tiefer Schmerz aus einem so tragischen Falle. Kurz, ich reiste sehr verstimmt ab und ließ viel Betrübte hinter mir. Es gehörte die ganze Fülle des Frühlings, wie er mir schon im März[88]  in Florenz entgegenlachte, dazu, doch endlich alle diese traurigen Bilder wieder zu verscheuchen!

  Amazon.de Widgets
Einen interessanten Zuwachs zu Dresdens architektonischen Schönheiten fand ich übrigens bei meiner Rückkehr hier vor: es war das neue Theater! Reich und bequem in den besten Verhältnissen und im ganzen nach sehr origineller Anlage, war es in einigen Jahren nach Sempers Plänen heraufgestiegen und während meiner Abwesenheit mit Goethes »Tasso« glänzend eröffnet worden. Meine Beziehung zu der Familie des königlichen Intendanten, Herrn von Lüttichau, verschaffte mir die freundliche Einladung, die Loge desselben öfters zu benutzen, und wie manchen und großen künstlerischen Genuß hatte ich nicht seitdem diesem bequemsten der Plätze zu danken! Zunächst war mir unter manchen anderm merkwürdig, Mademoiselle Georges, jene damals freilich schon sehr passierte Größe des französischen Theaters, von dort noch einigemal zu sehen, und trotz ihres übermäßigen Embonpoint und der nur mäßigen Unterstützung durch ihre Truppe mußte man doch sagen: diese Leute verstanden das Handwerk und hatten längst das Stümperhafte abgelegt, das hin und wieder auf deutschen Bühnen mich so vielfaltig verdrossen hatte. Die Gesellschaft gab neben einigem sogenannten Klassischen auch »La Tour de Nesle«, eins jener Sprößlinge aus den Schulen Victor Hugos, und wir hatten freilich alle Ursache, den Himmel anzurufen, nicht zu viel von dieser neuen gallischen Art über den Rhein herüberzulassen! Um so mehr Freude machte es deshalb noch, die Ungher und den berühmten Tenor Moriani, deren beider persönliche Bekanntschaft ich schon in Florenz gemacht hatte, noch einmal hier im selben Sommer in einer italienischen Oper, und namentlich in der »Lucretia Borgia«, all den Reichtum an Stimmmitteln und Stimmkultur entfalten zu hören, der mich an[89]  ihnen schon in Florenz entzückt hatte. Die Ungher-Sabatier wurde auf diese Weise zugleich für ein Jahr einigermaßen einheimisch in Dresden, und da ich mich veranlaßt fand, hier und da als Arzt ihr nützlich zu sein, so gab dies wieder einigemal Gelegenheit, daß sie, um mir sich dankbar zu zeigen, unsere Musikabende durch ihr großes Talent in wahrhaft dankenswerter Weise verschönte. Kurz, die Erinnerungen an Italien klangen in solcher Art sehr lange nach.
Sowie ich übrigens wieder etwas mehr zur Ruhe gekommen war, tauchten natürlich auch meine Vorarbeiten zu dem obgedachten Buche über Goethe wieder heller aus dem Dunkel hervor, wohin die Störung der Reise sie verwiesen hatte; die vergilbten Briefe und Papiere wurden aufs neue durchgesehen, mit manchem andern verglichen, und so kam ich denn auch oftmals auf das dicke Riemersche Buch über Goethe zurück, ohne mich jedoch irgendwie recht daran erfreuen zu können. Bei manchem Interessanten ärgert mich doch das Buch in vieler Beziehung, und ein anderer hätte wohl leicht etwas Tüchtigeres gegeben. Es ist zuweilen, als müßte dieser Name an »Leder« erinnern! Sucht man doch vergebens nach so recht pünktlicher historischer Mitteilung, vergebens nach Aufschluß über manche Verhältnisse, deren Einwirkung auf Goethe man klarer kennen möchte, vergebens auch nach genauen Angaben über irgend noch vorhandene handschriftliche Schätze; und aus dem persönlichen Umgange – wieviel Wichtigeres hat da Eckermann mitgeteilt! Gewiß, um nur eine dergleichen Zusammenstellung aus großenteils längst Gedrucktem zu geben, da hätte auch einer ausgereicht, der Goethe nie gesehen hatte, und doch, so groß ist der Zauber dieser Persönlichkeit, daß man immer wieder mit Interesse und Anregung in dem Buche liest!
Nicht unbemerkt will ich ferner lassen, daß die letzten[90]  schönen Herbsttage dieses Jahres mich noch einmal nach Leipzig geführt hatten, wo manches Naturhistorische und Pathologische durchzusehen war und wo nebenbei auch die Ausstellung mich interessierte, obwohl ich mehr und mehr anfing einzusehen, woran es doch eigentlich der modernen Kunst überhaupt fehle. Jenes tiefe In-sich-selbst-Brüten der meisten alten Künstler nämlich, jenes gleichsam nur wie durch Naturnotwendigkeit bedingte Produzieren, weil man nicht anders kann – es verliert sich ja in den Neuern so viel mehr; es mischt sich – sowie in früherer Zeit oft das Handwerk – so in der neuern weit mehr die Industrie und das Elegante des Maschinenwesens hinein, und das war freilich nun auch hier genugsam zu bemerken. Andere und vielfältig bessere Gedanken erregte mir daher damals wie in alter Zeit ein Gang durch das Rosental an einem dieser feinen herbstlichen Morgen! Schon fielen die gelbbraunen Blätter der Eichen in Massen, Tausende der alten knorrigen Äste streckten aus blaulichem Duft und von hübschen Streiflichtern überstrahlt wie zum Gruß ihr letztes Laub mir entgegen, und wieviel Erinnerungen an all das, was in jungen Jahren ich dort gesonnen und geträumt hatte, tauchten dabei in meinem Geiste wieder auf! Bin ich doch auch später immer aus diesem Walde nur mit eigener innerer Bewegung getreten.
1
  Amazon.de Widgets
 Ich rechne dahin namentlich die von mir zuerst als »photographisch« aufgestellte Theorie des Sehens, welche später von einem bedeutenden Augenarzte, Dr. Heymann, in einer Abhandlung (vgl. Verhandlungen der Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinischen Akademie vom Jahre 1830) in zweckmäßiger Weise weiter ausgedeutet worden ist.




II.










[91] Es kam jetzt der Mai [1842] heran und entführte uns Ludwig Tieck, den der König nach Potsdam kommen ließ, von wo er nur noch einmal nach Dresden zurückkehren sollte, um dann im Herbst, bei der völligen Übersiedlung nach Berlin, jenen gefährlichen Schlaganfall zu[91]  erleiden, von welchem er nie ganz sich wieder erholt hat. Diesmal hatte ich ihn noch »Was ihr wollt« ganz prächtig lesen hören und verdankte außerdem seinen Gesprächen die erste Hinweisung auf Droysens Übersetzung des Äschylos, die mich denn in stillen Stunden späterhin viel beschäftigt hat. Mich interessierte zumal seine Schilderung des wunderlichen Satyrspiels »Proteus«, und zwar um so mehr, als ich nicht umhin konnte, zu erkennen, wie Goethe von daher so manches für den zweiten Teil des »Faust« und die »Klassische Walpurgisnacht« entnommen habe. »Der alte Schatzgräber hat doch überall eingeschlagen!« war der Gedanke, der mir hierbei oft vorschweben mußte. –
In dieser Frühjahrszeit kam es nun vor, daß wir auch in Dresden einmal eine größere Ausstellung hatten, und zwar für einen neugebildeten Verein, zum Andenken des vor nicht langem verstorbenen Tiedge veranstaltet, jenes Uraniasängers, welcher gleichsam den andern Pol unserer Dichterwelt so lange gebildet hatte. Eine Menge alter, fast vergessener Bildergespenster von Matthäi, Klengel, Hartmann standen da wieder auf und sahen einander gelangweilt an, selbst einiges von Friedrich nahm sich damals schon etwas wunderlich aus, gleichwie einiges Frühere von mir selbst. Sieht man doch bei solchen Gelegenheiten sogleich, wie schnell das meiste veraltet und wie bald nun das fremdartig werden kann, was eben in seiner Zeit doch so manchen Beifall fand. Aber wie weniges ist dagegen, was sich wirklich zum Zeitlosen zu erheben vermag! Diesmal erreichten übrigens all diese Sachen wenigstens einen Zweck, nämlich einigermaßen beizutragen zur Bildung eines Unterstützungsfonds für bedürftige Künstler, Dichter und deren Hinterlassene.
Bei alledem fällt mir gegenwärtig noch ein, daß um diese Zeit es sich auch ereignete, daß aus einer kleinen sächsischen[92]  Fabrikstadt ein Kaufmann zu mir kam, dem seine wohl nur dürftigen Geschäfte Muße gelassen hatten, sich mit allerhand Lektüre, auch naturwissenschaftlicher, zu befassen. So waren ihm denn auch wohl einige Sachen von mir, die »Erlebenbriefe« und die »Physiologie« namentlich, in die Hände gekommen und hatten ihn warm, ja schwindelnd gemacht. Nach seiner Art – ohne alle nötigen Vorstudien – hatte er nämlich das alles auf seine Weise sich zurechtgelegt, seine Phantasie hatte in bunten Schwankungen ihre kleinen Flügel entfaltet, und Wahres und Falsches untereinander hatte ihn jetzt mit einemmal sich selbst als begabten Forscher empfinden lassen. Es blieb nichts übrig, als nach einigen freundlichen Worten ihn zu entlassen und ihm eine schwerlich benutzte Warnung mit auf den Weg zu geben. In Wahrheit ist mir (und zwar vielleicht mir gerade mehr als andern wegen meiner allgemeinern und poetisch lebendigern Weise auch in wissenschaftlichen Darstellungen) schon öfters aus dergleichen Zudrängen von Unberufenen zu den Mysterien der Wissenschaft mancherlei Not erwachsen! Scheinen doch die schwierigsten Fragen oft gerade dem Unwissenden nur ein leichtes Spiel und werden nicht von Leuten dieser Art Dinge für ganz außer Zweifel erklärt, worüber der Mann von Fach nur mit der größten Behutsamheit einige Vermutungen wagt! Solch ein zur Unzeit und nur halb Gelehrter zum Beispiel kann absprechen über die Natur des Sonnenkörpers oder über die Ringe des Saturn, als ob es sich um Rechenpfennige auf seinem Ladentische handelte, und schwer genug wird es dann immer bleiben, ihn zum Anerkennen seiner Unzulänglichkeit nur einigermaßen zu bringen. – Im ganzen wird man indes mit Leuten dieses Schlags immer noch leichter zu Fach kommen als mit manchem andern im Leben selbst! Wurde es mir doch schon damals recht oft deutlich, wie wenige[93]  Naturen, mit denen man vielleicht früher einmal sogar ganz gut sich verständigt hatte, solchem Verständnis nun auch für spätere Perioden hinlänglich aushalten! Es ist seltsam, wie man sich nicht nur aus Epochen, sondern auch aus Menschen herauslebt! Nichtsdestoweniger erhält mein Herz für alle, die mir irgendeinmal wirklich einst nähertraten, eine feste und wohlwollende Erinnerung! Mein hiesiger nächster naturwissenschaftlicher Freund, Thienemann, ist jetzt auch, seit man ihn in die Bibliothek gespannt hat, tief hypochondrisch, glaubt hektisches Fieber zu haben, und ich kann ihn nicht bewegen, zuweilen wie sonst mit uns zu essen, da ich aber nicht Zeit habe, öfters zu ihm auf seinen Weinberg hinauszufahren, so sehe ich ihn auch fast gar nicht mehr! Dergleichen ist betrübend, und doch sind es am Ende nur die fortrückenden Abschuppungen und Dehiszenzen des Menschenlebens, zu denen niemand etwas kann!
Dabei darf ich wohl auch berühren, wie es von jeher mir Bedürfnis gewesen sei, wenn mich im Leben etwas recht scharf angriff und mich so ganz unbedingt festhalten wollte, daß ich dann mich zwischendurch und zeitweilig am liebsten zu einer ganz andern geistigen Aufgabe und Arbeit flüchtete, um so eine gewisse tiefere innere Freiheit mir nie rauben zu lassen! Man wird hiernach verstehen, warum auch in jenen schweren Wochen ich durchaus nicht aufhörte, ja nicht aufhören konnte, immerfort einzelne wenige Mußestunden der obgedachten Arbeit über Goethe1 zu bewahren und Trost und Erfrischung aus der Beschäftigung mit Vollendung eines Büchleins zu schöpfen, welches auch späterhin mir stets lieb geblieben ist, mir hier und da Freunde erworben hat und vielen ein willkommener Wegweiser zu jener mächtigen Individualität[94]  wurde, welche vielseitig, wie sie im höchsten Grade selbst genannt werden muß, nie recht begriffen werden kann, wenn man ihr nur mit einem gewöhnlichen und einseitigen Maßstabe entgegentritt.

  Amazon.de Widgets
Als lebendige Gegenstände anthropologischer Studien kamen wir übrigens diesmal dort auch ein paar eigentümliche Gestalten recht echt moderner Welt vor: Fürst Pückler und Gräfin Hahn-Hahn; letztere von dem ersten mir zugeführt. Beide wurden den kranioskopischen Messungen unterworfen, und ich hatte denn meine eigenen Gedanken dabei. An der heitern, zwar etwas kuriosen, aber doch eigentlich bedeutenden Individualität des Fürsten erfreute ich mich immer am meisten. Ich hatte ihm verschiedentlich ärztlichen Rat zu erteilen und fand ihn da in der Stadt mitunter auf eine mir neue Weise in Toilettenmysterien vertieft, denn es ist bekannt, daß dieser Vielgereiste, der im Orient durch seinen schönen weißen Bart überall Aufsehen machte, in europäischen Kreisen dagegen nur mit dunkelgefärbtem Haar und Bart zu erscheinen pflegte, und natürlich verlangt denn dergleichen mancherlei Vorbereitungen, in denen ich ihn somit zuweilen überraschte. Auf unserm Landhause dagegen hatten einst auch die Meinigen ihr Vergnügen an dem freien, ungenierten und doch durchaus feinen Wesen des vollendeten Weltmannes, den es nicht im mindesten stört, wenn er im Vorbeifahren am Hause seines Arztes absteigt und die Familie eben bei Tisch findet, der sich vielmehr gleich mit hinsetzt, es sich trefflich schmecken läßt und dabei den angenehmen Gesellschafter vollkommen zu machen versteht, um endlich ebenso schnell und gemütlich wieder zu verschwinden.
Was dagegen die Gräfin betraf, so ließ sich damals noch wenig ahnen von ihrer spätern geistlichen Umkehrung; aber schon hatte sie ein Auge verloren, und wäre nicht[95]  zu viel modernster Salonton in ihr gewesen, so hätte man an einzelnen Äußerungen von Geist und Gefühl sich wohl erfreuen können. Neulich schickte mir der Buchhändler ihre »Erinnerungen aus Frankreich« zur Ansicht, worin ich beim Durchblättern folgende hübsche Stelle fand, welche sie als Frau zu gut charakterisiert, um sie nicht hier mitzuteilen. Sie erzählt da viel vom Schauspiel und auch von Voltaires »Mahomed« und von der »Phädra«, dann sagt sie: »›Phädra‹ ist schön! Der lange Trauermantel, welcher der Liebe nachschleppt, ihre goldenen Flügel überhüllt und bald Schwäche, Sünde, Schuld, bald Schmerz heißt: der liegt auf der ›Phädra‹, und man fragt sich hier beklommen, ob solche Liebe nicht ein Fluch ist, den göttliche Mächte verhängen und den der Mensch erleidet!«
Ihre Kopfmaße waren nicht eben bedeutend, und der Verlust des einen Auges gab ihrem sonst nicht unangenehmen Gesicht ein etwas verstörtes Ansehen. Man nahm damals einen Abguß des ganzen Kopfes, welcher denn noch jetzt ebenfalls in meiner kranioskopischen Sammlung sich vorfindet.
Nebenbei fühlte ich mich übrigens diesen Sommer einmal wieder veranlaßt, einen öffentlichen Vortrag über Kranioskopie zu geben; denn da in Dresden eine von nun an jährlich wiederkehrende Versammlung sächsischer Bezirksärzte gehalten wurde, so ergriff ich diese Gelegenheit gern, um gerade die so wichtige Seite jener Lehren für gerichtliche Medizin auch in diesem Kreise mehr und mehr zur öffentlichen Geltung zu bringen! Dafür hat mir allerdings mancher vernünftige Mann seine Beistimmung erklärt, und schon damals hatte ich die Freude, daß Oken in der »Isis« meine Kranioskopie mit den Worten anzeigte: »Hier muß man keine zigeunermäßigen Deutungen der Schädelbuckel suchen, man findet nur eine wissenschaftliche[96]  Grundlage für die verhältnismäßige Entwickelung der Hauptteile des Gehirns, aber damit sichere Anhaltepunkte für die Beurteilungen der Talente, Geistesrichtungen und Neigungen der Persönlichkeit usw.«
Für den Herbst dieses Jahres warteten meiner noch ein paar glückliche Begegnungen! Einmal, indem der 9. September, Geburtstag jener seit Jahren mir und den Meinigen treu bewährten Freundin, bei welcher wir neun Jahre früher den 28. August so schön feiern konnten, diesmal mich abermals mit Frau und Kindern auf ein anderes an den Ufern der Mulde in einer Art von Waldeinsamkeit gelegenes Gut derselben führte, wo wieder Sonnenlicht und Mondnacht, Waldesluft und Stille unserm kleinen Zirkel ein schönes Vollgefühl lebendigen Daseins gab, wie es denn auch gerade in diesem Sinne mir kaum je wieder erschienen ist, so viel auch sonst des Schönen und Großen mir noch für die künftigen Jahre bewahrt bleiben sollte.
Dann am 14. September sahen wir nun auch Tieck noch einmal nebst unsern Künstlern und einigen andern Freunden bei uns zu Tisch, und nur tags darauf siedelte er nun ganz nach Berlin über. Er war diesmal noch heiter und humoristisch mitteilend wie immer, schien dabei aber doch zuweilen das Ernste und Harte dieses Schrittes selbst zu fühlen; eine Vorempfindung, die nicht nur der bald nachher eintretende (oben schon erwähnte) Schlaganfall, sondern auch seine ganze, so viel andere dortige Stellung nur zu sehr bestätigt haben. Noch einmal auch hörten wir ihn lasen – er las den »Faust« (ersten Teil ohne »Walpurgisnacht«) ganz vortrefflich –, habe ihn dann aber später nie wieder lesen hören, und hat er doch unfehlbar auch da überhaupt nie wieder so gelesen; denn nach jenem Anfall blieb die Sprache merklich verändert, einer Glocke gleich, die weil sie einen Sprung bekommen, nie wieder[97]  den frühern helltönenden Klang erhält. Es liegt ja so viel Wunderbares und Charakteristisches in der menschlichen Stimme, und welche Melodie hatte die seinige!


Man kann übrigens denken, wie seltsame Gedanken mir nun gerade damals eine im vollsten Gegensatz zu solchem Sprechen stehende Stimme erregen mußte, als nämlich tags darauf, nachdem der scheidende Freund uns noch einmal durch den schönen Fluß seiner Rede erfreut hatte, ein gewisser Herr Faber aus Wien mich besuchte, welcher hierhergekommen war, um seine Sprechmaschine dem Publikum vorzustellen, und sofort auch mich einlud, derselben einen Besuch zu schenken. Der Apparat leistete wirklich Merkwürdiges, und in der zweiten Auflage meines »System der Physiologie« habe ich in der Lehre von den Sprachorganen deshalb dieser Leistungen ausführlicher gedacht, eben weil sie jedenfalls ganz geeignet waren, das Wunder der lebendigen Bildung besser begreifen zu lassen; aber nichtsdestoweniger wird man mir glauben, daß ich mich allerdings mitten in einem Hoffmannschen Märchen zu befinden wähnte, als das Ding mit seinen deutlich artikulierten, aber sonderbar hölzernen Tönen mich jetzt anschnarrte: »Der Hofrat Carus lebe hoch!« – Der Kontrast eines toten Mechanismus, mit dem Reize vollster und geistigster Lebendigkeit des Organismus, ist mir kaum jemals tiefer und eindringlicher erschienen!
Am 6. Oktober ging ich selbst auf einige Tage nach Berlin, wohin ich seit neun Jahren nicht wieder gekommen war, und zwar diesmal zuerst mit der Eisenbahn, jedoch noch über Leipzig. Ich verweilte etwas bei D'Alton in Halle, meinem treuen Mitarbeiter an dem großen Werke der Erläuterungstafeln, und freute mich seines zierlichen, ihm von seinem Schwiegervater Rauch trefflich ausgeschmückten Hauses sowie an seinem stillen hübschen Familienleben. Berlin selbst mit seinen von Jahr zu Jahr[98]  mehr sich häufenden Schätzen von Kunst und Wissenschaft verfehlte abermals nicht, mir auch wieder einen bedeutenden Eindruck zu machen, obwohl immerfort dort das Factice mir ein mächtiges Übergewicht über das Naturwüchsige verriet. Eine angenehme Zugabe zu älterm Bekannten gewährte mir diesmal das an Kunstschätzen reiche Schadowsche Haus, noch von dem alten Herrn selbst und zugleich von den Eltern unsers Bendemann bewohnt.
Daß ich den erstern einige Jahre zuvor in Dresden mit Glück ärztlich behandelt und hergestellt hatte und in gleicher Weise auch den Kindern der letztern in Dresden als Arzt und Freund wert geworden war, verschaffte mir dort eine überaus freundliche Aufnahme. Jener Veteran der Kunst vergaß jetzt meine Kritik seines Polyklet in den »Berliner kritischen Jahrbüchern«, mit welcher er früher nicht so recht einverstanden gewesen war, und lud manche Notabilitäten Berlins für mich zu einem Festmahl zusammen, bei welchem er natürlich »des Mannes, der eine bekannte, aber schadhaft gewordene Antike in Dresden glücklich restauriert habe«, mit besonderm Toast rühmend gedachte. Bei dem greisen Paare Bendemann dagegen erfreuten mich vorzüglich manche treffliche Jugendarbeiten von Bendemann und Hübner sowie von dem Düsseldorfer Lessing. Zumal wurde mir des erstern erstes Freskobild im Salon seiner Mutter, »Die Künste, versammelt um den Springquell der Poesie«, äußerst merkwürdig und lieb. Trägt es doch durch und durch das Gepräge jenes tiefen Schönheitssinnes, der diesen Künstler so sehr auszeichnet und früh schon seinen »Trauernden Juden« ihre Berühmtheit verschaffte.
Man kann nun denken, daß ich nicht in Berlin sein konnte, ohne meinen verehrten, indes so hart betroffenen Freund Tieck in Potsdam aufzusuchen Am 11. Oktober war ich nach Sanssouci zur königlichen Tafel geladen und hatte[99]  mich so eingerichtet, vor und nach derselben bei Tieck, dem der König ein hübsches kleines Haus mit Garten hatte mieten lassen, eine Stunde zubringen zu können. Wohl fand ich den Freund sehr verändert. Die Haltung war gebrechlicher geworden, die Zunge war für das Aussprechen mancher Buchstaben noch etwas gelähmt, der Kopf war schwer und nie ganz aufzurichten, nur hinter all diesem der Brennpunkt des Geistes war noch unverändert derselbe, warf immer noch lichte Strahlen durch die Nebelatmosphäre der Krankheit und bewährte somit vollkommen das Ewige seines Wesens. Noch war ja auch seine alte Freundin, Gräfin Finkenstein, um ihn, und obwohl er mir sagte: »Ich und die Gräfin, zwei Krüppel – die Blinde und der Lahme« –, so hatte er doch damals noch die Freude eines wechselseitigen Austausches der Gedanken, war mitunter auch wieder so wohl, daß er beim König sein konnte, der ihn immerfort mit Güte überhäufte, und so schied ich zuletzt nach manchem belebten Gespräch doch immer mit einer gewissen Genugtuung von ihm.
Nach Berlin zurückgekehrt, hatte ich übrigens noch gar manche interessante Begegnungen und Freude an manchem bedeutenden Kunstwerk. Zu den erstern rechne ich Dove, den Physiker und Meteorologen, der mir in einer Abendgesellschaft bei Bendemanns bekannt wurde und mit welchem ich alsbald in tiefere Gespräche, namentlich über organische Bedeutung der Erde und deren Spirallauf sowie die Spiralbewegung der Himmelskörper überhaupt, mich vertiefte. Beides waren Vorstellungen, die damals schon und auch jetzt noch vor dem Berliner Wissen keine Gnade fanden, und was jene Spiralbewegung insbesondere betraf, so wollte Dove sie überhaupt nicht gelten lassen, »da ja bekanntlich die Planeten nur in Ellipsen umliefen«. Wir diskutierten viel darüber, bis ich endlich einen rundfüßigen silbernen Leuchter ergriff, ihn auf einen[100]  Bogen weißes Papier stellte und nun Dove bat, während ich den Leuchter langsam fortrückte, ihn ruhig und gleichförmig mit der Spitze eines Bleistifts zu umkreisen. Natürlich zeigte sich, als wir den Leuchter entfernten, eine aufgezeichnete Spirale auf dem Papier, und wenn nun seit Argelanders Rechnungen nicht geleugnet werden kann, daß die Sonne mit allen ihren sie umkreisenden Weltkörpern unablässig fortrückt, so war auch an diesem Beispiele vollkommen klar, daß ebenso die Planeten im Weltraume keine wahren Ellipsen beschreiben, sondern, wenn der Sonnenlauf irgendwie ein unendlicher ist (was nicht fehlen kann), ebenfalls jeder Planet in einer unendlichen elliptischen Spirale sich bewegen muß, welches denn eben hatte bewiesen werden sollen. Ich darf sagen, daß ich bei alledem in diesem Gegner doch einen sehr gebildeten und kenntnisvollen Geist erkannte, von dem ich wohl gewünscht hätte, ihn in größerer Nähe zu haben, immer der alten Erfahrung wieder nachgehend, daß man mit dem wahrhaft Wissenden nie streiten werde, ohne selbst dabei irgendwie Nachhaltiges zu lernen. Auch Ehrenberg und die naturwissenschaftlichen und anatomischen Museen gaben mir reichen Gewinn. Der erstere hatte damals eben begonnen, sich mit den fossilen Infusorien vieler Länder zu beschäftigen, und gönnte mir einen Blick in seine reichen Sammlungen, allwo ich den außerordentlichen Fleiß des unermüdlichen Forschers zu bewundern volle Gelegenheit hatte, indem er in einem kleinen Kasten mit einer Menge noch kleinerer Abteilungen auf feinen Glasschieberchen in Tausenden von Präparaten die animalischen oder vielmehr protorganischen Überreste dieser Art aus allen Weltteilen gesammelt und dergestalt geordnet aufbewahrt hatte, daß er in jedem Augenblick gerade diejenigen Körperchen in natura aufweisen konnte, wovon in irgendeiner Tafel seines großen Werks über fossile Infusorien[101]  die Abbildung gegeben war. Er hatte außerdem damals eben angefangen, auch die unterirdischen Infusorienlager von Berlin zu untersuchen, und so stieg ich mit ihm selbst in die tiefen Grundlegungen zum Neuen Museum hinab, wo aus 20 Fuß langen Pfählen eben die ungeheuern Rostlager eingerammt wurden, auf denen sich später jener Prachtbau erheben sollte. Wirklich fanden sich in diesen uralten Schlammlagern Millionen lebender Infusorien vor, von denen wir einige nachher mikroskopisch untersuchten, und nicht selten bildeten ihre Kieselschalen so ganz und gar die Substanz dieses Bodens, daß Ehrenberg den Versuch gemacht hatte, aus dieser Ton- und Kieselmasse kleine Gefäße brennen zu lassen, welche ein wunderschönes Korn zeigten und von angenehm rötlicher Farbe waren. Was die Museen betraf, so zogen mich diesmal namentlich die Schädel der Wilden an, und ich versäumte nicht, eine Anzahl der merkwürdigsten zu messen und in meine kranioskopischen Register einzutragen.

  Amazon.de Widgets
Endlich kam mir denn auch noch zustatten, daß eben die große Kunstausstellung sich eröffnet fand, auf welcher Lessings »Huß vor dem Konzilium zu Konstanz« notwendig als das merkwürdigste Neue erscheinen mußte. Das Bild, welches ich später auch in Dresden wiedersah und lange und wiederholt betrachtete, beschäftigte mich viel; es gehörte nebst den frühern Bildern von Bendemann und nächst Lessings eigener »Hussitenpredigt«, die ich eben auch in Berlin in den Zimmern der Königin wiedergefunden hatte, mit zu dem Bedeutendsten, was damalige neuere Kunst mir entgegentreten ließ. Der Künstler hatte große Sorgfalt verwendet auf Köpfe und Gestalten der hier zu Gericht sitzenden hohen Geistlichen sowie auf deren Kostüme und sonstige Äußerlichkeiten, und wenn ich auch fühlte, daß alledem, wenn ich an ähnliche Darstellungen bei den alten Italienern und Spaniern dachte, noch manches[102]  abging an Präzision, Tüchtigkeit und plastischer Farbenbehandlung, so war doch eins, was mich besonders festhielt und was mir noch jetzt einen Eindruck macht, wenn ich daran zurückdenke: es war die ausgebreitet auf die Brust gelegte Hand des Reformators, worin die tiefe seelische Überzeugung und der dem Feuertode ruhig entgegengehende Glaube dieses teuern Mannes so klar und schön ausgesprochen sich fand, daß sie wahrhaft unvergeßlich dem Beschauenden sich einprägte.
Mit nicht minderm Interesse sah ich dann auch noch in der Raczynskischen Sammlung die große in Ölfarben ausgeführte Zeichnung von Kaulbachs seitdem so berühmt gewordener geisterhaften »Hunnenschlacht«. Das Bild dieses gespenstischen Kampfes erregte mir selbst im Innern viel gedankenhaften Streit! Es war nämlich zwar so gewaltig in der Zeichnung, so originell in den Gedanken und so bedeutend in der Wirkung, wie ich wenig vorher gesehen hatte; bei alledem aber überkam mich doch ein Gefühl mehr des künstlich Gemachten als des völlig Freien und Gesunden, so daß ich mich schwer hiervon wieder ganz losmachen konnte. Der Gedanke selbst, das Wiederaufstehen der Geister der Erschlagenen vom Schlachtfelde zu neuem Kampfe in luftigen Regionen, hatte mir etwas Barockes, Widerhaariges, mit dem ich nie fertig werden konnte, und sollte es nun doch einmal vorgestellt sein, so war es mir immer nur in trüben Ossianschen Nebelbildern denkbar, und gerade das also, was besonders daran gerühmt werden muß, die sichere und feste Plastik der Zeichnung, es brachte mich immerfort von neuem aus dem Konzept und hinderte mich, die Idee des Werkes als Ganzes in mich aufzunehmen; etwas, worauf es doch zuletzt gerade bei dergleichen am meisten ankommt.
Auch bei meinem lieben Freunde Rauch, der schon an dem großen Monument Friedrichs II. arbeitete, verbrachte ich[103]  mit Gerhard, Bunsen, Steinrück, Parthey und andern einen ergiebigen Abend, und so war denn genug vorhanden, um dieses abermalige kurze Berliner Leben nicht ohne Erfolge zu lassen; ja damit endlich diese Existenz auch zu einem melodischen Abschluß komme, hörte ich noch am letzten Abend bei Hänsel Mendelssohn (dessen Schwager) sehr schön auf dem Flügel phantasieren, als wobei ich mich eigentlich zum erstenmal hier ordentlich heimisch fühlte und den Reverien eines solchen Meisters mit vollster Zustimmung folgte, dessen bald darauf stattfindende Übersiedelung nach Sachsen gewissermaßen ein Gegengewicht genannt werden durfte gegen den Verlust, den wir durch Tiecks Wegzug erlitten hatten. Sollte indes doch auch er uns nicht auf lange gegönnt sein!
Bald nach meiner Zurückkunft, im November, starb Hofrat Haase, Inspektor des Antikenkabinetts, ein Mann, der mir zwar geistig nie sehr nahegestanden hatte, dessen Stellung und archäologisch Kenntnisse mir indes bei manchen Kunstbetrachtungen wohl erwünscht gewesen waren. Hatte mich doch bei meiner damaligen Hinwendung nach den alten Tragikern vieles aus jenen Regionen immer wieder angezogen, und oft führte dann dergleichen wieder zu Besuchen der Antikengalerie und zu Besprechungen antiquarischer Gegenstände. So hatte ich z.B. wieder im Eisenbahnwagen bei der Berliner Reise mich in die »Helena« des Euripides vertieft und schrieb damals darüber an Regis: »Es bleibt doch vorzüglich das eigentümlich Romantische daran, was mich festhält, und ich ärgere mich eigentlich an Schlegels Urteil darüber, der es eine ›belustigende Tragödie‹ nennt, von welchen beiden Bezeichnungen ich sicher weder das eine noch das andere zugeben könnte.« Ich las es noch mehreremal, und immer übte es auf mich eine bedeutende – ich möchte sagen – gegenständliche Wirkung.[104] 
Wenn uns denn aber am meisten endlich doch immer das wirkliche Schauen dessen, was der Plastik der Griechen selbst als Musterbild vorschwebte, für rechtes Verständnis ihrer Kunst fördern wird, so muß ich hier noch einer Erscheinung gedenken, welche für alle eben erwähnte Studien mir damals ausnehmend zur rechten Zeit kam. Wir hatten nämlich alle schon vielfach jene merkwürdige Frau, die Schröder-Devrient, in Darstellungen antiker Gewandung, und zwar ganz vorzüglich als Norma bewundert, ja ich hatte sogar versucht, mit einigen unvollkommenen Strichen, selbst während des Spiels, etwas von diesen großartigen Gestaltungen mir in bleibenden Gedanken zu befestigen, auch ihr selbst wohl geklagt, wie leid es mir sei, das alles immer nur so im Fluge zu sehen und nie ruhig mit dem Stifte in der Hand diesen schönen Momenten folgen zu dürfen. Da versprach sie mir nun eines Tages, nach dem Stück heraus in meine Wohnung zu fahren und mir eine förmliche Sitzung zu geben. Und so geschah es! Das nächste Mal nach der »Norma« höre ich den Wagen vorfahren, sie steigt herauf in den mit hohem Licht mäßig erleuchteten Salon, und da stand sie als Norma nun nahe vor mir, bewegte sich in dieser weichen weiten Gewandung in den mannigfaltigsten Stellungen, die schönen nackten Arme warfen den Schleier in die großartigsten Falten, und das edle antike Gesicht blickte mir zu in Zügen, einer Helena nicht unwert, bis ich endlich, überfüllt mit Schönheit, ausrief, in dieser Stellung nun etwas zu verweilen! Hätte ich da die Macht der Zeichnung besessen, welche Konture hätten auf das Papier kommen müssen!
Gewiß, die Linien, die ich ziehen konnte, sie waren nur sehr unvollkommen, und das später daraus entstandene Bild von der Norma, unter ihrer Eiche sitzend, bei durchbrechendem Mondlicht, es ist auch nur ein schwaches[105]  Kunstwerk geblieben, aber was ich alles aus dieser Musik der Bewegungen gelernt habe und was mir dabei für Verständnis anderer unsterblichen Kunstwerke klargeworden ist, das bleibt doch mein eigen, das habe ich dieser Frau für immer zu danken, und das durfte darum auch hier in diesen Blättern nicht unerwähnt bleiben, die ja eben versuchen sollen, von allem, was ich in Kunst und Wissen erreichte und wie ich es erreichte, ein möglichst treues Bild zu geben.
So zieht man also immer wieder frische Segel auf, um auf der Bucht dieses Lebens noch einige Zeit umherzuschwanken! Gebe Gott schöne Küstenländer, tüchtige erkleckliche Arbeit und heitere Gefährten!
1
  Amazon.de Widgets
 Sie erschien unter dem Titel »Goethe, zu dessen näherm Verständnis« in Leipzig bei Weichart (1843).




III.










[106] Indem somit von jetzt an diese große Aufgabe, in welcher das, was an tiefern Gedanken meine frühern psychologischen Vorlesungen enthalten hatten, immer konzentrierter und gereinigter sich ordnen sollte, mehr und mehr Hauptziel meines wissenschaftlichen Strebens wurde, trat auch das Bedürfnis nach immer größerer Abklärung der Form der Darstellung sehr entschieden hervor. Öfters wandte ich mich damals wieder zu Lessing, um in diesem reinen Quell mich zu spiegeln, und noch öfter, ja auch mit noch mehr Nachwirkung, teilte ich die schwierigsten Kapitel jener jetzt ziemlich genesenen Freundin, Frau von Luttichau, mit, welcher Tieck schon großen Einfluß auf seine Arbeiten vergönnt hatte. Lessing verglich ich dabei wohl zuweilen einer Palme, die zwar nur wenige, aber darum (wie in »Emilia Galotti« und in »Nathan«) desto mächtigere Blütenbüschel getrieben hatte, während er im[106]  übrigen seines kritischen Prophetentums doch mehr bestimmt gewesen sei, den Zeitgenossen die Luft zu reinigen und einer bessern Periode den Weg zu bahnen, obschon uns dies übrigens nicht hindert, mitunter nach einem Trunk Goethe uns zu sehnen.
Nach einer andern Seite hin nahmen zu Anfang dieses Jahres die eben hier ausgestellten großen belgischen Bilder von Bièfve und Gallait, der »Kompromiß der niederländischen Edeln« und die »Abdankung Karls V.«, meine Teilnahme sehr in Anspruch. Wahre Spektakelstücke der Historienmalerei von der Breite und Höhe eines Theatervorhangs! Ich verkannte nicht die enorme Macht der Technik und die Tüchtigkeit der Studien, die hier vorlagen (insbesondere in dem Bilde von Gallait), aber die gesamte Behandlung – von der räumlichen Größe anzufangen – ging mir doch zu sehr ins Ungemessene, als daß ich auf die Länge mich tiefer hätte dafür interessieren können.
Übrigens, als ob es an diesen ungeheuern gemalten Kunstwerken noch nicht genug sein sollte, brachte der warme Winter, der diesmal im Februar schon Krokus und Schneeglocken in meinem Garten hervortrieb, in eben diesem Monat auch noch einige Riesenkonzerte von Berlioz, dessen ungeheuerliche Phantasien mir nun ebenfalls genugsam zu denken gaben. Es war das erstemal, daß ich diesem seltsamen Geiste begegnete. Wunderlich – romantisch – aölsharfenartig – zuweilen auch etwas Karikatur! Das Ganze fast in [E.T.A.] Hoffmanns Manier, aber doch bedeutend! Etwas von dem, was mir lange im Geiste vorgeschwebt hat. Ich sagte, als ich während der Pause zu Frau von Lüttichau in die Loge kam: »Das ist der Schrei der Kreatur nach einer neuen Musik!« Die Franzosen gehen doch überall als Tirailleurs voraus, aber das Ausbauen und Ausbilden muß woanders herkommen; hier[107]  wohl dereinst von den Deutschen! Ewas von diesem prophetischen Spruch hat sich unleugbar später in Richard Wagners größern Werken erfüllt, nur daß auch da noch nicht genug abgeklärt ist.

Unter den fremden Erscheinungen, die in der schönen Maienzeit dieses Jahres durch mein Sehfeld zogen, habe ich denn auch noch dreier Frauen zu gedenken, alle drei durch große Schönheit merkwürdig, sodann aber noch einer vierten, einer Fürstin, ebenso durch Schönheit als durch einen edeln, fein- und hochgebildeten Geist ausgezeichnet. Es war dies aber die Großfürstin Helene, geborene württembergische Prinzessin und Gemahlin des Großfürsten Michael, welche in diesem Frühjahr einige Wochen in Dresden lebte, mich zu sich rufen ließ, auch mit ihren Töchtern zu mir kam, um mein Haus und namentlich meine kranioskopische Sammlung in Augenschein zu nehmen, bei welcher ich dann speiste und ihr noch mein Buch über Goethe verehren durfte. Ich wüßte kaum zu sagen, daß ich bisher einer so eigentümlichen Erscheinung in der Welt der Frauen begegnet wäre; und gewiß, noch jetzt leuchtet mir das Bild dieser ihrer damaligen schönen Erscheinung und die Anmut, Lebendigkeit und Feinheit ihrer Rede wie ihres ganzen Wesens in bleibenden Gedanken! War es doch ein merkwürdiger Anblick, sie mit den lieblichen Töchtern mitten unter meinen Schädeln und Skeletten zu sehen! Das Bild des Lebens unter Bildern des Todes! Sollte indes doch auch sie nur wenige Jahre später eine und dann noch eine dieser Töchter an eine solche Schattenwelt verlieren! Meine Sammlung verdankt ihr übrigens noch einige sehr merkwürdige Gipsformen, die sie mir später von Petersburg sendete – es waren die Totenmasken von Puschkin, Peter dem Großen und Karl XII. von Schweden –, und was[108]  den Brief über mein Buch betrifft, den ich gleich hier folgen lasse, so beweist er, daß wir auch in der Liebe zu Goethe uns vollkommen begegneten.
Sie schrieb aus Königsberg vom 1. Dezember 1843:
»Sie haben mir es wohl zugetraut, daß ich Ihnen schreiben würde, denn Ihre Gaben1 waren zu sehr nach meinem Sinne, als daß sie mich nicht zu herzlichem Danke auffordern sollten. Und diesen sende ich Ihnen in vollem Maße – haben Sie doch in Ihren Briefen über den Faust und in Ihrer neuesten Schrift über Goethe an die Menschheit selbst appelliert und den Standpunkt überhaupt angewiesen, welchen der Mensch vermöge seiner Natur einnehmen soll.
Die Hinweisung auf die Gebiete des Wissens und Fühlens, welche als Hilfsmittel ihm zur Seite stehen und seine Fortbildung bedingen, waren mir gar liebliche Fingerzeige zur Vermittlung des Gleichgewichts in unserm Sein, sowie mir die Idee der Metamorphose, des Beseitigens und Ausstoßens ergreifender, aber fremdartiger Zustände durch Goethe selbst in ›Dichtung und Wahrheit‹ zur lebendigen Anschauung geworden ist.
Ich beneide Sie um die Begegnung mit dieser großen Persönlichkeit, welcher wohl wenige mit solchem Bewußtsein gegenübergestanden haben mögen. Erfreulich ist es mir, daß Sie uns diese Mitteilungen gegönnt und dadurch eine Erkenntnis gefördert haben, welche die schwere Kunst des Lebens zur Wirklichkeit erhoben hat und gleichmäßige Entwicklung aller Kräfte als gelöste Aufgabe erscheinen läßt.
So leben Sie denn wohl und erhalten Sie meinen letzten Gruß von deutschem Boden als ein Zeichen meiner herzlichen Anerkennung.

Helene, Großfürstin von Rußland.«[109] 
  Amazon.de Widgets

Ich will diesem Briefe gleich anfügen, daß ich schon früher über dasselbe Buch, auch von Goethes vieljährigem Freunde, dem Kanzler Müller, eine sehr anerkennende Zuschrift erhalten hatte, worin er unter anderm sagt: »Sie haben, was noch in keinem frühern größern Werke über den Verewigten geschehen, ihn aus dem Ganzen aufgefaßt und mit ebensoviel Würde und Scharfsinn als Unbefangenheit geschildert.« Dann spricht er seine Freude aus, daß ich das Fragment »Natur« so hoch stelle, denn er (Müller) habe es aufgefunden und gerettet. Er sagt: »Er hatte es rein vergessen und zweifelte anfangs an seiner eigenen Autorschaft um deswillen, ›weil ein junger Mann, der im 32. Jahre dies geschrieben, noch ein viel anderer Kerl hätte werden müssen, als er bis zum 79. geworden‹.« Und so darf ich es nun wohl noch aussprechen, daß Zeugnisse dieser Art für meine Ansichten über Goethe mir freilich stets am wichtigsten geblieben sind, denn wo ein näheres persönliches Verhältnis zu einer feinern geistigen Individualität hinzutritt, wird natürlich auch das Verständnis immer das innigste bleiben. Zwanzig Jahre später habe ich dann eine zweite Betrachtung über Goethe: »Goethe, dessen Bedeutung für diese und die kommende Zeit« (Wien 1863) herausgegeben, welches mir von der Familie Goethes selbst dieselbe Anerkennung gebracht hat.
Am 4. Juli zogen wir wieder nach Pillnitz, und wie schon im März der ungeheuere Kometenschweif, der damals am klaren Abendhimmel leuchtete, unsere Blicke nach atmosphärischen Zuständen lenkte, so tat es diesmal die wunderbare Schönheit des Wetters. Seit Anfang der milden, klaren Tage sind wir in diesem Pillnitz und gehen da fürs ganze Jahr spazieren. Wirklich köstliche Tage und Abende! Der Sonnenschimmer legt sich wie der Schleier der Dichtung über dies anmutige Tal, und oft greife ich[110]  zu Pinsel und Palette und suche diesen Farben etwas abzugewinnen. Dabei entwickelt sich manch guter Gedanke über das Seelenleben, dessen erneute Darstellung mich gegenwärtig beschäftigt, und nebenher werden denn auch manche kleinere Arbeiten gefördert. Freilich zuletzt, wenn das Wetter so schön bleibt, werde ich weniger auf dem Papiere zu Hause bringen als andere Jahre. Mög es indes! Wir haben dann desto mehr unmittelbar erkannt und erlebt!
In der Stadt beschäftigte um diese Zeit Moriani wieder das Publikum lebhaft und zog mitunter etwas ab von manchen Vorstellungen, die in den Köpfen der Menge fort und fort arbeiteten. Denn hatten wir nun auch bereits seit einem Dezennium eine Verfassung und war auch im ganzen der Zustand des Landes ein glücklicher, in der Tiefe regten sich doch fortwährend die verschiedenartigsten Parteien, und der Forderungen der demokratischen Partei auf einer Seite und des Widerstandes der aristokratischen auf der andern war kein Ende, so daß unserm überall das Beste wollenden Könige und seinen Räten oft genug das Leben ziemlich sauer gemacht wurde.
Nebenbei gedenke ich übrigens noch, daß Frau von Lüttichau mir um diese Zeit einen Brief von Raumer mitteilte, worin er, offenbar auch infolge all unserer politischen Zerklüftungen, mit Enthusiasmus die neuern nordamerikanischen Zustände pries und von einer Reise dahin sprach. Mir kam bei diesen Lobpreisungen wieder ins Gedächtnis, was ich schon in meinem Buche über Goethe von dem Unterschiede des Charakters des 18. und 19. Jahrhunderts gesagt hatte: »Was hilft mir alle massenhafte Abglättung der modernen Menschheit, wenn fortan darunter die Blüte und der eigentümliche Hauch einer poetischen tiefsinnigen Individualität nicht gedeiht! Wir[111]  wollen also immer ganz zufrieden damit sein, daß wir noch aus dem 18. Jahrhundert stammen!«
Was jene innern Umtriebe in unserm Lande betraf, so waren sie auch die Ursache davon, daß ich, ja daß der König und das ganze Land jetzt durch den Abgang von Bernhard von Lindenau einen großen Verlust erlitten. Ich schrieb darüber an Regis: »Schüttelt doch das Leben immer, ehe wir uns dessen versehen, einen Ast nach dem andern vom Baume! Ich war mehrere Tage in einer Verstimmung, in einer gewissen innern Umnachtung, wie ich sie seit dem Tode meiner Tochter nicht gekannt hatte. Sie glauben nicht, welch eigene liebevolle Persönlichkeit mir durch das Fortgehen von Lindenau entrissen ist. Zugleich repräsentierte er in der höchsten Region unserer Regierungsbeamten so ganz im Sinne des Königs jenes Prinzip echter: Humanität und Wissenschaftlichkeit, welches überall, wo es zutage kommt, ja stets so fördernd und wohltuend sich geltend macht. Ich war noch am 26. August abends allein bei ihm (ich war seit langem sein Arzt), wir waren beide bis zu Tränen gerührt, und er schrieb mir noch den Tag darauf: ›Es gibt wohl im Leben unvergeßliche Augenblicke, ich rechne als einen solchen unser Gespräch von gestern abend.‹ Den Tag darauf war er fort.« Ich habe ihn denn auch wirklich nie wiedergesehen – er ging bekanntlich nach Altenburg zurück, stiftete für die Stadt aus seinen Kunst- und Wissenschaftssammlungen ein kleines Museum und starb dort ein Dezennium später. Mehrere interessante Briefe von ihm sind mir jedoch auch noch von Altenburg zugekommen.
Was die Bücher betrifft, deren Studium die Mußestunden dieses Jahres großenteils ausfüllte, so nenne ich zunächst Franz und Hillert, »Hegels Philosophie in wörtlichen Auszügen«, worin das Geistesgewicht dieses scharfsinnigen[112]  Mannes doch auf eine sehr gegenständliche Weise hervortritt. Es war mir indes merkwürdig bei einer im ganzen so mächtigen Schärfe der Intelligenz doch auch mitunter noch viel Abstruses wahrzunehmen, wie namentlich alles das, was über den Begriff der Kraft dort gesagt ist. Außerdem wurde Plutarch öfters wieder vorgenommen und ich fand, daß seine Gestalten mir nun erst so recht wirklich aufgingen und daß an ihnen zugleich vieles Kontemplative über Lebenskunst, ja selbst über Naturwissenschaft jetzt wert und bedeutend erschien, was mir früher in diesem Maße nie hatte aufgehen wollen. Zuzeiten kam ich denn auch wohl an die altdeutsche Literatur, und besonders hatte mich einst auf mehrere Wochen der Parzival sehr in Anspruch genommen, indem er mich zu machen Vergleichungen mit dem Nibelungenliede veranlaßte, von denen zum Teil ich es wohl noch jetzt beklagen möchte, daß ich auch gar nichts davon niedergeschrieben und wenigstens mir für spätere Zeiten bewahrt hatte.


Zu den kleinern arbeiten, die neben der still und innerlich mehr und mehr vorrückenden »Psyche« in diesem Jahre entstanden, gehört nun insbesondere auch noch ein einzelnes Heft, welches bei Gelegenheit der im Herbst zu begehenden fünfundzwanzigjährigen Stiftungsfeier der hiesigen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde geschrieben, dort dann öffentlich vorgetragen wurde und vielleicht verdient hätte, immer von Zeit zu Zeit in dem Gedächtnis der Menge wieder aufgefrischt und empfohlen zu werden, da die Zustände, auf welche es sich bezieht, ja leider in der Menschheit immer und immer sich wiederholen. Der Titel dieses Heftchens war nämlich: »Die Kunst krank zu sein.« Bei dem öffentlichen Vortrage und beim Erscheinen der gedruckten Bogen fand das Ganze viel Beifall und wohl hier und da beigetragen, daß ein[113]  oder der andere Kranke unvermeidliche Zustände mit mehr Umsicht und richtigerm Verhalten ertrug, womit ich denn zugleich alle auf die kleine Arbeit verwendete Mühe für hinlänglich belohnt erachten will; im ganzen aber wird freilich auch dieser gute Rat wie so viel andere am Unverstande der Menge großenteils wieder fruchtlos vorübergehen und somit zuletzt doch eigentlich ziemlich im Leeren verhallen.
Ein anderes, was ich jetzt auch auszuführen unternahm, was indes erst im nächsten Jahre zum Abschluß gelangte, war das schon früher erwähnte Gedächtnis für Tiecks Leseabende, wie sie uns nun so an zwanzig Jahre hindurch in Dresden erfreut hatten. Kam es mir doch wie eine heilige Pflicht vor, all dies Schöne nicht so rettungslos im Zeitstrome untertauchen zu lassen, sondern mindestens aus treuem Herzen all diesem Hingeschwundenen ein Monument zu setzen! Ich hatte ja in den verflossenen Jahren nicht selten dann, wenn Tieck irgendein großes Werk so recht wie ein beschriebenes Palmenblatt vor uns aufrollte, spätabends lange noch am Schreibtisch gesessen und manche Erinnerungen und manche Betrachtungen darüber aufgeschrieben, für eigene tiefere Fühlung und für künftiges Durchdenken.
Endlich sollte ich aber, noch ehe dies Jahr wieder ablief erfahren, daß zwei Männer aus dem Leben geschieden waren, die mir in früherer Zeit sehr nahegestanden hatten, Dietz und Heinroth; und wenn auch dergleichen, indem gewissermaßen durch viele dazwischengewachsene Jahre die Trennung schon vorbereitet ist und nicht mehr so augenblicklichen Schmerz erregt, so bringt doch alles dergleichen die Flucht der menschlichen Dinge an sich immer besonders lebhaft vor die Seele und betrübt tief in der Stille. Hatte ich doch beiden in jungen Jahren vielfache und nachhaltige Anregungen zu danken gehabt![114] 
Sei ihnen die Erde leicht! Dieser Dietz namentlich war ein wohl zu Größerm bestimmter Geist, ein Mann von viel Glut der Phantasie, energischem Wollen und von durchaus innerlichen und in bezug auf alles Äußere ganz anspruchslosem Wesen. Die Kunst hatte ihm nie irgendeine bedeutende Frucht gebracht, sein Leben war unter Armut, Not und Krankheit hingegangen, und doch dachte er, solange ich ihn kannte, groß von dieser Kunst und der Aufgabe des Künstlers und erhielt sich immerfort seine eigene scharfe Weltanschauung! Heinroths Arbeiten sind mehr gekannt, und er hat seine, wenn auch nicht für lange bleibende Stellung in der Literatur sich erworben, aber auch in ihm war die Frischheit des Gemüts dauernd, und ich habe früher schon es ausgesprochen, wie manche Förderung meiner Arbeiten von ihm ausgegangen war. So kann man also wohl denken, daß die trüben Novembertage diesmal viele Erinnerungen wieder anregten und nicht selten ernste, ja wehmütige Stimmungen herbeiführten.
Das nächste Jahr, 1844, ist dadurch mir wohl ein bedeutendes geworden, daß es die große Lebenserfahrung der Reise durch England und Schottland gewährte, denn wenn auch im ganzen der Mensch die rechten Entfaltungen immer am meisten innern Erfahrungen zu danken hat, so bleibt die gegenständliche Anschauung eines neuen Landes und bedeutend entwickelten Volks doch stets für den Geist ein wichtiges Ereignis! – Bevor ich indes hier weiter berichte, muß ich eines kleinen Zwischenaktes gedenken, welcher zunächst bestimmt schien, mich wieder in sehr frühe Zustände zurückzuversetzen. Seit längerer Zeit nämlich hatte in Leipzig ein Literatenverein sich gebildet, mit Laube an der Spitze, welcher nach Männern sich umtat, die durch allgemein interessante, wissenschaftliche Vorträge ihnen materielle Unterstützungsmittel für Hilfsbedürftige[115]  unter ihnen selbst gewähren könnten. Auch an mich, ja an mich vorzüglich, waren ihre Wünsche gebracht worden, und ich wurde so dringend eingeladen, ihnen einmal solch einen Vortrag zu geben, daß ich nicht füglich unbedingt ablehnen durfte. Ich entschloß mich also für den Anfang Februar zu einer solchen kleinen Reise, und dies um so mehr, da mir daran lag, einmal meine Gedanken über Kranioskopie auch auf diese Weise auszusprechen und da durch dem wirren und damals wieder durch Gustav Struve viel herumgetragenen Galimathias der Gallschen Phrenologie somit die richtige Deutung und Korrektion zu geben. Ich fuhr den 2. Februar mit meinem Töchterchen Mariane, die von einer Freundin sich dorthin eingeladen fand, nach Leipzig, benutzte den ersten Tag, um mich wieder in diesen alten Lokalitäten zu orientieren, sah alte Freunde, achtete auf die mehr und mehr sich umgestaltende Stadt und widmete auch eine Stunde der Kenntnisnahme von den Einrichtungen des durch rühmlichen Gemeinsinn begründeten Augenheilinstituts. Im Schletterschen Hause störte mich bei vieler Pracht wiederholt das Kleinliche der Aufstellung, doch enthielt es sonst allerdings sehr schöne Sachen: so z.B. einen prächtigen sturmbewegten Wald von Calame, ein reizendes Winterbild von Wickenberg, eine Sklavin von Horace Vernet, ein treffliches Seebild von Achenbach und anderes mehr. Nach einem interessanten Diner bei Freund Crusius wanderte ich dann in der Dämmerung auch noch hinaus an den Mühlgraben zu jenem Hause, wo ich einst das Licht der Welt erblickt hatte. Es war mir eigen zu Sinn, wie ich so als Fremder in den stillen Hofraum sah, hineintrat und die alten Fenster erblickte, hinter denen der Knabe gelernt und gespielt hatte. Was denkt man da nicht alles durch! Doch die Stunden drängten; ich mußte zur Stadt zurück und hielt nun meine Vorlesung[116]  im Lokal der Buchhändlerbörse vor einem zahlreichen und aufmerksamen Publikum, empfing den andern Tag den Dank einer Deputation des Literatenvereins und noch manche Freundlichkeiten von ältern Bekannten, fuhr dann hinaus zur dem Direktor der Taubstummenanstalt, Reich, wo ich über die Träume der Tauben mir einige einsammelte (sie träumen, wenn sie irgend unterrichtet wurden, doch hauptsächlich in Worten, und zwar so mehr als in Gesichtsvorstellungen. In ihrem sonstigen Sein ist ihr Talent für Mechanik oft sehr auffallend und können sie gerade hierdurch vielfältig zu brauchbaren Arbeitern erzogen werden), und fand mich endlich – nicht ohne vorher noch einen Blick auf das Winterkleid meines alten Rosentals geworfen zu haben – schon am Abend desselben Tages mit meiner lieben Begleiterin wieder in Dresden.

