
                                 Lewald, Fanny

                          Von Geschlecht zu Geschlecht

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                                  Fanny Lewald

                          Von Geschlecht zu Geschlecht

                                Erste Abtheilung

                                  Der Freiherr

                                  Erstes Buch

                                 Erstes Capitel

Die Herrschaft Richten war eine der reichsten Besitzungen in der Monarchie, und
die Freiherren von Arten, denen sie gehrte, eines der ltesten Geschlechter des
inlndischen Adels. Sie waren am Hofe wohlgelitten, in der Provinz, in welcher
ihre Besitzungen lagen, geachtet und beliebt, und jene ruhige Vornehmheit,
welche die alten Geschlechter kennzeichnete, hatte in den Freiherren von Arten
stets ihre wrdigsten Vertreter gefunden.
    Es war damals aber auch das goldene Zeitalter fr den Adel. Die
Standesunterschiede wurden in der Gesellschaft noch aufrecht erhalten, und
hatten doch aufgehrt, eine Schranke fr den Edelmann zu sein, wenn er geneigt
war, sich gelegentlich ber dieselbe fortzusetzen. Sie schtzten ihn, ohne ihn
zu hindern. Die Vorrechte des Adels waren gro im Staate, seine Pflichten und
Lasten fr das Allgemeine sehr gering. Der Grundbesitz war fast ausschlielich
in seinen Hnden, und man hatte trotzdem bereits angefangen, die Gter
gewerblich zu benutzen und ihren Ertrag dadurch zu erhhen. In den
Frstenschlssern, in den Richter-Collegien, in der Verwaltung und im Militr,
berall herrschte der Adel vor, und daneben hatte er sich vielfach eine Bildung
erworben, die zu besitzen er stolz war. Er hatte sich den Gelehrten, den
Schriftstellern, den Knstlern und Dichtern genhert und befreundet, da er
selbst bedeutende Menschen und schne Talente in seinen Reihen zhlte, und
whrend man sich auf diese Art vllige Freiheit fr jedes Streben und Thun zu
sichern verstand, wagten die brgerlichen Klassen es noch nicht, dem Adel die
Vorrechte streitig zu machen, welche er sich angeeignet hatte und nun seit
Jahrhunderten besa.
    Kamen diese Glcksgter und Privilegien rohen Naturen in die Hnde, so boten
die eigene Gerichtsbarkeit und die theilweise noch zu Recht bestehende
Leibeigenschaft den Gutsherren die Mittel zu einer Tyrannei, unter welcher das
Land und die Leute schwer zu leiden hatten; und Selbstsucht und Willkr auf der
einen Seite erzeugten dann auf der anderen einen Ha und eine Aufsssigkeit, die
um so erbitterter wurden und um so tiefer wurzelten, je weniger sie sich kund zu
geben vermochten. Gelangten aber wohlwollende und gebildete Edelleute zu dem
Gebrauch solcher aristokratischen Rechte und Macht, so bildete sich durch ihren
vorsorglichen und migen Gebrauch zwischen der Gutsherrschaft und ihren Hrigen
ein Verhltni des Schutzes und der anhnglichen Dankbarkeit heran, welches in
den Edelleuten das Gefhl einer gewissen Souverainett entstehen lie und ihnen
neben dem Bewutsein ihrer groen persnlichen Freiheit eine wrdevolle
Herablassung verlieh, die sie beliebt und dadurch liebenswrdig machte.
    Der Freiherr Franz von Arten, welcher die Herrschaft Richten zu Ende der
achtziger Jahre im vorigen Jahrhundert besa, war in diesem Sinne das Musterbild
eines Edelmannes. Er hatte eine vortreffliche Erziehung genossen, hatte viele
Jahre seiner Jugend auf Reisen zugebracht, lange und mit groem Erfolge an den
verschiedenen Hfen von Europa verweilt, und sich dadurch jene weltmnnische
Gewandtheit zu eigen gemacht, welche ihm den Anspruch gab, unter seinen
Standesgenossen fr einen vollkommenen Cavalier zu gelten. Aber neben den
leichten, geflligen Formen hatte er, wie die Richtung jener Zeit es eben mit
sich brachte, sich auch eine schnwissenschaftliche und knstlerische Bildung
erworben, und Schlo Richten, das von seiner migen Hhe weithin ber das
rundum flache Land bis zu den fernen Gebirgen hinabsah, zeigte in seinem Aeuern
wie in seiner inneren Einrichtung, da es von einem eben so prachtliebenden als
gebildeten Edelmanne bewohnt werde.
    So lange sein Vater lebte, hatte der Baron sich trotz aller Vorstellungen
desselben nicht zur Ehe berreden lassen. Er fhlte sich nach den Erfahrungen,
welche er bei den Frauen gemacht hatte, nicht geneigt, seine Zufriedenheit und
seine Zukunft weiblichen Hnden dauernd anzuvertrauen, und erst das Ableben
seines Vaters, das den Baron als den letzten Arten von der Linie Richten antraf,
brachte ihm mit der Pflicht, fr das Fortbestehen seines Stammes zu sorgen, den
Entschlu, sich zu vermhlen.
    Der Baron war damals in der Mitte seiner vierziger Jahre und ein schner
Mann. Htte er bis dahin weniger Erfolg bei den Frauen gehabt, so wrde er
vielleicht in diesem Alter noch das Verlangen gefhlt haben, eine Heirath zu
schlieen, an welcher das Herz lebhaften Antheil genommen. Er hatte aber viel
geliebt und zweifelte gar nicht daran, Neigung zu erwecken, wo er solche
anzuregen und zu gewinnen wnschte. Er schritt daher sehr kaltbltig zu einer
Wahl und hielt sich bei derselben nicht eben lange auf.
    Nchst den Freiherren von Arten waren die Grafen Berka das angesehenste
Geschlecht der Provinz. Die Ahnenreihe der Herren von Arten reichte allerdings
weiter in die Vergangenheit zurck, dafr hatten aber die Grafen Berka dem Lande
in dem letzten Jahrhundert einen seiner bedeutendsten Feldherren und einige
einflureiche Staatsmnner gegeben, und reich waren die Huser, eines wie das
andere. Nur ein wesentlicher Unterschied waltete zwischen ihnen ob. Die Grafen
Berka waren, wie der ganze Adel der Provinz und wie das ganze Landvolk,
protestantisch; die Herren von Arten hingegen hatten in den Heeren des deutschen
Kaisers gefochten bis zum Ende des dreiigjhrigen Krieges und waren Katholiken
geblieben fr und fr.
    Inde der Adel war im Allgemeinen in jenen Tagen, von denen wir erzhlen,
nicht orthodox, und Baron Franz fand in sich kein Bedenken gegen eine Ehe mit
einer nichtkatholischen Frau. Die Frauen des Berka'schen Geschlechtes waren
zudem fast alle schn, es umgab sie der Ruf strengen Wandels, und die Verehrung,
welche sie genossen, hatte ihnen jene Ruhe und Sicherheit in der ueren
Erscheinung gegeben, welche den Frauen des hohen Adels so viel anmuthige
Freiheit verleiht.
    Mit einer Grfin Berka glaubte der Baron am wenigsten zu wagen. Die einzige
Tochter des Hauses zeigte sich ihm nach kurzer Bewerbung geneigt, die Eltern
gaben mit Freuden ihre Einwilligung; noch ehe der Herbst herankam, wurde die
Zeit der Hochzeit festgesetzt, und der erste Nachtreif ruhte auf dem Lande, als
man in Berka eines Abends den Ehevertrag des Barons mit Comtesse Angelika
unterzeichnete.
    Der Baron befand sich dabei in der angenehmsten Verfassung. Die
zurckhaltende Zrtlichkeit seiner Braut hatte einen eigenthmlichen Reiz fr
ihn, die Aussicht, das schne Mdchen bald sein eigen zu nennen, regte ihn
angenehm auf. Er war von den mancherlei Festen hingenommen, welche man zu Ehren
der Verlobten in den beiderseitigen Familien auf den verschiedenen Besitzungen
derselben veranstaltete, und dazwischen beschftigten ihn die Vorkehrungen, die
er in seinem Schlosse traf, um es vor der Ankunft seiner jungen Gattin in einer
Weise einrichten zu lassen, die ihrer und seiner Bequemlichkeit, ihrem und
seinem Geschmacke gengen konnte.
    Etwa vierzehn Tage vor seiner Hochzeit befand er sich eines Mittags in dem
fr seine Frau bestimmten Wohnzimmer. Sein Caplan war bei ihm, und sie
berlegten gemeinschaftlich, ob man die beiden antiken Statuen des Amor und der
Venus, welchen man neue Postamente gegeben hatte, neben dem Kamine oder in den
Ecken des Zimmers aufstellen lassen solle. Als der Baron sich eben fr das
Letztere entschieden hatte, weil Kunstwerke, wenn sie neben dem Kamin stehen,
die Aufmerksamkeit, welche den Lebenden, welche der Gesellschaft zukommt, auf
sich zu lenken pflegten, brachte der Diener ihm einen Brief.
    Der Freiherr blickte das Schreiben an, steckte es, ohne es zu ffnen, in die
Tasche und versetzte kurz: Sag' Er, ich sei beschftigt!
    Dem Diener schien diese Abfertigung des Briefes nicht aufzufallen, der Baron
war offenbar in seiner heiteren Stimmung gestrt worden. Er trat noch ein paar
Mal hieher und dorthin, die Wirkung der Statuen zu beurtheilen, dann entlie er
die Diener, welche dabei behlflich gewesen waren, und ging langsam im Zimmer
auf und nieder, als wolle er den Eindruck prfen, welchen es auf den Beschauer
bei einem ersten Anblicke machen wrde.
    Er war mit seiner Einrichtung zufrieden. Die gediegene Pracht that der
Wohnlichkeit keinen Abbruch, es stimmte Alles zusammen, und was die Schnheit
des Raumes noch erhhte, das war der unbegrenzte Blick in die Ferne, den das
Zimmer aus seinen hohen Bogenfenstern darbot.
    Der Tag war sonnig, die Luft so fein, da sie dem Blicke nirgend ein
Hinderni entgegenstellte. Auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse lag stellenweise
noch der weie Reif, unter welchem das Gras sommerlich grn und frisch
hervorsah. Die weithin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buchsbaum, die
scharf zugespitzten Obelisken und Taxus-Pyramiden hatten durch die spte
Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren. Sie entsprachen auch
jetzt noch der architektonischen Absicht: die herrschaftliche Wohnung ber die
Grenze des Hauses hinaus in das Freie fortzusetzen, und am Ende des Gartens
hoben sich die Bume des sogenannten Bosquets empor, majesttische Kiefern,
deren braunrothe Stmme, wie die Pinien, breite, grne Kronen trugen, und
prchtige Eichen, noch voll von ihrem ppigen und jetzt goldgelb gefrbten
Laube.
    Der Baron ging an das eine, dann an das andere Fenster. Er hatte Neigung
genug fr seine Braut gewonnen, um sich von ihrer Zufriedenheit Genu zu
versprechen, und es freute ihn, seiner edlen Gattin diese Heimath bieten zu
knnen. War es Zufall oder Absicht, sein Blick fiel in den Spiegel, als er sich
zurck in's Zimmer wendete, und ohne daran zu denken, richtete er sich dabei mit
Selbstgefhl empor.
    Er war ein Mann, der gefallen konnte, gefallen mute. Die groe,
breitbrstige Gestalt entsprach dem stolzen Kopfe vollkommen. Der prchtige
Haarbeutel fiel vornehm ber den krftigen Nacken auf den niedrigen Kragen des
gestickten, breitschigen Tuchrockes herab; die fein gepuderten Seitenlocken
machten die Gesichtsfarbe noch brauner und frischer, die dunkeln Augen noch
lebendiger aussehen, und als der Baron sich nach dieser unwillkrlichen
Musterung der persnlichen Vorzge, die er seiner Erwhlten darzubieten hatte,
auf dem Kanapee niederlie, htte Jeder ihn in der besten Stimmung glauben
mssen, der ihn weniger lange kannte, weniger genau zu beobachten gewohnt war,
als sein Caplan.
    Nur um einige Jahre lter als der Baron, war er einst als Erzieher desselben
in das von Arten'sche Haus gekommen und hatte spter den jungen Freiherrn als
Gouverneur auf dessen erster groer Reise begleitet. Er war es denn auch
gewesen, der den Geschmack des jungen Edelmannes fr die schnen Wissenschaften
und fr die Knste entwickelt und gepflegt hatte. Was aber den gebildeten und
ehrgeizigen jungen Geistlichen spter bewogen, sein Leben ganz dem Dienste des
freiherrlichen Hauses zu weihen, statt an irgend einem Collegium oder in der
Kirche die Laufbahn zu verfolgen, fr die er sich vorbereitet hatte und welche
seinen Fhigkeiten und Kenntnissen entsprechend gewesen wre, das war eigentlich
selbst der freiherrlichen Familie ein Rthsel geblieben. Inde sie hatte zu
benutzen gewut, was sich ihr dargeboten hatte. Der Freiherr besa in seinem
Caplan neben einem sehr formvollen und gelehrten Gesellschafter zugleich einen
Bibliothekar und Archivar, und die Familie von Arten hatte in ihm einen
geistigen Berather, dessen Treue, dessen umsichtige Verllichkeit sich bei den
verschiedensten Gelegenheiten eben so trstend als klug vermittelnd und
vershnend bewhrt hatte.
    Gemeinsame Jugenderinnerungen und ein langes gemeinsames Leben hatten den
Baron und den Caplan zu Freunden gemacht, so weit Herr und Diener, so weit ein
auf seine Standesvorrechte stolzer Edelmann und ein auf seine Wrde achtsam
haltender Geistlicher, so weit ein freier Lebemann und ein Mann von
Selbstbeherrschung und von dem strengsten Lebenswandel Freunde sein konnten.
    Der Baron war ein Freidenker in Bezug auf die Dogmen der Religion, aber er
hatte eine lebhafte Phantasie, und whrend er die biblischen Wunder leugnete,
war er sehr geneigt, nach der Weise seiner Zeit, an das Wunderbare zu glauben.
Der Caplan seinerseits war ebenfalls nicht streng orthodox, inde er war ein
eifriger und treuer Bekenner seiner Kirche und hielt fr seine Person
unwandelbar an dem Moral- und Sittengesetze derselben fest. Er hatte Anfangs die
Verbindung des Barons mit einer Protestantin, so weit es an ihm lag, zu
verhindern gesucht. Als er dann aber gesehen, da der Entschlu desselben einmal
gefat sei, hatte er sich durch die vortrefflichen Eigenschaften der jungen
Grfin mit der Absicht des Freiherrn ausgeshnt, und zufrieden, da derselbe
berhaupt zur Ehe schreite, das Weitere vertrauensvoll der Zukunft berlassen.
    Wenn der Baron sich dem Geistlichen berlegen fhlte, weil er sich das Recht
zuerkannte, sein Leben nach seinem Ermessen zu fhren und zu genieen, so gaben
dem Caplan seine makellosen Sitten und seine grndliche Gelehrsamkeit ein
moralisches Uebergewicht ber den Baron, das um so schwerer in die Wage fiel,
als ruhige Menschenbeobachtung und Welterfahrung den Geistlichen milde und
nachsichtig fr fremde Schwche gemacht hatten. Da nun der Baron von weichem
Herzen war und das Gute liebte und that, sofern es ihm keine groen Opfer
kostete, und da er in seinem Leben auf uern Anstand hielt, so hatte der Caplan
unter dem Schutze seines Herrn vielfach ntzlich wirken, viel Gutes frdern,
manches Unrecht verhindern oder vergten knnen, und beide waren in der Regel
mit einander auch wohl zufrieden gewesen. Der Caplan wute viel Lobenswerthes an
seinem Herrn zu wrdigen; der Baron rhmte sich, einen verllichen Freund und
einen wahren Schatz an Jenem zu besitzen, und eben diesen Morgen hatten sie bei
Aufstellung der Statuen wieder eine recht angenehme Stunde mitsammen zugebracht.
    Auch jetzt, als der Baron dem Caplan gegenber Platz genommen hatte, sagte
er, noch einmal nach den beiden Ecken des Gemaches hinblickend, als habe ihn bis
dahin nichts Anderes beschftigt:
    Die beiden Figrchen behaupten sich doch berall! Sie werden, denke ich,
meiner Frau in diesem Zimmer Vergngen machen, wenn schon ich freilich an eine
Frau nicht dachte, als ich sie damals in Neapel erstand.
    Gewi! sie nehmen sich hier noch besser aus, als in der Bibliothek. Die
halbe Lebensgre schrumpfte in dem hohen Saale zu sehr zusammen, besttigte der
Caplan, der schon frher mehrmals vorgeschlagen hatte, die Statuen aus dem
Bibliotheksaale zu entfernen und hier aufzustellen.
    Eine kleine Weile saen die beiden Mnner schweigend sich gegenber. Des
Barons Blicke glitten von einem Gegenstande auf den anderen, selbst seine
Stellung wechselte er ungewhnlich oft. Dem Caplan entging das nicht. Er lehnte
gelassen in seinem Sessel. Den Kopf auf die Hand gesttzt, sah er dem Spiele der
Flammen im Kamine zu, es ruhig erwartend, was der Baron ihm mitzutheilen haben
werde. Denn da dieser ihm eine Erffnung zu machen gedenke, davon hielt er sich
berzeugt.
    Wissen Sie, lieber Freund, nahm der Baron denn auch mit einem Male das Wort,
ich fange an, mit einer Art von Vergngen an die Ehe zu denken, so schwer mir
der Entschlu dazu Anfangs auch geworden ist. Ja, ich habe Stunden, in denen ich
es bedauern knnte, mich nicht frher verheirathet zu haben.
    Dieses Bedauern ist vielversprechend fr die Zufriedenheit Ihrer Zukunft,
gndiger Herr, versetzte der Caplan verbindlich.
    Ich glaube das selbst, fuhr der Baron fort. Wre es freilich nach meinem
verstorbenen Vater und nach Ihnen gegangen, so htte ich mich schon vor zwanzig
Jahren verheirathen mssen, und es mag vielleicht recht gut sein, wenn man sich
in der Jugend mit aller Schwrmerei der ersten Liebe zur Ehe entschliet. Sie
hat uns dann fr das Opfer, fr das nicht hoch genug anzuschlagende Opfer
unserer Freiheit, neue Gensse und groe Entzckungen zu bieten, die sie uns
spter, wenn wir die Frauen kennen und den Werth der Ungebundenheit erst vllig
schtzen lernten, nicht mehr zu gewhren hat. Ein fertiger Mann befindet sich
einem jungen Mdchen gegenber doch immer in der Lage, ohne alle eigenen
Illusionen groen Illusionen entsprechen zu sollen, und Sie mssen mir zugeben,
da dies seine bedenkliche Seite hat.
    Der Caplan blickte mit dem Ausdrucke einer gewissen Verwunderung den
Sprechenden an, dessen Worte etwas ganz Anderes aussagten, als die Einleitung
hatte vermuthen lassen. Der Freiherr bemerkte dies, und schnell einlenkend,
sprach er: Trotz dieser Einsicht, die sich ein Mann wie ich nicht
fortphilosophiren kann, ist meine bevorstehende Gebundenheit mir erwnscht. Auch
die Lust an der Freiheit, an der Selbstbefriedigung erschpft sich, und ich
stelle es mir angenehm vor, das Glck eines jungen Wesens zu machen, das mir
vertrauensvoll sein Leben in die Hand giebt. Es mag in solchem Gefhle sich das
herannahende Alter verknden, aber in der That, ich empfinde so!
    Ein kaum merkliches Lcheln in seinen Mienen widersprach jedoch dieser
Behauptung ber sein alter, und der Caplan wute zudem, da der Freiherr es
niemals ernstlich meinte, wenn er desselben erwhnte, ja, da er in solchen
Fllen immer auf einen Widerspruch rechnete. Aber diesmal fand der Caplan es
nicht angemessen, ihm die Genugthuung eines solchen Widerspruches zu gewhren.
Er bemerkte daher nur, da die junge Grfin liebreich und liebebedrftig
erscheine, da der Baron also darauf rechnen knne, fr seine beabsichtigte
Hingebung durch eine schne Zrtlichkeit belohnt zu werden, und da berdies
seine reife Erfahrung ihm neben der jungen Frau die Mglichkeit gewhren werde,
dieselbe nach seinen Wnschen und Bedrfnissen zu erziehen.
    Gewi! gewi! rief der Baron mit einer Ungeduld, die bei dem ruhigen Gange
dieser Unterhaltung nicht berechtigt schien; aber grade mit dem Erziehen ist es
ein eigenes Ding!
    Er brach davon ab, und sprach dann nach einer Pause mit sichtlicher
Ueberwindung: Sie wissen, da ich nichts halb zu thun liebe. Ich bin also
genthigt - er stand auf, rckte ein Bild an der gegenber liegenden Wand
zurecht und sagte darauf mit einer gewissen Heftigkeit, als wollte er sich
zwingen, es auszusprechen: Ich mu den Handel in Rothenfeld zu Ende bringen!
Pauline mu fort!
    Es war ihm lieb, dies ausgesprochen zu haben; es kam ihm damit festgestellt
und also halb geschehen vor. Er nahm eine Prise aus der goldenen Dose, auf
welcher das Bild seiner Braut gemalt war, und bot sie darauf dem Caplan dar.
    Dieser griff behutsam hinein, und whrend er den feinen Taback mit
gespitzten Fingern langsam zur Nase fhrte, sagte er, den Kopf beim Schnupfen
senkend, da er den Freiherrn nicht anzublicken brauchte: Das wird allerdings
eben so unerllich als zweckmig sein! Er suberte darauf leichthin das
schwarze eng anliegende Gewand von dem Taback, der etwa darauf verschttet sein
konnte, knipste mit den feinen Fingern die paar Krnchen hinunter, welche auf
dem seidenen Beinkleide liegen geblieben waren, und sah mit seinem klaren,
ernsten Auge dem Freiherrn nach, der im Zimmer hin und wieder ging.
    Seit vollen sechs Jahren war der Name Pauline zum ersten Male zwischen ihnen
genannt worden, und es dnkte dem Baron, als sei er durch das bloe Aussprechen
dieses Namens dem alten Freunde nher gebracht, als seit langer Zeit; denn ein
Lebensgenosse, dem wir geflissentlich vorenthalten, was uns beschftigt, rckt
uns in demselben Grade fern und ferner, in welchem der Gegenstand unserer
verborgenen Theilnahme uns nher tritt.
    Weil der Baron aber die ihm peinliche Mittheilung baldmglichst abgethan zu
haben wnschte, sagte er: So verschieden unsere Ansichten in Manchem, und eben
auch in diesen Dingen sind, so werden Sie mir doch zugeben mssen, mein Freund,
da ber dem Menschen eine Unfreiheit liegt, gegen die er - mgen Sie dieselbe
Geschick, Schicksal, Verhngni, Vorsehung oder wie Sie immer wollen, nennen -
ohnmchtig ist. Das macht es mir so entmuthigend, in die Vergangenheit
zurckzublicken. Unser Wollen und unser Vollbringen decken sich so selten,
unsere Absichten und unsere Thaten entsprechen einander oftmals so wenig. Und
dabei bilden fremdes Empfinden und der Zufall noch so unabweisliche Faktoren in
jedem Menschenleben, da man oft fragen mchte: Was war That und was Erleiden?
Was war Schicksal und was freier Wille? Wo endet das Verdienst, wo beginnt die
Schuld? Wo haben wir zu shnen, wo uns selber zu bewahren? Denn die Moral,
welche Kirche und Staat als Canon aufstellen, kann nur uere Entscheidungen und
Entschlsse hervorrufen; den inneren Zwiespalt lsen ihre Gesetze nicht.
    Mich dnkt aber, hob der Caplan an, welcher dem Baron bis dahin mit
Achtsamkeit gefolgt war und der den Seelenzustand desselben deutlich bersah -
mich dnkt aber, der Fall, dessen Sie gedenken, ist nichts weniger als
verwickelt, wenn schon er ....
    Und wieder lie der Baron ihn nicht vollenden. Urtheilen Sie nicht, lieber
Freund, und vor Allem verdammen Sie nicht, ehe Sie nicht die Reihe von
besonderen Thatsachen und die einander widerstrebenden Empfindungen kennen, die
hier mitwirken und mich peinigen, sprach er, jede Einwendung des Geistlichen im
Voraus abwehrend. Denn bedrngt, wie er sich fhlte, wnschte er doch Herr des
Gesprches zu bleiben und mit seinem Vertrauen vorzugehen oder einzuhalten, wie
es ihm im Augenblicke passend scheinen wrde. Es war auf eine
Herzenserleichterung und allenfalls auf Beistand, nicht auf eine Selbstanklage
oder eine Ermahnung von ihm abgesehen, welche der Caplan in frheren Jahren, als
der Baron sich noch bisweilen zu den kirchlichen Ceremonien entschlossen, ihm
nicht erspart hatte.
    An und fr sich, als nackte Thatsache betrachtet, fuhr der Baron mit
absichtlich zur Schau getragener Leichtigkeit fort, ist die Sache im Grunde der
einfachsten eine. Der unverheirathete Gutsherr hat die Tochter seines Jgers,
hat ein Mdchen von seinen Gtern zur Geliebten gehabt und denkt dasselbe
aufzugeben, es abzufinden, weil er sich verheirathen will, verheirathen mu. Das
kommt, wie Sie, mein Freund, es von Ihrem Standpunkte aus auch tadeln mgen,
doch alle Tage vor und ist etwas so Gewhnliches, da es in der That kaum die
Rede darber werth wre! Und doch - knnen Sie es Sich denken? habe ich mir den
Entschlu zu meiner Heirath frmlich abringen mssen! Doch habe ich es auch noch
bis heute, wo meine Hochzeit vor der Thre steht, nicht ber mich gewinnen
knnen, dem armen Geschpfe zu sagen: Nimm dein Kind und geh'! - Abrahams
Handlungsweise gegen Hagar ist mir stets als eine rohe Grausamkeit erschienen.
    Der Caplan lie eine kleine Weile in Schweigen verstreichen, dann versetzte
er bestimmt und gemessen wie immer: Ich kann mir wohl vorstellen, wie eben Sie
Sich schwer zu einem solchen Schritte entschlieen knnen. Hier aber, wo ein
beklagenswerthes Ereigni unabnderlich feststeht, wo eine zwingende
Nothwendigkeit zur Entscheidung drngt, gilt es allein, um jeden Preis ein neues
und greres Uebel zu verhten! Mich dnkt, Herr Baron, Sie haben gar keine Wahl
in diesem Augenblicke!
    Keine Wahl? Wie meinen Sie das? fragte der Freiherr mit jener halben
Zerstreutheit der Vornehmen, die selten achtsame Zuhrer sind und mit ihren
Gedanken umherzuschweifen beginnen, sobald sie selbst nicht sprechen. Keine
Wahl? Wie meinen Sie das?
    Ich meine, da Ihre Verheirathung fr Sie eine Nothwendigkeit geworden ist.
Ihre Wahl ist eine in jedem Betrachte glckliche und vortreffliche zu nennen.
Die knftige Frau Baronin hat neben ihren anderen seltenen Vorzgen ein weiches
Herz und eine schne, reine Seele. Sie hat fr diese eine eben so reine
Lebensatmosphre zu verlangen, und Paulinen's Nhe wrde diese ohne alle Frage
bald beeintrchtigen. Ganz abgesehen davon, da fr den verheiratheten Mann ...
    Ich wei das, ich wei das! Ich habe mir das alles lngst und selbst gesagt!
rief der Baron mit schnell erwachter Ungeduld lebhaft aus. Sie sehen ja auch,
mein Entschlu steht fest! Ich habe im Leben hnliche Hndel, ich habe tiefere
Herzensverbindungen sonst auch mit raschem Entschlusse, mit fester Hand
zerrissen und mich damit beruhigt, da Selbsterhaltung eine gebietende Pflicht,
und jeder Mann in der Lage sei, fr sein Wohlbefinden selbst zu sorgen! Ja, ich
bekenne Ihnen, ich finde es eigentlich eine unbegreifliche Schwche von mir, da
es mir so widerstrebt, das Natrliche, das Sittlichgebotene zu thun, und wenn
ich mein innerstes Herz befrage, so ist es auer der wirklichen Zuneigung,
welche ich fr das Mdchen und fr den Knaben hege, eine Art von Aberglauben,
der mich an Paulinen festhalten, eine unheimliche Ahnung, die mich zgern macht,
die Arme von hier fortzuschicken!
    Diesen letzten Einflssen, Herr Baron, htte ich Sie in der That nicht mehr,
und am wenigsten in diesem Falle unterworfen geglaubt, bemerkte der Caplan mit
vieldeutigem Lcheln.
    Der Baron beachtete das kaum, er hing schweigend seinen Gedanken nach. Ich
habe sie einst als ein Pfand des Glckes angesehen, habe im Geiste meinen Stern
an den ihrigen geknpft, als sie noch ein hlflos Kind gewesen ist, sagte er
nach einer Pause, gleichsam in sich selbst hineinredend, und, fuhr er dann nach
einem neuen, kurzen Schweigen lebhafter fort, Sie knnen sich in der That nicht
denken, lieber Freund, in welcher Verfassung ich nach meinem zweiten Aufenthalte
in Dresden in die Heimath zurckkehrte. Die traurige Angelegenheit mit der
Grfin, das unglckliche Duell mit ihrem Manne lagen mir auf der Seele. Mein
Herz war verzagt, mein Sinn beschwert, mein Ehrgefhl durch den herzlosen
Leichtsinn der Grfin, die mich ber dem Sarge ihres Gatten einem jungen Laffen
aufopferte, empfindlich gekrnkt. Ich glaubte, der groen Welt, der Hfe, der
Frauen mde zu sein. Ich fhlte einen Widerwillen gegen die Unnatur aller der
Verhltnisse, die wir uns als Convenienzen auferlegen, und als ich von der Hhe
der Berge Schlo Richten erblickte, als ich so einsam dahinfuhr und die Bche
rieseln, die Halme sich im Morgenwinde wiegen sah, als die Bume unserer Wlder
mir ihren Schatten spendeten und ihren Willkomm zuflsterten, da erwachte in mir
eine nie gefhlte Freude an der Natur, und ich gelobte mich in der Stille meines
Herzens ihr und ihren einfachen Freuden und Pflichten an. Es war eine Stunde,
deren ich mich lebenslang als einer schnen, feierlichen erinnern werde.
    Und doch war gerade jener Zeitpunkt einer der traurigsten fr diese Gegend,
wendete der Geistliche ein. Wenigstens haben Alle, die ihn hier durchlebten, ihn
schwer genug empfunden. Die Berichte, welche man der verstorbenen Frau Baronin
nach Italien sandte, klangen, obschon man gewi sich in denselben vorsichtig
geuert hatte, untrstlich genug.
    Mir in meiner Stimmung, entgegnete der Baron, kam das allgemeine Unglck nur
wie ein Mahnruf fr mich selber vor. Die Seuche, welche die Provinz heimsuchte,
hatte auch bei uns groe Verheerungen angerichtet. Ganze Familien waren dem
Typhus erlegen, ganze Huser ausgestorben und leer. Selbst in unserm Hause fand
ich fast ein neues Dienstpersonal vor, und gerade am Tage meiner Ankunft war die
Frau meines Jgers ihrem Manne in das Grab gefolgt.
    Sie war, wie man uns bei unserer Rckkehr sagte, die letzte Person, welche
im Schlosse starb, bemerkte der Caplan.
    Sie war berhaupt die letzte Person, die auf unseren Gtern starb,
besttigte der Baron, und tief aufathmend fgte er hinzu: Und eben daran knpft
sich fr mich das Verhngnivolle. - Er blieb stehen, setzte sich dann wieder
vor dem Kamine nieder und sagte: Sie waren mit meiner Mutter und Schwester
abwesend, und mein Vater nicht geneigt, sich irgendwie auszusetzen. Die Angst
vor der Ansteckung war also malos geworden, als ich nach Hause kam. Man hatte
in der letzten Woche Noth gehabt, die Leichen unter die Erde zu bringen, oder
den Kranken auch nur die nothdrftigste Pflege und Wartung zu verschaffen. Als
die Frau des Jgers nun auch gestorben war, wollte mein Vater das ebenfalls
erkrankte Kind derselben nicht mehr im Hause leiden, und berall weigerte man
sich, das kleine, kranke Geschpf aufzunehmen. In einer Stimmung, wie die meine
damals war, und mit siebenundzwanzig Jahren schlgt man das Leben nicht eben
hoch an. Es fiel mir also nicht sonderlich schwer, ein gutes Beispiel zu geben.
Trotz aller Bitten und Warnungen meines Vaters half ich die Frau bestatten, fuhr
ich selbst das kranke Kind, dem der Arzt das Leben abgesprochen hatte, zu meiner
Amme, die damals noch eine rstige, unverzagte Frau war, und sich mir zu Liebe,
seiner Pflege zu unterziehen versprach.
    Der Baron hielt einen Augenblick inne, dann sagte er, an seinen frheren
Ausspruch anknpfend: Diese That war Freiheit; was ihr folgte, mchte ich
Verhngni nennen. Denn als ich mit dem kranken Kinde durch den Wald fuhr und es
so elend in seinen Kissen auf dem Rcksitze des Wagens vor mir liegen sah, scho
mir pltzlich der Gedanke durch den Kopf: wenn das Kind wider alles Erwarten
genese, wenn es mir die tdtliche Krankheit nicht bertrage, so solle mir das
ein Zeichen sein, da mir noch Freude und Wirksamkeit hienieden bestimmt sei,
und wie ein Pfand meines Glckes wolle ich dann die Kleine ansehen und in meiner
Nhe behalten.
    Der Baron hatte das alles in eigenem Rckerinnern gesprochen. Jetzt blickte
er dem Caplan fest ins Auge, als wolle er dessen innerste Meinung erforschen,
ohne da er um dieselbe zu fragen oder sie anzuhren brauchte, und sagte: Ich
wei, was Sie ber solch ein Wrfelspielen mit dem Zufalle denken. Sie nennen es
unchristlich; ich nenne es thricht, und doch bte es damals, bt es noch in
dieser Stunde seinen Einflu auf mich aus. - Um des Beispiels willen, so sagte
ich mir damals, in der That jedoch mehr, um mein Schicksal zu erproben, fuhr ich
im Laufe der nchsten Woche hufiger nach Rothenfeld hinber, um nach dem Kinde
zu sehen. Was der Mensch aber zu beobachten anfngt, darauf richtet er seine
Neigung, und hatte ich doch ohnehin meine eigene Zukunft in meiner Phantasie an
dieses Kind geknpft! Ich sorgte mich um dasselbe, sein Ergehen beschftigte
mich lebhafter, als ich es fr mglich gehalten htte, ja ich empfand eine groe
Freude und Beruhigung, als die Kleine sich zu erholen begann und endlich
vollstndig genas. Ich glaubte von jenem Zeitpunkte ab wieder an die Zukunft,
ich hoffte fr mich wieder etwas von der Zukunft.
    Ihre Theilnahme an dem Kinde hatte, als wir von Venedig heimkehrten, fr die
verstorbene Frau Baronin und auch fr mich allerdings etwas Auffallendes. Wir
wuten uns Ihr Verhalten nicht zu entrthseln und fanden Sie berhaupt ganz
ungemein verndert. Inde die Mittheilungen, welche Sie mir eben zu machen
belieben, erklren mir jene Theilnahme wie jene Vernderung, bemerkte der
Caplan, der immer nur dann sich in die Rede des Freiherrn mischte, wenn er
befrchtete, da sie ins Stocken gerathen, und die Angelegenheit, um welche es
sich handelte, dadurch nicht zu ihrem Ende gefhrt werden mchte.
    Die Wandlung in meinem Wesen war natrlich genug, meinte der Baron. Der
Wechsel der Umgebungen und der Zustnde war fr mich sehr grell gewesen. In
Dresden ein Leben des Genusses, welches mir das Herz zerrissen, hier Noth und
Elend, an denen ich mich aufgerichtet hatte. Nun kamen Sie mit meiner Mutter von
dem Sterbebette meiner Schwester aus Venedig heim ....
    Ja, fiel der Caplan ihm mit einer Weise in die Rede, als wnsche er bei
dieser Erinnerung nicht zu verweilen, der Verlust, welchen die Frau Baronin,
welchen das Haus erlitten hatte, machte dieselbe nur geneigter, sich der
Unglcklichen auf den Gtern anzunehmen. Das kam Ihrem Schtzlinge damals sehr
zu Statten.
    Gewi! Auch verlor ich Pauline, so lange meine Mutter lebte, mehr und mehr
aus den Augen, sprach der Baron, der sich von dem Caplan schnell wieder zu
seiner Erzhlung zurckgefhrt fand. Mein Sinn hatte sich allmhlich erheitert,
ich berlie mich wieder den Neigungen meines damaligen Alters. Ich wechselte
fter den Aufenthalt, und wenn ich dazwischen die Kleine einmal wiedersah, so
freute ich mich ihres Gedeihens, sah mit Vergngen, wie hbsch sie sei, und lie
mir von meiner Mutter und von der alten Margarethe erzhlen, da das Kind mich
wie seinen Herrgott verehre und liebe, whrend ich selbst es nicht vergessen
konnte, da ich es einst als Glckspfand betrachtet hatte. - Jahre gingen so
hin. Man schickte Pauline in die Schule, in der freilich wenig genug zu lernen
war; aber sie lie sich gut an, und als man sie dann nach dem Tode meiner Mutter
confirmirte - ich lebte eben wieder im Auslande -, fragte man mich, ob man sie
jetzt in fremde Dienste thun oder versuchen solle, sie im Schlosse unter die
Dienstboten einzureihen. Um der Anfragen ledig zu werden, bestimmte ich, da sie
bei Margarethe bleiben solle; und vor der Wohnung meiner Amme, unter ihrer Thre
sitzend, sah ich Pauline eines Abends zum ersten Male wieder, als ich nach
lngerer Abwesenheit von Hause einmal nach Rothenfeld hinberritt, meine Amme zu
besuchen. Mein Vetter Waldern begleitete mich auf diesem Ritte. Mich erblicken,
auf mich zustrzen, meine Hnde kssen war fr Pauline, sobald ich vom Pferde
gestiegen, das Werk eines Augenblickes. Es berraschte mich, sie so erwachsen zu
sehen, wie meinen Vetter der ganze Vorgang berraschte. Um ihn aufzuklren,
sagte ich, da ich das Mdchen htte erziehen lassen. Fr sich? fragte er
lchelnd, und ich lie die Frage unbeachtet, weil sie mir zuwider war.
Gutsherrliche Liebschaften waren niemals mein Geschmack, und meine Sinne haben
mich nie beherrscht ohne die Mitwirkung meines Herzens. Trotzdem aber wurde ich
das Bild des schnen Geschpfes, das in seiner feurigen Dankbarkeit mir nur noch
reizender erschien, nicht wieder los, und ich mute mir bald sagen, da es so
gar leicht fr mich sei, es zu besitzen, um mich in dem Vorsatze, das Mdchen zu
meiden, aufrecht zu erhalten. Htte Paulinen's Zuneigung sie mir nicht immer
wieder in den Weg gefhrt, ich wrde meinem Vorsatze treu geblieben sein.
    Der Caplan wurde von dieser Aeuerung betroffen. Der Baron mute sehr
erregt, sehr erschttert sein, da er sich vor sich selbst in solcher Weise zu
rechtfertigen suchte, da er es nicht fhlte, wie nahe es an das Gebiet des
Komischen grenzte, wenn er, der erfahrene, herzenskundige Lebemann, es
unternahm, sich halbwegs als durch die Liebe eines Kindes verleitet,
darzustellen. Er mochte wohl auch etwas von dieser Verwunderung in den Mienen
des Caplans bemerken, denn er brach pltzlich ab und sagte dann: Was soll ich
Ihnen erzhlen, wie ein unerwartetes Begegnen in einsamer Stunde einmal meine
Sinne anfachte, wie des Mdchens Hingebung es mir in die Arme warf!
    Er erhob sich nach diesen Worten und begann wieder im Zimmer umherzugehen.
Dem Genusse folgte die Reue auf dem Fue, sagte er kurz und schnell, als wolle
er bald beenden, was ihm zu erzhlen noch brig blieb. Das Mdchen war mein
Schtzling gewesen; ich konnte das nicht vergessen. Unzufrieden mit mir selbst,
dachte ich dem Handel keine weitere Folge zu geben. Ich hatte fest beschlossen,
Pauline sogleich zu entfernen, und suchte nur nach einem Orte, nach dem ich sie
schaffen, oder nach einem Manne ihres Standes, mit dem ich sie verheirathen und
von welchem ich eine gute Behandlung des armen Geschpfes erwarten konnte, denn
ich wollte ihr in jedem Falle ein mglichst gutes Loos bereiten. Aber die
Leidenschaft des Mdchens hatte etwas Dmonisches. Sie hing sich mit einer
Gewalt der Liebe an mich, die ich in ihrem Alter und in ihrem Stande nicht fr
mglich gehalten htte. Wie an meine Schritte gebannt, folgte sie mir mit einer
Art von Instinkt. Sie schien meine Gedanken, meine Absichten im Voraus zu
errathen; wohin ich kam, fand ich sie; wo ich sie nicht vermuthen konnte,
erschien sie pltzlich. Sie wurde mir eine Art von psychologischem Rthsel. Wir
wissen ja so wenig von der verborgenen Macht, welche die Wesen aneinander
kettet! Ich konnte mich der Vorstellung nicht erwehren, da ein geheimnivoller
Zusammenhang dieses Mdchen mir verbinde; aus Mitleid, aus einer
menschenfreundlichen Grille und, ich mag mich Ihnen nicht besser darstellen, als
ich bin, aus Genusucht endlich behielt ich sie.
    Ich verbot ihr jedoch, mir zu folgen oder jemals nach Richten zu kommen; ich
versprach, sie aufzusuchen. Ihre Freude war gro, ihr Gehorsam unbedingt, und
bald war mir das Idyll, bald war sie selbst mir in das Herz gewachsen. Ich
unterhielt mich damit, ihren Verstand zu entwickeln; ich wollte sehen, was
Erziehung aus einem Naturkinde zu machen vermge. Ich wollte einmal eine
ungeknstelte, ungeheuchelte Liebe genieen, mich an der reinen, einfachen Natur
erfreuen. Ich wies den neuen und tchtigen Schullehrer an, ihren frh
abgebrochenen Unterricht wieder aufzunehmen. Paulinen's Wibegier, durch das
Verlangen, mir nher zu rcken, gesteigert, war so unermdlich, als ihr Flei.
Ihre Fortschritte berraschten mich. Neben den geistreichsten Frauen hat mich
oftmals das Gefhl einer Ermdung beschlichen; neben Pauline habe ich das nie
empfunden. Ihre Ursprnglichkeit machte sie mir immer reizend, sie ist durchaus
eigenartig. Ich habe viel Freude an ihr gehabt.
    Der Caplan hatte durch sein Schweigen dem Freiherrn die Genugthuung vollen
Aussprechens gewhren wollen, um danach zu berechnen, was geschehen msse, ein
gethanes Unrecht mglichst zu shnen und neue, weiter fortgefhrte Snde zu
verhten. Nun, da der Baron anfing, sich in die Erinnerungen zu versenken,
welche ihn an Pauline fesselten, dnkte es dem Geistlichen an der Zeit, diesen
Erinnerungen ein Ziel zu stecken, und er fragte pltzlich nach Paulinen's Alter.
    Sie war siebenzehn Jahre, als ich sie einrichtete, und neunzehn, als sie den
Knaben gebar, der nun im sechsten Jahre steht, antwortete er. Die Frage des
Caplans hatte den Baron aber unbehaglich aufgeschreckt; er setzte seinen Weg
durch das Zimmer eine Weile lautlos fort.
    Auch an dem Knaben hnge ich, sagte er dann mit einem Male. Er erschreckt
mich oft durch seine Aehnlichkeit mit meinem Vater und mit mir. Dazu ist er an
meinem Geburtstage, wie Pauline an dem Geburtstage meiner Mutter, geboren, deren
Namen sie ja auch trgt, fgte er mit unverkennbarer Zrtlichkeit hinzu.
    Und wei sie es bereits, da Sie sie entfernen wollen, entfernen mssen?
fragte der Caplan, um den Baron von der Betrachtung dessen abzulenken, was er
als das Dmonische anzusehen liebte.
    Ja, sie wei es. Als sie durch mich zuerst von meiner bevorstehenden
Verheirathung erfuhr, nahm sie die Nachricht mit anscheinender Fassung auf, und
weil ich sie verstndig zu finden wnschte, hoffte ich, da sie es sei und da
sie mir keine Schwierigkeiten bereiten wrde. Ich belobte sie, ich sagte ihr,
da sie mir eine Beruhigung gewhre, mir einen Beistand leiste, da ihre Zukunft
mir sehr am Herzen liege, da ich fr den Knaben in jedem Betrachte sorgen
wrde, und ich verlie sie, sehr zufrieden, sie so fgsam gefunden zu haben. Ja,
ich war ihr dankbar, recht eigentlich dankbar dafr, da sie mir erleichterte,
was mir selber so schwer fiel. Ich hatte aber nicht berechnet, da sie nicht
ber den Augenblick hinaus zu denken pflegte, wenn ich bei ihr war.
    Der Baron wollte die ihn drckende Angelegenheit gern wie ein Geschft
behandeln und zum Abschlu bringen. Aber wie sehr er sich auch dazu zwang, der
Zwiespalt zwischen seiner Vernunft und seiner Empfindung, zwischen seinen
Absichten und seinem Gewissen verrieth sich immerfort, und er hatte Pauline
vielleicht nie zrtlicher im Herzen getragen, als in dieser Stunde, in der er
sich fr immer von ihr loszumachen strebte.
    Paulinen's Knabe ist natrlich protestantisch, wie die Mutter, bemerkte der
Caplan, der den Baron bei den Thatsachen festzuhalten wnschte und der es damit
verrieth, da er von den Vorgngen in Rothenfeld wohl unterrichtet sei.
    Ja, sprach der Baron, aber ich bekenne Ihnen ehrlich, ich wnschte, da es
anders wre; denn der Katholicismus kommt mit seinen Lehren dem Bedrfnisse der
Schwachen, der Leidenden doch weit mehr, ich mchte sagen, sichtbarer, fabarer
zu Hlfe, als der Protestantismus es thut. Und auch hier trage ich eine Schuld.
Es htte mich nur ein Wort gekostet, den Knaben unserer Kirche zu bergeben;
aber die Mutter wrde ohne Zweifel dem Kinde dann nachgefolgt sein. Ich habe
dies zu thun versumt, und jetzt gbe ich doch viel darum, wenn die arme Pauline
unserer Kirche angehrte.
    Ist sie denn berhaupt eine religise Natur? fragte der Geistliche.
    Sie war es ganz unstreitig! Inde die zelotische Strenge des Neudorfer
Pfarrers hatte sie so bengstigt, da ich sie, um sie zu beruhigen, nur leider
von der Kirche entwhnen mute. Das ist jetzt in der That ein groes Unglck fr
sie und fr mich. Wenn Pauline Katholikin wre, wenn sie einer Kirche
vertrauensvoll angehrte, wenn sie sich aussprechen, beichten, Rath und Trost
finden, ja, selbst ben knnte, so wrde das in diesem Augenblicke eine
Wohlthat, es wrde die grte Hlfe, es wrde eine Rettung fr sie sein. - Und
ihr zu helfen, mir zu helfen, das ist es, was ich jetzt von Ihnen zu fordern
genthigt bin, mein alter Freund! schlo der Baron im Tone bittender
Herzlichkeit.
    Der Caplan zgerte zu antworten; er ging offenbar mit sich zu Rathe. Und was
verlangen Sie von mir? Was wnschen Sie, da ich fr Pauline thue? fragte er
danach.
    Gehen Sie zu ihr, mein Freund! Zeigen Sie ihr, da Sie Alles wissen, suchen
Sie ihr Vertrauen zu gewinnen. Seit die alte Margarethe todt ist, hat sie
Niemand mehr gehabt, der Theil an ihr genommen hat, sagte der Freiherr. Der
Vorzug, den ich ihr einrumte - Sie kennen ja die Menschen - machte sie
unbeliebt. Man mignnte ihr denselben von der einen Seite, und warf von der
anderen den Stein auf sie. Man mitraute ihr und beneidete sie. Sie war also,
mehr als gut ist, auf mich allein angewiesen. Stellen Sie ihr die Dinge vor, wie
sie liegen. Machen Sie ihr meine und ihre Lage klar. Was Sie ihr sagen, wird
uneigenntziger, milder scheinen, als meine Vorstellungen, und wird darum
eindringlicher wirken. Sagen Sie ihr, da sie, schon um ihrem Knaben eine gute
Zukunft zu bereiten, sich frh mit ihm von hier entfernen msse. Mit einem
Worte, bester Freund! er ging auf den Caplan zu, ergriff seine Hnde und sagte
mit einer Bewegung, die er nicht mehr bemeistern konnte: Ich kenne Ihre
Grundstze, aber ich kenne auch Ihre Anhnglichkeit, Ihre Freundschaft fr mich.
Ich habe Ihre Gewandtheit und Rechtlichkeit vielfach schtzen zu lernen Ursache
gehabt, und hier handelt es sich nicht einzig und allein um mich. Ein armes,
unglckliches Weib hat Ihren erbarmungsvollen Beistand nthig, und Pauline liegt
mir mehr am Herzen, als mir lieb ist. Beruhigen Sie sie um meiner Ruhe willen. -
Und vor allen Dingen machen Sie, da sie sich entfernt, denn ich bin das zu thun
nicht im Stande - und fort mu sie!
    Er wandte sich danach schnell ab, verlie das Zimmer, und der Caplan blieb
allein zurck.
    Er sah dem Freiherrn gedankenvoll nach. Immer der Alte, sagte er endlich,
indem er eine Prise nahm, seinem Herzen wie seinen Sinnen und seinen Phantasmen
unterthan. Eben so leicht geneigt, sich die Zgel schieen zu lassen, als sich
dessen anzuklagen und sich davon freizusprechen. Wann wird die Stunde endlich
fr ihn schlagen?
    Er blieb wie in Gedanken vor den Bildern stehen, welche die Hauptwand des
Zimmers schmckten. Sie stellten die Eltern und die verstorbene Schwester des
Freiherrn vor. Er betrachtete das Portrait der Letzteren lange und liebevoll.
    Nur Etwas von ihrem klaren, festen Sinne, und welch ein Anderer wre auch er
geworden! rief er aus. Dann entfernte er sich ebenfalls, und nur die hellen
Sonnenstrahlen belebten das schne, wrdige Gemach.
    

                                Zweites Capitel


Noch an demselben Abende lie der Caplan sich den kleinen Wagen anspannen, der
ihm seit langen Jahren zu seinem Privatgebrauche berwiesen worden war, und fuhr
nach dem fast eine Stunde entlegenen Dorfe Rothenfeld hinber, die Geliebte des
Freiherrn aufzusuchen.
    Vor dem Dorfe stieg er aus. Er wollte den Wagen nicht vor Paulinen's Thr
stehen lassen. Das kleine Haus lag am Eingange des Dorfes. Es hatte, seit
Pauline die Geliebte des Barons geworden war, einige Vernderungen erhalten, die
es, so gering dieselben auch waren, doch vortheilhaft von den andern Husern des
Dorfes unterschieden. Es war sauber getncht, die Fenster hher ausgebrochen,
hatte grne Lden vor denselben, und ein Grtchen, in welchem noch einzelne
Stockrosen farbig ber ihre bereits braun gewordenen Bltter emporragten. Auch
noch jetzt im Herbste und trotz des vielen abgefallenen Laubes verrieth es eine
liebevolle Pflege.
    Die Hausthre stand offen, der kleine Vorplatz war sauber mit Sand bestreut,
das Feuer auf dem Heerde brannte hell. Es beleuchtete die Reihen wei und blauer
Fayence-Teller und blanker Zinngerthschaften auf dem Simse und in den Borden.
Eine ganz junge Magd spann bei seinem Scheine. Als der Schritt des Caplans auf
dem knisternden Sande der Schwelle hrbar wurde, ffnete sich die Stubenthre
und Pauline kam heraus. Aber kaum hatte sie den Geistlichen erkannt, so trat sie
erschreckend zurck, und mit einer Miene, in der sich ihre Enttuschung
aussprach, sagte sie: Herr Caplan! Sie sind es, Herr Caplan? Sie hier? Sie fate
sich jedoch schnell und nthigte ihn mit feiner Handbewegung zum Eintritt.
    Das Zimmer war bescheiden und freundlich wie das Haus. Ein Canap mit grnem
Rasch berzogen, ein Lehnstuhl daneben, Tische, Sthle und Schrnke von
Nubaumholz mit weitgeschweiften Fen, und ein kleiner Spiegel in zinnernem,
vielgeschnrkeltem Rahmen gaben ihm eine hbsche Behaglichkeit. Auf dem Tische
stand sauberes Kaffeegerth neben dem Nhkstchen, von welchem die Arbeit
niedergeglitten war. Trockene Eicheln und Kastanien, in Hufchen gesondert,
bedeckten den andern Theil des Tisches. Sie machten das Spielzeug des Knaben
aus, der, auf einem Stuhle knieend, den ungewohnten Gast mit neugierigen Blicken
betrachtete.
    Sie hier, Hochwrden? wiederholte Pauline. Was ist dem gndigen Herrn
zugestoen?
    Sie erwarteten also den Herrn Baron? fragte der Geistliche und lie sich auf
den groen Lehnstuhl nieder, den sie ihm trotz ihrer Verwirrung mit guter Manier
angeboten hatte.
    Ich dachte - ich hatte heute Morgen an den gndigen Herrn geschrieben - und
ich hoffte also immer noch - sprach sie, unentschlossen, was sie sagen solle,
und sich dehalb selbst fortwhrend unterbrechend. Dann nahm sie sich pltzlich
zusammen und sagte sehr bestimmt: Hochwrden, was ich hren soll, das sagen Sie
mir gleich und grade heraus. Sie sind zu mir nicht blo von ungefhr gekommen!
    Sie hob dabei den Knaben vom Stuhle herunter und hie ihn in die Kche zu
dem Mdchen gehen. Als er sich entfernt hatte, setzte sie sich vor ihre Arbeit
hin, die Hnde auf den Tisch gelegt und offenbar auf eine schwere Mittheilung
gefat.
    Der Caplan hatte sie nicht in der Nhe gesehen und nicht gesprochen, seit
sie nicht mehr nach Richten und in das Schlo gekommen war. Er fand sie daher in
jedem Betrachte verndert. Sie hatte die Kleidung der Landleute abgelegt und
trug sich wie die stdtischen Frauen brgerlichen Standes. Das enganliegende
Leibchen des groblumigen Kattunrockes, das weie Busentuch, das Nacken und
Kehle freilie, die kleine Dormeusenhaube, die, ihr auf dem Hinterkopfe sitzend,
die Flle ihres braunen Haares nicht zu fassen vermochte, kleideten sie
vortrefflich. Sie war wirklich schn zu nennen, ihre Zge waren rein und sehr
weiblich, nur die kleine Stirn mit den nahe zusammengewachsenen und
scharfgezeichneten Brauen gab dem Kopfe etwas Finsteres und Hartes, und erklrte
dem Caplan die Gewalt, welche Pauline ber den Baron besa, und die
geheimnivolle Macht, durch die er sich an das Mdchen gebunden glaubte.
    Der Caplan hatte es sich auf der Fahrt nach Rothenfeld ruhig zurecht gelegt,
was er ihr sagen und wie er sie behandeln wolle, aber wie es auch den
Gescheutesten manchmal zu begegnen pflegt, da sie ihr einstiges Wissen und ihre
Vorstellungen von den Personen festhalten, wenn diese lngst nicht mehr
dieselben sind, so hatte er trotz seiner sonstigen Lebensklugheit es auer Acht
gelassen, da er die jetzige Pauline gar nicht kannte, da der natrliche
Verlauf der Zeit, da der langjhrige vertraute Umgang mit dem Freiherrn sie
verndert haben muten. Als er sie denn jetzt pltzlich vor sich sah, fand er,
da Alles, was er ihr vorzuhalten beabsichtigt hatte, fr sie und ihren
gegenwrtigen Zustand nicht mehr pate. Es war ihm daher recht erwnscht, da
ihre lebhafte Besorgni ihm die Mhe ersparte, sie auf seine Mittheilungen
vorzubereiten, und da sie ihn ohne sein Zuthun als den Boten bler Kunde ansah.
    Ich komme allerdings nicht zufllig hieher, sagte er, aber dem Herrn Baron
ist kein Unglck zugestoen. Er befindet sich wohl und wird morgen in aller
Frhe auf einige Tage nach der Stadt reisen, jedoch noch einmal hieher
zurckkommen.
    Das war immer sein Vornehmen, versetzte sie, und weil ich das wute, schrieb
ich eben heute. - Beide sprachen dabei das Wort von der Vermhlung des Barons
geflissentlich nicht aus.
    Was machte Sie also eine ble Nachricht vermuthen, als ich kam? fragte der
Caplan.
    Sie sah ihn mit raschem Blicke forschend an, als wolle sie ersphen, was sie
etwa von ihm zu erwarten habe; dann zuckte sie leise mit den Schultern und
meinte seufzend: Sie werden das wohl wissen, Hochwrden, da mir jetzt vom
Schlosse nichts Gutes mehr kommt. Sie sind ja auch niemals hier gewesen, seit
ich hier allein im Hause wohne!
    Sie wurde roth, als sie diese Worte sprach, und der Caplan htte die
Aeuerung fr seine Zwecke nicht besser wnschen knnen. Das ist leider wahr und
sehr erklrlich, sagte er. Als die verstorbene Frau Baronin noch am Leben war
und Sie im Schlosse noch aus-und eingingen, war es freilich anders, und die
gndige Frau hat sicherlich nicht erwartet, was hernach geschehen ist.
    Hochwrden, rief Pauline und hob die Hnde unwillkrlich bittend zu ihm
empor, sprechen Sie davon nicht, jetzt nicht! Seit neun Tagen ist der Herr Baron
nicht mehr hier gewesen, obschon er auf dem Schlosse war die ganze lange Zeit;
seit neun Tagen ist mein Leben ein einziges Warten gewesen Tag und Nacht! Ich
wei vor Angst und Qual nicht mehr, wie mir zu Muthe ist; ich habe genug auf dem
Herzen, auch ohne da ich an die selige Frau Baronin denke!
    Und hoffen Sie denn, da Sie hier in Rothenfeld, so lange Sie in der Nhe
des Schlosses leben, jemals zur Ruhe kommen werden? fragte er nachdrcklich.
    Sie war bis dahin uerlich gefat und ruhig gewesen, bei dieser Frage aber
fuhr sie augenblicklich leidenschaftlich empor. So lange ich in der Nhe des
Schlosses bin? Wo soll ich denn anders sein als hier, als hier, wo ich geboren
bin und hingehre? Ich gehe auch nicht fort von hier, gewi und bestimmt nicht!
Ich habe ihm das selbst gesagt seit all den Wochen und Wochen, und wenn Sie nur
dehalb hergekommen sind, Hochwrden, so .... Sie vermochte seinem ruhigen
Blicke gegenber das trotzige Wort nicht zu vollenden, und pltzlich abbrechend
rief sie: Alles, alles, was er will - nur nicht fort von hier!
    Sie nannte den Namen des Barons auch jetzt wieder nicht, inde die Art, in
welcher sie ihn bezeichnete, gab deutlich das Verhltni kund, in dem sie seit
Jahren zu ihm gestanden, und das Gefhl der Berechtigung, da sie dadurch neben
ihm gewonnen hatte. Sie dauerte den Caplan; er sah sie an, um in ihrem
gramerfllten und doch stolzen Antlitz die Zge des einst so freundlichen und
heiteren Kindes wiederzufinden, und unwillkrlich gab er ihr schweigend die
Hand. Das machte einen erschtternden Eindruck auf sie. Sie schlug die Augen
nieder und schien sich ihrer Heftigkeit zu schmen.
    Es thut mir leid, sagte er, da ich Sie so wiederfinde und da ich mit
solchem Auftrage, wie der meine, zu Ihnen kommen mu; denn allerdings ist es die
Nothwendigkeit Ihrer Entfernung, die ich Ihnen begreiflich zu machen wnsche. -
Er hielt inne, sein Blick lag fortdauernd mit demselben ruhigen Ernste ber ihr.
Sie waren solch ein gutes Kind, solch braves Mdchen! sagte er nach einer Weile.
    Ein Zug von Schmerz flog ber ihre Mienen, sie antwortete und regte sich
nicht.
    Als ich es dem Herrn Baron verhie, zu Ihnen zu gehen und mit Ihnen zu
sprechen, fuhr der Caplan fort, brachte ich ein Opfer damit. Jetzt freut es
mich, da ich gekommen bin, denn ich hoffe, auch Ihnen soll es zu Gute kommen.
    Mir? Was knnen Sie mir helfen, wenn Sie es auch wollten? unterbrach sie
ihn. Der gndige Herr allein ....
    Der Caplan lie sie nicht weiter sprechen. Es ist fern von mir, fuhr er
fort, Ihnen Vorstellungen, Vorwrfe zu machen, welche Ihr eigenes Gewissen Ihnen
in ruhigen Stunden sicherlich nicht erspart. Es ist eben so fern von mir, Ihnen
den Weg nennen zu wollen, auf dem Sie bisher gegangen sind. Sie haben Verstand,
Sie haben ein Herz, Sie mssen also den Unsegen Ihrer Lage selbst empfunden
haben, und Ihr Kind wird den Makel seiner Geburt durch sein ganzes Leben tragen.
Aber Sie waren jung, als Sie den ersten Schritt zur Snde thaten, und ....
    Snde? wiederholte sie, indem sie sich aufrichtete, was habe ich denn
gesndigt?
    Pauline! rief der Geistliche mit Strenge, wen wollen Sie jetzt tuschen,
sich oder mich?
    Nicht Sie, nicht mich! entgegnete sie fest und mit einer Sicherheit, welche
ihrem Wesen einen groen Adel verlieh. Es ist wahr, ich bin seit Jahren die
Geliebte des gndigen Herrn! Soll das mein Verbrechen sein? - Wer sich einen
Baum gro zieht, dem gehrt der Baum, der kann damit schalten und walten, wie's
ihm gutdnkt, und wenn der Baum von sich wte, wie ein Mensch, so mt's ihm
recht und lieb sein, wenn sein Herr sich an ihm freut. Als ich klein war, fuhr
sie mit wachsender Lebhaftigkeit und Freiheit fort, kleiner und hlfloser als
jetzt sein Kind, da hat er sein Leben daran gesetzt, mir das meine zu erhalten.
Obdach und Nahrung, Kleidung und Wartung, Pflege und Lehre habe ich gehabt, und
Alles durch ihn, und habe keinen andern Menschen auf der Welt gehabt, als ihn.
Was er mich hat thun heien, das habe ich gethan von Kindesbeinen an. Als ich
gro geworden war, hat er mir gesagt, da er mich liebte und da er mich nie
verlassen wrde, und ich habe ihm das geglaubt, denn ich habe an ihm gehangen,
seit ich denken kann, und was er mir versprochen hat, das hat er auch immer
gehalten. Es hat mir mein Gewissen auch nicht beschwert, als das Kind gekommen
ist und hat mich mit seines Vaters Augen angesehen. Gar nicht! - Ja, wenn ich
eine Dame gewesen wre! - Aber mich konnte der gndige Herr ja doch nicht
heirathen!
    Sie schwieg, als msse dieser letzte Grund den Geistlichen selbst ohne
Weiteres berzeugen, und erstaunt ber die besondere Richtung, welche diese
Natur genommen hatte, fragte dieser: So hat Ihr Gewissen Ihnen nie gesagt, da
Sie auf falschem Wege gingen?
    Niemals! antwortete sie bestimmt. Ich habe gethan, was ich nicht anders
konnte. Er hat mir immer versichert, da er nicht heirathen wrde, da ich immer
bei ihm bleiben solle und da er nicht von mir lassen werde. Wenn es dann
manchmal auch geheien hat, da er eine Frau nehmen wrde, und ich mir darber
Sorgen und Gedanken gemacht habe, so ist das immer eine unnthige Sorge gewesen.
Und ich bin ja auch immer glcklich und wie im Himmel gewesen, bis - bis nun in
diesem Sommer. Sie konnte das Wort von der Verlobung des Barons nicht ber ihre
Lippen bringen.
    Und der Pfarrer, der Pfarrer von Neudorf, bei dem Sie ja eingepfarrt sind,
hat er Sie nie zur Rede gestellt, Sie nie gewarnt?
    Hochwrden, wehalb wollen Sie das wissen? fragte sie mitrauisch.
    Weil ich finde, da Ihnen ein ehrlicher, wahrhaftiger Freund gefehlt hat!
erwiederte er mit immer steigendem Antheile an dem jungen Weibe.
    Sie meinen also, der Herr Pastor htte als solch ein Freund an mir handeln
sollen?
    Es wrde das wenigstens seine Pflicht und eine Wohlthat fr Sie gewesen
sein.
    Nun, rief sie mit einem Anflug von Spott, dann hat er seine Pflicht nicht
gut verstanden! Und eine Wohlthat fr mich htte es sein sollen? Das heit doch
nicht wohlthun, wenn man einem das Herz im Leibe bricht und einem sagt, da man
diesseits und jenseits verdammt und verloren sei, weil man gethan hat, was man
nicht anders konnte, was man ... Sie stockte, wollte weiter sprechen, besann
sich wieder und sagte endlich: Was htte er denn auch mit mir machen sollen?
    Er htte Sie wenigstens darauf aufmerksam machen sollen, da nichts Bestand
hat, was wider Gottes Gebot und wider die Sitte der Menschen ist, antwortete der
Caplan ihr sanft und ernsthaft. Sie wrden es dann, de bin ich gewi, weit
weniger schwer gefunden haben, sich jetzt in das Nothwendige zu schicken, und
wrden nicht so rathlos und verzweifelt sein, als ich Sie leider finde.
    Sie blieb ruhig sitzen, seufzte leise und sah ihn nachdenklich an. Er fragte
sie, was sie beschftige.
    Ich denke darber nach, da es besser wre, Sie wren gar nicht hergekommen!
entgegnete sie ihm.
    Und doch kam ich in der besten Absicht! bedeutete er sie.
    Sie sagte, davon sei sie berzeugt, aber statt sich dadurch gekrftigt zu
fhlen, rief sie pltzlich mit der ihr eigenthmlichen unterdrckten Heftigkeit:
Sehen Sie mich nicht so an, Hochwrden, ich halte das nicht aus!
    Sind Sie der menschlichen Theilnahme, der wohlgemeinten Sorge denn so sehr
entwhnt? fragte er mit groer Weiche des Tones und der ganzen Milde seines
Herzens.
    Ja, sehr entwhnt! wiederholte sie klanglos; und mit hervorquellenden
Thrnen rief sie: Ach, Hochwrden, machen Sie mir das Herz nicht weich, dann
kann ich mir gar nicht mehr helfen, und wei jetzt erst recht nicht, was aus mir
werden soll!
    Sie wollte aufstehen, er nahm sie bei der Hand und nthigte sie dadurch,
sich niederzusetzen; widerstrebend gab sie nach.
    Weine nur, Pauline! sprach der Caplan, dem sie mehr und mehr beklagenswerth
erschien und der sie in dem Gedanken an ihre Vereinsamung zum ersten Male wieder
wie in den Tagen ihrer Kindheit Du und mit ihrem Namen anredete. Weine Dich aus!
Es mag lange her sein, da Du nicht von Herzen um Dich selbst geweint hast! -
Sie regte sich nicht, nur ihre Thrnen brachen neu hervor. - Das Weinen wird Dir
das Herz erleichtern, und Du mut viel gelitten haben, ehe Du Dich so gegen die
Stimme Gottes, die Jeder in seinem Gewissen in sich trgt, verhrtet hast! fuhr
der Caplan fort.
    Sie weinte bitterlich. Mit Einem Male jedoch trocknete sie ihre Thrnen, und
sich auflehnend gegen die Wirkung, welche sein Zuspruch auf sie bte, rief sie:
Wenn Gott es zulassen kann, da ich so ohne Grund und ohne meine Schuld
verstoen werde, so giebt es keinen gerechten, keinen barmherzigen Gott mehr in
der Welt! - Aber kaum hatte sie diese wilden Worte ausgesprochen, so schlug sie
die Hnde vor dem Gesichte zusammen und der Klageruf: Es wird mich noch von
Sinnen bringen! rang sich aus ihrem gequlten und verzweifelnden Herzen hervor.
    Armes Weib! sagte der Caplan, ergriffen von ihrem Schmerze, und sich ihm
pltzlich zu Fen werfend, flehte sie: Helfen Sie mir! Ach, helfen Sie mir,
Hochwrden! Auf Sie hrt er, zu Ihnen hat er Vertrauen; er hat das hundert und
aber hundert Mal gesagt! Sie knnen das Alles durchsetzen bei dem Herrn Baron!
Wenn Sie nur wollten! Sie knnten mir helfen!
    Er lie sie absichtlich auf ihren Knieen vor sich liegen, denn dem
herzbeladenen Menschen thut es wohl, sich vor demjenigen zu beugen und zu
demjenigen empor zu sehen, von dem er Beistand erwartet, und mit tiefem Erbarmen
fragte er sie, was sie wnsche und was sie denn verlange.
    Hier bleiben will ich! sagte sie mit einem Tone, der, so leise er war, doch
unheimlich wie der Wahnsinn klang, hier bleiben will ich, weiter nichts!
    Der Caplan war sehr erschttert. Er sah mit Schrecken, wie gut der Freiherr
den Charakter und den Seelenzustand seiner Geliebten beurtheilt hatte und wie
grndlich er Paulinen's religises Bewutsein untergraben, als sie, durch die
Vorstellungen des Pfarrers angeregt, ber ihr Verhltni zu dem Baron unsicher
geworden war, und Reue gefhlt haben mochte. Jetzt, da derselbe sie, wenn auch
mit Bedauern, zu entfernen beabsichtigte, wnschte er allerdings, sie glubig
und unter dem Einflusse sittlicher Begriffe zu finden, um sie auf einen hheren
Trost und eine innere Belohnung verweisen zu drfen; aber der Geistliche kannte
das Menschenherz genugsam, um ihm irgend eine Sammlung oder Erhebung zuzumuthen,
wenn es sich so bedrngt und so im Aufruhr befindet. Alles, was er daher in
diesem Augenblicke anstreben konnte, war, Pauline ber denselben fortzuhelfen
und sie zu der Entfernung zu bestimmen, die ihm fr alle Theile unerllich
schien. War das erreicht, so konnte man nachher versuchen, ein neues Leben in
der Verlassenen aufzuerbauen und sie auf den Weg zu leiten, auf welchem nach der
Ueberzeugung des Geistlichen allein Heil und Trost fr sie zu finden war.
    Du willst hier bleiben, Pauline, sprach er, und ich begreife es, da Du
dieses wnschest. Aber hast Du Dir auch bedacht, was Dir hier bevorsteht? Er
machte eine kurze Pause und sagte danach im Tone ruhiger Erzhlung: Heute in
vierzehn Tagen, in drei Wochen, wird vielleicht die Frau Baronin an der Seite
des Herrn Barons durch das Dorf fahren, und er wird ihr sagen, wer in diesem und
wer in jenem Hause wohnt, und er wird sie dann bitten, seinen Unterthanen eine
gtige Herrin, den Kindern des Dorfes eine Mutter zu sein, wie die selige
gndige Frau es Dir und allen Andern auch gewesen ist. - Und wieder schwieg er
einen Moment, da er merkte, wie achtsam und gespannt sie seinen Worten folgte.
Wenn der Herr Baron dann an Dein Haus kommen wird, fuhr er fort, indem er sie
scharf dabei ansah, was soll er ihr dann sagen? Wenn sie Deinen Knaben sieht,
was wird er von seiner Frau fr denselben erbitten knnen, mit welchem Herzen
wird er ihn in Zukunft betrachten? Und Du selbst, Pauline! Wnschest Du der Frau
Baronin zu begegnen? Oder lstet's Dich, Dich zu verbergen, wenn sie mit ihrem
Manne hier vorberkommen wird? - Willst Du es hinter den Vorhngen Deines
Fensters mit ansehen, wie der Baron vor Deiner Thr das Auge niederschlgt und
den Blick abwendet, wenn Dein Sohn ihm in den Weg tritt? - Willst Du den Knaben
lehren, den Herrn Baron zu meiden, dem er jetzt zutrauensvoll seine Arme
entgegenstreckt? Und was soll Dein Sohn der Frau Baronin antworten, wenn sie ihn
einmal fragen wird, wer er sei und wem er angehre?
    Pauline war schon lange von ihren Knieen aufgestanden. Bleicher und bleicher
werdend, das Auge finster und starr auf den Fuboden gerichtet, hatte sie den
Worten des Geistlichen zugehrt. Das leise Zucken ihrer Lippen, das
Zusammenziehen ihrer Augenbrauen verriethen, was in ihr vorging.
    Ueberlege es Dir wohl, Pauline, hob er noch einmal an, berlege es Dir wohl,
was Dein Verlangen, hier zu bleiben, Dir eintragen wird. Furcht, Schrecken,
Eifersucht, Verzweiflung fr Dich, Heuchelei und Lge fr den Knaben, Verachtung
fr Euch Beide, das ist es, was Du Dir hier bereiten willst, was Dein Theil sein
wird, bis der Kummer und die gerechte Forderung der Frau Baronin Dich frher
oder spter doch von hier forttreiben werden!
    Nein, nein, das ist unmglich! rief sie. Sie ist ja auch ein Weib! Wenn sie
ein Herz hat, wird sie, mu sie Mitleid mit mir haben! - Und es schien, als gehe
der Unglcklichen mit diesem Gedanken ein neuer Stern der Hoffnung auf.
    Der Caplan schttelte verneinend das Haupt. Du irrst Dich, sagte er; sie
wird Deine Nhe frchten, und was wir frchten, das bemitleiden wir nicht, das
beklagen wir nicht, das hassen wir viel eher!
    O, ich hasse sie auch! stie Pauline leidenschaftlich hervor, und ihre Augen
funkelten in wildem Feuer.
    Wie solltest Du nicht, da Du nur Dich im Auge hast, da Du nach Recht und
Unrecht, nach Schuld und Unschuld nicht mehr fragst! sprach der Geistliche,
einen neuen Weg zu Paulinen's Verstand und Herz versuchend.
    Hochwrden! rief Pauline flehend.
    Beharre in der Hrtigkeit Deines Herzens! fuhr er fort, ohne ihren Ausruf zu
beachten; weide Dich daran, das Leben der jungen, schuldlosen Gutsherrin zu
beunruhigen; zwinge den Baron, sich immer wieder daran zu erinnern, was er gegen
Dich und mit Dir gesndigt hat, verbittere ihm den Frieden der Ehe, die er
eingehen will! Aber sage dann nicht, da Du jemals Dankbarkeit, da Du Liebe fr
ihn empfunden hast, da etwas Anderes, als Dein eigenes Gelsten und Deine
Selbstsucht Dich ihm angeeignet haben! Der Zeitpunkt, verla Dich darauf, wird
dann nicht lange auf sich warten lassen, in welchem er mit Schrecken an Dich
denken und, Selbstsucht gegen Selbstsucht setzend, sich berechtigt fhlen wird,
auch ohne Deine Zustimmung Dich von hier fortzuschicken!
    Und wenn ich gehe? fragte sie nach langem Schweigen; wenn ich gehe - und
vergessen werde? - Sie barg ihr Gesicht in ihre Hnde, der Schmerz gewann wieder
eine wohlthtige Herrschaft ber die Erbitterung in ihr.
    Du wirst nicht vergessen werden, kannst nicht vergessen werden! trstete der
Caplan. Reue und Bedauern werden den Baron an Dich erinnern; Dank fr den
Frieden, welchen Deine Entfernung allein ihm in seiner Ehe mglich macht,
Neigung und Sorge fr den Knaben werden ihn Dir dauernd verbunden halten, und Du
ganz allein sollst ber Deine Zukunft zu entscheiden haben, in welcher Reue und
Bue auch Dich hoffentlich zur Einkehr in Dich selbst, zum Frieden fhren
werden!
    Aber Pauline hatte in ihrer Herzenszerrissenheit seine letzten Worte wieder
nicht beachtet, und sich immer nur an das Nchste haltend, rief sie: Meine
Zukunft? Was kmmert mich die! - und abermals versank sie in ihr Brten.
    Der Caplan sah, je lnger er mit ihr sprach, es immer deutlicher ein, da
hier mit Einem Schlage nichts auszurichten sei, und da man ihr Zeit lassen
msse, sich durch Aufregen und Nachdenken zu erweichen und zu ermden; denn er
hielt sie fr einen der Charaktere, welche nur dann zum Nachgeben bewogen werden
knnen, wenn ihre Kraft erschpft ist. Er erhob sich also, um zu gehen.
    Ich habe Dir die beiden Wege gezeigt, zwischen denen Du zu whlen hast!
sagte er eindringlich. Deine Entfernung ist nothwendig und darum unabnderlich
beschlossen! An Dir ist es, zu whlen, wozu sie sich fr Dich gestalten soll: zu
einer Bue und Erhebung, oder zu einer Strafe und neuen Pein! An Dir ist es, zu
whlen; von Dir allein wird es abhangen, wie der Herr Baron in Zukunft Deiner
gedenken soll! Ueberlege Dir das wohl, ehe Du entscheidest!
    Er gab ihr die Hand und ging der Thre zu. Als er dieselbe bereits geffnet
hatte, fragte Pauline schnell und unerwartet: Hochwrden, ist die Grfin schn,
ist sie sehr schn?
    Hast Du nichts Anderes zu denken? versetzte er, von dieser Wendung ihres
Sinnes berrascht.
    Ist sie schn? Liebt er sie denn sehr? wiederholte sie dringend.
    Der Caplan sah, da er ihr diese Fragen beantworten msse. Die Comtesse ist
jung und schn und edel, sagte er; sie verdient die Neigung, welche der Herr
Baron ihr zugewendet hat, in vollem Mae.
    Pauline schwieg darauf. Der Caplan wute nicht, was in ihr vorging, was er
von ihr denken sollte. Er stand zgernd an der Thre still; sie sttzte sich mit
der Hand auf den Tisch.
    Willst Du sonst nichts weiter? fragte er nach einem lngern Abwarten.
    Nein! Nichts!
    So lebe wohl!
    Leben Sie wohl, Hochwrden! erwiderte sie ihm mit anscheinender Ruhe, aber
gleich darauf wallte das Herz ihr auf, und mit einer Innigkeit des Tones, welche
sehr abstach gegen ihre letzten Worte, sagte sie: Hochwrden, kommen Sie wieder!
Mein Unglck ist so gro, so grenzenlos gro, da ich es nicht begreifen kann!
    Sie hielt, als schwindle ihr, die Hnde gegen den Kopf und setzte sich
nieder. Der Caplan versprach ihr, sie bald wiederzusehen, ermahnte sie nochmals
zum Nachdenken, und verlie sie weit besorgter, als er gekommen war.
    Nun er Pauline kannte, hielt er ihre Entfernung erst vollends fr
unerllich. Bei der Schwche des Barons, bei der Gewohnheit, welche ihn an sie
kettete, war Alles fr das Glck seiner Ehe und fr den Frieden der jungen Frau
zu frchten, wenn Pauline blieb. Und doch sah er noch nicht ein, wie man sie auf
dem Wege der Gte in so wenig Tagen zur Abreise werde bestimmen knnen, whrend
er wute, da der Baron vor jeder offenen Gewaltthtigkeit und Hrte
zurckschrecken wrde, wennschon er es sonst eben nicht scheute, Andere leiden
zu machen, sofern ihm selbst nur das persnliche Einschreiten und der Anblick
des von ihm erzeugten Leidens erspart blieben.
    Bei der Abendtafel saen der Freiherr und der Caplan sich allein gegenber,
denn es waren keine Gste im Schlosse, weil des Freiherrn Abreise so nahe
bevorstand. Der Freiherr sprach von lauter uerlichen Dingen, obgleich es ihm
nicht entging, da der Caplan sich ernster und stiller zeigte, als gewhnlich.
Inde er war nicht eilig, die Ursache von dem Nachdenken desselben zu erfahren,
und erst als die Dienerschaft sich entfernt hatte und auch jener sich
zurckziehen wollte, fragte der Baron ganz beilufig, ob der Caplan vielleicht
schon in Rothenfeld gewesen sei. Dieser bejahte es.
    Nun, und wie haben Sie Pauline gefunden? fuhr der Baron in der frheren
leichten Unterhaltungsweise fort. Sie war auer sich, nicht wahr? Ich kenne das
an ihr, und eben darum wnschte ich, da grade Sie mit ihr verhandeln sollten.
Haben Sie etwas ausgerichtet?
    Der Caplan versetzte, Pauline sei allerdings sehr aufgeregt gewesen, wie das
bei einer solchen ersten Unterredung mit einem Manne, der ihr in diesem Falle
ein Fremder sei, nicht fehlen knne. Es lasse sich aber eben darum von diesem
Zusammentreffen nichts Bestimmtes sagen, man msse Geduld haben und weiter
zusehen. Er hoffe und wnsche, da man zu einem verstndigen Uebereinkommen
gelangen werde, weil man kein Mittel sparen drfe, ein solches zu erreichen.
    Er sprach dabei nichts Bestimmtes aus; der Baron war auch sehr zufrieden
damit, nichts Nheres hren zu mssen. Er war stets bereit, seine Last auf die
Schultern seiner Untergebenen zu laden und ihnen ihre Mhewaltung als eine
Ehrensache anzurechnen. Er versicherte daher dem Caplan, da er volles Zutrauen
zu seiner Einsicht und zu seiner Freundschaft hege; da er zu jeder Forderung,
welche Pauline fr ihre ueren Umstnde mache, im Voraus seine Bewilligung
ertheile, und da er also die ganze Leitung und Luterung der peinlichen
Verhltnisse dem Freunde berlasse.
    Ich habe Ihnen heute den hchsten Beweis von Vertrauen gegeben, lieber
Freund, den ein Mann dem andern zu geben im Stande ist, sagte er. Ich habe Sie
gebeten, in einer mir uerst wichtigen und schmerzlichen Angelegenheit statt
meiner zu handeln. Was Sie fr nthig erachten, werde ich unbedenklich thun, was
geschehen wird, wird allein Ihr Werk sein! -
    Er betonte dieses Letztere, als gebe er im Voraus seinen Dank zu erkennen;
aber der Caplan wute, da der Baron sich dieser Wendung ohne Zweifel sehr wohl
erinnern wrde, wenn es etwa darauf ankommen sollte, dem Vermittler die ganze
Verantwortlichkeit fr ein Milingen oder fr irgend eine unangenehme
Verwicklung zuzuwenden, und als wolle er ihm gar nicht Zeit zu irgend einer
Entgegnung einrumen, fgte der Baron mit wiedergekehrtem Gleichmuthe
leichtfertig hinzu: Nur das Eine halten Sie fest, da der Gedanke an das arme
Geschpf mir wehe thut, weil es mich in der That mehr liebt, als Mnner meiner
Art eigentlich in hnlichen Verbindungen geliebt zu werden wnschen.
    Darauf gab er einige Auftrge, die er hier im Schlosse whrend seines
Aufenthaltes in der Stadt vollzogen zu sehen wnschte, und empfahl dieselben dem
Caplan eben so angelegentlich, als er ihm Pauline empfohlen hatte. Seine
Wiederkehr und die Abreise zur Hochzeit wurden auf Tag und Stunde festgesetzt,
und in aller Frhe des nchsten Morgens brach der Freiherr von seinem Schlosse
auf.
    Es war noch nicht vllig hell, als er durch Rothenfeld fuhr und an
Paulinen's Haus vorberkam. Er bog aus Gewohnheit den Kopf ein wenig hervor; die
Hausthre, die Fensterladen waren noch geschlossen. Er hatte in ihrem Schutze
manche Stunde voll Genu durchlebt. Die Erinnerung daran bewegte ihn, aber in
einer Weise, als lge die Zeit, in der es geschehen war, ein halbes
Menschenleben hinter ihm. Er hatte jetzt nur die nchsten Tage, nur die
Verbindung mit Grfin Angelika im Sinne. Mit der Vergangenheit hatte er sich
gestern abgefunden, als er dem Caplan davon ausfhrlich gesprochen hatte.
Pauline zu befriedigen und zu trsten war nun dessen Sache.
    Als der Wagen um die Ecke bog, sah der Baron das Haus noch einmal von der
andern Seite vor sich. Es fiel ihm ein, da es, wenn Alles nach seinen Wnschen
gehe, bei seiner Heimkehr bereits verlassen sein werde, und noch einmal
berschlich ihn die Wehmuth, die ihn gestern zu den Mittheilungen an den Caplan
bewogen hatte. Aber er verscheuchte sie schnell mit dem erfreulichen Gedanken,
da er fr sein Alter doch noch eine groe Frische der Empfindung besitze. Als
feiner Egoist verstand er es vortrefflich, sich selbst seinen Schmerz in eine
gewisse Befriedigung zu verwandeln, und wie er sich am gestrigen Tage im
Hinblicke auf seine junge Verlobte, seiner Wohlgestalt gefreut hatte, so
erfreute es ihn jetzt, da die Trennung von einer Geliebten ihn noch wirklich im
Gemthe leiden mache. Seine Braut konnte sich nach seiner Meinung des Besten zu
einem Manne versehen, der neben den Erfahrungen der reifen Jahre alle Vorzge
der Jugend bewahrt hatte.
    Was aber Pauline anbetraf, so gestand er es sich im Vertrauen, da sie an
Anziehungskraft fr ihn verloren habe, da sie nicht mehr dieselbe sei, als vor
fnf Jahren. Was sie an Entwicklung gewonnen, das hatte sie an Ursprnglichkeit
eingebt, und es war im Grunde nicht bel, da seine Heirath ihm die Pflicht
auflegte, sich von ihr zu trennen. Da es ewig whren knne zwischen ihr und
ihm, hatte sie ja selbst nicht glauben knnen. Aber er wollte in jeder Weise fr
sie sorgen, fr sie und fr sein Kind, und wenn er das that, so war ihr doch
immer ein ganz anderes Loos gefallen, als ihr ohne sein Dazwischentreten jemals
htte zu Theil werden knnen. Er war also beruhigt und durchaus mit sich
zufrieden.

                                Drittes Capitel


Die Hlfte der Zeit, welche der Baron fr seine Abwesenheit angesetzt hatte, war
bereits verflossen, ohne da der Caplan zu einem befriedigenden Abschlusse mit
Pauline htte gelangen knnen. Denn mit dem Eigensinn des Herzens, welchen die
Halbbildung sich als Charakterstrke auslegt, wies sie Alles von sich, was ihrem
Empfinden widersprach, hielt sie an ihren Vorstellungen fest, und alle diese
Vorstellungen kamen ihr von dem Baron; nur da in seiner Geliebten sich zu einem
Ganzen gestaltet hatte, was in ihm unverbunden neben einander herging, und da
in ihr zur Glaubenssache geworden, was in ihm stets mehr oder weniger ein Spiel
und die Wirkung zuflliger Stimmungen geblieben war.
    Der Baron war kein Wstling, kein gewhnlicher Lebemann, kein herzloser
Aristokrat, kein schwrmender Phantast. Er hatte aber von allen diesen Arten
einzelne Zge in seinem Charakter, und dabei eine Eitelkeit, welche seine
Herzensgte, seinen Verstand beeinflute und es ihm zu einem Bedrfnisse machte,
immerdar Etwas vorzustellen und dafr mindestens von sich selbst Bewunderung
einzuernten.
    In der groen Welt hatte er frher durch seine Prachtliebe und durch seine
Abenteuer geglnzt, im Felde oder im Staatsdienste wrde seine Eitelkeit ihn
vielleicht zu Anstrengungen getrieben haben, die ihm Ehre gebracht und Ruhm
erworben htten. In der Stille des Landlebens konnte es ihm geschehen, da er
sich, wenn es sich eben so fgte, aus der Erziehung eines schnen Waisenkindes
ein Bewutsein machte, da die Anbetung, welche dasselbe ihm zollte, ihm fr
eine Zeit lang gengte, und da er sich von einem solchen Mdchen ganz und gar
gefesselt fhlte, weil er es gnzlich als sein Geschpf betrachten durfte. Er
hatte mit voller Wahrheit gegen den Caplan behaupten knnen, Pauline sei das
einzige Frauenzimmer, neben welchem er nie Langeweile gefhlt habe, denn Alles,
was sie wute und sprach, kam ihr von ihm oder durch ihn, und war daher sicher,
ihm immer zu gefallen.
    Einige Jahre hindurch hatte er Pauline gegenber die Wirkung seiner Gromuth
oder seines Geistes genossen, wenn sie sich verstndig und immer fortschreitend
bewies, und sich daneben lchelnd ihrer Einfalt und seiner Ueberlegenheit
gefreut, so oft die Schranke ihrer Natur und ihres Wesens ihm bemerklich wurde.
Diese Zeit jedoch war jetzt vorber. Pauline hatte sich an ihren Platz neben dem
Baron gewhnt, sie hatte seine Schwchen kennen und, um ihn in guter Stimmung zu
erhalten, dieselben benutzen und ihn dadurch beherrschen lernen. Sie hing an ihm
noch immer mit leidenschaftlicher Liebe, sie verga es auch niemals, was sie ihm
schuldete; aber weil sie die geistige Kluft nicht ermessen konnte, welche den
Freiherrn von ihr trennte, hatte sie sich mehr und mehr in seinem Besitze sicher
gefhlt, und die von ihm oft wiederholte Aeuerung, da ihr Leben dem seinigen
in rthselhafter Weise verbunden sei, hatte sie in dem Glauben bestrkt, da der
Baron sie nie verlassen knne, da sie nothwendig zu seinem Leben, zu seinem
Glcke gehre.
    Sie war daher wie vernichtet gewesen, als sie die Nachricht von seiner
bevorstehenden Verheirathung erhalten hatte. Der Baron selbst hatte sie ihr
mitgetheilt, ohne deshalb, nach den leichten Grundstzen seiner Zeit, gleich
Anfangs an die Nothwendigkeit ihrer Entfernung zu denken. Erst ihr
leidenschaftlicher Schmerz und die heftigen Ausbrche ihres Zornes, erst ihre
Drohung, da sie seine Heirath zu hintertreiben wissen werde, hatten ihm
gezeigt, da er sie nicht in Rothenfeld behalten knne, und hatten ihn gegen sie
verstimmt. Inde schwach und nachgiebig gegen sie wie gegen sich selbst, hatte
er mit der Entscheidung gezgert, bis der Tag seiner Hochzeit heran nahte, bis
er sich der Aussicht auf die schne junge Gattin zu erfreuen, und sich ber den
Verlust seiner Geliebten mit dem ihm schmeichelnden Gedanken fortzuhelfen
begann, da er seinem Gewissen und seiner Verlobten ein groes Opfer bringe, und
da er als Edelmann die Pflicht habe, fr sein edles Geschlecht ein wrdiges
Familienleben in seinem Hause aufzubauen.
    Er war mit sich auf diese Weise leicht genug fertig geworden. Der Caplan
hatte dafr mit Pauline einen um so schwereren Stand. Sie mitraute ihm als
katholischem Geistlichen, als Abgesandten des Barons, und verlangte doch nach
seiner Nhe, weil sie sich verlassen fhlte und weil sie mit ihm von demjenigen
sprechen konnte, was ihr allein am Herzen lag.
    So oft er zu ihr kam, mute er sich von ihr die einfache Geschichte ihres
Lebens erzhlen lassen. Sie wiederholte ihm jene Grundstze eines Naturrechts,
auf das der Baron sie verwiesen, als er sie durch die Ermahnungen des Pfarrers
beunruhigt gesehen hatte. Sie gab ihm ihre Eifersucht und Verzweiflung zu
erkennen, und der Gedanke an die baldige Anwesenheit der knftigen Baronin, den
der Caplan ihr so eindringlich vorgehalten hatte, wirkte nun unablssig in ihr
nach. Sie verlangte Rath von ihm und verwarf denselben; sie verlangte Trost und
Hlfe, aber sie wendete sich ab, sobald er sie auf einen Trost verweisen wollte,
den sie in ihrem eigenen Innern sich zu bereiten habe. Sie wollte weder von
kirchlichen noch von staatlichen Geboten reden hren, aus Furcht, daran erinnert
zu werden, da sie dieselben bertreten habe, und da sie diese Uebertretung
shnen und ben msse. Mehr oder weniger gebildet und aufgeklrt, wrde sie
leichter zu bestimmen gewesen sein, als jetzt; und es waren schlielich nicht
die Vorstellungen ihres Berathers, nicht seine Moral und seine Vernunftgrnde,
welche Eindruck auf Pauline machten. Es waren seine Geduld mit ihr und seine
Milde, die ihr das Gemth bewegten und sie allmhlig dahin brachten, da ihr
Zorn und ihre Verzweiflung dem reinen Schmerze wichen, der nicht mehr sich zu
rchen, sondern nur noch sich selbst zu helfen trachtet.
    Eines Morgens, als der Caplan wieder zu ihr kam, fand er sie vor ihrer
groen Nubaum-Commode sitzen. Um sie her lagen verschiedene Kleidungsstcke
ausgebreitet, daneben Bnder, Zierathen, Nhbestecke und viele jener
Kleinigkeiten, mit denen man die Frauen zu beschenken pflegt, deren eigentliche
Bedrfnisse ohnehin befriedigt werden. Sie schien Musterung zu halten, und der
Caplan fragte sie, weshalb sie dieses thue.
    Weshalb ich das thue? wiederholte sie. Ja! wenn ich das wte, Hochwrden!
Ich kann nicht sagen, wie ich darauf verfiel, die Schubladen aufzumachen und die
Sachen zu besehen. - Die Commode ist mein Lieblingsstck! bemerkte sie nach
einer Weile, whrend sie die Sachen fortrumte, die auf derselben gelegen
hatten. Sehen Sie einmal das Geder in dem Nubaume. Es sieht wie Bume aus; und
dann der schwere Messingbeschlag und die groen Griffe! Ich wei den Tag, an
welchem ich die Commode bekommen habe. Die alte Margarethe gnnte sie mir gar
nicht, und ich habe zuerst viel bittere Worte darber hren mssen und manche
Thrne darber vergossen!
    Sie erzhlte darauf, wie schwer die Alte ihr bisweilen das Leben gemacht
habe, und in die Art und Weise, mit welcher sie ihre Schtze wieder an Ort und
Stelle brachte, mischte sich der Stolz auf den Besitz derselben mit einer
unverkennbar wehmthigen Erinnerung. Der Caplan lie sie ruhig gewhren.
    Wenn ich das Alles so vor mir sehe, sagte sie mit einem Male, ist's mir
grade, als ob ich die ganzen vergangenen Jahre wieder vor mir htte. Von jedem
Stcke kann ich sagen, wann er es mir geschenkt hat, wann ich es zuerst getragen
und gebraucht, und wie Alles damals gewesen ist. Manches liegt noch ganz neu da,
Manches ist nicht mehr zu gebrauchen, und ich knnte es doch nicht fortgeben.
Sie bckte sich bei den letzten Worten, nahm aus der untersten Lade eine Jacke
von Kattun hervor, hielt sie dem Caplan hin und sagte: Sehen Sie, Hochwrden,
das war der erste Anzug, den er mir nach seiner Rckkehr kaufte. Ich war damals
noch nicht ausgewachsen und so mager! Aber ich htte es nicht mit ansehen
knnen, da ein Anderer mir nachgetragen, was er mir einmal gegeben hat.
    Der Caplan warf einen Blick auf das bezeichnete Kleidungsstck und machte
die Bemerkung, da es ihr auch knftig an Nichts fehlen und der Baron fr alle
ihre Bedrfnisse auch knftig sorgen lassen werde.
    Sie hrte nicht darauf, denn sie war viel zu sehr mit sich und der
Vergangenheit beschftigt. So oft er nach der Stadt fuhr, brachte er mir Etwas
mit, nahm sie wieder das Wort. Zuletzt dieses groe, rothe Umschlagetuch. Ich
sollte mich darber freuen, ich sollte sehen, wie schn es sei. Schn genug war
es, aber freuen konnte ich mich nicht mehr darber. Ich wute ja schon, was hier
bevorstand.
    Die Freude an Deinem Hab und Gut wird wiederkommen, sagte der Caplan, wenn
Du erst wieder in Ruhe und unter Menschen sein wirst, denen Du Deine Sachen
zeigen kannst.
    Sie schttelte verneinend das Haupt. Wer so unglcklich gemacht werden soll,
wie ich, den freut Nichts mehr, und aus dem Unglck darf man nicht zurckdenken
an die guten Tage, wenn's einem das Herz nicht brechen soll. Ich wollte, ich
htte die Commode gar nicht aufgemacht!
    Sie fuhr sich mit der Hand ber die Augen, schlo die smmtlichen vier
Schubladen zu und steckte die Schlssel in die Tasche von weiem Piqu, die sie
unter ihrem Kattunrocke trug.
    Der Caplan stand auf; das schien sie zuerst auf den Gedanken zu bringen, da
sie mit dem Aufrumen in seiner Gegenwart etwas Ungehriges gethan htte. Sie
bat ihn dehalb um Entschuldigung. Aber, fgte sie hinzu, wenn Sie nur ein
einziges Mal erfahren htten, wie einem Menschen zu Muthe ist, dem so wie mir
der Todessto gegeben wird, so wrden Sie wissen, auf was man da Alles verfllt.
Elend mu man kennen, damit man's versteht!
    Die Worte kamen ihr von Herzensgrund und rhrten den Caplan durch den
Ausdruck, mit welchem sie gesprochen wurden. Er seufzte unwillkrlich, sah
Pauline an, zgerte einen Augenblick und sagte dann mit ganz verndertem Tone:
Und wenn ich es nun verstnde, was Elend ist, wenn ich es wte, wie Dir Armen
zu Muthe ist?
    Sie richtete ihre dunkeln Augen forschend auf seine Miene. Hochwrden, was
soll das sagen? fragte sie danach. Sie sollten wissen, wie mir zu Muthe ist? So
wie Sie, Hochwrden, sieht man nicht aus, so still und ruhig nicht, wenn man so
zerschmettert worden ist und sein Alles verloren hat, wie ich.
    So still und ruhig wird man, kann man werden, wenn man sich vorhlt, da
Alles, was wir leiden, uns von Gott kommt, und da der Heiland selbst sein Kreuz
getragen, da Christus selbst den Kelch des Leidens ausgekostet hat bis auf den
letzten Tropfen! entgegnete er ihr.
    Pauline schwieg, als stnde sie an geweihter Sttte, als sei ein Vorhang vor
ihr aufgezogen, der ihr ein Allerheiligstes offenbarte. Sie faltete die Hnde,
ihr Blick hing mit einer ganz neuen, liebevollen Empfindung an dem milden
Antlitze des geistlichen Herrn, und nher zu ihm tretend, whrend sich ihre
Wangen rtheten von der Scheu, mit welcher sie die Frage an ihn richtete, sprach
sie leise: Hochwrden, sind Sie denn auch verlassen und verstoen worden?
    Nein! entgegnete er.
    Was ist Ihnen denn geschehen? forschte sie weiter, und ihre Stimme wurde
weicher, ihr Blick von Theilnahme gesnftigt.
    Er nahm sie bei der Hand, setzte sich und nthigte sie damit, sich ebenfalls
niederzulassen; dann sagte er ruhig: Ich habe mich berwunden!
    Freiwillig? rief sie aus.
    Freiwillig! wiederholte er, und sie schwiegen Beide. Pauline war wie
umgewandelt, sie verga sich selbst in diesem Augenblicke. Das Vertrauen des
Caplans hatte sie erhoben. Ihn aber hatte es eine neue, groe Ueberwindung
gekostet, vor Pauline von seinem eigenen Geschicke zu sprechen; inde er hatte
richtig erkannt, da man auf diese Frau nur wirken knne, indem man ihre
Theilnahme auf einen Anderen richte und ihr ein Beispiel aus dem Bereiche
vorhielt, den sie kannte und bersah. Das Verlangen, mehr von dem Schicksale des
Geistlichen zu hren, lie ihr nun keine Ruhe. Sie wollte vergleichen knnen,
und doch band die Ehrfurcht ihr die Zunge, bis sie endlich die Frage wagte: Und
jetzt, Hochwrden, sind Sie denn jetzt nicht mehr unglcklich, haben Sie
verschmerzt, was Sie gelitten, was Sie geopfert haben?
    Ja, ich habe es verschmerzt! Ich habe wieder Freude an dem Leben, ich habe
Menschen, deren Wohl und Wehe mir sehr am Herzen liegt ....
    Und Sie knnen also wirklich wieder glcklich sein? fragte sie noch einmal.
    Ich bin freudig in meiner Arbeit, in der Erfllung meiner Pflicht! Mit einem
Worte, ich lebe gern, versetzte er - und ich habe doch keinen Sohn, fr den ich
leben knnte!
    Sie fate den Gedanken offenbar bereitwillig auf. Ja, sagte sie, es ist ein
gutes Kind, und Sie glauben nicht, wie klug er ist. Weit ber seine Jahre klug!
Er merkt Alles und wei Alles, ohne da man es ihm sagt. Wenn er mich traurig
findet, sieht er mich an, da man denkt, es sei eine Snde, ihn merken zu
lassen, was man aussteht. Er lt dann keinen Blick von mir, und seine Augen
sind ganz wie die des Vaters. Sie sprach darauf von der Absicht des Barons, den
Knaben frh einer mnnlichen Leitung zu bergeben, und klagte sich an, da sie
denselben bisher nicht genug geliebt habe. - Ich habe immer und immer nur an den
Vater gedacht, sagte sie; der Knabe wrde mich bald vergessen, nhme man ihn
fort von mir, und der Vater wird mich noch schneller vergessen! setzte sie mit
erneuter Klage hinzu.
    Der Caplan mochte es ihr nicht bemerken, da sie damit zum ersten Male ihre
indirecte Zustimmung zu den Absichten des Barons kundgegeben hatte, aber die
Thatsache war ihm wichtig, und obschon er bei Paulinen's schnell wechselnden
Stimmungen auf diese pltzliche Sinnesnderung nicht allzu viel vertraute, fing
er doch an, mit ihr von einem der nchstgelegenen Stdtchen und von dem Leben in
demselben zu sprechen. Pauline wute es, da der Baron sie dorthin senden
wollte. Sie fragte, wie weit der Ort von Richten entfernt sei und wie viel Zeit
man brauche, um von dort nach der Hauptstadt der Provinz zu kommen, in welcher
nach dem oftmals ausgesprochenen Plane seines Vaters der Knabe spter erzogen
werden sollte. Dann erkundigte sie sich, ob ihrem Sohne seine Geburt bei der
Aufnahme in eine Erziehungsanstalt keine Hindernisse in den Weg stellen wrde,
wie sie einmal gehrt zu haben glaubte, und sie blieb berhaupt nur mit der
Zukunft des Knaben beschftigt, bis der Caplan sich entfernte. Es war aber
ersichtlich da ihr Etwas auf dem Herzen lag, fr das sie den Ausdruck oder den
Moment nicht zu finden wute, und der Geistliche hielt schon den Drcker der
Thre in der Hand, als sie sich ihm nherte und schchterner, als es ihre Art
war, die Frage aufwarf: Sie haben sich berwunden, sich aufgeopfert, Hochwrden,
hat Ihnen das gute Frucht gebracht? Haben sie es Ihnen gedankt, diejenigen, fr
welche Sie sich geopfert haben?
    Ein Opfer, fr das man Lohn erwartet, ist kein Opfer mehr! entgegnete er
ihr.
    Sie verstummte darauf und lie ihn gehen. Aber er war ihr menschlich nher
getreten, seit sie wute, da auch er gelitten und verzichtet habe; und es
gelang ihm nach einigen Tagen endlich, ihre Einwilligung zu der Uebersiedelung
nach der Stadt zu erhalten. Sie erklrte jedoch, da sie den Baron noch einmal
sehen wolle, ehe sie Richten verlasse. Sie msse aus seinem eigenen Munde das
Versprechen erhalten, da er sie besuchen werde, wenn er nach ihrem knftigen
Wohnorte komme; da er selbst ber den Lebensweg ihres Sohnes wachen wolle, und
der Caplan ging, so weit er es vermochte, auf alle ihre Wnsche ein.
    Neben diesen Stunden voll ruhiger Ueberlegung gab es aber auch viele andere,
in welchen sie sich nur mit der Hochzeit des Barons und der knftigen Baronin
beschftigte, und in denen sie vllig wieder in ihren Schmerz versank. Sie
betheuerte dann unaufhrlich, da sie ja verzichten mchte, da sie es aber
nicht knne, und da es ber ihre Krfte gehe. Es war ein Auf und Nieder in
ihren Empfindungen, dem schwer zu folgen, dessen Ursachen oft nicht zu ersphen
waren; und oftmals, wenn die Vorstellungen und Gesprche des Caplans sie so weit
gebracht hatten, da ein Schuldbewutsein und der Gedanke, da man ein
Verschulden ben msse, in ihr rege wurden, warf sie mit der ihr
eigenthmlichen Pltzlichkeit gewisse Aeuerungen ber die ihr einzig
angemessene Art von Bue hin, welche er aufs Neue zu bekmpfen hatte.
    Am Freitag Abend ging er nochmals zu ihr. Man erwartete in der Nacht die
Ankunft des Barons, der sich am Sonntag in aller Frhe zu seiner Braut begeben
wollte. Der Caplan wnschte ihm bei seiner Heimkehr sagen zu knnen, da er
Alles geordnet habe und da Pauline in ihr Schicksal ergeben sei. Er war daher
sehr zufrieden, als er Abends, da er zu ihr kam, sie damit beschftigt fand, die
Kleider und das Spielzeug ihres Sohnes in einen kleinen Koffer zusammen zu
packen. Sie sprachen fortdauernd von der Reise und von der Stadt.
    Als der Caplan sie fragte, fr welche Zeit er ihr die Pferde bestellen
solle, gab sie den Sonntagmorgen an, und wnschte, da der alte Kmmerer bewogen
werden mge, sie zu begleiten. Sie habe Richten nie verlassen und es bange ihr
vor der Fremde. Der Caplan versprach ihr, dies zu vermitteln und Alles nach
ihrem Wunsche einzurichten. Nur als sie auf die begehrte Unterredung mit dem
Baron zurckkam und auf dieselbe bestand, erklrte er ihr, er zweifle, da
derselbe geneigt sein werde, sie in diesem Augenblicke wiederzusehen. Von ihrer
Forderung zu Bitten bergehend, flehte sie zuletzt den Caplan mit Thrnen, ihr
diese einzige Gunst zu erwirken, und er sagte ihr zu, dem Baron ihren Wunsch
mitzutheilen.
    Inde gleich die erste Begegnung mit demselben lie ihn erkennen, da er
hier auf Widerstand stoen werde und da fr die Erfllung von Paulinen's Bitte
Nichts zu hoffen sei. Der Baron war sehr aufgerumt und in der That auch viel
beschftigt. Er fragte Anfangs gar nicht nach Pauline, und da er es spter that,
geschah es in einer Weise, die kaum eine Antwort zu verlangen schien. Dennoch,
und obschon der Caplan selbst eine Unterredung oder einen Abschied zwischen dem
Baron und Pauline fr zwecklos ansah, sprach er dem Ersteren davon, um seiner
Zusage nachzukommen; inde der Baron lehnte den Vorschlag entschieden ab.
    Ich kenne des guten Geschpfes Liebe und Leidenschaft, sagte er, und ich
kenne auch meine Schwche. Es ist nicht Fhllosigkeit oder Hrte gegen das arme
Weib, das ich meinen Verhltnissen und meiner sittlichen Ueberzeugung opfern
mu, es ist die unerlliche Nothwehr gegen mich selbst, wenn ich mir in dem
Augenblicke der Abreise zu meiner Braut eine Scene erspare, die mir, sie mag
ausfallen wie sie immer wolle, das Herz zerreien wird, ohne nach der andern
Seite hin irgend etwas zu ntzen.
    Es fiel dem Caplan auf, da der Baron auch dieses Mal Paulinen's Namen
auszusprechen vermied und sich mit anderer Bezeichnung dafr behalf. Er kannte
das an seinem Herrn und wute, was es zu bedeuten habe. So kam er denn auch
nicht mehr auf den Wunsch Paulinen's zurck, aber der Baron erbot sich spter
aus freiem Antriebe, ihr noch einmal zu schreiben, was der Caplan fr zweckmig
erachtete. Auch schrieb er ihr noch in derselben Stunde und sandte den Brief
sogleich durch einen Boten ab.
    Ich danke Dir, lauteten die Zeilen, da Du Dich entschlossen hast, in die
Stadt zu ziehen. Du kennst mich genugsam, um zu wissen, da ich Dir dies lohnen
werde. Es soll Dir dort, darauf kannst Du Dich verlassen, ein ganz sorgenfreies
Leben bereitet werden, und Paul wird nicht aufhren, ein Gegenstand meiner
treuen Sorgfalt zu sein. Der hochwrdige Herr Caplan, der sich in diesen Tagen
Deiner so gtig und vterlich angenommen hat, wird auf meine Bitte Dir auch
ferner mit seinem Rathe zur Seite stehen und dafr sorgen, da Du Dich nach
Deinem Ermessen einrichten kannst. Da ich nicht zu Dir komme, geschieht aus
Rcksicht fr Dich sowohl als auch fr mich. Wozu ein Wiedersehen, wenn man
vergessen will? Und vergessen lernen mut Du! Folge in Allem ganz dem Rathe und
den Anordnungen des verehrten Herrn Caplans. Was Du in Zukunft etwa von mir
wnschest, was ich von Dir erfahren soll, theile ihm mit. An mich selbst
schreibe nicht. Meine Theilnahme und mein Schutz werden Dir und Paul nie
entgehen, und ich werde mich Dir verpflichtet fhlen, wenn Du Dich mir in diesen
Anordnungen pnktlich fgsam zeigst. Somit lebe denn wohl! Sei Gott mit Dir, und
mge er uns Allen in seiner Gnade eine ruhige Zukunft verleihen!
    Pauline empfing den Brief gegen Mittag aus den Hnden des damit beauftragten
Reitknechtes. Sie hie ihn warten und durchflog das Schreiben. Aber es schien,
als knne sie den Inhalt nicht gleich fassen. Ihre Augen, ihr Herz suchten nach
einem freundlichen Worte, suchten endlich nur nach der Anrede mit ihrem Namen,
nach irgend einem Zeichen der Bewegung in der Seele dessen, der diesen Brief
geschrieben hatte. Es war vergebens. Als sie das Blatt zum zweiten Male beendet
hatte, lieen ihre bebenden Hnde es zur Erde fallen.
    Ihr Knabe, der dabei stand, glaubte, ein Zufall habe das Papier den Hnden
der Mutter entgleiten machen, und bckte sich, es ihr zu reichen. Sie hielt ihn
davon zurck. Rhre das Blatt nicht an, sagte sie mit befehlendem Tone, rhre es
nicht an!
    Der Knabe war erschrocken; er lehnte sich auf den Schoo der Mutter, die
sich niedergesetzt hatte, weil die Kniee ihr versagten. Sie kte ihm den
lockigen Kopf, ihre Thrnen flossen auf ihn nieder. Er wollte bei dem Unbehagen,
das ihn peinigte, gern Etwas thun, es los zu werden, wute aber nicht, was, und
fragte also, ob der Ludwig, der den Brief gebracht habe, fortgehen solle. Sie
bejahte das, und der Knabe brachte dem Diener die Weisung.
    Ist nichts zu bestellen, Mamsell? fragte der Reitknecht, die Thr ffnend.
    Nichts! antwortete sie fest, und er ging davon. Der Knabe drngte sich an
sie. Du weinst immer! sagte er, und da sie ihm nicht antwortete, setzte er nach
einer Weile hinzu: Weine nicht, ich kann's nicht leiden, wenn Du weinst! - Die
Worte klangen herrisch in dem Munde eines Kindes, aber der Kleine schmiegte sich
zrtlich an ihr Knie, whrend er sprach.
    Dieses Mal inde machte die Liebkosung des Sohnes keinen Eindruck auf die
Mutter. Sie schob ihn leise von sich. Lehne Dich nicht immer an mich! Lerne
allein stehen, Du wirst's nthig haben! sagte sie finster und streng.
    Das verdro den Knaben. Ich bin Dir nicht gut, Mutter! schmollte er.
    Du hast auch keinen Grund dazu, entgegnete sie ihm. Ihre finstere Weise
machte Paul bange. Es wurde ihm unheimlich bei der Mutter und in der Stube, und
er lief zur Magd hinaus.
    Als Pauline allein war, fing sie laut und heftig zu weinen an. Das whrte
eine geraume Zeit. Bisweilen war es, als wolle sie sich besnftigen, aber dann
nahm sie den Brief wieder vor, den sie nach der Entfernung des Kindes von dem
Boden aufgehoben hatte, und ihre Thrnen flossen auf's Neue.
    Sie lie beim Mittagessen die Speisen unberhrt, war aber mit dem Knaben
freundlich und legte ihm reichlich zu essen vor. Nach der Mahlzeit ging sie
wieder daran, verschiedene Sachen einzupacken, inde sie kam damit nur langsam
vorwrts, denn sie setzte sich oftmals nieder, ihre Hnde gegen die Stirn
pressend, weil der Kopf sie schmerzte. Nach einer Weile stellte sie die Arbeit
gnzlich ein und blieb wohl eine Stunde hindurch ruhig aufgesttzt am Fenster
sitzen. Dann stand sie auf, zog sich zum Ausgehen an, hie den Knaben seine
Mtze nehmen und verlie mit ihm das Haus.
    Gleich am Eingange des Dorfes bog sie von der groen Fahrstrae ab und
schlug einen Feldweg ein. Er fhrte durch den Wald in den Park des Schlosses.
Durch eine Hecke trat sie in denselben ein. Es war hell unter den groen Bumen,
aber die Luft wehte stark und die Bltter rauschten mit leisem Klingen, sofern
sie noch an den Bumen hielten. Der ganze Boden war mit welkem, vielfarbigem
Laube wie mit einem dichten Teppiche bedeckt, da die Schritte bald unhrbar
darber hinglitten, bald es raschelnd nach sich zogen, je nachdem es trocken
oder feucht war. Hier und da flog ein Vogel auf, hier und da kamen ein Hirsch
oder ein paar Rehe aus dem Unterholze hervor und streckten zutraulich die feinen
Kpfe mit den klaren, neugierigen Augen aus der leichten Umzunung hervor. Die
Mutter hatte dem Knaben oft von den schnen, schlanken Rehen und von den
Hirschen mit ihren groen Geweihen erzhlt, aber er hatte sie niemals gesehen,
und seine Freude an den Thieren war sehr lebhaft. Er hatte den Rest seines
Vesperbrodes in der Tasche und wollte sie fttern. Die Mutter gab es nicht zu.
    La es gut sein, sagte sie, das ist Nichts fr Dich; hier werden andere
Kinder die Rehe fttern! - Sie hielt ihn an der Hand fest, um schneller mit ihm
vorwrts zu kommen, und zeigte ihm im Vorbergehen die Statuen im Garten, welche
groe Blumenkrbe und schwere Fllhrner in den Armen trugen. Ein Ende weiter
standen auf den Postamenten Knaben-und Mdchengestalten aus Stein gehauen,
welche die Flte bliesen und Guitarre spielten. Es war das Alles neu fr Paul
und machte ihm Freude; aber seine Freude konnte nicht aufkommen vor dem finstern
Ernst der Mutter. Er fragte mehrmals: Wem gehren die Rehe? Wem gehren die
Hirsche? Wem gehrt das Alles? Sie antwortete ihm kurz: Dir nicht!
    In der Nhe des Schlosses sah sie der Grtner, der die Orangeriehuser zur
Nacht decken lie. Er blickte ihr verwundert nach, weil sie seit Jahren nicht im
Schlogarten gewesen war, bot ihr den Guten Abend, sagte aber Nichts. So kam sie
bis zu der Stelle, an welcher der kleine Flu sich durch die Ausgrabungen zu
einem groen Teiche verbreiterte und von wo sich das Schlo auf seiner Terrasse
am stolzesten ausnahm. Die Sonne war schon zum Sinken geneigt, sie spiegelte
sich in den Fenstern, da sie leuchteten, als wre Feuer dahinter. Auf den
Terrassen standen, wie in Paulinen's Garten, auch noch einige Stockrosen, die
der Nachtfrost verschont hatte und die dem Knaben als etwas Bekanntes Vergngen
gewhrten. Aber obschon die Terrasse durch das Schlo vor dem Winde geschtzt
war, waren auch hier die Bume schon entlaubt. Die letzten acht Tage hatten sie
sehr mitgenommen, ihre Bltter schwammen auf dem Wasser, von dem der Nebel
aufzusteigen begann, denn die Luft war klar und kalt.
    Die vielen Schornsteine des Schlosses, die sich, drei, vier
aneinandergelehnt, emporhoben, fielen dem Knaben auf.
    Zhle die Schornsteine und merke Dir Alles, denn hier wohnt Dein Vater! Das
ist Deines Vaters Haus! sagte die Mutter mit dem kurzen, nachdrcklichen Tone,
der alle ihre Worte auf diesem Wege dem Kinde auffallend und eindringlich
machte, ohne da es wute, weshalb ihm Alles so besonders klang.
    Zhle die Schornsteine, wiederholte sie, und zhle, wie viel blanke Fenster
das Schlo hat, und wie viel groe Thore und Thren. Hinter den blanken
Fenstern, in denen die Sonne sich so golden spiegelt, werden glckliche Kinder
wohnen und spielen, aber Du wirst nicht hineinkommen in das Haus. Merke es Dir
gut. Das ist Schlo Richten! Hrst Du, Paul! Das ist Schlo Richten, das gehrt
dem Baron von Arten, dem Onkel Baron, und der Onkel Baron ist Dein Vater! Der
Baron von Arten ist Dein Vater, Paul!
    Sie sah den Knaben an, sein ernstes Gesicht, in dem sich ein groer
Scharfsinn kundgab, befriedigte sie. Weit Du's jetzt? fragte sie.
    Ja; das ist Schlo Richten, das gehrt dem Onkel Baron, und der Baron von
Arten ist mein Vater! sprach der Kleine ihr halb verwundert und halb im
Schrecken nach.
    Merk' Dir's, Dein Vater heit Herr Baron von Arten! wiederholte sie. Sage
das noch einmal nach!
    Mein Vater heit Herr Baron von Arten! sprach das Kind; und ich komme nie
hinein! setzte er aus freiem Antriebe hinzu, denn es that ihm leid, da er nicht
hinein sollte in das schne Schlo zu den glcklichen Kindern, die einst hinter
den goldenen Fenstern spielen wrden.
    Mache, da Du hineinkommst! rief die Mutter mit unterdrckter Stimme, denn
Dir kommt es zu, dort in dem Schlosse zu wohnen. Dir kommt es zu! Hrst Du, Dir!
Du bist der lteste Sohn! Dir kommt es zu, dieses Schlo!
    In dem Augenblicke hrte sie Schritte. Sie fuhr zusammen, fate ihres Sohnes
Hand, und als sie sich umwendete, stand der Caplan vor ihr. Er hatte sie aus dem
Fenster seines Zimmers auf der Terrasse gesehen und kam besorgt herab, sie zu
fragen, was sie hierher gefhrt habe.
    Paul soll doch wenigstens einmal sehen, wo sein Vater wohnt, antwortete sie
trocken. Da er den Park und das Schlo nie hat betreten drfen, so lange wir
hier lebten, soll er es sich genau betrachten, ehe wir von hier scheiden.
    Der Caplan machte keine Einwendungen dagegen. Er sprach ihr und dem Kinde
freundlich zu, aber er suchte sie, indem er vorwrts ging, von der Terrasse, auf
welche auch die Fenster von dem Zimmer des Barons hinaussahen, fortzubringen,
und weil die Achtsamkeit des Knaben sich auf die Schwne unten im Flusse
hinwendete, gelang es Jenem leicht, Mutter und Sohn dorthin zu leiten. Am Flusse
blieb Pauline stehen. Die Sonne war herunter, das Wasser sah schon ganz finster
und schwarz aus, die Schwne zogen mit ihren weien gehobenen Flgeln langsam
darauf hin.
    Sieh', wie breit der Flu hier ist! sagte Pauline, der geht durch das ganze
Land, und ist tief, sehr tief. Noch ein paar Wochen, dann wird er gefroren sein.
Vergi das nicht, Paul! Oben liegt das groe, helle Schlo und unten fliet das
tiefe, finstere Wasser! Wirst Du das behalten?
    Ja! versicherte der Knabe.
    Nun, dann knnen wir gehen! rief die Mutter, blieb aber doch noch einmal
stehen, um noch einen Blick auf das Schlo zu werfen, und sagte: Da oben ist
auch Alles leer, all die Stuben von der seligen gndigen Frau und von dem
gndigen Frulein! Die haben auch Platz machen mssen!
    Sie seufzte, wollte noch Etwas sagen, unterlie es jedoch und wnschte dem
Caplan eine gute Nacht, wobei sie ihm dankte, da er so viel Geduld und
Nachsicht mit ihr gehabt habe und da er sie und den Knaben hier nicht gestrt.
Er versuchte, mit ihr von ihrer Reise, von ihrer Einrichtung in der Stadt zu
sprechen, und geleitete sie whrend dessen bis zum Parke hinaus. An der Pforte
desselben bat er sie, sie mge das Wort halten, das sie ihm neulich gegeben, den
Baron nicht weiter zu beunruhigen.
    Was ich versprochen habe, das habe ich versprochen und das werde ich halten!
Was der Herr Baron von mir noch hren soll, das erfhrt er durch Sie,
Hochwrden! betheuerte sie.
    Der Caplan lobte das, sie boten sich nochmals gute Nacht, und Pauline
schritt mit ihrem Sohne durch die hereinbrechende Dunkelheit gen Rothenfeld nach
Hause.

                                Viertes Capitel


Als der Geistliche in das Schlo zurckkehrte, sagte man ihm, da der Baron nach
ihm gefragt habe, und er verfgte sich nach dessen Zimmer.
    Ein freundliches Licht, eine behagliche Wrme strmten ihm entgegen, als er
in dasselbe eintrat. Im Kamine knisterte und flackerte das Feuer und warf seine
Streiflichter nach den Genien von Marmor empor, die von der hochgegiebelten
Spitze desselben Krnze und Palmenzweige herniederreichten. An dem groen
Schreib-Bureau, oben, gegen das Fenster hin, sa der Baron. Bei dem klaren
Lichte der Wachskerzen, die auf den silbernen Armleuchtern brannten, ordnete er
verschiedene Briefschaften und Papiere, und die im Kamine auffliegenden leichten
Feuerflocken verriethen, da er auch Papiere verbrannt haben mute.
    Als er den Caplan gewahrte, stand er auf und ging ihm ein paar Schritte
entgegen. Es ist gut, da Sie da sind, Bester, sagte er dann; mir wurde
allmhlig bange vor diesem Schreibtische. Alte Papiere durchzusehen, ist mir
beinahe noch qulender, als auf einem Kirchhofe umher zu wandeln. Der Kirchhof,
so traurig seine Mahnung an unsere Vergnglichkeit ist, zeigt sich uns doch
immer als die Ruhesttte fr manches Leiden, und wir selber empfinden uns auf
demselben mit Behagen als die Lebenden, wir sind fr den Augenblick wenigstens
noch die Bevorzugten. Aber vor solchen Papieren - er wies mit der Hand darauf
hin - fhlen wir selbst uns schon in gewissem Sinne als Vergangene. Wir kennen
uns selbst nicht in den durchlebten Zustnden wieder, wir belcheln das, was uns
einst wichtig schien, wir sehen auf uns selbst wie auf etwas Fremdes zurck, und
daneben wlzt sich uns die ganze Masse von Irrthmern und Verschuldungen auf,
die man sich nicht ableugnen kann und mit denen man sich selbst und Andere
leiden machte. Die vergangenen Freuden sind uns keine rechten Freuden mehr, die
Menschen, die vor uns auftauchen, sind theils wirklich todt, theils todt fr
uns, und weil wir auf so viel Vergangenes blicken, verlieren wir das Zutrauen zu
demjenigen, was wir jetzt wnschen und erstreben. Der grne Rasen des Kirchhofes
ist lange nicht so melancholisch, als solche Pcke vergilbter Papiere. Sie
mten uns alle Lust am Leben nehmen, wren wir nicht wie die Kinder geneigt,
uns das Kommende, das Unbekannte, trotz aller unserer Erfahrungen, doch immer
wieder schner und verlssiger, als das Bekannte vorzustellen. Wer seines Lebens
froh werden will, mu eigentlich gar keine Zeugnisse seiner Vergangenheit
aufbewahren, denn damit allein gewinnt man die Mglichkeit, sich nur dessen zu
erinnern, was man festzuhalten wnscht, und Alles zu vergessen, was man
vergessen mchte.
    Der Caplan widersprach dieser Ansicht. Wer das Bestreben der
Selbstvollendung hat, meinte er, mu sich vor sich selbst als Einheit
aufzurichten wnschen und hat als Grundlage fr seinen eigenen Fortschritt den
genauen, klaren Ueberblick ber seine ganze Vergangenheit nthig. Mich dnkt,
sagte er, ein jeder Irrthum, aus dem wir belehrt hervorgegangen sind, wird uns
zu einem Antriebe, weiter in dem Streben nach Wahrheit fortzuschreiten; jede
Versuchung, jede ble Neigung, die wir besiegten, ist eine Ermuthigung fr uns,
jedes Unterliegen eine Mahnung zum Mitrauen gegen uns selbst, und wenn ich auf
meine ganze Vergangenheit zurckschaue, so mchte ich nicht eine Stunde
derselben vermissen.
    Der Baron war von der Aeuerung berrascht. Ich kenne Sie doch nun ber ein
Vierteljahrhundert, sagte er, aber fr so glcklich htte ich Sie nicht
gehalten. Nach Ihren Aeuerungen mssen Sie von dem Leben, von den Menschen
keine Enttuschungen erlitten haben; dann freilich wren Sie zu beneiden, wren
Sie glcklicher als ich gewesen bin; aber ich habe das nicht geglaubt.
    Er brach damit pltzlich das Thema ab, als sei es vllig erschpft, wenn er
seine Ansicht darber ausgesprochen habe, und der Caplan hatte keine Neigung und
keinen Grund, es weiter fortzusetzen. Aber der Baron war aufgeregt und warf mit
einer gewissen Heftigkeit noch einige Pcke Papiere in das Feuer, die hell
aufflammten und bald als ein Hufchen Asche zwischen den groen Holzbrnden
versanken.
    Das wre abgethan! sagte er, und als sei mit diesen schriftlichen Zeichen
entschwundener Jahre auch all dasjenige vernichtet, was der Baron nicht erlebt
und gelebt zu haben wnschte, so erleichtert wandte er sich von dem Feuer ab. Er
ging an sein Bureau, schlo eines der Fcher desselben auf, nahm einen
Schmuckkasten von violettem Sammet heraus, der auf seinem Deckel das Wappen der
Familie Arten trug, und zeigte, den Kasten ffnend, seinem Freunde den darin
enthaltenen Schmuck.
    Sehen Sie einmal, sagte er, was Fassung thut! Sie kennen ja unsern
Familienschmuck; aber wie viel schner sieht er in seiner jetzigen Fassung aus,
als in der frheren, in welcher meine Mutter ihn trug! Er hielt ihn dabei gegen
das Licht, da die Flamme der Kerzen sich tausendfach in den schn facettirten
Brillanten spiegelte, und schien groe Freude an ihrem Glanze zu haben.
    Mich dnkt, der Schmuck ist grer und reicher, als ich ihn frher gesehen
habe, meinte der Caplan.
    Das ist er auch. Sie wissen ja, da es ein Uebereinkommen oder vielmehr eine
Sitte unter uns ist, bei jeder neuen Uebertragung des Schmuckes auf eine neue
Frau von Arten, den Schmuck zu vergrern. Ich habe die fnf Solitaire, welche
die Mitte des Colliers bilden, dazu gekauft, und die ganze Aigrette ist neu. Ich
denke, da sie Grfin Angelika vortrefflich kleiden wird. Die fnf Steine,
welche durch meinen Ankauf an der hinteren Seite des Halsbandes brig geworden
sind, habe ich als Pendeloques fr die Brust-Agraffe fassen lassen, und so schn
die Steine an und fr sich sind, mu man es dem Juwelier, dem Jakob Flies, doch
lassen, da er ihnen durch die Art der Zusammenstellung einen ganz besonderen
Glanz gegeben hat. Er ist fraglos einer der geschicktesten Juweliere und der
honneteste Jude, der mir vorgekommen ist.
    Er blieb mit der Betrachtung des Schmuckes beschftigt, nahm die einzelnen
Theile mit einer fast weiblichen Genugthuung aus dem Etui heraus, hielt sie
gegen das Licht und rief endlich: Keine Knigin drfte sich dieses Schmuckes
schmen! Dann legte er Alles in dem Etui zurecht, deckte das wattirte weie
Atlaskissen ber die Brillanten und schlo das Kstchen mit dem goldenen
Schlssel wieder behutsam zu. Ehe er es aber in das Bureau setzte, lie er den
Caplan noch einmal die Arbeit des Etuis betrachten, welche sehr geschickt das
alte, jetzt zu klein gewordene Schmuckkstchen nachahmte, und mit dem doppelten
Behagen des Kenners und des Besitzers holte er noch vier, fnf ltere
Schmuckkasten herbei, welche die Vorgnger des jetzigen gewesen waren.
    Man hatte durch alle Generationen die Form und Zeichnung des ersten
Schmuckkstchens festgehalten, das einst einer der Herren von Arten seiner Braut
als Hochzeitsgabe dargebracht hatte. Es machte sich also von selbst, da der
Baron dabei seiner Mutter und Gromutter, seiner Vorfahren berhaupt gedachte,
und er, der sich eben noch gegen alle und jede persnliche Rckerinnerungen
ausgesprochen hatte, fand sich bald in das liebevollste Gedenken an seine
Eltern, in den stolzesten Rckblick auf sein Geschlecht versenkt. Er sprach von
seiner Mutter, von seinem Vater, er verglich die Eigenschaften und den Charakter
seiner verstorbenen Schwester mit denen seiner Braut, er entwarf Lebensplane fr
die Zukunft und war, wie sanguinische Menschen bei einem neuen Abschnitte in
ihrem Leben es pflegen, voll guten Glaubens und voll guter Vorstze.
    Er kam darauf noch einmal, als er dem Caplan die Trauringe zeigte, auf den
jdischen Juwelier zurck. Ich kenne ihn seit langen Jahren, mein Vater bediente
sich seines Vaters schon, sagte er, aber ich habe mir niemals die Mhe genommen,
mich weiter mit ihm einzulassen, als unser eigentliches Geschft es nthig
machte. Jetzt, da ich ausfhrlicher mit ihm zu verhandeln hatte, habe ich ihn
nher kennen lernen, und ich finde nun vollkommen besttigt, was man mir von ihm
gerhmt hat. Er ist ein anstndiger Mann und von einer Bildung, die ich bei
Leuten seines Gleichen in der That nicht vorausgesetzt haben wrde.
    Ich hatte Ihnen das immer gesagt, bemerkte der Caplan. Verwandte von mir,
die vor Jahren in seinem Hause wohnten, hielten einen gewissen Verkehr mit ihm,
und ich habe dadurch bei meinen frheren Besuchen in der Stadt die Gelegenheit
gehabt, ihn und seine Frau kennen zu lernen. Es sind uerst brave und recht
gebildete Leute.
    Mich freut es, diese Besttigung Ihrer Ansicht durch meine eigene Erfahrung
gewonnen zu haben, erklrte der Baron; denn ich hege nicht ble Lust, den Mann
als meinen Agenten in der Stadt zu benutzen. Er hat Waarenkenntni aller Art und
viel Geschmack. Er ist daneben klug, umsichtig, ein sehr gewandter
Geschftsmann, und die Weise, in welcher er seine Frau und seine einzige,
beilufig sehr schne Tochter behandelte, gefiel mir sehr. Discret scheint er
mir auch zu sein.
    Der Caplan hatte Anfangs nicht recht einsehen knnen, was den Baron bewogen,
grade jetzt, wo seine Zeit beschrnkt war, die nhere Bekanntschaft des
Juweliers zu machen; noch weniger konnte er begreifen, wozu er eines Agenten in
der Stadt bedrfe und wehalb er sich zu einem solchen eben einen Juden
ausersehe. Inde die letzten Worte, welche der Verschwiegenheit des Herrn Flies
gedachten, klrten fr den Caplan den Vorgang alsbald auf. Die ganze Maregel
konnte sich nur auf Pauline oder auf den Knaben beziehen, den der Freiherr dem
Schutze und Rathe des Juweliers anzuvertrauen beabsichtigen mochte, weil er mit
demselben auf sehr leichte und unverfngliche Weise im Zusammenhange bleiben
konnte. Da der Baron aber mit keinem Worte Paulinen's gedachte, hielt der Caplan
es fr angemessen, ihrer ebenfalls nicht zu erwhnen, und der Abend ging mit
ruhigen, meist heiteren Gesprchen hin, als se nicht eine halbe Stunde von
ihnen ein unglckliches, verlassenes Weib in all seinem Jammer da, die langsam
dahingleitenden Minuten mit seinen Herzschlgen qualvoll durchmessend.
    Am andern Morgen kam der knftige Schwager des Barons, ein junger Militr,
nach Richten, um den Brutigam seiner Schwester zur Hochzeit zu begleiten. Er
diente in einem Cavallerie-Regimente, dessen eine Schwadron unfern in Garnison
lag. Es war ein prchtiger Tag. Das Pferd des Cornets wieherte vor Freude, als
es, dampfend von dem scharfen Ritte durch den kalten, klaren Morgen, das Schlo
erreichte, dessen wohlversorgte Stlle ihm bekannt und lockend winkten. Die
beiden ihn begleitenden langhaarigen Windhunde sprangen in groen Stzen vor ihm
her, als ahnten sie in der klaren Herbstluft die nahe Jagd.
    Der Cornet war pnktlich gewesen, um keinen Aufenthalt in der Abreise zu
verursachen, und kaum hatte ein Diener sein Pferd weggefhrt, so trat gleich ein
zweiter heran, dem Reitknechte des jungen Grafen das Gepck abzunehmen, welches
dieser fr seinen Herrn auf dem Pferde hatte. Denn die Reisewagen waren bereits
zum Anspannen fertig und man hatte nur noch die Mantelscke des jungen Grafen
unterzubringen.
    Der Baron hatte, am Fenster stehend, schon eine ganze Weile nach seinem
Schwager ausgesehen. Er hatte vortrefflich geschlafen, war heiter erwacht und am
Morgen unter verschiedenen Vorwnden durch das ganze Schlo gegangen, das ihm
heute zum ersten Male so leer erschien, als habe die Gefhrtin, die er zu holen
beabsichtigte, es schon lange mit ihm bewohnt und ihn eben jetzt erst verlassen.
Er sah daran, wie viel er in dieser Zeit an sie gedacht hatte, wie sehr er sich
ihres nahen Besitzes freute und wie sehr er sie bereits in sein Leben
aufgenommen habe. Er begrte und umarmte dann den Jngling, der ihn mit den
schnen Augen seiner Schwester anlachte, mit der grten Freude, aber er war so
eilig, fortzukommen, da er trotz seiner Gastlichkeit, noch whrend der Cornet
beim Frhstck sa, den Befehl zum Anspannen der Wagen ertheilte.
    Der Cornet wollte davon nichts hren. Er hatte sich vor Tagesanbruch auf den
Weg gemacht, nun verlangte er Zeit, sich auszuruhen, denn er wollte sein Haar,
das von dem mehrstndigen Ritte in Unordnung gerathen war, frisch frisiren und
pudern lassen, um am Abende sich in seiner Familie gebhrend prsentiren zu
knnen. Er neckte daher den Baron mit aller kecken Laune eines jungen Militrs
und mit allem Uebermuthe eines verwhnten Gnstlings ber die groe Eile, mit
welcher derselbe zur Abreise trieb. Der Baron lie sich das von dem Bruder
seiner Braut mit Heiterkeit gefallen, ja, er willigte endlich darein, dem jungen
Grafen noch die ganze neue Einrichtung des Schlosses zu zeigen, und es vergingen
damit nahezu zwei Stunden, die man in der angenehmsten und behaglichsten Weise
verbrachte.
    Endlich fuhren die beiden Reisewagen vor das Schlo. Den einen sollten bei
der Heimkehr die Vermhlten, den anderen der Cornet und der Caplan benutzen. Die
Dienerschaft stand vor der Thre, der Haushofmeister sah dienstbeflissen noch
einmal die Taschen des Wagens nach, sich zu berzeugen, da die mitgegebenen
Vorrthe wohl untergebracht wren, der Kammerdiener legte die Fuscke und
Pelzdecken zur Vorsicht in den Wagen, und nahm dem Grtner die Schachtel ab, in
welcher das Bouquet von Orangenblthen, das der Baron seiner Braut als
Willkommsgabe aus seiner Orangerie mitzubringen wnschte, vorsichtig in Moos
verpackt war.
    In dem Augenblicke trat der Baron mit seinen beiden Begleitern aus dem
Portal des Schlosses heraus, und der Cornet machte unwillkrlich die Bemerkung,
wie schn sein Schwager in dem violetten, mit Goldschnren besetzten
Sammetberrocke aussehe. Mit klarem Auge selbstzufrieden umherschauend, drckte
der Baron den flachen, gleichfalls mit Goldschnren verzierten dreieckigen Hut
auf das Haupt und wollte eben den Wagen besteigen, als sich unten am Flusse eine
unruhige Bewegung zeigte. Der Grtner mit seinen Burschen und einige Arbeiter
waren am Wasser beschftigt, man holte Stangen herbei, und der Grtner bestieg
das Boot, mit dem man nach dem Schwanenhuschen berzufahren pflegte.
    Was giebt's da unten? fragte der Freiherr.
    Man wute es in seiner Umgebung nicht und schickte hinunter, es zu erkunden.
    Aber noch ehe der Bote zurckkam, brachte der Grtnerbursche dem Caplan
einen Brief.
    Was geht da vor? wiederholte der Freiherr.
    Gndiger Herr, sagte der Bursche, es hat sich Einer in's Wasser gestrzt!
    Wer? Wann? rief der Freiherr mit einem Schrecken, der aus irgend einer
furchtbaren Ahnung hervorgehen mute.
    Ich wei nicht! antwortete der Grtnerbursche auf ein Zeichen des Caplans,
von dessen Wangen alles Blut gewichen war.
    Der Freiherr wollte die Terrasse hinuntereilen, der Caplan hielt ihn zurck.
Bleiben Sie, bleiben Sie! Es ist vergebens, es ist zu spt! sagte er eilig und
selbst nach Fassung ringend.
    Den Brief, den Brief! drngte darauf der Baron und entri dem
Widerstrebenden das Papier. Es enthielt die folgenden, kurzen Zeilen:
    Was ich von Dir erfahren soll, das theile dem Herrn Caplan mit! hat er mir
geschrieben. - Sagen Sie ihm also, Hochwrden, da ich nicht anders konnte. Ich
habe fortgehen wollen, nun der Tag da ist, geht's ber meine Krfte. Ich will
ihn ja nicht stren in seinem Glcke, aber hier bleiben mu ich! Wenn er
heruntersieht auf das Wasser, werde ich ihm wohl einfallen, und er wird dann
auch wohl an den Paul denken, der nun keinen Menschen mehr auf der Welt hat, als
ihn! Sagen Sie ihm das, Hochwrden! - Wenn's Tag wird und Sie den Brief
bekommen, dann ist's lange mit mir vorbei!
    Das war Alles. Der Brief war kurz und ohne alle Weichheit, wie Paulinen's
Charakter in sich abgeschlossen, und ihr Entschlu schnell gewesen war. Sie
hatte nicht einmal ihren Namen unterschrieben.
    Whrend der Baron las, hatte seine ganze Dienerschaft erfahren, was
geschehen war. Die Blicke seiner Leute waren auf ihn gerichtet, er beachtete es
nicht. Seine Hand zitterte, seine Kniee versagten ihm den Dienst, er mute sich
auf einer der Bnke vor dem Schlosse niedersetzen, und im furchtbaren Schmerze
schlo er die Augen. Es war eine vollkommene Unthtigkeit in seine Umgebung
gekommen, Niemand schien zu wissen, was er thun solle.
    Mit einem Mal richtete er sich auf. Abspannen! befahl er und wollte sich in
das Schlo begeben. In dem Augenblick kam aber der Cornet zurck, welcher mit
der Lebhaftigkeit seines Alters bei der ersten Kunde von dem Unfalle nach dem
Wasser hinuntergegangen war.
    Es hat sich ein Frauenzimmer aus dem Dorfe ertrnkt! sagte er gleichgltig,
und sie meinen, es msse schon viele Stunden her sein, denn der Mantel und die
Schuhe, die man auf dem Rasen gefunden hat, waren schon festgefroren, als Ihr
Grtner sie bemerkte. Unter den Schuhen soll ein Brief an den Herrn Caplan
gelegen haben. - Ah, Sie haben den Brief schon! rief er, als er das Blatt in den
Hnden seines Schwagers und zugleich mit dessen Verstrung es bemerkte, da der
Kammerdiener die Pelzdecken wieder aus dem Wagen herausnahm.
    Was haben Sie, Baron? Sie lassen ausspannen? fragte er verwundert. Fahren
wir denn nicht?
    Ja, bald, gleich! erwiederte der Baron, sich gewaltsam beherrschend. Ich mu
nur erst sehen ....
    Ob Sie Todte lebendig machen knnen? rief der Cornet. Wenn wir darauf warten
sollen, wird Angelika heute eine schlaflose Nacht haben und sich Sorgen um uns
machen, wobei Sie natrlich fr zwei zhlen und ich fr Nichts! Vor Abend kommen
wir jetzt ohnehin nicht mehr nach Berka, und der Caplan ist ja unten.
Ueberlassen Sie ihm doch den Rettungsversuch, das ist sein Amt, und - fgte er
bermthig hinzu - wer wei, ob der hochwrdige Herr, an den der Brief gerichtet
war, nicht am Ende ohnehin mehr von der Sache wei.
    Er lachte ber seinen Einfall; der Baron hatte nichts von diesen frechen
Worten des jungen Mannes gehrt; aber er kam allmhlig aus seiner Versunkenheit
zurck, fuhr sich mit der Hand mehrmals ber die Stirn, und als er sich dann
umsah, waren seine Mienen wieder ruhig geworden.
    Sie haben Recht, sprach er; ich kann hier in der That Nichts helfen, und
Ihre Schwester soll nicht ohne Grund beunruhigt werden. Kommen Sie, lieber
Gerhard, lassen Sie uns einsteigen! - Whrend der junge Graf sich dem Wagen
nherte, winkte der Baron den Haushofmeister heran und sagte: Ich lasse den
Herrn Caplan ersuchen, alles Nthige, verstehen Sie mich, alles Nthige, zu
besorgen und mir baldmglichst nachzukommen! Und da ich hier Alles finde, wie
ich's angeordnet habe!
    Der Haushofmeister verneigte sich, die Dienerschaft, welche eben so bestrzt
gewesen war, als ihr Gebieter, trat beflissen hinzu, und der Baron stieg ein.
Als der Cornet sich zu ihm niedersetzte und der Kammerdiener ihnen die Decken
von schwarzem Brenpelz ber die Kniee gebreitet hatte, lehnte der Baron sich in
die Ecke zurck, wie einer, der zu schlafen beabsichtigt.
    Sie werden heute keinen unterhaltenden Gesellschafter an mir haben, sprach
er zu dem jungen Manne. Freude und Erregung haben mich die Nacht nicht schlafen
lassen, und nun ist der Schrecken mir auf die Nerven gefallen, da ich einen
Ansatz von Migraine fhle, den ich mir wegschlafen mchte, um Ihre Schwester
heiter und frei umarmen zu knnen.
    Kannten Sie das Frauenzimmer, das sich ertrnkt hat? fragte gleichgltig der
junge Mann.
    Ja, versetzte der Baron, und es berlief ihn eiskalt, da er
zusammenschauerte und sein Begleiter ihn, aufmerksam werdend, betrachtete. Dem
Baron entging das nicht, und die Achtsamkeit seines Schwagers von dem rechten
Pfade abzulenken, sagte er: Mit aller seiner Philosophie kann man sich des
Aberglaubens in entscheidenden Momenten doch recht schwer erwehren. Da solch
ein Unglck vor meinen Augen geschah, grade als ich den Wagen besteigen wollte,
um an das Ziel meiner Wnsche zu gelangen, hat mir einen uerst peinlichen
Eindruck gemacht, und ich mchte um Alles in der Welt nicht, da Ihre Schwester
Etwas davon erfhre.
    O, bewahre! Wozu auch? erwiederte der Bruder; aber da Sie sich so Etwas
derart zu Herzen nehmen knnten, htte ich mir nicht gedacht! Mich lt
dergleichen vllig ruhig. Wer sich das Leben nimmt, thut es zu seinem eigenen
Schaden.
    Er machte dazu ein ganz ernsthaftes Gesicht, lehnte sich ebenfalls zurck,
wickelte sich fest in seinen Reitermantel ein und war, da er mit Tagesanbruch
ausgeritten, bald eingeschlafen, whrend der Baron, von Schmerz und
Gewissensbissen gefoltert, von Sorgen und Unglcksahnungen gepeinigt, mit
Schrecken daran dachte, da er am Abend seine Braut begren und sie bald als
seine Gattin in sein Haus fhren sollte, vor dessen Fenster das dahin flieende
Wasser ihn ewig an den Untergang Paulinen's mahnen mute.

                                Fnftes Capitel


Die ganze grfliche Familie war bereits im Schlosse beisammen, als der Baron in
Berka eintraf. Der Schwiegervater, die neuen Vettern, kamen ihm bis in die Halle
entgegen. Bei dem Scheine der Windleuchter, welche die geschftige Dienerschaft
herbeigetragen, hie man ihn mit aller Feierlichkeit willkommen, und dem Baron
war jeder Aufenthalt, war Alles erwnscht, was ihm die Veranlassung zum eignen
Handeln ersparte, was die erste Begegnung mit seiner Braut, wenn auch nur fr
Minuten, hinausschob.
    Oben in seinen Zimmern, in die man ihn gefhrt hatte, um ihm Zeit fr seine
Umkleidung zu geben, warf er sich erschpft auf das Canap, und die
Herzbeklemmung, die er den ganzen Tag ertragen und berwunden hatte, machte sich
in Thrnen Luft.
    Gut geschult, verlie sein Kammerdiener ihn, sobald er die Gemthsbewegung
seines Herrn gewahrte, und es dauerte eine Weile, ehe der Baron demselben
schellte, um sich ankleiden zu lassen. Er war sonst uerst sorgsam fr seine
Toilette, heute blieb dieselbe gnzlich dem Kammerdiener berlassen.
    Der Baron beachtete es nicht, in welcher Weise jener ihm die vollen
Seitenlocken puderte; er sprach kein Wort, whrend der Diener ihm das Haar
flocht und die Schleifen des breiten Bandes an dem Haarbeutel befestigte. Er
merkte es kaum, als er ihm das kleine, goldene Messer reichte, den Puder von der
Stirne fortzubringen, und wre der Diener nicht selbst stolz gewesen auf die
vornehme Erscheinung seines Herrn, so htten die weiseidenen Strmpfe sich
ziehen knnen, wie sie mochten, und weder die kantenbesetzte weie Halsbinde,
noch das Jabot und die Spitzenmanschetten wrden die rechten vollen, vornehmen
Falten geworfen haben. Erst als der Baron das Zimmer verlassen wollte, um sich
zu seiner Braut zu verfgen, und der Diener ihm den Parfmerie-Kasten
hinreichte, damit er fr sein Taschentuch den Parfm nach Wohlgefallen whlen
knne, erlaubte sich derselbe die Anfrage, ob der gndige Herr nicht in den
Spiegel sehen wolle, und sein zufriedenes Lcheln schien von diesem Vorschlage
Erheiterung fr den Baron zu erwarten. Inde der Blick desselben wendete sich
kalt von dem Spiegel ab, nachdem er ihn flchtig darauf gerichtet hatte, und mit
einem Seufzer, den er nicht zu unterdrcken vermochte, verlie er das Zimmer.
    Er hatte keine Sylbe gesprochen, er hatte es nicht einmal fr nthig
gehalten, dem Diener Verschwiegenheit zu befehlen. Er kannte sich und seine
Leute. Er wute, da sie treue Diener waren, weil er sie immer empfinden lie,
da er ihr Herr sei.
    Langsam und schwerer, als es seine Art war, schritt er die Treppe hinab,
durch die Vorzimmer, an der theils wartenden, theils beschftigten Dienerschaft
vorbei, bis die Flgelthr des Saales vor ihm geffnet wurde. Aber das Licht,
das helle Licht, welches ihm aus demselben entgegenstrahlte, war ihm unangenehm.
Es blendete ihn heute zum ersten Male in seinem Leben und erinnerte ihn damit,
wie heie Thrnen er geweint hatte. Inde es blieb ihm keine Zeit, an sich zu
denken. Er hatte seine Braut zu begren, er mute ihr sagen, was er in diesem
Augenblicke leider ganz und gar nicht empfand, da er glcklich sei, sie
wiederzusehen.
    Wie hold sie ist! hrte er ausrufen, als Grfin Angelika ihm mit
unverhehlter Freude und Zrtlichkeit entgegenkam.
    Die schlanke Gestalt sah so leicht aus in dem Kleide von rosenfarbener
Seide. Das schne Haar, nur von einem rosa Bande gehalten, puffte sich hoch ber
ihrer schmalen Stirne empor und fiel hinter beiden Ohren in langen Locken weich
und schwer auf ihren Hals und ihren Busen hinab.
    In jedem anderen Momente wrden ihre Jugend und ihre Schnheit dem Baron
eine Entzckung bereitet haben; heute bewegten sie ihn nicht, obschon er sie
gewahrte. Er kte Angelika's Hand und umarmte sie, aber sie mute die Begrung
nicht gefunden haben, wie sie dieselbe erwartet hatte, denn es legte sich ein
Schatten ber ihr Gesicht und ihr Auge blieb ngstlich auf den Baron gerichtet,
als man sich nach kurzer Zeit in den Speisesaal verfgte.
    Die Unterhaltung belebte sich an der Tafel schnell. Man befand sich noch in
den Zeiten, in welchen Mnner und Frauen es kein Hehl hatten, da sie in die
Gesellschaft gingen, um einander zu treffen und da sie einander zu gefallen
wnschten. Die Geselligkeit, die Unterhaltung wurden noch als eine Kunst
betrachtet, in welcher gebt und geschickt zu sein fr einen Gebildeten als eine
Ehrensache galt. Der Baron, als trefflicher Gesellschafter gerhmt, hatte seinen
Ruf aufrecht zu erhalten und htte ihn selbst in seiner gegenwrtigen Stimmung,
in dem Kreise seiner neuen Familie und unter den Augen seiner Braut nicht
einben mgen. Er nahm sich also zusammen, und da man fr den Moment durch
Ueberreizung seiner Krfte ihre Abspannung am leichtesten besiegt und verbirgt,
so steigerte er sich allmhlich zu einer Lebhaftigkeit, welche die allgemeine
Aufmerksamkeit auf ihn richtete und ihn zum Mittelpunkte des ganzen Kreises
machte.
    Er kam aus der Stadt, war vor nicht langer Zeit in Berlin gewesen und hatte
viel Gutes von den Freunden zu erzhlen, welche er an beiden Orten gesehen. Er
konnte, weil ihm die hervorragendsten Persnlichkeiten des Hofes und der
Diplomatie bekannt waren, genaue Auskunft ber den Stand der Welthndel geben,
welche damals noch nicht so offen und so schnell vor aller Leute Augen gebracht
wurden, als in unsern Tagen, und was die Literatur anbelangte, an der man zu
jener Zeit in der guten Gesellschaft weit mehr Antheil nahm als heute, so fhrte
er als das Neueste und Bedeutendste in seinem Reisewagen auer Goethe's
Geschwistern noch die ersten verffentlichten Bruchstcke des Don Carlos mit
sich. Er mute vom Knige erzhlen, von der Grfin Lichtenau, deren Charakter
und deren Thun und Treiben seit der neuerdings erfolgten Thronbesteigung
Friedrich Wilhelm's des Zweiten eine noch grere Wichtigkeit bekommen hatten,
und wie sehr er die Abneigung seiner Zuhrerinnen gegen die knigliche Maitresse
auch bercksichtigte und schonte, konnte er doch nicht umhin, sie als eine Frau
von Geist, von Geschmack und von Kunstsinn zu bezeichnen. Hier und da verrieth
ein Blick, ein Wort es den Mnnern, da er noch mancherlei Besonderes
zurckbehalte, was den Vertrautesten mitzutheilen sich wohl eine gute Stunde
finden lassen werde, und selbst die Frage der Damen nach den neuen Moden in
Kleidung und Wohnungseinrichtung freundlich zu befriedigen, lie der Baron sich
gefllig herbei, bis alle Anwesenden voll von seinem Lobe waren, bis er selbst
sich fortgehoben hatte ber seinen verstrten Sinn. Er hatte die Gesellschaft
fr sich eingenommen und sich durch die Betrachtung erheitert, wie viel
Herrschaft er ber sich habe und ber welche Mittel er gebiete, sich die Neigung
und Bewunderung der Menschen zu gewinnen; das gengte ihm fr den Augenblick und
half ihm vorwrts.
    Nur Eine Person in der Gesellschaft schien die allgemeine Zufriedenheit und
den allgemeinen Frohsinn nicht zu theilen, nur Comtesse Angelika blieb ernst und
schweigsam. Das fiel dem Baron auf, und, besorgt und ein wenig empfindlich
zugleich, fragte er sie: Fehlt Ihnen etwas, meine Beste, oder was ist geschehen,
das Lcheln von Ihrem lieben Antlitze zu verscheuchen?
    Da richteten sich ihre sanften Augen ruhig forschend auf die seinen, und mit
leiser Klage sagte sie: Sie erzhlen so viel Schnes, aber Sie sagen mir Nichts!
    Der Scharfblick des jungen Mdchens erschreckte, der Vorwurf traf ihn, inde
schnell gefat neigte er sich zu ihr und sprach flsternd: Wollen Sie, da ich
hier inmitten der Familie und der Gste die Selbstbeherrschung verliere, die mir
Ihnen gegenber, Seste, zu behaupten so schwer wird, da ich, um Herr ber
mich zu bleiben, mich mit Plaudern beschwichtigen mu? Was soll ich Ihnen sagen,
das Sie nicht wten, meine holde Braut?
    Sie lchelte und errthete, ohne jedoch durch seine Schmeichelrede beruhigt
zu werden. Sagen Sie mir, da Sie sich freuen, bei mir zu sein, da ich Ihnen
gefalle! bat sie mit einem Tone, der scherzend sein sollte, der aber ihre
Besorgni nicht verbergen konnte.
    Angelika, rief der Baron und sah sie mit einem Blicke an, vor dem sie
erglhend die Augen senkte, bestes, theuerstes Mdchen, was ficht Sie an, wie
kommt Ihnen dieser Zweifel? Ich begreife Sie nicht!
    Sie lchelte verwirrt, sie schalt sich selbst ein verwhntes Kind, sie bat
ihren Verlobten, ihr zu verzeihen, und reichte ihm die Hand hin, die er zrtlich
drckte; aber er wute jetzt, da er sich vor Angelika zu hten habe, und seine
Stimmung lie ihm heute nur Einen Weg, auf dem er sich behaupten konnte.
    Er hatte bis dahin seine Braut mit all der strengen Zurckhaltung behandelt,
welche Reinheit und Unschuld von dem Manne zu fordern berechtigt sind. Jetzt, da
er im Innersten erschttert und bedrngt, keiner freien Empfindung mchtig,
seine Braut beunruhigt und zum Argwohn geneigt sah, jetzt mute der Schein der
Leidenschaft und des Verlangens ersetzen, was Angelika an ihm vermite, und es
fiel dem erfahrenen Frauenkenner nicht schwer, das Herz des jungen Mdchens
lebhaft zu beschftigen. In den folgenden Tagen gab es der Zerstreuungen, welche
ihm zu Hlfe kamen, auch mancherlei, denn die groe Familie, welche jetzt im
Schlosse zusammen lebte, nahm beide Verlobten sehr in Anspruch. Das neue
Eintreffen des einen oder des anderen noch fehlenden Gastes brachte immer neue
Zwischenflle, welche dem Freiherrn seine Haltung wesentlich erleichterten, und
da Angelika, aus ihrer friedlichen Ruhe aufgeschreckt, das Alleinsein mit ihm
zwar suchte, aber es eben so schnell wieder floh, so verflo die ganze Woche
ohne besondere Strungen. Die Mnner zogen in der Frhe auf die Jagd, man
speis'te gemeinsam und am Abend vereinigten Unterhaltung und Spiel die
Gesellschaft in verschiedenen Gruppen, whrend die Jngeren hier und da zum
Tanze ihre Zuflucht nahmen.
    Am Vorabende der Hochzeit hatte man lnger als gewhnlich bei der
Mittagstafel verweilt und sich dann in das Nebenzimmer begeben, um dort den
Kaffee einzunehmen. Der Baron stand, den Rcken gegen die Stubenthre gekehrt,
die kleine Tasse von meiener Porzellan in der Hand, mit einigen Herren in
lebhafter Unterhaltung an dem Kamine. Man sprach von Diesem und Jenem, man
neckte den Baron damit, da er zerstreut sei, weil die bevorstehende Hochzeit
ihm im Sinne liege; und der Gedanke an dieselbe fhrte die Mnner, welche zum
Theil Jugendfreunde und Lebensgenossen des Freiherrn waren, auf die Erinnerungen
an ihre eigenen Hochzeiten und auf manches gemeinsame Erlebni zurck. Es fehlte
dabei nicht an einer Menge jener kleinen Zge, welche man einander, vorsichtig
nach den Frauen hinber schauend, mit Lcheln und Flstern erzhlte, und wie das
zu geschehen pflegte, waren die Mnner, welche am ruhigsten das friedliche Joch
ihrer Ehe ertrugen, unter denjenigen, die am eifrigsten gegen den Zwang der
Bestndigkeit protestirten und sich am dreistesten des Uebermuthes berhmten,
mit dem sie die Tage ihrer Freiheit und Ehelosigkeit genossen haben wollten.
    Sie waren der Klgste von uns Allen, Baron! sagte einer seiner Verwandten,
der mit ihm gleichen Alters war. Sie haben sich Ihre Freiheit nach Gebhr zu
Nutze gemacht, und nun, da ich armer Thor bereits meines Sohnes Erstgebornen aus
der Taufe gehoben habe, nun fhren Sie, als ob das eben so sein mte, das
schnste Mdchen des Landes heim, um das die ganze Schaar unserer jungen
Edelleute sich vergebens bemhte. Ihre Frau wird groes Aufsehen machen, wenn
Sie sie am Hofe prsentiren.
    Das knnte sein, versetzte der Baron, ich habe aber nicht die Absicht, an
den Hof zu gehen, und meine Braut hat vollends keine Neigung fr das Leben in
der Residenz.
    Weil sie es nicht kennt! meinte einer der jngern Mnner, denn ich halte es
fr unmglich, sich nicht von dem schwungvollen Sinne, von dem Geiste und von
der Bildung gefesselt zu fhlen, welche sich dort zur Verschnerung des Lebens
und zum Genu desselben verbinden.
    Schon die groe Zahl von Franzosen und Englndern, von Fremden berhaupt,
machen den Hof jetzt anziehender, als er seit lange gewesen ist, bemerkte der
Edelmann, der zuerst gesprochen hatte, und sich zu dem Freiherrn wendend, sagte
er: und nicht allein Fremde erscheinen dort, auch Geister lassen sich sehen. Was
haben Sie denn ber die Sache erfahren?
    Sie meinen die Erscheinung des Grafen von der Mark, welche man dem Knige
bereitet hat? fragte der Freiherr.
    Eben diese! versetzte der Andere, und der Freiherr berichtete, was er davon
gehrt und wie sehr der Knig sich durch den Anblick dieses von ihm geliebten
und als Kind verstorbenen Sohnes erschttert gefhlt haben sollte.
    Einige der Mnner, feste, alte Voltairianer, zuckten mitleidig und
verchtlich die Achseln, als die Unterhaltung sich nach dieser Seite wendete.
Inde die Geisterseherei war Mode geworden, Jeder hatte seine Meinung ber ihre
Mglichkeit, und die Frauen, deren weichem Herzen der Tod ja fast immer als eine
Grausamkeit erscheint, sprachen sich zum Theil sehr lebhaft fr eine Ansicht
aus, welche ihnen einen fortdauernden Zusammenhang mit ihren dahingegangenen
Lieben in Aussicht zu stellen versprach.
    Der Baron, dessen Meinung man zu verschiedenen Malen herausgefordert hatte,
vermied es, sie zu uern. Er war zurckhaltender, als er es sonst ber hnliche
Materien zu sein pflegte, und weil sich Niemand in der Gesellschaft befand, der
die Unterhaltung verstndig leitete und beherrschte, verlor sich dieselbe, je
mehr die Dmmerung hereinbrach, immer tiefer in das Gebiet des Geheimnivollen
und Sentimentalen. Man erzhlte die Erfahrungen, die man selbst von dem
Uebergreifen der Geisterwelt in den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren gemacht
zu haben glaubte, man erinnerte an die damals vielbesprochene Geschichte der
jungen Schauspielerin, der ihr verrathener Geliebter sich auf die wundersamste
Weise kundgegeben haben sollte.
    Das Fr und Wider uerte sich noch einmal und noch lebhafter, als zuvor,
bis einer der lteren Edelleute, welchem diese weichlich mysterise Unterhaltung
nicht behagen mochte, ihr mit einem Scherze ein Ende zu machen beschlo.
    Man knnte sich es schon gefallen lassen, sagte er, einer ungetreuen Schnen
zu einem allgegenwrtigen und unvermeidlichen Memento mori zu werden, wenn man
nur vor Repressalien sicher wre! Stellen Sie sich doch aber vor, meine Herren,
was sollte aus uns Ehemnnern und aus dem Frieden unseres Hauses werden, wenn
jedes hbsche Lrvchen, das uns einmal das Herz gerhrt hat, so ganz ad libitum
in unserem huslichen Kreise erscheinen und unsere eheliche Eintracht stren
knnte? Unsere Damen, die jetzt so sehr fr diese neue Weltanschauung schwrmen,
wrden ja die Ersten sein, um Gottes willen gegen einen solchen sichtbaren
Zusammenhang mit der Geisterwelt zu protestiren.
    Man lachte, man belobte hier und da den gesunden, heiteren Einfall des alten
Herrn, man sagte, da der rechte Frohsinn jetzt nur noch bei den Alten zu finden
sei, und stachelte damit den Ehrgeiz des jungen Grafen Gerhard auf, den Witz und
die Heiterkeit der Jugend kund zu thun. Unglcklicher Weise waren aber Ma
halten und ruhiges Ueberlegen nicht eben seine Sache. Der reichlich genossene
Wein hatten ihn heute noch unbesonnener und kecker als gewhnlich gemacht, und
sich an seinen Schwager wendend, dessen Ernst und dessen Schweigen ihm
aufgefallen sein mochten, rief er: Der Onkel Kammerherr hat wahrhaftig Recht!
Stellen Sie sich doch vor, Baron, was aus Ihnen werden sollte und was Angelika
sagen wrde, wenn alle die Frauen, denen Sie um Angelika's willen das Herz
gebrochen, Ihnen erscheinen sollten? Stellen Sie sich vor, wenn - er wies mit
dem Kopfe nach dem Eingange des Zimmers und der Baron und die Anderen folgten
unwillkrlich seinem Winke - wenn dort sich zum Beispiel pltzlich die Thr
ffnete und ...
    Ein Schauer durchflog die Glieder des Barons, denn die Thre that sich
wirklich wie mit Einem Schlage pltzlich auf, ein blendendes Licht strmte
herein, und mit krampfhafter Bewegung den Arm des ihm Nchststehenden
ergreifend, sank der Baron auf den Sessel am Kamine nieder.
    Aber nur wenige wurden das gewahr, denn die Diener brachten eben jetzt die
vielarmigen Leuchter in das Zimmer, deren helles Licht die Mehrzahl der
Anwesenden blendete, und der Eintritt des Caplans, dessen Ankunft man kurz
vorher gemeldet hatte, nahm die Anderen in Anspruch. Der Graf und die Damen des
Hauses bewillkommten den neuen Gast, und der Baron gewann inzwischen Zeit, sich
zu sammeln und sich zu erholen. Dennoch neckte man ihn mit seiner Ueberraschung,
mit seinem Schrecken; man wollte wissen, welche Erscheinung er gehabt habe,
inde der Baron entzog sich mit guter Art und groer Selbstbeherrschung allen
darauf zielenden Fragen und Neckereien, und mitten in der allgemeinen
Unterhaltung, zu der er sich genthigt fand, fragte er, als der Caplan an ihn
herangetreten war, denselben leise und beklommen: Hat man sie gefunden?
    Alle Mhe war vergeblich! antwortete jener ebenso.
    Und Paul? fragte der Baron mit derselben Dringlichkeit.
    
    Ist frs Erste wohl aufgehoben in der Stadt.
    Wer brachte ihn dorthin?
    Ich selbst! versetzte der Caplan.
    Der Baron drckte ihm schweigend die Hand, andere Personen traten mit
Ansprache und Bewillkommung dazwischen, der Abend verging in bewegter
Geselligkeit und der Baron fand sich erst wieder mit seinem Hausgenossen
zusammen, als dieser ihn am spten Abende noch in seinen Gemchern besuchte. Er
traf den Baron, der sonst noch vor dem Schlafengehen lange in seinem Zimmer zu
lesen pflegte, bereits im Bette.
    Wundern Sie sich nicht, da ich mich schon niedergelegt habe, redete der
Baron den eintretenden Caplan an, ich bin sehr mde. Der Stand eines Brutigams
ist an und fr sich eine Unnatur und legt uns eine abgeschmackte Rolle auf. Wenn
ein fertiger Mann ein Mdchen zur Frau begehrt, so sollte man es ihm geben und
ihn mit der Erwhlten ziehen lassen. Was soll dieses wartende Verlangen von der
einen und von der anderen Seite? Es ist so viel Zwang und Heuchelei darin, ja,
es liegt im Brautstande, wenn man von einer Gesellschaft umgeben ist, wie die
hier im Schlosse versammelte, sogar eine Art von Cynismus, der mich beleidigt.
Ich wollte, wir wren zwei Tage weiter und fort von hier. - Er machte eine
kleine Pause und warf dann die Bemerkung hin: Ich schlafe auch schlecht! Am Tage
Ermdung, in der Nacht wenig Schlaf und whrend desselben qulende Trume!
Wahrhaftig, man knnte .... er vollendete den Satz nicht, fuhr mit der Hand, wie
es seine Gewohnheit war, ein paar Mal ber Stirn und Gesicht und stie dann ein
Ach! hervor, in welchem sich sein ganzer Zustand offenbarte.
    Der Caplan fand ihn bel aussehend, auch die Stimmung des Barons kam ihm
bedenklich vor. Weil es spt war und er die Weise seines Freundes kannte, sich
mglichst lange auf Umwegen von dem Gegenstande fern zu halten, den zu errtern
er Scheu trug, kam er ihm zuvor, indem er ohne Vorbereitung davon zu sprechen
begann.
    Sie fragten mich heute, hob er an, wo Paul sich befinde, und ich sagte
Ihnen, da ich selbst ihn nach der Stadt gebracht habe. Da es an dem Morgen
nicht gelang, die Mutter aufzufinden, so machte ich mich noch am Abende mit dem
Knaben auf den Weg, weil ich ihn nach dem Vorgegangenen nicht eine Stunde
unnthig in Rothenfeld verweilen lassen wollte. Unentschieden, wo ich ihn
unterbringen solle, da er bei seinem Alter noch fr kein ffentliches Pensionat
geeignet ist, fiel es mir ein, mich, weil ich keine Zeit zu verlieren hatte, an
Herrn Flies zu wenden.
    Und Sie sagten ihm, wem der Knabe gehre? unterbrach ihn der Baron.
    Ich hatte das nicht nthig, obschon er Anfangs mit der Zurckhaltung, welche
Sie an ihm rhmten, nicht merken lie, was der erste Anblick des Knaben ihm
verrathen hatte.
    Also Sie finden auch, da der Knabe mir so hnlich sieht? fragte der Baron
in einer Weise, die schwer erkennen lie, welcher Empfindung sie entsprossen
war, und ohne des Caplans Antwort abzuwarten, wollte er wissen, ob sein Sohn
sich jetzt bei dem Juwelier befinde.
    Nein, entgegnete der Andere; ihn dauernd in einer jdischen Familie zu
lassen, wre doch nicht wohl thunlich gewesen, und ich zweifle auch, da Herr
Flies sich dazu verstanden haben wrde, ihn aufzunehmen, da ....
    Und Ihr Vetter, der frher in dem Flies'schen Hause wohnte? unterbrach ihn
der Baron; ich habe an Ihren Vetter und dessen Frau gedacht ....
    Die Leute sind kinderlos, bemerkte der Caplan.
    Eben deshalb! meinte jener lebhaft.
    Meine Verwandten sind so sehr an eine ruhige Huslichkeit gewhnt, da eine
Strung derselben ihnen durch Nichts aufgewogen werden knnte, sagte der Caplan
ablehnend.
    Der Baron verstand ihn, das bewies das unwillkrliche Zusammenpressen seiner
Lippen; der Caplan lie ihm aber zu seiner Miempfindung nicht lange Zeit, denn
er berichtete, wie der Juwelier Rath geschafft und ihn an die Familie gewiesen
habe, welche jetzt den dritten Stock seines Hauses als Miether bewohnte.
    Wer sind die Leute? fragte der Baron dazwischen, der sich im Bette
aufgerichtet und den Kopf auf die weie, wohlgepflegte Hand gesttzt hatte, die
vornehm aus den Spitzenmanschetten des weitrmeligen Nachthemdes hervorsah.
    Eine ebenfalls kinderlose Beamtenfamilie, wie meine Verwandten. Die Frau
zeigte sich ohne Weiteres bereit, auf den Vorschlag einzugehen, da das Gehalt
des Kriegsrathes nur beschrnkt und die Familie doch zu einem gewissen Aufwande
genthigt ist. Eine Vermehrung der Einnahmen schien ihr also sehr erwnscht. Der
Kriegsrath hatte Bedenken, sie wurden aber von der Gewandtheit des Juweliers
ohne all mein Zuthun besiegt.
    Bedenken? wiederholte der Baron mit einem Anfluge jenes empfindlichen
Stolzes, der sich wundert, wenn sich Jemand seinen Wnschen nicht gefgig zeigt.
    Sie galten der Herkunft des Knaben, der mglichen Ungelegenheit, welche
dieselbe verursachen knnte, und endlich auch der Sicherheit der
Pensionszahlungen, fr die Herr Flies sich dann natrlich alsobald verbrgte,
whrend er zugleich auf die Frderung hindeutete, welche dem Kriegsrathe durch
Ihre Vermittlung zu Theil werden knnte.
    Sie glauben also, da der Knabe dort gut aufgehoben ist? fragte der Baron,
ber die Antwort des Caplans leicht hinweggehend.
    Der Juwelier versicherte es mir, und eilig, wie ich war, fand ich es am
besten, ihn in dem Hause zu lassen, da Herr Flies und seine Frau ein Auge auf
ihn zu haben versprachen.
    Der Baron nickte zustimmend. Ich danke Ihnen, sagte er, Sie haben mir einen
Dienst geleistet; ich bin ber den Knaben beruhigt, wenn Flies ihn in seiner
Nhe und Aufsicht behlt. Wollte Gott, ich knnte mich auch sonst beruhigen! Man
htte vielleicht der Unglcklichen Zeit lassen, Sie htten ihr nachgeben, ihr
gestatten sollen, den Winter oder wenigstens noch einige Wochen in Rothenfeld zu
bleiben. Ich beurtheilte Pauline richtiger, als Sie!
    Der Caplan war, wie er den Baron kannte, darauf vorbereitet gewesen, da er
es zu seiner Selbstberuhigung versuchen wrde, dem Freunde einen gewissen
Antheil an dem Unheile aufzubrden, welches er selber angerichtet hatte. Er lie
also diese Aeuerungen absichtlich unbeachtet, und dadurch genthigt, sich
weiter kund zu geben, sagte der Baron, von dem Thatschlichen der traurigen
Angelegenheit abbrechend:
    Gewisse Erfahrungen mu man an sich selber machen, und so theuer man sie
erkauft, bezahlt man sie doch wahrscheinlich nicht zu hoch. Sie werden sich
knftig, mein werther Freund, ber mich nicht mehr zu beklagen haben!
    Der Caplan bat um eine Erklrung dieser Worte.
    O, versetzte jener, mich dnkt, darber knnten Sie nicht in Zweifel sein!
Ich habe wohl sonst Ihre strengen Morallehren als unnatrliche Beschrnkungen,
Ihre ganze Weltanschauung und Lebensfhrung als die Frucht eines furchtsamen
Aberglaubens angesehen, und Sie in meinem Innern beklagt, da Sie sich in Folge
Ihrer Gelbde nicht zu genieen erlaubten, was uns zum Genusse ladet und fr
denselben geschaffen ist. In den letzten Tagen, sagte er mit einem schweren
Seufzer, habe ich mich aber oftmals des Gedankens nicht erwehren knnen, da Sie
jetzt der Glcklichere von uns beiden sind. Ja, ich habe Sie recht eigentlich um
Ihre Gemthsruhe, um Ihren Seelenfrieden beneidet und oft gedacht, da man schon
aus Selbstsucht und Berechnung ein einfaches, reines Leben fhren mte. Wenn
ich daher in meiner Ehe mit Grfin Angelika Kinder haben sollte, so will ich sie
Ihnen und Ihrer Fhrung ausschlielich anvertrauen, und Sie sollen mich an diese
Stunde erinnern, lieber Freund, wenn ich gegen dieses Versprechen handle. Es ist
sicher ein kstlich Ding um ein unbeflecktes Gewissen und um die Mglichkeit des
Glaubens und des Gebetes!
    Der Geistliche sah ihn prfend an. Er wute, welcher schnell wechselnden
Ansichten der Baron fhig war, und pflegte dehalb auf seine Aeuerungen, sofern
sie aus einer ungewhnlichen Stimmung hervorgingen, kein groes Gewicht zu
legen. Es duchte ihm aber, als sei es Pflicht des Christen und vor Allen des
Geistlichen, einem Schwerbeladenen und Niedergebeugten, und ein solcher war der
Freiherr jetzt in jedem Betrachte, in der Stunde der Noth die Hand zu reichen,
und ihm den Trost zu bieten, an welchem man sich in der eigenen Ohnmacht
gehalten und an dem man sich aufgerichtet hat.
    Haben Sie es denn versucht, fragte er ihn dehalb sanft und ernst, sich
einmal innerlich Ihr ganzes bisheriges Leben darzulegen? Haben Sie es versucht,
recht in sich zu gehen und sich mit dem Gedanken an die Folgen Ihres Handelns
Rechenschaft ber dasselbe zu geben, als wre diese Rechenschaft von einer Macht
gefordert, die den Zusammenhang der Dinge besser kennt, als wir? Haben Sie sich
denn in letzter Zeit wohl jemals der Religion mit dem Bedrfni um Erlsung
zugewendet?
    Sie wissen, bester Freund, sagte der Baron zgernd und mit Bedauern, da
dies leider nicht geschehen ist. Bei meinem lebhaften Sinne und einem starken
Selbstgefhle ist mir die Religion seit lange nur als eine Sttze und ein
Heilmittel erschienen, deren der Gesunde und Krftige entrathen und nach denen
mich persnlich niemals verlangen knne. Inde die Erfahrungen, welche ich jetzt
an mir und in dem Leben berhaupt gemacht, und ein Eindruck, eine rthselhafte
Erscheinung, die ich gehabt, eben heute gehabt habe - Er brach ab und sagte: Ich
wiederhole Ihnen, ich wollte, ich knnte heute glauben und beten wie Sie, mein
Freund, und mir damit das Herz entlasten.
    Und was hindert Sie daran? fragte der Caplan, ihm fest ins Auge blickend.
    Mir fehlt die Zuversicht, der Glaube, da Gebet mich trsten knne, da fr
mich auf diesem Wege die begehrte Hlfe zu finden sei, wendete der Freiherr mit
einer Weise ein, die sehr von jener Leichtigkeit abwich, mit welcher er solche
Materien sonst zu behandeln gewohnt war.
    Der Caplan schwieg eine Weile wie im Nachdenken versunken, dann sprach er
ernsthaft und bewegt, wie man eine tiefe Ueberzeugung, eine an sich selbst
erprobte Erfahrung kund giebt: Mich mte Alles trgen, oder Sie stehen auf
einem jener Wendepunkte des Lebens, Herr Baron, auf welche der Mensch, nach
meiner festen Ueberzeugung, nur dann gestellt wird, wenn das Einschlagen eines
vllig neuen Weges fr ihn das einzige Rettungsmittel geworden ist. - Er machte
darnach wieder eine Pause und sagte endlich, als habe er lange nach der Form
gesucht, in welcher er seinen Glauben dem Freiherrn zugnglich machen knne: Sie
haben vor nicht langer Zeit selbst gegen mich ber die mystische Grenze
gesprochen, welche in unseren Handlungen das freie Wollen von dem Mssen und
Erleiden scheidet, und ich erinnere Sie an diese Ihre eigene Ansicht, um in
derselben Ihnen ein Gleichni und in gewissem Sinne auch die Erklrung fr Ihren
jetzigen Zustand zu bieten. Ist irgendwo eine solche mystische Grenze zwischen
der Freiheit des Menschen und der Fhrung des Hchsten vorhanden, so offenbart
sich dieselbe, wenn wir Ihr Leben einheitlich berschauen, an Ihnen. Alles, was
Sie unternahmen, sich eine hchste Befriedigung im weltlichen Sinne zu schaffen,
erfllte den Zweck nicht, Sie innerlich wahrhaft zufrieden zu stellen. Da fallen
Sie auf einen Gedanken der Menschenliebe, aber auch ihm liegt ein weltliches
Element zu Grunde. Sie machen ein Geschpf Gottes, das Ihnen durch eine
Verknpfung von Umstnden zur Pflege zugefhrt wird, nicht zu einem Gegenstande
Ihrer selbstlosen Sorgfalt, sondern zu einem Spiele Ihrer Phantasie, zu einem
Glckspfande, und nur zu bald wird das arme Wesen Ihr Opfer, wird durch Sie um
Unschuld, Glauben und Hoffnung gebracht. Jetzt kommt der Augenblick, in welchem
Sie selbst das Bedrfni fhlen, sich ein neues und gelutertes Leben in Ihrem
Hause aufzuerbauen, und nun erwchst Ihnen aus Ihrer Vergangenheit, aus frherem
Verschulden ein Unheil, das Sie selbst wie einen Fluch empfinden, vor dessen
Anmahnung Sie sich nicht zu bergen, gegen dessen Last Sie sich nicht zu wehren
und vor dem Sie keine Rettung zu finden wissen, von dem Sie auch nirgends
Rettung und Erlsung finden werden, als an der Quelle, aus welcher alle Erlsung
und alle Gnade quillt. -
    Er machte eine Pause. Der Baron hatte noch immer das Haupt auf den Arm
gesttzt und sah, in tiefes Sinnen versunken, vor sich nieder. Der Caplan
wartete, ob Jener zu sprechen beginnen wrde, inde nur die Traurigkeit und
Weichheit seiner Mienen verrieth, was in seinem Herzen vorging, und der Caplan
hielt es fr seine Pflicht, dem Bereuenden weiter entgegen zu kommen.
    Sie sind in diesem Augenblicke, sagte er, wie der verlorene Sohn, wie der
Sohn, der im Uebermuthe seiner Kraft es verlernt hat, sich als Kind in seines
Vaters Arme zurck zu flchten. Sie wissen, Sie kennen den Weg, der Sie an das
Ziel Ihrer Sehnsucht fhren kann, aber Sie scheuen sich, ihn zu betreten, weil
Sie verlernt haben, ihn zu gehen. Sie mchten beten knnen; heit das nicht
beten? Sie mchten sich zu Gott, zu Ihrem Erlser wenden; heit das nicht zu ihm
gewendet, zurckgekehrt sein zu ihm? Sie verlangen nach Hlfe, nach Beistand,
nach Gnade - aber die gttliche Gnade ist so unerschpflich, da das bloe
brnstige Verlangen nach ihr, wenn es ein fortgesetzter Zustand der Seele wird,
schon die Brgschaft fr ihre Gewhrung in sich trgt, denn der Allhelfer fehlt
dem Menschen niemals, wenn es von ihm ist, da man Hlfe und Erlsung erwartet.
    Der Freiherr hatte den Kopf erhoben; er sah den Caplan forschend an, und mit
dem unverkennbaren Verlangen, eine Widerlegung seines noch nicht berwundenen
Zweifels zu erhalten, fragte er: Knnte Unglauben so rasch zum Glauben werden?
    Moses schlug voll Glaubens gegen den Fels, und aus dem harten,
verschlossenen Gestein sprang die helle Flut des Lebens hervor, sein ganzes Volk
zu erquicken. - Der Caplan rckte bei diesen Worten seinen Sessel nahe an den
Baron heran, neigte sich zu ihm und sagte, indem er mit sichtlich bewegtem
Herzen die Hand desselben ergriff: O, knnte ich Ihnen doch klar und
eindringlich machen, was als feste, erhebende Ueberzeugung in mir lebt! Der
Glaube, der Ihren Vater, Ihre Mutter durch das Leben leitete, der Ihre verklrte
Schwester in einer Weise sterben machte, welche ihrem Leben erst die volle Weihe
verlieh, dieser Glaube hatte Sie verlassen, und so nahe wir beide durch alle die
Jahre neben einander lebten, Herr Baron: wir standen einander ferner, als es
zwischen so alten Lebensgenossen htte sein sollen! Aber glauben Sie mir, mein
Freund, wie gering der Antheil auch gewesen ist, den Sie mir bisher an Ihrem
Seelenleben gnnten, ich habe nicht aufgehrt, um dasselbe zu sorgen; ich habe
nicht aufgehrt, zu hoffen, da der Erlser Sie zu finden wissen werde! Und nun,
da das Entsetzliche hereinbrach, habe ich mit Ihnen gelitten Tag fr Tag, ich
habe fr Sie gedacht, fr Sie in meinem Herzen gebetet und in die Zukunft zu
blicken gestrebt, nach Beruhigung fr Sie! Da ist mir der Gedanke an die
wunderbaren Wege und Fgungen des Himmels trstlich zu Hlfe gekommen! Wer von
uns will es ermessen, ob Gott nicht das junge Weib, ob er nicht Pauline, die das
Opfer Ihrer Sinnlichkeit geworden war, sich ausersehen hat als ein Werkzeug zu
Ihrer Bekehrung? Ob nicht Pauline sterben mute, das eigene Vergehen zu ben
und Sie hinzufhren an die Gnadenquelle, aus der das Geschlecht, welches
fortzupflanzen Sie morgen Ihre Ehe schlieen, sich erquicken und erstarken soll
zu neuem Glauben, zu neuem Wandel auf dem rechten Wege?
    Der Baron hatte dem Freunde mit steigender Erschtterung zugehrt.
Weichherzig wie er war, hatten schon die tiefe und ernste Bewegung, die fromme
Liebe und die feste Treue des alten Lebensgenossen ihn gerhrt und aufgerichtet,
aber bei des Caplans letzten Worten erhellten die ganzen Mienen des Barons sich
wundersam. Der zuversichtliche Glaube an die rthselhaften Wege einer allweisen
Vorsehung, welcher dem Caplan den Gedanken eingegeben hatte, da Pauline nach
Gottes Rathschlu habe sterben mssen, um den Freiherrn und sein Haus dem
Glauben wiederzugeben, trug fr den Letzteren schon eine halbe Erlsung in sich
und leuchtete ihm ein, da er seiner persnlichen Eigenliebe wie dem Stolze auf
sein Geschlecht pltzlich in der erwnschtesten Weise entgegenkam. Er war, nach
solcher Annahme von den Fgungen des Himmels, nicht mehr vllig und
ausschlielich verantwortlich fr seine That und ihre schwere Folge. Er war
nicht mehr der allein Schuldige, der Frevler, welcher Pauline in den Tod
gestrzt. Nur ein Werkzeug war er gewesen, wie sie, in der starken Hand des
Herrn. Nicht mehr ein Snder war er, der sich demthigen mute, um die
Verdammung von sich abzuwenden, er war ein Auserwhlter, ein Begnadigter; denn
Gott hatte das Leben eines armen Weibes bestimmt und darangegeben zum Opfer fr
ihn und sein Geschlecht, und erleichterten Herzens und nach Beruhigung drstend,
fragte er: Und hegen Sie den Glauben, da Reue ganz vershnt?
    Ja, ich hege diese Zuversicht! rief der Caplan mit festem, innig
vertrauendem Glauben. Ja, ich hege die Zuversicht, da Reue, da bende und
zugleich fruchtbar thtige Reue eine Erlsung in sich verbrgt! Wollten Sie sich
in dumpfem Schmerze der Erinnerung an das von Ihnen verschuldete Unglck
berlassen, so wrde damit sicher Nichts geholfen, Nichts gebessert sein. Aber
wenn Sie die Mglichkeit der erlsenden Vershnung nicht nur auf sich selbst
beziehen, wenn Sie dieselbe zugleich als eine Ausshnung mit dem eigenen
Bewutsein betrachten; wenn Sie sich sagten, ein Mdchen, das mich liebte, ist
untergegangen durch mich, dafr soll das Weib, das ich mir erwhlte, um so
glcklicher werden; wenn Sie mit Selbstvergessenheit fr die Frau, fr die
Familie zu leben versuchten, welche sich um Sie her bilden wird, wenn Sie die
Seelen, welche die Vorsehung Ihnen anvertraut, im Glauben und in Heiligung
erziehen - mich dnkt, mein Freund, das wrde so viel Licht ber Ihr Dasein
ausbreiten, da davor die Schatten, welche jetzt Ihr Leben umdstern, allmhlich
weichen knnen. Gebet und Reue sind erlsend, wenn sie eine Selbsterkenntni und
ein Gelbni, zugleich demthig und muthig sind.
    Der Caplan hielt inne, denn der Baron hatte sonst immer eine groe Ungeduld
bewiesen, wenn sein geistlicher Freund hnliche Gesprche oder hnliche
Errterungen herbeizufhren gesucht hatte. Heute war das anders. Es that ihm
wohl, die Stimme des Freundes und seinen ermuthigenden Zuspruch zu hren, denn
sie waren milder, als sein eigenes Gewissen, und fast bittend sagte er: Sie sind
nicht zu Ende, enthalten Sie mir Nichts vor, mein Freund!
    Was knnte ich noch hinzufgen, entgegnete der Caplan, das nicht in dem
Gesagten schon enthalten wre, das Ihr eigenes Herz Ihnen nicht kund giebt? Jede
Snde ist eine Verfehlung gegen das Gute und gegen das Recht! Machen Sie sich
von diesen Verfehlungen frei, stellen Sie sich als Snder Ihrem Schpfer, als
tadelloses Familienoberhaupt, als tadelloser Gutsherr den Menschen gegenber,
und ich zweifle nicht, da sich zwischen diesen beiden Polen fr Sie der Weg und
die Mittel zu einer Befreiung Ihres Herzens und Ihres Gewissens finden lassen
werden, da Sie eines Glckes theilhaftig und einer dauernden Zufriedenheit
fhig werden knnen, von der Ihre Vergangenheit Ihnen noch kein Bild gegeben
hat!
    Der Freiherr athmete auf. Er richtete sich empor, er sah die Mglichkeit vor
sich, wieder erhobenen Hauptes zu leben, da er den Vorsatz hegte, sein Haus im
Geiste des Christenthumes aufzubauen. Er konnte in diesem Augenblicke selbst an
Pauline wieder denken, ohne die herzzerreienden Gewissensbisse zu empfinden,
welche ihm seit ihrem Tode keine Ruhe mehr gelassen hatten. Er versank noch
einmal in ein tiefes Sinnen. Der Caplan, dessen innere Wahrhaftigkeit in diesem
Falle die Selbsttuschungen des Freiherrn nicht voraussah, sa ihm, seinen
eigenen ernsten Betrachtungen nachhangend, schweigsam gegenber. Seine ganze
Seele war Gebet. Endlich reichte der Baron dem Geistlichen die Hand.
    Ich danke Ihnen, sagte er, ich danke Ihnen von Herzen, und Sie haben Recht!
Ja! Sie haben Recht! Es ist eine groe Wohlthat des Himmels, er brauchte diesen
Ausdruck mit Selbstgenu, es ist ein Segen von Gott, einen Freund, wie Sie in
der Nhe zu haben, sich mit einem Freunde wie Sie recht von Herzen aussprechen
zu knnen; und wie selten habe ich mir in der Zerstreutheit der vergangenen
Jahre diese Befriedigung gewhrt! - Er bog sich ein wenig nach hinten ber,
dehnte Brust und Rcken, und meinte: Ich glaube in der That, diese Nacht werde
ich schlafen knnen. Ich fhle mich ruhiger, freier als in den verwichenen
Tagen. Nur der Gedanke an Richten qult mich unaufhrlich; und ich gbe viel
darum, wenn ich es jetzt noch nicht wiederzusehen, es noch nicht mit meiner Frau
wiederzusehen brauchte.
    Und giebt es dafr keinen Ausweg? fragte der Caplan, dem die Beruhigung
seines Freundes, von welcher er sich die sittliche Erhebung desselben versprach,
lebhaft am Herzen lag. Sie haben ja das Haus, welches Frulein Esther Ihnen
hinterlassen hat, eigentlich noch gar nicht bewohnt. Wie wre es ....
    Wenn wir nach der Residenz gingen? fiel der Baron ihm in die Rede, daran
habe ich selber schon gedacht; nur da Alles, wie Sie wissen, auf unsern
Aufenthalt in Richten angelegt und angeordnet war und da in der Stadt gar
Nichts fr unsere Aufnahme vorbereitet ist. Ich habe das Haus meiner Tante, als
ich es bei meinem letzten Aufenthalte in der Residenz bernahm, doch recht
vernachlssigt und traurig gefunden, und man wrde es vollstndig erneuern
mssen, um es angenehm und uns angemessen zu machen. Inde davon zu reden wird
morgen Zeit sein, mein lieber Freund! Fr heute wnsche ich gesammelt zu bleiben
und noch eine Weile mit mir allein zu sein. Schlafen Sie wohl! Gewi, ich hoffe
auch endlich wieder eine gute Nacht zu haben.
    Er gab dem Geistlichen nochmals die Hand und dieser verlie ihn mit dem
beruhigenden Bewutsein, gethan zu haben, was ihm oblag. Er hatte den
Zerknirschten nicht mit harter Verdammung niedergeschmettert, sondern ihn
aufzurichten gesucht, da er seine Erhebung anstrebte und ersehnte; und es
erffnete sich ihm jetzt dafr die Aussicht, der Kirche ein ihr entfremdetes
Glied, das Haupt einer einflureichen und vornehmen Familie, dem Glauben und der
Sitte einen Menschen von vielen Gaben und von einem an sich guten Herzen wieder
zuzufhren, whrend ihm selbst der Freund zurckgegeben zu werden schien, an dem
er immer mit warmer Neigung gehangen hatte, seit der Baron einst sein Zgling
gewesen war.
    Der Caplan betete also an dem Abende noch lnger und noch inniger als sonst,
und der Freiherr schlief seit Paulinen's Tode in dieser Nacht den ersten
traumlosen und ruhigen Schlaf. Das setzte ihn wieder vllig in den Gebrauch
seiner Krfte ein. Er fhlte sich erfrischt und befreit, er erschien sich
verjngt, als er sich im Spiegel betrachtete, und er sah mit wachsender Spannung
und freudiger Bewegung der bevorstehenden Ceremonie entgegen.
    Am Mittage wurde die Trauung des Barons mit der Grfin Angelika, wie es in
den Ehepacten festgesetzt worden war, nach katholischem Ritus vollzogen. Der
Baron hatte am Morgen noch eine lange Unterredung mit dem Caplan gehabt, und
beide waren bemht gewesen, sich auf dem Wege zu erhalten, auf welchem der
Freiherr gestern die erste trostreiche Beruhigung gefunden. Er hatte dem Caplan
die feierliche Zusage gegeben, dahin zu wirken, da auch seine Tchter, falls er
deren haben sollte, in der katholischen Kirche auferzogen wrden, und er war
danach whrend der Trauung ernster und feierlicher gestimmt, als die
Gesellschaft, welche ihn im Schlosse umgab, es von ihm erwartet hatte. Die
Eltern der Braut erfreuten sich dessen als einer Brgschaft fr das Glck der
Tochter; die junge Grfin selber war gegenber der Innigkeit, mit welcher ihr
Gatte sich gegen sie bezeigte, voll demuthsvoller Zrtlichkeit und Liebe, und es
war sicherlich Niemand unter den anwesenden Gsten, welcher diesem von dem
Schicksal so vielfach bevorzugten schnen Paare nicht eine glckliche Zukunft
vorausgesagt htte.
    Bei der Tafel, als eine der Tanten den Schmuck bewunderte, mit welchem der
Baron seine Braut zur Hochzeit beschenkt hatte, erklrte dieser, da er seiner
Frau noch ein anderes Angebinde, oder vielmehr noch eine Ueberraschung
vorbereitet habe, welche ihr, wie er hoffe, willkommen sein werde. Er bat sie,
zu errathen, was er fr sie im Sinne fhre, aber sie traf das Rechte nicht, und
endlich fragte er: wie wrde es Dir gefallen, meine Beste, wenn wir morgen,
statt unsern Weg nach Richten einzuschlagen, uns nach der entgegengesetzten
Seite wenden und nach der Residenz begeben wrden, um dort den Winter
zuzubringen?
    Der Vorschlag erregte bei Allen ein groes Erstaunen, denn seit der
Verlobung hatte man es festgesetzt gehabt, da die Neuvermhlten das erste Jahr
ihrer Ehe in Richten verleben sollten. Alle Plane des Barons waren darauf
begrndet, alle seine Briefe voll gewesen von der Schilderung der
Annehmlichkeiten, welche er sich von dieser Einrichtung versprochen hatte. Nun
sollte das pltzlich Alles anders werden. Man wute sich nicht gleich in eine so
unerwartete Vernderung hineinzudenken, wute sich ihre Ursache nicht zu deuten,
und besonders Angelika vermochte bei diesem Vorschlage des Barons, der ihren
Neigungen und Hoffnungen gleichmig widersprach, vollends keine Freude zu
empfinden.
    Die grflich Berka'sche Familie gehrte zu jenen alten guten
Adelsgeschlechtern, welche das Leben im eigenen Hause und auf eigenem Grund und
Boden als die einem Edelmanne am meisten zustndige Lebensweise erachteten. Nur
einmal und nur fr eine kurze Zeit hatte Angelika in der Stadt verweilt, als
eine Krankheit der Mutter die Berathung eines dortigen berhmten Arztes
nothwendig gemacht hatte. In der Residenz war sie niemals gewesen, und an ein
ruhiges Dasein, an eine einfrmige Folge der Tage gewhnt, reizte das Neue sie
weniger, als das Fremde sie beunruhigte. Alle die idyllischen Hoffnungen, welche
sie fr ihre nchste Zukunft gehegt, sanken vor dem neuen Plane ihres Gatten in
Nichts zusammen, und rasche Uebergnge aus einem Gedanken- und
Vorstellungskreise in den andern zu machen, war ihr nicht gegeben. Ihre Mienen
verriethen daher nichts weniger als Freude bei der Erffnung des Barons, und als
er ihr im Besondern die Frage vorlegte, ob er ihrer Neigung mit seiner Absicht
begegnet sei, verneinte sie es mit der Bemerkung, es schmerze sie, da ihr auf
diese Weise das erste ruhige Beisammensein mit ihm verkmmert und ihr die
Gelegenheit genommen werde, sich ihm in der neuen Heimath als Hausfrau angenehm
und lieb zu machen.
    Er suchte ihr das auszureden, er bemhte sich, ihr begreiflich zu machen,
da sie in gewissem Betrachte in der Residenz weit mehr auf einander angewiesen
sein wrden, als in Richten, wo Familienbesuche sie vielfach beansprucht und
ihnen die Zeit einsamen Verkehrs beschrnkt haben wrden, und sie lie das
endlich gelten. Aber der Baron hatte bei diesen Auseinandersetzungen zum ersten
Male Gelegenheit, sich zu berzeugen, da seine Frau zwar ihre liebsten
Hoffnungen freundlich seinen Wnschen unterzuordnen wute, da es jedoch nicht
leicht sei, sie ihren Sinn ndern zu machen oder ihr fremde Gedanken
unterzuschieben.
    Man speiste lange, man tanzte nachher. Die Braut fand allmhlig ihre
Heiterkeit wieder, sie war lieblicher und anmuthiger, als je zuvor, und der
Baron sah schn aus in der freudigen Erregung, die ihn durchglhte. Die Tne der
Gavotte und der Quadrille  la Reine erklangen noch immer, nachdem er schon
lange seine junge Gattin in den stilleren Theil des Schlosses entfhrt hatte, in
welchem die Zimmer fr die Neuvermhlten eingerichtet worden waren.
    Ihre Abreise sollte am nchsten Mittage vor sich gehen. Nach der Gewohnheit
des Hauses frhstckten die Gste auf ihren Zimmern. In dem Wohngemache der
grflichen Hausherrin war das neue Ehepaar mit den Eltern und dem Grafen
Gerhard, dem jngsten Bruder der Braut, beisammen; der ltere Bruder und
Majoratserbe befand sich bei einer Gesandtschaft auer Landes. Man wnschte,
sich der scheidenden Tochter noch einmal in Ruhe zu erfreuen.
    Der Graf sah es mit Vergngen, wie zrtlich sein Schwiegersohn der jungen
Frau begegnete, wie er vor Entzcken aufflammte, wenn sein Auge sich auf die
schne Gattin richtete. Die eigene Erinnerung wurde ihm dabei lebendig, er war
dadurch mit der Grfin auch liebevoll und zrtlich, und er verargte es derselben
ganz entschieden, da ihre Blicke so ngstlich und so fragend auf die Tochter
geheftet blieben. Er verargte es der Tochter, da sie so schweigend da sa, da
sie die liebevolle Zuvorkommenheit ihres Mannes nicht wrmer aufnahm, sie nicht
ein einziges Mal erwiderte.
    Sie ist nicht wie ihre Mutter! dachte der Graf, und in seinem Innern sagte
er ihr jene vllige Herrschaft ber den Baron voraus, welche kalte Frauen ber
warmherzige Mnner stets gewinnen. Aber er hatte Angelika nicht fr so kalt
gehalten, er hatte erwartet, sie am ersten Tage ihrer Ehe eben so heiter und
zrtlich zu finden, als der Baron sich bezeigte.
    Je nher der Augenblick der Trennung kam, je weniger verbarg sich die
Schwermuth der beiden Frauen. Keine von ihnen sprach sich ber ihre Empfindungen
aus; inde die Mutter hatte von jeher so klar in dem Herzen der Tochter gelesen,
da sie wute, der trbe Ernst in dem Auge derselben, die festgeschlossenen
Lippen mten noch etwas Anderes zu verbergen haben, als den Schmerz des
Scheidens von dem Vaterhause, den einzugestehen Kindespflicht und Dankbarkeit
ihr fast geboten. Angelika aber bedurfte des Wortes von dem Munde ihrer Mutter
nicht, um sich von ihr verstanden zu fhlen. Was geschehen sei, vermochte die
Grfin nicht zu entrthseln; nur das stand fr sie fest, ihre Tochter sah anders
aus, wenn Glck und Zuversicht aus ihren Mienen lchelten.
    Endlich schlug die zur Abreise angesetzte Stunde. Mitten aus dem Kreise der
nchsten Familie und der mnnlichen Gste, welche der Tochter des Hauses bis
hinab auf die Rampe das Geleite gaben, hob der Baron seine Frau in den Wagen.
Noch ein letzter Blick von dem Auge der Mutter, noch ein Zuruf von Vater und
Bruder, noch Gre und Gre von der alten, treuen Dienerschaft, noch ein
Peitschenknall durch die frische Luft, ein krftiger Ansatz der vier feurigen
Rosse, und das Vaterhaus war verlassen fr immer. Die Baronin von Arten hatte
fortan auf eigenen Wegen zu gehen, Angelika hatte sich eine Heimath in dem Hause
und in dem Herzen ihres Mannes zu errichten.
    Aber still und traurig, wie sie den ganzen Morgen hindurch gewesen war, sa
sie in dem Reisewagen an der Seite ihres Gatten, und all seine Zrtlichkeit, all
seine Betheuerungen, da er fr sie leben, da er sein Glck darin suchen wolle,
sie glcklich zu machen, waren nicht im Stande, die Schwermuth von ihrer Stirne
zu bannen oder den Zug des Schmerzes von ihrem Munde zu vertilgen. Es war
umsonst, da der Baron sich damit trstete, die Trauer einer Tochter bei dem
Abschiede von den Eltern sei natrlich; umsonst, da er sich sagte, diese starke
Liebe fr die Eltern verspreche ihm Gutes. Es beschlich ihn eine Unruhe, es
bemeisterte sich seiner eine Ungeduld, die ihn allmhlig verstimmten; und als am
Nachmittage die Sonne sank und der Abend sein bleiches Grau ber die weiten,
kahlen Flchen des Landes auszubreiten begann, war das Herz ihm beklommen, und
sein niedergedrckter Geist hatte Mhe, sich von den Erinnerungen fern zu
halten, denen er seit der Unterredung mit dem Caplan entfliehen zu knnen
gehofft hatte.
    Eine geraume Zeit war vergangen, in welcher weder der Baron noch Angelika
ein Wort gesprochen hatten, als diese ganz pltzlich mit anscheinender Ruhe die
Frage that: Heit Jemand Pauline unter den Frauen, die Du kennst?
    Den Baron traf es wie ein Stich durch's Herz, das Rthsel begann sich ihm in
erschreckender Weise zu lsen. Pauline? wiederholte er, den Schauer
niederkmpfend, der ihn beim Aussprechen dieses Namens berfiel, wie kommst Du
zu der Frage, Geliebteste?
    Angelika war unsicher, ob sie antworten solle, endlich sagte sie: Weil Du
mich mehrmals so genannt hast.
    Es war ein Glck, da die Laternen des Wagens noch nicht angezndet waren
und da Angelika die Blsse und den Ausdruck seines Gesichtes nicht sehen
konnte, als er sich bemhte, sie an einen Irrthum, an ein Mihren von ihrer
Seite glauben zu machen. Aber obschon sie schwieg, war er gewi, sie nicht
berzeugt zu haben, und in die Nothwendigkeit versetzt, hnlichen Mglichkeiten
vorzubeugen, sagte er: Es kann wohl sein, da ich den Namen ausgesprochen habe,
denn eine Frau, die ihn trug, ist mir einst werth gewesen, und es ist leicht
mglich, da in Deiner lieben Nhe die Erinnerung an sie mich unwillkrlich
berschlich. Aber Du hast von dieser Erinnerung nichts mehr zu frchten, fgte
er mit einem schweren Seufzer hinzu, und Du, meine Angelika, bist zu vernnftig,
bist zu klug, als da Du httest hoffen knnen, die Gedchtnitafeln eines
Mannes so rein und unbeschrieben zu finden, als die Deinen es zu meiner Freude
sind, Du ses Weib!
    Die Baronin sah ihn an, der Schein der Laternen, die man inzwischen mit
Licht versehen hatte, zeigte ihr seine Mienen ruhig und gefat. Und wer ist
diese Pauline? wo lebt sie? fragte sie, um Beruhigung bittend.
    Sie lebt nicht mehr! antwortete der Baron, und wieder berflog der Schauer
des Entsetzens seine Glieder. Sie lebt nicht mehr! la Dir das gengen. Meine
Zukunft ist Dein, Dein ausschlielich, das gelobe ich Dir! so wahr ein Gott ber
uns waltet. Die Vergangenheit, die nicht Dein war, ist nicht mehr, und es ruht
allein in Deiner lieben Hand, sie mich vllig vergessen zu machen.
    Er sprach das mit groer Aufrichtigkeit, mit fester Zuversicht; inde er
sah, da er Angelika nicht befriedigt hatte, und es war ihm ein ungewohntes und
peinliches Gefhl, sich fr alle Zeiten gebunden zu denken, sich eingestehen zu
mssen, da in der That das Glck und der Friede seiner kommenden Jahre von dem
Willen und den Eigenschaften einer jungen Frau abhingen, von welcher man bis
dahin kaum die Wahl der eigenen Kleidung und sicherlich keine ihrer eigenen
Handlungen abhngig gemacht hatte. Ohne da er es verrieth, drckte ihn der
erste Ring der Fessel, mit welcher er sich gebunden hatte. Es wre ihm sehr
erwnscht gewesen, jetzt ein freundliches Wort von der Baronin zu vernehmen, und
daneben verdro ihn die Bemerkung, da er eben auf ein gutes Wort zu warten sich
genthigt fand. Angelika jedoch blieb in sich gekehrt in ihrer Ecke sitzen, und
weil sie dabei so gar traurig aussah, nahm er sie in seine Arme, schlo sie an
sein Herz und fragte sie, ob sie ihm denn nicht glaube, nicht vertraue?
    Ja! versetzte sie, o ja! ich glaube Dir, aber -
    Aber? wiederholte er besorgt.
    Sie wollte sprechen und fand den Ausdruck nicht, bis sie, in Thrnen
ausbrechend und in Scham erglhend, mit einer ihr fremden Hast die Worte
hervorstie: Sie stehen zwischen mir und Dir, diese unglckseligen Erinnerungen,
und ich kann und kann es nicht vergessen, wenn Du mich in Deine Arme, an Dein
Herz nimmst, da schon Andere an Deiner Brust geruht, an welcher ich meines
Lebens heilige Zufluchtssttte zu finden hoffte!
    Sie schien sich in diesem Augenblicke wirklich so unglcklich zu fhlen, da
sie dem Baron Mitleid einflte. Er bedauerte sie, er bedauerte auch sich selbst
und dachte mit aufrichtiger Reue an seine Vergangenheit zurck; aber vor Allem
machte der Vorgang ihn doch verdrielich. Die reine Seele seiner Frau und ihre
Wahrhaftigkeit waren ihm achtungswerth und erfreulich, nur muten sie ihn nicht
belstigen; und wie er es auch vorhatte, ein gewissenhafter Ehemann zu werden,
so war ihm die Aussicht, da Angelika zur Eifersucht geneigt sein knne,
vollends unbehaglich.
    Er hatte Ruhe, Frieden, Erheiterung, Zerstreuung nthig, hatte sie von
dieser Reise mit seiner jungen Frau erwartet, und sollte nun als Angeschuldigter
da sitzen, sollte sich rechtfertigen, Trost sprechen und Vernunft predigen! Das
dnkte ihn bald widerwrtig und bald lcherlich. Er fhlte sich in einzelnen
Augenblicken zu dem Wunsche, den er sich selbst als einen lsterlichen
bezeichnete, veranlat, da er eine weniger sittenstrenge Gattin besitzen mge,
vorausgesetzt, da sie nur leichtlebiger und frhlicher sei; denn als der Baron
sich zu verheirathen beschlo, hoffte er, nicht nur zufrieden gestellt zu
werden, sondern auch zufrieden zu stellen; und er hatte nach seiner Meinung ein
Recht, dies als eine nothwendige Ausgleichung fr seine aufgegebene
Ungebundenheit und Freiheit zu begehren.
    Er schwankte, ob er sich gegen Angelika erzrnt zeigen oder ob er sie
besnftigen solle, aber die ernsten und guten Vorstze, welche er fr seine Ehe
gefat hatte, trugen den Sieg davon. Er machte seiner Frau einige von jenen
allgemeinen unbestimmten Bekenntnissen ber seine Vergangenheit, welche Nichts
verriethen und doch hinreichten, einer liebevollen und sittenreinen jungen Frau
Gelegenheit zum Beklagen des Schuldigen, zum Verzeihen gegen den Bereuenden zu
bieten; und als das unerfahrene, liebende Herz der Baronin den geliebten Mann
nur beklagen und ihm verzeihen und eine zrtliche Vershnung mit ihm genieen
konnte, war es fr den Augenblick gar leicht beschwichtigt und ber seine
Zweifel fortgetragen.

                                Sechstes Capitel


Die Erfahrung, welche der Baron an dem ersten Tage seiner Ehe gemacht hatte,
ward ihm eine Anmahnung zur Selbstbeherrschung, aber grade die Nothwendigkeit
derselben lie ihn erkennen, wie sehr er durch Paulinen's Tod erschttert war,
und whrend die anmuthigste und liebenswrdigste Frau an seiner Seite sa, von
deren Tugend und Bildung er selbst sich ein reines Glck erhoffte, konnte er das
Bild des unglcklichen Geschpfes nicht verscheuchen, das ihm in willenloser
Leidenschaft, in ausschlielicher Liebe zu eigen gewesen war und, durch ihn
selbst von jedem andern Anhalte losgelst, keinen Ausweg fr sich gefunden
hatte, als den Tod, da er sich von ihr abgewendet.
    Der Wagen fhrte ihn vorwrts, aber alle seine Gedanken gingen nach Richten
und in die Vergangenheit zurck, und obschon er mit groer Anstrengung die
Heiterkeit und Zufriedenheit zur Schau trug, welche jeder herzensfreie Mann an
der Seite Angelika's empfunden haben wrde, die sich wieder zutrauensvoll und
frhlich an ihn zu schlieen begann, htte er bisweilen viel darum gegeben, eine
Stunde des Alleinseins, eine Stunde zwanglosen Leidens und Ausruhens genieen zu
knnen. So drckend ihm der Gedanke an die Rckkehr nach Richten Anfangs auch
gewesen war, er fand, da er nicht klug gethan habe, indem er sich in seiner
gegenwrtigen Stimmung zu dem unausgesetzten Beisammensein mit seiner Frau
verdammt hatte, und er erschrak doch vor sich selber, als er sich eben dieser
Empfindung bewut ward.
    Dazu hatte er die Fahrt nach der Residenz auf kurze Tagereisen anlegen
mssen, um dem vorausgesandten Kammerdiener Zeit zu den unerllichsten
Vorkehrungen in dem Hause von Frulein Esther zu lassen, und obgleich die Tage
noch sehr hell und freundlich blieben, war die Jahreszeit doch schon weit
vorgerckt. Die Abende waren lang, die Orte, in denen man zu rasten hatte, boten
keine Zerstreuungen, die Gasthfe nicht einmal eine gewisse Behaglichkeit dar.
Ohne die Anspruchslosigkeit und den jugendlichen Sinn der Baronin, die niemals
gereist war und die daher in manchen Dingen noch einen Reiz und eine Belustigung
zu finden vermochte, welche ihrem Gatten nur als Unbequemlichkeiten erschienen,
wre diese Fahrt nach ihrem neuen Aufenthaltsorte nicht danach angethan gewesen,
der jungen Frau als eine ihr von ihrem Gatten gewhrte Ueberraschung oder
Vergnstigung zu erscheinen.
    In der Regel aber steigert sich die Erwartung, mit welcher wir einem
unbekannten Zustande entgegen gehen, durch die Dauer der Zeit wie durch die
Mhe, mit welcher wir zu demselben zu gelangen haben, und besonders die Jugend,
welche noch an ein nothwendiges Gleichgewicht zwischen Mhe und Erfolg glaubt,
hlt sich berechtigt, ihre Hoffnungen und Ansprche je nach der Zeit des Wartens
hher zu spannen. Die erste Ankunft in der Residenz war jedoch nicht dazu
geeignet, den Vorstellungen zu entsprechen, mit welchen die Baronin ihr in den
letzten Tagen und Stunden entgegen gesehen hatte.
    Es war ein unfreundlicher Nachmittag, an welchem der Reisewagen des Barons
durch das Frankfurter Thor in Berlin einfuhr und nach langem Wege vor dem Hause
von Frulein Esther Halt machte. Nach mehreren Wochen des schnsten, hellsten
Wetters hatten Regen und Nebel des Herbstes sich ganz pltzlich eingestellt und
fielen deshalb um so widerwrtiger auf. Das Haus lag in einer Strae, welche zu
den vornehmsten gezhlt hatte, ehe die Erweiterung der Stadt hier wie berall
die schne Welt nach dem Westende bersiedeln machte, und die dunkeln Mauern
sahen bei der trben nassen Luft noch grauer als gewhnlich aus.
    Breit fr seine Hhe, auf weitem Hofe hingestreckt, mit eisernem Gitter
gegen die Strae abgeschlossen und von den Bumen des Gartens berragt, bte das
Haus auf die Baronin eine berraschende Wirkung aus, inde der Verfall desselben
drngte sich ihr trotz der beginnenden Dmmerung deutlich auf, und das Innere
des Gebudes entsprach dem Aeuern nur zu sehr.
    Die de, mit schwarzen Fliesen ausgelegte Eintrittshalle, die breiten
Steintreppen mit den altersgeschwrzten Eisengallerien, die hohen, mit
stumpffarbigen Seidenstoffen und gepretem Leder tapezierten Gemcher, der
Hausrath, dem man es ansah, da er seit gar langen Jahren nicht erneuert worden
war, hatten etwas Trauriges. Die Brocatberzge der Mbel, die Gardinen und
Thrvorhnge waren farblos, die reichen Vergoldungen ohne Glanz, die prchtigen
Spiegelglser waren blind geworden. Die gestickten Tischdecken, die Teppiche und
Polster sahen fahl aus, und von den Oelgemlden und Pastellbildnissen, deren
sich eine groe Anzahl in den Zimmern vertheilt befanden, waren die Farben
ebenfalls verblichen, da sie bla und gespenstisch auf die Eintretenden
herniederschauten.
    Zwar brannten in den herabhngenden altmodischen Messing-Laternen der Halle
die Lichter, und in den Rumen, welche man zu ebener Erde auf die ganz
unerwartete Nachricht von der bevorstehenden Ankunft des Barons geffnet und fr
ihn hergerichtet hatte, flammten die Feuer lustig in den groen Kaminen, aber
trotz der Mhewaltung des vorausgesandten Dieners war und blieb der
melancholische Hauch, der ber dem Hause lag, unzerstrbar.
    Das widerwillige Bellen der beiden alten Hunde, welche den fremden
Eindringlingen den Eingang verwehren zu wollen schienen, erschreckte die
Baronin, und die steifen Verbeugungen und Knixe der in dem Hause waltenden
Kammerfrau von Frulein Esther, die mit kaltem Auge, ohne eine Miene zu
verziehen, ohne ein Wort des herzlichen Willkomms zu uern, ehrerbietig und
feierlich wie der Aufseher eines Grabgewlbes Zimmerthre um Zimmerthre
ffnete, waren vollends niederschlagend.
    Dem Baron war selbst dabei nicht wohl zu Muthe. Das Htel kam ihm fremd und
wie verwandelt vor, da er es jetzt mit dem Auge seines jungen Weibes und als
dessen nchsten Aufenthalt betrachtete. Er war des Hauses und seiner ganzen
Einrichtung von seiner ersten Kindheit an gewohnt gewesen; seitdem hatte sich
nichts in demselben verndert, und er hatte daher, wenn er Tante Esther sonst
aufgewartet, kaum noch auf ihre Umgebung geachtet. Alles hatte, so wie es da
war, mit der blassen, stolzen Greisin zusammengehrt, Allem hatte das alte
Frulein seinen Charakter aufgeprgt, und so einheitlich lebte Esther's Bild mit
diesem Hause in dem Geiste ihres Neffen fort, da er immer meinte, wenn er den
Kopf zurckwende, werde Tante Esther in dem steifen, schwarzen Kleide, mit dem
schwarzen Spitzentuche ber der thurmhohen Frisur wieder an dem Kamine sitzen,
unwillig darber, da der Baron sich unterfangen habe, die fremde, junge Frau
ohne ihre besondere Erlaubni hierher zu fhren, und da er daran denke, in dem
Hause seiner Tante Anordnungen zu treffen, ehe er deren Meinung darber
eingeholt. Es fehlte nicht viel, so htte er Angelika gebeten, sich von dem
Sessel am Kamine zu erheben, weil die Tante es niemals geduldet hatte, da
Jemand anders sich ihres Armstuhles bediente oder sich auf einem der Pltze
niederlie, auf denen sie gewhnlich zu sitzen pflegte.
    Jetzt erst, da er in der Residenz zu leben und das Haus nach seinen
Bedrfnissen umzugestalten dachte, wurde ihm die Herrschaft der Verstorbenen,
die ihm bis dahin nur in komischem Lichte erschienen war, drckend und lstig.
Er hatte nichts dagegen, da sie ihrem Erben die Verwerthung dieses Hauses,
welches mit seinen Grten in der aufblhenden Stadt ein bedeutendes Vermgen
darstellte, durch ihr Testament wesentlich erschwert hatte. Er war reich und
hatte den Sinn des Edelmannes, dem der liegende Besitz, das eigentliche Haben,
neben dem Genieen die Hauptsache ist. Aber der Eigenwille der alten Dame,
welche nicht nur ihrer Kammerfrau, sondern auch ihren Hunden und Katzen ein
fortdauerndes Asyl in ihrem Hause gesichert hatte, ohne seinem jetzigen Besitzer
auch nur die Mglichkeit einer Ablsung dieser Last zu gestatten, sofern er sie
nicht nach Richten bersiedelte, emprte ihn; und die Verpflichtung, die alten
Bilder und gewisse Zimmer und Mbel fr immer unverndert zu belassen, so lange
das Haus in seinem Besitze blieb, hemmte daneben den Baron bei den Planen fr
die Umgestaltung desselben mehr, als er es erwartet hatte. Es war in dem Hause
Alles stets so ausschlielich auf Frulein Esther und auf deren Bedrfnisse und
Gewohnheiten berechnet gewesen, da der Bann, den ihre Willkr bei ihrer Lebzeit
um sie her verbreitet hatte, auch jetzt noch auf dem Hause lastete, nachdem sie
selbst es bereits mit der stillen Ahnengruft ihrer Familie in dem Garten von
Schlo Richten hatte vertauschen mssen.
    Der Baron befand sich in einer sehr unangenehmen Lage. Seit Monaten hatte er
sich damit beschftigt, das schne Stammschlo seiner Familie zu wrdiger
Aufnahme der jungen, schnen Herrin einzurichten. Mndlich und schriftlich war
zwischen ihm und seiner Braut vielfach darber verhandelt worden, und obschon er
ihr die Art der Einrichtung mehrfach geschildert, hatte er doch gehofft, sie
durch den heitern Glanz der kunstgeschmckten Rume, in welchen sie knftig zu
leben hatte, angenehm zu berraschen. Statt dessen hatte er sie in die Residenz
gebracht, und er begriff es jetzt kaum, wie der vorsichtige und kluge Freund ihm
diesen Vorschlag habe machen und wie er selbst darauf habe eingehen mgen.
    Wo er Freude zu erregen beabsichtigte, rief er unabweislich eine trbe
Stimmung hervor. Statt in breitem Behagen sorgenfrei und leicht mit seiner
jungen Frau zu leben, sollte und mute sie jetzt nothwendig mancherlei Mhen und
Arbeiten bernehmen, und statt des Dankes, den er von ihr zu ernten gewnscht,
hatte er wegen einer pltzlichen Abnderung des festgestellten Planes, fr die
sich nicht der geringste haltbare Grund anfhren lie, Entschuldigungen zu
machen und um Vergebung zu bitten.
    Er konnte nicht aufhren, sich diese Uebelstnde zu wiederholen, und doch
vermochte er es nicht einmal vllig zu ermessen, wie sehr Angelika von ihrer
neuen Umgebung litt, und wie der Hauch der Vergnglichkeit, der hier Alles
umwitterte, auf die Phantasie einer jungen Frau wirken mute, die mitten in
ihren Glckstrumen ihren ersten groen Schmerz, ihre erste bittere Erfahrung in
sich zu berwinden gehabt hatte.
    Angelika fhlte sich in dem Hause wie in der Verbannung, wie in der
Gefangenschaft. Es war das ihrige geworden, ohne da sie sich gewhnen konnte,
es als solches zu betrachten, denn berall, in welches Zimmer sie kam, fand sie
entweder das Bild der Tante mit dem verschleierten, weltabgeschlossenen Blicke,
oder eines jener verblichenen Portraits von Esther's Freunden, die nach der
Testaments-Vorschrift an ihren Pltzen verbleiben muten. Verlie sie diese
Zimmer, so begegnete ihr auf der Treppe bald die schleichende Katze, bald das
altersgraue Windspiel, bald der schwerfllige Mops des verstorbenen Fruleins,
oder es kam ihr gar Mamsell Marianne entgegen, die, in das obere Stockwerk des
Seitenflgels verwiesen, aus demselben nur herunterstieg, um hier und da mit
mivergngten Blicken die beginnende neue Einrichtung und das erneute Leben im
Hause zu betrachten und krittelnd zu mustern.
    Angelika konnte sich eines Schreckens nicht erwehren, wenn Mamsell Marianne,
die es abgelehnt hatte, in die Dienste der neuen Haushaltung zu treten,
pltzlich wie aus der Erde gewachsen vor ihr stand. Dieses Wesen, das nicht
Herr, nicht Diener war, das kein Mitlebender sein wollte und das man doch nicht
verbannen konnte, verleidete der Baronin das Haus nur noch in hherem Grade,
whrend die neue Dienerschaft eine wirkliche Furcht vor Mamsell Marianne empfand
und von dem Glauben nicht abzubringen war, da es berhaupt in dem Hause nicht
richtig sei, und da Frulein Esther allnchtlich, ja, selbst bis zum hellen
Tage, in demselben umgehe. Der Eine wollte es gesehen haben, wie das Frulein
noch im Morgengrauen auf dem Lehnstuhle am Kamine gesessen und ihre Hunde und
Katzen um sich gehabt habe; ein Anderer wollte ihr begegnet sein, wie sie mhsam
athmend um Mitternacht nach der Stube von Mamsell Marianne hinaufgestiegen war,
und da es ihre Bilder wie mit unsichtbaren Hnden an den Mauern festgehalten,
als man sie habe abnehmen wollen, um sie nur zu subern, das lieen smmtliche
Arbeiter und Dienstboten sich nicht ausreden.
    Angelika schmte und schalt sich, wenn sie solchen Gerchten Gehr gab. Aber
sie selbst konnte ihr Auge nicht von den verschiedenen Bildern der Tante
abwenden, und je fter sie auf denselben verweilte, um so lebendiger erschienen
sie ihr. Es war ihr, als ob das Bild ihr mit seinen groen, schwarzen Augen
folgte; es lie ihr selbst im Schlafe keine Ruhe. Sie konnte sich des Gedankens
nicht erwehren, da die Tante noch in ihrem Hause weile und da sie mehr
Herrschaft in demselben besitze, als Angelika und ihr Gemahl.
    Inde diese unheimlichen Empfindungen begannen theilweise zu weichen, je
weiter die Erneuerung der Einrichtung gedieh, und Angelika und der Baron
beeilten sich, sie zu vollenden. Diese Beschftigung war den Eheleuten heilsam.
Die kleinen gemeinsamen Sorgen und Mhen fr ihren Haushalt fhrten sie auf die
natrlichste Weise zusammen. Der Baron konnte dabei die angenehme Erfahrung
machen, da es seiner Frau an Umsicht und Gewandtheit nicht gebreche. Der
sichere Besitz, die berechtigte Liebe zeigten sich ihm bald als etwas sehr
Bequemes, und die Jugend und Schnheit seiner Frau erfreuten ihn doppelt, da man
sie nach ihrem Eintritte in die Gesellschaft und in die groe Welt auch in
dieser auszeichnete und bewunderte. Sein Herz, sein Verstand, sein Ehrgeiz und
seine Eitelkeit fanden sich in gleichem Mae durch seine Frau befriedigt; er
gefiel sich darin, sich der Wahl zu rhmen, die er getroffen hatte, und sich ein
Verdienst aus den Eigenschaften seiner Erwhlten zu machen.
    Dazu kam er hier in der Residenz in eine Gesellschaft, die ihm vertraut und
lieb war und in der er lange mit Erfolg gelebt hatte. Der Menschenkreis, der
sich am Hofe und um den Hof bewegte, war ihm bekannt. Wie in einer zweiten
Heimath empfingen ihn dort die Genossen seiner frheren Jahre, so mnnliche als
weibliche, mit Vergngen, und da er eben jetzt noch zu dem eigenen reichen
Besitze das ansehnliche Vermgen und Haus seiner Tante ererbt hatte, in welchem
seine junge Frau die Wirthin machen sollte, gereichte ihm bei seinen Freunden
nur zum Vortheil.
    Der Baron hatte ausgebreitete Verbindungen in allen Kreisen der
Gesellschaft, er fand in jedem derselben etwas, das einer oder der andern Seite
seines Wesens entsprechend war, und Angelika sah sich dadurch bald in eine
endlose Reihe von Zerstreuungen gezogen, die ihr jedoch, nachdem der erste
Rausch der Ueberraschung vorber war, schon darum keinen Genu gewhrten, weil
dieselben sie von ihrem Manne fern hielten, auch wenn sie beide daran Antheil
nahmen. Sie war berhaupt in ihren Anlagen und Neigungen eigentlich der vllige
Gegensatz von dem Wesen ihres Gatten. Sie war weder eitel noch
vergngungsschtig, sondern eine ganz innerliche, zum Ernst und Nachdenken
geneigte Natur. Fr ein abgeschlossenes Leben in der Familie erzogen und durch
geistige Bildung fr die Gensse einer beschaulichen Zurckgezogenheit
vorbereitet, war es eben die Bildung des Barons gewesen, welche das junge
Mdchen zuerst an ihm schtzen lernte, und als Angelika seine Braut geworden
war, hatte sie nach dem Ausspruche ihres Verlobten eine husliche Ehe wie die
ihrer Eltern mit ihm zu fhren gehofft. Von dem Allem wurde ihr das Gegentheil
geboten, und ihre Liebe fr ihren Mann lie sie dies als einen Nachtheil
betrachten.
    Die Menschen, unter denen sie zu leben hatte, waren ihr kein Ersatz fr den
stillen Verkehr mit ihrem Gatten; sie waren und blieben ihr fremd, und der unter
ihnen herrschende Ton war nicht danach angethan, einem jungen, reinen Weibe
Beifall abzugewinnen. Wenn sie ihr Mifallen an den freien Sitten uerte, von
denen sie sich umgeben sah, wenn sie es als eine Demthigung und eine
Unwrdigkeit empfand, wie man sich vor den beiden erklrten Maitressen des
Knigs beugte und die Frauen, welche die gleiche Stellung ohne diesen Titel
einnahmen, mit besonderem Eifer suchte und mit besonderer Zuvorkommenheit
behandelte, so stimmte der Baron ihr darin bei; aber er gab ihr daneben zu
bedenken, da die Welt nicht berall ihrem Vaterhause gleichen knne, da man
nicht berall die strengen Grundstze desselben voraussetzen und als Mastab
nehmen drfe. Er forderte Duldsamkeit von Angelika, und er verga, da die
Jugend nicht duldsam sein kann, weil nur die Erfahrung jene Nachsicht mit der
Schwche des Menschen und jene Weltklugheit erzeugt, die in den meisten Fllen
schon ein Abweichen von dem Moralgesetze in sich schliet. Angelika htte von
sich selbst abzufallen geglaubt, wenn sie duldsam gegen das Unrecht gewesen
wre, und sie konnte nicht aufhren, sich die Frage vorzulegen, was ihren Gatten
bewogen haben mge, eben jetzt, da sie seine Frau geworden war, mit ihr eine
Gesellschaft aufzusuchen, deren Sittenlosigkeit so offenkundig war, und in
welcher keine ihr bekannte Ursache sein Verweilen forderte. Er bte dadurch in
ihren Augen einen Theil der Wrdigkeit ein, unter welcher er ihr bisher
erschienen war, und sie wute es ihm keinen Dank, da er sie ruhig der galanten
Bewerbung der Mnner berlie, da er ihr im Vertrauen auf ihre Jugend groe
Freiheit fr ihr Handeln gewhrte, ja, es schien ihr dies eine Gleichgltigkeit
zu verrathen, welche sie betrbte.
    Was man daneben in der zur Gewohnheit gewordenen Leichtfertigkeit jener
Tage, selbst im Beisein der jungen Frau, von dem frheren Leben und von den
Abenteuern des Barons bald erzhlte, bald errathen lie, verstimmte oder
verletzte sie eben so sehr. Sie sah, da er auch jetzt noch um die Frauen bemht
war, da sie seine Huldigungen mit Vergngen aufnahmen, da sie ihm mit
Zuvorkommenheit begegneten und da er sich daran erfreute; und sie hatte leider
Niemanden in ihrer Nhe, der es ihr begreiflich gemacht htte, wie viel dem
lteren Manne, ganz abgesehen von seiner angeborenen Neigung zur Galanterie,
daran gelegen sein mute, seinem jngeren Weibe darzuthun, da er auch anderen
Frauen noch zu gefallen und berall noch Beifall zu erringen vermge.
    Inde jedes Alter trgt seine Bedingungen in sich, und der glnzenden
Erscheinung, welche der Baron noch immer in der Gesellschaft machte, stand die
unausbleibliche Abspannung in der Ruhe des Hauses bedenklich gegenber. In
Gegenwart von Fremden stets heiter angeregt, berfiel ihn oft pltzlich eine
tiefe Niedergeschlagenheit, wenn er sich mit Angelika allein befand, und
mehrmals, wenn er sich von ihr unbeachtet glaubte, nahm sie einen Ausdruck von
Kummer und Schmerz in seinen Mienen wahr, vor dem sie erschrak. Mit all der
Liebe, welche sie fr ihn hegte, bemhte sie sich, den Grund dieses Wechsels zu
erkennen, aber dieses gutgemeinte Bestreben verbesserte den Zustand nicht,
sondern machte den Baron in der Regel nur noch trber, ja, es beunruhigte ihn
offenbar. Er zwang sich dann zu einer Heiterkeit, welche ihn ermdete, ohne
Angelika zu tuschen, und wie sehr sie es sich wegzuleugnen wnschte, konnte sie
es sich nicht verbergen, da sie nicht den ihr gebhrenden vollen Antheil an dem
Leben ihres Mannes besitze. Sie sah, da er einen Kummer hatte, den er ihr
verschwieg; ihn erheiterten Vergngungen, fr welche ihr der Sinn gebrach, ihn
zogen Menschen an, von denen sie sich zurckgestoen fhlte; er suchte
Gesellschaft, sie wnschte ihn fr sich allein zu haben, und der Gedanke, da
sie ihm jetzt ferner stehe, als vor ihrer Hochzeit, drngte sich ihr oftmals
entmuthigend auf.
    Sie wurde dadurch irre an sich selbst. Sie beneidete die Frauen, welche er
ihr als seine frheren Bekannten bezeichnete, welche es so trefflich verstanden,
ihn bei guter Laune zu erhalten, und doch mifielen sie ihr, doch mifiel ihr
selbst die spielende Weise, in welcher ihr Gatte mit ihnen verkehrte. Eine
Abneigung gegen den Hof, gegen die groe Welt und gegen die Frauen in derselben
erfllte Angelika's Herz. Sie waren es, davon hielt sie sich berzeugt, welche
zwischen ihr und ihrem Manne standen; auf sie, auf Eine von ihnen muten sich
die Erinnerungen und das Geheimni beziehen, die den Freiherrn bedrckten, und
die Frage, ob eine der Damen dieser Gesellschaft und welche von ihnen Pauline
heie oder eine Verwandte dieses Namens habe, war stets die erste, die ihr bei
jeder neuen Begegnung mit fremden Frauen in den Sinn kam.
    Der Baron bemerkte die Vernderung, welche sich in Angelika's Seele
vollzogen hatte, aber er fand es nicht gerathen, sich gegen sie darber zu
uern. An ein Uebel, dem man keine Abhlfe zu bringen im Stande ist, msse man,
meinte er, nicht rhren, und da er sich ohnedem der Hoffnung hingeben durfte,
da die Zeit ihm fr seine Reue Linderung bringen, da er allmhlich aufhren
werde, daran zu denken, wie Pauline umgekommen sei, und da Angelika ihn dann
gleichmiger finden und die alte volle Hingebung sich zwischen ihnen wieder
feststellen werde, so war er nur darauf bedacht, seiner jungen Gemahlin so wenig
Zeit als mglich fr ihr einsames Brten und Grbeln frei zu lassen.
    Die Residenz war damals voll von Fremden, denn der Knig liebte das
Vergngen und war nichts weniger als schwierig in der Wahl desselben. An einem
Hofe aber, an welchem die grte Unsittlichkeit und ein phantastischer
Wunderglaube sich die Hand reichten, an dem jeder ernste Gedanke gemieden und
jedes Spiel mit dem Geheimnivollen eifrig aufgesucht wurde, konnte es nicht
fehlen, da ein betubender, hastiger Lebensgenu als die hchste Aufgabe der
Gesellschaft angesehen wurde. Feste folgten den Festen, kleine, vertraute
Zusammenknfte fllten die Pausen aus, und innerhalb der groen, bunt durch
einander wirbelnden Gesellschaft, die sich um den Knig gebildet hatte, trugen
die verschiedenen engeren Zirkel jeder ein besonderes Geprge, je nach der
Person, die in ihnen hervorragte.
    Ein solcher kleiner Zirkel, in welchem der Baron seit langen Jahren heimisch
war, kam an jedem Dinstage bei einer seiner entfernten Verwandten, der immer
noch schnen Frau von Uttbrecht, zusammen. Sie hatte viele Reisen gemacht,
sprach fremde Sprachen mit groer Leichtigkeit und galt bei aller Welt fr eine
ausgezeichnete, geistvolle und dabei hchst liebenswrdige Frau, weil sie ganz
ohne eigene Ansichten, ganz ohne bestimmten Charakter und darum im Stande war,
sich der Meinung eines Jeden gefllig anzupassen. Freigeistig und devot,
leichtfertig und splitterrichterisch, je nach der Stimmung derer, mit welchen
sie eben verkehrte, hatte sie sich in den letzten Jahren, wie sie es nannte,
einer Beschftigung mit ernsten Dingen hingegeben, und der groe Gedanke von
einer nothwendigen Wiedergeburt des Menschen zu seiner eigenen Erlsung und zur
Veredlung der ganzen Menschheit, welcher damals angefangen hatte, die Geister
edelgesinnter Menschen zu bewegen, war auch in den Slen der Frau von Uttbrecht
auf das Register der beliebten Unterhaltungen gesetzt worden. Da man aber sehr
gesellig war und da Frau von Uttbrecht vollends das Alleinsein nicht ertragen
konnte, so dachte man sich auch die Selbsterlsung nicht als eine That, die der
Mensch an sich allein und allmhlich zu vollziehen habe, sondern man verband
sich zu Gemeinschaften, man legte einander seine Schwchen und Fehler, so weit
man es fr gut befand, in schriftlichen Bekenntnissen vor, man vereinte sich,
wenn sich eben ein begeistertes Gemth in dem Kreise befand, zu Gebeten fr den
Irrenden, und man umarmte sich in gerhrter Erhebung, wenn man des berirdischen
Glckes gedachte, dessen die befreiten Seelen einst theilhaftig werden mten.
Man war viel zu aufgeklrt, um nicht gegen die Rosenkreuzer und Illuminaten,
viel zu gut protestantisch, um nicht gegen die Jesuiten und, wenn keine
Katholiken in der Gesellschaft waren, auch gegen den Katholicismus zu eifern.
Man glaubte aber an den Mesmerismus, man war, wie der Baron selber, von der
geheimnivollen Wechselwirkung der Menschen auf einander berzeugt, und fast
Jeder versicherte, mancherlei Erfahrungen in dem eigenen Leben und in dem Leben
seiner Freunde gemacht zu haben, die auf geheimnivolle Krfte in der
Menschenseele schlieen lieen, und vor denen man sich respectvoll einer Prfung
enthielt, da sie, wie man behauptete, keine befriedigenden Erfolge gewhren
konnte.
    Angelika liebte Frau von Uttbrecht nicht. Die Gefhlserregtheit, die
unablssige Beobachtung aller seelischen Zustnde, wie dieselbe sie an den Tag
legte, kamen ihr zu absichtlich und dehalb bengstigend vor. Sie war von aller
Ueberspannung, von allem Aberglauben frei, und bei dem gesunden Sinne ihres
Vaterhauses waren ihr religise Zweifel eben so fremd geblieben, als
berschwngliche Gefhlsseligkeit und Mysticismus. Man hatte auf Schlo Berka in
herzlicher Liebe und Eintracht ein ruhiges Leben gefhrt, hatte die Pflichten
gegen einander, ohne darber viel nachzudenken, in Freundlichkeit gebt, an
jedem Tage das Nothwendige vollbracht, hatte sich daneben an den Werken der
groen Dichter, deren hell leuchtendes Doppelgestirn damals strahlend an dem
Horizonte Deutschlands aufgegangen war, mit dankbarer Erhebung erfreut, und wenn
man sich dann am Ende der Woche sagen konnte, da man in der Familie das Seinige
geleistet habe und da den Bewohnern der Gter, wie den Dienstleuten des Hauses,
das Zukmmliche nicht gefehlt, so war man an den Sonn-und Feiertagen heiter und
zufrieden, und mehr oder weniger gesammelt in die Kirche gegangen. Der
wchentliche Gottesdienst hatte einen Theil des gewhnlichen Familienlebens
ausgemacht, wie die wrdige Haushaltung, wie die ausgebreitete Gastfreundschaft
und die stattliche Reprsentation, die man eben auch als etwas sich von selbst
Verstehendes zu betrachten gewohnt war.
    Angelika hrte es daher nur mit Widerstreben an, als Frau von Uttbrecht,
nachdem man eines Abends, an welchem man ebenfalls bei ihr versammelt war, eine
Weile von den gleichgltigsten Dingen gesprochen hatte, pltzlich von der
Erbauung zu reden anfing, welche sie in dem einsamen Gebete finde.
    Wenn ich dem Heilande alle Falten meines Herzens erffne, sagte sie, damit
er klar hineinschauen kann, wenn ich mir alle meine Fehler deutlich mache und
ihn anflehe, mich von ihnen zu erlsen, so erwchst mir daraus eine wahrhaft
himmlische Ruhe. Nach solchen Momenten habe ich die beglckendsten Trume. Fast
immer sehe ich dann meine gute Mutter vor mir, aber nicht hinfllig und krank,
wie sie in den letzten Jahren unter uns geweilt hat, sondern jung und schn, und
doch ohne alle Erdenschwere, ohne die starke Farbe, welche in der Sinnenwelt den
Dingen anhaftet. Ich sehe sie auch nicht eigentlich mit dem krperlichen Auge.
Es ist eine feinere, edlere Art der Wahrnehmung. Der Geist berhrt den Geist,
und wre es nicht zu khn, so wrde ich sagen: so mssen die Jnger den Heiland
erkannt haben, als er nach seiner Auferstehung wieder unter ihnen zu wandeln
begann.
    Und spricht sie zu Ihnen? fragte einer der Anwesenden.
    Ja, Gottlob! rief Frau von Uttbrecht und hob die schnen, reich beringten
Hnde andchtig gefaltet empor, whrend ihre seelenvollen Augen sich dankbar gen
Himmel richteten. Ja, Gottlob, sie spricht zu mir, aber ihre Rede ist mir oft im
ersten Augenblicke nicht deutlich. Spter erst habe ich es bisweilen an meinen
Erlebnissen erkannt, da es Worte der Verkndigung gewesen sind, die sie zu mir
geredet hatte. Wenn aber meine Seele sich nicht ganz frei gerungen hat, so
vermag ich die Selige nicht zu erschauen, und nur in einer Ahnung, in gewissen
unbeschreiblichen Gefhlen kann ich dann empfinden, da sie auch ungesehen in
Liebe neben mir verweilt.
    Man pries Frau von Uttbrecht glcklich, solch feiner Empfnglichkeit fhig
zu sein. Jeder gab danach seine geheimnivollen Beobachtungen zum Besten, nur
der Baron schwieg, bis man ihn ausdrcklich aufforderte, sich ber seine Ansicht
von diesen Materien auszusprechen.
    Er wich Anfangs einer bestimmten Antwort aus. Ich finde es auffallend, sagte
er, da Sie fast Alle diese besonderen Wahrnehmungen den allgemeinen
Wahrnehmungen als etwas davon ganz Verschiedenes oder gar als etwas
Uebernatrliches entgegensetzen.
    Und sind sie das nicht? Sind sie nicht etwas von unserem gewhnlichen Leben
vllig Getrenntes, etwas durchaus Uebernatrliches? fragte eine der Damen.
    Gewi nicht! erwiederte der Baron. Der Kurzsichtige knnte die Beobachtungen
des Fernsichtigen mit dem gleichen Rechte als bernatrliche Wahrnehmungen
bezeichnen. Wenn das Wort Uebernatrlich nur bekunden soll, da ein bestimmtes
Etwas ber das Ma der Fhigkeit einer bestimmten Menschennatur hinausgeht, so
giebt es unzhlige bernatrliche Dinge fr den Einzelnen. Wollen Sie mit jenem
Worte aber andeuten, da es wahrnehmbare Erscheinungen giebt, welche der
Menschennatur im Allgemeinen nicht zugnglich sind, so mssen wir uns vor Allem
dahin verstndigen, da es keine allgemeine, keine abstracte Menschennatur
giebt, wohl aber Menschen von den verschiedensten Begabungen, denen also auch
ein sehr verschiedener Grad der Wahrnehmungen zuzuerkennen sein wird.
    Das Gesprch bewegte sich in dieser theoretischen Weise eine Weile fort.
Alle Anwesenden betheiligten sich daran, und da man sich zwischen lauter
Lehrstzen und Problemen hielt, ohne einander feste Anhaltspunkte zu bieten, so
blieb es jedem berlassen, sich die Lehren auf seine Weise auszudeuten.
    Angelika allein hatte nichts zu sagen, nichts mitzutheilen. Der Baron
bemerkte das, und weil ein Schweigender in der Mitte einer Gesellschaft von
Erzhlenden sich in doppeltem Sinne im Nachtheile befindet, so lenkte er aus dem
Bereiche der Geisterwelt geschickt in das Alltagsleben ein und hatte bald das
Gesprch auf die vllige Umwandelung gebracht, die er genthigt gewesen sei, in
dem von seiner Tante ererbten Hause vorzunehmen. Er wollte seiner Frau damit die
Gelegenheit geben, sich geltend zu machen und aus der Vereinsamung
hervorzugehen. Weil sie sich aber in einer ihr ganz fremden Atmosphre befand,
fhlte sie sich verwirrt und befangen, und wute sich nicht gleich zurecht zu
setzen. Frau von Uttbrecht gewann dadurch Zeit, die Bemerkung zu machen, sie
wundere sich, da der Baron und seine Frau, die beide doch fein organisirte
Menschen wren, es ber sich gewonnen htten, die Heimath einer Gestorbenen so
schnell und so gewaltsam zu verndern, und sie damit fr die Gestorbene zur
Fremde zu machen.
    Angelika wurde stutzig. Sie wute, wie groen Werth ihr Gatte auf das
Urtheil ihrer Wirthin legte, und wnschte also nicht, ihr offen zu
widersprechen; sie wollte dieselbe auch nicht gern an ihrer feinen Organisation
und Empfindung irre werden lassen, und bemerkte also nur freundlich, es sei doch
sehr natrlich, da man es sich bei aller Liebe und Ehrfurcht fr seine
Vorfahren in den vier Wnden behaglich zu machen suche, in denen man zu leben
habe.
    O, natrlich ist's gewi, versetzte Frau von Uttbrecht darauf, indem sie
sich langsam fchelte und mit ihren halbgeschlossenen Augen trumerisch
umhersah, natrlich ist's gewi, in so fern als die Natur grausam und
unbarmherzig ist. Der Mensch aber, der denkende und empfindende Mensch, der es
wei, da er selbst sterblich ist, sollte nicht so grausam sein wie die Natur,
sollte nicht so unbarmherzig gegen seine Todten sein wie jene. Ich knnte nicht
in diesen Rumen leben, wte ich, da meine verklrte Mutter sich hier in ihrem
Hause nicht mehr heimisch fhlte.
    Der Baron nahm diese Aeuerung nicht gut auf. Unbarmherzigkeit und Egoismus,
das sind zwei schlimme Fehler, sagte er, und wir, die wir uns derselben nach
Ihrer Meinung jetzt schuldig gemacht haben, mten versuchen, uns gegen Ihre
Anschuldigung zu vertheidigen, wenn ich mich nicht berzeugt hielte, Cousine,
da es mit Ihrem Ausspruche so ernstlich nicht gemeint war.
    Sie irren sich, bester Vetter, es war mein vlliger, auf innerste
Ueberzeugung gegrndeter Ernst! entgegnete Frau von Uttbrecht, und ich bin
gewi, da einst eine Stunde kommen wird, in der Sie mir beipflichten und Ihre
Hrte selbst bereuen werden.
    Aber von welcher Hrte sprechen Sie, liebe Cousine? fragte Angelika, mehr
und mehr betroffen von dem Ernste, mit welchem Frau von Uttbrecht ihre
Behauptung aufrecht erhielt.
    Von der Hrte, welche Sie und Ihr Herr Gemahl gegen die arme Tante Esther
begangen haben, indem Sie dieselbe so gewaltsam der irdischen Fortdauer
beraubten, die sie sich in einem richtigen Drange ihrer armen Seele, dort, wo
sie gelebt hat, zu sichern gewnscht. Jung und lebensfrisch, wie Sie es sind,
beste Angelika, htten Sie der armen, alten Verwandten wohl die Zeit vergnnen
mgen, sich allmhlich von dem Orte loszulsen, mit welchem lange Gewohnheit und
innige Vorliebe sie verbunden hatten. Wre mir das Haus der Tante zugefallen,
nicht einen Stuhl htte ich verrcken lassen. Ich htte mich beschieden, ihr
Gast zu sein, bis irgend ein Zeichen es mir kund gegeben htte, da ihr Geist
sich von dem Hause abgewendet habe und da mir damit ein freies Schalten in
demselben wohl verstattet sei.
    Sie sprach das vllig wie einen Vorwurf und einen Tadel aus. Angelika, viel
jnger als ihre Wirthin, wagte nicht, ihr entgegen zu treten, und wartete
darauf, ob der Baron es nicht fr sie thun werde. Inde zu ihrem grten
Erstaunen sagte er:
    Es bestimmt zu leugnen, da die menschliche Seele sich nur allmhlich von
dem Krper und von der Krperwelt loslse, mchte unmglich sein. Und ohne mich
zu der Zahl unserer modernen Geisterseher zu rechnen, rume ich ein, da ein
Reich der Mitte, da ein ber den Tod fortgesetzter Zusammenhang der
Geschiedenen mit den Lebendigen denkbar ist, aber ....
    Das glaubst Du, das glaubst Du, lieber Franz? rief Angelika mit
erschreckendem Erstaunen.
    Ich habe ganz unleugbare Beweise dafr in meinem Leben gehabt! antwortete er
ihr mit groer Sicherheit und Bestimmtheit.
    Angelika verstummte, denn sie stellte ihren Mann hoch ber sich und war es
nicht gewohnt, ihm entgegen zu treten, wo er so bestimmt eine Meinung geuert
hatte. Frau von Uttbrecht aber fragte, ob der Freiherr seine Erfahrungen nicht
mittheilen knne.
    Unmglich! versetzte er, und es kam Angelika vor, als berlaufe ihn ein
Schauer, denn er zuckte zusammen bei seinen eigenen Worten. Die Anwesenden
muten das auch bemerkt haben; es entstand eine Pause, die Gesprche nahmen eine
andere Richtung, und man ging zeitig auseinander, ohne noch einmal auf die
vorher angeregten Gegenstnde zurckgekommen zu sein.

                               Siebentes Capitel


Wren Aeuerungen wie diejenigen, welche Angelika bei Frau von Uttbrecht
vernommen, in dem Hause ihrer Eltern, in den Tagen ihrer glcklichen
Unbefangenheit an sie herangekommen, so wrde sie dieselben nicht sonderlich
beachtet oder sie als die Erzeugnisse einer thrichten Phantastik von sich
abgewiesen haben. Jetzt aber, in einer auf das Romantische und Phantastische
gerichteten Umgebung, wirkten sie bengstigend auf sie ein, und als sie vollends
aus dem Munde ihres Gatten eine Annahme besttigen hrte, die sie noch vor
Kurzem als Ausgeburt des Aberglaubens verspottet haben wrde, war es ihr, als
lege sich ein unsichtbares Netz um sie. Sie htte den Baron um Auskunft, um
Erklrung bitten mgen, und wagte nicht, es zu thun. Sie wollte nichts wissen,
was sie beirren, nichts hren, was sie an der vorurtheilsfreien Einsicht ihres
Gatten zweifeln machen konnte. Sie wollte an keine Wunder glauben, weil ihr dies
als eine Folge des Katholicismus erschien, den sie zwar respectirte, da es der
Glaube ihres Mannes war, den sie aber fr ihr Theil nicht zu bekennen sich
innerlich vorgenommen hatte; denn sie war fest entschlossen, ihren
protestantischen Glauben und die Aufklrung ihres Vaterhauses in sich zu
erhalten. Und doch berlief es sie eiskalt, doch blickte sie ngstlich um sich,
als sie bei der Heimkehr den Fu in das Gemach setzte, in welchem Frulein
Esther sich gewhnlich aufgehalten hatte, und das jetzt Angelika's Wohnzimmer
geworden war.
    Sie war froh, da sie an diesem Abende nicht mehr lange in demselben zu
verweilen brauchte, denn es war Zeit sich zur Ruhe zu begeben. Sie war mde und
benommen von dem Halblichte und von den starken Wohlgerchen, welche immer in
den Zimmern der Frau von Uttbrecht herrschten, und an die Unterhaltung denkend,
die sie bei der Cousine vernommen hatte, schlief sie ein.
    Es war mitten in der Nacht, als ein herzzerreiender Schrei von den Lippen
ihres Gatten sie erweckte. Sie fuhr auf, rief ihn beim Namen, ergriff seine
Hand, aber der Traum mute ihn sehr fest umfangen, denn er stie sie von sich
und rief mit dem Tone des uersten Entsetzens: Fort, fort! Klammere Dich nicht
so an mich! Komm nicht herauf! - Die starren Augen! Die starren Augen!
    Angelika klopfte das Herz in furchtbarer Angst, ihre Glieder bebten. Sie
neigte sich zu ihm, sie rief ihn nochmals dringend an, da richtete er sich
empor, sah verwirrt umher, fuhr sich mit den Hnden ber das Gesicht und sagte
endlich, als habe er Mhe, sich ihre Anwesenheit zu erklren und sich zu fassen:
Habe ich Dich erschreckt? Vergieb! Ich hatte einen bsen Traum!
    War es Tante Esther? fragte sie leise.
    Nein, entgegnete er ihr, nein! Denke nicht weiter daran, mein Kind. Es war
nichts. Die heutige Unterhaltung hat mich nur aufgeregt; man sollte in der
Gesellschaft solche Gesprche vermeiden.
    Er legte sich darauf abermals zur Ruhe nieder; aber Angelika konnte nicht
schlafen, und bei dem Scheine der Lampe sah sie, da auch der Baron noch lange
wach blieb und da er einmal seine Augen trocknete.
    Von ihren Gedanken gepeinigt, lag die junge Frau auf ihrem Lager. Das Haus
war todtenstill, ihr Gatte endlich wieder ruhig eingeschlafen. Sie hrte seine
leisen Athemzge, sie konnte das Heben und Senken seiner Brust bemerken. Er sah
milder aus, als sie ihn je gesehen hatte, aber sehr traurig. Ihr Auge verweilte
mit groer Liebe auf seinem Angesichte. Sie fate zum ersten Male den Gedanken
an die ganze, ihr fremde Vergangenheit ihres Mannes als ein Feststehendes auf;
sie hielt sich berzeugt, da irgend eine traurige Erinnerung aus den Tagen der
Vergangenheit ihn noch belaste, und ohne zu wissen, welch einen Schritt sie
damit auf dem Wege der Entsagung vorwrts that, beklagte sie es, so jung und
unerfahren zu sein, da sie ihm nicht helfen konnte. Sie sehnte sich nach
Jemand, der ihr rathen, ihr sagen mchte, was sie thun msse, ihrem Manne die
frhere Ruhe und seine alte, gleichmige Selbstzufriedenheit wieder zu
verschaffen, die er neben ihr verloren hatte. Sie hatte schon oftmals den
Vorschlag gemacht, den Caplan in die Stadt kommen zu lassen oder auf das Land
hinaus zu gehen, damit der Baron seinen gewohnten Gesellschafter nicht lnger zu
entbehren brauche; aber Beides hatte der Freiherr abgelehnt. Wie des Menschen
Ideen und Gedanken aber ihre wunderlichen Wege nehmen, wenn sie sich in das
Unbestimmte verlieren, so fiel ihr pltzlich ein, es wre am Ende gar nicht so
schlimm gewesen, wenn Frulein Esther noch hier im Hause gelebt htte, wenn sie
und der Baron von Anfang an nicht so allein in dem Hause gewesen wren.
    Kaum aber hatte sie das gedacht, als sie pltzlich einen starken
Lavendelgeruch zu spren glaubte. Sie richtete sich auf, blickte umher, die
Thren waren geschlossen, die Damastvorhnge vor denselben herabgelassen, es
regte sich kein Lftchen im Zimmer, die Nachtlampe brannte ohne alle Bewegung.
Sie legte sich also wieder in die Kissen zurck, und abermals strmte der
Lavendelgeruch, den Frulein Esther vorzugsweise geliebt hatte, und den man noch
vielfach in den Schrnken und Schubladen bemerken konnte, ber Angelika's
Antlitz hin. Sie berlegte, woher der Duft jetzt eben kommen knne, und als sie
im Zimmer umhersah, bemerkte sie, da von der groen Bronce-Vase, welche auf dem
Kamine stand, der Deckel verschoben war. Das fiel ihr auf, denn sie hatte nie
gesehen, da die Vase zu ffnen sei, sondern sie fr eine jener alterthmlichen
Zierathen von Bronce gehalten, die eben nur als Zierath dienen. Behutsam stand
sie auf, warf ihr Morgengewand ber und ging an den Kamin, um den Inhalt der
Vase kennen zu lernen. Als sie den Deckel abhob, fand sie auf einer dicken,
weich wattirten Unterlage, die mit welken Lavendelblttern berstreut war, ein
uraltes, kleines katholisches Gebetbuch, in Sammet gebunden, ein elfenbeinernes
Crucifix und einen Rosenkranz von emaillirten Goldkugeln, der an einem kostbaren
antiken Betringe befestigt war.
    Wie man diese Gegenstnde hier habe unbeachtet liegen lassen knnen, wenn
sie Frulein Esther im Gebrauch gehabt hatte, konnte Angelika sich nicht
erklren. Sie trat an die Lampe heran, zu sehen, ob sich vielleicht ein Name
oder ein Wappen auf dem Ringe befinde; es war aber nichts der Art vorhanden. Nur
in dem Gebetbuche standen unter dem Bilde des Heilandes in kaum leserlicher
Schrift, als habe ein Kranker sie mit zitternder Hand geschrieben, die Worte:
Mein Freund in der Noth! Der Stab, der mich hielt, da ich schwankte, die
Sttze, an der ich mich erhob, das Licht, dessen Leuchten mir einst die lange
Nacht erhellen wird! Mge es zu rechter Stunde in die rechten Hnde fallen und
Segen bringen, wie es mir Segen gebracht hat! Das ist das kostbarste
Vermchtni, das ich zu hinterlassen habe. Mein Gebet wird bei Dir sein in der
Stunde Deiner hchsten Noth, bete auch Du fr meine Seele, wenn ich nicht mehr
bin.
    Angelika las die Worte wieder und wieder; sie erschtterten sie durch ihre
einfache und innerliche Kraft. Sie hatte nie zuvor ein Crucifix und einen
Rosenkranz in Hnden gehalten. Unwillkrlich legte sie ihre Hnde zum Gebet
zusammen, und es bewegte ihr das Herz, da sie mit ihrem Glauben nicht zu ihrem
Manne gehrte.
    Sie mute immerfort an Esther denken, und das Bild der Verstorbenen, welches
ihr bisher durch seinen kalten Ausdruck so unheimlich gewesen war, bte
pltzlich eine solche Anziehungskraft auf Angelika aus, da sie ein lebhaftes
Bedauern darber fhlte, die Tante nicht gekannt zu haben, da sie Verlangen
trug, von ihr zu hren und zu wissen.
    Sie konnte den Morgen kaum erwarten, um dem Baron ihre Entdeckung
mitzutheilen. Auch er war berrascht. Es war ihm auffallend, da er diese
werthvollen Gegenstnde bei Lebzeiten seiner Tante nie gesehen, da er nie von
ihnen gehrt hatte. Angelika fragte, ob es Esther's Handschrift sei; der Baron
verneinte es. Er glaubte eher die Handschrift seiner Schwester darin zu
erkennen, aber die Zge waren so weit ausgedehnt, die Buchstaben durch das
Zittern der Hand entstellt, und wie diese Sachen hierher gekommen waren, wenn
sie seiner Schwester angehrt, war ihm eben so unklar, da seine Mutter Alles,
was Amanda besessen, wie Heiligthmer aufgehoben hatte.
    Man lie also Mamsell Marianne rufen; man befragte sie, und diese kannte die
Gegenstnde allerdings, aber sie schien selbst berrascht, sie wieder einmal zu
sehen, und wute auch nichts Nheres darber anzugeben. Mein gndiges Frulein,
sagte sie, hat sie freilich einmal vor sich liegen gehabt, als ich in das Zimmer
getreten bin; das ist aber viele Jahre her, und ich habe die Sachen seitdem
niemals wieder zu Gesicht bekommen. Dazu werden der gndige Herr sich auch
erinnern, da das Frulein Tante nicht gefragt zu werden liebten, wenn sie nicht
von selber sprachen. Benutzt hat mein Frulein den Rosenkranz und das Crucifix
niemals. Sie hat immer nur mit dem kleinen goldenen Crucifix gebetet, das sie
schon auf der Brust getragen hat, als ich vor dreiig Jahren zu ihr kam, und das
hat sie auch in der Hand gehalten an dem Morgen, an welchem wir sie
eingeschlafen gefunden haben.
    Aber warum machten Sie mich nicht aufmerksam darauf, da diese werthvollen
Andenken in der Vase lgen? fragte die Baronin.
    Mamsell Marianne entgegnete, sie habe das selbst gar nicht gewut. Ich habe
die Vase ja alltglich beim Abstuben in der Hand gehabt, obschon sie schwer
genug zu rcken ist, fgte sie hinzu, aber ich habe nie gehrt, da sich irgend
etwas darin bewegte. Den Deckel aufzumachen, dessen Feder sich schwer ffnete,
hatte ich natrlich keinen Grund, eben weil ich sie fr leer hielt.
    So mut Du, Liebe, gestern beim Auskleiden, als Du an dem Kamine beschftigt
warst, zufllig die Feder des Schlosses aufgedrckt haben, sagte der Baron
gleichmthig, indem er den Rosenkranz betrachtete und die schne Arbeit des
Betringes mit Kennerblick besah. Der Ursprung dieser Kostbarkeiten blieb trotz
alles Untersuchens auch ferner in ein Dunkel gehllt, das Angelika's Phantasie
lebhaft beschftigte, whrend der Freiherr bald den Vorgang vergessen zu haben
schien. Als Angelika spter das Verlangen uerte, den Fund zu besitzen,
bewilligte ihr Gatte ihr denselben ohne Weiteres. Sie legte den Rosenkranz und
das Crucifix in einen besonderen Kasten und schlo diesen bei ihren
werthvollsten Angedenken ein, denn das Auffallende des Vorganges, weit entfernt,
sie zu beunruhigen, gab ihr ein trstliches Gefhl. Sie kam sich nicht mehr so
fremd in dem Hause vor, in welchem der Zufall ihr in einer schweren Stunde so
wunderbar gnstig gewesen war. Es freute sie, etwas Besonderes erlebt zu haben,
das doch wieder mit dem Hause und seiner verstorbenen Bewohnerin in einem nahen
und geheimnivollen Zusammenhange zu stehen schien; und wenn sie bisher eine
Scheu vor der Erinnerung an Frulein Esther getragen hatte, so dachte sie jetzt
mit immer wachsender Neigung an die Tante, bis sich die Vorstellung in ihr
festsetzte, da die Selige ihr mit jenem Funde ein Zeichen ihrer Theilnahme,
ihrer Wnsche habe geben wollen, da Esther ihr mit diesem Rosenkranze und
diesem Crucifixe die Weisung ertheilt habe, auf welchem Wege fr Angelika die
volle Uebereinstimmung mit ihrem Gatten, nach welcher sie sich sehnte, zu finden
sei.
    Mit ihrer Scheu vor Frulein Esther verschwand auch das geheime Abmahnen,
welches sie gegen Mamsell Marianne gehegt hatte, und diese begann, sich
allmhlich der neuen Herrin des Hauses zu nhern und zu fgen, seit sie von
derselben fter und immer antheilvoller um Auskunft ber Frulein Esther
angegangen wurde. Sie kam freilich Anfangs nur auf besonderen Befehl zu der
Baronin herab, inde sie fing doch an, dienstbarer und hlfreicher zu werden, je
lnger die junge Baronin in dem Hause weilte, und da die Letztere bald nach
Neujahr unplich wurde und das Haus und ihr Zimmer nicht verlassen durfte,
erwies Mamsell Marianne sich pltzlich als eine so unermdliche und erfahrene
Pflegerin, da es sich fr die Baronin erklrte, wie unschtzbar die treue
Dienerin fr das oft krnkelnde Frulein Esther gewesen sein msse.
    Nun war Mamsell Marianne pltzlich wieder an ihrer rechten Stelle. Sie hatte
sich alt werden lassen, so lange sie einer alten Dame gedient hatte; jetzt
schien sie sich zu verjngen, um der jungen Baronin nicht unbehlflich zu
dnken, und je mehr man ihr Herrschaft ber die andere Dienerschaft einrumte
und zugestand, um so hingebender bewies sie sich gegen diejenigen, welche sie
als ihre Herren erkannte, und denen sich unterzuordnen sie als ihre wahre Ehre
ansah.
    Die Baronin gewahrte es mit Erstaunen, da Mamsell Marianne die alten,
steifen Hauben ablegte, welche sie auf Befehl von Frulein Esther die ganzen
dreiig Jahre lang getragen, whrend welcher sie in deren Dienst gestanden
hatte; sie konnte es kaum glauben, da Marianne noch nicht fnfzig Jahre alt
sei, und es war auch in der That nicht leicht, in der jetzt so rhrigen
Aufseherin und Pflegerin die alte, steife, wort- und blicklose Castellanin
wiederzuerkennen, als welche sich dieselbe der Baronin bei ihrer ersten Ankunft
dargestellt hatte.
    Inzwischen hatten die Festlichkeiten des Carnevals in der Residenz ihren
Anfang genommen, und da sich der Baron der ihm zusagenden zerstreuenden
Geselligkeit desselben nicht gern entziehen wollte, machte er jetzt selbst den
Vorschlag, den Caplan zu einem Besuche in der Stadt aufzufordern.
    Angelika begrte die Ankunft des bewhrten Mannes mit Freude. Seine Ruhe
und sein Ernst, seine Milde und seine Duldsamkeit hatten ihr bei den frheren
Begegnungen Zutrauen zu ihm eingeflt, und sie konnte nicht umhin, von seiner
Anwesenheit sich Gutes fr sich und ihren Gatten zu versprechen.
    Der Caplan war denn auch noch nicht zwei Tage in der Stadt, als er es
bemerkte, wie die Stimmung des Freiherrn verndert und da die junge Frau nicht
glcklich sei; ja, es dnkte ihn bald, der Baron bereue es, seine Gegenwart
gefordert zu haben. Er war schon wieder ber die Verfassung hinweg, in welcher
er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit, und nach dem Tode Paulinen's befunden
hatte. Er dachte nicht mehr daran, eine neue Lebensrichtung einzuschlagen. Er
fhlte kein Bedrfni mehr, zu shnen und zu ben, er hatte, wenn ihn seine
bsen Trume auch noch fter qulten, die Hoffnung gewonnen, vergessen zu
knnen; und wie er in den Stunden seiner Zerknirschung das Alleinsein mit dem
alten Freunde gesucht, so vermied er es jetzt geflissentlich. Er fragte auch gar
nicht nach dem Ergehen des Knaben, dessen Versorgung ihm doch vor wenig Monaten
so sehr am Herzen gelegen hatte; inde man hatte nicht nthig, den Freiherrn so
lange zu kennen, als dies bei dem Caplan der Fall war, um zu sehen, da im
Grunde sein Inneres nicht geheilt war und da er sich nur zu bertuben suchte.
    Was ihn von der Baronin entfernte, was dieser den Frieden genommen hatte,
war nicht minder leicht zu ergrnden. Aber schonend und vorsichtig, klug und
erfahren zugleich, htete der Caplan sich wohl, diese Einsicht, die er gewonnen
hatte, irgend kund zu geben. Er lie den Freiherrn unbehindert seinen Weg
verfolgen; er hielt sich bei Angelika auf, so oft sie es begehrte, und war man
bei den Mahlzeiten oder in den frhen Abendstunden bei der Baronin zu Dreien
zusammen, so wute er dem Gesprche freundlich die Wendung zu geben, welche die
Eheleute von sich selber abzog und es ihnen nicht fhlbar machte, wie weit sie
von einander entfernt worden waren.
    Eines Abends, als Sturm, Schnee und Hagel das Haus recht winterlich
umsausten, erschien der Baron, zu einem Hof-Concerte gekleidet, frher als
gewhnlich bei seiner Gattin. Man hatte die Thre, um die Baronin gegen den
Zugwind zu schtzen, mit Schirmen verstellt, auf denen, nach dem Geschmacke
jener Tage, langzpfige Chinesen mit ihren Schnen unter Palmen und wunderlichen
Thrmen einherspazierten, whrend Diener ihnen mit groen Fchern Khlung
zuwehten und buntes, reich gefiedertes Gevgel sich in goldenen Ringen unter den
Zweigen der Bume schaukelte.
    Schnell und sich die Hnde reibend trat der Baron in Angelika's Zimmer ein.
Er fragte nach ihrem Befinden, und auf die Antwort, da es ihr nicht bel gehe,
versetzte er: Nun, wenn Du Dich sonst leidlich fhlst, so kann man Dich heute um
die Ruhe und um die freundliche Wrme Deiner Zimmer beneiden, denn es ist ein
Wetter, das mir einmal wieder recht lebhaft die nie erloschene Sehnsucht nach
dem Sden wachruft.
    Er erinnerte darauf den Caplan, wie wenig diesen zu Anfang der Charakter des
Sdens angemuthet habe, rhmte sich der Einsicht, mit welcher er gleich bei dem
Eintritt in Italien die richtige Schtzung des Landes und des Volkes besessen,
und kam dadurch auf das Thema von der Gewalt und der Bedeutung der ersten
Eindrcke zu sprechen, auf die er, wie seine Zuhrer es wuten, ein groes
Gewicht legte. Er pries dabei seine Menschenkenntni, nannte dieselbe eines der
schtzenswerthesten Gter, welche das reife Alter vor der Jugend, der Mann in
der Regel vor der Frau voraus habe, und schlo diese Bemerkung mit dem
Gestndnisse, da er diese Menschenkenntni den Besitz Angelika's verdanke; denn
Sie, lieber Caplan, fgte er hinzu, Sie knnen es nicht leugnen, Sie haben die
Baronin Anfangs nicht mit dem gnstigen Vorurtheile angesehen, wie ich.
    Der Caplan lchelte, und mit jener Wrde und Sicherheit, die es wei, da
sie solchen Anschuldigungen die Stirne bieten kann, sagte er: Den Werth der Frau
Baronin zu unterschtzen, konnte mir wohl nicht begegnen, mein Bedenken gegen
Ihre Wahl lag auf einer anderen Seite, Herr Baron!
    Angelika wute, was damit gemeint sei. Sie wurde verlegen, und wie man in
solchen Augenblicken leicht etwas Ungehriges thut, um nur von sich selber
abzukommen, sprach sie lchelnd: Man darf aber doch in keinem Falle den ersten
Eindrcken zu viel Bedeutung einrumen, denn htte ich das gethan, so wre ich
jetzt auch nicht hier.
    Nicht hier? fragte der Freiherr; was meinst Du damit, meine Liebe?
    Ich meine, da ich dann nicht Deine Frau geworden sein wrde. Denn ich
entsinne mich ganz deutlich, da, als ich Dich, lieber Franz, zuerst gesehen
habe, mir Deine Erscheinung zwar sehr imponirte, da ich aber doch eine Art von
Unbehagen, von Scheu, von innerem Abmahnen Dir gegenber fhlte.
    Der Baron wurde ernsthaft. Htte ich eine Ahnung davon gehabt, so wrde ich
Dich gemieden haben! sagte er.
    Bester, rief die Baronin erschrocken aus, wie kannst Du das nur denken, wie
kannst Du das nur sagen!
    Warum nicht? fragte der Baron sehr ernsthaft. Es handelt sich hier, ganz
abgesehen von uns, um ein Princip, um eine Erfahrungs- oder Ueberzeugungssache.
Der Mensch hat, das ist keine Frage, nichts so sehr zu beachten, auf nichts so
zuversichtlich zu bauen, als auf die Stimme seines Innern, auf diesen
geheimnivollen, weisen, ahnungsvollen Rathgeber, der ihn, nach meinen
Erfahrungen, fast niemals trgt.
    Lieber Mann, rief die junge Frau noch einmal und erhob bittend ihre Hnde zu
ihm, strafe mich nicht so hart fr das thrichte Aussprechen einer kindischen
Empfindung!
    Ich Dich strafen, entgegnete er, wie kme ich dazu? Wie kme ich dazu eben
jetzt, da mich die Sorge erfllt, da ich Dir doch noch Unheil bringen knne.
    Der Caplan machte eine abwehrende Bewegung mit dem Haupte. Wie oft, gndiger
Herr, sagte er, haben Sie auch schon die gegentheilige Erfahrung an sich selbst
zu machen die Veranlassung gehabt, da der geheime Zug, der Menschen auf
einander hinzuweisen oder sie von einander fern zu halten schien, Sie tuschte!
    Die habe ich niemals gemacht! versicherte der Baron, der nur auf Widerspruch
zu stoen brauchte, um sich in einer Vorstellung zu befestigen.
    Niemals? fragte der Caplan mit Bedeutung.
    Niemals! wiederholte der Freiherr sehr bestimmt.
    So waren Sie glcklicher, als ich es glaubte, bemerkte der Geistliche
gelassen.
    Vielleicht war ich nur achtsamer, meinte der Freiherr, denn man hat sich
sehr davor zu hten, nicht irgend eine augenblickliche Aufwallung oder einen
sinnlichen Anreiz fr jenen wundervollen Zug der Sympathie zu halten, den schon
die Alten kannten und verehrten.
    Er brach damit pltzlich ab, wendete sich freundlich zu der Baronin und
fragte, indem er ihre Hand ergriff: Und was hattest Du denn eigentlich gegen
mich, Du Kind?
    O, wehalb willst Du das wissen? versetzte die Baronin. Es hiee ja nur
einen Irrthum eingestehen, und seiner Irrthmer hat man sich zu schmen!
    Der Caplan wnschte diese Unterhaltung nicht weiter fortsetzen zu lassen,
weil er wute, wie leicht die Eitelkeit des Freiherrn zu krnken und wie sehr er
dann geneigt war, das Unschuldigste zu mideuten. Er nahm also die letzten Worte
Angelika's auf und sagte: In solch scherzhaften Dingen ist das Eingestehen oder
Verschweigen eines Irrthums an und fr sich etwas ganz Gleichgltiges, bei
ernsthaften Anlssen ist es aber ein Anderes. Einen Irrthum vor Anderen
eingestehen, heit erst, ihn frmlich von sich abthun, ihn frmlich berwinden;
denn das gesprochene Wort hat eine loslsende und befreiende Kraft. Ein Irrthum,
den Sie schweigend und ohne Eingestndni an einen Andern in sich bekmpfen,
bleibt immer noch mit Ihnen im ausschlielichen Zusammenhange, bleibt immer noch
Ihr Irrthum. Sobald Sie ihn aber vor einem Andern ausgesprochen haben und dieser
Unbetheiligte Ihnen in der Erkenntni und Beurtheilung Ihres Irrthums beistimmt,
so ist eine Rckkehr in denselben Irrthum fr Sie nicht mehr leicht mglich,
wenn Sie eine solche nicht absichtlich ausfhren wollen, was doch zu den
Seltenheiten gehrt.
    Gewi, sagte der Baron; auf diese Wahrheit von der befreienden Kraft des
Wortes grndet sich die Taktik aller der Menschen, welche sich vor Andern ihrer
Fehler anklagen, weil sie sich dadurch auf eine bequeme Weise ihres sie
drckenden Bewutseins zu entuern hoffen.
    Alles Vertrauen berhaupt, bemerkte der Geistliche, lt sich auf die jedem
Menschen bewut oder unbewut innewohnende Ueberzeugung von der befreienden
Kraft des gesprochenen Wortes zurckfhren; und als komme ihm das zufllig in
den Sinn, fgte er noch hinzu: Darauf beruht ja auch die erlsende Kraft der
Beichte in unserer Kirche, welche der Protestantismus ohne alle Kenntni des
menschlichen Herzens, ohne Mitleid fr den Schuldbeladenen, den Bedrckten und
den Irrenden, einem abstracten Princip, dem Mitrauen gegen die Gewalt und den
Einflu der Geistlichkeit, zum Opfer gebracht hat.
    Er ging aber auch ber diese Aeuerung schnell hinweg, denn er wute, da
ein sicher gestreutes Samenkorn, wenn es auf den rechten Boden fllt, seine
Frucht trgt; und es war ihm daher unlieb, da der Baron sich mit diesen
Errterungen nicht gengen lie, sondern noch einmal auf den Ausgangspunkt der
Unterhaltung zurckkam und nun bestimmt die Frage that: was seine Frau fr ein
Abmahnen gegen ihn gefhlt habe.
    Sie wehrte sich abermals, es zu bekennen, und erst als er mit Bitten und mit
scherzendem Zureden in sie drang, sagte sie: Es war, als ich Dich zum ersten
Male sah, von irgend welchen eben geschehenen Wundern die Rede, deren Wahrheit
Du aufrecht erhieltest; ich konnte mir nun gar nicht denken, da ein Mann wie Du
an Wunder zu glauben vermge, und ....
    Und? fragte der Freiherr.
    Und so hielt ich Dich halbwegs fr einen Heuchler, ohne begreifen zu knnen,
wehalb Du heucheln solltest! sagte sie schnell, als wolle sie damit fertig
sein.
    Sie hatte erwartet, einen Scherz oder einen Tadel zur Antwort zu bekommen,
aber keines von beiden traf zu. Der Baron blieb ernsthaft und ruhig und fragte
nur, was sie unter dem Worte Wunder verstanden haben wolle.
    Nun, zum Beispiel jene auf der Erde wahrnehmbare Fortdauer der Verstorbenen,
sagte Angelika, von welcher man auch bei Frau von Uttbrecht als von einer
Thatsache zu reden liebt, und an die man doch nicht im Ernste glauben kann.
    Du irrst, sprach der Freiherr mit groer Bestimmtheit, und es ist also, wie
ich sehe, noch ein wesentlicher Ueberzeugungssatz zwischen uns unaufgeklrt, was
mir wirklich leid ist. Ich glaube an die wahrnehmbare Fortdauer der Geschiedenen
so gewi, als ich an die Unsterblichkeit unserer Seele und an unsere persnliche
Fortdauer nach dem Tode glaube. Nur ein unlogischer Kopf, so dnkt mich, kann
auf den Einfall gerathen, da eine Wesenheit, die sich von ihrem ersten Keime an
in strenger Folgerichtigkeit zur Individualitt entwickelt, pltzlich und mit
Einem Schlage als Individualitt zu sein aufhren knne. Abgesehen aber davon,
so hat ja Christus uns die persnliche Fortdauer, ja die Auferstehung des
Fleisches verheien, und der Caplan wird Dir nachweisen knnen, da in alter und
neuer Zeit bevorzugte Menschen der unwiderleglichsten Offenbarungen, Ermahnungen
und Trstungen durch das Erscheinen Verstorbener gewrdigt worden sind.
    An der Unsterblichkeit unserer Seele zweifle ich gewi nicht! betheuerte
Angelika, eingeschchtert durch den Ernst des Freiherrn. Ihr protestantisches
Bewutsein lie sich jedoch so leicht nicht zur Ruhe bringen, und wenn auch
zaghaft, fragte sie dennoch: was haben aber die Geistererscheinungen mit unserer
Unsterblichkeit gemein?
    Der Baron blickte sie an, als komme ihm eine solche Frage sehr auffallend
vor, dann entgegnete er belehrend: Allmhliches Werden und Vergehen ist das
Gesetz aller Organismen. Es tritt nichts pltzlich in die Erscheinung, es
verschwindet nichts pltzlich aus ihr; und wie der Mensch im Schooe seiner
Mutter allmhlich werdend zum sichtbaren Dasein erwchst, so verschwindet er,
das ist mir zweifellos, auch nur allmhlich von der Erde, von der Sttte, die er
geliebt, und aus dem Gesichtskreise derjenigen, in deren Leben er seine
eigentliche Heimath gehabt hat. Erst wenn diese Loslsung, die sich je nach den
verschiedenen Persnlichkeiten in lngerer oder krzerer Zeit vollzieht, ganz
und gar beendet ist, kann vernunftgem der Luterungsproce der Seele beginnen,
den unsere Kirche als ein Dogma aufstellt und der die Seele endlich fr die
reine Atmosphre der ewigen Seligkeit vorbereitet.
    Er sprach das mit der Bestimmtheit aus, mit welcher ein Mathematiker seine
Formel hinstellt. Sicherheit aber hat, wenn wir ihr bei einem Menschen begegnen,
dem wir sonst Bedeutung zugestehen, immer etwas Bannendes und Beherrschendes. Er
erwartete auch offenbar, Glauben bei Angelika zu finden, und nur, als gebe er
noch eine ganz berflssige Notiz, fgte er hinzu: dieser Glaube von dem
allmhlichen Verschwinden des Menschen aus dem Bereiche der Sichtbarkeit liegt
ja brigens, wie alle groen und unumstlichen Wahrheiten, als ein Eingeborenes
in dem menschlichen Geiste. Die Spur davon findet sich bei den rohesten wie bei
den cultivirtesten Vlkern aller Welttheile und aller Zeiten. Von Zoroaster bis
zu Plato, von den ltesten jdischen Traditionen bis zu Origines, von dem wsten
Heidenthume der Wilden bis zu den erhabensten Vorstellungen unserer Kirche geht
derselbe Zug, derselbe Glaube an ein vermittelndes Zwischenreich; und selbst
Euer Martin Luther, so sehr er aller feineren geistigen Erkenntni durch seine
grobsinnliche Organisation verschlossen war, konnte sich jener Einsicht nicht
ganz entziehen, wenn er bei seiner buerisch plumpen Natur auch nichts Anderes
zu erkennen vermocht, als die Erscheinung eines ihn plagenden Teufels.
    Der Baron erhob sich bei den Worten mit der Selbstzufriedenheit eines
Professors, der sein Collegium beendet hat, und da seine Zuhrer beide
schwiegen, steigerte seine Genugthuung. Er sah nach der Uhr, es war Zeit fr
ihn, sich zu entfernen. Er schellte dem Kammerdiener, befahl den Wagen vorfahren
zu lassen, und als er dann das Zimmer seiner Frau verlie, die ganz gedankenvoll
geworden war, sagte er zu dem Geistlichen gewendet: Sie mssen die Baronin
durchaus gewhnen, lieber Freund, recht scharf ber geistige Dinge nachzudenken.
Es ist bei ihr - und das liegt in ihrer Jugend, die ein groer Vorzug ist - noch
Alles Gefhl, noch Alles Empfindung; aber es kommt ja fr sie hoffentlich bald
die Zeit, in welcher sie Andern Rechenschaft ber ihr Denken geben, Andern ein
Fhrer werden mu, und ich mchte, da diese Zukunft sie einig mit sich selbst
und recht im Einklange mit mir finden mge. Trachte danach, Geliebteste, diesen
Standpunkt zu erreichen.
    Er umarmte hierauf seine Frau, kte ihr die Hand, gab auch dem Caplan die
Hand, und verfgte sich in bester Laune an den Hof, dem Concerte beizuwohnen.

                                 Achtes Capitel


Es war eine eigenthmliche Lage, in welcher der Caplan sich jetzt gegenber der
freiherrlichen Familie befand. Er glich dem Manne, welchen man zu einem
Gastmahle eingeladen hat, und der bei seinem Eintritte in das Zimmer an dem
Qualm und Rauch, die ihm entgegenstrmen, den nahen Ausbruch eines im
Verborgenen glimmenden Brandes erkennt. Es galt hier, zu helfen, nicht zu
genieen, und Hlfe zu leisten war ja sein Beruf.
    Er fand Angelika unzufrieden mit sich selbst, beunruhigt durch die Stimmung
ihres Gatten, durch den Einflu, den Frau von Uttbrecht und ihr Mysticismus ber
ihn gewonnen hatten, und fand sie selbst auf das lebhafteste beschftigt durch
eine Menge von religisen und mystischen Eindrcken, welche sie, eben um ihrer
Fremdheit willen, bald anzogen, bald abstieen und ihr den Frieden raubten. Sie
sehnte sich nach einem Menschen, dem sie ihr Herz erschlieen, den sie zu Rathe
ziehen konnte. Sich ihrer Mutter zu entdecken, hielt die Liebe fr ihren Gatten
sie ab. Die Grfin wrde ihre Tochter fr unglcklich, ihren Schwiegersohn fr
schuldig gehalten haben, und unglcklich fhlte die Baronin sich nicht. Sie
wute nur nicht, was sie thun solle, um wieder zu der Ruhe zu gelangen, die sie
bis zu ihrem Hochzeitstage stets beseelt, um sich wieder in dem Einklange mit
dem Freiherrn zu befinden, von dem sie beide das Heil ihrer Ehe und ihrer
Zukunft erhofft hatten. Sie konnte sich nicht recht klar machen, was eigentlich
geschehen sei, was zwischen ihr und ihrem Gatten stehe, aber es war anders
geworden, als sie es erwartet hatte; es war geworden, wie es nicht htte sein
sollen, wie sie nicht geglaubt hatte, da es jemals werden knne,
    Die Worte des alten, aufgefundenen Gebetbuches tnten immer in ihrem Herzen.
Ihr fehlte ein Stab, der sie sttzte, ein Licht, das ihr das Dunkel erhellte.
Sie mute oftmals an dasjenige denken, was der Baron, was der Caplan ihr von der
befreienden Kraft des Wortes gesagt hatten. Es lag, so fern ihr die Vorstellung
sonst gewesen war, jetzt fr sie etwas Verlockendes in dem Vertrauen, in der
Zurechtweisung und Belehrung, welche man in der Beichte gewhrt und empfngt.
Sie fhlte bisweilen ein wahrhaftes Verlangen danach, dem Caplan Alles zu sagen,
was sie drckte, von ihm Rath zu begehren, und es htte nur einer Ermuthigung
von seiner Seite bedurft, ihr den Mund zu erschlieen; aber er gewhrte ihr
diese nicht. Er wollte reifen lassen, was er emporkeimen sah, und die Frucht
nicht vorzeitig brechen, so sehr er sich ihrer erfreute.
    Es war nicht lange nach jenem Concert-Abende, als er in den Hnden der
Baronin ein Kstchen erblickte, das sie mit einer gewissen Hast verschlo und
auf die Seite stellte, da er bei ihr erschien. Sie sah, da er es bemerkt hatte,
da er darber lchelte, und pltzlich zu einem Entschlusse gelangt, fragte sie
ihn ganz unumwunden, ob er den Glauben theile, den sie im Hause der Frau von
Uttbrecht hufig aussprechen hren, den Glauben, da die Gottheit noch in
unseren Tagen dem Menschen sichtbare Zeichen gebe, wenn er ihres Beistandes
bedrfe oder sich sonst in ungewhnlichen Lebenslagen befinde.
    Gewi! sagte der Caplan, davon bin ich berzeugt! Es ist kein Wandel in dem
Unwandelbaren, und was Gott einst in seinem Erbarmen fr die Menschheit gethan
hat, das kann und mu sich bei dem gleichen Anlasse immer wiederholen.
    Angelika sah ihn ernsthaft an. Sie glauben also an wunderbare Ereignisse, an
wunderbare Zeichen? forschte sie weiter.
    Unbedenklich! versicherte er ihr. Aber was bewegt Sie zu diesen Fragen,
meine gndige Frau?
    Sie antwortete ihm nicht darauf; sie wollte jedoch wissen, ob er je etwas
der Art erlebt, ob er irgend eine Erfahrung gemacht habe, welche seine Aussage
besttigen oder einen Beweis fr die Lehren von dem geistigen Zusammenhange der
Todten mit den Lebenden gewhren knne.
    Er zgerte eine Weile, inde er sah die Spannung, mit welcher sie an seinem
Mund hing, und mit feierlichem Ernste sagte er: Es begegnet, des bin ich sicher,
nicht eben oftmals, da die Gottheit es fr nthig findet, dem Menschen durch
ein sichtbares Zeichen ihrer Vorsehung und Allgegenwrtigkeit zu Hlfe zu
kommen; wo es aber geschieht, da hat man es als die hchste Gnade anzusehen, und
wem es begegnet, dem legt es die doppelte Pflicht der eigenen Heiligung und der
Werkthtigkeit fr Andere auf. Mir ist diese Gnade einst geworden, als ich auf
dem Wege war, sie weniger denn jemals zu verdienen.
    Die Gehobenheit, mit welcher er sprach, umleuchtete sein edles Antlitz und
seine ganze wrdige Gestalt, da Angelika der Raum des Zimmers durch sein bloes
Dasein wie geweiht schien. Es wurde ihr feierlich zu Muthe, als befinde sie sich
in der Kirche, und es war nicht Neugierde, sondern ein heies Verlangen nach
Wahrheit, da sie zu der Bitte antrieb, der Caplan mge ihr, wenn er das knne,
mittheilen, was ihm einst widerfahren sei.
    Ja, versetzte er nach kurzem Schweigen, das will ich thun. Sie sollen
vernehmen, was bisher Niemand von mir gehrt hat, und wovon jetzt kein Lebender
auer mir noch Zeugni geben kann. Ich will es thun, so schwer es mir auch
ankommt, von den Verirrungen meiner Jugend zu sprechen. Nur im benden Gebete
hatte ich seit langen Jahren jener Zeiten noch gedacht, und ich hatte nicht
gemeint, da jemals wieder ber meine Lippen kommen wrde, was ich einst in
bitterer Reue dem verschwiegenen Ohre meines Seelsorgers und Beichtvaters
anvertraut, um durch ihn Vergebung fr eine Snde zu erlangen, welche fr mich,
fr den geweihten Priester unseres Gottes schwerer als fr einen Andern in die
Wage des Gerichtes fiel. Aber es erscheint mir als eine Mahnung des Herrn, da
ich veranlat werde, noch einmal vor einem Andern mich meiner Schuld zu zeihen.
Gott will, ich soll sie nicht begraben in meines Herzens stillem Schrein, ich
soll mich zu meiner Schuld bekennen, vor denen, mit denen ich lebe, sie sollen
mich kennen in meiner ganzen menschlichen Gebrechlichkeit, damit sie es immerdar
empfinden, da es der Herr ist und nicht ich, der in mir wirkt und schafft, wenn
ich sie zu erheben trachte. Und - die Wege des Allweisen sind so unerforschlich!
Wer will es sagen, zu welchem Zwecke er jene schmerzlichen Erinnerungen wieder
so lebhaft in den Vorgrund meiner Seele drngt? Weshalb mir der Glaube so
gebieterisch das Herz erfat, ich msse eben zu Ihnen und eben zu dieser Stunde
davon reden? - Er hielt inne, als bedrfe er der Sammlung, und fing dann mit
unverkennbarer Selbstberwindung seine Erzhlung also an:
    Ich hatte eben die priesterlichen Weihen erhalten, als ich in das
freiherrliche Haus, in das Vaterhaus Ihres Herrn Gemahls eintrat. Aus der
Abgeschiedenheit des Collegiums, aus der Stille und Zurckgezogenheit, an die
ich gewohnt war, sah ich mich in einen viel bewegten, glnzenden Haushalt
versetzt. Ich hatte bis dahin nur zu lernen und zu gehorchen gehabt; jetzt
sollte ich Lehrer, Fhrer und Leiter eines lebhaften Jnglings werden, der mir
an Jahren nur wenig untergeordnet, an Lebenserfahrungen aller Art mir weit
vorauf war. Wollte ich leisten, was man von mir erwartete, so bedurfte es des
festen Willens von meiner Seite und des festen Glaubens, da wir von der
Vorsehung an keinen Platz gestellt werden, den auszufllen ber unsere Macht
geht. Der Wille und der Glaube fehlten mir nicht; ich arbeitete an mir selbst,
ich erzog mich, um ein Erzieher zu werden, und die Familie, der ich diente, war
mit mir zufrieden, zufrieden, wie ich selbst es mit mir war. Man bewies mir ein
ehrenvolles Vertrauen, die Eltern meines Zglings behandelten mich wie einen
Anverwandten, seine Schwester war fr mich selbst wie eine Schwester freundlich.
- Er machte eine Pause, und die Baronin glaubte zu bemerken, da eine Rthe das
Antlitz des wrdigen Mannes berflog, als er seine Erzhlung wieder aufnahm.
    Sie haben das Bild von Frulein Amanda in Ihrem Zimmer, gndige Frau. So wie
der Maler sie dort geschildert hat, so sah sie aus, als ich sie zuerst
erblickte, so edel und so ernst, so sanft und so mild. Sie war achtzehn Jahre
alt. Man hatte sie den smmtlichen Unterricht ihres nur um ein Jahr jngeren
Bruders theilen lassen, und man vergnnte mir, auch ihr Lehrer zu werden, aber
mehr als das, wir wurden - oder wir glaubten, Freunde zu werden. Um ihr Neues zu
bieten, um ihren Antheil zu gewinnen, wurde ich eifriger als je in meinen
Studien. Ein leidenschaftliches Verlangen und ein Durst nach Wissen und nach
Erkenntni der Wahrheit bemchtigten sich meiner, ich wollte dem gengen, was
Frulein Amanda von sich selber verlangte, was sie in mir voraussetzte. Es giebt
nichts Groes, nichts Heiliges, das uns nicht bewegte, nichts Edles, nach dem
wir nicht strebten. Wir fhlten uns frei einander gegenber, und wir trennten
uns wie Freunde und Geschwister sich trennen, als der junge Freiherr seine
Reisen antrat, auf denen ich ihn begleiten sollte.
    Es war ausgemacht worden, da ich dem Frulein schreiben drfe. Niemand
hatte ein Arg daran, am wenigstens wir selber. Ich wute, da alle meine Briefe
von der Mutter gelesen wurden, ich vermuthete, da sie auch die Antworten ihrer
Tochter an mich las, und doch blhten auf der offenen Heerstrae dieses
Briefwechsels die Blumen auf, deren Duft uns den Sinn verwirrte, deren Ranken
uns umstrickten.
    Der junge Baron und ich, wir blieben zwei Jahre im Auslande. Voll Freude und
Zuversicht kehrten wir in die Heimath zurck, aber es war vorber mit dem
friedensvollen Glcke, das ich vor der Reise in dem freiherrlichen Hause
genossen. Ich hatte nicht mehr das Herz, dem Frulein wie sonst zu begegnen, ihr
fehlte der Muth, mir zu nahen; wir vermieden einander. Ich fragte mich nicht,
was geschehen sei; jeder Athemzug sagte es mir. Die Trennung von ihr hatte eine
wilde Leidenschaft in mir angeregt, eine Leidenschaft, die in doppeltem Sinne
fr mich eine Snde in sich schlo. In heien Kmpfen, in brnstigen Gebeten
rang ich nach Frieden. Er wollte mir nicht kommen. Ich mute die Ursache meiner
Leiden fliehen. Ich forderte meine Entlassung. Baron Franz bedurfte meiner
Begleitung auch ferner in der That nicht mehr.
    In den Tagen fand sich ein Bewerber um des Fruleins Hand. Amanda bewies
sich demselben nicht geneigt. Ahnungslos, nur an das Zutrauen denkend, das die
Tochter mir gewhrte, wandten die Eltern, welche diese Verbindung wnschten,
sich an mich. Ich sollte Amanda bestimmen, dem Verlangen ihrer Eltern
nachzugeben, und ich beschlo, da ich selbst den Mann hoch schtzte, der das
Frulein zur Frau begehrte, die schwere Pflicht, die man mir auferlegte, als
erste Bue ber mich zu nehmen. Ich betete auf meinen Knieen um die Kraft der
Selbstbeherrschung, und Gott schenkte sie mir. Ich bezwang mein Herz, ich konnte
Amanda sagen, was man von ihr verlangte und was zu Gunsten ihres Bewerbers
sprach. Ich rieth ihr, dem Wunsche ihrer Eltern nachzukommen; ich rieth ihr, den
Weg zu gehen, auf den die Vorsehung sie fhren zu wollen schien.
    Sie hrte mich an, still aber entsetzt, als sprche ich eine Gotteslsterung
aus. Ihre Augen fllten sich mit Thrnen, und die Hnde vor der Brust faltend,
fragte sie mich mit strafendem Tone: Das verlangen Sie, grade Sie von mir? Das
wagen Sie mir als Tugend, als Pflichterfllung vorzuzeichnen? Und als ich
verwirrt und sprachlos vor ihr stand, hob sie ihre gefalteten Hnde gegen mich
empor und fragte schluchzend: Giebt es denn keinen Ausweg aus dem unheilvollen
Labyrinthe, keinen Ausweg als den Meineid, an dem der Mensch zeitlich und ewig
zu Grunde gehen mu?
    Und wieder schwieg der Caplan. Angelika reichte ihm die Hand; er drckte sie
ihr leise und fuhr dann fort: Der Stunde folgte eine Zeit voll schwerer
Verblendung, voll groer Noth, voll tiefer Verwirrung. Als Selbstberwinder,
wenn auch herzzerrissen, gingen wir beide daraus hervor. Ich verlie das Haus,
Amanda verlangte in ein Kloster einzutreten. Die Zrtlichkeit der Eltern, die
Vorsicht des Arztes wollten davon nicht hren, denn ihr Krper war dem
Seelenleiden nicht gewachsen; sie verzehrte sich in ihrem Schmerze. - Niemand
wute, was ihr fehle; wir hatten einander ewige Trennung und ewiges Schweigen
gelobt. Ich hrte nichts von ihr, als in den seltenen Fllen, in denen Baron
Franz mir schrieb und ihrer Erwhnung that. Aber er lebte damals nicht im
Vaterhause und hatte auch nur brieflich Nachricht von der Schwester.
    Drei Jahre waren so hingegangen, fuhr der Caplan fort; ich kehrte von einer
Missionsreise aus dem Innern von Sdamerika zurck, als ich von Amanda's Vater
die Anfrage erhielt, ob ich mich entschlieen knne, seine Frau und Tochter auf
einer Reise zu begleiten. Ein furchtbarer Schrecken kam ber mich. Ich wute,
wie es stand, da Amanda mich zu sich rief. Ich fuhr Tag und Nacht. Es war frher
Morgen, als ich in dem Schlosse eintraf. Alles schlief. Ich befand mich wieder
in ihrer Nhe; ich wagte nicht, nach ihr zu fragen. Als man sich im Hause
erhoben hatte, lie die Baronin mich rufen. Ihre ersten Worte besttigten mir,
was ich bereits wute. Sie werden mein armes Kind verndert finden, sehr
verndert, sagte die Baronin, inde Gott ist ja allmchtig und kann Wunder thun!
Die Aerzte vertrsten uns auf die Luft des Sdens. Meine Tochter theilt unsere
Hoffnungen fr ihre Genesung nicht, aber sie wnschte Ihre belehrende
Begleitung, und wir waren sicher, da Sie uns nicht fehlen wrden, da wir Ihrer
nthig hatten.
    Eine Stunde spter fhrte man mich zu Amanda. Welch ein Wiedersehen war das!
- Die Reise wurde nach wenig Tagen angetreten. Noch vor dem Beginne des Herbstes
erreichten wir Italien, lieen wir uns in Venedig nieder. Ich war immer bei ihr.
Niemand wehrte es uns. Sie war freien Geistes, sie fing an, wieder Muth zu
fassen, und es schien eine Weile, als kehre das schwindende Leben wirklich noch
einmal in sie zurck, als knne das Leiden sich noch besiegen lassen. Aber diese
Hoffnung, schwach wie sie war, strzte meine Seele in den alten Kampf zurck.
Die Angst, die Verzweiflung, welche mich bei dem Gedanken an ihren nahen Tod
erfllt hatten, die auftauchende Mglichkeit, sie gerettet zu sehen, die Frage,
was dann aus uns werden solle, machten mich fast sinnlos. Meiner selbst nicht
mchtig, brach ich das Gelbni des Schweigens, das ich ihr einst gegeben hatte,
und bekannte ihr, da es mir nicht mglich sei, in ihrer Nhe zu weilen, ohne
zurckzufallen in die sndhafte Verwirrung, der ich mich einst kaum zu entziehen
vermocht hatte.
    Er fuhr sich mit den Hnden ber die Augen. Dann seufzte er und sagte: Sie
hielt eine weie Rose in ihrer Hand in jener Stunde. Die Rose sank entblttert
zur Erde nieder, als ich, vernichtet von Amanden's Thrnen, um Vergebung
flehend, ihre Hand ergriff. Amanda sah trauernd auf mich hin und schwieg, aber
sie blieb ruhig und thrnenlos. Sie htten der Rose die paar armen Lebensstunden
nicht zerstren sollen! sagte sie dann endlich. Denken Sie an diese Rose, wenn
ich nicht mehr sein werde - und das wird nicht lange auf sich warten lassen!
    Sie hatte in den letzten Wochen nicht mehr von ihrem Tode gesprochen, ich
beschwor sie, diese dstern Vorstellungen zu verbannen; sie wollte nicht, da
ich dieselben dster nannte.
    Der Tod ist fr uns kein Leid, er ist ein Engel des Friedens fr uns, der
uns Erlsung bringt! sprach sie. Sie mssen mit mir den Himmel dafr danken, da
er mich bald abberufen wird. Wir haben schne, schne Tage hier miteinander
gelebt, wir werden uns einst rein und gelutert wiedersehen, um unzertrennlich
bei einander zu bleiben. Die Spanne Zeit, die noch dazwischen liegt, was ist sie
neben der Ewigkeit, die uns erwartet?
    Mein Sinn war verdstert, meine Leidenschaft band mich an die Erde, ich
konnte mich zu ihrer Entsagung nicht erheben. Ich konnte meinem Schmerze, meinen
Thrnen nicht gebieten, ich weinte bitterlich. Sie sah mich lange an. Weinen Sie
nicht, sagte sie, ich werde Sie nicht verlassen, ich werde immer bei Ihnen sein,
mein Freund!
    Was hilft mir das, wenn ich Sie nicht sehe! rief ich in der Wildheit meines
Herzens.
    Oh! versetzte sie, und ihr Ton klang mild wie keines andern Menschen Stimme,
Sie sollen mich auch sehen, wenn Gott es zult, da wir den Lebenden
erscheinen. Heiligen Sie Ihr Leben! Leben Sie es im Dienste Gottes und vergessen
Sie der weien Rose nicht! Sie soll Ihnen ewig eine Mahnung an die menschliche
Schwachheit und ein Zeichen meiner Nhe sein. Sind Sie das zufrieden?
    Ich hatte keine Antwort, als meinen stummen Schmerz. Sie lie mich
versprechen, da ich ihr die Augen schlieen und tglich fr sie beten, da ich
ihre Mutter nicht verlassen, da ich ber ihren Bruder wachen und ihm ein Bruder
bleiben wolle. Sie trug mir auf, ihre Asche nach Richten zu schaffen und weie
Rosen pflanzen zu lassen vor der Thre der Familien-Gruft.
    Von der Stunde ab war ich Herr geworden ber mich fr alle Zeit, sagte der
Erschtterte mit Ergebung.
    Im Frhjahr neigte sich ihr Leben zur Ruhe. Der Mai war zu Ende, als sie
starb. Ihr Wille geschah. Wir brachten ihr Sterbliches nach der Heimath, ich
habe die Rosenbsche selbst gepflanzt, ich habe auch ihrer Mutter das Auge
geschlossen und bin ein Hter des Grabes geworden, das sie deckt. All mein
Wnschen war am Ende, und der Ehrgeiz, das Verlangen nach weltlichem Ansehen und
nach weltlicher Macht, die mich sonst zuweilen beseelt, waren damit fr immer in
mir erloschen. An dem Orte zu weilen, wo sie gelebt hatte, zu wirken, wo ihre
Milde gewaltet, das war Alles, was ich begehrte; und mit inbrnstigem Verlangen,
mit tglichem Gebet erwartete ich es, ob sie mir kein Zeichen geben wrde. - So
kam der Jahrestag ihres Todes heran. Ich hatte an seinem Vorabende lange im
Gebet gewacht; am Morgen eingeschlummert, weckt mich ein Klopfen an der Thre.
Ich rufe herein, ein Knabe aus dem Dorfe kommt in mein Zimmer, und das Erste,
was ich erblicke, ist ein Strau von weien Rosen, der mir in seiner Hand
entgegenwinkt.
    Er schwieg, von seiner Empfindung berwltigt, und blieb lange in seinen
Erinnerungen versunken. Dann richtete er sich empor und sagte mit sanfter
Rhrung: die weie Rose hat mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet. Im
Wachen und im Traume ist sie mir pltzlich entgegengebracht worden, wenn mein
Sinn verdstert war. Sie hat mich ermahnt und erhoben, und es wird sich ja wohl
Jemand finden, sie auch mir einst auf den Sarg zu legen und sie auch auf mein
Grab zu pflanzen.
    Er erhob sich und trat an den Kamin, die Lichter zurecht zu rcken. Mit
feuchtem Auge, unfhig, den Empfindungen, die sie bewegten, Worte zu leihen, sah
Angelika ihm nach. Sie hatte in den ernsten, stillen Zgen des Caplans diese
Vergangenheit nie gelesen; sie wute jetzt, was ihn an der Arten'schen Familie
festgehalten, was ihn bewogen hatte, in Richten zu bleiben, ihn, dem eine
grere Wirksamkeit nicht htte fehlen knnen, wre er gegangen, sie auf
weiterem Felde zu suchen.
    Von einer Vorstellung zu der anderen, von einem Gedanken zu dem anderen
schreitend, fragte sie nach langem Schweigen pltzlich: Und wer war der Knabe,
woher brachte er Ihnen jene ersten weien Rosen?
    Er war der Sohn einer Witwe, den Frulein Esther aus der Taufe gehoben hatte
und den ich auf ihren Wunsch in einer gewissen Aufsicht hielt.
    So war es Frulein Esther, welche ihnen jene Rosen sendete?
    Durchaus nicht! Die Mutter des Knaben, die ich in einer Krankheit hier und
da besucht, schickte sie mir als Erstlinge des Jahres.
    Und wieder schwieg die Baronin eine Weile; dann sagte sie: Sie erwhnten der
Tante Esther, haben Sie dieselbe nher gekannt?
    Ja, versetzte der Caplan. Sie hatte fr ihre Nichte die grte Zrtlichkeit,
und Amanda hing an ihr mehr noch als an der eigenen Mutter. Auch war sie die
Einzige, welcher Amanda, ohne da ich's ahnte, in frher Zeit ihr Geheimni
anvertraut hatte, und fest und treu hat sie es ihr bewahrt.
    So wute Tante Esther also auch von der Verheiung der weien Rose?
    Sie hat nie davon gehrt! versicherte der Caplan; ich selbst habe mich davon
berzeugt.
    Angelika war betroffen. Sie hatte noch whrend der Erzhlung des Caplans
mehrmals nach dem Kstchen geblickt, das sie bei seinem Eintreten in der Hand
gehabt. Jetzt nahm sie es hervor, schlo es auf, und dem Caplan den Rosenkranz
hinreichend, den sie in der Vase in Esther's Zimmer gefunden hatte, fragte sie
ihn, ob er denselben vielleicht jemals bei der Tante gesehen habe.
    Gott im Himmel, und grade heute! Heute grade, da die Geschichte jener Tage
zum ersten Mal ber meine Lippen kommt! Heute mu ich dieses Pfand in meinen
Hnden halten! rief der Caplan und blickte mit Rhrung auf die Perlen nieder.
    Die Baronin wiederholte die Frage. Sie wollte wissen, von wem die
Gegenstnde stammten, sie zeigte das Crucifix und das Gebetbuch vor; der Caplan
betrachtete beides lange und still.
    Da die Sachen uns so berleben! sagte er nach einer Weile. Amanda hatte das
Gebetbuch mit Rosenkranz und Crucifix von einem der armenischen Mnche auf San
Lazzaro bei Venedig zum Geschenk erhalten. Sie fand eine groe Erhebung in dem
Gedanken, da schon seit Hunderten von Jahren glubige Herzen ihr Gebet daran
geknpft, und sie starb mit diesem Rosenkranze in der Hand, mit diesem Crucifix
auf ihrer Brust. Die Worte in dem Buche hat sie selbst geschrieben mit letzter
Kraft und bebender Hand, als sie mir auftrug, Alles dies nach ihrem Tode ihrer
Tante zu senden. Ich wrde, htte ich's nicht mit angesehen, ihre klare, feine
Schrift sonst nicht in diesen schwankenden Zgen wieder zu erkennen vermgen. -
Er hielt das Buch lange in seiner Hand. Dann legte er es nieder und sagte
gedankenvoll: Und grade Sie, Frau Baronin, muten diese Heiligthmer finden!
Grade heute mute ich dieselben wiedersehen! - O, wie knnen Sie zweifeln, da
Gott denen, die er seiner Gnade wrdigt, wundervolle Zeichen schickt?
    Er sprach nicht weiter, die Baronin fragte nicht weiter. Aber sie lste den
kleinen Ring von dem Rosenkranze ab und steckte ihn an ihre Hand, die sie dem
Caplan reichte. Denken Sie, mein Freund, sagte sie, wenn Sie dieses Zeichen an
meiner Hand erblicken, da zwei edle Herzen, da Amanda und Esther mir es
zugewendet, da sie mich Ihrer Gunst damit empfohlen haben, und stehen Sie mir
bei, wenn ich einmal - sie sprach die Worte mit tiefer Erschtterung -, wie jene
geprften und bewhrten Seelen, einen Stab brauche, mich darauf zu sttzen, und
ein Licht, mir zu leuchten durch das Dunkel!
    Ja, das will ich, versetzte der Caplan; aber Sie bedrfen meiner nicht. Wer
ihn suchet, den Erlser, der findet ihn; wer nach seinem Lichte ruft, dem
erhellt er den Pfad. Er hat Sie bereits zu sich gerufen; geben Sie sich ihm zu
eigen, und sein Friede wird ber Sie kommen hier und dort.
    Er legte seine Hnde segnend auf ihr Haupt und lie sie zurck in stillem,
eifrigem Gebet.

                                Neuntes Capitel


Der Winter entschwand auf diese Weise, ohne da der Baron an die Rckkehr auf
das Land gedachte. Er fand Behagen an der Residenz, an der Folge immer neuer
Zerstreuungen, und Alles, was er sich noch vor wenig Monaten von seiner Ehe, von
seiner Huslichkeit auf Schlo Richten versprochen hatte, ja, Schlo Richten
selbst trat davor so sehr in den Hintergrund, da es Angelika oftmals bednken
wollte, als mache es ihn unmuthig, wenn man ihn daran erinnere. Ein Mann, der,
wie der Baron sein Leben hindurch auf uere augenblickliche Erfolge gestellt
gewesen, findet sich auf die Lnge nicht leicht durch die Ruhe in seiner Ehe und
in seinem Hause befriedigt, auch wenn er nicht Zerstreuung bedarf, um
Vergessenheit dadurch zu erlangen.
    Endlich, als die Mehrzahl der adeligen Gesellschaft in der Residenz sich
anschickte, aus ihrem stdtischen Winteraufenthalte wieder auf die Landsitze
zurckzukehren, wurden auch in dem freiherrlichen Hause die Anstalten zur
Abreise getroffen. Inde der Baron fand immer noch einen Grund, einen Tag und
wieder einen Tag zu zgern, und die Ungeduld seiner Gattin, die sich in die
Stille ihres Schlosses hinaussehnte, steigerte sich daran bis zu einem
krankhaften Verlangen nach der freien Natur. Als dann aber die Stunde der
Abreise herankam, bemerkte der Baron, da seine Gattin sich mit Wehmuth von dem
Hause trennte, in das sie mit Widerstreben eingetreten war. Sie fhlte nicht
mehr die Zuversicht zum Leben, sie hatte nicht mehr die volle Hoffnung auf
Glck, welche sie an ihrem Hochzeitstage beseelte; und seit sie dahin gekommen
war, an ihren Brautstand und an ihre Jugend wie an eine glcklichere
Vergangenheit zurck zu denken, flte das ererbte Haus, in welchem Alles von
einer Vergangenheit sprach, ihr keine sie befremdende Empfindung mehr ein. Zudem
war ihr Gutes und Heilsames in dem Hause widerfahren. Sie hatte tiefer in ihr
eigenes Innere blicken und sich an einen Helfer wenden lernen, der strker war,
als sie. Sie hatte in dem Caplan einen vterlichen Freund und Berather gefunden
und den Glauben gewonnen, da die verstorbenen Lieben den Lebenden verbunden und
nahe bleiben. Das waren so viele Quellen neuen Hoffens, da sie Muth fr ihre
Zukunft daraus schpfte. Und als sie dann endlich sah, mit wie ungeheuchelter
Betrbni Mamsell Marianne von ihr Abschied nahm, als sie dieser immer noch
einmal versprechen mute, sie holen zu lassen, wenn die Baronin ihrer Pflege
bedrfe, so schied sie endlich selbst nur mit Thrnen und mit dem festen
Vorsatze hufiger Wiederkehr von Tante Esther's Haus und von den Bildern
derselben, die so manchen stillen Seufzer von ihren Lippen gehrt, so manche
heimlich geweinte Thrne aus ihren Augen hatten flieen lassen.
    Inde die Frhlingssonne will im Freien genossen sein, und der Baronin, die
von Kindheit an sich in Garten, Feld und Wald bewegt, ging das Herz auf, als die
Thore der Residenz endlich hinter ihr lagen und ihr Auge, nicht mehr von den
Huserreihen beschrnkt, sich in weiter Ferne ergehen konnte. Je nher sie auf
ihrer Reise der Heimath ihres Gatten kamen, um so leichter wurde ihr zu Sinn,
ja, sie empfand es in ihrer frhlichen Erregung kaum, da die Zufriedenheit
ihres Mannes nur eine getheilte war und da er sich ihrer beginnenden Heiterkeit
zwar erfreute, da die frische, offene Zrtlichkeit, welche sie ihm lange nicht
zu zeigen vermocht hatte, ihm zwar Vergngen bereitete, aber da er sie im
Grunde seines Herzens nicht mit ihr theilte, wie sie es erwartete. Er war nicht
mehr derselbe, der er als Brutigam gewesen war.
    Gegen den Abend des sechsten Tages erreichten sie die Grenze der Herrschaft
Richten. Der Baron machte Angelika darauf aufmerksam, und da sie ihn liebevoll
und gerhrt umarmte, bewegte es auch ihn.
    Die Schulzen der Drfer, die Schullehrer mit der ganzen Kinderschaar hatten
sich unter einem fr den Empfang der Gutsherrschaft errichteten Ehrenbogen
aufgestellt, und der greise Pfarrer selbst war herbeigekommen, der jungen
Gutsherrin mit ernster und freundlicher Ansprache an das Herz zu legen, was man
von ihr fr die Gter und ihre Bewohner erwarte und hoffe. Der Baron, obschon
seinen Insassen und Untergebenen ein llicher Herr, hatte von jeher solche Akte
und Feierlichkeiten als herkmmliche Huldigungen mit einer eben so herkmmlichen
Herablassung hingenommen, und was sich etwa bei derlei Anlssen in seinem
Gemthe menschlich geregt, damit hatte er bisher leicht fertig zu werden gewut.
Heute war das anders. Er bemerkte die tiefe Bewegung seiner Frau, er sah ihre
Freude darber, da sie in Richten war, wo sie weit sicherer heimisch zu werden
hoffte als in der Residenz; es fiel ihm ein, da diese Kinder um ihn her, die
ihn und Angelika hier an der Grenze seiner Herrschaft willkommen hieen, einst
den Sohn zum Herrn haben wrden, den er von seiner Gemahlin erwartete, und heute
hrte er mit anderem Ohr und anderem Herzen zu als sonst. Er war selbst gerhrt,
er hielt die Hand seines jungen Weibes fest und zrtlich gefat, er dachte seit
langer Zeit zum ersten Male wieder daran, welch ein reines Herz, welch einen
Schatz von Liebe und Gte er in Angelika besitze, ja, er begriff es kaum,
wehalb er alle diese Monate in einer Umgebung mit ihr zugebracht habe, die ihr
nicht erwnscht gewesen und durch die sie ihm selbst entzogen worden war. Er
fhlte Lust, ihr dies zu sagen, aber er stand davon ab, weil es geheien htte,
ihr einen Irrthum einzugestehen. Inde er versprach sich, diesen Irrthum gut zu
machen; er war glcklich, da dies noch in seiner Macht stand, und in die
Zrtlichkeit, mit welcher er Angelika an seine Brust drckte, mischte sich ein
stolzes Gefhl, als man bald darauf, nachdem der Wagen das geschmckte Dorf
passirt hatte, Schlo Richten auf seiner Hhe vor sich liegen sah.
    Die Tage waren schon wieder lang, die Sonne noch nicht untergegangen, und
die blasse Sichel des Neumondes schimmerte, von ihr erhellt, silbern und leicht
an dem blauen Himmel. Alles war klar und eintnig in der Natur, nichts stach
besonders beleuchtet hervor. Das nackte Erdreich der Heide, die brach liegenden
Felder, die kahlen Weiden am Bache und die lange Linie des groen, sich weithin
erstreckenden Waldes hatten alle denselben rthlich-braunen Ton, ber den der
bluliche Nebel sich zu verbreiten anfing, und doch zeichneten sich die
Gegenstnde in der leichten Luft noch so bestimmt und deutlich, da das Auge
seine Freude daran hatte, da die sanfte Einfrmigkeit der Landschaft den Sinn
beruhigte und man es sich gern vorstellen mochte, wie der vorschreitende
Frhling hier bald schalten und walten und Alles mit seiner reichen Flle
schmcken und verschnen werde.
    Die Baronin war von dem Anblicke des Schlosses berrascht, als htte sie es
nicht zuvor gesehen. Es bertraf an Stattlichkeit noch bei Weitem das Bild, das
sie in ihrer Vorstellung davon bewahrt hatte, und da der Bau in seiner
Unregelmigkeit die Spur des Bedrfnisses oder der Laune an sich trug, welche
die Herren von Arten von Geschlecht zu Geschlecht bewogen hatten, ihn zusetzend
umzugestalten, das gab ihm den Charakter des Historischen, gab ihm sein feudales
Ansehen, indem es den Glauben an die Selbstherrlichkeit seiner Besitzer
verstrkte.
    Von der uralten, auf steiler Hhe rechts ber dem Schlosse liegenden
Stammburg, welche einst die Ebene und den Flu beherrscht und reichen Zoll von
der Schifffahrt auf demselben gezogen hatte, waren nur noch die Hlfte der
Auenmauern und die beiden Thrme erhalten, die sich, breit und verbunden mit
einer von vielen Fenstern durchbrochenen Zwischenmauer, unverkennbar als ein
Bauwerk aus der Zeit der deutschen Ritter darstellten. Diese Burg war aber schon
zur Zeit der Reformation verlassen worden, und man konnte es an der Architektur
des jetzigen Schlosses noch deutlich wahrnehmen, da die Herren von Arten, als
sie aus ihrer Burg in das Thal hinabstiegen, weder die Macht jener Vorfahren
gehabt hatten, welche einst die Burg gegrndet, noch den Reichthum, mit welchem
der Grovater des jetzigen Besitzers das Schlo im Style der Renaissance
vergrert und verschnert hatte. Die lange Hauptfronte desselben mit dem
thurmartigen Aufsatze in der Mitte, den der Vater des Barons sich fr seine
astronomischen Liebhabereien hatte errichten lassen, daneben die beiden
Seitenflgel, welche sich weitgreifend, wie vorgestreckte Arme, zur Rechten und
zur Linken ausbreiteten und den groen, mit alten Bumen umgebenen Rasenplatz
umfaten, machten einen schnen Eindruck.
    Hier werde ich glcklich sein! rief die Baronin aus; hier, wo nichts mich
von Dir trennt, wo nicht kalte gleichgltige und genuschtige Menschen sich
zwischen uns stellen! Hier wirst Du mich lehren, was ich thun mu, Dir zu
gefallen, Dir zu gengen und Dich zu beglcken! Hier, wo Du und Deine Vorfahren
als Kinder spielten, hier ist unsere Heimath, hier gehren wir hin, und hier -
    Sie verbarg ihr erglhendes Gesicht verschmt an ihres Gatten Brust, aber
ihre Worte ergnzend, fgte er mit gehobener Stimmung hinzu: Hier sollen Deine
Kinder, unsere Kinder und Kindeskinder ihre Heimath haben und das Geschlecht
aufrecht erhalten, das nun schon ber vierhundert Jahre seinen Wohnsitz auf
diesem Grunde und Boden hat.
    Das walte Gott! sprach Angelika aus vollem, glubigem Herzen und bog im
nchsten Augenblicke den Kopf zum Fenster hinaus, als sie in das zweite Dorf der
Herrschaft einfuhren.
    Das ist Rothenfeld, sagte der Baron, und wie ein Schleier zog es ber seine
Mienen.
    Es war vorbei mit der frohen Erhebung, die ihn noch eben erfllte. Er htte
die Augen schlieen mgen, um nicht den Weg zu sehen, den er so oft gekommen
war; er htte es nicht sehen mgen, das kleine Haus am Ende des Dorfes, dessen
schmuckes Ansehen der Baronin auffiel und dessen geschlossene Laden ihrem Manne
das Blut aus den Wangen weichen machten, als Angelika die Frage aufwarf, wem das
Haus gehre und warum es nicht bewohnt sei.
    Mein Amme hat darin gelebt! antwortete der Baron, und mit pltzlichem
Entschlusse setzte er hinzu: Aber es ist baufllig; ich mu es niederreien
lassen.
    Angelika war zu sehr beschftigt, um dies auffallend zu finden, denn die
einzelnen Theile des Schlosses traten immer deutlicher hervor. Der Baron wies
ihr die Fenster der Zimmer, die fr sie bestimmt waren; die Grenze des Parkes
wurde erreicht, und man langte noch zeitig genug im Schlosse an, um die Reihe
der Gemcher bei Tageslicht zu durchwandern, um die junge Herrin die Aussicht
aus dem Wohnzimmer genieen zu lassen, das der Baron ihr mit den antiken
Statuetten ausgeschmckt hatte, um ihr lebhafte Aeuerungen der Freude ber ihre
neue Heimath und ber die Landschaft um sie her zu entlocken.

                                Zehntes Capitel


Zu einer Wirksamkeit auf ihre Umgebung gehrt fr eine Frau ein besonderer Sinn.
Gaben des Geistes und Gte des Herzens thun es nicht allein. Es ist dazu eine
Beobachtung nthig, welche das Bedrfen der Andern versteht und errth, und
jener selbstlose gute Wille, der das eigene Bedrfen im Verhltnisse zu dem
fremden nicht berschtzt. Angelika war von einer Mutter erzogen, welche diese
Eigenschaften in hohem Grade besa und welche es verstand, ihren Gutsinsassen
eine hlfreiche Herrin zu sein, wie sie ihren Kindern eine treffliche Mutter
war. So hatte Angelika es frh gelernt, fr Andere zu sorgen, und jetzt, da sich
ihr in Richten ein eigener Wirkungskreis erffnete, wie ihn ihre Mutter von je
gehabt hatte, fing sie erst an, sich recht als Hausfrau und als Herrin zu
empfinden.
    Die alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als die Lakaien, welche
der Baron fr die Dauer ihres Aufenthaltes in der Hauptstadt angenommen hatte;
die groen, hellen Sle, die man theilweise in ihrer alterthmlichen Pracht
belassen, die wohlerhaltenen, schweren und geschnitzten Eichenmbeln derselben
waren ihr noch lieber als die Zimmer, welche man modisch erneuert, und sie
sprach es bald nach ihrer Ankunft in Richten zuversichtlich aus, da sie sich
hier nie einsam fhlen knne. Es sei ihr, als lebten alle die verehrten
Vorfahren mit ihr, die hier in ununterbrochener Reihenfolge geschafft und
gewaltet, um ihr den Wohnsitz zu bereiten, auf den sie stolz sei und den fr die
Zukunft zu erhalten und zu schmcken ihr wie ein Priesterdienst erscheine. Sie
besa jenen lebendigen, historischen Sinn, der eine groe Sttze fr den
Menschen, und den ererbter Besitz in bevorzugten Naturen zu entwickeln geeignet
ist.
    Es verging daher nur kurze Zeit, bis sie die Lebensverhltnisse der Leute
kannte, welche ihr dienten, bis sie wute, was geschehen msse, sie zufrieden zu
stellen, und was im weiteren Kreise in der Herrschaft ihres Mannes fr das Wohl
ihrer Bewohner noch zu leisten und zu schaffen sei. Es war das nicht Folge
neugieriger, gewaltsamer Fragen, nicht absichtliches Erforschen. Weil sie
theilnehmend war, kam ihr berall das Vertrauen entgegen, und der Caplan stand
ihr mit Rath und Aufschlu berall zur Seite. Die ersten Tage in Richten flogen
ihr auf solche Weise wie Stunden schnell dahin, und das schne Frhlingswetter
erhhte ihr Behagen.
    Der Baron, der es seit dem Tode seiner Mutter entbehrt hatte, eine Hausfrau
im Schlosse walten zu sehen, hatte Freude an der stillen Thtigkeit seiner
jungen Gattin, ja, er gestand ihr, da sie hier erst recht an ihrem Platze sei,
da sie ihm nie zuvor besser gefallen habe, als hier in seinem Schlosse. Er
verlie sie auch wenig, sein Auge folgte ihr berall, aber es kam Angelika
bisweilen vor, als ziehe oft pltzlich ein schwermthiger Ernst durch sein
Gesicht, wenn er sie betrachte, als sei es nicht nur seine Liebe fr sie, welche
ihn in ihrer Nhe festhalte, sondern als bewache er sie und die Personen, welche
sie bedienten, mit einer ihr unerklrlichen Achtsamkeit. Sie neckte ihn damit,
er lie es gelten; indessen von Tag zu Tag fiel es der Baronin mehr und mehr
auf, da in dem Betragen ihres Mannes auch hier in Richten ein fortdauernder
Wechsel herrschte, da er oft sehr reizbar, oft noch schwermthiger war, als in
der Stadt, ja, da er recht eigentlich launenhaft geworden und eine Unruhe ber
ihn gekommen sei, welche sie frher nicht an ihm wahrgenommen hatte.
    Er machte im Hause Anordnungen, fr welche sich kein Grund absehen lie. Er
fand die ganze Eintheilung der Zimmer, welche er vor seiner Verheirathung selbst
veranlat hatte, unzweckmig. Bald wurde Dieses gendert, bald Jenes, und man
war noch nicht vierzehn Tage im Schlosse, als der Baron seine nach der Terrasse
und dem Flusse hinaussehenden Gemcher ein fr alle Mal verlie und ein paar
andere Zimmer fr sich auswhlte, welche nach der entgegengesetzten Seite
gelegen waren.
    Jede Frage, welche Angelika in diesem Betrachte an ihn richtete,
verschlimmerte seine Stimmung, so da sie sich in ihrer Sorge an den Caplan
wendete, um von seiner Erfahrung sich Rath zu erholen. Der aber schob die
Vernderung, welche mit dem Freiherrn vorgegangen sei, leichthin auf eine
Hypochondrie, mit der man Nachsicht haben msse, und ersuchte die Baronin, es
ihren Gatten nicht merken zu lassen, da man seine gesteigerte Reizbarkeit und
seine Unruhe bemerke und beobachte. Geduld und Zeit wrden Alles wieder heilen.
    Angelika lie sich die Trostgrnde des Caplans gefallen, und der treue,
herzenskundige Mann wute sie so vielfach zu beschftigen, so zuversichtlich auf
bessere Tage hinzuweisen, da seine Nhe ihr mehr und mehr zum Bedrfni wurde.
Auch der Freiherr schien die Gesellschaft seines alten Freundes jetzt in Richten
nicht entbehren zu knnen. War er allein in seinem Zimmer, so forderte er fast
immer die Anwesenheit des Caplans, und selbst wenn er sich bei der Baronin
befand, zog er ihn meistens als Dritten hinzu.
    Seine Lust an Geselligkeit, an Zerstreuungen schien er in der Residenz
vllig gesttigt zu haben, denn er verlie das Schlo sehr selten, und selbst
die nothwendigen Besuche in der Nachbarschaft, von denen hufig die Rede war,
wurden immer noch hinausgeschoben. Der Baronin fiel es nicht auf, wie einsam und
still man in dem sonst so gastlichen Schlosse lebte. Sie war hingenommen von den
neuen Verhltnissen, in denen sie sich bewegte, von der Sorge um ihren Gatten,
von der Hoffnung auf ihr Kind, und der Verkehr mit den beiden Mnnern gab ihrem
Herzen und ihrem Geiste reiche Nahrung aller Art.
    Es waren bald literarische, bald knstlerische Gegenstnde, welche die
Unterhaltung bildeten, aber vor Allem liebte der Freiherr es jetzt, die groen
Grundstze der sittlichen Weltordnung in den Bereich des Gesprches zu ziehen.
Ethische und dogmatische Fragen, die angeborne Sndhaftigkeit des Menschen und
die Nothwendigkeit seiner sittlichen Erhebung lagen ihm offenbar sehr am Herzen,
whrend der Gedanke an den Tod, an die Unsterblichkeit und an die Art der
Fortdauer, welche dem Menschen gegeben sei, ihn jetzt nicht minder lebhaft als
in Berlin, wennschon in weniger phantastischer Weise beschftigte. Aber auch das
Nchstliegende wurde erwogen. Angelika und der Caplan fanden nach solchen
Gesprchen den Gutsherrn meist geneigt, Verbesserungen in der Lage seiner Leute
zu bewilligen und manchen vorhandenen Mistnden Abhlfe zu bereiten.
    Es war seit Monaten festgesetzt worden, da die grfliche Familie von Berka
zu dem Osterfeste, das diesmal spt im Jahre fiel, ihren ersten Besuch bei der
Tochter machen sollte, und man fing bei Zeiten an, sich darauf vorzubereiten.
Der Baron, dessen Stimmung sich nicht bessern wollte, lie seiner Gattin in
allen ihren Vorkehrungen freie Hand, ja, er willigte endlich sogar darein, die
lange verschobenen Antrittsbesuche zu machen, damit es seinen Schwiegereltern
bei ihrer Anwesenheit nicht an Gesellschaft fehlen mge. Inde er lie sich zu
allen diesen Dingen nur bestimmen, er hatte, wie es schien, fr den Augenblick
alle Lust und Kraft zu irgend welchem selbststndigen Entschlusse verloren. Wo
aber der Hausherr krank, wo das Oberhaupt der Familie selbst der Schonung
bedrftig ist, mu die Hausfrau nothwendig an seine Stelle treten, und Angelika
fand sich unter des Caplans Beistand schnell und leicht in diese Pflicht.
    Je nher die Ankunft der Ihrigen herankam, um so freudiger sah sie ihr
entgegen. Sie wnschte, vor ihrer Familie Ehre mit den Besitzungen ihres Mannes
einzulegen, als deren Theilnehmerin sie sich jetzt fhlte, und sie hatte eben
die lange Reihe der Zimmer mit Wohlgefallen an ihnen durchschritten, als sie
sich zu ihrem Manne begab, um ihn zu einer gleichen Besichtigung aufzufordern.
Bei dem Freiherrn eintretend, fand sie ihn aber mit dem Caplan in einem
Gesprche, das pltzlich abgebrochen wurde. Der Caplan steckte einen Brief in
seine Tasche, der Baron wendete sich flchtig ab, Jener verlie das Zimmer, und
voll Bestrzung fragte Angelika, ob etwas Unangenehmes gemeldet, etwas Schlimmes
vorgefallen sei?
    Der Freiherr versicherte, da dies nicht der Fall sei; sie ersuchte ihn, ihr
zu sagen, wovon er eben jetzt mit dem Caplan gesprochen habe, und dies zu thun,
schlug er ihr ab. Weil sie aber grade heiter und guten Muthes war, wollte sie
ihren Willen durchsetzen. Sie bat, sie schmeichelte, sie umarmte ihren Mann, es
half ihr nicht, und wie man denn, eben wenn man in guter Laune ist, eine
abschlgige Antwort oft um so schwerer fhlt, rief sie pltzlich betrbt und
gegen ihre Gewohnheit heftig werdend, die Worte aus: Es ist aber wirklich, als
sollte ich mich nie mehr recht von Herzen freuen!
    Ihr Ton, ihre Mienen waren noch bezeichnender fr ihre Traurigkeit, als ihre
Worte. Der Freiherr wurde davon gerhrt. Er ging an sie heran, nahm ihre beiden
Hnde, sah ihr lange und prfend in die Augen, und fragte dann mit einem
Ausdruck ernster Trauer: Siehst Du wohl, da Deine Ahnung Dich nicht betrogen,
da Dein erstes Empfinden bei dem Begegnen mit mir Dich nicht getuscht hat?
    Sie war auf solche Frage nicht vorbereitet, und dieselbe fand sie daher
fassungslos. Was mute seither in dem Herzen des Freiherrn vorgegangen sein, da
er diese Frage an sie richten konnte? Sie htte ihm mit einem Worte sagen mgen,
was sie fhlte, aber das war mit einem Worte nicht auszusprechen. Hatte er denn
nicht gesehen, wie sie ihn liebte, nicht gemerkt, wie sie sich um ihn sorgte?
Beachtete er denn nur ihr ueres Thun? Der Gedanke, da er vielleicht seit
langer Zeit zum ersten Male an ihr Empfinden denke, berwltigte sie, und
verstummend lehnte sie den Kopf an seine Brust.
    Er zog sie an sich und kte ihre Stirne. Armes Weib! sagte er, ja! Du
httest ein heiteres Loos, einen anderen Mann verdient!
    Angelika erschrak vor dieser Gedankenfolge des Barons, und beide Arme um
seinen Hals schlingend, rief sie: Franz! Um Gotteswillen, das sage, das denke
nicht! Was fehlt mir denn, als nur Dich wieder heiter zu sehen? Was peinigt mich
denn, als die Sorge, Dich von einem Kummer beherrscht zu wissen, den Du mich
nicht theilen lt? Ich sehe, da Dich etwas drckt, da Du mir etwas verbirgst,
da auf Deinem Leben etwas lastet, und ich darf Niemanden fragen, was es ist, da
Du es mir verschweigst. Oft ist es mir, als wisse es ein Jeder auer mir, als
knne, als msse ich es erfahren, es ablesen knnen von diesen Wnden, es
geschrieben finden in den Mienen derer, die mir nahen, und ich verzage dann an
mir selbst, an meinem Herzen, an meinem Verstande, an meiner Liebe zu Dir; denn
ich meine, die Liebe msse mich seherisch machen - aber es ist Alles umsonst! Du
bist und bleibst unglcklich, seit wir hier sind, und ich ahne nicht, wodurch!
    Die Thrnen traten ihr in die Augen, der Baron sah finster aus und war sehr
bleich geworden. Kaum bemerkte sie das, so fielen ihr die Rathschlge des
Caplans ein. Sie nahm sich zusammen, warf scherzend den Kopf zurck, zerdrckte
die Thrnen in ihren Augen und sagte mit lchelndem Munde: Aber wie komme ich
mir denn vor? Ich wollte Dir erzhlen, wie glcklich und wie stolz ich bin, die
Eltern bermorgen hier in unserem Schlosse zu empfangen, und ich weine, weil Du
es mir verweigerst, mir einen Brief zu zeigen, der mich sicherlich nichts
angeht. Vergieb mir, geliebter Mann, und sei wieder gut!
    Sie reichte ihm ihren Mund zum Kusse, er drckte ihr ernst die Hand. Armes
Weib, wiederholte er, Du duldest, was Du nicht verschuldet hast, und wir
sprechen von einer himmlischen Gerechtigkeit!
    Er wendete sich von ihr und entfernte sich schnell. Rathlos blickte sie ihm
nach. Die Ahnung, da irgend eine schwere Verschuldung das Gewissen ihres Mannes
belaste, regte sich wieder in ihr. Aber was konnte es sein? Was war geschehen?
Wann war es geschehen?
    Sie wollte ihm nacheilen, ihn auf ihren Knieen beschwren, ihr zu vertrauen.
Jung, wie sie war, fhlte sie die Kraft, Alles mit dem Manne zu tragen, den sie
liebte; inde die Gewohnheit der Achtung hielt sie ab, ihrem Gatten
auszusprechen, da sie ihm ein Schuldbewutsein zuerkenne, und selbst dem Caplan
wagte sie nicht zu entdecken, was sie beschftigte und bekmmerte.
    Die Nacht verging ihr ohne Ruhe, und da die Jugend vor langen,
unausgesetzten Qualen zurckschreckt, fing sie am andern Morgen wieder an, die
Gedanken auf die Ankunft der Ihrigen hinzuwenden. Das erschlo ihr das Herz. Sie
suchte Grnde hervor, sich zu beweisen, da sie zu schwarz gesehen habe, sie
wollte selbst ihre Sorgen verscheuchen, um den Ihrigen ein heiteres Angesicht zu
zeigen.
    Am Mittage, als es warm und schn war, trat die Baronin aus dem groen Saale
des Erdgeschosses auf die Terrasse hinaus und blieb eine Weile unter der Thre
stehen, sich des Anblicks zu erfreuen. Leer und weit, wie die Terrasse ohne den
Schmuck der Orangenbume sich ausnahm, hatte sie in ihrer Anlage doch etwas
Groartiges, das auch in solchem Zustande gefallen und imponiren konnte. Die
Hermen mit den Kpfen der griechischen und rmischen Dichter standen feierlich
auf der Hhe und sahen ernsthaft auf den Beschauer hin, aber rund um sie her
waren die Bume noch kahl, und der Blick schweifte, durch die Freiheit in die
Ferne gelockt, bald von den Steingebilden zu dem Lebendigen hinber, das sich in
der Natur zu regen begann.
    Whrend die Baronin die Treppe hinabstieg, hielt sie sich mehrmals damit
auf, die Struche und Bsche zu beiden Seiten derselben zu betrachten, denn
berall frbten die Stengel sich schon rthlich oder grn, berall waren die
Knospen geschwellt, da man meinte, gleich heute msse der warme Sonnenstrahl
sie zum Aufbrechen bringen, gleich heute mten die Bltter sich entfalten und
den ersten wunderbaren Duft des frischen Grns durch die Lfte strmen.
    Unten an der Buchsbaum-Einfassung der sternfrmig sich wie ein Teppich
ausbreitenden Beete schimmerten weie Kpfchen hervor. Die Schneeglckchen
hatten sich in der Frhe herausgemacht, und Angelika bckte sich, die
halberblhten zu brechen, um sie zu schnellerem Erschlieen in ihre Zimmer
mitzunehmen, und sie dann ihrem Gatten zu bringen, wie sie seit ihrer ersten
Kindheit alljhrlich den kleinen Strau von Schneeglckchen der Mutter als
Liebesgabe, als erstes Zeichen des Frhlings zu bringen gewohnt gewesen war. Das
bewegte ihr im Innersten das Herz, das ohnehin von all dem quellenden Werden um
sie her bei dem Gedanken an das junge Leben, das sie ihrem Manne nun bald selbst
als Erstlingsgabe ihrer Ehe in die Arme legen werde, in schnelleren Schlgen
pochte. Ihre ganze Seele war ein Gebet. Sie war voll Dank gegen den Schpfer,
der ihr Lebensloos bestimmt und geleitet, voll Liebe fr die Eltern, voll Sorge
und Zrtlichkeit fr ihren Gatten und voll der seligsten Freude bei der Hoffnung
auf ihr Kind.
    Alles, was sie umgab, hatte jetzt dreifachen Werth fr sie, Alles, was sie
liebte, ward in ihrem Geiste neben einander nur noch enger verbunden durch das
ersehnte Kind. Sie sah es schon wachsen und gedeihen und spielen auf diesen
Pltzen, unter dem Schatten der Bume, der hier Geschlecht nach Geschlecht
beschirmt; es dnkte ihr unmglich, da der Sinn des Vaters sich nicht an seinem
Kinde erheitern sollte. Hoffnung und Zuversicht reichten sich in ihrem Herzen
die Hand, da die Freude ihre Schritte beflgelte und sie weiter und weiter am
Ufer des Flusses vorwrts ging, mit sich selbst beschftigt und doch fortgelockt
von jedem neuen Anreize, den der Frhling darbot.
    Hart am Wasser, wo das dichte Gebsch den Sonnenstrahlen wehrte, lag am
Rande noch eine leichte Eisschicht als Zeichen, da die Nacht noch kalt gewesen
sei. Bedchtige Dohlen hpften prfend darber hin, wendeten die Kpfe mit den
klugen Augen vorsichtig nach allen Seiten, tranken krftig schluckend ein wenig,
und schwangen sich dann in die Hhe, um bald darauf an anderer Stelle
niederzufallen und das gleiche Treiben zu wiederholen. Aber mitten in dem
befreiten Wasser, da, wo die Sonne es erwrmte und vergoldete, schossen schon
pfeilschnell die kleinen Fische aus der Tiefe herauf, sich zu sonnen und der
neuen Wrme zu genieen, whrend die neuangekommenen Schwalben mit schnellem
Flgelschlage sich bis tief auf die Fluth herabsinken lieen und im Streifzuge
ber das Wasser wieder die erste Jagd versuchten.
    Angelika sah dem Naturleben lange sinnend zu. Mit einem Male schien es ihr,
als hinge an der Wurzel einer Weide, die sich weithin in das Wasser erstreckte,
etwas, das sich hin und her bewegte, ohne doch von der Stelle zu kommen. Sie
betrachtete es genauer, es dnkte sie ein Stck Zeug zu sein, das sich von dem
Wasser aufblhte, und bald kam es ihr vor, als she sie unter der Hlle und
unter dem Wasser die Formen einer menschlichen Gestalt. Sie ging erschrocken
vorwrts nach der Brcke, wo der Grtner beschftigt war, und machte ihn
aufmerksam. Er blickte hin, erschrak gleichfalls, und sagte, es werde wohl
irgend ein alter Lumpen sein, den man, Gott wei wo, in das Wasser geworfen und
den der aufgehende Strom bis hierher mit sich gefhrt habe. Dabei versuchte er
aber, indem er sich nach der anderen Seite wendete, die Baronin zum Mitgehen und
zum Verlassen des Platzes zu bewegen; inde diese lie sich so leicht nicht
bestimmen, wo sie ihrem Auge trauen zu knnen glaubte. Sie hie den Grtner, ihr
zu folgen; es waren inzwischen auch ein paar der Frauen, welche die Wege fr die
erwartete Ankunft der Gste reinigten und harkten, bis an das Ufer angelangt,
und als die Baronin mit dem Grtner zum zweiten Male die Stelle am Flusse
erreichte, hatten schon die Frauen sich hinabgebckt, und zogen mhsam den
Leichnam eines Weibes aus dem Wasser, der kaum noch menschliche Zge verrieth.
    Um Gottes willen, gndige Frau Baronin, kommen Sie fort von hier, das ist
nichts fr Sie! rief der Grtner dringend.
    Aber Angelika, obschon sie vor Entsetzen schauderte, meinte sich berwinden
zu mssen.
    Ist hier denn Jemand ertrunken? fragte sie.
    Der Grtner verneinte es. Wer wei, von wo die Leiche herabgekommen ist!
sagte er, und auch die Frauen schwiegen vorsichtig. Aber ein kleines Mdchen,
die Tochter eines Gartenarbeiters, das von der anderen Seite neugierig
herbeigelaufen war, als es den ungewhnlichen Vorgang bemerkte, sagte ganz
verwundert: Kennt Er denn die Pauline nicht mehr, Herr Weihold? Das ist ja die
Pauline aus Rothenfeld, die sich ins Wasser gestrzt hat, den Morgen, wie der
Herr Baron zur Hochzeit gefahren ist!
    Unsinn, Unsinn! rief der Grtner und schob das Kind mit heftigem Stoe auf
die Seite.
    Aber die Baronin, welche keine Sylbe von den Worten der Kleinen verloren
hatte, hielt sie zurck, und bleich, mit erstarrenden Zgen fragte sie: Aus
Rothenfeld ist diese Todte?
    Ja wohl, aus dem Hause, das jetzt eingerissen wird, versetzte das Kind mit
aller Bestimmtheit, welche Kinder in ihre Rede zu legen wissen, wenn man
dieselbe bezweifelt. Ja wohl, es ist die Mamsell aus Rothenfeld.
    Und Pauline heit sie? wiederholte die Baronin, aber es waren die letzten
Worte, welche sie sagen konnte. Sie griff mit der Hand nach dem Grtner, als
suche sie eine Sttze, und sank ohne Laut besinnungslos zusammen.
    Man trug die Ohnmchtige in das Schlo; der Schrecken, die Aufregung waren
allgemein. In wenigen Minuten wute die ganze Dienerschaft, was vorgegangen war.
Die Sorge um die junge Herrin, das Mitleid mit ihr lieen sich vernehmen, wo
zwei Menschen beisammenstanden. Ein reitender Bote ward zum Arzte in die nchste
Stadt geschickt, man spannte den Wagen an, der jenem folgen sollte. Die
Kammerfrau und der Caplan waren um die Leidende beschftigt, der Baron stand,
ein Bild der Vernichtung, an ihrem Lager.
    Es whrte lange, ehe ein leiser Seufzer den Gengstigten verrieth, da
Angelika dem Leben wiedergegeben sei. Als sie erwachte, fielen ihre ersten
Blicke auf den Baron. Er hatte sich zu ihr geneigt und kte, niederknieend,
leise ihre Hnde. Sie wehrte es ihm nicht, aber ihr Auge ruhte mit einem
Ausdruck der Trauer auf ihm, der ihm das Herz durchbohrte. Er wagte kaum zu
fragen, wie sie sich fhle, denn ihre Klage wre eine Anklage fr ihn gewesen,
und gleichsam um sie zu beruhigen, sagte er ihr, da nach dem Arzte gesendet sei
und da er sicher nicht auf sich warten lassen werde.
    Sie bewegte leise verneinend das Haupt: Ich bedarf des Arztes nicht,
entgegnete sie. Das ist der Arzt, den wir brauchen, und er wird uns nicht
verlassen! - Sie reichte dabei dem Caplan die Hand, er legte sie in die ihres
Gatten, so blieben sie eine Weile schweigend beisammen. Es war ein
Unabnderliches geschehen, man mute versuchen, zu sich selber zu kommen, und
die Baronin war es, welche sich zuerst ermannte. Sie hatte kein Urtheil ber die
Zeit, welche seit ihrer Ohnmacht verflossen war, und fragte danach. Man sagte
ihr, da es Mittag sei.
    Morgen um diese Stunde werden sie kommen! meinte sie, ihrer Eltern
gedenkend. Dann richtete sie sich auf und verlangte, sich zu erheben. Der Baron
wnschte sie davon zurck zu halten, auch der Caplan und ihre Kammerfrau machten
Einwendungen, sie wollte nicht darauf hren.
    Ich mu wohl sein, wenn meine Eltern kommen, sagte sie, und ich habe auch
keine Schmerzen. Lat nicht mehr davon die Rede sein; aber ich habe Ruhe nthig,
ich mchte allein bleiben fr einige Stunden.
    Man fgte sich ihrem Wunsche. Als der Caplan und ihre Kammerfrau sich
entfernt hatten, trat der Baron an sie heran, um ihr die Hand zu geben und ihr
zuzusprechen, ehe er sie verlie; aber sie nahm die dargebotene Hand nicht an.
    Es hat keinen Segen gebracht, sagte sie, da wir uns die Hnde reichten, und
wenn es wieder geschieht, so mu es in einem anderen Sinne und in einem anderen
Geiste sein. Auf dem alten Wege kann ich nicht weiter gehen ....
    Hre mich, Angelika, bat der Baron.
    Nein, jetzt nicht! versetzte sie mit groer Festigkeit. Ueberlege auch Du,
was uns beiden frommt. Ich hatte mir geschworen, mich ganz und berall Deiner
Fhrung zu berlassen, als ich Dir Treue gelobte. Den ersten Eid kann ich nicht
mehr halten, den zweiten werde ich halten, und Gott wird mir helfen und mir
sagen, auf welche Weise ich es thun, auf welche Weise ich Dir meine Treue
bezeugen soll. La mich mit mir und meinem Gott allein! -
    Der Baron blieb vor ihr stehen; es berkam ihn die Ahnung, da in dieser
jungen Frau eine Strke des Willens und des Charakters verborgen liege, die er
nicht in ihr vermuthet hatte, und in die widersprechenden Gefhle, die ihn
erschtterten, in das Entsetzen, welches das Auftauchen der Leiche in ihm
hervorgerufen, in den Schmerz und in die Sorge, welche die Ohnmacht seiner
Gattin ihm verursacht hatte, in das Bangen vor der Zukunft seiner Ehe, in das
Widerstreben endlich, mit dem er in diesem Augenblicke an das Eintreffen der
grflichen Familie gedachte, mischten sich eine Scheu und ein Widerwille gegen
die Herrschaft, welche Angelika ber ihn erlangen zu wollen schien.
    Bedenke, was Du thust, sagte er nachdrcklich; bedenke, da Verzeihen und
Trsten die schnsten Vorrechte des Weibes sind, und da man Geschehenes zum
Guten wenden mu, da es unmglich ist, es ungeschehen zu machen! Hilf mir in dem
Zwiespalt, der mich bedrngt, und es wird mich glcklich machen, es Dir zu
danken!
    Er war bewegt, als er das aussprach; in Angelika's Mienen regte sich kein
Zug. Ja, Gott gebe, da ich uns helfen kann, so Dir wie mir, sagte sie seufzend,
ihre Augen mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit auf ihn gerichtet, aber keine
Thrne milderte ihren Ernst. Das peinigte den Baron. Er versuchte, sie zum
Sprechen zu bringen, ihr Erklrungen zu geben - es war umsonst, sie wollte ihn
nicht hren, ehe sie sich gesammelt hatte, und er mute endlich darein willigen,
von ihr zu gehen, so ungern er sie sich selber berlie. Er frchtete Angelika,
das konnte er sich nicht verbergen, und eine Frau, welche er auch nur einen
Augenblick gefrchtet hat, die liebt ein Mann wie der Baron nicht mehr.
    Als Angelika sich allein in ihrem Zimmer fand, rang sich ein Aufschrei der
Verzweiflung und des Jammers aus ihrer Brust hervor. Sie htte beten mgen, aber
sie vermochte es nicht. Das Herz in der Brust war ihr wie gelhmt. Sie hing an
dem Baron strker, leidenschaftlicher, als es ihr gegeben war, dies uern zu
knnen. Sie war sein Weib geworden in der reinsten Hingebung, mit dem Gefhle
des Glckes, und er hatte sie an sein Herz geschlossen, einer Anderen,
Paulinen's gedenkend, die eben in jenem Augenblicke, der Heirath des Barons
fluchend, sich den Tod gegeben hatte!
    Diese Vorstellung erdrckte die Baronin. Sie fhlte sich entwrdigt und
mihandelt, ihre Ehe wurde ihr dem eigenen Gatten gegenber zu einer Schmach.
Der Baron, zu dem sie einst mit verehrendem Vertrauen emporgesehen hatte, stand
als ein Schuldbeladener vor ihr, und wie ihr Herz sie auch drngte und mahnte,
sich dem Vater ihres Kindes zuzuwenden, wie es sie auch zog, Hlfe gegen all das
Elend bei ihm selbst zu suchen, ein unberwindliches Entsetzen hielt sie davon
zurck. Wohin sie das Auge richtete, woran sie auch dachte, Paulinen's Schatten
stieg berall vor ihr empor. Jetzt begriff sie es, warum der Baron die Zimmer
gewechselt hatte, warum er es nicht hatte ertragen knnen, auf den Flu hinab zu
schauen. Bangte es doch ihr selbst am hellen Tage in ihrem eigenen Zimmer, da
sie nicht wagte, an das Fenster zu treten, aus Furcht, zu sehen, was sie nicht
glaubte ertragen zu knnen. Das Alleinsein ngstigte sie, aber sie konnte sich
nicht entschlieen, ihre Bedienung zurck zu rufen. Es wute ja ein Jeder, was
in diesem Hause vorgegangen, und auf welche Weise, ber wessen Leiche sie als
Herrin in dasselbe eingezogen war.
    Beten, beten! rief sie immerfort, inde das Gebet wollte ihrem Herzen nicht
entstrmen, sie vermochte ihren Geist nicht aus seiner Niedergeschlagenheit zu
erheben. Sie kam sich selbst als eine schwere Snderin vor, und doch wollte sie
beten, nicht nur fr sich, sondern auch fr ihren Gatten und die Todte. Sie
fhlte, als habe sie eine ihr unerreichbare Hhe zu erklimmen, sie sehnte sich
nach einer hlfreichen Hand, sie empor zu fhren, ihr das Thor des Himmels zu
ffnen, in den sie ihre Gebete zu schicken wnschte; da fiel ihr Auge auf
Amanda's Betring, den sie am Finger trug, und wie ein Labsal ertnten die Worte:
Mein Freund in der Noth, der Stab, der mich hielt, da ich schwankte, die
Sttze, an der ich mich erhob, das Licht, dessen Leuchten mir die lange Nacht
erhellen wird! in ihrem Herzen pltzlich wieder.
    Du sollst mein Beispiel sein; Du Heilige und Reine! rief sie aus.
Selbstberwindung und Entsagung! das ist's. - Sie sank auf ihre Kniee nieder,
und ein heies Gebet um Hlfe und Erlsung befreite ihr das Herz.
    Sie blieb lange allein in ihrem Zimmer. Als sie dann aus demselben
hervorkam, begab sie sich graden Weges zu dem Baron. Er ging ihr schweren
Herzens entgegen, weil er nicht wute, was er von ihr zu erwarten habe, und weil
er Mitleid mit ihr fhlte. Auf seine Frage nach ihrem Ergehen sagte sie: Trage
keine Sorge um mich, es ist mir besser, als in den Tagen angstvoller
Ungewiheit. Ich wei jetzt, was mein Beruf ist, und so gewi als ich Dich
liebe, ich werde trachten, ihn nach besten Krften zu erfllen.
    Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen ihres Versprechens; und da sie nicht
weniger gerhrt war, als er selbst, schlo er sie in seine Arme. Sie wehrte ihm
das nicht, ja, es wollte ihn bednken, als sei ihre Hingebung weicher und freier
als seit langer Zeit. Er leitete sie zu einem Sessel und knieete an ihrer Seite
nieder, sie sanft umfassend. Sie legte ihre Hnde auf seine Schultern, und da
sie in sein ernstes Antlitz, in seine Augen blickte, die so fragend und
schmerzlich auf sie gerichtet waren, fing sie noch einmal zu weinen an.
    Siehst Du es wohl, da Du ein besseres Loos, einen andern Mann verdient
httest, als eben mich? wiederholte er in der Erinnerung an ihr gestriges
Gesprch.
    Sie schttelte leise das Haupt. Mir fehlte nichts als Dein Vertrauen, Dein
volles, ganzes Vertrauen! betheuerte sie. O! wenn Du es gewut httest, wie
bitter es mir oftmals ankam, mich als eine Fremde in Deinem Leben zu fhlen,
whrend ich doch Dein Weib war! Wenn Du ahnen knntest - - Sie brach pltzlich
ab und fragte leise: Wer war die Todte? wer war sie? das mu ich wissen.
    Es kam dem Freiherrn hart an, das erste Wort zu sprechen, aber da er es
gethan hatte, erleichterte es ihm das Herz. Er erzhlte ihr Alles, Alles, was er
einst dem geistlichen Freunde gestanden hatte. Angelika hrte schweigend zu. Die
Dmmerung brach allmhlig herein, des Freiherrn Mittheilungen wurden dadurch
begnstigt. Er konnte nicht sehen, welche Wirkung sie auf seine Gattin bten.
Mit lebhaften Worten schilderte er ihr den Zustand, den Zwiespalt, in welchem er
sich in den Tagen vor seiner Hochzeit befunden hatte.
    Was ich in jenen Augenblicken auch an Dir verschuldet, wie sehr meine
Verirrung Dich auch gepeinigt haben mag, sagte er, mein Leiden war noch
unertrglicher. Ich konnte meine Gedanken nicht sondern, ich war, ein
Verzweifelnder, umhergerissen zwischen den widersprechendsten Empfindungen. Wenn
ich Dich sah, in Deiner Liebe, in Deiner Unschuld und in Deinem Vertrauen, so
rief es in mir: Du bist ein Mrder und verdienst sie nicht! Wenn der Schmerz um
Pauline mir das Herz vergiftete, so lockte es mich in Deine Nhe, und ich
dachte: ihre Liebe wird dich erlsen, bei ihr wohnt Friede, bei ihr werde ich
vergessen, an ihr werde ich shnen, was ich dort verschuldet habe. Ich war
meiner selbst nicht mchtig! Nur da ich unglcklich war und da ich Dich
glcklich zu machen wnschte, das stand fest in mir. - Da, an dem Abende vor
unserer Hochzeit, als man im grauen Saale den Kaffee eingenommen hatte, kam man
auf die krperliche Erscheinung der Verstorbenen zu sprechen. Man wute nicht,
was man mir that, als man meine Ansicht darber zu hren verlangte. Ich
vermochte mich nicht zu berwinden, nicht auf die Scherze Deines Bruders
einzugehen, als er mich neckend anrief, aber unwillkrlich sah ich nach der
Stelle, auf die er zeigte, und als man die Thre ffnete, als das Licht in den
Saal einstrmte, da sah ich unwiderleglich und vllig klar Pauline auf dem
Hintergrunde dieses Lichtes vor mir, das Auge finster und klagend auf mich
gerichtet.
    Er hielt inne, und mit leisem, melancholischem Tone fuhr er nach lngerem
Schweigen fort: So habe ich sie gesehen, fast alltglich in der Einsamkeit
meiner Zimmer, so hat sie sich oft emporgerichtet zwischen mir und Dir. Nur
unter dem Menschengewhl, nur in der vlligen Zerstreuung war ich sicher vor
ihr. Keine innere Kraft schtzte mich gegen sie. Das war es, was mich in der
Residenz von Dir entfernte, was mich die Gesellschaft als eine Befreiung suchen
lie; das war es, was mich hier bestimmte, die Zimmer zu verlassen, die mich mit
dem Blicke auf den Strom an ihren Untergang erinnerten; das ist es, was mich zur
Verzweiflung bringt. Ich habe sie mehr geliebt, als ich es ahnte und wute; ich
liebe Dich, Angelika, Dich, Du reines, edles Weib! mehr, als Du es ermessen
kannst. Ich kann sie nicht vergessen, Dich nicht entbehren; sie habe ich in den
Tod getrieben, Dein Leben habe ich vergllt! - Ich hatte immer gemeint, einen
starken Geist zu haben, ich habe mich ber mich selbst getuscht. Schwach, wie
ich mich fhle, mchte ich mich im Glauben erheben und shnen und ben; aber
der Glaube versagt sich mir. Was bleibt mir brig? Sage selbst - was bleibt mir
brig?
    Angelika hrte den Ton seiner tiefen, verzweifelnden Verzagtheit, sie sah in
dem letzten Scheine des Dmmerlichtes, der durch die Fenster drang, die
Versunkenheit, in der ihr Gatte das Haupt auf seine Hnde fallen lie, und Alles
vergessend, auer dem Leiden des Mannes, dem sie Treue gelobt fr gute und fr
bse Stunden, rief sie: Dir bleibt die Barmherzigkeit Gottes, die bende und
shnende Reue, und die Liebe! - Ja, die Liebe! wiederholte sie, und schlo ihn
an ihre Brust, die Liebe, die mit Dir leiden und ben und shnen will, was Du
verschuldet hast, um ihretwillen. Komm, richte Dich auf! Ich bin bei Dir, Franz!
ich will bei Dir sein in jedem Augenblicke, und mit Dir beten um Beruhigung und
Frieden, und Gott wird uns helfen. Er hat mir den Weg gezeigt! Nicht umsonst ist
die Mahnung Deiner Schwester an mich erklungen, nicht umsonst ist Amanda's
Angedenken in meine Hand gelegt worden. Ihr Wort hat mich heute aufgerichtet, es
soll uns berall gegenwrtig sein. Wir haben einander! wir haben in dem Caplan
einen treuen Freund und Fhrer, und unser Erlser ist ja auch fr uns gestorben.
In seinem Namen reiche mir aufs Neue Deine Hand, in seinem Namen la uns
vorwrts gehen. Komm, komm, mein Freund! komm, und richte Dich auf!
    Sie schlossen einander in die Arme, der Baron sah zu ihr wie zu einer
Heiligen empor. Er knieete vor ihr nieder, er kte ihre Hnde voll inbrnstigen
Dankes, er gelobte sich ihrer Fhrung fr alle Zukunft an. So innig verbunden
waren sie einander nie gewesen. Angelika erhob sich zuerst. Sie hing sich an
ihres Gatten Arm, und ihn mit sich fortziehend, fhrte sie ihn in das
erleuchtete Nebengemach, in welchem das helle Licht ihnen zu Hlfe kam, die
Aufregung ihrer Herzen allmhlich zu besiegen und sich uerlich in das Geleise
des alltglichen Lebens zurckzufinden, whrend die Feier der verwichenen Stunde
noch in ihrem Herzen nachzitterte.

                                 Elftes Capitel


Am folgenden Morgen, ganz in der Frhe, begrub man Pauline, fern von den anderen
Todten in einer Ecke an der Mauer, auf dem Kirchhofe von Neudorf. Am Vormittage
fuhr der groe Reisewagen der grflich Berka'schen Familie auf den Hof des
freiherrlichen Schlosses.
    Die Baronin weinte vor Freude, als sie die Eltern wiedersah; aber man fand,
da sie wohl aussehe, da sie etwas ber ihre Jahre Ernstes und eine gebietende
Haltung gewonnen habe. Mit groer Genugthuung fhrte sie ihre Eltern in dem
Schlosse, in dem Parke umher, und sie verweilte am Mittage mit ihren Gsten
lange auf der Terrasse, damit den Leuten aus dem Dorfe, wenn sie die Eltern
ihrer Herrschaft sehen wollten, die Zeit und die Gelegenheit dazu nicht fehle.
    Man hatte in dem chinesischen Huschen am oberen Ende der Terrasse ein
Frhstck aufgetragen. Die Diener in ihrer Gala-Livre standen bereit, es umher
zu geben, whrend die Herrschaften noch auf und nieder gingen. Sie waren schn
anzusehen, die vier hohen, stolzen, heiteren Gestalten. Der Graf und der Baron
in ihren Sammetrcken, die goldbesetzten dreieckigen Hte auf den wohlfrisirten
Kpfen, die feinen, blanken Gala-Degen an der Seite; die Baronin an dem Arme der
Mutter so freundlich plaudernd, die Mutter so voll Zrtlichkeit fr ihre
Tochter. Die seidenen Schleppkleider schimmerten in so hellen Farben, die
kleinen Federhte saen so frhlich auf den hochgetragenen Huptern. Sie wuten
die Fcher so schn zu handhaben, da die Flittern in der Sonne glnzten. Es sah
an ihnen Alles anders aus, als an anderen Leuten, und selbst das kleine
Schoohndchen der Baronin und der dicke Mops der Grfin gingen hinter den
Frauen so bedchtig einher, als wren sie eigens dazu angelernt.
    Die Grfin lobte ihre Tochter, da sie die Rcksicht fr die Leute nehme,
ihnen ihre Eltern gleich zu zeigen. Der Graf sagte seinem Schwiegersohne, er
msse seinen Leuten wohl ein guter Herr sein, da sie so begierig wren, seine
Schwiegereltern kennen zu lernen. Es kam allmhlich das halbe Dorf zusammen. Die
Leute standen unten am Parke, nicht weit vom Flusse. Nher lie der Grtner sie
nicht heran.
    Sollt's Einer denken, sagte er zum Kmmerer, wie die gndige Frau hier
gestern erst gelegen hat, und was gestern hier passirt ist!
    Der Kmmerer zuckte die Schultern. Ihre Schuld war's nicht, meinte er; und
was soll sie machen? Es hngt Keiner gern seinen Schandfleck vor die Thre.
    Das ist schon wahr! rief die Grtnersfrau; aber da sie so vergngt aussehen
allesammt, der gndige Herr sowohl als unsere gndige Frau, die doch sonst so
gut ist! Keine ruhige Stunde knnt' ich auf der Welt mehr haben, htt' ich so
etwas auf dem Gewissen!
    Es ist ja kein vornehm Frulein gewesen, sagte der Jger und lachte
spttisch und bitter; 's war ja nur des Jgers Kind! Was macht das solch 'nem
Herrn, und gar der gndigen Frau! Die wird froh sein, da sie die Pauline los
ist. Ob Unsereiner umkommt oder lebt, wen kmmert das?
    Der Grtner hie ihn still sein. Der Jger ging mit einem Fluche davon. Sie
sagten, er habe selber ein Auge auf die Pauline gehabt, ehe der Baron sie
genommen.
    Es kommt Ihnen doch einmal zu Haus und Dach! wandte Einer ein, der des
Jgers Freund war.
    Verbrennt Euch den Mund nicht! warnte drohend der Grtner. Seine Frau aber
meinte, so reich und so vornehm zu sein und Alles vollauf zu haben, ohne da man
seine Finger rhre, das sei doch das wahre Glck.
    Und auch der Graf und seine Frau priesen in ihrem Innern das Loos ihrer
Kinder, wennschon es ihnen als ein ganz natrliches erschien. Der Graf dachte,
da er sich nicht getuscht habe, als er seiner Tochter die Herrschaft in der
Ehe vorausgesagt, die Grfin gestand sich mit Genugthuung, da die Besorgni,
welche sie fr Angelika's Zukunft bei deren Abreise aus der Heimath gehegt
hatte, eine ungegrndete gewesen sei. Die Anhnglichkeit, die Zrtlichkeit der
Eheleute lie nichts zu wnschen brig, der Baron zeigte eine wahre Anbetung fr
seine Frau. Man sah es ihm allerdings noch an, da seine Gesundheit gelitten
hatte, aber er und Angelika versicherten beide, da er sich auf dem Wege
vlliger Genesung befinde, und seine freundliche Zuvorkommenheit, seine
sichtliche Zufriedenheit besttigten die Aussage.
    Man machte und empfing viele Besuche, das alte Leben kehrte nach Schlo
Richten wieder zurck. Da die Baronin sich Abends bisweilen frher als die
Anderen in ihre Zimmer verfgte, da sie am Morgen stets eine Stunde mit dem
Caplan allein blieb, war dabei nicht auffallend. Eine Herrschaft wie Richten
legt ihren Besitzern mancherlei Sorgen und Verpflichtungen auf; das wuten
Angelika's Eltern, und sie freuten sich daran, wie sehr die junge Herrin ihrem
Berufe entsprach, wie ruhig und klar sie aussah, wenn sie von der Arbeit kam,
wie achtungsvoll und vterlich zugleich der Freund des Hauses, der Caplan, der
offenbar ihr Helfer und ihr Beistand war, sich gegen sie bezeigte. Nur Eines
machte die Eltern Angelika's besorgt: es war die Hinneigung zum Katholicismus,
welche man an ihr zu bemerken glaubte. Aber man mochte dies nicht gegen sie
aussprechen, um nicht in ihr wach zu rufen und zum Bewutsein zu bringen, was
man zu verhindern wnschte, und Graf und Grfin Berka verlieen nach einem
vierzehntgigen Besuche ihre Tochter mit dem festen Glauben, da das Glck
derselben ein wohlbegrndetes sei und auch ein dauerndes zu bleiben verspreche.
    Der Baron begleitete seine Schwiegereltern zu Pferde bis an die Grenze
seiner Besitzungen. Es war seit langer Zeit das erste Mal, da er ein Pferd
bestieg. Angelika stand in ihrem Zimmer am Fenster und sah ihnen nach; der
Caplan war bei ihr. Als der letzte Wagen um die Ecke gebogen war, wendete sie
sich zu dem Geistlichen in das Zimmer zurck.
    Das ist vollbracht, sagte sie, nun helfen Sie mir weiter! Sie setzte sich
dabei nieder, als wenn sie mde, sehr mde sei.
    Gott hat bis hieher geholfen, Gott wird weiter helfen! ermuthigte der
Caplan.
    Ja, das hat er und das wird er! rief die Baronin. Und ernte ich nicht schon
jetzt die Frchte der Selbstberwindung in der Ruhe, die aus meines Gatten
Mienen zu mir spricht? Fhle ich nicht schon jetzt die Befreiung, die mir
geworden ist, seit ich Ihnen mein ganzes Herz enthllte, seit Sie mir klar
gemacht haben, auf welchem Leidenspfade Gott mich suchen gekommen ist, und da
er den zchtigt mit seiner strengen Hand, den er einst zu sich zu rufen und zu
erlsen gedenkt durch seine Gnade?
    Der Caplan hrte ihr ernst und schweigend zu. Es ist ein groes Glck, sagte
er endlich, einen Irrenden auf den rechten Pfad zu leiten. Man nennt dies
Christenpflicht, und sollte es eine Gnade Gottes heien, die uns zu Theil wird.
Ich danke ihm, da er sie mir vergnnt hat. Und nun ich Sie, meine Freundin, auf
dem Wege sehe, der Sie zu Ihrem Ziele fhren wird, nun lassen Sie uns darauf
sinnen, wie wir dem Freiherrn zu der vlligen Beruhigung verhelfen, deren er
benthigt ist. Seine Phantasie ist immer noch erregt, er bedarf der Ableitung
von dem, was ihn gepeinigt hat, er bedarf einer neuen Idee, die ihn beschftigt.
Die Erinnerung an die Unglckliche mu ihm von auen her lebendig vor Augen
gehalten werden, um ihre Schrecken fr seinen Geist zu verlieren. In seiner
inneren Zerrissenheit und Verzagtheit hat er das kleine Haus abbrechen lassen,
welches sie einst bewohnte. Das war nicht wohlgethan. Es htte erhalten, aber
einer anderen Bestimmung gewidmet werden mssen. Man htte dort ....
    Eine Capelle grnden sollen, rief die Baronin, und das mte man noch thun!
Dort eine Capelle zu erbauen, das wrde dem Sinne des Barons entsprechen, wrde
seine Thtigkeit in Anspruch nehmen ....
    Der Caplan unterbrach sie. Sie vergessen, gndige Frau, da die Provinz
nicht mehr zu den katholischen gehrt, da wir uns in einer protestantischen
Provinz, unter einem protestantischen Volke, in ecclesia pressa, befinden. Die
Freiherren von Arten haben sich dehalb, seit die Reformation die Gotteshuser
unserer Kirche hier in der Provinz zerstrte, stets nur mit einer Capelle in
ihrem Schlosse gengen lassen, um keinen Ansto zu erregen.
    Ansto? fragte Angelika, die jung genug war, alle Hindernisse und Bedenken
gering zu schtzen, wo es von ihr auf eine geistige Befriedigung abgesehen war.
Haben die Leute doch ihren Gottesdienst, ihre Kirchen nach ihrer Lehre und nach
ihrem Glauben. Wer kann uns hindern, Gott anzubeten nach unserer Weise und ihm
eine Capelle zu erbauen, in der wir ihm dienen knnen nach unserer Ueberzeugung?
    Wir? fragte der Caplan. Sie sind nicht katholisch, Frau Baronin, und mich
will bednken, als wrden ihre Eltern, als wrden der Herr Graf und die Frau
Grfin einem Wechsel Ihres Glaubensbekenntnisses nicht ruhigen Herzens zuzusehen
vermgen.
    Angelika zgerte zu antworten. Dann sagte sie: Was Sie mir einwenden, ist
richtig, mein verehrter Freund! Meine Mutter und mein Vater haben Andeutungen
gegen mich fallen lassen, die mir, wennschon sehr vorsichtig, ihre Besorgni in
dem Punkte verriethen. Aber die Schicksale der Menschen sind verschieden. Gott
hat meiner Eltern Leben so gefhrt, da sie nicht Gelegenheit hatten, ihre
Unzulnglichkeit und die Schwche unserer Natur kennen zu lernen. Sie hatten ihm
nur zu danken fr seine Huld und Gnade, und ich will hoffen, da er es ihnen so
vergnnen werde, bis er sie einst abruft. Mir ist das nicht zu Theil geworden.
    Sie machte eine Pause, ihre Lippen zitterten leise von unterdrcktem
Schmerze; aber sie berwand sich und fuhr gefat und ruhig also zu sprechen
fort: Gott hat mich einem von mir sehr geliebten Manne zur Gattin gegeben,
dessen Leben nicht frei von Irrthum und von Schuld geblieben, dessen Sinn vom
Glauben zum Aberglauben abgeirrt, dessen Gewissen schwer belastet ist, und der
fast die Kraft verloren hatte zu der Umkehr, die ihm Genesung seines Herzens
bringen soll. Er bedarf meiner, ich mu Eins mit ihm werden auch im Glauben,
denn Mann und Weib sollen Eins sein; und schwach und sndhaft, wie wir Irrenden
es sind, haben wir nach meiner festesten Ueberzeugung eines sichtbaren
Vermittlers, einer sichtbaren Kirche, haben wir der Zeichen und Symbole nthig,
uns tglich daran zu mahnen, was zu thun uns obliegt. Da Sie, Hochwrden, das
tiefste Innere unserer Herzen kennen, Sie, dessen Verschwiegenheit
unverbrchlich ist; Sie, den kein anderes Interesse an uns bindet, als die
Liebe, deren Verknder Sie sind, da Sie uns rathen, uns zurechtweisen, das ist
ein Bedrfni fr uns. Es ist ein Bedrfni fr uns, krperlich und geistig uns
zu demthigen, uns Buen aufzuerlegen, denn das zerknirschte Herz verlangt seine
Strafe, um sich mit dem Bewutsein, gelitten zu haben, weil es leiden machte,
wieder erheben zu knnen. Und da ich wei, durch sichtbare Zeichen wei und es
erfahren habe, wie die edelsten der Frauen unseres Hauses, wie meines Gatten
frh verklrte Schwester und die fromme Tante Esther mir im Geiste nahe, wie sie
meine Frbitterinnen und Helferinnen sind bei dem Werke der Bekehrung, das mir
an mir selbst und an meinem Gatten zu vollziehen obliegt, das ist mein Trost und
meine Hoffnung. Ich ....
    In dem Augenblicke hrte man das Pferd des Freiherrn in dem Hofe. Angelika
trat an das Fenster, grte ihren Gatten freundlich mit der Hand, und sich dann
zu dem Geistlichen wendend, sagte sie schneller, als sie vorhin gesprochen: Ich
gehre zu meinem Manne, ich gehre in dieses Haus. Die Freiherren von Arten sind
katholisch und sollen es bleiben durch alle Zeit, denn der Katholicismus bietet
uns die gttliche, durch den Priester vermittelte Hlfe in unserer
Sndhaftigkeit, in unserem Streben nach Erhebung viel erfalicher und
trstlicher, als ich es bisher gekannt habe. Der Mensch hat des sichtbaren
Helfers nthig, um zu seinem unsichtbaren Helfer und Erlser durchzudringen. In
wenig Tagen hoffe ich mein Glaubensbekenntni in Ihre Hnde ablegen zu knnen
und so Gott will, werden mein Mann und ich vereint in nicht ferner Zeit unsere
Gebete um Vergebung an derselben Stelle zum Himmel emporschicken, an welcher so
Schweres verschuldet und gelitten worden ist.
    Das walte Gott! sagte der Caplan. Angelika knieete vor ihm nieder, er
segnete sie. Die Saat, die er behutsam und liebevoll aus fester Ueberzeugung
ausgestreut, war durch die Gunst der Verhltnisse weit schneller und weit
vollstndiger zur Reife gekommen, als er es hatte hoffen und erwarten knnen. Er
fhlte sich dadurch erhoben, stark und mchtig. Er geno den Lohn fr die
Beschrnkung, in welcher er sein Leben zugebracht hatte, er empfand den Segen
der einst Geliebten, die er in seinem Herzen als Heilige und als seinen
Schutzgeist ehrte, als sein unverlierbares Glck.
    Der Baron fand Angelika noch auf ihren Knieen. Bei seinem Eintritte erhob
sie sich und warf sich an seine Brust.
    Du Theurer! rief sie, ich danke Dir, da Du meinen Eltern so gute, schne,
herzerquickende Stunden in unserem Hause bereitet hast. Und nun wir Eins sind,
nun wir einander ganz und ungetheilt besitzen, nun la uns vorwrts gehen auf
dem Wege, den unser Freund, sie reichte dem Caplan ihre Hand, uns fhren wird.
Er hat es ausgesprochen: Es giebt nichts, was nicht durch thtige Reue zu shnen
wre, nichts, wofr die Kirche aus dem reichen Schatze ihrer Gnade nicht die
Vergebung spenden knne. Wir wollen sie erringen, erringen mit einander, und
....
    Wie verdiene ich Dich? rief der Baron, und schlo sie mit Zrtlichkeit und
Freude an sein Herz. Wie verdiene ich Dich?
    Sehen Sie den Besitz dieses schnen Herzens, sagte der Caplan mit
feierlichem Ernste, als ein Geschenk des Himmels, als ein Pfand der Gnade an,
und berlassen Sie sich ihm, damit Sie und Ihr Haus sich im wahren und im neuen
Sinne auferbauen.
    Das will, das werde ich! betheuerte der Baron, und sein Auge leuchtete
heller, sein Kopf hob sich freier und leichter, als es seit langer Zeit
geschehen war.
    Und nicht nur im Innern wollen wir uns auferbauen, rief Angelika, auch ein
ueres Zeichen unserer inneren Bekehrung, ein Zeichen der Reue, der Bue, der
Vershnung mu errichtet und hingestellt werden fr alle Zeit. Daran hngt mein
Herz, darauf richten sich meine schnsten Hoffnungen. Versprich mir, da Du mir
gewhren willst, was ich von Dir erbitte.
    Sie strahlte in wahrer Begeisterung bei den Worten. Der Freiherr blickte sie
mit Bewunderung an. Sage, was Du begehrst, Geliebte! es soll Alles, Alles
geschehen! sprach er zrtlich und bestimmt,
    Angelika's Mienen wurden ernsthaft, und ruhiger als vorher sagte sie: Du
hast das Haus in Rothenfeld zerstren und niederreien lassen, als Du noch
glaubtest, Dir selbst entfliehen zu knnen. Nun Du einkehrst in Dich selber, nun
wir gemeinsam die Einkehr in das Vaterhaus im Himmel suchen, richte dort in
Rothenfeld eine Capelle auf, in der wir uns erinnern mgen, da der Mensch ein
Snder, und da Gott dem Snder gndig ist. Dort will ich mit Dir knieen, mit
Dir beten, und dort wollen wir einst bei einander ruhen, wenn der Herr uns
abruft!
    Es lag etwas Unwiderstehliches in ihren Worten, in ihrer ganzen Erscheinung,
denn Selbstberwindung und Liebe haben eine verklrende Gewalt. Sie umleuchten
den Menschen wie ein Heiligenschein. Der Freiherr war hingerissen von der
Seelengre, von der Liebe seiner Frau, der Caplan selbst war durch sie gerhrt.
So verschieden die drei Menschen waren, so verschieden sie auch in diesem
Augenblicke empfanden, sie fhlten sich eng verbunden in einer gemeinsamen Idee,
und grade die Hindernisse und Schwierigkeiten, welche der Grndung einer
katholischen Capelle mitten in dem protestantischen Lande im Wege stehen
konnten, reizten den Baron zunchst. Es begann mit diesem Plane ein neues Leben
fr ihn, weil sich ihm mit demselben wenigstens fr einige Zeit eine lebhafte
und vielseitige Thtigkeit darbot.
    Die Bedenken der Behrden, die bittenden Einwendungen seines
protestantischen Pastors regten seine angeborne Herrschsucht auf, und es galt
endlich, vor Allem dem Zorne und der Betrbni seiner Schwiegereltern zu
widerstehen, die von einem Religionswechsel ihrer Tochter nicht reden hren
wollten. Aber alle diese Hindernisse fhrten Mann und Frau nur nher zu einander
und steigerten den Eifer der Neubekehrten. Angelika war eine starke
enthusiastische Natur. Sie wuchs mit jedem Tage mchtiger zur Selbstbestimmung
heran, sie stand bald neben ihrem Gatten, als wre sie ihm gleich an Jahren und
Erfahrung, und ihr fester Sinn fing an, ihn zu beherrschen, ohne da er es
gewahrte, ohne da sie sich dessen klar bewut war.
    In Thtigkeit, in Liebe, in religisen Uebungen kam der Herbst heran, und
mit ihm der Jahrestag ihrer Hochzeit, der von dem Freiherrn und von Angelika zu
einer dreifachen Feier ausersehen war.
    Der Baron hatte die Wochen vor demselben theils in der Hauptstadt, theils in
der Kreisstadt der angrenzenden katholischen Provinz, in welcher der
Frstbischof residirte, zugebracht. Er kehrte mit der frohen Nachricht heim, da
der Bau der Capelle zugestanden sei und da der Frstbischof selbst sich habe
bereit finden lassen, der Weihung des Platzes und der Grundsteinlegung
beizuwohnen. Weil man es wute, wie wenig die Gutsleute dem Capellenbaue geneigt
waren, hatte der Freiherr fr die Einsenkung des Grundsteins einen Maurer mit
seinen Gehlfen aus der Stadt nach Richten beordert.
    Der Freiherr hatte viel zu melden von seinen Mhen und Erlebnissen, der
Caplan wies mit Freude die Documente vor, welche man in das Fundament der
Capelle zu versenken beabsichtigte. Es waren die Geschlechtstafeln der Herren
von Arten und eine Chronik ber das Geschlecht, die er whrend des Sommers
ausgearbeitet hatte. Man beschftigte sich lange damit, Angelika war von ganzer
Seele dabei.
    Und hast Du mir nichts Neues mitzutheilen? fragte er endlich die Baronin,
nachdem die Mnner ihre Angelegenheiten durchgesprochen hatten.
    Nichts als diesen Brief und die Versicherung, da ich ruhig bin in meinem
Gewissen wie in meinem Herzen.
    Sie reichte ihm den Brief; er war von dem Grafen, ihrem Vater, und von ihrer
Mutter geschrieben. Die Mutter beschwor die Tochter noch einmal mit den
dringendsten Bitten und Vorstellungen, nicht abzufallen von dem rechten Glauben.
Was die Mutterliebe Zrtliches, was die religise Ueberzeugung Eifriges und
Flehendes einem Kinde sagen konnten, war in dem Briefe enthalten. Der Graf hatte
nichts als seinen Zorn. Er drohte der Tochter mit vlliger Verstoung, er
erklrte, ihr soweit als mglich ihr Erbe entziehen zu wollen, wenn sie sich
beikommen lasse, sich von dem protestantischen Bekenntnisse abzuwenden. Er wolle
seine Enkel nicht als Pfaffenknechte sehen, schrieb er; er habe das Vermgen
seines Hauses davor zu wahren, da es durch sie nicht etwa einmal ein Raub der
ultramontanen Kirche werde. Er sei ein Protestant, er knne nur eine
Protestantin seine Tochter nennen, die Katholikin sei sein Kind nicht mehr.
    Der Freiherr las das Schreiben und blickte Angelika voll Besorgni an. Er
wute, mit welcher Liebe sie an ihren Eltern gehangen hatte, und war also
bekmmert um den Eindruck, welchen das Schreiben auf sie gemacht haben wrde.
Aber sie lie seiner Sorge keinen Raum.
    Sei ohne Furcht fr mich, sagte sie. Es steht geschrieben, das Weib soll
Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen. Meine Eltern haben mich Dir
gegeben, da ich Dir folge in Deine irdische, vergngliche Heimath, wie sollte
ich anstehen, Dir in die wahre, ewige Heimath zu folgen? Und habe ich nicht
Vater, nicht Mutter mehr auf dieser Welt - ihre Stimme zitterte, in ihren Augen
perlten Thrnen -, so habe ich Dich und habe unsern Heiland, und werde, so Gott
will, auch bald das Kind haben, es zu ihm hinzufhren. Ich bin nicht allein,
nicht verzagt; ich bin glcklicher, als ich je zu werden glauben konnte.

                                Zwlftes Capitel


Am Morgen des Hochzeitstages schien die Herbstsonne hell ber das Thal und ber
Schlo Richten. Es waren viele Gste im Hause. Der Frstbischof war gekommen,
von seinen Vicaren begleitet, und auch die beiden Agnaten des Freiherrn waren
gekommen, der Feier beizuwohnen. Es waren zwei alte, unvermhlte Herren. Das
Geschlecht stand in diesem Augenblicke nur auf sechs Augen, die Geburt eines
Erben wurde sehr ersehnt.
    Angelika war die Heldin des Festes. Liebe, Verehrung, Freundschaft und
Theilnahme umgaben sie, wohin sie blickte. Ganz frh in der Stille ihres
Gemaches hatte sie eine lange Unterredung mit dem Caplan gehabt. Er hatte ihr,
nachdem sie ihm gedankt fr die Belehrung und die Sttze, die er ihr gewhrt,
fr die tragende Freundschaft, die er ihrem Manne bewiesen, einen peinlichen
Auftrag auszurichten. Er sollte ihr die Absichten ihres Gatten in Bezug auf
Paul, den Sohn Paulinen's, mittheilen und ihr die Erfllung der Wnsche des
Barons an das Herz legen. Der Freiherr wnschte den Knaben unter seinen Augen im
Schlosse erziehen, ihn ebenfalls zum Katholicismus bertreten zu lassen, und ihn
der Kirche zu weihen.
    Bereitwillig, wie sich Angelika seither den Bedrfnissen und Verlangnissen
ihres Mannes gezeigt hatte, lehnte sie doch diesen Vorschlag gleich und sehr
entschieden ab. Es drfe, sagte sie, im Hause ihres Gatten nicht ein Zeugni
seines Fehltrittes, ein Zeugni seiner Schuld erhalten bleiben, das in seinen
rechtmigen Kindern die unbedingte Verehrung fr den Vater beeintrchtigen
knne. Sie bat den Caplan, ihren Mann dahin zu bestimmen, da fr des Knaben
Zukunft gewissenhaft gesorgt und seine Erziehung einem bewhrten Manne bergeben
werde; aber sie wies jede Gemeinschaft mit dem Kinde ein fr alle Mal von sich
ab, und der Caplan, der ohnehin ihrer Ansicht gewesen war, versprach ihr, die
Zustimmung des Freiherrn fr ihre Wnsche zu gewinnen, noch ehe man zu der
heiligen Handlung schreiten werde.
    Die Capelle des Schlosses war auf das reichste mit Blumen geschmckt. Die
Decken, welche die verstorbene Mutter und die Schwester des Freiherrn mit
eigener Hand gearbeitet hatten, zierten den Altar. Trotz des hellen Tages
brannten die Kerzen auf den silbernen Leuchtern, als um zehn Uhr der Bischof,
gefolgt von seinen beiden Vicaren, in die Capelle eintrat. Gleich darauf fhrte
der Freiherr seine Gattin herein. Sie war wei gekleidet und trug einen Strau
von weien Rosen vor der Brust. Amanda's Rosenkranz und Crucifix hingen an ihrem
Arme. Sie hatte das Gebetbuch, das ihr zu ihrer Erweckung geholfen hatte, in der
Hand.
    In tiefer Andacht verrichtete sie ihr Gebet. der Caplan, als
Hausgeistlicher, las die Messe, der Frstbischof selbst fungirte bei den
Ceremonien in Bezug auf die Neubekehrte, welche, ernst und bleich, das schnste
Bild einer jungfrulichen Mutter, die geweihte Kerze aus der Hand des Bischofs
empfing. Sie erhielt die Firmung, das Chrisma, die weie Stirnbinde, welche das
heilige Taufl vor der entweihenden Berhrung der Hnde bewahrt, wurde ihr
umgelegt, der Caplan dankte in einer Rede, welche fr den Freiherrn und seine
Frau noch eine besondere, nur ihnen verstndliche Bedeutung hatte, dem Herrn des
Himmels und der Erde fr die Gnade, welche dem freiherrlichen Hause durch die
Bekehrung der Freifrau widerfahren sei, und Angelika's Lippen bebten nur leise,
als sie sich mit einem Eide von ihren bisherigen Glaubensgenossen fr immer
schied.
    Aufgelst in begeisterter Erhebung, empfing sie gemeinsam mit dem Freiherrn
die Absolution und das Abendmahl, und als sie sich so weit gesammelt hatten, um
Herr ber ihre Haltung zu werden, begab man sich nach Rothenfeld, um den
Grundstein zu dem Gotteshause zu legen und einzuweihen.
    Alles war schon am Tage vorher dafr vorbereitet worden. Die Maurer hatten
ihr Werk gethan, der Platz war vom Schlogrtner mit jungen Bumen abgesteckt,
mit Blumen verziert. Aber die Gutsleute und die Bauern hielten sich fern. Sie
sahen, wie der Zug in den vier Wagen durch das Dorf fuhr. Neugierig standen
einige Frauen und die herzu gelaufenen Kinder, und starrten das bischfliche
Kreuz und den Bischof in seinem Ornate und die Vicare und den Caplan und den
Mener und die Chorknaben an, welche hier auf offener Strae die silbernen
Weihrauchfsser schwangen und die lateinischen Gesnge und Gebete ertnen
lieen. Es war Niemandem in den Drfern wohl dabei zu Muthe.
    Der Freiherr und seine Frau und der Caplan kamen den Leuten in der fremden
Umgebung auch wie Fremde vor, und dem Freiherrn selber gefielen an dem Tage die
Blicke nicht, mit denen man an ihm vorberging. Aber er hatte nicht viel Zeit,
daran zu denken; die Anerkennung, welche die geistlichen Herrschaften ihm
zollten, die sichtliche religise Befriedigung Angelika's und die innere
Genugthuung, welche er bei diesem Acte der Selbstherrlichkeit empfand, nahmen
ihn vllig dahin.
    Man speiste nach der Grundsteinlegung in dem groen Saale des Schlosses, der
nur bei besonderen Festen geffnet wurde. Noch whrend der Tafel mute die
Baronin sich erheben. Sie befand sich bel, ihre Stunde war gekommen, ihr
hchster Wunsch erfllte sich frher, als sie geglaubt hatte.
    An demselben Tage, an welchem sie in die Gemeinschaft der katholischen
Kirche aufgenommen ward, an dem sie sich im Glauben ihrem Manne neu verbunden
hatte und der Grundstein zu der Kirche gelegt worden war, gebar sie ihm den
Sohn, den er ersehnt hatte.
    Jetzt ist der letzte Schmerz von mir genommen! rief der Baron am Lager
seiner Gattin niederknieend; jetzt sehe ich, da mir verziehen ist! Ich bin neu
geboren durch Dich und Deine Liebe, ich bin erlst durch Dich! Dieses Kind ist
mir das Pfand dafr - und Renatus Salvator soll er uns heien!
    Noch ehe der Bischof Schlo Richten verlie, ward an dem Neugebornen das
Sacrament der heiligen Taufe vollzogen, und mit stolzer Freude blickte der
Freiherr auf den Sohn, auf den Erben seiner Gter und seines Namens nieder.
    Was konnte ihm neben diesem Kinde, neben dem jungen Freiherrn von
Arten-Richten, neben dem Erstgebornen seiner Angelika jetzt noch der Knabe sein,
der fern von ihm mit fremdem Namen aufwuchs und an dessen Mutter er nicht mehr
zu denken hoffte?
    Das Kind, welches hinter den goldenen Fenstern des stolzen Schlosses
spielen, das hier seine Heimath und seine Zukunft haben sollte, schlummerte in
seiner Wiege, wohl gebettet, wohl versorgt. Der Knabe Paul hatte seinen eigenen
Weg zu suchen in der Welt, die nirgends eine Heimathsttte, nirgends ein
Vaterhaus fr ihn umschlo.
    Die Bekehrung und der Uebertritt der Baronin von Arten bildeten, nachdem man
dieselben erfahren hatte, eine Weile den Gegenstand der Unterhaltung in den
Kreisen, welchen die Familien von Berka und von Arten angehrten; aber die Zeit
war zu bewegt, die Menschen waren zu mchtig von den groen Ereignissen, welche
sich jenseit des Rheines immer deutlicher und entschiedener entwickelten,
erschttert und hingenommen, als da die Vorgnge in einer einzelnen Familie,
wie angesehen dieselbe auch in ihrer Heimath sein mochte, nicht darber htten
in den Hintergrund treten und bald vergessen werden sollen.
    Was man in der nchsten Umgebung, auf den Gtern des Freiherrn davon dachte,
wie die Gutsleute die Bekehrung der Baronin und den beabsichtigten Kapellenbau
ansahen, darber erfuhr man im Schlosse nichts Gewisses, und man kmmerte sich
auch zuerst nicht viel darum. Allerdings hie es, da der protestantische
Pfarrer in Neudorf, dessen Patron der Freiherr war, gegen seine vorgesetzte
Behrde des beklagenswerthen Ereignisses Erwhnung gethan und die Weisung
erhalten habe, nur um so eifriger fr das Seelenheil der ihm anvertrauten
Gemeinde zu sorgen; aber wenn er sich dessen auch gegen seine benachbarten
Amtsbrder und gegen den Amtmann, der seinen Wohnsitz in Rothenfeld hatte,
vielleicht auch gegen den Schulzen berhmte, so fand sich doch Niemand, der sich
berufen gehalten htte, diese Nachricht auf das Schlo zu bringen; und von den
Tagen, in welchen Eisenbahnen und pfeilschnelle Telegraphen die Vorgnge aus den
entlegensten Gegenden in die Zeitungen und mittelst derselben durch die ganze
Welt verbreiten, war man damals noch weit entfernt. Die Zeitungen beschftigten
sich in jenen Tagen fast ausschlielich mit den Angelegenheiten der Potentaten,
mit den eigentlichen Staatsactionen. Sie erschienen nur ein Paar Mal in der
Woche, wurden von der Post nur ein Mal in der Woche nach der Kreisstadt
befrdert, aus welcher der reitende Bote des Freiherrn sie nach Richten abholte,
und hatte man sie im Schlosse gelesen, so wanderten die kleinen
Lschpapierbltter durch die Wohlgeneigtheit des Gutsherrn zu dem Pfarrer und zu
dem Amtmann, kamen danach in die Hnde des Schullehrers, des Schulzen und des
Krgers, um endlich in das Schlo zurckzukehren, wo sie, nach Jahrgngen wohl
geordnet, in dem Nebenzimmer des prchtigen Bibliotheksaales unter andern
zurckgestellten Drucksachen ihre Ruhesttte fanden. Mochte man also auf den
Gtern denken, was man wollte: im Schlosse ging Alles seinen ruhigen und
wrdigen Gang, seit die Gemthsverfassung des Barons sich wieder gefestigt, und
die Baronin ihr Kindbett berstanden hatte.
    Der Winter, welcher im verwichenen Jahre die Eheleute ohne inneren Einklang
in dem Hause von Frulein Esther gefunden hatte, sah sie diesmal in jener
Vereinigung und Lebensweise, welche der Baron fr sich gehofft hatte, als er die
Zusage von Angelika's Hand erhalten; und die Besitzesfreude, welche sich in ihm
und in seiner Frau geregt, als sie in der Erwartung eines Erben von der Residenz
auf ihre Gter zurckgekehrt waren, hatte jetzt, da der Knabe trefflich gedieh,
erst ihre volle Kraft fr beide Eltern gewonnen, eine Kraft, die sie zu rstigem
Schaffen, zum Sen, Bauen und Erhalten antrieb.
    Alles, was man bisher geplant und gewnscht hatte, nahm man jetzt in Angriff
und wollte man schnell vollenden. Man bedurfte jener Entsagung nicht, mit
welcher der Besitzlose sein Tagewerk bewltigt, weil seine Vernunft ihm sagt,
da die Leistung eine fr das Allgemeine und darum auch fr ihn selber
geforderte sei, wennschon er vielleicht nicht dazu berufen ist, ihre Frucht
ausgiebig zu genieen. Man befand sich in der glcklichen Lage, mit dem Herzen
schaffen, sich und den Seinen da eine Genugthuung, einen Erfolg, eine
Glcksvermehrung sichern zu knnen, wo der weniger Begnstigte eine Pflicht
erfllt; und bei Allem, was man vornahm, erhhte der Gedanke, da es Renatus und
seinen Kindern einst zu Gute kommen werde, den Eifer und den Aufwand, mit
welchem man zu Werke ging.
    Vor Allem war es natrlich die Grndung des Gotteshauses, welche der Baronin
am Herzen lag, und da man an der Schwelle des Winters den Bau nicht mehr hatte
in Angriff nehmen knnen, so beschftigte man sich an den langen Abenden nur
noch mehr mit den Planen fr denselben. Dem Freiherrn erwuchs daraus eine
vielseitige Anregung und Beschftigung. Kunstliebend und prachtliebend wie er
war, wollte er nicht nur einen dauerhaften Bau hinstellen, sondern zugleich in
dieser Kapelle etwas Ansehnliches und Schnes schaffen, und auch die Baronin
wnschte, da das katholische Gotteshaus, welches man auf den Gtern begrndete,
schon in seiner ueren Erscheinung jenen zugleich Ehrfurcht erweckenden und
freundlich entgegenkommenden Charakter an sich tragen sollte, welchen sie in dem
Geiste des Katholicismus fr sich so beglckend kennen gelernt hatte. Man zog
Baumeister, Bildhauer und Maler zu Rathe, lie Zeichnungen und Kupferstiche
kommen, nderte bald Dies, bald Jenes an dem ersten Plane, bis ber dem vielen
Sehen und Vergleichen des Bedeutendsten und Schnsten der erste Entwurf, welcher
auf eine hbsche Kapelle, auf ein miges Gotteshaus angelegt gewesen war, mehr
und mehr zusammenzuschrumpfen und den Erbauern kleinlich zu dnken begann.
    Erst hatte man sich gesagt, da man, weil man keinen Thurm zu errichten
beabsichtigte, die Kapelle mit einer wrdigen Fronte ausstatten, da man ihr
eine angemessene Gre geben, sie mit einigen Sulen und einer Statue von auen
schmcken msse, und da man ihr innen die Zierde eines guten Bildes ber dem
Altare nicht versagen drfe. Nach einiger Zeit kam man zu der Ansicht, da mit
diesen Ornamenten auch ein grerer Bau ansehnlich zu verzieren sein wrde, und
da die Baronin sich an dem Gedanken zu erfreuen schien, so berraschte der
Freiherr sie am Weihnachtsabende, an welchem sie die Trennung von ihren Eltern
schmerzlicher als sonst empfinden mute, mit dem Anerbieten, den ersten Bauplan
vllig aufzugeben und statt der Anfangs beabsichtigten Kapelle lieber gleich
eine Kirche zu errichten, deren Thurm weithin sichtbar und durch Jahrhunderte
ein Zeuge fr die Bedeutung des Geschlechtes werden sollte, das ihn aufgerichtet
hatte. Freilich mute man sich daran erinnern, da eine Kirche eine Gemeinde
fordere und da eine solche unter den protestantischen Landleuten nicht
vorhanden sei. Aber da man es berhaupt nicht auf ein gemeinntziges Werk,
sondern lediglich und ausschlielich auf eine Selbstbefriedigung abgesehen
hatte, so lie man sich durch den Gedanken an die einsame Kirche nicht
abschrecken. Die Baronin sah im Gegentheil eine Hoffnung aus dem Baue
emporkeimen, der sie sich als Neubekehrte willig berlie, und sie wurde nicht
mde, es sich vorzustellen, wie das goldene Kreuz des Thurmes, einst zum Ernste
mahnend, ber der Gegend leuchten und wie die zur Messe rufenden Glockenklnge
dann heimathlich und ladend durch das Land ertnen wrden.
    Natrlich galt es nun, sich mit dem Architekten in ein neues Einvernehmen zu
setzen. Es muten ein neuer Plan, neue Kostenanschlge gemacht werden, und diese
letzteren stiegen nach dem neuen Entwurfe fast um das Sechsfache; aber bei den
Mitteln, ber welche der Freiherr gebot, brauchte man davor eben nicht zu
erschrecken. Wenn man die Summe auf die sechs Jahre vertheilte, welche der
Architekt zur Vollendung des Baues gefordert hatte, so war es kaum nthig, sich
irgend welche wesentliche Beschrnkungen aufzulegen, und der Freiherr hob dies
gegen Angelika ganz besonders hervor, weil er eben in diesem Augenblicke eine
Veranlassung zu ausgedehnter Gastfreiheit zu haben glaubte.
    Es war zu Ende des Januar, an einem scharfen, kalten Winterabende, als man
dem Baron unter den Zeitungen und Postsachen, welche der Bote aus der Stadt
abgeholt hatte, einen Brief berbrachte, dessen Handschrift und Wappen er zu
kennen schien. Auf der Adresse stand die Weisung, da der Brief durch einen
Expressen nach Schlo Richten zu bestellen sei, und der Baron mute die
Schreiberin des Briefes - denn derselbe stammte offenbar von einer Frauenhand -
werth und in Ehren halten, weil es ihn so unmuthig machte, da man trotz der
ausdrcklichen Anweisung zu besonderer Befrderung, derselben nicht Folge
geleistet und den Brief mehr als vierundzwanzig Stunden hatte liegen lassen. Er
stampfte rgerlich mit dem Fue, und noch ehe er das Siegel erffnete, schellte
er seinem Schreiber, gab ihm in kurzen Worten den Befehl, den Postmeister sofort
bei seiner Behrde zu belangen, und rief, als der Schreiber sich entfernte, ihm
noch ausdrcklich nach, es dem Postmeister anzuzeigen, da man eine Klage gegen
ihn eingereicht habe. Er war es eben nicht gewohnt, auf Unpnktlichkeit und
Versumni zu stoen, wo er zu befehlen hatte.
    Dann lie er sich an dem kleinen Marmortische nieder, welcher vor dem Kamine
stand, erbrach das Schreiben, und Angelika, welche, mit einer Filetarbeit
beschftigt, an der entgegengesetzten Seite des Tisches sa, bemerkte an den
Mienen ihres Gatten, da der Inhalt des Briefes ihm nahe ging und offenbar seine
ganze Theilnahme in Anspruch nahm. Er schttelte whrend des Lesens ein paar Mal
leise das Haupt, seufzte danach und reichte endlich, nachdem er ihn beendet
hatte, den Brief mit dem Ausrufe: Die arme Frau! der Baronin hin.
    Von wem sprichst Du? fragte Angelika.
    Von der Herzogin, entgegnete der Baron; aber lies nur selbst, denn die
ruhige, wrdevolle Fassung ihres Briefes wird Dir, ich wei es, den gleichen
Eindruck machen, wie mir.
    Der Brief war in franzsischer Sprache geschrieben.
    Mein theurer Baron! hie es in demselben: Trotz der langen Zeit, welche
seit unseren letzten Spaziergngen in den friedlichen Grten meines schattigen
Vaudricour verflossen ist, haben wir sicherlich beide nicht aufgehrt, mit jener
Freundschaft und jener Achtung an einander zu denken, welche zu den
unschtzbaren Gtern gehren, die kein ueres Ereigni uns zu rauben vermag;
und Sie werden, wenn Sie sich meiner erinnerten, sicherlich nicht geglaubt
haben, da ich in einem Lande geblieben sein knne, welches in den Grundvesten
seiner religisen, seiner politischen und seiner moralischen Existenz so
gewaltig erschttert, so vllig vernichtet worden ist, wie mein unglckliches
Vaterland.
    Ich habe Frankreich seit fast zwei Jahren verlassen, habe, weil ich den
Ereignissen, welche nicht ermangeln knnen, sich in Frankreich zu vollziehen,
nahe zu bleiben wnschte, zuerst in Coblenz, dann in Hannover und in Dresden
gelebt. Aber die Zeit des Wartens, wie kurz oder lang sie sein mag, ist immer
traurig und schwer zu tragen, und wennschon ich berzeugt bin, da von
Deutschland her unserem unglcklichen Knige jetzt endlich Hlfe und Befreiung,
unserem Vaterlande Erlsung aus den Hnden jener Rotte von gottlosen Emprern
kommen wird und mu, welche es nicht scheuen, ihre Hand zerstrend an das
Heiligste zu legen, so macht das Zgern mit dieser Hlfe mich doch sorgenvoll
und oftmals so verzagt, da ich mich nach der Nhe eines Freundes sehne, dessen
Theilnahme mich trsten, dessen gleiche Weltanschauung mich im Hoffen und
Ausharren ermuthigen kann.
    Graf Veuilletot, der das Vergngen gehabt hat, Sie im vorigen Jahre zu
sehen, sagte mir in Dresden, da Sie sich in Berlin niedergelassen, da Sie sich
verheirathet und an der Seite Ihrer jungen und edeln Gattin ein seltenes Glck
gefunden htten. Das gab mir zuerst den Gedanken, Sie und Ihre Nhe aufzusuchen
und mit Ihrem Rathe nach irgend einem Asyle auszusphen, in welchem ich mit
meinem Bruder - denn der Marquis hat mich natrlich nicht verlassen - die Zeit
bis zur Herstellung der Ordnung und Gesetzlichkeit in Frankreich, in einsamer
Zurckgezogenheit erwarten kann.
    Ich verlie also Dresden, um Sie wieder zu sehen. In Berlin erfuhr ich aber,
da Sie, des Stadtlebens bald mde geworden, Ihren Aufenthalt wieder auf Ihren
Gtern genommen htten, und wie sehr es mich auch schmerzte, Sie nicht in der
Residenz zu finden, so freute ich mich doch an dem Gedanken, da die Baronin
trotz ihrer Jugend zu jenen Ausnahmenaturen gehre, welche das zurckgezogene
Leben an der Seite eines verehrten Gatten den Zerstreuungen und dem Gerusche
der groen Welt vorzuziehen wissen.
    Eine solche Frau wird einer Verwandten, einer alten Freundin ihres Mannes
seine Freundschaft, wird einer aus ihrer Heimath Vertriebenen das Weilen in der
Stille seines Schlosses nicht mignnen. Eine Frau wie die Baronin wird es
fhlen, wie man sich nach einem langen Wanderleben auf ein Ausruhen unter einem
friedlichen Dache sehnt, und ich frage daher ohne Weiteres bei Ihnen an, mein
theurer Freund und Vetter, ob Sie mir und dem Marquis Ihre Gastfreundschaft
gewhren wollen, bis wir in Ihrer Nhe in lndlicher Stille eine zeitweilige
Heimath fr uns gefunden haben werden. - Freilich bin ich nicht mehr die
lebensfrohe Margarethe, die Sie einst in Vaudricour gekannt haben! Das Unglck
hat mich schnell und frh gealtert, aber ich bringe Ihnen doch ein Herz mit, das
noch nicht verlernt hat, sich an fremdem Glcke zu erfreuen.
    Alles, wonach ich jetzt verlange, ist Ruhe! Dehalb sende ich Ihnen meinen
Brief durch einen Expressen und erwarte Ihre Antwort sobald als mglich. Haben
Sie ein Obdach fr mich und meinen Bruder, und ist die Baronin nicht unwillig,
die Verwandten ihres Gatten kennen zu lernen, so folgen wir Ihrer Zusage auf dem
Fue, und wie Sorge und Kummer und Jahre mich auch verndert haben mgen, so
werden Sie hoffentlich in mir stets wieder erkennen Ihre Freundin und Cousine
                                                 Margarethe, Herzogin von Duras,
                                                           geborene von Lauzun.

Angelika faltete den Brief, nachdem sie ihn gelesen hatte, wieder zusammen,
steckte ihn in sein Couvert und sagte, indem sie ihn dem Freiherrn hinreichte:
Welch ein Schicksal, heimathlos zu werden mit einem der schnsten Namen
Frankreichs!
    Und heimathlos zu werden, fgte der Freiherr hinzu, wenn man in dem
anmuthigsten der Schlsser, unter dem sonnig milden Himmel des sdlichen
Frankreichs gelebt hat! Ich vermag mir die Herzogin in ihrer jetzigen Lage kaum
vorzustellen, so sehr ist ihr Bild in meiner Erinnerung mit der ganzen edelen
und schnen Umgebung verschmolzen, in welcher ich sie sonst gesehen habe.
    Er ffnete den Brief noch einmal, sah nochmals nach dem Datum desselben und
bemerkte darauf: Wer mir es gesagt htte, da ich Margarethe von Duras hier in
Richten als eine Flchtige, als eine Heimathlose aufzunehmen haben wrde; oder
wer es unserm Urgrovater htte prophezeien wollen, da eine Enkelin seiner
Erdmuth, deren Verbindung mit den Duras ihn so sehr erfreute, einst nach
Deutschland kommen wrde, um Schutz zu suchen unter dem Dache ihres mtterlichen
Geschlechtes!
    Er versank in Schweigen, auch die Baronin war innerlich bewegt. Sie kannte
die Herzogin nicht, aber sie hatte von ihr bisweilen sprechen hren, wenn der
Baron sich seiner ersten Reisen erinnerte oder wenn gelegentlich von den
Familienbeziehungen des Arten'schen Geschlechtes die Rede gewesen war. Sie
wute, da eine Grotante ihres Mannes einen Herzog von Duras geheirathet, der
einst in auerordentlicher Mission an einem der deutschen Hfe gelebt und das
schne Freifrulein in einem deutschen Badeorte kennen gelernt hatte. Ihr
Nachkomme, der Herzog Edmund, hatte ein Frulein von Lauzun geheirathet, war
kurz nach seiner Hochzeit gestorben und hatte die Herzogin Margarethe als eine
junge und kinderlose Wittwe zurckgelassen, die klug genug gewesen war, die
Vorzge ihrer Stellung zu wrdigen und sie vorsichtig zu benutzen.
    Als Baron Franz seine erste Reise gemacht hatte und auf dieser nach
Frankreich gelangt war, hatte er von seinem Vater die Weisung erhalten, sich
dort auch der verschwgerten herzoglichen Familie vorzustellen, und da man von
beiden Seiten gern bereit war, eine Verwandtschaft anzuerkennen, von der man
keinerlei unbequeme Ansprche zu befahren hatte, whrend das verwandtschaftliche
Verhltni mancherlei Erleichterungen fr den Verkehr darbot, so hatte die
Herzogin sich den jungen deutschen Vetter gern gefallen lassen, ohne zu
berechnen, in wie fernem Grade er zu ihr gehrte. Der Baron aber war entzckt
gewesen, bei seiner Cousine eine so freundliche Aufnahme zu finden, ohne daran
zu denken, da mit dem Tode des jungen kinderlosen Herzogs der Zusammenhang der
Herren von Arten mit den Herzogen von Duras eigentlich vllig erloschen war. Er
hatte danach in seiner ersten Jugend einige sehr genureiche Wochen in dem
Schlosse der Herzogin zugebracht, man hatte sich auch spter, als er abermals
nach Paris gekommen war, in der Hauptstadt und am Hofe wiedergesehen und
gelegentlich einen Brief mit einander gewechselt. Aber dieser Verkehr war
allmhlich seltener geworden und hatte endlich vllig aufgehrt, obschon der
Freiherr sich stets mit Vergngen und mit Antheil der Herzogin erinnerte. Er
liebte es, zu erzhlen, wie sie fast immer Vaudricour bewohnt habe, wie selten
sie nach Paris gekommen sei, obschon ihr, einer Duras-Lauzun, die beste Aufnahme
und eine einflureiche Stellung sicher gewesen wren, und wie sie es verstanden
habe, ihr Schlo zu dem Sammelplatze alles dessen zu machen, was damals in
Frankreich auf Jugend und Geist, auf Rang und Bildung Anspruch erheben drfen.
    Auch jetzt wieder war es eine Erinnerung an die Vergangenheit, welcher der
Freiherr zuerst Worte gab. Die Herzogin war neunzehn Jahre, sagte er, als ich
sie zum ersten Male sah, und schon damals geizte man nach dem Ruhme, ein Gast
der Herrin von Vaudricour zu sein. Ich wei ....
    War die Herzogin schn? unterbrach ihn die Baronin.
    Nein! entgegnete der Freiherr, aber sie war mehr als das, sie hatte in ihrer
ganzen Erscheinung den Adel ihrer Geburt und die sichere Anmuth, welche dieser
ihr verlieh. Sie war eine Frstin im vollsten Sinne des Wortes.
    Und Du bist Willens, sie zu uns einzuladen? fragte Angelika.
    Der Freiherr schien durch diese Frage berrascht. Es fiel ihm etwas auf im
Tone seiner Frau, aber er wollte das nicht beachten, und erwiderte nur: Hast Du
fr mglich gehalten, es nicht zu thun?
    Nein! versetzte Angelika. Ihr Schicksal wrde ihr einen bestimmten Anspruch
an unsere Gastlichkeit geben, auch wenn sie keine Verwandte unseres Hauses wre;
aber die Schilderung, welche Du mir stets von ihr und ihrem Vaudricour gemacht
hast, beunruhigt mich, mein theurer Franz! Ich frchte, Deine Verwandte wird
erwarten, was sie hier nicht finden kann, und wie warm und bereitwillig wir sie
auch willkommen heien, wir werden ihr den leichten Frohsinn ihres Volkes und
den schnen Himmel ihrer Heimath nicht ersetzen knnen.
    Der Freiherr lchelte. Deine Jugend macht Dich den Verlauf der Zeit
vergessen, sagte er. Die Herzogin ist nicht mehr die junge Chatelaine von
Vaudricour, und die Zeit war ernsthaft genug, auch ihre Heiterkeit in Ernst zu
verwandeln. Ich hre in jedem Worte ihres Briefes den Ton einer tiefen
Traurigkeit, und wer sollte diese in ihrer Lage nicht empfinden? La uns darauf
denken, Beste, wie wir ihr beweisen, da wir sie schtzen und ihr Unglck ehren!
Ich mchte, sie wrde es recht gewahr, da sie hier in ihrer Familie von
Freunden und Gesinnungsgenossen empfangen wird, und ich werde Dir es danken,
wenn Du ihr hier bei uns vergiltst, was sie mir einst in ihrer Heimath gewhrt
hat! fgte er abschlieend hinzu.
    Angelika versprach, ihr Bestes mit Freuden zu thun. Ein Aufruf an ihre
Gromuth war immer sicher, eine gute Statt bei ihr zu finden, und man kam daher
berein, da der Freiherr, um die Versumni des Posthalters mglichst
auszugleichen, noch an diesem Abende einen Boten mit dem Antwortschreiben nach
der Poststation senden solle, damit der Brief dann so schnell als mglich seine
Weiterbefrderung finde. Der Freiherr, welcher in allen Dingen sich groer
Pnktlichkeit befleiigte, rechnete es genau aus, wann die Herzogin auf diese
Weise seine Antwort erhalten knne. Er gestand ihr die schickliche Zeit zum
Aufbruch zu, er gab ihr auf das Genaueste den Weg, die Stationen, die Orte an,
welche sie zu passiren hatte und an welchen sie bernachten sollte, er schrieb
an die Gasthofsbesitzer, bei denen er abzusteigen gewohnt war, um fr seine
Cousine, die Frau Herzogin von Duras, das Quartier im Voraus zu bestellen,
meldete ihr, da sie fr die letzte Tagereise an den geeigneten Orten
Relaispferde aus seinen Stallungen finden werde, und schlielich bat er sie mit
einnehmender Wendung, sie mge sich von dem Augenblicke ab, in welchem sie die
Residenz verlasse, als seinen Gast und berhaupt als ein Familienmitglied
ansehen, so lange sie ihm die Ehre erzeige, unter seinem Dache zu verweilen.
    Mit einer Empfindung, die aus Rhrung und Selbstzufriedenheit gemischt war,
durchflog er den Brief und las ihn dann Angelika vor, die auf seinen Wunsch noch
einige Worte herzlicher Einladung dazu schrieb und sich im Voraus der
Freundschaft ihres knftigen Gastes empfahl.
    Beide, der Freiherr sowohl als Angelika, empfanden, indem sie einer
Flchtigen ihr Haus anboten, das Glck, welches sie in ihren wohlbegrndeten und
unangetasteten Verhltnissen besaen. In das Mitleid, welches die gegenwrtige
Lage der erwarteten Gste ihnen einflte, mischte sich unmerklich eine gewisse
Eitelkeit, der es erwnscht war, eine Herzogin zur Verwandten zu haben und diese
Verwandte beschtzen zu knnen, und der zornige Widerwille gegen diejenigen,
welche in Frankreich die Herrschaft des Knigs gebrochen und einen Theil des
Adels dahin gebracht hatten, seinen Besitzungen und seinem Vaterlande den Rcken
zu kehren, war von dem Freiherrn und von Angelika niemals mit so viel
persnlicher Bitterkeit empfunden worden, als jetzt. Je mehr man aber mit der
Welt unzufrieden war, um so besser war man mit sich selbst zufrieden, und in
diesem Wohlgefhle war man sehr geneigt, sich von der Anwesenheit der Gste die
mannigfachsten Genugthuungen zu versprechen.

                              Dreizehntes Capitel


Entschlsse, welche man unter dem Einflusse einer augenblicklichen
Gefhlserregung fat, sind bei den meisten Menschen wie ein Rausch, dem eine
abspannende Ernchterung folgt, und nachdem man am andern Morgen die Zimmer
ausgewhlt und eingerichtet hatte, welche die Herzogin mit ihrem Bruder bewohnen
solle, begann sich in dem Baron wie in Angelika, ohne da sie es einander
eingestanden, eine gewisse Besorgni in Bezug auf die am verwichenen Abende mit
so froher Zuversicht erwarteten Hausgenossen zu regen.
    Der Baron, welcher die Herzogin seit fnfzehn Jahren nicht gesehen hatte,
dachte unwillkrlich an die Vernderung, die durch einen solchen Zeitraum in
ihrem wie in seinem Aeuern hervorgebracht sein mute, und ihm bangte vor dem
Spiegel, welchen ihr Altwerden ihm entgegen halten konnte. Er erinnerte sich mit
Vergngen an den heitern Ton leichter Galanterie, in welchem er mit ihr zu
verkehren pflegte, aber er mute sich sagen, da Angelika fr denselben kein
Verstndni besitze, da ihr derselbe mifallen habe, wo immer sie ihm begegnet
war. Er hingegen dachte noch gern an jenes Federballspiel des Geistes und des
Witzes, in welchem die franzsische Gesellschaft Meister gewesen war; er fand
noch jetzt Vergngen daran, und es fiel ihm pltzlich auf, da er einen Theil
seiner Fhigkeiten zu brauchen aufgehrt, da er an jener Liebenswrdigkeit, die
man sonst an ihm bewundert, Abbruch gelitten habe, seit er sich der Fhrung des
Caplans und der ernsten Richtung seiner jungen Frau berlassen hatte. Er ward
dadurch verstimmt, denn er mochte sich nicht eingestehen, da er die groe Welt
und ihre erheiternde Gesellschaft vermisse, und whrend er sich selbst in seiner
jetzigen Gestalt wie ein Fremder erschien, that es ihm weh, sich auch die
Herzogin als eine gebrochene und gewandelte Frau denken zu mssen.
    Von dem Marquis hatte er nun vollends keine Vorstellung. Er war vor fnfzehn
Jahren ein hbscher junger Mensch gewesen, mit aller Keckheit und Frhreife
eines Provenalen, ein wenig prahlerisch, ziemlich unbesonnen und sehr verliebt;
und obschon der Baron trotz seiner Hinwendung zur Kirche in seinen Urtheilen
nachsichtig genug gegen diejenigen zu sein pflegte, welche auf dem von ihm
neuerdings verlassenen Wege gingen, so war ihm doch die Aussicht, einen jngeren
Mann von leichten Sitten, dem mancherlei Vorzge nicht fehlen konnten, zum
Hausgenossen zu bekommen, nicht eben erwnscht. Freilich zweifelte er durchaus
nicht an der Tugend seiner Gattin, aber an der weiblichen Natur und Kraft im
Allgemeinen. Weil er oft genug den Widerstand weiblicher Strenge besiegt hatte,
machten seine eigenen Erfolge ihn vor den Erfolgen Anderer bange, und er litt
jetzt unter dem Gedanken an frheres Glck, unter dem allgemeinen Migeschick
der Lebemnner.
    Nicht minder bedenklich als ihr Gatte fhlte sich Angelika. Sie war zur
Eifersucht geneigt, war sich dessen bewut, und der Blick, der sich ihr in die
Vergangenheit ihres Mannes erffnet, war nicht danach angethan, ihr dieselbe
werth zu machen. Sie hatte sich in die Anschauungen eingelebt, da Gott sie mit
ihrem Gatten zusammengefhrt habe, damit er sich mit ihr vereint zu einem reinen
und heiligen Leben erhebe und in einer makellosen und wrdigen Zukunft seine
Jugendsnden und die Fehltritte seines Mannesalters shne. Sie hatte sich der
Hoffnung hingegeben, da er selbst jetzt mit Widerstreben in seine Vergangenheit
zurckblicke, da er abgeschlossen habe mit den Tagen, welche vor ihrer Ehe mit
ihm lagen, und sie fand nun pltzlich, da dem nicht so sei, sondern da er sich
ihrer und aller ihrer kleinen Einzelheiten mit einer Wrme erinnerte, welche
eine noch ungebrochene Jugendlichkeit und Schnellkraft der Empfindung
voraussetzen lieen.
    Das beunruhigte Angelika. Sie fing an, es sich zum Vorwurfe zu machen, da
sie so schnell und so ohne weitere Ueberlegung in die Aufnahme der fremden Frau
gewilligt hatte. Es fiel ihr ein, wie natrlich es gewesen wre, der Herzogin
das Haus in der Residenz wenigstens fr die Dauer des Winters zum Aufenthalte
anzubieten. Dann htte man sie spter zu einem Besuche in Richten auffordern,
htte sich gegenseitig kennen lernen mgen; und wenn es sich auf solche Art
erwiesen, da man zu einander passe, so wre es ja dann noch immer an der Zeit
gewesen, sie zu einem verlngerten Aufenthalte einzuladen, den man ihr jetzt in
gewissem Sinne wie eine Wohlthat zugestand. Inde Angelika verschwieg dem
Freiherrn ihre Bedenken. Auch er hielt zurck, was sich Zweifelndes in ihm
regte, und nur an den Caplan wendete sich die Baronin, um von ihm zu erfahren,
was er von der Herzogin dachte und wute.
    Alles, was er von ihr berichten konnte, stammte aber aus der Zeit, in
welcher der Caplan noch Reisebegleiter des jungen Freiherrn gewesen war. Er
rhmte an der Herzogin ihre sichere Haltung bei vlliger Freiheit des Betragens,
ihre zuvorkommende Rcksichtnahme auf Andere bei einer entschiedenen Neigung zur
Selbstbestimmung und bei einer gewissen Herrschsucht, welche mit ihrer
Frhlichkeit in Widerspruch zu stehen geschienen htten. Er erzhlte mit
Wohlgefallen, wie einnehmend sie gewesen sei und wie sehr sie es verstanden
habe, ihre Gste an sich zu fesseln, obschon sie ihnen volle Freiheit gegnnt.
Das klang Alles uerst bestechend, machte aber der Baronin doch kein
sonderliches Vergngen, und auch der Caplan schien nicht grade erfreut ber die
Aussicht auf den bevorstehenden Besuch.
    Er kannte noch besser als sie selbst den leicht beweglichen Sinn des
Freiherrn und die Ansprche, welche Angelika an die Gesinnungstreue der Menschen
machte. Er dachte des schweren Zerwrfnisses, welches zwischen den Eheleuten
Statt gefunden und das kaum noch Zeit gehabt hatte, auszuheilen; und obgleich er
sich sagte, da es sein Bedenkliches habe, wenn zwei sehr ungleiche Charaktere
lange ausschlielich auf einander angewiesen blieben, und da die Gegenwart
zwischen ihnen stehender Personen oftmals einen Zusammensto verhindere, der
sonst nicht wohl ausbleiben knne, so war es ihm, wenn er an das freiherrliche
Ehepaar gedachte, doch zweifelhaft, ob eben die Herzogin dazu geeignet und wie
weit ihr Bruder dazu gemacht sein wrde, diese wohlthtige Wirkung auszuben.
    Inde auch er behielt seine Besorgni vorsichtig fr sich und da sowohl der
Freiherr als Angelika hlfreichen Herzens waren, so schmten beide sich
innerlich der halben Abgeneigtheit gegen die erwarteten Gste, Ja, sie zeigten
sich eben dehalb doppelt bemht, es an keiner Vorsorge und Rcksicht fr sie
fehlen zu lassen, und fr ihren Empfang und Aufenthalt Alles in einer Weise
vorzubereiten, welche den eigenen Wohlstand und Rang, den Geschmack der
Hausfrau, die dankbare Erinnerung des Barons und zugleich die Verehrung und den
Antheil ausdrcken sollte, welche man fr die unglcklichen und sich selbst
getreuen Standesgenossen hegte. Man war alltglich mit der Vorsorge fr sie
beschftigt. Der Baron und Angelika wuten immer noch irgend eine kleine
Bequemlichkeit, eine Zierath in die Gemcher zu schaffen, die man schon jetzt
als die Zimmer der Herzogin bezeichnete, bis man sich an dem Tage, an welchem
die Fremden zu erwarten standen, sagen durfte, da man jetzt das Mgliche mit
bestem Willen fr sie gethan habe.
    Die ganze Woche hindurch hatte es sehr scharf gefroren, am Morgen war nach
langer Zeit wieder einmal Schnee gefallen, und gegen den Abend hatte ein
scharfer Nordwind, der eisig ber die Felder und durch die Wlder hinsauste, die
Wolken verjagt, so da die Sterne an dem Himmel flimmerten und man trotz der
Dunkelheit es aus den Fenstern sehen konnte, wie die weie Flche sich weithin
ausbreitete und die mchtige Linden-Allee, welche zum Schlosse fhrte, ihre
gewaltigen beschneiten Aeste zum Himmel erhob.
    Drauen wurde der Wind immer heftiger. Bald zog er in langsamem Sthnen ber
die Gegend hin, bald rang sich aus dem Sthnen ein pltzlicher Sturmsto hervor,
unter dessen Wucht die Aeste der Bume knarrten, die Wetterfahnen auf dem
Schlosse sich kreischend auf ihren Stangen herumdrehten, und die Krhen, welche
sich zur Nachtruhe darauf niedergelassen hatten, erschreckt aufflogen und
krchzend eine neue Ruhesttte suchten. Einmal schlug eine Thre zu, die man in
dem Seitenflgel des Schlosses, in dem sich die Wirthschaftsrume befanden,
offen gelassen hatte; dann hrte man, wie mhsam bei dem Froste das Rad am
Ziehbrunnen sich bewegte und wie der Ru in den Kaminen und Schloten leise
klingend herniederrieselte.
    Es mochte sieben Uhr sein. Um diese Zeit konnte die Herzogin eintreffen, und
schon seit einer halben Stunde hatte man am Anfange der Allee die Pechtonnen
angezndet, deren Feuer dem Gaste ein erstes Willkommen in die Ferne zurufen und
die Nhe der befreundeten Wohnung anzeigen sollten. Unten in der Halle und auf
den Treppen und Gngen war Alles festlich erleuchtet. Die Dienerschaft hatte
ihre Galalivreen angelegt, Windlichter standen bereit, um bei dem ersten
Peitschenknalle des Kutschers der Herzogin entgegengebracht zu werden, und oben
in ihrem Wohnzimmer ging die Baronin auf und nieder, hier in miger Unruhe ein
Buch zurecht legend, dort ein Bild grade richtend, bis sie sich ermdet an dem
Kamine niederlie, von dem sie sich bald wieder erhob, um an das Fenster zu
treten und in die dunkle Nacht hinauszuschauen.
    Der Baron hingegen sa ruhig lesend an dem Tische, der mitten in dem Zimmer
stand. Nur von Zeit zu Zeit warf er einen Blick auf Angelika, wenn sie eben an
ihm vorberkam, und sah nach der Uhr hinber, die in groem, vielschnrkligem
Gehuse auf dem Simse des Kamines stand, hell von den Kerzen der schweren
Armleuchter beschienen.
    Das verdro Angelika, denn die Aufgeregte fhlte sich durch die Ruhe ihres
Mannes getadelt, und als sie wieder eine Weile am Fenster gestanden hatte,
wendete sie sich um und sagte: Ich frchte, wir jagen der Herzogin einen Schreck
mit unserm Freudenfeuer ein. Der Sturm erstickt es wieder und wieder, und der
Qualm allein wird ihr entgegenkommen. Ich gbe viel darum, wenn sie einen
freundlicheren Abend fr ihre Ankunft getroffen htte.
    Ja! versetzte der Freiherr, das Wetter ist sehr rauh! und nach der
Fensterseite blickend, fgte er hinzu: Die Feuer scheinen aber doch eben jetzt
ertrglich zu brennen! Dann wendete er sich gelassen zu seinem Buche.
    Inde Angelika mochte des Schweigens mde sein, denn sie bemerkte: fremd,
wie der Norden der Herzogin sei, msse dieselbe doppelt widerwrtig von der
Klte berhrt werden. Der Freiherr entgegnete, da auch in der Provence heftige
Winterstrme wtheten, und da die Herzogin doch bereits zwei deutsche Winter
durchlebt habe. Und wieder herrschte eine Weile das frhere Schweigen, und
wieder ging Angelika auf und nieder, bis sie nicht ohne einen Anflug von bler
Laune die Frage aufwarf: ob der Freiherr sich etwa vorgenommen habe, das Buch,
mit welchem er sich beschftige, noch vor der Ankunft ihres Gastes zu beenden.
    Nein, o nein! antwortete der Freiherr, indem er sich erhob und das Buch
zusammenlegte; ich liebe es nur nicht, mich unnthig in den Zustand eines
Wartenden zu versetzen.
    Als ob man das in seiner Gewalt htte! wendete Angelika ein.
    Ich wte wirklich nicht, meinte der Baron, was so vllig von uns selber
abhngt, nichts, was uns so schmhlich um die Zeit betrgt, als jenes Warten,
das mit seiner Ungeduld das Herankommen eines bevorstehenden Ereignisses
beschleunigen mchte. Man verwandelt auf diese Art einen Zustand, in welchem wir
uns nothwendig leidend verhalten mssen, in einen gewisser Maen thtigen, und
man wird durch diese fruchtlose Anstrengung, die sich von Minute zu Minute
steigert, so geqult, da man dem erwarteten Ereigni oder der erwarteten
Person, eben um dehalb meist berreizt oder abgespannt, also jedenfalls nicht
in wnschenswerther Verfassung entgegentritt.
    Kann es denn Jemanden verletzen, fragte Angelika, ungeduldig und lebhaft
erwartet worden zu sein?
    Gewi, meine Beste! denn es ist nicht angenehm, zu erfahren, wie man seinen
Wirthen ein Unbehagen verursacht habe, und noch weniger angenehm, es gleich zum
Willkommen betheuern zu mssen, da man die Schuld der verzgerten Ankunft nicht
trage. In allen Lebensverhltnissen sind ein gemchliches Gehenlassen und eine
gewisse anspruchslose Gleichgltigkeit vortreffliche Unterlagen fr ein
behagliches Zusammenleben.
    Soll das eine Anmahnung fr mich sein? fragte die Baronin.
    Ja! entgegnete er, eine Anmahnung fr Dich, an die Du mich erinnern sollst,
wenn Du sie mir nthig findest; denn in rechter Weise Gastfreundschaft zu ben,
ist eine schwere Kunst, ist eine Selbstprfung, der nur wenige Familien
gewachsen sind. Und ich wrde angestanden haben ....
    Angelika blickte betroffen zu ihm empor, aber es blieb ihnen keine weitere
Zeit fr diese Errterungen.
    Das sind sie! rief der Baron, als fern im Dorfe ein Hund anschlug.
    In demselben Augenblicke meldete ein Diener, da die Herrschaften kmen, man
knne bereits das Licht in den Wagenlaternen blinken sehen.
    Angelika trat an das Fenster, es war im Hofe pltzlich lebendig geworden.
Das Bellen der Hunde, das Zurckschlagen der groen eisernen Gitterthren, die
Stimme des Haushofmeisters lieen sich vernehmen. Im unteren Corridore ffnete
man hier und dort ein Zimmer; der Kammerdiener des Barons hatte ihm den Hut und
den pelzverbrmten Sammetrock herbeigeholt und stand wartend an der Thre.
    Angelika und ihr Gatte sahen zum Fenster hinaus. Er hatte den Arm um ihren
Leib geschlungen, ihre Hand ruhte auf seiner Schulter und sie sprachen beide
nicht. Endlich hrte man das Knallen der Peitschen; der Vorreiter, den man den
Gsten des Schneefalles wegen bis zur nchsten Station entgegengesandt hatte,
ritt in den Hof, und der Baron trat in das Zimmer zurck, um seinen Pelz
anzulegen und der Herzogin entgegen zu gehen.
    Da fate Angelika schnell seine Hand. Franz, sagte sie, mich berfllt
pltzlich eine kindische Angst!
    Vor der Herzogin? fragte der Baron lchelnd und wollte dem Diener folgen,
der sich eben entfernt hatte.
    O, lache nicht! rief sie, so wie jetzt, ist mir in meinem Leben nicht
gewesen, und knnte ich mit den schwersten Opfern es verhindern, da die Fremden
mit uns leben, ich wollte diese Opfer bringen! - Die Thrnen kamen ihr dabei in
die Augen und ihre Aufregung war unverkennbar.
    Der Freiherr war erschrocken, aber es war keine Zeit zu verlieren.
    Ich beschwre Dich, Kind, verbanne diese Gedanken! bat er dringend. Komm,
gieb mir die Hand; sind wir doch Eins, waren wir doch Eins in der Ueberzeugung,
da wir der befreundeten frstlichen Frau hier eine Zufluchtssttte bereiten
mten - woher also diese Aufregung? Woher dieses thrichte, thrichte Bangen,
Du liebes, zaghaftes Weib?
    Er nahm sie in seine Arme, er kte sie, und er liebte Angelika, weil sie
ihn oft schwach gesehen hatte, stets am meisten, wenn sie sich hlfsbedrftig an
ihn lehnte. Weine nicht, sei schn und heiter, bat er, als er dann eilig von ihr
ging. Aber die Heiterkeit wollte ihr nicht kommen, und bangen Herzens schaute
sie in den Hof hinunter, in welchen eben jetzt die Kutsche einfuhr.
    Wenn jetzt ein Stern herniederschiet, sagte sie, pltzlich in die Hhe
blickend, so soll mir das ein Zeichen sein, da ich guten Muthes sein darf und
da es Freunde sind, die mir nahen!
    Sie schaute empor, zur Rechten, zur Linken - es blieb Alles dunkel. Das
bedrckte ihr das Herz, und eben wollte sie sich vom Fenster entfernen, um die
Herzogin zu empfangen, da wandte sie den Kopf noch einmal zurck, und hell und
strahlend scho ein Lichtstreifen vom Zenith quer zum Horizont hinab. Gottlob!
rief Angelika, und mit hellem Auge und freudiger Bewegung eilte sie auf die
Herzogin zu, welche eben jetzt am Arme des Barons in das Zimmer eintrat.

                              Vierzehntes Capitel


Mitternacht war vorber, als Angelika selbst die Herzogin nach ihren Gemchern
geleitete und von dieser mit einer Umarmung entlassen wurde.
    Nun, Angelika, fragte der Freiherr, als seine Gattin zu ihm zurckkehrte,
wie gefllt Dir unser Gast?
    Wie kann von Gefallen die Rede sein, rief die Baronin mit einer ihr
ungewhnlichen Lebhaftigkeit aus, wo man sich wie von einem Zauber umfangen
fhlt? Ich hatte mir die Herzogin nach Deinen und des Caplans Schilderungen
nicht schn gedacht, und schn ist sie auch nicht, wenigstens nicht in dem
Sinne, den die Menge mit dem Worte verbindet; aber ich meine, wenn man einmal in
diese sanften, blauen Augen geblickt hat, so kann man nicht mehr aufhren, sich
nach ihnen hinzuwenden; sie sind so klug und dabei so mild, da es mir leid
that, wenn sie die Lider senkte und der dunkle Vorhang ihrer Wimpern mir die
hellen, freundlichen Sterne entzog.
    Der Freiherr lchelte. Du wirst dichterisch begeistert, meinte er, und ich
habe Dich in der That noch nie fr Jemanden so schnell und so entschieden
gnstig eingenommen gesehen. Uebrigens hat die Herzogin sich wirklich gut
erhalten. Das ist ein Vorzug dieser feinen, kleinen Gestalten und der hellen
Blondinen. Ihr Haar ist noch schn, selbst unter dem Puder, und der Contrast
desselben mit den schwarzen Wimpern, der ihre Physiognomie reizend machte, als
sie jung war, wirkt noch anziehend.
    Und wie kleidet sie sich, wie spricht sie! rief Angelika mit der frheren
Erregung. Es ist Alles Harmonie an ihr! Das schne, weiche Haar, welches an
ihrer Stirne herabfllt, und das weiche, graue Schleppkleid und ihr leises,
sanftes Sprechen, Alles stimmt zusammen. Dieser Frau mu sich das Herz der
Menschen ffnen, wie dem Frhlingslichte; diese Frau werde ich lieben, das fhle
ich.
    Der Freiherr hrte das mit Verwunderung. Er selbst war bewegt worden durch
das Wiedersehen Margarethen's. Ihre edle Bildung, ihre einfache Wrde hatten ihm
jetzt in ihrem Unglcke einen erhhten Eindruck gemacht, aber er war
weltgewohnter, hatte in sich doch immer den Vergleich zwischen der jetzigen und
der frheren Erscheinung seiner Freundin zu machen, und da er berhaupt in
seinen Urtheilen zurckhaltend war, wenn nicht eine leidenschaftliche Erregung
seinen Sinn bewegte, so machte die auerordentliche Bewunderung, welche Angelika
fr die ihr noch fremde Frau an den Tag legte, eine entgegengesetzte Wirkung auf
ihn. Er htte nicht sagen knnen, wehalb ihm die Begeisterung Angelika's
mifiel, aber er glaubte sie bekmpfen oder ihr doch wenigstens Schranken setzen
zu mssen, und whrend er die Baronin bisher stets fr die Herzogin zu gewinnen
und einzunehmen gesucht hatte, erinnerte er sie jetzt daran, da es nicht weise
sei, in ein neues Verhltni mit hochgespannten Erwartungen einzutreten, weil
man damit nicht nur sich selbst Enttuschungen vorbereite, sondern auch
demjenigen Unrecht thue, von dem man Auerordentliches erwarte, ohne zu wissen,
in wie weit er gewillt und fhig sei, ein solches zu leisten.
    Diese Mahnung betrbte die Baronin. Du weit, sagte sie mit einem Anfluge
von Empfindlichkeit, wie gern ich bereit bin, mich Deiner mir berlegenen
Erfahrung unterzuordnen; aber mich dnkt, bisweilen wre es gromthiger von
Dir, mich den Irrthmern meines Alters zu berlassen. Es ist ein solches Glck,
eine recht volle, groe Bewunderung zu fhlen, und da die Herzogin mir Gutes
bringt, dafr habe ich ein Zeichen.
    Der Freiherr wollte wissen, worin dieses Zeichen bestehe; Angelika
verweigerte neckend, es zu sagen, da sie bemerkt hatte, da ihre nicht
absichtslose Erwhnung des Altersunterschiedes zwischen ihr und ihrem Manne
diesem nicht angenehm gewesen war, und als er dann, ebenfalls scherzend, mit
Bitten in sie drang, legte sie die Arme ber einander, blickte ihm in die Augen
und sagte: O, frage mich nicht!
    Sie hatte dabei Bewegung und Ton der Herzogin nachgeahmt, und das stand ihr
vortrefflich, denn Frauen von ernstem Sinne, die immer nur in der Wahrheit
leben, immer nur sie selbst sind, bekommen leicht etwas Strenges in ihrer
Physiognomie und Haltung, und das war Angelika's Fall. Sie verschmhte den
Schein in jedem Betrachte, und doch ist der schne Schein die eigentliche Form,
in welcher der Mensch sein Wesen kund zu geben hat, wenn es nachhaltig
wohlthuend und in jedem Augenblicke erfreulich auf Andere wirken soll. Auch das
Hchste und Erhabenste kann der schnen, der durch Bildung und Achtsamkeit zur
Natur gewordenen Form nicht entbehren, und es entzckte den Freiherrn, als er
pltzlich gewahr wurde, da Angelika, bestochen von der Anmuth der Herzogin,
sich selber nicht mehr gengte, da sie in neuer Weise ihm zu gefallen bemht
war, weil sie selbst ein lebhaftes Wohlgefallen empfunden hatte.
    Er sagte ihr verbindlich, da die kleine Coquetterie sie reizend mache, sie
versicherte, da er das Vergngen, sie reizend zu finden, der Herzogin verdanke,
und von Wort zu Wort, von Scherz zu Scherz fortgetragen, fanden die Eheleute
sich in eine Art der Unterhaltung und in eine geistreiche Heiterkeit versetzt,
wie sie nie zuvor zwischen ihnen Statt gefunden hatte. Als Braut war Angelika zu
schchtern dafr gewesen, und nach ihrer Verheirathung zu kummervoll. Dann hatte
die Richtung auf das Religise sie gefangen genommen, und obschon der Baron sich
in diese Richtung hineinziehen lassen, ja, zu Zeiten selbst Trost und Beruhigung
aus ihr geschpft hatte, so waren doch die alte Gewohnheit und Neigung des Welt-
und Lebemannes nicht in ihm erloschen, und der Gedanke, da Angelika zu ernst,
zu streng, zu unjugendlich sei, war in ihm hufig aufgestiegen.
    Er kam sich selbst verjngt vor, und er schien auch Angelika jnger und
liebenswrdiger, als sonst, da er sich in dem ihm natrlichen Tone freier
Heiterkeit bewegen durfte, so da er ihr aussprach, wie ihr Frohsinn ihn nicht
nur um seinetwillen, sondern auch um ihres Knaben wegen freue.
    Ich habe wirklich oftmals besorgt, sagte er, Deine ausschlieliche
Hinwendung auf das Ernste und Erhabene knne unserem armen Renatus, wenn er uns
heranwchst, sein junges Leben trben; und wenn ich mir vorstellte, da mein
Sohn, da ein Arten ohne Freiheit, ohne Heiterkeit, ohne ein wenig Uebermuth und
Tollheit, ohne die es nun einmal bei Unsereinem nichts werden kann, erzogen
werden sollte, so habe ich wohl bisweilen den sndhaften Wunsch gehegt, Du
mchtest unbedeutender und harmloser sein, und daran gedacht, den Caplan zu
entfernen, wie hart mir das auch angekommen wre. Denn ....
    Denn Renatus geht Dir ber Alles, schaltete Angelika ein, welche in der
Stimmung war, selbst solche Aeuerungen ihres Mannes, da sie mit lachender Lippe
und zrtlichem Auge gesprochen wurden, unbefangen aufzunehmen.
    Ja, wiederholte der Baron, Renatus geht mir ber Alles. Ist er nicht der
Trger unseres Hauses und Dein Sohn?
    Sie waren damit in das Nebengemach gegangen, in welchem das Kind in seiner
Wiege schlief, und als die Wrterin die Gardine zurckschlug, damit die Eltern,
wie sie es an jedem Abende thaten, den Kleinen noch einmal betrachten konnten,
neigte sich die Mutter zu ihm hernieder, kte sein Hndchen, das auf der
seidenen Decke lag, und sagte: Also Dir und Deinem Vater, Du lieber Engel, ist
die gute Herzogin auch zu Hlfe gekommen! Nun, dafr wollen wir sie aber auch
von Herzen lieben!
    Sie hatte auch das wieder mit jenem ihr neuen Tone scherzender Coquetterie
gesprochen, und sie gefiel sich darin selber. Noch ehe sie sich in das
Schlafgemach zurckzog, gab sie ihrer Kammerfrau die Weisung, ihr fr den
Morgenanzug verschiedene Zierathen und Bnder zu beliebiger Auswahl bereit zu
legen. Auch das war eine Neuerung. Die Huldigung und die Bewunderung, welche die
Mnner in der Residenz und am Hofe ihr gezollt, hatten sie vllig kalt gelassen,
die bloe Erscheinung der Herzogin regte sie auf; denn sie gehrte zu jenen
Frauen, die weniger durch die Neigung fr den Mann als durch die
Nebenbuhlerschaft mit ihrem eigenen Geschlechte in Bewegung gesetzt und geleitet
werden, weil sie nicht einem Andern, sondern sich selbst gengen wollen, und die
nicht lieben knnen ohne rckblickenden Vergleich auf sich, ja, die oft, ohne es
zu wissen, sogar auf die Bewunderung eiferschtig sind, welche sie einer Andern
zollen.
    Ueber dem Antheile, den man an der Herzogin nahm, hatte man ihres Bruders
beinahe vergessen, obschon sich in dem Marquis das Bestreben, zu gefallen und
die Aufmerksamkeit und Theilnahme der Andern auf sich zu ziehen, unverkennbar
kund gab. Gelang ihm dies, so war er lebhaft und voll guter Laune, beschftigte
man sich nicht mit ihm, so versank er in eine Zerstreutheit, in eine
Gleichgltigkeit, die es klar verriethen, da er wohl die Rcksicht auf Andere,
aber nie die eigene Befriedigung aus den Augen setzen knne.
    Er war dreiig Jahre alt und sah noch jnger aus. Seine mittelgroe Gestalt
war leicht und fein, sein Schritt vorsichtig wie der eines Hofmannes, und auf
eine Laufbahn am Hofe hatte er es ursprnglich auch wohl abgesehen. Er sah ein
wenig bleich, ein wenig ermdet aus, aber er trug den Degen, den kleinen
Haarbeutel und den seidenen Strumpf mit so viel Zierlichkeit, er scherzte und
bewegte sich so heiter, da man Mhe hatte, an seine Krnklichkeit zu glauben,
von welcher die Herzogin stets sprach, oder ihre Sorgfalt fr ihn so nothwendig
zu glauben, als sie dieselbe darzustellen liebte.
    Seine Befriedigung und sein augenblickliches Behagen waren ihm unverkennbar
das Wichtigste auf der Welt. Selbst der politische Zustand seines Vaterlandes
schien ihm bisher nicht viel Kummer gemacht zu haben. Er hatte, als der jngste
von mehreren Brdern, kein Vermgen; die Herzogin hatte fr ihn gesorgt, und er
berlie ihr diese Sorge auch jetzt und fr die Zukunft. Freilich war es eine
selbstschtige Liebe, welche sie fr den Bruder hegte, denn sie wnschte sich in
ihm einen Gesellschafter zu erhalten, der ihr angehrte und ihr doch vllige
Freiheit lie; aber sie mute es wenigstens verstanden haben, ihm die Bande
leicht und die Abhngigkeit lieb zu machen, in denen sie ihn gefesselt hielt.
    Er war ausgewandert, weil die Herzogin es so gewollt hatte, und diese war
umsichtig genug gewesen, die Auswanderung rechtzeitig vorzubereiten. Bald nach
dem Ausbruche der Revolution hatte sie bedeutende Capitalien flssig gemacht und
in sicheren Hnden auer Landes niedergelegt. Weil man aber nach der Flucht aus
Frankreich auf eine schnelle Rckkehr in die Heimath gerechnet, so hatte die
Herzogin Anfangs auch in Deutschland das ihr gewohnte breite und frstliche
Leben fortgefhrt, und der Augenblick war denn, da man an die Heimkehr nicht
denken konnte, schnell genug gekommen, in welchem es sich absehen lie, wann sie
mit ihrem Bruder sich mittellos, wie so viele ihrer franzsischen
Standesgenossen, aller Noth der Verbannung und Entbehrung anheimgegeben finden
wrde.
    Da hatte sie zum ersten Male eine groe Verzagtheit berfallen, und in ihren
eigenen Verhltnissen und Verbindungen umherschauend, hatten ihre Gedanken sich
auf den Freiherrn von Arten gerichtet. Da sie bei diesem Manne sich keiner
abschlgigen Antwort versehen durfte, wenn sie im Namen ihrer
Stammesverwandtschaft seine Gastlichkeit und seinen Beistand in Anspruch nahm,
davon hielt sie sich berzeugt, und ihre Erwartung hatte sie nicht getuscht,
ja, sie hatte dieselbe bei ihrem Empfange noch weit hinaus bertroffen gefunden.
Nur in Einem Betrachte hatte die Herzogin sich geirrt: sie hatte die Bedeutung
der Baronin unterschtzt und, nachdem sie dieselbe mit scharfem Blicke schnell
erkannt, sich nicht der Hingebung versehen, welche Angelika ihr seit der Stunde
ihrer Ankunft entgegenbrachte.
    Die Baronin hatte den guten Geschmack, ihren Gsten nicht gleich in den
ersten Tagen die Bekanntschaft der benachbarten Adelsfamilien, mit denen man,
seit der Baron verheirathet war, ohnehin nur geringen Verkehr unterhalten hatte,
anzubieten, oder besondere Zerstreuungen und Unterhaltungen fr sie
vorzubereiten. Denn wem man das Gute, das man besitzt, alles auf einmal und
gleich bei seiner Ankunft darbringt, dem giebt man damit unwillkrlich zu
verstehen, da man ein langes Verweilen nicht von ihm erwarte; wem man aber die
Zeit lt, sich erst heimisch in dem Hause zu machen, dessen Gast er sein soll,
wen man vor allen Dingen erst sich zu einem Hausgenossen einleben lt, dem
gewhrt man die Mglichkeit, sich allmhlich anzueignen, was ihm von dem
Nchstliegenden wnschenswerth ist, und sich selbst nach demjenigen umzuschauen,
was ihn von fern her lockend oder angenehm bednkt.
    Das Leben im Schlosse gewann nun auf diese Weise pltzlich einen neuen
Mittelpunkt und das Alltgliche in demselben eine vernderte Bedeutung, weil man
es mit dem Hinblicke auf die Gste ansah und bedachte, und weil durch das
Zusammensein einer greren Menschenzahl dem schpferischen Walten des Zufalls
mehr Raum geboten wurde, als bisher. Der Freiherr und seine Gattin und der
Caplan kannten einander so genau, Jeder wute mit nie irrender Zuversicht, was
er im gegebenen Falle von dem Anderen zu erwarten hatte. Was man besa, hatte
man genossen, und da man sich auerdem in der Lage befand, der Sorgen fr des
Lebens Nothdurft enthoben zu sein, so hatte man in der letzten Zeit im Schlosse,
wenn nicht von Auen sich Anregungen boten, in einem Zustande der Ruhe gelebt,
dessen Vorzge man zwar zu wrdigen wute, der aber in seiner Einfrmigkeit doch
auch seine Gefahren barg.
    Bei Personen von Bildung, wie die Schloherrschaft und ihre Gste, bei
Menschen, die sich selbst zu achten verstanden, konnte es natrlich nicht leicht
und nicht schnell zu jenen Mittheilungen ber die eigenen Angelegenheiten
kommen, welche bei Leuten, denen der Sinn fr das Allgemeine abgeht, den
eigentlichen Boden des gegenseitigen Antheilnehmens ausmachen. Aber da man die
gleichen Ansichten ber den Kampf hatte, der in Frankreich von dem Brgerstande
gegen den Adel und das von diesem getragene und ihn schtzende Knigthum
ausgefochten wurde, da von dem Siege des Letzteren die Erhaltung der eigenen
Vorrechte abhing, whrend durch seinen Sturz die eigene bisherige Existenz in
Frage gestellt ward, so besa man in diesen gemeinsamen Sorgen und Befrchtungen
die erste sichere Annherung und Verstndigung, wenngleich der Freiherr und
seine Gattin noch keinen Anla gefunden hatten, an eine ihnen und ihrem
Vaterlande drohende Gefahr zu glauben.

                              Fnfzehntes Capitel


Neben diesen Befrchtungen und Hoffnungen fr die Monarchien und den Adel im
Allgemeinen war es der Kirchenbau, welcher bald ein Gegenstand gemeinsamer
Berathungen wurde, und auch in Bezug auf diesen fehlte es an Sorgen und an
Hoffnungen nicht. Denn wie schon die erste Absicht dieses Unternehmens in der
Herrschaft nicht mit gutem Auge angesehen worden war, so war die Abneigung gegen
dasselbe nur gestiegen, seit man die Vorkehrungen dafr zu treffen angefangen
hatte.
    Seit mehr als einem Menschenalter und darber hinaus waren in Richten keine
Bauten ausgefhrt worden, zu denen man genthigt gewesen wre, Fremde
herbeizurufen. Die protestantische Kirche in Neudorf stand fest gegrndet und
wohl gefgt seit mehr als hundertundfnfzig Jahren, der Schlobau war, so wie er
sich gegenwrtig darstellte, auch schon vor der Geburt seines jetzigen Besitzers
vollendet worden, und was man sonst an Baulichkeiten fr das Beamtenpersonal, an
Wirthschaftsgebuden und an gelegentlichen Reparaturen nthig gehabt, das hatte
der in Rothenfeld ansssige Maurer theils allein und nach eigener Einsicht mit
den Gutsleuten, theils unter Anleitung und Aufsicht des Meisters aus der
Kreisstadt mit dessen Arbeitern ausgefhrt. Nun sollte endlich wieder einmal ein
bedeutendes Bauwerk in Angriff genommen werden, und die Leute hatten sich, so
wenig sie sich auch der Grndung einer katholischen Kirche erfreuten, doch der
Hoffnung hingegeben, da dabei ein Gewinn fr sie nicht fehlen knne, wenn sie
der Herrschaft auch zu bestimmten Tagesleistungen, deren Zahl nicht gering war,
verpflichtet waren.
    Aber gleich bei der Grundsteinlegung in Rothenfeld hatten sie die Erfahrung
gemacht, da es nicht bei dem guten Alten bleiben solle. Denn es waren Briefe
nach auswrts geschrieben worden, und nach den Antworten, welche auf diese
Briefe gekommen waren, hatte nicht der Maurer aus Rothenfeld, der das doch gewi
verstand, sondern der Meister aus der Kreisstadt die Arbeit verrichten mssen.
    Die Mistimmung war seitdem eine allgemeine gewesen. Sogar diejenigen,
welche bei dem Baue selbst nichts zu leisten hatten, fanden eine angenehme
Beschftigung darin, die Betheiligten in dem Gedanken der Ehrenkrnkung und in
der Erbitterung ber dieselbe zu bestrken und zu befestigen. Sie wollten doch
wissen, wie die Betroffenen sich dabei benehmen wrden, wenn ihnen so etwas
geboten werde, denn in dem Aufstacheln und Hetzen, in dem eifrigen Zusprechen
und in dem schlauen Besnftigen war eine Thtigkeit verborgen, durch die man
sich unterhielt und in welcher man fr seine Freunde und fr die Gutsherrschaft
zugleich, zu einer wichtigen Person wurde, ohne da man selbst Kosten hatte oder
Gefahr dabei lief; und sich ohne alle Gefahr zu einer wichtigen Person zu
machen, ist den meisten Menschen ein Vergngen.
    Den Winter hindurch lag das Alles, wie die Saat in der Erde, still und
verborgen. Als aber das Frhjahr heraufzog und man daran denken konnte, an den
Bau zu gehen, dessen Beginn die Baronin kaum zu erwarten vermochte, nderte sich
die Sache.
    Es war im Anfang des Maimonats, als der fremde Baumeister in Schlo Richten
erwartet wurde. Man hatte ihm einen Wagen bis in die nchste Stadt
entgegengesendet, im Schlosse waren zwei Zimmer fr ihn hergerichtet worden, und
obschon man wute, da der Baron den Bau einem jungen Manne bertragen hatte,
dessen Vater, einen tchtigen Maler er zur Zeit seiner ersten Reisen in Italien
kennen gelernt, und der dann spter auch in Richten die Eltern und die Schwester
des Barons gemalt hatte, so fand man dennoch, da um eines bloen Baumeisters,
und noch dazu um eines so jungen Menschen willen, viel zu viel Aufhebens gemacht
werde.
    Als dann an dem festgesetzten Tage der Wagen, welcher den Architekten
brachte, durch Neudorf fuhr, bemerkte die Pfarrerin, die den ganzen Nachmittag,
als ob es Sonntag wre, mit dem Strickzeug am Fenster gesessen hatte, da der
junge Herr sich das Verdeck der Kalesche habe zurckschlagen lassen.
    Er macht's wie der Herr Baron, wenn er von Reisen kommt, sagte sie spttisch
lchelnd. Er gnnt uns das Vergngen, gleich sein Antlitz anzuschauen! Ach! und
er ist so hflich, gleich zu gren! bemerkte sie in demselben Tone, whrend sie
jedoch nicht unterlie, mit der freundlichsten Miene zu danken und dabei die
rechte Hand, wie die gute Sitte es mit sich brachte, an die unterste Krampe des
Fensters zu legen, als stehe sie auf dem Punkte, es zu ffnen und den
Vorberfahrenden zur Einkehr aufzufordern.
    Der Pfarrer, der sich nicht leicht von seinem Stuhle vor dem Studirtische
fortlocken lie, hob sich doch von seinem Sitze empor und hatte offenbar die
Absicht, auf die Bemerkung seiner Frau an das Fenster zu treten. Aber das Gefhl
seiner Wrde trug es ber seine Neugier schnell davon, und ruhig sitzen bleibend
sagte er: Was lt sich denn Anderes als Selbstverblendung erwarten von einem
jungen Manne, der durch die Gnade Gottes in einer rechtschaffenen
protestantischen Familie geboren worden ist und sich dazu hergiebt, dem Ball
Tempel zu erbauen! Ich hoffe, er wird nicht die Stirne haben, sich in ein
ehrbares protestantisches Pfarrhaus einzufhren. Ich mag nichts zu schaffen
haben mit solchen Abtrnnigen.
    Man wird ihn aber doch im Schlosse treffen, wenn man an den Feiertagen zur
Mittagstafel eingeladen wird! wendete die Pfarrerin ein, die stets berlegt und
vorsichtig an die Zukunft dachte und dabei nicht abgeneigt war, von dem
Architekten auch einmal etwas Neues aus der Welt zu vernehmen.
    Dann wird man ihn nach Gebhr zu behandeln wissen, erwiderte der Pfarrer,
und schlimm genug, da er nicht der einzige Abtrnnige ist, dem man jetzt auf
dem Schlosse zu begegnen hat!
    Mann! Aber um Gottes willen, lieber Mann! rief die Pfarrerin, der solche
Aeuerungen ihres gestrengen Eheherrn immer die Klte durch alle Glieder jagten,
und die sich vorsichtig umsah, ob nicht etwa die Thre nach der Kche offen sei.
Bedenke doch, da unseres Gotthold's ganze Zukunft von der Herrschaft abhngt,
und da ....
    Mag er durch die Lande gehen, wie ich vielleicht es auch noch thun werde,
und wie mancher Bessere als ich, wie ja auch der fromme Paul Gerhard es einst
gethan hat. Besser Hunger und Durst und Frost und Hitze tragen, als abfallen von
der heiligen reinen Lehre, auf die wir getauft sind und die zu verknden wir
geschworen haben!
    Er stand bei diesen Worten endlich von seinem Platze auf, und ging in der
Stube auf und nieder, in so ernste Gedanken versenkt, da die gutmthige und
ngstliche Frau, die zu ihrem Gatten wie zu dem Urquell aller Weisheit
emporschaute und zu ihm als zu einem Muster gewissenhafter Redlichkeit aufsehen
durfte, ihn nicht mehr unterbrach, und schweigend berlegte, wie es hier noch
werden, und was ihr und ihrem Manne und ihrem Sohne noch fr Unglck beschieden
sein knne.
    Whrend dessen fuhr der junge Mann, welcher, ohne es zu wissen, den Anla zu
dem Kummer der Pfarrerin gegeben hatte, in frhlichster Stimmung durch das Dorf.
Er freute sich des Sonnenscheins und der Wrme, er sah die weien Wlkchen an
dem hellen Himmel mit dem trumerischen Wohlgefallen eines Kindes ber sich
hingleiten, er warf, als er durch Rothenfeld kam, einen freundlichen Gru nach
dem Amtshause hinber, aus dessen offenem Fenster die hbsche Schwester des
jungen Amtmannes neugierig nach dem Fremden hinausguckte, und er gewahrte dann
mit Behagen, wie das Schlo sich immer deutlicher vor seinen Augen entfaltete.
    Seine Gedanken gewannen dadurch eine bestimmte Richtung, das hindmmernde
Wohlgefhl machte ernsteren Ueberlegungen Platz. Er erkannte, nach den
Zeichnungen, die man an ihm bersendet hatte, die Stelle, welche fr den
Kirchenbau bestimmt war, und die Ueberzeugung, die er schon brieflich mehrfach
ausgesprochen, da der geweihte Ort nicht der rechte Platz sei, da die Kirche
von dem Punkte aus lange nicht die Wirkung machen wrde, die sie haben knnte,
wenn man sie auf der kleinen Hhe aufrichtete, welche sich am Ende des Parkes,
fast dem Schlosse gegenber, erhob, stellte sich ihm jetzt als eine Gewiheit
dar.
    Dazu sah er, da man ihm auch ber das Terrain nicht mit der nthigen
Sachkenntni berichtet habe. Der Boden in Rothenfeld war keineswegs so trocken,
als man ihn geschildert hatte und wie er sich an der Oberflche zeigte.
Ueberall, selbst ganz in der Nhe des Bauplatzes, kamen Quellen zum Vorschein,
und wenn man auch bei der Grundsteinlegung fr die Kapelle nicht auf Wasser
gestoen war, so konnte es nicht fehlen, da man jetzt, da man fr den
Kirchenbau ein ganz anderes Fundament zu legen und dehalb viel tiefer zu graben
hatte, nothwendig auf Wasser kommen mute, das zu beseitigen jedenfalls
Schwierigkeiten und unnthige und bedeutende Kosten veranlassen konnte.
    Wer es mit einer Arbeit, einem Gewerbe oder Geschfte zu thun hat, das
seiner Natur nach die bestndige Anwendung des streng urtheilenden Verstandes
erfordert und in dem sich das Abweichen von dem Gesetze und der Regel stets
augenblicklich und ersichtlich rcht, der gewhnt sich, die Unterordnung unter
das Vernnftige und Zweckmige, deren er sich zu befleiigen hat, auch bei
anderen Menschen vorauszusetzen. Er wird, wie gro sein Gemthsleben und sein
Schnheitssinn daneben auch sein mgen, vor allen Dingen ein praktischer Mensch,
und kann es sich nicht erklren, da Andere sich mit launenhafter persnlicher
Willkr gegen das von der Vernunft und Nothwendigkeit Gebotene auflehnen mgen.
So hatte denn Herbert das Schlo noch nicht erreicht, als es bei ihm feststand,
da man die Kirche nicht in Rothenfeld, sondern auf der Hhe in Richten erbauen
msse. Er erwog daher im Geiste nur die Aenderungen, welche sein Entwurf durch
die ihm unerllich dnkende Verlegung der Kirche zu erleiden haben wrde, und
fuhr mit dem heiteren Bewutsein, dem Baron zweckmige und darum willkommene
Vorschlge machen zu knnen, in den Schlohof ein.
    Der Diener, welcher ihm sein Zimmer anwies, bemerkte ihm, da man um ein Uhr
speise, da die Herrschaft ihn zur Tafel erwarte, und es blieb Herbert daher nur
eben die Zeit, sich fr sein erstes Erscheinen in der Familie des Freiherrn
angemessen umzukleiden. Er war achtundzwanzig Jahre alt und ein schlanker
braunugiger Mann, voll heiterer Sicherheit im Betragen. Er war im Wohlstande
aufgewachsen, hatte zu seiner knstlerischen Ausbildung Italien, England und
Frankreich bereist und war, da er ein hbsches Vermgen durch seinen Vater fr
sich erworben wute, durchaus darauf gestellt, seinen Platz in der Welt nach
seinem Sinne auszufllen und zu behaupten.
    Verschiedene Bauten, die er trotz seiner Jugend in seiner Vaterstadt und in
deren Umgebung bereits ausgefhrt, hatten ihm einen guten Namen gemacht, so da
sein Vater ihn mit Fug und Recht dem Freiherrn hatte empfehlen knnen, als
dieser bei dem alten Freunde um einen Architekten fr seinen Kapellenbau
nachgefragt. Man hatte sich dann schriftlich in Verbindung gesetzt, und Bauherr
und Architekt waren mit dem gegenseitigen Verhalten so wohl zufrieden gewesen,
da Herbert sich der bevorstehenden persnlichen Bekanntschaft mit dem
Freiherrn, von dem er, seit er denken konnte, hatte sprechen und Gutes sagen
hren, lebhaft erfreute. Er war bereits selbststndig und Weltmann genug, um
sich von der Begegnung mit vornehmen Leuten keine besondere Vorstellung zu
machen, und doch noch in dem Alter, in welchem die Aussicht, mit einem
gebildeten Edelmanne tglich zu verkehren und fr eine lngere Zeit der
Hausgenosse der schnen Schloherrin zu werden, ihn reizte und beschftigte. So
ging er denn nicht ohne Achtsamsamkeit daran, sich fr die bevorstehende
Zusammenkunft zu kleiden. Sein ungepudertes Haar wallte ihm frei um den Nacken,
das erbsenfarbene Beinkleid und die niedrigen Klappstiefel zeigten, wie gut er
gewachsen sei, der braune, weit vom Halse abfallende Frack lie mit seinen
langen schmalen Schen den ganzen Vorderkrper frei, die Weste schlug in
breiten, spitzen Rabatten auf der Brust zurck, das weie Halstuch, das groe
Jabot, die dunkle Camee in demselben und die Uhrkette mit den vielen Berloques
wrden von jedem Incroyable in Paris als tadellos befunden worden sein. Auch
gestand Herbert es sich mit unschuldiger Selbstgeflligkeit, da er sich wohl
sehen lassen drfe.
    Herzlich guten Muthes folgte er dem Diener, der ihn zur Tafel rufen kam, und
es gefiel ihm, da er auf diese Weise nicht erst jenes Examen des
gesellschaftlichen Verkehrs zu bestehen haben sollte, welches vornehme Herren
mit Jedem anzustellen sich fr verpflichtet halten, dessen Krfte sie irgendwie
in ihrem Dienste verwenden, dessen Arbeit sie bezahlen.

                              Sechzehntes Capitel


Die breite Stiege hinauf geleitete der voranschreitende Diener den jungen
Baumeister ber den weiten Flur und durch ein Vorgemach nach dem Zimmer der
Baronin, dann ffnete er ihm die Thre desselben, um ihn eintreten zu lassen.
    Der Baron stand auf, als er Herbert erblickte, ging ihm freundlich entgegen
und sagte, indem er ihm die Hand reichte: Willkommen, lieber junger Mann, und
doppelt willkommen, denn ich begre in Ihnen den Sohn eines werthen
Jugendgefhrten und zugleich den Mitarbeiter an einem Werke, dessen Ausfhrung
mir und der Baronin eine Gewissenssache ist. Je eifriger Sie sich daran halten,
es seiner Vollendung entgegen zu fhren, um so mehr werden die Baronin und ich
es Ihnen danken. - Er fhrte ihn damit Angelika zu, die ihn ebenfalls willkommen
hie; aber ihren Worten und ihren Mienen fehlte der Ausdruck der Freundlichkeit,
die der Baron ihm bewiesen hatte, und wie ein erkltender Hauch fuhr ihm der
Gedanke durch den Sinn: dieser Frau mifalle ich!
    Wie dies geschehen knne, da er kaum noch ein Wort gesprochen und da er
gewohnt war, durch seine Erscheinung sonst ein gnstiges Vorurtheil fr sich zu
erwecken, das begriff er allerdings nicht; inde er war sicher, sich in seiner
Voraussetzung nicht zu irren. Der beobachtende Blick, mit welchem Angelika ihn
betrachtete, dnkte ihm mit einem spottenden Zuge um ihre Lippen in Verbindung
zu stehen, und obschon er sich es nicht leugnen konnte, da sie schn sei,
fhlte er sich dennoch von ihr eher abgestoen, als angezogen. Die heitere
Zuversicht, mit der er ihr genaht war, ging ihm dadurch verloren; er sagte sich,
da man mit dieser Frau auf seiner Hut sein msse, und er nahm sich vor, ihrem
adeligen Stolze sein unabhngiges brgerliches Wesen und sein freies
Knstlerbewutsein mit fester Entschiedenheit entgegenzusetzen.
    Der Baron fragte ihn nach seinem Vater, erinnerte daran, wie dieser, als er
aus Italien zurckgekehrt, hier im Schlosse die Eltern und die Schwester des
Freiherrn gemalt und dieselben Zimmer bewohnt habe, welche man Herbert jetzt
angewiesen hatte. Er machte ihn dabei auf die erwhnten vortrefflichen Portraits
aufmerksam, welche an den Wnden hingen; und da der Sohn Gelegenheit fand, des
Vaters Arbeit von Herzen zu bewundern, wrde er bei der Zuvorkommenheit, mit
welcher der Baron ihn behandelte, sich sehr behaglich gefhlt haben, htte nur
die Baronin aufhren wollen, ihn zu betrachten, oder sich entschlieen mgen, an
dem Gesprche irgend einen Antheil zu nehmen.
    Es war ihm daher wirklich eine Erleichterung, als endlich ein leises Lcheln
ber ihre Mienen flog und sie, gegen ihren Gatten gewendet, die Frage that, ob
Monsieur Herbert geraden Weges von Paris komme.
    Der junge Mann, den es schon verdro, da die Baronin diese Frage, die ihm
auffallen mute, da er alle seine Briefe an den Baron aus seiner Vaterstadt
geschrieben hatte, nicht an ihn selber richtete, bernahm eben dehalb die
Antwort selbst und sagte ihr, da er schon ber Jahr und Tag wieder in der
Heimath gewesen sei.
    So kleidet man sich also auch bei uns schon nach der neuen Sitte der
revolutionren Franzosen! bemerkte sie weiter, und der Ausdruck ihres Mifallens
trat nun deutlich und bestimmt hervor.
    Herbert mute ihn beachten, aber eben, weil er das that, entgegnete er: Die
Mode, gndige Frau Baronin, ist bei uns von den aus Frankreich entflohenen
Edelleuten eingefhrt worden, welche in dieser brgerlichen Tracht ber die
Grenze zu uns gekommen sind. Und wenn sie es dann nachher auch fr gut befunden
haben, den Haarbeutel und den seidenen Strumpf wieder anzulegen, so sind fr uns
geringere Leute, fr uns, die wir arbeiten mssen, das unfrisirte Haar und der
Stiefel weit angemessener, als der Zopf und die Escarpins, die uns sogar zu
Sclaven des Friseurs und der Witterung machen.
    Er hatte das absichtlich mit ziemlicher Schrfe gesprochen und erwartete
daher, eine Antwort zu erhalten, welche mglicher Weise jeden Zusammenhang
zwischen ihm und den Herrschaften fr immer zerstren konnte. Inde die Baronin
hatte Rcksichtnehmen von Jugend auf gelernt und war stolz genug, bei den
Personen, welche sie nicht als Ihresgleichen ansah, nur dasjenige zu hren und
zu verstehen, was ihr genehm war. Sie war als echte Aristokratin bisweilen
nachsichtig aus Hochmuth und, wo es ihr pate, trotz ihrer Jugend duldsam aus
Berechnung. Da sie nun obenein bemerkte, da ihr Gatte mit dem Empfange, welchen
sie dem Architekten bereitete, unzufrieden war, und da sie selbst es bedauern
mochte, einen jungen Mann, auf dessen gute Dienste sie sich Rechnung gemacht
hatte, gegen sich aufgebracht zu haben, so lenkte sie nun pltzlich ein und
meinte: Sie haben Recht, mein Herr, und ich habe mich geirrt. Verzeihen Sie, da
ich Ihren besonderen Fall nicht bedacht und Ihnen meine Ueberraschung ber die
neue Mode, die ich zum ersten Male in der Wirklichkeit vor Augen sehe,
ausgesprochen habe. Ich leugne es nicht, ich hege gegen diese Kleidung eine
gewisse Abneigung, seit man uns neulich aus der Hauptstadt die Bilder der Mnner
zur Ansicht geschickt hat, welche sich in Paris als Vaterlandsfreuude und als
Helden geberden, whrend sie doch Emprer und Rebellen sind. Zudem lebt eine
verehrte Freundin, eine Verwandte von uns, die Frau Herzogin von Duras, in
unserem Hause, welche genthigt gewesen ist, aus ihrem unglcklichen Vaterlande
zu entfliehen, und ich stellte mir vor, wie unangenehm der Anblick einer
Kleidung sie berhren msse, die in ihren und auch in meinen Augen, zu einem
Symbol der - der Zustnde geworden ist, vor denen Gott uns gndig bewahren
wolle.
    Sie hatte die letzte Wendung offenbar beschnigend gewhlt, denn der Ton
ihrer Stimme verrieth, da sie einen strkeren und hrteren Ausdruck
zurckhalte, und weit davon entfernt, eine vershnliche Wirkung auf Herbert
hervorzubringen, erhhte die Art von herablassender Schonung, die sie ihm
angedeihen lie, nur das Mifallen, das Angelika ihm einflte. Er war fest
entschlossen, dieser Frau nicht nachzugeben, und er schickte sich eben zu einer,
wie es ihm schien, gebhrenden Antwort an, als der Freiherr den unangenehmen
kleinen Vorfall damit zu beenden versuchte, da er ihn in das Scherzhafte zog.
    Es wird also, sagte er lchelnd, unserem jungen Baumeister, wenn er sich
anders Deiner Zustimmung und der Gnade der Frau Herzogin erfreuen will, nichts
Anderes brig bleiben, als ein habit habill anzulegen, wenn er ein solches mit
sich fhrt, und sich die Dienste meines Kammerdieners gefallen zu lassen.
    Wenn die Gunst der Frau Baronin und der Frau Herzogin einzig durch einen
solchen Kleidungswechsel zu erlangen ist, so bin ich leider in der beln Lage,
auf diese Gnade verzichten zu mssen, entgegnete der junge Mann gleichfalls im
Tone des Scherzes, obschon er sich zu einem solchen nicht aufgelegt fhlte. Mit
dem habit habill, mit dem Puder und dem Zopfe habe ich ein fr alle Mal
gebrochen.
    Die Baronin entschlo sich, diese Erklrung mit anscheinender Heiterkeit
hinzunehmen und dem jungen Manne zu wiederholen, da er fr sich und von seinem
Standpunkte aus sicherlich das Rechte thue. Aber er mifiel ihr mehr und mehr,
ja, er mifiel ihr ganz besonders dehalb, weil sie sich's eingestehen mute,
da er ein schner Mann und in dem Vollbesitze derjenigen Vorzge sei, welche
sie sich gewhnt hatte, als ein besonderes Erbtheil des Adels zu betrachten.
Seine Haltung war vornehm, seine Redeweise besser, als die der meisten ihrer
Standesgenossen, welche das Deutsche nur fehlerhaft zu sprechen wuten, und sie
hatte im Grunde an ihm nichts auszusetzen, als da er, der gekommen war, ihrem
Hause bezahlte Dienste zu leisten, sich ihr als einen Ebenbrtigen und Freien
gegenber stellte. Und wie Herbert Anfangs sich gesagt hatte: dieser Frau
mifalle ich! so sagte er sich jetzt, da ihm niemals eine Frau so sehr
mifallen habe, als Angelika.
    Es war gut fr alle Theile, da die Herzogin und ihr Bruder sich zu ihnen
fanden und der Diener die Meldung machte, da die Mahlzeit aufgetragen sei. Der
Baron stellte Herbert seinen Gsten und dem Caplan vor, der sich inzwischen auch
zu ihnen gesellt hatte, und wenn die Herzogin und der Marquis auch nicht
sonderlich auf den jungen Baumeister achteten, so lag doch wenigstens nicht die
abweisende Klte in ihrer Begrung, mit der Angelika ihn aufgenommen hatte.
    Beide, die Herzogin sowohl als der Marquis, waren es durch die Erfahrungen
der letzten Jahre gewohnt worden, ihre Haltung nach den Umstnden einzurichten,
sich in der Fremde, in der sie lebten, mancherlei Annhrungen und Ansprche
gefallen zu lassen, und zeitweise, wenn es sein mute, auf eine
Ausschlielichkeit zu verzichten, die sich in ihrer jetzigen Lage nicht wohl
behaupten lie. Dadurch machte sich die Unterhaltung leichter. Der Freiherr
hatte obenein die Absicht, zu vergten, was seine Gattin dem jungen Manne zu
Leide gethan; sie selbst fand sich genthigt, ihm bei Tische die hausfrauliche
Zuvorkommenheit zu beweisen, die ihr zur Gewohnheit geworden war, bis Herbert
allmhlich der Zurckhaltung zu vergessen begann, welche er zu behaupten sich
vorgenommen hatte. Der Baron kam absichtlich in Gegenwart der Herzogin noch
einmal auf den Vater des Baumeisters zurck, welchen auch der Caplan in hohen
Ehren hielt; das schlo dem jungen Manne das Herz auf, und noch whrend man bei
Tafel war, fing man an, von der Angelegenheit zu sprechen, fr welche man
Herbert hergerufen hatte.
    Darauf hatte er aber nur gewartet, denn wo ein Sachverstndiger vor Laien
von seinem Fache sprechen kann, ist er der Meister und der Herr, ist er dem
Vornehmsten ebenbrtig, wenn nicht berlegen; und so erklrte der junge Mann
denn ganz unumwunden, da Alles, was er im Vorberfahren gesehen, ihn in seiner
bereits frher geuerten Ueberzeugung bestrkt htte, und da man einen groen
Fehler begehen wrde, wenn man die Kirche auf dem Platze erbaute, auf welchem
man den Grundstein fr die ursprnglich beabsichtigte Capelle eingeweiht habe.
Er entwickelte darauf mit einer Klarheit, die jeden Vorurtheilslosen fr ihn
einnehmen mute, alle die Uebelstnde, mit denen ein Bau in Rothenfeld zu
kmpfen haben wrde, und stellte dagegen die Vorzge auf, welche die Verlegung
der Kirche nach der Hhe darbieten konnte. Er hielt den Herrschaften die grere
Bequemlichkeit fr sie selbst, er hielt ihnen auch die harmonische Wirkung vor,
welche die Kirche machen mute, wenn man sie auf dem Hgel jenseit des Parkes
auffhrte, wo sie dann von der Westseite des Schlosses einen eben so schnen
Anblick gewhren konnte, als ihn auf der Ostseite die Burgruine darbot. Er
sprach von den bedeutend greren Ausgaben, welche ein so ungnstiger Boden, wie
der in Rothenfeld, erheischen wrde, und weil er von der Richtigkeit seiner
Angaben zweifellos berzeugt war, meinte er in dem Schweigen der Anderen ein
Zeichen dafr zu finden, da er sie ihres Irrthums berfhrt und des Besseren
belehrt habe.
    Aber Herbert verstand und kannte sein Fach doch noch besser, als er die
Menschen kannte, obschon er sich vielfach und von frh auf in den
verschiedensten Lagen zu bewegen gelernt hatte. Er wute noch nicht, da
diejenigen, welche von Kindheit auf das Befehlen gewohnt sind, es nicht lieben,
sich eines Irrthums berfhren zu lassen, und er bedachte nicht, da es einen
Jeden schmerzlich ist, einen Plan, auf dessen Verwirklichung er seinen Sinn
lange Zeit hindurch gerichtet hat, pltzlich und fr immer aufgeben zu sollen.
Er sah, da der Freiherr ihm Gehr schenkte, er merkte an den Fragen, welche
bald dieser, bald der Caplan whrend seiner Auseinandersetzungen an ihn
richteten, da seine Grnde ihnen einleuchteten und sie bedenklich machten, und
er glaubte also auf dem besten Wege zu dem von ihm ins Auge gefaten Ziele zu
sein, als der Baron ihm nachdenklich einrumte, da die Sache allerdings noch
einmal grndlich erwogen werden msse und da die frhzeitige Ankunft Herbert's
ihm also doppelt erwnscht sei.
    Da nahm Angelika, die bis dahin schweigend zugehrt hatte, pltzlich das
Wort. Ich wei nicht, Bester, sagte sie zu dem Baron gewendet, wie in diesem
Falle noch von Ueberlegung und Erwgung die Rede sein kann. Mich dnkt, davon
drfe man nur sprechen, wo man noch eine freie Wahl hat und wo es sich um die
Befriedigung eines persnlichen Bedrfnisses handelt. Wo man aber ein Gelbde zu
erfllen hat, ist ja eine Erwgung und Abnderung, wie mir scheint unmglich!
    Der Ton, mit welchem sie diese Behauptung aussprach, war so scharf, da er
Herbert auffiel, und sein frheres Mitrauen gegen sie schnell wieder wach rief.
Wie kommt diese junge Frau dazu, dem lteren Gatten in solcher Weise zu
entgegnen? fragte er sich unwillkrlich, und sein Erstaunen wuchs, als nicht der
Freiherr, sondern der Caplan die Antwort bernahm.
    Sie haben sicher Recht, Frau Baronin, sagte der Geistliche mit der
vermittelnden Weise, welche aus seiner innersten Natur hervorging, Sie haben
Recht, da allzu ngstliche Erwgung berall die That verhindert und da man am
wenigsten in den Fllen zaghaft sein sollte, wo man ein Groes und Heiliges
vollbringen will. Muth und Begeisterung helfen ber manche Schwierigkeit hinweg,
aber ....
    Muth und Begeisterung, fiel der Freiherr ihm in die Rede, als finde er es
jetzt, da der Caplan vorangegangen, leichter, seine Meinung auszusprechen, Muth
und Begeisterung sind etwas sehr Erhabenes, und es ist eine schne Eigenschaft
der Frauen, da sie derselben in so hohem Grade fhig sind. Inde oftmals - und
dieses Mal, beste Angelika, befindest Du Dich wohl in solchem Falle - haben die
Frauen es leichter als wir, ihren Muth und ihre Begeisterung zu behaupten, weil
die Unkenntni der technischen und materiellen Hindernisse ihnen das
Muthigbleiben sehr erleichtert.
    Das mag wohl wahr sein, versetzte die Baronin anscheinend gelassen, aber von
einem Muthe und einer Begeisterung, welche den Menschen ber die Schranken
verstndiger Erwgung fortreien knnten, ist ja in unserm Falle, wie mich
dnkt, nicht die Rede. Wir haben, ich mu das wiederholen, ein Gelbni, eine
heilige Pflicht zu erfllen; das ist eben so unabweislich, und unabweislicher,
als sein Wort einzulsen, wenn man es in einer Ehrensache einmal verpfndet hat.
    Gewi, rief der Freiherr, auch handelt es sich nicht um den Bau, sondern nur
um den zweckmigsten Platz fr denselben.
    Und der Caplan, welcher eben so wie der Freiherr von Anfang an aus doppelten
Grnden gegen den Kirchenbau in Rothenfeld und ganz besonders gegen den Bau auf
der Sttte von Paulinen's Hause gewesen war, ergriff diese Gelegenheit, sich
lebhaft zu Gunsten der Bauverlegung auszusprechen. Da der Baron es aber weder
jetzt noch frher bekennen mochte, da es ihm qulend dnke, knftig zum
Gottesdienst nach Rothenfeld zu fahren, welches er jetzt geflissentlich vermied,
und da der Caplan mit seinen oft wiederholten Ermahnungen, nicht eben dort die
Sttte weihen zu lassen, bei der Baronin nie Gehr gefunden hatte, so bewegte
die ganze Berathung sich in halben Andeutungen, welche den Architekten die wahre
Lage der Sache nicht erkennen und ihn sowohl als die Herzogin und den Marquis
doch vermuthen lieen, man msse hierbei irgend etwas im Sinne haben, was man
verbergen wolle. Das machte Herbert ungeduldig, und weil er ohnehin entschlossen
war, seine Stellung zu behaupten, so sagte er pltzlich: Es giebt nur Einen
Fall, in welchem der Platz in Rothenfeld nicht aufgegeben werden mte!
    Und welcher wre das? fragte die Baronin.
    Wenn sich eben dort dasjenige ereignet htte, welches die Herrschaften zu
dem Gelbni des Kirchenbaues bestimmt hat! antwortete er.
    Des Freiherrn ganze Zge vernderten sich pltzlich, und die Baronin, deren
Gesicht von einer flammenden Rthe berzogen wurde, sagte mit unverkennbarer
Selbstberwindung: Sie haben das Richtige getroffen, mein Herr! und Sie werden
es also begreifen, da hier von bloen Schnheits- und
Zweckmigkeits-Rcksichten nicht die Rede sein darf. - Sie hielt danach inne,
als msse sie sich erholen, als habe sie Alles geleistet, was in ihren Krften
gestanden. Die ganze Tischgesellschaft verstummte. Der Freiherr schien in
unbegreiflicher Weise verletzt, auch dem Caplan konnte man es ansehen, da die
gewissensstrenge Aeuerung der jungen Herrin ihm wenigstens in diesem
Augenblicke nicht angemessen duchte, und trotz ihrer Weltgewandtheit wagte die
Herzogin selbst es nicht, die Unterhaltung mit einem gleichgltigen Worte wieder
in Gang zu bringen, weil eben die Gemthsbewegung der Eheleute gar zu
unverkennbar war. Es hatte sie schon oft bednken wollen, als habe die groe
Gewalt Angelika's ber den Baron noch andere Grnde, als die Macht, welche ihre
Schnheit und ihre brigen Vorzge ihr ber ihren Gatten natrlich sichern
muten, und klug und herzenskundig begriff die Herzogin, da sie eben jetzt vor
dem Punkte stehe, der ihr in dem Leben ihrer Gastfreunde bisher ein Rthsel
geblieben war.
    Whrend sie noch mit sich zu Rathe ging, ob es klger sei, ihnen in der
augenblicklichen Verlegenheit zu Hlfe zu kommen oder nicht, hatte die Baronin
ihren Entschlu bereits gefat, und sich gegen ihren Gatten wendend, sagte sie,
indem sie ihm die Hand reichte und in vllig verndertem Tone zu ihm sprach:
Gewi, Bester, Du wirst mich noch bse machen und es dahin bringen, da man mich
fr eigensinnig hlt. Aber Du weit es ja, wie meine ganze Seele an der
Erfllung unseres Gelbnisses hngt, und wie sehnlich ich danach verlange, mich
dereinst im Gebet in unserer Kirche vor dem Allmchtigen zu demthigen, der auch
mich zu finden gewut hat. Ich werde nicht eher ruhig sein, bis dort die ewige
Lampe ber dem Altare brennt und die Messen dort gelesen werden. Wie kannst Du
Deine Stirn denn verdstern lassen durch den Hinweis auf eine Mehrausgabe, die
nicht unerschwinglich, und auf Schwierigkeiten und Mhen, die nicht unbesiegbar
sein knnen? Und auch Sie, Hochwrden, fgte sie hinzu, wie knnen Sie mich
grade in diesem Falle im Stiche lassen?
    Sie hob mit diesen freundlich gesprochenen Worten die Tafel auf. Der Baron,
sehr zufrieden, von dem Gesprche loszukommen, begab sich mit dem Marquis in das
Billardzimmer und lud Herbert ein, ihnen dahin zu folgen. Inde diesem war die
Lust an der freiherrlichen Gesellschaft vergangen. Er sprach davon, das schne
Wetter benutzen zu wollen, und der Baron schlug ihm darauf vor, einen Ritt durch
die Gegend zu machen, was Herbert dankbar annahm.

                              Siebzehntes Capitel


Mehrere Tage waren in Verhandlungen und Berathungen vergangen, ohne da man zu
einem Abschlusse gelangt wre. Da saen an einem Nachmittage, als man sich eben
auch wieder von der Tafel erhoben hatte und die Herren ihr Billard spielten, die
Damen allein in dem Wohnzimmer der Grfin. Sie hatten dem Fenster gegenber
Platz genommen und eine Weile ber das zeitige Beginnen des Frhlings
gesprochen, welches dem kleinen Renatus, den seine Wrterin unten auf der
Terrasse im warmen Sonnenscheine umhertrug, so wohl zu Statten komme. Inde die
Unterhaltung wollte nicht gedeihen. Es whrte nicht lange, so sa Angelika
schweigend an dem Stickrahmen, auf welchem sie eine Altardecke fr die Kirche
arbeitete. Die Herzogin parfilirte ein Stck golddurchwirkten Seidenzeuges und
legte die ausgezogenen Fden so vorsichtig und gleichmig neben einander, als
glte es wirklich eine Arbeit und nicht einen migen Zeitvertreib. Dabei sah
sie unter ihren dunklen Wimpern von Zeit zu Zeit nach Angelika hinber, als
erwarte sie, da diese zu sprechen beginnen werde. Endlich, da sie bemerkte, da
die junge Frau leise seufzend den Kopf emporhob, sagte sie mit heiterem Tone:
Was haben Sie, Beste? Sie seufzen! Und unseres Volkes Sprchwort sagt: Ein
Herz, das seufzt, hat nicht, was es wnscht! Mich dnkt, das Seufzen sollten
Sie uns alten Frauen berlassen!
    Es war das erste Mal, da die Herzogin sich im Gesprche als eine alte Frau
bezeichnete, und sie hatte in der That nicht Grund dazu. Angelika wrde ihr dies
in jedem anderen Augenblicke auch gesagt haben, sie war aber so verstimmt, da
sie sich unfhig fhlte, auf den Ton des Scherzes einzugehen, den die Herzogin
angeschlagen hatte.
    Ach, sagte sie, ich wollte, ich wre lter, als ich bin!
    Das ist ein Wunsch, den wenig junge Frauen mit Ihnen theilen werden, meinte
die Herzogin lchelnd, und es mssen besondere Verhltnisse obwalten, wenn ein
solcher Wunsch nicht Snde sein soll, die - sie hielt inne und nahm ihren
Goldbrocat wieder in die Hand.
    Ihr pltzliches Abbrechen und Verstummen that seine beabsichtigte Wirkung.
Sie hatte stets gefhlt, da Angelika, die an den Umgang mit ihrer Mutter
gewohnt gewesen war und diesen jetzt entbehren mute, sich nicht selbst zu
gengen vermochte; inde sie wollte sich ihr nicht zur Vertrauten anbieten, denn
sie wute, da man nur das schtzt, was man sich selbst erworben hat, oder doch
erworben zu haben meint.
    Whrend die Herzogin sich also wieder an das Parfiliren machte, lie die
Baronin ihre Nadel ruhen, und mit ihren ernsten Augen die Herzogin anblickend,
fragte sie: Sie brachen so pltzlich in Ihrer Rede ab, meine theure Herzogin,
wehalb vollendeten Sie nicht?
    Weil ich mir das Recht nicht zuerkenne, Ihnen einen Vorwurf zu machen, liebe
Angelika! - und auch Angelika hatte die Herzogin sie nie zuvor genannt.
    O, ich versichere Sie, es kann mir Niemand hrtere Vorwrfe machen, als ich
selbst! Aber ich habe so wenig Menschenkenntni!
    Worauf beziehen Sie das? fragte Jene verwundert, denn sie war auf nichts
weniger als auf diese Wendung gefat gewesen.
    Ich htte es mir denken knnen, sagte die Baronin, da von einem Manne, der
selbst kein eigentlich religises Empfinden hat, der, wie dieser junge
Architekt, nicht einmal unserer Kirche angehrt, fr unsere Zwecke nicht das
richtige Verstndni zu erwarten sei, und ich htte es von dem Baron verlangen
mssen, da er einen anderen Baumeister, einen Katholiken fr unsern Bau
gewhlt. Ich kann nicht sagen, wie dieser junge Mann mir mifllt. Sein
selbstbestimmtes, herausforderndes Wesen, sein Beharren auf seiner Meinung, sein
ganzer Ton, ja, selbst seine Kleidung und sein Blick beleidigen mich, so da ich
im Stande wre, aus bloem Widerwillen gegen seine Anmaung auf meinem Vorsatze
zu beharren, selbst wenn unser Gelbde uns in dieser Beziehung nicht zur
Beharrlichkeit verpflichtete.
    Sie hatte das sehr lebhaft ausgesprochen; die Herzogin wute nicht recht,
was sie von Angelika's Worten denken sollte, und weil sie noch nicht
entschlossen war, ob sie dies der Baronin sagen sollte oder nicht, schttelte
sie nur leise ihr Haupt.
    Angelika fragte, was der Herzogin auffallend oder bedenklich an ihrer
Aeuerung erschienen sei.
    Auffallend ist mir nichts in Ihren Worten erschienen, bedenklich Manches,
entgegnete die Herzogin mit feinem Lcheln, und ihr anmuthig mit dem Finger
drohend, sagte sie scherzend: Seien Sie auf Ihrer Hut, liebe Freundin!
    Auf meiner Hut? Und wehalb? Wogegen?
    Gegen Ihr allzu zorniges Herz! bedeutete die Franzsin, noch immer im Tone
des Scherzes, obschon eine pltzlich auftauchende Idee sie zu beschftigen und
ihre Phantasie zu erregen begann.
    Gegen mein Herz? Was hat denn das Alles mit meinem Herzen zu schaffen?
fragte Angelika, die sich in ihrer Strenge durch den leichten Ton und den Blick
der Herzogin verletzt fhlte.
    Aber die Herzogin legte ihre Hand freundlich auf Angelika's Arm, und mit
pltzlichem Entschlusse zu einem gewissen Ernste bergehend, sprach sie: Ich
habe Sie heute nicht umsonst daran erinnert, da ich im Vergleich zu Ihnen eine
alte Frau bin, meine theure Angelika, und da ich also das traurige Vorrecht
mannigfacher Erfahrung vor Ihnen voraus besitze. Ich habe viel geirrt, viel
gefehlt, viel geliebt und viel gelitten! Ich habe viel verloren und nur Eines
gewonnen - ich habe sehen gelernt, wo ich mit dem Herzen sehe!
    Sie bog sich bei den Worten zu der Baronin hinber, und sie zrtlich
anblickend, sagte sie: Wenn der gute Wille, zu vermitteln, auszugleichen und zu
rathen, Ihnen und meinem theuren Vetter, denen ich so tausendfach verpflichtet
bin, fr Dank gelten kann, so bin ich dankbar! Sie haben Recht, theure Angelika!
Sie sind sehr jung und - ich fhle das - Sie haben nie geliebt, Sie sind nicht
glcklich, armes Kind! Darum seien Sie auf Ihrer Hut! Ein so heftiger Zorn, wie
Sie ihn gegen den Architekten fhlen, ist oft die Knospe, in welcher ganz andere
Empfindungen sich verbergen. Denken Sie daran!
    Sie kte die Baronin auf die Stirn und verlie das Zimmer.
    Angelika aber blieb zurck, ohne recht zu wissen, was ihr geschehen war.
Alle ihre Vorstellungen, alle ihre Gedanken waren unklar und drngten sich wirr
durch einander. Sie fragte sich, was sie denn gesagt habe, um die Herzogin zu
solchen Aeuerungen zu ermchtigen. Sie besann sich, ob sie jemals etwas ber
ihre Erlebnisse ausgesprochen oder von wem die Herzogin etwas ber jene Vorgnge
erfahren haben knne, welche ihren Uebertritt zur katholischen Kirche veranlat
hatten. Inde sie fand keinen Anhalt zu einem Vorwurfe gegen sich, keinen Anhalt
fr den Rath und die Ermahnung, welche ihr geworden war. Daneben klangen ihr
immer wieder die Worte in den Ohren: Sie sind nicht glcklich, Sie haben nie
geliebt! und ein pltzlicher, bitterer Schmerz in ihrer Seele gab diesen Worten
Recht.
    Ja, sie hatte im Grunde nie geliebt. Das Wohlgefallen, die Bewunderung, die
dankbare Zrtlichkeit und die erwachende Sinnlichkeit, welche sie ihrem Gatten
gegenber gefhlt und die sie in ihrer Unschuld damals fr Liebe gehalten hatte,
das Alles hatte den Namen der Liebe nicht verdient. Jetzt wute sie es lange
schon, da sie wohl einer anderen Liebe fhig gewesen wre. Aber der Gedanke,
da in ihrem Herzen, in der Brust der verheiratheten Frau noch einmal jene
groe, starke Liebe, wie sie die Dichter schilderten und deren Darstellung sie
immer bis zu Thrnen rhrte und entzckte, erwachen, fr einen Andern erwachen
knne - dieser Gedanke hatte ihr vllig fern gelegen, und sie erschrak vor der
Vorstellung, welche die Herzogin in ihr heraufbeschwor.
    Sie trstete sich damit, da es ein Scherz der Herzogin gewesen und da sie
eine Thrin sei, demselben irgend eine Bedeutung einzurumen. Sie wollte darber
lachen, sich darber erzrnen, sie wollte sich verspotten, und mute sich doch
immer wieder fragen, wie die Herzogin denn auf den Einfall gerathen sei, ihr
eben Herbert gegenber eine solche Warnung zu ertheilen. Sie fhlte sich
aufgeregt und wute sich ihr Empfinden nicht zu deuten. Eine schmerzliche
Sehnsucht wachte in ihr auf und unwillkrlich drngten sich ihr die Worte auf
die Lippen: Wenn ich meine Jugend wieder htte!
    Da fiel ihr Auge auf das Bild Amanda's und auf Amanden's Ring, den sie am
Finger trug, und sie richtete sich empor. War es denn nicht Gottes Fgung
gewesen, die sie zu dem Baron gefhrt hatte? War es nicht Gottes Fgung gewesen,
die sie und ihn der heiligen Mutter Kirche wiedergegeben? Wie durfte sie sich
unglcklich fhlen, whrend sie das Werkzeug einer hheren Macht gewesen war,
deren Einwirkung sie ja unablssig anerkannt und empfunden hatte! Und war es
vielleicht der Wille dieser hchsten Fgung, da eben jetzt in jenem jungen
Manne, in Herbert eine Versuchung an sie herantrat? Wollte der Himmel sie
prfen, sie kmpfen, sie unterliegen oder siegen lassen?
    Wie sehr sie sich dagegen strubte, immerfort sah sie ihn vor sich, hoch
aufgerichtet, stolz und schn und trotzig. Und was hatte er denn im Grunde
genommen verbrochen? Er hatte eine Meinung geuert, die abzugeben er als
Fachmann verpflichtet war. Man bezahlte ihm sein bestes Wissen, er mute es also
fr diejenigen nutzen, denen zu dienen er sich anheischig gemacht hatte. Sie
aber hatte ihm gleich Anfangs mit Herbigkeit widersprochen, ihn beleidigend
behandelt, nur weil ihr seine Tracht unangenehme Vorstellungen erweckt, oder
weil sie gefrchtet hatte, in ihren Gsten durch dieselbe unangenehme
Erinnerungen erzeugt zu sehen. Sie fing an, sich vor sich selbst zu schmen. Sie
gestand sich's ein, da sie dem Architekten ein Unrecht zu vergten habe. Aber
mitten in der Ueberlegung, wie sie das anstellen solle, mitten in der Frage, was
sie thun und ihm sagen und wie er das aufnehmen und dabei aussehen wrde,
erfate sie der Gedanke: Woher kommt es, da du dich so viel mit ihm
beschftigst? Ist das nicht schon jenes Gefhl, das jetzt Snde fr dich ist?
Beginnt die Prfung, welche der Himmel dir auferlegt hat, schon jetzt? - Und sie
schlug an ihre Brust und gelobte sich, fest und stark zu bleiben und es der
Herzogin nie zu vergessen, da dieselbe sie wie eine Mutter treu gewarnt. Jetzt
wute sie es, jetzt wute sie es zuversichtlich, da die Sterne ihr nicht
gelogen, als sie ihr in der Herzogin eine Freundin verheien hatten!

                              Achtzehntes Capitel


In den Augenblicken, in welchen Angelika sich also mit ihrem Gewissen berieth
und zweifelnd und bange auf ihr ganzes Dasein blickte, fhlte sich die Frau,
welche die Baronin geneigt war als ihre mtterliche Freundin zu verehren, so
heiter, wie sie es in Richten noch nicht gewesen war. Denn ein Zufall hatte ihr
ganz pltzlich dargeboten, was sie bisher vergebens gesucht hatte: eine Handhabe
zur Herrschaft ber ihre jetzige Umgebung, eine Beschftigung fr ihre leere
Zeit.
    Das khle und doch einschmeichelnde Wesen der Herzogin war zum Herrschen
geschaffen, und sie hatte wie jeder Mensch das Bedrfni, die Fhigkeiten zu
brauchen, welche sie besa. Whrend ihres Wanderlebens hatte der Wechsel ihrer
Verhltnisse sie zerstreut, die Sorge sie gelegentlich gefangen genommen. Nun
hatte das aufgehrt, die Tage in dem Schlosse erschienen ihr sehr lang, und sie
mute sich doch sagen, da es fr sie gerathen sei, sich in demselben mglichst
festzusetzen. Inde sie hatte bisher keinen Boden fr die Ausfhrung dieser
Absicht entdecken knnen, so auffallend Vieles ihr in der Ehe ihrer Gastfreunde
auch erschien. Sie sah den Freiherrn, den sie als einen Lebemann gekannt, vllig
unter der Herrschaft einer jungen Frau, die sich kaum die Mhe gab, ihm zu
gefallen oder ihre Vorzge geltend zu machen. Sie hrte Angelika hufig von
ihrem und ihres Gatten Gelbnisse reden, und neulich, als sich bei der Tafel das
Gesprch zufllig darauf gerichtet, hatte der Baron, der in seinem frheren
Leben sich in mancher Verlegenheit befunden und ihr ruhig Stand gehalten, seine
Fassung ganz und gar verloren. Nicht er, nein, Angelika hatte es bernommen, die
unangenehme Scene zu beenden. Die junge Baronin fhlte sich also offenbar den
Ereignissen, dem Geschehenen gegenber freier als ihr Gatte, und unwiderleglich
hatte sich an jenem Mittag in der Herzogin die Gewiheit festgesetzt, wie irgend
ein Unrecht gegen das, was Angelika die Heiligkeit der Ehe nannte, den Anla zu
dem Gelbni und der Baronin die Herrschaft ber ihren Mann gegeben hatte.
    Die Herzogin hatte sich des Lachens kaum erwehren knnen, als dieser Gedanke
sich ihr aufgedrngt. Der Baron erschien ihr gegenber der religis-pedantischen
Sittenstrenge seiner jungen Gemahlin beklagenswerth und komisch zugleich. Wie
viele Kirchen htte er grnden mssen, dachte sie, wenn er jede Gunst, deren er
genossen, mit einem hnlichen Gelbnisse htte bezahlen sollen. Wre er noch der
Alte gewesen, htte in seinem Hause der Ton geherrscht, nach welchem er und die
Herzogin in Frankreich einst mit einander verkehrt, so wrde sie nicht
angestanden haben, ihm augenblicklich dieses scherzende Wort zu sagen. Aber sie
befanden sich in Deutschland, Angelika war, wie die Herzogin es nannte, eine
fromme deutsche Schwrmerin, und die Fremde hatte die Sitten und den Brauch des
Hauses schon aus Rcksichten der Klugheit so lange zu schonen - bis es ihr
gelang, sie allmhlich nach ihrem Bedrfnisse und nach ihrem Geschmacke
umzuwandeln, wozu sie sehr entschlossen war. Noch ehe man sich an jenem Tage von
der Tafel erhob, hatte sie beschlossen, dem Baron zu Hlfe zu kommen und ihren
alten Freund, den liebenswrdigen frohen Genossen mancher schnen Tage und
Stunden, aus der Knechtschaft seines Ehejoches zu befreien.
    Sie war noch immer mit sich zu Rathe gegangen, wie dies zu machen sei, bis
in dem stillen Beisammensein mit der Baronin die widerwilligen Aeuerungen,
welche diese ber den Baumeister aussprach, die Herzogin auf den Einfall
brachten, gleich jetzt einmal die junge Frau an einen Scherz zu gewhnen; denn
nur als einen solchen hatte sie ihre Warnung vor Herbert ausgesprochen. Erst die
Bestrzung und das Erschrecken Angelika's erinnerten die achtsame Franzsin
daran, wie viel damit gethan sei, wenn man einen Menschen in seinem Glauben an
sich selbst erschttert, wie schnell man in der Regel an das Ziel gelangt, wenn
man die Personen, auf die man wirken will, selbst zu Werkzeugen und zu
unbewuten Gehlfen fr dasjenige macht, was mit ihnen und an ihnen gethan
werden soll.
    Noch whrend sie Angelika umarmte und kte, hatte sie, ber dieselbe in das
Freie hinausschauend, bemerkt, da der Baron den Billardsaal bereits verlassen
und sich auf die Terrasse hinaus begeben hatte. In der Nhe der Baronin war fr
den Augenblick nichts mehr zu thun. Die Herzogin drngte es also, den Freiherrn
zu sehen und zu erfahren, in wie weit bei ihm ihre Voraussetzungen berechtigt
sein mchten.
    Leichten Schrittes eilte sie durch die Gemcher, durch den langen Corridor,
stieg dann die Treppe, welche aus dem Seitenflgel auf die Terrasse fhrte,
hinunter, als kme sie graden Weges aus ihren Zimmern, und trat an den Baron mit
der Frage heran, wo ihr Bruder sei.
    Der Baron, welcher seinen Knaben auf dem Arme hatte, gab ihr Bescheid und
wollte das Kind der Wrterin reichen, aber die Herzogin hinderte ihn daran.
Nicht doch, nicht doch, rief sie ihm zu, Sie sehen prchtig mit dem Kinde aus,
lieber Freund! Der schne kleine Ren kleidet Sie vortrefflich! - Sie kam mit
diesen Worten, leicht auf ihren kleinen Absatzschuhen einherschreitend, an den
Freiherrn heran, nahm ihm den Kleinen ab, drckte ihn an das Herz und meinte: Es
ist sonderbar, ich liebe die Kinder, ich liebe sie sehr, und doch habe ich es
nie bedauert, kinderlos zu sein!
    Ein Beispiel Ihres widerspruchsvollen Geistes! meinte der Baron.
    Durchaus nicht, mein Lieber! Es ist nur ein Beweis dafr, da ich mich und
mein Herz wohl kannte. Ich war nicht edel, nicht tugendhaft genug, um glcklich
zu werden durch eine Selbstverleugnung ohne Ende, um mein Leben lang immer eine
gute Mutter zu sein!
    Und doch erzogen Sie nach dem frhen Tode Ihrer Mutter den Marquis! wandte
der Freiherr ein.
    O, das war etwas Anderes, das war nur ein Bruder; das verpflichtete zu
nichts, den konnte man aufgeben wie jeden Anderen, wenn man seiner berdrssig
war! Aber ein Kind, das bleibt, das ist unser eigen, das hat unabweisliche
Forderungen an uns und ist eine bindende Fessel; gewi eine se, aber auch eine
schwere Fessel - gerade wie die Ehe! rief sie und fgte lachend hinzu: Ihnen
darf man das freilich nicht mehr sagen, denn Sie sind auch tugendhaft und
ernsthaft geworden, sehr tugendhaft, sehr ernsthaft, und ich allein bin die Alte
geblieben, das alte Kind einer jngeren und frhlicheren Zeit! - Sie wiegte
dabei den Knaben tndelnd in ihren Armen und reichte ihn danach der Wrterin.
Geh', geh', du reizendes, kleines Memento mori, sagte sie, und erinnere uns
nicht mit deinen hellen Augen daran, da du den Frhling noch schauen wirst,
wenn uns lngst sein grner Teppich deckt!
    Dann nahm sie den Arm des Barons, der sie mit Ueberraschung betrachtete, und
fing an, langsam mit ihm auf der Terrasse umher zu wandeln, whrend sie das
schwarze Spitzencapuchon ihres Entredeux ber die Frisur zog, da die Kanten auf
ihr leichtgepudertes Gelock herniederfielen. Sie rhmte die anmuthige Lage des
Schlosses, die gute Luft dieser Gegend und pries ihr Wohlbefinden in derselben.
Sie sprach von ihrer Heimath, von ihren gemeinsamen Erinnerungen und Bekannten,
und schien es lange gar nicht zu bemerken, da sie allein die Unterhaltung
fhrte. Auch der Baron beachtete es nicht; er hatte seine eigenen Gedanken.
    Wie er so neben ihr einherging in aller seiner Stattlichkeit, die kleine,
feine Gestalt am Arme fhrend, war es ihm, als komme mit der Berhrung dieses
Armes, der sich so weich und leicht dem seinen anschmiegte, ihm eine
langvergangene Zeit zurck, eine Zeit, in der er voll Feuer, voll Hoffnung, voll
jugendlicher Wnsche und zugleich mit einer Freiheit in das Leben getreten war,
die ihm - wie er sich dagegen auch strubte - jetzt noch reizend und
begehrenswerth erschien. Er sehnte sich nach den Empfindungen der
Leichtlebigkeit, die er in der letzten Zeit in sich zu bekmpfen gestrebt, und
er konnte nicht anders, er mute in seinem Innern der Herzogin darin Recht
geben: die Ehe, wie nothwendig ihre strenge Beschrnkung auch sein mochte, war
eine Fessel, die wohl drcken konnte.
    Was denken Sie? fragte die Herzogin ihn endlich.
    Der Baron nahm sich zusammen. Ich freue mich daran, wie wenig Gewalt die
Zeit ber Sie und Ihren Geist gehabt hat! gab er ihr zur Antwort. Sie sind noch
heute ganz dieselbe, die Sie in Vaudricour gewesen sind!
    Und Sie, Cousin?
    Knnen Sie mich das fragen? erwiderte er, und die Herzogin htete sich, ihm
schnell eine Entgegnung darauf zu machen. Sie schritt jetzt nur, als sei sie des
Auf- und Niedergehens mde, die breite Treppe der Terrasse hinunter und wendete
sich dann einer der Alleen zu, welche vom Schlosse aus den ganzen Park in langen
Linien durchschnitten.
    Die Bume waren noch bltterlos, aber die Knospen hatten sich bereits stark
gefrbt und begannen zu platzen und sich zu entfalten, da es wie ein farbiger
Duft hier brunlich roth, dort gelblich, und daneben auf den anderen Gipfeln wie
ein leichter, grner Schleier anzusehen war. Die Sonne schien warm, nur hie und
da wehte ein leichter, khler Hauch durch die Luft, und wohin das Auge sich
wendete, verkndete der helle frische Rasen das neue Werden der Natur.
    Die Herzogin ging wie in stillem Genieen versenkt langsam fort und fort.
Erst als sie sich eine Strecke vom Schlosse entfernt hatten, hob sie den Kopf zu
ihrem Begleiter empor, sah ihm mit ihren sanften Augen, aus welchen der Frohsinn
ganz entschwunden schien, prfend in das Antlitz und sagte: Sie haben Recht,
mein Freund; und einem Manne, der so viel Philosophie besitzt, wie Sie, kann man
das wohl aussprechen, ohne ihn damit zu verletzen: Sie sind allerdings lter
geworden, als Ihre Jahre, welche auch die meinen sind, es nthig machen. Ich
komme mir jnger vor, als Sie, aber mich dnkt, Sie tragen daran selbst die
Schuld!
    Von einem Anderen die Besttigung eines Gedankens zu erhalten, der uns nicht
angenehm ist und den man sich wegleugnen mchte, ist immer eine sehr peinliche
Sache. Aber der Freiherr wollte sich nicht weniger philosophisch zeigen, als die
Herzogin ihn nannte, und er fragte sie deshalb mit anscheinendem Gleichmuthe, in
wie fern er nach ihrer Ansicht die Schuld an seiner Wandlung tragen knne.
    Ich wei nicht, meinte die Herzogin, ob ich mich irre. Es ist inde mit uns
Menschen wie mit den Pflanzen. Jedwede fordert ihr eigenes Erdreich, ihre eigene
ihr angemessene Wrme und Behandlung, und auch wir sind nicht berall hin zu
versetzen, nicht fr jede Umgebung gemacht. Ich meine, Sie htten sich nicht aus
der groen Welt zurckziehen sollen.
    Der Baron zuckte die Achseln. Ich war ihrer mde geworden, meinte er, und
die Baronin ....
    Die Baronin ist ein Engel, fiel die Herzogin ihm in die Rede, ein Engel an
Gte und an Tugend! Sie besitzt in der That alle die Vorzge, welche ein Mann
wie Sie von einer Frau nur fordern kann, aber - denn eine alte Freundin darf ja
wohl aufrichtig zu Ihnen sprechen? ....
    Aber, rief der Freiherr in einem Tone, der nicht eben ermuthigend klang, den
jedoch die Herzogin nicht zu beachten fr gut fand.
    Aber, sagte sie, mich dnkt, fr Sie, eben fr Sie, Cousin, war sie
vielleicht nicht die glcklichste Wahl. Sie sind lebhaft, lebenslustig,
beweglich, ein wenig eitel und ziemlich egoistisch. Solche Mnner sind in der
Regel nicht darauf gestellt, immerfort das Gleiche zu empfinden. Solche Mnner
wollen auch bewundert werden, wollen etwas zu erringen haben, und an dem
Vollendeten bleibt ihm nichts zu erringen, nichts zu thun brig, als fortdauernd
zu bewundern und zu verehren. Die Baronin ist vielleicht zu gut fr Sie!
    Sie sprach das in einer Weise, die es ihm anheimstellte, ob er ihre Worte
ernsthaft oder scherzhaft nehmen wollte. Auch zgerte der Baron, ihr zu
antworten, und erst nach einer kleinen Pause erwiederte er: In gewissem Sinne
knnten Sie Recht haben. Die Verehrung ist nicht immer ein Befrderer der Liebe,
und Nachsicht finden, Nachsicht gewhren, Verzeihen und Verzeihung erhalten,
kann sehr s sein, kann die Herzen sehr nahe zusammenfhren, sie sehr dauernd
verbinden!
    Er hatte das mit einer gewissen inneren Bewegung gesagt. Die Herzogin wute
jetzt, woran sie war; aber sie wollte auch hier nicht absichtlich, nicht
zudringlich erscheinen, und sie beherzigte bei sich, da man um zu herrschen
nicht eilig sein, da man verstehen msse, zu warten, um sicher vorwrts zu
kommen. Mit jenem spielenden Lcheln, das selten von ihren Lippen wich und das
ihren feinen Zgen so wohl anstand, ging sie vllig wieder zum Scherze ber.
Nun, rief sie, in diesem Falle, mein Cousin, sind Sie durch reichliche Erfahrung
competent! Zum Verzeihen haben Sie uns immerdar Anla gegeben und - ich rhme
Ihnen das nach - Sie waren liebenswrdig, wenn man Ihnen Nachsicht zeigte!
    Und bedurften Sie der Nachsicht weniger als ich, theure Herzogin? fragte der
Baron, dem mit diesem Lcheln und diesem Tone seiner Begleiterin eine
Vergangenheit wach wurde, deren zu gedenken er bisher der Herzogin gegenber
nicht gewagt hatte. Die Treue ....
    Treue! Wer spricht davon? Ich habe das Wort nie leiden mgen.
    Weil Sie sich nie entschlossen, es zu einer Wahrheit zu machen!
    Als ob es Ihnen Vortheil gebracht htte, wre ich treu gewesen wie die
Heldinnen der Fabliaux! Treu sein, heit beschrnkt sein, Nichts weiter! In
Einem Menschen sein ganzes Leben lang die ganze Welt sehen, das heit ja sich
Augen und Ohren verbinden und Herz und Geist ertdten! Treue ist ein halber
Selbstmord. Warum denn von Treue sprechen in einer Welt, in welcher Alles
wechselt ....
    Und Alles eigentlich so schn ist! unterbrach sie der Baron, der sich mehr
und mehr erheiterte. Der Frhling hat seine Blthen, der Sommer seine Blumen und
seine heie Gluth ....
    Und der Herbst? fragte sie, indem sie ihm mit einem langen Blicke, dessen
Wirkung sie frher oft genug erprobt, in die Augen schaute, und der Herbst?
    O, rief der Freiherr, der Herbst hat seine klare, heitere Wrme, der Herbst
hat oft das Licht des Frhjahres und den Duft des Sommers, und darber hinaus
die se, erquickende Traube des Weines, dessen Feuer bestndig ist und dessen
Werth sich steigert mit der Zeit.
    Er hatte den Arm der Herzogin fester an sich gezogen, und - war es der
magische Glanz des hellen Sonnenlichtes, das seinen glhenden Schein ber das
Gesicht der Herzogin ergo, oder war es der Reflex des dunkelrothen, kleinen
Fchers, mit dem sie ihre Augen berschattete - sie kam dem Baron noch jung vor
und er fand sie noch reizend. Freilich sah er die Fltchen in ihren
Augenwinkeln, aber sie erhhten nur die Freundlichkeit ihres Blickes. Er sah
auch die feinen Furchen auf ihrer Stirn und die tieferen Zge, welche die
Leidenschaft und die Jahre um ihren Mund gezogen hatten, aber er sah sie nur mit
dem Bedauern, da auch diese einst so anmuthvolle Bildung der Vergnglichkeit
zum Raube fallen msse, und obschon weit davon entfernt, jetzt noch ein Gefhl
der Liebe fr die Herzogin zu fhlen, wie er es einst vorbergehend auch fr sie
gehegt, hatte er sie doch nie hher gehalten, als eben in dieser Stunde.
    Sie war ihm werth, unschtzbar werth! Er sprach ihr das aus. Er gestand ihr,
da er in diesem Augenblicke, in welchem er finde, was er so lange entbehrt,
erst inne werde, wie schwer er einen Menschen, eine Freundin vermit habe, die
seine Erinnerungen mit ihm theile, die durch Menschenkenntni, durch
Welterfahrung ihm nahe stehe, die in sich selbst die Schwche des Herzens und
der menschlichen Natur erfahren habe, die ihm helfen knne, den zu ernsten Sinn
Angelika's zu erheitern, ihr Lust an den Freuden ihres Alters zu geben. Und, so
schlo er, ich bin glcklich, theure Herzogin, da ich in Ihnen, meine Freundin,
jene Jugend des Geistes und des Herzens wiedergefunden habe, die auch mir noch
nicht entschwunden ist, und die in meiner Angelika zu beleben mir sicherlich
gelingen wird, wenn Sie, theure Margarethe, mir die Hand dazu bieten!
    Er hielt ihr die Hand hin, sie reichte ihm die kleine zierliche Rechte,
deren reichberingte Finger blendend aus dem schwarzen Halbhandschuh von Filet
hervorsahen, und er fhrte sie an seine Lippen. Sie gefielen einander gar wohl
in dieser Lage, denn sie betrachteten einander mit den Augen frherer Tage, und
in den neuen Freundschaftsbund schlossen sie stillschweigend die einstige kurze
Liebe mit ein.
    Wie segne ich die Stunde, sagte der Baron, in welcher Sie sich entschlossen,
uns hier aufzusuchen!
    Machen Sie mir den Aufenthalt durch Ihre Freundschaft nicht zu werth, das
Exil wird mir zu schwer und zu hart danach erscheinen!
    O, rief der Freiherr, das mu feststehen zwischen uns, Cousine, da Sie uns
nicht verlassen, bis wir selbst Sie nach Vaudricour zurckgeleiten knnen! Ihr
Wort darauf!
    Was hilft Ihnen das Versprechen einer Treulosen, die obenein wetterwendisch
ist wie alle alten Frauen? meinte sie mit guter Laune, whrend sie umlenkte, um
den Rckweg nach dem Schlosse anzutreten.
    Nun denn, so appellire ich an die Vergangenheit, um mir die Zukunft zu
sichern, meinte der Baron. Wir haben es uns einst versprochen, Freunde zu
bleiben und einander nicht zu fehlen, wo wir einander ntzen knnen. Denken Sie
noch daran, Margarethe?
    Ich denke daran, erwiederte sie anscheinend gerhrt, denn ich erinnerte mich
dieses Versprechens in der Stunde der Sorge, und ich kam zu Ihnen.
    Wohlan denn, Herzogin, an der Seite meiner jungen Frau fehlte mir immer
meine alte Freundin Margarethe. Ich verlange von ihr, da sie nicht von mir
geht, ehe ich sie entbehren kann! Wird sie mir das versagen?
    Nein, o nein, gewi nicht, mein alter theurer Freund, mein lieber Vetter,
rief die Herzogin, als berwltigten sie das Zartgefhl und die Gromuth des
Barons, aber gewhren auch Sie mir eine Bitte!
    Befehlen Sie, theure Freundin! Ihnen einen Wunsch zu erfllen, wird mich
glcklich machen!
    Nun denn, Baron, gnnen Sie es mir, die Vermittlerin zwischen Ihnen und den
Wnschen unserer lieben Angelika zu machen. Die fromme Seele hat ihr Herz einmal
an den Bau der Kirche in Rothenfeld gehngt, geben Sie ihr darin nach. Sie
wnschen die Gute ein wenig leichtlebiger, ein wenig fgsamer zu finden; gehen
Sie ihr mit gutem Beispiele voran und fordern Sie Nachgiebigkeit um
Nachgiebigkeit.
    Wie gern, meinte der Baron, nur da wir eines schnen Effectes entbehren,
wenn wir den Vortheil nicht benutzen, welchen der Bau auf der Hhe uns bieten
wrde.
    O, Cousin, das ist Monsieur Herbert's Sache! Sie rhmen sein Genie, seine
Erfindungsgabe; er wird einen anderen Vorschlag machen, er wird da oben eine
Capelle, ein Kreuz errichten, und wenn die gute Angelika sich in ihrem heiligen
Eifer genug gethan hat, nun, so wird sie allmhlich auch ihren Sinn mehr den
Freuden des Lebens und ihres Alters zuwenden und das beschmende Gefhl von
unseren Huptern nehmen, da wir jnger, o, weit jnger sind, als unsere liebe
junge Schwrmerin.
    Sie lachte und wandte ihr Haupt ab; ihr Nacken und ihr Ohr waren noch
zierlich und sehr hbsch. Wie haben Sie es gemacht, Cousine, so jung zu bleiben?
fragte der Baron.
    Ich habe meine Freiheit nicht darangegeben, nachdem ich sie durch den Tod
des Herzogs einmal wiedergewonnen hatte, entgegnete sie.
    Der Baron antwortete ihr nicht darauf, aber sie glaubte ihn seufzen zu
hren.
    Am Abende erklrte der Freiherr seiner jungen Gattin, da er sich
hinsichtlich des Baues ihren Ansichten und Wnschen fge. Sie war davon gerhrt
und berrascht. Aber sie ahnte nicht, da sie die Gewhrung ihres Verlangens
einer fremden Frau verdankte, die wohl wute, was sie damit gethan, als sie dem
Freiherrn seinen und seiner Gattin Lebenswege als zwei von einander abweichende
Pfade bezeichnet hatte.

                                  Zweites Buch



                                 Erstes Capitel

In dem grnen Parke von Schlo Richten hatten die zahmen Rehe und Hirsche sich
bereits gewhnt, das Brod aus den Hnden des kleinen Renatus zu nehmen, wenn die
Wrterin ihn an das Gitter des Geheges fhrte, und in Rothenfeld stieg die
Kirche schon stattlich aus der Tiefe hervor, als die Kriegstrommel durch das
Land rasselte, weil der Feldzug, mit welchem man dem bedrngten Knige von
Frankreich zu Hlfe kommen wollte, nun eine beschlossene Sache war.
    Ueberall im Lande gab es Truppenmrsche, in allen Husern hatte man
Einquartierung; auch das groe, schn gelegene Haus des Juweliers Flies war
natrlich nicht davon verschont. Angenehme Gste waren diese, von Werbern aus
allen vier Weltgegenden zusammengebrachten Truppen, diese Sldlinge, welche nur
mit Gewalt bei der Fahne erhalten werden konnten, eben nicht, und der Kriegsrath
Weienbach hatte es von dem Juwelier Flies als einen Freundschaftsdienst
gefordert, da dieser die auf das Haus gewiesenen Gemeinen in sein Quartier nahm
und dem Kriegsrathe die beiden Offiziere berlie, mit denen doch ein Verkehr
und ein anderes Auskommen mglich war.
    Der Kriegsrath, dem der Caplan vor einigen Jahren auf den Vorschlag des
Juweliers den Sohn Paulinen's bergeben hatte, stand aber auch mit seinem
Hausherrn immer auf dem besten Fue. Herr Weienbach war ein Mann, der seine
Ruhe liebte, der seine festen Gewohnheiten hatte und der fr das Muster eines
ruhigen und fleiigen Beamten galt. An jedem Morgen ging er um die bestimmte
Stunde in sein Bureau, an jedem Mittage kehrte er um die gleiche Stunde heim,
und eben so regelmig pflegte er dann in den Laden des Juweliers zu treten, der
schon lange neben seinem Gold- und Juwelenhandel ansehnliche Bankgeschfte
machte und von dem Gouverneur der Provinz, wie von dem hohen Adel mit
mannigfachen Geld-Operationen beauftragt wurde. Dadurch war er meist wohl
unterrichtet ber alles, was in den Familien des Adels und des Brgerstandes
vorging. Der Kriegsrath seinerseits, obschon er sehr gewissenhaft ber seinen
Amtseid dachte, wute doch immer Dies und Jenes von den Maregeln der Regierung
zu erzhlen, was er freilich nur als Muthmaungen bezeichnete, was aber dem
scharfsichtigen und gut zusammenreimenden Kaufmanne gelegentlich doch zu Nutz
und Frommen gereichte, und da man auf diese Weise fr einander zugleich
unterhaltend und frderlich war, so liebten beide Mnner es, alltglich ein
Viertelstndchen zusammen zu verplaudern. Sie sprachen daneben vor Fremden auch
gnstig von einander, und befestigten und steigerten auf diese Weise gegenseitig
ihren guten Ruf und ihren Credit, ohne da sie deshalb einen eigentlichen
gesellschaftlichen Verkehr unterhalten htten. Denn die Flies'sche Familie zu
sich einzuladen, fand die Kriegsrthin nicht passend; aber sie verschmhte es
dehalb nicht, sie hier und da einmal allein zu besuchen, von ihr jeden Dienst
zu fordern und anzunehmen, welchen dieselbe zu leisten nur irgend geneigt und im
Stande schien, und beide Theile glaubten nicht, sich damit etwas zu vergeben.
Der Kriegsrath, wie weit er auch von der hchsten Stufe der Macht entfernt war,
fhlte sich doch als einen Theil der Beamtenwelt, die in des Knigs Namen das
Land regierte, und der Juwelier, welcher seinen Schwerpunkt in seinem wachsenden
Vermgen hatte, gnnte dem Kriegsrath seinen Beamtenstolz und sein gemessenes
feierliches Wesen. Konnte er doch berechnen, wie weit diese Vornehmheit ungefhr
zu gehen vermochte!
    Selbst die bewegten Zeiten nderten in diesem gegenseitigen Verhltnisse
nichts. Denn wie abweichend der Hausherr und sein Miether auch ber die Dinge
dachten, welche in Amerika geschehen waren und in Frankreich eben jetzt
geschahen, so waren beide doch vorsichtig genug, die obwaltende
Meinungsverschiedenheit nicht scharf hervorzuheben oder auch nur ernst zu
berhren. Der Kriegsrath wnschte es mit einem Manne nicht zu verderben, der
nachzusehen wute, wenn die Quartalszahlungen einmal etwas auf sich warten
lieen. Auch um Paul's willen mute man mit Herrn Flies in gutem Vernehmen zu
bleiben suchen, und dieser Letztere hielt beharrlich an der Erfahrung fest, da
man jeden Menschen einmal brauchen knne und also Niemanden unnthig von sich
weisen drfe.
    Herr Flies hatte seiner Zeit mit dem Kriegsrathe das Abkommen wegen des
Knaben mit jener Schnelligkeit betrieben, mit welcher er alle seine Geschfte
abzumachen liebte, und er hatte dabei eine doppelte Absicht gehabt. Einmal hatte
er gewnscht, sich dem Freiherrn von Arten gefllig zu erzeigen, der ihm ein
guter Kunde war, und zweitens hatte er geglaubt, es knne ihm in jedem Betrachte
nur vortheilhaft sein, wenn die Einnahmen seines Miethers sich um eine Summe
steigerten, welche durch ihn ausgezahlt werden sollte und die mehr als den
Betrag des Miethzinses ausmachte. Aber erst, als sie das Kind bereits im Hause
hatte, war die Kriegsrthin auf die Frage gekommen, in welcher Weise sie
dasselbe vor den Leuten aufzufhren haben werde. Eingestehen, da sie den
Bastard eines Edelmannes bei sich aufnehme, das mochte sie nicht gern, und ein
Kind von solcher Herkunft fr den Sohn eines seiner Verwandten auszugeben,
verweigerte der Kriegsrath. Man gelangte also zu dem Auskunftsmittel, den Knaben
als eine Waise darzustellen, deren man sich angenommen habe, und damit schienen
die Schwierigkeiten nach allen Seiten auf einmal gelst.
    Man hatte eine Form, in welcher man den kleinen Paul den zahlreichen
Bekannten und Freunden des Hauses vorstellen konnte, es war gerechtfertigt, wenn
man den Knaben in allen Dingen sparsam hielt, es gab fr die Gromuth und
Herzensgte der Pflegeeltern ein schnes Zeugni, und es erzog, wie die
Kriegsrthin sagte, ihren Pflegling auf die einfachste Weise zu der Fgsamkeit,
die fr ihn am angemessensten schien, weil seines Gleichen doch in der Regel
keinen glatten Lebensweg zu haben pflegten.
    Die Kriegsrthin war berhaupt eine gescheite und daneben eine hbsche Frau,
die freilich nicht in allen Dingen mit ihrem lteren Manne zusammenstimmte. Er
war ein wenig trocken und pedantisch; sie nannte sich gefhlvoll und poetisch.
Er liebte die Arbeit, sie die Mue; er hielt auf seine Gewohnheiten, sie sehnte
sich nach Wechsel und nach Neuem; ihm gengten sein Amt und seine Lebenslage,
sie besa den Ehrgeiz, fr ihren Mann ein hheres Amt, fr sich eine glnzendere
gesellschaftliche Stellung zu begehren, und sie war der Meinung, da eine
hbsche, gescheite Frau ihrem Manne vielfach ntzen knne. Es war ja nicht das
Verdienst allein, da man im Staate belohnte, nicht allein die Kenntnisse und
die Tchtigkeit, welche den Beamten vorwrts brachten. Vornehme Verwandtschaften
und einflureiche Bekanntschaften fielen ganz anders in die Wagschale, und Frau
Weienbach, welche sich eine Pflicht und eine Ehrensache daraus machte, ihrem
Manne solche Bekanntschaften zu vermitteln, hatte sich eben deshalb auch so
schnell bereit erklrt, das Kind des angesehenen Freiherrn von Arten bei sich
aufzunehmen. Denn auf die frderliche Gunst eines Mannes, dem man ein Geheimni
bewahrte, meinte sie rechnen zu drfen.
    Wenn man aber mit einflureichen Leuten in Berhrung zu kommen wnschte, so
mute man, wie die Kriegsrthin behauptete, einen gewissen uern Anstand
zeigen, weil sich mit einer Familie einzulassen, von welcher man in jedem
Augenblicke irgend einer Anforderung gewrtig sein mu, der Angesehene und
Vielvermgende, der wie jeder Andere um seiner selbst willen aufgesucht sein
mag, berall Bedenken trgt; und der uere Anstand war auch gar so schwer nicht
zu behaupten. Eine gute Einrichtung, wenn sie einmal angeschafft ist, hlt lange
vor, und eine gebildete Frau wei ihre Kleidung so zu tragen, da alles an ihr
einen besonderen Anstrich erhlt. Es war auch gar nicht nthig, da der
Kriegsrath sich viel in der Gesellschaft zeigte und sich aus seiner Ruhe strte.
Sah man die Frau nur im Theater, wenn die Schauspielertruppe sich am Orte
aufhielt, traf man sie nur in dem Kaffeegarten, in welchem die angesehenen und
gebildeten Familien der Stadt sich zusammenfanden, so konnte der Mann in Gottes
Namen bei seiner Arbeit bleiben. Hier und da ein Abendbrod zu geben, oder einige
Personen zum Spiel bei sich zu sehen, das konnte man leicht ermglichen. Man
schrnkte sich dafr in der Familie ein wenig ein, und lieen die Ausgaben und
Einnahmen sich dennoch einmal nicht in das Gleiche setzen, so verstand Laura es
vortrefflich, den mahnenden Handwerkern mit dem Hinweise auf ihres Mannes
einflureiche Stellung Geduld zu predigen, und sie auf die mancherlei
Lieferungen zu vertrsten, welche er zu vergeben hatte und von denen hier und da
eine oder die andere ihnen auch zu Theil ward.
    Auf solche Art geschah es, da die Kriegsrthin ihre Handwerker und diese
die Weienbach'sche Familie lobten, da Herr Weienbach mit seiner Laura sehr
zufrieden war, da Laura mit heiterer Sicherheit ihre smmtlichen
Angelegenheiten leitete und da man die Familie Weienbach durchaus als eine
sehr achtungswerthe bezeichnete. Wem die Menschen aber, sei es mit Grund oder
ohne Grund, einmal wohlwollen, dem legen sie das Gute doppelt und dreifach als
ein solches aus, und Frau Weienbach hatte selbst nicht voraussehen knnen,
welch ein Gewinn ihr durch die Aufnahme von Paul erwachsen sollte, da man einmal
gnstig fr sie gestimmt war.
    Die Leute, welche sich nur an die materiellen Verhltnisse hielten, meinten,
da verstndige Personen sich nur dann die Sorge fr eine Waise aufladen, wenn
ihnen dies ein Leichtes sei. Die weichen Seelen rhmten das liebevolle Herz der
Kriegsrthin, welches sich in der Hingebung an ihren Gatten noch nicht genug zu
thun wisse, und kam dem Kriegsrath inzwischen doch einmal die Frage, wie seine
Laura es nur anfange, mit seinen Mitteln so weit auszureichen, so wute diese,
seit Paul in ihrem Hause war, Alles auf die fr ihn bezahlte Pension zu
bertragen und es deutlich zu beweisen, was sich leisten und bestreiten lasse,
wenn neben der ausreichenden Summe fr das Unerlliche noch eine sichere
Einnahme zur Beschaffung des Ueberflssigen und Angenehmen vorhanden sei. - Es
machten sich also, wie gesagt, die Dinge alle ganz vortrefflich, und Jedermann
war recht zufrieden, bis auf den Knaben, der in dem Weienbach'schen Hause seine
Heimath haben sollte und der es deutlich genug empfand, da er von der
Kriegsrthin, die sich seine Mutter nannte, nur geduldet, nicht geliebt ward;
da sie ihn entfernte, wenn sie konnte; da sie ihn ngstlich bewachte, wenn man
mit ihm sprach, und da sie ihn zum Schweigen verwies, sobald er von seiner
wahren Mutter und von seinen Erinnerungen zu reden begann.
    Dieses Letztere whrte jedoch gar nicht lange, denn er hatte des Neuen in
der Stadt so viel zu sehen, da es die alten Eindrcke zurckdrngte, und
nachdem der Knabe in den ersten Wochen tglich nach seiner Mutter verlangt
hatte, sprach er bald gar nicht mehr von ihr und schien es nach Jahr und Tag
vllig vergessen zu haben, da er je eine andere Heimath gehabt hatte. Aber mit
seinen ersten Erinnerungen hatte Paul auch seine kindliche Frhlichkeit
verloren. Er war ein ernsthafter, still beobachtender Knabe geworden, der sich
in den Willen und die Weise der Personen, von denen er abhngig war, frh zu
schicken lernte.
    Morgens, wenn der Kriegsrath sich in sein Bureau verfgte, und der alte,
reiche Herr Prsident der schnen Laura seine alltgliche Morgenvisite machte,
ging Paul bald ganz von selbst hinaus. Er hatte es ja auch schon so oft gesehen,
wie der alte Herr der Pflegemutter zrtlich die vollen, weien Hnde kte und
ihr mit zierlicher Armbewegung und gespitzten Fingern den frischen Strau oder
die gefllte Bonbonnire berreichte, in der neben dem Zuckerwerk wohl auch ein
zierlich gefaltetes Briefchen oder ein kleines, werthvolles Geschenk sich
verbargen. Abends hingegen, wenn die Herren Offiziere und die geputzten Damen
mit den hohen Flatteusen auf dem Kopfe zum Spiele kamen, dann sollte Paul
freilich in der Gesellschaft bleiben, aber er mute es dann stets aufs Neue
rhmen hren, wie gut, wie gromthig seine Pflegemutter, und wie sie zu
beklagen sei, da ihr Pflegesohn nicht freundlicher, nicht frhlicher, da er,
trotz seiner schnen Augen und seines lebhaften Gesichtes, ein so
verschlossener, ein so wenig liebenswrdiger Knabe sei.
    Er war herzlich froh, wenn er endlich die Weisung erhielt, das Zimmer zu
verlassen, wenn er aus den lichten Rumen sich ber den Corridor in die letzte
Stube der Wohnung flchten konnte, in welcher der Kriegsrath, zwischen
Actensten vergraben, bei seiner Arbeit sa, oder wenn er hinuntergehen durfte
zu dem Hauswirthe in die groe Stube, welche an den Laden anstie.
    Unten bei Herrn Flies, da kamen Morgens keine besonderen Besuche zu der
Hausfrau und Abends war keine Gesellschaft zum Spiele dort. Da hie man ihn
nicht reden und nicht schweigen, da lie man ihn nicht hart an, ohne da er
wute, was er verbrochen habe, da kte und lobte man ihn nicht vor Fremden,
ohne da er einsah, womit er dies verdient htte. Herr Flies sa auch Abends
niemals so, wie der Kriegsrath, ganz allein in einer stillen, dunkeln
Arbeitsstube.
    Freilich hatte Herr Flies auch vollauf zu thun von frh bis spt, aber sein
Thun war lustiger, als das des Kriegsrathes, es war nicht einsam und nicht immer
dasselbe. Denn vorn im Laden, der nach der Strae hinaussah, da standen die
spiegelhellen Silbervasen, auf denen allerlei Figuren: Menschen, Thiere und
Pflanzen nachgebildet waren, vor dem Fenster. Da fhrte der silberne Mohr mit
goldenem Schurz den schneeweien Elephanten an goldener Kette, da ringelten sich
goldene Schlangen um silberne Palmbume, da gab es in kostbaren Geschmeiden die
rothen Korallen und die schimmernden Perlen, welche man, wie ihm Herr Flies
sagte, aus der Tiefe des Meeres hervorholte, und daneben funkelte der rothe
Rubin und leuchtete der blaue Saphir ber dem strahlenwerfenden Diamanten und
dem glnzenden Smaragd, die man in jenen Gegenden finden konnte, in denen die
Schlange sich um den Palmbaum ringelte und der Neger und der Elephant und der
Hindu und der Lwe zu Hause waren, die Paul am Fue eines groen Tafelaufsatzes
zu bewundern liebte.
    Alles gefiel ihm in dem Laden. Er hatte immerfort etwas zu betrachten. Er
hrte es gern, wenn Herr Flies den Kufern die Schnheit seiner Waaren rhmte,
er sah ihm gern zu, wenn er das eingenommene Geld im Zhlen so blitzschnell aus
der Rechten in die Linke gleiten lie, um es dann in gleichmigen Haufen neben
einander aufzustapeln, oder wenn die Leute kamen, denen man Geld zu zahlen
hatte, und der Cassirer es im Comptoir mit nie fehlender Sicherheit in richtigem
Betrage auf den Zahltisch hinschieen machte. Die Handlungsgehlfen an den
Stehpulten hinter den hlzernen Gittern, welche in den groen, schweren Bchern
schrieben, der Hausknecht, der Pcke von Waaren nach der Post trug oder Scke
voll harter, blanker Thaler in das Haus brachte, das alles beschftigte des
Knaben Phantasie, das alles liebte er zu sehen. Mehr aber noch als alles das
liebte er Seba, und Seba war es werth, da man sie liebte.
    Sie war das einzige Kind des Juweliers. Seinen grten Schatz nannte sie der
Vater, einen wahren Edelstein nannte sie die Mutter, die schne Seba Flies, die
schne Jdin hie man sie in der Stadt. Des Vaters namhaftes Vermgen war fr
sie erworben; was Liebe gewhren, Geld erkaufen konnte, Pflege und Unterricht
aller Art waren ihr zu Theil geworden. In der Liebe ihrer Eltern hatte sich ihr
Herz entfaltet, durch Bildung ihr Geist sich entwickelt, sie wute, was sie
werth war, und gerade darum lasteten die Verhltnisse, in denen sie geboren war
und lebte, so schwer auf ihr.
    Was half es ihr, da sie weit schner war, als die meisten der reichen
Brger- und Kaufmannstchter und selbst als die Edelfrauen und Frulein, welche
in ihres Vaters Laden den Schmuck fr ihre Feste und den Trauring fr ihre
Hochzeit kauften? Was half es ihr, da sie nur zu sprechen, nur zu wollen
brauchte, um die Edelsteine zu besitzen, welche ihr begehrenswerth erschienen?
Keiner der Mnner, fr welche jene Frauen sich schmckten, war fr die Jdin
vorhanden, keines von all den Festen, auf denen Jene sich vergngten, ffnete
seine Thren fr Seba, und sich zu schmcken und zu putzen fr die Gesellschaft
ihrer Stammes- und Standesgenossen machte ihr keine Freude. Die Verachtung, die
Zurcksetzung, welche auf den Juden lasteten, drckten sie. Mit unerbittlicher
Klarheit sah sie die Schwchen und Widrigkeiten, welche den von der
Allgemeinheit ausgeschlossenen Juden anhafteten, und schon oftmals war ihr der
Gedanke durch die Seele gegangen, da Bildung und Erziehung zum Schnen und zum
Edeln fr denjenigen keine Wohlthat sein knnten, dem es nicht vergnnt sei,
sich frei und gleichberechtigt unter den Gebildeten zu bewegen.
    Eine heimliche Unzufriedenheit, die auszusprechen schon die Zrtlichkeit und
Liebe fr ihre Eltern sie abgehalten haben wrde, arbeitete, seit sie
herangewachsen war, in ihrem Innern fort, und ihre phantastische Hoffnung auf
einen Wechsel ihrer Lebensverhltnisse, auf eine Aenderung der allgemeinen
Zustnde sog ihre Nahrung aus der groen gesellschaftlichen Umgestaltung, die
sich jenseit des Rheines durch die Revolution vollzog und auf welche auch ihr
Vater sein Auge und seine Erwartungen gerichtet hielt. Denn, wie Herr Flies auch
gelegentlich zu schweigen wute, wenn man sich mit Entrstung ber die
Revolutionre in Frankreich uerte, welche weder vor gttlichen noch vor
menschlichen Gesetzen Achtung hegten - in seines Herzens Innerem dachte er
anders, und er hatte dessen vor seiner Familie und vor seinen Freunden auch kein
Hehl.

                                Zweites Capitel


Im Flies'schen Hause erregten der bevorstehende Krieg gegen Frankreich und das
Einrcken der Truppen, welche bestimmt waren, der revolutionren Bewegung in
Frankreich wo mglich ein baldiges Ende zu machen, also keine Freude, denn man
hatte allen Grund, der Sache den Sieg zu wnschen, die zu bekmpfen das Heer
entsendet wurde, und es war dem Juwelier recht erwnscht, da der Kriegsrath die
Offiziere bei sich ins Quartier nahm. Brauchte Herr Flies es nun doch nicht mit
anzuhren, wie verchtlich die jungen Edelleute von den Franzosen sprachen, wie
sie die in Paris verkndigte Anerkennung der Menschenrechte verspotteten und mit
welchen Schmhungen sie die Namen der groen Mnner begleiteten, welche in
Frankreich die Aufhebung aller Privilegien und Standesvorrechte ausgesprochen
hatten!
    Es waren aber schne junge Mnner, vornehme Offiziere, die oben bei der
Kriegsrthin die groen Vorderstuben bewohnten. Sie gingen tglich vielmals
durch das Haus und grten dabei Seba immer sehr verbindlich. Nur auf einige
Tage hatte man die Einquartierung angemeldet, aber sie blieb und blieb, und wie
man berall auch vom Kriege und von seinen Schrecken sprach, die Offiziere
schienen ihn wie eine Vergngung anzusehen. Das Leben, das man jetzt im Orte
fhrte, war auch lustig genug. Die Offiziere stolzirten prchtig durch die
Straen, wurden gehegt und gepflegt, ritten und fuhren umher und saen und
scherzten mit den Frauen und Mdchen, die sich gar keine besseren Gesellschafter
wnschen konnten, und sich schmckten, als wren es lauter Feiertage. Auch die
Kriegsrthin trug jetzt immer ihre guten Kleider und war von frh bis spt in
bester Laune, wenn die Offiziere, so nannte sie den Hauptmann und den Grafen,
bei ihr im Zimmer waren. Abends gab es noch hufiger Besuch als sonst, man
spielte oftmals, man tanzte auch bisweilen, und selbst der Kriegsrath schlo
sich jetzt von der Gesellschaft selten aus, denn des Grafen Onkel war der
Kriegs-Minister, von dessen Gunst und Meinung des Kriegsrathes ganze Zukunft
abhing. Am Morgen fuhren die beiden jungen Edelleute die Kriegsrthin bisweilen
spazieren, und nach einer solchen Ausfahrt war es, da die schne Laura eines
Tages mit dem Grafen in den Laden des Juweliers hineinkam, als Seba dem Vater
eben eine Schnur werthvoller Perlen wiederbrachte, die er ihr aufzureihen
gegeben hatte.
    Herr Flies fragte, womit er dienen knne, weil er annahm, der Graf wnsche
irgend einen Kauf zu machen; aber die Kriegsrthin sagte, sie komme nur, um Paul
zu suchen, der doch gewi hier unten bei seiner Seba sein werde. Sie lchelte
dabei sehr freundlich, und auch Seba lachte, denn der Knabe hatte wirklich
wieder bei ihr unter den Wallnubumen im Garten gespielt, unter deren jungem
Laube es am Mittage sehr schattig war.
    Die Kriegsrthin ging ber den Hof in den Garten hinaus, den Knaben zu
holen, Seba begleitete sie und der Graf folgte ihnen nach. Madame Flies sa
drauen und pflckte Rosenbltter und Lavendelblthen zum Aufbewahren in einen
Topf. Paul half ihr dabei, und obschon die Kriegsrthin ihm sagte, da er
hinaufkommen solle und da sie gehen msse, weil es bald Mittag sei, lie sie
sich doch auf der Bank unter den Bumen nieder und schickte Paul ins Gartenhaus,
fr den Herrn Grafen einen Stuhl zu holen.
    Der Graf fand den Garten uerst angenehm. Er rhmte den Rasen und den
Schatten und die Blumen, er sagte, da es in seines Vaters Park nicht frischer
sei, und er fragte die Kriegsrthin, wehalb sie ihre Gste bei diesem schnen
Wetter nicht lieber in dem Gartenhause als oben in ihren Zimmern bewirthe?
    Wir haben die Benutzung des Gartens nicht, Herr Graf, bedeutete die
Kriegsrthin.
    Er steht ja immer zu Ihrer Verfgung, verehrte Frau Kriegsrthin!
versicherte dienstbeflissen und zuvorkommend die Hausfrau.
    Die Eine dankte, die Andere meinte, es bedrfe des Dankes nicht, und dabei
berhrten sie beide, was der Graf zu Seba sagte. Es mute aber etwas Angenehmes
und nichts Gewhnliches sein, denn Seba ward roth, obschon sie lchelte, und
blickte den Grafen an, nachdem sie sich hatte abwenden wollen. Es lohnte auch
der Mhe ihn anzusehen, denn er war schn, der schlanke junge Mann mit seiner
zuversichtlichen Miene und den stolz geschwellten Lippen.
    Die Kriegsrthin und der Graf blieben nicht lange im Garten, und doch war es
Seba, da Jene sich entfernten, als htte sie viel erlebt, als sei etwas ganz
Besonderes geschehen. Sie berlegte, was der Graf zu ihr gesprochen, was sie ihm
geantwortet habe. Sie htte wissen mgen, wie sie ihm erschienen sei und ob ihre
Redeweise, ihr Betragen, ihre Haltung die richtigen gewesen wren. Sie war so
unsicher ber sich selbst, sie gengte sich pltzlich nicht. Das war ihr sonst
niemals geschehen.
    Am Nachmittage kam Paul herunter.
    Seba, sagte er, sieh' mich doch einmal an!
    Wozu das? fragte sie.
    Ich will nur sehen, ob Du schn bist!
    Wie kommst Du darauf? entgegnete sie.
    Der Graf hat es gesagt! versetzte Paul, weit entfernt, zu ahnen, was er
seiner Freundin damit that.
    Sie htte sich den Anschein geben mgen, als achte sie nicht auf des Knaben
Worte, aber sie konnte das Wohlgefhl, das sie durchstrmte, nicht verbergen.
Sie umfate Paul, sie drckte ihn an ihr Herz, sie kte ihn wieder und wieder.
So lieb wie heute hatte sie ihn nie gehabt.
    Sie sang und lachte, wo sie ging und stand. Nie zuvor war sie an einem Tage
so oftmals an den Spiegel getreten, nie zuvor hatte ihre Schnheit sie so
erfreut. Noch spt am Abend, ehe sie sich zur Ruhe legte, schlang sie bald
dieses, bald jenes Band durch ihre Locken, hing sie bald dieses, bald jenes
Geschmeide um Hals und Arme. Sie wollte erproben, was ihr am besten stnde, um
es morgen anzulegen, und sie dachte mit einer Wonne an den nchsten Morgen, an
den nchsten Tag, da sie den Schlaf darber lange gar nicht finden konnte.
    Morgen, sagte sie sich, als die Nebelgebilde des Traumes ihren Sinn zu
umfangen begannen, morgen! Was wird morgen sein? - Und der Traum bemchtigte
sich der heimlichen Gedanken und Hoffnungen, die sich in ihr regten, und spann
sie aus und stellte sie ihr dar, und machte ihr deutlich, was sie fhlte; denn
der Traum ist der verfhrerische Gefhrte der aufdmmernden Liebe, der schneller
und khner als sie, ihr stets voraus ist und sie verlockt, ihm in Gebiete zu
folgen, in die ihr Ahnen und Wnschen sich noch nicht gewagt hat, und von denen
sie nicht mehr zurckkehrt, wenn sie sich erst darin verloren hat.
    Und Seba hatte sich am folgenden Tage nicht vergebens geschmckt, und die
Mutter hatte nicht vergebens der Kriegsrthin den Garten zur Verfgung gestellt,
denn sie begann ihn fleiig mit ihren Gsten zu benutzen. Morgens spazierte sie
mit dem Hauptmanne in den Alleen umher, Mittags suchte man unter seinen Bumen
den Schatten auf, Abends kam man noch hinunter, die Khlung zu genieen, und der
Graf war immer dabei.
    Das ging Tag fr Tag so fort. Die Kriegsrthin und Madame Flies wurden immer
bessere Freundinnen, da sie sich nher kennen lernten, und Jene betheuerte, da
sie es sich gar nicht vergeben knne, so manche Jahre mit Madame Flies und mit
der guten Seba unter einem Dache gelebt zu haben, ohne zu begreifen, welche
Hausgenossen sie an ihnen besitze. Sie mochte sich von Seba kaum noch trennen.
Sie versicherte, da sie dieselbe wie eine jngere Schwester, wie eine Tochter
liebe; sie erzhlte im Vertrauen, wie der Hauptmann und vor Allen der Graf die
schne Seba bewunderten, und es war im Grunde gar nicht nthig, da sie ihr das
sagte, denn der Graf hatte es Seba oft genug ausgesprochen und wiederholt, und
Seba dachte schon lange an nichts mehr, als an ihn.
    Dem Vater kam das Alles nicht gelegen. Er kannte die Edelleute und er kannte
auch die Kriegsrthin. Er glaubte nicht an die pltzlichen Wandlungen und war
klug genug, wo eine solche sich vor seinen Augen vollzog, nach der Ursache des
Wunders zu fragen. Hier aber reichten der Name des Grafen und die sichtliche
Bewunderung, welche derselbe fr Seba an den Tag legte, vollkommen hin, dem
Juwelier die Geflligkeit der Kriegsrthin zu erklren, und weder diese noch der
Graf wurden ihm dadurch lieber. Er htte der ganzen Sache gern ein Ende gemacht;
inde Seba hatte solche Freude an der Geselligkeit, in welche sie durch die
Kriegsrthin gezogen ward, und sie war ja klug genug, die Kluft zu ermessen,
welche die Tochter ihres Vaters von einem Grafen Berka trennte. Mochte sie also
die kurze Freude genieen, sich von einem Grafen bewundert zu sehen, da es ja
obenein mglich war, da sich aus den gegenwrtigen Verhltnissen zu der
Weienbach'schen Familie fr Seba ein Umgang entwickelte, wie sie ihn sich lange
ersehnt hatte, wie sie und ihre Eltern ihn wohl auch beanspruchen durften.
    Aber nicht Seba allein war befriedigt durch die Besuche, welche sie bei der
Kriegsrthin machte, auch Paul, ihr kleiner Freund, hatte seine Lust daran, denn
sie sah gar zu schn aus, wenn sie Abends in ihren weien Kleidern zur
Gesellschaft herauf kam.
    Einmal, am Geburtstage der Kriegsrthin, hatte man noch mehr Gste geladen
als gewhnlich, und zum ersten Male waren auch Herr Flies und seine Frau dabei.
Seba hatte rothe Korallen durch ihr schwarzes Haar geschlungen, und man lachte
und scherzte und tanzte, und unter all den schnen Mdchen und Frauen war Seba
bei Weitem die Schnste. Das sah Paul ganz deutlich, das sagte auch Jedermann,
und das sagte ihr auch der Graf, dem die Uniform so straff sa, dem die
Lebenslust aus seinen blauen Augen lachte und der heute gar nicht von Seba's
Seite wich.
    Paul konnte das nicht leiden. Er konnte den Grafen berhaupt nicht leiden,
denn Seba beachtete den Knaben nicht, wenn Jener in ihrer Nhe war, ja, sie
schien Paul berhaupt beinahe vergessen zu haben. Nachdenklich stand der Kleine
in der Ecke und sah dem Grafen nach, wie dieser Seba in seinem Arme hielt und
wie die beiden sich leise und sanft in den weichen Schwingungen des Schleifers
durch den Saal bewegten. Niemand kmmerte sich um Paul, und Niemand wute, wie
sonderbar fremd ihm heute der Saal erschien, den man mit Guirlanden und Krnzen
aufgeputzt hatte und der wie nie zuvor voll Menschen war. Die Hitze, der Geruch
der Blumen, das Blinken der Uniformen, das Drehen und Wenden der Tanzenden
verwirrten ihm den Blick und den Sinn, und doch mute er immerfort nach Seba und
nach dem Grafen Berka hinsehen, mute er immerfort den Namen Graf Berka, Graf
Berka in sich wiederholen. Seit Monaten hatte er diesen Namen tglich nennen
hren, und nun mit einem Male, wie er neben dem Gewhl der Tanzenden, unter dem
Klange der Musik, unter all dem Sprechen und Tnen und Duften so in seiner Ecke
stand, meinte er, den Namen Berka habe er schon lange gekannt. Inde er wute
nicht, wo er ihn gehrt hatte, und er wute auch nicht, was ihm dabei einfiel.
Aber es tauchte etwas vor ihm auf, es kam ihm vor, als habe er einmal etwas
gewut, als sei einmal etwas geschehen, woran er lange nicht mehr gedacht habe,
und immer wieder kam er dabei auf den Namen Berka zurck, den er doch nicht
liebte.
    Er war froh, als der Tanz zu Ende war und das Drehen um ihn her ihn nicht
mehr qulte. Er sah, wie Seba in das Cabinet ging, welches an den Saal anstie,
und er folgte ihr nach. Sie hatte auf einem Sessel neben dem Ecktische Platz
genommen, die Kriegsrthin, die ganz entzckt von ihr zu sein schien, hielt sie
bei der Hand und der Graf sa an ihrer Seite. Das Cabinet war voll Menschen,
denn man hatte im Saale die Fenster geffnet, weil die Nacht trotz der frhen
Jahreszeit so hei war. Wein wurde umhergegeben und mit den Glsern angeklungen.
Auf das Wohl der Kriegsrthin tranken sie, und auf das Wohl der schnen Frauen
und auf Sieg und baldige Heimkehr fr die Truppen, vor Allem aber auf ein frohes
Wiedersehen.
    Sie sprachen oft Alle durch einander, da Paul gar nicht recht verstehen
konnte, was sie meinten. Einer freute sich darauf, in Frankreich Ruhe zu
schaffen, ein Anderer auf das unruhige Kriegsleben, das ihnen bevorstand und in
jedem Augenblicke beginnen konnte, und Graf Berka erzhlte lachend, wie man ihn
von Hause nur mit Thrnen habe scheiden lassen, als gbe es aus dem Kriege keine
Wiederkehr.
    Ja, sagte der Hauptmann, auch bei uns gab es, als wir aus der Garnison
aufbrachen, eine Rhrung, die uns htte eitel machen knnen!
    Und dazu, meinte Graf Berka, haben Sie sich noch das Vergngen gegnnt,
vorher in der ganzen Provinz umher zu reisen, um die Abschiedsthrnen Ihrer
smmtlichen Frau Tanten und Ihrer smmtlichen Cousinen einzuernten, wobei Sie
gewi nicht zu kurz gekommen sind!
    Paul wute nicht, was das heien sollte und wehalb das Alle so komisch
fanden, denn ihm gefiel die Rede nicht, weil Seba darber nicht lachte, wie die
Andern. Sie hatte ihre Augen auf den Grafen gerichtet, und ihre Augen waren so
ernst und still. Der Knabe wurde traurig und immer trauriger. Er kam sich so
vergessen, so verlassen vor, da er's endlich nicht mehr ertragen konnte. Er
trat hervor aus seiner Ecke, ging an Seba heran und lehnte sich mit seinen Armen
auf ihren Schoo.
    Und er hrte immerfort, wie sie sprachen und lachten und lachten und
sprachen, immer schneller, immer lauter, Alle durch einander; und dabei mute er
immerfort nachsinnen und wute noch nicht worber, und immerfort an etwas
denken, und wute doch nicht woran. Er ward mde und betubt von all dem
Treiben. Nur bisweilen schlug ein einzelnes Wort, wie ein Ton aus der Ferne,
strker, vernehmlicher an sein Ohr, und mit einem Male hrte er, da der
Hauptmann sagte: Graf Berka, Sie sind doch gewi auch noch bei Ihrem Schwager,
bei dem Baron von Arten in Richten gewesen?
    Da fuhr der Knabe auf, als falle ihm ein, was er bis dahin vergebens gesucht
hatte, und sich emporrichtend, rief er laut und deutlich, da Jedermann es hren
mute: Das ist Schlo Richten, das gehrt dem Baron von Arten, der Baron von
Arten ist mein Vater - und meine Mutter liegt im Teich! ....
    Alles verstummte, Alles sah nach dem Knaben hin. Sein Aufschrei, der ganze
Vorgang waren wie ein Blitzstrahl in die Gesellschaft gefahren. Paul hatte,
erschreckt von seinem eignen Thun, seine Arme um Seba's Hals geschlungen, die,
noch mehr verwirrt als die Uebrigen, ihn fortzufhren suchte. Seba's Mutter und
die Kriegsrthin und der Kriegsrath folgten ihnen nach, die Betroffenheit war
allgemein.
    Man fragte, was es mit dem Kinde auf sich habe, das man bis dahin
bereitwillig fr eine Waise gehalten hatte. Man drang in den Juwelier, der
inzwischen herbeigekommen war, um eine Erklrung, man wendete sich an den
Grafen, neugierig, zu sehen, wie er den Vorfall aufgenommen habe; und obschon
Herr Flies und der Kriegsrath, der bald zurckgekehrt war, die Sache so gut es
gehen wollte in das Gleiche zu bringen suchten, war die Heiterkeit der
Gesellschaft doch ins Stocken gerathen. Die Verstimmung des jungen Grafen war
gar zu unverkennbar, und wie sehr er sich auch mhte, sie zu verbergen, es
gelang ihm nicht; denn auch in ihm waren Erinnerungen aufgestiegen,
Erinnerungen, die er gern gemieden htte.
    Er stand mit einem Male deutlich vor ihm, der klare Herbstmorgen, an welchem
er sich vor Jahren mit dem Freiherrn auf der Terrasse von Schlo Richten
befunden hatte, um zur Hochzeit nach Berka zu fahren. Er erinnerte sich ganz
genau, wie man in jener Stunde unten am Flusse nach einer Ertrunkenen gesucht
hatte. Eine Menge von kleinen Thatsachen, welche sich auf das damalige Verhalten
seines Schwagers, auf die ersten Monate von Angelika's Ehe, auf manche ihrer
brieflichen Aeuerungen in jener Zeit, auf ihren Uebertritt zum Katholicismus
und auf das Zerwrfni mit ihrer Familie bezogen und an die er bisher immer nur
wie an unzusammenhngende Ereignisse gedacht hatte, fingen an, sich in seinem
Geiste zu einem Ganzen zu gestalten, von dem er seinen Sinn nicht abwenden
konnte. Er bersah dasselbe nicht vollstndig, nicht ganz klar, aber es erfllte
ihn mit Mitleid fr die Schwester, es weckte seine Sehnsucht nach ihr auf, und
er dachte mit erhhtem Zorn an ihren Gatten.
    Jetzt wute er es pltzlich, was ihn so bekannt und doch so befremdlich aus
Paul's Augen angesehen hatte und wehalb der Knabe ihm so unheimlich gewesen
war. Er begriff nicht, da ihm die Aehnlichkeit mit dem Freiherrn nicht gleich
deutlich gewesen sei. Es waren seine Augen, seine hohe, gewlbte Stirn, sein
festgeformter Mund. Selbst den Nacken und den Kopf trug der Knabe so stolz wie
der Freiherr, und weil der Graf seinen Schwager in diesem Augenblicke hate, so
hate er auch dessen Bastardsohn.
    Inde dem Grafen vor allen Anderen mute daran gelegen sein, ber den
peinlichen Eindruck fortzukommen, die Scene vergessen zu machen, welche man eben
erlebt hatte, und seine Keckheit und sein Leichtsinn kamen ihm dabei zu Hlfe.
Er lachte ber sein Erschrecken, ber die Bestrzung der Gesellschaft, und wie
er die Worte des Kindes verlachte und verspottete, so lachte er mit seinen
Cameraden auch ber die Familie des Kriegsraths, in welcher man den Knaben so
geheimnivoll erzog. Was war ihm denn auch diese ganze Gesellschaft? Was focht
es ihn an, was man in derselben vermuthete und meinte? Er hatte oft genug mit
seinen Cameraden Epigramme ber diesen Kriegsrath gemacht, der in seiner
rechtschaffenen Beschrnktheit die ganze Welt fr rechtschaffen und fr eben so
blind hielt, als er selber war. Es belustigte den Grafen in diesem Augenblicke,
da die Kriegsrthin ihm den Weg zu Seba gebahnt hatte, und da sie so zufrieden
und glcklich die Galanterien und Betheuerungen des Hauptmanns annahm, den er
ihr als Lockspeise dargeboten hatte, um sich selber von ihr frei zu machen. Sie
war ihm lcherlich, diese Kriegsrthin, und sie war ihm komisch, diese Madame
Flies, die sich gar viel damit wute, da die vornehmen Cavaliere ihre Seba so
schn fanden, da ein Graf Berka mit ihrer Tochter, an deren Erziehung man
nichts gespart hatte, die feinsten und erhabensten Unterhaltungen fhrte.
    Auch ber den klugen Kopf, ber den Vater, mute er lachen, der Allem und
Jedem vorsichtig mitraute, und dessen Vertrauen in die Tochter doch so gro
war, als habe das schne Kind nicht ein Weiberherz mit aller seiner
mdchenhaften Sehnsucht und aller seiner thrichten Schwche in der Brust.
    Er htte auch gern ber Seba lachen mgen, die eben jetzt in das Zimmer
zurckkehrte und deren Augen ihn suchten, ihn allein; aber ber sie vermochte er
niemals zu lachen - und sie war doch nichts als eine Jdin und er war der Graf
von Berka, der schne Gerhard von Berka - eben er!
    Er ging ihr entgegen, sie mit einem Scherze anzureden, doch konnte er das
Wort nicht dazu finden. Sie sah ihn so fragend und so ngstlich an, da er
Mitleid mit ihr fhlte. Es war ihr gar so ernst mit ihrer Liebe, heiliger tiefer
Ernst, das wute er.
    Ses Herz, sagte er, von ihrem Blicke berwltigt, und nahm sie bei der
Hand. Mehr bedurfte sie nicht. Sie meinte, er msse verstehen, was eben jetzt in
ihrer Seele vorging, und seine Zrtlichkeit wolle ihre Sorge beschwichtigen. Sie
lchelte ihm freundlich zu, und leise den Druck seiner Hand erwiedernd, sprach
sie: O, ich bin nicht traurig, sorge nicht!
    Ihr Ton drang ihm zu Herzen; es war ihm lieb, da man aufs Neue zum Tanzen
rief, da er sie in seine Arme schlieen, sie nahe haben konnte. Er tanzte nur
mit ihr; er htte sie keinem Andern gegnnt.
    Es war spt in der Nacht, als man sich trennte, aber schlafen konnte Seba
nicht. Wort fr Wort wiederholte sie sich die Liebesschwre, welche der Graf ihr
seit Wochen gethan und heute leidenschaftlicher als jemals wiederholt hatte.
Jede Stunde, jede Minute, die sie mit ihm durchlebt, wute sie sich
vorzustellen. Sie erinnerte sich, da er sich einmal im Vergleiche zu seinem
ltesten Bruder, dem Erben seines reichen Stammbesitzes, einen Mittellosen
genannt hatte, und sie freute sich ihres Reichthums um seinetwillen. Sie hielt
sich alle die Schranken und die Hindernisse vor, welche sie von dem Grafen
trennten, um sie im nchsten Augenblicke mit den Schwingen der Liebeshoffnung
spielend zu berfliegen. Vom Wahrscheinlichen zum Unwahrscheinlichsten war fr
sie der Weg nicht weit, und zwischen Hoffen und Wnschen, Frchten, Sorgen und
Verzagen blieb nur Eines in ihr fest bestehen, ihre Liebe fr den Grafen, ihr
Vertrauen zu seinen Schwren und zu seinem Versprechen, da er um sie werben und
sie heimfhren wolle, aller Welt zum Trotze.
    Mitten aus ihren wachen Trumen schreckte sie empor. Die Trommeln rasselten
durch die Gassen und auf den Pltzen, an den verschiedenen Husern wurden die
Thrglocken heftig gezogen, Alles gerieth in Aufregung, der Generalmarsch
wirbelte durch die graue Morgenfrhe, die Regimenter hatten die lang erwartete
Marschordre erhalten.
    In allen Husern war man wach. Die Thren und Portale wurden geffnet, die
Soldaten muten zum Appel.
    Damit hatte nun Seba freilich nichts zu thun, aber sie stand am Fenster und
sah hinab auf die Strae, wie sie herauskamen, die Soldaten, hben und drben
aus den Husern, und wie sie fortzogen, eilig, eilig, mit Sack und Pack.
    Auch in ihrem Hause rsteten sie sich, und im Stalle sattelte man die
Pferde. Der Hauptmann, welcher im Zwischenstocke wohnte, war schon fort. Nun kam
es von oben die Treppe hinunter. Den Tritt kannte sie. Es mute an ihrer Thre
vorber.
    Der Graf hatte nie ihr Zimmer betreten, inde er wute, wo es lag. Sie
lauschte bange. Sie meinte, heute msse er stehen bleiben, heute msse er
zaudern an ihrer Thre; aber mit dem gleichmigen Schritt der Ruhe ging er
vorber, und sie eilte an das Fenster, um ihm nachzuschauen, um zu sehen wie er
aufstieg und ob er nicht den Kopf hinwende nach der Sttte, an der sie weilte.
Auch diese Hoffnung tuschte sie, und mde und traurig blickte sie nach dem
Himmel empor, der zwischen den Reihen der Huser, grau und kaum noch
lichtdurchhaucht, herniedersah. Die Sterne waren untergegangen und die Sonne
wollte noch nicht kommen. Wenn Gerhard mich vergessen knnte! seufzte sie.
    Die Eltern hatten sich wieder zur Ruhe gelegt, Seba blieb am Fenster sitzen.
Schlafen htte sie doch nicht knnen; sie wollte seine Rckkehr abwarten, denn
heute war er noch da, heute konnte sie ihn doch noch sehen.
    Arglos wie ein Kind hatte sie sich dem Zauber hingegeben, den der Graf auf
sie gebt. Seine Schnheit, sein frhlich gebieterisches Wesen hatten sie
entzckt. Er war ihr nicht genaht, wie mancher ihrer Glaubensgenossen, mit
vorsichtiger Bewerbung, die ihr Zeit zum Ueberlegen lie. Wie ein Gttersohn,
wie die biblischen Knige der Magd aus ihrem Volke, so war er Seba erschienen,
gebieterisch Liebe fordernd, weil er sie begehrte, und sie hatte ihm ihr Herz zu
eigen und ihren Verstand gefangen gegeben und sich nicht gefragt: Wird er dir
halten, was er dir gelobt, und wie kann das enden zwischen dir und ihm?
    Aber jetzt, da die Trennungsstunde vor der Thre stand, jetzt drngte sich
mit dieser Frage der Zweifel an sie heran, und bange stand sie am Fenster und
sah in die dunkle Nacht hinaus, nach der Seite hin, von wo die Sonne kommen
mute. Die Dunkelheit bengstigte sie.
    Der Tag dmmerte bereits, als die Truppen vom Appel wiederkehrten. Seba zog
den Vorhang am Fenster zu; es sollte Niemand sehen, da sie wachte, da sie nach
ihm ausschaute. Nur verstohlen gnnte sie es sich, auf den Geliebten hinzusehen.
Sein Brauner tanzte leicht die Strae hinab, leicht und gewandt schwang der Graf
sich aus dem Sattel. Als der Reitknecht ihm den Zgel abnahm, hob der Graf den
Kopf empor zu ihrem Fenster.
    Ob er es ahnt, da ich hier warte und nach ihm sphe? fragte sie sich. Sie
trug das grte Verlangen, ihm irgend ein Zeichen zu geben, da sie wache,
seiner denke; sie hatte ihm so viel zu sagen, sie sehnte sich so sehr nach einem
letzten vertrauten Worte mit ihm, aber sie konnte sich nicht entschlieen, sie
zgerte. Da pochte es leise und vorsichtig an ihr Zimmer. Erschreckt, erfreut,
eilte sie nach der Thre und blieb doch auf halbem Wege regungslos stehen.
    Es klopfte noch einmal. Seba, ffne, ich bin's! flsterte eine Stimme, die
ihr das Herz bewegte.
    Sie faltete die Hnde ber ihre Brust; sie hoffte er werde vorbergehen, und
doch lauschte sie ngstlich und sehnschtig auf noch einen Ton, auf noch ein
Wort von auen, und sie lieen nicht lange auf sich warten.
    Seba, bat es noch einmal, Seba, ich bin es!
    Sie konnte dem Tone nicht widerstehen. Sie trat an die Thre, ffnete, und
mit dem Ausrufe: Wie habe ich Dich erwartet und ersehnt! reichte sie ihm ihre
Hnde entgegen.
    Aber er breitete nicht wie sonst, wenn sie sich im Garten oder bei der
Kriegsrthin allein gesehen hatten, die Arme aus, sie zu umfangen, und fast
spttisch sagte er: Erwartung und Sehnsucht haben Dich, wie es scheint, doch
ruhig schlafen lassen. Ich bin schon lange an Deiner Thre.
    Schlafen lassen? wiederholte sie schmerzlich; wie knnte ich schlafen in
dieser Nacht! Ich stand am Fenster und wartete auf Dich; ich sah Dich kommen
und, fgte sie leise hinzu, das Auge schchtern senkend, ich hrte Dich gleich!
    Du hrtest mich, und Du ffnetest mir nicht, da Du doch wutest, da wir
scheiden mssen?
    Seba war ihrer selbst nicht Herr. Die Klte des Grafen und der sonderbare
Ausdruck seiner Mienen verwirrten sie. Sie konnte es sich nicht deuten, wehalb
er gekommen war, wenn er ihr nicht wie sonst die zrtlichen Worte seiner Liebe
aussprechen oder ihr sagen wollte, was er fr sie auf dem Herzen hatte. Nur sein
Blick ruhte auf ihr unverwandt, und es dnkte sie, als freue, als weide er sich
an ihrer Verwirrung und an ihrer Pein. Es wurde ihr immer beklommener um das
Herz; endlich konnte sie die Stille nicht ertragen, es nicht ertragen, da
Gerhard so gebieterisch ihr gegenber stand.
    Ach, rief sie, als msse sie wider ihren Willen ihm die Wahrheit sagen, ich
frchtete mich, ich wagte es nicht!
    Seba! rief er vorwurfsvoll, als krnke ihn das Wort, whrend doch ein Strahl
unheimlicher Freude ber sein Gesicht flog, da es ihr trotz seiner Schnheit
wie verwandelt erschien. Aber er fate sich schnell, und mit dem khlen
spttischen Lcheln, das ihr so qulend war, fgte er hinzu: Du bist sehr
vorsichtig und klug, liebe Seba, das rechte Kind Deines Volkes! Aber Du hast
Recht, und vielleicht habe grade ich Dir am meisten dafr zu danken, da Du
berlegen konntest, wo mich meine Liebe und mein Verlangen unbesonnen hinrissen!
Ich will auch gehen!
    Jedes seiner Worte fiel schwer auf sie hernieder. Sie wollte sprechen, sich
vertheidigen, er lie sie nicht dazu kommen. Lebe denn wohl, sagte er, die Zeit
drngt, und mgest Du bald den Mann finden, dem Du mehr vertraust als mir! Nur
von Liebe httest Du nicht sprechen sollen, Kind, einem Manne nicht sprechen
sollen, der bereit war, Dir Alles zu opfern, und dessen letztes Wort Dein Name
sein wird! Deine Klte, Dein ruhig berlegender Verstand bringen auch mich zum
Ueberlegen! Lebe denn wohl - und la uns scheiden! Du hast Recht!
    Er wandte sich von ihr, sie warf sich ihm zu Fen. Nicht ber diese
Schwelle, rief sie, indem sie seine Hnde erfate, nicht ber diese Schwelle,
ehe Du mich nicht gehrt, mir nicht verziehen hast! - Er that, als wolle er sich
von ihr frei machen, sie hing sich nur fester an ihn. Nicht Dir mitraute ich,
rief sie, nicht Dir!
    Sie war auer sich, sie konnte vor Weinen und vor Erregung nichts weiter
sprechen. Reizender hatte er sie nie gesehen, solcher Leidenschaft hatte er das
schne junge Geschpf nicht fr fhig gehalten. Dieser Flamme, dieser
hingebenden Liebe gegenber bedurfte es seines berechneten Schrens nicht.
    Er schwor sich ihr zu mit den heiligsten Eiden, er war nahe daran zu
glauben, was er ihr sagte und gelobte und beschwor, und der Tag mit seinem Leben
war schon emporgekommen, als sie endlich schieden.

                                Drittes Capitel


Der Abmarsch der Truppen, die, erst zu einem Feldzuge gegen Ruland
zusammengezogen und dann als Reserven fr den Krieg in Frankreich bestimmt, den
ganzen Winter und das halbe Frhjahr hindurch in der Stadt gewesen waren,
verursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr. Herr Flies hatte
in seinem Comptoir mit Wechselgeschften vollauf zu thun, die Mutter, welche
sonst derlei Hlfe schon seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte, hatte heute
wieder einmal den Verkauf im Laden bernehmen mssen, denn manch ein Ring und
manch ein Andenken wurden noch erhandelt.
    Die Hausthre stand nicht still, die Thrklingel kam nicht viel zur Ruhe.
Auch auf der Treppe war bestndige Bewegung. Seba sah den Grafen mehrmals gehen
und wiederkehren. Jetzt wird er kommen, jetzt ist er da, jetzt mu es sein!
sagte sie sich, jedes Mal zusammenschreckend, wenn er sich ihrem Zimmer nherte,
aber wieder ging er vorber, und das angstvolle Hoffen und das Horchen und das
Sinnen und das Grbeln begannen auf's Neue.
    Drauen schien die Sonne strahlend hell, aber Seba vermochte sich nicht
daran zu erfreuen. Es war ihr, als leuchte die Sonne heute so unerbittlich in
ihr Herz, da es sich ihr in der Brust krampfhaft zusammenzog. Sie htte die
Augen gern von sich selber abgewendet.
    Den ganzen Morgen blieb sie mit sich allein, nicht Vater, nicht Mutter
fragten heut' nach ihr. Erst um elf Uhr, als die Kinder aus der Schule
heimkehrten, kam Paul zu ihr und verlangte bei ihr zu bleiben, da die
Kriegsrthin ausgegangen sei, den Abmarsch der Soldaten anzusehen.
    Ja, entgegnete Seba, bleibe bei mir! Aber er verlor beinahe die Lust dazu,
denn ihr Gesicht war traurig, und noch ehe sie ihm ein anderes Wort gesagt
hatte, trat der Graf zu ihnen ein. Ohne des Knaben Anwesenheit zu beachten, fiel
Seba dem Grafen um den Hals, inde auch dieser sah nicht so heiter und so
selbstzufrieden aus, als sonst.
    Er umarmte Seba, er kte sie, und kte sie immer wieder. Er sprach leise
mit ihr, da Paul es nicht verstand, und endlich ri er sich aus Seba's Armen
los, und Seba weinte bitterlich und laut.
    Als der Graf schon auf der Schwelle stand, schrie Seba auf. Es schnitt dem
Knaben durch das Herz. Gerhard, rief sie, Gerhard, so kannst Du von mir gehen?
    Sie eilte ihm nach, sie klammerte sich an ihn, als wollte sie ihn ewig
halten, und kte ihn unter Thrnen. Er war erschttert, er bat sie, sich zu
beruhigen, sich zu fassen, auf ihn zu bauen. Inde sein Wort war eilig, sein Ton
war klter als sein Wort, und zum ersten Male glaubte sie ihm nicht.
    Da, als er sich entfernen wollte, fate sie seine Hand, und mit einer Kraft,
die aus dem Tiefsten ihres Herzens kam, sagte sie: Gerhard, Du weit es, ich
liebe Dich sehr, sehr, und - fgte sie klanglos und bebend hinzu - es ist
furchtbar, aber mir ist heute, als fhlten wir beide jetzt nicht dasselbe! Wenn
Du mich vergessen, mich verlassen knntest! O, nur das nicht, nur das nicht!
rief sie flehend aus, indem sie ihre Hnde ngstlich wie zum Gebet faltete.
    Der Graf blickte sie an, es zuckte durch sein Antlitz, er drckte sie noch
einmal an sein Herz, und ohne ein Wort zu sprechen, eilte er von dannen.
    Seba blieb mitten in dem kleinen Gemache stehen. Sie hrte, wie er fortging,
die Treppe hinunter, wie er die Hausthre ffnete, sie hrte den Vater und die
Mutter mit ihm sprechen, sie hrte den Hufschlag seines Pferdes, und hrte
denselben weiter und weiter verhallen. Horchend, als hinge ihr Leben an dem
Schalle, hatte sie die Augen geschlossen, die Arme hingen ihr schlaff herab.
    Das mifiel dem Knaben. Er ging zu ihr, ergriff und schttelte ihren Arm und
sagte: Seba, mach' doch die Augen auf! Der Graf ist ja fort!
    Sie folgte dem Worte unwillkrlich, und wie sie um sich her blickte, wie sie
sich mit dem Knaben allein fand, dessen dunkle Augen unverwandt in ihren Mienen
zu lesen suchten, da fate sie mit beiden Hnden nach ihrem Herzen und entfloh
aus dem Gemache. Sie konnte an dieser Sttte nicht mehr bleiben, sie konnte das
Gerusch und das Pferdegetrappel und das Rollen der Wagen nicht aushalten, die
sich von der Strae vernehmen lieen, sie konnte die Sonne und das Licht des
Tages nicht ertragen.
    Paul hingegen sah zum Fenster hinaus, und das bunte Leben und Treiben
belustigte ihn; es war kaum durchzukommen vor dem Hause. Die Packpferde, welche
die Zelte und die Betten und die sonstigen Bequemlichkeiten der jungen Officiere
trugen, die schweren Feld-Equipagen, welche den lteren Officieren nachgefahren
wurden, die Fourgons und alles, was zum Train gehrte, kam zum Vorschein und
machte sich breit, aber von den Truppen war noch nichts zu sehen.
    Seit dem frhen Morgen standen die Soldaten auf dem Paradeplatze, von
unbarmherziger Disciplin zusammengehalten, da kein Glied sich regte, keine
Miene sich verzog, wie auch die Sonne ihnen senkrecht auf den Scheitel brannte
und die Zunge ihnen am Gaumen klebte. Aber nur die Gemeinen hatten es so bel,
die Herren Officiere waren besser daran.
    Schne Frauen trippelten auf ihren Absatzschuhen unter den Bumen umher,
welche den Platz umgaben, und manches zrtliche Wort ward noch gewechselt,
mancher heimlich geleistete Eidschwur heimlich wiederholt; denn sie hatten recht
frhlich und recht vertraut mit einander verkehrt, die fremden Herren Officiere
und die Frauen und Mdchen der Stadt, und sie hatten de kaum ein Hehl.
    Die Officiere rechneten es sich zur Ehre an, eine so schne Begleitung zu
haben, die Frauen waren stolz auf ihre vornehmen und prchtigen Verehrer. Wie zu
einem Spiele zogen die jungen Herren aus, wie zu einer Lustreise gingen sie in
den Krieg gegen die elende Rotte von Emprern jenseits des deutschen Rheines.
Sie erbaten und erhielten Auftrge fr Paris, das auch diese Herresabtheilung
frher oder spter zu erreichen hoffte.
    Die Kriegsrthin schrfte es ihrem Freunde, dem Hauptmanne, noch besonders
ein, den Grafen Berka an den goldenen Chignonkamm zu erinnern, den er ihr aus
Paris mitzubringen versprochen hatte, und sie that sicherlich wohl mit dieser
Mahnung, denn der Graf, der auf der anderen Seite des Platzes eben vor seiner
Schwadron hielt, sah nicht danach aus, als ob er an solchen Auftrag in diesem
Augenblicke dchte.
    Er hatte die Kriegsrthin gar nicht bemerkt, als sie dem Vorberreitenden
ihren Gru zugewinkt, er bemerkte berhaupt nicht viel von dem, was um ihn
vorging. Nur zwei Augen sah er - zwei groe, dunkle Augen schwebten ihm vor der
Seele, die sich thrnenschwer zu ihm erhoben, und zwei Arme streckten sich
flehend gegen ihn aus, und er hrte den bangen Aufschrei eines verzweifelnden
Herzens.
    Er htte sie gern vergessen mgen, diese Augen und diesen Ton! Er htte
lachen mgen ber die Scherze seiner Cameraden, die ihn fragten, warum er keine
Begleitung habe und wie es mit der Wette von neulich stehe. Aber so leicht sein
Sinn auch war, das Lachen und Scherzen gelang ihm heute nicht, und seine
Gedanken wollten ihm nicht gehorchen. Sie kehrten, wie er sich auch vorwrts
wendete, in jenes stille Gemach zurck, zurck zu eines armen Weibes Schmerz!
    Er athmete erst auf, als er die Stadt verlassen hatte, als das Thor schon
lange hinter ihm lag und die Landstrae sich vor ihm in weiter Ferne aufthat.
Seine Cameraden hatten ihn nie so finster und so still gesehen, und finster sah
heute manche Stirne aus, still war es heut' in manchem Hause.
    Die ganze Stadt kam ihren Bewohnern nach dem Abzuge der Truppen recht
verdet vor. Mit den Festtagskleidern, die man zu Ehren der kriegerischen Gste
getragen, legte man bald auch die Leichtlebigkeit ab, in der man sich die Zeit
her bewegt hatte. Die Rhrigsten schienen mde zu sein und ruhten unwillkrlich
aus, ohne Freude an der Ruhe zu haben. Die Einen hatten mehr Krfte, die Anderen
mehr Zeit und mehr Geld aufgewendet, als sie gemerkt und gewollt, und in gar
vielen Husern, in denen man noch vor wenigen Tagen frhlich, als ob die
Heiterkeit gar kein Ende haben knnte, beisammen gewesen war, weilten jetzt die
Frauen einsam in ihren Stuben, ohne Lust, ihre Freundinnen aufzusuchen, und ohne
Neigung, sich es vom Gesichte ablesen zu lassen, wie ihnen eigentlich an diesem
Aschermittwoch nach dem militrischen Carneval zu Muthe war.
    Die Zeit wurde den Frauen lang, nun sie nicht mehr so heiter unterhalten
wurden, aber Seba wurde die Zeit nicht lang, wenn schon die Tage und die Stunden
auf ihr lasteten, da sie fast davon erdrckt ward. Finster und schweigend sa
sie in ihrer Stube oder auf dem gewohnten Platze der Mutter gegenber, die
Lippen zusammengepret, den Kopf brennend und schwer von einem Denken, das ohne
Ausweg sich mit zermalmender Schrfe immerfort im Kreise drehte, von zagender
Hoffnung, von zweifelndem Vertrauen und schwerem Bangen umhergetrieben.
    Im Hause und in des Vaters Geschften ging Alles den gewohnten Gang. Die
Eltern sahen es wohl, da Seba niedergeschlagen war, aber sie hofften, da nun
des Grafen Besuche und Galanterien ein Ende hatten, werde sie ihn bald vergessen
und sich mit ihrem guten Verstande den ganzen kleinen Liebeshandel aus dem Sinne
schlagen. Man dachte darauf, sie einmal durch eine schon lange geplante Reise zu
zerstreuen, und der Vater ergriff jetzt doppelt gern jede Gelegenheit, seine
Tochter mit Fremden in Berhrung zu bringen, von deren Unterhaltung er sich ein
Vergngen fr sie versprechen konnte.
    Eines Morgens, es war nur wenige Wochen nach dem Abmarsch der Truppen, kam
gegen den Mittag hin der Architekt zu ihm, der nun schon seit Jahr und Tag im
Orte wohnte. Denn seit Herbert den Kirchenbau in Richten bernommen hatte, waren
ihm auch andere Bauten in der Provinz bertragen worden, und in jedem Betrachte
noch frei und ledig, hatte er sich aus seiner rheinischen Heimath in diese
entlegene Provinz bergesiedelt, um seine mannigfachen Arbeiten auf diese Weise
sicher leiten und beaufsichtigen zu knnen.
    Weil nun der Freiherr von Arten seine Geldgeschfte alle dem Herrn Flies
berantwortete, war Herbert mit demselben bereits hier und da im Auftrage des
Freiherrn in Berhrung gekommen, und einem Auftrage des Barons galt auch sein
heutiger Besuch.
    Es war nmlich neuerdings in Richten mehrmals von einem mittelaltrigen
Waschgerthe gesprochen worden, welches die Herzogin in Vaudricour hatte
zurcklassen mssen und dessen Verlust sie stets beklagte. Der Freiherr hatte
es, da es ein Familien-Erbstck und ein hochgehaltenes Meisterwerk aus dem
fnfzehnten Jahrhundert war, seiner Zeit in Vaudricour bewundert, und der
Marquis bei der Unterhaltung eine ungefhre Zeichnung davon entworfen, die von
dem Architekten vervollkommnet und unter dem Beirathe der Herzogin so lange
umgemodelt worden war, bis sie zu ihrer Freude einen vllig richtigen Abri des
ihr werthen Gegenstandes vor sich zu haben erklrte. Aber eben das Betrachten
der Zeichnung machte an jenem Abende das Bedauern der Herzogin ber den Verlust
und die wahrscheinliche Zerstrung des schnen Gerthes erst recht lebhaft. Auch
die Baronin uerte ihr Wohlgefallen an den edeln Formen und den sinnreichen
Verzierungen, und so entstand in dem Freiherrn, der es liebte, den Personen
seiner Umgebung Freude und eine Ueberraschung zu bereiten, der Gedanke, heimlich
zwei solcher Waschgerthschaften anfertigen zu lassen: das eine fr die
Herzogin, das andere, bei welchem an die Stelle des Duras'schen Wappens das
Arten'sche angebracht werden sollte, fr die Baronin. Aber das Arten'sche Wappen
lie sich seiner Gestalt nach nicht so leicht als das Duras'sche in die auf
dasselbe berechneten Formen der Gerthschaften einfgen, und eben dehalb hatte
der Baron, der nicht leicht einen Einfall aufzugeben pflegte, von dem er sich
eine Genugthuung versprach, sich schriftlich an Herbert gewendet, und ihn um
eine genaue Besprechung der Arbeit mit dem Juwelier gebeten.
    Der Auftrag war in knstlerischer Hinsicht anziehend und in seinem
Geldwerthe sehr bedeutend. Die beiden Sachverstndigen lieen sich also Zeit bei
ihrer Unterredung und Madame Flies kam, ihren Mann an die Mittagsstunde zu
erinnern, ehe man noch zu einem vlligen Abschlusse ber die Arbeit gelangt war.
Abbrechen mochte man die Unterhaltung nicht, und da man sie eben so gut bei
Tische beenden konnte, thaten die gastfreien Eltern, deren Haus in letzter Zeit
sich noch hufiger als frher unerwarteten Gsten aus den verschiedensten
Lebenskreisen geffnet hatte, dem Architekten den Vorschlag, ihre Mahlzeit zu
theilen.
    Der Baumeister hatte Madame Flies und Seba noch nicht gesehen. Die Schnheit
der Tochter zog ihn an, die etwas dringliche Gastlichkeit der Mutter fiel ihm
komisch auf, ohne ihm jedoch unangenehm zu werden, und da sich ohnehin beim
Essen und bei einem guten Glase Wein manches Ungefge schneller fgt, so war man
bald mit den Verabredungen ber die Gefe und Gerthschaften im Klaren. Herbert
versuchte es also, Seba, welche an diesem Tage sich grade wieder doppelt
unglcklich fhlte, weil die wchentliche Post ihr noch immer keine Kunde von
dem Geliebten gebracht hatte, in eine lebhaftere Unterhaltung zu ziehen, aber
Herr Flies kam ihm mit einer Frage nach dem nheren Ergehen der freiherrlichen
Familie und nach dem Leben der Herrschaften auf Schlo Richten unwillkrlich
hindernd in den Weg.
    Herbert wute davon gar Mancherlei zu melden. Er schilderte die glnzende
Geselligkeit, welche dort herrschte, und den heiteren Ton, der durch die
Herzogin in Richten eingefhrt sei. Weil sie selbst sich in der Gegend und unter
dem dortigen Adel wohlbefand, hatten sich auf ihren Rath in den benachbarten
Stdtchen verschiedene ihrer ebenfalls flchtigen Landsleute niedergelassen, und
diese ganze auslndische Gesellschaft hatte, wie Herbert erzhlte, allmhlich
Richten und den Salon der Herzogin zu ihrem Mittelpunkte gemacht.
    Sie sprechen von dem Salon der Frau Herzogin, bemerkte Seba's Mutter, als ob
sie die Herrin von Schlo Richten wre!
    Nun, meinte Herbert lchelnd, in gewissem Sinne ist sie das in der That. Sie
bestimmt und befiehlt dort ziemlich unumschrnkt, und wenn der heimische Adel
jetzt viel mehr als vor zwei, drei Jahren nach Richten eingeladen und in Richten
gesehen wird, so geschieht dies, glaube ich, gleichfalls nur auf den Antrieb der
Frau Herzogin, damit die franzsische Einwanderung dort nicht gar zu auffallend
erscheine, und das Hofhalten der Herzogin ein wenig verdeckt werde.
    Herr Flies schttelte mibilligend das Haupt. Wre es nicht eine so gute
Sache, da die Franzosen den verrotteten Zustnden in Frankreich zu Leibe gehen,
und solch ein Glck fr die ganze Welt, wenn sie in ihrem Lande eine vernnftige
Staatsform begrndeten, deren Rckwirkung auch auf uns nicht ausbleiben wrde,
sagte er, so mchte man wirklich wnschen, die deutsche Coalition knnte diese
ganze Emigranten-Gesellschaft wieder ber den Rhein zurckfhren, nur damit wir
sie los wrden, und zwar je eher, je lieber!
    Herbert bemerkte, da die Emigranten-Gesellschaft, welche sich im Schlosse
zusammenfinde, den Freiherrn gewi groe Summen kosten msse, denn man fhre
jetzt dort ein wahrhaft frstliches Leben.
    Ja, versetzte der Juwelier in seiner kurzen und stets bestimmten Weise, der
Herr Baron von Arten braucht jetzt viel, sehr viel.
    Und was sagt die Frau Baronin dazu? fragte Madame Flies, die sich nach
Frauenweise augenblicklich in die Lage der Hausfrau versetzte, deren Rechte ihr
bedroht erschienen.
    Die Frau Baronin ist schwer zu beurtheilen, antwortete Herbert
zurckhaltend, und sowohl der Juwelier als seine Frau bemerkten, da er eine
nhere Erklrung vermeiden wolle. Inde Herr Flies mute Grnde haben, das
Gegentheil zu wnschen, und den Architekten bei dem Gegenstande festhaltend,
rief er: Warum schwer zu beurtheilen? Die Berka's sind solide Leute, Leute, die,
so viel ich von ihnen wei, auf ihre Art still, man knnte sagen, brgerlich in
Berka leben. Einer Frau, die so erzogen ist, kann, glaube ich, der Train nicht
recht gefallen, der jetzt in Richten gefhrt wird. Das franzsische Wesen ist
nebenher auch nicht der Berka's Sache. Wir haben das ja, bemerkte er, sich gegen
Frau und Tochter wendend, an dem jungen Grafen hier gesehen. Und fr Herbert
fgte er erklrend hinzu: Wir hatten hier im Hause den zweiten Bruder der Frau
Baronin, den jngsten Grafen Berka, im Quartier. Einen schnen Menschen! Etwas
obenaus, wie all die jungen Herren, aber sonst ein artiger junger Mann!
    Seba htte vergehen mgen. - Ihr Vater, ihr guter vertrauensvoller Vater,
rhmte den Grafen!
    Herbert jedoch legte, wie es schien, auf dieses Lob des jungen Edelmannes
kein Gewicht. Ja, ich kenne ihn, sagte er flchtig: er ist ein schner Officier.
Schn, sehr schn ist seine Schwester auch, aber sie besitzen beide den
Adelstolz und Hochmuth, der ja, wie ich hre, hier zu Lande von den Berka's
sprchwrtlich sein soll.
    Nun, doch mit Ausnahme, doch sehr mit Ausnahme, wendete die Mutter wohl- und
selbstgefllig ein. Von dem Herrn Grafen Felix, dem Majoratsherrn, der manchmal
bei uns im Laden gewesen ist, und von den alten Herrschaften mag das wahr sein,
aber von dem jngsten Herrn Grafen, der oben bei dem Kriegsrath im Quartier war,
konnte man das nicht sagen. Er ist viel bei uns aus- und eingegangen; ein
liebenswrdiger junger Mann und, wie mein Mann schon sagte, wirklich gar nicht
stolz, im Gegentheil, man htte sagen knnen ....
    La es gut sein, fiel der Vater ihr in die Rede, und ein bitteres Lcheln
spielte um seinen fein geschnittenen Mund. Man kennt diese Herablassung der
Herren Edelleute, und vielleicht haben der Herr Architekt auch schon
gelegentlich etwas davon erfahren oder bekommen noch einmal davon zu reden. Ich
habe Dir und Seba Euer Vergngen an der Gesellschaft des Herrn Grafen und der
anderen jungen Herren nicht stren mgen - warum sollte ich das auch? Aber es
ist gut, da Ihr nicht nthig gehabt habt, ihn auf die Probe zu stellen und zu
sehen, ob er je vergessen hat, wer er ist und wer wir sind.
    Und dem Vater gegenber sa seine Tochter, sa die arme Seba, die jedes
dieser Worte wie ein Dolchsto traf.
    Sie haben Recht, Herr Flies, mein Mann ist der Graf Berka auch nicht! rief
der Architekt. Ich habe ihn vor Wochen, als ich hier in einem Speisehause
zufllig mit Bekannten in seiner Nhe sa, in einer Weise von den Frauen und von
seinen Eroberungen reden, und in der Weinlaune Wetten ber den von ihm zu
erreichenden Besitz eines jungen Mdchens eingehen hren, wie nur ein ganz
frecher Wstling sie zu machen vermag! Ob er daneben - Herbert hielt inne, eine
pltzliche Ideenverbindung machte ihn verstummen. Auch die Eltern wurden
achtsam, denn Seba wechselte die Farbe und fuhr matt mit ihren Hnden nach der
Brust.
    Sie ertrug es nicht lnger. Der Tag, das Licht, das Leben ngstigte sie
heute wieder so, wie an jenem Morgen. Das Dasein that ihr wehe. Es fate nach
ihrem Herzen, nach ihrem Hirn, von allen Seiten drang es auf sie ein - spottende
Blicke, hhnisches Lachen und die ganze eigene Unseligkeit!
    Sie wollte fliehen, das Zimmer verlassen, aber die Glieder versagten sich
dem Dienste, der Kopf schwindelte ihr. Sie stand auf, und sich mhsam aufrecht
erhaltend, eilte sie davon.

                                Viertes Capitel


Es waren durch alle die Jahre hindurch immer sehr gemischte Empfindungen, mit
denen Herbert nach Schlo Richten kam. Seine Bauarbeit versprach ein schnes
Gelingen, aber sie schritt nicht so schnell vorwrts, als er es wnschte, weil
die Schwierigkeiten alle zugetroffen waren, auf welche er gleich Anfangs
aufmerksam gemacht hatte, und weil man ihm von Seiten der Gutsherrschaft nicht
immer mit den zugesagten Arbeitskrften und Mitteln zur Seite stand, da sich die
Kosten des Baues, wie Herbert es gleichfalls vorausgesagt hatte, eben durch die
Ungunst des Terrains weit bedeutender gesteigert hatten, als der Freiherr es
erwartet haben mochte. Inde derselbe beschwerte sich darber in keiner Weise;
die wachsende Geldausgabe regte in ihm vielmehr nur das Verlangen an, nun auch
etwas vollstndig Gelungenes und Bedeutendes zu schaffen, und da er bei Beginn
des Unternehmens von dem Baumeister einmal auf die gute Wirkung hingewiesen
worden war, welche ein Bauwerk, vom Schlosse und von der Terrasse aus gesehen,
auf der Hhe machen wrde, so kam er immer wieder darauf zurck, dort oben
irgend ein Monument als Aussichtspunkt zu errichten, bis er endlich auf den
Gedanken gerieth, da man nun die Kirche in Rothenfeld erbaute, die zuerst
beabsichtigte Capelle auf der Hhe im Parke aufzufhren. Es war dabei von ihm
nur auf einen kleinen, aber mit seinem Kreuze weithin sichtbaren Bau abgesehen;
dennoch stie der Freiherr auch in diesem Falle auf ein abmahnendes Widerstreben
bei Angelika.
    Ob die Baronin nicht zu bersehen vermochte, welchen den Gesammteindruck
krnenden Abschlu man mit dem Capellenbau erzielen knnte, ob es richtige
konomische Bedenken waren, oder ob irgend ein anderer Grund sie bestimmte, sich
gegen den Plan auszusprechen, das konnte Herbert nicht ergrnden. Er konnte
berhaupt ber diese Frau und namentlich ber ihr Verhalten gegen ihn selbst
durch all die Jahre nicht in das Reine kommen. Wenn er sich zu ihr hingezogen,
von ihrer Theilnahme, ihrer Gte und Schnheit gefesselt, ja beherrscht fhlte,
so stie sie ihn im nchsten Augenblicke wieder einmal gewaltsam ab, und grade
diese Ungleichheit ihres Betragens trug dazu bei, seine Phantasie mit ihrem
Bilde zu beschftigen. Er konnte ihr nur zrnen, wenn sie ihm gegenberstand,
wenn ihr kaltes Wort, ihr stolzer Blick ihn einmal trafen; war er fern von ihr,
so erschien sie ihm stets in dem sanften Schimmer ihrer Schnheit, er freute
sich darauf, sie bald einmal wiederzusehen, er hatte eine Genugthuung daran,
etwas fr ihren Dienst zu bernehmen, und wenn er sie auch fortdauernd im
Vollbesitze aller Glcksgter sah, ertappte er sich oft darauf, da er sie in
seinem Geiste immer nur die arme Baronin nannte, und da er ihrer mit Hingebung
gedachte, weil sie ihm, er wute selber kaum wehalb, beklagenswerth erschien.
    Anders verhielt es sich mit dem Baron. Er war vllig wieder der frhere,
selbstgewisse Herr geworden, und hatte es kein Hehl, da er diese gnstige
Stimmung der Gesellschaft seiner Freundin, der Herzogin, verdanke, deren
leichtlebiger Gleichmuth ihn zur rechten Zeit daran erinnert habe, welche
Quellen der Zufriedenheit jedweder Mensch besitze, der weise genug sei, sich den
Sinn frei zu erhalten, sich nicht von Zufllen beunruhigen und sich nicht vor
der Zeit altern zu lassen. Mit den Erinnerungen und Gewissensbissen der
Vergangenheit hatte er vollkommen abgeschlossen, ja, er begriff es, Dank dem
Zuspruche der Herzogin, kaum noch, wie sie ihn jemals in so sinnverwirrender
Weise hatten peinigen knnen. War es denn seine Schuld, da der gewaltsame
Starrsinn Paulinen's sie verhindert hatte, sich nach hergebrachter Weise in das
Vernnftige und Nothwendige zu fgen, da sie ihrer Leidenschaftlichkeit mehr
als der Vernunft Gehr gegeben? Oder was konnte er dafr, da ein unglcklicher
Zufall seiner Gattin ein Geheimni enthllt hatte, welches ihr besser verborgen
geblieben wre?
    Er hatte Stunden, in denen er mit seiner Gattin um ihres Ernstes willen
recht unzufrieden war, und wenn er auch von dieser Unzufriedenheit, welche sich
nicht nur auf Angelika, sondern auch auf den Caplan erstreckte, der sich mehr
und mehr von der im Schlosse herrschenden Geselligkeit zurckzog, nicht viel
merken lie, so kamen doch die Augenblicke immer hufiger, in denen die Herzogin
ihm das Gestndni derselben abzulocken wute. Das gute Einvernehmen zwischen
den beiden alten Freunden knpfte sich dadurch fest und fester, und, wie Herbert
es bezeichnet hatte, die Herzogin bestimmte und leitete das Leben im Schlosse
fast ausschlielich.
    Es war ein herrlicher Sommertag, an welchem der Baumeister nach jenem
Mittage im Flies'schen Hause wieder in Richten eintraf. Die Fenster des unteren
Geschosses, welche bis zum Boden herniedergingen, waren geffnet, die Luft regte
sich nicht, die Wolken schwebten wie flssiges, durchsichtiges Silber an dem
blauen Himmel. Ueberall hrte man Vogelsang, berall spielten aufsteigend und
sich in sich selber drehend zahllose Mckenschwrme im warmen Sonnenscheine.
Oben auf der First des alten Thurmes sah die junge Storchfamilie nach den
heranfliegenden Alten aus, und aus dem fetten Grn des Rasens wuchsen, von der
Wrme gelockt, die Butterblumen, die Campanula, die Scabiosen und eine Flle
farbiger Grser hervor. Aus den Voliren auf der Terrasse tnte das Gezwitscher
und das Singen ihrer gefiederten Bewohner, und die groen Windspiele des Barons
sprangen in langen Stzen neben einander her, ohne auf den kleinen Mops der
Herzogin zu achten, der ruhig in der warmen Sonne da lag, leise und trge mit
den groen, schwarzen Augen blinzelnd, wenn eines der Windspiele in raschem
Sprunge ber ihn fortsetzte.
    Wie immer hatte Herbert an der herrschaftlichen Tafel gespeist und seine
kurze geschftliche Unterhaltung mit dem Freiherrn gehabt, ehe dieser sich
zurckzog. Nun war die Zeit der Mittagsruhe vorber, die Wrme fing an
nachzulassen, und der Kaffee sollte dehalb im Freien eingenommen werden. Eine
chinesische Strohmatte war auf dem Boden ausgebreitet, um gegen die Feuchtigkeit
zu schtzen, welche von dem Gewitterregen des frhen Morgens etwa noch im
Erdreiche zurckgeblieben sein konnte.
    Die Herzogin, welche nur selten einmal geneigt war, sich Bewegung zu machen,
sa ruhig im Sessel und drehte die kleine emaillirte Tabacksdose mit dem Bilde
der Knigin Marie Antoinette in der Hand, whrend die Diener mit den silbernen
Theebrettern herbeikamen, um den Kaffee in kleinen Tassen von Svres-Porzellan
herumzugeben. Sie war heller gekleidet als gewhnlich, und als der Freiherr ihr
die Bemerkung machte, da ihr dies vortheilhafter stehe, meinte sie, man msse
es dem Wetter nachthun, das jetzt so freundlich sei, und es sei ihr hier ja auch
so heiter, so vllig heimisch zu Sinne, da sie es aus Dankbarkeit darauf
angelegt habe, ihm zu gefallen.
    Der Baron machte ihr das Compliment, welches diese Aeuerung verlangte, man
begann zu scherzen, und obschon Herbert dieses Mal nur wenige Wochen von Richten
entfernt gewesen war, fiel es ihm doch wieder auf, wie das Leben und das Behaben
seiner Bewohner sich immer mehr verndert hatten, seit er zum ersten Male
dorthin gekommen war.
    Damals hatte der Freiherr doch mit seiner Gattin und mit dem Caplan seine
Muttersprache geredet, jetzt sprach er, wo dies irgend thunlich war, das
Deutsche nicht, whrend der Marquis, der sichtlich bemht war, es zu erlernen,
Herbert's Anwesenheit, mit welchem er fast gleichen Alters war, zur Uebung in
der ihm neuen und fremden Sprache zu benutzen liebte. Sie waren auf diese Weise
in eine Art von nherer Bekanntschaft gerathen und auch an dem Nachmittage auf
der Terrasse plaudernd umhergeschlendert, bis ein Zufall sie in das geffnete
Billardzimmer fhrte, in welchem man die Rapiere, die Fleurets und berhaupt die
Gerthschaften bewahrte, deren man zu krperlichen Uebungen bedurfte. Der
Marquis, welcher ein Meister in denselben war, forderte den Architekten auf, ein
paar Gnge zu machen, und nachdem man sich damit genug gethan hatte, nahm der
bewegliche Franzose schnell ein Racket in die Hand, Herbert zum Federballspiele
einladend.
    Jeder Mige nimmt, ohne es zu wollen, an der Beschftigung Theil, welche er
vor seinem Auge ausben sieht, und bald hatte die Sicherheit der Spielenden die
Zuschauer so lebhaft gefesselt, da deren Unterhaltung sich nur noch auf sie
bezog.
    Herbert schlgt den Ball so sicher, wie er den Zirkel und das Richtma
fhrt, bemerkte der Freiherr, indem er dem Diener seine geleerte Tasse reichte.
    Ja, meinte die Herzogin, welche kurzsichtig war und das Glas vor die Augen
genommen hatte, er ist Meister in dem Spiele, er bertrifft selbst den Marquis,
den man sonst dafr bewunderte und der es, ich kenne diese kleine Eitelkeit an
ihm, auch sicher nur in Vorschlag gebracht hat, um die gewohnte Bewunderung zu
ernten.
    Kaum irgend eine andere Uebung ist so geeignet, die Schnheit und Anmuth der
Gestalt zu zeigen, als eben dieses Spiel, hob der Freiherr nach einer Weile, in
welcher man ihnen schweigend zugesehen hatte, wieder an, und Herbert ist in der
That ein ungewhnlich wohlgestalteter Mann. Sehen Sie, wie schlank der
Oberkrper an den Hften einsetzt und wie frei der krftige Nacken sich auf den
breiten Schultern bewegt. Er gleicht seinem Vater ungemein, der selbst in
Italien, in dem Lande der schnen Mannesgestalten, noch durch seine Wohlgestalt
Aufsehen erregte. Dazu hat er viel Verstand und ein schickliches Betragen.
    Gewi, bekrftigte die Herzogin, die sich seit langer Zeit darin gefiel,
Herbert's Beschtzerin zu machen und seine Vorzge an das Licht zu bringen.
Finden Sie nicht, liebe Angelika, da er wirklich die Tournre eines Mannes aus
unserer Gesellschaft besitzt? Und er hat mehr Geist, mehr Herz, mehr Schwung,
als Mancher der Unserigen.
    Die Baronin hatte bis dahin schweigend da gesessen und offenbar der ganzen
Unterhaltung nicht zugehrt; denn erst, als man ihr die Frage wiederholte, fuhr
sie wie aus tiefem Sinnen auf und bejahte sie flchtig.
    Die Herzogin wollte wissen, was sie beschftigt htte; sie vermochte es aber
nicht zu sagen. Sie meinte, das Werden des Frhjahres und die Herrlichkeiten des
Sommers htten sie stets gerhrt, und ergriffen sie dieses Mal so gewaltig, da
sie sich versucht fhle, eine Ahnung darin zu erkennen. Man redete ihr das aus,
der Baron pries ihr gutes Aussehen, ihre blhende Farbe, und die Herzogin rief:
Es ist zu viel Gesundheit, zu viel Lebensflle, lieber Freund, die unsere
Angelika so schwermthig machen. Gewi, meine Theure, Sie drfen um meinetwillen
Ihre Jahre nicht vergessen, Sie haben starke Spaziergnge, Sie haben Bewegung
nthig.
    Ich promenire tglich! versicherte die Baronin.
    Ja, Sie promeniren, so viel als meine Bequemlichkeit es zult und begehrt,
meinte die Herzogin. Aber fragen Sie Ihren Mann, wie leichtfig ich war, wie
schnell zu Pferde, wie schnell zu jedem Spiel, als ich Ihr Alter hatte! Allons,
meine schne Cousine, dort ist ein Mittel, Ihre Schwermuth los zu werden.
Schnell ein Racket, meine Herren, die Frau Baronin wnscht von der Partie zu
sein.
    Die Spielenden wendeten sich bei dem Anrufe zu ihnen, der Marquis, welcher
sich alle die Jahre hindurch vergebens bemht hatte, der kalten Deutschen, wie
er die Baronin nannte, eine wirkliche Theilnahme abzugewinnen, eilte in den
Saal, das Racket zu holen, und obschon widerstrebend, lie Angelika sich endlich
von den Bitten der beiden jungen Mnner und von dem Zureden des Freiherrn
bestimmen, sich als Dritte zu den Spielenden zu gesellen.
    Es war lange her, da sie sich einem solchen Vergngen berlassen hatte. Die
lebhafte Bewegung, der frhliche Zuruf des Marquis erheiterten sie, die groe
Geschicklichkeit und die vollendete Anmuth Herbert's reizten sie, es ihm gleich
zu thun, und der Beifall der Herzogin, das zustimmende Lachen ihres Mannes
regten ihren Ehrgeiz auf. Sie wollte der Herzogin beweisen, da auch eine
Deutsche der Sicherheit und Grazie nicht entbehre, und wie sie sich in dem
leichten, wallenden Gewande hinbewegte, wie die blablauen Bnder von ihrem
schlanken Leibe niederflossen und vom Lufthauche bewegt in ihren blonden Locken
spielten, sah sie so schn aus, da ihr aus dem entzckten Auge Herbert's, der
sich mit der Freude eines Knstlers und mit der heien Seele eines jungen Mannes
an ihrer Schnheit ergtzte, ein gewisses frhliches Siegesgefhl durch das Herz
zog.
    Sie verga es, wie schwermthig sie sich eben erst gefhlt hatte, sie
verga, da es ein Sterben gbe, so voll Leben klopfte es in ihren Adern.
    Immer rascher flogen die Blle von Einem zum Andern, immer lebhafter wurden
die Wendungen, mit denen man ihnen begegnen mute; da, als die Lust der
Spielenden ihnen Allen Flgel geliehen zu haben schien, rief pltzlich die
Herzogin, da nun die Reihe der Vergngungen auch an sie kme und da man sie
ber das Ballspiel nicht vergessen mge.
    Sie war gewohnt, seit sie in Richten lebte, Nachmittags ihr Whist zu
spielen. Der Baron und der Marquis machten dann ihre Partner, und wie dieser
sich auch dagegen strubte, wie jener auch fr die Jugend sprach, da die
Frhlichkeit seiner Gattin ihm Freude gewhrte, die Herzogin bestand mit
scherzendem Eigensinne auf ihrem Willen. Der Spieltisch wurde in einem der
Zimmer aufgestellt, der Baron fhrte sie hinein, und als der Marquis mit
komischem Seufzer sein Racket aus der Hand legte, wollten auch die Baronin und
Herbert ihr Spiel beenden, aber die Herzogin gab das nicht zu. Sie behauptete,
auf ihre Kartenpartie verzichten zu mssen, wenn Angelika sich dadurch in ihrer
Unterhaltung und im Genusse des schnen Tages stren lasse, und da auch der
Baron seine Frau aufforderte noch im Freien zu bleiben, so gab sie nach.
    Inde sie war durch die Unterbrechung, wie sie meinte, aus dem rechten Zuge
gekommen, und das mute auch bei Herbert der Fall sein, denn nun sie ohne den
Marquis und ohne ihre Zuschauer auf einander angewiesen waren, wollte es mit dem
Spiele nicht mehr gehen. Die Baronin schlug nicht weit genug, der Ball verfehlte
sein Ziel, sie fing ihn auch nicht immer so sicher, obschon Herbert sein Bestes
that, und nach verschiedenen Versuchen, sich wieder in den frheren Gang zu
bringen, reichte sie das Netz und ihren Ball dem Architekten hin, weil sie zu
mde sei, das Spiel noch fortzufhren.
    Sie wollte sich niedersetzen, Herbert warnte sie davor, da sie sich erhitzt
hatte, und nachdem sie eine Weile in mannigfach wechselndem Gesprche auf und
nieder gegangen waren, kam Herbert, als sie die Hhe im Lichte der sinkenden
Sonne vor sich liegen sahen, natrlich auf den Capellenbau zu sprechen. Da dem
Baumeister die Ausfhrung seines Planes vor allen Dingen am Herzen lag, so erbat
er sich von der Baronin die Gunst, sie durch den Park noch einmal auf die Hhe
und an den fr die Capelle bestimmten Platz hinaufgeleiten zu drfen, weil er es
seiner Beredtsamkeit zutraute, sie fr das Vorhaben an Ort und Stelle gewinnen
zu knnen. Sie zeigte sich jedoch Anfangs nicht geneigt dazu; da er aber seine
Bitte wiederholte und der Freiherr selbst schon bei der Mahlzeit diese
Besichtigung vorgeschlagen hatte, so willigte sie ein, und sie machten sich auf
den Weg.
    Wie sie nun so durch den Garten hinschritten, ging Herbert gleich daran, der
Baronin die Sache noch einmal vorzutragen, und sein Plan war so wohl erwogen, er
setzte ihn so beredt und mit so viel Schnheitsgefhl auseinander, da es fast
unmglich war, sich nicht dafr einnehmen zu lassen. Auch begriff Angelika ihn
gar wohl, das verriethen die Zwischenfragen, welche sie that. Da aber jedes
Verstehen und jedes Verstandenwerden eine Befriedigung in sich tragen, so wurde,
je weiter man kam, sein Erklren wrmer, ihr Eingehen auf dasselbe lebhafter,
und mit der geistigen Erregung der Beiden steigerte sich die Schnelligkeit ihres
Ganges, bis Angelika, als man sich etwa auf der halben Hhe des Hgels befand,
pltzlich stehen blieb und tief aufathmend eine kurze Rast verlangte.
    Sie lehnte sich an den Stamm einer jungen Birke, und wie die lang
herniederhangenden Zweige derselben, an denen die warmen, duftigen Bltter mit
ihrem hellfunkelnden Grn sich wie geflgelt an ihren Stengeln wiegten, das
rosige, vom raschen Gange leicht gefrbte Antlitz der Baronin umspielten,
gestand sich Herbert, da er niemals eine schnere Frau gesehen habe. Er htte
es ihr gern sagen mgen, der Ausruf der Freude drngte sich ihm auf die Lippen;
inde er hielt ihn vor der hochgebornen Frau zurck, aber er htte in dem
Augenblicke viel darum gegeben, ihr aussprechen zu drfen, wie ihr Anblick ihm
das Herz entzcke.
    Es mute davon etwas in seinen Mienen zu lesen sein, denn Angelika lchelte
ohne zu wissen wehalb. Wie ihm ihre Schnheit wieder einmal so beseligend
aufgefallen war, so fiel es ihr in demselben Momente pltzlich ein, da sie ohne
Begleitung mit ihm fortgegangen sei, und sie sagte, diesem Gedanken folgend:
Kommen Sie, wir sind weit vom Schlosse und haben noch eine Strecke zu steigen.
Es knnte dunkel werden, wenn wir uns nicht beeilen!
    Er ahnte ihre Befangenheit, wie sie seine Bewunderung errathen hatte, und
das brachte sie ihm nher. Er fragte, ob sie ihm erlauben wolle, ihr seinen Arm
anzubieten? Sie wagte nicht, seinen Beistand auszuschlagen, eben weil sie
besorgte, er knne darin entweder eine Geringschtzung sehen. die sie dem
jungen, von ihrem Manne hochgeschtzten und liebenswrdigen Knstler nicht
anthun mochte, oder er knne etwa gar auf den Einfall gerathen, da sie das
Alleinsein mit ihm unsicher mache, und diese Mglichkeit widerstrebte ihr noch
mehr. Sie gab ihm also den Arm, und wie er nun das schne Weib an seiner Seite
fhlte, wie ihr Schritt mit dem seinen rhythmisch zusammenfiel, ihr flatterndes
Haar, da er sich zu ihr wendete, seine Wange, ihre Schulter die seine berhrte,
da verga er Alles, auer dem Vollgefhle seiner Jugend und seiner Kraft. Die
Luft, das Licht, der Duft, welcher aus der frisch aufquellenden Erde und aus den
tausend Bltterknospen strmte, der Vogelsang, der von allen Enden sich hren
lie, und die eigene Lebensflle und der Wiederschein des Himmels aus Angelika's
strahlenden Augen machten ihn von Herzen froh. Er ging schneller und schneller,
aber Angelika beschwerte sich nicht darber, denn auch ihr war der Fu beflgelt
und die Brust erweitert. Es schien ihr, als hebe er sie mit sich empor, es
freute sie, sich von seiner Kraft getragen zu fhlen und gleichen Schritt mit
seiner Rstigkeit halten zu knnen.
    Sie hatten schon lange nicht mehr mit einander gesprochen, als sie die Hhe
erreichten, und doch war ihnen beiden ganz anders zu Muthe, als da sie ihren Weg
begonnen und als in dem Augenblicke, in welchem sie gerastet hatten. Sie
befanden sich nun auf dem Punkte, auf den Herbert sie zu fhren verlangt hatte.
Die Sonne war schon im Sinken, oben auf der Hhe wehte die Luft frischer. Die
Baronin blieb eine Weile in Betrachtung versunken stehen. Sie dachte nicht
daran, da ihr Arm noch auf dem Arme des jungen Mannes ruhe, und er htete sich,
sie daran zu erinnern. Mit dem Weben der Natur, mit dem Hinblick in die Ferne
war eine Reihe von Gedanken in ihm rege geworden, und der schwungvollen Freude
folgte ihre Schwester, die Wehmuth. Es war ohnehin das erste Mal, da er
Angelika in allen den Jahren wahrhaft heiter und jugendlich froh gesehen hatte,
und da dieser Frohsinn so schnell entschwand, da sich ber ihr Antlitz schon
wieder der Schleier der Melancholie herniedersenkte, das vermehrte seine
elegische Bewegtheit.
    Wir sind an der Stelle, hier mte die Capelle stehen! sagte er endlich,
aber er konnte sich nicht berwinden, ihr hier die frheren Erklrungen zu
wiederholen. Es kam ihm Alles so gering vor neben dem, was er empfand, was auch
Angelika - er zweifelte nicht daran - empfinden mute, denn auch sie stand in
sich versunken da. Als sie emporblickte, schaute sie ihn an, es duchte ihr, als
she er traurig aus. Sie machte sich von ihm los, aber sie wagte die Frage
nicht, wehalb er nicht mehr heiter sei, und er lie ihr dazu auch nicht die
Zeit. Da wir so vergnglich sind! rief er aus, wir und der Frhling und die
Jugend und die Schnheit! So vergnglich, whrend das Unbeseelte dauert!
    Sie mochte diesen Ausruf nicht erwartet haben, und er bewegte sie; aber sie
nahm sich zusammen und entgegnete: Und doch wollen wir hier einen Bau errichten,
der Dauer haben soll!
    Ja, rief er, indem er in die Ferne hinabwies, wo die Mauern der Kirche
mchtig emporstiegen, ja, Dauer, Dauer so lange als mglich! Seit Jahren weilt
mein Sinn an diesen Orten, noch Jahre lang wird er sich hierher wenden! All mein
Knnen und Wissen ist diesen Sttten geweiht! Und wenn dann der Tag kommen wird,
an welchem das goldene Kreuz drben von dem Thurme und hier von der Hhe in die
Ferne leuchtet, wenn diese Bauten vollendet sein werden, dann - werde ich gehen,
um nicht wiederzukehren, dann ist meines Weilens hier nicht mehr! -
    Es war der Gedanke an das Untergehen des Meisters in seiner Arbeit, es war
die alte Klage, da der Mensch vergnglicher ist als das von ihm Geschaffene,
welche ihm durch den Sinn zog, und in der Jugend berrascht uns die grausame
Nothwendigkeit des Untergehens, des Sterbenmssens immer wieder auf das Neue.
    Er hielt inne, nachdem er gesprochen hatte, fate Angelika's Hand und fuhr
fort: Aber frh und spt, Sommer und Winter wird Ihr klares Auge sich hierher
richten, wenn Sie an Ihr Fenster treten; hier werden Sie knieen im Gebet! O,
mge nie die Stunde kommen, in welcher Sie hier Trost suchen mten in dem
Kummer Ihres Herzens - denn der Schnheit soll der Schmerz nicht nahen!
    Angelika war wie verzaubert. Das hatte sie nicht erwartet. Einen Ton des
Herzens, wie er aus den Worten dieses Mannes erklang, hatte sie nie vernommen,
und er erweckte in ihrer Seele ein Etwas, das noch nie in ihr so klar gesprochen
hatte. Glck und Erschrecken, Freude und Pein, ein stolzes Aufjauchzen, eine
herzbeklemmende Angst bestrmten sie auf einmal. Es kam ihr vor, als fhle sie
eben jetzt zum ersten Male, da sie lebe und welcher Seligkeit sie fhig sei. Es
zog sie mit ser, mchtiger Gewalt zu Herbert, und doch scheute sie diese
Gewalt. Sie sehnte sich, seinen Blick zu genieen, und wendete sich von ihm ab;
und wie sie sich von ihm wendete, da sah sie hinunter in das Thal, und weithin
zogen sie sich, die langen Windungen des schnellen, tiefen Flusses, der so hell
und so heiter dahinscho durch das Land, und sie waren eben so hingeflossen ber
Paulinen's Leichnam und hatten ihn an das Ufer gesplt, an das Ufer hier unten
im Park, vor ihren eigenen Augen!
    Schrecklicher, furchtbarer als jemals stand das Bild jener Stunde vor ihrem
Geiste, und heute zum ersten Male mischte sich in ihr Entsetzen und in ihre
Verzweiflung ber jenes Ereigni eine zornige Emprung gegen ihren Gatten, eine
Auflehnung gegen ihr Geschick, gegen die Vorsehung.
    Warum war er in ihr Leben getreten, der ltere Mann mit der schuldbefleckten
Vergangenheit, dem die Herzogin im Grunde mehr galt und nher stand als sie?
Warum hatte der Himmel es ihr auferlegt, ein Verbrechen ben zu helfen, das sie
nicht begangen und das denjenigen, der es verbt hatte, jetzt lange nicht mehr
so schwer bedrckte, als sie, die Schuldlose? Warum hatte Gott ihr das Glck
versagt, die reine, die erste, heie Liebe eines edeln Jnglings zu genieen und
freien Herzens die Empfindung zu fhlen, die jetzt pltzlich wie ein belebendes
Feuer ihr ganzes Wesen durchglhte?
    Es war das Alles kein langsames Denken, keine Folge von Ueberlegungen; es
war jenes pltzliche, allumfassende Erkennen, das in einzelnen, entscheidenden
Momenten dem Menschen gegeben ist und das ihm eine Art von Allwissenheit
verleiht. Ueber sich hinausgehoben durch die Erregung des Augenblickes,
berblickt er dann sein ganzes Dasein in dem weitesten Zusammenhange und
begreift seine Zukunft mit einer seherischen Klarheit, die ihm das Ziel und das
Ende derselben, die ihm sein knftiges Schicksal wie in einem untrglichen
Spiegelbilde darstellt.
    Angelika schauerte schweigend zusammen vor der Fluth der Gedanken und
Empfindungen, welche sie berfiel. Mit einem unterdrckten Ausrufe des Schmerzes
lie sie sich, ihr Gesicht in ihre Hnde verbergend, auf die Steinbank
niedersinken, und unaufhaltsame Thrnen entstrmten ihren Augen.
    Wie auer sich warf der junge Mann sich ihr zu Fen. Um Gottes willen, rief
er, was ist geschehen? Reden Sie, reden Sie! Was habe ich gethan? Was habe ich
denn gesagt?
    Er hatte ihre Hnde ergriffen. Sie wollte ihn nicht sehen lassen, da sie
weinte, und wendete das Antlitz von ihm, indem sie sich erhob. Aber der Ausdruck
des Schmerzes in ihren Zgen nahm ihm alle Herrschaft ber sich. Er schlang
seine Arme um sie, und fragte, das Schicksal anklagend: Mu sie, mu dieser
Engel weinen? -
    Das war mehr, als sie ertragen konnte, denn es sprach sympathetisch ihre
eigenen Gedanken aus. Sie lie ihr Haupt auf seine Schulter niedersinken und
weinte an seinem Herzen heier, schmerzlicher, als sie je zuvor geweint. Er
hielt sie umfangen, er wute selber nicht, wie ihm geschah. Er fhlte sich wie
berauscht, aber er wagte es nicht, den Ku auf ihr Haupt zu drcken, das seine
Lippen berhrten, ihr Unglck machte sie ihm heilig!
    Als sie sich endlich emporrichtete, war sie erschpft und bleich. Die Sonne
war nun vllig untergesunken, die Dmmerung spannte leise webend ihre duftigen
Schleier ber die Gegend aus. Langsam begann die Mondessichel, die im Nebel des
Abends schwamm, aus ihm heraufzusteigen, sich aus dem Purpur seiner Dnste zu
erheben und zum reinen, hellen Lichte zu verklren. Kein Laut regte sich, kein
Vogel sang, selbst das leise Zittern und Flstern des Laubes hatte aufgehrt.
Die Einsamkeit, die Stille waren vollkommen, es ward dem jungen Manne
mrchenhaft zu Muthe.
    Unten im Schlosse zndete man die Lichter in den Slen an. Dorthin gehrte
sie, dorthin mute sie wiederkehren, dorthin mute er sie geleiten, dorthin
mute sie gehen.
    Sie hielt sich das vor, aber sie sagte sich innerlich: Hier auf dieser
Stelle lasse ich meine Seele zurck! Hier, wo sie zum ersten Male aufgelodert in
dem Feuer einer Liebe, die eine Snde fr mich ist!
    Sie hatten beide keine Worte mehr, sie standen fern von einander und htten
doch ewig hier weilen mgen, htten vergessen mgen, da es noch eine Welt und
Menschen gbe auer dieser Stelle und auer ihnen Beiden. Keiner fhlte den
Muth, das Wort zu sprechen, das sie von diesem Platze scheiden hie. Endlich
machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte ihr. Ihre Glieder, ihre
Bewegungen waren kraftlos; er bot ihr schweigend seinen Arm, und schweigend nahm
sie ihn wieder an. So ging sie neben ihm her in stiller,
glcklich-unglckseliger Feier, voll Schmerz und ohne Hoffnung, und doch eine
Flamme, eine Gluth in ihrem Herzen, die sie erwrmte, die sie vertrstete und
sie in die Ferne, in die Zukunft hinauszuweisen schien, damit sie den Augenblick
nur berstnde.
    Als sie hinunterkamen in den Park, wo das Unterholz und die Gebsche dicht
belaubt waren, schlang Herbert seinen Arm wieder um den Leib Angelika's, und sie
wehrte es ihm nicht. Ihr Auge hing an seinen Blicken, sie sah im Mondlichte wie
verklrt aus. In den Hecken schlugen die Nachtigallen; der se, fltende Ton
lste ihnen die Seelen auf; er nahm ihre Hand und kte sie wieder und wieder.
    Wie schn ist die Welt, wie schn die Nacht! sagte er endlich.
    Ja, fr die Glcklichen! fgte sie seufzend hinzu - aber sie ist lang, lang
und finster, wenn man sie durchweint!
    So kamen sie vor das Schlo. Sie werden doch nicht in den Saal gehen? fragte
er, und es war ihm eine se Empfindung, da er fr sie sorgte und ihr rieth,
da er ein Geheimni mit ihr hatte.
    Nein, ich kann nicht! antwortete sie; sagen Sie, die Abendkhle habe mich
unwohl gemacht!
    Die Diener hatten sie kommen sehen und ffneten die Thre. Angelika reichte
Herbert die Hand. Er kte sie ihr, wie Abschied nehmend, und da er sich vor ihr
neigte, sprach sie, nur ihm hrbar: Da oben drfen wir keine Capelle bauen!