  Amazon.de Widgets
Im selben Februar erhielten wir, d.h. Francke, von Ammon, ich und Clarus (in Leipzig), nun auch die Ernennung zu Geheimen Medizinalräten und damit eine etwas höhere Stellung in der Rangordnung und eine kleine Verbesserung unserer Gehalte. Ich darf dies als die einzige öffentliche Anerkennung anführen, die mir unter der Regierung Friedrich Augustus II. geworden ist, so sehr Höchstderselbe mir sonst immer ein huldvoller und Vertrauen bezeigender Herr bis zu seinem Ende geblieben ist; auch wurde in allen meinen sonstigen Verhältnissen durch diese Gnadenbezeigung etwas Weiteres nirgends verändert.
Was meinen brieflichen Verkehr mit dem wunderlichen Regis betrifft, so war er um diese Zeit besonders lebhaft, und ich bekam namentlich von ihm, der bereits an die Ausarbeitung seines »Swiftbüchleins« gegangen war, mancherlei über diesen gallsüchtigen und doch so geistvollen Dechanten zu vernehmen. Unter anderm schichte[117]  er mir dessen Predigt »über das Schlafen in der Kirche«, und zwar zu großem Ergötzen auch der Meinigen, und ich schrieb damals darüber: »Ich weiß nicht, warum Sie glauben, daß ich solchen Abscheu vor Swift habe! Krank war er freilich – leberkrank – gallicht, macht mir deshalb keinen frischen gesunden Eindruck, aber teils interessiert er mich eben als Kranker, teils schätze und bewundere ich den tiefen, reichen und tüchtigen Geist! So ist denn auch diese Predigt sehr merkwert – aber immer schwebt man zwischen Ironie und Ernst und findet es doch stets charakteristisch, wenn er nachher die besten Betrachtungen an die unbedeutendsten Gegenstände gleichsam bündelweise wegschenkt. Weniger dagegen will mir die von Ihnen auch mitgesendete Schmähschrift auf einen Verstorbenen gelten! Darin ist es namentlich, daß ich jene galligte Gehässigkeit finde, die ich nur als Dornauswuchs einer ursprünglich zu vollem grünem Laubschößling bestimmten Knospe ansehen kann! Es wird allerdings gut sein, wenn Sie uns einst aus viel dergleichen einen Swift Strauß geben! Ich würde ihn betrachten wie jene gerade in dem blütenreichen Neapel beliebten künstlichen Blumen aus Juchtenleder, welche wegen ihres bitterlichen aromatischen Geruchs nicht selten als Geschenke ausgeteilt zu werden pflegen, und zwar nur, weil man dort wirkliche Blüten für zu nervenangreifend hält.«
Merkwürdig war mir ferner in dieser Zeit manche große und neue Erscheinung, welche in den ersten Monaten, dieses Jahres unser Theater uns heranbrachte. Im wesentlichen waren es Nachklänge von Tiecks hiesigem Aufenthalt, die wir früher schon bequem hier hätten erlangen können, wäre nicht seinem Wirken und seinen Vorschlägen jene Atmosphäre, an welcher er sich späterhin durch seine »Vogelscheuche« gerächt hat, überall zuwider gewesen. In Berlin dagegen hatten die unter seiner Leitung[118]  einstudierten Werke »Sommernachtstraum« und »Antigone« großen Beifall erlangt, und so kamen sie jetzt, wo der Dichtergeist nicht mehr von den hiesigen Menächmen gefürchtet zu werden brauchte, endlich auch hier zur Aufführung. Insbesondere erfreuten mich die ersten noch sehr sorgfältig behandelten Vorstellungen des »Sommernachtstraum«, wozu Mendelssohn eine Musik gedichtet hatte, die das schöne romantische Gedicht in noch höhere Regionen der Romantik hinaufhob. Weniger konnte ich mich zuerst mit der »Antigone« vereinigen, wo die volle Orchestermusik, der zwanzigstimmige Gesang und überhaupt das ganze bunte Theater mir anfangs zu schroff der Sophokleischen Einheit und Reinheit gegenüberstanden. Späterhin freilich, als ich diese Scheu überwunden hatte, wirkte allerdings das Ganze doch immer sehr mächtig auf mich ein, und ich betrachtete es mit wahrem Dank und als große und neue Lebenserfahrung, auch ein solches, um ein paar Jahrtausende zurückliegendes mächtiges Werk durch neuere Kunst wieder zu reiner Offenbarung gebracht zu sehen!
Zwischen jenen Werken war aber nun auch die »Armida« von Gluck, unter Leitung Von Richard Wagner, durch die Devrient auf unserer Bühne heimisch geworden, und welcher Eindruck mir ebenso von daher kommen mußte, dafür gibt schon ein in der »Mnemosyne« bereits vor Jahren abgedruckter Aufsatz hinlängliches Zeugnis.
Was nun die Reise nach England selbst betrifft, so muß ich sie hier völlig übergehen, da die mannigfachen Lebenserfahrungen, die sie mir gewährt hat, sich sämtlich in den beiden Bänden niedergelegt finden, welche unter dem Titel »England und Schottland« in Berlin im nächstfolgenden Jahre erschienen und bald darauf auch in einer englischen Ausgabe bekanntgeworden sind. – Wieder war es der 9. August, derselbe Tag, der zehn Jahre später unserm[119]  König den Tod brachte, an welchem wir in dem mit Fahnen, Ehrenpforten und Blumengewinden feierlich angetanen Dresden einzogen, und auch mir sollte nach soviel Schönem sogleich eine Prüfung bereitet sein, da unmittelbar nach meiner Ankunft unsere geliebte Eugenie an den Masern ernstlich erkrankte. Noch einmal ging indes hier der Todesengel vorüber, freilich nur, um acht Jahre später diese Blüte doch zu brechen; und so erfreute sich denn, wie die Genesung vorrückte, damals das ganze Haus an den vielen und mannigfaltigen von der Reise mitgebrachten Schätzen. Schon der 17. war zum Umzuge nach Pillnitz bestimmt, wohin indes die Meinigen wegen jener Krankheit erst einige Tage später folgten und wo ich nun mehr Muße finden sollte, die tausendfältigen Reminiszenzen der Reise zu sichten und zu ordnen!
Die innere Stimmung war eine eigene, mit welcher ich damals in die einsamen Räume dieses Schlosses wieder einkehrte. Wie gewöhnlich nahm ich an Tafel und Soireen der königlichen Familie (außer bei besondern Einladungen) nicht teil, hatte überhaupt außer den Meinen zumeist nur den Umgang mit unserer verehrten Freundin von Lüttichau, und so lag ich denn am ersten Abend dort wieder im Fenster, sah hinaus in die stille Nacht über die den Sternenschimmer widerspiegelnde Elbe und kühlte mich an dem milden, von der Insel herüberwehenden Lufthauche. Später schrieb ich auf ein Blatt meines Gedenkbuchs:
»Diesmal bin ich einmal anders als sonst hier eingezogen. Ich bin ganz allein hier, und nach dem Durchziehen so ferner Regionen und nach manchen neuen innern Erfahrungen komme ich auch in neuer Stimmung zu diesen Blättern. Wie ich heute abend so hinaussah auf den Strom, der still und unausgesetzt seine Wellen durch Wiesen und Weiden daherbringt fühlte ich mich so eigentümlich[120]  ruhig, klar, der Welt im ganzen vermählt und vom einzelnen der Erscheinung so frei und unabhängig. Vergebens suchte ich in meinem Innern nach manchem leidenschaftlichen Zuge, der lange mit Heftigkeit nach einem einzelnen Ziele mich hintrieb, und eine eigene innere Freudigkeit wehte mich an, wenn ich empfand, wie rein in meiner Seele die Gedanken aufgegangen waren, gerade über das, was mit Recht die höchste Lebensaufgabe genannt wird! Welt und Leben hatten mir eine gewisse Durchsichtigkeit erlangt, und eben darum hatte ich das Recht gefühlt, mit beiden auf gewisse Weise abzuschließen und mich mit mir allein zu fühlen. So scheint nun ein neuer Akt dieser Existenz sich vor mir aufzurollen – manche Früchte sollen jetzt an den Strahlen dieser Spätsonne geläutert, manche höhern Geistesblüten erschlossen werden! – Gebe denn ein gütiges Geschick zu all diesem auch das Glück einer verschönten Gegenwart und freudig sich immer erneuernden Tatkraft!«
1
  Amazon.de Widgets
 Ich hatte auch die »Briefe über Faust« beigefügt.




Achtes Buch
Die vielbewegten Jahre 1841–1849
Erste Hälfte




IV.

[121] Ich rührte mich indes wirklich ganz ordentlich, und das erste, was in Pillnitz beendet wurde, war das Aperçu über den Gesamtcharakter von England nach Boden und Wasser, Luft und Pflanze, Tier und Mensch, womit mein Tagebuch später eröffnet wurde. Dabei war es gewiß diesen Arbeiten sehr förderlich, daß die obgenannte Freundin hier wieder mir zur Seite lebte, denn indem ich außer den Meinigen auch ihr alles der Art vorlas und mit ihr durchsprach, erhielt sich mir die Lust der Produktion um so mehr, da ich hiermit gleichsam jede mögliche Wirkung des Geschriebenen auf ein würdiges Publikum vorwegnahm[121] und meine Zukunft schon in der Gegenwart erblickte, Schrieb daher damals auch an Regis hiervon: »Ich darf wohl sagen, daß diese ausgezeichnete Frau hier ein wahres Juwel für mich ist; ihr feiner Geist unterscheidet trefflich alles Bedeutende, und so ersetzt sie mir viele Lücken, die, zumal nach Tiecks Weggange, so sehr sich hier fühlbar machten.« Nahm sie doch gewissermaßen selbst an meinem Briefwechsel mit Regis teil, indem ich ihr oft die mitunter sehr merkwürdigen und in einem höchst eigentümlichen Stile geschriebenen Briefe desselben vorlegte. So erinnere ich mich z.B., daß ich mit diesem damals einen Streit hatte über Goethes »Tasso«, von dem er durchaus nicht so groß denken wollte, als mir es nach meinem Maßstabe unerläßlich schien, so daß ich endlich ihm ganz in Übereinstimmung, mit jener Freundin erwiderte: »Die verschiedene eigene Individualität ist es ja immer, welche am Ende auch alle Verschiedenheit der Auffassung bedingt! Deshalb eben unsere Diskrepanz über ›Tasso‹! Man müßte, wie der Pater Seraphicus im ›Faust‹, die Möglichkeit haben, jemand in sich zu nehmen und durch seine Augen sehen zu lassen, um sich ihm ganz deutlich zur machen! Wenn Sie aber nur meinem nach Tiecks Lesung des ›Tasso‹ skizziert hingeworfenen Gedanken weiter nachdenken wollen, ›daß im Vergleich zu dieser Tragödie in allen andern nur der Leib verwundet und getötet zu werden scheint, während hier der Geist wirklich seinen tiefinnerlichsten Ichor verblute‹, so werden Sie auch empfinden, was das sei, wodurch ich genötigt werde, dies Werk als das vollendetste anzusehen, sowie der ›Faust‹, unbestritten das mächtigste und tiefsinnigste der ganzen neuern Literatur bleibt. Und was wäre denn überhaupt ein Vortrefflichstes und nicht immer nur in seiner Art! Das ist ja eben so herrlich, daß das Schöne nicht die eine Spitze einer Pyramide ist, sondern daß es[122] sich als eine ganze Cordillerenkette mit unzähligen Piks dahinstreckt. Ich finde, daß Sie, Ihrer Individualität nach, vollständig im Recht sind, sich das Ihnen Gemäßeste anzueignen; mir aber steht der ›Tasso‹ in seiner Art gerade ebenso hoch als ›Julius Cäsar‹ und ›Ödipus auf Kolonos‹.«

So ging denn allmählich also auch dieses mir so merkwürdig gewordene Jahr zu Ende, und mein Reisetagebuch war in den langen Abenden bis dahin doch noch so weit vorgerückt, daß es bereits verschiedene Male zu größern Lektüren dienen konnte, wie ich denn z.B. schon in den ersten Tagen des November die Einleitung über allgemeine Eigentümlichkeit Englands abends bei der Königin vorlas und vielen Beifall darüber erntete. Dabei bemerke ich denn auch noch, daß unser Königshaus die Freude hatte, in diesen Wintermonaten die vielgeliebte Schwester unsers Königs, die verwitwete Großherzogin Marie von Toscana, hier verweilend zu sehen, und wie denn die hohe Frau auch jetzt noch sich mir stets huldvoll geneigt zeigte, so kamen mir hierdurch zugleich vielfältige Erinnerungen an meinen zweiten Aufenthalt in Florenz wieder zu lebhaftester Vorstellung. Auch die musikalischen Genüsse dieses Vorwinters zu vermehren, gab die Anwesenheit jener liebenswürdigen Fürstin erwünschte Gelegenheit; denn der König hatte eigens für sie Mendelssohn von Leipzig herüberkommen lassen, und eines Abends fand ich mich daher, nebst nur einigen wenigen Auserwählten, auf dem Schlosse eingeladen, um diesen trefflichen Meister in einer Weise spielen zu hören, wie ich ihn noch nie gehört hatte und auch später nie wieder gehört habe. Mendelssohn war der einzige Vortragende dieses Abends. Nach einer größern Beethovenschen Sonate fragte er die Frau Großherzogin, was sie wohl als Thema für ein freies[123] Phantasieren bestimme. Nicht lange zuvor war die »Vestalin« gegeben worden, und es wurde daher aus ihr ein Thema befohlen. Es ist mir nun unvergeßlich, wie Mendelssohn nach einer genialen Einleitung zuerst wie von fern den Marsch des Triumphators hören ließ; näher und näher rückte dann das Chor heran, und auf einmal mischte sich unter jene Klänge, wie abermals nur von weitem, die Ouvertüre des »Sommernachtstraum«. Nun entstand vor den Ohren der erstaunten Hörer ein wahres Blumengewinde beider Melodien; bald floh die eine in die Ferne, die andere trat vor, bald kehrte sich das Verhältnis wieder um, bis denn endlich alles in einem einzigen harmonienreichen Kranze schloß und nun noch einige »Lieder ohne Worte« die Soiree beendigten. Der Freude und des Lobes wollte jetzt kein Ende nehmen, und der Künstler wurde mit wohlverdienten Lorbeeren reichlich überhäuft.
Auch in der Singakademie kamen noch einige treffliche alte Sachen von Palestrina, Allegri und Durante zur Aufführung, und so hätte ich eigentlich sagen dürfen, daß das Jahr 1844 einen sehr harmonischen Abschluß gefunden habe, wäre nicht überall in der Tiefe unsers öffentlichen Lebens bereits damals ein gewisser unheimlicher Zustand von Unzufriedenheit und Gegenwirkung der untern Schichten gegen die obern und gegen die Regierung selbst sichtbar geworden, der freilich erst vier Jahre später in helle Flammen ausbrechen sollte, indes doch auch jetzt schon das reine Behagen der Existenz einigermaßen zu stören geeignet war und das Vertrauen zur künftigen sichern Führung des Staatsschiffs erschütterte, für welches mir früher unser Bernhard von Lindenau eine so wohltuende Bürgschaft gegeben hatte.
Wenig Wochen später [1845] erhielt ich abermals die Nachricht vom Abscheiden eines vieljährigen Freundes,[124] d.h. vom Tode Ottos, den ich im vorigen Jahre noch einmal hier so leidlich hatte herstellen können. Er unterlag, wie so häufig Brustkranke, der Rauhigkeit eines echten deutschen Winters, und Regis verschaffte mir noch allerhand Lebensnotizen und nachgelassene Papiere von den Seinen, aus denen ich sofort nicht verfehlte, eine Art von Elogium auszuarbeiten, welches ich in unserer Gesellschaft für Natur- und Heilkunde im Anfang März mit Beifall vortrug. Hatte er doch, wie schon mehrfach erwähnt, ohne mir innerlich und geistig eigentlich nahezustehen, lange an meinen Arbeiten treulich teilgenommen und mit insbesondere die Fortsetzung meiner großen »Erlaüterungstafeln für vergleichende Anatomie« dadurch sogar allein wesentlich möglich gemacht, was ich denn ihm und den Seinen stets durch nicht minder treue Gesinnung und vielfältige ärztliche Beratung zu vergelten gesucht habe. Es war mir merkwürdig, da er übrigens durchaus nie zu denen zählte, die man poetische Naturen nennen muß, unter den Papieren, die man mir aus seinem Nachlaß sendete, nun doch auch einige Gedichte zu finden, weshalb schon Regis schrieb, daß ihm darin eine Ähnlichkeit mit Albrecht von Haller sich herausstelle. Allerdings war indes der durchgehende wirklich poetische Drang hier weniger fühlbar als bei dem großen schweizerischen Physiologen, aber immer gab es mir doch abermals den Beweis, daß auch die trockenste Natur nie sicher ist, plötzlich einmal von einem gewissen Bedürfnis nach Poesie gepackt zu werden und dabei denn freilich mitunter ebenso leicht alles Gleichgewicht zu verlieren, wie wir dies zuweilen gewahr werden, wenn gewisse sehr auf sich zurückgezogene und abstrakte Naturen mit einemmal von Liebe hingerissen und verwandelt wurden. Daß unter Juristen so häufig ein poetisierender Dilettantismus bemerkt wird, konnte ich mir immer nur aus einer solchen[125] unausbleiblichen Forderung des Gegensatzes in der menschlichen Seele zurechtlegen.
Es ist bekannt, daß in diesem Jahre an vielen Orten und so auch in Dresden große Überschwemmungen sich ereigneten, welche dadurch veranlaßt wurden, daß ungeheuere, großenteils noch im März gefallene Schneemassen gegen das Frühlingsäquinoktium durch plötzliches warmes Regenwetter zum schnellen Schmelzen gelangten, und die Flüsse somit weit über ihre gewöhnliche Höhe steigerten. So geschah es denn auch mit der Elbe, aber ich ahnte anfangs nicht, daß ich selbst dadurch in eine eigene Kollision gebracht werden sollte. In der zweiten Hälfte des Märzmonats nämlich erhielten wir die Nachricht, daß unsere vieljährige, früher schon mehrfach genannte Freundin Gräfin Einsiedel, welche seit anderthalb Jahren Witwe geworden war und diesen Winter nicht in Dresden, sondern mit ihren Kindern auf Milkel bei Bautzen lebte, von einer so heftigen fieberhaften Krankheit ergriffen sei, daß ärztlicher Beistand von hier dringend notwendig werde. Am andern Tage reiste ich nun zurück, gewahrte schon, als ich ins Elbtal eintrat, die ganz ungewöhnliche Höhe des Stroms, wurde jedoch noch weit mehr überrascht, als ich, angekommen auf der Esplanade von Neustadt-Dresden, alle Passage gehemmt, den Platz vor der Brücke unter Wasser gesetzt, die Brücke selbst aber gesperrt und von großem Volksauflauf umgeben antraf. Bereits hatten die wütenden Fluten den vorspringenden Brückenpfeiler, welcher das große metallene Kruzifix trug, samt diesem weggerissen, Spaltungen an einigen Bögen waren bemerkt worden, man fürchtete weitern Einsturz, und alle Passage war sonach streng verboten. Die Situation war sehr unangenehm, denn ich sah mich auf einmal von den Meinigen gänzlich abgeschnitten und mußte nur froh sein, nicht mit eigenem Wagen und[126] Pferden gefahren zu sein, als welche voraussichtlich in vielen Tagen nicht hätten übergesetzt werden können. Jetzt schritt ich nun über die gelegten Stufen und Bretter allein hin bis zum Blockhause (der Kommandantenwohnung), sah, daß die Brücke selbst noch stand, sah aber auch alles durch Militär besetzt und jedes Überschreiten der Brücke untunlich. Meine einzige Hoffnung war nunmehr auf meine bei der hohen Wöchnerin – Prinzeß Johann – nötig werdende Visite gesetzt; ich traf unter der herumstehenden Menge den Hofrat und Oberbibliothekar Falkenstein, einen guten Bekannten und zugleich mit dem gegenwärtigen Gouverneur und Kriegsminister von Nostitz einigermaßen befreundet, erzählte ihm meine Lage und folgte seinem Rate, mit ihm direkt zum Minister selbst zu gehen und von ihm die Gestattung meines Überganges zu erbitten. So stiegen wir hinauf in die Kommandantenwohnung, trafen Herrn von Nostiz glücklicherweise sogleich an, und die Rücksicht auf die Prinzeß bestimmte denn auch sofort die Erlaubnis. Er selbst hatte die Güte, mit hinabzugehen und mich durch die Wachen zu führen, mit dem Wunsche, »daß mich die Brücke noch wohl tragen möge«! Und in Wahrheit, dieser Übergang war seltsam genug! Die hoch aufrauschenden, trübgelben, mit Eisschollen gemischten Wogen leckten bis über den Schluß der Bögen herauf und bildeten überall eine schwindelerregend rasch dahinziehende, allerhand Trümmer mit sich führende, weite und breite tosende Fläche, die Brücke selbst war ganz öde und leer, aber am Ufer hüben und drüben stand, zumal auf den Brüstungen der Brühlschen Terrasse, eine unzählbare, neugierige Volksmenge; verschwunden war das hohe Kreuz, das mir so oft bei Abendgängen über die Brücke seine Formen schön auf den geröteten Wolken hingezeichnet hatte, eine graue Wolkendecke wölbte sich über das ganze unheimliche Bild, und[127] wie ich nun so allein von vielen tausend Blicken gefolgt über die Brücke fortschritt, glaubte ich oft ein eigenes Schüttern unter meinen Füßen zu fühlen. Indes ich kam glücklich hinüber, fand drüben den Platz vor der Katholischen Kirche ebenfalls überschwemmt, aber auch hier und da durch Bretter überbrückt, und so gelangte ich endlich auf die Terrasse und von da glücklich zu Hause in die Arme der Meinigen, die nicht geringe Unruhe indes um mich überstanden hatten, nun aber freilich auch mit um so mehr Freude den Wiedergekehrten begrüßten.
Nur nach und nach verliefen sich in den folgenden Tagen die Gewässer, aber noch lange Zeit hatten wir statt unserer schönen Elbbrücke eine halbe, kaum oder gar nicht zu passierende Ruine und daneben eine dürftige Schiffbrücke; ja anfänglich mußte selbst das Dampfboot den Dienst des täglichen Übersetzens versehen, und ich hatte reichliche Gelegenheit, all die sonderbaren Zustände zu beobachten und zu erfahren, die in einer volkreichen Stadt sogleich hervortreten, sobald in die gewöhnliche Flucht allgemeinen Verkehrs ein unerwartetes Hemmnis plötzlich geworfen wird. Für all dergleichen Elend zog indes im April ein schöner blühender Frühling ein, die Wiese vor meinen Fenstern ergrünte ungewöhnlich zeitig, die Vögel sangen, schon am 21. aßen wir wieder im Freien, und so waren denn jene überstandenen Kalamitäten bald, wenn auch nicht vergessen, doch weit in den Hintergrund getreten.
Um die Mitte Mai wanderte mein Porträt von Hübner auf die Ausstellung nach Breslau, wir aber zogen wieder nach Pillnitz, allwo denn freilich diesmal, wie sooft in unserm Klima, das schöne, Frühlingswetter wieder für einige Zeit in eine Art von grünem Winter sich wandelte, der ganz ordentlich zum Heizen nötigte, mich aber doch nicht hinderte, teils auf alle Weise die Herausgabe des[128] englischen Tagebuchs zu fördern, teils nach vielfältigem Vorlesen und Besprechen dir »Psyche« weiter und weiter durchzuführen, ja sie der Vollendung zu bringen.

Was fremde Arbeiten betraf, so kann man denken, daß keine mehr meine Aufmerksamkeit damals in Anspruch nahm als der »Kosmos« von Alexander von Humboldt, dessen erster Band in diesem Jahre erschienen war. Die Einleitung und manches über den Plan des Ganzen kannte ich allerdings teils aus Humboldts eigener Vorlesung zwölf Jahre früher in Breslau, teils aus manchen besondern mündlichen Mitteilungen; aber welchen Eindruck mir nun das Werk an sich manchen werde, darauf war ich natürlich im höchsten Grade gespannt. Es verstand sich von selbst, daß die außerordentliche Belesenheit, die große Umsicht und (wenn so zu sagen erlaubt ist) Reinlichkeit der Arbeit schon in diesem ersten Teile mir die vollkommenste Anerkennung aufdrang, aber ich konnte mir zugleich nicht verbergen, daß ich eine gewisse Begeisterung in Auffassung des Ganzen vermisse und daß ich vergebens hier jene gesunde Andacht der Seele suchte, welche, indem sie selbst so durchaus bei der Sache ist, auch den Leser fortreißt in die Tiefen des Materials und ihn dadurch für jedes einzelne der Aufgabe in ebenso lebendigem Interesse erhält.
Gegen die Mitte des Juli zogen wir nun zur Stadt, und wenn dort irgend etwas den im ganzen wieder so glücklichen Kreis unsers Familienlebens stören konnte, so war es, daß mein geliebtes Mütterchen, welche durch ihr eigentümlich geistvolles heiteres Wesen noch in ihrem 82. Jahre uns allen stets ein wahres Musterbild geblieben war, jetzt sichtlich körperlich schwächer wurde und somit wohl auf eine nicht allzu ferne Trennung uns vorbereitete. Dagegen durfte ich mich an dem kräftigen gesunden[129] Wesen meines ältern Sohnes freuen, der als Arzt sich überall tüchtig zeigte und eben zu einer Reise nach Schweden und Dänemark sich vorbereitete; der jüngere setzte in Leipzig unter Erdmanns Leitung seine chemischen Studien mit mehr Erfolg fort als in Jena die Wakkenroders pharmazeutischem Institut, wo ich den Mangel an strenger Aufsicht und geistiger Förderung einige Zeitlang gar sehr zu beklagen gehabt hatte, während meine Töchter, jene in eigentümlichem, aber immer gutem und liebevollem Wesen sich mehr und mehr entwickelnd, alles aufsuchten, was uns irgend Freude zu bereiten imstande war. Schließlich die damalige Lebensauffassung in mir selbst betreffend, so schrieb ich darüber an Regis, im Gegensatz zu dessen dunkelm und zurückgezogenem Wesen: »Es gibt mir oft eigene Gedanken, wie unsere Ansichten doch so weit auseinander liegen! Mir treibt das Leben immer neue Begegnungen, neue Verhältnisse, neue Bestrebungen heran, die mich zwingen, stets von neuem der Wirklichkeit mich rüstig zugewendet zu erhalten, ja die mir kaum Zeit gestatten, das, was im Innern rastlos empordringt, sattsam zu formen und zu verarbeiten, während Sie – still und fast regungslos einfach – ein immer gleiches Lebenswerk abspinnen und alle breite Muße auf Literatur und innerliches Treiben zu wenden imstande sind. Am Ende begegnen sich jedoch gewissermaßen auch so verschiedene Richtungen, indem man wohl sagen möchte, daß, wenn ich an den Gegenständen vorbeifahre, Sie doch nicht hindern können, daß dafür die Gegenstände rastlos an Ihnen vorübergleiten. So kann ich also nicht bergen, daß es mich wahrhaft schmerzlich berührt hat, in Ihren Briefen zu lesen, daß Sie sagen: ›Die Zeit des Schlafens hielten Sie jetzt für die glücklichste.‹ Dergleichen sollte doch nicht über die Lippen des rüstigen, aller Poesie und Welt frei ins Auge schauenden Mannes[130] kommen! Warum sollte es nicht die echte Freude des Wissenden sein, den Tag als Tag zu gebrauchen! – Auch was Sie vom Alter – Ihrem Alter – sagen, will mir nicht behagen. Ist in unsern Jahren die Zeit zum Verholzen? Im Gegenteil, ich versichere Ihnen, daß die höhere Jugendlichkeit des Geistes erst jetzt mir recht anfängt aufzugehen!«
Und so war es wirklich! Ein volles Gefühl der Gesundheit in den höhern fünfziger Jahren, der meinem innern Leben zugekommene Reichtum durch die Menge neuer Vorstellungen und Gedanken, welche die englische Reise mir entwickelt hatte, und der engere Verkehr mit mancher interessanten und lieben Persönlichkeit gab dem Dasein einen frischen, durchaus belebten Charakter! In Beziehung auf Begegnungen mit Fremden gedenke ich denn auch noch gern des Besuchs des russischen Staatsrats Turgenjew, eines bejahrten, geistvollen und vielerfahrenen Mannes, welcher früher mit Joukowski (dem oben schon mehrfach genannten Erzieher des Großfürsten-Thronfolgers) längere Zeit in Dresden lebte und auch unsern Friedrich noch oft gesehen hatte. Er selbst stand eine Zeitlang an der Spitze des Ministeriums des Kultus in Rußland, hatte lange in Italien und Frankreich gelebt und war zumal tätig gewesen, für die neuere russische Geschichte manches bis dahin verborgene Material zu sammeln. Im ganzen mehr Mann des Salons als der Wissenschaft und übrigens nebst seinem Bruder etwas kompromittiert bei den Unruhen der Thronbesteigung des Kaiser Nikolaus, hatte er fast alle Summitaten der Neuzeit kennenlernen und fand sich dadurch mit so viel speziellen und merkwürdigen Notizen ausgerüstet, daß mannigfaltige und interessante Gespräche mit ihm sich ergaben. Wir fanden uns eines Mittags zusammen eingeladen zu Frau von Lüttichau, welche er ebenfalls schon[131] früher gekannt hatte, ich fuhr dazu mit ihm hinaus nach Pillnitz, und wir genossen einer um so reichern und abwechselndern Unterhaltung, als er eine Anzahl Briefe von Benjamin Constant an Frau von Staël mitbrachte und vielerlei Interessantes von diesen und andern Verhältnissen zu erzählen wußte.
In diese Zeit fällt es auch endlich, daß beinahe über mein Haus ein schweres und tränenreiches Geschick hereingebrochen wäre, hätte nicht eine höhere Hand gnädig es abgewendet! In der zweiten Hälfte des August nämlich erschütterte uns plötzlich die Nachricht von den bei der Anwesenheit des Prinzen Johann in Leipzig ausgebrochenen Unruhen, wobei die Truppen auf dem Platze vor dem Peterstor Feuer gegeben hatten und mehrere, und zwar fast lauter unschuldig dort Vorübergehende getötet worden waren. Auch mein Wolfgang, wie ich oben erwähnte damals in Leipzig Chemie studierend, befand sich gerade dort auf einem Abendspaziergange in jenen Promenaden, als die Salve erfolgte und die Kugeln über seinem Haupte hinwegflogen. Der Prinz mußte aus Leipzig flüchten, die Ruhe stellte sich nach und nach wieder her, aber es ist nicht zu sagen, welch Elend es in meiner Familie erregt hätte, wenn jene Kugeln nicht so glücklich abgelenkt sich fanden!
Geht ja doch immer, wo solche Volksbewegungen sich entzünden, eine sonderbare gewitterhafte Stimmung durch alle Geister! Vergeblich glaubt man sich dabei ganz frei und ruhig verhalten zu können, die Bewegung ist wunderbar ansteckend, und etwas davon teilt sich selbst dem Abgemessensten mit. So hatten denn auch damals alle aufs neue sich hervordrängenden Fragen der Verfassung, alles Widerstreben gegen bloß durch Verjährung gutgeheißene Einrichtungen usw. so viel allgemeine Aufregung verbreitet, daß, wo irgend einzelne unerwartete tragische Ereignisse[132] hinzutraten, es gar nicht abzusehen blieb, wie weit dann oft traurige Nachwirkungen sich verbreiten konnten.
Doch glücklicherweise war diesmal das Schreckliche gnädig an uns vorübergeführt worden, die Gemüter beruhigten sich nach und nach wieder, und so schien in einigen Monaten die Glut verschwunden und gedämpft, obwohl sie in Wahrheit nur so weit verdeckt war, um einige Jahre später dann um so gewaltsamer und zerstörender hervorzubrechen!








1.


2.


3.


4.






I.










[137] Ich hatte zuletzt der traurigen Vorgänge des Augustmonats 1845 gedacht, welche auch meiner Familie Verlust drohten und unserm verehrten Königshause so besonders schmerzlich sein mußten. Ist es doch schon in engern Verhältnissen immer ein peinliches Gefühl, wenn man erkennt, wie zwischen an sich bessern und mit manchen Banden aneinander geknüpften Naturen oft Mißverständnisse sich drängen, welche die löblichsten Intentionen vereiteln und viel des an sich Wohltuenden in Schlimmes verkehren; aber wenn dergleichen Mißverständnisse nun zwischen Volk und Fürsten hereinwuchern, wenn dadurch die so unerläßlichen Bande gegenseitigen Vertrauens gelockert werden, während doch beiden Teilen manches Streben nach Edelm und Gutem nicht abgesprochen werden kann, und wenn im Fürstenhause namentlich (wie es mir täglich vor Augen lag) eine so treffliche Gesinnung und ein so reiner Wandel besteht wie in diesem Falle, so übt dieses auf den Betrachtenden unfehlbar immer um so quälendern Einfluß, mit dem auch ich denn wohl mannigfaltig zu kämpfen hatte und mit dem ich um so weniger leicht fertig werden konnte, da niemand noch abzusehen vermochte, wie und wodurch und wann endlich alle diese Gereiztheit und Mißstimmung sich wieder lösen könnte.
Am Ende mußte ich freilich vorderhand all diese Dinge[137]  auf sich beruhen lassen, da etwas zu ihrer Änderung zu tun mir nicht gegeben war, und so vertiefte ich mich denn möglichst in meine Arbeiten, feilte noch während des nun rasch vorschreitenden Drucks an der »Englischen Reise«, arbeitete fort an der »Psyche«, verhandelte nebenbei mit Weichart (dem Nachfolger meines guten Gerhard Fleischer) über eine zweite Ausgabe meiner »Physiologie« und hatte zugleich durch ein kürzlich erschienenes französisches Werk – die »Chirognomie« von d'Arpentigny – mich in eine neue Aufgabe tauchen lassen, indem diese Beobachtungen über die Charakteristik der so sehr verschiedenen Handformen sich bald anfingen, in meinem Geiste zu einem neuen Resultat zu konzentrieren, welches später erst in einer Vorlesung und dann in einem besondern Heft mit schönen, zum Teil von Freund Hübner gezeichneten Abbildungen erschienen ist.
Dabei war denn auch in Dresden selbst vielfältige Bewegung. Wir hatten wieder eine Ständeversammlung, und all der politische Sauerteig, dessen ich oben schon gedachte, wirkte in der mannigfaltigsten Art und warf Blasen auf, die in Formen mancher ziemlich glänzenden Reden zersprangen, und zwar doch meist nutzlos und erfolglos zersprangen; ja zuweilen gab wohl auch ein unrichtiges Anfassen der Angelegenheiten durch damalige Minister noch besondern Veranlaß zu teils absichtlichen, teils unabsichtlichen Mißverständnissen, dergestalt, daß ich einmal davon schrieb: »Was möchte sich die Regierung wohl erspart haben, wenn sie manchen etwas seltsamen Erlaß unterdrückt hätte! Daß man nicht lernen will, der Zeit sacht nachzugehen! Und sich nicht hütet, der eben ruhig dahinziehenden Zeit immer wieder einen Klotz in den Weg zu legen, an den sie nun notwendig aufbraust! Aber freilich, das ist eben das Wunderbare einer solchen Periode der Reizung! Gewöhnlich ist es, als wenn dann[138]  durchaus niemand ruhig Maß halten könnte, und über all dies bricht denn das Feuer endlich wirklich aus.«
Übrigens war es sonderbar genug, daß dergleichen Aufregungen damals nicht bloß in der Politik vorkamen, sondern daß auch die Kunst, und namentlich die Musik, mit ähnlichen Überstürzungen bedroht werden sollte. Wir hatten seit einiger Zeit hier Richard Wagner als zweiten Kapellmeister bekommen, und alle Welt weiß, daß er – und zwar auch zuerst in Frankreich durch Berlioz dazu inspiriert – die Musik durch und durch zu reformieren den Anlauf nahm. Wie Feuerbach von einer Religion der Zukunft, so träumte er von einer Musik der Zukunft, die denn nun absichtlich etwas ganz Neues, schlechterdings Originales werden sollte, eben mit diesem Absichtlichen aber sich selbst zuletzt den Stab brach, da es nun einmal in der Ordnung der Dinge besteht, daß das wahrhaft Neue organisch wachsen und freiwillig sich gestalten muß, während das künstlich Gemachte es nie zu einer wirklich lebendigen Existenz bringen kann. Natürlich trennte jetzt auch das Publikum sich in zwei Parteien und hatte übrigens hier insgesamt den unleugbaren Vorteil, daß nun die Künstler selbst von beiden Seiten sich anstrengten, jedenfalls etwas Ausgezeichnetes zu leisten, so daß, während aus den älteren Schulen Werke wie Glucks »Armida«, »Iphigenia« und »Alceste« wieder zutage kamen, auf der Seite der Neuen die doch immerhin auch sehr merkwürdigen Werke Wagners: »Rienzi«, »Der fliegende Holländer« und »Tannhäuser« hervortraten und teils durch treffliche Aufführung, andernteils aber zugleich doch auch durch ihre nicht zu verkennende tiefere poetische Grundlage die Aufmerksamkeit lebhaft fesselten.
Ich schrieb damals über diese Dinge: »Der ›Tannhäuser‹ von Wagner ist eigentümlich und neu und in der reichen Ausstattung wohl ein tüchtiges Werk zu nennen – aber[139]  bei alledem ist es ein Stück der Tendenz – einer romantischen Tendenz –, und die Musik würde Sie geradezu zur Verzweiflung bringen, denn es bleibt im Grunde unverkennbar und aufs höchste eine Art romantisches Rokoko.«
Indes wie gesagt, auf diesem unblutigen Felde des Kampfes war dem Freunde der Musik doch mancherlei Genuß – wenn auch hier und da mit etwas Ärger vermischt – gesichert, und ich darf wohl sagen, daß ich nicht ohne vielfachen Gewinn durch all dies Hinüber und Herüber gegangen bin.
Was meine Begegnungen mit Fremden betraf, so war diesmal Ranke aus Berlin die hervorragendste Persönlichkeit. Wir fanden uns im Spätherbst zusammen bei der früher erwähnten Gräfin Lehndorf und gerieten sehr bald in eine ziemlich lebhafte Diskussion. Im ganzen schien mir das Negative in ihm vorherrschend, und in diesem Sinne konnte ich einen mehr abstoßenden Eindruck, den er auf mich machte, nicht verbergen. Nichtsdestoweniger sprach aber ein kluger, vielerfahrener und reichbelesener Geist gar sehr aus jedem seiner Worte. – Dahlmann, dessen Buch über die französische Revolution ich nur eben gelesen hatte, würde mich persönlich vielleicht stärker angezogen haben; obwohl es mir in dieser Beziehung oft sonderbar genug gegangen ist, indem zuweilen Menschen, die mich anfänglich fast abstießen, späterhin gerade mir sehr lieb geworden sind, während das Gefühl einer ersten leichten Anziehung, mitunter sogleich des Verwandten zu viel voraussetzen läßt, dann aber dadurch, daß man das Unzureichende der Nachwirkung erkennt, unmittelbar in das Gegenteil umschlägt.

Das Jahr 1846 brach nun an, und auch an seiner Stirn glänzte wieder am 3. Januar als leuchtender Stern eine[140]  prächtige Aufführung des »Orpheus« von Gluck, am Flügel dirigiert durch den damaligen Musikdirektor Hiller und gesungen von der Devrient, mehrern Sängerinnen vom Theater und einem Dilettantenchor, wobei unsere Karoline und Eugenie. Wohl hatte ich den »Orpheus« früher auf dem Theater gehört, aber erst diese von allem Tand der Szene entkleidete und doch so außerordentlich vollendete Darstellung gab die rechte Gelegenheit, die prachtvolle Größe und Einfachheit einer solchen Musik nicht nur zu bewundern, sondern auch zu begreifen. Es war wirklich etwas Übermannendes, alle Hörer Entzükkendes in diesen Tönen und bewegte zumal mich in tiefster Seele; ahnungsvoll vielleicht zum Teil, denn welche Gestalten aus meinem Leben noch scheiden zu sehen war mir bestimmt, aber ohne daß ich vermocht hätte, sie aus dem finstern Orkus zurückzuführen!

  Amazon.de Widgets
Während alles dieses war indes nun nicht nur der Druck der englischen Reise vollendet und das Buch von mir an manche Freunde versendet worden, sondern es befand sich auch bereits der größere Teil der englischen Übersetzung in meinen Händen. Ich erhielt denn damals unter andern auch von dem trefflichen von Lindenau zwei lange Briefe über meine englischen und schottischen Schilderungen, bei denen er fast Schritt für Schritt meinen Betrachtungen gefolgt war und größtenteils meinen wenigen statistischen und staatsökonomischen Bemerkungen seine Zustimmung aussprach. Zumal wo der Menschenfreund eintritt, wurde sein Herz warm. So z.B. bei meinen Schilderungen der großen Fabrikstädte schreibt er: »Wenn Ihrer gerechten Bewunderung jenes kolossalen Fabrikbetriebs mitunter doch auch trübe Bemerkungen beigemischt werden, so sind mir diese aus der Seele geschrieben, da ich vom heutigen Gewerbsverkehr, bei dem die Maschinen Haupt-, die Menschen Nebensache sind, nicht Wohlfahrt des Volks,[141]  sondern nur dessen physisch-moralische Verkrüppelung erwarten kann – eine Ansicht, welche durch die englischen, schlesischen und belgischen Zustände zur Genüge belegt wird!«
Die »Psyche«, über deren Herausgabe ich nun verfügt hatte, wurde jetzt noch einmal für mich abgeschrieben, vieles darin nochmals durchgesprochen; und da Rietschel sich eben auch noch einmal an meinem Kopfe versucht und in einem lebensgroßen Medaillon jedenfalls das ähnlichste Bild von mir gegeben hatte, so sollte der Stich einer verkleinerten Kopie desselben den Titel dieses Werkes zieren, welches, indem es unter den eigentümlichsten Konstellationen und unter der gedachten eigen schönen Wechselwirkung entstanden war, ich wohl in vieler Hinsicht als das mein Wesen ganz besonders Bezeichnende und somit als am entschiedensten mein eigen und mir zugehörend betrachten durfte. Und unter solchen Vorbereitungen gingen denn die ersten zwei Monate dieses Jahres vorüber, im März aber schrieb ich an Regis: »›Der Frühling ist kommen, der Winter ist aus!‹ – so sang uns gestern abend die Devrient als den Schluß eines schönen Liedes von Schubert! Und so ist es wirklich! Dieses gewaltige Vordringen der Natur mahnt mich an so manches in meinem eigenen Leben, was auch so unaufhaltsam – wenn auch nicht immer so vorzeitig, manches sogar erst sehr spät – hervordrang! In allen diesen Dingen ahnt man das wunderbare organische Walten eines höhern Mysteriums und läßt sich in eigentümlichem Selbstaufgeben und doch zugleich Selbstwahrnehmen und Selbstgewinnen so allmählich mit dahinschwimmen!« – Worte, in welchen ich wohl eigentlich zum erstenmal das Bedürfnis aussprach, dem Spiralgange meines eigenen Lebens, dessen Erfahrungen seit der Zeit der englischen Reise sich jetzt wieder so vielfach vermehrt hatten, nun auch einmal eine eigene[142]  Aufzeichnung zu widmen, welches nun in Wahrheit durch Niederschreiben der ersten Bogen dieser »Lebenserinnerungen« im Frühjahr 1846 sich anfing zu verwirklichen.
War es doch damals überhaupt eine Zeit, welche sich viel mit Darstellung der Entwicklungsgeschichte bedeutender psychischer Individualitäten beschäftigte! Neben dem, was mich, wie gesagt, antrieb, jetzt mit meinem eigenen Leben mich zu beschäftigen, wurde namentlich über Goethe viel gedacht und geschrieben. Nach Riemer trat Schöll auf und brachte sehr frühe Briefe von jenem Außerordentlichen; Briefe, aus denen jeder Einsichtige bald erkennen mußte, daß ein Gewächs, welches mit solchen Keimen die Erde durchbricht, später zur kräftigen Palme bestimmt sein müsse und nicht bloß Wiesenblumen tragen oder ein Busch für Zäune werden könne. Selbst ein Brief von Friederike von Sesenheim wurde jetzt noch bekannt und versetzte ganz in die erste idyllische Periode des Dichters. Das kurioseste Buch aber brachte jedenfalls ein junger Mann, Karl Grün (»Über Goethe vom menschlichen Standpunkte«), und zwar aus Paris! Dem Verfasser fehlte es nicht an glühender Liebe für den Dichterfürsten, aber tollerweise stellte er ihn jetzt so ziemlich an die Spitze des Kommunismus und mißverstand ihn natürlich in den meisten Beziehungen vollkommen. Ja endlich gehörte es mir auch mit zu diesen Goethe-Erläuterungen, daß mit vorrückendem Frühjahr wieder der »Faust«, und zwar großenteils mit der Musikbegleitung des Fürsten Radziwill, zur Aufführung kam, denn konnte ich auch hier keineswegs alles billigen, so war doch an vielen Stellen ein guter Geist deutlich fühlbar und mein Interesse dafür somit lebhaft genug.
Von sonstigen Novitäten nahmen mich ferner Speckters Buch über Italien1 und Bürcks »Ulrich von Hutten« in[143]  Anspruch. Das erste, zwar noch etwas jung und breit, war doch aber mit großer Lebendigkeit, Frische und Naivität geschrieben, so daß es die schönen Bilder aus den Jahren 1828 und 1841 mir wohl lebhaft wieder hervorrufen mußte, wobei ihm übrigens noch besonders zugute kam, daß wirklich diese Briefe nicht für den Druck geschrieben waren, sondern erst zehn Jahre nach dem Tode des Verfassers erschienen, als wodurch denn das Naturwüchsige und Einfache derselben entschieden gefördert erschien. Was den »Ulrich von Hutten« betraf, so war er durch Einfügung vieler originaler Stellen aus seinen Reden und Briefen besonders anziehend. Ich hatte früher zufällig gerade nie etwas Ausführlicheres über ihn gelesen und fand mich daher eigen überrascht von diesem Geiste. Dieser Hutten ist eigentlich der Heilige all unserer spätern Publizisten und Journalisten! Er vertrat in der damaligen Zeit im guten Sinne die Stelle der meisten dieser Schreier, war jedoch an sich so viel tüchtiger, mannhafter und zugleich so viel mehr persönlich für seine Meinung einstehend als die meisten Neuern; etwas von der unsteten breiten, überall sich eindrängenden modernen Art schlägt jedoch unverkennbar auch bei ihm schon deutlich durch.
Übrigens regte sich noch sonst viel Neues in diesem Jahre in Dresden. Besonders gab der Plan für das projektierte Galeriegebäude viel zu denken und zu sprechen. Professor Semper, ein frischer produktiver Geist, dem wir bereits die originelle Schöpfung des Theaters verdankten, der auch durch die schönen Privatbauten für die uns befreundete Familie Oppenheim sowie durch die Ausführung der Synagoge und des Frauenspitals sich ausgezeichnet hatte, entwarf drei Pläne, die er die Güte hatte, unter andern auch mir nach und nach vorzulegen, und deren immer einer schöner war als der andere. Der erste Entwurf[144]  zeigte das neue Museum der Brühlschen Terrasse gegenüber, auf mächtigen Substruktionen an dem Neustädter Elbufer – ein wahrer Prachtbau –, doch diese Schätze freilich etwas weit aus der Mitte der Stadt und vom königlichen Schlosse entfernend. Der zweite stellte in sehr pitoresker Weise diese Bauten an der nordwestlichen Seite des Zwingers dar. Der dritte endlich schloß den Zwinger selbst vollständig ab, indem er das Hauptgebäude des Museums dahin setzte, wo, den alten Plänen nach, damals das königliche Schloß hatte hinkommen sollen und wo dafür lange Zeit nur eine hohe einförmige Mauer den Platz der Orangerie abgrenzte. Letzterer Plan war jedenfalls der am meisten praktische, und man sieht ihn denn jetzt auch im ganzen schön und geschmackvoll ausgeführt zu aller Freude.
In diesem Sommer erhielt ich nun auch die ersten Nachrichten über die endlich ans Licht gezogenen Briefe Goethes an Frau von Stein, und zwar durch den Kanzler von Müller, welcher noch einmal auf einige Tage nach Dresden kam. Die meisten derselben (es waren nur Goethes Briefe, die eigenen hatte Frau von Stein verbrannt) waren durch Schöll im engsten Kreise beim Großherzoge vorgelesen worden, Müller selbst hatte sie, durch Krankheit abgehalten, nicht gehört, allein schon das, was ihm darüber mitgeteilt worden, hatte ihm die bestimmte Überzeugung gegeben, es sei hier das wichtigste und gehaltvollste Material für den Einblick in Goethes innerste Geistesentwicklung geboten, was mich denn um so mehr spannte, als ich nicht lange zuvor einen Brief von Frau von Stein aus ihren späten Jahren abgedruckt gefunden hatte, wo sie von ihrem »ehemaligen Freunde« in einer Weise schreibt, daß es ganz den Eindruck macht, als könne sie Goethe doch überhaupt nie im vollsten Sinne des Worts geliebt haben. Natürlich aber ging mir dann auch weiter daraus[145]  hervor, daß sie ebensowenig in Goethe die volle Begeisterung entzündet haben werde, welche ich nach frühern Nachrichten wohl vorausgesetzt hatte. Später freilich, als mir die Briefe wirklich zu Händen kamen, habe ich in mancher Beziehung doch anders darüber denken lernen, wovon denn noch weiter unten das Nähere. Kanzler von Müller versicherte mir übrigens, jenes Verhältnis sei überhaupt mehr als ein abstraktes und nicht als ein absolutes zu denken, was vielleicht abermals einiges Weitere erklären dürfte. Auch für die Kestnerschen Briefe Goethes an Lotte brachte er Aussicht zur Veröffentlichung; eine Hoffnung, die indes doch erst sehr viel später sich realisieren sollte.
Als eine dankenswerte Reminiszenz dagegen erschienen damals schon die Briefe Goethes an den Sohn jener Frau von Stein, worin wieder sein Wesen von einer ganz neuen Facette gesehen wird. Und so »ging es und geht es noch heute« mit Goethe wie mit dem Boden Italiens! Jedes Jahr förderte und fördert neue bisher ungekannte Schätze seines Wesens zutage!
Den Hochsommer dieses Jahres (Juli und August) verlebten wir wieder in Pillnitz, und vieles traf zusammen, diesen Aufenthalt diesmal zu einem der schönsten zu gestalten. Schon die Meinigen waren erfreut, daß nun mein zweiter Sohn Wolfgang, nach manchen auch mir sorgenvoll und erschwerend gewordenen Studienjahren, als Doctor philosophiae aus Leipzig zu uns zurückkehrte und jetzt in einen mehr geordneten Lebensgang sich zu finden schien.
Achtzehnmal haben sich mir nun schon die Sommer hier wiederholt, vielfach ist es in mir, ist es in der Welt anders geworden in dieser Zeit, aber noch keinen so schönen, so in sich vollendeten Sommer habe ich erlebt als den diesjährigen. Gereift ist für mich wieder manches in diesen[146]  hier verlebten Wochen, der Inhalt des Lebens ist in vieler Beziehung ein höherer und größerer geworden, und mit nachhaltigem Dankgefühl richtet an so vielem Schönen mein Geist sich auf zum höchsten ewigen Mysterium der Welt.
Gemalt habe ich diesmal hier nur ein paar kleine Studien, dafür darf ich sagen: wesentlich habe ich gelebt – mich am Schönen erfreut – wir haben viel zusammen gelesen – mitunter Musik gehört und manche angenehme Partie gemeinsam ausgeführt, aber alles das wird spätern Arbeiten im besten Sinne zugute kommen!
Dafür gab es in Dresden selbst in den ersten Herbstmonaten allerhand Bewegungen, und zwar teils im Felde der Kunst, teils in dem der Wissenschaft. In ersterer Beziehung trat ein neues Element heran, mit welchem eine Reaktion gegen die bisher fast allein herrschende Düsseldorfer Schule sogleich verbunden erschien – es war die Ankunft und Einrückung des Direktors Julius Schnorr von Carolsfeld, ebendesselben, von dem ich im Beginn dieser Lebensschilderung sagte, daß wir als Knaben uns in Leipzig einst schon befreundet gewesen waren. Ich schrieb damals über dies für Dresdens Kunstleben wichtige Ereignis: »Schnorr ist nun hier eingeführt, und die Künstler haben ihm ein großes Fest auf der Terrasse in dem neuen schönen Saale gegeben, woran ich teilnahm. – Sonderbar! Die entschiedenste Opposition gegen Bendemann und Hübner hebt sich nun sogleich in vielen hervor! Geht es doch nicht anders bei dem stets heftig bewegten Treiben dieser Zeit! Kein ruhiges Geltenlassen verschiedener Tüchtigkeit nebeneinander ist mehr möglich! Kaum ist die eine erhoben, so tritt eine andere heran, und schon möchte man die erste stürzen.«
Eine willkommene Erholung war es unter all diesen vielfachen Vorbereitungen aber jedenfalls, als gegen den beginnenden[147]  Winter hin mir die eben erschienenen Briefe von Goethe und Jacobi in die Hände fielen. Ich schrieb damals darüber: »Es sind doch wieder ganz prächtige Sachen darunter. Denn indem die große gesunde Natur Goethes sich merkwürdig von der des stets etwas kränklichen Jacobi abhebt, tritt das Bild beider Charaktere wieder mit neuer Deutlichkeit hervor. Eigene Gedanken hat mir gegeben, was Jacobi als Kritik über den ›Tasso‹ an Goethe schreibt; – welch seltsames verzogenes Spiegelbild warf hier ein so ausnehmendes Werk in diesen sonst doch lieben und edeln Geist! Ich traf da neulich einmal beim Prinzen Johann mit unserm alten Oberhofprediger von Ammon zusammen, der diesen Briefwechsel auch schon gelesen hatte (wie ihm denn überhaupt nicht leicht etwas von neuern Memoiren ungelesen bleibt), und da ließ ich mir nun von ihm über Jacobi selbst noch vielerlei erzählen, den er früher öfters gesehen hatte. Das Bild, das er von ihm gab, stimmte sehr mit dem, was ich mir schon aus dessen Schriften geformt hatte. Auch von Goethe erzählte er manches, z.B. wie er ihn in Göttingen bei Schlözer gesehen habe, wo er eben mit einer Dame sich über Bratöfen unterhielt(!!). Wir wären denn wohl beide nicht gerade neugierig auf die Bekanntschaft dieser Dame gewesen, obwohl es mich sehr gefreut haben würde, dem Gespräche ungesehen zuzuhören.«
In seiner Antwort teilte Regis völlig meine Ansicht über jene Briefe, die auch er sogleich gelesen, dabei schrieb er mir nebenher von dem etwas konfusen Urteil, das ihm ein dortiger alter Arzt über meine »Psyche« ausgesprochen hatte. Ich erwiderte ihm:



»Es ist wohl sonderbar! – Schiller sagt einmal:

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort
Das schwer sich handhabt wie des Messers Schneide![148] 
Aber manchmal ist das Alter noch weit rascher bei der Hand mit seinen Entscheidungen, die doch oft so sehr verknöchert und verkümmert sind!« Und wie oft habe ich noch späterhin Gelegenheit gehabt, in solcher Beziehung Erfahrungen zu machen; denn von jeher waren die Naturen selten, welche noch bis in die Eisregionen des Alters den lebendigen Blick und ein frisches Gefühl sich zu erhalten imstande blieben!
Und gerade hier nun komme ich dazu, das Scheiden einer solchen Seele, die eine so schwere Aufgabe in selten schöner Weise gelöst hatte, in diese Blätter einzuzeichnen!
Schon seit Anfang dieses Dezember nämlich sorgten wir uns um meine Mutter. Am 8. Dezember früh vier Uhr verschied sie ... Eine seltsame Lücke ist in meinem Hause! Das kleine Stübchen, in welches ich beim Fortgehen und Wiederkommen nie verfehlte zuerst einzutreten, steht leer! Gestern begab es sich, daß der Hund, den meine Kinder seit ein paar Jahren halten (ein schönes großes russisches Windspiel), in das Zimmerchen kam, während meine Karoline (die besonders treue Pflegerin meiner Mutter) darin war. Das Tier wanderte überall umher, schnüffelte am Sofa und allen Stühlen und setzte sich dann mitten in die Stube und heulte aus Leibeskräften! Wunderbare Abspiegelung tiefster menschlicher Empfindungen selbst an der Oberfläche einer Tierseele!
Das alte Jahr schloß ich somit in trauriger Weise, und das Jahr 1847 schien mir in einem andern Farbentone heraufzusteigen, seit ich die Stimme meiner Mutter entbehrte. Konnte daher außer der treuen Liebe der Meinigen etwas beitragen, diese Entbehrung doch endlich einigermaßen verschmerzen zu lassen, so war es die geistige Einwirkung unserer nachbarlichen Freundin Frau von Lüttichau, deren Freundes- und Trostesworte oft schon Tieck so bedeutend empfand und der ich es insbesondere[149]  verdanken durfte, daß selbst ein solcher Schmerz meine Arbeiten nicht auf zu lange Zeit lähmte!
Um dem Leser einen Begriff zu geben, wie eigentümlich in dieser Seele Welt und Verhältnisse sich zu spiegeln pflegten, so lasse ich übrigens hier ein paar Betrachtungen folgen, die wahrscheinlich bald nach dem Tode von Dorothea Tieck niedergeschrieben worden sind und an welche ich später noch einiges Ähnliche anreihen zu können hoffe:
»Jedesmal beim Tode eines geliebten Menschen erleben wir das, was vielleicht künftig sich uns vorbereitet. Ein großes mächtiges Blatt tritt gleichsam geistig uns vors Auge, und das ganze Stück Leben, was uns mit ihm zusammenband, steht da; alles Längstvergessene, die kleinsten Züge, die längstvergangenen fast am deutlichsten, die ganze Erscheinung mit geisterhafter Deutlichkeit, unsere innigsten Beziehungen zu ihm, die geheimsten Fäden, aus denen alles zusammengesetzt war, werden uns klar, Liebe – und Vergehungen an dieser Liebe auch – allein es schmilzt doch harmonisch ineinander, denn wir verstehen nun alles, wie es zueinander gestellt war – und wie im Zeitmaß, im Rhythmus, so gibt es ungeheuere Pendelschwingungen in unserm Leben, die nach Zeitabschnitten von Jahren wiederkehren, wo wir dieselbe große Geisterglockenuhr schlagen hören – die uns längst bekannte und vertraute –, und es ist, als hätten wir unterdessen geschlafen, und wir hören deutlich, was es an der Zeit ist, und die Uhr geht vorwärts und nicht rückwärts, sie hat auch nicht stillgestanden, und wir fühlen alles, was in dem Zeitmaß liegt.«
Ein andermal schreibt sie: »Ich weiß nicht, bin ich hartherziger wie andere Menschen: ich verstehe nicht die Vorwürfe, die sich so viele machen, wenn sie jemand durch den Tod verloren haben, und daß einem da der Mensch[150]  plötzlich anders und mehr im Recht erscheine als bei seinem Leben. Man verkennt ja niemand willkürlich und tut eben nur, was man kann in allen Dingen. Ebenso also wie man sich nicht zu loben hat, wenn man seine Kinder gut erzogen oder seine Eltern gepflegt hat, braucht man sich nicht allerhand Skrupel zu machen über alles, was man versäumt hat oder hätte tun können. Wenn man jemand geliebt hat, hat man nichts versäumt, und wenn man ihn nicht geliebt hat, hat es unfehlbar mit an ihm gelegen, und auf eine Lüge, die man gut durchgeführt hätte, brauchte man schwerlich sich viel zugute zu tun, daher stellt sich alles somit immer nur in das rechte Verhältnis.«
Und so reihe ich hier auch noch einen für alle tiefer gehende Naturanschauung mächtigen Satz an, den ich selbst um diese Zeit einst niedergeschrieben hatte und der sich in einer Abschrift der genannten Freundin allein vollständig erhalten hat:
»Jeder weiß, daß man nicht einen Tropfen Eiweiß, geschweige denn einen Tropfen Blut, aus Kohlenstoff, Stickstoff, Wasser- und Sauerstoff zusammensetzen kann, und so mit allem Organischen! – Sie sind eben! – Wir können sie wohl zerlegen und zerstören, aber nicht wieder schaffen. – Glaubt ihr denn nun, daß es nicht auch in unserm Geiste organische Erkenntnisse gibt, die man als seiend annehmen und finden muß – und zu deren Begriff man nie kommen wird aus anderm?
Eine solche Erkenntnis aber ist die der Seele – der Idee – des Geistes – ja zuhöchst Gottes! Du mußt all diese nehmen als Totalitäten, als Ganze und Ursprüngliche! Kannst du das nicht, so versuchst du ganz vergeblich, aus mechanischen, chemischen oder physikalischen Kräften dir irgend etwas der Art zusammenzusetzen! Immer wirst du nur ein Kunststück – ein Artefakt erhalten, aber nie ein lebendiges Ganzes.«[151] 
Doch ich kehre nun zur weiteren Schilderung meines Lebensganges zurück! – Im übrigen wurde meine angestrengteste Tätigkeit gefordert, teils für eine damals gerade äußerst ausgebreitete ärztliche Praxis, teils für die Überarbeitung der »Physiologie« für die neue Auflage. Hierzu kam nun noch, daß der Verleger der »Psyche« mir schrieb: es sei unerläßlich, daß vor Ostern 1848 noch eine zweite Auflage auch dieses Buches gedruckt werde, womit er zugleich das dringende Ansuchen verband, demselben noch ein Seitenstück in einer »Physis« zu geben.
Von der weiten und mannigfaltigen Wirkungsweise der letzteren kam mir übrigens im März dieses Jahres insofern wieder ein merkwürdiger Beleg zu, als ich von einem Pastor Schulz, dessen ich schon oben als eines eifrigen Lesers meiner Arbeiten gedenken konnte, einen größern wohlausgeführten Aufsatz in der »Protestantischen Kirchenzeitung« erhielt: »Über das Verhältnis der Psyche von Carus zum Christentum und dessen Dogma«, ausgestattet mit einer Menge hierher zu beziehender Bibelstellen, dessen im ganzen verfolgte Gedanken in nachstehendem Schlußresultat sich von dem Verfasser zusammengestellt fanden: »Wir erkennen bei diesem theologischen Überfluge, daß sich diese Psychologie zum Christentum durchweg positiv, zur systematischen Theologie mehr negativ verhält, und es wäre daher wohl sehr an der Zeit, daß die ganze theologische Systematik nach physiologisch-psychologischen Forschungen einmal vollständig umgearbeitet würde« – Ansichten, welche ich denn natürlich gänzlich auf sich beruhen lassen mußte und welche mich um so weniger nahe berühren konnten, da meine Verehrung und mein Verhältnis zur Christuslehre und der von ihr ausgehenden großen Menschheiterneuerung als in meinem Sinne wesentlich im Innersten der Gefühls- und Willensregion festgestellt, stets von systematischen[152]  Streitigkeiten und Systembauten der Theologen am liebsten sich ferngehalten hatte.
Nachdem ich somit im Vorhergehenden mancher Wirkung meiner Arbeiten nach außen hin gedacht habe, muß ich doch auch darüber etwas ausführlicher mich verbreiten, wie nun eben damals zugleich eine neue Literaturperiode sich entwickelte, und mitteilen, inwieweit ich selbst etwa von daher eine besondere Einwirkung erfuhr, obwohl ich im allgemeinen der Wahrheit gemäß sagen darf, daß ich für mich nur wenig des letztern zugestehen kann, indem meine frühern Berührungen mit Goethe und mein späterer langjähriger Verkehr mit Tieck mich allerdings in so vieler Beziehung minder empfänglich gegen diese modernen Einflüsse gemacht hatten.
Für Dresden konnte man aber damals Gutzkow, dessen bestes Stück »Uriel Acosta« in diesem Jahre zuerst hier aufgeführt wurde, gewissermaßen als Repräsentanten einer solchen neuern Periode betrachten, und späterhin reihte sich, obwohl in einer wesentlich abweichenden Richtung, Auerbach ihm an, während Gräfin Ida Hahn, zu jener Zeit auch einige Jahre hier lebend, doch im ganzen für die Literatur zu keiner tiefer greifenden Geltung gelangte. Das Merkwürdigste, wodurch sich insbesondere diese Neuzeit unterschied, war nun, daß man es hier eigentlich mit einer Art von Geschäftsmännern zu tun hatte, welche sich allerdings wesentlich dichterisch produzierend verhielten, zugleich aber als Zeitungsredaktoren zu Stimmführern öffentlicher Meinung sich zu erheben suchten, im Politischen die Opposition namentlich zu vertreten pflegten und übrigens durch buchhändlerische Spekulation gelegentlich auf Wohlhabenheit oder selbst Reichtum ihr Absehen richteten. Der Name, der sie fortan überall bezeichnete, war der der Literaten, und über den Begriff dieses Wortes kam ich eigentlich zuerst bei[153]  Gelegenheit der damals eben erschienenen Schrift Gutzkows »Öffentliche Charaktere« mit mir selbst aufs reine und schrieb dann bald nachher den späterhin in der »Mnemosyne« abgedruckten Aufsatz »Über den Begriff des Literaten«.
Dabei möge man auch noch beachten, daß, so wenig der Spätergeborene ganz das eigentümlich Frische und Lebendige jener großen Periode nachfühlen kann, wo von Weimars Zwillingsgestirn ein neuer poetischer Frühling über Deutschland heraufgeführt wurde, er ebensowenig auch vermag, die eigene unheimliche und beengende Empfindung sich ganz zu vergegenwärtigen, welche allen Bessern sich aufdrängen mußte, als nach und nach sich nicht verbergen ließ, daß jene Begeisterung im Volke allmählich abzuklingen begann, dafür aber eine neue Literatur, die Literatur der Literaten, nun die Länder überflutete und bald an manchen Verwirrungen sich beteiligte, welche in der folgenden Zeit so schwere Ausbrüche herbeigeführt haben, obwohl alle solche Anflüge doch das wahrhaft Große nie verdecken können, vielmehr diesem nach und nach zur Folie dienen werden.
Was mich betraf, so wurde mir diesmal das verlängerte Pillnitzer Leben um so leichter, weil mir die Stille und das Ungestörtsein in meiner Wohnung auf dem Schlosse gar sehr zugute kam, um die wichtigen Arbeiten für die zweite Ausgabe der »Physiologie« nachdrücklich zu fördern. Dabei reizte mich zu vielfältigsten Betrachtungen die so noch nie beobachtete Phantasmagorie des Herbstes. Er war oft wild und stürmisch genug, und doch diese eigenen Leidenschaften und Melancholien der Natur! Dem, der sie mit geistigem Auge erfaßt, haben sie ja alle eine wunderbare Schönheit! Sonderbar, unsere Landschaft hat das Merkwürdige eines Charakters, dem erst nach der überstiegenen Höhe des Lebens die volle Glut des Gefühls[154]  aufgeht! Sie zeigt im Frühjahr uns nur ein einförmiges Hellgrün (die salad-days der Kleopatra), im Sommer dann wandelt sie sich in schwärzlich staubiges Grün (gleichsam verstimmt und überlebt), und nun erst im Herbst dringt die Glut des Rot und Orange und das leuchtende Gelb hervor – kurz, alle Farben des Feuers brechen in Wahrheit erst dann durch, so daß eine Waldung nun selbst bei trübem Wetter völlig wie von Abendsonne angeglänzt erscheinen kann. Fast wie Goethe dort im »Diwan« sagt:


  Amazon.de Widgets
Unter diesem Schnee und Eise
Rast ein Ätna dir hervor!

Ich habe all diesen Modulationen mit anhaltender Bewegung gefolgt! Gibt es doch eine nur durch ein reines Fühlen gezeitigte Reife der Seele, in welcher wir erst wahrhaft geeignet werden, den tiefen gottbestimmten Einklang des Geistes so mit dem Walten der äußeren Natur wie mit verwandten Geistern vollkommen zu begreifen und zu empfinden!
Anfang November fand sich endlich alles wieder in der Stadt zusammen, und ohne besondere äußere Ereignisse lebten wir uns nach und nach in den Winter hinein, scheinbar äußerlich ruhig, aber unter dem Boden dröhnte es dumpf fort, und manche Anzeichen deuteten auf eine tiefe Gärung in den Gemütern, von der freilich damals noch niemand glaubte, daß Ausbrüche solcher Heftigkeit, wie wir sie schon im nächsten und übernächsten Jahre erleben sollten, damals so nahe bevorstehen könnten.
Nächstdem kamen jetzt auch wieder Nachrichten von unserm Tieck, welchem in diesem Spätherbst noch das Schwere aufgespart blieb, den Tod seiner alten vielgetreuen Freundin, Gräfin Finkenstein, erleben zu müssen,[155]  und wir gedachten seines Kummers um so mehr, als jetzt eben auch alle, die an echter Kunst Freude gehabt hatten, kurz zuvor (Anfang November) durch den schnellen Tod Mendelssohns (dessen »Elias« ich eben kurz zuvor zum erstenmal gehört hatte) in innere Trauer versetzt waren. Ich schrieb damals an Tieck den neuerlich auch von Holtei abgedruckten Brief: »Jeder Glockenschlag des Todesläutens geliebter oder verehrter Menschen rührt immer eigentümlich an dem Vorhange, welcher die großen Geheimnisse der Seele und alles Lebens verhüllt – nicht, daß er den Vorhang zu heben vermöchte, aber er durchzittert ihn mit einer Ahnung von dem, was er verbirgt, es wird deutlicher in uns, daß hinter ihm wie vor ihm nur ein Leben und ein Geist sich betätigen könne, und indem die Träne aus unserm Auge sinkt, wird sie dann zugleich zum Tau, welcher wieder in sich eine neue Freudigkeit als Blüte erschließt, und das ist es dann, was wir den eigentlichen Trost nennen dürfen.« Sollte ich doch später selbst noch oft an diese Worte gedenken!
1 Erwin Speckter, Briefe eines Künstlers über Italien (2 Bde.).




II.










[156] In dieser Weise schloß sich denn unter so scharfem Wechsel zwischen angestrengtestem Arbeiten und glücklich erleuchteten oder auch wohl von Trauer angewehten Stunden dieses Jahr, dem wir übrigens in seinem letzten Monat (am 9. Dezember) noch eine Totenfeier Mendelssohns in meinem der Musik so schön geeigneten Saale einfügten, eine Feier, welche es dadurch wurde, daß Clara Schumann Mendelssohnsche Sachen spielte, Tichatschek aus seinen Liedern sang und Eduard Devrient Geibels Gedicht auf den früh Vollendeten in edler Weise uns vortrug.[156]  Und so stieg uns allen nun herauf jenes merkwürdige Jahr 1848, das Jahr der Erdbeben unter den Thronen und einer allgemeinen seltsamen Erschütterung der Menschheit!
Recht so aber wie etwa ein geschickter Romanschreiber, wenn eine große Katastrophe seiner Geschichte sich nähern soll, nun wohl damit anfängt, daß er vorher nur recht gleichgültige oder doch durchaus milde Erscheinungen am Leser vorbeiführt, damit dann um so gewaltiger die Wirkung sei, wenn endlich jener Wendepunkt eintritt, so fing auch bei uns das Jahr ganz heiter und einfach an. Am 3. Januar hatten die Meinigen mit Freund Hiller die Aufführung von Mendelssohns »Walpurgisnacht« veranstaltet, welche trefflich gelang. – Wunderbares Werk doch, und so merkwürdig fortgedichtet erscheinen Goethes Worte in dieser Musik! So zwar, daß sie recht eigentlich (wie es denn immer sein sollte) ein schöner amplifizierender Kommentar des Urgedichts werden! Ich lernte damals zuerst dies Werk vollständig kennen und bewunderte vorzüglich die Schlußgesänge der germanischen Priester. Nirgends zuvor hatte ich etwas derart gefunden, was den Begriff der eigenen Erhabenheit einer bloßen Naturreligion in Tönen aussprach, und hier war dies nun, wie ich schon früher einmal andeutete, wirklich erreicht. Könnte man doch in dieser Beziehung vielleicht eine musikalische Stufenfolge in der Weise aufstellen: Kirchenandacht und dogmatisches Christentum = Sebastian Bachs »Passion« und lutherischer Choral; Philosophie und philosophisches Mysterium = Priesterchöre der »Zauberflöte«; Naturverehrung und Kultus in Wäldern und auf Bergen = Priesterchöre der »Walpurgisnacht«. –
So also brachten auch noch die nächstfolgenden Wintertage trotz Schneestürmen und Kälte manche gute Stunde[157]  im Innern und manche heitere Festlichkeit im Äußern!
Unter anderm ist hier gleich der Ort, eines schönen Baues von Semper zu gedenken, der ganz in unserer Nähe indes entstanden war und dessen festliche Einweihung nun ebenfalls in diese Tage fiel, nämlich des Oppenheimschen Hauses. Der Eigentümer, ein alter reicher Herr, der seit einigen Jahren von Königsberg und Berlin nach Dresden sich gewendet hatte, war es, der jenem trefflichen Architekten schon früher Gelegenheit gab, in der Nähe des Linckeschen Bades ihm eine Villa im edelsten, durchgebildetsten italienischen Stil aufzuführen, »Villa Rosa« zu Ehren seiner feinen, gern geselligen Frau genannt, der aber nun in der Stadt sich ebenfalls angekauft hatte und ein Haus auch da aufführen ließ, dessen großer und schöner altflorentinischer Stil es gegen andere jetzt in Menge kasernenähnlich aufsteigende Häuser gewaltig auszeichnete. In diesem neuen, innerlich mit allem feinern Komfort ausgerüsteten Hause wohnte daher jetzt das würdige Ehepaar und mit ihr die Familie eines Schwiegersohns Grahl, eines Künstlers, welcher insbesondere durch Erfindung einer neuen, der frühern Temperamalerei verwandten Malerkunst sich ausgezeichnet hatte; und hier fanden also einige Feste der Einweihung statt, die denn auch noch nichts ahnen ließen von den Gewitterwolken, die sich im stillen überall am politischen Horizonte zusammenzogen. – Wie aber übrigens in solchen Dingen das Schicksal mit dem Menschen selbst ein wunderliches, nicht selten grausames Spiel zu treiben scheint, will ich dabei gleich noch gedenken und sagen, in welcher Weise nur ein paar Jahre später aus eben der Pracht dieses Hauses der Tod der Besitzerin zum Teil hervorgehen sollte. Boudoir und Schlafzimmer derselben hatte der Dekorateur nämlich mit den schönsten, ein dunkelgrünes, schweres Damastzeug auf das täuschendste[158]  nachahmenden Tapeten geschmückt, welche, von allen für unschädliches Seidenzeug gehalten, leider im Gegenteil aus dick mit arsenikalischem Grün überstrichenem Papier bestanden. Aus dieser Quelle war es denn, daß, als späterhin bei einer gewöhnlichen Grippe der Organismus durch anderweitig veranlaßte niederdrückende Gemütsleiden äußern Schädlichkeiten sich um so mehr aufgeschlossen fand, die zerstörende Wirkung jenes Giftes allmählich sich geltend machte und endlich, im Anfange des Jahres 1849, den Tod durch Lungenschwindsucht herbeiführte. Allerdings wurde zwar sogleich, als die Symptome einen drohendern Charakter zeigten und ich auf genaueste Untersuchung aller Umgebungen gedrungen hatte, jene schmähliche Vernachlässigung aller Vorsichtsmaßregeln entdeckt und die Kranke sofort in andere Umgebungen, namentlich im Sommer auf die schöne Villa an der Elbe gebracht; indes jedes Mittel der Kunst – man hatte auch Opolzer aus Wien noch zur Konsultation herbeigerufen – sowie die liebevollste Pflege der Familie blieben vergebens, und so hauchte denn zuletzt diese Frau im nächsten Winter doch noch in eben den nun durchaus gereinigten Räumen den Geist aus, deren Pracht sie mit so feinem Geschmack nicht gar lange zuvor selbst erst begründet hatte.
Doch ich komme nun wieder auf den Februarmonat 1848 zurück und will da zunächst noch von einer interessanten Erscheinung im Gebiete der Kunst berichten, welche damals unsere Aufmerksamkeit für mehrere Tage in Anspruch nahm. Es war das ziemlich große Bild eines Porträtmalers namens Pecht, welcher einen längeren Aufenthalt in Weimar verwendet hatte, um mit Benutzung aller dort nur zu beschaffenden Mittel die Abendszene im Park zu Tiefurt nach der ersten Aufführung der Goetheschen »Iphigenie« so treu als möglich darzustellen. Alle[159]  damaligen Umgebungen, und die Corona Schröter als Iphigenie den Dichter mit dem Lorbeer krönend, waren nach Bildern aus jener Zeit in interessanter Weise zur Anschauung gebracht, und wenn auch die künstlerische Vollendung nicht eine gerade außerordentliche genannt werden durfte, so gewährte doch das Ganze durch das Heranbringen vieler interessanter Persönlichkeiten ein dankenswertes Zurückversetzen in eine Zeit, welche nun einmal für den poetischen Höhenmesser nicht nur Deutschlands, sondern der gesamten modernen Welt noch für Jahrhunderte, ja vielleicht für immer, als die merkwürdigste bezeichnet werden muß.

  Amazon.de Widgets
Und so war man denn in vielfacher Beziehung eben mitten in allerhand poetischen Träumen, als wir gegen Ende des Monats, recht wie der ruhig Schlummernde durch den Feuerruf des Wächters, uns plötzlich aufgeschreckt fanden durch die Nachricht von der Pariser Revolution des 24. Februar. Es war wohl nichts Kleines, sich sagen zu müssen, daß die Bande zwischen der Regierung und einem Volke von 30 Millionen Menschen, auch nachdem sie einen fünfzehnjährigen Frieden über Europa gebreitet hatten, in ein paar Tagen vollkommen zerrissen sein konnten, so daß König und Königtum wie Spreu vor dem Winde verstreut dahinschwanden und man auf einmal wieder, gleich einem dem Grabe entstiegenen Geiste, die Republik von 1789 heranschreiten sah. Man kennt nur zur Genüge die ungeheuere Rückwirkung dieser Ereignisse auf Deutschland, man erinnert sich, wie die revolutionären Bewegungen in München, Berlin und Wien sich jetzt Schlag auf Schlag einander folgten, wie dann neues großes Heil erwartet wurde von einem allgemeinen deutschen Parlament in Frankfurt, von Wahl des Reichsverwesers usw., und wie zuletzt doch auch all dieses so gar nicht vorhielt. Ich bin weit entfernt, hier irgendwie den Geschichtsschreiber so[160]  gewaltsamer und merkwürdiger Ereignisse machen zu wollen, und ich nenne sie daher nur im allgemeinen, um in den folgenden Blättern teils bloß einiges schärfer zu bezeichnen, wodurch wir in unsern nächsten Kreisen besonders berührt wurden, teils einige der Betrachtungen festzuhalten, welche so seltsame Vorgänge eben damals wohl in uns notwendig erregen mußten.
Versuche ich erst den unmittelbaren Eindruck mir wieder hervorzurufen, welchen die Proklamation der Republik damals auf mich gemacht hatte, so fand ich ihn gemischt, teils aus verminderter Achtung eines Königtums, welches so schnell, so fast ohne Kampf und mit so viel Gleichgültigkeit der Nation sich wegstäuben ließ, und teils aus einer alten, noch von der Bewunderung der freien Staaten von Rom und Griechenland herübergenommenen Anhänglichkeit an den Gedanken, es könne in der Menschheit doch irgendeinmal jenes Ideal verwirklicht werden, wo ein Rat weiser, geprüfter, großdenkender Männer nach klarem Ermessen der eigentlichen Bedürfnisse des Volks den Organismus des Staats anhaltend fortzubilden und zu lenken geeignet bliebe. Kam dann hinzu, daß ich bedachte, wie jetzt den Franzosen notwendig vorschweben müsse aller Unverstand und aller Greuel, den ihre Revolution von 1789 herbeigeführt hatte, ja an welchem zuletzt diese selbst fast resultatlos zugrunde gegangen war, so blieb mir allerdings noch immer eine gewisse Hoffnung lebendig, es könne doch vielleicht das zweite Ergebnis besserer Natur sein als das erste, zumal da Namen wie Odilon-Barrot, Lamartine, Crémieux und andere einen guten Klang hatten und das Vertrauen vermehrten. Bald jedoch traten Symptome hervor, die auch hier wieder auf innere Unklarheit, Unsicherheit und Irrtum sehr entschieden hindeuteten, und aller Vorteil, der eigentlich der Nation daraus hervorgehen sollte, daß sie nun wirklich, wie[161]  Goethe es wünschte, »die Sachen zweimal verrichten konnte«, schien sich endlich nur darauf zu konzentrieren, daß diese Bewegungen großenteils ohne jene Abscheulichkeiten verliefen, welche die ersten ausgezeichnet hatten; im übrigen ahnte man aber gar bald, daß jetzt wie damals wieder nur in einem von kluger und starker Hand geübten Militärdespotismus alles Freiheitsstreben Frankreichs sein sicheres Grab finden würde, und so überließ ich daher dies Volk seinem Schicksal und wendete mich mit meinen Betrachtungen und Wünschen abermals hauptsächlich den Deutschen zu.
Was die Frage betrifft über unsere Zukunft, so finde ich, daß man hier eigentlich auf das große Unbewußte, was im Organismus jedes Volks, und so auch des deutschen, lebt und wirkt, vertrauen muß. Eben das, was, ohne davon zu wissen, den Organismus des Menschen baut und was ihn oft aus großen Krankheiten herauszuführen vermag, das erhält und bewahrt oftmals auch ein Volk, und so werden ja auch die Deutschen wohl nicht ganz verlassen sein! Treibe daher doch nur jede Partei ihre Kreisel für sich und verfahre dabei möglichst offen und ehrlich! – So wird all das Hin- und Widerstreiten doch gewiß zu einem Resultat – zu einer Lösung führen! Ich habe immer die Idee Deutschlands hochgehalten und tue es eben auch noch und darin liegt viel!
Man muß zuletzt immer suchen, den historischen Standpunkt für diese Bewegungen zu finden, um dahin zu kommen, teilnehmend darüber zu verweilen; denn wenn auch mit vielem Irrsal und vieler Roheit verknüpft, ist doch nicht zu leugnen: ein jugendliches Ringen der Idee ist im Herzen Europas aufgegangen, und viele welke Blätter schüttelt dieses Ringen ab, um frischen Trieben Raum zu bereiten. Muß doch immer von Zeit zu Zeit ein erfrischender Wind durch das Leben der Völker wehen! Freilich[162]  der Wind ist oft schwer auszuhalten, erregt Flußfieber und Krämpfe hier und da – aber wir müssen durch und dabei um uns schauen; denn eine große Metamorphose der Menschheit betrachtend zu erleben ist immer etwas sehr Merkwürdiges! Gestehe ich doch, daß es mir jetzt zuweilen einen eigenen unheimlichen Eindruck macht, selbst auf England – das freie England – zu blikken und zu erkennen, welche Massen alter Institutionen mit rohestem Druck einer Aristokratie des Geldes und der Geburt dort über dem Lande liegen – fast wie der Jahrhunderte alte Staub auf den Kaminen ihrer prächtigen Schlösser!
Und unter so verschiedenen Gedanken rückten denn die Ereignisse weiter und weiter vor! Schon am 22. März feierte man hier die Vereinigung Deutschlands zu einem Reiche mit Festzügen, Illuminationen und Aufstecken der deutschen Farben neben denen des Landes. Gab es mir doch viel zu denken, als ich sah, wie an jenem Nachmittage auch in meinem Hause große Fahnen zusammengenäht wurden, die eine weiß und grün, die andere aus den seit den Wiener und Karlsbader Beschlüssen so viel verfolgten Farben Schwarz, Rot und Gelb oder Gold! Beide flatterten abends, von vielen Lämpchen erhellt, über dem Hoftor meiner Villa unter den alten, eben wieder Knospen treibenden Linden, und wenn vielfach der Wind immer wieder die kleinen Flammen verlöschte, so dachte damals doch noch niemand, daß auch diese ganze deutsche Herrlichkeit fast ebenso schnell vom politischen Sturme wieder ausgelöscht sein werde, nicht jedoch ohne immer wieder bereit zu sein, sich bald aufs neue zu entzünden.


Konnten nun so quälenden und beunruhigenden Eindrükken gegenüber irgend andere doch wieder einigermaßen beschwichtigend und erhaltend wirken, so war es nächst vielfacher von außen geforderter Geschäftstätigkeit das[163]  Einziehen eines warmen, blütenreichen Frühlings und das Erfreutwerden durch manche bedeutende Erscheinung im Reiche der Kunst. Zu dem letztern rechne ich namentlich die Aufführung des »Elias« von Mendelssohn am Palmsonntage im Opernhause; der letzten, die in diesen zwar etwas verfallenen, aber doch durchaus großartigen Räumen stattfand (da es im nächsten Jahre in Flammen aufging) und worüber ich damals lange Reflexionen niederschrieb, von denen ich hier um so lieber einiges mitteile, damit die Schilderung einer so hart bedrückenden Zeit durch Hinwendung nach freiern schönern Reichen mindestens um etwas gelindert und abgelenkt werde.
»Wie ein organisch lebendiger Leib eben ein gewisses Quantum Äther bedarf, um sich darzuleben – ein Infusorium das kleinste, ein Sonnensystem das größte, ein Mensch ein durchaus mittleres –, so auch das Kunstwerk. Und wenn der Mensch möglicherweise mit aller Vollendung seiner Organe in Daumengröße sich darleben könnte, er würde dann schon deshalb ein ganz anderes Geschöpf sein, und ebenso, wenn es in Riesengröße möglich wäre. – So ist es aber auch mit dem Kunstwerk! – Die Venus von Milo als noch so vollendete Statuette auf einem Nippestisch ist ebensowenig mehr dieser Kunstgedanke, als sie es wäre als Koloß gleich dem von Rhodus! Je präziser und individueller die Idee ausgeprägt ist, um so mehr muß sie in einem bestimmten Maße sich darstellen.
Ich hatte nun den ›Elias‹ früher in der Singakademie am Flügel aufführen hören, und noch war er mir da gar nicht in seiner Eigentümlichkeit offenbar geworden – heute in diesen Tonmassen und getragen von einer kräftig schönen Stimme des Propheten, trat mir gleich das volle Verständnis entgegen. Der Straßburger Münster klein aus Holz geschnitzt – wem gibt er einen Begriff von jenem Baue? – Es gehört das Hinaufsehen dazu, um ihn [164]  einzusehen! Es gibt gewisse Dinge, die sich in jeder Größe noch kenntlich machen – andere durchaus nicht –, dieser ›Elias‹ gehört zu den letztern!«
Endlich konnte ich nicht unterlassen, auf mich selbst zu merken bei dieser Aufführung, warum mich dieses Klingen fortschreitender Harmonie und Melodie an den Worten des alttestamentlichen Textes so festhielt, wenn mich andere ganz rechtschaffene Oratorien, zum Beispiel von Schneider, mit all ihrer regelrechten Harmonie und wohllautenden Melodie so gar nicht festzuhalten pflegten? – »Auch da läßt sich eigentlich nichts weiter sagen als: es ist das Befruchtende des Genius. Der Genius haucht die Worte an, und sie tönen nun in Melodien ihren Sinn aus, er schlägt gleichsam die festen Lettern an, und sie klingen und geben ihren Geist kund! – Man könnte auch sagen: Er nimmt die Worte, und je lieber, wenn sie selbst schon recht poetisch sind, und wirft sie nochmals in das fruchtbare Land, in den Mutterboden der Poesie, und nun keimen sie hervor – nicht mehr als bloße Worte, sondern als Musik! Aber das muß ich auch in solchem Werke fühlen, sonst ist's überhaupt aus mit dem Gefühl! Wehe den Worten, denen nur so ein musikalisches Kleidchen vom Musikschneider anprobiert wird, bis es der Mode nach paßt; und dann kommt wieder ein anderer Schneider und macht ihm wieder ein anderes Kleidchen, und immer ist es nur ein Kleid und nie aus den Worten herausgewachsen! Mendelssohn aber hat hier wirklich einen alten unscheinbaren Silberbarren aus der Bundeslade Israels hervorgeholt, und dann nahm er den Stimmhammer und schlug ihn so richtig und volltönend an, daß er nun klingt und erfreut und bewegt, und daß der Tempelvorhang der Zeit sich öffnet und die große Gestalt des starken Eiferers sichtbar wird, und daß wir das Volk gewahren und die regenbringende Wolke!«[165] 
Und so viel denn von dem, was ich damals über das Werk schrieb! Ein anderes – ein plastisches – war ferner zu jener Zeit nach und nach fast unter meinen Augen entstanden: »Die Madonna mit dem toten Christus« von Rietschel, ein Werk, was seitdem viel gerühmt und bekannt worden ist und was zuletzt in Marmor ausgeführt in der Friedenskirche bei Potsdam eine bedeutende Aufstellung erlangt hat. Auch an ihm erfreute und erhob das Schaffen von innen heraus, das Selbstschöpferische durch innere Nötigung! An vielem Weh und manchen Schmerzen hatte das Leben dieses trefflichen Mannes lange gekrankt, und ein Bestreben, durch den Ausdruck höchsten Schmerzes in der Kunst von der Qual des eigenen Schmerzes in der Brust sich frei zu machen, lag offenbar, wenn auch halb unbewußterweise, der Entstehung solchen Werkes zugrunde. Auch fanden wir alle den Ausdruck dieser Schmerzen in der göttlichen Mutter sehr schön und bedeutend, dagegen war viel zu sagen über die Schwierigkeit moderner Plastik im Leichnam Christi. Es trat mir hier immer neu entgegen, was ich schon oft im Geiste erwogen hatte: daß nämlich die Skulptur an sich dem transzendentalen Geiste christlicher Weltanschauung nie recht angeeignet werden könne. Die Skulptur drängt mit Gewalt nach der Schönheit der Form, und die Kirche dagegen meidet diese eigentlich geradezu als der Seele verderblich und führt uns im Gegenteil zu Bildern der Entsagung und des Schmerzes; dabei ist überdies der Marmor für diejenige Art von Schönheit unempfänglich, welche in dem Glanze des zu Gott aufblickenden Auges oder dem bleichen zarten Schimmer einer der Welt abgestorbenen körperlichen Bildung erscheint; wie sollen nun also die beiden Forderungen zusammen erfüllt werden! Aus all diesem erkennt man daher wohl, daß auch an diesem Werke eine Lücke mir übrigbleiben mußte, welche selbst[166]  die sonst überall so vollendete künstlerische Ausführung nicht auszufüllen imstande war.
Noch ein anderes Phänomen jener Tage endlich war ein großer Karton aus den »Nibelungen« von Schnorr, hier noch als Vervollständigung seines Zyklus in München und für München ausgeführt. Merkwürdig tüchtig in der Zeichnung, fehlte ihm doch, wie so manchen seiner Sachen, der höhere belebende Hauch geistiger innerer Notwendigkeit; ich bewunderte das Meisterhafte der Durchführung – einen tiefern nachhaltigen Eindruck wollte es mir nicht zurücklassen.
Bedenke ich nun jetzt, wie ich damals bei so viel angestrengten Arbeiten und bei den gewaltigen Erschütterungen und Schwankungen des äußern Lebens doch es erreichte, ein gewisses inneres Gleichgewicht und die Freiheit der Umsicht mir zu bewahren, welche mich fähig machten, selbst Zeiten hindurch, wo alle Existenz mehr und mehr in Frage gestellt wurde, in Kunstbetrachtungen wie die obige über Mendelssohn mich zu ergehen, so wird es mir zuweilen selbst schwer zu fassen, daß eine dieser Bestrebungen nicht der andern Eintrag tat; allein es ist gewiß, was Goethe sagt: »Ein Tag ist ein weites Gefäß, in welchem der Gesunde, Tätige gar vieles zusammenfassen kann!« Mir ging der Grund meiner Tätigkeit aus von dem, was den Mann immer am sichersten erhält; von dem Grunde eines wohlgeordneten, auf Liebe basierten Familienlebens und einem Kreise einsichtsvoller wohlwollender Freunde und Bekannten, welche öfters in meinem Hause sich begegneten. Aus dem Tieckschen Kreise namentlich wirkte noch so manches nach, und niemand mehr (wenn nicht freilich oft wieder durch Krankheit gefesselt) als Frau von Lüttichau, von deren eigentümlich feiner Auffassung auch allgemeiner politischer Verhältnisse noch ein aus jenen Tagen erhaltenes Blatt zu deutliche[167]  Beweise gibt, als daß ich es nicht noch hier einschalten sollte:

»Vom 2. März 1848


  Amazon.de Widgets
Man könnte wohl wünschen, daß dieser so oft schon ausgesprochene Drang der Franzosen zur Republik endlich ihren Zweck erreichte. Ich meine, heißt das, man kann wünschen, daß der verständigere Begriff der Freiheit sich einmal wahrhaft der Wirklichkeit einverleibe, um auch diese Konvulsion der Menschheit auf die höchste Spitze zu treiben, wo dann ja allemal die Notwendigkeit wieder in einer anderen Form sich geltend macht.
Ebenso wie im Individuum der ewige Widerstreit von Freiheit und Notwendigkeit ist, wie die Energie der erstern die Individualität steigert und dennoch sie sich immer wieder an der Notwendigkeit der menschlichen Bedingung bricht, ebenso, erscheint es mir, geht dieser Kampf durch die ganze Geschichte. Immer wieder regt sich in der Menschheit die Freiheit und rennt an gegen diese eherne Naturnotwendigkeit, die das Gesetz verlangt und selbst das Gesetz ist, ohne welches keine Form auf Erden bestehen kann; und ebenso wie der Mensch unter den verschiedensten Gestaltungen seines innern Lebens in stetem Kampf und Schmerz diesen Zwiespalt in sich erfährt des Wollens und Müssens, so auch die Menschheit im ganzen. Darum haben sowohl diejenigen recht, die immer wieder die Welt aus den Fugen und Angeln rükken wollen und wieder gegen die Fessel der bedrückenden Notwendigkeit ankämpfen, als die, welche immer wieder die Bedingung als solche geltend machen und das Gesetz und die Regel als eiserne Gewalt und Notwendigkeit hinstellen. Aus den oft konvulsivischen Regungen beider Lebensmomente besteht ja am Ende der Verlauf des Lebens überhaupt.«
Doch ich kehre nun wieder zu unserm besondern Lebensgange[168]  zurück und darf hier nur sagen, daß er im ganzen bei all diesem rastlosen Wogen der Zeit im Innern immer noch friedlich und still genug blieb.
Von meiner eigenen damaligen Stimmung zeugen noch folgende Worte:
»Es ist solch eigene Empfindung, in dem ewig wechselnden und bewegten Leben doch irgend etwas zu finden, das immer – das heißt für uns immer – mit ganz gleichem Dasein uns entgegentritt! So aber ich hier! Schon zum zwanzigsten Mal beziehe ich nun [in Pillnitz] diesen Raum – sehe zum zwanzigsten Mal aufs neue wieder über diesen schönen Wasserspiegel und über diese weiten sanft ansteigenden Flächen und setze mich zum zwanzigsten Mal immer wieder an dasselbe alte knarrende Pult! Und was hat sich auch mir in dieser Zeit nach und nach alles erschlossen! – Gedenkt man des Schlimmen, das man erfahren, so freue man sich, wenn es immer mehr und mehr in der Erinnerung abblaßt, und was das Gute betrifft, so möge man immer nur darauf halten, das zu tun, was im zweiten Teil des ›Faust‹ steht:

Empfangt mit Andacht sterngegönnte Stunden!«

Im August zogen wir endlich wieder zur Stadt, während die politische Atmosphäre sich dunkler und dunkler mit Gewitterwolken umlagerte, und schon im folgenden Monat schlugen dann die Blitze ein, indem in Frankfurt der Straßenkampf und Mord des Fürsten Lichnowsky erfolgte, dem wenig später im Anfang Oktober die Berichte von den Greuelszenen in Wien und dem Morde des Ministers Latour sich anschlossen. Man lebte sonach in Wahrheit fast wie im Feldlager. Im Norden entbrannte der Krieg zwischen Deutschen und Dänen immer blutiger, der fränkische Vulkan siedete auch über von schäumender Lava, kurz, jeder Tag brachte Neues und selten Gutes; und doch –[169]  so ist der Mensch! Dabei ging das gewöhnliche Leben ziemlich seinen alten ununterbrochenen Gang fort, man arbeitete, sah zuweilen ein Stück im Theater, hörte etwas Musik, sah Kunstausstellungen und war dankbar für jeden dieser diesmal besonders schönen Herbsttage und für jede glückliche, edelem geistigem Verkehr gewidmete Stunde! So brachte zum Beispiel das Schauspiel, damals unter Leitung von Eduard Devrient (dem Verfasser der »Geschichte des deutschen Theaters«), eine interessante Vorstellung von Shakespeares »König Johann«, in welcher die Bayer als Konstanze und Emil Devrient als Faulconbridge große Lorbeeren ernteten; und was Kunstausstellungen betraf, so kam uns namentlich ein merkwürdiges, in Italien entstandenes, für England bestelltes Bild zu Gesicht: »Der Tod der Rahel« von Metz, einem jungen uns befreundeten Künstler, welcher seine ersten Studien als Bildhauer unter Rietschels Leitung gemacht hatte und jetzt eben als Maler von Rom zurückgekehrt war.
Ebenso war die Devrient zu dieser Zeit wieder hier, nachdem sie lange in Berlin verweilt hatte, wo Begas jenes außerordentliche Porträt von ihr vollendete, welches im nächsten Jahre auch in Dresden zur Ausstellung kam und im wahren Sinne des Wortes ein Lebensbild genannt werden durfte; und wieder hörten wir öfters gewisse Schubertsche Lieder, die nur aus ihrem Munde mit diesem vollen geistigen Verständnis in die Seelen der Hörenden eindrangen. Rechne ich nun noch hinzu, daß kurz vorher auch jener höchst merkwürdige dritte Band Eckermannscher »Gespräche mit Goethe« erschienen und hierdurch wie durch die endlich zutage kommenden »Briefe Goethes an Frau von Stein« die große Individualität dieses Außerordentlichen uns auf einmal wieder näher herangerückt war, so begreift man zur Genüge, daß es an Elementen nicht fehlte, um für vieles Schwierige und Harte, wie es[170]  die Lage öffentlicher Verhältnisse herbeiführte, von seiten der Poesie und Kunst ein durchaus erfrischendes Gegengewicht zu gewähren.
Kam es doch auch zu der äußerlich jetzt noch erhaltenen Ruhe, daß mein Verhältnis zu den früher erwähnten neu hier einziehenden Literatenelementen damals noch ein ganz erfreuliches blieb und mir vorderhand keine weitern Störungen herbeiführte, obwohl ich beiläufig doch erkannte, daß auch hier ein völliges Einverständnis nicht leicht zu erzielen sein werde, da diese und meine Richtungen im Grunde doch gar zu verschiedene blieben. Am nächsten stand uns noch der früher schon genannte Dr. Gutzkow, als der wohl bei weitem Begabteste unserer neuern Poeten, und wir sahen ihn mehreremal bei uns. Von meinen Büchern schien ihm hauptsächlich die »Mnemosyne« einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, über welche er mir einst ein Gedicht zusendete, welches er, wie er mir sagte, bald nach deren Erscheinen eines Abends eigen bewegt niedergeschrieben hatte. Ich erlaube mir dasselbe hier mitzuteilen, keineswegs als ob ich das darin gespendete Lob für überall verdient ansähe, sondern mehr als Beitrag zur Geschichte der verschiedenen Phasen jenes Dichters selbst, der nach manchen Richtungen bedeutend genug auf seine Zeit gewirkt hat.

An Carus beim Lesen seiner »Mnemosyne«

  Amazon.de Widgets
Bei allen Blumen, allen schönen Farben,
Im Meer der Töne, auf dem festen Lande
Des Wissens – wo wohl oft die Sinne darben –,
Allüberall schufst du dir holde Bande.

Wer gab dir nur, daß deinem Ohr die Sphären
Des ganzen Alls so voll entgegenrauschen?
So viele Dinge ihre Kelche kehren
Nach deines Denkerauges lichtem Lauschen?[171] 
Der Musen Zahl, der ungeteilten, ganzen,
Hast du dich angelobt! Nicht einer, allen!
Wie dicht der Reigen, den sie vor dir tanzen
Auf einer Flur, in eines Tempels Hallen!

Ist es vielleicht, weil du bei jedem Wirken,
Kommt es vom Wort, vom Pinsel, von der Kehle,
Aus irdischen, aus himmlischen Bezirken,
Nur auf das Eine horchst: die innere Seele?

Und einer einz'gen Seele einzig Flammen
Ist freilich dann der ganze Brand des Lebens,
Und Töne, Farben, Worte allzusammen.
Ein Pulsschlag sind sie nur des Weltall-Webens.

Die Dinge? Ding ist, was wir davon denken.
Die Welt? Ich nenne Welt des Geistes Walten.
Die Sonne? Was wir für die Sonne halten,
Sind Lichter, die auf unsern Sinn sich senken.

Sinn, Sonne, Welt und waltender Gedanke
Muß all in Eins und eins in Alles schweifen:
Im Schaffen kennt die Gottheit keine Schranke,
Des Menschen Geist kennt keine im Begreifen.

Da mein' ich, kommen dir aus Weit und Breite
Zahllos nun Strahlen, die zum Zünden taugen,
Sprich nur den Staunenden: Ihr guten Leute,
Was kann ich denn für meine beiden Augen!

Geschrieben Dresden, 21. Februar 1848, abends
Karl Gutzkow



 III.










[172] Und so rückten wir denn unter all dergleichen immer tiefer in den Herbst dieses inhaltschweren Jahres herein! Noch der letzte November, der Geburtstagsabend meiner geliebten Mariane, vereinigte uns am Teetisch mit mehrern Freundinnen, und ich las ihnen wieder einmal jenes kleine Wunderwerk – die Goethesche »Novelle« – vor, dies Werk, bei welchem man nie darüber ganz ins reine kommt, ob die Sinnigkeit und Feinheit des Inhalts oder die Vollendung der Form eine größere Bewunderung verdient, worauf wir dann noch zu langen Gesprächen kamen über jenen mächtigen Geist überhaupt, der – ein anderer Montblanc – in der Mitte des deutschen Volks immer höher gesehen werden wird, je weiter entfernt im Fortrücken der Zeit der Standpunkt ist, von welchem wir ihn erblicken.
Nachdem es mir nun endlich im Schlußmonat des Jahres noch gelungen war, auch ein mit eigentümlich merkwürdig nervösen Symptomen begleitetes typhöses Fieber, von welchem um diese Zeit der junge Sohn von Frau von Lüttichau befallen wurde, zu glücklichem Ende zu führen, traten wir jetzt wirklich ein in das Jahr 1849, in welchem die Schwärze des politischen Horizonts nicht nur immer noch ungelichtet blieb, sondern die elektrischen Entladungen, welche durch Feuer und Schwert so viel in diesem Jahre bei uns vernichten sollten, sich von feinen Nerven schon im voraus empfinden ließen.
Und so boten sich denn damals nach allen Seiten poetische und wissenschaftliche Interessen dar, fast als wollten sie uns dadurch von so vielem andern politischen Wirrsal gänzlich ablenken! Ja, als ob es auch hieran noch nicht genug sei, schien zur Erhöhung des Kontrastes das Vorwalten eines warmen sonnigen Frühlingswetters gerade diesmal[173]  einen recht blütenreichen und schönen Mai versprechen zu wollen; was denn allerdings im Naturleben großenteils in Erfüllung ging, während freilich übrigens die Stürme des Staatslebens, die nun gerade in diesem Monat über uns einbrechen sollten, um desto gewaltsamer heranzogen.
Bevor ich jedoch es zu schildern unternehme, inwieweit diese blutigen Ereignisse uns selbst berührten, will ich noch einige ruhige Reflexionen mitteilen, wie deren manche damals, und zwar meist als Folge tiefgehender Gespräche in Brieffragmenten, teils von mir, teils von Frau von Lüttichau sich aufbewahrt finden, so aber vielleicht am besten dazu dienen, zu zeigen, wie eigen damals fast die ganze gebildete Welt sich in ruhigen Stunden mit jenen äußerlichen Wirren beschäftigte.
So schrieb ich in einem Briefe vom Monat Januar: »Gewiß, wir leben in einer merkwürdigen Epoche! Im einzelnen scheint oft nur das Seltsamste und Verkehrteste sich zu begeben, und im ganzen ahne ich doch einen eigenen neuen und großen Umschwung der Menschheit! So etwa erscheint eine auf dem Papier gezogene gerade Linie unter einem starken Mikroskop gesehen allerdings nur als höckerige unordentliche Anhäufung von Tintenflecken, während in Wahrheit sie doch an sich wirklich vollkommen geeignet bleibt, zwei entfernte Punkte auf die einfachste Weise zu verbinden.«
Und so schrieb jene geistvolle Frau im Monat Februar: »Das ist in dieser trostlosen Zeit nicht zu leugnen, daß doch manches Unwesentliche von dem Menschen abfällt, was an sich nur leerer Schein war: und das gilt nicht nur von konventionellen Vorrechten des äußern Lebens, sondern auch ganz besonders des innern. Alle Autoritäten sinken so, daß das, was überhaupt nur eine halbe Geltung hatte, ganz zu Boden fällt. Unsere halbe Bildung ließ[174]  sonst immer noch so viel Gemachtes zu, so viel falsche Koryphäen, so viel Schein, nach welchem gestrebt wurde: literarische Trugbilder, die verehrt wurden – dies alles sinkt vor der großen nackten Wahrheit unserer Gegenwart zu Boden, und gerade daß sie noch so nackt ist, daß die Seele all ihren falschen Putz abwirft und sich nicht entblödet, in ihrer ganzen Häßlichkeit zu erscheinen – gerade das ruft vielleicht den Ernst wieder hervor, der allem Schönen und Echten beiwohnen soll, und schlägt jenen Schein tot, der nur zu leicht da hereinschleicht, wo nur der Buchstabe des konventionellen Rechts gilt.«
Ferner etwas später: »Wir sprachen heute davon, ob vielleicht Gagern der erste deutsche Politiker sein würde. Und ein Freund meinte: Der Politiker wächst nur aus dem Staat heraus, es gibt keinen Fox, keinen Pitt ohne einen fertigen Staatskörper, den er lenken kann, wie keinen Admiral ohne Flotte. Wir dagegen sind freilich erst im Bauen des Schiffs begriffen! Aber alle organische Entwicklung geht langsam, und daher ist wohl auch für die nächste Zukunft an keine Verwirklichung solcher Idee der Einheit Deutschlands zu denken. Der Gedanke dieser stieg ja zuerst auf nach dem Druck der Franzosen: vorher ist alles Partikularismus in der Geschichte! Nun hat sie unbewußt sich fort- und herausgebildet, tritt schon mit mehr Macht auf und sucht sich zu gestalten, aber noch hat sie lange nicht die Zeit durchlaufen, die zu ihrer vollen Erscheinung erforderlich ist: vielleicht gehört auch hierzu erst wieder ein neuer ungeheuerer Druck! Ebenso lag ja in dem Begriff jener Heiligen Allianz, wie er im Jahre 1813 aufging, allerdings schon der erste Keim zur Verwirklichung eines Völkerbündnisses, wie es vielleicht nur dem spätesten Zeitalter erst vorbehalten bleibt.« –
Doch ich gehe jetzt im Lebensgeschichtlichen weiter!
Gegen Ende April hatte die Regierung durch das Ministerium[175]  Held die immer mehr fordernde Ständeversammlung aufgelöst, und als nun von allen Seiten Sturmpetitionen kamen, daß die in Frankfurt fertig gewordene deutsche Reichsverfassung angenommen werden müsse, ergaben sich auch im Ministerium selbst verschiedene Ansichten; der Vorsitzende desselben schied aus, und der König stand jetzt mit den drei Ministern Zschinsky, von Beust und Rabenhorst all diesem Andrängen allein gegenüber. Die Stadt gewann dabei mehr und mehr ein revolutionäres Ansehen, die niedrigsten Klassen drängten sich ungestüm hervor, Equipagen durften kaum mehr in den Straßen sich zeigen. Donnerstag, den 3. Mai, fuhr ich vormittags noch zum letztenmal zu einigen Kranken, und nachmittags schon floß das erste Blut beim Angriff des Volks auf das Zeughaus, wo ein Kartätschenschuß gegen zwanzig Aufständische verwundet oder tot niederschmetterte. Bei alledem waren nun meine beiden Söhne als Kommunalgardisten mit ihrem gesamten Korps in der verfänglichsten Lage. Man hatte die Truppe auf den Markt beordert, um dort selbst gegen den Willen des Königs die Reichsverfassung zu beschwören, und obwohl bei weitem die meisten, und sie mit diesen, sich nach und nach von dem Wachtdienste zurückzogen, um nicht zu extremen Schritten gedrängt zu werden, so kann man doch denken, in welcher Lage und Stimmung die Meinigen sein mußten, wenn sie überlegten, wohin zuletzt dies alles gar wohl führen könne. Es war aber an diesem Tage zwischen 5 und 6 Uhr, als ich, gedrängt von Sorge, wagen wollte, noch einmal aufs Schloß zu gelangen, um mich persönlich von dem Befinden der höchsten Personen zu überzeugen. Auf dem gewöhnlichen Wege durch die Stadt dahin zu kommen, war längst unmöglich geworden, denn durch die Straßen wogten überall aufgeregte Volkshaufen; die Leichen der auf dem Zeughofe Gefallenen hatte man auf[176]  Schubkarren vor das Rathaus gefahren, wo noch der größte Teil der Kommunalgarde mit den Turnerkompanien aufgestellt stand und die heftigsten Reden gehalten wurden; die Schloßgasse aber namentlich erfüllte schreiendes, oft schon nach den Fenstern des Schlosses werfendes Volk, und nochmals befanden sich Deputationen beim Könige, ihn auf alle Weise bestimmen wollend, diesen sogenannten Volkswillen durch Anerkennung jener Reichsverfassung zu befriedigen, durch welche dann eben vollends alles recht eigentlich erst außer Verfassung und Fassung gebracht worden wäre.