                                Fnftes Capitel


Margarethe, sagte der Marquis, als er an dem Abende, an welchem Herbert und die
Baronin auf dem Hgel jenseit des Parkes gewesen waren, sich in den Zimmern
seiner Schwester mit ihr allein zusammen fand, Margarethe, was hat denn dieser
Baumeister heute gehabt, da er so gesprchig und so witzig war?
    Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Pudermantel gehllt auf
ihrer Bergre. Sie lie sich von Mademoiselle Lise die Puffen und das Chignon
ihres Haarbaues auflsen und fr die Nachtruhe ordnen, whrend sie den
Orangenblthen-Thee trank, der die Nerven beruhigen und dem Teint seine Frische
erhalten sollte.
    Sie gab dem Bruder keine Antwort; er schien ihrer auch nicht zu bedrfen,
denn er lchelte, nahm das emaillirte Pudermesser, welches auf dem Tische lag,
trat damit an den Spiegel, dessen Lichter angezndet waren, und sagte, indem er
sich behutsam die Schlfen suberte: Und Madame, die sich zurckzieht! Sie ist
sehr belustigend, diese verrtherische Unschuld!
    Weil ich sie kenne, diese Deutschen, meinte die Herzogin, rieth ich Dir, auf
Deiner Hut zu sein. Ihre Poeten haben sie verdorben, sie sind schwerfllig und
empfindsam, selbst in ihrer Freude, und sie verstehen das Genieen nicht!
    Eine so schne Schlerin verdiente aber, da man sie des Besseren belehrte!
rief der Marquis, der sich der Schwester gegenber in einen Sessel
niedergeworfen hatte.
    Ein flchtiger Blick, den die Herzogin nach ihrer Dienerin richtete, legte
dem Bruder Schweigen auf, aber das Lcheln, welches um seine Lippen spielte,
konnte er nicht unterdrcken, und whrend er mit der feinen Hand die Nadel in
seinem Halstuche anders zu stecken versuchte, sagte er: Nur unter seines
Gleichen kann man frhlich leben, und es war Zeit, da diese keusche Erhabenheit
zu uns herniederstieg! Man knnte den Seladon beneiden, wenn seine strahlende
Freude nicht auf die bisherige Armuth seines Lebens schlieen liee. Man knnte
ihn beneiden, diesen armen Burschen!
    Und beneidenswerth kam Herbert sich auch vor, als er in der Stille der Nacht
an seinem Fenster stand! - Er glaubte sie noch zu fhlen, die schlanke, volle
Gestalt, die er in seinen Armen, an seiner Brust gehalten hatte. Sein Herz
klopfte, sein Sinn war aufgeregt, aber hell und klar. Er erinnerte sich jeder
ihrer Mienen, jedes ihrer Worte, er fhlte sich von frischem Leben durchdrungen,
wie ber sich und seine ganze Vergangenheit erhoben. Er htte es laut ausrufen
mgen, wie voll Freude und voll Wonne er sei.
    Das groe, hohe Zimmer war ihm zu eng, er konnte nicht auf einem Flecke,
nicht ruhig bleiben. Er mute in das Freie, auf die Terrasse hinaus. Mit
schneller Hand ffnete er die Flgelthren, die frische Luft strmte ihm voll
entgegen, es war hell wie am Tage. Der Mond stand hoch am Himmel, Wlkchen, so
klar, da sie kaum die funkelnden Sterne verdeckten, zogen langsam schwebend
vorber. Der Sang der Nachtigallen lockte in weichen, herzlsenden Tnen aus den
vollbegrnten Bschen. Herbert war es, als sei das Alles nur um seinetwillen da.
    Mit dem stolzen, frohen Empfinden, das der Besitz verleiht, ging er auf der
Terrasse umher. Es schlief Alles im Schlosse, Niemand theilte mit ihm die Wonne
dieser Stunde, dieser Nacht, sie war ganz sein. So allein, so einsam hatte er
vor wenig Jahren die Nchte durchlebt, wenn es ihn nicht ruhen lassen, am leise
rauschenden Meeresstrande zu Neapel und zu Baj; so einsam war es gewesen auf
den steinernen Sitzen des Colosseums zu Rom, und doch, es war ihm jetzt noch
anders zu Sinne, als damals. Denn wie sich in der Stunde des Schmerzes alles
Leid vergangener Jahre unabweislich an uns herandrngt, so nahen sich uns in dem
Augenblicke, der uns gnstig ist, wie von magnetischer Kraft herbeigelockt, die
schnsten Erinnerungen unseres Lebens, da wir unsere Vergangenheit und unsere
Gegenwart als Eines, als ein groes, ganzes Glck empfinden; und wer solche von
guten Geistern umschwebte Wonnestunden nie gekannt hat, der geht arm aus der
Welt und aus dem Leben!
    An seinen Vater dachte Herbert, und wie der ihn eingefhrt in das erhabene
und doch so offenbare Reich der Schnheit und der Kunst; seine Mutter hatte er
neben sich und sie erzhlte ihm, dem einzigen Kinde, wie da oben hinter den
weigeflgelten Wlkchen die unsichtbaren Englein im goldenen Himmelslichte sich
wiegten und den guten Kindern rosige Trume herabtrufelten mit dem Thaue der
Nacht. Und die Lieder seiner Mutter hallten in seiner Seele nach und die Tne
lsten sich auf und gestalteten sich neu, bis sie in jenen wunderbaren Melodien
verklangen, in welchen die Gondoliere auf den Canlen von Venedig die Stanzen
ihres Tasso singen. Und dann wieder umstrickte ihn die Stille der Nacht so
sanft, da kein Gedanke Form und Gestalt annehmen konnte und er nichts empfand,
als ein liebevolles Glck, als die Wonne, zu leben und zu athmen inmitten der
Natur.
    Vor einem der Gartentische blieb er stehen. Sein Auge heftete sich an das
Federball-Spiel, welches auf demselben liegen geblieben war. Er nahm das Racket
in die Hand, dessen Angelika sich bedient hatte. Der rothe Sammetreif umspannte
das Netz von goldenen Schnren, der Thau hatte es mit seinen Perlen bergossen.
Das war der Zauberstab, der ihm den heutigen Abend, der ihm diese selige Stunde
heraufbeschworen. Der gefiederte Ball lag noch darauf, er warf ihn fast
absichtslos ein wenig in die Hhe und fing ihn mhelos wieder auf. So war es ihm
heute berhaupt gegangen, so war ihm das wundervolle Abenteuer, das se
Erlebni fast ohne sein Zuthun von der Stunde Gunst beschieden worden, und es
dnkte ihm darum noch lieblicher und zauberischer.
    Aber sie irrten beide, der Marquis und dessen Schwester; Herbert war kein
solcher Neuling im Leben und er liebte die Baronin nicht. Es war kein
Liebesrausch, keine Verblendung durch ein eitles Hoffen gewesen, die ihn an dem
Abende so gesprchig und so witzig gemacht, wie der Marquis die Erregtheit des
Baumeisters bezeichnet hatte. Es war ein zrtliches Mitleid, eine gromthige
Sorge, die er fr Angelika in seinem Herzen trug, und leise, aber doch erkennbar
geno er die Genugthuung, den Stolz dieser vornehmen Frau, der ihn manchmal
beleidigt und verletzt hatte, so hingeschmolzen, und sie trostsuchend an seiner
Brust gesehen zu haben. Er erinnerte sich des Augenblickes, da er mit freier
Seele vor sie hingetreten war und sie ihm das Bewutsein aufgedrngt hatte, da
er ihr mifalle. Jetzt, de war er sicher, dachte sie anders ber ihn; aber wenn
er sich auch fragte, was Angelika bestimmen mgen, einen Mann, den sie nicht
geringschtzen konnte, alle die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu
behandeln, so war er sich seines Werthes doch zu sehr bewut und zu sehr gerhrt
von den Thrnen der schnen Frau, als da sich in sein befriedigtes Selbstgefhl
und in seine Theilnahme fr die Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt
htte.
    Er wollte versuchen, ihr nher zu treten, ihr Vertrauen zu gewinnen. Er
stellte sich vor, da sie gegen ihren Willen des weit lteren Mannes Frau
geworden sei, da man sie gezwungen habe, einer frheren Liebe zu entsagen. So
wie mit ihm, mochte sie einst mit dem Geliebten ihres Herzens durch die duftende
Dmmerung des Frhlings gewandelt sein, so mochte sie mit einem Geliebten von
milder Hhe hinabgesehen haben in ein stilles Thal, und nun hatte Herbert ihr
die Erinnerung an verlorenes Glck, an dauerndes Entbehren wach gerufen. Sie
hatte dem Entfernten, dem Vermiten nachgeweint, Thrnen der Erinnerung waren es
sicherlich gewesen, welche sie an seiner Brust vergossen hatte; und wie er sich
mehr und mehr in diese Vorstellung versenkte, so standen auch jene Frauen vor
ihm, denen er in den verschiedenen Zeiten seines Lebens Neigung und Liebe und
Leidenschaft entgegengebracht hatte. Die schne Empfindung jener wechselnden
Stunden erwrmte und durchglhte ihn, und er liebte seine Erinnerungen und die
Frauen und das Lieben, und wenn er sich seiner frhlichen Vergangenheit und
seines Glckes freute, so dachte er dazwischen doch immer wieder der Baronin,
die solchen Glckes Flle sicher nicht gekannt hatte, und der Vorsatz, ihr
beizustehen, ihr nahe zu bleiben, entzckte ihn, weil die Liebe ihn so
entzckte.
    Der Tag kam herauf, als er endlich in sein Zimmer zurckkehrte, um sich zur
Ruhe zu legen; aber er konnte nicht mehr schlafen, und htte er es vermocht, es
wre ihm nicht viel Zeit dafr vergnnt gewesen. Er mute frh hinaus, da er mit
dem Amtmanne nach einem Steinbruche reiten wollte, der noch innerhalb der
Herrschaft, aber doch mehr als zwei Meilen von Richten entfernt lag und dessen
Material man fr den Bau zu verwenden gedachte.
    Durch den frischen Morgen ritt er ber den weiten Hof, an den die groe und
lange Allee von Lerchen-und Ebereschen-Bumen sich anschlo. Die thaufrischen
Bltter und Spitzen der Zweige nickten, von dem leisesten Lufthauche bewegt, und
sprhten ihre Thautrpfchen auf den Reiter herab. Zu beiden Seiten wogte das
dichte, kurze Grn der lang sich hinstreckenden Hafer- und Gerstenfelder, da es
wie ein wallendes, glnzendes Wasser anzusehen war, wenn die Sonne sich in dem
Thaue bespiegelte. Aus dem Walde von Aehren schossen die Lerchen empor und
schwangen sich mit schwirrendem Flgel zum Himmel auf, die kleinen Kehlen in
schmetterndem Gesange bewegend. An dem Rande der Grben, an den Rainen blhte
die Kornblume, nickte der rothe Mohn, und ber die Dornhecken und die blhende
wilde Rose schlang die Winde, sich weithin spannend, ihre Ranken. Wohin man
blickte, war Alles voll Leben, voll Bewegung, voll Klang und Sang. Die Biene,
der Kfer, der Schmetterling und der Vogel, jeder that sich was zu Gute in dem
warmen Sonnenscheine, und selbst die Hunde vor den Husern sprangen heraus,
klfften und bellten, liefen dem Pferde nach, liefen ihm voraus und wendeten
wieder um, und man konnte es den klugen Thieren wohl anmerken, da sie das Pferd
und den Reiter nicht anzuhalten dachten, sondern nur ihr Spiel haben wollten.
    Nach der sanften Feier des letzten Abends, nach der magischen Stille der
Nacht war dieser Morgen voll frischen Lebens dem jungen Manne ein doppeltes
Vergngen, und mit seinen strahlenden Augen hinaus in die Ferne schauend, lie
er das Pferd weit ausgreifen und athmete mit tiefem Behagen den Luftstrom ein,
der ihm entgegenkam.
    Da, wo der Weg sich wendete und wo der Wegweiser stand, der nach Rothenfeld
wies, blickte Herbert nach dem Schlosse zurck. Die grnen Fensterladen waren
noch berall geschlossen. Der Baron und Angelika, der Marquis und die Herzogin,
Alles lag sicher noch im tiefen Schlafe, und sammt und sonders thaten sie ihm
leid. Es war ihm so wohl, er htte berhaupt mit Niemandem tauschen mgen, und
selbst Angelika's leise Mahnung: Da oben bauen wir keine Capelle! machte ihm
keine Sorge. War es keine Capelle, so konnte man irgend einen Tempel, einen
Freundschafts-Tempel da oben errichten, und zu einem solchen Angelika's
Zustimmung zu gewinnen, hoffte er zuversichtlich, weil er ihre Freundschaft zu
erwerben trachtete.
    Wohlgemuth ritt er durch das Thor des Amtshofes ein. Er war ein gern
gesehener Gast auf demselben und es behagte ihm dort immer, wenn er von dem
Schlosse kam. Denn wie das Stattliche und Schne ihn erfreute, das Vornehme im
Leben und in der Kunst ihm einen groen Eindruck machten, so hatte er daneben
doch eine angeborene Freude an dem Ntzlichen und Nothwendigen, und nach der
breiten Terrasse des Schlosses, nach dem hohen Porticus und den Bogenfenstern
desselben, nach den Taxushecken und Springbrunnen gefielen ihm der
Wirthschaftshof mit seinem Rhrbrunnen, an welchem die groe Heerde getrnkt
ward, das schwerfllige, alte Haus mit der niedrigen Thre und der breiten
Rampe, ber der sich die Aeste der Lindenbume von beiden Seiten her dicht in
einander verschlungen hatten, immer ganz besonders wohl.
    Man sah es den dicken Mauern auch an, da das Haus im Winter warm, im Sommer
khl sein msse. Gleich vor der Thre luden die breiten Bnke und der groe
steinerne Tisch zum Sitzen und zum Verweilen ein, und die Blumenstcke, welche
auf den Fensterbrettern die volle Morgensonne genossen, die Rabatten des kleinen
Gartens, aus deren fetter, brauner Erde sich schon die vollen Levkoien und die
glnzenden, vielbltterigen Nelken hervorhoben, waren so wohlgepflegt, der
gefleckte Jagdhund auf der Schwelle, der aufsprang, als der Reiter in den Hof
ritt, und die gelbe Katze, welche nur blinzelnd die schlfrigen Augen ffnete
und den dicken Kopf dann langsam niedersenkte, um die sonnenerwrmte Stelle
wieder einzunehmen, waren so rund und so blank, da man es merkte, hier leide
Niemand Mangel.
    Auch dem Hausherrn, dem jungen Amtmanne, konnte man das ansehen. Er war fast
gleichen Alters mit dem Baumeister und auf dem Gute geboren und erzogen. Schon
sein Urgrovater hatte die Arten'schen Gter bewirthschaftet und von Vater auf
Sohn hatte sich das Amt, und mit ihm die Liebe fr den Grund und Boden und die
Anhnglichkeit an die Herrschaft vererbt. Die Steinert's waren hier zu Hause und
angesehen, beinahe wie die Herren von Arten selbst. In der ganzen Umgegend
hatten sie Verwandte, berallhin waren sie durch die Heirathen ihrer Tchter und
Shne mit den Amtleuten, den Gutsbesitzern, den Pfarrern und Frstern
verschwgert, und wer im Lande Rath und That bedurfte, der ging zum Amtmanne
nach Rothenfeld, denn die Steinert's waren Landwirthe, wie es wenige gab, und
der jetzige Amtmann hatte es wohl bisweilen ausgesprochen, da er einmal sehen
mchte, was aus dem Herrn werden wrde, wenn man im Amtshause nicht das Auge auf
Alles htte und gelegentlich die Hand auf Manches legte, was nicht angetastet
werden drfte, ohne da dem ersten Capitalangriffe der zweite nachfolgen msse.
    Ein treuer Diener mu auch widersetzlich sein, wo's Noth thut! hatte der
Vater des jungen Amtmannes einmal gesagt, und sie lag so zu sagen den Steinert's
im Blute, diese treue, ehrliche Widersetzlichkeit. Man brauchte die Mnner nur
anzusehen. Sie waren ein groes, starkes, vollbltiges Geschlecht, die Mnner
wie die Frauen, und der junge Amtmann und seine Schwester machten keine Ausnahme
davon, wie er denn auch Adam hie gleich seinem Vater und Grovater und gleich
denen, die vorhergegangen waren. Weil aber Adam der einzige Sohn gewesen und
erst neun Jahre nach ihm ein Mdchen in das Haus geboren worden war, so hatte
der Vater gemeint, wenn der Adam doch einmal keine anderen Gesellen habe, so
msse er wenigstens in der Schwester seine Eva bekommen, und Adam und Eva waren
auch die einzigen Kinder geblieben, waren mit einander gro geworden, hatten von
Vater und Mutter den tchtigen Sinn geerbt, die Arbeit und die Wirthschaft
erlernt und befanden sich so wohl mit einander, da noch keiner von ihnen an das
Heirathen gedacht hatte, obschon der Amtmann dreiunddreiig Jahre alt war und
die Eva auch schon in den ersten Zwanzigen stand.
    Sie glichen einander recht wie Bruder und Schwester. Beide waren sie gro,
beide stark von Bau und von frischer Farbe mit hellen, blauen Augen. Des
Amtmanns Krauskopf war eben so blond wie das dicke, gewellte Haar, welches Eva's
Schlfen umgab, und beide sahen jung und lachend wie der Morgen aus, als sie bei
Herbert's Ankunft vor die Thre und auf die Rampe hinaustraten.
    Die grne, breitschooige Pekesche mit den blanken Knpfen, die gelbe
Lederhose und die faltigen Reitstiefel saen dem Amtmanne wie aufgegossen. Man
sah, da er etwas auf sich hielt, da er etwas auf sich wenden konnte, und
obschon er sein Haar nicht mehr puderte, weil es damit, wie auch Herbert der
Baronin bedeutet hatte, in Wind und Wetter nichts war, so hatte er es doch noch
mit einem schnen Bande in breitem Haarbeutel zusammengebunden, grade wie der
Herr Baron, und der kleine dreieckige Hut sa ihm keck auf dem Kopfe und warf
seinen Schatten ber seine starke, feste Stirne.
    Willkommen, werthester Herr Baumeister! rief er dem Reiter entgegen, als
dieser vor der Thre hielt. Sie sind ein Mann von Wort! Er zog die Uhr mit der
schn gefleckten Schildpattkapsel hervor und hielt sie ihm hin. Halb sieben Uhr
auf den Punkt. Damit trat er an das Pferd heran, und er und Herbert schttelten
einander die Hnde.
    Man ist ja in dem Wetter froh, versetzte dieser, wenn man herauskommt, und
den Mann mchte ich sehen, den's schlafen liee, wenn er wei, da Mamsell Eva
die Langschlfer nicht leiden mag! - Er nahm den Hut grend vom Kopfe; Eva
nickte ihm freundlich zu und meinte, sie knne gar Vieles nicht leiden, zum
Beispiel das Warten nicht.
    Haben Sie denn auf mich gewartet? fragte er.
    Gott bewahre, Mosje Herbert, dazu habe ich Morgens keine Zeit; aber ich
warte jetzt auf Sie!
    Auf mich - wie das?
    Mit dem Frhstcke! entgegnete sie.
    Herbert meinte, es solle gleich fortgehen, inde der Amtmann und Eva wollten
davon nichts hren.
    Sie werden doch nicht der Erste sein wollen, Herr Architekt, meinte der
Amtmann, der um die Frhstcksstunde hier ohne Imbi fortgeht? Und Eva sagte:
Sie knnen immer einmal die gndigen Herrschaften im Muschelsaale ihre Chocolade
allein einnehmen lassen und mit unser Einem frhstcken. Wenn man gute
Gesellschaft am Morgen hat, giebt's immer einen guten Tag; denn daran glaube ich
ganz fest, Gutes und Bses kommen nie allein!
    Schnen Dank, Mamsell, da Sie mich fr etwas Gutes halten! rief Herbert,
whrend er vom Pferde stieg; der Amtmann hatte einen Knecht herbeigewinkt, der
ihm das Pferd abnahm, und die beiden Mnner folgten Eva in den Hausflur, in
welchem auf dem groen Eichentische Brod und geruchertes Fleisch aufgetragen
waren, neben denen der zinnerne Bierkrug und die feine Flasche mit
Kirschbranntwein nicht fehlten.
    Den Hausflur hatte Herbert gar so gern. Die groen, altersgeschwrzten
Eichenschrnke, welche auf ihren massiven Kugelfen die beiden Seitenwnde des
Flures einnahmen, der schwere Tisch in der Mitte, die alte, groe Hausuhr,
welche einen Monat ging und die seit mehr als fnfzig Jahren auf dieser Stelle
stand, ohne je einer Reparatur bedurft zu haben, die handfesten Sthle und die
dreifachen Reihen von Erntekronen und Erntekrnzen, die an den Wnden hingen und
deren Bnder zum grten Theile schon ganz verblichen waren, das Alles zeugte
von Dauerhaftigkeit; und dazu warf das Sonnenlicht, welches durch die Bltter
der Linden in den Flur hineinfiel und um die welken Aehrenkrnze spielte, da
sie ganz frisch darunter aussahen, eben seine hellsten Strahlen auf das goldene
Haar von Eva, welche, am Tische stehend, den Rcken der Hausthre zugewandt, die
beiden sitzenden Mnner bediente.
    Sie haben brigens Recht, Mamsell Eva, nahm Herbert das Wort wieder auf; ich
finde auch, da das Glck niemals allein kommt. Denn ich habe eine kstliche
Nacht verlebt, und der Morgen beginnt mir eben so gnstig und schn! - Er
verneigte sich dabei, um ihr das Compliment anzueignen. Sie beachtete es aber
nicht, sondern fragte: Was haben Sie denn die Nacht gethan?
    O, ich habe sie fast ganz im Freien durchwacht, sie war so still und schn!
- Eva sah ihn an, als erwarte sie eine Fortsetzung seines Berichtes, und da er
nichts hinzufgte, fragte sie: Und das war Alles? Weiter nichts?
    Der Amtmann lachte, Herbert mute mitlachen; Eva's unbefriedigter Blick und
der Ton ihrer Stimme forderten dazu heraus, aber Herbert war dabei doch nicht
wohl zu Muthe. Es verdro ihn, da Eva komisch finden konnte, was ihn so hoch
entzckt hatte, und dabei wute er kaum, ob er mit dem Mdchen, oder mit sich
selber nicht zufrieden wre. Sie scheinen auch das Wachen also nicht zu lieben,
meinte er, und er sagte das mit absichtlichem Spotte.
    Sie nahm es aber nicht so auf, sondern antwortete ruhig: Nein, gar nicht,
wenn es zu nichts fhrt. In guter Gesellschaft und wenn's einen Tanz giebt, oder
wenn es bei einem Kranken nthig ist - ja, dann ist's etwas Anderes. Aber sonst
- sie hielt inne und sagte, als knne sie den rechten Ausdruck nicht finden und
msse sich auf andere Weise helfen: Nachts ohne alle Ursache wachen und am Tage
schlafen, wie's im Schlosse oft geschieht, das wre mir grade, als sollte ich
den rechten Handschuh auf die linke Hand ziehen! Das geht mir wider den Strich!
    Sie wandte sich dabei von den Mnnern fort, um aus dem einen Schranke noch
ein Messer herbeizuholen. Als Herbert ihr nachsah, fand er ihre krftige, groe
Gestalt in dem aufgeschrzten blauen Zitzkleide, mit dem sauber gefalteten Tuche
um Brust und Schultern auerordentlich schn, und die Rthe des Nackens und der
Oberarme sah so gesund aus, da er unwillkrlich den Ausruf that: Ich glaube,
Sie knnten gar nicht anders als Eva heien!
    Der Bruder, welcher seine Freude an dem Mdchen hatte, verstand, was Jener
meinte, und gab ihm Recht; Eva aber sttzte sich mit den Hnden vor ihnen auf
den Tisch und sagte: Mosje Herbert, ich glaube, fr Sie ist's auch Zeit, da der
Bau bald fertig wird und da Sie aus dem Verkehr mit dem lcherlichen Herrn
Marquis fortkommen, der hier zuweilen wie eine Bombe einfllt! Sie lernen ihm
nur seine Redensarten ab! Das mit dem Eva heien habe ich nun schon zweimal
hren mssen, und man mchte doch auch einmal etwas Neues haben!
    Sie nahm dabei eine schmollende Miene an, die sie vollends reizend machte,
und Herbert fhlte so groes Vergngen in ihrer Gesellschaft, da der Amtmann
ihn an den Aufbruch mahnen mute. Herbert dankte also fr die genossene
Gastfreundschaft, Eva entgegnete, wenn es ihm gefallen und geschmeckt habe, so
mge er bald und vor allen Dingen zum Erntefeste wiederkommen. Er reichte ihr
die Hand zum Abschiede, und als er schon im Fortgehen war, fragte sie, was denn
die gndige Frau mache und ob sie wohl sei. Er berichtete, da die Baronin sich
am Abende nicht gut befunden habe. Eva machte ein ernsthaftes Gesicht dazu und
schttelte bedenklich den Kopf.
    Die wird auch nie mehr ganz gesund, sie hat's nie verwunden, sagte sie
seufzend und mitleidsvoll, und ich mchte auch nicht an ihrer Stelle sein!
Herbert wollte wissen, wehalb nicht. Sie antwortete nur, indem sie, ohne eine
Erklrung zu geben, mit einem: O nein, gewi nicht! ihre vorige Aeuerung
bekrftigte, und da inzwischen die Pferde vorgefhrt worden waren, so trennte
man sich, ohne da Herbert eine Antwort von dem Mdchen erhalten hatte.
    Whrend des Rittes bot sich Herbert keine rechte Gelegenheit zu weiteren
Fragen dar, obschon Eva's Aeuerung ihm nicht aus dem Sinne wollte. Die Gegend,
durch welche sie kamen, war Herbert neu, und der Amtmann hatte seine Genugthuung
daran, den Fremden mit allen Vorzgen des Bodens bekannt und auf alle die
Vortheile aufmerksam zu machen, welche eine sorgfltige Cultur diesem Boden
abzugewinnen verstanden hatte. Dafr aber verlangte er dann auch von Herbert zu
hren, wie es sonst in der Provinz und in der Welt ausshe, auf deren Hndel und
Entwickelungen das Auge des jungen Landwirthes wie das eines jeden Mannes in
jenen Tagen gerichtet war. Inde so lange man zu Pferde blieb, war an ein
rechtes zusammenhngendes Sprechen nicht zu denken, aber als man in der Nhe des
Steinbruches, wo der Boden aufstieg und das Thal sich verengte, absteigen mute,
um den Rest des Weges am Ufer des Flusses fortzusetzen, ward die Gelegenheit zur
Unterhaltung gnstig. Man lie die Pferde an dem Hause eines der Steinbrecher
zurck, und wie man nun in dem khlen Thale vorwrts ging, richtete der Amtmann
seine Fragen auf sein Lieblingsthema, auf die Mnner und die Ereignisse, von
denen die Zeitungen ihrer Zeit berichtet hatten und noch berichteten. Herbert
sollte ihm von den Helden der franzsischen Revolution erzhlen, bei deren
Beginn der Baumeister sich noch in Paris befunden hatte und deren
wahrscheinlicher Ausgang jetzt alle Geister beschftigte.
    Er sollte Mirabeau beschreiben, und schildern wie Camille Desmoulins
aussehe, die er gesehen, er sollte erklren, wie ein Volksaufstand sich mache,
und whrend der Amtmann mit leidenschaftlicher Spannung an seinen Berichten
hing, erwrmte sich Herbert mehr und mehr an seinen eigenen Worten, bis beide
junge Mnner sich wieder einmal lebhaft fr die Gleichheit der Stnde, wider
alle Vorrechte und wider jede Art von Vorurtheilen ausgesprochen hatten, die
ihnen in ihrem Leben bereits hindernd entgegengetreten waren oder von denen sie
spter eine Beeintrchtigung frchten konnten, wie verschieden ihre
Berufsthtigkeiten und selbst ihr Bildungsgrad auch waren.
    Herbert, welcher in der Schlogesellschaft bestndige Rcksichten zu nehmen
hatte, fand es angenehm, sich frei gehen lassen zu knnen und einen so dankbaren
Zuhrer zu haben. Der Amtmann, der sich nach seinen Kenntnissen, seiner
Tchtigkeit und auch nach seiner Wohlhabenheit manchem der Edelleute berlegen
wute, die in der Nachbarschaft und zu Zeiten auch im Schlosse die groen Herren
spielten, und vor denen er sich, wie gering er sie auch schtzte, zu demthigen
und zu beugen genthigt war, fhlte sich stets gehoben in dem Verkehre und in
der Unterhaltung des Architekten, welchen der Freiherr als seinen Gastfreund und
Hausgenossen ehrte, whrend dieser sich als ein Gleicher neben den Amtmann
stellte; und da die Jugend berhaupt zu geselligem Anschlieen geneigt ist,
fanden die beiden sich bald in einem Zwiegesprch begriffen, das ihnen recht von
Herzen kam.
    Man war von den Mittheilungen ber Frankreich und die Revolution auf die
Emigranten im Allgemeinen zu reden gekommen und dadurch auch auf die Gste im
Schlosse gefhrt, und der Amtmann meinte: Es mu solchen Herrschaften spanisch
vorkommen, wenn fr sie das Befehlen und Besitzen auch einmal ein Ende hat. Wenn
man aber hrt, wie sie's dort getrieben haben, und wei, wie's auch hier herum
vieler Orten zugeht, so kann man sich denken, da sie drben kein gro Mitleiden
mit ihnen fhlen. Ich wollte nicht sehen, was hier passirte, wenn's auch hier
einmal zum Klappen kme!
    Glauben Sie denn, da hier zu Lande das Material fr eine Revolution
vorhanden ist? fragte der Baumeister.
    Der Amtmann besann sich, ehe er antwortete, die Vorsicht des Bauers steckte
auch ihm im Blute. Es kommt darauf an, sagte er dann nach reiflichem Ueberlegen,
was man Revolution nennt!
    Nun! versetzte Herbert, mich dnkt, das wre klar. Ist man hier unzufrieden?
Hat man groe Beschwerden gegen den Knig und sein Regiment?
    Gegen den Knig und sein Regiment? wiederholte der Amtmann, das knnte ich
nicht sagen. An den Knig denken sie hier nicht viel, d.h. sie denken an ihn
nur, wie an den lieben Herrgott, der ebenfalls weit weg ist und von dem sie auch
nicht wissen, ob er sie hrt oder nicht hrt. Die Leute hier sehen nicht ber
die Feldmark hinaus. Jeder hat hier sein Theil Plage fr sich und steht also
meist auch nur fr sich. Er hat's mit mir zu thun, der ich hier befehle, und mit
der Herrschaft, fr die ich befehle. Was er zu frchten und zu hoffen hat, seine
Anhnglichkeit und seine Aufsssigkeit, das liegt Alles hier, Alles dicht neben
einander wie sein Haus und sein Grab. Darber hinaus hat er sich sonst nicht
leicht um etwas gekmmert, und wenn's ihm nicht allzu schlecht gegangen ist, ist
er zufrieden gewesen.
    Und jetzt! ist's jetzt anders?
    Der Amtmann besann sich wieder eine Weile, dann sagte er sehr bestimmt: Ja!
anders als vor fnf und vor zehn Jahren, als zu den Zeiten, da ich von der
Schule und von der Universitt kam, denn mein Vater hat mich anderthalb Jahre
auf die Universitt geschickt, schaltete er mit Selbstgefhl in seine Rede ein,
anders ist's jetzt hier allerdings. Es ist, als ob's in der Luft lge. Sie
pariren nicht wie sonst, sie raisonniren viel.
    Aber worber?
    Ueber Alles!
    Also zum Beispiel? fragte Herbert.
    Ueber die Frohnen, ber die Hand- und Spanndienste, ber Alles! Und wie das
geht, da sie immer zusammenstecken, hetzt Einer den Andern auf, und was der Eine
nicht ausheckt, das klaubt der Andere hervor. Man wird bald Noth haben, sie zur
Arbeit zu bekommen, denn um Ausreden sind sie ohnehin niemals verlegen.
    So etwas pflegte aber doch berall einen Ausgangspunkt zu haben, oder es
pflegte irgend Jemand da zu sein, der den Anfhrer macht. Ist vielleicht ein
bestimmter Anla zu der Unzufriedenheit gegeben worden, ist irgend Einem ein
besonderes Unrecht zugefgt?
    Sie gingen, als Herbert diese Frage that, ber die lange und schmale, aus
Knppeln und Rasen gemachte Brcke, welche hier den Flu berspannend auf die
Seite desselben leitete, auf welcher der jetzt bearbeitete Steinbruch lag, und
da Herbert seiner Freude an dem Schnen und Lieblichen in der Natur, wo er
diesem begegnen mochte, nachgab, so blieb er stehen und betrachtete, wie die
weichen Binsen und das Schilf sich nickend in dem Wasser spiegelten, da es zu
Zeiten aussah, als hingen die goldenen Sonnenreflexe wie strahlende Blumen an
den schwankenden grnen Halmen. Er pflckte eine kleine breitblttrige Farre,
die in dem Moose auf der Brcke gewachsen war, steckte sie an seinen Hut und
folgte dann dem Andern, der ihn drben am Ufer erwartete.
    Als Herbert sich wieder an des Amtmanns Seite befand, der offenbar mit der
Frage seines Begleiters beschftigt geblieben war, sagte Jener: Eine Ursache und
einen Anfang mu freilich Alles haben, aber die Dinge haben meist mehr als Eine
Ursache, und hier die Vernderung unter den Leuten hat deren viele. Und wieder
brach er zgernd ab, bis der Baumeister ihn mit erneuter Frage zum
Weitersprechen nthigte.
    Sehen Sie, Herr Baumeister! fing nun der Amtmann an, als sei er nun zu dem
Entschlusse gekommen, herauszusagen, was er eigentlich dachte: sehen Sie, unser
Herr Baron ist ein guter Reiter, und wer ein guter Reiter ist und es wei, da
kein Pferd ruhig bleibt, wenn man's heute gehen lt, wie's eben mag, und morgen
scharf zusammennimmt, ohne da es was verfehlt hat, wer's aus Erfahrung wei,
da man das beste, frommste Thier im Handumdrehen verreiten und stckisch machen
kann, der, meine ich, sollte das auch auf den Menschen appliciren. Es ist schwer
auskommen mit dem Herrn Baron! Mein Vater hat's schon immer gesagt, es war
besser unter dem seligen Herrn!
    Herbert bemerkte, da der Freiherr ihm weder streng noch hart erscheine, da
er im Gegentheil nur wohlwollende und menschenfreundliche Aeuerungen von ihm
vernommen habe.
    Der Amtmann machte eine zustimmende Bewegung mit dem Kopfe. Das ist's eben!
meinte er. Streng und hart ist gar nicht das Schlimmste, dabei kann Alles gehen,
denn der Mensch gewhnt sich allmhlich an das, was gleichmig geschieht, und
besonders denkt der Bauer in solchem Falle: es knne denn eben nicht anders
sein. Wre der Herr Baron nur immer streng, und machte er es wie sein Vater und
sein Grovater, die sich um gar nichts kmmerten, als um's Verzehren und
Genieen, so stnden wir Alle uns besser. Aber er ist leider Gottes
menschenfreundlich und hat ein weiches Gemth, und dazu mag er im Grunde seines
Herzens selbst zuweilen denken, da es wohl nicht immer so auf der Welt bleiben
werde, wie bisher. Da kommt's denn, da er heute nachgiebt, was er morgen
verweigert, da er dem Einen erlaubt, was er dem Andern verbietet. Das macht
bses Blut. Die Einen denken, wenn er das zugesteht, kann er auch mehr
zugestehen; die Andern sind ihm aufsssig, weil sie ihre Forderung nicht
durchgesetzt haben, und zuletzt bade ich es aus, denn zuletzt mu ich vor den
Ri treten, und mit mir macht er's dann auch nicht besser. Man wei nicht, wie
man mit ihm daran ist. Seit er geheirathet und die Pauline sich ertrnkt hat,
ist das Alles schlimmer geworden, und seit wir nun gar den - verzeihen Sie, da
ich es einmal sage - verwnschten Kirchenbau hier haben, ist vollends der Teufel
los!
    Der Amtmann sagte das offenbar mit fester Ueberzeugung. Inde obschon dies
Herbert nahe genug anging und ihn lebhaft beschftigte, so erregte doch die
Erwhnung eines Frauenzimmers, das sich ertrnkt haben sollte und das offenbar
in einem nahen Zusammenhange mit dem Freiherrn gestanden haben mute, um der
Baronin willen vor allem Andern seine Neugier. Er fragte nach den nheren
Umstnden, erfuhr den ganzen Hergang der Sache und alle ihre Einzelheiten, wie
man sie eben in der Umgebung und Dienerschaft des freiherrlichen Paares kannte
und betrachtete.
    Herbert war sehr von dieser Kunde betroffen und ergriffen, denn jetzt
glaubte er pltzlich den Schlssel fr alles dasjenige zu haben, was ihm gestern
berhaupt in dem Wesen und in dem Verhalten der Baronin auffallend erschienen
war. Das arme, arme Weib! rief er unwillkrlich aus, als der Amtmann geendet
hatte.
    Der Amtmann stimmte ihm bei, denn er glaubte, Herbert spreche von Pauline,
und er rhmte deren Schnheit und gute Eigenschaften.
    Herbert aber dachte nur an die Baronin. Er bedauerte, da er dies Alles
nicht schon gestern gewut habe, er frchtete, der Baronin nicht verstndnivoll
genug begegnet zu sein, und machte sich Vorwrfe darber, da er durch seine
Aeuerung ihr wundes Herz getroffen, oder da sie gar in derselben eine
unberechtigte Andeutung auf ihr schweres Schicksal gefunden haben knne.
    Whrend er mit dem Amtmann den Bruchstein besah und Farbe und Gehalt
desselben prfte, whrend man mit dem Aufseher und dem Meister berlegte,
welcher Art von Bearbeitung und Polirung der Stein fhig sei und in wie viel
Zeit man die geforderten Quadern und Sulen herstellen und beschaffen knne,
blieb das Bild der Baronin ihm immer gegenwrtig, und die Vorstellung, da er
mit seinem Baue ihrem innersten Herzensbedrfnisse genge, da er ihr dazu
helfe, ein Gelbde zu erfllen, eine Bue zu ben, von der sie sich eine
Befreiung ihrer Seele versprach, wurde ihm ganz besonders werth.
    Es fiel dem Amtmann auf, da Herbert whrend der Verhandlungen so dringend
wurde, da er die Termine, welche er am Anfange der Unterredung und der
Besichtigung leichthin als die frheste Ablieferungszeit bezeichnet hatte, bald
als die letzte angesehen haben wollte, und er erinnerte ihn also daran, da er
ja selbst sechs Jahre fr den Bau beansprucht, da man also noch eine geraume
Zeit vor sich habe. Auch der Baron habe, wie der Amtmann bestimmt wisse, bei
seinen Geldmitteln und Geldbewilligungen mindestens an eine sechsjhrige Dauer
des Baues gedacht und auf die gleichmige Vertheilung der fr denselben
bestimmten Summe whrend dieser sechs Jahre gerechnet. Endlich, meinte er,
htten, um die Wahrheit zu sagen, diese ersten vier Jahre die ganze ursprnglich
festgesetzte Summe verschlungen, so da ein Innehalten und Zgern sehr geboten
sei. Herbert hingegen machte geltend, da er vor dem Baue der Kirche in
Rothenfeld, eben der Kosten wegen, gewarnt habe und da man um der auswrtigen
Arbeiter willen nicht innehalten und nicht feiern drfe.
    Das mute der Amtmann halbwegs zugeben, und nach mannigfachem Hin und Wider
und nachdem Herbert einige Proben des Gesteins hatte abschlagen lassen, die er
versuchsweise nach der Stadt mitnehmen wollte, um dort mit Sachkundigen ber
ihre Behandlung sich noch zu besprechen, trat man den Rckweg an. Inde der
Amtmann fand Herbert nicht so gesprchig als vorher. Er schob dies auf die eben
gehabte Errterung, auf die Wrme des Tages, und sie schlenderten dann, auch nur
hier und da ein paar Worte mit einander wechselnd, langsam durch das Thal, bis
sie zu der Stelle kamen, an welcher des Steinmetzen Bube mit den Pferden ihrer
wartete. Hier muten sie sich trennen. Der Amtmann, welcher noch vor dem Mittage
in den Forst zu reiten dachte, lud den Baumeister ein, ihn zu begleiten, weil es
dort im Nadelholze schattig und khl sei; Herbert meinte jedoch, da der
Freiherr eine Auskunft von ihm erwarten knne, und wollte dehalb bei guter Zeit
wieder in Richten eintreffen.
    Er stieg also auf, der Amtmann that desgleichen; als dieser jedoch den Fu
in den Bgel setzte und sich aufschwingen wollte, bemerkte er, da sein Sattel
nicht fest sa, und stieg ab, um den Sattelgurt fester zu schnallen. Und whrend
er sich dazu bckte, sagte er, Franzsisch sprechend, wie er das gelegentlich
gern that, um seine gute Erziehung zu beweisen: Ich darf wohl darauf rechnen,
da Alles, was wir heute durchgesprochen haben, unter uns bleibt?
    Herbert versicherte, da sich das von selbst verstnde, und Jener fgte
lchelnd hinzu: Es ist hier doch im Grunde immer noch so gut, wie rund herum,
und wer die Herrschaften kennt, hngt ihnen an. Aber, lieber Gott! sie sind
einmal, wie sie sind! Chien de chasse, chasse de race! Die Mnner wollen leben,
und die Frauen wissen sich denn auch auf eine oder die andere Art zu trsten!
    Er lachte dazu, denn er kam sich offenbar bei dieser Aeuerung wie ein
Weltmann vor, und mit guter Manier den kleinen dreieckigen Hut zum
Abschiedsgrue bewegend, whrend er dem Architekten ein:  revoir, Monsieur
Herbert! zurief, sprengte er davon.

                                Sechstes Capitel


Langsam und zerstreut ritt Herbert die Strae zurck, welche er am Morgen in so
heiterer Stimmung durchmessen hatte. Er dachte an den Bau und an gewisse
Berechnungen, welche er dem Freiherrn aufzumachen hatte, aber er rechnete
schwer, er verrechnete sich fter; die Zahlen, die Mae wirrten sich ihm in
einander, und dann ertappte er sich bisweilen auf jener Zerstreutheit, in
welcher es uns scheint, als sei in unserem Denken ein Stillstand, eine Leere
eingetreten, und in der wir uns fragen: Was habe ich denn eigentlich gedacht? -
weil die Reihe unserer Vorstellungen so blitzschnell an uns vorber zieht, da
wir sie nicht festzuhalten im Stande sind und uns nur, man mchte sagen, des
unwillkrlichen Erleidens einer unwillkrlichen Thtigkeit bewut werden. Das
ist ein qulender Zustand, und auch unsere Sinne werden in der Regel von
demselben ergriffen, denn was wir in solchen Augenblicken sehen und vernehmen,
gleitet anscheinend auch unerfat an uns vorbei, und doch kann es geschehen, da
man sich nach Monaten, nach Jahren irgend eines Eindruckes bewut wird, den man
in solcher Stunde empfangen hat.
    Das Pferd, welches fhlte, da es sich selber berlassen sei, machte sich
das zu Nutze. Der Tag war so drckend hei, und, den Schatten der Bume suchend,
ging das Thier in gleichmig ruhigem Schritte der wohlbekannten Heimath zu.
Herbert hing nachlssig im Sattel. Die Sonne brannte hernieder, aber er schien
sie nicht zu fhlen. Er dachte an den linden Abend und an die frische Khle der
letzten Nacht, oder vielmehr, er dachte nicht an sie, sondern er empfand sie
noch erquickend. Es war ihm, als trume er, aber als trume er einen schnen,
glcklichen Traum, und er wute doch nicht, was dieser ihm bringe oder biete.
Alles war nebelhaft, Alles warm und beseligend. Er htte nur immerfort so weiter
reiten mgen, immerfort, immerfort!
    Da mit einem Male wehte es ihn khler und erfrischend an. Eine Wolke war
ber die Sonne hingezogen, sie verhllte ihr Licht. Der ganze Himmel hatte
angefangen sich zu bedecken, ein leiser trockener Wind erhob sich. Herbert sah
umher: er war nicht weit mehr von Richten, er konnte das Schlo deutlich in
allen seinen Einzelheiten unterscheiden. Grade so hatte er es damals erblickt,
als er vor Jahren zuerst des Weges gekommen war. Damals!
    Es dnkte ihn sehr lange her zu sein, jener Tag, denn damals war Alles
anders gewesen, als jetzt, Alles anders! Noch gestern war es anders gewesen -
noch heute frh!
    Was hatte er denn gedacht seit gestern? Weshalb hatte er denn die Nacht so
wundersam vertrumt, und was hatte ihn so umgewandelt seit einer Stunde?
    Das Blut scho ihm zu Kopfe, er fuhr auf. Das Pferd, durch einen straffen
Zgelgriff aus seiner freien Lssigkeit aufgeschreckt, sprang, sich bumend, in
die Hhe. Der Widerstand kam Herbert eben recht, und mit scharfem Spornsto das
Thier zusammennehmend, trieb er es vorwrts, da es weit ausgriff und ihn
gestreckten Laufes leicht dahintrug.
    Zu ihr! das war die ganze Antwort, welche er sich zu geben wute.
    Ein leidenschaftliches Verlangen brannte in seinem Blute, er mute lachen,
wenn er sich erinnerte, welche Rolle er gestern neben Angelika gespielt hatte.
Er war sehr entschlossen, nicht wieder als ein blder Schfer vor der vornehmen
Dame zu erscheinen, welche sich ber das Unglck ihrer Ehe zu trsten begehrte.
Er mute darber lachen, da er dies nicht selbst gesehen hatte, da ihm die
Hingebung nicht auffallend gewesen war, mit welcher Angelika sich seiner
Trstung, sich seinem Schutze berlassen hatte; und, so wechselnd ist der Sinn
des Menschen, so leicht bestimmbar die heie Phantasie der Jugend: er, der
gestern in reinster, verehrender Liebe sein Herz der unglcklichen Frau
zugewendet hatte, er versprach sich jetzt mit leidenschaftlichem Feuer, es der
schnen Baronin zu beweisen, da er nicht mit sich spielen lasse und da er der
Mann sei, zu begehren und zu gewinnen, was ihre Hingebung ihm zu verheien
geschienen.
    Im Schlosse angelangt, konnte er die Stunde nicht erwarten, da er sie
wiedersehen sollte. Der Freiherr, welcher von seiner Rckkehr unterrichtet
worden war, lie ihn rufen, um von ihm zu hren, wie er mit dem Steine und der
Bearbeitung desselben durch seine Neudorfer Leute zufrieden gewesen sei. Herbert
mute Auskunft geben, aber er hatte Mhe, dies mit der nthigen Ruhe zu thun,
denn es war fter vorgekommen, da Angelika sich solchen Besprechungen in dem
Zimmer ihres Gatten unerwartet zugesellt hatte, und er meinte von Minute zu
Minute den Schritt der Baronin, das Rauschen ihrer Gewnder zu vernehmen. Inde
sie kam nicht. Das verdro den jungen Mann. Er wnschte sie zu sehen, wehalb
gewhrte sie ihm die Freude nicht?
    Als er von dem Freiherrn entlassen wurde, fragte er nach dem Ergehen der
gndigen Frau Baronin und sprach die Hoffnung aus, da der Gang nach der Hhe
ihr nicht geschadet haben werde. Der Freiherr nahm die Sache leicht. Es ist
glcklicher Weise nur eine kleine Uebermdung bei dem Spiel, sonst nichts, sagte
er, und ich bin sicher, da wir die Baronin heute wieder unter uns sehen werden,
denn sie befand sich diesen Morgen wohl.
    Das hatte Herbert nur hren wollen, und er fing nun an, sich auf den Mittag
zu vertrsten. Aber der Mittag kam, die Hausgenossen fanden sich zusammen und
die Baronin fehlte. Was soll das bedeuten? fragte er sich.
    Er hatte seinen Platz, wenn sonst keine Gesellschaft vorhanden war, zwischen
dem Marquis und dem Caplan. Er erkundigte sich bei diesem Letzteren nach dem
Grunde, der die Baronin von der Tafel entfernt halte, und erhielt den Bescheid,
da Renatus sich nicht wohl befnde und Muttersorge Angelika bei dem Kinde
festhalte.
    Herbert mute seine Enttuschung nicht gut verborgen haben, denn der Marquis
sah ihn mit einem nicht mizuverstehenden Lcheln an, von welchem Jenem das Blut
in die Wangen stieg. Der Amtmann hatte sich also nicht geirrt, auch der Marquis
dachte von Angelika nicht anders, als von den anderen Frauen seines Standes.
    Um der Baronin willen, die sich von dem Kinde nicht trennen mochte, blieb
man nach dem Mittagbrode nicht beisammen; auch der Abend und der ganze folgende
Tag verstrichen, ohne da Herbert sie sah. Er fragte im Laufe desselben den
Kammerdiener nach dem Knaben; der schien aber gar nicht daran zu denken, da dem
Kleinen etwas fehle, denn er sagte gleichgltig, der junge Herr spiele und sei
munter.
    Herbert glaubte zu bemerken, da der Freiherr mimuthig sei, es kam ihm auch
vor, als beobachte die Herzogin ihn mehr als sonst; inde er war selbst zu
aufgeregt, sehr darauf zu achten, denn jetzt erfuhr er es ja selbst, auch
Angelika war nur eine herzlose Coquette, die, wie diese Frauen alle, ihre Freude
daran hatte, seine Sehnsucht durch ihre berechnete Entfernung anzufachen und zu
steigern.
    Der nchste Tag brachte den Sonntag, an welchem nach beendeter Roggenernte
das kirchliche Dankfest fr dieselbe gefeiert werden sollte. Da man seit der
Bekehrung der Baronin auch strenger als frher auf die Kirchlichkeit der
protestantischen Dienerschaft hielt, so hatte man Morgens die Dienstleute,
welche man irgend entbehren konnte, in die Kirche nach Neudorf geschickt, und
oben in der Schlocapelle hielt der Caplan fr die Herrschaften den gewhnlichen
Gottesdienst.
    Es war dadurch sehr still im Schlosse, und Herbert fhlte sich allein und
innerlich geqult. Er sehnte sich noch immer nach einem Zusammensein mit der
Baronin und sann doch darber nach, wie er ihr die Pein vergelten wolle, die er
eben um sie duldete. Er wute nicht, ob er sie liebe oder hasse, und solches
inneren Zwiespaltes ungewohnt, schalt er sich unmnnlich, weil er sich aus
demselben nicht sogleich befreite.
    Unzufrieden mit sich selbst, stand er am Fenster und beobachtete, wie vom
Hofe die Leute nach der Kirche gingen, wie sie sich in Paaren, in Gruppen
zusammenfanden, Jeder mit seinem Nchsten, seinem Freunde, und er war hier
allein. Sein Zimmer, die alterthmlichen Mbel, die alten Oelgemlde sahen ihn
so dster an, sein Aufenthalt in dem Schlosse ward ihm zuwider. Er war hier
nicht heimisch, man brauchte ihn eben nur; es kam ihm eine Sehnsucht nach
Zustnden an, in die er hineingehrte, nach Menschen, mit denen er frei
verkehren konnte, und schnell, wie man sich im Mimuthe zu entschlieen pflegt,
setzte er sich an den Schreibtisch und bat den Freiherrn, ihn fr die nchsten
Tage gndigst zu beurlauben, da er ein wenig in der Umgegend umherzustreifen und
sie kennen zu lernen wnsche. Der Besuch der Steinbrche habe ihn dazu verlockt,
und er werde nicht ermangeln, sich nach ein paar Tagen wieder einzustellen.
    Das Schreiben bergab er dem Kammerdiener des Barons, hing eine leichte
Tasche ber die Schulter, und trat mit lachendem Selbstbewutsein den Weg nach
dem Amthause an, entzckt ber seinen schnellen Entschlu, erfreut ber die
Krnkung, welche er nun seinerseits der Baronin zuzufgen hoffte, und angenehm
bewegt von der Aussicht auf den guten Empfang und die einfach frohen Stunden,
die ihm im Amthause nicht fehlen konnten. Mute er sich doch ohnehin bei den
Geschwistern, die das Haus voll Gste hatten, entschuldigen, weil er, von seiner
Aufregung hingenommen, ihrer Einladung zum Erntefeste ganz vergessen hatte.
    Im Schlosse nahm man nach dem Gottesdienste das Frhstck ein, als der
Kammerdiener dem Freiherrn das Schreiben des Architekten brachte. Er las es und
legte es bei Seite, aber da auf dem Lande ein Brief zu unerwarteter Stunde immer
ein Ereigni ist, fragte Angelika, was es gebe.
    Der Apfel fllt nicht weit vom Stamme, sagte der Baron scherzend. Herbert
hat neben manchen anderen guten und tchtigen Eigenschaften von seinem Vater
offenbar auch die Anflle von pltzlicher Wanderlust geerbt. Erinnern Sie sich,
lieber Caplan, wie sein Vater uns in Italien bisweilen pltzlich zu verschwinden
pflegte?
    Ist Monsieur Herbert abgereist? fragte der Marquis. Ich habe ihn in der
Frhe gesprochen, und er hat an Reisen, so viel ich merken konnte, nicht
gedacht.
    Er schreibt mir, da er sich in der Umgegend umsehen wolle, und bittet mich,
ihn fr ein paar Tage zu beurlauben.
    Die Baronin schien auf den ganzen Vorgang nicht zu achten, aber sie wurde
roth, als der Marquis sie ansah, und die Herzogin beobachtete, da sie nach
einiger Zeit das Billet in die Hand nahm, es las und es dann auf die Seite
legte. Sie war sehr zerstreut, und der Marquis, dessen gute Laune sich daran
steigerte, war eifrig um sie bemht. Seine feinsten Complimente und seine
witzigsten Einflle vermochten sie jedoch nicht zu fesseln, und als der Baron
einen Besuch in der Nachbarschaft vorschlug, wnschte Angelika sich von
demselben auszuschlieen, obschon ihr Gatte ihre Sorge um den Knaben eine vllig
aus der Luft gegriffene und unberechtigte nannte. Wie sie aber bei ihrem
Vorsatze beharrte, lie es sich die Herzogin nicht ausreden, ihr Gesellschaft zu
leisten, und eine Meisterin in der Unterhaltung, mute sie heute die Kosten
derselben, als sie sich mit der Baronin dann allein fand, fast ausschlielich
tragen, denn Angelika war und blieb zerstreut.
    Die Herzogin erzhlte von ihrer Heimath, von ihren Freunden, von deren
Schicksalen und Herzenserfahrungen, und kam so endlich auf sich selbst und auf
ihre Jugendzeit zu sprechen. Inde auf diesen Punkt gelangt, hielt sie mit einem
Male inne, als gewahre sie erst jetzt, da die Baronin ihr nicht folge. Es
entstand also eine Pause. Angelika, durch dieselbe auf ihre Zerstreutheit
aufmerksam gemacht, rckte, um ihre Unhflichkeit zu verbergen, ihren Sessel an
den Lehnstuhl der Herzogin heran und fragte, wehalb sie ihre Mittheilungen so
pltzlich unterbreche.
    Die Herzogin reichte ihr die Hand, so da Angelika genthigt wurde, sich ihr
vollends zu nhern, schlug den Arm um den Hals der jungen Frau und sagte: Ich
dachte an Sie, meine Theure, denn meine eigenen Erinnerungen geben mir den
Mastab fr das, was Sie bewegt. Armes Kind, wenn Sie Vertrauen zu mir htten,
Sie, die ich Einsame wie eine Tochter liebe! Wenn Sie das Vertrauen theilen
knnten, welches der Baron mir treu erhalten hat und das ich zu verdienen wei!
    Angelika war von dieser Wendung des Gesprches berrascht. Vertrauen? rief
sie; o gewi, meine Freundin, ich vertraue Ihnen! Aber was bestimmt Sie zu der
Frage?
    Sie wollte, von innerer Unruhe getrieben, sich erheben, die Herzogin hielt
sie davon zurck. Der Zustand, in welchem ich Sie sehe, meine theure Angelika,
die Gemthsbewegung, in der Sie sich unverkennbar befinden! sagte sie und brach
abermals in ihrer Rede ab, denn sie wollte der Aufregung, in die sie Angelika
versetzt hatte, Zeit zum Wachsen lassen und abwarten, wozu diese selbst sich
entschlieen wrde. Aber die Baronin war strenger gegen sich, als Jene erwartet
hatte. Sie schien sprechen zu wollen, schwieg dann wieder und sagte endlich mit
einer Fassung, die ihr offenbar schwer wurde, ihrem edeln Wesen aber sehr wohl
anstand: Ich glaube an die Freundschaft, theure Herzogin, die Sie fr uns hegen;
gewi, ich glaube fest daran! Es giebt jedoch Dinge, die man nur mit sich
selbst, mit sich selbst und mit seinem Gotte zu berathen und abzumachen hat, und
was mich bewegt, gehrt eben in den Bereich solcher Dinge. Denken Sie also nicht
bel von mir und halten Sie mich nicht fr undankbar, wenn ich die Hlfe, welche
Sie mir bieten, in diesem Augenblicke nicht benutze.
    Sie drckte dabei der Herzogin zum Zeichen des Dankes die Hand, aber sie
erhob sich. Die Herzogin, welche es Jemandem nicht leicht verzieh, wenn er ihren
Voraussetzungen nicht entsprach, prete unmerklich die schmalen, feinen Lippen
zusammen, und unter den halbgeschlossenen Augenlidern scho ein Blick hervor,
der gewillt schien, nicht von dem Gegenstande abzulassen, welchen er sich zur
Beute ausersehen hatte. In ihren Sessel zurckgelehnt, den Kopf gegen seine
Kissen gesttzt, so da sie Gelegenheit hatte, den noch immer schnen Fu weit
von sich gestreckt unter dem Falbalas ihres Kleides hervorsehen zu lassen, nahm
sie aus dem Straue, der in der chinesischen Vase an ihrer Seite stand, eine
volle Rose hervor, die sie bald gegen ihr Gesicht drckte, als khle sie sich
damit die Stirne und athme den Duft ein, und bald an der Spitze des Stengels
zwischen ihren Fingern auf und nieder bewegte, wie Jemand, der an sein ueres
Thun nicht denkt.
    So verging eine geraume Zeit. Angelika, die sich nicht hatte entfernen
wollen, um nicht den Schein des Mimuthes auf sich zu laden, sa wieder vor
ihrem Stickrahmen; aber ihre Gedanken arbeiteten schneller, als ihre Hand, und
sie muten weitab von dieser Stelle gewesen sein, denn sie erschrak, als die
Herzogin sie sanft mit ihrem Namen anrief.
    Angelika, wollen Sie mir erlauben, mich zu rechtfertigen? fragte sie. Die
Baronin versicherte, da es keiner Rechtfertigung bedrfe, aber die Herzogin
beharrte bei ihrer Absicht. Denn, sagte sie, ich bin gezwungen, aus Neigung und
Dankbarkeit gezwungen, meine theure Angelika, mich in das Vertrauen zu drngen,
das Sie mir verweigern. Ich habe, wenn auch nicht im Auftrage, so doch in Bezug
auf Ihren Gatten mit Ihnen zu sprechen. Der Baron hat mir vor lngerer Zeit es
einmal mitgetheilt ....
    Die Baronin wollte sie unterbrechen, aber die Herzogin wiederholte schnell
und bestimmt: Der Baron hat mir einmal mitgetheilt, in wie grausamer Weise der
Friede und die Heiterkeit Ihrer Flitterwochen getrbt worden sind, mein liebes,
armes Kind, und ich wei Alles, was zwischen Ihnen damals vorgegangen ist ....
    Ich bitte Sie, rief die Baronin, der das Roth des Zornes und der Scham die
Wangen frbte, ich bitte, Frau Herzogin, schonen Sie mein Empfinden! - Sie stand
abermals auf, um nun wirklich das Zimmer zu verlassen, aber auch die Herzogin
hatte sich erhoben, und die junge Frau bei der Hand nehmend, sprach sie mit
leisem ernstem Tone: Nicht um die Schonung eines augenblicklichen Empfindens, es
handelt sich um die Zufriedenheit des Mannes, dessen Namen Sie tragen, um seine
und Ihre Zukunft, wenn Sie es nicht lernen, sich zu fassen, sich zu beherrschen
und der Welt zu verbergen, was ihr verborgen bleiben mu!
    Nichts ist so leicht zu zerstren, als die Willensfreiheit eines edeln
Herzens, welches sich schuldig wei oder schuldig glaubt. Bestrzung, Schrecken,
Zorn machten die Baronin stumm. Erst als ihre Gefhrtin inne hielt, vermochte
sie die Frage vorzubringen: Und mir dies zu sagen, Frau Herzogin, hat der
Freiherr Sie ersucht?
    Aber auf solche natrliche Frage war die kluge Herzogin gefat gewesen.
Nein, versetzte sie, nein, mein Kind! er hat mich nicht dazu beauftragt, aber
ich glaube, da Gott uns immer dahin stellt, wo wir zu ntzen berufen sind, und
ich mchte die Freundschaft verdienen, deren Segen ich hier geniee. - Sie
schwieg eine Weile und sagte darauf: Verzeihen Sie einer alten Freundin Ihres
Mannes, einer Verwandten, den Muth ihrer Freundschaft. Sie sind jung, mein
theures Kind! Sie sind unerfahren, das macht Sie unvorsichtig. Man vergiebt uns
viel, man forscht nicht nach, wenn wir unsere Geheimnisse bewahren und ehren;
man verzeiht uns nichts, man brdet uns alles Ersinnliche auf, wenn wir sie
unvorsichtig Preis geben - und dies, meine Beste, thun Sie!
    Die Zuversicht der Herzogin trug den Sieg davon. Angelika lie sich mde auf
das Sopha sinken, die Herzogin setzte sich an ihre Seite, und als stnde ihr ein
mtterliches Recht zu, sprach sie: Sie haben beim Beginne Ihrer Ehe eine jener
schmerzlichen Erfahrungen gemacht, welche das Leben uns Frauen oftmals
auferlegt; aber statt sie schweigend zu tragen, statt durch Ihre Gte und
Liebenswrdigkeit den Baron vergessen zu machen, da er eine Vergangenheit
gehabt hat, die Ihnen nicht gehrte, hat Ihre Strenge seinen innern Kummer
gesteigert, da er ihm fast unterlegen wre, und Ihr Uebertritt zu unserer
Kirche und der Kirchenbau - wie sehr ich beide segne - haben die Menschen doch
tiefer in das Wesen Ihrer Ehe blicken lassen, als gut gewesen ist. Es htte ja
das Alles ein wenig spter, ein wenig gelegener geschehen knnen, und Sie htten
den Baron und sich dehalb nicht fr eine lange Zeit zur Einsamkeit verdammen
drfen!
    Die Hflichkeit, die Rcksicht auf die ltere Frau, welche Angelika bewogen,
schweigend auszuharren, fingen an, ihre Frucht zu tragen. Ihr Zorn legte sich,
denn es war etwas in den Reden der Herzogin, dessen Wahrheit sie nicht leugnen
konnte. Sie sttzte den Kopf in die Hand, man sah ihr an, da ihre ehrliche
Natur mit sich zu Rathe ging.
    Der Baron ist ein edler, ein groherziger, er ist noch ein schner, ein
liebenswerther Mann, nahm die Herzogin nach einer Weile wieder das Wort; aber
freilich, er knnte Ihr Vater sein, und wie willig Sie sich ihm verbanden, Sie
konnten ihn nicht lieben, wie die Jugend die Jugend liebt. Die Baronin fuhr
leise zusammen. Sie konnten noch weniger fr ihn die Nachsicht haben, welche wir
Aelteren unsern Altersgenossen und der Jugend beweisen. Gewi, liebe Angelika!
sagte sie mit jener weichen Stimme, deren Klang, wenn sie es wollte,
unwiderstehlich zum Herzen dringen konnte, Sie waren nicht gtig, nicht
nachsichtig genug mit dem Baron. Sie sind auch jetzt nicht genug bemht, ihm zu
gefallen; denn wre es mglich, da ich die Freundschaft Ihres Gatten in solchem
Grade bese, theure Angelika, wenn Sie sich ihm so jung und liebenswrdig
zeigten, als Sie sind? - Und die Hnde der Baronin noch einmal in die ihren
nehmend und sich mit besorgter Zrtlichkeit zu ihr neigend, sprach sie: Oder
wre es denn mglich, da Sie Ihr Herz an einen Andern, an einen Mann ganz ohne
Rang und Namen verlieren knnten, wenn Sie ....
    Aber sie konnte den Satz nicht vollenden. Um aller Heiligen willen, woher
wissen Sie das? rief die Baronin, whrend sie unter hervorbrechenden Thrnen ihr
Antlitz mit ihren Hnden verhllte. Die Herzogin schlo sie in ihre Arme, ohne
ihr zu antworten. Sie legte das Haupt der Weinenden an ihre Brust, und sie leise
kssend, bat sie: Muth, Muth, mein theures Kind! Nur ein wenig Vertrauen, und es
ist nichts geschehen!
    Angelika weinte still. Nach einer Weile richtete sie sich empor. Was soll
ich thun? rief sie ....
    Die Herzogin antwortete ihr nicht, denn sie wnschte ihr keinen
unwillkommenen Rath zu geben. Was wird er von mir denken? In welchem Lichte mu
ich ihm erscheinen! hub die Baronin nach kurzem Schweigen wieder an.
    Sie war aufgestanden und ging nachsinnend in dem Gemache umher. Die Herzogin
betrachtete sie mit einer Zufriedenheit, in die sich Mitleid und Erstaunen
mischten. Aufgewachsen in einer Welt, in welcher man den Ehebruch so leicht
nahm, als man sich der Gewalt der Leidenschaft berlie, glaubte sie aus dem
Schmerze der Baronin auf deren thatschliche Untreue gegen ihren Gatten und auf
ein Verhltni zu dem Architekten schlieen zu drfen, das schon lange bestanden
haben mute. Aber Angelika verlor dadurch in ihren Augen nicht, sie gewann
vielmehr erst eine rechte Bedeutung fr sie, denn jetzt wurde die Herzogin der
Baronin unentbehrlich, jetzt hatte die Herzogin sie auf dem Punkte, auf dem sie
sie einst anzutreffen gehofft, auf den sie selbst die Arglose hingeleitet hatte.
    Pltzlich knieete die Baronin vor der lteren Freundin nieder, umschlang sie
mit ihren Armen und bat mit gerhrter Stimme: Helfen Sie mir, rathen Sie mir,
Cousine! Was soll ich thun, mich aus diesem Wirrsal meines Herzens zu befreien?
    Sie sollen vertrauen, sprach die Herzogin, sie sanft an ihren Busen ziehend,
einem Mutterherzen sollen Sie vertrauen, das Sie warnte, Sie in der ersten
Stunde warnte, da die Gefahr an Sie herantrat, und das Sie verstand und Ihnen
folgte, auch ohne da Sie sprachen, theures Kind! Oder glauben Sie, ich htte es
nie erfahren, wie gegen unsern Willen unsere Gedanken zu dem geliebten
Gegenstande hingezogen werden, den sie meiden wollen? Glauben Sie, ich htte sie
nie gekannt, die abmahnende Scheu, die wie ein trber Morgennebel der hell
aufflammenden Leidenschaft vorangeht? - O, mein theures Kind, auch mir ist es
nicht erspart geblieben, das ernste Kmpfen, das lange Zagen und das Unterliegen
des armen, gequlten Herzens! Und ich sollte Sie verkennen, Sie verdammen, Sie
verlassen, theures, theures Kind?
    Sie umarmte Angelika aufs Neue. Mit feurig beredtem Worte sprach sie aus,
was Angelika sich selber keusch verschwiegen, ja, was zu denken sie sich nie
gestattet haben wrde. Aber es waren selige Thrnen, mit welchen sie endlich,
von der Herzogin weit und weiter fortgerissen, derselben rckhaltlos bekannte,
was sie sich in solcher Weise nie eingestanden hatte: da sie Herbert liebe,
schon lange liebe, da sie fr ihn fhle, was sie nie fr den Baron gefhlt
habe, und da um den geliebten Mann zu leiden ihr noch eine Wonne, ein Genu
sei.
    Die Herzogin lchelte und trstete wie ein Engel mild. Sie warnte und sprach
ihr Muth ein, sie ermahnte zur Entsagung und gab Hoffnung auf Glck, wie
Angelika's wechselnde Bewegung es begehrte. Volle Nachsicht mit ihrer Schwche
htte die Gewissenhaftigkeit der Baronin mitrauisch gegen die Beratherin
gemacht, volle Strenge sie zu ernstem Kampfe gedrngt oder ihr wohl gar den Mund
verschlossen; und nicht um den Frieden, nur um das Vertrauen Angelika's und um
die Herrschaft ber sie und ihre Zukunft war es der Herzogin von Anfang an zu
thun gewesen.
    Angelika fand sich von dem wechselnden Zuspruche ihrer einzigen Vertrauten
wundersam beruhigt. Sie konnte endlich selbst die Frage aufwerfen, was sie thun
solle.
    Wenden Sie sich offen an den Baron! rieth ihr die Herzogin, um sich den
Schein der strengen Verllichkeit zu geben und um in einem Nothfalle sich vor
dem Freiherrn dieses Rathschlages berhmen zu knnen. Wenden Sie sich an den
Baron, bekennen Sie ihm ....
    Nein, nimmermehr! rief Angelika mit lebhafter Abwehr.
    Die Herzogin schien nachzusinnen. Wie Sie auch fhlen und empfinden mgen,
theure Angelika, sprach sie dann nach lngerem Schweigen, Sie werden mir
einrumen mssen, da Ihnen nichts brig bleibt, als von dem Freiherrn die
Entfernung Herbert's, die Entfernung des jungen Mannes zu begehren, der, von
Ihrer Nachsicht dreist gemacht, die Achtung und Verehrung, welche er Ihnen, der
Frau des Freiherrn von Arten, schuldet, so ganz und gar vergessen, der Sie
hinreien konnte ....
    Die Baronin lie sie nicht vollenden. Sie ahnte den Kunstgriff, mit welchem
die Herzogin ihr zu Hlfe zu kommen und Herbert anzuklagen wnschte, und
wahrhaft und offen rief sie: Herbert ist nicht schuldig, nicht schuldiger, o,
lange so schuldig nicht, als ich - denn er ist frei!
    Die Herzogin schlo die Augen. Ein Mann ist immer schuldig, wenn wir ihm uns
und unsere Ueberzeugungen zum Opfer bringen! sprach sie. Aber gleichviel, der
junge Mann mu fort!
    Ja, er mu fort! wiederholte Angelika mit leiser Stimme. Denn unglcklich
ber die Liebe, die mich fortri, macht die Liebe, die ich einfle, mich nicht
glcklich, und das Bewutsein, von der reinen Hhe hinabgestiegen zu sein, auf
welche seine Liebe mich stellte, steigert meine Qual und meinen Schmerz. Aber
wie kann ich seine Entfernung fordern, da ihn sein Beruf bei uns festhlt, wie
soll ich fordern, da er vergesse, was ich nie vergessen kann?
    Thrichtes Kind, lchelte die Herzogin, wer muthet Ihnen denn ein so
Unmgliches, ein so Gewaltsames zu? Wer verlangt denn, da Sie aus Ihrem Herzen
reien, was Sie dort als schmerzliche oder als kstliche Erinnerung zu bergen
wnschen? Sie sollen nur zu vergessen scheinen, was Sie vergessen zu machen
wnschen!
    Angelika sah sie fragend an, sie verstand sie nicht. Die Herzogin mute sich
deutlicher erklren. Wer will Sie daran erinnern, da Ihre Liebe, Ihre Schwche
Sie einen kurzen Augenblick bermannten, wenn Sie sich daran nicht mehr zu
erinnern scheinen? sprach sie. Aus Ihrer Nhe, von seinem Glauben an Ihre Liebe,
nicht von seiner Arbeit mu der junge Mann entfernt werden. Ihm zu begegnen,
drfen Sie nicht einmal vermeiden. Sie mssen ihn wiedersehen, bald wiedersehen,
aber im Beisein Ihres Gatten, mit freier Stirn, mit hellem Auge! - Und seien Sie
sicher, er wird bald glauben, getrumt zu haben, was Sie ihn ohne sein Verdienst
erleben lieen, whrend Ihr Schuldbewutsein Sie hoffentlich knftig
nachsichtiger und auch ein wenig geflliger gegen den guten Freiherrn machen
wird. Sind es zuletzt doch immer unsere Mnner, denen die Schwchen und die
Irrthmer unserer armen Herzen zu Gute kommen und die in unserer Demuth die
Frucht unserer Reue genieen. Nur Muth, nur Zuversicht, mein liebes Kind!
    Aber der Zuspruch der Herzogin wirkte nur langsam auf Angelika. Sie wute
sich nicht zu entschlieen, so viel Verwirrendes und Verfhrerisches auch in den
Rathschlgen der Herzogin verborgen lag. Angelika hatte weder den Muth, sich
ihrem Gatten anzuvertrauen, noch, wie sie es eine Weile vorgehabt, sich gegen
Herbert auszusprechen und von ihm selber seine Entfernung zu verlangen. Sie
kannte jetzt die Schwche ihres Herzens, und vor dem Mittel, welches die
Herzogin ihr an die Hand gab, schreckten ihre Liebe und ihr grader Sinn
gleichmig zurck. Aber auch hier kam die Herzogin ihr zu Hlfe, indem sie ihr
einen Ausweg zeigte, der annhernd zu dem Ziele fhren konnte, das Angelika
erstrebte, und der auch den wahren Absichten der Herzogin als der gelegenste
erschien.
    Sprachen Sie nicht von einem Feste, welches Sie im Laufe der nchsten Wochen
geben wollten, fragte sie, und fr das Sie auch Monsieur Herbert's Zimmer zur
Unterbringung Ihrer Gste brauchen wrden?
    Die Baronin schpfte Athem.
    Mich dnkt, es war selbst in des jungen Mannes Beisein schon davon die Rede,
da er fr eine Weile seine Zimmer wrde rumen mssen, sagte die Herzogin, und
in diesem Augenblicke fremde Menschen zu sehen, fr Andere Aufmerksamkeit haben
zu mssen, wrde Sie von sich selber abziehen, theure Freundin, und Ihnen eine
Zerstreuung von den Gedanken sein, mit denen Ihre schne Gewissenhaftigkeit Sie
peinigt!
    Ja, ja, das kann geschehen! rief die Baronin und warf sich ihrer Freundin an
die Brust. O, Sie sind mein guter Engel, theure Margarethe!
    So lassen Sie mich fr Sie wachen, meine theure Seele, antwortete ihr die
Herzogin, und gehen Sie zur Ruh', denn es ist spt, und Ihre Wangen brennen! In
so heftiger Erregung soll der Freiherr Sie nicht sehen! Gehen Sie zur Ruhe, ich
will ihn darauf vorbereiten, da wir diese Woche unser Fest begehen, ich werde
unseren Ungetreuen hier erwarten! Ich wache fr Sie Alle, fr Sie Alle!
    Spt am Abende, als der Freiherr und der Marquis nach Hause kamen, fanden
sie die Herzogin wider deren Gewohnheit noch im Gartensaale lesend. Der Marquis
berichtete von ihrem Ausfluge, der Freiherr erkundigte sich, wie die Damen ihren
Abend zugebracht htten.
    Wie knnen Sie das fragen? scherzte die Herzogin. Natrlich in Unterhaltung
ber die Abwesenden; denn es ist nicht wahr, da die Abwesenden immer Unrecht
haben, da ja Abwesenheit allein die Sehnsucht erzeugt!
    Sie werden uns eitel machen, meine Freundin! entgegnete der Freiherr,
welcher fr jede Schmeichelei, wenn sie sich anmuthig in der Form bewies,
empfnglich war.
    Eitel, meinte die Herzogin, Sie eitel machen, Cousin? Aber Sie sind es ja
schon jetzt, Cousin! Waren Sie denn ganz allein von Hause fort? War nicht mein
Bruder, war nicht Monsieur Herbert abwesend so gut wie Sie?
    Sie vermiten also den Marquis? fragte der Freiherr.
    Als ob man einen Bruder vermissen knnte, wenn er ber Land geht! bedeutete
die Herzogin.
    Also war es Monsieur Herbert, der Ihnen fehlte, dessen Abwesenheit Ihre
Sehnsucht wach rief? scherzte der Freiherr.
    Aber, mein theurer Baron, neckte die Herzogin, ich war ja nicht allein zu
Hause, oder glauben Sie, da die Gedanken der Baronin, unwandelbar wie die
Magnetnadel, nur an Ihnen hangen? Knnte nicht unsere liebe Angelika Jemand
anders als Sie vermissen? Ist der Marquis nicht liebenswrdig? Versichern und
beweisen Sie uns nicht alltglich, da Ihr Architekt ein geistreicher, ein
schner Mann sei? Wie wre es, wenn wir Ihnen endlich Glauben schenkten, wenn
wir, nur aus Unterwrfigkeit gegen Ihre bessere Einsicht, uns endlich berzeugen
lieen?
    Der Freiherr kte ihr die Hand. Sie sind aufgerumt, sagte er, Sie haben
sich also wohl unterhalten, und ich mu mir daher Ihren Scherz gefallen lassen!
Doch kann ich von mir sagen, was ein junger deutscher Dichter in seinem schnen
Trauerspiele den Knig Philipp von Spanien sagen lt: Wo ich zu frchten
angefangen, hab' ich zu frchten aufgehrt! - Beruhigen Sie sich also, meine
schne Freundin - zur Eifersucht bin ich nicht gemacht, sie ist die Leidenschaft
der niedern Stnde, der Menschen ohne Selbstgefhl, sie ist unter unserer Wrde!
    Und doch hatten die neckenden Aeuerungen der Herzogin ihn verletzt, und
doch tadelte er sich innerlich zum ersten Male darber, da er den Architekten
so viel und so ungehindert mit Angelika verkehren lasse, denn Herbert war in der
That ein schner Mann, und der Freiherr kannte die Beweglichkeit des
Frauenherzens!

                               Siebentes Capitel


Herbert hatte seinen Vorsatz, graden Weges nach dem Amthause zu gehen, nicht
ausgefhrt. Er war, von dem schnen Tage verlockt, eine tchtige Strecke in der
Gegend umhergerannt, und die Sonne stand beinahe schon im Mittag, als er nach
dem Amthofe kam.
    Dort war der Feiertag schon von Weitem zu erkennen. Die Arbeitswagen, die
Eggen und Pflge standen wohlgeordnet vor den groen Scheunen, ein paar
Stadtkinder kletterten auf den Deichseln herum und genossen die
Feiertagsfreiheit. Der Hof war sauber gekehrt wie eine Tenne. Langsam zogen im
Teiche die Enten umher, whrend am grasigen Ufer der glnzend gefiederte Hahn
unter seinen Hhnern umherstolzirte und selbst eifrig die Krner aufpickte,
welche heute die Hand der fremden Kinder und Mdchen dem Federvieh
verschwenderisch gestreut hatte.
    Unten vor der Thre saen trotz der frhen Stunde die Mnner schon beim
Tarockspiel. Es waren stdtische Freunde des verstorbenen Amtmanns und daneben
der Herr Oberfrster und der Herr Pfarrer von Neudorf, welcher nach der Kirche
zum Essen mit hinbergekommen war, weil am Nachmittage sein Neffe aus der Stadt
fr ihn die Predigt hielt. Sie achteten auf Herbert's Ankunft nicht. War doch so
viel junges Volk ber den Hof und durch das Haus gegangen, seit sie hier die
Erntefeste feiern halfen! War es doch auch allmhlich lter geworden, hatte
seine Kinder hergeschickt und war zum Theil gestorben! Das kam und ging, und
ging und kam! Wer konnte die Menschen alle kennen?
    Aber die groe zinnerne Kanne, in der das Bier frisch vom Fasse auf den
Tisch kam, und den zinnernen Leuchter und den Fidibus-Becher von Zinn, die neben
dem Tabackskasten standen, die kannten die Mnner, wie sie einander kannten; die
waren mit ihnen alt geworden und hatten sich nicht verndert.
    Es ist auch immer noch das gute, alte Bier und der gute, gelbe Knaster,
bemerkte einer der Stdter; der Adam hlt auf seines Vaters Art!
    Ei, warum sollte er denn nicht? meinte der Frster. Er ist in der Welt
herumgewesen, wei zu leben und ist wohl auf! Er ist der Mann fr den Platz!
    Der Pfarrer, welcher immer erst bedchtig den Dampf aus der hollndischen
Kalkpfeife blies, ehe er vor einer so gemischten Gesellschaft eine Meinung
abgab, nickte dem Oberfrster beistimmend zu. Ja, sprach er, ja, Herr
Oberfrster, sie sind gut eingeschlagen, alle beide, unseres werthen seligen
Amtmanns Kinder! Selbst meine Frau, die das nicht von einer Jeden sagt, weil sie
es genau mit solchen Dingen nimmt, nennt die Eva eine Wirthin, welche es mit
mancher lteren aufnehmen knne, und was man hier davon im Hause sieht und was
gelegentlich von hier zum Pfarrhofe kommt, das lt nichts zu wnschen, gar
nichts zu wnschen brig! Wir halten viel auf sie, ich und meine Frau; und auch
mein Sohn hlt in der Stadt, und trotz seiner Studien, die alten Spielgenossen
werth! Wollte nur unser Herrgott, es wre auch sonst hier Alles noch so bei dem
guten Alten geblieben!
    Er seufzte, der Oberfrster schien ihn zu verstehen, aber sie mochten vor
den Fremden mit der Sprache nicht weiter heraus, und htten sie es auch gewollt,
sie htten ihre eigenen Worte kaum noch vernehmen und verstehen knnen vor dem
Lrmen um sie her.
    Denn kaum war man oben in der Giebelstube, wo Eva's Gste, die jungen
Mdchen, wohnten, des Architekten ansichtig geworden, so war auf Eva's Anschlag
auch schon ein Plan gefat. Auf den Fuspitzen liefen sie die Treppe hinunter,
damit man das Klappen der Stelzchen nicht hre, zur Hinterthre schlichen sie
hinaus ins Freie und durch das groe Hofthor kamen sie wieder herein, und ehe
sich Herbert dessen versah, waren sie an seiner Seite und hatten mit ihren
losgelsten bunten Bndern ihn umschlungen, und wenn er den einen Arm frei
machte, sich der Einen zu erwehren, so umwand die Andere ihm den anderen Arm,
und eine Dritte versuchte ihm das Band um die Augen zu winden, und ihn haschend
und sich befreiend, und sich wehrend und ihn verfolgend, und lachend und
schkernd rannten sie rechts und links um den Teich und ber den ganzen Hof, da
die Enten, welche sich aus dem Teiche herausgemacht hatten, sich berstrzend in
das Wasser flchteten, die Tauben sich mit klatschendem Fluge in die Hhe
schwangen, die Hhner mit gespreizten Flgeln das Weite suchten und die Hunde
aus allen Ecken und Enden bellend dazwischen fuhren.
    Gefangen, gebunden! rief es hier und dort, um ihn dafr zu strafen, da er
nicht schon gestern gekommen war, als man den letzten Wagen in die Scheune
gefahren hatte. Es war ein Lrmen und ein Lachen, ein Laufen und ein Jubeln! Und
die helle Sonne funkelte auf all den blhenden Gesichtern und brannte auf die
entblten Arme und Nacken und auf die lockigen Scheitel der frhlichen Mdchen.
Gefangen, gebunden, bestraft! schallte es immer wieder, bis Adam mit seinen
Freunden herbeikam, die Partei fr Herbert nahmen, bis die hbschen Kinder,
athemlos, sich der Verfolgung der Mnner nicht mehr entziehen konnten und
Herbert, nun er es nicht mehr mit Allen auf einmal zu thun hatte, Eva's, als der
Anfhrerin, habhaft wurde.
    Gefangen, gebunden! rief jetzt auch er, und umschlang sie trotz ihres
Strubens und hielt sie fest und kte sie nach Herzenslust auf die heien,
rothen Lippen. Das wirkte ansteckend, die Andern thaten es ihm bei den
eingefangenen Mdchen nach, und sich von Herbert losmachend, rief Eva: Nun haben
wir den Mosje zur Ernte doch wenigstens nachtrglich gebunden, nun kommt er auch
nicht fort, so lange ihr Alle bei uns seid!
    Aber wer sagt denn, da ich gehen will? Ich kam ja, um zu bleiben, Sie
Gewaltthtige! versicherte Herbert, indem er sie auf's Neue in seine Arme zu
schlieen suchte, und es wollte ihn dnken, als widerstrebe sie ihm nicht sehr.
Herbert war recht von Herzen vergngt. Selbst die Mnner am Tarocktische, wie
sie auch schmhlten, da man sie aus ihrer Ruhe aufgeschreckt habe, sahen nicht
bse drein. Es glitt ein helles Licht durch ihre alten Augen und es zuckte ihnen
lchelnd um die Lippen. Sie hatten wohl auch an manche frhliche Stunde zu
denken, die ihnen nicht wiederkehren konnte und die Jenen noch zu kommen hatte.
    Der Amtmann und Eva waren die Seele von Allem, gengten Allem, waren jung
mit den Jungen und alt mit den Alten. Das ging den ganzen Tag so fort.
    Wenn ich nur wte, meinte Herbert am Abende, warum ich nicht alle Tage
hergekommen bin?
    Das will ich Ihnen sagen, entgegnete Eva und flsterte ihm etwas in das Ohr.
Er wollte nicht wahr haben, was sie sagte, aber die Mdchen behaupteten, er sei
roth geworden und er mge sich in Acht nehmen; sie wten, um was es sich
handle, es sei nicht geheuer in den Schlssern.
    Freilich, freilich, bekrftigte Eva, es steckt noch immer etwas von der
alten Burg darin!
    Die Andern fragten, was das heie. O, rief sie, ihr wit's ja! Da oben sind
vor jenen Jahren die Herren von Arten Raubritter gewesen, und nun ist's damit
wie in der verkehrten Welt! Sonst raubten die Ritter den andern Leuten ihre
Frauen, jetzt halten die vornehmen Damen die Mnner gefangen!
    Man lachte ber den Einfall; sie neckten Eva, und einer der jungen Leute
meinte: Sorgen Sie nicht, Mamsell Eva! Monsieur Herbert sieht nicht aus wie
einer, der so leicht zu fangen wre!
    Wer denkt denn jetzt an Mosje Herbert? warf sie schnippisch und doch
verlegen hin.
    Ich bin geduldig und werde warten, sagte er, sich mit scherzender Demuth vor
ihr neigend.
    Sie that, als hre sie seine Worte gar nicht mehr, und sie hatte ja auch
alle Hnde voll zu thun. Das blankste Leinen, die besten Teller, selbst das
Silberzeug mute heute und in den folgenden Tagen auf den Tisch. Alles sollte
reichlich, Alles vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem Hause, da man so
liebe Gste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder einmal in den Scheunen
hatte.
    Vom heutigen Danktage in der Kirche war freilich im Amthofe nicht viel zu
merken. Aber der Pfarrer selber drckte ein Auge zu. Er hatte seine Absichten
mit Eva, und sie gefiel ihm, wenn sie sich in Haus und Kche also regte und
bewegte. Auch Herbert fand sie immer reizender in ihrer frhlichen
Geschftigkeit. Er bot ihr seine Dienste an, sie wute dieselben zu nutzen und,
des Befehlens wohl gewohnt, ihn immer neben sich fest und immer in so guter
Laune zu erhalten, da er gar nichts sah und gar nichts denken konnte, als nur
sie den lieben, langen Tag. Ihm war das aber recht und lieb, er verlangte es gar
nicht besser.
    Nur Abends, als er allein war, in der nchtlichen Stille, da kehrte es
wieder, wundersam!
    Da sah er sie pltzlich vor sich, die schne, hehre Gestalt, da sah er es
wieder, das sanft bethrnte Antlitz, und es zog ihn fort, es rief ihn von
dannen, da er nicht wute, wie er hier verweilen knne, wie es ihm mglich
gewesen sei, von dem Orte zu scheiden, an dem er ihr begegnen, sie sehen, ihr
nahen konnte; wie es ihm mglich gewesen sei, ungleich und gering von ihr zu
denken, von ihr!
    Die Aufregung, in welche Eva's Reize und ihre natrliche Gefallsucht ihn
versetzten, lie ihn nur mit gesteigertem Verlangen an die Baronin denken, und
die Feindin der Wahrheit, die Entfernung, verwirrte seine Phantasie, bis die
Bilder der beiden Frauenzimmer, wie unhnlich sie einander auch waren, sich zu
mischen und Einzelheiten von einander zu entlehnen begannen, da er Mhe hatte,
es aus einander zu halten, was er mit der Einen, was er mit der Andern erlebt,
was er der Einen, was er der Andern von seinen Eindrcken und Empfindungen
verdankte und zollte. Aber alles Gute, alles Schne wendete sich immer auf
Angelika's Seite, und wie er sie in seinem Herzen angeschuldigt hatte, so fhlte
er sich jetzt wieder schuldig gegen sie, je lnger, je mehr.
    Als sich ihm der zweite Tag in Rothenfeld zu Ende neigte und das junge Volk,
welches in der nchsten Frhe das Amthaus verlassen und in die Stadt
zurckkehren sollte, in seiner Frhlichkeit nur immer weiter ging, als msse nun
in den letzten Stunden noch der Freude ihre Krone aufgesetzt werden, als man bei
der Abendtafel, trotz des warmen Wetters, die Punschterrine auftrug und Eva mit
lachenden Augen und mit ihren flinken Hnden die Glser immer auf's Neue fllte,
bis die Alten ihre Trinklieder anstimmten und Chorus mit den Jungen sangen, und
selbst die Pfarrerin und der Pfarrer die Polonaise, welche man in Vorschlag
brachte, mittanzten durch die Stuben und den Flur bis in den Garten hinaus, wo
der Amtmann endlich auf dem grnen Platze vor dem Hause die Cousine im Schleifer
zu drehen begann - da bemchtigte sich Herbert's eine groe Traurigkeit. Er
konnte sich nicht helfen, er wute sich nicht zu finden, nicht zu rathen.
    Er hielt Eva im Arme und tanzte mit ihr, die ihm mit ehrlicher Zuversicht in
das Auge blickte, und er sagte sich: Wie schlecht bin ich, dieses liebe Geschpf
nur als Zeitvertreib zu brauchen! Wie schlecht war es von mir, da ich hieher
ging, da ich mich von ihr, von jener schnen, edlen Frau entfernte, die nicht
so glcklich, ach, lange nicht so glcklich ist, als diese guten Menschen hier!
    Er fhlte eine wahre Sehnsucht, wieder in Richten zu sein. Was mochte die
Baronin von ihm denken, da er sie mied, da sie sich ihm zugeneigt hatte? Was
sollte er ihr sagen, wenn sie ihn dehalb befragte? Wie es tragen, wenn sie ihm
zrnte?
    Seine Vorstellungen wechselten schnell, seine Zerstreutheit fiel zuletzt
seiner Tnzerin auf, und es ging ihr wie Jedem, der von einem Gedanken
vollstndig beherrscht ist: sie setzte denselben auch bei dem Andern voraus.
    Sehen Sie doch nicht traurig aus, rief sie pltzlich und arglos, wir bleiben
ja hier beisammen, Sie reisen ja nicht wie die Andern fort!
    Er htte sich darber freuen mgen, aber er konnte es nicht. Er besorgte,
weiter gegangen zu sein, als er sich dessen bewut war, Wnsche und Hoffnungen
erregt zu haben, die er in diesem Augenblicke durchaus nicht theilte. Seine
Ehrenhaftigkeit schreckte davor zurck. Er sagte, da ja auch seines Bleibens
hier nicht sei und da auch er nicht eben lange mehr in dieser Gegend verweilen
werde.
    Um so besser, meinte sie, so hat man sich auf das Wiedersehen zu freuen,
denn Sie kommen ja doch wieder!
    Ihre Heiterkeit hielt ihm das Spiegelbild dessen vor, was er noch vor wenig
Tagen selbst gewesen war. So gesund, so frisch, so zuversichtlich hatte er in
die Ferne geblickt; jetzt konnte er sich nicht klar machen, was er fhlte, was
er wnschte und was der nchste Tag ihm bringen wrde. Er wute kaum noch,
wehalb er von Richten fort, wehalb er hieher gegangen sei. Es war Alles
verwirrt in ihm.
    Er schlief schlecht in der Nacht, und als er sich mit der Sonne erhob, rief
er ein Gottlob! als stehe er am Ende einer Trbsal und vor der Thre eines
Glckes, und doch war und blieb er unruhig und geqult wie nie zuvor.
    Die andern Gste brachen ebenfalls in der Frhe auf; sie wollten theils vor
der Mittagshitze, theils vor Abend in ihrer Heimath sein. Ihn nthigten die
beiden Geschwister noch zum Verweilen. Der Amtmann sagte, er msse gegen zehn
Uhr nach dem Schlosse und sie knnten mitsammen hinaufreiten. Es sei Zeit genug,
da der Baron nicht frh aufstehe und vor dem Frhstcke niemals ein Geschft
abmache. Aber Herbert war nicht zu halten, und als Eva ihm dies bel nahm und
mit ihm schmollte und ihn kalt entlie, war ihm das lieber als die Zuversicht,
mit welcher sie sich gestern an ihn gewendet hatte.

                                 Achtes Capitel


Es war noch Alles still, da er nach Richten kam. Er ging die groe Mittelallee
hinauf, die durch den ganzen Park fhrte, und bog erst in einen Seitenweg ab,
als er meinte, vom Schlosse aus gesehen werden zu knnen. Er htte gern
vergessen machen mgen, da er fort gewesen sei, weil er selbst die Ursache
seines Fortgehens zu vergessen wnschte. Wie er nun durch die sauber gehaltenen
Wege wandelte, durch deren blhende Bsche die Sonnenstrahlen ihre schmalen,
goldenen Lichtstreifen warfen, kam ihm die Stille, kam ihm die Einsamkeit so
wonnig entgegen. Noch hatte er den Kopf voll von den Menuetten, den Anglaisen
und den Schleifern, welche die Mdchen gestern wohl oder bel auf dem Spinett
gespielt und nach denen er sich mit ihnen im Kreise herumgedreht hatte. Er
freute sich, da die Baronin dies nicht gesehen hatte, und er schmte sich
dessen sogar. Es erschien ihm hier in Richten noch viel unbegreiflicher, da er
gestern tanzen - sich mit Anderen hatte vergngen knnen, whrend Angelika's
Bild in seinem Herzen wohnte und whrend sie - es konnte gar nicht anders sein -
an ihn gedachte, dem sie ihren Schmerz gezeigt, auf dessen Theilnahme sie
vielleicht ihre Hoffnung, ihren Trost gebaut, mit dem sie selbst sich durch die
Worte: Dort oben drfen wir keine Capelle bauen! zu einem innigen Geheimnisse
verbunden hatte.
    Wie war es zugegangen, da er dies Alles vergessen, wie hatte die natrliche
Zurckhaltung einer reinen, schnen Seele, wie hatten die dreisten Aeuerungen
des Amtmannes, der in seiner Derbheit die Worte niemals ngstlich abwog, ihn
irre machen knnen an seinem eigenen Empfinden und irre machen knnen selbst an
ihr, der hehrsten Frauengestalt, die ihm noch je begegnet, der er je genaht war?
-
    So trat er in das Schlo und in sein Zimmer. Die Dienerschaft empfing ihn
wie Einen, der hier heimisch war. Herbert erkundigte sich, ob die Herrschaft
etwa nach ihm gefragt habe. Man verneinte es, und er gab die Weisung, dem Herrn
Baron zu sagen, da er zurckgekehrt wre und seine Befehle erwarte.
    Das Zimmer, welches die Baronin bewohnte, lag ber dem seinen. Er hrte oben
die Fenster ffnen, die Sommerladen schlieen, die Tische rcken. Er dachte, ob
sie schon wach sein mge, und auf jedes leise Gerusch achtend, fhlte er sich
ihr nahe und durch diese Nhe weich gestimmt. Sich zu beruhigen, setzte er sich
vor dem Tische nieder, auf welchem seine Zeichnungen und Plane ausgebreitet
lagen, denn fr Angelika und ihre Absichten arbeiten, hie ja auch bei ihr sein;
und eben hatte er sich gelobt, da nichts ihn so leicht wieder von ihr und ihrem
Dienste abwendig machen solle, als einer der Diener ihn ersuchen kam, sich in
das Frhstckszimmer hinauf zu bemhen, da die Herrschaft ihn zu sprechen
wnsche.
    Herbert war nicht sicher, wer ihn hatte rufen lassen, und mochte doch nicht
danach fragen. Bewegt stieg er die Treppe hinauf; er wnschte und hoffte, die
Baronin vielleicht allein zu treffen, aber nicht sie, sondern der Freiherr war
es, der ihn erwartete.
    Er hie ihn willkommen, fragte, ob er sich gehrig in der Gegend umgesehen
habe, und lie ihm dann, obschon er ihm mit gewohnter Gte begegnete, doch nicht
zur Antwort Zeit, sondern ging gleich zu der Angelegenheit ber, wegen welcher
er ihn hatte kommen lassen.
    Mit unserem Capellenbau ist es nichts, mein lieber Herbert, sagte er heiter,
als habe er gar niemals irgend einen Werth auf diesen Plan gelegt und nicht von
dem Architekten bereits die eingehendsten und ausfhrlichsten Arbeiten dafr
beansprucht. Die Baronin will davon nichts hren, und da guter Rath ber Nacht
kommt, so habe ich den Gedanken selber aufgegeben, ohne dehalb auf eine
Verzierung der Hhe zu verzichten, die Sie mir provisorisch vielleicht noch in
diesem Herbste zu Stande bringen mssen. Ich denke da oben nmlich einen
Pavillon zu errichten.
    Einen Pavillon? fragte Herbert berrascht.
    Ja, mein Lieber, einen Pavillon, etwa in Tempelform, der eine schne
Aussicht bietet. Man knnte ihn der Flora, der Pomona, der Freundschaft weihen -
das findet sich! Entwerfen Sie mir einmal eine Zeichnung dazu. Sie knnen die
Sache so viel als mglich Ihren frheren Absichten annhern, um die Harmonie mit
dem Style der Kirche aufrecht zu erhalten, die wir herzustellen wnschten; nur
mu das Ganze natrlich auf den bestmglichen Effect berechnet werden.
    Herbert wagte es nicht, die Frage zu thun, welche ihm in diesem Augenblicke
vor allem Anderen am Herzen lag, die Frage, ob es Angelika gewesen sei, welche
den Vorschlag zu dem Pavillonbau gethan hatte. Er glaubte, nur sie allein knne
seinem eigenen Gedanken in solcher Uebereinstimmung begegnet sein, und whrend
sie so gleich mit ihm gefhlt, whrend sie darauf gesonnen hatte, ihn in so
schner und lieber Weise neben sich zu beschftigen, hatte er sie gemieden, sie
in seinem Herzen angeklagt und verdammt!
    Beschmt und gerhrt wollte Herbert fragen, ob die Frau Baronin mit der
neuen Anordnung einverstanden sei, als sie selber mit der Herzogin in das Zimmer
eintrat.
    Der Freiherr ging den Frauen ein paar Schritte entgegen, aber Angelika,
welche sonst sehr gemessen in ihrer ganzen Haltung war, eilte auf ihren Gatten
zu und umarmte und kte ihn. Dann begrte sie Herbert mit dem heiteren
Vorwurf, da er so pltzlich fortgegangen sei und sie und seine Arbeit im Stiche
gelassen habe, um im Amthause eine ihm zusagendere und angenehmere Geselligkeit
aufzusuchen. Das war Alles vllig gegen ihre sonstige Art.
    Herbert hatte das Bedrfni gefhlt, sobald als mglich der Baronin zu
gestehen, wie tolle Ungeduld und strflicher Zweifel an ihr ihn aus ihrer
ersehnten Nhe fortgetrieben htten, wie er bereuend wiedergekehrt sei, und nun
sollte er sich scherzend wegen einer kleinen Formlosigkeit entschuldigen, welche
man ihm leichter verzieh, als er es wnschen konnte! Er stand vor der Baronin
wie vor einem unheimlichen Rthsel. Er kannte diese Miene, diese Stimme, und
kannte sie auch nicht. Es war Angelika und sie war es doch auch nicht. Da sie
ihn tuschte, eine Rolle spielte, das war seine ganze Hoffnung. Aber wehalb
that sie das? Woher ihre Heiterkeit, woher ihre auffallende Zrtlichkeit gegen
ihren Gatten? Zrnte sie Herbert? Wollte sie ihn strafen, weil er ihr durch
seine Entfernung wehe gethan, so mute er das tragen, ja, er hatte sich dessen
zu freuen! Wie jedoch vermochte sie es, seiner zu spotten in Gegenwart des
Mannes, an dessen Seite sie nicht glcklich war, wie konnte sie es vergessen,
da sie in Herbert's Armen ber diesen Mann geweint?
    Ihre Worte, ihr Ton schnitten ihm in das Herz und beleidigten ihn um so
tiefer, je weniger er sich in der Lage befand, eine Erklrung ihres vernderten
Betragens zu begehren. Ihr Scherzen zu erwidern, war gegen sein Gefhl, und sich
mit raschem Entschlusse auf den Boden zurckziehend, auf welchem er sich mit
Sicherheit behaupten konnte, sagte er, sich zur Ruhe zwingend: Ich glaubte, hier
nicht vermit zu werden, ehe die Herrschaften sich vllig ber ihre Wnsche
entschieden hatten und ....
    Angelika lie ihn aber, grade wie der Freiherr, nach Art der Vornehmen, wenn
sie ihren Willen durchsetzen wollen, seine Antwort gar nicht erst vollenden. So
haben Sie also schon gehrt, da ich unnachgiebig auf meinem Sinn beharre? fiel
sie ein.
    Herbert verneigte sich. Sie sprachen es mir ja neulich, als ich die Ehre
hatte, Sie, gndige Frau, nach der Birkenhhe hinauf zu fhren, bereits aus, da
da oben keine Capelle erbaut werden drfe! antwortete er, whrend sein Blick auf
ihr mit so ernstem Ausdrucke ruhte, da sie ihr Auge verwirrt zu Boden senkte
vor der Erinnerung, welche er ihr damit wachrief, und Ihre Absicht, statt der
Capelle einen ....
    Aber er konnte den Satz abermals nicht vollenden, denn der Baron gab ihm
lebhaft und heimlich ein Zeichen, zu schweigen, und er bemerkte an den Mienen
Angelika's, da sie nicht wute, wehalb man ihm Schweigen auferlegte. Sie also
hatte den Vorschlag zu dem Tempelbau nicht gemacht! Seine Hoffnung hatte ihn
getuscht! Wie aber war der Freiherr denn auf den Bau dieses
Freundschafts-Tempels gekommen?
    Es entstand eine Pause, und die Herzogin, welche bis dahin sich gar nicht in
die Unterhaltung gemischt hatte, kam Allen zu Hlfe, indem sie pltzlich von dem
Feste zu reden anhub, das zu veranstalten man in den letzten Tagen beschlossen
habe und fr welches man sich vielfach auf die Hlfe des Baumeisters angewiesen
hielt.
    Herbert hatte bisher davon kein Wort vernommen, der Plan mute also
vermuthlich eben so wie der neue Bauplan in den beiden letzten Tagen entstanden
sein, und die Verhltnisse wurden ihm immer unbegreiflicher. Man sprach von den
verschiedenen Vorkehrungen fr das Fest; der Marquis, welcher inzwischen auch
dazu gekommen war, erkundigte sich bei Herbert um Costume und Decorationen, man
sagte zuversichtlich: Herbert werde dieses schaffen, jenes thun, ein Drittes
besorgen mssen, und Niemand fragte ihn, ob er geneigt sei, die Dienste zu
leisten, welche man von ihm begehrte. Selbst Angelika bestimmte anscheinend ohne
alles Bedenken ber ihn, und wie sie bei der ganzen Begegnung auch empfinden
mochte, die Gewohnheit der Vornehmen, ber jede Kraft zu verfgen, die sich
ihnen nicht gradezu entzieht, und der Glaube, da sie eine Gunst gewhren, wenn
sie Dienste fr sich fordern, lagen auch ihr im Blute.
    Aber Herbert war nicht der Mann, seine Kraft wider seinen Willen verbrauchen
zu lassen, noch eine solche Rcksichtslosigkeit geduldig hinzunehmen. Man schien
offenbar geneigt, ihm pltzlich die Stellung zu bestreiten, welche man ihm
bisher eingerumt hatte und welche zu behaupten er eben dehalb als sein Recht
ansah. Man stellte an ihn bestimmte Forderungen fr ein Unternehmen, ber das
man mit sich selbst noch nicht im Klaren war. Die Baronin sprach von Gsten,
welche man laden wolle. Es war die Rede davon, da man fr den betreffenden Fall
das ganze linke Erdgescho zum Unterbringen der Fremden brauchen wrde; aber
eben in dieser linken Seite des Erdgeschosses wohnte Herbert, und mit einem Male
tauchte der Gedanke in ihm auf, da die Baronin es bereue, sich ihm auch nur
einen Moment mit ihrem Herzen zugeneigt zu haben, und da sie ihn aus ihrer Nhe
zu entfernen wnsche. Das wies ihn vollends auf sich selbst zurck.
    Ich frchte, da ich mich nicht in der Lage befinden werde, sagte er
hflich, aber fest, den Herrschaften, wie sie es wnschen, meine Dienste widmen
zu knnen.
    Wie, rief die Baronin, die ber ihre sonstige formelle Weise hinausgetrieben
wurde, da sie eine Freiheit und Heiterkeit zur Schau zu tragen hatte, die sie zu
fhlen weit entfernt war - wie, mein Herr, Sie wollen sich unserem Dienste
entziehen, da wir gerade jetzt uns zu einem knstlerischen Unternehmen rsten?
    Ich habe hier immer lnger verweilt, entgegnete er, von dem Tone ihrer
Stimme wie von ihrem Blicke wieder schnell beherrscht, als ich es im Grunde vor
meinen anderen Unternehmungen verantworten konnte, und ich ....
    Und Sie bedauern das, wie es scheint, und wollen sich in Zukunft davor
wahren, das ist in der Ordnung! sprach Angelika, whrend sie die schnen Lippen
spttisch aufwarf.
    Dem Freiherrn, welcher seine Gattin mit Befremdung beobachtete, schien ihr
Verhalten zu mifallen, denn er sagte mit entschiedener Klte: Du darfst nicht
vergessen, Beste, da unser junger Freund nicht zu seiner oder unserer
Unterhaltung, sondern des Baues wegen hergekommen ist!
    Das traf Herbert wie ein Schlag, obschon es wie eine Rechtfertigung fr ihn
gesprochen worden war, und sich verneigend, sagte er: Daran dachte ich eben,
Herr Baron, und ich wollte mir um dehalb die Erlaubni erbitten, nach
Rothenfeld hinberzuziehen, um an Ort und Stelle die Arbeit zu berwachen, so
lange ich hier verweile und so oft ich in die Gegend wiederkehre.
    Das Herz schlug ihm, als er so sprach, und wider seinen Willen hegte er doch
im Innersten die heimliche Hoffnung, da man ihn nicht gehen lassen werde. Er
sah, da Angelika die Farbe wechselte, aber weit entfernt, ihn fr die Krnkung
zu entschdigen, welche ihre herausfordernde Weise ihm von dem Freiherrn
zugezogen hatte, sagte sie: Ja, freilich, Ihr Beruf und Ihre Arbeit gehen vor,
denn es haben ja Andere an Sie die gleichen Ansprche wie wir! - Sie gab damit
ihre Zustimmung zu seinem Scheiden ebenfalls zu erkennen und erinnerte ihn, wie
er glaubte, ebenfalls daran, in welchem Verhltnisse er sich neben ihr befinde.
Herbert, der dies nie vergessen hatte, der sich bewut war, eine solche
Erinnerung nicht zu verdienen, empfand sie schwer und sich zusammenfassend,
sagte er mit mglichster Ruhe: So gestatten Sie, gndigste Frau, da ich diese
Bemerkung als das Zeichen meiner Beurlaubung betrachte und mich jetzt gleich
nach Rothenfeld begebe!
    Sie entgegnete ihm nichts; nur der Baron sagte leichthin, aber mit gewohnter
Freundlichkeit, whrend er schon der Herzogin den Arm bot und der Marquis sich
der Baronin nherte, um sie zum Frhstcke zu fhren: Machen Sie das, lieber
Herbert, wie Sie wollen, ganz wie Sie wollen, Lieber! - aber er forderte ihn
nicht wie sonst auf, ihnen wenigstens jetzt noch zum Frhstcke zu folgen,
sondern schritt ohne Weiteres dem kleinen Speisezimmer zu. Alles Blut strmte
Herbert nach dem Herzen zurck. Er verbeugte sich und verlie bleich vor Zorn
und unterdrckter Bewegung das Gemach.
    Gehen Sie nicht fort, ehe ich Sie nicht noch ber die bewute Angelegenheit
gesprochen habe, lieber Herbert! hrte er den Freiherrn ihm nachrufen; aber er
beachtete es nicht, obschon er die Worte vernahm.
    Drauen im Vorsaale begegnete ihm der Caplan, welcher sich zum Frhstck
begab. Was ist geschehen? fragte dieser, als er die Verstrung des jungen Mannes
sah.
    Ich habe eine Lehre erhalten, die mir nthig war! gab Herbert ihm zur
Antwort.
    Der Caplan wollte ihn so nicht gehen lassen, wollte ihn zum Sprechen
bringen: Herbert wies ihn zurck. Ein Diener kam nach dem Caplan sehen, den man
beim Frhstck vermite.
    Gehen Sie, gehen Sie, Hochwrden, rief Herbert, Sie mssen ja gehorchen! Ich
aber bin noch frei und, bei Gott, ich denke es auch zu bleiben!

                                Neuntes Capitel


In einer Stunde war sein Gepck gemacht, eine halbe Stunde spter war er auf dem
Wege nach Rothenfeld. Als er dort ankam, war der Amtmann im Felde; Eva empfing
ihn mit heller Freude. Er gab die nthige Auskunft ber den ueren Anla seiner
Wiederkehr und bat um Nachsicht, wenn er ihr freundliches Willkommen nicht, wie
er msse, anerkenne.
    Sie blickte ihn an, wurde pltzlich ernsthaft und sagte, indem sie ihm die
Hnde reichte: Mosje Herbert, Ihnen ist ein Unglck geschehen. Vertrauen Sie es
mir, denn ich werde keine Ruhe haben, ehe ich es wei!
    Er sagte, er habe nur etwas Sammlung nthig, um einen Brief zu schreiben,
und wenn er das gethan, so werde er wieder munter sein.
    Sie drang darauf nicht weiter in ihn und fhrte ihn in das Zimmer, welches
er whrend der beiden letzten Tage inne gehabt hatte. Mit leiser, eilender Hand
zog sie die Vorhnge auf und rckte die Mbel zurecht, wie er es brauchte. Sie
war so natrlich in dieser Dienstbarkeit, da er dieselbe wie ein
Selbstverstndliches ohne Danken hinnahm. Sie half ihm den Mantelsack ffnen und
legte ihm die Papiere, welche er herausnahm, behutsam an Ort und Stelle. Dann
verlie sie ihn, aber man htte in ihrer sorgenvollen Miene nicht das lachende
Mdchen wiedererkannt, das es noch am verwichenen Tage allen andern an
Munterkeit und Uebermuth vorausgethan hatte. Noch unter der Thre wendete sie
sich nach ihm um. Sie sah, wie er im Zimmer auf und nieder ging, und wollte zu
ihm zurckkehren; da er sie jedoch gar nicht beachtete, zog sie die Thre leise
zu und ging traurig von dannen und an ihre Arbeit.
    Herbert setzte sich an den Schreibtisch nieder, aber wie er seinen Brief
beginnen wollte, wurde er gewahr, da er innerlich fassungslos und also nicht zu
schreiben im Stande sei. Er konnte das Erlebte nicht verstehen, obschon er sich
jedes gesprochenen Wortes, jeder Miene und Wendung der verschiedenen Personen
deutlich erinnerte. Es kam ihm Alles unglaublich vor, weil er es mit der
Vergangenheit in keinen deutlichen Zusammenhang zu bringen wute.
    Das Eine stand fest, er hatte eine schwere Beleidigung empfangen, eine
Beleidigung, fr welche er Rechenschaft zu fordern hatte; inde die Art der
Genugthuung, nach welcher er verlangte, konnte er, der brgerliche Baumeister,
von dem Freiherrn von Arten nicht begehren, weil er wute, da man sie ihm mit
Lachen verweigern wrde. Herbert war von seinem Vater, der eine ansehnliche
Kundschaft unter dem Adel besa und manchen Gnner unter ihm zhlte, in der
Achtung vor dem Adel auferzogen worden. Aber er hatte in seiner brgerlich
gesicherten Stellung und bei seiner freien Kunstbestrebung sich eben nicht viel
um die Vorrechte des Adels gekmmert oder, wenn dies doch geschehen war, bisher
nicht Ursache gehabt, sie ihm zu neiden. Jetzt stand er zum ersten Male vor den
Schranken, welche den Brgerlichen in seinem ffentlichen und in seinem privaten
Leben von dem Edelmanne trennen, und er fand sie hoch genug, obschon man sie ihn
bis auf diesen Tag nicht fhlen lassen. Er erinnerte sich, mit welcher
verehrenden, von seinem Vater ererbten Voreingenommenheit fr das freiherrlich
von Arten'sche Haus er nach Richten gekommen und wie gtig man ihm von Anfang
begegnet war. Man hatte ihn als einen Gast des Hauses, als den Sohn eines
Freundes behandelt, man hatte ihn zu fesseln gesucht, hatte seine Neigung
gewonnen - und was hatte er denn gethan, jetzt pltzlich eine so schnde
Behandlung zu erleiden? Wie war es mglich geworden, da die Baronin sich
derselben nicht nur nicht widersetzt, sondern recht eigentlich die Veranlassung
dazu geboten hatte?
    Er hatte Angelika bewundert, ja, er hatte sie zu lieben geglaubt. Aber war
das ein Verbrechen, da er auf solche Neigung und Bewunderung keinen Anspruch
grndete? Nur ihr eigenes Betragen, nur ihre eigene Hingebung hatten ihn
ermuthigt, ihr sein verehrendes Gefhl kund zu geben. Nur eines Wortes, nur
eines Winkes von ihr htte es bedurft, ihn schweigen zu machen und den Ausdruck
der reinen, liebevollen Theilnahme zurckzuhalten, mit der er ihr an jenem
Abende genaht war. Wodurch also verdiente er ihren Zorn? Wodurch hatte er die
Verhhnung verdient, die sie, sie allein ihm bereitet? Je lnger er darber
nachdachte, desto zorniger wurde er, und doch fhlte er dabei immer, wie werth
diese Menschen ihm geworden waren, die ihn so absichtlich zurckgestoen hatten,
und wie schwer es ihm fiel, Bses von ihnen zu denken, von denen er sich bisher
nur des Besten versehen.
    Er hegte ein widerwilliges Bestreben, sie zu rechtfertigen, weil es ihm zu
schmerzlich war, von ihnen beleidigt zu sein. Er stellte sich vor, da irgend
ein Zufall, irgend ein unbemerkter Zeuge dem Freiherrn verrathen habe, was
zwischen Herbert und der Baronin vorgefallen sei, und er fand eine Genugthuung
darin, sich selbst eine Schuld anzudichten, an welche er im Innern seines
Herzens doch wieder nicht glaubte, nur um das Verhalten des Freiherrn und
Angelika's weniger hart und ungerecht nennen zu drfen. Er hielt sich vor, da
er die Eifersucht des Freiherrn erregt, da ein Zerwrfni und eine Vershnung
zwischen den Eheleuten Statt gefunden haben msse, weil er sich daraus die
Zrtlichkeit Angelika's fr ihren Gatten herzuleiten wnschte. Aber wie sollte
er diese wieder zusammenreimen mit der scherzend herausfordernden Weise, mit
welcher sie ihm entgegengetreten war? Keine seiner Voraussetzungen bot eine
vllig gengende Erklrung dar, keine seiner Empfindungen war rein, alle waren
sie gebrochen, und, emprt gegen den Freiherrn, gegen Angelika und gegen sich
selber, rief er endlich aus: Sie haben mir sogar den Zorn genommen und den Ha!
    Bald wollte er der Baronin schreiben, bald dem Baron, um von ihnen eine
Aufklrung zu heischen und sich ber die Herzens- und Ehrenkrnkung zu
beschweren, die man ihm zugefgt hatte; aber wo man sich mit den Personen, mit
denen man zu thun hat, nicht auf gleichem gesellschaftlichem Boden befindet,
wird selbst das Zugestndni einer begehrten Gerechtigkeit zu einer freiwilligen
Gunstbezeigung, und eine solche von dem Freiherrn anzunehmen, war ihm das
Widerstrebendste. Dazu band ihn sein Contract, den er nicht ohne Wortbruch lsen
konnte, an den zeitweiligen Dienst des Freiherrn; der Bau stieg edel und schn
empor, und Herbert war Knstler genug, ein begonnenes und so bedeutendes Werk
nur mit hchstem Widerstreben zu verlassen; inde die Aussicht, eben um dieses
Baues willen mit der freiherrlichen Familie nach den heutigen Vorgngen doch in
fortgesetzter Berhrung bleiben zu sollen, war ihm so qulend, da sich von
dieser Abhngigkeit zu befreien ihm fr den Augenblick als das Nothwendigste
erschien. In dieser Stimmung ergriff er die Feder auf das Neue.
    Hochgeborener Herr Baron! - schrieb er - Eure Gnaden haben mich heute mit
Recht und sehr zur Zeit daran erinnert, da ich nur um einer Arbeit willen und
als Knstler nach Richten gekommen bin. Diese Arbeit zu vollenden, mit ihr den
gerechten Ansprchen und Erwartungen Eurer Gnaden nach besten Krften zu
entsprechen, ist mir eine Ehren- und Gewissenssache gewesen, und die huldvolle
Gte wie die Zufriedenheit Eurer Gnaden haben mir bisher guten Muth und
Aufmunterung gegeben. Zu meinem groen Bedauern habe ich aber die Bemerkung
machen mssen, da Sie mir Ihre Zufriedenheit entzogen haben, und ich mchte
Ihnen weder mit meinen Diensten noch mit meiner Person beschwerlich fallen, wenn
beide aufgehrt haben, Ihnen genehm zu sein. Erlauben Eure Gnaden mir also die
Versicherung, da ich bereit bin, Ihnen alle von mir gemachten Plne und
Detailzeichnungen zur Verfgung zu stellen, falls es Ihnen aus irgend einem
Grunde wnschenswerth sein sollte, den Bau durch einen anderen Baumeister
fortfhren und vollenden zu lassen. Ich wage wohl keine vergebene Bitte, wenn
ich Eure Gnaden ersuche, mich Ihre Entscheidung nicht lange erwarten zu lassen.
    Er siegelte den Brief und bat Eva, ihm einen Boten zu schaffen, der
denselben nach dem Schlosse trage. Als er das Schreiben unterwegs wute, wurde
ihm leichter um das Herz. Weil er den ersten Schritt zu seiner Befreiung gethan
hatte, glaubte er schon frei zu sein, und nun erst loderte sein Zorn gegen
Angelika und den Freiherrn rein und hell empor. Jetzt, da er sich nicht mehr um
das Wehalb der erlittenen Beleidigung kmmerte, sondern sich nur der Thatsache
gegenberstellte, erwachte in ihm das Selbstgefhl, welches berall verloren
geht, wo man sich mit den Andern mehr, als sie verdienen, zu schaffen macht.
    Er verlie sein Zimmer und ging, ohne bestimmte Absicht, hinunter in das
Haus. Der Amtmann war zurckgekehrt; Eva rstete in dem khlen Hausflur den
Mittagstisch. Sie hatte den Bruder von Herbert's Ankunft schon in Kenntni
gesetzt, und dieser trat ihm mit der Frage entgegen, was es gegeben habe.
    Herbert fhlte keinen Beruf, ihm die ganze Wahrheit mitzutheilen. Es
widerstrebte ihm, dem Amtmann die Schwere des ihm geschehenen Unrechtes
einzugestehen, da er es ohne Vergeltung hinzunehmen hatte, und eben so wenig
konnte und durfte er seine Gastfreunde ahnen lassen, wie es um ihn und um sein
neuliches Erlebni mit der Baronin stand. Er berichtigte also nur, da man ihn,
gegen die frhere Weise, kalt, ja da man ihn ungebhrlich behandelt habe, und
da und was er dem Baron geschrieben.
    Der Amtmann hrte ihm ruhig zu und sagte dann mit einem Lcheln, das seinem
gescheiten Gesichte einen noch greren Ausdruck von Klugheit gab: Ich htte es
Ihnen voraussagen knnen, wie es mit Ihnen kommen wrde, Herr Baumeister. Es ist
ein ordinres Sprchwort, aber wahr ist's darum nicht minder: Es ist nicht gut
mit den groen Herren Kirschen essen! Und, fgte er hinzu, um wieder einmal vor
dem Studirten seine eigene Bildung leuchten zu lassen, ich hab's oft zur Eva
gesagt, es ist wie mit den Granatpfeln in der Mythologie; man mu nichts von
den Herrschaften geschenkt nehmen, wenn man mit ihnen durchkommen und frei
bleiben will.
    Das sagen Sie, dessen Familie dem freiherrlichen Hause seit Menschenaltern
dient? wendete Herbert ein.
    Das sage ich Ihnen eben dehalb; denn wir haben unsere Manier probat
gefunden von Vater auf Sohn. Seine Schuldigkeit thun, seinen Lohn empfangen,
nichts darunter, nichts darber, und Herr und Diener sein, rein weg!
    Herbert fragte, ob denn der Freiherr oder die Baronin dem Amtmann ebenfalls
Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben htten.
    Nicht da ich's sagen knnte, meinte dieser. Aber das hat sich bei uns so
fortgeerbt von Einem auf den Andern, es ist unsere Bauernweisheit! Wir kennen
hierlandes den Grund und Boden und die Leute, und wir kennen auch unsere
Herrschaft und den Adel rund herum! Sie sind Einer wie der Andere!
    Eva meinte, die Herrschaften knnten aber doch sehr freundlich sein und
htten sich ja auch gegen den Bruder und gegen sie stets so gezeigt.
    O ja, rief der Amtmann, aber es wrde bald damit aus gewesen sein, htte ich
mich darauf eingelassen, wie sie's mit Dir und mir versuchten! Heute hie es,
weil ich denn doch dies oder jenes mehr gelernt htte, als es sonst hier im Amte
zu geschehen pflegte, so knnte ich dem Herrn Baron wohl bei der oder jener
Arbeit helfen, nicht als Diener, Gott bewahre! nur weil er mich leiden und mich
um sich haben mchte! Und morgen meinten sie, die Eva she gut aus und htte
recht anstndige Manieren; sie knnte also, wenn sie wollte, bisweilen auf das
Schlo kommen und der Frau Baronin etwas vorlesen und mancherlei im Schlosse
annehmen und lernen. Aber wir kennen das! Fr einen Finger, den sie uns reichen,
wenn sie Lust und Langeweile haben, verlangen sie gelegentlich die ganze Hand
von uns, und will man sich dann dafr auch einmal an ihrer Hand halten, so
wird's ihnen gleich zu viel, und sie ziehen die Hand zurck und nehmen's uns
noch bel, da wir ihnen die Mhe machen, uns abzustoen! - Er lachte dabei und
sagte zuversichtlich: Nichts da! Die vornehmen Ncken kennen wir! Sie dort und
wir hier! Guter Dienst und gutes Recht! Wir sind uns hier selber genug!
    Herbert hrte ihm mit einer heimlichen Beschmung zu. Es war, als sprchen
sein eingeschlfertes Gewissen, seine heimliche Einsicht selbst zu ihm, und zu
seiner eigenen Beruhigung sagte er: Ich sehne mich eigentlich auch danach,
dieses Contractes und des ganzen Verhltnisses, an das ich mit so gutem Glauben
gegangen bin, erst wieder ledig zu werden.
    Der Amtmann schttelte mit verneinendem Lcheln den Kopf. Herbert fragte, ob
er an der Wahrheit dieser Worte zweifle. Nein, versetzte Jener, da Sie es in
diesem Augenblick wnschen, daran zweifle ich nicht, aber Sie kommen nicht los.
Der Freiherr ist ein Mann von Wort, das mu man ihm lassen, und wie er selbst
sein Wort hlt, so besteht er darauf, da ihm Wort gehalten werde. Freiwillig
entlt er Sie Ihres Contractes nicht, und contractbrchig werden Sie doch
schlielich auch nicht heien und nicht werden wollen!
    Sie sprachen hin und her; der Baumeister verrieth nichts von dem, was ihm
widerfahren war, aber der Amtmann, welcher gut zu fragen und zu hren wute, kam
durch einzelne Aeuerungen Herbert's ziemlich auf die rechte Spur, und was er
von dem Freiherrn auch Gutes sagen mochte, seine Worte trugen doch alle das
Geprge der Abneigung, welche er gegen die Herrschaften hier in der Gegend, wie
er den Adel nannte, in sich hegte. Selbst in Eva sprach sich die gleiche
Gesinnung aus, und wenn der Amtmann sich mehr an das Allgemeine hielt, so wute
Eva so viel kleine Zge von der Selbstsucht und dem Stolze, den Galanterieen und
den Liebesabenteuern der adeligen Damen zu erzhlen, wie sie als Gerchte von
einem Amthause in das andere getragen wurden, da Herbert den letzten Rest des
sanften Zaubers schwinden fhlte, in welchem sein Verhltni zu dem
freiherrlichen Hause und zu Angelika ihm erschienen war. Er begann sich in
seinem Innern einen eiteln Thoren, einen schwachherzigen Neuling zu schelten. Er
malte es sich aus, wie man ihn im Schlosse jetzt geringschtzig verlachen mge,
und whrend der Amtmann und seine Schwester mit Vergngen davon sprachen, da
sie Herbert nun bei sich behalten wrden, whrend sie ihm vorschlugen, wie er es
sich bei ihnen bequem machen knne, dachte er nur daran, berhaupt aus der
Gegend fortzukommen. Eva's zuversichtliche Betheuerung, da er bleiben werde,
weil ihr Bruder gesagt habe, da er bleiben msse, steigerte seine Sehnsucht,
sich loszureien. Er konnte den Augenblick bis zur Rckkehr des Boten kaum
erwarten, und mitten in dem Plaudern von Eva und trotz der Unterhaltung mit dem
Amtmanne war er innerlich nur damit beschftigt, sich die Art und Weise
vorzustellen, in welcher der Freiherr in die Aufhebung des Contractes willigen
und ihm seine Entlassung zugestehen werde.
    Es fiel ihm schwer, bei Eva vor der Thre sitzen zu bleiben, als er den
Knecht am Nachmittag ber den Hof kommen sah; selbst Eva wurde unruhig ber die
Langsamkeit, mit welcher derselbe die Weste aufknpfte, unter der er das
Schreiben des Barons, welches er der Vorsicht wegen noch mit seinem Tuche
umwickelt hatte, hervorzog. Aber schon der Anblick dieses Schreibens machte
Herbert betroffen. Es war ein kleines Blttchen, leicht zusammengelegt, wie man
es einem Untergebenen als Anweis oder mit einem Befehle wohl einmal sendet; und
wie sein Aeueres war auch der Ton, in dem es gehalten.
    Machen Sie sich keine Sorge, schrieb der Baron. Ich bin durchaus nicht
unzufrieden mit Ihnen und Ihren Leistungen, im Gegentheil! Ich pflege auch nicht
aufzugeben, was ich unternehme, und erwarte das Gleiche von jedem Manne, der
sich zu respectiren wei. Bleiben Sie also ruhig in Rothenfeld, das ist Ihrem
Werke sicher frderlich, besonders da Sie Steinert zur Hand haben. Wegen meines
anderen Vorhabens sprechen wir bald das Nhere. Ich werde Sie in den nchsten
Tagen benachrichtigen und Zeit und Stunde bestimmen.
    Das war Alles. Der Brief trug keine Anrede und keine Unterschrift, als das
mit langem Zuge versehene A., mit welchem der Freiherr wie ein Knig die Erlasse
an den Amtmann zu unterzeichnen pflegte. Er behandelte Herbert, als sei gar
nichts vorgegangen, als habe nie eine andere als die geschftliche Beziehung
zwischen diesem und dem freiherrlichen Hause Statt gefunden, als knne des
jungen Mannes Wunsch, sich von der ihm aufgetragenen Arbeit zurckzuziehen, gar
keine andere Ursache haben, als seine Besorgni, da der Freiherr mit seinen
Leistungen nicht zufrieden sei. Eine Zurechtweisung, eine Anmahnung zur
Pflichterfllung enthielt das Schreiben, kein Wort der Begtigung, wie die
Einleitung von Herbert's Brief sie forderte, wenn man ihn festzuhalten wnschte
und ihn nicht hatte krnken wollen. Er las den Brief noch einmal und noch
einmal. Es war die schwerste Demthigung, welche er empfangen hatte! Eva, die
ihn whrend des Lesens genau beobachtete, hatte bemerkt, da er bla geworden
war. Ihre groen Augen hingen ernst an seinen Mienen.
    Nun? fragte sie, da er das Schreiben schweigend in die Tasche steckte.
    Ich bleibe hier! gab er ihr zur Antwort.
    Ihr Gesicht erhellte sich, sie hob die Hnde empor, um sie vor Vergngen
zusammen zu schlagen, lie sie aber, als sie in sein verstrtes Antlitz blickte,
eben so schnell wieder sinken und meinte kleinlaut: Das thut mir leid, wenn es
Ihnen so hart ankommt!
    Die Worte, mehr noch der Ausdruck, mit welchem sie dieselben sprach,
bewegten ihn. Er wollte sie um Vergebung bitten, ihr eine Freundlichkeit
erwidern, inde er konnte es in diesem Augenblicke nicht. Sie sind recht gut,
Eva! sagte er, indem er ihr die Hand gab.
    Was ntzt das, wenn ich Ihnen nicht helfen kann? entgegnete sie, indem sie
sich von ihm losmachte und sich entfernte. Es war bei ihr immer, in Frhlichkeit
und Betrbni, derselbe gute und werkthtige Sinn; aber es war Herbert doch
erwnscht, allein zu sein. Er konnte eben jetzt keine Hlfe und keine
Gesellschaft brauchen.
    Er ging auf sein Zimmer und an seine Arbeit, denn arbeiten, vorwrts kommen,
hie jetzt fr ihn, seiner Freiheit nher rcken. Aber wie er den Sinn auch auf
die Verknpfung der Linien und Zahlen richtete, es brannte immer in seinem
Innern: Sie haben dich, weil sie dich nicht fr ihres Gleichen halten, nicht
nach deiner Ehre, sie haben dich wie eine Sache behandelt, die man aufnimmt oder
liegen lt, je nach Belieben! - Und je lnger er das dachte, um so fter
richtete sein Blick sich nach Frankreich hinber, und er fragte sich: Wann wird
denn die Stunde schlagen, die auch hier den Hochmthigen den Nacken beugt? -
    Sie standen ihm dabei immer vor Augen, die kleine, vornehm lchelnde
Herzogin und der in Selbstgeflligkeit strahlende Marquis: beide flchtig, beide
das Gnadenbrod der Fremde essend und beide so ungebeugt, so sicher in dem
Glauben an die unvergngliche Ueberlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes, da
der Ha gegen dieses alte Blut in Herbert entbrannte und es ihm vorkam, als
knne er dieses Blut kalten Auges vergieen sehen, als knne er sie sterben
sehen, sie Alle mit einander: den hochgemutheten Freiherrn, die zarte Herzogin,
den frhlichen Marquis, und auch sie, die schne, lchelnde Baronin, wenn er
ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen vermochte, wie sie ihn geflissentlich
beleidigt, wie gedemthigt er von ihnen gegangen war. Er hate sie nicht nur fr
dasjenige, was sie ihm zugefgt, sondern mehr noch dehalb, weil er's ertragen
hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten mute, um seiner Pflicht
nachzukommen, welche jenen gegenber seine einzige Ehre war. Er hate sie!

                                Zehntes Capitel


Der Feldzug, zu welchem die Regimenter so frhlich aus der Hauptstadt
ausmarschirt waren, hatte nicht lange gewhrt und war ein fruchtloses, ja, ein
unheilvolles Unternehmen gewesen sowohl fr diejenigen, denen er helfen und
dienen, als auch fr jene Anderen, welche die Hlfe hatten bringen sollen. Die
Revolution war in Frankreich immer energischer und siegreich vorwrts
geschritten, und kleinlaut waren die Truppen der Coalition in ihre
Standquartiere und Garnisonen zurckgekehrt.
    Graf Gerhard, dem es an persnlichem Muthe nicht gebrach und dem seine
krftige Gesundheit zu Statten gekommen, wo viele seiner Cameraden Krankheit und
Tod gefunden, war als Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne
heimgekehrt. Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in der
Hauptstadt der Provinz verweilt, aber der Graf hatte gleich nach dem Einrcken
Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern nach Berka begeben. Er hatte die
Familie Flies nicht aufgesucht, auch zu der Kriegsrthin war er nicht gegangen.
Seba erfuhr das gleich, obschon sie ihren Verkehr mit derselben bedeutend
eingeschrnkt hatte und obschon auch der Vater noch weniger als sonst Behagen an
der Freundschaft zu finden schien, welche die Mutter noch immer mit der Frau
seines Miethers unterhielt.
    Gott soll mich bewahren, da ich Sie anklage, theuerste Frau Kriegsrthin,
sagte Madame Flies eines Nachmittags, als diese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer
Wirthin gekommen war - Gott soll mich bewahren, da ich Sie verkenne; Sie haben
es sehr gut mit uns gemeint, aber der Mensch denkt und Gott lenkt!
    Es ist mir freilich immer derselbe Kummer, meinte Laura, indem sie
wohlgefllig den silbernen Kaffeelffel ihrer Wirthin in der Hand wog, der
doppelt so schwer war, als die ihrigen, da ich die unschuldige Veranlassung zu
Seba's Liebe fr den Grafen gewesen bin, aber es geht ja wieder besser mit ihr.
Sie ist wirklich schner als je, und sie schlgt es sich ja endlich auch wieder
aus dem Sinne.
    Die Mutter zuckte die Schultern. Glauben Sie das nicht, liebe Frau
Kriegsrthin, Seba hat des Vaters Kopf! Die vergit nicht, was sie einmal
gewollt hat; und wenn sie auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie
auch schn ist wie sonst, - Sie sollten sie nur sehen, wenn sie sich unbeachtet
glaubt! Seba hat ihre Taubenaugen, ihre sanften Kinderaugen nicht mehr!
    Wie traurig ist das! rief die Andere mit jenem khlen Bedauern der
Gleichgltigkeit, das der Leidende als eine schwere Beleidigung empfinden wrde,
wre er nicht in der Regel zu sehr in sich versunken, um darauf zu achten. Die
Kriegsrthin aber glaubte der Theilnahme, die man von ihr fordern konnte, mit
jenem Ausruf vollauf gengt zu haben, und da man der fremden Klage am
leichtesten ledig wird, wenn man selbst zu klagen beginnt, wiederholte sie mit
einem Seufzer ihr: Wie traurig! und fgte dann eilig und lebhaft hinzu: Aber es
trgt ja Jedermann von uns sein Theil, liebste Flies, und was Sie leiden, leiden
Sie mit Ihrem eigenen Kinde, das ja jung und schn ist, und da Sie reich sind
und ihm Alles gewhren knnen, auch frher oder spter glcklich werden wird.
Nehmen Sie dagegen mich und unsern Paul! Was habe ich nicht Alles fr den Knaben
schon gethan, und Alles das umsonst! Nur an Seba hngt er und an meinem Manne,
als wre ich gar nicht da - und im Grunde ist das noch das Wenigste!
    Sie machte eine Pause, wollte verschweigen, was sie drckte, konnte dann
aber doch nach Frauenart der Lust nicht widerstehen, einmal ihr Herz recht
grndlich auszuschtten. Es trifft Alles so schlimm zusammen, - sagte sie fast
gegen ihren Willen, - so schlimm, als sollte mir grade jetzt von allen Seiten
Verdru und Sorge bereitet werden. Nicht genug, da der Knabe immer
verschlossener wird, da ich mir Seba's Kummer zu Herzen nehme, habe ich mich
eben in diesen Tagen auch mit unserem alten, guten Freunde und Gnner, dem
Prsidenten, erzrnen mssen.
    Mit dem Herrn Prsidenten? fragte nher rckend Madame Flies, die seit der
ganzen Reihe von Jahren gewohnt war, den alten Herrn tglich zu seiner Freundin
gehen zu sehen. Wie ist das denn zugegangen?
    Wei ich's? rief die Kriegsrthin und knpfte, weil ihr warm wurde, das Band
auf, mit welchem ihre Flatteuse unter dem Kinn zugebunden und das mit einem
Liebesknoten an dem Brustlatze befestigt war. Elf runde Jahre ist er bei uns ein
und aus gegangen; wir waren so an einander gewhnt, er, mein Mann und ich; wir
wuten, wie wir einander zu nehmen und wie weit wir auf einander zu rechnen
hatten; da bringt ein unglcklicher Zufall dem guten Prsidenten ein Billet in
die Hnde ....
    Ein Billet - ja, was denn fr ein Billet? forschte die Andere, deren Augen
vor Ungeduld und Neugier zu funkeln begannen.
    Ach, ein Billet des Hauptmannes - ein Billet, das er mir am Tage nach der
Rckkehr schrieb - die Kriegsrthin lchelte und wendete den Kopf nach dem
Spiegel, der zwischen den beiden Fenstern hing - ein Billet, wie jede halbwegs
angenehme Frau deren unzhlige erhlt! Ein paar Verse, wie er sie mir, seit er
damals hier war, bisweilen schickte, reine Poesie. Ich hatte sie nicht beachtet,
sie vergessen, sie lagen in meinem Nhtischchen, da fand sie der Prsident ....
    Da fand sie der Herr Prsident? wiederholte Madame Flies.
    Ja, rief Laura, die in ihrem Verdrusse die verwunderte Frage der Anderen gar
nicht beachtete; und stellen Sie sich vor, aus diesem ganz gleichgltigen Briefe
macht er mir ein Verbrechen. Er erlaubte sich, mich zu beschuldigen, verlangte
Erklrungen, als wre ich ein Kind und nicht eine Frau, die wei, was sie zu
thun hat.
    Madame Flies wurde stutzig. In Bezug auf die eheliche Treue verstand sie
keinen Spa. Aber wie kamen denn der Herr Prsident darauf und was sagen der
Herr Kriegsrath dazu? fragte sie bedenklich.
    O, der ahnt davon noch gar nichts, der wrde mir es nicht vergeben!
    Hren Sie, brach nun Madame Flies pltzlich aus, hren Sie, liebe, gute
Frau, das kann ich ihm auch nicht verdenken! Sie wissen, wie viel ich von Ihnen
halte, liebe Frau Kriegsrthin, aber Verse, heimliche, jahrelange Verse an eine
verheirathete Frau .... Sie brach ab, schttelte das Haupt, da die echten
Kanten von ihrem Kopfzeuge ihr tief auf die Stirn niederfielen, und reichte, als
wolle sie gut machen, was sie nothgedrungen hatte sagen mssen, ihrer Freundin,
obschon dieselbe sich eben erst bedient, noch einmal die silberne Zuckerschale
mit einem freundlichen: Ist's gefllig? hin.
    Die schne Laura lachte pltzlich ganz hell auf, und sie sah wirklich noch
sehr hbsch aus, wenn sie lachend die weien Zhne und die tiefen Grbchen in
den vollen Wangen sichtbar werden lie. Sie meinen, um die Verse kmmere sich
mein Mann? Gott bewahre, das hat ja gar nichts auf sich! Verse an seine Frau,
die werden doch einen verstndigen Mann nicht in Harnisch bringen, auf die mu
jeder Mann gefat sein, der sich eine junge und passabel hbsche Frau genommen
hat. Aber da ich unsern Prsidenten nicht zu menagiren, nicht nach seiner Weise
zu behandeln wute, das wird mein Mann mir nicht vergeben - und ich vergebe mir
es selber nicht!
    Der Herr Prsident sind des Herrn Kriegsrathes Chef! bemerkte Madame Flies,
um doch etwas zu sagen, da die Heiterkeit der Anderen ihr noch weniger gefiel.
    Ja, freilich, das ist's ja eben, bekrftigte Laura, sich besinnend, mit ganz
verndertem Tone, da sie die zweifelhafte Miene ihrer Hauswirthin bemerkte. Das
ist es eben, wir sind abhngig von ihm! Sie machte eine Pause, als sinne sie
ber diese ihre bedenkliche Lage nach, bis sie seufzend ausrief: Und wir haben
kein Vermgen! - Sie hielt abermals inne, sah ihre Freundin prfend an und sagte
dann ernst und niedergeschlagen: Sie, die Sie reich sind, die Sie freie Hand in
Ihres Mannes Casse haben, Sie knnen gar nicht wissen, wie schwer in diesen
Zeiten das Auskommen fr den Beamten ist. Jedes zu Ende gehende Quartal hat
seine Nothwendigkeiten, jedes beginnende macht seine Ansprche; die Rechnungen
kommen, die tglichen Ausgaben laufen fort, man mu nach auen anstndig
auftreten, wie man sich in seinem Hause auch beschrnkt, die Miethe ist zu
zahlen - Sie glauben nicht, welche Verlegenheiten das bereitet!
    Madame Flies versicherte und erinnerte sie, da es mit der letzteren nicht
eile, da ihr Mann ja immer gern gewartet habe.
    Gewi, gewi, rief Laura, der Kriegsrath besitzt ja einen wahren Schatz an
Ihres Mannes Freundschaft! Aber was hilft mir das? Sie wissen gar nicht, wie
ngstlich, wie genau der Kriegsrath ist. Jede Cocarde, jede Falbala, jedes
Theaterbillet und jedes Biscuit mu verzeichnet werden und wird bekrittelt, wenn
es verzeichnet ist. Da half denn des Prsidenten Galanterie gelegentlich ein
wenig aus - versteht sich, nur leihweise - fr Tage nur - nur um den lieben
Hausfrieden nicht zu stren! Und da mu mir nun nach elf Jahren der Prsident
die gute Laune ohne allen Grund verlieren. Ich habe schon gedacht, ob Sie, liebe
Madame Flies ....
    Sie brach pltzlich ab und sagte nicht, was sie gedacht hatte; denn das
Gesicht ihrer Wirthin verrieth ihr, da sie sich wahrscheinlich eine unntze
Ble gegeben hatte. Das Kaffeezeug war fortgerumt, die Hausfrau erhob sich, um
den sen Wein und das Confect zu holen, die den Imbi vervollstndigen sollten,
aber wie mild und glatt der alte Malaga die Kehle auch hinabglitt, die
Unterhaltung wollte nicht wieder in Flu gerathen.
    Die gute Meinung, welche Madame Flies von ihrer Freundin gehegt, hatte einen
schweren Sto erlitten, und die Kriegsrthin hatte auch besser von ihrer Wirthin
gedacht. Nach der sorglosen Weise, in welcher sie Seba frher ihren Weg gehen
lassen, hatte sie die Mutter nicht fr so spiebrgerlich und namentlich nicht
fr so sittlich engherzig gehalten. Sie waren beide verstimmt und beide begannen
wieder von Seba zu sprechen, ber deren Seelenzustand sich freilich beide eine
falsche Vorstellung machten.
    Seba's erstes Empfinden nach jenem unheilvollen Morgen und nach den Tagen,
welche ihr die Ueberzeugung aufgedrngt, da sie gewissenlos von einem Elenden
verrathen und verlassen sei, war der Drang gewesen, sich Vater und Mutter zu
Fen zu werfen und ihnen Alles zu gestehen. Aber es war genug, da ihr eigenes
Herz gefoltert ward, da sie sich selbst verloren hatte, da sie elend geworden
war, da sie sich verachtete und nicht mehr vorwrts, nicht mehr rckwrts zu
blicken wagte. Ihr war Alles entrissen, was bis dahin ihr Leben ausgemacht: nur
Eine Gewiheit und nur Ein Gefhl waren unverndert in ihr geblieben: sie wute,
da sie das Glck ihrer Eltern war, und sie liebte ihre Eltern. Daran mute sie
sich halten!
    Es wre ihr eine Befreiung gewesen, sich anzuschuldigen, ein Trost, sich zu
demthigen; denn es ist fr ein rechtschaffenes Herz leichter, verdienten Tadel,
als unverdientes Lob zu ertragen und eine Liebe ber sich walten zu fhlen,
deren es sich nicht mehr wrdig glaubt. Aber was sie selber auch empfand, wie
hart ihr Verstand und ihr Ehrgefhl sie verurtheilten, wie tief sie sich
erniedrigt fhlte, den Eltern mute und wollte sie zu bleiben suchen, was sie
ihnen gewesen war: ihr Stolz und ihre Freude. Sie mute schweigen, sie mute die
Wiederkehr einer Ruhe heucheln, nach der sie vergebens rang, mit der sie die
Eltern doch nicht vllig tuschte, und Heucheln fiel ihr schwer. Sie sah es, da
die feinen Furchen um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden
waren, seit seine Tochter ihm nicht mehr frhlich wie in vergangenen Tagen
entgegen kam. Es entging ihr nicht, wie sorglich die Blicke der Mutter auf ihr
ruhten, wie ngstlich die Eltern danach sphten, einen Strahl der alten
Lebenslust in der Seele ihres Kindes zu entdecken; sie htte sie selber suchen,
finden mgen, neuen Muth und neues Wollen und Streben; aber woher sollten sie
ihr kommen in dem Gefhle ihrer Erniedrigung und Herzgebrochenheit?
    Traurig, den Kopf auf die schmale, weie Hand gesttzt, sa sie eines Abends
an dem Fenster ihrer Stube. Drauen war das Wetter schlecht. Es war noch frh im
Jahre, ein kalter Wind jagte den Regen schrg durch die Luft und warf ihn
klatschend zur Erde. In den groen Lachen spiegelten sich die Lichter der
Laternen, welche die Leute, die unter ihren Schirmen in das Theater gingen, sich
vortragen lieen. Es war eine Schauspieler-Gesellschaft angekommen, welche fr
einige Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der
Auffhrung von Schiller's Fiesco begonnen hatte. Kein Gebildeter hatte bei
diesem Anla fehlen drfen, auch Seba hatte der Darstellung beigewohnt, und
Verrina's: Was that jener eisgraue Rmer, als man seine Tochter auch so - wie
nenn' ich's nur - auch so artig fand? lag noch schwer auf ihrer Seele.
    Sie war von Herzen traurig, sie konnte nicht deutlich denken, nur da sie
mde, bis zum Tode leidensmde sei, das fhlte sie mit dumpfer Schwere. Sie
hatte keinen religisen Glauben, an dem sie sich erheben, keine Kirche, in der
sie beten konnte, denn der Cultus, dem sie durch ihre Geburt angehrte, war ihr
fremd geblieben; sie hatte keinen verschwiegenen Beichtvater, dem sie sich
anvertrauen konnte, sie hatte keinen Erlser, an den sie sich wenden konnte. Sie
war ganz allein, ohne eine Sttze, ohne einen anderen Halt, allein mit der
unverbrchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens, die ihr sagte, da sie
gefehlt, da sie sich entehrt habe vor den Menschen und mehr noch vor sich
selber, und da kein fremder Trost und keine fremde Hlfe von ihr nehmen knne,
was sie selber auf sich geladen hatte.
    Paul, der auch an diesem Abende wie gewhnlich herunter gekommen war, um
seine Freundin zu besuchen, hatte sich allmhlich daran gewhnt, ihr schweigend
Gesellschaft zu leisten. Eine geraume Zeit sah der groe, schlanke Knabe
geduldig zu, wie auf der Strae die Lichter flackerten und wie die Leute mit dem
Winde kmpften. Endlich mochte er dessen berdrssig sein, denn sich zu Seba
wendend, bat er: Sprich doch mit mir!
    Sie berhrte es. Er wartete wieder eine Weile, ob sie sich nicht mit ihm
beschftigen wrde, dann sagte er ganz pltzlich: Seba, Du wirst Dich gewi auch
noch einmal ins Wasser strzen!
    Sie fuhr entsetzt empor. Wer hat Dir das gesagt? rief sie, indem sie ihn bei
den Hnden erfate.
    Ihre Stimme klang ihm fremd, und so gewaltsam hatte sie ihn niemals
angefat. Er frchtete sich vor ihr. La mich los, rief er erschreckend, la
mich los!
    Sie beachtete es nicht. Wer hat Dir das gesagt? wiederholte sie.
    Ich sehe es ja! gab er ihr zur Antwort.
    Was denn? Was siehst Du denn? drngte ihn Seba, der das Herz fast hrbar
klopfte; denn das schweigende Leiden unter lchelnder Miene hatte sie erschpft,
und schwarze, unklare Gedanken waren in ihr aufgetaucht, als unten in der Strae
das Wasser in den Lachen so gezittert und geglnzt. Eine schmerzliche Sehnsucht
hatte sie ergriffen und an ihrem Herzen gezogen. Sie htte fortgehen mgen, fort
von Vater und Mutter, weit fort, um einmal in einsamer Ferne ihre bitteren
Thrnen laut zu weinen und dann endlich nichts mehr fhlen zu drfen und all des
Elendes ledig zu werden, mit Einem Male fr immerdar.
    Was siehst Du? wiederholte Seba noch einmal, und ihre milder gewordene
Stimme lste des erschreckten Knaben Lippen.
    Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter, sagte er, und weinst immer
wie sie, Du wirst Dich auch noch wie sie ins Wasser strzen!
    Seba schlug die Hnde vor dem Gesichte zusammen, sie erschrak vor sich und
ihren eigenen Gedanken; des Knaben Worte hatten sie zur Besinnung gebracht. Ein
heies Mitleid fr die Todte mischte sich in Seba's Schmerz um das eigene
Geschick, und Mitleid ist Befreiung; denn wer Theilnahme fr einen Andern zu
empfinden vermag, reicht wenigstens in dem Momente ber die eigene Noth hinaus.
Die Thrnen schossen ihr in die Augen, inde diese Thrnen thaten ihr nicht so
wehe, als die unzhligen andern, welche sie seit der Unglcksstunde bis auf
diesen Tag vergossen. Und mitten in ihrer Hlfslosigkeit zuckte zum ersten Male
der Gedanke in ihr auf, da sie sich erlsen msse, wenn sie nicht ihr Leben
enden wolle; da sie whlen msse zwischen Selbstvernichtung und Selbsterhaltung
durch ein klar bewutes Thun, durch Selbsterhebung und durch Selbsterlsung.
    Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen, sie konnte ihre reine,
schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken, sie konnte Paulinen nicht mehr
helfen; aber sich selber konnte sie helfen, und Paulinen's Sohn war da! Sie und
dieser Knabe, Seba und Paul, sie gehrten zu einander, das war die Vorstellung,
die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte. Er war ein Verstoener, einer
Verstoenen und Verlassenen Sohn, und war sie doch auch entehrt und verrathen
und wie seine Mutter verlassen worden.
    Sie hatte es bisher stets vermieden, mit ihm von seiner Mutter und von
seinen Erinnerungen zu sprechen. Heute fragte sie ihn, was er von seiner Mutter
wisse. - Er hatte ein klares Gedchtni von dem letzten Gange mit ihr bewahrt;
er erinnerte sich ihres Hauses, seiner Heimath, des Wagens, in welchem der Baron
zu kommen gewohnt war, und er wute, da der Baron von Arten sein Vater sei.
Aber mit der Festigkeit, welche frhreife Kinder oftmals auszeichnet, hatte er,
nachdem der Zufall ihm einmal einen Theil seines Wissens entlockt, wieder
geschwiegen bis auf diese Stunde. Auch des Augenblickes entsann er sich, da er
die Kunde von dem Tode seiner Mutter erhalten hatte.
    Ich wei es noch sehr gut, sagte er, wie ich aufwachte und die Stube voller
Menschen war. Sie schrieen alle, die Mutter sei ins Wasser gestrzt, und die
Magd, welche bei uns diente, hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe
in der Hand und weinte.
    Seba schauerte zusammen. Was sollte aus ihr werden, wenn sie es nicht
vermochte, mit sich selber fertig zu werden, mit ihrer Schuld, mit ihrem
Unglcke? Wenn sie sich in grbelnder Verzweiflung auf dem Wege gehen lie, auf
welchem sie sich eben angetroffen? Was sollte aus ihren Eltern werden, wenn die
Leute einmal in ihr Zimmer trten, ihnen des einzigen Kindes Tuch und Schuhe
vorzuzeigen?
    Nein, nein, niemals! rief sie voll Entsetzen aus und umschlang den Knaben,
als msse sie sich an sein blhendes Leben halten, um sicher vor dem Tode zu
sein. Ich will nicht untergehen, ich will und werde nicht zu Grunde gehen! Ich
will leben bleiben, Paul! Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern, bei meinen
guten, armen Eltern, lieber Paul!
    Sie weinte bitterlich und weinte lange. Paul, wie alle Kinder von der
Rhrung eines Erwachsenen leicht berwltigt, weinte mit ihr. Er hielt sie mit
seinen Armen umfat, und es war ihr, als lse sich das pressende Band von ihrer
Stirn, als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durchziehe eine milde
Wrme ihre Brust. Ihre Thrnen hrten zu flieen auf, auch sie umfate den
Knaben zrtlich, und ihn an sich drckend, sagte sie: Paul, habe mich doch lieb!
    Ja, antwortete er ihr ernsthaft.
    Und wir wollen recht gut sein, Paul!
    Ja, entgegnete er ihr wieder.
    Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen! Hrst Du, rechte Freude,
Paul! Und hier in meiner Stube wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzhlen,
und Du mut recht brav werden, Paul! Ich will Dich auch so lieb haben, wie Deine
Mutter, ich will Deine Mutter sein, Paul! rief sie, und es kamen Kraft und
Freude in ihre Stimme bei den Worten. Ich will Deine Mutter sein, Paul, und Du
sollst mein Sohn sein, das heilige Vermchtni Deiner armen Mutter! wiederholte
sie.
    Kommen wir dann auch in das Schlo und in den Park? fiel ihr der Knabe in
die Rede, der sich nach Kinderweise schnell erheiterte und dadurch auf die
angenehmen Vorstellungen verfiel, welche ihn im Stillen oftmals beschftigt
haben mochten.
    Nein, entgegnete sie, indem sie traurig auf ihn niederblickte, nie! Wir
kommen beide nicht hinein, nicht Du, nicht ich! Aber leben wollen wir bleiben,
leben will ich bleiben fr die Eltern und fr Dich! - Leben! rief sie noch
einmal, tief Athem schpfend, indem sie sich emporrichtete; leben und lieben,
helfen und retten, und auch mich selbst erretten will ich!

                                Eilftes Capitel


Das Zerwrfni zwischen dem Prsidenten und seiner Freundin war ein unheilbares
geblieben, aber die Kriegsrthin hrte, als eine kluge Frau, bald auf, dies zu
beklagen. Sie behauptete, in ihres Mannes Freundschaft Ersatz zu finden, und die
Leute waren geneigt, ihr dies zu glauben. Sie erschien nicht mehr so oft allein
in der Gesellschaft und an ffentlichen Orten, Herr Weienbach verlegte sein
Arbeitszimmer neben ihre Wohnstube, und wenn er sich gegen Herrn Flies auch
hufig darber beschwerte, da es ihm gar zu viel Zeit und Geld koste, bestndig
den Begleiter seiner Frau zu machen, so mute er doch seine Grnde haben, sie
nicht mehr wie frher sich selber zu berlassen.
    Im Uebrigen nderte das Fortbleiben des Prsidenten in der Lebensweise der
Familie nichts, bis kurz vor dem Herannahen eines neuen Jahres der Kriegsrath
einmal eine lange und geheime Unterredung mit seinem Hausherrn gepflogen hatte.
Was dabei verhandelt worden war, darber sprachen beide nicht; es fiel aber den
Freunden der Kriegsrthin auf, da sie von Neujahr ab ein paar Zimmer ihrer
Wohnung an den Architekten berlie, den sie in der Familie ihres Wirthes kennen
gelernt hatte.
    Jeder, der es von ihr hren wollte, konnte jetzt von der Kriegsrthin
vernehmen, wie erwnscht die Gesellschaft eines Mannes von Herbert's Namen und
Bildung ihr fr ihre stille Huslichkeit dnke; aber sie war jetzt eben so wenig
als frher in der Lage, sich den Anforderungen ihrer weit verbreiteten
Geselligkeit zu entziehen, und Herbert hatte es auch nicht auf den Umgang mit
der schnen Laura abgesehen, als er sich fr die Wohnung entschied, welche sie
zu vermiethen wnschte.
    Seit er, bei seinem ersten Verweilen in der Familie Flies, Seba's
Zusammenbrechen bei der Erwhnung der sndhaften Wette des Grafen Berka erlebt,
hatte sich Herbert berzeugt gehalten, da sie selbst der unglckliche
Gegenstand jener Wette gewesen sei. Er war bald wieder in das Haus gekommen,
sich, wie die Hflichkeit es forderte, nach ihrem Ergehen zu erkundigen, und ihr
tiefes, stilles Seelenleid hatte ihr sein mnnliches Mitleid gewonnen. Fern von
jener Neugier, die fr den Leidenden so qulend ist, weil sie fr ihn die
Nothwendigkeit der Selbstbeherrschung steigert, behandelte er sie mit der
Voraussetzung, da sie unglcklich sei, und die vorsichtige Weise, mit der er
ihrem trben Sinne hier und da eine freundliche Vorstellung unterzuschieben
wute, bot ihr durch eine lange Zeit das einzige Labsal, fr das sie empfnglich
war. Er muthete ihr nicht zu, sich des eigenen Daseins zu erfreuen, er verlangte
niemals, da sie von sich spreche; aber er erzhlte ihr von seinen Reisen, von
seinen Erlebnissen, von seinem Aufenthalte auf Schlo Richten und in Rothenfeld;
und, herzenskundig durch den eigenen Schmerz, errieth sie, was er ihr nur
zgernd anvertraute: den Zwiespalt, unter dem er sich zwischen der Grfin und
Eva bewegt, die Krnkung, welche er erfahren hatte, und die Ueberwindung, die es
ihn jetzt kostete, so oft er nach Richten gehen mute. Da er nicht vllig mit
sich einig, da auch er noch ein in seiner Entwicklung Begriffener war, machte
ihn Seba nur noch werther. Wenn sie ihn ermuthigte, sprach sie sich selber damit
Muth ein; wenn sie sich gelegentlich zu erheitern strebte, erheiterte dieses
Bestreben sie selbst, und wenn sie, erhoben von dem Gedanken, da sie einem
Andern, einem edlen jungen Manne doch noch etwas zu leisten und zu sein vermge,
sich einmal freier gehen lie, so ward er fr seinen selbstlosen Antheil an ihr,
durch den Einblick in ein liebevolles, reiches Herz belohnt, das glcklich zu
sein verdiente und sich doch des Rechtes, es jemals zu werden, fr verlustig
hielt.
    Wie man nach langer, schwerer Krankheit mit Rhrung aufs Neue ins Leben
tritt und mit zagendem Erstaunen wieder die ersten Schritte wagt, so bewegt
fhlte sich Seba, nachdem sie zu dem Entschlusse gelangt war, sich aufzurichten,
um ihrer Eltern, um des fremden Knaben willen. Alles erschien ihr neu. Die
Zrtlichkeit ihrer Eltern dnkte ihr grer, als je zuvor, denn sie nannte sie
ein unverdientes Glck, dessen sie sich wrdig machen msse. Sie erschrak vor
der langen Reihe von Tagen, die sie in ihrem dumpfen Schmerze verloren; sie
hatte sie den Eltern entzogen und mute diese dafr entschdigen. Jede Stunde
wurde ihr werth, jeder Tag kostbar, denn es galt, eine Schuld der Dankbarkeit zu
zahlen, Liebespflichten zu erfllen und dem Lebenszwecke zu gengen, den sie
sich in der Erziehung Paul's gestellt hatte.
    Wenn die Mutter ihre Freude darber aussprach, da der Blick der Tochter
sich erhelle, wenn der Vater es mit Genugthuung bemerkte, da sie sich wieder
mit erhhtem Eifer ihren frheren Beschftigungen und Studien berlie, und wenn
beide geneigt waren, diese glckliche Wandlung auf Herbert's Einflu zu
schieben, so pflegte Seba Paul an sich heranzuziehen und mit ihrem
schwermthigen Lcheln freundlich zu sagen: Ich wei wohl, wie viel Ermunterung
ich Herbert schulde, aber da ich fr dieselbe empfnglich geworden bin, das
danke ich dem Paul. Ich habe ihn an Kindesstatt angenommen und er mu doch ein
gutes Beispiel an mir haben! Man nahm das fr einen Scherz, freute sich, da
Seba wieder scherzen mochte, und hinderte sie nicht, den Knaben so viel als
mglich in ihrer Nhe zu haben, der still und ernsthaft, wie er sich von Anfang
an erwiesen, zwischen seiner Beschtzerin und ihrem Freunde Herbert heranwuchs.
    Er war keines der Kinder, die durch geistreiche Einflle berraschen, durch
lebhafte Gefhlsuerungen fr sich einnehmen, aber er beobachtete scharf, und
weil er in dem Hause seiner Pflegeeltern niemals eine besondere Anregung zum
Aussprechen seiner Gedanken erhalten, hatte er schweigen, sich beherrschen und
seine Eindrcke in sich festhalten gelernt. Ohne ein Wort davon kund zu geben,
ohne danach zu fragen, hatte er sich auf seine Art eine eigene Vorstellung davon
gebildet, da eine Aehnlichkeit zwischen dem Schicksale seiner Mutter und dem
Schicksale Seba's obwalte, da Graf Berka Seba eben so unglcklich gemacht habe,
als der Freiherr von Arten seine Mutter, und wenn er auch nicht vllig verstand,
was seine Beschtzerin damit meinte, da sie ihm ihre Wiederherstellung
verdanke, so wute er doch, da seine Liebe ihr wohlthue, da er die Macht habe,
ihr Freude zu bereiten, und da er Niemanden lieber habe, als sie.
    Er war fleiig, weil Seba ihn dann belobte; er lernte die lebenden Sprachen
gern und schnell, weil sie ihn darin unterrichtete, und unmerklich, wie unser
ganzes Denken und Thun auf die Kinderseelen einwirkt, prgten sich ihm die
Vorstellungen und die Anschauungsweise der Personen ein, denen er seine Liebe
zugewendet hatte.
    Er hrte in der jdischen Familie ber die Vorurtheile klagen, welche die
Menschen von einander halten, er hrte den Hochmuth und die Anmaungen des
Adels, die hohlen Ansprche der Beamtenwelt, die Unduldsamkeit der verschiedenen
Culte gegen einander bald bedauern, bald tadeln und verspotten, und seine
eigenen kleinen Erlebnisse boten ihm Beweise und Erklrungen fr die Grundstze,
welche er ohne das vielleicht nicht verstanden haben wrde. Der Kriegsrath und
seine Frau, wie freundlich sie der Flies'schen Familie begegneten, sprachen doch
immer mit einer gewissen Geringschtzung von ihrem Wirthe, weil er ein Jude und
nur ein Kaufmann war; aber was der Knabe sah und hrte, fiel Alles zu Gunsten
dieses Juden und seiner Familie aus. Oben bei seinen Pflegeeltern hatte Alles
ein doppeltes Gesicht, unten bei den Juden blieben die Dinge sich immer gleich.
Der Kriegsrath und Laura waren im Beisein dritter Personen lauter Gte und
Freundlichkeit mit einander; befanden sie sich allein, so sprach Herr Weienbach
nur selten mit seiner Frau, und es gab Mihelligkeiten und Verdru von allen
Arten. Weil man vor den Leuten den Aufwand zeigen wollte, der einer angesehenen
Beamtenfamilie zukam, sparte und geizte man, wo Andere es nicht sahen, und
whrend man berall von Menschenpflichten und christlicher Liebe sprach, war man
fr die Aufrechthaltung des ueren Anstandes jedes Thalers und Groschens so
benthigt, da man dem Nothleidenden beizuspringen sich versagen mute.
    Der Kriegsrath litt von diesen Zustnden ganz unverkennbar. Er klagte, da
Alles theurer werde, ohne da die Einnahmen des Beamten sich vergrerten; er
wollte, da sich Laura die gewohnten Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten
versagte, und doch sah er selber es nicht gern, wenn sie weniger wohl gekleidet,
weniger heiter schien, wenn den Standesgenossen und Collegen nicht die frhere
Gastfreiheit bewiesen wurde. Was sollten sie von seiner Lage denken, wenn er bei
gleichen ueren Umstnden nicht die gleichen Lebensgewohnheiten aufrecht
erhielt? Paul hrte ihn oftmals sagen, da derjenige glcklich sei, welcher nur
nach seinem eigenen Ermessen leben knne, der nicht zu berlegen brauche, wie
Vorgesetzte und Collegen sein Thun und Treiben anshen, und unwillkrlich, wenn
der Kriegsrath dem Knaben Mitleid mit seinen Sorgen einflte, dachte der Knabe,
da er niemals ein Beamter werden wolle, um thun und lassen zu knnen, was er
wolle, und sich um Niemanden kehren zu drfen, wie Herr Flies.
    Unfhig, in seinem Urtheile das Besondere von dem Allgemeinen verstndig zu
sondern, fate er doch seine Meinung ber die ble Lage der Beamten und ber das
beneidenswerthe Loos des Kaufmanns; denn in gleichem Grade, wie bei seinen
Pflegeeltern die heimlichen Verlegenheiten und Entbehrungen wuchsen, gedieh
durch die Handelsspeculationen des Vaters Alles in dem Flies'schen Hause.
    Das Nothwendige war im Ueberflu vorhanden, alles Erwnschte konnte man sich
bereiten und schaffen. Die liebevolle Sorgfalt, mit welcher die Eheleute
einander begegneten, wurde nur von der Hingebung der Tochter fr die Eltern
bertroffen. Die alten Dienstboten, die Comptoir-Gehlfen waren wohl gehalten,
kein Armer, kein Hlfsbedrftiger ging ungetrstet von dannen, und doch waren
diese Menschen, die das Gute thaten, wo sie irgend konnten, keine guten
Protestanten, keine Christen, wie seine Pflegeeltern; doch hatten sie kein Amt,
kein Ansehen vor der Welt, trotzdem die Personen, welche als Freunde ihr Haus
besuchten, sie achteten und liebten, und Viele, die er in herablassender
Vornehmheit von Herrn Flies sprechen hren, sich heimlich Rath und Hlfe suchend
an denselben wendeten.
    Bei seinen Pflegeeltern urtheilte man wegwerfend ber die Juden, mitrauisch
und widerwillig ber die Katholiken, und bei seinen Freunden lchelte man ber
die Wunder, welche der Knabe in der Schule als Glaubensstze hinzunehmen hatte.
Niemand lie es sich besonders angelegen sein, in ihm die dem Menschengeiste
innewohnende Folgerichtigkeit des Denkens und Schlieens zu Gunsten der uralten
Mythen und der phantastischen Ueberlieferungen zu beschrnken oder zu verwirren,
aus denen sich das uere Gewand aller positiven Religionen zusammensetzt. Er
hrte, da sein Vater katholisch sei, auch der Herr Caplan, der sich im Verlaufe
der Jahre ein paar Mal nach ihm erkundigen gekommen, war ein Katholik, seine
Pflegeeltern waren Protestanten, die ihm liebsten Menschen, Seba und ihre
Eltern, waren Juden, und Einer wie der Andere sprach geringschtzend von dem
Glauben, zu dem er sich nicht selbst bekannte. Das zerstrte in dem Knaben
unmerklich aber sicher das eigentliche Glaubensvermgen, und die hingeworfene
Aeuerung der Kriegsrthin, da der Herr Caplan wohl daran denken mge, Paul
einmal katholisch zu machen, da er ja auch die Frau Baronin bekehrt habe,
brachte diesem frhzeitig den Begriff bei, da die Religion dem Menschen nicht
angeboren, nicht unzertrennlich Eins mit ihm sei, sondern da man sie whlen
oder wechseln knne. Sie duchte ihm wie ein Stand, wie ein Beruf zu sein, den
man sich erwhle, und da Kinder leicht von den Zuflligkeiten des einzelnen
Falles allgemeine Folgerungen ziehen, berraschte Paul eines Tages Seba und
ihren Freund mit der pltzlich ausgesprochenen Erklrung, da er nicht
katholisch, sondern ein Jude werden wolle.
    Man sah ihn verwundert an und lachte ber ihn, wie man ber Kinder zu lachen
pflegt, wenn man sich nicht die Mhe nehmen will, ihren Aeuerungen
nachzudenken; aber Paul wiederholte seine Erklrung so bestimmt, da Herbert,
der um Seba's willen sich ihm zugewendet hatte, die Frage an ihn richtete, wie
er darauf komme.
    Sie sagen ja, da Sie wieder nach Richten fahren werden, da sollen Sie es
dem Herrn Caplan bestellen, da ich nicht katholisch werden will! erklrte der
Knabe.
    Aber wehalb denn nicht? fragte Herbert scherzend.
    Paul besann sich. Weil - hob er an, brach dann ab und sagte, als finde er
nicht fr gut, seine Grnde anzugeben, kurz und trocken: Ich will ein Kaufmann
werden wie Dein Vater, Seba. Der ist gut zu Deiner Mutter und behlt Dich bei
sich!
    Herbert und Seba verstanden beide die lange Gedankenreihe, welche sich
hinter den Worten des Knaben verbarg und in der sich Richtiges und Falsches,
scharfe Schlsse und auffallende Begriffsverwechslungen mit einander nach
Kinderart vermischten; aber Herbert meinte, es sei nicht der belste Gedanke,
auf welchen der Knabe verfalle, wenn er Kaufmann werden wolle. Seba wendete ein,
da der Herr Caplan einmal geuert, Paul solle, wenn er erwachsen sei, die
Rechte studiren, da man ihn fr den Staatsdienst bestimme; Herbert jedoch legte
darauf kein Gewicht.
    Der Herr Caplan wird nicht ewig leben, sagte er; und was dann?
    Seba antwortete ihm leise; auch Herbert's Gegenrede wurde so leise gegeben,
da der Knabe fhlte, man wolle sie ihm entziehen; inde er hatte doch einzelne
Worte vernommen, und diese reichten hin, ihn in der Voraussetzung zu bestrken,
da sein Vater sich nicht eben um ihn sorge, da in Schlo Richten Jedermann
vollauf mit sich selbst zu thun habe.
    Am nmlichen Abende, als Seba sich mit dem Knaben allein befand, fragte er
sie, was sie wohl thun wrde, wenn ihr Vater sie nicht mehr liebte.
    Ich wrde mich bemhen, seine Liebe zu verdienen! gab sie ihm zur Antwort.
    Ja, wenn Du bei ihm wrest! meinte er; aber wenn man nicht bei seinem Vater
ist?
    Dann wrde ich suchen, mich so tchtig und so brav zu machen, da er stolz
auf mich werden und mich zu sich rufen mte!
    Der Knabe hatte jedoch offenbar einen anderen Bescheid erwartet, denn er
blickte sie unbefriedigt an, als wisse er sich nicht zu helfen, bis er nach
einer Weile, sichtlich beruhigt durch die Lsung, welche er in sich gefunden
hatte, achselzuckend sagte: Freilich, Du bist auch nur ein Mdchen, Du kannst
nicht in die weite Welt gehen!
    Sie mochte das absichtlich gar nicht weiter berhren, denn je mehr Paul
heranwuchs, um so lebhafter entwickelte sich seine Phantasie, und was diese
erschaffen hatte, dessen bemchtigte sich die schweigende Beharrlichkeit des
Knaben und spann es aus und hielt es fest, bis man bei irgend einem zuflligen
Anlasse es gewahrte, da er wieder eine neue und feste Vorstellung gewonnen,
einen eigenen Gedanken gefat habe. Jeder selbstgewonnene Gedanke ist aber eine
Stufe zu der Selbstndigkeit, durch welche das Kind sich von seinem Ursprunge
ablst, um sich als gesonderte Persnlichkeit in die Gesammtheit einzureihen und
in derselben zu behaupten.
    Es ist schwer zu bemerken, dieses allmhliche Aufsteigen zur
Selbstndigkeit, schwerer noch, anzugeben, durch welche unscheinbaren Mittel und
Anste es gefrdert und geleitet wird. Es waltet auch hier, wie ber allem
Werden ein Geheimni, das sich in dem Einen langsam, in dem Andern pltzlich
enthllt, so da wir bisweilen staunend da stehen und uns fragen: Ist dies
dasselbe Wesen, das wir kannten? Ist dies der Knabe, der Jngling, der noch
gestern vor uns stand? Wir glauben ein Wunder zu sehen, weil wir nicht
beobachtet, nicht verstanden haben, was geschah; und nicht nur an Anderen, auch
an sich selber glaubt man solche Rthsel, solche Wunder zu erleben, wenn man aus
irgend einem Grunde sein Herz nicht prfen, wenn man nicht untersuchen mag, was
man fhlt und denkt.

                                Zwlftes Capitel


In der Lage, eine ernste Selbstprfung zu scheuen, befand die Baronin von Arten
sich seit langer Zeit. Sie war nicht wieder Herr ber sich selbst geworden, seit
sie es sich und der Herzogin eingestanden, da sie Herbert liebe, und seit
dieser vollends durch ihre Schuld das Schlo verlassen hatte, konnte sie nicht
mehr zur Ruhe kommen.
    Getheilt zwischen ihrem Pflichtgefhl und zwischen der Leidenschaft einer
ersten Liebe, die um so strker in ihr brannte, als sie nicht in dem blden
Herzen eines Mdchens, sondern in der vollbewuten Seele einer reifen Frau
entstanden war, eben so bange vor der Hoffnung, geliebt zu werden, als vor der
Besorgni, ihre Liebe nicht erwiedert zu finden, suchte sie Anfangs Trost in dem
Rathe des bewhrten Freundes, des Caplans; aber ihr eigener aufgeregter Sinn und
der Einflu der Herzogin hatten auch Angelika's Verhltni zu ihrem Beichtiger
angetastet und getrbt.
    Wenn der Caplan ihr bewies, da die Entfernung Herbert's nothwendig gewesen
sei, sofern sie nicht habe eidbrchig werden wollen, so konnte er bemerken, wie
sich statt der Reue ber ihre Liebe eine Emprung gegen ihre Ehe in ihr erhob
und wie sie sich jetzt mit einer gewissen Befriedigung der Vergangenheit und der
Abenteuer ihres Gatten erinnerte, um in ihnen eine Beschnigung fr ihr eigenes
schwankendes Herz zu finden. Alles, was der Geistliche ihr zu bedenken gab,
wurde mit der Herzogin durchgesprochen, und da die Frauen trotz der groen
Verschwiegenheit, deren sie fhig sind, in ihrem Vertrauen keine Grenze kennen,
wenn sie den ersten Verrath an ihrem eigenen Geheimni begangen, so erfuhr die
Herzogin nicht nur Alles, was Angelika wollte und wnschte, hoffte und
frchtete, sondern auch Alles, was zwischen ihr und ihrem Beichtiger geschehen
war und geschah. Selbst das stille, heilige Geheimni seines Herzens, welches er
der Baronin einst als Zeichen seines Glaubens an sie enthllt, wurde der
Herzogin Preis gegeben und von ihr gegen den Caplan benutzt.
    Sie tadelte ihn nicht, im Gegentheil, sie lobte, sie bewunderte seine
Entsagung, aber sie beklagte es, da sein Leben nicht reicher, seine Erfahrung
nicht ausgebreiteter gewesen, da er immer in den engen Kreis der freiherrlichen
Familie gebannt geblieben sei. Sie nannte es ein Unglck, da er auf diese Weise
nicht habe begreifen lernen, wie es nicht Jedem gegeben sei, seinen Frieden auf
die gleiche Weise zu finden, auf die gleiche Weise zum Abschlusse zu kommen, und
sie erinnerte daran, da es leichter sei, sich von einer sterbenden Heiligen
loszureien, deren achtender Liebe man sich sicher fhle, als von einem Manne,
dem man in der Absicht, sich selbst zu erretten, eine Beleidigung zugefgt habe.
    Fr einen irregeleiteten Sinn giebt es aber nichts Gefhrlicheres, als einen
falschen Freund, der ausspricht, was man sich nicht einzugestehen wagt, der
vorschlgt, was man heimlich ersehnt, und der dadurch in demselben Grade an
Herrschaft ber den verblendeten Menschen gewinnt, wie dieser sie ber sich
verliert. Der Einflu der Herzogin grndete sich auf Angelika's Liebe, an deren
Entstehung jene weit mehr Antheil hatte, als die Baronin es fr mglich erachtet
haben wrde. Diese Liebe und das aus ihr entspringende Schuldbewutsein muten
also erhalten, muten gesteigert werden, wollte die Herzogin ihre Herrschaft
bewahren. Sie wurde berflssig, wenn Angelika zum Frieden mit sich selbst
gelangte; ihre Macht in der freiherrlichen Familie wurde grer, wenn es ihr
gelang, Angelika und Herbert einander nher zu bringen und dem Freiherrn auch
nur den leisesten Zweifel an der unverbrchlichen Tugend seiner Gattin
einzuflen.
    Die Herzogin hatte es daher seiner Zeit kaum bemerkt, da Angelika die Hrte
bedauerte, mit welcher sie Herbert von sich aus und aus ihrer Gesellschaft
entfernt, und da sie ihn wiederzusehen, ihm die Krnkung zu vergten wnschte,
die sie ihm zugefgt, so war sie auch schnell bereit, den Fehler ungeschehen zu
machen, den sie mit ihrem ersten Rathschlusse begangen zu haben fhlte. Sie
gestand der Baronin, da sie sich ber die Strke ihrer Leidenschaft getuscht,
da sie gehofft habe, eine kurze Entfernung werde gengen, das Bild des jungen
Mannes in der Phantasie der Baronin erbleichen zu lassen, und wie sie derselben
jetzt keinen anderen Weg zu rathen wisse, als sich nun durch ein vlliges und
rckhaltloses Aussprechen mit Herbert, wozu ihr bei der nchsten Anwesenheit des
jungen Mannes die Gelegenheit nicht fehlen knne, die nothwendige Befreiung
ihres Herzens zu bereiten.
    Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche der liebenden
Frau, und die Aussicht, Herbert wiederzusehen, nahm ihre ganze Seele gefangen.
Inde Angelika war es noch nicht gewohnt, sich in Zwiespalt mit sich und ihrem
Gewissen zu finden, und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres Herzens
ausgemalt hatte, was sie alles Herbert sagen, was sie dabei empfinden, was er
ihr antworten werde, so warf ein Blick auf ihren Sohn sie in die lebhafteste
Reue zurck und sie fhlte sich unfhig, ihrem Gatten zu begegnen oder ihre
Stirne vor dem sanften sorgenvollen Auge ihres geistlichen Berathers zu erheben.
    Ihre Liebe steigerte sich an ihrem innern Kampfe, und Herbert zgerte, zu
kommen. In jeder Woche, an jedem Tage durfte man auf seine Ankunft rechnen, denn
die Zeit der Arbeitseinstellung nahte fr dieses Jahr heran, und auch der
Amtmann hatte Grnde, dieselbe lebhaft zu ersehnen.
    Endlich, gegen das Ende des October, traf Herbert an einem Morgen im
Amthause ein, und ritt am Nachmittage, als er den Bau in allen seinen Theilen
besichtigt, nach Richten hinber. Es war eine sehr qulende Empfindung, mit
welcher er das Schlo betrat. Man sagte ihm, da Besuch im Hause sei; er lie
sich melden, wurde angenommen, und heiter und zutraulich wie in den besten Tagen
kam der Freiherr ihm entgegen. Er hatte ein paar Edelleute bei sich, denen er
Herbert als einen sehr verdienten jungen Knstler vorstellte, als den Sohn eines
Freundes, an dem er also doppelt Theil nehme.
    Der Freiherr legte dabei jene bequemen weltmnnischen Manieren an den Tag,
die ihn so vortrefflich kleideten, aber sie machten auf Herbert nicht mehr den
wohlthuenden Eindruck wie sonst, sie beleidigten ihn vielmehr. Er fhlte, da
diese liebenswrdige Herablassung nur eine Schaustellung sei, in welcher der
Freiherr sich vor seinen Gsten gefiel, und er sagte sich, da er ihn selbst mit
seiner Freundlichkeit beleidige, da er, indem er sich es erlaube, ihn nach
seiner jedesmaligen Neigung zu behandeln, das Rechtsverhltni zwischen ihnen
aufhebe, nach welchem jeder rechtschaffene Mensch von den Personen, mit denen er
verkehrt, vor allen Dingen die ihm gebhrende gleichmige Behandlung zu
verlangen habe.
    Der Freiherr fhrte Herbert darauf in sein Arbeits-Cabinet, das
Geschftliche wurde mit gewohnter Leichtigkeit behandelt, es war auch
gelegentlich von dem Baue des Pavillons oder Tempels wieder die Rede, und
Herbert, der jetzt eben so viel Scheu davor trug, der Baronin zu begegnen, als
er in frheren Tagen Verlangen gehegt, sie in dieses Zimmer treten zu sehen,
wute den Gang der Verhandlungen noch zu beschleunigen. Mehrmals glaubte er
jenes Rauschen eines seidenen Kleides zu vernehmen, welches ihm sonst das Herz
bewegt hatte. Aber Niemand erschien; und als er auf des Freiherrn Worte, da er
ihn morgen wiederzusehen hoffe, da er ihn morgen zur Mittagstafel erwarte,
nothwendige Geschfte vorgab, die ihn in der nchsten Frhe abzureisen
nthigten, nahm Jener das an, ohne ihm fr den gegenwrtigen Tag eine Einladung
zu machen, und entlie ihn freundlich, aber eilig.
    Es ward Herbert erst wieder frei ums Herz, als er das Portal des Schlosses
hinter sich hatte und als er, durch den kalten, windigen Nachmittag den
wohlbekannten Weg nach Rothenfeld zurckreitend, die Rauchsule aus dem breiten
Schornstein des Amthauses ber die dasselbe umgebenden Bume emporwirbeln sah.
    Die Sonne war im Untergehen, als er den Hof erreichte. Einer der Knechte
nahm ihm das Pferd ab. Als er zu ebener Erde in die bereits geheizte Stube trat,
fand er sie leer. Er setzte sich an das Fenster, in welches die helle Gluth des
Abendrothes hineinstrahlte. Drauen fuhr ein vierspnniger Wagen, mit einem
gewaltigen Eichenstamme beladen, langsam in den Hof, whrend die letzten Schlge
der Dreschenden auf der Tenne verklangen, und die Krhen in whlerisch
kreisendem Fluge ihr Nachtquartier auf den Dchern der Scheunen und Stlle
aufsuchten. Er sah, wie man die Pferde von dem Wagen abspannte, wie man sie in
die Stlle fhrte, wie die Thren der Scheunen geschlossen wurden, wie die
Arbeiter einer nach dem andern sich entfernten und wie die Gluth und
Farbenpracht des Himmels erloschen, und in die Dmmerung versanken. Das milde
Zwielicht, die Wrme des Zimmers, das bekannte Ticken der alten Uhr, das vom
Flur hereintnte, waren ihm uerst angenehm. Er wute, da seines Bleibens auch
hier nicht sei, aber er fhlte seinen aufgeregten Sinn von dieser Umgebung, in
welcher Alles von der ruhigen Dauer eingewohnter Zustnde Kunde gab, angenehm
besnftigt.
    Was denken Sie? fragte ihn Eva, als sie, das groe Schlsselbund am Grtel,
in das Zimmer trat und in der Nhe des Ofens die Hnde gegen einander rieb, die
ihr beim Schaffen in Kche und Kammer kalt geworden waren.
    Ich denke, wie heimisch ich hier bin!
    Heimisch? wiederholte sie; und das fllt Ihnen heute ein, da Sie eben so
lange von uns fort gewesen sind?
    Ja, eben dehalb, denn es ist mir, als sei ich endlich wieder nach Hause
gekommen! Ich bin so gern hier!
    Er sagte das ohne jede Galanterie, und sie nahm es eben so einfach auf, ohne
sich in ihrer huslichen Thtigkeit stren zu lassen. Sie langte einen
Fruchtkorb aus dem groen Glasschranke herunter, fllte ihn mit den
frischduftenden Aepfeln und Pflaumen, welche eine Magd ihr zutrug, zndete
darauf die Lichter an und setzte sich Herbert gegenber an das Fenster.
    Sind Sie mit meinem Bruder zufrieden? fragte sie nach einer Weile. Er hat
arbeiten lassen, so viel er irgend konnte, und mir scheint auch, als wre man im
Innern mit dem Baue tchtig vorwrts gekommen.
    Waren Sie dort, liebe Eva?
    Ja, alle Tage, versetzte sie, und ich habe den Bruder recht darum geqult,
da er hbsch viel Leute anstellen sollte, fgte sie hinzu; aber Sie glauben gar
nicht, wie er von allen Ecken und Enden geplagt wird. Sie gnnen ihm jetzt keine
Stunde Ruhe, und es wre bald nthig, da er und ich Alles mit eigenen Hnden
thten. Denn wo ein Knecht oder eine Magd nur irgend anstellig ist, da werden
sie jetzt zur Aushlfe aufs Schlo und zu den neuen Anlagen in den Treibhusern
befohlen, und alles Andere mag sehen, wie es fertig wird. Auch nach Ihnen haben
sie in den letzten Wochen schon einige Male gefragt!
    Der Freiherr wute ja, bedeutete der Architekt, da ich vor Ende dieses
Monates nicht zu kommen brauchte.
    Das hatte er lngst vergessen, meinte Eva, denn er hat jetzt an ganz andere
Leute und an ganz andere Dinge zu denken, als an Sie und Ihren Bau. Meine Mutter
pflegte schon immer zu sagen: Die Herrschaften haben ein gehorsames Gedchtni!
Was sie nicht eben selbst angeht, was ihnen nicht nthig oder unterhaltend ist,
das vergessen sie.
    Eva hob dabei den Kopf mit einer kleinen wegwerfenden Miene in die Hhe, und
Herbert schwieg. Er hatte Gelegenheit gehabt, hnliche Erfahrungen zu machen,
aber er mochte nicht davon sprechen, sondern verlangte zu hren, wie es Eva
whrend seiner Abwesenheit ergangen sei.
    O, meinte sie, davon ist mancherlei zu erzhlen. Ich habe hier zuweilen sehr
vornehmen Besuch gehabt. Die Frau Baronin ist selbst mehrmals bei uns gewesen,
und hat bei mir nachgefragt, ob wir die Herbstlieferungen auch zur rechten Zeit
und gehrig besorgen wrden.
    Sie sprach das mit unverkennbarem Spotte, und Herbert fragte, ber die
Thatsache erstaunt, ob denn die Baronin eine Landwirthin sei.
    O nein, rief Eva; sie wute auch eigentlich gar nicht, was sie sagen oder
wonach sie fragen sollte.
    War sie denn nie zuvor im Amte?
    Ja, einmal vor Jahren, als sie mit dem gndigen Herrn in Richten
eingetroffen war, und damit half sie sich auch, als sie jetzt zum ersten Male
hieher kam. Sie sagte, sie wolle das Haus sehen, ich sollte es ihr zeigen, aber
das ganze Haus. Ich mute also auch Ihr Zimmer aufschlieen, Mosje Herbert, denn
sie verlangte ausdrcklich zu wissen, wo Sie hier untergebracht wren; und als
ich dann die Laden oben bei Ihnen aufgemacht hatte, setzte sie sich eine Weile
auf Ihren Stuhl an das alte Bureau, an dem Sie schreiben, sah da zum Fenster
hinaus und rief immer: Welch' schne Aussicht! Welch' liebliche Aussicht! Aber
von hier sieht man ja das Schlo nicht! Hat Sie denn kein Zimmer, Mamsell Eva,
das nach dem Schlosse hinaussieht? Das htte Sie dem Herrn Architekten geben
sollen! - Ich mute ihr darauf auch die Hinterstuben ffnen, denn sie wollte
nicht glauben, da man hier vom Amte das Schlo gar nicht sehen knne.
    War der Baron mit ihr? fragte Herbert, und es fiel ihm auf, wie gleichgltig
er sich nach der Frau erkundigen konnte, an die er einst mit so
leidenschaftlicher Verehrung und Hingebung gedacht hatte.
    Nein, sie kam ganz allein, entgegnete ihm Eva. Sonst freilich, als sie noch
fter nach den Leuten, nach den Armen und Kranken sehen fuhr, da pflegte der
Herr Caplan sie bei ihren Ausfahrten zu begleiten. Seit aber die Frau Herzogin
immer mit ihr ist, haben die Krankenbesuche fast ganz aufgehrt, und hierher -
nun, hier wollte sie wohl die Herzogin nicht bei sich haben!
    Herbert meinte, das sei also der eine Besuch gewesen, was die Baronin denn
bei den anderen Besuchen gewollt habe?
    O, gar nichts, entgegnete Eva. Die anderen Male lie sie nur hier halten und
erkundigte sich, wann Sie kmen, weil sie gern ein paar Zeichnungen fr die
Betschemel in ihrer Kirche von Ihnen gemacht haben wollte. Vorgestern aber stieg
sie aus; das Wetter war sehr schn, und weil sie Durst hatte, befahl sie, da
ich ihr ein Glas frische Milch in den Garten bringen sollte. Als ich sie dorthin
gefhrt hatte und rasch nach dem Milchkeller laufen wollte, rief sie mich zurck
und sagte, sie htte damals oben in Ihrer Stube ihr Notizbuch liegen lassen,
wegen dessen sei sie eigentlich gekommen, und ich sollte ihr das holen.
    Hatten Sie es denn nicht gefunden? fragte Herbert, dem die Erzhlung immer
auffallender wurde.
    Gott bewahre! Ich sagte das auch gleich, aber die Frau Baronin meinte, es
msse da sein, und als ich wiederholte, da ich selbst eben erst das Zimmer in
Ordnung gebracht, weil wir Sie jetzt alle Tage erwarteten, bestand sie darauf,
selbst nachzusehen, weil ihr an dem Notizbuche, in das sie sich nothwendige
Sachen eingeschrieben, gar zu viel gelegen sei. Es msse auf dem Bureau liegen
geblieben sein, behauptete sie. Sie ging denn auch gleich gerades Weges an das
Bureau, schob die paar Bcher, welche Sie zurckgelassen hatten, hin und her -
als ob ich das nicht selbst beim Abstuben gethan htte -, zog die groe
Schieblade auf, was nun erst ganz berflssig war, und ....
    Und? fragte Herbert lebhaft gespannt.
    Und als sie dann natrlich nichts gefunden hatte, da ging sie gerade so
fort, wie sie gekommen war, und ich mute sie noch daran erinnern, da sie so
starken Durst gehabt und Milch befohlen hatte.
    Sie brach damit ihren Bericht in derselben spottenden Weise ab, in welcher
sie ihn begonnen hatte, Herbert lie es auch dabei bewenden. Das war Eva aber
offenbar nicht recht. Sie sah ihn an, als wolle sie in seinen Mienen lesen, ihn
zum Sprechen auffordern, und da er dies nicht zu bemerken schien, rief sie
pltzlich: Da Ihnen all diese Besuche nicht einmal auffallen, Mosje Herbert,
und da Sie sie ganz natrlich finden wrden, das htte ich nicht gedacht! -
Nein, das htte ich wirklich nicht gedacht - von Ihnen nicht gedacht!
wiederholte sie mit einer Stimme, der man den unterdrckten Zorn anhrte, und
ging hastig von dannen, ohne darauf zu achten, da Herbert ihr folgte und sie zu
bleiben bat.
    Da sie sich in die Mgdestube zu den Spinnenden begab, in deren Gegenwart er
sie doch nicht sprechen konnte, nahm er sein Licht und ging auf sein Zimmer.
Hier also war Angelika gewesen!
    Herbert blickte umher, als suche er eine Spur von Angelika's Anwesenheit,
aber er fhlte kein Vergngen dabei. Ihn berkam ein Mitrauen und eine Unruhe,
die er nicht mehr empfunden, seit er sich von Richten entfernt hatte, und vor
Allem verdro es ihn, da er Eva unzufrieden wute, denn er hatte sie lieb und
war sicher, da auch er ihr theuer sei. Es lagen so viel Unschuld und
Wahrhaftigkeit in der Weise, in welcher sie ihm ihre Neigung kund gab, und die
ganzen Verhltnisse waren auch so natrlich zwischen ihm und ihr, da er fhlte,
wie es fr ihn im Grunde nur seiner einfachen Anfrage bedrfe, damit er in Eva
eine Frau gewinne, wie sein Vater sie ihm schon lange zu geben gewnscht und wie
er sie zuweilen auch ersehnt hatte, wenn er, von seinen Geschftsreisen
heimkehrend, sich einsam in sein einsames Zimmer begeben mssen. War es ihm doch
gerade heute bei seiner Ankunft in Rothenfeld so erquicklich gewesen, von Eva's
freundlichem Blicke, von ihrem herzlichen Willkomm empfangen zu werden, so
erquicklich, da er sich kaum enthalten knnen, sie in seiner Freude, als gehre
sie schon lange zu ihm, an das Herz zu drcken.
    Er setzte sich an das Bureau nieder. Das Zimmer war auf das vorsorglichste
fr ihn bereitet; trotz der spten Jahreszeit stand noch ein frischer Strau auf
der Commode unter dem Spiegel, und ein zweiter, wie er es liebte, auf seinem
Bureau. Er wute Eva fr dieses Eingehen auf seine kleinen Neigungen von Herzen
Dank, und er hatte sie dafr noch lieber. Indem zog er die groe Schieblade auf,
um etwas aus seinen Papieren herauszusuchen. Als er die oberen Lagen derselben
aufgehoben hatte, hielt er pltzlich betroffen inne. Zwischen den Papieren,
welche er dort aufbewahrt, weil sie sich auf den Bau bezogen, lag ein
versiegelter Brief ohne Adresse und ohne Zeichen im Petschaft: aber er zweifelte
nicht, von wem er kme, und ihn hastig erffnend, las er die Herder'schen Worte:

Leichter ist es der Seele, die schwersten Schmerzen zu dulden,
Als dem Auge, sich selbst einem Geliebten entziehn!

Eine wunderbare Empfindung durchzuckte ihn. Er konnte seine Augen nicht von dem
Blatte und von den Worten abwenden. Wenn es wahr wre? Wenn sie dich dennoch
liebte und htte nur ihr eigenes Herz verkannt? Und htte dich nur von sich
gewiesen, um den Argwohn ihres Gatten zu beschwichtigen? dachte er.
    Er fhlte sich aufgeregt, er fhlte eine freudige Genugthuung, aber das
whrte nur einen kurzen Augenblick und machte bald einer entgegengesetzten
Empfindung Platz. Sein Ehrgefhl schreckte vor einem solchen Liebeshandel
zurck, und die Frau, welche daran denken konnte, ihn einzugehen, war nicht mehr
jene reine, schuldlose und unglckliche Seele, zu der er einst mit so
verehrender Liebe emporgesehen hatte. Er wollte nicht wieder der Spielball
seiner eigenen Empfindungen oder gar das Spielzeug in den Hnden einer Frau
werden, die sich, gerade wie ihr Gatte, das Recht zuzuerkennen schien, ihn nach
ihrem Belieben wider seinen Willen anzuziehen und abzustoen, und der Gedanke,
was Eva empfunden haben wrde, htte ein Zufall oder ihre eigene zrtliche
Neugier ihr dieses Papier in die Hnde gespielt, nahm ihn noch entschiedener
gegen die Baronin ein.
    Er dachte daran, ihr dieses Blttchen zurckzusenden, aber er war Mannes
genug, eine Frau unter keinen Verhltnissen blozustellen, und mit raschem
Entschlusse zerri er das Papier, um der Baronin in der Weise zu antworten, die
seiner Neigung fr Eva entsprach und die ihn fr immer des Schwankens entheben
mute, in welchem er sich sonst zwischen diesen beiden Frauen bewegt.
    Auf dem Punkte, sein Zimmer zu verlassen und die bindende Entscheidung zu
treffen, mit welcher er ein fr alle Mal seiner Freiheit entsagte, berkam ihn
jedoch jene Unsicherheit, welche fast jeder Mann in solcher Lage fhlen mu. Er
war entschlossen, Angelika's nicht mehr zu gedenken; inde noch war er Herr, es
zu thun, und er sah sie eben jetzt so deutlich vor Augen. Sie erschien ihm nur
schner, nur reizender, wenn er sie sich hier in diesem schlichten Raume
vorstellte, wenn er es sich ausmalte, wie eine Frau gleich ihr am Heerde eines
geliebten Mannes walten mge, und ohne da er es beabsichtigte, versank er in
Trume eines Glckes, das ihn schwindeln machte und das weit ablag von dem
Vorsatze, den er eben noch gehegt.
    Der Hufschlag eines Pferdes ri ihn in die Wirklichkeit zurck. Der Amtmann
kehrte heim. Herbert fuhr sich mit der Hand ber die Stirne; es war ihm
erwnscht, da man ihn weckte, da er mit seinen thrichten Phantasieen nicht
lnger allein blieb. Er versprach sich, da sie ihm nicht wiederkommen sollten.
    Als er die Wohnstube betrat, sah er beim ersten Blicke, da der Amtmann
nicht gut aufgelegt war; auch Eva zeigte sich mimuthig und ging ihm aus dem
Wege. Man setzte sich zum Essen nieder, aber es wollte mit der Unterhaltung
nicht gehen. Der Amtmann that einige kurze Fragen an seine Wirthschafter, die
mit zu Tische saen, Eva gab die Speise umher, man sttigte sich, aber es ward
kein gemeinsames Mahl, und nach jedem Versuche, die obwaltende Verstimmung zu
verbergen oder zu besiegen, fhlte man sie nur schwerer auf sich lasten.
    Als die Wirthschafter sich erhoben, erkundigte sich der Amtmann, wie ein
Befehlender sich das angewhnt, ob in seiner Abwesenheit etwas vorgefallen sei,
das des Berichtens bedrfe.
    Nein, versetzte der lteste der jungen Mnner, nichts! Denn da der Herr
Marquis hier war, wissen ja der Herr Amtmann wohl!
    Ja, entgegnete dieser; aber Herbert sah, da die Stirne des Amtmanns sich
rthete, da Eva's Wangen ebenfalls erglhten, und auch ihm stieg es hei vom
Herzen in die Hhe. Inde keiner von ihnen sprach ein Wort. Erst als die
Wirthschafter hinaus gegangen waren, fragte der Amtmann, als knne er es nun
nicht lnger zurckhalten: Warum habe ich das nicht erfahren, Eva?
    Weil ich Dir ansah, da Du selbst Verdru gehabt hast! gab sie ihm zur
Antwort, und auf ihren beiden Gesichtern sprach sich eine Bitterkeit aus, welche
Herbert frher nie in ihnen wahrgenommen hatte. Eva rumte, wie immer, die
Gerthschaften fort, der Amtmann ging in seine Schreibstube, die Schwester
folgte ihm bald nach. Er hrte den Amtmann mit ihr sprechen; der Ton verrieth,
da es keine ruhige Unterhaltung sei, und er setzte sich wieder an der
entgegengesetzten Seite des Zimmers in die Fensterbrstung, um nicht zu
vernehmen, was vielleicht nicht fr ihn bestimmt sein mochte. Noch vor wenig
Stunden hatte er sich hier so zufrieden, so heimisch gefhlt, jetzt empfand er
mit mannigfach erregtem Sinne, da er doch noch als ein Fremder zwischen diesen
ihm so lieb gewordenen Menschen betrachtet werde.
    Indem kam Eva heraus und gesellte sich zu ihm. Sie sahen beide schweigend
zum Fenster hinaus. Der Mond war emporgestiegen, man konnte den Hof mit allen
seinen Einzelheiten unterscheiden, auch auf Eva's Stirne fiel ein heller Schein.
Sie pflegte sonst gern ihr Haupt auf die Hand zu sttzen, wenn sie einmal mig
war - heute hatte sie, obschon die Wrme des Zimmers es nicht nthig machte,
ihre Arme fest in ihre Schrze gewickelt und ber einander geschlagen. Sie war
noch immer verstimmt, und Herbert, der sich und ihr darber forthelfen wollte,
sagte scherzend: Wehalb machen Sie sich so unnahbar, liebe Eva?
    Sie antwortete ihm nicht. Er kam auf die Vermuthung, da sie mit ihm um der
Baronin willen schmolle, und da er eben aus einer Stimmung in die andere
geworfen, also selbst nicht ruhig war, sagte er mit jenem gebieterischen Tone,
den fast jeder Mann sich gegen das Mdchen erlaubt, von dem er sich geliebt wei
und das er sich zum Weibe ausersehen hat: Ich hasse das stumme Schmollen, Eva!
    Als ob ich daran dchte! und als ob ich es liebte! entgegnete sie, und er
hrte, wie das unterdrckte Weinen ihr die Stimme zusammenprete. Inde ehe er
sie noch fragen konnte, was geschehen sei, hatte eine der Mgde sie abgerufen,
und rasch entschlossen stand er auf und begab sich nach des Amtmanns Stube. Er
mute wissen, was hier vorging.
    Adam stand am Pulte bei seinen Rechnungsbchern, und Herbert uerte, um die
Unterhaltung anzufangen, sein Befremden darber, da jener sich noch so spt an
die Arbeit gemacht habe und sich nicht Ruhe gnne; aber der Amtmann sagte
achselzuckend: Arbeit ist ein Sorgenbrecher, und billiger als Wein, den man
sonst den Sorgenbrecher nennt. Ich wei mir nichts besseres, als Arbeit, wenn
mir der Kopf recht voll ist, und wenn ich auf die Weise an den eigentlichen
Gegenstand meiner Sorge gar nicht denke, kommt mir in der Regel der beste Rath.
    Der Amtmann hatte damit seinen Platz am Pulte verlassen und angefangen, im
Zimmer auf und nieder zu gehen. Da legte Herbert seine Hand auf Adam's Arm und
fragte: Sollte sich denn guter Rath nicht auch im Aussprechen mit einem Freunde
finden lassen? Ich sehe, da hier nicht mehr Alles bei dem Alten steht, und ich
mochte nicht fragen, was geschehen sei, weil ich es allmhlich zu erfahren
hoffte. Nun aber mag ich nicht auf meine eigene Einsicht warten, und bitte Sie,
lieber Freund, sagen Sie mir, was Sie und Ihre Schwester drckt, und ob ich es
Ihnen nicht tragen helfen, nicht erleichtern kann!
    Er hatte das mit so herzlicher Wahrhaftigkeit gesprochen, da Adam ihm
dankbar die Hand dafr drckte. Aber, meinte er, Hlfe und Beistand kann man nur
fr ein bestimmtes Vorhaben benutzen, und ich wei noch nicht, was ich thun soll
und kann, sondern nur, was ich nicht mag und was ich mchte! - Er hielt ein
wenig inne und sagte darauf: Ich mag nicht verwirthschaften sehen, was wir hier
seit Menschenaltern schaffen halfen, ich mag nicht in Unfrieden leben, wo wir
mit Herrschaft und Insassen stets in gutem Einvernehmen gestanden haben, ich mag
auch die Eva hier nicht lnger lassen, und darum mchte ich selber fort von
hier!
    Sie, Steinert? Sie mchten fort von hier?
    Der Amtmann fuhr sich mit der Hand ein paar Mal durch das krause Haar, wie
er es zu thun pflegte, wenn ihm etwas nicht nach seinem Sinne ging. Hart
ankommen wrde es mir, entgegnete er, aber es wird doch das Ende vom Liede sein.
Es ist, als ob sie gar kein Einsehen mehr htten; als ob sie es noch nie bemerkt
htten, da Roggen, Weizen, Kartoffeln und Rben hierlands nicht wie im
Paradiese blo auf Gottes Machtspruch aus der Erde wachsen, da die Bume sich
nicht von selber pflanzen und fllen, da man nicht erntet, wo man nicht geset
hat, und da man kein Geld schaffen kann, wenn man nicht zur rechten Zeit zu
verkaufen im Stande ist! Man hat kaum Hnde genug, jetzt, wo die Klte und das
schlechte Wetter vor der Thre stehen, an jedem Tage das Nthigste zu leisten,
und mu Menschen und Pferde nach allen Ecken und Enden herumsprengen, als ob man
die Jahreszeit aufschieben knnte wie eine zu gebende Gesellschaft!
    Was haben sie denn eben jetzt auf dem Schlosse vor? fragte Herbert, dem des
Amtmanns Aeuerung ber Eva im Sinne lag und der ihn gern von den Beschwerden
ber die allgemeinen Uebelstnde zu bestimmten Mittheilungen bringen wollte.
    Wei ich's! rief Steinert in rgerlicher Achtlosigkeit; sie haben ja alle
Tage etwas Anderes! Bald ist's ein Maskenfest, bald ein Schferspiel, wie sie es
in Trianon gefeiert, ehe die Hirtentnze in den Tanz bergingen, den sie ihnen
dort mit der Carmagnole aufspielten! Dann wieder sind's die Jagden, zu denen
Gesellschaft geladen wird! Sie knnen ja nicht ruhen! - Und sich dann besinnend,
fgte er hinzu: Jetzt nun ist's, wie alljhrlich, der Hochzeitstag! Und Gott
wei, ob ein Mensch lebt, der sich ber diese Hochzeit aufrichtig zu freuen hat!
    Er ging unruhig auf und nieder. Aber was hat Eva mit dem Allem zu thun?
fragte der Architekt, weil ihm das am meisten am Herzen lag.
    Inde der Amtmann war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschftigt, um
sich durch eine Zwischenfrage von ihnen abbringen zu lassen. Mir ist manchmal zu
Muthe, sagte er, als stnde ich vor einem Kleefelde, in das der Teufelszwirn
sich eingenistet hat. Man sieht, wie das Unwesen um sich greift, man legt auch
wohl die Hand an, es an einer Stelle zu bewltigen, aber ehe man sich's
versieht, ist's an zehn anderen Stellen da, und die ganze Aussaat und Arbeit ist
verloren. Das Geld fliegt ihnen jetzt nur so durch die Hnde. Heute, wie ich
nach Hause komme, finde ich eine Anweisung des gndigen Herrn, in der nchsten
Woche viertausend Thaler auf einen Wechsel an Flies zu zahlen, als ob ich hier
die Gelder der kniglichen Bank im Vorrath liegen htte, und wer diese angenehme
Anweisung gebracht hat, ist nicht, wie sich's gebhrt, der Secretair oder der
Diener einer, sondern wieder einmal der Herr Marquis, welcher immer verdammt
dienstfertig ist und immer gerade vorbeireitet, wenn es hier herum etwas zu
bestellen giebt!
    Es fuhr Herbert wie ein Schnitt durch die Brust, das Blut stieg ihm bis zum
Halse empor. So mu Eva gleich morgen mit mir gehen! rief er lebhaft aus.
    Mit Ihnen gehen? fragte der Amtmann. Was soll das heien?
    In dem Augenblicke trat Eva ein, und ohne die Frage ihres Bruders zu
beachten, nahm der Baumeister sie bei der Hand. Sie haben vorhin mit mir
geschmollt, Eva, sprach er, und sind so rasch davongegangen, da ich Ihnen gar
nicht sagen konnte, was mir heute, seit ich Sie wiedergesehen, immer auf dem
Herzen gelegen hat! Wissen Sie, was es ist?
    Sie lchelte und sah ihm treuherzig in das Auge, whrend die helle Rthe
mdchenhafter Scheu sie berflog. Liebe Eva, und was antworten Sie mir? fragte
er, indem er auch ihre andere Hand ergriff.
    Das wrden Sie mich nicht fragen, wenn Sie es nicht wten! entgegnete sie
ihm. Und noch ehe sie das freudestrahlende Auge zu ihm erhob, hatte Herbert den
brutlichen Ku auf ihren Mund gedrckt und ihre Arme seinen Nacken umschlungen.
So hielt er sie eine kurze Weile umfangen.
    Es war still im Zimmer, die alte Uhr, welche in diesem Hause zu so manchem
Ereignisse die Stunde geschlagen, schickte als Zeichen ihrer Gegenwart ihren
klaren Pendelschlag zu ihnen hinein, der Bruder blickte bewegt und schweigend
auf die Liebenden. Und wie lebhaft Herbert's Herz auch klopfte, fhlte er doch
eine ihm fremde, ernste Ruhe ber sich gekommen, seit des lieben Mdchens Kopf
vertrauensvoll an seinem Herzen lag, denn in seiner Seele regte sich mit der
Liebe fr das erwhlte gute und schne Weib auch jene vorsorgende Zrtlichkeit,
welche sich fr die Zukunft der Geliebten verantwortlich fhlt und ein Vorbild
der Vaterliebe und Vatersorge in sich schliet.
    Aber Eva hatte sich zu lange als ihres Bruders Hlfte gefhlt, um dies
schnell vergessen zu knnen. Sie machte sich aus des Geliebten Umarmung los,
warf sich an des Bruders Hals und rief, in Thrnen ausbrechend: Adam, sei nicht
bse, ich konnte aber doch nicht anders!
    Nein, Du solltest auch nicht anders! entgegnete er heiter, indem er Herbert
die dargebotene Rechte schttelte; aber die Augen waren ihm doch feucht
geworden, denn er wute, da er diese Schwester, da er dieses selbstgewisse,
thtige und frohe Wesen schwer vermissen werde. Gleich in der Frhe reite ich
aufs Schlo!
    Herbert wollte wissen, was dieses Vorhaben, dieser Ritt nach dem Schlosse
mit seiner Liebe und mit seiner Verlobung zu schaffen habe, und der Amtmann
sagte ihm, da der Freiherr Eva's Vormund sei, und da man also dessen
Einwilligung begehren msse. Herbert nahm das leicht hin, aber Eva wurde
nachdenklich. Es machte sie besorgt, da ihr Bruder heute von dem Freiherrn
nicht in gewohnter Weise entlassen worden war, da es eben heute
Verdrielichkeiten gegeben habe, und da sie sich immer gern an die Aussprche
ihrer verstorbenen Mutter hielt, meinte sie, von einem Unmuthigen msse man
nichts begehren, denn der suche gern seinen Unmuth auf Andere zu wlzen. Zudem
konnte von dem ersten Einfalle Herbert's, Eva gleich von Rothenfeld zu
entfernen, in keinem Falle die Rede sein, und Herbert sagte sich dies selbst,
nun die Aufwallung seines eiferschtigen Ehrgefhls besnftigt war.
    Der Amtmann konnte bei der vielverzweigten Wirthschaft die Hausfrau nicht
entbehren; ein Ersatz fr Eva war nicht leicht, nicht gleich zu finden, und wie
lstig ihr die gelegentlichen Besuche des Marquis auch sein mochten, fand Eva
selbst in ihnen jetzt, da sie verlobt war, noch weniger als frher irgend eine
Gefahr oder auch nur ein Bedenken. Aber die Anfrage bei dem Freiherrn
beunruhigte sie, ohne da sie Grnde dafr angab, und da Herbert sie ohnehin am
nchsten Tage verlassen mute, wnschte sie, da dieser selbst in einem Briefe
die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Einwilligung zu ihrer Heirath
fordern mge.

                              Dreizehntes Capitel


Die Gste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der Baronin, als man am
nchsten Tage dem Freiherrn den Brief des Architekten berbrachte. Er kannte die
Handschrift, steckte das Schreiben in die Brusttasche und befahl, da er eine
Geschftsanfrage vermuthen mochte, den Boten anzuweisen, da er die Antwort
erwarten solle.
    Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen Gsten, erheitert
von dem glcklichen Witzworte, welches einer derselben gesprochen, kehrte er in
das Zimmer der Baronin zurck, in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem
Frhstcke begeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war.
    Die Herzogin und Angelika saen am Kamine einander gegenber, der Marquis
und Renatus lieen das Hndchen der Baronin auf den Hinterfen tanzen oder
warfen einen Ball durch das Zimmer, dem das kleine, schnellfige Thier dann mit
groen Stzen eifrig folgte, und der Caplan hrte, den Rcken gegen das Fenster
gelehnt, mit jenem Wohlgefallen, das gute Menschen an der Frhlichkeit der
Kinder finden, dem hellen Lachen und dem Jubel zu, mit welchem der hbsche Knabe
jeden Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hndchens begleitete.
    Auch der Freiherr vergngte sich an der Lust seines Sohnes, aber er hatte
nicht mehr Jugend genug, sie durch persnliche Theilnahme an dem Spiele zu
erhhen, und nachdem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock gekt,
setzte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken, da er Herbert's Brief beinahe
vergessen htte, das Schreiben zur Hand, welches er mit einem Lcheln
zusammenfaltete, nachdem er es gelesen.
    Angelika's Auge hing mit Spannung an den Mienen ihres Gatten. Die Herzogin,
wie immer bereit, den Wnschen der Baronin zuvorzukommen, bernahm es, mit ihrer
gewohnten Gelassenheit die Frage zu thun, was das Lcheln des Barons bedeute.
    Wenn Sie sich herbeigelassen htten, unsere Sprache zu lernen, liebe
Freundin, antwortete der Freiherr, so wrde ich sagen: lesen und entscheiden
Sie! Denn die Sache gehrt im Grunde vor Ihr Gericht, vor das Gericht der Damen!
Es sind Herzensbekenntnisse, ein kleiner Roman!
    Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel ihm auf, da sie
die Farbe pltzlich wechselte. Er fragte, ob sie sich nicht wohl befnde, sie
versicherte das Gegentheil; aber whrend er der Herzogin erzhlte, da der
Baumeister um des Amtmanns Schwester, um die hbsche Eva werbe, die sein Mndel
sei, erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb, wie von einem Schwindel
erfat, pltzlich stehen, sich mit geschlossenen Augen an dem weit
vorspringenden Simse des Kamins haltend.
    Der Freiherr, die Herzogin, der Geistliche eilten herbei, auch der Knabe
drngte sich an das Knie der Mutter, da er die Erwachsenen um sie besorgt sah.
Die Baronin nahm sich jedoch schnell zusammen. Es ist mein altes Herzweh, weiter
nichts, sagte sie; ich bitte, achtet nicht darauf!
    Sie trat an das Fenster, welches man fr sie ffnete, schpfte mehrmals tief
Athem und kehrte dann, den Knaben an der Hand haltend, zu den Uebrigen zurck,
obschon die Blsse von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar Mhe
hatte, ihre Fassung zu behaupten.
    Es war dadurch eine ngstliche Unterbrechung in die bis dahin so heitere
Stimmung der Anwesenden gekommen. Der Freiherr wute, da seine Gattin vor
Paulinens Leiche zum ersten Male von diesem Herzkrampfe befallen worden, welcher
seitdem bei heftigen Gemthsbewegungen mehrmals wiedergekehrt war, und das
machte ihm diese Zuflle doppelt peinlich. Was der Baronin in diesem Augenblicke
einen Anfall zugezogen haben konnte, war ihm unbegreiflich; inde er mochte in
Gegenwart dritter Personen nicht darum fragen, und bemht, den Vorgang vergessen
zu machen, sagte er, auf den letzten Gegenstand der Unterhaltung eingehend:
Herbert drckt sich sehr gut aus, man sieht, da er seine Dichter nicht umsonst
gelesen hat. Er ist fr Eva eine sehr schickliche Partie. Er ist tchtig in
seinem Fache, und da er das Mdchen, wie er sagt, seit lange im Herzen trgt und
....
    Um Gottes willen, sehen Sie die Baronin! rief der Marquis, und mit einem
leisen Aechzen, die Hnde auf das Herz gepret, sank Angelika ohnmchtig zurck.
    Man rief ihrer Kammerfrau, sie wurde aus dem Zimmer entfernt, die Herzogin
folgte ihr. Herbert's Brief blieb an der Erde liegen, Niemand dachte jetzt an
seine Angelegenheiten.
    Erst am Nachmittage, als man wegen Angelika's nicht mehr in augenblicklicher
Sorge zu schweben brauchte und der Baron seine Freundin in ihrem Zimmer
aufgesucht hatte, kam sein Kammerdiener fragen, ob der Bote aus Rothenfeld noch
lnger warten solle. Berechtigt, wie sie war, verdro die Mahnung den Baron.
    Nein, schicke Er ihn fort. Ich wrde die Antwort senden! sagte er. Der
Kammerdiener verlie mit dem Bescheide das Zimmer. Der Freiherr setzte seine
Unterhaltung mit der Herzogin fort, inde er war zerstreut, es lag ihm Etwas im
Sinne, dem er nicht Gehr geben wollte, aber er konnte den Blick, den
flchtigen, lchelnden Blick nicht vergessen, den der Marquis der Herzogin
zugeworfen hatte, als Angelika zusammengebrochen war. Und was hatte es bedeutet,
da die Herzogin mit zrtlicher Stimme der Leidenden zugeflstert, sich zu
fassen, sich um Gottes willen zu beherrschen?
    Er wollte die Empfindung, die Aufregung, welche ihn peinigten, in sich zum
Schweigen bringen, aber sie lieen ihm keine Ruhe. Er hrte, was die Herzogin
sprach, inde er konnte dem Sinne ihrer Erzhlungen nicht folgen. Ihre Worte
berhrten zum ersten Male nur sein Ohr. Sie bemerkte das auch bald, denn leise
ihre Hand auf die seinige legend, sagte sie im Tone sanftester Begtigung:
    Sie sind wirklich zu ngstlich um den Anfall unserer theuren Angelika, Sie
machen sich berhaupt unnthig Sorge und begehen in der That ein Unrecht, mein
theurer Cousin!
    Der Baron fuhr jh empor. Was soll das heien? fragte er, und seine Stirne
erglhte in stolzem Zorn. Von wem sprechen Sie?
    Wehalb zgern Sie, fuhr sie einlenkend und bittend fort, dem Architekten
die Zustimmung zu geben, der er sicherlich voll Ungeduld entgegen sieht?
    Der Freiherr athmete auf; aber damit war der Herzogin nicht gedient, darauf
hatte sie es nicht abgesehen, und ihm keine Zeit zu neuer Frage oder zu einer
Entgegnung gnnend, sprach sie:
    Was hat er denn verbrochen, dieser arme Herbert? Hat er denn nicht schnell
begriffen, was ihm ziemte? Hat er, da er das Unglck hatte, Ihnen zu mifallen,
sich nicht selber die verdiente Strafe und Bue auferlegt, indem er sich
freiwillig aus Ihrer Nhe und aus Ihrem Hause verbannte?
    Die Vorbitte der Herzogin mute dem Freiherrn auffallen. Es lag daneben in
ihrem Tone, in ihren Worten etwas, das ihn in seiner Unruhe nur noch bestrkte,
obschon er sich bemhte, es nicht zu hren. Selbst der freundliche Blick der
Herzogin peinigte ihn, und sich erhebend, um nur der Nhe dieses eindringlichen
Blickes zu entgehen, sprach er:
    Ich wute nicht, da Sie so viel Antheil an meinem Architekten nehmen, meine
Freundin, und Herbert selber war sich dessen sicher nicht vermuthend.
    Die Herzogin lchelte. Antheil an Ihrem Architekten? wiederholte sie. Was
ist mir dieser Herbert? Was kann ein Mensch wie er uns sein? Aber ich kann es
nicht verstehen, mein Freund, wehalb Sie, eben Sie, Baron, ihn hindern wollen,
sich seiner Freiheit ein fr alle Mal zu entuern, wehalb Sie ihn hindern
wollen, sein zrtliches Herz fr die Zukunft der Schwester Ihres Amtmannes zu
berantworten! Mich dnkt, dazu htten Sie, mein Freund, doch wirklich keinen
Grund, und es ist ja so s, ein paar Glckliche zu schaffen, wenn die
Gelegenheit sich wie hier dazu so gnstig zeigt!
    Sie sprach dies mit der vlligsten Heiterkeit und Freiheit, mit gnzlicher
Gelassenheit, aber sie folterte den Freiherrn mit ihrer Ruhe. Er hrte, er
fhlte, da sie ihm etwas hinterhielt, da sie ihn etwas errathen lassen, ihm
eine Mittheilung machen mchte, deren Inhalt er zu kennen glaubte und die von
irgend einem Menschen aussprechen zu hren er doch um jeden Preis vermeiden
wollte. Zwei Wege lagen vor ihm offen, seine Aufregung drngte ihn zu dem einen
hin - aber er zauderte, ihn zu betreten. Nur eines Augenblickes Ueberlegung
bedurfte er, dann war sein Entschlu gefat. Er mute der Herr bleiben auf jedem
Wege, den er gehen sollte, und heiter und frei, wie die Herzogin selbst, reichte
er ihr die Hand.
    Ich danke Ihnen, rief er; Sie sind immer besser, immer gtiger als wir
Anderen, meine Freundin! Sie haben mich zur rechten Zeit daran erinnert, da
meine selbstschtige Sorge um die Baronin mich grausam gegen ein junges Prchen
machte, grausam gegen einen Mann, mit dem ich in jedem Betrachte wohl zufrieden
bin. Erlauben Sie, da ich mich entferne, um mein Unrecht zu vergten!
    Ja, gehen Sie, gehen Sie! rief die Herzogin, als freue sie sich, ihn
umgestimmt zu haben; aber sie kannte ihren Freund, sie errieth seine Absicht und
sie hatte sich auch dieses Mal nicht geirrt.
    Nicht in sein Zimmer begab sich der Baron, er wandte sich geraden Weges nach
dem Zimmer seiner Frau. Er mute wissen, ein fr alle Mal wissen, woran er mit
ihr war.
    Angelika sah mde und niedergeschlagen aus, als er bei ihr eintrat. Die
Erscheinung des Freiherrn, der sie nicht lange erst verlassen hatte, kam ihr
unerwartet, seine Haltung, seine Mienen fielen ihr auf und machten sie verwirrt.
Er hatte sich ihr immer mit jener rcksichtsvollen Ergebenheit genaht, welche
die ritterliche Sitte dem vornehmen Manne selbst da als Pflicht gegen eine Frau
auferlegt, wo er zu gebieten hat. So schmerzlich manche Verhandlungen zwischen
ihm und seiner Gattin, so schwer und qulend sie namentlich in frheren Zeiten
oft gewesen waren, nie hatte er den Gebieter, nie den Herrn gegen sie
herausgekehrt, und niemals hatte sein Ton sie streng erfat.
    Ohne ein Wort zu sprechen, sah er, ob die Thren, welche in die Nebenzimmer
gingen, geschlossen waren. Dann lie er die Portiren nieder und nahm auf einem
Sessel der Baronin gegenber Platz. Sein Schweigen, seine Ruhe steigerten ihre
Besorgni; es frstelte sie, und auch der Freiherr sah bleich und kalt aus.
    Ich frage Dich nicht, wie Du Dich befindest, Angelika, und Du fragst mich
nicht, wehalb ich wiederkomme, hob er, nachdem er tief Athem geschpft hatte,
mit fester Stimme an, das beweist fr uns beide, was uns zu wissen Noth thut.
    Da er sah, da sie ihm antworten wollte, legte er seine Hand auf ihren Arm
und hielt sie davon zurck. Nur eine kleine Geduld, bat er, was ich Dir zu sagen
habe, wird kurz sein! Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: Ich habe
Dir keine Vorwrfe zu machen, im Gegentheil, Du wirst Dich immer in der Lage
befinden, mir sagen zu knnen, da Du mit mir das Glck nicht gefunden hast,
welches Du Dir mit Recht von der Ehe erhoffen durftest.
    Hre mich! fiel die Baronin, welche den Worten ihres Mannes mit wachsender
Bewegung folgte und auf diese Art der Unterredung in keiner Weise vorbereitet
gewesen war, ihm angstvoll in die Rede.
    Nein, la mich vollenden! entgegnete er. Erinnere Dich, wie ich Dir einmal
sagte: htte ich die abmahnende Stimme gekannt, die Dich bei unserer ersten
Begegnung von mir zurckhielt, so wrde ich nie um Dich geworben haben! Denn es
ist wahr, unsere Neigungen, unsere Ansichten gehen vielfach aus einander, Du
bist nicht glcklich mit mir geworden. Du hast mir auch viel verzeihen, viel mit
mir ertragen mssen in den ersten Jahren unserer Ehe, aber was Du mir nach
Deiner Meinung zu verzeihen hattest - dieses Eine gestehe mir wenigstens zu -,
das lag Alles hinter der Zeit, in welcher Du Dich mir verbunden. Oder welcher
Untreue knntest Du mich zeihen, seit ich Dir mein Wort verpfndet?
    Angelika war wie gelhmt vor Schrecken und vor Schmerz. Was sie innerlich
auch empfunden hatte, diesen Ton, diese Sprache verdiente sie nicht. Sie war
gewissenhaft und demthig bereit gewesen, sich eines Unrechtes anzuklagen, sich
einer Gedankensnde zu zeihen, aber gegenber den Vorwrfen, welche ihr Gatte
ihr machen zu wollen schien, emprte sich ihr gerechtes Bewutsein, verstockte
sich ihr Herz.
    Da Angelika auf ihres Gatten Frage nichts entgegnete, wiederholte er sie mit
dem Zusatze, da er eine einfache Antwort erwarte. Das steigerte in ihr das
Gefhl der Krnkung, und kalt, wie der Freiherr zu ihr sprach, sagte sie: Ich
habe mich ber gar nichts zu beklagen, im Gegentheil!
    Was soll das heien? fragte der Baron.
    Da bemchtigte seiner Gattin sich eine jener wilden Anwandlungen des
Schmerzes, denen die sanfteste Natur nur schwer widersteht. War es doch genug,
was sie leiden mute, war es doch genug, was sie an innerer, selbstanklagender
Pein, an Herzenskrnkung zu ertragen hatte! Sie wollte nicht allein unglcklich
sein, nicht allein die Schmerzen der verschmhten Liebe fhlen. Es sollten
Andere unglcklich sein wie sie, und vor Allem sollte der Mann sich nicht
ungestraft als ihr Richter vor sie stellen, um den sie ihre Jugend, ihren
Frieden, ihr Vaterhaus, ihre Eltern und Alles aufgegeben und verloren hatte!
    Mit jener Wollust des Rachegefhls, die dem Beleidigten ein wilder,
berauschender Genu ist, sagte sie: Du hattest sicherlich kein Recht zu dem Tone
dieser Unterredung, wenn Du mit Deinen Voraussetzungen Unrecht hattest. Aber Du
hast Dich nicht geirrt! - Sie zgerte, es stieg noch einmal, wie in solchen
Augenblicken immer, ein Abmahnen in ihrem Herzen, ein letztes Besinnen in ihr
auf; inde ihr Zorn wollte sich genugthun, und fest und bestimmt sagte sie: Ich
liebe Herbert! Das war es, was mir heute das Herz zu brechen drohte!
    Angelika! rief der Baron und schlo die Augen, whrend seine Hand krampfhaft
die Lehne seines Sessels ergriff.
    Es war still im Zimmer. Beide Eheleute vermochten nicht zu fassen, nicht zu
glauben, was geschehen war. Beide litten, beide kmpften schweigend in ihren
Herzen. Jedem von ihnen mochte die Ahnung kommen, da es jetzt vielleicht noch
Zeit sei, jedem von ihnen mochte die heie Aufwallung durch die Seele gehen,
jetzt schnell noch die Hand zu bieten, um die Wunde zu heilen, die sie einander
geschlagen hatten und die unheilbar werden mute, wenn man sie nicht
augenblicklich schlo. Aber wie ein Dmon stand zwischen ihnen jene Selbstsucht,
die man als gerechten Stolz, als Ehrgefhl bezeichnet, und statt einander
helfend zu befreien, dachten beide nur daran, sich wrdig gegen einander zu
behaupten.
    Des Freiherrn Zge waren vllig ruhig, als Angelika endlich ihren Blick zu
ihm erhob. Wei Herbert, da Du ihn liebst? fragte er bestimmt.
    Ja! entgegnete sie eben so, und es freute sie, zu sehen, wie schwer es ihrem
Gatten wurde, seine Ruhe aufrecht zu erhalten.
    Wei er es durch Dich?
    Ja! wiederholte sie.
    Und die Herzogin - sie wei es auch?
    Aber als Angelika auf diese Frage die Antwort geben sollte, kam wie mit
Einem Schlage das Bewutsein der Herzensverblendung ber sie, die sie
fortgerissen und in der die Herzogin sie gehen lassen, sie bestrkt und weiter
gefhrt hatte. Sie sprang auf, warf sich ihrem Gatten zu Fen und flehte:
Franz, Franz, rette mich vor mir selber! Es war ein Wahnsinn, der mich ergriffen
hatte! Ich bin nicht schuldig, nicht so schuldig, als Du whnst! Glaube mir
selber nicht, den Worten nicht, die ich vorhin gesprochen, die der Zorn mir
entrissen, Deine Strenge, Deine Klte brachten mich auer mir. Nur mein Herz war
Dir nicht treu, nur meine Phantasie konnte sich vergessen. Ich bin ja Dein, Dein
allein, wie ich es stets gewesen! Komm' mir zu Hlfe, Franz! Komm' der Mutter
Deines Sohnes zu Hlfe - da sie sich wiederfinde in der Liebe zu Dir und ihm!
Komm' mir zu Hlfe, Franz, durch Deine Liebe, Deine Nachsicht, wie - ich Dir
einst durch meine Liebe und Geduld zu Hlfe gekommen bin!
    Der Freiherr hatte sie gleich Anfangs erhoben. Jetzt, da sie sich in seine
Arme werfen wollte, nahm er sie bei der Hand und nthigte sie, sich
niederzusetzen. Sein Herz, seine Ehre, seine Eitelkeit hatten eine Krnkung
erfahren, die er nie vergessen konnte. Er hatte Angelika niemals
leidenschaftlich geliebt, aber er hatte sie hochgehalten wie keine andere Frau.
Jetzt, da er zu erkennen glaubte, da er sie berschtzt, jetzt, da sie sich
selber eines Treubruches anzuklagen hatte, auf dessen Mglichkeit manche
Aeuerungen der Herzogin, wie er jetzt nachtrglich begriff, ihn schon fter
behutsam hingewiesen hatten, jetzt erinnerte Angelika ihn daran, wie er sich vor
ihr gedemthigt, wie sie sich in ihrem Selbstgefhle hoch ber ihn erhoben, und
zu unglcklicher Stunde fiel es ihm ein, da es einst einen Tag gegeben, an dem
er diese Frau und ihre strenge, makellose Reinheit beinahe gefrchtet hatte.
    Was er in diesem Augenblicke verlor, konnte keine Zukunft ihm wiederbringen,
aber Eines konnte er erretten - Eines konnte er gewinnen, und er war
entschlossen, diesen Vortheil nicht aufzugeben. Er konnte seine Ehre wahren und
seine Gewalt und Herrschaft ber die Baronin neu und ein fr alle Mal begrnden.
    Fasse Dich, Angelika, sagte er mit anscheinender Ruhe, und sei unbesorgt, Du
hast es mit mir, mit einem Edelmanne - er betonte das Wort sehr scharf, und sie
verstand seine Meinung - mit einem Edelmanne zu thun, der nie vergessen kann,
was er Dir und was er sich selber schuldet. Was ich Dir zu sagen htte, das wird
Dein eigenes Gewissen Dir nicht ersparen, denn ich wiederhole Dir: ich habe das
Wort als Mann gehalten, das ich Dir einst verpfndet. Du hingegen ....
    Franz, fiel die Baronin ihm in die Rede, indem die Thrnen ihr aus den Augen
strzten, mu ich Dir es wiederholen, mu ich es noch einmal aussprechen, das
Bekenntni, da nur mein Herz, nur meine Phantasie Dir untreu waren!
    Der Baron prete in heftigem Schmerze seine Lippen zusammen. Dafr habe ich
sicherlich nicht Dir allein zu danken! entgegnete er, und es that ihm wohl, wie
seine Gattin unter diesem Worte hnderingend ihr Gesicht verbarg. Bald aber
erhob sie wieder ihr Haupt: Ich verlangte mich zu rechtfertigen, ich wnschte,
ich konnte es; jetzt, nach diesem Worte, vermag ich es nicht mehr! rief sie, und
die Klage rang sich wie ein Schrei aus ihrer Brust.
    Still, Angelika, still! sprach der Freiherr, indem er ihre Hand fest
drckte. Oder willst Du uns zum Gesptte unserer Leute machen? - Er schwieg, sie
weinte mit unterdrckter Stimme.
    Bist Du gefat genug, mich jetzt zu hren? fragte er nach einer Pause, in
welcher er langsam auf dem weichen Teppiche umhergegangen war. Sie bejahte es.
    Nun denn, ich wiederhole Dir, ich mache Dir keinen Vorwurf! Es ist schwer,
der Stimme des Herzens zu gebieten - ich habe sie auch einst gehrt und bin ihr
gefolgt, wie Du! Vielleicht irrte ich, als ich Dich, die Du meine Tochter sein
konntest, zur Gattin whlte; vielleicht irrte ich, als ich Dich zu sehr Dir
selber berlie, aber fr beides wirst Du mich nicht tadeln! Ich irrte im
Vertrauen, im festen, hchsten Vertrauen auf Dich und Deinen Adel! Ich verlange
kein Gestndni von Dir, ich will nicht wissen, was zwischen Dir und jenem Manne
vorgegangen ist, der sein Auge nicht zu der Gemahlin des Freiherrn von Arten
erheben konnte, wenn sie selbst ihm nicht dazu ein Recht gab -
    Er brach mitten in seiner Rede ab und sagte dann, von seiner Aufwallung
zurckkommend: Ich will auch nicht erfahren, ob und was Deine rcksichtslose
Verblendung der Herzogin etwa verrathen, oder was des Architekten allerdings nur
zu berechtigte Eitelkeit dem Marquis Preis gegeben haben mag, denn man kennt die
Indiscretion der Leute seines Standes; - Alles, was ich verlange, ist, da ein
Schleier gebreitet werde ber das Geschehene, dicht genug, auch dem schrfsten
Auge zu verbergen, da mit dem Augenblicke, in welchem ich den Glauben an mein
Weib verlor - - das Band fr immerdar zerrissen ist, das mich ihm verbunden.
    Die Lippe bebte ihm, als er die Worte sprach, aber er stand hoch
aufgerichtet und gebieterisch vor ihr, und sie fhlte, da es ihm eine grausame
Lust war, sie zu demthigen. Da begann aufs Neue in ihr jener unheilvolle Kampf
zwischen ihrem besseren Selbst und ihrem Stolze, aber der grausam triumphirende
Blick des Freiherrn fachte auch in ihrer Seele die gleiche Empfindung an, und
bleich und kalt, wie er, versetzte sie: Du hast zu befehlen, ich gehorche!
    Die Herzogin hat mir heute angedeutet, sagte er, da ich, eben ich, keinen
Grund htte, mich der Heirath Herbert's zu widersetzen und ihn zu hindern, seine
Freiheit aufzugeben. - Er hielt inne. Ich mu ihr zeigen, da ich keinen Grund
habe, Herbert's Gebundenheit zu wnschen. Ich werde die Einwilligung zu Eva's
Verheirathung nicht geben, Bedenkzeit fordern, und wenn Herbert wieder hieher
zurckkehrt, wird er unser Gast im Schlosse sein, und Du wirst ihn sehen und
empfangen wie zuvor!
    Unmglich, rief Angelika, die Herzogin wei Alles!
    Der Baron verstummte. Er schien unentschlossen, was er thun solle. Mit Einem
Male besann er sich: So soll sie die Vershnungsrolle spielen! sagte er. Hre es
wohl, Angelika, ich sage, spielen! Denn Du und ich, wir sind fr immerdar
getrennt!
    Da warf Angelika sich ihm noch einmal zu Fen. Um Renatus willen hre mich!
Gehe nicht zur Herzogin, sprich nicht mit ihr! Sprich mit dem Caplan! Er soll
Dir Alles, Alles offenbaren, Wort fr Wort, was ich ihm anvertraut im heiligen
Vertrauen. Er wird Dir sagen, da ich Deiner nicht unwerth bin, Dir sagen, da
Du mir verzeihen kannst. Sprich mit ihm, ach, sprich mit ihm! Ihm wirst Du
glauben, wenn Du mir nicht glaubst!
    Sie konnte nicht weiter sprechen. Das ganze Gewicht des Unheils, welches sie
auf sich und ihr Haus herabgezogen, indem sie der Aufwallung ihres gekrnkten
Stolzes nachgegeben, lastete auf ihr. Sie erkannte mit Schrecken, was sie
gethan, aber sie hielt es fr unmglich, da sie ihren Gatten nicht berzeugen,
mit ihren Thrnen, ihrer Reue nicht berzeugen knnen sollte, wie sie seiner
Achtung, seiner Verzeihung, seiner Neigung nicht unwerth sei.
    Inde des Freiherrn frhere Erfahrungen standen mit seinem gegenwrtigen
Schmerze und Zorne im Bunde. Weit entfernt, ihn zu besnftigen, beleidigte ihn
der Gedanke, da auch der Geistliche um ein Geheimni wisse, welches der
Freiherr um jeden Preis verborgen haben wollte, und mit einem Ausdrucke des
Widerwillens rief er: Es fehlte nur noch, da Du Deine Leute zu Zeugen fr Dich
aufrufst!
    Die Baronin zuckte zusammen, dann erhob sie sich. Ich wollte, Du httest das
nicht gesagt! sprach sie mit einer Ruhe, die bengstigend gegen ihre bisherige
Aufregung abstach, und sich von ihm wendend, schritt sie der Thre des
Nebenzimmers zu. Der Freiherr stand mitten im Gemach. Als sie die Portire
aufhob, hinter der sie seinem Blicke entschwinden mute, fhlte er eine
Anwandlung von Mitleid mit seiner Frau, und fast unwillkrlich rief er:
Angelika, wir sind allein ....
    Nein, unterbrach sie ihn, nein! Was ich gefrchtet und geahnt, noch ehe sie
kam, was ich mir zu meinem und Deinem Unheile weggeleugnet habe, wie mein Herz
mich auch lange davor gewarnt, - wir sind nicht allein, - die Herzogin steht
zwischen uns!
    Der Freiherr lachte hell und hhnisch auf. Er hrte einen Vorwurf, wo er die
Hand zu gromthiger Hlfe und Erhebung zu bieten sich nicht abgeneigt gefhlt
hatte. Das hatte er am wenigsten erwartet, und mit dem Ausrufe: Die alte Taktik!
verlie er zornig das Gemach.

                              Vierzehntes Capitel


Im Amthause unterhielt man sich mit jenen Gesprchen und Erwgungen, welche
berall dieselben bleiben, wo ein Menschenpaar daran geht, einen neuen
Hausstand, eine Familie zu begrnden.
    Herbert hatte an Eva, da er sie jetzt als sein knftiges Eigenthum
betrachtete, ein ganz neues und hheres Gefallen. Er fand sie klug und
verstndig in allem Praktischen, warmherzig ihm gegenber und anmuthig wie ein
Kind, wenn sie sich ihrem angeborenen Frohsinne berlie. Sie schalt Herbert
einen Leichtsinnigen, einen Unbesonnenen, da er nur daran habe denken knnen,
sie ihrem Bruder gleich frischweg fortzunehmen, und wenn sie ernsthaft erwogen
hatte, wo Adam einen Ersatz fr sie finden werde, falls er sich nicht selbst zur
Ehe entschliee, so ging sie scherzend die ganze Reihe ihrer weiblichen
Bekannten durch, pries deren Eigenschaften, um die eigenen noch hher zu
stellen, und versicherte Herbert, da es doch von den allen keine so gut habe
und haben werde, als sie, der Herbert gleich gefallen habe, als er ihr bei der
ersten Fahrt durch das Dorf die ganz unverantwortliche Kuhand zugeworfen.
    Inde trotz all ihrer Munterkeit konnte man ihr doch anmerken, da sich
ihrer allmhlich eine heimliche Sorge zu bemeistern begann, weil die Antwort des
Freiherrn sich so lange erwarten lie. Sie sah verstohlen immer fter nach der
Uhr, je lnger der Bote ausblieb, und als der Mittag da war, bemchtigte sich
die Ungeduld allmhlich auch der Mnner. Man berlegte, ob man einen zweiten
Boten nachsenden sollte, um zu hren, was aus dem ersten geworden sei. Herbert
war unruhig, weil die Stunde, in der er abreisen mute, um einer
Geschftsbesprechung nachzukommen, lngst vorber war; Eva nannte es
unverantwortlich, da man ihr den schnen ersten Tag ihres Brautstandes so
unnthig verbittere, und Adam, der sich am wenigsten vernehmen lie, war im
Innern der Gereizteste.
    Es war vier Uhr Nachmittags, als der Bote endlich wiederkehrte. Nun? rief
ihm Eva entgegen, welche, ihn zu empfangen, die Thr geffnet hatte und die Hand
ausstreckte, ihm das Schreiben abzunehmen.
    Der Knecht zog den Hut vom Kopfe, drehte ihn in den beiden Hnden herum und
sagte: Herr Amtmann, ich kann nichts dafr, ich habe gewartet und gewartet die
ganze, ausgeschlagene Zeit ....
    Schon gut! rief Eva, aber den Brief?
    Der Knecht sah sie an; 'nen Brief? Ich hab' keinen Brief, Mamsell! sagte er.
    Inzwischen waren auch die Mnner hinzugekommen, und der Amtmann fragte, den
Knecht scharf betrachtend: Du bringst keinen Brief?
    Nein, Herr Amtmann! Der gndige Herr wird Antwort schicken.
    Wann? herrschte der Amtmann, dem das Blut zu Kopfe stieg.
    Wann? das kann ich nicht sagen, Herr Amtmann! Das ist mir nicht bestellt,
Herr Amtmann!
    Der Amtmann sagte, er knne gehen, und rief ihn dann doch noch einmal
zurck, um sich zu erkundigen, ob der Herr Baron vielleicht ausgefahren sei. Der
Knecht verneinte das auf das bestimmteste, und sichtlich betroffen standen das
Brautpaar und Adam nach des Knechtes Entfernung einander gegenber.
    Was bedeutet das? fragte Herbert.
    Der Amtmann lachte bitter. Was es bedeutet? Man hat Sie frher auf dem
Schlosse verwhnt, Herr Schwager, weil man es so fr gut fand, und beweist Ihnen
jetzt, da man es nicht nthig gehabt htte, Sie also zu verwhnen!
    Eva's Antlitz hatte sich verdstert. Du irrst, entgegnete sie, das ist keine
bloe Laune!
    Keine Laune? wiederholte der Amtmann; nun, wenn's keine Laune ist, dann
ist's, was sie sich am wenigsten versagen und was eigentlich ihr Hauptvergngen
ist, dann ist's reine Willkr! Seit sie das vertriebene Franzosenpack im
Schlosse haben, sind sie wie darauf versessen, es in jedem Augenblicke zu
beweisen, da sie hier noch nach Belieben schalten und walten knnen! Aber man
bekommt das endlich satt!
    Antwort schicken! Was das heien soll? Antwort kann man heute schicken oder
morgen oder ber's Jahr! fiel ihm Herbert verdrielich in das Wort, - und nun
weinen Sie vollends darber, liebe Eva!
    Der Bruder schalt sie dafr. O, rief sie, wenn es nichts als des Freiherrn
Willkr wre, wollte ich ja nicht weinen, aber dahinter steckt die gndige Frau!
Sie gnnt ihn mir nicht; das wei ja Herbert auch!
    Der Amtmann traute seinen Ohren nicht. Er fragte; Eva erzhlte, was sie mit
der gndigen Frau erlebt und was sie selbst dem Bruder bis dahin mit
eiferschtiger Verschwiegenheit vorenthalten, und da dieser in Herbert drang,
gestand der letztere es endlich ein, da er allerdings oben in seinem
Schreibtische ein paar Zeilen gefunden, die - wenn Eva sie nicht hineingelegt -
ihm wohl von der Baronin gekommen sein konnten. Er versicherte, jene Zeilen
htten ihn auf das hchste berrascht, obschon er Angelika frher bewundert und,
weil er sie nicht fr glcklich gehalten, sie auch beklagt und ihr dies einmal
ausgesprochen habe. Inde sei eben seine Werbung um die geliebte Eva die Antwort
gewesen, welche er der Baronin auf die von ihr geschriebenen Verse gegeben habe,
und ....
    Geben Sie mir Ihr Wort darauf, rief Eva, ihn unterbrechend, Ihr Ehrenwort,
da Sie diese arglistige Frau nicht wiedersehen wollen!
    Er konnte ihr dieses Versprechen nicht leisten, denn er war nicht sicher, es
halten zu knnen, und da er nicht umhin gekonnt, das Geheimni der Baronin
theilweise Preis zu geben, bemhte er sich doppelt, es den Andern darzuthun, wie
nach seiner Kenntni ihrer Natur Angelika an einer kleinlichen Rache keinen
Gefallen und in derselben keine Befriedigung finden knne.
    Der Amtmann lchelte. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, meinte er, da Sie
die vornehmen Herrschaften nicht kennen, und wenn Sie wahrscheinlich besser von
der Baronin denken, als solche Damen es zu verdienen pflegen, so kann ich Sie
auch nicht darum schelten. Gegen den Windsto, der Einem eine reife Frucht in
den Schoo wirft, hat im Grunde Niemand etwas einzuwenden, auch wenn er sie
nicht geniet -
    Das Wort verrieth die ganze Erbitterung des Amtmanns und verletzte Herbert,
aber er vermochte die Baronin eben so wenig zu vertheidigen als zu verdammen.
Geschmeichelte Eitelkeit, getuschte Erwartungen, unbestimmte Besorgnisse und
das unangenehme Bewutsein, seine Braut verstimmt und in einer ihr peinlichen
Lage zurckzulassen, bedrngten ihn gleichzeitig und erschwerten ihm das
Scheiden, das doch endlich nicht weiter hinausgeschoben werden durfte.
    Herbert mute die Nacht zu Hlfe nehmen, um am nchsten Morgen rechtzeitig
an Ort und Stelle zu sein, und wie ihn die Bilder einer beglckenden Zukunft,
wie ihn die lieblichen Erinnerungen der beiden letzten Tage und unruhige
Gedanken mancher Art nicht zum Schlafe kommen lieen, so fanden auch Eva und der
Amtmann keine Rast.
    Man war bereingekommen, des Freiherrn Bestimmung bis gegen den nchsten
Mittag hin gelassen zu erwarten. Hatte man sie dann noch nicht erhalten, so
wollte Adam auf das Schlo gehen und selber darum bitten. Am Morgen machte er
sich frher noch, als er sonst pflegte, an seine Arbeit. Er verwies Eva zur
Ruhe, da ihre aufgeregte Empfindung sich in lebhaften Aeuerungen erging, und
vermied es danach geflissentlich, mit ihr zusammen zu sein.
    Als er um die Frhstckszeit vom Felde nach Hause kam, fragte er: Ist etwas
vom Schlosse da? - Eva, die still war, wie nur groe Unruhe sie es werden lie,
verneinte es. So soll der Kutscher anspannen!
    Du willst fahren, lieber Bruder?
    Ja! Das Reiten macht mich warm! entgegnete er und verlie sie, ohne weiter
mit ihr zu sprechen.
    Als er wiederkehrte, hatte er sich gekleidet wie ein Mann seines Standes es
fr eine feierliche Handlung zu thun pflegte; auch seine ernste, zusammengefate
Haltung war einer solchen entsprechend. Whrend er den Wagen erwartete, trat Eva
an ihn heran, und ihre Hand auf seine Schulter legend, sagte sie: Es thut mir
recht leid, Bruder, da ich Dir Ungelegenheiten veranlasse!
    Mach' Dir keine Sorgen darum; wer wei, wozu es gut ist! versetzte er.
    Eva rckte ihm die Schleife am Halstuche zurecht, brstete ihm den sauberen
Tuchrock noch einmal ab und machte sich immer wieder etwas mit ihm zu schaffen,
aber sie sprachen nicht mit einander.
    Der Amtmann hielt sich innerlich vor, was er dem Freiherrn vorzustellen
gedachte; Eva htte dem Bruder gern sagen mgen, was sie vor dem Freiherrn
gesagt zu haben wnschte, aber sie traute sich nicht, dem Bruder vorzuschreiben,
und so begleitete sie ihn vor die Thre hinaus, wo der Einspnner ihn erwartete.
Du kommst doch geraden Weges nach Hause? fragte sie.
    Geraden Wegs! versetzte er und befahl dem Kutscher, zuzufahren.
    Wer den Freiherrn sprechen wollte, mute gegen zwlf Uhr kommen. Das war nun
freilich fr seine Leute, besonders fr diejenigen, welche nicht in Richten,
sondern in Neudorf oder, wie der Amtmann, gar in Rothenfeld wohnten, nicht die
bequemste Stunde, denn es war ihre Mittagszeit; aber gerade dehalb hatte der
Grovater des Barons es also eingefhrt, und man hatte es beibehalten von Vater
auf Sohn, damit man nicht ohne gewichtigen Grund in Anspruch genommen und nicht
unnthig von den Leuten aufgehalten werden konnte.
    Der Freiherr, welcher auf seine Wohlgestalt immer groen Werth gelegt,
neigte seit einiger Zeit zum Fettwerden und hatte dehalb angefangen, sich viel
Bewegung zu machen. Als man ihm den Amtmann meldete, ging er eben in
Gesellschaft des Marquis in dem groen Saale des Erdgeschosses auf und nieder,
in welchem man zur Winterzeit einen Theil der immergrnen Gewchse aufzustellen
pflegte, und da die Sonne warm und hell durch die geffneten Thren
hineinschien, so da es dem Freiherrn in der Luft behagte, befahl er, den
Amtmann hieher zu senden.
    Vermuthlich ein Liebesbote, aber freilich ein etwas robuster, bemerkte
lchelnd der Marquis, nachdem der Kammerdiener sich entfernt hatte. Ich hoffe,
Herr Baron, die Frbitte Ihrer Frau Gemahlin wird Sie erweicht haben. Und sich
auf ein damals bliches Madrigal beziehend, sang er mit seiner schnen Stimme:
Es ist so s, so s, zu beglcken!
    Der Freiherr, welcher den ganzen Morgen, obschon er sich sehr gleichmthig
zeigte, doch nicht gut aufgelegt gewesen war, lchelte flchtig und bemerkte:
Sie werden es trotzdem bei Zeiten lernen mssen, sich den Wnschen der Damen zu
widersetzen!
    So wollen Sie wirklich die kleine Eva dem Architekten noch nicht bewilligen?
fragte der Marquis, whrend ein kaum merkliches Lcheln um seine feinen,
sarkastischen Lippen spielte.
    Ich pflege von meinen wohl begrndeten Vorstzen nicht zurckzukommen, mein
lieber Marquis.
    Der Marquis verneigte sich leicht. Gewi nicht! rief er, und als komme ihm
eben erst der Gedanke, fgte er hinzu: Uebrigens haben Sie, glaube ich, durchaus
Recht, mein verehrter Freund, wenn Sie diesem Herrn Herbert in einem gewissen
Punkte, den man freilich nicht zu schwer nehmen darf, nicht so unbedingt
vertrauen, als die Frau Baronin und der wrdige Caplan, denn im Uebrigen mag
sicherlich nichts gegen Ihren Architekten einzuwenden sein!
    Der Freiherr antwortete darauf nicht sogleich. Es lag im Allgemeinen nicht
in seiner Art, solche Einflsterungen zu beachten. Inde gegen seine Gewohnheit
fragte er nach einer Weile: Marquis, was wissen Sie von dem Architekten?
    Nur Gerchte, wenn ich's recht bedenke, versetzte dieser zurckhaltend,
nachdem die Frage an ihn gethan worden.
    Und welche, wenn ich bitten darf?
    Ich hrte sie neulich, als ich in der Stadt war. Man nannte ihn den
Liebhaber von Mademoiselle Flies, von der Tochter Ihres Juweliers, die er
freilich nicht heirathen kann ....
    Und wehalb nicht?
    Ach, eine Jdin! meinte der Marquis.
    Mich dnkt, entgegnete der Freiherr, es haben in der Hauptstadt jetzt ganz
andere Leute als mein Architekt die Tchter reicher Juden zu Frauen genommen,
und es ist seit Jahren in der Welt mehr Auffallendes geschehen, als das. Reich
genug ist Flies, und Sie sagen ja, schn sei das Mdchen auch geworden!
    Sich verdammen zu lassen um sie! rief der Marquis und erging sich in der
Beschreibung von Seba's Reizen. Der Freiherr hrte nicht darauf. Es ist mir
lieb, dies zu wissen! war Alles, was er sagte, als eben der Diener anzeigte, da
der Amtmann warte.
    Als Adam in die Gallerie trat, war er unangenehm durch die Gegenwart des
Marquis berrascht, obschon dieser sich zurckgezogen hatte und, anscheinend mit
einem Buche beschftigt, an dem Postamente einer der Statuen lehnte, deren sich
mehrere zu beiden Seiten aufgestellt befanden. Der Freiherr blieb mitten im
Saale stehen, und ohne dem Amtmanne Zeit zu dem Wunsche eines guten Morgens zu
lassen, sagte er: Es ist mir lieb, Steinert, da Er kommt, ich htte Ihn sonst
heute oder morgen rufen lassen. Mit der Eva und dem Baumeister ist es nichts;
die Eva mu sich's aus dem Sinne schlagen!
    Die kurze, rasche Weise, in welcher der Baron von einer Angelegenheit
sprach, die fr Adam's Schwester und durch diese fr ihn selbst von der grten
Wichtigkeit war, und da er ihn in der Anwesenheit des Marquis in solcher Weise
abzufertigen meinte, verdrossen den Amtmann auf das hchste. Er war gekommen,
eine Familiensache ernsthaft mit dem Vormunde seiner Schwester zu berathen, und
wurde wie ein Lakai, dem man einen Urlaub abschlgt, stehenden Fues abgefertigt
und abgewiesen. Obschon er gewohnt war, als Untergebener vor eines Herrn Willkr
Stand zu halten, hatte er doch Mhe, ruhig zu bleiben, denn hier handelte es
sich nicht um seinen Dienst und um kein Amtsverhltni. Er trat einen Schritt
nher an den Baron heran und sagte, die Stimme senkend: Ich wrde es dem Herrn
Baron sehr danken, wenn er die Gnade haben wollte, mich in seinem Cabinette
anzuhren. Er blickte dabei nach dem Marquis hinber; der Freiherr verstand ihn
auch.
    Der Herr Marquis versteht das Deutsche nicht! entgegnete er.
    Ich habe Beweise vom Gegentheile, gndiger Herr! bemerkte Adam bittend.
    Die Einrede machte den Freiherrn rgerlich, dessen seit der gestrigen
Unterredung mit der Baronin schmerzlich aufgeregter Sinn sich nur schwer
beherrschen lassen und nur auf einen Anla gewartet hatte, um sich in einem
Ausbruche heftiger Leidenschaft genug zu thun. Gleichviel, rief der Freiherr,
die Sache ist ja kein Geheimni: sag' Er, was Er will!
    Der Amtmann, welcher nicht ahnen konnte, was im Schlosse vorgegangen, und
der, wie selbstherrisch der Baron auch immer war, doch eine so grundlos
herrische Behandlung sonst von ihm nicht erfahren hatte, wollte das Anliegen
seiner Schwester nicht unnthig einer beln Stimmung ihres Vormundes zum Opfer
werden lassen, und mit mehr Ergebenheit, als in seinem Innern war, sagte er:
Wenn ich vielleicht jetzt ungelegen komme, Herr Baron, so will ich warten - oder
wiederkehren!
    Der Baron sah aber in dem bescheiden gethanen Vorschlage nichts als eine
Widersetzlichkeit, und eine solche wollte er in Gegenwart des Marquis nicht ohne
Rge lassen, da dieser, wie der Freiherr es wohl wute, des Deutschen im Laufe
der Jahre allerdings mchtig genug geworden war, um vollkommen zu verstehen, was
hier vorging.
    Wiederkommen - wehalb das? Die Sache ist ja kurz genug, und ich werde Ihm
schon sagen, wenn Er mir ungelegen kommt! rief der Baron. Der Baumeister will
die Eva heirathen, und da ist Er wie die Andern alle. Wenn's ans Heirathen gehen
soll, luft ihnen der Verstand weg! Kennt Er den Architekten? Was wei Er von
ihm?
    Gndiger Herr, ich kenne Herrn Herbert nun seit fnf vollen Jahren,
versetzte der Amtmann, dem die Worte des Barons das Herz aufwallen machten. Er
ist mein Freund geworden, ich kenne ihn als einen Ehrenmann, und der gndige
Herr und die Frau Baronin selber haben ihn ja ihrer Gesellschaft auch nicht fr
unwerth angesehen.
    Das war, mochte er sie absichtlich oder unabsichtlich gewhlt haben,
sicherlich die unglcklichste Beweisfhrung, welcher sich Adam bedienen konnte,
denn gegen seine Gewohnheit heftig auffahrend, rief der Baron: La Er meine und
meines Hauses Handlungsweise ein fr alle Mal aus dem Bereiche Seiner
Betrachtungen! Hrt Er, merk' Er sich das! Damit Er aber wei, woran Er ist, und
damit Er es der Eva sagen kann, woran sie sich zu halten hat, so melde Er ihr,
da einer ein guter Baumeister sein und zum Ehemanne nicht taugen knne! Der
Herbert steht mir nicht an, ich traue ihm nicht, und dabei bleibt's.
    Er wendete sich ab und wollte sich entfernen. Aber auch Adam's Geduld war
jetzt am Ende. Er konnte es nicht ertragen, sich und Herbert, fr den er eine
herzliche Freundschaft fhlte, im Beisein des von ihm miachteten Marquis so
unwrdig behandeln zu lassen, und sich hoch aufrichtend, sagte er: Um Vergebung,
gndiger Herr, aber dabei kann's unmglich sein Bewenden haben. Der Herr Baron
mten mich selber fr keinen Mann von Ehre halten, lie' ich das auf meinem
Freunde, auf dem Manne sitzen, den ich nun einmal als meiner Schwester Brutigam
ansehe! Der gndige Herr selber haben uns den Baumeister in das Haus geschickt
....
    Doch nicht, damit die Eva sich gleich auf gut Glck in eine Liebschaft mit
ihm einlt!
    Gndiger Herr, fuhr der Amtmann auf, und seine groen Augen blitzten - meine
Schwester ....
    Sein Vater, fiel ihm der Freiherr in die Rede, da er fhlen mochte, da er
zu weit gegangen sei, Sein Vater hat mir das Mdchen anvertraut, ich habe darauf
zu halten, da kein leichtsinniger, kein unzuverlssiger Mann es bekommt; ich
habe des Mdchens Ruf, Glck und Zukunft zu bedenken, und das thue ich!
    So sollten doch der gndige Herr vor Allem solchen Leuten das Handwerk
verbieten und uns solche Leute nicht ins Haus schicken, die der Eva geraden
Weges Fallstricke legen, fuhr der Amtmann, dem die Galle berlief, heraus; denn,
unumwunden, gndiger Herr, dem Herrn Marquis weis' ich die Thr, wenn er sich
noch einmal in meinem Hause blicken lt!
    Er und der Baron wendeten sich dabei gleichzeitig nach der Seite um, an
welcher der Marquis sich vorhin befunden, inde sie gewahrten, da er den Saal
verlassen hatte, und leidenschaftlicher, als der Amtmann seinen Herrn jemals
gesehen, rief dieser: Stecken Ihm auch die aufsssigen Gedanken im Sinne?
Vergit Er, da ich Sein Herr bin? Wo ist Sein Haus, Er Unverschmter?
    Aber grade die Malosigkeit des Barons brachte Adam zur Besinnung, und sich
gewaltsam fassend, sagte er: Ich vergesse nicht, da ich in den Diensten des
gndigen Herrn bin, aber ich bin nicht sein Knecht, nicht sein Hriger: Ich bin
ein freier Mann, gndiger Herr! Wo ich und meine Vter mit Ehren seit langen
Jahren Haus gehalten haben, da ist mein Haus, und ich mte kein Mann von Ehre
sein, wenn ich da nicht Jedermann die Thre wiese, der mit Unehren sich an meine
Schwester wagt!
    Er war bla geworden, whrend er so sprach; auch der Freiherr hatte die
Farbe gewechselt. Nun denn, rief er, Hausrecht wider Hausrecht! Ich will Ihm
zeigen, wer hier Herr ist, da Er's zu vergessen scheint! Er verlt mein Haus
und meinen Dienst!
    Das traf den Amtmann, aber auch dem Freiherrn war nicht wohl zu Muthe, da er
das Wort gesprochen. Einen Augenblick fhlte Adam, als sinke er in das Leere,
inde den Freiherrn wollte er das nicht merken lassen, und sich zusammennehmend,
sagte er, ohne eine Miene zu verziehen: Der Herr Baron haben zu befehlen! Aber
gleich heute oder morgen kann ich nicht von hier fort - wie viel Zeit wollen der
Herr Baron mir lassen?
    Die anscheinende Ruhe seines Untergebenen reizte den Baron, und sein Zorn
gegen die mnnliche Fassung Adam's, in welcher jener nur die jetzige ihm so
verhate Auflehnung des brgerlichen Standes gegen die ber ihm stehende Classe
des Adels sah, verhrtete seinen Sinn.
    Mach' Er das mit sich selber ab! gab er dem Amtmanne kurz zur Antwort,
kehrte ihm den Rcken und entfernte sich durch die Seitenthr, durch welche der
Marquis vorhin gegangen war. Der Amtmann stand eine Minute lang regungslos auf
seinem Platze, dann ging er langsam durch den Haupteingang von dannen.

                              Fnfzehntes Capitel


Es war ein schwerer, gewichtiger Schritt, mit dem der Amtmann durch die breiten
Gnge, durch die hohe Eintrittshalle und ber die weit hingelagerte Rampe
hinabschritt, aber das Herz war ihm noch schwerer. Was er jetzt erlebt hatte,
was ihm eben jetzt widerfahren, war keine Kleinigkeit. Siebenundzwanzig Jahre
hatte sein Urgrovater die Arten'schen Gter verwaltet, achtundvierzig Jahre
sein Grovater. Zu seines Vaters Zeiten hatte Baron Franz die hundertjhrige
Dienstzeit der Steinerts auf Schlo Richten feierlich begangen. Der
reichverzierte silberne Pokal, den der Freiherr damals seinem Amtmanne verehrt,
stand noch mit dem Eichenkranze, der freilich welk geworden war, voran im groen
Glasschranke. Seit acht Jahren, seit seines Vaters Tode, wirthschaftete Adam nun
fr den Baron, und als er die Stelle angetreten, war er mit dem guten, festen
Glauben darangegangen, hier zu leben und zu schaffen und zu sterben wie die
Amtleute vor ihm, wie sein Vater und dessen Vater auch.
    Allerdings hatten seitdem die Zeiten und die Zustnde sich sehr verndert.
Er konnte nicht mehr, wie sein Vater es gethan, am Neujahrstage es dem Herrn
vermelden, da und welchen Ueberschu die Gter eingetragen. Es war seit den
acht Jahren immer mehr aufgegangen, als man eingenommen hatte; der Kirchenbau,
die Untersttzung der vielen Flchtlinge, das breite, keinen Zeitverhltnissen
sich unterordnende Gesellschaftsleben und die groe Prachtliebe des Barons,
welche von der Herzogin genhrt ward, hatten in wenig Jahren nicht nur die
angesammelten Capitalien aufgezehrt, sondern, da man in den letzten Jahren oft
schnell das Geld gebraucht, mannigfache Anleihen nthig gemacht, fr die man bei
den unruhigen Zeiten ungewhnlich hohe Zinsen zahlen mssen, die man nicht immer
gleich zu decken im Stande gewesen war und welche neue Anleihen erfordert
hatten. Freilich waren diese Verlegenheiten durch Aufnahme einer Hypothek auf
Rothenfeld, in welcher Adam, um keine fremden Hnde an das Gut heranzulassen,
durch Herrn Flies sein und Eva's Vermgen angelegt, fr den Augenblick beseitigt
worden und wenn Adam sich auch Sorge darber machte, da schon wieder neue
Wechsel fr den Freiherrn zu zahlen waren, so hatte er auch wieder besser als
ein Anderer die Hlfsquellen der Arten'schen Besitzungen gekannt und sich damit
beruhigt, da Alles noch auszugleichen und herzustellen sei, wenn man einmal mit
dem unntzen Kirchenbaue fertig und der kostspieligen Flchtlinge ledig geworden
sein wrde. Auf Jahre hinaus hatte er seine Berechnungen, seine Plane angelegt;
all sein Sinnen, all seine Kraft und Gedanken hatte er an die Verwaltung dieser
Gter geknpft. Von frh auf, durch eine hundertjhrige Vergangenheit, durch
alle seine Familien-Erinnerungen gewhnt, das Schicksal der Steinert's mit dem
der Herren von Arten, denen sie dienten, unzertrennlich verbunden zu denken, war
ihm erst in den allerletzten Zeiten je zuweilen die Vorstellung gekommen, da es
so nicht immer gehen, da Verhltnisse eintreten knnten, unter denen er nicht
im Stande sein wrde, die Herrschaft weiter zu bewirthschaften. Es hatten ihm
das jedoch so entfernte Mglichkeiten gednkt, da er sich nie lange, nie
ernstlich mit ihnen beschftigt; und da er, einer von den Steinerts, einer von
den Amtleuten, die wie Lehnsleute in dem Hause in Rothenfeld gesessen, von einem
der Freiherren, von seinem Freiherrn mit Schimpf und Schande von Haus und Hof
getrieben werden knne, daran hatte er in keiner Stunde seines Lebens noch
gedacht. Um so hrter trat das Ereigni vor ihn hin, um so fester mute er sich
ihm gegenberstellen, und er that das auch. War er doch nicht der erste Mensch,
dessen Schicksal eine pltzliche Umwlzung erfuhr; war er doch nicht hlflos,
wenn er diese Gter nicht mehr bewirthschaftete! Die Steinerts hatten ein
hbsches Vermgen zusammengebracht im ehrlichen Dienste der Herren von Arten,
und es stand ja in der Bibel, da denen, die der Herr liebt, Alles zum Guten
gereichen msse. Wer wei, wozu es gut war, da es hier mit Einem Male mit ihnen
zu Ende ging! Stand es doch nicht in den Sternen geschrieben, da die Steinerts
immer nur Amtleute der Freiherren von Arten bleiben sollten! Sie konnten
Gutsbesitzer werden, sich auf eigene Fe stellen, besser als hundert Andere,
denn sie hatten die Kenntnisse und das Capital dazu.
    Es half aber nichts, da Adam sich dies Alles vorhielt und da dies Alles
seine volle Richtigkeit hatte. Der Mensch reit sich nicht mit Einem Schlage von
seiner Vergangenheit los, und wo er's thun mu, blutet die Wunde noch lange
nach.
    Wie er so einsam in seinem Wagen dahinfuhr und mit dem vertrauten Auge ber
die Gegend hinsah, fand er sich mit Allem durch seine Sorgfalt dafr verknpft.
Er kannte jeden Baum, jeden Strauch. Fr jeden Acker hatte er gesorgt, jeden Weg
bessern, jeden Zaun erhalten, die meisten Hecken in den letzten Jahren pflanzen
lassen. Die Pferde, welche der Knecht zum Eggen hinausritt, hatte Adam auf dem
letzten Markte gekauft; der Knecht war auf dem Hofe in Rothenfeld geboren und
erwachsen. Zu der Schafheerde, welche der Hirt, nun der Mittag vorber war, noch
einmal auf die Stoppeln hinausfhrte, hatte Adam's Grovater den Stamm gekauft,
und Adam selber war vor sechs Jahren in des Herrn Auftrag in Sachsen gewesen,
von dort her eine edlere Race einzufhren.
    In wessen Hnde das nun kommen wird? dachte Adam. Es wird's nicht leicht
einer so gut halten, wie wir gethan! Es wird Manches drunter und drber gehen,
wenn einer darber gerth, der's nicht zu bersehen und zusammenzuhalten wei!
Und gar, - wenn ein Unredlicher darber kme!
    Er schttelte nachdenklich den Kopf. Wie war es denn gekommen, das arge
Zerwrfni? Was war denn eigentlich geschehen? Und war es denn nicht zu
vermeiden gewesen? Er konnte es noch nicht begreifen. - Mit groem Bedachte ging
er den ganzen Lauf der Unterredung durch. Wort fr Wort wiederholte er sich
Alles. Er brachte die Anwesenheit des Marquis, die Gemthsart des Barons, sein
gebieterisches Wesen und selbst die Art von vterlicher Herrschaft in Anschlag,
die der Herr ber ihn gebt, weil er ihn von Kindesbeinen aufwachsen sehen. Er
erwog Alles, bis auf den Ton, bis auf die Mienen, mit welchen er zu dem Herrn
gesprochen, aber er konnte sich keinen Vorwurf machen. Sein Mannesgefhl und
sein gutes Recht durfte er nicht antasten lassen, der bloen, launenhaften
Willkr brauchte er sich nicht zu unterwerfen. Er konnte mit seiner einzigen
Schwester Zufriedenheit und Glck nicht also spielen lassen, denn es war klar,
aus welchem Grunde immer, der Freiherr hatte ihn absichtlich demthigen und
krnken wollen, und glcklicher Weise befand er sich nicht in der Lage, dies
hinnehmen und ertragen zu mssen. Es war also gut, ganz gut so, wie es gekommen
war.
    An dieser Meinung richtete er sich fest empor, und schon glaubte er
vollstndig Meister ber den erlittenen Eindruck geworden zu sein, als sein
Wagen in das Thor des Amthofes einfuhr. Wie es so da lag, breit und stattlich
unter den mchtigen Bumen, das gute, alte Haus, so hatte sein Urgrovater es
erbaut. Die Bume aber waren weit lter. Ueber diese Treppe war sein Vater als
Brutigam mit seiner Mutter eingezogen, ber diese Treppe hatten sie Vater und
Mutter zur letzten Rast getragen. Hier hatte er gespielt; hier an der Treppe
hatte er gewartet, als sie mit der Eva zur Taufe nach der Kirche gefahren waren.
Alle seine Erinnerungen knpften sich an diesen Fleck Erde, an dieses alte Haus;
alle seine Hoffnungen hatte er im Geiste damit in Verbindung gesetzt, und es
that ihm im Herzen weh, als eben, da er vor seiner Thre anlangte, der Grtner
ein berschssiges Gestruch entwurzelte und ber den Zaun hinauswarf.
    Entwurzelt! murmelte er unwillkrlich, und es lief ihm kalt durch die
starken Glieder. Aber der Mensch ist kein Gewchs! sagte er sich zum Troste,
denn eines Trostes fhlte er sich bedrftig.
    Nun? rief ihm Eva entgegen, sobald er den Fu auf den Boden gesetzt.
    Geduld, versetzte er, la mich nur erst in die Stube hinein! - Sie sah, da
etwas ganz Unerwartetes geschehen sein mute, lie ihn vorangehen und folgte
ihm.
    Der Amtmann hing den Hut an den Nagel, legte die Handschuhe zur Seite und
wandte sich nach seiner Stube, um seine Kleider zu wechseln. Es drngte ihn
nicht, das Schwere auszusprechen, er scheute sich vielmehr davor. Aber die
Schwester ertrug es nicht lnger. Sie trat behutsam an ihn heran, legte den Arm
auf seine Schulter und sagte: Du bringst nichts Gutes, Bruder! Du hast um
meinetwillen Unannehmlichkeit gehabt!
    Nicht um Deinetwillen! gab er ihr zur Antwort.
    Aber dennoch Unannehmlichkeiten? - Er bejahte es kurz. - So billigt der
Baron die Heirath nicht? fragte sie kleinlaut.
    Adam sah sie an, als komme ihm diese Angelegenheit erst jetzt wieder in den
Sinn, und in dem Augenblicke nur an sich selber denkend, sagte er: Ach, das ist
ja das Wenigste!
    Das Wenigste? Aber was ist denn sonst geschehen? rief Eva, der des Bruders
sichtliche Erschtterung allmhlich immer klarer wurde, um Gottes willen, was
ist denn geschehen?
    Er setzte sich hin und zog sie neben sich. Mach' Dich bereit, Schwester,
sprach er, etwas recht Unerwartetes zu hren; es hat mich auch gefat, als ich's
vernahm! - Er hielt inne und sagte dann: Es ist aus zwischen uns und ihnen - wir
gehen fort von hier!
    Adam, rief das Mdchen, Adam, das ist ja gar nicht mglich! Wir, wir sollen
fort von hier, von hier?
    Ihr Ton erweckte den eigenen Schmerz aufs Neue. Du wrst ja doch bald
fortgegangen! sagte er, um sie und sich zu trsten.
    Aber Du, Du? brach Eva hervor und umschlang ihn mit ihren Armen, und ihre
Thrnen fielen nieder auf seine Brust, und das Herz ward ihm so weich, da er
keines Wortes mchtig war. Drauen tickte die groe, englische Stehuhr ihren
altgewohnten Pendelschlag, im Hofe pltscherte das Wasser des Rohrbrunnens in
das weite Becken.
    Die Uhr wird hier nicht lange mehr schlagen! Das Wasser werde ich nicht
lange mehr fallen hren! dachte er, und er hatte Noth, die eigenen Thrnen
zurckzuhalten, deren er sich schmte.
    Mit tiefem Athemzuge stand er auf. Jetzt, da Eva es wute, hatte er
berwunden. Sei verstndig, Mdchen, sagte er, und mach' uns beiden das Herz
nicht unntz schwer! Richten und Rothenfeld sind nicht die Welt, und ich denke,
wir sollen fortan beide keinen Herrn mehr haben, der uns befehlen kann - und
bald Gott dafr danken, da wir frei sind, Du und ich! La den Christian
satteln, er soll heute bis Feldheim reiten, so erfhrt Herbert morgen Mittag in
Kerben, was geschehen ist, und Du mutest es ja auch erfahren! - Komm' zu mir,
wenn Du den Befehl gegeben hast.

                              Sechszehntes Capitel


Dem Freiherrn seiner Seits war es auch nicht wohl ums Herz. Er hatte zu viel
Ehrgefhl und Stolz, um es nicht schwer zu empfinden, wenn er sich sagen mute,
da er einem seiner Untergebenen ein Unrecht gethan, und in diesem Falle befand
er sich jetzt seinem Amtmanne gegenber. Dazu hing er am Hergebrachten, am
Gewohnten mehr als er es sich selber eingestand, und die Herren von Arten hatten
sich immer etwas damit gewut, seit mehr als hundert Jahren dasselbe Geschlecht
in ihren Diensten zu haben. Alte, treue Diener gehrten nach der richtigen
Ansicht des Freiherrn zum edelsten Familienbesitz, und noch war er niemals in
der Lage gewesen, sich eines Theils desselben zu entuern. Es wre ihm hart
angekommen, sich von einem der von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Gerthe zu
trennen; sich von einem Menschen loszusagen, dessen Familie so lange mit den
Erinnerungen seines Hauses verbunden gewesen war, kam ihm noch schwerer an. Und
er hatte den Adam, er hatte beide Geschwister gern. Es waren, das konnte und
mochte er sich selbst in dieser Stunde nicht verhehlen, tchtige und brave
Menschen. Einen treueren Beamten als den Adam konnte er nicht finden.
    Er ging mit sich lange und ernsthaft zu Rathe. Wren die Zeiten gewesen wie
frher, so wrde er vielleicht nicht angestanden haben, am nchsten Tage den
Amtmann kommen zu lassen, ihm, der im Grunde ja noch ein junger Mensch war, den
Kopf tchtig zurecht zu setzen und ihm dann anzuzeigen, da er ihm vergeben, ihn
in seinem Dienste behalten wolle, und Adam wrde das dankbar angenommen haben.
Aber die Zeiten hatten sich gewaltig gendert, seit die Revolution in Frankreich
ausgebrochen war, seit man dort den edeln, unglcklichen Knig enthauptet und
eine Staatsverfassung, eine Republik eingefhrt hatte, in der Gewerbtreibende
und Gelehrte, Leute ohne Geburt und Rang am Ruder waren, die den Adel seines
angestammten Besitzes, seiner angeerbten Vorrechte beraubt und das Blut der
edelsten Geschlechter in Strmen vergossen hatten. In Adam's Worten: Ich bin ein
freier Mann! hatte der Freiherr vernommen, was jetzt, seit sie in Frankreich die
Menschenrechte verkndet, all diesen Leuten im Kopfe spukte, und das war es
gewesen, was ihn so erbittert hatte, was ihm auch jetzt ein verzeihendes
Einlenken als vllig unthunlich erscheinen lie; denn undenkbar war es nicht,
da der Amtmann, wie die Welt jetzt aussah, es verschmhte, die dargebotene
Begnadigung anzunehmen. Er hatte zu fest, zu strack vor ihm gestanden! Adam war
auch ganz der Mann danach, mit seinem ansehnlichen Vermgen lieber selbst den
Gutsherrn machen zu wollen - und was dann?
    Der Freiherr konnte, durfte nach seiner Ueberzeugung nicht widerrufen, was
er ausgesprochen! Allerdings hatte er damit eine Menge von Unbequemlichkeiten
und Sorgen ber sich genommen, aber es blieb ihm nichts brig, als den Sohn des
braven Steinert mit einer gerechten Beschwerde ber seinen Herrn von dannen
gehen zu lassen. Denn gegen Herbert und Eva war er thatschlich nicht gerecht
gewesen, und an Allem dem trug, wenn er's recht bedachte, auch Angelika wieder
die Schuld!
    Unwillkrlich fuhr er sich mit der Hand gegen die Brust. Da brannte er ihn
immerfort, der Schmerz: Angelika liebte Herbert, sie selbst hatte es ihm
gestanden, fast ohne sein Zuthun, freiwillig gestanden! Er war sehr unglcklich!
- Der Caplan, die Herzogin wuten es, ja - und was das Schlimmste war, es wute
es auch der Marquis!
    Er hatte diesen niemals gern gesehen. Die groe Leichtfertigkeit desselben,
seine Lust an kleinlichen Erfolgen, selbst die Weise, in welcher er sich ber
seines Knigshauses, seines Vaterlandes und ber sein eigenes Schicksal
fortzusetzen wute, duchten dem Freiherrn eines Edelmannes nicht wrdig. Da
der Marquis ihn jetzt gar in die Lage brachte, seinen Gast von dem Amtmanne, von
einem seiner Diener, anklagen zu hren, da der Marquis ihn dazu zwang, ihm
Vorstellungen zu machen, war ihm widerwrtig - und ernstliche Vorstellungen
mute er ihm machen, denn es waren bereits mehrfach hnlich klagende Berichte zu
des Freiherrn Ohr gedrungen.
    Den Freiherrn hatte der Schlaf die ganze Nacht geflohen. Seine Nerven waren
abgespannt, sein ganzes Wesen bedrckt, und das nasse, bleifarbige Gewlk, das
keinen Sonnenstrahl hindurchlie, die unbewegte, schwere Luft des schwlen
Herbsttages waren nicht geeignet, ihn zu befreien oder zu beleben. Die
Mahlzeiten waren unter einer erzwungenen Heiterkeit vorber gegangen, der Baron,
uerst mig in Speise und Trank, hatte gegen seine Gewohnheit reichlicher Wein
getrunken, um zu vergessen, was ihn drckte, oder um sich wenigstens ber die
ihm jetzt lstige Stunde des Beisammenseins mit seinen Hausgenossen hinweg zu
helfen. Whrend man speiste, bestellte er sein Pferd, um auszureiten, inde der
Nebel, welcher den ganzen Tag beherrscht, hatte sich endlich in einen jener
Regen verwandelt, denen man es ansieht, da sie lange whren; und weil er Luft
und Bewegung nthig hatte, nahm er wieder zu der Gallerie - so nannte man jenen
Saal im Erdgeschosse - seine Zuflucht. Dorthin folgte ihm wie gewhnlich der
Marquis. Es war dem Freiherrn eben recht.
    Als sie sich allein mit einander befanden und mehrmals schweigend in dem
Zimmer auf und nieder gegangen waren, sagte der Freiherr: Haben Sie vielleicht
davon gehrt, Marquis, da ich meinen Amtmann entlasse?
    Nein, versetzte der Marquis, aber Sie thun sicherlich sehr wohl daran!
    Wehalb? Was wissen Sie davon? fragte der Freiherr.
    O, der Mensch hat einen Ton, Manieren! Er spielt den bourgeois gentilhomme.
Er ist sicherlich einer von denen, die auch bei Ihnen gerades Weges auf die
sogenannte Freiheit und Gleichheit lossteuern wrden, wenn man sie nicht im
Zgel hielte. Er wute ja gar nicht mehr, was ihm geziemte und wer er war! rief
der Marquis, in dem sicheren Glauben, sich dem Freiherrn damit angenehm zu
machen.
    Aber er verfehlte seine Wirkung. Es verdro den Baron, seinen Amtmann von
dem Fremden tadeln, es sich dabei gleichsam vorwerfen zu lassen, da er ein
Ungebhrliches unter seinen Leuten geduldet habe, und mit der ihm
eigenthmlichen stolzen Wrde sprach er: So sollten wir in unseren Tagen um so
ernstlicher darauf denken, es nicht zu vergessen, wer wir sind und was uns
ziemt!
    Der Marquis blieb stehen. Er hatte in seiner gegenwrtigen Abhngigkeit
jenes Ehrgefhl nicht verloren, an welches der Freiherr seine Mahnung erhob, es
hatte sich im Gegentheil durch seine jetzige Lage steigern mssen, da es mit
seiner anmuthigen Person das Einzige war, was ihm von den Umstnden nicht
genommen werden konnte; und den feingepuderten Kopf hochfahrend zurckgeworfen,
um sich damit der hohen Stattlichkeit seines Beschtzers wenigstens im Aeuern
so viel als mglich gleich zu stellen, sagte er: So ziemt es mir sicher auch, zu
erfahren, Herr Baron, womit ich diese Anmahnung verschuldet!
    Es war seit gestern das zweite Mal, da ein jngerer von ihm abhngiger
Mann, ein Mann, dem der Baron sich in jeder Rcksicht berlegen wute, sich ihm
herausfordernd und auf sein Recht pochend entgegenstellte, und unwillkrlich
sagte er sich, wie der Trotz des Amtmannes es gewesen sei, der den Marquis
ermuthigt habe. Das brachte des Freiherrn erhitztes Blut in Wallung, und lebhaft
auffahrend, rief er: Vor allen Dingen htte es Ihnen wohl geziemt, es mir zu
ersparen, da meine Leute sich bei mir ber den Leichtsinn und die Sitten meines
Gastes beklagen mssen. Sie haben die Tochter meines Reitknechtes verfhrt, mein
Unterfrster hat sich ber Sie zu beschweren gehabt, der Amtmann ....
    Aber der Zorn des Barons brachte auf den jungen Franzosen, entweder weil er
diese Art von Vorwrfen nicht eben erwartet haben mochte, wirklich eine komische
Wirkung hervor, oder er hoffte, sich mit einem Scherze am leichtesten der
Verlegenheit entziehen zu knnen, denn er rief lachend: Parbleu, mein Herr
Baron, eine Hofdame, eine Prinzessin wre mir allerdings lieber gewesen, aber
wehalb wollen Sie einem jungen Manne einen etwas geschmacklosen Zeitvertreib
gleich zum Verbrechen machen? Irre ich mich nicht, so haben auch Sie sich seiner
Zeit in Ermangelung eines Besseren gar wohl zu bescheiden verstanden, Herr
Baron!
    Der Freiherr ballte die Hand zusammen, die er vornehm in den Falten seines
Jabots hielt. Wir sprechen von Ihnen, nicht von mir, Marquis! sagte er mit
scharfer Betonung. Der Amtmann hat gedroht, vorkommenden Falles sein Hausrecht
wider Sie zu brauchen, und ich wte nicht, wie ich's ihm wehren knnte!
    Der Marquis sprang einen Schritt zurck, seine Wange erbleichte. Ich war
lange Zeit ihr Gast, Herr Baron! rief er.
    Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich noch in die Lage
bringen, einen Edelmann als Gast an meinem Tische zu sehen, an den einer meiner
Leute seine Hand gelegt hat.
    Sicher nicht, Herr Baron, denn ich werde Sie sofort der Mglichkeit
entheben, Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre gegen mich in solcher Weise
geltend zu machen! sagte der Marquis und verlie mit einer frmlichen und
gemessenen Verbeugung die Gallerie.
    Der Baron konnte nach seiner letzten Aeuerung nichts Anderes von dem
Marquis erwartet haben, und doch stand er mit einer qulenden Empfindung still,
als er den Tritt desselben in dem Nebenzimmer verhallen hrte. Nicht da eben
der Marquis sich entfernte, berhrte den Freiherrn so unangenehm, denn dieser
war ihm grade heute wieder sehr mifllig gewesen, aber er selber fand sich wie
verwandelt, und das war's, was ihn peinigte. Er, der sein ganzes Wesen zu einem
wrdevollen Gleichmae herangebildet, der eine Aufgabe und eine Befriedigung
darin gefunden hatte, dies in allen Lebenslagen und allen Personen gegenber zu
behaupten, er fand sich in einer Stimmung, in einer Verfassung, welche ihn
dieses Gleichgewichts beraubte, welche ihn zu Handlungen hintrieb, die er selbst
als ungehrige bezeichnen mute und die ihn zu immer neuen, widerwrtigen
Errterungen drngten, in deren Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach.
    Es giebt solche Augenblicke, ich habe solche Zeiten schon erlebt, sagte er,
sich zu beschwichtigen, whrend er mit festem, stolzem Schritte, als bedrfte er
dieses Zeichens seiner selbstherrlichen Kraft, langsam in der Gallerie
umherwanderte. Solch ein Zeitpunkt war's ja auch, in welchem ich vor Jahren mich
von Dresden hierher zurckzog und in dem ich dann Pauline, die arme Pauline, als
ein Glckspfand in mein Leben aufnahm. Er seufzte, als er sich daran erinnerte.
Er hatte lange nicht an sie gedacht, nur seit gestern war ihr Bild ihm wieder
lebendig vor die Seele getreten, und er konnte es jetzt betrachten ohne den
schmerzenden Stachel der Reue, die ihn sonst geqult hatte. Pauline hatte ihm
allein angehrt mit ihrem Herzen, sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod, sie
hatte keinen Anderen geliebt, als ihn!
    Er prete die Lippen gewaltsam auf einander. Das war es! Das war es, was ihm
seine Ruhe, seine Fassung raubte, was ihn kein Auge hatte schlieen lassen in
der Nacht!
    Es war ein Bruch in sein Leben gekommen. Er fhlte sich in seiner Ehre
angetastet, und der Mann, der ihn die Liebe seiner Gattin gekostet hatte, stand
so tief unter ihm, da er die erfahrene Beleidigung nicht einmal, wie es unter
Edelleuten blich, htte rchen knnen, auch wenn er dies gewollt htte.
Angelika's Liebe hatte ihn nie ganz erfllt, nie wahrhaft beglckt; aber das
Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grundbedingungen seines Daseins gehrt, und
nicht mehr auf dieselbe rechnen und bauen zu knnen, war ein schwerer Verlust
fr ihn. Er hatte sich in ihr geirrt, sich betrogen, und er konnte dies weder
sich selber noch denjenigen Personen verbergen, welche die Vertrauten des
unglcklichen Geheimnisses geworden waren. Es konnte nicht fehlen, da er die
Frau, welche ihm diese Wunde geschlagen hatte, bald als die alleinige Ursache
aller seiner Leiden und aller seiner Widerwrtigkeiten ansah.
    Es war sein innerer Kummer, es war sein unterdrckter Schmerz und Grimm, die
ihn sich selbst entfremdeten und die ihn im Zorne weit ber seine sonstige
Weise, fast bis zur Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten. Es war Angelika,
deren Schuld den Bruch mit Adam veranlat; auch der verdrieliche Handel mit dem
Marquis, der ihn die Gesellschaft seiner Freundin kosten und die Herzogin der
Zufluchtssttte berauben konnte, welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude
und eine Ehrensache gewesen war, lie sich schlielich auf Angelika's Schuld
zurckfhren, und doch mute er sie, wenn er sich nicht selber Preis geben
wollte, um seiner eigenen Ehre willen nach wie vor zu lieben scheinen, whrend
eine kalte Abneigung gegen sie sich seiner immer mehr bemchtigte.
    Aber um Angelika's willen sollte die Herzogin nicht scheiden. Das wenigstens
mute er zu verhindern suchen. Hatte sie doch gleich Anfangs den Eintritt der
flchtigen Verwandten in ihr Haus mit Mitrauen begrt und eben in diesen Tagen
ihn vor der Herzogin gewarnt, der sie doch ihr volles Vertrauen zugewendet. Er
durchschaute das Spiel, welches Angelika, wie er meinte, zu spielen gewillt war,
aber er versprach sich, da sie es nicht gewinnen, nicht auf seine und seiner
Freundin Kosten als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte.

                              Siebzehntes Capitel


Einen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im Schlosse nie erlebt. Die
Herzogin speiste auf ihrem Zimmer, der Marquis leistete ihr Gesellschaft. Der
Freiherr a gar nicht zu Nacht, und im Speisesaale hatten der Caplan und die
Baronin die aufgetragenen Schsseln kaum berhrt.
    Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der Diener die Koffer des
Marquis. Der zweite Kutscher hatte Befehl bekommen, die leichte Reisekalesche
fertig zu halten, ein Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach
der Stadt geschickt worden.
    Man fragte den Diener des Marquis, was denn geschehen sei, da sein Herr so
pltzlich nach der Residenz aufbreche. Er konnte das nicht sagen. Man wollte
erfahren, ob denn die Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe. Auch das wute er
nicht, und die Kammerfrau der Herzogin, von der man Auskunft erwarten durfte,
lie sich gar nicht sehen. Des Vermuthens, des Fragens, des Meinens und des
Prophezeiens war auf den Treppen, in den Vorslen und in den Domestikenzimmern
gar kein Ende, und doch brachte man's zu keinem festen Abschlusse. Nur das Eine
wute man sicher, die Kammerfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend
einen Auftrag, der Secretair behauptete sogar, einen Brief gebracht.
    Die Herzogin lt auch packen, sagte der Diener, welcher nach der Mahlzeit
die Tafel in ihrem Zimmer abzurumen gehabt hatte, und als ich eben fortging,
kam der Herr Baron den Corridor entlang und ging zu ihr.
    Es geschah sonst niemals, da der Freiherr die Herzogin in ihrer Wohnung
aufsuchte, ohne sich bei ihr vorher frmlich anmelden zu lassen, denn er
wnschte ihr auch in seinem Schlosse das Gefhl zu erhalten, da sie Herrin bei
sich sei. Heute jedoch klopfte er selbst an ihre Thre. Die Kammerfrau ffnete
ihm und lie ihn ein, aber die Herzogin war nicht anwesend. Erst als er nach ihr
fragte, trat sie aus dem Nebenzimmer hervor.
    Ihre Haltung, ihr Blick waren noch ruhiger, noch wrdevoller als gewhnlich,
und ohne abzuwarten, was er ihr zu sagen habe, reichte sie ihm die Hand entgegen
und sprach mit sanfter Freundlichkeit: Sehen Sie, mein Cousin, da stehen wir
wieder einmal vor einem jener Ereignisse, von denen ich Ihnen oft gesprochen
habe, vor einem jener Zuflle, die uns unerwartet daran mahnen, da nichts in
unserem Leben Dauer hat, und die uns davor warnen, uns keiner friedensvollen
Sicherheit zu berlassen!
    Sie hatte sich mit den Worten auf das Canapee gesetzt, und whrend der
Freiherr ihr zur Seite auf einem Sessel Platz nahm, wies sie, mit einer leichten
Bewegung ihn um Entschuldigung dafr bittend, da sie in seinem Beisein eine
solche Anordnung treffe, ihre Kammerfrau an, die Schreibgerthschaften, welche
auf dem Tische standen, in ihre Schatulle einzupacken.
    Als die Dienerin sich entfernt hatte, sagte der Freiherr, indem er sich
bittend gegen die Herzogin neigte: Lassen Sie uns nicht dem Schicksale
aufbrden, was in unserer Hand liegt, meine Freundin! Gnnen wir einem Zufalle,
gnnen wir der Unberlegtheit und dem heien Temperamente eines jungen Mannes
nicht die Macht, dasjenige zu zerstren, was wir durch ein Leben lang heilig
gehalten haben, unsere Freundschaft, und uns dessen zu berauben, was mir
wenigstens ein Unersetzliches ist! Gehen Sie nicht von uns, Herzogin, ich bitte
Sie darum!
    Sein Ton war weich, seine Geberde mild und traurig, denn er hatte in diesen
letzten Tagen innerlich viel durchgemacht. Er liebte es, mit gromthigem Herzen
die Menschen, welche in seiner Nhe lebten, zu beglcken, und wohin er in diesem
Augenblicke sah, wute er, da man seiner mit Unzufriedenheit gedachte. Das
Schlo, das Amthaus, Alles stand in dsterm Lichte vor ihm. Alles versagte sich
ihm, Alles verlie ihn, worauf er sich gesttzt hatte; und nun wollte auch sie,
die bewhrte Freundin, von ihm gehen, die ihn mit seiner Jugendzeit verknpfte,
der er gewhren konnte, was sie sonst nirgends fand: eine Heimath und eine
Sorgenfreiheit, die sie von ihm, dem Blutsverwandten, dem alten Freunde, ohne
das Gefhl erniedrigender Wohlthat anzunehmen vermochte. Die Herzogin in
Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen, wre ihm ein Schmerz und nach
seiner Anschauungsweise eine neue und schwere Krnkung seiner Ehre, seiner
Standes- und Familienehre gewesen. Sie kannte ihn auch genugsam, um seine
Empfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu beurtheilen, und sie
hatte sich auf dieselben mit Zuversicht verlassen.
    Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und dem Marquis gegeben.
Sie befand sich nicht mehr in der Lage, in welcher sie dem verwhnten Lieblinge
jede Grille durchgehen lassen und jeder seiner Thorheiten mit ihrem Vermgen und
Einflusse begegnen konnte. Sie hatte es mit widerstrebendem Herzen gelernt, sich
in die Verhltnisse zu schicken, und sich beschieden, fr ihre verlorene
Lebensfreiheit so weit als mglich in der Herrschaft Ersatz zu suchen, welche
sie ber diejenigen ausbte, von denen sich abhngig zu wissen ihr Stolz nur
schwer ertrug; denn es ist das Glck der Herrschschtigen, da sie in dem
Herrschen an und fr sich einen Genu empfinden und da ihre Befriedigung nur
bis zu einem gewissen Grade von dem Gegenstande, ber den sie herrschen,
abhngig ist. Sie konnte hier in Richten, wie die Verhltnisse jetzt lagen,
zusehen, abwarten, geschehen lassen, ohne Langeweile dabei zu empfinden; sie
brauchte nur wie ein gebter Schachspieler die Figuren, welche man von beiden
Seiten in das Spiel und in Bewegung brachte, im Auge zu behalten, um den rechten
Moment nicht zu verfehlen, in welchem ein geschickter Eingriff die ihr
erwnschte Lsung bringen mute. Sie hatte sich ihre Stellung in Schlo Richten
zu gewinnen und zu behaupten gewut, und sie war ihr lieb und lieber geworden,
je unmglicher die Rckkehr in ihre frheren Verhltnisse sich durch den
Fortgang der franzsischen Revolution gezeigt hatte.
    Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der Provinz gewesen war,
und Hof gehalten hatte in ihrer Weise, so hatte sie sich allmhlich in diesem
entlegenen Theile Deutschlands festgesetzt, und das Zartgefhl der Baronin, die
Gromuth des Barons hatten ihr dazu den Weg geebnet. Allen ihren Bedrfnissen
ward im Voraus begegnet, ja, der Freiherr hatte es in der schonendsten und
liebenswrdigsten Art dahin gebracht, ihr allmhlich in Form eines Darlehens ein
Nadelgeld auszusetzen, gro genug, auch den Marquis zu versorgen; und wenn die
Herzogin auch ber die Summen, welche sie empfing, jedes Mal einen Schuldschein
zu unterzeichnen verlangte, so hatte sie es doch in Erfahrung gebracht, da die
Summen in den Bchern nicht auf ihren, sondern auf des Freiherrn Namen
eingetragen wurden, und da dieser die Quittungen, welche sie ausstellte, stets
selbst vernichtete, damit sie niemals, auch nicht etwa von seinen Erben, gegen
die Herzogin geltend gemacht werden konnten.
    Aus diesem Zustande, dem wnschenswerthesten, welcher sich augenblicklich
fr sie denken lie, hatte der Leichtsinn des Marquis sie aufgeschreckt, und
wenn dieser seinerseits in der Aufwallung seines Zornes und seines beleidigten
Ehrgefhls auch an nichts weiter denken konnte und mochte, als den Anforderungen
des letzteren genug zu thun, so sah die Herzogin mit jener schnell arbeitenden
Phantasie, welche die unentbehrliche und unzertrennliche Gefhrtin eines
scharfen Verstandes ist, sofort ber den Augenblick zu dessen Folgen hinber,
und sie konnte nicht zweifelhaft sein, was hier geschehen knne, was ihr zu thun
obliege.
    Da der Marquis nicht bleiben, wenigstens fr jetzt nicht in Richten bleiben
knne, verstand sich von selbst. Aber eben weil er gehen mute, war sie zu
bleiben genthigt, denn nur auf diese Weise konnte sie ihm die Mittel zu seinem
Unterhalte schaffen; inde freiwillig zu bleiben ziemte ihr nicht, da sie ihren
Bruder als den Beleidigten darzustellen wnschte, und nach den ersten lebhaften
Errterungen zwischen ihr und dem Marquis hatte sie dem Freiherrn geschrieben,
da sie sich zu ihrem Schmerze und, wie sie hoffe, auch zu seinem und dem
Bedauern der Baronin in die traurige Nothwendigkeit versetzt finde, auf seine
gromthige Gastfreundschaft verzichten und in eine ihr so leere und fremde Welt
zurckkehren zu mssen, gegen deren Oede und Schrecken sie unter seinem Dache,
an seinem Heerde, unter dem Schutze ihres beiderseitigen Ahnenschlosses eine so
friedliche und beglckende Zuflucht gefunden habe. Alles, um was sie sich
erlaube, ihn noch zu bitten, sei, da er ihr die Vierteljahrs-Zahlung noch
einmal anweisen lasse, und da er ihr vergnnen mge, sich seines Wagens und
seiner Pferde bis zu der Stadt zu bedienen, in welcher sie zuerst zu bernachten
denke und in der sie Postpferde fr ihr weiteres Fortkommen finden knne.
    Sie hatte mit Sicherheit den Eindruck berechnet, welchen solch ein Schreiben
eben in diesem Augenblicke auf den Freiherrn machen wrde, und sie hatte sich
nicht darin getuscht. Es war in der Voraussicht seines Besuches gewesen, da
sie Befehl gegeben hatte, hier und da einen der Gegenstnde und der
Gerthschaften, deren sie sich zu bedienen pflegte und welche der Freiherr an
ihrem bestimmten Platze zu sehen gewohnt war, aus dem Gemache zu entfernen, und
in der That bednkte ihn diese kleine Zerstrung der ihm in einer bestimmten
Form vertraut gewordenen Umgebung unheimlich.
    Da die Herzogin auf des Freiherrn Bitte, das Schlo nicht zu verlassen, nur
mit einer schmerzlichen Bewegung ihrer Mienen antwortete, sprach er nach kurzem
Schweigen: Hren Sie, meine Freundin, wie drauen der Wind die starren Aeste der
Bume schttelt, das Jahr geht abwrts, das Wetter ist schlecht! Er hielt inne,
nahm dann ihre Hand und sagte: Auch unser Leben, Margarethe, wie wir uns gegen
diese Erkenntni in gnstiger Stunde auch zu betuben suchen, ist kein
aufsteigendes mehr, der Weg wird bersichtlich, welcher noch vor uns liegt, und
was wir auf demselben an Glck noch etwa finden knnten, das sollten wir
freiwillig nicht vermindern!
    Wir? nahm die Herzogin das Wort, wir? Wie drfen Sie Ihr Schicksal dem
meinigen vergleichen, theurer Freund? Sie haben Renatus, den Sohn, der Ihnen
frhlich und gesund heranwchst, Sie stehen inmitten Ihrer Heimath, Sie besitzen
die Liebe einer jungen, edeln Frau! - Aber was fehlt Ihnen, mein Freund? rief
sie, sich pltzlich unterbrechend. Was habe ich denn gesagt, das sie betrbt?
Oder ist es nur der flackernde Schein der Kerzen, der mir Ihr Gesicht so bleich
erscheinen macht?
    Der Freiherr zgerte, ihr zu antworten, weil er zum ersten Male die
Unwahrheit der Herzogin erkannte. Was bedeutete es, da sie ihn auf die Liebe
seiner Gemahlin hinwies, sie, der Angelika das unglckliche Geheimni ihrer
Liebe zu dem Architekten anvertraut hatte? Es widerstrebte ihm, sich der
Tuschung hinzugeben, die sie ihm schmeichlerisch bereiten zu wollen schien, es
widerstand ihm eben so, ihr zu bekennen, da er ihre Absicht durchschaute; aber
sie lie ihm zum Ueberlegen keine Zeit, denn mit grter Wrme seine Hnde
ergreifend, rief sie: O, mein Freund, wre ich so unglcklich gewesen, eine
schmerzhafte Saite in Ihrem Leben zu berhren? Wten Sie etwa, was ich Ihrer
Kenntni vorenthalten zu sehen hoffte, da selbst diese schne, edle Natur ....
    Der Freiherr machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Lassen Sie das,
lassen Sie das, meine Freundin! sagte er. Es ist nicht weise, von einem
Unwiederbringlichen zu sprechen und seine Gedanken damit zu beschftigen,
besonders wenn man sich nicht mehr mit neuen Tuschungen ber eine erlittene
Tuschung fortzuhelfen vermag; und ich darf es leider sagen: meine letzte
Tuschung liegt jetzt hinter mir! - Er seufzte, unterdrckte, was er noch sagen
zu wollen schien, und sie schwiegen beide.
    Sie knnten mich tadeln, nahm nach einer Weile die Herzogin das Wort, da
ich Sie nicht benachrichtigt, da ich berhaupt das Vertrauen der armen Angelika
angenommen habe. Aber das erregte Herz verlangt sich auszusprechen, und da mir
der Eindruck, welchen jener junge Mann auf die Baronin seit dem ersten Tage
seiner Ankunft gemacht hatte, nicht entgangen war, wute ich keine besseren
Hnde fr die Bewahrung des traurigen Geheimnisses, als die meinigen. Ich
brachte sie dahin, sich mitzutheilen, ich selbst enthllte ihr, was in ihrer
Seele vorging, damit sie sich dem Zuge nicht blindlings und ahnungslos berlie;
ich that, was in meinen Krften stand, sie zu zerstreuen. O, es war nicht
meinetwegen, da ich Sie immer wieder antrieb, neue Gste einzuladen, auf neue
Vergngungen zu sinnen! Und es ist wahr, die Baronin hat mit sich gekmpft, mit
sich gerungen lange Zeit; aber Sie kennen das Frauenherz und seinen zrtlichen
Eigensinn! Sie kennen die unbezwingliche Gewalt der Leidenschaft! - Sie brach
pltzlich in ihrer Rede ab.
    Ja, ich kenne sie, sprach der Freiherr dumpf, ich kenne sie! - Er erhob sich
und trat an das Fenster. Die Nacht war sehr finster. Eine Weile lie die
Herzogin ihn stehen, dann nherte sie sich ihm, legte ihren Arm leise auf den
seinigen und sagte: Es thut Ihnen nicht gut, mein Freund, so schweigend in das
Dunkel hinaus zu sehen. Richten Sie sich auf, mein Freund! Es giebt kein Uebel,
das unheilbar wre, wenn man es ernstlich zu heilen wnscht!
    Sie irren, meine Freundin! entgegnete der Freiherr.
    O, rief sie, ich glaube an das Eisen, das die Wunde heilen kann, welche es
geschlagen!
    Eine Fabel, eine Fabel, wie so vieles Andere, an das wir auch geglaubt
haben! bedeutete er mit trbem Lcheln.
    Lassen Sie es mich wenigstens versuchen, mein Cousin! bat die Herzogin.
    Des Freiherrn Zge belebten sich. Heit das, da Sie nicht von uns gehen,
Margarethe?
    Knnte ich Sie und unsere arme Angelika sich in solchem Zustande einander
berlassen? rief sie. Mu ich denn nicht bleiben, um von Ihnen zu erlangen, was
Sie mir gewhren, gleich jetzt gewhren mssen?
    Sprechen Sie, sprechen Sie, meine theure Margarethe! sagte der Freiherr.
    Ich verlange nichts fr mich, und doch ist es die hchste Beruhigung fr
mein Herz, die ich begehre, sagte sie. Ich verlange, da mein Freund, der selbst
im Leben viel geirrt und viel gefehlt hat, und mancher Vergebung benthigt
gewesen ist, seiner Gattin verzeihe, und da ich es sei, der den Verzeihenden,
den Vershnten noch an diesem Abende wieder zu ihr fhrt!
    Der Freiherr antwortete nicht. - Ich kann nicht verzeihen, was erlitten zu
haben ich nicht vergessen kann! entgegnete er endlich, und die frhere
Dsterkeit lagerte sich wieder ber sein Antlitz.
    So beruhigen Sie wenigstens die Frau, welche Ihnen Ihren Sohn geboren hat,
befreien Sie ihr den Sinn, damit das Kind nicht weiter von ihrer Schwermuth
leide, und lassen sie die Zeit walten und mich versuchen, was die Freundschaft
kann! bat sie aufs Neue und noch dringender, als zuvor.
    Sie sind der gute Engel unseres Hauses! rief der Freiherr.
    Nicht doch, nur eine verlliche alte Frau, entgegnete ihm die Herzogin, nur
eine Frau, der es die hchste Befriedigung gewhren wrde, Ihnen endlich einmal
zu irgend etwas ntze sein zu knnen.
    Sie reichte dem Baron die Hand, er kte sie ihr, und ihren Arm in den
seinen legend, gingen sie ohne zu sprechen mehrmals in dem Gemache auf und ab,
bis der Freiherr das Wort nahm und sie bat, ihr Vermittleramt nun auch zwischen
ihm und dem Marquis zu ben, da er sie nicht der Gesellschaft ihres Bruders zu
berauben und ihr den Aufenthalt in diesem Schlosse dadurch fr die Zukunft nicht
weniger angenehm zu machen wnsche.
    Aber davon wollte sie nicht hren. Es sei nthig, sagte sie, ihrem von ihr
verwhnten Bruder zu beweisen, was er hier in der gromthigen Gastfreundschaft
des Freiherrn besessen und leichtsinnig verscherzt habe, nthiger noch, da er
strebe, sich eine ihm angemessene Thtigkeit im Heere oder sonst im Dienste des
Knigs zu suchen, bei welcher sein lebhafter Sinn sich genug thue, seine Anlagen
und Kenntnisse ihre entsprechende Verwerthung finden knnten. Ihr Bruder sei zu
jung, um dauernde Befriedigung in dem Stillleben zu finden, auf das zu
verzichten sie ein groes Opfer gekostet haben wrde; und da der Freiherr ihre
Meinung theilte, verstand es sich von selbst, da er sich erbot, den Scheidenden
mit den Empfehlungen und Anweisungen auszursten, deren er fr die Erreichung
seiner Zwecke bedrftig sein konnte. Er sagte sodann, da er ihr sofort die
Summe senden werde, um welche sie ihn gebeten hatte, und ersuchte sie selbst,
ihm darber den gewohnten Schuldschein auszufertigen.
    Sie schellte ihrer Kammerfrau. Packen Sie mein Schreibzeug wieder aus und
bringen Sie es her! befahl sie.
    Das Gesprch zwischen ihr und dem Freiherrn beschftigte sich ausschlielich
mit dem Marquis. Whrend sie dann den Schuldschein unterzeichnete, sagte sie mit
einem tiefen Seufzer: Das wird hinreichen, seine Bedrfnisse zu decken, bis er
eine Anstellung erhlt.
    Nicht doch, nicht doch, rief der Freiherr, welcher ihr einen Beweis zu geben
wnschte, wie lieb es ihm sei, sie bei sich behalten zu knnen, diese Summe mu
Ihnen bleiben, Sie knnen sich deren nicht entuern, Theuerste! Den Marquis zu
versorgen, bis er dies selber thun kann, dies, theure Freundin, ist meine Sache.
Die Ihrige ist's, ihn zu vermgen, da er die Vorsorge Ihres alten Freundes
nicht von sich weist, weil dieser sich einmal in der beln Lage befunden hat,
ihm einige kleine, nicht angenehme Vorstellungen zu machen. Ich schicke ihm
morgen eine Anweisung auf meinen Banquier. Und damit gute Nacht, theure
Herzogin; gute Nacht, meine theure, treue Freundin!
    Er wollte sich entfernen, ihr die Nothwendigkeit des Dankes zu ersparen; sie
aber hielt ihn zurck. Und Angelika? fragte sie.
    Morgen, morgen! entgegnete er ihr. Lassen Sie mir Zeit, mich zu fassen, mich
zu berwinden, lassen Sie der Baronin die Zeit, zu berdenken, was sie gethan
hat! Sie bleiben ja mit uns!