  Amazon.de Widgets
Nur durch weite Umwege, über Promenaden und vom Zwinger her, konnte ich sonach die an das Schloß stoßende und mit diesem damals durch Tür und Treppe verbundene Hofapotheke erreichen, und nur auf diesem Gange gelangte ich endlich in das Vorzimmer der Königin, welche bereits (da das Schloß schon förmlich in Belagerungszustand gesetzt war) mit ihrem Gemahl in die innersten nach dem Schloßhofe gekehrten Zimmer sich zurückgezogen hatte.
Man konnte wohl ahnen, daß der nächste Augenblick die ernstesten Entscheidungen bringen mußte, und so hatte ich nur eben Zeit, meinen schleunigen Rückzug zu nehmen, denn schon wurden alle Zugänge fest verschlossen, und als ich endlich auf dem gleichen Wege mich nach Hause wendete, sah ich schon an der Wilsdruffer [Straße], an der Breiten Gasse und auf mehrern andern das Pflaster aufreißen und mit Fässern und Kisten, welche zum Teil mit Pflastersteinen gefüllt wurden, den Barrikadenbau eifrig fortsetzen. Ebenso wurden jetzt die hölzernen Decken der Schleusen inmitten der Straßen aufgeworfen, um die Wege dadurch für Geschütz und Kavallerie unzugänglich zu machen, kurz, das Antlitz des Kriegs trat mit eins aus der frühern Ruhe der friedlichen Stadt scharf hervor.[177] 
Am andern Morgen durchflog die Kunde die Stadt, der König sei fort, und mit ihr zugleich erschienen die Maueranschläge, auf denen Todt, Tzschirner und Heubner als Glieder einer provisorischen Regierung sich verkündigten.
Die Lage der Dinge war nun hier so, daß Neustadt, Schloß und Zeughaus nebst Brühlscher Terrasse, Zwinger und Packhof, im Besitz der königlichen Truppen waren, während ganz Altstadt Dresden von den Aufständischen besetzt gehalten wurde, die ihre Zentralbehörde, die sogenannte provisorische Regierung, auf dem Altstädter Rathause aufgeschlagen hatten. Die meisten unserer Truppen befanden sich übrigens im Felde, und ob die von Preußen begehrte Hilfe rechtzeitig eintreffen werde, war damals noch nicht bestimmt vorherzusehen. Bei alledem verging der Tag noch ziemlich ruhig, nur Proklamationen wurden angeschlagen, die Barrikaden vollendet und besetzt und alles somit mehr und mehr zum energischen Kampf bereitet.
Der entferntern und abgelegenern Lage meines Hauses hatten wir es zu danken, daß wir selbst an diesen wie an den folgenden Gefechtstagen völlig ungestört blieben. Das wunderschöne Maienwetter gewährte eine stille Existenz in unserm Garten, selbst dann, als späterhin Tag und Nacht die Glocken stürmten und Gewehrfeuer und Kanonendonner aus der Stadt fast unausgesetzt herübertönte, und so war jedenfalls für uns und unsere Nachbarn noch immer genug von Glück zu sagen! Freilich im Innern war wenig Ruhe. Meine Söhne hatten alle Ursache, sich verborgen zu halten, da bald schon die säumigen Kommunalgardisten aufgefordert wurden, sich zum Banner der Freischaren zu stellen, und was wäre später aus ihnen und aus uns allen geworden, wenn der Aufstand gesiegt hätte?[178] 
Am Sonnabend (5. Mai) ergriffen die königlichen Truppen unter dem Oberbefehl des Generalleutnants von Schirnding die Offensive, indem sie begannen, vom Zeughause zur Terrasse und Brücke und vom Schloß gegen den Zwinger hin sich Terrain zu schaffen und die Aufständischen zurückzuschlagen, welche ihrerseits durch Feueranlegung und Versuche zum Unterminieren des Schlosses (was indes alles fehlschlug) ihre Zwecke zu fördern strebten. Das Sturmläuten, welches Zuzüge für den Aufstand aus der Umgebung herbeirufen sollte, dauerte nun schon fast den ganzen Tag und machte den widerwärtigsten Eindruck, aber auch die königlichen Truppen erhielten gegen Abend Verstärkung, indem ein Teil des königlich-preußischen Alexander-Grenadierregiments mit der Eisenbahn ankam, wovon uns die Familie des Grafen Voß aus Preußen (sie wohnte im Hause neben dem Hause von Herrn von Lüttichau auf der uns nächsten Straße und hatte gerade durch schwere Krankheiten der Kinder mir viel Beschäftigung gegeben) sofort in Kenntnis setzte und dadurch die Hoffnung auf Überwältigung des Aufruhrs nicht wenig steigerte.
Eigene Gefühle gab nun die hereinbrechende Nacht. Im Garten alles so still und blütenduftend – der bald volle Mond, durch leichte Gewölke gemäßigt, verbreitete unsichere Dämmerung ringsumher; ich sah wohl noch spätes Licht in gegenüberliegenden Fenstern wie in ruhigen Zeiten, am frühen Morgen jedoch erfuhren wir, daß die Familie von Lüttichau bereits die Stadt verlassen habe, um im Notfall nach dem Gute Ulbersdorf in den Bergen der Sächsischen Schweiz sich zu wenden. Plötzlich dann fielen wieder Schüsse in der Stadt und begann wieder das Stürmen der großen Glocken vom Kreuzturme. Alles gab den unheimlichsten Eindruck.
Der Sonntagsmorgen (6. Mai) ging auf mit einem trüben[179]  bedeckten Himmel, leichter Regen fiel, und fallende Schüsse wie fortgesetztes Stürmen zeigten uns bald, daß an keine Sonntagsstille und Sonntagsfeier gedacht werden dürfe. Auf einmal gewahrte man von den Dachfenstern meines Hauses hochaufsteigende Rauchwolken, ein großer Brand schien angelegt, und bald hörten wir, das alte Opernhaus stehe in Flammen, jenes Haus, welches einst zu den großen Aufführungen am Hofe Augusts des Starken gedient hatte und worin wir selbst noch eine lange Reihe von Jahren hindurch die größten Werke der größten Komponisten gehört hatten; und dieses Haus, welches man jedesmal mit dem Gedanken an Feuersgefahr betrat (seiner vielen alten Holzgerüste und bemalten Leinwanddekorationen wegen), es ging also nun wirklich, und zwar in Zeit weniger Minuten, ganz in Feuer auf!


Noch einmal wagte ich es, in der Mittagsstunde auszugehen und ein paar in unserer Vorstadt wohnende Kranke zu besuchen, was ich denn auch unbelästigt erreichte, obwohl beim Zuhausegehen einem ganzen Zuge Aufständischer begegnend, welche wahrscheinlich aus der Umgegend von Pirna angekommen waren und mit ihrem berittenen Anführer und einem Tambour an der Spitze eben den Weg an der Bürgerwiese hereinzogen.
Ich hatte wohl meine Betrachtung über diese Männer! – Einfache harmlose Leute, wahrscheinlich Handwerker und kleine Kaufleute oder Fabrikanten aus kleinen Orten, die nun ihr böses Geschick mit da in diese aufgeregte Stadt hineintrieb, wo sie vielleicht zum Teil kläglich mit umgekommen sind! – Es ist sonderbar, wenn solch ein Trieb in einen Teil der Menschheit gelangt, was da für eine Menge Opfer fallen müssen, die an und für sich gewöhnlich gar kein besonderes Interesse an der tiefern Idee haben konnten, von welcher zuletzt auch jener Trieb nur eine beiläufige Folge ist! – Jedes Jahrhundert hat Beispiele[180]  in Menge zu diesem Satze geliefert, so aber nahe vor Augen getreten wie beim Anblick jener Zuzügler waren sie mir indes noch niemals.
Um Mittag sahen wir dann von meinem immer wie im tiefsten Frieden blühenden Garten aus mit dem Fernrohre auch die Laterne über der Kuppel der Frauenkirche von unsern Schützen besetzt, welche ein anhaltendes Feuer unterhielten, um den Neumarkt von Aufständischen zu säubern, und wenig später hörten wir schon die Kleingewehr- und Kanonensalven, welche den Sturm auf die großen Gasthöfe Stadt Rom und Hôtel de Saxe begleiteten, die denn auch sofort von unsern und den preußischen Truppen genommen wurden; kurz, der Sieg der letztern würde immer mehr und mehr gewiß.
Auch die folgende trübe Nacht ging indes, oft gestört von Schießen und Sturmläuten, vorüber, am Montag vormittag (7. Mai) bei wieder schönem Sonnenschein versuchte ich zum letztenmal durch eine kleine Gasse der Nachbarschaft eine Familie, in welcher ich einen Kranken hatte, zu erreichen, die Flinten- und Büchsenschüsse knallten jedoch von den Häusern am Seetore her so scharf, daß ich mich genötigt fand umzukehren und nun, da eben sonst durchaus nichts vorzunehmen war, den Tag damit verbrachte, große Portefeuilles mit Kupferstichen durchzusehen und zu ordnen, die schon seit Jahren auf ausführliche Sichtung gewartet hatten. Ist man doch in seltsamer und eigentümlicher Stimmung in solcher Zeit! Die Hände sind uns zum Handeln gebunden; wir fühlen uns von allen Seiten eingeengt und gegen das Äußere ohnmächtig, für stilles tieferes Wirken im Innern fehlt aber ebenfalls jegliche Sammlung und Ruhe; so bleiben denn gewöhnlich zuletzt ganz einfache gleichgültige Beschäftigungen für uns die zweckmäßigsten, ja die allein möglichen, obwohl das gerade immerfort aufgereizte Gemüt[181]  übrigens allerdings eigentlich eine ganz andere und dezidiertere Tätigkeit gebieterisch zu fordern scheint. Während ich also hier in dieser Weise still in meiner Klause Kupferstiche ordnete, hörte man nun immerfort den Lärm des vorrückenden Kampfes; man schlug sich im Innern der Stadt zwischen Neumarkt und Altmarkt. Von Haus zu Haus durchbrachen die Truppen die Mauern, um den Barrikaden in den Rücken zu kommen, und doch gelangte man mit alledem auch an diesem Tage noch zu keiner Entscheidung. Das nicht weit von uns gelegene Waisenhaus hatten übrigens die Aufständischen zu einem Magazin, zur Feldküche und zum Verbandplatz für Verwundete in der Eile eingerichtet, und wir sendeten einigemal Wein und Lebensmittel hin, um wenigstens hier in der Nähe alles in gutem Gleise zu erhalten, und wenn wir dabei selbst doch auch nicht Mangel litten und Tag für Tag ein einfaches gutes Familienmahl zusammen in Ruhe halten konnten, so kam mir meine gute treffliche Frau oft vor wie die Elisabeth im »Götz«, die auch noch in der belagerten Burg die nötige Stärkung der geliebten Ihrigen in reichlichem Maße unausgesetzt zu beschaffen weiß.
Am nächsten Tage (Dienstag, 8. Mai) hellte nach einer regnigten Nacht das Wetter sich auf, und mit dem klarsten Himmel stieg auch die Hoffnung, den Kampf bald beendet und die Ruhe wiederhergestellt zu sehen. Noch einmal hatte die provisorische Regierung eine Proklamation erlassen, worin sie alles zu den Waffen rief und die Kommunalgarden heftig bedrohte, welche dem Streit sich entzögen, in der Stille aber trafen ihre Mitglieder doch schon Maßregeln, sich selbst in Sicherheit zu bringen. Der Anführer der ins Gefecht gefolgten Bürgerwehr, Heinze, ließ sich, wie es schien, absichtlich gefangennehmen, und Todt entfloh unter dem Vorwande,[182]  bei dem Frankfurter Parlament Hilfstruppen zu erbitten. Dagegen erhielten die königlichen Truppen jetzt selbst noch mehr Verstärkung durch neue Zuzüge aus Preußen und rückten auch im Häuserkampfe von links und rechts dergestalt in der Stadt vor, daß die vollendete Umzingelung des Aufstandes demnächst erwartet werden mußte.
Endlich war denn auch die letzte dieser durch innere Aufregung, Sturmläuten, und Schießen uns so unheimlich gewordenen Nächte überstanden, und der frühe Morgen (Mittwoch, 9. Mai) brachte die letzten entscheidenden Angriffe der Truppen und die volle Flucht der Rebellen. Man erfuhr später, daß die Hauptanführer der letztern schon früh um drei Uhr geflüchtet waren, gefolgt von den am meisten geordneten Scharen; der Rest fuhr jedoch immer noch fort, sich zu verteidigen, steckte an der Zwingerstraße noch ein paar Häuser in Brand, und so konnten wir denn erst von der vollkommenen Überwältigung des Aufstandes gegen zehn Uhr vormittags dadurch Kenntnis erhalten, daß das Stürmen und Schießen aufhörte und wir vom Dachgeschoß aus gewahr wurden, wie man auf der Galerie des Kreuzturms große weiße Fahnen aussteckte, ein Signal, das sich nun bald aus den Fenstern aller Häuser wiederholte und allgemeine Beschwichtigung und Ruhe verkündete.

  Amazon.de Widgets
Ich ging gegen Mittag aus, um einige Freunde der Nachbarschaft zu sehen und nach den nächsten Kranken zu fragen – und wie verändert sah nun bei dem immer hellen sonnigen Maienwetter die Physiognomie dieser Örtlichkeit aus!
Auf dem Platze am sogenannten Jüdenteiche hatte sich bereits eine Abteilung preußischer Truppen gelagert, deinen schnell aus den Häusern der Nachbarschaft eine Tonne Bier und allerhand sonstige Lebensmittel herbeigeschafft[183]  waren, aus der Langengasse hervor kam ein anderer Zug, mit gefälltem Gewehr noch ganz schlagfertig, aber kein Feind war mehr zu sehen – dabei das Wehen der weißen Tücher und Fahnen aus vielen Fenstern; es machte alles einen ganz malerischen Eindruck.
Aber wie sah es im Innern der Stadt aus! – Ich kam erst nachmittags dazu, einen Teil davon zu durchstreichen. Es war wieder ein ganz anderes Bild als das Leipzigs nach der großen Völkerschlacht! Freilich war der hiesige Kampf mit seinen etwa 285 Gebliebenen, von denen auf die Insurgenten allein gegen 250 kamen, ein Kinderspiel gegen jene furchtbare Schlacht, als deren Resultat nur allein an 30000 Blessierte und Kranke in die Leipziger Spitäler und Kirchen und Böden geschafft wurden, und doch, trotzdem war im Innern der Stadt dort die Physiognomie weit weniger verändert als hier, wo Barrikaden, Brandstätten, zerschossene Häuser, aufgedeckte Schleusen und unzählige zerstörte und zersprungene Fenster ein völlig verändertes Ansehen gewähren mußten.
Erst Donnerstag (10. Mai), nach einer endlich einmal wieder ruhig, ohne Sturmläuten und Schießen vergangenen Nacht, kehrte allmählich alles in die alte Ordnung zurück, die Menschen fingen wieder an sich zu besinnen und ihren innerlichsten Meinungen Worte zu geben, und so sehr das an sich wohltuend und erwünscht war, so konnte es doch nicht fehlen, daß man nun freilich auch wieder von der Seite einer übermäßig hervortretenden rohen Reaktion oft Dinge mit anzuhören bekam, die nicht minder widrig und verletzend genannt werden mußten, als kurz vorher noch das, was man von der verworfensten Gemeinheit des Sansculottismus zu dulden gehabt hatte.
Schien doch dies Jahr dazu bestimmt, daß wir nicht nur einen Vorgeschmack des Kriegs, sondern endlich auch[184]  einen von pestartigen, so oft dem Kriege folgenden Krankheiten – der Cholera nämlich – erhalten sollten! In Polen, Preußen, Bayern herrschte ja dieses Elend schon seit einiger Zeit wieder heftig genug, von Quarantänen war keine Rede mehr und hätte auch unter diesen politischen Verhältnissen nicht die Rede sein können, nichtsdestoweniger aber blieb anfänglich, selbst bei starkem Fremdendurchzuge, unsere Stadt völlig frei, und von Möglichkeit einer Ansteckung hatte man damals überhaupt alle Gedanken aufgegeben. Da mit einemmal ergaben sich in mehrern Gasthöfen verdächtige Erkrankungen, welche von einigen Ärzten für die wahre asiatische Cholera erklärt wurden, während andere dies hartnäckig leugneten und die Krankheit nur als sporadische Cholera benannt und behandelt wissen wollten. So viel war sogleich klar, daß die meisten Fälle tödlich endeten und daß die Ärzte, die in der Nähe jener Hotels wohnten, besonders viel in Anspruch genommen wurden, indem auch eben in deren nächstem Umkreise das Übel sich am meisten verbreitete. Eines Tages nun, gerade als mittags nach bedeutender Hitze sich ein starkes Gewitter über unsere Stadt entlud, wurde ich mitten in meinen Kursen plötzlich zu einem der letzterwähnten Ärzte gerufen – einem jungen Manne, dem Medizinalrat Baumgarten, der früher einmal bei mir famuliert hatte und jetzt einer bedeutenden selbständigen Praxis sich erfreute. Schon der Anblick und die ersten Worte, die wir wechselten, bewiesen, daß der arme heftig Leidende bereits dem letzten Stadium der Cholera sich näherte. Alles Anordnen war vergeblich – schon zwei Stunden später war er eine Leiche. – Ich gestehe, daß, trotzdem daß man nach fast vierzigjähriger ärztlicher Tätigkeit von Apprehensionen gewöhnlich nichts mehr weiß, dieses erste Zusammentreffen mit jenem unheimlichen Gespenst mir doch einen innern kleinen Schauder[185]  erregt hatte; indes, damit war es auch vorrüber! – Nur ein paar Tage später wurde ich nachts durch einen jüngeren Kollegen zu einer alten Dame, einer Fürstin Hohenlohe, in eben einst der obengedachten Hotels zur Konsultation abgeholt, und nun stand der Fall schon ganz auf dem Niveau der übrigen. Diese letztere Kranke kam indes durch, und ich hatte in der damaligen kleinen Epidemie, welche nur wenig über 30 Tote lieferte, keine weitere Kranke dieser Art zu behandeln, obwohl ich noch mehrere solcher Fälle in unsern Krankenhäusern mehrfach zu beobachten Gelegenheit nahm. – Bemerken will ich indes doch, daß auf unsern Antrag im Ministerium das gewöhnliche große, in den Anfang des Augustmonats fallende Volksfest der Dresdener, die sogenannte Vogelwiese, für diesen Sommer untersagt wurde, und ich bin überzeugt, daß diese Vorsicht jedenfalls wesentlich beigetragen hat, die Epidemie in jenem Jahre in so engen Grenzen zu halten.
Am 4. August zogen wir nach Pillnitz, wo die königliche Familie abermals wie sonst, nur unter etwas stärkern Wachtposten, ihr Hoflager eingenommen hatte. Wir waren diesmal zwiefach erfreut, die jetzt um so mehr unheimliche Atmosphäre der Stadt zu verlassen und wieder in der Nähe der Familie von Lüttichau die gleiche schöne Landluft zu atmen. Ich trat mit eigenen Empfindungen abends in mein stilles Zimmer im Schlosse, und als ich in meinem Gedenkbuche die letzten dort niedergeschriebenen Worte vom vorigen Jahre aufschlug und las, fügte ich alsbald noch hinzu:

  Amazon.de Widgets
»Welch ungeheuerer Stoff hätte sich doch einem Gedenkbuche dargeboten zwischen den vorjährigen Zeiten und diesen! Wirklich, hier wäre viel zwischen den Zeilen zu lesen gewesen! War doch diesmal wieder auf andere Weise Sein und Nichtsein in Frage gestellt! Wie es indes Erfahrungen[186]  gibt so eigentümlich schöner und feiner Art, daß man Zug um Zug sie überall festhalten möchte im Buche des Lebens, so gibt es auch wieder andere, so gewaltsamer und roh schneidender Art, daß wir froh sind, wenn erst das Fazit gezogen und nun das ganze Exempel verwischt ist. Gewiß, die Ereignisse dieses Frühjahrs, sie gehörten zu letzterer Art, und wie graue Gespenster zog jetzt die Erinnerung dieser Tage schattenhaft zum Orkus hinab.«
Was nun meine damaligen wissenschaftlichen Arbeiten betraf, so war in diesem Frühjahr, und zwar noch ehe unsere Dresdener Kalamitäten begannen, die wichtigste derselben, die Herausgabe auch des zweiten Teils der neuen Auflage der »Physiologie«, richtig beschlossen worden, und so hatte ich den Wunsch, den wohl die meisten Autoren haben mögen, jeder Lieblingsarbeit nach längerer Zeit noch einmal eine zweite Überarbeitung gewähren zu können, doch auch bei diesem Werke, wie früher bei meiner »Gynäkologie« und »Zootomie«, zur Erfüllung gebracht.
Das erste Glück ist es, wenn überhaupt das Anschauen der Idee im eigenen Geiste sich erschließt, das zweite, daß es uns gelingt, diese Anschauungen in kunstgerechter Form der Welt darzustellen, und das dritte, daß wir den ausgeworfenen Samen sich beklaiben, zur Pflanze aufschießend und als reine und verwandte Bildung uns neu entgegenleuchtend gewahr werden. Will man dem Bildungsgange des Geistes in meinen Werken folgen, so wird man finden, wie angestrengt ich mit dem Material unserer Wissenschaft gekämpft habe, wie fest ich das Konkrete überall suchte ins Auge zu fassen, bevor ich mir erlaubte, mich zum Abstrakten zu wenden. Will doch die Natur durchaus zuerst in allen Tiefen durchdrungen sein, ehe sie dem allgemeinen Überblicke sich darbietet; denn[187]  keine Lücken werden auf dieser Stufenleiter geduldet, und wie der reiche selbstbewußte Geist sich überhaupt nur erschließen kann da, wo durch unbewußtes Walten zuvor die wundervolle Organisation des Leibes gereift ist, so dringt auch der höhere überschauende und vernehmende Geist der Wissenschaft erst dann mit eigentümlichem Rechte hervor, wenn durch tausendfältige Mühen und Ergebnisse des Lernens diejenige Gliederung sich in ihm entwickelt hat, in welcher nun dieser Geist wirklich zu walten und frei zu beharren imstande ist. Mögen deshalb in meinen Arbeiten auch immer noch manche Lücken und Unvollkommenheiten nachgewiesen werden können! Daß sie in jener Weise durchgängig geworden sind, was sie sind, wird ihnen im Innern einen gewissen bleibenden Wert wohl erhalten!



Neuntes Buch
Die vielbewegten Jahre 1841–1849
Zweite Hälfte





IV.

[188] Die Zwischenzeit zwischen der vollendeten zweiten Ausgabe der »Physiologie« und den Vorarbeiten zu der ein paar Jahre später erschienenen »Physis« füllten nun teils verschiedene kleinere, in Zeitschriften erschienene Abhandlungen aus, so »Das Maschinenwesen im Lichte der Physiologie«, dann »Über Verhältnis zwischen Abformung, Daguerreotyp (oder Photographie) und Gemälde oder Zeichnung des Kopfes für Beurteilung der Individualität«, teils führte mir das hundertjährige Geburtsfest Goethes, welches am 28. August feierlich begangen werden sollte, mehrere umfängliche Arbeiten zu. Ein Komitee nämlich, aus Gelehrten und Künstlern bestehend, trat für diesen Zweck zusammen, von seiten des Hofs wurde die Teilnahme des Theaters zugesagt, und mir selbst fiel hierbei,[188] nächst Hofrat Schulz und Reichenbach, das Los, in einer Art von Akademie, welche am Geburtstage selbst in der Mittagsstunde sich versammeln sollte, eine Rede über den werten Mann zu halten. Außerdem hatte ich für mich eine Denkschrift für diesen Zweck gearbeitet, welche einige Zeit später zu erscheinen bestimmt war. Jene akademische Feier gab mit Ausnahme dessen, daß Hofrat Schulz seine nicht wohlpräparierte Rede plötzlich aus Mangel fortgehen der Gedanken unterbrechen mußte, einen durchaus würdigen Ausdruck. Rietschel hatte eine kolossale Feststatue im Saale der Harmonie über dem Katheder errichtet, welche in ihrer antiken natürlichen Draperie einen schönen Effekt machte. Prinz Johann und eine glänzende Versammlung waren gegenwärtig, und meine (später auch gedruckte) Rede »Goethe und seine Bedeutung für diese und die künftige Zeit«, welche Punkt zwölf Uhr in der hundertjährigen Geburtsstunde des Meisters sich eröffnete, schien einen guten und erhebenden Eindruck nicht zu verfehlen. Auch Freund Reichenbachs Andeutungen über Goethes naturwissenschaftliche Studien waren sehr erfreulich und belehrend.
Am zweiten Tage sah man im Theater nach angemessenem Prolog eine reizende Darstellung von der »Laune der Verliebten« und dann ein Fragment des zweiten Teils vom »Faust«; der dritte Tag aber war einem heitern öffentlichen Fest im Großen Garten mit Konzert im großen Saale des dortigen Palais gewidmet, wobei die Mendelssohnsche Komposition von Goethes »Walpurgisnacht« sehr befriedigend aufgeführt wurde. Alles dies hatte durch große und allgemeine Teilnahme wirklich einen bedeutenden volkstümlichen Charakter gewonnen, und so darf ich es auf alle Fälle einen besondern Gewinn nennen, auch diese Erscheinung in die Reihe meiner Lebenserfahrungen haben eintragen zu können.[189]
Man mag übrigens denken, daß namentlich jener erste Versuch, den zweiten Teil des »Faust« auf die Bühne zu bringen, mich ganz besonders bewegen mußte, denn wie viel hatte ich selbst schon lange über dies merkwürdige Gedicht gedacht und gesprochen, und wie oft hatte ich mich mit den Gedanken beschäftigt, daß es für ein künftiges Jahrhundert einmal eine eigene Aufgabe werden müsse, ein so kolossales Werk auch bühnenhaft irgendwie zur Erscheinung kommen zu lassen. Damals schrieb ich noch darüber an Regis:
»Oh, daß doch endlich einmal der Mensch erst seine Glieder wahrhaft brauchen lernte! Er könnte so viel weiter greifen, als er tut – und mit diesem Greifen würde er auch mehr begreifen lernen. Wenn ich manchmal das alles recht bedenke, so liegt doch die Menschheit immer noch gewissermaßen in den Windeln! Eingewickelt und eingelullt scheint sie oft keine Ahnung haben zu sollen, wie groß und herrlich der Mensch sein könnte, träte er einmal in seinem eigensten Wesen und rechter Macht hervor! Das ist ja eben das Zittern und Ringen, das durch die Zeiten geht, diese Binden endlich loszuwerden, und doch wird das fast immer so verkehrt angegriffen! Indes nach und nach lüften sich wohl hier und da solche Bande und fallen endlich stückweise ab!«
Für diesen Sommer gaben übrigens noch ein besonderes Motiv zu manchen nähern Betrachtungen die ersten beiden im vorigen Jahre erschienenen und jetzt zuerst gründlich durchgegangenen Bände der »Briefe Goethes an Frau von Stein«. Der zweite Teil hat mir nun schon entschieden besser gefallen, denn ein festeres und klareres Verhältnis spricht hier aus jedem Blatt, und leicht ist zu folgen, wie diese so eigentümliche Begegnung doch wesentlich und unzweifelhaft beigetragen hat, den Glücklichen glücklicher zu machen und seine geistigen Fühlfäden[190] und Schwingen zu reifen und zu kräftigen. Ich gestehe, daß ich von diesem zweiten Teile an anfange (was ich früher dem Kanzler von Müller nicht recht glauben wollte), diese Briefe als den wichtigsten Kommentar und als das wertvollste komplementäre Moment zu seinen Werken zu betrachten. Ist es doch überhaupt so schwer, das innere eigenste Seelenleben eines Menschen zu begreifen! Denn bleibt uns darin auch nur eine wesentliche und grundursachliche Richtung des Geistes ganz verborgen (wie denn dies früher mit dieser ganzen Periode Goethes der Fall war), so muß natürlich auch ein um ebensoviel dichteres Dunkel über den gesamten Lebensgang und Charakter gebreitet bleiben.
Während wir jedoch nun so in Pillnitz das längst vergangene Liebesleben eines Dichters verfolgten, hatten in meinem eigenen Hause in Dresden die ersten Fäden eines neuen Liebeslebens sich angesponnen, denn indem mein ältester Sohn, in ärztlich-praktischer Tätigkeit damals schon rühmlich bekannt, eine lebhafte Neigung gefaßt für eine junge Dame, bat er jetzt um unsere Einwilligung, als wir eben zur Stadt zurückgekehrt waren. Ich sowohl als meine liebe Frau, nachdem wir von der Liebenswürdigkeit und dem wahren innern Werte der Auserwählten uns überzeugt hatten, fanden keinen Grund, dieselbe zu versagen. Noch war das junge Fräulein Herbst als talentvolles Mitglied dem hiesigen königlichen Hoftheater verbunden, doch der stets sehr freundlich uns gesinnte Herr von Lüttichau, als Intendant, genehmigte sofort deren Entlassung aus dem Kontrakt, da das junge Paar sehr sich sehnte, bald sein eigenes Home sich einrichten zu können, und so sollte denn bereits zur Wiederkehr meines und meiner Eltern Hochzeitstags (1. November) die Verheiratung stattfinden.
Gewiß! Bei diesem im ganzen so schnell uns herangekommenen[191] Ereignis mußte ich wieder, wie oft schon sonst, an jenes hübsche Gedicht im »Diwan« denken:

Reit'st du an einem Schmied vorbei,
Weißt nicht, ob er dir dein Pferd beschlägt;
Find'st du eine Hütte im Felde frei,
Weißt nicht, ob sie dir ein Feins-Liebchen trägt
usw.

Denn wohl hatte dies liebe Kind damals, als ich sie zuerst in der Rolle des Arthur im »König Johann« sah, wie sie so rührend um Erhaltung des Augenlichts flehte, mir zwar im allgemeinen den besten Eindruck gemacht, und doch war ich dabei noch weit entfernt zu ahnen, daß sie in kurzem meinem Erstgeborenen eine so liebe Lebensgefährtin und auch uns allen eine geliebte Tochter und Schwester werden sollte.
Sonderbar! – Welche Gegensätze im Raume eines halben Jahres – von dem grimmigen Anfang dieses Mai bis zu dem heitern Schlusse dieses Oktober! – Und wie oft wiederholen sich solche Widersprüche im Leben des armen Sterblichen! So ungleich aber auch die Ereignisse, so gleichmäßig hatte im ganzen die Schönheit des Wetters vom Frühjahr bis Herbst sich erhalten. Noch im September, als ich Pillnitz verlassen und zur Stadt wiedergekehrt war, welche Schönheit der Atmosphäre hatten wir oft zu bewundern. Ich erinnere mich namentlich eines Abends, da ich einen einsamen Spaziergang nach der Neustädter Seite gemacht hatte und dort einen Kahn nahm, um mich gegen die Bogen der eben erst neu aus den Elbwellen aufgestiegenen großen Eisenbahnbrücke hinabschwimmen zu lassen! Der ganze Zauber, der über dieser Örtlichkeit ausgegossen sein kann, wurde mir damals wieder so recht fühlbar! Schon war die Sonne unter, der Neumond leuchtete, prachtvolle Rötung säumte den Horizont,[192] und in dunkelm saftigem Braun ragten die schattigen Linden des Geheges über die großen, am Kai angelagerten Frachtschiffe. Alles, was Clair-obscur, Luftspiegelung, Widerschein und Reiz des Abendlichts genannt werden kann, hatten die bei jeder Wendung des Kahns neu beschäftigten Augen zu bewundern! Und wie groß die Wirkung der einfachen mächtigen Architektur der Brücke, noch in ihrer vollen Einfachheit ohne alles Eisengeländer und ähnliches Kleinliche! Als der Kahn durch solchen mächtigen Bogen hindurchgeschwommen war, so daß dieser nun wie ein ungeheuerer Rahmen das dahinterliegende Bild der Stadt umschloß, von farbiger Gegendämmerung gehoben und durch die alte Elbbrücke und die lagernden Schiffe geziert, und als dann die Farben des Himmels und das Licht des wachsenden Mondes hundertfältig von den leicht dahinzitternden Wellen widerglänzten, da versenkte mich die milde Wasserluft in halbes Träumen, und mir fiel das alte Hoffmannsche Märchen wieder ein von den drei grünen Schlänglein und der geheimnisvollen Atlantis, das mir doch in so mancher Beziehung wahrhaft prophetisch für mein Dresdener Leben geblieben ist! Denn war mir nicht heute wieder begegnet, was oft schon mich hier beglückte! Hatte ich nicht da wieder eine wunderbare Atlantis erschaut, wo so viele nur die alte kursächsische Residenz gewahr werden! –
In diesem Herbst war auch Kaulbach, dessen Bekanntschaft ich acht Jahre früher in München in seinem Atelier gemacht hatte, kurze Zeit in Dresden. Sein Ruhm war seitdem durch die großen Aufgaben für Berlin sehr gestiegen, und schon hatten wir seinen mächtigen Karton – den Sturz Babels – hier zu bewundern Gelegenheit gehabt. Eine größere Schärfe in seiner ganzen Individualität wurde mir gegen früher entschieden fühlbar und erklärte mir auch recht wohl die Neigung zur Ironie, die[193] denn namentlich in noch spätern Werken, und vielleicht nicht immer zu deren Vorteil, so viel mehr hervorgetreten ist. Bei alledem erfreute mich die Tüchtigkeit seines Wesens in allen Zügen.
Hatten wir nun so einen großen Maler für einige Tage gewonnen, so sollten wir dagegen zum Winter auf Jahre einen bedeutenden Musiker verlieren, dem auch ich besonders so manches Gute zu danken hatte. Es war Hiller, den die Rheingegenden mit ihrer Lust am Wein und Gesang wieder zu sich zogen. Ich sollte bei dieser Gelegenheit mich seinem Album einzeichnen und tat es mit folgenden Worten, in welchen ich einen Gedanken weiter ausführte, den ich schon früher einmal hingeworfen hatte:
»Man kann nicht wohl über die tiefere Bedeutung der drei großen, sozusagen Kardinalkünste – Plastik, Malerei und Musik – nachdenken, ohne die Geschichte der drei großen, und auch sozusagen Kardinalsinne – Getast, Gesicht und Gehör – dabei sich gegenwärtig zu halten. Die merkwürdigsten Beziehungen zwischen der Entwicklung dieser Sinne in der belebten Welt des Planeten und der Entwicklung dieser Künste in der Geschichte der Menschheit ergeben sich dabei ganz ungesucht. Wie das Getast das erste und überall Unentbehrlichste ist, durch welches das lebendige Geschöpf sich orientiert, so ist irgendeine Art von Plastik die erste und notwendigste Kunst der Völker, und ihre höchste Blüte hat sie am frühesten erreicht.
Das Gesicht, jenes wunderbare Wahrnehmen feinster Lichtwirkung, tritt erst auf höherer Stufe des Tierreichs hervor, aber gewissermaßen unstetig, bald zu einem Auge, bald zu tausenden von Augen sich gestaltend, ja zuweilen selbst in höchsten Tierformen wieder ganz verkümmernd. Entsprechend dem fällt die Blüte der Malerei erst in die[194] mittlern Perioden der Menschheit, nimmt die verschiedensten Formen an, taucht auf und sinkt zuweilen wieder plötzlich.
Noch später und zuhöchst erst vollkommen entwickelt sich das Gehör: es deutet sich nur an in den höhern Mollusken und wird erst vom Reiche der Fische an bleibendes Eigentum der Tierwelt, dann aber auch mit großer Stetigkeit und Symmetrie. Nie mehr, nie weniger als zwei Organe, ein rechtes und ein linkes, und dann nie wieder sich verlierend. In ähnlichem Maße nun tritt eine wahre Musik erst in den letzten Jahrhunderten auf; mit großer Festigkeit dann sogleich in ihren Grundgesetzen sich gestaltend und an diesen nun gleichsam vor Anker liegend, gibt sie sich hin den feinsten wie den erhabensten Schwankungen und wird so das Mysterium, in welchem frei von aller Nachahmung wirklicher Welt das vergeistigte Reich der Gefühle sich spiegelt.
Wenn daher jene andern Künste über ihre höchste Blüte längst hinaus sind, fällt das volle Erblühen des Tonreichs durchaus in die neueste Zeit, und sicher liegen noch manche Geheimnisse hier unter leichter Decke verborgen – dem rechten Rhabdomanten unfehlbar immer von neuem sich bedeutungsvoll zu erschließen bereit!« –
So endete sich denn also dies merkwürdige Jahr, dies Jahr, das auch mir mit dem Eintritt in die sechziger Jahre ein neues Element unsers Familienlebens herbeigeführt hatte!







1.


2.


3.


4.






I.
[201] Begonnen im Mai 1856






Vierter Teil

Wird doch das Leben überhaupt in seinen höchsten Regionen nach und nach immer einsamer und in sich gekehrter; und wenn nun dabei immer mehr die Zahl derjenigen sich verringert, die selbst dann noch in Liebe uns nahe stehen, so wird zuletzt das Tagebuch fast zu dem einzigen mit uns fortschreitenden Freunde, in dessen treuen Busen wir das meiste vertrauensvoll niederlegen, was der äußern Welt zuletzt doch zum größten Teil entfremdet bleiben mußte; und in dieser Weise ist dann endlich ein Ganzes entstanden, bei welchem man nie vergessen möge, daß hier weniger von einer Lebenschronik im gewöhnlichen Sinne die Rede sein sollte, sondern daß es eigentlich nur Ausatmungen innerer Lebenszustände waren, welche nach und nach zu diesem einfachen, wesentlich der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angehörenden Lebensbilde sich vereinigten, jedenfalls aber auch so das Wohlwollen Mitlebender und das Andenken Nachgeborener einigermaßen in Anspruch nehmen möchten.
Carus




»Gedankenfähig wird der Mensch nur im Reiche der Menschheit – ein Mensch allein, ohne allen Verkehr mit andern Menschen, würde höchstens Vorstellungen, sicher aber keine Gedanken haben. – In diesem Sinne wären sonach alle unsere Gedanken eigentlich ein Zu-Denken des Geistes an die Menschheit! – Was wunder also, daß unsere besten Gedanken uns entstehen als ein Zu-Denken an geistig uns näher verwandte Menschen!«
Mit diesen Worten eröffnete ich vor Jahren schon eins meiner Denkbücher, und sie kommen mir heute wieder ins Gedächtnis, weil ich damals (das heißt im Anfang des Jahres 1850) vorzüglich auf das Zuströmen guter Gedanken hoffen mußte, indem es galt (wie ich im vorigen Buche erzählte), der »Psyche« eine »Physis« würdig zur Seite zu stellen. Und wirklich fehlte es zu jener Zeit weder an geistigen Naturen, welche Mitteilungen solcher Art gern aufnahmen und belebende Gedanken zurückgaben, noch an Stoff dieser Art, welcher seit der zweiten Ausgabe der »Physiologie« sich gehäuft hatte und jetzt auch zuweilen dazu diente, die niedergeschriebenen in kleinern Kreisen mitzuteilen. So wuchs denn daher jetzt die Arbeit von Woche zu Woche weiter, obwohl ich immer nur einzelne Früh- oder Spätabendstunden ihr zu widmen imstande war, und wer das Ganze sorgfältiger ins Auge fassen will, wird sich überzeugen, daß, selbst gegen das größere physiologische Werk gehalten, manches[201]  Neue und auch im rein wissenschaftlichen Sinne besser Gelungene darin vielfältig zu erkennen bleibt.
Eine für mich indes noch wichtigere Arbeit ging ihr zur Seite! Es war die zweite Auflage der »Psyche« selbst, die zusammen mit der »Physis« im nächsten Jahre erscheinen sollte und auch wirklich erschienen ist. – Nach der großen Wirkung, welche die »Psyche« gleich bei ihrem ersten Erscheinen gehabt hatte, und bei der Bedeutung, die auch ich ihr für die innerste Erkenntnis meines Geistes zuschreiben durfte, mußte mir natürlich alles daran liegen, diesem Buche die möglichste Vollendung zu geben; allein wenn ich nun an die nähere Durchsicht kam, so wurde mir wieder oftmals zweifelhaft, ob ich nicht, wenn ich anfinge, zu vieles umzugestalten, gerade den eigentümlichen Hauch mehr trüben als klarer herausstellen würde. Endlich faßte ich daher hier den Entschluß, nur das wenigste zu ändern, und schrieb darüber an Regis: »In diesen Dingen muß man zuletzt auch wie Fiesole handeln, der, wenn man ihm selbst eine Verzeichnung in einer seiner Figuren nachwies, zu sagen pflegte, ›er habe das Bild nun einmal gerade so im Gebet erschaut und könne es daher nicht ändern‹. – Überhaupt, so wie sich der menschliche Leib in seiner allmählichen Bildung auferbaut aus Millionen Zellmonaden, so erbaut sich auch die Erkenntnis der Menschheit, welche wir die wahre Wissenschaft nennen, ebenfalls nur durch viele besondere Geister, die alle, und zwar eben um so mehr jeder er selbst ist und bleibt, um so sicherer, gleichsam jeder als eine einzelne Facette des unermeßlich großen Menschheitskristalls, das ewige Urlicht zurückspiegeln und so die allgemeine Erleuchtung vollenden helfen.«
Und so viel hiervon! Unser inneres und häusliches Leben floß nun übrigens in den ersten und Frühlingsmonaten dieses Jahres ganz einfach und heiter dahin. Mein junges[202]  Paar lebte seine Honigmonate, alles war nach seiner Weise tätig, und die Musik erfreute oft unsere Abende, indem die Töchter allein oder mit jener schon früher genannten Schülerin Mendelssohns uns bald zwei-, bald dreistimmigen Gesang hören ließen oder treffliche Klaviersachen vierhändig ausführten, so daß denn in diesem und auch noch in den beiden folgenden Jahren von einer »kleinen Hauskapelle«, wie sie mitunter im Scherz genannt wurde, gar wohl die Rede sein konnte. Freilich sollte auch diese später auf das traurigste zerrissen werden!
Literatur der Mußestunden betreffend, fuhren die »Girondins« von Lamartine, die schon im vorigen Jahre mir sowohl als unserer nachbarlichen Freundin von Lüttichau so merkwürdig gewesen waren, immer noch fort, ihre Anziehung zu üben. Die eben Genannte schrieb einst darüber: »Dies Stück Geschichte ist wirklich eine Art Kreuzesfahne, zu der alle hinaufsehen müssen, deren Leben Qual und Marter ist. Es ist ein Consommé von Herzblut, wie es nichts Ähnliches unter der Sonne gegeben hat. Carus nimmt es vom pathologischen Standpunkt an als Krankheitsauswurf der Menschheit im ganzen, einer Krankheit, wie sie nur von vorhergegangenen depravierten Kulturzuständen ausgehen könne, so daß nun auch unter einem Miasma-Einfluß, der solch Schauderhaftes entwickelt, wieder die Zurechnungsfähigkeit des einzelnen in Wahrheit fast als aufgehoben betrachtet werden müsse.« – Und gewiß, es gab in diesem Buche vieles der Art, worüber die interessantesten Kontroversen geführt werden konnten!
In einer viel andern Beziehung erregte unsere Aufmerksamkeit dann ein anderes, weit kleineres Buch, es war der Briefwechsel Goethes mit dem Diplomaten und Staatsmanne Reinhard. – Wie schwache Menschen gewöhnlich[203]  darin fast dem Chamäleon ähnlich erscheinen, daß sie leicht die Farben ihrer Umgebungen annehmen, so gibt es wieder sehr große und kräftige Naturen, deren eigenes Wesen zwar an sich immer dasselbe bleibt, aber stets auf neue und andere Weise leuchtend wird, sobald sie mit andern Individualitäten in irgend nähere Berührungen gelangen; und zu den letztern gehört Goethe vollständig! So lernt man denn ihn also auch hier in dieser Wechselwirkung mit dem Weltmanne Reinhard wieder in ganz eigentümlicher Weise kennen, und das Büchlein beschäftigte mich daher einige Zeit angenehm. Es ist interessant, wie eine sehr gebildete und verständige, ja in ihren Anschauungen oft sogar bedeutende Natur wie dieser Reinhard doch so seltsam trocken erscheint gegen den Phosphorus-Genius Goethe! Dieser läßt zwar auch oft lange sein Licht nicht leuchten und geht wie ein Mann in der Nacht, der die Laterne unter dem Mantel trägt; aber der Mantel braucht nur etwas aufgeschlagen zu werden, und sogleich drängt sich ein heller Lichtstrahl hervor und erleuchtet weithin den Weg. Überhaupt wurde mir doch auch in jenen Tagen recht auffällig, wieviel durchdringender und weitgreifender in ihren Wirkungen und deren Aufnahme eben jetzt schon diese Goethesche Leuchtkraft genannt werden durfte gegen frühere Jahrzehnte. Welche Opposition noch gegen diesen Gewaltigen dreißig oder gar vierzig Jahre früher! Ich hatte ja noch die Erbärmlichkeiten eines Pustkuchen und Wolfgang Menzel selbst ausführlich miterleben müssen, und jetzt stand er schon als ein überall dergleichen weit erhabenes Lichtbild den meisten seiner spätern Nachkommen da! Es liegt etwas so Erhabenes und Schönes in diesem sichern Richteramt der Zeit!
Jetzt muß ich indes auch einer andern bedeutenden Erscheinung damaliger Zeit gedenken, und das war die[204]  Stimme der Jenny Lind, welche im März dieses Jahres mir zum erstenmal zu Ohren drang.
Das Phänomen dieser Stimme ist so merkwürdig, daß man wohltut, darüber sich zu möglichster Klarheit zu bringen, was sie eigentlich bedeute. An einer überhaupt schönen menschlichen Singstimme zähle ich aber drei Momente als die wesentlichen auf: zuerst das edle, voll, rein, mild und stark tönende Organ selbst, zweitens die Korrektheit der Kunst des Gesanges; scharfes Treffen des Tons, richtiges Halten und Tragen desselben sowie klares Gefühl für Takt und Rhythmus und feine Verbindung der Töne; drittens endlich das große geistige Element der Stimme, die Macht, daß die Stimme gleichsam ein lautes tönendes Fühlen und Denken, eine große seelische Gewalt werde, welche, weil sie das Höchste hat: den erkennenden Geist, auch das Tiefste besitzt: die umfassende hinreißende Liebe.
Die Stimme der Lind nun hat in den beiden ersten Beziehungen mich vollständig befriedigt. Es ist kaum möglich, einen reinern, weichern, gesündern, feinern Ton zu haben als sie, und es ist auch kaum möglich, mit mehr Korrektheit zu singen als sie. Ich habe scharf Achtung gegeben bei der Mozartschen Arie und bin auf keinen noch so kleinen Flecken der Ausführung gestoßen.

  Amazon.de Widgets
Ebenso unbefangen muß ich aber auch sagen, daß in Beziehung auf das dritte Moment sie mir nur einen mäßigen Eindruck gemacht hat, und für mich würde dies schon hinreichen, sie als Sängerin nicht so hoch zu stellen, wie sie jetzt in der Welt gestellt wird.
Im Juni bezogen wir unser freundliches Pillnitz und hatten diesmal an prächtigen Morgen, glühenden Sonnenuntergängen und leuchtenden Mondnächten genug uns zu freuen, aber die heiße Mittagssonne brütete auch heftige Gewitter aus, und als ich eines Tages unter gewaltigem[205]  Donnerwetter und Regengüssen aus der Stadt dorthin zurückkehrte, traf ich auf eine arge Verwüstung. Der kleine Bach, der sonst aus den schönen Gründen hinter dem Dorfe nur über Steine hervorplätschert, war zum wütenden Strome angeschwollen, hatte drei Häuser weggerissen und den vordern Fahrweg des Dorfes in eine breite Kaskade verwandelt. Zum Glück waren Menschen nicht umgekommen; indes erregte mir doch die ganze ungewöhnliche Naturerscheinung die eigensten Betrachtungen, denn wer möchte wohl nicht daran gedenken, wie ähnlich solchen Vorgängen so manches im Menschheitleben sich gestaltet, wie auch da der aufgeregte Sturm der Leidenschaft in einem Augenblicke oft vernichtet, was berechnender Verstand und sorgsame Lebensführung in langen Lebensperioden mühsam geschaffen hat und immer noch glücklich da, wo dieser Leidenschaftssturm aus einem tiefern Liebesdrange und in der Richtung einer gewissen innern Schönheit hervorbricht, denn jenes Pathos wird ihm dann wenigstens nicht fehlen, welches ja allein von jeher die Entstehung der größten tragischen und lyrischen Dichterwerke bedingt hat! Wirklich, der Sommer ist schön mit all seinen gewaltigen Passionen, seinen heißen Tagen, seinen glänzenden Mondnächten, seinem dunkeln, gesättigten Grün und allen seinen Donnerstürmen und Wassergüssen; es ist Regung, Macht, Leidenschaft darin! – Muß doch nun einmal bei allem Herrlichen zugleich ein Leiden – ein Pathos sein! So denn auch bei einem heißen kräftigen Sommer.
Und dabei möchte ich wohl noch anfügen, daß man im allgemeinen eigentlich zuwenig bedenkt, wie das, was wir ein »Märtyrertum« nennen dürfen, eigentlich auch viel weiter sich erstreckt als auf jene Heiligen und ersten Christen, welche um ihres Glaubens willen leiden mußten und in stiller Andacht litten; denn man darf vielmehr[206]  sagen: Es gebe überhaupt nichts Großes, Herrliches, Bedeutendes, das nicht, indem ihm der Mensch mit allen Kräften nachstrebt, indem er fest daran glaubt und ihm sich opfert, zugleich schwere Leiden, heftige Schmerzen und ernsten Kummer ihm bringen könnte und wirklich brächte! Wie dem Planeten Tag- und Nachtseite überall und immer eigen sind, so dem strebenden Menschen immerdar zugleich das Glück und der Schmerz! – Ja, Glück und Schmerz liegen schon unbedingt im Streben selbst – das erste darin, daß wir dem Ziele durch unser Streben näher kommen, das andere darin, daß es nie vollständig und für immer befriedigend erreicht werden kann.
Im Anfang August erhielt ich von den Schriftführern der Friedensfreunde eine Einladung nach Frankfurt, wo ihr Kongreß dies Jahr abgehalten werden sollte. Natürlich konnte ich dieser Einladung nicht folgen, indes mußte ich doch eine Erwiderung geben – um so mehr, da sie überhaupt die Stimmen bekannter Gelehrten ebenso wie die der Staatsmänner zu sammeln und dadurch ihr Thema zu illustrieren bemüht waren. So schrieb ich ihnen denn im wesentlichen folgendes:
»Es gibt Ideen, welche sehr früh schon in einzelnen der Menschheit offenbart worden sind, aber sehr spät erst zu lebendiger und allgemeiner Entwicklung gelangen – die Idee des allgemeinen Friedens ist eine solche. Das Evangelium der Liebe, welches seit achtzehn Jahrhunderten uns verkündigt worden ist, hätte – so sollte man meinen –, seit es den größten Teil der erleuchteten Völker durchdrungen hat, bereits den Krieg, diese absolute Verleugnung der Liebe, ganz unmöglich machen sollen, und leider, infolge eines jener Widersprüche, die wunderbarerweise so tief in die menschliche Natur verwoben sind, waren es gerade diese erleuchtetsten Stämme der Menschheit,[207]  welche die blutigsten, zerstörendsten Kriege seitdem geführt haben.
Was demnach von solchem Widerspruch und solcher Unnatur noch nicht getilgt hat werden können durch das Erwachen der Idee der Schönheit bei den Griechen und durch das Eintreten der Idee der Liebe durch Christus, das (so scheint es die Aufgabe zu sein) soll endlich vernichtet werden durch das lebendige Eindringen der dritten großen rettenden Idee – durch die Idee der Wahrheit – das heißt, durch das Reich immer klarer sich ausbreitender vollkommener Erkenntnis.
So gewiß unter den Gliedern einer Familie widerwärtiger Zank und tätliche Mißhandlung nicht mehr vorkommen kann, wenn alle Glieder dieser Familie eine höhere und reine Erkenntnis und Bildung erreicht haben, so gewiß wird auch, wenn unter vorgängiger Entwicklung von Schönheit und Liebe eine höhere Erkenntnis alle Völker zu einer großen Familie vereinigt haben wird, der Krieg eine Unmöglichkeit werden.
Dieser Friedenskongreß ist sonach jedenfalls ein Zeichen der Zeit, welche nach Erlösung von den Übeln des Krieges ringt, und verdient eben in diesem Sinne alle Anerkennung, Verehrung und Förderung – ich kann ihm daher hier nur wünschen, daß es ihm dereinst vergönnt sei, indem er über seinen Gegenstand selbst immer mehr Wahrheit und Erkenntnis verbreitet, auch tatsächlich beizutragen zur endlichen vollkommenen Vernichtung der Hydra des Krieges!«
Sonderbar genug, daß übrigens nicht viel gefehlt hätte, daß diese immer bereite Furie gerade schon dies Jahr wieder entfesselt worden wäre (wovon ich noch weiter unten zu sprechen haben werde), und wie sehr war dies dann vier Jahre später wirklich der Fall!
Für den nächstfolgenden Monat September verscheuchte[208]  indes dergleichen trübe Gedanken ein Kunstgenuß, dessen Schilderung von andern Orten her uns schon lange in Spannung gehalten hatte und der endlich hier durch die Liberalität unserer Bühnendirektion uns in nächste Nähe gebracht werden sollte – die Rachel kam mit ihrer Gesellschaft nach Dresden, und wir sahen sie in einer Reihe interessanter Vorstellungen. Ich bewahre noch mehrere Aufsätze, die ich in jenen Tagen, um mir dies seltene Phänomen möglichst deutlich zu machen, je nach jeder Vorstellung einen, niedergeschrieben hatte; hier indes gedenke ich nur Rechenschaft abzulegen über diesen großen Eindruck im allgemeinen, als wobei denn dreierlei mir insbesondere hervorzuheben bleibt; einmal die ganze eigentümlich wirksame Besonderheit und Schönheit ihrer Organisation, ein andermal ihre große Vielseitigkeit und vollkommene Beherrschung des Stoffs, und endlich die Art, wie sie das doch auch in der alten französischen Tragödie verborgene poetische Prinzip mächtig hervorzuheben und zur Geltung zu bringen verstand. In ersterer Beziehung ist mir die ganze eigene Maske ihres Gesichts, durch das wunderbar dunkle, an das herkulanische Wandgemälde erinnernde Auge, dann die magere seelische Gestalt und Handbildung sowie die tiefe, fast mannweibliche, so geistig tönende Stimme am meisten in der Erinnerung mächtig geblieben.
In Hinsicht auf das zweite war es mir nicht minder bedeutungsvoll, gewahr zu werden, wie sie die gewaltigsten Wirkungen mit so geringen Mitteln hervorrief. Schon die eigene geisterhafte Art, wie sie auftritt, bereitet hier viel vor (eigentlich ist sie eben da wie eine Vision, man weiß kaum, wie sie kommt), dann die Art, wie sie einem Gespräch zuhört (namentlich in den »Horatiern«) und wie sie schon in der Bewegung eines Fingers, einer Hand, eines Arms, im Wenden eines Blicks, im schmerzlichen[209]  Lächeln ihres Mundes alle Seelenzustände ihres tiefsten Innern fast magnetisch dem Zuschauer fühlbar zu machen weiß; das ist alles von der Art, daß wirklich mit dem Kleinsten das Größte geleistet wird. Andernteils aber ist ebenso außerordentlich ihre Gabe, sich zu verwandeln. Ich sah sie an einem Abende als neue Christin im »Polyeukt« und dann als schönste römische Kurtisane in »Lesbie«, und wie hätte ich erwarten können, daß in diesem Maße die ernste Größe der erstern in die strahlende Schönheit der letztern sich umgestalten lassen würde und in Wahrheit, nicht bloß war das Äußere ein anderes geworden, sondern alles durchleuchtende Geistige, in Mimik, Betonung und gesamter Bewegung ruhte jetzt auf einer anderen Idee. Nicht minder groß indes war auch der Unterschied in Behandlung der ganz modernen »Adrienne Lecouvreur« von der alten französischen Tragödie, in welcher letztern eben das dritte Moment meiner Bewunderung sich fand, und zwar darin und deshalb, weil eine so mächtige Wirkung dieser Werke nur dadurch erreicht wurde, daß die Künstlerin es in so hohem Grade verstand, »zwischen den Zeilen« darin lesen zu lassen. Bedenkt man nämlich das ganz typisch und stationär Gewordene der Verse eines Racine und Corneille, weiß man, daß auch am Sprechen und Betonen dieser Verse seit mehr als einem Jahrhundert kaum etwas zu ändern, nichts wegzunehmen oder zuzusetzen ist, so versteht man allerdings, daß das Neue und Lebendige hier nicht sowohl durch die Worte selbst, sondern mehr durch das, was zwischen den Worten liegt, erreicht werden mußte, und das ist es, was mich denn ebenfalls besonders in ihrer Darstellung überraschte. Je mehr daher (wie namentlich in den »Horatiern«) zu dem, was wir »stummes Spiel« nennen, sich Raum gegeben fand, desto mächtiger war allemal ihre Wirkung und desto mehr gelang es[210]  ihr, diese alten hundertjährigen Formen neu zu beleben, ja das eigentlich Poetische in ihnen nicht nur fühlbar zu machen, sondern gewissermaßen erst neu zu schaffen. Die Ristori, die ich später sah, übertraf die Rachel bedeutend an Schönheit; als Künstlerinnen aber werden mir beide immer als ein gleichgroßes schwesterliches Paar in dankbarer Erinnerung bleiben.


In demselben Monat ging ich nun auch wieder einmal auf einige Tage nach Berlin und empfand diesmal besonders lebendig den Segen der Eisenbahnen, indem ich jetzt zum erstenmal diese Fahrt, die mir in früherer Zeit zwei bis drei Tage genommen, in fünf kurzen Stunden zurücklegte. Werden doch unsere Kinder und Kindeskinder nach und nach den Maßstab für Räumlichkeit der Entfernungen völlig verlieren, so weit liegen jene so nahen Zeiten schon hinter uns, und so ungenügsam werden wir jetzt, daß nun schon eine bloße Verlängerung jener fünf Stunden auch nur um eine halbe als unverantwortliche Langsamkeit angeklagt wird.
Man kann übrigens denken, daß das Neue Muse um, in dessen Grundgrabungen ich das vorige Mal noch mit Ehrenberg die Infusorienlager aufgesucht hatte, diesmal vorzüglich mich anzog. Gleich beim Eintritt in das ungeheure Treppenhaus fand ich die Herren Echter und Muhr, Schüler und Gehilfen von Kaulbach, welche ich früher während des Meisters eigener Anwesenheit in Dresden bei ihm getroffen und kennengelernt hatte. Sie boten sich sogleich als Führer zu seinen Werken an und waren mir um so mehr willkommen, da Kaulbach eben wieder eine Erholungsreise in die Alpen unternommen hatte.
Babels Fall und den Brand Jerusalems sieht man fast vollendet – zu den Kreuzfahrern und dem Fries erst die Zeichnung. Es ist immer eine gefährliche Probe, einen Entwurf – ja irgendeine Unternehmung – ganz ausgeführt[211]  zu sehen! Nun bleibt nichts mehr verborgen, nun liegt alles klar vor, was früher im Nebulistischen sich bergen und Versprechungen machen konnte, auch wenn sie nicht erfüllt wurden. Hier nun zumal in diesen Räumen! – Wie König Richard bei Shakespeare ruft: »Ein Königreich für ein Pferd!«, so könnte man von dieser Treppe sagen: Ein Haus für eine Treppe! So enorme Räume wollen daher nun auch enorme Gedanken! Und bei aller ihrer Größe werden diese umfangreichen Gemälde hier durch die Verhältnisse des Ganzen gewissermaßen zu kleinen Bildern zusammengedrückt, und als solche fühlt man sie dann wohl oft seltsam überfüllt mit Figurengewühl und bunten Farben, denen jener ruhige Ernst fehlt, der zu großen Gedanken notwendig gehört. Dies alles soll indes nicht sowohl das sehr Bedeutende dieser Werke an sich vermindern, aber es soll nur aussprechen, daß keine Wirkung, wie etwa in der Sixtina oder den Stanzen, in dieser Weise erzielt wird.
Dagegen ist der Fries mit seiner kecken Ironie so recht eigentlich unsers Kaulbachs Element. An eigentümlich genienhaft gedachten Kindern entwickelt sich hier auf ganz originale Weise die Geschichte der Menschheit. Die Aufdämmerung der Seele im Kinde bis zum äußern Sturm und Drang und zur Anbetung des Geschlechts in Form der aus der Blume aufsteigenden Isis und Osiris, dann bis zu allen Versuchen in Philosophie und Kunst, im Völkerregiment und kranken Deutschtum und dem Thronen der Nemesis und der verhüllten Zukunft; es ist ein einziges fortlaufendes, scharf humoristisches Gedicht – und ein Gedicht recht aus der wahren Heimat des Meisters! Schön insbesondere war der Gedanke, auch den verwüstenden Typhon immer nur als denselben Genius darzustellen wie alle andere, nämlich als einen, der sich nur hinter einer Furienmaske versteckt und so den mit der[212]  schrecklichen Fackel bewehrten Arm durch die Mundöffnung einer Typhonmaske hervorstreckt, welche den übrigen Körper verbirgt.
Auch in den Saal der Ägineten und in die den Werken späterer Kunstperioden bestimmten konnte ich noch einen Blick werfen, obwohl nur die Dekorationen des erstern damals beendigt waren; und doch fühlte ich da schon (was mir freilich nach Jahren noch deutlicher hervortrat), daß auf äußere Zier im Ganzen hier mehr verwendet ist, als dem einfach ernsten, immer etwas abstrakten Sinn der Plastik angemessen genannt werden darf (»Immer mußte ich des vornehmen Stils des Britischen Museums gedenken, das in prunklos großen Hallen Prachtwerke gleich denen vom Parthenon bewahrt. – Und ebenso, als ich hier in den Säulenhof des Ägyptischen Museums mit seinen in den Durchsichten gemalten Prospekten der Pyramiden und Memnons-Statuen eintrat, lag mir großenteils das Gefühl einer wohlgelungenen Theaterdekoration näher als das des großen Altertums selbst. Daß indes vielleicht das Ganze gerade so, wie es hier ist, dem Sinne dieses Publikums um so mehr verständlich und in vieler Hinsicht belehrender werden möge als jene großartige Einfachheit, konnte ich schon damals zugeben.«)
Die nächsten Kunsteindrücke dieses Berliner Aufenthalts gaben mir die Fresken des Alten Museums und das Atelier von Rauch. Die Zeichnungen zu jenen nun unter Cornelius' Leitung al fresco ausgeführten symbolischen Entwürfen des verstorbenen Schinkel waren mir noch von diesem selbst bei einem meiner ersten Besuche Berlins ausführlich vorgezeigt und ihrem Sinne nach gedeutet worden. Die Entfaltung [des] gesamten terrestrischen und humanen Lebens hatte ihm damals den Stoff für diese Tafeln geboten, die mir denn auch in ihrer feinen aquarellierten Ausführung als durchaus geistreich und poetisch![213]  einen bedeutenden Eindruck machten. Jetzt stand hinter den kolossalen dorischen, Säulen des Atriums das Ganze in gewaltigem Maßstabe und in harten, oft schweren Farben, vollendet fertig vor mir, die Phantasie hatte nichts mehr daran fortzubauen; und mit dieser Buntheit, ja oft möchte ich sagen, Roheit des Kolorits war das Bedeutungsvolle und Mystische der ursprünglichen Auffassung in einen solchen Widerspruch getreten, daß ich Mühe hatte, die Erinnerung des Vergangenen mit dem Anschauen des Gegenwärtigen in Einklang zu bringen. Ich bin überzeugt, die Alten, wo sie Malereien in ihren Tempeln oder überhaupt in Verbindung mit Architektur anbrachten, haben sich zuverlässig stets hierbei mehr andeutend (wie ja schon aus ihren Vasenbildern und Mosaiken hervorgeht) verhalten und haben sicher eben dadurch, eine weit mehr harmonische und deshalb tiefergehende Wirkung erreicht.
Freilich, wie viele Versuche hat nicht der Mensch überall nötig, ehe das Rechte völlig getroffen wird! Schade nur, daß verfehlte monumentale Versuche nun auch ihre eigene lange Lebensdauer haben! Unser Klima wird jedoch wohl dafür sorgen, daß dieser Versuch kaum auf das künftige Jahrhundert übergeht!
Anders aber wird es mit Rauchs Friedrich dem Großen sein, zu dem hierauf der werte Meister mich selbst führte! Der wird hoffentlich manches Jahrhundert überleben! Noch standen die Reliefs für sich in der Gießerei daneben, aber in der großen Halle des Gießhauses sah man das kolossale Roß mit dem Reiter auf flachem, zum Umdrehen eingerichteten Postamente dergestalt aufgestellt, daß, wenn man gegenüber zehn bis zwölf Stufen der Treppe zur Galerie hinaufstieg, man nun das gewaltige Werk genau vom rechten Standpunkte aus in einer Art überblickte, wie man dies später auf dem hohen[214]  Piedestale natürlich nie mehr können wird. Der Eindruck war so der großartigste, zumal als nun Rauch befahl, daß der Koloß allmählich umgedreht werde und die ungeheuere Masse wirklich sich langsam wendete, daß Mähne und Schweif wie von einem magischen Hauche bewegt in der Luft zu wehen schienen – mir war, als hätte ich ein ganzes Stück Geschichte in Erz gegossen hier vor mir! – Erst sechs Jahre später sollte ich das Monument, fertig aufgestellt, Unter den Linden erblicken! Die Wirkung war natürlich da wieder eine ganz andere – immer mächtig und schön, aber ich darf doch sagen, jener erste Eindruck ist mir der allerbedeutendste geblieben.
Einen in andern Richtungen interessanten Tag verlebte ich in Potsdam: – dort war es mir das erste, Humboldt aufzusuchen, der mich wie immer freundlich und lebendig empfing. Es war eben der Tag vor seinem 81. Geburtstage (er ist 14. September 1769 geboren), und er machte sich bereits fertig, nach der Tafel mit der Eisenbahn nach Magdeburg zu der ihm nahe verwandten Familie von Heydemann zu fahren, um allen etwaigen Festlichkeiten des nächsten Tages auszuweichen. – Für die Jahre, seit ich ihn nicht sah, fand ich ihn wenig verändert, er war mit Vollendung des dritten Bandes des »Kosmos« beschäftigt, und wir kamen gleich in die interessantesten Gespräche über manche atmosphärische Erscheinungen und dergleichen. Dabei verfehlte er aber nicht, die immer auf dem Tische liegende Uhr zu beachten, da er mir geraten hatte, vor 10 Uhr zur Königin nach Sanssouci zu fahren, indem ich bereits für Mittag und Abend dort eingeladen sei. Somit mußte ich bald aufbrechen, nachdem ich versprochen hatte, noch vor der Tafel wieder bei ihm vorzusprechen. Es blieb mir daher jetzt nur zu einem ganz flüchtigen Besuche bei Tieck, an dessen Hause der Weg vorbeiführte, Zeit übrig, bei welchem[215]  teuern Freunde ich leider nicht wie bei Humboldt sagen durfte, daß ich ihn wenig verändert fände, im Gegenteil war er offenbar hilfsbedürftiger geworden; ich fand ihn unter der Obhut der treuen Dienerin Friederike, die ihm das Frühstück vorsichtig servierte, und er sprach sich dabei auch mißmutiger und argwöhnischer über manches, auch sein Verhältnis zum Hofe, aus. Ich versprach nach Tisch längern Besuch und fuhr nun nach Sanssouci, wo ich das Glück hatte, noch die Königin vor ihrem Ausfahren zu einer nahen Revue zu sehen, und zugleich zu guter Stunde auf den Leibarzt Dr. Grimm traf, welcher mich denn gleich noch in den Lokalitäten und Sammlungen des Schlosses und in den neuen Anlagen des Parks trefflich orientierte. – Als wir ins Freie traten, war eben der Hofgärtner Sellow aus Petersburg zurückgekommen, wohin man ihn gesendet hatte, um die dort ganz vorzüglich eingerichteten Gewächshäuser kennenzulernen, und dieser gab auch sogleich die besten Winke für die Tour durch den Park, der mir größtenteils neu war und zu welcher uns der leibärztliche Hofwagen sehr zustatten kam. Enthält doch dieser Park wirklich des Anmutigen sehr viel und manches, was ganz nach eigenen Angaben und Zeichnungen des Königs ausgeführt worden ist. Erst die reizende Terrasse, die bei so schönem Herbstwetter mit Prachtpflanzen, Laubgewinden, Vasen und Bassins den besten Eindruck machte; dann weiter unten die vielen kleinen Bauten und Gruppen, dilettantisch italienisch und oft sehr zierlich geordnet, ebenso das reizende Charlottenhof, mit seinen antiken Grotten, Rankengewächsen und Bädern, endlich aber die neue Friedenskirche, eine kleinere Nachahmung der ältern byzantinischen Kirchen Roms, in ihrer stillen und klaren Wirkung. – Doch auch die Erinnerungen an Friedrich II. sollten aufgefrischt werden; und so ließ mir[216]  Grimm noch das Neue Palais sowie das Marmorpalais öffnen. Es beschäftigte mich wohl in eigenster Weise, im erstern neben den Prachtsälen die engen Zimmer zu betreten, welche der große König oft mit so weiten Gedanken bevölkert hatte! Noch steht dort das alte Notenpult, vor dem er Flöte blies, noch liegt dort seine Handschrift und stehen da seine Bücher und daneben Voltaires Büste! Man kann sich hier sehr in jene Zeit versetzen; natürlich stets ohne Lust zu haben, eben lange darin zu verweilen. Weniger bedeutend ist das Marmorpalais, doch mit allerhand interessanten Bildern geziert. Schon außen unter der Reihe von Wandgemälden von Rhein- und Donaugegenden sind hübsche Sachen; mehr jedoch ziehen innen die ägyptischen Landschaften von Frey und die Köpfe der Porträtgalerie des Königs von Tieck bis Schelling und Schadow an.

  Amazon.de Widgets
Den Schluß unserer Umsicht machte eine Spazierfahrt nach dem Pfingstberge (welcher alles andere eher ist als ein Berg) mit dem neuen originellen Hochgebäude, von wo der Blick über die weiten Flächen der Havel nach der Pfaueninsel in diesem milden Herbstsonnenlicht wirklich sehr anmutig war. Ich durfte sagen, es hatte etwas, das mich an den Loch Lommond Schottlands erinnerte!
Endlich zurück wieder zu Humboldt, wo denn wieder eine Stunde unter vielfältigen Gesprächen über meine »Proportionslehre«, über Witterungsphasen, über Cholera und manches andere rasch verging, bis die Zeit zum Ankleiden für die Tafel heranrückte. Der treffliche Senior wollte es sich nicht nehmen lassen, mich selbst in seinem Wagen zur Tafel abzuholen, und so eilte ich in den nahen Gasthof, und bald rollten wir wieder den kurzen Weg nach Sanssouci hinaus.
Nach der Tafel fuhr ich nun zu Tieck, um mit ihm noch eine Stunde ruhig zusammen zu sein; – es ahnte mir[217]  fast, es könne die letzte sein, die ich mit ihm verleben würde, und so ist es denn auch gekommen! Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Die Unlust des Alters und der Krankheit beschattete damals schon sein sonst so schönes geistsprühendes Auge, und nicht mehr wie früher flogen die Gedanken bald hoch-, bald tiefgehend leicht um die Gegenstände, sondern hafteten schwer nur an manchen und fast lieber an unangenehmen als an frischen und angenehmen Eindrücken. Dabei waren seine Bewegungen sehr gehemmt, der Kopf fast ganz auf die Brust gesunken, und so nahm ich denn, als tiefere Dämmerung kam, mit wehmütigen Gefühlen von ihm Abschied und hatte zu eilen, um noch zu rechter Zeit wieder zum Neuen Palais zu gelangen, wo eine große Soiree sich vorbereitete, welche hier mitzuerleben mir doch auch als neue und besondere Lebenserfahrung gelten mußte.
Als ich hinkam, sammelten sich bereits in den nur von spätem Abendlicht erleuchteten Sälen unendliche Uniformen, mit Damen untermischt. Endlich entzündeten sich die Kronleuchter, der König erschien, und man ging zum Theater. Natürlich interessierte es mich sehr, die Örtlichkeit kennenzulernen, wo in gewähltem Kreise jene merkwürdigen Aufführungen stattgefunden hatten, welche Tieck einst anordnete und wo griechische Tragödien und Shakespeares »Sommernachtstraum«, ja selbst der »Gestiefelte Kater« zuerst über die Bühne gegangen waren! Das Ganze ist gerade von rechter Größe zu solchen Dingen. Dia Zuschauersitze amphitheatralisch geordnet, vorn vor dem kleinen Orchester die höchsten Herrschaften auf Armsesseln Platz nehmend, Verzierungen und Dekorationen nur sehr einfach gehalten – alles eigentlich recht an das Theater im »Hamlet« erinnernd. – Heute war es auf nichts eben Außergewöhnliches abgesehen: man hörte zunächst eine Szene aus den »Hugenotten«, dann aber[218]  kam doch eine Reminiszenz des Tieckschen Einflusses, nämlich Shakespeares »Komödie der Irrungen«. Ich gestehe, ich war in einer gewissen Verwunderung über die Schönheit eines Werkes, welches früher beim Lesen mir immer nur einen mäßigen – hier und da wohl selbst geringen – Eindruck gemacht hatte, denn hier auf den Brettern und gut und rasch gespielt, rundete sich das Ganze so fein, die große Sicherheit und Bühnenkenntnis des Dichters machte es zu einer so liebenswürdigen Erscheinung, daß mir wieder eine neue Seite für die Bewunderung des großen Briten da aufgehen mußte, wo ich sie, mindestens in diesem Maße, durchaus nicht geahnt hatte.
Nach dem Theater wendete sich die ganze zahlreiche Gesellschaft hinüber nach dem großen glänzenden Speisesaale, wo das Souper an kleinen Tafeln serviert war. Ich traf zu gutem Glück wieder mit Grimm zusammen, um mich von ihm in den Überflutungen dieser Menschenmasse ebenso orientieren zu lassen, wie er es früh in den mannigfachen Anlagen im Park getan hatte, und natürlich fehlte es denn auch hier nicht an Stoff zu Beobachtungen. Daß übrigens unter der Menge des dienenden Personals außer ein paar Mohren ein Chinese im nationalen Kostüm meine Aufmerksamkeit noch ganz besonders in Anspruch nahm, wird man sich leicht vorstellen.
Den andern Tag in Berlin setzte ich die vorher begonnene Wanderung fort und kehrte den darauffolgenden Nachmittag nach Dresden zurück.
Von allerhand indes vorher noch in Berlin Erlebtem will ich nur dreierlei hier noch aufzeichnen: einige Stunden mit Dr. Peters und Rauch in den anatomischen Sammlungen, einen Besuch bei Cornelius, und eine Fahrt mit Lichtenstein nach dem Zoologischen Garten.
Das erstere hatte ich namentlich verabredet, um auch hier einmal eine genauere Darlegung meiner neuen Proportionslehre[219]  zu geben. Johannes Müller war verreist, jedoch Dr. Peters vertrat ihn auf dem Museum, und so hoffte ich doch, irgendein Interesse für den philosophisch gefaßten Begriff des organischen Modul erregen zu können. Ich fragte zuerst nach einem vollkommen normalen Skelett; denn soll die Wissenschaft die Regel nachweisen, so muß sie sie natürlich auch zuerst am Regelmäßigen demonstrieren können, denn alles Abnorme läßt sich ja immer nur als Abweichung von jenem verständlich machen. Leider enthält das ganze reiche Museum nicht ein einziges regelrechtes Skelett – »es sei ja das eben nur das Gewöhnliche, man sammle nur das Ungewöhnliche«. Diese Äußerung war mir in mancher Beziehung bedeutungsvoll für den Weg, den jetzt hier die physiologischen Studien innehalten, und so sah ich denn auch für meine Bestrebungen keine große Teilnahme voraus. Indes Rauch war dabei, der mit hellerm Auge den harmonischen Bau der menschlichen Gestalt zu betrachten gewohnt ist, und so ließ ich mir das erste beste Skelett geben und zeigte, wie auch, freilich mit manchen Ausnahmen, das schöne Gesetz des ursprünglichen Verhältnisses wohl zu erkennen bleibt.
Hatte ich sonach hier allerdings Ursache, mich in meiner Richtung sehr isoliert zu fühlen, so fand ich, als ich zu Cornelius kam, auch wieder einen Geist, der über Isoliertsein, Unverständnis und Anfeindung in Berlin bitterer sich aussprach, als ich es von einem solchen Genius, der dergleichen ganz gut als Staubwolken an sich vorübergehen lassen kann, zu hören gewünscht hätte. War er mir doch eine so durch und durch bedeutende Erscheinung mit seiner kräftigen, gedrängten Gestalt, seiner mächtigen, stark vorgebauten Stirn, den scharf blickenden, tief liegenden Augen und ganzem entschieden tüchtigen Wesen! – Dabei war es denn wohl eine Freude, ihm so[220]  zu folgen durch die verschiedenen Zimmer und Säle, wo die großen Kartons für das projektierte Campo santo sich aufgestellt fanden, die, wenn sie auch (was wohl wahrscheinlich ist) nie für jenen Zweck ausgeführt werden, sollten, immer als die größten Werke der Neuzeit in dieser Richtung betrachtet werden müssen. Bewundern wir doch noch heute die großen Raffaelischen Kartons in Hampton Court, welche auch am Ende in den Tapeten immer nur eine mittelmäßige Ausführung gefunden haben, und haben doch diese des Cornelius eine Gegenständlichkeit, die bei den hier dargestellten abstrakten Gegenständen vollkommen hinreicht, ja welche bei einer nicht im höchsten Sinn gelungenen Farbenausführung so großer Kompositionen vielleicht eher an geistiger Wirkung verlieren würde.
Endlich meine Fahrt zum Zoologischen Garten! – Lichtenstein ist recht eigentlich die Seele dieses ganzen Unternehmens, welches auch hier wie in London zum großen Teil durch Mitwirkung des Publikums sich erhält. Im Jahre 1849 betrug die Einnahme an Eintrittsgeldern (à 5 Silbergroschen die Person) doch schon 10000 Taler. Die Anlagen in einem entferntern Teile des Tiergartens sind weitschichtig und überall zweckmäßig. Die Auswahl der Tiere bot viel Bedeutendes; eine große lebende Klapperschlange, die rotgefleckten spitzschnäbeligen Kakadus aus Neuseeland, die neuen Hokos aus Guiana, ein hübsches Eichhörnchen aus Java u.a.m. Freilich statt der Elefanten, Giraffen und Rhinozeros in London sieht man hier die großen Säugetiere nur durch ein schönes Dromedar und mehrere Büffel vertreten, doch sind Abteilungen des Waldes durch selteneres Wild, Rinder und Gazellen sehr hübsch belebt, und so hat das Publikum immer genug zu schauen. –

  Amazon.de Widgets
Ich habe aber eigentlich doch noch stets meine besondern[221]  Gedanken, wenn ich dergleichen Einrichtungen betrachte; denn hat nicht in Wahrheit alles der Art eine eigene philosophische Bedeutung insofern, als man darin zugleich das Wirken einer gewissen höhern Notwendigkeit anerkennen möchte, das, was sonst auf der gesamten Erde von Naturbildungen nur zerstreut vorkommt, nun auch an einzelnen Orten völlig konzentriert darzustellen? Es bleibt ja doch ein allgemeines Gesetz organischer Bildung: »Das Ganze wiederholt sich in irgendeiner Beziehung immer in den Teilen, und je vollkommener die Teile werden, desto mehr werden sie in sich abgeschlossene Teil-Ganze und insofern dem Ganzen ähnlich.« – Zum Beispiel der Planet ist als Teil eines Sonnensystems demselben zugleich seiner innern Natur nach verwandt, und soll er jetzt die Bedeutung des Sonnensystems entschiedener wiederholen, so umgibt er sich mit Trabanten und bildet ein kleineres Weltkörpersystem für sich – usw. So nun auch ein Staat, welcher gewissermaßen die Wiederholung der Menschheit ist; er wird stets um so vollkommener sein, wenn er die Mannigfaltigkeit der wissenschaftlichen und künstlerischen Bildung der gesamten Menschheit in sich reproduziert. Ist es also nicht ein ähnlicher unbewußter Drang, welcher nun wieder die Bewohner einzelner größerer Städte dazu treibt, auf ihrem einzelnen Stückchen Erde nun auch einmal möglichst viele der lebenden Geschöpfe des Erdganzen zusammen zu vereinigen? –
So gelangt man also wirklich allmählich auf einzelnen Stellen der Erdoberfläche dahin, an Tieren und zugleich (durch die Botanischen Gärten) an Pflanzen, Repräsentanten der ganzen Erde, ihrer reichen Produktenwelt nach, zu schaffen, und betätigt dadurch, indem man zunächst nur meint, der Wißbegierde zu genügen, unbewußterweise zuletzt doch immer wieder jenes eben ausgesprochene große organische Gesetz.



 II.










[222] Bald nach der Rückkehr von dieser flüchtigen Berliner Exkursion wurden wir in Dresden durch mancherlei Gerüchte einer bevorstehenden ernsten Spaltung zwischen Preußen und Österreich in neue Aufregung versetzt. Es war, als sollte nun einmal das arme Deutschland nicht zur Ruhe kommen. Schon sprach man von Truppendispositionen, zu befestigenden Elbübergangspunkten und dergleichen. – Doch die Wetter verzogen sich allmählich und endeten bekanntlich noch glücklich genug mit jenen an sich freilich auch ziemlich erfolglosen Konferenzen, auf die ich weiter unten zurückkommen werde.
All diese Unlust im Äußern drängte natürlich sehr zu Betrachtungen im Innern und zum Austausch der Gedanken mit näher Verbundenen. Wenige übriggebliebene Zeichen solcher Wechselwirkungen fügen sich daher hier gleichsam von selbst am zweckmäßigsten ein – nicht immer ist es jedoch eben das Bedeutendste, was die unerbittlich zerstörende Zeit in solchen Fällen verschont hat.
Jenes große Wort, mit welchem Zelter sich einst in das Stammbuch von Goethes Enkel einzeichnete:

Lerne gehorchen,

es war in den verflossenen Jahren mehr und mehr in Vergessenheit gekommen, und zwar sowohl bei den Völkern – zu gehorchen dem Gesetz – als bei den Regierungen – zu gehorchen dem Rechte der Zeit. Wer aufmerksam unsern Zuständen nachgeht, möchte leicht schon in diesem einem den ersten Grund des meisten Elends finden, welches Europa in den letzten Zeiten verwüstete. Gewiß ist es jedenfalls, daß je mehr und um so vollständiger dieses Wort nach oben und unten zur Geltung gebracht werden wird, um so mehr werden unsere Hoffnungen sich erheben dürfen![223] 
Da schmähen uns Deutsche die Ausländer – besonders die Engländer – mit vornehm tuendem Gesicht über unsere verfehlt gebliebene ideelle Revolution und wissen alles besser und bemitleiden uns, und wir wissen doch, daß Deutschland dabei Großes im Herzen trug und daß in seinem Parlament und seinen Grundrechten und seiner Aufhebung gewisser unbegründeter Vorrechte und seiner Einheitserklärung, so verkehrt und ungeschickt diesmal wieder alles angefangen wurde, Keime lagen, späterer Zeit vielleicht einmal in einer reinern Weise zur Ausbildung bestimmt! – Sei es aber darum! – Wenn ein Empedokles auf dem Ätna in den Krater hinabstürzt, weil er ernst und stetig nach den Sternen blickte – so kann man sich wohl denken, daß umherlaufende Buben, wenn sie das mit ansehen, ihn ausspotten würden, aber möchtest du doch darum nicht lieber Empedokles sein, als zu denen gehören, die einen Empedokles verspotten?
Freilich alle Philosopheme dieser Richtung allein werden die Menschheit auch noch nicht aus ihren Nöten erretten! Die Zeit muß erst im ganzen und großen die rechten Entwicklungsperioden der Völker herbeiführen, und der rechte Mann muß dann auch erweckt werden, der tatkräftig die Verhältnisse im einzelnen zurechtzurücken vermag, dann nur erst wird das Bedürfnis nach harmonischer Einordnung des Allgemeinen kein leerer Traum mehr bleiben.
Unter den Erinnerungen des Jahres 1850 finde ich übrigens auch noch zwei, deren nähere Erwähnung hier ebenfalls, da von dieser Zeit andere besondere Erlebnisse mir nicht aufzuzeichnen geblieben sind, einen Platz finden mögen. Zuerst also die Begegnung mit einem der Matadore der Düsseldorfer Malerschule, der bis dahin mir persönlich unbekannt blieb, so bedeutend auch die Wirkung war, die seine Werke mitunter auf mich geübt hatten;[224]  zum andern dann der merkwürdige Eindruck, den mir die ersten Pläne und großen bildlichen Darstellungen jenes ungeheuern Eisenbaues für die Londoner Weltausstellung gemacht hatten, welche damals die Aufmerksamkeit von ganz Europa auf sich zog.

  Amazon.de Widgets
Jener Maler war Lessing, der Autor der Bilder aus der Geschichte des Huß und mancher geistvoll und eigentümlich aufgegriffenen Landschaft. Ich traf ihn im Oktober eines Abends bei Freund Hübner. Ich habe viel mit ihm gesprochen, aber er scheint bloß mit Farben sich ausdrücken zu können, so wenig ist in Worten ihm abzugewinnen. Sein Äußeres ist groß und massiv, er sieht fast wie ein derber Zimmermeister von weitem aus; in der Nähe liegt dann in dem dunkeln Auge unter der mehr starken als schönen Stirn und zwischen buschigem Haar und Bart etwas, das mich an Friedrich mahnt und, gleich den feinen Zügen um Nase und Mund, auf das Künstlerische in ihm deutet.
Er ist passionierter Jäger, trägt nie einen Frack oder Hut und steht jedenfalls der Natur als Maler immer schlagfertig gegenüber. – Es war mir merkwürdig, von seinem Freunde Erhardt zu hören, daß er, als sie beide in der Nähe des Großen Gartens ihre Freude gehabt hätten an den schönen Formen seiner Belaubung, plötzlich doch gesagt hatte: »Ich sehe es aber den Wipfeln dieser Bäume an, daß sie keine sehr tiefen Wurzeln haben können.« Und allerdings – die häufigen Windbrüche dieses hübschen kleinen Waldes zu diesem Ausspruche unmittelbar den Kommentar; die Erklärung aber liegt zum Teil in den Bodenverhältnissen, nämlich in einer nicht starken Erdlage über mächtigen Kieslagern. Nur ein geübtes forstmäßiges Auge jedoch sowie wahres künstlerisches Vertrautsein mit echter Waldesnatur wird solche Erkenntnis möglich machen![225] 
Was das Ausstellungsgebäude in London betraf, so wurde es mir zum erstenmal vollkommen gegenständlich durch das schön ausgeführte Blatt von Hawkins (Royal-Folio, buntgedruckte Lithographie) und machte mir architektonisch ungefähr einen ebenso überraschenden und originalen Eindruck, wie etwa früher die Eisenbahnen ihn mir in technischer Beziehung gegeben hatten. Beide Phänome haben ja auch das Ähnliche untereinander, daß unsere Nachkommen, denen sie allmählich alltäglich werden müssen, beide als ein Notwendiges hinnehmen und jenes Wunderbare derselben weniger bedenken, welches uns Ältern noch so sehr erinnerlich bleibt. Kurz, dieser ungeheuere Eisenbau, dessen Geschichte alle Zeitschriften beschrieben, erregte mich damals zu so vielen Betrachtungen, daß ich eines Abends einen langen Aufsatz darüber niederschrieb, dessen wesentliche Gedanken ich denn hier noch im folgenden gebe:
Was hatte ich nicht in frühern Jahren, als ich unter vielem andern auch einige architektonische Studien machte, die Säulenordnungen zeichnete, ägyptische Pylonen und Bilder aus den Ruinen von Palmyra kopierte, stets für Kummer gehabt, daß unsere Zeit – in vielem so bedeutend und eigentümlich – noch zu gar keinem eigenen Baustil gekommen sei! Und nun fand ich auf einmal ein ungeheueres Gebäude – schnell aufgerichtet – von großer Festigkeit, zugleich doch elegant und zweckmäßig in seiner Gliederung – einen Bau, von dessen Art, ja von dessen Möglichkeit frühere Zeiten noch nie einen Begriff hatten fassen können, und natürlich gab schon das einen breiten Stoff zur Betrachtung; denn zu all den verschiedenen frühern Baustilen war nun mit einemmal ein durchaus neuer – der Stil des Eisenbaues – gekommen. Dabei war es so eigen! Dieser Stil hielt sich in seinen Verzierungen immerfort an die alten Formen und Gesetze,[226]  allein sein Charakter war der nivellierende – allgemeine, bloß verstandesmäßige der Neuzeit –, der Charakter, dem jene Poesie des antiken sowie des gotischen Baues ganz fern liegt (nie wird ein Eisenbau den Eindruck eines Parthenon oder gotischen alten Doms erreichen), der aber das Zeitbedürfnis ergreift und in seiner immer etwas trockenen Allgemeinheit eben das Zweckmäßige für die neueste Periode des Menschheitslebens darstellt, dabei auch in einem solchen schnell aufgerichteten, mit Glasdach und Fahnen verzierten Gebäude gleich diesem, immer noch an die erste flüchtige Wohnstätte des Nomaden, an das Zelt erinnert!
Eine zweite Betrachtung erregte mir dann jenes Blatt selbst und alles, was ich sonst über diesen Bau las, und die war: daß ich eine gewisse Hindeutung auf ein anderes großes Moment unserer Tage, auf den Sozialismus, darin nicht verkennen konnte. Schon daß diese Bauten fast aus lauter einzelnen, in gleiche Formen gegossenen Röhrenstücken sich zusammensetzten, gab ihnen einen gewissen demokratischen, auf dem Allgemeinen ruhenden Charakter, noch mehr aber war dies Moment darin ausgesprochen, daß fast überall, wo ein solcher Eisenbau angewendet wird, es sich um große soziale Aufgaben der Menschheit – wie gleich hier, bei solcher Ausstellung der Produkte und Gewerbeerzeugnisse aller Länder der Erde – handelt.
Ebenso kamen mir später auch noch einige Blätter zu aus dem Nachlaß von Frau von Lüttichau, worin sie mancher Gespräche Erwähnung tut, welche eben weitere Betrachtungen bei ihr angeregt hatten. So schreibt sie z.B.: »Carus sagte heute: Denken an und für sich ist der eigentliche Genuß! Der, der den Inhalt dessen, was er andern durch Worte und Bilder beibringt, wahrhaft hat und in sich ausbildet, ist weit glücklicher als der Leser eben dieser[227]  Gedanken, dem dadurch die seinigen erst gelichtet oder zu seinem formlosen Gedankenstreben die Gestalten untergeschoben werden. Das vor uns liegende gedruckte Heft von etwas, das wir vorher nur einzeln in das werdende Manuskript niedergelegt hatten, ist dann gleichsam wieder ein neues, der Abstraktion abgewonnenes Individuelles für uns geworden.«
Ferner schreibt sie: »Ich kann begreifen, daß den Menschen, die keine großen Erinnerungen mit hinübernehmen ins Alter, im letzten Stadium des Lebens zumute sein muß wie im Theater bei einem zu langen Trauerspiele: man wird zuletzt müde und ungeduldig. Die Hauptfragen, um die sich die Situationen drängten, sind teils gelöst, teils ahnt und weiß man ihren Ausgang; die Haupterschütterungen sind vorüber, nun gilt es nur noch das Sterben und Abwickeln dieser Zustände; die Kräfte fangen schon an, sich zu erschöpfen, so daß man weniger teilnimmt, und von der Trostlosigkeit des Ganzen durchdrungen, sehnt man sich nur nach Schlaf und Vergessen. Wem aber eine leuchtende, begeisternde Idee gefolgt ist durch alle Akte hindurch, wer dadurch in sich die Fähigkeit zu erglühen behalten hat, nur der wird mit einer gewissen Wärme unbedingt aushalten können bis an Ende!«



Man wird mir übrigens, wenn man den Geist dieser und ähnlicher Fragmente bedenkt, wohl glauben, daß ich bei dergleichen und der regen Teilnahme dieses Geistes an meinen eigenen Arbeiten mich oft an das alte Goethesche Wort erinnerte: »Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle!« Denn wie lebhaft war oft in jungen Jahren schon mein Wunsch nach reinem Mitgefühl und lebendigem Gedankenaustausch gewesen! Und wie oft, selbst bei großen Aufopferungen, war mir Stein für Brot geboten worden – während mir hier, auf der[228]  Höhe des Lebens, schon in den Sechzigern – wenn auch im ganzen nur für kurze Zeit – ein so feines Verständnis und eine Tiefe der Einsicht sich eröffnete und für Jahre lebendig blieb, wie sie gewiß immer zu den seltensten Glücksfällen gerechnet werden muß, und zwar um so mehr, als eine solche Anregung von einer Seite uns meist auch gegen andere Seiten hin empfänglicher macht und zum Nachdenken und zu eigenen Schöpfungen da anregt, wo man sonst ohne Aufmerksamkeit vorübergegangen wäre.
Und gerade in diesem Sinne ist es, daß mir eben noch ein längerer Aufsatz einfällt, welcher seine Entstehung mehrfachen Gesprächen mit einer andern ältern, welterfahrenen Freundin aus Schweden, einer Gräfin Löwenhielm, verdankt, deren Gesundheit sie immer von Zeit zu Zeit wieder nötigte, meinen ärztlichen Rat und die von mir verordneten deutschen Heilquellen in Anspruch zu nehmen, worauf sie dann, aus den Bädern zurückkehrend, gewöhnlich einige Monate in Dresden zubrachte. Sie, die nun seit langem gewohnt war, allen bedeutendern Tagesfragen ein lebhaftes Interesse zu erhalten und in vielen hohen Kreisen reiche Erfahrungen zu sammeln, war damals auch mit einigem Neuern über Kranioskopie und Phrenologie bekannt geworden und verfehlte nun nicht, mir, dessen Interesse für dergleichen sie kannte, einst allerhand Zweifel und Einwürfe gegen solche Forschungen auszusprechen. Da sie nun, wie gesagt, eine welterfahrene und sehr unterrichtete Frau lebhaften Geistes war, so führte dies uns bald zu vielerlei Diskussionen, in deren Folge ich abends darauf dazu kam, nachstehende Betrachtungen niederzuschreiben, die ich nun hier um so lieber mitteile, als sie manchem in meinen psychologischen Arbeiten als Komplement dienen.[229] 
Über Egoismus

Ich hatte gestern abermals die vielverbreiteten Vorstellungen zu widerlegen über Möglichkeit gewisser, dem Menschen zuweilen von der Geburt an gleich Brandmalen aufgedrückten Zeichen angeborner Laster. Wir kamen auf Entstehung der Verbrechen, und ich bemühte mich auseinanderzusetzen, wie jedes doch ursprünglich immer nur auf einem Irrtume beruhe (nach Spinoza: »malum est error«) – wobei mir denn eingehalten wurde, wie doch, da Verbrechen sogar im großen von sehr intelligenten Menschen geübt würden, gar nicht sowohl der Irrtum, sondern vielmehr der Egoismus als die eigentliche Quelle des Verbrechens sich herausstelle, wobei unter andern nun auch Napoleon als Beispiel gelten sollte. Sofort hatte ich natürlich die Spitze meiner Argumentationen wesentlich gegen diesen mir auch schon oft genug entgegengestellten Satz zu richten, da ja der Egoismus eben an sich selbst nur einer der weitverbreitetsten Irrtümer genannt werden muß. – Das eigentliche höchste Gut des Menschen, seine eigene eingeborene Gottesidee, sie wächst und reift nur, indem sie immer ihre Lichtstrahlen auswirft in das Dunkel der Welt umher, und nicht der lebt folglich im eigentlichen und höhern Sinne, der da nur lebt, um zu leben, sondern nur der, der fortwährend sein Leben drangibt, der es dem Göttlichen und Ewigen rastlos darbringt. Gehen wir aber von hier aus, so kann ich nun ebensowenig als seine Fehler und Verbrechen auch die Größe Napoleons, irgendwie als Ergebnis seines Egoismus gelten lassen. Macht doch die wahre Selbstsucht den Menschen immer klein – groß macht ihn nur die Idee. Hätte dem Napoleon nicht eine große Idee vorgeschwebt (ich lasse es natürlich hier vorderhand ganz dahingestellt sein, ob es wirklich die wahre und höchste Idee von der Menschheit[230]  und nicht vielmehr ein Scheinbild derselben war), er wäre nimmermehr selbst groß geworden.

  Amazon.de Widgets
Fast so, nämlich wie dazu, daß ein Maler sein Kunstwerk vollendet, es die erste Bedingung ist, daß sein Auge die Lichtempfindung der im Kunstwerke darstellbaren Welt nicht bloß innerlich subjektiv erfahre und behalte, sondern daß er die erhaltene Umstimmung der Netzhaut zugleich nach außen als Sehfeld projiziere, dadurch also gleichsam dieser ersten Lichteinwirkung sich wieder entäußere, so daß es nun dadurch dem Geiste möglich wird, auch die zweite Bedingung zu erfüllen und das Kunstwerk selbst gleichsam als ein neues künstlich verkörpertes Sehfeld außer sich darzustellen; oder so wie der Mensch nur reich an Liebe wird durch Liebe, die von ihm ausgeht, und wie es deshalb im Evangelium gesagt ist, daß Geben seliger sei als Nehmen, so erhebt sich überhaupt der Mensch nicht durch das Zusammenraffen und in sich Vergraben, sondern durch das Ausbreiten und Ausstrahlen all seines edelsten geistigen Besitzes.
Ist doch schon im Organismus alle Entwicklung, alles Wachstum auf Teilung wesentlich gegründet! Keine Pflanze, kein Tier vergrößert sich durch Zusammensetzung, sondern stets durch Zellenspaltung, durch Auseinanderlegen: So denn auch der Geist! – Das Unbewußte ruht noch in einem; der Geist ist die Einheit im unendlich Vielen.
Wie oft muß man daher das alte Märchen erzählen hören, »dieser oder jener große Mann sei nur groß geworden, weil er ein Egoist gewesen sei«, während doch noch nie einer wahre Größe erreicht hat, als indem ihm eine Idee – ein großes geistiges Vorbild (Vorbild eines Seins vor dem Sein) vorgeschwebt und ihn begeistert und er sich ihm ganz hingegeben hatte! – Dabei ist freilich immer noch die Frage, ob dies Gedankenbild ein wahres und[231]  echtes war oder nicht. Allein wie in der Liebe zuweilen sogar der Irrtum – das Erfassen eines Scheinbildes statt des Urbildes – im höchsten Grade fördernd auf inneres Seelenleben wirken kann, so auch im Schauen und Verfolgen der Idee. Wir haben viele weltgeschichtliche Größen – ja eigentlich sind es die meisten –, die an einem im ganzen wirklich falschen Streben doch groß geworden sind. Oder ist Mohammed etwa ein wahrer Prophet? – Oder war es das wahre Urbild des Staats, dem Alexander der Große oder Cäsar nachstrebten? Ja fand nicht Columbus durch den Irrtum, Indien auf kürzerm Wege erreichen zu wollen, den neuen Weltteil? – Also darauf kommt es zunächst nicht an – sobald man nämlich nur die Frage von Größe stellt –, ob die Idee die ganz wahre und echte sei, aber allemal darauf, daß der Mensch in dieser Idee aufgehe, daß er sich seiner selbst entäußere, daß er sich der Idee opfern könne! – Wer bloß sich selbst will (der wahre Egoist), wer keiner Entäußerung – keiner hingebenden Liebe für sein Urbild fähig ist, er wird nie aus einer dürftigen Existenz sich erheben, nie zu Größe gelangen.
Ich kannte einen alten Professor, der, wenn ihm eine Flasche besonders guten Weines zukam, diese, bis er sie ausgetrunken hatte, unter seinem Stuhle zu verwahren pflegte, bloß damit niemand von der Familie etwas davon bekommen könne; und so sah ich andere, denen der sonst Nächste und Liebste sogleich unbequem wurde, wenn er irgendeinen Anspruch an sie machte, und über welche dann natürlich auch nie eine Idee Gewalt hatte – das waren denn wirkliche Egoisten, und mit Hufelands »Makrobiotik« in der Tasche wurden sie sogar ziemlich alt – aber groß – geistig mächtig und bedeutend werden habe ich noch nie einen solchen gesehen!
Ich meine daher, wer alles das sorgfältig bedenken will, der wird sich zwar leicht überzeugen: daß nicht der Egoismus[232]  zu Verbrechen erst leitet, sondern daß er selbst ein Verbrechen ist, nämlich ein Verbrechen an der eigenen Seele und an andern, aber er höre auch auf zu glauben, daß dieser Egoismus es sei, der den Menschen groß zu machen, ihm in höherm Sinne eine Bedeutung zu geben imstande sei! – Der wahre Egoismus also wird jedenfalls nie mehr und nie weniger als ein Irrtum bleiben und den Menschen klein erhalten, die Hingebung dagegen ist es, welche ihm die Flügel leihen kann zu allem Großen! – Ganz so wie es in jenen schönen Worten Goethes heißt:


  Amazon.de Widgets
Die Erde wird durch Liebe frei,
Durch Taten wird sie groß.



III.










[233] Man weiß, daß Dresden im Winter 1850/51 jene Konferenzen der Gesandten aller deutschen Staaten in seinen Mauern sah, welche versuchen sollten, das, was dem Frankfurter Parlament unmöglich geblieben war – nämlich die Anbahnung einer vollkommenern und zeitgemäßern Einheit Deutschlands –, nun in Form diplomatischer Verhandlungen zustande zu bringen; eine Aufgabe, welche hier ebenso scheiterte am Partikularismus der Staaten, als sie dort gescheitert war am Partikularismus der Meinungen und Individualitäten. – Mich berührten die Herren natürlich wenig, ich traf mit ihnen zuweilen zusammen bei Hoffesten und anderen Soiréen, und nur zwei Persönlichkeiten erregten meine Aufmerksamkeit in höherm Grade, es waren Herr von Manteuffel und der Fürst Schwarzenberg, welche bei diesen Verhandlungen bekanntlich, der eine für Preußen, der andere für Österreich, ein großes Wort zu führen hatten. Beide erschienen[233]  mir denn keineswegs zwar als Träger irgendeiner höhern Idee, wohl aber von einer gewissen praktischen Lebensschärfe, welche in Geschäften sich ihren Weg leicht zu bahnen versteht, aber auf diesem Wege durch die Zeit doch selten irgendein wahrhaft monumentales Zeichen zurückläßt. Der Kopfbau bei der war intelligenten Charakters, ohne übrigens bedeutend zu sein, und verlor noch bei dem Fürsten relativ dadurch, daß er am Ende einer so langen, steif aufragenden Gestalt stand.
Seit längerer Zeit nämlich war mir deutlich geworden, daß, nachdem ich soviel im einzelnen gesammelt und untersucht hatte, für Bedeutung charakteristischer Formen des menschlichen Baues, es mir gewissermaßen zu einer Notwendigkeit werde, nun all dies Mannigfaltige zuletzt zu einer Gesamtheit zu verbinden, damit so im ganzen jeglicher Teil seine richtige Stellung und sein angemessenes Verhältnis erhalten könne. Ich war lange zweifelhaft, unter welchen Namen ich ein Ganzes dieser Art zusammenfassen sollte, und entschied mich endlich, da man alle jene Besonderheiten leiblicher Bildung doch nur als ebenso viele Symbole seelischer und geistiger Eigentümlichkeiten ansehen darf, für den Namen einer »Symbolik der menschlichen Gestalt«, unter welchem Titel das Buch denn auch später im Jahre 1853 erschienen ist.
Neben dieser Arbeit korrespondierte ich noch öfters in kontemplativer Weise teils mit Regis, teils mit dem trefflichen, in Altenburg still der Wissenschaft lebenden von Lindenau. Mit letzterm brachten mich namentlich die Nachrichten von astronomischen Entdeckungen mit dem Riesenfernrohr des Lords Rosse über Nebelflecke in erneuten Verkehr. Man hatte an einigen dieser Lichtnebel seltsamerweise einen eigenen Spiralbau gefunden, und mein gelehrter Freund schickte mir die darüber erschienenen Abbildungen, was mich denn im höchsten Grade interessierte[234]  und abermals darauf führte, wie sehr es zu beklagen sei, daß Humboldt im uranologischen Teile des »Kosmos« die Spirale in ihrer wichtigen Bedeutung als Urbewegung der Fixsterne und an sich unendliche Linie in einer unendlichen Welt auch so völlig unbeachtet lasse.
Sollten übrigens – wenn wirklich alle Nebelflecke durch stärkste Teleskope zuletzt in Sternenhaufen sich auflösen werden – jene wunderbaren spiraligen von Lord Rosse entdeckten Nebelflecke nun wohl ein spiralig durch den Weltraum ziehendes Heer von Sonnen vorstellen? Und sollten die einzelnen Sterne solchen Sternhaufens in ihrem sich spiralig Durcheinanderbewegen am Entstehen jener Spiralzeichnung des Nebelflecks Anteil haben? – Es wäre ein Gedanke, der die kühnste Phantasie schwindeln machte! Man fühlte dann erst recht, daß nicht nur jener ägyptische Priester einst einem Griechen sagen durfte: »Ihr Griechen seid immer noch Kinder!«, sondern daß solchen Problemen gegenüber alle Wissenschaft, die wir kennen, das Wissen eines Kindes bleibe.
An Regis schrieb, ich hinwiederum manches über Theater und Musik, und ich will hier davon noch zweier Stellen erwähnen, welche vielleicht ein allgemeineres Interesse haben könnten. Zu der ersten gab Veranlassung die Aufführung eines vielbesprochenen Stücks »Bajazzo« nach dem Französischen, in welchem hier und da vielerlei Gefährliches gewittert werden sollte. Wie gering müßte doch die Höflingsatmosphäre sein, die dies Stück für gefährlich erklärte! – Ich habe dabei nur wieder meine Betrachtung gehabt über den Griff ins lebendige Fleisch der Zeit, den die Franzosen immer voraushaben, wenn der Deutsche dagegen zuweilen freilich dem im »Hamlet« ähnlich bleibt, von dem gesagt wird: »Er habe Komplimente mit seiner Mutter Brust gemacht, ehe er daran getrunken!« – Bei all dergleichen muß man aber doch zugeben, daß der [235]  rechte Deutsche dafür immer tiefer als der tiefste Franzose geht – geschweige denn als ein so Oberflächlicher als dieser Dichter!

  Amazon.de Widgets
Zu einer andern Betrachtung veranlaßte mich ein am 5. März gehörtes Konzert, worin eine Symphonie von Haydn, ein Teil der »Ruinen von Athen« von Beethoven und eine phantastische Symphonie von Berlioz aufgeführt wurde. Nach den ersten beiden Sätzen von Haydn, die merkwürdig rein und groß sind, kamen mir die zwei andern wohl etwas gering vor! Er kann dann einen gewissen Beigeschmack von Gellert haben, der in ähnlichem Sinne, trotz so viel Vortrefflichem, doch manches weniger Genießbare produziert hat. Von Beethoven war der Chor der Derwische jedenfalls am bedeutendsten! Er klingt sonderbar wüstenhaft und in sich drehend (an das Drehen des Derwischtanzes erinnernd) und gibt einen merkwürdigen Beleg ab für das zwar in der Tiefe immer vorhandene, sonst aber im ganzen weniger hervortretende Dramatische in jenem Geiste. – Endlich Berlioz! – Mein altes Wort: »Der Schrei der Kreatur nach einer neuen Musik«, fiel mir immer wieder ein, und doch war ich interessiert davon. Mußte übrigens auch dabei von neuem des eigenen beweglichen Charakters der Musik selbst gedenken oder vielmehr der Beweglichkeit unserer Vorstellung von ihrer Vollendung. – Vor 60 Jahren freute man sich noch an der »Jagd« von Hitler – und von dort zu Beethoven ist etwa ebenso weit wie von da zu Berlioz. Freilich, die reine Mitte (wie etwa Mozarts »Zauberflöte«) liegt auch dann immer dazwischen! Es fiel mir noch ein, daß man in Berlioz eigentlich zweierlei zu unterscheiden habe: Erstens das, was ich oben die Sehnsucht nach einem Neuen in der Musik nannte und was gewiß noch eine Zukunft hat (so etwa entdeckte ja unser Friedrich ein neues Feld in der Landschaftsmalerei) – und zweitens das, was ihm als[236]  Franzosen, als Zögling jener Literatur der Verzweiflung angehört, wodurch seine Sachen sich unmittelbar neben die ungeheuerlichen Bilder des »Salon« stellen, von denen jetzt die Zeitungen berichten1 und womit die Wirkung des erstern immer wieder zum Teil zerstört wird.
Zu fernern musikalischen Erinnerungen gehört denn auch noch ein schöner Sommermondabend, an welchem zwei merkwürdige Talente in meinem Hause sich zusammenfanden, jedes in seinem Bereiche zu dem Höchsten seiner Zeit gehörig – Henselt und Tichatscheck. Zufällig hatte keiner von beiden den andern noch gehört und gekannt. (Henselt lebte ja seit langem in Petersburg), und so waren sie beide lebhaft angeregt und zu musikalischem Wettkampf trefflich aufgelegt. Nun spielte der eine seine melodischen Etüden, und die Tasten sangen unter seinen Händen, der andere aber sang dann seine Lieblingslieder von Franz Schubert, und wieder glaubte man jetzt erst recht, zu wissen, was Gesang eigentlich bedeute.
Zuletzt aber sei hier gedacht eines merkwürdigen historischen Konzerts der Kapelle im Theater am 7. November, worin sie ihre eigene Geschichte in Hauptmomenten vorführte und feierte. Ich hebe davon namentlich hervor, was ich damals über eine ganz außerordentliche Aufführung der Euryanthe-Ouvertüre niederschrieb: »Nicht nur wurde sie so vortrefflich gespielt, wie ich sie nie gehört habe, sondern ich möchte fast sagen, daß ich überhaupt noch nie Instrumentalmusik so vollkommen gehört habe wie diesmal. Man weiß schon, so etwas ist dann eine Schickung – liegt in der Luft – in der Zeit – in dem Menschen – kommt auch gerade so nie wieder.«
Sonst also, wie gesagt, schlangen die Horen dieses Jahres[237]  noch leicht und glücklich ihren Reigen; die Meinigen waren wohl, und Tage auf Tage wandelten meist erfreuend und erhebend vorüber. War doch in diesem und dem folgenden Jahre noch auch meine geliebte Eugenie so recht die Freude und der Glanz unsers einfachen Lebens! Und wenn ich da ihre schöne Stimme aus einem Mendelssohnschen Quartett heraushörte, wie deren wohl zuweilen auf heitern Gondelfahrten um unsere Pillnitzer Insel gesungen wurden, so hatte dabei noch niemand eine Ahnung, daß in nicht zu ferner Zeit schwere Verluste uns mit Zentnerlast niederdrücken sollten!
Indem nun aber zwischen den täglichen ernsten Lebensaufgaben meines Berufs und meines Amtes in dieser Art Kunst und Literatur uns vielfach in Anspruch nahmen und nachdem (beiläufig zu sagen) ein ungeheuerer Schneefall am 21. November uns ein paar Tage fast ganz im Hause eingeschlossen gehalten hatte, brachen jetzt in Frankreich ganz unerwartet gegen den Jahresschluß die merkwürdigen Ereignisse durch, welche auch da die letzten Überreste konstitutionellen Lebens vernichten und die nächsten Vorbereitungen zum wiederkehrenden Kaisertum begründen sollten. Man weiß, wie jener Staatsstreich vom 2. Dezember der Republik ein Ende machte, die Freisinnigen durchaus vertrieb, Louis Napoleon an die Spitze der Verwaltung stellte, und nachdem uns so lange das Schreckbild des roten Kommunismus, am jenseitigen Ufer des Rhein immer neu auftauchend, bedroht hatte, gab zwar dieser Absolutismus somit augenblicklich eine gewisse Sicherheit und Ruhe, indes man fühlte etwas dabei von »der Ruhe eines Kirchhofs« und wurde ebendeshalb wieder unwillkürlich nach der entgegengesetzten Seite gedrängt und zum Widerspruche gereizt. So schrieb ich daher um diese Zeit:
»Im Politischen kann jetzt eigentlich nur eine Pagodennatur[238]  mit fettblinzelnden Augen und über den feisten Leib bequem gekreuzten Händen wegen weiterer Aussicht auf Ruhe vollkommen gut sich befinden; jeder hagere Cassius, der mehr denkt als ißt, sieht dagegen in der jesuitisch-russischen Knebelung Frankreichs für längere Zeit selbst noch das einzige Organ verstummt, das, wenn auch zuweilen unter viel krausen und unnützen Deklamationen, die Anforderung der Menschheit an einen gewissen höhern Vernunftszustand mindestens immer wieder neu in Frage stellte!«



Da stieg nun das Jahr 1852 herauf, und als am Morgen des 3. Januar wieder mir, wie sonst oftmals, Musik den Eintritt auch ins neue Lebensjahr verschönen sollte, waren die beiden guten, abends zuvor noch sorgfältig für Mozart und Beethoven vom Stimmer durchgegangenen Flügel in unerklärlicher Weise verstimmt, und zugleich fanden sich die sonst so frischen Kehlen Karolinens und Eugeniens so heiser, daß fast alle Musik unterbleiben mußte. Es gibt wunderliche Ahnungen! Hier und da schreiten wohl Nebelbilder kommender Ereignisse den wirklichen Begebenheiten seltsam voran! – Und so schien es diesmal bei uns, denn als das Jahr mir so schrecklich endete, gedachten wir alle jener unerklärlichen Verstimmung an seinem Anfange! – Eine große, sehr gelungene Musikaufführung jener anmutigen Schöpfung des noch jugendlichen Mendelssohn, »Die Heimkehr«, verwischte am Abend den trüben Eindruck des Morgens großenteils – und sei daher jetzt auch hier dieses schönen Werkes noch etwas ausführlicher gedacht! – Es ist aber dies eine kleine Oper – ein ländlich einfaches Sujet –, von Mendelssohn im 21. Jahre in England geschrieben und seinen Eltern zur silbernen Hochzeit gesendet, jugendlich reizend durch und durch; zu zart, um auf unsern großen Bühnen aufgeführt zu[239]  werden, füllte es dagegen, auf einem Familientheater dargestellt oder, wie bei uns, am Flügel durch liebe und befreundete Stimmen gesungen, einen Abend im schönsten und erheiterndsten Sinne aus. War doch jener Felix ein so früh schon in voller musikalischer Schönheit erschlossener Genius! Jeglicher Aufgabe gewachsen, mit Leichtigkeit alle Schwierigkeiten seine Kunst überwindend und gerade wegen der so vollendeten dramatischen Charakterzeichnung in dieser kleinen Arbeit, ist es mir daher immer merkwürdig gewesen, daß späterhin ihm doch durchaus keine Inspiration für größere Opernmusik hatte kommen wollen! – Die Lyrik und das Kirchlich-Epische hatten das Aufkommen des Dramatischen, wie es scheint, völlig unmöglich gemacht! – Aber, wie gesagt, an jenem Abend hatte dies Jugendwerk mich wieder mit voller Macht ergriffen, wozu noch kam, daß ich es nun schon zum dritten Mal hörte und somit sein ganzer Bau mir immer durchsichtiger geworden war. Übrigens ist es vielleicht bisher das unbekannteste von Mendelssohns Werken geblieben, gewiß hauptsächlich deshalb, weil zu seiner genügenden Aufführung doch so manche Bedingungen und namentlich gewisse Traditionen gehören, die nicht so leicht zu erfüllen und zu erhalten sind, Schwierigkeiten, welche hier durch den uns befreundeten Eduard Devrient (später Intendant des Theaters zu Karlsruhe), den vieljährigen nahen Freund Mendelssohns, glücklich behoben wurden, so daß es freilich gewiß sehr zu Nutz und Frommen künftiger Musikfreunde dienen würde, wenn derselbe über die Art und Weise, wie diese kleine, längst schon gestochene Operette für solche Zwecke behandelt werden muß, zu gelegener Zeit einige bestimmtere Fingerzeige in dieser Beziehung bekanntmachen wollte.
Was dagegen meine Arbeiten betrifft, so war die größte jene früher schon erwähnte »Proportionslehre menschlicher[240]  Gestalt«; die kleinere eine Vorlesung für die Gesellschaft Albina, zu welcher mich ein Rückblick auf die republikanische so weit verbreitete Aufregung des Jahres 1848 gebracht hatte und welche später unter dem Titel »Geistesepidemien der Menschheit« gedruckt erschienen ist. – Die Vorbereitungen zu der »Proportionslehre« schrieben sich eigentlich von jener Zeit her, wo ich überhaupt anhub, mich mit der Symbolik des Äußern am Menschen zu beschäftigen. – Natürlich nämlich mußte da es eine der wichtigsten Aufgaben sein, für die Verhältnisgrößen menschlicher Gliederung ein durchaus bestimmtes mittleres Maß festzusetzen; denn bevor von den Abweichungen und ihrer Bedeutung der Rede sein konnte, mußte doch notwendig die Regel selbst festgestellt sein. Aber welches Maß durfte hier gelten? Viel war in dieser Beziehung herumgetastet worden, und ein philosophischer Grund war noch nie für irgendein wirkliches Urmaß aufgestellt worden. Bei jenen Vorbereitungen für die Symbolik nun kam ich darauf: Dieses Urmaß könne einzig und allein in der Wirbelsäule gegeben sein – und so war es wirklich! Ich muß den Morgen, an welchem ich an einem ausgewachsenen normalen menschlichen Skelett zuerst es entdeckte, daß die gerade Länge aller 24 freien Rückenwirbel, sobald sie genau in drei gleiche Teile geteilt wird, nun in einem jeden solchen Dritteil diejenige Größe wirklich darstelle, welche für alle wesentliche Gliederung des Knochenbaues die allein entscheidende und maßgebende bleibt, stets als einen besonders gesegneten betrachten, und ich hoffe, daß je mehrere sich nach und nach von dem einfachen Prinzip dieser Lehre und von den tausendfältigen nützlichen Anwendungen derselben überzeugen, um so eher wird diesen Ansichten auch die gebührende allgemeine Anerkennung zuteil werden!
Unter alledem kam denn jetzt abermals die Zeit des Frühlings[241]  heran und mit ihr noch einmal ein neubelebter brieflicher Verkehr mit Regis, welcher sich eben mit Übersetzen gewählter Stellen der Iliade beschäftigte. Einst, als er mir über Lebensfreuden und Hinblick auf das Jenseits geschrieben hatte, erwiderte ich ihm: »Was das Gefallen am Leben betrifft, stimme ich Ihnen ganz bei – in bezug auf jenseitige Zustände aber verhalte ich mich nur still erwartend; denn wenn man im Leben so vielfältige Entwicklungsstufen durchgegangen hat, von welchen sehr oft die gerade gegenwärtige auch die herrlichste schien, obwohl dann in der folgenden Dinge sich begaben, von denen man zuvor noch gar keine Ahnung gehabt hatte, dergestalt, daß frühere Tage sich gegen sie verhielten wie die, von denen Kleopatra sagt:


  Amazon.de Widgets
My salad days
When I was green in judgment, cold in blood,
To say as I said then2

dann wird man vorsichtig mit allem Absprechen über Möglichkeiten der Zukunft!«

Nach Pillnitz zogen wir in diesem Jahre im Vorsommer, und ich darf sagen, daß dieser Landaufenthalt uns von Jahr zu Jahr lieber wurde. Im Äußerlichen jedoch änderte sich diesmal manches. Meine Wohnung auf dem Schlosse, die ich nun zum vierundzwanzigsten Mal bezog und sonst immer in demselben altmodigen Zustande zu finden gewohnt war, traf ich diesmal von einem neuen Oberhofmarschall sehr elegant eingerichtet und durchaus modernisiert,[242]  dadurch aber auch dem ausgesetzt, daß bei sich häufenden Gästen des Hofs sie geräumt werden und den Fremden überlassen werden mußte. Indem dadurch natürlich nun der Wunsch angeregt worden war, vom Drange solcher Zufälligkeiten mich mehr und mehr emanzipieren zu können, brachte mich das auf den Gedanken, dieses Wohnen im Schlosse überhaupt aufzugeben und in meiner eigenen kleinen Villa einen Umbau vorzunehmen, welcher mich in den Stand setzte, dort mit den Meinigen zusammen zu wohnen, ohne darum mich irgendwie zu weit von der königlichen Familie entfernt zu finden. Lag doch dies kleine Haus so freundlich am Fuße jener Hügel, deren erster auch die schöne Besitzung unserer Freundin von Lüttichau trug, und hatten wir uns doch immer gerade dieser Nähe besonders gefreut. Kurz, der Plan, hier immer mehr und mehr solch kleines Tuskulum zu gestalten, wurde vielfach besprochen, auch Regis schrieb ich davon, und eines Abends entwarf ich eine Zeichnung zum Umbau, welche allgemeine Billigung fand, und die Ausführung sollte denn auch schon im Herbst bewerkstelligt und im Frühjahr vollendet werden.
Außerdem finden sich unter meinen Papieren noch folgende Fragmente aus diesem Pillnitzer Sommerleben:
»Wir sahen heut das schöne Blatt nach Guido Reni: – Phöbus' Wagen von Horen umschwebt und von Aurora verkündigt –, und es fiel uns auf, welche eigen derbe Gestalten Guido hier gebildet hatte! – Fast darf man sagen, es herrsche ein gewisser – beinahe roh zu nennender – Charakter in den Formen dieser Gottheiten, und doch mußte man sich gestehen, daß nichtsdestoweniger ein durchaus edler Geist das Ganze durchdringe und die Erscheinung des Schwebenden, Morgendlichen, Erleuchtenden überall prächtig in dem Werke fühlbar werde. – Solch scheinbarer Widerspruch gab mir mannigfaltige Gedanken! – Warum[243]  stört nun hier eine gewisse irdische Schwere im einzelnen so gar nicht die ätherische Leichtigkeit im Ganzen?
Ich mußte zuletzt hierbei doch nur mich erinnern, wie beim Kunstwerke ja stets am meisten bestimmend, ja endlich entscheidend die Grundidee desselben und deren Wert und Gesundheit wirke! – Gibt man sich dem Eindrucke recht hin, den jenes Blatt im Ganzen macht, so fühlt man ihm alsbald ein gewisses Primitives und Selbstschöpferisches an, das vielen modernen Werken gerade so sehr fehlt und das hier nun alles einzelne in eine neue frische Region hinaufhebt und verschönt. Ist aber dies Primitive, dies Selbstschöpferische der Idee in einem Kunstwerke in Wahrheit vorhanden, hat der Künstler vermocht, wirklich eben diese Macht zur Wahrnehmung zu bringen, dann ist ihm im einzelnen und überhaupt in dem Wie der Darstellung eine ungeheuere Freiheit gegeben.
Gilt doch dies auch keineswegs etwa bloß von Werken der bildenden Kunst! Ganz die gleiche Forderung ist dem Dichter gestellt und ähnliche Freiheit dann auch ihm gegönnt. Das nächste Beispiel dieser Art ist mir immer Calderon gewesen! Er, dessen dramatische Gestalten sämtlich so wenig Mark und Bein haben, daß eigentlich niemand ihnen irgend wahrhaft menschliche Bedürfnisse und menschliche Existenz abfühlen könnte! – Und ist darum etwa Calderon weniger Dichter, und ist sein ›Standhafter Prinz‹, sein ›Wundertätiger Magus‹, seine ›Semiramis‹ etwa eine weniger große und mächtige poetische Gestalt?«
Dann besprach ich neulich auch noch einmal mit einem Bekannten das früher schon des breitern berührte Verhältnis von Reinhard und Goethe, wie es sich in dem herausgegebenen Briefwechsel zwischen beiden darstellte. Man mag sich diese beiden Naturen wohl am besten vergegenwärtigen, wenn man die eine als Fläche, die andere als Körper sich vorstellt. Wo Reinhard recht verständige[244]  Zeichnungen auf einer und derselben Ebene entwirft und so manche Verhältnisse weltlicher Angelegenheit recht klar und einfach zur Anschauung bringt, da geht aus Goethe selbstschöpferisch die volle runde Gestalt der Dinge hervor, und alsbald fühlt man, daß uns nur so, zugleich mit der lebendigen Form, die wahre geistige Idee geboten wird – welche Darstellung von beiden uns aber dann am meisten befriedigen müsse, ist nun freilich leicht abzusehen.
Endlich aus einem Brief an Regis: »Der Mensch allerdings, wenn die Deichsel des Rennwagens sich abwärts richtet, sieht mehr und mehr, mit welcher Menge von Ballast er behaftet war, und freudig, wie der Luftschiffer seinen Sand auswirft, um in immer höhere Regionen sich zu erheben, sucht auch er nach und nach von dieser Überfracht sich zu lösen.«
Doch es sei hiermit genug dieser Blumenlese einzelner zerstreuten Blätter aus jenem Sommerleben!
1
  Amazon.de Widgets
 Es waren unter andern: Schiffbrüchige unter Eisbären geraten, von Biard, oder: Ein Blick in einen Dampfer beim Sturm, wo alles an Seekrankheit leidet, und dergleichen mehr.
2 Shakespeare: »Antonius und Kleopatra« 1,5 (in der Schlegel-Tieckschen Übersetzung): »Meine Milchzeit, / Als mein Verstand noch grün! Du kaltes Herz, /zu sprechen, wie ich damals sprach / Komm, fort, /Bring mir Papier und Tinte!« (Anmerkung des Herausgebers.)




IV.










[245] Indem ich jetzt der Schilderung einer der härtesten Katastrophen unsers jahrelang so glücklichen Familienlebens mich nähere, habe ich zuvor noch zu gedenken, wie zu ebendieser Zeit mir ganz unerwartet auch der Freund verlorengehen sollte, dessen in diesen Blättern so vielfach und noch auf dem vorigen gedacht worden ist. Ich erfuhr an ihm, wie ein Mensch, der mehr und mehr die einfache Ordnung menschlicher Verhältnisse hintansetzt, so leicht dahin kommt, zuletzt seinem eigenen wie dem Leben seiner Freunde die schwersten Verluste zu bereiten.
Regis, den ich seit einer Reihe von Jahren nicht mehr gesehen hatte, korrespondierte noch immer ziemlich regelmäßig[245]  mit mir. Ich hatte zuletzt von der Auffindung von Schillers Schädel durch Schwabe1 geschrieben und fuhr dann fort: »Hätte doch auch Mozart seinen Schwabe gefunden, der seinen Schädel aus Dust und Moder gerettet! Aber so sind oft die Augen der Zeitgenossen über Geistesgröße verblendet. Nicht einmal eine arme Totenmaske hat man von ihm abgenommen!« – Dann erwähnte ich aus Dörings Buch (»Schillers Sturm-und-Drang-Periode«) des Verhältnisses von Dalberg zu Schiller und fuhr dann wieder fort: »Hatte nun wohl dieser Dalberg, den man immer rühmen hört wegen Gott weiß welcher Verdienste um den Dichter, doch wirklich nur eine Ahnung von dem Genius, der damals vor ihm auftauchte? Und ging es anfangs Lessing besser? – Ich sah vor wenig Tagen einmal wieder seinen ›Nathan‹ und bin zu manchen Gedanken dadurch aufgeregt worden. Eine Stelle überraschte mich besonders, denn sie verbirgt eine Weisheit, die noch viel Zeit brauchen wird, um allgemein erkannt zu werden. Es ist die im fünften Akt:

Gott, wie leicht
Mir wird, daß ich nun weiter auf der Welt
Nichts zu verbergen habe! Daß ich vor
Den Menschen nun so frei kann wandeln als
Vor dir, der du allein den Menschen nicht
Nach seinen Taten brauchst zu richten, die
So selten seine Taten sind, o Gott!

Das ist es aber eben, was aus dem Schriftchen des Ruf2 gelernt werden kann; denn wenn in ordinärer juristischer[246]  Praxis alle Übeltäter schlechthin totgeschlagen werden, so mag das die Notwehr der Gesellschaft mitunter rechtfertigen (ungefähr wie bei der Rinderpest alle kaum erkrankten Tiere erschlagen zu werden pflegen, damit die Pest sich nicht weiterverbreitet), aber nur nenne man dies nicht Gerechtigkeit; denn die Gerechtigkeit kann nur von der Weisheit wahrhaftge sprochen werden, und es überraschte mich, gerade dies hier von Lessing so großartig ausgesagt und menschliche Mangelhaftigkeit so klar dargestellt zu sehen.«
Wer hätte nun glauben sollen, daß so harmlose Worte beitragen konnten, den Verlust eines alten vieljährigen, aber freilich innerlich tief verstimmten Freundes zu beschleunigen, ja zu vollenden! – Dieser Freund, ein seltsames Leben lebend, die Nächte bei Tabaksrauch bis drei, vier Uhr unter seinen Büchern verbringend, die Tage bis Mittag elf, zwölf Uhr durchschlafend, unregelmäßig in seiner Diät und nur durch Unterstützung des Königs und seiner Freunde (letzteres ohne sein Wissen) erhalten, übrigens schon lange vollkommener Hypochonder, zerfiel er mit den meisten Bekannten in Breslau und wurde mißtrauisch gegen die ganze Welt. – Seit einiger Zeit schon fand ich seine sonst geistvollen und humoristischen Briefe leerer und einsilbig; nach jenem Briefe von mir aber, aus welchem das obige Fragment mitgeteilt ist, hörten sie mit einemmal ganz auf. Er schien auch gegen mich mißtrauisch geworden, war verletzt durch meine mildere Ansicht vieler Kriminalfälle, die er sämtlich mit Strang und Schwert gerichtet wissen wollte, und schwieg trotz einiger Mahnungen und Fragen hartnäckig, bis ich endlich auf vermittelnde Anfragen geradezu eine Art von Absage erhielt, worauf ich dann natürlich ebenfalls genötigt wurde, ihn seinem Schicksale zu überlassen. Bei alledem schmerzte mich ein solcher Verlust tief, und nur das Gegengewicht[247]  mancher andern reichen geistigen Wechselwirkung mochte mir den Abfall jenes Freundes damals leichter ertragen lassen. Er selbst schien von da an immer tiefer in Verstimmung versunken zu sein und ist einige Jahre später verstorben, ohne daß es mir gelungen wäre, aus den letzten Jahren unsers Briefwechsels die meinigen zurückzuerhalten. Glücklich genug, daß ich die aus den ersten 38 Jahren unserer Korrespondenz mir früher wieder erbeten hatte, denn ohne sie wäre mir ja der größte Teil in diesen Heften gegebener Aufzeichnungen gänzlich unmöglich gewesen.
Aber noch mehr des Schweren war uns vorbehalten! Zunächst bewegte tief das Innere meines Hauses, gerade zu der Zeit, als im Äußern die Welt sich durch das von sieben Millionen Stimmen in Frankreich wieder ausgerufene Kaisertum eigentümlich erschüttert, zum Teil auch nur betroffen fand – der Verlust einer Freundin, welche sehr früh schon innig sich uns angeschlossen hatte; es war Gräfin Ernestine Einsiedel, jene geborene von Warnsdorf, deren bereits öfters in diesen Blättern gedacht ist. Sie hatte namentlich im Jahre 1812, als für Napoleon sich noch einmal die ganze Pracht des alten sächsischen Hofes entfaltete, durch ihre Schönheit bedeutendes Aufsehen gemacht, eine Schönheit, welche auch später noch um so anziehender blieb, als sie sich mit großer Einfachheit und Güte des Herzens verband. Sie war all den Meinigen stets eine liebevolle Freundin, und wieviel Freude sie auch an der Kunst hatte, bewies ihr Kummer, als jene treffliche, einst durch ihre Schwiegermutter in Reibersdorf gegründete Kupferstichsammlung trotz alles Protestierens von ihrer Seite unter den Hammer kam und verstreut wurde.
Und doch sollte ich noch auf weit härtere Proben gestellt werden! – Es traf uns nämlich damals das Schreckliche, daß unsere so sehr geliebte Tochter Eugenie in der Nacht[248]  zum 27. Dezember durch einen schnell verlaufenden bösartigen Typhus uns plötzlich entrissen wurde! – Sie, das Bild frischesten blühenden Lebens – eben noch durch ihren Besuch eine vor kurzem nach Schlesien gezogene Freundin beglückend, hatte sie jedenfalls auf diesem Ausfluge selbst den Keim zu solch zerstörender Krankheit in sich gesogen! – Die Zerstörung meines Hauses und all der Meinigen durch ein so gewaltsames Ereignis war fürchterlich. Ich schrieb am Morgen nach dem Tode an unsere Freundin Frau von Lüttichau, die selbst aufs heftigste ergriffen war, denn sie hatte sie sehr geliebt: »So haben wir denn Abschied genommen von dem lieben schönen Kinde: Sie starb in der Nacht mit dem Glockenschlage zwölf, während wir alle um ihr Bett knieten. Ich habe noch ein paar Stunden zu ruhen versucht und fühle mich wenigstens körperlich nicht krank. Der Stern des Morgens leuchtete mit reiner Klarheit in mein nasses Auge, und ich konnte dem Ewigen danken, daß unter so viel Großem und Schönem, was ich erleben durfte, auch das Glück war, an einer so schönen Erscheinung so manche Jahre mich zu freuen.« Es war die erste Leiche, welche unsere Freundin sich entschließen konnte selbst zu sehen – was sie bei keinem ihrer eigenen Toten vermocht hatte –, und wir ahnten nicht, daß aus unserm damaligen Kreise sie selbst die erste sein sollte, die ihr weiterhin folgte!
So stieg denn also das Jahr 1853 tief in Trauerflor gehüllt uns herauf, und wie von da an jenes schöne Christfest – sonst die Freude des ganzen Hauses – zum Gedächtnistag schweren Leides wurde, so nahm nun fürerst auch all unser Leben eine tiefdunkle Färbung an, und nur die Vollendung meiner »Symbolik«, welche in diesem Jahre ans Licht treten sollte, gab mir mitunter etwas von wohltuender Zerstreuung; immer aber lenkte doch die Seele ihren Flug nach der Vergangenheit und sammelte vor[249]  allen soviel möglich das Gedächtnis jedes Augenblicks und jeder Gemütsregung, in welchen das entschwundene liebe Wesen sich einst widergespiegelt hatte. So stehe denn nun auch deshalb hier zunächst eine Briefstelle Eugeniens selbst, nur einige Monate vor ihrem Tode an eine Freundin gerichtet, damit teils ebenso in diesen Blättern ein Andenken erhalten werde an ihre eigene feine Ausdrucksweise und teils angedeutet sei, wie mitten im blühenden Leben der Jugend oft jede dunkle Ahnung leicht anklingt und Gedanken durch die Seele ziehen, wie man sie eher am Ende einer Lebensbahn als am Anfange derselben voraussetzen möchte. – Sie schreibt: »Mein lieber lieber Vater hat mir an meinem Geburtstage eine unendlich wehmütige poetische Kohlenzeichnung geschenkt, bei deren Anblick ich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Ich freue mich so sehr, sie Dir zu zeigen, Du wirst sie auch recht verstehen. Es ist eine stille Mondnacht, und der Mond bescheint eine Wassergegend mit Schilf und weißen blühenden Nymphäen, in der Mitte ein Schwan, der ganz einsam mit ausgespannten Flügeln zieht und den Kopf nach dem Monde emporgerichtet hat. Du glaubst nicht, welche Wehmut in dem Bilde liegt und wie wohl sein Anblick denen tut, die selbst ein Herz voll Trauer haben.«!
Bei Gelegenheit dieses Briefs, dessen abschriftliche Bewahrung ich auch unserer Freundin danke, schrieb ich übrigens an diese über Jenny:


  Amazon.de Widgets
»Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte!
Die abgestorbne Eiche steht im Sturm,
Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder,
Weil er in ihre Krone greifen kann.3

O Gott! Man steigt auch immer so in seinen Busen nieder[250]  und gräbt das harte Erz des Grams heraus, um immer neue Dolche daraus zu schmieden und sich fortwährend damit zu verwunden.«
Und damit endlich alles hier gesammelt sei, was von dunkeln Trauerzeichen jener Tage mir noch übriggeblieben ist, so mögen hier auch noch zwei Fragmente eines an von Lindenau und eines an Tieck gerichteten Briefes folgen, womit denn hier dieser düstere Lebensabschnitt vorläufig beendet und beschlossen sein möge!
An von Lindenau: »Wer das Leben in so großen Wechselfällen und so lange Jahre hindurch beobachtet hat wie Sie, erkennt am besten den schwankenden Wert aller irdischen Dinge und das Bleibende ernster und treuer Liebe und höherer Geistesentwicklung. Ich kenne die Aufgabe des Mannes, einem großen, unerwartet hereinbrechenden Geschick auch groß entgegenzutreten, und glaube diese Aufgabe würdig zu lösen, aber dem verehrten Freunde ist es wohl gestattet, in die Wunde zu blicken, die der Verletzte schmerzvoll tragen muß und tragen wird.«
Und etwas später an Tieck, im März 1853: »Es war mir ein schönes und bedeutungsvolles Zusammentreffen, daß ich gerade in diesen Tagen von zwei werten und verehrten Männern, von Ihnen und Humboldt, beide auf der äußersten Lebenshöhe angelangt und mit hellem kräftigem Geiste sich dort umschauend, briefliche Sendungen bekam. – – – Wenn das Leben mit allen seinen Schattenseiten doch zu solchen Höhen hinaufleiten darf, wenn man sogleich an mehrern Beispielen es lebendig erfährt, wie reich und groß die Entwicklung sein kann, die ein menschlicher Geist zu erreichen vermag, so fühlt man immer wieder so recht unmittelbar, daß dieses Leben doch ein wunderbares Gewebe ist, das, wenn wir es schön und verständig tragen, wohl zu einem wahrhaft großen Gewinn desjenigen Gottgedankens ausschlagen kann, welcher[251]  zuletzt immer in der Brust jedes einzelnen (freilich oft seltsam genug verdeckt) der treibende und wärmende Funke bleibt. – Sie haben zugleich, Teuerster, in diesen Worten den Kern meiner gesamten Philosophie und fühlen daran, weshalb ich in tausend Unvollkommenheiten des Daseins und in bittern blutig einschneidenden Verlusten nie irre werde an dem ewigen Mysterium, welches uns durch einzelne glückliche und durch so viel mehr schwere und oft wahrhaft fürchterliche Lebensaufgaben einesteils prüft und andernteils (wenn wir solchem höhern Walten recht horchen) weiter und weiter fortbildet. Fassen wir daher die Seelenentwicklung in diesem Sinne, so ruhen wir eigentlich im Ewigen selbst, und in diesem Ruhen vermögen wir dann auch allein wahre und echte Tröstung zu finden über Schmerz und Verlust aller Art, ja auch über das tiefste Leid, welches uns aus dem Entschwundensein einer geliebten Seele aus unserm gegenwärtigen Gesichtskreise entspringt.«
Es war der letzte Brief, den ich an ihn richten konnte, denn am 28. April starb auch Ludwig Tieck, er, dessen Andenken Deutschland ja in Ehren halten möge, denn er hat Großes und Schönes für uns gewirkt! – Was er mir, was er den Meinigen war, davon geben diese Blätter ja vielfältig Zeugnis.4 Daß er aber gerade jetzt uns genommen[252]  wurde, wo so tiefe Wolken der Trauer über uns lagen, machte unseren Schmerz freilich um so empfindlicher; indes sein Gedächtnis muß durch anderes geehrt werden als durch Klagen, und somit also hier kein Wort weiter davon! –
Es ist im vorhergehenden eine Kohlenzeichnung von mir erwähnt worden, und dies bringt mich jetzt dazu, etwas ausführlicher eines Umstandes zu gedenken, welcher in der Entwicklung meiner Kunstbestrebungen, von denen ich ja doch immer hier gleichfalls Rechenschaft gegeben habe, eine besondere Besprechung verdient – eine Besprechung, welche zugleich dem Leser eine erwünschte Abwechslung gewähren möge nach so manchen schweren und lugubern Berichten!
Schon im Herbst 1851 nämlich hatte Freund Hübner, rückkehrend von einer Reise durch Belgien und am Rhein, von Professor Schirmer – damals noch in Düsseldorf lebend – eine Reihe Landschaften mitgebracht und im Kunstverein ausgestellt, welche in einer neuen, früher in Deutschland so noch nicht angewendeten Manier, das heißt bloß mit Reißkohle, halb gewischt, halb gezeichnet, ausgeführt und dann mittels eines auf der Rückseite des Papiers aufgetragenen Firnisses fixiert waren. Dies Material, eine ungemeine Freiheit und Leichtigkeit der Behandlung gewährend, brachte namentlich in Darstellung großer dunkler Schattenmassen eine außerordentliche Wirkung hervor und interessierte mich eben dadurch im höchsten Grade. Das besondere Verfahren dabei wurde mir bald bekannt, und ich – der ich in den letzten Jahren im ganzen weit seltener als sonst zum Malen gekommen war – versuchte mich nun wieder einmal von neuem in verschiedenen dergleichen Entwürfen. Bald fand ich, daß sich vorzüglich für gewisse mysteriöse, nebulose Effekte, für Mondlicht und nächtliches Dunkel (Gegenstände, denen[253]  meine Phantasie mich sonst schon so oft zugewendet hatte) hiermit ausnehmende Erfolge erreichen ließen, und Künstler, Freunde und Freundinnen nahmen sogleich vielfältigen Anteil an diesen nach und nach immer besser geratenden Versuchen. In Zeit von einer oder einigen wenigen Stunden – namentlich nicht selten, im Lauf eines einzigen Spätabends bei der Lampe – gelang es mir oft, irgendeiner düstern Phantasie das Gewand vollkommen befestigter Zeichnung zu geben, und Reihen von Bildern entstanden so, die ungefähr wie das Phantasieren des Musikers auf dem Flügel, gerade weil sie in ihrer flüchtigen Entstehung eine größere Unmittelbarkeit der Vorstellung durchleuchten ließen, auch eine besonders lebendige Wirkung auf den Beschauer hervorbrachten.


Komme ich jetzt nach dieser kleinen Abschweifung auf unsern fernern Lebensgang in diesem Trauerjahre, so bedarf es kaum der Worte, um zu sagen, daß er ein sehr einförmiger und stiller war. Erst im Februar konnte ich die Meinigen dazu bringen, einer um diese Zeit neu einstudierten Aufführung der »Antigone« mit beizuwohnen und an diesem großen Schmerzensbilde des Altertums den eigenen Schmerz in mildere und beruhigtere Formen überzuführen.
Wenn das Leid so alt ist als die Menschheit, so ist es der Trost nicht minder! – Das eine richtet sich wie das andere in seinen Folgen nach der Empfänglichkeit und Bildung des Geistes! – Aus dem Altertume weht so der tröstende Hauch der Sophokleischen Tragödie in unabsehbare Fernen, und wie zu Perikles' Zeit hat dieser Hauch jetzt die Bedeutung, durch große poetische Auffassung und Darstellung tief die Seele durchdringender Schmerzen den Menschen zu erheben und zu läutern; ja man darf sagen, er wurde dadurch insofern einer der würdigsten Vorläufer des Christentums. – Haben aber somit diese Dichtungen[254]  eine so allgemeine Bedeutung, was kann dann die Neuzeit Besseres tun, als dahin trachten, das Schöne, wie es damals zuerst lebendig wurde, dann aber auch zeitweise wieder verdeckt war, jetzt abermals hervorzurufen, damit es so gleichsam in höherer Wiedergeburt wieder hervortrete und das Leid mildere, wo ein gebildeter Geist irgend es vermag, solche Wohltat würdig zu empfangen!
Muß ich doch hierbei notwendig an das denken, was ich von der Entwicklung der Menschheit aus Schönheit durch Liebe endlich zur Wahrheit an einem andern Orte gesagt hatte. Auch dies soll ja nämlich nie so gedacht werden, als wenn nun bei der Liebe nicht mehr die Schönheit und bei der Wahrheit weder Schönheit noch Liebe mehr gelten sollte, sondern vielmehr so, daß immer das Nachfolgende das Vorhergehende mit umfasse und dadurch zugleich es erhebe, daß also in der Periode der Liebe die Schönheit mit gehoben und vollendeter werde und in der Periode der Wahrheit sowohl Schönheit als Liebe sich verkläre.
Ich sage nun, in ebensolcher Weise sollte also die Neuzeit nicht die Kunstwerke des Altertums etwa gerade so wiederholen, wie sie damals erschienen, sondern ihrer Wiederbelebung sollte alles das mit zugute kommen, was die Menschheit seitdem durchlebt hat, die Bildwerke sollten also mit ihrer vollen Schönheit und Ursprünglichkeit der Ausführung, aber in noch weit vollendeter Erscheinung wieder auferstehen – die Bauwerke sollten mit allem Tiefsinn der primitiven Erfassung und Konstruktion sich wieder erheben, allein mit vielen Erfindungen erleichtert und bereichert, welche seitdem gemacht wurden –, und wenn nun dies alles so geschieht, so sollen vor allem auch die alten Tragödien auf neue Weise wiedergeboren werden, das heißt geschmückt mit vielem, was uns seitdem durch andere große Durchgangspunkte der Menschheit zuteil worden ist.[255] 
Ach, wenn die Seele selbst von einem tiefen Leide erschüttert ist und noch in allen Fugen dröhnt, dann ist sie wohl sehr empfindlich gegen jedes Ungemäße und Unvollkommene, aber sie empfindet es auch um so dankbarer, wenn, wie heute, wahrhaft die Erhabenheit und das Versöhnende als echter und nachhaltiger Trost der Kunst sich betätigt. – Und soviel damals über jenes große Sophokleische Werk!
Die eigen tragische Stimmung unsers Lebens erhielt übrigens immer noch weitere Nahrung, einmal durch Aufführung von Beethovens neunter Symphonie mit all ihren tiefsinnigen, oft fast verzweifelten Gedankengängen und ein andermal durch die Ausstellung eines neuern Gemäldes, dessen ebenfalls tieftragischer Charakter mich damals zu zwei ausführlichen Aufsätzen begeisterte. Es war die berühmte sogenannte Brüsseler Schützengilde von Gallait, über welches ich hier nur aus dem zweiten der darüber niedergeschriebenen Aufsätze einige der prägnantesten Gedanken mitteile:
»Wenn alles Leben sich erst durch den Tod vollendet, wenn erst durch den Tod die Idee – der innerlich treibende göttliche Funke – mit Entschiedenheit frei gemacht werden und so erst ganz erlöst sein kann aus allem Schwanken eines zwischen Schlaf und Wachen immerfort zweifelhaft wechselnden Zustandes, so versteht man leicht, warum der Tod von jeher der eigentliche Vorwurf der Tragödie war, warum auch die Geschichte überall nachzuweisen hat, wie ihre großen Epochen stets durch das Leben zwar vorbereitet, aber durch den Tod erst wahrhaft besiegelt werden mußten. – Solche Tragödie nun und solche Geschichte zugleich ist aber dieses Bild! – Die Gedanken und die Taten von Graf Egmont und Horn, die hier enthauptet liegen, sie wirkten manches Mächtige schon im Leben, aber jetzt erst, nachdem das sterbliche Gefäß zertrümmert[256]  ist, das sie einschloß, sind sie frei – teilen sie sich dem Volke mit, gehen sie ein aus einem besondern Dasein in ein allgemeines Leben, und von da an werden sie sonach erst zu einer höhern Wahrheit!
Wie daher schon die alte Tragödie es liebte, durch möglichst wenige Personen die tiefsten und bedeutendsten menschlichen Verhältnisse auszudrücken, so sind auch hier nur ganz wenig Individuen gezeichnet, aber sie sprechen jene große Wendung in der Geschichte der Niederlande vollständig aus, jene Wendung, wo dies Volk aus kirchlicher Gebundenheit zur Freiheit des Denkens und aus Knechtung einer Fremdherrschaft zur Würde freier Selbstbestimmung sich erheben sollte.
Der Moment konnte nicht einfacher, nicht anspruchsloser gewählt sein! – Die Leichname der Hingerichteten sind in eine alte, seit Jahren nicht gebrauchte Kapelle des Rathauses zu Brüssel einstweilen beigesetzt, so wie sie vom Richtplatze kamen, platt auf einer gewöhnlichen Trage ausgestreckt, nur mit einem großen samtenen Trauerteppich jener reichen Familien überdeckt, die blutlosen Häupter auf einem mit rein weißen Laken überbreiteten Kopfkissen wieder an den Rumpf gerückt, liegen sie noch da vor dem dürftigen Altar jener Kapelle, auf dem ein paar schwere kupferne Altarleuchter zu seiten eines nicht bessern Kruzifixes sich befinden, während ein zweites silbernes Kruzifix des altgräflichen Hauses auf den Leichnamen liegt, den Frieden des Erlösers für die Erlösten verkündend. Als Wache ist nur einer der schweren geharnischten Reiter des Herzogs Alba dort aufgestellt und ein anderer Spanier ihm beigesellt, damit er beobachte, was um die Gerichteten sich etwa begebe. – Nun haben die Bürger Brüssels Männer aus ihrer Schützengilde gesandt, damit doch ein Zeichen gegeben sei ihrer Trauer, ihrer Verehrung! Und Alba hat ihren Zutritt genehmigt,[257]  damit die bleichen Häupter der Erschlagenen ihnen Furcht und Unterwerfung predigen möchten, wie er denkt. Da treten sie nun hinzu, während eben der Laienbruder zu Häupten der Bahre die alten Wachskerzen auf dem Altare zu einer hier fast symbolisch wirkenden Flamme entzündet. Man sieht nur etwa fünf bis sechs der Männer, voran ihr Anführer mit der güldenen Kette, den Pfeil als jenes Zeichen der Schützengilde in der Hand tragend, welcher bald zum unzerbrechlichen Pfeilbündel sich vervielfältigen sollte, unter dessen Panier die Niederlande sich für immer von Spanien losreißen – und da stehen sie nun, starr geheftet das Auge auf die liegenden Opfer und vieles im Geiste bewegend, während aus dem selten, gefeuchteten Auge bei dem Weichsten eine dicke Träne sich drängt, ein jeglicher aber in seiner Weise tief und gewaltsam ergriffen!
Recht genommen, hat das Bild eigentlich nur eine einzige Handlung, ›den Mönch, der über den Leichen die Kerzen anzündet‹, sonst ist alles Schweigen und Stille. Das Ungeheuere ist gewagt worden, es ist wirklich geschehen; aber wie jeder Augenblick das Samenkorn ist für alle folgenden, so ahnt man sofort, daß aus dieser vollbrachten Tat des Despotismus nun die Tat der Freiheit hervorgehen werde, und darum enthält das Bild bei so wenig Handlung so viel Geschichte.«
1
  Amazon.de Widgets
 Der Schädel wurde bekanntlich durch Bürgermeister Schwabe in der Gruft des Stadtkirchhofs aufgefunden.
2 Psychische Zustände, ein Beitrag zur Lehre von der Zurechnung (Innsbruck 1852). Eine sehr interessante kleine Schrift eines Geistlichen, der als Beichtiger vielen Verbrechern geistlichen Beistand geleistet und von dem ich zuvor an Regis geschrieben hatte.
3 Aus der »Penthesilea« von Heinrich von Kleist.
4 Unter Papieren unserer Freundin von Lüttichau fand ich noch nachstehende Aufzeichnung aus jenen Tagen, die denn doch auch noch hier bewahrt sei: »Carus sagt über Tiecks Tod: Die Individualitäten aus einer frühern Zeit gehen unter: das viel allgemeiner verbreitete Hervorragende der jetzigen Generation, die Fortschritte der Menschheit gegen große Ideen und Prinzipien hin, wie zum Beispiel die des Weltfriedens, der freiern Institutionen zur Förderung des Ganzen und ähnliche – machen sozusagen den Makrokosmus kompakter – aber wir, aus der frühern Zeit, werden immer den einzelnen vorzugsweise begabten Menschen vermissen! – Ich kann nicht zum Makrokosmus sagen: Sei mein Freund!«




V.










[258] Für jetzt muß ich zuerst auf einiges zurückkommen, was im gewöhnlichen Gange meines Lebens gewisse Änderrungen hervorbrachte, die ich der Vollständigkeit wegen nicht übergehen darf. – Ich habe früher bemerkt, daß wir[258]  in den vorhergehenden Jahren zu drei als Leibärzte bei der königlichen Familie fungierten, nämlich Francke, ich und von Ammon. Ersterer nun, dessen öfterer Kränklichkeit ich auch bereits oben gedacht habe, fand sich noch Anfang dieses Jahres einst mit mir in der alle zwei bis drei Wochen von uns abzuhaltenden Konferenz in der Hofapotheke, und ich erzählte ihm dort den raschen und traurigen Verlust unsers geliebten Kindes, wodurch er sich seltsam erschüttert fand und worüber er mit großer Teilnahme sich aussprach. Beim Auseinandergehen reichten wir beide bewegt uns die Hände, nicht ahnend, daß wir uns nicht wiedersehen sollten. Nur ein paar Tage darauf wurde ich früh zu ihm gerufen und fand ihn vom Schlage getroffen sterbend. Er atmete noch schwer einige Stunden lang – dann war er tot.
Obwohl er mir nie sehr nahegestanden hatte, schmerzte mich doch diese so plötzliche Trennung von einem rechtlichen, kenntnisvollen und immer mir vertrauensvoll zugewandten Kollegen, und ich begleitete ihn mit eigenen Gedanken und manchen stillen Fragen über die eigene Zukunft zur letzten Ruhestätte. – Durch seinen Tod rückte ich in die erste Leibarztstelle ein (welches mit einer kleinen Gehaltserhöhung verbunden war) und hatte von da an nicht bloß während eines Dritteils des Sommeraufenthalts der königlichen Familie mit in Pillnitz zu sein, sondern mich jetzt mit von Ammon jedes Jahr in diese ganze Zeit zu teilen; ein Umstand, der unter andern Verhältnissen mir vielleicht beengend und störend hätte erscheinen müssen, damals aber, da in diesem Sommer der Neubau meines kleinen Landhauses beendigt wurde, so daß ich von jetzt an mit den Meinigen ganz zusammen lebte und wohnte, auch die Nähe einer verehrten Freundin geistige Mitteilungen um so mehr förderte, wurde diese Verlängerung eine keineswegs unerwünschte Zugabe.[259]  Was die Sitzungen der Medizinalabteilung des Ministeriums des Innern betraf, so gelangte ich, da auch Clarus in Leipzig (mein früherer Lehrer) erst erblindete und dann bald verstarb, dort nun ebenfalls zur vordersten Stelle unter den wenigen ärztlichen Mitgliedern; indes wurden darum der Geschäfte und des Aktenwesens für mich nicht mehr, denn auch in diesem Verwaltungszweige hatte seit 1849 mehr und mehr eine gewisse Bürokratie
Platz gegriffen, und die meisten Angelegenheiten wurden von dem juristischen Abteilungsdirektor, unter alleiniger Mitwirkung des Medizinalreferenten Geheimen Medizinnalrats Choulant sofort entschieden.
Meine Tätigkeit als Arzt war fortwährend vielfach in Anspruch genommen, und manche gelungene Kuren schwerer und vieljährig verschleppter Leiden überzeugten mich immer vollständiger, daß diejenigen Ärzte, welche nach einem langen praktischen Wirken mit dem traurigen Resultate schließen: es sei eben durch Heilkunst nicht viel auszurichten und es handle sich doch dabei zuletzt nur darum, daß man »nach durchstudierter groß und kleiner Welt es gehen lasse, wie es Gott gefällt« nie zur wahren Einsicht und zum rechten Verständnis gelangt sein konnten.
Doch ehe ich nun in diesen Mitteilungen weitergehe, kann ich nicht unterlassen, hier noch zunächst jener seltsamen Geistesepidemie zu gedenken, welche von Amerika aus unter dem Namen des Tischrückens sich seit diesem Frühjahr über Europa verbreitet hatte, ein Vorgang, dessen psychologische Seite noch jetzt zu denken gibt und ganz unfehlbar in vielen Richtungen zu den merkwürdigsten Parallelen aufruft. Es war aber in Wahrheit, als habe die Büchse der Pandora noch einmal sich geöffnet, und Lüge und Torheit aller Art flögen wie Mückenschwärme durch die Luft umher, als ein Herr K. Andree um die Osterzeit[260]  1853 die Nachrichten über das Tischrücken aus amerikanischen Korrespondenzen in der Augsburger »Allgemeinen Zeitung« mitteilte und durch sogenannte eigene Erfahrungen bestätigte! Tausendfältig wurden denn alsbald diese Experimente wiederholt, von allen Seiten wurde mir davon vorgesprochen, und überall las ich die Geschichten gelungener Drehungen – welche freilich oft genug auf eigenes Verdrehtsein der Experimentatoren deuteten! – Lange wies ich nun alle diese sogenannte Fakta als sichere Täuschungen ab, zumal da ich vierzig Jahre früher schon in Leipzig mit den damals durch Ritter und Goethe (in den »Wahlverwandtschaften«) berühmt gewordenen Pendelschwingungen viel Zeit verloren und mich von dem dabei waltenden Truge des Unbewußten unbedingt überzeugt hatte; endlich aber – so groß ist zuletzt immer die Macht solcher epidemisch sich verbreitender Einflüsse – sollte ich durch ein Experiment, welches mein eigener Sohn Wolfgang in bester Absicht veranstaltet hatte und dessen Gelungensein mir plötzlich als unwiderlegliche Tatsache verkündigt wurde, doch für eine kurze Zeit ebenfalls irregeführt werden; bis denn zuletzt auch dieses Trugbild wieder völlig verschwand. Die Sache war die, daß er eine Scheibe konstruiert hatte, auf einem hohen Glasfuße beweglich ruhend, und daß er nun einige Personen vorschriftmäßig mit den Händen diese Scheibe berühren ließ, wodurch denn dieselbe alsbald und von selbst (oder vielmehr durch die unbewußte Muskularaktion der Finger dieser Personen) dergestalt zu rotieren anfing, daß die die Kette bildenden Menschen sofort mit zum Herumgehen im Kreise genötigt wurden. Da alle Mitwirkenden hier durchaus aufrichtig zu Werke gingen (freilich aber im stillen sich selbst täuschten), so hatte das Experiment etwas wahrhaft Faszinierendes (sogar Kinder, um die Scheibe gestellt, ohne von der erwarteten Bewegung zu[261]  wissen, brachten alsbald die Platte in Rotation), und so war es denn sehr natürlich, daß wir dabei zunächst an eine besondere sich hierbei entwickelnde, etwa elektrische Kraftäußerung dachten. Wir schrieben beide ein paar Worte darüber nieder, wobei ich als analoge Erscheinung an das elektrische Rad Faradays erinnerte, und mit Begier wurde eine solche Erklärung von Hunderten aufgegriffen, bis ich doch auch sie als in sich unhaltbar erkannte und mich später in dem 1854 in der »Gegenwart«1 abgedruckten Aufsatze »Lebensmagnetismus – Magie« vollständig über die eigentliche Bedeutung dieses ganzen Phänomens aussprechen konnte. – Denke ich jetzt an den Eifer zurück, mit welchem damals alles diese Drehversuche anstellte, wie selbst die Prinzessinnen Tellerdrehen machten, in allen Gesellschaften Tische sich bewegen mußten oder wenigstens Hüte gedreht wurden, und sehe ich nun, wie so bald nachher das Interesse daran wieder ganz erloschen ist, so wird mir das stete Schwanken und Fluten der Meinungen der Menschen dabei abermals so anschaulich und gegenwärtig, daß mir nur um so mehr das hübsche Wort von Jean Paul wieder in die Gedanken kommt: der Mensch habe zuletzt doch am meisten darauf zu halten, daß bei aller Unruhe der Welt er sich selbst festhalte und dort ruhe, gleichwie auf einem Berge zum Umschauen.
Einige Zeilen, die ich im Sommer (21. Juli) abends, als ich in Pillnitz eingezogen war (doch nicht wie sonst im Schlosse, sondern in meinem neuen eigenen Hause), in mein Gedenkbuch eintrug, beweisen denn auch, daß viel von dieser Ruhe jetzt wirklich bei mir eingekehrt war:[262]  »›Der Söhne des Menschen sind viel geworden auf Erden‹, schrieb ich, ›aber der treuen Herzen, welche edler Erkenntnis und warmen Gefühls voll sind, deren bleiben darum doch nur wenig.‹ Diese Worte hatte ich heute an einen Befreundeten2 gerichtet, der mir, als ich nun zum erstenmal in dies erneute Haus einzog, durch zierliche und nützliche Liebesgaben Freude bereitete und sie mit einigen fast biblischen Worten begleitete. Merkwürdig – meine Frau sagte, als sie mich abends mit den Kindern in meinem neuen kleinen Zimmer besuchte: ›Ist dir hier nicht wieder fast wie in deiner kleiner Wohnung im Institut?‹ – Und so wäre ja eigentlich wieder eine Art von Kreislauf abgeschlossen, der freilich nie wirklich einer ist, sondern immer nur ein einzelner Gang der Lebensspirale. – Eben umleuchtet der Mond in reinster ruhigster Atmosphäre so schön die stille Gegend! – Unser Engel Eugenie senkt die Palme des Friedens darüber herab! – Möge das Stück Leben, das nun noch vor uns liegt, vom Dufte dieses Friedens immer durchatmet sein.«
Und wirklich genoß ich in jenem Sommer nach dem schrecklichen Schluß des vorigen Jahres eines eigenen stillen Friedens! – Die wohlgelungene Arbeit der »Symbolik« lag fertig vor mir und erfreute sich überall guter Aufnahme (wie mir denn unter andern Humboldt darüber einen hübschen zustimmenden Brief schrieb, in welchem er besonders die Charakteristik der Menschheitstämme hervorhob), zugleich war ich mit dem Abschluß der so schön ausgestatteten »Proportionslehre« beschäftigt und konnte auch daran meine Freude haben; endlich in der Nähe um mich her hatte ich die Liebe der Meinigen, während oft früh schon die schlanke weiße Gestalt unserer[263]  Freundin von ihrem Balkon oder abends ihr Licht aus ihrem Fenster mich begrüßte, am Tage aber gemeinsames Gehen, oder Lesen uns vielfach beglückte.
»Warum kann man nicht sterben, ehe so viel des Schönen nach und nach sich auflöst und vorher stirbt?! – Doch auch das wird seine Stunde finden – und sei es eine gute!«


  Amazon.de Widgets
Wir blieben diesmal bis Mitte Oktober in Pillnitz, und von einigen besondern Persönlichkeiten und Vorkommnissen, die während dieser Zeit noch an uns vorübergingen, möchte ich denn doch diesen Blättern zunächst noch einiges vertrauen. Anfang September führte mich so unter anderm eine große musikalische Soirée, welche Herr von Lüttichau auf seiner schönen Villa, halb im Freien, halb im Salon, arrangiert hatte, mit Liszt und Fürstin Wittgenstein zusammen. Der Hof und die königliche Familie waren ebenfalls geladen, und Frau von Lüttichau hatte insonderheit jene Fürstin (deren Anwesenheit den Prinzessinnen gegenüber hier weniger erwünscht war) meiner Aufmerksamkeit und Unterhaltung empfohlen, was mir denn durch die Lebendigkeit und das geistreiche Wesen derselben nicht wenig erleichtert wurde, denn wer über das Urteil der Welt sich einmal bis auf einen gewissen Grad hinweggesetzt hat, der erhält dann gewöhnlich eine so exzeptionelle Stellung, daß dadurch wieder eine eigene Art individueller Freiheit bedingt wird, zumal wenn ihm, wie hier dies der Fall war, eine so liebenswürdige jugendliche Tochter (die junge Prinzeß Wittgenstein) zur Seite steht. Liszt selbst fand ich seit so viel Jahren wenig verändert, sein langes mähnenartiges Haar war grau geworden, die Züge aber durchaus dieselben, und beiläufig gab es auch noch eine Komposition von ihm zu hören (ein gesungenes Quartett über jene schönen Worte »Über allen[264]  Gipfeln ist Ruh«), die mir bewies, daß seine so oft veröffentlichten musikalischen Grundsätze ihn an sich zu keiner höhern Schönheit der Gedanken geholfen hatten, denn die Komposition war gedehnt, gesucht und verschroben, wie meistens sein Stil, sobald er schrieb. – Nichtsdestoweniger amüsierten mich unter der Menge der Gäste jenes Abends diese drei Persönlichkeiten immer besonders, und wir verabredeten ein wiederholtes Zusammentreffen in der Stadt für die nächsten Tage. Dort im Hotel traf ich dann auch später die Fürstin, umgeben von Zigarrenrauch und selbst rauchend, geleitete sie mit den andern auf die Galerie, wo sie überall lebendig und geistvoll sich aussprach, und sah dann alle drei noch in meinem Hause und in meiner Schädelsammlung, wo denn gleichfalls vieles ihre Aufmerksamkeit fesselte und mir selbst dabei Gelegenheit blieb, manchen psychologisch interessanten Zug dieser Charaktere im stillen zu notieren.
Noch ein paar andere erwähnenswerte Persönlichkeiten trafen auch während unsers Pillnitzer Aufenthalts bei uns ein, es war der Sohn jenes Hofrats Tilesius, welcher einst die Krusensternsche Weltumsegelung als Naturalist begleitete und dessen Einfluß auf meine Jugendrichtungen früher hervorgehoben worden ist, sowie ein Professor von Leonhardi aus Prag, früher ein eifriger Schüler Krauses und fortwährend treuester Verkündiger seiner Lehren. Der erstere, welcher sich neuerlich einer diplomatischen Karriere gewidmet hatte und in russischen Diensten stand, benutzte lange seinen Aufenthalt im Auslande dazu, an Grabmälern, Urkunden, Siegeln und alten Malereien »die Bewaffnung der Ritterzeit« in den frühern Jahrhunderten zu studieren, genaue kolorierte Zeichnungen davon ausführen zu lassen und alles dies in einem reichverzierten Pergamentband zu vereinigen, welcher bestimmt war, dem Kaiser Nikolaus zu Füßen gelegt zu werden. Als alter[265]  Bekannter und halber Cousin kam er zu mir, zugleich mit dem Wunsche, sein Werk hier auch dem Könige zeigen zu dürfen (welches ich ihm vermittelte), und vor dieser Vorstellung konnten wir es denn selbst ebenfalls genauer betrachten. Die Ausführung war wirklich glänzend! Schmuck und Waffen fast miniaturartig sauber und in den prächtigsten Farben gemalt, der Text auf Pergament mit goldenen und bunten Initialen gedruckt – alles würdig, einem so waffenliebenden Fürsten als jenem Kaiser vorgelegt und verehrt zu werden. Ich veranlaßte es, daß Rietschel die Blätter mit sah, und auch er bewunderte die saubere und prächtige Arbeit.
Was Professor von Leonhardi betraf, so freute es mich, einmal wieder jemand zu begegnen, der noch aus lebenskräftigem Umgange die Lehren jenes Krause empfangen hatte, dem auch ich einst so vielfältige Anregung und Aufklärung verdankte. Herr von Leonhardi war ein junger, lebhafter, von humanen Ideen tief durchdrungener Mann, dessen Ansprüche noch ganz den Jugendmut atmeten, etwas Erfolgreiches für die Menschheit vollbringen zu wollen, einen Mut, den ich mehr und mehr vermisse, wenn ich auf das heranwachsende Geschlecht achte. Auch der uns längst befreundete Präsident von Langenn, welcher nebst seinem treuen Gefährten auf kleinen Exkursionen, dem Oberbibliothekar Klemm, sich gerade bei uns befand, geriet in manche Diskussionen mit Leonhardi und ward bald für ihn eingenommen. Ich habe später seinen Besuch noch einigemal gehabt, wo er uns zerstreute Blätter aus seinem Werke vorlas, in welchem er manche Gedanken aus Krauses »Urbild der Menschheit« zum Besten der Volksentwicklung und Hebung zu veröffentlichen gedachte, und so sehr ich das Edle der Intention auch da anerkennen konnte, mußte ich doch öfters wieder auch aller der Bedenken mich erinnern, die ich bereits dort, wo von[266]  Krause selbst die Rede war, nicht verschwiegen habe, indem ich eben in ihnen die Ursache fand, daß auch dieser Lehrer zu großen Erfolgen selten gelangte. Ist es doch mit dem Gange der Menschheit eine wunderbare Sache! – Soll er durch Individuen plötzlich und gleichsam sprungweise gefördert werden, so geschieht dies nur durch die eigene magische Gewalt von Genien der Tat, nicht durch noch so konsequent ausgeführte Theorien des Gelehrten; – in unserer Zeit aber, wo das Leben so ungeheuer kompliziert worden ist, geht es am meisten immer vorwärts durch jenes tiefe Unbewußte der (wenn der Ausdruck erlaubt ist) Menschheitseele selbst, welche, indem sie sich am Widerstreite der verschiedensten Ansichten und Denkweisen fortwährend in ihrer bewußten Region aufklärt und kräftigt, dadurch zuletzt eben jenen magnetisch treibenden Zug in ihrer Tiefe neu belebt und damit das doch unwiderleglich vorliegende Resultat erreicht, daß wir nach jedem halben Jahrhundert die gebildete Hälfte des Menschenreichs in bezug fast aller Fragen wahrer Humanität auf einem höhern Standpunkte finden als in dem nächst vorhergegangenen.
Meine ärztlichen Geschäfte hatten sich jetzt sehr gehäuft, um so mehr namentlich, da mein geliebter Sohn Albert in diesen Tagen die ehrenvolle Aufforderung erhielt, den Prinzen Georg, welcher für nächsten Winter einen Aufenthalt in Italien und namentlich in Sizilien beabsichtigte, auf dieser Reise als Arzt zu begleiten. Der Prinz reiste schon früher ab, und mein Sohn sollte in den ersten Tagen des Dezember ihn in Turin treffen, so daß es denn in bezug auf Verteilung der Kranken, in deren Besorgung er mich gewöhnlich so treu unterstützte, und mit Wahl eines andern Assistenten für diesen Winter genugsam zu tun gab dergestalt, daß ich nun auch hier an sonstigen Aufzeichnungen aus dieser Periode etwas Weiteres nicht beizufügen[267]  finde mit Ausnahme einiger Bemerkungen, welche vielleicht am besten als Beiträge zu meinen frühern Arbeiten über die Verschiedenheit der Stämme der Menschheit betrachtet werden könnten. – Fürs erste nämlich hatte mich schon im Frühjahr der Neger Ira Aldridge, den wir damals in einigen Rollen hier sahen, zu den nachstehenden Betrachtungen über seine Anlagen für dramatische Kunst veranlaßt:


»Diese Individualität gibt ganz das Bild des großen kräftigen Negers von der Westküste Afrikas, aber die Hautfarbe ist auffallend hell – nur ein lichtes Blaßbraun –, die innern Hände und Nägel fast affenartig rot. Dabei nun doch offenbar eine gewisse Begeisterung in dem Manne, sich kundgebend für das Schauspiel! – Zwar immer von einem geringen Standpunkte aus, denn wie hätte er sonst nach ›Macbeth‹ noch in der kleinen Posse ›The Padlock‹ als komisch bestialer Neger, wie er nur in ›Onkel Toms Hütte‹ vorkommen kann, mit Lust, ja eigentlich in dieser offenbar mit größter Lust auftreten können? – In ›Macbeth‹ war er denn auch wirklich größtenteils Karikatur. Dieses schottische Ungetüm will sehr viel anders gezeichnet und in seiner Entwicklung wiedergegeben sein, als ein Neger vermag!
Merkwürdig war er dagegen allerdings im ›Othello‹, ja er erklärte mir eigentlich erst das Stück völlig! – Sehen wir nämlich Othello und Desdemona von wohlgebildeten höhern Naturen szenisch dargestellt, wer möchte dann verstehen, wie ihnen solche Verblendung möglich sei, als Shakespeare beiden aufbürdet. Sieht man dagegen die Frau gering (und diese Desdemona wie die ganze Truppe ließ es an Geringem nicht fehlen), und blickt man nebenbei auf ein so zurückliegendes Vorderhaupt als das eines wahren Negers, dann, und da eigentlich allein, versteht man zugleich erst die heftig gutmütige und doch in sich[268]  selbst so haltlose Liebe, ferner aber ebenso auch die leichte Betörung und die endlich ausbrechende Wut des Othello. Gewiß, ein Abguß von diesem Kopfe für meine Sammlung – weiter würde ich in der Zukunft keinen Wunsch an diesen Herrn Aldridge zu stellen haben.«
Soviel auch über Menschenverschiedenheit gesagt und geschrieben ist, wer erschöpft wohl dies Thema gänzlich? Ich habe in meiner »Proportionslehre« Anleitung gegeben, auf welche Weise man dahin gelangen könnte, von der äußern Eigentümlichkeit der Maßverschiedenheiten einzelner Menschen durch eine Art algebraischer Formel eine scharfe Bezeichnung zu geben; wer aber schafft uns das Mittel, auch die innere Wesensverschiedenheit der Menschen mit Schärfe auszudrücken? Alles, was hierzu irgend etwas beitragen könnte, verdient jedenfalls festgehalten zu werden, der Gegenstand an sich bleibt darum doch immer unerschöpflich. Sollte man also nicht z.B., um Eigentümlichkeit einzelner Menschennatur zu bezeichnen, in allerletzter Abstraktion versuchen, die Individuen selbst geradezu auf mathematische Figuren und Formeln zu reduzieren? Zwei große Klassen solcher Figuren ständen dann sogleich einander gegenüber, welche ohne Zweifel auch für Seeleneigentümlichkeit in hohem Grade bezeichnend genannt werden müssen: es sind die gerundeten und die eckigen. Gehören zu letztern alle geradlinigen Figuren: Quadrate, Triangel, Trapeze, Sechsecke, Achtecke usw., so zählen zu den erstern nächst dem Kreise das Oval, das Ellipsoid usw. Beide Klassen finden nun ihre ganz entschiedenen Gegenbilder unter den Geistern, und hier wie dort kommen freilich die Gegensätze nie gut miteinander aus. Die runde Figur kann sich nie der eckigen anschmiegen, ohne davon irgendwie und irgendwo gedrückt zu werden, und die eckige beneidet eigentlich doch immer wieder die rundliche, weil am Ende alles Lebendige gerade[269]  diese Form hat, und das Ur-Phänomen aller organischen Gestaltung immer und ewig die Zelle, das runde primitive Ei sein wird. Dafür ist dann im Gegensatz die eckige Figur stets das Vorbild des Kristalls und kann sich insofern allerdings über der runden dünken, als das noch leicht Bestimmbarste – der bloße Tropfen – ebenfalls die gerundete Gestalt hat. Daß nun aber von allen diesen Verhältnissen das vollkommene Paroli auch in Menge unter den Menschen vorkommt, ist gewiß nicht zu leugnen, und könnte es daher nicht wirklich hier etwa wie in den alten Faustischen Zauberbüchern sein, wo jeglicher Geist sein besonderes Zeichen in Form einer aus vielfältigen Linien wunderbar verschränkten Figur hat; und wie also z.B. der Erdgeist erscheint, sobald Faust eben sein Zeichen aufschlägt und ausspricht, so könnten dann auch die Geister der Menschen schon durch ihre Figurensymbole bezeichnet und gerufen werden; die Weichen und die Genien durch die runden, die Harten, bloß Tatkräftigen und die Pedanten durch die eckigen, kurz, der Gedanke ließe sich jedenfalls sehr weit ausführen, würde aber auch, wie alle solche Gleichnisse, durch zu weite Ausführung wieder in sich verlieren. Wahrheit genug liegt aber ohne Zweifel darin!
Der Philosoph sitzt am Strome des vor ihm dahinziehenden Menschheitlebens, seine Gedanken begleiten die fortgleitenden Wellen, manches bewegt er dabei im Geiste, möchte auch hier und da wohl dem Strome andere Bahnen anweisen – und doch fühlt er bald, wie übermächtig die Gewalt ist, welche diese Wogen wälzt, und muß zuletzt nur mit der Überzeugung sich trösten, daß nach höhern, zuweilen kaum geahnten Gesetzen dieser Lauf geregelt werde, welcher im ganzen nie fehlen kann, die Entwicklung der Menschheit irgendwie zu fördern, wenn auch im einzelnen vieles im höchsten Grade unbegreiflich bleibt.[270] 
Gelingt es ihm nun dabei, hier und da einiges zum Glücke anderer beizutragen, so mag er sich wohl belohnt finden durch das Gefühl, daß, was man der Menschheit im ganzen zu leisten sich ja stets unfähig findet, man mitunter dem einzelnen doch wirklich zu geben die Macht besitze.
Jedenfalls ist deshalb zuletzt überall eine schöne Wirksamkeit im kleinen einer bloß erträumten Einwirkung im großen unbedingt vorzuziehen. –
Ich sage dann ferner, daß auch durch mancherlei wissenschaftlichen Verkehr nach außen mir damals öfters interessante Entgegnungen erwuchsen. So pflegte ich zum Beispiel zu jener Zeit immer noch, was mir irgend von Arbeiten gelang, regelmäßig an Humboldt mitzuteilen, und eben aus dem Anfange des Jahres 1854 kam mir von ihm auf eine kleine Arbeit über eine merkwürdige Schloßenbildung eine hübsche Erwiderung zu, welche ich deshalb hier teilweise einfüge, weil sie zeigen kann, wie ihm doch meine Art, die Natur anzusehen, nicht selten imponierte, wenn ihm auch sonst mein naturphilosophisches Credo zu weilen weniger anmuten wollte. Er schrieb unterm 19. Januar 1854:
»Ich bin tief beschämt, mein teuerer vieljähriger Freund, daß ich jetzt erst, wo ich für den Druck des vierten Bandes meines ›Kosmos‹ Ihre schöne, so ungemein lehrreiche Abhandlung über die Schloßenbildung benutze, Ihnen meinen innigsten Dank darbringe. Es ist eine Freude zu sehen, wie an allem, was Sie berühren, im Organischen wie am Unorganischen, wo sich Formzüge entdecken lassen, Ihre Genialität überall Neues aufzufinden und zu begründen weiß. Noch ehe wir Potsdam verließen, hatte ich dem vortrefflichen König die Freude gemacht, Ihre graphische Darstellung des Phänomens vorzuzeigen. Ihre Arbeit mußte mich um so mehr interessieren, als schon[271]  vor meiner amerikanischen Reise 1797 ich in einem kleinen Aufsatze ein Bayreuther Hagelwetter beschrieben habe mit abgeplatteten Sphäroiden ... usw.