                              Achtzehntes Capitel


Herbert war kaum in die Stadt zurckgekehrt, als er zu Seba hinunterging, ihr
die Nachricht von seiner Verlobung zu bringen. Sie kannte seine Erwhlte nicht,
aber sie kannte den Amtmann, und die einfache Tchtigkeit desselben und das
Gute, welches er bei seinen verschiedenen Geschftsbesuchen im Flies'schen Hause
von der Schwester gerhmt, hatten sie fr das Mdchen eingenommen und sie
Herbert's wachsendes Wohlgefallen an Eva lange mit Freude bemerken lassen. Sie
hatte von je gehofft, da es Eva's Gradheit gelingen werde, den beunruhigenden
Einflu zu brechen, den die Baronin auf Herbert bte, und als er ihr jetzt mit
Lebhaftigkeit von Eva's klarem, nur auf das Nchste gestellten Sinne, von ihrer
schlichten Wahrhaftigkeit, von der unverhohlenen Wrme sprach, mit welcher sie
ihm ihre Neigung immer kund gegeben, da fllten sich Seba's Augen schnell mit
Thrnen, und ihre Hnde auf seine Schultern legend, sagte sie mit freudiger
Bewegung: O, Gott segne Sie! Gott segne Sie und all Ihr Glck!
    Einfach wie ihr Ausruf und ihre Bewegung waren, ergriffen sie den Freund.
Werde ich Ihnen denn einen solchen Segenswunsch nicht einst erwiedern knnen?
fragte er, indem er ihre Hnde kte.
    Sie schttelte verneinend das schne Haupt. Sie sind so gut, so edel, sagte
er, Sie mssen Liebe finden, denn Sie verdienen sie! Sie mssen lieben knnen,
wie wenig andere Frauen!
    Ja, versetzte sie, das habe ich Alles einstmals selbst geglaubt, aber -
    Sie wollte nicht weiter sprechen, er nthigte sie jedoch dazu. Da glitt
jenes melancholische Lcheln, das lange Zeiten hindurch nicht von ihrem Antlitze
gewichen war, wieder einmal ber ihre Mienen, und mit einem Tone, der den
Schmerz ihrer Seele nicht zu verbergen wute, obschon sie bemht war, ihn zu
unterdrcken, sagte sie: Damals, als ich glaubte, ich msse glcklich werden
knnen, weil ich es zu werden wnschte, kannte ich die Einrichtung der Welt noch
nicht. Damals wute ich noch nicht, da man auf seinem Posten bleiben und
geduldig und bescheiden sein mu, um nicht in wilder Hast an seinem Ziele
vorber zu eilen. Damals sah ich es auch noch nicht ein, da wir nicht alle die
gleiche Rolle im Leben spielen knnen und da es auch Zuschauer fr das Glck
der Andern geben mu. Sie und Ihre Eva, Sie sind an Ihrem rechten Platz
geblieben, Sie sind zwei Glckliche. Ich - ich verkannte meinen Platz, ich
konnte mich nicht bescheiden, ich verstand nicht, zu warten, ich strzte mich
mit blinder Hast ins Leben - ich habe meine Rolle schlecht begriffen, schlecht
gespielt, und mu sehr froh sein, da ich Ihnen zusehen und mich an Ihrem Glcke
erfreuen kann. Spielen Sie das Stck recht schn zu Ende, und Sie sollen es
erleben, welche Genugthuung Sie mir damit gewhren.
    Herbert wollte sich damit nicht beruhigen. Als Eva's Verlobter fhlte er
sich Seba gegenber freier; aber sie wollte nun von sich selber nicht mehr
sprechen hren. Nur von Herbert sollte die Rede sein, und da inzwischen auch
ihre Eltern hinzugekommen waren und Herbert erzhlt hatte, wie seine
Angelegenheiten stnden, sagte er, gegen Herrn Flies gewendet: Rathen Sie mir,
was soll ich thun?
    Was hat Ihr Herr Vater Ihnen zu thun gerathen? fragte der Juwelier.
    Ich habe ihm noch gar Nichts von meinem Verlbni geschrieben, um ihm nicht
von der Weigerung des Freiherrn sprechen zu mssen, den er immer fr seinen
Gnner, seinen Freund gehalten hat. Und mein Vater ist in einem Alter, in
welchem man den Verlust eines Freundes nicht mehr leicht verschmerzt.
    Man mu jung und gut sein, meinte Herr Flies, um also von dem Alter zu
denken, das vielmehr den traurigen Vorzug hat, von solchen Verlusten nicht mehr
berrascht zu werden. Trotzdem haben Sie in jedem Falle Recht, wenn Sie Ihrem
Vater eine Unannehmlichkeit ersparen, da Sie ohnehin in dieser Sache gar nichts
thun knnen, als ....
    Nun, was denn? fragten Herbert und Seba wie aus Einem Munde.
    Nichts als abwarten! sagte der Juwelier.
    Bis der Sinn des Freiherrn sich etwa ndert? rief mit sichtlichem Verdrusse
der Architekt, welcher auf einen ganz anderen Rath gerechnet zu haben schien.
    Bis fr Sie an des Freiherrn gutem Willen nichts mehr gelegen ist! bedeutete
der Andere. Wenn Herr Steinert aus seinem bisherigen Verhltni zu dem Freiherrn
austritt ....
    Wrden Sie dies billigen und wnschen, lieber Vater? fiel ihm Seba in die
Rede.
    Ja, wenn er der Mann ist, fr den ich ihn halte, und wenn er so empfindet,
wie er an den Herrn Architekten schreibt! meinte Herr Flies. Denn es soll
Niemand dienen, der die Mglichkeit hat, auf eigenen Fen zu stehen!
    Aber wie lange soll denn Herbert warten? meinte Seba, die es in der
lebhaften Theilnahme fr ihren Freund schon wieder vergessen zu haben schien,
da sie ruhiges Abwarten eben erst fr eine Tugend angesehen hatte. Wie lange
sollen Eva und ihr Brutigam denn warten? wiederholte sie.
    Bis die Umstnde ihnen entgegenkommen, antwortete Herr Flies. Es gehen so
viele Wege durch das Leben; von irgend einem Wege kommt das Rechte seiner Zeit,
wenn wir ihm dann nur Thor und Thre ffnen. Warten Sie es ab, lieber junger
Freund, was sie dort in Richten thun werden und was dort geschieht; warten Sie
das ab.
    Es lag in der ruhigen und zurckhaltenden Redeweise, welche der vorsichtige
Geschftsmann sich in seinem langen Verkehre mit Menschen der verschiedensten
Stnde angeeignet hatte, etwas sehr Beruhigendes, selbst dann, wenn er, wie eben
jetzt, seine Meinung nicht ganz kund gab. Alle fhlten, da er etwas
verschweige, was auf die gethane Frage nicht ohne Einflu sei; inde sie kannten
ihn darauf, da man ihm nicht entlocken knne, was er nicht freiwillig gewhre,
und er selber gab dem Gesprche mit der Frage, wie viel Zeit die Vollendung des
Kirchenbaues in Rothenfeld noch fordern wrde, eine andere Wendung.
    Herbert meinte, da man im nchsten Sommer nicht fertig werden knne, wenn
man nicht die Mittel fnde, den Bau mehr zu frdern, als es in den beiden
letzten Jahren, eben der nicht ausreichend bewilligten Mittel wegen, mglich
gewesen sei. Herr Flies wollte die Summe kennen, deren man noch fr den Bau
bedurfte, und er fand sie gro, da Jener sie ihm nannte. Herbert begann sich zu
vertheidigen, aber Herr Flies lie es dazu nicht kommen. Verstehen Sie mich
recht, sagte er, ich beurtheile nicht den Bau und seine Erfordernisse, denn ich
habe davon keine genauen Kenntnisse!
    
    Und doch nannten Sie die Summe gro?
    Ich dachte dabei nur an den Herrn Baron, gab er zur Antwort. Er ist
freigebig, zu freigebig vielleicht, und freigebig gegen Personen, die nicht
bedenklich sind, von seiner Freigebigkeit den ausgedehntesten Gebrauch zu
machen. Nun jeder Stand hat seine eigene Ehre, und unsere Herren vom Adel hier
scheinen noch nicht zu merken, was um sie her geschieht, scheinen noch zu
glauben, da hier Alles beim Alten bleiben knne und werde, wenn rund um uns her
das Bestehende lngst gewandelt und in seinen Grundlagen vernichtet ist.
    Einer seiner Comptoir-Gehlfen, welcher ihm ein Packet Briefe aushndigte,
unterbrach seine Bemerkungen. Er betrachtete die Briefe der Reihe nach, bevor er
sie erffnete, sah sie flchtig durch und gab sie dem Gehlfen zurck; nur zwei
davon behielt er und las sie langsam und mit sichtlicher Aufmerksamkeit. Nachdem
er den einen gefaltet und in seine Brusttasche gesteckt hatte, sagte er: Es
freut mich, da ich mich in dem Manne nicht getuscht habe! Ihr knftiger
Schwager nimmt seine Sache, wie er mu, und was an mir ist, werde ich ihm
helfen! Es ist auch ein Brief von Mademoiselle Steinert fr Sie dabei, in
welchem dann freilich von anderen Dingen als von Geschften die Rede sein wird.
-
    Es war das erste Schreiben, das Herbert nach der Sendung durch den Boten von
seiner Braut empfing. Sie meldete ihm die Abreise des Marquis, welche sie
natrlich als ein Zugestndni an ihres Bruders Beschwerde ansah; sie sprach von
einem Besuche, den der Caplan bei ihnen gemacht habe, und schilderte, wie er den
Bruder habe berreden wollen, sich dem Freiherrn zu nhern und Vergebung fr
seine Heftigkeit von ihm zu fordern oder doch mindestens sein Bedauern ber
dieselbe auszusprechen. Aber, berichtete sie, der Bruder ist wie umgewandelt
seit dem Tage, und sein ganzes Dichten und Trachten ist nur darauf gestellt, so
bald als mglich von hier fortzukommen.
    Und so war es in der That. Der Amtmann gehrte zu den Menschen, die mit
Geduld eine lange Zeit hindurch Unbequemlichkeiten, Strnisse und
Widerwrtigkeiten ertragen und sich damit beruhigen knnen, da dies mit ihren
Verhltnissen zusammenhange. Er hatte mancher unbilligen Anforderung des
Freiherrn zu gengen gesucht und sich gesagt, die Herren wren das einmal von
Alters her gewohnt. Er hatte sich manchen Tadel gefallen lassen, weil der
Freiherr ihn von klein auf gekannt, weil, wie er wute, den Herren von Arten das
befehlshaberische Wesen einmal im Blute lag, und weil es, als der Amtmann seinen
ererbten Posten angetreten, doch im Grunde nur Geringfgiges gewesen war, um das
es sich bei den gelegentlichen Streitigkeiten gehandelt hatte. Seit den letzten
Jahren aber war das anders geworden.
    Adam hatte sich nicht mehr wohl in seiner Wirthschaft gefhlt, aus welcher
so viel als irgend mglich fr unfruchtbare Ausgaben herausgezogen wurde, ohne
da die nthigen Mittel zur Unterhaltung und Weiterfrderung der Cultur zur Hand
geblieben wren. Seine Vorstellungen hatte der Freiherr immer ruhig angehrt,
ohne ihnen jedoch Folge zu geben. Von einem Jahre hatte er die wirthschaftlichen
Verlangnisse seines Amtmannes auf das andere hinausgeschoben, nothwendige
Arbeiten hatten unterbleiben mssen, weil Wlder fr den Verkauf gefllt werden
sollten; nothwendige Bauten waren ausgesetzt worden dem Kirchenbau zu Liebe, und
wie Adam sich auch anstrengen mochte, dem Verfalle der Gter entgegen zu
arbeiten, so konnte er sich am wenigsten dagegen verblenden, da sie in sich an
Werth verloren, wesentlich verloren hatten, und da wenig Aussicht vorhanden
war, sie in den nchsten Jahren wieder empor zu bringen und damit ihr weiteres
Herunterkommen zu verhten.
    Sich in solcher vergeblichen Arbeit abzumhen, war dem Amtmanne schon lange
schwer geworden, und oftmals hatte sich in ihm der Gedanke geregt, was er mit
seinem Fleie, mit seinen Kenntnissen zu schaffen im Stande sein wrde, wo er
allein zu bestimmen, wo er allein das Gleichgewicht zwischen den Ausgaben und
Einnahmen zu erhalten htte. Aber wer mit seiner Arbeit, wie der Landmann, nicht
auf den Erwerb des Tages und auf den augenblicklichen Erfolg seines Schaffens
gestellt ist, dessen Wesen nimmt etwas von der langsam wirkenden Thtigkeit
seines Berufes an. Adam htte sicherlich viel Zeit gebraucht, aus freiem
Antriebe zu einem selbstndigen Entschlusse zu gelangen; jetzt, durch einen
ueren Anla zu demselben hingedrngt, ergriff er ihn mit Lebhaftigkeit und
hielt ihn krftig aufrecht.
    Mit dem Momente, in welchem er vor dem Freiherrn zum ersten Male einer
blinden Willkr gegenber gestanden hatte, war seine Abhngigkeit von diesem ihm
wie eine Schmach erschienen, und all das erlittene kleine Unrecht, alle die
erduldeten Widerwrtigkeiten, alle seine gehabten Sorgen und seine unfruchtbaren
Mhen hatten sich zwischen ihn und seine Vergangenheit, zwischen ihn und seinen
bisherigen Herrn gestellt und ihn von demselben abgetrennt.
    Es war eine schwere Stunde gewesen, als der Freiherr ihm den Dienst
gekndigt. Es war eine schwere Stunde gewesen, in der sich Adam im Geiste von
der Heimath seiner Vter losgesagt hatte; aber nun der Kampf gekmpft war,
fhlte er sich als einen anderen Menschen. Er war glcklich in dem Gefhle
seiner Kraft, in dem Besitze seiner Kenntnisse und seines ererbten und durch
seinen Flei vermehrten Capitals. Er wute seinen Vorfahren fr dasselbe Dank,
aber es gengte ihm nicht mehr, was ihn sonst befriedigt hatte, in ihre
Fustapfen zu treten. Nicht mehr ein treuer Diener, wie sie, ein freier Herr auf
eigenem Grund und Boden wollte er werden und sein, und wie er im Geiste das Joch
der Dienstbarkeit von seinem starken Nacken warf, hob er den Kopf mit schnem,
schnell erwachtem Ehrgeize hoch empor, und sein starkes Selbstbewutsein machte
ihn geduldig. Grade wie der Juwelier, verwies er Eva's und ihres Verlobten
Ungeduld auf die nicht allzu ferne Zeit, in welcher seine Schwester ihre
Volljhrigkeit erreicht und er den Dienst des Freiherrn verlassen haben wrde.
Er wollte nicht zum zweiten Male als ein vergebens Bittender vor einem Herrn
stehen, nicht Gewhrung fordern, wo er bald selber zu gewhren im Stande sein
konnte, und nicht nur in dem Amtmanne, auch in seiner Schwester hatte die
erfahrene Unbill das eigene Selbstgefhl und die Abneigung gegen die fremde
Willkr gestrkt und aufgeregt.
    Darber glitten die Tage hin. Der Winter kam voll herauf, Herbert's
praktische Arbeiten ruhten, aber er war mit neuen Entwrfen mannigfach
beschftigt, und wie langsam auch in jenen Zeiten und in jenen Gegenden die
Postverbindungen noch waren, wurde doch zwischen dem Amthofe und dem Flies'schen
Hause ein lebhafter Briefverkehr erhalten, an dem sich bald nicht nur Seba,
sondern auch Herr Flies betheiligte.
    Im Amthofe ging Alles seinen ruhigen Gang, obschon es feststand, da der
Amtmann den freiherrlichen Dienst verlassen wrde. An jedem Tage wurde das
Nothwendige mit Voraussicht auf die Zukunft gethan, und wenn die Geschwister es
dabei auch fortwhrend inne wurden, da ihre Zukunft von der Zukunft des
Freiherrn und der Arten'schen Gter fortan geschieden wren, so halfen die lange
Gewohnheit dessen, was zu leisten war, und die Plane und Aussichten, mit denen
Adam sowohl als Eva fr sich selbst beschftigt waren, ihnen ber den Zwiespalt
fort, welcher sich etwa in ihnen bei ihrer Arbeit htte erzeugen knnen.
    Um so greres Aufsehen machte es in den Drfern, da der Amtmann, da einer
der Steinerts den Dienst der Herren von Arten zu verlassen dachte. Die
Reiseknechte, welche in die nchsten Marktflecken geschickt wurden, die
Wirthschafter, welche mit den gedroschenen Saaten in die Kreisstadt fuhren,
wuten nichts Wichtigeres zu erzhlen. Die Viehhndler, die Hausirer, die nach
den Gtern kamen, wurden mit der Nachricht empfangen, trugen sie weiter fort,
und bald wuten sie alle Landwirthe und Gewerbtreibende der ganzen Provinz. Wo
immer man sie aber erfuhr, erregte sie Erstaunen. Denn da die Steinerts
Rothenfeld nicht ohne Grund verlassen wrden, davon war Jeder, der sie kannte,
berzeugt, und es whrte nicht lange, so sagte man es auch schon hier und dort,
da die Steinerts achtsame und vorsichtige Leute wren, die, gleich den klugen
Ratten, ein bauflliges Haus zur rechten Zeit verlieen.
    Wehalb man das alte, gute Haus nicht mehr fr baufest halten mochte, das
htten diejenigen Anfangs kaum zu sagen gewut, welche diese Meinung uerten;
aber die pltzliche Abreise des Marquis, die gleich darauf bekannt gewordene
Nachricht, da der Amtmann aus dem Dienste des Freiherrn scheide, waren viel zu
auffallend gewesen, als da man nicht die Frage nach dem Grunde der Ereignisse
htte aufwerfen sollen, und, wie das oft geschieht, fand die einfache Wahrheit
schwerer Glauben, als das phantastische Gewebe, welches halbes Wissen und
belwollendes Vermuthen zusammenspannen. Niemand glaubte es, da der Freiherr
nicht in die Verlobung Eva's und Herbert's gewilligt habe, denn gegen diese war
ja gar nichts einzuwenden; man glaubte auch nicht, da der Freiherr den Marquis
entfernt habe, weil der Franzose den Frauen und Mdchen zu sehr nachgestellt und
schlielich der Amtmann sich darber beschwert hatte. Wegen solcher Dinge
schickte, wie man meinte, hierlands kein Edelmann, und am wenigsten der Freiherr
von Arten, seinen Gastfreund fort, und dewegen ging auch kein verstndiger
Mensch wie Adam Steinert aus einem Dienste, in welchem seine Familie seit
hundert Jahren gelebt hatte und reich geworden war. Die Sache verhielt sich
vielmehr, wenn man es sich recht berlegte, wahrscheinlich ganz anders. Nicht
auf Mamsell Eva mute der Marquis es mit seinen Besuchen im Amthause abgesehen
haben, sondern auf Zusammenknfte mit der Baronin, die in der letzten Zeit erst
wieder mehrmals im Amthause gewesen war. Um der Baronin willen hatte der
Freiherr wahrscheinlich den windigen Franzosen weggeschickt; wegen der
Rendezvous im Amthofe hatte es vermuthlich Streit mit dem Amtmanne gegeben,
dehalb war Adam auch entlassen worden, und da der Freiherr dann im Aerger
seine Zustimmung zu Eva's Verheirathung versagt hatte, das konnte mglich sein,
obschon er, wie alle Welt es auf den Gtern wute, sonst auf den Architekten
gerade viel gehalten hatte.
    Was man hier und da durch die Hlfsarbeiter und Hlfsarbeiterinnen erfuhr,
welche gelegentlich im Schlosse verwendet wurden und die bisweilen einzelne
Reden und Bemerkungen der Dienerschaft vernahmen, das besttigte Alles nur die
Vermuthung, da zwischen dem Freiherrn und seiner Frau etwas vorgefallen sei,
obschon sie es nicht merken lassen wollten, denn die Baronin hatte den Tag vor
der Abreise des Marquis einen ihrer Anflle von Herzkrampf gehabt und krnkelte
immerfort.
    Damals, als die Baronin nach der Auffindung von Paulinens Leiche auch so
lange gekrnkelt und im Schlosse auch so zerstrte Verhltnisse obgewaltet
hatten, da hatte man Mitleid mit ihr gehegt; jetzt war das anders. Trug sie doch
ganz allein die Schuld des Kirchenbaues, an den vorher kein Mensch gedacht und
von dem alle Welt zu leiden hatte, und wer wei, ob sie nicht doch noch davon
abgestanden haben wrde, ohne die franzsische Herzogin und ohne alle die
Franzosen, welche sich im Schlosse und in der Umgegend wie die Kuckucke in
fremde Nester eingenistet hatten. Man dachte nur mit Unwillen an das ganze
Schlo und an seine smmtlichen Bewohner, und es war auch Niemandem im Schlosse
wohl zu Muthe, auer der einen Frau, gegen welche die Abneigung der Leute sich
am entschiedensten aussprach, auer der Herzogin. Aber die Plane der Herzogin
waren so vorsichtig angelegt und ihre Karten so geschickt gemischt, da Alles,
was sich in dem Schlosse ereignen mochte, sich immer zu ihrem Besten wenden
mute.

                              Neunzehntes Capitel


Einige Tage nach der Abreise des Marquis sa der Caplan tief in seine Gedanken
versunken, den Kopf auf die Hand gesttzt, an dem Fenster seines Zimmers und sah
dem bleichen, winterlichen Sonnenuntergange zu. Es war etwas in diesem Anblicke,
das ihm das Herz bewegte.
    Wie feurig, wie strahlend stieg sie in der Frhe am Horizont empor! rief er
unwillkrlich aus, und eben so unwillkrlich glitt sein Auge hinber nach der
Wand, an welcher, von dem letzten scheidenden Tageslichte getroffen, ein Bild
des Freiherrn hing.
    Aber der Seufzer, welcher der Brust des Sinnenden entquoll, galt nicht
allein dem Freunde, er galt dem eigenen Geschicke; denn immer hufiger drngte
sich dem Geistlichen die Frage auf, ob er nicht den rechten Weg fr sich
verfehlt, ob er nicht geirrt habe, als er, der Bitte einer Sterbenden und dem
eigenen erschtterten Gemthe folgend, sein Leben einer Aufgabe gewidmet, die er
zu leisten nicht vermocht hatte. Friede und Heiligkeit hatte er diesem Hause
bringen und erhalten wollen, aber sie waren nicht fr lange Zeit in demselben
heimisch gewesen. Nur drauen erhob sich ein neuer, stolzer Bau, ein Gotteshaus
von kaltem Stein; der Gott der Liebe, dem er diente, hatte den Tempel, den der
Caplan in den Herzen der Menschen aufzurichten gestrebt, nicht darin gefunden -
und doch hatten diese ihm so theuren Menschen eine Einkehr in sich selbst, eine
Vershnung unter einander eben jetzt nthiger als jemals.
    Er war in diesen letzten Tagen, ohne dazu von dem Freiherrn ermchtigt zu
sein, im Amthofe gewesen, um Adam zu einer Annherung an den Herrn zu vermgen.
Er hatte sich an den Pastor in Neudorf gewandt, damit dieser in gleichem Sinne
mit ihm auf die Geschwister wirke, und es in Aussicht gestellt, da es
vielleicht nur einer Vorstellung des Amtmanns bedrfe, den Freiherrn sein Wort
zurcknehmen zu machen, der ja im Grunde gtiger Gemthsart sei, und in der
rechten Stimmung auch wohl allmhlich in die Heirath Eva's willigen werde. Inde
er hatte schon lange weder im Amthause noch in der Pfarre das frhere Gehr fr
sich gefunden, und erkannte die Grnde, welche die Herzen ihrer Untergebenen
allmhlich von der Herrschaft und damit auch von ihm und seinem Mittleramte
abgewendet hatten. Was aber konnte geschehen, diesem Uebel zu begegnen?
    Wie wrde Allwissenheit ber die menschliche Kraft hinausreichen, da
dasjenige, was ich ber die Verhltnisse der wenigen mir anvertrauten Menschen
wei, mir so schwer zu tragen wird! dachte der Caplan und blieb in ernster
Selbstprfung und Selbstbetrachtung still auf seinem Platze am Fenster sitzen,
obschon die frhe Nacht bereits die Gegend zu verhllen begonnen hatte.
    Als der Diener die Kerzen in das Zimmer brachte, bergab er dem Geistlichen
ein Billet, und dieser erkannte auf demselben die Handschrift der Herzogin,
welche, da sie eine Meisterin des Briefstyls war, die mige Gewohnheit hatte,
selbst ihre kleinen Bestellungen und Anfragen innerhalb des Schlosses nicht
mndlich durch die Dienerschaft, sondern schriftlich auszurichten; aber der
Caplan war bisher in all den Jahren noch keiner solchen Botschaft von ihr
gewrdigt worden.
    Was will sie mir? rief er unmuthig, als er das Billet erffnete. Es enthielt
nur wenige Zeilen.
    Legen Sie mir es nicht als Eitelkeit aus, hochwrdiger Herr, schrieb sie,
wenn ich mich Ihnen einmal als Mitarbeiterin bei Ihrer heiligen Mission
anbiete. Es giebt Gefahren, in welchen Jedermann die Hand zur Rettung anlegen
mu, und unsere Kirche erkennt ja in dringenden Fllen auch dem Laien eine
priesterliche Kraft zu. Lassen Sie uns gemeinsam handeln, um das Unheil zu
verhten, das ber den Huptern von Personen schwebt, deren Schicksal und deren
Gewissensruhe Ihnen nicht theurer sein knnen, als mir. Was ich Ihnen zu sagen
habe, mssen Sie je eher je besser erfahren, Ihr Besuch wird mir also zu jeder
Stunde ein erwnschter sein!
    Sie kann nicht ruhen, nicht rasten! rief er aus und warf das Blatt auf
seinen Tisch. Dann nahm er es wieder auf, las es noch einmal, verschlo es und
verlie das Zimmer.
    Aber nicht zur Herzogin begab er sich, sondern grades Weges zu dem
Freiherrn, obschon dieser darauf hielt, da keiner seiner Hausgenossen ihn ohne
die dringendste Noth aufsuchte, wenn er ihn nicht zu sich entboten hatte. Als
der Caplan nach geschehener Meldung bei dem Freiherrn eintrat, fand er diesen
lesend am Kamine sitzen, und er empfing ihn mit der Frage, was denn geschehen
sei.
    Nichts Ungewhnliches, entgegnete der Caplan; ich wnschte nur, Sie einmal
wie in frheren Zeiten ungestrt zu sprechen, Herr Baron, und dazu fehlt mir
seit lange die Gelegenheit, wenn ich sie nicht wie jetzt eben suche.
    Der Freiherr war einen Augenblick unentschlossen, wie er den unerwarteten
Besuch und diese Anrede aufnehmen solle, in deren Ton eine gewisse Feierlichkeit
nicht zu verkennen war, aber er traf schnell seine Wahl und sagte mit der
vornehmen Sorglosigkeit, die ihm immer so wohl anstand: Was wollen Sie, mein
Freund? Bin ich doch in den letzten Monaten kaum selber eine Stunde allein
gewesen, so voll von Besuchen haben wir das Haus gehabt! Ich wei, das ist nicht
Ihr Geschmack, und Ihnen war es frher in unserem Junggesellenleben hier im
Schlosse wohler. Aber warten Sie nur, ich habe meine Maregeln im Geiste bereits
getroffen, und ich denke, Sie sollen knftig mit meinen Anordnungen zufrieden
sein!
    Der Caplan hatte auf ein Zeichen des Freiherrn Platz genommen; inde er
verstand nicht gleich, worauf derselbe hinaus wollte, und sagte: Ich kam nicht
hieher, fr mich selber etwas zu begehren, Herr Baron!
    Darauf kenne ich Sie, mein alter Freund, rief der Freiherr, aber um so mehr
ist es an mir, die Sorge fr Ihr Wohlbefinden zu bernehmen, und verlassen Sie
sich darauf, ich werde dieses nicht aus dem Auge verlieren!
    Der Caplan sah jetzt, da der Baron es wute, wehalb er gekommen sei, und
da er es ihm unmglich machen wolle, davon zu sprechen; er sagte also ruhig,
aber sehr bestimmt: Ich suchte Sie auf, Herr Baron, weil ich in Sorgen bin, in
Sorgen als ein alter Freund Ihres Hauses, in Sorgen als der geistliche Berather
der gndigen Frau!
    Der Baron erhob sich, und whrend er noch mit sich kmpfte, ob und in
welcher Weise er seinem Mifallen an den Worten des Caplans Ausdruck geben
sollte, fuhr dieser fort: Es ist freilich eine lange Reihe von Jahren her, Herr
Baron, da Sie mir in den schweren Stunden, welche Ihrer Hochzeit vorangingen,
das Recht zugestanden, Sie an eben diese Stunden und die unheilvollen Ereignisse
zu mahnen, deren Folge sie waren, wenn ich dies jemals nthig finden sollte!
    Und Sie glauben, der Augenblick sei jetzt gekommen, dieser Augenblick sei
der rechte, mir es in das Gedchtni zu rufen, fiel der Baron ihm, pltzlich
seine Haltung ndernd, in die Rede, mit welchen Hoffnungen, mit welchem vlligen
Vertrauen ich mein ganzes Schicksal den Hnden der Baronin bergab? - Ein
leises, bitteres Lachen tnte von seinen Lippen. In der That, mein Freund, heute
werde ich zum ersten Male an Ihrer Menschenkenntni, ja, selbst an Ihrem
richtigen Empfinden irre!
    Der Caplan beachtete den Vorwurf nicht. Nicht allein um glcklich zu werden,
Herr Baron, auch um zu beglcken, nahmen Sie damals die Hand der Grfin Berka in
die Ihrige! sagte er. Dann machte er eine kleine Pause und sprach danach mit
sanfter Eindringlichkeit: Es war viel geschehen, das Gemth eines so jungen
Wesens zu beunruhigen, die junge Frau hatte viel zu vergessen, viel zu tragen,
und sie hat das redlich gethan. Sie hat sich mit Liebe und mit Hingebung an ihre
Pflicht, an ihren Gatten geklammert, sie hat ihre Familie aufgegeben, um mit ihm
in seinem Glauben Eins zu werden, aber leider blieben Sie und die Frau Baronin
nicht allein, und ....
    Der Freiherr hatte eine gewisse Rhrung bei der Erinnerung an jene ersten
Zeiten seiner Ehe nicht bemeistern knnen; bei den letzten Worten des
Geistlichen fuhr er aber auf: Mahnen Sie mich daran nicht, ich bitte Sie darum!
Ich mag nicht daran denken!
    Der Caplan lie sich nicht beirren. Ich kenne das Herz der Frau Baronin
besser, als sie selbst es kennt; ihre Seele ist schuldlos, ihr Thun ist ohne
Makel! sagte er bestimmt; eine unbestimmte Sehnsucht ihres reinen Herzens ....
    Sie nennen ihr Herz rein? Und ich selbst, ich selbst, Caplan, unterbrach ihn
der Baron, habe von ihrem Munde, ohne all mein Zuthun, ja, fast ohne meine
Frage, hren mssen - er trat an den Geistlichen heran und sagte leise, seinen
Zorn gewaltsam niederkmpfend - da sie diesen Herbert liebe, da sie ihn
geliebt habe, seit er in mein Haus getreten, da Herbert und Sie und die
Herzogin und wer sonst noch diese schmhliche Verirrung kennen! - Und das nennen
Sie reines Herzens sein? Das nennen Sie schuldlos und ohne Makel sein? - Sie
sind sehr nachsichtig, mein Freund! Ihre Moral ist wenigstens nicht
unerbittlich!
    Er ging heftig im Zimmer umher. Des Caplans Miene wurde immer sanfter, sein
Ton noch milder. Es war nicht der junge Mann, auf den ich hinwies, sagte er, als
ich die Ueberzeugung aussprach, es wre diesem Hause besser gewesen, wre kein
Fremder zwischen Sie und Ihre Frau getreten, es war die Frau Herzogin, an die
ich dabei dachte!
    Der Baron blieb vor ihm stehen. Die Frau Herzogin? wiederholte er. Sehen
Sie, wie Ihre Voreingenommenheiten Sie bis zur Ungerechtigkeit verblenden! Die
Herzogin ist es gewesen, die mir Nachsicht mit der Baronin anempfohlen, die ....
    Die die Frau Baronin gelehrt hat, nahm der Caplan das Wort, Nachsicht mit
der flchtigen Aufwallung ihres Herzens zu haben, als jene den ersten Kampf mit
einer augenblicklichen Verirrung ihrer Phantasie mit Strenge gegen sich selbst
zu kmpfen dachte. O, mein verehrter Freund, rief der Geistliche, indem er sich
erhob und an den Freiherrn herantrat, nur dieses Eine Mal hren Sie mich, mich
allein, und glauben Sie mir! - Ich bin ein einsamer Mann. Kein Band der
Blutsverwandtschaft, kein persnliches Verlangen, kein Ehrgeiz, kein Begehren
knpft mich an die Welt! Mein Wnschen habe ich frh begraben. All mein Wollen
und Hoffen hatte ich an Ihr Haus geknpft, und es gab eine Zeit, in welcher ich
mit froher Zuversicht auf dessen Gedeihen und Bestehen blicken konnte, denn
diejenigen, die es trugen und sttzten, hatten sich in Liebe vereinigt und
standen fest zusammen. Jetzt, wo der Geist einer wilden, neuen Zeit berall
drohend seine Hand gegen das Bestehende erhebt, wo die alten Geschlechter durch
Wrde und Selbstvollendung das andringende neue Geschlecht mit sich vershnen,
wo ihr innerer Adel es darthun mte, da sie die Vorzge verdienen, welche man
ihnen mignnt und streitig macht, jetzt, wo das ganze Leben des deutschen Adels
darauf hin gerichtet sein mte, es darzuthun, wie er nichts gemein hat mit
jener franzsischen Adelskaste, deren Sittenlosigkeit und Hochmuth sie ihrem
Volke mit Recht verchtlich gemacht haben, und wo das Bestreben aller
Wohlmeinenden das Band zu erhalten trachten sollte, das die alten eingeborenen
Familien mit dem Brgerstande und den Insassen der Gter verbindet, jetzt mu
ich hier von allem dem das Gegentheil erfolgen sehen, und es ist Niemand da,
Niemand auer mir allein, der Ihnen zuruft: halten Sie ein, vershnen Sie,
stellen Sie her um jeden Preis - da es noch Zeit ist!
    Des Freiherrn Aufregung hatte einem tiefen Nachdenken Platz gemacht. Er ging
gesenkten Hauptes, die Hnde auf den Rcken gelegt, mit langsamem Schritte in
dem groen Zimmer auf und nieder. Dieses Nachdenken ermuthigte den Geistlichen.
Denken Sie des Abends, sprach er, da Sie mir hier an derselben Stelle den
Schmuck zeigten, den Sie der Frau Baronin zur Morgengabe bestimmten. Es ist
Sitte unter uns, da fr jede neue Baronin von Arten der Schmuck vergrert
werde! sagten Sie mir damals, und ich dachte in meinem Innern: das ist in der
Ordnung, sind doch auch das Ansehen und die Liebe, welche das Geschlecht derer
von Arten hier im Lande geniet, von Geschlecht zu Geschlecht gewachsen! - Und
mit welchem Zutrauen, mit welcher Liebe empfing man Sie und die Frau Baronin
hier bei Ihrem ersten Kommen! Keinem Knigspaare wurde mehr verehrende Neigung
entgegen gebracht - keine Frau der Welt war mehr geeignet, mehr gewillt, diese
Liebe zu verdienen - bis .... Er hielt inne und zuckte die Schultern.
    Sprechen Sie es aus, rief der Freiherr, da ich ja doch wei, was Sie denken!
    Aber der Caplan gab dieser Aufforderung nicht Folge. Er wute, da nicht
immer der nchste Weg der beste ist, und sich vorlufig von dem Gegenstande, der
ihn hieher gefhrt, anscheinend zurckziehend, sprach er: Ich habe Sie oftmals
und mit Recht ber jenes Verlangen nach Neuerungen klagen hren, das jetzt in
den Geistern rege ist. Sie aber, Herr Baron, befinden sich ja in der glcklichen
Lage, da man von Ihnen nur die Erhaltung der frheren Zustnde begehrt. Es ist
gut, da ein mir unbekannter Anla den Herrn Marquis entfernte, die Leute freuen
sich darber und wren gern bereit, es als eine ihnen gewhrte Gunst zu
betrachten, wenn Sie daneben nur den Amtmann in seiner Stelle lassen wollten.
Die Steinerts gehren fr die Vorstellung der Leute hier zum Grund und Boden. Es
ist ihnen also, als ob der Boden unter ihnen wanke, seit es heit, da Steinert
fort soll, und da im Laufe der Jahre im Schlosse einige der Domestiken durch
Franzosen ersetzt worden sind, so frchten die Leute ....
    Die Leute und immer die Leute, fuhr der Freiherr auf, das ist's ja eben! Was
kmmert es die Leute, wem ich die Verwaltung meiner Gter berantworte? Was
kmmert es die Leute, wenn ich es vorziehe, mich lieber von gewandten Franzosen,
da der Zufall sie mir bietet, bedienen zu lassen, statt erst mhsam die hiesigen
tlpischen Burschen zu ungeschickten Domestiken auszubilden? Sie werden mich
ungeduldig, mich mitrauisch machen mit Ihrem bestndigen Hinweis auf das Wollen
und Nichtwollen der Leute, lieber Caplan! Haben die Gedanken der Neuerer auch
Sie ergriffen? Haben die in Frankreich gemachten und zu machenden Erfahrungen
auch Sie noch nicht belehrt, da man mit Nachgiebigkeit nur seine gefhrliche
Schwche verrth? - Htte ich auch damals nachgeben sollen, mein lieber Caplan,
als die Leute bei der Grundsteinlegung zu unserer Kirche sich so widerwillig
zeigten?
    Er hatte diese Worte mit einer spttischen Herausforderung gesprochen; aber
er war sichtlich berrascht, als der Caplan ohne ein Zeichen von Mimuth ruhig
sagte: Vielleicht wre es weiser gewesen, den Bau zu unterlassen; vielleicht
irrte ich, als ich damals mein augenblickliches Bedenken gegen denselben
unterdrckte, und ich htte vielleicht mehr im Sinne und im Geiste meines Amtes
gehandelt, wenn es mir gelungen wre, Sie und die gndige Frau von dieser
uerlichen Befriedigung einer religisen Empfindung zurckzuhalten und Sie
dafr um so lebhafter auf jene innerliche Auferbauung hinzuweisen, in deren
Heiligthum kein Zweifel einzudringen vermocht haben wrde. Aber das ist jetzt
nicht mehr zu ndern!
    Und wieder blieb der Freiherr vor ihm stehen. Sie wrden also, das sehe ich,
sich in Frankreich auch zu den Geistlichen gehalten haben, die den Eid auf die
Verfassung leisteten! rief er vorwurfsvoll.
    Ganz gewi! entgegnete der Caplan.
    So hatte die Herzogin doch Recht, sprach der Freiherr wie zu sich selbst;
aber die Worte entgingen dem Ohre des Geistlichen nicht und sie klrten ihn ber
die Wege auf, welche die Herzogin eingeschlagen hatte, um ihm den Freiherrn
abgeneigt zu machen; auch lie dieser ihn darber nicht im Ungewissen.
    Es bewegt mich sonderbar, nahm der Baron nach kurzem Schweigen im Tone
ruhigster Unterhaltung und Betrachtung wieder das Wort, zu sehen, wie wenige
Naturen sich dem mchtigen Strome der Zeit entgegensetzen, wie Wenige sich ihrem
umgestaltenden Einflusse entziehen. Sie nannten sich vorher einen einsamen Mann.
- Sie sind nicht einsam in der Welt, die uns umgiebt, mein lieber Freund, denn
Sie haben die groe Menge fr sich, die berall zusammenhlt, berall fr sich
Zugestndnisse begehrt, berall zum leicht errungenen Gemeingut machen mchte,
was unser altes, wohl erworbenes Erbe ist. Ich tadle Sie nicht, hob er nach
flchtiger Unterbrechung seiner Rede wieder an, wenn Sie in sich die Kraft nicht
fhlen, gegen einen solchen wilden Strom zu schwimmen und sich seinem
fortreienden Zuge zu widersetzen. Aber haben Sie sich wohl jemals gefragt,
wohin dieses Nachgeben Sie fhren wird, oder haben Sie geglaubt, bis hieher, bis
zu uns, knnten die Fluthen des Unheils nicht dringen, welche in dem
unglcklichen Frankreich Thron und Kirche, das Leben des edelsten Knigspaares
und das Leben all der Tausende von Mrtyrern der guten Sache in sich begraben
haben? Es ist gar zu verlockend fr die rohen Massen, zgellos zu sein und keine
Gewalt ber sich anzuerkennen, als die eigene blinde Willkr. Sie haben den
Knig ermordet, den Adel seines Besitzes, seiner Rechte beraubt und das Blut
vergossen, dessen erhabene Herkunft sie auch damit nicht zu vernichten
vermochten; sie haben die Kirche aufgehoben und sich bis zum Wahnsinne der
Gottesleugnung erhoben ....
    Und die Kirche erhebt sich wieder unter dem Schutze Gottes, und das eigene
Bedrfni wird die von ihrem Hochmuth Verblendeten wieder, Rettung vor sich
selber suchend, zu den Fen des Gekreuzigten fhren! Es geht nichts unter, was
unsterblich ist, und wandelbar in seiner Form, erhlt das Ewige sich
unwandelbar! rief der Caplan, whrend die Innigkeit seiner Ueberzeugung sein
wrdiges Antlitz erleuchtete. Nicht uns dem Strome widersetzen knnen wir, denn
er ist mchtiger, als der Wille des Einzelnen, und mchtiger, als das
Zusammenhalten und Entgegenstemmen Vieler. Aber zu einander stehen sollen wir
Alle dennoch in Liebe, damit wir uns erhalten in der Zeit der Noth, damit wir
eine Gemeinschaft bilden, in welcher der rechte Sinn lebendig bleibt und die
vershnend und gewinnend und berzeugend die Krfte wieder sammelt und zur
Einheit bindet, wenn der Kampf der blinden Selbstsucht sie bald genug vereinzelt
haben wird. Liebe und Friede in jeder Gemeinschaft, das ist es, was uns jetzt
Noth thut, und um dieser Nothwendigkeit, um der Selbsterhaltung willen, zur
Beruhigung derjenigen, welche seit Hunderten von Jahren zu Ihrem Hause
emporgesehen und demselben in Liebe angehangen haben, beschwre ich Sie, Herr
Baron! machen Sie Frieden mit denen, mit allen denen, die zu Ihnen gehren und
die, ich versichere Ihnen es aus voller Ueberzeugung, Ihnen in Ergebenheit und
Liebe eigen sind, selbst wo sie ein Schwanken zu sehen, einen Zweifel erheben zu
mssen glauben! - Er war damit wieder auf den Ausgang der Unterhaltung
zurckgekehrt und hoffte jetzt besseres Gehr zu finden, da er dem Freiherrn
bereits Gelegenheit gegeben hatte, sich vielfach auszusprechen.
    Der Baron war sehr erregt. Bald ging er lebhaft, bald langsamer, in dem
Gemache umher, bald blieb er stehen; er schien nicht mit sich fertig werden, den
Kampf nicht zum Abschlusse bringen zu knnen, der offenbar in seiner Seele vor
sich ging, und pltzlich aus seinen Sinnen auffahrend, fragte er: Was denken Sie
sich unter diesem Friedenmachen?
    Versuchen Sie es nur einmal wieder eine kurze Zeit, eine ganz kurze Zeit,
ohne alle andere Gesellschaft an der Seite der Frau Baronin zu leben! bat der
Geistliche dringend. Hren Sie ihre Gestndnisse mit dem Glauben an ihre reine
Seele an! Glauben Sie auch mir, auch mir, dem sein Beruf nicht heiliger ist, als
Ihre Ehre, Herr Baron, da es die gewissenhafte Aengstlichkeit eines
unschuldigen, aber irregeleiteten Herzens war, die sich vor Ihnen, durch Ihren
Zorn gereizt, zu einer Untreue bekannte, welche nichts, nichts als eine
flchtige, durch fremde Schuld erregte Gedankensnde war! Hren Sie sonst
Niemanden, fragen Sie Niemanden um Rath, als Ihre eigene Menschenkenntni, als
Ihr eigenes Herz; und Sie werden nicht lange an der Mutter Ihres Sohnes
zweifeln, Sie werden den Stein nicht werfen knnen auf eine Frau, die, rein und
edel, nur Ihres Glaubens und Ihrer Liebe nthig hat, um wieder fest und
unwandelbar zu Ihnen zu stehen in guten und bsen Tagen!
    Der Freiherr hatte wieder auf dem Sessel Platz genommen, aber er erwiederte
dem Geistlichen nichts. So blieben sie lange einander gegenber sitzen. Als die
Glocke der groen Pendeluhr auf dem Simse des Kamins die siebente Stunde schlug,
richtete der Baron sich auf. Ich danke Ihnen, sagte er, da Sie Ihrem Gewissen,
Ihrer Ueberzeugung folgten. Sie haben Ihre Pflicht gegen mich, Sie haben
berhaupt in edelster Weise Ihre Pflicht erfllt. Denn wie peinvoll mir diese
Unterredung auch gewesen ist, hat sie mir doch wohlgethan und mich veranlat,
unerbittlich gegen mich selbst, noch einmal in mein Inneres zu blicken. Ich
danke Ihnen dafr, mein theurer Caplan. - Er reichte ihm die Hand, der
Geistliche ergriff dieselbe mit Wrme; die Haltung, die Redeweise des Freiherrn
schienen ihm Gutes zu verknden, und doch hatte er sich, so sicher er ihn zu
kennen meinte, zum ersten Male ber dasjenige getuscht, was in dem Freiherrn
vorging. Aber er sollte nicht lange im Dunkeln bleiben, denn Jener fing von
selber zu sprechen an.
    Wir beide, mein Freund, Sie und ich, sind eben verschieden geartete
Menschen, und Sie kennen meinen Glauben in diesen Dingen, wir mssen unserer
Naturbestimmung folgen. Sie htte Ihr Charakter, in welchem Stande Sie auch
geboren worden wren, zur Kirche und innerhalb derselben zur Entsagung und zu
ausgleichender Vermittlung gefhrt; ich htte unter allen Verhltnissen nicht
entsagen, mich nicht bescheiden, nicht vermitteln knnen. Ich verlange nach
einer Ganzheit, nach einem vollen Gengen; ich kann nicht vermitteln zwischen
Recht und Unrecht, ich bin absolut - und mu und will das bleiben nach allen
Seiten und in jeglichem Betracht!
    Er erhob sich bei den Worten und stellte sich, den Arm auf die hohe Brstung
gelehnt, sei es zufllig oder absichtlich, in solcher Weise neben dem Kamine
hin, da er von Zeit zu Zeit seines eigenen Antlitzes in dem hellen Spiegelglase
ansichtig werden mute. Als ich mich mit der Baronin verband, war ich kein
Jngling und kein Schwrmer mehr, sagte er. Wre ich meiner Neigung, meiner
innersten Ueberzeugung gefolgt, so wrde ich mich niemals verheirathet haben,
denn darber habe ich mich nie getuscht, die arme Pauline, an die ein
dmonisches Geschick mich band - und heute noch bindet - ist, wie ich es mir
spter auch weglugnen wollte, die einzige Liebe meines Lebens und das einzige
Weib von unabnderlicher Herzenstreue gewesen, das ich je gekannt habe. Das
Geschlecht ist schwach!
    Aber, Herr Baron! wendete der Geistliche mit wachsendem Erstaunen ein. Inde
der Freiherr lie ihn nicht zu Worte kommen. Kein Aber, mein Freund! rief er;
Sie sollen mich bis zu Ende hren, damit wir ber diesen Gegenstand ein Mal und
ein fr alle Mal in das Klare und zu Ende kommen. - Als ich mich aus
Standesrcksichten, aus Rcksicht auf das Fortbestehen meines Hauses dann zur
Ehe entschlo, wnschte ich in der Baronin eine Mutter fr meine Kinder, eine
Frau fr mein Haus zu finden, und ich wrde zufrieden gewesen sein, htte sie
mir nur ein achtungsvolles Vertrauen mitgebracht. Die Baronin glaubte mich zu
lieben, obschon sie, wie sie es mir ja selbst in Ihrem Beisein einst gestanden,
Anfangs ein lebhaftes Abmahnen gegen mich gefhlt hat, und da diese anscheinende
Liebe nach dem schmerzlichen Zwiespalte, in welchen der Untergang der armen
Pauline mich geworfen, die Neigung der Baronin nicht von mir wandte, so nahm ich
die Liebe meiner Frau dankbaren und vertrauensvollen Herzens auf und schtzte
sie um so hher, als ich - bemerken Sie das wohl, mein Freund - diese Liebe
nicht erwartet, nicht gefordert hatte. Ich geno sie als eine frei gewhrte
Gunst, und ich habe auch den Uebertritt zu unserer Kirche nie von meiner Frau
begehrt; ich habe es nicht verlangt, da sie um meinetwillen mit ihrem ganzen
Hause breche - ich bin, Sie wissen das ja selbst, nicht orthodox und eigentlich
nicht einmal kirchlich. Was ich mit mir, mit meinen Erinnerungen abzumachen
hatte, das wrde ich allein oder mit Ihrem Beistande in meinem Herzen
abgeschlossen und zu vershnen getrachtet haben. Ich bedurfte der sichtbaren
Vershnung, der Bue, der Opfer, der Auferbauung nicht. Sie selber legen ja
auch, wie Sie mir heute bewiesen, nicht grade den hchsten Werth darauf. Der
Uebertritt der Baronin zu unserer Kirche war ihr ein Bedrfni; der Kirchenbau
und obenein der Bau in Rothenfeld, das ich gern meide, war aber ein selbst in
materieller Hinsicht sehr schweres Zugestndni an meine Frau!
    Er hatte das bestimmt und lebhaft gesprochen; nun hielt er pltzlich inne.
Sagen Sie selbst, rief er, habe ich mich in dieser Darstellung beschnigt?
    Nicht eigentlich, entgegnete der Caplan, nur mchte ich Sie daran erinnern
....
    Das nachher! Das nachher, mein Freund! fiel der Freiherr ein. Lassen Sie
mich vollenden. Es gengt mir, da Sie mir gerecht sind. - Er sammelte sich
darauf abermals und fuhr fort: Wir leben allerdings in einer schweren Zeit, in
welcher, wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, der Adel die Pflicht hat, sich
in seiner ganzen angestammten Wrdigkeit zu behaupten. Dieser Pflicht zu
gengen, ffnete und bot ich einer flchtigen und edeln Verwandten mein Haus und
meinen Beistand; aber auch bei uns ist das Unheil, ist der Uebermuth der unteren
Classen so weit gediehen, da selbst meine Diener urtheilen, wo sie zu gehorchen
htten, und sich Vorstellungen erlauben, die ber ihre Befugnisse hinausgehen.
Der Amtmann, welcher sich als Herrn fhlt, weil unsere Nachsicht seinen
Voreltern die Mglichkeit gegeben hat, sich in unserem Dienste zu bereichern,
unterfngt sich seit einiger Zeit, mir Vorhaltungen wegen meiner Ausgaben zu
machen - whrend ich seine Einnahmen nicht controlire - und fhlt sich
beleidigt, wird aufsssig, wie das ganze Volk, weil ich nicht darein willige,
seine Schwester mit einem jungen Manne zu verheirathen, der, ebenfalls in meinen
Diensten, frech genug war - er unterbrach sich und sprach dann schnell und
bitter - sein Auge und seine Wnsche bis zu der Baronin von Arten zu erheben,
und von dem die Baronin, welche mich einst, ohne da ich es begehrte, und
vielleicht mehr als ich's verdiente, liebte, jetzt, nach achtjhriger Ehe, nach
acht Jahren eines vollen, unbedingten Zutrauens in ihre Ehre und Tugend, mir
eingesteht, da sie ihn liebe, ihn schon lange geliebt habe, und da ich
ziemlich der Einzige sei, der dieses noch nicht wisse!
    Er ging wieder umher; die Lust, sich im Spiegel zu betrachten, mute ihn
verlassen haben. Er schpfte tief Athem, nahm die Dose heraus und hielt sie
mechanisch in der Hand, ohne sie zu ffnen. Als er die Dose wieder eingesteckt
hatte, sagte er: Solchen Ereignissen gegenber giebt es fr einen Mann wie ich
nur Einen Weg. - Ich habe der Baronin nichts zu verzeihen, denn ich kann sie
nicht dafr verantwortlich machen, da sie nicht strker ist, als ihr
Geschlecht, und da ich thricht genug war, sie fr eine Ausnahme zu halten.
Aber erinnern Sie sich, was ich Ihnen oftmals sagte: meine Sinne haben mich
niemals beherrscht, wo mein Herz mit ihnen nicht im Bunde war, und mein Herz hat
sich der Baronin abgewendet. -
    Um Gottes willen, Herr Baron, wie ist das mglich? Wie darf ein flchtiger
Irrthum das Vertrauen, die Neigung, die Liebe langer Jahre unwiederbringlich
vernichten? Wie drfen Sie in solcher Weise richten, Herr Baron?
    Lassen Sie das, mein Freund. Ich richte, ich verdamme nicht, aber Sie kennen
das Geheimnivolle in der Liebe nicht, Sie haben nie ein Weib geliebt, niemals
Ihr Herz einem Weibe anvertraut! entgegnete der Baron mit dem Tone der
Empfindung, und so beschftigt und hingenommen war er von sich selbst, da er
das sanfte, traurige Lcheln nicht bemerkte, welches wie ein Schein des
Abendlichtes ber des Caplans mildes Antlitz glitt. Es giebt keine Wiederkehr in
der Liebe, fuhr der Freiherr fort, oder glauben Sie, ich knnte es vergessen,
was die Baronin mir gestanden hat? Wrde nicht, so oft sie mir von Liebe
spricht, jenes: ich liebe Herbert, ich, die verheirathete Frau, die Gattin des
Freiherrn von Arten, liebe diesen Herbert - mir in das Ohr klingen?
    Er ergriff abermals des Caplans Hand, und mit zusammengepreter Stimme
sprach er: Das ist nicht die Eitelkeit des lteren Mannes, Freund, die es nicht
ertragen kann, neben einem geliebteren Manne zurckzustehen! Es ist das nicht zu
besnftigende Ehrgefhl des Edelmannes, und die Baronin kennt meinen Entschlu!
Unsere Kirche, welche stets die Schwche und Hlfsbedrftigkeit des Menschen im
Auge behlt, hat uns auch fr den Fall, in dem ich mich befinde, das Mittel an
die Hand gegeben! Erkennt sie doch in dringendem Falle auch dem Laien eine
priesterliche Machtvollkommenheit zu!
    Ach, Herr Baron, rief der Caplan erschreckt und schmerzlich, Sie haben sich
der Herzogin vertraut, Sie sprachen mit der Herzogin davon!
    Der Baron stutzte. Was soll der Ausruf?
    Sie bitten, Sie beschwren, dies nicht zu thun! Entfernen Sie die Herzogin
nur wenig Wochen, nur wenig Tage! Um alles Guten, um Ihrer und Ihres Sohnes
willen flehe ich Sie darum an!
    Nicht doch, mein Freund! Wozu sollte das fhren? versetzte der Freiherr; ich
bin fest entschlossen und mir vllig klar. Ich habe mein Leben von dem der
Baronin in meinem Herzen ein fr alle Mal geschieden. Sie wei das seit diesem
Abende, und ich habe ihr gesagt, da ich Sie, mein Freund, und die Frau
Herzogin, die das Geheimni kennen, de zu Zeugen nehme; im Uebrigen soll kein
Mensch davon erfahren. - Und wie ich hier gethan, was dem Manne und dem
Edelmanne gebhrt, so denke ich berhaupt mein Recht zu wahren. - Es bleibt
dabei, da Adam fortgeht! Ich kann keine Beamten brauchen, welche es vergessen,
da ich hier zu gebieten habe, da ich der Herr bin; und es ist mir ganz recht,
da ich dieses Exempel an dem ersten, dem obersten meiner Leute statuiren kann.
Die Anderen werden sich um so besser danach zu richten wissen. Ich drnge ihn
nicht, fortzugehen, er mag seine und meine Angelegenheiten in Ruhe abwickeln.
Ist dies gethan, so soll er gehen!
    Der Caplan neigte das Haupt. Dann freilich habe ich nichts mehr zu sagen!
sprach er und stand auf, um sich zurckzuziehen. Der Freiherr hielt ihn nicht
zurck.
    Erst als jener der Thre zuschritt, sagte er: Nur Muth, mein alter Freund;
man mu den Kopf hoch tragen, wenn man ihn in diesen Tagen des Migeschickes
berhaupt oben auf seinem Rumpf behalten will! Sie thaten, was Ihres Amtes ist,
ich thue das Meinige! Geschieht das berall, weicht Niemand von seinem Platze,
vergiebt man nichts von seiner Wrde, von seinem Rechte, zeigt man sich
unerschtterlich, wer und was sollte uns da erschttern? - Ich habe leider nach
einer Seite kein Glck gehabt, lassen Sie mich also an meiner alten Ueberzeugung
um so fester halten, da ich Glck in der Freundschaft habe, da ich mich zu den
nicht eben zahlreichen Personen rechnen darf, die es verstehen, die Freundschaft
zu ehren und zu pflegen! Und glauben Sie mir, die Frau Herzogin theilt meine
Freundschaft, ja, meine Sorge fr und um Sie. Nur Geduld bis in den Sommer, bis
wir die Kirche fertig haben und die Steinerts fort sind; dann schaffe ich Ihnen
ein eigenes Haus, ein Asyl, in dem es Ihnen wohler sein soll, als hier unter
uns, die wir ja leider einmal Weltkinder sind und bleiben!
    O, ich kenne den Antheil, den die Frau Herzogin an mir nimmt! sagte der
Caplan, whrend ein schmerzliches Lcheln um seine Lippen spielte. Aber der
Freiherr schien dies nicht zu bemerken, und die Bedeutung nicht zu verstehen,
welche der Geistliche in seine Worte legte. Er reichte ihm mit freiem Anstande
freundlich die Hand und begleitete ihn bis gegen die Thre hin, obschon jener
die ihm zum Abschiede dargebotene Rechte zum ersten Male nicht ergriffen hatte.

                                  Drittes Buch



                                 Erstes Capitel

Die Tage waren mild und ohne Wind. So weit das Auge reichte, bedeckte wieder der
Schnee das Land. Auf dem Amthofe in Rothenfeld ertnte laut der Schall der
Arbeit. Der Takt der Dreschflegel, die Axt des Holzhauers, das Knarren des
Brunnenrades, das Brllen und Blcken der Hausthiere, das aus den weiten
Stallungen herbertnte, unterbrachen die Stille, und das Thun der Menschen, ihr
Kommen und Gehen belebte mit der sich alljhrlich wiederholenden nothwendigen
Beschftigung in gewohnter Weise die Einsamkeit. Es war Alles, wie es im vorigen
Winter, in allen ihm vorangegangenen gewesen war, obschon es der letzte sein
sollte, welchen die Bewohner des Amthauses in demselben zubrachten.
    Im Schlosse zu Richten war es anders. Dort hrte man nichts von der
wohlthtig wiederkehrenden Gleichmigkeit der Arbeit, und der Winter ist sehr
lautlos auf dem Lande. Die groen Portale waren geschlossen, um der Klte den
Eingang zu wehren; auf weichen Teppichen bewegte die Dienerschaft sich
geruschlos in den Gngen und auf den Treppen umher, und nur wenn man an die
Fenster trat, sah man in weiter Ferne gelegentlich einen Schlitten wie einen
flchtigen Schatten halb verschleiert von dem feinen Dufte, der die ganze Luft
erfllte, ber die weite Ebene gleiten. Was unter der weien Hlle im Schooe
der Erde arbeitete, was in den heimlichen Nestern und Schlupfwinkeln geschah, in
die das Leben der Feldthiere, der Vgel und der Insecten sich zurckgezogen
hatte, das verbarg sich dem Auge des oberflchlichen Beobachters; und wer
flchtig an dem Schlosse vorberging, in dessen weiten Grten und auf dessen
prchtigem Hofe die lustigen Spatzen und die immer rhrigen Krhen ihr Wesen
trieben, oder wer nur als Gast in das Schlo kam und die glnzende und wrdige
Gastfreiheit der Schloherrschaft geno, der htte meinen mssen, es sei auch
hier im Schlosse Alles noch so, wie es in dem vorigen und in den ihm zunchst
vorangegangenen Jahren gewesen war. Aber auch ber das Leben der
Schloherrschaft lag, wie drauen die khle, weie Decke des Schnee's, der
verhllende Mantel der formvollen Gewohnheit und der feinen Sitte gebreitet und
entzog dem Auge, was sich unter ihm verbarg.
    Es war ein Schweigen ber die Menschen gekommen. Angelika krnkelte und sah
noch bler aus, als ihre seltenen Klagen ber ihr Befinden es rechtfertigten.
Der Freiherr hatte, weil er spt zu wachen liebte und weil Angelika, wie er
sagte, Ruhe haben sollte, ihre Zimmer verlassen und die Wohnung bezogen, welche
er vor seiner Verheirathung inne gehabt hatte, und alle einzelnen Personen
hielten sich mehr als je bisher in ihren besonderen Gemchern auf. Die Herzogin
erschien sehr niedergeschlagen. Man glaubte, da sie den Marquis vermisse und
da sie Langeweile fhle, denn sie lie den Caplan fter zu sich bitten, hatte
lange Gesprche mit demselben, und doch sah man nicht, da sich eine wirkliche
Annherung zwischen den beiden Personen gebildet htte oder auch nur allmhlich
bildete. Was sich allein und immer gleich blieb, war die Freundschaft, welche
der Freiherr fr die Herzogin an den Tag legte, und die rcksichtslose
Freigebigkeit und Zuvorkommenheit, mit welcher er allen ihren Neigungen
begegnete. Der Freiherr zeigte sich immer ruhig, Angelika sanft, aber
zurckhaltend, und man htte fast meinen sollen, es lge nur an der Verstimmung
der Herzogin, da die Anderen sich nicht in der frheren geistigen Freiheit
bewegten, es bedrfe nur ihres guten Willens, um Alles wieder in das alte
Geleise zu bringen; denn da nicht mehr Alles in dem guten alten Geleise stehe,
da etwas Besonderes, da noch etwas Anderes, als der Streit mit dem Amtmanne
und dessen bevorstehende Entlassung vorgefallen sei, daran zweifelte in der
Herrschaft bald Niemand mehr. Aller der Leute, die, wie ihre Eltern auf den
Gtern geboren und erzogen, ihre Welt in diesem engen Kreise hatten, begann sich
dadurch eine Unsicherheit zu bemchtigen. Sie hatten stets den Glauben gehegt,
da sich bei ihnen in Richten nichts ndern knne und drfe, und da sich etwas
gendert hatte, ohne da sie sich zu erklren wuten, was sich gendert habe,
steigerte ihr Unbehagen.
    Aber grade die Frau, welche an den mannigfachen Wandlungen in Schlo Richten
und in dem Leben seiner Besitzer einen so groen und unheilvollen Antheil hatte,
grade die Herzogin war am meisten betroffen ber die Wendung, welche die
Gedanken und Entschlsse des Freiherrn genommen hatten; und wenn sie davon auch
nicht im Gemthe angegriffen wurde, so nahm sie es doch mit einer Art von
Schrecken wahr, da die von ihr so fein gesponnenen und so geschickt verknpften
Fden nicht das Gewebe bildeten, auf das sie es abgesehen, weil sie nicht
genugsam in Betracht gezogen hatte, da es sich mit Menschen nicht so sicher als
mit todten Zahlen rechnen lasse und da die Personen, welche sie als ihre
Werkzeuge zu betrachten sich gewhnt hatte, sich pltzlich erheben und sich zu
einer Entscheidung aufraffen knnten, stark genug, alle Berechnungen und
Erwartungen der planvollsten Voraussicht mit einem Schlage zu durchkreuzen.
    Das habe ich nicht gewollt! sagte sich die Herzogin, als der Freiherr ihr
vertraut hatte, was er in sich beschlossen, und mit diesem Ausrufe wlzte sie
alle Verantwortung und Schuld von ihren Schultern auf die seinigen. Sie brauchte
nicht einzustehen fr das, was sie nicht bezweckt hatte. Sie hatte sich
zerstreuen, sich unterhalten, ein wenig Einflu auf ihre Freunde gewinnen
wollen, sagte sie sich; sie hatte die Baronin von ihrer deutschen
Schwerlebigkeit zu heilen, den Freiherrn von der Herrschaft seiner allzu
strengen Gattin zu befreien gewnscht; sich selber und seinen alten, frhlichen
Gewohnheiten hatte sie ihn wiedergeben wollen, indem sie nebenbei sich und ihrem
Bruder das Leben in der Einsamkeit so gut es ging erheiterte, und pltzlich
hatte die stolze Ueberspanntheit des Freiherrn alles Ma und Ziel so vllig
berschritten, da die Herzogin sich mit einem Male zur Zeugin und zur
Vertrauten eines ehelichen Zwiespaltes auserkoren fand, der schwer und tief
genug war, um selbst eine Frau wie sie mit ernstem Erschrecken zu erfllen. Sie
konnte dies dem Freiherrn nicht verzeihen, denn er ganz allein und Niemand sonst
trug nach ihrer Meinung die Schuld des Unheils. Sie nannte es unverantwortlich
von ihm, da er der Baronin nicht die Hand bot, um ber eine Schwche, ber
einen kleinen verzeihlichen Herzensirrscham fortzukommen; und wie natrlich,
wendete ihre ganze Theilnahme sich unter diesen Verhltnissen der Verkannten,
der Leidenden, der Baronin zu.
    Es blieb der Herzogin in diesem Augenblicke auch keine andere Wahl, wenn sie
sich nicht der ihr zur anderen Natur gewordenen Einmischung in fremde
Angelegenheiten fr die nchste Zeit enthalten wollte; und der Caplan hatte
Recht gehabt mit seinem Worte: sie kann nicht rasten und nicht ruhen! - Die
mige Herrschsucht, das eitle Bedrfni nach immer neuer scheinbarer
Thtigkeit, die Lust, sich an fremden Empfindungen zu ergtzen, waren
unersttlich und ohne Rast in der kalten, selbstschtigen, mit unruhiger
Phantasie begabten Frau, und sie wurden nur von dem dreisten Selbstbetruge
bertroffen, mit dem sie sich in eine neue Rolle zu versetzen wute, so oft die
alte ihr beschwerlich oder unhaltbar fr sie zu werden anfing.
    Seit Jahren hatte sie den Caplan gemieden, weil er der Mibilligung kein
Hehl gehabt hatte, mit der er ihr Treiben und ihren Einflu auf den Freiherrn
und auf Angelika verfolgte, und sie war seit lange bestrebt gewesen, ihn in der
guten Meinung des freiherrlichen Paares zu entwurzeln, ja, ihn zu entfernen.
Jetzt schien sie dies vllig vergessen zu haben. Sogar der Gedanke, da der
wrdige Mann sie und ihr frevelhaftes Spiel mit der Wohlfahrt ihrer Gastfreunde
durchschaut habe und da er es verdamme, hielt sie nicht ab, sich an ihn und
seinen Beistand zu wenden, sobald sie seiner zu bedrfen glaubte; denn wie alle
Selbstschtigen, besa sie das festeste Vertrauen in die Selbstlosigkeit der
Anderen und jenen Hochmuth, der fr alles gethane Uebel schnelle Vergessenheit,
fr jeden neuen Einfall Zustimmung und Beistand zu finden erwartet, wenn
demselben nur der Anschein eines edeln Zweckes anzudichten ist.
    Der Caplan erkannte und durchschaute dies Alles; aber in der Gefahr, in
welcher seine Freunde sich befanden, glaubte er sich jedes Mittels bediene, zu
mssen, das eine Hlfe zu bieten schien, obschon seine Hoffnung auf ein Gelingen
und sein Glaube an die Mglichkeit, die Ehe des Freiherrn herzustellen, nur
gering waren.
    Angelika war keine thatkrftige und war doch dabei eine stolze Natur. So
lange sie sich berechtigt geglaubt hatte, mit ihrer ungetheilten Liebe die Liebe
ihres Gatten, die er ihr zugeschworen, zu verdienen, so lange ihr reines
Gewissen seine volle Achtung fordern konnte, hatte sie den Muth gehabt, dem
Freiherrn in den Zeiten seiner geistigen Bedrngni zu Hlfe zu kommen, und es
hatte sie ber sich selbst hinausgehoben, da sie zu trsten, zu verzeihen, da
sie herzustellen vermochte. Seit sie sich schuldig glaubte, sich schuldiger
fhlte, als sie war, hatte eine Verzagtheit sie erfat, gegen welche der Caplan
vergebens angekmpft, da er andererseits genthigt gewesen war, Angelika mit
ernster Strenge vor der Nachgiebigkeit gegen ihre Schwche zu warnen, welche in
den Lehren und Unterhaltungen der Herzogin immer neue Nahrung und Beschnigung
gefunden hatte. Wer aber, wie Angelika, wahrhaften Sinnes und also eigentlich
nicht geneigt ist, sich zu betrgen, wer sich selber seine Fehler zu Herzen
nimmt und sie sich schwer verzeiht, weil er den Anspruch der Wrdigkeit an sich
macht, der fhlt auch die Verzeihung der Andern nicht als eine Wohlthat, sondern
als eine Demthigung, unter deren Last er sich nicht leicht erhebt; und wie
furchtbar das bereilte Verdammungs-Urtheil ihres Gatten Angelika auch traf, es
lag darin ein Etwas, das ihr willkommen war, das ihrem eigenen Empfinden, ihrem
in diesem Falle bertriebenen Gerechtigkeitsgefhl entsprach.
    Htte der Freiherr sich dazu verstanden, sie ber ihre Neigung fr Herbert
aufzuklren, htte er sie liebevoll zu sich gezogen, so wrde sie sich bestrebt
haben, zu vergessen, und bemht gewesen sein, die Liebe und das Wohlgefallen
ihres Gatten wieder zu erringen. Aber der Freiherr hatte die Wahrheit
gesprochen, als er gegen den Caplan behauptet, da er eigentlich niemals eine
wirkliche Liebe fr Angelika gefhlt habe, und er hatte es, fr sich eingenommen
wie er war, ihr durch alle die Jahre nicht vergessen, da sie ihn schwach
gesehen und da sie ihm einmal in Gegenwart des Geistlichen ihr einstiges
inneres Mifallen an seiner Person erklrt hatte.
    Jetzt sich von Angelika im Angesichte der Herzogin einen jngeren, einen
Mann geringeren Standes vorgezogen zu sehen, von seinem Weibe das Gestndni
hren zu mssen, da sie einen Anderen liebe, das waren Krnkungen gewesen, die
er nicht verzeihen und von denen er sich nur durch eine That befreien konnte,
mit welcher er seine Selbstherrlichkeit vor sich selber, vor Angelika und vor
den Augen der Herzogin, ein fr alle Mal feststellte.
    Er hatte dabei keinen groen Widerstand in sich zu berwinden, denn wo der
Stolz und die Eitelkeit in einem Menschen die Oberhand behaupten, werden vor
denselben alle anderen Empfindungen und Rcksichten leicht zum Schweigen
gebracht, und der unausgesetzte Verkehr mit der lteren, ihm bestndig
schmeichelnden und der Baronin geistig berlegenen Freundin hatte ihn seit lange
gleichgltiger gegen Angelika und selbst gegen ihre krperliche Schnheit
gemacht, als er es sonst wahrscheinlich geworden sein wrde. Er brachte also
kein schweres Opfer, er gab keine ihm unentbehrlich gewordene Gemeinschaft auf,
als er sich von Angelika entfernte, und er fand mit dieser Entsagung dasjenige
fr sich wieder, was ein Mann von seiner Art am wenigsten entbehren kann, was er
am hchsten schtzte: persnliche Befriedigung und das Wohlgefallen an sich
selbst und an seiner Machtvollkommenheit.
    
    Anders jedoch stand es um die Baronin. Der gewaltsame Entschlu ihres
Gemahls gab ihr ein Recht, sich unglcklich zu fhlen, und da sie, wie Jeder,
das Verlangen in sich trug, eine Folgerichtigkeit zwischen ihrem Erleiden und
ihrem Verschulden zu entdecken, so berlie sie sich unwillkrlich ihren
Gedanken an die entbehrte Liebe, und ihrem Schmerze um Herbert mit solcher
Heftigkeit, da sich eben an dieser heftigen Leidenschaft ihr krankhaftes
Schuldbewutsein bis zu jener Hhe steigerte, welche sich bereitwillig zu jeder
Bue zeigt und eine schwrmerische Wollust in dem Leiden, in dem vlligen
Verzichten findet.
    An der Selbstzufriedenheit des Freiherrn, an der Wollust, mit welcher seine
Gattin sich verdammte, scheiterten die Versuche, welche der Caplan zu der
Vereinigung der Getrennten unternahm. Der Freiherr gefiel sich beraus darin,
den Geistlichen sowohl als die Herzogin von der Festigkeit seiner Entschlsse
und seines Charakters wie von seinem strengen Ehrbegriffe zu berzeugen. Aus der
Mhe, welche sich der Eine und die Andere, jeder auf seine Weise, mit seiner
Bekehrung gaben, ersah er mit Vergngen die Wichtigkeit, die sie ihm und seinem
Schicksale beilegten; und die Nothwendigkeit, in den oft und in verschiedenster
Weise wiederkehrenden Gesprchen ber diesen Gegenstand seine Grnde den Grnden
seiner Freunde entgegen zu stellen, bestrkte ihn in seinen Ueberzeugungen wie
in seinem Vorsatze. Hochgehobenen Hauptes und heiterer Stirn aufzutreten, wenn
er Alles um sich her gebeugt sah, war ihm ein durch nichts Anderes zu
ersetzender Genu; und mit einem Lcheln der Ueberlegenheit ermahnte er die
Baronin wie seine Freunde, innere Erlebnisse nicht zur Schau zu tragen, ihre
Mienen und ihre Stimmung nicht zu Verrthern an sich werden zu lassen und den
Lauf des ruhigen tglichen Lebens nicht zu unterbrechen, weil man mit sich
selber etwas abzumachen habe.
    Ueberlassen wir es den Steinerts, sagte er gelegentlich, von sich, von ihrem
Schicksale und von Eva's Herzensgeschichte auf zehn Meilen in der Runde sprechen
und sich loben oder tadeln und beklagen zu lassen, je nach dem Belieben Anderer.
Man mu sich unnahbar machen, wenn man unangetastet bleiben will, und mich
dnkt, mit sehr geringer Selbstbeherrschung knnte die Baronin, mit etwas
Achtung vor meinem berechtigten Verlangen knnte der Caplan und knnten Sie,
meine theure Margarethe, das Vergangene, wie ich, auf sich beruhen lassen und
mir die Unannehmlichkeit ersparen, mein und meines Hauses Leben von der Neugier
meiner Leute unnthig berhrt zu sehen.
    Das waren Empfindungen und ein Stolz, welche die Herzogin vollkommen begriff
und wrdigte. Sie stimmte mit der Ansicht des Freiherrn berein, da es fr den
Adel jetzt doppelt geboten sei, sich in ungebrochener Wrdigkeit, im Vollbesitze
aller seiner Standesehren und Vorrechte vor dem niederen Volke zu behaupten, und
sie konnte bei der unverhohlenen Klte und Entfremdung, mit welcher Angelika ihr
seit den letzten Ereignissen begegnete, berhaupt nicht lange im Zweifel darber
bleiben, nach welcher Seite sie sich zu ihrem eigenen Besten wenden msse.
    Lange Zeit die Rolle der Trsterin, der Vershnerin zu spielen, whrend die
Baronin sich ihrem Troste unzugnglich zeigte und der Freiherr gegenber ihren
vermittelnden Bestrebungen seine Ueberzeugung aufrecht erhielt, wre dem auf
Erfolg gestellten Wesen der Herzogin ohnehin nicht mglich gewesen. Eine
Ausgleichung aber, ein Verstndni knnen sich nicht herstellen, wo
eigenwilliger Stolz in dem Menschen mchtiger als die verstndnivolle Liebe ist
und wo eine wahrhafte Annherung schon durch das absichtliche Dazwischentreten
belwollender Personen nicht zu Stande kommen kann. Von gleichem Stolze beseelt
und fortgerissen wie ihr Gatte, gewann es daher die Baronin auch endlich ber
sich, es seinem Auge zu verbergen, wie unglcklich sie sei, wie unglcklich es
sie mache, sich von ihm verstoen zu wissen. Sie gewann es ber sich, jene Ruhe
an den Tag zu legen, in welcher der Freiherr sich zeigte, in der er seine ganze
Umgebung zu sehen begehrte, eine Ruhe, die sie zu fhlen weit entfernt war und
deren Anschein, obschon er sich's nicht eingestand, den Freiherrn nur noch
fester in dem Glauben werden lie, da er sich in Angelika getuscht, da sie
ihn nie geliebt und da er in ihr nie das Herz besessen habe, welches ihn zu
beglcken, ihm zu gengen fhig gewesen wre.
    Allen weiteren Belstigungen und Errterungen zu entgehen, hatte der
Freiherr bald nach seiner heimlichen Trennung von Angelika eine Einladung zu den
groen Jagden angenommen, welche einer der Prinzen auf seinen Gtern um diese
Zeit veranstaltete, und war erst kurz vor den Weihnachtstagen, und zwar in
Begleitung verschiedener Gste, wieder in das Schlo zurckgekehrt.
    Das Weihnachtsfest wurde mit gewohnter Freigebigkeit und Gastlichkeit
begangen; die Gste sollten bis ber das Neujahr im Schlosse verweilen.
    Befehlen der gndige Herr, da morgen der groe Saal geffnet und die Leute
angenommen werden sollen? erkundigte sich am Sylvestertage der Haushofmeister,
als der Freiherr ihn rufen lassen, um ihm einen Auftrag zu ertheilen.
    Wie anders? antwortete dieser. Der Haushofmeister verneigte sich und ging
davon. Es war das erste Mal, da er diese Frage fr nthig erachtet hatte, das
erste Mal auch, da der Freiherr sich den Glckwnschen seiner Leute gern
entzogen htte. Aber es befanden sich im Schlosse unter den Gsten mehrere
Personen, welche in manchem frheren Jahre Zeugen dieser herrschaftlichen
Ceremonie gewesen waren, und der Freiherr hielt es fr angemessen, von einem
alten Herkommen nicht abzulassen.
    Der Ahnensaal zu ebener Erde war ein schner Raum. In den beiden groen
Kaminen an seinem oberen und unteren Ende brannten am Neujahrsmorgen helle
Feuer, und die Sonne, welche drauen den Schnee funkeln und die dicken Fransen
des Rauhreifs an den Aesten der Bume glitzern machte, schien so hell in den
Saal hinein, als wolle sie die brennenden Feuer unsichtbar machen und beschmen.
    Die lange Reihe der Ahnenbilder war sorgfltig abgestubt worden, man hatte
die Teppiche vor den gradlehnigen Canapee's ber den Fuboden gebreitet, der
Haushofmeister lie auf dem schweren Marmortische die alterthmlichen
Gerthschaften auftragen, deren man sich, seit die Baronin Angelika im Schlosse
lebte, am Neujahrstage zu bedienen pflegte. Man nannte diesen Empfang im
Ahnensaale das Familien-Frhstck, weil man dann die Mahlzeit beim Beginne des
neuen Jahres gleichsam unter den Augen des ganzen hingegangenen Geschlechtes
einnahm und die smmtlichen Beamten der Herrschaft mit einem Imbi bewirthete.
Whrend der Haushofmeister die silbernen Kuchenschalen und die Flaschen des
sen spanischen Weines kunstgerecht ordnete, kam des Freiherrn Secretr dazu.
    Seht nur zum Rechten, sagte er, der Herr ist heute bler Laune! - Der Andere
meinte, das sei jetzt nichts Seltenes. Doch mit Unterschied, bemerkte der
Secretr; heute ist's besonders schlimm! -
    Als der Haushofmeister zu wissen wnschte, was denn vorgefallen sei, lie
der Secretr sich erst eine Weile nthigen, dann sagte er: Es sind heute unter
den Sachen, die der Bote von der Post geholt hat, Briefe gekommen, die haben es
gethan. Der Jude, welcher des Herrn Geldgeschfte macht, kndigt ihm die
vierzigtausend Thaler auf Rothenfeld, und es mu auch mit dem vertrackten
Marquis wieder etwas vorgefallen sein, was mit den Geldangelegenheiten
zusammenhngt. Ich sah groe Zahlen und Berechnungen in dem Briefe, obschon der
Herr ihn seitwrts hielt. Als er ihn zweimal gelesen hatte, steckte er ihn ein,
aber seine ble Laune hatte er weg, denn - von Flies zu fordern haben wir schon
lange nichts mehr!
    Und dazu wieder die groen silbernen Toiletten, welche jetzt zu Weihnachten
nach dem Muster der alten Waschgerthschaften, die vor ein paar Jahren
angeschafft wurden, fr unsere gndige Frau und fr die Herzogin gemacht worden
und angekommen sind! bemerkte kopfschttelnd der Haushofmeister. Mich soll's
wundern, wann die Herzogin einmal zu wnschen aufhren wird. Ewig kann das ja
nicht dauern!
    Freilich! Es geht Alles einmal zu Grunde in dieser wandelbaren Welt; aber
aprs nous le dluge! Und wenn's denn nur immer bei dem aprs nous bleiben
wollte, versetzte der Secretr, welcher sich die Schlagworte angeeignet hatte,
deren er die Herrschaften sich bedienen hrte. Er fuhr inde erschrocken zurck,
als in dem Augenblicke der Kammerdiener die Thrvorhnge aufhob und die ganze
Gesellschaft, voran der Freiherr, die Herzogin am Arme, in den Saal eintrat. Sie
hatten beide das Wort gehrt, und unwillkrlich sagte der Freiherr zu sich
selbst: Welch ein Anruf ist das! - Auch Angelika, deren bles Aussehen Allen
auffiel, sah nach dem Secretr hinber und ihre Mienen zuckten leise zusammen.
Ihre Schwche fing an, ihr oftmals die Herrschaft ber sich zu rauben.
    Die Frauen nahmen auf dem Canapee ihre Pltze, die Mnner, der Freiherr in
ihrer Mitte, standen in einer Gruppe in ihrer Nhe, als man meldete, da der
Pfarrer mit seiner Frau, der Amtmann mit seiner Schwester angekommen wren. Der
Freiherr ging dem Geistlichen ein paar Schritte entgegen, reichte ihm und der
Pfarrerin die Hand und hie sie willkommen, als sie ihm ihre Glckwnsche
aussprachen. Er schien Adam und seine Schwester nicht zu sehen, und doch hatten
sie ihr Bestes gethan, sich heute bemerklich zu machen und es zu beweisen, da
sie nicht in Sorgen, sondern guten Muthes in das neue Jahr hinbergingen.
    Der Amtmann hatte den Haarbeutel abgelegt und sich, wie Herbert das schon
lange gethan, nach der neuen franzsischen Mode gekleidet. Auch Eva hatte die
lndliche Dormeuse abgenommen und trug ihr schnes, braunes Haar, wie Herbert
dieses liebte, frei um Gesicht und Rcken niederflieend. Sie sah auffallend
hbsch aus, und die Blicke der mnnlichen Gste richteten sich auf sie, als sie
sich der Baronin nherte, ihr die Hand zu kssen, whrend der Amtmann noch immer
da stand, erwartend, ob der Freiherr es endlich fr angemessen finden werde,
seine Gegenwart zu bemerken, ob er endlich die geflissentliche und sehr gndige
Unterhaltung mit dem Pfarrer unterbrechen werde.
    Adam fand den Freiherrn in den letzten Monaten wesentlich lter geworden,
und wie er so von ihm hinaufsah nach dem verstorbenen Herrn und dann zu Renatus
hin, der zwischen den Knieen des Caplans stand, konnte er sich eines Seufzers
nicht erwehren; aber dieser Seufzer galt nicht dem eigenen Geschicke. Wer wird
knftig fr sie schaffen, wie wir's gethan? dachte er, und er fhlte den Groll,
den er seit seinem Zusammenstoe mit dem Freiherrn gegen ihn gehegt, in seinem
treuen, festen Herzen schwinden, da er sich baldiger Freiheit sicher und seinen
Stern im Steigen wute, whrend die Sorge seinem bisherigen Herrn immer nher
rckte, da er sie kaum noch von sich weisen konnte.
    Pltzlich, als habe der Seufzer des Amtmanns ihn erst aufmerksam auf ihn
gemacht, wendete er sich zu ihm und sagte: Ich dachte, Er wre auf's Gterkaufen
aus!
    Diese Anrede hatte Adam nicht erwartet, aber da er den Freiherrn kannte,
erschreckte sie ihn mehr als sie ihn krnkte. Was mu ihm geschehen sein, da er
sich so vergessen kann? dachte er, und gutherzig und nachsichtig wie ein
Glcklicher, sagte er: Da ich nach meinem Abkommen mit dem gndigen Herrn noch
bis zum Herbste in seinem Dienste bleibe, konnte ich ja nicht ohne Urlaub fort,
und htte mich nicht unterfangen, den Herrschaften am letzten Neujahr meinen
Glckwunsch schuldig zu bleiben. Mge es den Herrschaften so wohl gehen, als wir
es von je mit ihnen und ihrem Dienste gemeint!
    Adam war bewegt, und der Freiherr hrte das. Aber da er verstimmt und
gereizt war, klang selbst der gute Wunsch ihm wie ein Vorwurf, und fast
widerwillig sprach er sein kurzes: Ich danke, ich danke Ihm! zu seinem
Untergebenen aus, der dies nicht lange mehr bleiben sollte. Er konnte den Ton
gegen ihn nicht mehr finden, seit er Adam nicht mehr ganz zu ihm gehrend wute,
und er zwang sich zu der Frage, was Adam denn fr Plane habe, weil diese Frage
eine Verzeihung und ein Anerkenntni in sich schlo.
    Ich habe ein Angebot auf Marienau gethan. Ich kenne das Gut genau, und der
Besitzer kann es nicht mehr halten, sagte Adam.
    Ich wei, ich wei! rief der Freiherr und wendete sich kurz und hastig von
dem Amtmanne ab. Die Vorstellung, einen alten Lebensgenossen aus seiner Nhe
scheiden, einen alten Edelmann von dessen Hause auswandern zu sehen und dafr
einen Menschen niedern Standes, ja, seinen eigenen Amtmann zum Grenznachbar zu
bekommen, die Steinerts sich einnisten zu sehen, wo die Herren von Raven seit
langen Jahren fest und wohl gesessen hatten, war dem Freiherrn gar zu
widerwrtig. Es kamen ihm seit diesem Morgen nichts als unangenehme Neuigkeiten
zu.
    Aber noch empfindlicher, als der Freiherr durch das Zusammentreffen mit dem
Bruder, fhlte sich Angelika durch die Begegnung mit der Schwester berhrt. Sie
hatte Eva nicht wiedergesehen seit dem Tage, an welchem sie die Verse in
Herbert's Pult gelegt, und die heie Rthe der Scham bergo ihr bleiches
Antlitz, als sie Eva vor sich hintreten sah.
    Das war also das Mdchen, welches der Mann sich erwhlt hatte, den sie
liebte, um dessentwillen sie mit sich selbst und mit ihren Pflichten zerfallen
war, das Mdchen, welches Herbert ihr, der Grfin Berka, der Baronin von Arten,
der hochgebornen edlen Frau, vorgezogen hatte! Und mitten in der Pein dieser
qualvollen Empfindung erkannte die Baronin in dem groen Medaillon, mit welchem
Eva ihr weies Busentuch ber der Brust zusammengenestelt hatte, Herbert's
sprechend hnliches Portrait, welches eben heute anzulegen sie sich trotz der
Abmahnung des Bruders nicht hatte versagen mgen.
    Eva sah die Bewegung der Baronin, und ein Lcheln der befriedigten Eitelkeit
flog ber ihre vollen Lippen, als sie sich niederbckte, um, wie sie das sonst
gethan, die Hand der Gutsherrin zu kssen. Aber jenes siegreiche Lcheln war
Angelika nicht entgangen; sie zog die Hand zurck, und mit einer Hrte und
Bitterkeit, die Niemand je von ihr gehrt hatte, sagte sie: La' Sie es gut
sein, ich kann die Heuchelei nicht leiden und ich kann Ihr nicht helfen!
    Der Zorn der Baronin zeigte dem jungen Mdchen, wie mit hellem Lichte, sein
ganzes Glck in vollem Glanze, und mit dem Worte schnell wie immer bei der Hand,
whrend sie sich auch von Eifersucht ergriffen fhlte, entgegnete sie, der
unverdienten Abweisung mit Freuden trotzend: Ich verlangte ja nichts, ich habe
ja Alles, was ich wnsche, gndige Frau!
    Unverschmte! stie die Baronin hervor und wendete ihr, bebend vor Zorn, den
Rcken. Niemand hatte die Worte gehrt, welche die Baronin mit der Schwester
ihres Amtmanns gewechselt, aber der Zorn der Ersteren, das Siegesgefhl in den
strahlenden Augen der Letzteren blieben nicht unbemerkt, und die Herzogin sowohl
als der Freiherr und Adam wuten sich den Vorgang zu erklren, der, wie
verschieden die Lebenslage der beiden Frauen auch war, hier das Weib dem Weibe
in seiner natrlichen Leidenschaft gegenber gestellt hatte.
    Es war der erste Neujahrsmorgen, an dem es dem Freiherrn und seiner Gattin
nicht wohl in ihrem Hause wurde, nicht frei unter ihren Leuten zu Muthe war, und
an dem sie in den Mienen ihrer Umgebung sphten, weil sie nicht mehr die alte,
unbedingte Sicherheit besaen, nur auf Liebe und auf freie, verehrende
Ergebenheit zu stoen. Dem Baron war die Nhe des Amtmanns, der sich schon als
eigner Herr fhlte, lstig, und die brieflichen Mittheilungen des Juweliers
lagen ihm schwer im Sinne; Angelika fand sich durch Eva's Anwesenheit beleidigt,
und erniedrigt durch das Bewutsein, sich vor ihr verrathen, sich ihr
gleichgestellt zu haben, whrend beiden Gatten die unverkennbar neugierige
Aufmerksamkeit ihrer Dienerschaft eben so wie die ngstliche Zurckhaltung des
Pfarrers und der brigen Beamten auffiel.
    Die Leute wagten sich nicht wie sonst heran, sie sprachen ihre Wnsche nicht
so herzlich und offen wie frher aus, und der Pfarrer hatte nicht mehr seine
altgewohnte Anrede vernehmen lassen, da Alles hier zu Lande bleiben mge, wie
es bisher gewesen, weil es so am besten sei. Er und die Pfarrerin blickten immer
nur ngstlich nach dem Amtmanne und nach dessen Schwester; auch die
Wirthschafter und der Justitiarius hielten sich zu den Steinerts, so gut sie
konnten. Die Amtskinder, wie man Adam und Eva in ihrer Jugend genannt hatte,
waren der Gegenstand der allgemeinen Theilnahme; auf die Herrschaften sah man in
der Besorgni, was sie den Steinerts thun wrden, was es mit diesen geben knne,
und selbst aus den Worten der ergebenen Gratulation glaubte der Freiherr einen
Vorwurf gegen sich und ein Mitrauen in die Zusicherung des Wohlwollens und der
Geneigtheit herauszuhren, welche er, nach alter Sitte und Gewohnheit, den im
Dienste Befindlichen und Verbleibenden versprach. Was half diese Zusage des
Freiherrn ihnen auch im Grunde? Man wute nicht, wer an Adam's Stelle kommen
wrde, und das Wohlbehagen und Wohlergehen jedes Einzelnen hing vor Allem von
dem guten Willen und der Rechtschaffenheit des Amtmanns ab. Was man an den
Steinerts gehabt hatte, das war Jedermann bekannt; was kommen konnte, war nicht
zu berechnen, und das versicherten die Verwalter und Wirthschafter jetzt Jedem,
der es hren wollte, wie sie es sich unter einander lngst gesagt hatten: wenn
jetzt nicht ein eben so tchtiger und rechtschaffener Amtmann in die Herrschaft
kme, wie Adam Steinert es gewesen, so wre kein Durchhalten mglich, und man
wrde etwas erleben, auch wenn sie selber, wie bisher, gewissenhaft das Ihrige
thten.
    Das Mitrauen, die Unzufriedenheit, der Zweifel schwebten wie eine
ansteckende Krankheit in der Luft. Niemand sah sie, Jeder fhlte sich von ihrem
bengstigenden Hauche ergriffen, und wie lustig lodernd die Feuer in dem Saale
auch brannten und wie hell die Sonne auch die lange Reihe der Ahnenbilder
beleuchtete, es wurde Niemandem wohl bei diesem Neujahrs-Frhstcke; selbst
Renatus machte die Bemerkung, da die Groeltern und die Urgroeltern auf den
Bildern, wenn die Sonne so darauf scheine, ganz verdrielich auf die Menschen
niederblickten.
    Der Wein schmeckte heute den Leuten lange nicht so gut als sonst, und die
Pfarrerin fand, da die Kuchen, welche Eva zum Feste in die Pfarre gesandt
hatte, weit besser wren, als die im Schlosse aufgetragenen. Ihr Mann bemerkte,
da der Herr Caplan gealtert, sehr gealtert habe, da auch der Freiherr, obschon
er strker werde, nicht mehr so gut aussehe, als noch vor wenig Monaten, und nun
gar die Frau Baronin! - Er schttelte den Kopf und faltete die Hnde. Was der am
Herzen nagte, darber konnte man ja nicht im Zweifel sein. Wie mochte die sich
an einem solchen Feiertage manchmal nach dem reinen Worte Gottes und nach den
Eltern und Geschwistern sehnen!
    Es war Allen leichter um das Herz, nachdem dieses Neujahrs-Frhstck erst
vorber war. Sonst hatte man sich darauf gefreut, heute hatte man es gefrchtet,
und selbst der Freiherr nannte es heute in seinem Herzen eine leere, lstige
Ceremonie, die er knftig abzustellen meinte.
    Es war die erste Gewohnheit, das erste Herkommen seines Hauses, auf das zu
verzichten er sich selbst gedrungen fhlte.

                                Zweites Capitel


Das Jahr, welches dem Freiherrn unter schlechten Auspicien angebrochen war,
bewies sich in seinem Fortschreiten diesen blen Anzeichen entsprechend. Der
Winter war lang und sehr hart, das Frhjahr kalt und na. Man konnte also die
Arbeiten erst spt beginnen, und die sprlich und ungleich aufgehenden Saaten
versprachen nicht den gewohnten und gehofften Ertrag.
    Der Freiherr, welcher sich niemals um die Bestellung des Landes gekmmert
hatte und kein Landwirth war, fing jetzt, da er bald der Zuversicht und
Sicherheit in das alte, ihm dienende Geschlecht der Steinerts entbehren sollte,
pltzlich nach dem Seinigen zu sehen an, und mit der Unkenntni des Neulings
meinte er die beln Ernte-Aussichten einer verminderten Sorgfalt des Amtmanns
zur Last legen zu drfen. Der Verdacht, da er seine Schuldigkeit nicht thue,
beleidigte Adam. Er vertheidigte sich lebhaft gegen denselben, aber in dieser
gerechten Abwehr eines ungerechten Verdachtes glaubte der Freiherr nur den
Hochmuth des Emporkmmlings sehen und beugen zu mssen, und er verlor berhaupt
mehr und mehr seine heitere, selbstgewisse Ruhe, weil er seine bis dahin
unumschrnkte Herrschaft ber seine Untergebenen und die unbedingte Geltung,
deren er vor ihnen und in seinem ganzen Lebenskreise sich stets sicher gewut
hatte, nun, wohin er blickte, angezweifelt whnte. Das machte die Zustnde nicht
besser, wohl aber ihm und seinen Leuten das Leben bitter und schwer, und vor
allen Andern hatten die Geschwister im Amthofe zum Schlusse ihres Aufenthaltes
in der alten Heimath bse Tage, denn die Geldverlegenheiten des Freiherrn hatten
sich in unerwarteter Weise gesteigert.
    Mit dem Vertrauen des Ehrenmannes und des Edelmannes in die Ehrenhaftigkeit
seines Standesgenossen und mit dem Bewutsein, sich von dem Marquis fr die ihm
erwiesenen mannigfachen Gutthaten des Besten versehen zu drfen, hatte der
Freiherr demselben, um der Herzogin seinen fortdauernden guten Willen fr ihren
Bruder zu beweisen, sowohl bei Herrn Flies als bei einem Banquier in der
Residenz ausgedehnte Credite erffnet, und die Herzogin hatte diese Briefe fr
ihren Bruder mit der Versicherung angenommen, da derselbe natrlich nur den
beschrnktesten Gebrauch davon zu machen denke. Sie hatte es entweder vergessen,
wie oft und mit wie groen Opfern sie dem Marquis zu Hlfe kommen mssen, so
lange sie selbst ihm zu helfen im Stande gewesen war, oder sie mochte erwarten,
da die Jahre und die Erfahrung ihn gebessert und von seinen alten,
verschwenderischen Gewohnheiten zurckgebracht haben wrden; inde diese
Hoffnung traf nicht zu. Denn nur wenig Tage hatte der Marquis in der Stadt
verweilt, als er sich von einem Kreise von Emigranten umringt und schnell
versucht fand, sich vor ihnen, deren ble Lage ihn dazu aufforderte, als den
Beschtzer, als den Freigebigen, als den groen Herrn von ehemals zu zeigen. Die
Anerkennung, der lebhafte Dank, die er geerntet, waren verfhrerisch fr ihn
geworden. Seit langer Zeit hatte er sich endlich wieder einmal frei und als er
selbst, endlich sich wieder einmal in einer ihm angemessenen Lage gefhlt, und
frhlich und leichtherzig gemacht durch die sichtliche Zufriedenheit, die er um
sich her zu verbreiten im Falle war, hatte er des Geldes nicht geschont, hatte
er gegeben und geholfen und erfreut, wo sich ihm die Gelegenheit dazu geboten.
Er hatte niemals gerechnet und gezhlt; die Herzogin hatte dies immer fr ihn
bernommen, und sorglos die flchtigen Tage und das flchtige Geld hingleiten
lassend, war er pltzlich doch betroffen worden durch die Summen, die er in
liebenswrdigen Geflligkeiten, in Hlfsleistungen aufgewendet hatte, die seinem
Herzen Ehre gemacht haben wrden, htte er sie aus eigenen Mitteln zu leisten
vermocht. Er wnschte einzuhalten, ja, mehr als das, er wnschte zu vergten, zu
ersetzen, und an das Spiel von Jugend auf gewohnt, hatten ihm die
verfhrerischen Gunstbezeigungen desselben den sichersten und leichtesten Ausweg
aus seinen Verlegenheiten zu versprechen geschienen. Aber das Spiel war ihm
niemals besonders gnstig gewesen und versagte sich ihm auch jetzt. Von einem
Tage zum andern hoffend, immer leidenschaftlicher wagend, je weniger diese
Wagnisse ihm einschlugen und je tiefer sie ihn in die Verlegenheit verwickelten,
der er sich zu entziehen wnschte, hatte er allmhlich Summen erhoben, welche
die Auszahler stutzig werden lieen und welche endlich Herrn Flies bewogen, jene
Anfrage und jene Berichte zu machen, die der Freiherr eben am Neujahrstage
erhalten und die ihn genthigt hatten, auf eine augenblickliche Deckung dieser
bedeutenden Posten zu denken. Adam sollte Rath schaffen und Herr Flies sollte
Geld schaffen; aber guter Rath war theuer, und Geld war es noch mehr.
    Die republikanische Bewegung und der ihr folgende Krieg, die von Frankreich
aus immer weiter um sich griffen, machten alle Capitalisten in der Anlage ihres
Geldes vorsichtig und schwierig. In den Gegenden, in welchen sich revolutionre
Gesinnungen kund gaben, suchten ngstliche Besitzer sich ihrer liegenden Grnde
zu entuern, und wie der Werth des Grundbesitzes sank, stieg der Werth des
baaren Geldes. Dem Amtmanne kam das sehr zu Statten. Er hatte seinen Handel
wegen des schnen Gutes Marienau bereits lange abgeschlossen, ehe der Freiherr
das neue Darlehn auf Rothenfeld und die Capitalien gefunden hatte, deren er
bedurfte, um die Wechsel des Marquis zu decken und um endlich den Bau der Kirche
vollenden zu lassen, der im letzten Jahre nur wenig vorgeschritten war. Dem
Freiherrn selber war freilich dieser Kirchenbau niemals eine persnliche
Herzensangelegenheit gewesen; jetzt war er ihm aus mehr als einem Grunde lstig,
und er wrde ihn in diesem Augenblicke mit Freuden unterbrochen, die Kirche
vorlufig unvollendet stehen gelassen haben, htte er nicht frchten mssen,
eben dadurch den nachtheiligen Gerchten Nahrung zu geben, die es ihm ohnehin so
wesentlich erschwerten, Geld zu finden, selbst wenn er es mit hohem Zins
bezahlte.
    Mit Wirthschaftsbeamten zu verhandeln, welche die Stelle des Amtmannes
ersetzen sollten, sich selbst um die Aufbringung von Geldern zu bemhen und das
Geld, welches ihm bisher nur ein Mittel zur Erreichung seiner Zwecke und zur
Befriedigung seiner Wnsche gewesen war, als Selbstzweck zu betrachten, fiel dem
Freiherrn schwer. Er dachte daran, Einschrnkungen zu machen, aber er wute
nicht, wie er das anfangen oder wem er sie auferlegen sollte, denn in der
sorglosen Freiheit des Verbrauches erwachsen, war der Ueberflu ihm zur
Gewohnheit geworden, und er glaubte nur das Nothwendige zu haben, wenn er alles
Dasjenige besa, was ihm irgend wnschenswerth erschien. Sich etwas zu versagen,
das verstand er nicht, die Herzogin zu beschrnken, htte ihm ungastlich und
grade nach dem unangenehmen Vorfalle mit dem Marquis ungromthig gednkt. Die
Bedrfnisse der Baronin waren immer mig gewesen, und ihr auch nur ein kleines
Ersparni vorzuschlagen, wrde er in dem Verhltnisse, in welchem er jetzt zu
ihr stand, als unehrenhaft und unanstndig betrachtet haben.
    Unglcklicher Weise hatte der Mann, welcher dazu ausersehen war, vom
Sptherbste ab die Stelle des Amtmannes zu verwalten, den Freiherrn dadurch fr
sich einzunehmen gewut, da er ihm bemerklich gemacht hatte, es lieen sich
groe Summen ersparen, wenn man den Insassen der Gter nicht so viel Freiheit
liee, wie die Steinerts es gethan, und namentlich bei dem Kirchenbaue knne man
auch jetzt noch sehr betrchtliche Ausgaben vermeiden, wenn man nur die Insassen
und Kthner, wie es sich gehrte, zur Arbeit heranzge und verwendete. Das
sollte nun Adam auf des Freiherrn Befehl noch zur Ausfhrung bringen.
    Vergebens bewies dieser, da man die Leute in dem letzten Winter, wo man
einen Wald verkauft und vllig ausgeschlagen, sehr stark in Anspruch genommen
habe, da man ihnen bei der drngenden Arbeit in dem spten Frhjahre kaum die
Zeit habe gnnen knnen, ihr Stck Garten und Feld zu bestellen, und da man sie
im Winter zu ernhren haben wrde, wenn man sie jetzt nicht so viel als nthig
fr sich selber sorgen liee. Der Freiherr wollte davon nichts hren. Er war in
eine Lage und in eine Stimmung versetzt, in welcher er immer nur der nchsten
Belstigung enthoben sein wollte, und vor Allem schien es ihm darauf anzukommen,
Herbert's ein fr alle Mal ledig zu werden, der, trotz seines Verlangens, mit
Eva zusammen zu sein, nur erst einmal wieder nach Richten gekommen war und sich
bei der Beaufsichtigung des Baues durch einen jngeren Gehlfen vertreten lie.
    Es blieb also Adam gar nichts brig, als sich zu fgen und unter einer
Bevlkerung, unter welcher seine Familie seit mehr als hundert Jahren in Liebe
und Frieden gelebt hatte, schlielich wider seinen Willen den Frohnvogt zu
machen. Er mute die volle Arbeitszeit der Leute in Beschlag nehmen, sie rundweg
abweisen, wenn sie auf die Nachsicht Anspruch machten, welche man ihnen sonst
ohne groe Opfer hatte bewilligen knnen. Das gab bses Blut. Wo die Leute
beisammen waren, konnte man es sagen hren, da es eine Snde und Schande sei,
Christenmenschen in das Joch zu spannen, um eine Kirche aufzubauen, mit der sie
nichts zu schaffen htten, und um im Schlosse fremdes Volk zu fttern. Alle
Arbeit wurde widerwillig gethan, Vorwnde, mit welchen die Leute sich derselben
zu entziehen suchten, gaben Anla zu Untersuchungen und Strafen; und diese
Strafen machten das Uebel rger. Heute hatte man Hndel und Schlgereien zu
schlichten, wenn einer von den Leuten sich bei den Arbeitsforderungen zu stark
herangezogen oder einen Anderen bei den Arbeitserlassen einmal begnstigt
glaubte, und morgen gab es lose Reden und freche Ausflle gegen die Herrschaft
vor Gericht zu ziehen. Es war, als sei der gute Geist entwichen, der hier bisher
gewaltet hatte. Des Zankens, Anschuldigens, Strafens war gar kein Ende mehr.
Htte der Amtmann, wie der Freiherr es verlangte, alle diejenigen zur
Rechenschaft fordern wollen, die sich widerspnstig zeigten, und diejenigen
eingesperrt, welche grundlos Hndel anzettelten, so htte er noch betrchtlich
an Arbeitskrften eingebt. Er mute also ein Auge zudrcken, Mancherlei nicht
hren, Vielerlei stillschweigend mit ansehen, um nur durchzukommen, und noch war
der Sommer nicht da, als auf den Gtern, auf welchen bis dahin eine fr jene
Zeiten musterhafte Verwaltung geherrscht hatte, jener Zustand eingetreten war,
der nirgends ausbleibt, wo die Befehlenden, weil sie Ungerechtes und
Uebermiges heischen, Ungesetzliches und Maloses geschehen lassen mssen, um
sich von einem Tage zu dem anderen durchzuschlagen und sich damit zu vertrsten,
da auch bermorgen und nach bermorgen gehen werde, was gestern und vorgestern
eben noch gegangen sei.
    Dem Amtmanne war dieses Treiben ein Gruel. Wie jeder, der das Land bebaut,
hatte er frhzeitig begriffen, da in der eigenen Lebensfhrung wie in der
Leitung eines Gemeinwesens, mag dies nun gro oder klein sein, Voraussicht und
mit ihr Zusammenhang im Handeln die Hauptsache sind; und wenn er selber auch die
Folgen des jetzigen Verfahrens nicht mehr zu tragen haben sollte, so peinigten
ihn doch der gegenwrtige Zustand und die Gewiheit, da die beln Frchte
desselben nicht ausbleiben knnten. Die Schullehrer klagten bereits, da die
Kinder, weil sie zu Hause die Arbeit der zum Dienste befohlenen Erwachsenen
verrichten muten, die Schule versumten, der Pfarrer beschwerte sich, da die
Leute, weil ihnen gar keine Zeit fr ihre eigene Arbeit mehr gelassen wrde,
Sonntags die Kirche nicht mehr besuchten, da er das Wort Gottes vor leeren
Bnken predigen msse, whrend die groe katholische Kirche, in der Niemand
auer der Herrschaft und den Fremden seine Andacht halten und seinen
Gottesdienst begehen knne, sich der Vollendung nhere.
    Frher htte der Freiherr von allen diesen Dingen in seiner sorglosen und
heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren. Jetzt fragte er danach, fragte, weil
er dies nicht gewohnt war, nicht immer an der rechten Quelle, und glaubte, da er
hufig falsch berichtet ward, es mit einem Geiste des Aufruhrs zu thun zu haben,
den er unterdrcken, und zwar mit Gewalt unterdrcken msse, whrend er und sein
Thun und Gebieten ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsssigkeit erzeugten,
die er dem bsen, von Frankreich kommenden Zeitgeiste entsprungen whnte.
    So viel stellte sich inde an Einsicht fr ihn bald heraus, da er, um dem
neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen zu knnen, auch die drckendsten
Geldverlegenheiten beseitigt haben msse, und da bisher die schriftlich oder
durch Dritte gefhrten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden
Abschlusse gelangen wollten, beschlo der Freiherr, persnlich einen Versuch zu
einem Uebereinkommen mit ihm zu machen.
    Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen; die Herzogin, welche von
seinem Vorsatze sprechen hrte, nannte einen solchen kleinen zeitweiligen
Ortswechsel angenehm, und da Renatus ein groes Verlangen zeigte, mitgenommen zu
werden, war der Freiherr schnell bereit, aus einer Geschftsreise, die er
antreten wollen, um sich aus Geldverlegenheiten zu befreien, eine
Vergngungsreise mit seiner ganzen Familie zu machen, welche bei der damaligen
Art zu reisen nicht ohne einen ansehnlichen Aufwand zu bestreiten war.
    Die Baronin, deren Gesundheit immer schwankender und deren Brustbeklemmungen
immer hufiger geworden waren, hatte Anfangs eine Scheu vor dieser Reise
getragen, da sie die zunehmende Wrme der Jahreszeit und die Unbequemlichkeit
der Nachtquartiere frchtete; aber der Freiherr hatte auf ihr Mitgehen
gerechnet, Renatus bat ebenfalls, die Mutter mge doch nicht zu Hause bleiben,
und die Baronin gab endlich gegen ihr richtiges Gefhl dem Verlangen der Ihrigen
nach, weil sie fr sich keine lebhaften Wnsche und kaum noch lebhafte Besorgni
hegte.
    So fuhren denn an einem frhen Morgen die groen, vierspnnigen Reisewagen
vor das Portal. In dem einen wollte der Freiherr mit den beiden Frauen, in dem
anderen sollte Renatus mit seiner franzsischen Bonne und der Kammerjungfer
seiner Mutter fahren, die whrend der kurzen Reise den Dienst bei den beiden
Damen zu versehen hatte; aber schon am ersten Reisetage zeigte es sich, da die
Baronin es nicht ertragen konnte, Tag ber in der Gesellschaft der lebhaften
Herzogin zuzubringen, und man mute fr den nchsten Morgen die Einrichtung
treffen, sie den einen Wagen allein mit ihrer Kammerjungfer einnehmen zu lassen,
um ihr die nthige Ruhe zu gnnen.
    Es war am Mittage des dritten Tages, nachdem man Richten verlassen hatte,
als man dem Freiherrn, der das ganze erste Stockwerk des Gasthauses fr sich in
Beschlag genommen hatte, die Nachricht brachte, Herr Flies, den er zu sich
bitten lassen, sei gekommen. Der Freiherr befahl, ihn herein zu fhren, und
setzte sich auf das Sopha, den Besuch zu erwarten, damit er nicht nthig hatte,
ihm etwa entgegen zu gehen, denn nun er an der Schwelle der mndlichen
Verhandlung stand, dnkte ihm diese noch lstiger als die schriftliche zu sein.
    Als Herr Flies eintrat, hie der Freiherr ihn mit den Worten: Sie sind
pnktlich, lieber Flies! willkommen.
    Ich bin ein Geschftsmann! entgegnete dieser hflich. Aber der Freiherr
konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem Anblicke des Juweliers nicht
erwehren. Er kam ihm grer, ansehnlicher vor, denn er trug sich aufgerichteter
als frher; seine Kleidung war einfach, inde nach der Mode und von den besten
Stoffen. Er hatte eine gewisse demthige Weise, gewisse tiefe Verbeugungen und
gewisse Manieren, die er sonst als Stammesgewohnheiten unwillkrlich zur Schau
getragen, vllig abgelegt und dafr eine ruhige Haltung gewonnen, welche ihn dem
Freiherrn wie einen Fremden erscheinen machte. Er hatte vorgehabt, ohne Weiteres
mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durchsprechen, wegen derer er ihn rufen
lassen; nun er den Kaufmann vor sich hatte, dessen Augen klug und forschend auf
ihm ruhten, wute er nicht gleich, von welchem Punkte er die Sache in Angriff
nehmen sollte, und wie alle vom Glcke Verwhnten vor jeder Unbequemlichkeit
zaghaft und zaudernd, sagte er: Wie geht es Ihnen, lieber Flies? Ich habe Sie
lange nicht gesehen, ich war lange nicht hier; aber ich wollte meinem Sohne doch
einmal eine Stadt zeigen und mu auch einen der hiesigen Aerzte wegen der
Baronin zu Rathe ziehen.
    So sind die Frau Baronin leidend? fragte Flies.
    Recht sehr, recht sehr, antwortete der Freiherr mit sichtlicher
Zerstreutheit; ich denke, der Doctor mu bald kommen!
    Er hatte noch immer nicht den Muth, dasjenige zu verlangen, was er mit
Leichtigkeit gefordert haben wrde, als er sich noch im Vollbesitze seines
Vermgens und seines Ansehens gewut hatte, und Herr Flies, welcher den Zustand
des Freiherrn wohl erkannte, fand es daher angemessen, ihm mit der Bemerkung
entgegen zu kommen, da es ihm, da er den Arzt erwarte, wahrscheinlich erwnscht
sein werde, die Geschfte schnell zu beenden, und da er ihm einen, wie er
glaube, sehr annehmbaren Vorschlag fr dieselben zu machen habe.
    Der Freiherr, sehr zufrieden, da er nicht derjenige zu sein brauchte, der
die Verhandlungen in Gang brachte, und doch zugleich verdrielich darber, da
Flies sich so heiter und frei zu fhlen schien, whrend er selbst sich von
dessen gutem Willen mehr als ihm lieb war abhngig wute, verlangte den
Vorschlag zu hren.
    Herr Flies zog die Briefe, welche er von dem Freiherrn erhalten hatte, aus
seiner Brusttasche hervor und sagte: Verstehe ich die Meinung Ihres letzten
Briefes recht, Herr Baron, so wnschen Sie auer der Summe, welche auf
Rothenfeld jetzt aufgenommen war, eine zweite Hypothek in gleichem Betrage auf
Rothenfeld, und eine eben so groe auf Neudorf eintragen zu lassen.
    Der Freiherr bejahte das; Flies machte ein nachdenkliches Gesicht. Es war
dem Freiherrn, als se er angeklagt vor seinem Richter.
    Die Posten sind stark, hob nach kurzem Schweigen der Kaufmann an, und Geld
ist theuer! Es wird Ihnen groe Zinsen kosten, Herr Baron, Zinsen, die kaum
aufzubringen sein werden, wenn wir einmal ein Mijahr haben, wie eben jetzt, und
vollends wenn der Krieg ....
    Der Freiherr wurde ungeduldig. Das sind Vorstellungen und keine Vorschlge,
mein lieber Flies! rief er, ihn unterbrechend. Die ersteren habe ich mir selber
lngst gemacht, wollen Sie mich die anderen hren lassen?
    Ich wei nicht, ob sie dem Herrn Baron passen werden, hob jener an. Ich
denke mein Geschft mit Nchstem einmal aufzugeben.
    Natrlich, Sie sind ein reicher Mann! rief der Freiherr, dem die
Gemchlichkeit des Kaufmannes unertrglich dnkte.
    Nun, ich habe allenfalls zu leben, entgegnete dieser mit Gelassenheit, und
ich fhle, da es mir nicht mehr bekommt, die ganzen Tage im Laden und im
Comptoir zu stehen. Fnfunddreiig Jahre solcher Arbeit lasten auf dem Menschen,
und meine Frau hat auch ihre Ruhe verdient. Meine Tochter ....
    Liebster Flies, unterbrach ihn der Freiherr, Sie drfen glauben, da Ihr
Wohlergehen mich freut, aber die Vorschlge, welche Sie mir zu machen hatten
....
    Hangen damit eben zusammen, Herr Baron! versicherte der Kaufmann. Wer sich
zur Ruhe setzen will, mu vorsichtiger werden, als der Geschftsmann, darf nicht
Alles auf eine Karte, auf einen Wurf setzen und mu sich fr den Fall, da die
Ruhe ihm doch nicht zusagt, immer ein Capital zur Hand halten, mit dem sich
allenfalls einmal wieder etwas anfangen lt. Ich wre nicht abgeneigt, Geld auf
Rothenfeld herzugeben, es ist ein schnes Gut; auch Neudorf ist ein schnes Gut,
und es wrde sich auch wohl auf Neudorf ein Capital beschaffen lassen; aber die
zweite Hypothek auf Rothenfeld wrde mir nicht conveniren, Herr Baron, und
dehalb wollte ich Ihnen den Vorschlag machen, ob Sie nicht etwas von Ihrem
liegenden Besitze verkaufen wollten?
    Der Freiherr fuhr auf: Verkaufen? - Sie werden doch nicht glauben, da ich
eines meiner Gter zu verkaufen denke? Sie denken doch nicht daran, da ich
Neudorf oder gar Rothenfeld, wo ich eben jetzt die Kirche baue, verkaufen soll?
    Herr Flies lchelte kaum merkbar, und mit einem Blicke seiner klugen Augen,
den ein Achtsamer nicht miverstehen konnte, sagte er: Wie sollte ich adelige
Gter kaufen wollen, Herr Baron, und vollends die neue Kirche, was sollte mir
die? - Nein, Herr Baron, ich dachte an Ihre Gter nicht; aber wie wre es mit
dem Hause, das der Herr Baron von der Frulein Tante in Berlin ererbten? Es
steht leer, wie ich gesehen habe.
    Der Freiherr schwieg, denn obschon der Vorschlag, der ihm am leichtesten aus
den Verlegenheiten helfen konnte, ihm sofort einleuchtete, widerstrebte ihm doch
der Gedanke, sich irgend eines Besitzthumes zu entschlagen, auf das uerste.
Whrend er sonst seines Hauses in der Residenz mit groer Gleichgltigkeit
gedachte, stand es ihm jetzt in seiner ganzen Wrdigkeit vor Augen, und er
fhlte sich mit mannigfachen Banden und Erinnerungen an dasselbe gefesselt. Was
wollen Sie denn mit einem solchen Hause thun? fragte er endlich.
    Herr Flies lchelte abermals, und so, da der Baron es sehen mute. Was ich
damit machen will? - Ich war im vorigen Jahre mit Frau und Tochter in der
Residenz und es hat den beiden dort gefallen. Meine Tochter liebt Musik, liebt
das Theater, und ich habe nur das eine Kind. Ich denke dehalb nach der Residenz
zu ziehen, und das Haus der Frulein Tante ist mit seinem groen Garten recht
wie meine Tochter es sich wnscht.
    Der Freiherr bi sich unwillkrlich auf die Lippe. Er hatte den Mann zu
schonen, den er brauchte, aber es fiel ihm schwer, ihm nicht zu sagen, da und
wie sehr dieser Vorschlag ihm ungeeignet scheine, ja wie sehr er ihn beleidige.
In seinem Hause, in dem Hause, an welchem, seit sein Grovater es erbaut, das
stolze Arten'sche Familienwappen prangte, sollten Handel und Gewerbe knftig ihr
Wesen treiben? Wo Frulein Esther den Besuch des groen Friedrich empfangen,
sollten Judenfrauen ihren Kaffee trinken? Nimmermehr! Er stie den Gedanken weit
zurck; der Kaufmann fgte sich augenblicklich, aber er wollte nun auch von dem
anderen Darlehn nichts wissen, weil er, so lange er nicht nach der Residenz
bersiedele, seine hiesigen Geschfte, fr die er seine ganzen Capitalien
brauche, fortzufhren denke; und da der Freiherr, beleidigt durch den Zwang, den
Flies ihm anthun zu wollen schien, sich weder zum Nachgeben noch zu einem
eingehenden Verhandeln geneigt bewies, so empfahl sich jener, die ganze
Angelegenheit ruhig dem Ermessen des Freiherrn berlassend.

                                Drittes Capitel


Einige Tage waren seit diesem Gesprche vergangen, und der Freiherr hatte sie
nicht angenehm verlebt. Die Baronin fuhr zwar tglich aus, um ihrem Sohne die
Stadt und deren Merkwrdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben zu
ergtzen, aber die ungewohnte Lebensweise regte sie auf, die Luft in den
enggebauten Straen schien ihr sehr drckend, und der Ausspruch des zu Rathe
gezogenen Arztes hatte auch nicht trstlich gelautet, obschon er keine bestimmte
Erklrung von sich gegeben. Es war fr den Winter von einem Aufenthalte in einem
milden Klima die Rede gewesen, Italien, an das man dabei dachte, konnte jedoch
unter den obwaltenden politischen Verhltnissen nicht wohl zum Aufenthalte einer
Leidenden gewhlt werden. Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen und
Bedenken des Geldaufwandes, welchen einst die italienische Reise seiner Mutter
und seiner verstorbenen Schwester erfordert hatte; und sollte er auch die
Gattin, wie die Schwester, ber die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren
sehen?
    Er liebte Angelika nicht mehr, aber die Vorstellung, die junge, schne Frau
vor sich sterben zu sehen, ging ihm doch nahe, und dabei wollten seine
Geldangelegenheiten sich durchaus nicht, wie er es wnschte, ordnen lassen. Die
Kaufleute, denen es bekannt war, da die Herren von Arten bisher alle ihre
Geschfte mit dem Hause Flies gemacht hatten, und die es wuten, wie dieses wohl
im Stande wre, das anscheinend so sichere Darlehn zu leisten, wurden
mitrauisch, eben weil man ihnen das Geschft anbot. Denn der bisherige Banquier
der Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen Grunde
zurckgewiesen haben. Sie zgerten, machten Schwierigkeiten, verlangten, wie
Herr Flies es dem Baron vorausgesagt hatte, Zinsen, die ihn zu neuen Anleihen
nthigen muten, und da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die
alte Erfahrung besttigt fand, da Geld und Credit fr denjenigen, der sie
braucht, stets schwer zu haben sind, so sah er sich immer wieder auf den
Hausverkauf hingewiesen.
    Die Nothwendigkeit hat eine berzeugende und verfhrerische Beredsamkeit. Je
lnger er ihr gegenberstand, um so mehr rumte es sich der Freiherr ein, da er
eigentlich niemals Freude an dem Hause in der Residenz gehabt und da Keiner der
Seinigen dort gern oder glcklich gelebt habe. Seit es erbaut worden, hatte es
mit Ausnahme kurzer Besuche, welche die Familie in der Stadt gemacht, fast immer
leer gestanden, bis Frulein Esther es bezogen; und weder die Erinnerungen an
sie, noch jene, welche sich an die sechs Monate knpften, die der Freiherr mit
Angelika nach seiner Verheirathung in der Residenz zugebracht hatte, waren von
der Art, ihn an das Haus zu fesseln. Auffallen konnte es Niemandem, da er es
verkaufte, da er es nicht benutzte. Die Schwierigkeiten, mit denen die
grillenhafte Besitzerin die Abtretung des Grundstckes an einen Anderen belastet
hatte, waren nicht unberwindlich; und da Herr Flies, den er als einen bequemen
Geschftsmann kannte, sich nicht kleinlich zeigen wrde, wo er fr sich und
seine Familie etwas Angenehmes zu erreichen wnschte, darauf meinte der Freiherr
rechnen zu drfen.
    Die Angelegenheit lie ihm keine Ruhe, sie beschftigte ihn am Tage, sie
qulte ihn in der Nacht. In seinen Trumen ging er mit seinem Sohne in dem alten
Hause umher, und von den Wnden stiegen die Bilder der Tante herab und
verfolgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast, da er sich und das
Kind nicht vor ihnen zu retten wute. Wenn er angstvoll die Thre und das Portal
des Hofes erreicht hatte, so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte
ihm den Ausgang; und jenseit des Gitters thrmten sich dichte Wolken auf, aus
denen der Juwelier mit seinem zufriedenen Lcheln auf ihn herniedersah und ihn
fragte: Was wollen Sie mit dem alten Hause, Herr Baron? Es ist darin fr Sie
nicht mehr geheuer!
    Am Morgen nach einer solchen Nacht beschlo er, ein Ende damit zu machen,
nur um der lstigen Gedanken los zu werden; aber der Mittag kam heran, ehe er
sich dazu bringen konnte, den darauf bezglichen Brief zu schreiben.
    Herr Flies sa in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau und Tochter in dem
Garten hinter seinem Hause, als ihm das Schreiben des Freiherrn zu Hnden kam,
und da die Kriegsrthin mit ihrem Manne zu einer Picknickpartie auf das Land
gefahren war, verstand es sich von selbst, da Paul den freien Tag bei seinen
Freunden und Beschtzern zubrachte.
    Von dem Herrn Baron von Arten! sagte der Diener, als er Herrn Flies den
Brief bergab. Die Mutter warf dem Vater einen Blick des Einverstndnisses zu,
den er nicht beachtete. Er las das kurze Schreiben, sagte, da er nicht
ermangeln werde, sich morgen in der Frhe einzustellen, und entlie den Diener.
Die Mutter fragte nichts, Herr Flies sprach auch nicht von der Sache; da sie
aber Alle wuten, um was es sich handelte, konnten sie sich denken, was der
Brief bedeute, und nur Paul sah fortwhrend nach Herrn Flies hinber, als
wnsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage zu lesen, die er
nicht zu thun wagte. Er vermochte nicht bei dem Buche zu bleiben, mit dem er
beschftigt gewesen war; er stand auf, ging fort, kam wieder - man war nicht
gewohnt, ihn so unstt zu sehen.
    Endlich, als Seba sich erhob, um einen Auftrag fr die Mutter auszurichten,
folgte er ihr nach, und seinen Arm in den ihrigen legend - denn der
vierzehnjhrige Knabe war fast so gro als sie - sagte er, whrend eine dunkle
Rthe sein schnes, krftiges Gesicht berzog: Seba, ist denn mein Vater hier?
    Der bebende Ton seiner Stimme ging ihr zu Herzen, und sie drckte ihm
beruhigend die Hand, als sie seine Frage bejahte.
    Warum sagtest Du mir's nicht?
    Was konnte es Dir helfen? gab sie ihm zur Antwort.
    Er schwieg einen Augenblick, dann fragte er: Ob er sich wohl nach mir
erkundigt hat?
    Sie entgegnete, da sie es nicht wisse, aber sie stellte ihn nicht damit
zufrieden.
    Du wrdest es wissen, wenn es geschehen wre, sagte er, und ich bin kein
Kind mehr, dem man mit Unwahrheiten ein Vergngen macht. Er hat nicht nach mir
gefragt!
    Er seufzte, als er diese Worte sprach. Sie waren inzwischen zu den Anderen
zurckgekehrt und es konnte nicht weiter die Rede davon sein. Inde Seba sah,
da in seinem Innern die Aufregung nicht vorber war, und als er sich spter
wieder eine Weile mit ihr allein befand, verlangte er zu erfahren, wo sein Vater
wohne.
    Seba erschrak. Wehalb fragst Du mich das? sagte sie.
    Er antwortete ihr nicht gleich, wie das seine Weise war, wenn er seine
Rhrung zu besiegen strebte, und sagte dann, sich gewaltsam zusammennehmend,
whrend seine Lippen bebten: Ich mchte ihn doch wenigstens einmal sehen, meinen
Vater! - Aber seine Bewegung war mchtiger als sein Wille, die Thrnen traten
ihm in die Augen, er schttelte zornig und unzufrieden mit sich selbst den Kopf
und eilte aus dem Garten fort in das Haus.
    Da der Knabe nicht leicht von einer Sache ablie, die er sich in den Sinn
gesetzt hatte, war eine Eigenthmlichkeit an ihm, welche Alle kannten, die mit
ihm zu thun hatten, und Seba fand es daher fr nthig, als Paul's Pflegeeltern
am Abend von ihrer Ausfahrt wiederkehrten, sie von seinem Verlangen und von dem
ganzen Vorgange zu unterrichten. Da man ihn davon zurckhalten msse, seinen
Vater aufsuchen zu gehen, darin stimmten Alle berein. Madame Flies und der
Kriegsrath waren nur der Ansicht, da man ihn vertrsten, ihn beschwichtigen
solle, bis der Freiherr abgereist sei, die Kriegsrthin hingegen dachte es ihm
gradezu und entschieden zu verbieten, ohne sich auf Grnde mit ihm einzulassen,
aber wie immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an.
    Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes, sagte der Erstere, und man soll
auch von einem Knaben seines Alters blinden Gehorsam fordern, wenn man die
Aussicht hat, ihn vernnftig von dem Rechten berzeugen zu knnen. Er mu vllig
aufgeklrt werden ber die Lage, in welche seine Geburt ihn versetzt hat. Er
ahnt sie, ohne ihre brgerlichen Folgen zu begreifen, und wie berall, so hat
auch hier das halbe Wissen fr die Empfindung etwas Verwirrendes, fr den
Verstand etwas Aufregendes. Was er aber zu hren hat, wird er am besten von Seba
erfahren, da sie die Einzige ist, mit welcher er ber diese Angelegenheit
gesprochen hat, und bittere Kunde mu man wo mglich mit freundlichem Munde
versen.
    Er hielt es darauf der Tochter vor, was sie dem Knaben zu sagen habe, und
man verabredete, da man ihn unter irgend einem Vorwande in der Frhe, ehe er in
die Schule gehe, zu Seba senden solle. Inde die Kriegsrthin war keine Frau,
die sich fremden Anordnungen zu fgen oder ihren Einfllen und Aufwallungen zu
gebieten vermochte, und sie mitraute der rcksichtsvollen Schonung, die man
Paul zu gewhren wnschte. Sie hatte, seit sie von der Ankunft des Freiherrn
erfahren, sich der Hoffnung hingegeben, da er sich nach Paul erkundigen, da er
schriftlich oder vielleicht gar persnlich nach ihm und nach seinem Ergehen und
Verhalten fragen werde, und sie hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die
Zufriedenheit des Freiherrn gebaut; denn nichts ist erfinderischer im Hoffen,
als der sinkende Wohlstand, und im Sinken waren die Lebensaussichten der
Kriegsrthin nun lange schon begriffen.
    Der Prsident, welcher sonst im tglichen Verkehre mit dem Kriegsrathe es
eben nicht gewahrt hatte, da dieser dem allgemeinen Menschenloose des Alterns
nicht entgehe, und der sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles
eigenen Urtheils enthaltende regelmige Arbeiten dieses Beamten einen
besonderen Werth gelegt hatte, glaubte jetzt zu erkennen, da eine
maschinenmige Unterwrfigkeit dem Dienste nicht frderlich sei und da man von
einem alternden Manne keinen geistigen Fortschritt und keine Aenderung seiner
Gewohnheiten mehr zu gewrtigen habe. Von einer Befrderung des Kriegsrathes,
auf welche der Prsident seiner Zeit die schne Laura hoffen lassen, konnte also
jetzt nicht mehr die Rede sein. Es waren demselben bereits mehrfach jngere,
selbstdenkende Collegen vorgeschoben worden, die solche Auszeichnung durch
Enthllung jedes kleinen Mangels, der sich in der Amtsfhrung ihres lteren
Collegen etwa nachweisen lie, rechtfertigen zu mssen glaubten; und sich aus
einem bevorzugten Mitgliede eines Collegiums pltzlich zu einem berwachten und
getadelten herabsinken zu sehen, das war eine Krnkung, welche auch einen
festeren Charakter als den des Kriegsrathes berwltigen und einen Strkeren als
ihn dahin bringen konnte, sich widerstandslos der Entmuthigung zu berlassen.
    Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben natrlich denn auch
nicht lange aus. Seit man nicht mehr mit Sicherheit darauf bauen konnte, den
einflureichen Prsidenten immer in dem Freundeskreise des Kriegsrathes zu
finden, legte man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen, und da man
bald bemerkte, da der Prsident es nicht wie frher erwartete, berall, wohin
er kam, den Kriegsrath mit seiner Frau zu finden, unterlie man es fter,
dieselben zu den Gesellschaften aufzufordern. Beide Eheleute empfanden das sehr
bitter, aber wenn Herr Weienbach geneigt war, sein Schicksal ber sich zu
nehmen, so war Laura anderer Ansicht. Was sie entbehren mute, gewann einen
doppelten Reiz fr sie, und das Verlangen, wiederzugewinnen, was sie einst
besessen hatte, die galante Freundschaft ihres alten Gnners und die darauf
begrndete gesellschaftliche Geltung, regte sie zu neuen Anstrengungen und
Unternehmungen auf. Sich zurckzuziehen, weil das Glck sich von ihr wendete,
war nach ihrer Meinung eine Schwche, deren eine gescheite Frau sich nicht
schuldig machen durfte. Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freundschaft
des Prsidenten wichtig scheinen konnte, so mute man suchen, ihnen das Haus in
anderer Weise angenehm zu machen, und mit etwas mehr Aufwand, als man bisher
getrieben hatte, lie sich das wohl bewerkstelligen. Freilich wohnte man, seit
Herbert einen Theil der Zimmer inne hatte, nicht mehr so gut und bequem, als
frher, und auch die Handwerker lieen sich nicht mehr so leicht als sonst mit
Versprechungen vertrsten. Aber man mute nur Muth haben, nur gewisse tgliche
Gewohnheiten ablegen, auf deren Entbehrung es ja fr Menschen, die einen
bestimmten Zweck im Auge hatten, nicht ankommen konnte; man mute nur zeigen,
da man immer noch wohlauf, da man aus eigenen Mitteln unabhngig sei, um seine
alte Stellung zu behaupten und um dem Prsidenten zu beweisen, da es kein
Eigennutz, sondern Freundschaft, reine Freundschaft sei, wenn man nicht aufhre,
eine Annherung an ihn zu suchen, und sich Mhe gebe, die alten Beziehungen
wieder anzuknpfen.
    Laura hatte brigens mit dem Kriegsrathe jetzt ein leichtes Spiel. Ein Mann,
der sein Selbstgefhl aus der Anerkennung gezogen, welche Andere ihm zollten,
wird haltlos, wenn ihm diese fehlt; und unfhig, in sich selber zu beruhen, wird
er leicht dahin gebracht, sich fremdem Willen unterthan zu machen, wenn er durch
diesen hoffen kann, die ihm entschwundenen Vortheile wiederzugewinnen. Der
Kriegsrath war ein bedchtiger Mann, ein berlegender Haushalter gewesen, so
lange er sich in seinem Amte geachtet wute und so lange er seine Einnahmen und
Ausgaben in strengem Gleichgewichte zu erhalten vermocht. Jetzt, da dies nicht
immer gelingen, da die Abschlsse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie
seine amtlichen Cassen-Abschlsse gestalten wollten, konnte er den Anblick
seines Haushaltsbuches nicht mehr ertragen, und weil ihn die Gewiheit peinigte,
da er mehr verbrauchte, als er sollte, hatte er es allmhlich aufgegeben, seine
Ausgaben zu verzeichnen und seine Rechnungen zu machen. Heimliche Angst,
drckende Zweifel konnte er ertragen; aber Zahlen waren sein Leben lang ihm
Freude und Genu gewesen; Zahlen als Anklger vor sich zu sehen, das ging ber
seine Krfte, und sich wieder mit den Zahlen seiner Bcher auszushnen, war
Alles, wonach er trachtete. Er war zu jeden Entbehrungen, er war sogar bereit,
seiner Laura, wie sie es verlangte, die Verwaltung seines Einkommens zeitweilig
ganz zu berlassen, nur mit seinen Zahlen sollte sie ihn vershnen, denn die
Zahlen standen vor ihm auf in regelrechter Reihe, und starrten ihn an und riefen
nach Ausgleichung, und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen, wie auch
die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen Wangen rtheten. Die Summe der
einen Seite wuchs immer weiter ber die Summe der anderen Seite hinaus, und
weder Laura's Vertrstungen noch ihre khnen und zuverlssigen Hoffnungen
vermochten das zu ndern.
    Seit Jahr und Tag hatte sie ihn darauf hingewiesen, da ihnen einmal von dem
Freiherrn eine nachhaltige Hlfe und Befreiung kommen msse. Allerdings war die
Theilnahme, welche derselbe fr seinen Sohn bezeigte, niemals eine persnliche
und keine lebhafte gewesen. Er hatte niemals selbst nach Paul gefragt; in allen
den Verhandlungen, welche der Caplan mit der Kriegsrthin gepflogen, war des
Freiherrn Name nie erwhnt, und es war fr Paul auch auer der durch den Caplan
regelmig besorgten Pensionszahlung weiter nichts gethan worden. Sie hatten die
Schulzeugnisse des Knaben dem Caplan eingeschickt, hatten von diesem die immer
wiederholte Weisung erhalten, ihn streng und einfach zu erziehen und wohl darauf
zu achten, zu welchem Berufe Paul's Anlagen und Neigungen ihn fhren knnten, da
er fr sich selber einzustehen haben werde. Nichts desto weniger war, wie Laura
es ihrem Manne aus einander setzte, der Freiherr ihnen, die sie ihm sein
Geheimni so wohl bewahrten, ganz entschieden hoch verpflichtet, und da endlich
in dem Vater die Stimme des Blutes und des Herzens einmal fr den Knaben
sprechen, da er endlich doch einmal kommen werde, selbst nach ihm zu sehen, da
der Anblick des ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen, da er ihnen danken werde,
was sie fr Paul gethan, das war fr Laura ber jeden Zweifel sicher. Man mute
nur warten, es nur mit Anstand durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke, dann
konnten die Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen, dann
mute der Kriegsrath die reichen Frchte ihrer Gutthat ernten und dann wrde er
auch eine neue Besttigung ihrer Behauptung erhalten, da er sich immer am
besten stehe, wenn er dem Rathe seiner klugen und voraussichtigen Laura folge.
    Die Nachricht, da der Freiherr in der Stadt sei, hatte Laura natrlich in
eine groe Aufregung versetzt. Alle die Plane, welche sie gehegt, standen jetzt
an der Grenze ihrer Verwirklichung.
    In jedem Augenblicke erwartete sie, eine Benachrichtigung von dem Freiherrn
zu erhalten oder ihn pltzlich bei sich eintreten zu sehen. Sie lie ihre Zimmer
in besondere Ordnung bringen, sie kleidete sich zeitiger an, als sie sonst
pflegte, um nicht bei einer etwaigen Ueberraschung in unangemessener Weise
erscheinen zu mssen, und immer wieder ging sie an den Spiegel, um zu sehen, wie
die Miene zurckhaltenden Verstndnisses sie kleide, mit welcher sie dem
Freiherrn entgegen zu treten dachte.
    Sie hatte sich ein vlliges System der Unterhaltung zurecht gemacht. Sie
mute als Erzieherin des Knaben der sittlichen Wrde nicht ermangeln, sie durfte
aber auch nicht eine bertriebene Sittenstrenge an den Tag legen, um den Vater
nicht zu verletzen. Leichtlebig und doch ernsthaft, vornehm und doch
zuvorkommend, selbststndig und fgsam mute sie sich darstellen, um die
Freundschaft des Freiherrn erwerben und ihm das Anerbieten nahe legen zu knnen,
welches sie ihm zu machen wnschte, das Anerbieten, seinen Sohn an Kindesstatt
zu adoptiren, um ihm mit dem Namen Weienbach, mit dem Namen eines angesehenen
Beamten eine Stellung in der Welt und in der Gesellschaft zu erffnen, die sich
ihm mit dem vllig unbekannten Namen Mannert nicht so leicht erschlieen drfte.
Natrlich muten sie und der Kriegsrath sich dann in einer Lage befinden, welche
ihnen ein solches Opfer mglich machte; aber sie in diese Lage zu versetzen,
konnte einem Manne von den Mitteln und dem Einflusse des Freiherrn gar nicht
schwer sein. Sie lchelte, wenn sie sich die Wendung im Geiste wiederholte, mit
der sie ihm den Vorschlag thun wollte, sie sah die gtige, zufriedene Miene, sie
fhlte den freundschaftlichen Hndedruck, durch welchen der Freiherr ihr seinen
Dank bezeigte, und sie hatte auch Nichts dagegen, wenn er es etwa angemessener
finden sollte, ihrem Gatten einen besseren Posten in der Residenz zu schaffen.
Sie war ihrer hiesigen Verhltnisse ohnehin jetzt mde, denn eine Mittelstadt
war fr eine Frau wie sie doch eigentlich niemals der rechte Wirkungskreis
gewesen.
    Es pate Alles so vortrefflich zusammen, wie sie es sich ausgedacht hatte,
es konnte nicht fehlschlagen, wenn nur der Freiherr kam, und kommen mute er,
weil sie sich sonst ja nicht zu helfen wute. Wie sollte sich nicht fgen, was
fr sie so unerllich schien?
    Da brachte pltzlich der Einfall des unseligen Knaben einen Stillstand in
ihre muthig vorwrts gehenden Gedanken. Wenn Paul seinen Vorsatz ausfhrte, wenn
er, ohne dazu ermchtigt zu sein, den Freiherrn aufsuchte, wenn dieser glauben
konnte, da man Paul geflissentlich von der Anwesenheit seines Vaters
benachrichtigt, ihn vielleicht dazu verleitet habe, sich dem Freiherrn zu nahen,
so war Alles verloren. Und dem Zufalle, der Laune eines Kindes, dem Verstande
und der Beredsamkeit eines unerfahrenen Mdchens alle ihre Aussichten
anzuvertrauen, das wre eine Unvorsichtigkeit gewesen, deren sich nur ihr stets
zuwartender, gelassener Mann oder Leute wie ihre Wirthe schuldig machen konnten,
die es gar nicht mehr zu wissen schienen, da man fremden Beistandes bedrfen
knne.
    Wollte sie nicht die Mhe langer Jahre vergebens getragen haben, nicht mit
all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hafens scheitern, so mute sie ihre
Maregeln treffen, so mute sie mit dem Knaben sprechen, und das sogleich, denn
sie fhlte sich eben in der richtigen Verfassung fr den Zweck. Sie wollte, wenn
etwa der Freiherr am nchsten Tage kme, Herr ber alle ihre Mittel sein! Ihr
durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht nicht rauben; fr Paul hatte es keine
Noth, denn - Kinder schlafen immer!

                                Viertes Capitel


Paul war noch nicht zu Bette gegangen, als seine Pflegeeltern nach Hause kamen.
Er stand am offenen Fenster und sah in die Strae hinaus. Gegenber in dem
Gasthofe brannte das Licht in vielen Fenstern; aber es war nicht das vornehmste
Hotel, das lag mehr zur Seite, und sein Vater konnte doch nur in dem vornehmsten
Gasthofe wohnen, der immer noch lange nicht so schn und prchtig war, als
Schlo Richten mitten in dem groen Parke.
    Schlo Richten lebte in den glnzendsten Farben in dem Geiste des Knaben.
Alles, was er Groes und Erhabenes von den Prachtbauten der verschiedensten
Zeiten gehrt, Alles, was er den Schilderungen der Mrchenwelt entlehnt, das
hatte seine lebhafte Phantasie allmhlich auf Schlo Richten bertragen. Je
lter er geworden war, um so fester hatte sich in ihm das Verlangen ausgebildet,
dieses Ideal seiner Gedanken wiederzusehen und, wie er das in mannigfachen
Erzhlungen gelesen, einst von seinem Vater in seinem Vaterhause aufgenommen zu
werden. Seine ganze Entwicklung war auf dieses eine Ziel gerichtet. Und nicht
wie der verlorene Sohn in der Bibel, nicht als ein Bettler, als ein
Hlfesuchender wollte er vor seines Vaters Thre treten. Gut und brav und geehrt
wollte er sein, so gut, so brav, so geehrt, da seine arme Mutter noch im Grabe
stolz auf ihn sein durfte, da er Lob und Liebe von des Vaters Munde hren
mute, wie sie Seba, der er diese ganze Sinnesrichtung dankte, stets von ihren
Eltern zu Theil ward.
    Wie kam es aber, da sein Vater ihn nicht suchte? Er hatte ihn ja so oft auf
seinen Knieen geschaukelt, als Paul noch ein Kind gewesen war und niemals daran
gedacht hatte, da es etwas Schnes sei, geliebt zu werden. Und damals hatte er
seine Mutter noch gehabt! Wehalb liebte sein Vater ihn jetzt nicht mehr, da er
keine Mutter mehr hatte, die ihn an ihr Herz schlo, da er wute, wie elend
seine Mutter umgekommen war, und da ihn auer Seba Niemand liebte? Alle Eltern
liebten ihre Kinder; alle Vter hatten ihre Kinder bei sich; alle Vter freuten
sich an ihren Kindern! Warum freute sein Vater sich nicht an ihm? Was hatte er
verschuldet, da sein Vater ihn nicht liebte, da er ihn nicht sehen mochte, da
er doch in seiner Nhe weilte?
    Seit Jahren hatte er darber nachgesonnen, ohne da er sich die Sache zu
erklren gewut htte, aber sie drckte ihn nur desto schwerer. Es ngstigte
ihn, wenn seine Kameraden sich nach seiner Heimath, nach seinen Eltern, nach
seinen Aussichten erkundigten, und gerade ihn, so meinte er, gingen sie immer
mit solchen Fragen an. Er mochte nicht sagen, seine Mutter habe sich ertrnkt,
er mochte es Niemanden wissen lassen, da sein Vater sich um ihn nicht kmmere,
und Kinder verstehen es noch nicht, jene halben Antworten zu geben, mit denen
Erwachsene sich vor einer ihnen unangenehmen Zumuthung zu schtzen wissen. Aber
eben die Befangenheit, die Verlegenheit, welche er nicht verbergen konnte,
reizte die grausame Neugier seiner Genossen, weil sie ihnen ein ungewohntes
Schauspiel bot; und Kinder sind wie die Fliegen, die sich stets auf wunde
Stellen setzen.
    Den ganzen Abend hatte er so am Fenster gestanden und in die Strae
geschaut. Einstmals hatte die Mutter ihm befohlen: Zhle die Fenster des
Schlosses! Heute hatte er die Fenster der beiden Gasthfe gezhlt und zugesehen,
wie die Lichter hinter denselben kamen und verschwanden, und sich gefragt und
wieder gefragt: Wo mag denn meines Vaters Zimmer sein? Wo mgen denn wohl die
glcklichen Kinder schlafen, welche die Rehe hinter dem Gitter fttern und die
hinter den goldenen Scheiben des schnen Schlosses wohnen?
    Eine groe Traurigkeit hatte ihn dabei berfallen. Er mochte nicht essen und
mochte auch kein Licht haben. Was sollte er auf der Welt, in der er nicht
Eltern, nicht Geschwister hatte, in der Niemand nach ihm fragte? Wohin er seine
Gedanken wendete, es freute, es reizte ihn nichts. Wozu sollte er lernen, wozu
sich auszeichnen? Wer kmmerte sich um ihn? Was kam darauf an, ob etwas aus ihm
wurde? - Er htte gern weinen mgen, htte er's nur gekonnt. Die Augen waren ihm
so mde und so schwer wie das Herz, er konnte sie kaum erheben, sie sanken ihm
immer wieder nieder, als htte er etwas Bses gethan und drfe sie nicht
aufschlagen.
    Es that ihm wehe, als pltzlich der helle Lichtschein ihn berhrte, als die
Kriegsrthin in das Zimmer trat und ihn fragte, wehalb er hier im Dunkeln
sitze. Aber er hatte es nicht nthig sich zu entschuldigen, denn sie nannte es
gut, da er noch wach sei, nahm ihren Hut und Shawl ab, zog ihre langen
Handschuhe aus und setzte sich dann dem Lichte gegenber auf das Sopha. Ihr Hals
und ihre Wangen sahen von der Erhitzung des Tages noch ganz roth aus. Sie hatte
die entblten Arme ber einander geschlagen und sich weit nach hinten gelehnt.
Das that sie immer, wenn sie mit dem Kriegsrathe oder mit Paul zu schelten
gedachte. Es lie auch nicht lange auf sich warten.
    Paul! rief sie ihn mit ihrer trockenen Stimme an, die immer hart klang, wenn
sie dieselbe nicht geflissentlich und schmeichelnd snftigte. Komm' einmal her,
Paul, ich habe noch mit Dir zu sprechen!
    Eine unbestimmte Ahnung durchzitterte ihn, und mit einer Bangigkeit, wie er
sie nie zuvor empfunden, fragte er, ihren Mittheilungen voraneilend: Von meinem
Vater?
    Wie kommst Du darauf? rief sie vorwurfsvoll, obschon seine Lebhaftigkeit ihr
die Mhe einer Einleitung ersparte und ihr also recht erwnscht war.
    Mein Vater ist ja hier, sagte er schchtern.
    Dein Vater, Dein Vater! wiederholte sie im Tone des Tadels; hat er Dir
gesagt, da er danach verlangt, Dein Vater zu sein? Hat er Dir gesagt, da Du
sein Sohn bist?
    Paul sah die Kriegsrthin erschrocken an; er verstand nicht, was sie meinte.
    Hat der Herr Baron von Arten oder haben wir es Dir jemals gesagt, da Du
sein Sohn bist?
    Nein, versetzte er leise, denn jedes Wort, das die Kriegsrthin zu ihm
sprach, schmerzte ihn mehr als ein Schlag.
    Woher bildest Du es Dir denn ein? Woher kommst Du auf den Einfall?
    Meine Mutter hat es mir gesagt, entgegnete er gepret.
    Ach, Deine Mutter! rief die Kriegsrthin; Deine Mutter htte auch etwas
Klgeres und Besseres thun knnen, als Dir solche Dinge in den Kopf zu setzen;
sie wute ja am besten, wie es mit Dir stand!
    Der Knabe regte sich nicht, aber seine Mienen drckten eine solche Angst
aus, da der Kriegsrthin bange davor wurde, und mit dem Gedanken, da sie ein
Ende machen und allen Thorheiten ihres Pflegesohnes vorbeugen msse, sagte sie
schnell und fest: Ist es Dir denn noch niemals aufgefallen, da Deine Mutter
keine Baronin war und nicht in dem Schlosse bei Deinem Vater wohnte?
    Er antwortete ihr nicht. Siehst Du also, fuhr sie fort, wie gedankenlos Du
immer bist! Wenn Du es Dir nur ein wenig httest berlegen wollen, wrdest Du
Dir Alles selber haben sagen knnen! Deine Mutter war ja gar nicht die Frau des
Herrn Barons, war nur von niederem Stande, ein Bauermdchen oder so etwas, und
gar nicht mit dem Herrn Baron getraut! Das ist aber eine Snde und eine Schande,
und darum hat der Herr Baron Dich fortgegeben! Er mochte Dich nicht bei sich
haben und wollte Dich auch nicht an einem Orte lassen, an welchem alle Welt es
wute, wo Du herstammtest, und wo Dir Deine Geburt lebenslang zur Schande
gereichen mute! Was willst Du also von dem Herrn Baron?
    Sie htte noch lange so fortsprechen knnen, ohne da der fassungslose Knabe
sie unterbrochen, sie htte ihn noch oftmals fragen knnen, ohne da er ihr
geantwortet haben wrde. Er hrte Alles, als klinge es aus weiter, weiter Ferne
dumpf und unverstndlich zu ihm herber, und doch traf ihn Alles bis ins Herz.
Es war ihm, als hbe man ihn von dem Boden empor, auf dem er stehe, und drehe
ihn in der Luft umher, und in aller seiner Pein hatte er doch den Drang, sich
von den Qualen zu befreien, die man ihn erdulden lie, sich loszureien,
fortzulaufen, die Hand zum Schlage zu erheben und dem Zorne, der bengstigenden
Scham und der Verzweiflung Luft zu machen, die ihn fast erstickten, die ihn
lhmten. Einmal in seinem Leben war ihm eben so, beinahe eben so zu Muthe
gewesen: auf dem Balle, bei welchem der Graf Berka von dem Freiherrn von Arten
gesprochen hatte, und wo ihm eingefallen war, was seine Mutter ihm gesagt hatte;
aber die Pein, welche er jetzt eben litt, war weit grer, war noch weit
schwerer! Er konnte sie nicht fassen, obschon er sie ertrug.
    Nun, Paul, sagte die Kriegsrthin endlich mit milderem Tone, da sein starres
Schweigen ihr lstig ward, nun weit Du, woran Du bist, und Du bist alt und klug
genug, da man es Dir sagen konnte. Du bist nur ein unehelicher Sohn des Herrn
Barons, und er braucht sich, wenn Du eingesegnet bist, gar nicht weiter um Dich
zu kmmern. Sei also ordentlich und vernnftig, und beweise ihm durch Deinen
Gehorsam, da Du die groen Wohlthaten, die er Dir gethan hat, verdienst. Er
htte gar nicht nthig gehabt, Dich hier als unsern Sohn erziehen zu lassen;
aber wenn Du ihm gehorchst, wenn Du ihn nicht ohne seine Erlaubni an Dich
erinnerst, wird er gewi seine Hand nicht von Dir abwenden. Ich will sehen, was
ich fr Dich bei ihm zu erwirken und ob ich es nicht vielleicht fr Dich
durchzusetzen vermag, da wir Dich an Kindesstatt annehmen, da Du immer bei uns
bleiben und da Du doch auf diese Weise einen Namen bekommen kannst, mit dem Du
Dich in der Welt und vor den Leuten sehen lassen darfst! Und nun geh', und
schlafe Dich aus, und sei vernnftig!
    Nein, nein! rief der Knabe so laut und pltzlich, da die Kriegsrthin davor
zusammenschreckte.
    Du willst nicht gehen? fragte sie und nahm ihn bei der Hand.
    Er zog seine Hand aus der ihrigen. Ich will keinen anderen Namen haben, ich
will meinen Namen behalten, ich will Paul Mannert heien und nicht anders!
    Die Kriegsrthin schttelte rgerlich das Haupt und schob ihn fort. Heie,
wie Du willst, sagte sie, und geh' zu Bett! Das aber bitte ich mir aus, da Du
keine Dummheit machst und Dir nicht etwa beikommen lt, den Herrn Baron
belstigen zu gehen!
    Sie nahm das Licht und verlie ihn; Paul blieb allein im Dunkeln zurck,
aber das Dunkel gengte ihm nicht, es war ihm nicht undurchdringlich genug. Er
eilte fort in seine Kammer, warf sich in seinen Kleidern auf sein Lager und
hllte das Gesicht in die Kissen. Er wollte nichts sehen, nichts hren, es
sollte ihn auch Niemand sehen, Niemand etwas von ihm hren.
    Sterben, sterben, ich will sterben! rief es immer in seinem armen, jungen
Herzen, und die bittere Scham brannte in seinem Gehirn, da die Thrnen ihm
davon versiegten.
    Snde und Schande, hatte die Kriegsrthin gesagt. Snde und Schande! sagte
er sich immerfort, hrte er es immerfort um sich erklingen. Snde und Schande
waren es gewesen, die seine Mutter in den Tod getrieben hatten! Eine Snde war
es, da er auf der Welt war, die Schande heftete sich an ihn, und ihr konnte er
nicht entfliehen! - Nun wute er, wehalb seine Kameraden ihn immer um seine
Eltern fragten, warum sie immer wissen wollten, wo er zu Hause sei. Sie hatten
alle Mtter, die getraut mit ihren Mnnern waren, sie hatten alle Vter, die
sich ihrer nicht zu schmen brauchten, sie hatten ein Vaterhaus, in das sie
hineingehrten. Er hatte nichts, nicht Vater, nicht Mutter und nicht Heimath!
Nichts war sein eigen als die Schande, die mit ihm geboren war; und nicht einmal
seinen Namen wollte man ihm lassen, auch seinen Namen wollte die Kriegsrthin
ihm nehmen, die ihn so gemartert hatte, da er auch in seiner Herzensangst nicht
mehr weinen konnte! Das war es gewesen, was ihn zum Aufschreien gezwungen, das
war es gewesen, wehalb er so ngstlich sein Nein, Nein! gerufen. Sein Name war
das Einzige, das ihm gehrte. Er hatte nichts, nichts auf der Welt, als diesen
seinen Namen, den sollte man ihm nicht nehmen, nur den Namen nicht!
    Er schlug die Hnde ber dem Kopfe zusammen und weinte endlich bitterlich.
Aber schmerzlich, wie die Thrnen ihm entquollen, befreiten sie ihn dennoch von
der dumpfen, erdrckenden Angst, die auf ihm gelegen hatte, und er konnte wieder
etwas Anderes denken, als die Worte Snde und Schande, obschon seine Gedanken
aus derselben Wurzel stammten.
    Er sagte sich, da jetzt Alles anders sei, anders werden msse. Es kam ihm
vor, als sei der gestrige Tag schon lange, lange vergangen, so lange vergangen,
wie die Zeit, in der er als kleines Kind mit der Mutter vor dem Schlosse
gestanden hatte; denn gestern war er ja auch noch ein Kind gewesen, und jetzt
war er das nicht mehr. O, nein, nicht mehr!
    Er seufzte, als er sich dies sagte, und htte doch nicht zu erklren
vermocht, was in ihm vorgegangen sei. Er wute nicht, da er kein Kind mehr sei,
weil das Leben ihn also zu seufzen gelehrt, weil der Schleier pltzlich vor ihm
zerrissen worden war, der die Kindheit von dem Leben abtrennt, und weil an
dessen Schwelle die kalte Unerbittlichkeit der Welt mit ihren Gefhrten, dem
Kummer und dem Schmerze, vor ihm gestanden hatten.
    Er konnte nicht schlafen. Wirre Vorstellungen trieben sich in seinem Kopfe
umher, da der Kopf ihn schmerzte und die Unruhe ihn nicht rasten lie. Die
Finsterni, welche er erst gesucht hatte, fing ihn zu ngstigen an, aber das
frhe Tageslicht minderte den Zustand nicht, bis er endlich, als die Sonne schon
drben an den Dachfenstern des Nachbarhauses golden wieder zu scheinen anfing,
mde und frierend einschlief.
    Gegen die Gewohnheit mute man ihn mehrmals wecken. Die Magd, welcher dies
oblag und die ihm sein Frhstck gab, sagte ihm, er mge, ehe er zur Schule
gehe, noch bei Mamsell Seba vorsprechen. Er hrte es, aber heute mochte er nicht
zu Seba gehen. Sie wute es ja auch!
    Auf der Strae traf er wie immer mit einigen von seinen Kameraden zusammen;
das war ihm unlieb. Er achtete nicht auf ihre Unterhaltungen, er konnte auch in
der Schule sich nicht zwingen, dem Unterrichte zu folgen. Man kannte ihn nicht
wieder. Lehrer und Schler fragten ihn, ob er krank und wehalb er so traurig
sei. Er versicherte, da ihm nichts fehle. Er wollte auch gern lachen und munter
sein wie sonst; aber es wollte ihm nicht gelingen. Es freute ihn nichts. Was
sollte er auch hren, was sollte er sehen, was kmmerte ihn denn auf der Welt,
als die eine verzweiflungsvolle Frage: wissen sie es denn, wer wei es denn? -
Es wurde ihm rger und rger zu Sinne, es zerri ihm fast das Herz, denn er
hatte es mit einem Male an sich selbst erfahren, was Unglck sei und wie es
schmerze.
    Aber whrend der arme Paul also die erste schwere Last des Lebens auf sich
wuchten fhlte - und jungen, ungewohnten Schultern fllt sie zehnfach schwerer,
als wir es ermessen - rhmte sich die Kriegsrthin gegen ihren Mann, da sie es
vorgezogen habe, sicher zu gehen, weil sie es nicht liebe, sich in wichtigen
Angelegenheiten auf fremde Einsicht und Gewandtheit zu verlassen. Da sie
zufllig Paul gestern noch am Fenster gefunden, habe sie ihm lieber gleich
gesagt, was er frher oder spter doch erfahren mssen, und sie habe es ihm kurz
und rund heraus gesagt, denn das Vertuschen und Verweichlichen knne sie nicht
leiden; der Mensch msse bei Zeiten daran gewhnt werden, die nackte Wahrheit zu
ertragen.
    Und wie hat Paul die Mittheilungen aufgenommen? fragte der Kriegsrath mit
sichtlicher Besorgni.
    Wie soll er sie aufgenommen haben, entgegnete die Frau, Du kennst ihn ja! Er
machte die groen Augen noch weit grer auf und starrte mich an, wie das seine
Art ist, hinter der Du und die Flies'sche Familie Gott wei welche Eigenschaften
verborgen glaubt, und die mir von jeher einfltig und frech erschienen ist. Den
Schlaf hat es ihm nicht geraubt, denn man hat ihn kaum erwecken knnen.
    Der Kriegsrath gab sich damit wie jetzt berhaupt mit allem Uebrigen
zufrieden; aber er ging dennoch zu Madame Flies, ehe er sich in sein Bureau
verfgte, um sie zu benachrichtigen, da seine Frau mit Paul gesprochen habe und
da Seba es also nicht zu thun brauche, wenn der Knabe dies nicht selbst
veranlasse. Denn, sagte er, meine Frau glaubt das zwar nicht, aber ich wei, der
Junge hat Ehrgefhl und Herz, es wird ihn wurmen und er wird's nicht leicht
verwinden.

                                Fnftes Capitel


Wie befindest Du Dich heute? fragte der Freiherr seine Gattin, als sie sich an
dem Tage von der Tafel erhoben hatten.
    Sie antwortete ihm, da es ihr nicht bel gehe.
    Aber Mama, sagte Renatus, Du hast ja Blut gespieen!
    Der Freiherr ward achtsam, denn das war nie zuvor geschehen, und er
erkundigte sich lebhaft, ob der Arzt davon benachrichtigt worden sei.
    Angelika beruhigte ihn darber. Sie sagte, wie der Doctor ihr versichert,
da dies gar Nichts auf sich habe, wenn sie sich nur vor heftigen
Gemthsbewegungen und vor Erhitzung hte. Nur so bald als mglich auf das Land
zurckzukehren, habe er ihr gerathen, und sie selber trage auch danach
Verlangen, denn sie habe sich in den Stdten niemals wohl befunden.
    Der Freiherr meinte, sie she eben jetzt erhitzt aus, inde sie wiederholte,
da sie sich erleichtert, ja freier fhle als seit langer Zeit, und nachdem er
eine Weile etwas zu berlegen geschienen, sagte er, sich zu ihr wendend:
    Da Du Dich nach Richten sehnst, meine Liebe, ist es mir recht erwnscht, da
ich meine Geschfte hier beendet habe, und da unserer Abreise von meiner Seite
jetzt nichts mehr im Wege steht. Selbst Deine Aussage, da Du Dich in der Stadt
niemals so wohl befunden als in Richten, ist mir sehr erfreulich, - wie sich
denn mitunter Alles leicht und geschickt fgt, whrend manchmal Alles uns zu
widerstreben scheint!
    Angelika verstand nicht, was der Freiherr meinte oder worauf diese letzte
Aeuerung sich beziehen konnte; aber seine Zutraulichkeit, sein ruhiges Eingehen
auf die Unterhaltung berraschten sie, denn sein Verkehr mit ihr war seit ihrem
Zerwrfni so kurz und so ganz uerlich gewesen, da sie sich nicht erinnern
konnte, irgend eine allgemeine Bemerkung von seinen Lippen gehrt zu haben, wenn
sie sich mit ihm allein befunden hatte. Sie fragte ihn, was ihn zu jener
Betrachtung veranlat habe, und er antwortete:
    Ich meinte damit, da uns oftmals, wenn wir mit irgend einem Entschlusse
nicht zu Stande kommen knnen, ein sogenannter Zufall ber alle Schwierigkeiten
forthilft. Geben wir ihm verstndig nach, folgen wir seiner Weisung, so werden
wir es pltzlich gewahr, da alle unsere Bedenken auf falschem Boden erwuchsen,
und welche Vortheile es uns bringt, welche Erleichterungen sich uns bereiten,
wenn wir uns entschlieen, diesen falschen Standpunkt aufzugeben und zu
verlassen. Er hielt ein wenig inne und sprach dann, da er die Augen Angelika's
mit einer Art von Besorgni auf sich gerichtet sah, zgernd, aber doch mit
anscheinendem Gleichmuthe: Ich habe mich seit Jahren mit der unnthigen Sorge um
das Haus der Tante Esther getragen. Jedes Frhjahr, jeder Herbst haben
Reparaturen darin nthig gemacht, und es ist ein Capital vllig unbenutzt und
ungenossen geblieben, nur damit ein paar alte und zum Theil mrrische
Domestiken, einige alte Bilder und ein paar alte Klffer nicht von ihrer Stelle
gerckt zu werden brauchen. Die Sorge bin ich endlich los!
    Du bist der Sorge los, und wie das? fragte die Baronin.
    Ich habe heute das Haus verkauft! entgegnete er und erhob sich, um ein
Notizbuch von einem Seitentische zu holen. Angelika konnte sein Gesicht nicht
sehen, er mochte sie auch nicht anblicken, und es war ihm unlieb, da sie
schwieg.
    Das gute, alte Haus! sagte sie nach einer Weile.
    Du hast es nie geliebt, entgegnete er ihr, wie kannst Du es beklagen?
    Ich dachte nur, wie Alles doch so wandelbar und so vergnglich ist! gab sie
ihm zur Antwort. - Er bltterte in dem Notizbuche; sie lie ihn gewhren, bis
sie endlich mit der Schchternheit, welche sie dem Freiherrn gegenber jetzt
niemals mehr verlie, leise die Frage aufwarf: Mutest Du das Haus verkaufen,
war es denn nicht zu vermeiden, Franz?
    Aber er mikannte den Ton der Betrbni und der Sorge, der aus ihren Worten
sprach, und ihn fr einen Vorwurf haltend, sagte er: Der Kirchenbau in dem
unseligen Rothenfeld hat zu viel Geld verschlungen, und die durch Herbert nthig
gewordene Entlassung Adam's macht mir groe Schwierigkeiten. Es blieb mir keine
Wahl!
    Er wute, was er ihr mit diesem Ausspruche that, und er bereute ihn sofort;
denn wenn sie auch nicht mehr mit einander zu verkehren vermochten, ohne sich
gegenseitig zu verletzen oder doch verletzt zu glauben, nthigte der Zustand der
Baronin ihm dennoch Theilnahme und Rcksicht ab. Er versuchte es also, sie mit
seinen Worten und mit dem Ereigni auszushnen, indem er leichthin von gewissen
Einzelheiten der Gutsverwaltung und seiner Geschftsverhltnisse zu reden anhob,
deren er sonst niemals gegen sie erwhnte. Aber weit entfernt, sie zu beruhigen,
erhhten die Mittheilungen nur ihre Besorgnisse. Er lie sie bemerken, da sie
in Mamsell Marianne, die er nach den Anordnungen von Frulein Esther jetzt nach
Richten nehmen msse, eine Pflegerin erhalten werde, wie sie dieselbe schon
lange nthig gehabt habe; mitten in diesen Auseinandersetzungen unterbrach ihn
jedoch Angelika pltzlich mit dem Ausrufe: Wei es die Herzogin?
    Nein, entgegnete der Freiherr, von der Frage nicht angenehm berhrt, und ich
wnschte auch, da ihr die Sache wenigstens vorlufig noch verborgen bleibe!
    O gewi, rief die Baronin, und beide, der Freiherr sowohl als Angelika,
fhlten sich, wenn auch aus verschiedenen Grnden, eben durch die Erinnerung an
die Herzogin verstimmter und gedrckter als zuvor. Die Unterhaltung gerieth
vllig ins Stocken. Endlich sah der Freiherr nach der Uhr und sagte dann, auf
den frheren Gegenstand des Gesprches zurckkehrend: Wie es mir berhaupt
willkommen ist, von dem Besitze des Hauses frei zu werden, so ist mir es auch
angenehm, da grade Flies es kaufte. Er hat sich wie immer als einen bequemen
Geschftsmann, hinsichtlich des Kaufpreises auch nicht kleinlich bewiesen, und
da er sein hiesiges Geschft nun aufzugeben denkt, hat er mir freiwillig das
Anerbieten gethan, Dich Dein Schlsselgeld - denn ein solches kommt Dir zu - aus
seinem Magazine whlen zu lassen, wobei er Dich sicher nicht beschrnken wird.
Es sind Leuchter, silberne Schalen, Kelche dort, die trefflich fr unsern Altar
passen und Dir und dem Caplan sicherlich Freude machen wrden. Hat der Arzt Dir
auszufahren gestattet und fhlst Du Dich dazu geneigt, so mchten wir, da die
Herzogin auch Luft zu schpfen wnscht, vielleicht noch heute diesen kleinen
Einkauf abthun, und wir knnten dann auf morgen Mittag unsere Rckreise
festsetzen.
    Angelika, die sich von jeher gefllig den Anordnungen ihres Gatten gefgt,
lie sich dies jetzt immer doppelt angelegen sein. Sie erklrte sich also gleich
bereit, die vorgeschlagene Fahrt zu unternehmen, aber es kostete sie eine groe
Ueberwindung; denn im sichern Reichthum, in den geordnetsten Verhltnissen
erwachsen, und auferzogen in dem Glauben an die Unantastbarkeit des ererbten
Besitzes, war sie von der Nachricht, welche sie eben jetzt erhalten hatte, sehr
erschttert worden. Nur die entschiedenste Nothwendigkeit konnte ihren Gatten,
wie sie glaubte, bewogen haben, das Haus in fremde Hnde bergehen zu lassen;
hatte er doch oftmals es ausgesprochen, wie er es fr einen Mann in seiner
Stellung geboten finde, in der Residenz ansssig zu sein und dort ein festes
Domicil zu haben. Sie htte ihn grndlich fragen mgen, was denn geschehen sei,
sie htte vllige Auskunft fordern mgen; die Weise, mit welcher der Freiherr
die ganze Angelegenheit behandelte, zeigte ihr aber, da er keine Errterungen
wnsche, und sie wollte ihm nicht beschwerlich fallen, da eine innere Stimme ihr
verrieth, da es ihm nicht leicht sei, den Gleichmuth zu behaupten, den er zu
zeigen fr angemessen hielt.
    Schweigend Unruhe zu ertragen, mu man gesund sein, und Angelika war krank.
Ihre Kammerfrau sah sie bedenklich an, als sie ihren Hut und ihren Shawl
verlangte, um auszufahren; auch die Herzogin, welche man benachrichtigt hatte,
und die gekommen war, die Ausfahrt mitzumachen, warnte davor; inde auf den
Ausspruch des Arztes gesttzt, der sie freilich in ihrer gegenwrtigen Erregung
nicht gesehen hatte, lie sich die Baronin von ihrem Vorhaben nicht abbringen,
und dem Freiherrn war daran gelegen, sie und sich selber zu zerstreuen.
    Es war um die vierte Nachmittagsstunde, als sein Wagen vor dem Flies'schen
Hause hielt, und wie immer, wenn er die Arten'sche Familie erkannte, kam der
Juwelier heraus, sie zu empfangen und sie selbst in seinen Laden einzufhren.
Angelika hatte das stets vllig in der Ordnung gednkt, heute mifiel ihr die
Zuvorkommenheit des Mannes. Sie konnte sich berhaupt einer Abneigung gegen ihn
nicht erwehren. Seine Hflichkeit duchte ihr unwahr, duchte ihr spttisch zu
sein. Was mochte er in diesem Augenblicke denken? Wie stolz mochte er sich
fhlen, und wehalb kam die Frau herein, die knftig in dem Hause wohnen sollte,
das Angelika bisher gehrt hatte, das ihrem Renatus einst gehren sollte?
    So wie jetzt in diesem Momente, war der Baronin noch nie zu Muthe gewesen.
Es krnkte, es beleidigte sie Alles, selbst der freigebige Gleichmuth, mit
welchem Herr Flies sie zwischen den werthvollen Gegenstnden, die er vor ihr
aufstellen lie, zu whlen ersuchte. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie im
Verkehr mit den Personen, von denen sie bedient ward, daran gedacht, da sie
vornehm sei, niemals hatte sie sich gefragt, ob man ihr die ihr gebhrende
Ehrerbietung zolle, niemals hatte sie darauf geachtet, wie ihr Gatte sich
benehme. Heute dachte sie daran, heute achtete sie darauf. Denn sie meinte es
dem Juwelier darthun zu mssen, da sie die Freifrau von Arten sei und bleibe,
auch wenn er das Haus besitze, das ihr Geschlecht erbaut hatte; sie hielt es fr
nthig, ihn zu berzeugen, da sie gleichgltig sei gegen die Werthgegenstnde,
welche er ihr darbot, und als theile der Freiherr ihre Gedanken, fehlte auch ihm
heute die bequeme Leutseligkeit, die ihm sonst berall, wo er erschien, eine so
freudige Zuvorkommenheit erweckte.
    Die Herzogin, welche mit kleinen Einkufen fr sich beschftigt war und
daneben von Angelika bei ihrer Wahl zu Rathe gezogen wurde, wute nicht, was das
vernderte Betragen der Baronin und die Art und Weise bedeuten solle, mit
welcher der Freiherr dem Juwelier begegnete, fr den er sonst immer ein groes
Wohlwollen geuert hatte. Sie meinte es auf das Uebelbefinden, auf die
Reizbarkeit Angelika's oder auf irgend eine Mihelligkeit zwischen ihr und ihrem
Gatten schieben zu mssen, zu welcher vielleicht diese Anschaffung der
Altar-Gerthschaften den Anla gegeben habe. Herr Flies hingegen erklrte sich
die Erscheinung leicht, wenn er auch keine Ursache hatte, sie unbeachtet
hinzunehmen. Er blieb geduldig, wie es dem Verkufer ziemt, er zeigte sich
gefllig, obschon Angelika eine Lust daran zu haben schien, ihn und seine Leute
zu bemhen; aber sein Ton ward klter, sein klarer Blick senkte sich forschend
und fest in die von Erregung leuchtenden Augen der Baronin, und die
Ueberzeugung, da dieser Mann errathe, was in ihr vorgehe, da er wisse, wie es
nicht mehr so wohl stehe um das Haus des Freiherrn von Arten, und wie sie zum
ersten Male schwere Sorge trage um die Zukunft ihres Gatten, ihres Sohnes, ihres
Geschlechtes, emprten das stolze Herz der kranken Frau.
    Sie ist eine Berka und wei, wie ihre Sachen stehen; dachte der Juwelier.
Nun, es kann ihr auch nicht schaden, wenn ihr Stolz gebeugt wird! - Und er hatte
Recht! Heute, eben jetzt, da ihr Stolz gekrnkt ward, fhlte die Baronin es mit
schmerzlichem Genusse, da sie stolz sei. Es befriedigte sie, dem reichen Juden
ihren Stolz zu zeigen, sie htte viel darum gegeben, wenn auch der Freiherr sich
noch klter gegen den Juwelier bewiesen, wenn Renatus nicht so freundlich mit
der Frau desselben geplaudert htte, wenn die Herzogin nicht dabei gewesen wre!
denn Angelika war zorniger, erbitterter, als sie sich je gekannt hatte, und doch
fand sie sich durch diesen Zorn erniedrigt und er that ihr selber wehe,
furchtbar wehe! - Das Herz klopfte ihr bengstigend, die Stirn schmerzte sie,
die Pulse flogen ihr wie im Fieber. Sie konnte sich nicht in ihre Lage finden,
sie spielte mit Bewutsein eine Rolle, in der sie sich mifiel. Und Alles, Alles
mifiel ihr heute, die Gerthschaften, fr die sie sich endlich ausgesprochen
hatte, der Verkufer und ihr Gatte, das Leben und die Welt!
    Komm', Renatus, rief sie endlich, als Herr Flies, sich verbeugend, die
gewhlten Gegenstnde in das Hotel zu schicken versprach, komm' Renatus, wir
sind fertig: la uns gehen!
    Als sie sich aber mit diesen in unmuthiger Eile ausgesprochenen Worten zu
ihrem Sohne wandte, erblickte sie pltzlich einen anderen, lteren Knaben neben
diesem stehend. Er war gro, schien breitschulterig werden zu wollen, und sein
dunkles, schnes Antlitz mit den mchtigen Augen und den hochgeschwungenen
Brauen, sein voller, stolzer Mund sahen noch krftiger neben dem blonden und
sehr zart gebauten jungen Freiherrn aus. Das ganze Aeuere des fremden Knaben,
der feste und doch angstvolle Blick, mit dem seine Augen an dem Freiherrn
hingen, fielen ihr auf. Sie hatte sein Eintreten nicht bemerkt, sie war ihn
berhaupt nicht gewahr geworden, bis eben jetzt, aber ein rthselhaftes Etwas in
des Knaben Wesen und Erscheinung erfate sie mit pltzlicher Gewalt. Auch der
Freiherr schien seiner erst in diesem Momente ansichtig zu werden. Angelika sah
zu ihrem Gatten, sah zu dem Knaben hinber. Da begegneten sich auch die Blicke
des Freiherrn mit dem Blicke des fremden Knaben, und Angelika tuschte sich
nicht, der Freiherr wurde bleich, whrend eine dunkle Rthe die Wangen des
kleinen Fremden berzog.
    Sie sah es, wie der Freiherr sich finster von ihm wandte, sie sah, wie des
Knaben Brauen sich dster zusammenzogen, sie fhlte den scharfen, stechenden
Blick, den er auf den Freiherrn, auf Renatus warf. Sie wollte ihren Sohn
entfernen; aber auch dieser schien von den dunklen Augen des fremden Knaben
festgehalten zu werden, und ihm nahe tretend, rief er: Aber der Knabe da sieht
ja ganz wie Du aus, lieber Vater, leibhaftig wie Dein Bild im Ahnensaal!
    Der Ausruf von Renatus machte auch die Herzogin auf den Vorgang aufmerksam.
Sie wandte sich nach dem kleinen Fremden hin; Paul's Aehnlichkeit mit seinem
Vater mute Jeden berraschen.
    Des Freiherrn Auge war ber den Sohn Paulinens schnell und flchtig
fortgeglitten. Er hatte sich entfernt und Renatus mit hinaus gefhrt. Der
Juwelier gab Paul ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen; aber der Knabe blieb wie
angewurzelt auf derselben Stelle stehen, und sein Blick, sein finster glhender
Blick mit aller seiner Noth und Pein traf nur noch die Baronin, traf nur noch
sie bis mitten in das Herz. Sie konnte den Blick nicht ertragen.
    Auch das noch, auch das noch heute! rief sie und brach zusammen, whrend ein
heier Blutstrom ihren Lippen entquoll.

                                Sechstes Capitel


Es war Alles still im Hause, aber Niemand schlief. Schrecken und Sorge hielten
Jedermann wach.
    Als die Baronin von dem Blutsturze befallen und der Arzt herbeigekommen war,
hatte er es fr unmglich oder doch fr hchst gefhrlich erklrt, sie in diesem
Zustande nach ihrem Hotel bringen zu lassen, in welchem ohnehin kaum die fr
eine solche Kranke unerlliche Ruhe und Bequemlichkeit zu finden waren, und
Herr und Madame Flies hatten augenblicklich mit der grten Bereitwilligkeit dem
Freiherrn ihre ganze Wohnung und ihre Dienste zur Verfgung gestellt, die man
unter diesen Verhltnissen annehmen zu mssen geglaubt hatte.
    Vorsichtig hinaufgetragen, lag Angelika in dem besten Zimmer des Hauses, das
in den Garten hinaussah, wohl gebettet, vor dem Schimmer der Nachtlampe
geschtzt, und hrte schlaflos die leisen Pendelschlge der Uhr aus dem
Nebenzimmer an ihr Ohr klingen, die sich langsamer, ach, viel langsamer
bewegten, als der fiebernde Schlag ihres mden Herzens. Ihre Kammerfrau befand
sich an ihrem Lager, hinter dem Bettschirme wachte geruschlos Madame Flies.
    Nebenan in ihrer Stube sa Seba an dem offenen Fenster. Sie hatte sich nicht
ausgekleidet. Sie mute etwas erwarten, denn sie sah in kurzen Zwischenrumen
immer wieder auf die Strae hinaus, und es war nicht die milde Schnheit der
warmen Sommernacht, die sie dazu verlockte. Paul war verschwunden, und man
suchte ihn.
    Als er am Nachmittage aus der Schule gekommen war, hatte er einen prchtigen
Wagen, einen reich geschmckten Jger vor der Thre des Hauses stehen sehen.
Ganz hingenommen von einem einzigen Gedanken, war er, wie er das oftmals that,
in das Comptoir gegangen, um zu fragen, wem die schne Equipage zugehre.
    Dem Freiherrn von Arten, sagte ihm der Lehrling. Paul starrte ihn bei den
Worten so erschrocken an, da der junge Mensch nicht wute, was dem Knaben
beigekommen sei, und ihm den Namen des Freiherrn mit der Frage wiederholte, ob
Paul ihn nicht verstanden habe.
    Ja, ich habe ihn verstanden, antwortete er, und ging hinaus; inde er wute
nicht, wohin er gehen sollte. Er lief die Treppe hinauf, sich oben zu verbergen.
Aber wovor sollte, wovor hatte er sich zu verbergen? Ich habe ja nichts
verbrochen, dachte er, und doch war ihm so bange, doch war er so verwirrt. Er
konnte es nicht mehr aushalten oben in seinem Stbchen; sein Vater war ja unten!
    Er wartete eine kleine Weile; er meinte, der Freiherr werde, da er nun im
Hause sei, zu seinen Pflegeeltern kommen und ihn rufen lassen. Er horchte, ob
die Thre nicht aufgehe, ob Niemand die Treppe emporsteige, ob der Wagen
fortfahre. Es blieb Alles still. Mit Einem Male sagte er sich: Wenn der Wagen
fortfhrt, dann ist es zu spt, dann ist Er auch fort! - und wie ein Pfeil scho
er die Treppen hinunter. Er ffnete die Stube, welche an den Laden anstie; es
war Niemand darin. Er suchte Seba, er htte sie etwas fragen mgen, aber er
mochte sich nicht noch einmal entfernen. Die Thre nach dem Laden war nur
angelehnt; er drckte sie behutsam weiter auf. Nun konnte er die Stimmen
unterscheiden und hren, was man sprach; aber nur Herr Flies und eine Dame
redeten. Sollte mein Vater schon fortgegangen sein? fragte er sich, und das
Verlangen, sich zu berzeugen, trieb ihn vorwrts. Wenigstens sehen wollte er
seinen Vater doch. Er trat in den Laden hinein, man bemerkte es nicht, und doch
mute er mit beiden Hnden den Tisch anfassen, um nicht aufzuschreien.
    Ja, das war er! Nun kannte er ihn! Das war sein Vater, sein lieber Vater!
Nun besann er sich auf Alles! Wie oft hatte er ihn in die Hhe gehoben, wie oft
hatte er ihn gekt, sein Vater, der Onkel Baron! Auf seinen Knieen hatte er ihn
reiten lassen; auf dem Stuhle hinter dem Onkel Baron hatte er gestanden und
seine kleinen Arme um dessen Hals geschlungen, bis der Onkel ihn zu sich gezogen
und ihm die Geschichte erzhlt hatte, die Geschichte - auf die er sich nicht
mehr recht besinnen konnte und die ihm doch noch immer in den Sinn kam. - Sein
ganzes Herz flog dem Freiherrn entgegen. Onkel Baron, lieber Vater! wollte er
rufen im vollen Glcksgefhle - aber er ist ja nicht Dein Onkel, sagte er sich,
und Vater darfst Du ihn nicht rufen, denn er will nichts von Dir wissen, weil Du
in Snde und in Schande geboren bist! - Er schauderte zusammen, er fhlte es wie
einen Fluch ber sich liegen.
    Er blickte den Freiherrn an, er blickte die schne, schlanke Dame an, er
stand dicht neben dem blonden Knaben, er kannte sie alle!
    Das war sein Vater, das war seines Vaters Frau, das war sein kleiner Bruder;
der Bruder, welcher hinter den goldenen Fenstern des schnen Schlosses wohnte
und der die Rehe und die Hirsche hinter dem Gitter fttern durfte. Er htte ihm
die Hand geben mgen, wenigstens mit dem Bruder htte er sprechen und wissen
mgen, wie er heie. Er ging an ihn heran, inde in dem Augenblicke bemerkte ihn
Madame Flies, und dringend und leise befahl sie ihm: Geh', geh', lieber Paul!
Geschwind, mach', da Du fortkommst, Kind!
    Aber diese Anweisung bewirkte gerade das Gegentheil, obwohl er ihre
Bedeutung ganz und gar verstand. Die Rhrung, die Sehnsucht, welche er gefhlt,
machten einer trotzigen Empfindung Platz. Er wollte nicht gehorchen, nicht
hinausgehen; er wollte bleiben, er wollte sehen, was denn daraus werden wrde.
Endlich mute der Freiherr sich doch umdrehen, endlich mute er ihn doch
erkennen, denn er war ja sein Sohn; und wenn er ihn erkannte -
    Da drehten sie sich Alle um, da schlug die Bemerkung seines Bruders, der
Aufschrei der Baronin an sein Ohr. Er sah, wie sein Vater sich kalten Auges von
ihm wendete, wie man die Baronin als eine Sterbende davontrug, er fhlte, wie
Madame Flies ihn heftig zurckstie, und als falle es mit klingenden
Hammerschlgen auf ihn nieder, so tnte es immerfort in seinem Kopfe: Mache, da
Du fortkommst! Sie waren Alle hinausgegangen. Er blieb ganz allein in dem Laden
zurck.
    Was gehe ich sie auch an? Was gehen sie mich an? dachte er, und doch fiel
ihm die Einsamkeit sehr schwer. Er sah sich in dem Laden um, als msse er sich
Alles recht einprgen, damit er es nicht vergesse. Den Laden sehe ich auch nicht
wieder, sagte er sich, und dabei merkte er erst, da er beschlossen habe,
fortzugehen. Er hatte schon die ganze Nacht daran gedacht. Er konnte es nicht
aushalten, hier zu bleiben, wo Jedermann es wute, da er in Snde und in
Schande geboren sei. Er wollte seinem Vater nicht wieder vor die Augen treten,
denn er liebte den Vater nicht mehr, er wollte von ihm nichts mehr wissen,
nichts mehr hren, nichts mehr haben, gar nichts mehr haben!
    Trotz und Verzagtheit, Liebe und Ha, erwachtes Ehrgefhl und erlittene
Krnkung strmten wild durch einander auf ihn ein, und dazwischen tauchte das
Bild seiner Mutter, wie er es sich gestaltet hatte, vor seiner Seele auf, und er
erinnerte sich, wie sie geendet, wie die Verzweiflung sie aus der Welt und in
den Tod getrieben hatte. Er wute auch nicht, was er hier sollte; er mochte
Niemanden sehen, von Niemandem gesehen werden, und am wenigsten von seinem
Vater, der sich von ihm abgewendet, und von der Kriegsrthin, die ihm gesagt
hatte, da er in Snde und Schande geboren sei und da ein Schimpf auf ihm ruhen
werde all sein Leben lang. Das wollte er nie wieder von eines Menschen Munde
vernehmen; er wollte hin, wo Niemand ihm das sagen konnte, wo Niemand es wute,
Niemand ihn kannte - fort! Er nahm seine Mtze und ging. -
    In der Unruhe und Aufregung, welche das Erkranken der Baronin veranlat
hatte, beachtete man es nicht, da Paul nicht um die gewohnte Stunde zum
Vesperbrode kam. Als die Kriegsrthin ihn spter vermite, meinte sie, da
Schrecken und Furcht vor einer Strafe ihn abhalten mchten, vor ihr zu
erscheinen, da sie ihm verboten, sich seinem Vater in den Weg zu stellen, und da
er jetzt erlebt habe, welch ein Unheil er damit angerichtet. Inde es war nicht
seine Weise, ohne Erlaubni fortzugehen oder sich feige einer Strafe zu
entziehen, und als eine Stunde um die andere verging, als der Abend hereinbrach,
als die Dmmerung der Nacht zu weichen begann, fing man unruhig zu werden an,
und vor Allen zeigte sich Seba besorgt.
    Man hatte Paul's Bchertasche unten auf dem Zahltische liegen gefunden; der
Lehrling hatte ihn eine Weile im Laden stehen und dann fortgehen sehen. Man
schickte zu den Knaben, mit denen er Verkehr hielt, er war aber bei keinem von
ihnen gewesen; man fragte in der Strae, ob man ihn bemerkt, aber Niemand wute
sich dessen zu erinnern, und wer achtet auch an einem schnen Sommerabende, an
dem die Leute alle drauen sind, auf das Kommen und Gehen eines Knaben?
    Um elf Uhr, als Angelika ruhiger geworden war und als der Freiherr das Haus
verlassen wollte, um sich in seinem Gasthofe zur Ruhe zu begeben, trat er in die
Wohnstube der Flies'schen Familie ein. Er fand nur Seba in derselben, und
nachdem er gebeten, ihn augenblicklich zu benachrichtigen, wenn der Zustand der
Baronin seine Anwesenheit erheischen sollte, fragte er: Wer war der Knabe,
Mademoiselle, der sich in Ihrem Laden aufhielt, als die Baronin von dem blen
Anfalle betroffen ward?
    Wie er das fragen kann? dachte Seba. Sie htte ihm sagen mgen: Es ist Ihr
Sohn, und Sie wissen das. Inde sie berwand sich und antwortete: Es ist der
Pflegesohn des Kriegsraths Weienbach, der hier im Hause wohnt.
    Sein Name?
    Paul Mannert, sprach sie nachdrcklich, und wie fest das Auge Seba's auch
auf den Freiherrn gerichtet war, sie konnte keine Vernderung in seinem ernsten
Gesichte lesen. Das emprte sie, und, hingerissen von der Angst um ihren
Schtzling, voll Abscheu vor der Ruhe seines Vaters, die mit ihrer Sorge in so
grellem Widerspruche stand, rief sie: Er ist aber nicht mehr da, der Knabe! Er
ist fort, der Paul, und wir suchen ihn vergebens! Gott gebe, da er in seiner
Verzweiflung nicht wie seine Mutter geendet hat!
    Wie ein Blitz zuckte es durch die Gestalt des Freiherrn, es zitterte in
seinen Mienen, und mit bebender Lippe fragte er: Was wissen Sie von ihm,
Mademoiselle?
    Er mute sich niedersetzen; Seba war ber ihr eigenes Thun erschrocken, aber
der Grimm gegen diese vornehmen Mnner, die Alles unter die Fe treten zu
knnen glaubten, die Emprung ber die Herzensklte des Freiherrn, die
Erinnerung an die Schmach des eigenen Geschickes hoben sie ber sich hinaus, und
kalt und stolz, wie der Freiherr eben erst vor ihr gestanden hatte, sagte sie:
Ich wei wer der Knabe ist, wei, da seine Mutter in Verzweiflung ihren Tod im
Wasser gesucht, und Gott gebe, da er ihr's nicht nachgethan hat, denn er fhlte
sich verstoen!
    Der Freiherr fuhr auf. Er wollte die unberechtigte Anmaung dieses
Judenmdchens zurckweisen, aber das harte Wort erstarb ihm auf der Lippe, und
wie im Schmerze schlo er die zornfunkelnden Augen. Das whrte inde nicht
lange, dann hatte er seine Wahl getroffen, seine Entscheidung schnell gefat,
und whrend Seba in ihrem Herzen noch darber triumphirte, da es ihr gelungen
war, einen dieser Edelleute, den Freiherrn von Arten, der seines Kindes
vergessen konnte, der Herbert beleidigt, der Adam gekrnkt, der kein Herz hatte,
so wenig Graf Gerhard ein Herz gehabt, unter ihrem Blicke zusammenbrechen und
vor ihrem Worte zittern und leiden zu sehen, erhob der Freiherr sich und sagte
mit schonender Herablassung: Ihre Aufregung macht Ihrem guten Herzen Ehre,
Mademoiselle Flies, und der Unerfahrenheit mu man selbst den Mangel an der
nthigen Delicatesse nachsehen! Ich hoffe, da man nichts versumt, den Knaben
aufzufinden, an dem Sie so viel Antheil nehmen! Der Vorsicht wegen will ich
selbst dafr Schritte thun lassen! Leben Sie wohl, Mademoiselle!
    Seba stand und blickte ihm nach. Sie bi die Zhne auf einander, um die
laute Verwnschung zurckzudrngen, welche ihr aus dem Herzen auf die Lippen
stieg. Sie hrte, wie der Baron leise mit ihrem Vater sprach, dem er im Hause
begegnete, und zornig das Haupt schttelnd, rief sie: Es giebt keine
Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden, wenn nicht einst der Tag der Vergeltung
fr sie Alle kommt, wenn sie nicht ernten mssen, was sie seten!
    Aber es blieb ihr nicht lange Zeit fr ihre Gedanken. Ihr Vater, der
Kriegsrath und die Kriegsrthin kamen herbei; sie sollte noch einmal Alles
erzhlen, was sie gestern von Paul gehrt, was sie mit ihm gesprochen, und
whrend sie im Grunde nur wenig zu sagen hatte, whrend sie gar keine Vermuthung
hegte, die auf irgend eine Spur zu leiten vermocht htte, wurde die Kriegsrthin
nicht mde, es immer zu wiederholen, mit welcher Voraussicht und Sorgfalt sie
gehandelt, wie sie allein daran gedacht habe, dem geschehenen Unheil
vorzubeugen, und wie nur der widerspnstige Charakter des Knaben, den er von
seiner Mutter habe, sie um die Frchte jahrelanger Opfer gebracht, alle ihre
Plane zerstrt, die Baronin von Arten auf das Krankenlager geworfen und dem
Freiherrn die belsten Begriffe von der Erziehung gegeben haben msse, welche
Paul genossen. Sie verlangte Anerkennung, Trost und Zuspruch von ihrem Manne und
von den Andern zu erhalten, und nicht ein einziges Mal fiel es ihr ein, welchen
Antheil sie an der traurigen Gemthsverfassung des armen Knaben hatte, und kein
Vorwurf in ihrem Innern sagte ihr, da sie und ihre unheilvollen Aufklrungen
ihn aus dem Hause getrieben, in welchem sie, die Trostbegehrende, nie eine
Aufwallung der Liebe, nie ein Herz fr ihn gehabt hatte.
    Whrend sich bei Seba und bei den Mnnern mit den fortschreitenden Stunden
die Hoffnung, da Paul freiwillig wiederkehren werde, verminderte, und die
Sorge, da er ein unglckliches Ende genommen habe, sich steigerte, gab die
Kriegsrthin, als sie sich ermdet zu fhlen begann, immer zuversichtlicher sich
der Erwartung hin, Paul werde nach Kinder-Art von selbst nach Hause kommen, wenn
Hunger und Mdigkeit ihn dazu trieben, und wenn man nur aufhren wolle, so
ngstlich auf seine Wiederkehr zu achten. Er sei fraglos ganz in der Nhe, er
warte nur auf die Gelegenheit, sich unbemerkt in seine Schlafkammer zu
schleichen. Und stets bereit, die Umstnde so anzusehen, wie es mit ihren
Wnschen am besten zusammenstimmte, nannte sie es das Gerathenste, die Ruhe zu
suchen und nicht um eines Knabenstreiches willen das Haus, die Nachbarschaft
oder gar, wie es in Folge eines Schreibens, das der Freiherr dem Kriegsrathe fr
den Polizei-Director bergeben, geschehen war, die Stadtbehrden in Bewegung zu
setzen. Inde weder der Schlaf, dem die Einen sich berlieen, noch die
Herzensangst, mit welcher Seba in ihrem Zimmer wachte, nderten das Geschehene;
- Paul blieb aus.
    Gegen den nchsten Mittag, als die Kammerjungfer der Baronin sich entfernt
hatte, um aus dem Hotel verschiedene Gegenstnde herbeizuholen, deren man fr
die Kranke bedurfte, hatte Seba deren Stelle an dem Lager eingenommen.
    Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein, durch die geffneten und leicht
verhngten Fenster stieg der Duft der Reseda aus dem Garten in das Gemach. Man
hrte das leise Suseln der Bltter, der linde Windhauch bewegte die Vorhnge,
und hier und da schlich sich ein gedmpfter Sonnenstrahl hinein, seinen Schimmer
ber Angelika's bleiche Stirn und ber ihr goldblondes Haar verstreuend. Es
waren schwere Stunden gewesen, der Tag und die Nacht, die hinter ihr lagen. Sie
hatte kein Auge geschlossen.
    Als sie am verwichenen Nachmittage von ihrer Erschpfung zu sich gekommen
war, hatten ihre ersten Worte Paul gegolten.
    Unfreiwillig habe ich seine Mutter getdtet, unfreiwillig giebt er mir den
Tod! sagte sie zum Freiherrn, der dster brtend an ihrem Lager weilte. Sie
verlangte nach Paul, sie wollte ihn sehen; man stellte ihr die Anordnung des
Arztes dagegen auf, und sie verzichtete auf die Erfllung ihrer Forderung. Aber
ihre Gedanken blieben mit ihm beschftigt, und selbst als die verwirrenden Nebel
des Fiebers ihren Sinn berwltigten, sah sie ihn vor Augen. Bald rief sie, da
er sie ergreife, da er sie morde, bald klagte sie sich an, da sie ihm die
Mutter nicht ersetzt habe, und gelobte ihm, es knftig zu thun. Dann wieder
mute sie ihn im Kampfe mit Renatus whnen, denn sie schrie auf und beschwor den
fremden Knaben, ihres Sohnes zu schonen, der schuldlos an all dem Unheil sei.
Noch am Mittage, als Seba an ihr Lager gekommen war, hatte sie gewacht, und erst
unter Seba's Obhut, die mit so brennenden Erinnerungen an ihrer Seite sa, hatte
sie Schlaf und Ruhe finden knnen.
    Seba hatte die Baronin zuerst gesehen, als man sie, eine Bewutlose, in
dieses Zimmer brachte. Sie hatte es bis dahin geflissentlich vermieden, ihr zu
begegnen, aber sie kannte dieses Antlitz. Sie kannte diese hohe, weie Stirn,
diese schmale, feine Nase, den kleinen Mund mit seinen weichen, vollen Lippen.
Gerade so zogen an der Schlfe sich die blauen Adern unter der durchsichtigen
Haut des Grafen hin, gerade so bogen seine leichten Brauen sich in der Mitte
ihrer Wlbung aufwrts. Jeder Zug dieses schnen Antlitzes war ihr vertraut, und
sein Anblick wendete ihr das Herz im Busen um.
    Alles, was sie seit Jahren durchlebt und durchlitten, es drngte sich in ihr
in diese Stunde zusammen! Sie mute es noch einmal erleben und erleiden, sie
konnte kaum der Hast ihrer eigenen Gedanken, der wilden wechselnden Gewalt ihrer
Empfindungen folgen. Gerhard's Schwester lag in ihrem Vaterhause, eine zum Tode
Erkrankte, vor ihren Augen da. Es war des Grafen Schwester, ber der sie wachte,
von deren Schlummer sie jede Strung fern zu halten strebte, - und Jahre lang
hatte sie die Nchte im grimmen Schmerze durchwacht, in Verzweiflung durchweint,
in Scham durchseufzt - um Gerhard's willen! Mit welcher Stirn wrde er da
stehen, wenn die Baronin einst Seba's Namen vor ihm nennen wrde, den Namen des
vertrauensvollen Mdchens, dessen Glck und Liebe er so frevelhaft gemordet!
Wenn er, er selber es wre, wenn er so dalge, hlflos mir hingegeben! dachte
sie.
    Tdtlicher Ha und das heie Verlangen, sich zu rchen, schwelgende
Erinnerungen und Erbarmen mit dem eigenen Leide bedrngten sie, und es dnkte
sie ein Fluch, da sie den Ha kennen lernen, da die Verachtung statt der Liebe
in ihr lebendig geworden war. Dann wieder fhlte sie sich pltzlich ber alle
Trbsale fortgetragen, leicht und frei. Sie konnte auf ihre Vergangenheit
zurckblicken wie auf eine abgelegte Hlle, die ihr fern lag, sie fhlte sich
durch ihr Denken und Thun weit ber sie hinausgehoben, und doch blutete ihr das
Herz, doch schwammen ihre Augen in Thrnen; denn wie sie auch danach rang, sich
neu aufzuerbauen, - es blieben ihr doch unwiederbringlich jene unschtzbaren
Gter verloren, ohne welche das Menschenleben trbe wird wie ein Tag, dem die
Sonne bei seinem Aufgange und Niedergange nicht leuchtet: die freudige
Erinnerung an die eigene Jugend und der Glaube an das Glck der Zukunft!
    Und wenn sie eine Weile den eigenen Erinnerungen und dem Schmerze
nachgegeben, dann fiel der arme Paul, ihr armer Paul ihr ein. Wo mochte er
weilen, wo konnte er sein? Sie htte hinauslaufen mgen, ihn zu suchen, aber
wohin sollte sie sich wenden? Warum war er nicht zu ihr gekommen, der er doch
vertraute, die er liebte, die ihn in ihr Herz geschlossen, als dieses Herz sich
an Liebe und an Freude ganz verarmt geglaubt? Was mute ihm geschehen sein, was
mute man ihm gethan haben, da er ihrer nicht gedacht, da er sie vergessen
hatte? Es war ihr, als msse sie ihn rufen, als knne er gar nicht ausbleiben,
wenn sie ihn nur riefe; aber hier, an diesem Lager, durfte sie ihn nicht rufen,
nicht seinen Namen nennen, denn hier, in ihrem Schutze, sollte die Grfin Berka,
die schne Frau des Freiherrn von Arten, Ruhe finden, die Frau, um deretwillen
die Mutter Paul's die sonnige Erde verlassen und sich begraben hatte in des
Wassers kalte, dunkle Tiefe.
    Wie aber, wenn auch Paul wirklich nicht mehr auf der Erde weilte? dachte
sie; wenn auch seinen schnen jungen Leib die Wellen verschlungen htten, wenn
seine Augen, in deren hoffnungsreiche Frhlichkeit sie sich so gern versenkt,
gebrochen wren, wenn die Fluth ihn jetzt schon mit sich trge weit hinaus,
hinaus ins Meer! Ihr graute vor der Vernichtung seiner jugendlichen Schnheit -
ihr graute vor dem Tode. Und schwebte nicht vielleicht auch ber dem stolzen,
blonden Haupte, das hier vor ihren Augen schlummerte, schon des Todes Sichel?
War denn jetzt Alles dem Untergange geweiht?
    Sie neigte sich leise zu der Kranken hernieder, um zu hren, ob sie athme,
da schlug Angelika matt die Augen auf und blieb mit dem trumerischen Blicke an
Seba haften. Sie konnte sich nicht besinnen, wo sie war, sie schaute Seba mit
Befremdung an, aber ihre Miene wurde dabei immer freundlicher, und beide Hnde
faltend, bewegte sie leise ihre Lippen.
    Seba kniete nieder, um ihre Worte zu verstehen. Die Baronin schien das mit
Ueberraschung zu gewahren. Sie fate nach Seba's Hand; ein leises Ach! entfloh
ihrem Munde, da sie dieselbe berhrte, und mit schmerzlicher Klage sagte sie:
Ich lebe also noch?
    Ja, Gott sei Dank, Sie leben! rief Seba. Gott sei Dank, Sie leben!
wiederholte sie, von einer Rhrung ergriffen, die sie nicht bemeistern konnte,
und Sie werden leben bleiben!
    Die Baronin legte ihre Hand matt und langsam auf das Haupt der Knieenden.
Ich bin sehr mde, seufzte sie, und die Augen schlieend, whrend sie Seba's
Hand in der ihrigen hielt, bat sie: Gehen Sie nicht von mir, es ist mir wohl in
Ihrem Schutze!
    Theure, theure Frau! rief Seba, indem sie die Hand der Kranken an ihre
Lippen prete und heie Thrnen ihre Augen fllten.
    Was haben Sie? fragte die Kranke ngstlich. Aber Seba nahm sich schnell
zusammen. Nichts, nichts, sagte sie. Ich bin so glcklich, da Sie Ruhe finden,
da Sie mich um sich haben mgen!
    Angelika drckte ihr die Hand, und aufs Neue nahm der Schlummer der
Ermattung sie gefangen.
    Seba aber sa still und regungslos an ihrem Lager. Sie dachte des Uebels
nicht mehr, das der Bruder dieser Frau ihr gethan, weil sie jetzt der Schwester
liebend beistand; sie verga des eigenen Unglcks ber dem Leiden dieser Frau,
und wie Wolken sich bilden und vergehen, sich formen und ihre Formen wechseln,
da man nicht wei, wofr man sie zu halten und wie man sie zu deuten hat,
whrend doch das Auge und der Sinn sich nicht von ihnen abzuwenden vermgen: so
zogen an ihrem Geiste die Gestalten des Grafen und des Freiherrn, Angelika's und
Herbert's und der Geschwister aus dem Amthause vorber, und dazwischen dachte
sie des Knaben, dem sie so viel verdankte und dem sie von ganzem Herzen zu
vergelten gewnscht.
    Wie komme ich, eben ich denn gerade in diesen Menschenkreis? Wehalb laufen
alle diese Schicksalsfden in dem Bereiche zusammen, den ich bersehe? Und was
kann, was soll ich thun inmitten dieser Menschen? Ich, die ich selbst
unglcklich und ohne alle Hoffnung bin? fragte sie sich immer und immer wieder.
    Da quoll es warm in ihrem Herzen empor, jenes beseligende Lieben um des
Liebens willen, das dem Menschen noch Glck bereitet, wenn er sich alles
Wnschens und Wollens fr sich selbst entschlagen hat, und mit berwallender
Empfindung rief sie sich zu: Ich kann lieben, hoffen, helfen und trsten! Ich
will hoffen fr den armen Paul, und vor allem Dich trsten und Dir helfen, Du
schne, kranke Frau!

                               Siebentes Capitel


Alle Bemhungen bewiesen sich fruchtlos; Paul kam nicht wieder. Ein Arbeiter
hatte spt am Abende einen Knaben, auf den die Beschreibungen des Vermiten
paten, am Auenhafen gesehen, aber wohin er gegangen oder wo er geblieben war,
das hatte er nicht bemerkt. Die Polizei, die man in Bewegung gesetzt hatte, war
ungebt und lssig, und man kannte damals jene wundervollen Erfindungen noch
nicht, welche, Zeit und Raum berwindend, dem Menschen fast eine
Allgegenwrtigkeit verleihen und sich zu unfehlbaren Dienern und Boten unserer
Freude, unseres Schmerzes, unserer Sorge machen. Man mute abwarten und hoffen
oder sich bescheiden, das Schlimmste zu erfahren, und in diesem Falle war die
Liebe verzagter als der Eigennutz.
    Die Kriegsrthin, welche ohne das ansehnliche Kostgeld ihres Pflegesohnes
gar nicht auszukommen wute, rechnete zuverlssig auf dessen Wiederkehr; Seba
betrauerte seinen Verlust. Sie allein hatte die leidenschaftliche Natur des
Knaben, die starken, tiefen Empfindungen gekannt, deren er fhig war, und die
ihn in einem Augenblick vernichtender Enttuschung leicht zu einem Aeuersten
getrieben haben konnten. Wohin sie sich wendete, fehlte ihr Paul, vermite sie
ihren jungen Gefhrten, dessen zuversichtliche Liebe ihr ein Bedrfni geworden
war, und mit dessen Zukunft sie sich zu beschftigen liebte, wenn ihr der Muth
gebrach, der eigenen Zukunft zu gedenken; und wie sie sich auch dagegen wehrte,
drngte sich ihr doch oftmals die entmuthigende Vorstellung auf, da Paul besser
daran gewesen sein wrde, wenn er sich ihr nicht angeschlossen, und sich im
Verkehr mit ihr nicht ber seine Jahre hinaus entwickelt htte.
    Es war gut fr Seba, da die Familie von Arten noch immer in der Stadt war,
die Baronin noch immer in dem Flies'schen Hause verweilen mute, denn es gab
Seba eine Beschftigung, welche sie von dem Schmerze um den Knaben abzog.
    Der Arzt hatte es, selbst als die dringendste Gefahr vorber war,
entschieden widerrathen, die Kranke in den Gasthof bringen zu lassen, und Madame
Flies wollte davon auch gar nicht sprechen hren. Ihr gutes Herz und ihre
brgerliche Eitelkeit fanden eine groe Befriedigung darin, eine solche Dame zu
bedienen und zu pflegen, mit ihr bestndig zu verkehren, ihren Umgangsgenossen
von diesem Verkehr zu erzhlen, und daneben dachte sie, in dem romantischen
Glauben an die wunderbaren Wege der Vorsehung, von welchem nur wenige Frauen
frei sind, man knne doch nicht wissen, wozu es gut sei, da die Schwester des
Grafen Gerhard eben in ihrem Hause erkranken msse und da sie ihre Seba und die
ganzen Verhltnisse der Familie nun so unerwartet kennen lerne. In der Residenz
hatten schon Grafen und Prinzen sich mit Jdinnen verheirathet, und was Einer
Jdin widerfahren war, konnte der andern auch begegnen, besonders wenn dieses
ihre Seba war.
    Weniger angenehm war es dem Freiherrn, seine Gemahlin noch immer in der
Obhut der Familie Flies zu wissen und sich von dieser eben in diesem Augenblicke
Verbindlichkeiten auferlegen zu lassen, die er nicht bezahlen, nicht gleich
vergelten konnte. Sein Geist war ohnehin verdstert, sein Gemth beschwert. Das
pltzliche Wiedersehen seines Sohnes, an dem er einst gehangen, das eben so
pltzliche Verschwinden desselben hatten einen furchtbaren Eindruck auf ihn
gemacht. Trotz des flchtigen Blickes, den er auf Paul geworfen, hatten die
Schnheit des Knaben, die auffallende Aehnlichkeit mit dem von Arten'schen
Geschlechte ihn erschttert, und es war eine wundersame Freude gewesen, mit der
er Paul's unleugbare Ueberlegenheit ber Renatus anerkannt. Auch jetzt konnte er
des Zwiespaltes in seinem Innern nicht Meister werden. Er lie die eifrigsten
Nachforschungen nach Paul anstellen, so widerwrtig das dadurch gemachte
Aufsehen und die unvermeidliche Besprechung aller seiner persnlichen
Verhltnisse ihm auch waren. Er litt unter dem Gedanken an den immer
wahrscheinlicher werdenden Untergang des Knaben, und er trug doch kein Verlangen
danach, ihn wieder vor sich zu sehen; aber auch Renatus mochte er nicht um sich
haben, und vor Allem vermied er es, Seba zu begegnen, deren herbe Wahrhaftigkeit
ihn schwer beleidigt hatte.
    Selbst die Gesellschaft der Herzogin war ihm nicht willkommen. Ihre leichte
Unterhaltungsgabe vermochte nicht, ihn zu zerstreuen, ihr Bestreben, ihn von
sich abzuziehen, that ihm jetzt nicht wohl. Er fhlte sich allein und von jedem
Anspruche an ihn belstigt. Erst nachdem er sich eines Tages eingestanden, da
auf ihm ein schweres, ein besonderes Schicksal laste, da eine dmonische
Gewalt, mchtiger als sein Wille, nicht aufgehrt habe, ihn, seit er sich von
Pauline getrennt und mit der Baronin verbunden habe, zu verfolgen, begann er
seine Fassung wieder zu finden. Er kam sich eben durch diese Besonderheit seines
Looses ausgezeichnet und wie durch seine Geburt und die Bedeutung seiner Person
von den ihn umgebenden Menschen geschieden und ber sie erhaben vor. War es doch
etwas so Gewhnliches, glcklich zu sein! Ein Jude wie Flies konnte das Glck
fr sich haben auf allen seinen Wegen, denn das Glck wohnt und waltet auf jener
breiten Heerstrae des Lebens, auf der sich die Mittelmigkeit und die
Niedrigkeit berechnend und schwachherzig bewegen. Ein Mann, der wie der Freiherr
seinem inneren Bedrfen, seinem Glauben an ein Ideales, der einzig den
gromthigen Regungen seines Herzens folgte, der seinen Ehrbegriffen und den
unabweislichen Pflichten seines Standes nachzuleben hatte, der wandelte auf
einem anderen Pfade, der hatte wenig Aussicht, auf seinem einsam erhabenen Wege
dem Glcke zu begegnen. Was war es denn gewesen, als Gromuth, da er einst sein
Leben an das Leben eines armen Kindes gesetzt? Was war es gewesen, als sein
Glaube an ein Ideales, der ihn bewogen, dieses Mdchen zu bilden? Seinen
Standespflichten zu gengen, seinem alten Stamme zur Ehre hatte er das geliebte
Geschpf von sich entfernt und sich mit Angelika verbunden. Aus Achtung vor
seiner Ehe und um Angelika seinen guten Willen zu beweisen, hatte er darauf
verzichtet, Paulinen's Sohn unter seinen Augen aufwachsen zu lassen - und beide,
Pauline und ihren Sohn, hatte der Tod ereilt, beide hatte er Angelika geopfert,
der Frau geopfert, die ihn fr einen Mann vergessen knnen, dem er gromthig
und vertrauend, wie er Angelika vertraut, sein Haus geffnet. Gromuth und das
Gefhl der Standesehre hatten ihn bewogen, die Herzogin und den Marquis gastlich
bei sich aufzunehmen. Sein eigenes Ehrgefhl hatte ihn veranlat, sich auf das
Ehrgefhl des Marquis zu verlassen, und wie hatte dieser ihm die Rcksicht fr
die Herzogin, wie hatte er ihm das Zutrauen gedankt, das er ihm bewiesen! -
Gromuth war es gewesen, die ihn zu dem Bau der Kirche getrieben, als er
Angelika nach einer ueren Befriedigung ihres religisen Sinnes trachten sehen,
deren er fr sein Theil nicht bedurfte; und all diese hohen Empfindungen, all
sein edles Wollen hatten ihm keine beglckende Frucht getragen, hatten ihm die
Liebe der Menschen nicht zugewendet, ja, waren von ihnen kaum erkannt geschweige
denn gewrdigt worden. Sogar sein ltester Lebensgenosse, der Caplan, ward ihm
nicht mehr gerecht, hielt nicht mehr zu ihm, wie er es erwarten durfte, und auch
die Herzogin hatte es nicht ganz begriffen, da ein Mann wie er mit seinem
Glauben, mit seinem Vertrauen und mit seiner Neigung nicht unterhandeln, da er
keine Gemeinschaft mehr mit seiner Gattin haben knne, wenn deren Hingabe fr
ihn nicht mehr eine volle und unbedingte war. Auch die Herzogin verstand ihn
nicht vollkommen, nicht wie er's bedurfte. Er stand allein, ganz allein in
seiner Umgebung, unter seinen Standesgenossen, weil ihnen allen der rechte Sinn
des Adels verloren gegangen war. Aber das Bewutsein dieser Einsamkeit warf ihn
nicht nieder, sondern hob ihn in seinen Augen ber die Andern hoch empor; denn 
fortis in adversis, Muth in Widerwrtigkeiten war der Wahlspruch seines
Hauses! Mochte die Gunst des Lebens sich von ihm wenden und das Glck sich ihm
entziehen, - den stolzen Herzschlag seines edeln Blutes, den frei ber die
Reihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwingenden Sinn seines alten
adeligen Geschlechtes, den konnte ihm nichts rauben; und diese Vorzge immer und
gegen Jedermann mit Entschiedenheit geltend zu machen, das duchte ihm in diesen
Zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe, die wahre Aufgabe des
Edelmannes zu sein.
    Madame Flies jedoch, die in ihrer schlichten Gte wenig Ahnung von solchen
idealen Lebensaufgaben hatte, weil sie sich immer an das Nchste und an das
Natrliche hielt, sah es mit Erstaunen, wie ruhig und sicher der Freiherr
einherschritt, wie das Verschwinden des Knaben, wie die Krankheit seiner
Gemahlin, wie selbst die Verwicklung seiner Vermgensverhltnisse und alle jene
Sorgen, von denen eine einzige zu tragen ihr schwer gefallen sein wrde, ihn gar
nicht anzufechten schienen. Sie wute nicht, sollte sie ihn bewundern und loben,
oder ihn verabscheuen und tadeln, aber sie konnte sich, wenn sie den Freiherrn
am Krankenbette der Baronin sah, es wohl erklren, warum dieselbe seufzte,
sobald er sie verlie, warum sie ihr und vor Allem ihrer Seba so freundlich die
weie, schmale Hand entgegen reichte, so oft sie sich ihr nahten.
    Die Kranke hatte nach dem Caplan verlangt und der Freiherr sogleich eine
Staffette zu ihm gesendet; inde es muten Tage um Tage vergehen, ehe man auf
sein Eintreffen rechnen durfte, und der Arzt sah, da er jede Aufregung fr die
Baronin scheute, die nothwendig verzgerte Ankunft des Geistlichen nicht ungern.
Angelika hingegen fragte an jedem Morgen, ob der Caplan noch nicht angekommen
sei, schien aber sonst kaum ein Bedrfni nach Mittheilung zu haben. Sie lag
meist still und in sich gekehrt mit gefalteten Hnden da und verlangte wenig,
wenn sie im Laufe des Tages ihren Sohn einmal gesehen hatte, dem sie mit ernster
Zrtlichkeit begegnete. Seba, die ihr unverkennbar die liebste Pflegerin war,
verlie sie selten. Einstmals, als sie wieder an ihrem Bette weilte und das
Sonnenlicht sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Angelika's
umflo, blieb diese lange in ihrem Anschauen versunken, dann reichte sie ihr die
Hand und sagte: So wie in diesem Augenblicke hatte ich Sie in Ihrem weien
Kleide vor mir, als ich, aus dem ersten trumerischen Schlummer erwachend, den
ich unter Ihrer Hut genossen, Sie fr meinen Schutzgeist hielt! Sie blickten so
liebevoll, so traurig auf mich nieder! Sie sind gewi sehr gut! Und da man
Ihnen ansieht, wie sanft, wie glcklich Ihr Lebensweg gewesen und wie Sie reinen
Herzens sind, das macht mir Ihre liebe Nhe so erquicklich!
    Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Seba's Brust. Alles Blut entwich aus
ihren Wangen, ihre Lippen zuckten, und mit dem Ausrufe: Und das sagen Sie, eben
Sie! sank sie vor dem Lager der Baronin auf die Kniee, das Gesicht in ihren
Hnden bergend. Aber in dem nmlichen Augenblicke kam ihr auch der Gedanke, da
sie Angelika erschreckt habe, da sie sie nicht beunruhigen drfe, und gewaltsam
die Herrschaft ber sich gewinnend, richtete sie sich empor. Ihre Wangen waren
noch bleich, inde ihr Mund konnte wieder lcheln, und Angelika's Hnde sanft in
die ihren schlieend, sprach sie freundlich: Wie mich das freut, da meine
Dienste Ihnen angenehm und meine Nhe Ihnen lieb ist! Nur danken, nur loben
mssen Sie mich nicht, ich verdiene das nicht!
    Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat, wird feinfhlig fr
fremden Schmerz. Angelika hrte, da in Seba's Worten mehr als jene hfliche
Ablehnung eines Dankes verborgen war, mit der die gesellschaftliche Sitte sich
ihr Dankescapital auf Zinsen legen lt; darum wagte sie keine Frage zu thun,
aber die Frage, was ihrer sanften Pflegerin begegnet sein, was sie erfahren und
erlitten haben knne, beschftigte sie fort und fort. Sie wnschte von ihr zu
hren, sie wnschte zu wissen, ob ihre Theilnahme fr Seba Werth besitzen knne,
und sie hatte, als ihre Krfte sich wieder hoben, keine groe Mhe, Madame Flies
von ihrem einzigen Kinde, von ihrer Seba sprechen zu machen.
    Mit grter Genugthuung erzhlte dieselbe der Baronin wie jedem Anderen von
der frhlichen Kindheit, von der ersten, blhenden Jugend ihrer Tochter, von den
zahlreichen Bewerbern, welche sie zurckgewiesen, und wie sie jetzt mit ihren
bleicheren Wangen und ihrem ernsten, stillen Blicke, so schn sie sei, doch
lange nicht mehr so herrlich aussehe, als vordem.
    Aber was hat Ihre Tochter denn so verndert? War sie krank oder was ist ihr
geschehen? fragte die Baronin, die, abgesehen von ihrer Theilnahme fr Seba,
immer mehr von der Fremdheit der Lebensverhltnisse, welche sie umgaben,
angezogen wurde.
    Madame Flies schpfte Athem. Also endlich war er doch gekommen, der
Augenblick, auf den sie so lange gehofft, auf den sie sich vorbereitet hatte,
seit die Baronin in ihrem Hause darniederlag, endlich war er gekommen, endlich
war er da! Sie rckte nher an das Bett heran, sah vorsichtig hinter den grnen
Schirm, der das Lager der Baronin umgab, schob sich die Kantenhaube zurecht und
sagte mit klopfendem Herzen, whrend sie vertraulich ihre Hand auf den Arm der
Kranken legte: Aufrichtig, gndige Frau Baronin, wissen Sie denn gar nichts von
uns? Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprochen?
    Angelika verstand sie nicht. Was soll ich denn von Ihnen wissen, meine
Beste?
    Nicht von mir, Gott bewahre, nicht von mir; denn was wir gethan haben, war
unsere Schuldigkeit, und wir haben es sehr gern gethan! Nur von meiner Seba
meinte ich! bedeutete die Mutter.
    Von Seba - wer sollte mir wohl von ihr gesprochen haben? fragte Angelika.
    Ich dachte der Herr Graf! - Aber freilich, der Herr Graf sind gerade ....
Sie wollte sagen: wie der Herr Baron; inde sie unterdrckte das Wort, und
Angelika fiel ihr mit der Frage: Von welchem Grafen sprechen Sie? auch lebhaft
in die Rede.
    Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick. Sie wute, da sie auf dem
Punkte stand, ein Unrecht gegen die Ruhe der ihr anvertrauten Kranken zu
begehen, und da Seba ihr sicherlich nicht danken wrde, was sie unternahm; aber
die Selbstsucht und die anmaende Gewaltthtigkeit, von denen die Liebe so
vieler Mtter nicht frei ist, trugen es ber jede Rcksicht davon, und auf die
wiederholte Frage Angelika's, welchen Grafen sie denn meine, antwortete sie
schnell, als wolle sie es sich unmglich machen, sich eines Besseren zu
besinnen: Wen denn anders, als den Herrn Grafen Berka, den Grafen Gerhard, der
im Quartiere bei uns lag!
    Die Baronin schwieg. Es war lange her, da Jemand ihr von ihrem Bruder
gesprochen hatte. In der Welt, in welcher sie lebte, wute Jedermann, da sie
mit ihrer Familie zerfallen war, und man htete sich, sie daran zu erinnern;
aber sie hatte in den bangen Stunden, in welchen sie zu sterben geglaubt, sich
lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutter gesehnt, und hier in diesem
Hause, in dem sie, fremd unter Fremden, einer Liebe theilhaftig wurde, welche
sie an ihr Vaterhaus gemahnte, hier pltzlich von ihrem Bruder reden zu hren,
kam ihr wie ein Gru aus fernen Tagen, wie ein Gru der Ihrigen vor.
    Sie kennen meinen Bruder? fragte sie endlich.
    Ob ich ihn kenne! rief Madame Flies, und erging sich in einer Schilderung
des Grafen, in einer weitlufigen Erzhlung der kleinen Erlebnisse, die man hier
im Hause zur Zeit seines Aufenthaltes mit ihm gehabt, um dabei der Bewunderung
gedenken zu knnen, welche er ihrer Tochter gezollt, und es mit lebhaftem
Kopfschtteln vllig unbegreiflich zu finden, da er ihres Hauses und ihrer Seba
niemals gegen die Schwester Erwhnung gethan habe.
    Angelika schwankte unentschlossen. Jene Schamhaftigkeit der Seele, welche
die zuverlssigste Bewahrerin und Schutzwehr wirklicher Wrde ist, machte sie
davor zurckschrecken, einer Frau, welcher eben diese Eigenschaft fehlte, ein
Vertrauen zu beweisen, das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war; aber
sie mochte auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen lassen,
denen sie sich selbst zu so groem Danke verpflichtet fhlte, und die Rcksicht
auf Andere trug es bei ihr ber ihr eigenes Empfinden fort. Ich habe meinen
Bruder seit Jahren nicht gesehen! sagte sie nach langem Zgern leise und
begtigend.
    Inde sie hatte selbst diese Aeuerung zu bereuen; denn nun der Damm der
strengen Zurckhaltung einmal durchbrochen war, berstrzte Madame Flies die
Kranke mit den Fragen ihres beschrnkten Erstaunens, ihrer scharfsichtigen
Neugier, und wie man sich von der harmlosen und doch qulenden Zudringlichkeit
eines Kindes, nur um der Beunruhigung zu entgehen, oftmals mehr entlocken lt,
als man ihm irgend zuzugestehen dachte, so fand Angelika, als Madame Flies sich
zurckzog, da sie, solcher anmaenden Herzlichkeit in ihrer Umgebung nicht
gewohnt, der Fragenden mehr, weit mehr anvertraut, als sie irgend beabsichtigt
hatte. Aber auch sie meinte erfahren zu haben, was ihr bisher nicht deutlich
gewesen war. Sie meinte jetzt zu wissen, wehalb Seba sich nicht verheirathet
hatte, wehalb ihre dunkeln Augen oft so traurig und forschend auf ihr ruhten,
ja, wehalb ihre Zrtlichkeit sie so warm umfing; und Seba wurde ihr nur
werther, seit die Baronin sich sagen konnte: auch sie liebte hoffnungslos, auch
ihr traten die Schranken entgegen, welche die Stnde von einander halten, auch
sie hat es gekannt, das hoffende Verlangen und das traurige Entsagen, und sie
ist besser als Du, denn keine Pflicht verbot ihr, frei ber ihre Liebe zu
verfgen, und kein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzens freier Wahl!
    In dem einsamen Sinnen des Tages, in dem schlaflosen Brten der Nchte hatte
Angelika eine Einkehr in sich selbst gehalten, sich Bekenntnisse gemacht, wie
man sie nie vor einem Andern, wie man sie nur dem eigenen Gewissen abzulegen
vermag; denn es gibt ein Innerstes in dem Seelenleben fast eines jeden Menschen,
das er nicht Preis geben kann, ohne das geheime Band zu zerreien, welches die
Elemente seines Wesens zusammenhlt, ohne sich des freien Willens zu entuern,
der ihn zu einem selbststndigen Menschen, eben zu dem Menschen macht, als
welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen unterscheidet. Jedes
Bekenntni, welches der Mensch vor einem andern Menschen ablegt, ist daher immer
ein bedingtes. Die Persnlichkeit, die Meinung, der Glaube dessen, vor dem wir
sprechen, wirken auf uns zurck, und hllenlos, schrankenlos wahr vermag der
Mensch nur gegen sich selbst zu sein, wenn Gestndni und Urtheil, aus gleicher
Quelle entspringend, in Eins zusammenfallen.
    So lange sie sich in der Nhe und unter der geistigen Obhut des Caplans
befunden, hatten sein religiser Sinn und sein fester Glaube sie vor jedem
Schwanken bewahrt. Sie hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glcke
eine Snde in ihrer Brust gescholten. Das Beispiel des Caplans hatte sie zur
Entsagung ermahnt, und wie der Freiherr es auf seine Weise that, hatte auch sie
danach gestrebt, sich mit dem Gedanken an ihre bevorzugte Lebensstellung, mit
der Erinnerung an ihren Rang und an ihre Geburt zu trsten und von dem
Schicksale damit abgefunden zu glauben.
    Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen gehren ihm nur an, wie die
Frucht dem Samenkorn angehrt. Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen
Entwickelung, wie in der Art ihrer Entfaltung durch die ueren Umstnde
bedingt, und seit Angelika nicht mehr im Schlosse weilte, seit sie nicht mehr
ausschlielich von ihren Standesgenossen umringt, nicht mehr von der
Unterwrfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben ward, fing die Welt an, ihr
verwandelt zu dnken, weil der Blick sich nderte, mit dem sie in ihr Inneres
und in das Leben schaute.
    Von dem Tage ab, an welchem sie des Freiherrn Gattin geworden war, hatte die
Ruhe sie geflohen. Schwere Enttuschungen, Sorge um seinen Gemthszustand,
Gewissenszweifel, religise Kmpfe und Familienzerwrfnisse hatten ihre Seele
nicht zum Frieden gelangen lassen, ehe die Herzogin ein Gast des freiherrlichen
Hauses geworden war, und seit dem Erscheinen dieser Frau war Angelika nicht nur
sich selber, sondern war ihr auch der Mann verloren gegangen, dessen Namen sie
trug und dem sie sich fr gute und fr bse Tage unauflslich verbunden hatte.
    Jetzt, da sie nicht mehr tglich auf die Unternehmungen und auf die
Handlungsweise der Herzogin zu achten hatte, da die Anforderungen
augenblicklicher Nothwehr sie nicht mehr in Beschlag nahmen und sie mit
nachdenkender Prfung auf die vergangenen Jahre zurckblicken konnte, wurden
ihre Erlebnisse ihr klar und rthselhaft, deutlich und fast unbegreiflich zu
gleicher Zeit. Sie konnte sich die Liebe nicht weglugnen, welche sie fr
Herbert hegte, aber sie vermochte sich es jetzt vllig darzulegen, mit welcher
berechneten Arglist die Herzogin sie dahin gebracht hatte, sich eine Neigung fr
den jungen Architekten zuzutrauen, und wie schlau und geflissentlich sie
dieselbe in ihr zu nhren, ja, selbst durch ihr Abmahnen anzufeuern verstanden
habe. Sie erinnerte sich, mit welchem Erschrecken es sie erfllt, als die
Herzogin ihr zuerst die Mglichkeit einer Liebe fr Herbert vor das Auge
gefhrt; sie durfte sich sagen, da sie redlich dagegen angekmpft habe, und
wenn sie daneben auf die Verwicklungen, auf das Unglck blickte, das ber sie
gekommen war, das ihrem ganzen Hause drohte, so vermochte sie sich nicht, wie
der Freiherr, fest auf sich selbst zurckzuziehen, sondern sie fragte sich:
Warum ward mir dieses Schicksal? Warum legte Gott mir Prfungen auf, die zu
bestehen er mich zu schwach gemacht hat? Grade jetzt, wo sie des festen,
gottvertrauenden Glaubens nthiger als jemals hatte, versagte er sich ihr, und
ihr Verlangen nach der beruhigenden Nhe des Caplans steigerte sich an ihrem
Trostbedrfnisse, obschon sie eben in ihrem gegenwrtigen Leiden die Fhrung und
Fgung einer hheren, sie erziehenden und aufklrenden Macht zu erkennen geneigt
war.
    Krank und im hchsten Grade hlfsbedrftig, hatte sie sich in einem
brgerlichen Hause auf die Pflege einer ihr fremden Familie angewiesen gefunden.
Keine Verwandtschaft, keine gemeinsame Erinnerung, keine Gleichheit der
Gesinnungen, nicht einmal der religise Glaube verband sie diesen Menschen. Man
hatte die Baronin von Jugend auf gelehrt, die Brgerlichen gering zu schtzen,
die Juden zu verachten; ihre Wirthe, ihre Pflegerinnen, die das wuten, lieen
sie es nicht entgelten, sondern umgaben sie mit einer Liebe, die ihr das Herz
erwrmte und es ihr darthat, was der Mensch dem Menschen ber alle
Verschiedenheit des Glaubens, der Meinung und der Bildung hinaus zu sein vermag.
Sie hrte es gar nicht mehr, was ihr Anfangs in der Sprache des jdischen
Kaufmanns auffllig gewesen war; sie merkte die Verste gegen die gute Form
nicht mehr, welche Madame Flies sich in ihrem Eifer hufig zu Schulden kommen
lie. Sie sah nur das uneigenntzige Wohlwollen, mit welchem man sie bediente,
nur den Eifer, mit dem man ihre Wnsche zu errathen strebte; sie fhlte nur die
Gte, von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward, und oftmals meinte sie sich
ihrer allmhlichen Genesung nur darum zu erfreuen, weil ihre Pflegerinnen sich
ber dieselbe so glcklich bezeigten. Sie verga es fast, da sie vornehm sei,
so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirthe. Nur der Dank der Kranken,
der jungen Frau gegen die ltere, mtterliche Pflegerin war in ihr lebendig,
wenn Madame Flies sich neben ihr bemhte, und die Baronin hatte es bald genug
erlernt, wie die Stunde der Noth die Schranken niederwirft, welche die Stnde
von einander halten; sie lernte es in ihrer Hinflligkeit, wie erhebend es sei,
bei seinen Mitmenschen freiwilliger Hingebung und reiner, erbarmender
Menschenliebe zu begegnen.
    Noch an dem Tage ihres Erkrankens hatte die Aussicht, da die Familie Flies
knftig das Haus von Frulein Esther, das von Arten'sche Haus in der Residenz
bewohnen werde, die Baronin in allen ihren Ansichten gekrnkt; jetzt konnte sie
mit vlliger Ruhe daran denken. Denn obschon ihr Befinden sich besserte, sagte
ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung, da ihr Lebensziel ihr nicht allzu
fern gesteckt sei, und vor dem Glauben an die eigene Vergnglichkeit verlor die
Vorstellung von der Vergnglichkeit und Wandelbarkeit alles Bestehenden immer
mehr ihre Schrecken fr sie, bis sie ihr als eine Nothwendigkeit, ja, fast als
eine Wohlthat zu dnken begannen. Wie den Freiherrn der Gedanke an die
Wandelbarkeit und Vergnglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung
seines Ichs und seiner persnlichen Bedeutung anreizte, so machte die gleiche
Erkenntni seine Gattin mild und weich, denn das Gleiche wirkt verschieden, je
nach dem Boden, auf den es fllt, je nach den Elementen, mit denen es sich
vermischt.
    Mu ich doch meinen eigenen Leib, meines Geistes Haus, in Staub zerfallen
lassen, sagte sich Angelika, wie drfte mich's betrben, da ein Haus von Stein
und Mrtel nicht auf ewige Zeiten hinaus denjenigen zu eigen bleibt, deren Vter
es errichteten! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist von
Gott empfangen, mag er sich auch, gleich seinen Ahnen, sein eigenes Haus
erbauen, und wie Gerhard und ich hier in diesem fremden Hause weilten und von
seinen Bewohnern Gutes erfuhren, Liebe gewannen, so mag die schne Seba in
Gottes Namen in dem Hause leben, das wir unser eigen nannten und das ich einst
bewohnte; nur - fgte sie seufzend hinzu - mge sie dort glcklicher werden, als
ich!

                                 Achtes Capitel


Sie haben sich lange erwarten lassen, sagte der Freiherr, als an einem Abende
der Caplan bei ihm eintrat, und fast wre Ihre Gegenwart hier nicht mehr
gefordert, denn ich kann Sie mit der erfreulichen Kunde empfangen, da die
Baronin ihrer Genesung entgegengeht. Wir sind also hoffentlich zum Lngsten hier
gewesen und werden die Schwle der Stadt bald mit unserer frischen Luft
vertauschen knnen, nach der auch unsere Kranke zu verlangen anfngt. Aber was
bringen Sie uns, lieber Freund, der Sie von Hause kommen?
    Zuerst meine Entschuldigung wegen meines spten Eintreffens.
    Lassen Sie das, lassen Sie das! Unser ruhiges Leben hat Ihnen die Gewohnheit
schnellen Aufbrechens genommen, ich kenne das, und im Grunde war das niemals
Ihre Sache! rief der Freiherr, anscheinend in der besten Stimmung. Ich hoffe
nur, da nicht ein Unwohlsein Sie zurckgehalten hat!
    Nur wirkliche Krankheit htte mich hindern knnen, dem Rufe der Frau Baronin
und meiner Pflicht zu folgen! sagte der Geistliche mit einer ernsten
Zurckhaltung, die den Freiherrn zu der Frage veranlate: Sie hatten also andere
Grnde, die Sie zum Verweilen zwangen?
    Ja, Herr Baron, und sie waren nicht so erfreulich, als die angenehme Kunde,
mit der ich hier empfangen werde! Da aber in allem Unglck sich immer noch etwas
findet, was man zu segnen hat, so mchte ich's ein Glck nennen, da die Frau
Baronin und die Frau Herzogin eben jetzt von Hause fern gewesen sind!
    Der Freiherr sah den Geistlichen fest an und sagte: Sie lassen mich sehr
langsam erfahren, was Sie mir zu sagen haben; es ist also sicher etwas recht
Verdrieliches geschehen!
    Leider mehr, als das! sprach der Caplan. Am Mittwoch vor Pfingsten langte
der Wagen in Richten an, den man zum Abholen des Standbildes nach der Stadt
gesandt hatte, und der Verabredung gem wurde es gleich nach Rothenfeld
gebracht, um dort vor der Kirche abgeladen und ausgepackt zu werden. Da die
Vorbereitungen fr die Aufstellung im Voraus getroffen waren, gab der Baufhrer
denn auch die Weisung, mit der Errichtung der Gruppe sofort zu beginnen.
    Und durch die Ungeschicklichkeit unserer Arbeiter ist sie beschdigt worden!
rief der Freiherr.
    Nein, Herr Baron! Der Bildhauer selbst hat sie, wie er bernommen,
herausgebracht und auch die Auspackung besorgt.
    Und die Arbeit, wie ist sie ausgefallen? unterbrach der Freiherr den
Geistlichen noch einmal.
    Es war eine lobenswerthe Arbeit; die Gestalt des Christus recht edel, der
Kopf voll Ausdruck, und auch die Figur der benden Magdalena nahm sich schn
und charakteristisch aus.
    Sie sagen: es war eine schne Arbeit, die Figur nahm sich gut aus - was soll
das heien? fragte der Freiherr.
    Das Standbild ist zerstrt! berichtete der Geistliche, und sein Ton und
seine Miene verriethen die Empfindung, welcher er das Wort nicht gab.
    Zerstrt? Und wie, durch wen? rief der Freiherr lebhaft.
    Durch geflissentlich erregten Glaubensha! antwortete der Caplan mit jener
Selbstbeherrschung, welche ihm zur Natur geworden war.
    Den Freiherrn jedoch verlie in diesem Falle seine Fassung, und mit dem Fue
stampfend, rief er heftig: Unerhrt! Das ist ganz unerhrt! Sind denn jetzt alle
Teufel los? - Aber er bereute diese Aufwallung eben so schnell, und sich
niedersetzend, whrend er auch dem Geistlichen einen Sessel anwies, sprach er:
Man sollte sich eigentlich in diesen Zeiten ber nichts mehr wundern und auf
jede Art von Ausschreitungen vorbereitet sein; dennoch berrascht uns, wenn uns
widerfhrt, was wir Andere in gleicher Weise erleben sahen. Verzeihen Sie meine
Aufwallung und fahren Sie fort. Halten Sie mir nichts zurck, mein Freund, ich
bin jetzt vollkommen vorbereitet.
    Am Mittwoch, fuhr der Caplan fort, war, wie gesagt, die Gruppe angekommen,
Samstags, als die Feierstunde nahte, hatte man die Arbeit des Aufstellens
beendet; ich fuhr also nach Rothenfeld, das Geleistete zu betrachten. Die Gruppe
gereichte dem ganzen Baue zur Zierde; man konnte in jeder Weise seine Freude
daran haben. Man hatte keine Schwierigkeiten, keine Strungen irgend welcher Art
bei der Aufrichtung gehabt. Die Arbeiter, welche niemals ein Kunstwerk gesehen,
hatten es angestaunt; nun standen die Kinder drauen an dem Gitter und
betrachteten es neugierig. Des Frsters Sohn, ein aufgeweckter Knabe, fragte
mich, ob das die Mutter Maria sei, die an dem Kreuze kniee. Als ich ihm Bescheid
gab, ging der Candidat vorber. Er war, wie immer, zum Pfingstbesuch zu seinen
Eltern nach Neudorf gekommen, aber er hatte sich, was er doch sonst zu thun
pflegte, bei mir nicht sehen lassen.
    Der Bursche war mir stets zuwider, bemerkte der Freiherr, den Erzhler
unterbrechend, und er wei es, da seine ehrgeizige Scheinheiligkeit, wie man
diese Richtung von oben her jetzt auch beschtzt, bei mir ihre Wirkung verfehlt!
    Um so grer und unheilvoller war aber die Wirkung, welche er auf die
Gemeinde bte, berichtete der Geistliche, der sich geflissentlich jedes Urtheils
enthielt und sich nur auf die Mittheilung der Thatsachen beschrnkte. In der
Absicht, die Leute an ihn zu gewhnen, hatte der Pfarrer seinen Sohn, wie seit
Jahren, auch jetzt wieder am zweiten Feiertage fr sich die Predigt halten
lassen, und der Candidat mochte die Abwesenheit der Herrschaften fr den
geeigneten Zeitpunkt angesehen haben, in welchem er seinem Zorne gegen unsere
Kirche einmal Luft machen und bei seinen Vorgesetzten sich damit eine geneigte
Anerkennung verdienen knne. Die Aufstellung des Standbildes, meine zufllige
Unterredung mit dem Knaben, deren Zeuge der Candidat eben so zufllig geworden
war, boten ihm dazu den erwnschtesten Stoff und Anla, und er hat sich denn in
den heftigsten Ausdrcken, in jenen landlufigen Redensarten gegen den
Baalsdienst, gegen die Gtzenanbetung, gegen die heimliche Verfhrung zu
derselben und gegen unsere Kirche berhaupt, so lange gehen lassen, bis er es
der Gemeinde endlich frmlich an das Herz gelegt, sich ber die Gewalt zu
beschweren, die man ihr mit dem Baue der Kirche angethan habe, und die
Errichtung von Gtzenbildern in dem Lande der reinen Lehre nicht zu dulden.
    Die Frechheit kennt nicht Ma, nicht Ziel! rief der Freiherr, sich von
seinem Sessel erhebend. Und die Leute, wie verhielten sie sich? Was thaten sie?
    Es traf sich bel, da ihrer Aufregung eine Gelegenheit, sich zu bekunden,
dargeboten wurde. Migestimmt waren sie seit langer Zeit, und die Menge liebt es
ja, Alles, worunter sie zu leiden hat oder wovon sie sich beeintrchtigt glaubt,
auf eine und dieselbe Ursache und Quelle zurckzufhren. Als die Leute von
Neudorf aus der Kirche nach Rothenfeld zurckkehrten, machten die Kammerjungfer
der Frau Herzogin und der Koch eben ihren Feiertags-Spaziergang. Aus ihrer
Heimath des Anblicks gewohnt, den das Standbild ihnen darbot, warfen ihr
religises Gefhl und ihre Rhrung bei dem Gedanken an das verlassene,
unglckliche Vaterland sie betend zu den Fen des Heilandes nieder. - Sie
knieend im Gebet erblicken, an ihrer Andacht Aergerni nehmen und diesem Aerger
Ausdruck geben, war bei den vorbergehenden Leuten Eines. Wir wollen unseren
Sabbath nicht durch Gtzendiener schnden lassen! rief eine Stimme, und als
htte es nur dieses Anstoes bedurft, so erhob sich von allen Seiten der Ruf:
Nieder mit dem Gtzenbilde! Nieder mit den Gtzendienern! Jagt das fremde Pack
zum Lande hinaus!
    Weiter, weiter! drngte der Freiherr.
    Im Begriffe, mich hieher zu Ihnen zu begeben, kam ich mit meinem Wagen durch
Rothenfeld. Schon beim Einfahren in das Dorf sah ich, da etwas Ungewhnliches
vor sich gehen msse, und das wste Durcheinander lrmender Stimmen zeigte mir
den Weg. - Der Caplan hielt einen Augenblick inne, dann sagte er: Erlassen Sie
es mir, Ihnen die Scene zu schildern, die ich auf dem Kirchhofe erleben mute.
Die Leute kannten sich nicht in ihrer Aufregung. Alt und Jung, Mnner und Weiber
waren ber die beiden Unglcklichen hergefallen. Man machte ihnen die Flucht
unmglich, man steinigte sie buchstblich, whrend die krftigsten unter den
Mnnern das Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhieben. Das
Flehen, der Angstschrei der beiden Gemarterten bertnten das Geschrei und Toben
der Wthenden.
    Aber war denn Niemand da, der Einhalt that? fragte der Freiherr, athemlos
vor zorniger Erregung. Wo war der Pfarrer? Wo war Steinert? Wo war der
Justitiarius? Und Sie selbst, Caplan ....
    Sie vergessen, Herr Baron, da der unselige Vorfall sich nicht in Neudorf,
sondern in Rothenfeld ereignete, da der Pfarrer also nichts davon erfuhr, bis
Alles vorber war - und es wird ihm dies sicherlich das Erwnschteste gewesen
sein. Steinert war ber Land gefahren, und der Justitiarius, der sich unter den
Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich herzukam, hatte, wie ich, vollauf
zu thun, die beiden Verwundeten ....
    Verwundet - die Unglcklichen sind verwundet? Aber doch nicht ernstlich, es
hat doch mit ihnen keine Gefahr, Caplan?
    Der Caplan zuckte die Schultern. Die Verwundung des Kochs war unbedeutend,
er ist vllig davon hergestellt. Mademoiselle Lise aber, die ein Steinwurf an
die Schlfe traf - ist todt!
    Der Geistliche hielt inne; der Freiherr schlo unwillkrlich die Augen. Er
sprach kein Wort. Die Hnde auf dem Rcken ging er mit schwerem Schritte im
Zimmer auf und nieder. Ein Mord, sagte er endlich tonlos, ein Mord an einem
schwachen, wehrlosen Weibe - entsetzlich! - Und die Herzogin - wie wird sie es
vernehmen? - Und wieder fing er an umherzuschreiten.
    Nach einer Weile hob der Caplan noch einmal an: Auch mich hatte ein Stein am
Hinterkopfe verletzt ....
    Sie, Sie, mein Freund? rief der Freiherr, in der Sorge um den altbewhrten
Lebensgenossen alles Andere vergessend und an den Geistlichen herantretend,
dessen Hnde er in lebhafter Bewegung ergriff. Darum also fiel mir Ihr bles
Aussehen auf; aber freilich solch einen Anla, solch einen Grund war ich mir
nicht vermuthend. Und jetzt, wie fhlen Sie sich jetzt?
    Denken Sie nicht an mich, sprach der Caplan, die Wunde war nicht schwer, und
- fgte er mit seiner sanften Stimme begtigend hinzu - der sie mir schlug, des
Hirten armer, schwachsinniger Bube, wute in Wahrheit kaum, was er gethan hatte.
    Der Freiherr athmete schwer auf, drckte dem Geistlichen tief ergriffen die
Hand und wandte sich ab. Es widerstand ihm, seine Erschtterung zu zeigen. Er
trat an das Fenster, das auf den Markt hinaussah, aber er gewahrte nichts von
dem, was drauen vor seinen Augen vorging. Er war einzig mit dem so eben
Gehrten beschftigt, ganz in seine Gedanken versunken. So verging eine geraume
Zeit. Beide Mnner hielten vor einander zurck, was doch ausgesprochen werden
mute, und beiden ward das Schweigen drckender, je lnger es sich fortsetzte.
    Endlich raffte der Freiherr sich zusammen. Lassen Sie uns zu Ende kommen!
sagte er finster und gepret. Wie verlief die Sache, und wie verlieen Sie die
Dinge?
    Es war, als ob der Unfall, den ich erlitten hatte, sie zur Besinnung
brchte. Ein paar Frauen in meiner Nhe riefen meinen Namen, sprangen mir bei,
versuchten mich zu schtzen. Ich redete ihnen zu, verlangte ihre Hlfe fr die
Unglckliche, der Anblick der Sterbenden erschreckte die Sinnlosen und brachte
einen Stillstand in ihre wilde Aufregung. Diesen benutzte der Justitiarius. Er
nannte sie Verbrecher und verlangte die Auslieferung des Mrders. Sie hatten
nicht daran gedacht, da sie ein Verbrechen begangen, da sie einen Mord verbt
hatten; sie schwankten, ob sie dieses Bewutsein durch neue Unthat in sich
bertuben, ob sie sich durch neue Wildheit ber ihr Erschrecken forthelfen oder
sich aus Furcht zerstreuen sollten.
    Da haben Sie das Volk, rief der Freiherr mit bitterem Hohne, da haben Sie
das Volk, dessen Menschenrechte man anerkennen, dem man Freiheit und Gleichheit
zugestehen, dem man Antheil an der Regierung des Landes zuerkennen soll! Rohe,
wilde Bestien, nur durch Zwang zu bndigen, durch Strenge und Gewalt in den
Schranken der Menschlichkeit zu erhalten! - Das sind die Freiheitshelden, die
jenseit des Rheines ihr Wesen getrieben haben - Kirchenschnder und Mrder! Aber
so wahr Gott lebt, ich denke es ihnen grndlich zu verleiden!
    Ja, sagte der Caplan, sie bedrfen der Zucht, sie knnen der Fhrung, der
Leitung nicht entbehren und werden dies jemals schwerlich knnen. Aber soll das
Messer fr die That einstehen, die man mit ihm verbt? Soll die bildungslose
Masse dafr einstehen, da man also die freie Gleichberechtigung der Culte
ausbt? Soll ein armer, irregeleiteter Bauernbursche es entgelten, wenn man von
den Kanzeln des Landes unsere heilige Kirche schmhen darf? Soll es ihm
hingehen, dem unreifen jungen Manne, dem lutherischen Candidaten, da er sich
auflehnte gegen das Gesetz seines Landes, gegen den Willen seines Knigs, der
unsere Gewissensfreiheit und unsere freie Religionsbung so gut wie die der
Andersglaubenden zu schtzen hat? Wollen Sie es dulden, da dieser freche
anmaende Mensch Ihren Entschlieungen, Ihrem freien Willen auf der Kanzel Ihrer
eigenen Kirche entgegentritt? da er Ihre Leute zur Beurtheilung Ihrer
Handlungen aufreizt, da er sie zu Ihren Richtern macht? - Ich fr meinen Theil
habe gleich gethan, was meines Amtes war. Ich habe noch an demselben Tage dem
Frstbischof einen Bericht der Vorgnge eingesandt. Ich habe ihn aufgefordert,
bei der Regierung Beschwerde ber den Angriff zu fhren, der durch den
Candidaten gegen unsere freie Religionsbung vollfhrt ist, und es mte keine
Gerechtigkeit im Lande mehr zu finden sein, wenn uns unser Recht, und dem
Gotthard nicht das seinige werden sollte.
    Es war selten, da der Caplan sich also lebhaft uerte, und dem Freiherrn
fiel es daher auf. Er hatte in dem ruhigen Laufe der Zeiten es fast vergessen,
da sein alter Lebensgenosse noch etwas Anderes als nur sein Hausgeistlicher,
da er ein Mitglied jenes groen Clerus, jenes wundervollen Organismus sei,
dessen Mitglieder, aus allen Schichten des Volkes hervorgehend, ber die ganze
Welt zerstreut, in sich vereinigt, und losgelst von allen Banden der Familie,
in Einem der Ihrigen gipfeln, der sich die hchste irdische und geistliche
Machtvollkommenheit zuerkennt, von welcher ein Theil auch dem geringsten
Angehrigen dieses Bundes bertragen wird, so da ein jeder zur Befestigung und
Strkung des groen Ganzen mitwirkt, whrend er sich von demselben getragen,
gehoben und beschtzt wei. Aber es war dem Freiherrn nicht willkommen, da der
Caplan ihn in diesem Augenblicke an seinen Zusammenhang mit seiner Kirche
mahnte, da er fr seinen Theil Maregeln getroffen und selbststndige Schritte
gethan hatte. Er sah dies als einen Uebergriff in seine Rechte an und er war
eben jetzt noch weniger als sonst gewillt, seinen Rechten etwas zu vergeben.
    Ohne daher auf die Anmahnungen des Caplans weiter einzugehen, sprach er kalt
und ernst: Ehe wir daran denken drfen, die Freiheit unseres Cultus zu
vertreten, scheint es mir nothwendig, da den Verbrechern ihre Strafe, da
Justiz gebt werde, wo gegen das Gesetz gefrevelt ward. - Was hat der
Justitiarius gethan?
    Der Caplan, der sich zurckgewiesen sah und dies fr sich und mehr noch fr
die heilige Sache, der er diente, schwer empfand, lie den Freiherrn seine
Antwort eine kleine Zeit erwarten. Dann sagte er: Bei dem wsten Angriffe, den
man auf unsere unglcklichen Glaubensgenossen richtete, bei der Pltzlichkeit
und Wildheit, mit der Alle zugleich ber die Beklagenswerthen herfielen, war es
nicht zu sagen, wer die That verbt. Jeder konnte, Niemand wollte der Mrder
sein, und noch hatte der Justitiarius nichts entschieden, als Steinert von
seinem Ausfluge zurckkam. Mit Einem Blicke bersah er, was geschehen war, mit
Einem Satze war er vom Pferde, und rasch den Stephan aus Neudorf bei der Brust
fassend, rief er: Wer's gethan hat, das wei in diesem Augenblicke Gott allein,
aber sein Theil Schuld wird dieser hier an all dem Unheil haben, denn ich habe
sie oft genug von ihm gehrt, die Redensarten gegen den Kirchenbau und gegen die
Fremden und die Franzosen. Er wird auch jetzt wieder der Anfhrer gewesen sein!
Fhrt diesen hier vor allen Dingen weg, und dann wollen wir weiter sehen; das
Uebrige wird sich finden!
    Und was dann? fragte der Freiherr, dessen Miene sich belebte, da er hrte,
da eine entschlossene Hand ber die Aufrhrischen gekommen war.
    Steinert selbst bergab dann Stephan den beiden Amtsboten; in dem Bestreben,
sich zu rechtfertigen, zieh der Verhaftete Andere der Schuld, und auch diese hat
man festgenommen; es sitzen ihrer acht. Murrend und drohend gingen die Mnner,
weinend und schreiend gingen die Weiber aus einander. Steinert eilte nach
Neudorf in die Pfarre. Ich war nicht im Stande, meine Reise an dem Nachmittage
fortzusetzen, und htte ich es vermocht, so wre es doch nicht zulssig gewesen.
Ich mute bleiben, um die Stelle zu weihen, wo die Erschlagene ruhen sollte, und
um sie zu bestatten, und in Beidem habe ich keine Strungen erlitten. Ich habe
ihr Grab in der Nhe des zertrmmerten Standbildes graben lassen, damit die
Leute es auf ihrem tglichen Wege vor den Augen haben.
    Der Caplan schwieg, der Freiherr hatte sich niedergelassen und den Kopf auf
die Hand gesttzt. Er schauderte zusammen, aber er sagte nicht, was ihn bewegte,
bis er sich pltzlich mit dem Ausrufe: Gleich morgen mu ich hin, gleich morgen!
von seinem Sessel erhob.
    Um Ihre Rckkehr zu bitten, hatten sowohl Steinert als der Justitiarius mir
auch aufgetragen! meldete der Caplan, indem er gleichfalls aufstand.
    Und weshalb das? fragte der Freiherr.
    Um zu begnadigen, wo jene nur Gerechtigkeit zu ben htten!
    Der Freiherr blieb vor ihm stehen. Und Sie wrden mir rathen, dem Gesetze
vorzugreifen? Sie wrden der Meinung sein, da ich durch schwache Nachgiebigkeit
hnlichen Freveln Thr und Thor ffne?
    Ich wrde die hchste Strenge fr den bewuten Urheber des Frevels fordern
und Gnade ben ....
    Der Freiherr fuhr auf. Strenge fordern, wo ich nicht zu richten habe, und
freveln lassen, wo ich Herr bin? - Nein, Caplan! Ich gehe nach Hause, morgen -
aber sie sollen sich meiner Rckkehr nicht zu freuen haben, sie sollen sehen,
da ich der Herr bin!
    Der Caplan versuchte, Einspruch zu thun, des Freiherrn Ansicht umzustimmen,
aber es gelang ihm nicht.
    Ueberzeugung gegen Ueberzeugung! sagte der Freiherr. Sie folgten Ihrem
Gewissen, als Sie sich an den Frstbischof wandten, ich folge dem meinigen,
indem ich mich meines Rechtes bediene, mir selber Recht schaffe, und ich mu der
verruchten Rotte zeigen, was sie vor meinem Willen und Belieben gilt! Aber vor
allen Dingen mu ich die Herzogin sehen! - Und der Thre zuschreitend, sprach er
zu sich selber: Das ist ein schwerer, schwerer Gang!

                                Neuntes Capitel


Der Tod und das gewaltsame Ende ihrer Kammerjungfer erschtterten die Herzogin
nicht in dem Grade, in welchem der Freiherr es gefrchtet hatte. Die Revolution
mit ihrer Schreckensherrschaft hatte die Menschen ihres Landes hart gewhnt, und
die Herzogin hatte mehr verloren, hatte unter dem Beile der Guillotine
zahlreiche Opfer fallen sehen, die einen anderen Anspruch an ihr Herz und an ihr
Mitgefhl gehabt, als ihre Dienerin, wie sehr dieselbe ihr auch ergeben und
bequem gewesen war. Htte die Herzogin sich in Richten befunden, htte sie heute
die Dienste von Mademoiselle Lise empfangen und sie morgen entbehren, morgen
mhsam einen Ersatz fr sie suchen mssen, so wrde sie ihren Verlust
schmerzlicher bedauert haben und von dem Ereignisse mehr ergriffen worden sein.
So aber bte die Entfernung ihre abschwchende Kraft. Die Herzogin hatte daneben
die Bemerkung gemacht, da die junge Kammerjungfer der Baronin eben so brauchbar
und weniger launenhaft als die alte Mademoiselle Lise sei, und die Herzogin
machte niemals einen unntzen Gefhlsaufwand, wo sie nicht etwas Bestimmtes
damit zu erreichen dachte. Sie nannte die Todte ein Opfer ihres frommen
Glaubens, eine arme Martyrin, und kaum hatte sie diese Bezeichnung fr sie
gefunden, als sie dieselbe mit so viel Leichtigkeit handhabte, als wre es der
Eigenname der Erschlagenen gewesen. Sie war mit jedem Ereignisse fertig, sobald
sie die Form gefunden hatte, in der sie es betrachten und den Anderen darstellen
wollte, und wichtiger als alles Uebrige war ihr jetzt die Frage, ob sie den
Freiherrn nach Richten begleiten oder in der Stadt zurckbleiben solle, um erst
mit Angelika nach deren erfolgter Herstellung auf das Land zu gehen.
    Da man der Kranken den Vorfall in Richten verbergen msse, verstand sich
von selbst. Inde fr die pltzlich beschlossene Abreise des Freiherrn mute man
ihr doch Grnde angeben, und whrend man berlegte, was man ihr sagen sollte,
ging die Herzogin mit sich selbst zu Rathe. Angelika hatte seit ihrem Erkranken
sich weniger als sonst die Mhe genommen, den Anschein eines guten Einvernehmens
zwischen sich und ihrem Gaste aufrecht zu erhalten. Die Frauen sahen sich oft in
mehreren Tagen nicht; wenn die Herzogin sich entfernte, wurde also in ihrem
Verhltnisse zur Baronin nicht eben viel verndert. Sie hatte neben ihr nicht zu
gewinnen und nicht zu verlieren, aber dem Freiherrn konnte sie ihre Freundschaft
beweisen, wenn sie sich erbot, ihn in einem Augenblicke zu begleiten, in welchem
widerwrtige Ereignisse und unangenehme Pflichten ihn in Anspruch nahmen.
    Whrend er es noch mit gewohnter Rcksicht berdachte, wie er in seiner
Abwesenheit am besten fr das Behagen der Herzogin sorgen knne, hatte diese
ihren Entschlu gefat, und sanft ihre Hand auf seinen Arm legend, sagte sie:
Heute, mein Freund, behandeln Sie mich nicht nach meiner Wrde, denn nicht nur
in der Ehe, auch in der Freundschaft verbindet man sich fr gute und fr ble
Tage. Sie knnen nicht glauben, da ich hier verweilen werde, wo ich Niemandem
von Nutzen bin, und da ich Sie allein nach Richten gehen lasse, wo es mir
vielleicht doch hier und da gelingt, Ihnen mit meinem Geplauder ber eine
verdrieliche Stunde fortzuhelfen, und wo Sie an mir wenigstens eine
verstndnivolle Zuhrerin besitzen, wenn Sie sich zu irgend welchen
Mittheilungen aufgelegt fhlen. Das mu feststehen unter uns, da ich Sie jetzt
begleite, und ich meine, auch unsere Kranke wird den Caplan ruhiger bei sich
behalten, wenn sie wei, da Sie, mein Freund, dehalb nicht ohne Gesellschaft
bleiben mssen.
    Der Freiherr, der wie gar viele Menschen jedes Opfer, welches ihm die
Seinigen brachten, als selbstverstndlich ansah, aber die geringste
Geflligkeit, welche ihm von Fremden bewiesen ward, hoch anzuschlagen liebte,
weil er darin eine doppelte Befriedigung seiner Eitelkeit fand, nahm das
Anerbieten der Herzogin mit warmer Erkenntlichkeit auf und an, und nachdem man
sich ber diesen einen Punkt verstndigt hatte, legte alles Uebrige sich leicht
zurecht. Man sagte der Baronin, da eine schwere Krankheit von Mademoiselle Lise
den Caplan so lange in Richten zurckgehalten habe, da die Kranke nach der
Herzogin verlange, und da diese sich bewogen fhle, den Wunsch ihrer
vieljhrigen Dienerin zu erfllen. Allein reisen konnte man die Herzogin nicht
lassen, und da der Caplan eben erst angekommen, der Freiherr aber lange von
Richten entfernt war, so lag es nahe, da der Letztere die Herzogin nach Hause
geleitete und da er den Vorschlag that, auch Renatus mit sich zu nehmen, fr
welchen man den Aufenthalt in der Stadt bei der heien Jahreszeit nicht
vortheilhaft glaubte.
    Die Baronin zeigte sich mit dieser Einrichtung einverstanden, ja, sie selber
machte den Vorschlag, der Herzogin ihre Kammerjungfer ein fr alle Mal
abzutreten, da sie sich knftig von Mamsell Marianne bedienen zu lassen dachte,
und Seba hatte kaum davon gehrt, als sie sich erbot, die Pflege und Wartung der
Baronin ausschlielich ber sich zu nehmen, bis Marianne, die man sogleich
benachrichtigen wollte, aus der Residenz bei ihrer Herrin eintreffen wrde.
Inde dem Freiherrn wollte das nicht gefallen. Er war gerecht genug, die Dienste
zu schtzen, welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte, aber er konnte den
Zusammensto nicht vergessen, den er um Paul's willen mit Seba gehabt.
Allerdings hatte ihr ruhiges und gleichmiges Betragen ihm spter keinen Grund
zum Mifallen gegeben, und wenn er die Angelegenheit nur von Seiten der
Bequemlichkeit betrachtete, so konnte er es gar nicht besser wnschen. Beide
Frauen, die Herzogin und Angelika, wurden zufrieden gestellt, beide wute er
bedient, wie sie es bedurften, die Abreise brauchte durch die Wahl einer
Kammerjungfer fr die Herzogin nicht um eine Stunde verzgert zu werden, und man
hatte fr die Zukunft eine angemessene Verwendung fr Marianne gefunden, whrend
man den Aufwand fr die Bedienung der Baronin sparte. Aber mit der
fortschreitenden Erholung seiner Frau regte sich in dem Freiherrn ein immer
lebhafteres Bedenken dagegen, sie berhaupt in dem Hause des Juweliers zu
lassen, weil Herbert in demselben wohnte.
    Er hatte augenblicklich daran gedacht, als die Baronin erkrankte, aber er
hatte Herbert abwesend gewut und sich damit beruhigt, da Angelika das Haus
verlassen haben werde, ehe jener in dasselbe wiederkehre. Nun, da er seine
Gattin allein zurcklassen sollte, mute er sich fragen, ob sie von jenem
Umstande Kenntni habe, ob und in wie weit Seba von den obwaltenden
Verhltnissen unterrichtet sei und in wie fern er sich auf ihre Zurckhaltung
verlassen knne. Mit Angelika jetzt von Herbert zu sprechen, hielt er nicht fr
rathsam, gegen die Flies'sche Familie irgend eine Abmahnung zu uern, htte ihm
eine Beleidigung seiner eigenen Ehre gednkt, und nachdem er in seinem Geiste
das Fr und Wider schnell erwogen, gab ein Blick auf die Gestalt Angelika's fr
seine Entscheidung den Ausschlag.
    Er hatte immer nur von der baldigen und vlligen Herstellung seiner Frau
gesprochen, weil es ihm thricht dnkte, sich unabweisliche Trbsal im Voraus zu
vergegenwrtigen, aber jetzt, da er seine Entschlsse danach zu fassen hatte,
verbarg er sich es nicht, was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mgen: Angelika
hatte keine vllige Herstellung zu erwarten, er hatte von der Zukunft dieser
Frau nicht viel zu hoffen, nichts mehr zu befahren. Er konnte und mute ihr zu
seiner eigenen Genugthuung gewhren, was sie wnschte, was sie freute. Er gnnte
ihr also auch die Gesellschaft Seba's, er gnnte ihr den Aufenthalt im
Flies'schen Hause, in dem man zu grerer Beruhigung der Scheidenden auch dem
Caplan ein Unterkommen anbot, und zufrieden, sich allen Theilen gefllig zeigen
zu knnen, durfte der Freiherr sich das Zeugni geben, da er unter diesen
Umstnden das Richtige thue, wenn er Angelika der Pflege Seba's berlasse, und
sich getrsten, da er auch in Richten das Nothwendige und Rechte zu thun nicht
versumen werde.
    Die Zurstungen fr die bevorstehende Abreise wurden denn nun schnell
gemacht, und da die Baronin zuversichtlich hoffte, da sie in nicht zu ferner
Zeit den Scheidenden werde folgen knnen, trennte sie sich von ihrem Gatten und
selbst von ihrem Sohne weniger schwer, als man es fr sie gefrchtet hatte.
    Sowohl fr den Freiherrn als fr die Herzogin waren die Ereignisse traurig
genug, welche ihre Abreise aus der Stadt veranlaten, und doch athmeten beide
freier auf, als sie sich auf dem Wege fanden. Keiner von ihnen vermite die arme
Kranke, jeder von ihnen fhlte sich fern von ihr erleichtert. Der Freiherr hatte
doch gar manche Stunden, in denen er es sich nicht wegleugnen konnte, da er,
von aufgestachelter Eifersucht verblendet, eine schwere Ungerechtigkeit gegen
seine Frau begangen habe, welche sie mit einer Ergebung trug, die ihm dieses
Unrecht bestndig ins Gedchtni rief. Es kamen Augenblicke, in welchen er die
Trennung, die er freiwillig und vermessen ber sich und seine Frau verhngt
hatte, als einen unheilvollen Schritt beklagte, und in denen Gewohnheit und
aufwallende Neigung ihn zu ihr ziehen wollten; aber wo in einer Ehe
selbstschtiger Stolz einmal die Alles umfassende und tragende Liebe
zurckgedrngt hat, wo das volle Vertrauen einmal anbrchig geworden ist, da
flchtet die kleinste Mihelligkeit sich in den Ri, nistet sich ein, schlgt
Wurzel und wchst mit der nchsten noch unbedeutenderen Mihelligkeit zusammen,
bis sie stark genug werden, den Ri zu erweitern, und der Bruch wird vollends
unheilbar, wenn, wie in dem freiherrlichen Hause, ein scharfes Auge und eine
geschickte Hand bereit sind, dem natrlichen Lauf der Dinge arglistig
nachzuhelfen. Der Freiherr wute, da seine Gattin unglcklich war, er fhlte
sich auch nicht glcklich, aber die Herzogin verstand es, jede der Baronin
gnstige Stimmung in dem Freiherrn entweder zu verbittern oder zu unterdrcken,
und was im Beginne nur ein miges Spiel fr sie gewesen, war ihr allmhlich zum
Lebenszweck geworden.
    Sie hatte am Anfange weder fr den Freiherrn noch fr Angelika eine
besondere Vorliebe gefhlt, aber die Leichtigkeit, mit welcher dieser sich fr
ihre selbstschtigen Zwecke benutzen und ausbeuten lie, und das heimliche
Widerstreben gegen ihren Einflu, das zu allen Zeiten immer wieder in der
Baronin rege geworden war, bis es sich zu einem entschiedenen Mitrauen und
einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die Herzogin gesteigert, hatten auch
die Empfindungen der letzteren bestimmt, und sie fand ein Wohlgefallen daran, es
sich auszusprechen, da sie ihrem guten Vetter, dem Freiherrn, eben so ergeben
sei, als sie dessen krnkelnde, empfindsame und fr ihn in keiner Weise passende
Gemahlin hasse! Ja, dieser Ha war ihr zum eigentlichen Genusse geworden, weil
er eine starke, mchtige, sie immer belebende und antreibende Empfindung war.
Sie liebte, sie pflegte diesen Ha in sich.
    Es versetzte sie in die beste Laune, nun einmal aller Rcksichtnahme fr
Angelika enthoben zu sein, und auch der Freiherr fand es leichter und
angenehmer, die geistreiche, witzige, mit allen Dingen leicht und schnell
fertige Herzogin zu unterhalten, als eine Kranke neben sich zu haben, deren
kummervolles Herz, deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenstnden abziehen
lieen, mit denen sie erfllt und beschftigt waren.
    Das Wetter war schn, die Gegend, durch die man fuhr, zeigte sich im
gnstigsten Lichte, die Unbequemlichkeiten, welche das Reisen in jenen Tagen
immer noch mit sich brachte, wurden bei der guten Jahreszeit wenig fhlbar, und
die Herzogin hatte in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und
Entbehrungen ertragen lernen, da diese Reise an des Freiherrn Seite ihr in der
That Vergngen bereitete. Seine Zuvorkommenheit und ihre Dankbarkeit, seine
Galanterie und die heitere Gefallsucht, die geistvollen Frauen nie verloren geht
und sie selbst im spten Alter den Mnnern noch zu erwnschten
Gesellschafterinnen macht, steigerten sich an einander, und ihre
Gleichaltrigkeit lie sie beide immer leicht vergessen, da die Tage der Jugend
so fern hinter ihnen lugen. Der Freiherr betraf sich mehrmals bei dem Bedauern,
da er der Herzogin nicht vor zwanzig, vor fnfundzwanzig Jahren so nahe
gestanden habe als jetzt; auch sie selber dachte daran, da es sich mit einem
Manne von den Eigenschaften des Freiherrn wohl htte leben lassen, wenn er ihr,
wie ihr Gatte, einen Herzogstitel zu bieten gehabt htte; und wie die Kindheit
es liebt, sich spielend in das Alter der Erwachsenen hinein zu denken, so
gefielen die Reisenden sich darin, von ihren Erinnerungen die hellen Farben der
Jugend zu entlehnen, um sich mit ihnen vor sich selbst zu schmcken. Sie
spielten mit einander Jugend, wie die Kinder Alter spielen, und auf das beste
unterhalten durch den Selbstbetrug, einander noch mehr angenhert als je zuvor,
schwanden die Reisetage ihnen so anmuthig dahin, da der Freiherr fast des
Anlasses verga, der ihn in die Heimath zurckgerufen hatte.
    Inde mit der Annherung an seine Grenzmark konnte er sich der Gedanken, die
er gern geflohen, doch nicht mehr entschlagen, und die Herzogin bemerkte, wie er
still und stiller wurde. Es war spt am Nachmittage, als sie den Wald
erreichten, der sich von der Grenze bis nach Neudorf hinzog. Die Hitze war
whrend der letzten Wochen sehr gro gewesen; die Sonne stand noch hoch. Wie mit
rothem Golde bergossen, glhten die braunen Stmme der Kiefern, und ber ihren
breiten, grnen Dchern, auf ihren leuchtenden Wipfeln flammte das heie Licht.
Kein Lufthauch strte die Stille in dem weiten Walde, dessen mchtige, schlanke,
von ihren reichen Kronen berwlbte Stmme sich wie die Hallen eines Tempels
weithin vor den Reisenden ausdehnten. Man meinte es zu sehen, wie die brtende
Hitze den harzigen Stmmen ihren balsamischen Duft entlockte und wie aus den
einzelnen moorigen Wiesen, die sich zwischen dem Walde hinzogen, die letzte
Feuchtigkeit entwich. Lautlos flogen die Vgel von Zweig zu Zweig, nur die Kfer
summten, und langsam, wie beladen mit zu schwerer Brde, flogen einzelne Bienen
ber den Wagen hin, whrend hellfarbige Schmetterlinge ihm in gaukelndem Fluge
paarweise folgten.
    Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschftig den Wagen
zurckgeschlagen, und in dem Walde umherschauend, sagte der Freiherr, indem er
sich mit leichter Hand die Stirn trocknete: Ah, endlich auf eigenem Grund und
Boden, endlich in freier, heimischer Natur!
    Die Herzogin sah ihn an, als wolle sie sich berzeugen, ob er ernsthaft
spreche, und sagte dann lchelnd: Gewisse Dinge kann ich auch meinen ltesten
und besten Freunden immer nur mit Mhe glauben, und da Sie, mein Cousin, sich
wirklich an der rohen Natur erfreuen knnen, da es Ihnen Vergngen macht, das
Gras auf einer Wiese und das Wasser in einem Bache zu betrachten, davon werden
Sie mich nicht berreden. Ueberlassen wir das den Leuten, die, wie der Apostel
der Uncultur, wie der grillenhafte, unerzogene Rousseau, in der Gesellschaft
ihren Platz nicht zu behaupten und mit ihres Gleichen nicht zu leben verstehen.
Wir, die wir in unserer Vter Schlssern geboren wurden, dnkt mich, sind nicht
dazu gemacht, die Neigungen der gefiederten Waldbewohner und der in Htten
Geborenen zu theilen. Die Bewunderung der Natur ist mir ein zu brgerliches
Vergngen, ist revolutionrer, als es scheint, und ich fr meinen Theil - ich
fhle sie nicht!
    Der Freiherr, bei welchem solche Einflle der Herzogin sonst einen schnellen
Wiederhall fanden, nahm diesen nicht mit der erwarteten Bereitwilligkeit auf.
Das verdro sie; sie lehnte sich in die Wagenecke zurck, in der Gewiheit, da
ihr Reisegefhrte seine Unachtsamkeit bald zu vergten streben werde. Aber ihre
Voraussetzungen tuschten sie, und von der Wrme ermdet, von der sanften
Bewegung des Wagens gewiegt, lie sie die Augenlider sinken, und bald hatte der
Schlummer sie berwltigt.
    Dem Freiherrn kam das sehr gelegen. Seine Freude an dem eigenen Grund und
Boden whrte dieses Mal nicht lange. Schon als er nach der Stadt gefahren, hatte
er mit Mivergngen gesehen, wie stark die Waldungen mitgenommen waren. Grade
die mchtigsten Stmme, die Zierden und der Stolz des Waldes, waren mit diesem
Theile der Waldungen der unbarmherzigen Axt erlegen, und jetzt, wo er, von der
andern Seite kommend, in die Ferne sah, fand er die Gegend so verndert, da sie
ihm fast wie fremd erschien. Gleich am Eingange des Waldes konnte man die
Neudorfer Kirche, welche sonst erst am Ausgange desselben sichtbar gewesen war,
erblicken. Es nahm sich nicht bel aus; es mochte auch vortheilhaft sein, da
man das groe Terrain zur Seite des Weges gerodet hatte, denn es war schwerer
Boden, der nach gehriger Behandlung guten Ertrag versprach. Aber alle diese
Aenderungen waren nicht freiwillig gemacht; sie waren von einer Nothwendigkeit
geboten worden, und es war nicht mehr das heitere Auge des zufriedenen
Besitzers, mit dem der Freiherr auf den weiten, schnen Theil des Waldes
blickte, der nach den abgeschlossenen Contracten im nchsten Herbste auf Betrieb
des Kufers fallen mute. Er geno diese Natur nicht mehr rein, er berechnete
ihren Ertrag.
    Er konnte sich nicht verbergen, da er eine vllige Aenderung in seiner
Lebensfhrung eintreten lassen msse, wenn er erhalten wollte, was noch sein
war, wenn er auf Renatus vererben wollte, was er berkommen hatte. Aber wie er
auch darber sann, er fand nicht, da er ein Ungehriges gethan, er hatte immer
nur das von seinen Verhltnissen Geforderte geleistet, und er war so vllig mit
seinen Gewohnheiten und Anschauungen verwachsen, da ihm eine wirkliche
Einschrnkung unmglich dnkte. Da ein Edelmann von Haus und Hof vertrieben,
wie seine Freundin heimathlos und flchtig werden knne, das begriff er, und
fast duchte ihm dieses Loos ertrglicher, als inmitten seiner Standes- und
Lebensgenossen von seinen Gewohnheiten abzuweichen, oder eine Stufe von der Hhe
hinunter zu steigen, auf welcher die Herren von Arten sich hierlands seit
Generationen behauptet hatten. Er wiederholte es sich, da er in seinem vollen
Rechte sei, er versuchte endlich, sich es klar zu machen, da im Grunde gar
nichts geschehen sei, ihn zu beunruhigen; denn was war es denn so Wichtiges, da
man ein altes, unbehagliches Haus verkaufte, oder da man Wlder ausschlagen
lie, um die Mittel fr einen groartigen Bau und fr neue Cultivirungen zu
schaffen? Man konnte in der Residenz, wenn man es wollte, ein schneres,
bequemeres Haus erbauen, und die Herrschaft hatte des Waldes von allen Arten
noch genug. Inde wie oft er sich dies Alles auch wiederholte, es wollte ihm das
Wohlgefhl nicht wiedergeben, mit welchem sonst der erste Schatten seines Waldes
ihn erfllt, und es waren lauter unerfreuliche Bilder, lauter trbe
Vorstellungen, die sich in seinem Geiste entwickelten.
    Ein scharfer Luftzug schreckte ihn aus denselben empor. Er wurde achtsam,
die Sonne schien nicht mehr durch das Laub. Er hrte den Ton des Regenpfeifers,
und nicht fern vom Wege klopfte und hmmerte der Specht. Das Wetter hatte sich
gendert, whrend sie durch den Wald gefahren waren. Es berlief den Freiherrn
frstelnd. Auch in seiner Seele klopfte und mahnte es heute gar vernehmlich, und
sich in seinen leichten, weien Reisemantel hllend, sagte er halblaut und
seufzend zu sich selber: Es ndert sich eben Alles; es whrt hienieden nichts! -
Aber er unterdrckte die Gedankenreihe, welcher der Ausruf entsprungen war, wie
jene, welche sich an ihn knpfen wollte.
    Von dem Luftwechsel erwachte die Herzogin. Man hatte das freie Feld
erreicht; einzelne Dohlen schwangen sich mit versuchendem Flgelschlage von dem
Boden auf, hoben die Kpfe, als wollten sie sehen, woher der Wind komme, und
flogen dann dem Walde zu. Krchzend und mit schallendem Flattern folgte ihnen
die ganze Schaar. Wir bekommen ein Gewitter, sagte der Freiherr; die Krhen
suchen Schutz. Aber ich hoffe, da wir Richten noch erreichen, bevor das Wetter
aufkommt.
    Die Kutscher trieben die Pferde an, man fuhr schnell an den Gegenstnden und
an den Menschen vorber. Auf den Wiesen war Alles in voller Thtigkeit; man war
in der Heu-Ernte und hastete sich bei dem heraufziehenden Wetter, wenigstens die
wartenden Wagen noch voll zu laden, um sie womglich trocken unter Dach zu
bringen. Trotzdem erregte das Erscheinen der beiden Reisewagen ein groes
Erstaunen. Niemand war von der Heimkehr des Freiherrn unterrichtet gewesen, und
man hielt erschrocken mit der drngenden Arbeit inne. Die Mtzen flogen bei dem
Anblicke des Freiherrn mit gewohnter Unterthnigkeit von den Kpfen, aber die
Gesichter lachten nicht so freudig wie sonst, wenn der Freiherr nach lngerer
Abwesenheit heimzukehren pflegte. Man fragte einander, was diese unerwartete
Ankunft zu bedeuten habe, aber man war nicht begierig, die Antwort des Befragten
zu vernehmen; und da die Herzogin bei dem Freiherrn sa, whrend die Baronin
nicht mitgekommen war, das steigerte die unheimliche Angst, von welcher die
Leute sich in der Erinnerung an ihre Missethat ergriffen fhlten.
    Jeder Einzelne wollte nicht gern besonders wahrgenommen werden, sondern trat
lieber hinter seinen Nebenmann zurck; denn sie dachten, wen der Herr ins Auge
fasse, auf den richte sich sein Verdacht so wie sein Zorn. So geschah es, da
die Leute, Alt und Jung, zurckwichen, wo des Freiherrn Wagen vorberfuhr, und
sein scharfes Auge bemerkte das und wute es zu deuten. Man frchtete in ihm den
Richter, das sollte und mute so sein. Er war nach Hause gekommen, um strenges
Gericht zu ben, aber nichts desto weniger kam es ihm bitter an, denn er fhlte
sich dadurch von den Leuten geschieden, die er bis dahin gewissermaen mit sich
Eins gewut hatte, und ihre scheuen, mitrauischen Blicke mifielen ihm.
    Im Pfarrhause sa die Pfarrerin wie immer am Fenster in dem groen
Lehnstuhle; sie sah hinaus, als sie die Wagen kommen hrte, aber sie fuhr
schnell mit dem Kopfe zurck, und als man an dem Hause vorberkam, war sie
verschwunden.
    Jetzt wird der Herr Pfarrer von Ihrer Rckkehr unterrichtet, bemerkte die
Herzogin, und er wird keine Hymne singen, wenn er sie erfhrt.
    Gewi nicht, entgegnete der Freiherr, aber ich finde es unangenehm,
Schrecken zu erregen und Furcht einzuflen.
    Trsten Sie sich mit dem Sturme, der ber das Land fhrt. - Er erschreckt
uns auch, aber wir beugen uns seiner Gewalt und er befreit die Luft, damit wir
ungehindert und frei in ihr athmen.
    Er antwortete ihr nicht. Man hatte den Wagen und die Fenster schlieen
mssen. Wie Binsen bogen sich die jungen Bume zu beiden Seiten der Landstrae
unter dem schweren Drucke des Sturmes, der Himmel verdsterte sich mehr und
mehr, die dunklen Wolkenmassen rckten einander nach jedem Windstoe nher,
ballten sich zusammen, senkten sich tiefer hinab, und wirbelnd flogen die hohen
Staubsulen empor, wo der Wind den ausgedrrten Boden berhrte. Bisweilen hrte
man fernen Donner rollen, und dann zuckte es hell durch die dunkle Luft, da man
nicht wute, ob ein Sonnenstrahl noch einmal seinen Weg durch die Wolken
gefunden oder ob es der Blitz sei, der die Gegend erhelle. Das Wetter drohte
sehr schwer zu werden, und Jedermann hat es auf dem offenen Lande zu frchten,
wenn das Gewlk sich grnlich frbt, als berge es den zerschmetternden und
vernichtenden Hagel in seinem Schooe.
    Vor der Kirche in Rothenfeld lie der Freiherr das Fenster herunter. Ein
Blick lie ihn Alles bersehen. Vorn, dicht an dem eisernen Gitter, erhob sich
der Grabhgel, welcher die Reste von Mamsell Lise umschlo. Von dem Crucifixe
war der rechte Flgel mit dem Arme des Heilandes heruntergeschlagen; ohne Kopf,
die Hnde verstmmelt, knieete die Berin zu seinen Fen. Der Freiherr mochte
den Gruel nicht sehen, die Herzogin war bla geworden und bi die Lippen
zusammen. Sie sprachen beide nicht.
    Im Amte liefen ein paar Knechte umher, die Fensterladen und Thorflgel
festzuhaken, whrend der Hirt die eilende Schafheerde in den Hof trieb. Oben in
ihrer Stube schlo Eva das Fenster, aber sie konnte es nicht gewltigen, und es
bog sich ein Mann heraus, ihr Hlfe dabei zu leisten. Der Freiherr erkannte ihn,
es war Herbert. Der Caplan hatte ihm nichts von dessen Anwesenheit berichtet, er
mochte vielleicht auch erst nach der Abreise des Geistlichen in Rothenfeld
eingetroffen sein, und es war natrlich, ja, sogar gefordert, da er sich hier
aufhielt, da er im Amte wohnte. Der Freiherr wrde unzufrieden gewesen sein,
htte er den Baumeister nicht bei seinem Werke gefunden, und er war nun eben so
unzufrieden, ja, noch unwilliger darber, als er ihn eben da erblickte, wo er
hin gehrte. Es war fr den Freiherrn nicht mehr herauszukommen aus dem Mimuthe
und aus den Verdrielichkeiten, und rgerlich sagte er zu sich selber: Mag er
sein, wo er will, heirathen soll er nicht, ehe er seine Arbeit hier vollendet
hat und so lange die Steinerts in meinem Dienste stehen!
    Je mehr er an innerer Ruhe verlor, je mehr er sich aus seinem gewohnten
Gleichmae herausgerissen fhlte, um so reizender wurden ihm die Macht und die
Gewalt, ber die er zu verfgen hatte, und whrend ihm noch vor einer halben
Stunde die Scheu, mit welcher man ihn empfing, einen betrbenden Eindruck
erzeugt hatte, fing er jetzt mit einem ihm bis dahin vllig fremden Vergngen zu
berlegen an, wie er die Missethter strafen, wie er sie entgelten lassen wolle,
da sie sich gegen seinen Willen aufgelehnt und Hand angelegt hatten an das
Heiligthum, das er errichtet.
    Der Regen strmte vom Himmel, es blitzte nicht, aber ein elektrisches Feuer
flammte zitternd durch die ganze Luft, als die beiden Reisewagen in das groe
eiserne Gatterthor einfuhren, rasch die Allee durchflogen und auf der Rampe vor
dem Portal hielten. Die Diener sprangen von ihren Sitzen, triefend und mit
nassen Hnden hoben sie Renatus aus dem Wagen, die Bonne und die Kammerjungfer
folgten, und vorsichtig half der Freiherr selbst der Herzogin auszusteigen und
die Stufen zu berschreiten, welche der wolkenbruchartige Regen schnell unter
Wasser gesetzt hatte.
    Im Schlosse war Alles in der grten Bestrzung. Es war noch niemals
vorgekommen, da der Freiherr in solcher Weise, ohne sich anzumelden, nach Hause
zurckgekehrt war. In den Zimmern hatte man, weil man Hagel besorgte, der
Vorsicht wegen die Lden geschlossen, die Mbel waren whrend der Abwesenheit
der Herrschaft mit Decken verhllt, die Dienerschaft hatte es sich in ihren
Rumen bequem gemacht und mute erst zusammengeholt werden. Es waren natrlich
gar keine Vorkehrungen fr die gewohnte Bequemlichkeit der Herrschaften
getroffen, und whrend Alles durch einander lief und Jedermann sich hastete, um
zur rechten Zeit ein Abendbrot bereit zu haben und die Zimmer wohnlich
herzustellen, hielt man doch die aus der Stadt zurckkommende Dienerschaft, wo
man ihrer habhaft werden konnte, fest, um in aller Eile zu erfahren, was es
bedeute, da die Baronin nicht mitgekommen sei, um zu fragen, wie der Freiherr
die Nachrichten aus Rothenfeld und Neudorf aufgenommen, und um es mit
unglubigem Erstaunen zu vernehmen, da die kranke Baronin noch immer bei den
Juden wohne, bei denen der Unfall sie betroffen; da die Tochter dieser Juden
ihre Pflegerin und ihre Herzensfreundin sei, da der Freiherr sein Haus in der
Residenz verkauft habe, und da die alte, spukhafte Mamsell Marianne zur
Bedienung der Baronin nach Richten berufen worden, weil die Kammerjungfer jetzt
die Stelle der franzsischen Mamsell bei der Herzogin vertreten solle, was ihr
auch nicht an der Wiege vorgesungen sei. Dazwischen lie man ahnen, da es die
Baronin sicherlich nicht weit in Jahren bringen werde. Der Kammerdiener
vertraute dem Secretr, da der Doctor sie eigentlich aufgegeben habe, und wenn
die Frau Baronin ihre Augen schliee, dann wolle er nicht hinsehen.
    Der Secretr fragte, ob er es denn fr mglich halte, da der Freiherr ....
er sagte nicht zu Ende, was er dachte.
    Der Kammerdiener antwortete, man msse sie kennen, wie er; sie sei falsch
und schlau, wie kein Mensch es sich nur denken knne. Auch er nannte keinen
Namen, und doch meinte nach einer halben Stunde Einer wie der Andere im
Schlosse: nur davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren, und das werde der
Freiherr auch nicht thun. -
    Drauen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit, aber selbst die
alte, schreckhafte Beschlieerin, welche es sonst nicht leicht versumte, bei
solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr Vaterunser zu beten, merkte heute gar
nicht, was um sie her geschah. Die berraschenden Neuigkeiten, das Verwundern,
das Vermuthen und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar in Beschlag; denn
wie allen Menschen von beschrnktem Gesichts- und Gedankenkreise verschwand
ihnen vor dem Nchsten, das sie beschftigte, die ganze brige Welt, und es
htte eines Erdbebens bedurft, um das Hauspersonal von dem Erstaunen ber die
pltzliche Ankunft der Herrschaft und von der Frage, was denn nun kommen und
geschehen werde, abzuziehen.

                                Zehntes Capitel


Einsam und verdstert ging der Freiherr in seinen Gemchern umher. Er hatte die
weiten Rume sonst immer gern gehabt, heute waren sie ihm zuwider. Sie kamen ihm
leer vor. Er begab sich nach dem Flgel, den seine Frau bewohnte; dort war noch
Alles zugeschlossen. Er kehrte also wieder um, er wute auch selbst kaum, was er
dort gewollt. Im Vorbergehen trat er bei Renatus ein. Der Knabe war ganz von
dem Wiedersehen seines Hundes hingenommen, hatte seine Spielgerthschaften
ausgekramt und achtete wenig auf den Vater. Der Freiherr verweilte nur kurze
Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in seinen Zimmern allein.
    Es berfiel ihn eine marternde Unruhe. Sein Schlo schien ihm wie
ausgestorben. Er hatte geglaubt, allen Zusammenhang mit der Baronin verloren zu
haben, jetzt fehlte ihm die unsichtbare Frsorge, mit der sie ihn umgab, ohne
da er ihr Eingreifen und Thun gewahrte; ihm fehlte eben so die Nhe des
Caplans, so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Vertrauen gesehen; es
fehlte ihm eben Alles, selbst der Pendelschlag der Uhren, den er zu hren
gewohnt war. Sie waren alle abgelaufen. Er ging sie selber aufzuziehen. Es war
eine Mhe, die er sich sonst nie zuvor gegeben, aber er mute etwas thun, um das
unheimliche Gefhl der Vereinsamung zu berwinden. Er kam sich wie ein irres,
ber den Ruinen seines eigenen Daseins wandelndes Gespenst vor, und pltzlich
dachte er mit Grauen der Tage, in denen einst Paulinens Gestalt ihn in diesen
Zimmern spukhaft umschwebt hatte. Dann wieder sah er die bleiche, hinsinkende
Angelika und den Knaben vor sich, der ihn mit so starrem, angstvoll flammenden
Blicke angesehen.
    Es war ihm, als presse die Luft in diesen Rumen, die ihm eben noch so leer
geducht, ihm Kopf und Brust zusammen, er mute die Fenster ffnen. Es regnete
noch immer, auch das Gewitter war noch nicht vorber. Die feuchte Khlung,
welche herein drang, erfrischte ihn, aber sie vermochte seine Ungeduld nicht zu
besnftigen. Er verlangte nach einer Ableitung fr dieselbe, und rasch seine
Hand erhebend, schellte er dem Diener. Es soll sogleich ein Bote nach Neudorf
reiten, befahl er, und den Pfarrer zu mir rufen!
    Es ist sechs Uhr vorber, gndiger Herr! bemerkte der Diener.
    Und? fragte der Freiherr, indem er ihn gebieterisch anblickte.
    Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend. Ehe der Reitknecht
sattelte und nach Neudorf kam, ehe der Pfarrer anspannen lie und in Richten
sein konnte, mute es halb neun Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode
sein.
    Er ist wie ausgetauscht! dachte der Diener, whrend er die Treppe
hinunterstieg, und es widerstrebte ihm, den Befehl zu berbringen; denn es war
sonst nie des Freiherrn Art gewesen, seine Untergebenen zur Unzeit zu bemhen
oder sie in ihren Feierstunden zu stren, und eben seine rcksichtsvolle
Menschlichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe und
Verehrung erworben.
    Er hatte den Diener auch kaum entlassen, als er sich selber die Berechnung
machte, wie er sich ein lstiges Erwarten einer lstigen Besprechung auferlegt;
inde er liebte es nicht, seine Befehle zu widerrufen, und um die langsam
schleichenden Stunden zu bewltigen, setzte er sich endlich an seinen
Schreibtisch nieder, die Postsendung zu mustern, welche fr ihn nach der Abreise
des Caplans in Richten angekommen war.
    Aber er hatte die Tasche kaum geffnet, als er die Zeitung und alles Uebrige
zur Seite legte, um ein Couvert zu betrachten, dessen Handschrift ihn in eine
lebhafte Ueberraschung versetzte. Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und
doch war sie ihm vertraut genug. Mit einer Hast, die gegen seine sonstige
Gemessenheit sehr abstach, erbrach er das Siegel, auf dem mit festem Drucke das
grflich Berka'sche Wappen ausgeprgt war, um den Brief zu lesen, den ersten
Brief, welchen sein Schwiegervater seit dem Familienzerwrfni an ihn richtete.
    Ich bin lange mit mir zu Rathe gegangen, schrieb der Graf, ob ich Ihnen
schreiben, oder mich auf den Weg machen sollte, Sie aufzusuchen; und nun ich
mich zu dem ersteren entschlossen, da ich Sie nicht zu berraschen und durch die
Gewalt des Augenblickes zu bestimmen wnschte, wei ich kaum noch, mit welchem
Namen ich Sie nennen soll. Wo sich nach einer langen, ungetrbten
Lebensgemeinschaft, die man von beiden Seiten als einen Vorzug zu schtzen
wute, ein Bruch aufthut, der durch viele Jahre offen bleibt, verndert die
Zeit, die uns in unserem eigensten Wesen umgestaltet, auch nothwendig die
beiderseitigen Verhltnisse, und kein Erfahrener kann an die Mglichkeit
glauben, das alte Band und die frheren Zustnde wieder zu finden oder wieder
herzustellen. Trotzdem mag es zwischen uns, wo die nchsten und heiligsten Bande
des Blutes ihre Ansprche geltend machen, vielleicht gelingen, sich in neuer
Weise und auf neuem Boden zu vereinigen, und ich biete Ihnen die Hand, lieber
Arten, um diesen Versuch zu machen.
    Ich verhehle Ihnen nicht, da ein bestimmtes Ereigni mir den nchsten Anla
zu diesem Briefe gegeben und den Entschlu, Ihnen eine Vershnung vorzuschlagen,
in mir zur Reife gebracht hat. Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag begangen,
und vorwrts blickend auf die Jahre, die mir noch gegnnt sein knnen,
zurckschauend auf den Weg, den ich gegangen bin, wird Alles einheitlicher,
sieht Alles sich milder und weniger ungewhnlich an.
    Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu knnen glaubte, den Abfall
von der Lehre, in der sie mit uns vereinigt war, und ihren Uebertritt zur
rmischen Kirche, das habe ich als eine Thatsache hinnehmen lernen, wofern sie
ihr Glck und ihren Frieden in ihrem neuen Bekenntnisse findet. In meines
Vaters Hause sind viel Kmmerlein, - mag sie weilen, wo ihr die Sonne am
wrmsten scheint. Sie ist um ihret-, nicht um meinetwillen in der Welt; sie ist
uns eine gute Tochter gewesen, sie ist Ihnen sicherlich eine wrdige Gattin
geworden. Glaubte sie dazu der kirchlichen Gemeinschaft mit Ihnen nthig zu
haben, so that sie vielleicht wohl, dieselbe zu suchen, und Gott wird ihr mit
seinem Troste nahe geblieben sein, in welcher Form sie sich auch zu ihm gewendet
hat, sofern nur ihr Streben ein Gott wohlgeflliges gewesen ist.
    Ich habe unsere Angelika, ich habe meine Tochter schwer vermit, als ich
gestern ein Decennium meines Lebens abschlo, und auch Angelika's Gedanken
werden bei mir gewesen sein. Ich und ihre Mutter haben die Hrte bereut, mit der
wir sie von uns gewiesen, unser tglicher Segenswunsch hat das
Verdammungs-Urtheil lngst entkrftet, das wir einst gegen sie gefllt, und ihr
eigenes Mutterherz wird sie gelehrt haben, da die Elternliebe zwar beleidigt,
aber nicht zerstrt werden, da sie irren, aber auch bereuen kann.
    Man sagt mir, Angelika sei krank, Sie htten sie nach der Stadt gebracht,
einen der dortigen Aerzte zu Rathe zu ziehen. Hat sie nicht verlangt, uns zu
sehen? Hat sie nicht daran gedacht, uns Kunde von sich zu geben? Und wollen Sie
uns dieselbe zukommen lassen, wenn Sie dieses Schreiben empfangen haben werden?
Ihre Mutter und ich sind in schwerer Sorge um sie.
    Unsere Glaubensstrenge hat den Bruch veranlat, der uns, mein theurer Arten,
so lange von unserem Kinde und von Ihnen, mein alter, werther Freund, entfernt
gehalten hat. An uns, die wir die Trennung verschuldeten, ist es daher, eben so
offen und unumwunden die Vershnung zu versuchen; und mich dnkt, diese
Erklrung kann und mu allen Ihren Anforderungen und Bedenken Genge thun. Es
ist ein Freund, der von Ihnen die alte Freundschaft, es sind Eltern, die von
Ihnen ihre Tochter wieder zu erhalten wnschen, Groeltern, die sich danach
sehnen, Ihrem Renatus die segnende Hand auf das Haupt zu legen. wir haben
Angelika's Sohn noch nicht gesehen.
    Meinem ltesten Sohn ist nach zwei Tchtern vor wenig Wochen der Erbe
geboren, der ihm und meinem Hause fehlte. Wir haben ihn an meinem Geburtstage
taufen lassen, die ganze Familie ist bei mir versammelt. Wollen Sie kommen, den
Kreis vollzhlig zu machen, in dem wir Sie entbehren? Oder verlangen Sie es,
fordert es Ihr Gefhl, erheischt es Angelika's Befinden, da wir Sie in Ihrer
Heimath suchen kommen? - Ich berlasse Ihnen die Entscheidung.
    Fr unsere Tochter fge ich von mir und ihrer Mutter nichts hinzu. Es gibt
Dinge, die ber das Wort erhaben, weil sie selbstverstndlich sind. Unsere
besten Wnsche, unsere Liebe, unser Segen sind mit ihr und mit Ihnen Allen! Und
so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusammenstehen, wie wir einst
zusammenstanden, als Verwandte und Freunde in Neigung und in anerkennender
Achtung.
    Der Freiherr las den Brief noch einmal, nachdem er ihn beendet hatte, und es
wre schwer gewesen, aus seinen Mienen die Wirkung zu erkennen, welche er auf
ihn machte, denn er konnte sich selber keine Rechenschaft darber geben. Freude
war es nicht, was er empfand.
    Die Dinge mssen zur rechten Zeit kommen, um uns angenehm zu sein! rief er
endlich im Selbstgesprche aus, whrend er sich von seinem Platze am
Schreibtische erhob und den Brief aus den Hnden legte.
    Wre dem Freiherrn ein solches Schreiben, ein solches Eingestndni und eine
solche Aufforderung zur Vershnung bald nach dem Zerwrfni dargeboten worden,
so wrde er sie ohne alle Frage bereitwillig und mit Freuden aufgenommen haben
und damals sehr zufrieden gewesen sein, in dem alten, gewohnten Geleise mit so
viel Zugestndnissen und Nachsichten, wie jedes Familienleben sie erheischt,
weiter fortzugehen. Aber das Zusammenleben innerhalb der Familie hat, weil es
kein sittlich frei gewhltes, sondern ein zufllig bestimmtes ist, als erstes
Bedingni die ununterbrochene Dauer, die duldsam machende und den Blick
beschrnkende Gewalt der langen Gewohnheit fr sich nthig. Werden diese
vermittelnden Elemente einmal zerstrt, ist der Zauber gebrochen, der uns ber
Charakterverschiedenheit, ungleiche Lebensansichten und Ueberzeugungen, der uns
ber Alles dasjenige leicht fortsehen machte, was uns an den uns angeborenen
Menschen strte und von ihnen im Grunde trennte, so ist auch die Schranke
aufgehoben, welche alle Theile innerhalb eines gewissen Gleichmaes zusammen und
einzelne derselben eben dehalb in ihrer freien und vlligen Entwicklung - im
Guten wie im Schlimmen - zurckgehalten hatte. Jeder nimmt dann frei den Weg,
den er bedarf, bildet sich persnlicher, eigenartiger aus; macht man spter
einmal wieder den Versuch, das Ungleichartige in die alten Bande und
Verhltnisse zurckzufhren, so ist dies eigentlich in Wahrheit niemals mglich,
und der alte Ausspruch, da man ber seinen Zorn die Sonne nicht untergehen
lassen solle, beweist sich als eine tiefe Weisheit, wofern man berhaupt eine
Herstellung der frheren Verbindungen ersehnt.
    Alle Eingestndnisse und Zugestndnisse, welche Graf Berka seinem
Schwiegersohne und alten Freunde in diesem Vershnungsbriefe machte, hatten fr
den Freiherrn nur etwas Peinigendes. Er war der Berka'schen Familie nun einmal
entwhnt. Es hatte in derselben bei groen Vorzgen, die er auch jetzt noch
anerkannte, immer eine gewisse Familienbeschrnktheit geherrscht; man hatte dem
Ergehen und Thun des Einzelnen eine viel zu groe Bedeutung beigelegt und damit
geringfgige Ereignisse zum Gegenstande weitlufiger Besprechungen und
unverdienter Theilnahme gemacht. Das war ihm auffllig erschienen, so lange er
auerhalb der Familie gestanden hatte, war ihm als Angelika's Verlobter ein
wenig lstig gewesen, und er hatte sich aus dieser bertriebenen Familienliebe
spter die Zge in Angelika's Charakter erklrt, die er als Empfindsamkeit und
als zu groe Ansprche an die Leistungen und Empfindungen der Anderen zu
bekmpfen fr nthig gehalten.
    Jetzt - er fuhr sich unmuthig mit der Hand ber die Stirn - jetzt kam diese
Vershnung ihm sehr ungelegen, und zurckweisen konnte, durfte er sie nicht,
wollte er nicht gegen Angelika, die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehrt hatte,
sie zu wnschen, ein Unrecht begehen, wollte er der Kranken nicht einen ihr
erwnschten Trost entziehen. Und selbst um der Meinung seiner Umgangsgenossen
willen mute er die dargebotene Hand seines Schwiegervaters freundlich zu
ergreifen scheinen! Aber je lnger er darber nachsann, um so schwerer und
unwillkommener dnkte ihm diese erneute Annherung.
    Er wute, wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin und ihre Ansprche und
Gewohnheiten mit denen der Berka'schen Familie zusammenstimmten. Es kam ihm
daneben nicht willkommen, die Berka's so nahe in seine Verhltnisse blicken zu
lassen. Er konnte sich denken, mit welchen Augen sie den Kirchenbau
betrachteten, welche Fragen der Graf, der in der eigenen Bewirthschaftung seiner
Gter groe Befriedigung fand und glnzende Erfolge erzielte, wegen der
Ausschlagung der Wlder und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richten
wrde. Es beunruhigte ihn, da seine Schwiegereltern gerchtweise von seinen
augenblicklichen Geldverlegenheiten, von dem Verkaufe des Hauses erfahren haben
knnten, und vor Allem dachte er mit Schrecken daran, wie sie die Tochter, die
er einst so blhend und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten, jetzt
wiederfinden muten.
    Er nahm den Brief noch einmal auf, aber er konnte sich nicht berwinden, ihn
noch einmal zu lesen, und ihn auf den Tisch schleudernd, rief er rgerlich: Ich
wollte, sie htten mich mit ihrer spten Vershnlichkeit verschont!
    Trotzdem mute er zu einem Entschlusse kommen, und rasch, wie man etwas
Lstiges abzuthun sucht, warf er mit fester Hand die folgenden Zeilen auf das
Papier:
    Empfangen Sie, theurer Freund, meinen nachtrglichen Glckwunsch zu Ihrem
Geburtstage, den wir doppelt zu segnen haben, da er Sie zu einer fr uns so
erwnschten Einsicht und Entschlieung gefhrt hat. Ich nehme die Vershnung,
welche Sie mir bieten, ohne alles weitere Errtern an, und meine Frau wird
glcklich sein, ihren verehrten Eltern die Hand kssen und ihren Segen wieder
empfangen zu knnen. - Leider war ich genthigt, da Geschfte mich hieher
riefen, sie unter der Obhut des Caplans noch in der Stadt zurckzulassen. Ein
Brustbel, dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres Sohnes zeigten und
in Zwischenrumen immer wieder bemerkbar machten, hat sich pltzlich entschieden
ausgebildet und sie vor wenig Wochen mir zu rauben gedroht. Auf dem Wege der
Genesung, ist sie der grten Schonung bedrftig, und ich bin eben dehalb noch
nicht im Stande, Ihnen, theurer Graf, und der Grfin, die ich meiner
aufrichtigen Ergebenheit zu versichern bitte, anzugeben, wie und wann ich meiner
Frau die Mittheilung Ihres Briefes werde machen knnen und in welcher Weise wir
unser Wiedersehen mit Ihnen einzurichten haben, damit es auf die Kranke nicht zu
erschtternd wirke. Ich hoffe, da ich Angelika in acht Tagen ihre Reise nach
Richten antreten lassen darf, und ich will noch heute den Caplan von Ihrem
Briefe in Kenntni setzen, oder besser ihm Ihr Schreiben bermachen, damit
dieser erfahrene und bewhrte Freund, der mein und Angelika's Vertrauen ganz und
gar besitzt, vorsichtig den Augenblick whle, in welchem wir meiner Frau die von
ihr sicherlich ersehnte, sie aber eben so gewi sehr erschtternde Kunde
zugnglich machen drfen.
    Meinen Sohn habe ich aus der Stadt mit mir hieher genommen. Er sieht seiner
Mutter vllig gleich und wird, wie ich hoffe, Ihre Liebe gewinnen, da er ja das
lteste Ihrer Enkelkinder ist. In der Erwartung, Sie, bester Graf, und die
Grfin bald persnlich zu begren,
                                                                    der Ihrige.

Er las das Geschriebene zu wiederholten Malen, ohne recht damit zufrieden zu
sein. Er wollte nicht entgegenkommen, er wollte sich nicht ablehnend zeigen, und
er ersah an der Art und Weise seines Erwgens, wie fremd die Familie seiner Frau
ihm geworden war und wie fest die Abneigung gegen sie in seinem Innern gewurzelt
hatte. Jetzt, da sie ihm, wie er es nannte, grundlos eine Vershnung
aufnthigten, nachdem sie sich einst eben so grundlos von ihm und von ihrer
Tochter losgesagt, weil diese sich freiwillig dem Bekenntnisse ihres Gatten
angeschlossen, fhlte er sich fast erbitterter gegen sie, als zuvor, und da er
dieser Erbitterung nicht Worte geben durfte, da er gezwungen war, sich aus
Rcksicht auf Angelika und auf die Welt einer fremden Willkr hinzugeben,
verdsterte seine Seele nur noch mehr. Htte er mit einem Federstriche Alles,
was ihn umgab, vernichten knnen, er wrde ihn gethan haben, auf die Gefahr,
selbst dabei zu Grunde zu gehen; und mitten in seinem zornigen Grimme dnkte ihm
eben dieser doch wieder seiner und seiner Natur so unangemessen, da er grade
davon am allermeisten litt. Er konnte das ideale Bild, welches er von sich
selber stets vor Augen gehabt und im Herzen getragen hatte, nie mehr in seiner
Reinheit wiederfinden: das heit, er wute, da er ein fr alle Mal sich selbst
verloren hatte.
    Grade, als der Freiherr den Brief an den Caplan beendete, meldete man ihm
den Pfarrer.
    Er soll kommen! befahl er kurz, und bergab dem Diener die Briefe an den
Grafen und an den Caplan mit der Anweisung, sie sofort nach der Stadt zu senden,
damit die am nchsten Morgen durchpassirende Post sie noch mitnehmen knne.
    Mit raschem Schritte ging er dem eintretenden Geistlichen entgegen. Der
Pfarrer hatte sich auf eine harte Stunde vorbereitet. Er war nicht unterrichtet
gewesen von dem Vorhaben seines Sohnes; er beklagte und verdammte von Grund der
Seele die in Rothenfeld geschehenen Frevelthaten und Verbrechen, denn er besa
nicht des Candidaten wilden Glaubenseifer; er war duldsam und gelassen, und er
hatte sich, als er zu so ungewohnter Stunde vor den Freiherrn beschieden worden
war, fest gelobt, da er, seine Wrde und seine Ueberzeugung wahrend, dennoch
versuchen wolle, den gerechten Zorn des Gutsherrn zu besnftigen. Aber der
Empfang, welcher ihm zu Theil ward, lie ihn das Aeuerste befrchten.
    Ohne ihm, wie er es sonst stets gethan, die Hand zum Grue zu bieten, ohne
ihm einen Sessel anzuweisen, sagte der Freiherr, whrend er den Greis inmitten
des Zimmers stehen bleiben lie: Ich habe Sie gleich kommen lassen, weil ich
zuvor mit Ihnen im Klaren sein wollte, ehe ich weiter gehe, und weil Sie,
Pastor, Sie ganz allein, mir fr all den Schaden und fr all das Unheil
verantwortlich sind, die hier angerichtet worden! Wer hie Sie, den frechen
Burschen meine Kanzel besteigen zu lassen? Wer hie Sie ....
    Gndiger Herr! fuhr der Pastor auf, den sein Vaterherz wie seine gekrnkte
Amtsehre alle seine Vorstze vergessen machten, - gndiger Herr, Sie sprechen zu
einem Vater von seinem Sohne! Sie sprechen zu einem Geistlichen, zu dem
bestallten Pfarrer dieser christlichen Gemeinde, der ohne Frage die Befugni
hat, sich von seinem Sohne, von einem unbescholtenen jungen Manne, einem
geprften Candidatus theologiae in seinem Amte vertreten zu lassen, wenn er
dieses nthig findet!
    Ja, allerdings, das ist es grade! Ich spreche zu dem Vater! betonte der
Freiherr scharf, eben weil er mir als Vater einzustehen hat fr die Frechheit
seines Sohnes! Ich spreche zu dem von mir erwhlten und eingesetzten Pfarrer,
weil er sich unterfangen hat, gegen meinen Glauben, gegen die Religion, zu der
ich und mein Haus uns bekennen, in meiner Kirche und von meiner Kanzel herab
freveln zu lassen!
    Der Pfarrer machte eine abweisende Handbewegung. Die Kirche ist des Herrn,
die Kanzel ist ihm heilig und der Wahrheit, Herr Baron, auf die wir getauft
sind, auf die wir unser Bekenntni abgelegt und die rein und lauter zu verknden
wir mit unserem Amtseide beschworen haben! rief der Pfarrer, und seine Stimme
und seine Haltung hoben sich, je lnger er vor dem Freiherrn stand. Freilich
steht es geschrieben: Es soll Friede sein auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen! Und so weit es an mir gewesen, habe ich Frieden zu halten
gestrebt, obschon es meinen Augen kein Wohlgefallen gewesen ist, hier, mitten in
unserer lutherischen Gemeinde, die katholische Kirche sich erheben und ihre
Heiligenbilder aufrichten zu sehen! Aber, Herr Baron, es steht eben so
geschrieben: Ich bringe euch nicht den Frieden, sondern den Krieg! Und wie ich
fr mein Theil danach getrachtet habe, den Frieden hier zu Lande nicht zu
stren, so vermag ich vor meinem Gewissen den jngeren Streiter nicht darob zu
tadeln, da er von heiliger Sttte die Gemeinde warnte, da er ihr die Gefahren
zeigte, welche ihr drohen, da er verkndet hat, was ihm sein Herz geboten! Es
kommt fr Jeden einmal der Tag, an dem er mit unserem Martin Luther rufen mu:
Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    Der Pfarrer hatte die Hnde gefaltet, er war sehr gerhrt. Seit Jahren hatte
er sich mit dem Gedanken getragen, da es ihm einmal beschieden sein knne, nach
dem Vorbilde des herrlichen Paul Gerhard von Heimath und Amt vertrieben zu
werden; jetzt fhlte er sich dem Augenblicke nahe, und seine Erschtterung wrde
zu jeder anderen Stunde auf seinen Patron ihre Wirkung nicht verfehlt haben,
denn des Freiherrn Herz war leicht bewegt und die kirchlichen Streitigkeiten
waren ihm bei seiner religisen Gleichgltigkeit im Grunde sehr verhat. Aber er
sah auch in dieser ganzen Angelegenheit nur eine Auflehnung gegen seine
gutsherrliche Macht, und bitter, wie sein Ton es gegen den Pfarrer heute von
Anfang an gewesen war, sagte er: Lassen Sie die Beispiele und die Bibel-Citate!
Was ich mit Ihnen abzumachen habe, dazu finde ich den Ausdruck in mir selbst,
und wenn denn einmal durchaus die Bibel die Belege liefern soll, so mag das Wort
Ihnen und der Gemeinde zur Richtschnur dienen, da Jedermann der Obrigkeit
unterthan sein soll, die Gewalt ber ihn hat! -
    Er machte eine kurze Pause und sprach danach: Ich bin Herr auf Richten, in
Rothenfeld und in Neudorf! Die Kirche in Neudorf ist mein! Sie haben Ihr Amt von
mir, Sie wohnen in meinem Hause, auf meinem Grund und Boden, unter meiner
Jurisdiction; die Leute, welche Ihre Gemeinde bilden, sind von mir abhngig, zum
groen Theile mir hrig - bedenken Sie das wohl! - Ich hindere Sie in Ihrem
lutherischen Bekenntnisse nicht; beten Sie, singen Sie, predigen Sie, wie Sie
wollen - das ist Ihnen und meinen Leuten von den Staatsgesetzen gewhrleistet!
Aber merken Sie es sich: wo Sie es sich beikommen lassen, etwa auch einmal als
Glaubensstreiter, von Ihrem Gewissen getrieben, meine religise Freiheit auf
meinem Grund und Boden anzutasten, da hrt Ihre religise Freiheit auf, da
beginnt meine gutsherrliche Machtvollkommenheit, und - der Freiherr wurde roth
vor Zorn - da der Gotthard sich nicht unterfngt, sich jemals wieder innerhalb
meiner Grenzen blicken zu lassen ....
    Herr Baron! fiel der Pastor ihm in die Rede, Herr Baron! - Die Stimme
versagte ihm, und wie der Zorn des Freiherrn Wange gerthet, hatte der Schrecken
das Antlitz des Greises entfrbt. Aber er nahm sich zusammen, und mit ruhiger
Wrde an den Freiherrn herantretend, sagte er: Es ist ein Amt des Friedens, das
der Herr in meine Hand gelegt hat. Ich habe es bis hieher verwaltet nach bestem
Wissen und Gewissen, und ich hatte fest gehofft, in demselben fortarbeiten zu
knnen bis an meinen Tod. Inde Gott hat es anders beschlossen. - Er hielt aufs
Neue inne, und mit bebender Stimme, aber dem Freiherrn ruhig in das Auge sehend,
sprach er: Menschenfurcht soll die letzten Tage meines Lebens nicht entehren.
Ich werde meinen Sohn nicht abweisen von der Thr seines Vaterhauses, auch wenn
er irrte und sein heiliger Eifer ihn zu weit gefhrt hat; ich werde ihm und mir
nicht Schweigen auferlegen, wo der mir anvertrauten Heerde Gefahr zu drohen
scheint, und - bin ich doch der Einzige nicht, dessen Bleiben hier frder nicht
mehr ist!
    Er verneigte sich tief und wollte sich zum Gehen wenden. Der Freiherr hielt
ihn nicht zurck.
    Thun Sie ganz nach Ihrer Ueberzeugung, sprach er, aber verlassen Sie sich
darauf, da ich mir hier Ordnung und Gehorsam schaffen werde!
    Der Pfarrer ging still hinweg. Der Freiherr sah ihm mit kaltem Auge nach.
Meine Llichkeit hat es verschuldet; sie fhlen sich alle hier als Herren! Es
war Zeit, ein Ende damit zu machen und die Zgel in die eigene Hand zu nehmen,
sagte er zu sich selber, whrend er nach der Uhr sah. Dann klingelte er und
befahl, das Abendbrod herzurichten und die Frau Herzogin zu benachrichtigen,
wenn es geschehen sein wrde.
    Der Pfarrer aber fuhr, als er vom Schlosse kam, im Amthofe vor. Er wollte
Fassung gewinnen, ehe er seine greise Lebensgefhrtin wiedersah; er mute auch
einen Menschen haben, zu dem er sprechen konnte, denn in sich zu verschlieen,
was ihn bestrmte und bedrngte, bis er nach Neudorf kam, das, frchtete er,
wrde ber seine Krfte gehen. Und der Adam hatte es ja auch erlebt.
    Und offene Arme, offene Herzen, und ein volles Mitgefhl empfingen den
schwer gekrnkten Mann. Man hatte die Heimkehr des Freiherrn gescheut, man hatte
es mit Besorgni angesehen, da er so pltzlich und unangemeldet eingetroffen,
und doch kam Allen unerwartet, was geschehen war. Sie waren im Amte dem Gotthard
eben nicht freund; sie gnnten es ihm, da sein Hochmuth eine grndliche Lection
erhielt; aber den Pfarrer, den Greis, den sie zu verehren gelernt von
Kindesbeinen an, so herzzerrissen zu sehen, das betraf sie selber tief. Sie
mochten ihn nicht allein in die Pfarre zurckkehren lassen, denn allerdings, der
Amtmann wute, was es heit, die Schwelle eines heimathlichen Hauses zu
betreten, das man bald fr immer meiden soll. Man lie den Knecht, welcher den
Pastor gefahren, zu Fue gehen, man rckte zusammen, und Alle fuhren sie, so
spt es war, mit dem Pastor: der Amtmann, die Eva und der Architekt.
    Die Pfarrerin hatte, die Minuten zhlend, am Fenster gestanden, seit ihr
Mann durch die Botschaft des Freiherrn abgerufen worden war. Sie wute nicht,
was sie denken sollte, als der Wagen voll Gste vor ihrer Thre hielt; sie
konnte nicht fassen, was geschehen war, als man es ihr meldete. Sie weinte, sie
klagte, sie schalt den Sohn, sie tadelte ihren Gatten, da sie sich nicht
fgsamer gezeigt, und nannte doch gleich darauf den abwesenden Sohn ihres Lebens
Stolz und Freude, und dankte Gott, da er ihrem Manne Kraft verliehen, als sein
Streiter auszuharren bis zum Ende.
    Der Pfarrer setzte sich nieder, seine Gedanken zu sammeln. Er wollte dem
Sohne schreiben, seine Meldung an das Consistorium machen, aber ihm fehlte noch
die Ruhe fr solch ein Thun, und Adam hielt ihn auch davon zurck.
    Warten Sie, Herr Pfarrer, warten Sie bis morgen, bat er. Es war ein Anderes
zwischen dem Freiherrn und zwischen mir; ich stand fr mich allein, Sie stehen
fr Ihr Amt; ich konnte gehen, Sie mssen zu bleiben trachten, oder wollen Sie
sich freiwillig einen Nachfolger hieher setzen lassen, der sich dem Willen der
Herrschaft besser fgt, der Herrendienst dem Gottesdienst voranstellt?
    Die Pfarrerin trat schnell auf Adam's Seite. Sie hoffte, der Freiherr werde
in sich gehen, die gtige Baronin werde wiederkehren und vermitteln; sie meinte,
Gotthard knne, auch ohne seinem Gewissen etwas zu vergeben, sich einlenkend an
den Freiherrn wenden. Sie wollte von dem Amtmanne, von Herbert, von Eva und von
ihrem Manne Zuspruch haben; aber sie hatten sich alle ber den Freiherrn zu
beschweren, und wie vermochte man ihm beizukommen, was hatte man noch weiter mit
ihm zu befahren?
    Man konnte zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen, und es war schon
spt, als man sich trennte.
    Das Gewitter war vorber, die Wolken hatten sich zertheilt, der Mond stand
hell am Himmel und go sein volles Licht ber die blhenden und duftenden
Lindenbume vor des Pfarrers Thre, von denen unter dem leisen Windhauche die
Regentropfen niederfielen. Die Nachtigall, welche in den Bschen rechts vom
Hause nistete, lockte und fltete in langen Tnen durch die stille Nacht, man
sah die Falter langsam schweben, die Mondesstrahlen glnzten und zitterten in
dem leicht bewegten Teiche, von dem der Nebel silbern in die Hhe stieg.
    Der Pfarrer und seine Frau begleiteten ihre Gste vor das Haus hinaus. Nach
dem Unwetter und neben ihrer Aufregung wirkte die friedensvolle Schnheit der
Natur doppelt stark auf sie. Der Greis sah mit stillem Blicke um sich her. Dann
nahm er sein Kppchen von dem weien Haar, und seiner Frau Hand in seine
gefalteten Hnde schlieend, sprach er, an die Dichtung seines Vorbildes Paul
Gerhard denkend, fromm und glubig, whrend es feucht in seinen Augen
schimmerte:

Der Sonne, Mond und Winden
Weist ihre eig'ne Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da mein Fu wandeln kann!


                                Eilftes Capitel

Wie es herumgekommen, das wre nicht leicht zu sagen gewesen, aber am folgenden
Morgen um die Frhstckszeit wuten sie es in allen drei Drfern, was geschehen
war, und wer es etwa noch nicht erfahren hatte, der konnte doch an den finstern
und sorgenvollen Mienen der Leute sehen, da sich etwas Schlimmes ereignet hatte
und Schlimmes zu befrchten war.
    Es hatte den Freiherrn nicht schlafen lassen in der Nacht, und wider seine
Gewohnheit war er frh am Morgen nicht zur Herzogin gegangen, sondern hatte sich
gleich an die Geschfte gemacht. Der Justitiarius war lange bei ihm gewesen und
dann in das Amt gegangen. Er wollte dem Adam erzhlen, da der Freiherr selbst
der Gerichtsverhandlung beizuwohnen denke, was er sonst nie gethan, und da er
die Sitzung schon auf morgen anberaumt habe. Sie schttelten beide die Kpfe
dazu, aber sie sprachen wenig; es ging ihnen zu nahe.
    Whrend dessen war der Freiherr nach Rothenfeld gefahren, um jetzt, bei
ruhigem Wetter, den dort angerichteten Schaden in Augenschein zu nehmen. Er
wollte die Statue hergestellt haben, ehe die Berka's kmen, und wnschte diesen
Besuch auch nicht allzu weit hinausgeschoben zu sehen, eben weil er ihm lstig
war. Es drngte sich so Vieles zusammen, was geordnet und abgethan werden mute,
und wie er sich auch vorsetzte, sich davon nicht beunruhigen zu lassen, gab es
ihm doch etwas Hastiges, das seinen Leuten auffiel und das mit seiner schnen,
wrdigen Gestalt gar nicht zusammenstimmte.
    Als er in Rothenfeld vor der Kirche seinen Wagen verlie, sah er Herbert mit
dessen jungem Gehlfen aus dem Portale derselben heraustreten. Dieses zufllige
Zusammentreffen war grade, wie er es sich wnschte, und leicht den Hut lftend,
whrend die beiden ihm entgegen kamen, sagte er: Sehen Sie diesen Vandalismus!
Ich erwarte in Nchstem die Baronin zurck, habe auf den Besuch ihrer Familie zu
rechnen und mag der Heimkehrenden und den Gsten den Anblick dieser wsten
Zerstrung nicht bereiten. Wie ist da Rath zu schaffen?
    Herbert, welcher wie der Freiherr auch erst am vorigen Tage, und zwar wie
dieser kurz vor dem Ausbruche des Unwetters in Rothenfeld eingetroffen war,
hatte gleich am Morgen, noch ehe er die Arbeit in der Kirche in Augenschein
genommen, die Gruppe besichtigt und die Stcke, welche man abgeschlagen,
hereinbringen lassen, um zu untersuchen, ob man sie anzupassen und so die Gruppe
herzustellen hoffen drfe. Glcklicher Weise hatte Adam gleich nach geschehener
That die abgeschlagenen Stcke bis auf die Splitter zusammensuchen lassen, und
da Herbert sich aus Neigung viel mit plastischen Entwrfen beschftigt hatte und
obenein der Modelleur noch anwesend war, welcher die Stuckverzierungen ber dem
Altare angebracht, so waren, noch ehe der Freiherr gekommen, schon die nthigen
Verabredungen getroffen worden, und dieser durfte sich also der Aussicht
hingeben, wenigstens diesen Schaden so gut als mglich ausgeglichen zu sehen.
    Das heiterte ihn auf; er nahm selbst die Fragmente zur Hand, pate sie an
einander, ertheilte Rathschlge wegen der Politur der Stellen, an denen die
Restaurationen gemacht werden muten, trat dann in die Kirche ein, und ihr
Anblick befriedigte ihn, ja er bertraf seine Erwartungen.
    Man hatte innen wie auen die letzten Gerste fortgenommen, der weite, hohe
Raum zeigte sich frei und schn. Die Pfeiler strebten krftig und doch leicht in
die Hhe und trugen das Dach, dessen fein gegliederte Wlbung dem Auge, ohne es
zu drcken, eine wohlthtige Schranke setzte. Ueberall waren die Verhltnisse so
richtig eingehalten, das gebotene Material so geschickt benutzt, da des
Freiherrn Kennerblick sich mit sichtlichem Vergngen in dem bis auf unbedeutende
Ausschmckungen nun fast vollendeten Baue erging.
    Schn, sehr schn! rief er mehrmals aus; ich mu Sie loben, Herbert! Sie
verstehen Ihr Fach; ich bin zufrieden! - Nun nur schnell die letzte Hand ans
Werk gelegt! Wann meinen Sie, da wir die Kirche weihen knnen?
    Wenn der Holzschnitzer uns den Beichtstuhl liefert, wie er versprochen hat,
und die brigen Arbeiter ihre Zeit einhalten, so denke ich Ihnen heute in drei
Wochen die Schlssel des Baues berliefern zu knnen, sagte Herbert nach kurzem
Besinnen.
    Gut, gut! rief der Freiherr abermals, und pltzlich nachdenkend, fgte er
hinzu: Wir haben heute den zehnten des Monats. In drei Wochen wollen Sie fertig
sein. Lassen Sie uns, den strenden Zuflligkeiten ihren Raum gewhrend, die
Uebergabe des Baues, der Sicherheit wegen, erst am Schlusse der vierten Woche
erwarten, so sind wir dem dreizehnten des Juli nicht allzu fern und mgen, die
Weihung der Kirche auf diesen Tag verlegend - welcher der Namenstag der
Herzogin, der Margaretha-Tag ist -, unserem Gste eine Ehre damit erweisen und
ihr Andenken dauernd mit unserem Baue verknpfen.
    Er sah sich danach noch einmal in allen Theilen der Kirche um, betrachtete
den Taufstein in der Sacristei, lie sich das Gewlbe ffnen, welches man zur
Familiengruft bestimmt, stieg die Treppe zum Thurme hinauf und oben um sich
schauend, sagte er, als er den auf der Birkenhhe errichteten
Freundschaftstempel ebenfalls vollendet sah: Sehr brav! In der That, Herbert,
Sie haben sich wacker daran gehalten!
    Die Freude, ein groes Unternehmen so wohlgelungen seinem Ende nahe zu
sehen, lie ihn vergessen, mit welchen Opfern dies erkauft war, und gab ihm
pltzlich seine freie, vornehme Sorglosigkeit zurck. Er hatte sonst nichts so
sehr geliebt, als heitere Gesichter um sich zu haben und Zufriedenheit um sich
her zu verbreiten. Diese alte, schne Neigung wallte auch jetzt wieder in ihm
auf. Es fiel ihm ein, da er ein Mittel habe, Herbert, wie er es wnschte, zu
vergelten, ja, da er ein Unrecht, eine Uebereilung und, was ihm schlimmer als
dies Alles dnkte, einen Versto gegen die Klugheit ungeschehen machen knne,
wenn er sich dieses Mittels richtig zu bedienen wisse. Er ging von einer Seite
des Thurmes nach der anderen, bis er abermals der Birkenhhe gegenber stand,
und dorthin schauend, wiederholte er: Sehr gut, sehr gut! Sie haben mich in der
That durchaus befriedigt und, fgte er mit leichtem Lcheln hinzu, es wird mir
lieb sein, Sie gleichfalls zufrieden zu stellen.
    Herbert verneigte sich und sagte ablehnend: Herr Baron, ich habe nur gethan,
was meine Pflicht war, was jeder Andere an meiner Stelle auch gethan htte!
    Wie bescheiden! scherzte der Freiherr; aber wir sprechen mehr davon. Sie
knnen mich heute um fnf Uhr dort drben erwarten, wo ich Sie hoffentlich wie
hier zu loben haben werde.
    Herbert, der nicht gewillt war, sich von dem Manne, welcher ihm so schwer zu
nahe getreten, als Gunst gewhren zu lassen, was Eva's freier Wille ihm in wenig
Monaten zugestehen konnte, bedauerte, da er auf die Ehre verzichten msse, den
Freiherrn auf die Hhe zu begleiten, und erst jetzt schien dieser es zu
bemerken, wie khl der Baumeister seine Lobsprche aufgenommen, wie gemessen und
wortkarg er ihm geantwortet hatte. Er sah ihn mit schnellem und prfendem Blicke
an und fragte dann: Was hindert Sie, mich drben im Tempel zu erwarten?
    Ich reise noch vor Mittag ab, gndiger Herr!
    Sie gehen nach der Stadt?
    Nein, Herr Baron!
    Der Freiherr zauderte, dann sagte er mit schlecht verhehltem Argwohn: Sie
haben doch von der Krankheit der Baronin und von ihrem Aufenthalte im
Flies'schen Hause Nachricht?
    Ja, Herr Baron, und eben dehalb habe ich meine Zimmer dem Herrn Caplan zur
Verfgung gestellt, da ich, so lange er dort weilt, nicht dahin zurckzukehren
gedenke!
    Der Freiherr verstand ihn. Wie ein Cavalier gehandelt! dachte er; aber es
war ihm unangenehm, Herbert dieses Zugestndni nicht versagen zu knnen, und
noch widerwrtiger war ihm die Vorstellung, da jener es fr nthig erachtete,
die Baronin durch seine Zurckhaltung vor dem eiferschtigen Verdachte ihres
Gatten zu schtzen. Ueberall, wohin er blickte, gewahrte er jene Annherung des
brgerlichen Standes an den Adel, die sich nicht mehr zurckdrngen lie, weil
die fortgeschrittene Bildung die Kluft bereits ausgefllt hatte, welche sonst
die Stnde von einander geschieden. Nur um es nicht errathen zu lassen, da ihm
in Herbert's Antworten etwas mifallen habe, verlangte er zu wissen, wohin er
gehe.
    Herbert versetzte, da er bis morgen in Marienau beschftigt sei.
    Das gefiel dem Freiherrn auch nicht. Was machen Sie dort? rief er spttisch.
Hat Steinert in dem Schlosse denn nicht Platz genug?
    Im Gegentheil, er findet es, wie die meisten Schlsser, weit grer, als das
Gut es tragen kann! gab Herbert, der seinen Unmuth und seinen beleidigten Stolz
vor dem Freiherrn immer nur mhsam in Schranken hielt, ihm in gleichem Tone zur
Antwort. Wir haben die Flgel des ruinenhaften Schlosses eingerissen, um einen
Schafstall und eine Brennerei daraus zu bauen.
    Herbert sagte das mit sichtlichem Vergngen, weil er wute, da es seinem
Hrer nicht genehm war. Und schon wieder hatte dieser es vor Augen, wie der
Brgerstand sich in den Rittergtern einnistete, wie das Gewerbe sich
ausbreitete, wo sonst ein Edelmann frei und stolz auf seinem Erbe sa, und wie
Herbert sich mit voller Sicherheit schon zu den Steinerts rechnete.
    Um des Freiherrn gute Laune war es nun gethan. Er wiederholte kurz
zusammenfassend seine Anordnungen und Befehle, hie den Gehlfen sich am
Nachmittage nach der Hhe begeben, und schied von Herbert mit der Bemerkung, da
er ihn bei der Abnahme des Baues noch sehen werde.
    Als er in das Schlo zurckkehrte, sagte man ihm, da der Amtmann da sei,
nach des Herrn Befehlen zu fragen. Es war das immer so gehalten worden, wenn der
Freiherr lngere Zeit von Richten entfernt gewesen war, aber dieses Mal handelte
es sich um mehr als eine alte Sitte.
    Was bringt Er? rief der Freiherr dem Amtmanne entgegen, da dieser die Anrede
desselben abgewartet hatte.
    Adam trat nher an ihn heran und sagte mit einem sorgenvollen Ausdrucke: Ich
habe nichts Neues zu bringen, gndiger Herr, denn was hier geschehen ist, haben
Sie durch den Herrn Caplan erfahren, und es ist nicht der Art, da man es
wiederholen mag. Aber - er zgerte, schien die rechte Form nicht gleich zu
finden, und sagte dann mit Ueberwindung: Ich komme mit einer Bitte, gndiger
Herr!
    Ah, rief der Freiherr, dem die demthige Haltung des sonst so straffen
Mannes nicht entging, sie haben Ihn abgesandt!
    Der Amtmann schttelte das Haupt. Es hat mich Niemand abgesendet und Niemand
wei davon. Ich komme auch nicht um meinetwillen, aber ich wollte Sie bitten,
gndiger Herr - halten Sie morgen nicht selbst Gericht!
    Es war ihm sauer geworden, dies auszusprechen; der Freiherr hatte offenbar
auch eine ganz andere Bitte zu hren erwartet. Rathschlge, und nun gar
unerbetene Rathschlge von seinen Untergebenen anzunehmen, war niemals seine
Sache gewesen, und der Gedanke, da Adam sich die Freiheit, ihn unaufgefordert
zu berathen, nur gestatte, weil er bald aus seinem Dienste scheide, machte ihm
die Warnung, denn auf eine solche hatte Adam es ja abgesehen, nicht willkommen.
Er war eben daran, sie hart zurckzuweisen, aber der Ausdruck von anhnglicher
Sorge, mit welchem der Amtmann auf ihn blickte, lie den Freiherrn innehalten;
und erst nach einer Weile warf er die Frage auf: Wie kommt Er auf den Einfall,
mir abzurathen?
    Die bloe Frage gab dem Amtmanne Zuversicht, und aus fester Ueberzeugung
sprechend, sagte er: Das ist kein Einfall, gndiger Herr, denn ich wrde mir
nicht erlauben, Ihnen mit meinen bloen Einfllen beschwerlich zu fallen. Aber
der gndige Herr kommen nicht so unter die Leute, wie ich, und knnen nicht
wissen, wie es unter ihnen aussieht und was in ihren Kpfen spukt.
    Nun, mich dnkt, davon htten sie mir jetzt den schlagendsten Beweis
geliefert, rief der Freiherr, und eben dehalb sollen sie dieses Mal die
verdiente Antwort von mir selber haben!
    Thun Sie das nicht, gndiger Herr! bat Adam dringender. Sie, gndiger Herr,
sind besser als unser Einer unterrichtet von dem, was drauen in der Welt
geschieht; aber es ist, als ob es durch die Luft verbreitet wrde, denn dem
rmsten Kthner und Einlieger geht es im Kopfe herum, da es anders und besser
fr ihn werden msse. Er wei, da die Hrigkeit vieler Orten aufgehoben wird -
er hat von Ablsungen und hat auch von schlimmen Dingen gehrt, die auf einigen
Gtern geschehen sind ....
    Und die Elenden wrden geneigt sein, sich ein Beispiel daran zu nehmen,
meint Er? - Nun, versuch' Er's - halte Er ihnen das gute Beispiel vor!
    Dem Amtmanne stieg das Blut zu Kopfe, aber er bi die Zhne zusammen, damit
das Wort des Zornes nicht ber seine Lippen ginge, und mit erzwungener
Gelassenheit sprach er: Wir Steinerts sind geringe Leute gewesen, gndiger Herr,
als der Herr Baron Erasmus Einen von uns zu seinem Verwalter gemacht hat, und
wir sind auf dieser Herrschaft zu Etwas geworden und auf unsere Weise vorwrts
gekommen. Das drfen und werden wir nie vergessen! Darum eben habe ich meine
Dankespflicht erfllen und - fgte er mit einer Weichheit hinzu, die dem
krftigen Manne sehr wohl anstand - meine Anhnglichkeit an den gndigen Herrn,
die auch nicht gleich zu Ende ist, weil man von einander geht, beweisen wollen,
als ich heute herkam. Ich, gndiger Herr, habe hier nichts mehr zu gewinnen oder
zu verlieren, als Ihre gute Meinung, und nichts zu thun, als da ich mein
Gewissen wahre!
    Die Rechtschaffenheit, die Treue und Herzensgte des Amtmanns sprachen so
unverkennbar aus jedem Worte, da selbst die Voreingenommenheit des Freiherrn
davor nicht Stich hielt, und wider seinen Willen bewegt, sagte er: Ich will es
glauben, Er meint es gut!
    Ja, bei Gott, ich meine es gut, und wir Alle haben es immer gut gemeint!
rief Adam. Aber gerade darum, gerade darum bitte ich Sie, lassen Sie es hier
beim Alten. Es ist ein Segen, wenn der Arbeiter, auf dem die Lasten schwerer
liegen als es gut ist, sich sagen kann: Wenn der Herr es wte - er wrde
helfen! Es ist ein anderer Segen, wenn der Missethter, dem das Gesetz gerecht
wird, die Hoffnung hegen mag, der Herr werde Gnade walten lassen, wo der Richter
nur die Strenge des Gesetzes auszuben hat. Der Justitiarius und ich hatten uns
schon erlaubt, dem Herrn Caplan an's Herz zu legen, da er um Gnade fr die
Leute bitten mge. Zwischen dem Herrn, der die Macht hat, und dem Arbeiter und
Hrigen, der die Lasten trgt, mu eine Schutzwehr sein fr beide Theile, und
dazu sind wir da. Auf uns, auf den Justitiarius und auf den Amtmann, sind seit
allen Zeiten die Klagen und Beschwerden gefallen, und wir konnten sie tragen,
denn wir forderten, richteten und straften nicht fr uns. Wir hatten an den
Herren einen Rckhalt, die Herren hatten in unserer Strenge und
Gewissenhaftigkeit eine Entschuldigung, wenn man sich beschwerte, und die Leute
hatten ihre Hoffnung auf der Herren Nachsicht und gndiges Gewhren. So ist es
gegangen all die Jahre her, wir sind fertig geworden mit den Leuten und die
Leute haben in Liebe zu den Herrschaften hinaufgesehen, fast wie zum lieben
Herrgott, denn wie zu diesem konnten sie zu jenen persnlich nicht so leicht
heran. Lassen Sie es dabei, gndiger Herr, stellen Sie sich nicht den Leuten
selber gegenber, es ist nicht gut fr alle Theile, und wie die Leute nun hier
einmal wider die neue Kirche und auch sonsten aufgeregt sind .... Er brach ab
und sagte kurz: Thun Sie es nicht, gndiger Herr, es kann ein Unglck geben!
    Adam hatte nie zuvor seine Meinung in solcher Weise vor seinem Herrn
auszusprechen gewagt und dieser nie eine hnliche Auseinandersetzung von einem
seiner Untergebenen angehrt. Er lie Adam eine Weile, ohne ihm zu antworten,
stehen, sei es, da dessen Worte doch mehr Eindruck auf ihn gemacht hatten, als
er zu zeigen fr gut befand, oder da er mit sich nur ber den Bescheid zu Rathe
ging, den er Adam geben wollte; dann sagte er: Er hat mir Seine Ergebenheit
beweisen wollen, und das lobe ich. Ich danke Ihm dafr, und wenn Er mich knftig
einmal brauchen sollte, werde auch ich mich daran erinnern, da die Steinerts
lange in unseren Diensten gewesen sind. Im Uebrigen beurtheilt Er die Dinge, wie
Er sie versteht, und Er hat's ja selber eingestanden, da ich sie besser
verstehen und also anders ansehen mu, als Er. Eben da die Leute immer von
Einem an den Anderen appellirten, hat das ganze Regiment gelockert. Es hat Jeder
drein geredet - zuletzt sogar der Gotthard. Habe ich das Regiment, und ich denke
es in die Hand zu nehmen ganz und gar, da hat's mit dem Hin und Her ein Ende,
und das thut endlich Noth!
    Er setzte sich nach diesen Worten an den Schreibtisch nieder, so da er Adam
den Rcken zudrehte, wandte sich dann noch einmal zu ihm zurck, um ihm einen
Auftrag an den Grtner zu geben, der auf dem Kirchenplatze einige Aenderungen
machen sollte, fragte nach dem Ertrage der Heuernte und ob Adam im Stande sein
wrde, zu einem bestimmten Zeitpunkte gewisse Zahlungen zu leisten; dann entlie
er ihn.
    Sie wollen nicht hren, sie wollen sich nicht helfen lassen! dachte Adam,
aber es that ihm wohl, da er sich das Herz erleichtert und das Seinige gethan
hatte. Von dem Pfarrer zu reden, fr ihn eine Frbitte um der Gemeinde willen
einzulegen, wie er es vorgehabt hatte, dazu war er gar nicht gekommen. Inde wie
Alle, die ein gutes Ziel im Auge haben, gab er seine Hoffnung nicht leicht auf,
und es war nun die Ankunft des Caplans, auf die er sich vertrstete. Konnte der
auch nichts ausrichten, lie der Freiherr sich gar nicht bedeuten, dem greisen
Pfarrer den Weg der einlenkenden Verstndigung zu erffnen, muten die alten
Leute wirklich von Neudorf fort, nun, so hatte Eva Recht, so gab es in dem Hause
zu Marienau Raum genug, den greisen Freunden der verstorbenen Eltern ein warmes
Pltzchen zu bereiten und die alten Leute durchzuhalten, bis Gotthard sie einmal
in seine Pfarre fhrte. Fr den Adam Steinert auf Marienau war das eben keine
groe Sache.

                                Zwlftes Capitel


Wie seine Dienerschaft und seine Beamten den Freiherrn verndert gefunden
hatten, so ward der Caplan, als man ihn nach seiner Ankunft zu der Baronin
fhrte, durch ihren Anblick in Erstaunen gesetzt, wennschon er es verstand, ihr
diesen Eindruck zu verbergen. Aber es war nicht allein ihre krperliche
Schwche, die ihn berraschte, es war etwas Fremdes in sie gekommen, das er sich
nicht gleich zu deuten wute. Whrend es ihm bednken wollte, als habe sie jenen
ihr schon als junges Mdchen eigenthmlichen Ausdruck gebietender Vornehmheit
verloren, hatte sie doch an Sicherheit und Bestimmtheit in ihren Aeuerungen
gewonnen, und er vermite an ihr die freiwillige Unterordnung, mit welcher sie
ihm sonst genaht war.
    Nach dem Briefe, welchen der Caplan von dem Freiherrn erhalten, hatte er
nicht anders glauben knnen, als da es der Baronin um seinen geistigen und
geistlichen Beistand zu thun sei, da sie zu beichten und das Abendmahl aus
seiner Hand zu empfangen begehre. Inde wie erfreut sie sich ber seine Ankunft
auch bezeigte, sagte sie ihm dennoch, da sein Ausbleiben ihr wohl gethan habe,
und da sie glaube, ihr Alleinsein in diesem fremden Hause sei ihrem Seelenheile
frderlich gewesen.
    Als der Caplan zu wissen begehrte, wie sie dies meine und in welcher Weise
der Umgang mit ihren Pflegern ihren Sinn gewandelt habe, versetzte sie: Auf die
einfachste Weise von der Welt! Htte ich Sie, mein Freund, hier gehabt, da ich
zu sterben glaubte, so htte ich mich Ihnen, wie immer, mit allen meinen
Schmerzen und Sorgen in die Hand gegeben und nur an mein eigenes Heil, an meinen
Trost gedacht, und Sie wrden vielleicht in Ihrer mitleidigen Barmherzigkeit mir
nicht gesagt haben, da auch in dem Verlangen nach geistiger Erhebung und
Vervollkommnung sich die Selbstsucht des hochmthigen Menschenherzens verbergen
kann. Hier aber habe ich unter Menschen gelebt, von denen, wie ich glaube, sich
keiner mit der eigentlichen Sorge um sein Seelenheil beschftigt. Herr Flies und
seine Frau haben bis in ihre jetzigen Jahre hinein so viel Nothwendiges zu thun
gehabt, da ihnen keine Zeit geblieben ist, ber sich selbst nachzudenken; und
Seba lebt so ausschlielich fr die Befriedigung der Anderen, da sie die eigene
darber ganz vergit, oder da sie dahin gekommen ist, ihre Zufriedenheit in dem
Wohlbefinden Anderer zu genieen.
    Der Caplan wandte ihr ein, da sie in Gefahr stehe, Gleichgltigkeit gegen
das geistige Leben mit Seelenfrieden und Gewissensfreudigkeit zu verwechseln;
aber sie wollte dies nicht zugestehen.
    Ich habe Herrn Flies einmal gefragt, sagte sie, wie er es angefangen habe,
sich seine beschauliche Ruhe und Klarheit anzueignen.
    Und was hat er Ihnen geantwortet? erkundigte sich der Geistliche, dem daran
gelegen sein mute, die Leitung ber das Herz der durch ihn bekehrten Frau nicht
zu verlieren.
    Ich habe an jedem Tage nach bestem Wissen meine Schuldigkeit gethan, hat er
mir gesagt, und habe also immer die Zuversicht in mir getragen, auf dem
richtigen Wege zu sein.
    Der Caplan machte eine Bewegung mit dem Kopfe, die es kund gab, da er diese
Antwort vorausgesehen hatte, und meinte danach: Darin verbirgt sich die
Selbstzufriedenheit aller derer, welche glauben, durch ihre eigene Kraft zur
Seligkeit gelangen, welche meinen, mit guten Werken, die in der Religion der
Juden eine groe Rolle spielen, den Himmel erwerben zu knnen. Aber es ist nicht
nur das Thun, das selig macht, es ist ....
    Zum ersten Male lie Angelika ihren geistlichen Freund seinen Ausspruch
nicht vollenden, und lebhafter als er es von ihr gewohnt war, rief sie: Nein, es
ist gewi und allein das Thun und nicht das Streben, das Vollbringen und nicht
das Wollen, die uns glcklich, die uns selig machen! Ich habe das hier in meiner
Einsamkeit und in meinem Leiden tief empfunden! Was habe ich nicht Alles gedacht
und wie Weniges gethan! Mit den groen Fragen und Geheimnissen habe ich mich
beschftigt, in welche wir kurzlebigen Geschpfe uns hineingebannt fhlen, wenn
wir ber die enge Schranke unseres Daseins hinauszublicken wagen; von meinen
widerstrebenden Gefhlen hin und her getrieben, habe ich mich nur um mein
Empfinden, um mein Seelenheil gesorgt, und es darber ganz und gar versumt, fr
das Heil derjenigen zu sorgen, die Gott in meinen Lebensweg gestellt hat, oder
etwas zu leisten, was mich htte in der Erinnerung trsten und aufrichten
knnen. Und an Niemandem hat sich meine Selbstsucht schwerer versndigt, als an
dem Knaben, den wir jetzt vergebens suchen.
    Das Schicksal Paul's, von dessen bisherigem Leben und von dessen
Verschwinden sie sich durch Seba ausfhrliche Kunde verschafft hatte, das
weltliche Ergehen ihrer Familie lagen ihr vor allem Anderen am Herzen und
namentlich beschwerte die Erinnerung an Paul ihr das Gewissen.
    Sie nannte es einen schweren Fehler, da sie immer nur dasjenige zu lieben
vermocht habe, was ihr eigen gewesen sei, was sie durch ihre Selbstsucht mit
ihrem Herzen vermitteln knnen, whrend ihr jetzt von Fremden die
uneigenntzigste Menschenliebe zu Theil geworden sei - von Fremden, die sie um
ihres Stammes und um ihres Glaubens willen so tief unter sich gewhnt. Und an
Niemandem, wiederholte sie, hat sich meine Selbstsucht schwerer versndigt, als
an dem armen Knaben, welchen wir jetzt vergebens suchen. Ich habe es in meiner
Eifersucht und in meiner ungerechten Verachtung gegen die Mutter dieses Knaben
einst hochmthig verschmht, ihm die Stelle in dem Hause meines Gatten
einzurumen, die ihm gebhrte, die sein Vater ihm gewhren wollte. Das hat sich
nun gestraft; sein bloer Anblick hat mich gedemthigt, wie ich's verdiente.
Damit ein Kind so vollstndig die Zge seines Vaters wiedergiebt, so vllig
seines Vaters Ebenbild werde wie dieser Knabe, mu viel Liebe zwischen den
Eltern desselben geherrscht haben, mehr Liebe, mehr Hingebung, als der Freiherr
und ich fr einander in der Zeit empfanden, welche unserem Sohne das Leben gab.
Wenn ich unseren Renatus betrachte, der seinem Vater so wenig hnlich sieht,
kommt er mir neben jenem Sohne meines Gatten wie ein Enterbter, komme ich selbst
mir neben der unglcklichen Mutter Paul's wie die Unglcklichere vor, denn sie
besa sicherlich die Neigung des Barons weit mehr, als ich. Paul ist im wahren
Sinne des Wortes ein Kind der Liebe, und er wird wiederkommen! Sein keckes,
stolzes Antlitz verbrgt ihm das Glck, das solchen Kindern eigen sein soll!
    Der Caplan hatte nicht im entferntesten voraussehen knnen, ein Urtheil wie
dieses von der Baronin zu vernehmen, weniger noch, da sie diese Verhltnisse in
Seba's Anwesenheit besprechen wrde. Ausschlielich wie die Kaste, in welcher
sie geboren war, hatte Angelika frher Alles, was ihre und der Ihrigen
Lebensverhltnisse betraf, der Kenntni und dem Urtheile dritter Personen zu
entziehen gestrebt; jetzt nannte sie diese Art der Zurckhaltung eine Maskerade
vor sich selbst. Denn, sagte sie, ich tuschte damit nur mich, und ich habe hier
erfahren, da Fremde wuten, was ich vor mir selbst verbarg. Ich habe eine
schwere Lehrzeit durchgemacht, aber sie ist nicht an mir verloren gewesen.
Obschon ich schwach bin, gehe ich doch gekrftigt aus ihr hervor. Der Ausspruch:
Wen der Herr liebet, den zchtigt er! der mir sonst immer hart und darum der
gttlichen Liebe nicht angemessen erschienen ist, hat sich mir zu einer Wahrheit
erhoben. Dafr danke ich Gott, und ich werde auch von Ihnen, mein theurer
Freund, knftig nicht mehr fordern, was Sie mir nicht gewhren knnen, was man
sich selbst erringen oder entbehren mu!
    Und was htten Sie derart gefordert? fragte der Caplan, der immer
vorsichtiger und achtsamer wurde, je weniger er im ersten Augenblicke den
Gemthszustand der Baronin zu beurtheilen vermochte. Welches Verlangen htten
Sie gestellt, das Ihnen aus der Gnadenflle unserer trostesreichen Kirche nicht
befriedigt werden knnen?
    Ich verlangte .... Sie hielt inne, schien zu berlegen und sagte danach, als
wolle sie ihrem Berather keinen Zweifel ber sich lassen: Ich verlangte
Vergessenheit - und ich habe sie nicht gefunden!
    Der Caplan lchelte, als she er ein Kind seine Hndchen begehrlich nach der
Mondessichel erheben. Freilich, sagte er, der Lethestrom ergiet seine Wellen
nicht durch die christliche Welt, er ist versiegt! Aber, fgte er mit ganz
verndertem Tone und mit gehobener Haltung hinzu, aber flsse er auch reich und
voll vor unseren Lippen, wie drften wir begehren, daraus zu trinken? Wie
drften wir Vergessenheit verlangen fr irgend etwas, das Gottes Rathschlu uns
erleben lie? Ich erkenne Sie und Ihren gottergebenen Sinn in diesem Wunsche
nicht wieder, meine theure gndige Frau!
    Der Caplan verstand die Kunst, die Menschen sprechen und schweigen zu
machen, und die Baronin fhlte diese seine Macht. Ohne noch ermessen zu knnen,
ob es der Einflu ihrer nichtchristlichen Umgebung, ob es ein Erwachen ihrer
protestantischen Erinnerungen oder eine Folge ihrer eigenen einsamen Grbelei
sei, welche die Baronin zu einem von seiner Fhrung unabhngigen Gedankengange
verleitet hatten, hielt er es fr angemessen, sie wenigstens von dem Aussprechen
ihrer Gedanken abzuhalten, denn das Wort ist gestaltend und das Gestaltete ist
lebendig und tritt, uns selber bannend, fr und wider uns auf. Und wie es wahr
ist, da nur derjenige frei bleibt, der zu schweigen versteht, so ist es eben so
wahr, da man den Menschen hindern mu, sich seine Gedanken festzustellen, wenn
man die Herrschaft ber ihn mit Leichtigkeit behaupten will.
    Er lie eine geraume Weile im Stillschweigen vergehen; dann fragte er, als
falle es ihm unmglich, sich in die Vorstellung der Baronin hinein zu versetzen:
Und was war es denn eigentlich, das Sie so dringend zu vergessen wnschten?
    Angelika hatte, in ihren Ruhesessel zurckgelehnt, in stiller Betrachtung
vor sich niedergesehen, aber bei der Frage des Caplans richtete sie das Haupt
empor und entgegnete: Es ist mir wunderbar, ganz wunderbar zu Muthe. Ich fhle,
als wren wir lange, lange getrennt gewesen. Eine Krankheit wie die meinige, in
der man vom Leben zu scheiden glaubt, bildet einen tiefen Abschnitt in unserem
Dasein, sondert uns von unserer Vergangenheit, hebt uns ber sie und ber uns
selbst hinaus. - Ich wei Ihnen das Alles kaum zu erklren, wei es mir selber
kaum zu deuten, und stehe doch vor lauter Erfahrungen, die ich mir nicht
wegleugnen kann - auch wenn ich es wollte. Es sieht mich Alles fremd an, wenn
ich auf die letzten Jahre meines Lebens zurckblicke; es kommt mir Alles, selbst
krzlich erst Erlebtes, unwahrscheinlich, ja unmglich vor. Ich sehe die Dinge,
die Menschen anders als bisher, und, warum sollte ich es Ihnen verschweigen,
selbst Sie, selbst Ihre Stimme, selbst Ihre Worte klingen meinem Ohre so fremd,
da ich Mhe habe, mich darein zu finden; auch Ihre Frage befremdet mich.
    Des Caplans Miene wurde ernster und strenger. Sein milder Sinn, sein
nachsichtiges Herz hatten es doch frh gelernt, die Herrschaft ber die Geister
als eine Befriedigung zu empfinden, und er war zu sehr von der wohlthtigen
Wirkung berzeugt, welche die den Geist beschrnkende Zucht seiner Kirche ber
die Menschen ausbt, um die Herrschaft, welche er gewonnen und besessen, wieder
aus der Hand geben zu mgen. Der Frevel gegen das Heiligenbild und der in
Richten an einer schuldlosen Bekennerin des katholischen Glaubens von den
Lutheranern verbte Todtschlag, selbst die Art und Weise, mit welcher der
Freiherr das Ereigni aufgenommen, hatten des Caplans Seele doch mehr erbittert,
als er sich dessen bewut war, und die Art von Auflehnung gegen seine Fhrung,
mit der die bis dahin so fgsame Baronin ihm entgegentrat, erinnerte ihn zur
rechten Zeit daran, da Herrschaft, um wirksam zu sein, keine Unterbrechung
erleiden darf.
    Ich glaube es wohl, sagte er, da meine Stimme Ihnen fremd geworden ist, da
meine Frage Sie befremdet. - Denn es mssen verlockende Weisen gewesen sein, mit
denen Sie Ihrem Herzen schmeichelten, bis es zu solcher Selbstzufriedenheit
gelangen, bis Sie glauben konnten, der leitenden Hand fortan entbehren, zu
knnen, der Disciplin entwachsen zu sein. - Er schttelte mitleidig das Haupt:
Sie whnten, auf sich selbst bauen zu knnen, und haben es verlernt, sich selbst
zu prfen, sich selbst die nothwendigsten Fragen ehrlich vorzulegen und wahrhaft
zu beantworten. Dehalb befremdet Sie meine bestimmt gestellte Frage; dehalb
auch, gndige Frau, klingt Ihnen meine Stimme, die Stimme der Wahrheit, jetzt
wie eine fremde; dehalb weichen Sie der Antwort aus. Aber ich bin im Stande,
mir diese Antwort selbst zu geben. Sie haben ....
    Angelika wollte ihn unterbrechen; der Caplan gab es nicht zu. Sie sind
krank, meine arme, theure Freundin, sagte er; eine lebhafte Gereiztheit steigert
Ihre Ausdrcke, da auch Sie mir wie verwandelt scheinen, und ich mchte Sie
hindern, von sich auszusagen, was Sie reuen knnte. Lassen Sie mich Ihnen ein
Bild Ihres Seelenzustandes geben, wie er mir erscheint, und es soll Ihnen nicht
benommen sein, mich des Irrthums zu berfhren, wo ich ihn begehe.
    Er rckte an den Sessel der Baronin heran, legte seine Hand auf die Lehne,
auf welcher sie die ihrige ruhen lie, und sprach mit dem Tone eines ruhigen
Berichterstatters: Sie sind in diesen Tagen der Einsamkeit Ihr Leben
durchgegangen, haben sich und Andern - die Baronin schttelte verneinend das
Haupt, und der Caplan ersah mit Befriedigung daraus, da er es nur mit ihr zu
thun habe - haben sich Ihre Schicksale zergliedert und haben sich gesagt: ich
war nicht glcklich, wie ich es erwarten durfte, mir ward ein schweres Loos zu
Theil, ein Loos, das gro und wrdig zu tragen ber meine Krfte ging. Wie
durfte die gttliche Allwissenheit mir ein solches zuerkennen, ohne da die
gttliche Gerechtigkeit dadurch beeintrchtigt wurde? -
    Er sprach langsam und ohne sein Auge von der Baronin zu entfernen, die
lautlos vor sich niedersah, whrend ihre Wangen sich rtheten und ihr Athem sich
schneller hob. Die Hand langsam von der Lehne des Sessels erhebend und auf ihren
Arm legend, fuhr er immer mit derselben Ruhe fort: Sie hatten hier eine
anscheinend glckliche Familie um sich, Sie erfreuten sich ihrer Hlfe -
Familienliebe dnkte Sie, in Ihrer augenblicklichen Hlfsbedrftigkeit, als das
hchste, das erstrebenswertheste Gut - und Sie sind durch Gottes Sie
erleuchtenden Rathschlu von Ihrer angeborenen Familie getrennt worden, ohne in
dem Herzen Ihres Gatten gerade jenem Sinne fr Familienleben und Familienliebe
zu begegnen, nach denen es Sie verlangte. Darin erblickten Sie einen Mangel an
gttlicher Gerechtigkeit ....
    Nein, o nein! rief die Baronin, nicht darin ....
    Hren Sie mich zu Ende, begehrte der Caplan. Ich wei es, nicht darin allein
glaubten Sie einen Mangel an gttlicher Gerechtigkeit zu erblicken. Aber da Sie
frh dazu bestimmt waren, die Schuld und die Versndigung des Freiherrn theilend
tragen zu mssen, da Sie, der Liebe zu einem gleichaltrigen Manne entbehrend,
die ganze Kraft Ihres Herzens erst kennen lernten, als es fr Sie nicht mehr
gestattet war, ber Ihr Herz zu verfgen; da Ihre Neigung sich einem Manne
zugewendet hat, der sie nicht erwiderte, einem Manne, dem Sie nie angehren
konnten, auch wenn Sie ihm in der vollen Freiheit Ihrer Jugend begegnet wren -
da Sie kmpften, sich besiegten, ohne die Frucht Ihres Sieges in dem Frieden
Ihrer Ehe zu genieen; da Sie schuldig schienen, ohne es zu sein; da des
Freiherrn Glaube Ihnen nicht vertraute; da sein beleidigter Stolz keine
Vershnung zwischen Ihnen zulie, wie Ihr Herz sich auch in Reue vor ihm
demthigte - das Alles machte Sie zweifeln an der allweisen Gerechtigkeit des
Herrn. - Und, fuhr er fort, whrend sein Auge zu leuchten begann, hier auf dem
einsamen Lager, verlassen von dem Beistande der religisen Trstung, den zu
entbehren Ihr Herz noch viel zu schwach war, hier in dem Hause, nach welchem
Ihre irrende Empfindung sich oft mit strflicher Liebe hingesehnt, weil der Mann
hier weilte, dem Sie Ihre Liebe zugewendet hatten, hier trat die Versuchung
abermals an Sie heran, und von ihr verleitet, haben Sie sich gesagt: Ich habe
gelitten, nicht gefehlt! Ich bin unglcklich gewesen und nicht schuldig! Ich
habe vergessen wollen und es nicht vermocht! Ich bin also nicht verantwortlich
fr das, was ber meine Krfte geht! All mein Streben nach Vollendung hat mich
nicht beglckt und diejenigen nicht beglckt, die zu beglcken ich gewnscht
habe! Hier sind zufriedene Menschen, die nicht ber sich denken und hinleben in
gleichgltiger Gedankenlosigkeit; ich will hingehen und werden wie sie! Ich will
werkthtig werden wie sie und meine geheimen Neigungen nicht prfen, ich will
den Menschen wohlthun, dem Tage leben, der Zeitlichkeit leben, wie diese Familie
hier, und wenn dann meine Stunde schlgt, so will ich hintreten vor den Thron
des Herrn und ihm sagen: Du hast mich geschaffen mit meiner Schwche und
Sndhaftigkeit, du hast die Versuchung in meinen Weg gestellt, ohne mir die
Kraft des freudigen Siegens zu geben; dein ist meine Schuld, nicht mein - ich
wasche meine Hnde in Unschuld!
    Er htte noch lange so fortsprechen knnen, ohne da die Baronin ihn
unterbrochen haben wrde. Sie hatte ihre Hnde auf ihren Knieen gefaltet, ihr
Haupt ruhte auf ihren Hnden. Wie die Stimme des Gerichtes tnten die langsam
und gewichtig gesprochenen Worte des Geistlichen auf sie hernieder, sie glaubte
eine Offenbarung zu vernehmen, ein Wunder zu erleben; denn dies Alles, eben dies
Alles hatte sie sich gesagt, diese Zweifel hatten ihr Herz bewegt, zu diesen
Schlssen hatte es sie gedrngt. Wie ein Erleuchteter, ein Seher erschien ihr
der Mann, der also ihre innerste Seele erkannte. Sie war wieder vllig willenlos
in seine Hand gegeben. Freilich hatte er ihr Nichts gesagt, als was sie ihm seit
Jahren immer und immer wieder in ihren Bekenntnissen anvertraut, und doch traf
es sie wie mit einem Zauber; denn der Mensch, wie oft er sich auch seine eigene
Seele zergliedert und enthllt, ist sich neu und berraschend, wenn ein Anderer
ihm das Bild entrollt, das er diesem selbst geliefert hat, und in der
Ueberraschung vergit er, da er dies gethan.
    Der Caplan hatte seinen Sitz verlassen. Hoch und ruhig auf die Gebeugte
niederblickend, htete er sich, sie zu erheben. Er wute, da er sie zu schonen
hatte, und die Baronin war ihm theuer; aber auch jetzt wieder empfand er, was er
sich als einem der Glieder jener groen hierarchischen Verbrderung schuldig
sei, die sich die Herrschaft ber den Menschengeist als ihr angestammtes Erbe
und Recht zuerkennt.
    Es war nicht sein persnliches Belieben und Empfinden, es war nicht nur das
Wohl und Wehe, nicht nur die Unterwerfung dieser einen, am Abhange ihres Lebens
stehenden Frau, mit denen er es zu thun hatte. In dieser Frau hatte er das
Geschlecht derer von Arten an der Kirche und in der Kirche festzuhalten; aus
ihrer Hand mute und konnte er am sichersten die Machtvollkommenheit ber den
Knaben gewinnen, der bestimmt war, den stolzen Namen fortzupflanzen; und wre
das auch nicht gewesen - er schuldete es sich und seiner Kirche, eine Seele in
ihren Banden festzuhalten, die ihr einmal gewonnen worden war und deren
Bekehrung seiner Zeit viel von sich sprechen machen.
    Es war still in dem Zimmer; der Caplan stand sinnend an der Seite der
Baronin. Da er sie also in sich versunken sah, reichte er ihr die Hand. Es ist
jetzt an Ihnen, meine arme Freundin, sprach er, mich meines Irrthums, wie ich
Sie bat, zu zeihen, wenn ich mir einen solchen zu Schulden kommen lie.
    Sie hob ihr Antlitz in die Hhe, es war von Thrnen berstrmt. O,
Vergebung, Vergebung! war Alles, was sie sagen konnte, denn ein krampfhaftes
Weinen unterdrckte ihre Worte.
    Seba, die sich whrend dieser Unterredung im Nebenzimmer aufgehalten, trat,
ohne eine Aufforderung abzuwarten, in die Thre. Der Ton der Weinenden gab ihr
nach ihrer Meinung ein Anrecht dazu, denn sie hatte einzustehen fr das Befinden
der ihr anvertrauten Kranken.
    Um Gottes willen, was ist geschehen? rief sie, unbeirrt durch die gebietende
Erscheinung des Caplans, indem sie auf die Baronin zueilte und an ihrem Sessel
niederknieete.
    Nichts, nichts! entgegnete Angelika mit sanfter Abwehr.
    Nichts? wiederholte Seba, whrend ihre klugen Augen sich von der Kranken zu
dem Geistlichen und von diesem zu der Kranken wandten. Nichts - und Sie weinen,
da es Ihnen den Athem versetzt, und Ihre Hnde sind so kalt? - Sie wollte
auffahren in ihrer zornigen Besorgni, aber sie berwand sich, und mit schneller
Ueberlegung sich an den Geistlichen wendend, sagte sie: Herr Caplan, wir haben
die Ehre, Sie unsern Gast zu nennen, und sind sehr glcklich darber; da man
aber mit seinen Gsten doch in Frieden und Freundschaft leben soll, lassen Sie
uns ein Abkommen mit einander treffen!
    Dem Caplan, der mit erprobtem Scharfblicke in der ganzen Haltung Seba's die
Entschlossenheit eines festen Herzens erkannte und der von der Baronin bereits
erfahren hatte, wie sehr diese fr ihre Pflegerin eingenommen war, kam es darauf
an, in Angelika keine Art von Mitrauen gegen ihn aufkommen zu lassen. Er hielt
sie wieder fest in seiner Hand, und er war wie immer gern bereit, ihr so viel
Freiheit der Bewegung zu vergnnen, als er ihrem Heile angemessen glaubte. Es
war sonst nicht in seiner Art, hnlichen Aufrufen, wie Seba an ihn richtete, mit
Leichtigkeit zu begegnen. Die Sprache der Galanterie, die er mit seiner Wrde
unvereinbar fand, hatte seinem Ernste ohnehin nie zugesagt und lag ihm jetzt
noch ferner; aber er ging, von einer pltzlichen Ueberlegenheit bestimmt, auf
Seba's Forderung freundlich ein und versicherte, da er sehr bereit sei, jeden
von ihr gemachten Vorschlag anzunehmen, wofern er ihm entsprechen knne.
    O, gewi, rief sie, Sie knnen es, nur ein wenig Gte und ein wenig
Selbstverleugnung sind dazu vonnthen! - Sie kauerte neben Angelika's Sessel auf
einem Schemel nieder und sagte lchelnd: Aber ich mu weit, sehr weit ausholen
drfen!
    Und wie weit? fragte der Caplan, dem die Achtsamkeit nicht entging, mit
welcher die scherzende Seba in den Mienen der Baronin zu lesen trachtete.
    Von der Schpfungsgeschichte an, entgegnete sie; denn wie Juden und Christen
in ihren religisen Meinungen und Vorstellungen auch aus einander gehen, die
Erzhlung von der Reihenfolge, in welcher Gott die Welt erschaffen hat, die
haben sie gemein, und ....
    Und? wiederholte der Caplan, dem Seba's geflissentlich spielendes Plaudern
nur einen erhhten Begriff von ihrer willensstarken Klugheit gab.
    Und, sprach sie, sichtlich zufrieden mit sich und mit dem Eindrucke, den sie
auf den Caplan machte, und es steht geschrieben: erst als Gott der Herr den
Krper Adam's in Kraft und Schnheit vor sich sah, hauchte er ihm den Odem
seines Geistes ein!
    Der Caplan konnte seine Ueberraschung ber diese Wendung nicht verbergen. Er
verneigte sich vor Seba mit der Versicherung, da er sich diese Aufklrung zu
Nutze machen werde. Sie that, als hre sie nicht, da er sie verspotte, und sich
von ihrem Schemel aufrichtend, rief sie mit einem Tone leichtfertiger
Zuversicht: Thun Sie das, beherzigen Sie mein Gleichni, hochwrdiger Herr, denn
ich mache sonst von dem Rechte Gebrauch, das mir der Freiherr und der Arzt
einrumten, als sie die Frau Baronin mir und meiner Pflege bergaben: ich lasse
Niemanden zu ihr ein, der ihr irgend eine Aufregung verursacht!
    Sie haben starke Begriffe von Autoritt, ich achte das, entgegnete der
Caplan, dem der Charakter dieses Mdchens immer bedeutender erschien, und Sie
sind geneigt, Ihre zufllige Herrschaft zu gebrauchen, wie mir scheint!
    Die Baronin wollte einlenken, weil sie frchtete, Seba knne dem Caplan
mifallen; aber diese war gewohnt, sich selbst zu helfen. - Wollen Sie mich
tadeln, wenn ich zu genieen suche, was noch mein, nur noch wenige Tage mein
ist? fragte sie. Bis Mademoiselle Marianne eintrifft, gehrt die Frau Baronin
mir, und ich habe fr ihr Wohlbefinden einzustehen. Es wird nicht lange dauern,
und - die Augen wurden ihr feucht, obschon sie lchelte - mein Regiment ist aus!
Dann, Herr Caplan, dann thun Sie Alles, was Ihnen geboten scheint, nur unter
meiner Obhut, nur hier, soll meine Kranke heiter sein, soll die Frau Baronin
nicht so weinen!
    Sie weinte aber selbst, whrend sie diese Worte sprach. Die Baronin hatte
ihr die Hand gereicht, Seba drckte sie an ihre Lippen. Der Caplan war jeder
Bewegung, jeder Miene Seba's gefolgt. Er sah die Zrtlichkeit, mit welcher die
Baronin an ihrem Munde hing, die Sorge, mit der sie auf den Eindruck achtete,
den des Mdchens dreister Freimuth auf ihn machen wrde, und er war zu klug, um
sich in einen Kampf einzulassen, den er vermeiden konnte, ohne dadurch zu
verlieren. Denn einen Streit mit einem nicht ebenbrtigen Gegner aufnehmen,
heit diesen erheben, indem man sich erniedrigt, und der Caplan besa die
vorsichtige Selbstbeherrschung des Clerus, dem er angehrte. Er verstand zu
warten, aber er verstand mehr als das: er kannte die Menschen und hatte frh
gelernt, sie zu beobachten.
    Er hatte Seba gesehen, da sie eben in das jungfruliche Alter getreten war,
und ihr sanftes, schchternes Wesen hatte damals nicht errathen lassen, zu
welcher Kraft und Entschlossenheit sie sich entwickeln wrde. Es muten
besondere Umstnde mitgewirkt haben, ihr dieses Charaktergeprge aufzudrcken
und sie in solcher Weise ber ihre Jahre und ihre Lebensverhltnisse zu erheben.
Sie hatte nicht jene Weichheit, welche das Mdchen zu kennzeichnen pflegte, sie
besa die ganze Sicherheit einer vom Leben geprften und durch dasselbe
gereiften Frau. Sich unterordnend und liebevoll dienend, war sie doch die
Herrschende in ihrem Vaterhause, und auch ihr Einflu auf Angelika war
unverkennbar. Wie aber war sie zu der Selbstbeherrschung gelangt, welche ihr die
Macht ber Andere sicherte? Denn nur derjenige, welcher seiner selbst gewi ist,
erlangt eine Gewalt ber die Anderen.
    Fast gegen seinen Vorsatz hatte er sein klares Auge scharf auf sie
gerichtet, und sie ertrug und erwiederte seinen Blick mit Festigkeit. Nur ihre
Wangen frbten sich, und der Mund, jener schwer zu beherrschende Verrther
unserer Gedanken, zuckte leise, wie in stolzem Trotze. Der Caplan glaubte genug
gesehen zu haben, und senkte mild die Lider, whrend er sich mit freundlichem
Worte fr diesen besonderen Fall als von ihrer besseren Einsicht und greren
Sorgfalt berwunden nannte. Ja, er ging noch weiter; er erbot sich, um jede
angreifende Unterhaltung zu vermeiden, die Baronin, so lange sie in Seba's Obhut
sei, nur in deren Beisein zu sprechen, denn er wisse, wie hoch ein
gewissenhaftes Herz bernommene Verpflichtungen halte, und wie liebevoll man
ber ein Leben wache, das man mit Mhe und Aufopferung in einem geliebten
Menschen zu erhalten gestrebt habe. Die Baronin reichte ihm dankbar die Hand;
sie hatte gefrchtet, da der Caplan sich erzrnen, da er sich gegen Seba
aussprechen knne, und sie liebte Seba.
    Niemals war eine Freundschaftsversicherung, niemals ein Gestndni
gegenseitiger Zuneigung zwischen den beiden Frauen ausgesprochen worden; sie
hatten einander auch nicht um ihre Schicksale befragt, sich ihre Erlebnisse
nicht besonders anvertraut, wie Frauen dies so leicht und gern thun; aber
Bedrfni, Hlfsleistung und Dankbarkeit hatten eine Neigung und endlich eine
Liebe zwischen ihnen erzeugt, die so natrlich entstanden war, da beide ihr
rasches Wachsthum kaum gewahrten. Seba freute sich in jedem Augenblicke an der
formvollen Gte der Baronin, die Baronin geno unablssig ihrer Pflegerin
bereitwillige Hingebung. Sie rhmte dem Geistlichen, welch glckliche Tage sie
verlebe, seit sie alle Dienste, deren sie bedrfe, von der Hand einer Freundin
empfange, und seit sie gelernt habe, wie s es sei, zu fordern, wo man mit der
Mglichkeit des Gewhrens dem Andern eine Freude zu bereiten sicher sei.
    Der Caplan widersprach ihr nicht. Im Gegentheil, er erkannte Seba's Vorzge
unbedenklich an; nur einmal warf er die Frage auf, ob die Baronin irgend etwas
ber den Weg erfahren habe, welchen die Charakterbildung ihrer Freundin
genommen, ob sie irgend welche Kenntni von deren sittlichen und religisen
Anschauungen habe. Sie verneinte Beides, that danach aber doch die Aeuerung,
da sie vermuthe, Seba sei unvermhlt geblieben, weil sie eine unglckliche
Liebe im Herzen trage. Der Caplan nannte dies unwahrscheinlich, da das Mdchen
Eigenschaften und Vorzge besitze, welche auch einem anspruchsvollen Manne
gengen mten. Die Baronin schwieg eine Weile, inde ein ihr in der Beichte zur
Gewohnheit gewordenes Vertrauen in den Caplan und das Verlangen, ihre Seba nicht
als eine Verschmhte erscheinen zu lassen, trugen ber ihre Verschwiegenheit den
Sieg davon, und zgernd, als bekenne sie eine eigene Erfahrung, sagte sie, da
ihrer Freundin Liebe, wie sie glaube, einem Manne gegolten, von welchem nicht
nur ihre Religion, sondern auch sein Stand sie geschieden habe.
    Sie kennen seinen Namen? fragte der Caplan; da die Baronin die Antwort nicht
augenblicklich gab, lie er jedoch selbst die Frage fallen, und erst nach einer
Weile sagte er, wie man eine flchtige Bemerkung hinwirft: Ich wrde mich
wundern, wenn Mademoiselle Flies sich htte leicht entmuthigen lassen, denn an
Willenskraft hat sie offenbar nicht Mangel, und Standesvorurtheile lassen sich
gar oft besiegen, wenn nur die kirchlichen, die religisen Hindernisse zu
besiegen sind. Wie anders aber wrde dieses Mdchens Wesen sich entfaltet haben,
wenn seine bergroe Selbstgewiheit durch die Erkenntni jener gttlichen Liebe
gemildert worden wre, von welcher alle irdische Liebe nur der Abglanz eines
schwachen Strahles ist!
    Er brach dann diese Unterhaltung ab, sicher, da sie in der Baronin
nachwirken wrde, und er hatte sich darin nicht getuscht. Sie war unverkennbar
bemht, Seba in die Nhe des Caplans und diesen zu Errterungen ber religise
Fragen zu bringen, wenn Seba irgend auf solche einzugehen geneigt war. Aber
nachdem die Baronin auf ihren Wunsch an einem der folgenden Tage gebeichtet und
das Abendmahl empfangen hatte, hielt grade der Caplan sich fest an sein
gegebenes Versprechen und schien, jeder angreifenden Unterhaltung geflissentlich
ausweichend, es nur auf die Pflege und Erheiterung der Kranken abgesehen zu
haben.

                              Dreizehntes Capitel


Der Freiherr hatte sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen, er hatte
selbst zu Gericht gesessen ber die Angeklagten und Schuldigen. Aber auf den
Besitzungen des Freiherrn wie berall auf dem Lande hing und hngt der niedere
Mann an dem Hergebrachten. Aus dem Hergebrachten schpft er seine Einsicht, nach
dem Hergebrachten richtet er seine Folgerungen, auf das Hergebrachte stellt er
sich, wenn er mit seinen Erwartungen sich an die Zukunft wendet, und was ihn von
diesem Boden entfernt, flt ihm ohne Weiteres Mitrauen ein.
    Mancher von den Insassen der Gter war wegen kleinerer oder grerer
Vergehen in den letzten Jahren zur Verantwortung gezogen worden; inde er hatte
es dann, wie Adam sehr richtig bemerkt, gleich seinen Vordern, auf den Amtmann
und den Justitiarius geschoben, und alle Theile hatten einander gekannt, hatten
mit einander zu verkehren gewut und ungefhr voraussehen knnen, worauf sie
sich gefat zu machen htten. Jetzt, da der Freiherr selbst Gericht halten
wollte, war es ein Anderes.
    Es waren Frevel geschehen, wie sie bis dahin nicht vorgekommen waren, nicht
hatten vorkommen knnen, und da sich in den Kpfen der unaufgeklrten und
kurzsichtigen Menge die Begriffe wunderlich kaleidoskopisch zusammensetzen und
gestalten, hatte sich, weil die erschlagene Kammerjungfer und der gemihandelte
Koch Fremde gewesen, und weil der verwundete Geistliche ein Katholik war, die
Vorstellung der Leute bemchtigt, sie sollten nicht von ihrem rechtschaffenen
protestantischen Herrn Justitiar nach ihrem alten Rechte und Herkommen gerichtet
werden, sondern nach fremden und katholischen Gesetzen, die eben dehalb der
gndige Herr, der ja auch katholisch war, selbst handhaben wolle. Dagegen habe
der Herr Pfarrer Einspruch gethan und der gndige Herr ihm die Pfarre zur Strafe
abgenommen. Nun werde der Caplan an seine Stelle kommen und allem wahren
christlichen Wesen in der Gemeinde mit Schrecken ein Ende gemacht werden.
    Wo hier und da eine derartig verwirrte Vorstellung dem Amtmanne oder dem
Justitiarius zu Ohren gekommen war, hatten sie dieselbe zu bekmpfen versucht,
aber es ist ein Kennzeichen der Unvernunft, da sie sich nicht berzeugen lassen
mag; und wenn es dann doch gelungen war, einen oder den andern von den Mnnern
zu beruhigen, so kamen die Frauen, welche sich weinend und wehklagend bei der
Pfarrerin Raths erholen gingen, mit bengstigenden Voraussichten, mit dem
Glauben an die schlimmsten Mglichkeiten in ihre Wohnungen zurck, und die
mitrauische Angst wuchs nur noch hher empor.
    Unglcklicher Weise wichen die Anordnungen des Freiherrn nun auch von dem
Hergebrachten ab. Sonst hatte man die Termine in der Gerichtsstube in Rothenfeld
abgehalten, die Angeschuldigten waren auf wohlbekanntem Wege nach der
Gerichtsstube gegangen oder gebracht worden, hatten sich an den Husern,
zwischen den Grten hin gedrckt und in der Gerichtsstube den Justitiarius, den
Schreiber, den Schulzen in der gewohnten, ihnen allen bekannten Alltagstracht
gefunden, und die Angelegenheit war, wie schlimm sie fr den Betroffenen auch
sein mochte, doch ohne besonderen Schrecken fr ihn abgegangen. Diesmal war das
anders. Diesmal hatte man die Angeklagten in das Schlo beschieden, und
Jedermann machte sich nun auf das Aeuerste gefat. Denn warum lie man's nicht
beim Alten, wenn man nicht besondere Absichten hegte? Schon der Weg ber den
groen Schlohof, den die Angeklagten in Begleitung der beiden Bttel vor aller
Welt Augen zurcklegen mssen, war eine schwere Pein und eine Strafe fr sie
gewesen. Als sich das Gitter der Mauer, die den Hof umgab, dann hinter ihnen
geschlossen hatte, als ihre Weiber und Angehrigen, die hingekommen waren, sie
zu sehen, ihnen nicht in den Schlohof folgen drfen, war ihnen die Angst
vollends zu Kopfe gestiegen, und nun gar da zu stehen in dem groen hohen Zimmer
des Erdgeschosses, durch dessen Bogenfenster der Tag so hell hineinschien, da zu
stehen vor der langen, grnen Tafel, an welcher der Justitiarius und der
Schreiber, beide schwarz und feierlich gekleidet, weil sie vor dem Freiherrn zu
erscheinen hatten, dessen Eintritt erwarteten, das hatte die Leute in dem
Glauben bestrkt, da man es auf sie abgesehen habe und da ihnen zugefgt
werden solle, was noch Keinem von ihnen hier zugefgt worden und was berhaupt
noch nicht dagewesen sei.
    Hoch aufgerichtet und mit finsterem Blicke ber die Angeklagten
hinstreifend, war der Freiherr in den Saal getreten, hatte sich an dem oberen
Ende des Tisches niedergesetzt und dem Justitiarius ein Zeichen gegeben, das
Verhr zu beginnen. Dieser, der es allerdings wute, da der Freiherr ein
warnendes Exempel zu statuiren und den Leuten seine Gewalt fhlbar zu machen
wnschte, kannte aus vieljhriger Erfahrung nichts desto weniger die dem
Landmanne eigenthmliche, zgernde Hartnckigkeit und das stumpfe Leugnen eines
Schuldigen genugsam, um sich von seinem ruhig fortschreitenden Verhre nicht
abbringen zu lassen. Aber der Freiherr hatte niemals einer solchen
Gerichtssitzung beigewohnt, und die Menschen, mit denen er es hier zu thun
hatte, waren ihm in ihrem Charakter und in ihrer Art und Weise fast vllig
fremd. Wenn seine Unterthanen sonst einmal vor ihm selbst erschienen waren,
hatte er sie als Bittsteller vor sich gehabt, und wer sich einer Schuld bewut
gewesen war, hatte sich gehtet, in seinen Bereich zu kommen. Selbst die
eigentliche Angst und Noth, denen man meist, so gut es gegangen, abgeholfen,
waren nicht leicht bis zu ihm gedrungen, und heute, wo er Angst und Noth und
Schuld und scheues Mitrauen, Alles auf einmal vor Augen hatte, emprten sie
ihn.
    Die dstern Mienen, der stumpfe Ausdruck, das abwartende und hinhaltende
Zgern, das Schweigen auf bestimmt vorgelegte Fragen, das geflissentliche
Umgehen und Leugnen der feststehenden Thatsachen regten seine Ungeduld auf und
machten ihm die Leute vollends verchtlich. Er sah eine Auflehnung gegen sich
und sein bestimmtes Wissen von dem Vorgefallenen darin, wenn die Schuldigen sich
bestrebten, sich womglich aus der Schlinge und Gefahr zu ziehen, und whrend
der Justitiarius gelassen den Leugnenden einen Fu breit nach dem andern von dem
Boden streitig zu machen suchte, auf dem sie sich behaupten wollten, war der
Freiherr, mde des frechen Lgens und des unverschmten Trotzens, aufgefahren
und hatte befohlen, von den Leuten mit Gewalt das Eingestndni der
feststehenden Thatsachen zu erzwingen.
    Es war ein schlimmer Augenblick, als man mit Stockschlgen gegen die
Angeklagten verfuhr, denn es war das nicht vorgekommen seit Menschengedenken.
Wohl hatte man zu allen Zeiten jugendliche Missethter mit dem Stocke gestraft,
aber man hatte nicht Gestndnisse mit dem Stocke erpret, und es kam dem
Justitiarius hart an, als der Freiherr den Befehl ertheilte. Leise bittend,
versuchte er davon abzumahnen, inde der Freiherr gab ihm kein Gehr. Er fhlte
einen Widerwillen gegen die vor ihm stehenden Uebelthter, er kam sich wie
erniedrigt dadurch vor, da er in ihrer Nhe sein, ihren Anblick ertragen, die
Schliche und Winkelzge ihrer engen Kpfe verfolgen, den Ausflchten und Listen
nachspren sollte, mit denen sie sich zu retten strebten, und er verga, da
nichts als sein eigenes Gelsten, ihnen seine Oberherrlichkeit klar zu machen,
ihn zu dem Amte gezwungen hatte, das verwalten zu mssen er wie eine Schmach
empfand.
    Ungerhrt und nur angewidert von dem Anblicke der sich im Schmerze windenden
und demthigenden Schuld, lie er die erlangten Gestndnisse zu Protokoll
nehmen, und stehenden Fues sprach er seine Willensmeinung aus. Das Recht ber
den des Todtschlags Eingestndigen stand nicht dem Freiherrn, sondern dem Staate
zu. Es wurde also der Befehl ertheilt, ihn noch in dieser Stunde, in Ketten
geschlossen, an das Gericht der Kreisstadt abzuliefern. Auch die Strafen gegen
die brigen Angeklagten wurden sofort verhngt und fielen hrter und strenger
aus, als man es des Landes hier gewohnt war. Der Freiherr schien sich an dem
Leiden Anderer fr die Pein entschdigen zu wollen, welche dieser Morgen ihm
bereitete.
    Mit eigener Hand unterschrieb er das Verhr und den Bericht, die nach der
Kreisstadt mitgegeben wurden, eigenhndig unterzeichnete er das Urtheil seiner
Leute, und finsterer noch, als er gekommen war, schritt er, ohne sie und ihr
niedergeworfenes Flehen eines Blickes zu wrdigen, an ihnen vorber und zum
Saale hinaus.
    Er hatte die Angelegenheit erledigt haben wollen, ehe die Baronin
wiederkehrte, ehe die grflich Berka'sche Familie auf das Schlo kam. Nun hatte
er sie abgethan, und doch fhlte er sich nicht leichter. Es war ein Miton in
sein Inneres gekommen, den er sich selber nicht zu deuten wute, aber er hrte
ihn immerfort peinlich in sich erklingen, er konnte ihn nicht verstummen machen.
Das Wohlwollen, welches er gegen seine Unterthanen sonst gefhlt hatte, war wie
aus seiner Brust gerissen; er sah mit verachtendem Widerwillen auf das Volk
herab, und ein bitteres Hohnlachen war die Antwort, die er sich gab, als er
seine gegenwrtigen Erfahrungen und seine jetzige Stimmung mit den
philanthropischen Bestrebungen und Ansichten seiner jungen Jahre verglich.
    Er hatte frher sich oftmals darber ausgesprochen, da ein Edelmann seine
Wrde nirgends so vllig behaupten knne, als auf seinem Grund und Boden; da er
einen groen und schnen Theil seiner Standesvorrechte opfere, wenn er sich
hinter die Mauern der Stdte zurckziehe und in die Nhe der Hfe begebe, und
obschon er von Natur gesellig war, hatte sein Hang zu vlliger, selbstbestimmter
Freiheit ihn das gesonderte Leben auf dem eigenen Hofe immer als einen Vorzug
betrachten machen. Jetzt dnkte es ihm angenehm, der Nhe und der Berhrung mit
der stumpfen Masse des niederen Volkes mglichst enthoben zu sein, und sein
sthetischer Widerwille gegen dessen Rohheit schlug, ohne da er sich dessen
klar bewut war, in jene auf das bessere Blut begrndete aristokratische
Geringschtzung des Volkes um, das ihm gehrte und aus dessen Arbeitskraft er
die Mglichkeit zu seiner freien, edelmnnischen Selbstbestimmtheit und Willkr
schpfte.
    Er war unzufrieden mit Allem, was ihn umgab, er meinte immer und immer aufs
Neue zu erkennen, da er sich auf falschem Wege befunden, da er nicht genug
Zucht gehandhabt, da er in gtiger Lssigkeit berall zu viel freies Belieben
um sich her bestehen lassen; denn das freie Belieben des ungebildeten und
unreifen Menschen begann ihm, je schrfer er die Verhltnisse ins Auge fate,
immer entschiedener als die Quelle alles Uebels zu dnken, und whrend er in
seiner warmherzigen und glckverlangenden Jugend daraus den Schlu gezogen haben
wrde, da man mit allen mglichen Mitteln danach streben msse, der Unbildung
durch Verbreitung von Aufklrung ein Ende zu machen, meinte er jetzt
verdsterten Sinnes aus seinen eigenen Erfahrungen zu erkennen, da der einzelne
Mensch und vor Allem die groe Masse durch Gte nicht zu gewinnen und der
bildenden Erziehung nicht zugnglich sei, da man ihr also keine Freiheit
verstatten drfe, wenn man sich und sie selber nicht der Gefahr eines
gefhrlichen Mibrauchs dieser Freiheit aussetzen wolle.
    Immer geneigt, in Allem, was ihn persnlich betraf, an eine gewissermaen
sichtbare Einwirkung der Vorsehung zu glauben, schien es ihm ein Fingerzeig des
Himmels zu sein, da diese Erkenntni sich ihm eben durch einen gegen seinen
Kirchenbau verbten Frevel neu besttigte. Er war gegen denselben in den letzten
Jahren gleichgltig geworden, er hatte selbst oft gewnscht, ihn nicht begonnen
zu haben; nun, da der Bau sich so stattlich erhob, da er seine knstlerische
Lust neben der Besitzesfreude daran hatte, nun wurde er durch ein von der wsten
Rohheit begangenes Verbrechen daran gemahnt, da die Masse des Zgels und der
Zucht nicht entbehren knne; und da diese ihr unerlliche Zgelung ihr von dem
protestantischen Pfarrer nicht angelegt worden sei, dafr meinte er die Beweise
jetzt zur Genge erhalten zu haben.
    Whrend er eben so erbittert als schwermthig im Laufe des Tages und noch
spt am Abende im vertrauten Gesprche mit der Herzogin seine Seele von ihrem
Kummer zu entlasten strebte, brannten und brteten der Zorn und der Ha gegen
ihn in den Gemthern seiner Hrigen. Nicht nur die Familien der Schuldigen und
Bestraften waren in ihren Herzen gegen ihn emprt, auch die vllig Schuldlosen,
auch die besten und ihm bis dahin anhnglichsten unter seinen Leuten waren ihm
aufsssig und verwnschten mit seiner Hartherzigkeit auch sein Herrenrecht. Sie
htten es nicht zu sagen gewut, was sich in ihnen und in ihrem Verhltni zu
ihrem Herrn gendert hatte, aber der Amtmann und der Justitiarius erkannten, was
geschehen war, und hatten in ihrer richtigen Voraussicht und in richtigem
Verstndni des Volkscharakters und des Menschenherzens den Freiherrn von
persnlichem Einschreiten in der eigenen Sache fern zu halten gewnscht.
    Es war nicht die Hrte der Strafe, ja, nicht einmal die Art, in der man die
Schuldigen zum Gestndni gezwungen, gegen welche das Bewutsein der Leute sich
auflehnte. Es hatte, seit die erste Aufregung in den Pfingsttagen vorber
gewesen war, kaum einen Menschen auf den Gtern gegeben, der das Geschehene
nicht bedauerte und der nicht der vollen Meinung gewesen wre, da es bestraft
werden, schwer bestraft werden und die Strafe hingenommen werden msse. Htte
der Herr Justitiarius den des Todtschlags schuldigen Stephan in Ketten nach der
Stadt geschickt, htte er den Stellmacher, der nach der Aussage des Kochs diesen
niedergeworfen und mihandelt hatte, schlieen, ihn bei Wasser und Brod, wie der
Freiherr es gethan, in das seit Jahren nicht mehr benutzte sogenannte Verlie
einsperren, und den bldsinnigen Burschen, der den Herrn Caplan verwundet, von
dem Bttel peitschen lassen, sie wrden es hingenommen haben, ohne mehr denn
gewhnlich zu murren und zu klagen; denn der Justitiarius war dazu da, auf das
Recht zu sehen. Er handelte nicht fr das Seinige, er war dem Herrn
verantwortlich und ward dafr bezahlt, auf des Herrn Vortheil und Zukommen zu
achten so gut wie der Amtmann. Er konnte nichts verzeihen, er konnte nichts
schenken, er konnte und durfte nicht Gnade fr Recht ergehen lassen. Aber der
Herr konnte es, dem Herrn hatte Niemand zu befehlen, er war Niemandem
verantwortlich, er konnte Erbarmen haben - und er hatte kein Erbarmen gehabt.
    Ein Wunder war das, wie die Leute meinten und es zu einander sagten,
freilich nicht; denn was wissen die Reichen und Vornehmen von der Noth und der
Sorge des Armen? Ob der Freiherr da war, ob er lebte oder starb, seine Frau und
sein Sohn wohnten in dem Schlosse, Wald und Feld, Wiese und Hhe gehrten ihnen.
Seit Menschengedenken war es ihnen von Vater auf Sohn so zugefallen. Ohne da
sie die Hand rhrten und den Arm bewegten, war ihnen Alles in den Mund gewachsen
und sie hatten nach Keinem zu fragen gehabt, und gethan und gelassen, was ihnen
wohlgefallen. Wer hatte denn den gndigen Herrn zur Rechenschaft gezogen, als
die Pauline in das Wasser gesprungen war? Ob man einem Menschen in der Hitze des
Augenblicks das Leben nimmt, oder ob man ihn langsam dahin bringt, da er es
sich vor Verzweiflung selber nehmen mu, das sei wohl das Nmliche, ja, das
Letztere sei im Grunde schlimmer. Denn die fremde Kammerjungfer hatte ihr
ehrliches Begrbni gehabt, und die arme Pauline, die guter Leute Kind gewesen
war, wie nur Eine, war ohne Sang und Klang als ekler Leichnam auf einem
unbezeichneten Platze in der Ecke des Kirchhofes eingescharrt worden, hatte mit
ihrem Selbstmorde ihrer Seele Seligkeit verscherzt, und selbst das Haus hatte
man niedergerissen, worin sie einst gewohnt. Wenn das nicht eine Snde und ein
Verbrechen gewesen war, dann war nichts Snde; aber freilich, dem Armen sieht
man auf die Finger und dem Reichen durch die Finger, und dem armen, gedrckten
und geplagten Menschen wird das Herz zuletzt so voll gemacht, da er sehen mu,
wie er sich's befreit, wenn fr ihn nicht Erbarmen zu finden ist, wo er es zu
suchen hat.
    Den ganzen Tag hindurch standen die Thren im Amte und in der Pfarre nicht
still. Die Leute kamen, um vor Leidensgefhrten sich auszusprechen. Sie wuten
gut genug, da der Amtmann und seine Schwester sich ber die Herrschaften zu
beschweren hatten, sie wuten, da es dem Pfarrer und seiner Frau hart ankommen
wrde, die Pfarre zu verlassen, sie hofften von der Unzufriedenheit der
Gekrnkten Aufmunterung fr ihre eigene Erbitterung und ihren Ha zu finden, und
wenn sie sich nicht nach Erwarten aufgenommen fanden, gingen sie mit erhhtem
Widerwillen und neuem Grolle von dannen, denn sie sagten sich: Was schiert's im
Grunde den Amtmann und den Pfarrer, was aus uns wird? Der Amtmann hat sein
Schfchen in das Trockene gebracht, und zu leben hat der Pfarrer auch. Sie sind
Einer wie der Andere, es hat keiner ein Herz im Leibe fr des Armen Noth. Sie
treten Alle, Alle auf den Armen. Aber auch der Wurm krmmt sich und sticht, wenn
er's vermag, er mu nur den rechten Fleck und den rechten Augenblick abzupassen
wissen.
    Es sah bel aus in der Herrschaft! Das alte patriarchalische Verhltni, auf
welches der Freiherr so stolz gewesen, war nach allen Seiten hin bis auf den
Grund zerstrt. Er fhlte sich geschieden von seinen Leuten, er hatte das
Bewutsein, ihre Liebe und Verehrung eingebt, ihren Ha auf sich geladen zu
haben, und sie waren ihm verhat geworden. Der Amtmann begann die Tage zu
zhlen, die er in dem ihm jetzt so lstigen Dienste noch zu verleben hatte, Eva
konnte es kaum erwarten, sich und Herbert und den Bruder von jedem Zusammenhange
mit den Herrschaften frei zu sehen; der Justitiarius seinerseits fand sich durch
das persnliche Einschreiten des Freiherrn in seiner Amtswrde beeintrchtigt,
und in der Pfarre war man eigentlich am niedergeschlagensten, denn nicht allein
fr sich, nein, fr die ganze Gemeinde frchtete man dort das Aeuerste.

                              Vierzehntes Capitel


Whrend dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage in Gesellschaft ihrer
Freundin und ihres geistlichen Berathers. Man hatte ihr im Garten unter den
groen Bumen ein leichtes Zeltdach aufschlagen lassen, in welchem sie vom
Morgen bis zum Abend weilte. Die Nhe der bevorstehenden Trennung machte die
Freundinnen nur des Glckes bewuter, welches sie jetzt genossen, und doch
meinte Seba zu fhlen, da Angelika sie in einer ihr sonst nicht eigenthmlichen
Weise beobachte, da sie ihr etwas sagen wolle, etwas auf dem Herzen habe, und
es fiel ihr auf, da sie, seit der Caplan im Hause war, das Gesprch so hufig
auf religise Fragen und Gegenstnde richtete, die sie sonst geflissentlich
vermieden hatte. Auch von ihren Familienverhltnissen sprach sie jetzt noch
fter und noch rckhaltloser, als sei ihr daran gelegen, der Freundin ein
Zeichen ihres Vertrauens zu geben, und es wollte Seba berhaupt bednken, als
suche die Baronin jetzt geflissentlich ihr nahe und nher zu treten, als walte
neben dem natrlichen Zuge ihres Herzens noch eine Absicht in ihr vor. Es war,
wie gesagt, regelmig der Caplan, welcher die Unterhaltung ablenkte, wenn die
Baronin in seinem Beisein der geistigen Wandlungen gedachte, die sie erlebt,
wenn sie des Trostes erwhnte, den sie in dem Anlehnen an einen unsichtbaren
Helfer und in dem Beistande eines treuen, welterfahrenen und verschwiegenen
Berathers gefunden habe, und Seba wute ihm dies Dank. Auch hatte er sich trotz
seiner Zurckhaltung bald genug in das Leben der Flies'schen Familie
hineingefunden und das Zutrauen der Eltern und der Tochter eben durch seine
Zurckhaltung gewonnen.
    Er besa alte Bekannte und Freunde in der Stadt, hatte mit seinen
geistlichen Amtsgenossen, deren es mehrere an der katholischen Kirche des Ortes
gab, von Alters her Verkehr, und da er auerdem in den Morgenstunden die
Bibliotheken zu besuchen pflegte, whrend auch die noch immer nicht aufgegebenen
Nachforschungen nach Paul einen Theil seiner Zeit beanspruchten, waren Seba und
die Baronin nach den ersten Morgenstunden, in welchen Angelika mit dem Caplan
die gewohnten religisen Betrachtungen wieder aufgenommen hatte, sich bis zum
Mittag selber berlassen.
    Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter lange und ruhig
plaudernd bei einander gesessen. Man erwartete am folgenden Tage das Eintreffen
von Mamsell Marianne, und die Heimkehr der Baronin sollte dann in kleinen
Tagereisen vor sich gehen. Die Freundinnen hatten die Mglichkeit eines
Wiedersehens besprochen, das durch den Umzug der Flies'schen Familie nach der
Residenz gar sehr erschwert ward; ein ausfhrlicher Briefwechsel war verabredet
worden, als die Baronin sich erhob, um, auf Seba's Arm gesttzt, in den Gngen
des Gartens umher zu wandeln. Man konnte dabei einige der Nachbarhuser sehen;
die Baronin wollte wissen, wem sie gehrten, und pltzlich den Kopf nach dem
Flies'schen Hause zurckwendend, fragte sie, ob Herbert's Zimmer nach der Seite
des Gartens gelegen wren.
    Herbert's Zimmer? Also Sie wuten es, da er in unserem Hause wohnt? rief
Seba und wurde roth, als habe sie sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue
sie den Ausruf.
    Zweifeltest Du daran? entgegnete die Baronin; sieh', da bin ich
scharfsichtiger gewesen. Ich erkannte grade an der Sorgfalt, mit welcher Ihr es
vermiedet, Herbert's vor mir zu gedenken, da Ihr Alle wutet, was ich fr ihn
empfunden habe, und ich hatte mir vorgenommen, es Dir zu sagen - denn wehalb
sollte ich es Dir verschweigen, da ich Dich wie eine Schwester liebe?
    Sie verlangte sich niederzusetzen, und Seba meinte sie nie schner als in
diesem Augenblicke gesehen zu haben. Ihre Augen glnzten, obschon die Lider sie
verschmt bedeckten, ihr Mund lchelte, whrend der Schmerz ihn leise umspielte,
und es lagen in ihrer Stimme wie in ihrem ganzen Ausdrucke eine Unschuld und
Wahrhaftigkeit, die etwas Ueberwltigendes fr Seba hatten.
    Ich habe viel gelitten, liebe Seba! nahm die Baronin das Wort: denn schn,
wie die Empfindung war, die mich zu Herbert zog, war sie mir nicht mehr erlaubt.
- Sie hielt wieder inne und sagte dann: Es war sein Mitleid mit mir, das mich
rhrte; es waren seine Jugend und seine Warmherzigkeit, die mich zu ihm zogen.
Ich trug eine Sehnsucht nach Liebe in der Brust, und ich verga, da Gott nicht
jedem Menschen die Erfllung seiner Wnsche fr zutrglich erkennt. Ich wollte
glcklich sein nach meinem Ermessen, nicht das Glck erkennen, welches Gottes
Rathschlu mir zuertheilt hat, und ich habe noch immer Stunden, in denen ich
ohne den Beistand meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen
knnte, obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in seiner Nhe mit
neuen Augen sieht. Ich habe viel, recht viel gelernt, als ich mich ihm verfallen
glaubte, und ich habe mit Gottes Beistand noch Vieles zu vergten in der Welt.
Auch Herbert habe ich Unrecht gethan und will versuchen, es ihn vergessen zu
machen. Sage ihm das, Liebste, wenn Du ihn wiedersiehst, und - fgte sie mit
tiefer Traurigkeit hinzu - Du sollst es wissen, Du ganz allein: ich frchte, ich
werde daran sterben, da ich mein ungengsam Herz und meine Pflicht nicht mit
einander zu vereinen, da ich mir nicht gengen zu lassen wute.
    Seba htte ihr Muth einsprechen mgen, aber sie vermochte es nicht. Eine
Traurigkeit wie diese schien ihr ber den Trost erhaben zu sein, und die Baronin
hatte es auf einen solchen auch nicht abgesehen, denn sie ergriff Seba's Hand,
schlo sie in die ihrige und sagte: Ich wollte Dir das gern sagen, liebe Seba,
damit Du siehst, wie sehr ich Dir vertraue, wie ich Dich liebe und kein
Geheimni vor Dir haben will! Aber - und sie schlang ihren Arm mit mdchenhafter
Zrtlichkeit um Seba's Nacken - auch von Dir, Liebe, wei ich mehr, als Du mir
anvertraut hast, und auch das wollte ich Dir eigentlich sagen, ehe Marianne
morgen kommt und ehe wir von einander gehen!
    Seba bog sich zurck, da sie sich von dem Arme Angelika's freimachte, sah
sie mit starrem Auge an und sprach kalt und tonlos: Sie wissen Nichts!
    Doch, Liebe, ich wei! sagte jene, die nicht fassen konnte, was mit Seba
vorging.
    Aber diese ergriff die Hand der erschreckten Frau, und sie eben so schnell,
als sie dieselbe erfat hatte, wieder von sich stoend, rief sie hart und fest:
So vergessen Sie, was Sie wissen!
    Die Baronin verstummte; Seba sah finster brtend vor sich nieder. Sie hatte
es wohl vernommen, wie Angelika ihr unaufgefordert zum ersten Male das
schwesterliche Du gegnnt; sie hatte sich dessen gefreut, sie war gerhrt worden
von der Hingebung, mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewhrt hatte, um
das ihrige zu erhalten. Nie hatte ihr Herz sich mehr befriedigt, nie hatte sie
sich glcklicher, als in der Liebe dieser Frau gefhlt, und eben durch das
flchtige Glck heraufbeschworen, trat das Schrecken ihrer Vergangenheit
pltzlich wieder dmonisch vor sie hin. Sie kmpfte einen bittern, schweren
Kampf. Das menschlich berechtigte Verlangen, einmal in ihrem Leben ihr Herz zu
entlasten, die Scheu es auszusprechen, was sie erlitten und gefehlt hatten, und
vor Allem die Sorge, der kranken Angelika ein Mitwissen und einen Schmerz
aufzuladen, welche fr sie, fr Gerhard's Schwester, schwerer als fr jeden
Andern zu tragen sein muten, stritten in Seba's Inneren mit wechselnder Gewalt,
aber die Liebe fr Angelika trug ber jedes selbstschtige Verlangen den Sieg
davon, und matt und wie erschpft von ihrem stillen Ringen und Selbstberwinden,
sagte sie: Die Stunde ist nun da, vor der mir oft gebangt hat und in der ich auf
Deine Liebe verzichten oder fordern mu, was nur groe Liebe gewhren kann!
Glaube, da ich nicht unwerth bin der Liebe und des Vertrauens, deren Du mich
wrdigst; glaube, da sie mein Glck, mein hchstes Gut sind - aber frage mich
Nichts!
    In ernstem Schweigen blieb sie an der Seite der Baronin sitzen. Angelika war
auf einen solchen Ausgang nicht gefat gewesen. In ihr Mitleid mit der Freundin
mischte sich ein Gefhl der Krnkung. Sie war es nicht gewohnt, sich
zurckgewiesen zu sehen, und was konnte, was mute zwischen ihrem Bruder und
Seba vorgegangen sein, da diese vor der Erinnerung mit so kranker Scheu
zurckwich? Sie mochte die Gedanken nicht verfolgen, welche sich ihr
aufdrngten, und beiden Frauen kam das Dazwischentreten des Caplans gelegen,
der, eben heimgekehrt, gleichzeitig mit den brieflichen Nachrichten des
Freiherrn auch ein Schreiben der Grfin Berka erhalten und diese nun beide der
Baronin zugnglich zu machen hatte.
    Angelika war sehr ergriffen, als sie zum ersten Male wieder ein direktes
Lebens- und Liebeszeichen der Ihrigen erhielt. Und ich sollte meine Leiden nicht
segnen, ich sollte nicht erkennen, da die Vorsehung ihre wundersamen Wege hat
und da sie uns fr unsere Schmerzen himmlische Belohnungen zu bereiten wei!
rief sie, whrend ihre bebenden Hnde die Briefe ihrer Eltern an ihre Lippen
drckten und ihre Augen in Freudenthrnen glnzten. Ja, gewi, es gibt
wunderbare Ausgleichungen und Herzenstrost, wenn man desselben eben nthig hat!
-
    Sie mochte kaum bedenken, wie wehe sie Seba mit diesen Worten that, denn die
ganze Rcksichtslosigkeit des Glckes war ber sie gekommen; aber der Caplan sah
die Niedergeschlagenheit in des Mdchens Mienen, und es entging ihm eben so
wenig, da die Baronin den Ausdruck ihrer Freude nicht so ausschlielich wie
sonst an ihre Freundin richtete. Es mute etwas zwischen ihnen vorgefallen sein,
es mute sich ein Zwiespalt zwischen ihnen aufgethan haben, und dem Geistlichen
kam dies nicht unerwnscht; denn die Gesellschaft eines Freidenkenden, eines
Zweiflers hat, selbst wenn er seine Meinungsuerung zurckhlt, immer ihre
Gefahren fr die Ruhe eines Herzens, das man in den Banden des zweifellosen
Glaubens und in den geistigen Schranken festzuhalten wnscht, in welche der
kirchliche Zwang die Seelen bannen mu, um seine Gewalt ber sie nicht zu
verlieren; und ohne den Anschein der Neugier auf sich zu laden, hatte der Caplan
dennoch in den verschiedenen Unterhaltungen mit Madame Flies und mit der
Kriegsrthin den Namen des Mannes erfahren, welchen Seba geliebt hatte. Er war,
wie Seba's Wesen sich ihm kund gab, fr sein Theil berzeugt, da sie dem Grafen
nher gestanden, als ihre Eltern und ihre Freunde wuten, da sie ihre Unschuld
an ihn verloren habe und da eine Festigkeit und Abgeschlossenheit wie die
ihrige nicht aus einem jungfrulich unentweihten Herzen erwachsen konnten.
    Aber weit mehr als die kleine Verstimmung, welche die Freundinnen gegen
einander augenblicklich hegten, seinen Absichten entsprach, war die Vershnung
mit ihrer Familie ihm fr Angelika bedenklich, und er fragte sich, ob in diesem
Falle es nicht geboten sei, die Freundschaft und den Zusammenhang seines
Beichtkindes mit Seba zu begnstigen, um in dieser ein Gegengewicht gegen den
Einflu zu gewinnen, den der erneute Verkehr mit ihrer Familie auf die Baronin
auszuben nicht verfehlen konnte. Er hielt es fr wahrscheinlich, da die Grfin
Berka die liebevolle Hingebung der Baronin an die Tochter ihres Juweliers sehr
auffallend finden und nicht billigen wrde; er sah es voraus, da bei dem Grade
von Selbststndigkeit, den die Baronin eben jetzt gewonnen hatte, ein
Widerspruch ihrer Familie sie nur fester an Seba binden msse, und er hielt es
fr gut und heilsam, wenn sich gleich Anfangs irgend ein trennendes Element
zwischen sein Beichtkind und dessen protestantische Angehrige stellte, wenn dem
Herzen der Baronin auch von dieser Seite kein volles Gengen geboten, wenn ihr
vielmehr Hindernisse und Beunruhigungen in den Weg gestellt wurden, welche zu
beseitigen, zu beschwichtigen und tragen zu helfen, sie ihres religisen
Glaubens und seines Beistandes nthig haben mute.
    Da der Freiherr es von dem Ermessen des Caplans und von den Wnschen der
Baronin abhngig gemacht hatte, in welcher Weise das Wiedersehen mit ihren
Eltern ausgefhrt werden sollte, erklrte Angelika sich sofort bereit, auf den
Vorschlag ihrer Mutter einzugehen, die sich erboten hatte, die Tochter holen zu
kommen und sie selber nach Richten zu geleiten, wo der Vater sie erwarten und
wohin die brigen Familienmitglieder sich erst begeben sollten, wenn das
Befinden der Baronin ohne Nachtheil den Verkehr mit einem greren
Menschenkreise zulassen wrde.
    Ein reitender Bote des Grafen hatte die Anfrage und das Anerbieten der
Grfin berbracht und sollte den Bescheid der Tochter mit zurck nach Berka
nehmen. Der Graf hatte ihm einen zweiten Boten nachgesandt, der die Wiederkehr
des ersten auf halbem Wege erwarten sollte, um dann mit dem Relaispferde den
ersehnten Brief der Tochter so schnell als mglich in die Hnde der Eltern zu
bringen. Am Abende des nchsten Tages konnte er in Berka, am Morgen des fnften
Tages konnte die Grfin in den Armen ihrer Tochter sein.
    Die erste Freude kennt nicht Raum, nicht Zeit; sie berflgelt beide, um
dann in sehnschtiger Ermdung das unerbittlich gleichmige Fortschreiten der
Secunden desto schwerer zu empfinden. Sie kennt Nichts, als ihr Ziel, und
vergit mit erbarmungsloser Gleichgltigkeit, was hinter ihr liegt, was sie noch
von ihrem Ziele trennt und was sie opfern mu, es zu erreichen. Nur Ein Gedanke,
nur Eine Empfindung waren in der Baronin mchtig: das Glck ber die ihr
bevorstehende Vereinigung mit ihren Eltern und Geschwistern.
    Da sie sich von ihren Pflegern trennen, da sie Seba verlassen mute,
schien ihr vllig zu entfallen; sie schien sich nicht zu erinnern, wie ihr vor
dem Abschiede gebangt, wie sie noch vor wenig Stunden alle ihre Hoffnung darauf
gerichtet hatte, sich den Zusammenhang mit der Freundin zu erhalten, vor der
kein Geheimni zu haben ihr eine Herzensbefriedigung gewesen war. Selbst der
Zurckweisung, die sie erfahren, gedachte sie in diesem Augenblicke nicht, und
Seba liebte sie zu sehr, um sie an sich zu mahnen und die Freude der Baronin
durch ein Zeichen ihres eigenen Schmerzes beeintrchtigen zu mgen.
    Angelika hatte beabsichtigt, in ihren Zimmern Nichts rhren und Nichts
einpacken zu lassen, bis Marianne dies thun knnte; jetzt lie die Ungeduld sie
nicht rasten. Sie hatte ihren Eltern selbst geschrieben und den Caplan
beauftragt, den Freiherrn, mit genauer Angabe der getroffenen Verabredungen, von
ihrem Entschlusse in Kenntni zu setzen. Mit dem Kalender in der Hand hatte sie
die Tage gezhlt, welche bis zu ihrer Ankunft in Richten noch verflieen muten.
Man hatte die Nachtquartiere ausgewhlt und die Maregeln so getroffen, da mit
der Estafette, die man dem Freiherrn sandte, auch die Benachrichtigungen an die
verschiedenen Gasthausbesitzer mitbefrdert wurden, und kaum waren diese
Geschfte abgethan, so verlangte die Baronin, selbst Hand an das Einpacken
wenigstens der kleinen Gerthschaften zu legen, deren sie sich zu bedienen
pflegte.
    Da sie zu schwach war, sich lngere Zeit stehend zu erhalten und in den
Stuben umher zu gehen, trug Seba ihr die Schatullen und Kstchen zu, holte die
verschiedenen Gegenstnde, welche Angelika nicht mehr nthig zu haben glaubte,
herbei, und die Baronin bat und forderte, bestimmte und begehrte, wickelte ein
und packte und war so von ihrer Arbeit hingenommen, da sie es gar nicht
bemerkte, wie Seba still geworden war und welche Traurigkeit sich ber sie
gelagert hatte.
    Auf den Wunsch der Baronin mute der Caplan hinuntergehen, um Herrn Flies
und seine Frau von dem Geschehenen in Kenntni zu setzen. Sie kamen beide
herauf, es wurde Alles noch einmal besprochen; das sichtliche Bedauern ihrer
Wirthe, sie bald scheiden zu sehen, rhrte die Baronin und erweckte ihre ganze
Dankbarkeit. Sie war gut und herzlich gegen Seba's Eltern, sie sprach auch
dieser zu, aber es war etwas Rasches, Flchtiges in ihrer Weise, es war der Ton
nicht mehr, den Seba kannte, der aus dem tiefsten Herzen kam, und mit
aufsteigendem Zweifel fragte sie sich: Htte ich auch sie vergebens geliebt?
    Am anderen Tage kam Mamsell Marianne. Man hatte sie zu der Baronin
beschieden, ohne sie von dem geschehenen Verkaufe des Hauses, in welchem sie ihr
ganzes Leben zugebracht, in Kenntni zu setzen, und es kostete Mhe, sie zu
beruhigen, als sie es erfuhr. Die Baronin behielt sie bei sich, nahm
augenblicklich ihre Dienste an, um ihr durch die Gewiheit, da sie ihrer Herrin
nothwendig sei, die Trennung von der alten und den Uebergang in die neue Heimath
zu ersetzen. Marianne that ihr Bestes, aber fr sie war der Abstand, welcher die
Nichte ihres Frulein Esther, die Freifrau von Arten-Richten von den Personen
trennte, in deren Hause sie ihre Frau Baronin zufllig antraf, ein gar zu
groer. Sie konnte sich nicht darin finden, die gndige Frau ohne ihre
Dienerschaft zu sehen, es krnkte sie, wenn nicht ein Kammerdiener, sondern Seba
der Baronin den Tisch bereitete und die Speisen zutrug, und es beleidigte alle
ihre Vorstellungen, wenn Angelika, was sie jetzt immer that, die Freundin Du
hie und ihr mit Schmeichelnamen und mit den freundlichsten Worten fr ihre
Dienste dankte. Unter dem Vorwande, ihr die Mhe abzunehmen, strebte Marianne
danach, Seba von diesem Thun zurckzuhalten, und die Baronin selbst ersuchte die
Freundin aus Rcksicht fr Marianne, die alte Dienerin walten zu lassen. Seba
erkannte und ehrte die Beweggrnde Angelika's, aber mit den feinen Sinnen eines
zrtlichen Herzens empfand sie, wie mit dem Hinzukommen von Mamsell Marianne
eine fremde Welt zwischen sie und Angelika getreten sei. Sie mute eine stumme
Zuhrerin machen, wenn Marianne von den zahlreichen Verwandten und Bekannten der
Huser von Arten und von Berka erzhlte, die in der Residenz ansssig waren,
wenn sie von der Herrschaft sprach, die zu ihres Fruleins Zeiten in das Haus
gekommen oder die Gste der Baronin gewesen waren, als diese die Residenz
bewohnte. Sogar die feierlich unterwrfige Art, in der sie zu der Baronin redete
und mit der sie sie bediente, fiel Seba auf, und whrend sie sich bis dahin des
Gedankens erfreut hatte, da Angelika es in ihrem Hause und in ihrer Pflege so
gut als mglich gehabt habe, fing es sie zu beunruhigen an, da sie doch
Mancherlei entbehrt haben knne, und das that ihr wehe. Sie kam sich arm vor,
weil sie frchtete, da sie nicht Alles zu schaffen und zu gewhren vermocht
habe, was lange Gewohnheit ihrer Freundin zu einem, von der weniger Verwhnten
nicht gekannten und also auch nicht vorausgesehenen Bedrfni gemacht. Der Dank
Angelika's, den sie bis dahin mit gutem Glauben aufgenommen hatte, begann sie zu
ngstigen, aber die Baronin, die sonst mit hchstem Verstndni jeder Regung in
dem Herzen der Freundin zu folgen pflegte, hatte jetzt keinen anderen Gedanken,
als den an ihre Mutter.
    Es war schon spt am Abend, als die Grfin Berka, an dem festgesetzten Tage,
vor dem Flies'schen Hause vorfuhr. Man hatte Angelika willfahren und ihr das
Wiedersehen der Mutter gleich nach deren Ankunft gestatten mssen, um der sie
aufregenden Spannung und Erwartung ein Ende zu machen. Seba hatte die Grfin zu
ihrer Tochter hinaufbegleitet, sie hatte gesehen, wie sie einander in die Arme
gesunken waren; dann hatte sie sich entfernt. Mehr als eine Stunde war
vergangen, ehe die Baronin durch Mamsell Marianne den Caplan zu sich bescheiden
und dann auch Seba und ihre Eltern bitten lie, sich zu ihr zu bemhen.
    Die Grfin kannte Herrn Flies und seine Frau. Sie hatte manche Bestellung,
manchen Einkauf bei ihnen gemacht und sie immer fr rechtschaffene Leute
gehalten. Sie erinnerte sich, da Graf Gerhard einmal in ihrem Hause gewohnt
habe, und wute es ihnen recht sehr Dank, da sie sich der Baronin so eifrig
angenommen. Aber es dnkte ihr so natrlich, da eine Familie wie die Flies'sche
sich eine Pflicht und eine Ehre daraus machte, der Baronin von Arten
beizustehen, sie fand es so selbstverstndlich, da Seba sich glcklich fhlen
mssen, ihrer Tochter, ihrer Angelika, helfen und dienen zu drfen; und es waren
nicht Seba's Hingebung und Liebe, die sie schtzte und anerkannte, sondern der
richtige Tact, mit welchem diese sich zurckzog, seit die Grfin ihre Stelle
neben der Tochter wieder einnahm.
    Angelika war wie von einem Zauber befangen und gelhmt. Sie fhlte es, wie
die herablassende Freundlichkeit ihrer Mutter ihre Gastfreunde und vor Allen
Seba krnken mute, sie hrte so gut wie diese das Abfindende und
Verabschiedende in dem Dankesworte der Grfin; aber sie mochte die Mutter nicht
tadeln, von der sie so lange getrennt gewesen war, sie wagte nicht, ihr in
diesen ersten Stunden des Beisammenseins es zu erklren, welch lebhafte Neigung,
welche Freundschaft sie fr Seba fhlte, und Seba's Verschlossenheit hatte sie
in ihrem eigenen Empfinden irre gemacht.

                              Fnfzehntes Capitel


Die Nacht verging der Baronin nicht gut. Die Freude hatte sie zu sehr aufgeregt,
die Erinnerungen langer Jahre hatten sie zu mchtig bestrmt, die Nhe ihrer
Mutter hatte ihr nach dem ersten Aufwallen der Freude und der Rhrung es fhlbar
gemacht, welche Wandlungen in und mit ihr vorgegangen waren, und was der
Freiherr durch rasches Nachdenken in sich zum Bewutsein gebracht hatte, jene
Einsicht, da lange Trennungen eine Rckkehr in die frheren Verhltnisse
unmglich machen, das bewies sich fr die Baronin durch das Zusammensein mit
ihrer Mutter.
    Der Caplan fand sie, als er am Morgen zu ihr kam, in einer
Niedergeschlagenheit, die sehr gegen die freudige Erwartung der vergangenen Tage
abstach, und ohne da er sie darum zu befragen brauchte, schilderte sie ihm den
Kampf in ihrem Herzen. Trotz der Herrschaft, welche ihr Gatte ber sie ausgebt,
hatten die Jahre und die natrlichen Verhltnisse sie an eine Selbstbestimmung
gewhnt, in welcher sie sich durch die Grfin in jedem Augenblicke beschrnkt
fand. Weil sie mit ihrer Mutter, seit sie ihr Vaterhaus verlassen, nur einmal
und wenige Tage beisammen gewesen war, und weil diesem flchtigen Beisammensein
eine durch lange Jahre fortgesetzte Trennung gefolgt war, hatte sich Angelika's
Bild in dem Herzen ihrer Mutter nur in ihrer mdchenhaften Gestalt, nur in dem
tchterlichen Verhltnisse erhalten, und mit der Tochter wieder vereint, hatte
die Grfin, da ohnehin die Krankheit Angelika's dazu verlockte, sich der
Bestimmung ber sie, wie eines ihr unter allen Umstnden gebhrenden Rechtes
bemchtigt. Wer aber einmal der Zucht und Leitung entwachsen ist, fhlt sich von
ihr beengt, und am schwersten, wenn sie sich auf Kleinigkeiten und auf die freie
Bewegung innerhalb gleichgltiger Dinge erstreckt. Es ngstigte Angelika, wenn
die Mutter ihr Dieses rieth und Jenes gebot, sie Dieses thun und Jenes lassen
hie, whrend sie wahrscheinlich aus freiem Antriebe das Gleiche gethan haben
wrde. Sie fand sich zu einem Widerspruche geneigt, den sie sich zum Vorwurf
machte, und zwang sich zu einer Fgsamkeit, die ihr schwer fiel, weil sie sich
sagte, da ohnehin eine Trennung zwischen ihr und ihrer Mutter obwalte, ber die
kein guter Wille ihnen hinweghelfen knne und die schmerzlich anzudeuten die
Grfin nicht unterlassen hatte.
    Angelika hatte es deutlich gesehen, da ihre Mutter sich verletzt gefhlt,
als jene sie gebeten, erst um elf Uhr zu ihr zu kommen, da sie die Gewohnheit
und das Bedrfni habe, die Stunde von zehn bis elf Uhr mit dem Caplan
zuzubringen, und eben so hatte die Grfin es nicht zurckhalten knnen, da ihre
Tochter in dem Ausdrucke ihrer Dankbarkeit und Freundschaft gegen die Flies'sche
Familie ihr zu weit zu gehen scheine. Das Alles hatte Angelika verstimmt, und
auch ber Seba beschwerte sie sich endlich.
    Der Caplan hatte ihr ruhig zugehrt. Als sie ihre Mittheilungen abbrach,
sagte er: Erkennen Sie in dieser neuen Erfahrung, meine theure gndige Frau, wie
hufig der Mensch in seinem Wnschen irrt, wie wenig es seinen Erwartungen
entspricht und seinem Glcke dient, wenn die ersehnte Erfllung ihm gewhrt
wird. Ich frchtete es, da jene ausschlieliche Mutterliebe, die ihr Kind
allein besitzen, die es selbst mit seinem Gotte nicht theilen mag, Sie
beunruhigen wrde, und es ist gekommen, wie ich es voraussah. Nehmen Sie diese
Erfahrung als eine Erkenntni hin, die der Himmel Ihnen darbietet, und fgen Sie
sich der Frau Grfin in dem Gleichgltigen, in dem Unwesentlichen, um desto
fester Ihre selbsterworbene und selbstndig bethtigte religise Ueberzeugung zu
behaupten. Verbergen Sie sich vor der Frau Grfin weder mit Ihren abweichenden
Meinungen, noch mit jenen religisen Uebungen, welche unsere Kirche uns
auferlegt, und auch in Bezug auf Ihre Freundin thun Sie Ihrem Empfinden keinen
Zwang an. Die Dankbarkeit ist eine heilige Pflicht, aber eine noch erhabenere
Aufgabe ist es, dem Irrenden die Hand zu reichen und dem Menschen, dessen Auge
verdunkelt ist, da er sich selber nicht zu erkennen vermag, ein Fhrer und eine
Sttze zu sein. Ich billige und lobe es, da Sie sich Seba in Ihrer Weise
nherten, da Sie sie an sich zogen und ihr Vertrauen zeigten, um Vertrauen zu
gewinnen; nur vergessen drfen Sie es nicht, da dieses reichbegabte Mdchen von
Jugend auf sich selber berlassen war, da ihr der geistige, der gttliche
Anhalt fehlte, dessen wir uns rhmen und getrsten, und da sie also leichter
als viele Andere vom rechten Pfade sich verirren konnte.
    Eine dunkle Rthe, ein Erschrecken flogen ber die Baronin hin. Halten Sie
es fr mglich ....! rief sie und wagte nicht, dem Gedanken Worte zu geben, den
der Geistliche in ihr erweckt.
    Er zuckte die Schultern. Wir sind Alle fehlbar! sagte er mild. Ihre Freundin
Seba ist zu groer Liebe, zu groer Hingebung geneigt, und unsere jungen
Edelleute - einen jungen Cavalier bezeichneten Sie mir ja aber als den
Gegenstand von Seba's Neigung - unserer jungen Edelleute Sitten sind nicht
streng. Wer kann es wissen, ob es dem armen Mdchen nicht unmglich ist, Ihr
Vertrauen zu erwiedern, ob es sich nicht verbirgt, aus Furcht, Ihrer Liebe
verlustig zu gehen? Haben Sie Geduld mit ihr und weisen Sie sie um ihres
Schweigens willen nicht zurck.
    Die Baronin hatte die Hnde unwillkrlich gefaltet. Sie konnte sich in die
Anschauung des Geistlichen nicht gleich finden, denn sie hatte Seba immer weit
ber sich gestellt, hatte in ihr das Urbild weiblicher Herzensreinheit geliebt
und verehrt, und sollte sie jetzt pltzlich schuldig, sollte sie sich in einem
strflichen Zusammenhange mit ihrem Bruder denken. Sie wollte diese Vorstellung
von sich weisen, den Caplan eines unbegrndeten Verdachtes zeihen, aber es
stimmte so Vieles zusammen, es erklrten sich mit dieser Voraussetzung fr die
Baronin pltzlich einzelne auffallende Erlebnisse, die sie mit Seba gehabt
hatte, sie konnte den in ihr erweckten Zweifel an der Unschuld ihrer Freundin
nicht mehr unterdrcken. Weit entfernt jedoch, sich dadurch von ihr losgetrennt
zu fhlen, stieg ein sie berwltigendes Mitleid fr Seba in ihr empor und
erhhte und erhob die Liebe, welche sie bisher fr sie gehegt hatte.
    Der Caplan strte sie in diesem Empfinden nicht. Er hatte ohnehin ihre
Achtsamkeit auf andere Vorgnge zu lenken, denn man durfte der Baronin die
Nachricht von den in Richten geschehenen Ereignissen nicht lnger vorenthalten,
wenn man sie nicht gleich nach ihrer Ankunft einer Erschtterung durch irgend
eine zufllige Mittheilung derselben aussetzen, und wenn man, worauf es dem
Freiherrn besonders ankam, den grflichen Eltern die Kenntni gewisser
Verhltnisse entziehen wollte.
    Alles, was sie hren und erfahren mute, steigerte mit den Sorgen der
Baronin ihr Verlangen, bald wieder in ihrer Heimath zu sein. Sie hoffte
ausgleichen, vermitteln zu knnen; die Aufregung, in welcher sie sich befand,
tuschte sie ber das Ma ihrer Krfte. Sie entwarf Plane fr eine vllig neue
Lebensfhrung, sie traute es sich zu, ihren Gatten allmhlich zu einer solchen
berreden zu knnen, sie wnschte vor allen Dingen die Entfernung des Pfarrers
zu verhten, und wie sie noch vor wenig Tagen die Ankunft ihrer Mutter ersehnt
hatte, so wnschte sie jetzt, grade wie bei dem ersten Besuche, welchen ihre
Eltern ihr in Richten gemacht, da die Anwesenheit derselben erst vorber und
sie in der Lage sein mchte, die von ihr jetzt fr unerllich gehaltene
Einwirkung auf ihren Gatten zu versuchen.
    Die Grfin bemerkte es, da Angelika zerstreut war, wollte den Grund davon
entdecken und zeigte sich unzufrieden, als ihr dieses nicht gelang. Die beiden
Frauen, wie sehr sie einander auch liebten, kamen sich nicht von Herzen nahe,
sie hatten an einander vielerlei zu schonen, und Angelika sprach es gegen den
Caplan noch an demselben Abende aus, wie sie fhle, da eine Frau, selbst wenn
ihre Ehe dem Ideale einer solchen nicht entsprche, ihre Heimath doch
ausschlielich in dem Hause ihres Gatten, in der mit ihm begrndeten Familie
habe, und da es sicherlich nicht leicht fr sie sein werde, die Ansprche ihrer
angebornen Verwandten zu befriedigen, den alten Pflichten zu gengen, ohne die
neuen zu beeintrchtigen.
    Der Caplan gab ihr dies zu. Er sah, da er von dem Einflusse der Berka'schen
Familie nichts mehr zu befrchten habe, und er war es also, der die Baronin
abermals ermahnte, sich ihrer Mutter so weit als mglich fgsam zu beweisen, der
die Grfin ersuchte, sich die Freundschaft, welche die Baronin fr die Tochter
ihrer Wirthe hege, ohne Einspruch gefallen zu lassen. - Es handelt sich um wenig
Stunden, gndige Grfin, sagte er, um etwas Geflligkeit gegen die
schwrmerische Empfindungsweise der Frau Baronin, und es ist schn, wenn die
Jugend ihre Gefhle fr dauernd, fr unendlich hlt!
    So ging der letzte Tag vorber, den Angelika im Flies'schen Hause zu erleben
hatte. Es gab vielerlei zu thun; die schne Zierlichkeit, welche Seba in den von
der Baronin bewohnten Zimmern zu erhalten gewut, selbst whrend die
Krankenpflege dem Hindernisse in den Weg gestellt, mute jetzt allmhlich
zerstrt werden. Die Grfin war bestndig an der Seite ihrer Tochter, Mamsell
Marianne und der Kammerdiener der Grfin lieen die Koffer auf den im Hofe
stehenden Reisewagen schnallen, die Baronin hielt sich ruhig auf ihrem Sessel.
Sie schien jetzt mehr als whrend ihrer ganzen Krankheit darauf bedacht, sich zu
schonen und ihre Krfte zusammen zu halten. Nur ihre Blicke wanderten umher; sie
suchten Seba und folgten ihr, und einmal, als die Baronin sich erhoben hatte und
die Freundinnen sich in dem Nebenzimmer zufllig allein befanden, schlang die
Baronin ihre beiden Arme um Seba's Hals, und sie an sich drckend, sagte sie:
La uns einander nicht verloren gehen, glaube an mich, wie ich an Dich, und la
mich hoffen - la mich hoffen, da wir uns einst so wie in Liebe auch im Glauben
noch zusammenfinden! O, da Du es kenntest, das selige Gefhl, sich durch die
Gnade eines Mittlers dem Throne des Hchsten zu nhern, und all seine Snden,
all seine Leiden und Schmerzen durch das Vertrauen auf den himmlischen Erlser
von sich genommen zu fhlen! Denke an mich, so oft Du betest, Seba, und so oft
ich mich in Demuth vor dem Heilande beuge, soll Dein Name auf meinen Lippen
sein, und ich will beten, zu ihm beten, da er Dich zu sich rufe und da wir
einst zusammen auf unseren Knieen unsere Herzen zu ihm erheben!
    Sie sah schn und verklrt aus, als sie also sprach. Seba betrachtete sie
mit Rhrung. Du bist sehr gut, meinst es sehr gut mit mir, Angelika, sagte sie,
indem sie ihre Hnde gefat hielt und ihr tief ins Auge blickte, und ich werde
Dich nie vergessen! Denn Du hast mir mehr gegeben, bist mir mehr geworden, als
Du ahnen kannst! La Dir das gengen; la es Dir gengen und liebe mich immer,
immer! Was auch kommen mge, liebe mich!
    Sie ging von dannen; die Baronin schaute ihr gedankenvoll nach, dann knieete
sie nieder, nahm das Crucifix Amanda's, welches sie immer am Halse trug, in ihre
Hnde und betete lange und still. Sie nahm Abschied von diesen Rumen und flehte
Gottes Segen auf das gastliche Haus ihrer Freunde, auf das unglubige und der
Erleuchtung und des Trostes so bedrftige Herz ihrer Freundin herab.
    Am folgenden Morgen um elf Uhr, so hatte man es verabredet, sollte die
Baronin in dem Reisewagen nach dem Gasthofe fahren, in welchem die Grfin
abgestiegen war, mit dieser noch ein Frhstck einnehmen und dann fr die erste,
absichtlich sehr kurz bestimmte Tagereise aufbrechen. Von den Segenswnschen
ihrer Gastfreunde begleitet, wollte die Baronin das Haus verlassen, aber die
Trennung von Seba fiel ihr gar zu schwer, und voll Verlangen, keinen der wenigen
ihnen noch gegnnten Augenblicke zu verlieren, vermochte sie endlich Seba dahin,
sie zur Grfin zu begleiten und bis zu ihrer Abreise noch bei ihr zu verweilen.
Als man in den Gasthof kam, fand man in dem Zimmer der Grfin den Tisch bereits
gedeckt. Der Caplan hatte noch einen Besuch bei dem Propste machen wollen, und
sein Kommen wurde erst nach dem Frhstcke erwartet.
    Die Grfin war in ungewhnlich guter Laune; sie rhmte das Aussehen ihrer
Tochter, zeigte sich auch gegen Seba, obschon sie dieselbe nicht erwartet hatte,
freundlicher und herzlicher, und erkundigte sich dazwischen doch wieder mit
solcher Geflissenheit nach dem Befinden der Baronin, und ob sie sich auch recht
frisch, recht krftig fhle, so da Angelika endlich die Frage aufwarf, ob sie
denn heute etwas Besonderes zu leisten habe, weil die Mutter sich so ngstlich
um den Zustand ihrer Krfte sorge.
    Die Grfin lchelte. Der Zufall hat Dir eine Ueberraschung zugedacht, sagte
sie; fhlst Du Dich im Stande, sie zu genieen?
    Ach, mein Vater! rief Angelika, indem sie sich erhob.
    Nein, nicht der Vater, entgegnete die Grfin, whrend auf ein leises, von
ihr gegebenes Zeichen die Thre des Nebenzimmers sich ffnete und in aller
seiner stolzen Schnheit Graf Gerhard in das Zimmer trat.
    Mit einem Ausrufe der Freude warf die Baronin sich ihm an die Brust; aber
fast in demselben Augenblicke wendete sie sich um, und ihrer Bewegung folgend,
sah der Graf jetzt pltzlich Seba vor sich stehen.
    Bleich wie der Tod und keines Wortes mchtig, trat er zurck. Seba hatte die
Ecke des Marmortisches erfat, an dem sie stand; sie mute sich halten, um nicht
umzufallen. Die Baronin war auf den nchsten Stuhl gesunken, die Grfin stand
mitten in dem Gemache und sah, ohne den Vorgang zu begreifen, mit Schrecken auf
ihre Kinder, und um sich her.
    Was ist das? Redet, redet! Was bedeutet das? rief sie, whrend sie sich zur
Tochter wendete.
    Frage nicht, o, frage nicht! rief diese. Indessen die Lebhaftigkeit der
Mutter berhrte es, und sich gebieterisch zu ihrem Sohne wendend, sprach sie:
Kennst Du dieses Mdchen? Rede, rede, Gerhard! Was ist Dir dieses Mdchen?
    Aber kein Ton von des Grafen Lippen gab ihr Antwort. Wie von einem Banne
befangen, hingen seine Augen an Seba's starrem, bleichem Antlitze, an ihrem
zuckenden Munde. Er htte fliehen mgen, aber er konnte die Stelle nicht
verlassen; er htte sprechen mgen, aber Seba's brennendes Auge schlo ihm den
Mund und noch immer wartete die Grfin auf eine Antwort.
    Da richtete Seba sich empor wie Einer, der mit Aufbietung aller seiner Kraft
gewaltsam seine Fesseln sprengt, und schn wie eine Judith in ihrem wilden Zorn,
flammend in ihrem Rachegefhl, rief sie: Was ich ihm war? - Sie lachte, da es
den Andern Mark und Bein durchschauerte - was ich ihm war? - Ein Zeitvertreib
fr eine mige Stunde, ein billiger Triumph noch im Moment des Scheidens,
weiter nichts, weiter nichts! - Gewettet hatte er beim Wein in seiner Cameraden
lustiger Gesellschaft, da er mich besitzen wrde, und - hier vor seiner Mutter,
hier vor seiner Schwester, vor Dir, Angelika, will ich es bekennen - meine Liebe
hat ihm das Gewinnen leicht gemacht, denn .... sie hielt inne, der Athem
versagte ihr, die verhaltenen Thrnen drohten sie zu ersticken, und pltzlich in
ein Weinen ausbrechend, das aus den Tiefen ihres gequlten Herzens kam, fgte
sie hinzu - denn ich habe den Elenden geliebt mit aller Inbrunst eines reinen
Herzens, mehr als mich selbst, mehr als Vater und Mutter, mehr als Alles auf der
Welt!
    Sie hatte ihre Kraft erschpft, sie mute sich niedersetzen, und den Kopf
auf ihre Arme legend, die sie auf dem Tische ausgebreitet, weinte sie mit
verborgenem Gesichte.
    Auch die Grfin hatte sich setzen mssen; nur Gerhard stand wie ein
Gerichteter zwischen den drei Frauen da. Pltzlich erhob sich die Baronin, ging
mit raschem Schritte zu ihrem Bruder, und seine Hand ergreifend, whrend sie ihn
zu Seba hinzuziehen suchte, rief sie: O, vergte! Vergte, mein Bruder! Shne,
was Du an ihrem edeln Herzen gesndigt hast! La sie die Deinige werden, sie,
die ich wie eine Schwester liebe!
    Aber der Graf wehrte seiner Schwester, und fast tonlos, so da nur das
Schweigen der Frauen seine Worte hrbar machte, sprach er: Und wenn ich es
wollte - es kann nicht sein!
    Da hob Seba den Kopf in die Hhe, und ihn mit kaltem Auge messend, sagte
sie, whrend, den Andern zum Erstaunen, ihren Zgen und ihrer Stimme die Ruhe
wiederkehrte: Und wenn Du es wolltest und wenn Du es drftest - Du vermchtest
es nicht! Denn wie knntest Du mir die vertrauensvolle Liebe wiedergeben, die
ich einst fr Dich gehegt habe? Wie knnten Dein Rang und Dein Name mich damit
vershnen, Dein Weib, das Weib - eines Ehrlosen zu werden, den ich verachte, wie
ich ihn einst geliebt!
    Seba! flehte Angelika, flehte die Grfin.
    Halte ein! rief der Graf, indem er zusammenbrechend sich zu den Fen seiner
Mutter warf, die sich unwillkrlich von ihm wendete.
    Seba regte sich nicht. Mit eisigem Blicke sah sie auf den Grafen hin, die
Stille war entsetzlich, sie konnten einander athmen hren. Mit einem Male stand
sie auf, sah um sich her und schien etwas zu suchen.
    Die Baronin erhob sich ebenfalls; sie errieth, was jene vorhatte, und nahm
ihre Hand, um sie zurckzuhalten.
    Ich will fort, sagte Seba matt; meines Bleibens ist hier nicht. - Sie ging
nach ihrem Hut und Shawl.
    Du darfst, Du kannst nicht gehen! versicherte Angelika, die sich selber kaum
aufrecht zu erhalten wute.
    Sorge nicht, ich habe ertragen gelernt! gab Seba ihr zur Antwort.
    Sie setzte achtlos den Hut auf, nahm den Shawl um ihre Schultern und wollte
sich entfernen. Da warf Angelika sich vor ihr nieder, und die Hnde flehend zu
ihr erhoben, bat sie: Denke meiner nicht mit Ha!
    Deiner? Deiner? Wie knnte ich? versetzte Seba, indem sie Jene in ihre Arme
schlo, und noch standen sie, ihre heien Thrnen mit einander mischend, Brust
an Brust gelehnt, als die Grfin zu ihnen herantrat.
    Seien Sie barmherzig, bat sie, vergeben Sie, und Gott wird auch Ihnen seine
Vergebung angedeihen lassen!
    Seba schttelte schweigend das Haupt. Ich habe mich vor mir selbst
gedemthigt bis zur Zerknirschung, und mich in mir selbst erhoben, sagte sie;
ich habe durch Liebe zu shnen gesucht, was ich aus blinder Leidenschaft
gesndigt; ich bedarf keiner anderen Vergebung! Ich habe mir selbst verziehen! -
Mag er, wenn er es kann, das Gleiche thun!
    Und ohne den Grafen weiter eines Blickes zu wrdigen, verlie sie das Zimmer
und das Haus.

                              Sechszehntes Capitel


Es war eine traurige Reise, welche die beiden Frauen zurckzulegen hatten. Graf
Gerhard, der, von der Hochzeit eines Cameraden kommend, zufllig mit seiner
Mutter in dem Gasthofe zusammengetroffen war, hatte die Stadt noch in der
nmlichen Stunde verlassen; die Abreise der Frauen hatte wegen der Erschpfung
der Baronin bis zum Nachmittage hinausgeschoben werden mssen.
    Die Grfin war tief erschttert, Angelika vllig herzzerrissen und
fassungslos. Sie hatte der Mutter mit einem Eide geloben mssen, da kein Wort
ber diesen furchtbaren Vorgang jemals von ihren Lippen kommen solle, und die
Grfin hatte, von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd, ihm das gleiche
unverbrchliche Schweigen zugesagt. Der Gedanke, da ihres Sohnes Ehre der Welt
gegenber also nicht angetastet werden wrde, das war der Trost, an dem sie sich
emporrichtete, wenn das vernichtende Urtheil, welches Seba ber ihn gesprochen,
in seiner unerbittlichen Strenge in dem Herzen der Grfin nachklang.
    Der Caplan, dem es nicht hatte verborgen bleiben knnen, da Seba die
Baronin nach dem Gasthofe begleitet und da sie dort mit dem Grafen Gerhard
zusammengetroffen war, hatte keine Mhe, sich das Geschehene zu deuten, und die
Stimmung der beiden Frauen, deren Begleiter er war, zu erklren. Er richtete
keine Frage an Angelika, aber er verstand es, wehalb sie mehr als je zuvor von
der Sorge um die Erziehung und Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien,
und er suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten.
    Da man um der Baronin willen immer erst spt am Morgen aufbrechen konnte,
war es schon gegen Abend, als man auf der Herrschaft anlangte, und Angelika's
Traurigkeit ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht
vermindert. Der Anblick des Pfarrhauses, des Amthofes, des frischen Grabes auf
dem katholischen Kirchhofe riefen ihr keine trstlichen Erinnerungen und
Vorstellungen in das Gedchtni. Als sie an der schnen, neuen Kirche
vorberfuhren, wagte sie nicht, die Mutter auf dieselbe aufmerksam zu machen,
und die Grfin uerte sich nicht darber.
    Es wurde der armen Angelika immer banger um das Herz. Mit Einem Male rief
sie: Um Gottes willen, was ist das?
    Man sah zum Wagen hinaus; das ganze Gehft, welches, zwischen Rothenfeld und
Richten gelegen, aus zwei kleinen Wohnhusern und einer Gruppe von Stllen und
Scheunen bestanden hatte, war in einen Trmmerhaufen verwandelt. Die nackten
Schornsteine sahen gespenstisch und geschwrzt aus dem sie umgebenden
Schutthaufen hervor, die dicken, schweren Rauchsulen qualmten mit ihrem
erstickenden Geruche zu dem blauen, leuchtenden Himmel hinauf.
    Einer der Wirthschafter, welcher bei dem Auseinanderlegen und Lschen der
noch brennenden und schwelenden Balken die Aufsicht fhrte, kam auf einen Anruf
an den Wagen heran. Er meldete, da das Feuer mitten in der Nacht in beiden
Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und, wie es sich herausgestellt,
wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne des Hirten, den man gestern mit
einer Prgelstrafe zum Abschiede aus der Haft entlassen hatte, angelegt worden
sei. Die Bewohner der beiden Huser hatten nur ihr Leben retten knnen; die
ganze Heuernte war verbrannt, der Verlust, selbst die Baulichkeiten abgerechnet,
sehr empfindlich. Man hatte nun abermals ein neues Verbrechen gegen das
Eigenthum des Gutsherrn zu bestrafen.
    Und ich bin so schwach! seufzte Angelika. Sie fhlte, da ihr mehr zu tragen
auferlegt war, als ihre Krfte ihr gestatteten.
    Man mochte es machen, wie man wollte, die Grfin erfuhr schon jetzt von den
auf den Gtern obwaltenden Verhltnissen mehr, als ihre Tochter wnschte. Sie
versuchte Angelika damit zu beruhigen, da solche Ereignisse ja fter vorkmen,
da man vor dergleichen Bswilligkeiten nirgends sicher sei, und die Baronin gab
sich diesem Troste, so gut sie konnte, hin.
    Als man vor dem Schlosse vorfuhr, waren seine Bewohner heruntergekommen, die
heimkehrende Herrin und deren Mutter zu begren; aber man fand sich allseitig
nicht wohl aussehen. Der Freiherr und der Graf, welche die Nacht hindurch von
dem Brande wach erhalten worden waren und beide in den Jahren standen, in denen
Anstrengungen, Schrecken und Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend
berwinden lassen, sahen ermdet aus. Den Grafen betrbte dazu die Hinflligkeit
seiner Tochter; der Freiherr bemhte sich, seiner Schwiegermutter die frhere,
freie Herzlichkeit zu zeigen; inde er war verdsterten Sinnes, er mute sich
zur heiteren Rcksichtnahme fr seine Gste zwingen, und der Grfin Herz war,
ebenfalls beschwert, nicht dazu angethan, ihm seine Aufgabe zu erleichtern. Nur
die Herzogin besa sich ganz und gar und kam durch ihre kluge Haltung Allen
wesentlich zu Hlfe.
    Sie hatte sich vllig matronenhaft gekleidet, und Angelika konnte nicht
umhin, so genau sie die Herzogin kannte, sie doch mit Verwunderung zu beobachten
und zu betrachten. Ihre Stirn war ernst geworden, ihr Blick hatte den
schmelzenden Ausdruck verloren, ihr Mund sein anmuthiges Lcheln. Jeder, der die
Herzogin jetzt zum ersten Male sah, mute sich sagen, diese Frau habe ein
schweres Schicksal mit Ergebung getragen und berwunden. Bescheiden jede
Rcksichtnahme fr sich zurckweisend, wute sie alle ihre Sorgfalt als auf die
Baronin gerichtet darzustellen, und wie bei jeder solchen Tuschung, wie bei
jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die Dreistigkeit
derselben diejenige zum Schweigen, welche sich von ihr beleidigt und abgestoen
fhlen mute.
    Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen, da die Herzogin sie unglcklich
gemacht, da sie ihr ihres Gatten Liebe entzogen, ihre Ehe zerstrt, ihren
Seelenfrieden vernichtet habe; denn wie bei dem ersten Besuche, welchen Graf
Berka und seine Frau der Tochter abgestattet, hatte diese die Ehre ihres Mannes
und ihres Hauses vor den Eltern zu vertreten, und es wollte sie bednken, als
shen ihre Eltern schrfer, als sie wnschte, als wren sie ber gewisse Dinge
und Verhltnisse besser unterrichtet, als ihr lieb war.
    In Erinnerung an die frhere Anwesenheit des grflichen Ehepaares, bei
welcher man das erste Frhstck auf der nach dem Parke gelegenen Terrasse
eingenommen hatte, damit die Leute aus den Drfern die Eltern ihrer Herrschaft
sehen knnten, hatte man auch jetzt an dem Tage nach der Rckkehr der Baronin,
der ein Sonntag war, am Nachmittage den Park geffnet und ein Vesperbrod im
Freien aufgetragen. Ganz wie damals war die Mahlzeit an dem oberen Ende der
Terrasse vor dem chinesischen Huschen hergerichtet. Wie damals standen die
Diener in ihrer Gala-Livree bereit, es zu prsentiren; die Baronin ging nur
nicht mehr so freundlich plaudernd und so schn an dem Arme der Grfin einher,
der Graf und der Freiherr trugen nicht mehr die stattlichen Rcke aus farbigem
Sammt, auch sie hatten allmhlich die goldbesetzten dreieckigen Hte und die
wohlfrisirten Perrcken abgelegt. Aber die runde, breitkrmpige Kopfbedeckung,
die weiten, schmucklosen Tuchrcke, die breitklappigen Westen, die dicken
Halstcher machten immer noch einen fremden Eindruck an ihnen, und sie schienen
den Degen an ihrer Seite doch immer noch zu vermissen.
    Ausgestreckt auf ihrem Ruhebette, in ihren weien Kleidern, mit dem weien
Schleier ber dem blonden Haare, sah die Baronin einer Nonne gleich. Sie war
nicht mehr die hohe, gebietende Gestalt, deren Schleppkleid einst so prchtig
ihren gemessenen Bewegungen gefolgt war; sie und die Grfin hatten nicht mehr
die kleinen Federhtchen auf, und es war auch Niemand aus den Drfern gekommen,
sich an der Schnheit und Stattlichkeit der Herrschaften zu erfreuen. Die Leute
waren nicht begierig, dem Freiherrn unter die Augen zu treten, und noch weniger
begierig, ihn zu sehen. Die Gartenarbeiter, welche im Vorbergehen verstohlen
nach den Herrschaften hinaufsahen, meinten, da die Diener sich jetzt besser als
die Herren ausnhmen. Die Zeiten hatten sich eben gendert, und die Menschen mit
ihnen.
    Die Grfin sa mit ihrem Sonnenschirme an der Seite ihrer Tochter und hielt
ihr das zu grelle Licht ab; die Herzogin, mit einer Filetarbeit beschftigt,
leistete ihnen Gesellschaft. Den Enkelsohn an der Hand haltend, spazierte der
Graf mit seinem Schwiegersohne umher; aber es waren nicht die sie zunchst
umgebenden Dinge, nicht die leuchtende Pracht des Abends, nicht die Schnheit
des Parkes, welche sie beschftigten. Der Krieg hatte die Grenzen Frankreichs
lange schon berschritten, groe Ereignisse, groe Gefahren standen an dem
Horizonte, die Welt ging unverkennbar einer Neugestaltung mit raschem Schritte
entgegen, und es fragte sich, ob man darauf hoffen drfe, sich in ihr zu
behaupten, wenn man ihr Schranken zu setzen versuchte, oder ob man sich ihr
fgen msse, um nicht in ihr unterzugehen.
    Des Grafen und des Freiherrn Meinungen waren sehr verschieden; sie
verstndigten sich nicht wie sonst, und weil sie entschlossen waren, das kaum
hergestellte gute Einvernehmen zwischen sich aufrecht zu erhalten, sprach keiner
von ihnen seine letzte Ueberzeugung aus. Man gab von beiden Seiten mit
vorsichtiger Zurckhaltung nach, man berwand sich, man schwieg, man beobachtete
einander, man suchte zu errathen, was der Andere meinte, sich ihm gefllig zu
zeigen, ohne der eigenen Ansicht etwas zu vergeben. Ein solcher Verkehr ist aber
eine schwere Arbeit und kein Genu, und die Mnner wendeten sich bald wieder der
Gesellschaft der Frauen zu, in welcher die Unterhaltungsgabe der Herzogin die
Fremden zu fesseln und von allem Strenden mit kluger Berechnung abzulenken
wute.
    Inzwischen sann der Freiherr ber die Weise nach, in der er der Flies'schen
Familie seine Erkenntlichkeit fr die der Baronin geleisteten groen Dienste
bezeigen mchte, und bei dem Wohlstande jenes gastlichen Hauses war das keine
leichte Sache. Man konnte nicht daran denken, Herrn Flies eine Entschdigung fr
die gehabten Kosten anzubieten; eines jener Geschenke von Werthgegenstnden,
denen man den Charakter eines Andenkens verleiht, war in diesem Falle auch nicht
angebracht, denn die Frau und die Tochter des Juweliers hatten unter seinen
Vorrthen nur zu whlen, und weil der Freiherr glaubte, da er sowohl den
Wnschen seiner Frau als dem Gefhle ihrer Pflegerin gleichzeitig am besten
begegnen knne, wenn er sich zu einer jener Liebesgaben erbtig zeigte, die man
sonst nur mit seines Gleichen austauscht, that er der Baronin den Vorschlag,
Seba mit der Copie ihres bald nach ihrer Verheirathung in der Residenz gemalten
Miniatur-Bildes zu beschenken. Man hatte diese Copie damals gleich nach der
Vollendung des Originals nehmen lassen, um sie der Grfin zum Weihnachtsfeste zu
bescheren. Das Familienzerwrfni hatte diese Absicht vereitelt; jetzt mochte
man auf eben diese Gabe fr die Grfin aus begreiflichem Grunde nicht
zurckkommen, und einfach in einen emaillirten Goldreif als Medaillon gefat,
schien das Portrait vor allem Andern geeignet, den Dank des Freiherrn und die
Freundschaft der Baronin am edelsten und ehrenvollsten auszusprechen.
    Inde wider sein Erwarten fand der Freiherr bei Angelika nicht gleich die
freudige Zustimmung, auf welche er gerechnet hatte. Sie war verlegen, ihre
Blicke richteten sich nach ihrer Mutter, als sei sie unsicher, ob diese eine
solche Liebesgabe billigen wrde; aber grade dieses Letztere bestimmte den
Freiherrn, seinen Vorschlag geltend zu machen, und Angelika zeigte sich dann
auch schnell und vllig mit der Absicht einverstanden. Der Freiherr selber
schrieb den Brief, denn er selbst wollte der Geber des Angedenkens sein und in
einer ber jedes Abwgen hinausgehenden Weise sich mit der Flies'schen Familie
abgefunden haben; aber er ermchtigte Angelika, ihren Dank hinzuzufgen.
    Das bedingte sowohl, was sie schreiben, als die Art, in welcher sie
schreiben konnte, sie mute sich an Allgemeines halten. Nur am Ende ihres
Briefes wiederholte sie den von ihrem Gatten gebrauchten Ausdruck, da es ihr
eine groe Freude sein wrde, den ihr so theuer gewordenen Freunden jemals
dienstlich sein zu knnen; und sie fgte dieser Versicherung den fr Seba vllig
verstndlichen Nachsatz hinzu: Glaube mir, da der Gedanke an Dich und an unser
letztes Beisammensein mich nie verlassen, da mein Herz fr Dich beten wird wie
fr mich selbst, und da Du mir die hchste Liebe erweisen wrdest, wenn Du es
mir sagen wolltest, ob ich irgend etwas fr Dich, fr Dein Glck und fr den
Frieden Deiner Zukunft thun kann!
    Der Freiherr sah es, wie Angelika eine Locke ihres Haares abschnitt und in
die Rckseite des Medaillons einlegte. Er las die von ihr geschriebenen Zeilen,
ohne eine Bemerkung darber zu machen. Die Ausdrucksweise jener Zeit war eine
conventionell gesteigerte, man bediente sich groer Worte fr die lebhaften
Empfindungen, die man geflissentlich in sich nhrte, und da es an
Gefhlsergssen zwischen der Baronin und Seba nicht gefehlt haben wrde, darauf
war der Freiherr gefat gewesen. Es gefiel ihm freilich nicht besonders, da
seine Frau das Judenmdchen mit Du ansprach, er tadelte es auch gegen seine
sonstige Weise im Beisein der Grfin, und diese gab ihm Recht. Sie uerte sich
berhaupt nicht beifllig ber Seba; Angelika wagte es nicht, sie zu
vertheidigen, man konnte es jedoch in ihren Mienen lesen, da diese abflligen
Urtheile sie betrbten.
    Im Uebrigen gingen die Tage im Schlosse ruhig hin. Nach der Ermdung durch
die Reise mute man der Baronin Zeit zur Erholung gnnen, durfte man nicht daran
denken, Gesellschaft zu sehen; und da der Besuch der Eltern ohnehin nicht eben
lange whren sollte, wnschten sie, sich der Tochter ohne Strung zu widmen.
Alles was man unternahm, wurde mit Rcksicht auf die Kranke gethan. Man konnte
sich nicht darber tuschen, da fr sie keine Herstellung zu hoffen sei und da
nur Schonung und Ruhe ihr Dasein noch zu fristen vermchten. Jedes Gesprch, das
sie erregen konnte, wurde vermieden, sie selber schien vor allen Errterungen
ber ihr Leben, ber den Freiherrn, ber die Herzogin, ber die Plane, welche
sie fr die Erziehung ihres Sohnes hegte, Scheu zu tragen. Auf die mibilligende
Bemerkung ihres Vaters, da man im Schlosse fast nur noch Franzosen im Dienste
habe, entgegnete sie, die Noth dieser geflchteten Leute und die Rcksicht auf
die Frbitte der Herzogin htten sie dazu gebracht, sich ihrer zu bedienen. Und,
fgte sie mit einer gewissen Ueberwindung hinzu, wenngleich ich selbst fr
Renatus die alten, uns angestammten deutschen Diener lieber gehabt htte, so ist
es doch andererseits viel werth, da er jetzt nur Personen um sich findet, die
ihn in seinen religisen Begriffen nicht verwirren. Kinder haben des vlligen
Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nthigsten.
    Die Eltern lieen diese Unterhaltung fallen; aber es gab der Gegenstnde in
Schlo Richten gar zu viele, die man nicht berhren mochte. Der Graf, der schon
aus der Ferne von den schwankenden Vermgensverhltnissen seines Schwiegersohnes
Kunde gehabt hatte, berzeugte sich, da der Schade tiefer gehe, als er
geglaubt, und versuchte, da er viel praktische Umsicht besa, dem Freiherrn
unter der Hand zu rathen, wie man mit dem Verkaufe eines Theiles der Gter den
andern sichern und dauernd erhalten mge. Der Freiherr wies jedoch jede
Mittheilung und jeden Rath zurck. Man war und blieb also beisammen, ohne mit
einander zu leben. Man htte einander lieben mgen, brachte es aber nicht
weiter, als bis zu einer gegenseitigen nachsichtigen und mitleidigen
Duldsamkeit. Wie die Eltern auch an der hinsiechenden Tochter hingen, wie schwer
die Trennung ihnen werden mute, sie sprachen nicht davon, ihren Besuch ber die
festgesetzte Zeit zu verlngern, und weder der Freiherr noch Angelika vermochten
sie dazu aufzufordern, denn die Einweihung der Kirche stand nahe bevor, es gab
fr diese noch mancherlei zu ordnen, und man durfte nicht wnschen, den Grafen
und seine Gattin zu Zeugen derselben zu haben.
    Der zweite Besuch, welchen ihre Eltern der Baronin in Richten machten, war
dem ersten in vieler Beziehung hnlich, und Angelika erfuhr an sich selber, wie
wundersam oftmals in unserem Leben entfernte Zeitpunkte einander gleichen, wie
sich zu wiederholen scheint, was wir erleben, whrend wir selbst uns gewandelt
finden und Alles um uns her gewandelt ist.
    Weil man sich vor dem Scheiden gefrchtet hatte, fhlte man sich leichter,
als es berstanden war, und wie nach der ersten Abreise ihrer Eltern wurden auch
dieses Mal der Freiherr und Angelika durch eine uerliche Thtigkeit in
Anspruch genommen.

                              Siebzehntes Capitel


Die Beschwerden, welche der Caplan bei seinem Bischofe, und die Meldung, welche
der Pastor bei der Regierung gemacht hatte, hatten ihre Frchte getragen. Mit
dem Bischof durfte man sich leicht zu verstndigen hoffen, denn die Entfernung
des Pastors war bei dem Freiherrn, selbst wenn er genthigt sein sollte, ihn zu
pensioniren, eine beschlossene Sache, und die Errichtung eines Pfarramtes in
Rothenfeld, fr welches natrlich der Caplan ins Auge gefat war, stimmte den
Bischof fr alle Manahmen des Freiherrn im Voraus gnstig. Einmal von seinen
drckenden Verlegenheiten befreit, bewegte dieser Letztere sich in seiner alten
Weise, und da er, was er unternahm, vollstndig zu thun, was er besa,
vollkommen zu besitzen liebte, wollte er, nun der Bau beendigt war, die Kirche
auch mit einem vollstndigen Personal versehen. Der ansehnliche Vorrath von
Kirchengerthschaften, den man in der alten Capelle im Schlosse seit zwei
Jahrhunderten gesammelt und der mit den neuerworbenen Stcken schon einen
hbschen Kirchenschatz begrndete, sollte seinen Sacristan bekommen, man mute
einen Glckner haben, der den Kirchendiener machte, und vor Allem wnschte der
Freiherr, der ein groer Freund des Kirchengesanges war, die Einweihung der
Kirche nicht ohne einen solchen zu vollziehen.
    Von diesem Verlangen bis zu dem Gedanken, sich dauernd ein Quartett von
Knabenstimmen fr die Kirche zu sichern, war es fr den Freiherrn nicht weit.
Angelika erhob ihre wirthschaftlichen Bedenken dagegen, inde der Freiherr wute
sie ber dieselben zu beruhigen und fand den Weg, sie fr seine Wnsche zu
gewinnen. Er meinte, da man nur eine kleine katholische Gemeinde fr die Kirche
habe, msse man eine wohlthtige Stiftung mit der Kirche in Verbindung setzen,
und dies sei ohne groe Opfer auszufhren. Wenn man einen jungen Geistlichen zum
Sacristan ernenne, der des Orgelspieles mchtig und im Stande sei, einigen
Knaben auer dem Unterrichte der Musik den gewhnlichen Schulunterricht zu
ertheilen, so knnte man neben der Kirche eine kleine katholische Schule
errichten und sich, wenn man die heranwachsenden Knaben immer zu den
Lebensberufen anleitete, fr welche sie Anlage oder Neigung bethtigen,
allmhlich eine Anzahl wohlerzogener katholischer Handwerker oder Beamten
heranbilden, die zugleich den Stock fr die Ausbreitung der Kirche innerhalb der
Herrschaft abgeben wrden. Vier Knaben aus armen und wohlgesitteten Familien zu
erziehen, war sicherlich ein gutes Werk, und eine solche kleine Colonie auf den
Gtern zu erhalten, keine Aufgabe, welche irgendwie die Krfte des Gutes
berschritt.
    Fr ein solches wohlthtiges Unternehmen durfte man natrlich sicher sein,
die Zustimmung der Baronin schnell zu erlangen, und der Bischof, dem so
unerwartet die Mglichkeit geboten wurde, einen jungen Geistlichen anzustellen,
ein paar Leute als Glckner und Kirchendiener zu versorgen und einigen
strengglubigen Familien durch Unterbringung ihrer Shne seine Zufriedenheit
auszudrcken, stimmte dem ganzen Vorhaben mit groer Anerkennung bei.
    Aber auch den Wnschen des Caplans kam die Absicht des Freiherrn entgegen.
In der entsagenden und begeisterten Liebe seiner Jugend hatte er sich von der
Welt zurckgezogen und auf eine weitgreifende Thtigkeit innerhalb der Kirche,
ja, selbst auf das Walten in einer Gemeinde verzichtet, um dem Andenken einer
Geschiedenen zu leben, um ihrem Bruder nahe zu sein und sich selber
aufzuerbauen. Inde eine Jugendliebe wirft nur bleiche Strahlen auf das sptere
Leben, und wenn der Caplan sich auch sagen durfte, da er Angelika der Kirche
gewonnen habe, war doch grade mit den fortschreitenden Jahren oft der
schmerzliche Gedanke ber ihn gekommen, da er das reiche Ma seiner Krfte
nicht genug gebraucht, da er nicht genug gewirkt fr die Verbreitung und den
Ruhm der Kirche, der er angehrte; und eben die letzten traurigen Ereignisse in
Rothenfeld hatten ihm wie eine Mahnung geducht, die ihm noch vergnnten
Lebenstage eifriger zu benutzen.
    Es schien ihm ein Wink des Himmels, ein sichtbares Eingreifen des Hchsten
zu sein, da Gott der neugegrndeten Kirche, wie in den ersten Tagen des
Christenthums, gleich ihren Blutzeugen zugesellt, und die Vorstellung, da dies
Alles habe geschehen mssen, um ihm eine Mahnung und ein Sporn zu sein, ward
immer mchtiger in ihm. Er hatte mit ruhiger Erhebung einst der Grundsteinlegung
zu der Kirche beigewohnt, ihren sehr verzgerten Bau gelassen fortschreiten
sehen; nun zhlte er die Tage, welche bis zu ihrer Einweihung vergehen muten.
    Seit seinen jungen Jahren hatte er die Kanzel nicht betreten, nicht unter
der erhabenen Wlbung eines Gotteshauses gepredigt, nicht vor dem Altare einer
Kirche die Messe celebrirt. Viele Hoffnungen waren ihm verloren gegangen, auf
Manches hatte er verzichten lernen. Er begann zu fhlen, da er lter werde,
weil der Kreis seiner Wnsche, Plane und Erwartungen sich verengte. Neues
Streben und damit neue Hoffnung in sich aufnehmen, heit aber, sich eine neue
Jugend schaffen, und wie sollte man diesem Reize widerstehen, auf diese
Mglichkeit verzichten, so lange man noch die Kraft dazu empfindet? Es war die
Sehnsucht nach verlngertem Leben, ohne welche der Mensch dem Tode noch frher
verfallen wrde, es war das halb unbewute Verlangen nach Lebenslust, die in dem
einst so entsagungsfhigen Manne noch im hohen Mannesalter den Ehrgeiz weckten.
    Er und der Freiherr theilten jetzt den Verdru, den sie Seitens der
protestantischen Kirche zu tragen hatten, und fanden sich in der Thtigkeit fr
die Einweihung der Kirche mit Genugthuung zusammen. Man hatte schon lange eines
der zum Amte gehrenden, aber auerhalb des Amthofes und sehr nahe bei der
Kirche gelegenen Gebude zur Kirchenwohnung ersehen. Bisher hatten die
Wirthschafter sie inne gehabt; nun, da man dem knftigen Amtmanne berhaupt kein
so breites Leben wie den Steinerts einzurumen dachte, sollten die Wirthschafter
im Amthause ihr Unterkommen finden und der Sacristan mit den vier Knaben, welche
der Freiherr zu Assistenten bei dem Gottesdienste zu haben wnschte, ihre
Wohnung bei der Kirche erhalten. Es war dabei auf einen verheiratheten Glckner
abgesehen, der die Bekstigung des Sacristans und seiner Schler bernehmen
knne.
    Eine Zeit lang hatte der Freiherr, von der Herzogin beeinflut, wohl die
Absicht gehegt, auch den Caplan nach Rothenfeld bersiedeln zu lassen; aber er
hatte dessen Anwesenheit, whrend jener mit der Baronin in der Stadt gewesen
war, doch mehr vermit, als er erwartet haben mochte, und grade der Hinblick auf
Angelika machte es ihm wnschenswerth, den ihr so werthen Mann in ihrer Nhe und
auch in der Nhe des Knaben zu lassen, dem die Aufsicht und der Unterricht des
Caplans mit jedem Tage nthiger werden muten.
    Whrend man in nchtlicher Stille die Srge aus dem bisherigen
Erbbegrbnisse in die Marmorgruft der neuen Kirche brachte und der Caplan die
weien Rosenbsche an der Eingangsthr derselben pflanzen lie, whrend die
Kanzel ihre letzten Verzierungen erhielt, der aus der Stadt angelangte
Beichtstuhl aufgestellt ward und der Freiherr sich mit dem Frstbischof ins
Einvernehmen setzte, damit dieser, der den Grundstein eingeweiht, auch am
Margarethentage die Einsegnung des fertigen Baues bernhme, ward er es nicht
sonderlich gewahr, da die Herzogin ungewhnlich viel Briefe erhielt und
schrieb, da sie fter theilnahmslos erschien und, seit der Graf und die Grfin
Berka das Schlo verlassen hatten, von Reiseplanen sprach, die ihr neuerdings
gekommen sein muten, denn es war nie davon zuvor die Rede gewesen. Sie zeigte
sich jetzt weniger als sonst bemht, den Freiherrn zu unterhalten, bewies der
Kranken wirklich jene Sorgfalt, deren Anschein sie whrend des Besuchs der
Berka'schen Familie angenommen hatte, und trotz ihrer Abneigung gegen die
Herzogin konnte Angelika es nicht bersehen, da eine Vernderung mit derselben
vorgegangen war und da sie jetzt wieder mehr als in den verwichenen Jahren dem
Bilde entsprach, welches Angelika in den ersten Tagen sich von ihr gemacht
hatte.
    Als der Postbote wieder einmal nach der Stadt geritten war, um die
Posttasche abzuholen, brachte er in dieser neben dem eigenhndigen Schreiben des
Frstbischofs, das seine Zusage enthielt, auch ein groes, aus der Residenz
kommendes, mit mehreren Siegeln verschlossenes Paket fr die Herzogin, sowie die
Antwort Seba's auf die Sendung und die Briefe des Freiherrn und Angelika's.
    Seba dankte dem Freiherrn in einem kurzen Schreiben, dessen formvolle
Haltung er rhmend anerkannte, fr die Freude, die er ihr bereitet, fr die
gtige Weise, in welcher er ihren geheimen Wunsch errathen und befriedigt habe.
Auch der Brief an die Baronin war nicht eben lang. Seba schickte ihr, da sie
augenblicklich ber kein anderes Bild von sich verfgen konnte, ein kleines, in
Pastell gemaltes Portrait, das sie in ihrem sechszehnten Jahre darstellte. Es
war kurz vor der Zeit gemacht worden, in welcher sie den Grafen hatte kennen
lernen, und der ganze Zauber seelenvoller Kindlichkeit und Unschuld lag in dem
Bilde noch ber dem edlen, holden Antlitze ausgebreitet. Die Baronin hatte
dieses sie rhrende Bild, das in der Stube des Vaters hing, nie zuvor gesehen.
    Sei um mich nicht in Sorge, schlo Seba ihren Brief an die Baronin. Es
ist mir wohler und freier um das Herz, als seit gar langer Zeit. Nicht alle
Naturen knnen die gleiche Strae gehen und jede mu ihre Befreiung und
Befriedigung auf ihre eigene Weise suchen. Da ich Dich liebe, thut es mir wohl,
Dich in Deinem Glauben und in Deinem Anlehnen an Deine Kirche glcklich zu
denken; gnne Du mir, da Du mich liebst, die Erhebung und Auferbauung meiner
Seele und meiner Zukunft auf meine Weise. Du erwartest die Gerechtigkeit aus der
Hand des Hchsten, der mit seiner Vorsehung Dein Leben lenkte; ich entbehre
dieses Glaubens, ohne der Ueberzeugung und des Trostes zu entbehren, da unsere
selbstbestimmten Thaten in unseren Leiden und Freuden ihre Folgerichtigkeit
haben; und Deine Liebe und die letzten Augenblicke, die ich mit Dir verlebte,
haben mir dies wieder vollgltig dargethan. Die Genugthuung, deren ich bedurfte,
ist mir jetzt geworden.
    Der Herr Baron und Du, meine Angelika, legen es mir beide nahe, eine Bitte,
der Gewhrung sicher, an ihn zu richten. Sie soll denn, wenn auch nicht
eigentlich fr mich, gesprochen werden. Herbert, der jetzt seine Aufgabe im
Dienste des Herrn Barons vollendet hat, ist mir sehr werth und mir in manchen
schweren Stunden ein Freund gewesen. Er sehnt sich, seine Eva in das Haus zu
fhren, das Du mit uns bewohnt hast und das er in diesen Tagen von meinem Vater
fr sich kaufte. Lege das Glck meines Freundes dem Herrn Baron ans Herz.
Herbert und Eva sind zwei so einfache, so schuldlose Naturen, da es, wie ich
mir denke, auch Dich erfreuen mte, sie bald vereinigt zu sehen. Herbert hat
seine Aufgabe zu des Herrn Barons Zufriedenheit beendet, mge dieser seinen
Baumeister dafr in der Weise belohnen, die ihn am meisten beglcken wird! - Ich
spreche diese Bitte ohne Herbert's Wissen aus. Sollte es Dir, wie ich es fr
mglich halte, angemessener scheinen, sie als Deinen Wunsch zu bezeichnen, so
nenne mich nicht, und la uns, wie in Liebe, so in dem stillen, verschwiegenen
Wirken fr das Glck der Anderen stets verbunden bleiben!

                              Achtzehntes Capitel


In Rothenfeld und in Richten, im Amthofe wie im Schlosse hatte man vollauf zu
thun. Der Glckner mit Frau und Kindern, der Sacristan mit seinen vier Schlern
waren eingetroffen. Eva hatte auf Anweisung des Freiherrn das Haus fr sie
eingerichtet, die Vorrthe fr den ersten Bedarf des neuen Hausstandes
herbeigeschafft, und wie leicht der Freiherr dies auch veranschlagte, fiel es
fr die Verwaltung doch immer in das Gewicht, denn der Unterhalt fr zehn
Personen will erworben sein.
    Im Schlosse langte um die festgesetzte Stunde der Frstbischof, wie zur
Grundsteinlegung, mit seinen Vicaren und Caplnen an, und Angelika, obschon sie
sich danach zurckzog, um ihre Krfte fr den nchsten Tag zu Rathe zu halten,
lie es sich nicht nehmen, ihm bis an die Schwelle ihres Hauses entgegen zu
gehen. Sie wollte die erste sein, welche des verehrten Greises Segen fr sich
und ihren Sohn erbat.
    Im Laufe des Tages hatte der Bischof verschiedene besondere Unterredungen
mit dem Freiherrn und mit dem Caplan; auch mit der Herzogin wanderte er im
letzten Sonnenscheine noch auf der Terrasse umher. Renatus, an dem sie, ohne auf
ihn zu achten, mehrmals vorbergegangen waren, hrte, da sie von Italien
sprachen, und fragte am Abende die Mutter, wehalb sie nicht auch einmal nach
Italien reisten, wenn es dort so schn sei.
    Herbert war schon seit zwei Tagen im Amthause. Er hatte dem Freiherrn am
bestimmten Termine den Bau bergeben, die Schlssel ausgeliefert, und dieser
hatte es an Lob und Anerkennung fr den Architekten auch jetzt nicht fehlen
lassen. Eine Einladung, in das Schlo zu kommen, war an Herbert nicht ergangen,
aber der Freiherr hatte ihn aufgefordert, am Abende des Festtages sich zu der
Mahlzeit auf der Birkenhhe einzustellen, und er hatte dies schicklicher Weise
nicht ablehnen drfen, obschon ihm jede Begegnung mit den Schlobewohnern
peinlich war.
    Die ganze Nacht hindurch hatte der Grtner mit seinen Gehlfen Krnze und
Guirlanden zu den Ehrenbogen geflochten, die den Eingang der Kirche, den Altar
wie die Kanzel zieren sollten. Als der Morgen in seiner Herrlichkeit heraufzog,
waren der Gehlfe und Herbert schon auf den Fen, um die Ausschmckung fr die
Kirchenfeier zu berwachen und zu leiten.
    Es hatte in der Nacht stark gethaut, nun dehnten und wiegten sich unter dem
heien, entfaltenden Sonnenstrahle die feuchtglnzenden Bltter und Grser. Kein
Wlkchen stand am Himmel. Ueber die Getreidefelder wehte der Morgenwind, da die
Halme sich neigten und hoben und die noch wei schimmernde Aehrenflle des
Weizens und der Gerste sich unter dem leisen Luftzuge wie die zitternden Wellen
eines glnzenden Wasserspiegels schillernd bewegten. Die Vgel stiegen berall
aus Feld und Busch empor und schwangen sich mit jubelndem Gesange hoch hinweg
ber das goldene Kreuz des Kirchthurmes, welches, wie Angelika es einst ersehnt
hatte, jetzt weithin leuchtend in die Ferne strahlte.
    Frh um neun Uhr ging der Glckner zum ersten Male an sein Amt.
    Angelika stand an dem Fenster ihres Zimmers; sie sah gedankenvoll in die
Gegend hinaus. Ich habe einen sonderbaren Traum getrumt, sagte sie zu Marianne.
Ich ging allein, vor euch Allen in die Kirche; es war ein prchtiger Tag, und
ich fhlte mich so leicht, da ich die Erde gar nicht berhrte. Ich wandelte
ruhigen Schrittes durch die Luft, ohne mich darber zu verwundern. Nur Eines
fiel mir auf: die Tannenbume, welche vom Gitter nach der Kirche fhren, standen
in voller Blthe und trugen statt der Zapfen die schnsten weien Rosen. Ich
freute mich so darber!
    Indem sie diese Worte sprach, ertnten die ersten Schwingungen der Glocken
durch die Weite. Angelika's Herz wallte auf, sie hielt in ihrer Erzhlung inne
und knieete nieder.
    Es drngte sie, dem Herrn dafr zu danken, da er sie die Erfllung ihres
Gelbnisses erreichen lassen, da sie den Tag erlebte, an welchem die Glocken
ihrer Kirche fernhin mahnend zu ihr hinber schallten, und sie dachte nicht
daran, da es andere, ganz andere Gefhle waren, welche dieser fremde Klang in
den Herzen ihrer Unterthanen weckte.
    Nach kurzem, inbrnstigem Gebete richtete sie sich auf. Sie mute ihren
Gatten sehen.
    Du hier? rief er, als sie bei ihm eintrat, und ihre Hand ergreifend, hie er
sie willkommen, whrend er sie zu einem Sessel geleitete. Die Glocken der Kirche
tnten fort und fort. Der Freiherr und Angelika waren beide sehr bewegt. Sie
fhlten sich durch ein gemeinsam Gewolltes und Erreichtes, sie fhlten sich
durch die heiligsten Bande, durch die schmerzlichsten Erinnerungen, durch Leiden
und Freuden, durch die Hoffnungen und Sorgen fr ihres Sohnes Zukunft verbunden
und zu einander gehrend. Niemals waren sie in ihrem Denken und Empfinden mehr
im Einklange gewesen, als unter dem ersten, feierlichen Luten dieser Glocken,
und doch hatten sie es verlernt, sich einander vertrauend hinzugeben. Vereinsamt
und zagend standen sie sich gegenber, das Herz that beiden wehe, weil jeder von
ihnen seine Aufwallung zurckhielt.
    Endlich berwand der Freiherr sich. Wir sind am Ziele, sagte er, und wie man
auf der Hhe eines Berges der Mhen, mit denen man ihn erstieg, leicht vergit,
um sich der herrlichen Fernsicht zu erfreuen, so drfen auch wir, der Opfer, die
wir bringen mssen, fortan nicht mehr gedenkend, uns des Geschaffenen erfreuen,
das denen, die nach uns kommen werden, von uns Kunde geben und unsere Namen in
eine ferne Zukunft tragen wird. La uns einander Glck dazu wnschen!
    Er kte sie mit Feierlichkeit auf die Stirne, und unfhig, ihre
Erschtterung zu verbergen, zu scheu, sich ihm in die Arme zu werfen, kte sie
ihm die Hand. Das fuhr ihm wie ein Stich durchs Herz.
    Angelika, Beste, was thust Du? rief er erschrocken aus. Aber sie sah ruhig
zu ihm empor und sagte: La es geschehen! Es hat mir wohlgethan, lieber Franz,
Dich so mild gestimmt zu finden, und ich gewinne dadurch den Muth, eine Bitte an
Dich zu richten!
    Er setzte sich an ihre Seite; sie blieb eine Weile in schweigendem
Nachdenken versunken, dann sagte sie: Ich mchte mich dazu des Bildes bedienen,
das Du eben jetzt gebrauchtest, Lieber! Man sieht vom erreichten Ziele die Dinge
freier an, und - Du wirst Dich darber so wenig zu tuschen vermgen, als ich -
auch mein Ziel wird bald erreicht sein! Da mchte ich den Personen, denen ich
genaht bin, so weit es mglich ist, gern freundliche Erinnerungen hinterlassen!
    Der Freiherr unterbrach sie. Sie hatte bisher niemals von der
Wahrscheinlichkeit ihres frhen Todes zu ihm gesprochen. Er versuchte ihre
Ahnung zu bekmpfen, er wollte sich selber die Wehmuth verscheuchen, es gelang
ihm Beides nicht.
    Was uns auferlegt ist, werden wir erwarten und tragen mssen, sagte Angelika
ergeben, aber erflle meinen Wunsch. Lege noch heute Eva's Hand in Herbert's
Hand. Es wrde mich schmerzen, wenn er, der uns so schn gedient, und der -
jetzt wirst Du mir es glauben - rein und ehrenhaft Dir gegenber dasteht,
unserer mit Abneigung gedenken sollte.
    Der Freiherr schlo, wie unter einer schmerzlichen Berhrung, unwillkrlich
die Augen, seine Brauen, seine Lippen preten sich zusammen: Angelika blieb
ruhig und gelassen. Das Erlebte lag weit hinter ihr.
    Der Tag ist uns, die wir den Bau begrndet haben, ein hohes Fest, sprach
sie; Du wnschest ihn der Herzogin zu einem Ehrentage zu machen. La ihn fr
Herbert, fr Eva und fr ihren Bruder gleichfalls zu einem Tage freudiger
Erinnerung werden, und auch mein Herz wird ihn dann als einen doppelt gesegneten
empfinden, denn ich werde Deine Verzeihung in der Gewhrung meiner Bitte
empfangen zu haben glauben.
    La die Vergangenheit begraben sein, la uns auf die Zukunft blicken, sagte
der Freiherr mit milder Abwehr, und sei es, wie Du's wnschest. Noch heute will
ich Eva meine Zustimmung verknden.
    Angelika dankte ihm dafr. Sie wollte Zeit und Stunde wissen; ihr Gatte bat,
ihm dies zu berlassen; er wollte sich wie immer die Freiheit augenblicklicher
Entschlieung vorbehalten.
    Inzwischen war es Zeit geworden, sich nach der Kirche zu begeben. Wie vor
acht Jahren fuhr man in vier Wagen durch das Dorf, weniger noch als damals
lieen die Gutsinsassen sich blicken. Es war Sonntag; sie waren vollzhlig zu
ihrem Pfarrer in die Kirche gegangen. Die Pfarrerin hatte diesen mit Bitten und
mit Thrnen davon abzuhalten gestrebt, da er eben an dem heutigen Tage ein
Aergerni gbe, aber der Pastor lie es sich nicht nehmen, grade heute mit
feurigem Worte sein Herz vor der Gemeinde auszuschtten und sie zu warnen, da
sie sich nicht durch ueren Glanz und ueren Vortheil verfhren lassen sollte.
    Der Amtmann und Eva fehlten in der Kirche. Wie sehr sie ihren alten Pfarrer
auch verehrten, sie hatten zu viel Freude an dem Ehrentage Herbert's; sie waren
dem Baue durch alle seine Stufen mit zu groer Theilnahme gefolgt, als da sie
es sich und Herbert htten versagen mgen, das schne Bauwerk in seinem ersten
Schmucke zu sehen, die ersten Orgeltne in diesem Gotteshause erklingen zu
hren.
    Die Wagen machten auerhalb des Kirchhofes Halt. Der Freiherr, seine Gattin
am Arme, seinen Sohn an der Hand, durchma den mit Blumen bestreuten Weg. Da er
und Angelika sich in der Vorhalle mit dem geweihten Wasser netzten, war es
ihnen, als htten sie dies nie zuvor gethan, und es durchschauerte sie
feierlich.
    Von der Herzogin begleitet, begaben sie sich in die herrschaftliche, der
Kanzel gegenber gelegene Loge. Die katholische Dienerschaft aus dem Schlosse
hatte unten in den Bnken Platz genommen. Unter dem Portale empfing der Caplan,
als Pfarrer der neuen Kirche, den Frstbischof und sein Gefolge. In vollen,
jubelnden Klngen lie die schne Orgel ihr Halleluja ertnen, die Chorknaben
schwangen die silbernen Weihrauchgefe, und das groe, bischfliche Kreuz
voraufgetragen, schritt der Bischof mit seinem Gefolge dem Altare zu, die erste
Messe in der Kirche zu lesen.
    Dann bestieg der Pfarrer seine Kanzel, und Angelika wie der Freiherr
glaubten ein Wunder vor sich zu sehen. Wie verjngt strahlte sein Antlitz, mit
fremdem, mchtig ergreifendem Tone schallte seine Stimme von der hohen Wlbung
der Kuppel zurck. Er fhlte die Begeisterung, das Feuer und den Eifer seiner
jungen Jahre in sich wiederkehren, die rckwirkende Kraft der Gemeinde erwies
sich an ihm mchtig, und er kannte die Herzen derer, zu denen er zu sprechen
hatte, genau genug, um die Worte zu finden, mit denen er sie bewegen konnte. Er
wute, was dem Hause derer von Arten fehlte, er war diesem Hause durch ein
langes Leben so eng verbunden gewesen, der Freiherr und Angelika waren seinem
Herzen jeder auf seine Weise so nahe verwandt, da es keiner Kunst bedurfte, da
er nur der eigenen Eingebung zu folgen brauchte, um sie mit sich zu erheben.
    Mit stolzem Selbstgefhle verlie der Freiherr nach beendigtem Gottesdienste
seinen Sitz. Er lie Herbert herbeirufen, um ihn dem Frstbischof vorzustellen.
Angelika sah ihn in diesem Augenblicke zum ersten Male wieder. Als auch sie ihm
dankte und ihm ihre Hand hinreichte, wagte er es, sie an seine Lippen zu ziehen,
und sie sah Thrnen in seinem Auge, die sie sich zu deuten wute.
    Ja, sprach sie, ich bin recht krank, aber heute mag ich nicht daran denken,
heute ist es auf lauter Freude abgesehen, und ich hoffe Sie am Abende noch zu
begren.
    Die Herrschaften und der Bischof nahmen die Kirche und die Kirchenwohnung in
Augenschein; sie belobten Alle den Baumeister; Herbert hatte heute ein groes
Wohlgefallen an der Anerkennung, denn Eva und ihr Bruder hrten sein Lob und
waren stolz auf ihn; aber der Anblick der Baronin lie in ihren guten Herzen
keine wahre Freude aufgehen.
    In demselben Zuge, in welchem man sich nach der Kirche begeben hatte,
verlie man sie. Angelika schien keine Ermdung zu empfinden. Sie machte bei dem
Mittagbrode, das man dem Bischofe zu Ehren veranstaltet hatte, mit
Freundlichkeit die Wirthin; sie empfing die zahlreichen Gste aus der
Nachbarschaft, welche man fr den Abend eingeladen hatte, das Namensfest der
Herzogin zu begehen.
    Der schne Tag machte dem mildesten Abende Platz. Man brachte die letzten
Stunden des Nachmittags auf der Terrasse zu. Als die Sonne sank, fuhren die
Wagen vor, um diejenigen, welche, wie Angelika, die Mhen des Weges zu scheuen
hatten, nach der Birkenhhe hinauf zu bringen. Der Justitiarius, der Amtmann und
Eva hatten Einladungen zu dem Abendbrode erhalten, das man oben einzunehmen
dachte. Herbert und der Gehlfe, wie das ganze Gefolge des Bischofs, befanden
sich selbstverstndlich unter der Gesellschaft. Bei einem im Freien
veranstalteten Feste brauchte man mit den Einladungen nicht so ngstlich zu
sein.
    Der Park war belebt wie in den glnzendsten Tagen des Hauses, der Freiherr
recht eigentlich in seinem Elemente. Der Frstbischof, die geistlichen Herren
seines Gefolges, die Herzogin, die adeligen Familien der Nachbarschaft bildeten
eine stattliche Versammlung.
    
    Als man oben auf der Hhe anlangte, fand man den neuerbauten kleinen Tempel
in allen seinen hervorragenden Linien mit Blumenguirlanden geschmckt. Der
Freundschaft! war mit goldenen Buchstaben ber der Eingangsthre zu lesen. Man
hatte die Marmortafel, welche diese Inschrift trug, erst whrend des Tages
angebracht. Eine sanfte Musik ertnte aus dem Innern des Baues, die Thren
ffneten sich, das Bild der Herzogin, welches whrend ihres Aufenthaltes in der
Stadt im Auftrage des Freiherrn von einem geschickten Maler ausgefhrt worden
war, hing reich bekrnzt dem Eingange gegenber. Man hatte davor eine Art von
Altar aufgerichtet, auf welchem Blumen und Feldfrchte, Garten- und
Feldarbeits-Gerthschaften wie in einem Tempel der Ceres und der Flora
aufgestellt waren. Von dem Sacristan wohl eingebt, sang das Quartett der Knaben
ein Loblied auf die Herzogin, das von dem Freiherrn selber dem Schiller'schen
Mdchen aus der Fremde nachgedichtet worden war.
    Bei der Strophe:

Sie theilte jedem eine Gabe,
Dem Frchte, jenem Blumen aus;
Der Jngling und der Greis am Stabe,
Ein jeder ging beschenkt nach Haus -

fhrte der Freiherr die Gefeierte vor den Altar. Unter den dort aufgestellten
Gerthschaften befanden sich verschiedene kleine Krbe, in denen auf und unter
blhenden Blumen, mit den Namen der anwesenden Personen bezeichnet, die
mannigfachsten Geschenke vorbereitet lagen. Er hndigte ihr das erste dieser
Krbchen aus und bat sie, als Schtzerin dieses Tempels, der fortan ihren Namen
tragen sollte, den versammelten Freunden ein Andenken an sich zu hinterlassen.
    Die Herzogin, solcher Darstellung im hchsten Grade mchtig, unterzog sich
mit vollendeter Anmuth ihrer Aufgabe, und eine gewisse Rhrung, eine ihr sonst
fremde Weichheit verliehen den Geschenken, die sie auszutheilen hatte und die
dem Range der Herzogin wie dem Ansehen der Empfnger angemessen waren, einen
erhhten Werth.
    Schweigend und in sich selbst versunken wohnte Angelika dem Schauspiele bei.
Sie schien es kaum zu bemerken. Ihr Auge sah durch die offenen Bogenfenster in
das Thal hinaus. Auch Herbert hatte wenig Sinn fr die gegenwrtige
Feierlichkeit. Er ahnte, was in dem Herzen der Baronin vorging.
    So, im sinkenden Tagesscheine, hatte er einst mit ihr auf dieser Hhe
gestanden, hier auf dieser Sttte war sie ihm als das Urbild edler Schnheit
erschienen, hier hatte ihre Trauer ihm das Unglck ihres Lebens enthllt, hier
hatte er sich ihr in selbstloser Freundschaft zu eigen geloben wollen - und
schon damals htte ihr Ausruf: Hier oben drfen wir keine Kirche bauen! ihm
verrathen knnen, was spter ihm so verwirrend und so schmerzlich klar geworden
war.
    Ihr, der Reinen, der erhabenen Seele htte er hier einen Tempel der
Erinnerung errichten mgen, und man weihte diese Sttte dem Andenken jener
fremden Frau, deren selbstschtige Arglist Angelika's Glck untergraben und
zerstren geholfen. Er konnte die Augen nicht von der Baronin wenden, auch Eva
dachte nur an sie.
    Man schmt sich seines Glckes, wenn man auf sie blickt! sagte sie zu
Herbert, der sich zwanglos an ihrer Seite hielt.
    Der Freiherr wies den einzelnen Gsten mit leichter Handbewegung die
Reihenfolge an, in welcher sie sich der Herzogin zu nhern hatten. Die gute
Stimmung wuchs von Minute zu Minute. Zwischen den einzelnen Strophen des
Gedichtes waren kleinere, die Vertheilung begleitende und sich in raschem
Rhythmus und in heiterer Melodie leicht bewegende Verse eingelegt. So ging es
fort, bis die geladenen Gste alle ihre Gaben empfangen hatten und auf ein
Zeichen des Freiherrn der Architekt an den Altar beschieden wurde.
    Als er sich demselben nherte, erhob sich Angelika von ihrem Platze, winkte
Eva zu sich heran, und whrend sie selbst das berraschte Mdchen an Herbert's
Seite geleitete, sangen die Knaben die Schluverse des Gedichtes:

Doch nahte sich ein liebend Paar,
Dem reichte sie der Gaben beste,
Der Blumen allerschnste dar!

und Eva's und Herbert's Hnde in einander legend, sagte Angelika leise, da nur
die beiden es vernehmen konnten: Seid glcklicher, als ich, und denket meiner,
wenn ich nicht mehr bin!
    Herbert und Eva sanken ihr zu Fen, die Gesellschaft rief ihren Beifall und
ihre Glckwnsche aus. Man merkte es nicht, da Angelika noch blsser geworden
war und leise ihre Thrnen trocknete. Herbert und Eva waren ein so schnes Paar.
    Die ganze Erfindung und Ueberraschung war vollkommen im Sinne der
Gesellschaft, und man hatte auch mehr zu thun, denn drauen waren inzwischen die
Lampen angezndet, der Tempel, die Hhe, der Garten, die Terrasse, das Schlo
strahlten im Lichtglanze der Illumination, und whrend von den dem Tempel
gegenber gelegenen Ruinen des alten Schlosses die ersten Garben des Feuerwerks
in die Hhe stiegen, brachte der Frstbischof selber in dem schumenden
Champagner, den die Diener zu credenzen begannen, den ersten Toast auf das
Bestehen, Wachsen und Gedeihen des von Arten'schen Geschlechtes aus.

                              Neunzehntes Capitel


Die Gste hatten das Schlo verlassen, der Tag war bewlkt, die Baronin htete
das Lager, weil sie sich mehr zugemuthet, als ihre Krfte leisten konnten; auch
der Freiherr und die Herzogin waren ermdet und hielten sich in ihren Gemchern.
Der Herr Pfarrer, wie die Kirchenbeamten und der Sacristan den Caplan jetzt
nannten, beantwortete in des Freiherrn Namen die Vorstellungen, welche diesem
von Seiten des Superintendenten auf die Beschwerden des Pastors gemacht worden
waren. Der neue Pfarrer allein war zu einer groen Thtigkeit aufgelegt, whrend
der Freiherr jene Erschlaffung und jene Leere fhlte, welche nach der Vollendung
einer groen Arbeit, eines groen Unternehmens sich immer einzustellen pflegen.
    Gegen den Abend machte die Herzogin ihm den Vorschlag, einen Spaziergang
nach der Margarethen-Hhe, so nannte man den Hgel jetzt, zu unternehmen. In
ruhigem Gesprche durchwanderten sie den Park, stiegen sie den Hgel hinauf.
Oben angelangt, setzten sie sich auf einer der nach antikem Vorbilde
gearbeiteten Steinbnke nieder, welche man dort aufgestellt hatte. Trotz des
schnen Abends machten der Platz und der Tempel heute keinen guten Eindruck. Die
Blumenguirlanden waren welk geworden, das Gras des Rasenplatzes hier und da
zertreten. Die Lampen hingen trb und fahl in den Drhten des Lattenwerkes, auch
das Innere des Tempels war noch nicht wieder hergestellt worden, und das Bild
der Herzogin sah in dem matten Lichte wie verschleiert aus.
    Wir htten heute nicht hierher gehen sollen, bemerkte der Freiherr, denn
jedes Fest wirft einen Schatten auf den ihm folgenden Tag!
    Und doch wnschte ich gerade heute hierher zu kommen und mich an dem Orte,
dem Sie so liebenswrdig meinen Namen verliehen, an welchem Sie, mein theurer
Vetter, mich so hoch geehrt haben, mit Ihnen ber eine Angelegenheit zu
besprechen, die ich ohne Ihren Beirath zu ordnen genthigt gewesen bin, denn
Ihre Freundschaft wrde mich, ich fhle das, verhindert haben, die Entscheidung
zu treffen, zu welcher ich selbst mich schwer genug entschlo.
    Sie hielt inne; der Freiherr bat sie, sich zu erklren.
    Ich bin nicht wortbrchig, mein Freund, sagte sie, und ich habe es nicht
vergessen, wie Ihre Gromuth mir einst das Versprechen abgenommen hat, da ich
von Ihrer gastlichen Schwelle nicht scheiden wrde, bis Sie selbst mich wieder
in die Hallen meines schnen Vaudricourt zurckgeleiten knnten.
    Und dieses Versprechen ist Ihnen leid geworden? fragte der Freiherr, von
einer unangenehmen Ahnung erfat.
    Sie schttelte wehmthig das Haupt. Nein, o nein, versetzte sie, und es
wird, glauben Sie es mir, theurer Vetter, zu den erhebendsten Erinnerungen
meines Lebens gehren, da Sie es einst von mir gefordert haben, da ich Sie
auch heute noch geneigt wei, mir fort und fort das Gastrecht zu gewhren,
welches Sie mir mit jener Forderung verhieen. Aber jedes Versprechen, das wir
leisten, wird in einem bestimmten Glauben, unter gewissen Voraussetzungen gethan
....
    Sie wollen von uns scheiden? rief der Freiherr, tiefer getroffen, als er es
selbst in diesem Augenblicke wute. Sie wollen jetzt, eben jetzt von uns gehen,
wo, wenn nicht ein Wunder geschieht, auf das zu hoffen der Mensch kein Anrecht
hat, meinem Hause ein schwerer Verlust und eine einsame, ernste Zeit bevorsteht?
    Die Herzogin seufzte. Ich habe mir das selbst gesagt, habe Alles schmerzlich
in mir erwogen, und doch bleibt mir keine Wahl. Jedes Versprechen, das wir
leisten, wiederholte sie absichtlich, wird in einem bestimmten Glauben, unter
gewissen Voraussetzungen gethan. Als ich Ihnen einst gelobte, nicht eher von
Richten zu scheiden, bis Sie mich nach Vaudricourt geleiten knnten, glaubte ich
an eine Wandlung, an eine nicht ferne Rckkehr zu Ordnung und Gesetz in meiner
Heimath, hoffte ich den Thron seines rechtmigen Herrschers in Frankreich bald
wieder aufgerichtet zu sehen. Diese Hoffnung habe ich fr jetzt verloren!
    Und was bewegt Sie also zu dem Entschlusse, mit dem Sie uns bedrohen? wandte
der Freiherr mehr und mehr verwundert ein.
    Die Herzogin wich der Antwort aus. Sie kennen die Huld und Gnade, sagte sie,
mit welcher die Gemahlin des Grafen von Provence mich von je her beglckte.
Durch die Verhltnisse unseres Vaterlandes an den Hof ihres kniglichen Vaters
zurckgefhrt, wnscht sie mich in ihre Nhe zu ziehen. Die Oberhofmeisterin
Ihrer Majestt der Knigin ist gestorben, man bietet mir ihre Stelle an, und
....
    Der Freiherr neigte mit vornehmer Bewegung zustimmend das Haupt: Und Sie
finden es ehrenvoller und angenehmer, die Oberhofmeisterin einer Knigin zu
sein, als einem Landedelmanne in seinem Schlosse frder die Freude und die Ehre
Ihrer Gegenwart zu gnnen! Ich begreife das - und ich gebe Ihnen Recht,
vollkommen Recht, fgte er schnell gefat hinzu.
    Es entstand eine Pause. Die Herzogin wute vollkommen, welche Krnkung sie
dem Freiherrn bereitete. Aber einer Beobachterin wie ihr waren die sich
ndernden Glcksumstnde des Freiherrn nicht verborgen geblieben, und sie hatte
seit lange daran gedacht, das Schlo und den Freiherrn zu verlassen. Es
widerstrebte ihrem Ehrgefhle, Opfer anzunehmen, sobald man anfangen konnte, sie
als solche zu empfinden, es widerstrebte noch mehr ihrer Neigung, an dem
Krankenlager einer Sterbenden langsam schleichende Tage hinzuleben und in dem
freiherrlichen Schlosse die unvermeidliche Einsamkeit des Trauerjahres ber sich
zu nehmen. Das glnzende Turin, das Leben an dem ppigen Hofe von Savoyen, der
Einflu einer Stellung, wie sie ihr geboten ward, konnten sie nicht schwanken
lassen ber das, was ihr zu thun oblag, und den Freiherrn mit erknstelter
Unbefangenheit bei seinem Worte nehmend, sagte sie: Ich wute, da Sie mich
billigen, da Ihre selbstlose Freundschaft mir den Schritt, der mich so viel
Ueberwindung kostet, nicht erschweren wrde, und - sagte sie mit einem neuen
Seufzer - vielleicht bin ich so glcklich, Sie, mein theurer Freund, in meiner
neuen Heimath wiederzusehen, wenn der Schlag gefallen sein wird, der Sie
bedroht, wenn es Ihnen zu schwer fallen sollte, hier in dem verwaisten Hause zu
verweilen!
    Der Freiherr antwortete ihr nicht. Sie erhob sich, trat in den Tempel und
sagte, ihr Tuch an ihre Augen drckend: Wie mich es gestern erschtterte, als
Sie ahnungslos mich Angedenken an die werthen Menschen vertheilen lieen, die
ich Alle nun nicht wiedersehen werde, denn der Befehl der Knigin bedrngt mich
und bindet mich zugleich!
    Sie haben zu befehlen, Herzogin! versicherte der Freiherr.
    Sie lchelte. Morgen gehe ich noch nicht, auch bermorgen nicht!
    Er sagte ihr, da er jeden Tag ihrer Anwesenheit als einen Gewinn betrachten
wrde, aber sein Ton war kalt, und schweigend traten sie den Heimweg an.
    Die bevorstehende Abreise der Herzogin setzte in der ganzen Herrschaft Alles
in Erstaunen. Der Freiherr versuchte nicht, sie zu halten, sie fhlte jetzt kein
Verlangen mehr, zu bleiben.
    Als Adam davon hrte, nickte er traurig mit dem Kopfe. Wenn ein Haus den
Einsturz droht, sagte er, gehen die klugen Ratten hinaus!
    Der Freiherr lie es der Herzogin an keiner Bequemlichkeit fehlen. Er war
sich das nach seinem Empfinden schuldig. Fr den vierten Tag wurden die Pferde
bereit gehalten und vorausgeschickt, und ehe die letzten Krnze des
Freundschaftsfestes auf der Margarethen-Hhe abgenommen waren, hatte die
Herzogin das Schlo und die Gegend verlassen.
    Es trat damit eine groe Lcke in des Freiherrn Leben ein. Er hatte ihr
durch eine lange Reihe von Jahren seine Freundschaft, sein Vertrauen geschenkt,
sie hatte ihn beschftigt, ihn gefesselt und bestimmt; nun war er vllig auf
sich selber angewiesen, und er hatte Niemanden, dem er bekennen durfte, was er
fhlte, was ihn krnkte. Er wute, da der Caplan die Entfernung der Herzogin
stets gewnscht, da Angelika sie hei ersehnt hatte, und Angelika konnte ihr
Lager nicht mehr verlassen. Wie htte er auch daran denken drfen, ihr, die er
mit so viel Hrte von sich gewiesen, der die Herzogin so schweres Leid gebracht,
es einzugestehen, da und wie sehr er diese vermisse!
    Schweigend, in sich zurckgezogen lie er die Tage an sich vorbergehen, und
sie brachten keinen erfreulichen Wechsel mit sich. Er hatte Verdrielichkeiten
mit den Behrden, auf den Gtern wuchsen die Widersetzlichkeiten. Die Einweihung
der Kirche, ihre Dotirung, die Einfhrung und Einrichtung der Kirchenbeamten,
das Fest auf der Margarethen-Hhe und die Abreise der Herzogin hatten viele
Ausgaben verursacht. Sie waren nach der Weise des Freiherrn alle unerllich
gewesen, aber sie hatten doch seinen Baarvorrath weit berstiegen und er war
aufs Neue genthigt worden, Geld gegen Wechsel aufzunehmen.
    Wie das Jahr zu sinken begann, sanken die Krfte Angelika's mit ihm. In
guten Stunden trug man sie auf die Terrasse hinaus; der Pfarrer, die treue
Marianne, ihr Sohn durften sie wenig verlassen. Die Sorge fr Renatus
beschftigte sie ganz und gar.
    Erziehen Sie ihn zur strengen Zucht! beschwor sie den Pfarrer; machen Sie,
da er in seinem Herzen, in seinem Geiste die Richtschnur finde, die ihn
hindert, von dem Pfade der Ehre und der Tugend abzuweichen; machen Sie, da er
unnachsichtig gegen seine Neigungen werde, da sein Gewissen unbestechlich von
seinen Leidenschaften sei! - Sie sprach es nicht aus, da sie wnsche, er mge
seinem Vater und ihrem Bruder nicht hnlich werden, aber es war unschwer zu
ersehen, wohin ihre Plane fr die Erziehung ihres Sohnes gingen, und der Pfarrer
verstand sie wohl.
    Als die Ernte vollendet war, zog der Amtmann von der Herrschaft ab. Es war
groe Betrbni unter den Leuten, und auch dem Freiherrn ging es heimlich nahe.
Adam hingegen hatte das Scheiden mit Ungeduld erwartet. Sein Haus in Marienau
stand wohlgefgt, die Hochzeit seiner Schwester sollte es einweihen, und er
hatte jetzt bereits im Stillen sein Auge auf eines Gutsbesitzers hbsche Tochter
fallen lassen, die ihm ein Ersatz fr Eva zu werden versprach.
    Im Herbste schaltete der neue Amtmann mit seiner groen Familie in dem
Hause, das die Steinerts ber ein Jahrhundert inne gehabt hatten. Da er nicht
des Landes, sondern aus einem fernen Theile Deutschlands gekommen war, hatte er
ohne Weiteres die Meinung wider sich. Er hielt es, wie der Freiherr, mit einem
strengen Regiment, und ein solches mute er auch ben, wenn er die Verheiungen
wahr zu machen dachte, mit denen er den Freiherrn fr sich eingenommen.
    Der Herbst war ungewhnlich hell und mild, das Jahr schien lchelnd
verscheiden zu wollen, und lchelnd fand man eines Morgens die Baronin auf ihrem
Lager liegend. Sanft lchelnd, Amanda's Rosenkranz, der sie nie verlassen, in
ihrer Hand, war sie wie unter dem Eindrucke eines milden Traumes eingeschlafen.
    Es war auch ein heller, klarer Herbstmorgen, an welchem man die Leiche der
Schloherrin zu ihrer Ruhesttte in der neuen, von ihr gelobten Kirche fhrte.
Von nah und fern war der benachbarte Adel herbeigekommen, ihr das letzte Geleite
nach der prchtigen Familiengruft zu geben.
    Der erste Reif lag auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse und auf dem
Kirchhofe, als der von sechs Pferden gezogene Leichenwagen sie berschritt. Wie
weie Rosen hingen die leicht geballten Flocken des Rauhreifs in den
Tannenbumen des Kirchhofes. Die Freifrau Angelika von Arten-Richten war die
Erste des jetzt lebenden Geschlechtes, welche zu den Ahnen ihres Mannes in die
Gruft herniederstieg, die Erste, welche dieses Weges ging. Der Traum, den sie am
Morgen der Kirchweihe getrumt, fand seine Erfllung. Sie war die Erste, ber
deren Asche der Pfarrer ihrer Kirche die Seelenmesse las.
    Als die Beerdigung vorber war und die Fremden das Haus verlassen hatten,
befanden der Freiherr und der Pfarrer sich allein in dem Wohnzimmer der
verstorbenen Baronin. Der Freiherr, in tiefer Trauerkleidung, ging langsam auf
und nieder. Er trat an das eine, er trat an das andere Fenster. Die weithin sich
erstreckenden gradlinigen Hecken von Buxbaum, die scharf zugespitzten Obelisken
und Taxus-Pyramiden hatten auch in diesem Herbste durch die spte Jahreszeit
noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren. Am Ende des Gartens hoben sich
die Bume des sogenannten Bosquets empor, majesttische Kiefern, deren
braunrothe Stmme wie die Pinien breite, grne Kronen trugen, und prchtige
Eichen, noch voll von ihrem ppigen und jetzt goldgelb gefrbten Laube. Sie
waren immer noch gewachsen. In dem Kamine brannte ein helles Feuer. Sein Schein
streifte bald die Portraits der freiherrlichen Eltern, bald die schnen Bilder
Amanda's und Angelika's, die an den Wnden hingen. Dann wieder beleuchtete er
die antiken Statuen der Venus und des Amor, die in den Ecken des Zimmers
standen.
    Eine Erinnerung zuckte in dem Freiherrn auf. Ein schner Herbsttag wie
dieser war es, sprach er, indem er vor dem Pfarrer stehen blieb, der traurig an
dem Kamine sa, ein Tag wie dieser war es, an dem wir einst diese beiden Statuen
hier aufgestellt haben! Und wieder, wie damals, stehen wir hier allein!
    Ich habe auch daran gedacht, entgegnete der Pfarrer, whrend der Freiherr
abermals umherzugehen begann, bis er wieder vor dem Pfarrer stehen blieb.
    Was ist seitdem geschehen! Welche Umwlzungen hat die Zeit gebracht, die
Welt erfahren, und ich selber, was habe ich erlitten und erlebt! -
    Er setzte sich nieder und fuhr sich mit der Hand ber die Augen. Aber er
schien sich dessen wie einer Schwche zu schmen, denn er erhob sich
augenblicklich wieder, und dem Pfarrer die Hand reichend, sprach er: Und doch
mu man sich sagen, was ich damals erstrebte, ist erreicht, und mehr als das! In
Renatus wchst mir der Erbe meines Hauses, der Erhalter unseres Geschlechtes
gesund empor. Ich habe meinem Hause und unserer Kirche hier in der Gegend eine
schne, eine erhabene Zukunft gesichert. Arbeiten Sie mit mir gemeinsam daran,
mein Freund, da mein Geschlecht in meinem Sohne einen wrdigen Vertreter und
unsere Kirche hier zu Lande die Verbreitung finde, welche sie gewinnen mu, um
dem aufrhrerischen Geiste, um dem thrichten Verlangen nach Freiheit zu
begegnen, die jetzt die Zeit beherrschen. Der Einzelne mu dem Leben seinen
Tribut bezahlen, das Blut und der Sinn des wahren Adels erben sich fort! Und
wenn auch ich einst die dunkle Strae gegangen sein werde, auf der wir heute
unsere theure Todte zu geleiten hatten, wird der Name derer von Arten fortleben
von Geschlecht zu Geschlecht.
    Lassen Sie uns darauf hoffen, versetzte der Pfarrer; denn Sie haben Ihr
Andenken mit unserer Kirche, mit der Verbreitung des allein selig machenden
Glaubens in unserer Provinz verbunden, und wie die Zeit auch in ihrem Wechsel
kreist, der Geist unserer Kirche ist unwandelbar und wenigstens ihr Bestehen ist
dauernd!
    Von der Kirche herber ertnte bei der hereinbrechenden Dmmerung der Gru,
welcher, aus der fernen Vorzeit die Geschlechter der Menschen berlebend,
allabendlich durch die katholische Christenheit erklingt. Die Glocken luteten
das Ave Maria.
    Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide. Es war still in dem
Gemache. Die Nacht sank nieder, ohne da sie es gewahrten. Sie hofften in ihrem
Herzen auf ein ewiges Bestehen dessen, was ihnen werth und heilig war, und
vergaen, da es nichts Dauerndes giebt, da Alles sich wandelt und vergeht.


                               Zweite Abtheilung

                               Der Emporkmmling

                                  Erstes Buch

                                 Erstes Capitel

Eine Reihe von Jahren war entschwunden, seit man die Leiche der Baronin von
Arten in dem Erbbegrbnisse der neuen katholischen Kirche in Rothenfeld zur Ruhe
bestattet hatte, und schwere, blutige Zeiten waren seitdem ber die Erde
hingegangen. Aus dem schpferischen Chaos der franzsischen Revolution hatte
sich die finstere, gewaltige Gestalt Napoleon's des Ersten emporgehoben, dessen
unersttlicher Ehrgeiz die Kriegsfackel ber Europa schwang, whrend Zerstrung,
Blut und Thrnen den Weg bezeichneten, den sein Fu von Sieg zu Sieg, von
Eroberung zu Eroberung fortschreitend betrat.
    Vom fernsten Westen Europa's bis hin an Deutschlands und Preuens stliche
Grenzen waren die Wogen des Krieges, das Bestehende umgestaltend oder
verschlingend, ber die Lnder gerollt. Staaten waren untergegangen, Knige und
Frsten entthront, neue Reiche gebildet und neue Herrscher und Knige ernannt
worden. Im Schlosse wie in der Htte hatte man die berall nachzitternde Kraft
der ungeheuren Bewegung empfunden, und wie die Verhltnisse der Lnder und ihrer
Beherrscher sich gendert, so hatten sich mit diesen Wandlungen auch im
Gesammtleben der Menschen wie in den einzelnen Stnden und in ihren Beziehungen
zu einander groe Vernderungen zugetragen.
    Von jener Freiheit, welche die Franzosen zu erringen gewnscht, als sie den
Thron der Bourbonen gestrzt, die Republik erklrt, den Knig und die Knigin
hingerichtet und das Blut derjenigen vergossen hatten, welche sie als Feinde der
Freiheit betrachteten, war ihnen unter der tyrannischen Herrschaft ihres ersten
Kaisers nichts mehr brig geblieben; aber die in der Revolution zur Geltung
gekommene Erkenntni der menschlichen und brgerlichen Gleichheit hatte in den
Geistern eine zu tiefe Wurzel geschlagen, um so schnell wie die politische
Freiheit vernichtet werden zu knnen. Der Zauber, welcher die alten adeligen
Geschlechter umgeben, war in jener Zeit fr das scharfe Auge des Brgerstandes
in Frankreich erloschen, und weder die von Napoleon ernannten Frsten und
Herzoge, noch jener Theil des alten franzsischen Adels, der sich an den Thron
des neuen Kaisers herandrngte, weil er im Dienen, gleichviel, wem er diente,
seinen Vortheil und seine Ehre fand, waren dazu angethan, die frhere Geltung
des Adels wieder zu erzeugen. Von einer abtrennenden Gliederung der
Staatsangehrigen in drei Stnde konnte ebenfalls nicht wohl die Rede sein,
nachdem der sogenannte dritte Stand das Ruder des Staates jahrelang in seinen
Hnden gehabt hatte und seit der Sohn eines corsicanischen Advokaten der Welt
Gesetze vorschrieb. Die Verehrung des angestammten historischen Adels war in
eine Verehrung der Macht bergegangen, und wenn damit der sittliche Gehalt der
Menschen und der Zeit auch nicht eigentlich gehoben wurde, so waren der
Verehrung doch weitere Grenzen gesteckt, seit dem Verehrenden sich die Aussicht
erffnete, auf den mannigfachsten Wegen sich selbst zu einem Machthaber und
damit zu einem Gegenstande der Verehrung zu erheben. Das militrische Genie, der
Gelehrte, der Knstler, der Gewerbtreibende fanden dabei gleichmig ihre
Rechnung, und was fr Napoleon in den Herzen des Volkes, das er unterjochte,
dessen Steuerkrfte er bermig in Anspruch nahm und dessen Shne er
unaufhrlich zur Schlachtbank fhrte, am allermeisten sprach, das war die
Erinnerung, wie er selber aus den Reihen des Brgerstandes hervorgegangen,
Kinder des Volkes zu Knigen und Frsten erhoben hatte, und wie er in seiner
Person die Verkrperung dessen darstellte, was der Ehrgeiz des Genies zu
erreichen wnschen mute und jetzt zu erreichen hoffen konnte.
    Eben so gro als der Wechsel der Zustnde, der sich in Frankreich innerlich
und uerlich ereignet, war die Wandlung gewesen, welche sich in Deutschland
durch die Nachwirkung jener ungeheuren franzsischen Revolution im Bewutsein
und in der Empfindungsweise der Menschen vollzogen hatte. Seit mehr als
anderthalb hundert Jahren blind der Bewunderung des franzsischen Geistes,
knechtisch der Nachahmung franzsischer Sitte und Mode unterthan, war schon vor
dem Beginne der franzsischen Revolution mit dem Auftreten Lessing's, Goethe's
und Schiller's der Mahnruf an die Deutschen ergangen, sich ihrer eigenen Macht
und Bedeutung, sich ihrer eigenen Abstammung und Gre zu erinnern; und was die
Kraft, was die befreiende Erhabenheit dieser Heroen begonnen, das vollendete die
napoleonische Tyrannei, deren eiserne Schwere sich strker und strker auf
Deutschland herabsenkte. In Blut und Thrnen, unter dem Drucke der
Fremdherrschaft, in der willkrlich ber ihm verhngten Zersplitterung, in der
Knechtschaft und in den Banden Napoleon's war Deutschland frei geworden von
jener franzsischen Sclaverei, zu welcher es sich so lange selbst verdammt
hatte. Franzsische Sprache, franzsische Mode und franzsische Sitten waren dem
vor der Revolution flchtig gewordenen Adel entgegen gekommen, wo immer er sich
in Deutschland hingewendet. Eine Begeisterung fr die in Frankreich
durchgesetzte Neugestaltung der Staatsverhltnisse hatte von vielen Seiten die
ersten republikanischen Siege der Neu- diesseit des Rheines begrt; aber auch
diese Zeiten waren vorbergegangen. Der deutsche Geist war zum Selbstgefhl
erwacht; an dem Hasse gegen den Uebermuth der fremden Vergewaltiger hatte sich
die lange niedergehaltene Liebe fr die Muttersprache und fr das gemeinsame
Vaterland entzndet.
    Ueberall, wo deutsche Herzen schlugen, wo deutsche Hnde die Saat auf den
Feldern des Landes ausstreuten und deutscher Flei sich in Gewerb und Handel
bewegte, hatte man das Unheil der franzsischen Herrschaft zu tragen. Die
Kriegszge, welche sich vom fernen Westen und vom Sden Europa's bis an die
stlichsten und nrdlichsten Grenzen Deutschlands ausdehnten, sie hatten berall
Noth und Elend im Gefolge gehabt, aber eben die gemeinsame Noth hatte die
Menschen nher zusammengefhrt. Die Vernichtung, die Entbehrung uerer Gter
hatte erkennen gelehrt, was Jeder in sich selbst besitze und welche Quellen der
Erhebung und des trstenden Genusses dem Menschen aus der Beschftigung mit dem
Gedanken erwachsen knnen; und wie es bei solch vlliger Umgestaltung der
Verhltnisse nicht anders zu erwarten war, hatte eine neue Vertheilung des
allgemeinen Vermgens sich vorbereitet und war theilweise schon ausgefhrt.
    Das Geld war selten geworden und im Werthe gestiegen. Wer Geld besa, konnte
viel damit erwerben, wer Geld bedurfte, mute es unverhltnimig hoch
bezahlen; whrend also das Vermgen des Kaufmannes in den Stdten mitunter in
berraschenden Verhltnissen emporstieg, ward der Wohlstand des Landmannes, des
Gutsbesitzers eben so oft verringert oder gar vernichtet, wo die groen
Heeresmassen des Eroberers sich ber die Lnder wlzten.
    Preuen vor allen anderen Lndern hatte die Gewalt der Ereignisse fhlen
mssen. Erst nach mehrjhrigem Aufenthalte in den fernen Ostsee-Provinzen war
der flchtig gewordene Knig wieder mit seiner Familie in seine Hauptstadt
zurckgekehrt; aber die ganz zerstckelte Monarchie stand nichts desto weniger
thatschlich noch vllig in Napoleon's Gewalt. Die ungeheure Kriegsschuld, die
von Napoleon verhngte Continentalsperre, wie die durch ganz Europa, so weit es
ihm gehorchte, angeordneten groen Rstungen brachten Noth und Drangsale aller
Art hervor, inde sie hinderten die Vlker nicht, zur Selbsterkenntni zu
erwachen. Der Knig wie jener bessere Theil des Adels, der das Unglck der Jahre
achtzehnhundert und sechs und achtzehnhundert und sieben nicht mit herbeigefhrt
und sich fern gehalten hatte von der Erniedrigung vor dem Eroberer, vor Allen
aber der gebildete Brgerstand hatten begreifen gelernt, was Jedem im Einzelnen
fehle, was Allen gemeinsam Noth thue, und die Besten des Landes, Mnner so wie
Frauen, hatten sich vereinigt, um durch Selbsterziehung und Selbsterhebung jene
allgemeine Auferbauung zu beginnen, deren Unerllichkeit Jedweder ahnte oder
empfand.
    Eben in jener Zeit, im Herbste des Jahres achtzehnhundert und elf, saen in
Berlin in dem Gartensaale eines groen Hauses zwei Frauenzimmer bei einander.
Die Thren des Gemaches standen offen, obschon ein groes Feuer in dem Kamine
brannte, dessen Flamme mit ihrem flackernden Scheine bald die chinesischen
Malereien an den noch von der Sonne beschienenen Wnden, bald die wunderlichen,
langgeschwnzten Vogelbilder an der Decke beleuchtete, ber die sich schon der
Schatten des Abends auszubreiten anfing.
    Es muten reiche Leute sein, denen dieses Haus gehrte, denn es standen
lauter silberne Theegerthschaften auf dem Tische, und das Silber war jetzt
schwer besteuert; auch der Thee selbst war durch die Continentalsperre zu einem
sehr kostbaren Luxus-Artikel geworden. Das jngere der beiden Frauenzimmer, ein
eben erst der Kindheit entwachsenes Mdchen, mit dem Zubereiten des Thee's
beschftigt, setzte behutsam einen kleinen Schirm von chinesischem Lack zum
Schutze gegen den Luftzug vor die Flamme, die unter dem Theekessel brannte, als
die Aeltere einen Strau von Herbstblumen, den sie eben gebunden, aus der Hand
legte und sich von ihrem Sitze erhob.
    Komm', mein Kind, sagte sie, wir wollen die Blumen nach dem Denkmal tragen.
    Sie schlug bei den Worten einen der unter dem Directorium in Mode gekommenen
trkischen Shawls um ihre Schultern, reichte dem jungen Mdchen eine Pelerine zu
gleichem Zwecke hin, und whrend dieses sich an den Arm der lteren Freundin
hing, gingen sie ber den Mittelweg des groen Gartens nach einer Gruppe von
Bumen, aus deren Schatten, von ppigem Gebsch umwuchert, eine mig hohe
Sandsteinsule hervorsah. Die Vase, welche sie trug, hatte die Inschrift: Den
Hingegangenen, und so lange die Jahreszeit ihrem Garten Grn und Blumen
verlieh, unterlie es die Besitzerin desselben niemals, das kleine Monument mit
frischem Straue zu schmcken.
    Frulein Esther von Arten, denn es war der Garten des ehemaligen von
Arten'schen Hauses in der Residenz, in welchem die Frauenzimmer sich ergingen,
Frulein Esther hatte das Denkmal einst in dem schnen Sinne einer gefhlvollen
Zeit errichten lassen, um sich alltglich ihrer Todten zu erinnern. Nun war sie
gleichfalls schon lange hingegangen, auch die schne Baronin Angelika von Arten,
welche nach ihr dieses Haus besessen, deckte seit Jahren und Jahren das Grab;
aber ihr Andenken lebte in aller ihrer Anmuth und Gte in dem Herzen ihrer
Freundin Seba fort, und es war dieser eine Genugthuung, die Liebespflicht zu
ben, welche Angelika einst ber sich genommen, nachdem sich ihre Scheu vor dem
Andenken an Frulein Esther in liebende Erinnerung umgewandelt. Hatten doch auch
Seba und ihr Vater den Hingang einer ihnen theuren Person zu beklagen, da durch
eine pltzliche Krankheit ihnen die Mutter bald nach der Uebersiedelung in die
Residenz und in dieses Haus entrissen worden war.
    Allabendlich, wenn die Sonne zu sinken begann, pflegte Seba den frischen
Strau auf das Denkmal zu legen, und ihre junge Gefhrtin lie es sich dann
nicht nehmen, die Blumen des vorigen Tages in den Strom zu werfen, der langsam
an dem unteren Theile des Gartens hinflo und langsam den welken Strau mit sich
davon trug, bis das ihm folgende Auge ihn nicht mehr ersah.
    Auch heute wendeten die Frauen sich wieder dem festen Kieswege zu, der das
Ufer bildete und von dem man ber den Flu hinweg die schnen Bume eines auf
der anderen Seite des Wassers gelegenen Gartens vor sich hatte, die eben jetzt
im Sonnenuntergange erglhten.
    Wenn der Vater nicht bald hinauskommt, wird er es heute nicht sehen, wie die
Bume drben ihr flammendes Lichtbad genieen, sagte Seba. Seit den zwlf
Jahren, die wir hier in diesem Hause leben, bin ich dieses Schauspiels noch
nicht satt geworden, und selbst auf Reisen entbehre ich den Anblick.
    Auf Reisen? wiederholte das junge Mdchen kopfschttelnd; nein, da habe ich
niemals oder doch nur selten hierher gedacht. Da hat man ja Anderes, Neues zu
betrachten.
    Ja, wenn man jung ist, meinte die ltere Freundin, und das Neue uns noch
reizt. Inde, und es mag das vielleicht wie manches Andere in einer gewissen
Abgeschlossenheit und Beschrnkung meines Wesens begrndet sein, fgte sie halb
wie zu sich selber sprechend hinzu, mir offenbaren sich die Schnheiten der
Natur, der Wechsel der Tageszeiten, der Jahreszeiten, des Lichtes und der Luft
am deutlichsten und schnsten gerade an den Gegenstnden, welche meine Neugier
gar nicht reizen, sondern die mir in allen Einzelheiten recht vertraut sind. Ein
Sonnenuntergang am Niagara wrde mich sicherlich weniger erfreuen, als der
Anblick, den ich hier geniee. Das Licht auf eben diesen Bumen, denen ich die
belebende Wrme gnne und wnsche, weil ich sehe, wie sie sich mit jedem Jahre
neu belauben, wie sie wachsend immer mchtiger werden, entzckt mich wie das
freudige Lcheln auf einem bekannten und geliebten Antlitze. Was knnte mir auch
die strahlendste Freude einer fremden Schnheit gelten gegen die Zufriedenheit
in Deinen guten Augen?
    Und doch mchte ich schn sein! rief das junge Mdchen lebhaft aus.
    Seine Gefhrtin blickte es freundlich an. Kennst Du nicht die Worte, Davide,
die wir neulich in dem Landprediger von Wakefield gemeinsam lasen: Schn ist,
wer schn handelt?
    Da mut Du also sehr schn gehandelt haben! entgegnete das junge Mdchen,
ganz vergngt ber die Logik, welche sein liebevolles Herz ihm pltzlich eingab.
    Thrichtes Kind! entgegnete Seba, dem Schmeichelworte des Mdchens wehrend,
das Seba's Hand an seine Lippen drckte und von ihr mit einer Umarmung belohnt
ward, ehe sie ihm den Auftrag gab, nach dem Hause zu gehen, um nachzuhren, wo
der Vater gar so lange weile.
    Als Davide sich entfernte, blickte Seba ihr mit lchelndem Behagen nach,
denn Davide war ihre Cousine und ihr Pflegekind, und es war eine Lust, diese
junge, schlanke Gestalt zu betrachten, wie sie sich mit unbewuter Anmuth so
leicht und schnell bewegte.
    Eben an jenem verhngnivollen Tage, an welchem Seba einst im Beisein der
alten Grfin Berka und Angelika's mit dem Grafen Eberhard zusammengetroffen und
in der furchtbarsten Aufregung in ihr Vaterhaus zurckgekehrt war, hatte ein
Brief ihren Eltern die Kunde gebracht, da eine verwittwete Schwester ihrer
Mutter auf den Tod liege und nach derselben verlange, um dieser ihr einziges
Kind zu bergeben. Noch an demselben Abende war Madame Flies in Seba's
Begleitung aufgebrochen, und vierundzwanzig Stunden spter hatten sie an dem
Bette der Sterbenden gestanden.
    Nimm mich! hatte die kleine, kaum dreijhrige Davide, wie alle Kinder, von
der Schnheit angezogen, ausgerufen, als Seba an das Krankenlager herangetreten
war; und wie einst Paul sie in der Stunde schwerer Seelenpein dem Leben und der
Hoffnung durch seinen liebevoll besorgten Zuruf wiedergewonnen, so hatte das
Zutrauen eines Kindes sie zum zweiten Male aus der Dumpfheit des Schmerzes
wachgerufen, in welche die bittere Erfahrung sie versenkt hatte, da es
Selbstbefriedigungen und Siege giebt, an denen man zu Grunde gehen kann.
    La mir das Kind! hatte Seba gebeten, als die Sterbende es der Schwester
bergeben wollte. La es mein Kind sein, Tante - es soll gut, es soll besser und
glcklicher werden, als ich! hatte sie leise hinzugefgt, und von dem Herzen der
sterbenden Mutter hatte sie Davide an ihr Herz genommen.
    Von dem Tage ab hatte Seba's Leben einen Halt gewonnen. Sie hatte sich, seit
Paul verschwunden und trotz aller Nachforschungen nicht zu finden gewesen war,
wenn ihre Thtigkeit nicht, wie in der Krankheit der Baronin, durch einen
augenblicklichen Liebesdienst in Anspruch genommen ward, sehr berflssig in der
Welt gefhlt, und in der Entmuthigung eines verletzten und hoffnungslosen
Herzens auch nicht daran gedacht, einst in ihrer eigenen Entwicklung und
Selbstvollendung Trost zu suchen; denn liebevolle Seelen leisten ihr Hchstes
nur im Hinblicke auf die Gegenstnde ihrer Liebe. Nun war das pltzlich anders
geworden. Sie hatte jetzt ein festes Ziel gehabt, sie hatte sich, da der Mensch,
je hlfsbedrftiger und rathloser er sich fhlt, um so lieber an eine hhere
Hlfe oder an geheimnivolle Zeichen glaubt, die Vorstellung gebildet, da das
Schicksal sie ausersehen habe, die Mutter der Verwaisten zu sein, da es ihr,
wie einst Paul, so jetzt Davide zugewiesen habe, und mit dem Augenblicke, in
welchem sie die Sorge fr dieses Kind ber sich genommen, war auch die Hoffnung,
da der ihr so theure Knabe, wie Angelika es prophezeit, noch wiederkehren
knne, wiederkehren werde, obschon alle Spur von ihm verloren blieb, auf's Neue
in ihr rege geworden.
    Die Uebersiedlung in die Residenz war dem Lebensplane zu Hlfe gekommen, den
Seba sich vorgezeichnet hatte. Auf alle die Vorrechte und Ansprche verzichtend,
welche ihre noch immer jugendliche Schnheit der Fnfundzwanzigjhrigen gaben,
hatte sie angefangen, ihre Kenntnisse zu prfen, und sie oberflchlich gefunden.
Alles, was sie gelernt, war ihr ungrndlich, ihr ganzes Denken und Thun
unzusammenhngend erschienen. Sie hatte also von Grund auf neu zu lernen, sie
hatte in ernsterer Weise zu denken begonnen, weil sie in sich das geistige
Capital erwerben und ansammeln wollte, von dessen Zinsen ihr Pflegekind sein
tgliches Leben haben sollte; und da sich demjenigen, der genau wei, was er
will, und sich dabei in seinem Wollen zu beschrnken wei, das ihm Nthige fast
wie von selber bietet, so hatte das ernste Bemhen des schnen, geistbegabten
Mdchens ihm die Theilnahme bedeutender Mnner und Frauen zugewandt, und bei dem
Reichthume und der Gastfreiheit ihrer Eltern hatte Seba sich in der Lage
befunden, diesen ihr werthen Bekannten an jedem Tage in ihrem Vaterhause einen
Versammlungspunkt und einen herzlichen Empfang bereiten zu knnen.
    Das war zu jener Zeit, in welcher der Krieg und die Fremdherrschaft die
meisten Familien zu groen Einschrnkungen und Entbehrungen nthigten, nichts
Gewhnliches gewesen. Man hatte das sich Darbietende gern benutzt, und seit im
Beginne des Jahrhunderts Madame Flies gestorben war, hatte Seba als Hausfrau in
dem alten von Arten'schen Hause geschaltet, bis sie allmhlich zu dem geistigen
Mittelpunkte eines Kreises geworden war, der, wie es zu jener Zeit, in welcher
die gemeinsame Noth und gemeinsames Hoffen und Streben die Herzen und die
Geister ber die trennende Kluft der Standesunterschiede forttrug, gar oft
geschah, die verschiedensten geselligen Elemente schn und frderlich in sich
vereinigte.
    Die Rckkehr Daviden's erwartend, ging Seba im Genusse des hellen Abends
langsam am Wasser auf und nieder. Bald blickte sie nach dem Parke hinber, als
wolle sie das Abendroth nicht scheiden lassen, ehe der Vater sich nicht auch
daran gefreut, bald sah sie nach dem Hause hin, und fast gedankenlos blieb ihr
Auge an der Stelle haften, an welcher einst ber der groen Thre des
Gartensaales wie ber dem Portale des Hauses das von Arten'sche Wappen geprangt
hatte. Die Steinschilde waren auf den Wunsch des Freiherrn abgenommen worden,
als er das Haus verkaufte. Sie schmckten nun die Gruft der Rothenfelder Kirche,
und nichts, als einige Stcke Mbel erinnerten jetzt in dem Flies'schen Hause an
seine frheren Eigenthmer, denn der Freiherr hatte es seiner Zeit verweigert,
das ganze Mobiliar des Hauses gleichfalls in den Besitz des Kufers bergehen zu
lassen, und es vorgezogen, es in Versteigerungen weit unter seinem Werthe
fortzugeben.
    Er hatte auch, obschon er in der Residenz gewesen war, das verkaufte Haus
nicht wieder betreten, aber seinen Sohn, der seit einigen Monaten von dem
Regimente, bei welchem er bis dahin in der Provinz gestanden, nach der
Hauptstadt versetzt war, hatte er an Herrn Flies gewiesen, mit dem er noch immer
in Geschftsverbindung war, und die freundliche Erinnerung, welche Renatus aus
seiner Kindheit an das Flies'sche Haus bewahrte, wie der antheilvolle Empfang,
den Seba ihm um seiner Mutter willen bereitete, hatten den jungen Edelmann bald
zu einem der oft wiederkehrenden Gste desselben gemacht, seit die Flies'sche
Familie von der Reise heimgekehrt war, die sie sich in keinem Jahre zu versagen
pflegte.
    Es war also kein ungewhnliches Ereigni, als Davide in des jungen Herrn von
Arten Begleitung aus dem Hause wiederkehrte.
    Der Onkel kann nicht kommen, sagte sie; er hat Geschfte, er mu fortgehen!
Wir sollen ihn nicht erwarten, sondern den Thee mit Herrn von Arten trinken,
aber ....
    Aber? wiederholte Seba, als Davide zgernd inne hielt.
    Ich mchte auch gern fortgehen! sagte das junge Mdchen bittend.
    Das ist nicht schmeichelhaft fr mich, meinte Renatus.
    Ich dachte nicht an Sie, und Sie sind ja auch nicht mein Gast! erwiederte
sie, indem sie ihn mit ihren groen, braunen Augen ehrlich ansah.
    Er wollte ihr offenbar eine verbindliche Entgegnung machen, aber Seba lie
es nicht dazu kommen. Sie ertheilte Daviden, als sie erfahren, da es sich um
eine eben erhaltene Aufforderung handle, die Erlaubni, ihre Freundin zu
besuchen, und nachdem das junge Mdchen die beiden Andern verlassen hatte,
folgte Renatus seiner Wirthin in den Gartensaal, in welchem der Imbi ihrer
wartete.

                                Zweites Capitel


Whrend Seba ihrem jungen Gaste den Thee hinreichte und sich selber bediente,
fragte sie ihn, ob er Nachrichten von Hause erhalten habe und wie es den
Seinigen ergehe.
    Ich habe mit der letzten Post einen Brief von Vittoria empfangen, entgegnete
er. Sie ist wohl, und auch meinem kleinen Bruder geht es gut; inde wenn
Vittoria so lange Briefe schreibt, ist es immer kein gnstiges Zeichen. Wenn sie
recht heiter und zufrieden ist, so schreibt sie nicht.
    Da Sie gern Nachricht von Ihrer Stiefmutter erhalten, meinte Seba, mssen
Sie auf diese Weise in einen bestndigen Zwiespalt gerathen. Sie sehnen Sich
nach den Briefen Ihrer Stiefmutter, weil Sie sie lieben, und drfen Sich der
Ankunft dieser Briefe, eben weil Sie sie lieben, doch nicht freuen.
    Gewi, so ist es auch, versetzte Renatus; aber es ist das nicht der einzige
Zwiespalt, in dem ich lebe. Sie wissen es, ich hange an Vittoria sehr; nicht wie
an einer Mutter, denn dazu ist sie viel zu jung, aber auch nicht wie an einer
Schwester, oder gar wie an einem Freunde. Ich liebe sie eigentlich am meisten
von allen Menschen, die ich kenne, und ich wei Niemanden, den ich so gern
glcklich she, als sie, oder in dessen Nhe ich mich so vllig zufrieden fhle,
als in der ihrigen. Alles an ihr ist Schnheit, Heiterkeit und Frohsinn, und
mein kleiner Bruder ist ganz und gar ihr Ebenbild.
    Und doch sprachen Sie eben jetzt und auch sonst schon fter von den
wechselnden Stimmungen Ihrer Stiefmutter, nahm Seba nach einigem Bedenken das
Wort; Sie werden es also natrlich finden, wenn ich die Frage an Sie richte,
worin dieselben ihre Ursache haben.
    Renatus sah ernsthaft vor sich nieder. Wenn Sie Vittoria meine Stiefmutter
oder gar die Baronin nennen, begann er nach einer kleinen Pause, so ist damit
eigentlich Alles gesagt; denn Vittoria gehrte nicht in unseren Norden. Sie
leidet von demselben, der Winter macht sie unglcklich. Sie ist so fremd bei uns
- so fremd, wiederholte er schmerzlich, wie die Granatblthen in unseren
Treibhusern, die mich nie recht freuen, weil ich ihnen anzusehen meine, wie
viel schner sie in ihrem Vaterlande sein mssen! Und doch klagt Vittoria
niemals, doch hat auer mir und ihrer Dienerin wohl Niemand eine Ahnung davon,
da sie nicht immer heiter ist, da sie auch traurig sein kann!
    Niemand? wiederholte Seba. Sollte der Freiherr sich ber die
Gemthsverfassung seiner Gattin, der er an Jahren und an Erfahrungen so
berlegen ist, wohl tuschen knnen?
    Es entstand eine Pause. Der junge Mann schien sich nur mit Mhe von einer
Antwort, von weiteren Mittheilungen zurckzuhalten, und Seba, die schon fter
bemerkt hatte, wie sehr er Neigung fhlte, ihr sein Herz zu erschlieen, trug
doch Bedenken, ihn dazu zu ermuntern, weil sie es nur allzu wohl wute, da man
im Leben nichts hufiger bereut, als unnthig bewiesenes Vertrauen, auch wenn
man es wrdigen Personen gewhrt hat, bei denen es wohl aufgehoben scheinen
durfte; denn man giebt mit seinem Vertrauen immer einen Theil seiner knftigen
freien Entschlieungen hinweg. Andererseits wute sie aber genugsam, welch ein
Genu und welche Erleichterung es zu Zeiten fr den Menschen sein kann, von sich
und von denjenigen Personen sprechen zu drfen, mit denen er sich verbunden
fhlt, und Renatus es vllig berlassend, was er thun wolle, bemerkte sie also
nur, da sie Vittoria nicht gesehen habe, als der Freiherr mit ihr aus Italien
heimgekehrt sei, da Herr Flies sich damals aber sehr gewundert habe, sie so
beraus jung und der verstorbenen Baronin Angelika so vllig ungleich zu finden.
    Es ist mir gerade so gegangen, sagte Renatus, inde meine Ueberraschung war
eine sehr angenehme; denn Sie knnen sich gar nicht vorstellen, wie traurig
meine Kindheit und meine Jugend gewesen sind, ehe Vittoria nach Richten kam, und
wie bange man mich vor ihrer Ankunft gemacht hatte.
    Er hielt abermals inne und hob dann, als sei er mit sich zu Rathe gegangen,
ob er schweigen oder reden solle, und habe sich nun zu dem Letzteren
entschlossen, in jenem ruhig ausholenden Tone zu sprechen an, mit welchem man
sich zu einer lngeren Erzhlung anschickt.
    Wie Sie wissen, war ich erst acht Jahre alt, als meine arme Mutter starb,
aber ich hatte doch bereits Verstand genug, die Gre eines solchen Verlustes zu
begreifen und zu empfinden, und auch von ihrem traurigen Loose, von der
unglcklichen Ehe meiner Eltern, von dem beln Einflusse, den die Herzogin von
Duras in unserem Hause ausgebt, hatte ich sehr frh eine Ahnung gehabt. Meine
Mutter jemals recht heiter, meinen Vater herzlich mit ihr oder frhlich mit mir
gesehen zu haben, kann ich mich kaum erinnern. Die Schwermuth meiner Mutter warf
ihren Schatten denn auch bald auf mich; ich war nicht gern bei ihr, nicht gern
bei meinem Vater, und noch weniger mochte ich in der Nhe der Herzogin sein. Ich
frchtete mich vor jedem von diesen Dreien auf eine besondere Weise, und als
dann meine Mutter starb, sehnte ich mich - da ich es Ihnen ehrlich gestehe -
recht nach Ihnen.
    Nach mir? fragte Seba mit der Theilnahme, die sich in guten Herzen
augenblicklich fr denjenigen erzeugt, dem sie etwas leisten zu knnen glauben.
    Ja, nach Ihnen! wiederholte Renatus. Sie hatten meine Mutter sehr geliebt,
waren immer freundlich mit mir, ich war in Ihrem Hause immer frhlich gewesen,
und bei uns in Richten war es in dem Herbste uerst traurig. Mein Vater hielt
es dort auch nicht lange aus. Er vermite die Herzogin meine Mutter fehlte ihm
wohl auch, der kurze Beileidsbesuch, den mein Grovater, der Graf Berka, ihm
machte, entfernte die beiden Mnner nur noch weiter von einander, und die
Streitigkeiten, in die mein Vater sich durch unsern alten Neudorfer Pastor mit
dem protestantischen Consistorium und mit der Regierung verwickelt fand,
verleideten ihm das Leben auf unseren Gtern vollends. Dazu schrieb die Herzogin
bestndig, wie glcklich sie sich am sardinischen Hofe fhle, und da mein Vater
der Ansicht war, da er eine zweckmige konomische Maregel treffe, wenn er,
wie er sich ausdrckte, als schlichter Privatmann, nur von seinem Kammerdiener
begleitet, fr einige Zeit ins Ausland gehe, so rieth der Pfarrer - Sie wissen,
ich meine damit unseren guten, trefflichen Caplan, der Pfarrer geworden war, sei
er unsere Kirche in Rothenfeld verwaltete - meinem Vater selbst dazu, seiner neu
erwachten Reiselust zu folgen. Man dachte dabei, so viel ich mich erinnere, von
beiden Seiten nur an einen Winteraufenthalt im Sden, und an die Rckkunft, wein
das Frhjahr der nordischen Gegend wieder seinen Schmuck verliehen haben wrde;
aber das ganze Trauerjahr und das ihm folgende gingen zu Ende, ohne da auch nur
von der Heimkelr meines Vaters die Rede gewesen wre.
    Und hielt Ihr Herr Vater sich whrend desser bestndig am sardinischen Hofe
auf? fragte Seba.
    Nein, entgegnete Renatus; er blieb allerdings den ganzen ersten Winter dort,
kehrte auch immer wieder an derselben zurck, inde seine Beziehungen zu der
Herzogin waren doch nicht mehr die alten. - Der junge Mann unterbrach sich
selber, sah, wie in eigenem Rckerinnern, vor sich nieder und meinte dann: Sie
haben ja die Herzogin gekannt und seiner Zeit auch meinen Vater kennen lernen,
als wir alle eigentlich in Ihres Vaters Hause lebten. Mein Vater hatte Freude an
der Gesellschaft der Herzogin, aber ich glaube, noch mehr Freude an der
ausschlielichen Achtsamkeit, welche die Herzogin ihm zu gewhren damals fr gut
befand, denn ihr war es, wie ich mir ihr Bild aus der Erinnerung ausgestaltet
habe, nur um Herrschaft und Erreichung ihrer Absichten zu thun. In Italien hielt
ihr Hofamt sie beschftigt; sie hatte neue Plane fr sich und fr ihren Bruder,
der ihr nach dem Sden gefolgt war, und wenn sie auch klug und tactvoll genug
war, meinem Vater immer die gebhrende Rcksicht zu beweisen, so sah sie es
gewi nicht ungern, als er, empfindlich darber, nicht mehr der alleinige
Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit zu sein, gegen das erste Frhjahr hin den
sardinischen Hof verlie, um sich nach Florenz zu begeben.
    Und in Florenz also hat Ihr Vater sich so lange aufgehalten? erkundigte sich
Seba, die eben mit diesen kleinen Unterbrechungen dem jungen Manne ein Zeichen
ihrer Theilnahme und eine Ermunterung gewhren wollte, in seinen Mittheilungen
nach seines Herzens Bedrfen fortzufahren.
    Er lie sich wenigstens am toskanischen Hofe fr einige Jahre nieder,
antwortete Renatus. Schon sein Aufenthalt am sardinischen Hofe hatte ihn von dem
Vorhaben abgebracht, mit dem er Richten verlassen. Es war auch fr einen Mann
unseres Standes und von seiner persnlichen Bedeutung nicht wohl mglich, als
Privatmann aufzutreten. Er miethete also in Florenz ein Haus, mblirte es, legte
sich Dienerschaft zu ....
    Aber welche Ausgaben mute ihm das verursachen! rief Seba - und Sie haben
mir gesagt, da der Freiherr auf und mit dieser Reise Ersparnisse zu machen
wnschte!
    Renatus zuckte die Schultern und sagte mit einem Ernste und mit einer
Gewichtigkeit, die ihn bei seiner Jugend fast komisch erscheinen lieen:
Ersparnisse zu machen ist eben nicht in allen Lebenslagen mglich, liebste
Flies! Unser Rang legt uns Pflichten gegen uns selbst und gegen die Gesellschaft
auf, deren wir uns nicht entschlagen knnen! Allerdings hrte ich es meinen
Erzieher und den neuen Amtmann, welcher Adam Steinert bei uns ersetzt hatte,
beklagen, da meines Vaters Aufenthalt in der Fremde so kostbar sei, aber das
Reiseleben mu doch wohl etwas sehr Bestrickendes haben!
    Gewi, versetzte Seba, denn es tuscht uns mit dem Wechsel unserer Umgebung
ber jenen andern Wechsel, der sich an und in uns selber vollzieht. Wer immer an
demselben Orte, immer in demselben Menschenkreise lebt, wird diesem zur
Gewohnheit, und wie man diese Gewohnheit des Beisammenseins auch lieben und
hochhalten mag, entzieht sie uns doch den Reiz, den das Fremde immer fr die
Menschen hat und den man als ein Fremder auf Fremde, als ein Kommender und
Gehender auf diejenigen ausbt, denen wir werth sind und denen unsere
Anwesenheit erfreulich ist. Wo wir erscheinen, werden wir als etwas Neues
begrt; kein Altersgenosse, kein Jugendfreund erinnert uns in der Fremde durch
sein Altern, durch seine wankenden Krfte daran, da auch an uns die Jahre nicht
spurlos vorbergehen, und ich glaube, da man in solchem Wanderleben seinen
Lebensabend erreichen kann, ohne es, wenn man sonst leidlich bei Krften ist,
gewahr zu werden, da man sich dem Niedergange nhert.
    Ach, rief Renatus, wenn Sie meinen Vater heute sehen wrden, so wrden Sie
ihn doch gealtert finden! Freilich hat er noch immer seine gebietende Gestalt,
sein Auge hat auch noch immer etwas Mchtiges, seine krftige Farbe bildet sogar
einen anziehenden Gegensatz zu seinem grauen Haare, aber als er damals aus
Italien wiederkehrte, war er doch noch ein Anderer! Er schien mir vllig wie
verjngt. Die lstigen Geschfte hatten ihn dort nicht gedrckt, die leichtere,
freiere Lebensweise der Sdlnder, die man ja von allen Seiten rhmt, hatte ihm
immer eben so sehr zugesagt, als das Licht und die Luft Italiens, und wenn mein
Vater whrend seiner langen Abwesenheit auch, so oft der Frhling kam oder wenn
der Herbst sich nahte, von seiner Heimkehr gesprochen hatte, so hatte die Scheu
vor unserem rauhen Klima und vor unserem einsamen Schlosse ihn doch immer wieder
in Italien festgehalten.
    Aber hat er sich denn nicht nach Ihnen, nach seinem Sohne gesehnt?
erkundigte sich Seba.
    Renatus gab ihr keine Antwort. Inde sie bemerkte, da seine Stirn sich
verdsterte und da sein Auge den schwermthigen Ausdruck annahm, der, so lange
sie seine Mutter gekannt, das Antlitz derselben fast niemals verlassen hatte. Er
glich berhaupt vollstndig der verstorbenen Baronin, und gerade das gewann ihm
Seba's Gunst. Nichts in des jungen Mannes Gestalt und Wesen erinnerte an seinen
Vater, und es rhrte Seba, als er mit seinem melancholischen Blicke die
Bemerkung hinwarf: der Freiherr sei wohl nicht im Stande, sein Herz an Kinder zu
hngen, wie manche andere Mnner es bisweilen thten, und obendrein sei er
leider seinem Vater nicht nach dessen Sinne.
    Noch als meine Mutter lebte, uerte mein Vater oftmals, ich sei nicht
frhlich genug, ich sei zu ernsthaft. Htte mein Vater mehrere Shne gehabt, ich
glaube, er wrde mich dem Dienste der Kirche gewidmet haben, sagte der junge
Mann. Und es ist traurig, zu sagen, mein kleiner Bruder, der voller Leben und
Schalkheit ist, trgt Scheu vor unserem Vater, so da dieser ihn deshalb nicht
gern um sich leidet und mir Valerio's Zrtlichkeit mignnt.
    Renatus hielt abermals inne. Er kmpfte offenbar eine peinliche Empfindung
in sich nieder, und Seba bedauerte es, da der Tod seiner Mutter ihn frhzeitig
so ernst gemacht habe.
    Daran trgt, wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, wohl vor Allem die
Abgeschiedenheit Schuld, in der ich von meinem achten Jahre bis zur
Wiederverheirathung meines Vaters erzogen worden bin. Denken Sie nur, da der
Caplan meine einzige Gesellschaft und - Renatus lchelte, was ihn sehr hbsch
erscheinen lie - und Mamsell Marianne mit ihren feierlichen Mienen und
altvterischen Knixen das einzige weibliche Geschpf gewesen ist, mit dem ich
Jahr aus Jahr ein zu verkehren hatte. Weil mein Vater so lange in Italien blieb,
entlie mein Erzieher, der zugleich sein Bevollmchtigter war, die ganze
franzsische Dienerschaft und berhaupt alle entbehrlichen Leute, und da ich
schwchlich war und der Arzt fr mich ein einfaches und regelmiges Leben
verordnet hatte, ging es bei uns wie in einem Kloster zu. Ich hatte viel
Unterricht, war nie eine Stunde ohne Aufsicht, geno, weil mir jede Gelegenheit,
einen Fehler zu begehen oder ein Unrecht zu thun, entzogen war, die volle
Zufriedenheit der beiden trefflichen alten Leute und kannte nur zwei Arten von
Belohnungen, die darin bestanden, da ich mit dem Jger reiten oder schieen
durfte und da Mamsell Marianne mich in unserem Ahnensaale von den Thaten, den
Eigenschaften und den Familien-Verbindungen meiner Ahnherren und Ahnfrauen
unterhielt, da sie sich im Dienste meiner Grotante Esther zu einer wahren
Familien-Chronik ausgebildet hatte.
    Besuchten Sie denn Ihre mtterlichen Groeltern in der Abwesenheit Ihres
Vaters nicht?
    Nein, sie kamen nie nach Richten; ich wurde jedoch in jedem Jahre einmal auf
wenige Tage in ihr Haus gefhrt. Inde ich war so schchtern, da ich mich nicht
wohl in der Gesellschaft meiner jungen Vettern fhlte. Dazu scheute ich mich
auch vor all den Fragen, die man ber meinen Glauben - Sie wissen, meine
Groeltern gehren nicht zu unserer Kirche - stets an mich zu richten pflegte,
und heitere Tage habe ich in meiner Kindheit nur im Hause der guten Grfin
Rhoden und in der Gesellschaft ihrer beiden Tchter genossen und erlebt.

                                Drittes Capitel


Die Dazwischenkunft eines eintretenden Besuches unterbrach den jungen Mann in
den Mittheilungen aus seiner Kindheit.
    Es war ein Maler, welcher von seiner Studienreise wiederkehrte. Er brachte
der Freundin seine Mappen mit, damit sie sich mit ihm an der reichlichen
Ausbeute seiner Arbeit erfreue, und Renatus zeigte den lebhaftesten Antheil
daran, da er selber eine recht hbsche Anlage fr das Zeichnen hatte und, ohne
besonderen Unterricht erhalten zu haben, im Treffen der Aehnlichkeit wie in dem
Wiedergeben landschaftlicher Natur recht glcklich war.
    Man blieb eine geraume Zeit mit dem Betrachten der Skizzen und Studien
beschftigt, und als der Maler sich dann entfernte, meinte Renatus, da er sich
kaum ein schneres Loos, als das des Knstlers, zu denken vermge, ja, wie er,
da ihm auch fr Musik die Begabung nicht versagt sei, sich oftmals auf dem
Gedanken ertappt habe, da er als ausbender Knstler seine hchste Befriedigung
gefunden haben wrde.
    So htten Sie Knstler werden sollen! bedeutete ihn Seba.
    Ich? fragte Renatus mit einem Tone, als werde ihm etwas ganz Unmgliches
angemuthet. Wie htte ich das anfangen sollen?
    Wie jeder Andere, dem es darum Ernst ist! entgegnete ihm Seba.
    Aber der Jngling war von dieser Antwort nicht befriedigt; sie schien ihn
sogar zu krnken, denn leicht errthend versetzte er: Sie vergessen, liebe Seba,
da ich ein Edelmann bin!
    Seba lchelte. Soll das heien, sagte sie mit leichtem Spotte, da es unter
Ihrer Wrde ist, Sich mit dem Schnen zu beschftigen?
    Nein, es ist nicht unter unserer Wrde, uns mit dem Schnen zu beschftigen,
entgegnete sehr ernsthaft der junge Edelmann, der sich sofort als ein Glied der
groen Krperschaft empfand, der er angehrte; es ist nicht unter unserer Wrde,
uns mit dem Schnen als Genieende zu beschftigen, nur Vortheil knnen wir aus
unserer Beschftigung mit demselben nicht wohl ziehen. Wre ich in brgerlichem
Stande geboren, so wre ich sicherlich ein Knstler geworden; jetzt wrde mir
das bel anstehen. Denken Sie doch, Beste, wenn ein Freiherr von Arten Bilder
verkaufen oder fr Geld Musik machen wollte! O, unmglich, ganz unmglich!
    Er lachte bei der bloen Vorstellung, und es half nicht, da Seba ihn daran
erinnerte, wie viele der franzsischen Flchtlinge ihr Brod durch Uebung weit
geringerer Fertigkeiten zu gewinnen genthigt worden wren. Er erblickte darin
eben nur die Besttigung, da allein die Noth den Edelmann bewegen drfe, sich
einem Gelderwerb durch Handel oder Industrie und Kunst zu berlassen, und seine
Wirthin fand ihn, wie schon bei frheren hnlichen Gelegenheiten, jeder
vernnftigen Ueberzeugung unzugnglich, wo diese sich gegen eines der
Vorurtheile richtete, deren er weit mehr als sein Vater, als der Freiherr hegte.
    Inde es lag darin nichts, was Seba, nach ihrer Kenntni der Verhltnisse,
berraschen konnte, und sie war einsichtsvoll genug, es sich zu deuten, wie der
Caplan einen so verschiedenen Einflu auf den Vater und auf den Sohn zu ben
vermocht habe.
    Als Erzieher und Reisebegleiter des Freiherrn Franz hatte der Caplan sich es
einst angelegen sein lassen, diesen fr das Studium der schnen Wissenschaften
zu gewinnen und ihm jene humanistische Bildung anzueignen, welche den Freiherrn
seiner Zeit so liebenswrdig und so duldsam gemacht hatte. Aber die Folge mochte
dem Caplan nach seiner Ansicht den Beweis geliefert haben, da die Duldsamkeit
gegen Andere auch sehr duldsam gegen die eigene Schwche und Willkr werden
lasse, und wie die Aufklrung, welche den Menschen auf sich selbst verweise, die
Gefahr in sich schliee, da er sich von der Zucht der Kirche frei, weder durch
ihre Gebote noch durch ihre Strafen gebunden glaube. Mit bewuter Absicht hatte
der Caplan also bei der Erziehung von Renatus den Weg verlassen, auf welchen er
den Vater desselben einst gefhrt. Er hatte fr ihn das unabweisliche Gesetz der
Religion an die Stelle des eigenen Erwgens aufgestellt, der Freiheit seines
grbelnden Verstandes Grenzen gezogen, seiner nach Schnheit suchenden Phantasie
nur mig, ja, drftig Nahrung geboten, und es war ihm auf diese Weise auch
gelungen, den von Natur fgsamen Knaben zu einem unbedingten Gehorsam gegen
seinen Erzieher und zu einem eben so unbedingten Glauben an die von ihm
aufgestellten Lehren und Grundstze zu gewhnen. Wer aber in geistiger
Gefangenschaft erwchst, in wem der Trieb nach freier, prfender Forschung nicht
lebendig ist, dem werden seine Vorurtheile gar bald eben so zu einer Schranke
seines Denkens, wie zu einer Sttze fr seine Unselbstndigkeit, und die
Zuversicht, der Eigensinn, die Heftigkeit, mit welcher der Befangene sich in der
Regel an sie klammert oder sie aufrecht erhlt, sind nur ein Zeichen seiner
Haltlosigkeit und seiner inneren Schwche.
    Es war Renatus offenbar nicht angenehm gewesen, durch den Maler in seinem
Zwiegesprche mit der Freundin seiner Mutter unterbrochen worden zu sein, und da
er, durch zu ausschlieliche Beachtung in seiner Kindheit verwhnt, sich trotz
seiner Bescheidenheit eine groe Bedeutung beilegte, hatte sich bei des Malers
Ankunft eine bellaunige Verstimmung seiner bemeistert, die erst in dem Verkehr
mit demselben und in der Kunstbetrachtung wieder allmhlich gewichen war. Nach
Seba's spottender Bemerkung schien diese Gereiztheit sich abermals kundgeben zu
wollen, und Seba fhlte Lust, ihn um dieser Unart willen zur Rede zu stellen;
aber der Jngling stand ihr dazu noch zu fern, und halb aus Neugier, halb aus
nachgiebiger Gte gegen den Sohn ihrer Angelika fragte sie, um ihm die
Mglichkeit weiteren Vertrauens zu erffnen, an ihre frhere Unterhaltung
anknpfend, welchen Eindruck denn auf ihn in seiner Kindheit die Kunde von der
neuen Verheirathung seines Vaters hervorgebracht habe.
    Einen weit geringeren und sicherlich einen anderen, als Sie erwarten mgen,
entgegnete der Jngling. Ich hatte durchaus keinen Kummer darber und dachte
nicht im entferntesten daran, da und in welcher Weise meine Zukunft dadurch
benachtheiligt werden knne. Auch erfuhren wir die Heirath meines Vaters erst,
als sie schon vollzogen war. Und als falle ihm pltzlich etwas ein, zog Renatus
seine Brieftasche aus der Uniform hervor, ffnete sie, suchte unter den
verschiedenen Papieren, die sie enthielt, und sagte dann, seiner Zuhrerin ein
zusammengefaltetes Schreiben vorhaltend: Sehen Sie, das ist der Brief, in
welchem mein Vater dem Caplan von seinem Entschlusse Kenntni gab. Ich habe ihn,
als ich ihn vor ein paar Jahren nach vielem Bitten von dem Caplan erlangte,
immer als eine Art von Andenken und als eine Erinnerung bei mir getragen, weil
mit diesem Briefe in gar vieler Rcksicht ein neues Dasein fr mich begonnen
hat. - Er reichte Seba den Brief, der aus Venedig datirt war.
    Da Sie mich kennen, mein alter Freund, hatte der Freiherr an den Caplan
geschrieben, so werden Sie es natrlich finden, da ich Sie erst, nachdem ich
mit mir selbst vllig einig bin, von einem Schritte in Kenntni setze, den ich
bereits gethan haben werde, wenn Sie diesen Brief empfangen.
    Der Himmel, der meinem Leben von Jugend auf seine besonderen Wege und seine
eigenthmlichen Schicksale vorgezeichnet, hat mir ein groes Glck, eine
wundersame Verjngung an jener letzten Grenze des reifen Mannesalters
vorbehalten, in welchem weniger bevorzugte Naturen fr die hchsten Empfindungen
und Freuden des Daseins oft nicht mehr empfnglich sind.
    Was ich in frhen Jahren besessen, die volle, ganze, rckhaltlose Liebe
eines jungen Herzens, das ist mir abermals zu Theil geworden, und wenn damals
trennende Lebensverhltnisse mich verhinderten, meines Glckes mich offen zu
erfreuen, so ist es mir jetzt eine Genugthuung und eine Ehrensache, meiner
knftigen Gattin eine ihrer Geburt und ihren Vorzgen angemessene Stellung zu
bereiten.
    In wenig Tagen wird hier in Venedig meine Trauung mit Vittoria Giustiniani
vollzogen werden, in wenig Wochen denke ich sie in ihre neue Heimath und in mein
Haus zu fhren. Ich wnsche die schne Jahreszeit zu benutzen, damit die Theure
unsere Gegend im besten Lichte und in ihrem schnsten Schmucke sehe. Ich bitte
Sie also, mein Freund, Alles fr meine Wiederkehr anordnen zu lassen, und ich
rechne dabei, wie immer, auf Ihre Freundschaft fr mich, die darauf bedacht sein
wird, meiner theuren Vittoria einen wohlthuenden Eindruck vorzubereiten.
    Sie werden in ihr eine ganz ursprngliche Natur und eine vollendete
Knstlerin finden, und da ich selbst mich jung fhle in der Liebe dieses
holdseligen Wesens, so freut es mich auch, da fortan in meinem Hause eine junge
Frau walten wird, welche meinem Sohne in Jahren nher steht, als Sie und ich,
und die hoffentlich dazu beitragen wird, ihn jugendlicher und frhlicher zu
machen, als er mir nach seinen Briefen zu sein scheint, in denen sich die
schwerlebige Berka'sche Gemthsart, von der ich so viel gelitten habe, mehr als
mir erwnscht ist, kundgibt. Theilen Sie ihm meine bevorstehende Verheirathung
mit und sorgen Sie dafr, da er seiner Stiefmutter ein vertrauendes Herz
entgegenbringe.
    Seba las den Brief mit groem Antheile, aber er that ihr fr das Andenken
ihrer Angelika und fr Renatus weh, denn des Freiherrn geringe Liebe fr den
Sohn und seine Abneigung gegen Angelika sprachen sich unverhohlen darin aus.
    Als sie dem Jnglinge den Brief zurckgab, sagte er: Ich habe Ihnen dieses
Blatt, das kein fremdes Auge je gesehen hat, unbedenklich anvertraut, denn Ihnen
wird es keine Neuigkeiten und keine Geheimnisse verrathen haben. Und doch sehen
Sie jetzt gerade so betrbt aus, als ich nach Ankunft jenes Briefes meine ganze
Umgebung erblickte. Ich kam offenbar aller Welt beklagenswerth vor. Die Grfin
Rhoden umarmte mich unter Thrnen, als wir sie zum ersten Male wieder besuchten,
meine kleinen Freundinnen hofften, da meine Stiefmutter mich nicht schlecht
behandeln werde; der Caplan, welcher im Schlosse Alles erneuern lie, was etwa
der Erneuerung bedurfte, schien gleichfalls niedergeschlagen, Mamsell Marianne
aber blieb in einer bestndigen, still unterdrckten Wuth.
    Die Bilder meiner Mutter und meiner verstorbenen Tante Amanda wurden aus dem
Wohnzimmer in den Ahnensaal gebracht, und whrend die Uebrigen alle der Ankunft
meines Vaters mit sehr ungnstigen Erwartungen entgegen sahen, unterhielten mich
schon die bloen Vorkehrungen fr seine Rckkehr so angenehm, da ich mich des
Allerbesten von derselben versah. Der bloe Gedanke, da noch andere Personen,
als der Caplan und Mamsell Marianne, da mein Vater und eine junge Frau im
Schlosse leben wrden, entzckte mich.
    Wenige Wochen nach meiner Confirmation, recht mitten in der Rosenzeit, traf
dann mein Vater bei uns ein. Der Caplan hatte angeordnet, da ich den Freiherrn
im Schlosse erwarten sollte, da dieser sich den Empfang, wie er meiner Mutter an
unserer Grenze zu Theil geworden und wie er sich fr die Gutsherrschaft
gebhrte, verbeten hatte. Die Ungeduld litt mich aber nicht im Schlosse. Ich
wute damals noch nicht, sagte er - und wieder ging Angelika's schwermthiges
Lcheln ber seine Zge -, was ich spter wohl ahnte und was sich mir in diesem
Briefe meines Vaters an den Caplan leider besttigte, da sein Verlangen nach
mir nicht eben lebhaft war; und den ersten groen Ungehorsam gegen den Befehl
meines Mentors begehend, lie ich mir heimlich mein Pferd satteln, um den
sehnlich Erwarteten so bald als mglich zu begren.
    Mein Vater erkannte mich im ersten Augenblicke nicht, als ich in den Bereich
des Wagens kam. Er hatte mich als ein Kind verlassen, mich nur als Kind gedacht,
und Vittoria hatte nach meines Vaters Aeuerungen auch nicht darauf gerechnet,
einen fast erwachsenen jungen Menschen in mir zu finden. Sie rief mir in ihrer
Muttersprache etwas zu, was ich nicht verstand; da sie dies merkte, grte sie
mich mit einer jener Handbewegungen, welche keine Nordlnderin nachzuahmen
vermag, und ich war bei ihrem Anblicke wie geblendet von ihrer Erscheinung.
    Sie knnen sich kaum vorstellen, rief er, sich unterbrechend, wie schn
Vittoria damals war; aber noch auffallender, als ihre Schnheit, war auch mir
ihre groe Jugend. Als sie vor dem Schlosse ausstieg, als mein Vater mich ihr,
wie sich's gebhrte, feierlich als ihren Stiefsohn vorstellte und sie mich
umarmte, war ich vollends verwundert, sie kleiner als mich, sie berhaupt so
klein zu finden, denn meine Mutter war sehr gro gewesen, und ich mute mich
schon damals bcken, meinen Mund dem Munde Vittoria's nahe zu bringen, sagte er
errthend.
    Sprach Ihre Stiefmutter nur das Italienische? fragte Seba.
    O nein, ich sagte es Ihnen ja bereits, sie war auch des Franzsischen
mchtig, und mit dem fremdartigen venetianischen Accente, der mir sehr lieblich
in ihrem Munde klang, franzsisch zu mir sprechend, sagte sie: Da ich zu jung
bin, Deine Mutter zu sein und eine groe Verehrung von Dir zu fordern, so
entschliee Dich, mein Freund, mich zu lieben. Ich will das Gleiche thun, sei
de ganz gewi!
    Und hat die Baronin das gehalten, lieber Arten?
    Ich habe keinen besseren Freund, als sie! betheuerte der Jngling. Dann
hielt er inne und lie seiner Wirthin damit zu der Frage Zeit, ob Vittoria's
Eltern noch am Leben wren und wo und wie sein Vater sie kennen gelernt habe.
    Vittoria war eine Waise, berichtete Renatus. Sie selbst hat mir, als ich
erwachsen war, ihre Jugendgeschichte erzhlt. Das Geschlecht der Giustiniani,
dem sie angehrt, ist sehr alt und weit verzweigt; aber der Zweig, von dem sie
stammt, war mittellos, und man hatte Vittoria, da ihre Eltern frh gestorben
waren, zur Erziehung in ein Kloster gethan, in welchem man sie spter den
Schleier nehmen lassen wollte. Ich wei nicht, ob ich sagen soll, zu ihrem
Glcke, brachen die Blattern in dem Kloster aus, als sie auf dem Punkte stand,
ihr Noviciat antreten zu mssen, und man sendete also zeitweilig alle Pensionre
zu deren Familien zurck. So kam Vittoria in das Haus der Marchesa Moncenigo,
ihrer Tante, die damals, whrend des Sommers, eine Villa am Ufer der Brenta
bewohnte; aber man zog sie nicht in die Gesellschaft, die sich dort zur
Villeggiatur versammelt hatte und zu der auch mein Vater gehrte. Man brachte
das junge, weltfremde Mdchen mit einer Dienerin in einem verlassenen Casino im
entlegensten Theile der Besitzung unter, da man nicht geneigt war, die
mittellose Waise die Reize der Gesellschaft kosten zu lassen, in die einzutreten
sie nicht bestimmt war. Ihre Rckkehr in die Mauern des Klosters stand ihr nahe
bevor, als mein Vater bei einem einsamen Morgenspaziergange Vittoria an dem
Fenster ihres Casino sah und sie, unbemerkt von ihr, eine jener alten
Kirchen-Cantaten singen hrte, die Niemand, glaube ich, schner als sie zu
singen versteht. Mein Vater war von ihrer Schnheit wie von ihrer Stimme
hingerissen. Er kehrte fter wieder; die Dienerin, welche man Vittoria
zugesellt, hatte es bald herausgebracht, wer der Fremde sei und da er ihrer
jungen Herrin eine glnzende Zukunft zu bieten habe. Vittoria war ein Kind, sie
sehnte sich, aus dem Kloster fortzukommen, wnschte in das Leben einzutreten,
und wie htte auf sie, der noch kein Mann genaht war, eine so einnehmende
Persnlichkeit wie die meines Vaters ihren Eindruck verfehlen knnen? Die
Bewunderung, die sie ihm bezeigte, steigerte natrlich seine Leidenschaft fr
sie; ihre Verlassenheit rhrte ihn, seine Gromuth sprach fr sie in seinem
Herzen, und als er dann von seinen Gastfreunden Vittoria's Hand begehrte, war
man natrlich eben so berrascht ber die unerwartete Aussicht, welche sich der
armen verabsumten Verwandten darbot, als bereit, sie eine solche Verbindung
schlieen zu lassen. Vittoria Giustiniani wurde also mit Freuden Baronin von
Arten, wurde meines Vaters Frau, und doch, fgte er seufzend hinzu, kann ich wie
der Prinz in Schiller's Don Carlos von mir sagen: Ich habe kein Glck mit
meinen Mttern!
    Er erhob sich bei den Worten, sah nach der Uhr und entschuldigte sich, da
er Seba's Zeit so lange und so selbstschtig fr sich in Anspruch genommen habe.
Als diese ihn aufforderte, bis zur Rckkehr ihres Vaters und ihrer Nichte bei
ihr zu bleiben, um dann mit ihnen zusammen zu Nacht zu essen, lehnte er es ab,
weil er in jeder Woche an dem gleichen Abende bei der Grfin Rhoden sei, der er
auerdem heute noch einen Auftrag der Signorina zu berbringen habe.
    Meinen Sie mit dieser Bezeichnung Ihre Stiefmutter? erkundigte sich Seba.
    Renatus wurde verlegen und roth. Ja, sagte er; entschuldigen Sie die ble
Angewohnheit, denn eine solche ist es in der That, und ich habe sie zu meiner
Schande noch obendrein von Mamsell Marianne angenommen, die sich immer nicht
entschlieen kann, die junge Frau mit dem Titel meiner verstorbenen Mutter
anzureden. Sie nannte sie dehalb, wie die mitgebrachte Dienerin es that,
bestndig die Signora. - Mir aber klang das fremde Wort so schn! Und weil
Vittoria in ihrer Weise fr mich ein Unvergleichliches war, freute es mich, fr
sie auch eine Bezeichnung zu haben, die keiner anderen Frau gegeben ward. Meine
Jugendgespielinnen, die Tchter der Grfin Rhoden, die gleich mir schnell eine
groe Neigung fr Vittoria faten, nannten sie bald auch nur die Signorina. Sie
haben das vielleicht selbst schon von ihnen gehrt; und von den Bekannten
unseres Hauses heit jetzt kaum Jemand sie anders, wenn er von Vittoria spricht.
    Der junge Offizier hatte whrend dieser letzten Worte seinen Sbel umgehakt
und seinen Hut genommen. Seba fragte, ob er sonst Neuigkeiten aus der Heimath
habe, ob er wisse, wie es den Marienfelder Steinert's ergehe. - Er hatte aber
nichts Nheres von ihnen gehrt, da Adam Steinert in gar keinem Zusammenhange
mit seinem frheren Herrn stand, und nur gelegentlich hatte er erfahren, da es
Steinert's unermdlicher Ausdauer gelungen sei, sich durch die Noth der
Kriegsjahre verhltnimig gut durchzubringen.
    Das ist einer von den Ungebeugten, meinte Seba, denen die Kraft, zu hoffen
und in dieser Hoffnung zu schaffen, in den trbsten Stunden aus dem Herzen
quillt.
    Hoffnung mu nur einen Anhalt haben, wendete Renatus ein; und woran kann sie
sich knpfen in einer Zeit, in welcher, wie eben jetzt, nach kaum berstandenem
furchtbarem Kriege und unheilvollem Frieden, rund umher neue Rstungen befohlen
werden, deren Zweck nicht zweifelhaft ist? Worauf soll der einzelne ohnmchtige
Mensch seine Hoffnung richten, sein Bestreben lenken, da einem gewaltigen,
dmonischen Willen nach Gottes unerforschlichem Rathschlusse wie einer Geiel
des Gerichtes ber die Erde Macht gegeben ist?
    Seba hatte sich auch von ihrem Sitze erhoben und war mit ihrem jungen Gaste
bis an die Thre des Gartensaales gegangen. Als sie dieselbe ffnete, hatten sie
in aller seiner strahlenden Herrlichkeit den prchtigen Kometen vor ihren Augen,
der in diesem ganzen Sommer am Horizonte gestanden und die Herzen der ohnehin
gewaltig aufgeregten Menschen mit banger Sorge und unheimlichen Befrchtungen
erfllt hatte.
    Wie blendend er ist, rief Renatus aus, und wie gewaltig in seiner fast den
ganzen Horizont durchmessenden Gre!
    Da fate Seba des Jnglings Hand und sagte leise und eindringlich: Aber auch
er wird vorbergehen, und seine Zeit ist nahe! Sehen Sie hin, sein Licht ist im
Erlschen, er neigt sich dem Untergange zu! Noch eine kurze Frist, und an dem
befreiten Himmel werden die alten, schnen Sternbilder in aller ihrer Klarheit
leuchten, und man wird vergebens nach dem Phnomen suchen, dessen wilde Groheit
jetzt die schwachen Seelen entmuthigt und geknechtet hat! Nur eine kurze Geduld,
nur Muth und Hoffnung!
    Der junge Mann sah sie betroffen an. Ihre Augen leuchteten in schner
Erhebung, es lag in ihren Worten etwas Geheimnivolles, das ihn unwillkrlich
ergriff; inde er konnte sich nicht entschlieen, sie um die Deutung zu bitten,
und ohne eine weitere Erklrung lie sie ihn mit dem Auftrage, die Grfin Rhoden
von ihr zu gren, von sich gehen.
    Arme Angelika, seufzte sie, als er sich entfernt hatte, arme Angelika, warum
mutest du so frh von uns scheiden! Dein Sohn wrde mich verstanden haben,
httest du ihn auferzogen!

                                Viertes Capitel


Als Renatus die Linden hinabging, um sich nach dem entlegenen Theile der
Wilhelmsstrae zu begeben, in welchem die Grfin Rhoden sich, seit sie Berlin
bewohnte, niedergelassen hatte, sah er aus dem Eckfenster eines an der
Friedrichsstrae gelegenen Hauses ein helles Licht erglnzen, und da die Uhr an
dem Akademie-Gebude ihn belehrt hatte, da es noch ein wenig zu frh sei, zu
der Grfin zu gehen, wendete er sich jenem Hause zu, stieg die Treppe bis zum
ersten Stockwerke in die Hhe und fragte, als eine den hheren Stnden
angehrige Frau ihm dort die Thre ffnete, ob sein Onkel zu Hause und zu
sprechen sei.
    Zu Hause ist der Herr Graf, entgegnete die Frau, welche ihn eingelassen
hatte, aber er hat einen Besuch, und der Kammerdiener ist fortgeschickt. Wenn
Sie es wnschen, will ich Sie melden; inde ich hrte immer schon mit den
Sthlen rcken und umhergehen - wenn Sie vielleicht verziehen wollten ....
    Er sagte, da er nicht lange bleiben knne, da er jedoch versuchen wolle,
ob sein Onkel bis dahin fr ihn frei sein werde, und nahm den Sessel an, den die
Frau ihm an der Seite ihres Sopha's darbot. Renatus war schon oftmals durch
dieses Zimmer gegangen, aber mit der Achtlosigkeit des im Reichthume geborenen
und im eigenen Hause erwachsenen Mannes hatte er es nie eines Blickes gewrdigt,
denn die verschwenderische Ausstattung desselben hatte fr ihn keinen Reiz. Eben
so wenig hatte er die Frau betrachtet, der er auch frher schon in diesem
Gemache begegnet war, oder sie gefragt, welche Stelle sie in dem Haushalte
seines Onkels ausfllen mge.
    Heute, da er sich genthigt fand, in ihrer Nhe zu verweilen, bemerkte er,
da sie offenbar den Fnfzigen nahe war, und sie mifiel ihm, obwohl sie einmal
eine hbsche Frau gewesen sein konnte. Sie trug jene groen goldenen Ringe in
den Ohren, die ihrer Zeit durch die nachmalige Kaiserin Josephine in Aufnahme
gebracht und nach ihr Creolen genannt worden waren. Ihre Taille war noch krzer
gegrtet, ihr Busen noch hher hinaufgeschnrt, als die Mode es mit sich
brachte, und aus dem mdchenhaften Fanchontuche, das sie ber den  la Titus
frisirten Kopf geknpft hatte, sahen die geschminkten Wangen und das runde
Doppelkinn voll und coquet hervor. Dazu hatte sie die Finger reichlich mit
Ringen besteckt, und sie mute entweder auf diese Ringe oder auf ihre allerdings
noch hbschen Hnde groen Werth legen, denn sie war sehr bemht, des Jnglings
Aufmerksamkeit auf dieselben zu ziehen, indem sie die Hnde leise gegen einander
rieb und sich beklagte, da es nach dem heien Sommer und bei den warmen Tagen
Abends doch schon so kalt sei und da ihre Hnde die rauhe Luft gar nicht
vertragen knnten.
    Renatus lie diese Bemerkung schweigend an sich vorbergehen; damit war aber
die Entschlossenheit der Redseligen, ihn in eine Unterhaltung zu verwickeln,
nicht zurckgeschlagen, und beide Arme auf den Tisch legend, whrend sie sich
weithin ber dieselben nach vorn bog, so da sie sich dem jungen Manne dadurch
betrchtlich nher brachte, sagte sie mit leisem Kopfschtteln: Ich sehe recht,
wie die Zeit vergeht! Sie kennen mich gar nicht mehr, Herr Baron! Sie haben ganz
vergessen, da Sie mich frher schon gesehen haben!
    Sie wurde mit dieser Zudringlichkeit dem Jnglinge, dessen reiner Sinn vor
allem Niedrigen zurckschreckte, nur noch widerwrtiger, und kurz abweisend
sagte er, da er sich wohl erinnere, wie sie auch sonst schon die Gte gehabt
htte, ihn einzulassen.
    In dem Augenblicke ward die Thre des Nebenzimmers geffnet, Graf Gerhard
Berka trat mit einem Fremden, einem Franzosen, in das Vorzimmer hinaus; sie
schttelten einander die Hnde, nahmen eine Verabredung fr den nchsten Tag,
der Graf rief seinem Neffen, da er ihn gewahrte, einen freundlichen Guten Abend
zu, machte scherzend die Bemerkung, da man vom Wolfe nur zu sprechen brauche,
damit er erscheine, was jedoch in diesem Falle ohne allen anzglichen Vergleich
gemeint sein solle, und stellte darauf dem Fremden, den er Baron und seinen
lieben Castigni nannte, den jungen Freiherrn als den Neffen vor, dessen er so
eben gegen ihn gedacht habe.
    Nach einer sehr verbindlichen Begrung empfahl sich Herr von Castigni dem
Grafen wie Renatus, und mit einem Zeichen, da sie dem Scheidenden das Geleit zu
geben habe, sagte der Graf: Leuchten Sie, liebe Kriegsrthin! Dann nahm er
seinen Neffen unter den Arm und kehrte mit ihm in sein Zimmer zurck.
    Bist Du aberglubisch oder wunderglubig, mein Freund? fragte er Renatus mit
leichtem Tone, nachdem sie sich dort niedergelassen hatten.
    Renatus entgegnete, da es darauf ankomme, was man unter aberglubisch und
wunderglubig verstehe; aber Jener lie ihm zu keiner weiteren Erklrung Zeit,
sondern sagte: Nun, Aberglaube oder Unglaube, was thut uns das? Es ist gut, da
Du berhaupt wieder in Berlin, und sehr gut, da Du eben jetzt zu mir gekommen
bist! Wir wollen das als eines der guten Zeichen ansehen, an die zu glauben
immer Zuversicht und Muth gibt. Es war zwischen dem Baron und mir eben von Dir
die Rede, als Du kamst.
    Von mir? Und in wie fern, wenn ich dies fragen darf? sagte der Neffe.
    Wrst Du geneigt, den preuischen Dienst zu verlassen? erkundigte sich der
Graf.
    Der junge Offizier verneinte es einfach und bestimmt.
    Aber es war, soviel ich davon wei, nicht eben Dein Wille, der Dich bewog,
die Uniform zu nehmen! bedeutete Jener.
    Renatus wurde roth bis unter die Wurzel seines hellen Haares, und mit einem
leichten Zusammenziehen seiner Augenbrauen, welches seine innere
Selbstberwindung kund gab, versetzte er: Ich wrde allerdings das Leben eines
unabhngigen Edelmannes, wie wir Arten's es von je gefhrt, berhaupt jedem
Dienste vorgezogen haben; da die Umstnde mir dies nicht verstatteten, da mein
Vater mich in die Armee eintreten lassen, und der Knig mir das Patent gegeben
hat, scheint es mir Ehrensache, auch im Dienste zu bleiben, bis ich dieses mein
Patent mit der That verdient und meinen Eid im Kampfe besiegelt habe! -
    Sehr gut, sehr schn gesagt, rief der Graf mit einem leichten Anfluge von
Spott, whrend er sich weit in das Sopha zurcklehnte - nur nicht sehr
einsichtsvoll, mein lieber Freund! Das soll mich jedoch durchaus nicht abhalten,
es mit Dir besser zu meinen, als Du es verstehst! La uns in's Klare kommen! Von
welchem Kampfe sprichst Du?
    Renatus hob sein Auge zu seinem Oheim empor und wendete es eben so schnell
wieder von ihm ab. Es lag etwas Unheimliches in dem bestndigen Lcheln des
Grafen und mehr noch in seinem scharfen und lauernden Blicke, der mit jenem
Lcheln in grellem Widerspruche stand. Er war noch immer ein auffallend schner
Mann, aber der preuische Officier war in ihm nicht mehr zu erkennen. Sein
glnzendes, blondes Haar war in einer groen Locke mitten auf der Stirn
zusammengekruselt, sein tief in die Wangen hineingehender Bart, seine hohe,
weie Halsbinde wie seine ganze Kleidung und Haltung waren nach franzsischem
Vorbilde gemodelt, und wenn er nicht geradezu, wie er dies meistens that,
Franzsisch sprach, so brauchte er selbst im Deutschen so viele Fremdwrter und
schob so viele franzsische Stze in das Deutsche hinein, da man dieses
Gebahren als ein absichtliches erkennen mute.
    Er hatte, als nach dem Friedensschlusse von Tilsit sein Regiment aufgelst
worden war, wie Hunderte von anderen Officieren sich zu seinen Eltern auf das
Land begeben, aber das Landleben war niemals nach seinem Geschmacke gewesen.
Dazu war - man wute in der Familie nicht, wodurch - des Grafen Verhltni zu
seiner Mutter seit Jahren schon getrbt. Von beiden Seiten gab sich eine fast
krankhafte Empfindlichkeit gegen einander kund, und man hatte ihn also nicht
davon abgehalten, als er nach kurzem Verweilen wieder nach der Hauptstadt
zurckzukehren gewnscht hatte. Freilich hatte der alte Graf dem Sohne zu
bedenken gegeben, da er jetzt, bedrngt durch die allgemeine Noth und Drangsal,
nicht mehr wie frher im Stande sei, dessen mannigfachen und groen Ansprchen
mit der alten Freigebigkeit zu begegnen; das hatte jedoch den Grafen Gerhard
wenig angefochten. Die Summe, welche man ihm fr das erste Halbjahr zuwies, war
nicht unbedeutend, und ber den Tag, ber das Verlangen und Gelsten oder
Bedrfen des Augenblickes dachte er nicht leicht hinaus.
    Aber das Berlin, in welches Graf Gerhard zurckkehrte, war nicht mehr die
Stadt, die er vor dem unglcklichen Feldzuge des Jahres achtzehnhundert und
sechs verlassen hatte. Seine Kameraden und Umgangsgenossen lebten fern und
zerstreut. Die Einen warteten hoffenden Sinnes in Einsamkeit der Zeiten, welche
sie wieder zu neuer Thtigkeit berufen wrden; die Ungeduldigen hatten sich nach
Oesterreich, nach Spanien und nach Ruland gewandt, wo der Tag eines neuen
Kampfes frher anzubrechen versprach, als in dem ganz zerstckelten und
zertretenen Vaterlande.
    Das Herz jedes Ehrenmannes blutete in heimlicher Emprung, whrend der Wille
der franzsischen Machthaber eine glnzende Geselligkeit in Berlin erzwang,
deren Ueppigkeit die Leichtgesinnten und Genuschtigen verlockend mit sich
fortri, welche ber die geistreiche Lebhaftigkeit der Sieger und ber die
feinen Formen franzsischer Gesellschaft und Sitte die bittere Noth des
Vaterlandes und die Knechtschaft vergaen, unter denen man lebte. Allerdings war
es fr denjenigen, der nicht die Mglichkeit besa, sich fern von den Stdten
auf irgend einem, zufllig von Einquartierung verschonten Hofe oder Gute dem
Verkehre mit den Unterdrckern zu entziehen, uerst schwer, den Umgang mit
ihnen zu vermeiden; aber die Zahl derjenigen war leider nicht gering, die diesen
Umgang in eigenntziger Absicht suchten, und die Fremdherrschaft fand ihren
Vortheil darin, solche Ueberlufer bereitwillig in ihre Reihen aufzunehmen.
    Ein Edelmann von dem alten und schnen Namen der Grafen Berka, ein frherer
preuischer Officier mit den persnlichen Vorzgen des Grafen Gerhard, der sich
geneigt finden lie, sich der damals in Berlin den Ton angebenden franzsischen
Gesellschaft anzuschlieen, durfte sich von ihr des zuvorkommendsten Empfanges
sicher fhlen, und des schwermthigen Ernstes von Herzen mde, der in dem Kreise
seiner Familie geherrscht, seit das Unglck ber das Vaterland hereingebrochen
war, hatte Graf Gerhard sich bei seiner Rckkehr von Berka mit vollen Athemzgen
in das ihn anmuthende Leben der Hauptstadt, in die Gesellschaft der Franzosen
gestrzt, die, reich an Kriegsbeute, schnell und verschwenderisch zu genieen
suchten, was zu genieen ein eben so schneller Tod auf irgend einem der
Schlachtfelder, zu welchen der Kaiser sie fhrte, ihnen bald unmglich machen
konnte.
    Man hatte den Grafen berreden wollen, in franzsische Kriegsdienste zu
treten, aber dessen hatte er sich geweigert; denn es gibt herkmmliche
Ehrbegriffe, von denen Mnner wie der Graf sich nicht leicht freimachen, obschon
jene Ehrbegriffe mit dem wahren Ehrgefhl, das in jedem Menschen nur die hchste
Blthe einer vollkommenen sittlichen Bildung ist, eben blos den ueren Anschein
gemeinsam haben.
    Weil Graf Gerhard es nicht nach seiner Neigung, weil er es nicht
unterhaltend fand, in der Zurckgezogenheit zu leben, nannte er es unverstndig,
sich der herrschenden Gewalt ohnmchtig zu widersetzen. Weil Nachgiebigkeit ihm
in diesem Falle bequemer dnkte, als Zurckhaltung, nannte er es gebotene
Rcksicht, sich der Gesellschaft der Fremden anzuschlieen, und er bezeichnete
es als eine Ehrensache, sich standesmig in ihr zu behaupten. Es dnkte ihm
eben so eine Ehrensache, vor den Emporkmmlingen, aus denen sie sich zum groen
Theil zusammensetzte, die vornehme Leichtlebigkeit des alten Edelmannes
darzuthun, und er hatte keine Ahnung davon, wie die frische und gewaltige Kraft
dieser neu und wild entstandenen Gesellschaft ihn bemeisterte, wie er, dem
Anspruche des Augenblickes gehorchend, mit seinen Vorurtheilen und
Ueberzeugungen auch sich selber hingab, und wie die, trotz ihrer genuschtigen
Ueppigkeit, vom Leben geschulten, in Geschften versuchten Fremden, mit denen er
verkehrte, sich seiner bemchtigten, weil sie ihn brauchen zu knnen glaubten.
Denn Fremdherrschaft mu tyrannisch sein, und die Tyrannei kann der heimlichen
Verbndeten nicht entrathen. Sie mu wissen, was in dem unterworfenen Lande und
Volke geschieht, sie mu Einflu haben, auch wo sie selber nicht hinzudringen
vermag. Sie mu sich Diener schaffen und Dienste empfangen, ohne da diejenigen,
welche sie bedienen, sich dessen bewut sind, und Graf Gerhard war auf solche
Weise schnell, noch ehe er es ahnte, zu einem Werkzeuge in den Hnden seiner
franzsischen Umgangsgenossen geworden. Freilich hatte man von ihm niemals eine
Leistung, gegen welche seine Ehrbegriffe sich struben konnten, gefordert, aber
man hatte gelegentlich seine vermittelnde Sprachkenntni bei Einfhrung in
gewisse Kreise als Geflligkeit in Anspruch genommen, manche Auskunft ber
Personen und Dinge beilufig von ihm erfragt oder seine Begleitung bei irgend
einer Reise als Freundschaftsdienst begehrt. Man hatte auch nicht daran gedacht,
ihm diese Dienste oder diese Opfer an Zeit zu lohnen; sein Ehrbegriff wrde ihn
bewogen haben, sich dessen unbedingt zu weigern. Aber er hatte kein Bedenken
getragen, als seine standesmigen Ausgaben sich mit seinen Einnahmen nicht mehr
bestreiten lieen, die freiwillig und in schicklichster, bequemster Weise
angebotenen Darlehen von seinen Freunden anzunehmen, und die Gre dieser
Darlehen hatte ihn nicht beunruhigt, denn die glcklichen Sieger hatten reiche
Mittel zu ihrer Verfgung und waren des ngstlichen Rechnens mit ihren Freunden
nicht gewohnt.
    Auch in der Unterredung, welche Graf Gerhard mit seinem Freunde eben, als
Renatus bei ihm vorsprach, gehabt hatte, war nur ganz zufllig von der
phantastischen und schwrmerischen Stimmung gesprochen worden, welche sich in
der deutschen Jugend zu regen beginne, und Herr von Castigni, der, wie der Graf,
einem alten Adelsgeschlechte angehrte, hatte dabei die Aeuerung hingeworfen,
wie viel seiner Regierung daran gelegen sei, dieser unglcklichen Richtung
entgegen zu arbeiten, wie sehr man den Anschlu des jungen Adels an das
Gouvernement begnstige und welche Aussichten sich denjenigen jungen Mnnern
erffnen knnten, die sich geneigt zeigen wrden, sich bei den verschiedenen
kaiserlichen Gesandtschaften in Deutschland, wenn auch vorlufig nur als
zeitweilige Attach's, verwenden zu lassen.
    Als Renatus daher seinem Oheim auf dessen Frage die Antwort zu geben
zgerte, nahm jener selbst das Wort.
    Du willst Deine Sporen verdienen, sagte er, und ich wiederhole Dir, mein
Lieber, das ist gut und schn! Aber wo willst Du den Kampfplatz suchen, wo den
Tummelplatz fr Deine Thaten finden? Die Zeiten, in denen unsere Vorfahren sich
unter dem groen Knige ihre Lorbeern erfochten, sind fr immerdar vorber!
    Onkel! rief Renatus mit abwehrendem Erstaunen.
    Der Graf zuckte die Schultern. Ich verstehe Dich, sagte er, und ich wei,
was dieser Ausruf sagen will; aber ich sprach eben mit Herrn von Castigni davon.
Es ist thricht, sich gegen eine historische Thatsache auflehnen zu wollen,
thricht, seine Wnsche fr Mglichkeiten anzusehen, und verbrecherisch, wenn
reife Mnner die Jugend in ihren migen ideologischen Trumen bestrken, statt
sie zu krftigem Mitwirken in den vorliegenden Lebensbedingungen anzuhalten.
    Und welcher migen Trume halten Sie mich schuldig, zu welcher Arbeit
wollen Sie mich berufen? fragte der junge Baron, durch die Aussprche seines
Oheims immer mehr betroffen.
    Ihr jungen Leute seid bel daran! hob Jener, der bestimmten Antwort
ausweichend, auf das Neue an. Man hat Eure Kindheit, Eure Jugend mit dem
Gedanken der Vaterlandsliebe genhrt und hat Euch als den wrdigen Gegenstand
einer solchen Liebe das Preuen des groen Friedrich, den von einem groen
Knige gegen alle natrlichen Bedingungen zusammengebrachten und nur durch sein
Genie, durch seine Herrscher- und Feldherrnkraft erhaltenen Staat, hingestellt.
Aber die gewaltsame Schpfung eines Genius ist jetzt durch den greren Genius
naturgem und eben so gewaltsam zerstrt. Vor der Gewalt und Gre eines
Napoleon konnte die junge Monarchie des alten Fritz, vor dem weltumfassenden
Blicke, vor dem weltumgestaltenden Geiste und Willen dieses titanischen Kaisers
kann die alte Weltordnung nicht bestehen, und wie unter den Strmen des
Frhlings die letzten Bltter an den alten Bumen verstieben, damit Raum werde
fr die neue Schpfung eines neuen Jahres, so mssen die bisherigen
Staatsverhltnisse zu Grunde gehen, damit der riesige, durch alle Zeiten
wiedergekehrte und endlich sich seiner Verwirklichung nahende Gedanke eines
Weltreiches, einer Universal-Monarchie, wie Alexander und Csar und Karl der
Groe sie vorahnend gedacht haben, zur Wahrheit werde! Sich mit
Gefhlsberspannung an das Untergehende anzuklammern, mag dem zukunftslosen
Alter ziemen; die Jugend hat sich dem Neuen, dem Werdenden anzuschlieen, und
wer Leben, wer Thatkraft in sich fhlt, wer sich eine Zukunft zu erffnen hat,
mu sich dienend dem siegenden Prinzipe unterordnen!
    Der Graf hatte sich in Feuer gesprochen, wie dies kaltherzigen und
gesinnungslosen Menschen leicht geschieht, die, wenn sie Andere berreden
wollen, vor Allem sich selber berreden mssen, und also bestndig einen
doppelten Zweck zu erfllen, einen doppelten Kraftaufwand zu machen haben. Er
war weder geistreich noch tiefsinnig, aber er hatte Phantasie und Bildung genug,
sich fremde Meinungen, sobald es ihm gefiel, anzueignen, und es waren die
Gedanken des Gastes, der ihn eben erst verlassen hatte, es war die
Anschauungsweise der franzsischen Gesellschaft, in welcher Graf Gerhard sich
bewegte, die er seinem Neffen zur Beherzigung empfahl.
    Renatus bildete jedoch fast in allen Stcken den Gegensatz zu seinem Oheim,
und ihn zu verwirren war nicht leicht. Seine Phantasie war nicht lebhaft, inde
innerhalb des nicht weiten Kreises, den er berschaute, sah er klar genug, und
seine Schchternheit im Verkehr mit Anderen machte ihn vorsichtig, wie sein
Mitrauen gegen seine eigene Einsicht ihn gewissenhaft gegen sich selber sein
lie.
    Es war nicht das erste Mal, da der junge Baron die Ansichten, welche der
Graf an den Tag legte, von einem Preuen aussprechen hrte. Man konnte sie von
allen denjenigen vernehmen, die, auf den Pfaden des Grafen gehend, ihrer zur
Selbstentschuldigung bedurften. Sie verfehlten an sich also, einen Eindruck auf
den Jngling zu machen, aber es ergriff ihn, da sein Onkel sie theilte, und mit
jener Schwermuth, die einen Hauptzug seines Charakters ausmachte, rief er:
Lieber untergehen, als untreu werden! Was sollte mir eine Zukunft auf den
Trmmern meines Vaterlandes? Wie knnte ich an ein Glck denken in der Fremde
unter Fremden, whrend .... Er brach ab, schien seine warme Aufwallung zu
bereuen und sagte: Gewi, mein Onkel, Sie sprachen nicht im Ernste zu mir, Sie
wollten mich prfen; seien Sie unbesorgt! Kein Vortheil der Welt soll mich
verlocken, von meinem Knige abzufallen oder meinen Eid zu brechen! Ich bin ein
Preue, ich bin ein Edelmann, unserem Knige unterthan und sein Soldat; so will
ich leben und, mu es sein, auch sterben!
    Der Graf nickte beifllig, als habe er den Vorwurf in seines Neffen Worten
nicht gemerkt, und wiederholte seine frhere Aeuerung, da dies Alles sehr gut,
sehr schn sei, nur praktisch sei es nicht. Bedenke, sprach er, was Du Deinem
Vater schuldig bist!
    Er machte danach eine kleine Pause und setzte in ruhig erklrender Weise
hinzu: Du siehst die ungeheuren Rstungen, welche der Kaiser durch ganz Europa
anstellen lt. Niemand kann zweifelhaft darber sein, gegen wen sie gerichtet
sind. Wir stehen einem groen, einem gewaltigen Feldzuge nher, als Du glaubst,
und Du bist der einzige Erbe Deines Vaters, der Letzte Deines Hauses!
    Und mein Bruder? wendete Renatus ein.
    Der Graf lchelte. Vittoria's Sohn wird, wenn er einst erwchst,
voraussichtlich auf Dich und Deine Gromuth angewiesen sein, denn Dein Vater ist
bejahrt und sein Besitz hat sich, wie Du weit, um ein Bedeutendes verringert.
    Wir haben allerdings unter dem Kriege schwer gelitten, entschuldigte
Renatus, den jede Miene und jedes Wort des Grafen krnkte.
    Nicht mehr, als Andere, meinte dieser; aber Dein Vater und meine gute
romantische Schwester hatten kostspielige Liebhabereien, bauten Kirchen, hielten
Sngerchre, lieen die Amtleute und Pchter gewhren. Das war ideologisch, war
falscher Idealismus! Das ist unpraktisch!
    Er sah nach der Uhr, erhob sich, ging an den Spiegel, zu dessen beiden
Seiten Armleuchter an den Wnden brannten, besah sich in dem Glase, kmmte die
groe Locke auf der Stirn ber die untergehaltene Hand zurecht und sagte, ohne
den beleidigten Renatus, der hinter ihm sitzen geblieben war, anzusehen: Glaube
mir, mein Lieber, frher oder spter wirst Du genthigt sein, Dein eigenes
Schicksal zu spielen und das Loos und das Vermgen Deines Hauses neu zu
begrnden. Nur deshalb und nur dazu wollte ich Dir die Mittel und die Wege
zeigen und erffnen, die ich Dir heute vorschlug.
    Er klingelte, sein Kammerdiener trat ein. - Warum erinnern Sie mich nicht,
da es Zeit ist, mich anzukleiden? fragte er. Der Diener entgegnete, da Alles
bereit liege, und ward mit dem Bemerken fortgeschickt, da der Graf gleich
kommen werde, und da der Diener das Eisen hei machen knne, ihm Haar und Bart
auf's Neue zu kruseln.
    Wir haben heute eine Soire bei dem franzsischen Gesandten. Das ist ein
Haus, in das Du Dich einfhren lassen solltest, und ich bin bereit, Dich
vorzustellen, sagte er. Es ist die Rede davon, einige junge Deutsche von Familie
als Cavaliere, als Kammerherren an den Hof des Knigs von Westfalen zu ziehen,
junge Mnner, die des Franzsischen mchtig sind. Ich hatte dabei an Dich
gedacht. Knig Jerome ist jung, ist geistreich, ist uerst liebenswrdig und
freigebig geneigt, fr die Personen, die ihm wohlgefallen, viel zu thun. Inde
Du willst es nicht! Nun, Du wirst wissen, was Dir frommt, ich hatte es gut mit
Dir im Sinne!
    Er sprach das Alles, whrend er aus einer reichverzierten Bchse seine
goldene Dose mit frischem Taback fllte. Renatus hatte sich erhoben. Er sagte,
da er seinen Oheim nicht stren, nicht lnger aufhalten wolle. Der Graf
erkundigte sich, wo er seinen Abend zubringen werde, und als er hrte, da
Renatus die Grfin Rhoden zu besuchen denke, meinte er, es sei schade, da sie
fromm geworden sei, und da sie ihre Tchter in gleicher Ueberspannung
auferzogen habe; sie sei frher eine angenehme Frau gewesen, die gewut habe,
was sie sich schuldig sei.
    Man hatte sie bei uns, fuhr er fort, da sie eine Verwandte von uns ist,
Deinem Vater eigentlich zur zweiten Frau bestimmt, und sie hat sich, eben weil
sie kein Vermgen besa, wohl selber doppelt mit dem Gedanken getragen. Ich bin
sicher, sie zog nur deshalb in Eure Gegend, und ihre Freundschaft fr Dich wird
wohl aus derselben Quelle entsprungen sein. Aber der Bekehrungseifer Eures
Caplans hatte sie uns entfremdet, noch ehe die Heirath Deines Vaters mit der
Giustiniani im Werke war, und htte sie diese Heirath vorhersehen knnen, so
wrde der Caplan vielleicht weniger Erfolg bei ihr gehabt haben. Jetzt indessen,
glaube ich, ist sie ja selbst mit Bekehrungen beschftigt. Sie hat es
wahrscheinlich auf die Tochter des alten Flies abgesehen, denn das allein kann
mir die Freundschaft der Grfin fr die Flies erklren.
    Renatus, dem jede Aeuerung des Grafen empfindlich und zuwider war,
erinnerte daran, da Seba auch eine Freundin seiner Mutter gewesen sei, da er
selbst von seinem Vater an den alten Geschftsfreund ihres Hauses empfohlen
worden, und fragte, ob der Graf die Familie, und namentlich, ob er Seba kenne.
    Er bejahte es. Ich war vor dem Feldzuge nach der Champagne bei ihnen im
Quartier, sagte er gleichgltig. Seba war damals eine Schnheit, aber sie war
schon damals eine sentimentale Schwrmerin! Nimm Dich mit ihr in Acht! Die
Grfin Rhoden und Seba und all die schnen Geister und die Professoren und
Gelehrten, mit denen sie zusammenhangen, sind thrichte Ideologen, Phantasten,
die gegen den Lauf der Welt ankmpfen, vergangene Zeiten lebendig machen
mchten! Man hat ein Auge auf dieses Treiben, obschon man es gewhren lt.
Vernnftige Aussichten werden sich Dir dort nicht ffnen, darauf verla Dich,
und sich unnthig verdchtig zu machen, sich einer unnthigen Beaufsichtigung
auszusetzen, ist nicht anstndig fr Unsereinen!
    Er reichte ihm dabei freundlich die Hand zum Abschiede und sagte, als sein
Neffe sich ihm empfahl: Ehe ich es vergesse, mein Lieber! Seit ich mir hier
selbst eine Wohnung eingerichtet und die Kriegsrthin zu mir genommen habe,
speise ich in der Regel zu Hause. Sie ist eine Kchin, um die man mich beneidet.
Fr eine oder zwei Personen ist immer das Couvert bereit. Willst Du es auf gut
Glck mit mir versuchen, so weit Du, da Du willkommen bist, und wir tauschen
dann unsere Meinungen und Neuigkeiten mit einander aus. Beilufig, la Dich von
den Rhodens nicht einfangen! Das sind keine Partieen, die sich fr Dich
schicken!
    Er gab ihm nochmals die Hand, rieth ihm, sich die Kasseler Angelegenheit
ruhig und reiflich zu berlegen, und entlie ihn danach, um sich ankleiden zu
gehen.

                                Fnftes Capitel


Spter, als er es sonst pflegte, langte Renatus an dem Abende bei der Grfin
Rhoden an, und fast bereute er es, da er gekommen war, denn die friedliche
Stille, in welcher er die Frauen antraf, lie ihn seine Aufregung erst recht
deutlich empfinden. Es war ihm zu Muthe, als habe er in der letzten Stunde eine
Gegend und die Menschen in ihr durch ein verzerrendes Glas betrachtet. Alle
Bilder, die er in der Seele trug, dnkten ihm verndert und entstellt, und doch
kam ihm unwillkrlich immer wieder die Frage: Wie aber, wenn Du Dich wirklich
bisher getuscht httest? Wie aber, wenn der Oheim Recht htte mit den
Urtheilen, die er ber die Personen und Zustnde, deren er erwhnte, gegen Dich
ausgesprochen hat?
    Er erinnerte sich genau, wie kurze Zeit nach dem Tode seiner Mutter die
Rhoden's zu ihren Verwandten nach Lichtenforst gezogen und wie sie das erste Mal
nach Richten zum Besuche gekommen waren. Die Grfin war, wie sein Vater, in
Trauerkleidern gewesen, obgleich sie ihren Gatten schon zwei Jahre vorher
verloren, und der Freiherr hatte sie und ihre Tchter sehr willkommen geheien.
Als er dann nach Italien gegangen war, hatte er die Grfin gebeten, sich seines
Knaben anzunehmen, und sie hatte Renatus darauf an sich gedrckt, hatte gesagt,
der Himmel habe ihr leider einen Sohn versagt, sie wolle also Renatus lieben als
wre er ihr eigen Kind, und ihre Tchter Hildegard und Ccilie sollten ihm, dem
Schwesterlosen, Schwestern sein.
    Renatus hatte sich auch in ihrer und ihrer Tchter Nhe stets wie in einer
Heimath, wie in seiner Familie gefhlt, obschon die Verwandtschaft zwischen den
Berka's und den Rhoden's sehr entfernt war; er konnte es sich als sehr
wahrscheinlich denken, da seine Groeltern ihm die Grfin einst zur Stiefmutter
zu geben gewnscht hatten, ehe der Caplan die Bekehrung der Grfin unternommen.
Es war aber ein schner Tag und ein erhebender Anblick gewesen, als die Grfin
mit den beiden kleinen Tchtern in der Kirche von Rothenfeld zum Katholicismus
bergetreten war. Der heimliche Anschlu der Familie von Wedderau an die
katholische Kirche war bald danach gefolgt, und die kleine Gemeinde hatte unter
des Caplans Leitung sehr zusammengehalten. Alljhrlich hatte man danach den
Todestag der Baronin Angelika, in welcher man die eigentliche Urheberin des
Kirchenbaues verehrte, mit einer besonderen Feier begangen, und wenn die Grfin
wirklich beabsichtigt hatte, einmal die Stelle der Verstorbenen einzunehmen, so
war es schn von ihr gewesen, da sie ihre getuschte Erwartung weder Vittoria
noch Renatus hatte entgelten lassen.
    
    Sie zuerst hatte sich der fremden jungen Frau mtterlich freundlich
genhert, als man des Verwunderns ber die unerwartete und auffallende Heirath
des Freiherrn kein Ende finden konnte. Sie war der Fremden stets mit Rath und
Ermunterung zur Hand gewesen; Tage und Nchte hatte sie an dem Bette Vittoria's
zugebracht, als diese vor drei Jahren im Nervenfieber mit dem Tode so schwer
gerungen, da man hatte frchten mssen, mit ihr auch das Leben ihres zu
erwartenden Kindes zu verlieren. Renatus konnte ihr das nie vergessen. Er liebte
die Grfin dafr wie eine Mutter und er hing auch mit so naturwchsiger Neigung
an ihren beiden Tchtern, als wenn sie nicht nur seine Spielgenossen, sondern
als wenn sie wirklich seine Schwestern wren.
    Neben der ausgesuchten Behaglichkeit in Seba's Gartensaal, neben der
auffallend modischen und glnzenden Einrichtung seines Oheims erschien dem
jungen Manne die Wohnung der Grfin heute zum ersten Male rmlich. Er sah, was
ihn bisher nicht angefochten hatte, da ihre Zimmer nur schlicht getncht, da
ihre Mbel alt und abgenutzt waren, da nur zwei Kerzen den Raum erhellten. Sie
leuchteten jedoch genugsam, das schne, ber dem Sopha hngende Bild der jung
verstorbenen, allgeliebten Knigin Louise zu erkennen, das diese selbst der
Grfin einst geschenkt hatte; sie reichten hin, die Bste des bei Saalfeld
gebliebenen geistreichen Prinzen Louis Ferdinand betrachten zu lassen, der ein
Freund des Grafen und Cciliens Pathe gewesen war, und der ihr zur Erinnerung an
die Schutzheilige der Musik, der Kunst, die er mit Meisterschaft beherrschte,
eben den Namen Ccilie gegeben hatte; und sie hatten Licht genug, das edle in
weie Schleier gehllte Antlitz der Mutter und das schne, blonde Haar der
beiden Tchter mild zu umspielen.
    Innerlich verwirrt war Renatus vor dem Hause angelangt; aber er wurde
ruhiger in dem trauten Kreise, in dem gewohnten lieben Raume. Die halbe
Dmmerung, die weien Fenstervorhnge, durch die der Mond hinein schien, da
sein Schimmer den ganzen Fuboden streifenweise erhellte, der Duft des Reseda
von den wohlgepflegten Stcken am Fenster thaten ihm wohl.
    Ach, bei Ihnen ist's gut! sagte er, unwillkrlich aus tiefer Brust
aufathmend, als er der Grfin die Hand gekt und zwischen den beiden Schwestern
seinen gewohnten Platz am Tische eingenommen hatte. Man lachte ber diesen
Ausruf; er sollte sagen, wie er darauf gekommen sei, ihn eben in dieser fast
feierlichen Weise zu thun, und er ward dabei inne, da ihm heute ganz anders als
sonst in der Gegenwart dieser Frauen zu Muthe sei.
    Es kam ihm vor, als sei er, wer wei wie lange von diesem Raume und von
diesen lieben Menschen entfernt gewesen, als habe er sie nie so gut gekannt, als
eben jetzt, und doch wieder, als habe er ihnen ein Unrecht abzubitten.
    Die wrdige Erscheinung der Grfin, ihre keusche, matronenhafte Tracht -
Renatus hatte sie, seit er sie kannte, nie anders als in weier oder schwarzer
Kleidung gesehen - dnkten ihm so schn, da er eben erst neben der geschminkten
Haushlterin seines Oheims gesessen hatte. Die Bilder der kniglichen Familie
sprachen ihn wie Schutzgtter des Hauses an und es freute ihn, da er sein Auge
frei zu ihnen erheben durfte, da keiner seiner Gedanken sich durch die
verfhrerischen Auseinandersetzungen seines Oheims von ihnen und ihrem Dienste
hatte abwendig machen lassen. Nur an der Grfin und an diesen Mdchen hatte er
sich versndigt. Sie hatte er so eben noch selbstschtiger Absichten,
berechneter Plane fhig gehalten; denn die von seinem Oheim in ihm erweckte
Vorstellung, da die Mutter oder Hildegard selber darauf ausgegangen sein
knnten, ihn unmerklich zu einer Heirath mit der Letzteren zu bewegen, hatte ihn
widerwrtig berhrt und ihm einen Schatten auf das reine, herzliche Verhltni
geworfen, in welchem er, seit er sich zurckerinnern konnte, zu diesen ihm so
theuren Freunden gestanden hatte.
    Jetzt schmte er sich seines Zweifels an ihnen, und daneben dachte er zum
ersten Male daran, wie im Grunde gar nichts natrlicher sei, ja, wie es sich
eigentlich von selbst verstehe, da er die Gefhrtin seiner Kindheit, da er
Hildegard einst zu seiner Gattin whle. Sie hatten oft genug als Kinder Mann und
Frau gespielt, sich immer auf das beste vertragen, sie waren nur um anderthalb
Jahre, die Hildegard vor ihm voraus hatte, im Alter von einander getrennt. Ihr
Name, ihre Familienverbindungen waren den seinigen ebenbrtig, sie war
katholisch, wie er, Vittoria hatte die Rhoden's gern, ein knftiges
Zusammenleben der beiden Familien bot also gar keine Schwierigkeiten, und -
darin hatte sein Onkel Recht - das einst so blhende Arten'sche Geschlecht war
jetzt wirklich nur auf ihn und seinen kleinen Bruder gestellt. Es war
nothwendig, es war unerllich, da Renatus sich frh verheirathete.
    Je mehr er darber nachdachte, um so wahrscheinlicher dnkte es ihn, da
auch seinem Vater eine Verbindung zwischen ihm und Hildegard willkommen sein
wrde, denn sowohl der Freiherr als der Caplan hatten ihn bestndig zu dem
Umgange mit den Rhoden's angehalten; und nun er sich im Geiste die Sache
berlegt, fand er, da ihm selbst, wenn er sich seine Zukunft und seine einstige
Ehe vorgestellt, immer mehr oder weniger deutlich Hildegardens Bild vor der
Seele geschwebt hatte.
    Die Mistimmung, in welcher er bei den Freunden angelangt war, schwand vor
diesen Gedanken vllig hin, eine auerordentlich sanfte Empfindung trat an ihre
Stelle. Er fhlte kein leidenschaftliches Verlangen, er hegte keinen neuen,
lebhaften Wunsch, er sehnte die Zukunft und eine Aenderung der jetzigen
Verhltnisse nicht einmal herbei. Er war zufrieden wie Einer, der einen wohl
begrndeten, gesicherten Besitz in ruhigem Lichte vor sich ausgebreitet sieht,
aber er rckte unwillkrlich seinen Stuhl nher an Hildegard heran, als er es
sonst gethan hatte, und seinen Arm auf die Lehne ihres Sessels gelegt, beugte er
sich zu ihr hinber, ihren fleiigen Hnden zuzusehen, wie sie mit sicherem
Finger die Blumen in den weien Musselin einstickte, welcher zum
Gesellschaftskleide der Mutter dienen sollte. Er hatte ihr selbst das Muster
dazu aufgezeichnet.
    Hildegard, von seinem Athem warm berhrt, wendete sich nach ihm hin, und wie
sie die Augen zu ihm erhob, wie ihre Blicke sich so nahe begegneten und trafen,
fuhr ihm ein elektrischer Strahl durch den ganzen Krper. Das Blut wallte, wie
nie zuvor im Leben, hei in ihm auf, stieg ihm in schnellem Fluge in die Wangen,
und er wute zuversichtlich, da es Hildegard gerade so empfinden msse, da
sie, obschon sie ihr Haupt gleich wieder auf ihre Arbeit niedersenkte, erglhe
und erbebe, wie er selbst. Er hatte Mhe, ihre rthlichen Locken, die ihr ber
den schlanken Rcken bis zum Grtel niederflossen und die er, ohne da sie es
bemerkte, mit vorsichtiger Hand berhren konnte, nicht an seine Lippen zu
drcken; er hielt sich jedoch zurck. Es war ihm so glcklich und so still ums
Herz, wie in einem der Trume, in denen wir Wunder erleben, ohne uns ber sie zu
wundern, in denen wir unser mrchenhaftes Glck ganz natrlich finden und in
denen eine dunkle Ahnung uns doch von jedem selbststndigen Wollen und Thun
zurckhlt, weil wir durch jedes Regen oder Handeln den wohlthtigen Zauber, der
uns umfngt, zu zerstren befrchten.
    Er hrte es, wie die Grfin der jngeren Tochter die Weisung gab, ihr das
Buch von ihrem Arbeitstische zu holen, er sah, wie das vierzehnjhrige rosige
Mdchen sich erhob, und er kannte das Buch in seinem Einbande von blablauem
Moire. Es waren Novalis' Gedichte, seine Hymnen an die Nacht. Des frh
verstorbenen Dichters Mutter, eine nahe Anverwandte der Grfin, hatte sie ihr
verehrt, sie gehrten zu den Lieblingspoesien des Hauses.
    Man war von jeher gewohnt gewesen, etwas zu lesen, wenn Renatus kam. Eine
Reihe von erhabenen Dichtwerken, von schnen Gedanken war auf diese Weise ihm
und Hildegard gemeinsam zu eigen geworden, und jetzt, da man das Bekannte
abermals mit einander durchging, um es der jngeren Schwester zugnglich zu
machen, geno man es auf's Neue mit steigender Erkenntni.
    Aber heute hatte Ccilie schon eine geraume Zeit gelesen, ohne da Renatus
mehr als den sanften Schall ihrer Stimme vernommen htte. Endlich trafen auch
die Worte sein Ohr: Du Nachtbegeistrung, Schlummer des Himmels kamst ber
mich! so las sie. Die Gegend hob sich sacht empor, ber der Gegend schwebte
mein entbundener, neugeborener Geist. Zur Staubwolke wurde der Hgel, durch die
Wolke sah ich die verklrten Zge der Geliebten. In ihren Augen ruhte die
Ewigkeit; ich fate ihre Hnde, und die Thrnen wurden ein funkelndes,
unzerreiliches Band. Jahrtausende zogen abwrts in die Ferne, wie Ungewitter.
An ihrem Halse weint' ich dem neuen Leben entzckende Thrnen. Es war der erste,
einzige Traum, und erst seitdem fhl' ich ewigen unwandelbaren Glauben an den
Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte!
    Renatus konnte die Flle seiner Empfindung nicht bemeistern. Er stand auf
und trat an das Fenster. Unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein
Licht, die Geliebte! wiederhallte es in seiner Seele.
    Der Mond schwamm wie ein goldener Kahn durch das helle Gewlk, der Jngling
meinte noch keine solche Nacht erlebt zu haben. Auch Hildegard hatte sich
erhoben und sich zu ihm gesellt. Sie fragte ihn, wonach er ausschaue. Aber statt
der Antwort legte er seine Hand auf die ihrige, die auf dem Fensterkissen ruhte.
So blieben sie stehen in stillem Glcke, bis Ccilie ihnen zurief, ob sie denn
nicht wiederkommen wrden, und die Grfin ihnen den Vorschlag machte, etwas zu
singen, wenn sie nicht mehr lesen mchten.
    Sie waren dazu bereit, denn ihre Stimmen paten wohl zusammen und waren mit
einander eingebt. Hildegard ffnete das Clavier, Renatus suchte das Notenheft
aus und whlte ein Matthisson'sches Lied. Die Grfin bernahm die Begleitung des
zweistimmigen Gesanges.
    Hildegard hub an:

Auf ewig dein! Wenn Berg und Meere trennen,
Wenn Strme dru'n,
Wenn Weste suseln oder Wsten brennen:
Auf ewig dein!

fiel die schne, krftige Stimme des Jnglings ein. -

Beim Kerzenglanz im stolzen Marmorsaale,
Beim Silberschein
Des Abendmonds im stillen Hirtenthale:
Auf ewig dein!
Senkt einst mein Genius die Fackel nieder,
Mich zu befrei'n,
Dann hallt's noch im gebrochnen Herzen wieder:
Auf ewig dein!

Sie hatten das Lied schon oft gesungen, und doch erschien es beiden heute so
neu, als htte der Augenblick es eben erst in ihnen selbst erzeugt; auch die
Grfin rhrte es mehr als sonst, und sie belobte die Beiden.
    Inzwischen war es spt geworden, und Renatus sagte, da er gehen msse.
Ccilie wollte ihn zu bleiben bewegen, aber er lie sich nicht zum lngeren
Verweilen bestimmen, und Hildegard nthigte ihn auch nicht dazu. Ihre Herzen
waren voll zum Ueberflieen.
    Als sie ihm das Geleite gab, kte er ihr die Hand. Er hatte sie sonst
oftmals umarmt, und sie hatte es ihm nie verwehrt. Heute htte er das nicht
vermocht; denn heute hatte er es empfunden: er liebte Hildegard!

                                Sechstes Capitel


Die Jahreszeit des Gartensaales war lange vorber, und selbst der Besuch des
Denkmals hatte seit Monaten aufgehrt. Der Nordwind schttelte die groen
Tannen, die das Monument umstanden, da der Schnee von ihren breiten Aesten in
schweren, verstiebenden Flocken herniederfiel, und es war noch nicht lange nach
vier Uhr, als Seba von dem Fenster ihres Wohnzimmers schon den Sonnenuntergang
ber ihren Lieblingsbumen am Parke des andern Ufers betrachten konnte, deren
kahle Kronen sich scharf und klar gegen das helle Gelbroth des kalten
Winterhimmels abzeichneten. Aber sie hatte heute keine rechte Ruhe. Sie stand
von Zeit zu Zeit von ihrem Sessel auf, sah zu, ob das Feuer in dem Ofen des
Nebenzimmers brenne, dann wieder trat sie, von dem fernen Rollen eines Wagens
gelockt, in der vorderen Stube an das Fenster, bis ihr Auge auf den Zeiger der
Uhr fiel und sie belehrte, da ihre ungeduldige Erwartung eine vorzeitige und
ihr Wnschen nicht im Stande sei, den Lauf der Stunden zu beflgeln.
    Davide sa schreibend an dem Tische, an welchem sich endlich auch Seba mit
einem Buche niederlie; inde sie merkte bald, da ihre Gedanken sich nicht
sammeln lassen wollten. Sie legte das Buch also wieder zur Seite und nahm eine
Nharbeit zur Hand. Aber selbst diese Beschftigung erwies sich heute zu ihrer
Beruhigung nicht wirksam, und die klaren, klugen Augen auf sie gerichtet,
blickte Davide die Tante, wie sie ihre Cousine bei dem zwischen ihnen
obwaltenden Altersunterschiede zu nennen gewohnt war, eine Weile mit sinnendem
Lcheln an. Als Seba das gewahrte, fragte sie, was Davide denke.
    Das junge Mdchen antwortete nicht gleich, sondern zeichnete spielend
allerlei Figuren auf ein Blatt Papier, das vor ihr lag, und erst als Seba ihre
Frage wiederholte, erwiederte sie zgernd und verlegen: Ich mchte nur wissen,
liebe Tante, ob Du auch so ungeduldig sein wrdest, wenn Du meine Ankunft zu
erwarten httest?
    Zweifelst Du daran?
    Davide legte die Feder nieder, sttzte den hbschen Kopf mit beiden Hnden
und sagte darauf: Ja, das thue ich!
    So mu ich Dir wiederholen, was ich Dir neulich schon bemerkte, da Du
Anlage zur Eifersucht hast und da Eifersucht die Schwester des Neides und eine
hliche Gewohnheit ist!
    Seba hatte das scherzend gesprochen, aber Davide nahm es nicht so auf. Sie
wurde vielmehr ganz ernsthaft und versicherte mit einer unverkennbaren
Selbstberwindung, da die Tante ihr Unrecht thue. Es ist nicht, meinte sie, da
ich Andern Deine Liebe nicht gnne, sondern nur, da ich gleich wie eine Fremde,
wie eine Ausgestoene bin, wenn Ihr beisammen seid. Du hast ja sonst keine
Geheimnisse mit andern Leuten! Du sprichst mit ihnen offen und unumwunden, auch
wenn ich dabei bin, fragst sie nach ihren Eltern und Geschwistern, und nur mit
ihm wird eine Ausnahme gemacht! Er ist wie ein Kind vom Hause, der Onkel und Du,
Ihr liebt ihn, als gehrte er zu Euch; Ihr nennt ihn Du, er nennt Dich eben so,
und er ist doch kein Verwandter von uns, sondern nur ein Fremder! Er geht mit
mir, gleich seit er zum ersten Male zu uns kam, wie ein lterer Bruder um, er
lobt mich und tadelt mich, als htte er ein Recht dazu - Du findest das auch
ganz in der Ordnung, und ich habe gewi nichts dagegen, denn er ist ja so klug
und so gut! Aber so oft ich, seit ich ber dergleichen Dinge nachdenke, ihn oder
Dich in den letzten Jahren gefragt habe, wo er denn eigentlich her ist, wer
seine Eltern sind, wie wir mit einander zusammen hangen, seid Ihr mir beide
ausgewichen!
    Keineswegs! Ich habe Dir vielmehr sehr bestimmt gesagt, erinnerte Seba, da
Du ihn an seine Kindheit nicht erinnern mgest, weil sie nicht glcklich gewesen
ist, und da Du ihn aus demselben Grunde nicht um seine Familienverhltnisse
befragen sollst. Er hat seine Mutter frh verloren.
    So ist es ja auch mir ergangen! wendete Davide mit jener dreisten
Beharrlichkeit ein, welche der Jugend niemals fehlt, wo sie durch Erforschung
eines ihr verborgen Gehaltenen ihren Willen durchzusetzen und sich das Recht
einer Mitwissenschaft zu erkaufen fr nthig hlt. Ich habe meine arme Mutter
auch frh verloren, aber ich habe es eben deshalb gern, wenn Du mir von ihr
erzhlst, oder wenn sonst Jemand, der sie gekannt hat, zu mir von ihr redet! Mit
Baron Renatus ist es eben so; nur mit diesem Herrn Tremann soll es anders sein,
nur mit ihm machst Du eine Ausnahme, und statt da ich mich freuen sollte, wenn
er kommt, denke ich also immer nur daran, da Ihr mich noch wie ein kleines Kind
behandelt und da ich nicht einmal wei, woher er stammt, den Du doch von allen
Menschen, den Vater ausgenommen, am liebsten hast!
    Der gereizte Ton in ihren Worten befremdete Seba. Es war das erste Mal, da
sie ihn an ihrer Pflegetochter zu beobachten hatte, und sie wute sich die
Quelle, aus welcher er entspringen konnte, nicht gleich zu erklren. Bloe
Neugier konnte es nicht sein, die wrde sich leichter und heiterer geuert
haben; an die Eifersucht, mit welcher sie Davide so eben geneckt hatte, glaubte
Seba eben so wenig ernsthaft; aber wie man an einem reinen Spiegel keine Trbung
dulden mag, lag es ihr daran, in des jungen Mdchens Seele keinen Zweifel und
kein Mitrauen aufkommen zu lassen, und sanft, wie es ihre Weise war, sagte sie:
Du bist nicht offen mit mir, Davide; Du sprichst dich in einen Zorn hinein, den
Du vernnftiger Weise gar nicht fhlen kannst, und zeigst mir ein Mitrauen, das
noch weit thrichter ist, als jener Zorn. Du machst mir den Vorwurf, Dir etwas
zu hinterhalten, was ich Dir mglicher Weise hinterhalten mu, weil ich nicht
Herr darber bin, whrend Du mir Deine wahre Meinung und die wahren Grnde der
Aufregung verbirgst, in der Du Dich befindest. So sollte es zwischen mir und Dir
nicht sein!
    Da sprang Davide pltzlich von ihrem Sessel auf, fiel vor Seba auf die
Kniee, und ihr Gesicht in ihrem Schooe verbergend, whrend sie den Leib der
Tante mit beiden Armen umschlang, fing sie zu weinen an.
    Was soll das, Kind, was soll das? rief Seba, whrend sie das junge Mdchen
zu sich empor zu ziehen versuchte. Aber dieses blieb in seiner gebckten
Stellung vor ihr liegen und sagte schluchzend: Vergib mir, vergib mir! Ich htte
Dir es ja lange sagen mssen, da ich Alles, Alles wei! Ach, Du ahnst es nicht,
wie unglcklich ich darber war! Ich ....
    Sie konnte vor Schluchzen nicht sprechen, ihr Zustand wurde fr Seba immer
rthselhafter, und im Innersten beunruhigt, fragte sie lebhaft: Worber bist Du
unglcklich, was fehlt Dir? Was hast Du, Kind?
    Ich konnte Dich eine Zeit lang gar nicht mehr lieben! Ich ... Sie warf sich
der Tante mit beiden Armen um den Hals, und ihr Gesicht an Seba's Busen lehnend,
sagte sie kaum hrbar: Ich verachtete Dich! -
    Seba zuckte erschreckend zusammen, das Wort versagte sich ihr. Du
verachtetest mich? fragte sie endlich langsam, als falle es ihr schwer, den
ganzen Vorgang zu verstehen.
    Weil Paul Dein Sohn ist! entgegnete Davide und sank, sich von der Brust der
Tante aufrichtend, auf einen der Sessel, nieder, die am Tische standen, ihr
Antlitz in ihren Hnden verbergend.
    Seba blieb ruhig stehen. Ein schwerer Schmerz ging durch ihre in Leid wie in
Geduld geprfte Seele und fand seinen Ausdruck in dem stillen Seufzer, der ber
ihre Lippen glitt. Sie begriff nicht, was ihre Pflegetochter eben zu dieser
Vermuthung gebracht, oder wer ihre Phantasie auf diesen Weg gewiesen haben
konnte. Aber es war ihr zu Muthe, wie dem Wanderer, dem sich an einem vllig
hellen Tage pltzlich die Sonne verhllt. Aus ferner Zeit stieg die Erinnerung
wie ein dunkles Gewlk unheimlich vor ihr auf und warf ihren dstern Schatten
ber die ruhige Sicherheit, in welcher sie sich seit Jahren bewegte. Es
frstelte sie, sie fhlte sich krank, sie htte weinen mgen; inde die Thrnen
sind wie falsche Freunde, sie versagen dem pltzlichen, dem berwltigenden
Schmerze ihre Hlfe und ihren Trost, und wie immer gewann die Liebe fr die
Andern in Seba's Brust den Sieg. Nicht an sich durfte sie denken, nicht an ihr
Empfinden. Sie hatte Davide zu beruhigen, sie hatte das Kind zu trsten, das in
ihr seine Mutter liebte, das irre geworden war an ihr - und wie durfte eine,
wenn auch noch so spte und unerwartete Folge ihres eigenen Thuns sie
berraschen und ihr als eine unverdiente Hrte erscheinen?
    Sie trat leise an Davide heran, legte ihre Hand auf des jungen Mdchens
Schulter und sagte: Beruhige Dich, mein Kind, denn Du irrtest! Paul ist nicht
mein Sohn! Aber wer brachte Dich auf die Vermuthung?
    Davide blickte die Tante mit einem Ausdrucke an, der die ganze Verwirrung
ihrer Empfindungen verrieth, und diese mute ihre Frage wiederholen, ehe sie
abgebrochen und leise die Worte hervorstie: Als ich noch ganz klein war, hat
meine Wrterin es einmal zu Deiner damaligen Jungfer gesagt!
    Was hat sie gesagt? Besinne Dich! forschte Seba ernsthaft, um nur die
Gedanken der Aufgeregten zu sammeln.
    Deine Jungfer wunderte sich, da Du Dich nicht verheirathet httest, und
....
    Und? wiederholte Seba, da Jene wieder in das Stocken gerieth.
    Und die Wrterin sagte, Du httest schlimme Erfahrungen gemacht, Du httest
einen vornehmen Herrn geliebt ....
    Sie hielt auf's Neue inne und fing wieder zu weinen an. Da nahm Seba ihre
Hand und sprach mit der ganzen Bestimmtheit, deren ihre ernste Seele fhig war:
Wenn Du den Muth hattest, mir in Deinem Herzen auf das unbestimmte Wort einer
Dienerin hin zu mitrauen und mich, wie Du sagtest, zu verachten, so wirst Du
Dich auch berwinden mssen, vor mir auszusprechen, was ich wissen will und mu!
Nimm Dich zusammen und antworte - was hast Du gehrt? Was glaubst Du von mir?
    Davide wurde bleich. Sie kannte diesen Ton in der Stimme ihrer Tante und war
gewhnt worden, ihm unbedingt zu gehorchen, denn Seba war der Ansicht, da
strenge Unterordnung unter einen fremden Willen das Kind am leichtesten zur
einstigen Selbstbeherrschung vorbereitet; da derjenige, welcher von je her
gewhnt wird, unbedingt zu gehorchen, sich auf einen augenblicklichen,
bestimmten Befehl schnell zu berwinden, spter auch dahin gelangt, sich selber
zu bemeistern, wenn es Noth thut - und sie konnte an ihrer Pflegetochter eben in
dieser Stunde die Richtigkeit ihrer Meinung erproben.
    Bewegt, aber dem befehlenden Anrufe nachgebend, sprach sie: Sie sagten, ein
vornehmer Herr htte Dich verfhrt und Dich verlassen, und als dann Paul mit
Einem Male hieher kam, als ich sah, wie Du ihn liebtest, da ....
    Nun? fragte Seba.
    Da dachte ich mir, er sei Dein Sohn!
    Es entstand eine kurze Pause, Seba verzog keine Miene. Davide hrte ihr
eigenes Herz klopfen. Es wre ihr eine Wohlthat gewesen, htte sie jetzt das
Rollen eines Wagens vernommen, wre Paul jetzt eingetreten. Es blieb aber Alles
still auf der Strae, in dem Hause, in der Stube, und wie schwere Schlge fielen
die Worte Seba's: Und nun hieltest Du Dich berechtigt, mich zu verachten? in des
jungen Mdchens Seele.
    Sie wollte sich abermals vor der Tante niederwerfen, diese hinderte sie
jedoch daran, und sich leise mit der Hand nach dem Herzen fahrend, sprach sie:
Man hat Dir die Wahrheit gesagt - ich habe einen vornehmen Mann geliebt und bin
von ihm verrathen worden!
    Ich bitte, ich beschwre Dich, sprich nicht weiter! rief Davide mit
flehender Geberde - vergib mir, o, vergib mir, da ich Dich daran mahnte, und
schweige!
    Seba beachtete ihre Bitte nicht. Da Du Dich zu meinem Anklger und Richter
aufgeworfen hast, sagte sie mit einer schmerzlichen Klte, so wirst Du mich auch
wohl hren mssen! Ich wei nicht, wie Deine Wrterin zur Kenntni jenes
unglcklichen Ereignisses gekommen sein kann; darauf kommt es auch nicht an. Das
Leben ist wie ein Strom, unsere Vergangenheit, unsere Thaten sinken in ihm
unter, da wir sie selbst dem eigenen Blicke fr immerdar entschwunden meinen,
und pltzlich bringt ein unvorhergesehenes Ereigni sie aus der Tiefe wieder vor
unserem Auge als ernste Mahnung an das Licht. - Sie hielt inne, seufzte und
sprach danach: La es Dir eine solche Mahnung sein, eine Mahnung, den grten
und reinsten Empfindungen Deines Herzens zu mitrauen, wo sie mit dem Gesetze
und der Sitte in Widerstreit gerathen; denn wie rein unser Selbstgefhl auch
sein mag, es schtzt uns nicht gegen die Schmerzen, die fremder Tadel uns
zufgt, und es bewahrt uns nicht davor - Du hast es eben selbst erlebt -, von
denen gelegentlich mikannt, ja, selbst verachtet zu werden, denen wir durch ein
ganzes Leben unsere Liebe zugewendet und deren achtendes Vertrauen wir gewonnen
und verdient zu haben glauben. Das ist fr mich eine bittere, fr Dich eine
heilsame Erfahrung!
    Die Stimme bebte ihr, sie stand auf und ging nach dem Nebenzimmer. Davide
wollte ihr folgen, inde sie gab ihr ein Zeichen, zurck zu bleiben, und noch
einmal lagerte sich die frhere bange Stille ber diese Rume. Daviden's Thrnen
waren versiegt. Es ging etwas in ihr vor, das sie sich nicht zu erklren wute,
und doch fhlte sie die Vernderung. Es dnkte sie, als sei sie lter geworden,
als sei ihr ein Amt zuertheilt, als habe sie eine Pflicht bernommen. Sie dachte
mit einer ganz neuen Empfindung, mit einer ihr bis dahin vllig fremden Art von
Liebe an die Tante. Sie sorgte sich um dieselbe, sie htte sie auf ihren Hnden
tragen mgen wie ein Kind, und doch zog es sie, ihr Abbitte zu leisten und ihre
Vergebung zu erhalten. Aber auch dabei blieben ihre Gedanken nicht haften, sie
nahmen eine Richtung, in welcher sie sich nie vorher bewegt hatten. Was ist die
Tugend, fragte sie sich, wenn die Tante, dieses reinste, dieses edelste der
Herzen, eine That begehen konnte, welche die Religion, das Gesetz und die Sitte
verdammen? Wie war es mglich, da ich jemals an ihr irre werden konnte, deren
selbstverlugnende Gte mir bestndig als ein unerreichbares Vorbild vor Augen
schwebte, und wo fand ich den Muth, die Hrte, die Undankbarkeit und die
Grausamkeit, vor ihr auszusprechen, was, wie ich sicher wute, sie nothwendig
verwunden, doppelt verwunden mute, da ich es war, die sich gegen sie erhob?
    Davide hatte sich bisher in unbefangenem Selbstvertrauen fr gut gehalten,
sich ohne Bedenken die besten Eigenschaften zuerkannt, weil die beln
Leidenschaften der menschlichen Natur in ihr noch nicht zur Anregung gekommen
waren, und erschreckt und gedemthigt stand sie in dem Augenblicke, in welchem
sie sich zum Anklger ihrer Pflegemutter, ihrer Seba machte, vor sich selber da.
Es war der erste Schritt, den sie auf dem schweren Pfade der Selbsterkenntni
machte, der erste Einblick in die Selbstsucht des menschlichen Herzens
berhaupt, das erste Mal, da in ihr die Ahnung auftauchte, wie leicht es sei,
nach berkommenen Gesetzen blindlings abzuurtheilen, wie schwer, die Umstnde
erwgend, das Wesen eines Menschen und seinen Lebensgang zu verstehen und selbst
in seinen Irrthmern zu begreifen.
    Sie verlangte nach der Wiederkehr der Tante und scheute sich doch, ihr unter
die Augen zu treten. So verging eine geraume Zeit, und sie ward der Einsamen
lang genug.
    Als Seba endlich wieder in das Zimmer trat, war jede Spur von Bewegung aus
ihren Mienen verschwunden. Sie gab Davide die Hand, schlo sie, da sie sich an
sie lehnte, um ihr Gesicht in den Armen der Tante zu verbergen, sanft an ihre
Brust und sagte: Sei weiser und werde glcklicher, als ich; das soll mein Trost,
das soll mein Lohn sein, Kind! - Und als die Erschtterte ihr mit neuen Thrnen
darauf Antwort geben wollte, hinderte Seba sie daran.
    Wir mssen gefat sein um des lieben Gastes willen, den wir erwarten. Nur so
viel fr diesen Augenblick, da dein Sinn nach Aufklrung verlangt: Paul ist
eines Edelmannes unrechtmiger Sohn, und seine Mutter gab sich in der
Verzweiflung ihres Herzens selbst den Tod. Ein Zusammentreffen von Umstnden
brachte ihn frh in meine Nhe, ein anderes Zusammenwirken von Ereignissen bewog
ihn, da er dem Knabenalter kaum entwachsen war, aus dem Hause zu entfliehen, in
welchem er erzogen wurde. Du hast bereits davon gehrt, Du sollst mehr davon
erfahren, fr heute la Dir dies gengen.

                               Siebentes Capitel


Der lang ersehnte Ton des Posthorns lie sich in dem Augenblicke vernehmen; er
klang nher und nher, das Rollen des Wagens, der Hufschlag der Pferde schallten
herauf. Seba richtete sich freudig empor.
    Komm', rief sie, Davide bei der Hand ergreifend, komm', wir wollen ihm
entgegen gehen!
    Das junge Mdchen blieb zgernd stehen. Ich kann nicht! sagte es beklommen,
und als Seba es mit sanft ermuthigendem Zuspruch mit sich fortzuziehen strebte,
machte Davide ihre Hand mit dem klagenden Ausrufe: Ach, ich verdiene es nicht!
von Seba los und wollte sich eben durch das Seitenzimmer entfernen, als die
Thre des Wohnzimmers schnell geffnet ward und, die Wildschur und die
pelzverbrmte Mtze von sich werfend, ein groer, schner Mann in das Zimmer
eintrat.
    Da bin ich wieder einmal, meine liebe Seba! rief er, indem er sie umfate
und sie, whrend er sie kte, mit den krftigen Armen ein wenig in die Hhe
hob, da sie sich pltzlich befreiten Herzens in lachender Abwehr dagegen
strubte. Da bin ich wieder einmal und herzlich froh, bei Euch zu sein, denn ich
versichere Euch, da in dieser Klte der Reisewagen und die russischen
Schneefelder lange nicht so behaglich sind, als dieses Zimmer hier. Aber ich
sehe den Vater nicht, er ist doch nicht krank? - Und sich umschauend, fgte er
hinzu, indem er Daviden die Hand reichte und auch sie flchtig umarmte: Wie Du
in den drei Monaten wieder gewachsen bist, Davide! Du kannst Dir etwas darauf
einbilden, Du wirst unserer Seba immer hnlicher.
    Der Ton seiner Stimme hatte jenen frischen Klang, den man nur aus der Brust
eines vllig gesunden Mannes ertnen hrt und der an und fr sich erfreulich und
belebend wirkt; aber auch die ganze brige Erscheinung war ein strahlendes Bild
jugendlicher Mnnlichkeit, und es dnkte dem liebevollen Herzen Seba's, als sei
mit seinem bloen Eintreten Licht und Wrme, als sei Frhling und Sonnenschein
in dem Zimmer angebrochen und ber sie gekommen. Er war, wie seine frheste
Kindheit es hatte voraussehen lassen, das vollstndige Ebenbild seines Vaters
geworden. Es war dieselbe groe, gebieterische Gestalt, es war die breite Brust
des Freiherrn. Wie dieser trug er den krftigen Nacken hoch und stolz, und jeden
Zug seines Antlitzes, ja, sogar jene anscheinend zuflligen Mienen, jene
kleinen, pltzlichen Geberden, die man gemeinhin als durch die Nachahmung im
tglichen Beisammensein sich vom Vater auf den Sohn forterbende
Eigenthmlichkeiten zu bezeichnen liebt, hatte Paul mit dem Freiherrn wie eine
Stammeseigenschaft gemein, nur da alle seine Bewegungen freier, schneller,
leichter waren, als der Freiherr sie bei seinem frhen Bestreben nach
wrdevoller Gemessenheit in sich auszubilden im Stande gewesen war.
    Seba selber geleitete den lieben Gast in das fr ihn bereitete Zimmer; sie
lie es sich nicht nehmen, ihm selbst das Licht vorzutragen, whrend der Diener
sich seines Pelzes und seines brigen Gepckes bemchtigte, und abermals schlang
Paul voll Zrtlichkeit, whrend sie neben einander hergingen, seinen Arm um sie
und bedeckte ihre Hand mit seinen Kssen. Man konnte es ihnen ansehen, wie sehr
sie an einander hingen.
    Eine Stunde spter sa Paul in dem Cabinette, welches an das Comptoir des
Hauses anstie, mit Herrn Flies und Seba in ernstem Gesprche beisammen. Es war
Posttag und in dem Comptoir arbeiteten die Gehlfen noch still und schweigend an
ihren Pulten, obschon es spter als gewhnlich war. Die Reitpost, welche zweimal
in der Woche den Briefverkehr nach Osten besorgte, ging frh am anderen Morgen
ab, und den groen Handlungshusern, die in dem Postbureau ihre laufenden
Rechnungen hatten, war es vergnnt, ihre Briefe noch ber die allgemeine
Schlustunde der Briefannahme zur Befrderung auf die Post zu senden.
    Paul hatte ein Notizbuch in der Hand, ein Copieheft und eine Anzahl Briefe
lagen neben ihm. Er wnschte Herrn Flies Auskunft ber die Erfolge einer
gemachten Geschftsreise zu geben, sofern dieselben nicht aus seinen frheren
Briefen ersichtlich waren, und Seba hrte schweigend zu, obschon sie einsichtig
und unterrichtet genug war, um an dieser Unterhaltung einen lebhaften Antheil zu
nehmen, auch wenn es nicht ihr Vater und Paul gewesen wren, welche sie fhrten.
Es freute sie eben so die scharfe Klarheit, mit der ihr Vater alle seine Fragen
stellte, als die sichere Bestimmtheit, mit welcher Paul sie beantwortete; denn
Sachkundige sich auf einem Gebiete bewegen zu sehen, das sie voll und ganz
beherrschen, gewhrt an und fr sich immer eine Genugthuung, weil es uns,
gleichviel von welcher Seite, einen Einblick in das groe, aus den
verschiedensten Bestandtheilen sich zusammensetzende Getriebe des jedesmaligen
Culturzustandes vergnnt, whrend es uns zugleich - und dieses Letztere geno
Seba in dem Falle mit besonderer Befriedigung - Achtung vor dem menschlichen
Wollen und Vollbringen einflt.
    Herr Flies schien wohl zufrieden zu sein mit allem, was der junge Mann
berichtete. Paul mute danach Auskunft ber seine Erlebnisse whrend dieser
Abwesenheit geben, und als man endlich von dem Besonderen und Persnlichen zu
dem Allgemeinen berging, als man des furchtbaren Druckes gedachte, den die
Napoleonische Herrschaft auf ganz Europa ausbte, fragte Seba, wie Paul die
Stimmung gegen Napoleon in Ruland gefunden habe.
    Paul sah sich vorsichtig um, machte die Thre, welche nach dem Nebenzimmer
fhrte, noch besonders zu und sagte darauf: Wie wir es nur wnschen knnen! Der
Ha gegen ihn ist dort vollkommen so stark und so feurig, als hier bei uns, und
es sind dort Mnner, welche die Gluth zu erhalten und zu schren wissen. Ich
habe Briefe des Freiherrn vom Stein an den Staatskanzler mitgebracht.
    Du? Und wie kamst Du zu solchen Briefen? fragte Herr Flies.
    Paul nannte den Namen eines groen englischen Banquiers, in dessen Hause er
den Freiherrn gesehen hatte und ihm vorgestellt worden war. Der Freiherr, sagte
er, hat von mir, da ich gerades Weges von Deutschland kam, Auskunft mancher Art
verlangt, die ich ihm geben konnte; und als er hrte, da ich mich von
Petersburg eben so geraden Weges hierher begeben wrde, hat er mich gefragt, ob
ich mich entschlieen knne, Briefe von ihm nach Deutschland mitzunehmen.
    Und Du? fragte Seba ngstlich, da ein solcher Dienst fr jenen Gechteten
gefhrlich genug war.
    Nun, ich habe mich natrlich nicht besonnen, entgegnete Paul; ich war
glcklich genug, den Mann zu sehen, stolz darauf, etwas fr ihn leisten zu
knnen, und noch heute will ich die Papiere in die Hnde des Staatskanzlers
berliefern.
    Er nahm, whrend er das sagte, die Pelzmtze, die er auf der Reise getragen,
von dem Seitentische, auf dem er sie liegen hatte, zog ein kleines Messer hervor
und fing an, den breiten Zobelbesatz, der sie umgab, mit schneller Hand herunter
zu trennen und die Briefe, welche unter demselben verborgen gewesen waren,
sorgfltig zu gltten.
    Welch ein Zustand, rief Seba, in dem die Bewohner eines ganzen Welttheiles
unter der Tyrannei eines Einzigen ihres Lebens nicht mehr sicher sind; in dem
jede persnliche Freiheit wie die allgemeine Freiheit gleichmig bedroht, in
dem jede selbstbestimmte That gefhrlich wird! -
    Bis, fiel Paul ihr in das Wort, und seine groen Augen funkelten in schnem
Feuer, bis alle die Einzelnen sich zu einer groen, selbstbestimmten That
vereinen, und dieser ersehnte Augenblick wird nicht lange auf sich warten
lassen! - Er hatte das mit mehr Lebhaftigkeit gesprochen, als er bisher gezeigt,
aber seine Stimme zu leiser, vertraulicher Mittheilung senkend, fuhr er fort:
Man erwartet in Ruland den von Napoleon beabsichtigten Angriff mit eiserner,
gewaltiger Entschlossenheit, und wrde selbst der Kaiser Alexander schwankend,
so ist er von Mnnern umgeben, die ihn um jeden Preis festzuhalten wissen
werden. Aber mehr noch als der theoretische Ha gegen die Tyrannei wird die
Nothwendigkeit die Vlker zwingen, sich gegen dieselbe zu erheben. Wenn man
einem Menschen die Lebensadern unterbindet, mu er die Bande sprengen, sofern er
nicht ersticken will. Fr unsere ideale Ueberzeugung ist unser Vortheil der
strkste Bundesgenosse: der Handel kann die Continentalsperre nicht lnger
ertragen, das Gewerbe liegt berall darnieder, das Land, durch welches ich
gekommen bin, ist, soweit der Krieg es getroffen, furchtbar mitgenommen, und
Niemand kann wagen, neue Capitalien, neue Arbeit an seine Herstellung zu wenden,
da neuer Krieg am Horizonte dieses Jahres steht. Und eben dehalb, lieber Vater,
habe ich ein Ansuchen an Sie!
    Es lag in dem Tone, mit welchem er diese letzten Worte sprach, eine gewisse
Bewegung, welche Seba sich nicht gleich zu deuten wute, aber Paul lie ihr
nicht Zeit, darber lange nachzusinnen.
    Als ich vor drei Jahren nach Europa zurckkam, boten Sie, lieber Vater, mir
gromthig an, mich als Theilnehmer in Ihr Haus aufzunehmen.
    Und Du lehntest es ab! bemerkte Herr Flies, ihm in die Rede fallend.
    Ich lehnte es ab, entgegnete Paul, weil Sie meiner in keiner Weise nthig
hatten und weil ich zu erproben wnschte, was ich selber fr mich thun knnte. -
Er hielt ein wenig inne und sagte dann mit einer Bescheidenheit, die seiner
stolzen Gestalt sehr wohl anstand: Die Umstnde, Sie wissen es, sind mir gnstig
gewesen. Ich habe mir mit den Mitteln, die ich herber gebracht, in Hamburg ein
eigenes Geschft, ein eigenes Haus und ein gewisses Vermgen geschaffen. Wollen
Sie mir jetzt noch die Mglichkeit gewhren, mich mit diesem Capitale in Ihrem
Hause arbeiten zu lassen, so wrden Sie mir eine groe Gunst erzeigen.
    Herr Flies zgerte, zu antworten, aber sein Blick ruhte mit wohlwollendem
Nachdenken auf dem jungen Manne.
    Du wolltest nicht mit leeren Hnden kommen, sagte er.
    Mibilligen Sie das? entgegnete der junge Mann.
    Nein, mein Sohn, ich lobe es vielmehr. Jedermann soll und mu erproben, was
er sich selber werth ist; aber Du hattest dies bereits gethan, als Du nach
Europa wiederkehrtest, und ich kann nicht absehen, was Dich in diesem
Augenblicke dazu bestimmt, Deine Geschfte, die sich sehr gut angelassen haben,
aufzulsen, um mit mir zu arbeiten, denn was das Brauchen und Nthighaben
anbetrifft, walten heute genau dieselben Verhltnisse wie vor drei Jahren ob.
Ich bin, dem Himmel sei Dank dafr, noch rstig, und Du kannst immerhin, da Du
einmal auf eigenen Fen zu stehen gewohnt bist, noch eine Weile fr Dich allein
fortarbeiten. Ich werde Dich rufen, wenn ich Deiner zu bedrfen glaube.
    Sie halten mich fr selbstloser als ich bin, meinte Paul. Ich bitte um
meiner eigenen Sicherheit, um meines Vortheiles willen, jetzt als schweigender
Partner bei Ihnen eintreten zu drfen. Meine Vorrthe sind, Dank der
unheilvollen Handelspolitik Napoleon's, ber all' mein Erwarten vortheilhaft
verwerthet. Die Reise, welche ich eben beendet, hat mir vollauf bewiesen, da
auf dem Landwege kein Ersatz fr die gehemmte Einfuhr zur See zu hoffen ist, von
dem man sich wesentliche Erfolge versprechen darf, und die Truppenmrsche, die
seit Monaten aus dem fernsten Sden und Westen sich langsam gegen Osten bewegen,
schneiden vorlufig die letzte Aussicht auf andere als auf solche Unternehmungen
ab, welche die Versorgung der Armeen oder den Handel mit der Waare, die jetzt
die begehrteste ist, den Handel mit dem Gelde selbst, zur Grundlage haben.
    Lieferungen fr die Franzosen kannst Du nicht unternehmen! fiel Seba ihm in
die Rede.
    Gewi nicht! betheuerte Paul; aber gerade darum mchte ich meine Capitalien
frei zur Hand haben, denn die Rstungen von dieser Seite werden Rstungen von
der anderen hervorrufen, und mehr als das! Es kommt doch hoffentlich der Tag, an
welchem wir selber einzustehen haben werden fr unser Recht. Ist dann mein
Vermgen in Ihren Hnden, theuerster Vater, so wird es sicher auf die beste
Weise benutzt und angewendet - und ich bin frei!
    Seba reichte ihm ihre Hand, er ergriff sie und kte sie herzlich. Herr
Flies war aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder. Er war gewohnt, sich
die Dinge von allen Seiten zu betrachten, ehe er seine Meinung aussprach.
Whrend dessen brachte einer der Handlungsgehlfen ihm die Briefe, welche an dem
Abende noch abgehen sollten, zur Unterschrift. Er sah sie mit schnellem Blicke
durch, unterzeichnete sie, und sich an Paul wendend, nachdem der Gehlfe das
Cabinet verlassen hatte, sprach er, an das Unterzeichnen der Briefe denkend: Das
wirst Du mir also einmal in Zukunft abnehmen und ich werde auch an den Posttagen
mein Whist haben knnen. Die politischen Ereignisse, fr welche Du Deine
Freiheit sicher zu stellen wnschest, scheinen mir unwahrscheinlich oder
mindestens so sehr in weitem Felde, da man darauf hin noch keine Plane zu
machen braucht; denn wer seine Herrschaft auf so ungeheuren Grundlagen baute,
wie Napoleon Bonaparte, den entwurzelt man nicht wieder! fgte er mit jener
Bewunderung des Erfolges hinzu, die man bei Kaufleuten hufig antrifft, weil sie
leicht dazu verfhrt werden, ihre eigene persnliche Bedeutung an ihren Erfolgen
abzumessen.
    Er machte darauf eine kleine Pause und sagte danach: Im Uebrigen aber,
abgesehen von allen Deinen politischen Erwartungen und patriotischen Hoffnungen,
gefllt mir Dein Vorschlag. Thue immer die nthigen Schritte zu seiner
Ausfhrung. Wir sprechen mehr davon. Jetzt sieh' zu, da Du Dich Deiner
mitgebrachten Briefe bald entledigst. Es ist spt, der Weg bis zum Palais des
Staatskanzlers ist weit, und ich mchte Dich bei Tische haben.
    Paul sah nach der Uhr und entfernte sich mit der Zusage, so bald als mglich
wieder zurck zu sein. Herr Flies blickte ihm durch die Glasthre nach, wie er
leichten Schrittes durch das Comptoir hinging.
    Wie schn er geworden ist! sagte Seba mit einer wahrhaft mtterlichen
Zrtlichkeit.
    Ja, er ist ein ordentlicher Mensch! bekrftigte der Vater.

                                 Achtes Capitel


Es war nahezu Mitternacht, Herr Flies hatte sich zurckgezogen, auch Davide, die
sonst gern mit Seba wach blieb, war zur Ruhe gegangen, und diese sa nur noch
mit Paul in einsamem Gesprche beisammen.
    Sie wollte wissen, wie er den Vater aussehend fnde, denn Herr Flies war
allgemach in die Jahre gekommen, in denen die sorgsame Liebe ngstlich auf jedes
Zeichen von Schwche oder von der nothwendig beginnenden Abnahme der Krfte
achtet, weil man auf deren Neubelebung nicht mehr zu rechnen hat; aber Paul
versicherte ihr, da er keinen Wechsel weder in ihres Vaters krperlicher
Rstigkeit noch in seiner geistigen Frische und Festigkeit bemerke, und er
erinnerte sie daran, da Herr Flies whrend des Abendessens von weitgreifenden
kaufmnnischen Planen gesprochen habe, was man im Greisenalter immer als das
beste Zeichen einer gesunden Kraft betrachten msse, weil ein hinflliger Mann,
im Gefhle seiner Ohnmacht, sich nicht leicht zu solchen Gedanken verleitet
fhle. Dagegen meinte er, da mit Davide eine groe Wandlung vorgegangen sei.
    Als ich vor vier Monaten hier war, sagte er, dnkte sie mir noch vllig ein
Kind zu sein. Ihre unruhige Neugier, ihre oft unbegreifliche Verlegenheit und
daneben das oft eben so unbegreifliche Zutrauen, mit dem sie Fragen thun und
Errterungen veranlassen konnte, die sonst Niemand herbeigefhrt haben wrde,
hatten noch etwas vllig Kindisches. Sie hatte fr mich nur Bedeutung, weil Du
sie liebst, weil sie zu Deinem Lebensglcke gehrt; ich fr mein Theil htte sie
Tage lang um mich haben knnen, ohne da es mich gefreut oder gestrt htte.
Heute finde ich pltzlich, da sie anziehend geworden ist. Ihr Blick ist
sttiger, ihre Stimme weicher, und das knabenhaft Herbe, das mir an ihr mifiel,
scheint sich auch verloren zu haben. Sie hat etwas Demthiges bekommen, etwas
Mdchenhaftes, das ihr sehr wohl ansteht.
    Seba nickte zustimmend. Du irrst Dich nicht, entgegnete sie, aber diese
Wandlung ist der neuesten eine. Sie hat sich heute, eben in diesen Stunden erst
vollzogen, und Du hast mehr Antheil daran, als Du es weit. Was Du fr
mdchenhafte Demuth hltst, ist ein Schuldbewutsein, eine Art von Reue, und
diese wird vielleicht dazu dienen, die herbe Sprdigkeit in Davidens Wesen, die
an und fr sich mir immer als ein Zeichen innerer Gesundheit an ihr erschienen
ist, zu brechen.
    Wie soll ich das verstehen? fragte Paul.
    Seba setzte ihm danach auseinander, was vorgegangen war; er hrte ihr
achtsam zu und meinte, das junge Mdchen sei in seinem Rechte gewesen, als es
Aufklrung ber die Verhltnisse gefordert, die ihm auffallend und
unverstndlich gewesen wren. Es knne sich kein denkendes Wesen zwischen
Rthseln wohl befinden, und es gefalle ihm von Daviden, da sie den Muth
gefunden habe, Aufklrung zu fordern.
    Seba fragte ihn, was sie ihr ber seine Jugend und Vergangenheit sagen
solle. Er besann sich eine kleine Weile und meinte sodann, da es nicht nthig
sei, ihr den Namen seines Vaters zu nennen.
    Seba bemerkte, sie sei dazu ohnehin nicht geneigt gewesen, da Renatus jetzt,
wie er wisse, fter in ihrem Hause sei, und sie knpfte daran das Bedenken, ob
es Paul nicht unerwnscht sein wrde, den jungen Freiherrn gelegentlich bei ihr
zu treffen.
    Mir? fragte der Erstere, indem er sie mit einer gewissen Befremdung ansah.
Ich wte nicht, da ich die Begegnung mit irgend Jemandem, am wenigsten eine
solche mit diesem jungen Manne zu scheuen htte; und auch ihm, obschon ich nicht
die mindeste Ursache habe, auf seine Empfindungen Rcksicht zu nehmen, wird es,
wie ich mir denke, sehr gleichgltig sein, mit mir zusammen zu kommen. Ich und
er haben nichts mit einander gemein, am wenigsten aber wahrscheinlich in unseren
Anschauungen, und wer wei es, ob er mich berhaupt erkennt oder in wie weit
seine Erinnerungen an seine Kindheit und an den Tag, an welchem wir uns gesehen
haben, in ihm lebendig geblieben sind?
    Es war darber spt geworden, und die Ermdung fing an, sich dem jungen
Manne fhlbar zu machen, da er seit mehreren Nchten in kein Bett gekommen war.
Er kte Seba's Hand, als er ihr eine Gute Nacht wnschte; sie umarmte ihn wie
einen Sohn. Die Aussicht, da sie knftig an demselben Orte, in demselben Hause
leben wrden, hatte fr Beide einen groen Reiz, und Paul gefiel sich darin, es
der lteren Freundin auszumalen, wie er sie hegen und pflegen wolle und wie gut
er es neben ihr haben wrde. Sie hrte ihm mit stillem, glcklichem Lcheln zu,
aber ihr Haupt sorgenvoll wiegend, meinte sie: Was aber liegt noch alles
zwischen dieser Stunde und der freudevollen Ruhe, die Du mir versprichst? Es
mssen noch Wunder geschehen, ehe wir sie genieen knnen!
    Wunder? Was sind Wunder? rief Paul mit Heiterkeit. Alles ist ein Wunder und
nichts ist ein Wunder! Ist's denn nicht auch ein Wunder, da ich jetzt hier in
Deiner Nhe bin - da ich armer Junge mich auf dem besten Wege befinde, ein
reicher Mann zu werden - da der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
vielleicht noch einmal zum Eckstein wird?
    Die alte Wunde in Dir ist nicht vernarbt! bemerkte Seba warnend.
    Vernarbt bis auf die letzte Spur, versicherte der junge Mann, und sie
schmerzt bei keinem Wetterwechsel! Bringt mich der Zufall einmal dazu, die
Stelle zu betrachten, an der sie sitzt, so sehe ich die Narbe nur, um mich
darber zu freuen, da ich stark und gesund genug zu solcher Heilung war, da
ich Niemandem dafr zu danken habe, und da die Einzigen, gegen die ich ein
Unrecht begangen, eben Du und Dein Vater sind, die es mir so schn verziehen
haben! Gute Nacht, Du Liebe! rief er ihr noch einmal zu, und da sie ein Gefallen
daran hatte, sich seinem Rathe unterzuordnen, fragte sie ihn noch einmal, was
sie mit Davide machen solle.
    Gieb ihr die rothe Brieftasche, meinte er, im Grunde hat es auch Nichts auf
sich, wenn sie die ganze Wahrheit wei, wenn sie den Namen meines Vaters ahnt.
Mich dnkt, sie kann den ganzen Inhalt lesen, und geringfgig, wie er ist, wird
er ausreichen, sie zwischen uns wieder festzusetzen. Denn fest sitzen und fest
stehen, wo man sich befindet, das ist die Hauptsache, wenn man in sich zu etwas
kommen soll!

                                Neuntes Capitel


Am andern Morgen arbeiteten Herr Flies und Paul schon zeitig mit einander. Seba
fuhr frher aus, als sie pflegte, ohne zu sagen, wohin sie sich begebe, und
Davide sa einsam in dem kleinen Stbchen, das man ihr seit ihrem letzten
Geburtstage zu alleiniger Benutzung eingerumt hatte. Sie hielt eine alte, groe
Brieftasche, deren fahl gewordenes rothes Leder, deren plumpe Form es deutlich
zeigten, da sie geringen Leuten angehrt haben mute und von diesen viel
gebraucht worden war, in ihren Hnden. Inde das junge Mdchen blickte darauf
wie auf ein Heiligthum hin, und scheu und ehrfurchtsvoll, wie man an ein solches
herangeht, ffnete sie dieses alte, ihr anvertraute Familienstck.
    Es lagen nur vergilbte Briefe und Documente in der Brieftasche. Der
Taufschein eines Hans Christian Mannert, der vor sechsundsiebenzig Jahren
geboren worden, der Taufschein einer Louise Maria Wendinn, die um acht Jahre
jnger war, und der Trauschein dieser beiden. Dann fand sich ein Taufschein der
Pauline Louise Mannert, des Jgers Mannert Tochter, unter deren Taufzeugen sich
die gndige und hochgeborene Frau Baronin Pauline Amanda von Arten-Richten
aufgefhrt fand, und endlich das Taufzeugni eines Paul Franz Mannert, der
Pauline Mannert unehelich geborenen Sohnes, die alle sammt und sonders in der
Kirche zu Neudorf die Taufe empfangen hatten. Daran reihte sich ein Attest,
welches die Aufnahme des neunjhrigen Paul Mannert in das Gymnasium
bescheinigte, eine Anzahl von Schulzeugnissen schlo sich diesem an. Das letzte
von diesen war in dem vierzehnten Jahre des Schlers ausgestellt und ein
Zeitraum von mehr als fnf Jahren trennte es von dem ersten der in der Mappe
vorhandenen Briefe, der nur aus wenig Linien bestand.
    Er war mit einer festen kaufmnnischen Hand geschrieben, an Mademoiselle
Seba Flies nach deren Vaterstadt adressirt und enthielt nichts, als die folgende
Anfrage: Dein frherer Schtzling, liebe Seba, den das Andenken an Deine Gte
fr ihn nie verlassen hat, mchte Dir Kunde von sich geben, wenn Du ihm seine
Flucht verzeihen und von ihm hren willst. Es geht ihm sehr wohl, und er hat
nichts zu bereuen und zu bedauern, als da seine Entfernung aus dem Vaterlande,
das ihm keine Heimath ist, ihn auch aus Deiner Nhe entfernte. Denkst Du seiner
noch, willst Du von ihm hren und ihn sehr erfreuen, so schreibe ihm und sage
ihm, wie es Dir, wie es Deinem guten Vater, Deiner Mutter und dem Herrn
Kriegsrath geht. Unter dem Namen Paul Tremann treffen ihn alle Briefe, die an
das Handlungshaus von Samuell Willway Gebrder, New-York, gerichtet werden.
    Ein zweiter, offenbar als Entgegnung auf Seba's Antwort geschriebener Brief
schilderte Paul's Erlebnisse seit seiner Flucht.
    Ich wei es Dir nicht auszusprechen, hie es in demselben, meine theure,
geliebte Seba, wie mir zu Muthe war, als ich vor zwei Tagen Deinen Brief in
meinen Hnden hielt! Ein ganz neues Gefhl ist ber mich gekommen, ich habe
Heimweh empfunden, Heimweh nach Dir, die Du das Einzige bist, was mich an Europa
und an meine sogenannte Heimath fesselt! Der Gedanke, da Du gestorben sein
knntest, da ich Dich nicht wiedersehen wrde, hat mich oft geqult, und ich
kann daran ermessen, wie schwer der Tod Deiner Mutter auf Dich und auf Deinen
Vater eingewirkt haben mu! Ich mchte da gewesen sein, Dich zu trsten, ich
mchte berhaupt bei Dir sein knnen, um Dir Freude zu machen, Dir eine Sttze
zu werden, wenn einmal auch Dein Vater hingehen wird - und whrend ich das
schreibe, sage ich mir, es werde Dich dies anmalich und befremdlich dnken, da
ich in Deiner Erinnerung nur als ein Knabe lebe, der sich selber nicht zu helfen
wute, bis eine gewaltsame Empfindung ihn zu einem gewaltsamen Entschlusse
brachte.
    Da Du mich nicht vergessen hast, wirst Du Dich auch erinnern, wie der
Gedanke, meinen Vater in meiner Nhe zu wissen, mich bewegte. Ich hatte im
Herzen ein Bild von ihm bewahrt, ich dachte an ihn wie an den schnsten Mann,
ich wute, da er mich geliebt, da ich auf seinen Knieen gesessen, da er mich
gekt hatte, da er mir freundlich gewesen war.
    Im tglichen Leben fiel mir das nur selten ein, aber seit ich lter geworden
war, trumte ich bisweilen davon, und ich hegte damals noch die Zuversicht, da
meine Trume sich doch einmal verwirklichen mten. Es war meine Mrchenwelt,
und mein Vater war es, der sie beherrschte.
    Als ich dann pltzlich erfuhr, da mein Vater in der Stadt sei, lie es mir
keine Ruhe. Ich hatte ein Verlangen, zu ihm zu gehen, bei ihm zu sein, aber die
Furcht, nicht wohl empfangen oder gar abgewiesen zu werden, hielt mich von der
Ausfhrung meiner Wnsche zurck, und in mein Planen und einsames Sinnen fiel,
wie ein vernichtender Wetterstrahl, die eilige und harte Erklrung der
Kriegsrthin, da mein Vater sich meines Daseins schme, da meine Geburt mich
mit unauslschlicher Schande brandmarke, da ich es als ein Glck und eine Gnade
anzusehen htte, wenn eine andere Familie, wenn sie und der Kriegsrath sich
entschlssen, mit ihrem Namen die Schande meiner Abkunft gromthig zu
verdecken.
    Ich mte viel Zeit darauf verwenden, wollte ich Dir deutlich machen, was in
der Einen Nacht in meinem Innern vorging und was ich in mir erlebte, als am
nchsten Tage mein Vater, den ich mit klopfendem Herzen wiedersah und der mich
auch erkannte, sein Auge von mir wendete, da ich ihm im Laden gegenber stand.
    Ich konnte nicht bleiben! Wie sollte ich, so rief es immerfort in mir, einem
andern Menschen frei unter das Auge treten, da meines Vaters Auge sich von mir
abgewendet hatte? Ich frchtete, ich scheute mich vor Jedem, der mich kannte,
die Scham trieb mich von dannen.
    Ich lief nach dem Hafen hinaus. Ich war stets gern im Hafen gewesen, das
Kommen und Gehen der Schiffe, die Namen der Orte, von denen sie kamen, hatten
mich oft beschftigt, meine Gedanken oft in die weite Ferne gelockt; aber als
ich an dem Bollwerke des Ufers auf und nieder ging, ohne zu wissen, wohin ich
mich wenden sollte, gewann das Wasser selbst eine Gewalt ber mich. Es zog mich
an. Ich dachte, so msse es meiner Mutter auch gewesen sein und ich msse es
machen wie sie, als auch ihr das Leben und die Schande zu viel und zu schwer
geworden waren. Ich stellte mir mit Vergngen vor, wie die Kriegsrthin, die mir
so weh gethan hatte, erschrecken wrde, wenn man ihr meine Leiche brchte; ich
hoffte, auch meinem Vater werde es Kummer machen und Reue einflen, und so voll
Bitterkeit und Ha war meine Seele, da ich Deiner kaum dabei gedachte. Ich
wollte mir das Leben nehmen, um der Schande los zu werden und mich an denen zu
rchen, die mir alle diese Qual bereitet hatten.
    So ging ich immer weiter, bis ich zur Stadt hinaus und an den letzten
Ladeplatz des Auenhafens gelangt war, an welchem die Schiffe den Ballast
einzunehmen pflegen. Ich hatte dort oft gespielt. Den Tag ber trieb ich mich in
den Dnenhgeln umher. Ich wollte fr meine That den Abend abwarten, wenn es
einsam und still am Strande geworden sein wrde und Niemand mir zu Hlfe kommen
knnte; aber als der Abend kam, als das helle Blau des Wassers dunkel zu werden
begann, als die Nacht sich darber ausbreitete, graute mir vor dem Wasser und
vor dem Tode. Ich war sehr mde, das machte mich zu meinem Glcke verzagt; inde
nicht umzukehren blieb ich doch entschlossen, und ich war jetzt auch auf einen
andern Ausweg verfallen.
    An der Landungsbrcke lag eine amerikanische Brigg. Ich hatte gesehen, da
sie zum Auslaufen bereit war, hatte die Arbeiter sagen hren, da sie am
nchsten Morgen absegeln wrde. Darauf grndete ich meinen Plan und meine
Hoffnung. Beim Tagesgrauen brachte ein Bursche noch einen Korb voll frischen
Brodes nach dem Schiffe. Er hatte offenbar noch andere Schiffe zu versorgen,
denn er war sehr beladen, lie mir einige Brdchen ab und war es gern zufrieden,
da ich ihm bei dem Tragen half. So kam ich auf das Deck, als man schon die
Anker lichtete, und in der Eile und der Hast der Arbeit ward man es nicht
gewahr, da ich nicht, wie jener Bursche, das Schiff verlie, sondern mich die
Treppe hinabstahl und in einem der untersten Rume eine Zuflucht suchte.
    Nie wieder habe ich ein solches Gefhl von Zufriedenheit, von Glck und von
Freiheit gehabt, als in dem Augenblicke, da die Anker vllig aufgewunden, das
Boot, das uns hinaus bugsiren sollte, niedergelassen worden war, und als dann
endlich der frische Wind, der in unsere Segel blies, uns vorwrts trieb. Ich
hatte Mhe, unten in der Finsterni des Raumes auszuhalten. Ich wnschte es zu
sehen, wie wir die Stadt verlieen, mich zu berzeugen, da wir sie nicht mehr
sehen konnten; aber die Besorgni, da man mich zurckschicken knne, wenn wir
einem einlaufenden Schiffe begegneten, hielt mich in meinem Versteck gefangen,
bis spt am Tage der immer lebhafter werdende Durst und das neugierige Verlangen
nach der Entscheidung meines Schicksals mir den Muth gaben, mich hinauf zu
wagen.
    Whrend ich mich in diesem Augenblicke zum ersten Male im Zusammenhange
jenes Tages und meiner Erlebnisse erinnere, fllt mir die Zeit ein, in welcher
ich mit Dir den Robinson, und jene sptere Zeit, kurz vor meiner Flucht, in
welcher wir den Don Quixote gelesen haben. Es hat eben Jeder von uns einen Zug
zum Abenteuerlichen in seiner Seele, und darauf grndet sich wohl auch die ewige
Wirksamkeit jener Bcher, die uns zum Vorbilde und zum Spiegel werden, wie die
Ritterbcher dem guten Helden von der Mancha.
    Ich hatte mir es in meinem Verstecke reiflich ausgemalt, wie der Capitn
mich empfangen, was ich ihm sagen wrde. Einen ganzen kleinen Roman hatte ich
mir ausgedacht; nur Eines hatte ich bersehen, da ich des Englischen nicht
mchtig war, und als ich dann auf das Verdeck kam, als man mich mit Erstaunen
gewahrte, als der Capitn und die Matrosen mit Fragen auf mich einstrmten, die
ich nicht verstand, bis der zweite Steuermann, ein Deutsch-Amerikaner,
herbeigerufen ward, mich zu vernehmen, da sagte ich von allem, was ich mir zu
sagen vorgenommen, nicht ein einziges Wort, sondern die nackte Wahrheit, und mit
dieser fand ich Glauben, weil sie ber die gewhnlichen Erfindungen eines Knaben
weit hinaus lag. Nur meinen Namen suchte ich zu verbergen. Ich nannte mich,
seine Buchstaben umstellend, wie wir es spielend oft gethan: Tremann.
    Ich wei nicht, was geschehen wre, htte sich an dem Tage dem Capitn die
Mglichkeit gezeigt, mich zu entfernen. Aber der starke Ostwind, der uns
begnstigte, hielt die nach unserer Heimath bestimmten Schiffe von unserem Curse
vllig fern, und einmal im groen Ocean, hatte Niemand mehr ein Interesse daran,
an die Rcksendung eines Jungen zu denken, an dessen Gegenwart Alle sich schnell
gewhnten, und der, wenn man ihn nur bleiben lie, sich Jedem zu jedem Dienste
willig zeigte.
    Als wir an dem Orte unserer Bestimmung landeten, war es bei meinem
Beschtzer, als welcher der Unter-Steuermann sich von Anfang an gezeigt,
beschlossene Sache, da ich bei ihm bleiben solle. Seine Frau betrieb einen
kleinen Handel in New-York mit allerlei Waaren, die er von seinen Reisen
importirte, und wie unvollkommen meine Kenntnisse nach allen Seiten damals auch
noch waren, hatte ich vor meinem Steuermanne und seiner Frau doch in dieser
Beziehung einen groen Vorsprung. Ich wute, wie sie es nannten, mit der Feder
gut Bescheid, ich konnte, Dank Deiner Nachhlfe, leidlich Franzsisch sprechen,
und ich war also vollkommen geeignet, in dem kleinen Laden im Hafen mit meinen
Kenntnissen mich ntzlich zu machen, da ich whrend der Reise das Englische
einigermaen zu verstehen und zu sprechen begonnen hatte.
    Einmal an Ort und Stelle, erging es mir wie Jedem, der schwimmen mu, wenn
er nicht ertrinken will. Nothwendigkeit und Lebenslust hielten mich ber Wasser.
Anfangs beunruhigte mich bisweilen noch die thrichte Besorgni, da man
Nachfrage nach mir anstellen, mich entdecken, mich zurckfhren knne; inde ich
blieb unangefochten, und das war alles, dessen ich bedurfte, obgleich der Weg
vom Ladendiener eines kleinen Krames im Hafen bis zum Geschftsfhrer von
Samuell Willway Gebrder nicht eben leicht, nicht eben glatt gewesen ist.
    Ich habe manche Stunde gehabt, in welcher ich an Dich und an Dein Zimmer, an
Deine Eltern und an die guten Tage bei Euch zurckgedacht habe, denn es ist
mancherlei Elend und Noth an mich herangekommen; aber es hat keine Stunde
gegeben, in der ich es bereut htte, mich auf die eigenen Fe gestellt, mich
auf die eigene Kraft verlassen und danach gestrebt zu haben, mir einen eigenen
Namen zu machen, da meine Geburt und mein Vater mir den Namen versagt haben, auf
den ich angewiesen war. Es klingt fr Unsereinen, den die Bande der
Familienliebe nicht umfangen und befangen, wunderlich genug, da man die nicht
in der kirchlich und staatlich anerkannten Ehe erzeugten Kinder natrliche
Kinder nennt, und grade ihnen den natrlichen Anspruch auf den Namen ihres
Vaters aberkennt. Aber ich beschwere mich darber nicht, denn es ist ein Sporn
fr mich gewesen.
    Noch bedeutet der Name Tremann nichts, doch brauche ich mich seiner nicht zu
schmen. Ich bin dem Hause, dem ich diene, etwas werth, man hat Zutrauen zu mir,
meine Collegen schtzen mich, und ich suche in meiner Bildung nachzuholen, was
ich durch meine Flucht eingebt habe. Wird mir, wie ich hoffe, der Auftrag zu
Theil, mit welchem unser Haus einen seiner Leute nach Europa zu senden
beabsichtigt, so komme ich wieder in Deine Nhe und will danach trachten, da
ich Dir nicht Schande mache; denn Du und Dein Vater, Ihr seid die Einzigen,
denen ich mich fr die Liebe verantwortlich fhle, welche Ihr dem fremden Knaben
in Eurer Gromuth zugewendet habt. Dir danke ich die Neigung, mich zu
unterrichten, Deinem Vater die Vorliebe fr den Beruf, den ich erwhlt habe, und
der Tag soll sicherlich nicht ausbleiben, an welchem der Name Tremann an den
Brsen einen so guten Klang wie der seine und mein Wort eine Geltung haben
soll.
    Er erkundigte sich weiterhin nach dem Ergehen der wenigen Personen, deren
Andenken ihm aus seiner Kindheit lebendig geblieben war, meldete, da er seit
einem Jahr seine ersten Ersparnisse habe machen knnen, und gab Seba Auskunft
ber dasjenige, was er fr seine Bildung gethan habe, wie ber das, was ihm
fehle, und was er noch zu erreichen wnsche. Der Ton der schlichten
Wahrhaftigkeit wie die Liebe und Dankbarkeit fr Seba bildeten eine schne
Grundlage fr das starke Selbstgefhl des Schreibers, und diese Empfindungsweise
blieb sich in der ganzen Reihe von Briefen gleich, welche von da ab einander in
ziemlich regelmigen Zwischenrumen folgten. Er zeigte in denselben seinen
Freunden seine nun wirklich bevorstehende Reise nach Europa an, berichtete ber
die Vortheile, welche ihm aus derselben erwachsen wrden, und von Stufe zu Stufe
sich erhebend, gaben diese Briefe das Bild eines Mannes, der, muthig und von
Hindernissen nicht erschreckt, mit hellem Blicke ein festes Ziel im Auge, seinen
Weg zu suchen und zu finden wei.
    Die Verbindungen des groen amerikanischen Hauses, dem er gedient hatte, die
Empfehlungen und der Credit des Flies'schen Hauses, selbst Seba's gesellige
Bekanntschaft und ihre Freundschaft mit den bedeutendsten Personen der Residenz
waren dem jungen Manne in hohem Grade zu Statten gekommen. Um aber von solchen
fremden Errungenschaften Vortheile ziehen zu knnen, mu man die Fhigkeit und
die Kraft haben, sie sich anzueignen und in sich zu verarbeiten; denn wer
ererbten oder ihm zufllig durch Schicksalsgunst zugewendeten Besitz nicht zu
einem Fugestell fr sich zu machen und sich darauf emporzuschwingen wei, dem
wird er zu einer Last, die er auf seinen Schultern tragen mu und die ihn
niederdrckt. -
    Davide las den ganzen Morgen hindurch. Wenn sie die Briefe beendet zu haben
glaubte, stie ihr immer wieder ein neuer Zweifel auf. Es blieb so Vieles
ungesagt, was sie zu hren wnschte. Sie bewunderte Paul, da er so wenig von
seinen einzelnen Erlebnissen berichtete, und sie war ihm doch bse darum denn
sie htte Alles wissen, ber jeden Tag und jede Stunde, ber jeden Kummer, den
er getragen hatte, und ber jede Freude, die ihm zu Theil geworden war, genaue
Kunde haben mgen. Sie forschte in den Briefen nach, ob denn von ihr gar nicht
darin die Rede sei; aber heute verargte sie es der Tante zum ersten Male nicht,
da sie Paul, da sie den tapfern Paul so vorzugsweise liebte.

                                Zehntes Capitel


Die Auflsung von Paul's kaufmnnischem Geschfte, die Uebertragung seines
Vermgens in das Flies'sche Haus wurden augenblicklich in Angriff genommen,
nachdem man ber die Art und Weise, in welcher jene Auflsung erfolgen, wie ber
die Bedingungen einig geworden war, unter denen Paul in das Flies'sche Haus
eintreten konnte, ohne die Verhltnisse zu seinen frheren Chefs, mit denen er
noch fr verschiedene gemeinsame Unternehmungen verbunden war, unzweckmig
lsen zu mssen.
    Er war dadurch zu mannigfachen Reisen genthigt, und sein Kommen und Gehen
bildeten fr Seba die Abschnitte, an welchen sie in dem ohnehin durch die
ueren Ereignisse viel bewegten Winter die Zeit abma. Sie hatte ihm in den
Rumen, welche zwischen dem Comptoir und dem Gartensaale gelegen waren, eine
Wohnung eingerichtet, weil alle freien Zimmer des oberen Geschosses bereits
wieder von einer franzsischen Einquartierung eingenommen waren, und da man
diese Letztere nicht wohl von der Geselligkeit des Hauses fern halten konnte,
hatte man sich gewhnt, mit denjenigen Personen, mit denen man vertraulich zu
verkehren wnschte, vor der Gesellschaftsstunde in Seba's kleinem Cabinette
zusammen zu kommen, zu welchem sie sonst Anderen den Zutritt nicht gern
gestattet hatte.
    Drauen heulte der Wind und trieb den Schnee in wildem Wirbel durch die mit
Glatteis bedeckten Straen. Das Frhjahr begann mit argen Strmen. Herr Flies
war mit Davide in das Opernhaus gefahren, in welchem man, dem Geschmacke der
Franzosen nachgebend, eine neue Cherubini'sche Oper auffhrte, und er hatte
sich, gern oder ungern, die Begleitung des Herrn von Castigni gefallen lassen
mssen, der sich seit einigen Tagen unter dem Vorwande, dem dort wohnenden
General beigegeben zu sein, in das Flies'sche Haus einquartieren zu lassen
gewut hatte.
    Am Morgen war Paul wieder einmal angekommen. Nun brannte in seinem Zimmer
Licht, und trotz des Wetters Ungunst hatte er die Laden desselben nicht
geschlossen. Der helle Lichtschein fiel auf die einsamen Wege des Gartens
hinaus, welche der alte Grtner, der schon zu Frulein Esther's Zeiten im
Dienste gestanden hatte, in diesem Winter tglich suberte und fegte, weil, wie
er sagte, Mamsell Seba ihren freien Gang nach dem Monumente doch auch im Winter
haben sollte. Aber es war nicht Seba, es war berhaupt kein Frauenzimmer, das in
der vorgerckten Abendstunde unten am Wasser durch die Seitenthre in den Garten
eintrat und sich unter dem Schatten der Gartenmauer mit raschem Schritte dem
Hause nherte.
    
    Der Grtner, der ihn eingelassen, hatte sich gleich darauf entfernt. Der
Kommende mute jedoch von Paul erwartet worden sein, denn die Thre des
Gartensaales ward von innen geffnet, als Jener sich demselben nahte, und gleich
darauf wurden die Laden in Pauls Stube zugemacht.
    Der Fremde war ein Mann in gewhlter brgerlicher Kleidung. Er warf den
weiten Mantel, der seine ganze Gestalt verhllte, von seinen Schultern,
schttelte Paul die Hand und sagte, whrend er ein Packet Briefe aus seiner
Brusttasche hervorzog: Nehmen Sie das vor allen Dingen! Es ist vermuthlich das
letzte Mal, da wir Sie bemhen!
    Wie das? fragte Paul berrascht.
    Man ist auf Sie aufmerksam geworden, glaubt Sie um Ihrer amerikanischen
Verbindungen und Ihrer wiederholten Reisen nach Ruland willen auch mit England
in Geschftsverbindung, hegt die Vermuthung, da Sie dem ber Ruland gehenden
englischen Schleichhandel nicht fremd sind, und die geflissentlich vermittelte
Einquartierung des Barons von Castigni in das Flies'sche Haus gilt wesentlich
Ihnen. Es drfte also nicht mehr gerathen sein, Ihrer Geflligkeit die Briefe
anzuvertrauen, die man gegenwrtig unter kaufmnnischen Adressen freilich am
sichersten befrdert. Inde wenn Sie sich der Besorgung dieses Mal noch
unterziehen wollten, so wrden Sie uns sehr verbinden!
    Paul hatte dem Redenden achtsam zugehrt; dann sagte er: Ich danke Ihnen fr
die Warnung, die ich durch Sie erhalte. Sie kommt mir nicht unerwartet, denn
Mademoiselle Flies hatte mir schon Aehnliches mitgetheilt. Da ich mit dem
Schleichhandel nichts zu thun habe, brauche ich Ihnen nicht zu versichern,
obschon gegen die rohe Gewalt mir jedes Mittel erlaubt dnkt. Htte ich die
Mglichkeit gesehen, eine groe, regelmige Einfuhr berseeischer Produkte ber
Ruland zu bewerkstelligen, so wrde ich sie benutzt haben; der Schleichhandel
aber leistet dem Lande keinen wesentlichen Dienst und seine Gefahr steht fr den
Unternehmer auer allem Vergleiche mit seinem wahrscheinlichen Gewinne, whrend
er das Leben elender, armer Leute auf das Spiel setzt, die er obenein
entsittlicht und verwildert. Von der Seite also habe ich nichts zu frchten. Es
sind reine Geldgeschfte, die ich in Ruland habe, und die mich auch in den
nchsten Tagen wieder dorthin fhren werden.
    Wissen Sie, da Napoleon jetzt die Zustimmung zu einer Versammlung in
Dresden erhalten hat, in welcher alle unsere Monarchen wie zu seiner
persnlichen Huldigung erscheinen werden?
    Nein, entgegnete Paul, ich wute das nicht. Ich habe in den franzsischen
Zeitungen nur von dem schnen Familienleben des Kaisers und von dem Frieden
gelesen, den er ersehnt, um die Welt nach seinen groen Planen zu beglcken!
fgte er spttisch dazu.
    Und ganz Europa steht auf seinen Befehl jetzt unter Waffen, sagte der
Andere. Zweimalhunderttausend Deutsche, die ausziehen, um sich als Nation selber
vernichten zu helfen! Unsere Lage ist furchtbar! Wir gestatten dem ganzen
franzsischen Heere den Durchzug; vor den Thoren der Residenz ist unsere Festung
den Franzosen bergeben. Die Residenz des Knigs steht unter franzsischem
Commando, zwanzigtausend Mann ziehen mit ihnen gegen Ruland - es ist einer
vlligen Unterwerfung unter die Tyrannei dieses Corsen gleich! Es ist schlimmer,
weit schlimmer, als alles, was wir achtzehnhundertsechs und sieben erlitten,
denn wir thun anscheinend freiwillig, was wir damals unter dem Zwange der
Nothwendigkeit ertrugen. Damals verlie der Knig seine Hauptstadt, jetzt ist
sie auch in Feindes Hand, und der Knig selber wird gehen, unsern Unterdrcker
in Dresden zu begren! - Er ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und nieder;
dabei verriethen seine Haltung und sein Gang den Soldaten. Paul betrachtete die
Briefe, welche jener ihm ausgehndigt hatte. Pltzlich blieb der Fremde vor ihm
stehen.
    Wann denken Sie abzureisen? fragte er.
    In zwei, drei Tagen sptestens.
    Pflegten Sie allein zu reisen?
    Ich habe das letzte Mal einen Diener mit mir gehabt.
    Und jetzt?
    Ich beabsichtige, ihn wieder mit mir zu nehmen.
    Wrden Sie Sich meine Bedienung statt der seinen gefallen lassen? forschte
der Fremde, whrend ein Lcheln um seine Lippen spielte.
    Sie wollen in russische Dienste treten?
    Ich halte es hier nicht aus! rief der Andere. Seit unser Regiment aufgelst
ward, seit die Schmach dieser Zeit auf uns lastet, habe ich keinen freien
Athemzug mehr gethan. Was hilft es mir, da ich in dem Bureau des Staatskanzlers
beschftigt werde, da er selbst mich gtig damit vertrstet, ich knne auch als
Beamter meinem Vaterlande ntzlich werden? Wozu haben alle diese Schreibereien
und Verhandlungen gefhrt, als uns noch tiefer hinabzudrcken? Nur Eines hilft
uns, nur Eines rettet uns - der freie, offene Kampf!
    Er unterbrach sich und fragte: Warum schweigen Sie, Tremann?
    Weil Sie ohnehin wissen, lieber Werben, da ich Ihre Ansicht theile; mich
dnkt, wir haben uns darber ausgesprochen, als ich zum ersten Male Sr.
Excellenz die Briefe berbrachte, die man mir fr ihn in Petersburg gegeben
hatte.
    An dreihundert unserer Officiere, nahm jener wieder das Wort, sind
allmhlich nach Oesterreich und Ruland gegangen. Mein Vater kann mir, das fhle
ich, in seiner Stellung die Erlaubni dazu nicht geben, so wenig er mich
aufrichtig tadeln kann, wenn ich ohne dieselbe meiner Ueberzeugung folge.
Willigen Sie in meinen Plan, so sende ich morgen Ihren Diener mit einer
Botschaft zu meiner Mutter, die ihn auf dem Gute behalten soll, bis Sie ihn
zurckverlangen, und Sie bringen mich an seiner Statt ber die Grenze nach
Ruland hinber.
    Das kann geschehen, sagte Paul nach kurzer Ueberlegung.
    Und Sie selbst, Tremann, Sie, der Sie doch jenseit des Oceans freie Luft
geathmet haben, der Sie frei und durch nichts gebunden sind, denken Sie wieder
in diese Kerkerluft zurckzukehren, freiwillig noch lnger in der Knechtschaft
zu verharren, in welcher fast ganz Europa schmachtet?
    Ich bin nicht frei; ich habe mit meiner Person fr fremdes, mir anvertrautes
Gut zu stehen und mein Vermgen zu bewahren, auf dem meine persnliche
Unabhngigkeit beruht, entgegnete Paul. Aber alle Schritte sind gethan, mich von
den Verpflichtungen zu lsen, mit denen ich Anderen verhaftet bin, und ich
hoffe, zu rechter Zeit ber mich verfgen zu knnen.
    Er stand mit den Worten auf, ging an seinen Schreibtisch, schrieb in mehrere
einzelne Bltter immer nur wenige Worte und benutzte diese Bltter zu Umschlgen
ber die Briefe, welche Herr von Werben ihm ausgehndigt hatte. Dann adressirte
er sie nach verschiedenen Orten und wollte dem Comptoirdiener schellen, der sie
fortbringen sollte; aber er besann sich eines Anderen.
    Kommen Sie zu Seba hinauf? fragte er.
    Nein; ich glaube, es ist gerathener, wenn ich's unterlasse, da Sie nun den
Freunden mittheilen knnen, was Sie von mir gehrt haben. Nur da ich mit Ihnen
gehe, lassen Sie nicht verlauten. Nichtwissen macht unverantwortlich.
    So will ich Sie gleich nach dem Gartensaale fhren, antwortete Paul, und die
Briefe danach selbst zur Post besorgen. Es wei dann auer dem Grtner, auf den
man sich unbedingt verlassen kann, Niemand, da ich einen Besuch gehabt habe -
und unter Aufsicht halten die Schildwachen und die Dienerschaft des Generals uns
jetzt, wie ich glaube, in der That.
    Der Hauptmann wickelte sich wieder in seinen Mantel ein, Paul geleitete ihn
durch das Nebenzimmer bis an die Thre des Gartensaales. Sie schttelten
einander herzlich die Hand, und Jener verlie das Haus und den Garten auf dem
Wege, den er gekommen war.
    Als Paul dann nach seinem Gange in die Stadt in Seba's Cabinet trat, fand er
einen kleinen Kreis von Mnnern und Frauen, unter ihnen die Grfin Rhoden, bei
ihr versammelt. Man hatte sich, seit die patriotischen Vorlesungen vor Mnnern
und Frauen gehalten worden, in denen Seba auch mit der Grfin Rhoden bekannt
geworden war, an bestimmten Abenden im Flies'schen Hause vereinigt, um sich im
gemeinsamen Lesen und in Besprechung des Gehrten aufzuerbauen; aber die
Versuche der Franzosen und anderer nicht vertrauten Personen, sich in diesen
Kreis Eingang zu verschaffen, nthigten die Theilnehmer, sich gegenwrtig der
regelmigen Zusammenknfte zu enthalten und sich mit gelegentlichen
Verabredungen zu behelfen.
    Paul war den Freunden bereits bei einer seiner frheren Anwesenheiten in der
Residenz zugefhrt worden, und seit er nach jener ersten russischen Reise mit
Briefen des Freiherrn von Stein an den Staatskanzler betraut worden war, hatte
das Zutrauen des Kreises zu ihm und seiner Tchtigkeit sich gesteigert, so da
er einer ber seine Jahre groen Geltung in demselben geno. Die anwesenden
Mnner empfingen ihn mit freundlichem Handschlage, die Frauen hieen ihn
willkommen, nur die Grfin Rhoden, die er frher noch nicht gesehen, weil
Krankheit sie lngere Zeit zurckgehalten hatte, schien von seinem Anblicke
befremdet zu werden, und unwillkrlich blieben ihre Blicke auf ihn geheftet, als
er sich nach geschehener Vorstellung von ihr zu den ihm bekannten Personen
wendete.
    Ein Beamter aus dem Kriegs-Ministerium, welcher schon frher angekommen war,
hatte die Nachricht von dem Dresdener Congresse, die Paul als Neuigkeit
mitbrachte, bereits vor ihm verkndet, und die Trauer ber diese Kunde war
unverkennbar. Man beklagte den Knig, man fand einen Trost darin, da der Kaiser
von Oesterreich sich zu dergleichen Anerkennung und Huldigung habe herbeilassen
mssen, und bedauerte das Loos derjenigen preuischen Truppen, welche bestimmt
waren, den feindlichen Eroberer auf seinem Zuge nach Ruland zu begleiten. Fast
jeder der Anwesenden hatte einen oder den anderen Bekannten in diesen
Regimentern, und die Grfin erwhnte, wie bitter ihr junger Vetter, der
Lieutenant von Arten, dies Schicksal finde.
    So soll er sich vor demselben wahren! meinte Paul.
    Wenn er Das knnte! seufzte die Grfin.
    Er brauchte ja nur seinen Abschied zu nehmen, als man das neue Bndni zur
Reife kommen sah, das Preuen zu seiner Selbstvernichtung eingegangen ist.
    Whrend er diese Worte aussprach, klopfte es an die Thre, und ohne von dem
Diener gemeldet zu werden, der es wute, welchen Personen er den Zutritt
gestatten durfte, trat der junge Freiherr in das Cabinet.
    Sie kommen eben recht, lieber Renatus, rief ihm die Grfin freundlich
entgegen, sich wider einen Angriff zu vertheidigen!
    Einen Angriff? wiederholte der Lieutenant, indem er mit einem Blicke
umhersah, der es aussprach, da er dergleichen nicht gewohnt sei. Und darf ich
fragen, wer mich in meiner Abwesenheit anzugreifen fr nothwendig hielt?
    Seba hatte eine leise Bewegung bei dem lange und von ihr mit peinlicher
Besorgni erwarteten Zusammentreffen der beiden jungen Mnner nicht verbergen
knnen, und die Art und Weise, in welcher es sich jetzt gestaltete, war nicht
geeignet, sie zu beruhigen; denn Paul erhob sich und sagte mit der ihm
eigenthmlichen, festen Bestimmtheit: Ich, Herr von Arten, habe Sie nach der
Meinung der Frau Grfin angegriffen, obschon meine geuerte Ansicht sich nicht
auf Sie allein, sondern auf alle diejenigen Herren Officiere bezog, welche
widerwillig den Fahnen des corsicanischen Tyrannen folgen.
    Es war nothwendig, die beiden jungen Mnner, die, noch ehe sie sich kannten,
feindlich zusammenstieen, einander vorzustellen. Und als Paul sich zu der
geforderten Begrung abermals von seinem Platze erhob und sie nun aufrecht vor
einander standen, fiel die groe Verschiedenheit in ihrem Aeueren den
smmtlichen Anwesenden auf. Paul berragte den feingebauten, schlanken Renatus
um eines Kopfes Hhe, und seine breitbrustige Gestalt wie die Kraft der Jahre,
welche er vor Renatus voraus hatte, lieen diesen in seiner knappen Uniform
neben dem nach englischer Mode bequem und los gekleideten Brger fast
schwchlich erscheinen. Dazu erging es dem Freiherrn wie es der Grfin ergangen
war, Paul's Aehnlichkeit mit seinem Vater, die namentlich im Klange der Stimme
eine vollstndige war, verwirrte ihn, und von der pltzlich in ihm aufsteigenden
Erinnerung an sein einstiges, in der Knabenzeit erfolgtes Zusammentreffen mit
diesem Manne unwillkrlich ergriffen, sagte er kurz und trocken: So habe ich als
ein Mitglied des Officiercorps wohl ein Recht, Sie um die Wiederholung jener
Meinung oder Ansicht zu ersuchen.
    Ich stehe mit Vergngen zu Diensten, entgegnete Paul. Ich war der Meinung,
da es die Pflicht jedes preuischen Officiers gewesen sein wrde, zur Zeit des
neuen franzsischen Bndnisses seinen Abschied zu nehmen, wenn er die
tyrannische Fremdherrschaft verachtet.
    Den Abschied im Beginne eines Krieges zu begehren, gestattet die
militrische Ehre nicht, und uns dem Befehle unseres Knigs zu widersetzen,
verbietet uns sowohl der Eid, den wir geschworen haben, als unsere angeborene
Unterthanenpflicht! antwortete Renatus mit jener hochfahrenden Sicherheit, die
immer hervortrat, wo er die Vorrechte seiner Kaste und seines Standes
angegriffen glaubte.
    Paul verneigte sich, als lasse er diese Grnde gelten, und die krftigen
Lippen stolz aufwerfend, sprach er: So hat die Frau Grfin unbedenklich Recht,
wenn sie das Loos der preuischen Officiere bedauert, und ich habe mich
glcklich zu preisen, da ich, als ein Brger des freien Amerika, keinem Herrn
einen Eid geschworen habe und keinen anderen Ehrengesetzen als denen meiner
Ueberzeugung nachzuleben brauche.
    Seba und die Grfin versuchten, sich in das Mittel zu legen; die gute und
schne Stimmung, welche in diesem auf das erhabene Ziel der Selbsterziehung und
der Veredlung gestellten Kreise herrschte, kam ihnen dabei zu Hlfe. Die lteren
Mnner traten ausgleichend zwischen die Streitenden, und Paul war auch bald
bereit, sein Verhalten gegen den jungen Officier als ein Unrecht anzuerkennen.
Er gestand ein, da man die obwaltenden Verhltnisse nicht aus den Augen setzen
drfe, da nicht Jeder sich in der unabhngigen Lage wie er befnde, und als er
sah, wie schwer es Renatus fiel, seine Gereiztheit zu besiegen und zu einem
Gleichmae zu gelangen, bemchtigte sich seiner jene Reue des Mitleids, die sich
einen Vorwurf daraus macht, seine berlegene Kraft gegen einen schwcheren
Gegner angewendet zu haben. Aber die Unterhaltung kam nicht wieder in den
gewohnten Flu; man nahm also zu gemeinsamem Lesen seine Zuflucht, und auch
hierbei traten die beiden jungen Mnner einander bald wieder feindlich entgegen,
als in dem vorgelesenen Werke die Liebe zum Vaterlande als die strkste
Triebfeder fr die Handlungen des Mannes angegeben wurde.
    Paul wollte das nicht gelten lassen; er nannte die Vaterlandsliebe ein
beschrnktes Gefhl, eine Art von bewutlosem Instinct.
    Renatus, der wie alle reizbaren Menschen eine von der seinen abweichende
Meinung leicht als einen persnlichen Angriff auffate, fuhr mit der Frage
dazwischen: Aber was kmmert Sie denn Europa, was kmmert Sie Preuen, wenn Sie
es nicht als Ihr Vaterland lieben? Wehalb hassen Sie Napoleon, dessen Gre Sie
nicht lugnen werden, wenn Sie in ihm nicht den Unterdrcker Ihres Vaterlandes
hassen?
    Ich hasse in ihm den Tyrannen, den Wortbrchigen, den Unterdrcker der
Freiheit berhaupt, entgegnete Paul, ich lugne auch seine Gre, denn sie ist
nicht so gro als sein Glck, als die Gunst der Umstnde, die ihn auf den
Schultern und ber die Kpfe einer entsittlichten Gesellschaft, einer
verrotteten Monarchie emporgetragen hat; und, fgte er, da Seba's Augen ihn mit
bittendem Blicke zur Vorsicht mahnten, in leichterem Tone hinzu, vielleicht sind
es auch meine kaufmnnischen Angelegenheiten, die mich die gegenwrtigen
Zustnde als unertrgliche und darum unhaltbare ansehen machen. Unter dieser
Gewaltherrschaft knnen Handel und Wandel nicht bestehen, kann das Capital sich
nicht frei bewegen, leidet Jeder auf seine Weise.
    Die Grfin, welche befrchtete, Renatus mchte diese Entgegnung als neuen
Spott empfinden, behauptete, sie knne jene letzten Grnde unmglich als die fr
Paul bestimmenden betrachten; aber er blieb bei seinem Worte, und whrend sein
schnes Gesicht sich wieder ganz und gar erhellte, rief er: Rechnen Sie denn die
Habsucht und die Selbstsucht nicht berall zu den groen, die Welt bewegenden
und erneuenden Krften? Sollen sie nur in Bonaparte ihre Geltung haben? Es ist
ganz einfach, wie ich's sagte. Ich hasse Bonaparte, weil er mich in meinem
Erwerbe strt. Thut das ein Jeder an seinem Platze, so kommt Ha genug zusammen,
ihn von seiner angematen Hhe hinab zu strzen; und wenn es auch nicht gro,
nicht idealistisch klingt, seinen Erwerb in die erste Reihe zu stellen, so ist
doch Idealismus genug darin verborgen; denn auf meinem Erwerbe ruht mein Hab und
Gut, ruht mein Vermgen, das heit die Unabhngigkeit und Freiheit meines ganzen
Thuns und Lassens.
    Solche Ansichten lagen eigentlich auerhalb der Meinungen und Gesinnungen
dieses Kreises. Seba hatte jene Gleichgltigkeit gegen den Besitz, welche man
hufig bei bevorzugten Naturen findet, wenn sie, im Reichthume erwachsen,
niemals eine Entbehrung kennen gelernt und sich gewhnt haben, ihren Zustand der
Wohlhabenheit wie eine Naturnothwendigkeit anzusehen. Die Grfin hingegen und
die anderen Genossen hatten mehr oder weniger unter der Noth der letzten Jahre
gelitten. Sie hatten sich beschrnken, sich viel versagen, auf manches von ihnen
bis dahin fr unentbehrlich Gehaltene verzichten mssen, ohne da sie sich in
ihrem inneren Werthe und in dem Aufschwunge ihres Geistes dadurch beeintrchtigt
fhlten; und die Freunde waren dehalb in diesem Augenblicke eher dazu geneigt,
die Bedeutung und den Werth der ueren Glcksgter zu unterschtzen, da sie
sich mit ihren Gedanken und Hoffnungen aus der beengenden Gegenwart in den
Bereich einer schnen und befreiten Zukunft erhoben. Trotzdem lie man die
Aeuerungen des in den amerikanischen Freistaaten erwachsenen und durch die dort
waltenden Anschauungen gebildeten Mannes endlich gelten, weil man sich zu seinem
frischen, selbstgewissen und freien Wesen des Besten versehen zu knnen glaubte;
und whrend Renatus sich mit Geflissenheit von dem weiteren Gesprche fern
hielt, fhlte die Grfin sich von ihrer antheilvollen Neugierde getrieben, sich
fast ausschlielich mit Paul zu beschftigen, bis man den Wagen des Hausherrn
vor der Thre halten hrte und die ganze kleine Gesellschaft sich in das
Wohnzimmer begab, den Vater und die Hausfreunde und Gste zu erwarten, welche
sich hufig noch nach dem Theater einzufinden pflegten.

                                Eilftes Capitel


Renatus langte an dem Abende in lebhafter Aufregung in seiner Wohnung an. Er
hatte, seit er die Familie Flies besuchte, fters von dem jungen Freunde Seba's,
von dem Kaufmann Paul Tremann und von dessen bevorstehendem Eintritte in das
Flies'sche Geschft reden hren; da er jedoch sehr auf sich und seine
Angelegenheiten gestellt war, hatte er wenig Achtsamkeit auf dasjenige, was ihn
nicht persnlich anging, und der schlichte Name eines brgerlichen Kaufmanns zog
ihn nicht besonders an. Der Name irgend eines Edelmanns, irgend ein bedeutender
Titel wrden ihm weniger leicht entgangen sein.
    Nun hatte das Zusammentreffen mit Paul ihn erschttert und erschreckt
zugleich. Nur eines Augenblickes hatte Renatus bedurft, um alle seine
Erinnerungen wachzurufen und sie mit dem gegenwrtigen Eindrucke in Verbindung
zu bringen. Er konnte nicht daran zweifeln: der Fremde, der mit so stolzer,
selbstgewisser Haltung vor ihm gestanden hatte, war jener Knabe, den er einst in
dem Flies'schen Laden gesehen, war derselbe, dessen vllige Aehnlichkeit mit
seinem Vater ihm schon damals aufgefallen war, dessen Anblick seine Mutter auf
das Krankenlager geworfen hatte, von dem sie nur fr kurze Zeit erstanden war.
Dieser junge Kaufmann war seines Vaters Sohn, der Sohn jenes Frauenzimmers, das
sich in eiferschtiger Verzweiflung das Leben genommen und an dessen
eingesunkenem Grabe in der Ecke des Neudorfer Friedhofes Renatus einmal in
seiner Knabenzeit von dem Jger, der einst selbst ein Auge auf Pauline gehabt
hatte, den ganzen Vorgang und Zusammenhang erfahren. Der Jger hatte den Sohn
Paulinen's wohl gekannt und hatte es bedauert, da der arme Schelm wie seine
Mutter um's Leben gekommen sei; und nun stand jener Todtgeglaubte pltzlich vor
dem jungen Freiherrn, ganz unverkennbar seines Vaters Sohn.
    Renatus konnte sich nicht erklren, was ihm das bloe Dasein dieses Mannes
so widerwrtig machte. Es drohte seinen Rechten, seinem Besitze, seiner Stellung
durch den Bastard seines Vaters nicht die mindeste Gefahr. Er hatte es durchaus
in seiner Macht, die Begegnung mit Tremann zu vermeiden oder ihn nicht zu
beachten, wenn der Zufall sie zusammenfhrte; aber trotz seiner Abneigung gegen
Paul verlangte ihn danach, auf's Neue mit ihm zusammenzutreffen, weil ein
unabweisliches Gefhl ihm sagte, da er neben jenem nicht zu seinem Vortheil
erschienen sei. Er wnschte, durch die Ueberraschung nicht mehr befangen, und
Herr ber sich und seine Mittel, sich abermals mit Paul messen zu knnen, um ihm
seine Ueberlegenheit fhlbar zu machen.
    Wie das geschehen sollte, davon hatte er freilich keine rechte Vorstellung;
aber das eben peinigte ihn und regte ihn auf. Es war ihm zuwider, da Paul ihn
an Stattlichkeit des Aeuern so weit bertraf, da er seinem Vater so hnlich
sah. Der vorzgliche Geschmack, mit welchem Paul sich kleidete, die sorglose
Leichtigkeit, in der er sich bewegte, die Freiheit und Bestimmtheit, mit denen
er sich uerte, die Geltung, deren er geno, und vor Allem die spielende,
freundliche Heiterkeit, mit welcher der junge Kaufmann seinem beginnenden
Streite mit dem Freiherrn vorzubeugen getrachtet hatte, verdrossen den
Letzteren, wie ihn selten etwas verdrossen hatte. Er wollte nicht geschont sein,
von diesem Manne am wenigsten geschont sein! Und wie er sich auch in einzelnen
Augenblicken das Thrichte dieser Abneigung klar zu machen suchte, er konnte
nicht Herr ber seine Mistimmung und ber seine Aufregung werden.
    Es war schon spt gewesen, als er nach Hause gekommen war, denn die
Gesellschaft war bei Seba lange zusammengeblieben, und es dnkte Renatus, als
habe er Davide nie so reizend als eben an diesem Abende gesehen. Er hatte sie
immer schn gefunden, aber die Freundschaft, welche er fr seine Jugendgenossen,
fr die Grfinnen Hildegard und Ccilie hegte, hatte ihn im Ganzen wenig
empfnglich fr die Reize anderer Schnheiten gemacht, und seit er sich in
seinem Herzen eingestanden, da er Hildegard liebe, seit er in sich beschlossen,
da sie einst seine Gattin werden solle, hatte er andere Mdchen kaum noch
beachtet.
    Er wrde wahrscheinlich auch an diesem Tage sich, wie immer, mehr zu Seba
und zu den lteren Frauen gehalten haben, wre ihm nicht die schchterne
Freundlichkeit aufgefallen, mit welcher Davide Paul begegnete. Er hatte es sonst
nicht ohne Erstaunen gesehen, wie dieses junge Mdchen sich seiner Schnheit
bewut war, wie es den Eindruck kannte, den es auf die Mnner machte, wie es Alt
und Jung in der ihm angemessen dnkenden Entfernung zu halten und sich mit
groer Sicherheit seine Freiheit vor jedem ihm nicht erwnschten Anspruche zu
bewahren verstand. Niemand hatte sich rhmen knnen, von Davide eine besondere
Beachtung zu erhalten, und war es Renatus je einmal vorgekommen, als beweise sie
sich gegen einen Andern freundlicher denn gegen ihn, so hatte er dabei kein Arg
und keine unangenehme Empfindung gehabt, denn man entbehrt nicht, was man
niemals begehrte. An diesem Abende jedoch war es ein Anderes gewesen.
    Gleich als man aus Seba's Cabinet in die groe Stube gekommen, war Davide,
ohne sich um die Uebrigen zu kmmern, auf Paul zugegangen, hatte ihm die Hand
gereicht, ihm von dem Theater, von ihrer Freude an der Musik und von ihrem
Vergngen, ihn zu Hause zu finden, gesprochen, und dieser hatte das hingenommen,
als komme ihm das zu, als sei Davide eben noch das Kind, als welches sie sich
gegen ihn bezeigte, und als thue er ihr einen Gefallen, wenn er ihrem
freundlichen Geplauder sein Ohr nicht versage.
    Renatus hatte sich darber gergert, das schne Mdchen hatte ihm leid
gethan. Er hatte es durch seine Hflichkeit und Achtsamkeit fr Paul's
Vernachlssigung entschdigen wollen. Aber Davide mute ein solches Verhalten
von dem Amerikaner wohl gewohnt sein und in der Ordnung finden, denn sie nahm
die geflissentliche Annherung des jungen Freiherrn gleichgltig auf und verlie
ihn mitten in der Unterhaltung, um fr Paul unaufgefordert die Zeitung zu
suchen, nach der er im Gesprche mit andern Mnnern den Diener gefragt hatte,
der den Thee herumgab. -
    Die Uhr schlug Stunde auf Stunde, der junge Freiherr konnte keine Ruhe
finden, kein Schlaf wollte ihm kommen. Er wurde die Vorstellung nicht los, da
er von Paul beleidigt worden sei, da er von Davide eine Krnkung erfahren habe,
und je lnger er an diese dachte, um so anziehender dnkte sie ihn, um so mehr
wnschte er, sich von ihr ausgezeichnet und dadurch zugleich an Paul gercht zu
sehen. Er ging im Geiste alle die einzelnen Aeuerungen durch, die er an dem
Abende von Davide gehrt hatte, und sein Mimuth wich davor. Er mute bei sich
selber ber die kecken Abfertigungen lachen, mit denen sie Herrn von Castigni's
gedrechselte Complimente aus dem Felde geschlagen hatte; er konnte sie sich
deutlich vorstellen, alle ihre artigen Kopfbewegungen und das anmuthige Spiel
ihrer schnen Hnde, die sie, nach Art der Jdinnen, bei dem Sprechen mehr als
die deutschen Frauen brauchte und bewegte. Als der Tag herankam und er endlich
mde zu werden begann, ertappte er sich darauf, da er ihr eine dieser
Handbewegungen nachzumachen versuchte, und als er dann, weil dieser Versuch ihn
thricht dnkte, seine Gedanken, wie er das zu thun gewohnt war, vor dem
Einschlafen auf die Geliebte richten wollte, von der zu trumen ihn sonst so
glcklich machte, konnte er Hildegard's Bild aus seinem Innern nicht erzeugen.
Alle Anstrengungen halfen ihm nichts; es waren immer nur Davide oder Paul, die
er vor Augen hatte, und selbst im Schlafe gaben diese beiden ihn nicht frei.
    Unerquickt erwachte er am Morgen erst, als es Zeit fr ihn war, sich zur
Parade ankleiden zu lassen. Whrend dessen brachte ihm der Diener des Grafen
Gerhard eine Einladung, mit demselben zu Mittag zu speisen. Sie kam dem
Freiherrn sehr gelegen, obschon er sonst nicht viel Verkehr mit seinem Onkel
hielt, ja, ihn eigentlich, so viel er konnte, zu vermeiden suchte. Aber er
fhlte eine Neigung, sich gegen Jemanden ber sein unerwartetes Zusammentreffen
mit Paul auszusprechen, und in seiner Schlaflosigkeit hatte er dabei wiederholt
an seinen Onkel gedacht, der, wie er mit Sicherheit annehmen zu knnen meinte,
um alle jene Ereignisse und Verhltnisse wissen mute, so da Renatus sich
keinen Mangel an Verschwiegenheit vorzuwerfen brauchte, wenn er dem Grafen von
dem gehabten Erlebnisse Kunde gab.
    Er war froh, als die Stunde der Parade vorber war und er sich nach
derselben, wie er seit dem Herbste pflegte, zu der Grfin begeben konnte; da
diese aber mit der jngsten Tochter ausgegangen, und er Hildegard ihn erwartend
und allein fand, war es ihm nicht recht. Er fragte, wehalb sie die Mutter nicht
begleitet habe; sie antwortete ihm, wie sie es vorgezogen, unter einem leichten
Vorwande zurckzubleiben, um ihn zu erwarten, und das war ihm noch weniger
genehm. Er meinte, so zuversichtlich erwartet zu werden, habe fr ihn etwas
Bengstigendes und lege ihm einen peinlichen Zwang auf. Sie entgegnete, da sie
ja nicht bse sei, wenn er einmal nicht kommen knne, und da es ihr doch in
jedem Falle Vergngen mache, sich den ganzen Morgen mit einer angenehmen
Hoffnung zu tragen.
    Sie blickte ihn dabei freundlich an und mochte dafr ein begtigendes, ein
zrtliches Wort von ihm erwarten; er blieb aber eine Weile still sitzen und
uerte danach, es sei fr ihn bel genug, da er, ohne Neigung zum
Soldatenstande, durch seines Vaters Willen an des Dienstes immer gleich
gestellte Uhr gebannt sei, wie es im Dichter heie, und weil er nach der einen
Seite also vllig gebunden sei, msse er nach der andern Seite, msse er in
seinem brigen Leben durchaus seine Freiheit bewahren, denn ohne Freiheit
erlahme der Mann. Er habe ohnehin immer zu wenig Freiheit gehabt, er sei zu
Hause unter der Aufsicht des Caplans wie ein Gefangener gehalten worden; sein
Vater habe in dem Alter, in welchem er sich jetzt befinde, halb Europa
durchreist und Welt und Menschen gekannt: er hingegen habe noch nichts gesehen,
nichts erlebt, und wie unerwnscht es ihm auch sei, mit dem franzsischen Heere
gegen Ruland zu kmpfen, so freue er sich eigentlich doch auf diesen Feldzug,
weil er ihn aus dem Gleichmae der Tage herauszureien und in das offene,
bewegte Meer des Lebens zu bringen verspreche.
    Hildegard hrte ihm mit stummer Verwunderung zu. Sie konnte nicht begreifen,
was mit ihm geschehen war. Nie zuvor in seinem Leben hatte er ein solches
Verlangen nach Freiheit ausgesprochen, er war auch mit seinem Loose nie
unzufrieden gewesen, und da er jetzt den Krieg ersehnte, nur weil er ihn in die
Welt und von ihr fortfhren sollte, das kam ihr so unerwartet, that ihrem
zrtlichen Herzen so weh, da sie sich still auf ihre Arbeit niederbeugte, damit
er es nicht sehen sollte, wie sich ihr die Thrnen in die Augen drngten.
Trotzdem gewahrte er es; inde statt ihn zu rhren, war ihr Weinen ihm
verdrielich. Er hatte mit sich selbst genug zu thun und fhlte nicht Lust, sich
als den Trster der Geliebten zu bethtigen. Aber whrend er dieses dachte, fiel
es ihm ein, da er ja berhaupt noch keine bestimmte Verpflichtung gegen dieses
Mdchen habe. Er hatte sich niemals entschieden gegen Hildegard erklrt, niemals
von seiner Liebe zu ihr gesprochen, und da die unschuldigen Zrtlichkeiten, an
die sie sich von Kindheit auf gewhnt hatten, in der letzten Zeit einen wrmeren
Charakter angenommen, das hatte Hildegard eben so wohl zu verantworten, als er.
Er konnte es sich in dem Augenblicke nicht einmal recht deutlich machen, wie er
mit seiner Jugendfreundin eigentlich auf den gefhlvollen Ton gekommen sei; um
so bestimmter erinnerte er sich daran, da Graf Gerhard ihm gerathen, sich vor
einer Verbindung mit den Rhodens in Acht zu nehmen, und da eine solche fr ihn
nicht vortheilhaft sei, das mute er sich in seiner jetzigen Stimmung selber
sagen.
    Gestern, als der Amerikaner, wie Renatus in seinem Innern Paul bestndig
nannte, seinen Erwerb und seinen Vortheil mit so dreister Sicherheit als
Beweggrund fr sein ganzes Thun aufgestellt hatte, war Renatus dadurch im
hchsten Grade abgestoen worden. Inde schon whrend seiner nchtlichen
Ueberlegungen war ihm die Sache in einem milderen Lichte erschienen. Paul
mifiel ihm dehalb um nichts weniger, er konnte sich jedoch der Einsicht nicht
verschlieen, da unabhngiger Besitz Freiheit verleihe. Er dachte jetzt daran,
wie kniglich frei sein Vater durch den frheren Reichthum seines Hauses gewesen
sei, um es zum ersten Male mit einer Art von Bitterkeit zu beklagen, da ihm bei
Weitem nicht mehr das gleiche Vermgen und damit auch nicht mehr die schne
Selbstherrlichkeit wie seinem Vater zu Gebote stehe.
    Hildegard sann whrend dessen schweigend darber nach, was sie denn gethan
oder gesagt habe, den Geliebten zu verstimmen. Sie konnte jedoch nichts
auffinden, was irgend einen vernnftigen Anhalt oder einen Grund fr die ble
Laune desselben darbot, und sie fing an, zu glauben, da ihm durch Dritte oder
durch ein ihr unbekanntes Erlebni Verdru bereitet worden sei. Mit geduldiger
Freundlichkeit fragte sie ihn also, was er heute gethan, wie er sich am
gestrigen Abende im Flies'schen Hause unterhalten habe, und da sie immer nur
einsilbige, ablehnende Antworten erhielt, erzhlte sie, um sich ber einige
Minuten fortzuhelfen, da die Mutter den jungen Freund von Seba Flies sehr schn
und sehr anziehend genannt und da sie gemeint habe, die Flies htten ihn gewi
fr Davide zum Manne bestimmt, weil der alte Herr Flies ihn in sein Geschft
aufnehme.
    Unmglich, ganz unmglich! rief Renatus mit einer Heftigkeit, die Hildegard
noch unbegreiflicher als sein ganzes bisheriges Betragen erschien.
    Wehalb denn unmglich? Die Mutter hielt es fr das Natrlichste!
    Mich dnkt, ein Mdchen von Davidens Schnheit, das einst neben ihrem
Vermgen voraussichtlich auch noch das ganze Flies'sche Vermgen erbt, hat
andere Ansprche zu machen und kann einen besseren Mann bekommen, als einen
Menschen ohne Familie, einen Abenteurer. -
    Renatus! rief Hildegard, ihr Erschrecken unter einem erzwungenen Lachen
verbergend - Du thust ja wirklich, als ob Davide unter einer Schaar von
Edelleuten und Grafen nur zu whlen htte! Du vergissest wohl, da sie eine
Jdin ist!
    Durchaus nicht! Sie wrde nicht die erste Jdin sein, die einen Edelmann
geheirathet hat! entgegnete er ihr.
    Nun, vielleicht entschlieest Du Dich selbst dazu! sagte Hildegard mit
bitterem Spotte, da sie ihre Bewegung nicht mehr bemeistern konnte und
zuversichtlich glaubte, es bedrfe eben nur eines solchen Wortes, um Renatus,
dem der Gedanke an eine nicht standesmige Heirath gar nicht kommen konnte, zur
Besinnung zu bringen. Aber sie verfehlte ihren Zweck, denn Renatus, der seit
gestern Abend nur darauf gewartet hatte, einen Ableiter fr seinen Unmuth zu
finden, und der, wie alle in der Kindheit verwhnten Menschen, selbstschtig
genug war, auch Andere leiden sehen zu wollen, wenn er selber litt, sagte
gleichmthig: Es wre vielleicht das Gescheiteste, was ich thun knnte, und
Davide ist schn genug dazu.
    Kaum war das Wort aber von seinen Lippen entflohen, so bereute er es, denn
Hildegard brach in Thrnen aus und wendete sich von ihm ab. Das konnte er nicht
gut ertragen. Sie hatten als Kinder und auch spter wohl bisweilen einen Streit
mit einander gehabt, inde Hildegard hatte dann immer mit der Bemerkung, da sie
die Aeltere und Verstndigere sei, eingelenkt und nachgegeben. Er dachte, sie
solle das auch heute thun, und er war bereit, sie dann um Verzeihung zu bitten
und zu vershnen. Er verga nur, da sie jetzt in einem andern Verhltnisse zu
einander standen, da die einstige Jugendfreundin sich jetzt als seine Erwhlte
betrachtete und da die Liebe oft weniger nachsichtig als die Freundschaft ist.
    Er wartete eine Weile, er rief Hildegard bittend bei ihrem Namen, sie
achtete aber nicht darauf. Sie wollte ihn grndlich fhlen lassen, was er ihr
gethan hatte, sie wollte sich auch satt weinen, denn sie mute sich eingestehen,
da er sie absichtlich qule und verwunde.
    Renatus seinerseits stand am Fenster, trommelte mit den Fingern leise auf
dem Fensterbrette und berlegte, wie lange er warten solle. Das dauerte eine
kleine Zeit, sie dnkte ihn jedoch lange, und als er sich eben anschicken
wollte, fort zu gehen, weil er Hildegard nicht daran gewhnen mochte, mit ihm
die Unvershnliche zu spielen und zu schmollen, trat sie an ihn heran und legte
ihre Hand auf seine Schulter. Er wendete sich um und blieb betroffen stehen -
Hildegard sah hlich aus, wenn sie weinte.
    Sie war berhaupt nicht regelmig schn, sie hatte nur schne Farben und
den Jugendreiz, der blonden Mdchen eigen ist. Aber wie bei allen Blondinen
vertrugen ihre Zge das Weinen nicht. Ihre feine Haut erschien fleckig, ihre
Augenlider gerthet und ihre Gesichtszge zeigten sich durch die Betrbni so
erschlafft, da Renatus sich nicht darein finden konnte. Es that ihm leid, da
sie sich entstellte, er sagte ihr, da sie Unrecht habe, so empfindlich zu sein
und einen Scherz so bel aufzunehmen, aber er konnte sich nicht entschlieen,
sie mit einem Kusse, wie er wohl sonst gethan hatte, zu vershnen. Sie kam ihm
alt vor, und sie war ja auch lter, als er.
    Weil sie ihn sonst stets nachgiebig und weich gesehen hatte, hielt sie sich
jetzt zurck; sie glaubte sich dies schuldig zu sein. Renatus aber fand sich
durch diese geflissentliche Zurckhaltung in seiner Unzufriedenheit mit der
Geliebten nur bestrkt. Er blickte sie noch einmal an - ihr schmollender Mund
mifiel ihm mehr und mehr; er begriff nicht, wie er sie jemals hbsch gefunden
haben knne, nicht, was er bisher neben ihr gefhlt hatte. Er war sich
rthselhaft. Das peinigte ihn. Er wendete sich ab, nahm Hut und Sbel und sagte,
da er gehen msse. Sie hielt ihn nicht zurck. Er reichte ihr khl die Hand,
sagte ihr khl ein Lebewohl und war verschwunden, ehe sie noch recht wute, was
geschehen sei.
    Sie wollte ihm nacheilen, als er das Zimmer verlassen hatte; er erwartete
das auch, sah sich nach ihr um und war doch froh, als er sie nicht erblickte.
Sie ging an's Fenster; aber heute whlte er nicht die entgegengesetzte Seite der
Strae, wie er sonst zu thun pflegte, um von ihr noch einen Gru, noch einen
Blick zu erhalten. Sie sah hinaus, es kam ihr alles so leer vor und es lag ihr
alles, was geschehen war, so fern, so weit ab von gestern, so weit ab von diesem
Augenblicke! Auch ihr war es, als sei sie viel lter geworden, als habe sie viel
erlebt, viel erfahren, als sei Renatus schon sehr lange fort! Sie seufzte,
faltete die Hnde und erschrak, als der Ausruf: Er ist ein Mann, und Dulden ist
des Weibes Loos! ber ihre Lippen glitt. Wie kam sie zu diesem Ausrufe, zu
diesem Gedanken? - Sie weinte bitterlich.
    Renatus hingegen war froh, als er sich auf der Strae fand. Hildegard's
Gefhlsweichheit und ihre Thrnen hatten ihm Angst gemacht. Er wnschte nicht,
dergleichen fter zu erleben, er freute sich, da er sich so fest gezeigt hatte.
Es ward ihm ganz leicht um's Herz, als der frische Wind ihm durch die Locken
wehte. Die Luft in den Zimmern der Grfin war ihm heute durch die Resedatpfe
und den Potpourri so beklemmend gewesen! -
    Sporenklirrenden Trittes einherschreitend, lie er den Schleppsbel
geflissentlich auf dem Pflaster anschlagen, er zog im Gehen den Sbel spielend
halb aus der Scheide und stie ihn wieder hinein. Jede Bewegung dnkte ihn eine
Lust, und mit einer wahrhaften Genugthuung sagte er sich, da ihn nichts auf der
Welt verpflichte, sich um Hildegard's Empfindlichkeit und Empfindsamkeit zu
kmmern, da er ja noch vllig frei, noch vllig ungebunden sei.
    Freiheit und Ungebundenheit hatten seit gestern, er wute selbst nicht
wodurch, einen hohen Reiz und Werth fr ihn gewonnen, und er konnte sich es
nicht verhehlen, sein Oheim hatte Recht gehabt: es lag etwas Bedenkliches in
seiner Freundschaft mit den Rhodens, etwas, wovor er sich zu hten hatte. Er war
im Allgemeinen weit entfernt, die Ansichten des Grafen Gerhard zu theilen, nur
das Eine mute er ihm zugestehen - ein Menschenkenner war der Graf, und
Welterfahrung hatte er.

                                Zwlftes Capitel


Fast um dieselbe Zeit, in welcher Renatus die Wohnung der Grfin verlie, stand
Paul vor der niedrigen Thre eines Zimmers, das in einem Hinterhause derselben
Strae im dritten Stockwerke gelegen war. Auf sein Klopfen rief man: Herein! und
ein mittelgroer, sehr schmchtiger Mann erhob sich von dem Tische, an welchem
er schreibend gesessen hatte.
    Er trug einen hechtgrauen, altmodischen Ueberrock, eine Kniehose und Weste
von schwarzem Tuche, und selbst den Puder und den kleinen, steifen Zopf, der ihm
fest und gerade am Hinterkopfe sa, hatte er gegen die vernderte Sitte
beibehalten. Alles an ihm und in seinem Stbchen trug das Geprge peinlicher
Genauigkeit und Ordnungsliebe. Lineal und Papierscheere, Federn und Bleistift
lagen wie nach dem Zirkel abgemessen auf dem Tische, das Wasserglas war mit
einem rundgeschnittenen Papier bedeckt. Um den Kfig des Hnflings, der reich
mit frischem Vogelkraut behngt war, fanden sich Papierstreifen durch das Gitter
gezogen, damit der Vogel das Futter nicht verstreuen knne; selbst unter die
kleine, irdene Vase, in der einige Weidenzweige mit ihren grauen Blthenktzchen
sich im Sonnenscheine entfalteten, war ein zierlich zurecht geschnittenes
Papierblatt gebreitet, und Paul bemerkte mit Vergngen, da das Gesicht des
schon bejahrten Mannes, der ihn empfing, eben so ruhig und friedlich aussah, wie
das Stbchen, welches er bewohnte.
    Auf seine Frage, wie es ihm ergehe, antwortete der Greis: Gut, gut, lieber
Herr Tremann. Wie sollte es mir anders ergehen, da Sie so gtig fr mich sorgen?
Ich habe ja alles, was ich brauche, und das mssen Sie sagen, ein so hbsches,
sonniges Zimmer habe ich nicht gehabt, selbst nicht, als wir das Stockwerk im
Flies'schen Hause noch ganz allein bewohnten.
    Er schob bei den Worten fr Paul einen Stuhl an das Fenster, machte ihn
aufmerksam, wie der Schnee in der letzten Nacht geschmolzen sei, wie in den
Grten, auf die er aus seiner Wohnung hinunter sah, sich an einzelnen Stellen
schon der Rasen ber dem befreiten, braunen Boden neu zu frben beginne, und
sagte dann: Wenn ich so hinunter blicke und dann wieder hinauf nach dem Himmel,
und habe solch einen schnen, weiten Horizont vor Augen, so denke ich immer nur
mit Schrecken an die Arbeitsstube, in der ich in meinen sogenannten guten Zeiten
meine Tage hingebracht habe, und ich frage mich, wie ich sndiger Mensch jetzt
nur ein so ruhiges Leben und es in meinen alten Tagen noch so gar gut auf Erden
haben kann.
    Denken Sie, da Sie es durch Ihre Gte fr mich verdient haben, meinte Paul.
    Ja, freilich, das mu ich mir denken, wenn mich nicht drcken soll, was Sie
fr mich thun. - Er schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich wei nicht, was
aus mir geworden wre, htte Gott Sie nicht zur rechten Zeit mir als einen
Helfer in der Noth gesendet. Nicht wissen, wo man sein Haupt zur Ruhe legen
soll, und nicht wagen, sich mit seinem grauen Kopfe vor den Menschen, die man
gekannt hat, sehen zu lassen, weil man es mit Schimpf und Schande beladen, weil
man im Zuchthause gesessen hat - das ist gar zu schrecklich, gar zu schrecklich,
lieber Paul!
    Er senkte dabei sein Gesicht in seine Hnde; aber als der Andere ihn
ermahnte, diese trben Gedanken von sich fern zu halten, meinte der Alte, es
thue ihm gut, sich einmal aussprechen zu drfen.
    Sehen Sie, rief er, indem er sich erhob und aus der Schublade seines Tisches
ein in schwarzes Leder gebundenes Bchelchen hervornahm, ich denke immer an Sie,
und weil ich sonst gar nichts fr Sie thun kann und immer nur von Ihnen
anzunehmen habe, so schreibe ich hier in das Buch, das ich mir eigens dazu habe
binden lassen, alle die guten Lehren ein, die ich mir aus meiner verkehrten
Handlungsweise abgenommen habe, und das soll einmal Ihr Erbe sein, obschon Sie
meiner guten Lehren wahrlich nicht bedrfen. Es will doch aber Jeder gern etwas
zu geben und zu hinterlassen haben.
    Er hielt Paul das Buch hin; es hatte einen vergoldeten Schnitt, der Titel
war wie eine Festgabe in schnster Frakturschrift geschrieben und trug unter der
reichverzierten Ueberschrift: Erfahrungsstze und Sinnsprche, auf der ersten
Seite als erste Lehre die Worte: Gib nie einem Weibe Gewalt ber Dich, denn des
Weibes Herz ist verkehrt und sein Thun und Treiben eitel!
    Herr Weienbach schien groes Gewicht auf diesen Ausspruch zu legen. Wenn
Sie wten, sagte er, wie oft ich mir das in meinem Unglcke vor die Seele
gehalten habe! Und ich war nicht am unglcklichsten, als das Geheimni meiner
Verschuldigung entdeckt, als die Untersuchung gegen mich eingeleitet und mein
Urtheil erst gesprochen war, als ich die Untreue, mit welcher ich die mir
anvertraute Kasse angegriffen hatte, im Gefngnisse bte. - Er bltterte in
seinem Buche, zeigte dann mit dem Finger auf die betreffende Stelle und rief:
Sehen Sie, da steht es: Ehre annehmen mit dem Bewutsein, sie nicht zu
verdienen, thut einem Rechtschaffenen sehr wehe! - Und ich kann mir das sagen
und Sie werden mir das bezeugen, lieber Tremann, ich war ein rechtschaffener
Mann. Ich bedurfte nicht viel, ich war zufrieden, wenn ich ruhig bei meinen
Acten sa, wenn ich meine Pflicht that; aber ich hatte einem Weibe Gewalt ber
mich gegeben, einem jungen, einem schnen Weibe, als ich kein Jngling mehr war,
und ich traute einer Delila! Ich traute, ich folgte ihr und ihren
verfhrerischen Rathschlgen, weil ich ihrem klugen Kopfe und ihren beredten
Worten mehr, als meiner Einsicht und meinem warnenden Gewissen glaubte! Das soll
man nicht thun, soll man nicht thun!
    Paul hatte viel Nachsicht mit dem alten Manne; aber er fand es endlich doch
nthig, seinen Erzhlungen und Herzensergieungen ein Ende zu machen, indem er
ihn bat, sich der Gedanken an seine Schuld, an seine Cassation und an seine Frau
zu entschlagen.
    Der Alte versicherte, da er dies auch thue. Nur wenn sie hier war, setzte
er hinzu, wenn sie einmal wieder hier war, dann wurmt und brennt's mich wieder,
dann wacht Alles wieder auf - und heute ist sie dagewesen!
    Was wollte sie? fragte Paul.
    Nichts, nichts, lieber Herr Tremann. Seit sie bei dem Grafen ist, hat sie
nichts von mir verlangt, sie hat's ja nun bei dem vollauf.
    Aber wehalb kam sie denn, sie pflegte doch nichts ohne Absicht, nichts
umsonst zu thun? meinte Paul, der seine Abneigung gegen die Kriegsrthin nicht
verhehlte.
    Der Alte sah sich schchtern um und sagte: Da ich die Wahrheit sage, sie
kam Ihretwegen!
    Meinetwegen - und wie das? Was will sie von mir?
    Gewi, lieber Paul, ich wollte sagen: lieber Herr Tremann, versicherte der
Kriegsrath, dieses Mal hatte sie keine Absichten, dieses Mal meinte sie es gut.
Sie fragte, ob ich noch immer Arbeit htte, ob Sie mir noch das Monatsgeld
gben, woher ich die Arbeit htte, was ich fr Sie schriebe? Ich zeigte ihr die
Auszge, die ich fr Sie aus den Zeitungen machen mu; sie besah sich das alles,
denn sie versteht sich auf dergleichen, und als sie schon im Fortgehen war,
drehte sie sich noch einmal um und sagte: Der Paul hat uns zwar schmhlich
verlassen und ist eigentlich an Allem schuld, denn wenn er bei uns geblieben
wre, wrde Alles anders geworden und wir nie in die Verlegenheit gerathen sein.
Da er Dich aber in Deiner Noth und in Deinem Alter wenigstens nicht verlt -
denn ich brauche ihn nicht, ich wei mir selbst zu helfen - und da ich Dir
seinen Beistand auch nicht entzogen sehen mag, so sage ihm, er solle machen, da
er von hier fortkomme, und zwar je eher, desto lieber! Sag ihm das, und ich
verlangte keinen Dank fr meinen guten Rath!
    Und damit lieen Sie sich gengen? Sie erkundigten sich nicht, was diese
Weisung, diese Warnung zu bedeuten habe, worauf sie sich beziehe?
    Der Alte sah ihn verlegen an. Sie wissen, was meine Laura nicht sagen will
....
    Er brach ab; Paul drang nicht weiter in den alten Kriegsrath. Er stand
vielmehr auf, hndigte dem Greise die Pension, die er ihm seit dessen
Freilassung zahlte, fr den nchsten Monat aus, sagte, da er sich dieselbe aus
dem Flies'schen Comptoir fr die nchsten Monate holen mge, und wie er in dem
Bureau des Staatskanzlers von einem der Sekretre die Zusage erhalten habe, da
man Herrn Weienbach auch ferner mit Copisten-Arbeit beschftigen werde. Dann
nahm er seinen Hut und wollte sich entfernen, aber der Kriegsrath hielt ihn
zurck. Er hatte offenbar noch etwas auf dem Herzen, das er sich zu sagen
scheute, und Paul ermunterte ihn dazu mit der Frage, ob er noch irgend etwas
wnsche.
    Der Alte sah ihn scheu und bittend an. Sie haben so viel fr mich gethan,
lieber Herr Tremann, sprach er endlich und ich danke Ihnen, da Sie sich so fr
mich verwenden! ich thue mein Mglichstes, Ihrer Frsprache Ehre zu machen, aber
...
    Nun was denn?
    Aber knnten Sie mir nicht etwas zu rechnen schaffen? rief der Alte, und er
sah so hell dabei aus wie ein Liebender, der endlich sein lange beabsichtigtes
Gestndni anzubringen vermochte.
    Etwas zu rechnen? Aber was soll das sein? Wehalb eben etwas zu rechnen? Sie
haben ja Arbeit genug!
    Ja, Arbeit, aber kein Vergngen, keine Freude! rief der Alte. Solch ein
Blatt, das ich abschreibe, steht vor mir und rckt und rhrt sich nicht; es ist
mein Herr, ich bin sein Sclave, ich darf nichts zu-, nichts abthun, jeder
Buchstabe ist mein Meister. Aber Zahlen, die commandire ich, die fge ich
zusammen, die vermehre und vermindere, die verbinde und theile ich, die sind
meine Geschpfe. Und wie schn sieht es aus, solch ein Cassabuch, wie stattlich,
wie majesttisch, wenn die Stellen unten sich auf jeder Seite mehren, wenn es in
die Tausende, in die Hunderttausende geht! - Er hielt ein wenig inne, als schme
er sich dieser Aufwallung, und sagte dann ganz leise und bewegt: Ich war sehr
glcklich damals, als in meinem Hauptbuche das Soll und das Haben sich noch wohl
vertrugen, als ich noch mit ruhigem Stolze auf die langen, schlanken
Zahlenreihen blicken konnte; und - ich wrde hier in dieser schnen, stillen
Stube recht glcklich sein, wenn ich wieder etwas zu rechnen, wenn ich wieder
die schnen Zahlenreihen zur Gesellschaft und vor Augen htte! Es ist das
Einzige, was mir zu meinem Glcke und zu meiner Zufriedenheit fehlt!
    Paul konnte nur mhsam sein mitleidiges Lcheln verbergen; er versprach dem
Alten, an seinen Wunsch zu denken, und als dieser ihm die Thr ffnete, um ihn
hinaus zu lassen, fragte er: Wer geht denn bei dem Grafen Berka ein und aus?
Wissen Sie das zufllig?
    Meistentheils Franzosen, entgegnete der Kriegsrath. Ein Baron von Castigni
kommt alle Tage. Meine Laura sagt, es sei ein verbindlicher und feiner Mann.
Aber auch von den Wrtembergern und Westfalen besuchen ihn viele Officiere, und
in den letzten Monaten ist auch der junge Freiherr von Arten fter bei dem Herrn
Grafen zu Tische gewesen. Heute it er, glaube ich, allein mit ihm.
    Paul hrte das ohne Entgegnung an und schied von dem Alten mit dem
wiederholten Versprechen, an die Erfllung seiner Wnsche denken zu wollen; aber
die Frage, was die Warnung der Kriegsrthin zu bedeuten habe, beschftigte ihn
doch mehr, als er es dem Greise zu zeigen fr angemessen fand, denn sie traf mit
den Bemerkungen zusammen, welche auch Herr von Werben ihm in dieser Beziehung
gemacht hatte. Da er nicht dazu neigte, seine Person und seine Thtigkeit hher,
als es recht war, anzuschlagen, fiel es ihm auf, da man berhaupt von
franzsischer Seite auf ihn aufmerksam geworden war. Seine Geschfte waren nicht
grer, nicht bedeutender gewesen, als die mancher anderer Kaufleute, seine
Reisen hatten an und fr sich auch nichts Auffallendes, und der Verkehr, welchen
er zwischen den heimischen und den im Auslande lebenden Vaterlandsfreunden
vermittelt hatte, war mit solcher Vorsicht behandelt worden, da er nicht wohl
verrathen sein konnte. Den Grafen Gerhard, ber dessen Verhltni zu Seba er
nicht im Zweifel war, hatte er seit seiner Kindheit nicht wieder gesehen. Er
trug auch kein Verlangen danach, dem von ihm in jeder Beziehung verachteten
Manne aufs Neue zu begegnen, und mit dem Herrn von Castigni, mit dem er jetzt im
Flies'schen Hause freilich bestndig zusammentraf, hatte er keine
Unannehmlichkeit gehabt. Die einzige peinliche Berhrung hatte gestern zwischen
ihm und Renatus Statt gefunden; damit konnte aber die Warnung der Kriegsrthin,
die ohnehin von lterem Datum war, nichts gemein haben, und es blieb ihm auf
diese Weise also kein Anhalt fr seine Vermuthungen. Da man sich jedoch unter
der obwaltenden franzsischen Gewaltherrschaft auf jede Art von Spionage und
Angeberei gefat halten mute, so war es ihm erwnscht, mit seinen
Angelegenheiten so weit vorgeschritten zu sein, da seiner Abreise nicht mehr
viel im Wege stand.

                              Dreizehntes Capitel


Whrend dessen war Renatus bei seinem Onkel angelangt, und da der Graf es
liebte, sich noch zu den jungen Leuten zu zhlen, von ihm mit einer fast
kameradschaftlichen Heiterkeit empfangen worden. Er wute bereits von Castigni,
der in der Frhe bei ihm gewesen war, da sein Neffe den letzten Abend im
Flies'schen Hause zugebracht hatte, und warf lchelnd die Frage hin, wie ihm
denn der Gnstling dieses Hauses, der sogenannte Tremann, gefallen habe.
    Sie kennen ihn also auch? fuhr Renatus auf, whrend das Blut ihm zu Kopfe
stieg.
    Der Graf bejahte dies in einer Weise, die darauf berechnet war, sich
dasjenige, was er wute, abfragen zu lassen, und er erreichte auch seine
Absicht, denn Renatus fiel ihm mit dem Ausrufe in die Rede: So sagen Sie mir,
Onkel, wo war der Mensch bis jetzt und wie kommt er in das Haus?
    Der Graf zuckte die Schultern. Hast Du noch nicht bemerkt, mein Lieber, wie
zufllig die Gesellschaft sich bei solchen Leuten, die um jeden Preis ein Haus
zu machen wnschen, zusammensetzt? Ich knnte Dich mit gleichem Rechte fragen:
Wie kommst Du dorthin? wte ich nicht, da Flies von Alters her der
Geschftsmann Deines Vaters war, und Dein Vater hat seine eigenthmlichen Wege,
die zu kreuzen nicht meines Amtes ist.
    Er that, als wolle er von dem Gegenstande abbrechen; inde Renatus war damit
nicht gedient, und da er geneigt war, sich der Einsicht seines Onkels heute mehr
als sonst zu fgen, weil er heute einen Beweis von der Menschenkenntni
desselben gewonnen zu haben meinte, sagte er: Sie selber haben ja frher die
Flies gekannt, und es dnkt mich, fgte er in einer ihm fremden, leichtfertigen
Weise hinzu, mit der er sich dem gewhnlichen Tone des Grafen anzupassen suchte,
und es dnkt mich, Sie mssen in dem Flies'schen Hause mehr als nur eine
Einquartierung gewesen sein, denn Seba weicht stets aus, wenn ich von Ihnen
spreche! In welchem Verhltnisse standen Sie zu ihr?
    Der Graf lachte hell auf, Renatus machte ihm in seiner steifen
Leichtfertigkeit einen komischen Eindruck, aber er lie ihn nicht merken, da
dieses Lachen nicht der Frage, sondern dem Frager galt, und entgegnete: In dem
einzigen Verhltnisse, in welchem Unsereiner zu einem Judenmdchen stehen kann!
Um ihre Bekehrung zum Christenthume, das sagst Du Dir wohl selber, war mir's
nicht wesentlich zu thun!
    Renatus hatte bei der Art seiner Frage auf eine solche Antwort gefat sein
mssen, doch war sie ihm widerwrtig. Er fand nicht gleich die Entgegnung, die
er zu geben fr nthig hielt; der Graf lie ihm auch nicht die Zeit, sie erst
lange zu suchen.
    Ein eigener Gedanke, Dich in das Haus zu schicken! Eine wunderliche Weise,
in welcher man Dich berhaupt fr den Feldzug fr das Leben vorbereitet hat, fr
diesen Krieg Aller wider Alle! sagte er pltzlich. Aber das vergessen sie in
ihrer Weisheit! Sie lassen Euch in die Welt gehen, ohne Euch die Gefahren zu
zeigen, die Euch drohen, ohne Euch vorsichtig zu machen, mit nichts ausgestattet
als mit Eurer Unschuld und Begehrlichkeit, und dann wundern sie sich, wenn Ihr
wie die Drosseln in der ersten Schlinge und an der ersten rothen, reifen Beere
hngen bleibt, die Euch in den Weg kommt! Arme Grfinnen und reiche Juden, das
ist alles Eins: feine Vogelsteller, die ihre Vgel kennen und ihr Garn zu legen
wissen, jeder auf seine Art - und Ihr fallt dann auch hinein - Jeder auf seine
Art!
    Ja, leider! rief Renatus unwillkrlich.
    Leider? Was weit Du davon? fragte der Graf, der bis dahin im Zimmer
umhergegangen war, vor seinem Neffen Fu fassend.
    Renatus zgerte zu antworten. Er wute, da der Graf nicht der Mann war, die
Neigung zu wrdigen, welche ihn mit seiner Jugendgespielin verbunden und der er
sich in der letzten Zeit mit so viel Hingebung und Wrme berlassen hatte. Er
wute eben so gut, da er heute absichtlich ein Unrecht gegen Hildegard begangen
habe und da er dieses steigere, indem er den Grafen in das Vertrauen ziehe;
aber er konnte mit Zuversicht darauf rechnen, von demselben wegen dieses
Unrechtes nicht getadelt zu werden, er durfte vielmehr hoffen, Aufmunterung zu
erhalten, wo er selber sich Vorwrfe machte, und weil er in jedem Betrachte
unzufrieden mit sich war, verlangte sein abhngiges Wesen nach Lob, gleichviel,
von wem ihm dieses komme oder worauf es sich beziehe. Trotzdem fand er es
schwerer, als er sich's gedacht hatte, von seinen guten Gewohnheiten, von den
Ehr- und Anstandsbegriffen zu lassen, in denen er erzogen und aufgewachsen war,
und dem scharfen Auge seines Onkels ausweichend, entgegnete er, um Zeit zu
gewinnen: O, von mir ist nicht die Rede, und Sie, Onkel, Sie knnen derartige
Erfahrungen doch nicht gemacht haben? Ihr Glck bei den Frauen ist ja noch
sprchwrtlich im Regimente!
    Der Graf nahm eine ernste Miene an. Ich habe mich, sagte er, ber die Frauen
nicht zu beklagen gehabt, weil ich frei zu bleiben und zu schweigen verstand und
weil ich dasjenige zu vergessen wei, woran ich nicht erinnert zu sein wnsche.
Gehe hin und thue ein Gleiches, fgte er lchelnd hinzu, und sie werden, wenn
sie nicht Deines Lobes voll sind, doch ausweichen, wenn man von Dir spricht!
    Wie Seba! fiel Renatus, der sich erinnerte, wie er sich vorher eben dieses
Ausdruckes bedient hatte, dem Oheim, als habe er eine Erleuchtung erhalten,
lebhaft in die Rede. Wie Seba thut, wenn man von Ihnen spricht!
    Der Graf lie den Ausruf unbeantwortet. Erst nach einer geraumen Pause sagte
er: Wenn die Frauen ihre Vergangenheit so ganz und gar vergessen, geben sie uns
das Recht wieder, derselben zu gedenken. Es ist belustigend, zu hren, wie
gelufig die groen Worte: Deutschthum, Jungfrulichkeit und Tugend dieser
Gesellschaft und allen diesen Frauen geworden sind, wie sie einander sttzen und
tragen, weil die meisten von ihnen auf schwachen Fen stehen, und wie alle doch
nur den Einen Zweck der Selbstsucht verfolgen: einen Mann zu bekommen oder die
Ihrigen an den Mann zu bringen. Nur schade, da man's merkt! - Ich sagte Dir
neulich: Nimm Dich mit den Rhoden's in Acht! Die Warnung war vielleicht vom
Ueberflu, denn auf die blonde, schmachtende Unschuld hast Du's wohl nicht
abgesehen! Ich sage Dir heute, vielleicht mit grerem Rechte: Sieh' Dich mit
den Flies, mit Seba vor! Sie knnte fr Davide zu erlangen wnschen, was ich ihr
zu gewhren trotz ihrer Zuvorkommenheit nicht fr angemessen fand, und sie
gehrt zu denen, die vielleicht groes Spiel fr Andere zu spielen lieben,
nachdem sie die Partie fr sich verloren haben!
    Er ging an seinen Schreibschrank, setzte sich vor demselben nieder und
suchte anscheinend etwas unter seinen papieren. Renatus war es uerst
unbehaglich zu Muthe. Er wute seinem Oheim fr diese Mittheilungen keinen Dank,
obschon er selber sie hervorgerufen hatte, dennoch reizten ihn die Andeutungen,
die halben Aufschlsse, welche derselbe ihm machte. Weil er sich selber tadelte,
gefiel es ihm, die Andern auch nicht verehrenswerth zu finden, und doch stie
ihn der Gedanke zurck, da er sich bisher mit Wohlgefallen in einem Kreise
bewegt haben sollte, der dieses Wohlgefallen, der die Achtung nicht verdiente,
mit welcher Renatus den einzelnen Personen desselben sich angeschlossen hatte.
    Er htte mehr erfahren, mehr wissen mgen, und scheute sich doch davor. Er
rgerte sich darber, da er sich der innerlichen Betrachtungen nicht
entschlagen konnte, er fand es lcherlich, da er sich Sorgen und Vorwrfe ber
sein Verhalten gegen Hildegard machte, da es ihm weh that, von Seba, von Davide
geringschtzig zu denken. Er wnschte sich den leichten Sinn, ja, den Leichtsinn
seines Onkels. Was nutzten ihm seine strengen Grundstze in einer Welt und in
einer Gesellschaft, welche nicht auf solche Grundstze erbaut war? Er hatte
sich, wie er meinte, in der That ber die klsterliche Erziehung, die man ihm
gegeben, zu beschweren, er pate durch sie nicht einmal mit seinen Kameraden
zusammen, gegen deren frhliche, auf den Genu gestellte Sorglosigkeit er sich
bisher so verstndig erschienen war. Was sollten ihm eine Tugend, eine
Sittlichkeit, die ihn nur schwerfllig, die ihn pedantisch erscheinen lieen und
die es ihm doch nicht ersparten, mit sich selbst in Zwiespalt zu gerathen und
Andern wehe zu thun? Er htte nicht anders sein mgen, als seine Kameraden, er
htte ein glcklicher Verfhrer, wie sein Onkel sein, und sich in der Wrme
seiner Erinnerungen sonnen mgen! Aber man wird nicht mit Einem Male lasterhaft,
wie man nicht mit Einem Male tugendhaft wird. Jedes Ding will gelernt und gebt
sein, und mitten in dem Verlangen, einen Liebeshandel mit Davide anzuknpfen und
den Amerikaner aus dem Felde zu schlagen, berkam Renatus der Gedanke, was die
arme Hildegard dazu sagen, davon denken wrde? Er seufzte um Hildegard und
trachtete zugleich nach der Eroberung der schnen Jdin und nach Triumphen auf
dem Felde der Liebe. Daneben rgerte er sich wieder ber dieses haltlose
Schwanken, ber dieses Wollen und Nichtwollen, und unwillkrlich diesem Aerger
Worte leihend, rief er halb fr sich aus: Herkules am Scheidewege ist doch eine
alberne Figur!
    Der Graf wendete sich nach ihm um, und als habe er ihn nicht verstanden,
fragte er, was er wnsche.
    O, rief Renatus, unsere ganze Unterhaltung ging mir durch den Kopf, und ich
mute mir sagen, da die symbolische Figur des Herkules am Scheidewege albern
sei!
    Sehr albern, wiederholte der Graf, whrend er sich von seinem Platze erhob -
und um so alberner, als die Dinge, welche man Tugend und Laster nennt, gar nicht
so bestimmt zu trennen und weit nher mit einander verbunden sind, als man uns
in der Jugend glauben machen mchte. Was ist Tugend? Wo hrt sie auf? Wo fngt
das Laster an? - Hirngespinnste und Ammenmrchen, zum Besten einiger Wenigen
erfunden! - Er nahm eine Prise, ging auf dem weichen Teppiche des Zimmers auf
und nieder und trat dann an das Fenster, durch dessen Scheiben er in die Strae
hinaussah.
    Er hatte noch nicht lange so gestanden, als sich sein Neffe zu ihm gesellte.
Der Graf hatte das erwartet, that aber, als beachte er es nicht. So ging eine
Weile hin. Endlich klopfte er dem Jngling auf die Schulter und sagte mit
einladender Zutraulichkeit: Nun, heraus damit! Was hat's gegeben? Denn geschehen
ist etwas, wobei Deine Weisheit und Tugend sich nicht zu helfen wissen!
    Renatus fuhr aus seinem Brten auf, und innerlich von dem Einen Gedanken
hingenommen, der ihn seit gestern nicht verlassen hatte, rief er, durch die
pltzliche Anrede aufgeschreckt und berrascht: Beantworten Sie mir Eine Frage,
Onkel! ist dieser Tremann meines Vaters Sohn?
    So gewi, als Du selbst es bist! entgegnete der Graf gelassen, der freilich
irgend eine andere Anforderung erwartet hatte.
    Der junge Freiherr bi sich in die Lippe, seine Nasenflgel blhten sich im
Stolz. Aber woher diese auerordentliche Freundschaft mit den Flies? Woher das
groe Aufheben, das sie mit diesem - Menschen machen?
    Spekulation! lachte der Graf.
    Aber worauf, worauf?
    Worauf? Auf die Gunst des Zufalls, auf den diese Leute, denen es von ihren
trdelhaften Anfngen inne wohnt, sich auf glckliche Zuflle zu verlassen, nie
zu rechnen verlernen! Der Graf hatte seinen Platz am Fenster verlassen und sich
behaglich an dem Feuer niedergesetzt. Er war mig und gut aufgelegt, es
unterhielt ihn, die Aufregung seines Neffen nach Belieben zu erhhen und zu
dmpfen.
    Es ist brigens ein eigenes Ding um dasjenige, was wir Zufall nennen, hob er
nach einer anscheinenden Ueberlegung an. Man sollte ihm bisweilen eine
Folgerichtigkeit, einen inneren Zusammenhang zutrauen, an gewisse
Vorherbestimmungen glauben, wenn man berhaupt zum Glauben und damit zum
Aberglauben Neigung hat. Ich zum Beispiel stehe anscheinend in einem
geheimnivollen Zusammenhange mit diesem Monsieur Tremann - oder Mannert, wie er
eigentlich heit. Er wird mir immer wieder in den Weg gefhrt, und es wird wohl
schlielich meines Amtes sein, ihn - aus dem Wege zu schaffen, auf dem er nun
auch Dich behindern zu wollen scheint.
    Renatus war sehr ernst geworden. Er nahm neben dem Grafen Platz und sagte:
Wenn man an eine Vorherbestimmung glaubt, wie ich es nach den Lehren unserer
Kirche und aus fester Ueberzeugung thue, so kann und darf man nichts in der Welt
als ein bloes Spiel des Zufalls ansehen! Es berhrt mich daher sehr
eigenthmlich, da mir eben heute die Nothwendigkeit aufgedrngt wird, mich mit
diesem Sohne meines Vaters zu beschftigen und auf die Vergangenheit meiner
Eltern zurckzublicken, die - ich wei das wohl - leider keine glckliche
gewesen ist! Aber in welcher Verbindung stehen Sie mit jenen Ereignissen, deren
man gegen mich nie mit Offenheit erwhnte, die ich nur aus einzelnen Aeuerungen
kennen und aneinanderreihen lernte? Sie wrden mir einen Dienst leisten, Onkel,
wenn Sie mir alles mittheilen wollten, was Sie von jenen Verhltnissen wissen,
die fr mich ja von so entschiedener Bedeutung sind!
    Die ganze Arten'sche Pedanterie, die ganze Empfindsamkeit der guten
Angelika! rief der Graf. Nur schade, da es nicht mit wenig Worten zu sagen ist,
wie ich mit jenen Vorgngen zusammenhnge! Gefhlvolle Seelen knnen etwas
Verhngnivolles, etwas Romantisches in der sehr prosaischen Geschichte finden,
die nur durch die Ueberspannung Deiner Eltern zu einer Art von Wichtigkeit
erhoben wurde! Du wirst davon gehrt haben, da Dein Vater einer Jgerstochter,
die ihm diesen Monsieur Mannert geboren hat, aus philanthropischer Laune eine
Art von Erziehung hatte geben lassen! Sie dankte ihm dieselbe, indem sie sich an
dem Morgen, an welchem er zu seiner Hochzeit fuhr, ertrnkte!
    Ich wei das! bemerkte Renatus mit einem Seufzer.
    Es war allerdings ein lstiges Zusammentreffen; aber Dein Vater nahm die
Sache unbegreiflich schwer, noch schwerer nahm sie Deine Mutter. Es ist am Ende
Jeder nur fr die berechenbaren Folgen seiner Handlungen, nicht fr das
Unberechenbare verantwortlich, was sie in Unvernnftigen erzeugen. Dein Vater
empfand Gewissensbisse, machte sich Vorwrfe, Deine Mutter fand es nthig, sie
mit ihm zu tragen und zu theilen, Euer vortrefflicher Caplan wute solche
Stimmungen zu benutzen. Man gelobte den Bau einer katholischen Kirche, weil eine
Jgerstochter die Geliebte ihres Herrn gewesen war; und weil eine lutherische
Magd sich das Leben genommen hatte, machte Deine Mutter, machte eine Grfin
Berka sich zur Katholikin. - Ich war damals sehr jung und Zeuge davon, wie man
die Ertrunkene suchte, und ich verstand die Logik der darauf folgenden
Ereignisse nicht; aber ich bekenne Dir, da ich sie auch heute noch nicht
verstehe. Begreife Du sie, wenn Du kannst!
    Deine Mutter wollte den Bastard nicht in ihrer Nhe wissen; man vertraute
ihn also meiner jetzigen Haushlterin, der Kriegsrthin, zur Erziehung an, die
im Flies'schen Hause wohnte, und ein neuer Zufall brachte mich in demselben
Hause in's Quartier. Ich war es, der auch mit einer ganz zuflligen Aeuerung in
dem Knaben die Erinnerung an seine Mutter, an seinen Vater weckte, und wie des
Burschen Aehnlichkeit mit Deinem Vater mir seine Abkunft augenblicklich
verrathen hatte, so machte die bertriebene Zrtlichkeit, die man fr den
fremden Knaben im Flies'schen Hause an den Tag legte, mir bald klar, da man
gesonnen war, sich das Geheimni, welches man Deinem Vater bewahrte,
gelegentlich bezahlen zu lassen. Seba vor Allen schien eine ganz besondere Liebe
fr den Knaben zu haben, der bestndig um sie war, und das machte ihn mir nicht
lieber, denn Seba war damals jung und schn, ehrgeizig und phantastisch,
abenteuerlich und zrtlich - und leichtglubig, wie die Weiber alle.
    Er hielt inne, lchelte und sagte dann, die Augen fest auf seinen jungen
Gast gerichtet: Du hast vorhin mit einer Erkenntni, die ich Dir gar nicht
zugetraut habe, die Fabel vom Herkules am Scheidewege eine Albernheit genannt.
Die meisten dieser Mythen sind Albernheiten: auch die Fabel vom Tantalus ist
eine solche. Keine reife Frucht entzieht sich der durstenden Lippe, aber tausend
reife Frchte welken, weil sich Niemand findet, der sie bricht. Es ist
lcherlich, von verfhrten Weibern zu sprechen! Sie unterliegen immer nur der
eigenen Begehrlichkeit, der eigenen Phantasie! Wie reife Frchte warten sie am
Baume sehnschtig auf den Durst des vorbergehenden Wanderers, um bei der
leisesten Berhrung ihm in die Hand zu fallen. Nun, ich ging vorber mit dem
Durste der heien Jugend, und - die schne Seba fiel mir ohne all mein Zuthun in
die Hand!
    Onkel! rief Renatus mit nicht zu verbergendem Widerwillen, weil seine
Reinheit und Rechtschaffenheit vor solcher geflissentlich zur Schau getragenen
Sittenlosigkeit zurckschreckten. Aber der Graf gehrte zu jenen Wstlingen, die
es belustigend finden, Andere errthen zu machen, wenn sie selber zu errthen
verlernten, und als habe er den abwehrenden Ruf des jungen Mannes nicht
vernommen, fuhr er gleichmthig zu erzhlen fort.
    Wir rckten an demselben Tage, an welchem Seba sich mir ergeben hatte, in
das Feld. Ich erhielt einige Briefe, klagend, bittend, drohend und beschwrend,
wie eine Jede sie schreibt. Ich beantwortete sie nicht. Jahre vergingen, ich
glaubte die Schne lngst getrstet, whnte das Abenteuer lngst begraben und
vergessen, aber ich hatte die eigensinnige Beharrlichkeit der Juden nicht in
Anschlag gebracht, die, wie gesagt, jeden Zufall zu benutzen wei und der kein
Umweg zu weit ist, wenn er nur frher oder spter zum Ziele zu fhren
verspricht. Mich zu rhren hatte Seba nicht vermocht, mich zu bestimmen hatten
sie und die Ihrigen keine Mglichkeit, aber mich berlisten und durch
Ueberraschung gewinnen zu knnen, hatten sie nicht aufgegeben. Sie wuten von
unseren und von den Verhltnissen Deiner Eltern durch den Architekten, der Euch
die Kirche baute, durch Euren Amtmann, dem Flies die Mittel an die Hand gab,
sich die Verlegenheiten Deines Vaters zu Nutze zu machen, was sie zu wissen
wnschten, und mehr als das. Arglistig stellte man Deiner armen, kranken Mutter
den ihr verhaten Bastard gegenber, und als die Aermste zusammenbrach, da war
der Menschenliebe und der Dienstfertigkeit, der Rcksicht und der Hingebung fr
sie kein Ende. Unter dem Scheine der hchsten Uneigenntzigkeit erschlich sich
Seba die Freundschaft und das Zutrauen Deiner Mutter. Als ihre einzige, als ihre
beste Freundin fhrte Angelika, als ich eben zu einem Wiedersehen mit den
Meinigen angekommen war, die edle Seba bei meiner Mutter ein, und diesen
Augenblick benutzte die schne, erhabene Seele, ihre Gestndnisse zu machen und
von mir die Herstellung ihrer Ehre zu verlangen, die sie mir sehr freiwillig
geopfert hatte.
    Renatus konnte diesen Ton nicht ertragen. Es schnrte ihm die Brust zu, es
klopfte ihm in allen Adern, er erhob sich wie im Schrecken. Er htte das Fenster
ffnen mgen, obschon der Wind, der sich inzwischen erhoben hatte, die Scheiben
klirren machte. Auch der Graf hatte sich erhoben, aber er ging gemchlich auf
und nieder und pfiff leise das damals sehr beliebte Lied vom schnen Dunois
durch die Zhne.
    Jeder Mann, sagte er nach einer Weile, spielt zwischen drei Frauenzimmern in
einer solchen Lage eine abgeschmackte Rolle. Die arme, sterbende Angelika
schwamm in Thrnen und htte mir am liebsten die schne Seba sofort angetraut;
meine Mutter wollte Seba berreden, mir zu verzeihen, was sie mir gar nicht zu
verzeihen hatte - und ich that das Einzige, was mir bei einer derartigen Scene
und Ueberrumpelung zu thun brig blieb: ich lie sie alle gewhren! - Ich gnnte
Deiner Mutter die Zeit, sich auszuweinen und das Vertrauen und die Freundschaft
zu bedauern, welche sie Seba gewhrt hatte. Ich lie meiner Mutter die Zeit, zu
begreifen, da sie berlistet worden sei, und Seba Zeit und Freiheit, sich zu
entfernen, was sie denn auch schlielich that. - Aber, rief er mit fester Stimme
und mit einer Erbitterung, welche gegen die spttische Leichtigkeit sehr
abstach, in der er bis dahin gesprochen hatte - aber ich habe es ihr nicht
vergessen, da sie mich gezwungen hat, vor meiner Mutter und meiner Schwester
als ein Angeklagter da zu stehen! Ich habe es ihr nicht vergessen und vergeben,
da sie meine Mutter, die Grfin Berka, dahin brachte, sich mit einer Bitte vor
ihr zu erniedrigen - und sie hat es mir, sie hat es uns allen eben so wenig
vergessen und vergeben, da sie ihre Gestndnisse unnthig und vergebens vor uns
abgelegt hat! Durch Dich und Deine Unschuld hofft sie zu erreichen, hofft sie,
uns zu vergelten, was sie sich, was sie uns schuldig zu sein meint! Daher die
groe Freundschaft, welche man Dir im Flies'schen Hause beweist, daher die
Annherung an die Rhodens, mit der sie sich das Ansehen einer gesellschaftlichen
Stellung zu geben suchen, die Dich sicher machen soll, daher die lcherliche
Deutschthmelei, mit der sie ihr Judenthum maskiren! Darum mute der Bastard
Deines Vaters, der so gescheit gewesen war, sich aus dem Staube zu machen,
zurckberufen und Dir als ein Bewerber um Davide in den Weg gestellt werden! Auf
Deine Unerfahrenheit, auf Deines Vaters Lage ist dabei gebaut! Ich durchschaue
den ganzen Plan, so weit und vorsichtig er auch angelegt ist; und wie wenig die
Meinigen und Dein Vater dies von mir zu fordern haben, ich werde fr sie, fr
Dich, fr uns alle handeln! Die nthigen Schritte dazu sind bereits gethan! Man
wei es, da dieser Tremann unter falschem Namen hier ist, da er nach allen
Seiten Verbindungen hat, die ihn verdchtigen, sein Eintritt in die Geschfte
des alten Wucherers, des Flies, verdchtigt diesen ebenfalls! Man ist aufmerksam
auf alles, was in dem Hause vorgeht. Und da sie sich so geflissentlich in den
Vordergrund drngen, da dieser Tremann sich uns so unberufen in den Weg stellt,
fhle ich mich, wie ich Dir vorhin sagte, auch berufen, sie mit ihrem neuen
Gnstlinge sammt und sonders aus dem Wege zu schaffen und unschdlich zu machen!
Dann ist Davide frei, und ....
    Der Graf hielt pltzlich inne, denn der Diener ffnete einladend die Thre
des Nebenzimmers, in welchem die Mahlzeit den Grafen und seinen Gast erwartete.
Als htten sie bis dahin die heiterste Unterhaltung gepflogen, so leicht und
freundlich bot der Oheim seinem Neffen den Arm; aber Renatus konnte sich nicht
berwinden, sich auf ihn zu lehnen, er that als bemerke er es nicht.
    Zorn, Scham, Emprung und Niedergeschlagenheit wechselten ihre Herrschaft in
dem jungen Manne ab und lieen ihn zu keinem festen Gedanken, zu keinen klaren
Vorstellungen kommen. Er kannte mit einem Male die Welt nicht wieder, in der er
lebte. Sie starrte ihm unheimlich entgegen wie eine liebe, heimisch vertraute
Landschaft, welche man pltzlich durch grell gefrbte, entstellende Glser
betrachtet. Er wute, da die Mittheilungen, die ihm durch diesen Erzhler
aufgedrungen wurden, keine zuverlssigen und keine reinen sein konnten, aber er
vermochte nicht zu unterscheiden, was Wirklichkeit, was Tuschung, was
unabsichtliche, was geflissentliche Entstellung sei, und nur die Ansicht setzte
sich unabweislich in seiner Seele fest, da sein Vater nicht wohlgethan habe,
ihn mit der Flies'schen Familie in Berhrung zu bringen und ihn dadurch mit
Personen zusammen zu fhren, deren Stand und Gewerbe sie zu vielerlei
Nachgiebigkeiten und Llichkeiten nthigten und deren Sitten-, Rechts- und
Ehrbegriffe also weit von denen eines Edelmannes abliegen muten. Es krnkte
ihn, da diese Leute von seinen Familienverhltnissen in vieler Beziehung besser
unterrichtet waren, als er selbst; er schmte sich bei dem Gedanken, da er sich
zu Seba so hingezogen gefhlt, da er sie, die Entehrte, die sich seiner Familie
aufdringen wollen, seine Freundin genannt habe, da sie die Freundin seiner
Mutter gewesen sei. Sein Name, seiner Eltern Ehe, sein Vaterhaus, Alles schien
ihm wie von einem Gifte angehaucht zu sein, und whrend gestern die brgerliche
Freiheit seines Bastardbruders ihm ein unbestimmtes Verlangen nach
Ungebundenheit eingeflt hatte, whrend er noch am Vormittage ein Verlangen
nach ungewhnlichen und abenteuerlichen Erlebnissen in sich gehegt, sehnte er
sich nun pltzlich in den Kreis jener reinen Empfindungen zurck, in welchen er
bis dahin so friedlich und so unbeirrt geathmet und gelebt hatte.
    Die Tagesereignisse, die Stadtneuigkeiten, die Erzhlungen aus der
Gesellschaft der franzsischen Hauptstadt, mit denen der Graf sich und ihn bei
Tische unterhielt, fesselten die Theilnahme seines Neffen nicht. Die gewhlten
Speisen, die feurigen und feinen Weine reizten des Jnglings Gaumen nicht. Er
war schweigsam und ernsthaft in sich versunken, denn das Bild, das er am Morgen
als eine Albernheit verspottet hatte, das Bild des Herkules am Scheidewege,
drngte sich ihm abermals und jetzt in einem anderen Lichte auf. Auch er stand
auf der Grenze zwischen zwei Welten, an einem Scheidewege, auch er hatte eine
Wahl zu treffen zwischen den Verlockungen des Lebens und den Ueberzeugungen und
Ehrbegriffen, in denen er erzogen und erwachsen war und die fr alle Zeit die
Handlungen eines wahren Edelmannes leiten muten. Und noch ehe man sich von dem
verschwenderischen Mahle erhob, war seine Wahl getroffen.
    Statt ihn zu verfhren, hatte die Charakterlosigkeit des Grafen ihn zur
Besinnung und zu sich selbst gebracht. Renatus bereute, was er seit gestern
gedacht, gethan; er war entschlossen, sich fr immer von einem Kreise
loszusagen, in welchem so niedrige Elemente sich verbergen konnten, und er htte
viel darum gegeben, htte er auf den Lebensweg seines Vaters mit derselben
Zufriedenheit zurckblicken knnen, wie auf denjenigen, den er bis gestern
selbst zurckgelegt hatte. Es war nie ein unedler Gedanke in sein Herz gekommen
und - er wollte seine Seele rein erhalten. Er war stolz auf seine Sittenreinheit
wie auf seinen alten Adel; er wollte durch seinen Edelmuth die Schwche seines
Vaters shnen und vergessen machen, er wollte in sich das vollkommene Vorbild
eines Edelmannes darstellen; und weil die Jugend ihr augenblickliches Wollen
sich gern als eine That anrechnet, sah er bald mit einem mitleidigen
Selbstgefhle, ja, endlich mit stolzer Verachtung auf seinen Oheim, auf den Mann
herab, dessen Menschen- und Weltkenntni ihm vor wenig Stunden noch beneidens-
und bewundernswerth erschienen waren.
    Renatus' Haltung hob sich an seinen guten Vorstzen, er gewann seine Fassung
wieder. Er nannte es in seinem Innern gut und ntzlich, die Nachtseiten des
Lebens in solcher Weise kennen gelernt und einen Blick in die verborgen
gehaltenen Geheimnisse seiner Familie und seines Hauses gethan zu haben, den er
sich zu Nutze zu machen beschlo. Da er Seba nicht wiedersehen, das Flies'sche
Haus nicht wieder betreten, die Grfin Rhoden bestimmen msse, mit Seba zu
brechen, um Hildegard vor jeder Berhrung mit derselben ein fr alle Mal zu
sichern, das verstand sich ganz von selbst. Er fhlte sich pltzlich berufen,
die Zgel in die Hand zu nehmen und fr Alle, die ihm nahe standen, einzutreten.
War er doch der Freiherr von Arten, auf dessen Schultern die Verantwortung fr
die Ehre dieses Namens schon jetzt und in der Zukunft ruhte! Und er war jung
genug, an die Dauer des Augenblickes zu glauben und mit der Kraft einer
augenblicklichen Erhebung und Begeisterung, Vergangenheit und Zukunft umfassen
und umgestalten zu wollen.
    Er sann darber nach, wie er, noch ehe er sich heute von seinem Onkel
trennen wrde, diesem die Entschlsse kund geben knne, die er gefat, wie er
ihm, ohne ihn zu beleidigen, deutlich machen knne, da sie beide auf einem
vllig verschiedenen Standpunkte stnden, da sein Versuch, sich den
Anschauungen seines Onkels zu nhern, ein vergeblicher gewesen sei, und da es
also fr sie in Zukunft gerathen sein drfte, einander zu vermeiden. Aber der
Widerspruch zwischen den Erzhlungen des Grafen und den Gedanken und
Empfindungen, welche sie in Renatus erzeugten, fing diesen allmhlich poetisch
zu dnken an. Es reizte ihn, sich in solcher Weise geistig von seiner zuflligen
Umgebung befreien, seine Seele bis zu religisen Empfindungen erheben zu knnen,
whrend er die nthigen Entgegnungen auf die ganz weltlichen Reden und Fragen
seines Onkels nicht schuldig blieb; und er war mitten in diesem poetischen
Selbstgenusse, als die Meldung von der Ankunft des Herrn von Castigni ihn
strte, der als ein vertrauter Freund des Hauses dem Diener auf dem Fue folgte.
    Wichtige Nachrichten, ich bringe wichtige Nachrichten! rief er dem Grafen
zu, whrend dieser den Franzosen nthigte, an der kleinen Tafel Platz zu nehmen,
und der Diener ihm ein Glas hinsetzte. - Rsten Sie Sich zum Aufbruche, mein
Herr Baron! Non pi andrai far fallone amoroso! wie viel Thrnen es auch kosten
mag, fgte er scherzend hinzu. Der Marschbefehl fr die preuischen Truppen ist
ertheilt, und Mademoiselle Davide wird sich mit uns armen Civilisten gengen
lassen mssen, bis die jungen Helden wiederkehren, um der Schnen ihre Lorbeeren
auf's Neue zu Fen zu legen.
    Er durfte nach dieser Aeuerung eine eben so leichte Entgegnung erwarten und
sah Renatus deshalb verwundert an, als derselbe mit einer gewissen
Empfindlichkeit die Bemerkung machte, da Mademoiselle Davide ihn weder Thrnen
kosten, noch Thrnen um ihn weinen knne, da sie gar kein Interesse an einander
nhmen. Dann erhob der Jngling sich von der Tafel, wozu die Nachricht von der
Marschordre ihm die erwnschte Veranlassung lieferte.
    Der Graf, welcher es sich leicht gedacht hatte, Renatus fr sich zu gewinnen
und ihn zu einem Werkzeuge seiner Rache zu machen, ahnte, da er sich darin
betrogen habe, und war der Zerstreutheit seines Neffen ohnehin mde geworden. Er
versuchte also nicht ihn zurckzuhalten. Das Gesprch bewegte sich noch eine
kurze Zeit um die Tagesnachricht; Renatus sprach die Hoffnung aus, auf dem
Marsche auch zu seinem Vater nach Richten kommen zu knnen, und der Graf gab ihm
dann mit scherzenden guten Lehren das Geleit.
    Als sie die Thre des Nebenzimmers erreichten, so da Castigni ihre Worte
nicht mehr vernehmen konnte, sagte Renatus ernst und feierlich, indem er stehen
blieb: Ich habe noch etwas auf dem Herzen, ehe ich scheide. Sie haben vorhin
feindliche Gesinnungen gegen den Kaufmann Tremann ausgesprochen. Ich bitte Sie,
Onkel, geben Sie dieser Abneigung, die ich brigens mit Ihnen theile, keine
Folge. Es dnkt mich unserer nicht wrdig, uns mit diesem Manne zu beschftigen.
Es ist nicht seine Schuld, da er existirt, und Ehre ist fr Unsereinen von
seines Gleichen nicht zu holen. Ich fr meinen Theil bin fertig mit ihm und
seinem ganzen Anhange, da der Feldzug es mir mglich macht, mich ohne Aufsehen
von Bekanntschaften zurckzuziehen, in die ich niemals gerathen sein wrde,
htte man sich frher die Mhe genommen, mich zur rechten Zeit ber jene
Personen aufzuklren. Ich danke Ihnen, da Sie dieses heute gethan haben. Meiner
Verschwiegenheit sind Sie gewi, und somit, Onkel, leben Sie wohl!
    Der Graf nahm die ernste Anrede leichthin auf, und Renatus eilte von dannen,
zufrieden, da er mit dieser Frsprache fr Tremann die ersten Schritte auf dem
Wege gethan hatte, von dem fortan nicht wieder zu weichen, er sich heute ein fr
alle Mal gelobt hatte.

                              Vierzehntes Capitel


Als Renatus seine Wohnung betrat, fand er seinen Burschen bereits damit
beschftigt, die fr den Feldzug bestimmten Effecten auszusondern und zu packen.
Renatus freute sich dessen, denn er sehnte sich, fortzukommen. Wie man die
erhitzten, mden Glieder in eine frische, khle Flut zu tauchen begehrt, so
wnschte er die Erfahrungen der letzten vierundzwanzig Stunden in frischen,
ermuthigenden Erlebnissen zu vergessen, und mit wahrer Sehnsucht richteten seine
Gedanken sich in die Zukunft, in eine Zukunft, die er selber sich rein und schn
und frei zu gestalten hoffte.
    Nicht in der Todesstunde seiner Mutter, da sie ihn mit frommem Wunsche
gesegnet, nicht an dem Tage, an welchem der Freiherr von ihm bei dem Abschiede
aus dem Vaterhause das Gelbni gefordert hatte, da er sich seines Namens und
Hauses wrdig machen wolle, hatte Renatus sich so ernst und in sich gefestet
empfunden, als heute; aber es war die Weihe jener Momente, welche in ihm
nachwirkte und ihn sich selbst versprechen lie, was er denjenigen gelobt hatte,
die er freilich jetzt nicht mehr als seine Vorbilder zu betrachten vermochte. Er
beklagte seine Mutter, er bedauerte die Charakterschwche seines Vaters, er
pries sich glcklich, den Caplan zum Lehrer und Fhrer gehabt zu haben, er
segnete die einsame, sittenstrenge Erziehung, die ihm zu Theil geworden und die
er noch wenig Stunden vorher als ein Unglck anzusehen geneigt gewesen war, und
es fiel ihm gar nicht ein, wie schnell eben im Laufe des letzten Tages seine
Empfindungen und Gedanken sich gewandelt und mit einander gewechselt hatten. Er
hielt eben noch immer jede seiner Stimmungen fr die Folge einer neu gewonnenen
Erkenntni und jede solche Erkenntni fr die einzig richtige und abschlieende;
das ist eine Eigenschaft der Jugend, welche beschrnkten Geistern aber
lebenslang eigen bleibt und es ihnen mglich macht, alle ihre Irrthmer im
besten Glauben an die Unumstlichkeit ihres Rechtes zu begehen.
    Der Freiherr hatte, im Geiste der Zeit, welcher er angehrte, sich selbst
gengen, und von dem Momente ab, in welchem er die Rechte seines Standes
angefochten sah, sich in diesen Rechten, in seinem Ansehen und in seiner uern
Wrdigkeit behaupten wollen. Das erkannte und begriff der Sohn, aber seine
Erziehung hatte ihm, wie er meinte, ein hheres, ein idealeres Ziel vor Augen
gehalten, und nie hatte ihm dies heller entgegen geleuchtet, als eben jetzt.
Nicht allein um die uere Wrdigkeit war es ihm zu thun; er wollte in seiner
Person, in seiner Handlungsweise es besttigen, da der Edelmann in sich den
Begriff der Ehre reiner bewahre und darstelle, als die anderen Stnde, da er
eine edlere Kaste sei, welche eben dehalb sich einer strengen
Ausschlielichkeit befleiigen msse. Das hatte, wie Renatus meinte, sein Vater
auer Acht gelassen, das hatte auch seine Mutter nicht genug beherzigt, und eben
dehalb hatte auch er jetzt auf dem Punkte gestanden, in unpassenden
Verbindungen zu unangemessenen Handlungen verleitet zu werden. Ein Schreckbild
war ihm in der Gestalt des Grafen zur rechten Stunde entgegen getreten. Er
dankte seinem Schutzgeiste dafr, da es einzulenken noch Zeit fr ihn, noch
nicht zu spt war, da er sich noch vorwurfslos aus Umgebungen befreien konnte,
in denen sein Name nicht an seinem Platze gewesen wre, in denen seine Seele
htte Schaden leiden knnen und, er wies den Ausdruck Anfangs von sich, aber er
drngte sich ihm ihm immer wieder auf, in denen er in Gefahr gewesen war, sich
zu erniedrigen.
    Wie er sich auf den stolzen Schwingen seiner guten Vorstze ber seine
Eltern erhob, so sah er von seiner neu erklommenen Hhe auf alle seine
bisherigen Verhltnisse herab, und wie fern er sich auch von der brgerlichen
Gesellschaft fortan zu halten entschlossen war, wollte er doch nicht, da irgend
Jemand sich ber ihn zu beklagen oder ihn der Versumni einer
gesellschaftlichen Form zu zeihen haben sollte. An ihm, an einem Freiherrn von
Arten, sollte, so weit er es verhindern konnte, kein gerechter Vorwurf haften.
    Er hatte bis zum nchsten Mittage noch vollauf Mue, alles, was ihm oblag,
zu ordnen und abzuthun. Er sendete seinen Burschen fort, einige Rechnungen zu
bezahlen, verschiedene kleine Besorgungen zu machen; dann suchte er die Bcher
zusammen, welche er im Laufe der Zeit von Seba entliehen hatte, packte sie
sorgfltig ein und setzte sich nieder, ihr zu schreiben; inde er konnte die
Form dafr nicht finden. Er wnschte sich einfach zu verabschieden, aber es kam
ein vornehmer, feierlicher Ton in seine Worte, der ihm selbst fremd und dann
auch krnkend fr Seba erschien, bis er nach mehreren vergeblichen Versuchen,
ein frmliches und doch freundliches Billet zu Stande zu bringen, sich sagte,
da er ein Unrecht begehe, wenn er sich zu einer Vertraulichkeit zwinge, die er
nicht mehr fhle, und da es demjenigen, der sich zu einem Charakter zu erziehen
wnsche, weil er die Kraft eines solchen in sich trage, wohl anstehe, auch in
Kleinigkeiten den Muth seiner Meinung zu haben. Er las sein Schreiben mehrmals
durch, es gefiel ihm allmhlich immer besser, und als er das freiherrlich von
Arten'sche Siegel mit seinem Fortis in adversis darauf drckte, hatte er eine
Genugthuung, als ob er eine gute That vollbracht oder eine schwierige Arbeit
beendet htte.
    Er lie die Koffer zuschnallen, die Kisten vernageln, in denen alles, was
nicht zu seiner Feldausrstung gehrte, in Berlin zurckbleiben sollte. Die
Grfin Rhoden hatte sich erboten, ihm diese Sachen aufzuheben. Es that ihm leid,
da er sie, deren Wohnung sehr eng war, damit beschweren mute, und er dachte an
die groen, weiten Rume, an die Fluren, Zimmer, Galerien und Remisen im
Flies'schen Hause, um dabei die Betrachtung anzustellen, wie gut sein Vater es
in seiner Jugend gehabt habe, als dieses Haus noch in Tante Esther's Hnden
gewesen war, und um es zu beklagen, da ein so schicklicher Besitz fr seine
Familie verloren gegangen sei. Er hatte das nie vergessen knnen, wenn er bei
Seba gewesen war, und schon dehalb war es ihm lieb, mit den Eigenthmern jenes
Hauses knftighin nicht mehr in Verkehr zu bleiben.
    Es dunkelte schon, als die bestellten Trger sich mit seinen Sachen auf den
Weg machten, und es war ziemlich spt, als der heimkehrende Diener ihm ein
Briefchen der Grfin einhndigte, in welchem diese die Erwartung aussprach, da
sie ihn heute noch sehen werde, da sein letzter Abend in Berlin, falls er nicht
mit jngeren Genossen eine Verabredung getroffen habe, nothwendig seinen
ltesten Freunden zugehren msse.
    Er sah aus den wenigen Zeilen, da Hildegard der Mutter ihren heutigen
Streit mit ihm verschwiegen hatte, denn die Grfin wrde desselben sonst in
einer oder der anderen Weise erwhnt oder unter den obwaltenden Umstnden es
vielleicht vermieden haben, den Jngling, der ihr Haus im Mimuthe verlassen
hatte, zur Wiederkehr aufzufordern. Renatus fand sich dadurch aber in
Verlegenheit gesetzt, und da er nun begonnen hatte, sein Thun und Handeln, wie
er es nannte, einem strengen Urtheile zu unterwerfen, dnkte ihn sein ganzes
Verhalten gegen seine mtterliche Freundin, gegen die Grfin Rhoden, die ihm
zutrauensvoll den freiesten Verkehr mit ihren Tchtern gestattet hatte, noch
weniger tadellos, als sein Betragen gegen Hildegard.
    Beiden war er eine Erklrung schuldig, aber um sie zu machen, bedurfte er
einer genauen Prfung seines Herzens, und er war nicht ruhig genug, eine solche
anzustellen. Die Fragen seines Dieners, die mancherlei Anordnungen, welche er zu
treffen hatte, unterbrachen und zerstreuten ihn, wenn er sich zu sammeln
strebte, nur da er vor sehr ernsten Entscheidungen stehe, fhlte er deutlich
und immerfort.
    Es war kein Tanz, zu dem er morgen auszog! Seit die Geschichte die Thaten
der Menschen aufgezeichnet hatte, war kein so gewaltiger Heereszug unternommen
worden. Die ungeheuren Vorbereitungen, welche Napoleon getroffen hatte, lieen
auf die Schwierigkeiten und auf den furchtbaren Widerstand schlieen, den er
selbst erwartete. Glnzende Erfolge waren fr den Theilnehmer an diesem Kriege
eben so mglich als das grte Unheil und Elend. Renatus konnte ruhmgekrnt, er
konnte siech und verstmmelt wiederkehren: der Abschied, den er heute von dem
Mdchen nahm, das er seit einiger Zeit als seine Geliebte und knftige Gattin im
Herzen getragen hatte, konnte ein ewiger sein. Aber eben das machte ihn nur
bedenklicher, Versprechungen zu leisten oder zu begehren, und dazwischen
wunderte er sich, da die Aussicht, von Hildegard zu scheiden, ihn nicht mehr
erschttere, da er weit weniger an sie, als an die bevorstehenden wechselnden
Ereignisse und Abenteuer seines Kriegerlebens denke, da ihn die Hoffnung,
Vittoria wahrscheinlich wiederzusehen, weit lebhafter beschftigte, als die
Nothwendigkeit, sich von Hildegard zu trennen.
    Er nahm ein Etui heraus, in welchem sich eine Silhouette von ihm befand, die
er, in Erwartung des Feldzuges, fr die Grfin Rhoden zum Andenken hatte machen
lassen. Spter, als er seine Wnsche auf Hildegard gerichtet, hatte er dieser
das kleine Bildni bestimmt, und jetzt war er unsicher, ob er es berhaupt einer
der Frauen anbieten drfe und solle. Von jener Leidenschaft, welche die Dichter
besingen, von jener berwltigenden Liebe, deren Feuer die Jugend so durchglht
und umleuchtet, da ein ganzes Leben davon bis in seine fernsten Tage erwrmt
und verschnt wird, fhlte er nichts in sich. Von dem unwiderstehlichen Zuge,
von dem naturgewaltigen Mssen, die zwei Menschen zwingen, sich einander zu
eigen zu geben, empfand er keine Spur. Er liebte Hildegard also nicht
eigentlich, er hatte sich ber seine Empfindung fr sie getuscht, hatte die
Freundschaft, das Wohlgefallen, mit denen er an ihr hing, fr ein wrmeres
Gefhl gehalten, und wie peinlich diese Erkenntni und die aus ihr folgenden
Schritte fr ihn in diesem Augenblicke auch sein mochten, durfte er es doch
immer als ein Glck bezeichnen, da er seines falschen Wahnes rechtzeitig inne
geworden und vor dem Loose bewahrt worden war, sich im Herzensirrthume
unwiderruflich an ein Mdchen zu binden, dem er keine wahre Liebe
entgegenbrachte und mit dem er also eben so wenig glcklich werden, als er es
mit seiner unvollstndigen Liebe glcklich machen konnte. Er hatte Erinnerung
genug an seine Kindheit, um eine unglckliche Ehe sehr zu frchten, aber eben so
schreckte er vor der Nothwendigkeit zurck, Hildegard seinen Selbstbetrug
einzugestehen und von ihr wie von ihrer Mutter seine Vergebung zu fordern.
    Alle seine Geschfte waren abgethan, er stand allein in dem jetzt leer
aussehenden Zimmer und blickte zerstreut auf die Strae hinaus. Von Minute zu
Minute verschob er es, sich zu entschlieen. Es war dunkel, der Wind hatte sich
gelegt, Renatus fand keinen festen Anhaltspunkt fr seine Vorstellungen.
    Wie manchen Marsch in dunkler Nacht, wie manchen dunkeln Weg werde ich zu
gehen haben, und wer wei, auf welcher dunkeln Strae mir mein Todesloos
geworfen wird! sagte er mit einem Male zu sich selbst, und es ergriff ihn, da
ihm eben eine solche Idee gekommen war. Sollte das eine Ahnung sein?
    Er wurde immer trauriger. Er konnte es sich nicht verhehlen, seiner
Kindheit, seinem ganzen Dasein hatte der rechte, heitere Glanz gefehlt, und wie
er in dem Lebensherbste seines Vaters geboren worden, war jetzt auch der Stern
seines Hauses ber die Mittagshhe hinaus und nicht mehr im Steigen. Von frh
auf hatte man ihn auf den Wahlspruch seines Wappens, auf das Fortis in adversis
 verwiesen, das er noch vorhin mit so viel Selbstbefriedigung betrachtet. Er
hatte die Worte auch oft im Munde gefhrt, aber er hatte dabei immer an groe,
pltzliche Unglcksflle gedacht, denen gegenber man sich mit entschlossener
That schnell und muthig zu bewhren htte. Die Widerwrtigkeiten, die inneren
Hindernisse und Zweifel, mit denen zu kmpfen ihm beschieden war, hatte er
damals noch nicht gekannt, und Ehre und Ruhm, wie sie ihm begeisternd vor der
Seele schwebten - wo sollte er sie erringen? In dem Kriege, zu welchem das Volk,
das Heer des groen Friedrich jetzt unter dem Adler seines Unterdrckers auszog,
waren sie fr einen preuischen Edelmann nicht zu suchen und zu finden.
    Er hielt inne, als er in seinen Gedanken auf diesen Punkt gekommen war; denn
das, eben das, hatte ja Tremann gestern ausgesprochen. Es war nicht anders,
Tremann hatte Recht gehabt, und mit allen seinen Vorstzen und Entschlssen kam
Renatus nicht ber die Schranke hinaus, in welche er durch seine Verhltnisse
gebannt war: die Gesetze der Standesehre zwangen ihn, wider seine Neigung, ja,
gegen seine Ueberzeugung zu handeln.
    Wohin er sich auch wendete, nirgends hatte er einen klaren, freien Ausblick,
nirgends sah er einen leichten Weg fr sich offen, und doch war er durch seine
Geburt auf die Hhen des Lebens gestellt und ber die groe Menge hinausgehoben!
- Er wute sich nicht zu helfen in seiner stolzen Verzagtheit, und weil ihm
Alles nur schwerer und trber erschien, je lnger er darber nachsann, fate er
sich endlich gewaltsam zusammen, um das Nthigste abzuthun und sich wenigstens
nach der einen Seite Luft und Freiheit zu verschaffen.
    Renatus hatte von seinem Hause bis zu der Wohnung der Grfin ziemlich weit
zu gehen und also hinlngliche Mue, sich zu berlegen und zu wiederholen, wie
er sein Verhalten zu erklren und zu rechtfertigen versuchen solle. Weil er die
regelmigen Gewohnheiten seiner Freunde kannte, fiel es ihm leicht, sich die
Lage, in welcher er sie antreffen werde, vorzustellen, sich den Gang auszumalen,
den das Gesprch wohl nehmen wrde, und sich danach die Form zurechtzulegen, in
welcher er von der Unterhaltung ber seine ueren Angelegenheiten auf seine
Empfindungen und innerlichen Erlebnisse berleiten knne, und er hatte eine
gewisse Fassung und Haltung gewonnen, noch ehe er vor der Thre der Grfin
anlangte.
    Er sah zu ihren Fenstern hinauf, das Licht schimmerte durch die Vorhnge,
die beiden groen Myrtenstcke warfen ihren Schatten gegen dieselben. Die Grfin
hatte diese beiden Myrten bei der Geburt ihrer Tchter, nach der Sitte ihres
Hauses, selbst gepflanzt; es waren unter ihrer sorglichen Hand zwei schne
Stcke geworden, sie sollten einst die Krnze fr ihre Tchter liefern. Renatus
hatte vor Hildegard's Myrte manch lieblichen Traum getrumt; jetzt fiel ihm bei
dem Anblicke das Non pi andrai far fallone amoroso! ein, das Herr von Castigni
ihm vor wenig Stunden zugerufen hatte. Die Zeit der Liebestndelei, die Zeit der
Jugend waren fr ihn vorber!
    Oben angelangt, dnkte es ihn, als msse er lange warten, bis das Mdchen
ihn angemeldet hatte und ihm die Thre zum Eintritte ffnete. Es war in den
Zimmern Alles wie sonst. Die Grfin sa ruhig wie immer auf ihrem gewohnten
Platze, Ccilie am unteren, Hildegard am oberen Ende des Tisches. Er htte sich
nicht gewundert, htte er sich selber zwischen den beiden Schwestern an der
freien Seite, der Grfin gegenber, sitzen sehen. Das sollte nun ein Ende haben.
    Das Herz wurde ihm schwer und fing ihm stark zu klopfen an, als er den
Frauen den guten Abend bot, denn ihre Traurigkeit war unverkennbar. Er sagte
sich, da er Muth fr sie alle werde haben mssen und da es nthig sei, sich
nicht erweichen zu lassen. Mit festem Schritte und noch festeren Vorstzen ging
er zu der Grfin, ihr, wie immer, die Hand zu kssen, dann reichte er Ccilien
die Hand und wollte sich eben der lteren Schwester in gleicher Absicht nhern,
als diese sich schnell erhob, ihm beide Hnde entgegenreichte und mit warmer
Empfindung die Worte hervorstie: Vergib mir - ach, vergib mir!
    Da Hildegard ihn in Gegenwart der Mutter, ohne all sein Zuthun, um
Vergebung bitten knne, darauf allein hatte er nicht gerechnet. Es erschreckte
ihn also, wie es ihn rhrte, und weil es ihn unvorbereitet traf, wute er nicht
gleich das rechte, mit seinen Absichten vereinbare Wort zu finden.
    Liebe Hildegard, sagte er; aber sein zgernder Ton bestrkte sie in dem
Glauben, da er ihr noch zrne, und ihres Schmerzes bei dem Gedanken an die
bevorstehende Trennung nicht lnger Meister, hingerissen von ihrer Liebe, warf
sie sich mit erhobenen Armen um seinen Hals und klagte: Ich sterbe, Renatus,
wenn Du im Zorne von mir gehst!
    Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, er fhlte das Schlagen ihres Herzens an
dem seinigen, er hielt sie umfangen, er erwiederte ihre Ksse, er knieete mit
ihr zu den Fen ihrer Mutter, die sie unter Thrnen segnete.
    Er hatte das so oft getrumt, da es ihm auch jetzt war, als trumte er es
wieder; nur da er im Schlafe sehr natrlich gefunden hatte, was ihm jetzt fast
unglaublich duchte, und da statt der unklaren Furcht vor dem Erwachen, die ihn
sonst in seinem Glcke gestrt hatte, jetzt wie ein khler, unheimlicher
Schatten das Bewutsein ber ihm lag, da kein Erwachen das Geschehene
ungeschehen machen werde. Seine Gefhle und Gedanken trieben in einem solchen
Wirbel durcheinander, da er keinen von ihnen festzuhalten wute und allmhlich
von ihnen fortgerissen wurde. Hildegard's berwltigende, alle mdchenhafte
Scheu besiegende Liebe schmeichelte seiner Eitelkeit, ihre Zrtlichkeit
entflammte, aufgeregt, wie er es ohnehin war, seine Sinne. Er hielt sich
berechtigt, seine Braut - denn das war Hildegard ihm jetzt - im Beisein ihrer
Mutter fester und inniger zu umarmen, als je zuvor, und die Phantasie des
Mdchens war der seinigen seit langer Zeit vorausgeeilt, denn Mdchen reifen
immer schneller als der Jngling. In dem Bestreben, ihrer Mutter zu erklren,
da sie nicht anders habe handeln knnen und da sie ihrem Herzen habe folgen
mssen, erzhlte Hildegard mit frohem, liebevollem Rckerinnern, wie Alles sich
in den letzten Monaten zwischen ihr und dem Geliebten begeben habe, und Renatus'
eigenes Herz wurde davon erweicht und entflammt. Er fragte sich, wie er das
alles habe vergessen knnen, er sagte sich daneben, da ein Edelmann, der mit
einer Dame seines Standes so weit gegangen sei, sich auch ohne eine bestimmte
Erklrung an sie gebunden habe, und es fiel ihm nicht ein, da er mit diesem
bloen Gedanken seine Verlobung als eine nicht frei gewollte That anerkannte,
da er es stillschweigend beklagte, seine Freiheit verloren zu haben. Er hatte
auch zu solchen Ueberlegungen die uere Ruhe nicht.
    Die Grfin sprach es ihm mit ihrer sanften Wrde offen aus, da seine Liebe
fr Hildegard ihr kein Geheimni gewesen sei und ihr den liebsten Wunsch ihres
Herzens erflle, da sie aber frchte, der Freiherr werde anderer Ansicht sein
und eine mittellose Schwiegertochter nicht willkommen heien. Sie klagte sich
an, in ihrer Rhrung voreilig ein Bndni gesegnet zu haben, fr welches Renatus
die Zustimmung seines Vaters noch fehle; sie hielt ihm seine Jugend, die
Gefahren des bevorstehenden Krieges vor, sie ersparte ihm keines der Bedenken,
die er sich selbst entgegengehalten hatte - und ohne da sie es wollte oder auch
an eine solche Mglichkeit dachte, half sie ihm damit, sich in seiner neuen Lage
festzusetzen.
    Die Nothwendigkeit, die Grfin zu berreden, zwang ihn, nach Grnden zu
suchen, welche sie widerlegen konnten und welche also auch seine frher gehegten
Besorgnisse widerlegten. Der Hinweis auf seine Jugend, auf seine Abhngigkeit
von seinem Vater regte sein mnnliches Selbstgefhl auf, und da er wenig gewohnt
war, auf Widerstand zu stoen, trieb ein solcher ihn nur an, es darzuthun, wie
er ihn zu besiegen wisse. Die berechnetste Absichtlichkeit htte fr Hildegard's
Wnsche und gegen die frher gefaten Vorstze des jungen Freiherrn nicht
wirksamer eintreten knnen, als die edle Gewissenhaftigkeit der Grfin.
    Kein Mann mag vor den Augen eines Weibes, das ihm nur irgend eine Art von
Theilnahme eingeflt hat, als ein Abhngiger, ein Unfreier erscheinen, am
wenigsten konnte Renatus dies ertragen. Er sagte, da er die Hoffnung hege, von
seinem Vater die Wahl gebilligt zu sehen, welche sein Herz getroffen habe, aber
er betheuerte zugleich, da er Mannes genug sei, auch wider seines Vaters Willen
sein Recht auf freie Selbstbestimmung zu behaupten. Hildegard's strahlendes
Antlitz, ihr fester Hndedruck, die Bewunderung, mit welcher die liebliche
Ccilie auf den Geliebten ihrer Schwester blickte, der sanfte Beifall, den er in
der Mutter Augen las, steigerten seine Selbstgewiheit wie sein Feuer. Er
versicherte, da er nicht von dieser Stelle scheiden werde, ohne die feste
Zusage von Hildegard's Hand erhalten zu haben. Er ging so weit, ihr und der
Mutter zu bekennen, wie er sich alle jene Einwendungen selbst gemacht habe, wie
er Willens gewesen sei zu schweigen, und ohne das beseligende Bewutsein, da
die Geliebte fr ihn bete und ihm mit ihrem Geiste nahe sei, in den Kampf zu
ziehen, und wie unmglich er das gefunden habe, als er Hildegard ins Auge
geschaut, als ihr ser Mund von ihm Vergebung gefordert habe, wo er, er ganz
allein der Schuldige, ihrer Verzeihung bedrftig gewesen sei.
    Er lag dabei vor ihr auf den Knieen, er hatte sich von Allem berredet, was
er sagte, Hildegard's Hnde hoben sein blondes Haupt empor, er blickte trunken
und beseligt in ihr Antlitz. Es war ihm vllig entschwunden, da er sie am
Morgen unschn gefunden hatte. Er nannte sie seinen Engel, seine schne, blonde
Heilige, und sie sah auch schn aus in ihrem Glcke. Wie htte die Mutter ihren
Kindern diese erste Seligkeit des Zueinandergehrens trben oder stren mgen,
wie htte sie nicht mit ihren Kindern hoffen sollen, da Alles sich zum Guten
wenden werde!
    Es war weit ber die gewohnte Stunde, als sie den Jngling daran erinnerte,
da es Zeit zum Aufbruch sei, da er Hildegard verlassen msse.
    Auf morgen! sagte er, als er die Braut umarmte.
    Aber dann, aber dann! rief sie in Vorahnung der langen, schweren Trennung,
die ihnen drohte. Auch ihm krampfte es das Herz zusammen. Er kte sie wieder
und wieder, er trank die Thrnen von ihren Augen, und jetzt dachte er wieder an
die fr Hildegard bestimmte Silhouette. Die Zweifel, die ganze Stimmung, mit
welcher er das Portrait am Abende in Hnden gehalten und betrachtet hatte, waren
wie aus seiner Erinnerung weggelscht. Der glckliche Augenblick verscheuchte
und verhllte, wie ein mchtiger Zauber, alles, was seiner Herrschaft in der
Vergangenheit und in der Zukunft im Wege stand.
    Hildegard drckte das Bild an ihre Lippen, dann rief sie, da man ihr
folgen, da man ihr leuchten solle, und schnellen Schrittes eilte sie den Andern
voran in ihr Schlafgemach.
    Renatus hatte den stillen Raum nie zuvor betreten. Ueber dem keuschen,
weien Lager der Geliebten hing das Crucifix und das Weihwasserbecken, ein
kleines Bild, das die Grfin als Braut darstellte, hing darunter. Hildegard nahm
es von der Wand und befestigte die Silhouette an der Stelle.
    Ihm mut Du weichen, Mutter, das ist jetzt sein Platz! rief sie, indem sie
die Grfin umarmte, und sich zu Renatus wendend, sagte sie mit einer Erhebung,
die ihr sehr wohl anstand: Denke hierher, Geliebter! Hier wird meine Seele fr
Dich beten, hier werde ich auf meinen Knieen liegen frh und spt und Gottes
Schutz und Segen herniederflehen auf Dein geliebtes Haupt, und hier - ihre
Stimme ging in Thrnen unter - wird mein letzter Seufzer Dir gehren, wenn Gott
es anders ber Dich und mich beschlossen hat!
    Die Verlobten sanken sich tief erschttert in die Arme, die Grfin und
Ccilie waren nicht weniger gerhrt, sie umarmten den Jngling gleichfalls, und
die schlanke Ccilie konnte sich in ihren Thrnen kaum von seinem Halse trennen.
Er mute sie endlich mit sanfter Gewalt von sich entfernen, sie war des
Schmerzes noch ganz ungewohnt.
    Als ein verwandelter Mensch kehrte Renatus in seine Wohnung zurck. Wie
verdiene ich dieses Glck, wie verdiene ich ihre Liebe? fragte er sich - ich,
der ich mich so schwer gegen dieses reine, seltene Herz versndigt habe?
    Hildegard's Frmmigkeit wirkte in ihm nach. Er betete ernster, inbrnstiger,
als seit langer Zeit, und mit voller Ueberzeugung wiederholte er sich alle die
Gelbnisse, die er sich gethan hatte, und fgte den Schwur hinzu, da
Hildegard's Glck ihm heilig wie seine Ehre, und seine Ehe mit ihr ein
Musterbild adeliger Wrdigkeit und Sitte werden solle.

                              Fnfzehntes Capitel


Es waren ein paar schmerzlich schne Stunden, die Renatus am Morgen noch mit
seiner Braut verlebte. Die Aufregung des vorigen Abends hatte einer milden,
weichen Stimmung Platz gemacht. Hand in Hand bei einander sitzend, besprachen
die Liebenden in dem Beisein der Grfin ihre Plane und Aussichten fr die
nchste Zeit und fr die Zukunft, und man suchte es darber wenigstens fr
diesen Augenblick zu vergessen, da Renatus scheiden mute und welchen Gefahren
er entgegenging. Er gab der Braut Anweisungen darber, wie sie ihm ihre Briefe
durch Vermittlung der Behrden zuzusenden habe, verhie ihr, zu schreiben, so
oft sich ihm die Gelegenheit dazu bieten wrde, und als der Zeiger der Uhr sich
der Trennungsstunde nahte, als man noch eilig alles zu sagen, zu fragen, zu
hren und zu besprechen strebte, was man fr einander auf dem Herzen hatte, als
Jedem immer noch etwas einfiel, was er vergessen zu haben meinte, und Allen der
Trennungsschmerz schon die Brust belastete, da die Stimmen weich wurden und die
Augen sich mit feuchtem Schimmer fllten, sagte Renatus, da er noch eine Bitte
an die Grfin habe, mit deren Gewhrung sie ihm eine Beruhigung bereiten knne.
Er wnsche, da Hildegard das Flies'sche Haus nicht mehr besuche und da ihr
Verkehr mit Davide ein Ende haben mge.
    Man hatte auf jedes andere Verlangen eher als auf diese Forderung gerechnet,
und weil sie gar so auffllig erschien, begehrte die Grfin, da er erklren
solle, worauf sie sich begrnde. Er antwortete, es sei ihm nicht mglich, dies
auseinander zu setzen, am wenigsten knne er das in den wenigen Minuten thun,
die zu weilen ihm noch vergnnt sei; man mge aber zu seinem Herzen und zu
seinem Ehrgefhle das Zutrauen haben, da er eine solche Warnung gegen eine
Familie und gegen Personen, deren Gastfreundschaft er selbst angenommen und die
seine Mutter ihrer Theilnahme werth geachtet habe, nicht auszusprechen wagen
wrde, wenn ihn nicht die entschiedensten Grnde dazu nthigten.
    Die Grfin war sehr geneigt, ihm in allen seinen Wnschen zu willfahren,
denn sie hatte ihn von jeher lieb gehabt und hatte Vertrauen in seine
Rechtschaffenheit; dennoch machte sie Einwendungen, die auf ihrer persnlichen
Kenntni und ihrem persnlichen Wissen von Seba beruhten. Allein sie machte
damit weder auf Renatus, noch auf ihre Tochter den gehofften Eindruck. Der
Jngling beschied sich zwar, auf die Entschlieungen der Grfin keinen Einflu
zu ben, aber von seiner Braut meinte er Nachgiebigkeit und Gehorsam gegen seine
Ansichten fordern zu drfen, und Hildegard war mit der unheilvollen
Ausschlielichkeit der Liebe augenblicklich bereit, ihm zu gehorchen.
    Du und ich, ich und Du, rief sie, das ist fortan unsere Welt! Was kmmern
uns die Andern! Kehrst Du mir wieder, so brauche ich Niemanden sonst, und ohne
Dich - werde ich berhaupt nichts mehr bedrfen!
    Die Aeuerung erschreckte und verletzte die Grfin. Sie erinnerte die
Tochter daran, da Renatus mit solcher Ausschlielichkeit schwerlich
einverstanden sein werde, da er groe Zrtlichkeit fr seinen Vater, fr
Vittoria und fr seinen kleinen Bruder hege; aber Hildegard's Seele hatte immer
nur fr eine Empfindung, ihr Geist immer nur fr einen Gedanken Raum, und sie
hatte in jenen Worten, mit denen sie ihre Liebe auszudrcken wnschte, ihren
Zustand vllig richtig bezeichnet. Sie zog daher von jener Mahnung auch keinen
Schlu auf die berechtigten Ansprche der Mutterliebe, sie schien eben so
vergessen zu haben, da sie bisher in ihrer Verehrung vor Seba, in ihrer
Zuneigung und in ihrem Umgange mit Davide eine Genugthuung gefunden hatte.
Renatus aber war zu jung und viel zu unerfahren, um nicht durch den Gehorsam
seiner Verlobten sehr befriedigt zu werden, um in ihrer hingebenden
Willfhrigkeit neben ihrer Liebe auch die ganze, rcksichtslose Hrte einer
beschrnkten und engherzigen Natur vorahnend zu erkennen und zu schauen, und als
sie, berwltigt von ihrem Schmerze, im Augenblicke der Trennung, als knne sie
sich nicht genug thun mit ihrem Leiden und mit ihren Thrnen, eine ihrer langen,
blonden Locken abschnitt, damit er sie zu ihrem Gedenken auf dem Herzen trage,
prete er die Geliebte noch einmal mit stolzer, seliger Freude an seine Brust
und verlie sie und das Haus ihrer Mutter und die Stadt, in dem Gefhle, da so
viel Liebe von Gott gesegnet und unvergnglich, ewig sein msse.
    Er hatte zu lange bei der Braut verweilt, um seinen Onkel, den Grafen
Gerhard, noch aufzusuchen, er fhlte sich auch nicht dazu geneigt; denn er hatte
nur einen einzigen Gedanken, und diesen zu verschweigen wre ihm eben so schwer
geworden, als ihn vor seinem Oheim auszusprechen. Er htte eben so gern die
geweihte Hostie, den heiligen Leib des Herrn von unreinen Hnden berhrt
gesehen. Dazu hatte die Grfin verlangt, da Hildegard und Renatus ihre Liebe
geheim halten sollten, bis sie sich der Einwilligung des Freiherrn sicher
wten, und des Jnglings reine Seele fand einen keuschen Genu in seinem
stillen, innerlichen Liebesglcke.
    Als er mit seinem Regimente an dem Flies'schen Hause vorberkam, blickte er
aus Gewohnheit hinauf, aber es war Niemand von der Familie an den Fenstern
sichtbar; nur Herr von Castigni winkte ihm seinen Gru zu.
    Mein Billet ist verstanden worden, sagte sich Renatus mit Zufriedenheit;
gleich darauf kam es ihm jedoch in das Gedchtni, da Seba neulich
ausgesprochen, sie denke es nicht mit anzusehen, wie die Kinder des Vaterlandes
von einem fremden Tyrannen fr eine ungerechte Sache an das Messer geliefert
wrden. Er htte das gern vergessen mgen, aber es fiel ihm immer wieder ein;
noch vor dem Hause, in welchem sein Oheim wohnte, dachte er daran.
    Es war lebhaft in der Strae, obschon Truppenmrsche seit Jahren eine
alltgliche Sache geworden waren. Freunde und Verwandte der Ausmarschirenden,
Mige und Neugierige standen zu beiden Seiten des Weges, den das Regiment zu
machen hatte. Die Kriegsrthin, die noch immer ihre Freude an schnen Uniformen
und an schnen Mnnern hatte, sa seit dem frhen Morgen, wohl frisirt und
sorgfltig geschminkt, am Fenster. Sie hatte, um sich in dem vorderen Eckzimmer
aufhalten zu knnen, den Grafen gefragt, ob sie nicht aufpassen und ihn
benachrichtigen solle, wenn das Regiment des jungen Herrn Baron vorberkomme;
und obschon es noch frh im Jahre und nicht eben warm war, ffnete sie die
Fensterflgel und legte sich weit hinaus, als das Schmettern der Trompeten sich
vernehmen lie und die stolzen Reihen der Garde-Dragoner sichtbar wurden.
    Auf den Ruf seiner Haushlterin trat Graf Gerhard gleichfalls an das
Fenster, aber es htte ihres Rufes nicht bedurft. Er kannte sie, diese
Trompeten, er kannte ihren Klang und dieses Regiment. Sein Grovater hatte es in
der Schlacht von Hohenfriedberg gefhrt, in der es zur Entscheidung des Sieges
beigetragen, sein Vater hatte darin gedient und auch der Graf selber hatte
zuerst bei demselben gestanden. Es lebten ihm zahlreiche Kameraden und Genossen
froher Stunden in seinen Reihen.
    Die Kriegsrthin kannte auch von frher her verschiedene der Herren
Offiziere, und winkte, wie man das in gar vielen Husern that, den Scheidenden
ihre Abschiedsgre zu; inde man mute es nicht gewahren oder es nicht beachten
wollen. Die Blicke, welche das Fenster streiften, an welchem jene Beiden
standen, glitten schnell ber sie hinweg, ihr Gru ward nicht erwiedert.
    Ob Graf Gerhard das bemerkte? Die Kriegsrthin htte das nicht sagen knnen.
Er stand hoch aufgerichtet da, die Arme ber die Brust gekreuzt, wie es durch
Napoleon's Gewohnheit zur Mode geworden war, und sah anscheinend gleichmthig
auf die Vorberziehenden hinab. Aber mit ihnen zog die ganze, wrdige
Vergangenheit seiner Vter an ihm vorber, seine Stirn verdsterte sich, es
zuckte ein paar Mal unheimlich in seinen Mienen und um seine Lippen; inde er
sprach kein Wort, und Escadron nach Escadron ritten sie vorbei, und immer noch
drangen die bekannten Klnge wie vorwurfsvolle Fragen an sein Ohr.
    Der Hohenfriedberger Marsch! sagte er endlich unwillkrlich und das Blut
wich aus seinen Wangen; es fate kalt nach seinem Herzen. So elend hatte er sich
nie gefhlt, auch nicht in jener Stunde, als er gedemthigt vor den Augen seiner
Mutter zusammengebrochen war. Sein Gewissen war wider ihn aufgestanden. Er sah
sich in dem Spiegelbilde, welches sein innerstes Bewutsein ihm ohne Erbarmen
vorhielt, er schmte sich vor sich selbst. In bitterem Grimme trat er in das
Zimmer zurck.
    Der junge Herr Baron! rief die Kriegsrthin und nthigte den Grafen damit,
wieder an das Fenster zu kommen. Renatus neigte zum Zeichen des Abschiedsgrues
seinen Sbel vor dem Onkel, und noch einmal sagte sich dieser: Und dazu blasen
sie den Marsch von Hohenfriedberg! Unwillkrlich fragte er sich, was seine
Schwester Angelika empfinden wrde, she sie den Sohn beim Klange dieser Musik
unter franzsischer Aegide in das Feld ziehen; aber der heitere Blick, der
lchelnde Mund und die vollendete Anmuth, mit denen er des Neffen Gru
erwiederte, lieen nicht errathen, was eben erst in der Seele des Grafen
vorgegangen war, und sich von seinem Gewissen mehr als einen Augenblick
beunruhigen oder sich mehr als flchtig von seiner Erinnerung rhren zu lassen,
war er nicht gewohnt! Im Gegentheil: der Zorn, den er gegen sich selbst gefhlt
hatte, wendete sich gegen diejenige, welche er sich gewhnt hatte, als die
Ursache und Urheberin seines Abfalls von sich selbst wie von der Sache seines
Vaterlandes zu betrachten, und der Anblick von Renatus erinnerte ihn nur daran,
da dieser sich seinen Absichten und Planen nicht geliehen hatte.
    Ein hbscher junger Herr, sagte die Kriegsrthin, ein ganz Berka'sches
Gesicht! Man knnte ihn fr den Sohn des Herrn Grafen halten, nur da der Herr
Graf viel mnnlicher und schon viel gebietender aussahen, als Sie des Herrn
Lieutenants Jahre hatten. Dem Herrn Vater sieht er gar nicht hnlich.
    Der Graf lie die ihm schmeichelnde Bemerkung der Kriegsrthin unerwiedert
fallen und sagte: Dafr sieht Ihr ehemaliger Pflegesohn ihm um so hnlicher!
    Nun war die Reihe des Nichtbeachtens an der Kriegsrthin. Sie wute nicht,
wo der Graf mit der Bemerkung, die er nicht zufllig gemacht haben konnte,
hinauswollte, und da sie sich als Schmeichlerin der Mnner von jeher eine
scharfe Beobachtungsgabe angeeignet hatte, sah sie, da Graf Gerhard sich in
einer Laune befinde, in der sie ihn zu schonen habe.
    Auch schien er keine Antwort zu erwarten, denn er ging, sobald Renatus aus
dem Bereiche des Fensters war, nach dem Nebenzimmer, und erst unter der Thre
desselben sagte er: Sie waren ja, wie ich meine, gestern oder vorgestern bei
Ihrem Manne; was hat er denn bestndig fr Tremann zu copiren? Haben Sie's
vielleicht gesehen?
    Die Kriegsrthin bejahte es, aber sie meinte, sie htte sich aus den
Papieren nicht vollstndig vernehmen knnen. Es wren Auszge aus Reisebchern,
Handelsberichte aus Zeitungen, die ihr Mann zu machen habe.
    Briefe und Actenstcke oder dergleichen copirt er nicht? fragte der Graf.
    Sie antwortete, da sie sich nicht erinnere, Derartiges gesehen zu haben;
brigens werde Paul Berlin bald fr lngere Zeit verlassen.
    Der Graf warf die Bemerkung hin, er wisse durch Herrn von Castigni, da
Tremann noch an diesem Abende reisen werde. Das bezweifelte die Kriegsrthin
nach den Aussagen ihres Mannes, der seine Arbeit erst an einem der folgenden
Tage abzuliefern habe. Der Graf entgegnete darauf nichts. Er blieb jedoch noch
in dem Zimmer, sah, wie die Menge sich in den Straen allmhlich verlief, nun
das militrische Schauspiel vorber war, und erkundigte sich nach verschiedenen
Kleinigkeiten, die er seiner Haushlterin zur Besorgung aufgetragen hatte.
Dazwischen warf er ganz beilufig die Frage hin, ob Tremann nie bei ihr gewesen,
seit er wiedergekommen sei.
    Sie zuckte mit den Schultern. Um sich, wie Sie, Herr Graf, seiner Bekannten
in ihrem Unglcke anzunehmen, mu man gromthiger sein, als Paul es bei Seba
und bei ihrem Vater lernen kann. Ich vermag mich nicht so wie mein Mann zu
demthigen, und Paul sowohl als Seba haben es ganz und gar vergessen, wie
glcklich diese gewesen ist, als ich ihr zuerst erlaubte, zu mir zu kommen, und
wie ich mich ihrer angenommen habe, um sie nur erst fr den Verkehr mit
gebildeten Mnnern und guter Gesellschaft zuzustutzen. Seit man den Juden so
viel Freiheiten gewhrt, sind sie hochmthig und noch schlechter geworden, als
sie stets gewesen sind. Erst gestern frh, als ich von meinem Manne kam, ist
Seba in einem prachtvollen, echten Shawl, wie keine Knigin ihn schner haben
kann, an mir in ihrer neuen Equipage mit einem Stolze vorbergefahren, mit einem
Stolze .... Sie unterbrach sich, da sie ihrer Redseligkeit sonst in ihres Herrn
Gegenwart nicht die Zgel schieen lassen durfte, inde ihre Emprung war so
gro, da sie sich nicht enthalten konnte, den Nachsatz hinzuzufgen: Aber ich
werde es ihr gedenken! Hochmuth kommt vor dem Falle, und es wird mit Seba und
mit Paul wahr und wahrhaftig auch noch einmal ein schlechtes Ende nehmen!
    Wohl mglich, meinte gleichmthig der Graf, der sie wider seine Gewohnheit
nach Belieben hatte sprechen lassen. Wenn Sie brigens zufllig erfahren, ob
Tremann heute oder erst in einigen Tagen abreist, so sagen Sie es mir. Die Sache
kmmert mich freilich nicht, ich mchte jedoch um Herrn von Castigni's willen
wissen, ob man ihn in dem Hause geflissentlich hintergeht, wozu man denn doch
Grnde haben mte, die fr jenen bedenklich sein knnten.
    Sie sagte, dies zu erfahren, werde ihr ein Leichtes sein, und obschon der
Graf ihr wiederholte, da es damit keine Eile habe, hatte er sich kaum entfernt,
als die Kriegsrthin schnell ihre nthigsten Geschfte besorgte und sich zum
Ausgehen ankleidete. Wehalb dem Grafen so viel daran gelegen war, den Reisetag
des jungen Kaufmannes genau zu wissen, das konnte sie sich nicht erklren. Nur,
da es auf keinen Liebesdienst fr Seba oder ihren Vater damit abgesehen sei,
davon durfte sie sich berzeugt halten, und das gengte ihr. Was kmmerte es sie
im Grunde auch, ob der Kriegsrath von jenen und von Paul untersttzt wurde oder
nicht! Sie hatte fr sich zu sorgen, sich dem Grafen gefllig zu beweisen.
Mochte der Kriegsrath sehen, wie er fertig wurde.
    Jeder fr sich und Gott fr uns Alle! sagte sie, als sie ihren Weg antrat,
und sie hatte dabei das Bewutsein, da sie weltklug und erfahren sei, das Leben
muthig nhme, wie es sich ihr biete, und sich mit Ergebung in das Unerwartete
und Nothwendige zu schicken wisse.

                              Sechszehntes Capitel


An demselben Tage, an welchem die preuischen Truppen ihren Marsch nach Ruland
angetreten hatten, versammelte sich in den prchtigen Slen eines der
preuischen Armee-Lieferanten, der in den letzten Jahren ein groes Vermgen
erworben hatte und ein glnzendes Haus machte, eine zahlreiche Gesellschaft zu
einem Balle. Die Gesellschaft war sowohl den Nationalitten als den
Berufsklassen und Stnden nach eine sehr vielfarbige, und es befanden sich in
ihr Personen genug, welche den Augenblick nicht fr gnstig gewhlt zu einem
Feste hielten. Aber man durfte sich, wenn man nicht Verdacht oder Verfolgung auf
sich laden wollte, der Geselligkeit, in welcher das franzsische Militr und die
kaiserlichen Civilbeamten eine groe Rolle spielten, nicht entziehen, und schon
am Mittage hatte Herr von Castigni sich danach erkundigt, ob er das Vergngen
haben werde, der Familie Flies und Herrn Tremann auf dem Balle zu begegnen.
    Abends, um die Stunde, in welcher man in die Gesellschaft zu fahren pflegte,
saen Seba und Davide in Balltoilette in dem Wohnzimmer; aber ihre ernsten
Mienen paten nicht zu dem glnzenden Schmucke, den sie angelegt hatten. Man
konnte die unruhige Spannung unschwer in ihren Mienen lesen. Bei dem leisesten
Gerusche blickten beide Frauenzimmer nach der Gegend hin, von der es kam, und
nachdem Erwartung und Tuschung sich zu verschiedenen Malen wiederholt hatten,
sagte Davide endlich: ich mchte wohl wissen, wie den Menschen zu Muthe gewesen
ist, als man noch ein ruhiges Leben gefhrt und sich auf irgend etwas recht von
Herzen in voller Sicherheit zu freuen vermocht hat. Seit ich mich erinnern kann,
ist die Welt immer voll Schrecken und voll Unruhe gewesen. Schon als kleines
Kind habe ich, obschon man es vor mir zu verbergen gestrebt hat, es doch immer
empfunden, da man in Sorgen und Nthen vor Krieg und Feinden und Krankheiten,
und in Angst um seine Freunde gewesen ist, und jetzt ....
    Nun, jetzt? fragte Seba; aber es blieb Daviden keine Zeit zum Antworten,
denn Paul, gleichfalls fr den Ball gekleidet, trat in das Zimmer, und Seba
empfing ihn mit der besorgten Frage, was der Kriegsrath zu so spter und
ungewohnter Stunde noch gewollt habe.
    Nichts fr sich, wie Du denken kannst, entgegnete Paul, und natrlich ist's
nichts Gutes, was den Alten bewogen hat, mich aufzusuchen. Es sind unertrgliche
Zustnde, in denen wir leben; wir werden wie Verbrecher beaufsichtigt, wir sind
in unseren Husern nicht mehr sicher vor Verrath und mssen die Verrther als
gefeierte Gste an unserem Tische sitzen sehen. Das kann nicht dauern, es kann
nicht dauern! Das Tischtuch mu endlich zerschnitten werden zwischen uns und
ihnen. Der berechtigte Ha verlangt seinen freien Weg, und wie grauenhaft Dir
das neulich auch erschien, als ich es in meiner Emprung gegen Dich uerte:
eine sicilianische Vesper dnkt mich berechtigt in den Zustnden, in denen wir
uns befinden und in denen jede Faser, die an uns gut und edel ist, nach Rache
und nach Vernichtung unserer Unterdrcker schreit!
    Es geschah selten, da seine leidenschaftliche Natur in solcher Weise die
Schranken der Selbstbeherrschung durchbrach, in die er sie zu bannen gelernt
hatte, und er war offenbar auch unzufrieden mit sich, weil er sich von seinem
Zorne hatte bermannen lassen; denn er nahm sich pltzlich zusammen und sagte
ruhiger: Der Kriegsrath kam, um mir zu sagen, da die Frau, ganz gegen ihre
sonstige Weise, heute schon wieder bei ihm gewesen sei. Sie war unter dem
Vorwande gekommen, ihm im Namen ihres Herrn, der sich nach Weienbach erkundigt
haben sollte, eine Flasche alten Weines zur Strkung zu bringen; inde wie
leicht der Kriegsrath sonst auch zu tuschen ist, war er dieses Mal doch nicht
leichtglubig genug, ihr zu vertrauen, und er merkte denn auch, da die
Erkundigungen des Grafen nicht ihm, sondern mir und meiner Abreise gegolten
hatten. Auch Castigni hat meinen Diener dehalb ausgefragt, hat sich bei diesem
durch seine Leute sorgfltig ber all mein Thun, ber die Personen, welche mich
besuchen, ber Tag und Stunde meiner Abreise zu unterrichten gestrebt, und die
Kriegsrthin hat unter dem Vorgeben, da der Graf ihrem Manne eine Stelle zu
schaffen denke, vorher aber seine Handschrift sehen und mit ihm selber sprechen
wolle, den Alten zu berreden getrachtet, da er ihr die Arbeiten ausliefere,
die er fr mich augenblicklich unter Hnden hat.
    Und er hat sie ihr gegeben? unterbrach ihn Seba mit sorgenvollem
Erschrecken.
    Paul verneinte es. Der Alte ist gerade so brav und gut, als sein Verstand
und seine Schwche es ihm erlauben, und ich knnte beinahe wnschen, er htte
der Frau nicht widerstanden, denn alles, was er fr mich arbeitet, bezieht sich
auf nationalkonomische und commercielle Studien, aber ....
    Paul, rief Seba, warte nicht bis morgen, reise gleich heute ab!
    Wo denkst Du hin? entgegnete er, whrend sein Gesicht schon wieder die
gewohnte frhliche Sicherheit zeigte; ich mu doch mit Davide den besprochenen
ersten Walzer und den Kehraus tanzen!
    Ach, reisen Sie, lieber Paul! bat Davide, indem sie ihre Hnde bittend
faltete.
    Unmglich, dazu sehen Sie viel zu reizend aus, Davide! Ja, htten Sie die
weien Hyacinthen nicht in Ihren schwarzen Locken, so liee sich eher davon
reden!
    Aber er hatte kaum die Worte ausgesprochen, als Davide mit hastiger Hand
nach ihrem Haupte fuhr, die Blumen aus ihren Locken und Flechten nahm und
siegesgewi die Worte ausrief: Jetzt mssen Sie gehen, und wir bleiben nun zu
Hause!
    Liebes, entschlossenes Kind! sagte Paul, whrend er sie mit freudigem
Erstaunen betrachtete; aber es wre nicht wohlgethan, blieben wir von dem Balle
fort. Im Gegentheile, ich mu ja dort sein, mu Ihr Tnzer sein, um Sie vor den
Bewerbungen Ihres Verehrers Castigni mglichst zu bewahren. Oder wollen Sie
lieber ihn als mich zum Tnzer haben?
    Es war unverkennbar, da er groes Wohlgefallen an dem schnen Mdchen
hatte; die freundliche Weise, in welcher er heute mit ihr scherzte, that Daviden
aber wehe. Sie wendete sich von ihm, trat an den Spiegel und steckte, da Seba
der gleichen Ansicht wie Tremann war, da man den Ball besuchen msse, auf deren
Gehei die Blumen wieder gehorsam in das Haar; sie sprach jedoch kein Wort, und
auch Seba war niedergeschlagener, als sie es zeigte.
    Der erste Walzer war schon in vollem Gange, als Herr Flies und Paul mit den
beiden Frauen in die Sle eintraten, und Paul nahm nach den Begrungen mit
Freunden und Bekannten sogleich mit Daviden seinen Platz in den Reihen der
Tanzenden ein. Civilisten und deutsche und franzsische Offiziere waren in ihnen
bunt gemischt, aber zwischen all den glnzenden Uniformen blieb Paul noch immer
eine hervorragende Erscheinung durch seine schne, mchtige Gestalt und den
festen Ausdruck seines charaktervollen Gesichtes.
    Paul sieht gut aus, sagte Herr Flies zu Seba, als das tanzende Paar an ihnen
vorberkam; und in der That standen die weien Casimir-Escarpins und der blaue
Frack ihm sehr wohl an. Aber Seba, die sonst so stolz auf ihres jungen Freundes
Schnheit war, als htte sie selber ihn geboren, vermochte sich heute seiner
nicht zu freuen, weil die Sorge um ihn sie peinigte. Jene errathende Kraft des
Herzens, die oft scharfsichtiger ist, als der schrfste Verstand, lie sie nicht
bezweifeln, was den Grafen antreibe, Paul zu verfolgen, und wenn sie ihre eigene
Seele prfte, mute sie sich gestehen, da fr den Grafen eine Wollust darin
liegen msse, sich an ihr zu rchen, da sie sich die gleiche Befriedigung einst
nicht hatte versagen mgen. Sie zhlte die Stunden, die noch bis zu Paul's
Abreise vergehen mten, die Tage, innerhalb derer er die Grenze erreichen
konnte. Da Graf Gerhard jeder Unwrdigkeit fhig sei, wenn sie seinen Wnschen
und Absichten diene, das wute sie, und er besa das Ohr und das Vertrauen der
franzsischen Behrden. Es konnte den Grafen nicht viel kosten, Paul und mit ihm
ihren Vater wie sie selber zu verderben, denn das Mitrauen der napoleonischen
Regierung war grenzenlos, und wessen man sich von ihren Dienern zu versehen
habe, das war durch die Gewaltthaten an dem Buchhndler Palm und an Lord
Bathurst hinlnglich erwiesen.
    Sie berlegte, ob es nicht gerathen sei, Paul an diesem Abende gar nicht
mehr nach Hause zurckkehren, sondern in irgend einer befreundeten Familie
bernachten zu lassen, aber eben dadurch konnte man den Argwohn, welcher ihn
offenbar umgab, nur steigern. Dann kam ihr der Gedanke, da man irgend einen der
Gehlfen ihres Vaters in Paul's Wagen mit seinem Diener und mit einem
scheinbaren Auftrage den geraden Weg nach der russischen Grenze schicken knne,
whrend Paul auf Umwegen zu entkommen suchen msse; inde berall trat ihr die
Sorge um ihren greisen Vater entgegen, und selbst mit diesem oder gar mit Paul
ein vertrauliches Wort zu reden, ward ihr nicht gegnnt, denn sie meinte zu
bemerken, da Herr von Castigni Paul und Davide nicht aus dem Auge lasse. Das
konnte seine Ursache in der Bewerbung haben, mit welcher der Franzose Daviden
umgab; aber wer viel zu verlieren hat, ist ngstlich, und die lange
Fremdherrschaft hatte alle Patrioten genugsam an Zurckhaltung und Vorsicht
gewhnt.
    Der Vater hatte sich zum Spiele niedergesetzt, Davide tanzte, Herr von
Castigni nahm sie vllig in Beschlag, wenn Paul sie frei lie, und dieser,
welcher sonst kein leidenschaftlicher Tnzer war, sondern meist die Gesellschaft
der lteren Mnner und Frauen suchte, hielt sich heute ganz zur Jugend. Er
machte, so oft es sich thun lie, Daviden's Gegenber, und obschon sie voll
Sorgen war, dachte Seba daran, da Paul mglicher Weise doch mehr Antheil an
ihrer Nichte nhme, als sie bisher geglaubt, da Daviden's unverkennbare Neigung
fr ihn, die sich heute erst wieder so lebhaft verrathen hatte, ihren Eindruck
auf den jungen Mann nicht verfehlt habe, und sie nannte es in ihrem Herzen einen
echt weiblichen Zug, da Davide eben heute sich Herrn von Castigni freundlicher
als sonst bewies, da sie Paul vernachlssigte, da dieser sie zum ersten Male
ganz entschieden suchte. Sollte Davide im Stande sein, zu so kleinlichen Mitteln
der Vergeltung zu greifen? fragte sie sich; sollte sie in der Liebe irgend einer
Berechnung fhig sein und einem geliebten Manne gegenber irgend etwas Anderes
empfinden knnen, als das Verlangen, ihm ihre Liebe kund zu geben und Freude
oder Trauer, je nachdem er sie erwiedert oder nicht erwiedert?
    Sie wurde frmlich irre an dem Mdchen, das sie doch so genau zu kennen
meinte. Davide sprach so laut, lachte so viel, suchte so unverkennbar die
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; Seba wute nicht, was sie davon denken
sollte. Aber es mute auch Paul mifallen, denn sie sah ihn den Saal verlassen
und im Nebenzimmer an den Tisch treten, an welchem alte und junge Mnner,
Civilisten und Militrs ein hohes Pharo spielten. Sie wollte zu ihm gehen und
mochte doch zum ersten Male Davide nicht ohne Aufsicht lassen, denn der Ballsaal
hatte sich nach dem Schlusse des Theaters noch mehr gefllt, der Lichtglanz, die
Wrme, der Tanz und der Wein hatten die Tnzer, die Mnner wie die Mdchen und
die Frauen, aufgeregt, und auch Daviden's Augen flammten, ihre Wangen brannten,
als sie, von Castigni's Arm umschlungen, zum vierten und fnften Male die Tour
um den Saal zurcklegte, die man sonst immer mit drei Ronden beendigte. Das Haar
flog ihr um die Schlfen, die junge Brust hob und senkte sich gewaltsam, als der
Franzose sie endlich dicht vor ihrem Platze aus seinem Arme lie und, einen
leidenschaftlichen Ku auf ihre Hand drckend, ihr versicherte, da er sie nie
so schn gesehen habe, wie eben heute, eben jetzt. Aber von dem wilden Tanze
erschpft, trat er zurck, um im Nebenzimmer eine Erfrischung zu suchen; auch
Davide hatte sich neben Seba in einen Sessel geworfen, und sich rasch
umblickend, als frchte sie gehrt zu werden, flsterte sie leise und athemlos
die Worte: Er ist fort!
    Seba wendete sich um, sie sah Davide an, und das Wort des Tadels, das auf
ihren Lippen schwebte, verstummte. Mit einem Blicke verstand sie, von wem die
Rede sei.
    Woher weit Du es? fragte Seba.
    Ich sah ihn gehen, antwortete Davide.
    Eben jetzt?
    Nein, gleich nachdem wir zur Quadrille angetreten sind.
    Und er hat Dir gesagt, da er sich entfernen wolle?
    Nichts, gar nichts! entgegnete Davide eben so kurz, denn schon trat ihr
Bewunderer wieder an sie heran, und urpltzlich leuchtete die strahlende
Heiterkeit wieder um ihre schnen Wangen, tnte das silberhelle Lachen wieder
von ihren Lippen, und an der Hand ihres Tnzers stand sie wieder in den Reihen.
    Seba sah ihr sprachlos, aber mit Freude nach.
    Sie konnte nicht errathen, was Paul beabsichtige, was Davide davon wisse,
nur das war ihr klar, da hier die Liebe ein Mdchen schnell zum Weibe gereift
habe und da man ein junges Herz, welches aus Liebe solcher Herrschaft ber sich
fhig sei, wie Davide sie eben jetzt bewiesen hatte, sich selber berlassen
knne.
    Beide Frauenzimmer konnten das Ende des Balles kaum erwarten und trugen doch
Bedenken, das Fest eher als die Mehrzahl der Gste zu verlassen. Sie blieben im
Gegentheile mit unter den Letzten, um auch Herrn von Castigni von der Rckkehr
in ihre Wohnung abzuhalten.
    Er hatte, von Davidens Gunst entzckt, Tremann's fast vergessen, und es war
Seba, welche ihre Nichte geflissentlich befragte, wo Paul geblieben sei. Diese
versetzte ruhig: sie wisse es nicht; er sei verdrielich gewesen und in das
Nebenzimmer gegangen. Als man ihn dort nicht fand, uerte Davide die Erwartung,
da er zum Kehraus, fr den sie mit ihm engagirt sei, schon wiederkommen werde;
und da er sich auch zu diesem nicht einstellte und Seba sich in Castigni's
Beisein durch Paul's Entfernung beunruhigt zeigte, lie Davide es errathen, da
sie einen kleinen Streit mit ihm gehabt habe, da er mimuthig gewesen sei und
wohl vom Balle fortgegangen sein mge, weil er sie damit zu strafen geglaubt
habe. Aber sie wisse sich zu trsten; und an einem Tnzer, fgte sie mit einem
lchelnden Blicke auf Castigni hinzu, wird es mir hoffentlich doch nicht fehlen.
    Inzwischen hatte auch Herr Flies seinen jungen Compagnon vermit und kam,
sich nach ihm zu erkundigen, da Paul, als er eine Weile neben Herrn Flies
zusehend am Spieltische gesessen, sich ber Kopfweh beklagt hatte. Seba konnte
erkennen, da ihr Vater eben so wenig als sie von Paul's Vorhaben unterrichtet
gewesen sei, und es blieb unmglich, sich auf dem Balle von Daviden eine
Aufklrung zu verschaffen. Es war schon gegen den Morgen hin, als man, von dem
Feste kommend, das Haus erreichte, und selbst whrend der Fahrt war keine
Verstndigung mglich gewesen, da man es nicht hatte vermeiden knnen, Herrn von
Castigni's Begleitung anzunehmen, indem er, wie er sagte, im Vertrauen auf die
Gte seiner Wirthe seinen Wagen einem Freunde angeboten und berlassen habe.
    Als der Hauswart die Thr ffnete, fragte Herr Flies zu Seba's und Daviden's
Erschrecken, ob Herr Tremann schon zu Hause sei, und die beiden Frauenzimmer
blickten einander verwundert an, als der Bescheid erfolgte, Herr Tremann sei ja
schon gegen Mitternacht heimgekehrt und werde wohl noch wach sein, denn er habe
frische Kerzen befohlen, weil er noch arbeiten wolle.
    Man trennte sich oben an der Thre der Wohnzimmer. Herr von Castigni stieg
wohlgelaunt, den Kopf voll froher Erinnerungen und noch freudigerer Aussichten,
die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, und ihre Nichte bei der Hand nehmend und
rasch mit ihr in die Stube hineintretend, rief Seba: Du hast Dich also geirrt,
Paul ist hier!
    Gewi nicht, entgegnete das junge Mdchen mit groer Bestimmtheit; und
whrend Herr Flies sich noch erkundigte, um was es sich handle, hatte Seba schon
einen der Leuchter ergriffen und eilte durch den Glascorridor und die innere
Treppe, welche Frulein Esther einst zu ihrer Bequemlichkeit hatte erbauen
lassen und die gerades Weges aus dem groen Saale des ersten Stockwerks in das
Gartenzimmer fhrte, nach Paul's Wohnung hinunter.
    Sie klopfte an, es blieb Alles still. Die Thre war unverschlossen, sie trat
also ein, es war Niemand in dem Zimmer. Die Kerzen brannten auf dem
Schreibtische, die Schlssel steckten in den Schubladen und Schrnken, Alles lag
und stand wie immer, nur die Schreibmappe fehlte. Sie ging in die Nebenstube und
ffnete den Kleiderschrank; da hing der Anzug, den er auf dem Balle getragen
hatte. Er war also wirklich nach Hause gekommen, was Seba schon zu bezweifeln
angefangen hatte, und schnell, wie sie die Treppe herunter geeilt war, stieg sie
dieselbe wieder hinauf, um sich mit den Ihrigen zu besprechen und zu berathen.
    Man wollte von Davide Auskunft haben, aber diese hatte nichts oder doch nur
wenig zu berichten. Sie habe bemerkt, sagte sie, da Paul fter nach seiner Uhr
gesehen, was er sonst nicht zu thun pflege. Er sei dazu so ungewhnlich
aufgerumt gewesen, habe fortwhrend mit ihr gescherzt, sich auch um die anderen
Damen mehr als sonst bemht, und whrend sie darber nachgesonnen, was ihn in
eine ihm so fremde Laune versetzt haben mge, habe er wieder pltzlich nach der
Uhr gesehen und sei dann mit Einem Male fortgegangen und verschwunden.
    Seba wendete ihr ein, da in diesen Dingen nichts gelegen habe, was Davide
irgend zu der Vermuthung habe berechtigen knnen, da Paul frher, als er es
vorgehabt, seine Reise antreten, sie gleichsam als Flucht antreten werde, und
Davide versuchte einen Augenblick, ihre frhere Erzhlung durch Hinzufgung
verschiedener kleiner Aeuerungen zu verdeutlichen. Inde pltzlich schien sie
anderen Sinnes zu werden, und sich in ihrer ganzen stattlichen Hhe aufrichtend,
sprach sie, whrend ihre Wangen erglhten und ihre Augen, die sie auf den Onkel
und auf Seba zu richten versuchte, sich unwillkrlich senkten: Ich will's Euch
sagen, und Ihr knnt's mir glauben, denn ich bin ja nicht eitel und bilde mir
nichts ein. Und da sie es nun sagen wollte, stockte ihr das Wort auf den Lippen
in holdseliger Scham, und sie mute sich zwingen, es auszusprechen. Paul, sagte
sie, hat mich immer wie ein Kind behandelt, oder wie ein Spielzeug, denn so
machen sie es ja Alle mit uns. Auch heute Abend that er das, Du hast es ja
gehrt, liebe Seba. Aber als wir tanzten und als er immer wieder nach seiner Uhr
sah, da blickte er mich an, als wte er, da ich mich um ihn sorgte. Er war
ernsthaft, wenn man ihn nicht beachtete, und als er dann pltzlich aufbrach, da
- da drckte er mir die Hand, wie man es nur beim Abschiede thut, wenn man
sieht, da der Abschied - einem Anderen schwer wird.
    Ihr Ton war immer leiser geworden, sie nahm sich zusammen, um ihre Bewegung
und die Thrnen zu bemeistern, die sich ihr in die Augen drngen wollten.
    Seba fhlte sich ergriffen von ihres Pflegekindes Schnheit und freimthiger
Selbstberwindung, und wie ein warmer, Frhling verkndender Sonnenschein zog
eine neue, selbstlose Hoffnung in ihre Brust; aber sie sowohl als ihr Vater
hteten sich, es auszusprechen, wie hoch sie Davide in dieser Sunde hielten und
wie sie beide ihre Wnsche und Hoffnungen theilten. Man nahm ihr Bekenntni wie
eine sich von selbst verstehende Sache hin, und als Seba die Absicht uerte,
den Portier zu befragen oder den Grtner kommen zu lassen, ob und wann und auf
welchem Wege Paul das Haus verlassen habe, gab ihr Vater das nicht zu.
    Er sagte, da Paul einmal verdchtigt worden sei, habe er, wie immer, richtig
gehandelt, indem er Berlin so bald als mglich und heimlich verlassen habe. Es
entziehe dieses Letztere sie Alle fr den schlimmsten Fall jeder
Verantwortlichkeit, und wolle die franzsische Regierung seiner habhaft werden,
lasse man ihn selbst verfolgen, so sei mit jeder Stunde Vorsprung ein
Wesentliches gewonnen. Da die Leute im Hause ihn noch in der Nacht arbeitend
glaubten und Herr von Castigni dies gehrt habe, werde man es nicht auffallend
finden, wenn Paul nicht um die gewohnte Morgenstunde im Hause und im Comptoir
erscheine, und es sei wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, da Herr von Castigni
frher als am Vormittage von der Abreise Paul's benachrichtigt werde. Er traue
es dem Letzteren zu, da er seine Maregeln zweckmig und umsichtig getroffen
haben werde, und wenn es ihm nur gelungen sei, unbehindert aus der Stadt zu
kommen, so hoffe er das Beste.
    Das Land ist freilich berschwemmt von Truppen, aber gerade das erleichtert
es ihm vielleicht, unbeachtet zu bleiben; denn man hat berall mit sich vollauf
zu thun, und seine Papiere wird er in Ordnung haben, trstete Herr Flies, um die
Seinigen zu beruhigen. Kann Paul jenseit der Oder oder Weichsel, wie ich
vermuthe, noch mit Schlitten reisen, so ist er geborgen und wir hren bald von
ihm.
    Aber bis dahin? fragten ngstlich Seba und Davide wie aus Einem Munde.
    Bis dahin mssen wir uns gedulden, meine lieben Kinder, und uns vorbehalten,
da man nicht zu beklagen ist, so lange man fr die Seinigen noch frchten und
hoffen kann.
    Welch ein Unglck! rief Seba, niedergeworfen von der Sorge um den so lange
Entbehrten und endlich Wiedergefundenen, aus.
    Ja, sagte Herr Flies, es sind bse, bse Zeiten; aber unglcklich ist man
erst, wenn man nicht mehr hoffen kann! Behaltet guten Muth, zeigt morgen ein
heiteres Gesicht, denn wir sind Gefangene in unseren eigenen Husern und Sklaven
der Fremden in unserem Vaterlande, und obschon wir nicht Verbannte sind, knnten
wir singen, wie es in den Psalmen heit: Wir saen an den Wassern und
weineten!
    Er seufzte, kte die Tochter und Nichte auf die Stirn, hie sie, sich zur
Ruhe begeben, und bald war es still und dunkel in dem ganzen Hause; nur in
Paul's einsamem Zimmer brannten die Kerzen fort, bis sie am Morgen in sich
selbst erloschen.

                              Siebzehntes Capitel


Drei Tage und fast drei Nchte waren seitdem vergangen. Ein feiner, trockener
Schnee fiel dicht und leuchtend hernieder. Von durchsichtigem Gewlke leicht
verhllt, stand der Mond am Himmel, als ein offener Schlitten, von zwei kleinen,
raschen Pferden pfeilschnell fortgezogen, ber die Nehrung, ber jene Landenge
fuhr, die sich zwischen der Ostsee und dem kurischen Haff hinzieht.
    Zwei Mnner, in Pelze eingewickelt, saen in dem Schlitten. Ein polnischer
Jude, ebenfalls in seinen Pelz gehllt, die spitze, verbrmte Sammetmtze tief
auf die gedrehten Seitenlocken heruntergezogen, machte ihren Kutscher. Die Nacht
war kalt. Schwer und langsam schlugen die Wogen des Meeres an das Ufer, das sich
mit seiner Schneedecke hellschimmernd von der weiten, dunklen Flche abhob.
    Ein Knigsberger Kaufmann hatte den Juden, der in Ruland zu Hause war,
gedungen, die beiden Fremden ber die Nehrung nach der Grenze zu bringen; aber
wie sehr der Jude sich auch bemhte, er hatte es nicht ermitteln knnen, wer sie
wren und was sie in Ruland zu suchen htten.
    Da sie nicht Herr und Diener seien, als welche ihre Kleidung sie
bezeichnete und als welche sie sich ausgaben, das hatte der Schlaue bald
bemerkt; denn berall war es der sogenannte Herr gewesen, der, wo es Noth that,
die rasche Hand angelegt, whrend der Diener sich immer erst nachtrglich dazu
entschlossen hatte. Deutsche waren sie nach des Juden Meinung nicht, denn er
hatte, so genau er auch darauf merkte, noch kein deutsches Wort von ihren Lippen
vernommen; Franzosen aber waren nicht so gelassen. Fr gewhnliche Reisende war
in dieser Jahreszeit die Nehrung nicht die Strae, fr Kaufleute, die Geschfte
in Ruland machen, also lnger dort verweilen wollten, hatten die Fremden ihm
nicht genug Gepck bei sich, und franzsische Emissre konnten sie vollends
nicht sein, denn diese wrden bis zur Grenze die Befrderung durch die Post
gefordert haben. Er kam also, je mehr er darber nachsann, immer wieder auf den
Gedanken zurck, da seine Passagiere, obschon sie Franzsisch mit einander
redeten, Englnder sein mten und da sie auf diesem wenig besuchten Wege nach
der Grenze gingen, um zu sehen, auf welche Weise sich englische Waaren ber
Ruland nach Deutschland bringen lieen. Dadurch aber stiegen sie nur in seiner
Werthschtzung, denn von einem Handelsverkehre, wie er ihn bei den Reisenden
vorauszusetzen fr angemessen fand, pflegte fr die vermittelnden Juden immer
ein kleinerer oder grerer Gewinn abzufallen, und: Leben und leben lassen ist
ein alter Grundsatz.
    Es war eine schnelle, lautlose Fahrt. Von Zeit zu Zeit sah der eine oder
andere der beiden Reisenden in die Gegend hinaus, und wenn sie gewahrten, da
sie einsam auf der berschneiten Dne blieben, schien ihnen das erwnscht zu
sein. Sie redeten dann auch eine Weile mit einander, aber so leise, da der Jude
nicht ermitteln konnte, um was es sich dabei handle, obschon er in der langen
Zeit des Krieges und der Franzosenherrschaft genug von der Sprache der Fremden
erlernt hatte, um sie verstehen und sich in ihr halbwegs verstndlich machen zu
knnen.
    Eine geraume Zeit war auf diese Weise seit dem letzten Anhalten hingegangen,
als der Diener sich bei dem Kutscher erkundigte, wie lange man bis zur Grenze
noch zu fahren habe.
    Der Jude, froh der Anrede, weil sich ihm mit derselben doch eine Mglichkeit
erffnete, seine redselige Neugier zu befriedigen, meinte, wenn er so zufahre,
wie bisher, und seine Pferde es aushielten, so knne man bald nach Tagesanbruch
auf der Grenze sein.
    Mu man die Stadt passiren, um an die Grenze zu gelangen? fragte der Diener
ihn abermals.
    Wenn die gndigen Herren nichts haben zu thun in der Stadt, entgegnete der
Jude, so mssen die Herren nicht; aber ich mu halten in der Stadt oder mu noch
einmal machen eine Station hinter der Stadt, von wegen meiner Pferde.
    Er hatte die Thiere, whrend er dieses sagte, sich selber berlassen; sie
fingen also langsamer zu gehen an, und der Diener ermahnte den Juden, mit Zusage
einer besonderen Belohnung, sie auf's Neue anzutreiben.
    Will das sein ein Bedienter, dachte der Jude, und nimmt seinem Herrn das
Wort vorweg. - Er schlug nichts desto weniger mit lautem, ermuthigendem Schrei
anscheinend unbarmherzig auf seine Thiere los, wute den Hieb jedoch so
geschickt zu fhren, da er sie gar nicht traf. Der andere Reisende, dessen
schweigender Achtsamkeit sich nicht das Geringste entzog, bemerkte diese List.
    Lassen Sie ihn nicht merken, mein Freund, sagte er zu seinem Gefhrten, wie
sehr wir die Grenze zu erreichen wnschen. Er knnte sonst leicht auf den
Gedanken kommen, sich zaudernd eine grere Belohnung zu verdienen, und wir sind
in seiner Hand.
    Die Nhe des Zieles macht ungeduldig, und Sie kennen sicher so gut wie ich
die aberglubische Furcht vor dem Scheitern im Angesichte des Hafens! entgegnete
der Zurechtgewiesene, mit diesen Worten sich gleichsam rechtfertigend.
    O ja! Es gab eine Zeit, versetzte Paul, in welcher ich diesen Eindrcken
sehr unterworfen war; seit ich aber nicht mehr sonderlich an dasjenige glaube,
was man als Glck bezeichnet, habe ich auch die Furcht vor seinen Launen
verloren.
    Sie wrden es also nicht als ein Glck erachten, wenn wir ungehindert unser
Ziel erreichten, und es nicht ein Unglck nennen, wrden wir daran verhindert?
    Nein! entgegnete der Andere. Ich habe fr den Fall, da man es wirklich auf
meine Person abgesehen htte, mit Ihrer Hlfe nach bestem Wissen meine
Vorsichtsmaregeln genommen! Tuscht uns die Wirksamkeit derselben nicht, so ist
das unser Verdienst und kein besonderes Glck! Milingt unser Unternehmen, so
unterliegen wir nur einem Naturgesetze, der Macht des Strkeren, denn zwischen
uns und unseren Feinden ist die Partie nicht gleich!
    Er brach ab, und diesmal war er es, der mit scharfem Auge um sich blickte,
denn das Wetter fing an, sich bedenklich zu verndern. Die leichten
Wolkenstreifen hatten sich zusammengezogen und verdichtet, der Mond verschwand
bisweilen pltzlich hinter ihnen, dann kam er eben so pltzlich aus dem
schweren, schwarzblauen Gewlke hervor, das Meer beleuchtend, dessen Wogen sich
immer hher hoben, whrend ein dumpfes Grollen aus seinen Tiefen dem klagenden
Weherufe des Windes Antwort gab. Licht und Schatten wechselten schnell und
phantastisch mit einander ab, aber das Durchbrechen des Lichtes wurde seltener,
die Dunkelheit immer tiefer. Nur bisweilen meinten sie noch den Gischt der
aufgebumten Welle zu gewahren, wenn sie unter dem Stoe des heulenden Windes
niederdonnerte und hinzischend auf dem eisigen Ufer zerflo.
    Je lnger sie fuhren, je strker erhob sich der Sturm. Er trieb ihnen den
stechenden Schnee entgegen, da es ihnen den Athem versetzte und sie die Augen
kaum noch ffnen konnten; aber sie beklagten sich nicht darber, und das
bestrkte den Juden nur in seinen Vermuthungen ber sie. Die sind's gewohnt, wie
ich, dachte er, und er wollte versuchen, ob sich aus der Lage, in welcher sich
nach seiner Meinung die Reisenden befanden, nicht ein Vortheil fr ihn ziehen
liee.
    Gndiger Herr, hob er an, sich auf seinem Sitze halb umwendend, gndiger
Herr! Der Herr Bedienter haben mich vorhin zu fragen beliebt, ob man kann an die
Grenze kommen, ohne zu fahren durch die Stadt. Wenn der gndige Herr mir geben
will fnfunddreiig Rubel mehr, da ich meine Pferdchen kann nachher rasten
lassen, will ich den gndigen Herrn ber die Grenze bringen, ohne da er soll zu
sehen bekommen einen Grenz-Kosaken oder einen Beamten von dem Zoll.
    Und wer soll mir denn den Pa visiren? fragte Paul.
    Der Herr haben also einen Pa? forschte der Jude unglubig.
    Wie anders? entgegnete Paul und wickelte sich fester in seinen Pelz ein.
    Der Jude war aber so leicht nicht abzuweisen. Ich bin drben gleich hinter
unserer Grenze zu Hause, fuhr er fort, und habe meine Tochter diesseits
verheirathet im letzten Kruge. Ich kenne Weg und Steg und kenne den Herrn
Leutnant von der Wache und den Herrn Inspector von dem Zoll, und sie kennen mich
auch. Wenn vielleicht.... Er hielt berlegend inne, ob er so weit gehen sollte,
und wagte es endlich dennoch, seine pfiffige Vermuthung auszusprechen - wenn
vielleicht der Herr Bedienter nicht sind versehen mit einem Pa - die Psse
werden streng visirt und die Zolluntersuchung ist noch strenger!
    Schlimm fr Dich, der Du heimlich ber die Grenze gehen willst, falls wir
Dich verhindern, Deine Contrebande in der Stadt oder drauen bei Deinem
Tochtermanne abzulegen, bis Du sie Dir gelegentlich herberholen kannst! Und nun
fahr zu! rief Paul befehlend, allen Vermuthungen, Vorschlgen und Planen des
Juden damit ein Ende machend, wie sehr dieser sich auch hoch und theuer
verschwor, da er gar keine Waare bei sich habe, da er ein ehrlicher Mann und
ganz ausschlielich nur auf der gndigen Herren Vortheil bedacht gewesen sei.
Aber die Besorgni, da es doch vielleicht franzsische, mit heimlicher
Beaufsichtigung der Grenze betraute Beamte sein knnten, die er fahre, lhmte
endlich des Juden Zunge, und, Jeder in seine Gedanken versenkt, sahen die beiden
Reisenden schweigend in die Nacht hinaus, whrend die Sekunden kamen und
entschwanden, whrend Woge um Woge gleichmig auf das Eis des Ufers rollte,
whrend der Sturm die Wolken, die er zusammengefegt hatte, in wildem Laufe vor
sich her trieb, bis hier ein Stern durchblitzte und dort ein zweiter, und bis
endlich hoch am Horizonte der Nordstern wieder hell strahlend aus dem
Siebengestirn herniedersah.
    Paul begrte ihn wie einen alten Freund. Seine frhesten Erinnerungen
knpften sich an dieses Gestirn. In dem kleinen Hause seiner Mutter hatte er auf
seines Vaters Knie gesessen, als dieser ihm das Gestirn gezeigt; aus dem Fenster
der Kriegsrthin, aus Seba's Stube hatte er es gesehen. Es hatte ihm geleuchtet
in der Schmerzensnacht, die ihn aus der Heimath fortgetrieben, es hatte ihn
nicht verlassen, als er, ein flchtig gewordener Knabe, ber das weite Weltmeer
gefahren war, und es war bei ihm gewesen wie der einzige Gefhrte aus der
Heimath, als er in dem fremden Welttheile nichts sein eigen genannt hatte, als
sein nacktes Leben.
    Eine Rhrung, die ihm fremd war, bemchtigte sich seiner. Hingenommen von
seiner rastlosen Thtigkeit, war ihm durch alle die Jahre wenig Zeit zum
Nachsinnen geblieben. Wie man im raschen Fluge des Caroussels mit scharfem
Blicke und sicherer Hand den Ring absticht, hatte er im eiligen Wechsel der
Ereignisse den Augenblick erhaschen und sich aus seinen Erfahrungen die
Ueberzeugungen und Grundstze bilden mssen, nach denen er sein Leben regelte.
Von der flchtigen Minute hatte er Belehrung fordern, in die freie Minute sein
Empfinden zusammenpressen mssen, und des glcklich Erreichten hatte er sich
kaum erfreuen drfen, weil immer ein neues, nothwendig noch zu Erreichendes
schon wieder nahe vor ihm gestanden hatte.
    Nun freilich hatte er, was er zuerst erstrebt. Er hatte einen eigenen und
einen guten Namen, den ihm nicht sein stolzer Vater vererbt und nicht seine arme
Mutter hinterlassen hatte, sondern einen Namen, den er sich selbst geschaffen,
wie seinen ganzen, nicht unbedeutenden Besitz. Aber wozu das alles? fragte er
sich auch in dieser Stunde. Wer bedarf des Besitzes, den Du Dir erworben hast?
Wen freut es, wenn Dein Flei ihn wachsen macht? Wer sorgt sich darum, wenn er
Dir verloren geht? Fr wen bist Du eine Nothwendigkeit in dieser weiten Welt?
    Und whrend diese Gedanken in ihm aufstiegen, nannte er selbst sie ein
Unrecht gegen die Frau, welche die Beschtzerin seiner Kindheit und das Ideal
seiner Jugend gewesen war. Er liebte Seba auch heute noch, wrmer, zrtlicher,
begeisterter, als der Sohn die Mutter liebt; denn seine Liebe war freier, als
die Kindesliebe, war nicht naturbestimmt, sondern Erkenntni und frei Wahl, und
berall steht das Freigewhlte hoch ber allem Angeborenen.
    Aber Seba war nicht jung wie er, sie bedurfte seiner nicht, sie war nicht
ausschlielich sein eigen. Es nderte sich in ihrem Loose, in ihrem Leben
nichts, was auch aus ihm werden mochte, und doch dnkte es ihn, als gleiche er
immer nur dem Blatte, das der Wind umhertreibt, als fasse er nicht feste Wurzel
in dem Leben, so lange er sich nicht nothwendig, nicht unentbehrlich fr ein
anderes Menschenwesen wisse, so lange er, der keine Heimath und keine Familie
fr sich vorgefunden hatte, sich nicht seine Heimath selbst geschaffen habe in
der Familie, die er selbst begrndet, so lange er sich in seinen Kindern nicht
eine Fortdauer ber seinen Tod gesichert habe.
    Ein scharfer Luftstrom streifte ber Paul's Stirn und entri ihn seinem
weichen Sinnen. Die Nacht war im Entschwinden. Wie am ersten Schpfungstage
begannen Luft und Wasser sich vor seinem Auge zu scheiden, der Blick wurde
wieder Herr der Welt, und langsam durchdringend und sich Bahn machend durch das
schwebende und wallende Gewlk, das sie mit ihrem Purpur frbte, stieg endlich
in flammender Herrlichkeit die Sonne, mchtig in ihrer Leben bringenden Kraft,
aus den dunkeln, kalten Wogen an dem klar gewordenen Winterhimmel empor.
    Der Morgen, rauh und kalt wie er war, erfrischte Paul und gab ihn sich
selber wieder. Er wute, was ihm das Herz so weich gemacht hatte, aber er
scheuchte den Gedanken wie einen entnervenden Traum weit von sich fort, denn
Ungeduld und Unzufriedenheit mit dem selbstgeschaffenen Loose erschienen ihm als
eine Unmnnlichkeit und Schwche. Erst das Vaterland und dann das Haus, erst die
Freiheit und dann das Glck! rief er laut sich selber zu, und ohne zu wissen,
worauf dieser Wahlspruch sich bezog, stimmte Herr von Werben von Herzen in
denselben ein.
    Dem Juden, der inzwischen nicht aufgehrt hatte, seine Passagiere heimlich
zu beobachten, entging weder die sichtliche Zufriedenheit, mit welcher sie den
Tag begrten, noch ihr wachsendes Verlangen, an die Grenze zu kommen, und er
gab die Hoffnung noch nicht auf, von ihrer guten Stimmung zu erlangen, was ihre
Verschlossenheit ihm abgeschlagen hatte. Da seine Passagiere keine gewhnliche
Leute seien und da er unter ihrem Schutze, wenn sie nur wollten, mit seinen
Waaren die Grenze gut passiren knne, das hatte sich in den Stunden einsamen
Sinnens fr ihn als letzte Ueberzeugung festgestellt. Es kam daher fr ihn, wie
er meinte, nur Alles darauf an, ihr Zutrauen und ihren guten Willen fr sich zu
gewinnen, und er lie es an den Zeichen einer sorglosen Heiterkeit nicht fehlen.
    Er rckte seine Spitzmtze vergnglich weit aus der Stirn zurck, er
schnalzte mit der Zunge, knallte mit der Peitsche, schlug, sich zu erwrmen, mit
den Beinen gegen seinen elenden Sitz, da die Stiefel gegen das Holz klapperten.
Aber was er auch that, die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu ziehen, es
schlug alles fehl, denn Paul war Kaufmann genug, um den Begehrenden an sich
herankommen zu lassen. Endlich, als ber der weiten Flche die Thrme der
Hafenstadt sich schon erhoben, hielt der Jude seine Pferde mitten in ihrem Laufe
an und sagte, sich mit dem pfiffigen und zugleich ngstlichen Blicke seines
Volkes zu den Reisenden wendend, whrend er mit dem Stiele seiner zerbrochenen
Peitsche vorwrts zeigte: Der gndige Herr sehen, ich habe gehalten mein Wort
und meine Zeit! Was soll ich haben, wenn ich die Herren gerades Weges nach der
Grenze fahre?
    Das wird sich an der Grenze finden, gab ihm Paul zur Antwort, dessen sich,
nun er sich dem Ziele so nahe wute, das Verlangen, es zu erreichen, mit einer
wahren Leidenschaft bemchtigte, und noch ehe der Jude sich besinnen konnte,
hatte Paul, um seiner Sache sicher zu sein, sich an seine Seite gesetzt und ihm
mit dem Befehle, ihm die nchste Strae nach der Grenze anzugeben, Zgel und
Peitsche aus der Hand genommen.
    Der Jude, sobald er merkte, da es Ernst und da kein Auflehnen gegen den
fremden Willen mglich sei, lie zwar Alles geschehen, denn auch er war
schneller Berechnung fhig und hoffte seinen Vortheil von seiner Nachgiebigkeit
zu ziehen. Aber er schrie und klagte ber die Gewaltthat, die Paul an ihm
beging. Er jammerte ber sein Migeschick, er nahm Gott zum Zeugen, da er ein
rechtlicher Mann sei, und klagte Gott an, da er ihm diese Passagiere
zugesendet. Er verwnschte sich und sie und seine Noth und seine Armuth, bis er
endlich den kutschirenden Paul, der in seiner wachsenden Spannung des Juden gar
nicht achtete, beschwor, wenigstens den Pferden in dem einsamen Kruge, aus
dessen Schornstein man den weigrauen Rauch aufsteigen sah, eine kleine Rast zu
gnnen.
    Wenn sie nicht bekommen einen Bissen Brod und Branntwein, werden's die armen
Thiere nicht halten aus, und die gndigen Herren werden liegen bleiben, wenn sie
nicht hier anhalten bei dem Abraham, der ein ehrlicher Mann ist und mein
Tochtermann! Es ist noch eine geschlagene Stunde bis zur Grenze, und ohne
Ftterung knnen die Pferdchen nicht weiter fort!
    Paul konnte es sich nicht verhehlen, da der Jude hierin die Wahrheit
redete. Die abgetriebenen Pferde stolperten vor Mattigkeit, und die Peitsche und
sein Zuruf machten keinen Eindruck mehr auf sie.
    Als sie vor dem einsamen, an der Strae liegenden Gehfte des Wirthshauses
vorfuhren, trat der Krger, ebenfalls ein polnischer Jude, vor die Thre hinaus
und erkannte und begrte seinen Schwiegervater, der ihm in einer den Reisenden
unverstndlichen Sprache gleich einige Worte entgegenrief.
    Wie weit ist's von hier zur Grenze? fragte Paul den Krger.
    Eine halbe Stunde, gndige Herren! antwortete ihm dieser, weil er dadurch
Zeit fr die Rast zu gewinnen meinte. Aber sein Schwiegervater fiel ihm in die
Rede.
    Eine halbe Stunde, sagst Du! Wie kannst Du sagen eine halbe Stunde? Eine
Stunde ist's, und eine gute Stunde, und die Pferde ....
    Genug! versetzte Paul, der am Ende dem Juden in seinem Erwerbe, wie dieser
auch geartet war, kein unnthiges Hinderni und keine Gefahr bereiten wollte;
denn er hatte sie gut bedient, und Paul und sein Gefhrte hatten ihm eine
Belohnung zugedacht. Genug! wiederholte er, zog die Uhr aus der Tasche und hielt
sie dem Juden vor das Gesicht. Du sollst zwlf Minuten Zeit haben, Deine Pferde
zu erfrischen, wenn Du uns danach in einer halben Stunde ber die Grenze
bringst!
    Der Jude versprach es und die Reisenden stiegen einen Augenblick vom
Schlitten ab. Eine tragbare Krippe ward rasch herbeigeholt und vor die
triefenden Pferde hingestellt, denen ihr Besitzer ein paar alte Decken berwarf,
whrend die hungrigen Thiere das in Stcke geschnittene, mit Branntwein
getrnkte Brod gierig verschlangen.
    Inzwischen waren des Krgers Frau und Kinder herbeigekommen, welche hastig
die Kissen von dem Schlitten nahmen, sie mit anderen, eben so elenden Sitzkissen
vertauschten und verschiedene Pcke und Rollen unter dem Stroh hervorzogen, das
der Fuhrmann unter seinen Fen liegen gehabt hatte. Zu wiederholten Malen
nthigte der Wirth die Fremden, einzutreten, um ein Glas Branntwein am warmen
Ofen zu sich zu nehmen; aber er konnte sie nicht dazu bewegen. Die Uhr in der
Hand, fragte ihn Paul, ob neuerdings viel Verkehr von Fremden in seinem Hause
gewesen sei. Der Krger verneinte es, hoffte aber, es werde bald besser fr
seine Wirthschaft kommen, wenn erst der Kriegszug des groen Kaisers begonnen
haben werde, von dessen Bevorstehen ihm der franzsische Gensd'arme Kunde
gebracht habe, der erst gestern wieder bei ihm angesprochen.
    Es kommen ihrer jetzt fter solche zu mir reiten, auer den preuischen; sie
vigiliren scharf auf die Herren, die da passiren wollen ber die Grenze! setzte
er mit bedeutendem und listigem Blicke und Augenzwinkern hinzu. Aber das beredte
Wort erstarb ihm auf der Zunge, als er sah, da Paul das Taschen-Fernrohr, mit
dem er nach der Seite, von welcher er hergekommen war, ausgespht hatte, rasch
zusammenschob und, nachdem er einige Worte auf Englisch zu seinem Gefhrten
gesprochen hatte, dem Fuhrmanne den Befehl gab, augenblicklich aufzubrechen. Er
selbst und Werben legten eilig den Pferden die abgenommenen Zgel wieder an,
dann sprangen sie in den Schlitten, zwangen den jammernden und lamentirenden
Juden, mit ihnen einzusteigen, und nachdem Paul dem Wirthe noch ein Geldstck
als Bezahlung zugeworfen hatte, ging es fort, so schnell die unvollstndig
erquickten Pferde zu laufen vermochten.
    Sie waren noch keine Viertelstunde gefahren, als Paul wiederum sein Fernrohr
auf die beiden Punkte richtete, deren Gewahrung vorher den Entschlu des
pltzlichen Aufbruches in ihm veranlat hatte. Er hielt es lange am Auge,
whrend sein Freund die Zgel in die Hand nahm, und fragte dann, als er es
absetzte, auf die abgejagten Thiere und den in Todesangst zitternden Kutscher
blickend: Was halten Sie von der Sache, Herr von Werben?
    Werben blickte ebenfalls zurck, zuckte die Schultern und sagte: Es hilft
uns nichts! Ihre Pferde sind frisch - sie holen uns ein, noch ehe wir die Grenze
erreichen.
    So ist's besser, wir machen es gleich ab, meinte Paul. Sie hatten auch diese
Worte wieder englisch gesprochen; Herr von Werben berlie dem Juden wieder die
Zgel seiner Pferde, die beiden Reisenden nahmen auf dem hinteren Sitze ihre
alten Pltze ein und Paul sagte, sich an den Juden wendend: Fahre langsam!
    Dieser lie sich das nicht zweimal sagen, und die Pferde fielen gleich in
Schritt, als man eben in das beschneite Fichtenholz einfuhr, an dessen anderem
Ende, wie der Jude angab, die Grenze sich hinziehe.
    Was gedenken Sie zu thun, Tremann? fragte Herr von Werben seinen Gefhrten,
indem er ein Paar fein gearbeitete Doppel-Pistolen aus der Manteltasche nahm und
Paul die Steine seiner Pistolen mit seinem schweren Einschlagemesser auf's Neue
schrfte und frisches Zndkraut auf die Pfannen schttete.
    Das kommt darauf an! Sind es Preuen, so haben wir unsere geschriebenen
Psse, die in Ordnung sind; wenn es dagegen Franzosen sind, nun, so - er
lchelte mit einem Ausdrucke grimmiger Entschlossenheit, den Herr von Werben nie
bisher an ihm bemerkt hatte - so haben wir diese geladenen Psse, die nun auch
in Ordnung sind!
    Whrend die Reisenden, ihre Waffen in der Hand, langsam vorwrts fuhren,
hielten an dem elenden Kruge, den sie kurz zuvor verlassen hatten, zwei Reiter.
Der eine derselben, in halb militrischer Tracht, war augenscheinlich ein
Franzose, der andere ein preuischer Gensd'arme, welcher jenem als Fhrer
mitgegeben zu sein schien. Sie waren beschftigt, den Wirth des Kruges zu
verhren, und die Auskunft, welche sie auf ihre Erkundigungen erhielten, schien
ganz nach dem Wunsche des Franzosen auszufallen.
    Wir erreichen sie noch vor der Grenze! rief der Franzose seinem Begleiter
zu, und wenn es die sind, die wir suchen, setzte er leise fr sich hinzu, so ist
mein Glck gemacht. Vorwrts, Kamerad! - Sie gaben ihren Pferden die Sporen und
sprengten nach der Richtung fort, welche die Reisenden genommen hatten.
    Es whrte nicht lange, bis sie den langsam durch das Gestrpp dahinfahrenden
Schlitten vor sich erblickten. Sie waren noch ungefhr einige Hundert Schritte
von demselben entfernt, als der preuische Gensd'arme gegen seinen Begleiter
bemerkte: Das sind schwerlich Leute, die es eilig haben, Herr Commissar, denn
sie fahren Schritt, obschon sie uns bereits seit lngerer Zeit gesehen haben
mssen, und die Grenze ist keine Viertelstunde mehr entfernt. Die mssen ein
gutes Gewissen haben!
    Aber der Andere antwortete auf diese Bemerkung nur durch ein drohendes Halt,
welches er den Fahrenden zurief, whrend er im vollen Laufe an den ruhig weiter
fahrenden Schlitten heransprengte. Kopfschttelnd und sichtbar unzufrieden
folgte ihm langsam der Gensd'arme. Er traf seinen Begleiter bereits in heftigem
Wortwechsel mit den beiden Reisenden.
    Ich kmmere mich den Teufel um Ihre Psse! schrie der Franzose, in welchem
Paul augenblicklich einen der franzsischen Beamten erkannte, die er tglich bei
Herrn von Castigni ein- und ausgehen gesehen hatte. Sie sind allerdings Herr
Tremann, ich glaube das meinen Augen, nicht Ihrem Passe; aber der andere Herr
ist eben so wenig Ihr Bedienter, als ich es bin! Sie mssen beide mit mir
umkehren, ich habe Sie nach der nchsten Kreisstadt abzuliefern!
    Sehen Sie Sich vor, was Sie thun! rief Paul ihm zu. Sie sind kein Beamter
unseres Knigs! Sie haben keine Vollmacht, Sie haben kein Recht, friedliche
Reisende aufzuhalten, die sich durch ihre Psse ausweisen knnen!
    Sehen Sie selbst Sich vor, Monsieur Tremann! versetzte hohnlachend der
Franzose. Sie sind der Spionage verdchtig, und der Bundesgenosse und Herr Ihres
Knigs, der Kaiser Napoleon, pflegt mit Spionen keinen langen Proce zu machen!
    Ich rufe Sie zum Zeugen an, wendete sich Paul, da Herr von Werben sich in
der Rolle des Bedienten, wenn auch mit groer Selbstberwindung, schweigend und
zuwartend verhalten mute, an den preuischen Gensd'armen, der inzwischen ruhig
die Psse der Reisenden durchgesehen hatte - ich rufe Sie zum Zeugen an, da
hier die Majestt Ihres Knigs und Herrn beleidigt wird! Sie sind ein
preuischer Unterthan und Soldat, wollen Sie das geschehen lassen?
    Der Angeredete war sichtlich bewegt. Er versuchte, sich in das Mittel zu
legen; aber es war vergebens, da er dem Franzosen bemerklich machte, da die
Papiere der Reisenden vllig in Ordnung seien und da also gar kein Grund
vorliege, dieselben weiter aufzuhalten.
    Kein Grund? rief der Franzose. Aber wenn ich Ihnen nun sage, da dieser
Bediente ein Offizier, ein preuischer Offizier, da es der Hauptmann von Werben
ist, den ich hiermit als Deserteur verhafte!
    Wie ein Blitz zuckte es ber das Gesicht des Gensd'armen, als Herr von
Werben, nun er sich entdeckt sah, der Verstellung ohnehin lngst mde, die Mtze
zurckschlug, welche sein Antlitz verborgen hatte, und Jener ihn erkannte. Herr
Hauptmann, mein Herr Hauptmann! Sind Sie es denn wirklich? rief er in freudiger
Bewegung aus.
    Ja, ich bin es! entgegnete Werben, indem er aus seiner Brieftasche ein
Papier hervorzog - aber ich bin kein Deserteur! Hier ist mein Abschied, von
Seiner Majestt unserem Knige unterzeichnet! Ich bin frei, zu gehen, wohin ich
will, und Gott der Allmchtige wei es, setzte er knirschend hinzu, warum ein
preuischer Soldat und Edelmann gezwungen ist, heimlich zu thun, was er offen zu
thun berechtigt ist! Willst Du Deinen Hauptmann an die Franzosen verrathen,
Wendland? -
    Er hatte den Schlitten verlassen und war mit dem Gensd'armen ein wenig
seitwrts an den Rand des Gehlzes getreten, als pltzlich dicht hinter ihnen
ein Pistolenschu fiel, dem auf der Stelle ein zweiter folgte. Sie blickten
zurck: der Franzose, durch den Kopf geschossen, strzte von dem Pferde, das,
davon aufgeschreckt, zurck jagte. Paul stand aufrecht im Schlitten, die
abgefeuerte Waffe in der Hand.
    Er hat es gewollt! sagte er finster - der Elende hat seinen Lohn! Er scho
zuerst, fgte er hinzu, indem er mit der Hand nach der linken Schulter fuhr und
sie blutig zurckzog. Sein Blut komme ber ihn! Und jetzt vorwrts, Herr von
Werben! Wir sind jetzt Zwei gegen Einen!
    Gott bewahre, wir sind unserer Drei, rief der Gensd'arme, denn wo mein Herr
Hauptmann bleibt, da bleib' ich auch! Mag der Teufel noch lnger preuischer
Gensd'arme in franzsischen Diensten sein! Ich gehe mit Ihnen zu den Russen und
ber die Grenze!

                                  Zweites Buch



                                 Erstes Capitel

Das Regiment, in welchem Renatus stand, hatte seine vorgezeichnete Strae ber
die freiherrlichen Gter zu nehmen und sollte dort ein paar Rasttage halten. Der
Commandeur bot es also dem jungen Freiherrn an, als Quartiermacher
vorauszugehen, um auf diese Weise ein lngeres Verweilen in seinem Vaterhause zu
gewinnen, und Renatus machte mit Freuden davon Gebrauch. Whrend des langsamen
und in der frhen Jahreszeit noch beschwerlichen Marsches waren seine Gedanken
ihm ohnehin oft genug in die Heimath vorausgeeilt. Er hatte die Seinigen seit
zwei Jahren nicht gesehen, und er hatte ihnen mitzutheilen, was jetzt
ausschlielich seine Seele erfllte, er hatte von seinem Vater die Zustimmung
und den Segen zu seiner Verlobung zu erbitten.
    Von seinen Kameraden mit der Versicherung entlassen, da man sich danach
sehne, ihm bald nachzukommen, um sich in Richten fr die gehabten
Unbequemlichkeiten und Strapazen zu entschdigen und fr die vorauszusehenden
Entbehrungen und Anstrengungen zu strken, machte der junge Offizier sich auf
den Weg.
    Der Freiherr von Arten galt immer noch fr einen reichen Mann, seine
Gastlichkeit war weit und breit berhmt; Renatus selber hatte ihrer oft gegen
seine Kameraden gedacht, unter denen sich auch Blutsverwandte und Befreundete
des Hauses befanden, und er hatte ihnen mit gutem Glauben die beste Aufnahme bei
seinem Vater verheien knnen. Freilich wute er, da Truppen-Durchmrsche fr
den Gutsbesitzer eine schwere Last seien. Er hatte es mit erlebt, wie furchtbar
die Franzosen im Lande gehaust und wie die Italiener durch viele Monate in
Richten im Quartier gelegen hatten. Aber Malosigkeiten und Gewaltthaten, wie
man sie von den Franzosen erdulden mssen, waren von den Landsleuten und unter
der strengen preuischen strengen Mannszucht nicht zu befahren, und wenn der
lange Aufenthalt der Italiener auch groe Summen gekostet hatte, so erinnerte
sich Renatus doch sehr deutlich, in welch gutem Einvernehmen man mit ihnen
gestanden, wie sein Vater fr den Grafen Mariani eingenommen gewesen war, der
die Reiterei befehligte, und wie bitterlich Vittoria seinen Tod betrauert hatte,
als man spter einmal die Nachricht erhalten, da der schne junge Mann auf
einem der Schlachtfelder des sterreichischen Feldzuges seinen frhen Tod
gefunden habe.
    Je weiter Renatus aber auf seinem Wege vorwrts kam, um so mehr wurde er von
den Erinnerungen an die Vergangenheit abgezogen, denn der Anblick, welcher sich
ihm berall darbot, war kein freundlicher. Seit Monaten hatten die
Truppen-Durchmrsche auf dieser Strae nicht aufgehrt, und berall waren die
Spuren davon in trauriger Weise bemerkbar. In den Krgen, in denen er fttern
lie, auf dem Gute, auf welchem er bernachtete, waren die Klagen gro, der
wirkliche Nothstand unverkennbar, und die Sorge, wie er es in Richten finden
werde, fing an, sich des jungen Freiherrn immer ernstlicher zu bemchtigen. Dazu
gesellte sich jenes Bangen, das man stets empfindet, wenn man sich einem
ersehnten Wiedersehen naht. Renatus fing zu berechnen an, seit wann er keine
Nachrichten aus der Heimath empfangen hatte. Er berlegte, da er seinen Vater
nun seit zwei Jahren nicht gesehen habe, da sein Vater bei Jahren sei, da die
letzten Monate wohl auch fr seines Vaters Gter groe Lasten mit sich gebracht
haben mten, und er sagte sich jetzt zum ersten Male, da es im Grunde doch
eine ble Nachricht sei, zu deren Ueberbringer er sich habe machen lassen.
    Am letzten Tage war fr die frhe Jahreszeit das Wetter schwl. In der Ferne
zog ein Gewitter vorber, das seine Regenwolken ber das ganze Land ausbreitete.
Renatus war nach der Hauptstadt des Kreises gekommen, in welchem seine
vterlichen Gter gelegen waren. Er hatte dort der Behrde die Anzeige des
bevorstehenden Truppen-Durchmarsches zu machen, die nthigen Vorkehrungen zu
besprechen, und es war ihm sonderbar dabei zu Muthe, da er hier etwas Anderes,
als seine eigenen Geschfte zu besorgen hatte. Als er seinen Auftrag
ausgerichtet, rastete er bei dem Wirthe, in dessen Gasthause der Freiherr
einzukehren und zu dem man die Vorlegepferde hinzubestellen gewohnt war, wenn
sich Jemand von der Familie auf Reisen befand oder wenn man Besuche erwartete.
Der Wirth sagte, da der reitende Bote aus Richten heute in der Stadt gewesen
sei, die Postsendung zu holen; da der Herr Baron sich lange nicht htten sehen
lassen und da er die Zeit nicht denken knne, seit welcher die Frau Baronin
zuletzt durch den Ort gekommen sei, die freilich im Winter zu reisen nicht
liebe.
    Er hegte nach Art seiner Standesgenossen offenbar Neigung, mit dem jungen
Freiherrn zu verkehren, klagte ber die schweren Zeiten, von denen hier Jeder
mehr als anderswo gelitten habe und durch die man auf den Gtern noch weit
schwerer als in den Stdten getroffen worden sei. Er meinte, der junge Herr
Baron werde ja wohl von Hause auch davon vernommen haben und nun selber sehen,
wie es Alles stehe. Aber Renatus schenkte ihm nicht recht Gehr. Er war zu sehr
mit seinen eigenen Gedanken beschftigt, um Verlangen nach gleichgltigem
Gesprche zu tragen, und gerade weil er viel darum gegeben htte, den
Zwischenraum berfliegen und die Stunden abkrzen zu knnen, die ihn noch von
seinem Ziele trennten, hatte er eine Scheu vor jenen zuflligen Nachrichten aus
der Heimath, wie sie dem Entferntgewesenen entgegen gebracht zu werden pflegen.
    Er hatte Anfangs das Aufhren des Regens abwarten wollen; aber der Wunsch,
vorwrts zu kommen und bei den Seinigen zu sein, wurde mit jeder Stunde
lebhafter, und es ward ihm, er wute selber nicht, wehalb, je lnger desto
unheimlicher zu Sinne. Er ging selbst nach dem Stalle, zu sehen, ob man mit den
Pferden noch nicht wieder aufbrechen knne, er trat mehrmals vor die Thre
hinaus, nach dem Wetter auszusphen; das sah aber gar nicht darnach aus, als ob
man ein baldiges Aufhellen erwarten drfe. Der Wirth unterhielt ihn davon, wie
viel Mann Einquartierung er voraussichtlich bekommen werde, berechnete, wie viel
Mann auf seine Nachbarn fallen wrden, und Renatus dachte, da er heute zum
ersten Male bei seiner Heimkehr in das Vaterhaus hier nicht den Wagen und die
Dienerschaft seines Vaters fnde. Es ging das freilich mit natrlichen Dingen
zu, inde es war ihm dehalb nicht weniger unangenehm. Mit einem nicht zu
berwindenden Migefhle setzte er den Czacko auf und blieb dann neben dem
Wirthe unter dem Vordache des Hauses stehen, um zu warten, bis sein Bursche die
Pferde gesattelt haben werde. Er konnte es in der geheizten, mit Tabacksdampf
erfllten Gaststube vor Ungeduld nicht mehr ertragen.
    Als sie so vor der Thre standen, sahen sie durch den Regen einen
verdeckten, leichten Korbwagen herankommen, den zwei starke Braune zogen.
    Das ist der Steinert aus Marienfelde, sagte der Wirth; dem knnen der Herr
Baron nur auch gleich sagen, was ihm bevorsteht, denn leer ausgehen wird der
auch nicht.
    Er trat mit diesen Worten an den Wagen heran, weil er meinte, da Steinert
einkehren werde. Dieser hatte es jedoch nur auf ein kurzes Anhalten abgesehen,
denn er war nicht weit gefahren, hatte kaum noch eine Stunde bis nach Hause und
wollte nur noch hren, ob und was es etwa Neues gbe.
    So wie er den Kopf zum Verdeck hervorbog, erkannte er den jungen Edelmann,
obschon er ihn seit Jahren nicht gesehen hatte, und mit jener Freude, die jeder
Gutgeartete ber das schne Heranwachsen eines Menschen empfindet, den er als
Kind gekannt hat, rief er Renatus ein herzliches Willkommen und die Frage zu,
was er denn Gutes aus der Ferne bringe. Aber Renatus vermochte ihm nicht in
gleicher Weise zu erwiedern. Es verdro ihn, da ihn Steinert nicht, wie in
frheren Jahren seinen Vater und die anderen Edelleute, als den gndigen Herrn
ansprach, sondern ihn schlechtweg Herr Lieutenant nannte. Es dnkte ihm eine
verkehrte Welt zu sein, in welcher Adam Steinert behaglich und trocken in seinem
Wagen einherfuhr, whrend er, der Freiherr Renatus von Arten-Richten, als
Quartiermacher in Regen und Nebel durch das Land zog, und obschon er
gleichzeitig diese Empfindungen und die Empfindlichkeit, zu der sie sich in ihm
verwandelten, thrichte und zu bekmpfende nannte, fhlte er sie doch in einem
solchen Grade, da sie ihm alle Freiheit des Behabens nahmen.
    Es dnkte Renatus also doppelt lstig, da der Wirth sofort wieder von der
Einquartierung zu sprechen anfing, da der Lieutenant sie wirklich auch fr
Marienfelde anzumelden hatte. Steinert verlie, sobald er davon hrte, seinen
Wagen, und wie er nun in seiner bestimmten Weise von dem jungen Offizier genaue
Auskunft forderte, wie er Fragen stellte, welche Renatus ihm zu beantworten
verpflichtet war, da kam noch einmal und noch strker der Gedanke ber diesen,
da die Welt sich umgewandelt habe. Er besa im Allgemeinen wenig Leichtigkeit,
und das Mibehagen nahm ihm diese vollends. Er gab Steinert kurz und trocken die
Zahl der Leute, der Pferde, den Tag ihrer Ankunft in Marienfelde und die Dauer
ihres Aufenthaltes an. Steinert, der die kalte, abweisende Haltung des jungen
Mannes nach der Freundlichkeit, mit welcher er ihm entgegen gekommen war, mit
Recht als einen Hochmuth und eine Unhflichkeit betrachtete, verzeichnete die
Angaben in seinem Taschenbuche, dankte fr die Mittheilung und bemerkte, sich zu
dem Wirthe wendend, er sei in diesen Zeiten immer recht von Herzen froh darber,
da er gleich ein tchtiges Stck von dem Schlosse abgebrochen habe, nachdem er
sein Gut gekauft; denn groe Schlsser seien jetzt ein wahres Verderben fr den
Gutsbesitzer, der in ihnen immer die ganze Generalitt zu beherbergen und zu
ernhren bekomme, whrend er schon Noth genug habe, sich mit den Seinigen
durchzubringen.
    Renatus hrte darauf, wie Steinert sich des zeitigen Frhjahres freute und
es gnstig fr die Arbeit nannte, und wie der Wirth ihm kopfschttelnd
entgegnete: Was hilft uns das, wenn sie uns die aufgegangenen Saaten wieder vom
Felde in die Raufen schleppen und das reife Korn zu Schttstroh nehmen, wie vor
Jahren? Man mchte die Arme am liebsten ber einander schlagen und die Felder
brach liegen lassen, da htte man wenigstens nicht den Aerger ber die ganze
vergebliche Mhe!
    Ja, nichts thun, oder arbeiten was die Knochen halten wollen, versetzte
Steinert, das ist die Frage, um die es sich jetzt handelt. Rasch schaffen, Alles
zu Gelde machen, wenig brauchen, das Geld sichern und abwarten, bis man wieder
mit Zuversicht an ein Unternehmen gehen kann - so habe ich's die ganzen Jahre
her gehalten. Wo sie nichts finden, knnen sie nichts nehmen, und meiner Haut
wehre ich mich noch. Es werden Viele zu Grunde gehen in dieser Zeit, denn es
sieht bedenklich auf den meisten Gtern aus, und wer den letzten Thaler in der
Tasche haben wird, der wird einmal was machen knnen!
    Er trank das Glas Bier aus, das er gefordert hatte, und ging nach seinem
Wagen, als der Bursche des jungen Freiherrn diesem sein Pferd vorfhrte.
Steinert sah, wie der Wirth dem jungen Offizier den regenschweren Mantel
reichte, wie Renatus ihn um seine Schultern hing. Da kam eine jener
Rckerinnerungen, welche dem jungen Edelmanne vorhin seine gute Laune genommen
hatten, auch ber Steinert; aber sie hatte jenen hart und ungerecht gemacht und
dieser ward durch sie besnftigt. Wollen Sie mit mir fahren, Herr Baron? fragte
er. Es kommt mir auf einen Umweg nicht an, meine Pferde sind frisch; wir binden
Ihren Schimmel an, ich fahre Sie bis Rothenfeld, und bis dahin lt der Regen
vielleicht nach.
    Er stand an seinem Wagen und schlug das Spritzleder einladend zurck; aber
Renatus konnte sich nicht berwinden, der wohlgemeinten Aufforderung zu folgen.
Er dankte ihm fr seine gute Absicht.
    Nun denn, rief Steinert, so leben Sie wohl und kehren Sie Ihrem Vater, dem
Freiherrn, aus Ruland wohlbehalten wieder. Es wird ihm nahe gehen, Sie im Felde
zu wissen, und er ist kein Jngling mehr. Sie werden berhaupt hier zu Lande
mancherlei verndert finden!
    Damit fuhr er fort; auch Renatus stieg zu Pferde, aber das ganze
Zusammentreffen mit Steinert hatte ihm einen peinlichen Eindruck hinterlassen
und die letzten Worte desselben waren ihm schwer auf das Herz gefallen. Was
hatte er damit andeuten wollen? Was war geschehen? -
    Der schlimmste Reisegefhrte, die unbestimmte Sorge, hatte sich dem jungen
Manne zugesellt und wollte nicht von ihm weichen, wie er sie auch zu bannen
versuchte. Es war das erste Mal, da er sich der Heimath nicht freien Herzens
nherte, da seine Gedanken sich ernstlich mit den Umstnden und
Vermgensverhltnissen seines Hauses beschftigten.
    Der Freiherr hatte es dem Sohne niemals fehlen lassen, und obschon dieser
weder ausschweifende Neigungen noch bertriebene Bedrfnisse besa, war er doch
gewohnt, jeden seiner Wnsche zu befriedigen. Er wute, da sein Vater kein
guter Rechner, kein umsichtiger Landwirth sei und viel verbrauche. Das war aber,
wie Renatus meinte, bei einem Edelmanne sehr erklrlich, und man hatte es nur zu
bedauern, da der Freiherr bisher niemals passenden Ersatz fr Steinert hatte
finden knnen; denn gerade die besten Landwirthe hatten mit Renatus oft davon
gesprochen, da man die Hlfsquellen seiner vterlichen Besitzungen nicht nach
Gebhr benutze, da man aus den Gtern nicht mache, was sie werden knnten, da
man nicht die nthigen Kapitalien in sie hineinstecke, um sie im Grund und Boden
wuchern und Zinsen tragen zu lassen. Allein eben das flssige Kapital fehlte
seinem Vater, und dieser hatte dem Sohne in guten Stunden wohl den Rath gegeben,
sich bei Zeiten nach einer reichen Erbin zur Gattin fr sich umzusehen, damit
man wieder in grerer Freiheit des eigenen Grundbesitzes froh werden mge. Wie
wrde der Freiherr nun die Nachricht aufnehmen, da Renatus die vllig
Mittellose in das Haus zu fhren denke?
    Bei dem Regenwetter dunkelte es frh, und der Sinn des jungen Mannes wurde
dadurch eben auch nicht heiterer. Der Nebel stieg aus dem Boden der sumpfigen
Wiesen empor und zog in langen, schwebenden Streifen langsam neben und um ihn
her. Er ritt mit wachsender Ungeduld in schnellem Trabe vorwrts; er wollte das
Schlo noch erreichen, ehe es Nacht ward. Es dnkte ihn, als sei der Weg weit
lnger geworden, als komme er nicht von der Stelle; und wie er den Weg nicht
bewltigen zu knnen glaubte, so kam er auch mit seinen Gedanken nicht vom
Flecke. Wenn er sich es vorstellen wollte, wie er seinem Vater sein Herz
enthllen und was Vittoria zu seiner Verlobung sagen werde, sah er Adam Steinert
vor sich stehen und es klang ihm das Wort vom letzten Thaler und von dem
Unsegen, der jetzt auf den groen Schlssern laste, in den Ohren. Er war froh,
als er endlich aus den Wiesen heraus war, als aus dem Nebel der Kirchthurm von
Rothenfeld hervortrat und der Anblick der allbekannten, ihm engvertrauten
Umgebung ihn von seinem Grbeln abzog. Er schwankte, ob er in der Pfarre
vorsprechen und seinem greisen Lehrer seine Ankunft melden solle; aber seine
Ungeduld strubte sich dagegen, und auch sein Schimmel schien sich der Nhe des
Stalles zu erinnern, in welchem er auferzogen worden war, denn er griff, ohne
da sein Herr ihn dazu antrieb, mit Einem Male lustig aus, so da Renatus in
wenigen Minuten die groe Eichen-Allee zu erreichen hoffen durfte, die sich von
dem letzten Vorwerke bis zur Rampe des Schlosses hin erstreckte. Aber er ritt
und ritt, die Allee wollte noch nicht kommen. Er drckte dem Pferde die Sporen
in die Seite, es sprang empor und ging mit raschem Satze vorwrts - aber sie kam
nicht, die Allee.
    Was ist das? fragte Renatus sich, und es fuhr ihm kalt ber den Rcken. Er
sah um sich, weil er meinte, nur der Nebel verhlle ihm die Bume und der Nebel
sei es auch, der ihn so erklte; inde der Nebel hatte sich verzogen, er konnte
an einzelnen Stellen sogar die Sterne durch die Wolken schimmern sehen, und es
war auch nicht der Nebel, der ihm das Herz in der Brust erstarren machte und ihm
den Hals zusammenschnrte. Denn nun lag es ja vor ihm, das Schlo seiner Vter;
er sah das Licht aus dem Fenster ber dem Portale schimmern, das die riesigen,
alten Bume jetzt nicht mehr verdeckten. Schon breitete der Hofraum sich weit
und de vor ihm aus, aber es war nicht mehr, wie es gewesen war, es war nicht
mehr die alte Heimath! Das Schlo seiner Vter war seines schnsten Schmuckes
beraubt, der Stolz der Herren von Arten-Richten, die prchtige, uralte
Eichen-Allee war niedergeschlagen bis auf den letzten Baum. Jetzt wute er, was
die Worte Steinert's bedeutet hatten - und die Thrnen strzten ihm aus den
Augen.
    Oben in dem Zimmer des Freiherrn brannte das Feuer im Kamin. Der reitende
Bote, welcher zweimal in der Woche die Briefe fr den Freiherrn aus der
Kreisstadt abholte, war um die bestimmte Stunde nach dem Schlosse zurckgekehrt,
und fast gleichzeitig mit ihm war der Caplan bei dem Freiherrn angelangt. Er kam
trotz seiner vorgerckten Jahre und seiner schwachen Gesundheit regelmig an
den Abenden von Rothenfeld, wohin er gezogen war, bald nachdem Renatus zum
ersten Male das Vaterhaus verlassen hatte, nach Richten herber, um dem
Freiherrn, dessen Augen in der letzten Zeit gelitten, zur Hand zu sein, falls er
sich eines Vorlesers bedrftig fhlte oder Briefe zu beantworten hatte; denn der
Sekretr des Freiherrn war noch whrend des ersten Krieges in die Dienste eines
franzsischen Generals getreten, und man hatte seine Stelle nicht wieder
besetzt.
    Die Lichte waren bereits angezndet, aber es waren nicht die vielarmigen
Leuchter, deren der Freiherr sich in frheren Jahren bedient hatte, als er am
Abende noch selbst zu lesen und zu schreiben pflegte. Der groe Raum war also
nicht vollstndig erhellt, und das Sopha, auf welchem Vittoria, die beiden Arme
mit der anmuthigen Lssigkeit eines Kindes unter das Haupt gelegt, in stillem
Hindmmern zu ruhen schien, war ganz in Schatten gehllt. An dem Tische, auf
welchem die eingegangenen Briefe und die Zeitungen der letzten Woche lagen, sa
der Caplan, und der Freiherr ging, dem Vorlesenden zuhrend, langsam in dem
Zimmer auf und nieder, wie es seine Gewohnheit war. Mit Einem Male blieb er
stehen.
    Es wird immer nutzloser, diese Bltter kommen zu lassen, sagte er, indem er
den Caplan unterbrach. Man mte sich mitten im tiefsten Frieden glauben, wenn
man keine anderen Nachrichten empfinge, als diejenigen, welche die Zeitungen uns
verknden. Nur von den friedlichen Gesinnungen Napoleon's, nur von seinen
Decreten in der Gesetzgebung und fr das Theater ist heute wieder die Rede, und
dazu haben die Truppen-Durchmrsche bei uns nicht aufgehrt; dazu meint man, so
oft man zu unerwarteter Stunde ein Gerusch vernimmt, da wieder irgend ein
neuer Quartiermeister oder Fourier im Schlosse anlangt, um uns neue, unerbetene
Gste anzumelden.
    Er hatte aber diese Worte noch nicht vollendet, als man den Hufschlag eines
Pferdes auf der groen Rampe hrte. Da sehen Sie, mein Freund, wir leben gerade
wie im Schauspiele! meinte der Freiherr. Man braucht von den Dingen nur zu
sprechen, um sie eintreffen zu machen. - Er ging nach dem Fenster; auch der
Caplan erhob sich, um hinunter zu sehen. Man konnte jedoch in der Dunkelheit
nicht erkennen, wer der angekommene Reiter sei, und der Freiherr war eben auf
dem Wege, die Klingel zu ziehen, um sich danach zu erkundigen, aber er stand
dann wieder davon ab. Es hatte sonst nicht in seiner Art gelegen, den
Ereignissen entgegen zu gehen, und er machte sich innerlich einen Vorwurf
daraus, da er die Ruhe verloren habe, sie an sich herankommen zu lassen. Er
wendete sich mit einer anscheinenden Gelassenheit wieder in das Zimmer zurck,
legte die Hnde wieder ber dem Rcken in einander, um bei dem Herumgehen die
Brust zu dehnen, und wollte eben den Caplan ersuchen, mit dem Lesen
fortzufahren, als man eilige Schritte auf der Treppe und im Vorsaale hrte und
der Diener in der Thre erschien.
    Was gibt es? fragte der Freiherr, froh, des Zwanges ledig zu sein, den er
sich angethan hatte.
    Ein Offizier, gndiger Herr, ein Offizier ist angekommen, von den Unserigen
einer! antwortete der Diener, und ehe der Freiherr noch sein Mifallen ber
diese unruhige Meldung uern konnte, war Renatus schon in das Zimmer
eingetreten und hatte sich erschttert an des Vaters Brust geworfen.
    Auch der Freiherr war sichtlich ergriffen. Mein Sohn, mein lieber Sohn! rief
er aus, als Renatus sich niederbeugte, des Vaters Hand zu kssen, und er die
Thrnen in des jungen Mannes Augen gewahrte. Was bewegt Dich so, Renatus? Fasse
Dich, mein Sohn!
    Aber die Stimme seines Vaters, weit davon entfernt, ihn zu besnftigen,
rhrte den Sohn noch mehr, denn sie klang ihm fremd. Es war nicht mehr der alte,
volle Ton, und unfhig, sich zu beherrschen, rief er: Wo ist unsere Allee
geblieben, Vater?
    Des Freiherrn Brauen zuckten zusammen, er lie die Hand des Sohnes fahren,
denn er meinte einen Vorwurf in der Frage zu vernehmen, und nach des Freiherrn
Begriffen von dem Familienrechte und von dem Erbrechte hatte der Sohn dem Vater
eine solche Frage auch zu stellen; aber da er sie in der Stunde der Ankunft,
da er sie in dem Augenblicke that, in welchem er den Vater nach lngerer
Abwesenheit zum ersten Male umarmte, da er sie im Beisein des Caplans, im
Beisein Vittoria's und gar in Anwesenheit des Dieners that, das krnkte des
Vaters Herz, das beleidigte das Ehrgefhl des Edelmannes und des Hausherrn.
    Die Franzosen hatten auf ihrem Durchmarsche Lcken in die Allee geschlagen.
Der Anblick war mir unertrglich, machte mir die Allee zuwider, und ich fand es
fr angemessen, zu nutzen, was ein nchster Durchmarsch ganz zerstren konnte!
entgegnete der Freiherr, schnell und abgebrochen sprechend. Aber wehalb
zeigtest Du Deine Ankunft nicht im Voraus an? Du weit, da ich die
Ueberraschungen nicht liebe. Was fhrt Dich hieher?
    Ich komme als Vorbote meines Regimentes! sagte Renatus, durch die Worte
seines Vaters und mehr noch durch ihren strengen Ton nun eben so beleidigt und
verletzt, als der Freiherr sich erwies.
    Also Einquartierung - schon wieder Einquartierung?
    Der Stab unseres Regimentes kommt bermorgen in Richten an und wird drei
Tage im Schlosse bleiben; das Regiment, zwlfhundert Mann stark, ist auf unsere
Drfer vertheilt, der Train bleibt in Marienfelde, berichtete Renatus, als mache
er die Meldung vor einem fremden Manne; aber es kam ihm hart an, denn er sah,
wie unwillkommen sie dem Freiherrn war, wie schwer sie ihn bedrckte, und er
fand ihn ohnehin nicht, wie er ihn verlassen, nicht, wie des Vaters Bild ihm in
der Erinnerung vorgestanden hatte.
    Die beiden letzten Jahre hatten dem Caplan weit weniger angehabt, als seinem
freiherrlichen Freunde. Da der Caplan niemals stark gewesen war, fiel es an ihm
nicht wesentlich auf, da er magerer geworden. Sein Haar hatte die Farbe nicht
merklich gendert, nur dnner war es geworden, so da die Tonsur sich nicht mehr
kenntlich machte. Aber er hielt sich noch aufrecht wie in seinen besten Tagen,
sein Gesicht hatte seinen alten, friedlichen und milden Ausdruck bewahrt, sein
Auge war noch hell, und seine Soutane, jenes priesterliche Gewand, auf das die
Mode keinen Einflu bte, umgab noch mit der alten Sauberkeit, mit der es einst
den Leib des Jnglings bekleidet hatte, auch die Gestalt des Greises.
    Der Freiherr hingegen hatte sich sehr verndert. Weil er auf der Hhe des
Mannesalters an Flle sehr zugenommen, lie die danach eingetretene Verminderung
derselben seine Haut welk und schlaff erscheinen. Die einst so schnen,
hochgeschwungenen Augenbrauen waren buschiger geworden und hingen tief herunter,
alle Zge des Gesichtes hatten sich scharf ausgeprgt, man sah, da starke
Leidenschaften sie gezeichnet hatten. Wer den Freiherrn einst in der
Stattlichkeit der altfranzsischen Tracht gekannt hatte, dem konnte es nicht
entgehen, da sein Schritt jetzt in dem Klappenstiefel nicht mehr so wohl
gemessen war, als in dem seidenen Strumpfe und in dem Schnallenschuh, und selbst
das hohe, weie Halstuch, das den Nacken des Freiherrn vielmals umgab und sein
Kinn, wie die Mode es mit sich brachte, hoch empor hob, konnte es nicht
verbergen, da er sein Haupt nicht mehr so stolz trug, nicht mehr so frei
bewegte, als in alter Zeit.
    Der Freiherr hatte die Anzeige schweigend hingenommen. Erst nach einer Weile
sagte er: Und Du beeiltest Dich, Dich zum Ueberbringer dieser angenehmen
Neuigkeit zu machen; das ist ein sonderbarer Einfall, ein sonderbar Gelsten! -
Er schttelte das Haupt und lchelte dazu spttisch. Renatus regte sich nicht.
    So entstand eine lange Pause, und wo eine solche sich in den ersten
Augenblicken eines Wiedersehens zwischen Menschen, die eng zu einander gehren,
einstellt, ist es eben so ein Zeichen als der Vorbote irgend welcher
Miverhltnisse. Der wohlgeschulte Diener war still hinausgegangen, da er sah,
da man ihm fr jetzt keine Befehle zu geben habe, um nicht anzuhren, was man
ihn sicherlich nicht hren zu lassen wnschte; auch Vittoria hatte, nachdem sie
bei dem unerwarteten Eintritt ihres Stiefsohnes in freudiger Ueberraschung aus
ihrer Ruhe aufgesprungen war, sich entfernt. Sie war es nicht gewohnt, von
Renatus nicht gleich mit Zrtlichkeit begrt, von dem Freiherrn nicht
bercksichtigt zu werden, und ernsthaften Verhandlungen, geschftlichen
Errterungen oder gar einem Streite beizuwohnen, widerstrebte ihrer innersten
Natur. Und doch bedurften der Freiherr und sein Sohn eines Vermittlers, dessen
leise Hand ihnen ber den Zwiespalt forthalf, der sich zwischen ihnen aufthat
und der unausfllbar werden konnte, wenn man ihm nicht in dieser ersten Stunde
Schranken setzte.
    Es war der Caplan, der ihnen diesen Dienst zu leisten unternahm, denn er
wute, was es zu bedeuten hatte, wenn der Freiherr seinen Kopf so langsam in die
Hhe hob, wenn seine Lippen sich so fest zusammenpreten, und was Renatus
fhlte, wenn er so die Augen senkte.
    Mit jener ruhigen Bewegung, die von jeher eine der schnen Eigenschaften des
Geistlichen gewesen war, ging er, obschon auch ihm Renatus noch die Begrung
schuldete, auf diesen zu und sprach, indem er ihn in seine Arme schlo: Du
wnschtest Deinem Vater offenbar die ble Nachricht weniger empfindlich zu
machen, indem Du Dich zu ihrem Boten hergabst, denn Du hattest Dir es selbst
gesagt, da es der schweren Belstigungen und der noch schwereren Sorgen fr den
Herrn Baron bereits mehr als zu viel gegeben habe, und Du bist vorausgekommen,
um zu sehen, ob Du nicht Deinen Antheil davon tragen knntest. Das macht Deinem
Herzen und Deiner Einsicht Ehre, daran erkenne ich Dich und Deinen guten Willen.
    Die Worte, welche den Vater wie den Sohn behutsam aber entschieden auf ihren
rechten Standpunkt wiesen, beschmten beide und befreiten sie doch zugleich. Sie
warfen weit mehr, als der Caplan es ahnen konnte, dem Sohne vor, da er in jeder
Beziehung nur an sich und sein Bedrfen gedacht habe, sie erinnerten den Vater
daran, da der Sohn sicherlich in freundlicher Absicht gekommen sei, und geboten
dem Sohne Schonung fr den Vater, dem Vater Rcksicht und Anerkennung fr den
Sohn. Aber man findet sich nicht gleich zurecht, wenn man einmal von der
richtigen Strae abgekommen ist und die Gegenstnde und die Menschen von einer
falschen Seite angesehen hat.
    Renatus erwartete, da der Freiherr, wie das frher in hnlichen Fllen
geschehen war, nach kurzem Ueberlegen mit der Angelegenheit fertig sein, da er
dem Amtmanne durch einen Boten noch heute seine Befehle senden oder ihn in der
Frhe des nchsten Morgens kommen lassen werde, um mit wenigen Worten die Sache
durchzusprechen, und da von derselben danach nicht mehr die Rede sein werde,
bis zur Ankunft der Einquartierung. Statt dessen nahm der Freiherr eine Brille
zur Hand, setzte sich am Schreibtische nieder, verzeichnete die Namen und den
Rang der Offiziere, die man im Schlosse unterzubringen hatte, lie sich vom
Caplan aus der Registratur, die er, seit Steinert aus seinem Dienste geschieden
war, von Rothenfeld nach dem Archive in Richten und in eigene Verwahrung
genommen hatte, verschiedene Acten und Papiere herbeiholen und machte sich
daran, die Vertheilung auf die einzelnen Huser eben nach jenen Papieren und
Acten selbst auszurechnen und festzusetzen. Renatus sah mit Verwunderung, wie
genau der Freiherr jetzt von der Lage und von den Verhltnissen der einzelnen
Gutsinsassen unterrichtet war; aber eben so setzte ihn die hartherzige Strenge
in Erstaunen, die sich bei dem Freiherrn gegen alle jene Leute aussprach, welche
seit Jahrhunderten Hrige seiner Familie gewesen und nun in Folge der neuen
Gesetzgebung freie Bauern und freie Arbeiter geworden waren. Der Caplan hatte
bestndig Nachsicht fr sie von dem Freiherrn zu fordern, und es kamen dabei so
traurige Schilderungen ihrer Noth zur Sprache, Renatus erfuhr durch die
Entgegnungen des Freiherrn so viel von den Lasten, welche dieser bereits zu
tragen gehabt hatte, sein Vater uerte sich so unumwunden ber den Mangel an
Lebensmitteln, der auf den Gtern herrsche, und ber die Schwierigkeit, welche
man haben werde, das Geld zur Beschaffung der fr die Aufnahme des Stabes
nothwendigen Bedrfnisse aufzutreiben, da Renatus sich abermals die Frage
aufwarf, in welcher Welt er denn lebe, und ob er, ob sein Vater noch dieselben
Freiherren von Arten-Richten wren, die sonst in stolzer Sorgenfreiheit in
diesem Schlosse gleichsam Hof gehalten hatten.
    Er mute es als ein Zeichen des Vertrauens, der Verzeihung ansehen, da sein
Vater ihm ein paar Bltter hinreichte, damit er sie mit ihm zusammen abstimme;
aber er kannte seinen Vater in der Beschftigung nicht wieder. Er fragte sich:
wie ist es mglich, da er in der Stunde meiner Ankunft an nichts Anderes, als
an diese Geschfte denkt, und er sah es ein, wie dieses nicht der Augenblick und
nicht der Zeitpunkt sei, in welchem er seinem Vater mit der Nachricht, da er
sich versprochen habe und eine eigene Familie in Schlo Richten zu begrnden
wnsche, eine Freude machen knne.
    Es war ihm schwer ums Herz, er bemitleidete seinen Vater. Der Freiherr und
die Zeiten hatten sich so sehr verndert. Wie weit hatten sich sonst Thr und
Thor jedem Gaste geffnet, wie hatte man sich, als seine Mutter noch gelebt, zu
jeder Stunde beeilt, den Ankommenden zu bewirthen und zu erquicken! Jetzt nahmen
Sorgen des Vaters Sinn durchaus gefangen, jetzt dachte Niemand daran, da
Renatus weit geritten, da er durch Regen und Nebel gekommen war, da der Sohn
des Hauses eine Erfrischung und Strkung nthig haben knne, und so traurig, so
erschreckt, so niedergeschlagen und so fremd fhlte er sich, da er sich nicht
entschlieen konnte, sie zu fordern! Die baumlose, kahle Flche vor dem Schlosse
schwebte ihm immer vor den Augen, das Wort von dem letzten Thaler lag ihm immer
noch im Sinne.
    Es half ihm nicht, da er sich vorhielt, wie natrlich es sei, da sein
Vater der Geschfte denke, wie thricht er selber handle, da er nicht verlange,
was er nthig habe. Er fand endlich eine Art von dsterer Genugthuung darin,
sich die Wandlung recht empfindlich zu machen, die hier vorgegangen war, und
weil er niemals rechnen und erwgen gelernt hatte, so unterschtzte er jetzt die
Lage, in welcher sein Vater und seine Familie sich befanden, wie er sie bisher
zu berschtzen gewohnt gewesen war. Es ngstigte ihn, da seine Vorgesetzten,
seine Kameraden einen Einblick in die vernderten Verhltnisse seines Hauses
thun konnten; er dachte mit Schrecken daran, wie gleich die niedergehauene Allee
es Jedem verknden msse, da die Axt auch an den Wohlstand seines Stammes
bereits gelegt sei. Er kam sich wie ein Heimathloser, wie ein Bettler vor - und
Hildegard erwartete von ihm das Glck ihres Lebens, eine schne, reiche Zukunft!

                                Zweites Capitel


Man hatte sich mhsam durch den Abend hingebracht, und der nchste Morgen lie
sich auch nicht besser an. Es regnete noch immer fort. Nirgends war ein
Durchbruch der Wolken zu bemerken, der auf eine baldige Aenderung des Wetters
htte schlieen lassen. Auf dem Lande aber hat ein lange anhaltender Regen etwas
Einbannendes, das ihn weit lstiger macht, als in der Stadt.
    Der Freiherr hatte frh den Amtmann rufen lassen, weiterhin gegen Mittag
kamen ungefordert die Schulzen und verschiedene Bauern in das Schlo, um bei dem
Freiherrn ihre Beschwerden und Bitten wegen der bevorstehenden Einquartierung
anzubringen. Renatus sah daraus, da sein Vater die Verwaltung seiner Gter fast
ganz in seine Hand genommen hatte; aber er konnte sich nicht daran gewhnen, da
die schweren Schritte der Bauern auf den Treppen und Gngen des Schlosses
erschallten, da ihr erdiger Stiefel den Teppich in dem Zimmer des Freiherrn
betrat, und sein Vater that ihm leid, wenn er ihn Geschfte verhandeln, ihn um
Kleinigkeiten dingen und feilschen sehen mute, an welche zu denken er in
frheren Jahren weit unter seiner Wrde gehalten haben wrde. Es war still im
Schlosse, aber nicht so ruhig, wie dereinst.
    In dem Zimmer, welches das Wohngemach der Baronin Angelika gewesen, waren
die Fenster alle geschlossen, obschon trotz des Regens die Luft sehr mild war.
Im Kamine brannte das Feuer. Vittoria lag auf einem trkischen Polster, Renatus
sa ihr gegenber. Sie hatte ein vielfarbiges Tuch um Kopf und Schultern
geschlagen, als ob sie trotz der groen Wrme, welche in dem Zimmer herrschte,
an Klte leide, und bewegte, im Gegensatz dazu, mechanisch und zerstreut den mit
Edelsteinen besetzten Fcher in ihrer Hand, als msse sie sich Khlung fcheln.
Renatus sah, wie ihre schwarzen Locken an ihren Schlfen niederfielen, wie ihr
kleiner Fu unter dem gelbseidenen Morgen-Gewande hervorblickte, wie ihre langen
Wimpern einen Schatten auf ihre Wangen warfen und wie sie es vermied, seinem
Auge zu begegnen, so geflissentlich er das ihrige suchte.
    Eine geraume Zeit verging auf diese Weise. Mitunter machte der junge Mann
eine Bewegung, als ob er sich erheben und das Zimmer verlassen wolle; dann
folgte ihm der Blick Vittoria's schnell und unmerklich, aber er stand immer
wieder von seinem Vorhaben ab, obschon es ihn Ueberwindung kostete, zu bleiben;
und wenn sie sich seines Verweilens auf's Neue sicher wute, senkte sich das
Auge seiner Stiefmutter wieder auf den Boden nieder, als gbe es gar nichts, was
ihre Theilnahme erregen oder sie von ihren eigenen Gedanken abwendig machen
knnte.
    Sie hatten eine lange Unterhaltung mit einander gehabt; eine jener
Unterredungen, die, von dem vlligsten Vertrauen ausgegangen, sie pltzlich zu
einem Punkte gelangen lassen, auf dem sie sich getrennt empfunden hatten. Im
Erstaunen ber diese Mglichkeit, im Erschrecken ber sie, war von der einen wie
von der andern Seite manches Wort gefallen, das man gesprochen, ohne es sprechen
zu wollen, Worte, die man bereute und die man doch nicht zurckzunehmen
vermochte, weil sie zu tief in die Seele des Andern eingedrungen waren. Renatus
hatte seine Stiefmutter der Selbstsucht angeklagt, sie hatte ihn undankbar
genannt. Er hatte ihr vorgeworfen, da sie nie empfunden habe, was Liebe sei;
sie hatte ihn daran erinnert, da es dem Sohne seines Vaters bel anstehe, es
ihr in das Gedchtni zu rufen, was ihre Ehe ihr versagt habe; und bei jedem
Tadel, bei jedem Vorwurfe, mit dem sie einander entgegentraten, schrfte der
Gedanke, da es eben Vittoria, da es eben Renatus sei, der sich also
ausspreche, den Stachel, mit dem sie einander verwundeten. Denn Niemand kann uns
so tief verletzen, als die Hand eines sehr Geliebten.
    Wie man von einer Hhe hinuntereilend durch die eigene Schwere und Bewegung
ber sein Wollen hinausgetrieben wird, bis man endlich, gewaltsam einhaltend,
mit Erschrecken wahrnimmt, da man hart am Rande eines Abgrundes steht, so saen
Renatus und Vittoria einander gegenber. Das Herz war beiden schwer, beiden that
die Bitterkeit wehe, die sie gegen den Andern empfanden, Jeder von ihnen htte
einlenken mgen, aber sie konnten den Weg dazu nicht finden, und selbst die
urprngliche Sprachverschiedenheit wurde heute ein Hinderni zwischen ihnen,
obschon beide des Franzsischen vllig mchtig waren, das ihnen von jeher zur
Vermittlerin gedient hatte.
    Renatus sah es mit einer wachsenden Unruhe, wie regungslos Vittoria zu Boden
blickte, mit welch maschinenmiger Sicherheit sie ihren Fcher handhabte. Er
hoffte, sie werde ihn einmal fallen lassen, er wnschte ihn aufheben, ihn ihr
reichen, irgend eine Veranlassung finden zu knnen, die es ihm nthig oder auch
nur mglich machte, ein Wort zu ihr zu sprechen, einen Blick von ihr zu
erhaschen, ihren Dank zu vernehmen. Es war ihm zu Muthe, als habe man ihm ein
lang besessenes Gut entrissen, als habe man ihm mit einer theuren Erinnerung ein
Stck seines Lebens genommen, als habe er etwas Unschtzbares vergessen, als
habe auch Vittoria ihn vergessen. Er lebte wie unter einem Zauberbanne, und er
meinte, Ein Wort, das erste, beste, gleichgltige Wort, msse diese unselige
Verzauberung lsen, msse ihm und seiner Stiefmutter das Gedchtni wiedergeben
knnen, das Gedchtni all der langen Freundschaft, all der heiteren,
berstrmenden Neigung, die sie fr einander in der Brust getragen bis auf diese
Stunde. Er wollte immer sagen: Besinne Dich, Vittoria, ich bin's! Er sagte sich
innerlich fortwhrend: Es ist ja Vittoria! - Aber der Bann der harten,
unglckseligen Worte lag ber ihm und zwischen ihnen und wuchtete immer schwerer
und machte ihn immer unfhiger, sich zu befreien. Und dazwischen dachte er mit
Mimuth und mit Sorge an Hildegard, welche die unschuldige Ursache all seines
Schmerzes war.
    Endlich erhob Vittoria das Haupt. Renatus htte ihr schon dafr danken
mgen. Sie sah ihn an, flchtig mit ihrem dunklen Auge an ihm vorberstreifend,
sah in die Flammen, als gewahre sie erst jetzt, da diese im Erlschen seien,
blickte dann in das Freie hinaus, wie wenn sie den langsamen Fall der feinen,
dichten Regentropfen betrachtete, und sprach zusammenschauernd die Worte, mit
denen Dante seinen Eintritt in den dritten Hllenkreis bezeichnet:

I' sono al terzo cerchio della piova
Eterna, maledetta, fredda e greve!1

O, mag es regnen! rief Renatus, indem er sich, schon durch den Klang ihrer
Stimme erfreut, zu ihr hinberneigte und ihr seine Hand entgegenreichte, mag es
doch regnen, wenn Du nur wieder mit mir sprichst! - Aber sie nahm seine
dargebotene Rechte nicht an. Er hatte also die Krnkung, sie zurckziehen zu
mssen, und doch lie er sich dadurch nicht entmuthigen.
    Mit ihr von dem Gegenstande zu reden, der sie so weit von einander entfernt
hatte, noch einmal die Unterredung in diesem Augenblicke auf seine Verlobung
zurckzuwenden, konnte und mochte er nicht wagen, da ihm an einer Vershnung mit
Vittoria gelegen war, und sich selbst verleugnend, indem er zu dem
Aeuerlichsten, zu dem Gleichgltigsten seine Zuflucht nahm, bat er: Habe Geduld
mit diesem Wetter, Geduld mit unserem Klima! Aber er konnte nicht von sich
selber los, und mit bewegter Stimme fgte er hinzu: Mu ich doch jetzt mich auch
gedulden, bis Du mich ruhiger hren, bis Du wieder die rechte Vittoria, meine
Vittoria sein willst! Nur ein paar Tage noch, und die Sonne und der Frhling
sind wieder einmal da!
    Um uns in ihrem kurzen Verweilen empfinden zu lassen, was wir den grten
Theil des Jahres hindurch entbehren mssen! entgegnete sie ihm, sich nur an
seine letzten Worte haltend. Dann erhob sie sich mit einem Seufzer und trat an
eines der Fenster heran. Renatus folgte ihr dahin nach. Sie sttzte die Stirn
gegen die Scheiben, schaute eine Weile lautlos auf die Terrasse und in den Park
hinunter, dessen kahle Bume gespenstisch aus dem Regen und Nebel hervorsahen,
whrend der aufkommende Wind das nasse Laub am Boden vor sich her zu treiben
anfing.
    Heute feiern sie in unserem Kloster, hob sie dann mit einem Male wie aus
langem Rckerinnern an, den Namenstag unserer Aebtissin, der guten Mutter
Benedicta. Wie blhte da Alles in unserem Lande, wie schwamm der Klostergarten
in Licht und Duft! Wie freuten wir uns auf alle die Gste, welche kamen, der
Oberin ihre Ehrfurcht zu bezeigen! Htte der Himmel mir statt meines Valerio
eine Tochter beschieden, ich htte sie in das Kloster gesendet! Ich war sehr
glcklich in dem Kloster!
    Des jungen Mannes Mienen verdsterten sich auf das Neue, aber begtigend,
wie seine ganze Haltung gegen die Baronin war, sprach er: Vergi nicht, Liebe,
wie oft Du mir erzhltest, da Du Dich aus dem Kloster in die Welt hinaus
gesehnt hast!
    Weil man sie mir mit so verlockenden Farben schilderte, als ich mein Kloster
zum ersten Male verlie. Was wute ich von der Welt? Ich war ein Kind! Wie
konnte ich begehren, was ich gar nicht kannte? Und was hat sie mir geboten,
diese Welt, in der ich lebe?
    Renatus fuhr mit langsamer Hand ber seine Augen. Es war das eine der
Bewegungen, die er von seinem Vater ererbt hatte und die ihn demselben in
einzelnen Augenblicken hnlich machten, so wenig er ihm sonst auch glich. Er
wollte seiner Stiefmutter verbergen, wie sie ihn verletzte, und sich
zusammennehmend, fragte er sie mit sanfter Stimme: Und bin ich Dir denn nichts,
Vittoria, gar nichts mehr?
    Sie schttelte das Haupt. Man lebt nicht mit einem halben Herzen und man
liebt nicht mit einem getheilten Herzen! gab sie ihm abweisend zur Antwort, und
wieder trat die frhere Stille ein, und wieder sahen sie beide schweigend in den
kahlen, nassen Garten hinab und zu den schweren, grauen Wolken empor, die sich
nicht zertheilen zu wollen schienen.
    Endlich raffte sich Renatus auf. Du bist sehr ungerecht, Vittoria! sprach
er, und er mute innerlich wohl an die Unterredung gedacht haben, welche er vor
wenig Wochen mit Seba ber seine Stiefmutter gepflogen, denn er wiederholte die
Worte, deren er sich damals gegen die Erstere bedient hatte: Ich habe kein Glck
mit meinen Mttern!
    Kein Glck? sprach Vittoria ihm nach, kein Glck? Und wer hat denn Glck?
Habe ich es? Habe ich es je gehabt? - Sie wendete sich zu ihm, nahm ihn bei der
Hand und zog ihn neben sich auf das Polster nieder, auf dem sie vorhin gelegen
hatte. Es war eine finstere Leidenschaft in ihrem Blicke, in ihrer Stimme,
selbst in der Kraft, mit welcher sie seine Hand ergriff und festhielt. Er hatte
diese zarte Gestalt, er hatte die heitere Natur Vittoria's einer solchen
Leidenschaft gar nicht fr fhig gehalten, so gut er sie zu kennen gewhnt
hatte.
    Weit Du, was es heit, fuhr sie in derselben Erregung fort, die um so
heftiger erschien, als sie sich bis dahin gewaltsam zur Ruhe gezwungen hatte,
weit Du, was es heit, wenn einem Menschen seine letzte Freude, seine letzte
Zuversicht entrissen wird? Weit Du, was es heit, keine Hoffnung mehr zu haben?
    Vittoria, wie magst Du also reden! mahnte der junge Mann, der sich nicht
erklren konnte, was in ihrer Seele vorging.
    Sie lachte. Freilich, rief sie, schweigen, immerfort schweigen; lachen,
singen, immerfort lachen und singen und scherzen wre besser gewesen! Es ist ja
so bequem, an das Glck der Menschen zu glauben, so angenehm, sich zu sagen,
Vittoria ist und bleibt ein harmloses Kind und ich mache sie glcklich! Es ist
ja so bequem, Dank zu ernten von einem Herzen, das zu gromthig ist, sein Wehe
laut auszuschreien und die Hand anzuklagen, die es aus dem Boden seines
Vaterlandes ri, ohne ihm eine neue Heimath in der Fremde bereiten zu knnen! Du
sagst mir, ich htte nie geliebt! - Sie lachte wieder mit jenem bitteren Lachen,
das ihm in das Herz schnitt. - Und was ist's, fuhr sie fort, was Du von der
Liebe weit? Glaubst Du, die blasse Empfindung, welche man seit Jahren in Dir
grogezogen und die man zu benutzen verstanden hat, als man sie fr reif hielt,
das sei Liebe? Ist diese blut-und phantasielose Hildegard, die lter ist, als
Du, die nie jung gewesen ist in der Jugend des Herzens, ist sie ein Weib, das
lieben kann, das man lieben kann? Ist sie in Dein Leben getreten so
berraschend, so blendend, so berwltigend wie die Sonne, wenn sie pltzlich um
Mitternacht ber Deinem Horizonte aufginge und es fiele wie Schuppen von Deinen
Augen und Du mtest Dir sagen: Ich habe geschlafen bis auf diese Stunde, nun
bin ich erwacht und ich lebe!?
    Vittoria! rief Renatus noch einmal mit bittender Abwehr, denn ihm bangte vor
dem Gestndnisse, das er zu hren frchten mute. Aber sie gab auf seine Mahnung
nichts, und wie sich selber zur Genugthuung sprach sie: Hast Du es je empfunden,
das Glck der Leidenschaft, das so gro ist, da es kein Gestern hat und an kein
Morgen denkt, weil der Augenblick ihm die Welt und das ganze Dasein aufwiegt -
das so gro ist, da Recht und Unrecht, Tugend und Snde davor wie leere Schemen
in sich selbst zerfallen - so gro, da nur ein Schmerz daneben denkbar bleibt,
ein einziger, der Schmerz der Endlichkeit! Kennst Du solch ein Glck?
    Er antwortete ihr nicht. - Und wenn sie nun kommt, die Trennungsstunde, wenn
nun Alles vorber ist und nichts mehr bleibt, als die Hoffnung eines
Wiedersehens, und es kommt der Tag, der es verkndet: es gibt kein Wiedersehen,
keines, keines! Denn die Erde gibt nicht wieder, was sie verschlungen hat.
    Sie brach in lautes Weinen aus, Renatus lag zu ihren Fen und prete ihre
Hnde in die seinigen. Er wute nicht, was er ihr sagen oder was er thun solle,
ihre Aufregung zu besnftigen. Er dachte gar nicht mehr an sich. Jetzt erfuhr
er, was Vittoria seit Jahren so verndert hatte und warum sie ihm bisweilen so
fremd und unbegreiflich erschienen war. Sie war ihm auch fremd in ihrer
Leidenschaft. Es kam mit einer heien Angst der Gedanke ber ihn, da es seine
Stiefmutter, da es die Gattin seines Vaters sei, die also zu ihm spreche; aber
er hatte das Herz nicht, sie zu verdammen. Er fhlte ein unaussprechliches
Mitleiden mit ihr, inde er fragte sie um nichts und sie sagte ihm nichts
weiter. Er blieb auf seinen Knieen vor ihr liegen, sie schien ihn fast vergessen
zu haben. Erst nach einer langen Weile legte sie ihre Arme um seinen Nacken.
    Sieh', sprach sie, wenn ich manchmal am Tage um mich sah und die Welt mir so
leer war und ich mir sagte, da ich jung sei und noch lange leben msse und da
ich Niemanden htte, Niemanden, der mich liebte ....
    Vittoria, sagte Renatus schchtern, mein Vater liebt Dich! -
    Wie den Vogel, den er eingefangen hat und den er im vergoldeten Kfig nhrt,
damit sein Gesang ihn im Winter glauben mache, da es Frhling sei! Ist das
Liebe?
    Aber Du nahmst seine Hand an, obschon Du es sehen mutest, da sein
Lebenswinter nahe sei!
    Singe ich denn nicht, sieht er mich traurig, glaubt er mich nicht glcklich?
gab sie ihm zur Antwort.
    Du hast auch Valerio! erinnerte er sie.
    Sie sah ihn an und schwieg. Ja, sagte sie danach, ich bin Deines Vaters Frau
und ich habe einen Sohn! Ich lebe fr sie. Wer aber lebt fr mich? Valerio ist
ein Kind, und mein Gatte ist ein Greis! - Und wieder schwieg sie.
    Bin ich Dir denn nichts, nichts mehr, Vittoria? fragte er, wie am Anfange
ihrer Unterredung.
    Sie schttelte verneinend das Haupt. Hildegard liebt nicht zu theilen,
sprach sie, und Hildegard hat Recht! Es wohnen nicht zwei Gefhle vertrglich in
einem Herzen bei einander! Sie und Du - Du und sie, das ist Deine Zukunft! Was
kmmert Dich die meine?
    Renatus verstummte. Er hatte, seit er sich ein selbstndiges Urtheil ber
seine Stiefmutter zu bilden im Stande gewesen war, ihre Neigung zur Eifersucht
gekannt und sie als einen Zug ihres National-Charakters angesehen; aber da
dieselbe sich auch auf ihn erstrecken knne, hatte er nicht erwartet, und doch
war es nicht diese Erfahrung, die ihn rathlos machte.
    Wer war der Mann, den Vittoria geliebt hatte? Wann hatte sie ihn gekannt?
Wute sein Vater davon, und was sollte er selber gegenber den Gestndnissen
thun, die ihm zu machen Vittoria sich hatte hinreien lassen?
    Er erschrak, als sein Vater eintrat, und doch war es ihm sehr willkommen,
als derselbe ihn aufforderte, ihn auf einer Fahrt zu begleiten, die er
unternehmen wollte, um sich zu berzeugen, wie man in Rothenfeld und in Neudorf
die Vorbereitungen zur Unterbringung des Regimentes treffe. Vittoria war
aufgestanden, als sie den Schritt des Freiherrn im Nebenzimmer vernommen, und
hatte sich an das Fenster gestellt. Als sie den Kopf zurckwendete, war jede
Spur der Leidenschaft, der Aufregung aus ihren Mienen verschwunden, das dunkle
Auge glnzte, als htte es nie eine Thrne gekannt, der schne Mund lchelte,
als htte er nicht eben erst die Worte eines hoffnungslosen Unglcks
ausgesprochen.
    Sie verlangte mitzufahren. Der Freiherr, der nicht gewohnt war, ihr etwas
abzuschlagen, machte sie auf des Wetters Ungunst aufmerksam; aber sie bestand
auf ihrem Sinne, und bittend und schmeichelnd und scherzend versuchte sie, wenn
auch vergebens, die Weigerung ihres Gatten zu bekmpfen und ihren Willen
durchzusetzen. Renatus war dabei nicht wohl zu Muthe. Die Zrtlichkeit, welche
sein Vater dieser Frau bewies, die Freude, mit der er sie betrachtete, die
Befriedigung, mit welcher er jeder ihrer Bewegungen folgte, thaten dem Sohne
eben so wehe, als die Heiterkeit Vittoria's. Er glaubte zu bemerken, da sie ihn
ngstlich beobachte, und von Minute zu Minute schwebte ihm der Ausruf auf der
Lippe: Sprich nicht mit ihr, mein Vater, denn sie liebt Dich nicht! Sprich nicht
mit ihr, denn sie hat Dich verrathen! - Aber durfte er dem Vater, dessen
vernderte Gestalt sich ihm am Tage noch bemerklicher machte als an dem
verwichenen Abende, den Glauben an Vittoria rauben, ihm das Glck zerstren, das
er in ihr besa? Hatte er ein Recht, ihr unseliges Geheimni zu verrathen?
Durfte er vergessen, da er sie selbst beklagenswerth gefunden hatte und da sie
ihm nur Gutes erwiesen hatte bis auf diesen Tag?
    Was er erlebte, kam ihm fast unmglich vor. Es waren die Gestalten, die er
kannte, und sie waren es auch wieder nicht. Er liebte sie und hatte doch das
alte Verhltni nicht mehr zu ihnen. Er wollte sprechen und mute schweigen. Er
sah Alles in einem neuen Lichte und konnte doch nichts deutlich unterscheiden.
Nie im Leben hatte er eine grere Qual empfunden!
    Er glaubte zu bemerken, da Vittoria's Augen ihm mit Sorge folgten, da sie
ihn in dieser Verfassung mit dem Vater nicht allein zu lassen wnsche; er selber
htte sich der Nothwendigkeit, eben jetzt mit seinem Vater allein zu sein,
entziehen mgen, und doch rhrte ihn Vittoria's banger Blick, doch bten auch in
dieser qulenden Stunde der Ton ihrer Stimme und der Zauber ihres Wesens die
alte, durch lange Gewohnheit gesteigerte Gewalt ber ihn aus.
    Er war froh, als der Wagen endlich vorfuhr; aber das Alleinsein mit seinem
Vater erleichterte ihn nicht. Weil der Freiherr den Sohn immer in einer
ehrfurchtsvollen Entfernung von sich zu halten bemht gewesen war, weil er an
den Spielen des Kindes, an den Beschftigungen des Knaben, an den tglichen
Erlebnissen des Jnglings keinen thtigen Antheil genommen und den Sohn bisher
geflissentlich von allen ernsten Angelegenheiten seines Hauses fern gehalten
hatte, fehlte es ihnen an allen jenen gemeinsamen Erinnerungen und
Berhrungspunkten, durch welche sich die Verbindung zwischen dem Alter und der
Jugend herstellt und die fr den geistigen Zusammenhang so unentbehrlich sind
wie die Scheidemnze fr den tglichen Verkehr. Dazu war Alles seit gestern so
vllig anders gekommen, als er es erwartet hatte, die Menschen, die Verhltnisse
verwandelten sich unter seinem Auge so unheimlich, da er Scheu vor seinem
eigenen Worte trug, weil er meinte, auch das Wort knne sich verwandeln auf
seiner Lippe, und was er heute spreche, knne nicht zum Heile fhren.
    So waren sie schweigend nach Rothenfeld gelangt. Der Freiherr stieg aus und
besah in Begleitung des Amtmannes die Stuben und die Stallungen, in welchen die
betreffende Einquartierung mit ihren Pferden untergebracht werden sollte. Er
wendete sich dabei mit mannigfachen Erklrungen an seinen Sohn, gab ihm
ungefragt Auskunft ber die Verhltnisse des Dorfes, und Renatus begann sich an
dem Gedanken, da sein Vater ihn auf die einstige Uebernahme der Gter
vorzubereiten strebe, zu erfreuen. Es zeugte ihm sogar fr die feine Empfindung
des Freiherrn, da er eben den Augenblick des Abmarsches zu dem Anfange dieser
Vorbereitung whle, als wolle er zu erkennen geben, wie zuversichtlich er auf
seines Sohnes glckliche Heimkehr baue, und Renatus war bemht, den Freiherrn
ber seine antheilvolle Achtsamkeit nicht in Zweifel zu lassen, als dieser in
das Haus seines Justitiarius ging, um sich zu erkundigen, ob er seine Befehle
ausgerichtet und ob man den Bescheid von dem Vormundschaftsgerichte noch nicht
erhalten habe. Der Justitiarius sagte, die nthigen Schritte seien von ihm
gethan, und wenn der junge Herr Baron nur einige Tage in Richten verweile, so
wrde man Alles in Richtigkeit bringen knnen, da die Verfgung in jeder Stunde
ankommen knne.
    Renatus fragte, wovon die Rede sei. - Von Deiner Mndigkeits-Erklrung! gab
sein Vater ihm zur Antwort. Der Sohn, der dies mit der Art und Weise in
Verbindung brachte, in welcher sein Vater ihm heute zum ersten Male von der
Geschftsverwaltung auf den Gtern sprach, glaubte daran zu erkennen, wie sein
Vater sich altern fhle, und das machte ihn traurig. Aber da jeder Mensch bei
den Ereignissen, die ihm begegnen, mit Naturnothwendigkeit zuerst an sich und an
die Wirkung denken mu, welche sie auf ihn und seine Zustnde ben werden, so
freute sich Renatus der Absicht seines Vaters, weil er sich sagte, dem Sohne,
den er mndig sprechen lasse, knne und werde er die volle Freiheit bei der Wahl
seiner Lebensgefhrtin um so weniger versagen, als Renatus mit seiner
Volljhrigkeit den unbeschrnkten Besitz seines allerdings nicht eben groen
mtterlichen Erbes antrat.
    Gerade diese Betrachtung legte jedoch seinem rechtschaffenen Herzen, wie er
meinte, die Verpflichtung auf, dem Vater seine Verlobung mit Hildegard
anzuzeigen, noch ehe derselbe ihn aus der vterlichen Gewalt entlassen habe, und
er schickte sich, sobald sie wieder im Wagen neben einander saen, zu seinen
Mittheilungen an, als der Freiherr, ihm zuvorkommend, das Wort nahm.
    Er sagte, da die Ankunft seines Sohnes ihm sehr willkommen gewesen sei,
weil er die Angelegenheiten seines Hauses zu ordnen beabsichtige, und er
wnsche, da fr den Fall seines Todes Renatus sich in der Lage befinde,
unabhngig von irgend einer Vormundschaft die Leitung der Familienverhltnisse
in die Hand nehmen zu knnen. Er sprach das mit der Kraft und Ruhe, welche ihn
in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatten, Renatus gab sich also wieder der
Hoffnung hin, da er sich getuscht habe, als er seinen Vater so verndert
geglaubt. Er versicherte den Freiherrn, wie zuversichtlich er darauf rechne, ihn
noch lange leben und sich seines Besitzes und Daseins erfreuen zu sehen. Der
Freiherr drckte ihm die Hand.
    Deine Gesinnung kenne ich, sprach er; sie ist gut, und ich habe eben im
Hinblicke auf sie meine Maregeln genommen. Es glitt ein Schatten ber des
Freiherrn Zge, er schien der Ueberwindung nthig zu haben, um in seiner Rede
fortzufahren. Deine Gesinnung ist gut, wiederholte er, und ich wei, da es Dir
eine Genugthuung sein wird, mir eine Erleichterung in den mannigfachen
Verlegenheiten zu bereiten, mit denen ich seit Jahren und Jahren nun zu kmpfen
habe. Er hielt abermals inne, Renatus hing mit liebevoller Sorge an seinem
Antlitze.
    Du wnschest mir, sprach der Freiherr, da ich mich noch lange meines
Besitzes, meines Daseins erfreuen mge, und Du kannst es selber kaum ermessen,
denn Du hast es nicht empfunden, wie erfreulich das Dasein dem Manne ist, wenn
er der Herr ist innerhalb seines Besitzes. Inde die Zeiten, in welchen das der
Fall war, sind vorber. Man hat unsere alten Rechte angetastet, uns neue
Pflichten aufgelegt und uns die Mittel entzogen, ihnen zu entsprechen, indem man
unseren Besitz und unsere Vorrechte geschmlert hat. Ich bin nicht mehr Herr auf
meinen Gtern, seit man die Leute, die mir gehrten, freigegeben hat, seit die
Willkr des Knigs ihnen Ansprche an mein Eigenthum zuerkannt hat, seit ich es
nicht mehr bin, der mein Verhltni zu ihnen nach meiner Einsicht und nach
meinem Ermessen ordnet. Es ist nicht erfreulich, mit denjenigen rechten zu
sollen, die nicht unseres Gleichen sind, und noch weniger erfreulich, am Fue
seines alten Stammes ein Geschlecht heranwachsen zu sehen, das wie die Schwmme
wuchert und sich breit macht.
    Seine Stirn hatte sich gerunzelt, seine buschigen Augenbrauen hingen ihm
tief herab. Er versenkte sich eine Weile in seine eigenen Gedanken, der Sohn
wagte es nicht, ihn darin zu stren.
    Wir sind nicht mehr die Herren! hob er nach einer Weile abermals an. Nicht
die Herren in unserem Lande, nicht Herren auf unseren Gtern mehr. Der gewaltige
Napoleon hat seinen Fu auf den Nacken der Knige gestellt und sich zu ihrem
Gebieter gemacht, und der Geist des Umsturzes, dessen Verkrperung er ist, ist
auch in unsere neue Gesetzgebung eingedrungen und hat sie verdorben bis in ihre
Tiefe. Wir sind rechtlos geworden. Das Wort: Stehe auf, damit ich mich setze!
ist der Grundsatz, der jetzt die Welt beherrscht. Jeder fr sich und Niemand fr
den Andern!
    Er nahm eine Prise und ffnete das Wagenfenster, sich Luft zu verschaffen,
denn von diesen Angelegenheiten konnte er nicht sprechen, ohne da es ihm das
Blut zu Kopfe trieb. Renatus, der ihn eben deshalb von dem Gegenstande
abzuleiten wnschte, erlaubte sich die Bemerkung, da die Zeit vielleicht eine
Ausgleichung der augenblicklichen Uebelstnde mit sich bringen werde, und wie er
diese Zuversicht von verschiedenen Seiten habe uern hren.
    Ausgleichungen bringen? fuhr der Freiherr lebhaft auf - wie soll das
zugehen, wo von beiden Seiten die Krfte so berspannt werden mssen, da sie
sich erschpfen! Er war ja so glcklich gewhlt, der Augenblick fr die neue
Gesetzgebung, setzte er spottend hinzu, so glcklich gewhlt am Ende eines
schweren Krieges, in Tagen, in denen die ganze Welt in Flammen stand! Frage die
sogenannten freien Leute, ob sie jetzt besser daran sind, als zu jenen Zeiten,
da sie mir gehrten! Frage sie, ob sie nicht heute, wo die schwere Last der
Einquartierung wieder auf uns niederzufallen droht, lieber meine Leibeigenen und
Hrigen sein wollten; ob sie besser daran sind, wenn man ihnen jetzt das Brod
aus dem Hause und die Kuh aus dem Stalle nimmt! Und was uns anbetrifft - unser
Besitz hat schwer gelitten, unser Vermgen ist sehr zusammengeschmolzen!
    Er warf einen schnellen, prfenden Blick auf seinen Sohn, aber obschon die
Niedergeschlagenheit in dessen Zgen nicht zu verkennen war, schien der Freiherr
durch die Haltung desselben sich beruhigter zu fhlen. Dennoch gewann er es nur
mit groer Mhe ber sich, dem Sohne von seinen Angelegenheiten weiter Auskunft
zu ertheilen. Er sagte wie der Krieg und die ihm folgenden, fast
unerschwinglichen Kriegssteuern ihn genthigt htten, die Gter, eines nach dem
andern, mit Hypotheken zu belasten, wie die allgemeine Geldnoth den Werth des
Geldes von Jahr zu Jahr gesteigert und den Zinsfu so erhht habe, da es immer
schwerer geworden sei, den Glubigern gerecht zu werden; wie er sich oftmals und
gerade dann in peinlichen Geldverlegenheiten befunden habe, wenn es darauf
angekommen sei, die Wrde des Hauses zu behaupten und nicht durch eine zur Schau
getragene falsche Sparsamkeit den unentbehrlichen Credit zu schwchen. Er
erzhlte das mit jener Klarheit, welche aus einer genauen Uebersicht der
Verhltnisse entspringt, aber er hatte nicht mehr die leicht abfertigende Weise,
die ihm sonst allen Geschften gegenber eigenthmlich gewesen war. Nur die
Unlust des groen Herrn, der sich widerwillig dazu bequemt, den obwaltenden
Zustnden sein freies Belieben unterzuordnen, war noch die alte in ihm, und
Renatus fhlte ihm diese in ihrem ganzen Umfange nach.
    Wenn Sie es wten, mein Vater, rief er, was ich dabei empfinde, Sie unter
dem Drucke so unwrdiger Sorgen zu sehen!
    Ich wei es, ich wei es! fiel ihm der Freiherr mit scheuer Hastigkeit in
die Rede, und eben dehalb habe ich beschlossen, Dich mndig sprechen zu lassen,
denn Du erhltst dadurch die Mglichkeit, mir in einer vorbergehenden
Verlegenheit zu helfen!
    Er hielt inne und schien von seinem Sohne eine Antwort zu erwarten; aber
Renatus war so betroffen, es strmten so verschiedene Gedanken und Empfindungen
auf einmal auf ihn ein, da er nicht im Stande war, gleich den Ausdruck fr sie
zu finden. Seines Vaters Lage mute sehr bel sein, wenn er sich herbei lie,
Beistand von seinem Sohne zu verlangen, selbst auf Kosten der Herrschaft und
Gewalt ber denselben, auf die er stets so eiferschtig gewesen war. Renatus
wagte es nicht, das Auge zu erheben, er mochte nicht sehen, wie sein Vater in
dem Momente aussah. Des Freiherrn leise bebende Stimme durchschnitt des Sohnes
Herz, und ohne sich zu fragen, was er damit fr die eigene Zukunft aus den
Hnden gebe und auf sich nehme, sagte er: Wenn mein mtterliches Erbe Sie aus
einer Verlegenheit befreien kann, so werde ich glcklich sein, mein Vater, wenn
Sie darber ganz verfgen wollen!
    Der Freiherr holte tief Athem, aber er erwiederte nichts. Sie hatten Beide
die Farbe gewechselt, denn ohne da sie es aussprachen, fhlten sie es, da ihr
Verhltni zu einander von diesem Augenblicke ab nicht mehr dasselbe sei.
Renatus hatte, gerhrt von seines greisen Vaters Anblick und Verlegenheit, nach
seinem inneren Bedrfen, nach seiner Kindesliebe und seinem Ehrgefhle
gehandelt; aber er hatte das Anerbieten kaum gemacht, als er sich sagte, da er
selber Verpflichtungen eingegangen sei, denen zu gengen ihm jetzt vielleicht
nicht mglich sein werde, wenn er seines mtterlichen Erbes auf irgend eine Art
verlustig gehen sollte. Er fhlte, da er der Geschftskenntni, der Sparsamkeit
und selbst der Gewissenhaftigkeit seines Vaters nicht unbedingt vertraute, und
er schmte sich doch wieder solchen Gedankens. Er htte es seinem Vater
abbitten, sich ihm in die Arme werfen mgen, inde ihm fehlte das Herz dazu,
denn der Freiherr konnte die Erregung seines Sohnes miverstehen. Er htte dem
Vater von Hildegard sprechen mgen, um Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten und
dem Vater die Genugthuung zu bereiten, da er seinem Sohne gegenber immer noch
der Herr und der Gewhrende sei. Wie aber, wenn der Freiherr in der Verfassung,
in welcher er sich eben jetzt befand, des Sohnes Absichten und Wnschen sich
nicht geneigt erwies, oder wenn er glauben knnte, der Sohn rechne darauf, da
der Vater ihm, der eben jetzt ein groes Opfer gebracht habe, in allen Fllen zu
Willen sein msse?
    Er konnte zu keinem Entschlusse kommen. Das Mein und Dein war zwischen ihn
und seinen Vater getreten und machte ihn unfrei, eben jetzt, da sein Vater ihm
anscheinend Freiheit zu geben beabsichtigte.
    Es war jedoch, als errathe der Freiherr, was in seinem Sohne vorging, denn
er wendete sich zu ihm und sagte sichtlich sehr beruhigt: Es freut mich, da ich
mich in Dir nicht irrte. Art lt nicht von Art, und es soll meine Sorge sein,
da Dir Nichts entzogen wird. Ich werde Dein mtterliches Vermgen auf Richten
eintragen lassen, das am wenigsten belastet ist und dessen wir uns sicherlich
nicht entuern werden. Die Zinsen sollen Dir regelmig zugehen, und das
Jahrgeld, welches ich Dir bis jetzt gegeben habe, Dir nicht vorenthalten werden.
Mit unserem Namen, mit Deinen persnlichen Vorzgen hast Du unter den ersten
Familien des Landes zu whlen, und es wird Deine Sache sein, wenn Du, was der
Himmel fgen wolle, uns aus dem Felde wohlbehalten heimkommst, eine Frau in
unser Haus zu fhren, deren Vermgen Dir einst die Mittel an die Hand giebt, den
Schaden herzustellen, welchen die Noth und Ungunst der letzten Jahre unserem
Besitze gebracht haben. Mge Dir in Deiner Gattin einst ein Glck beschieden
werden, wie es mir in dem schnen, frhlichen Herzen Vittoria's zu Theil
geworden ist!
    Er erging sich darauf in einer liebevollen Schilderung aller der Vorzge
seiner Gattin, erwhnte, da er sein Testament zu machen beabsichtige, sobald
Renatus mndig gesprochen sei, weil er ber Vittoria's und ihres Sohnes Zukunft
sich beruhigt fhlen drfe, wenn er sie in die Hnde von Renatus lege, und er
war allmhlich von diesen ernsthaften Errterungen wieder zu den Ansprchen
zurckgekehrt, welche die Erfordernisse der nchsten Tage an ihn und seine
Mittel machten, ohne da sein Sohn es anders als mit einzelnen Worten kund
gegeben hatte, da er den Mittheilungen seines Vaters achtsam folge.
    Renatus befand sich in jenem Zustande, in welchem wir gleichsam ein
doppeltes Denken haben. Er hrte alles, was der Freiherr zu ihm sprach, er nahm
es mit dem Sinne auf, mit welchem sein Vater die Dinge und Zustnde entweder
selbst ansah oder sie ihn doch ansehen zu machen wnschte. Er war unter dem
Einflusse, den die angeborene und anerzogene Ehrfurcht vor seinem Vater auf ihn
bte, und doch hatte er die Ueberzeugung, sein Vater tusche ihn und sich mit
bewuter Absicht ber die Vermgensverhltnisse des Hauses, er sei weit weniger
ruhig, weit weniger unbesorgt ber dieselben, als er sich zeige; und doch wute
er, die Liebe, welche der Freiherr fr Vittoria hegte, betrge denselben, und
seine Zuversicht sei verrathen. Er dachte unablssig an sich und an seinen Vater
auf einmal. Jeder seiner Gedanken, jede seiner Empfindungen wurde von einem
widersprechenden Gedanken, von einer widersprechenden Empfindung gekreuzt. Er
fhlte sich eben so bengstigt als unglcklich.
    Er ahnte, obwohl er der Geschfte nicht sonderlich kundig war, da auch
Richten bereits mit schweren Schulden beladen sein msse, und da sein Vater nur
darum sich zu seiner Mndigsprechung entschlossen haben werde, weil er es
unmglich gefunden habe, in den gegenwrtigen Zeiten selbst zu den hchsten
Zinsen ein Darlehen fr eine dritte oder vierte Hypothekenstelle zu erhalten.
Da er sein Vermgen hergeben msse, darber war er keine Minute in Zweifel
gewesen. Er war das seinem Vater schuldig und es mute fraglos auch geschehen,
wenn er es nicht zu einem Aeuersten kommen lassen, wenn er sich und seinem
Geschlechte den angestammten Grundbesitz erhalten wollte. Aber wer brgte ihm
dafr, da damit wirklich den Nothstnden abgeholfen war, und was sollte aus ihm
selber werden, wenn seines Vaters Verhltnisse sich immer mehr verschlechterten,
wenn man gezwungen wurde, wie das in den letzten Jahren manchem Edelmanne
begegnet war, die Gter zu verkaufen, und wenn der Kaufpreis nicht hoch genug
sein sollte, sein auf Richten einzutragendes Vermgen zu decken?
    Er selber - nun, er selber, so meinte er mit der Zuversicht des
Reichgeborenen, der es nie bedacht hat, wie vieles Ueberflssige ihm durch
Gewohnheit zum Bedrfnisse geworden ist, und der es nie erfahren, wie schwer es
fr den Ungebten ist, sich auch nur des Lebens Nothdurft zu erwerben - er werde
mit sich und seinem Schicksal wohl fertig werden knnen; aber was sollte er
beginnen, nun er sich gebunden hatte? Was sollte er mit Weib und Kind beginnen,
wenn sein Vermgen ihm verloren ging? -
    Alle jene Bedenken, welche er eben an dem Tage vor seiner Verlobung gegen
dieselbe gehegt hatte, stiegen jetzt in erhhtem Mae vor ihm auf, und das
Herzeleid Vittoria's, die Tuschung, in welcher sein Vater von ihr gehalten
ward, das ganze Unglck seiner Eltern wurden fr ihn zu dem dunkeln
Hintergrunde, auf welchem er sich und seinen Zustand wie in einem Spiegelbilde
betrachten konnte. Aber er sah sich in demselben nicht mehr als den sorglosen
und glcklichen Jngling, als welchen er sich bisher betrachtet hatte. Seine
Jugend lag mit Einem Male weit hinter ihm, sein Glck zerrann wie Nebel vor
seinem Auge. Er war ein Mann geworden, von welchem um der Selbsterhaltung, um
der Ehre seines Hauses willen ein schweres Opfer gefordert ward. Er trat
pltzlich in die vordere Reihe seines Geschlechtes, er bernahm dessen Sorgen,
Lasten und Pflichten, da die Schultern seines Vaters mde geworden waren; und
nicht sein persnliches Wnschen, die Ehre seines Hauses mute jetzt sein erstes
und sein hchstes Ziel sein.
    Er trug ein groes Verlangen, den Caplan allein zu sehen, sein Herz im
Gesprche mit dem treuen Freunde zu befreien, aber er konnte an dem Tage nicht
dazu kommen. Der Freiherr hielt ihn bestndig in seiner Nhe. Er sah auch
Vittoria nicht anders, als in Gegenwart der Andern, und wie berall, wo es tiefe
Mistnde in einer Familie gibt, war man es seit lange gewohnt, sich in der
Unterhaltung an der Auenseite der Dinge zu halten. Es war von dem Vorhaben des
Freiherrn in Bezug auf Renatus mehrfach die Rede, inde man gedachte desselben
nur als einer ehrenvollen Anerkennung, die der Freiherr dem Sohne zu gewhren
fr gut befand, und dieser ward dadurch genthigt, des bevorstehenden
Ereignisses ebenfalls nur mit Heiterkeit zu erwhnen.
    Vittoria hatte sich mit Wahl gekleidet und zeigte sich so frhlich, da die
Schatten von des Freiherrn Stirn davor verschwanden, wie drauen die Wolken vor
des Frhlings ersten, mchtigen Sonnenstrahlen. Renatus wute nicht, ob er sie
bewundern und beklagen, ob er sie verachten und hassen solle. Sie erschien ihm
wie ein unheimliches Rthsel; eben dehalb nahm sie jedoch seine Phantasie
gefangen, und whrend ihre eigenartige Schnheit ihren alten Zauber auf ihn
bte, betrachtete er sie mit einer ihm noch vllig neuen Empfindung, wenn er
sich sagte, da der Freiherr ihn zum Schtzer dieser Frau ersehen, und da er
einzustehen habe fr des Knaben Zukunft, der ihr in seiner Schnheit und in
seiner fremdartigen Anmuth so vllig hnlich war, da eben diese Aehnlichkeit
des lteren Bruders Herz bestrickte.
    Er mute es sich immer wiederholen, da er im Vaterhause sei, so verndert
fand er Alles und so hatte sich seine Ansicht ber die Seinigen und seine
Stellung zu ihnen verwandelt. Er konnte zu keinem klaren Bilde von seiner
Zukunft gelangen. Seine Gedanken schweiften hastig von einem Aeuersten zum
andern, bis endlich die treue Gefhrtin jedes Leides, die wohlthtige Ermdung,
ihn in ihre Arme nahm und der Schlaf in seinen Trumen alle Widersprche lste
und das Unvereinbarste zusammenfhrte.

                                Drittes Capitel


Frh, ehe der Freiherr noch aufgestanden war, ritt Renatus nach Rothenfeld
hinber, um sich bei seinem greisen Lehrer und Erzieher Rath zu holen.
    Er fand ihn mit seinem Gehlfen, der inzwischen auch nicht jnger geworden
war, bei der Morgensuppe sitzen, denn der Caplan war der Ersten einer gewesen,
welcher bei der Theuerung der Colonialwaaren sich bereit erwiesen hatte, auf
ihren Gebrauch zu verzichten, obschon er durch ein langes Leben an den Kaffe
gewhnt gewesen und bei seiner groen Migkeit eigentlich auf denselben als auf
ein ihm nothwendiges Reizmittel angewiesen war. Wie Renatus ihn in dem hellen
Sonnenlichte vor sich sah, bemerkte er, da seine Schlfen tief eingesunken
waren. Auch die Hauskleidung seines Freundes schien dem jungen Freiherrn trotz
ihrer Sauberkeit sehr abgetragen zu sein, und man hatte in der Pfarrwohnung,
obschon der lteste Diener und treueste Freund der Arten'schen Familie sie
bewohnte, die Verwstungen, welche die Einquartierten whrend der ersten
Franzosenzeit in derselben angerichtet hatten, kaum auf das Nothdrftigste
hergestellt. Die Fensterlden waren erneut, aber immer noch nicht angestrichen,
die Wnde noch eben so verruchert, als Renatus sie vor zwei Jahren verlassen,
der Kachelofen hatte zwar die nthigen Ersatzsteine erhalten, aber sie paten
nicht zu demselben. Es war Alles in Verfall gerathen; nur die Blumentpfe des
Greises blhten wohlgepflegt am Fenster, und sein Antlitz sah noch eben so edel
und so zufrieden aus, als in den Tagen, in welchen die vorsorgliche Freundschaft
der Baronin Angelika in Schlo Richten allen seinen Bedrfnissen schon im voraus
begegnet war.
    Sobald Renatus sich mit dem Caplan allein befand, erzhlte er ihm, was vor
seinem Abmarsche aus der Hauptstadt vorgegangen war. Er verhehlte ihm nichts,
weder die Stimmung, in welcher er sich befunden, als er sich seiner Neigung fr
seine Jugendgespielin bewut geworden war, noch die Zweifel, die ihn nachdem
befallen hatten; auch nicht die Umstnde, unter denen er sich Hildegard
angelobt, ehe er noch seines Vaters Meinung eingeholt und dessen Billigung
erhalten hatte. Er berichtete darauf, was am gestrigen Tage zwischen ihm und
seinem Vater verhandelt worden war, und sagte dann: Nie in meinem Leben habe ich
mich mehr im Zwiespalt mit mir selbst gefunden. Es drckt mich, mit einem
solchen Geheimnisse vor meinem Vater zu stehen und von ihm Rathschlge und
Wnsche fr meine Zukunft aussprechen zu hren, die keine Bedeutung mehr fr
mich haben. Es drckt mich eben so, da ich nicht den Muth besitze, meiner Liebe
und meiner Braut gerecht zu werden, indem ich meinem Vater sage, da ich bereits
gewhlt und mich gebunden habe. Aber kann ich meinem Vater, den ich sehr
gealtert finde und sehr gebeugt sehe, unter den obwaltenden Umstnden ein
Zugestndni abfordern, das er mir, wie ich jetzt wei, nur widerstrebend geben
wrde? Meine Ergebenheit fr meinen Vater, mein Ehrgefhl, ja, selbst meine
Liebe fr Hildegard struben sich dagegen. Sie ist kein Mdchen, das einer
Familie aufgedrungen werden darf, und doch liegt mir Alles daran, sie auch von
meinem Vater als meine knftige Gattin anerkannt zu wissen. Ich ziehe in das
Feld, und da ich jetzt in den Besitz meines mtterlichen Vermgens treten soll,
mchte ich fr den Fall meines Todes zu ihren Gunsten ber dasselbe verfgen,
denn Hildegard wird keinem anderen Manne angehren, wenn ich sterbe. Darauf
kenne ich ihr Herz.
    Der Caplan hatte ihn mit keiner Frage, mit keiner Bemerkung unterbrochen, da
Renatus nicht zu den in sich befangenen Naturen gehrte, denen man zu Hlfe
kommen mu, damit sie sich berwinden und erschlieen. Er war vielmehr, wo er
vertraute, zu berstrmender Mittheilung geneigt, wurde sich in derselben
gegenstndlich, rhrte und trstete sich nach eigenem Bedrfen, sobald er nur
erst dahin gekommen war, sich auszusprechen, und der Caplan hatte also keine
groe Mhe, den Seelenzustand seines jungen Freundes zu durchschauen, wennschon
er es nicht fr angemessen fand, ihn ber denselben sofort aufzuklren. Er hatte
niemals den Grundsatz, da der Zweck die Mittel heilige, zu dem seinigen
gemacht, aber er war, wie so Mancher, unter dessen Augen sich viele
Lebensschicksale abgewickelt haben, zu der Ansicht gelangt, da in dem Dasein
der Menschen, wie in der Natur berhaupt, das Geringere dem Strkeren dienen
msse. Da er ohne persnliche Wnsche und also ohne persnliche Hoffnungen war,
hatte er, weil kein Mensch eines bestimmten Zieles entbehren kann, ohne in
seiner Thtigkeit zu erlahmen, das Wohlergehen und Gedeihen des Arten'schen
Geschlechtes und der von demselben gegrndeten katholischen Gemeinde zu seiner
Herzenssache gemacht, und beharrlich wie die Kirche, der er angehrte, suchte er
in dem Sohne und durch den Sohn dasjenige fortzufhren, was der Vater begonnen
hatte und was durch die Noth des Tages beeintrchtigt und gefhrdet ward.
    Jedes Wort, das Renatus zu ihm gesprochen, hatte den scharfblickenden
Geistlichen davon berzeugt, da der junge Freiherr, stolz auf den Rang, den
sein Geschlecht seit langen Jahren unter dem Adel des Landes eingenommen hatte,
augenblicklich mehr mit der Sorge um dessen wrdiges Fortbestehen, als mit
seinen persnlichen Herzensangelegenheiten beschftigt, und da von einer
eigentlichen Liebe oder Leidenschaft fr seine erwhlte Braut, fr Hildegard,
bei Renatus nicht die Rede war.
    Aber der Caplan htete sich, ihm dieses bemerklich zu machen. Er wollte ein
mild erwrmendes und reinigendes Feuer nicht durch den scharfen Hauch des
Widerspruches zu einer Flamme anfachen, die man nicht leicht wieder dmpfen und
erdrcken konnte, wenn man dies zu thun etwa nthig finden sollte. Der Caplan
war es im Gegentheile nach den schweren Erfahrungen, welche das von
Leidenschaften strmisch bewegte Leben des alten Freiherrn ihn hatte machen
lassen, sehr wohl zufrieden, da Renatus sein unschuldiges Herz einem edeln
jungen Mdchen zugewendet hatte, dessen Bild ihn begleiten, und ihn vor den
Versuchungen des Lebens wie vor den Verlockungen seiner Sinne bewahren konnte.
Aber da Renatus sich mit einem armen Mdchen verheirathete, lag eben so
auerhalb seiner als auerhalb des Freiherrn Ansichten.
    Schon seit Jahren hatte der Caplan aus den Mitteln, welche der Freiherr
seiner Zeit fr den Pfarrer seiner katholischen Kirche bestimmt, den Sakristan
und die vier Chorschler unterhalten; denn es war, da der Freiherr sich nach dem
Tode der Baronin auf Reisen begeben und viel Geld gebraucht hatte, nicht zu der
Feststellung eines Capitals fr die kirchlichen Zwecke gekommen, und auch die
Hoffnung, da man in den Chorschlern sich brauchbare Handwerker und eine
katholische Gemeinde erziehen werde, hatte sich nicht verwirklicht. Weil man fr
die Knaben auf den Drfern keine guten Lehrmeister finden konnte und man, wenn
einmal ein solcher vorhanden war, bei ihm auf die Weigerung stie, einen
Katholiken in sein Haus aufzunehmen, war man stets genthigt, die Chorschler,
sobald sie herangewachsen waren, in die Lehre nach der Stadt zu schicken, und
die Mehrzahl von ihnen hielt es dann nach vollendeter Wanderschaft und erlangter
Meisterschaft mehr ihrem Vortheile angemessen, ihr Gewerbe in den groen
Stdten, als auf den Gtern des Freiherrn zu betreiben, auf denen obenein die
Abneigung und das Mitrauen der protestantischen Bevlkerung ihnen hindernd
entgegentraten. Man mute also immer auf's Neue katholische Knaben heranzuziehen
suchen, und wenn es an und fr sich auch ein gutes Werk war, diesen eine
wohlgeleitete Erziehung zu geben, so ward das Unternehmen, weil es in sich nicht
fortwirkte, sondern sich fast ganz unfruchtbar erwies, doch kostspieliger, als
man erwartet hatte, und der Freiherr hatte schon bei seiner Rckkehr aus Italien
alle Theilnahme dafr verloren. Er hatte es kein Hehl, da er den Kirchenbau
bereute, er kam auch selten in die Kirche, obschon Vittoria oft zur Messe fuhr,
und wenn er gelegentlich auf den Sakristan und auf die Snger zu sprechen kam,
fragte er nicht, wie sie unterhalten wrden, nachdem er einmal die Erfahrung
gemacht hatte, da der Caplan fr sie Sorge trug.
    Hatte man des Quartettes einmal nthig, wenn Vittoria sich vor der
Gesellschaft im geistlichen Gesange hren lassen wollte, so berief man den
Sakristan mit seinen Schlern; der Freiherr wute sich dann etwas mit dieser Art
von Capelle, zeigte sich ihr gndig, lobte und tadelte als ein Kenner und lie
es an einem Gnadengeschenke auch nicht fehlen. Im Uebrigen beruhigte er sich
damit, da der Caplan in den langen Jahren, welche er dem Arten'schen Hause
angehrt hatte, ein hbsches Vermgen erworben haben msse, dessen er nicht
bedurfte, und es schien dem Freiherrn so natrlich, wenn der Geistliche, der
durch die Grndung der Pfarre lebenslang versorgt war, seinen im Arten'schen
Dienste zusammengebrachten Besitz auch zum Nutzen und zur Ehre des Hauses, die
hier zugleich die Ehre Gottes und der Kirche war, verwendete, da er es nie fr
nthig gefunden hatte, darber auch nur eine Sylbe gegen den Caplan zu
verlieren. Er war in seinem Verhltnisse zu Allen, die ihm dienten, nach wie vor
derselbe.
    Aber der Caplan war auch sich selber treu geblieben, und wie der Freiherr an
dem wrdigen Fortbestehen seines Geschlechtes, so hing der Geistliche an der
Erhaltung des Gotteshauses, das unter seinen Augen entstanden war, und an der
Hoffnung, das katholische Bekenntni in diesem Theile des Landes endlich Wurzel
fassen und sich ausbreiten zu sehen. Inde die Erhaltung der Kirche fr die
katholische Confession wurde zweifelhaft, wenn Renatus jemals gezwungen werden
sollte, sich des vterlichen Besitzes zu entuern, da derselbe dann leicht in
nichtkatholische Hnde bergehen und es in einem solchen Falle nicht allzu
schwer halten konnte, das Gotteshaus den Evangelischen zusprechen zu lassen. Dem
Caplan war also eben so wie dem Freiherrn daran gelegen, Renatus mit einer
reichen Erbin aus den katholischen Provinzen sich verbinden zu sehen, und weil
er dieses wnschte und es im Augenblicke nicht zu erreichen war, that er
wenigstens so viel an ihm lag, dem jungen Baron fr die Zukunft die mgliche
Freiheit bewahren zu helfen.
    Er nannte die Neigung, welche Renatus fr Hildegard empfand, edel und
berechtigt, er pries die Eigenschaften der jungen Grfin und das Glck
derjenigen, deren reine Seelen sich in keuscher Neigung frh zusammenfinden;
aber er gab es dem Jnglinge zu berlegen, ob unter den Bedenken, die sich in
ihm gegen diese Verlobung erhoben hatten, nicht eines oder das andere begrndet
sein sollte. Er fragte ihn, ob er berzeugt sei, da er niemals eine strkere
Empfindung hegen werde; ob er glaube, da Hildegard dem Ideale entspreche,
welches jeder reine Jngling von dem Weibe, das er lieben solle, im Herzen
trage. Er erinnerte ihn daran, da er an der Ehe seiner Eltern das Beispiel vor
sich habe, wie unglcklich eine nicht vllige Zusammengehrigkeit die Gatten
machen knne, und er sprach sich, da er Renatus nachdenklich werden sah, endlich
dahin aus, da er es fr alle Theile heilsam glaube, wenn man vorlufig das
Herzensbndni der Liebenden noch als ein Geheimni bewahre.
    Du, mein theurer Renatus, sagte er, wirst dadurch der Nothwendigkeit
enthoben, Deinem richtigen Zartgefhle entgegen, eben jetzt von Deinem Vater ein
sicherlich widerwillig gegebenes Zugestndni zu fordern. Du und auch die theure
Hildegard, Ihr gewinnt beide die Zeit, in der Trennung Eure Herzen und die
Bestndigkeit und Strke Eurer Neigung zu erkennen und zu prfen, und kehrst Du
uns, wie wir alle sehnlich hoffen, unter dem Schutze des Hchsten aus dem Kriege
heim, hellt unser politischer Gesichtskreis sich so weit wieder auf, da Gewerbe
und Handel sich wieder frei bewegen knnen, da der Grundbesitz seinen wahren
Werth zurckerlangt, nun, so wird Dein Vater keine Ursache mehr haben, Dir
irgend eine Beschrnkung bei Deiner Wahl aufzuerlegen, und er wird dann
diejenige mit Freunden in seine Arme schlieen, der er heute nur widerwillig
seinen Segen geben wrde.
    Renatus hatte, den Kopf in die Hand gesttzt, den Auseinandersetzungen
seines geistlichen Freundes ohne eine Erwiderung zugehrt. Auch als derselbe
geendet hatte, regte der junge Mann sich nicht. Der Caplan kannte das an ihm und
es galt ihm als ein gutes Zeichen. Wenn Renatus nach einem Meinungsaustausche
auf solche Weise in sich selbst versank, war er in der Regel damit beschftigt,
wie er die fremde Ansicht mit der seinigen so verbinden knne, da dasjenige als
freie Entschlieung erschien, was er auf Zureden eines Anderen that. Denn
obschon er die stolze Selbstherrlichkeit seines Vaters nicht besa, hatte er
doch die Eitelkeit, in den geringfgigsten wie in den wichtigsten Dingen seine
Meinung und seine freie Entschlieung kundgeben und behaupten zu wollen; ja, er
war im Stande, seine eigene Ueberzeugung, wenn ein Anderer dieselbe
ausgesprochen hatte, zu verleugnen und ihr entgegen zu handeln, nur um den
Verdacht der Unselbstndigkeit von sich abzuwehren. Hier aber, wo der Rath
seines Lehrers mit seinem geheimsten Wollen zusammentraf, verlangte es ihn,
vielleicht ohne da er sich dessen klar bewut war, danach, sich auch im voraus
gegen die Vorwrfe zu sichern, die er oder Andere ihm spter ber seine
Handlungsweise machen konnten. Er wollte Herr ber seine Entschlsse bleiben und
doch die Mglichkeit haben, die Verantwortlichkeit fr dieselben im Nothfalle
auf fremde Schultern wlzen zu knnen, und der Caplan war es als ein Diener
seiner Kirche gewohnt, wo es der Frderung ihrer Zwecke galt, schwerere Lasten
und Verantwortungen ber sich zu nehmen, als Renatus ihm in diesem Falle zu
tragen auferlegen konnte.
    Woran denkst Du, lieber Renatus? fragte er endlich, da der junge Mann alle
Anregung, ja, selbst die Aufforderung, sich zu erklren, diesmal von seinem
alten Freunde zu erwarten schien.
    Mu ich Ihnen das erst sagen? Was wird Hildegard, was die Grfin von mir
denken, wenn ich die Forderung an sie stellen mu, unsere Verlobung geheim zu
halten? Denn ich darf ihnen nicht auseinander setzen, da die augenblickliche
Stimmung und die gegenwrtigen Verhltnisse meines Vaters es mir fast wie eine
Entweihung erscheinen lassen, wollte ich ihm jetzt enthllen und Preis geben,
was mir nchst meiner Ehre das Theuerste und Heiligste ist!
    Er schwieg, um sich eine ihm zu Hlfe kommende Einwendung machen zu lassen;
da der Caplan sie ihm aus gutem Grunde vorenthielt, sprach er selber nach
einigem Ueberlegen: Wenn ich sicher wre, da Hildegard meiner Liebe, meinem
Worte so voll vertraute, wie ich ihr ....
    Mein Sohn, unterbrach ihn der Caplan, versndige Dich nicht an Hildegard:
sie gibt ihr Herz nicht, wo sie nicht vertraut!
    Aber die Grfin? wendete Renatus ein.
    Der Caplan legte seine Hand auf des jungen Mannes Schulter und sagte: Grfin
Rhoden ist eine welterfahrene Frau und eine vorsorgliche Mutter, die Dich und
ihre Tochter kennt, aber sicherlich auch auf des Lebens Wechsel und
Mglichkeiten denkt. Sie wei, da Deine Liebe und Dein Wort ihrer Tochter
angehren, wenn Du heimkehrst, inde ... Er hielt inne und sagte dann, mit
vorsichtiger Mibilligung den feinen Kopf wiegend: Es war vielleicht nicht
wohlgethan, im Angesichte eines solchen Krieges um die Hand eines jungen
Mdchens zu werben. Ich bin sicher, da es der Frau Grfin nicht willkommen war,
und es wre gromthiger von Dir gewesen, Dich zu berwinden und zu schweigen,
denn es ist traurig, ein junges Mdchen zur Wittwe werden zu sehen, ehe es noch
das Glck der Ehe kennen gelernt hat.
    Renatus war gegen den leisesten Tadel empfindlich. Hildegard's Herz htte in
jedem Falle um mich getrauert, meinte er, wenn die Wrfel des Todes mir fallen
sollten!
    Gewi; aber man betrauert einen im Verschwiegenen geliebten Mann mit anderer
Empfindung, als einen, dem man sich heimlich anverlobte, oder gar als einen
erklrten Brutigam. Das Mitwissen Anderer steigert fr die meisten Menschen den
Schmerz und zwingt oder veranlat sie oftmals, ihn in sich noch aufrecht zu
erhalten, wenn sie bereits in der Verfassung wren, ihn zu berwinden. Und wo
man nicht sicher ist, Glck und Freude bereiten zu knnen, soll man trachten,
mgliches Leid und Unglck zu verhten.
    Renatus erhob sich, denn es bemchtigte sich seiner eine groe Unruhe. Er
konnte den Ansichten des Caplans nichts entgegensetzen, sofern sie auf eine noch
zu begehende Handlung angewendet werden sollten; aber er ahnte ihren Zweck fr
diesen besonderen Fall und er verhehlte sich nicht, da seine Neigung fr
Hildegard keineswegs eine unberwindliche gewesen war, da er eine Uebereilung
begangen habe und da er leicht in die Lage kommen knne, ja, da er sich
eigentlich bereits in der Lage befinde, diese Uebereilung zu bereuen.
    Er ging hastig ein paar Mal im Zimmer auf und nieder, blieb dann pltzlich
vor dem Geistlichen stehen und fragte kurz und heftig: Was soll ich denn thun?
Was wollen Sie denn, da ich thue?
    Dasjenige, was Du zu thun ohnehin entschlossen warst, sprach der Geistliche
gelassen.
    Sie rathen mir also, gegen meinen Vater von der ganzen Angelegenheit zu
schweigen?
    Unbedenklich!
    Und Hildegard - die Grfin - wie soll ich vor ihnen dieses Verhalten
rechtfertigen? Wie kann ich ihnen meine Handlungsweise erklren? rief er noch
einmal.
    Der Caplan hob sein Auge zu ihm empor und blickte ihn ruhig an. Ueberlasse
es mir, mein theurer Sohn, Deine Rechtfertigung zu bernehmen! sagte er. Und er
wute, da Renatus diese Antwort von ihm erwartet hatte. Renatus zgerte auch
nicht, sich dieselbe zu Nutzen zu machen.
    Aber, fragte er, was soll ich Hildegarden schreiben?
    Das fragst Du mich? entgegnete der Caplan. Nun, Du wirst Hildegarden alles
sagen, was Dein Herz Dir eingibt, und das Uebrige vergnne mir, der Frau Grfin
auseinander zu setzen. Ich gebe die Verhltnisse des Freiherrn sicherlich nicht
Preis, und da ich die Ansichten der Frau Grfin aus langjhrigem Vertrauen
kenne, hoffe ich, Gehr bei ihr und die Billigung Deiner Handlungsweise von ihr
zu erlangen. Jetzt aber - er trat an's Fenster und sah zu dem Kirchthurme empor
- jetzt ist's wohl an der Zeit, auf Deine Rckkehr zu denken, denn der Freiherr
wird Dich erwarten.
    Renatus zog die Uhr hervor und gab dem Caplan Recht. Er sagte, da er ihm
eine groe Beruhigung verdanke, da er nun wieder mit freiem Herzen an die
Geliebte denken knne, und da er nur bedauere, Vittoria in das Vertrauen
gezogen zu haben. Inde er nahm das alles leicht, da er fr jetzt der
Rcksprache mit dem Freiherrn enthoben war, vor der er sich mehr, als er sich
selbst gestehen mochte, gefrchtet hatte.
    Im Schlosse fand er, da von dem Freiherrn alle vorbereitenden Schritte
bereits vor einigen Wochen geschehen waren, die richterlichen Beamten, vor denen
der besprochene Akt seiner Mndigkeitserklrung vollzogen, und durch welche die
Eintragung von Renatus' Vermgen auf Richten bewerkstelligt werden sollte, schon
angelangt. Erst bei diesen Verhandlungen erfuhr der junge Freiherr, da seine
Befrchtungen wegen seines Vermgens nicht ohne Grund gewesen waren. Sein
Capital stand, wenn man die Nhe des Krieges und die mit ihm zusammenhngenden
Mglichkeiten in Betracht zog, keineswegs sicher auf dem Gute, und die vor ihm
eingetragenen Glubiger erhielten unverhltnimig hhere Zinsen, als der
Freiherr sie seinem Sohne festzusetzen fr angemessen fand. Auch sah der
Freiherr wohl, da Renatus die Farbe wechselte, als er das betreffende
Schriftstck unterzeichnete, inde der Vater behandelte nur die
Mndigkeits-Erklrung des Sohnes als ein ernstes Ereigni, an das er mit aller
Wrde und Feierlichkeit heranging.
    Er umarmte den Sohn, nannte ihn vor allen Zeugen einen fertigen Mann, einen
Mann von wahrer Ehre und seinen Freund, und gab dann auf die Regelung der
Geldangelegenheit anscheinend nur wenig Acht. Er erklrte sie fr eine bloe
Form, da zwischen Vater und Sohn von Mein und Dein doch nicht die Rede sein
knne, meinte dann, da Renatus erst jetzt wahrhaft in den Besitz seines
mtterlichen Erbtheiles trete, wo er es in dem Grunde und Boden des
Familiengutes anlege; und als dann im Laufe des Nachmittages der militrische
Chef des jungen Freiherrn mit seinem Stabe eintraf, war von den abgethanen
Geschften natrlich keine Rede mehr.
    Der Freiherr htte sich ein Gewissen daraus gemacht, es seinen militrischen
Gsten, es einer solchen Gesellschaft von Edelleuten aus allen Provinzen des
Landes, in seinem Schlosse an irgend etwas fehlen zu lassen, was zu bieten er im
Stande war, und Renatus hielt wo mglich noch mehr darauf, da der Empfang
seiner Vorgesetzten und Kameraden seinem Vaterhause Ehre mache.
    Er hatte sonst es nicht leicht gewagt, dem Freiherrn gegenber Verlangnisse
zu uern und Vorschlge zu thun; aber er war nun grojhrig gesprochen, er
hatte auch sein ganzes, persnliches Vermgen hergegeben, seinem Vater eine
Erleichterung zu bereiten, und man konnte es doch in der That nicht wissen, ob
es nicht das letzte Mal sei, da er im Vaterhause weile. Er hatte nie gefhlt,
was es mit der hastigen und feurigen Lebenslust des Soldaten auf sich habe.
Jetzt erwachte sie in ihm. Er wollte froh sein, er wollte genieen und Andere
mitgenieen lassen, was er besa. Er blieb in bestndiger Bewegung und
Aufregung, erhielt alle Andern in derselben, und noch niemals hatte er seinem
Vater so wohlgefallen, noch nie hatte der Freiherr es wie eben jetzt erkannt,
da sein Sohn ihm doch sehr hnlich sei. Er gab jetzt allen Wnschen desselben
unbedingte Folge. Ein Ball wurde aus dem Stegreif in das Werk gesetzt, die Sle,
die Zimmer, die Fluren und Treppen waren wieder einmal belebt, wie in den Tagen,
deren Renatus sich aus seiner Kindheit zu erinnern wute. Wo die jetzt
beschrnkte Dienerschaft des Hauses nicht ausreichte, half die militrische
Bedienung der Einquartierten aus, die man fr die wenigen Stunden, in denen man
ihrer bedurfte, in die Livren des Hauses steckte; es waren deren noch mehrere
von frher her vorhanden.
    Allerdings durfte Renatus nicht nach der Schlothorseite an das Fenster
treten, ohne da es ihm durch das Herz schnitt, wenn die Allee, die prchtige
Allee, ihm fehlte, wenn er so weit hinaus die groe Flche bersehen konnte. Sie
kam ihm wie ein Schlachtfeld vor, es schwebten traurige Schatten, Unheil
verkndende Geister ber ihr. Aber Niemand von seinen Kameraden vermite die
alten Bume, es vermite auch Niemand die schweren silbernen Tafelaufstze und
Pracht-Gerthschaften, die sonst bei feierlichen Gelegenheiten die Tafel geziert
und den groen alten Schenktisch geschmckt hatten. Es waren whrend des Krieges
viele Alleen niedergeschlagen worden und viele Gutsbesitzer hatten in den harten
Zeiten ihr Silber eingeschmolzen oder es in den groen Stdten in
verhltnimige Sicherheit zu bringen gesucht. Renatus fragte nicht darum, er
nahm ohne Weiteres das Letztere an. Man ritt, man jagte in den schnen Revieren
der Herrschaft, Alles wurde besehen, Alles bewundert: der Ahnensaal im Schlosse
und die Kirche in Rothenfeld und die prchtige Familiengruft, in welcher die
Baronin Angelika neben den anderen Todten ihres Hauses ihre Ruhesttte gefunden
hatte.
    Die Stunden der kurzen Rasttage entschwanden, ohne da Renatus zur Besinnung
kam. Er sah seinen Vater angeregt und wohlaufgelegt wie seit langen Jahren
nicht. Vittoria schien auch neu belebt zu sein, die Anwesenheit so vieler
Mnner, der Eindruck, den sie auf dieselben machte, die Bewunderung, welche sie
durch ihren Gesang wie durch die Fremdartigkeit ihres ganzen Wesens erregte,
zerstreuten sie und schmeichelten ihr wie ihrem Gatten. Renatus konnte es nicht
ber sich gewinnen, noch einmal mit Vittoria von seiner Verlobung zu reden und
die seltene Zufriedenheit zu stren, die ihn umgab. Es ward von Hildegard gar
nicht mehr gesprochen. Nur mit Mhe fand er die Mue, seiner Braut zu schreiben
oder ihrer in Ruhe zu gedenken.
    Am Abende vor dem Abmarsche hatte man noch einmal die Gesellschaft aus der
ganzen Umgegend zusammengebeten. Man tanzte noch einmal, und man spielte. Spt,
als die Dunkelheit schon lange ber der Erde und ber dem ersten Knospen des
Frhlings ausgebreitet lag, flammte oben auf der Margarethen-Hhe ein Feuerwerk
empor und an dem Giebelfelde des Freundschaftstempels glnzte in farbigem Licht
das Wort: Victoria.
    Es war eine Ueberraschung, mit welcher der Chef des Regiments seinen Wirthen
den Dank fr ihre verschwenderische Gastfreundschaft zu erkennen geben wollte;
denn wie das Wort die Hoffnung der zum Kampfe ziehenden Krieger aussprach, so
huldigte es auch der schnen Schloherrin, und es kam dabei nicht in Betracht,
da der Freundschaftstempel sehr verfallen war, da man alte Gerthschaften und
Reisig in dem Raume aufbewahrte, der einst das Bild der Herzogin Margarethe
umschlossen hatte und ihrem Andenken gewidmet worden war. Das glnzende Licht
des Feuerwerks, wie vergnglich es auch war, machte alles Andere vergessen, und
als es erloschen war, dachte man des Tempels und der Margarethen-Hhe berhaupt
nicht mehr.
    Renatus schrieb, wie er sich ausdrckte, mit dem Fue im Bgel, noch an
seine Braut. Der Caplan bernahm die Besorgung dieses Briefes.
    Die Regimentsmusik schmetterte auf dem groen Schlohofe schon ihre
muthigsten Weisen, als der Freiherr den Sohn in die Arme schlo, als Renatus,
mit Thrnen und von des Vaters Segenswnschen begleitet, aus seinen Armen
schied. Sie hatten sich nie so nahe gestanden, waren einander nie so lieb
gewesen, als in diesem Beisammensein, und noch im letzten Augenblicke legte der
Freiherr seine Gattin und Valerio an seines Sohnes Herz und sagte sehr
erschttert, obschon die Fremden es sehen und hren konnten: Kehre mir wieder,
mein theurer, theurer Sohn, und sei ihre Sttze, wenn ich nicht mehr bin, wie Du
mein Freund und meine Freude bist! -
    Er weinte und schmte sich der Thrnen nicht. Der Mensch, der Vater, trugen
in ihm den Sieg ber die Formen der Gesellschaft davon, die berall aufrecht zu
erhalten er sonst als seine Aufgabe angesehen hatte. Die Ereignisse waren
strker, als er und seine schwindende Kraft, und sie wuchsen mit jedem Tage an
Gewaltigkeit, an Furchtbarkeit und an Erhabenheit ber ihn hinaus.

                                Viertes Capitel


Was die Aberglubischen bei dem Erscheinen des groen Kometen gefrchtet und
vorausgesagt, was Seba einst hoffend ausgesprochen, als sie, mit Renatus in der
Thre ihres Gartensaales stehend, das prchtige Phnomen betrachtet, es hatte
sich Alles ber jedes Erwarten schnell erfllt.
    Es war ein verheerendes Kriegsunglck ber die Welt gekommen, das grte
Kriegsheer, das die Menschheit seit unvordenklicher Zeit gesehen, war vernichtet
worden. Die Russen selbst hatten die heilige Hauptstadt ihres Reiches zerstrt.
Zu Hunderttausenden waren die Kinder eines glcklicheren Klima's, waren die
Shne Frankreichs und Italiens, waren Portugiesen und Spanier, Deutsche und
Polen unter dem Schnee der russischen Eisgefilde umgekommen, und ein Flchtiger,
ein Geschlagener und Ueberwundener, war der bis dahin fr unbesiegbar gehaltene
Kaiser von Frankreich mitten durch das von ihm unterjochte und geknechtete
Europa seiner Hauptstadt zugeeilt, um, ein niedergeworfener Riese, aus dem Boden
seiner Heimath neue Kraft zu schpfen.
    Noth und Elend hatten den Weg bezeichnet, auf welchem das franzsische Heer
nach Ruland gezogen war, Elend, Krankheit, Tod und Leichen bezeichneten die
Strae, auf der die Trmmer dieses fr unberwindlich gehaltenen Heeres bald in
kleineren, bald in greren Massen, bald vereinzelt als jammervoll Verstmmelte,
als in Lumpen gehllte Bettler durch das Land zogen, und es gab in den
preuischen Ostprovinzen sicherlich nicht Eine Stadt, nicht Ein Dorf, ja, nicht
Ein Haus, dem die Theilnahme an dem Entsetzen erspart worden wre, welches das
geschlagene Heer mit sich durch aller Herren Lnder trug. Je grer die
Ortschaften waren, je eher man hoffen durfte, in ihnen Aufnahme oder Erquickung,
ja, oft nur ein ruhiges Sterbekissen zu finden, um so massenhafter drngten die
Fliehenden sich dorthin, und die Herrschaft Richten mit dem Kirchthurme von
Neudorf, mit dem weithin in die Ferne ragenden goldenen Kreuze der Rothenfelder
Kirche, zogen immer aufs Neue ganze Scharen von Flchtigen in ihren Bereich.
    Die Kirchen beide lagen voll von Kranken und Sterbenden. Der protestantische
Pfarrer, der des alten Pastors Nachfolger geworden war, der Caplan und sein
Sakristan rasteten nicht Nacht, nicht Tag. Die leibliche Noth und das geistige
Leiden der im fremden Lande, fern von den Ihrigen Hinsterbenden nahmen die
Geistlichen der beiden Gemeinden gleichmig und ganz in Anspruch. Wollte man
den Muth der Dorfbewohner nicht vllig sinken lassen, wollte man nur die Leichen
unter die Erde bringen, so durften diese Mnner sich nicht schonen, und keiner
von ihnen dachte an sich und an die eigene Gefahr. Der Caplan ging Allen voran
in hingebender Thtigkeit und Selbstaufopferung, und er rechnete sich dies nicht
zum Verdienste. Seine Tage waren gezhlt, er hatte nichts, woran seine Seele
gefesselt war, er dankte seinem Gotte, da er ihm die Kraft gelassen habe, zu
helfen, zu trsten bis an sein Lebensende, und fernsehend mit dem Auge seines
Geistes, gab er sich glubig an die Hoffnung der Vaterlandsbefreiung hin, die am
Horizonte des neuen Jahres emporzusteigen begann.
    Der Freiherr theilte diese Hoffnung nicht. Er hatte Napoleon verabscheut,
als er noch General und Consul gewesen war; aber die Gesinnungen des Freiherrn
hatten eine Aenderung erlitten, seit der Consul sich die Krone aufgesetzt und
mit eiserner Hand der Volksherrschaft in Frankreich ein Ende gemacht hatte. Der
Kaiser, dessen Tyrannei die Franzosen, wie der Freiherr es nannte, fr das
Freiheitsgelsten geielte, in welchem sie ihren Knig ermordet, den Adel des
Landes unter das Messer der Guillotine geliefert und in die Verbannung zu gehen
gezwungen hatten, erschien ihm wie eine sittliche Nothwendigkeit in der
Weltordnung. Er sah das Unglck, das Napoleons schrankenlose Eroberungssucht
ber ganz Europa brachte, als die gerechte Strafe dafr an, da die Frsten und
Vlker dem angestammten franzsischen Herrscherhause und den gut gesinnten
Franzosen nicht ihren vollen Beistand zur Niederwerfung der Revolution geliehen
hatten, und wenn er in sein Inneres blickte, fhlte er fr den Kaiser, der sein
willkrliches Belieben zum Gesetze eines Welttheils machte, jetzt mehr
Vertrauen, mehr Theilnahme und Bewunderung, als fr irgend einen der deutschen
Frsten, die in widerwilligem Gehorsam und zum Theil in knechtischer
Schmeichelei und Selbsterniedrigung zu des Eroberers Fen lagen, oder gar zu
seinem Landesherrn und zu dessen Regierung, welche gegen die Herrschaft des
groen Genius, des Revolutions-Besiegers ankmpfen zu knnen glaubten, indem sie
in dem eigenen Lande die Gemther des niederen Volkes selbst in Aufregung
versetzten, die Hand an geheiligte, alte Rechte legten, den Adel beraubten und
von sich entfernten, ohne damit das Volk erheben und zufriedenstellen zu knnen.
Er hatte den Ausspruch des vierzehnten Ludwig: Ich bin der Staat! immer
verstanden und bewundert. Er bewunderte auch Napoleon, der sich als den Willen
und das Gesetz fr seine Zeit hinstellte, und der Gedanke einer von Napoleon
begrndeten Weltherrschaft stimmte mit den Ansichten des Freiherrn wohl
zusammen, seit der Kaiser sich geneigt erwies, dem alten Adel seine Hand zu
bieten, und ihn in viele seiner Rechte wieder einzusetzen.
    Es war mit seiner vollen Zustimmung geschehen, es hatte sich kein
Widerstreben in ihm geregt, als sein Sohn den Fahnen Frankreichs nach Ruland
hatte folgen mssen. Der jhe Glckswechsel, der den Kaiser traf, erschreckte
den Freiherrn also hchlich und warf ihn fast mehr darnieder, als einst das
Unglck seines Vaterlandes. Er wurde irre an der Folgerichtigkeit der Dinge, wie
er sie verstand, und die Ohnmacht auch des gewaltigsten Einzelwillens, das
endliche Unterliegen auch der grten Kraft des Einzelnen, erschtterten ihn und
lieen ihn Schlsse machen, die er endlich gegen seine eigenen Ueberzeugungen zu
richten sich nothgedrungen sah.
    Er wollte nichts wissen von der Verbindung, welche schon lange im Lande
thtig war und alle Stnde zu einmthiger Erhebung gegen die Tyrannei der
Fremdherrschaft wachzurufen trachtete. Er wendete sich von den Mitgliedern des
alten Adels mit Beschmung ab, wenn sie es als ein erstrebenswerthes Ziel
bezeichneten, mit ihren Bauern und Insassen in gleicher Reihe und gleichem
Gliede zu fechten. Er mochte nichts hren von den Verhandlungen, durch welche
deutsche und vor Allem die preuischen Vaterlandsfreunde den Anschlu an Ruland
vorzubereiten strebten, und er vermied es, den eigenen Sohn zu sehen, als
dieser, mit dem York'schen Corps aus Ruland wiederkehrend, von der allgemeinen
Stimmung ber sich hinausgehoben, voll Begeisterung dem nahen Freiheitskampfe
entgegen zu gehen hoffte.
    Der eisige Winter hatte den Greis in seinem Schlosse gefangen gehalten. Auch
das erwachende Jahr lockte ihn wenig hinaus. Er war nicht begierig, die
Verwstungen anzusehen, welche die fliehenden Franzosen und die sie verfolgenden
Russen innerhalb seiner Besitzungen angerichtet hatten. Das Recht des Strkeren,
die Unerbittlichkeit der Noth hatten berall gewaltet, der gegenwrtige Amtmann
war nicht der Mann gewesen, sich dem Aeuersten zu widersetzen; der Freiherr
hatte nicht mehr die Kraft, nicht mehr die Mittel besessen, mit groen Opfern
grere Uebel zu verhindern. Es sah bel auf der Herrschaft aus, als im Beginne
des Frhlings der Knig von Preuen den Aufruf an sein Volk erlie, der Jeden,
welcher die Waffen tragen konnte, zu den Fahnen forderte, um mit Gott unter des
Knigs Fhrung fr die Freiheit des Vaterlandes zu kmpfen.
    Der Freiherr hatte den Aufruf wieder und wieder gelesen und ihn dann zu dem
Caplan geschickt, den die Pflege seiner Verwundeten und Kranken jetzt in
Rothenfeld zurckhielt und der schon seit vielen Wochen nicht nach Richten
gekommen war, um das pestartige Lazareth-Fieber, das sich aus den Spitlern in
den beiden Kirchen nach den Drfern verbreitet hatte, nicht auch in das Schlo
zu bertragen. Aber der Freiherr vermite ihn sehr, das Herz war ihm beladen,
und Vittoria war nicht die Frau, vor der er es entlasten konnte.
    Es waren ihre Schnheit, ihre Weltunerfahrenheit gewesen, die ihn einst an
der kaum der Kindheit entwachsenen Jungfrau bezaubert hatten, und er hatte von
Vittoria liebevoll alles ferngehalten, was ihr diesen Reiz zerstren konnte. Sie
war heute noch schn, fast schner, als sie je gewesen, sie war heute noch fremd
in der Welt Hndeln und in den Nthen und Bedrfnissen des tglichen Lebens,
sofern diese letzteren nicht sie selbst betrafen; aber seit er ihrer Schnheit
nicht mehr genieen konnte wie sonst, rhrte sie ihn, statt ihn zu erfreuen, und
die Selbstsucht, mit welcher Vittoria, wie ein wahres Kind, nur an ihr eigenes
Wollen und Bedrfen dachte, qulte ihn jetzt bisweilen eben so, wie sie ihn
sonst belustigt hatte. Er dachte jetzt oft, gar oft an die Baronin Angelika
zurck, indessen er wute daneben auch, nach welcher Seite das Herz seiner
ersten Gattin sich in diesen Zeiten hingewendet haben wrde.
    Wenige Tage, nachdem der knigliche Aufruf in die Provinz und in das Schlo
gelangt war, brachte einer der Chorsnger aus Rothenfeld dem Freiherrn einen
Brief des Caplans. Der Freiherr, der in seinen jungen Jahren der verheerenden
Seuche, welche auf den Gtern geherrscht hatte, muthig entgegengetreten war,
zeigte sich jetzt ngstlich gegen Krankheit und Ansteckung und vermied es also,
den Boten vor sich zu lassen. Er empfing den Brief durch seines Dieners Hand,
lie sich die Brille reichen, deren er sich, weil es ihn an eine Altersschwche
mahnte, nur ungern bediente, und trat an das Fenster, um das Schreiben zu lesen.
Es war jedoch, als ob er seinen Augen nicht traute, denn er nahm die Brille ab,
putzte mit vorsichtiger Hand die feinen Glser, las den Brief noch einmal und
sagte danach, da er die Antwort senden werde.
    Als der Diener sich entfernt hatte, ging der Freiherr eine Weile langsam in
dem Zimmer auf und nieder. Der Caplan schrieb ihm, da die smmtlichen vier
Chorschler nach der Kreisstadt zu gehen dchten, um in die Landwehr
einzutreten, da er sie bermorgen, da die Kirche voll Kranker liege, zu diesem
Schritte in seiner Wohnung vorzubereiten und einzusegnen wnsche, und da er den
Freiherrn anfrage, ob es ihm mglich sei, den jungen Leuten das Geld zu ihrer
Ausrstung zu geben, widrigenfalls er ihn ersuche, ihm einen Theil seines
rckstndigen Gehaltes auszahlen zu lassen, damit er, so viel an ihm sei, fr
die Bewaffnung seiner bisherigen Zglinge sorge. Er meldete zugleich, da aus
allen drei Drfern eine Anzahl von Arbeitern und von Bauernshnen sich dem
Knige stellen, da sie unter Adam Steinert's Fhrung, der gleichfalls in das
Feld ziehe, sich auf den Weg machen wrden, und da der Pastor in Neudorf
dehalb auch eine religise Vorbereitung und Einsegnung auf dem Kirchhofe
veranstalten werde.
    Der Freiherr brauchte eine Weile Zeit, sich zu fassen. Die Welt wurde ihm
fremd. Die Worte: Volkserhebung, Volkskrieg, Volkswille, die ihm von Frankreich
her oft genug aus der Ferne entgegengeklungen, wurden von dem ltesten Genossen
seines Lebens anerkennend gebraucht, wurden jetzt unter seinen Augen, wenn auch
in vernderter Gestalt, zu einer Wahrheit, und sie erschreckten ihn.
    Er sah um sich her ein Geschlecht, eine Zeit, eine Welt erstehen, in welcher
er besorgen mute, seine bevorzugte Stellung nicht mehr aufrecht erhalten zu
knnen, und ein Traum, den er einst gehabt, kam ihm pltzlich in die Erinnerung
zurck. Er hatte einmal getrumt, da er an einem Sommertage schlafend in einem
Saatfelde gelegen, und die Saat war gewachsen und in Aehren geschossen und die
Halme waren hoch und immer hher geworden, bis sie ber ihm zusammenschlugen wie
ein wallendes Meer, aus dem er sich mit Herzensangst zu erretten strebte und das
ihn endlich doch in seinen Wellen begrub. Jetzt scho eine solche Saat empor und
ihre Halme schlugen ber ihm zusammen.
    Er fhlte sich vereinsamt und gebeugt, aber er durfte dem Freunde nicht
verweigern, was dieser mit Recht begehren konnte, und er mute sich mit
Widerstreben eingestehen, da er diese Volkserhebung, der er sich im tiefsten
Innern abgeneigt fhlte, da er diesem Kriegsunternehmen, welches er als ein
unglckliches und hoffnungsloses ansah, seinen Beistand leihen, da er sich dem
allgemeinen Wollen, der allgemeinen Stimmung und Meinung unterordnen und zur
Ausrstung der Freiwilligen wider seinen Willen seinen Beitrag zahlen msse,
wenn er nicht dazu gezwungen werden, wenn er nicht auf die Achtung fast aller
seiner Standesgenossen und Freunde verzichten wolle.
    Er hatte wenig baares Geld im Vorrathe, und es war berall nicht leicht, in
diesem Augenblicke Geld herbeizuschaffen. Nachdenklich stand er vor dem
Schranke, in welchem er die Werthgegenstnde des Hauses aufbewahrte. Er sah die
Schmuckkstchen an, welche den Frauen des Geschlechtes von Arten angehrt
hatten, und nahm dasjenige in die Hand, das einst zur Hochzeit fr die Grfin
Angelika angefertigt worden war. Ohne recht zu wissen, was er damit wollte,
ffnete er es. Der ganze, prchtige Schmuck lag noch darin, er sah ihn
wohlgefllig an, die Brillanten funkelten im Sonnenlichte. Sie sprachen zu ihm
von fernen Tagen. Es war ihm zu Muthe wie einem Glubigen vor einem
Heiligenschreine, und doch berkam ihn eine Art von Unruhe, von Angst vor seinem
Denken und vor seinem Wollen. Er hielt den Kasten gegen das Fenster, um der
Schnheit des Schmuckes recht inne zu werden. Es fehlt kein Stein! sagte er, und
das Etui vorsichtig verschlieend, setzte er es an die gewohnte Stelle zurck
und ging, Vittoria aufzusuchen.
    Er mochte nicht mit sich allein sein, er war auch nicht in der Verfassung,
jetzt dem Caplan die Antwort zukommen zu lassen.
    Vittoria war nicht in ihrem Zimmer. Der warme Sonnenschein hatte sie mit
ihrem Knaben in das Freie hinausgelockt. Die Wrterin meinte, die Frau Baronin
msse bald wiederkehren, da die Mittagszeit Valerio's nahe sei. Der Freiherr
schickte sie fort, ihre Herrin und das Kind zu holen, und setzte sich auf das
Sopha nieder. Es war Vittoria's gewhnlicher Platz. Er wute nicht recht, was er
dachte, aber es lag eine tiefe Traurigkeit ber seiner Seele. Er wnschte,
Vittoria zu sehen, er wollte sie bitten, ihm etwas vorzusingen, er hatte Lust,
den Knaben bei sich zu haben - und sie blieben aus. Freilich hatte die Wrterin
sie erst suchen zu gehen, und sie wute nicht, nach welcher Seite sie gegangen
waren, inde das Warten machte ihn doch ungeduldig. Er griff nach einem Buche,
das auf dem kleinen Lackschrnkchen zur Seite des Sopha's lag. Vittoria hatte
ihre Briefschaften und mancherlei Andenken in diesem Schrnkchen aufbewahrt; sie
hing an diesem kleinen Besitze mit groer Liebe; es durfte Niemand daran rhren,
sie trug den kleinen Schlssel stets an einem Kettchen auf der Brust. Heute
jedoch hatte sie ihn wider alle ihre Gewohnheit stecken lassen; der Entschlu,
auszugehen, mochte ihr wohl pltzlich gekommen sein, und sie mute in ihrer
Lebhaftigkeit des Schlssels vergessen haben.
    Der Freiherr, in migem Warten, wollte statt ihrer das Schrnkchen
zuschlieen, inde es widerstand etwas darin. Er ffnete die Thre, einige
Bltter Papier waren aus dem oberen Fache herabgeglitten. Als er sie auf die
Seite schieben wollte, fiel ihm eine goldene Kapsel auf, die er nie bei Vittoria
gesehen hatte. Arglos nahm er sie zur Hand, und blieb regungslos vor dem kleinen
Schranke stehen.
    Eine reiche, schwarze Locke nahm die eine Seite der Kapsel ein. Der Seele
meiner Seele! war in italienischer Sprache in den kleinen Mittelraum
hineingeschrieben. Die andere Seite wies das Bildni eines schnen Mannes in
militrischer Kleidung - und der Freiherr kannte diesen Mann. Es war Graf
Mariano, der Oberst der italienischen Nobelgarde, der nach dem ersten Kriege
Monate lang als Verwundeter im Schlosse und dem Freiherrn ein willkommener
Gesellschafter und Gast gewesen war.
    Ein dumpfer Schmerzenslaut entrang sich der Brust des Greises. Er raffte
eilig zusammen, was er von Papieren vor sich liegen fand, und verlie das
Gemach. Im Vorsaale kam ihm Vittoria entgegen, und der Knabe lief auf ihren
Antrieb auf ihn zu. Er stie ihn von sich, da das Kind zur Erde fiel.
    Was ist geschehen - im Namen Gottes, was ist geschehen? rief Vittoria, da
sie die Verstrtheit ihres Gatten bemerkte; aber er antwortete ihr nicht. Die
Papiere und die Kapsel, welche sie in seiner Hand sah, sagten ihr Alles.
    Die erschrockene Wrterin fhrte Valerio fort, Vittoria blieb mitten in dem
Vorgemache stehen. Ihr Kopf hob sich stolz in die Hhe, ihre Brust athmete tief;
trotz ihrer kleinen Gestalt sah sie mchtig aus, mchtig und entschlossen, und
wie von einer schweren Last befreit, rief sie: Endlich! Jetzt endlich bin ich
frei!

                                Fnftes Capitel


An dem Sonntage, welcher diesen Ereignissen folgte, segnete der Caplan in seinem
Zimmer seine Chorsnger und einen katholischen Diener des Freiherrn fr ihren
Feldzug ein und ertheilte ihnen das Abendmahl. Man betete auch fr den jungen
Freiherrn und fr das ganze freiherrliche Haus, aber es war Niemand vom Schlosse
dabei zugegen. Der Freiherr hatte dem Caplan einen Theil seines Gehaltes und die
gewnschte Beisteuer gesendet, die Baronin war eines Tages ganz pltzlich in die
Pfarre nach Rothenfeld gekommen und am anderen Tage, trotz ihrer Scheu vor der
im Dorfe verbreiteten Krankheit, noch einmal wieder dahin zurckgekehrt. Den
Freiherrn sah man nicht. Es hie, die Schlaflosigkeit, an der er vor langen
Jahren schon einmal gelitten, habe ihn wieder befallen, aber er verweigere,
rztliche Hlfe zu nehmen, obschon er krank aussehe und stundenlang in den Slen
des Schlosses oder, wenn es dunkele, in den Gngen des Parkes umherwandere.
    Die Einsegnung der evangelischen Freiwilligen fand, weil auch in Neudorf die
Kirche voller Kranken lag, auf dem Kirchhofe unter freiem Himmel Statt. Aus
allen Kirchspielen und Drfern der Umgegend waren sie gekommen, Mnner jedes
Alters und Standes, die Frau an ihres Gatten Seite, der Brutigam am Arme seiner
Braut, die Eltern mit ihrem kaum zum Jnglinge herangereiften Sohne. Die Einen
waren schon vollstndig bewaffnet, den Andern fehlte die Waffe noch, aber das
Feuer der Begeisterung und der opferfreudigen und todesmuthigen Entschlossenheit
war Allen gemeinsam, dem Manne wie dem Weibe, den Greisen wie den Jnglingen,
den Fortziehenden wie den Zurckbleibenden. Jeder wute, da er das Seinige thun
msse in der groen Zeit, und die beiden Mnner, der Hauptmann und der
Lieutenant der Landwehr, welche in dieser Gegend die Erhebung geleitet und die
gemeinsame Einsegnung veranlat hatten, sahen in ihren Offiziers-Uniformen nicht
am wenigsten gefestet aus.
    Es war am spten Nachmittage, und der Schatten der Eingesegneten, die sich
still und feierlich entfernten, fiel schon lang ber den frisch ergrnenden
Rasen hin, als der ltere der beiden Offiziere, ein groer, starker Mann, das
Landwehrkreuz an seiner Mtze, sich nach dem Ausgange des Kirchhofes wendete. Er
mochte der Mitte der Fnfziger nahe sein, ein sechszehnjhriger, gleichfalls
bewaffneter Sohn ging an seiner Seite, einen heranwachsenden Knaben fhrte seine
Frau an ihrer Hand, seine Tochter hing an seinem Arme. Die Leute traten von
allen Seiten an ihn heran, ihm zum Abschiede die Hand zu geben.
    Leben Sie wohl, Herr Amtmann, sagten die Alten, die ihn noch im Dienste des
Freiherrn gekannt hatten. Leben Sie wohl, Herr Steinert! riefen die Jungen;
kommen Sie uns gesund wieder nach Hause! Gott erhalte Sie, Gott erhalte Ihnen
auch den jungen Herrn!
    Er schttelte dem Einen die Hand, er klopfte dem Andern auf die Schultern.
Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen! entgegnete er; und wenn in Marienfelde etwas
vorfallen sollte, meine Frau wei sich wohl zu helfen - aber springt doch zu!
    Verlassen Sie Sich darauf! Sie haben ja auch die Zeit her immer zu uns
gehalten, und wir zu Ihnen! Verlassen Sie Sich darauf, Herr Steinert! erscholl
es wie aus Einem Munde. Die Frau hob die Augen auf und wollte lcheln, aber ihr
Schmerz war doch noch grer, als ihr opferfreudiger Wille. Die Thrnen rollten
ihr ber das noch blhende Gesicht, und sie bewegte im Unwillen gegen ihre
Schwche das Haupt, die schweren Tropfen unmerklich abzuschtteln.
    Herr Amtmann, sagte ein alter Bauer, die Mtze in der Hand, wenn Einem von
den Unseren hier - Sie kennen sie ja alle - was Menschliches begegnet - meine
zwei Shne und mein Schwestersohn und mein Knecht sind auch dabei .... Er konnte
nicht weiter sprechen.
    Ich behalte sie alle im Auge, so gut wie meinen Jungen da, versicherte
Steinert. Ich melde Euch, wie es mit uns Allen steht; geht nur zu meiner Frau,
da werdet Ihr's erfahren! Und nun lebt wohl! Wir stehen berall in Gottes Hand.
- Lebt wohl!
    Er hatte Mhe, sich loszumachen und mit Frau und Kindern seinen am
Kirchhofthore wartenden Wagen zu erreichen. Als er einsteigen wollte, blickte er
noch einmal zurck. Es lagen in dem Erbbegrbnisse der Steinert's nahe am
Eingange des Kirchhofes unter den beiden von Adam neu gepflanzten Linden - denn
die uralten Bume hatten die Russen niedergehauen - Steinert's Vater und Mutter
und sein ganzes, ihm vorangegangenes Geschlecht in Frieden unter dem grnen
Rasen beisammen. - Werden ich und mein Sohn auch hier ruhen, oder wo wird uns
die Todesstunde schlagen? fragte er sich unwillkrlich. Aber er sprach es nicht
aus, und obschon die Seinigen ihn erriethen und Aller Augen sich feuchteten,
hielten Alle sich still und aufrecht; sie durften einander die Herzen nicht
erweichen.
    Kommt denn der Herr Hauptmann nicht zurck? fragte die Frau, als sie
bemerkte, da der Bursche, dem man des Hauptmanns Pferd zu halten gegeben hatte,
es noch am Zgel fhrte, und es war eine Selbstberwindung fr sie, da sie an
etwas Anderes und an einen Andern dachte, als an ihren Mann und ihren Sohn und
ihren Schmerz.
    Der Hauptmann wird uns nachkommen, lat ihn gehen! entgegnete Steinert, und
sie fuhren von dannen, whrend der Mann, von dem sie gesprochen hatten, sich
nach der anderen Seite des Kirchhofes wendete und mit ruhigem Schritte, die
mchtige Gestalt hoch aufgerichtet, langsam ber den Rasen herging.
    Jahr und Tag war er von Deutschland entfernt gewesen, und es hatte ihn nicht
danach gelstet, in das Vaterland zurckzukehren, so lange die
Franzosenherrschaft im Lande noch mchtig gewesen war. Er hatte es auch nicht
wagen drfen, denn der Blutbann schwebte ber ihm, seit er bei dem Uebergange
ber die russische Grenze den franzsischen Commissr erschossen hatte.
    Aber ihn dnkte, als lge dieses Ereigni weit, sehr weit hinter ihm, denn
er hatte viel erlebt in dieser Zeit und viel gelernt und viel gewirkt.
    In der Nhe der nach Ruland geflchteten deutschen Vaterlandsfreunde und
unter ihrer Leitung mitwirkend fr die Befrderung ihrer Zwecke, hatte er in der
vielbewegten Zeit die Gelegenheit wahrnehmen und benutzen knnen, seine und des
Flies'schen Hauses Capitalien im Handelsverkehre sich bewegen und wachsen zu
machen, und whrend er selbst seinen Besitz vergrerte, seine Anschauungen
erweiterte, den Kreis seiner Bekanntschaften ausdehnte, hatte er unter des
Hauptmanns von Werben Leitung, der, wie viele andere deutsche Offiziere, in
russische Dienste getreten war, sich diejenigen militairischen Kenntnisse
anzueignen gesucht, die ihn befhigen konnten, bei dem sich bietenden Anlasse
fr die Befreiung des deutschen Landes wirksam einzutreten.
    Mit den ersten Russen war er ber die Grenze gekommen, und bei der groen,
den Krieg vorbereitenden Thtigkeit, welche in der Hauptstadt Preuens sich fast
noch unter den Augen der Franzosen zu regen begann und in welcher das Bestreben
der gesammten Brger mit dem selbststndigen Beschlieen aller Behrden so
einmthig und ruhmwrdig zusammenfiel, da sie endlich die zagende
Unentschlossenheit des Knigs mit sich auf dem Strome ihrer Begeisterung
fortrissen, waren die unermdliche Arbeitskraft und die schnelle Uebersicht
eines geschftskundigen Mannes recht an ihrem Platze gewesen.
    Wo man seiner bedurfte: bei den Ankufen fr die Ausrstung, bei der
Controle der eingehenden Beitrge, bei der Beschaffung der nthigen Capitalien,
berall war Paul zu uneigenntziger Hlfe bereit; und als man schlielich daran
ging, die Landwehr aufzubieten, war er wieder der Ersten Einer gewesen, die das
brgerliche Kleid mit dem Soldatenrocke, die Feder mit dem Degen vertauscht und
das Kreuz an ihre Mtze geheftet hatten, um in dem ihm von den oberen Behrden
angewiesenen Kreise im Verein mit Steinert, der zu den treuesten und eifrigsten
Vaterlandsfreunden zhlte, das Zusammentreten, die Ausrstung, die erste
Einbung und den Abmarsch der Freiwilligen bewerkstelligen zu helfen.
    Es war nicht Paul's Wahl gewesen, da er eben in diesen Theil der Provinz
gekommen war, an den sich keine erfreulichen Erinnerungen fr ihn knpften.
Inde er war es nicht gewohnt, seinen widerstrebenden Empfindungen nachzugeben,
wo es eine Pflichterfllung galt, und die Arbeit, welche auf ihm und Steinert
lag, war so gewaltig, der Augenblick nahm die ganze Kraft der Menschen so sehr
in Anspruch, jeder Morgen brachte so viel neue Anforderungen, stellte so viel
neue Nothwendigkeiten heraus, denen rasch begegnet werden mute, da Paul
whrend aller der Tage, die er unter Adam's Dach verweilte, nicht viel an sich
selber denken konnte.
    Und doch wachte mit dem Klange der Namen Neudorf, Rothenfeld und Richten,
doch wachte bei der Nennung des Freiherrn von Arten eine eigene Wehmuth in
seinem vom Leben geprften Herzen auf, gegen die er sich vergeblich strubte. Es
half ihm nicht, da er sein Verlangen, die Sttten wiederzusehen, die sein Fu
als Kind betreten hatte, eine mige Neugier schalt. Er wute, da keine Spur
mehr vorhanden sei von dem Hause, in welchem er geboren worden war, in welchem
er mit seiner Mutter gelebt hatte. Es rief ihn keines Menschen Liebe, keiner
Eltern Zrtlichkeit, kein Bruder, kein Jugendgespiele nach der Heimath seiner
Kindheit zurck. Er trug auch kein Verlangen, den stolzen Bau zu sehen, den sein
Vater ber der Sttte aufgerichtet hatte, auf welcher seiner armen Mutter das
Herz gebrochen worden war; aber es bewegte ihm doch die Seele, als er an dem
schnen Frhlingstage an der Spitze der kleinen, kampfbereiten Schaar in Neudorf
einritt, als er auf demselben Kirchhofe, der seiner Mutter Reste in sich schlo,
zu dem ernsten Gange auf Leben und Tod die Weihe und den Segen ber sich und
seine Gefhrten aussprechen hrte.
    Der Kirchhof war nicht gro, er hatte nicht weit zu gehen bis zu der Ecke,
in welcher, fern von den Grbern der Glcklicheren oder der Muthigen und
Geduldigen, die armen Ausgestoenen gebettet lagen, die das Leben von sich
geworfen hatten, weil es ihnen zu schwer geworden war. Die Hgel waren
eingesunken. Kaum da man noch die Wellungen im Erdreiche unterschied. Ein paar
kleine Holztafeln ragten nur wenig ber dem Boden hervor, die Kosaken hatten vor
einigen Wochen mit ihren Pferden auf dem Kirchhofe campirt, es war Alles
niedergetreten, nur ein paar eisenumgitterte Erbbegrbnisse, wie das der
Steinert's, waren erhalten worden.
    Er bckte sich nieder, um zu sehen, ob auf den kleinen Tafeln vielleicht ein
Name erkennbar sei; aber der Regen hatte sie wei gewaschen, die Hufe der Pferde
sie zerschlagen, sie waren berhaupt nur brig geblieben, weil die Kosaken die
paar elenden Splitter des Auflesens nicht werth geachtet haben mochten, wo sie
Bume umzuschlagen gefunden hatten.
    Sinnend, die Arme ber die Brust gekreuzt, das Haupt gesenkt, schaute Paul
auf die kleine Scholle Erde nieder. Er fhlte ein tiefes Mitleid mit der Frau,
die ihm einst das Leben gegeben hatte; er htte sie neben sich haben, sie
lcheln sehen und ihr alle die Leiden, die sie gelitten, in Freuden verwandeln,
durch Glck vergelten mgen.
    Arme, arme Mutter! rief er unwillkrlich - und wie das Wort, das er seit
langen Jahren nicht mehr ausgesprochen, sein Ohr berhrte, fhlte er, was das
Leben ihm und ihr versagt hatte, und ein paar groe, schwere Tropfen fielen aus
seinen dunklen Augen auf den Boden nieder. Es war das einzige Liebesopfer, das
er der Mutter darzubringen vermochte.
    Als er aufblickte, stand der alte Bauer vor ihm, der seine Kinder dem
scheidenden Steinert anempfohlen hatte. Er war dem fremden Offizier aus der
Ferne gefolgt und hatte ihn schweigend beobachtet. Paul, in seine Gedanken
versunken, wollte an dem Alten vorbergehen; aber dieser, der nicht wute, wohin
er mit der eigenen, ihm ungewohnten Rhrung sollte, hielt ihn zurck.
    Die Pferde sind darber weggegangen, und ber manches Christen Grab werden
sie noch fortgehen, da man seine Spur nicht findet, sagte er mit jener
Feierlichkeit, die allen denen eigen ist, welche den Ausdruck fr ihre Gefhle
einzig aus der Bibel schpfen.
    Paul blieb stehen; es that ihm wohl, auf ein Zeichen des Mitgefhls zu
stoen. Er erkundigte sich bei dem Alten, ob er hier zu Hause sei. Als dieser es
bejahte, fragte er, ob er ihm sagen knne, wo man vor Jahren des Jgers Mannert
Tochter hier begraben habe.
    Der Bauer besann sich eine Weile, dann fing er zu zhlen an. Hier, sprach er
darauf, indem er auf einen der schwachen Hgel hinwies, hier, dieses ist's; es
war das fnfte Grab hier von der Mauer!
    Paul blickte hin, es war keine Bezeichnung irgend einer Art daran
erkenntlich. Er wollte eine Frage thun, unterdrckte sie und konnte dem
Verlangen endlich doch nicht widerstehen. Hatte das Grab denn kein Kreuz? fragte
er, weil es ihn zu wissen gelstete, ob sein Vater der Mutter wenigstens diesen
letzten Liebesdienst geleistet habe.
    Ein Kreuz? wiederholte der Bauer offenbar verwundert, sie hat sich ja in's
Wasser gestrzt! Ein Kreuz konnte sie nicht bekommen und eine Tafel - wer htte
ihr die setzen lassen sollen? - Sie hatte nicht Vater, nicht Mutter, nicht
Bruder, nicht Schwester; sie hatte gar keine Freundschaft hier zu Lande, und der
gndige Herr? - der Bauer zuckte, sich unterbrechend, die Schultern - damals
freilich stand es noch sehr gut mit ihm. Aber als die Pauline sich in's Wasser
strzte, reiste er gerade zu seiner ersten Hochzeit ab, und hernach, wie sie im
Garten aufgefischt wurde, waren die Eltern der gndigen Frau, die Herrschaften
von Berka, just im Schlosse. Es wird nun an die zweiundzwanzig Jahre her sein.
Da hatte man nur zu thun, da die nichts davon erfuhren und da der Leichnam im
Stillen unter die Erde kam. Wem ging sie auch was an? -
    Arme Mutter! arme, arme Mutter! rief Paul in seinem Innern, und noch einmal
drngten die Thrnen sich in seine Augen. Sich leise niederbeugend, legte er,
ohne zu wissen, weshalb er's that, die Hand auf das junge, grne Gras, das ber
seiner Mutter Asche neu emporwuchs. Dann wendete er sich ab. Er hatte Abschied
genommen von der Todten, nun konnte er gehen. Der Bauer sah ihm verwundert zu.
Er hatte so etwas noch nicht erlebt; aber man konnte jetzt vielerlei geschehen
sehen, was vorher nicht dagewesen war. Mit Einem Male, wie er so neben dem
Offizier her ging, schien ihm ein Gedanke zu kommen. Er sah zu ihm empor und
wollte eine Frage thun, aber gerade in dem Augenblicke richtete auch Paul sein
Auge noch einmal auf seinen Begleiter, und es war in dem festen, strengen Blicke
etwas, das die unerbetene Frage laut zu werden hinderte, etwas, dem der Alte von
frher Jugend auf gehorsamt hatte.
    Er zog den Hut ab und blieb voll Ueberraschung stehen. Der Offizier grte
ihn und ging mit einem Dankesworte von dannen.
    Sein ganzer Gang! sagte kopfschttelnd der Alte, dem pltzlich die Bedeutung
seines Erlebnisses klar zu werden anfing. Sein ganzes Gesicht, setzte er hinzu,
da Paul, nachdem er zu Pferde gestiegen war, das Haupt noch einmal rckwrts
wendete, sein ganzes Gesicht!
    Paul hatte gerades Weges nach Hause reiten wollen, aber das eingesunkene,
verlassene Grab seiner Mutter hatte ihm das Herz erschttert. Er meinte sich
ihrer pltzlich auf das deutlichste zu erinnern, er meinte, sie vor sich zu
sehen, wie sie an dem letzten Abende ihres Lebens neben ihm gestanden. Er
glaubte, den Ton der Stimme zu vernehmen, mit welcher sie zu ihm gesprochen
hatte, und das Verlangen, das fast jedem Menschen inne wohnt, das Verlangen,
sich mit seinen Anfngen im Zusammenhange zu erhalten, ward in ihm so mchtig,
da er sein Pferd zur Rechten lenkte und die Strae einschlug, auf welcher die
groe Rothenfelder Kirche ihm als Wegweiser diente.
    Er kannte nicht Weg, nicht Steg. Das Dorf war ihm fremd, fremd auch die
Menschen, die es bewohnten, und fremd war er Allen, die hier lebten. Hier und da
standen ein paar Leute vor den Thren und sahen zu dem Vorberreitenden empor.
Sie mochten seine Mutter wohl gekannt haben; von ihm wuten sie nichts. An einem
Fenster nhte ein junges Weib. So hatte seine Mutter wohl auch am Fenster
gesessen und auf den Weg hinausgesehen, auf dem der Freiherr zu ihr zu kommen
pflegte. Vor den Thren spielten Kinder. Hatte er auch einst so gespielt, und wo
waren sie geblieben, seine Spielgenossen? Wer waren sie gewesen? Er wute sich
keines solchen zu erinnern.
    Die Huser sahen zum Theil verfallen aus; auch die Leute schienen ihm
armselig und verkommen, wenn er sie mit dem frischen, krftigen Landvolke
verglich, das er in Amerika durch lange Jahre vor sich gesehen hatte; nur die
Kirche ragte stolz empor. Er wute, da sie bereits zum zweiten Male als
Lazareth benutzt ward, und er dachte, da sie auf diese Weise doch einem
anderen, einem allgemeineren Zwecke diene, als der unfruchtbaren
Selbstbefriedigung, zu welcher man sie einst errichtet hatte.
    Er kannte durch Seba und durch Herbert die Familiengeschichte des Freiherrn
von Arten, durch Steinert und durch die Geschfte des Flies'schen Hauses die
verwickelten Verhltnisse, in denen derselbe sich befand. Er htte Hand anlegen,
helfen mgen, da so groer, so schner Besitz nicht zu Grunde gerichtet, da
durch Flei und Vorsorge Wohlstand und Gedeihen geschaffen wrde, wo thrichte
Verschwendung, wo Unkenntni und Sorglosigkeit den Untergang heraufbeschworen.
Er begriff sich selber nicht, so schnell wechselten die Empfindungen und
Gedanken in ihm ab. Er schalt sich ber die Rhrung, die ihn unwillkrlich
berfiel, er tadelte sich, da er sich der Vorstellung nicht entschlagen konnte,
was er an dieser Stelle schaffen und leisten wrde. Er hatte gewhnt, mit allen
Gedanken an seinen Ursprung fertig zu sein, er hatte sich oft mit stolzer
Zufriedenheit gesagt, wie es ein Glck fr ihn gewesen sei, da er losgerissen
worden von dem trgen Stamme des Arten'schen Geschlechtes, da er sie nicht
eingesogen, die Vorurtheile dieser alten Welt, und doch fhlte er heute den
ganzen schmerzlichen Zorn in sich lebendig werden, der einst aus den Worten
seiner Mutter in ihn bergegangen war, als sie mit ihm zum ersten und letzten
Male vor dem Schlosse seines Vaters gestanden hatte; doch brannte heute die
herbe, schmerzliche Leidenschaft wieder in ihm auf, die er einst empfunden, als
seines Vaters Blick sich kalt und lieblos von ihm abgewendet, jene zornige
Leidenschaft, die ihn in die Welt hinausgetrieben hatte. Wer hatte dem Freiherrn
das Recht gegeben, seine Mutter zu verlassen? Wer hatte ihm das Recht gegeben,
seinen erstgeborenen Sohn von sich zu stoen und ihn seines Namens, seiner
Heimath, seines Erbes zu berauben?
    Thorheit, Thorheit! rief Paul sich selber zu, als er diese Fragen, auf
welche die ganze wirkliche Welt und sein Wissen von ihr ihm die Antwort gaben,
wie Gebilde eines wachen Traumes in sich aufsteigen fhlte. Er wollte nicht
weiter vorwrts, er sagte sich, da er nichts zu suchen habe auf diesem Grund
und Boden, und nichts mehr gemein mit dem Geschlechte, dem derselbe angehrte.
Freiwillig hatte er sich einst von allem Zusammenhange mit dem Manne, der vor
den Leuten nicht sein Vater sein mgen, losgerissen, und er dachte nicht im
entferntesten daran, die mglichen Beziehungen jetzt zu erneuen. Aber es war,
als sei ein Dmon aus dem Grabe seiner Mutter aufgestiegen, als habe ein Zauber
ihm den festen Sinn verwirrt. Er konnte es nicht lassen - er mute es
wiedersehen, einmal mute er es wiedersehen, das Schlo von Richten und den
weiten Park, der es umgab.
    Der Weg war nicht schwer zu finden, der Freundschaftstempel auf der
Margarethenhhe zeigte ihn deutlich an. Ein Knabe, der dem stattlichen
Landwehr-Offizier mit staunendem Blicke nachsah, war schnell herbeigewinkt, das
Pferd zu halten, als Paul am Parke abstieg. Die breite Haupt-Allee that sich
einladend vor ihm auf.
    Die Sonne war schon im Sinken, wie an dem Abende, da er diesen Park zum
ersten Male betreten hatte. Die Gehege, welche ihn an dieser Seite einst umgeben
hatten, waren zum Theil noch vorhanden, inde die bunt gefleckten Hirsche mit
den herrlichen Geweihen, die zierlichen Rehe mit ihren klugen Augen guckten
nicht mehr aus den Drahtgittern hervor. Das Unterholz war stark zugewachsen, man
sah selbst durch die unbelaubten Zweige nicht weit hinein.
    Der Himmel war klar, aber seine Farben waren wie im Herbst kalt, und
herbstlich raschelte auch das im vorigen Jahre liegen gebliebene welke Laub am
Boden in dem wenig gepflegten Parke. Es war Alles still in der Natur; nur hier
und da, wenn der aufsteigende Abendwind sie bewegte, knackte es leise in den
Wipfeln der Bume, um die das letzte Glhen der Sonne seine spielenden Flammen
leuchten lie. Gerade so war es gewesen, als er mit der Mutter einst diesen Weg
gekommen war. Mit raschen Schritten ging er vorwrts. Ihm klopfte das Herz, er
wollte mit sich fertig werden, es abgethan haben. Er hatte keine Erinnerung
gehabt an die Gegend, an die Ortschaften, welche er an diesem Nachmittage
durchritten: hier kannte er jeden Schritt, und wie aus einem Zauberspiegel
tauchten die alten Bilder aus seiner frhesten Jugend vor ihm auf.
    Wie an jenem Abende, ganz wie an jenem Abende, so lag es vor ihm auf der
Terrasse, die sich ber dem Flusse erhob, das stolze Herrenschlo der Freiherren
von Arten-Richten. Die untergehende Sonne funkelte in seinen hohen Fenstern, da
sie golden erglnzten, als feiere man hinter ihnen ein frhliches Fest; die
Schornsteine stiegen, vom Abendrothe angestrahlt, hoch in die Hhe, nur unten
auf dem Flusse dunkelte es schon und des Nebels graue Wellen fingen an, sich
ber dem Wasser zu kruseln, wie an jenem Abende!
    Wie an jenem Abende! Er meinte sie noch zu fhlen, die Hand, welche ihn
damals so fest gehalten, da es ihn geschmerzt hatte; er meinte sie noch zu
hren, die Stimme seiner Mutter, die so streng und rauh geklungen an jenem
Abende, da er sich vor ihr gefrchtet.
    Das ist Schlo Richten, hatte sie gesagt, das gehrt dem Freiherrn von
Arten, dem Onkel Baron, und der Onkel Baron ist Dein Vater! - Er hatte Mhe,
sich selber die Worte nicht nachzusprechen, wie einst seiner Mutter. Wie damals
zhlte er die Fenster, wie damals zhlte er die Schornsteine. Er wunderte sich
fast, da er kein Kind mehr sei; aber es htte ihn nicht gewundert, htte seine
Mutter pltzlich wieder an seiner Seite gestanden, wre aus dem Abendscheine,
wie damals, ein Mann hervorgetreten.
    Er hielt in seinen Gedanken inne, er traute seinen Augen nicht. Was das auch
nur ein Gebilde seiner aufgeregten Phantasie, oder wer war es, der da drben
gebeugten Hauptes, in einen weiten Mantel eingehllt, langsam am Ufer herabkam
und pltzlich nicht ferne von ihm stehen blieb?
    Er ging nach jener Seite hin; auch die Gestalt bewegte sich vorwrts. Nur
wenige Augenblicke und sie standen einander gegenber. Paul trat sprachlos
zurck. Es war kein Zweifel mglich, es war der Freiherr. Aber die Vernderung
in seines Vaters Zgen und Erscheinung prete Paul das Herz zusammen. Er htte,
alles Andere vergessend, das einst so stolze Haupt wieder aufgerichtet, den
mden, schweren Schritt des Greises wieder so rasch und fest wie frher sehen
mgen. Er hatte eben erst im Geiste den Jammer seiner jung gestorbenen Mutter
durchlebt, jetzt erfate ihn der Schmerz um seines Vaters Alter. Er kam sich so
glcklich, so mchtig vor in dem Vollgefhle seiner Kraft, im Hinblicke auf
seinen emporsteigenden Lebensweg, da er ein Erbarmen fhlte mit der
Hinflligkeit des Menschen und mit aller seiner Schwachheit, als ob er selber
ihnen niemals unterworfen sein wrde. Nichts als Mitleid, nichts als liebevolles
Rckerinnern, als das Verlangen, diesen mden Mann zu sttzen, war in des Sohnes
Herzen rege, als der Freiherr ihn mit dem gebietenden Tone anrief, der ihm auch
jetzt noch eigen war.
    Wer sind Sie? herrschte er.
    Es wallte hei auf in des Sohnes Brust, als er diese Stimme nach so langen,
langen Jahren wieder an sein Ohr schlagen hrte. Es drngte ihn, sich zu nennen,
es kostete ihn Ueberwindung, nicht zu sagen: Mder Vater, ich bin Dein Sohn, und
ich bin jung und glcklich! - Aber er frchtete, den Greis zu erschrecken, und
sich zusammennehmend sagte er: Ich bin, wie Sie es sehen, ein Landwehrmann, der
zu des Knigs Heere zieht.
    Von woher kommen Sie? erkundigte sich der Freiherr, der sich wie die Frsten
und Vornehmen die Freiheit des Fragens zuerkannte und doppelt, wenn er, wie in
diesem Falle, dazu berechtigt war.
    Ich bin mit der russischen Armee in's Land gekommen, entgegnete Paul,
zufrieden, den Freiherrn im Gesprche festzuhalten.
    Aber Sie sind kein Russe!
    Nein!
    Was fhrte Sie in diese Gegend?
    Der Auftrag, die hiesigen Freiwilligen zu versammeln und einzuben, und ....
Er zauderte und schwieg.
    Und? fragte der Freiherr, dem ein Etwas in des stattlichen Fremden Wesen
wunderbar und doch vertraut entgegentrat, da er sein Auge nicht von des Mannes
schnem Antlitze abziehen konnte. Und? -
    Da hielt sich Paul nicht lnger. Die ihn selber berraschende Zuneigung zu
dem greisen Freiherrn, der Wunsch, es darzuthun, was er aus eigener Kraft aus
sich gemacht, auch ohne da seines Vaters Namen und Hlfe ihm zu Theil geworden
waren, das Verlangen, als ein Rcher seiner Mutter Andenken in dem Freiherrn zu
erwecken, das alles strmte in raschem Wechsel auf ihn ein, und die mchtigen
Augen auf den Freiherrn gerichtet, sagte er mit festem und doch schmerzlichem
Tone: Ich wollte die Stelle wiedersehen, an welcher meine Mutter mir meines
Vaters Haus gezeigt hat, ehe sie in den Wellen dieses Flusses Ruhe fr sich
suchte!
    Der Freiherr trat einen Schritt zurck. Seine Augenlider hoben sich rasch
empor, er schaute dem Sprechenden mit starrem Blicke in's Antlitz. Ich selber,
ich selber! rief er und bedeckte seine Augen mit der Hand.
    Sie blieben schweigend vor einander stehen. Was der Freiherr sich oft
gesagt, was er nie bitterer empfunden hatte, als an dem Tage, an welchem
Vittoria's Verrath ihm pltzlich klar geworden war, das brannte in diesem
Augenblicke als ein verzehrender Schmerz in seinem Innern. Nur Ein Weib hatte
ihn treu, hatte ihn allein und ausschlielich geliebt - die Niedriggeborene, der
er nicht seinen Rang, nicht seinen Namen gegeben, wie der Tochter der Grafen
Berka, wie der Tochter des Hauses Giustiniani. Nur Ein Weib, nur Pauline hatte
nicht zu leben vermocht ohne ihn und seine Liebe, und er hatte, weil sie nicht
seines Standes gewesen war, sich berechtigt gehalten, sie von sich zu weisen,
als er dies fr seine Zwecke nthig gefunden, und er hatte sie in den Tod
getrieben! Sie allein hatte sein Wesen so in sich aufgenommen, da es ihm jetzt
von ihrem treuen Schooe geboren wie sein eigenes Bild entgegentrat, wie sein
eigener Schatten, vor dem er zitterte, weil dieser Doppelgnger seiner eigenen
Jugend sich stolz und selbstndig wider ihn erhob. -
    Er konnte nicht fassen, was er eben jetzt erlebte, er konnte seine Gedanken
nicht ordnen, nicht sammeln. Er war also nicht todt, der Todtgeglaubte, dessen
pltzliches Erscheinen einst Angelika den Tod gegeben hatte, der jetzt auch ihm
selber, er fhlte es, den kalten Stachel in das ohnehin so mde Herz drckte. Wo
war er gewesen? Wo kam er her, eben jetzt? Eben jetzt, da der Freiherr sich
niedergebeugt fhlte von der Schmach, welche Vittoria ihm angethan, da er sich
gedemthigt fhlte bis in's Tiefste seiner Seele, weil er seines Hauses Namen
auch dem Sohne Vittoria's, einem Bastard, hinterlassen mute, wenn er seine
eigene Schande nicht verknden wollte - seines Hauses alten Namen!
    Und hier stand er vor ihm, der Ausgestoene, sein Bastardsohn - in jedem
Zuge sein Fleisch und Blut - in jedem Blicke und Tone sein eigner Sohn, fr ihn
verloren, sollte er nicht sein ganzes Leben eine Lge strafen, fr ihn verloren
auf immerdar, sollte er nicht, was er stets gemieden hatte, die Welt
geflissentlich zum Mitwisser und zum Richter seines Thuns und Lassens machen!
    Die Vorstellungen lsten, wie vorhin in seines Sohnes Geiste, einander mit
Blitzesschnelle in ihm ab. Nur Eines blieb unwandelbar: er frchtete den
Heimgekehrten. Und in seines Alters Kraftlosigkeit dieser deutlichsten
Empfindung die Herrschaft ber sich lassend, machte er eine abwehrende Bewegung
gegen den regungslos ihm gegenber Stehenden.
    Sie wirkte wie ein Schlag auf Paul, sie erkltete ihm die Seele. Er wollte
nicht von hinnen. Seine Brauen zogen sich finster zusammen.
    Der Freiherr kannte diese Miene. Es war Paulinen's dunkler Blick, er bte
auch jetzt, auch aus ihres Sohnes Auge den alten, bannenden Zauber ber ihn aus.
Er meinte, Pauline vor sich zu sehen, eben emporgestiegen aus dem wallenden
Nebel dieses dunkeln Wassers. Er konnte sie kaum noch auseinander halten: sein
eigenes Dasein und dieses Mannes Erscheinung und Paulinen's schattenhaftes Bild.
Es war wie ein Spuk, der ihn umgab, dem er sich mit Gewalt zu entziehen suchen
mute, sollte er an ihm nicht augenblicks zu Grunde gehen.
    Was willst Du von mir? rief er; sprich, was willst Du?
    Nichts! entgegnete Paul und richtete sich in seiner ganzen stolzen Hhe
empor, da er die gebeugte Gestalt seines Vaters fast um eines Hauptes Hhe
berragte.
    So verla mich! sprach der Freiherr, seiner angstvollen Beklemmung folgend,
und wie vor dem eigenen grausamen Worte erschrocken, schauderte er zusammen und
wendete sich, den Mantel fest um seine Schultern schlagend, von dem Sohne ab,
mit schwankendem Schritt den Rckweg nehmend.
    Paul blieb wie angewurzelt stehen. - Sie war verschwunden die aufwallende
Kindesliebe, nur eine erbarmende Sorge um den Greis regte sich noch in ihm. Er
sah ihm achtsam und unverwandten Blickes nach, bis die Hecke auf der Terrasse
und die Dmmerung den Freiherrn seinem Auge entzogen, bis er ihn unter dem
Schutze seines Hauses, in der Nhe seiner Leute wute. Er liebte, er hate den
Vater nicht, er bemitleidete ihn. Tief aufathmend, in sich gefater als je
zuvor, und um eine Erfahrung, und um welche! reicher ging er von dem Flusse
fort.
    Am Rande des Waldes wendete er sich um. Nur die Umrisse des mchtigen Baues
waren noch zu erkennen. Das Schlo sah wie ein riesiges Grabmal aus; es machte
ihm einen melancholischen Eindruck. Er hatte einst die glcklichen Kinder
beneidet, die hinter den goldenen Fenstern dieses Schlosses spielen wrden.
Heute beneidete er die Besitzer dieses Schlosses nicht mehr, heute fhlte er
kein Verlangen mehr, sein Loos gegen das des jungen Freiherrn zu vertauschen.
    Ihr Stern war im Sinken, der seine stieg empor, und er hatte sie nicht mit
sich fortzutragen durch das Leben, die Herz und Sinn verengenden
Ueberlieferungen, die hemmenden und herabziehenden Vorurtheile dieses Hauses; er
konnte frei und ungehindert seiner Einsicht, seiner Ueberzeugung und seinem
Bedrfen folgen. Er freute sich, da keine Verpflichtung irgend einer Art ihn an
die Vergangenheit knpfte; sein Alleinstehen dnkte ihn ein Glck. Und seinem
Pferde die Sporen gebend, ritt er mit dem Rufe: Vorwrts! in das nchtliche
Dunkel hinein, das ihn umgab - sicher, seinen Weg zu finden und seines Zieles
nicht zu fehlen.

                                Sechstes Capitel


In heftiger Erregung kehrte der Freiherr in das Schlo zurck, und kaum in
seinem Zimmer angelangt, sank er in vlliger Erschpfung auf sein Lager nieder.
Der Kammerdiener, den des Herrn kurzer Athem und sein starrer Blick
erschreckten, wollte ihm Hlfe leisten, die Baronin rufen, den Caplan
herbeiholen lassen, aber der Freiherr verwehrte es ihm.
    Er blieb auch nur kurze Zeit auf seinem Bette liegen, dann erhob er sich,
und ging, wie er es in heftigen Gemthsbewegungen stets zu thun pflegte, in
seinen Zimmern auf und nieder. Er wies jede Erfrischung, die sein Diener ihm
aufzunthigen versuchte, schweigend von sich, und es war bereits ber
Mitternacht hinaus, als er sich pltzlich an seinen Schreibtisch niedersetzte
und dem Diener befahl, neue Kerzen hinzustellen und sich dann zur Ruhe zu
begeben.
    Am Morgen fand der Diener die Kerzen tief herabgebrannt und den Freiherrn in
seinen Kleidern auf dem Ruhebette in seinem Arbeitszimmer eingeschlafen. Das
war, so lange der Diener ihn kannte, nie geschehen, und er hatte doch schon vor
der ersten Verheirathung des Freiherrn seine Stelle angetreten und viel mit
seinem Herrn durchgelebt. Was konnte vorgegangen sein, das den Herrn bewogen
hatte, von seinen strengen, regelmigen Gewohnheiten abzuweichen?
    Es war kein Fremder im Schlosse gewesen, kein Brief angekommen, der Freiherr
hatte auch die Baronin nicht gesprochen. Der Diener ging in den Zimmern des
Freiherrn suchend umher, es war nichts aufzufinden, was ihn auf irgend eine Spur
hinweisen konnte; nur im Kamine lagen die noch unzerstubten Ueberbleibsel
verbrannter Papiere auf den erloschenen Kohlen. Da der Diener sich niederbckte,
sie aufzunehmen, zerfielen sie in Asche.
    Als der Freiherr erwachte, lie er sich ankleiden und sein Frhstck
bringen; aber obschon es ein heller, schner Tag war, ging er nicht aus. Stunden
lang stand er am Fenster und sah in den Park hinunter; dann wieder sa er
schreibend an seinem Arbeitstische, und ein paar Mal bemerkte der Diener, da er
das Geschriebene zerri und die Stcke wieder in das Feuer warf. Bisweilen nahm
er ein Buch zur Hand, aber er legte es stets nach wenigen Augenblicken wieder
von sich. Er konnte seine Gedanken nicht von sich selber, nicht von der
Erinnerung an Paul abziehen. Er konnte sich der Vorstellung nicht entschlagen,
da Paul dazu ausersehen sei, als ein Rcher seiner Mutter, auch fr ihn, wie
einst fr die Baronin Angelika, der Todesbote zu sein, und die Schwermuth,
welche ihn nach dem Selbstmorde seiner Geliebten befallen hatte, ward jetzt in
verstrktem Grade abermals ber ihn Meister. Er meinte ihn immer noch vor sich
zu sehen, den Doppelgnger, der ihm sein eigenes und doch so gewandeltes Bild
vor Augen gestellt hatte, und weit davon entfernt, sich zu dem ihm so hnlichen
Sohne hingezogen zu fhlen, hegte er einen bittern Groll, ja, einen hassenden
Widerwillen gegen ihn. Er konnte es nicht verschmerzen, da er nicht mehr die
mnnliche Schnheit und die Jugend besa, deren jener sich erfreute, er meinte
seines sinkenden Lebens, seiner geschwundenen Kraft sich erst jetzt bewut zu
werden, da sein Sohn ihm vorgehalten hatte, was er einst gewesen war. Und in den
bitteren Schmerz um seine eigene Vergnglichkeit mischte sich die dstere Sorge
um das Fortbestehen seines Hauses, dem er Pauline hingeopfert hatte. Das
Geschlecht derer von Arten-Richten stand, wenn er einst starb, und sein Tod war
ihm, wie er sich berzeugt hielt, nahe, nur noch auf zwei Augen, nur noch auf
Renatus, ber dessen Leben jetzt in jeder Stunde die Todeswrfel fallen konnten.
    Es war ein furchtbarer Kampf, den der Greis in diesen Tagen in sich
durchzuringen hatte, denn er vermochte nicht darber mit sich einig zu werden,
ob er verpflichtet sei, dem Fortbestehen seines Geschlechtes Alles, selbst seine
beleidigte Ehre und sein emprtes Gefhl zum Opfer zu bringen, oder ob er, sich
selber genugthuend, die Aufrechterhaltung seines Namens dem Zufalle berlassen
drfe.
    Er hatte Stunden, in denen er Vittoria und Valerio von sich stoen, Renatus
Alles enthllen, ihn zurckberufen und ihn schnell zu einer Ehe berreden
wollte, um sich durch ihn eine Nachkommenschaft zu sichern; andere Stunden, in
welchen der Gedanke, Paul anzuerkennen, falls Renatus in dem Kriege umkommen
oder ohne Kinder sterben sollte, ihm nahe trat; aber wenn er eine dieser
Absichten zu Papier gebracht hatte, flte das Niedergeschriebene ihm beim
Durchlesen ein Erschrecken ein, und weder zu dem einen noch zu dem andern
Schritte vermochte sein Stolz sich zu entschlieen.
    Er konnte sich nicht berwinden, durch die Verstoung Vittoria's und durch
die gerichtliche und damit ffentliche Verlugnung ihres Sohnes, der Welt das
Eingestndni des Irrthums zu machen, den er begangen, als er im letzten
Mannesalter das junge Mdchen zu seiner Gattin erwhlt hatte; und eben so wenig
konnte sein Adelsstolz sich an die Vorstellung gewhnen, da Paul, der Sohn
einer Hrigen, einst dazu berufen sein solle, den Namen derer von Arten
fortzupflanzen, da das Blut einer Magd, wie theuer sie dem Freiherrn auch
gewesen war, in den Adern eines Mannes mit dem Namen derer von Arten flieen
knne, die auf die Reinheit ihres Geschlechtes und auf die Bedeutung aller ihrer
geschlossenen Verbindungen von jeher den hchsten Werth gelegt hatten. Paul's
Anerkennung einzuleiten, so lange Renatus noch am Leben war, daran dachte der
Freiherr natrlich nicht, aber wer konnte es ihm zusichern, da er selbst noch
leben und im Stande sein wrde, Verfgungen zu treffen, wenn in den nchsten
Monaten einmal die Nachricht von Renatus' Tode nach Richten anlangte? Und wie
war es in diesem letzteren Falle zu verhindern, da das von Arten'sche Erbe an
Valerio, an den Sohn der Ehebrecherin fiel? Wie war es zu machen, da sein Blut,
sein Name nicht untergingen? - Tage und Tage verstrichen, und seine Qualen
minderten sich nicht.
    Rastlos wie ein irrer Geist wandelte der Freiherr in seinen Gemchern umher;
angstvoll den Ereignissen des Krieges folgend, immer bange vor der Mglichkeit,
den Tod seines Sohnes und Erben zu erfahren, und doch ohne die eigentliche
Vaterliebe fr diesen Sohn, auf dessen Erhaltung seine theuersten Hoffnungen
gerichtet waren, und ohne alle freudige Theilnahme an den beginnenden Erfolgen
und Siegen des Volkes, in dessen Mitte und fr dessen Befreiung die beiden Erben
seines Blutes ihr Leben in die Schanze schlugen.
    Mit jedem Fortschritte, den die Waffen der Verbndeten erfochten, mit der
aufjauchzenden Freude des Landes und des Volkes ber die ersten Siege derselben
wuchs die innere Vereinsamung des Greises. Er hatte nichts gemein mit den
Gefhlen der Verbrderung und der Erkenntni der menschlichen Gleichheit, welche
die Zeit der Noth in dem Volke begrndet und die Gemeinsamkeit des Kampfes und
der Gefahr in den Herzen der Edelsten wenigstens fr diesen Augenblick
festgestellt hatten. Er gehrte nicht zu denen, welche die Neuerungen gut
hieen, die der Knig und seine Regierung vor dem Ausbruche des Krieges
unternommen hatten und deren Ausdehnung und Entwicklung verheien worden und
nach erfolgtem Siege erwartet wurden. Wie auch die Wrfel des Krieges fallen
mochten, er sah kein Heil in der Zukunft, und doch hing er am Leben, doch wollte
er mit seinem Willen bestimmend in die Zukunft hinberreichen.
    Es war schon im Beginne des Sommers und die Spuren des furchtbaren
franzsischen Rckzuges aus Ruland fingen in den preuischen Ostprovinzen sich
zu vermindern an, als man in Rothenfeld endlich daran denken konnte, die Kirche,
welche durch viele Monate zum Hospitale gedient hatte, zu reinigen und dem
Gottesdienste wiederzugeben. Aber als die letzten Kranken sie verlassen hatten,
wurde man erst recht gewahr, wie schwer sie gelitten hatte und da man einer fr
die gegenwrtigen Verhltnisse nicht unbedeutenden Summe bedrfen wrde, sie nur
einigermaen herzustellen. Es konnte nicht die Rede davon sein, die
Silbergerthschaften zu erneuern, welche von den ersten durchziehenden Franzosen
mitgenommen worden waren, oder den schnen Beichtstuhl und die kunstreich
geschnitzte Kanzel herstellen zu lassen, welche die durchmarschirenden Hessen
zerschlagen und zur Feuerung benutzt hatten. Nur die Tnchung der Wnde, nur die
Ausbesserung des Fubodens wnschte der Caplan, denn es hatten, als die Armee
nach Ruland gegangen war, durch viele Tage die Pferde in dem Gotteshaufe
gestanden, so da der Boden zerstampft und berall, wo man die Krippen
angebracht hatte, die Lcher von den eingeschlagenen Eisen in den Wnden und an
den Pfeilern sichtbar waren.
    Der Caplan war lange nicht im Schlosse gewesen, aber es war ihm nicht
verborgen geblieben, was dort geschehen. Die Bekenntnisse Vittoria's hatten ihm
Alles enthllt. Er hatte vergebens danach gestrebt, den Freiherrn persnlich zu
sprechen, um ihm die Hlfe zu leisten, welche ihm bieten zu knnen er sich fhig
glaubte. Der Freiherr hatte seine Besorgni vor der Uebertragung des
Lazarethfiebers zum Vorwande benutzt, den Besuch des Caplans abzulehnen, und als
dieser es bei Anla der Kirchen-Reparatur unternommen, sich dem alten
Lebensgenossen schriftlich zu nhern, um ihm, der sich sonst gern mndlich und
brieflich mitzutheilen und auszusprechen geliebt hatte, eine Befreiung auf
solchem Wege darzubieten, hatte derselbe sich nur an den geschftlichen Theil
des Briefes gehalten und die Fragen um sein Befinden und Ergehen vllig ohne
Erwiederung gelassen.
    In schwerer Bekmmerni um den Freund und um das Schicksal des Geschlechtes,
an das er sein eigenes Schicksal geknpft hatte, verlie der Caplan an einem
heien Sommerabende sein Haus. Er wollte sich berzeugen, wie weit die Arbeiter
an dem Tage in der Kirche mit ihrem Werke vorgeschritten wren. Die Sonne war
schon im Sinken, der Himmel hing voll Wolken, und ihre Schwere erhhte fr die
Phantasie den Druck, den die Schwle der Luft auf alles, was lebte und athmete,
ausbte. Kein Vogel sang, kein Grashalm und kein Blatt bewegten sich.
    Langsamen Schrittes war er ber den Kirchhof gegangen, hatte in der noch
offenstehenden Kirche die Arbeiten in Augenschein genommen und trat eben wieder
ins Freie hinaus, um nachzusehen, wie die weien Rosenstcke gediehen, die er
nach Suberung der Gruft aufs Neue mit eigenen Hnden vor derselben angepflanzt
hatte. Vorsorglich die Stmme untersuchend, nahm er von ihnen die Raupen und die
Kfer ab, welche sich um die Stengel und zwischen den Blttern eingenistet
hatten, und es war eine wehmthige Freude, mit der er diese Rosen, die er aus
Ablegern der hier zuerst gesetzten Stcke in seinem Garten gro gezogen hatte,
nun wieder vor der Grabsttte der ihm vorangegangenen geliebten Menschen Knospen
tragen und erblhen sah.
    Das ewige Werden! sagte er zu sich selbst und bckte sich, um nachzufhlen,
ob das Erdreich nicht zu trocken sei. Da er sich aufrichtete und sich umsah, ob
er nicht Jemanden herbeiwinken knne, der ihm Wasser holen gehe, stand der
Freiherr vor ihm. Der Caplan war auf das uerste betroffen. Der Freiherr hatte
von Jugend auf den Gedanken an den Tod gescheut, den Besuch der Kirchhfe
gemieden und seit der Beisetzung der Baronin Angelika die Familiengruft nie mehr
besucht.
    Sie hier, gndiger Herr? rief er, und seine Freude, den alten Lebensgenossen
wiederzusehen, war eben so lebhaft, als sein Erschrecken ber den
auerordentlichen Verfall, den er an seinem Freunde wahrnahm. Was fhrt Sie
hieher, verehrter Freund? rief er noch einmal; und obenein in dieser heien
Schwle, die Ihrem Befinden gewi nicht heilsam ist?
    Der Freiherr lchelte; aber es war nicht mehr der frhere gewinnende
Ausdruck in diesem Lcheln. Seine Abspannung und seine Gebrochenheit sprachen
aus jedem Zuge und aus jeder seiner Mienen.
    Eben die heie Schwle, entgegnete der Freiherr, und eben mein Befinden, das
viel zu wnschen brig lt. Ich schlafe schlecht, fhle mich niedergeschlagen,
und das heutige Wetter lastet wie Blei auf mir. So wollte ich versuchen, mir mit
einem weiteren Gange, als ich ihn in den letzten Monaten unternommen habe, ber
die Abspannung fortzuhelfen und mir Schlaf zu schaffen fr die Nacht. Unterwegs
kam mir der Gedanke, meine Schritte hieher zu lenken und Sie aufzusuchen. Wir
haben uns lange nicht gesehen.
    Sehr lange nicht, entgegnete der Geistliche, und seine Sorge um den
Freiherrn wuchs, da er den gebrochenen Ton seiner Stimme vernahm.
    Sie haben viel durchgemacht, viel durchgemacht! nahm der Freiherr wieder das
Wort und hielt unentschlossen, ob er weiter sprechen solle, inne, bis er mit
einem Ausdrucke tiefer Schwermuth hinzufgte: Aber auch an mir, wenngleich ich
Ihre Gefahren und Arbeiten nicht theilte, sind diese Zeiten nicht spurlos
vorbergegangen. Er seufzte dabei und schritt, sich abwendend, dem
Familienbegrbni zu. Die Thre der Gruft war geffnet; als er hineingehen
wollte, hielt der Caplan ihn davon zurck.
    Es ist kalt in der Gruft, warnte er, Sie sind vom Gehen warm, und es ist
alles in dem Gewlbe, wie es vorher gewesen ist.
    Die Srge sind also wenigstens nicht angetastet worden? fragte der Freiherr.
    Ganz und gar nicht; nur die Vorhalle war stark mitgenommen. Die Ruhe unserer
Todten wurde nicht gestrt.
    Der Freiherr antwortete nicht. Der Gruft gegenber lag ein starker,
gefllter Baumstamm an der Erde, der hier auf dem Kirchhofe zu neuen Latten fr
die Umzunung zerschnitten werden sollte. Auf diesen Baumstamm lie der Freiherr
sich nieder, und den Stock in seinen Hnden, das Haupt auf die Hnde gesenkt,
blickte er lange schweigend nach der Gruft.
    Niemand hatte es erlebt, da er sich in solcher Weise auf offener Strae
seinem Empfinden berlie, und vielerfahren, wie der Geistliche es war, konnte
er sich doch des tiefsten Mitleidens mit dem Freiherrn nicht erwehren. Er trat
an ihn heran und forderte ihn auf, sich zu erheben und den Schatten aufzusuchen,
da die Wolken sich zertheilten und die sinkende Sonne ihre letzten Strahlen in
voller Kraft ber das Erdreich ausbreitete.
    Aber der Freiherr verweigerte es. Lassen Sie mich hier verweilen, sagte er.
Die Sonne ist mir erfreulich, und es thut mir wohl, zu denken, da selbst solche
Kriege, wie sie ber uns hinweggegangen sind, die Ruhe der Todten nicht gestrt
haben. So wei man doch, wo man Ruhe fr sich zu erhoffen hat - und es will mich
oft bednken, als wrde ich sie bald hier suchen kommen. Denn wenn die
Todtgeglaubten wiederkehren, mssen die Lebenden von dannen gehen, fgte er
hinzu.
    Sie haben Paul gesehen! rief der Caplan.
    Der Freiherr neigte schweigend das Haupt. Was wissen Sie von ihm? fragte er
darauf.
    Der Caplan sagte, da er durch Renatus die erste Kunde von dem so lange
verschollen Gewesenen erhalten habe. Da Paul aber seinen Namen gewechselt und
sich geflissentlich von dem freiherrlichen Hause fern gehalten habe, so habe
auch er es fr angemessen gehalten, des Wiedergekehrten gegen den Freiherrn
nicht besonders zu erwhnen. Jetzt sei in den Drfern durch den Bauer, der Paul
zu dem Grabe seiner Mutter hingeleitet habe, die Kunde von seinem Leben und von
seiner Heimkunft als ein Gercht verbreitet, und er habe demselben nicht
widersprochen, da ohnehin die Familie Steinert, in welcher Paul durch mehrere
Wochen gewohnt habe, in das Geheimni seines Namenswechsels eingeweiht und mit
ihm und seinen Verhltnissen bekannt sei, weil Adam Steinert mit dem Hause
Flies, dem Tremann angehre, in bestndiger Geschftsverbindung stehe.
    Der Freiherr hrte dem Berichte ohne eine unterbrechende Frage zu. Dann
sprach er, als ob er mit sich selber rede: Wie das emporsteigt, wie sich das
zusammenfindet: die Flies', die Steinert's und nun gar Paul! Wie die Flut eines
Meeres erhebt er sich um uns, dieser Stand der Brger, und man hat die Dmme
freventlich zerstrt, die uns vor seinem Andrange sicher stellten! Er schttelte
das Haupt und versank in seine Gedanken. Nach einer Weile richtete er sich auf
und sagte: Ich sehe trbe, sehr trbe in die Zukunft unseres Vaterlandes, mein
alter Freund, und ich werde mich nicht beklagen, wenn ich nicht mehr Zeuge der
Entwicklung sein sollte, welche dieser Volkskrieg gegen Frankreich vorbereitet!
Ich habe ohnehin nichts mehr, was mich freut, nichts mehr, worauf ich
zuversichtlich hoffe! Ich bin mde, wie Einer, der die eigene Zeit zu Grabe
trgt; und oftmals mchte ich mich fragen: wofr habe ich gelebt? - Wer kann es
sagen, ob diese weien Rosen, die Sie hier mit stillem Sinne pflanzten, mit
stiller Liebe pflegen, Ihnen nicht mehr Befriedigung gewhren und lnger dauern,
als alles, was ich zu meines Hauses Ehre plante, hoffte und erschuf!
    Die Lippen bebten ihm, seine Stimme zitterte leise, als er, diese Worte
sprechend, von dem Baumstamme aufstand.
    Der Caplan war nicht weniger niedergeschlagen, als sein Freund. Der Trost,
mit welchem sein glubiger Sinn und sein gottvertrauendes Herz sich aufrecht
hielten, war fr den Freiherrn nicht vorhanden, denn er war keine religise
Natur und sein Verhltni zu der Kirche und zu ihren Lehren war immer nur ein
uerliches gewesen. Nur in Stunden hchster Rathlosigkeit hatte er sich ihr und
seinem Beichtiger und Freunde in die Arme geworfen, und sein Zustand war in
diesem Augenblicke von der Art, da der Caplan vor allen Dingen daran denken
mute, ihm krperliche Hlfe zu leisten. Denn als der Freiherr sich erhoben
hatte, schien ein Schwindel ihn zu befallen. Er schlo die Augen, griff mit der
Hand tastend nach des Freundes Arm und sagte, whrend dieser ihn umschlang, um
ihn zu untersttzen: Rufen Sie Jemanden herbei, ich befinde mich sehr bel!
    Aber der Ruf des erschrockenen Greises verhallte ungehrt. Die Feierstunde
war angebrochen, die Handwerker hatten ihre Arbeit bereits verlassen, die Leute
waren schon vom Felde nach ihren Wohnungen zurckgekehrt. Der Caplan und der
Freiherr waren auf dem Kirchhofe ganz allein, und unfhig, den
Zusammenbrechenden mit seinen Armen aufrecht zu erhalten, lie der Caplan ihn
langsam zur Erde niedergleiten, da er mit dem Rcken gegen das Standbild
lehnte, welches einst Anla zu dem Tode der Kammerjungfer gegeben hatte.
    Mein Freund, mein theurer Freund! rief der Caplan, indem er die Hnde des
mhsam Athmenden erfate und ihm die Halsbinde zu lsen versuchte. Aber der
Freiherr antwortete dem Rufe nicht mehr. Sein Auge hob sich schwer und suchend
zu der Kirche empor, als wolle er sich noch mit dem letzten Blicke an dem
Denkmale halten, das er sich und seinem Geschlechte aufgerichtet hatte, dann
streifte es an dem Antlitze des alten Freundes hin und senkte sich, um sich
nicht wieder zu erheben.
    So schnell seine wankenden Fe ihn trugen, eilte der Caplan nach seinem
Hause, Beistand herbeizuholen; aber alle Mittel, die man anzuwenden wute,
erwiesen sich als unfruchtbar. Der Freiherr Franz von Arten-Richten hatte zu
leben aufgehrt.
    Einsam, auf grnem Rasen, unter freiem Himmel war das stolze, mde Herz
gebrochen, whrend das Kreuz auf dem Kirchthurme im Golde des Sonnenunterganges
flammte und ber der Margarethen-Hhe leicht und frhlich die hellen, rosigen
Sommerwlkchen, im Lichte schimmernd, vorberzogen.
    Auf die Nachricht von dem Unglcksfalle strmten aus allen Husern die Leute
herbei.
    Es hat ihn hieher gezogen! sagte eine der Frauen. Es hat ihm schon lange
keine Ruhe mehr gelassen! meinte eine andere. Niemand klagte um ihn.
    Schrecken und Neugier, das waren die Empfindungen, mit denen sie die Leiche
des Gutsherrn umstanden. Er war ihnen lange fremd geworden, sie hatten nicht
mehr die Liebe zu ihm, wie ihre Eltern und Groeltern sie fr die Herrschaft
einst gefhlt hatten. Kein Auge weinte ber ihn.
    Nur von den greisen Wimpern des Caplans tropften die Thrnen nieder, als er
das Zeichen des Kreuzes ber dem Entseelten machte. Einst war er des Jnglings
Fhrer auf dem Lebenswege gewesen, nun hatte er ihn auf seinem letzten Gange zu
geleiten, und rckblickend auf das geendete Dasein seines Freundes, wie in sein
eigenes Herz, betete er: Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns und vergib uns
unsere Schuld!
    Der Justitiarius fuhr eilig in das Schlo, dort die Todesbotschaft zu
verknden. Es dunkelte schon, als man die Leiche des Freiherrn auf einer Bahre
nach Richten trug, und leise verhallend riefen die letzten Klnge des Ave Maria
auch dem Gestorbenen ihr: Ruhe in Frieden! nach.

                               Siebentes Capitel


Die Bestattung des Freiherrn fand in aller Stille und nur im Beisein der
Edelleute Statt, welche sich von den benachbarten Gtern zu derselben
eingestellt hatten. Da man in der Mitte des Sommers war, hatte man die
Beerdigung nicht hinausschieben drfen, bis man die nchsten Verwandten des
Hauses herbeirufen knnen, und ihre Zahl war auch nicht eben gro.
    Es lebte auer Renatus und dem kleinen Valerio jetzt Niemand mehr, der den
Namen von Arten-Richten trug. Die beiden alten Vettern, welche einst der
Grundsteinlegung zur Kirche und der Geburt von Renatus beigewohnt hatten, waren
lange todt. Auch der Schwiegervater des Freiherrn, der Graf von Berka, war
gestorben. Der jetzige Majoratsherr des grflichen Hauses stand noch bei dem
Regimente, in das er fr die Befreiungskriege eingetreten war, und Graf Gerhard,
mit dem der verstorbene Freiherr, wie die Berka'sche Familie selbst, in einem
wenig vertrauten Verkehre gelebt hatte, befand sich immer noch in des Landes
Hauptstadt, von wo man ihn der Entfernung wegen nicht zur Leichenfeier hatte
einladen knnen.
    Niemals war das Schlo dem Caplan grer und wrdiger, niemals so einsam
erschienen, als an dem Mittage, an welchem er, von der Beerdigung seines Herrn
und Freundes kommend, es vor sich auf der Terrasse liegen sah. Er konnte sich
deutlich des Tages erinnern, an dem er vor vollen fnfzig Jahren in Richten
eingetroffen war. Damals hatte der Freiherr neunzehn Jahre gezhlt. In ihrer
ganzen Schnheit hatte seine Schwester an des herrlichen Jnglings Seite
gestanden, und vor ihnen allen hatte das Leben wie eine lachende Ebene sich in
unendlicher Ferne ausgebreitet und ihnen Raum zu bieten geschienen fr die
khnsten Hoffnungen, fr den stolzesten Ehrgeiz. Nun waren sie alle dahin, die
Eltern des Freiherrn und Frulein Esther, die den jungen Geistlichen damals so
vornehm freundlich willkommen geheien hatte, der Freiherr und seine Schwester
Amanda und die schne Baronin Angelika. Sie alle hatte der Caplan zu Grabe
geleitet, er war der einzig Uebrige von dem ganzen damaligen Geschlechte, und
was hatte sich verwirklicht und erhalten von dem schnen und zuversichtlichen
Erwarten und Wollen jener Jugendzeit?
    Es stand noch da, das Schlo, aber die Selbstherrlichkeit seiner Bewohner
war nicht mehr die alte. Die Zeit hatte sich gewandelt. Die Anerkennung der
Menschenrechte, welche der Leibeigenschaft nothwendig frher oder spter berall
ein Ende machen mute, hatte ihre Wirkung gegen die Vorrechte des Adels lange
schon gebt. Er hatte manche derselben eingebt, er war in seinem Besitze
angegriffen, seiner Reichsunmittelbarkeit, wo eine solche vorhanden gewesen war,
fast berall beraubt, und wie er einerseits hauptschlich noch durch den Glauben
an sich selbst bestand, so mute er sich strker als zuvor an den Thron zu
lehnen suchen, zu dessen vermeintlicher Sttze er sich machte, um sich mit jenem
gemeinsam zu erhalten. Er mute der Diener der Monarchen werden, weil er
aufgehrt hatte, der Herr seiner eigenen Leute und Unterthanen zu sein. Die Zeit
seiner Freiheit, seiner Herrschaft war vorber - und es verhielt sich nicht viel
anders mit der Kirche.
    In seine ernsten Betrachtungen vertieft, betrat der Geistliche die
Eingangshalle des Schlosses und schritt nach dem Ahnensaale, in welchem die
Leiche des Freiherrn, der alten Familiensitte gem, aufgestellt gewesen war.
Die Bilder sahen unter ihren Verzierungen von schwarzem Flor, die man in
Trauerzeiten darber anzubringen gewohnt war, schwermthig auf den leeren
Katafalk hernieder. Alle Thren nach der Terrasse waren geffnet, die
Grtnerburschen trugen die Pflanzen hinaus, welche man bei der feierlichen
Ausschmckung des Saales verwendet hatte. Jeder war mit seiner Arbeit
beschftigt, man rumte emsig die Erinnerung an ein Menschendasein fort, das
noch vor Kurzem, das so lange Jahre hindurch als bewegender Mittelpunkt alles
Lebens in diesen Rumen gewaltet hatte! - Mit einem Seufzer wollte der Caplan
das Gemach verlassen, als er in einer Ecke desselben Valerio gewahrte.
    Die Schnheit des Knaben fiel ihm selbst in diesem Augenblicke wieder
berraschend auf. Er sa in einem der alten Prachtsessel von vergoldetem Leder,
hatte beide Fe auf den Stuhl gezogen, ein kleines Brett, das dem Sarge
irgendwie zur Unterlage gedient haben mochte, gegen die Kniee gesttzt und
zeichnete, wie es seine Art war, ein Liedchen summend, mit einem Bleistifte auf
das Holz.
    Was machst Du hier? fragte ihn der Geistliche, indem er nher an ihn
herantrat.
    Valerio hob den Kopf empor. Er hatte die Augen seiner Mutter, aber nicht
ihren ernsten Blick. Eine Flle von Lebenslust war ber sein ganzes Antlitz
ausgegossen; seine vollen Lippen, seine offene Stirn waren der Sitz einer
fortwhrenden Heiterkeit. Die schwarzen Kleider, die man ihm angelegt hatte,
bildeten fr ihn nur einen Hintergrund, auf dem seine blhenden Farben sich noch
glnzender hervorhoben.
    Was machst Du hier? fragte der Caplan ihn noch einmal, da Valerio ihn
anschaute, ohne ihm zu antworten.
    Sie sehen's ja, Hochwrden, ich zeichne mir die Ahnen ab!
    Und das mut Du gerade heute thun? warf der Caplan, der sich bei dem
Anblicke dieses frhlichen Knaben einer schmerzlichen Empfindung nicht entziehen
konnte, ihm tadelnd ein.
    Freilich, der Saal ist ja sonst stets zugeschlossen! antwortete der Knabe
gleichmthig, whrend er seinen Bleistift wieder in Bewegung setzte.
    Er war schon gestern und vorgestern, als der gndige Herr noch hier standen,
gar nicht aus dem Saale fortzubringen, sagte der inzwischen herbeigekommene
Diener. Der Junker ist kein Kind, wie andere Kinder. Nicht Eine Thrne hat er um
den seligen gndigen Herrn geweint. Wenn der Junker nur fingen und zeichnen
kann, so kmmert ihn nichts weiter.
    Valerio hatte das alles mit angehrt, ohne sich in seiner Arbeit stren zu
lassen. Mit Einem Male sah er den Caplan mit seinen groen Augen zutraulich an
und sagte: Hochwrden, wenn ich gro bin, werde ich den Vater malen, damit er
auch ein Ahne wird! Ich be mich schon ein! Sehen Sie, so werde ich ihn malen!
    Er hielt dem Caplan die kleine Tafel hin; das Bild des ersten Freiherrn war
auf derselben von dem Knaben hnlich genug abgezeichnet worden und, die Tafel
umwendend, erblickte der Greis eine unverkennbare Darstellung des Katafalks mit
den ihn umgebenden Leuchtern, Blumen und sonstigen Verzierungen.
    Valerio hing aufmerksam an dem Gesichte des Beschauers. Ist's so richtig?
fragte er gespannt. Der Caplan nannte es gut genug, und Valerio sagte: Ich htte
auch die Mutter gern gezeichnet, wie sie da stand und am Sarge weinte! Es sah
schn bei den Lichtern aus! Aber sie blieb nicht stehen, und wie sie
fortgegangen war, brachte ich es nicht heraus!
    Da hren Sie es, Hochwrden! rief der Diener, den Junker, den rhrt nichts!
Er hat nur seine Spielerei im Sinne! Da war der Freiherr Renatus doch ein
anderes Kind!
    Lassen Sie den Knaben gehen, bedeutete der Geistliche den treuen Diener;
Gott hat die Menschen nicht alle gleich gemacht, und wer will es sagen, was er
mit diesem Kinde und mit dessen Zukunft vorhat. Lassen Sie ihn zeichnen und
stren Sie ihn nicht, so lange er kein Unrecht thut. Es verlangt ja jede Kraft
nach ihrer Uebung, und eine Kraft wohnt diesem Kinde inne. - Komm, mein Sohn,
sprach er, indem er ihn bei der Hand nahm und mit sich fortfhrte, und die
flchtige Abneigung, die er gegen Valerio empfunden hatte, wich der Liebe, mit
welcher der fromme Greis jetzt den lngst geahnten gttlichen Funken einer
knstlerischen Begabung in dem Kinde unverkennbar wahrnahm. Komm, mein Sohn,
wiederholte er, Du sollst andere Bilder nachzumalen haben, komm. Dann zu sich
selbst und in sich hineinsprechend, sagte er: Wie wenig auch aufgegangen ist von
den Saaten, die ich streute, ich will des Sens und des Jtens doch nicht mde
werden, damit ich vor Ihm bestehen kann, der mir so lange Zeit zur Arbeit gnnt.
Komm, mein liebes Kind!
    Valerio verstand weder die Rhrung des Geistlichen, noch den Sinn seiner
Worte, aber ihr freundlicher Ton that ihm wohl, und sich an ihn schmiegend,
folgte er dem Caplan willig, der ihn aus dem Ahnensaale in das Freie
hinausgeleitete, whrend er selber sich nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn
verfgte, in welchem er zur Erffnung des freiherrlichen Testaments erwartet
wurde.
    Der Freiherr hatte nmlich bald nach seiner Verheirathung mit Vittoria durch
seinen Justitiarius seinen letzten Willen aufsetzen lassen und das Dokument in
dessen Hnde niedergelegt. Inde ein paar Wochen vor seinem Tode hatte er es
zurckgefordert, es im Beisein des Justitiarius vernichtet und demselben ein
neues, ganz von des Freiherrn eigener Hand geschriebenes Testament zur
Aufbewahrung in dem Archive bergeben. Die Aufschrift bestimmte, da es noch an
seinem Begrbnitage in Gegenwart der Freifrau Vittoria von dem Hauscaplan und
dem Justitiarius erffnet werden und, falls der Freiherr Renatus von
Arten-Richten nicht im Schlosse anwesend sei, demselben eine Abschrift des
Testaments sofort zugesendet werden sollte.
    Der Justitiarius war schon vor dem Caplan im Schlosse eingetroffen. Als der
Letztere in das Arbeitszimmer des verstorbenen Freiherrn trat, fand er jenen
bereits dort warten, und auf eine Benachrichtigung gesellte die verwittwete
Freifrau sich zu ihnen.
    Es war mit Vittoria in den letzten Wochen eine groe Vernderung
vorgegangen, eine Vernderung, welche heute selbst den beiden Mnnern auffiel,
die sie doch eben jetzt zum Oefteren gesehen hatten. Sie erschien ihnen lter,
aber noch schner, als sonst. Die langen, schleppenden Trauerkleider machten sie
grer aussehen, ihre Zge, welche bisher meist einen weichen, spielenden
Ausdruck zur Schau getragen hatten, zeigten sich stolz zusammengefat; man
meinte ihr anzumerken, da sie auf einen Urtheilsspruch gefat sei, dem sie
Stand zu halten denke.
    Als ob sie sich vor einer groen Versammlung darzustellen habe, so gemessen
trat sie in das Zimmer, lie sich ohne ein Wort zu sprechen auf dem Sopha nieder
und forderte den Justitiarius nur mit einer Bewegung des Hauptes und der Hand
zur Entsiegelung des Testamentes auf. Der Freiherr hatte dasselbe in Form eines
Briefes an seinen Sohn Renatus gerichtet. Mit einer Umsicht, welche er, wie er
sich ausdrckte, leider zu spt gewonnen habe, setzte er dem Sohne die
Vermgensverhltnisse auseinander und ermahnte ihn, alle seine Kraft zu ihrer
Hebung aufzuwenden und, wie der Freiherr es gethan, seine Ehre in der
Aufrechterhaltung ihres alten Namens und Ansehens zu suchen. Von Valerio, von
Vittoria war in dem ganzen Testamente bis zu dem letzten Abschnitte keine Rede,
und in diesem hie es: Wenn die Baronin Vittoria von Arten mich berlebt, so
sollen ihr die Zinsen von dem ihr gebhrenden Pflichtantheile an meinem Vermgen
durch Dich, meinen Sohn, den Freiherrn Renatus von Arten-Richten, in
regelmigen Zahlungen zugewendet werden. Es soll ihr auch, falls es mit Deinen
Wnschen und Absichten in Uebereinstimmung ist, der dauernde Aufenthalt in
unserem Schlosse zu Richten nicht versagt werden, wenn sie es nicht ihrer Lage
angemessener findet, in das Kloster zurckzukehren, in dem sie ihre erste
Jugendzeit verlebte, um dort in Sammlung und in Einsamkeit fr ihr Seelenheil zu
sorgen. In jedem Falle aber wirst Du, mein Sohn, ber die Erziehung ihres Sohnes
Valerio zu wachen haben damit er dem Namen, den er fhrt, damit er unserem Namen
keine Schande mache. Doch verpflichte ich Dich zu keiner Sorge fr ihn, welche
ber die Zeit seiner Grojhrigkeit hinausgeht, und vielleicht wrde es auch fr
ihn das Entsprechendste sein, ihm in einem der oberitalienischen Klster, in
welchen die Giustiniani'sche Familie noch von Einflu ist, seine Bildung geben
zu lassen, um ihm, dem Vermgenslosen, die Neigung fr eine Laufbahn in dem
Dienste der Kirche einzuflen. - Wenn, was ich jedoch nicht erwarte, die
Baronin Vittoria sich mit diesen meinen Anordnungen nicht einverstanden erklren
und etwa fr sich oder fr ihren Sohn mehr beanspruchen sollte, als mein Wille
ihnen zuerkennt, so ermchtige ich Dich, die Papiere, welche diesem Testamente
beigefgt sind, zu erffnen und von denselben gegen die Verlangnisse der Baronin
den gebotenen Gebrauch zu machen. Im andern Falle sollen die Papiere unerffnet
und in ihrem Beisein sofort vernichtet werden. Das Testament schlo danach mit
einem Segenswunsche fr den Sohn und fr das Fortbestehen des Geschlechtes.
    Die Baronin hatte whrend der Verlesung des Schriftstckes keine Miene
verndert; aber sie war sehr bla geworden, und es vergingen ein paar Minuten,
ehe sie sich zum Sprechen sammeln konnte. Dann schien sie ihren Entschlu gefat
zu haben, denn sie sagte mit Ruhe und Sicherheit: Melden Sie dem Freiherrn
Renatus, meinem Stiefsohne, da ich mich den Anordnungen meines Gatten, seines
Vaters, unterwerfe. Das ist alles, dnkt mich, was ich heute zu erklren nthig
habe. Was weiter zwischen ihm und mir ber meine und Valerio's Zukunft
festzusetzen ist, mag unentschieden bleiben, bis ich es mit meinem Stiefsohne
selbst berathen kann.
    Sie verneigte sich darauf vor dem Justitiarius und vor dem Caplan wie vor
ihr vllig fremden Mnnern und verlie das Gemach in derselben feierlichen
Weise, in welcher sie es betreten hatte.
    Der Justitiarius und der Caplan blieben, weil ihre Geschfte es erheischten,
an dem Tage ganz im Schlosse; aber Vittoria kam nicht wieder zum Vorscheine.
Erst spt am Abende lie sie den Geistlichen zu sich entbieten.
    Er fand sie auf ihrem Ruhebette; sie erhob sich jedoch bei seinem Eintritte,
nthigte ihn, Platz zu nehmen, und sagte: Es drngt mich, mit Ihnen zu sprechen,
Hochwrden, aber ich benachrichtige Sie im voraus, da ich von Ihnen keine
Vermittlung zu meinen oder meines Sohnes Gunsten zu begehren denke. Ich habe
meine weltlichen Angelegenheiten nur mit meinem Stiefsohne zu ordnen, - sie
bezeichnete, was sie sonst stets vermieden hatte, Renatus heute immer nur mit
diesem Namen, - und da ich die Bestimmungen des Freiherrn angenommen habe, ist
eigentlich Alles gethan, denn meine Zusage ist mir heilig.
    Der Caplan, welcher nicht voraussehen konnte, was diese befremdliche
Einleitung bedeuten sollte, hielt sich an ihre letzten Worte, und ihr ernsthaft
in das Auge blickend, sprach er: Wollte der Himmel, da Sie damit die Wahrheit
redeten, wollte der Himmel, Sie htten Ihre Zusage stets so heilig gehalten, als
es Ihre Pflicht gewesen wre, so htte es des Freiherrn ....
    Sie lie ihn nicht zu Ende sprechen. Ich wei, was Sie sagen wollen, rief
sie lebhaft, und eben deshalb habe ich Sie gebeten, mich noch heute zu besuchen.
Sie hielt einen kleinen Augenblick inne, dann hob sie wieder an: Ich habe die
Demthigung, die Bue, welche der Freiherr mir aufzulegen fr gut befunden hat,
gelassen hingenommen. Es war eine sehr bittere Stunde! Inde ich hatte, wie ich
den Freiherrn kannte, irgend etwas der Art erwarten mssen und mich darauf
vorbereitet. Er hat mich schwer dafr bestraft, da ich mit achtzehn Jahren, da
ich, aus dem Kloster kommend, nicht mehr Einsicht in meine eigene Natur, nicht
mehr Lebenserfahrung besessen habe, als der welt- und herzenskundige Mann, der
mich in sein herbstliches Leben wie ein Spielzeug aufnahm.
    Sie sprach das so lebhaft, da ihre Wangen sich rtheten und die Flle ihrer
schwarzen Locken ihr weit ber die Stirn und die Wangen herabfiel. Mit schneller
Handbewegung warf sie das Haar zurck und mit stolzem Tone sprach sie: Sie haben
mir oftmals meine Snde vorgehalten; aber haben Sie es auch dem Freiherrn eben
so oft vorgehalten, Hochwrden, da er ein Unrecht, ein schweres Unrecht an mir
begangen hat, als er meine blinde Urtheilslosigkeit und mein noch vllig
schlafendes Herz benutzte, um mich zu der Seinigen zu machen? Nicht eine Stunde,
aber nicht eine Stunde bin ich glcklich gewesen in diesem Lande, in diesem
Hause, bis zu dem Tage, an dem ich - wie Sie es nennen und wie das Gesetz es
nennt - zur Snderin geworden bin.
    Frau Baronin, sagte der Caplan, es ist meines Amtes in der Beichte, Ihre
Gestndnisse ganz so anzuhren, wie Ihr Herz Sie zwingt, sie vor mir
niederzulegen, und ich habe mich Ihrem Vertrauen, so schmerzlich es mir gewesen
ist, nicht entzogen. Ich habe ihm nach meinem besten Wissen, nach meiner
heiligsten Ueberzeugung zu begegnen und Sie immer wieder auf den Pfad der
Pflichterfllung hinzuweisen gesucht. Zum Vertrauten Ihrer verbrecherischen
Phantasieen fhle ich mich nicht berufen.
    Er erhob sich bei den Worten und wollte sie verlassen. Inde sein strenger
Blick, seine abweisende Bewegung schreckten sie nicht zurck.
    Nun denn, rief sie, ich stehe an einem Scheidewege meines Lebens; ich habe
zu brechen mit einer langen Vergangenheit voll schmerzlicher Verstellung, voll
martervoller Lge; so hren Sie denn als Beichtiger meine Beichte, da Sie mir
nicht als Berather zur Seite stehen wollen. Hren Sie meine Beichte, Herr
Caplan!
    Sie stand auf, trat an einen Seitentisch heran, trank, sich zu beruhigen,
schnell ein Glas Wasser aus, und vor dem Geistlichen niederknieend, der sich in
stillem Gebete zu sammeln getrachtet hatte, wollte sie selber ein Gebet
beginnen; aber nur ihre Hnde fanden sich in die altvertraute Form, ihr Sinn
wollte sich nicht beugen; und sich eben so schnell emporrichtend, als sie sich
niedergeworfen hatte, rief sie: Das ist's, das ist's, was ich Ihnen zu sagen
habe und was frher oder spter doch einmal ausgesprochen werden mu: ich glaube
nicht mehr, ich glaube nichts, nichts, gar nichts mehr! Die Welt, der Himmel,
Alles ist mir entgttert, nur Eines ist mir heilig, Eines - und das ist dahin!
    In Thrnen aufgelst, wie in einem Krampfe weinend, warf sie sich auf das
Lager nieder; der Caplan stand sprachlos vor ihr. Er mute dem wilden Anfalle
Zeit lassen, vorberzugehen; aber es waren wundersame Gedanken, die ihn
bewegten, und noch vermochte er nicht vllig auf den Grund des Herzens zu sehen,
das sich ihm in so gewaltsamer Weise enthllen zu mssen meinte. Was hatte er in
diesem Hause alles erleben sehen und mit erlebt! Die Snde ihres Gatten tragen
und ben zu helfen, hatte das liebende Herz der im protestantischen
Bekenntnisse und in voller religiser Freiheit aufgewachsenen Baronin Angelika
sich der katholischen Kirche und ihrer Gnade in die Arme geworfen. Ihr zartes
Gewissen hatte sich eine flchtig aufwallende Empfindung zum Verbrechen
gestempelt, und weil sie sich selber zu vergeben nicht den Muth gefhlt, hatte
sie sich mit aller Inbrunst ihrer Seele zu der hheren Macht gewendet, von der
sie Vergebung ihrer Snden erflehen und erwarten konnte.
    Und jetzt stand Vittoria vor ihm: Trotz bietend allen Ueberlieferungen ihres
Vaterlandes, dem Glauben, in dem sie geboren und erzogen war, der klsterlichen
Zucht, in der sie so lange gelebt hatte, ja allen Grundstzen der Kirche und des
Staates, und nichts anerkennend, als das blinde Mssen ihres von Leidenschaft
hinweggerissenen Herzens.
    Er konnte sie in diesem Zustande nicht sich selber berlassen, er durfte sie
in diesem Herzenswahnsinne nicht Beichte hren. Er mute sich zu ihrem Arzte
machen, ehe er wieder ihr Seelsorger zu sein vermochte; aber es kam dem Greise
schwer an, denn seine Kraft war sehr erschpft und seine Seele zum Tode traurig.
Ohne eine Sylbe zu sprechen, ihre Hand fest in der seinigen haltend, sa er an
ihrer Seite. Sein Blick folgte dem unruhigen Zucken ihrer Mienen, sein Auge
suchte das ihrige zu erfassen, um es festzuhalten; inde es verging eine lange
Zeit, ehe die Aufgeregte sich zu besnftigen begann, ehe er daran denken konnte,
ihr mit seinem Zuspruche zu nahen, und erst mit der vlligen Erschpfung ihrer
Krfte kam endlich so viel Ruhe ber sie, da er sie der Pflege ihrer Dienerin
anvertrauen konnte.
    Morgen, morgen! sprach er, als Vittoria versuchen wollte, ihm die Erklrung
ihres Zustandes zu geben; aber als er sie mit Hlfe ihrer Kammerfrau nach dem
Schlafzimmer geleitete, mute er ihr die Zusage geben, sie nicht zu verlassen,
sondern die Nacht im Schlosse, in der Nhe ihrer Zimmer zuzubringen.

                                 Achtes Capitel


Vittoria hatte die krftige Gesundheit des Volkes, dem sie angehrte. Der Gram
vermochte sie nicht zu zerstren, nur die eigene Leidenschaft drohte ihr Gefahr
und konnte sie berwltigen. Sie erwachte erst spt, aber sie war vllig von
ihrem Anfalle hergestellt, und als der Caplan gegen den Mittag zu ihr kam, fand
er sie hellen Aussehens und auch hellen Geistes.
    Verzeihen Sie mir, Hochwrden, begann sie, da ich Sie gestern erschreckte;
man ist bisweilen nicht Meister ber sich. Was ich Jahre hindurch gewaltsam in
mir verschlieen mute, das strmte, nachdem ich mir eine groe Ueberwindung
zugemuthet hatte, alles auf einmal ber mich ein und durchbrach die Schranken
meiner Kraft. Ich war auer mir; verzeihen Sie mir das!
    Er sicherte ihr dieses zu; sie schien sich damit zu beruhigen und nicht
wieder auf den Boden jener Unterredung zurckkehren zu wollen, aber der Caplan
gestattete ihr dies nicht.
    Sie haben mir gestern den Zustand Ihrer Seele zu enthllen gewnscht, sprach
er, und ich mute es Ihnen versagen, sich diese Erleichterung zu gewhren, weil
ich Sie nicht in der Verfassung fand, in welcher allein es dem Menschen vergnnt
werden darf, sich dem Throne der hchsten Wahrheit zu nahen. Heute fordere ich
Sie, im Namen des mir durch Gottes Gnade gewordenen Amtes und Berufes, heute
fordere ich Sie mit dem Anrechte, das ich als Ihr Seelsorger an Sie habe, dazu
auf, Sich auszusprechen mit der vollen, ungetheilten Wahrheit, die Sie mir, die
Sie Sich selber schulden, und ohne welche fr den Menschen kein Heil, keine
Selbsterkenntni und keine Erlsung mglich sind.
    Vittoria hrte ihm sehr gesammelt zu. Es lag in der starken Ueberzeugung des
Greises, in dem mchtigen Gefhle seiner unantastbaren Wrde eine Kraft, welcher
sich Niemand leicht entzog, besonders wenn er, wie die Baronin, ihrem Einflusse
einmal unterworfen gewesen war. Aber sie zgerte dennoch, seiner Mahnung
nachzukommen, und erst nach einer lngeren Ueberlegung sprach sie: Es wird nicht
kurz sein, was ich Ihnen mitzutheilen habe, denn es umfat Jahre voll langer
Leiden, voll schwerer Seelenkmpfe, und ich zweifle, da Sie mir die Hlfe
bieten knnen, die Sie mir zu leisten wnschen; denn, das ahne ich, ein
verlorener Glaube findet sich nicht wieder. Aber hren sollen Sie mich, und
jetzt gelobe ich Ihnen die ganze, volle Wahrheit, die Sie von mir erheischen,
wennschon ich sicher bin, damit vor Ihnen keine Gnade zu gewinnen.
    Sie schwieg eine Weile, sttzte das Haupt auf ihren Arm, als suchte sie nach
der Weise, in welcher sie beginnen knne, dann sagte sie: Ich habe nicht nthig,
Ihnen die Geschichte meines Herzens zu erzhlen, Sie kennen sie. Sie wissen, wie
meine Liebe verlangende Natur an meines greisen Gatten Seite einsam blieb, wie
nahe, wie sehr nahe ich daran gewesen bin, fr meinen Stiefsohn die Empfindungen
zu hegen, die sein Vater in mir nicht mehr zu erwecken vermochte; und Sie
selbst, Hochwrden, haben mir das Zeugni gegeben, da ich meinem Gatten zu
leisten und zu sein bestrebt gewesen bin, was er von mir begehrte. Sie knnen
mir auch das Zeugni nicht versagen, da ich meines Stiefsohnes jugendlich mir
entgegenwallendes Gefhl mit Selbstverlugnung in Zgel und in Schranken
gehalten habe und da er von mir ohne eine Ahnung der Gefahr an der Klippe
vorbergeleitet worden ist, die mir und ihm den Untergang bereiten konnte.
    Die Gutthat, die Pflichterfllung, wendete der Caplan ein, hat Ihnen reichen
Lohn getragen. Die Freundschaft, die Ergebenheit, welche Baron Renatus fr Sie
hegt, sind wahr und tief.
    Ich wei das, Herr Caplan; ich bin mir meines Einflusses auf ihn vollauf
bewut. Ich wei es, da ich auf ihn zhlen kann, obschon er es in neuester Zeit
und durch mich selbst erfahren hat, da meine Liebe niemals seinem Vater
angehrte, da ich nur Einen, Einen Mann geliebt, und da derselbe nicht mehr
ist. O, rief sie, indem sie ihren schwarzen Trauerschleier mit beiden Hnden an
ihre Lippen drckte, o, wenn Sie ahnen knnten, wie frei und glcklich ich mich
in diesen Trauerkleidern fhle, wie meine Seele nach den schwarzen Gewndern
verlangt hat! Niemals, Niemals werde ich sie wieder von mir legen! Ich werde sie
tragen bis zu meinem letzten Athemzuge, als Erinnerung an die groe Liebe, die
Sie mir zur Snde machen und die vor Gott kein Verbrechen sein kann, weil mein
schner Valerio ihr sein frhliches Dasein verdankt.
    Sie hatte ber den Gedanken an ihre Liebe, ber die Wonne, von derselben
jetzt in Freiheit sprechen zu drfen, abermals die religisen Bekenntnisse
vergessen, welche sie dem Geistlichen zu machen entschlossen gewesen war, und
der Caplan hatte groe Mhe, sie auf dieselben zurckzufhren. Die
Freisinnigkeit ihres verstorbenen Gatten, die vllige Glaubenslosigkeit ihres
Geliebten hatten ihren eigenen Glauben erschttert, und die unklaren religisen
Begriffe, die kindlichen Ueberlieferungen, welche aus ihrem Klosterleben in ihr
haften geblieben waren, hatten nur dazu beigetragen, ihren Sinn vollends zum
Zweifel und zum Unglauben hinzulenken.
    Sie war in ihrem Kloster in der Lehre von der Vorherbestimmung auferzogen
worden, und ohne sich von den Einwendungen des Caplans im mindesten beirren zu
lassen, hatte sie ihr Zusammentreffen mit Mariano von Anfang an als ein ihr von
Gott vorherbestimmtes Schicksal, ihre Liebe fr ihn als eine Naturnothwendigkeit
angesehen, der sich zu entziehen nicht in ihrer Macht gelegen habe.
    Sie selbst, sprach sie, Sie selbst, Hochwrden, haben mir oft genug
wiederholt, da kein Zufall in der Weltordnung eines allweisen Gottes mglich
oder auch nur denkbar sei. Noch als ich ein Kind war, hat man mich gelehrt, da
kein Sperling vom Dache fllt, ohne da der Allwissende es wolle; und ich sollte
hierher gekommen sein, weit ab von den Meinigen und meiner Heimath, in dieses
unwirthliche, kalte Land, ohne Gottes Fgung? Hierher, in den fernen, grauen
Norden sollte Mariano von des Krieges Wogen geschleudert worden sein, ohne
Gottes ausdrcklichen Rathschlu? Unmglich, unmglich! Entweder es lebt kein
Gott, es ist Alles, Alles Zufall und wir des Zufalls blindes Spiel, oder was ich
erlebte, litt und that, war mir von Gott bestimmt: ich that, was er mich thun
lassen wollte - und was Sie mir als Snde anrechnen, war mein vorherbestimmtes
Mssen; ich mute sndigen!
    Mit jener grausamen und bis zur Selbstvernichtung rcksichtslosen
Freiheitslust des Sclaven, dessen Fesseln gebrochen worden sind, bekannte sie
sich zu ihrem Unglauben, zu ihrem Abfalle von allen Ueberzeugungen, die sie
einst gehegt hatte. Der Caplan verhinderte sie nicht daran. Er wollte die Tiefe
der Wunde untersuchen und sie ausbluten lassen, ehe er sie zu schlieen und zu
heilen unternahm. Er hrte sie schweigend an, als sie ihm eingestand, wie sie
ihn in der Beichte getuscht, wie sie kein Abmahnen dagegen, und keine Reue in
sich empfunden habe ber ihre Liebe und ihren Ehebruch, und wie sie auf diese
Weise auch von dem ihr in dem Kloster eingeimpften Wahne zurckgekommen sei, da
eine unvollstndige, eine unwahre Beichte eine der schwersten aller Snden, da
zeitliches und ewiges Verderben ihre sichere Folge sei.
    Aehnlich wie es einst die Baronin Angelika gethan hatte und wie die
berwltigende Leidenschaft es mit sich bringt, sttzte sie sich immer wieder
auf ihr inneres Mssen und Nichtandersknnen als auf ein Zeichen der
Vorherbestimmung; nur da Angelika's sanfte Seele in Demuth und Zerschlagenheit
vom Himmel Kraft und Trost begehrte, wo Vittoria's stolzer Sinn vllig in seinem
Rechte zu sein behauptete. Selbst als der Caplan ihr zu bedenken gab, da Gott
innerhalb seiner Vorherbestimmung dem Menschen ein gemessenes Theil von Freiheit
zugestehe, an welchem er seine Kraft und Tugend zu prfen und zu ben habe, und
da er es ihm in seiner Gnade an Zeichen und Mahnungen nicht fehlen lasse, wenn
er von dem rechten Wege abgeirrt sei, machte sie das in ihren Ueberzeugungen
nicht wankend, in ihrem Selbstgefhle nicht ungewi.
    Ich habe viele Nchte durchwacht, sprach sie, viele Tage durchweint, und in
Leid durchwachte Nchte und im Schmerze durchweinte Tage whren lange. Ich bin
einsam gewesen in diesem Schlosse, ich htte nicht einsamer mich fhlen knnen
im Bergesgeklft in verlassener Karthause. Es hat mir an Mue nicht gemangelt
zum Denken und zum Prfen. Was blieb mir denn auch brig, wenn ich gelchelt und
gesungen hatte, den Freiherrn zu vergngen, was blieb mir brig, als zu denken,
immerfort zu denken und zu sinnen? Ich habe Zeiten gehabt, in denen ich mich
berreden wollte, da ich fehle, da ich eine schlechte Gattin sei - meine
innerste Empfindung hat dem widersprochen. Ich bin dem Freiherrn vollstndig
gewesen, was er in mir gesucht, von mir begehrt hat. Ich habe sein Vertrauen,
seine Achtung nie besessen, er hat die Liebe, die ich noch nicht kannte, als ich
mich ihm vermhlte, und die er mich nicht kennen lehrte, nie von mir verlangt.
Nicht Einen Tag hat er an mir gezweifelt, nicht Eine Stunde habe ich ihm Anla
gegeben, sich von mir versumt zu glauben. Ja, als ich es fhlte, was die Liebe
sei, als ich glcklich geworden war durch sie, habe ich das Bestreben gehabt,
auch ihn noch glcklicher zu machen, da er es gewesen ist, der mich nach Gottes
Vorbestimmung dem mir Auserwhlten entgegenfhren mute. Und wie ich mich in
dankbarer Glckseligkeit der mir zugedachten Liebe berlie, habe ich schweigend
die Dornenkrone des Schmerzes mir in die Stirn gedrckt, und keine Thrne, kein
Seufzer hat es dem Freiherrn je verrathen, was ich litt. Ich bin ihm eine gute
Gattin gewesen, ich fhle mich nicht schuldig gegen ihn. Es war Gottes Wille,
der ihm ohne all mein Zuthun mein Geheimni offenbarte, um mir endlich meine
Freiheit zu vergnnen und um vielleicht durch mich dem Freiherrn zu vergelten,
was er einst an der Baronin Angelika gesndigt hat. Mein Herz ist vllig mit
sich einig, meine Seele ist in vollem Frieden!
    Und Sie haben nie gefrchtet, da die Hand des Hchsten sich ber Ihnen
mchtig zeigen, da er Ihr verirrtes, ihm verschlossenes Herz mit schweren
Schlgen zu erffnen wissen werde? fragte sie der Caplan, um sie zu weiterem
Sprechen zu bewegen.
    Ich wrde irre werden an der gttlichen Gerechtigkeit, rief Vittoria, wenn
mir mehr auferlegt wrde, als ich getragen habe. Nein, fgte sie hinzu und ihre
Zge wurden weich und mild, Gott wute, was mir fehlte. Hatte ich doch der
Eltern- und der Geschwisterliebe ganz entbehrt, hatte er selber mich doch in das
freudenleere, abgeblhte Leben meines Gatten verpflanzt! Gott versagt der
kleinsten Pflanze nicht den Sonnenstrahl, der sie erblhen und reifen macht, dem
geringsten seiner Geschpfe nicht die Nahrung, ohne die es nicht bestehen kann.
Er hat auch mir in seiner Gnade meinen Sonnenstrahl gegnnt. Und wenn er ihn mir
auch sehr bald, ach, so gar bald entzogen hat, so wei ich es jetzt doch, da
ich einmal lebte, und ich kann weiter leben, so lange es mir beschieden ist. Ich
habe meinen Sonnenstrahl gehabt. - O, rief sie, indem sie ihre Hnde inbrnstig
in einander schlug und ihre Augen zuversichtlich zum Himmel emporhob, o, ich
wrde Gott zu lstern glauben, ich wrde irre werden an seiner Gerechtigkeit und
seiner Liebe, wenn ich als Schuld erkennen mte, was mein zugewiesen Theil,
mein Recht gewesen ist! Hten Sie Sich, Hochwrden, mir diesen Glauben
aufzudringen, Sie wrden mich zur Gotteslugnung treiben!
    Sie versank in ein Schweigen, und mit schmerzlichem Sinnen blickte der
Caplan vor sich auf den Boden nieder. Vittoria fhlte sich in ihrem Gewissen
frei, er aber fhlte sich gedemthigt wie nie zuvor, denn er wurde irre an der
Macht, welche des einen Menschen reines Wollen auf den anderen auszuben vermag,
er wurde irre an seiner Kraft und Befhigung fr sein Amt, und zum ersten Male
fragte er sich: welche Bedeutung seine Kirche, welche Bedeutung das Priesteramt
in der Zukunft haben wrden, haben knnten.
    Freilich war die katholische Kirche in Richten auferbaut worden, aber man
hatte sich in der Erwartung getuscht, eine Gemeinde fr sie heranbilden und in
dem protestantischen Lande neue Anhnger fr die alte katholische Lehre gewinnen
zu knnen. Das Verlangen nach prfungsloser Hingabe an eine leitende Hand war in
der Menschheit kein allgemeines mehr. Nur in vereinzelten Gemthern war noch das
Bedrfni rege, sich dem bestimmenden Willen einer Kirche zu unterwerfen, in
ihrem Priester die Verkrperung des eigenen Gewissens zu verehren, in ihm einen
Mittler zwischen sich und dem Himmel zu besitzen. Die Aufklrung, welche die
Schriftsteller des achtzehnten Jahrhunderts vorbereitet hatten, wirkte in immer
weiteren Kreisen nach, und die Verbindung, welche das Oberhaupt der katholischen
Kirche mit dem aus dem Volke emporgestiegenen franzsischen Kaiser um der
Selbsterhaltung willen eingehen mssen, hatte die ppstliche Krone ihres
Anspruchs auf einen berirdischen Ursprung beraubt. Wie der Adel, so mute auch
die Kirche sich jetzt bereits an die Throne lehnen, deren Vertheilerin sie einst
gewesen war, denn auch die Kirche, darber hatte der Caplan sich nie verblenden
knnen, hatte ihre freie, unangefochtene Herrschaft durch die Revolution und die
ihr folgenden Jahrzehnde der napoleonischen Tyrannei fr immerdar eingebt.
    Man hatte in Frankreich Priester der katholischen Kirche sich von ihren
alten Lehren und Gesetzen lossagen, neue Bekenntnisse verknden, sie verlassen
und die Abtrnnigen zu ihren ersten Lehrstzen und Aemtern wieder zurckkehren
sehen, und die Kirche hatte sie als Bereuende wieder in sich aufgenommen. Damit
war die Revolution auch innerhalb der Kirche vollzogen worden, damit war das Amt
des Priesters vor den Augen der Glubigen seiner Unfehlbarkeit, seines
gttlichen Ursprunges entkleidet worden. Der Priester war von seiner Hhe in die
Reihen der irrenden Menschheit hinabgestiegen, er hatte sein Anrecht auf sein
Mittleramt zwischen dem Hchsten und dem sndigen Menschen verscherzt. Nur ein
persnliches Vertrauen konnte der Seelsorger, der Geistliche von seiner Gemeinde
noch begehren, und dieses persnliche Vertrauen - der Caplan schlug voll
Zerknirschung an seine Brust, und an seinen greisen Wimpern zitterte die Thrne
- dieses persnliche Vertrauen verdiente er nicht mehr; denn er hatte die Snde
nicht abzuwehren vermocht von denen, die ihm bergeben worden waren, und den
Zweifel mchtig werden lassen in den Seelen, die er htte hten sollen.
    Er fhlte sich wie vernichtet, er sah auf sein ganzes langes Leben als auf
ein verfehltes zurck, und aus seiner an sich selbst verzagenden Seele rangen
sich wie ein Nothschrei die Worte hervor: Herr, Herr, gehe nicht mit mir in das
Gericht! -
    Er wollte sich erheben und das Zimmer verlassen, aber er konnte es nicht. Er
mute sich niedersetzen, und durch die bebenden Hnde, die er vor sein Antlitz
schlug, flossen seine heien Thrnen nieder.
    Da war es, als wenn ein Ri geschhe in dem stolzen Herzen der Trauernden.
Was seine Worte nicht an ihr vermocht hatten, das wirkte sein Beispiel jetzt an
ihr. Sein flehendes Gebet erzitterte in ihrem Innern. Sie wute selber nicht,
wie ihr geschah. Sie meinte sich an diesem Greise versndigt zu haben, sie sagte
sich: ich bin es, um die er diese Thrnen weint; mir, mir gilt sein flehender
Ausruf: Herr, gehe nicht in das Gericht mit mir! - Denn wessen htte er sich
anzuklagen gehabt, dessen ganzes Leben Demuth und Reinheit und
selbstverlugnende Liebe gewesen war? - Und von einer gewaltigen Empfindung, die
sie sich selber nicht zu deuten wute, hingerissen, warf sie sich vor dem Greise
nieder und wiederholte, whrend auch ihre Augen berstrmten: Herr, gehe nicht
in das Gericht mit mir!
    Langsam, aber mit einem Blicke himmlischer Verklrung, richtete der Caplan
sein Antlitz empor und seine Hnde falteten sich aufs Neue zum Gebete. Vergib
uns unsere Schuld! sprach er leise und leise sagte Vittoria ihm die Worte nach;
wie wir vergeben unseren Schuldigern! tnte es kaum hrbar von seinen Lippen.
    Wie wir vergeben unseren Schuldigern! wiederholte die Erschtterte mit
erhobener Stimme und barg ihr Antlitz auf des Greises Kniee, dessen Hnde
segnend niedersanken auf ihr Haupt.
    So blieb sie eine Weile liegen. Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein,
ein leiser Lufthauch zog erfrischend vorber. Es war Alles still um sie her, und
still war es auch geworden in ihrer Brust. Da bednkte sie es, als drcke die
segnende Hand des Greises schwer und schwerer auf sie hernieder. Sie hob ihr
Haupt zu ihm in die Hhe, die Hnde des Caplans sanken bewegungslos herab.
    Herr Caplan! rief sie, Herr Caplan! - und die Stimme versagte der
Erschrockenen ihren Dienst. Sie umfate ihn mit beiden Armen, er regte sich
nicht; aber sein Antlitz lchelte in himmlischem Frieden, nur die Augenlider
waren ihm zugesunken. Er war betend eingeschlummert.
    Sanft, wie sein Leben gewesen war, hatte der Caplan sein letztes frommes
Werk gethan - Vittoria hatte den Segen eines Sterbenden erhalten. Seine tiefe
Demuth hatte die Emprung ihres stolzen Herzens berwunden, sein letzter
Athemzug hatte dem Dienste seiner Kirche angehrt.

                                Neuntes Capitel


Die Schlachten an der Katzbach und von Grobeeren waren eben geschlagen worden.
Renatus stand mit seinem Regimente unfern dem rechten Elbufer, als er die
Nachricht von dem Tode seines Vaters erhielt, und weil er weichherzig war und im
Ganzen der Schicksalsschlge ungewohnt, war sein Schmerz im ersten Augenblicke
uerst lebhaft. Er hatte allerdings bei den vorgerckten Jahren seines Vaters,
und weil er ihn bei seiner letzten Anwesenheit in Richten sehr verndert
gefunden hatte, wohl daran gedacht, da er ihn mglicher Weise nicht
wiedersehen, da der Abschied, den er von ihm nahm, ein ewiger werden knne.
Aber die Pltzlichkeit, die ganze Art, in welcher der Freiherr geendet, hatten
fr die Phantasie des Sohnes im ersten Augenblicke etwas Ueberwltigendes, etwas
ganz besonders Schmerzliches, und Renatus konnte nicht mde werden, sich immer
auf das Neue das Bild seines unter freiem Himmel auf dem Kirchhofe sterbenden
Vaters vor die Seele zu halten.
    Inde gerade die bestndige Wiederholung der gleichen Vorstellung stumpfte
den Eindruck ab, und es bewhrte sich an Renatus die alte Erfahrung, da
diejenigen, welche bei dem Erleben eines traurigen Ereignisses gar keines andern
Gedankens fhig und immer nur mit dem einen Gegenstande beschftigt sind, das
Geschehene am leichtesten berwinden und verschmerzen. Es dauerte gar nicht
lange, bis Renatus, wenn er an den Tod seines Vaters dachte, sich unwillkrlich
aller der Tausende erinnerte, die neben ihm und um ihn her auf blutgetrnkter,
von Rossen zerstampfter Erde, an ihren Wunden verblutend, ihr Leben ausgehaucht
hatten, ohne da eine liebende Hand ihr brechendes Auge geschlossen htte, ohne
da ihr letzter Blick auf das Antlitz eines Freundes gefallen wre. Was ihm in
den ersten Stunden oder Tagen so schrecklich erschienen war, die Pltzlichkeit,
mit welcher der Tod seinen Vater berrascht hatte, das fing er bald an, als eine
Wohlthat der Natur und als ein Glck zu betrachten, und in seinem an den Caplan
und an Vittoria gerichteten Antwortschreiben pries er das Loos seines Vaters,
dem es vergnnt worden war, in den Armen seines treuesten Freundes, mit dem
Hinblicke auf die von ihm geschaffene schne Kirche, von der Erde Abschied zu
nehmen.
    Renatus hatte von seinem Vater nie jene Zrtlichkeit erfahren, welche das
Leben der Kinder eng mit dem der Eltern verknpft. Einen entscheidenden Einflu
auf die Erziehung seines Sohnes hatte der Freiherr ebenfalls nicht gebt, und in
den letzten Jahren war Renatus nur selten und immer nur auf kurze Zeit in
Richten gewesen. Es entstand daher in seinem Herzen durch seines Vaters Tod
keine wesentliche Lcke, aber seine Verhltnisse erlitten durch denselben eine
bedeutende Umgestaltung. Es traten mit Einem Male neue Anforderungen und
Verpflichtungen an ihn heran, denen zu begegnen sein bisheriges Leben ihn in
keiner Weise vorbereitet hatte, denen er persnlich zu gengen jetzt auch vllig
auer Stande war. Er konnte nicht daran denken, inmitten dieses heiligen Krieges
einen Urlaub zu begehren, und da ihm zuerst nur die Nachricht von dem Tode
seines Vaters zugekommen war, beruhigte er sich mit der Ueberlegung, da der
Caplan und der Justitiarius doch am Orte wren und da er sich ihres Eifers wie
ihrer Einsicht versichert halten drfe.
    Er schrieb Vittorien, schrieb sofort auch seiner Braut und machte dieser den
Vorschlag, sich mit ihrer Mutter und Schwester baldmglichst nach Schlo Richten
zu begeben, um der vereinsamten Vittoria eine Gesellschaft zu sein. Er erwhnte
dabei, da es ihm wohlthun wrde, die Gegenstnde seiner Liebe in dieser
unruhigen Zeit an einem und demselben Orte unter dem Schutze seines Hauses
vereinigt zu wissen, und weil er entschlossen war, sich jetzt ernsthafter als
bisher mit den Vermgens-Angelegenheiten seiner Familie zu beschftigen,
bemerkte er gegen die Grfin, da es, nach den Opfern, welche der Krieg auch ihr
auferlegt habe, ihr vielleicht gerathen scheinen drfte, ihre Huslichkeit in
der Hauptstadt aufzulsen und seine Gastfreundschaft anzunehmen, bis Hildegard
selbst sie ihr in Richten anzubieten haben werde.
    Bald darauf rckte sein Regiment vorwrts, es wechselte die Standquartiere
oft, und erst am Tage vor der Leipziger Schlacht kam der zweite Brief aus
Richten, welcher ihm mit dem Testamente seines Vaters zugleich die Kunde von dem
Ableben des Caplans berbrachte, durch die Feldpost dem jungen Freiherrn in die
Hnde.
    Der Dienst hatte ihn bis gegen den Abend hin in Anspruch genommen. Mde und
erschpft stieg er vor dem einsamen Bauernhofe, in welchem er im Quartiere lag,
vom Pferde und trat in die niedrige Stube, welche er mit fnf anderen Offizieren
theilte. Drauen war es herbstlich und feucht, aber trotz der geffneten Fenster
lag eine schwle, heie Luft ber dem niederen Raume. Zwei seiner Kameraden
hatten sich, die Tornister unter den Kpfen, auf den Estrich des Bodens
niedergeworfen und waren, wie ihr tiefes, schnarchendes Athemholen verrieth,
obschon es noch ganz hell war, vor Ermdung eingeschlafen. Der Capitn, ein
verheiratheter Mann, schrieb an der Ecke des Tisches, an welchem die Andern mit
jugendlicher Elust ihr geringes Abendbrod verzehrten. Sie achteten kaum auf das
Eintreten ihres Kameraden, nur der Hauptmann wendete sich flchtig nach ihm um
und sagte: Herr von Arten, es sind auch fr Sie ein Brief und ein Packet
angekommen; sie liegen dort auf dem Simse. - Dann fuhr er still zu schreiben
fort.
    Es war kein Platz mehr an dem Tische und auch kein Platz zum Sitzen in der
Stube. Renatus nahm seine Briefschaften und ging damit hinaus. Drauen vor dem
Hause war ein Stckchen Erde eingehegt. Er und seine Kameraden hatten das
Grtchen in diesen Tagen vor der Zerstrung bewahrt. Es stand ein Kirschbaum
darin, und aus dem noch grnen Grase wuchsen einige Stockrosen hervor, die noch
in Blthe standen. Die untergehende Sonne beschien sie matt. Er warf sich auf
eine kleine Bank unter dem Baume nieder, steckte den Brief, auf dem er
Hildegard's Handschrift erkannte, in die Brust und ffnete zunchst das von
Richten kommende Packet; aber er suchte darin vergebens nach einem Worte seines
greisen Lehrers oder nach einem Briefe Vittoria's. Nur der Justitiarius hatte
geschrieben. Das fiel Renatus auf, denn noch nie war eine Sendung von Richten
ohne ein begleitendes Blatt des Caplans an ihn gekommen, seit er im Felde stand,
und er nahm daher das Schreiben des Justitiarius mit Besorgni in die Hand.
Inde die Nachricht, welche ihm durch dasselbe wurde, hatte er doch nicht
vermuthet.
    In der gemessenen Weise eines Geschftsmannes meldete der Beamte, da der
hochwrdige Herr Caplan ihm gleich nach dem Tode des verstorbenen Herrn Barons
sehr angegriffen und verndert erschienen sei. Trotzdem habe derselbe es sich
nicht nehmen lassen, seine Amtspflichten zu erfllen und der von dem Verluste
ihres Gemahls uerst erschtterten Frau Baronin zur Seite zu stehen. Er habe
dabei offenbar seine Krfte erschpft, und wenn man sich auch htte denken
mgen, da er seinen Herrn und Freund nicht lange berleben wrde, da sie so eng
in einander verwachsen gewesen wren und das Alter das Zerreien solcher alten
Lebensbande nicht wohl vertrage, so habe doch das pltzliche Hinscheiden des
verehrten Greises sie Alle schwer betroffen und werde auch den Freiherrn
sicherlich sehr berraschen. Er berichtete demselben danach, da er den
unbedeutenden Nachla des Caplans versiegelt, da er die Meldung von seinem
Ableben bei den betreffenden Behrden gemacht habe, und fragte an, wie der
Freiherr es nun hinsichtlich der Verwaltung des Richtener Pfarramtes zu halten
gewillt sei.
    Renatus hielt das Schreiben eine Weile still in seinen Hnden. Es war nichts
Ungewhnliches, was er erlebte, es lag im Laufe der Natur, da der betagte Mann
gestorben war; aber er hatte ihn so lieb gehabt. Wie der Schutzgeist von
Richten, ja, wie sein eigener Schutzgeist war der Caplan ihm stets erschienen.
Jetzt erst kam seine Heimath ihm verlassen und verwaist vor, und sein Gemth
besa in diesem Augenblicke noch nicht die Kraft, sich Schlo und Herrschaft
unter einer ganz vernderten Umgebung als sein Eigenthum zu denken und sie doch
zu lieben. Ohne den Caplan war ihm Richten nicht mehr die alte, theure Heimath.
    Inde es war kein Tag, an welchem man sich seinen Empfindungen lange
berlassen durfte. Jedermann wute es, da am nchsten Morgen eine groe
Schlacht bevorstand, und wer noch etwas fr dieses Leben zu beschicken hatte,
that dazu, es nicht hinauszuschieben. Renatus hatte sich auf die Vorsorge des
Caplans mehr als auf sich selbst verlassen. Jetzt war er dieser Sttze beraubt,
die kommende Tagesfrhe konnte ber sein Leben entscheiden, und er hinterlie
eine Stiefmutter, einen Bruder, eine Braut. Er hatte fr das Wohlergehen dieser
Lieben noch nicht Sorge getragen, wie er wnschte, und jetzt war es vielleicht
zu spt dazu, wenn die Voraussicht seines Vaters nicht in dem Testamente die
Vorkehrungen auch auf den Fall getroffen hatte, da Renatus nicht aus dem Felde
wiederkehren sollte.
    Er ffnete und las das Testament. Es war nicht dazu gemacht, ihn zu
beruhigen und zu erheben. Sein Besitz war weit mehr verschuldet, als er es fr
mglich gehalten hatte. Obschon seine wirthschaftlichen Kenntnisse hchst
unbedeutend waren, ahnte er doch, da sich ihm groe, fast unbersteigliche
Hindernisse in der Verwaltung und Erhaltung der drei groen, noch
zusammengehrenden Gter in den Weg stellen wrden, und mehr noch als diese
Erkenntni erschtterte ihn der Theil des Testamentes, welcher Vittoria und
ihren Sohn betraf. Es berflog ihn eine heie Scham, das Herz prete sich ihm
zusammen. Seinem Vater war also das Geheimni Vittoria's nicht verborgen
geblieben. Der Greis hatte den Schmerz erduldet, sich verrathen zu wissen. Wie
mute ihn dies niedergeworfen, was mute er davon gelitten haben! Die reine,
wahrhafte Natur des Sohnes emprte sich gegen Vittoria, er dachte mit
widerwilligem Zorn an sie und an Valerio, und Beides, Beides that ihm weh: denn
er liebte Vittoria und er liebte auch den Knaben, den er, obschon er um
Vittoria's Leidenschaft fr einen Andern wute, bis jetzt doch als seinen Bruder
angesehen hatte.
    Bricht denn Alles, Alles unter meiner Hand zusammen? fragte er sich
schmerzlich, und der alte Gedanke, da er nicht zum Glcke geboren sei,
bemchtigte sich seiner wieder mit erneuter Macht. Er hatte bisher immer viel
Mitleid mit Vittoria gehabt, ihr Leben an des alternden Gatten Seite war ihm
stets als eine groe Entsagung fr sie erschienen. Jetzt beklagte er nur seinen
Vater. Weil er nicht wute, da der Freiherr erst ganz kurze Zeit vor seinem
Tode den Verrath Vittoria's erfahren hatte, bewunderte er dessen stolze
Zurckhaltung und die gromthige Nachsicht, mit der er Vittoria behandelt
hatte. Er machte sich selbst einen Vorwurf daraus, da er der Verrtherin so
viel von seiner Liebe, so viel Freundschaft zugewendet; er htte seinen Vater
wiederhaben mgen, um es ihm abzubitten, da er nicht genug Zrtlichkeit fr ihn
gefhlt habe, um ihn auf's Neue und mehr und verstndnivoller als bisher zu
lieben.
    Er wute in einzelnen Augenblicken nicht, was er thun, ja, nicht einmal,
woran er zuerst denken solle. Man erwartete von ihm Bestimmungen ber seine
Angelegenheiten, aber er verstand von ihnen wenig, er hatte keine wirkliche
Geschftskenntni. Der Freiherr hatte nach dem Abgange von Steinert mehrmals mit
seinen Amtsleuten gewechselt; Renatus wute aus des Vaters eigenem Munde, da er
auch dem gegenwrtigen Amtmanne nicht vertraue und da er eben deshalb zum
Oefteren an eine Verpachtung der Gter gedacht habe, nur da er sich nicht
entschlieen knnen, damit einen Theil seiner persnlichen, unmittelbaren
Einwirkung ber sein Eigenthum aufzugeben. Der Justitiarius erwhnte in einer
dem Testamente beiliegenden Auseinandersetzung dieser Absicht des Freiherrn,
denn der Contract des Amtmanns ging mit dem nchsten Frhjahre zu Ende, und
Renatus mute jetzt entscheiden, ob der Contract, wie es festgesetzt war, dann
auf drei neue Jahre verlngert werden sollte oder nicht. Der Justitiarius sprach
von einem Pchter, der sich gemeldet habe und dessen Bedingungen, wenn man die
Zeitverhltnisse in Erwgung zog, nicht ungnstig genannt werden konnten; aber
es ward die Bedingung daran geknpft, da ihm das lebende Inventarium, welches
durch den Krieg auf das Aeuerste heruntergebracht worden war, vollstndig und
ausreichend ersetzt werden und die Pachtung ihm auf zwlf Jahre zugesichert
werden solle. Fr die Beschaffung des Inventariums mute man abermals Kapital
aufnehmen, das jetzt schwer und nur zu hohen Zinsen zu haben war, und die jetzt
whrend des Krieges gebotenen Pachtpreise auf zwlf Jahre im voraus gelten zu
lassen, fand selbst Renatus nicht fr mglich. Er mute also die Dinge gehen
lassen, wie sie eben gingen, aber die Sorge um seinen Besitz wlzte sich wie
eine Last auf ihn, und dazu fing er an, es schwer zu bereuen, da er die Grfin
Rhoden zu der Uebersiedelung nach Richten aufgefordert hatte, denn es war ihm
jetzt eine uerst widerwrtige Vorstellung, sich seine Braut in der Nhe
Vittoria's und in deren tglicher Gesellschaft vorzustellen.
    Ohne da er sich bestimmte Grnde dafr anzugeben wute, hegte er, weil er
es eben wnschte, die bestimmte Hoffnung, da die Grfin seinen Vorschlag nicht
angenommen haben werde, und nachdem er mit einem Seufzer die
Testaments-Abschrift und die Berichte seines Beamten wieder in ihren Umschlag
geschoben hatte, nahm er zuerst den Brief der Grfin aus dem zweiten Couverte
hervor, weil er sich den Brief seiner Braut auf zuletzt versparen wollte, um den
schweren Tag doch mindestens mit einem trstlichen Eindrucke abzuschlieen.
    Aber seine Hoffnung und Voraussicht hatten ihn dieses Mal getuscht. Die
Grfin schrieb ihm, da sie Anfangs Bedenken gegen seine Plane gehegt habe. Sie
sei zweifelhaft gewesen, ob es angemessen sei, gleich nach dem Tode des
Freiherrn sich in dessen Hause einzurichten. Sie habe, da Renatus' Verlobung mit
ihrer Tochter vor der Welt noch ein Geheimni sei, die Besorgni gefhlt, da
man ihr die Absicht zur Last legen werde, eben diese Verlobung herbeifhren zu
wollen; inde Hildegard sei anderer Ansicht gewesen, und da diese ohnehin einer
Erholung bedrftig sei, weil sie sich in der Pflege der Verwundeten, deren Zahl
nach der Schlacht von Grobeeren in den Berliner Hospitlern so furchtbar
angewachsen, Anstrengungen zugemuthet habe, die weit ber ihre Krfte gegangen
wren, so habe die Grfin sich nach reiflicher Ueberlegung zum Nachgeben
entschlossen und die nthigen Schritte zur Auflsung ihrer Verhltnisse in der
Residenz gethan, wobei ihr Graf Gerhard mit gewohnter Zuvorkommenheit seine
Dienste angeboten habe. Sie fgte dann noch hinzu, da sie, wenn sie ihre
konomischen Verhltnisse in das Auge fasse, Renatus fr sein Anerbieten doppelt
Dank zu sagen habe, da ihr die Zinsen ihres geringen Vermgens jetzt nicht
regelmig eingingen; und die Zweifel, welche sie um die Sicherheit ihres
kleinen Kapitals aussprach, waren auch nicht dazu angethan, dem neuen Besitzer
der von Arten'schen Gter das Herz zu erleichtern. Noch hatte er nicht Frau,
nicht Kind, und schon lag, er mochte es ansehen, wie er wollte, die Sorge fr
eine groe Familie auf seinen Schultern. Denn an wen hatten sich Vittoria und
Valerio zu halten, als an ihn? Auf wen, als auf ihn, fiel einmal die Sorge fr
Hildegard's Mutter und Schwester? Und diese Einsicht mute er gewinnen an dem
Vorabende einer groen Schlacht! - Sich zu trsten, sich die Seele zu befreien,
erffnete er Hildegard's Brief.
    Mein ewig Geliebter, schrieb sie ihm, es soll Ja und Amen heien zu
Allem, was Du wnschest und angeordnet hast fr jetzt und fr alle Zeit! Was
knnte Deiner Braut in diesen Tagen, in denen sie Deine Seele von Trauer beladen
wei, ohne da sie zu Dir eilen kann, sie Dir tragen zu helfen, Heilsameres
begegnen, als an der Stelle zu weilen, an der Du geboren bist, als an dem Orte
zu leben, der knftig auch ihre Heimath sein wird und an welcher sie mit Dir
vereint das Andenken Deines edeln Vaters heilig in sich pflegen will.
    O, mein Renatus, Lieben, Glauben, Hoffen, das ist alles, was uns brig
bleibt in den Tagen der Prfung, in denen wir leben! Ich habe Stunden gehabt, in
denen ich mich mit Zweifeln plagte, mit Zweifeln, ob Dein Vater mich jemals gern
willkommen heien wrde; mit immer neuen Zweifeln sogar an Dir, denn ich meinte,
wre Deine Liebe der meinigen gleich, so htte keine Rcksicht der Welt Dich
bewegen knnen, mich durch Verheimlichung unserer Liebe und unserer Verlobung
fern von Dir zu halten. Und nun das berwunden ist, nun Du Herr bist ber unser
Schicksal, nun Dein Wille mich einfhrt in Deiner Vter Haus, auch jetzt noch
darf ich die brutliche Myrtenkrone nicht in meine Locken drcken, und jede,
jede Stunde kann fr ewig den Schleier nicht endender Trauer ber meine ganze
Zukunft werfen! Wei ich es denn, ob es nicht schon geschehen ist? Wei ich es
denn, ob des Todes Pfeil Dich nicht bereits ereilte, ob Dein brechendes Auge
sich nicht vergebens nach Deiner Geliebten sehnte, ob Dein letzter Seufzer nicht
vergebens ihren Namen rief? - Ich habe so manches Sterbenden letztes Wort
vernommen - Gott, Gott, wenn Du - aber ich kann, ich mag es nicht denken! Ich
will hoffen, hoffen und beten, weil ich Dich liebe!
    Du hast das Richtige fr mich gewhlt. Ich habe Ruhe und Stille nthig und
ich gehre zu den Trauernden. Wie verlangt es mich, unsere schne Signorina
wiederzusehen, Deinen kleinen Bruder zu umarmen! Ich werde mit unserer Signorina
von Dir sprechen, in Deines Bruders liebem Antlitz Deine Zge suchen; wir werden
nur in Dir, nur fr Dich leben, bis Du wiederkehrst; und was diese Jahre der
Trbsal Jedem von uns auch auferlegen - Gott hat sie gesendet, um mit schweren
Leiden an die Herzen derer zu klopfen, die sich abgewendet hatten von sich
selber und von ihm. Denn wie Viele uns der Tod auch entrissen, das Leben hat uns
manchen verloren Geglaubten wiedergegeben, und sollten wir nicht mit unserem
Heilande sagen: Es wird mehr Freude im Himmel sein ber einen Snder, der Bue
thut, denn ber hundert Gerechte?
    Du weit es, mein Geliebter, von wem ich rede. Es ist eine groe, eine
erhebende Wandlung mit ihm vorgegangen, und la es mich bekennen, ich meine
oftmals, mein brnstig flehendes Gebet habe dazu mitgewirkt. Ich konnte, o, ich
konnte den Gedanken nicht ertragen, da der Deinen Einer, da Deiner edeln
Mutter Bruder der heiligen Sache des Vaterlandes und uns Allen fr immerdar
verloren sein sollte - nein, ich konnte es nicht!
    Dein Oheim wei es, wie Dein und mein Herz sich gefunden haben, er gnnt uns
unser Glck, er segnet es, und ich glaube oftmals zu bemerken, da seine Augen
mit Rhrung auf mir weilen. Ach, mu es ihn nicht schmerzen, da er in einer
Zeit herangewachsen ist, in der das heilige Feuer der Vaterterlandsliebe in den
Seelen der Menschen erloschen war? Ist er denn nicht beklagenswerth, da seinem
Leben, wie er mir das einst gestanden, niemals der milde Stern einer reinen
Liebe aufgegangen ist?
    Er hat uns in diesen Tagen der Trauer um Deinen theuren Vater gtevoll zur
Seite gestanden, er hat mir geholfen, die Mutter zur Uebersiedelung in unsere
knftige Heimath zu bestimmen. Frei und unabhngig, wie er ist, bietet er Dir
seine Dienste an, und es mte mein ganzes Empfinden mich betrgen, oder Du
knntest, was Du von weltlichen Dingen anzuordnen hast, keinem verllicheren
Freunde anvertrauen.
    Aber ich schreibe Dir von Hab und Gut, und Du, meine einzige Habe, mein
hchstes Gut, bist mir fern, bist in tglicher Gefahr. O, denke, wo Du auch
immer weilest, denke, da ich an jedem Morgen und an jedem Abende vor Deinem
Bilde, unter Deinen Augen meine Gebete fr Dich zum Himmel sende, denke, da
mein Leben beschlossen ist, wenn es dem Herrn ber Leben und Tod gefallen
sollte, das Deinige als ein Opfer auf dem Altare des Vaterlandes zu begehren.
    Sie hatte ein paar Myrtenbltter auf den Rand des Briefes festgenht und ein
Herz darum gezeichnet. Hier haben meine Lippen, Dein gedenkend, dieses Blatt
berhrt! hatte sie darunter geschrieben, und die Spur ihrer Thrnen war auf dem
Papier sichtbar, die Worte waren halb verlscht. Aber der ganze Brief und vor
Allem diese Weichheit des Schlusses brachten keine gute Wirkung auf ihren jungen
Verlobten hervor.
    Renatus hatte seine Braut nicht wiedergesehen, seit er vor seinem Abmarsche
zu dem russischen Feldzuge Abschied von ihr genommen hatte. Die
Heeresabtheilung, bei welcher er stand, hatte bei dem Ausbruch des
Befreiungskrieges ihre Marschroute nach Deutschland im Norden von Berlin gehabt.
Seit mehr als einem Jahre war er auf einen brieflichen Verkehr mit seiner
Verlobten angewiesen gewesen, und ein solcher hat immer sein Bedenkliches, wo es
sich nicht um vllig gefestete und klar bestimmte Verhltnisse handelt. Da
Renatus es nicht zulssig gefunden, seinen Vater von der Wahl in Kenntni zu
setzen, welche er getroffen hatte, war gleich Anfangs ein Anla zur Verstimmung
zwischen ihm und seiner Verlobten geworden. Hildegard hatte ihn der Schwche
angeklagt, ihm vorgehalten, da er seines Vaters Ruhe mehr als ihren Frieden
liebe, und da sie wie die meisten Frauen mit einseitiger Beschrnktheit nicht
von sich selber abzusehen und keinen Anspruch auer dem ihrigen fr berechtigt
anzuerkennen vermochte, hatte Renatus ihr mit Grund den Vorwurf der Eigensucht
gemacht. Von ihm, um dessen Leben sie sorgte, auf den alle ihre Gedanken
gerichtet waren, getadelt zu werden, das hatte sie nicht ertragen knnen, und
von den Anklagen gegen Renatus zu den schwersten Selbstbeschuldigungen
bergehend, um ihn wieder zu vershnen, war sie im Laufe der Zeit allmhlich in
eine Sprache der gefhlsseligen Leidenschaft gerathen, die sich noch gesteigert
hatte, seit der Freiheitskrieg begonnen und die Anschauungs-, Empfindungs-und
Ausdrucksweise gar vieler Menschen sich durch die groen Aufregungen bis zur
Uebertreibung gesteigert hatte.
    Renatus hatte sich von dieser Gefhlsrichtung seiner Braut nie wohlthtig
berhrt gefunden. Er liebte ein frisches, krftiges Wesen, vielleicht gerade
weil er dessen selbst ermangelte, und das Leben des Soldaten auf dem Marsche und
im Felde war wider sein eigenes Vermuthen sehr nach seinem Geschmack. Er hatte
sich auf dem russischen Feldzuge in Entbehrungen und Anstrengungen erproben
lernen, er hatte den groen Augenblick mit erlebt, in welchem sein General das
ihm anvertraute Corps von der Bundesgenossenschaft mit dem Landesfeinde
losgerissen hatte, und von dem erhabenen Schwunge der begeisterten Volksbewegung
weit ber sich selbst hinausgetragen, hatte auch Renatus endlich aus der
Hoffnung auf die Befreiung seines Vaterlandes sein hchstes Ziel gemacht, ohne
da seine Liebe fr Hildegard dadurch beeintrchtigt worden wre; aber sie
verstand es nicht, sich seinen Stimmungen und Zustnden, wie er es begehrte,
anzupassen. Mitten in der stolzen Aufregung des Kampfes, von Tag zu Tag auf
wildem Kriegspfade fortschreitend, immer nur des nchsten Augenblickes und oft
selbst dieses nicht sicher, sehnte er sich nach dem freudigen Zuspruche eines
tapferen Herzens. Wie jeder Jngling zum Helden geworden war, so wollte er ein
Heldenweilb in der Geliebten finden, und Hildegard war zu einem solchen nicht
geschaffen.
    Es half Renatus nicht, da er sich vorhielt, wie muthig sie in den Reihen
der anderen Frauen und Jungfrauen sich der Pflege der Kranken und Verwundeten
unterzogen hatte. So oft er einen Brief von ihr erhielt, peinigten ihn die
klagende Liebe, die fromme Verzagtheit, ja, selbst die entsagende
Gottergebenheit ihres Wesens, die es doch allesammt nicht hinderten, da sie
feste Plane fr ihre eheliche Zukunft entwarf und eine Art von Herrschaft ber
seine Empfindungen auszuben strebte, welche ihn stets daran erinnerte, da er
sich doch eigentlich sehr frh gebunden habe.
    Peinlicher aber als eben der heutige Brief war ihm noch niemals ein anderer
gewesen. Es lhmte ihm jeden Aufschwung, es verdsterte ihm den ohnehin trbe
genug gestimmten Sinn, von Hildegard, wie er es in seinem Innern nannte, im
voraus die Todtenklage um sich anstimmen zu hren. Es schien ihm eine ble
Vorbedeutung am Abende vor der Schlacht zu sein. Er htte so viel lieber ein
frhliches Glckauf, einen siegesgewissen, zukunftssicheren Ruf von ihr
vernommen; und vollends die enge Freundschaft, in welche die Frauen zu dem
Grafen Gerhard getreten waren, und deren Entstehen und Wachsen er seit vielen
Monaten bemerkt und immer ungern gesehen hatte, gereichte ihm heute zu
besonderem Verdrusse.
    Er konnte es in dem eingezunten Grtchen nicht mehr aushalten; er kam sich
ohnehin wie an Hnden und Fen gebunden vor. Er stand auf und verlie den engen
Raum.
    Das ganze Dorf lag voll von Truppen. Es war viel Landwehr dabei, und der
Dialekt seiner Heimath schlug mehrmals an sein Ohr. Er meinte, er msse irgendwo
bekannte Gesichter erblicken, eine Anrede erfahren: und sie wre ihm willkommen
gewesen. Aber Niemand achtete auf ihn, es hatte Jeder mit sich selbst genug zu
thun.
    An den abgeschirrten Batterien, an den Reihen aufgestellter Bayonnette
vorber schritt er zum Dorfe hinaus. Es war dort, wie hier! Ueberall Hast und
Lrmen, berall Gehen und Kommen, berall das Drhnen der Schritte von neu
heranziehenden Truppen und das Rollen der Geschtze und der Munitionswagen.
Dazwischen Gruppen von ermdeten, am Boden liegenden Ankmmlingen, die schlafend
fast mitten im Wege dalagen und jeden Augenblick von Pferdehufen getroffen
werden konnten.
    Die Sonne war schon untergegangen, der Himmel bewlkte sich mehr und mehr,
es dunkelte frh. Aus den Wiesen und Wassern stiegen die Nebel auf und drckten
den Rauch von den zahllosen Beiwachtfeuern nieder, an denen die Soldaten sich
ihr Abendbrod, und fr wie viele unter ihnen mute es das letzte Abendbrod sein,
bereiteten.
    In der Ferne ertnte Trommelwirbel, von verschiedenen Seiten erschallte in
Zwischenrumen die Signaltrompete. Weit hinten am Horizonte stiegen zwei weie
Leuchtkugeln in die Hhe. Was bedeuteten sie?
    Er ging zwecklos vorwrts; er hatte mitunter keinen festen Gedanken, so
Vielerlei, so Schweres zog ihm durch den Sinn, und dazwischen fragte er sich
immer wieder: was bedeuten die beiden weien Leuchtkugeln?
    Den Tod fr Viele ganz gewi! gab er sich endlich selbst zur Antwort, und
wie er denn so einsam dahinzog auf der weiten, weiten, nachtbedeckten Ebene,
einsam unter den Hunderttausenden, die morgen das blutige Spiel beginnen muten,
ber die in wenig Stunden das Todesloos gezogen werden sollte, wie er hier an
einem Schlafenden vorberkam, dort frhliches Lachen und Singen vernahm, dachte
er: Wer von Euch wird morgen noch singen und scherzen? Wer von uns wird schlafen
gehen fr immer? - und es kam ihm gar nicht furchtbar vor, zu diesen Letzteren
zu gehren.
    Was blhte ihm denn in der Zukunft? Was hatte er von ihr zu erwarten?
Qulende Verhltnisse, wohin er sich auch wendete, Verpflichtungen und Sorgen
aller Art! Und wofr das? Hatte er den Verfall seines Familienbesitzes und
Vermgens verschuldet? Hatte er Vittoria in das von Arten'sche Haus gefhrt? Er
mochte gar nicht an sie denken. - Und Hildegard? Nun, Hildegard hatte sich in
ihre knftige Trauer so hineingelebt, da sie wohl vorbereitet sein mute, ihr
Schicksal zu tragen, wenn ihre Ahnungen sich verwirklichten.
    Die Briefe hatten lange Zeit gebraucht, bis sie an ihn gelangt waren. Jetzt,
dachte er sich, muten sie Alle schon in Richten beisammen sein. Er sah sie
deutlich vor sich: Vittoria mit ihrem Sohne, der nicht mehr sein Bruder sein
sollte, und die Grfin und Hildegard und ihre Schwester. Er sehnte sich nicht
dorthin. Ihm bangte vor dem verwaisten Schlosse, und je lnger seine Gedanken
dort verweilten, um so schmerzlicher drngte sich ihm der immer wiederkehrende
Frageruf in die Seele: Vittoria, warum hast Du mir das angethan? - Er fhlte
sich allem Anderen gewachsen, nur Vittoria verachten zu mssen, in Valerio nicht
mehr einen Bruder zu besitzen, heimliche Unehre eingedrungen zu sehen in das
wrdige Haus seiner Vter, das zerri ihm das Herz, und die Zornesthrnen in den
Augen zerdrckend, sagte er sich: Ich bin also der Letzte unseres Hauses,
unseres Namens! Falle ich morgen, so ist unser altes Geschlecht erloschen und
dahin!
    Aus seiner Entmuthigung ri diese Vorstellung ihn empor. Er wollte nicht
mehr untergehen! Er war es denen schuldig, die vor ihm gewesen waren, ihr
Geschlecht und ihren Namen aufrecht zu erhalten fr die Zukunft, er schuldete
sich seinen Ahnen. Er wollte leben bleiben. Morgen wollte er die Frage an die
geheimnivollen Mchte thun, welche das Schicksal der Menschengeschlechter
lenken. Verschonte ihn dieses Mal die Schlacht, so sollte ihm das ein Zeichen
sein, da Gott das Fortbestehen des Hauses und des Namens derer von Arten in
seiner Weisheit angeordnet habe. Der morgende Tag sollte ihm zu einer
Entscheidung auch fr sich selber werden.
    Gefater, als er es verlassen hatte, kehrte er in sein Quartier zurck. Er
fand Platz an dem Tische und setzte sich nieder, um nach Hause zu schreiben,
denn die Anfragen des Justitiarius bedurften einer Antwort; als er sich aber
anschickte, sie zu geben, fiel es ihm erst ein, wie in seines Vaters
letztwilligen Anordnungen gar keine Rcksicht auf den doch so mglichen Fall
genommen war, da Renatus bei seines Vaters Tode nicht mehr am Leben gewesen
wre, und obschon diese Zuversicht des Freiherrn auf des Sohnes Stern fr diesen
eben so erhebend als rhrend war, sagte er sich doch, da es eine Gewissenssache
fr ihn sei, eine Entscheidung zu treffen, eine Entschlieung zu fassen.
    Der Freiherr hatte mit seinem Testamente den ihm untergeschobenen Sohn eines
Fremden offenbar von dem Antheile an dem von Arten'schen Erbe ausschlieen
wollen, so weit er dies vermochte, ohne die ihm und seiner Ehre angethane
Krnkung kundzugeben. Da er seinem Sohne erster Ehe den mglichst vollstndigen
Besitz des Hauses zu erhalten suchte, da die Artenschen Gter kein Majorat
waren, konnte an und fr sich selbst in den Kreisen, in welchen die Familie
lebte, keinen Verdacht gegen Vittoria und gegen die Abstammung Valerio's
erregen, die trotz der freiherrlichen Verfgung noch immer gnstiger zu stehen
kamen, als es bei der Vererbung eines Majorates fr sie der Fall gewesen sein
wrde. Der Freiherr hatte also, nach seines Sohnes Meinung, den Erbantritt
Valerio's nicht vllig ausschlieen wollen. Das Fortbestehen seines Namens und
Geschlechtes hatte ihm hher gestanden, als die Befriedigung seiner beleidigten
Ehre. Starb Renatus kinderlos, so fiel, wenn auf Valerio nicht Bedacht genommen
wurde, was jedoch geschehen mute, so lange seine unrechtmige Geburt nicht
gerichtlich festgestellt worden war, der Arten'sche Besitz an die nchsten Erben
und Anverwandten von Renatus, an die Brder seiner Mutter, und mit Einem Male
scho es dem jungen Manne wie ein Strahl durch das Gehirn, was die Annherung an
ihn, die Graf Gerhard seit Jahren mit einer gewissen Beflissenheit betrieben
hatte, was die Freundschaft, welche der Graf fr die Braut seines Neffen
gegenwrtig kundgab, zu bedeuten haben knnten. Dabei kam ihm, wie mit einem
Zauberschlage, eine Aeuerung in das Gedchtni, welche Graf Gerhard einmal
gegen ihn gethan hatte, als er ihn zum Eintritte in die Dienste des Knigs von
Westfalen berreden wollen. Er hatte Renatus damals, um ihn vom Kriegsdienste
abzuhalten, den einzigen Erben seines Familiennamens genannt, und als dieser ihn
an seinen Bruder Valerio erinnert, hatte der Graf mit einem bsen Lcheln ihm
entgegnet: Vittoria's Sohn wird einmal auf Deine Gromuth angewiesen sein!
Renatus hatte das lange nicht vergessen knnen; dann hatten die Ereignisse der
letzten Jahre jene Aeuerung aus seiner Erinnerung verwischt, und jetzt trat sie
wieder mit voller Klarheit in sein Bewutsein zurck.
    Es berlief ihn hei und kalt. Graf Gerhard wute also um Vittoria's Untreue
und er rechnete auf sie; denn da er, der seine eigene, wahre Ehre nicht
geachtet hatte, kein Bedenken haben wrde, fremde Ehre Preis zu geben, wo sein
Vortheil es erheischte, darauf meinte der Freiherr seinen Oheim wohl zu kennen.
Wie der flammensprhende Krater eines mit Vernichtung drohenden Vulkans that es
sich vor seinen Blicken auf. Ihm graute davor, und doch konnte er sein Auge
nicht davon losreien. Je lnger er darber nachsann, desto weniger wute er
sich Rath.
    Er dachte daran, sein Testament zu machen und Valerio ganz ausdrcklich zu
seinem Erben zu ernennen, denn immer wieder fhlte er es, er liebte diesen
Knaben brderlich. Aber sein Vater hatte dies doch offenbar nicht eigentlich
gewollt, und auch in Renatus strubte sich das Arten'sche Blut dagegen, ganz
abgesehen davon, da die Einsetzung Valerio's ohne Frage einen Erbschaftsstreit
und mit ihm die Enthllung von Vittoria's Ehebruch heraufbeschwren konnte, den
der Freiherr vor der Welt zu verbergen beabsichtigt hatte. Dann wieder fand
Renatus sich geneigt, Hildegard zu seiner Erbin zu bestimmen. Inde der Name
seines Geschlechtes wurde damit nicht erhalten. Die Freundschaft, welche Graf
Gerhard fr die mittellose junge Grfin hegte, konnte gegenber der Erbin des
Arten'schen Besitzes leicht in eine wrmere Empfindung bergehen, und Renatus
hielt es gar nicht fr unmglich, da Hildegard, um ihr Werk der vermeintlichen
Bekehrung an dem Grafen Gerhard zu vervollstndigen, sich selbst zum Opfer
bringen knne. Er hatte heute ein unaussprechlich bitteres Gefhl, so oft er an
sie dachte. Er wute nicht, war es Mitrauen, war es Eifersucht, was ihn also
qulte; aber er vermochte das letztere nicht recht zu glauben, denn heute konnte
er es sich nicht verbergen: er liebte sie eigentlich nicht, er hatte sie niemals
wahrhaft geliebt. Es war eine Aufwallung, eine Uebereilung gewesen, da er sich
ihr anverlobt hatte, ihr ganzes Wesen sagte ihm immer weniger zu, und wie ein
Angstschrei rang sich, ohne da er es wute, aus seinem beklommenen, genstigten
Herzen der laute Ausruf: Freiheit, Freiheit! empor.
    Er erschrak, als er ihn gethan hatte. Seine Kameraden, die noch plaudernd
beisammen saen - die beiden Schlfer waren whrend seines einsamen Ganges auch
wieder munter geworden - wendeten sich nach ihm um.
    Das wird in diesem Augenblicke noch Mancher auer Ihnen rufen, lieber Arten,
sagte der Hauptmann; und frei werden wir werden auf die eine oder die andere
Art, wenn Jeder von uns morgen Alles an Alles setzt! fgte er hinzu.
    Die Unterhaltung der Anderen gerieth dadurch ins Stocken; sie waren sammt
und sonders ernsthaft geworden. Der Hauptmann zog einen Brief aus der
Brusttasche und sprach: Es wird morgen eine Schlacht geschlagen werden, wie die
Weltgeschichte noch keine aufzuweisen hat. Wer sie von uns berleben wird, das
steht in des Allmchtigen Hand. Lassen Sie uns einander das Versprechen leisten,
da die Ueberlebenden Kunde von den Todten in die Heimath senden.
    Er hielt einen Augenblick inne, zeigte den Anderen den Brief, den er danach
wieder in die Brusttasche steckte, und setzte mit weicher Stimme hinzu: Ich habe
eine Frau und zwei Kinder zu Hause. Falle ich und Sie knnen meiner Leiche
habhaft werden, so schicken Sie diesen Brief an meine Frau. Gehe ich verloren in
der Masse, nun, so meldet wohl Einer von Ihnen ihr das Geschehene, damit es ihr
menschlicher und frher als durch die Todtenliste zukommt. Ich stehe, soweit es
nthig und mir mglich ist, Jedem von Ihnen zu dem traurigen Gegendienste
bereit.
    Man sagte einander das Begehrte mit ruhigem Worte zu. Die Lieutenants waren
junge Edelleute und gleich Renatus unverheirathet. Der Hauptmann war
brgerlicher Herkunft. Er war bedeutend lter als die Anderen, und hatte in dem
Regimente von der Pike auf gedient. Renatus wute, da er ohne Vermgen sei, da
er seiner Familie nichts weiter zu vererben habe, als seinen unbescholtenen
Namen und die Erinnerung an seine Liebe und an seine Treue; aber wie schwer dem
Hauptmanne das Herz auch sein mochte, Renatus beneidete ihn, weil so einfache,
natrliche Verhltnisse ihn an das Leben fesselten. Denn wie er sich dagegen
auch innerlich vertheidigte, es bemchtigte sich seiner auf's Neue der dumpfe
Lebensberdru, der ihn heute schon zu verschiedenen Malen berfallen hatte, und
unfhig, irgend einen festen Entschlu zu fassen, warf er sich mit den Anderen
zum Schlafe auf den Boden nieder.
    Der morgende Tag sollte entscheiden! Auch ber ihn und seine persnlichen
Angelegenheiten sollte er entscheiden!

                                Zehntes Capitel


Und sie war gefallen, diese Entscheidung: so erhaben und so glorreich fr das
deutsche Vaterland, als die khnste Einbildungskraft es nur hatte erhoffen
knnen.
    Das Dorf, durch welches Renatus an dem Vorabende der Schlacht gegangen war,
lag in rauchenden Trmmern. Es war der Schauplatz eines mrderischen Kampfes
gewesen. Von den Offizieren, die in jenem Bauernhause bei einander gesessen
hatten, waren nach den drei groen Tagen nur noch Renatus und ein noch jngerer
Edelmann am Leben. Es waren Wunder der Tapferkeit gethan worden.
    Im Verein mit den Ostpreuen hatte das Regiment, in dem Renatus diente,
Gehft um Gehft, nachdem der Feind Herr des Ortes geworden war, wie eben so
viele Festungen, wiedererobern mssen, und, seiner Compagnie voranstrmend, war
der Hauptmann an Renatus' Seite von einer Karttschenkugel niedergeschmettert
worden. Lautlos war er zusammengesunken, und trotz des Kampfes wilder Hast sich
zu ihm niederbeugend, um sein Wort zu lsen, hatte der junge Freiherr die
Papiere und das Schreiben seines Hauptmanns an sich genommen; aber diese
Pflichterfllung hatte ihm selber fast den Tod gebracht; denn wie Renatus sich
emporrichten wollte, stolperte sein Fu ber die Leiche eines eben erstochenen
Soldaten. Ein Kolbenschlag, dem der wankende Renatus nicht widerstehen konnte,
verwundete ihn und warf ihn nieder; auch ber seiner Brust blitzten schon die
Bayonnette der Franzosen, die sich aus einem der in Brand gerathenen Gehfte in
wildem Durcheinander den Strmenden entgegenstrzten.
    Da warf sich pltzlich eine hohe, krftige Mannesgestalt, an der Spitze
einiger ihr folgenden Landwehrmnner, mit raschem Entschlusse den Andringenden
in den Weg.
    Auf, auf, Herr von Arten! rief er, whrend er die Feinde, welche den
Hingesunkenen bedrohten, mit ungewhnlicher Kraft und hchster eigener Gefahr so
lange aufzuhalten wute, bis Renatus wieder Meister ber sich geworden war und
Zeit gefunden hatte, sich zu erheben, um sich in dem grausen Handgemenge, das
wie die strzenden Wellen des Meeres auf und nieder wogte, selber wieder zu
behaupten.
    Es waren nur flchtige Secunden gewesen, die sein Erretter neben ihm
verweilte. Auf! auf Herr von Arten! hatte er noch einmal gerufen, dann hatte die
nchste Kampfeswelle sie weit von einander fortgerissen, und doch hatte Renatus
ihn erkannt, doch war selbst in jener verhngnivollen Minute das wundersam
unheimliche Gefhl durch sein Inneres gezogen, das er stets empfunden hatte, so
oft er in dieses Mannes Nhe gekommen war, so oft er seiner nur gedachte.
    Durch seine Verwundung fr die nchsten Tage dienstunfhig gemacht, in Folge
der ber seine Krfte gehenden Anstrengungen erschpft, lag Renatus neben andern
Kranken und Verwundeten, leise fiebernd, in einem der Zimmer des
Brgerhospitals. Sein Gehirn war frei, nur bisweilen trbten sich seine
Vorstellungen, und er wute dann nicht zu unterscheiden, was wirklich geschehen
war und was er in dem Halbschlafe des Fiebers trumend durchgemacht hatte. Ein
paar Mal fuhr er in die Hhe. Er meinte dann, sich wieder im Kampfesgewhle zu
befinden, er sah die Bayonnette wieder auf seine Brust gezckt, er hrte wieder
das krftig drngende: Auf, auf, Herr von Arten! und wie in jenem Augenblicke
ertnte es ihm als ein Mahnwort von seines Vaters Munde, der ihn zur
Selbsterhaltung um des Hauses willen aufrief.
    Wenn er dann aber in seinen Trumen in die Hhe schaute, um in seines Vaters
Schatten seinen Schutzgeist zu erblicken, stand Paul Tremann wieder vor ihm,
jede Sehne der prachtvollen Gestalt gespannt, das schne Antlitz voll
kaltbltiger Entschlossenheit - und ein eisiger Frostschauer beschlich des
Kranken Herz. Er wachte unzufrieden und erschreckend auf. Er konnte seines
Lebensretters nicht mit Liebe, nicht mit Freuden denken. Er glaubte sich sagen
zu drfen, da er Paul den gleichen Dienst geleistet haben wrde. Es war nur
Menschenpflicht, einander im Kampfe beizustehen, und doch drckte, doch
widerstrebte es ihm, da Paul ihm mit eigener Gefahr zu Hlfe gekommen war, da
er eben ihm, eben diesem Manne sein Leben zu verdanken haben sollte.
    Inde Renatus hatte von seinem Vater mit dem fatalistischen Aberglauben
desselben auch die Fhigkeit geerbt, sich die Dinge nach seinem inneren Bedrfen
zurecht zu legen und zu deuten, und wie seine Krfte ihm allmhlich
wiederkehrten, begann er das ihm beunruhigende und peinigende Erscheinen und
Dazwischentreten seines Bastardbruders fr jenes Zeichen anzusehen, das er in
seiner Entmuthigung am Vorabende vor der Schlacht von dem Geschicke gefordert
hatte.
    Er zweifelte jetzt nicht mehr daran, da seinem Hause ein Fortbestehen
sicher sei, und der schne Erfolg, den er persnlich errungen hatte, als er noch
am letzten Tage der Schlacht zum Stellvertreter und Nachfolger seines gefallenen
Hauptmanns ernannt worden war, hatte sein Selbstvertrauen und die Zuversicht auf
seinen eigenen Stern in ihm belebt und gehoben.
    Ohne eigentliche kriegerische Neigung war er in das Heer getreten und
widerstrebend in den russischen Krieg gezogen. Aber wie wenig er der
franzsischen Sache auch geneigt gewesen war, so hatte er doch die begeisterte
Vaterlandsliebe nicht gehegt, die er bei dem Beginne der Freiheitskriege in sich
hatte erwachen fhlen und die zu einer heiligen Flamme in ihm geworden war, seit
er in ihrem Dienste Blut und Leben eingesetzt. Jetzt war mit seinem Erfolge auch
sein Ehrgeiz angefacht, und wie sein Blick sich vorwrts auf neue Siege, neue
Ehren, auf eine groe militrische Laufbahn richtete, minderten sich die Sorgen,
mit denen er nach der letzten Kunde von den Seinigen an die Heimath
zurckgedacht hatte.
    Er konnte, wie er sich richtig sagte, bei seiner bisherigen Unkenntni von
allem, was die Guts- und Vermgens-Verwaltung anbetraf, aus der Ferne keine
groen, umgestaltenden Maregeln treffen. Es war das Gerathenste, bis zur
Beendigung des Krieges die Dinge gehen zu lassen, wie sie einmal eingeleitet
waren. Er wies also, als er endlich wieder im Stande war, seine Angelegenheiten
vorzunehmen, den Justitiarius an, den Contract mit dem Amtmanne zu erneuern, die
Wirthschaft desselben, so weit es mglich sei, zu berwachen, die Inventarien,
so gut es thunlich, allmhlich herzustellen, die Ausgaben auf jede Weise
einzuschrnken und im Uebrigen wie bisher mit gewissenhafter Treue fr ihn und
seinen Besitz Sorge zu tragen.
    Als er diesen Brief mit Selbstzufriedenheit durchlas, kam ihm, nach dem eben
erst Erlebten, der Gedanke an die Mglichkeit seines eigenen Todes doch wieder
mit verstrkter Macht, und er sagte sich, da er nothwendig fr diesen Fall, da
sein Vater es nicht gethan hatte, in Bezug auf Vittoria und vor allen Dingen in
Bezug auf Valerio seine Manahmen zu treffen habe. Es war nothwendig, einen
Vormund fr Valerio, einen mnnlichen Beistand fr die Baronin, einen Curator
fr die ganze Vermgens- und Besitz-Verwaltung zu ernennen, und Renatus wute
lange keine ihn befriedigende Wahl zu treffen.
    Er kannte die Verwandten seiner Mutter wenig, aber er wrde dem
Majoratsherrn Grafen Berka mit vollem Vertrauen seine ganzen Angelegenheiten
bergeben haben, denn die Ehrenhaftigkeit und Tchtigkeit desselben war ber
jeden Zweifel erhaben; inde Graf Felix stand, wie Renatus selbst, im Felde, und
den Grafen Gerhard mit diesen Ehrenmtern zu betrauen, daran wagte Renatus nicht
zu denken. Allerdings beurtheilte er, weil er berhaupt zu dauernder Strenge und
Entschiedenheit im Urtheile seiner ganzen Natur nach nicht geneigt war, den
Grafen jetzt in manchem Betrachte milder, als an dem Tage, da er den letzten
Brief ber ihn von Hildegard erhalten hatte. Er war sich whrend seines kurzen
Krankenlagers der verhltnimigen Wandlungen bewut geworden, welche er selber
in den letzten beiden Jahren in sich erfahren hatte, und es gab fr ihn manche
Stunden, in denen er es zu entschuldigen fand, da Graf Gerhard sich frher der
franzsischen Sache und der kaiserlichen Fahne angeschlossen hatte. Waren doch
auch in seinem eigenen Vaterhause franzsische Sitte und Sprache lange genug
alleinherrschend gewesen, und seiner groen Bewunderung fr den Kaiser hatte
sein Vater, der verstorbene Freiherr, selber niemals Hehl gehabt. Es war also
denkbar, es war mglich, man konnte es vielleicht entschuldigen, wie Graf
Gerhard es jetzt selber that, da dieser sich als ein junger, lebhafter und
dabei nicht eben reicher Mann einst fr seine Thtigkeit in franzsischen
Diensten ein Feld erffnet hatte. Es war auch nicht unglaublich, da die
wachsende Tyrannei, die nicht endende Kriegslust des Kaisers dem deutschen
Edelmanne endlich die Augen ber seinen Irrthum geffnet hatten, und da er, in
der Reue ber seine Verblendung, sich mit doppeltem Eifer und doppelter
Begeisterung an die Sache seines Vaterlandes hingegeben hatte. Aber wenn das,
wie Graf Gerhard es von sich behauptete, der Fall war, wehalb focht er jetzt
nicht in den Reihen seines Volkes, seiner Standesgenossen, seiner Brder? -
Wehalb setzt er nicht, wie wir alle, sein Leben fr die Sache des Vaterlandes
ein? fragte sich Renatus mit richtiger Selbstschtzung, und sein persnliches
Mitrauen gegen seinen Oheim wurde dadurch immer wieder auf's Neue erweckt und
verstrkt.
    Inde eine Wahl mute er treffen, und wie er die Reihe der Edelleute
durchdachte, die seinem Vater und seinem Hause verbunden gewesen waren, stie er
auf eine Schwierigkeit, die er bis dahin nicht in das Auge gefat hatte. Ein
jeder Bevollmchtigte mute, wenn er das Testament des Freiherrn sah, in welchem
Valerio immer und ausdrcklich nur als der Sohn Vittoria's, nie als des
Freiherrn Sohn bezeichnet war, die Verhltnisse des Hauses in einer Weise
erkennen lernen, wie sie Andern, Fremden, bekannt werden zu lassen der
verstorbene Freiherr eben zu vermeiden gewnscht hatte; und hin und her
erwgend, wie es vielleicht auch nicht einmal rathsam sei, einem befreundeten
Standesgenossen die volle Einsicht in seine verwickelte und schwierige Lage zu
vergnnen, bedauerte Renatus es in tiefster Seele, da es nicht mehr Adam
Steinert sei, der an der Spitze der freiherrlichen Gter stehe.
    Er hatte Adam wenig gekannt, aber alles, was er jemals von dem verstorbenen
Caplan und andern Personen ber ihn vernommen, hatte entschieden zu des Mannes
Gunsten gelautet. Wre Adam noch als oberster Verwalter auf den Gtern und im
Dienste des freiherrlichen Hauses, oder wre er nur auf Marienfelde und nicht im
Heere gewesen, so wrde Renatus, allem Familien-Herkommen entgegen, ihn zu dem
Vormunde von Valerio und berhaupt zu seinem Vertrauensmanne ausersehen haben;
und da Adam sich trotz alles Vorgefallenen htte geehrt fhlen mssen, von
einem Freiherrn von Arten ein solches Amt zu bernehmen, daran zu zweifeln fiel
dem jungen, in standesmigem Hochmuthe auferzogenen Manne gar nicht ein. Er
erinnerte sich, da selbst der alte Flies, der mit seinem Lobe zu kargen gewohnt
war, den Adam Steinert als einen der ausgezeichnetsten Landwirthe und als einen
hchst umsichtigen Geschftsmann bezeichnet hatte, und whrend Renatus diesen
Ausspruch noch in sich erwog, fiel es ihm ein, wie der alte Flies seit lnger
als einem Menschenalter mit allen Unternehmungen und auch mit den wachsenden
Verlegenheiten des verstorbenen Freiherrn wohl bekannt gewesen sei und wie es
also vielleicht das Gerathenste sein drfte, ihn, auf dessen Verschwiegenheit
der Freiherr Franz sich von jeher fest verlassen hatte und an dessen Meinung dem
jungen Edelmanne im Grunde nicht viel gelegen war, dem Justitiarius
beizugesellen und ihnen gemeinsam die Vorsorge fr die vterliche
Verlassenschaft wie fr die in Richten Hinterbliebenen zu berantworten.
    Eine abschlgige Antwort frchtete Renatus von Herrn Flies noch weniger, als
er sie von Steinert erwartet haben wrde; denn einerseits hatte der Banquier
bedeutende Hypotheken auf Neudorf und auf Rothenfelde, anderseits hatte er aber
auch Wechsel von dem verstorbenen Freiherrn in Hnden, die fr dessen Erben in
jedem Augenblicke unbequem und gefhrlich werden konnten, wenn Herr Flies sich
einmal versucht fhlen sollte, sie nicht mehr zu verlngern. Es lag also in dem
beiderseitigen Vortheile, in gutem Einvernehmen zu verbleiben. Dem Herrn Flies
mute es nothwendig gerade darum zu thun sein, die Sachverhltnisse genau zu
kennen, und - Renatus schmte sich halbwegs vor sich selber, als er sich dieses
Bestimmungsgrundes bediente - wenn Herr Flies auf solche Weise auch tiefer, als
Jener es begehrte, in das von Arten'sche Familienleben hineinsah, nun, so konnte
man sich immer noch auf Seba's Freundschaft fr die verstorbene Baronin Angelika
verlassen, und schlimmsten Falles, nach den vertraulichen Mittheilungen des
Grafen Gerhard, von Herrn Flies um Seba's willen Verschwiegenheit gegen
Verschwiegenheit beanspruchen.
    Es war dem jungen Freiherrn nicht ganz wohl bei diesen letzten Erwgungen
und Betrachtungen zu Muthe. Er wrde nie darauf gekommen sein, sie gegenber
einer adeligen Familie anzustellen; aber mit einer brgerlichen und vollends mit
einer Juden-Familie war das etwas ganz Verschiedenes. Er stand mit ihnen, welche
Rechte die neuere Zeit und die neue Gesetzgebung ihnen auch einrumten, durchaus
nicht auf demselben Boden; sie waren in keinem Betrachte seines Gleichen. Ihre
und seine Ehrbegriffe konnten gar nicht dieselben sein, ihre Welt war nicht die
seine, und es blieb ja immer seinem Ermessen berlassen, sobald die
Zeitverhltnisse es ihm gestatteten, eine Verbindung zu lsen, einen
Zusammenhang aufzugeben, die eben nur durch die zwingende Gewalt der Umstnde
fr ihn zu einer augenblicklichen Nothwendigkeit geworden waren.
    Dazu drngten ihn seine Marschordre wie sein eigenes Verlangen, so bald als
mglich seinem Regimente zu folgen, dem Befehl ber die Compagnie, den er in den
beiden letzten Tagen der Schlacht aus eigner Machtvollkommenheit gefhrt hatte,
nun als ihr ernannter Hauptmann in aller Form zu bernehmen, und selbst die
Rcksicht, da Paul ein Theilnehmer des Flies'schen Handlungshauses sei, nderte
schlielich in des jungen Freiherrn Vorhaben nichts, sie bestrkte ihn nur noch
in demselben. Eine persnliche Berhrung mit jenem wurde fr Renatus vorlufig
dadurch keineswegs nothwendig. Bei Geschften, wie das Haus Flies sie seit
langen Jahren mit seiner Familie gemacht hatte, fielen aber dem Kaufmanne immer
wesentliche Vortheile zu, und, sagte Renatus sich mit selbstgeflliger
Herablassung, Paul war doch einmal seines Vaters Sohn. Es stand also, wie der
junge Freiherr meinte, den Erben seines Vaters gar wohl an, dem nicht
rechtmigen Sohne desselben, wenn es sich so fgte, einen Vortheil zuzuwenden
und ihn verdienen zu lassen, was sonst einem Fremden zufiel. Er war mit dieser
Schlufolgerung, von groer Niedergeschlagenheit ausgehend, doch schnell wieder
dahin gelangt, sich und seine Verhltnisse zu berschtzen, weil es ihm zu
qulend war, sie lange in ihrem richtigen Lichte zu betrachten, und wie er sich
nun auf's Neue nach seinem selbstgeschaffenen Mastabe auferbaut hatte, legte er
denselben auch an die Andern an, so da er sich bald in gutem Glauben zu der
Ausfhrung seiner Absichten entschlo.
    Er schrieb dem Justitiarius also, wie er es gehalten haben wolle, er schrieb
auch an Herrn Flies, wie jenes Vertrauen, welches die Freiherren von Arten, sein
Grovater wie der verstorbene Freiherr Franz, zu Herrn Flies und zu dessen
Einsicht und Rechtschaffenheit stets gehegt htten, es ihm sehr wnschenswerth
machten, wenn Herr Flies sich der einstweiligen Vormundschaft ber den jungen
Freiherrn Valerio unterziehe, wenn er der verwittweten Freifrau von Arten wie
dem Justitiarius zur Seite stehe, und Renatus berief sich dabei ausdrcklich auf
die frheren persnlichen Beziehungen, welche zwischen ihm selbst und dem
Flies'schen Hause obgewaltet htten. Er meldete es, da er Hauptmann geworden
sei, erwhnte, da er in der Schlacht von Mckern in Todesgefahr geschwebt habe;
aber er unterlie es, hinzuzufgen, wem er seine Rettung zu verdanken habe. Da
er vor seinem Ausmarsche von Berlin die Grfin Rhoden aufgefordert, jeden Umgang
mit Seba abzubrechen, da das bloe Wort des Grafen Gerhard, dem er in seinen
persnlichen Beziehungen ganz und gar mitraute, hingereicht hatte, ihn den Stab
ber Seba, ber die Freundin seiner Mutter, brechen zu lassen, das alles
erwhnte er freilich nicht. Er hegte die feste Ansicht, da es einem Manne wie
ihm anstehe und erlaubt sei, sich der ihm nicht ebenbrtigen Menschen wie der
Werkzeuge zu bedienen, die man aufnehme und liegen lasse, je nachdem man sich
ihrer benthigt finde. Es war das keine Sache der Ueberlegung bei ihm, es lag
ihm im Blute, war ihm ein angezeugter, angeerbter Glaube, und er hatte ber
dasjenige, was ihn nicht selbst betraf, niemals ernsthaft nachgedacht, obschon
es ihm, wo er ihn anzuwenden fr gut befand, an Scharfsinn nicht gebrach.
    Der verstorbene Freiherr hatte sich, wie Renatus wute, des Herrn Flies
bedient, als es sich um die Unterbringung und Erziehung Paul's gehandelt, man
hatte die Baronin im Flies'schen Hause ihr Krankenlager halten lassen, ohne
dadurch sich irgendwie zu besonderem Zusammenhange mit der Familie verpflichtet
zu glauben, und Renatus war berzeugt, da auch fr ihn angemessen und auch
jetzt noch mglich sei, was seine Eltern einst fr sich angemessen und mglich
gefunden hatten. Er haftete berhaupt, und wie sollte und konnte es anders sein,
mit seinem ganzen Sinne auf dem Boden der Ueberlieferungen. Die Ehre, wie er sie
verstand, erschien ihm immer noch als ein Vorrecht, als ein ganz
ausschlielicher Besitz des Adels. Nur der Rckblick auf eine Ahnenreihe konnte
den Begriff der wahren Ehre, wie er meinte, in dem Menschen entwickeln. Nur wer
sein Thun und Handeln in jedem Augenblicke der Wrde aller derjenigen anzupassen
hatte, die vor ihm den Familienschatz der Familienehre angesammelt hatten,
konnte die verantwortlich machende Selbstachtung besitzen, ohne welche die wahre
Ehre nicht bestehen kann: jene Ehre und jene Ehren, die den mittellosesten und
geistig geringsten Edelmann, als Mitglied einer besonderen Kaste und einer
besonderen Race, ber alle Nichtadeligen erheben, welcher geistigen oder
uerlichen Mittel und Vorzge diese sich auch zu rhmen haben mgen.
    Es war nicht allein der Tod seines Vaters, es war mehr noch das Bewutsein
der eigenen im Felde bewiesenen Tapferkeit, welche in Renatus den alten
Adelsstolz seines Hauses jetzt auf's Neue und strker als je zuvor belebte. Da
um ihn her Tausende und aber Tausende von Nichtadeligen das Gleiche wie er
gethan hatten und thaten, das verminderte seine Selbstzufriedenheit nicht im
geringsten. Wie es Sitte unter denen von Arten war, den Familienschmuck der
Frauen bei der Verheirathung des Stammhauptes zu vergrern, so gehrte es sich,
da jeder Herr von Arten den Stammesschatz der Familienehren zu erhhen suchte.
Der Freiherr Franz hatte in Friedensjahren die Kirche in Richten gebaut; Renatus
dachte dem Hause in seinem Namen neue Ehren, kriegerische Ehren zuzufhren, da
die Bahn des Krieges vor ihm ausgebreitet lag; und nun er sich durch seine
neuliche Erhaltung des Fortbestehens seines Hauses berhaupt versichert glaubte,
waren eine Heiterkeit und eine Zuversicht ber ihn gekommen, die ihm sonst nicht
eigen gewesen waren.
    Nur an Hildegard konnte er nicht mit freiem Herzen denken, und es kam ihm
schwer an, ihr zu schreiben. Als er sich aber dazu erst berwunden hatte,
beschlo er, es mit aller der Wahrhaftigkeit zu thun, die einem Edelmanne seiner
knftigen Gattin gegenber zieme.
    Er sagte ihr, da er sich mit ihrer Gefhlsweise oftmals gar nicht in
Uebereinstimmung finde, da er sich jetzt, wo er dem Tode nur mit genauer Noth,
nur wie durch ein Wunder entgangen sei, in seinem Innern reiflich geprft, und
es erkannt habe, wie seinem Verlbni mit ihr nicht jene Alles umfassende Liebe
zum Grunde gelegen habe, welche die Verbindung zwischen Mann und Weib zu einer
Naturnothwendigkeit mache; aber da er sie werth halte, da er entschlossen sei,
sein Wort, wie es einem Edelmanne gebhre, einzulsen, ja, wie er sich berzeugt
fhle, da Hildegard ihn beglcken, da er sie auf das wrmste lieben werde,
wenn sie aus dem Bereiche der Schwrmerei in die Wirklichkeit hinabsteigen und
die frhliche Zuversicht zum Leben fassen wolle, die ihm gerade mitten in
Todesnoth und Gefahren gekommen sei. Er rieth ihr dann, gegen den Grafen Gerhard
trotz seiner endlichen Bekehrung auf ihrer Hut zu sein, theilte ihr mit, da er
Herrn Flies und nicht seinem Oheim die Familien-Angelegenheiten bergeben habe,
und bat Hildegard danach, sich es mit den Ihrigen in seinem Schlosse gefallen zu
lassen und sich von jetzt ab als die Herrin desselben betrachten zu wollen, an
deren Seite er in nicht zu ferner Zeit von seinem Kriegerleben auszuruhen hoffe.
Um sich aber ihren Anschauungen und Empfindungen doch auch wieder gefllig
anzupassen, kam er dann noch einmal auf die Schlacht zurck, deren Begebnisse er
ihr ausfhrlich schilderte; und seine spteren Trume mit den Erlebnissen und
Eindrcken der Wirklichkeit willkrlich und ganz bewut vermischend, stellte er
es ihr mit allem poetischen Schwunge, ber den er verfgte, ausfhrlich dar, wie
er seines Vaters Stimme pltzlich mitten im Gewhle des Kampfes zu vernehmen
geglaubt habe, wie er, die Augen emporhebend, die Augen seines Vaters ber sich
leuchten gesehen, und wie er sich berzeugt halte, da Gott selbst ihm diesen
Beistand, diesen Schutzgeist in Gestalt seines Vaters zugesendet habe, um ihm
damit Muth und Hoffnung in seiner Trauer um den Vater und ein Zeichen fr das
lange, dauernde Fortbestehen des Hauses derer von Arten zu gewhren.
    Znde die geweihten Kerzen zum Danke in unserer Kirche an und denke meiner,
so oft Du Dich in unserem Gotteshause betend niederwirfst! so schlo er. - Wer
aber der Muthige gewesen war, der ihn gerettet hatte, das schrieb er auch
Hildegarden nicht.
    Er besorgte, fr ihr Herz das ganze Ereigni seines geweihten Eindrucks und
seines dichterischen Zaubers zu entkleiden, wenn er ihr sagte, da es ein
gewhnlicher Sterblicher, da es Paul Tremann sei, dem er sein Leben zu
verdanken habe.

                                  Drittes Buch



                                 Erstes Capitel

Europa zitterte noch unter dem Nachdrhnen der Ereignisse, welche ber den
Welttheil hingegangen waren. Zwei blutige Kriege hatten die Herrschaft
Napoleon's vernichtet. Kometengleich, wie er Alles berstrahlend am Horizonte
der Zeit emporgestiegen, war er von demselben verschwunden. Zum zweiten Male war
das zum Herrschen unfhig gewordene Geschlecht der Bourbonen in seine Heimath
zurckgefhrt worden, zum zweiten Male standen die vereinigten Heere in der
Hauptstadt Frankreichs, whrend Napoleon Bonaparte, der dieses Frankreich durch
ein halbes Menschenleben zur Beherrscherin der Welt gemacht hatte, als ein
Verbannter auf dem Rcken des Bellerophon einsam durch die Fluten des
Weltmeeres zog, das ihn fr immer von dem Schauplatze seiner Thaten trennen
sollte.
    Es war in der Mitte des Sommers; Paris war nie glnzender erschienen, als
eben jetzt, wo die vertrieben gewesene Knigsfamilie, wo die zurckgekehrten
Edelleute der alten Geschlechter und alle die Tausende von sieggekrnten Fremden
sich fr schwere Entbehrungen und Leiden, fr blutige Kmpfe und fr Wunden, in
den Genssen entschdigen wollten, die keine andere Stadt der Welt in so
verfhrerischer Anmuth darzubieten versteht, als das immer wieder jugendliche,
das glnzende, bei all seiner Majestt und Pracht so liebliche Paris.
    Der Tuileriengarten war voll Menschen. Von dem mittleren Pavillon des
Schlosses, vom Pavillon de L'Horloge, hing die weie Fahne schlaff hernieder.
Ueber den Rasenpltzen, ber den im altfranzsischen Geschmacke angelegten
Blumenbeeten, ber den alten Kastanienbumen brtete die heie Sommersonne. In
den weiten Wasserbehltern, aus denen die Springbrunnen so hoch gegen den blauen
Himmel aufstiegen, da die fallenden Tropfen in der Hhe wie flssige Diamanten
erglnzten, zogen die Schwne langsam umher. Soldaten aller Grade, Soldaten aus
aller Herren Lndern gingen in den breiten mit groem Sinne angelegten Wegen auf
und nieder, whrend Schaaren von Kindern berall ihr Wesen trieben und die
Schnen aller Stnde ihren Spaziergang in den Alleen machten oder in Gruppen auf
den zur Miethe feil gebotenen Sthlen saen, um der Militrmusik zuzuhren,
welche hier um Sonnenuntergang das Publikum alltglich eine Stunde unterhielt.
    Weiter ab, nach dem Ausgange des Gartens hin, wo die umschlieende Terrasse
sich nach dem groen Platze ffnet, da man fern hinaussieht ber die
elysischen Felder hinweg, bis zu dem gigantischen marmornen Triumphbogen, den
der gefallene Titan sich und seinen Siegen zum stolzen Gedchtni aufzurichten
begonnen hatte, saen auf einer der steinernen Bnke vier preuische Offiziere
bei einander. Drei von ihnen, der junge Lieutenant, der Hauptmann, ein krftiger
Fnfziger, und der schne Major, der den linken Arm in einer leichten Binde
trug, gehrten der Landwehr an. Der Oberst war von den Linientruppen.
    Er und der Lieutenant, ber dessen Lippe der blonde Schnurrbart sich eben
erst zu kruseln begann, schienen viel Gefallen an dem bewegten Leben zu finden,
das sie umgab. Der Hauptmann und der Major, auf dessen breiter Brust das Eiserne
Kreuz und der russische Annen-Orden sich wrdig ausnahmen, beachteten es nicht
sonderlich, und der Letztere hatte schon eine geraume Zeit gedankenvoll in die
Ferne geblickt, als der Oberst die Beiden mit der Frage anrief: Sagen Sie mir,
meine Freunde, worber denken Sie so ernsthaft nach, da Sie darber diese
liebe, lustige Welt, die sich hier so vergnglich sonnt und sich ihres Lebens
freut, wie der Fisch im Wasser und wie der Vogel in der Luft, fast zu vergessen
scheinen? Es bleibt mir nichts als die plumpe Frage brig, wenn ich Sie nicht
ganz und gar in sich selber versinken lassen will.
    Der Hauptmann hob sein kluges, treuherziges Auge zu dem Fragenden empor und
sagte: Ich dachte darber nach, ob sie bei mir zu Hause auch so gutes, trockenes
Wetter haben mgen; die Weizenernte mu jetzt im vollen Gange sein. Es ist jetzt
das dritte Jahr, fgte er mit unterdrcktem Seufzer hinzu, da ich nicht mehr
daheim bin! Ich fange an, mich sehr nach Weib und Kind, nach Haus und Hof zu
sehnen, und obschon meine Frau und mein Verwalter tapfer durchgeschlagen haben,
ist's doch Zeit, da ich nach Hause komme. Es ist keine Kleinigkeit um eine
Wirthschaft, der des Herrn Auge fehlt! Ich habe hier keine Ruhe mehr.
    Da geht's Dir wie mir, mein Freund, rief der Major; seit ich aus dem
Lazareth bin, lt's auch mich hier nicht mehr rasten. Die Ruhe macht mich
unruhig, und da der Friede jetzt eine ausgemachte Sache ist, bin ich gestern um
meinen Abschied eingekommen.
    Um Ihren Abschied? fragten der Oberst und der Lieutenant wie aus Einem
Munde. Das ist nicht Ihr Ernst.
    Haben Sie denn vergessen, meine Freunde, da ich Kaufmann bin, da mein
greiser Freund und Compagnon jetzt seit mehr als vier Jahren alle Sorgen des
Geschftes allein getragen hat und da es eine Ehrensache fr mich ist, ihm so
bald als mglich die schwere Last von seinen Schultern zu nehmen?
    Aber nach den Erfolgen, die Sie gehabt haben, lieber Tremann, nach dem
militrischen Range, den Sie einnehmen, nach den Auszeichnungen, die Sie
erworben haben - er wies auf die Orden, welche Paul auf seiner Brust trug - und
vor Allem nach der Tapferkeit und dem militrischen Talente, welche Sie
bewiesen, sind Sie fr Ihren jetzigen Stand wie geschaffen! meinte der Oberst.
Ich frchte, das ruhige Leben des Geschftsmannes wird Ihnen jetzt nicht mehr
wie sonst behagen, ganz abgesehen davon, da sich Ihnen in dem Heere doch eine
andere, eine vortheilhaftere und schnere Laufbahn dargeboten hat.
    Paul lchelte. Kennen Sie mich so wenig, lieber Werben? sagte er. Ich bin zu
sehr auf Thtigkeit gestellt, um jemals im Frieden einen guten Soldaten
abzugeben, und viel zu sehr an Unabhngigkeit gewhnt, um ohne zwingende
Nothwendigkeit auf dieselbe zu verzichten. Im Kriege war das etwas Anderes. Da
verlangte jeder Tag den ganzen Menschen, da brachte jeder Tag neue Aufregungen,
forderte rasche, selbststndige Entscheidung; man gelangte immer und immer
wieder, wie der Kaufmann das gewohnt wird, zu dem Bewutwerden aller seiner
Krfte und seines Einflusses auf Andere; man geno in jedem Augenblicke die
Genugthuung irgend eines Erfolges, wie wir deren in unseren wohlberechneten und
darum wohlgelingenden Geschften haben. Jetzt, seit den drei Wochen, seit denen
man mich aus dem Hospitale entlassen hat, werde ich meiner nicht mehr froh. Ja,
ich war in der That im Lazarethe, fgte er scherzend hinzu, fr mein Gefhl weit
besser daran, als jetzt, da ich wieder zu den Geheilten und Gesunden zhle; denn
das Kranksein, das Schmerzertragenmssen war doch immer noch eine Art von
Arbeit, eine Art von Leistung. Und was die vortheilhafte Laufbahn anbetrifft, so
wte ich keinen Rang und keine Stellung in der Welt, die mich wnschenswerther
dnkte, als die eines vllig freien, unabhngigen Mannes.
    Es entstand eine kleine Pause. Der schlanke Lieutenant, der seit seinem
Ausmarsche aus der Heimath noch ein tchtig Stck gewachsen war und dem das
Leben in den groen Stdten eben so wohl gefiel, als er sich selber in der
Uniform, sah verlegen vor sich hin. Er hatte von seinem Vater in den letzten
Tagen sehr hnliche Einwendungen hren mssen, als er seinen Wunsch geuert
hatte, ganz im Kriegsdienste zu bleiben, whrend es Adam Steinert nicht zu Sinne
wollte, da sein Aeltester ein anderes Gewerbe treiben sollte, als den Landbau,
bei dem die Familie hergekommen und gediehen war seit lieber, langer Zeit. Auch
der Oberst von Werben fand kein besonderes Behagen an seines Freundes
Aeuerungen. Er hatte allerdings nach dem ersten unglcklichen Kriege durch eine
Reihe von Jahren das brgerliche Kleid getragen und zu der Zeit, in welcher der
Kampf gegen Napoleon sich vorbereitete, es oft genug ausgesprochen, wie die
Kraft eines Volkes nicht in einem stehenden Heere, sondern in dem Selbstgefhle
und in dem Freiheitsbedrfnisse jedes Einzelnen im Volke beruhe; aber er war ein
geborener Edelmann, sein Vater und seine Voreltern hatten den Knigen gedient,
auch er war mit sechszehn Jahren in das Heer getreten, und die erfochtenen
Siege, wie gro die Mitwirkung der Landwehr an ihnen auch gewesen war, hatten
dem Berufssoldaten doch einen neuen Einflu und eine neue Macht gesichert. Der
Oberst konnte sich also in das Selbstgefhl seines Freundes nicht mehr so vllig
finden, als in den Tagen, in denen er, ein aus dem Dienste entlassener Offizier,
in dem zerschlagenen Vaterlande vergebens nach Rettung fr dasselbe ausgespht
hatte.
    Ueber eines Menschen Neigung und Beruf ist nicht mit ihm zu streiten! sagte
er, und man konnte ihm die Empfindlichkeit anhren, mit der er Paul den Stand
des Kaufmanns gegen den seinigen erheben hrte. Ich bin auch weit entfernt, die
Macht des Geldes zu unterschtzen; nur glaube ich, da es noch ein Hheres gibt,
als den Besitz, und Sie selbst, lieber Tremann, waren dieser Ansicht ebenfalls,
als Sie Hab und Gut im Stiche lieen, um dem Vaterlande Ihre Kraft zu weihen, um
sich, wie Sie es damals nannten, Ihr Brgerrecht in der frh verlassenen Heimath
zu erwerben.
    Nun, mich dnkt, das habe ich gethan! entgegnete Paul und ma den Obersten
mit einem so festen, stolzen Blicke, da Steinert und dessen Sohn, so genau sie
ihn zu kennen glaubten, von seiner Haltung sich betroffen fhlten, und der
Oberst, der im Grunde durchaus nicht die Absicht gehabt hatte, ihn zu verletzen,
sich in seine Aufwallung nicht finden konnte.
    Paul wurde auch schnell wieder Herr ber sich, und einlenkend sprach er:
Wohl uns, da jeder von uns mit seinem eigentlichen Berufe so wohl zufrieden ist
und gro von ihm denkt. Die Gesammtheit kann es besser nicht verlangen. Inde,
damit Sie ber mich in keinem Zweifel bleiben knnen, gestehe ich Ihnen, da ich
den Besitz als Mittel zum Zwecke, als bewegende Kraft, als Grundlage aller
Civilisation und Freiheit ber Alles schtze und da es mir fr Jeden, dessen
Anwesenheit im Heere jetzt nicht mehr eine Nothwendigkeit ist, geboten scheint,
nach Hause zu gehen und, so viel an ihm ist, an der Wiederbelebung unseres
Wohlstandes zu arbeiten. Der Boden lechzt nach den Armen und Hnden, die ihn
pflgen und bauen, und das Capital, so weit es vorhanden ist, nach den Krften,
die es in Bewegung setzen, um es zu vermehren; denn reicher geworden sind in
diesen letzten Zeiten gewi nur Wenige von uns. Aber wo Handel und Gewerbe so
lange gestrt worden sind, ist dafr in den nchsten Jahren ohne Frage auch eine
erfolgreiche Thtigkeit fr denjenigen zu finden, der es begreift, wo sie zu
suchen ist.
    Er erhob sich bei den Worten; auch die Anderen standen auf, denn es traten
Bekannte hinzu, welche die Unterhaltung unterbrachen, und man trennte sich bald
danach.
    Paul und der Hauptmann schlugen den Weg nach dem jenseitigen Seineufer ein,
um noch einen ruhigen Abendspaziergang zu machen; die Anderen gingen in grerer
Gesellschaft nach dem Palais Royal, in welchem sich in jener Zeit gegen den
Abend hin vor den Kaffeehusern und in den Speisehusern die Fremden
zusammenfanden.
    Du hast vorhin eine Aeuerung gethan, sagte Steinert, nachdem er schweigend
eine Strecke neben Tremann einhergegangen war, mit dem die Waffenbrderschaft
und die gemeinsam getheilten Gefahren ihn eng verbunden hatten, die mich
beunruhigt. Ich frchte, Ihr gehrt zu denen, welche durch die Kriegsjahre
Verluste erlitten haben.
    Paul stellte das nicht in Abrede. Er gestand dem Freunde vielmehr, da der
Fall groer russischer Huser, mit denen er und sein Compagnon gemeinsam
gearbeitet und fr die sie demgem Verpflichtungen bernommen htten, sie stark
angegriffen habe. Es blieb uns in dem Augenblicke, da der Krieg ausbrach, eben
nur die Wahl, uns selbst gleichfalls fr zahlungsunfhig zu erklren, sagte er,
oder mit Hintansetzung jeder anderen Rcksicht unsern Glubigern gerecht zu
werden. Das Letztere ist geschehen. Unser Vermgen ist dabei aber in dem Grade
zusammengeschmolzen, in welchem unser Credit gewachsen ist.
    Er sprach das mit groer Gelassenheit, obschon seine freie Stirn sich etwas
verdsterte. Der Hauptmann wollte wissen, wann Tremann die Nachricht erhalten
und warum er nie davon gesprochen habe.
    Ich erhielt die Nachricht am Tage vor der Schlacht an der Katzbach,
entgegnete Paul, und den Arm in seines Freundes Arm legend, sagte er: Wir
standen einander damals noch nicht so nahe, da ich Dir es htte sagen mgen,
und ich bin es auch gewohnt, dergleichen mit mir selber abzumachen. Ich
versichere Dich aber, ich habe oft mitten im Gewhle des Kampfes, mitten in den
blutigen Gefechten mit Sorge, ja, mit Angst an die Mglichkeit meines Todes
gedacht, und es wird Dir eben so gewesen sein; denn den Tod nicht frchten, den
Tod verachten kann nur derjenige, dessen Leben fr keinen anderen Menschen Werth
hat.
    Wem sagst Du das? rief Steinert aus, und seine Augen feuchteten sich bei der
Erinnerung, wie oft seine Gedanken im Gefechte sich zu Weib und Kind gewendet
hatten.
    Paul lie sich jedoch nicht unterbrechen. Das Prahlen mit der
Todesverachtung ist mir immer als eine elende Lge oder als das unwillkrliche
Zugestndni groer Unfhigkeit und groer Selbstsucht erschienen, fuhr er fort.
Wir sind jetzt hier Alle in der Lage gewesen, unser Leben fr die Befreiung
unseres Vaterlandes in die Schanze zu schlagen; das hat mich aber nicht
gehindert, es stets zu wnschen, da das meinige aufgespart bleiben mge; denn
es liegt viel auf mir und ich habe Pflichten gegen geliebte Menschen zu
erfllen. Die russischen Geschfte sind von unserm Hause auf meinen Antrieb
unternommen worden und haben groe Vortheile gebracht, bis sie dann pltzlich
weit mehr als die Hlfte unseres Vermgens verschlungen haben. Seba ist an
Reichthum gewhnt, Davide in demselben, ohne da sie eigenes Vermgen htte,
aufgewachsen, und der alte Flies hat ein langes Leben damit zugebracht, seinen
Besitz und seine kaufmnnische Stellung zu begrnden. Sie sind sammt und sonders
wohlthtig und mittheilsam; sich zu beschrnken, wrde ihnen allen schwer
fallen, und es war auch bis jetzt noch keine Veranlassung dazu. Wo Credit,
Arbeitskraft und Einsicht in die Verhltnisse der Zeit vorhanden sind, braucht
man nicht ngstlich zu sein: sie sind Vermgen und bertragen oder verwandeln
sich mehr oder weniger schnell auch wieder in greifbaren Besitz. Unser Credit
hat sich, weil wir alle diese Krisen berstanden haben, wie gesagt, erhalten;
aber mit siebenzig Jahren hat man die rasche Entschlossenheit, den sicheren,
schnellen Ueberblick nicht mehr, deren der Kaufmann nicht entrathen kann, und
ein Kaufmann im groen Style war mein alter Wohlthter niemals. - Er machte eine
kleine Pause und fgte dann hinzu: Du siehst also, da ich nach Hause gehen mu,
und es scheint mir nicht, als ob man uns Freiwilligen dabei groe
Schwierigkeiten in den Weg zu legen denke.
    Steinert wollte wissen, auf welche Weise Jener um seinen Abschied
eingekommen sei. Paul sagte, er habe vorlufig nur einen Urlaub auf drei Monate
begehrt; nach Verlauf derselben werde man voraussichtlich so weit mit den
Friedensverhandlungen vorgeschritten sein, da man die Landwehr in die Heimath
entlassen werde, und dann gehre ohnehin Jeder wieder sich und seinem
brgerlichen Berufe. Steinert sah das als richtig ein und beschlo, das gleiche
Verfahren fr sich einzuschlagen; nur wegen seines Sohnes konnte er zu keinem
Entschlusse kommen. Aber auch hier gab Paul den Ausschlag. Er rieth, den
Jngling vorlufig noch im Heere zu lassen, namentlich wenn das Regiment, wie es
den Anschein hatte, in Paris verbleiben sollte. Dein Sohn, sagte er, wird hier
des Franzsischen vollstndig mchtig, lernt die Welt, die Menschen kennen und
sieht und hrt, was ihm spter auf Eurem Dorfe nie geboten werden kann. La ihn
bis zum vlligen Frieden im Regimente und dann bergieb ihn mir.
    Meinst Du, da er Kaufmann werden soll? fragte Steinert mit einer gewissen
Aengstlichkeit.
    Paul lachte trotz des Ernstes ihrer Unterhaltung hell auf. Und Du willst
Dich ber die Vorurtheile des Adels beklagen, rief er, whrend Dir selbst der
Kastengeist so tief im Blute steckt, da der bloe Gedanke, ein Adam Steinert
knne etwas Anderes werden, als ein Landwirth, oder etwas Anderes thun, als in
Eurer Provinz den Boden bauen, Dich schon unheimlich berhrt? Ihr kommt noch
dahin, Euch Adam Steinert der Vierundvierzigste zu nennen, wie unsere kleinen
Frsten, wenn Ihr so fortfahrt, wie bisher. Aber sei unbesorgt, er soll den
Acker bauen, wie Du selbst, nur vorlufig nicht den Eurigen.
    Steinert antwortete nicht gleich; denn kein lterer Mann ertrgt es willig,
sich von der besseren Einsicht eines jngeren zurecht gewiesen zu sehen. Inde
Paul besa die auf Erfahrung und auf verstndiges Selbstvertrauen gegrndete
Kraft, die Menschen leicht von dem Richtigen zu berzeugen und, weil er immer
Herr ber sich selber war, auch ohne da er es suchte und wollte, Herrschaft
ber Andere zu gewinnen. So whrte es denn nicht lange, bis Steinert, den
kleinen Unmuth berwindend, die Frage aufwarf: Und was willst Du mit ihm machen?
    Ihn nach Amerika hinberwerfen.
    Zu welchem Zwecke?
    Damit er vor allen Dingen das Gehorchen verlernt!
    Steinert verstand nicht, was Tremann damit sagen wolle; dieser war also
genthigt, sich deutlicher zu erklren.
    Es ist mir an Deinem Sohne aufgefallen, sagte er, da er bei unverkennbar
guten Anlagen unselbstndig ist, und das ist nicht seine, sondern seines
Lebensweges Schuld. Du bist ihm ein wackerer Vater gewesen, hast ihn streng zum
Gehorsam erzogen, und das erste Kindesalter hat das nthig, denn in ihm mu der
vernnftige fremde Wille die eigene mangelnde Vernunft ersetzen. Aber Eure
Schulen, wie sie jetzt sind, fordern ebenfalls unbedingten Gehorsam von dem
Knaben; Alles ist vorausbestimmte Regel, Alles vorausgesehen, der ganze Weg von
der Kindheit bis zum reiferen Jnglingsalter fr Alle derselbe, fr Alle
unwandelbar festgestellt; das schadet der freien Entwicklung der Persnlichkeit.
Nun ist er aus der Vormundschaft des Vaterhauses und der Schule noch in das Heer
getreten, wo abermals fremder Wille seine Schritte vorgezeichnet hat und
Gehorsam seine erste Pflicht gewesen ist. Er kennt also noch gar nichts
Besseres, als pnktliches Unterordnen unter einen fremden Willen, und eben darum
fhlt er auch die Neigung, in einer lebenslnglichen Unfreiheit und
Dienstbarkeit zu bleiben, wo diese, wie im Heere, mit einem gewissen uern
Glanze und in die Augen fallenden Auszeichnungen verbunden sind. Gnne ihm denn
die Zeit, einmal gelegentlich den Druck der Abhngigkeit zu empfinden, gnne
seiner Jugend auch den Triumph, mit unsern Truppen den feierlichen Siegeseinzug
in die Heimath zu theilen, und dann wollen wir weiter von der Sache sprechen und
sehen, ob wir ihm die Lust am Dienen nicht abgewhnen knnen.
    Wir Steinert's haben so lange gedient, meinte der Vater, da ..
    Da es endlich Zeit war, sich frei zu machen, fiel ihm der Andere in die
Rede, weil er befrchtete, da Adam's Empfindlichkeit noch nicht vllig
berwunden sei, und da Dein Sohn sehr unrecht thun wrde, freiwillig auf die
Vortheile zu verzichten, die Deine rstige Entschlossenheit ihm bereitet hat. Er
wei, da ich im Vereine mit dem englisch-amerikanischen Hause, in dem ich
frher gearbeitet habe, Landankufe in Amerika gemacht habe und noch zu machen
denke, die verwerthet werden sollen. Dabei knnen wir junge Leute, die, wie Dein
Sohn, in der Landwirthschaft aufgewachsen und bei ihr hergekommen sind,
verwenden, und er kann, indem er unseren Absichten dient, sich die Grundlagen
eines selbstndigen Vermgens erschaffen, mit dem er sich dann spter in der
neuen oder in der alten Welt auf die eigenen Fe stellen mag, auf denen jeder
Mann denn doch am besten steht. Diese Aussicht will ich ihm erffnen, ehe ich
gehe, vorausgesetzt, da sie Deinen Ansichten nicht widerspricht, und ich mte
mich in dem braven Burschen irren, wenn nicht endlich in ihm das Verlangen nach
Selbstndigkeit den Sieg ber die Freude an den blanken Epaulettes davontragen
sollte.
    Steinert drckte dem Freunde die Hand. Du bist sehr gut, sagte er, denn
selbst mit Sorgen beladen, sorgst Du Dich um Andere, und whrend Du eigene,
schwere Vermgensverluste zu ersetzen hast, denkst Du daran, das Vermgen
Dritter zu begrnden. Wie soll ich Dir das danken?
    Danken? wiederholte Paul; davon kann ja in dieser einfachen Angelegenheit
gar nicht die Rede sein. Sieh', fuhr er dann, nachdem sie eine Weile schweigend
neben einander hergegangen waren, in seiner Rede fort, sieh', das dnkt mich so
schn am Leben, da fr denjenigen, der geneigt ist, die Verhltnisse einfach zu
nehmen, sich Alles einfach macht oder doch mit leichter Mhe zurechtlegen lt,
wenn der Mensch nur erst begriffen hat, da sein Vortheil und der Vortheil aller
Anderen gleichbedeutend sind. Zu dieser Einsicht gelangt aber Niemand so leicht
und so sicher, als der Kaufmann, der durch tgliche Erfahrung darber belehrt
wird, wie sein Wohlstand auf den Wohlstand Anderer begrndet ist, und wie er den
seinen nicht vermehren kann, wenn er das allgemeine Capital des auf der Erde
vorhandenen Besitzes nicht vergrern hilft. Es ist fr mich schon lange eine
Ueberzeugungssache, da klug und gut in gewissem Sinne gleichbedeutend sind, und
da man immer das Gute thut, wenn man das von den praktischen Verhltnissen
Gebotene befrdert. Im groen Sinne ein Kaufmann zu sein, ohne seinen sittlichen
Werth dadurch zu erheben, scheint mir fast unmglich.
    Man sollte an die Richtigkeit dieses Satzes glauben, meinte der Andere, wenn
man Dich vor Augen hat, und doch, da ich Dir es ehrlich gestehe, haben der
Glckswechsel und die Unsicherheit der Zustnde, wie sie sich im Handel
kundgeben und wie Du sie an Dir selber jetzt erfahren mssen, etwas, das mich
gegen den Handel einnimmt und mich, wie ich einmal geartet bin, unfhig gemacht
haben wrde, ihn zu betreiben. Von einem Tage zum andern neue Plane zu
schmieden, bestndig ber Erfolg und Milingen im Ungewissen, fortwhrend mit
seinem Sinne auf die Verhltnisse der ganzen Welt gerichtet zu sein, wre meine
Sache nicht. Ich mu den festen Grund und Boden unter meinen Fen fhlen, ich
will es nur mit ihm und mit den natrlichen Ereignissen, die Gott uns schickt,
zu thun haben, will der Erde abgewinnen, was sie mir zu bieten hat, und mit
langsamer Beharrlichkeit die Hindernisse berwinden, die sich mir
entgegenstellen, die Wunden heilen, die mir, wie Dir und Andern, durch diesen
Krieg geschlagen worden sind. Zum Kaufmanne mu man geboren sein; in unserem
Blute liegt es nicht!
    Als ob es in dem Blute lge, aus dem ich stamme, als ob ich von dem
Freiherrn von Arten oder von meiner armen Mutter die Einsicht und die
Ueberzeugungen vererbt erhalten htte, aus denen ich lebe! htte Paul entgegnen
mgen. Aber er hielt den Ausruf vorsichtig zurck. Er wute, da er hier an der
Grenze stehe, ber welche hinaus der Andere ihm nicht zu folgen vermochte, weil
er, aufgewachsen in den Ueberlieferungen eines alten Familiengeistes und nicht
vollstndig gebildet, nicht fhig war, aus dem Kreise herauszutreten, in dem er
sich rstig zu bewegen gewohnt war, und eben so unfhig, sich ber sich selber
zu erheben und, von sich absehend, sich in der Allgemeinheit wiederzuerkennen.
    Sie hatten whrend dessen Paul's Quartier erreicht, und Adam verlie den
Freund, weil dieser, wie er es nannte, noch seine Post zu besorgen, das heit
die Briefe zu schreiben hatte, mit denen er, seit er nach dem zweiten Einzuge
der Alliirten in Paris wieder zu einer gewissen Ruhe gelangt war, die Verbindung
zwischen sich und seinem Handelshause und seinen Geschftsfreunden unterhielt,
um auch aus der Ferne den Betrieb der von ihm eingeleiteten neuen Unternehmungen
zu frdern.

                                Zweites Capitel


Es war spt am Abende, als Paul das Siegel auf den letzten seiner Briefe
drckte. Ein Courier, welchen der Feldmarschall in der Frhe des nchsten
Morgens in die Heimath entsenden wollte, hatte die Befrderung dieser Briefe
zugesagt, und Paul hatte eben seine Feldmtze aufgesetzt, um das Packet, der
Sicherheit wegen, selbst in die Kanzlei des Feldmarschalls zu tragen, als ihm
unten vor der Thre seiner Behausung der Postbote ein Schreiben aushndigte, das
durch eine Estafette fr ihn aus Berlin angekommen war.
    Er trat in das Haus zurck, um den Brief zu lesen. Er war von Seba
geschrieben und enthielt nichts als die Worte: Unser theurer Vater ist von
einem Schlaganfalle getroffen, man gibt wenig Hoffnung fr seine Erhaltung. Er
uert, so weit er sich verstndlich machen kann, das Verlangen, Dich zu sehen.
Ist es mglich, so kehre heim, wenn auch nur, um wieder fortzugehen. Davide und
ich sind wohl.
    Paul las den Brief noch einmal durch, dann steckte er ihn ein, warf sich in
den ersten Wagen, dessen er habhaft werden konnte, und befahl, ihn zu dem
Commandirenden seines Regiments zu fahren. Aber weder sein General noch sein
Adjutant waren in ihrer Behausung anzutreffen, und Paul wollte abreisen, gleich
abreisen, und doch nicht ohne Urlaub seine Fahne verlassen. Einen Augenblick
stand er unentschlossen da; dann hie er den Kutscher, ihn nach dem Schlosse
hinzufahren, in welchem der Knig von Preuen Quartier genommen hatte.
    Es war, wie er wute, ein groer Empfang bei dem Knige angesagt, alle
anwesenden Frsten waren eingeladen, der Feldmarschall konnte dort nicht fehlen.
Seine Uniform und sein Rang bahnten Paul den Weg. Er wendete sich an einen der
dienstthuenden Offiziere und verlangte in dringenden Geschften mit dem Frsten
Feldmarschall persnlich zu sprechen. Man fhrte ihn durch verschiedene
Galerieen und Sle und hie ihn warten.
    Der ganze vordere Flgel des Schlosses schimmerte in dem Lichtglanze des
Festes. Er sah durch die geffneten Thren in der Ferne eine groe Gesellschaft
sich bewegen, reiche Uniformen, prchtig geschmckte Frauen gingen hin und
wieder, frhliche Musik schlug in grellem Gegensatze zu seiner Stimmung an sein
Ohr. Die Secunden, die Minuten dehnten sich ihm furchtbar aus, und doch war es
nichts Unerwartetes, was er erfahren hatte, nichts, was ihn unvorbereitet fand.
    Er hatte sich es oft gesagt, da sein alter Freund dem Ziele des Daseins
nahe sei, ja, er hatte bei den neuen Unternehmungen, in welche er sich
eingelassen, stets darauf gerechnet, da er allein sie durchzufhren haben
werde. In mancher einsamen Stunde, an manchem Bivouakfeuer hatte die Sorge ihn
beunruhigt, wie die Geschftsfhrung mglich sein wrde, sollte Herr Flies vom
Tode fortgerafft werden, ehe der Krieg beendet und er selber seiner eigentlichen
Thtigkeit zurckgegeben sein werde. Und doch war es nicht das, was ihn so
ngstlich den Zeiger der Uhr verfolgen lie. Nicht um Geld und Gut, nicht um
Handel und Erwerb war es ihm zu thun in diesem Augenblicke: er wollte sein Theil
haben an Seba's Schmerz, an Daviden's Kummer, er wollte sie mit ihnen gemein
haben, den letzten Blick und das letzte Wort des Mannes, den auch er wie einen
Vater liebte.
    Mitternacht war vorber, als der Feldmarschall rasch und mit festem
Schritte, gefolgt von einem Adjutanten, in den Saal trat. Er hatte beim Spiele
gesessen, als man gekommen war, ihn abzurufen, und seine zusammengezogenen
buschigen Brauen zeigten den Unmuth ber die unwillkommene Strung. Wer sind
Sie, was wollen Sie? fuhr er den Wartenden an, whrend er ihn mit dem scharfen
Blicke seiner grauen Augen musterte.
    Mein Name ist Tremann, ich bin Theilnehmer des Eurer Durchlaucht
wahrscheinlich bekannten Handlungshauses Flies und habe seit dem Frhjahre
achtzehnhundertdreizehn als Freiwilliger unsere Feldzge mitgemacht.
    Ich wei, ich wei! unterbrach ihn, sich erinnernd, der Frst, und durch den
Anblick des Eisernen Kreuzes gnstiger fr den Sprechenden gestimmt, fgte er
hinzu: Sie haben Ihr Kreuz bei Bar sur Aube erhalten, Sie waren verwundet! Was
haben Sie zu melden?
    Nichts, als da ich mir den Zutritt zu Eurer Durchlaucht mit einer
Unwahrheit verschaffte, weil ich eine Vergnstigung zu fordern habe.
    Herr! Reitet Sie denn der Teufel, da Sie mich dazu um Mitternacht aus des
Knigs Slen rufen lassen? fuhr der Alte auf und wollte sich mit einem neuen und
noch derberen Fluche entfernen, aber Paul's Anruf hielt ihn zurck.
    Ich mu Eure Durchlaucht bitten, mich zu hren, sagte er mit solcher
Festigkeit, da der Feldmarschall sich auf's Neue zu ihm wendete. Nothwendige
Geschfte in der Heimath hatten mich schon vor einigen Tagen bestimmt, um einen
dreimonatlichen Urlaub nachzusuchen! Er ist mir noch nicht ertheilt worden, und
ich erhalte in diesem Augenblicke die Nachricht von der tdtlichen Erkrankung
meines Compagnons! Meinen Regiments-Chef habe ich nicht finden knnen, und ich
mu fort, noch in dieser Nacht fort, denn man verlangt meine Rckkehr und ich
erkenne sie als dringend nthig! Geben Sie mir den Urlaub, dessen ich bedarf!
    Ist nicht meine Sache! rief der Frst. Sehen Sie zu, wie Sie Sich selber
helfen! - und abermals wollte er sich entfernen.
    Das wird schnell gethan sein, entgegnete Paul, sich leicht verneigend; nur
werden Eure Durchlaucht morgen den Namen des preuischen Majors, der aus Ihrer
eigenen Hand sein Eisernes Kreuz als Ehrenzeichen empfangen hat, als den Namen
eines Deserteurs am Schandpfahle lesen knnen, denn ich gehe noch vor
Tagesanbruch fort!
    Der Feldmarschall wendete sich zu ihm zurck. Er war der Mann, jede Art von
Entschlossenheit zu schtzen. Und wenn ich Sie verhaften lasse? fragte er, indem
er Paul, wie es seine Weise war, mit seiner starkknochigen Hand am Rockknopfe
fate und nahe an ihn herantrat.
    So werden Durchlaucht schuld daran sein, wenn ich meinen persnlichen
Verpflichtungen nicht eben so wie meinen Pflichten gegen den Knig und das
Vaterland gengen kann! entgegnete er, und ohne dem Feldmarschall Zeit zu einer
Antwort zu lassen, fgte er hinzu: Der Lieutenant von der Marwell geht in drei
Stunden als Eurer Durchlaucht Courier von hier ab! Geben Sie mir den Urlaub, den
ich brauche, und dem Lieutenant die Weisung, mich mit sich zu nehmen. Ich bin
des Courier-Reisens aus frheren Zeiten wohl gewohnt!
    Der Feldmarschall schien in seinen Erinnerungen nachzusphen. Tremann,
Tremann? wiederholte er, ich habe den Namen schon vorher gehrt! Sind Sie der
Tremann, durch dessen Hnde vor dem Kriege ein Theil unserer Briefe nach Ruland
gegangen ist?
    Derselbe, Eure Durchlaucht.
    Da mu man ihm das Desertiren doch unmglich machen, sagte der Frst, sich
lchelnd zu seinem Adjutanten wendend, denn der wre capabel und beginge solchen
Streich! Ist ein Stck Papier zur Hand?
    Der Adjutant zog seine Brieftasche hervor und ri ein Blatt aus derselben.
Der Frst setzte in die unterste Ecke desselben mit Bleistift seinen Namen und
reichte es dem Adjutanten. Schreiben Sie ihm darber, was er haben will, und der
Marwell soll ihn mir vom Halse schaffen, damit er mir nicht wieder die Partie
verdirbt!
    Er ging mit freundlichem Grue an Paul vorber. Drei Stunden spter hatte
dieser das glnzende Paris verlassen und fuhr an der Seite des preuischen
Couriers durch die warme Sommernacht der deutschen Grenze zu.
    Er hatte Berlin nicht wiedergesehen, seit er heimlich mit Herrn von Werben
aus der Stadt geflohen war. Der Truppentheil, welchem er angehrte, hatte im
ersten Feldzuge die Hauptstadt nicht berhrt und war achtzehnhundertvierzehn
noch am Rheine gewesen, als man die Landwehren auf das Neue zu den Fahnen
gerufen hatte, weil Napoleon von Elba zurckgekehrt war und noch einmal die
Brandfackel des Krieges ber dem kaum beruhigten Welttheile angezndet hatte.
    Je nher Paul der Heimath kam, um so banger bewegten Furcht und Hoffnung ihm
das Herz. Werde ich ihn noch finden? fragte er sich immer wieder, wenn seine
Gedanken eine Weile eine andere Richtung genommen hatten, und es kamen
Augenblicke, in denen er dem Schicksal grollte, da es ihn so, eben so, zu den
Seinigen wiederkehren lasse. Er war noch jung genug, um ungern und schwer von
seinen Hoffnungen zu scheiden, und er hatte an den Tag, an welchem er inmitten
der Landwehr, an der Spitze des Zuges, den er in mancher Schlacht gefhrt, in
die Hauptstadt einziehen wrde, oft mit freudigem Vorgefhle gedacht. Dann hatte
er sich beschieden, darauf Verzicht zu leisten; aber da er in solcher Sorge,
unter der Pein einer solchen Ungewiheit aus dem Felde wiederkehren solle,
dnkte ihn doch hart.
    Es war frh am Morgen, als der Feldjger den leichten Reisewagen vor der
Thre des Flies'schen Hauses halten lie. Das Schlafzimmer des Hausherrn lag
nach der Strae hinaus - die Vorhnge waren heruntergelassen, die Fenster offen.
Was bedeutete das? War Alles vorber, oder war der Kranke so weit genesen, da
man ihm wieder die Wohlthat der sommerlichen Luft und Wrme zukommen lassen
durfte, whrend man ihn vor dem grellen Lichte noch zu hten hatte? - Das Herz
klopfte ihm, als stnde er wieder vor dem Feinde, und er stand ja auch vor ihm,
vor dem Feinde alles Lebens, vor dem Tode!
    Mit raschem Griffe nahm er das wenige Gepck, welches er mit sich fhrte,
von dem Wagen herunter und eilte in das Haus. Die schwarze Kleidung des Dieners
sagte ihm Alles. Er fragte nach den Frauen. Man wies ihn nach dem Gartensaale.
    Seba und Davide saen bei dem Frhstcke. Als Paul in die Thre trat, fuhren
sie beide erschreckend auf. Man hatte ihn so frh nicht zurckerwarten knnen.
Mehr als drei Jahre waren vergangen, seit sie einander nicht gesehen hatten.
Mitten in der Lust eines Festes war er von ihnen gegangen, nun fand er sie im
Hause des Todes in tiefer Trauerkleidung wieder.
    Ich komme zu spt! - das war alles, was er sagte. Seba gab ihm nur mit
leiser Neigung des Hauptes Antwort. Ihr fehlte die Kraft zum ruhigen Worte, und
sie wollte ihren Schmerz durch lauten Aufschrei nicht entweihen. Er nahm sie an
sein Herz, er kte ihre Stirn, ihren Mund, er lie sie weinen, und sie weinte
so sanft, so still, als wisse sie sich nun sicher und geborgen vor allem Unheil.
Als sie sich, seine beiden Hnde zuversichtlich drckend, emporrichtete, trat er
an Davide heran, und jetzt erst, da er aus Daviden's hellen Augen die Thrnen
auf die Wangen niederrollen sah, fingen auch die seinigen zu flieen an.
    Liebe Davide! rief er leise, aber es bebte eine unaussprechliche Bewegung
durch sein Herz und ein beseligendes Feuer durchstrmte sein ganzes Wesen. Er
hatte ihre Hnde ergriffen und blieb schweigend, in ihren Anblick versunken, vor
ihr stehen. Wie oft, wie oft hatte er an sie gedacht, wie oft hatte er sie vor
sich gesehen wie an dem Abende, an dem er sich auf dem Balle von ihr getrennt
hatte! Nun war er wieder da, und sie stand vor ihm - dieselbe wie sonst, und
doch so anders und so viel schner, als er sie je gedacht!
    Liebe Davide! wiederholte er noch einmal, und sie lehnte sich freiwillig an
seine Brust, und er fhlte, wie ihre Lippen leise das Eiserne Kreuz berhrten,
das er auf derselben trug. Mit einer Glcksempfindung, deren er das Menschenherz
nicht fr fhig gehalten hatte, schaute er in ihr Antlitz, in die Augen, die
sich voll sehnschtiger Liebe zu ihm erhoben; aber war es die Achtung vor dem
Schmerze Seba's, war es ein Zartgefhl, welches ihn hinderte, sich in dem Hause
der Trauer einer Freude hinzugeben, oder war es das Bewutsein, da dieses
schne Wesen aufhren werde, fr sich selber zu bestehen, sobald er es sich
angeeignet habe, er vermochte nicht, es in seine Arme zu schlieen. Er war
befriedigt durch Daviden's bloen Anblick, beruhigt durch ihre lang entbehrte
Nhe und voll groer Freude durch die feste Ueberzeugung, da zwischen ihr und
ihm gar nichts zu sagen sei, da lautere Klarheit zwischen ihnen herrsche und
Einer sich der Liebe des Andern, obschon nie ein Wort davon gesprochen worden,
so vllig sicher fhle, wie der unzerstrbaren Gemeinsamkeit ihrer ganzen
Zukunft. Er drckte und kte ihre Hand, dann gehrte er wieder Seba an, und
Davide verstand ihn ohne Worte.
    Es verging eine geraume Zeit, ehe sie zum rechten Sprechen kommen konnten.
Sie muten sich erst darein finden, da sie nicht mehr zu Vieren, da sie nur
ihrer Drei in diesem Saale, an diesem Tische bei einander waren. Die
verheerendsten Kriege, der Tod von Millionen Menschen, der Sturz der Mchtigen
und der Sieg der Gebeugten hatten nichts gendert in diesem stillen Raume. Die
chinesischen Blumen auf der Tapete hatten ihre Farben voll bewahrt, die
fremdartigen, gemalten Vgel guckten mit ihren starren Augen noch gerade so wie
vor dem Kriege von der Decke des Gartensaales herab. Das silberne Theegerth,
die Tassen von schsischem Porzellan, sie waren fr Paul wie fr Davide mit
ihren schnen Frucht- und Blumen-Zierrathen in ihrer Kindheit Gegenstnde der
hchsten Bewunderung gewesen, standen wie seit Jahren und Jahren auf der weien
Damastdecke, und doch war das alles nicht mehr dasselbe. Denn des Vaters groe
Tasse nahm nicht mehr die alte Stelle in der Mitte der Gerthschaften ein, man
hatte sie fortgetragen, wohl verwahrt, weil der Vater sie nicht mehr brauchte,
weil der Vater nicht mehr da war, weil zwei gute Augen sich geschlossen hatten
fr immerdar.
    Kommt, rief Seba endlich, sich zum Frhstckstische wendend, kommt, Paul hat
es nthig, etwas zu genieen! - Aber es fehlte das Gedeck fr ihn. Gib ihm des
Vaters Tasse! sagte Seba.
    Davide holte sie aus dem Eckschranke herbei. Dem Hausherrn! stand darauf.
    Dem Hausherrn! sagte Seba kaum hrbar, whrend sie mit bebender Hand die
Tasse vor dem Heimgekehrten niedersetzte, und allen Dreien strzten bei dem
Anblicke dieses unscheinbaren Gerthes die Thrnen aus den Augen, und in allen
Dreien stieg sie noch einmal empor, die uralte Klage, da des Menschen Dasein
dahinfhrt wie ein Traum und ein Schlaf, da des Menschen Leben vergnglicher
ist, als die vergnglichen Dinge und die zerbrechlichen Gerthschaften, die er
geschaffen und deren er sich bediente.
    Es kam Paul vor, als sei erst jetzt sein alter Freund gestorben, da man fr
ihn die Tasse reichte, aus welcher, so lange Jener gelebt, nie ein Anderer
getrunken hatte. Er fhlte es in diesem kleinen Zeichen sinnlicher, deutlicher,
als in all den Tagen, da er jetzt das Haupt der Familie sei, in welcher er
Schutz und Liebe gefunden, seit er denken konnte, und mit einem schmerzlichen,
aber ihn doch erhebenden Gefhle schlo er die beiden Frauen noch einmal an sein
Herz.
    Er war kein Heimathloser mehr, er stand nicht mehr einsam in der Welt. Sein
Leben ward ihm noch wichtiger, er ward sich selbst mehr werth, weil er sich fr
das Glck der Menschen, die ihm die Theuersten waren, als nothwendig fhlte.
    Die drei Jahre waren an Seba nicht spurlos vorbergegangen. Sie hatte sich
viel gesorgt, viel durchgemacht, denn es hatte der Arbeit und der Anstrengungen
fr sie, wie fr alle die Frauen der Hauptstadt und des Landes, mehr als genug
gegeben, welche die Pflege der verwundeten und kranken Krieger in den
berfllten Hospitlern ber sich genommen hatten. Die Fltchen an den
Augenwinkeln, die leisen Furchen auf ihrer schnen Stirn hatte Paul frher nicht
an ihr bemerkt, und wie das Sonnenlicht nun von der Seite ber ihren Scheitel
fiel, sah er, da hier und da ein silberweier Faden auf ihrem schwarzen Haar
erglnzte. Er konnte sich des Erschreckens nicht erwehren. Wie lange war es denn
her, da er Seba an jenem Ball-Abende, an dem des Grafen Gerhard Worte ihn
zuerst wieder an seine Mutter und an seine Abstammung gemahnt hatten, in aller
Schnheit ihrer Jugend vor sich gesehen hatte? Und nun ergraute schon ihr Haar,
nun kam die Reihe bald an sie!
    Es that ihm in der Seele weh, denn wo der Tod in einen eng verbundenen
Menschenkreis getreten ist, wird man so ngstlich. Jeder mchte in dem Antlitze
des Andern lesen knnen, auf wie lange er ihm noch gegnnt ist, man mchte
zusammenrcken, um sich selber die entstandene Lcke zu verbergen, man mchte
sich fester, man mchte sich fr immer an einander schlieen, und man kann sich
es bei allem besten Willen nicht vergessen machen, da kein menschliches
Verhltni unzerstrbar, da Alles dem Vergehen unterworfen, Alles nur im
Augenblicke unser ist, und da unser sicherer Besitz einzig in der Benutzung
dieses Augenblickes und in dem Gedanken der durchlebten Vergangenheit beruht.
    Dieses Augenblickes wollte man genieen, man wollte sich gemeinsam der
gehabten Ereignisse erinnern. Hatte man doch so tausendfltig oft gewnscht: O,
da er hier wre! da ich sie jetzt bei mir htte! Und wie man nun beisammen
sa, hatte man sich nichts zu sagen, weil Jeder nur das Nothwendige und Rechte
gethan zu haben meinte, und das Nothwendige und Rechte sich einfach und
unauffllig in das allgemeine Thun einfgt.
    Paul hatte die Feldzge mitgemacht, aber das hatten Hunderttausende gethan;
er hatte sich tapfer und muthig erwiesen, Andere waren darin nicht hinter ihm
zurckgeblieben. Seba hatte mit Selbstverlugnung pflegend und helfend in den
Hospitlern gearbeitet, das war nur natrlich gewesen. Ihr Vater war gestorben,
ihr Vermgen theilweise verloren gegangen: inde es weinten unzhlige Familien
in wahrer Noth um ihre Vter und Versorger, und die kleinen Begegnungen, die
wechselnden Ereignisse, deren man sich zu erinnern hatte, kamen in diesen
ernsten Stunden des Wiedersehens neben den groen Erschtterungen und
Erfahrungen, welche man durchgemacht hatte und in sich nachzittern fhlte, einem
Jeden zu geringfgig vor, um ihrer zu gedenken und ihrer zu erwhnen.
    Man war stiller als jemals bei einander, bis Paul sich erhob, um sich, wie
er sagte, umkleiden und im Comptoir seine Ankunft melden zu gehen.
    Es war ein eigenes Gefhl, mit dem er aus dem Gartensaale in die Zimmer
eintrat, welche er neben demselben frher bewohnt hatte. Alles lag und stand,
wie er es verlassen hatte. Damals freilich war es winterliche Nacht gewesen und
das Vaterland hatte unter der Knechtschaft fremder Tyrannei geseufzt, und jetzt
leuchtete die helle Sommersonne durch die im Lufthauche spielenden Bltter und
Deutschland war frei und sich selber wiedergegeben worden. Aber so warm Paul's
Herz auch schlug, wenn er Daviden's und der Zukunft an ihrer Seite dachte, kam
er sich doch pltzlich viel lter geworden vor.
    Er hatte den Krieg immer als ein Unglck, als ein furchtbares, wenn auch in
diesem Falle unvermeidliches Uebel betrachtet und den Frieden oft sehnlich
herbeigewnscht, der ihn seinem Berufe und seinem Geschfte wiedergeben sollte.
Jetzt aber war es ihm unheimlich in den stillen, nach dem Hofe hin gelegenen
Rumen des Comptoirs, es erschreckte ihn, als er den Geschftsfhrer mit seiner
unerschtterlichen Gleichmthigkeit genau auf demselben Platze und in derselben
gebckten Stellung wie vor drei Jahren, die eingegangenen Briefe durchsehend,
vor sich erblickte, als er den alten Kassirer gerade so, wie er es vor drei
Jahren und vor jenen zwanzig Jahren gethan, die Geldrollen ber den Zahltisch
werfend und die Banknoten musternd wiederfand.
    Ein Chronometer, den Seba ihm bald nach seiner Rckkunft aus Amerika
geschenkt hatte, stand auf seinem Tische. Er war, wie der Datumzeiger es
auswies, wenig Tage, nachdem Paul Berlin verlassen hatte, abgelaufen. Damals war
er achtundzwanzig Jahre alt gewesen, jetzt stand er im einunddreiigsten.
    Er trat an den Spiegel und betrachtete sich. Das war sonst nicht seine
Sache, obschon er wute, da er ein schner Mann sei. Die Uniform dnkte ihm
etwas sehr Bequemes zu sein. Er fand sie einfach, zweckmig und kleidsam. Sie
gefiel ihm heute sehr, und er gefiel sich auch in ihr.
    Der treue, ehrliche Rock! sagte er zu sich selber, whrend er das Eiserne
Kreuz von demselben losmachte, um es zu verschlieen, und den Rock ablegte, um
ihn nicht wieder anzuziehen. Noch vor wenig Tagen hatte er gegen Werben die
Freiheit seines kaufmnnischen Standes, im Gegensatze zu der Abhngigkeit des
militrischen Dienstes, hoch erhoben und Steinert es zugesagt, da er dessen
Sohn in die Bahn des brgerlichen Lebens zurckfhren werde, und jetzt berfiel
ihn selber eine Angst vor der Ruhe und Stille, eine Scheu vor der
Gleichmigkeit der tglich sich wiederholenden brgerlichen Arbeit.
    Vorhin, als Davide sich ihm an das Herz gelegt, hatte ihn die Ahnung
ergriffen, wie das Weib sich selber in der Liebe verloren gehe, nun schreckte
sein dem Menschen eingeborenes Verlangen, sich in seiner Eigenheit und Freiheit
zu erhalten, vor der Aussicht und vor der Nothwendigkeit zurck, sich knftig
nicht mehr als nur fr sich selber bestehend betrachten zu drfen, knftig
leisten und thun zu mssen, was er im Grunde bisher nur freiwillig gethan hatte,
knftig keine Freiheit des Wollens und des Drfens mehr vor sich zu haben, wenn
er einmal aus einem allein stehenden Manne sich zum Gatten einer Frau, zum
Begrnder und Beschtzer einer Familie gemacht haben werde.
    Als htte ein Zauber sie heraufbeschworen, so deutlich traten urpltzlich
alle die anmuthigen Begegnungen, alle die hbschen, kleinen Abenteuer und
artigen Erlebnisse ihm vor die Seele, welche er als Junggeselle auf seinen
vielen Reisen und whrend seiner Feldzge gehabt hatte, und er konnte sich eines
Seufzers nicht erwehren, wenn er dachte, da dies nun fr ihn zu Ende sein, da
fr ihn zum Unrecht werden solle, was ihm bisher eine so reizende Unterhaltung
gewesen war. Freilich, er liebte Davide, aber es war keine jener heftigen,
unwiderstehlichen Leidenschaften, die er fr sie fhlte. Er hegte fr sie die
zuversichtliche Neigung, die sich nur durch ein langes Beisammensein und durch
die Erkenntni bildet, da man in allen Fllen auf einander zhlen knne. Jung,
wie er Davide verlassen, hatte er doch schon ihre Selbstbeherrschung, ihre
Festigkeit und ihre Gte bei den verschiedensten Anlssen erprobt, und die
Wahrhaftigkeit ihres Herzens, die Unschuld, mit der sie ihm ihre Liebe kund gab,
ohne da er ihr jemals von der seinigen gesprochen hatte, machten sie ihm eben
so theuer, als ihre Schnheit sie ihm begehrenswerth erscheinen lie. Seit
Jahren hatte er sich gesagt, da Davide einst seine Gattin werden msse, er
hatte sich darauf gefreut wie auf den Preis am Ende des errungenen Zieles, wie
auf eine letzte Lebenserfllung. Nun er sich derselben nahe glauben durfte,
bangte ihm vor der schwersten aller Aufgaben, vor dem Ausharrenmssen; und er
konnte des beklemmenden Gefhles nicht gleich Meister werden, das ein Jeglicher
empfindet, wenn er nach einem viel bewegten, wechselvollen Dasein pltzlich in
alte, fest begrndete Lebensverhltnisse einzugehen und zurckzutreten hat.
    Die Tage der Jugend und der Ungebundenheit sind nun vorber! rief er, und es
war, als ob das unwillkrlich ausgesprochene Wort ihn auch von der
augenblicklichen Verwirrung befreie, die ihn befangen hielt. Denn er richtete
sich in seiner schnen Krftigkeit empor und fgte mit pltzlich erheiterter
Stirn und gewandeltem Sinne hinzu: So lange hat man fr sich selbst gelebt; es
ist Zeit, nun fr die Andern zu leben! La uns sehen, was man fr sie werth ist
und vermag!
    Er hatte inzwischen seine brgerliche Kleidung angelegt und trat an das
Fenster. Heier Sonnenschein, warmer Blumenduft strmten ihm entgegen. Er blieb
einen Augenblick am Fenster stehen und sah in den Garten hinaus. In der Ferne
gingen die beiden Frauen vorber.
    Sie tragen den Kranz nach dem Monumente, dachte Paul, und er, der sich so
eben noch vor dem Gleichmae der Tage und vor allem, was sich mit unausgesetzter
Regelmigkeit zu wiederholen hatte, gescheut, fhlte sich von der beharrlichen
Treue gerhrt, mit welcher Seba die freiwillig bernommene Liebespflicht
erfllte. Es ist eine geringfgige Handlung, sagte er sich, einmal einen
Blumenstrau auf einen Denkstein niederzulegen; aber durch ein halbes
Menschenleben dem Andenken der Hingegangenen die gleiche Erinnerung zu weihen,
whrend man den Pflichten gegen die Lebenden eben so treulich gengt, an jedem
Tage den gleichen Weg zu gehen, immer dieselbe kleine Sorge zu tragen, das macht
die an sich geringfgige That zu einem das Herz befriedigenden Cultus. Und es
sollte nicht dasselbe mit aller unserer Arbeit sein, wenn wir sie, von ihrer
Nothwendigkeit wie von ihrem Nutzen berzeugt, mit Liebe und fr geliebte
Menschen thun?
    Er schaute den beiden schnen Gestalten mit Vergngen nach, wie sie langsam
durch die Wege gingen. Es freute ihn, da er sie wieder sehen konnte, da er sie
heute, morgen, immer wieder sehen wrde. Selbst als die Gebsche unter den
Tannen die Frauen seinem Auge entzogen hatten, verweilte er noch an dem Fenster.
Die Stille, die ber dem Garten ausgebreitet lag, war ihm etwas Neues geworden
und erquickte ihn. Er hatte auf so vielen Schlachtfeldern gestanden und sie
tnten noch unvergessen in sein Ohr: der Donner des Geschtzes, der Weheruf der
Verwundeten, das Rcheln all der Sterbenden, die in fremder Erde unter
ungeschmckten Grbern ruhten.
    Friede, Friede! rief er und schlug die Hnde unwillkrlich, wie beim Gebet
in seinen Kindertagen, in einander, Friede und Beharren und Bleiben hier bei den
geliebten Menschen, und leben und schaffen mit ihnen und fr sie!
    Freien und gehobenen Sinnes verlie er seine Zimmer, um gleich an diesem
Morgen, gleich in dieser Stunde seine Arbeit zu beginnen. An der Thre des
Comptoirs wendete er sich noch einmal um und blickte durch die Seitenfenster
nach dem Garten hinaus. Seba und Davide saen vor dem Gartensaale, mit Nhterei
beschftigt, bei einander. Aber Paul ging nicht zu ihnen. Er konnte es ja spter
thun, denn er blieb jetzt hier, und sie waren ihm zu eigen.
    Was war gegen eine solche Gewiheit aller berraschende Reiz des Zufalles?
Er wiegte sich in dem beglckenden Gefhle dieser Sicherheit, und ihrer wie
seiner selbst gewi, kehrte er, ein reifer Mann, aus dem Felde zu seinem
brgerlichen Berufe zurck.

                                Drittes Capitel


Arbeit, unausgesetzte, ernste Arbeit, das war es, was es jetzt galt, aber Paul
war des Arbeitens von Jugend auf zu sehr gewhnt, um sich in der Arbeit, sobald
er ihr nur wiedergegeben wurde, nicht schnell wieder einzuleben und heimisch zu
fhlen.
    Er fand die Verhltnisse des Handlungshauses, dessen alleiniger Inhaber er
jetzt war, besser und schlechter, als er es erwartet hatte. Das Flies'sche
Vermgen, obschon es durch die whrend der letzten Krisen gebrachten Opfer
bedeutend zusammengeschmolzen war, blieb noch immer betrchtlich genug, um Seba
ber jede Nahrungssorge zu erheben und ihr, der Alleinstehenden, die gewohnte
breite und reichliche Lebensweise zu gestatten; aber die Erfahrungen der letzten
Jahre hatten den Vater ngstlich gemacht, und sein Testament setzte also fest:
Erstens, da Seba's Vermgen ganz und gar aus dem Geschfte gezogen und in
Hypotheken angelegt werden sollte; zweitens, da es, falls Seba sich nicht etwa
noch zur Eingehung einer Ehe entschliee, nach ihrem Tode an mildthtige
Stiftungen bergehen solle, damit in ihnen des Vaters Name und sein Andenken
erhalten bliebe, wenn sie nicht durch die Erben seines Blutes in die Zukunft
bertragen und fortgepflanzt wrden.
    Es war gegen diese letztwilligen Verfgungen nichts zu sagen. Sie
entsprachen dem vorsichtigen und vorsorglichen Charakter des Gestorbenen, und
sie waren durchaus im Sinne des Judenthums, das Fortpflanzung des Namens durch
die Nachkommenschaft fr eine der grten Segnungen erkennt. Nichts desto
weniger trafen diese Bestimmungen alle Betheiligten recht schwer. Seba sah sich
durch dieselben in der freien Verfgung ber das Vermgen beschrnkt. Sie konnte
es nicht verschmerzen, da ihr die Mglichkeit entzogen worden, Davide, die sie
als ihr Kind betrachtete und liebte, einst auch zu ihrer Erbin einzusetzen, und
fr Paul wurde die Fortfhrung eines auf groe eigene Hlfsquellen begrndeten
Geschftes uerst schwierig, da diese ihm eben in einer Zeit entzogen wurden,
in welcher, bei der Seltenheit des Geldes, eben mit Geld, wie Paul es seinem
Freunde auseinander gesetzt hatte, mehr als sonst zu machen und zu leisten war.
Auch schwankte er einen Augenblick, was er beginnen sollte.
    Wollte er sich das Leben erleichtern und sich bescheiden, so mute er auf
seine groen Plane fr lange, ja, wahrscheinlich fr immerdar verzichten; denn
was jetzt noch mglich war, konnte nach wenig Monaten schon weit schwerer, nach
Jahren vllig unausfhrbar sein. Er mute sich damit begngen, langsamer fr
sich und die Seinigen ein mehr oder weniger ausreichendes Einkommen zu schaffen
und, im engeren Handelsverkehre ein ntzliches Mitglied, sich nur in kleinerem
Kreise bewegen; oder er mute, was er von eigenem Vermgen noch besa,
darangeben, seine Zahlungsfhigkeit in aufflliger Weise bei der Regulirung des
Flies'schen Vermgens darzuthun und, den daraus entspringenden Credit benutzend,
seine ganze Kraft aufbieten, um mit den fremden Capitalien so viel zu erwerben,
da er den Darleihern ihr Darlehen wohl verzinsen, durch den Gewinn-Ueberschu
sich ein neues, eigenes Vermgen schaffen und sich wieder in die Hhe bringen
konnte; und er stand nicht lange an, welchen Weg er einzuschlagen habe.
    Er hatte mit seinem vterlichen Blute die Neigung zu herrschen ererbt, aber
auch von dem dienstbaren Sinne seines mtterlichen Geschlechtes war viel auf ihn
bergegangen, und eben dehalb fand er in dem von ihm gewhlten Berufe auch
jetzt wieder seine vollkommenste Befriedigung. Denn keinem anderen Stande ist es
wie dem Kaufmanne gegeben, eine groe Herrschaft auszuben und weithin in die
Ferne und in die Zukunft wirksam und bestimmend einzugreifen, whrend er sich
fr Andere ntzlich macht. Paul hatte sich in dem groen amerikanischen Hause,
in welchem er gearbeitet hatte, frh daran gewhnt, die Bedrfnisse und
Aussichten der ganzen Welt in das Auge zu fassen; die Jahre vor dem Kriege
hatten ihn in Europa mit verschiedenen Mnnern bekannt gemacht, welche als
Diplomaten die Vermittlung und Ausgleichung zwischen den verschiedenen Vlkern
und den verschiedenen Frsten zu ihrer Aufgabe hatten, und sein von Natur auf
das Groe gerichteter Sinn hatte dadurch den Ueberblick und die Verbindungskraft
gewonnen, die zu durchschauen vermochten, wie und wo der Vortheil Aller Vortheil
fr den Einzelnen verspricht, und wie der Einzelne es anzufangen habe, der
Gesammtheit zu dienen, indem er seinen eigenen Vortheil und Nutzen wahrnimmt.
    Ueberall war in Europa Geld nothwendig. Man brauchte Geld, um die aus Mangel
an Bestellungen wie aus Mangel an Arbeitskrften whrend des Krieges in's
Stocken gerathenen Fabriken wieder in Gang zu bringen; man brauchte Geld, um das
Inventarium auf den zum Theil vllig ausgeraubten Gtern zu erneuern, man
brauchte Geld an allen Ecken und Enden; und Geld zu schaffen, den Regierungen
wie den Privatpersonen Geld zu schaffen, ihnen die Unterbringung ihrer Anleihen
mglich zu machen, war eine der unerllichsten Nothwendigkeiten, wenn der
Friede die Mittel haben sollte, herzustellen, was der Krieg vernichtet hatte.
Die groen Bankhuser, die unternehmenden Kaufleute muten ihre Hnde dazu
bieten, das Geld in den fernsten Gegenden flssig zu machen und es dahin zu
leiten, wo es in diesem Augenblicke am dringendsten gebraucht ward, und weil das
Geld sich in dieser Weise am hchsten verwerthen lie, wurden in anderen
Gegenden mancherlei Unternehmungen unterlassen oder eingestellt, fr deren
Fortfhrung spter das Geld wieder nach seinen Ausgangspunkten zurckgeleitet
werden mute. Darauf hatte Paul sein Auge gerichtet und seine Plane angelegt,
und darauf hin hatte er schon seinen Freund Steinert verwiesen, als dieser ihn
ber die Zukunft seines Sohnes zu Rathe gezogen hatte.
    Niemals hatte Paul von seinem Berufe grer gedacht, als jetzt, und niemals
hatte er die schweren Sorgen und Aufregungen desselben lebhafter zu empfinden
gehabt, als in dem nchsten Winter, in dem er Seba's Vermgen aus dem Geschfte
herauszuziehen und nach dem Willen ihres Vaters, der Paul mit dieser Aufgabe
betraut hatte, festzustellen hatte, whrend er seinen Credit bis auf das
Aeuerste anspannen mute, um die Unternehmungen mglich zu machen, die er nach
den verschiedensten Seiten hin in Angriff nahm. Die Tage vergingen ihm in
Arbeit, die Nchte oft in Sinnen und in Sorgen. Er bemerkte es nicht, da seine
Stirne ihre Heiterkeit, da seine Augen ihren hellen Glanz verloren, er hatte
nicht Zeit, an sich zu denken und auf sich zu achten; nur Seba sah es und Davide
sah es, und ihr ngstlich liebevoller Blick war der Lohn seiner Arbeit, sein
Trost und seine Freude, wenn er nach des Tages Last und Plage sich am spten
Abende ein Ausruhen bei den Seinen gnnte.
    Als der Herbst und der Winter herangekommen waren, bewegte sich in der
Hauptstadt berall, wo man nicht um Gefallene zu trauern hatte, eine glnzende
Geselligkeit. Man schien sich des fr Europa wiedergekehrten Friedens erfreuen,
der ausgestandenen Leidensjahre in Zerstreuungen vergessen zu wollen, aber in
dem Flies'schen Hause gingen die Tage ihren stillen, regelmigen Gang. Seba,
die mit ihren vierzig Jahren noch immer schn zu nennen war, weil ihre Schnheit
nicht nur in dem Reize der Jugend und der Farben, sondern in dem Adel der Formen
und dem durchgeisteten Ausdrucke ihres Antlitzes bestanden hatte, war um ihres
Vaters willen immer nur wenig in Gesellschaften gegangen, und whrend des
Krieges hatte auch Daviden nicht danach verlangt, da sie mit ihrer stillen Liebe
und mit den Sorgen um den entfernten Geliebten beschftigt gewesen war. Jetzt
vollends trugen beide Frauen nach zerstreuendem Menschenverkehre noch weit
weniger Verlangen. Es kam aber dadurch in dem huslichen Beisammensein bald ein
Friede ber die drei eng verbundenen Mensachen, da es ihnen war, als htten sie
von Anbeginn so mit einander gelebt, ja, da selbst die gewaltigen Ereignisse,
die an ihnen vorbergegangen waren und in denen sie, so viel an Jedem von ihnen
gewesen, mitgewirkt hatten, davor weit in die Ferne zurcktraten. Sie erfuhren,
was man nach groen Eindrcken immer an sich wahrnimmt, da unser Verhltni zu
den Auendingen und Ereignissen, man mchte sagen, unser perspectivisches
Verhltni zu ihnen, ein wunderbar wechselndes ist. Die ersten Tage nach einem
groen Erlebnisse, nach einem groen Verluste dehnen sich fr uns in
unbegreiflicher Weise aus; die Wochen und Monate, welche diesen ersten Tagen
folgen, verschwinden uns in eben so unbegreiflicher Weise.
    Erst vierzehn Tage ist es her? hatten die Zurckgebliebenen nach des Vaters
Tode sich gefragt. - Schon acht Monate ist es her, seit wir in Paris einzogen?
Schon vier Monate, seit der Vater todt ist und ich wieder zu Euch heimgekommen
bin? rief Paul oft mit Verwunderung aus, als der Herbst mit seinen Regentagen
angebrochen war und die ersten Schneestrme von dem Garten her um die Fenster
des Zimmers sausten, in welchem sie die letzten Abendstunden bei einander zu
sitzen pflegten.
    Davide hatte sich Paul bald nach seiner Rckkehr anverlobt, aber auch dieses
Erlebni war ohne besondere Scenen, ohne besondere Aufregungen an den Dreien
vorbergegangen. Seba hatte, seit Paul wieder in Europa lebte, immer den
heimlichen Wunsch gehegt, diese beiden ihr theuren Menschen verbunden zu sehen,
und ihre Herzen hatten sich denn auch in ruhiger Liebe, in sicherstem Vertrauen
zu einander gefunden. Selbst da Davide noch Jdin war, kam nicht strend in
Betracht. Von der Abneigung, von dem angestammten oder vielmehr anerzogenen
Widerwillen, welche die meisten anderen Vlker gegen die Juden hegen, konnte bei
Paul gar nicht die Rede sein, denn er war frei von dem Ballast angeerbter
Vorurtheile. Wahre Gte und Liebe waren ihm in seiner Kindheit von Niemandem als
von einer Judenfamilie zu Theil geworden. Ihr dankte er seine erste Erziehung,
ihr jene Aufklrung seiner Gedanken, die bei jedem Menschen in der ersten Jugend
vorgenommen werden mu, um nachhaltig wirksam zu sein. Das Haus dieser
Judenfamilie hatte der Heimathlose durch sein ganzes Leben als den Hafen vor
Augen gehabt, zu dem er wnschend und hoffend seine Blicke hingewendet hatte.
Sein langer Aufenthalt in Amerika war dann zu einer Schule der Duldsamkeit fr
jede Art von religiser Ueberzeugung fr ihn geworden, und er hatte um so
weniger ein religises Bedenken irgend einer Art in seinem Innern zu bekmpfen,
da er ohne jedes kirchliche Bekenntni aufgewachsen war. Was er vor seiner
Flucht aus Europa in der Schule von der biblischen Geschichte erlernt, was er
damals von den Dogmen des Christenthums und von den Erzhlungen der Evangelisten
gewut hatte, war fr ihn nicht weniger mythisch, wenn auch weniger lebendig
gewesen, als die Erinnerungen an die alte Gtterwelt der Griechen und der Rmer.
    Da er zur Zeit, in welcher er aus Europa entfloh, ber seine Jahre gro und
krftig gewesen war, hatte man ihn fr lter gehalten, als er war, und Niemand
hatte sich jemals die Mhe genommen, daran zu denken, ob er in irgend einer
Religion unterrichtet worden sei und ob er ein kirchliches Glaubensbekenntni
abgelegt habe oder nicht. Mit der Neugier der Jugend war er, wenn man ihm in
Amerika am Sonntage seine Stunden fr den Kirchenbesuch frei gegeben hatte, bald
in diese, bald in jene Kirche gegangen, hatte dem Gottesdienste der
verschiedensten Culte zugesehen, bis er, dieses Anschauens mde, den
Kirchenbesuch, zu dem er im Weienbach'schen Hause ohnehin nicht angehalten
worden war, und den er Seba niemals ben sehen, endlich ganz und gar aufgegeben
hatte. Er war nicht confirmirt worden, er hatte nie das Abendmahl genossen, er
htte nicht zu sagen vermocht, welchem Bekenntnisse er angehre, htte sein
Taufschein es nicht ausgewiesen, da er in die christlich evangelische
Kirchengemeinschaft aufgenommen sei; und mit Davide war es ziemlich derselbe
Fall. Denn wie die religisen Verhltnisse sich in unsern Zeiten ausgebildet
haben, whlt der Mensch seine Religion nur in den seltensten Fllen frei und
selbststndig: er wird in ihr geboren und nimmt sie als Familien-Ueberlieferung
in sein eigenes Leben mit hinber.
    Davide hatte mit dem Judenthume nicht mehr Zusammenhang, als ihr Verlobter
mit dem Christenthume; aber ihre Begriffe von Recht und Unrecht, ihr Streben
nach dem Guten, ihre Verehrung vor dem Groen und Erhabenen, ja, alle ihre
moralischen Anschauungen und sittlichen Ueberzeugungen waren ihnen Beiden
frhzeitig von derselben Hand und aus derselben lautern Quelle zugekommen, und
das ftere und lngere Zusammenleben in den Jahren, welche dem Kriege
vorausgegangen waren, hatten dazu gedient, den Einklang zwischen Seba und ihren
beiden Pflegekindern, wie sie Paul und Davide zu nennen liebte, vollstndig
herauszubilden. Sie waren durch und mit einander unablssig in ihrer Entwicklung
vorgeschritten. Die weitreichenden socialen Ansichten, welche Paul erworben,
hatten Seba vielfach aufgeklrt, ihre inneren Erfahrungen waren ihm, so weit ein
Mensch dem anderen mit seinen Erfahrungen ntzen kann, zu Gute gekommen, und
zwischen ihnen Beiden war Davide in einer Atmosphre der Wahrheit und der
Verstndigkeit so unangefochten aufgewachsen, da sie die Mglichkeit besessen
hatte, sich zu dem Gleichma und zu der ruhigen Seelenschnheit zu entfalten,
welche Seba einst an der Baronin Angelika bewundert und fr sich selbst in jenen
Tagen so unnachahmlich gefunden hatte.
    Weil Seba noch um ihren Vater trauerte, verzichtete das junge Paar darauf,
seine Verlobung den Freunden bekannt zu machen, und man benutzte diese Zeit,
Davidens Uebertritt zur christlichen Kirche, ohne welchen ihre Ehe mit Paul eine
Unmglichkeit gewesen sein wrde, einzuleiten. Die Zeit war aufgeklrt, denn die
Freiheitskriege, in denen Mnner und Jnglinge aller Bekenntnisse einmthig in
Reih und Glied gestanden hatten, um das Joch der Fremdherrschaft von dem
Vaterlande abzuwerfen, hatte selbst den Beschrnkten und Kurzsichtigen,
wenigstens fr den Augenblick, die Erkenntni gegeben, da man die gleiche
Vaterlandsliebe hegen, die gleiche Ansicht ber die Ziele der Menschen haben
knne, ohne den Glauben an die kirchlichen Lehrstze mit einander zu theilen,
und es hatte also in der Stadt, in welcher ein Fichte seine Reden an das
deutsche Volk und Schleiermacher seine moralphilosophischen Predigten gehalten
hatte, keine Schwierigkeit, einen Geistlichen zu finden, der sich willig zeigte,
der jungen, in den Grundstzen einer reinen Moral und einer liebevollen
Hingebung an das Ideale auferzogenen Jdin die Aufnahme in die christliche
Gemeinschaft zu bewilligen, wenngleich sie Manches, das die
protestantischevangelische Kirche zum Glaubenssatz erhoben hat, nur als
geschichtlichen Mythus anzusehen vermochte.
    Weder Davide, noch einer der beiden ihr verbundenen Menschen hatten dabei
Kmpfe in sich zu bestehen oder groe uere Hindernisse zu berwinden; denn wo
die Grundanlage in der Natur eines Menschen gesund ist, wo die Verhltnisse, in
denen er sich bewegt, auf Wahrheit gegrndet sind, und wo sein Thun und Streben
sich im richtigen Zusammenhange mit der Zeit befinden, der er angehrt, da
vollziehen alle Wandlungen sich sehr einfach und unmerklich, da geschehen seine
eigene Entwicklung und das Wachsen seiner ueren Glcksumstnde meist so
allmhlich und so still wie die Entfaltung eines Keimes zu seiner Blthe und zu
seiner Frucht. Nicht das tglich Werdende, nur das Gewordene stellt in solchen
gesunden und natur- und zeitgemen Verhltnissen sich dem beobachtenden Blicke
dar, und es hat immer seine Bedenklichkeiten, wenn das Leben eines Menschen oder
einer Familie viel von sich sprechen macht, oder die Aufmerksamkeit der
Auenwelt durch ungewhnliche Vorgnge auf sich zieht.
    Es war nicht zum Verwundern, da Seba sich in diesem Jahre so einsam hielt,
nicht zum Verwundern, da Paul frher als die Anderen alle aus dem Feldzuge heim
kam und zu seinen Geschften wiederkehrte. Man hatte immer erwartet, da Davide
Christin, da sie die Gattin Tremann's werden wrde. Da dieser, an einen
greren, weiteren Handelsverkehr gewhnt, die Geschfte des Hauses ausdehnen
und in neue Bahnen leiten wrde, das hatte man mit derselben Sicherheit
vorausgesehen. Wie schwer er aber arbeitete, mit welchen Sorgen er zu kmpfen
hatte, darber sich zu uern oder gar sich zu beklagen, das war nicht seine
Sache. Man sah ihn immer gleichmig ruhig in selbstgewisser Zusammengefatheit,
und das gemessene Vertrauen, das er in sich selber setzte, gab auch Anderen das
Zutrauen zu ihm und seinen Unternehmungen, ohne welches diese letzteren eine
Unmglichkeit geworden wren.

                                Viertes Capitel


Paul Tremann war schon lange seinen Geschften wiedergegeben und der Friede war
lngst geschlossen, als der Justitiarius des freiherrlich von Arten'schen Hauses
noch immer vergebens die Rckkehr des jungen Freiherrn forderte, fr den es
unter den obwaltenden Umstnden nicht schwer gewesen sein wrde, sich einen
Urlaub zu verschaffen oder, da er bei einem der Regimenter stand, die zur
Sicherung des neu aufgerichteten Knigsthrones der Bourbonen und zur Eintreibung
der Kriegs-Contribution in Frankreich zurckgelassen wurden, seine Versetzung zu
einem der heimkehrenden Regimenter zu erlangen. Aber das Glck, dessen die
Freiherren von Arten sich in frheren Zeiten sprchwrtlich zu rhmen geliebt
hatten, war whrend dieser Kriege auch dem jungen Freiherrn treu geblieben.
    Strahlend in Siegesfreude, durch die Anstrengungen des Krieges abgehrtet
und gekrftigt, hatte Renatus inmitten der vereinigten Heere, an der Spitze
seiner Compagnie an dem zweiten Einzuge der Verbndeten in Frankreichs
Hauptstadt Theil genommen, und die Reize dieser anmuthsvollsten unter allen
Stdten, welche er zum ersten Male kennen lernte, hatten auf den jungen
Hauptmann, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein Neuling in dem Leben
einer solchen Weltstadt war und dem die Gelegenheit, sie zu genieen, auf jede
Art geboten wurde, ihre bezaubernde Wirkung nicht verfehlt.
    Allerdings sah die groe Menge der Franzosen widerwillig und mit
schweigender Emprung auf die fremden Krieger hin, welche ihnen die
unwillkommene Herrschaft der Bourbonen aufgezwungen und, was dem Volke
vielleicht noch verhater war, auch die alten, ausgewanderten Adelsgeschlechter
und das ganze Priesterregiment wieder in das Land zurckgefhrt hatten. Aber
dafr standen den deutschen, russischen und englischen Offizieren in dem neu
belebten Faubourg Saint Germain, in welchem die alte franzsische Aristokratie
die in ihren stillen Hfen und Grten gelegenen Palste wieder bezogen hatte,
Thor und Thre offen; und das Hotel der Herzogin von Duras war eines der ersten,
das gleich nach der ersten Rckkehr der Bourbonen die alte, gute Sitte
regelmigen Empfanges wieder aufnahm, denn die Herzogin wollte sich in ihrem
Greisenalter endlich fr alle die mannigfachen Entbehrungen schadlos halten,
denen sie durch lange Jahre unterworfen gewesen war. Wie sie eine der Ersten
Frankreich verlassen hatte, so war sie nun als der Ersten eine mit der
wiedereingesetzten Knigsfamilie in die Hauptstadt zurckgekehrt, und die
unbegrenzte Freigebigkeit, welche die Bourbonen von jeher ihren Anhngern
angedeihen lassen, war natrlich der Herzogin, die sich seit dem Ende des
vorigen Jahrhunderts immer in der Nhe und im Dienste des Hofes befunden hatte,
vor allen Anderen zugewendet worden.
    Die Wiedererlangung ihres durch seine Gastlichkeit frher so berhmten
Schlosses Vaudricourt war nicht mehr ihr Wunsch gewesen. Man wird die Greisin
nicht besuchen kommen, wie die junge Schloherrin, hatte sie sich gesagt, und
der Knig, der an dem Hofe seines Schwiegervaters ihrer Gesellschaft gewohnt
geworden war, hatte dieselbe auch in der wiedergewonnenen Heimath nicht
entbehren mgen.
    Die Herzogin war nicht mehr im Dienste, aber sie lebte im engsten Vertrauen
des Hofes, und sie verstand den Einflu, den sie besa, eben so wohl zu nutzen,
als die Unterordnung und die Zuvorkommenheit aller derjenigen Personen, welche
durch Vermittlung der Herzogin von dem neuen Hofe Gewhrung ihrer alten
Ansprche und Forderungen zu erlangen wnschten.
    Es war nur wenig Tage nach seiner Ankunft in Paris, als der junge Freiherr
in einer der eben ausgegebenen Zeitungen in den Hofberichten die Mittheilung
las, da die Frau Herzogin von Duras am verwichenen Abende ein Fest gegeben
habe, welches von dem Knige und der ganzen kniglichen Familie mit ihrem
Besuche beehrt worden sei.
    Sie ist also hier, sie ist in Paris! rief Renatus unwillkrlich aus, und
eben so pltzlich, als ihm diese Kunde geworden war, beschlo er, die alte
Freundin seines Vaters aufzusuchen. Er dachte freilich daran, welch einen
unheilvollen Einflu die Herzogin Margarethe auf das Schicksal seiner Mutter
ausgebt hatte; aber diese Vergangenheit lag weit hinter der Gegenwart zurck
und er wute auch wenig Bestimmtes ber alle jene Vorgnge. Seine Neugier, die
Herzogin wiederzusehen, deren Bild ihm auch nur schattenhaft in der Erinnerung
geblieben war, trug daher ohne groe Mhe ber die flchtigen Bedenken seiner
Kindesliebe den Sieg davon, und er hatte obenein eine schwere, doppelte
Versumni nachzuholen. Er hatte der Herzogin in der Unruhe seines damaligen
Lebens den Tod seines Vaters nicht gemeldet. Er schuldete es ihr daher, sowohl
wie dem Andenken seines Vaters, die Unterlassung gut zu machen, und gerades
Weges aus dem Kaffeehause in sein Quartier zurckkehrend, schrieb er der
Herzogin, da sein Vater gestorben, da er selber in Paris sei und da er sie um
die Erlaubni bitte, sich ihr vorstellen zu drfen.
    Noch an dem nmlichen Abende fand er, von einem Gange wiederkehrend, eine
Antwort der Herzogin vor.
    Sie sind in Paris, lieber Ren, schrieb sie ihm, und nicht in meinem
Hause? - Wie ist das mglich? - Ein Sohn, der einen Vater wie den Freiherrn
verloren hat, ist immer beklagenswerth und hat des Trostes nthig, welches auch
seine Aussichten im Leben sein mgen. Wenn Sie mich nicht wissen lassen, da es
mit Ihren Verhltnissen und Wnschen unvereinbar ist, mein Gast zu sein, so wird
morgen Mittag mein Wagen vor Ihrer Thre stehen, um Ihre Uebersiedlung in mein
Haus zu bewerkstelligen. Kommen Sie, wenn es Ihre Dienstpflichten nicht
unmglich machen, mein junger Freund! Bereiten Sie mir die Genugthuung, mit
Ihnen von Ihrem Vater, meinem unvergelichen Freunde, zu reden und Ihnen einen
geringen Theil der groen Dankesschuld zu entrichten, die nur seine Freundschaft
mir leicht zu tragen machen konnte. Auch ich habe einen theuren Todten zu
beklagen; aber Sie sind jung, das Leben liegt vor Ihnen, und auch neben mir
blht ein junges Leben auf. Sie sollen von dem Trbsinne des Alters nicht bei
mir zu leiden haben. Somit auf Wiedersehen, mein junger Freund!
    Es war die alte Anmuth, welche allen Briefen der Herzogin von jeher eigen
gewesen war, und Renatus wurde es nicht mde, die Zeilen immer auf's Neue zu
lesen. Die Schrift, das Papier, der Duft desselben hatten etwas Reizendes fr
ihn. Er mute sich frmlich daran erinnern, da es eine Greisin sei, von welcher
diese Zeilen ihm gekommen waren, denn er fhlte sich von ihnen erheitert und
aufgeregt. Sie hatten ihn trotz der Mahnung an seines Vaters Tod, ber den nun
freilich schon zwei Jahre hingegangen waren, in eine so frhliche Spannung
versetzt, als stnde er an der Schwelle eines Abenteuers, als erwarte ihn irgend
ein ganz unverhofftes Glck.
    Er eilte zu seinem Chef, mit dem er auf dem besten Fue stand, ihm von dem
Anerbieten der Herzogin und von seinem Wunsche, es zu benutzen, Anzeige zu
machen, und er fand von Seiten des Obersten, da das ganze Regiment an dem linken
Seineufer untergebracht war, keine Schwierigkeiten fr seine Absicht.
    Da er von seinem Chef es zufllig erfuhr, da eben an diesem Tage ein
Offizier des Stabes auf Urlaub in die Heimath gehe, nahm Renatus die Gelegenheit
wahr, seiner Braut die Anzeige seines Wohnungswechsels zu machen. Er legte, um
sich einen Theil des Briefschreibens zu ersparen, das Billet der Herzogin fr
Hildegard bei. Er dachte, es knne nebenher nicht schaden, wenn diese sehe, da
eine Greisin noch solcher bezaubernden Anmuth fhig sei, und wenn sie selbst
sich daran ein Beispiel fr sich und ihre eigenen Briefe nhme, deren
schwrmerischer Ernst, ja, selbst deren feste, groe Handschrift ihn eigentlich
je lnger desto unschner bednkten.
    Hildegard wird allerdings verdrielich darber sein! sagte er sich. Aber
mochte sie es auch einmal empfinden, wie es thue, von einem Briefe aus der Ferne
keine Freude zu empfangen. Er hielt es fr die hchste Zeit, an Hildegards
Erziehung zu gehen, eben da nun ein dauernder Friede vor der Thre stand und er
an seine Heimkehr und an seine Heirath denken durfte.
    Aus dem Gerusche der volksbelebten Straen, aus der Gluth der Mittagshitze
brachte am nchsten Tage der Wagen der Herzogin den jungen Freiherrn in das alte
Hotel der Herzoge von Duras. Hohe Mauern schlossen es nach Landessitte von der
Strae ab; ein weiter Garten dehnte sich hinter dem im edelsten Style des
siebenzehnten Jahrhunderts errichteten Gebude aus. Durch das geffnete Portal
des Hauses zeigten sich frische Rasenpltze, von groen Bumen berschattet.
    Die Frau Herzogin lassen den Herrn Baron ersuchen, sich in seinen Zimmern
einzurichten, sagte der Haushofmeister; sie erwarten ihn danach im Gartensaale.
    Renatus war in den Gewohnheiten des Reichthums in einer wrdigen Heimath
aufgewachsen; aber die letzten Eindrcke, welche er empfangen hatte, als er mit
seinem Regimente vor dem russischen Feldzuge zum letzten Male in Richten gewesen
war, hatten eine traurige Erinnerung in ihm zurckgelassen, und seit vollen drei
Jahren war er im Felde, in den wechselnden und oft widerwrtigsten Umgebungen
gewesen. Das erhhte das Wohlgefallen, welches er bei dem Anblicke dieses
Palastes, dieser edeln Rume, ja, selbst bei den Hlfsleistungen geno, deren er
von seinem Kammerdiener gewohnt gewesen war und mit denen jetzt die Dienerschaft
der Herzogin sich sorgfltig um ihn bemhte.
    Man hatte ihn auf einer der Seitentreppen nach dem linken Flgel des Hauses
gefhrt, in dessen erstem Stocke man ihm seine Wohnung eingerichtet hatte.
Nachdem er sich umgekleidet, geleitete der Kammerdiener der Herzogin ihn die
breite, marmorne Prachttreppe hinab nach dem Saale, in welchem er die Herzogin
wiedersehen sollte.
    Es war ein groer, hoher Raum, dessen Thren nach dem Garten zu geffnet
waren. Dunkelrothe Vorhnge brachen das Licht der Sonne an den Fenstern; die
Thren waren von auen mit Marquisen verschattet. Nahe an dem einen Fenster lag
in einem Lehnstuhle, die Fe mit einem weichen Polster untersttzt, die
Herzogin; an dem Schreibtische, der nicht fern von ihr stand, sa eine
jugendliche Frauengestalt.
    Als Renatus eintrat, richtete die Herzogin sich mit lebhafter Bewegung in
die Hhe, und ihm die Hand entgegenreichend, die heute noch, wie vor jenen
Jahren, mit dem zierlichen Handschuh von schwarzer Seide halb bedeckt war, rief
sie: Willkommen in Frankreich, mein junger, lieber Freund, und doppelt
willkommen in meinem Hause, mein lieber Ren! Ich danke es Ihnen, da Sie
gekommen sind, eine alte Freundin Ihres Vaters aufzusuchen. Der arme Baron, da
er so zeitig von uns gehen mute! Aber das Leben ist nur ein Darlehen des
launenhaften Schicksals und nichts mehr. Sie wissen es, auch mein theurer Bruder
ist schon lngst gestorben, jung gestorben, und wir betrauern ihn noch heute,
ich und seine Tochter!
    Inde von dieser Trauer war weder in den feinen Zgen der Greisin, noch in
dem strahlenden Antlitze ihrer Nichte eine Spur zu finden, als diese auf ein
Wort ihrer Tante sich zu ihnen wendete, um die Vorstellung des Freiherrn von
Arten-Richten zu empfangen.
    Renatus konnte whrend dessen mit sich nicht darber einig werden, ob er gar
kein Bild von der Herzogin in seinem Gedchtnisse bewahrt gehabt, oder ob sie
sich wirklich so wenig verndert hatte, da nichts an ihr ihm strend oder
fremd, sondern Alles vertraut und angenehm erschien. Ihre weie Morgenkleidung,
das Spitzentuch, welches sie ber die zierliche Haube gebunden trug, die
zahlreichen schneeweien Lckchen, die ihre Stirn und ihre Wangen umgaben,
machten ein so feines, in sich abgeschlossenes Bild, da man meinte, es msse
eben so, es knne niemals anders gewesen sein, und da man eben deshalb auch
bereitwillig an die frische Farbe des Gesichtes glaubte, besonders da die
allerdings tief eingesunkenen Augen der Greisin ihren einschmeichelnden Blick
und ihr beredter Mund, trotz der schmal gewordenen Lippen, sein feines Lcheln
noch nicht verloren hatten.
    Renatus war noch nicht lange bei der Herzogin, als verschiedene Besuche
angemeldet wurden. Es waren jngere und ltere Mnner, zwei Geistliche unter
ihnen. Alle aber trugen sie groe Namen, alle waren sie unter einander bekannt
und im Besitze jener leichten und doch feststehenden Umgangsformen, deren in
solcher Vollendung nicht Herr zu sein, Renatus sich heute zum ersten Male bewut
ward.
    Wohin er bis dahin auch gekommen war, berall hatten sein Name, sein gutes
Aeueres und spter selbst seine Uniform ihm eine Beachtung zugesichert. Hier
trugen alle Mnner das brgerliche Kleid, und die Nennung seines Familiennamens
glitt an den Anwesenden spurlos vorber. Erst als die Herzogin erwhnte, da sie
in den Tagen der Verbannung eine sehr liebenswrdige Aufnahme bei dem Vater des
jungen Barons gefunden habe, wurden ihre Freunde auf Renatus aufmerksam; aber es
war, als ob die Zeit der Auswanderung seit langen, langen Jahren hinter ihnen
lge. Sie schienen es fast vergessen zu haben, da sie Frankreich jemals
verlassen hatten. Paris, der Hof, die Verhltnisse, in welche sie zurckgekehrt,
waren fr sie so ausschlielich die Welt, da alles, was nicht in diese Welt
hinein gehrte, kaum fr sie vorhanden war.
    Freilich erboten sich die jngeren Mnner, den jungen Freiherrn mit dem
Pariser Leben bekannt zu machen, man besprach auch seine Vorstellung bei Hofe;
Renatus konnte es sich indessen nicht verbergen, da er unter diesen Marquis,
Grafen und Prinzen eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen haben werde, und
whrend ihn dieses verdro, fhlte er sich doch von der ihn umgebenden
Gesellschaft wie nie zuvor angezogen und gefesselt.
    Alle diese Mnner waren an den meisten Hfen von Europa heimisch. Man redete
von den frstlichen Familien von England, von Sardinien, von Ruland und von
Holland, und von den Beherrschern der deutschen Lnder mit einer Art von
Vertraulichkeit, welche fr Renatus etwas Ueberraschendes hatte. Nur wenn sich
das Gesprch auf den Hof und die knigliche Familie von Frankreich wendete,
nderte und steigerte sich der Ton bis zu einer fanatischen Ergebenheit, und die
Herzogin, die immer noch Meisterin darin war, die Unterhaltung auf die
Gegenstnde zu lenken, von denen sie gesprochen haben wollte, wute an dem Ohre
ihres jungen Gastes auf diese Weise eine Reihe von Thatsachen vorber zu fhren,
die ihn beschftigten, ohne sich zu einem zusammenhngenden Ganzen verbinden zu
lassen, und die ihm unablssig und immer wieder das unbehagliche Gefhl
aufnthigten, da er nur ein zuflliges und nur ein unbedeutendes Mitglied in
diesem Kreise sei.
    Will sich die Herzogin an mir fr die Dienste rchen, welche mein Vater ihr
und ihrem Bruder geleistet hat? fragte Renatus sich einmal unwillkrlich. Aber
sein guter Sinn stie diesen Gedanken mit einem Tadel gegen sich selber als eine
Unwrdigkeit von sich, und doch lag diese Voraussetzung der Wahrheit nher, als
er es zu glauben vermochte.
    Renatus wute es noch nicht, da man edeln Herzens und liebevollen Gemthes
sein mu, um die Dankbarkeit nicht als eine schwere Last zu empfinden: inde der
stolze Sinn der Herzogin hatte die Stunde nie vergessen, in welcher sie sich
genthigt gefunden hatte, von dem Freiherrn fr sich und ihren Bruder unter
Hinweis auf eine kaum bestehende Verwandtschaft eine Zuflucht und Hlfe zu
begehren. In wie gromthiger Weise der Freiherr sie auch empfangen und
unterhalten hatte, das Brod der Fremde, das Gnadenbrod, wie sie es oft mit
herbem Ausdrucke in ihrem Innern genannt, hatte nie aufgehrt, ihr hart und
bitter zu bednken. Sie mochte sich der Zeiten nicht gern erinnern, in denen sie
in Richten gelebt hatte, sie dachte auch an den Freiherrn weder oft noch gern,
und doch hatte sie eine lebhafte Freude empfunden, als sie den Brief seines
Sohnes empfangen, eine Freude, wie sie der mehr als siebenzigjhrigen Frau nicht
mehr oft zu Theil ward: sie konnte abbezahlen, was ihr geleistet worden war, sie
konnte sich dem jungen Freiherrn in dem Glanze und in dem Ansehen ihrer
wiedergewonnen Wrden und Ehren zeigen und es ihn fhlen lehren, da es eine
Ehre fr seinen Vater gewesen sei, die Herzogin von Duras, die Freundin und
Vertraute der kniglichen Familie von Frankreich, seinen Gast zu nennen. Sie
konnte den jungen Freiherrn einsehen lassen, da, was man auch fr sie und fr
ihren Bruder gethan haben mochte, sie immerdar die Gunsterzeigende gewesen sei.
    Ihre Gte, ihre Freundlichkeit fr Renatus trugen in jedem Worte den Stempel
jener freiwilligen Herablassung, die, so schmeichelhaft sie sich im Augenblicke
demjenigen, dem sie zu Theil wird, auch erweisen mag, ihn doch herunterdrckt
und ihn seiner Freiheit mehr oder weniger verlustig macht. Renatus empfand es,
da er sich nicht geben konnte, geben durfte, wie er war; aber die vllige
Zusammengehrigkeit der Personen, welchen er an diesem ersten Morgen in dem
Saale der Herzogin begegnete, die Uebereinstimmung zwischen ihnen und allem, was
sie hier umgab, hinderten ihn, zu erkennen, worin jener ihn befangende Zauber
bestehe, oder wer es sei, der denselben ber ihn ausbe.
    Mitunter, wenn sein Auge eine Weile mit entzcktem Erstaunen auf der Nichte
der Herzogin haften geblieben war, meinte er, da es ihre Schnheit sei, welche
ihn so seltsam beherrsche, ihn so wunderbar sich selbst entfremde, und die junge
Grfin war ganz dazu gemacht, einem Manne die Empfindung anbetenden Staunens
aufzudringen. Renatus gestand sich, niemals eine so vollkommene Schnheit
gesehen zu haben; denn Eleonorens auffallend groe und ppige Gestalt, die
siegesgewisse Ruhe auf ihrer weien Stirn, von welcher das goldig schimmernde
Haar sich wie bei den antiken Statuen in welliger Flle weit zurckbog, um sich
in dickem Knoten an ihrem Hinterkopfe zu vereinen, gaben ihr trotz ihrer groen
Jugend etwas Gebietendes und Mchtiges.
    Ihr Vater, der Marquis von Lauzun, welcher der Herzogin gleich gefolgt war,
nachdem diese in Turin in die Dienste der kniglichen Familie getreten war,
hatte durch seine Wohlgestalt und durch die geschickte Vermittlung seiner
vorsorglichen Schwester die Hand einer der reichsten englischen Erbinnen
gewonnen, welche sich eben damals unter dem Schutze ihrer mtterlichen
Verwandten am sardinischen Hofe aufgehalten hatte. Eleonore Haughton war, wie
der englische Sprachgebrauch es bezeichnet, eine Erbin durch ihr eigenes Recht
gewesen. Die groen Besitzungen, der Name und die Pairie ihres Hauses waren nach
dem Tode ihrer Eltern und ihres Bruders auf sie bergegangen, aber sie hatte
sich dieser Vorzge nur kurze Zeit erfreuen knnen. Die Geburt ihres ersten
Kindes hatte ihr das Leben gekostet, und mit dem Tauf- und Familiennamen ihrer
Mutter waren der Tochter des Marquis die Adelstitel, die Pairswrde und der
Reichthum der Grafen von Haughton von der Stunde ihrer Geburt an, als
ausschlieliches Erbe zugefallen.
    Nach der ausdrcklichen letztwilligen Verordnung ihrer Mutter war eine
Freundin derselben zur Erzieherin des verwaisten Kindes von ihr bestimmt worden.
Bei dem Einflusse, welchen die Herzogin aber von jeher ber ihren Bruder
ausgebt, hatte sie es durchzusetzen gewut, da ihr die Oberaufsicht ber
dessen Tochter zugewiesen worden, als der Marquis ebenfalls frhzeitig vom Leben
geschieden war, und Frulein Arabella Warwell hatte also mit ihrer
Pflegebefohlenen unter dem Schutze und in dem Hause der Herzogin gelebt, bis
diese die Erziehung der jungen Grfin fr vollendet erklrt, und Frulein
Arabella von ihrem Zglinge entfernt hatte. Die besten Lehrer hatten Eleonore
vielseitig unterrichtet, und wie man ihr in der Taufe, zur Erinnerung an das
Meisterwerk einer groen Dichterin, neben dem Namen ihrer Mutter den Namen
Corinna beigelegt hatte, war ihre Bildung auch darauf hingeleitet worden, sie
diesem bedeutungsvollen Namen anzupassen.
    Eleonore war mit ihren siebenzehn Jahren der Sprachen ihrer beiden Eltern
wie des Italienischen vllig mchtig. Sie drckte sich in ihnen mit einer
Sicherheit und Entschiedenheit aus, die ihr einen frauenhaften Anstrich gaben
und sie lter erscheinen lieen, als sie war. Wer sie in diesem Kreise von
Mnnern sich unter den Augen der Herzogin bewegen sah, sie ihre kurzen Fragen
stellen, jede Anrede schnell erwidern, jedem ihrer Gedanken lebhaft und
rckhaltlos Aeuerung geben hrte, der mute sich eingestehen, da er hier ein
ungewhnliches Wesen vor sich habe, wenn es ihm auch zweifelhaft bleiben mochte,
ob man dieses Mdchen lieben knne oder nicht. Was aber dem flchtigsten
Beobachter nicht entgehen konnte, war die Vorsicht, mit welcher die Herzogin
ihre Nichte behandelte, und die geflissentliche Weise, mit welcher diese ihre
stolze Unabhngigkeit zur Schau trug. Sie trat fortwhrend wie ein strahlendes
Licht, wie ein mchtiger Ton aus der gleichmigen Stimmung dieser in feinen
Formen abgeschliffenen Gesellschaft hervor, und Renatus fragte sich schon in der
ersten halben Stunde: Wie kommt sie hierher, wie konnte sie in dieser Welt sich
so entfalten, wie konnte sie ihre stolze Naturwchsigkeit in dieser Luft
bewahren?
    Man hatte eine geraume Zeit hindurch die Vorkommnisse des Hoflebens bis in
ihre kleinsten Einzelheiten abgehandelt und alle Anwesenden hatten sich in den
Ausdrcken ihrer Verehrung und Ergebenheit fr das zum zweiten Male
wiedergekehrte bourbonische Knigshaus berboten, als Eleonore, sich zu Renatus
wendend, pltzlich ausrief: Und Sie, Herr Baron, Sie schweigen? Sie sagen nichts
zum Lobe der heimgekehrten Dynastie, fr die Sie doch bei Ligny und bei Waterloo
mit Ihren und meinen Landsleuten gefochten haben, whrend diese Herren friedlich
in der Nhe ihres Knigs weilten?
    Eleonore, rief tadelnd die Herzogin, was soll hier diese Frage?
    Mich aufklren, liebe Tante, weiter nichts! entgegnete die Grfin, ohne sich
durch die Mibilligung der Herzogin im geringsten beirren zu lassen.
    Man war es gewohnt, der Grfin viel nachzusehen, und man hatte auch keine
andere Wahl, wenn man das Haus der Herzogin, das man zum Theil um Eleonoren's
willen suchte, nicht eben ihretwegen meiden wollte; inde der ernste Ton, mit
welchem sie die dreiste Frage gethan hatte, lie diesmal eine scherzhafte
Deutung nicht wohl zu.
    Es war daher Allen sehr erwnscht, als der alte und vertraute Freund der
Herzogin, der Prinz von Chimay, dessen grauem Haare die gemessene Ruhe seiner
Sprache und Bewegungen sehr wohl anstand, sich in das Mittel legte und, den
Kampf auf das Gebiet seiner schnen Gegnerin hinberspielend, die Bemerkung
machte: Sie sprechen von unserem Knigshause, Grfin, und von Ihren Landsleuten,
als ob Sie nicht Franzsin, als ob Sie nicht unsere Landsmnnin wren! Bedenken
Sie, da wir auf eine solche Landsmannschaft in keinem Falle verzichten wollen!
So lange ein Fremder Sie uns nicht entfhrt, sind Sie die Unsere, und wir werden
Alles thun, Sie in der Heimath und in Ihrem Vaterlande festzuhalten!
    Vaterland und Heimath! wiederholte die Grfin, Sie nennen das zusammen, mein
Frst, als ob es nicht verschiedene Dinge wren! Frankreich ist allerdings
meines Vaters Geburtsland, ist mein Vaterland, aber meine Heimath ist es nicht.
Meine Heimath ist jenseit des Kanals in Haughton Castle, wo ich so glcklich
war, Sie bereits zu sehen, und wo ich Sie wieder zu begren hoffe, wenn ich
erst ganz dort leben werde, fgte sie mit einer Verneigung hinzu, die
verbindlich, die vershnend wirken sollte, whrend die stolze Siegesgewiheit
abermals ber ihre Mienen glitt. Und als wolle sie diese Unterhaltung nicht
fortgesetzt sehen, wendete sie sich zu Renatus, um auch ihn fr die Zukunft nach
ihrem Schlosse einzuladen. Sie werde stolz und glcklich sein, sagte sie ihm,
wenn er ihr Gast zu sein verspreche, nachdem ihr Vater durch so viele Jahre
seines Hauses Gast gewesen sei. Dabei reichte sie ihm, nach Art ihrer englischen
Landsleute, die Rechte hin, da er einschlagen und ihr sein Versprechen geben
solle, und ihm die Hand mit festem Drucke schttelnd, whrend sie ihm frei und
aufrecht in das Auge sah, rief sie: Wir wollen gute Freunde werden, nicht wahr,
recht gute Freunde, Herr von Arten!
    Renatus wute sich nicht zu erklren, welcher Stimmung des schnen Mdchens
er diese unerwartete und auffallende Gunstbezeigung zu verdanken habe, welche
ihm sehr leicht die Abneigung der andern jungen Edelleute zuziehen konnte; aber
er fhlte sich deshalb nicht weniger von Eleonoren's sonnigem Auge erwrmt, er
vermochte ihrer krftigen und frischen Stimme den Zugang zu seinem Herzen nicht
zu verschlieen, und im Innersten seines Wesens geschmeichelt, sprach er: Sie
erffnen mir eine Aussicht, gndige Grfin, die mich hoch erhebt, und zeigen mir
ein Ziel, nach dem zu streben mir um so mehr ein Glck sein wird, da ich die
Freundschaft, die Sie mich hoffen lassen, zunchst doch nur meinem Vater zu
verdanken habe.
    Wie er seinem Vater hnlich sieht! rief die Herzogin, sich an den alten
Frsten wendend, nicht wahr, mein Frst? Sie waren in Vaudricourt, als der
Freiherr von Arten mich zum ersten Male besuchte, und Sie erinnern Sich des
Freiherrn noch!
    Aber der Frst versicherte, da er den Freiherrn nie gesehen habe, und die
Herzogin wute das eben so genau, als da Renatus seinem Vater ganz und gar
nicht glich. Sie hatte nur der Unterhaltung eine andere Richtung geben, nur
Eleonoren's Launen in den Weg treten, einer unangenehmen Scene ein Ende machen
wollen, und von allen Seiten war man sofort bereit, ber die kleine Strung
leicht hinweg zu gehen, um der Herzogin, ber deren Absicht Niemand in Zweifel
war, geschickten Beistand zu gewhren.
    Der Frst rhmte die Reize von Haughton Castle, whrend die Herzogin das
Klima des hoch gelegenen Ortes tadelte; man sprach von der Jagd, die dort
ergiebig sei, von dem Besuche, welchen der Prinz-Regent im vorigen Jahre, als
die Herzogin es whrend der Sommermonate mit ihrer Nichte bewohnte, in dem
Schlosse gemacht hatte, und Eleonore hrte der ganzen Unterhaltung schweigend
zu. Als habe sie sich jetzt genug gethan, lie sie ihre dunkeln Augen langsam
von Einem zu dem Andern gleiten, und nur wenn ihr Blick auf den Frsten oder auf
die Herzogin fiel, meinte Renatus zu bemerken, da ein spttisches Lcheln um
den Mund der jungen Schnen spiele und da ein Gefhl des Triumphes ihre
krftigen Nasenflgel schwelle.
    Niemand machte ihn empfinden, da er, wenn auch ohne sein Verschulden, den
Anla zu der Krnkung geboten hatte, welche die Grfin den Gsten und Freunden
ihrer Tante zugefgt hatte. Renatus lie es sich also doppelt angelegen sein,
sich durch anspruchslose Freundlichkeit mit dem Menschenkreise, in den er
eingetreten war, in ein gnstiges Verhltni zu setzen, und es gelang ihm dieses
auch nach Wunsch; denn als die Besucher sich empfahlen, weil die Stunde gekommen
war, in welcher die Herzogin ihre tgliche Ausfahrt in das Gehlz von Boulogne
zu machen pflegte, schied man in einer so heiteren Weise, als ob gar nichts
Strendes vorgefallen wre oder als ob berhaupt niemals etwas Strendes
zwischen die Glieder dieses Kreises treten knnte.

                                Fnftes Capitel


Der Gartensaal der Herzogin lag, wie bei all den Schlssern, welche dem Anfange
des achtzehnten Jahrhunderts ihre Entstehung verdanken, an einer mchtigen
Terrasse. Am Abende des Tages, an welchem sie Renatus bei sich aufgenommen
hatte, waren die Thren des Gartensaales weit geffnet. Das helle Licht der
Kerzen mischte sich mit dem sanften Glanze des Mondes und lie innen wie auen
alle Gegenstnde klar erkennen.
    Mitten im Saale sa die Herzogin mit ihrem Freunde, dem Prinzen, und noch
zwei andern Personen beim Kartenspiele; drauen ging Renatus an der Grfin Seite
auf und nieder, whrend ein Mann von reifem Alter und ein junger, schlanker
Geistlicher, die am andern Ende des Zimmers Platz genommen hatten, in eifriger
Unterhaltung begriffen zu sein schienen, obschon keiner von beiden die auf der
Terrasse Lustwandelnden aus dem Auge verlor.
    Von Zeit zu Zeit warf auch die Grfin ihre Blicke in den Saal, dann aber
wendete sie sich gleich wieder dem Freiherrn zu, und obschon ihre Unterhaltung
sich ausschlielich in jenen Fragen und Mittheilungen bewegte, mit denen man
sich der uerlichen Verhltnisse eines neuen Bekannten zu bemchtigen und ihn
in der fremden Umgebung heimisch zu machen versucht, fhlte Renatus sich doch
von einer Unruhe ergriffen, fr welche er sich keine Ursache anzugeben wute.
    Ohne es zu wollen, mute er den Blicken Eleonorens folgen, ohne zu wissen,
wehalb, betrachtete er die Gesellschaft, die er in dem Zimmer vor sich sah, mit
einer mitrauischen Besorgni. Er hrte achtsam auf alles, was Eleonore zu ihm
sprach, und er fhlte sich trotzdem berzeugt, da sie an etwas Anderes denke;
ja, es kam ihm endlich vor, als sei sie mit ihm unzufrieden, als werde sie
ungeduldig; aber er konnte es sich nicht erklren, wie er ihr Anla zu irgend
einer Unzufriedenheit gegeben haben knne. Nie zuvor war ihm so sonderbar zu
Sinne gewesen. Die Empfindung, da die Grfin ihn geflissentlich auf die
Terrasse hinausgefhrt habe, da jetzt etwas geschehen, etwas gethan werden
msse, wurde immer lebhafter und unabweislicher in ihm. Das Herz klopfte ihm in
der Brust, er hatte eine Art von Furcht vor seiner schnen Gefhrtin, und wie
das dmmernde Mondlicht sie mit seinem webenden Schimmer hell und heller umgo,
kam sie ihm zwar wie eine Armide verfhrerisch und schn, aber so oft der
strenge Blick ihres groen Auges ihn berhrte, auch wie eine solche unheimlich
und dmonisch vor.
    Sie hatte seit einer Weile zu sprechen aufgehrt; das konnte er nicht
ertragen, und um sich aus der Befangenheit und Verwirrung, deren er sich
schmte, herauszureien, sagte er pltzlich: Sie haben mir heute, gndige
Grfin, im Andenken an Ihren und meinen Vater, Ihre Freundschaft angeboten, und
ich glaube, da es Ihnen Ernst damit gewesen ist. Darf ich diese Freundschaft
heute schon zu einem Dienste fr mich in Anspruch nehmen?
    Eleonore blieb stehen; Renatus hrte, da sie tief aufathmete, als werde
eine Spannung von ihr genommen, und ohne sich zu besinnen, entgegnete sie ihm:
Unbedenklich, wenn Sie mir vorher gestattet haben werden, Ihnen zu erklren, was
mich bewogen hat, Ihnen diese Freundschaft so schnell und so gewaltsam
aufzudrngen.
    Renatus wollte ihr entgegnen, da sie ihn mit ihrem Vertrauen glcklich
mache, aber sie lie ihn dieses nicht vollenden. Keine Worte, Herr von Arten!
rief sie mit ihrer stolzen, gebieterischen Weise. Sie mssen es heute schon
gesehen haben, es fehlt mir nicht an Mnnern, die mir schmeicheln, weil sie
glauben, da auch ich nichts Hheres kenne, als mich durch die Schmeicheleien
eines Mannes gefangen nehmen und der Freiheit berauben zu lassen, die man mir
mignnt! Aber eben dehalb bin ich in der Lage, meine Tante tglich daran zu
erinnern, da ich, Dank dem Testamente meiner Mutter, freier Herr ber alle
meine Entschlieungen bin, und eben dehalb bot ich Ihnen heute so unberufen
meine Freundschaft an, um es meiner Tante darzuthun, da ich's nicht liebe, wenn
man selbst die heiligste aller Pflichten, die Dankbarkeit, nur zu einem
Piedestal fr sich, und zu einer Last fr denjenigen zu machen sucht, dem man
sie zu entrichten hat! Nun, die Herzogin hat ja lange Jahre in Ihres Vaters
Hause gelebt - Sie werden sie also kennen, so gut wie ich!
    Der Zorn, der aus jedem ihrer Worte sprach, gab ihrer tiefen Stimme nur
einen hheren Reiz, und doch erschreckte ihr Wesen den jungen Freiherrn auch in
diesem Augenblicke wieder, weil es vllig von allen den Vorstellungen abwich,
unter denen er bisher das Bild eines jungen Mdchens zu denken gewohnt gewesen
war. Selbst die rckhaltlose Hrte, mit welcher Eleonore ber ihre greise Tante
gegen einen Fremden ihr Urtheil aussprach, beleidigte sein
Schicklichkeitsgefhl, und immer geneigt, sich desjenigen anzunehmen, dem nach
seiner Meinung ein Unrecht zugefgt wurde, sagte er, da er von der Herzogin
zwar ein lebhaftes Bild in seiner Erinnerung bewahrt habe, da er aber zur Zeit
ihres Aufenthaltes in Richten zu jung gewesen sei, irgend ein selbstndiges
Urtheil ber sie zu besitzen.
    Und abermals blieb Eleonore stehen, whrend sie, trotz des Halblichtes, in
seinem Antlitze zu lesen versuchte. Sonderbar, sprach sie; Ihnen fehlte also
jener Instinkt, den das Kind doch mit dem Thiere gemein hat? Sie hatten also
kein inneres Widerstreben gegen die Herzogin? Sie hatten kein Abmahnen gegen die
selbstische, die tyrannische Feindseligkeit ihrer ganzen Natur?
    Nein, versetzte Renatus nach einigem Besinnen. Ich glaubte nur, da sie die
Kinder nicht eben gern habe, und da meine theure Mutter ihr weniger als mein
Vater nahe stand, so hatte ich damals, so viel ich mich entsinne, allerdings
keine besondere Liebe fr die Frau Herzogin; aber ich knnte eben so wenig
sagen, da ich sie gefrchtet htte.
    Ich habe sie gefrchtet, seit ich zu denken vermochte, fuhr Eleonore heraus,
und jetzt - jetzt kenne ich sie! fgte sie mit schneidender Bitterkeit leise
hinzu, als der Edelmann, welcher bis dahin mit dem Geistlichen gesprochen hatte,
man nannte ihn, um ihn von seinem Vater, dem Frsten von Chimay, zu
unterscheiden, mit seinem Taufnamen den Prinzen Polydor, zu den Beiden
heraustrat und der besonderen Unterhaltung des jungen Paares damit ein Ende
machte.
    Eleonore verlie die Terrasse, und Renatus, der dem Prinzen schon am Mittage
bei der Fahrt im Gehlze vorgestellt worden war, blieb allein mit ihm zurck.
Der Prinz mochte ber fnfzig Jahre alt sein, aber sein hellblondes Haar, seine
schlanke Gestalt und seine schne Haltung machten ihn, bei der groen Sorgfalt,
mit welcher er gekleidet war, noch vortrefflich aussehen. Renatus wute, da er
des alten Frsten einziger Sohn und Erbe sei und da er mit seinem Vater whrend
der ganzen Zeit der Verbannung am Hofe zu Petersburg gelebt habe. Bei der
Herzogin stand er offenbar in groer Gunst. Sie hatte, nachdem man ihm am Morgen
begegnet war, den jungen Freiherrn aufmerksam darauf gemacht, wie er in dem
Prinzen Polydor das Muster eines franzsischen Edelmannes vor sich sehe, und
dann, gleichsam im Selbstgesprche, hinzugefgt: Und doch war seiner Mutter Blut
dem seines Vaters nicht an Reinheit gleich.
    Als Renatus sie darauf fragend angesehen, hatte sie sich in ihren
Mittheilungen pltzlich unterbrochen und nur flchtig die Bemerkung hingeworfen,
da es sich dabei um ein sehr romantisches Ereigni handle, von welchem man
nicht eben spreche, obschon es dem alten Frsten eigentlich zur hchsten Ehre
angerechnet werden msse, wie der Knig dies denn auch durch sein Verhalten
gegen den Vater und den Sohn gethan habe. Und es war danach der Einbildungskraft
des jungen Freiherrn vorlufig noch berlassen geblieben, unter welcher Gestalt
er sich die romantischen Erlebnisse des alten Frsten vorstellen mochte und
konnte.
    Nach einigen Tagen aber kam die Herzogin, als sich am Abende ihre gewohnten
Gste bereits entfernt hatten, unter dem Vorgeben, da sie Renatus recht bald
und recht schnell unter ihren Umgangsgenossen bekannt zu machen wnsche,
abermals auf den Frsten und seinen Sohn zurck, und bei diesem Anlasse erfuhr
Renatus, was die Herzogin ihm am ersten Morgen nur anzudeuten fr gut befunden
hatte.
    Der alte Frst von Chimay, so erzhlte die Herzogin, war in seiner Jugend
ohne alle Frage der schnste Mann, der vollendetste Cavalier des Hofes, und wir
lebten damals noch in einer Zeit, in welcher man es einem Manne weit mehr als
jetzt zum Verdienste anzurechnen verstand, wenn er der Welt in sich selbst ein
vollkommenes Bild edelmnnischer oder frstlicher Wrdigkeit darzubieten wute.
Er hatte in frher Jugend bedeutende Reisen gemacht, berall war ihm der
ehrenvollste Empfang zu Theil geworden, der Ruf seines Geistes und seiner
Liebenswrdigkeit stand ber jeden Zweifel fest, die Gunst der Frauen kam ihm
bereitwillig entgegen; aber der Frst war nicht nur schn wie ein Adonis, er war
auch sprde wie ein solcher, und das Gercht, das ihn unbesieglich nannte,
steigerte nur das Verlangen der Frauen, ihn zu berwinden und zu fesseln.
    Die Herzogin lehnte sich, in ihrer Erzhlung innehaltend, in ihren
Polsterstuhl zurck. Es ist die alte Eva-Natur, sagte sie lchelnd, alles, was
ihnen versagt ist, was sich ihnen entzieht, das reizt die Frauen. Machen Sie
sich daraus Ihren Schlu, mein junger Freund; und sich langsam mit einem der
kleinen dunkelrothen Fcher, deren Renatus sich noch aus seiner Kindheit zu
erinnern meinte, Khlung zuwehend, fuhr sie nach einer kurzen Pause also in
ihrer Erzhlung fort: Ich lebte damals fern vom Hofe, an meines verehrten Gatten
Seite, in unserem Schlosse. Wir sahen den Frsten, der uns sehr befreundet war,
immer nur fr einzelne Wochen und in Zwischenrumen bei uns, da die Gesellschaft
des Hofes ihn uns streitig machte. Es war oftmals von seiner Verheirathung die
Rede gewesen, fter noch von Herzensverhltnissen, in die er verstrickt sein
sollte; aber alle diese Gerchte erwiesen sich stets als unbegrndet, und man
gewhnte sich bereits daran, den Frsten als einen Weiberfeind zu betrachten,
als sich ganz unerwartet und zum hchsten Erstaunen aller Welt die Nachricht
verbreitete, der Frst habe sich mit einem jungen, im Kloster erzogenen, einer
geringen und armen Adelsfamilie angehrenden Mdchen verehelicht, das ihm einen
Sohn geboren habe, und sei, da die junge Mutter von einem unheilbaren
Brustleiden ergriffen worden, zu ihrer Erhaltung mit Frau und Sohn in's Ausland,
in den Sden, ich meine, nach Sicilien, gegangen.
    Die Kunde setzte den Hof, die Stadt, den ganzen Adel des Landes in Bewegung.
Niemand wollte es glauben, Niemand hatte dem Frsten eine so phantastische
Leidenschaft zugetraut, Niemand es fr mglich gehalten, da eben der Frst von
Chimay es vergessen knne, was er sich selber schuldig sei. Man fragte sich: Wer
ist die Zauberin, die den bisher Unbesiegten nicht nur zu besiegen, sondern sich
selber abwendig zu machen verstanden hat? Man forschte nach ihrem Namen, man war
begierig, sie zu sehen, man glaubte an jedem Tage, irgend eine Lsung dieses
Rthsels zu erhalten, die wo mglich noch geheimnivoller und auffallender als
das Ereigni selber sein sollte; inde man erfuhr nichts, gar nichts ber den
Gegenstand dieser unbegreiflichen Leidenschaft. Der Frst kehrte denn auch
nicht, wie man es doch erwartet hatte, mit der schnen Jahreszeit nach
Frankreich und an den Hof zurck; er legte vielmehr das Amt eines Kammerherrn,
das er bekleidet hatte, nieder, und alles, was man ermitteln konnte, war, da
die Trauung in der kleinen Kirche des Klosters vollzogen worden war, in welchem
die Braut bis dahin gelebt hatte, und da sie an ihrem Hochzeitstage eben so
schn als krank ausgesehen habe.
    Ich befand mich im Auslande, auf einer Badereise, als dieser Roman die
Gesellschaft in Aufruhr setzte, und alle Briefe, welche ich erhielt, sprachen
mir nur von unserem Freunde. Inde er selber gab mir keine Kunde von sich, und
nachdem man des Verwunderns von allen Seiten mde geworden war, fingen die Einen
den Prinzen zu vergessen, die Andern auf ihn zu verzichten an. Man sagte sich,
da er wiederkehren und seine alte Stelle unter uns einnehmen werde, wenn er
seiner romanhaften Grille genug gethan habe oder wenn die fabelhafte Prinzessin
gestorben sein wrde. Aber als handele es sich wirklich um ein Mrchen, so
geschahen auch hier jetzt Wunder, und zwar gerade diejenigen, welche man am
wenigsten erwartet hatte.
    Die Herzogin unterbrach sich abermals, und Renatus, den die Thatsachen
dieser Erzhlung eben so anzogen, als ihn die meisterhafte Weise fesselte, in
welcher die Greisin sie berichtete, bemerkte, da Eleonore das Buch, in welchem
sie bis dahin gelesen hatte, zur Seite legte und, die Arme ber die Brust
gekreuzt, ebenfalls auf die Fortsetzung der Erzhlung achten zu wollen schien.
Auch der Herzogin entging die pltzliche Aufmerksamkeit keineswegs. Sie fragte,
ob Eleonore ihr Buch beendet habe.
    Nein, versetzte diese; Ihre Erzhlung ist mir aber weit wichtiger, als das
Buch, und ich bin begierig, liebe Tante, den Ausgang derselben, ber den ich
sonst schon sprechen hrte, gerade aus Ihrem Munde zu vernehmen. Nicht wahr, die
Frstin bewies sich den schnen Frauen des Hofes nicht so gefllig, als sie es
wnschten und erwartet hatten, die Frstin blieb am Leben; und, was noch
schlimmer war, der Frst, weit davon entfernt, ihr dieses zu verargen, gewhnte
sich an sie und liebte sie, so da er darber des Hofes und seiner schnen
Frauen ganz und gar verga?
    Es scho ein scharfer, schneidender Blick aus den eingesunkenen Augen der
Herzogin zu ihrer Nichte herber, als diese ihre Fragen im Tone der
Unwiderleglichkeit spttisch ber ihre Lippen gleiten lie, und Renatus wute
nicht, welche von den Beiden, ob die Greisin oder das junge Mdchen, ihm in
diesem Augenblicke mehr mifiel. Aber das Antlitz der Herzogin gewann gleich
wieder seine Ruhe, und mit der freundlichen Gelassenheit, die sie uerlich fast
immer zu bewahren wute, fragte sie: Und wer ist es, dem Du diese Mittheilungen
dankst?
    Dem Herrn Abb von Montmerie! entgegnete die junge Grfin mit einer so
geflissentlichen Deutlichkeit und Langsamkeit, als wolle sie damit etwas
Besonderes sagen oder errathen lassen. Die Herzogin ging jedoch, whrend ihr
Gast sich von dem ihm unverstndlichen Vorgange wie von der unverkennbaren
Feindseligkeit, welche zwischen den beiden Frauen herrschte, unheimlich berhrt
fand, leicht darber fort.
    Da sehen Sie die Ungeduld und auch den Unbedacht der Jugend, mein lieber
Ren, sagte sie. Wir alten Leute sind nicht schnell, wie sie. Wir mssen uns
langsam in unsere Erinnerungen versenken, wir spinnen sie mhsam zu einem Ganzen
zusammen, und wenn wir unser kleines Kunstwerk zu vollenden denken, fhrt irgend
eine unvorsichtige junge Hand dazwischen und zerreit und verwirrt uns unsern
Faden, da wir ihn nicht wiederfinden knnen.
    Sie legte ihren Fcher aus der Hand, zog die kleine, mit Brillanten besetzte
Tabacksdose aus der Tasche, nahm mit gespitztem Finger eine Prise und schellte,
damit der Diener ihr zu ihrem Zimmer leuchte.
    Es war vergebens, da Renatus sie ersuchte, ihm den Schlu der Erzhlung
nicht zu entziehen. Sie vertrstete ihn auf einen anderen Tag, wiederholte, da
sie nicht mehr in der Flle ihrer geistigen Mittel lebe, da sie Rcksicht und
Schonung nthig habe, und forderte, obgleich sie sich noch immer mit voller
Freiheit bewegte, den Arm Eleonorens, sich darauf zu sttzen, als sie, ihrem
jungen Gaste unter ihres Hauses Dach eine angenehme Ruhe und gute Trume
wnschend, den Saal verlie.
    Es whrte jedoch lange, ehe der Freiherr die ihm gewnschte Ruhe finden
konnte. Die Menge der Eindrcke, welche er heute in seiner nchsten Umgebung
erhalten hatte, hielt ihn wach. Er konnte nicht aufhren, darber nachzudenken,
wie in einem Mdchen von Eleonorens Alter, bei einer so bevorzugten Lebenslage,
sich eine solche Herbigkeit habe entwickeln knnen und wodurch in das Verhltni
zwischen ihr und ihrer Tante jene Bitterkeit gekommen sei, die Eleonore selbst
vor dem fremden Manne entweder nicht verbergen wollte oder nicht zu verbergen
vermochte. Aber der rechte Aufschlu bot sich ihm nicht dar, und in jener
Aufregung, welche uns immer befllt, wenn wir nicht wissen, ob wir die Personen,
die uns anziehen, lieben oder hassen sollen, schlief er endlich berreizt und
sehr ermdet ein, auch im Traume noch von wirren, unzusammenhngenden
Vorstellungen und Gebilden hin und her geworfen.
    Am folgenden Morgen sah er die Frauen des Hauses nicht, da der Dienst ihn
auswrts beschftigt hielt. Spter, als er sie aufzusuchen kam, vermied die
Grfin ihn eben so absichtlich, als sie ihm Anfangs entgegengekommen war. Nicht
einmal die Mglichkeit vergnnte sie ihm, sie um die Grnde ihrer vernderten
Haltung zu befragen. Sie schien berhaupt wenig Gefallen an der Geselligkeit zu
haben, denn sie zog sich, wenn die Empfangsstunde der Herzogin gekommen war,
hufig aus dem Saale in ihre eigenen Zimmer zurck, und ihre Tante versuchte es
dann auch nicht, sie neben sich und in der Gesellschaft festzuhalten.
    Renatus wute nicht, was er thun sollte. Bisweilen fhlte er das Bedrfni,
der Grfin zu schreiben und sich zu erkundigen, womit er ihre gute Meinung
verscherzt habe, dann wieder schalt er sich eitel und thricht, da er
Eleonorens Fortbleiben berhaupt in irgend eine Verbindung mit sich zu bringen
wagte. Wenn er sich schuldig glaubte, dachte er mit Bewunderung, ja, mit
Entzcken an die Grfin; wenn er die Klte, welche sie ihm bewies, auf Rechnung
ihrer launenhaften Selbstwilligkeit stellte, zrnte und grollte er ihr, aber
immer blieb sein Sinn mit ihr beschftigt, wie das neue Leben, das er fhrte,
seit er in das Haus der Herzogin gekommen war, ihn auch gefangen nahm und von
allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wnschen abzuziehen geeignet war.
    Renatus hatte noch nie an einem Hofe gelebt und noch kein weibliches Wesen
gekannt, das mit der Grfin Haughton zu vergleichen gewesen wre. Das Erfahren
und Erleben wurde fr ihn fast berwltigend, und doch sagte er sich an jedem
Tage, da er jetzt erst zu leben anfange, da ihm jetzt erst eine Jugend
aufgehe, wie sein Vater sie genossen habe, wie sie eines Mannes von seinem
Stande wrdig und wie sie ihm durch die Ungunst der Verhltnisse viel zu lange
vorenthalten worden sei.
    Da er in den Strmen der Revolutionszeit geboren und erwachsen war, hatte
man ihn, mit dem Hinweise auf die Unbestndigkeit aller irdischen Macht und
Gter, zu einer gewissen Selbstbeschrnkung erzogen und es waren, ohne da man
es beabsichtigt oder er selbst es gemerkt htte, doch viele der Anschauungen an
ihn herangekommen, welche als ein neues Menschheits-Evangelium die Welt
umzugestalten begonnen hatten. Nun befand er sich mit Einem Male auf einem Boden
und inmitten einer Nation, in welchen die Lehren von der Freiheit und
Gleichberechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das
Volksbewutsein eingedrungen, und von Wirkungen und Thaten so zerstrender und
durchgreifender Art gefolgt gewesen waren, da man die erneute Herrschaft der
frheren Weltanschauung und die Wiederkehr der alten Staatsverhltnisse und
Zustnde fr immer unmglich htte halten mssen. Trotzdem thronte der
achtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen, doch waren den vertriebenen und
wieder heimgekehrten Adelsgeschlechtern, doch waren der katholischen
Geistlichkeit ihre Titel und Wrden und Besitzthmer zurckerstattet worden, und
von den Beamten des Kaiserthums wie von den einstigen Republikanern drngten
sich groe Massen an die neue Gnadensonne heran, und gar viele von den Bekennern
der Vernunft-Religion fllten jetzt wieder die Kirchen, in denen man die
Dankes-Hymnen fr die Niederwerfung der Revolution und fr die Besiegung des
Bonapartismus ertnen lie.
    Konnte es da befremden, wenn ein werdender, ein in sich noch in keiner Weise
gefestigter Charakter sich der, seinen eigenen Anschauungen nahe verwandten
Meinung der Gesellschaft anschlo, in der er sich bewegte? Und was hatte Renatus
aus seinem eigenen Geiste oder seiner eigenen Erfahrung dagegen einzuwenden,
wenn die Herzogin und ihre Freunde den Ausspruch des Kaisers Alexander auch zu
dem ihrigen machten, wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreiig Jahre
als einen wilden Strom betrachteten, dessen Wassern man nur die Zeit zum
Verlaufen habe gnnen mssen, damit das Dauernde, das allein Wrdige, die
Herrschaft des Adels und der Kirche in ungetrbter Ruhe wieder zur Erscheinung
und zu ihrer Geltung habe kommen knnen.
    Der junge Freiherr hatte bisher mit Stolz daran gedacht, da auch er, so
viel an ihm gewesen sei, zum Sturze Napoleon's und der Napoleoniden, zur
Wiederherstellung der alten, legitimen Herrscher beigetragen habe; aber der Ton,
die Art und Weise, in welcher man in der franzsischen Hofgesellschaft von dem
Ueberwundenen sprach, verleidete ihm allmhlich seine Siegesfreude. Nicht die
Niederwerfung des Eroberers war das Verdienst, das man hier schtzte, sondern
die zuversichtliche Treue, mit welcher man auf den endlichen Untergang
Bonaparte's und auf den Sieg des angestammten Knigshauses wie auf eine
Naturnothwendigkeit gerechnet und gewartet hatte. Nicht die That war es, die man
hier ehrte, sondern der Glaube und das Erdulden, und fr dieses Letztere sich zu
entschdigen, war alles, worauf man jetzt noch dachte.
    Feste folgten den Festen, die Verbindungen des jungen Freiherrn dehnten sich
bei denselben immer weiter aus, und seine Bewunderung der franzsischen
Gesellschaft, sein Geschmack an dem Hofleben wuchsen, je mehr er in demselben
heimisch wurde. Weil er von frhester Kindheit an zu einer strengen
Unterwrfigkeit unter den Willen der Kirche und unter den Willen seines Vaters
und Erziehers angehalten worden war, hatte er sich gewhnt, sich selbst und
seinen Werth nach dem Mastabe zu messen, der ihm von Andern, gleichsam von
auen her, dargeboten wurde. Er fand sich also sehr leicht darein, ja, es dnkte
ihn eigentlich nur natrlich, da die Gesellschaft, in die er jetzt eingetreten
war, einander nach der Bedeutung schtzte, welche der Knig und die knigliche
Familie den einzelnen Personen zuerkannten, und er stand sich gar wohl bei
dieser neuen Ansicht, denn man nahm ihn um seiner Beschtzerin willen am
kniglichen Hofe gnstig auf.
    Er war ein schner Mann geworden, er tanzte den Walzer, den die Fremden in
Frankreich eingefhrt hatten, mit Meisterschaft, seine jugendliche
Genufhigkeit, selbst seine Schchternheit empfahlen ihn den Frauen. Dazu war
er ein trefflicher Reiter, wute die Waffen wohl zu brauchen, und weil er sich
der ihn umgebenden Meinung gefgig zeigte, gewann er sich auch die Gunst der
Mnner. Es whrte also gar nicht lange, bis man der Herzogin von vielen Seiten
das Lob ihres jungen Schtzlings wiederholte, und diese blieb nur sich selbst
getreu, wenn sie Renatus, den sie in ganz eigenschtiger Absicht bei sich
aufgenommen hatte, werth zu halten und auszuzeichnen anfing, sobald er eine
vortheilhafte Erwerbung fr ihre besondere Hofhaltung zu werden versprach.
    Kein Tag verstrich, an welchem sie sich nicht eine Weile in einsamem
Zwiegesprche mit ihm beschftigte. Sie machte sich eine Pflicht daraus, seine
Ausdrucksweise in der fremden Sprache zu verbessern, sie wies ihn an, wie er
sich gegen die verschiedenen Personen, mit welchen sie ihn in Berhrung brachte,
zu verhalten habe, und wenn er sich ihr dankbar und allen ihren Anordnungen
gehorsam erwies, rief die Herzogin oft seufzend aus: Ach, warum hat der Himmel
mir es versagt, in meiner Nichte ein so weiches Herz zu finden! Warum ist es mir
auferlegt, kaltem Starrsinne zu begegnen, wo ich so viel Liebe sete und fr die
letzten Tage meines Lebens Liebe zu ernten hoffte!
    Sie hielt ihrem neuen Schtzlinge dann ihre Hnde hin, sie drckte einmal
sogar einen Ku auf sein schnes, blondes Haar, da er sich neigte, ihre Hand an
seine Lippen zu ziehen, und gerade, da er sich sagen mute, wie hart und
ungerecht er, von Eleonoren dazu verleitet, an dem ersten Tage die Herzogin zu
beurtheilen geneigt gewesen war, gerade das befestigte seine Ergebenheit fr die
Greisin und wendete seine Empfindung von Eleonoren ab, so oft er die eisige
Zurckweisung bemerkte, mit welcher die Grfin die Freundlichkeit der Herzogin
vergalt.

                                Sechstes Capitel


Tage reihten sich an Tage, Wochen wurden zu Wochen, und vieles, was Renatus in
seiner neuen Umgebung im Anfange nicht verstndlich gewesen war, klrte sich ihm
von selber auf. Er sah, da die Freundschaft und Huldigung, welche der alte
Frst der Grfin Eleonore entgegenbrachte, ihren Ursprung nicht nur in seiner
vieljhrigen Verbindung mit ihrer Tante hatten, sondern auf Rechnung der
Bewerbung zu setzen waren, mit welcher der Prinz, sein Sohn, sich um die schne
Erbin bemhte. Auch ber die Absichten der beiden Geistlichen, welche zu den
tglichen Gsten der Herzogin gehrten, konnte Renatus auf die Lnge nicht in
Zweifel bleiben.
    Er fand es jedoch sehr natrlich, da ein Mann von den Vorzgen des Prinzen
sich noch die Fhigkeit zutraue, die Liebe eines jungen Weibes zu erwerben; es
duchte ihm durchaus berechtigt, da die katholische Kirche sich die in jedem
Betrachte ausgezeichnete Grfin, die nach dem Glauben ihrer Mutter der
englisch-protestantischen Kirche angehrte, anzueignen strebte; denn fr Beides
hatte er die Beispiele in seinem eigenen Hause vorgefunden. Allerdings waren die
Ehen, welche der verstorbene Freiherr in reifem und in vorgercktem Alter mit
bedeutend jngeren Frauen eingegangen war, nicht glcklich ausgefallen. Aber
seine protestantische Mutter hatte doch Glck und Frieden im Schooe der
rmischen Kirche gefunden, und obschon sich bei Renatus die Gewohnheit der
kirchlichen Unterordnung wie das Bedrfni nach religisem Anhalte, seit er das
Vaterhaus verlassen und namentlich jetzt in den Jahren des Krieges, sehr
vermindert hatten, hegte er doch den Glauben, da fr ein so stolzes Herz, wie
das der Grfin, die Sorge und Pflege durch einen ihr berlegenen geistlichen
Berather nur heilsam sein knne. Niemand aber mute zu einer solchen Aufgabe
geeigneter erscheinen, als der Abb von Montmerie, als der jngere der beiden
geistlichen Herren, welche in dem Hause der Herzogin fast an keinem Tage
fehlten.
    Die Herzogin hatte den Abb schon in Italien gekannt. Seine Hingebung an die
Kirche und seine umfassende Gelehrsamkeit hatten ihn frh zu einem Gegenstande
der Aufmerksamkeit fr seine Vorgesetzten gemacht, seine weltmnnischen Manieren
empfahlen ihn der vornehmen Gesellschaft, welcher er durch seine Geburt
angehrte. Von Jugend auf kannte er aus den Erzhlungen seiner Anverwandten alle
die geheimen Fden, durch welche diese schne Welt unter einander zusammenhing,
und da er das scharfe Auge eines Beobachters hatte, war es ihm, als der Hof und
mit ihm auch der Adel und der Abb selber in ihre franzsische Heimath
zurckkehrten, nicht schwer gefallen, in den Reihen dieses Hofes den Platz fr
sich zu finden, welchen er als den angemessensten fr sich erachtete. Er hatte
sich nicht, wie viele Andere, in den Beichtstuhl gedrngt, denn es hatte ihn
nicht danach gelstet, die Bekenntnisse dieses oder jenes bengstigten Herzens
zu vernehmen, und hier eingreifend, dort berathend in kleinen Verhltnissen
einen Einflu zu gewinnen, der sich nur allmhlich ausdehnen, nur langsam von
Bedeutung werden konnte. Man htte sagen mgen, er weise das Vertrauen zurck,
das man ihm entgegenbrachte, so wenig zeigte er sich geneigt, sich um fremde
Angelegenheiten zu bekmmern, und was ihn selber und seine Zukunft anging, das
schien ihm vollends keine groe Sorge zu erregen.
    Seine grndlichen Studien in den klassischen Sprachen, die ihn zu einem der
hervorragendsten Lehrer an dem Kollegium gemacht, dem er angehrte, hatten ihn
auch der Beachtung des Knigs empfohlen. Lie man ihm von gewisser Seite merken,
da seine andauernde Beschftigung mit dem heidnischen Alterthume seiner
Hingebung an das Christenthum Abbruch zu thun drohe, so versicherte er, da er
ein eben so orthodoxer Christ sei, als Seine Majestt, wennschon er sich nicht
rhmen drfe, in der heidnischen Vorzeit so vllig heimisch zu sein, als sein
Knig und Herr; und der Abb von Montmerie wute es sehr genau, da eine solche
Wendung alle Aussicht hatte, an rechter Stelle wiederholt und von Ludwig dem
Achtzehnten mit geneigtem Ohre aufgenommen zu werden.
    Seine Amtsbrder nannten den Abb mit schlecht verhehltem Spotte einen
schnen Geist, der Knig hatte ihn als einen feinen Geist bezeichnet und die
Frauen ihn nach dem Beispiele der Herzogin als einen liebenswrdigen Geist und
als einen jener Mnner anerkannt, die berall vermittelnd wirken, weil sie fr
sich selber nichts zu erstreben scheinen. Es gab Niemanden, der wie der Abb ein
Miverstndni unter Freunden behutsam auszugleichen wute, Niemanden, der sich
mit grerer Freude dazu erbot, der Ueberbringer einer willkommenen Botschaft zu
sein, und der wie er, eine unangenehme Erffnung in milde Formen einzukleiden
sich geschickt erwies. Wollte man ihm danken, so nannte er sich als den
Verpflichteten, weil man ihm die Gelegenheit gegeben habe, seinem innersten
Wesen zu gengen und im Sinne seines Amtes zu handeln; und der Knig war noch
nicht lange in sein Reich zurckgekehrt, als man bereits mit Sicherheit
behauptete, da in den langen, besonderen Gesprchen, mit welchen Seine Majestt
den jungen gelehrten Geistlichen begnadigte, auch von anderen als von jenen
philologischen Gegenstnden, die der Knig als sein besonderes Fach ansah, die
Rede sei, und da die Verbindungen des Geistlichen eben so weit verzweigt als
mchtig wren.
    Die Freundschaft, deren die Herzogin sich von des Knigs Seite zu erfreuen
hatte, fesselte den Abb an sie. Auch zwischen der Grfin Haughton und ihrer
Tante hatte er Anfangs seine Kunst im Vermitteln geltend zu machen versucht,
aber es war ihm nicht gelungen, Eleonore den Planen der Herzogin geneigt zu
machen, ja, er hatte das Mitrauen nicht besiegen knnen, mit dem die Grfin,
ihrer Mutterkirche treu, jeden katholischen Geistlichen betrachtete.
    Nur wenige Tage vor der Ankunft des jungen Freiherrn hatte der Abb sich in
dem Saale der Herzogin im Beisein Eleonorens mit groer Wrme und mit der
schwunghaften Weise, die ihm sehr wohl anstand, ber das erhebende Gefhl
ausgesprochen, welches fr den Einzelnen aus der Zusammengehrigkeit mit einer
groen Gemeinde erwachse. Man hatte seit Jahren wieder zum ersten Male den Tag
von Mari Himmelfahrt mit einer Procession gefeiert, bei welcher die Prinzen und
Prinzessinnen des Knigshauses selber die Kerze getragen, und die Herzogin hatte
es sich trotz ihrer hohen Jahre nicht nehmen lassen, sich dem Zuge, so weit ihre
Krfte es ihr gestatteten, anzuschlieen.
    Die ganze alte legitimistische Gesellschaft fhlte sich wie verjngt durch
diesen Akt, weil er ihr die Tage ihrer frhesten Jugend in das Gedchtni rief,
und man gefiel sich darin, die politische Genugthuung, welche man sich und der
Kirche bereitet hatte, und die Freude, die man ber diesen Sieg empfand, als
eine innere Beseligung und Erhebung zu bezeichnen, von welcher die Grfin
Haughton ausgeschlossen zu sehen der Abb beklagte.
    Er stand, whrend er ihr dieses mit seiner gewohnten edeln Weise aussprach,
mit Eleonoren in der tiefen Brstung eines Fensters ganz allein. Das Licht fiel
hell auf ihn nieder, jede Miene seines Antlitzes besttigte die Wahrheit und den
Ernst seiner Worte. Die Grfin lie ihr Auge nicht von ihm. Sie liebte es, ihn
sprechen zu hren, ihn zu beobachten, denn er zog sie an, obschon sie ihm
mitraute; und ohne von seinen Schilderungen irgendwie ergriffen zu sein, sagte
sie: Ich zweifle nicht an dem Glcke, dessen Sie alle heute theilhaftig geworden
sind, und ich sehe es ja, wie vllig die groe Gemeinschaft, deren Sie gedenken,
den Einzelnen in sich aufnimmt und mit sich forttrgt. Aber bemhen Sie Sich
nicht um mich, ich bin der Anstrengung nicht werth. Ich kann weder glauben noch
lieben auf eines Anderen Gehei, weder beten noch mich verheirathen, wo es mich
selber nicht dazu drngt; und was kmmert es Sie, woran ich jenseit des Kanales
glauben, oder meine Tante, an wessen Seite ich dort leben werde? Denn da ich
Frankreich und dieses Haus verlasse, sobald ich die mir zustehende Freiheit dazu
erlange, daran, Herr Abb, zweifeln Sie wohl selber nicht!
    Und wer sagt Ihnen, Grfin, fragte er sie, da ich es ersehne, Sie als die
Gattin des Prinzen Polydor zu sehen, wennschon ich Ihnen nie verhehlte, da ich
mich glcklich schtzen wrde, eine so mchtige und freie Seele wie die Ihrige
zu den Unsrigen zhlen zu drfen?
    Die Grfin war berrascht. Nie zuvor hatte der Abb mit ihr ber die Plane
des Prinzen Polydor gesprochen; aber sie fate sich schnell, und jene Andeutung
ganz unbeachtet lassend, sagte sie: Sie nennen meine Seele mchtig und frei! Was
kann die Macht und die Freiheit einer Seele ihrer Kirche nutzen, die blinden
Gehorsam gegenber ihrer unumschrnkten Herrschaft fordert?
    Wer herrschen will, bedarf der Menschen, die zum Herrschen fhig sind! gab
er ihr zur Antwort. Zum Gehorchen sind Viele berufen, zum Herrschen werden
einige Wenige erwhlt.
    Und Sie gehren zu diesen Letzteren, nicht so, Herr Abb? meinte Eleonore
mit gewohnter Keckheit.
    Der Abb folgte jetzt dem Beispiele, das sie selber ihm gegeben hatte. Er
berhrte geflissentlich den Ton, mit welchem sie diese Frage an ihn richtete.
Ich hoffe mich durch Unterordnung unter die Weisheit der Herrschenden zum
Herrschen geschickt zu machen, Grfin! gab er ihr zur Antwort.
    Sie halten also Herrschaft fr ein Glck?
    Ich halte die Herrschaft fr die hchste Befriedigung, die dem Menschen zu
genieen verliehen ist, und ich erachte es als die hchste Tugend, wenn ein zum
Herrschen geborener Mann durch die Schule der Selbstbeherrschung und der
Unterordnung sich dazu befhigt, fr gute und edle Zwecke, fr die hchsten
Ziele, die Herrschaft ber jene ungeheure und ungeschulte Masse zu gewinnen,
die, sich selber berlassen, zu jedem Irrthume, zu jeder Ausschweifung, zu
jeglichem Verbrechen zu verfhren ist. Oder ersehnt Ihr Herz die Vorgnge und
die Zeiten wieder, welche vor unserer endlichen Rckkehr dieses arme Frankreich
heimgesucht haben?
    Der Abb wute, wem er die Reize der Herrschaft anpries. Auch hatte die
Grfin ihm mit tiefem Ernste zugehrt.
    Sie sprechen von Zielen, wie sie dem Manne winken. Wo ist uns Frauen die
Mglichkeit zu jenem Thun erffnet, das Sie als die hchste irdische
Befriedigung bezeichnen? versetzte sie darauf.
    Der Abb schwieg, als ob er sich scheue, ihr seine Meinung auszusprechen;
endlich sagte er: Ihre Kirche, gndige Grfin, erkennt auch der hochbegabtesten
Frau, wenn sie nicht zufllig auf einem Thron geboren ist, freilich kein anderes
Regiment, als das in ihrem engen Hause zu. Die katholische Kirche, in der die
jungfruliche Mutter Gottes der Gegenstand der heiligsten Verehrung ist, hat
aber zu allen Zeiten die hervorragenden Frauen auszuzeichnen, an ihren Platz zu
stellen und groe Gewalt in ihre Hnde zu legen getrachtet und verstanden. Ich
wei es, Sie kennen die Frau Aebtissin der heiligen Schwestern zum Herzen Jesu.
Glauben Sie, da diese frstliche Frau sich entschlieen knnte, die Wrde, die
sie in unserer erhabenen Kirche einnimmt, die Macht, welche in ihre Hnde gelegt
ist, den Einflu und die hohe Verehrung, deren sie geniet, mit irgend einem
Verhltnisse, wie die weltliche Gesellschaft ihr es bieten mchte, zu
vertauschen?
    Selbst wenn ich Katholikin wre, wrde das Kloster mich nicht locken; wrde
die Macht innerhalb der hchsten Beschrnkung, die Herrschaft in den Banden des
Zwanges und der Abhngigkeit mir keine Genugthuung bereiten! versicherte die
Grfin. Herr zu sein ber mich selbst, Herr zu sein in jeder Stunde ber jede
meiner Entschlieungen, das allein ist es, wonach ich trachte, und ...
    Und was Sie sicher nicht erreichen werden, gndige Grfin, fiel der
Geistliche ihr in das Wort, wenn Sie, Sich dem Willen der Frau Herzogin fgend,
den Prinzen Polydor zu Ihrem Gatten whlen.
    Er war mit dieser Wendung wieder auf den Ausgangspunkt ihrer Unterredung
zurckgekehrt, und ihn mit fragendem Erstaunen anblickend, zgerte die Grfin,
ihm eine Antwort zu geben.
    Der Abb strte sie in ihrem Ueberlegen nicht. Er wute, da von der
Frstentochter bis herab zur niedrig geborenen Magd nicht leicht eine Frau der
Versuchung widersteht, sich ber ihre Herzensangelegenheiten und
Ehestandsaussichten mit einem bedeutenden Manne zu besprechen, wenn dieser in
denselben nicht betheiligt ist, und er hatte mit Sicherheit Eleonorens Frage
erwartet, womit sie den Antheil verdiene, den er ihr beweise.
    Aber auch er lie sie seine Antwort jetzt erwarten, und erst nach lngerer
Zeit, in der er mit sich zu Rathe gegangen zu sein schien, sagte er: Sie sind so
jung, gndige Grfin, da man sich immer wieder auf dem Fehler ertappt, an Sie
die Mastbe anzulegen, nach welchen man die Mehrzahl der Frauen, die
gewhnlichen Jungfrauen in Ihrem Alter zu messen gewohnt ist. Diesen Fehler habe
ich lange Zeit begangen, und Sie haben ihn mir mit einem Mitrauen vergolten,
das ich mit Beschmung als ein verdientes anerkennen mu. Wollen Sie mir diesen
Fehler verzeihen, wollen Sie mir vergnnen, Ihnen ruhig auseinander zu setzen,
in welcher Lage ich mich Ihnen gegenber befinde, so werde ich Ihnen fr das
Erstere von Herzen danken und bin ich zu dem Letzteren bereit.
    Der Abb hatte bis dahin vor Eleonoren gestanden. Jetzt, als sei er ihrer
Zustimmung gewi, rckte er einen Lehnstuhl fr sie herbei, nahm einen Sessel
ihr gegenber ein, und er sah dabei mit besonderer Genugthuung, wie die Mienen
der Grfin sich gendert hatten, wie sie mit Spannung in seinem Antlitze zu
lesen strebte, was er ihr zu sagen haben knne.
    Es wrde mir und meinem Amte bel anstehen, hob er nach kurzem Ueberlegen
an, wenn ich Ihnen aussprechen wollte, was die Gesellschaft der Sie umgebenden
Mnner Ihnen tglich und unablssig wiederholt, da Sie an Schnheit die anderen
Frauen berragen, da der Mann glcklich zu preisen sein wrde, dem es gelnge,
Ihre Liebe und mit dieser den Besitz Ihrer Person zu gewinnen. Aber ich trage
daneben kein Bedenken, Ihnen zuzugeben, was Ihnen, ich wei es, von Seiten Ihrer
frheren Erzieherin und Ihres geistlichen Berathers ebenfalls oft genug
wiederholt werden mag, da eine junge Frau von Ihrer ungewhnlichen Begabung,
von Ihrer Selbstndigkeit und von Ihrem groen und unabhngigen Vermgen der
Beachtung unserer Kirche nicht entgehen konnte. Wer berzeugt ist, die Wahrheit
zu kennen und zu besitzen, mu, wenn er kein Elender ist, sie mitzutheilen und
vor Allem diejenigen derselben theilhaftig zu machen wnschen, von denen er
erwarten darf, da sie starke Zeugen fr die Wahrheit werden knnen. Wer die
Herrschaft als ein ihm von Gott verliehenes Recht ansieht, mu nach den Mitteln
trachten, welche ihm das Herrschen mglich machen, und ich bin viel zu sehr von
dem heiligen Rechte unserer Kirche berzeugt, viel zu sehr von ihrer
alleinseligmachenden Kraft durchdrungen und von der erhabenen Aufgabe beglckt,
die mein Amt mir auferlegt, als da ich anstehen sollte, Ihnen zu bekennen, wie
es mein heier Wunsch, mein heier Wunsch gewesen ist, eine Frau von Ihrer hohen
und eigenartigen Begabung, von Ihrem frstlichen Vermgen - denn weltlicher
Besitz giebt Macht - in die Reihen unserer Bekenner eintreten, und Sie wo irgend
mglich frher oder spter Sich zu der kleinen Schar der Auserwhlten gesellen
zu sehen, welche die Welt regieren, weil sie wissen, was der menschlichen
Schwche angemessen ist und wohlthut.
    Er hielt inne und sagte dann mit einem leisen Seufzer, der seiner mnnlichen
Schnheit sehr wohl anstand: Ich habe, wie ich mit Beschmung erkenne, denn
eines Irrthums hat der reife Mann sich stets zu schmen, mich mit einer falschen
Hoffnung getragen, ich habe Sie nicht richtig beurtheilt. Ihr Sinn ist weniger
gro, als ich mir's vorgestellt hatte; er verlangt nicht nach Herrschaft, er
scheut nur vor persnlicher Abhngigkeit zurck, und einer solchen wrden Sie in
der Ehe mit dem Prinzen nicht entgehen, denn der Prinz hat trotz seiner
gewinnenden Umgangsformen die ganze Herrschsucht seiner Mutter.
    Es entstand eine Pause; der Abb war anscheinend von dem Gegenstande seiner
letzten Errterungen abgekommen, als er die Rede noch einmal auf Eleonorens
Verbindung mit dem Prinzen lenkte. Aber sie beachtete das nicht. Man konnte
sehen, da ihre Gedanken mit irgend einem Gegenstande lebhaft beschftigt waren,
denn sie schaute schweigend vor sich hin, ohne ihre Blicke auf ihrer Umgebung
haften zu lassen, und erst nach einer Weile, whrend welcher der Abb sie sich
selber berlassen hatte, fragte sie, als komme sie auf diesen Punkt nur zufllig
zurck oder als benutze sie die Frage nur, um den eigentlichen Boden der
Unterhaltung zu vermeiden: Sie haben also die Mutter des Prinzen auch gekannt?
    Welche Frage, Grfin! entgegnete der Geistliche, indem er sie mit
forschendem Blicke ansah.
    Eleonore besann sich. Freilich, freilich, rief sie, der Prinz ist lter,
sehr viel lter, als Sie, und die Frstin von Chimay ist noch jung gestorben!
    Der frhe Tod der Frau Frstin, meinte der Abb bedeutsam, hinderte mich
nicht, die Mutter des Prinzen Polydor zu kennen, und Sie selber, Grfin ....
    Er hielt inne; Eleonore sah ihn forschend an. - Ich verstehe Sie nicht, Herr
Abb, sagte sie, aber ich bemerke, da Sie mir eine Mittheilung zu machen
denken, auf die Sie mich langsam vorzubereiten suchen, oder da Sie Sich
berzeugen mchten, ob ich von irgend welchen Verhltnissen unterrichtet bin,
die Sie, vielleicht als ein Geheimni, kennen gelernt haben. In beiden Fllen
mu ich Sie bitten, Sich bestimmter auszusprechen, denn ich wiederhole es Ihnen,
ich verstehe Sie nicht.
    Der Abb lchelte. Sie wollen mich glauben machen, Grfin, sprach er, da
Ihnen, Ihnen allein die Beziehungen verborgen geblieben sein sollten, in welchen
Prinz Polydor zu diesem Hause und dadurch auch zu Ihnen steht; und doch konnte
nur Ihre Kenntni dieser Umstnde mir es bisher erklren, was Sie bewog, der
Bewerbung des Prinzen, wenn Sie berhaupt gewillt sind, Sich zu vermhlen, kein
Gehr zu schenken.
    Eleonore hatte die Farbe gewechselt; sie prete die Lippen fest zusammen,
wollte eine Frage thun, unterdrckte sie aber und sagte dann: Ich befinde mich
in diesem Augenblicke Ihnen gegenber in einer Lage, die mich demthigt und
beschmt. Ich habe es Ihnen nie verborgen, Herr Abb, da Ihr Amt, da die
Tracht des Ordens, die Sie tragen, mir ein Vorurtheil, ein Mitrauen gegen Sie
gegeben haben, wie mir dieselben seit meiner frhesten Jugend eingeflt worden
sind. Jetzt beweisen Sie mir einen Antheil, den ich mir erklren knnte, htte
ich Ihnen nicht meine entschiedene Abneigung gegen Ihre Kirche ausgesprochen;
und ohne da diese Abneigung oder jenes Mitrauen im geringsten nur verndert
wren, bin ich genthigt, Sie mit einer Bitte anzugehen und von Ihnen
Aufschlsse zu begehren. Wollen Sie mir, damit ich dieses thun kann, eine Frage
aufrichtig beantworten?
    Der Abb erwiederte, da sie zu befehlen habe und da sie auf seine
Wahrhaftigkeit vertrauen knne.
    Nun denn, sprach sie, so sagen Sie mir unumwunden: was veranlat Sie, Sich
um mein Schicksal zu bekmmern, da und nachdem ich Ihnen ausgesprochen habe, da
Sie nicht darauf rechnen drfen, mich zu Ihrer Kirche zu bekehren? Was liegt
Ihnen daran, was aus mir wird oder wem ich mich verbinde, sofern ich nicht
katholisch werde und mich Ihren Ansichten und Hoffnungen nicht fge? Was bin ich
Ihnen, Herr Abb?
    Der Abb richtete seine dunkeln Augen, deren schnen Glanz die langen
Wimpern nur erhhten, ruhig auf die ihrigen und sagte: Ihre Frage erheischt von
mir eine Antwort, die ich Ihnen nicht geben drfte, wenn ich meiner nicht so
vllig sicher wre. Was Sie mir sind? - Er schwieg und betrachtete sie
unverwandt; dann sagte er: Fragen Sie jeden Mann, der sich Ihnen naht, was Sie
ihm sind? - Und abermals hielt er inne. Sie wollten mich herausfordern, Grfin,
sprach er dann, indem er sich hoch und stolzer hob, und sein mitleidiges Lcheln
glitt strafend ber sie hinweg, Sie wollten mich herausfordern, Grfin! Sie
wollten Sich die Genugthuung bereiten, einen Geistlichen der von Ihnen
miachteten Kirche sich und seinem Eide untreu und zu Ihrem Sclaven werden zu
sehen; schade nur, da ich Ihnen diese Genugthuung nicht zu bereiten vermag!
    Eleonore zuckte zusammen, ihre Wangen erglhten in der dunkeln Rthe der
Scham; sie versuchte ihre Blicke, seinem Worte trotzend, zu dem Geistlichen zu
erheben, aber sie vermochte es nicht. Er lie sie eine geraume Zeit unter dem
Drucke der ersten Demthigung, die sie erfuhr. Als er sah, wie tief sein Vorwurf
und diese Erfahrung sie getroffen hatten, nahm er ihre Hand und sagte wie in
erbarmendem Vertrauen: Ich habe Ihnen die Wahrheit, eine volle Wahrheit
verheien, und ich habe keinen Grund, Ihnen irgend etwas von demjenigen
vorzuenthalten, was Sie zu wissen begehren. Ich wiederhole es Ihnen also ohne
jegliches Bedenken, Ihre vollkommene Schnheit, Ihre stolze Unabhngigkeit haben
auch auf mich ihres Eindruckes nicht verfehlt. Der Eid, der uns von allem
Begehrendrfen und Verlangen abtrennt, verbietet und verhindert das Sehen, das
Erstaunen, das Bewundern nicht; aber wer aus voller Ueberzeugung sich einem
groen Gedanken, einem die Welt umfassenden und ber das Leben hinausgehenden
Zwecke hingegeben hat, der findet keinen Raum in sich fr persnliches Wnschen,
der erlernt es, auch das Schnste und Begehrenswertheste nur als ein Mittel fr
den einen groen Zweck zu betrachten, und alles, was ich meiner Phantasie
verstattet, was ich meinem Herzen zugestanden habe, als ich Sie in Ihrer von
Gott begnadigten Erscheinung mit Ihrem fr das Groe geschaffenen Sinne vor
meinen Augen Sich entfalten sah, war der Wunsch, der heie Wunsch, Sie diese
groen Gaben nicht auf kleinliche und Ihrer selber unwrdige Weise verwenden und
verschwenden zu sehen. Eine Eleonore Haughton ist fr die Gewhnlichkeit des
Frauenlooses nicht geschaffen!
    Er hatte ihre Hand nach festem, mnnlichem Drucke freigegeben, als habe er
ihr nun alles gesagt, was ihr zu wissen nthig sei. Er sah sich nach seinem Hute
um; auch Eleonore hatte sich erhoben. Als der Abb sich von ihr wendete, lie
sie ihr Auge ber seine Gestalt hingleiten, und sie gestand sich, da er schn,
ja, da er unter den Mnnern, die sie kannte, vielleicht der schnste sei. Wie
ein Lichtstrahl, hell und flchtig, zuckte der Gedanke durch ihren Geist: warum
ist er nicht frei? warum trennt der Glaube ihn von mir? - Und in dieses Bedauern
mischte sich zum ersten Male in ihrem Leben ein Mitleid mit sich selbst. Sie
fhlte es, da sie schon lange ihrer Erzieherin berlegen, da sie stets sich
selber berlassen gewesen sei. Sie kam sich pltzlich einsam und des Rathes sehr
bedrftig vor und als der Abb sich von ihr entfernen wollte, sagte sie sich,
da sie diesen Augenblick nicht vorbergehen, den Geistlichen nicht mit dem
Glauben scheiden lassen drfe, da sie kleiner und geringer sei, als er sie
geschtzt habe.
    Herr Abb, hob sie an, eine Unterredung wie die, welche wir eben gehabt
haben, ist sicherlich keine gewhnliche zwischen einem Geistlichen Ihres Alters
und einem Mdchen von meinen Jahren, das Sie als eine Ketzerin betrachten. - Sie
versuchte zu lcheln, aber sie war viel zu erschttert, irgend etwas scheinen
oder darstellen zu knnen, was sie nicht empfand. Dem Abb entging das nicht, er
behielt den Hut in der Hand und sttzte sich auf die Lehne des Sessels, der sie
von einander trennte, whrend er sein Haupt leise neigte, um sie mit seinem
Blicke in ihren Mittheilungen nicht zu hindern.
    Sie wartete auf irgend eine Entgegnung von seiner Seite; da er eine solche
unterlie, sprach sie: Ich will Ihre Voraussetzungen gelten lassen, will nach
Ihrem Worte von mir annehmen, was ich oft in mir gefhlt zu haben glaube, da
mein Sinn nicht unwerth wre, sich auf ein groes Ziel zu richten. Sind Sie
berzeugt, da mir eine groe, eine wirksame Thtigkeit, da mir Macht und
Einflu und Befriedigung in dem Bereiche des Lebens nicht geboten werden knnen,
in welchen meine Geburt und mein Besitz mich stellen?
    Das wird, wie ich Ihnen, theure Grfin, schon vorhin bemerkte, einzig und
allein von Ihrer einstigen Entscheidung ber Sich selbst abhangen! entgegnete er
ihr bestimmt, und wieder entstand eine Pause, die zu beenden der Abb sich
weislich htete. Er kannte den heftigen Charakter, die leidenschaftliche Natur
der Grfin und wute, da Niemand von einem fremden Willen so schnell vorwrts,
so ber sein eigentliches Ziel hinausgetrieben wird, als von der Ungeduld des
eigenen, an Warten und Ertragen nicht gewhnten Herzens, und er hatte sich auch
diesmal in seinen Voraussetzungen nicht getuscht. Denn mit einer Miene, in
welcher ihre Selbstberwindung und ihre feste Entschlossenheit sich verriethen,
sprach sie pltzlich: Sie haben mir eine Aufrichtigkeit gegnnt, die mich stolz
macht und mich Ihnen zu Dank verpflichtet, Herr Abb! Ich rume Ihnen ein, da
Sie meine Natur besser erkannt haben, als die Andern alle; aber die Strae, die
Sie mich fhren mchten, werde ich nicht gehen! Hindert Sie das, mir die Hand zu
bieten und mir beizustehen auf dem Wege, den ich mir erwhle? Ich habe der
Verehrer, seit ich in die Gesellschaft eintrat, nicht entbehrt; einen Mann, der
sich beschieden htte, mir ein Freund zu sein, habe ich nicht gefunden! Knnen,
wollen Sie mir ein Freund, ein Berather werden? Ich brauche einen solchen, und -
ich vertraue Ihnen! fgte sie mit einer Miene und einem Tone hinzu, die selbst
auf den Abb, so ruhig und mit so viel Selbstbefriedigung er sie betrachtete,
ihre Wirkung nicht verfehlten, weil die ganze Ueberwindung, die sie in sich
vollzogen hatte, sich in ihnen kund gab.
    Sie hielt ihm die Hand hin, er ergriff sie auf's Neue mit einem festen
Drucke, als habe er es mit einem Manne zu thun. Ich danke Ihnen, Grfin!
befehlen Sie ber mich! - Das war alles, was er ihr zur Antwort gab. Aber
Eleonore ward von seinen Worten tief erschttert. Sie konnte sich nicht
erklren, was sie so bewegte, sie mute sich sammeln, sich zusammennehmen, und
es war endlich nur das Bestreben, von sich selber loszukommen und Herr ber ihre
innere Aufregung zu werden, welches sie bestimmte, die Frage nach der Mutter des
Prinzen zu wiederholen.
    Sie setzen mich gleich auf eine schwere Probe, meine junge Freundin, sagte
der Abb, denn ich laufe Gefahr, das eben von Ihnen erlangte Zutrauen zu
verlieren, wenn ich Ihnen mittheile, was ich allerdings nicht als ein Geheimni,
sondern aus der Mitwissenschaft der Zeitgenossen ber jene Verhltnisse erfahren
habe. Prinz Polydor steht Ihnen nher, als Sie wissen oder ahnen, meine theure
Grfin, und eben das lie mich nach den Begriffen unserer Kirche vor dem
Gedanken, da Sie ihm verbunden werden knnten, Bedenken tragen, ja erschrecken.
    Sie verhieen mir die Wahrheit und sprechen in Rthseln zu mir! beklagte
sich Eleonore, wie soll ich Sie verstehen?
    Der Abb sah auf den breitrndigen, zusammengeschlagenen Hut hernieder, den
er in seinen Hnden hielt. Es sind traurige Ereignisse, es ist eine schwere
Snde, von denen Sie Kunde begehren, sagte er, und doch mssen Sie erfahren, was
Sie nur zu nahe angeht und was auer Ihnen kaum fr Jemanden ein Geheimni ist.
Es hat durch lange Jahre, noch bei Lebzeiten des Herrn Herzogs von Duras, ein
Liebesverhltni, eine heftige Leidenschaft zwischen der Herzogin und dem
Frsten von Chimay bestanden, welche eine stillschweigende Trennung der
herzoglichen Ehe veranlat hatte, lange ehe die Frau Herzogin ihres ersten und
einzigen Kindes genas. Der Herzog hatte also vollen Grund, dieses Kind nicht als
das seinige anzuerkennen; der Frst hingegen wnschte, sich den Sohn der
geliebten Frau anzueignen, und diese verlangte fr ihren Sohn nach einer
Stellung, wie seine Abstammung sie ihm gesichert htte, wre seine Geburt eine
rechtmige gewesen. Man kam also auf das Auskunftsmittel, den Neugeborenen
einer Anderen, einer Fremden unterzuschieben. Freunde der Frau Herzogin und des
Frsten fanden in der schnen, brustkranken Tochter einer herabgekommenen
Familie die Person und die Willfhrigkeit, deren man bedurfte. Die Herzogin
gebar in einer kleinen schweizerischen Stadt den Prinzen Polydor, Frulein von
Merrieux wurde dem Frsten von Chimay hier in der Carmeliter-Kirche angetraut,
der Frst sicherte ihren Eltern ein namhaftes Vermgen zu, das frstliche
Ehepaar begab sich nach der Schweiz, den Sohn der Herzogin persnlich in Empfang
zu nehmen, und diese mochte sich darauf Rechnung gemacht haben, nach dem
voraussichtlichen Tode der jungen Frstin sich ihren Sohn als Pflegesohn
aneignen zu knnen. - Der Abb hatte diese Thatsachen nackt und trocken
hingestellt. Jetzt machte er eine kleine Pause, und ruhig und nachdenklich hob
er dann auf's Neue zu erzhlen an. Des Menschen Gedanken und des Herrn Wege sind
gar oft verschieden, sagte er, und auch in diesem Falle bewhrte sich die
allwaltende Gerechtigkeit des Herrn. Wider alles menschliche Voraussehen stellte
Gott die Gesundheit der Frstin, die sich fr die Ihrigen geopfert hatte, vllig
wieder her, und er wendete ihr auch die ganze Neigung ihres Gatten, die volle
Liebe ihres Pflegesohnes zu. Der Frst verga in den Armen seiner edeln
Gemahlin, auf welche Weise er sie erwhlt hatte. Ihre Frmmigkeit suchte durch
Bue sein Vergehen zu shnen, und als wenig Jahre danach der Herzog von Duras
das Zeitliche verlie, fand die Frau Herzogin sich von dem Genossen ihrer Snde,
wenn nicht vergessen, so doch aufgegeben. Erst nach dem Tode der gottergebenen
Frau Frstin stellte die alte Freundschaft zwischen Ihrer Frau Tante und dem
Frsten von Chimay sich allmhlich wieder her, und Sie werden es, da Sie die
Frau Herzogin ja kennen, nur begreiflich finden, wie viel ihr daran gelegen sein
mu, Sie, die Sie ihre rechtmige und einzige Erbin sind, mit dem Prinzen
Polydor, mit ihrem Sohne, zu verbinden.
    Eleonore war dem Berichte des Geistlichen mit hchster Spannung, mit groer
Aufregung gefolgt. Nun, da er seine Erzhlung beendet hatte, leuchtete eine
unheimliche Freude aus ihren Augen.
    Ja, Sie sind mein Freund! rief sie triumphirend aus, Sie sind mein wahrer,
mein einziger Freund, und Sie sollen es sehen, da ich Ihres Vertrauens nicht
unwerth bin, Herr Abb! Aber mich brauchen lassen wie Frulein von Merrieux?
Mich brauchen lassen, um Ihren Fehltritt gut zu machen und Ihrem Sohne sein Erbe
zuzuwenden? - nimmermehr, Frau Herzogin, nimmermehr! Dazu ist Eleonore Haughton
nicht gemacht! - Noch einmal meinen Dank, mein Freund, mein edler, mein
gromthiger Freund! wiederholte sie dem Abb, und sich dann pltzlich von ihm
wendend, verlie sie das Gemach.
    Der Abb sah ihr schweigend nach. Er war mit sich zufrieden, und wie ein
sieggewohnter Mann das Gelungene erwgend, dasjenige, was jetzt zu leisten war,
bedenkend, ging auch er von dannen, um ruhig und in sich gefat, wie immer, der
Frau Herzogin seine gewohnte Aufwartung zu machen.

                               Siebentes Capitel


Renatus hatte, seit er der Gast der Herzogin und am Hofe empfangen worden war,
nur selten und nur flchtige Briefe in die Heimath gesendet, und er schlug sich
die Nachrichten, welche ihm von dort mit Regelmigkeit gegeben wurden, gern aus
dem Sinne.
    Hildegard kam in jedem ihrer Briefe darauf zurck, da die Signorina, wie
sie Vittoria noch immer zu nennen liebte, sich in unbegreiflicher Weise
verndert habe. Sie sei heftig und herrisch geworden, knne sich nicht darein
finden, nicht mehr die ausschlieliche Neigung ihres Stiefsohnes zu besitzen;
sie mignne Hildegarden die Liebe ihres Verlobten, und an den Gedanken, knftig
nicht mehr die Herrin des Hauses zu sein, knne oder wolle sie sich entschieden
nicht gewhnen.
    Die Schreiberin versicherte dabei, da sowohl sie als ihre Mutter alles
Mgliche thten, das gute, alte Verhltni zwischen ihnen und der Signorina
aufrecht zu erhalten. Dies sei aber gar nicht leicht, und es gelinge eigentlich
nur Ccilien, die noch immer dasselbe harmlose Kind geblieben sei, Vittorien zu
gefallen und zufrieden zu stellen.
    Dazu bemerkte Hildegard, es falle ihr auf, wie die gleichen Ereignisse auf
die verschiedenen Charaktere verschieden wirkten. Was sie betrfe, so habe der
Ernst der Zeiten sie gereift und ihren Sinn mehr und mehr dem ueren Scheine
abgewendet. Sie preise sich dehalb glcklich, da sie berufen sei, knftig an
ihres geliebten Renatus Seite auf dem Lande in edler und ernster
Zurckgezogenheit ihre Tage hinzubringen. Sie habe in diesem Betrachte durchaus
den Sinn und die Anschauungsweise ihrer Mutter geerbt. Ccilie hingegen trage
ein Verlangen nach der Welt, in dem sie von der Signorina, welche die Welt
freilich noch weniger als ihre Schwester kenne, bestrkt werde, und die Mutter
sei der Meinung, da man den Beiden keine Hindernisse in den Weg legen drfe,
sondern ihnen so bald als mglich die Gelegenheit erffnen msse, sich selber
durch die Gehaltlosigkeit der sogenannten Zerstreuungen von dem Werthe einer
ernsten Lebensfhrung zu berzeugen. Sie habe eben dehalb einen Plan entworfen,
den sie Renatus bei seiner Rckkehr vorzulegen denke und dessen Ausfhrung
hoffentlich das Wohlbehagen Aller sichern werde, whrend er zugleich die Mittel
fr eine zweckmige Erziehung Valerio's darzubieten verspreche, der hier im
Schlosse, unter der schwachen Hand und bei dem launenhaften Sinne seiner Mutter,
vllig sich selber und seiner eigenen Phantastik berlassen sei.
    Sie erwhnte dann noch, da man ab und zu Besuche aus der Nachbarschaft
empfange, da sie und die Mutter sich darin um des lieben Friedens willen den
beiden lebenslustigen Freundinnen gern fgten und da neulich auch Graf Gerhard
wieder fr einige Tage, von Berka kommend, im Schlosse ihr Gast gewesen sei. Da
Renatus keine Zuversicht zu der Sinnesnderung seines Oheims besitze und ihrem
und ihrer Mutter Auge nicht vertraue, enthalte sie sich, ihrem Verlobten zu
berichten, wie wohlthuend des Grafen mnnliche Haltung auf Vittoria eingewirkt
habe und wie eine einzige geheime Unterredung, die er mit derselben gehabt habe,
die Baronin zu einem Nachdenken, ja, zu einem Ernste gebracht htte, welchen der
jetzige Geistliche in Vittoria hervorzurufen leider nicht verstehe. Auch mit dem
Amtmann und mit dem Justitiarius habe der Graf, der sich in den letzten Jahren
in Berka vielfach mit der Landwirthschaft beschftigt, gelegentliche Rcksprache
genommen und danach ihr und der Mutter es an das Herz gelegt, Renatus zur
Ernennung eines der Gutsverwaltung und der Landwirthschaft kundigen
Generalbevollmchtigten zu bestimmen, falls er nicht bald zurckkommen und die
allerdings schwierige Verwaltung seiner Gter wie die eben so wenig leichte
Ordnung seiner Vermgensverhltnisse selber zu bernehmen entschlossen sein
sollte.
    Je weniger der Inhalt dieser Briefe mit dem frhlichen Leben
zusammenstimmte, in welchem Renatus sich bewegte, um so unangenehmer wirkten sie
auf ihn, und auch die Briefe, welche er, seit Herr Flies gestorben und Paul der
Inhaber des Flies'schen Geschftes geworden war, aus der Residenz erhielt, waren
nicht erfreulich.
    Als ihm die Anzeige von dem Ableben des Kaufmanns Flies durch das allgemeine
Rundschreiben der Firma auf dem Umwege ber Richten zugegangen war, hatte
Renatus mit einem gewissen Erschrecken aus demselben Briefe ersehen, da der
jetzige Inhaber des Geschftes aus dem Heere in sein Haus zurckgekehrt sei und
den Angelegenheiten desselben nunmehr wieder in Person seine Thtigkeit widme.
    Dem Sohne seines Vaters mittelbar, wenn es sich so fgte, einen Vortheil
zuzuwenden, hatte dem jungen Freiherrn angemessen und wohlanstndig gednkt;
aber er mochte sich dagegen struben und sich dagegen vorhalten, wie und was er
wollte, dieser Bastardbruder, der ihm, als sei es das Recht seiner Erstgeburt,
die Zge seines Vaters, der ihm das Antlitz und die Haltung der Herren von Arten
entwendet zu haben schien, war ihm immer eine unheimliche Gestalt gewesen. Seit
nun vollends Renatus es den Seinigen verschwiegen, da es eben Paul gewesen sei,
dem er die Errettung aus Todesgefahr zu danken habe, hatte das Bewutsein, eine
Undankbarkeit begangen zu haben, seine unbestimmte Abneigung gegen seinen
Halbbruder noch gesteigert; denn es liegt in der Natur der meisten Menschen, da
sie demjenigen zrnen, dem sie ein Unrecht zugefgt haben.
    Er bereute es jetzt, die Verbindung mit dem alten Flies nicht gleich nach
dem Tode des Freiherrn abgebrochen zu haben, er ging mit sich zu Rathe, ob und
wie er diese Versumni jetzt unschdlich machen knne; aber die Sache hatte,
besonders da er in Paris zu bleiben wnschte, ihre groen Schwierigkeiten, ja,
sie dnkte ihn in den gegenwrtigen Zeitluften und Umstnden, ohne Gefahr fr
seine Angelegenheiten, gar nicht ausfhrbar. Wenn er dem neuen Geschftsinhaber
des Flies'schen Hauses ein krnkendes Mitrauen zeigte, konnte derselbe sich
leicht versucht fhlen, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und die Flies'schen
Capitalien zu kndigen, die, seit langen Jahren auf Neudorf und Rothenfeld
eingetragen, jetzt ohne Frage hher zu verwerthen waren, als in jenen
Hypotheken. Dazu wute Renatus, der sich bisher in der Heimath nur unter seinen
Kameraden und inmitten der seiner Familie befreundeten adeligen Gesellschaft
bewegt hatte, ganz und gar nicht, wie und in wem er einen Ersatz fr die alten
Geschftsfreunde seines Hauses zu suchen habe oder wen er an Stelle des alten
Flies zum Curator Vittoria's und Valerio's ernennen lassen solle. Und nachdem er
im Geiste lange suchend um sich her gesehen hatte, meinte er pltzlich, doch
eben in Paul den Mann gefunden zu haben, dessen er bedurfte.
    Der Mann, der mich mit eigener Lebensgefahr beschtzte, der also meinen
Untergang nicht wnschte, kann nicht im Stande sein, so sagte er sich, mich
irgendwie geflissentlich zu schdigen. Und dieser auf das menschliche,
natrliche Gefhl richtig gebaute Schlu fand, nachdem er ihn einmal gezogen
hatte, in dem Adelsstolze des jungen Freiherrn sofort noch eine unvorhergesehene
Bekrftigung; denn obschon Renatus dies nur anerkannte, wenn es ihm eben fr
seine Zwecke pate, es flo doch immer Arten'sches Blut in Tremann's Adern, und
dieses konnte sich nicht in Paul verlugnen, mit solchem Blute war man keiner
niederen, keiner schlechten Handlung fhig.
    Er war einen Augenblick nahe daran, es Tremann unumwunden auszusprechen, wie
er in der Beziehung, in welcher sie zu einander stnden, und in der
Selbstaufopferung, mit welcher Paul ihm vor Mckern beigestanden habe, die beste
Brgschaft dafr zu besitzen glaube, da er die Familien- und
Geschfts-Angelegenheiten des Hauses von Arten-Richten keiner zuverlssigeren
Kontrole, als der seinigen bergeben knne. Inde Renatus war von frh auf dazu
angehalten worden, bei allem seinem Thun es reiflich zu berlegen, ob er sich
und seinem Stande damit auch nichts vergebe, und dieses ewige Erwgen hatte ihm
allmhlich die Fhigkeit eines schnellen Entschlusses und jede Mglichkeit eines
Handelns nach freien, pltzlichen Eingebungen ein fr alle Mal genommen. Seine
Erziehung hatte ihn, wie einen Frsten, ngstlich und scheu, hatte ihn
mitrauisch gegen Andere und gegen seine eigenen besten Empfindungen gemacht.
    Er bedachte also auch in diesem Falle wieder, da ein solches Aussprechen
seines Vertrauens ihm fr sptere Zeiten unbequeme, bindende Verpflichtungen
auferlegen knne; da es den scharfsichtigen Kaufmann leicht auf ein
vorhergegangenes Mitrauen schlieen lassen drfte, und als er dann endlich die
Feder in die Hand nahm, um Paul mit nthiger Behutsamkeit seine Zugestndnisse
und Vorschlge zu machen, deutete er es ihm also, ganz gegen seine erste
Absicht, in keiner Weise an, da er wisse, in welchem Verhltnisse Paul zu
seinem Vater gestanden habe. Er erwhnte es auch mit keinem Worte, da er seinen
Erretter in der Schlacht erkannt. Er erklrte ihm nur ohne Weiteres, wie er ihn,
als den Nachfolger des Herrn Flies, mit welchem die Familie von Arten seit
langen Jahren alle ihre Geschfte zu machen gewohnt gewesen sei, auch ferner mit
denselben ganz und gar zu betrauen wnsche. Sollte Paul jedoch aus irgend einem
Grunde zu der Uebernahme dieses Auftrages nicht geneigt sein, so msse er ihn
trotzdem jedenfalls ersuchen, sich der bisherigen Mhewaltung wenigstens so
lange zu unterziehen, bis Renatus in die Heimath zurckkehren und sich, sofern
dies nthig wrde, nach einem andern Handlungshause fr seine Zwecke umsehen
knne. Er sprach danach in guter Form die Hoffnung aus, da die alte
Geschftsverbindung keine Strung zu erleiden brauche, knpfte daran den Wunsch,
da sie beiden Theilen ersprielich werden oder bleiben mge, und als er den
Brief dann noch einmal gelesen und gesiegelt hatte, hielt er sich berzeugt, als
ein sich selbst achtender Mann, nach reiflicher Ueberlegung und mit einem
Vertrauen gehandelt zu haben, das mancher Andere in hnlicher Lage Paul nicht
bewiesen haben wrde und das anzuerkennen derselbe sicherlich nicht ermangeln
knne. Ja, er machte sich endlich geradezu darauf gefat, sich von dem
geschmeichelten Ehrgefhle seines Bastardbruders jetzt fr alle Zeit jedes
Besten versehen zu drfen. Er rechnete sich, wie gar Mancher, seine Aufwallungen
von guter Empfindung, auch wenn er es, wie eben jetzt, fr recht befunden hatte,
sie schnell wieder zu unterdrcken, als gute Thaten an, deren Anerkennung und
Belohnung ihm von dem Leben nicht vorenthalten werden drfe, und er gewann damit
nichts als die Mglichkeit, sich ber das Leben und ber die Menschen zu
beklagen, wenn sie ihm fr das Nichtgeschehene nicht zu danken vermochten und
ihn nicht schtzten, wie er selbst sich beurtheilte und hochhielt. -
    Es verging eine geraume Zeit, ehe Paul von dem jungen Freiherrn die lange
ausgebliebene Antwort auf die Todesanzeige des Herrn Flies erhielt. Da Renatus
dieselbe nicht, wie es sich eigentlich gebhrte, an die Firma, sondern im Style
und Tone eines halben Vertrauens an Paul persnlich gerichtet hatte, lie dieser
den Brief sofort verzeichnen, aber er behielt ihn auf seinem Pulte liegen, denn
er war nicht mit sich einig, was er thun und wofr er sich entscheiden sollte.
Ein paar Tage lang erwog er diese Angelegenheit still mit sich allein, dann trug
er sie, als er sich in einer ruhigen Abendstunde mit Seba und Daviden
zusammenfand, gegen seine Gewohnheit den beiden Frauen vor.
    Es begegnet mir selten, sagte er mit seinem schlichten Ernste, nachdem er
ihnen das Schreiben von Renatus vorgelesen hatte, da ich mir ber meine
Gedanken und Empfindungen keine rechte klare Rechenschaft zu geben vermag, und
wo dieses der Fall ist, zgere ich mit meinen Entschlssen. Ich hatte Anfangs
die Absicht, das sogenannte Vertrauen des Freiherrn ohne Weiteres
zurckzuweisen, weil er mit der geflissentlichen Rckhaltigkeit der Kaste,
welcher er angehrt, sich Dank von mir verdienen mchte, wo er mir viel Mhe und
mannichfache Verantwortungen auferlegt. Ich wollte seiner halben Wahrheit mit
dem ganzen Gestndnisse entgegentreten, da es mir nicht wnschenswerth sei, in
das Vertrauen eben seines Hauses gezogen zu werden, weil ich selbst in dessen
geheime Geschichte verwickelt bin. Damit ich dann aber auch vllig des ueren
Zusammenhanges mit der freiherrlichen Familie ledig wrde, beabsichtigte ich
Deine Capitalien, liebe Seba, von Rothenfeld und Neudorf zurckzuziehen und sie
hier unter meinen Augen anderweit unterzubringen. Aber ...
    Hltst Du sie auf den Gtern irgendwie gefhrdet? unterbrach ihn Seba.
    Paul verneinte dies, da es erste Hypotheken wren und der bloe Bodenwerth
der Gter sehr bedeutend sei.
    So la das Geld dort stehen, bat die Freundin. Renatus ist der Sohn meiner
theuersten Freundin, meiner unvergelichen Angelika! Man soll nicht glauben ...
    Sie hielt inne, und da Paul sie darauf fragend ansah, sprach sie: Es lebt
doch eine Anzahl von Personen, die um Deine Herkunft wissen. Ich mchte nicht,
da irgend Jemand Dir den Vorwurf machen knnte, Du habest aus persnlichem
Uebelwollen die ohnehin nicht gnstige Lage der Arten'schen Familie noch
verschlimmert. Und wenn Du in Dir selber ungewi gewesen bist, wie Du handeln
solltest, so bitte ich Dich, da mir obenein nach Deiner Meinung kein Nachtheil
daraus erwchst, ndere nichts in den bis jetzt bestandenen Verhltnissen!
    Paul gab ihr darin Recht. Ich hatte mich in Bezug auf die Hypothek, sagte
er, bereits in Deinem Sinne entschieden; denn wenn es berall thricht ist, sich
unnthig einer beln Nachrede auszusetzen, so hat der Kaufmann doppelt Ursache,
sich vor einer solchen zu bewahren. Seine Unternehmungen wie seine Erfolge sind
vielfach auf das Vertrauen begrndet, dessen er geniet, und es ist nicht der
Nachtheil, sondern der Vortheil, den wir unseren Geschftsverbndeten bereiten,
welcher uns den eigenen, dauernden Gewinn verbrgt. Darber also, da Dein
Capital auf Rothenfeld verbleiben soll, war ich selbst nicht mehr in Zweifel;
nur ob ich wohl daran thun wrde, das Amt zu bernehmen, welches Renatus Deinem
Vater bertragen hatte und das er nun auf meine Schultern legen mchte, das habe
ich mir noch nicht klar gemacht.
    Du meinst, hob Seba an, es stehe Dir nicht zu, Dich zum Berather und
Vertrauten eben der Arten'schen Familie herzugeben, weil man vermuthen knnte,
Du seiest in ihren Angelegenheiten nicht vllig unparteiisch? Aber wenn Du
wirklich Theil an ihnen nimmst und Renatus die Zuversicht zu Dir hat, da Du ihm
helfen knntest, so wei ich nicht, warum Du dieser nicht entsprechen solltest?
Du pflegtest doch vor dem Urtheile der Unverstndigen nicht leicht Scheu zu
tragen!
    Paul hatte sie ruhig sprechen lassen. Als sie geendet hatte, sagte er: Ich
mache, da ich Dich, Liebe, reden hrte, eine Erfahrung, die sich mir oft
besttigt hat und die sich mir jetzt eben deutlich wiederholt. Man braucht
mitunter einen unrichtigen Gedanken, den man selbst gehegt hat, nur von einem
Andern aussprechen zu hren, um seine Unrichtigkeit sofort zu erkennen und auch
die trbe Quelle zu entdecken, aus der er stammt. Ich habe mich, wie ich eben
merke, bisher wirklich mit den Vorstellungen herumgeschlagen, deren Du gedenkst.
Nun sehe ich, da es lauter leere Schemen sind, die man nur fest in's Auge zu
fassen braucht, damit sie in ihr Nichts verschwinden, und ich frage mich mit
Erstaunen, wie ich mich also an falsche Begriffe verlieren konnte! Denn legte
ich auf die Verwandtschaft, auf die Zusammengehrigkeit mit dem Arten'schen
Hause irgend einen Werth, nun, so thte ich vielleicht recht und klug daran, die
mir gebotene Handhabe zu ergreifen! Gebe ich aber, wie dies der Fall ist, nichts
auf meine Abstammung von ihnen, so ist, wie Du mit Recht behauptest, vollends
kein Grund vorhanden, wehalb ich ein an und fr sich gutes Zutrauen von mir
weisen sollte! Und wenn ich daneben mein inneres Widerstreben immer wieder
fhle, so frage ich mich mit Fug und Recht: Was habe ich mit diesen Artens denn
gemein, da ich befrchten mte, fr oder wider sie in einem Grade eingenommen
zu sein, der mein Thun und Lassen bis zu einer ungerechtfertigten Handlungsweise
beeinflussen knnte?
    Seba blickte ihn mit Ueberraschung an, und auch Davide hob ihre sanften,
klugen Augen fragend zu ihm empor, als die Erstere die Worte aussprach: Was Du
gemein mit ihnen hast? - Der Freiherr von Arten war Dein Vater!
    Der Freiherr von Arten war mein Erzeuger, weiter nichts! Ein Vater hat er
mir nicht sein wollen, ist er mir nicht gewesen! entgegnete Paul bestimmt. Und,
fgte er hinzu, die Zeit, die Knabenzeit, in welcher ich dieses Letztere als ein
Unglck fr mich empfand, liegt sehr fern hinter mir! Der Baron von Arten lebte
und handelte nach sehr falschen, sehr verwerflichen Begriffen, als er das
verwaiste, nicht zu seiner Kaste gehrende Mdchen je nach seiner Laune und nach
seinem Bedrfen an sich kettete und von sich stie, als er es zu dem Opfer
seiner Wollust machte und es dann spter seiner Ehe auch zum Opfer brachte. Aber
er handelte darin nicht besser und nicht schlechter, wie unzhlige Andere auch!
Mein Dasein hat ihn sicherlich nur bis zu dem Augenblicke gefreut, in welchem er
meine Mutter von sich zu entfernen wnschte - ich habe ihm fr dasselbe also
keinen besonderen Dank zu zollen, denn die hchsten Vaterrechte und die wahre
Kindesliebe werden fr den denkenden Menschen nicht angeboren, sondern durch die
dem Kinde gespendete Liebe erworben! Der Freiherr hat meine Liebe nicht begehrt,
und als ich nach der seinigen Verlangen trug, ist sie mir nicht zu Theil
geworden! Den Tod meiner Mutter hat er, de bin ich gewi, eben so wenig
gewollt, als ich die kranke Baronin zu erschrecken und zu gefhrden
beabsichtigte, da ich in Deines Vaters Laden vor sie hintrat! Mit seinem kalten
Blicke hat er mich in die Welt hinausgetrieben, weil mein frh erwachtes und von
Dir gepflegtes Selbstgefhl es nicht ertragen konnte, Wohlthaten von demjenigen
anzunehmen, der uns zu verlugnen nthig findet! Und ich bin dann in einer
Anwandlung von Empfindsamkeit, der nachzugeben ich nicht wohlgethan habe, ihm
vor dem Kriege einmal in Richten in einer Weise gegenber getreten, die ihn
qulte und mich nicht erfreute! Der Freiherr Franz von Arten und ich, wir waren
also vllig mit einander quitt!
    Seba schttelte leise verneinend das Haupt. Wissentlich oder nicht - ich
glaube, Du tuschest Dich ber Dich selbst, bemerkte sie - Du grollst dem
Freiherrn noch!
    Nein! betheuerte er, wie knnte ich das, da ich meine Flucht aus Europa
schon zeitig als ein Glck fr mich erkennen lernte? Hat sie allein mich doch zu
der inneren und ueren Selbstndigkeit gefhrt, die ich im Weienbach'schen
Hause und in der Abhngigkeit von des Freiherrn Willen schwerlich oder doch weit
spter erst errungen haben wrde! Mu ich Dir heute noch versichern, da ich mit
meinem Lebensgange und Lebensloose ganz und gar zufrieden bin, weil sie mir fr
alle meine Fhigkeiten die Mglichkeit einer vollstndigen Entwicklung, fr all
mein Wollen und Thun eine vllige Freiheit gewhren! Was hat das Leben mir denn
versagt? Was knnte ich wnschen, das ich mir nicht zu erringen vermchte? Oder
was besitzt Renatus, des Freiherrn Erbe, um das ich ihn zu beneiden htte? - Und
vollends seit Du mir gewi bist, seit Dir, Du Geliebte, zu Gute kommen soll, was
ich schaffe und bin, fgte er zrtlich hinzu, Davide in seine Arme schlieend -
was knnte ich noch verlangen?
    Aber Seba gab sich so leichten Kaufs nicht fr berwunden. Der Unterschied,
den Du zwischen einem Erzeuger und einem Vater machst, widerstrebt meinem ganzen
Empfinden, sagte sie. Der Mensch hngt, wie ich es fhle, unzertrennbar mit
denen zusammen, denen er sein Dasein schuldet. Er kann sich nicht denken, ohne
an sie zu denken - sie sind seine Voraussetzung. Und war es denn nicht ein
Gefhl der brderlichen Zusammengehrigkeit, mit welchem Du, Renatus erkennend,
ihm trotz eigener Gefahr zu Hlfe eiltest?
    Du irrst, Liebe! In jenem Augenblicke dachte ich gewi an nichts und an
Niemanden weniger, als an irgend eine Verwandtschaft mit dem Herrn von Arten!
Ich eilte einem Angegriffenen, einem Kameraden zu Hlfe und erkannte in ihm den
jungen Freiherrn! Welchem Bedrngten htte ich, htte jeder Andere nicht das
Nmliche gethan?
    Was aber kann Dich also zgern machen, den Auftrag von Renatus anzunehmen
und seinem bittenden Wunsche zu entsprechen? Du wrdest keinem Andern an seiner
Stelle diesen Dienst verweigern, wie mich dnkt!
    Nein, gewi nicht, entgegnete ihr Paul, und das eben ist es, was mich die
Tage hier innerlich belstigt hat! Ich wiederhole es mir, da ich keinen
ausreichenden Grund habe, mich dieses Dienstes zu weigern, da ich ihn dem
Freiherrn wenigstens bis zu seiner Heimkehr zu leisten nicht wohl umhin kann,
ohne ihm zu Vermuthungen ber mich Ursache zu geben, die jedes Anhaltes
entbehren; und doch wollte ich, ich fnde einen Anla, mich von dem Anspruche
wie von der Leistung zu befreien!
    Paul stand auf, ging an das Fenster und blickte eine Weile schweigend
hinaus. Da trat Davide zu ihm, legte ihren Arm in den seinigen und fragte:
Besorgst Du denn irgend welche Unannehmlichkeiten fr Dich, wenn Du das
Verlangen des Barons erfllst?
    Paul besann sich. Einen eigentlichen Nachtheil fr mich befrchte ich nicht,
gab er ihr zur Antwort. Aber, fgte er hinzu, und die Frauen erkannten an seinem
Tone, da der Unmuth in ihm rege wurde, aber an Unannehmlichkeiten wrde es
dabei fr mich nicht fehlen; denn Ihr kennt meine Unlust an allem halben Thun
und meine Abneigung, mich mit den Angelegenheiten einer Kaste zu befassen,
welche sich schon durch ihre bloe Geburt von der Allgemeinheit abgesondert und
ber sie erhaben glaubt. Ihr wit, ich habe die im Ganzen stets kleinlichen
Geschfte, welche der Vater mit dem Adel des Landes zu machen pflegte, nach und
nach vllig von uns abgewiesen. Sie sagten mir nicht zu, und ich ziehe es
ohnehin vor, mit meines Gleichen in Geschftsverkehr zu stehen!
    Seba schwieg noch einen Augenblick, um seiner Stimmung zum Ausklingen die
Zeit lassen, dann sagte sie: Du tadelst uns, und stets mit Recht, wenn Du uns in
einem Vorurtheile befangen findest. Ist Deine Abneigung gegen den Adel im
Allgemeinen denn nicht auch ein Vorurtheil, wie jedes im Allgemeinen ber einen
ganzen Stand gefllte Urtheil?
    Nein, versetzte Paul, und es berrascht mich, in Dir einen heimlichen
Bundesgenossen des jungen Freiherrn, ja, eine Art von Vorliebe fr den Adel zu
entdecken, die ich, ich mchte sagen, in Deinem Tone mehr noch als in Deinen
Worten hre. Deine bittende, entschuldigende Stimme spricht fr sie, und ... Er
hielt inne und sprach dann mit unverkennbarer Bitterkeit: Du weit es, dnkt
mich, es waren nicht die Herren von Arten, die zuerst den Widerwillen gegen die
Adelskaste in mein Herz gedrckt haben!
    Es entstand eine Pause; Seba war bleich geworden. Paul, der sich nur selten
zu einer Hrte hinreien lie, besonders wo diese einem geliebten Menschen
schmerzlich werden konnte, bereute seine Uebereilung auch sofort. Und wie er
eben jetzt von dem Allgemeinen zu einem Persnlichen bergegangen war, versuchte
er nun, von diesem zu jenem seinen Rckweg zu finden.
    Von einem wirklichen Vorurtheile, hob er an, kann, wie mich dnkt, berhaupt
nur da die Rede sein, wo es sich um bloe Meinungen, um Vermuthungen, um
unbestimmte Abneigungen, nicht aber, wo es sich um ganz entschiedene Thatsachen
und um sehr wesentliche Vorrechte handelt, welche noch in jedem Augenblicke von
einem bis jetzt vielfach bevorzugten Theile der Staatsangehrigen gegen alle
brigen Staatsbrger geltend gemacht werden knnen. So lange es noch
Gesellschaften gibt, die sich einem Brgerlichen blos um seines Blutes willen
verschlieen, Wrden und Aemter, die man ihm aus gleichem Grunde vorenthlt, so
lange die Heirath eines Edelmannes mit der edelsten Tochter einer ehrenhaften
brgerlichen Familie, mag des Adeligen Charakter noch so elend, sein Ruf noch so
zweifelhaft sein, von seines Gleichen als eine Miheirath angesehen wird, die in
gewissen Fllen der Staat als eine solche gesetzlich anzuerkennen nicht Bedenken
trgt, ja, so lange selbst die Arbeit, die ich thue, der Handel, auf dem mein
Wohlstand und mein Stolz, wie der ganze groe Weltverkehr beruhen, als ein dem
Adeligen nicht anstehendes Thun erachtet wird, so lange fhle ich mich nicht
berufen, die Hand dazu zu bieten, da diesen alten Geschlechtern neben ihren
ererbten Vorrechten auch noch ihr ererbter Besitz trotz ihres oft hochmthigen
und miggngerischen Leichtsinnes erhalten bleibe.
    Der Stolz auf ihr Blut, vergi das nicht, ist in ihnen vllig unabhngig von
ihrem Besitze, wendete Seba ein.
    Aber die Besitzlosigkeit zwingt sie, sich in Arbeit und Gewerbe aller Art zu
uns zu gesellen und damit ihren Ansprchen auf eine Ausnahmestellung so
nothwendig zu entsagen, als sie genthigt gewesen sind, aus ihren einsamen
Burgen und Raubnestern in die Stdte und in das flache Land hinunter zu ziehen.
Ausnahmestellungen verschlechtern den, der sie inne hat, wie sie auch jenem zu
nahe treten, gegen den sie sich richten.
    Willst Du es geflissentlich verkennen, fragte Seba, deren hoher Sinn es sich
zur Aufgabe gemacht hatte, selbst da gerecht und mild zu sein, wo sie am meisten
Anla zur Strenge und zur Verdammung hatte, willst Du es verkennen, da die
letzten Jahrzehnde viel, sehr viel in jenen Zustnden gendert haben, deren Du
gedenkst? Haben wir uns nicht lange vor den Freiheitskriegen in dem gemeinsamen
Bestreben, fr die Erhebung des Vaterlandes zu wirken, mit Personen aller
Stnde, mit den Mitgliedern des ltesten Adels in nie zu vergessender
Begeisterung und Einigkeit zusammengefunden? Habt ihr nicht Mann an Mann in
Reihe und Glied gestanden, der Brger wie der Edelmann?
    Ja, entgegnete Paul, und es ging ein dsterer Schatten ber seine festen,
ernsten Zge, ja, so lange Noth am Manne war, so lange der Mann seinen Mann zu
stehen hatte und man die Landwehr brauchte, sich des Feindes zu erwehren! - Er
hielt wie im Nachdenken eine kleine Weile inne. Dann sprach er mit ernstem
Gewichte: Die Spanne Zeit, die seitdem verflossen, ist kurz genug; aber blicke
um Dich und frage heute nach, und Du wirst erfahren, was Dich nicht erfreut! Wo
ist die Freundschaft der Grfin Rhoden geblieben, die zur Zeit des Tugendbundes
ohne Dich kaum leben zu knnen behauptete? Wo zeigt sich noch die groe
Verehrung, welche Hildegard fr Dich hatte? Seit der Freiherr von Arten ihnen
ein Asyl in seinem Schlosse angeboten hat, seit die alte Ordnung der Dinge
wieder hergestellt, ist jene Freundschaft sehr schweigsam geworden, und von
Hildegard's Verehrung ist auch nichts mehr zu hren. Und vollends nun im Heere!
Wir Landwehrmnner sind, wie es sich gebhrt, zu unserem Herde, zu unserer
Arbeit, zu einer schaffenden Thtigkeit zurckgekehrt. Die Wunden, welche der
Krieg dem Lande geschlagen, verlangen ihre Heilung. Die Junker aber stehen und
bleiben in der Armee nach wie vor, auch im tiefsten Frieden, in Reihe und Glied
beisammen, und schon jetzt wieder fhlen sie sich als die alte Kaste. Nur noch
eine kleine Geduld, und sie werden es vergessen haben, da es nicht eine, da es
sicherlich nicht ihre Kaste allein gewesen ist, welche das Joch der
Fremdherrschaft von uns genommen hat, sondern da der Knig seinen Thron und wir
unsere Befreiung der groen, ganzen Masse des Brgerstandes zu verdanken haben,
der sich mit seiner berwiegenden Zahl und Kraft in den Kampf gestrzt und
geholfen hat, ihn glorreich auszufechten.
    Er stand auf und ging ein paar Mal im Zimmer auf und nieder. Da gesellte
sich Davide abermals zu ihm, und ihren Arm wieder in den seinigen legend, fragte
sie: Du bist also entschlossen, das Verlangen des Freiherrn nicht zu erfllen?
    Ja, denn es ist sicherlich das Klgste, was ich thun kann.
    Die beiden Frauen schwiegen; aber Paul konnte bemerken, da es ihm dieses
Mal nicht gelungen war, sie zu seiner Meinung hinberzuziehen, und er wollte
eben das Gemach verlassen, um dem Freiherrn zu melden, da er dessen Wnschen
nicht entsprechen knne, als Seba ihn mit der Bitte anging, ihr zu Liebe von
seinem Vorsatze abzustehen. Sie behauptete, man drfe im besonderen Falle, und
er drfe gerade in diesem besonderen Falle es den Einzelnen nicht entgelten
lassen, was man gegen die Gesammtheit, welcher jener zufllig angehre,
einzuwenden habe. Wer sich geistiger Freiheit rhmen knne, habe vielmehr die
sittliche Aufgabe, die weniger Freien so viel als mglich an sich heranzuziehen,
um ihnen den Weg zu richtigeren Anschauungen zu erffnen; und als Paul darauf
den Einwand machte, da ihre Gte sie zu falschen Schlssen und Urtheilen
verleite, erklrte sie, da, wie sie auch irren mge, sie sich doch von dem
guten Herzen und der guten Sinnesart des jungen Freiherrn vllig berzeugt
halte. Schon da Renatus sich eben an Paul wende, verbrge ihr, wie die
Erfahrungen der letzten Jahre fr Renatus Frucht getragen htten. Es knne ihm
ja in seiner Familie, unter seiner Bekanntschaft nicht an Personen fehlen, die
ein solches Vertrauensamt zu bernehmen nicht anstehen wrden. Wenn er trotzdem
es eben Paul zu bertragen wnsche, dessen Abstammung von dem verstorbenen
Freiherrn Franz fr Renatus kein Geheimni sei, wenn er einen Brgerlichen,
dessen auf Freiheit gegrndete Gesinnungen er kenne, wenn er endlich einen
Kaufmann zum Berather und Vertrauensmanne der Familie zu machen sich
entschliee, von dessen weitgreifender Thtigkeit, von dessen energischer
Handlungsweise er vielfach durch sie selber habe sprechen hren, so leiste
dieses alles dafr Brgschaft, da Renatus von der gegenwrtigen Zeit und von
dem, was ihm selber Noth thue, mehr, weit mehr begriffen habe, als Paul
anzunehmen scheine. Sie wiederholte darauf ihre Bitte mit dem Zusatze, da Paul
nach ihrem Empfinden ein entschiedenes Unrecht thun wrde, einen Rath- und
Beistandsuchenden, der, Paul mge sagen, was er wolle, doch immer seines Vaters
Sohn, sein Halbbruder sei, ohne alle bestimmten Grnde von sich zu stoen; und
als htte sie in des jungen Edelmannes Seele gelesen, bemerkte sie, wie es
vielleicht gerade diese Zusammengehrigkeit, wie es wohl das Zutrauen zu dem
Sohne seines Vaters sein mge, welches Renatus zu Paul hingefhrt habe und ihn
seine Hoffnung auf denselben setzen lasse.
    Aber gerade diese letzte Muthmaung fand vor dem Verstande Paul's nicht
Gnade. Ich begehre eines solchen ererbten und auf keine vernnftigen Grnde
zurckzuleitenden Vertrauens nicht, am wenigsten, wo ich's nicht theile!
versetzte er kurz.
    Als dann aber auch Davide in ihn drang, den Bitten der Cousine nachzugeben,
als sie ihm versicherte, da es sie glcklich machen und da sie stolz darauf
sein wrde, wenn er der Arten'schen Familie mit gromthiger Freiheit des Sinnes
beistehen wolle, wenn sie ihn auch bei diesem wie bei jedem anderen Anlasse um
seiner hlfreichen Selbstlosigkeit willen verehren drfe, sagte er: Alle Eure
Vorstellungen beweisen mir nur, da auch in Euch die in Europa leider noch so
verbreitete Voreingenommenheit fr die alten Familien und die alten Namen tiefer
wurzelt, als ich nach meinen und Euren Erfahrungen zu vermuthen Ursache hatte.
Aber sei es drum; vielleicht erhaltet Ihr einen neuen Beitrag zur
Menschenkenntni und zur Kenntni des Adels, der Euch aufklrt! Ihr sollt Euren
Willen haben! Und es wird nicht an mir liegen, wenn sich Dein Begehren, liebe
Seba, da ich dem Sohne Deiner Freundin ntzlich werden mchte, nicht erfllt,
wie Du es wnschest!
    Ohne ihre Antwort abzuwarten, verlie er sie. Aber noch in derselben Stunde
schrieb er dem jungen Freiherrn, da er bereit sei, sich der Oberaufsicht ber
seine Angelegenheiten und, wenn die gerichtlichen Schritte deshalb gethan sein
wrden, auch der Vormundschaft ber den Knaben Valerio bis zu Renatus' Rckkehr
zu unterziehen. Doch werde es ihm, im Hinblicke auf die eigenen, ihn vollauf in
Anspruch nehmenden Geschfte, sehr erwnscht sein, die Heimkehr des Freiherrn
nicht in zu ferne Zeit hinausgeschoben zu sehen.

                                 Achtes Capitel


Der Herbst, welcher im Norden sich nur selten und nie auf lange Zeit als ein
freundlicher Vermittler zwischen dem Sommer und dem Winter zeigt, entlehnt in
den glcklicheren Himmelsstrichen dem Sommer seine Wrme, dem Winter seine
Klarheit, und niemals hatte er schner und bestndiger auf die Erde und auf das
ohnehin so freundliche Paris hinabgeblickt, als in dem warmen, schnen Jahre von
achtzehnhundert und siebzehn.
    Die Bltter waren bereits lange von den Bumen abgefallen, die Sonne ging
schon frh zur Ruhe, aber die Mittage waren noch hell und warm wie in der besten
Jahreszeit, und die Herzogin machte noch alltglich ihre Fahrten in das Freie,
obschon eine gewisse Vernderung mit ihr vorgegangen war. Nicht da ihre
Krperkrfte abgenommen htten. Sie war immer noch um die gewohnten Stunden
sichtbar, schrieb Briefe, empfing Besuche, fuhr zu den kleinen Zirkeln des
Knigs an den Hof; aber wer wie Renatus Gelegenheit hatte, sie genauer zu
beobachten, dem konnte es nicht entgehen, da sie nicht mehr die volle
Herrschaft ber sich besa, da es ihr oft schwer fiel, den Anschein der
gleichmigen Ruhe zu behaupten, die sonst nie von ihr gewichen war, und da
irgend etwas sie innerlich aufrege und ungeduldig mache.
    Trotz der schmeichlerischen Nachgiebigkeit, mit welcher sie Eleonoren
begegnete, deren zurckweisende Klte sich bestndig gleich blieb, sah Renatus
es, wie unablssig die Herzogin ihre Nichte beobachtete, und so oft die Letztere
mit ihm im Besonderen gesprochen hatte, mute er sich auf irgend welche
Errterungen und Fragen gefat halten, die sich stets auf Eleonoren bezogen und
denen zu stehen seinem Ehrgefhle allmhlich so lstig ward, da er trotz des
Wohlgefallens, welches er an der Gesellschaft der Herzogin hegte, sich oftmals
versucht fhlte, auf ihre Gastfreundschaft Verzicht zu leisten. So oft er es
jedoch am Abende unerfreulich gefunden hatte, zwischen den beiden einander
mitrauenden Frauenzimmern zu leben, und so oft er es sich vorgenommen hatte, am
andern Morgen der Herzogin zu sagen, da sein Dienst ihn nthige, ihr Haus zu
verlassen und eine Wohnung in der Nhe seines Chefs zu suchen, so fehlte ihm,
wenn er das Wort aussprechen sollte, der Muth dazu.
    Volle zwei Jahre hatte er jetzt im Hause seiner Beschtzerin gelebt, und es
lag in den uerlich ruhigen und glatten Lebensgewohnheiten dieses Hauses etwas
Verfhrerisches, etwas, das ihm die Seele einspann und gefangen nahm. Er konnte
sich es gar nicht mehr denken, da er nicht morgen oder bermorgen und heute
eben so wie gestern diese breite und gelinde Treppe hinabsteigen, da er morgen
die Herzogin nicht bei guter Zeit in ihrem Zimmer aufsuchen und sie in ihrer
anmuthigen Weise die Vorgnge des Tages und die Ereignisse am Hofe besprechen
oder sie von den Zeiten erzhlen hren werde, in denen man seines Lebens anders
und besser froh zu werden verstanden habe, als jetzt.
    Wenn er erwachte, fragte er sich: Wie wird die Grfin heute aussehen? Was
wird sie heute vorhaben und unternehmen? Wenn er in die Gemcher der Herzogin
trat, suchte sein Auge Eleonoren, und es kam ihm vor, als beginne sein
eigentliches Tagewerk mit der Minute, in welcher er ihrer ansichtig ward, in
welcher seine Blicke sich auf der vollendeten Schnheit ihrer Gestalt und ihres
Antlitzes ergingen. Sein militrischer Dienst ward ihm jetzt lstig. Der Umgang
mit seinen mnnlichen Altersgenossen, alles, was ihn bei dem ersten Eintritte in
Paris und in diese Gesellschaft gefesselt hatte, dnkte ihm nicht mehr wichtig,
nicht mehr reizend, wenn es ihn von Hause fern hielt. Eleonore zu betrachten, zu
sehen, wie die verschiedenen Gemthsbewegungen sich in ihrem Angesichte malten,
zu errathen, was sie denke, sich vorzustellen, was sie sagen werde, sich zu
freuen, wenn seine Voraussicht ihn nicht betrogen hatte und er sich also rhmen
durfte, da er sich in Uebereinstimmung mit ihr befunden habe, das waren ihm
Gensse und Freuden, gegen welche alles Andere fr ihn verblate.
    Er merkte es nicht, da wieder ein Sommer entschwunden war, da wieder ein
Herbst vorberging und der Winter seine Herrschaft geltend machte. Er lebte wie
in einer besonderen Welt, wie unter dem Einflusse eines Zaubers; und so gro war
die Gewalt desselben, da er sich ber den Zustand gar nicht wunderte, in
welchem er sich befand, sondern, da er ihm als der natrliche, als der einzig
mgliche erschien. Er war heiter und es war ihm wohl. Das war alles, was er
fhlte, was er dachte, wenn nicht Briefe aus der Heimath ihn in seinem Frieden
stren kamen.
    Eleonorens Herbigkeit hrte allmhlich auf, ihn zu verletzen. Er war es
gewohnt worden, da sie ihrer Tante kalt begegnete. Der Stolz, die Herbigkeit
paten so vollkommen zu ihrer eigenartigen Schnheit, und er selber hatte ja
seit der Stunde ihres ersten Begegnens sich niemals ber sie beklagen drfen.
Wie ihm ihre Weise, so war auch der Grfin seine Gesellschaft mit der Zeit lieb
und vertraut geworden. Sie fragte ihn um die Stunden, welche sein Dienst
beanspruchte, sie lie sich von ihm berichten, was er erlebt hatte, wenn er
auer dem Hause gewesen war; er konnte darauf rechnen, da sie ihn immer, auch
in der bewegtesten Gesellschaft, mit Vergngen in ihre Nhe kommen sah, und wie
eine Frstin gestand sie sich das Recht zu, stets ber ihn zu verfgen, sei es,
da sie ihn aufforderte, sie zu Pferde bei ihren Spazierritten zu begleiten,
oder da sie sich ihm im voraus fr die Tnze zusagte, fr welche sie ihn bei
einem bevorstehenden Feste zu ihrem Partner zu haben wnschte. Selbst ber seine
Anhnglichkeit an ihre Tante rechtete sie nicht mehr mit ihm, weil seine
Aufmerksamkeit fr die Greisin sie mancher Verpflichtungen und jener kindlichen
Dienstleistungen enthob, denen sie sich immer nur widerstrebend unterzogen
hatte.
    Aber nicht allein Eleonore hatte dem deutschen Edelmanne ihre Gunst
zugewendet, der Abb war ihr darin zuvorgekommen, und es hatte sich zwischen
diesen drei, einander durch ihre Lebenslage so unhnlichen Personen eine
Freundschaft herausgebildet, welche Niemandem entging und welche die ungeduldige
Aufregung der Herzogin veranlate. Denn diese Freundschaft konnte ihr, darber
tuschte sie sich nicht, so gefhrlich als ntzlich werden, konnte ihren Planen
dienen oder sie durchkreuzen, und die Fden, durch welche diese drei Menschen
zusammenhingen, waren so eigenthmlich verschlungen, berhrten die Wnsche der
Herzogin so mannigfach, da sie Anstand nahm, Hand daran zu legen, whrend sie
es fr nthig hielt, bestndig ihr Auge auf dieselben gerichtet zu halten.
    Seit ihre Nichte herangewachsen, war die Verbindung derselben mit dem
Prinzen Polydor der vorherrschende Gedanke der Herzogin gewesen, und seit man
nach Frankreich zurckgekehrt, hatte sie selber den Abb mit der gegen diesen
offen ausgesprochenen Absicht in ihr Haus gezogen, da er die Bekehrung
Eleonorens, welche ohnehin dem strengglubigen und uerst kirchlichen Hofe ein
wohlgeflliges Ereigni sein mute, unternehmen mge. Sie hatte sich dabei
sorgfltig gehtet, es dem Abb zu vertrauen, welche Hoffnungen sie auf
Eleonorens Uebertritt zur katholischen Kirche baue, und der gewandte Weltmann
hatte zu viel Umsicht und zu viel gute Erziehung besessen, um errathen zu
lassen, da ihm klar sei, was man ihm zu verbergen noch fr angemessen fand. Nur
von Eleonorens Seelenheil war zwischen ihm und der Herzogin die Rede gewesen,
nur im Hinblick auf dieses hatte die Herzogin die Besorgni ausgesprochen, da
ihr und des Abb's Einflu auf Eleonore sich nothwendig jetzt verringern drfte,
da Eleonore mit ihrem letzten Geburtststage ihre gesetzliche Volljhrigkeit
erreicht habe, nach welcher es allein von ihrem Ermessen abhing, ob sie noch in
Frankreich, ob sie in dem Hause ihrer Tante bleiben, oder dasselbe verlassen
wolle, um ihren Wohnsitz in ihrem englischen Stammschlosse oder wo sonst immer
aufzuschlagen.
    Inde der Tag ihrer Volljhrigkeit war zu Ende des Jahres achtzehnhundert
und siebzehn vorbergegangen, und die Grfin, welche diesen Tag sonst so lebhaft
herbeigesehnt hatte, verweilte noch in Frankreich, verweilte noch im Palast
Duras. Sie schien jetzt den Aufenthalt in demselben nicht mehr so drckend zu
finden, als sonst. Aber wie sehr die Herzogin auch gewnscht htte, vermochte
sie dennoch nicht, diese Sinnesnderung auf ihre Rechnung zu schreiben oder als
eine ihren Absichten gnstige zu deuten. Selbst ein weniger scharfes Auge und
eine Frau, die weniger herzenskundig gewesen wre, als sie, konnte sich nicht
darber tuschen, was Eleonore in ihrem Hause festhielt, und doch konnte sie
trotz der Besorgnisse, welche sie erfllten, gar nichts thun, dieselben zu
vermindern. Sie hatte sich selbst die Hnde gebunden und sich mit gebundenen
Hnden an eine Kraft und an eine Energie berantwortet, welche die ihrige um ein
Groes bertrafen.
    Wenn die Herzogin ihre Nichte darauf aufmerksam zu machen versuchte, da
deren Gesinnungen in Bezug auf die katholische Kirche und ihr Mitrauen gegen
den katholischen Klerus sich wesentlich gendert htten, so entgegnete Eleonore
ihr, da sie mit ganzem Herzen an ihrem alten Bekenntnisse festhalte. Sie
versicherte, da zwischen ihr und dem Abb von religisen oder gar von
kirchlichen Fragen uerst selten die Rede sei und da sie keinen Anla habe,
von dem Klerus, dessen Thun und Treiben ihr verdchtig und unheilvoll erscheine,
eine bessere Meinung zu fassen, weil ihr das seltene Glck zu Theil geworden
sei, unter demselben einem Manne zu begegnen, dessen tiefe Bildung und
Gelehrsamkeit sie frdere, und dessen weiter, freier Blick sich ber die engen
Schranken zu erheben wisse, in welche der Beruf, den er vielleicht zu frhzeitig
und ohne genaue Kenntni seiner eigenen Begabung und Natur erwhlt habe, ihn zu
bannen strebe. Rhmte man in Eleonorens Beisein, wie man es berhaupt zu thun
gewohnt war, die strengen Gesinnungen und den kirchlichen Eifer des Abb, so
schien seine junge Anhngerin dies nicht zu hren, und die Herzogin, der nichts
entging, hatte es bei den mannigfachsten Anlssen wahrgenommen, wie der schnelle
und leuchtende Blick ihrer Nichte dann das Auge des Geistlichen suchte und von
ihm mit einem verstndnivollen Lcheln begrt und aufgenommen wurde.
    Eleonore hatte es auch durchaus kein Hehl, wie sie den Abb hochschtze und
verehre. Sie rhmte es von ihm und auch von sich, da die vllige
Verschiedenheit ihrer religisen Ueberzeugungen, da die Ungleichheit ihres
Alters und ihrer Lebensverhltnisse sie nicht gehindert habe, Freunde zu werden,
weil sie beide selbstgewisse und ein Ziel verfolgende Charaktere seien; und wenn
die Herzogin ihr warnend zu berlegen gab, wie eine solche Freundschaft ihre
Gefahren fr beide Theile habe, so antwortete die Grfin mit der
Entschiedenheit, welche ihr angeboren und in den letzten Jahren unter der
Leitung ihres neuen Freundes noch sehr gewachsen war: sie zweifle nicht, da
eine solche Erinnerung fr die meisten Flle sehr berechtigt wre; sie aber
kenne den Abb, und dieser kenne sie. Man mge sie gewhren lassen, wenn man sie
nicht zwingen wolle, sich durch eine Uebersiedelung in ihre Heimath jeder
lstigen Beeinflussung fr immer zu entziehen und ihre Freunde, denn auch Herr
von Arten sei ihr ein werther Freund geworden, in der ihr wnschenswerthen
Unabhngigkeit und Freiheit in Haughton Castle zu empfangen.
    Je lnger diese Verhltnisse bestanden, um so beunruhigender wurden sie fr
die Herzogin. Sie mute sich sagen, da ihre Nichte nur deshalb noch in ihrem
Hause lebe, weil sie voraussehe, da der Abb sich nicht leicht entschlieen
wrde, den Hof zu verlassen und auf die Vortheile zu verzichten, welche die
stets wachsende Gunst des Knigs ihn und durch ihn seine Kirche hoffen lie.
Wollte die Herzogin ihre alten Plane noch zur Ausfhrung bringen, so mute sie
jetzt mehr als jemals darauf denken, den Abb selber zu ihrem Werkzeuge zu
machen. Dieses zu ermglichen, gab es aber nur noch Einen Weg, und sie beschlo,
ihn einzuschlagen.

                                Neuntes Capitel


Das Leben am Hofe hatte seit der Rckkehr der Bourbonen eine vllige Umwandlung
erlitten. Die krperliche Unbehlflichkeit des Knigs und die mannigfachen
Beschwerden, welche ihn im Winter heimzusuchen pflegten, hatten ihn einer spt
dauernden Geselligkeit abhold und die groen Feste in seiner persnlichen
Hofhaltung allmhlich seltener gemacht.
    Wir sind eine Gesellschaft alt gewordener junger Leute, welche versumte
Freuden nachzuholen haben! konnte man den Knig, wenn er sich leidlich wohl und
in guter Stimmung befand, bisweilen gegen seine Zeitgenossen und Gnstlinge
uern hren; aber es schienen vorzglich die Freuden der Tafel zu sein, welche
der Knig damit meinte, und wer Gelegenheit hatte, ihn bei denselben zu
beobachten, konnte sich versucht fhlen, seine Behauptung wahr zu finden,
obschon es fast lauter Greise und Matronen waren, welche die Tafelrunde des
alten Knigs bildeten.
    Eines Abends, als man sich im kleinen Speisesaale von der Mahlzeit erhoben
und sich in das angrenzende Gemach begeben hatte, in welchem man den Kaffee
einzunehmen pflegte, schien der Knig, der eben in der letzten Zeit viel von der
Gicht zu leiden gehabt hatte, sich schmerzensfrei zu fhlen und dehalb
besonders gut gestimmt zu sein. Die Lakaien, welche ihn in seinem Rollsessel aus
dem Speisesaale an den Kamin des Nebenzimmers gefahren hatten, waren
zurckgetreten und die dienstthuenden Kammerherren hielten sich in seiner Nhe,
um diejenigen Personen, denen der Knig die Gnade seiner Unterhaltung angedeihen
lassen wollte, sofort herbeizurufen.
    Schon hatte der Knig Diesen und Jenen zu sich entboten, und noch immer
stand die Herzogin, der Anstrengung solches Dienstes von frhe her gewohnt, fest
und aufrecht da, als ob die Last der Jahre sie nicht beugen, als ob keine
krperliche Schwche sie anfechten knne, wenn die Gnadensonne der Majestt sie
anstrahle und erwrme. Sie kannte die Weise des Knigs, sich zuerst diejenigen
Personen vorfhren zu lassen, welche er mit wenig Worten abzufertigen gedachte,
um sich dann in behaglichem Geplauder mit den bevorzugteren Gsten und mit
seinen Gnstlingen zu ergehen. Einen nach dem Andern sah die Herzogin vortreten
und entlassen, ohne da ihr feines Lcheln von ihren schmalen Lippen wich, ohne
da ihre welke Hand den Fcher auch nur in einem Augenblicke lebhafter bewegte,
als die schne Form es erheischte, oder ihre Haltung ermdeter geworden wre.
    Endlich ertheilte der Knig selber mit einer auffordernden Frage ihr die
Erlaubni, sich ihm zu nahen, und auf ein leises Zeichen schob der dienstthuende
Edelmann ihr das Tabouret herbei, das am Hofe der Bourbonen zu allen Zeiten der
Ehrgeiz und das Vorrecht der Herzoginnen gewesen war.
    Wrdevoll, wie es ihrem Range, wie es ihrem Alter ziemte, und doch mit einer
Leichtigkeit, welche es kund gab, da es hier nicht auf ein langes Verweilen
abgesehen sei, hatte die Herzogin das ihr zustehende Tabouret eingenommen. Der
Knig fragte gndig nach ihrem Ergehen, aber noch ehe sie ihm darauf die Antwort
geben knnen, nannte er jene Frage selber eine mige.
    Man braucht Sie nur zu sehen, sagte er, um sich zu berzeugen, wie sehr Sie
Sich getreu geblieben sind. Immer noch unwiderstehlich in Ihrer
Liebenswrdigkeit, wissen Sie der Zeit zu widerstehen, wie Sie einst den
Huldigungen der Mnner widerstanden haben. Die Unwiderstehlichkeit ist erblich
unter den Frauen Ihres Hauses, das thut uns Ihre schne Nichte dar.
    Die Herzogin nahm die Gnade des Knigs, wie es sich gebhrte, auf, und sie
war selbst zu sehr eine Knstlerin in der Unterhaltung, um nicht wirklich eine
Freude an der epigrammatischen Form zu haben, in welcher der Knig sich
ausgedrckt hatte. Aber whrend sie sich in warmen Dankesbezeigungen erging,
verga sie es nicht, seufzend hinzuzufgen, da es Familien-Eigenthmlichkeiten
gebe, die man nicht wnschen drfe, fortgeerbt zu sehen.
    Ich hoffe, da Sie zu diesen Gaben nicht die Schnheit, nicht die ewig
jugendliche Anmuth des Geistes zhlen, warnte sie der Knig. Bedenken Sie, da
es nicht ser ist, die Schnheit zu besiegen, als sich von ihrer Macht besiegt
zu fhlen!
    Wie schn! rief die Herzogin, indem sie beistimmend ihr Haupt neigte. Man
mu, wie Eure Majestt, die klassische Bildung mit franzsischem Geiste einen,
um diese Wendungen zu finden! Aber, fgte sie seufzend hinzu, wenn Schnheit
ohne Gnade ist, so hrt sie auf, ein Gegenstand der Liebe, der Verehrung zu
sein, und sie wird furchtbar!
    Oh, rief der Knig, den diese Weise der Unterhaltung, wie sie in den Tagen
seiner Jugend Mode gewesen war, immer noch erheiterte, weil er sich in ihr jung
erschien und sich seiner mannigfachen geselligen Vorzge angenehm bewut ward,
eine solche Schnheit ohne Gnade wrde auch vor unseren Augen keine Gnade
finden! Aber ich frchte, es ist mehr als ein allgemeiner Satz, den Sie hier
ausgesprochen haben, und ich errathe, wer die schne Unerbittliche ist, an die
Sie dabei dachten.
    Niemand als der Knig konnte die Antwort der Herzogin vernehmen, Niemand
hrte, was er ihr entgegnete; aber Aller Augen waren auf sie gerichtet, denn die
Unterredung whrte noch eine Weile fort, und keinem von allen seinen Gsten
hatte der Knig ein so langes Zwiegesprch gegnnt.
    Wovon konnten sie sprechen? Wehalb lchelte der Knig so anmuthig? Woher
glnzten die Augen der Herzogin in einem Feuer, das ihrer Jahre spottete, als
sie sich endlich von ihrem Sitze erhob und dem Knige mit tiefer Verbeugung,
welche kunstreich zu machen Niemand besser als sie verstand, ihren heien Dank
aussprach? -
    Der Knig lie sich langsam durch den Saal fahren, um jedem der Anwesenden,
die jetzt, wie es sich gebhrte, wieder im Kreise umherstanden, ein Wort zu
sagen. Als die Reihe an die Herzogin kam, lchelte er wieder eben so freundlich,
als vorhin, und so laut, da es Keinem entgehen konnte, sprach er: Verlassen Sie
Sich auf mich! Ich mache Ihre Sache zu der meinigen; verlassen Sie Sich auf
mich!
    Dann trat der Ober-Ceremonien-Meister vor, der Knig winkte den Anwesenden
mit einer Neigung des Hauptes und der Hand seinen Abschiedsgru zu, und langsam
den Rollsessel fortbewegend, fuhren die Kammerdiener den Monarchen durch die
lange Reihe der Gemcher nach seinen Wohnzimmern, whrend die besondere Gnade,
deren die Herzogin geno, und die geheimnivollen Worte, welche er ihr zugerufen
hatte und die auf ein vlliges Einverstndni schlieen lieen, die Hofleute
sammt und sonders in Aufregung und Verwirrung setzten.
    Die wundersamsten Vermuthungen wurden ausgesprochen und fanden Glauben. Da
die Herzogin durch die Gnade des Knigs, ohne all ihr Zuthun, wieder in den
Besitz von Vaudricourt gekommen war, und da der Knig ihr zugesagt hatte,
sobald er im Stande sein werde, die Reise durch die Provinzen anzutreten, in
Vaudricourt bei ihr zu rasten, das hatte schon lange festgestanden; aber man
hatte kein sonderliches Gewicht darauf gelegt, da man wute, da der Knig zwar
von Reisen sprach, da er aber ihre Unbequemlichkeit scheute. Was also hatte er
ihr verheien? Was hatte sie begehren knnen? Was konnte ihr so sehr am Herzen
liegen, da sie Seine Majestt damit zu behelligen wagte?
    Persnlicher Ehrgeiz konnte die hochbetagte Frau nicht antreiben, dem Knige
beschwerlich zu fallen; wo jedoch Viele sich zu gleichem Zwecke vereinen,
braucht man an dem Erfolge nicht zu verzweifeln, und noch hatten die letzten
Gste des Knigs das Schlo der Tuilerieen nicht verlassen, als der
dienstthuende Kammerherr sich erinnerte, wie Seine Majestt zu Anfang jener
Unterredung von einer unbesieglichen Schnheit gesprochen habe; und man kannte
den unternehmenden Geist der Herzogin genugsam, um ihr ein Wagni zuzutrauen,
wenn sie nur durch ein solches an ihr Ziel gelangen konnte. Von Mund zu Mund
sprach sich die Ueberzeugung aus, da der Knig es der Herzogin zugesagt habe,
den Freiwerber des Prinzen Polydor bei der Grfin Haughton zu machen, und als an
einem der folgenden Tage der Knig einen jener Tagblle ansagen lie, welche
unter seiner Herrschaft am Hofe bisweilen abgehalten wurden, brachte man
denselben mit dem Ereignisse in Verbindung, das den ganzen Hof beschftigte und
von dem man selbst in den stillen Slen des erzbischflichen Palastes reden
hren konnte.
    Es war gegen den Abend hin, als der Abb im Vorsaale des Erzbischofs auf den
Augenblick wartete, in welchem er den Zutritt zu demselben erhalten konnte. Ein
eigenes Handbillet des Kirchenfrsten hatte ihn aufgefordert, sich bei ihm
einzustellen, und ruhig, wie seine ganze Haltung es immer war, sa der Abb an
einem der hohen Fenster und las bei dem letzten Scheine des Tages in seinem
Brevier.
    Eine Viertelstunde mochte so hingegangen sein, als ein Ordensgeistlicher das
Empfangszimmer Seiner Eminenz verlie und der Kammerdiener dem Abb die Kunde
brachte, da er jetzt erwartet werde.
    Es ist lange her, Herr Abb, redete der Erzbischof ihn an, da ich Sie nicht
bei mir gesehen habe, und ich hatte Ihren Besuch seit einiger Zeit erwartet,
weil ich eine Nachricht von Ihnen zu erhalten hoffte, an welcher man nicht
allein von unserer Seite Theil nimmt. Sie haben, ich wei es, gestern wieder die
Gnade genossen, von Seiner Majestt im Besonderen empfangen zu werden. Wovon hat
Seine Majestt zu Ihnen gesprochen?
    Der Erzbischof war schon ein Mann bei Jahren. Das Licht einer von der Decke
herabhngenden doppelarmigen Lampe beleuchtete seine hohe Stirn und lie jeden
seiner feinen und scharfen Zge erkennen, wie er in seinem hochlehnigen Sessel
fest und aufrecht da sa, whrend seine Hand, an welcher der Fischerring
erglnzte, auf der breiten Seitenlehne ruhte. Auf dem Tische vor ihm lagen
Briefschaften, Papiere, Akten, Druckschriften und Bcher aller Art, theils in
Pcken sorgfltig gesondert, theils zur Unterzeichnung vorgelegt und
ausgebreitet. Es war ein edler Raum, einfach und doch frstlich ausgestattet.
Der Abb war in demselben wohl zu Hause.
    Als sein Auge ber den Schreibtisch des Erzbischofs hinglitt, entdeckte sein
sicherer Blick trotz dieser Schnelle auf einem der Briefe, die zur Rechten des
Erzbischofs lagen, eine schne, freie weibliche Handschrift, die ihm sehr genau
bekannt war und die hier zu sehen ihn, wie gut er sich auch zu beherrschen
gelernt hatte, doch erschreckte.
    Da Eurer Eminenz nicht daran gelegen sein kann, hob er, sich schnell
fassend, an, von mir Auskunft ber die philologischen Fragen zu erhalten, mit
denen Seine Majestt sich zu beschftigen geruhten, so darf ich wohl ohne
Weiteres berichten, da Seine Majestt sich ber dieselbe Angelegenheit geuert
haben, die mir, wie ich vermuthe, die Ehre zugewendet hat, heute von Eurer
Eminenz hierher beschieden und empfangen zu werden.
    Sie haben das Richtige gefunden, Herr Abb, sprach der Erzbischof mit einer
kaum merklichen Neigung seines Hauptes. Dann wies er den Abb an, sich zu
setzen, und sagte: Es sind jetzt drei Jahre her, da die Frau Herzogin von Duras
gegen mich das natrliche und fromme Verlangen uerte, ihre Nichte, die einzige
ihr lebende Blutsverwandte, zu unserer Kirche zurckgefhrt zu sehen; und wenn
ihr auch der Vorwurf nicht zu ersparen war, da sie ihrer Zeit sehr bel daran
gethan hatte, die Verbindung ihres verstorbenen Bruders mit einer
Nichtkatholikin zu betreiben, so war ich es doch wohl zufrieden, als sie das
fromme Werk in Ihre Hand gelegt zu wissen begehrte, zu dem wir selber uns des
Besten versehen zu knnen meinten. Woran liegt es, da die Grfin Haughton sich
noch immer den ihr zugedachten Segnungen entzieht?
    Der Abb schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Die Frage, welche Eure
Eminenz mir vorlegen, und die Art, in welcher Sie mir dieselbe vorlegen, beweist
mir, da Sie nicht an meinem Eifer zweifeln, und macht es mir mglich, mich
einfach zu erkren. Wie die Frau Herzogin durch ihre Neigung, Ehen zu stiften,
einst den Marquis von Lauzun zu der Ehe mit einer Protestantin hintrieb, so
hindert ihr Verlangen, die Grfin Haughton mit dem Prinzen von Chimay zu
vermhlen, den Uebertritt derselben. Htte die Frau Herzogin die Klugheit und
die Migung besessen, ihrer Nichte die Plane, welche sie hegte, zu verbergen,
so wrde sicherlich schon lange geschehen sein, was wir wnschen und fr das
Seelenheil der Grfin hoffen mssen.
    Der Erzbischof lie die Antwort gelten.
    Sie wissen, da Seine Majestt sich fr die gedachte Heirath ausgesprochen
hat? sagte er.
    Seine Majestt haben, wie ich vorhin die Ehre hatte Eurer Eminenz zu sagen,
die Gnade gehabt, sich auch gegen mich dahin zu uern.
    Was haben Sie darauf geantwortet?
    Der Abb richtete sich hoch auf, und mit einem Tone, dessen Festigkeit sehr
gegen die Unterordnung abstach, die er bis dahin gegen seinen Vorgesetzten kund
gegeben hatte, sprach er: Ich habe geantwortet, was meine Pflicht und mein
Gewissen mir geboten. Ich habe geantwortet, da ich die Bekehrung der
hochbegabten jungen Grfin als eine mir von Gott zugewiesene heilige Aufgabe
betrachte, da ich mit allen meinen Krften danach strebe, ihrem Auge das Licht
der Wahrheit, ihrer Seele die Gnade zuzufhren, aber da ich meine Hand nicht
dazu bieten knne, die Grfin in ein Eheband zu verstricken, das durch die Nhe
ihrer Blutsverwandtschaft mit dem Prinzen ein verbotenes, das in den Augen
unserer Kirche ein Incest ist.
    Es entstand eine Pause; der Erzbischof befand sich in einer unangenehmen
Verlegenheit, und er wute, da sein Untergebener klug und umsichtig genug war,
die schwierige Lage vollauf ermessen zu haben, in welche er ihn mit dieser
Wendung der Angelegenheit versetzt hatte.
    Als Frst und Diener der Kirche hatte der Erzbischof es zu loben, wenn ein
Diener der Kirche das Gebot derselben ber den Willen des Staatsoberhauptes
stellte. Er sah es auch nicht ungern, wenn der Knig dieser Glaubenstreue oder
diesem hierarchischen Gehorsam in seiner Nhe begegnete, und doch hatte man
zugleich allen Grund, die besonderen Wnsche und Meinungen des Knigs zu schonen
und sie zu frdern, weil er seinerseits sich der Kirche in jedem Punkte
gromthig und ergeben zeigte.
    Wer nthigte Sie, zu wissen, was man der Welt geflissentlich verborgen hat?
fragte endlich der Erzbischof, die mildeste Form erwhlend, in welcher er seine
Ansicht von der Sache und zugleich seine Unzufriedenheit mit der Handlungsweise
des Abb's zu uern vermochte.
    Ich kannte diese Verhltnisse von Jugend auf, und mein Gewissen lie mein
Gedchtni nicht zum Schweigen bringen, entgegnete der Abb.
    Der Erzbischof hatte sich erhoben, der Abb war seinem Beispiele gefolgt.
Sie standen einander gegenber, beide hoch aufgerichtet, beide voll festen
Willens, voll verschwiegener Entschlossenheit sich gegenseitig beobachtend, und
beide mit dem Bewutsein, wie sie, bei der wundervoll berechneten Gliederung und
Einrichtung der hierarchischen Herrschaft, Einer in des Andern Schicksal
einzugreifen, Einer des Andern Zukunft zu frdern oder zu beeintrchtigen
vermochten.
    Genieen Sie das Vertrauen der Grfin? erkundigte sich der Greis.
    Im ausgedehntesten Mae, gab der Abb zur Antwort, und sein Ton und seine
Haltung nahmen wieder die frhere Unterwrfigkeit an.
    Hoffen Sie, die Grfin von ihrem Irrglauben berzeugen zu knnen?
    Mit Gottes Hlfe zuversichtlich.
    Welchen Weg denken Sie dabei einzuschlagen?
    Der Abb schien nachzudenken, dann sagte er: Es steht bei Eurer Eminenz,
mich von der Aufgabe abzuberufen, zu der Sie mich auf den ausdrcklichen Wunsch
der Frau Herzogin erwhlten. Sprechen Sie das Wort aus, und ich werde ohne
Murren gehen, und ohne mich zu beklagen einen Anderen ernten sehen, was ich mit
Vorsicht sete, mit Ausdauer zeitigte. Fehlt mir die Gewiheit, da das
Vertrauen Eurer Eminenz mit meinem Werke ist, so geht mir auch die Kraft
verloren, welche der Einzelne aus dem Gedanken an die groe, heilige
Gemeinschaft zieht, der er angehrt und der er dient. Mein Thun wird fortan ohne
Segen sein und ich werde Eure Eminenz dann nur um die Vergnstigung zu bitten
haben, mich mit einer anderen Aufgabe, fern von hier, betrauen zu wollen.
    Der Erzbischof blickte den jngeren Geistlichen mit festem Auge an. Er
wute, da der Abb Paris nicht zu verlassen wnschen konnte. Eben dehalb aber
fragte er sich, was denselben bewegen knne, ein so gewagtes Spiel zu spielen;
und die gleiche Taktik befolgend, sagte er: Die junge Grfin Haughton ist schn
und Sie sind jung, Herr Abb! Sind Sie Ihrer selbst gewi? Sind Sie sicher, da
sich in Ihnen keine Abneigung irgend welcher Art gegen eine Verheirathung der
Grfin regt?
    Ich war um ein paar Jahre jnger und die Schnheit der Grfin stand schon in
ihrer vollen Blthe, als Eminenz keiner solchen Frage, keiner solchen Warnung
mir gegenber nthig zu haben glaubten. Ich bin gezwungen, Sie um Aufschlu
darber zu bitten, wer oder was mich einem solchen Verdachte unterwerfen knnte,
erwiderte der Abb, whrend der ganze Stolz des Priesters und des Edelmannes in
seinem Antlitze sichtbar ward.
    Der Erzbischof lie sein Auge unverwandt auf dem vor ihm Stehenden haften.
Die Frau Herzogin, sagte er nachdrcklich, lebt des Glaubens, da die - die
Freundschaft, welche die Grfin Ihnen entgegenbringt, sie hindere, den
Bewerbungen des Prinzen ihr Gehr zu leihen, und da es diese Freundschaft sei,
die Sie, Herr Abb, gegen die Verbindung eingenommen habe, welcher nicht nur die
Frau Herzogin, sondern Seine Majestt der Knig selber gnstig ist.
    Zum ersten Male rtheten sich des jngeren Priesters Stirn und Wangen, aber
es wre nicht leicht gewesen, zu sagen, welche Bewegung sein Blut in Wallung
brachte, und sich schnell bemeisternd, sprach er: Des Menschen Schlsse stammen
und bemessen sich aus seinem eigenen Charakter und seinen eigenen Erfahrungen;
ich habe mich also ber die Frau Herzogin nicht zu beschweren, wennschon ich sie
beklage. Aber wre und empfnde ich, wie sie voraussetzt, so knnte ich nichts
Besseres verlangen, als die Grfin eine Ehe schlieen zu machen, in der sie,
weil sie die Jngere und an Kraft wie an Begabung in jedem Betrachte dem Prinzen
berlegen ist, bald Herr und Meister sein und bleiben wrde, eine Ehe, bei der
ich nicht zu frchten htte, auf - er zgerte bei dem Worte gerade so
geflissentlich, wie der Erzbischof es vorhin gethan hatte - auf die Freundschaft
verzichten zu mssen, deren der trbe Sinn der Herzogin mich zeiht. Und, fgte
er hinzu, ist der Prinz denn der Mann, der, wenn die religisen Bedenken der
Grfin berwunden sind, die religisen Ueberzeugungen in ihr zu wrdigen und zu
erhalten verstehen wrde? Eine Natur wie die der Grfin Haughton wird durch
einen Mann wie Prinz Polydor nicht berwunden, nicht von ihrem stolzen
Selbstgefhle geheilt. Sie wird, so weit ich sie beurtheilen kann, berhaupt
nicht leicht zur Liebe hingerissen und durch die Liebe auch nicht gewandelt
werden. Sie mu in ihrer jetzigen Wesenheit vernichtet werden, wenn sie
neugeboren werden soll.
    Er hatte diese letzten Worte kalt und unerbittlich wie ein
Verdammungsurtheil ausgesprochen, aber sie beschwichtigten das Mitrauen des
Erzbischofs keineswegs; sie halfen ihm auch nicht aus der Verlegenheit heraus,
in welcher er sich befand. Inde der Abb war jetzt gewarnt. Der Erzbischof
hatte ihn daran erinnert, da das wachsame Auge seiner Vorgesetzten, da ihre
gewaltige Hand ber ihm sei, und mit der weisen Umsicht der weltklugen
katholischen Kirche, welche es versteht, die nutzbaren Krfte zusammenzuhalten
und sich dieselben dienstbar zu machen, beschlo er, den khnen und
eigenwilligen jungen Geistlichen vorlufig gewhren und ihn selber den Weg und
die Weise suchen zu lassen, auf denen er die Zwecke der Kirche, die Wnsche des
Knigs und seine eigenen Absichten gleichzeitig zu frdern fr mglich erachten
wrde. Er wendete sich von ihm und trat an seinen Schreibtisch zurck, von dem
er, als komme es ihm zufllig in die Hand, ein Blatt Papier aufnahm, das er
zuerst mit den Augen berflog und dann sorgfltig zu lesen schien.
    Der Abb stand ruhig wartend da, bis der Erzbischof das Papier
zusammengefaltet und an seine alte Stelle gelegt hatte. Dann verneigte er sich
kaum merklich und fragte, ob Eminenz ihm noch weitere Befehle zu geben habe.
    Dem Erzbischof war diese Frage willkommen, und weil er dies erwartet, hatte
der Abb sie gethan. Auch war der Ausdruck des Erzbischofs pltzlich ein
vernderter.
    Sie haben Sich auf das Vertrauen berufen, sagte er, das man Ihnen vor vielen
Anderen und schon in jungen Jahren angedeihen lassen, weil man Ihnen die
Gelegenheit bereiten wollte, die Menschen kennen und Ihre eigenen Krfte
ermessen zu lernen. Sie glauben offenbar auch jetzt noch, der Aufgabe, der Sie
Sich unterzogen haben, gewachsen zu sein, und Sie scheinen nach einem
vorbedachten Plane zu Werke zu gehen.
    Der Abb wollte eine Erklrung, eine Bemerkung machen; der Erzbischof lie
es nicht dazu kommen. Ich verlange von Ihnen vorlufig keine Auskunft ber den
Weg, welchen Sie zur Bekehrung der Grfin Haughton bis jetzt genommen haben und
weiterhin zu nehmen denken. Der Erfolg oder das Milingen soll Ihnen, Ihnen
allein, Herr Abb, zugeschrieben werden, merken Sie es wohl, Ihnen ganz allein!
Doch gebe ich Ihnen zu bedenken, da man dem milden und uns geneigten Sinne
Seiner Majestt des Knigs, sofern es mit dem Seelenheile der Grfin zu vereinen
ist, nicht entgegentreten darf, und Seine Majestt haben es, wie ich erfahren,
der Frau Herzogin zugesagt, bei der Grfin Eleonore des Prinzen Freiwerber zu
sein.
    Das war auch mir bekannt, besttigte der Abb, und ich war Willens, die
Grfin noch heute darauf vorzubereiten, als Eurer Eminenz Befehl mich hierher
rief.
    Der Erzbischof wollte offenbar eine Bemerkung machen; er unterdrckte sie
jedoch, und nach einigen auf die allgemeinen Ereignisse innerhalb der Kirche
bezglichen Worten war die Unterredung beendet. Als der Abb sich bereits
entfernen wollte, fragte der Erzbischof pltzlich: Und der junge deutsche
Edelmann, der Freiherr von Arten, welcher seit dem Einzuge der Fremden in dem
Hotel der Frau Herzogin verweilt und den die Grfin ebenfalls ihrer Freundschaft
wrdigt - sollte er es vielleicht sein, der den Ansprchen des Prinzen
entgegensteht?
    Der Freiherr von Arten ist seit Jahren heimlich verlobt, antwortete der
Abb.
    Heimlich verlobt? wiederholte der Erzbischof. Davon besitzt die Frau
Herzogin keine Kunde. Ist die Grfin davon unterrichtet?
    Der Abb verneinte es. Der Erzbischof fragte, wie Jener die Kenntni dieses
Umstandes gewonnen habe, ob er der Beichtiger des Freiherrn sei.
    Nein, Eminenz, ich habe es abgelehnt, ihn Beichte zu hren, als er mir sein
Vertrauen zuzuwenden wnschte. Ich wollte mir die Freiheit des Handelns nicht
beschrnken, mir nicht eine Mitwissenschaft und damit zugleich die Pflicht
aufdrngen lassen, es nthigenfalls zu verschweigen, was der Freiherr seinen
Freunden bis jetzt vorenthalten hat, da er noch bei dem Leben seines Vaters
einer ihm ebenbrtigen Dame ein Eheversprechen geleistet hat.
    Und welche Grnde knnen ihn bewegen, das Verhltni auch jetzt, auch nach
dem Tode seines Vaters, noch nicht zu einem bindenden zu machen?
    Ich glaube nicht zu irren, wenn ich voraussetze, da die Neigung des Herrn
von Arten fr die Entfernte erkaltet und da sein tgliches Beisammensein mit
der Grfin auf diese Aenderung seines Sinnes nicht ohne Einflu gewesen ist.
    Woher haben Sie die Auskunft ber das Verlbni des jungen Edelmannes?
    Von dem Pfarrer der Kirche, die des Freiherrn Vater auf seinem Stammgute
gegrndet hat. Die Verlobte des Barons lebt mit ihrer Schwester und mit ihrer
Mutter in dem freiherrlichen Schlosse.
    Als der Erzbischof den Abb so wohl unterrichtet fand, erkundigte er sich,
wo die Erzieherin der Grfin geblieben sei, welche er frher mit ihr bei der
Herzogin gesehen habe.
    Die Grfin ist es mde geworden, die tglichen Vorstellungen ihrer
Erzieherin zu hren, sich tglich gegen das Vertrauen warnen zu lassen, mit dem
sie mich beehrt. Mi Arabella ist in ihre Heimath zurckgekehrt.
    Nach Haughton Castle? fragte der Erzbischof.
    Nein; die Damen haben sich nicht als Freundinnen getrennt, jede Verbindung
zwischen ihnen hat aufgehrt, berichtete der Abb.
    Man konnte an den Mienen des Erzbischofs sehen, da er mit dieser Kunde wohl
zufrieden war. Freundlicher, als er sich ihm bis dahin gezeigt hatte, reichte er
dem Abb die Hand, der sich neigte und sie kte. Der Erzbischof segnete ihn mit
leichter Berhrung seines Hauptes.
    Leben Sie wohl, mein lieber Abb, sprach er, und ermden Sie nicht in Ihrem
Werke, nicht in der Strenge gegen Sich selbst! Es sind der Wege viele, auf denen
der Herr die Verirrten zu sich zurckzufhren wei, und den Irrenden auf den
rechten Pfad zu weisen, ist eines der guten Werke, denen der Glubige sich zu
unterziehen hat. Leben Sie wohl! Sie werden mir in einigen Tagen die Kunde
bringen, welche Wendung diese Angelegenheit genommen hat.

                                Zehntes Capitel


Der Mond stand schon hell am Himmel, als der Abb, von dem erzbischflichen
Palaste kommend, ber die Brcke ging und sich dem schnen Uferwege zuwendete,
an welchem das Palais der Herzogin gelegen war. Er hatte zu jeder Stunde des
Tages Zutritt zu demselben, und auch jetzt befand er sich bereits vor dem groen
Portale, aber als er die Schelle ziehen wollte, hielt er die Hand zurck. Er
mochte Eleonore jetzt nicht sehen, er mochte Niemanden sehen; er mute mit sich
allein sein.
    Er schlug den langen, schwarzen Mantel fest um sich und entfernte sich von
dem Palaste. Bald langsam, bald in heftiger Bewegung ging er an der Seite des
Flusses auf und nieder. Wie goldene Knospen schienen die funkelnden Sterne an
den dichten und kahlen Aesten der Bume zu hngen, die sich in vielfachen Reihen
an dem Ufer hinziehen. Der Mond go sein volles Licht ber die prchtigen
Gebude aus, deren Fenster zum Theile hell erglnzten. Es war die Stunde, in
welcher die vornehme Gesellschaft ihre Tafel hielt. Vor den einzelnen Husern
fuhren die Wagen vor, hier und dort ffneten sich gastlich die Flgel der
Einfahrtsthren. Die Stadt erschien, so weit man sie deutlich bersehen konnte,
heiter und glnzend, und fern ab zeichneten sich die Spitzen der Kirchen
unbestimmt und schattenhaft an dem nchtlich klaren Himmel ab.
    Aber was jedem Anderen an dieser Stelle das Auge erfreut und den Sinn
erheitert haben wrde, was auch ihn sonst mit Wohlgefallen erfllt hatte, heute
sah der Abb es nicht. Ein gewaltiger Kampf durchwhlte seine Seele; in
raschestem Wechsel zogen abenteuerliche Plane, wilde Vorstze und Entschlsse
durch sein Gehirn, und aus der glhenden Leidenschaft, die in ihm brannte,
loderten in einzelnen Augenblicken zuckend die Flammen der Verzweiflung in ihm
empor. Und doch war es ihm nichts Neues, was er in sich wahrnahm. Er hatte auch
nichts Unerwartetes erlebt. Warum traf es ihn denn so furchtbar, was er lange
hatte kommen sehen? Warum zerri sie ihm denn das Herz, die Entscheidung, die er
lngst getroffen hatte?
    Seit er Eleonore gesehen, war er nie ber die Empfindung im Zweifel oder im
Unklaren gewesen, die sie in ihm wachgerufen hatte. Von frh auf zur strengsten
Selbstprfung gewhnt, hatte er sich nicht darber tuschen knnen, da er sie
mit glhendem Verlangen begehrte, da er sie leidenschaftlich liebte, aber sein
stolzer Sinn hatte sich nicht entschlieen mgen, die Gefahr zu meiden; er hatte
seinen geistigen Ruhm darein gesetzt, sich zu besiegen, und wie er bis dahin auf
der Welt nichts Hheres gekannt hatte, als seine Kirche und ihre Macht, so hatte
er sich gelobt, seine Aufgabe in ihrem Dienste zu lsen und ihr mit Verleugnung
und Ueberwindung seiner selbst die starke Seele und das reiche Erbe Eleonorens
zuzufhren und zu gewinnen.
    Tage und Nchte hatte er mit sich gerungen in wildem Schmerze, in brnstigem
Gebete. Er wute, was Eleonore sich nie deutlich gemacht hatte, da es nur eines
Wortes von ihm bedurfte, um sie ihm anzueignen ganz und gar, und heute zum
ersten Male fhlte er sich nicht sicher, da er dieses Wort nicht sprechen, da
sein Blick ihr nicht verrathen wrde, was in seiner Seele vorging.
    Er sah sie, als er so umherwandelte, mit seines Geistes Augen deutlich vor
sich, wie sie auf das Gestndni seiner Liebe in seine Arme sinken, er kannte
sie darauf, da sie nicht zurckschrecken wrde, mit ihm zu fliehen, um in
irgend einem fernen Winkel der Erde sein Weib zu werden, das Weib des geweihten
Priesters, des Meineidigen Weib. - Aber wer hinderte ihn, sich mit Offenheit von
diesem Eide loszusagen? Wer hinderte ihn, einem Glauben zu entsagen, der seinem
Menschenrechte, seiner Manneskraft und Wrde unnatrliche Schranken setzte,
unwrdige Gewalt anthat? Wer hinderte ihn, zu thun, was vor zweihundert Jahren,
in den Zeiten der groen kirchlichen Umwlzung, Tausende von Priestern vor ihm
gethan hatten? Was hielt Eleonoren ab, einem durch sie bekehrten Manne ihre Hand
zu geben? Sie war unabhngig und reich genug, in Haughton Castle, in ihrem
freien Vaterlande, von dem Gesetze unangefochten und die ffentliche Meinung
stolz verachtend, glcklich mit ihm zu sein.
    Die Stirn brannte ihm wie im Fieber, alle seine Pulse klopften. Trotz der
winterlichen Klte ri er den Mantel auf, entblte er sein Haupt. Er fhlte
seine ganze, ungebrochene Kraft in seinen Adern, er sah jetzt auch mit Einem
Male die glnzende Anmuth der Stadt und der Gegend, er empfand die Schnheit
dieser milden Winternacht. Unwillkrlich breitete er seine Arme aus, als wolle
er sich mit der Natur vereinen, und ein Seufzer, der wie ein unterdrckter
Aufschrei klang, ri sich aus seinem Busen los.
    Es war vorber! - Mde, wie einer, der aus einem ihn erschpfenden Traume
erwacht, lie er sich auf eine der Bnke fallen, die unter den Bumen stehen. Er
sttzte den Kopf in die Hand, sein Haupt sank schwer hernieder, schwer und still
fielen ein paar glhende Tropfen aus seinen Augen auf die Wangen herab.
    Nicht zum ersten Male hatte er den Kampf gekmpft, aus dem er jetzt wieder
als Ueberwinder hervorging; nicht zum ersten Male hatte sein Gewissen seine
Phantasie bemeistert, aber noch nie zuvor hatte er so lebhaft wie heute den
Wunsch gehegt, sich nicht gebunden zu haben oder jene ungebrochene Willenskraft,
jene muthige Rcksichtslosigkeit der Menschen zu besitzen, die sich selbst als
den Mittelpunkt der Schpfung, ihr Wohlbefinden als den letzten Zweck derselben
ansehen. Er? - Er konnte nicht vergessen, da er von frher Jugend an gelernt
hatte, sich als einen mitwirkenden Theil der groen Gemeinschaft anzusehen,
welche sich das Recht der Herrschaft ber die Geister zuerkennt, welche die
Anwartschaft zu diesem Rechte aus Gottes Hand empfangen zu haben behauptet, aus
der Hand des Gottes, dessen Anerkennung und Verehrung zu predigen die Aufgabe
der katholischen Kirche ist. Wohin hatten sein Geist, seine Phantasie sich
verirrt, da er wachend in Trume verfallen konnte, die ein Verbrechen fr ihn
waren? Und was konnte andererseits die Kirche ihm denn bieten und gewhren, ihn
schadlos zu halten fr die furchtbare Entsagung, die er ber sich genommen
hatte?
    Er schauderte zusammen, als er sich mit seinen Gedanken wieder auf demselben
Wege, wieder auf denselben Bildern fand, von denen er sich gewaltsam abzuwenden
beschlossen hatte. Er stand an dem Abgrunde, an welchem Mchtige gestanden
hatten und zu Grunde gegangen waren, er erlebte und erlitt, was er selber ber
sich heraufbeschworen, als er sich die Kraft, die Festigkeit und den Glauben
zugetraut hatte, die ihm alle jetzt versagten.
    Immer wieder hatte er sich in diesen letzten Jahren wiederholt, da er nicht
zu der groen Masse jener entsagenden, demthigen Seelen gehre, die in frommem
Glauben, in nicht wankender Hingebung an ein stilles Thun, ihres Geistes
Befriedigung, ihres Herzens Beseligung genieen. Von frher Jugend auf hatten
seine Lehrer und Meister ihm in der Schule und in in den Seminarien ein weites,
ein hohes Ziel gesteckt. Er hatte Herrschaft gewonnen, wo immer er mit Anderen
in Gemeinschaft gewesen war, Herrschaft hatte ihm das hchste Glck, Herrschaft
im Dienste der Kirche, die ihn trug, so lange er sie sttzen half, das hchste,
erstrebenswertheste Ziel gednkt, und Herrschaft, Herrschaft ber die Anderen,
das hatte er immer gefhlt, war das Einzige, das Ersatz zu bieten vermochte fr
Selbstbefriedigung, fr Liebe und fr Glck.
    Er kannte die Kirche und den Clerus, denen er angehrte. Er wute, was der
Abtrnnige von der Kirche zu erwarten hat. Er selber hatte in verschiedenen
Fllen dazu mitgewirkt, dem Verirrten wie einem gehetzten Wilde die Wege zu
verstellen, bis er mde und verblutend an dem Altare niedergesunken war, von dem
er sich hatte entfernen wollen. Er fhlte sich nicht dazu geschaffen, solcher
Verfolgung Stand zu halten, er konnte sich nicht vor sich selbst erniedrigen
durch den nicht endenden Kampf, in welchen er sich unrettbar verstrickte, wenn
er sich nicht berwand. Fr ihn gab es nur Freiheit innerhalb des Bannes und des
Eides, die er freiwillig und mit stolzem Ehrgeize ber sich genommen hatte; und
der bloe Gedanke, da er als ein Bender, als ein unwirksam Befundener, als
ein Ausgestoener vor denen stehen solle, die in ihm eine Kraft geehrt, in ihm
einen knftigen Pfeiler der Kirche gesehen hatten und ber die er sich einst zu
erheben gehofft, ward endlich sein Erretter aus dem Zwiespalte, in dem er sich
in dieser Stunde bewegt und ermattet hatte.
    Aber der starke und gesunde Mensch reit die schnste und gewaltigste seiner
Krfte, die Liebe, nicht aus seinem Herzen, ohne Schaden an seiner Seele zu
leiden, und heute mehr als je zuvor hatte der Abb es erkannt, da er auf die
Liebe nicht verzichten knne, ohne sich mit Wollust an die Herrschsucht
hinzugeben, und da es ihm nicht erspart sei, die Qualen der Eifersucht zu
leiden, auch wenn er darauf verzichte, fr sich selber einen Anspruch an Glck
zu erheben.
    Oftmals schon hatte er es durchgekostet, wie nahe der Ha und die zum
Entsagen gezwungene Liebe in ihm an einander grenzten, oftmals hatte er es mit
dem khlen Blicke eines Beobachters in sich wahrgenommen, wie die Grausamkeit
sich der Seele bemchtigt, die keine milde Hoffnung fr sich selber hegen darf.
Warum sollte er das Weib nicht hassen, vor dem alle glckversprechenden
Mglichkeiten offen ausgebreitet lagen, whrend er sich mit unlslichem Eide von
allen Freuden des Daseins geschieden hatte, ehe er vorausgesehen, das eine
Eleonore Haughton leben und da sie ihm der Gter hchstes, des Glckes
begehrenswerthestes erscheinen wrde?
    Wenn kein Gebet, wenn kein noch so festes Wollen ihm Ruhe zu schaffen
vermocht, dann hatte er mit grausamer Wonne daran gedacht, da Eleonore einst
die gleichen Qualen leiden werde; wenn er sich unglcklich gefhlt bis in das
Innerste seines Herzens, so hatte der Gedanke ihm gelchelt, da auch sie sich
elend fhlen werde, die ihn also leiden machte, da auch sie unglcklich sein
werde, die ihn herunterzustoen drohte von der Hhe, auf die er sich gestellt
hatte und von der er in den Abgrund sinken mute, wenn er nicht hoch ber seinen
jetzigen Standpunkt emporstieg.
    Er hatte die Stunde der Entscheidung oft vorausgesehen, die jetzt an ihn
herangetreten war. Er oder sie! - Denn sie glcklich zu sehen und zu entsagen,
sie glcklich und frei zu denken, whrend er sich seinem Vorgesetzten als
miger Knecht mit gebundenen Hnden zu berliefern und in dumpfer Unterordnung
enge, vorgeschriebene Wege zu gehen hatte, das berstieg seine Krfte. Er oder
sie! - Es gab kein Drittes! -
    Er war schon lange wieder an dem Ufer umhergegangen. Die Nacht begann kalt
zu werden, der Wind, welcher vom Wasser aufstieg, strich ihm mit eisigem Hauche
ber die Schlfen hin. Er zog die Uhr heraus, es war spter, als er es vermuthet
hatte. Jetzt, er wute es, jetzt befand sich Eleonore schon in dem
Empfangszimmer ihrer Tante, jetzt erwartete sie ihn sicherlich. Er lchelte, als
er sich ihr Bild vergegenwrtigte, aber wer dieses Lcheln htte sehen knnen,
htte sich seines Ausdruckes nicht erfreut.
    An der Ecke der Seitenstrae lag ein bescheidenes Speisehaus. Er hatte sonst
nicht die Gewohnheit, hnliche Orte zu besuchen, inde die Aufregung machte ihn,
da er die Mahlzeit versumt hatte, nach Speise und Trank verlangen. Er lie sich
zu Essen geben, trank etwas Wein, ordnete mit rascher Hand sein reiches Haar,
das durch die schnelle Bewegung seines langen Ganges in Unordnung gerathen war,
und gefat und wieder seiner selber Meister, kehrte er auf der Strae, von der
er gekommen war, nach dem Palaste der Herzogin zurck.
    Es waren heute noch mehr Besucher als gewhnlich in ihrem schnen Saale
erschienen. Die auffallende Gunst, mit welcher der Knig sie bei der letzten
Mittagsgesellschaft beehrt, hatte ihre Freunde eifriger als je gemacht, und
jeder derselben schmeichelte sich mit der Hoffnung, da es ihm gelingen werde,
den Inhalt jener langen und geheimen Unterhaltung zu erfahren und sich darber
zu vergewissern, was von dem Gerchte ber die Freiwerbung Sr. Majestt zu
halten sei. Die Grfin allein schien nicht zu wissen, was die Uebrigen
beschftigte. Sie sa weit zurckgelehnt, so da die schne Lnge ihres Leibes
ersichtlich war, auf einem niedrigen Sopha, nahe an einem der beiden Kamine. Das
Licht der Kerzen und das Licht des Feuers vereinten sich, sie magisch zu
berstrahlen. Ihr Haar glnzte wie von einer Aureole umleuchtet, und nie meinte
der Abb sie schner gesehen zu haben, als eben jetzt, da sie bei seinem
Eintritte mit schneller Bewegung die Augen zu ihm wendete.
    Eine Gruppe von Mnnern umgab sie, der Prinz und der junge deutsche Freiherr
saen ihr zur Seite. Die Unterhaltung war heiter und lebhaft gewesen, wie sie es
immer wird, wo die Mnner zu gefallen wnschen und die Frau mit dem sicheren
Bewutsein ihrer Schnheit jede ihr dargebrachte Huldigung nur als einen
schuldigen Tribut, ohne Dank und ohne besonderen Anreiz aufnimmt. Der Prinz
hatte sich im Gefhle eines nahen Sieges freier gehen lassen, ohne da die
Haltung der Grfin ihm dazu das Recht gegeben htte, und kaum hatte der Abb
sich der Herzogin vorgestellt, so klagte Eleonore, da die Gluth des Feuers sie
belstige, und erhob sich.
    Mitten in dem Saale traf sie mit dem Abb zusammen. Ich habe Sie heute am
Morgen und heute am Mittage vergebens erwartet, und Sie kommen spt! sagte sie
im Tone des Vorwurfes. Es ist Ihr Wort, das ich Ihnen zurckgebe, Herr Abb! Man
soll uns nicht zur Gewohnheit werden lassen, was man nicht sicher oder nicht
geneigt ist, uns dauernd zu gewhren!
    Wie sie so neben einander standen, beide hoch und majesttisch gewachsen,
da Auge in Auge traf, beide mit herrischer Miene, war es kaum mglich, sich ein
Menschenpaar zu denken, das mehr fr einander geschaffen, mehr auf einander
angewiesen zu sein schien, sei es, da sie in Liebe oder in Abneigung
zusammentrafen. Es war neben Eleonorens vollkommener Schnheit stets ihr Stolz
gewesen, der den Abb angezogen und ihn gereizt hatte, ihr seine Herrschaft
aufzudringen, und man htte sagen knnen, da sie sich im Streite nahe getreten
waren, da sie im Widerstreben gegen einander ihre Herzen und ihren Geist
verstrickt hatten, da Sieg und Niederlage zwischen ihnen stets gewechselt
hatten und beides ihnen zum Genu geworden war.
    Auch jetzt empfand der Abb den alten Zauber wieder mchtig auf sich
wirkend, aber er hatte Grund, sich demselben nicht mehr wie sonst zu berlassen,
und auf ihre Anrede eingehend, versetzte er: Schlimm genug fr mich, da ich aus
meiner eigenen Erfahrung keinen Nutzen zog, da ich sie nicht zu beherzigen
verstand!
    Was soll das heien? fragte sie voll banger Ahnung, weil ihr in seinem Wesen
etwas Fremdes entgegentrat.
    Wir mssen scheiden, Eleonore! sprach er tonlos.
    Er hatte sie niemals bei diesem Namen genannt, er hatte es stets vermieden,
sie und sich als Einheit zu bezeichnen, und nun, da ihr Name, von seinen Lippen
ausgesprochen, ihr mit unsglicher Wonne das eigene Herz berhrte, nun das
beglckende Wir ihr von seinem Munde entgegenklang, nun sollte sie sich von
ihm trennen - nun?
    Scheiden? wiederholte sie. Und wehalb das? - wehalb?
    Er blickte mit schnellem Auge um sich her; als er sah, da Niemand nahe
genug stand, seine Worte zu vernehmen, sagte er: Ich komme von Seiner Eminenz
dem Erzbischof. Auf seinem Tische sah ich einen Brief von Ihrer Hand. Es war
offenbar das kleine Billet, das Sie mir neulich gesendet und das ich nicht
erhalten hatte. Ein Brief der Frau Herzogin lag daneben.
    Eleonore erbleichte, aber ihre Fassung und ihr Selbstgefhl verlieen sie
nicht. Ich habe nie ein Wort geschrieben, sprach sie, das eines Anderen Blick zu
scheuen htte, und von Seiten meiner Tante berrascht mich nichts, wennschon....
    Auch nicht, fiel der Abb ihr leise in die Rede, da sie gewagt hat, Ihnen,
Ihnen, Eleonore, eine Leidenschaft anzudichten, deren Mitschuldiger ich sein
sollte und die ein Verbrechen fr mich wre?
    Er war selbst bla geworden und die Stimme hatte ihm versagt, da er diese
Worte aussprach. Sie trafen das Herz des unglcklichen Mdchens wie ein
tdtender Blitz. Sie sah, sie entdeckte in sich, was sie sich bisher mit stolzer
Scham verborgen hatte. Sie fhlte die Flamme einer verzehrenden Leidenschaft in
sich auflodern, und der Mann, der sie in ihr angefacht und genhrt hatte, stand
ihr kalt gegenber, sprach zu ihr in einer Weise, als wre es undenkbar, da er
jemals etwas fr sie empfunden habe, etwas fr sie fhlen knne.
    Ihre Fe wankten, sie fate krampfhaft die Lehne eines Sessels, der in
ihrer Nhe stand, sie frchtete, sich nicht aufrecht halten zu knnen; aber mehr
noch als Alles peinigte sie der Gedanke, dem ungerhrten Manne zu verrathen, was
in ihrer Seele vorging, ihn ahnen zu lassen, was sie in diesem Augenblicke um
ihn litt. Und die bleichen Lippen zu einem Lcheln zwingend, das ihr das Herz
zerri, fragte sie ihn: Dehalb also will man Sie entfernen?
    Der Abb bejahte es. Die Thrnen traten der Grfin vor diesem kalten,
nackten Ja in's Auge.
    Freilich! das Scheiden von einer Freundin - das Scheiden von Eleonore
Haughton - was ist das fr Sie! sagte sie mit Bitterkeit.
    Der Abb lie den vollen Strahl seines Auges in die ihrigen fallen, aber er
schwieg.
    So standen sie sich einige Sekunden gegenber, und es dnkte Eleonore, als
durchlebe sie eine lange Leidenszeit, denn groer Schmerz und groe Freude
rauben uns den wahren Mastab fr den Verlauf der Zeit. Es kam ihr vor, als sei
der Augenblick lange her, in welchem sie das Wort, das niederschmetternde Wort
von dem Munde des Geliebten vernommen hatte, als sei es lange her, da sie sich
allein gefunden, allein mit der verzehrenden Leidenschaft in ihrer Brust.
Allein!
    Nur das konnte sie nicht ertragen! Allein, ohne ihn konnte sie nicht leben.
Und wie ein Versinkender verzagend und hoffend zugleich nach Rettung ausschaut,
fragte sie: Und gibt es kein Mittel, keines, das Sie - mir erhlt?
    Es war geschehen, sie hatte es ihm gesagt; aber besorgt, da eben dieses
Wort ihn bestimmen knne, sich von ihr zu trennen, fgte sie hinzu, als wolle
sie ihn vergessen machen, ihn ber dasjenige tuschen, was sie ihm eben
verrathen und gestanden hatte: Ich wei es, Sie verlassen Paris, den Hof nicht
gern, Sie haben Hoffnungen an Ihren hiesigen Aufenthalt geknpft. Gibt es kein
Mittel, Ihre beabsichtigte Entfernung zu vermeiden? - Und wie von einer
pltzlichen Eingebung ergriffen sprach sie: Ich will Paris verlassen, ich will
in meine Heimath gehen! Sie sollen bleiben. Ich will gehen!
    Das jedoch war es nicht, was der Abb begehrte. Er schttelte verneinend das
Haupt. Fassen Sie sich, Grfin, man beobachtet Sie und mich! sagte er leise.
Ihre Entfernung von Paris wrde nichts in meiner Lage ndern, nichts! Aber einen
Ausweg gibt es, Einen! - Er zgerte, als falle es ihm schwer, ihr denselben zu
nennen. Endlich, da sie auf seine Antwort bange harrte, sagte er: Nehmen Sie die
Hand des Prinzen an, fr den der Knig selber morgen um Sie werben wird!
    Unmglich, unmglich! rief die Grfin so laut, da die Anwesenden alle es
vernahmen.
    Aber sie und der Abb schlugen wie auf eine Verabredung ein Lachen auf, und
mit lachender Miene fgte Eleonore leise hinzu: Soll ich der Herzogin den
Triumph bereiten? Soll ich mich der Herrschsucht wider mein Empfinden in die
Arme werfen, vor der Sie selbst mich warnten?
    So treffen Sie schnell eine andere Wahl, Sie sind Herr darber! warf der
Abb ihr ein.
    Aber wen - wen? fragte die Grfin, der in der Angst ihres Herzens und in der
Verwirrung dieses Augenblickes jedes Mittel erwnscht kam, welches sie vor der
Trennung von dem Abb bewahren und ihm beweisen konnte, da fr ihn kein Opfer
ihr zu schwer sei.
    Der Abb wendete das Haupt in das Zimmer und zu der Gruppe zurck, welche
die Grfin vorhin verlassen hatte. Eine Frau wie Sie, sagte er, wird schwerlich
einen Mann finden, der sie verdient; aber es mte mich Alles tuschen, oder der
Freiherr von Arten wei es, was Sie werth sind, und seine liebende Verehrung
wird mir den Antheil an Ihrer Freundschaft nicht mignnen. Er ist ein Mann von
Ehre und er liebt Sie, Grfin, dessen bin ich sicher!
    Sie konnte ihm nichts erwiedern. Der Ausdruck der Verzweiflung und der
Liebe, mit dem sie zu ihm emporsah, drohte, ihn seiner Fassung zu berauben, und
sich vor ihr verneigend, sagte er so laut, da die Anderen ihn vernehmen
konnten: Denken Sie daran, Grfin, wir sprechen mehr davon!
    Dann wendete er sich zu den Uebrigen, und auch Eleonore kehrte, wie hart ihr
das auch ankam, zu ihrer frheren Unterhaltung zurck.

                                Eilftes Capitel


Man trennte sich an dem Abende zeitig, weil einige der Gste noch anderweitige
Einladungen hatten. Im Vorzimmer trafen der Abb und Renatus zusammen. Der Abb
machte die Bemerkung, da das Wetter kstlich und da es eigentlich eine Snde
sei, eine Winternacht von so ungewhnlicher Milde und Schnheit ungenossen zu
lassen, und da er Renatus ohne weiteres Vorhaben fand, schlug er ihm vor, ihn zu
begleiten und gemeinsam eine Strecke Weges zu machen.
    Der Freiherr verlangte es nicht besser. Er hatte die lange Unterredung
zwischen dem Geistlichen und der Grfin mit Unruhe betrachtet, denn er war von
den obwaltenden Verhltnissen zu genau unterrichtet, um nicht zu vermuthen, was
die unverkennbare Aufregung Eleonorens zu bedeuten und welchen Inhalt dieses
Gesprch der Beiden gehabt haben msse. Auch stand er ihnen nahe genug, um,
sobald er sich mit dem Geistlichen allein auf der Strae befand, ohne Umschweife
die Frage zu thun, ob er sich irre, wenn er glaube, da der Abb mit ihrer
gemeinsamen Freundin von dem Heirathsplane gesprochen, den der Knig zu dem
seinigen gemacht habe und dessen nahes Zustandekommen jetzt die groe
Angelegenheit des Hofes sei.
    Es ist eine traurige Angelegenheit, sagte der Abb, und nie mehr als in
diesem Falle habe ich daran gedacht, wie verschieden die Wege der Prfung sind,
auf welche der Herr uns fhrt. Er schritt eine Weile schweigend fort, dann
sprach er: Wenn man das Leben dieses ungewhnlichen Mdchens sieht, seine
gottbegnadigte uere Erscheinung, seine groen geistigen Mittel, den
frstlichen Besitz, der ihm von Kindheit an zu eigen war, so fhlt man sich zu
dem Gedanken hingefhrt, da es dem Himmel gefallen habe, hier einmal ein
Menschenwesen mit allen Gtern des Lebens und des Glckes auszustatten, um ihm
den vollen, edlen Genu des Daseins zu ermglichen.
    Da er wieder in seiner Rede abbrach, meinte Renatus, da die Grfin doch
auch zu einer hohen und seltenen Reife und Entwicklung gelangt sei und wie ihr
zu ihrem Glcke ja auch nichts fehle, als da sie eben dem Manne begegnete, dem
sie ihre Zukunft in liebendem Herzen anvertrauen knne.
    Wir sind nicht im Salon, mein theurer Freund! rief der Abb mit einer Klte,
welche den Andern in Erstaunen setzte. Er fragte, was dieser unerwartete Ausruf
bedeuten solle. Der Abb, der sonst in seinem ganzen Betragen sich immer uerst
zurckhaltend bezeigte und sich eben so wenig eine Vertraulichkeit gegen Andere
herausnahm, als er sie ihnen gestattete, legte seinen Arm in den des jungen
Offiziers und sagte mit einer ihm sonst ebenfalls sehr fremden Lssigkeit: Es
gibt gesellschaftliche halbe und ganze Unwahrheiten, gegen die man wohlthut,
sich nicht zu wehren, und an die zu rhren auch nicht weise ist, weil sie in der
Regel aus einem vernnftigen Grunde hervorgehen, sogar wenn die Gesellschaft
sich desselben nicht immer klar bewut ist. Eine solche conventionelle
Unwahrheit ist der Glaube an die sogenannten groen Eigenschaften der Grfin
Haughton.
    Herr Abb, rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren nicht, das sagen
Sie, Sie, der Freund, der vertraute Freund Eleonorens?
    Eben dehalb sage ich es, kann ich es sagen! berichtete ihn der Geistliche,
und vielleicht werden Sie mir Glauben schenken, wenn ich Ihnen bekenne, da die
Grfin auch mich eine geraume Zeit geblendet hat, da ich in ihr Eigenschaften
zu sehen whnte, die sie der Bewunderung wrdig machten - und in der That, sie
hat auch solche Eigenschaften! Wer wollte und wer knnte dieses lugnen? Sie ist
von schnellem Geiste, von einem khnen Fluge der Gedanken, sie hat, ich zweifle
nicht daran, eine mnnliche Entschlossenheit, wo es ihre eigenen, persnlichen
Zwecke gilt; aber ich habe Niemanden gekannt, auf den das Wort der Bibel von dem
tnenden Erz und der klingenden Schelle so anwendbar gewesen wre, als auf sie.
Sie hat der Liebe nicht! - Selbstschtiger und herzensklter habe ich nie ein
Weib gekannt.
    Der Freiherr war nicht gleich einer Entgegnung fhig. Er erlebte nach seinen
Begriffen einen vollkommenen Verrath, und der Mann, der ihn beging, war ihm bis
auf diese Stunde ein Gegenstand der Hochachtung gewesen. Seine Ehrenhaftigkeit
schreckte vor einem solchen Verhalten zurck. Er zog unwillkrlich seinen Arm
aus dem seines Gefhrten. Kennt oder ahnt die Grfin die Ansicht, welche Sie von
ihr hegen? fragte er.
    Es gibt Wunden, entgegnete der Abb, die man nicht sondiren darf, ohne sie
tdtlich zu machen. Ich konnte der Grfin nicht sagen: Sie haben kein Herz! da
mein ganzes Bestreben darauf gerichtet ist, diese Seite ihres Wesens zu erwecken
oder zu beleben. Denn was knnte mich, dessen Ziele weit ab liegen von dem Boden
dieser leichtlebigen und sich an der Oberflche der Dinge haltenden
Gesellschaft, was knnte mich bewegen, der tgliche Gast der Frau Herzogin zu
sein, htte ich es der wrdigen Frau nicht zugesagt, mich der Bekehrung ihrer
Nichte zu unterziehen, htten meine Vorgesetzten mich nicht selber ermuthigt, an
dieses Werk zu gehen?
    Mehrere Wagen, die rasselnd an ihnen vorberfuhren und die sie bei dem
Uebergehen nach einer andern Strae fr einige Minuten trennten, unterbrachen
die Mittheilung des Geistlichen und lieen dem Freiherrn zu einem Umschwunge
seiner Ansicht Zeit. Als sie sich wieder zusammenfanden, hob der Abb auf's Neue
zu sprechen an. Es ist ein groes Vertrauen, Herr von Arten, das ich Ihnen mit
diesem offenen Bekenntnisse gewhre. Inde Ihrer Gesinnung bin ich sicher. Sie
ist ein schnes Erbe Ihres alten Hauses, und Sie selber sind, ich wei es,
unserer Kirche aufrichtig ergeben. Sie haben in Ihrem Elternhause den Segen und
die Alles ausgleichende und vershnende Kraft des Glaubens, wie ich aus Ihren
eigenen Mittheilungen und aus manchen Andeutungen der trefflichen Frau Herzogin
erfahren, kennen lernen. Sie gehren nicht zu der Anzahl jener sogenannten
Aufgeklrten, die es in ihrer selbstgengsamen Kurzsichtigkeit dem Glubigen zum
Vorwurfe machen, wenn es ihn drngt, die Segnungen, deren er sich theilhaftig
fhlt, die erhebende Erkenntni, die ihm durch die Gnade Gottes zugnglich
geworden ist, nicht als ein todtes Pfund zu vergraben, sondern sie auszubreiten
und leuchten zu machen, so weit die menschliche Gemeinschaft reicht.
    Der Abb hatte etwas Mchtiges, wenn er sich dem freien Zuge seiner
Beredsamkeit berlie, und Renatus waren solche Ansichten und Ansprche von
frher Kindheit an vertraut gewesen. Sein unvergessener, geliebter Lehrer, der
Caplan, hatte ja selber durch Jahre und Jahre in fremden Zonen als ein Bekenner
und Verbreiter der allein seligmachenden Kirche gearbeitet und bis an sein
Lebensende mit Erhebung an jene Wirksamkeit zurckgedacht. Lugnen konnte
Renatus es auch nicht, da ihm das herrische Wesen der Grfin bisweilen
unheimlich und bedenklich erschienen war, aber er hatte sie nicht tadeln, nicht
verurtheilen knnen; sie hatte ihm neben der Bewunderung, die er fr sie hegte,
ein Bedauern eingeflt, und eben jetzt empfand er dieses lebhafter und strker,
als je zuvor.
    Sie ist ohne Vater, ohne Mutter aufgewachsen, sagte er entschuldigend, und
mich dnkt, die Herzogin war nicht dazu gemacht, eine so eigenartige Natur zu
erwrmen und zu bilden. Wer mag denn sagen, ob die Herzogin selber einer wahren
Liebe fhig ist?
    Die Herzogin keiner Liebe fhig? rief der Abb im Tone des hchsten
Erstaunens. Aber haben Sie denn vergessen, mein theurer Baron, mit welcher Treue
die Herzogin in den Zeiten der Verbannung und der Noth an ihrem Bruder
festhielt? Haben Sie vergessen, mit welcher Hingebung die Mittellose auf die
edle, sie vllig sicherstellende Gastfreiheit Ihres Herrn Vaters verzichtete,
als es galt, der kniglichen Familie ihre alte Treue zu beweisen? Glauben Sie,
da es sie kein Opfer gekostet hat, den einzigen Bruder an eine Frau zu
verlieren, die nicht zu unserer Kirche gehrte? Und wann hat die Herzogin ihre
Nichte es fhlen lassen, da sie, die ruhebedrftige Matrone, ihr ganzes Behagen
der Lebenslust Eleonorens zum Opfer brachte? Oder kennen Sie etwas, das
rhrender, das ehrwrdiger wre, als die schne Freundschaft, welche durch ein
langes Leben die Herzogin und ihren Jugendgenossen, den greisen Frsten von
Chimay, unzertrennlich verbunden hat? In der That, mein Freund, von Ihnen
weniger als von jedem Andern war ich mir eines Urtheils gewrtig, das die
Herzogin in so ungerechter Weise anficht, denn mich dnkt, Sie selber htten
mannigfach Gelegenheit gehabt, die theure Frau von ihren schnsten Seiten
wrdigen zu lernen! - Beide gingen eine Zeit lang schweigend neben einander her.
    Renatus fhlte sich beschmt. Er hatte die Undankbarkeit immer als das
Zeichen einer niedrigen Gesinnung angesehen, nun zieh man ihn einer solchen, und
er konnte es nicht lugnen, man that es nicht ganz mit Unrecht. Je lnger er
darber nachsann, um so unsicherer wurde er in seinem Urtheile. Er konnte dem
Abb nicht vllig widersprechen. Er hatte, als er in das Haus der Herzogin
gekommen war, ja auch fr dieselbe und wider die Grfin Partei genommen, und
erst allmhlich hatten Eleonorens bestechende und blendende Eigenschaften ihn
anderen Sinnes werden machen. Er wnschte guten Herzens, kein Unrecht gegen die
Greisin zu begehen; aber Eleonore, wie der Abb es that, so schonungslos zu
verdammen und aufzugeben, konnte er sich nicht entschlieen, und mit der
bewuten Absicht, einen vermittelnden Ausweg zu whlen, sprach er: Jede der
beiden Frauen htte wohl eine weichere und mildere Natur an ihrer Seite haben
mssen, um glcklicher zu werden; denn wie die Herzogin mir einst gestanden hat,
da sie, frh zur Witwe geworden, nie die geringste Neigung empfunden habe, sich
wieder zu vermhlen, so hat mir noch neuerdings die Grfin gesagt, da sie nach
der Ehe kein Verlangen trage, ja, da ihr bis jetzt niemals eine Sehnsucht nach
jenem Glcke des Familienlebens gekommen sei, welches doch den meisten Menschen
fr ihre Befriedigung nothwendig erscheint. Diese beiden Frauen sind sich eben
selbst genug.
    Das ist ein trauriger Vorzug, rief der Abb, und Sie werden mir gestehen,
da ich darber ein vollgltiger Richter bin! Der Mensch kann, wo es einer
groen Ueberzeugung gilt, sich selbst verlugnen, und auf die Liebe, auf die
Ehe, auf das Glck verzichten, sich in seinen Kindern fortleben zu sehen; aber
es ist das eine harte Entsagung, und das Herz auch des Strksten hrt nicht auf,
unter derselben zu leiden und zu bluten! Es mu s sein, in frher Jugend sich
einem geliebten Mdchen zu verbinden, in jedem Augenblicke zu wissen, da seine
Gedanken, seine Gebete uns begleiten, sich vorzustellen, wenn man von ihm fern
ist, wie die Liebe der Erwhlten uns ersehnt, und sie nach einer Trennung mit
der alten, nur gesteigerten und bewhrten Treue in die Arme zu schlieen.
    Er brach ab, schwieg eine Weile und sagte danach: Es sind das Bilder, die
auszudenken man sich hten mu, wenn man gelobt hat, nie nach ihrer
Verwirklichung zu streben. Aber so oft ich in meinem Amte in ein Haus getreten
bin, wo die demthige Liebe einer wahrhaft weiblichen Seele dem Manne das Leben
verschnte, habe ich empfunden, wo das wahre Glck zu finden sei, und die
hchsten Vorzge eines Mdchens wie die Grfin haben mich nie von dieser
Erkenntni abweichen machen. Fr eine Eleonore Haughton kann ein Jngling sich
begeistern, ein Mann eine sehr lebhafte Freundschaft empfinden. Sie wrde, htte
ihr Schicksal sie fr einen Thron bestimmt, vielleicht ihrem Ideale, ihrer
Knigin Elisabeth, in herber, stolzer Selbstberhebung hnlich werden knnen;
fr einen Mann, der in seinem Weibe ein liebendes Herz zu finden begehrt und der
Herr in seinem Hause bleiben will, sind diese Art von Frauen nicht geschaffen.
Man macht aus einer Juno, einer Minerva niemals das rhrende Geschpf, als
dessen erhabenster Ausdruck uns die Madonna, die jungfruliche Mutter erscheint,
der sich das Knie des gewaltigsten Mannes in liebender Verehrung beugt. Ein
Mannweib zu lieben, mu man selbst kein Mann sein! Wo ich einen Mann sich ein
recht demthiges Weib erwhlen sehe, wei ich immer, was er selber werth ist.
    Sie waren whrend dessen bis zu dem Collegium gekommen, in welchem der Abb
seine Wohnung hatte. Er nthigte den Freiherrn leichthin, mit ihm hinauf zu
steigen; aber Renatus nahm es nicht an, und Jener hatte es auch darauf nicht
abgesehen, ihn bei sich zu haben. Er wnschte allein zu sein. So schieden sie
von einander.
    Oben angelangt, ging der Abb eine geraume Zeit mit schwerem Schritte in dem
groen, saalartigen Raume auf und nieder, den er in dem Hause inne hatte. Ein
paar werthvolle Bilder, einige Abgsse nach berhmten antiken Bsten schmckten
nach seiner Wahl die Wnde. Er sah sie nicht an, so gern sein Auge sonst auf
ihnen weilte. Er blickte auch nicht zu dem Crucifix empor, das in dem
anstoenden Gemache, schn geschnitzt, zu Hupten seines Lagers hing. Er hatte
manchmal Trost und Beruhigung gefunden, wenn er in schwerem Seelenkampfe zu dem
Bilde des Mannes empor geschaut, in welchem die Menschheit sich die hchste
Reinheit, die hchste Menschenliebe und die vollendetste Selbstverlugnung
verkrpert hat, um sich an ihm aufzuerbauen und zu erheben; aber nichts
Aeuerliches vermochte den Abb heute von sich selber abzuziehen. Er hatte
gethan, was seine Pflicht war, er war mit Ueberwindung ein tchtig Stck auf dem
Pfade zu seinem selbstgesteckten Ziele vorgeschritten, und er hatte nicht danach
zu fragen, welche Blthen sein Fu dabei zertrat, sei es in der Seele eines
Andern oder in dem eigenen Herzen; denn das Ziel ist Alles! - Aber das hinderte
nicht, da der Kampf dieser Stunden noch in seiner ganzen, grausamen Schwere auf
ihm lastete.
    Ein paar Mal blieb er stehen und fate mit der Hand nach seiner Brust. Es
versetzte ihm etwas den Athem. War es ein Schmerz, war es eine zornige Emprung?
Er fragte sich nicht danach, er wollte es nicht ergrnden, es gar nicht wissen.
Er knpfte mit hastiger Hand die Soutane auf. Wenigstens athmen, athmen wollte
er in voller Freiheit, und fre athmen, sagte er, wie zum Troste, zu sich selber,
frei athmen kann man in der Menge nicht! Frei athmen kann man nur auf einsamer
Hhe, hoch ber dem Gewhle der Welt!
    Er dehnte unwillkrlich seine Brust. Er war mit sich zufrieden. Ein kaltes
Lcheln spielte um seine Lippen, als er sich erinnerte, wie die stolze Eleonore,
wie der junge Freiherr, die beide fest nach eigenen Meinungen zu handeln
glaubten, gleich einem weichen Wachse sich unter seiner Hand in die Form gefgt
hatten, die er ihnen aufzuzwingen gewnscht. Herrisch und meisternd hatte der
Erzbischof ihm heute seine Ueberlegenheit zu kosten gegeben. Er hoffte, die
Stunde solle nicht ausbleiben, in welcher er ihm dies auf die eine oder auf die
andere Weise wrde vergelten knnen; denn auch er fhlte sich aus dem Stoffe
geschaffen, aus welchem man die Kirchenfrsten macht. Und die Gegenwart hinter
sich zurcklassend, von ehrgeizigen Hoffnungen ber den Schmerz und den Kampf
des Augenblickes flgelschnell hinweggehoben, durch den eben errungenen Erfolg
ermuthigt, blickte er endlich auf die Zukunft wie auf eine Arena hinaus, in
welcher der hchste Preis des Sieges ihm nicht entgehen konnte.
    Er ging an seinen Schreibtisch, lie sich in dem Sessel nieder, der vor
demselben stand, und begann zu schreiben. Es war tief in der Nacht, als er sich
von seiner Arbeit erhob. Die Lampe war im Erlschen, der untergehende Mond warf
sein Licht schrg in das Gemach. Mit dem gesiegelten Briefe in der Hand sah der
Abb lange sinnend in den Garten hinaus, der sich unter seinen Fenstern weithin
ausdehnte. Dann fiel sein Blick prfend auf des Briefes Aufschrift. Er meinte,
etwas in derselben vergessen zu haben, aber es war Alles richtig.
    Die Aufschrift lautete: An den Pater Provincial des Jesuiten-Klosters zu
Rom.
    Der Abb war in diesem Kloster erzogen worden und er hatte bisher den
Hoffnungen durchaus entsprochen, welche seine Lehrer und Meister auf ihn bauten.

                                Zwlftes Capitel


Der milden Winternacht folgte ein klarer, schner Tag. In den prachtvollen,
alterthmlichen Kaminen des groen kniglichen Ballsaales brannten die Feuer.
Ihre rothe Gluth, ihre blauen, zngelnden Flammen erschienen bei dem hellen
Sonnenlichte dunkel; auch die Kleidung und die Schnheit der Frauen hatten bei
den Frhstcksbllen in den Tuilerieen eine wahre Lichtprobe zu bestehen. Aber
Niemand ertrug die Prfung durch das Tageslicht so siegreich, als die Grfin
Haughton, obschon ihrem Antlitze heute die ihm sonst so eigenthmliche Frische,
ihren Augen der gewohnte Glanz gebrachen.
    Die ersten Quadrillen waren vorber. Eleonore htte kaum sagen knnen, wer
ihre Tnzer in denselben gewesen wren. Es war ihr zu Muthe, als sei sie
verwandelt, als wohne eine fremde Seele in ihrem Leibe. Nur ihre Gestalt war
noch die alte, war noch lebendig; sie selber, die Eleonore, als welche sie sich
bis gestern noch empfunden hatte, war dahin.
    Sie hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen, den ganzen Morgen in
marternder Spannung vergebens auf den Besuch des Abb's, auf eine Zeile, auf ein
Wort von ihm gewartet, die ihr htten zum Troste, zur Sttze werden knnen. Was
war geschehen, da er sie also in ihrer Herzensnoth verlie? Hatte man ihn unter
irgend einem Vorwande gezwungen, Paris schon an diesem Morgen zu verlassen?
Konnte er sich entfernt haben, ohne sie davon in Kenntni zu setzen? Lie man
ihn nicht aus den Augen, und fand er keine Mglichkeit, ihr, wenn auch nur mit
Einem Worte, sich zu nahen?
    Und wie stand es denn jetzt zwischen ihr und ihm?
    Wie ein scharfes Eisen bohrte sich der Gedanke in ihr Hirn: Ich liebe einen
Mann, dem die Liebe ein Verbrechen ist! Ich, die Protestantin, liebe einen
Katholiken, einen Priester! Ich habe ihm diese Liebe verrathen, und er will mich
bestimmen, einem Anderen, einem ungeliebten Manne meine Hand zu reichen, um sich
zu retten, um seine Plane zu verfolgen! Warum vertraute ich einem Katholiken,
einem Priester?
    Dann wieder, wenn der Schmerz sie zu vernichten drohte, wenn der Gedanke,
sich und ihre Liebe verschmht zu sehen, sie vllig niederwarf, raffte sie sich
mit Gewalt an einer anderen Ansicht ihrer Lage empor. War es denn seine Schuld,
da sie ihn liebte? Konnte er dafr, da ihre Seele nicht stark, nicht rein
genug gewesen war, sich an der Freundschaft gengen zu lassen, die allein er ihr
zu bieten hatte? Wann hatte er je einen Wunsch, einen Anspruch an sie erhoben,
der ber den Antheil an ihrem Seelenheile hinausgegangen war? Und wie hatte er
sich selbst in seinem Eifer fr dasselbe zu migen, sich berall in Schranken
zu halten gewut! Mit keinem Worte hatte er ihr je gestanden, was er fr sie
fhle. Und er liebte sie! Sie zweifelte nicht daran: er liebte sie! Eine Liebe,
wie die, welche sie fr den Abb empfand, konnte keine einseitige sein, konnte
nicht unerwiedert bleiben! Es war nicht anders mglich: er liebte sie, er mute
sie lieben!
    Aber durfte sie das hoffen? Durfte sie es wnschen? - Nein, nein! nur das
nicht! rief sie laut, da der Ton ihrer eigenen Stimme sie in der nchtlichen
Einsamkeit erschreckte. Und ihr Gesicht in den Hnden verbergend, warf sie sich
nieder und weinte, da es ihr die Brust zu sprengen drohte.
    Es war genug an ihrem Elende, an ihrer Verzweiflung, er sollte nicht unselig
sein, wie sie. Er sollte den Trost besitzen, da er rein und makellos den
Lebensweg gegangen sei. Er sollte sich ruhig niederwerfen knnen zu den Fen
Gottes, zu den Fen der reinen, makellosen Jungfrau, zu deren Altren er sie
hinzufhren gestrebt hatte, in deren Verehrung sie eine unzerstrbare
Gemeinschaft mit ihm haben konnte.
    O, da ich ihn bese, den Glauben, der ihm Kraft verleiht! seufzte sie in
ihrem Schmerze. Da ich es gelernt htte, wie er, in frher Jugend zu entsagen!
Wenn ich es vermchte, wie er, mich an das Kreuz zu schlagen, und Trost zu
finden, wie er, in dem Gedanken, da ich eine Wahrheit erkannt, eine Wahrheit zu
verknden habe, da ich mir nicht selbst gehre, sondern nur ein Diener der
Menschheit bin, ein schwaches Werkzeug in des Allmchtigen, des Allweisen Hand!
-
    Wrtlich, wie ihr Herz sie in sich aufgenommen hatte, wiederholte sie sich
die Aussprche, die er oft vor ihr gethan hatte. Vor wenigen Augenblicken hatte
sie ihm gezrnt, nun zrnte sie sich selber. Mit der Demuth der Liebe klagte sie
sich an, da sie mit ihrer Leidenschaft die schne Ruhe seines Daseins trbe.
Sie, sie allein war die Schuldige. Ihre Malosigkeit, ihre Ungengsamkeit
verstrickten ihn in Verwirrungen, die er nie zuvor gekannt hatte. Sie erinnerte
sich, wie man ihr die hohe Sinnesart, den reinen Wandel des Abb gepriesen
hatte. Auch sie kannte ihn nur hochgesinnt und rein und allem Erhabenen mit
Begeisterung zugewendet! Was mochte er jetzt von ihr denken? Was mochte er jetzt
thun?
    Sie sah ihn knieen vor dem Muttergottesbilde, das er von einem frh
gestorbenen Freund ererbt und von dem er ihr je bisweilen wohl gesprochen hatte.
Sie zweifelte nicht daran, da er ihrer dachte, da er fr sie betete. Sie htte
es vor sich haben mgen, das Madonnenbild, vor dem er oftmals Trost gefunden
hatte. Sie hatte den Trost sehr nthig!
    Wenn sie ihn sehen, ihm Alles bekennen, ihn berathen, ihm beichten knnte! -
Beichten! - Vor einem Madonnenbilde knieen! - Wie hatte das alles ihrem Geiste,
ihrem Empfinden, ja, ihrem Verstande sonst widerstrebt, als sie noch in stolzem
Selbstgefhle sich der Unfehlbarkeit vermessen hatte! Und jetzt?
    Aus der Flut der sie berstrmenden Liebe tauchte mit Einem Male wieder der
alte Stolz empor, und der Trotz mit ihm. Sie wollte thun, was der Abb begehrte,
sie wollte die Hand des Prinzen annehmen, um es den Abb empfinden zu lassen,
was das Herz des Menschen leiden knne. Denn sie mit Gleichmuth in des Prinzen
Armen zu sehen, das konnte auch dem Abb nicht mglich sein.
    Und wieder sagte sie sich, da sie ihn herabziehen wrde von seiner Hhe und
wieder wurde die Anbetungslust der Liebe in ihr mchtig, die sie hoch hinaushob
ber jede menschliche Schwachheit. Sie fand ganz pltzlich ein Gengen, ja,
einen Trost darin, da er nicht ahne, was sie dulde, da er, ruhig und
selbstgewi, der Liebe wie dem Leiden nicht zugnglich sei.
    Von einer Pein zur anderen fortgetrieben, ward ihr keine Rast, bis ihre
Kraft erschpft war und die mde Natur nach Ruhe verlangte. Die Hnde gefaltet,
sa sie in einer Art von Betubung wachend auf ihrem Lager. Minute auf Minute,
Stunde auf Stunde rannen an ihr vorber; sie gewahrte es nicht. Kein trstender,
kein beruhigender Gedanke khlte ihre heie Stirn, erhob ihr gebeugtes Haupt.
Sie kam sich alt, sehr alt, sie kam sich einsam vor und sehr verlassen. Was sind
auch Jugend und Schnheit und Besitz und Macht in der Stunde, in der man einer
groen Liebe zu entsagen hat?
    Es berraschte sie, als der Morgen wie immer in die Hhe kam und das
alltgliche Leben mit ihm. Es berraschte sie, als ihre Kammerjungfer sie bei
ihrem Namen nannte. Sie war ja nicht mehr dieselbe, die sie gestern noch gewesen
war. Sie wunderte sich, da ihr Haar, da jene die haltenden Nadeln desselben
lste, noch in seiner goldigen Flle von ihrem Haupte auf ihren Leib
herniederflo. Was sollte es ihr? - Sie htte es ruhig unter der Scheere fallen
sehen. Heute htte sie mit Freude den sie fr ewig verhllenden Schleier ber
ihre Schlfe und ihr Antlitz decken mgen, damit Niemand die Thrnen gewahre,
welche aus ihrem gebrochenen Herzen in ihre Augen emporstiegen und auf ihre
Wangen niederflossen. Heute begriff sie es, da es eine Wohlthat sein knne,
fern von der Welt, ungesehen und vergessen von ihr, seinem Schmerze ganz allein
zu leben.
    Sie mute ihre Dienerin entfernen, um sich noch einmal recht von Herzen
auszuweinen. Und wie sie nun da sa, hoffnungslos und an sich selbst
verzweifelnd, stieg jener unselige Gedanke der Opferung, der schon manches Weib
in gleicher Lage von dem Pfade der Wahrheit und der Sittlichkeit hinweggelockt
hat, blendend und verfhrerisch in ihrer Seele empor.
    Was war sie sich denn noch? Was war an ihr gelegen? Er sollte sehen, da
auch sie entsagen, da auch sie sich berwinden konnte, wenn es darauf ankam,
ihm eine Genugthuung, ihm eine Rechtfertigung von dem Verdachte zu bereiten, in
den ihre schlecht verhehlte Leidenschaft ihn gebracht hatte und den er nicht
verdiente. Er hatte Eleonore Haughton doch nicht nach ihrem vollen Werthe
geschtzt, er sollte der Frstin von Chimay das Zugestndni nicht versagen
drfen, da sie der hchsten Liebe wrdig gewesen wre, weil sie die hchste
Liebe ihres Herzens, weil sie sich selber dem Geliebten zum Opfer zu bringen
vermochte.
    In dieser Stimmung lie sie sich zu dem Feste kleiden. Sie legte zum ersten
Male den Erbschmuck ihres Hauses an. Wie man die Jungfrau, die der Welt entsagt,
um sich dem himmlischen Brutigam, dem Heilande unauflslich hinzugeben, noch
einmal in allem Glanze des irdischen Schmuckes erscheinen lt, ehe des Klosters
Pforte sie von der Welt abtrennt, so wollte sie sich noch einmal in dem vollen
Glanze ihrer Schnheit betrachten, ehe sie diese Schnheit einem ungeliebten
Manne berlie, um dem Geliebten damit die ganze Gre der Hingebung zu
beweisen, deren sie fr ihn und seine Ehre, seine Ruhe fhig sei.
    Weil sie dahin gekommen war, sich auf einen falschen und trgerischen Boden
zu stellen, verschoben und verwirrten sich ihr, ohne da sie es bemerkte, alle
ihre Ansichten und Begriffe. Sie verga es, da sie sich dem Prinzen zu
vermhlen beschlossen hatte, weil sie sich auf diese Weise das Glck zu erkaufen
dachte, den Abb wie bisher in voller Freiheit sehen und seines Umganges, seiner
Freundschaft nach wie vor genieen zu knnen. Sie verga auch bald, da eben der
Abb sie vor der Ehe mit dem Prinzen gewarnt und da er ihr vorgeschlagen hatte,
Renatus zum Gemahl zu whlen. Nur einen flchtigen Gedanken hatte sie auf diesen
hingewendet, aber sie hatte zu viel Freundschaft fr den jungen Freiherrn, sie
wnschte ihm zu ehrlich Glck, um sich ihm zur Gattin anzutragen; und da sie
einmal auf die Vorstellung der Opferung gekommen war, dnkte sie das Opfer nicht
gro genug, welches sie in einer Ehe mit Renatus, die doch fr sie und fr ihn
kein Glck zu bringen hatte, ber sich genommen haben wrde. Je lnger sie
darber nachsann, um so fester schlugen die Anschauungen in ihr Wurzel, von
denen sie sich sonst mit Widerstreben, ja, mit Emprung abgewendet hatte, so oft
der Abb es unternommen, ihr jene Gefhlsrichtung eingnglich zu machen, welche
in der Selbstverlugnung, in der Entsagung, in der Opferung eine Tugend, ja, die
hchste Tugend und eine Gott wohlgefllige Handlung erblickt. Da solche
Handlung auch mitten in dem Leben und Gerusche der Welt vollzogen werden, da
man sich schweigend und ohne Aufsehen opfern und damit das gleiche Verdienst wie
mit einem eingestandenen Opfer bringen knne, das hatte der Abb oftmals als
seine Ueberzeugung aufgestellt; und eben so hatte er es oft behauptet, da fr
Eleonore einmal die Stunde nicht ausbleiben werde, in welcher sich ihr
urpltzlich die Erkenntni und die Wahrheit der Lehren erschlieen wrden, die
er vor ihr ausgesprochen hatte, da die Stunde schlagen wrde, in der sie sich
mit ihm in denselben Ueberzeugungen zusammenfinden und vielleicht ohne sie
uerlich zu bekennen aus innerer Nothwendigkeit nach den Grundstzen der
Mutterkirche handeln werde.
    Nun war sie da, diese Stunde! Und wie Eleonore in dem Knigsschlosse, die im
Glanze der Diamanten strahlende Grafenkrone in dem blonden Haare, an der Seite
der Herzogin durch die Reihen der sie bewundernden Mnner und Frauen hinschritt,
erschien der Widerspruch zwischen ihrer Erscheinung und ihrem Empfinden ihr so
gro, dnkte ihre Lage ihr so einzig, da sie darin eine Auszeichnung des
Himmels, da sie eines jener besonderen Geschicke darin zu erblicken glaubte,
wie Gott sie nur seinen Auserwhlten, nur denjenigen groen Seelen sendet, die
er durch besondere Prfungen zu einer besonderen Gnade heranreifen zu lassen
beschlossen hat. Der Stolz des Unglcks bemchtigte sich ihrer. Sie fand einen
Genu in dem Gedanken, um des Geliebten willen groes Leid zu tragen, so da sie
endlich mit einer Art von Wollust dem Augenblicke entgegenharrte, der ihr das
Opfer fr den Mann ihrer Liebe, die Entscheidung ber ihre ganze Zukunft
auferlegen sollte. - Und er lie nicht auf sich warten!
    Der Knig befand sich seit einigen Tagen ganz vortrefflich. Auf seinen Stock
gesttzt, ging er in der groen Pause des Balles langsam durch die Sle. Das
schne Wetter machte ihn heiter. Der Blick aus den hohen Bogenfenstern des
Tanzsaales ber den schnen Tuileriengarten weit hinaus bis in die elysischen
Felder that ihm wohl. Paris war doch unendlich schner, als das enge,
weitentlegene Mitau, als das melancholische Schlo von Edinburg. Und es umgaben
ihn, wohin er heute blickte, so viel Liebe, so viel Verehrung und Bewunderung!
Das Schicksal war ihm eine Vergeltung schuldig gewesen, aber es gewhrte sie ihm
auch. Er war sehr zufrieden heute, sehr wohl aufgelegt. Alle Welt hatte sich
heute des Besten von ihm zu rhmen, die Uniformentrger, wie die Mnner in
geistlicher Tracht, deren sich eine groe Anzahl in den Reihen der Gste
vorfand. Alt und Jung ward freundlich von dem Knige beachtet, und mit
huldvollster Miene trat er an die Herzogin heran, an deren Seite ihre Nichte
stand.
    Wissen Sie, meine schne Grfin, sprach er, da ich Ihnen zrne, ernstlich
zrne?
    Eleonore verneigte sich tief, und ahnend, was ihr jetzt bevorstand, nahm sie
sich fest zusammen und sagte lchelnd, whrend alles Blut aus ihren Wangen
schwand, da sie sich nicht bewut sei, durch irgend etwas den Zorn der Majestt
verschuldet zu haben.
    Da Sie es nicht wissen, ist ein Verbrechen mehr, scherzte der Knig, denn
es leiht Ihrer Schnheit, die Ihr Verbrechen ist, nur einen hheren Reiz. Sie
verderben uns den Charakter, Sie lehren uns den Neid, und es ist Zeit, da man
Sie aus unserer Nhe, da man Sie fr eine Weile von dem Hofe entfernt!
    Die Umstehenden zeigten sich entzckt von so viel Gnade, von so viel
anmuthvollem Scherze. Der Knig, fr solche Anerkennung immer sehr empfnglich,
wendete sich, so leicht als seine Schwerflligkeit es ihm gestattete, zu seinem
ersten Kammerherrn, dem Prinzen Polydor.
    Mein Prinz, sprach er, Sie wnschten ja schon lange, Sich fr einige Wochen
auf Ihre Gter zurckzuziehen. Der Knig ergriff Eleonorens Hand. Zur Rettung
unserer armen Seele nehmen Sie die Grfin Haughton mit Sich. Unsere besten
Wnsche und der Segen der Frau Herzogin begleiten Sie. Im Frhjahre sprechen wir
dann selber bei der schnen Frstin vor!
    Gndiger, geistreicher hatte man Seine Majestt noch nie gefunden, besser
hatte er sich nie gefallen. Aber in dem Momente, in welchem der Knig Eleonorens
Hand ergriff, um sie in die des Prinzen zu legen, fiel ihr Auge auf die
Herzogin, und der Ausdruck des Triumphes, den sie in ihren Mienen las,
verwandelte das Herz der Grfin. Sie konnte sich zum Opfer bringen - der
Herzogin diesen Triumph zu bereiten, das vermochte sie nicht, das wollte sie
nicht. Und von ihrem Hasse zu rascher Entschlossenheit getrieben, sprach sie,
indem sie ihre Hand leise aus der des Knigs zog: Ich vermag Eurer Majestt
nicht zu gehorchen, denn ich bin nicht frei!
    Des Knigs Brauen zogen sich zusammen; es entstand eine Art von Erstarrung
in den Mienen Aller, die vernehmen und sehen knnten, was geschah. Die Herzogin
mute sich auf den Arm der Dame sttzen, die ihr die nchste war.
    Sie sind nicht frei? wiederholte der Knig, und sein strenger Blick traf wie
die Grfin, so die Herzogin. Sie sind nicht frei?
    Ich habe mich gestern dem Freiherrn von Arten zugesagt! erklrte Eleonore
rasch entschlossen, wennschon mit bebender Stimme, whrend die Rthe der Scham
ihr Antlitz bergo, als sie diese Unwahrheit behauptete.
    So gehen Sie Ihr Glck in Stille und Einsamkeit genieen; aber gehen Sie,
und noch heute - die Frau Herzogin wird Sie begleiten! herrschte der Knig. Und
sich von ihr wendend, ging er nach einer anderen Seite des Kreises hinber.
    Ein panischer Schrecken durchzuckte den Hof. Seit Knige in den Tuilerien
wohnten, war ein solcher Vorgang nicht erhrt worden. Nur eine Englnderin, nur
ein Mdchen, das in so schrankenloser Freiheit auferzogen worden war, konnte
eine solche Unwrdigkeit begehen, sich solchen Verkennens der Allerhchsten
Gnade, solcher wahrhaften Majesttsbeleidigung schuldig machen. Man trat, soweit
die Sitte dies erlaubte, nahe zusammen, es entstand eine Leere neben der Grfin
und der Herzogin, die sich in halber Ohnmacht gegen einen der Marmorpfeiler
lehnte. Niemand kam ihr zu Hlfe. Hatte doch ihre Zudringlichkeit den gndigen
Monarchen in diese schlimme Angelegenheit verwickelt. Welch eine andere Frau
htte ihre Enkelin so schlecht erzogen, so schlecht bewahrt! Die Ungnade der
Herzogin war vollauf verdient, man konnte, man durfte sie nicht beklagen; und
wie man sie verdammte und fallen lie, bewunderte man den Prinzen Polydor und
seinen Vater, die, sobald der Dienst sie freilie, den beiden Verbannten ihren
Arm und ihre Begleitung boten, um sie durch die Vorsle in das Vorgemach zu
fhren, in welchem die Diener sie erwarteten.
    Vom Hofe verbannt - das hie vernichtet fr die Herzogin.
    In ihren letzten und hchsten Hoffnungen betrogen, starr vor Schrecken, da
die Sprache sich ihr versagte, war die Herzogin in ihrem Palaste angelangt.
Keiner von ihren Leuten wute, was geschehen war, die Bestrzung brachte das
ganze Haus in Aufruhr. Aber noch hatte man die Greisin, die in heftiger
Beklemmung nach Athem rang, in ihren Zimmern der Hofkleidung nicht entledigt,
als Eleonore schon den Freiherrn von Arten zu sich bescheiden lie.
    Unglcklicher Weise war er nicht zu Hause. Die gestrige Unterhaltung mit dem
Abb hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und ihn unzufrieden mit sich
selbst zurckgelassen.
    Er konnte es sich nicht weglugnen, da fast alles, was sein geistlicher
Freund ber die Grfin und ber deren Tante geuert hatte, richtig war. Auch in
dem allgemeinen Urtheile, welches der Abb ber die Frauen und ber die
Bedeutung und den Werth einer wahrhaft weiblichen Natur gefllt hatte, stimmte
er mit ihm zusammen. Schon whrend jener noch an seiner Seite ging, hatte
Renatus unwillkrlich die beiden Gestalten, Eleonore und Hildegard, einander
gegenber gestellt und mit einander verglichen. Er hatte das schon oft, er hatte
es fast an jedem Tage gethan, und immer war die Entscheidung zu Eleonorens
Gunsten ausgefallen. Nun hatte er mit Einem Male zu bemerken geglaubt, da er
gegen seine Verlobte nicht gerecht gewesen sei, da er ihr lange in seinem
Herzen Unrecht gethan habe, und wie der Abb ihm mit so viel Wrme von dem
Glcke gesprochen hatte, das einem Manne aus der vollen, hingebenden Liebe einer
demthigen, in engem Kreise sich beschrnkenden Frau erwachse, hatte Renatus
sich mit einer Beschmung, die jedoch ihr Ses hatte, eingestanden, da ihn
dieses Glck erwarte und da es nur an ihm liege, es sich, sobald als er wolle,
anzueignen.
    Seit Jahr und Tag hatte er nicht mehr mit Freuden an seine Verlobte, nicht
mehr mit Sehnsucht an die Heimath gedacht. Als er aber am verwichenen Abende in
seine Wohnung zurckgekehrt war, hatte er seit langer Zeit zum ersten Male
wieder Hildegardens Briefe aus dem kleinen Behlter hervorgenommen, in dem er
sie bewahrte. Die schne, rthlich blonde Locke, welche sie sich in der
Scheidestunde abgeschnitten, fiel ihm dabei in die Hand. Er hatte sie whrend
der ganzen Feldzge auf der Brust getragen; erst in Paris hatte er sie von sich
abgelegt.
    Nun hielt er sie gegen das Licht, sie glnzte hell wie Gold. Er lie sie
durch die Finger gleiten, strich sanft mit der Hand darber hin; das Haar war
seidenweich, und zrtlich, als habe er die Geliebte selber neben sich, drckte
er die Locke an die Lippen.
    Er war gerhrt und fhlte sich schuldig. Einen nach dem andern las er die
Briefe durch, welche er im Laufe der letzten Jahre von Hildegard erhalten hatte;
aber je mehr er sich in sie vertiefte, je weniger war er mit sich zufrieden. Er
konnte es nicht begreifen, wie er diese lieben Briefe so gnzlich miverstehen
knnen, wie er diesen armen, guten Briefen so schweres Unrecht habe thun mgen.
Die Liebe hatte seine Braut seherisch gemacht, und er war blind gewesen,
verblendet ber sie und ber sich.
    Hatte denn Hildegard nicht Recht gehabt mit ihren bangen Sorgen? Hatte sie
nicht Recht gehabt mit ihrer Ahnung, da eine Andere ihr die Liebe ihres
Brutigams entziehe, da er sich nicht mehr nach ihr sehne, da er sie zu
vergessen nahe sei? - Und was konnte sie dafr, da die Zustnde in Richten
nicht erfreulich waren, da sie ihm von den Schwierigkeiten sprechen mute, von
denen sie sich umgeben sah? - Arme, arme Hildegard! rief er aus, und er kam sich
treulos und pflichtvergessen gegenber ihrem treuen Herzen vor.
    Er nannte es ein wahres Glck, da er eben heute dem Abb das Geleit
gegeben, da ihre Unterhaltung eben diese Wendung genommen hatte. Es wre ihm
unmglich gewesen, die Ruhe zu suchen, ohne an Hildegard geschrieben zu haben,
und einmal auf den Weg der Bekenntnisse gerathen, fand er eine Lust darin, sein
Gewissen zu befreien, indem er seiner Verlobten die Gefahr, in der er sich
befunden hatte, wie die Versuchung, der er ausgesetzt gewesen sei, mit den
warmen Farben darstellte, welche der Gedanke an Eleonorens mchtige und
zauberische Reize in seiner Phantasie hervorrief.
    Er nannte sich gegen seine Verlobte einen Rinaldo in Armidens Zaubergrten;
er schilderte Hildegarden die Grfin in aller ihrer Schnheit, um der Entfernten
klar zu machen, da er keiner gewhnlichen Erscheinung gegenber gestanden, und
um ihr zu beweisen, da nur eine so starke und treue Liebe wie die seinige einer
solchen Zauberin zu widerstehen vermocht habe. Und wie er am Abende mit innerer
Beschmung seinen Brief begonnen hatte, war er sehr wohl mit sich zufrieden, als
er ihn am andern Morgen durchlas und beendigte.
    Die Jahre, welche er fern von der Heimath und von seiner Braut verlebt
hatte, dnkten ihn unbegreiflich lange. Er warf es sich vor, da er nicht eher
an seine Heimkehr gedacht, da er die immer wiederholten Mahnungen seiner Braut,
die auf das genaueste mit den Vorstellungen Paul's zusammentrafen, bisher
unbeachtet gelassen habe. Er versprach am Schlusse seines Briefes, da er noch
selbigen Tages die nthigen Schritte thun wolle, um sich einen lngeren Urlaub
zu erwirken, verhie seiner Braut, da ihre Verbindung nun nicht weiter
hinausgeschoben werden sollte und da sie dann gemeinsam berlegen wrden, ob
sie mit ihm nach der Weltstadt an der Seine zurckkehren oder ob er darauf
antragen solle, in eines der in der Heimath stehenden Regimenter versetzt zu
werden. Es fiel ihm dabei gar nicht auf, da er der Mglichkeit, in Richten auf
seinen Besitzungen zu leben, nicht gedachte, obschon alle seine und seiner
Verlobten Plane frher eben darauf berechnet gewesen waren.
    Da er um Mittag zur Parade gehen mute, nahm er den Brief an Hildegard mit
sich, um nachzufragen, ob er nicht auf der Gesandtschaft eine Gelegenheit fnde,
ihn schneller als durch die damals noch sehr langsam gehenden Posten zu
befrdern, und als ihm dies gelungen war, sprach er noch in dem Collegium vor,
weil er den Abb zu sehen und ihm zu sagen wnschte, wie wohlthtig und
befreiend seine gestrigen Erklrungen auf ihn gewirkt htten. Aber als er sich
nach demselben erkundigte, erhielt er den Bescheid, da der Herr Abb vor zwei
Stunden mit einem der anderen Herren aus dem Collegium abgereist sei. Auf die
Frage, wohin er gegangen wre, ob man die Zeit seiner Wiederkehr bestimmen
knne, wute der Dienstthuende keinen Bescheid zu geben, und Renatus lie also
nur seine Karte mit einem Grue und ein paar Dankesworten fr den Abb zurck,
welche diesem verstndlich sein konnten, ohne einem Dritten irgend etwas
Ungewhnliches zu sagen.
    An Hildegard denkend und dabei immer wieder auf Eleonore zurckgefhrt,
tadelte er sich endlich, da er sich nicht offener und freier gegen dieselbe
gestellt habe. Alles, was der Abb von ihr behauptet, das gab Renatus auch jetzt
noch zu, hatte mehr oder weniger seine Richtigkeit; aber darin schien der Abb
ihm Unrecht zu thun, da er der Grfin ihre eigentliche Wesenheit zum Vorwurfe
machte, da er nicht anerkannte, wie eine solche Natur sich auf ihre Weise mit
der Welt und mit dem Leben abzufinden habe. Es ist sein Stand, es ist seine
Ehelosigkeit, sagte sich Renatus, die unseren Abb so streng machen, und es
gefiel ihm, da er sich eines nachsichtigeren Urtheils ber die Grfin bewut
war. Wenn eine Frau wie diese mehr fr die Freundschaft als fr die Liebe
geschaffen schien, so hatte man, nach des jungen Freiherrn Ansicht, diese
Eigenschaften, die sie besa, zu schtzen, hatte man anzunehmen, was sie zu
bieten gewillt war, ihr zu leisten, was sie begehrte, und der Abb am wenigsten
durfte sich ber Eleonore, wie sie nun einmal war, beschweren.
    Renatus war sich nie so ehrlich wie eben jetzt des gewaltigen Eindruckes
bewut gewesen, den Eleonore auf ihn gemacht hatte. Er gestand es sich jetzt
offen ein, da es hauptschlich sie gewesen sei, die ihn an Paris gefesselt und
ihm den Gedanken an seine Heimath und an seine Braut bengstigend gemacht habe.
Nun er aber zur Besinnung und zu sich und den eigentlichen Bedingungen seines
Daseins zurckgekehrt war, meinte er es eben einer Eleonore auch schuldig zu
sein, ihr frei und unumwunden seine Freundschaft anzutragen. Er wollte ihr
Vertrauen gewinnen, indem er ihr das seinige voll und ganz gewhrte. Sie sollte
wissen, wie nahe er daran gewesen war, um ihretwillen sich und seinen Pflichten,
ja, seiner Ehre untreu zu werden; und da seit gestern auf dem Boden seiner neu
gefaten guten Vorstze das Bild seiner Braut wieder lebendig in ihm emporstieg,
so da es sich ihm in dem Schimmer der Sehnsucht und der Erinnerung immer mehr
verklrte, so tauchte gleichzeitig auch das Verlangen in ihm empor, die beiden
Jungfrauen, welche ihm als die Ideale ihres Geschlechtes, als die beiden
weiblichen Wesen erschienen waren, denen er sich in Liebe und Freundschaft
hinzugeben wnschte, einander nahe zu bringen und wo mglich durch seine
Vermittlung zu verbinden.

                              Dreizehntes Capitel


Voll von den angenehmsten Vorstellungen, berzeugt, da Eleonore und Hildegard,
wenn sie Freundinnen werden knnten, die segensreichste Wirkung auf einander
ben mten, und entschlossen, gleich heute, wenn Eleonore von dem Balle
heimgekehrt sein wrde, eine Unterredung mit ihr zu suchen, langte Renatus in
dem Palaste der Herzogin an, und das Erste, womit der Thrsteher ihn empfing,
war die Botschaft, da die Grfin ihn zu sprechen wnsche. Das berraschte ihn,
denn er hatte die Damen noch auf dem Feste vermuthet. Man sagte ihm, da die
Herzogin sich nicht wohl gefhlt und deshalb den Ball verlassen habe, und von
dieser Kunde wie von dem Wunsche der Grfin angetrieben, eilte er die Treppe
hinauf und lie sich bei derselben melden.
    Er fand Eleonore allein in ihrem Zimmer. Sie hatte ein loses, weites
Morgengewand angelegt, ihr Haar, von dem man die Krone und die Blumen abgenommen
hatte, war noch nicht vllig wieder geordnet. Sie sah in hohem Grade erregt aus,
und Renatus, der dies mit dem Erkranken der Herzogin in Verbindung brachte,
fragte in lebhafter Theilnahme: Wie geht es der Herzogin, wie befindet sie sich?
    Gut, gut! entgegnete Eleonore in einer Weise, die den Freiherrn erschreckte,
denn es lag etwas vllig Verstrtes in der Hast und in dem Tone, in denen sie zu
ihm sprach, - gut, aber davon ist nicht die Rede! - und vor Renatus hintretend,
indem sie beide Hnde fest gegen ihre Brust prete, sagte sie, whrend ihre
Wangen glhten und ihre Augen funkelten: Herr von Arten, ich befinde mich in
einer Lage, in der sich wohl nicht leicht eine Frau wie ich vor mir befunden
hat! Meine Ehre, meine ganze Zukunft stehen auf dem Spiele - ich bin verloren,
wenn Sie mich nicht erretten!
    Renatus traute seinen Sinnen nicht. Die Angst der Grfin erfate auch ihn.
Er glaubte sie von Wahnsinn ergriffen, wie er sie also vor sich sah, und das
Entsetzen darber drohte auch ihn zu verwirren. Reden Sie, reden Sie! Was ist
geschehen, Grfin? rief er beklommen aus - was kann, was soll ich thun?
    Sie mssen mich heirathen! stie Eleonore hervor, und sie erbleichte, als
sie das Erschrecken des Freiherrn sah.
    Die Ueberzeugung, da er eine Geisteskranke vor sich habe, stand in dem
Augenblicke in Renatus fest. Er wute nicht, was er sagen, was er denken sollte,
und unwillkrlich darauf bedacht, sich der Unseligen zu bemchtigen, ergriff er
ihre Hnde und sprach so ruhig, als er es vermochte: Setzen Sie Sich, theure
Grfin, Sie sind sehr erschttert - setzen Sie Sich nur, dann..
    Eleonore lachte hell auf. Sie halten mich fr wahnsinnig, und in der That,
es ist danach angethan, mich wahnsinnig zu machen - aber noch habe ich meinen
Verstand, noch bin ich ich selbst, noch habe ich den festen Glauben, da Ihre
Freundschaft mein Erretter sein wird, da Sie mich nicht zur Lgnerin werden
lassen - und auf meinen Knieen will ich's Ihnen danken!
    Der Vorgang wie der Zustand der Grfin wurden Renatus immer rthselhafter,
und gemartert, wie er sie gemartert sah, rief er: Sprechen Sie, oh, sprechen
Sie, damit ich nur erfahre, was geschehen ist!
    Eleonore hatte ihre Hnde frei gemacht und strich mit hastiger Bewegung ihr
Haar zurck, das aufgegangen und ihr weit um Stirn und Leib herabgefallen war.
    Sie kennen, hob sie mit gewaltsamer Selbstbeherrschung zu sprechen an, Sie
kennen die Absicht meiner Tante, mich mit ihrem Sohne, dem Prinzen Polydor, zu
verbinden! Sie wissen, da ich die Herzogin und ihren
herrschschtig-heuchlerischen Charakter verabscheue, da ich um keinen Preis die
Bande noch zu verstrken wnschen kann, die mich ihr verbinden, und Sie wissen
auch, da es mich nicht gelstet, die Gattin des Prinzen, eines Mannes zu
werden, der mein Vater sein knnte und dessen Ruf als Muster eines Edelmannes
sich zum Theil auf eine Reihe von Abenteuern grndet, die ihn mir verchtlich
machen!
    Sie hielt inne, ihre Aufregung versetzte ihr den Athem. Ich habe die
persnlichen Bewerbungen des Prinzen, die Vorstellungen meiner Tante nie
beachtet, und ich war berechtigt, dies zu thun, denn ich bin volljhrig und Herr
meiner Person und meines Besitzes! Aber was man auf geradem Wege von mir nicht
zu erringen vermochte, das hoffte man mit List mir abzugewinnen! - Und wieder
hielt die Grfin inne. Dann sagte sie: Heute, auf dem Balle, trat der Knig an
mich heran. Man hatte ihn, ich wute es, dazu zu berreden vermocht, dem Prinzen
meine Hand zuzusagen, als ob derselbe ein Anrecht an mich bese, oder als ob
ich eine der Unterthaninnen, eine Sklavin dieses Knigs wre, die ihm blindlings
zu gehorchen hat! Mit einem sehr gndigen Scherze legte der Knig meine Hand in
die des Prinzen, gab er dem Prinzen Urlaub, sich mit mir auf seine Gter
zurckzuziehen, und ...
    Und? fragte Renatus, und was dann?
    Ich war auer mir! nahm Eleonore mit wiederkehrender Heftigkeit das Wort.
Aller Augen waren auf mich gerichtet! Ich sah das mir verhate Lcheln auf des
Prinzen Lippen, ich sah die Zufriedenheit in den Augen der Herzogin! Ich sollte
ihre Zufriedenheit mit dem Unglcke meines ganzen Lebens erkaufen - das ging
ber meine Krfte! Ich zog meine Hand zurck, ich sagte: ich bin nicht frei! -
Ich wei nicht, warum die Emprung mich keinen andern Ausweg finden lie, wie
das Erschrecken mich vergessen machen konnte, da Niemand ein Recht hat, ber
mich zu bestimmen, als ich selbst! Und als der Knig dann zu wissen forderte,
was mich binde, da - da - nannte ich Sie!
    Sie brach pltzlich ab und schpfte Athem, als sei es ihr leichter, nun sie
das Wort gesprochen hatte.
    Renatus trat von ihr zurck. Mich, fragte er, Sie nannten mich?
    Seine Betroffenheit konnte ihr nicht entgehen, ihr alter Stolz entzndete
sich an derselben. Mich dnkt, sagte sie, es ist keine Unehre fr Sie, wenn ich
vor dem Knige und dem ganzen versammelten Hofe Sie, Herr von Arten, als den
Mann bezeichnete, dem ich meine Zukunft anvertrauen will und den ich mir
erwhlte! -
    Vllig vergessend, wie sie es als ein nicht zu verzeihendes Unrecht
anerkannt hatte, da man ohne ihre Zustimmung ber sie hatte entscheiden wollen,
hatte sie in Bezug auf den Freiherrn das Nmliche gethan, und ihre Worte machten
das Uebel rger. Renatus war einen Augenblick ohne jede Fassung. Es war ihm, als
wrde er auf einem Rade wild umher getrieben, da er nicht wute, was er
erlebte, was er dachte. Das schnste Weib, welches seine Augen je gesehen, eine
Frau, um deren Gunst die ausgezeichnetsten Mnner sich bis jetzt vergebens
beworben hatten, trug sich ihm an. Er brauchte nur Ein Wort zu sprechen, und er
nannte Eleonoren mit ihrem ganzen frstlichen Besitze sein. Inde sein
Mannesgefhl lehnte sich gegen ihre Gewaltsamkeit auf. Er konnte es ihr nicht
vergeben, da sie ihn vor dem Knige und vor dem Hofe in eine Angelegenheit
verwickelt hatte, in der er sie blozustellen, oder sich einer belwilligen
Beurtheilung Preis zu geben gezwungen war, und wie unheilvoll ihre Lage, wie
beklagenswerth sie ihn auch dnkte, konnte er doch nichts thun, sie aus dem
Wirrsale zu befreien, in das ihre vorschnelle Entschlossenheit sie gestrzt
hatte. So verging eine ganze Zeit. Immer noch stand er sprachlos vor ihr, aber
jede Secunde lngeren Schweigens nderte sein Empfinden und seine Gedanken. Was
ihn zuerst als eine Gewaltthtigkeit bednkt, gegen die er sich zu wahren hatte,
erschien ihm bald darauf als ein Zeichen des Vertrauens, auf das er stolz sein
msse und dem von seiner Seite bisher nicht entsprochen zu haben er sich bitter
vorwarf. Wie hatte die Grfin ahnen knnen, da er gebunden war? Wie anders
wrde diese Stunde fr ihn geschlagen haben, wre er frei gewesen, htte er
Eleonoren zu Fen sinken und ihr danken drfen, da sie ihm vertraute! Eben
erst hatte er ihr zrnen zu mssen geglaubt, nun sagte er sich, da sie Grund
habe, ihm zu zrnen, und wie er in ihr schnes, bleiches Antlitz sah, dessen
mchtige Augen mit angstvoller Frage an ihm hingen, da hielt er sich nicht
lnger, und von einem Schmerze berwltigt, den er sich nicht zu erklren wagte,
rief er: Eleonore, Sie und mich habe ich betrogen und elend gemacht! Aber ich
bin elender, als Sie - denn ich verliere Sie, und Sie werden mich verachten!
    Ihre Arme sanken schlaff herab. Sie sind vermhlt? sprach sie klanglos.
    Er schttelte verneinend das Haupt. Nein, nein! rief er, aber ich habe mich
seit Jahren meiner Jugendgespielin, der Grfin Rhoden, anverlobt!
    Ihr Blick blieb lange auf ihm haften, als wolle sie zu verstehen suchen, wie
eben er sie habe tuschen knnen. Gebrochen, wie sie sich fhlte, fhlte auch
Renatus sich. Sie schwiegen beide, bis Eleonore endlich fast tonlos die Frage
hinwarf: Ich habe Sie seit zwei Jahren meinen Freund genannt - was bewog Sie,
mir Ihre Verlobung zu verschweigen?
    Es lag etwas Furchtbares in der Ruhe, mit welcher sie zu ihm redete. Er
hrte es an ihrem Tone, er las es in ihren Mienen, da sie mit ihrem ganzen
Schicksal abgeschlossen habe, da sie nur noch zu verstehen trachte, wie Alles
eben so gekommen sei, und weil er sich ihre offenbare Verzweiflung nicht anders
zu erklren wute, drngte sich ihm der Glaube auf, Eleonore liebe ihn, um
seinetwillen habe sie die Hand des Prinzen ausgeschlagen, und sein Gestndni
sei es, das sie also beuge. Das berwltigte ihn, und als zerrisse ein Schleier
vor seinen Augen, als she er sich zum ersten Male im vollen Lichte der
Wahrheit, so da es ihn zwinge, auch vllig wahr gegen sich und Andere zu sein,
flehte er: Hren Sie mich, Eleonore! Sie sollen Alles wissen - alles, alles, was
ich mir selber nicht einzugestehen wagte. Ja, ich bin verlobt - aber diese
Verlobung war eine Uebereilung, war ein Irrthum, den ich oft bereute! Ich war
kaum aus dem Vaterhause, kaum aus der Aufsicht meines Erziehers gekommen, ich
kannte die Welt, mich selbst noch nicht! Je lter ich wurde, je lnger ich von
meiner Braut entfernt war, je mehr erblate ihr Bild in meiner Erinnerung, und
seit ich Sie sah, Eleonore, seit ich Sie kennen lernte .... Er brach pltzlich
ab, berwand sich aber und sagte nach kurzem Schweigen: Meine Braut ahnte,
fhlte, da ich fr sie erkaltet war, ihre Briefe peinigten mich, ich suchte sie
zu vergessen, um nicht in dem Glcke gestrt zu werden, das ich in Ihrer Nhe
fand und das, wie ich meinte, nicht lange dauern konnte. Ihnen, der
Selbstgewissen, htte ich es am wenigsten gestehen mgen, da ich leichtsinnig
ber mein Leben entschieden hatte! Ich schmte mich vor Ihnen meiner
Unbesonnenheit, so oft ich Ihnen davon sprechen wollte, ja selbst wenn je
zuweilen der Gedanke in mir rege wurde, jenes Band zu lsen und an Ihr Urtheil
mich zu wenden, ob ich es lsen drfe, sagte ich mir, da Sie den Mann nicht
achten knnten, der erst von Ihnen sich sagen lassen msse, ob er verpflichtet
sei, das Wort zu halten, mit welchem er eines edlen Mdchens Leben an sich
gekettet, mit dem er ihm seine Zukunft verpfndet habe!
    Eleonore setzte sich nieder und sttzte ihre Stirn gegen die
zusammengeballte Hand. Renatus stand vor ihr und sah mit unbeschreiblichem
Schmerze auf sie nieder. Da sie sich nicht regte, fing er noch einmal zu
sprechen an. Er schilderte ihr, wie eine zufllige Unterhaltung, die er gestern
mit dem Abb gehabt und in welcher dieser das Glck der Ehe und der Huslichkeit
gepriesen, ihm das Herz erweicht, wie er seit langer Zeit zum ersten Male
wirklich wieder mit Neigung an seine Braut gedacht, wie er ihr dies heute
geschrieben, ihr die Empfindung eingestanden habe, die er fr Eleonore gehegt,
wie er seiner Verlobten eben heute zugesagt, seine Heimkehr nicht lnger zu
verzgern, seine Verheirathung mit ihr nicht weiter hinauszuschieben.
    Mit Einem Male fiel Eleonore ihm in das Wort: Und der Abb? fragte sie in
hchster Spannung - und der Abb, wute er, da Sie gebunden sind?
    Es wute hier Niemand darum, und auch in meiner Heimath ist meine Verlobung
nicht ffentlich ausgesprochen, denn ich war sie, ehe ich in's Feld zog, ohne
da mein Vater darum wute, eingegangen!
    Eleonore hatte nur die ersten Worte seiner Entgegnung beobachtet. Es war das
Einzige, was sie wissen mute, was fr sie noch wichtig war. Als sie das
vernommen hatte, versank sie wieder in ihr frheres Brten. Die Stille konnte
Renatus nicht ertragen.
    Er trat an sie heran, ergriff ihre herabhngende Rechte und, vor ihr
niederknieend, bat er: Sprechen Sie zu mir, Eleonore! Sagen Sie mir, was soll
ich thun?
    Mssen Sie mich das erst fragen? entgegnete sie ihm.
    Er hatte keine andere Antwort von ihr erwartet; aber es gibt Lebenslagen, in
denen man es leichter findet, sein Urtheil von einem Andern, als von dem eigenen
Bewutsein sprechen zu lassen, und die seinige war eine solche. Es war
vergebens, da er sich sagte, wie ein getheiltes Herz, wie die Hand eines
Mannes, die er einem Weibe widerstrebend reiche, dieses nicht glcklich machen
knnten! Er hatte sein Wort verpfndet, er war ein Edelmann und hatte dieses
Wort zu halten, was auch daraus fr ihn selber werden und entstehen konnte! Es
hatte kein Arten je sein Wort gebrochen!
    Er erhob sich und trat an das Fenster. Den Kopf gegen die kalten Scheiben
gepret, lie er seinen schmerzlichen Gedanken freien Lauf. Er grollte sich, er
grollte Hildegard, er grollte der Welt und dem Leben. So blieb er eine Weile
stehen, bis Eleonore ihn beim Namen rief. Er blickte um sich, sie stand an
seiner Seite, der Schein der untergehenden Sonne umflo sie mit seinem matten
Lichte. Sie sah sehr ermdet, sehr verndert aus.
    Wir haben eine schwere Stunde mit einander durchlebt, sagte sie, und deshalb
werden wir einander nicht vergessen! Ich habe Sie um Vergebung zu bitten fr
mein Thun, ich hatte kein Recht, keinen Anspruch an Sie, es war ein Wahnsinn,
der mich erfat hatte, als ich ber Sie verfgte - und ich allein werde die
beln Folgen davon tragen! Wohl Ihnen, da Sie gebunden sind, da Sie Sich nicht
verpflichtet glauben knnen, meine Vermessenheit mit dem Schilde Ihres Namens,
Ihrer Ehre zu bedecken!
    Eleonore, um Gottes willen schweigen Sie, demthigen Sie mich nicht! flehte
er und die Thrnen traten ihm in die Augen.
    Nein, entgegnete sie, Sie sind, wenn auch erst in der letzten Stunde, wahr
gegen mich gewesen - ich schulde Ihnen das Gleiche! Ich liebe Sie nicht, habe
Sie nie geliebt und wrde Sie nur geheirathet haben, um ....
    Sie stand auf dem Punkte, ihm die volle Wahrheit zu bekennen, aber da sie
dieselbe aussprechen wollte, hielten die Scham des Herzens und die Besorgni,
da sie gegen die Absichten des Geliebten handeln, da sie ihn benachtheiligen
knne, wenn sie ihr Geheimni dem Freiherrn verriethe, sie davon zurck. - Ich
htte Sie nur geheirathet, sagte sie mit dem Anscheine der vollen Wahrheit, um
einer mir verhaten Ehe zu entgehen! Das wre kein Glck fr Sie gewesen,
sicherlich kein Glck!
    Renatus bi die Lippen zusammen, die Qual schien kein Ende nehmen zu sollen.
    Und was haben Sie zu thun beschlossen? fragte er endlich, da die Sonne
herabsank und der frhe Abend anbrach.
    Ich verlasse Paris noch diese Nacht - ich bin durch des Knigs Wort dazu
genthigt! Es lstet mich auch nicht, vor dem Hofe als - als eine Lgnerin da zu
stehen!
    Ihre Zge zuckten bei den Worten wie in einem Krampfe, sie hatte Noth, sich
zu behaupten, sie konnte nicht gleich weiter sprechen.
    Kann ich denn nichts, gar nichts fr Sie sein, nichts fr Sie thun? fragte
Renatus.
    Ja, gehen Sie zu dem Abb, sagen Sie ihm, da ich ihn zu sprechen wnsche,
gleich jetzt zu sprechen wnsche!
    Der Abb ist verreist! wendete Renatus ein.
    Nein, nein, unmglich! rief Eleonore.
    Renatus sagte, da er selber in dem Collegium gewesen sei, selber dort den
Bescheid von der Abwesenheit ihres gemeinsamen Freundes erhalten habe.
    Eleonore schellte mit leidenschaftlicher Erregung. Ist kein Brief fr mich
gekommen? fragte sie den eintretenden Diener.
    Eben jetzt hat man diesen hier gebracht, erhielt sie zur Antwort. Sie nahm
das Schreiben von dem silbernen Teller, auf dem man es ihr berreichte, und
eilte damit an das Fenster. Es war noch hell genug, die wenigen Zeilen lesen zu
knnen.
    Eine Weisung meiner Vorgesetzten, lauteten sie, zwingt mich, fr einige
Wochen die Hauptstadt zu verlassen. Sie kann mich mglicher Weise zu einer
lngeren Entfernung nthigen. Welche Entscheidung Sie auch treffen, theure
Grfin, denken Sie, da meine sorglichsten Wnsche, meine Gebete fr Ihre
Erleuchtung und fr Ihren Frieden Sie immer und berall begleiten.
    Und er sagt mir nicht, wohin er geht! rief sie, whrend die lange
zurckgehaltenen Thrnen ihr ber die Wangen rollten. Er sagt mir nicht, wohin
er geht! wiederholte sie im Tone des bittersten Schmerzes, und ohne auf Renatus
noch zu achten, verlie sie mit raschem Schritte das Gemach.

                              Vierzehntes Capitel


Vierundzwanzig Stunden nach dieser Unterredung waren die groen ueren Thren
des herzoglichen Palastes, die gastlich offen standen, wenn die Herrschaft
anwesend war, geschlossen. Die Dienerschaft zog an den Fenstern, welche nach dem
vorderen Hofe gelegen und zum Theil in den oberen Stockwerken von der Strae aus
sichtbar waren, die Gardinen zu und lie die hlzernen Vorhnge herunter. In dem
stillen, nach dem Garten hinaussehenden Schlafzimmer der Herzogin wachte man an
dem Lager der Greisin, deren feste Natur diesem Stoe sich doch nicht gewachsen
gezeigt hatte. Der Arzt, den man herbeigerufen, als die Herzogin vom Hofe
gekommen war, hatte ihren Anfall fr einen Herzkrampf, ihren Zustand bei ihren
hohen Jahren fr sehr bedenklich erklrt. Es konnte von ihrer Abreise die Rede
nicht sein, obschon sie darauf bestand, dem Knige auch in dem Befehle, den er
ihr im Zorne gegeben hatte, pnktlich zu gehorsamen. Man mute also auf ihre
Anordnung dem Palais wenigstens das Ansehen geben, als habe sie es verlassen,
und selbst ihrem alten Freunde und dem Prinzen, die gekommen waren, nach ihr zu
fragen, verweigerte man auf ihren ausdrcklichen Befehl den Zutritt zu ihr. Sie
mochte sich in der Ungnade, die sie getroffen hatte, von Niemandem sehen, von
Niemandem beklagen lassen. Sie versagte Anfangs sogar, Arzenei und Speise zu
nehmen; man war bel mit ihr daran.
    Eleonore war mit Tagesanbruch abgereist. Sie hatte noch an dem verwichenen
Abende einen Pa fr sich und ihre Bedienung gefordert, und da der englische
Gesandte, ein Freund ihrer verstorbenen Mutter, von dem Vorgange im Schlosse
Zeuge gewesen war, hatte er sich selbst noch zu ihr begeben und ihr seine
Dienste angeboten, falls sie irgend eines Rathes oder Schutzes bedrftig sei. Er
hatte sich bei der Gelegenheit die Frage erlaubt, ob ihr Verlobter ihr bald nach
England folgen werde, ob sie ihn spter nach Deutschland zu begleiten gedenke,
und gleich unfhig, sich der Unwahrheit anzuklagen, wie eine Aeuerung zu thun,
die ein falsches Licht auf Renatus werfen konnte, hatte sie dem Gesandten ohne
alle Erluterung erklrt, da von einer Verbindung zwischen ihr und dem
Freiherrn nicht mehr die Rede sei. Das hatte ihre Lage noch verschlimmert, und
nicht nur in den Slen des Faubourg Saint Germain, sondern auch in den Kreisen,
die dem Hofe nahe standen, boten die Ungnade, in welche die Herzogin von Duras
gefallen war, und die Verweisung der bis dahin so gefeierten Grfin Haughton in
den nchsten Tagen und Wochen den Gegenstand der Unterhaltung, den Stoff fr die
abenteuerlichsten Vermuthungen dar.
    Renatus spielte in denselben bald diese, bald jene Rolle. Die Einen
behaupteten, die Grfin habe in Bezug auf ihn Entdeckungen gemacht, die ihm zur
Unehre gereicht und sie bewogen htten, ihre Verlobung mit ihm zu lsen; Andere
wollten wissen, da der Freiherr hinter einen Liebeshandel der Grfin gekommen
sei, dem er habe zum Deckmantel dienen sollen, und die Zahl derjenigen, welche
diese Meinung aufrecht erhielten, wuchs mit jedem Tage. Man sprach davon, da
sie seit ihrer Kindheit einen Sohn ihrer Amme, dem man eine gewisse Erziehung
gegeben hatte, zu ihrem Diener gehabt habe. Man erinnerte sich, da derselbe ein
schner Mensch gewesen sei, da die Grfin ihn immer mit Auszeichnung behandelt
und ihn auch jetzt wieder mit sich genommen habe, obschon eben in diesem
Augenblicke ein lterer Diener eine passendere Begleitung fr sie gewesen sein
wrde. Wenn gegen solche Gerchte sich auch die Stimme der Personen, die
Eleonoren nahe gestanden hatten, mit Entschiedenheit und mit Entrstung
auflehnte, so gingen doch manche ble Andeutungen ber sie durch die Presse in
die Oeffentlichkeit ber, und es waren, sonderbar genug, gerade die frmmsten
Matronen, die vornehmen Frauen, welche denselben geistlichen Berather mit der
Herzogin hatten, von denen jene bswilligen Gerchte ihren Ausgang hatten und
ihre Besttigung erhielten.
    Der Abb von Montmerie ward bei diesem Anlasse nur in so fern genannt, als
man sich wunderte, wie ein Mann von seiner Menschenkenntni sich ber den wahren
Werth und ber die Bedeutung eines jungen Frauenzimmers wie die Grfin so vllig
habe tuschen knnen. Als man des Ereignisses einmal zufllig selbst vor dem
Erzbischof erwhnte, meinte derselbe, da gerade der hohe und nur auf das Groe
gerichtete Sinn des Abb's das Geringe am leichtesten habe bersehen knnen und
da eine so erhabene Seele wie die seinige am wenigsten dazu geneigt gewesen
sei, das Unedle in Anderen vorauszusetzen. Er beklagte den Abb wegen dieser
beln Erfahrung, freute sich, da derselbe eben jetzt zufllig von Paris
entfernt sei und da es ihm also erspart werde, ein ohnmchtiger Zuschauer bei
so schmerzlichen Ereignissen in dem ihm eng befreundeten Hause zu werden, und
als die Anwesenden dem Herrn Erzbischof in dem gnstigen Urtheile ber den Abb
von Herzen beistimmten, als die Frauen sich sammt und sonders mit tugendhafter
Entrstung gegen Eleonore erhoben, forderte das milde Herz des Kirchenfrsten
Nachsicht auch fr die Verirrte. Er gab es zu bedenken, da die Grfin in einem
unruhigen Reiseleben erzogen sei und da ihr die Sttze gefehlt habe, welche
jeder Mensch nur in dem Anlehnen an die Kirche und ihre ihn berwachende Gewalt
mit Sicherheit zu finden vermge. Das rumte man ihm willig ein. Einem Mdchen,
das unter der Aufsicht frommer Nonnen im Kloster erzogen worden, einem Mdchen,
dem der Rath und die Aufsicht eines gewissenhaften Beichtigers zur Seite
gestanden, htten solche Abenteuer nicht begegnen knnen. Man entschuldigte
endlich Eleonore mit einem niederdrckenden Mitleid und man begann gleichzeitig,
die Herzogin zu tadeln, die, nur auf weltliche Vortheile fr sich und ihre
Freunde bedacht, es verabsumt hatte, ihre Nichte auf den Weg des Heils und in
die Arme der Kirche zu fhren.
    Renatus hatte von all diesen Gerchten einen empfindlichen Rckschlag zu
erleiden. Er sah sich von seinen Bekannten und Umgangsgenossen mit einer mehr
oder weniger verhehlten Neugier betrachtet, die Nherstehenden wagten
vorsichtige Fragen, um, wie sie behaupteten, den an sie von allen Ecken und
Enden gestellten Erkundigungen entsprechen zu knnen, und die Verwirrung seines
Gemthes machte ihm die Nadelstiche, die ihm fortwhrend zu Theil werdenden
kleinen Verletzungen und Krnkungen nur empfindlicher, ihn nur ungeduldiger in
ihrer Abwehr. Alles, was sich bis dahin ganz von selbst fr ihn zurecht gelegt,
ihn ganz natrlich gednkt hatte, wurde ihm nun pltzlich zu einem Gegenstande,
der reifliche Erwgung forderte. Es war zu bedenken, ob er in dem Palais der
Herzogin bleiben knne, bleiben solle, zu bedenken, ob es gerathener sei, Paris
zu verlassen, die Gesellschaft zu meiden und dem Uebelwollen das Feld zu rumen,
oder sich zu behaupten und zu versuchen, in wie weit es mglich sei, auch
Eleonoren dabei ntzlich zu werden. Und bei dem allem lag ihm die Besorgni, da
man seine Ehre antaste, ohne da er das Geringste thun knne, dies zu hindern,
schwer auf der Seele.
    Hier und da stie er auf Fragen, auf Andeutungen, die sein Blut zum Sieden
brachten; mehrmals stand er auf dem Punkte, die vorsichtig Zudringlichen, wie es
sich nach seinen edelmnnischen und militrischen Begriffen gebhrte, zu
blutiger Rechenschaft zu ziehen, aber die Besonnenen unter seinen Genossen und
Kameraden wuten die Zerwrfnisse beizulegen und ihn zu beschwichtigen, indem
man ihn daran mahnte, da der Ruf der Grfin durch jedes neue Aufsehen neuen
Gefahren ausgesetzt sei, und da in dem Verhltnisse, in welchem die preuischen
Truppen sich in Paris befnden, fr den Chef derselben nichts ungelegener kommen
knne, als ein Duell unter seinen Offizieren, oder gar das Duell eines seiner
Offiziere mit einem zum Hofe gehrenden Franzosen.
    Trotz ihrer Krankheit verlangte die Herzogin es auch ganz ausdrcklich, da
ihr junger Gast unter ihrem Dache bleiben solle. Sie lie es ihn durch den Arzt
wissen, da es ihr beruhigend sei, einen ihr befreundeten Menschen in ihrer Nhe
zu haben, fr den die Ungunst ihres Knigs kein Grund sein knne, sich von ihr
zurckzuziehen, und dem sie keinen Nachtheil zuzufgen frchten msse, wenn er
sich ihr anhnglich erweise. Mit zitternder Hand schrieb sie ihm an einem der
folgenden Tage, da sie ihn noch zu sehen hoffe, ehe sie vom Dasein scheide, und
da die Freude an der schnen Form in ihr nur mit dem Leben selbst erlschen
konnte, fgte sie den zwei Zeilen am Schlusse die Wendung zu: da sein Vater ihr
in Leid und Sorge seine Hand gereicht, so habe der Himmel wohl die Hand des
Sohnes auserwhlt, ihr die mden Augen zuzuschlieen.
    Renatus blieb also in ihrem Hause. Von Seiten seiner Freunde und
Vorgesetzten sah man dies gern. Es lie ihn schuldlos an dem Geschehenen
erscheinen, und er selber war zu reinen Sinnes, um es der Herzogin zuzutrauen,
da sie ihn gerade dehalb und eben nur aus Rache gegen Eleonore bei sich
festzuhalten suchte.
    Wenige Tage nach der Abreise der Grfin, als Renatus sich eines Abends zu
Hause und einsam in seinem Zimmer befand, ward der Abb ihm angemeldet.
    Er sagte, da er eben erst angekommen sei, da er eben erst mit hchster
Bestrzung das Geschehene erfahren habe. Mit mehr Lebhaftigkeit, als er seinem
Ausdrucke sonst zu geben pflegte, beklagte er es, da er nicht im Stande gewesen
sei, dem Rufe der Grfin zu folgen. Er beurtheilte sie weit weniger streng, als
in seiner letzten Unterredung mit dem Freiherrn, versicherte, da er ihr gleich
heute schreiben werde, und billigte es durchaus, da Renatus in der Nhe der
Herzogin geblieben sei. Dann lie er sich bei dieser anmelden und wurde von ihr
trotz der spten Abendstunde angenommen.
    Von dem Tage ab kehrte er regelmig am Morgen und am Abende wieder, und der
Arzt that keinen Einspruch dagegen. Das Uebel der Kranken stellte sich als ein
unheilbares heraus und machte raschen Fortschritt. Man gnnte ihr also jede
Erquickung und Zerstreuung, deren sie begehrte. Der Abb kam und ging. Er hatte
es vor Niemandem Hehl, da er an einer Ausshnung der Herzogin mit ihrer Nichte
arbeite; er hatte sogar verschiedene Zusammenknfte mit dem alten Frsten von
Chimay, den er in das Interesse zu ziehen suchte. So lange man auf die
Verbindung Eleonorens und des Prinzen Polydor gerechnet hatte, war es zwischen
den Betheiligten als selbstverstndlich angesehen worden, da Eleonore die Erbin
der Herzogin wurde und da auf diesem Umwege der Prinz zu dem Besitze des
Vermgens gelangte, welches die Herzogin ihm zuzuwenden wnschte. Jetzt wollte
sie ihrer Nichte natrlich diese Vortheile entziehen, und der Frst seinerseits
wnschte sie zur Abfassung eines Testamentes zu Gunsten seines Sohnes zu
veranlassen; aber wider sein Erwarten stie er auf ein Widerstreben bei der
Herzogin.
    Ihr Beichtvater, welcher auf den Wunsch ihres alten Freundes mit ihr zuerst
von dieser Angelegenheit gesprochen, hatte eben dadurch ihr Mitrauen erregt,
und es hatte kaum einer Mhe fr den Abb bedurft, um die Herzogin zur
Mittheilung ihrer Sorgen und Bedenken zu veranlassen. Sie nannte es eine
unbegreifliche Hrte, da man von ihr mit der Erbeinsetzung des Prinzen Polydor
ein Zugestndni fordere, welches sie zu machen durch ihr ganzes Leben
vorsichtig vermieden habe.
    Da mir das Loos gefallen ist, mit meines Knigs Ungnade belastet von der
Welt zu scheiden, sagte sie, wre es ein Verbrechen gegen mich selbst, wenn ich
meine Hand in meinen letzten Stunden noch selbstmrderisch an meinen Ruf und an
meine Ehre legen sollte! - Und der Abb bestrkte sie in dieser Ansicht.
    Er behauptete gegen den alten Frsten wie gegen den Prinzen Polydor, in
deren engstes Vertrauen er sich auf diese Weise pltzlich gezogen fand, da man
die Empfindungen der Sterbenden zu ehren und zu schonen habe, und als des Hin-
und Herredens und des Verhandelns kein Ende werden wollte, that er endlich einen
Vorschlag, auf den Niemand zuvor verfallen war.
    Er schilderte dem Prinzen die ble Lage, in welche die Grfin sich versetzt
hatte, spielte darauf an, da in dem Wappen der Frsten von Chimay sich ein
gefesseltes Weib befinde, weil der erste Chimay seinen Adel durch eine an einer
Jungfrau gebte gromthige That errungen habe, und er rieth dem Prinzen, dem
Beispiele seines Ahnherrn Folge zu leisten.
    Glck und Unglck haben verschiedene Mastbe, erzeugen verschiedene
Ansichten, sagte er. Was man in der Flle des Glckes, in voller, freier
Sicherheit zurckweist, das ersehnt man in der Stunde der Gefahr. Er behauptete
zu wissen, da nicht wirkliche Abneigung gegen den Prinzen, sondern nur die
eigensinnige Auflehnung der Grfin gegen das, was sie als eine List der Herzogin
bezeichnete, den ganzen beklagenswerthen Vorfall veranlat habe. Er sprach den
Glauben aus, da es eben jetzt in der Macht des Prinzen stehe, von der
Dankbarkeit und Achtung der Grfin zu erlangen, was seine Liebe bisher vergebens
von ihr erbeten hatte. Er schlug dem Prinzen vor, sich schriftlich gegen die
Herzogin zu Eleonorens Gunsten auszusprechen, ihr zu erklren, wie er an dem
Charakteradel und der hohen Sinnesreinheit Eleonorens keinen Zweifel hege, und
wie er es beklage, wenn seine liebende Ungeduld vielleicht mit dazu beigetragen
haben sollte, die unheilvolle Vermittlung Seiner Majestt heraufzubeschwren.
Schlielich aber gab der Abb den beiden Frsten zu bedenken, da es eine groe,
eine schne Handlung sei, wenn ein Mann mit dem Schilde seiner unbefleckten Ehre
sich eines Mdchens wie die Grfin annehme, und wie es vllig unmglich sei, da
ein solches Mdchen der Gromuth des sie beschtzenden Mannes dauernd
widerstehen knne. Er kam immer darauf zurck, da fr den Prinzen Alles zu
gewinnen oder Alles zu verlieren sei, und da derselbe der Herzogin seine
Anhnglichkeit besser nicht beweisen knne, als indem er, gleichviel, ob auf
geradem Wege oder auf einem Umwege, ihr zur Verwirklichung ihrer Absichten und
Wnsche behlflich werde.
    Darber verlief eine Reihe von Tagen, und Renatus hatte gerade sein
Urlaubspatent erhalten, als man ihn in der Nacht weckte, weil die Herzogin zu
sterben glaube und ihr Testament zu machen vorhabe, bei dem sie der Zeugen nicht
entbehren knne.
    Es war eine groe Aufregung im Hause; man hatte in den Corridoren und auf
der Treppe die Lampen in Eile angezndet, das Portal war offen. Fast
gleichzeitig fuhren die beiden Wagen der Herzogin in dasselbe ein. Sie hatte die
Prinzen von Chimay, Vater und Sohn, und ihren Beichtiger zu sehen verlangt, und
man hatte sich beeilt, sie herbeizuholen. Der Notar und der Arzt waren schon vor
ihnen angelangt; Renatus fand sie alle um die Sterbende versammelt.
    Die Herzogin sa, von ihren Frauen untersttzt, trotz ihrer Schwche
hochaufgerichtet auf ihrem Lager. Obschon das Haupt ihr mde herabsank, sahen
doch ihre scharfen Augen noch fest umher, und sie hatte fr Jeden ein Wort, ein
Zeichen des Bemerkens, wie in ihren guten Tagen.
    Als sie alle diejenigen beisammen fand, die sie hatte rufen lassen, ersuchte
sie den Notar, den Anwesenden das Testament vorzulesen, wie er es nach ihren
Anordnungen niedergeschrieben hatte. Sie hrte, weil die Brust ihr sehr gepret
war, nur wenig danach hin, whrend er das Formular vorlas, aber sie richtete mit
Anstrengung ihr Haupt in die Hhe, und ihr Auge ging von dem greisen Frsten zu
dem Prinzen und von diesem zu dessen Vater zurck, als der Notar die Worte
aussprach:
    Auf den Wunsch und die Frbitte meiner beiden werthen Freunde, des Frsten
August Philipp von Chimay und seines Sohnes, des Prinzen Philipp Polydor von
Chimay, vermache ich meinen ganzen Besitz, er mag Namen haben, welchen er wolle,
an meine Nichte, Eleonore Corinna Marquise von Lauzun, Grfin von Haughton,
unter der Voraussicht, da sie sich meinem Wunsche und dem Befehle Seiner
Majestt des Knigs in Gehorsam fgen und den Prinzen Polydor, nachdem sie ihren
Irrglauben abgeschworen und sich dem alleinseligmachenden Glauben berantwortet
hat, in Anerkennung seines verzeihenden Herzens und seiner gromthigen und
edelmnnischen Gesinnung, zu ihrem Gatten whlen werde. Sollte sie sich dessen
weigern, sollte sie mir die Genugthuung versagen, die ich von ihr zu erwarten
berechtigt bin und welche die letzte ist, die ich noch hienieden erhoffen kann,
so will ich, allem Irdischen mich abwendend, nur auf das Heil meiner
unsterblichen Seele bedacht sein. Von dem Tage ab, an welchem man die Wappen des
Hauses Lauzun-Duras auf meiner Ruhesttte in der Kirche zu Vaudricourt, an der
Seite meines vielgeliebten Gatten, des verstorbenen Herrn Herzogs Moriz Alibert
Chlodwig von Duras, befestigen wird, sollen, sofern die Grfin Haughton die Hand
des Frsten Polydor nicht annimmt, die frommen Vter des Jesuiten-Klosters zu
Malanche die alleinigen Erben meines ganzen Vermgens und Besitzes werden, damit
mein Andenken in Liebe und Verehrung auf der Erde erhalten bleibe und meiner
armen Seele die Gebete und die erlsenden Frbitten nicht fehlen mgen, auf
welche ich in dem Falle von meiner Nichte, der Grfin Haughton, nicht zu rechnen
haben wrde.
    Der Notar hielt inne. Er las danach den Schlu des Formulars, man reichte
der Herzogin die Feder hin, hielt einen Leuchter so in die Hhe, da sie sehen
und schreiben konnte, ohne von dem Lichte geblendet zu werden, und erwartete,
da sie jetzt unterzeichnen wrde. Aber sie zgerte, es zu thun.
    Langsam und prfend blickte sie den Prinzen, blickte sie den Frsten noch
einmal an. Keiner von beiden, man konnte es in ihren Mienen lesen, hatte diesen
Schlu des Testaments erwartet. Auch der Beichtvater der Herzogin zeigte sich
berrascht; auf eine Wendung des Testamentes, die Alles von der Entscheidung der
Grfin abhngig werden lie, hatte er nicht gerechnet.
    Es war todtenstill im Zimmer. Renatus, der auf der linken Seite des Lagers
der Herzogin zunchst stand, meinte in ihren erstarrenden Zgen pltzlich noch
einmal jenes berlegene sarkastische Lcheln zu gewahren, vor dem er als Knabe
Scheu getragen hatte und das ihm immer unheimlich geblieben war.
    Die Herzogin athmete immer schwerer. Wie betrbt sie sind! sagte sie kaum
hrbar. Wie betrbt sie Alle sind! Mein Tod macht Niemanden froh, und sie werden
Alle, Alle lange an mich denken! - Die Feder, die Feder! - Licht, schnell das
Licht! rief sie mit letzter, pltzlicher Kraftanstrengung, und die Hand mit
Gewalt fest auf das Papier auflegend, da sich ihre Schwche nicht verrieth,
unterzeichnete sie mit klaren Buchstaben ihren vollen Namen. Dann lie sie die
Feder fallen, ihr Haupt sank ihr zurck, und ehe noch die Zeugen ihre Namen
unter das Testament geschrieben hatten, war die Herzogin gestorben.
    Jeder von ihnen hatte seine besonderen Rckerinnerungen bei dem Tode dieser
Frau. Eine halbe Stunde spter war das Zimmer verlassen. Der Notar traf die
nthigen gerichtlichen Maregeln, die herrenlose Dienerschaft ging ihrem
Belieben nach.
    Am Hofe vernahm man die Kunde von dem Tode der Herzogin ohne besondere
Theilnahme und ohne irgend ein Erstaunen. Man fand es natrlich, da des Knigs
Ungnade ihr das Herz gebrochen hatte. Als aber der Monarch, im Angedenken alter
Freundschaft, den Befehl gab, da sein Wagen den Leichenzug der Herzogin
erffnen solle, folgten der Hof und die zu ihm gehrende Gesellschaft dieser
Anweisung, und die Herzogin wurde mit allen Ehren ihres Standes zur Ruhe
bestattet.

                              Fnfzehntes Capitel


Niedergeschlagen wie Einer, den ein schweres Unglck betroffen hat, sa Renatus
in dem Reisewagen, der ihn von Paris entfernte. Als er vor vier Jahren inmitten
eines begeisterten Heeres, von Gefecht zu Gefecht, von Schlacht zu Schlacht
siegreich fortschreitend, durch diese Gegenden zog, war ihm anders zu Sinne
gewesen. Aus der Fremde nach der Heimath gehend, kam er sich wie ein Verbannter,
wie ein Flchtling vor. Er war ohne jede bestimmte Hoffnung und vllig
unentschlossen, wie er seine Zukunft zu gestalten habe. Er war unzufrieden mit
sich, unzufrieden mit seinen Verhltnissen, unsicher in seinen Ueberzeugungen,
und sein Gewissen war beschwert.
    Wenn er sich vorhielt, da er nach Hause zurckkehre, um sein Wort gegen
Hildegard zu lsen, schien es ihm unnatrlich, da er zu dieser ging, die seiner
nicht bedurfte, statt Eleonoren nachzueilen, die ihn, oder doch in jedem Falle
den Beistand eines Freundes nthig haben mute. Wenn er sich sagte, da es Zeit
sei, sich an die Ordnung seiner Vermgensverhltnisse zu machen, wozu Paul ihn
immer dringender ermahnte, berkam ihn die drckende Einsicht, wie er von diesen
Dingen nichts verstehe, und die Abneigung gegen den persnlichen Verkehr mit
Paul verminderte dieses Unbehagen nicht. Wohin er seine Gedanken richtete,
berall stie er auf Dinge, die ihn beunruhigten.
    Der Aufenthalt in Paris war ihm verleidet und peinlich geworden, in Berlin
erwarteten ihn lstige Errterungen und Geschfte, denen er sich nicht gewachsen
wute, whrend ihm die Mglichkeit vorschwebte, da die Gerchte, welche auf
seine Kosten in Paris in Umlauf gewesen waren, ebenso nach Berlin gelangt sein
konnten; und die Miverstndnisse und Zerwrfnisse zwischen seiner Braut und
seiner Stiefmutter, mit deren Schilderung man ihn aus der Ferne schon behelligt
hatte, versprachen auch nicht, ihm den Aufenthalt in Richten zu erleichtern oder
zu verschnern. Wenn er sich das alles aber bis zur Ermdung vorgehalten hatte,
dann bemchtigte sich seiner immer wieder die Erinnerung an Eleonore, um ihn
vollends unglcklich zu machen.
    In dieser Verfassung langte er an einem der letzten Tage des Februar in der
Hauptstadt seines Vaterlandes an. Es war gegen den Abend hin und noch sehr kalt.
Bis man seinen Wagen abpackte, seine Koffer ffnete, verging eine geraume Zeit,
und als er eine Mahlzeit eingenommen und sich umgekleidet hatte, war es vollends
spt geworden.
    Nahezu sechs Jahre waren vergangen, seit er Berlin verlassen hatte. Damals
war die Stadt voll von Franzosen gewesen, und er selber war, ihren Fahnen
folgend, fr Napoleon in den Kampf gezogen, fr denselben Kaiser, der jetzt, ein
zum zweiten Male Niedergeworfener, auf dem einsamen Felsen-Eilande inmitten des
Weltmeeres in harter Gefangenschaft seine Tage hinschwinden sah. Jetzt
herrschten Ruhe und Friede in dem Lande, das Geschlecht der Hohenzollern sa
wieder in voller Sicherheit auf seinem Throne, und doch wollte es Renatus, als
er, von seinem Gasthofe kommend, durch die Straen ging, bednken, als sei es
sonst belebter und lustiger in denselben gewesen.
    Berlin erschien ihm traurig, kleinstdtisch und leer. Das schnell fluthende
Leben des glnzenden Paris hatte den Mastab verndert, nach welchem der
Freiherr die Dinge ma, und mehr noch, als der Ort, kam er selber sich
verwandelt vor. Wo waren all die Wnsche und Hoffnungen, wo war die schne,
schmerzliche Sehnsucht, wo war die ganze innere Zuversicht geblieben, mit
welcher er an jenem hellen, kalten Mittage an seines Onkels Haus vorber in den
russischen Krieg gezogen war?
    Als er, von seinem Gasthofe ausgehend, an das Schauspielhaus kam, sah er aus
alter Gewohnheit nach den Fenstern eines Eckhauses hinauf. Einer seiner liebsten
Kameraden hatte dort gewohnt. Der frhliche Gesell war in einem der ersten
Gefechte des Freiheitskrieges gefallen; auch sein Vetter, der Renatus diesen
Todesfall gemeldet hatte, war ein Opfer des Krieges geworden. Der Bruder lebte
noch und stand bei einem der in Berlin garnisonirenden Regimenter; aber er hatte
sich verheirathet und Renatus es versumt, sich um seine Wohnung zu erkundigen.
Er dachte an diesen und jenen von seinen frheren Bekannten, ohne zu wissen, ob
sie in der Stadt und wo sie anzutreffen wren. Das lie ihn nur noch deutlicher
merken, wie lange er entfernt gewesen sei, wie fremd er in Berlin geworden war,
und diese Einsicht, verbunden mit jener Scheu, welche man, wenn man mit sich
selbst nicht einig ist, vor jeder Errterung ber sich und seine Zustnde
empfindet, machte ihn vor dem Zusammentreffen mit den Personen zurckschrecken,
die zu sehen er eigentlich gekommen war. Wre er seiner Stimmung gefolgt, htte
er einen Zauberstab besessen, er wre in demselben Augenblicke davongegangen.
Aber wohin? Es blhten ihm an keinem Orte Freuden.
    Unbehaglich, ohne eine bestimmte Absicht, ging er in den Straen vorwrts.
Endlich fing er an, sich seines Zustandes zu schmen, und wie einer, der lange
zaudernd vor dem kalten Wasser steht, bis er sich mit gewaltsamem Entschlusse
kopfber hineinstrzt, so schlug Renatus mit Einem Male seinen Weg nach dem
Hause ein, welches einst das Wappen seines Geschlechtes ber dem Portale
getragen hatte.
    Als er in die Strae kam, in welcher es gelegen war, und in die Nhe des
Hauses selbst, fand er Alles sehr verndert. Der gartenartige Hof, der das Haus
nach der Strae und zu beiden Seiten umgeben hatte, war verschwunden, das
Eisengitter gegen die Strae hin war abgerissen, rechts und links waren ein paar
stattliche Wohnhuser entstanden, und Renatus sah an den Wagen, die vor dem
ehemaligen Arten'schen Hause hielten, an dem Diener, der den ankommenden Gsten
die Thre des Hauses mit Beflissenheit ffnete, wie an der Reihe der
hellerleuchteten Fenster im ersten Stockwerke, da man irgend ein Festgelage in
demselben begehen msse. Er blieb einen Augenblick stehen und blickte hinauf.
Ein paar Leute aus dem Volke, ein paar arme Kinder standen ebenfalls still und
betrachteten die Aussteigenden. Er hatte eine uerst unangenehme Empfindung,
als er sich also einsam, in solcher Gesellschaft vor dem Hause seiner Vter
umhergehend fand, und obschon er sich einen Vorwurf daraus machte, konnte er
sich nicht berwinden, eben jetzt seine Karte bei dem Hauswart abzugeben und
sagen zu lassen, da er morgen in den Vormittagsstunden vorsprechen werde.
    Unentschlossen, wohin er sich wenden solle, kehrte er nach den Linden
zurck, und weil ihm die Aussicht, den Abend einsam in der Stube seines
Gasthofes zuzubringen, unertrglich fiel, beschlo er, seinen Oheim aufzusuchen,
obschon dieser im Grunde der Letzte war, den wiederzusehen er Verlangen trug.
Aber Renatus war in einer Verfassung, in welcher jede Unterhaltung, jede
Gesellschaft ihm willkommener war, als des Alleinsein mit den eigenen Gedanken,
und er war endlich wirklich froh, er kam sich wie geborgen vor, als er auf seine
Anfrage den Bescheid erhielt, da der Graf zu Hause sei, sich freilich nicht
ganz wohl befinde, aber sehr erfreut sein werde, den Herrn Baron zu empfangen.
Es war noch die Wohnung, noch die etwas prunkende Einrichtung, die der Graf zur
Zeit des russischen Feldzuges gehabt hatte; inde es war mit beiden doch eine
Vernderung vorgenommen worden, und am meisten hatte der Graf selbst sich
verndert. Wie er sich einst geflissentlich aus einem preuischen Offizier in
einen Napoleonisten verwandelt, so hatte er sich jetzt wieder in das Deutsche
zurck bersetzt, und er gefiel Renatus in dieser Gestalt gleich bei dem ersten
Anblicke besser, obschon er in dem Zeitraume, in welchem sie einander nicht
gesehen, verhltnimig sehr gealtert hatte. Sein Haar, das er vor Jahren in
der dicken franzsischen Locke bis tief auf die Stirn herabhngen lassen, war am
Vorderhaupte und an den Schlfen weit zurckgewichen und dnn geworden. Man
konnte noch nicht sagen, da er kahl sei, aber die Stirn war bedenklich hoch,
und wenn sein von Natur feines Antlitz dadurch auch noch nicht entstellt ward,
so vernderte es seinen Ausdruck doch. Dazu war er magerer geworden, erschien
also noch grer, und die weien Hnde, die aus dem weiten seidenen Schlafrocke
auf das sorgfltigste gepflegt hervorsahen, hatten nicht mehr den eisenfesten
Druck, der sonst den Ankommenden zu begren pflegte.
    Die Bilder der franzsischen Kaiserfamilie, welche einst an den Wnden des
Wohnzimmers hingen, waren entfernt, sie hatten ein paar guten Bildern von des
Grafen Eltern Platz machen mssen. An der Stelle des antik gehaltenen
franzsischen Canapee's stand ein groes, weiches Sopha, und einige Lehn- und
Ruhesthle zeigten, da der Besitzer dieses Raumes es sich behaglich zu machen
liebe und verstehe.
    Als Renatus eintrat, streckte der Graf ihm die Hnde entgegen und sagte: Es
ist, auf Ehre, um einen Menschen aberglubisch zu machen. Ein Glck kommt nie
allein! Heute Morgen habe ich da die Anzeige erhalten, da Seine Majestt der
Knig mir eine groe Gnade, da er mir - der Graf hob ein mit groem Siegel
versehenes Blatt empor - da er mir den Orden verliehen, den unser Vater auch
getragen hat, und jetzt kommt der einzige Sohn unserer Angelika, kommst Du,
alter Junge, uns in die Heimath zurck! Nun, willkommen zu Hause, herzlich
willkommen! - Einen Sessel fr den Herrn Baron - Du siehst vortrefflich aus -
aber ganz vortrefflich! Nimm Platz, Renatus, nimm Platz! Wie wird die gute
Hildegard sich freuen!
    Er hatte das alles rasch hinter einander gesprochen, ohne seinem Neffen Zeit
zu einer Unterbrechung zu lassen. Dann warf er sich auf das Sopha, hstelte
leise, wickelte sich wieder fest in seinen Schlafrock ein, zog die Beine auf das
Lager und sagte, whrend der alte Diener ihm eine Decke ber die Fe legte:
Verzeihe, mein Bester, aber wenn man die erste Jugend hinter sich, und sie, wie
es sich gebhrt, genossen hat, mu man zum Dank fr treu geleistete Dienste mit
seiner Gesundheit, seinem Krper rcksichtsvoll und freundlich umgehen, um sich
die zweite Jugend mglichst lange zu erhalten. Ich dorlottire mich ein wenig,
wie Du siehst, aber ich befinde mich wohl dabei. Wie findest Du mich aussehen?
    Renatus versicherte ihm, da er sich sehr gut erhalten habe; der Graf nahm
das mit Wohlgefallen auf.
    Du wirst auch, wenn Du nach Berka kommst, den Onkel Felix sehr munter
finden. Die Feldzge haben ihm entschieden gutgethan. Er hat das ganze Haus voll
Kinder, schne Kinder! Ich war zu Weihnachten mit den Rhoden's dort, denn -
Hildegard wird Dir das ja wohl geschrieben haben - es war Deine Schwiegermutter,
der ich den gegenwrtigen engen Zusammenhang mit den Meinigen verdanke. Ich
hatte frher wenig Familiensinn, aber ich habe das selbst nicht geglaubt, der
Familiensinn findet sich wirklich mit den Jahren.
    Er war ganz ausschlielich mit sich und seinen Angelegenheiten beschftigt.
Er erzhlte, wie er whrend der Freiheitskriege durch die Grfin Rhoden, die er
jetzt immer nur die Cousine nannte, mit der Prinzessin in nhere Beziehung
gekommen sei, wie diese ihn dem Knige empfohlen und ihm dann auch neuerdings
die Verleihung jenes Ordens erwirkt htte, der, in ferner Zeit, als Lohn fr
besondere Tugend und Selbstverlugnung gestiftet, jetzt zu einer Auszeichnung
fr den Adel geworden war.
    Es ist eine schne Decoration, sagte er, auf das Kstchen weisend, in
welchem der Orden vor ihm lag, und man mute doch endlich auch etwas fr mich
thun! In das Militr zurckzutreten, fhlte ich keine Neigung mehr, und eine
Anerkennung war man mir fr die mannigfachen und oft recht peinlichen und
drckenden Vermittlungen, die ich whrend der Franzosenherrschaft ber mich
genommen hatte, allerdings wohl schuldig. Du glaubst nicht, wie viel Uebles ich
verhtet, wie oft ich durch meine Kenntni der Personen und der Verhltnisse
recht arge und bedenkliche Zusammenste verhindert habe, und ich htte
vielleicht sehr recht daran gethan, wie die Prinzessin mir es vorschlug, eines
der zu vergebenden groen Consulate anzunehmen, um mir auf diesem Wege den
Uebergang in die diplomatische Laufbahn zu bereiten. - Aber was willst Du? Ich
bin bequem geworden. Ich hnge an meiner Wohnung, an meinen Gewohnheiten, meinen
Freunden - ich bin ohne Ehrgeiz! Tout bonnement ein alter Junggeselle, der sich
von seinen Freunden verbrauchen lt. Und ich versichere Dich, sie machen sich
das zu Nutze! Alle, alle sammt und sonders, selbst Deine Hildegard, die ein
Juwel von einem Mdchen ist! So klug, so umsichtig, ein wahrer Schatz! Wir sind
groe Freunde, nun, sie hat Dir's ja geschrieben!
    Er unterbrach sich endlich selbst, da die Verwunderung des Freiherrn diesen
lange nicht zum Sprechen kommen lie; denn Renatus traute seinen Ohren nicht.
Wie muten die Zeiten und die Zustnde sich hier gendert haben, wenn man den
Grafen fr Handlungen belohnen konnte, die ihm einst den gerechten Zorn seiner
ganzen Familie und die Miachtung aller rechtschaffenen Vaterlandsfreunde
zugezogen hatten! Wie sicher mute der Graf sich fhlen, da er auf gar keine
mgliche Einwendung von Seiten seines Neffen mehr Bedacht zu nehmen nthig fand.
Und was war es mit dem Ordenswesen berhaupt, wenn ein Gerhard von Berka den
Orden erhalten und zu tragen sich unterfangen konnte, der als ein Zeichen
besonderer Sinnesreinheit nur dem Adel verliehen werden durfte? Alles, was er
hrte und vernahm, war dazu angethan, den Heimgekehrten zu berraschen, denn
weit mehr noch als alle diese Thatsachen setzten die Zustnde ihn in
Verwunderung, aus denen heraus sie einzig mglich geworden sein konnten.
    Dazu berhrte die Weise, in welcher der Graf bei jedem Anlasse Hildegardens
Lob aussprach, den Freiherrn nicht angenehm. Er meinte berall herauszufhlen,
da der Onkel das Vertrauen seiner Braut mehr, als es nthig sei, besitze. Es
klang ihm im weiteren Verlaufe der Unterhaltung, als msse Hildegard sich sogar
ber ihn, ber sein langes Ausbleiben, ja, ber seine Beziehungen zu der
Herzogin und zu Eleonoren gegen den Onkel klagend ausgesprochen haben, denn der
Eifer, mit welchem Graf Gerhard das Deutschthum auf Kosten des Franzosenthums,
und die edeln Eigenschaften einer deutschen Jungfrau ber alle Reize der
Auslnderinnen erhob, klangen in seinem Munde so unberechtigt, da er, bei
seinem Scharfsinn und bei seiner Klugheit, nothwendig eine bestimmte Absicht
haben mute, um eine solche Ungeschicktheit zu begehen.
    Weil Renatus endlich von der Bewunderung seiner