Mit alter Liebe und Verehrung
Ihr treuer Al. Humboldt.«


  Amazon.de Widgets
Und so hatte denn also auch diesmal sonst schlechterdings niemand im Winter einen Gedanken von dem, was im Sommer bevorstand. Selbst im Äußern war die Gesellschaft sehr bewegt, und auch uns zogen teils ein paar Konzerte, welche die Lind (jetzt Lind-Goldschmidt) für die Armen veranstaltete und wo wieder einige Lieder mit ihrer allbekannten vollen Zauberkraft wirkten, teils manche interessante Vorkommnisse des Theaters mehrmals aus unserer Einsamkeit hervor. Das merkwürdigste Ereignis im letztern war, daß Mozarts »Idomeneo« zum Januar neu einstudiert wieder erschien.
Dergleichen Werke, mit welchen der Genius zuerst von dem schweren Stoff, aus dem auch er gemacht war, sich losringt, sind sehr bedeutungsvoll! – Ist denn nicht jeder solcher Geist insofern einem Vulkane gleich, daß er, mit dämonischer Macht aus den breiten schweren Schichten seines Zeitalters sich mühsam heraufarbeiten muß! – Nicht sogleich nämlich brechen und heben sich die schweren Massen, es gibt Widerstand zu überwinden, nur allmählich wölben sich die Dome vulkanischer Kegel herauf, und nur nach und nach dringt auch die geistige Macht des Poeten hindurch; aber beide bilden dafür auch die größten Höhen, jene die Chimborassos und Himalajas und diese die Gipfelpunkte aller Poesie. Werden doch auch beide deshalb von ihrer Mitwelt meist nur schwer begriffen, mit der sie vielmehr stets einen Kampf durchzuarbeiten haben; ihre wesentlichste Wirkung kommt erst der Nachwelt zugute. – Auch in diesem »Idomeneo« ist so eine der frühesten Erhebungsperioden von Mozarts Genius[272]  nachzuweisen. – Als Ganzes wird er in unserer Zeit nie mehr als einen Succés d'estime beanspruchen können, aber nichtsdestoweniger treten sehr große Erscheinungen darin hervor. Es war mir besonders merkwürdig, wie hier und da gewisse tiefsinnige Kombinationen der Musik schon ganz den spätern Mozart verkünden, ja es gibt für jeden, der die spätern großen Werke des Meisters im Kopfe hat, einzelne Gänge, gewisse Modulationen, bestimmte musikalische Gedanken, welche man entschieden früheste Keime mancher Melodien des »Don Juan«, »Figaro« und anderer Sachen nennen möchte und welche auch so, und zwar immer halb unbewußt, in seinem Geiste sich weiter entwickelt haben. Als das Vollendetste möchte ich nächst der Ouvertüre das große Quartett im dritten Akte und den mächtigen, so groß gehaltenen Trauerchor hervorheben.
Mit all diesem gab denn auch im Frühjahr 1854 bald der eine, bald der andere poetische, dramatische oder musikalische Genuß ein Gegengewicht gegen so manche ernste und schwere Lebensaufgabe, und es war nicht bloß der Genuß an und für sich, sondern (wodurch ja oft erst dergleichen die rechte Folge und das innerlich fortbildende Moment erhält) die durch unsern Dresdener Kreis intelligenter Freunde dargebotene Gelegenheit, einzelnen Einwirkungen solcher Art in guten und wiederholten Gesprächen weiter nachzugehen und sie mehr und mehr auf den rechten Standpunkt der Betrachtung zu erheben, was solche Genüsse fruchtbar machte. Daß übrigens unter diesen Gesprächen diejenigen mit der so oft leidenden und daher selbst die meisten jener Genüsse entbehrenden Frau von Lüttichau, auf deren feine Auffassung und treffendes Urteil mich früher schon Ludwig Tieck vorbereitet hatte, gemeiniglich die interessantesten waren, wird man wohl glauben; nur konnte es nicht fehlen, daß dem Arzte hierbei oft auch manche Befürchtungen kommen mußten über[273]  das Leichtverletzliche und Drohende einer in diesem Maße zartbesaiteten Organisation; wie ich mich denn besonders erinnere, daß mir eine solche Ahnung fast zur Vision wurde, als ich, an einem dieser schönen Frühlingsvormittage auf einem Geschäftswege über den alten romantischen Johanneskirchhof in der Nähe ihres Hauses, einst gewahr wurde, wie diese zarte schwankende Gestalt dort zwischen verfallenden Grabmonumenten einsam sinnend hin- und herschritt. Waren doch auch ihr selbst einzelne Ahnungen dieser Art gar nicht fremd, ohne dabei in irgendeiner Weise sich schreckhaft zu erweisen oder die ruhige Heiterkeit ihres einfachen Lebens zu stören.
Was übrigens den ebenerwähnten, alten, von Fliederbüschen, Rosen und schattenden Bäumen umwachsenen Kirchhof betrifft, so war er damals wirklich eine der am meisten poetischen Schönheiten von Dresden.
Ich kann nie über den kleinen, nun bald gänzlicher Zerstörung preisgegebenen Johanneskirchhof wandeln, ohne hier und da stehenzubleiben, um die alten, zum Teil geschmacklosen und doch durch ihre Verwitterung, halbe Versenkung und umgebende Pflanzenwucherung so malerischen Monumente zu betrachten und dabei des immer wieder von neuem aufkeimenden Hoffnungsgrüns über den Gräbern schwermütig zu gedenken oder an den in alten Zeiten gepflanzten frei umhergewachsenen Bäumen, selbst in ihren noch kahlen Ästen, mich zu erfreuen. – Neue Kirchhöfe mit der Masse ihrer vielfältigen bunten und steifen Denkmale gereichen dem Schönheit suchenden Auge oft zur wahren Qual, dagegen gibt es aber selten etwas mehr Malerisches und mehr die Gedankenzüge einer melancholischen Phantasie Anregendes als einen so ganz alten Kirchhof, der selbst dem Begrabenwerden sich zuneigt.
Wie gleicht nun da die alles verschmelzende, alles harmonisch[274]  umfassende Natur selbst die grellsten Gegensätze aus, wie beseitigt sie die langweilig parallelen Linien der aufgerichteten Epitaphien, wie nimmt sie hinweg alles goldene Flitterwerk und allen bunten Putz, mit welchem eine wohl verzeihliche Eitelkeit noch oft selbst die Totenmale umgibt! – Im bemoosten Grün neigen sich dann die dunkeln Steine, ihrem natürlichen Flechtenschmuck und den angemessenen Farben der Verwitterung wiedergegeben, auf den einsinkenden Gräbern melancholisch gegeneinander! Freundlich umwuchern Gräser und Kräuter die Trümmer zerfallender Platten und Urnen; alles schroff hervorgehobene Einzelne hört auf, und die große einfache Harmonie eines allgemeinen stillen Naturlebens zieht die Gesamtheit aller besondern Gedenksteine in ihren einen friedlichen Schoß.
Mir kamen heute eigene Gedanken, als ich wieder dieses stille Bild überblickte! – Steht nicht – sagte ich mir – die Geschichte der Menschheit in gleicher Weise über allen den einzelnen Menschen und allem ihren Wirken! – Wie arbeitet der Sterbliche nicht – und er soll so arbeiten –, seine Individualität herauszubilden, das von seiner Geistesrichtung, was er als das Prägnanteste, Eigentümlichste an sich selbst anerkannt hat, mit möglichst scharfen Zügen ins öffentliche Leben einzusetzen, ja ihm seine Sonderheit auf alle mögliche Weise zu behaupten – und doch! Wie gleicht nachher die Zeit immerfort daran aus, wie verwischt sie die Härten all solcher einzelner Wirkungen, wie weiß sie aus so unzähligen, oft schroff sich widersprechenden Ansichten und Werken zuletzt eine einzige, aber allgemeine Förderung ihrer mächtigen höhern Zwecke hervorzurufen! – Kann etwas den Mut, sich im Ganzen zu fühlen und die Menschheit als ein Ganzes zu ehren, fortwährend aufrichten und kräftigen, so sind es Betrachtungen dieser Art! Und notwendig wendet sich dann zuletzt[275]  immer wieder der Gedanke gegen jenes höhere ewige Mysterium, aus dessen geheimnisvollen Einstrahlungen doch zuerst, ja allein dem einzelnen die Kraft kommt, als Individualität recht entschieden und stark sich zur Geltung zu bringen, und von dessen kosmischer ewiger Umschließung und Entschließung es denn doch auch immer wieder bedingt wird, daß all diese noch so unendlich verschiedenen Laute und Stimmen zuletzt durchaus in eine einzige große Harmonie zusammentönen und so erst auch wirklich sich vollenden!
1
  Amazon.de Widgets
 Eine Art von Fortsetzung des Brockhausschen Konversations-Lexikon. Der Aufsatz erschien später (1856) als eigene Schrift unter dem Titel »Über Lebensmagnetismus und über die magischen Wirkungen überhaupt«.
2 Es war der russische Staatsrat von Adelson, dessen an unheilbarer Brustkrankheit verstorbene Tochter ich noch im vorigen Jahre gepflegt hatte.




VI.










[276] In meinem eigenen Hause blieb zwar das Leben fortwährend in gewohntem Gange, doch das »Organon« wuchs nun mehr und mehr seiner Vollendung entgegen, und indem mich auch dies abermals an so manche darüber geäußerte Gedanken von Frau von Lüttichau erinnert, kann ich nicht umhin, hier doch auch die Notiz beizubringen, daß jene merkwürdige Stelle über das unbewußte Seelenleben, welche ich in der zweiten Ausgabe der »Psyche« als Anmerkung beigefügt habe, ebenfalls einem ihrer Denkbücher entlehnt ist, als welche überhaupt einen solchen Schatz feiner und tiefgehender Bemerkungen enthalten, daß es im höchsten Grade erwünscht sein würde, wenn ein sattsam befähigter Geist aus diesem reichen Vorrate einst die zweckmäßige Auswahl träfe und veröffentlichte.
Indem ich nun zu meinen eigenen Arbeiten zurückkehre, muß ich doch sagen: es wäre jedenfalls unrecht, wollte ich hier zwar der Entstehung des ebengenannten »Organon« so ausführlich und wiederholt gedenken und nicht zugleich besonders hervorheben, daß in dem gegenwärtig besprochenen[276]  Jahre 1855 nun endlich auch die große, vor dreißig Jahren begonnene Arbeit meiner »Erläuterungstafeln für vergleichende Anatomie« zu ihrem völligen Abschluß gelangte; ein Werk, welches ich mit seinen 74 großen Kupfertafeln und 1076 Figuren das größte und vollständigste der gesamten Literatur komparativer Anatomie nennen darf und das ich freilich ohne Ottos, d'Altons und einiger anderer Mitarbeiter Hilfe schwerlich zu vollenden vermocht hätte. – Kommen ja doch in jedem reichern Leben von Zeit zu Zeit Perioden vor, wo man nach einer oder der andern Richtung einen Haltpunkt setzen und sich abgrenzen muß – so also ich hier für meine vergleichenden anatomischen Forschungen, denen ich mich zwar bereits seit einem Jahrzehnt nach und nach mehr entfremdet fühlte, jetzt aber erst vollständig Lebewohl sagte.
Dabei traf es sich nun gut, daß eben in dieser Zeit ein weitläufiger Verwandter von mir, ein Enkel jenes Friedrich August Carus, bei welchem ich noch vor 50 Jahren Psychologie gehört hatte, in Leipzig den Lehrstuhl der vergleichenden Anatomie (den ich eigentlich im Jahre 1811 dort zuerst aufgerichtet hatte) nun zu übernehmen begann, ja auch dort durch ein Buch über »Morphologie« sich sehr vorteilhaft bekannt gemacht hatte. Diesem Professor, namens Victor Carus, bestimmte ich daher nun (gleichsam um für mich selbst die Versuchung zur Rückkehr in solche frühere Studien gänzlich aufzuheben) auch die Verwaltung meiner gesamten vergleichend anatomischen Präparate, fertigte über diese Sammlung eine Schenkungsakte an die Leipziger Universität aus und erhielt von dieser alsbald ein besonderes und förmliches Danksagungsschreiben; denn da bisher unsere einzige Landesuniversität noch keine Art von vergleichend anatomischem Museum besaß (ein Mangel, den ich für die Ehre sächsischer Wissenschaftsbestrebungen schon lange schwer empfunden[277]  hatte), so mußte ihr freilich die wirkliche Begründung eines solchen als ein wichtiges Geschenk erscheinen, wenn auch die Sammlung an und für sich keineswegs so sehr bedeutend genannt werden durfte. – Damit ich nun aber gleich alles Weitere über diese Angelegenheit hier vollends zusammenfasse, so füge ich noch bei, daß im Herbst vorigen Jahres Professor Victor Carus selbst hierherkam, das Verzeichnis der Präparate vollendete, selbige bestens packen ließ und sie so, in zehn großen Kisten, durch die Eisenbahn nach Leipzig sendete, allwo sie jetzt, neu aufgestellt und schon mannigfaltig vermehrt, hoffentlich noch manchem eifrigen Studiosus zugute kommen soll.

  Amazon.de Widgets
Nach all diesem gegenwärtig mich wieder zum Jahre 1855 wendend und ohne jetzt noch insbesondere auch meiner damaligen praktischen Tätigkeit zu erwähnen, welche, obwohl sie jetzt schon nicht mehr den Umfang der früheren Jahre ganz erreichte, doch immer noch bedeutend genug blieb, um fortwährend meine ärztliche Erfahrung zu vermehren, kehre ich mich nun auch noch einmal gegen meine künstlerischen Bestrebungen, die nach wie vor, von Zeit zu Zeit, jene geistige Erfrischung mir darzubieten nicht verfehlten, welche bei immer fortgesetzter einseitiger Geistestätigkeit im höhern Alter nur gar zu leicht nachläßt, ja endlich wohl gänzlich vermißt wird.
Es waren aber namentlich vielfältige Phantasmagorien, wie sie zumal in stillen Dämmerungsstunden mir durch den Kopf gingen, welche sich häufig in der Form von Kohlenzeichnungen fixierten, an sich aber jetzt auch viel an Konzentration und Durchbildung gewonnen hatten.
Von ganz besonderer Wichtigkeit war es mir ferner, als einige Monate später der Vater dieser Kunstgattung für Deutschland, Professor Schirmer, Direktor der Kunstschule zu Karlsruhe, selbst hier eintraf und sofort durch[278]  Freund Hübner mir zugeführt wurde. Er brachte nebst Hübner und Rietschel einen Abend bei uns zu, sah meine Zeichnungen mit aufrichtiger Teilnahme und vielem Interesse durch und zeichnete zum Andenken und um noch manche Vorteile der Behandlung mir deutlich zu machen, vor meinen Augen in Zeit einer reichlichen halben Stunde selbst eine Waldpartie bei untergehender Sonne von meisterhafter Wirkung, ein Blatt, welches noch jetzt meinem Portefeuille zu besonderer Zierde gereicht und viel beigetragen hat, fortwährend die Lust zu erhalten, manchen solchen Wolkenbildern der Phantasie eine etwas dauerndere Existenz zu bereiten.
War dies nun schon für mich eine große Genugtuung, so erwartete uns alle in der Stadt auch insofern eine besondere Freude, als das neue Museum, insoweit es die Gemäldegalerie einschließt, jetzt eben eröffnet und somit zum allererstenmal auch für den Winter zugänglich gemacht worden war. – Schon seit ein paar Jahren war ich mit Spannung diesem allmählich immer weiter vorrückenden Baue gefolgt, noch im letzten Sommer schon, ehe man noch einzuräumen begann, hatte ich an der einfachen großartigen Pracht der Eintrittshalle mit ihren geschliffenen Porphyrsäulen mich gefreut und an der Anlage der groß und frei aufsteigenden Treppe sowie der durchaus trefflich erleuchteten Säle mich geweidet, aber nun war ja alles wirklich fertig! – Eingezogen in diese Prachträume und frisch gereinigt, leuchteten die lange gekannten Bilder in solchem Oberlichte wie durchaus neue Erscheinungen und eröffnet war somit ein würdiger, für Jahrhunderte vorhaltender Tempel der Kunst, in vornehmer und doch zugleich vollkommen liberaler Weise! – O gewiß, in einer Welt, wo so selten irgend etwas recht Genügendes und Vollständiges reif wird, ist es allzeit ein erquickender und stärkender Genuß, in solchen Atmosphären das Auge[279]  nach vollem Belieben läutern und baden zu können. Datiert denn doch auch die Gedankenfolge, aus welcher späterhin jener Aufsatz über die Sixtinische Madonna sich gestaltete, der bei Künstlern und Gelehrten sehr viel Anklang fand und ein ganz neues Moment in diesem wunderbaren Werke Raffaels aufdeckte, ganz aus diesen Tagen; denn die neuen Räume und das so viel schönere Licht ließ manches jetzt klar erkennen, was früher sich der Betrachtung großenteils entzogen hatte.


Indes, gleichsam als sollte es nicht genug sein an diesem erhöhten Genuß alter Meister, so trat fast zu gleicher Zeit ein merkwürdiges Kunstmeteor der Jetztwelt hervor in der Person der Ristori, welche in der ersten Hälfte des Monats November mit ihrer italienischen Gesellschaft durch den Kunstsinn und die Liberalität des Intendanten, Herrn von Lüttichau, viermal hier auftrat und an allen drei Abenden, da ich sie sah, mich so eigentümlich erregte, daß ich viel darüber niederschrieb.
Es geht mir mit dieser Frau wie mit Italien selbst. Als ich es zum erstenmal sah, stieß es mich fast ab, um späterhin aber mich aufs höchste zu begeistern. Das Vorwalten der Nationalität in der Ristori bringt mich zurück auf Betrachtungen über Nationalität in der Kunst überhaupt. Wenn man sagen darf, daß unter den höhern Stämmen der Menschheit der Deutsche für das Denken, der Franzose für das Sprechen, der Engländer für das Tun in besonderm Maße ausgestattet sei, so muß man dafür dem Italiener vorzugsweise das Expressive der schönen Gestalt lassen und ihm zugestehen, daß selbst auf seinen untersten Stufen kein anderes Volk diese Naturgabe habe, in den Betonungen der Worte wie in den Gesten allen und jeden Vorgängen des Gemütslebens Offenbarung im Äußern geben zu können. Ein solches Vermögen wächst nun natürlich mit der Vollendung der Organisation; und[280]  von hier aus übersehe ich nun erst vollkommen das ungeheuere Talent dieser Frau, wo Gedanken und Gefühle gleichsam ein inneres Feuer werden, welches das ganze Körperliche zu durchglühen und zu durchleuchten auf das beste geeignet bleibt.



VII.










[281] Die letzten Wochen des ablaufenden Jahres hatte ich der Ausarbeitung eines Vortrags über »Lebenkunst« gewidmet. War mir doch der Begriff einer Kunst, das Leben überhaupt würdig zu führen – es nicht nur zu schützen gegen tausend Zufälligkeiten, Schwächen und Schädigungen, sondern überhaupt seinen innern Gehalt schön und tüchtig herauszubilden, seit lange schon als eine, ja geradezu als die wichtigste Aufgabe des Menschen erschienen, freilich aber in diesem Sinne so gut wie gar nicht bisher bearbeitet worden. Allerdings fehlte es daher nicht an Gesundheitskatechismen, Diätetiken, Makrobiotiken usw., aber dies alles war weit entfernt von dem Sinne, in welchem ich mir eine wahre Lebenkunst ausgeführt dachte, welche dann keineswegs allein das Körperliche, sondern den ganzen Menschen – und zumal das, was uns in ihm das Wichtigste sein soll, das Seelische – ins Auge zu fassen haben würde; eine Aufgabe, für welche sich mir sogleich die uralten, von tiefer Weisheit eingegebenen Sprüche vom Tempel zu Delphi als wichtigstes Teilungsprinzip für die einzelnen Abschnitte entgegendrängten.
Daß ich nun übrigens gerade jetzt an die Ausführung einer solchen Arbeit ging, dazu gab der überall segensvoll hinwirkende Sinn der Königin Maria die nächste Veranlassung. Diese hohe Frau nämlich hatte gewünscht, den[281]  Frauenvereinen des Erzgebirges für Linderung dortigen Notstandes unter andern auch dadurch Unterstützungen zuzuführen, daß mitunter Vorträge gehalten würden, deren Ertrag dann jenen Vereinen übergeben werden könnte. Auch ich war zu einem Vortrage dieser Art aufgefordert worden, und nachdem mich wie gesagt das obgenannte Thema schon längst besonders interessiert hatte, widmete ich ihm hier zunächst eine kürzere Durchführung, bis späterhin dasselbe in mehr erweiterter Form1 auch dem größern Publikum zugänglich geworden ist.
Die erste kürzere Bearbeitung trug ich zunächst einem kleinen Kreise im Hause von Frau von Lüttichau vor, wo ich mich großer und allgemeiner Zustimmung erfreute. Es war der letzte Abend, den ich mit all den Meinigen in der Nähe dieser geistig so eigentümlich einwirkenden Freundin verlebte, und wer hätte damals nicht glauben sollen, daß eine so vielseitig durchgebildete und lebendige Individualität noch auf viele Jahre die Zierde ihres Hauses bleiben müßte, obwohl es so ganz anders in den Sternen geschrieben stand.
Am 3. Januar 1856 hatten wir in meinem Hause noch einmal Gelegenheit, das tiefsinnige Werk von Sebastian Bach, dessen bereits früher gedacht worden ist (Konzert auf drei Flügeln mit Quartettbegleitung), zu bewundern, zugleich aber zu beklagen, daß gerade Sachen dieser Art, in welche man sich eigentlich erst durch vielmaliges Hören wirklich einarbeiten kann, so selten gehört werden. – Es ist nämlich ohne Widerrede mit den Repetitionen in der Musik überhaupt eine ganz eigene Sache! Und ich habe wohl kaum je mehr mich überzeugen können, daß der selige Kotzebue ein, zumal hinsichtlich der Musik, höchst[282]  vernachlässigter Geist war, als bei einer Stelle, wo er sich darüber lustig macht, daß die Musiker sich so häufig erlauben, durch ein Wiederholungszeichen einzelne Sätze zweimal (ja zuweilen mehrmal) repetieren zu lassen. Gerade so (meint er), als wenn ein Dichter anordnen wollte, daß gewisse Strophen oder Verse seines Gedichts immer zwei- oder mehreremal gelesen werden sollten. – Die Sache ist aber die, daß alle Musik, eben weil sie eigentlich an sich keiner Worte bedarf, sondern am besten bloß »in süßen Tönen« denkt, ganz notwendig Repetitionen gewisser Sätze (zum Beispiel der ersten Hälfte des ersten Satzes einer Sonate oder eines Quartetts) haben muß, nur damit dieses sich tiefer einprägen und der Geist nun besser folgen kann, wenn der darauf kommende Satz nun den vorhergehenden in vielfachen und reichen Modulationen aufs neue durchgeht und in reizenden Verschlingungen es uns vorstellig werden läßt, welchen Reichtum von Gedanken eigentlich schon die Melodien des ersten Satzes enthalten hatten. –
War doch überhaupt jener Winter in engen und weiten Kreisen vielfach mit Vorträgen und Vorlesungen bedacht! Und in all diesen heitern Unternehmungen nun brach ganz unerwartet am Morgen des 1. Februar jenes traurige und höchst erschütternde Ereignis hervor ...: der plötzliche Tod von Frau von Lüttichau! Es war ein Tod, welcher so schnell erfolgte, daß bei meiner Ankunft, die doch fast unmittelbar nachher statthatte, nicht das leiseste Lebenszeichen mehr vorhanden war und eine rasch noch geöffnete Ader kein Blut mehr ausgab.
Gewiß, das ganze Wesen dieser Frau war ein durchaus merkwürdiges und seltenes! – Es wurde mir einige Zeit später noch ein Blatt von ihrer Hand bekannt, wo sie schreibt: »Ich fühle, daß es jeden Moment mit mir aus sein kann. Dies ist das Krankhafte, was seit zwei Jahren[283]  durch mein Leben geht und wovon mich kein äußeres Raisonnement mit allen scheinbar gewichtigsten Gründen abbringen kann, weil es meine innerste Empfindung ist. Wie der recht gesunde Mensch sich selbst innerlich nicht fühlen muß, in demselben Maße fühle ich umgekehrt immerwährend meinen ganzen Organismus, wie er abwechselnd erregt und abgespannt ist, jeden Nerv, ja ich möchte sagen das innere Getriebe der ganzen Maschine. Daher auch ein ewiges Vibrieren; Tonschwingungen wie auf Aeolsharfen von den Elementen erregt, und so ist mein ganzes Leben vor Gott nur wie ein kranker Hauch. Durch Konstellationen, durch wunderbare Fügungen wird dies Wesen äußerlich zusammengehalten, daß es nicht zusammenbricht in Atonie aller Kräfte. Wie man sprichwörtlich sagt, das Leben hänge an einem losen Faden, so fühle ich es immer organisch in mir: ein Schreck, jeder Zufall, jedes Ereignis, ja ein Gedanke könnte mich töten, denn meine ganze Vitalität hat sich im nervösen System konzentriert, und so hat Carus recht, wenn er mich zuweilen eine Spinnwebennatur nennt.«


  Amazon.de Widgets
Im Frühjahr 1856 trat mein »Organon der Erkenntnis der Natur und des Geistes« ans Licht; ein Buch, dessen Ausarbeitung ich in den letztverflossenen zwei Jahren alle meine besten Mußestunden gewidmet hatte und dessen Inhalt viel mit denkenden befreundeten Geistern durchgesprochen worden war. Es lag jetzt übersichtlich vor und gab mir das eigen befriedigende Gefühl, in diesen reinen, ja abstrakten Regionen doch nie den Boden eines gewissen, im höhern Sinne organischen Gedankenganges aus den Augen verloren zu haben. – Von außen fehlte es zwar nicht an Widersachern, welche insbesondere eine Art handwerksmäßigen philosophischen Machwerks vermißten, durch dessen nebelhaften Nimbus man (ganz im Gegensatz[284]  freier platonischer Dialoge) in unsern Tagen so oft Philosophie vom Leben gänzlich absperren möchte. Übrigens lag jetzt noch immer auf unserm Familienleben eine eigene trübe Stimmung, teils durch alles Vorhergegangene, teils durch ein Erkranken meiner nun schon uns allen sehr liebgewordenen Schwiegertochter, wodurch wir Eltern namentlich um die Erwartung eines Enkels uns getäuscht sehen sollten. Meine gute und treffliche Frau insbesondere wurde von all diesem schwer angegriffen, so daß ich natürlich um so lieber jede Gelegenheit zu ergreifen pflegte, wodurch irgend Bewegung in solche stagnierende und oft weit um sich greifende Zustände gebracht werden konnte.
Glücklicherweise boten bald zwei ungesucht herantretende Umstände Veranlassung dar, einige größere Lebendigkeit in unser stilles Leben einzuführen. Der eine wurde gegeben dadurch, daß Freund Reichenbach die eben jetzt ein paar Tage in Dresden weilende Ida Pfeiffer, die durch ihre vielen und weiten Wanderzüge berühmt gewordene Reisende, einst bei uns einführte und mit ihr zusammen ein kleines Mittagsmahl bei uns annahm; und das andere war, daß ich mich zu einer Konsultation nach Berlin eingeladen fand, wohin eine früher selbst Dresden bewohnende und meines ärztlichen Rates hier genießende Familie, welche eben durch eigene Krankheitszustände schwer beunruhigt wurde, mich dringend verlangt hatte.
Bevor ich sodann übrigens jenem Rufe zu einer ärztlichen Beratung nach Berlin folgte, traf es sich auch noch, daß am Palmsonntag wieder jenes wunderbare Werk Beethovens, die neunte Symphonie, aufgeführt wurde, und nachdem ich schon früher davon immer aufs nachhaltigste angeregt worden war und auch manche Gedanken darüber niedergeschrieben hatte, so sollte ich doch diesmal wieder eine neue Erfahrung dabei machen! – Die schweren Verluste,[285]  die die verflossenen Jahre uns gebracht hatten, mußten notwendig auch manches in mir umgestimmt und vertieft haben und – wie es zuletzt jedes ernste Mahnen des Schicksals soll – war der Geist zwiefach empfänglich geworden für großartige Rührungen der Seele und näheres Verständnis des eigentlichen Pathos, dessen rechte Fülle und Erhabenheit in dem großen Adagio vielleicht auf gewaltigere und mehr unmittelbare Weise zutage bricht als in irgendeinem andern Kunstwerke, welches von Menschen geschaffen worden ist.
Unmittelbar nach Ostern ging ich also auf einige Tage nach Berlin, sah täglich die Familie, welche früher schon eine Reihe von Jahren vertrauensvoll und sehr zu ihrem Besten meinem Rate nachgelebt hatte, und verwendete die übrigbleibende Zeit dazu, möglichst von alledem Kenntnis zu nehmen, was mir in so weniger Zeit erreichbar werden konnte und mich schon oftmals interessiert hatte.
Daß niemand in dieser Beziehung mir näherstand als mein lieber alter Freund Rauch, kann man denken! – Sorglich hatte der Treffliche schon vor meiner Ankunft im Hotel Nachfrage über mein Eintreffen gehalten und verdankte ich ihm denn auch bei diesem kurzen Verweilen die reichsten und besten Stunden. – Sein größtes Werk, das Monument Friedrichs des Großen, sah ich erst diesmal ganz vollendet im Freien und kann nicht sagen, wie eigentümlich es so in reinem frischem Morgenlicht auf mich wirkte! – Es wird immer eins der außerordentlichsten Werke bleiben, die in dieser Art aus dem Geiste eines Künstlers hervorgegangen sind.
Sobald ich frei war, holte mich denn der treue Freund selbst ab, um mich zunächst in die Kunstwelt einzutauchen. – Zuerst in sein Atelier! Was war da nicht alles wieder geschaffen worden! An die Marmorgruppe »Moses, Hur und Aaron, den Sieg herabflehend auf ihr Volk«[286]  legte er eben die letzte vollendende Hand. Ferner gedieh da eine Nymphe, in Marmor lebensgroß und schön durchgeführt, sehr zur Freude meiner Augen, und ebenso taten es die mannigfaltigen Wiederholungen seiner Viktorien. Sodann sah ich zum erstenmal seinen »Kant«, seine schöne Marmorbüste Alexanders von Humboldt, jene prächtig gegossenen und ziselierten alten Könige von Polen und so manches andere, was denn alles beitragen wird, seinen Namen mit unvergänglichen Zügen in die Tafeln der Kunstgeschichte einzuzeichnen.


Ein zweiter Gang mit ihm galt dem Neuen Museum, wo er mich mit Herrn von Olfers bekannt machte, welcher mir alsbald einen Einblick in die damals sich erst vervollständigende, so überaus schön und zweckmäßig eingerichtete und mich besonders interessierende ethnographische Sammlung gab, mich auch zugleich das nunmehr in seiner Ausstattung ganz vollendete Ägyptische Museum bewundern ließ und einiges Neuangekommene, besonders Wichtige mir dort bemerklich machte. Es ist wirklich höchst anerkennenswert, welche Summen und mit wie großartigem Sinne sie hier verwendet werden, um jeden, der über diese Fächer Arbeiten vorhat, es zur unerläßlichen Pflicht zu machen, gerade hierher seine Studien zu wenden! – Namentlich muß ich noch einmal auf die ethnographische Sammlung zurückkommen – diese tausendfältigen Jagd-, Fischerei- und Kriegsgeräte, mit denen der Mensch auf so verschiedenen Kulturstufen und unter so verschiedenen Himmelsstrichen das kurze Leben zu erhalten, zu zerstören oder zu bereichern bemüht ist, die mannigfaltigen Arten der Wohnungseinrichtung und Kleidung, die Erleichterungsmittel des Verkehrs usw., zu wieviel bald ernsten, bald humoristischen Betrachtungen geben sie nicht Veranlassung! Gedanken, die uns deshalb hier um so leichter kommen, weil die Gegenstände in ihrer musterhaften[287]  Anordnung (so sind zum Beispiel gleich die Schränke für die Produkte der verschiedenen Weltteile jedesmal durch verschiedene Farben bezeichnet) hier so gar übersichtlich vorliegen und der Vergleichung untereinander sich gleichsam von selbst darbieten.
Und wie vieles war nun ferner in den eigentlichen Museumsräumen, seit ich nicht hier war, teils fertig geworden, teils neu entstanden oder angekauft worden! Unter letzterm gab nichts mehr zu denken als die Plastik der alten Assyrer mit ihren seltsam kolossalen geflügelten Stierkörpern, ihren unendlich gekräuselten Bärten, ihren wunderlich historischen Reliefs von Jagden, Schlachten und Belagerungen und ähnlichem mehr. Dachte man dabei an die hohe Einfachheit griechischer Kunst, wie sie dann kaum ein halbes Jahrtausend später in der Periklesperiode Griechenlands sich kundgab, so kamen einem unfreiwillig auch Parallelen genug, bald aus der Geschichte der Poesie und bald der Malerei in die Gedanken.
Unter den Werken Kaulbachs, welche großenteils auf mich die mächtigere Wirkung als Kartons geübt hatten, befriedigte mich in Farbenton und meisterhafter Ausführung doch eigentlich allein vollkommen die Hunnenschlacht; denn sehr eigentümlich fand ich dort das Visionsartige des Ganzen mit echt künstlerischer und eigen plastischer Durchführung im einzelnen merkwürdig verbunden.
Doch ein besonderer Genuß stand mir jetzt immer noch bevor, denn der treffliche Rauch führte mich nun auch zum erstenmal in das neue Kupferstich- und Handzeichnungskabinett und machte mich mit dessen Direktor Herrn Schorn bekannt und ließ mich nur die Kürze der Zeit beklagen, welche hinderte, mehr als einen ganz flüchtigen Überblick hier gesammelter Schätze zu nehmen. So kam es daher, daß ich eigentlich von vielem hier diesmal[288]  Nur ein einziges, aber ganz vortreffliches Blatt, und zwar von Ruisdael, in den Gedanken behalten habe – eine schwach kolorierte und getuschte Federzeichnung –, die Aussicht auf alte kleine Stadtgärten und seltsame baufällige Hintergebäude in einer kleinen holländischen Stadt wiedergebend. Alles, was in solchen einfachen Gegenständen an Meisterhaftigkeit, Originalität und interessanter Auffassung des Ganzen geleistet werden kann, dürfte man hier als gelungen aussprechen, und als ich endlich, nunmehr meinen sonstigen Tagesaufgaben nachgehend, mich verabschieden mußte, hatte ich doch die Befriedigung, wieder einmal einen ganz neuen und durchaus naiven Eindruck eines früher nicht gekannten Kunstwerks erhalten zu haben.
Ein anderer Tag war von mir in seinen Freistunden für Besuche mehrerer alter Freunde bestimmt; ich sah Ehrenberg, Weiß, von Raumer und den Nestor aller, Alexander von Humboldt; ja ich sah hier den letztern und Geheimrat Weiß zum letztenmal, denn in nicht allzu langer Zeit schon nahm sie beide der Tod hinweg. Alexander von Humboldt war mit mir und einigen andern, wie ja sonst täglich, an jenem dritten und letzten Tage in Berlin nach Charlottenburg zur königlichen Tafel befohlen. Als ich ihm jedoch noch vor Tisch meinen Besuch machte, vertraute er mir, daß er diesmal durch eine Geburtstagsfeier im Mendelssohnschen Hause abgehalten sei zu erscheinen, worüber mir übrigens später noch eine hübsche kleine Begebenheit erzählt wurde, die ich um so mehr hier aufbewahren möchte, als sie für die (oft vielfach angegriffene) Gemütsseite in Humboldt gewiß bedeutungsvoll genannt werden darf. Seit langer Zeit nämlich war Humboldt, wie vielen vornehmen Berliner Häusern, auch dem Mendelssohnschen Hause, ja diesem besonders, befreundet. Einmal nun kommt er zu Mendelssohn und sagt ihm beiläufig,[289]  wie ihm das Unangenehme begegnet sei, daß das Haus, in welchem er seit lange wohne (Oranienburger Straße 67) verkauft worden und er somit zum Ausziehen genötigt werde. – Nun, wer irgendeinmal bei Humboldt war, weiß, wie sehr seine ganze zweite Etage mit Büchern, Herbarien, Karten, Naturalien, Bildern, mathematischen und physikalischen Apparaten usw. überfüllt zu sein pflegte, und ahnt deshalb, was für einen fast Neunzigjährigen es heißen müsse, da an Ausziehen zu denken! Indes, Mendelssohn spricht diesmal nicht weiter darüber, und beide trennen sich wie gewöhnlich. Nach einigen Tagen kommt indes Mendelssohn zu unserm Nestor und sagt ihm, er möge sich beruhigen und nicht an Ausziehen denken, er habe das Haus sofort selbst gekauft, und je länger er es bewohne, um so mehr werde es ihm Freude machen. Mit Darangeben mehrerer Tausende hatte also dieser echte Freund dem andern die Ruhe der Wohnung erhalten, und dieser hatte eine solche wahre Freundestat so fest im Gedächtnis behalten, daß er von nun an um so fester und inniger der Mendelssohnschen Familie attachiert blieb. – Übrigens fand ich diesmal Humboldt trotz seiner 88 Jahre sehr munter und wie immer sehr mitteilend und lebendig. Er wollte mich gern veranlassen, den Abend mit zu Frau von Bülow zu kommen, wo ich auch die schöne Caggiotti, jene Malerin, welche ihm ihr Bild verehrt und das seinige gemalt hatte, kennenlernen sollte, doch mußte ich leider absagen, da am andern Morgen meine Rückreise bestimmt war.

  Amazon.de Widgets
Noch am Tage vor dem Charlottenburger Diner hatte mich Rauch übrigens diesmal hinausgefahren in die mit Recht berühmten Borsigschen Gewächshäuser; und sie mußten mir merkwürdig sein, teils an und für sich – denn sie waren im neuesten Stil, hauptsächlich von Eisen, mit eisernen Galerien und Treppen erbaut und mit den seltensten[290]  und prächtigst gehaltenen Orchideen, buschigen und baumartigen Farnkräutern sowie mit Palmen und neuholländischen Pflanzen erfüllt – teils aber auch durch ihre Begründung ganz im Fleiße, in der Anstelligkeit, Geschäftskenntnis und überhaupt recht eigentlichen Tüchtigkeit eines einfachen Bürgers, eines Mannes, dessen Vermögen und Fabriken bei seinem Tode auf 6 Millionen Taler gewürdigt wurden und nun unter Leitung eines rüstigen Sohnes immer noch reichlich sich vermehrten.
Nach Charlottenburg war diesmal auch Rauch eingeladen, und so fuhren wir denn zusammen hinaus, fanden uns in den angenehmen Räumen dieses kleinen Schlosses an einer Tafel von 21 Personen, unter welchen außer den sich mir auch diesmal sehr huldreich zeigenden Majestäten Graf und Gräfin Dönhoff, Graf Finkenstein und Graf Dohna schon bekannt waren, während ich außerdem noch den kunstliebenden Grafen Raczynski sowie Professor Curtius (welcher vor seinem Abgange nach Göttingen sich hier noch einmal eingeladen fand) nun kennenlernte. Übrigens hatte ich nach der Tafel noch die traurige Aufgabe, hier wieder, wie früher bei von Raumer, teils der Königin selbst, teils Gräfin Dönhoff, die nähern Umstände des Todes von Frau von Lüttichau mitteilen zu müssen, hatte aber auch die Befriedigung, mich von der vollen Anerkennung dieser bevorzugten Individualität überzeugen zu können.
Und doch gab es jetzt noch auf meiner Rückfahrt mit Rauch nach Berlin ebenfalls ein schmerzliches Thema durchzusprechen, nämlich das über die Gesundheit dieses teuern Freundes selbst. – Aus manchen Anzeichen hatte ich nämlich bei ihm schon früher Verdacht geschöpft, daß er einer ernsten Kur bedürftig sein werde, da das Bild des Leidens, welches ihn nur ein paar Jahre später wirklich hinwegraffte (bei der Autopsie fanden sich nicht weniger[291]  als neun ziemlich große Blasensteine), sich durch manche Infirmitäten dem Erfahrenen schon mit ziemlicher Bestimmtheit andeutete. – Ich benutzte diese kleine Fahrt dazu, ihm dringend zuzureden, einer genauen Untersuchung sich zu unterwerfen und zu dem Ende baldmöglichst nach Dresden sich zu begeben, wo ich ihm einen vorzüglichen Arzt für gerade diese Leiden, empfehlen würde, erhielt auch ein vorläufiges Versprechen in dieser Beziehung; allein seine große Tätigkeit, die Menge von Kunstideen, die ihm noch vorschwebten, das Gewicht der Zeit vorzüglich, alles dies machte, daß er später dies Versprechen weiter und weiter hinausschob – bis endlich – wie die Welt weiß – es leider zu spät war und wir ihn selbst verloren.
1 In dieser Gestalt erschien das Ganze 1862 bei Türk in Dresden unter dem Titel »Die Lebenkunst nach den Inschriften des Tempels zu Delphi«.




VIII.










[292] So rückten wir denn nach und nach wieder in das volle Frühjahr 1856 hinein und verlebten vom Juni an wieder eine Reihe von Wochen in Pillnitz, wo ich nun, seit vorigem Jahre, durch eigene Umstände bestimmt worden war, noch ein zweites kleines Gut unmittelbar neben dem schon lange besessenen ersten anzukaufen und neu einrichten zu lassen. Es war nämlich nahe daran, daß diese Nebenbesitzung, welche ein nicht unbedeutendes Stück Feld und Garten enthielt, in die Hände von Spekulanten übergegangen wäre, welche es dann würden parzelliert haben, so daß um mein altes Grundstück her bald manche mir sehr unliebe Neubauten würden aufgestiegen sein, mir aber dadurch nach und nach alle Freude am Eigentum verdorben worden wäre. – Da es also möglich war, jetzt um mäßigen Preis das Nebengut zu erhalten, so hatte ich es sofort angekauft, hatte auch das fast zerfallende Haus[292]  neu aufrichten lassen und erhielt nun für mich und die Meinigen, besonders an diesem Feld und Garten ein Stückchen Landwirtschaft, welches der Familie erwünschte Zerstreuung gab und auch manchen Nutzen für die Zukunft in Aussicht stellte.
Und so kamen hier noch einige andere interessante Begegnungen vor! – Ich rechne dahin zuerst, daß meine ärztliche Tätigkeit mich neben andern [1857] in nähere Berührung mit Frau Ottilie von Goethe, Goethes Schwiegertochter, und deren Schwester Ulrike von Pogwisch brachte und daß mir daraus eine Menge lieber und bedeutender Erinnerungen an Weimars schönste Zeit erwuchsen, indem sie, bei einem gewissen geistreichen Pli des vorigen Jahrhunderts, so erfüllt waren von Reminiszenzen jener großen Periode, daß nun durch sie, zumal da es gelang, bei meiner ärztlichen Behandlung manche Verbesserung kränklicher Zustände herbeizuführen, auch in vieler Beziehung für uns alle beigetragen wurde, das Trübe und Schwere dieses Winters zu lindern. – Ein zweites hierher Gehöriges brachte ein deutscher Physiker, Dr. Fritzsche; früher in Dresden angestellt und jetzt in Petersburg als kaiserlich russischer Staatsrat sich einer schönen Wirksamkeit erfreuend, war er wieder von der Regierung nach Paris gesendet worden, um allen neuen Erfindungen seines Fachs nachzuforschen, Stoffe und Apparate anzukaufen und so stets das Neueste und Beste davon nach der nordischen Hauptstadt zurückzubringen. Er hielt sich eine kurze Zeit hier auf, und so erwarb auch ich mir einen Einblick in diese wichtigen Neuigkeiten. Einer der interessantesten und jetzt auch schon im großen bereiteten Stoffe war damals das Metall der Tonerde – Aluminium –, eine Substanz von eigentümlicher Leichtigkeit und einem weichen milden Silberglanz; ebenso neu waren Ichthyne und Chitine, aus organischen Stoffen[293]  gezogen, sodann verschiedenes an neuen Mikroskopen, Manometern, mikroskopisch-photographischen Bildern usw. – Mir fiel bei alledem die Stelle des »Faust« ein:


  Amazon.de Widgets
Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein; –
Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.

Um diese Zeit beendete übrigens jetzt unser Rietschel auch die Schiller-Goethe-Gruppe für Weimar und gab mir manche Gelegenheit, diese große und schwere Aufgabe sowohl als die Eigentümlichkeit und Schönheit ihrer Lösung zu verfolgen. Ich freute mich damals besonders über ein Wort von Ulrike von Pogwisch, welche ich zum Besuche des nun vollendeten Gipsabgusses des Ganzen veranlaßt hatte und die in ihrer eigen lebendigen Art nun ausrief: »Das ist recht goethisch!«; ein Wort, das mehr in sich schließt, als die meisten bei dessen erstem Klange wohl denken mochten! Ist es doch keine Kleinigkeit, wenn ein Künstler, und noch dazu ein innerlich so schwer erkrankter1, die lastende Wucht irdischer Materie so weit bändigen und verfeinern soll, daß von den Stirnen der Bilder solcher Dichterfürsten, wie sie Deutschland schwerlich jemals wiedersehen wird, der göttliche Funken dergestalt hell wiederleuchtet, daß ein großes Volk darin seine wahren Dioskuren der Poesie anerkennen darf! – Denn gewiß, gegen den Bildhauer, wie ätherisch leicht ist denn der Stoff des Dichters, ja selbst des Malers! – Ich habe immer mit eigenen Gedanken zusehen müssen, wenn für solche Kolosse die großen Eisengerüste und die zentnerweise verbrauchten Tonmassen nötig wurden, um nur erst bis dahin zu gelangen, daß überhaupt eine wirklich[294]  menschliche Form anfing aus chaotischen Zuständen hervorzuleuchten! – Und all das muß überwunden werden, ehe es nur zum Anfangen der Lösung der eigentlichen und höchsten Aufgabe kommen kann!
Indem ich somit hier einmal bei künstlerischen Gedanken verweile, erinnere ich mich, daß die Kunstwelt zur selben Zeit auch durch eine Aufstellung vom Karton des Jüngsten Gerichts von Cornelius vielfach aufgeregt war. Die einen, völlig in die Grundsätze der Nazarener versunken, erhoben das Werk zum Himmel, während die andern, an den schroffen und oft wirklich unschönen Formen Anstoß nehmend, es ziemlich laut als eine Art von Verirrung bezeichneten und herabsetzten. – »Was mich betraf«, schrieb ich damals, »so mußte ich wohl anerkennen, daß wie in vielen andern seiner, so auch in diesem Werke der ernste, große, durch und durch tüchtige Stil mir einen sehr bedeutenden Eindruck hinterließ, und wird dies Ganze dereinst groß ausgeführt, so muß es gleich den übrigen Kartons zum Campo santo, welche der Künstler mir früher in Berlin selbst vorstellte, einen Eindruck machen, der an den der ›Divina commedia‹ des Dante wesentlich heranreichen kann. Andererseits jedoch konnte auch ich nicht bergen, daß zwischen ernster religiöser Erhebung und mönchischer Kirchensatzung doch stets ein scharfer Gegensatz anzunehmen bleibt und daß das Ideal, dem gerade hier Cornelius offenbar zustrebt, mir doch großenteils mehr auf der Seite der letztern als der der erstern zu liegen scheint. Ist nun aber das der Fall, so kommt es freilich zuletzt allemal auch leicht dahin, daß nun wirklich jene besondern Satzungen zum trockenen, harten Kreuzesholz werden, woran der lebendige Leib des Kunstlebens nur gleichsam wie zur Strafe geschlagen wird; was denn zuletzt mit meinen Begriffen von Kunst und Erhebung durch das Kunstwerk freilich wenig übereinstimmen könnte.«[295] 


Übrigens wird man jedenfalls dies eben angeführte Fragment noch besser verstehen, wenn ich nun beifüge, daß in jenen Tagen zugleich die neue, so vollendete Aufstellung der in so ganz anderer Weise erhabenen Sixtinischen Madonna auf unserer Galerie zustande kam, mich in höchstem Grade in Anspruch nehmend, ja mich eigentlich zuerst zu jenem ziemlich viel gelesenen und zunächst im Jahrbuch der Schillerstiftung abgedruckten Aufsatze über dies Bild begeisternd. Es ging dies nämlich so zu, daß ich mich einst bei Majestät dem König in einigen Besprechungen gerade über diese Aufstellung verbreitete, mir halb unwillkürlich der Ausruf entfloh: »Dies ist doch eigentlich das erste Bild der Welt!«
Schon im Fortgehen, und noch mehr in stiller Stunde zu Hause, fragte ich mich dann: Hast du auch nicht zu viel ausgesprochen, und läßt sich ein so hohes Wort auch wirklich beweisen?
Natürlich knüpften sich jetzt daran viele Betrachtungen – alles, was ich in langen Jahren über dies Bild gedacht, an wirklich Gutem gehört und selbst ausgesprochen hatte, besonders die wunderbare, fast mystische Eigenschaft des Bildes, gegen alle Regel der Perspektive drei Horizonte zu enthalten und doch so ganz als Einheit zu erscheinen, strich an meinem Geiste vorüber, und dies war dann das Material, aus welchem jener Aufsatz entstand, ein Aufsatz, den ich alsbald den Galeriedirektoren und Professoren wie sämtlichen ersten Autoritäten des hiesigen Kunstlebens vorlas und der als Beweis für die Wahrheit des zuerst ausgesprochenen Wortes allgemeine Billigung fand und noch findet.
Übrigens sollte mich dieser Aufsatz jetzt auch noch in persönliche Beziehung mit einem Manne bringen, dessen literarische Verdienste ich schon lange in Ehren hielt, dem ich aber zufällig im Leben noch nicht begegnet war –[296]  mit Varnhagen von Ense. Ich hatte ihm einen Abdruck jenes Aufsatzes zugesendet, und er schrieb mir mit besonderm Dank zurück, zugleich anzeigend, daß er in kurzem nach Dresden kommen und mich besuchen würde. – Wirklich hatte ich somit diesmal gehofft, nun ihn öfter zu sehen, und doch beschränkte sich zuletzt das Ganze auf einen Abend, den er in Gesellschaft mehrerer Freunde bei mir zubrachte. Die Eisenbahnen gewöhnen die Menschen an eine gewisse Hast, der nur zu schwer einiges Verweilen abgekämpft wird!
Varnhagen ist vier Jahre älter als ich, etwas kränklicher Natur, aber von guter, bedeutender Kopfbildung, die Stirn mehr breit als stark vorgebaut; im Munde viel Feinheit des Ausdrucks; die Augen wohlwollend, das lange weiße Haar gibt ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit Thorwaldsen.
Da ihm meine Betrachtungen über unsere Galerie zuzusagen schienen, so las ich den Abend meine Aufsätze über Ferdinand Bol und Claude Lorrain, woran sich dann manche interessante Gespräche knüpften. Auch bei unserm kleinen Herrensouper war er ganz heiter. Ich habe ihn aber später nie wiedergesehen.

  Amazon.de Widgets
Ich hatte bei ihm außerdem meine eigenen Gedanken über seine Rahel, deren Erinnerungen er mir schon im Jahre 1833 zugeschickt hatte. – Mochten sie wohl manches Wunderliche haben, aber es finden sich doch auch viele tiefe Gedanken bei ihr. Den folgenden habe ich immer hoch angeschlagen:
»Das Fühlen ist etwas Feineres als das Denken. Das Denken hat das Vermögen, sich selbst zu erklären, das Fühlen kann das nicht und ist unsere Grenze, und diese Grenze sind wir selbst, es weiß nur, daß es existiert. Mit Grenzen ließe sich alles definieren; die Grenze aber, die das nicht mehr erlaubt, umschließt unser eigenes Wesen und ist folglich ein Teil von uns.«[297] 
Man wird aber nun schon aus den im vorigen aufgeführten mannigfachen Kunstbetrachtungen abnehmen können, daß der Fluß unsers eigenen Familienlebens, nachdem vorher des Schweren viel überstanden worden war, in all dieser Zeit still und befriedigend dahinging; denn auch darin gleicht das Leben des Sterblichen dem Gewässer, mit dem schon Goethe es einmal so schön verglichen hat, daß all solche Spiegelungen des Äußern im Leben wie im Wasser nur bei innerer Klarheit und ruhiger Oberfläche sich erzeugen.
Noch, waltete ja damals in meinem freundlichen Hause die sorgliche Hausfrau, meine treue Lebensgefährtin; den beiden geliebten Töchtern Mariane und Karoline zur Seite stand noch, außer meinem ältern, als Arzt nun schon so tätigen Sohne mit seiner lieben Frau, ein jüngerer kräftiger Bruder. Alles erfreute sich eines leidlichen Wohlseins, und eben diese jetzt eingetretene Ruhe nebst liebevollen oder besonders ehrenvollen Einladungen bedingte es denn auch, daß ich in diesem Jahre, und zwar zuerst schon für den Frühling und dann für den Herbst zu Ausflügen mich entschloß, deren Erinnerungen mir noch vorliegen und die vielleicht am besten geeignet sein möchten, die gesamte bunte Reihe aller dieser Lebensbilder jetzt abzuschließen.
Beide Ausflüge richteten sich nach der Gegend, von wo ich vor ziemlich einem halben Jahrhundert gen Dresden ausgezogen war, und indem so gerade ein ganzer Rundgang der Lebensspirale sich von ungefähr hier wieder erfüllte, möchten die Aufzeichnungen von beiden – einem kürzern nach Leipzig selbst und einem nicht viel längern nach Weimar und Jena – gegenwärtig wohl die passendste Gelegenheit geben, von meinen freundlichen Lesern Abschied zu nehmen und alles hier Mitgeteilte fernerer, wohlwollender Teilnahme zu empfehlen.
1 Wir verloren ihn ja nur drei Jahre später, trotz allem, was die Kunst für seine Erhaltung versucht hatte, im Februar 1861, nachdem er vorher, im Dezember 1857, noch den Tod von Rauch überleben mußte.








IX.

[298] Von dem ersten der gedachten Ausflüge, wobei ich in mein altes Leipzig und dessen schöne Waldungen wieder eintauchte, ist mir eigentlich der Eindruck der ewigen in aller Stille und Schönheit sich immer wiederherstellenden Natur der wichtigste geblieben. – Zurückgekehrt nach Dresden schrieb ich am 19. April 1858:
Als ich gestern im klarsten feinsten Frühlingsmorgen unter manchen wissenschaftlichen Gesprächen mit Victor Carus durch das Rosental wanderte, war meine Seele still für sich freudig versenkt im Schauen dieses Waldes, wo die feingeriefte Rinde alter knorriger Eichen in ihrem grünlichen Anfluge feuchter Waldesluft und in ihrer vor blauem Himmel schön aufstrebenden Verästung den anmutigsten Kontrast bildete zu den jüngern Stämmen und dem jugendlichen Grün frisch knospender Sträucher! – Alles, was mich schon in jungen Jahren hier so oft festgehalten hatte, es wirkte mit neuem Zauber auf mich, ja ich darf sagen, bewußtvoller und reiner als damals.
Mit voller Macht drängten sich mir heute jene trefflichen Worte Schillers hervor, mit welchen ich einst schon meine »Briefe über das Erdleben« eröffnete und die ich hier, weil sie für ihre Bedeutung lange nicht bekannt genug sind, nochmals einfüge:
»Wie wohltätig ist uns doch die Identität, dieses gleichförmige Beharren der Natur! – Wenn uns Leidenschaft, innerer und äußerer Tumult, lange genug hin- und hergeworfen und wenn wir uns selbst verloren haben, so finden wir sie immer als die nämliche wieder und uns in ihr. Auf der Flucht durch das Leben legen wir jede genossene Lust, jede Gestalt unsers wandelbaren Wesens in ihre treue Hand nieder, und wohlbehalten gibt sie uns die anvertrauten Güter zurück, wenn wir kommen und sie[299] wiederfordern. Wie unglücklich wären wir, die wir es so nötig haben, auch die Freuden der Vergangenheit haushälterisch zu unserm Eigentum zu schlagen, wenn wir diese fliehenden Schätze nicht bei dieser unveränderlichen Freundin in Sicherheit bringen könnten! Unsere ganze Persönlichkeit haben wir ihr zu danken. Denn würde sie morgen umgeschaffen vor uns stehen, so würden wir umsonst unser gestriges Selbst suchen!«
Auch das Dorf Gohlis, wo wir noch die Anstalt des Dr. Kern besuchten, der dort das milde Werk der Pflege und Vermenschlichung blödsinniger Kinder übt, hatte doch großenteils das Siegel altgemütlicher Zustände sich erhalten, zumal dort an der Mühle, wo alte Brücken und Bäume in früher Zeit oft Versuche im Zeichnen veranlaßten und wo noch jetzt im Frühlingskleide und im Sonnenlicht gar anmutige Bilder sich ergaben.
Als wir dann wieder zurückgingen und dahin kamen, wo ein großer Wiesenplan sich weithin in den Wald hineinerstreckt, einigte sich das Ganze noch einmal zu einem recht echten Bilde des Frühlings dadurch, daß ein paar Störche durch den blauen Himmel zogen und endlich, unter breiten Flügelschlägen ihres glänzend schwarz und weißen Gefieders sich auf eine junge Eiche niederließen. – So schlossen sich also überall die neuempfangenen Eindrücke von dieser Waldnatur auf das würdigste den frühesten Erinnerungen aus meiner Knaben- und Musenzeit wieder an! –
Wir wendeten jetzt noch ein paar Tage dazu an, teils in einigen Touren zu Wagen durch Stadt und Vorstädte die vielen Erweiterungen, Neubauten und neuen Stadtteile kennenzulernen, mit denen Leipzig sich erweitert und verschönt, teils suchte ich mehrere seit meiner Zeit neu eingetretene Universitätsprofessoren, wie Mettenius (im Botanischen Garten), Wunderlich, Günther, Credé, Coccius[300] und Ruete auf, sah, wie außerordentlich viel seit jenen Jahren geschehen war, um ein gründliches Studium der Medizin zu erleichtern, besuchte die Bibliothek unter Hartenstein und Gersdorf sowie die von mir begründete Sammlung für vergleichende Anatomie unter Victor Carus, und führte endlich die Meinigen teils in die Gemäldesammlung, welche künftig das zu erbauende Museum in sich schließen soll, teils eines Abends zum Theater, wo ich mich doch, trotz des schlechten Stücks und alten Hauses, wohl erinnern konnte, daß ich einst, das heißt im Sommer der Jahre 1809 und 1810, in ebendiesen Räumen mit allem Enthusiasmus der Jugend, den schönsten Vorstellungen jener unter Goethe selbst herangebildeten Weimarischen Truppe gelauscht hatte.
Unter den für das Museum bestimmten Gemälden übte neben dem »Napoleon« von Paul Delaroche und jener merkwürdigen »Findung Mosis« von Papety, auf welcher der ägyptische Rassentypus in der Gestalt der Königstochter mit so viel Feinheit wiedergegeben ist, der Monte Rosa von Calame wieder ganz seine frühere Anziehung aus. Das Bild ist mehr wie alle, die ich sonst von diesem Meister kenne, mit außerordentlichem Studium gemalt! – Man ist hoch auf felsiger Alpentrift, in blauer klarster Luft des frühesten Morgens, nur die höchsten Eisgipfel des Berges leuchten im reinen scharfen, ersten Sonnenstrahl, dessen tiefer fallendes, schon mehr gebrochenes Licht orangefarbig über die Felsmassen des Mittel- und Vordergrundes streift, ja in dem klaren kalten Alpenwasser der Mitte sich hier und da widerspiegelt. Alles, was man von Erhabenheit, Einsamkeit, Stille und Größe in erster Frühe auf solcher Alpe empfindet, man fühlt es lebendig werden bei diesem Bilde! –
Diese wenigen Leipziger Tage waren somit schnell vorüber, und bevor ich nun den zweiten Ausflug, den nach[301] Weimar, des weiteren erzähle, gedenke ich noch vor und bei unserm diesjährigen Sommeraufenthalt in Pillnitz zweier berühmter musikalischer Persönlichkeiten, die uns durch ihr Näherherantreten erfreuten: der Garcia-Viardot und der Johanna Wagner.
Die erstere hatte ich bei einem Diner unsers Generalintendanten des verwitweten Herrn von Lüttichau nebst Herrn Viardot, ihrem Gemahl, kennenlernen; eine uns befreundete lebhafte junge Polin, Comtesse Kamienska, hatte ihr viel von meinen kranioskopischen Sammlungen und meinen Kohlenzeichnungen erzählt, und so kam es, daß sie um die Mitte des Monats Mai mein Haus besuchte und einen Abend bei uns zubrachte. – Ihre eigentümliche Persönlichkeit, mir vom Theater her längst bekannt, wurde mir nun auch im einzelnen deutlicher. Sie stammt aus spanischem Blut, ist in Paris geboren, wo sie eine höchst sorgfältige musikalische Erziehung genoß, und hat so die Höhe dramatischer und Gesangesleistung erreicht, durch welche sie ohne ausgezeichnete Schönheit durch geniale Auffassung und Reichtum des Geistes eine europäische Berühmtheit geworden ist. Es war interessant zu beachten, wie die lebhafte, anmutige Frau auf alle Mitteilungen über ungewöhnliche Schädelbildungen und manche merkwürdige Totenmasken einging; am meisten jedoch ergriff sie offenbar der besondere, zuweilen eigen mystische und phantastische Charakter dieser Kohlenzeichnungen, die sie zuletzt so elektrisierten, daß sie einmal naiv genug ausrief: »Mais vous êtes un grand peintre sans le savoir!« – was mir denn wohl zu eigenem Amüsement gereichen mußte. Indes habe ich doch zu bemerken, daß auch Herr Viardot, der viel unter Künstlern lebt und namentlich oft auf seinen Reisen Geschäfte für die Galerie des Louvre macht, ebenfalls von der Eigentümlichkeit dieser Sachen sehr ergriffen wurde und große Freude hatte, als[302] ich eins der hübschesten Blätter Madame Viardot verehrte. Abends nach dem Tee wurde der Flügel geöffnet, und da unser alter musikalischer Freund, Konzertmeister Schubert, gerade sein Instrument mitgebracht hatte und Madame Garcia zum Gesange sich nicht disponiert fand, so war sie dagegen gleich bereit, ein paar meiner Lieblingssonaten Mozarts (die sie übrigens noch nie gespielt hatte) unter Violinbegleitung vorzutragen, damit aber nicht minder reiche Gelegenheit zur Bewunderung ihrer vollkommenen Beherrschung auch dieser Töne zu geben. Gewiß, sie brachte die eigene tiefe Schönheit dieser Sachen in entschieden ernster und trefflicher Weise ans Licht und gab darin die beste Probe darüber, daß das Echte der Kunst ihr wirklich aufgegangen war.
Wir sprachen denn noch viel über Paris, und so wenig ich die Erfüllung voraussah, mußte ich versprechen, sie dort zu besuchen.

Es war im Juli darauf, da war Johanna Wagner in Dresden und gab wieder einmal die ihr so wohl anstehende Rolle der Elisabeth im »Tannhäuser«. Wir – damals in Pillnitz – fuhren nach der Stadt, erfreuten uns in hohem Grade an einer trefflichen Aufführung dieses trotz mancher Wunderlichkeiten immer wieder gern gehörten Werks, und bald darauf sollte uns nun auch der Genuß zuteil werden, in den kleinen Räumen unsers Pillnitzer Landhauses jene treffliche Künstlerin als Liedersängerin zu bewundern! – Es hieß bei ihr wirklich »Nomen habet omen!« – Sie hat in ihrer schlanken nobeln Gestalt, in den reinen freien Zügen ihres klaren Angesichts und dem schönen blonden Haar etwas, das gut steht zu dem Namen »Johanna«, und dabei deutet eine eigene harmonische Ausbildung ihres Kopfbaues (namentlich in unverkennbar kräftiger Entwicklung des Okzipitalwirbels) auf jene[303] Künstlerenergie hin, ohne welche ja nie wirklich vorhandene Anlagen zu voller Blüte sich entwickeln werden.

Jetzt wäre also noch von dem zweiten Ausfluge dieses Jahres – dem zu dem dreihundertjährigen Jubelfeste der Universität Jena – zu berichten, für welches mir im Auftrage seiner königlichen Hoheit des Großherzogs Karl Alexander durch dessen Kammerherrn, Walther von Goethe, insbesondere eine Einladung zugegangen war.
Erkannte ich doch auch hier gewissermaßen einen eigenen Rundgang der Lebensspirale; denn nachdem ich als Knabe schon ein paar Wochen in Jena besonders gemütlich verlebt hatte, sah ich als junger Professor Jena wieder auf meiner ersten italienischen Reise vor dem Besuche bei Goethe; diesmal aber zuletzt in höherer Lebensstellung und schon nahe den siebziger Jahren.
Möge somit der nachstehende Auszug aus einigen, auf diesem Wege und unter so viel neuen Begegnungen niedergeschriebenen Blättern ebenfalls als eine nicht ganz unwillkommene Vervollständigung dieser Denkwürdigkeiten betrachtet werden! –
Ich war nachmittags, den 14. August 1858, mit der gewöhnlichen Eisenbahn direkt von Dresden nach Weimar gefahren, wurde abends dort durch Professor Preller freundlichst empfangen und fuhr am nächsten Morgen mit einem in Auftrag des Herrn von Goethe parat stehenden bequemen Wagen nach Jena, von wo ich denn zuerst einige Notizen aufgezeichnet finde:

Jena, 15 August mittags

Ich sehe mich hier unerwartet in hübscher, fast häuslicher Umgebung und wohne im Thurmschen Hause, wo man mir höflichst das Gastzimmer zediert hat. – Früh bei der Ausfahrt von Weimar stand ein Regenbogen über der[304] freundlichen reinlichen Stadt! Der Morgen deutete auf Gewitter, war aber warm und schön, und in anmutiger Gegend führte der Weg erst durch Lindenwaldung, dann über Bergrücken und Dörfer und zuletzt über ein hübsch Stück Thüringer Gebirge gegen Jena dahin. Endlich einen felsigen Waldweg zu Fuß hinabsteigend, kam ich halb zehn Uhr hierher, wo die Straßen mit frischer, akademischer Jugend, die eben unter ihren Führern sich zum Kirchenzuge ordnete, erfüllt war. Ganz Jena wie ein Hochzeitshaus – Flaggen, Kränze, Wappen, Girlanden ohne Ende!
Dann, leider – strömender Regen! Trotzdem führte mich eine hübsche Tochter meiner Hauswirtin nach dem Kieserschen Hause, und ich traf den alten Herrn, indes etwas unfestlich, fast gleich dem auf dem Blocksberge, welcher die Worte vernehmen läßt:

Und weil mein Fäßchen trübe läuft,
So ist die Welt auch auf der Neige.

Nichtsdestoweniger hatte er doch die Güte, mich über mehreres zu orientieren, reichte mir das Festprogramm usw. – Einladungskarten zu den Diners und Soirées hatte ich schon in meiner Wohnung vorgefunden.

[Jena,] 16. [August] vormittags

Gestern halb zwölf, als die Sonne wieder auf die nassen Straßen schien, rief mich meine artige Nachbarin in ihr Zimmer, wo die Festzüge bequem übersehen werden konnten.
Bürgerschützen voraus, dann Bruder Studium (wie Johann Friedrich einst zu Cranach sagte) im höchsten Glanz, mit blanken Schlägern und fliegenden Federbüschen und Fahnen. – »O Traum der Jugend, o goldener Stern!« – Dann die Geistlichen, der Rat, die Dekane[305] und der Prorektor mit vielen Fremden. – Als dies vorüber, geleitete mich mein kleiner Genius durch allerhand Straßen und Gäßchen nach einem Hause am Markte, zu welchem mir Kieser ein Kärtchen gesendet hatte, drei Treppen hoch, in die Wohnung Professor Hilgenroths, dessen Damen nebst Gästen mich freundlich aufnahmen und reichlichen Überblick des festlich geschmückten Marktes gewährten, in dessen Mitte die noch verhüllte Statue des Kurfürsten Johann Friedrich (Gründer der Universität) ihrer Enthüllung harrte. – Mein neues Opernglas, dessen Mechanismus hier fast so fremd war wie den Wilden eine Uhr, fand größten Beifall, und so füllten sich nun vor unsern Augen der Markt und die Tribünen; der alte Hausberg sah freundlich über die Häuser herein, und Tauben flogen über den stehenden und sitzenden Zuschauern als fliegend zuschauende Boten.
Die Rede von Professor Seebeck hallte uns nur unverständlich herauf und war jedenfalls länger als recht. Endlich fiel unter Jubel die Hülle, und da stand der alte Fürst mit seinem Schwerte (statt dessen vielleicht die Feder ihm besser geeignet haben möchte) ganz würdig auf hübschem, vielleicht etwas zu dünnem Postamente.
Wir empfahlen uns dann, und ich schmückte mich jetzt zu Hause für das große Diner, welches um drei Uhr im neuen stattlichen Bibliothekgebäude bestellt war, dessen oberer Saal jetzt statt aller Bücher nur noch auf größter Tafel die vielen Festgeschenke der Universität sowie unter Dekorationen schöner Pflanzen die Büsten der Berliner Philosophen enthielt, welche die Prinzessin von Preußen zum Feste gesendet hatte.
Bald füllte sich jetzt der Saal mit Gästen und Gelehrten der verschiedensten Länder. Ich traf unter vielen andern Staatsrat Fritzsch und Fürst Odojewsky aus Petersburg, die Minister Herrn von Seebach aus Gotha und Herrn von[306] Larisch aus Altenburg und lernte hier denn auch Schöll selbst kennen, dessen rühmlicher Tätigkeit wir so viel Aufschlüsse über Goethe und Erhaltung so vieler Reminiszenzen an ihn verdanken.
Endlich erschien der Großherzog, dem mich der Minister von Watzdorf alsbald vorstellte. Er hatte befohlen, daß ich an den Tafeln von 300 Gedecken an seiner Tafel neben den Dekanen der Universität, in deren Mitte der Prorektor dem Großherzog gegenübersaß, Platz erhalten sollte, und so kam ich denn zunächst zu sitzen neben dem Dekan der Medizinischen Fakultät, Professor Ried, einem sehr tüchtigen Chirurgen. An Rieds anderer Seite saß der Dekan der Juristen, Professor Guyet, ein genialer heiterer alter Academicus, mit welchem es bald ebenfalls interessante Gespräche gab. Ein gutes Orchester regalierte nebenbei die Gesellschaft mit Werken von Weber, Liszt und andern. – Der Großherzog erhob sich alsdann und brachte der Universität das erste Hoch, das der Prorektor Luden sogleich bestens erwiderte, worauf Herr von Wächter und die Herren von Watzdorf und Seebach folgten, welcher letztere den Künstler Drake (den Fertiger der Bildsäule des Kurfürsten Johann Friedrich) leben ließ, sowie dieser selbst nun auch auftrat, um sich zu bedanken (dem jedoch gleich früher unserm Rietschel auch mehr Bildner- als Rednertalent gegeben schien). Ferner mußten auch wohl einige unberufene Toastbringer zur Ruhe gebracht werden; ein paar Studenten kamen dann zum Großherzog, um mit ihm anzustoßen und zu trinken; kurz, das Gebraus der Stimmen verstärkte sich mehr und mehr! – Nach 6 Uhr erhob sich der Großherzog, und so konnte auch ich mich entfernen, um zu Hause mich umzuziehen und dann noch einen stillen Abendspaziergang über die alte große Saalbrücke zu machen.
Es ist doch unglaublich, wie dieses gute Jena so stabil und[307] gemütlich in seinen Umgebungen bleibt! – Unter dunkeln Abendwolken glühte ein spätes Rot, die Saale rauschte durch die Bogen der Brücke, die immer noch gerade so grau aussahen wie vor 58 Jahren, als ich sie als Knabe überschritt, oder vor 37 Jahren, als ich auf dem Wege zu Goethe und nach Italien einen Tag in Jena blieb. – Wenn irgendwo, so ist an diesen Thüringer Bergen wirklich alles beim alten geblieben! Nichts von der Glätte moderner Industrie und Ostentation, und doch in aller Weise eine naturwüchsige, anmutige Umgebung.
Welche Bilder würden sich hier fassen lassen! Man sieht oft Dinge, ganz wie aus den alten radierten Blättern von Dürer, und selbst, als ich nun in die Stadt zurückkehrte und den Festbogen über der Brücke betrachtete, wie er so naiv und ungeschickt aus bloßen Fichtenzweigen auferbaut etwas schief, aber gut gemeint dastand, daneben die kleinen stillen Häuser! Alle doch wenigstens mit ein paar Kränzchen und einigen Schleifen, ja hier und da auch wohl mit einer Fahne verziert, dazu endlich die sinkende Dämmerung und heimkehrende einzelne Landleute; es war alles so deutsch und kindlich wie möglich!
Nach halb acht Uhr wanderte ich wieder aus, um einen versprochenen Besuch bei Frommanns zu machen und dann zur Soirée im Rosensaale mich zu begeben. Bei ersterm verfehlte ich leider Fräulein von Pogwisch, die schon nach Weimar zurückgekehrt war, die Soirée selbst suchte ich dann lange vergeblich, dabei mehrfach gekreuzt von großen Fackelzügen und akademischer Jugend, geriet sogar zuletzt statt in den Rosensaal in das Bierhaus der Rose, so daß längst neun Uhr vorbei war, bis ich endlich das Ziel meiner Wanderung erreichte. –
Der Morgen ist heute schön, aber sehr warm, und so nahm ich mir zunächst vor, das Monument Johann Friedrichs nun recht genau anzusehen und dann die Stadtkirche mir[308] aufschließen zu lassen, wobei abermals mein artiger Genius Mitwirkung und Begleitung versprach. – Das Monument betreffend, so wirkt es von links, da die Hand das aufgeschlagene Buch faßt, besser als von rechts, wo die Hand das Schwert (vielleicht etwas zu offiziersmäßig) aufrecht hält. Die Arbeit ist reinlich und schön, der Kopf besonders gut ausgeführt und gemütlich, indes so recht christlich – wie der Herr doch zumalen war – wirkt das Ganze eigentlich nicht.
An der alten Stadtkirche von 1405 betrachtete ich den St. Georg mit eigenen Augen, denn vor langen, langen Jahren hatte ich ihn hier einst fleißigst nachgezeichnet, und wie viel war seitdem anders geworden! Endlich fand sich auch die Frau des Küsters zum Aufschluß der Kirche, und somit gelangte ich nun in diese altersgrauen Räume selbst. Die Anlage der Architektur ist einfach, gut, altgotisch; aber im 17. Jahrhundert hat man das Ganze mit geschmacklos prächtigem Einbau für die Fürstenloge im kannelierten Säulenstil schmählich verunziert. – Eine alte Kapelle wurde auch noch aufgeschlossen, voll verjährter und verstaubter Statuen, Fragmenten von Grabmälern usw., wo vielleicht ein Altertumsverein noch manche Kabinettstücke für sich herausgefunden hätte; für mich freilich war nichts von Wert dabei.
So gingen wir denn noch durch ein paar Straßen, die schon wieder mit vielen geputzten Menschen erfüllt waren und sich wirklich heute so mit ihren Fahnen und Girlanden im hellen Sonnenschein gar lustig ausnahmen.
Meine Führerin, in Wahrheit eine Art von hübschem Gretchen, die einem Faust auch ohne Hexentrank gefallen könnte – sie ist übrigens Braut eines jungen Postbeamten –, fragte mich ganz naiv: »ob in Dresden auch ein Theater sei«, worauf ich dann professormäßig berichtete und wir so unter einigen weitern Erzählungen bald[309] nach Haus gelangten, allwo ich noch die mir gestern von Ried versprochene Bereicherung meiner Sammlung durch die Totenmasken von Eichstädt und Wolff (dem Improvisator) vorfand.
Da ich erst um zwei Uhr zu seiner Hoheit dem Großherzog befohlen war, so kam mir noch der Gedanke, Schillers Gartenhaus aufzusuchen, allein bald ergab es sich, daß im Hause und dessen Umgegend wirklich niemand wußte, wo Schillers Gartenhaus stand. Meine Führerin behauptete, das müsse jenseit des Paradieses liegen, und übrigens würde sie fragen; so daß wir denn die Wanderung nach diesem Paradiese (bekanntlich ein schöner Wiesenplan mit alten Linden an der Saale) wirklich unternahmen. In Wahrheit war es da einigermaßen paradiesisch. Prächtige alte Bäume, der schöne Strom daneben, die helle Sonne darüber, die Berge hoch hereinsehend und vergnügte Menschen darin, was hindert den Musensohn, sich das Paradies etwa in dieser Art zu denken? – Eine stattliche Festhalle nahm dabei auf dem grünen Anger sich gut aus; indes man ging doch auch hier nur eben hindurch, und es war also noch immer nicht das rechte Paradies. – Endlich wurden nun aber genauere Erkundigungen eingezogen, und da hieß es nun, der Denkstein, den Kieser habe setzen lassen, stehe im Garten der Sternwarte. Am Läuterbach unter Felsen und Büschen in warmer Sommerluft führte das hübsche Mägdlein mich jetzt wirklich dorthin, wo sie auch, naiv genug, den Pfeiler, worauf die astronomischen Instrumente gestellt werden, gleich als Denkstein Schillers begrüßte, ich sie aber freilich aus ihrer Täuschung reißen mußte, denn der wahre fand sich gar bald weiter hinten im Garten, unter dunkelm Grün und auf dem felsigen Ufer, unter welchem der Bach rauschte – ein einfacher Felsblock, die Worte tragend: »Hier schrieb Schiller den Wallenstein.« Es war wirklich[310] ein sehr poetisch stiller Ort! – Doch ich mußte jetzt zurück, mich für den Großherzog und zum Diner zu kleiden, und so war denn auch hier wieder alle Poesie schnell verschwunden!
Seine königliche Hoheit sollte ich im Hause des Prinzessinnengartens antreffen, war mir gesagt. – Auch dies ein reizendes Stück Erde, mitten im prächtigen Amphitheater von Jenas Bergen! Und eigen fand ich mich beglückt, hier am schattigsten lieblichen Ort auch noch auf ein sinniges Denkzeichen aus Goethes Zeit zu treffen: eine dreiseitige Stele mit bronzenem Adler darauf, unter welchem auf den drei Seiten die tiefbedeutsamen Worte:

Zierlich denken und süß erinnern,
Ist das Leben im tiefsten Innern.

Irrtum verläßt uns nie, doch ziehet ein höher Bedürfnis,
Leise den strebenden Geist immer zur Wahrheit hinan.

Wem wohl das Glück die höchste Palme beut?
»Wer freudig tut, sich des Getanen freut.«

O Zeit, die solche Worte den Menschen in Fülle heranbrachte! – Ich werde nimmer ihresgleichen sehen!
Endlich gelangte ich auch zu seiner Hoheit dem Großherzoge! Mir wurde ein sehr herzlicher und liebenswürdiger Empfang. Wir saßen lange in seinem kleinen Kabinett, verhandelten über Schiller-Stiftung und dergleichen, und er sprach noch die Hoffnung aus, mich nächstens in Weimar wiederzusehen.
Es folgte nun das zweite große Diner, aber ohne Uniform und ohne den Großherzog. – Abermals Musik, Toaste usw., zuletzt noch Boeckhs Toast auf Humboldt und der Beschluß, diesem sofort solchen Festgruß zu telegraphieren! – Ich profitierte jetzt von der allgemeinen Aufregung, um mich zu entfernen, darf aber nicht verschweigen,[311] daß ich eine wahre Mißstimmung nicht unterdrücken konnte, zu gewahren, daß gerade bei einem Feste dieser Art der weitleuchtendsten Zwillingsgestirne dieses Himmelstrichs – daß man Goethes und Schillers hier mit keinem einzigen Worte gedacht hatte!
Ich beeilte mich nun, zu Hause sogleich meine Sachen zu ordnen, und bestieg alsbald wieder den hübschen bequemen, mir vom Großherzog gesendeten Wagen, nachdem ich mich von der Familie des Hauses (der ich beiläufig noch einen kleinen Kranken beraten hatte) und meiner artigen Führerin dankend verabschiedet hatte, und fuhr nun bei prachtvollstem Abend hinauf in die Berge. Die Sonne sank, Venus und Mond und Mars leuchteten vom reinsten Himmel, es wurde kühl, und halb neun Uhr war ich denn wieder in Weimar. Ich wollte den Abend noch benutzen, um Walther von Goethe und Fräulein von Pogwisch zu sehen, wanderte daher mit einem Lohndiener noch durch den dunkeln Park nach Goethes Gartenhaus, doch fand ich den jungen Herrn von Goethe schon zu Bett, als unwohl. – Fräulein von Pogwisch dagegen traf ich munter am Teetisch, ihr gegenüber Frau Minister von Winzingerode; und so verging der Abend im heitern Gespräch bis fast 11 Uhr, wo ich dann freilich ziemliche Not hatte, mich in den gänzlich dunkeln Straßen mit Hilfe eines heimkehrenden Hauderers, dem ich geduldig nachging, nach meinem Hotel »Zum Erbprinzen« zu finden.

Weimar, 18. [August] früh

Gestern kam der unermüdlich freundliche Professor Preller, der mich zur Wartburg begleiten wird, zeitig zu mir, und: »a Jove principium!« sagte ich. »Gehen wir zuerst zu Goethe in den Park!« – Der Morgen war prachtvoll, und bald standen wir unter den schönen Bäumen vor der kleinen rosenüberlaufenen Halle, wo Steinhäusers Werk,[312] der sitzende kolossale Goethe, mit der kleinen Psyche-Bettina seinen Platz gefunden hat, umgeben von den schönen großen Kartons Nehers und den hier an sich minder bedeutenden kleinern von Schwind. – Ja, wenn das ein Marmorwerk wäre, nur einigermaßen gleich denen der Griechen! – Der antike Stil allein tut es freilich nicht! – Das lahmt überall! Und doch möchte ich gar sehr ein Werk dieser Gattung für diesen Dichter! Könnte nicht, wie der Faust die Helena heraufzieht, ein rechter Magus den Lysippos oder einen ähnlichen dafür heraufziehen?
Echtern Stils dagegen bleibt doch immer dieser Park! Die prächtigen Eschen, Eichen, Linden! Alles da an der Ilm hat Schwung; dabei die lieben alten Erinnerungen: der »Genius huius loci«, das Römische Haus und so viel anderes. – Es war ein schöner Morgen!
Dann noch zu Prellers Atelier, wo hübsche angefangene Bilder und eine noch hübschere (leider etwas taube) Blumenmalerin aus Berlin, Fräulein Ludolf, welche in Aquarell Blätter und Blüten mit viel Sinn und Kunst ausführte. – Daneben auch das Atelier von Wislicenus, bei dem mir, ich weiß selbst nicht warum, Tonsur und härenes Gewand einfiel. Der kleine Karton einer Charitas von ihm gefiel mir am besten. Zu den Bildern möchte Goethe wohl hier und da sein »Hm, hm!« gesagt haben! – Auf dem Rückwege nach meiner Wohnung wanderte ich noch am Hause von Frau von Stein (dort am Park) vorbei – und dann fuhren wir nach der Eisenbahn, um nun im Fluge, über Erfurt und Gotha, am Hörselberge der Frau Holle vorüber, Eisenach zu erreichen, wo wir gegen zwei Uhr eintrafen, etwas genossen und dann auf zur Wartburg stiegen. Zwei sich am Wege präsentierende Eselein wurden bei heißer Sonne mit besonderm Vergnügen begrüßt, und so saßen wir denn, ich im Bibi und Preller im Strohhut, bequem zu Esel, deren jedem ein kleiner Eseltreiber[313] nachlief; und bald blickten wir in die grünen Täler und atmeten Bergluft, während oben die neue hohe Warte uns begrüßte.
Ist doch ein schönes Fleck Erde, dies Thüringerwaldgebirge! – Weithin die Rhön, gegenüber der Meißner, es nahm sich oben aus der Laube des Kommandanten von Arnswald (den ich in Jena beim Feste kennengelernt hatte, der aber jetzt noch nicht zurück war) gar schön aus!
Der Neubau im altbyzantinischen Stile, sei's wie ihm sei, er nimmt sich doch ganz stattlich aus! Und der junge Baukondukteur Tittmann, der hier seit fünf Jahren den Bau im speziellen leitet, war uns ein trefflicher Führer, alles und jedes gründlich zu sehen! – Wir stiegen nach und nach durch Säle und Gänge, angelegte Zimmer für das großherzogliche Paar und über Balkone und Mauerecken, die, einst mit Efeu überkleidet, gewiß besonders einladend sich darstellen werden. War doch überhaupt alles hier nur dankenswert und interessant zu nennen!
Der große Saal mit den reichen bunten Verzierungen näherte sich eben der Vollendung; ein Altan an dessen Ende gibt prachtvollen Überblick nach der Hohen Rhön hin und in die tiefen Waldgründe! – Ich hätte diesen Austritt wohl etwas größer und nischenartig angelegt gewünscht, denn gewiß, dieser Punkt ist zu eigentümlich schön! – Auch Schwinds Bilder mit ihren so großen und schönen Intentionen, die jedoch leider so viel Lückenhaftes in der Ausführung zeigen, wurden aufmerksam betrachtet. Endlich war bis fünf Uhr die ganze Umwanderung beschlossen, die Sonne schien heiß, wir aber schickten uns zum Herabsteigen an, gingen noch an dem kleinen Elisabethbrunnen vorüber (leider hat die Burg ja gar keinen Brunnen, und man richtet deshalb jetzt die große alte Zisterne wieder ein), kühlten uns im gastlichen »Mond« mit Sodawasser und fuhren dann zur Eisenbahn, die uns,[314] nach kleinem Aufenthalt in Erfurt, wo uns eine gar hübsche und lebendige junge Freundin Prellers, Fräulein Soest, eine Schülerin von Liszt, auf dem Perron des Bahnhofs noch heiter die Zeit kürzte, nach Viertel elf Uhr an unsere Station Weimar brachte. Der Lohndiener hatte nun freilich hier vergessen, den Wagen hinzubringen, und so mußte ich mit dem Freunde im Sternenlicht noch eine halbe Stunde zu Fuß wandern, um mein Hotel zu erreichen.

[Weimar,] 18. August mittags

Abermals erschien schon früh wieder der unermüdliche treffliche Freund. Wir verfügten uns zuerst nach der Stadtkirche, wo Cranachs Bilder neuerlich sehr gut restauriert worden sind. – Gewiß, ich war fast geblendet von dem Licht dieser merkwürdigen Tafeln! – Johann Friedrich mit seiner Sibylle (beiläufig gesagt, ein ebenso feines und geistiges Gesicht, wie er breit und nur festgläubig), beide am Betpulte in kleiner drapierter Kapelle! – Was für Luft um diese Gestalten! – Ebenso gegenüber die drei Söhne Friedrichs in ähnlicher Betkapelle. Alle diese Gestalten erscheinen so frei und luftumgeben, wie ich es kaum an irgendeinem Bilde mich erinnere gesehen zu haben. – Zuletzt das große Altarbild: Johann Friedrich, Cranach und Johannes links neben dem Kreuze; ein Blutstrahl sprüht auf Cranachs Kopf; rechts dann Christus wieder, wie er Tod und Teufel überwältigt. – Alles treuherzig, fleißigst und so hell gemalt, daß es am andern Ende der Kirche noch die volle, reine Deutlichkeit des Bildes gewährt.
Ich warf nun noch einen Blick auf das Doppelgrab Johann Friedrichs und seiner Frau und auf das von Herzog Bernhard, des Helden des Dreißigjährigen Krieges; sah im Fortgehen über den Markt Cranachs Haus, mit seinen alten kuriosen Arabesken und geflügelten Schlängelein,[315] und nun ging's zum Schlosse, das jetzt eben nicht von den Herrschaften bewohnt wird. Hier endlich erlangte ich es, die berühmten Apostelköpfe Leonardos von der Cena ausführlich zu sehen. – Ich hatte viel davon gehört, das hatte ich nicht erwartet! – Diese Apostel sind in Wahrheit etwas ganz Außerordentliches! – Ich kann sie schlechterdings nur mit der Wirkung der Antike vergleichen! Hätte ich nie einen Apollokopf gesehen und sähe plötzlich das Haupt des Apoll von Belvedere, so würde das ungefähr so auf mich wirken! Dabei diese stille, große Macht des einfachen Kolorits! – Es scheinen eigentlich nicht Studien zur Cena, sondern Wiederholungen aus derselben für die älteste Gesamtwiederholung des ganzen Bildes in Castellazzo, nur hier und da von der Hand seiner Schüler, sonst gewiß gänzlich von Leonardo selbst. – Dies in einem Muse um! Und keins sonst in der Welt hätte etwas solcher Großartigkeit aufzuzeigen!
Wir gingen dann zu der Galerie der Handzeichnungen, unter denen wieder sehr schöne Sachen, wenn auch nicht solche Unika, sind. Der Raffaelische Entwurf zur Madonna del pesce gehört zumal dahin, dann einiges von Leonardo von [Michel]Angelo (worunter jedoch gewiß auch viel Unechtes), einzelne prächtige Blätter von Rubens, kurz, ein höchst schätzbarer Reichtum an Bedeutendem!
Zuletzt hinüber, wo die Dichterzimmer und Prellers Bilder betrachtet werden sollten! – In der Farbe und der Gesamtwirkung fürs Auge machen sich doch Nehers Bilder zu Goethe am meisten bemerklich. Manches ist auch bei Jäger (für Herder) und bei Preller (zu Wieland) sehr erfreulich. – Dann und wann jedoch fällt einem wohl auch wieder das Wort Goethes ein, das er jenem böhmischen Schulrektor abgemerkt hatte, der es einem bei einer Schulprüfung zuraunte: »Etiam nihil didicisti!« – Außerdem sind große Ölbilder von Preller da, eine Art historischer[316] Landschaften für Thüringen vorstellend, mit manchen schönen Bäumen und lebendigen Gruppen! – Die ganze Lokalität des Schlosses verfehlte übrigens nicht, mir doch auch heute wieder einen heitern, reichen und bedeutenden Eindruck zu machen!
Zuletzt durch den Park zu Goethes Gartenhaus, um mir auch diese Räume öffnen zu lassen, wo so viel Größe einst in so viel Enge wohnte! – Dabei alles grün und schattig und still! Wie glücklich kann man da sein, wenn die rechten Sterne scheinen!
Endlich zu Goethes Wohnhaus in der Stadt, wo Herr von Goethe selbst nebst Schuchardt mich erwarteten, um auch diese Heiligtümer mich noch einmal berühren zu lassen. Unter den Zeichnungen fand ich ein merkwürdig allegorisches Blatt auf die Reformation, von Peter Vischer aus Nürnberg, höchst originell! – Auch meine kleinen Bilder von Eldena und vom Brocken, die ich Goethe einst geschickt hatte, sah ich mit Vergnügen in diesen Räumen wieder! Alle Sammlungen Goethes sind jetzt in einigen Vorderzimmern zusammengestellt, das übrige wird nur Eingeweihten gezeigt, zu denen ich glücklicherweise heute gehörte. Es war mir wohl eigen rührend, aus der Hand von Goethes Enkel selbst zu Goethes kleinem Arbeitszimmer und Schlaf- und Sterbezimmer das Recht des Eintritts zu empfangen! – Auch freute mich die Bekanntschaft Schuchardts, der hier so viel treu erhalten und bewahrt hat! – Gott, dieser kleine Raum! Die Weinranken spielten im Sonnenlicht an den noch kleinern Fenstern, die alten Möbel, die herumliegenden Papiere! Nur Er war fort! Und doch ist er bei uns und mit uns!
So sah ich nun auch auf dem Heimwege noch einmal genau Rietschels schöne Gruppe sowie den ziemlich mißratenen Wieland von Gasser, nachdem ich früh schon den bessern, aber ebenfalls etwas affektierten Herder von[317] Schaller betrachtet hatte, und dann heim, um mich zum Diner in Belvedere zu rüsten, wohin ich heute zur verwitweten Frau Großherzogin befohlen bin.

[Weimar, 18. August] abends

Doch ein sehr hübscher Weg nach Belvedere! Immer den Berg hinan, in langen, schattigen Alleen! – Bei Tafel war noch der berühmte Bibliothekar Haase aus Paris und Herr Soret aus Genf, der ehemalige Erzieher des Großherzogs, welcher fast alle Jahre noch hierher zu Besuch kommt. Er ist eine sehr angenehme milde Natur, und ich begreife, daß auch Goethe Gefallen an ihm fand. – Außer einigen Damen war noch der junge Erbprinz und Graf Beust, der Hofmarschall, bei Tafel. Ich saß zwischen Graf Beust (welcher den jungen Erbprinzen neben sich hatte) und Fräulein von Mandelsloh aus Dresden. Der junge Prinz zeigte sich munter und lebhaft und schien es gern zu sehen, daß ich ihm einiges von Dresden und sonst erzählte. Was die hochbejahrte kaiserliche Hoheit Frau Großfürstin und Seine Hoheit den Großherzog betraf (dessen Gemahlin abwesend war), so zeigten sie sich höchst liebenswürdig und huldvoll, und schließlich wurde ich auch für den Abend zum Tee geladen.

Weimar, 19. August

Fürstin Wittgenstein, die Freundin Liszts, kam noch gestern ins Hotel zu einer polnischen Familie, der ich beiläufig einen ärztlichen Rat zu geben hatte; so sah auch ich sie, und wir verabredeten sogleich (da ich für Mittag bei Minister Watzdorf eingeladen war) einen Abend (den letzten, den ich hier sein werde) bei Liszt. Dann fuhr ich in der Dämmerung nochmals nach Belvedere, wo ich die großherzogliche Familie denn ganz im häuslichen Kreise fand. Soret war da und Herr von Maltitz; später kam auch der Großherzog. Das Gespräch war lebhaft und bewegte[318] sich um Niépces und Mosers Versuche über unsichtbares Licht (wovon außer Soret noch niemand gehört hatte), um Geisterklopfen, Geistesepidemien, Nervenleben usw., wobei nur die Taubheit der so sehr liebenswürdigen kaiserlichen Hoheit ein schwerer Stein des Anstoßes war; doch resignierte sie sich dann und blätterte in Büchern oder strickte und freute sich beiläufig, daß ich ein Hundchen hübsch fand, das, wie man mir sagte, noch von Karl Augusts Umgebung herstammte und sich an sie besonders gewöhnt hatte. »Ah! Vous aimez les chiens?« sagte sie ganz vergnüglich zu mir, der ich neben ihr sitzen mußte. An der Tafel des kleinen Soupers, wo ich an die Seite des Großherzogs befohlen war, freute ich mich, daß er ebensowenig etwas genoß als ich, und so verging denn die Zeit bis 3/4 10 Uhr im Gespräch sehr angenehm und schnell. Der Großherzog empfahl mir noch angelegentlich seinen Lieblingsgedanken einer Schiller-Goethe-Stiftung, deren Protektor er zu werden wünschte, und verabschiedete mich sehr gnädig, worauf ich endlich im schönsten Mondschein zur Stadt fuhr.
Heute früh nun erfuhr ich zuerst ein Beispiel, wie man Kunsthandel mitunter ausübt. Ein Bilderhändler nämlich, der mit im Hotel wohnte, lud mich dringend ein, seine Schätze zu sehen. Professor Preller kam auch und ging mit hinauf. Welches Zeug fanden wir da! Ein paar Porträts, als Netscher ausgegeben, glichen alten Tapetenbildern, ein modernes Bild von Koekkok mochte man lieber zum Kuckuck wünschen, und so fast alles! Dies also Leute, die recht eigentlich nur von der Borniertheit anderer leben! Haben sie doch auch sonst wohl Kollegen!
Wir gingen nun wieder durch ein Stück des schönen Parks, wo wir noch auf Herrn von Beaulieu stießen, der vom Jenaer Kommers berichtete, und begaben uns dann zur Bibliothek, die ja auch noch viele werte Erinnerungen[319] aus Weimars Musenhof bewahrt. Büsten namentlich und Bilder fast aller weimarischen Größen. Hier Knebel, Musäus, Rabener, Oeser, Meyer, Lavater, die Zeichnung eines Abendteetisches bei Fräulein von Göchhausen, ferner David d'Angers, Gore, die Houdonsche Büste, auch die von Händel und vieles andere. – Ebenso in der Kunstkammer finden sich merkwürdige Kleider und sonstige wertvolle Andenken, Ausbeuten interessanter Ausgrabungen, ferner Goethes Papierkorb, eine Tasse, für den Hof von Braunschweig gemalt, nebst Goethes und Meyers Brief dazu sowie Goethes Feder und anderes mehr!
Dann zur Fürstengruft, in heißer Sonne hinaus nach dem Friedhofe, der völlig einem großen Garten gleicht und, im erhöhten Teile, das Kuppelgebäude der Fürstengruft bewahrt. Nachdem wir uns etwas gekühlt, stiegen wir hinab in den diesmal durch Lichter erleuchteten Raum, und da stand ich nun zwischen den Särgen Goethes und Schillers, legte auf beide in ernster Stimmung die Hände und wandte mich dann zum Sarkophag Karl Augusts. »Gerecht und mild«, »Weise und tapfer«, steht auf beiden Seiten dieses Metallsarges, den ein weimarischer Gürtlermeister selbst in Kupfer getrieben hat. Der Fürst ließ diesen Mann einst bilden und reisen; dann machte ihm, gleichsam als Beleg erworbener Kunst, der einfache Bürger den so schön verzierten Sarg! Gewiß ein Dankabstatten eigener Art, in dem viel schwermütiger Humor liegt! – Es sind jetzt schon über 20 Familienglieder dort beigesetzt; auch Bernhard, der Held, wurde von Jena hierher geschafft.
Von hier nun zum kleinen Kunstmuseum, wo wieder Herr Schuchardt uns empfing und ich vor allem an den Zeichnungen von Carstens (zumal den Parzen!) mich erfreute. Sonst sind noch von Lukas Cranach, Ruysdael, Albrecht Dürer und andern interessante Sachen da, zumal eine[320] Treffliche Zeichnung von Rubens, ferner Abgüsse aus Königsgräbern von Kretsch, auch ein modernes Bild von Mathias Ignatius de Bree: Rubens mit seinen Schülern, und dergleichen mehr.
Das kleine Gebäude, in welchem diese Sachen jetzt notdürftig untergebracht sind, war einst der Witwensitz der Herzogin Amalie. Hier in einem kleinen engen Zimmerchen ließ sie sich frisieren und empfing dabei oft die Besuche von Goethe, Wieland, Herder und Schiller – Hohe Geister unter niederer Decke. – Alles so längst vergangene Zeiten!
Hiermit wäre nun eigentlich Weimars ganze Herrlichkeit erschaut gewesen außer dem Theater, welches leider bis Oktober geschlossen ist. – Morgen abend gedenke ich wieder in Dresden zu sein.

Weimar, 20. August früh

Wie etwa eine Sonate mit Presto, so schloß sich der gestrige Tag (eigentlich darf ich sagen, diese gesamte kleine Promenade um Jena und Weimar) mit einer Lisztschen Soirée. Vorher übrigens noch, gleichsam als Andante, das Familiendiner bei Herrn Minister von Watzdorf, belebt durch die Anmut der Frau von Watzdorf und der jungen Frau von Helldorf; ja – soll ich das Gleichnis noch weiter fortsetzten – so könnte ich eine Spazierfahrt nach Tiefurt, wozu mich nach Tisch Freund Prell abholte, noch als sehr ergötzliches Rondo aufführen. Dies Tiefurt ist ein Ort, dessen stilles Wiesengrün, schöne über die Ilm sich neigenden Bäume und zierliche Anlagen mir einen sehr lieben Eindruck zurückgelassen haben und wo ich länger zu weilen gewünscht hätte. Ich sah dort noch mit Vergnügen den Ort, wo die »Fischerin« im Freien an der Ilm aufgeführt wurde.
Nun endlich aber dieser Abend auf der Altenburg – wirklich ein Presto oder Pretissiomo von dem ich, viel zu zeitig[321] für die freundlichen Wirte, vor Mitternacht nicht loskam. Wir stiegen nämlich nach sieben Uhr, rückkehrend von Tiefurt, gleich an dieser hoch und hübsch gelegenen geräumigen Villa ab, welche Fürstin Wittgenstein glänzend eingerichtet hat, und da ich mich schon früher bei der liebenswürdigen Prinzeß Marie zur Betrachtung einiger reicher Portefeuilles selbst angemeldet hatte, so nahm sie uns freundlichst auf und führte uns sogleich in ihr mit eleganten Herrlichkeiten wahrhaft überschüttetes Boudoir, wo noch unendliche Buketts dufteten von ihrem eigenen, erst kürzlich wieder gefeierten Geburtstage. Nach und nach sammelte sich dann eine zahlreiche Gesellschaft; der üppige Salon erhellte sich strahlend, Liszt kam, die Fürstin war für mich voller Aufmerksamkeit, eine eben durchziehende polnische Familie sowie ein ungarischer Graf Telecki, welcher eine reiche Lady Landsdown geheiratet hatte und eben mit ihr von Dresden zurückkam, nebst vielen weimarischen Bekannten, ein tüchtiger Violinist und Konzertist namens Singer und andere erschienen, ich sah noch die sehr schön gemalten Porträts der Fürstin-Tochter und Liszts von Ary Scheffer, und endlich wurde der Flügel vorbereitet, und alles geriet in Spannung über das, was da kommen sollte, da auch hier Liszt selten mehr vor einer Gesellschaft spielt.
Zuerst hörte ich von ihm ungarische Melodien mit Violinbegleitung Singers, dann aber eine große freie Phantasie von Liszt allein, endlich noch russische Melodien, vierhändig, mit einem Lisztschen Schüler, sowie eine »Tarantella« für Violine, von Singer arrangiert, mit Lisztscher Begleitung.
Ja, wenn nun dergleichen der Prototyp aller Musik sein sollte, ich würde gewiß zuletzt nur wenig mehr hören! –
Das Urbild von allem Ähnlichen ist dann doch immer nur der Höllenwalzer in Meyerbeers »Robert«! – Einzig dagegen[322] war indes allerdings die ebengenannte große Phantasie, bei welcher Liszt die Lichter zurücksetzen ließ, sie hat mich allein lebhaftigst interessiert! – Eine vollkommene Beherrschung des Materials, und wenn sie auch in wunderlichen und phantastischen Gedanken sich ergeht, wirkt doch immer eigen dämonisch! – Was aber gibt ein solcher großer Flügel unter diesen Händen nicht alles her! Freilich, sicher auch nur, ohne es lange auszuhalten! Ich dachte lebhaft an Mariane, die dies wohl (wenn es nur nicht auf ihrem Flügel gespielt sein mußte) sehr zu schätzen gewußt haben würde. Ich sagte Liszt dankend nachher: »Das war keinesfalls ein Spiel, das war eine Tat!«
Nach dem Wirbelwinde der »Tarantella« (die allerdings ebenfalls trefflich von Herrn Singer vorgetragen wurde) ordnete sich die Gesellschaft nach und nach an runden Tischen; die Fürstin, die mit der hübschen Engländerin auf dem Sofa Platz genommen, hielt mich an ihrer Seite und hatte mir da noch über die Goethe-Stiftung und dergleichen vieles mitzuteilen. Auf der andern Seite saß Herr Schuchardt und dann ein gewisser Herr L., welcher hier zuweilen Vorlesungen über Schädellehre gehalten hat, wie man wohl sagte: nach mir; – indes wie selten sind doch Dilettanten dieser Art geeignet, etwas Fremdes und an sich Tüchtiges auch in voller Tüchtigkeit aufzunehmen und mitzuteilen! Mir ergab es sich denn hier schon nach kurzem Gespräch, daß meine Rosen nicht auf diesem Boden zum Blühen bestimmt sein konnten, und so ließ ich denn dies ohne weiteres auf sich beruhen, und als Eis und Champagner das Fest noch gekrönt hatten, verabschiedete ich mich, trotzdem, daß man sonst hier immer nur gegen Morgen auseinanderzugehen pflegt, schon um Mitternacht, als eben erst auf den benachbarten Tischen die Karten aufgelegt wurden. Ich empfahl mich angelegentlich meinen so sehr gütigen Wirten und wanderte[323] einsam bei Sternenlicht die Höhe hinunter und über die Ilm nach meinem Hotel, um früh nun endlich, nachdem ich vorher noch in strömendem Regen dem liebenswürdigen Preller für so viel mir geopferte Zeit und Mühe meinen Dank gebracht hatte, wieder zu den Meinigen zurückzukehren.

So hatte also auch dieser Ausflug nicht ohne Bereicherung des innern Vorstellungslebens seinen Abschluß gefunden! – Und freilich, solange der Mensch lebt, hört ja überhaupt die Phantasmagorie alles dessen, was stets sich um uns her, dadurch aber natürlich auch innerlich uns selbst bewegt, nie auf, die Seele in Unruhe zu versetzen, sie bald in Leid, bald in Freude zu tauchen! – Nach und nach jedoch, und im besten Falle, kehrt der Geist sich immer mehr ab von all dieser bunten Mannigfaltigkeit und strebt entschiedener, ja zuletzt oft wohl ausschließlich, nur nach Ruhe, Klarheit und Tiefe.
So denn sei es auch hier jetzt im ganzen genug an allem bisher Mitgeteilten! Und soll ich im einzelnen hier und da zur Abrundung noch einiges hervorheben, so bleibe dies doch nur auf das wenigste beschränkt!
In diesem Sinne daher sage ich zunächst aus meinem ärztlichen Wirken: daß ich das Glück hatte, das gesamte hohe königliche Haus im Winter 1860/61 durch eine mitunter ziemlich hart auftretende Masernepidemie, unterstützt von meinem getreuen Kollegen von Ammon und selbst fünf Nächte auf dem Schlosse ausharrend, mit vollkommen gutem Erfolg hindurchzuleiten und von Seiner Majestät dem Könige als Dank den Komturstern vom Verdienstorden zu empfangen; – daß ich dann aber auch den Schmerz erfahren mußte, eben jenen nur genannten und mir im Winter noch so rüstig zur Seite stehenden Arzt im Mai 1861 an einer schnell um sich greifenden[324] Nierenkrankheit zu verlieren; ein Verlust, den ich indes auch insofern bald wieder kompensiert fand, als im Herbst desselben Jahres diese Stelle durch Eintritt des mir nicht minder befreundeten und so ausgezeichneten Arztes Dr. Hermann Walther besetzt wurde, ja dem selben sich mein geliebter Sohn Albert als dritter königlicher Leibarzt an die Seiten gestellt fand.
Ich sage dann weiter: daß mir in den Jahren 1861 und 1864 die Jubiläen meiner Promotion und meiner Übersiedelung nach Dresden sehr feierlich begangen wurden und daß ich dabei eine wahre Überflutung von Ehren- und Gnadenbezeigungen dankbar anzuerkennen hatte – sowie daß ich, unter Vorsitz des trefflichen von Martius in München, im Jahre 1862 zum Präsidenten der ältesten aller zisalpinischen gelehrten Akademien, d.i. der Deutsch-Kaiserlichen Leopoldo-Carolinischen Akademie (gestiftet im Jahre 1652), erwählt wurde.
Doch auch hier war mir ein schweres Gegengewicht für so viel des Guten keineswegs erlassen worden, indem bereits 1859, am 15. März, mir die älteste und treueste Gefährtin meiner Lebenstage, meine geliebte Frau, durch einen plötzlichen Tod geraubt worden war, ja ihr im Spätsommer desselben Jahres mein jüngerer Sohn Wolfgang an einem heftigen Typhus nachfolgen mußte.
Und so sehe ich mich denn auch in all diesem immer wieder auf die Betrachtung jenes ewigen Wechselspiels zwischen heitern und trüben, ja tiefschmerzlichen Begegnissen des Lebens hingewiesen; in allem aber fühle ich zugleich, solange göttliche Gnade mich bewußtvollst aufrechterhält, wie ich immer fester an dem haften lerne, wovon schon im »Diwan« steht:

»Du danke Gott, wenn Er dich preßt,
Und danke Ihm, wenn er dich wieder entläßt!«

(Beschlossen am ersten Osterfeiertage 1866 im 78. Lebensjahre)




Carl Gustav Carus
Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten













[Widmung]


Vorwort


Erster Teil

Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch



Zweiter Teil

Viertes Buch
Fünftes Buch
Sechstes Buch



Dritter Teil

Siebentes Buch
Achtes Buch
Neuntes Buch



Vierter Teil

Zehntes Buch




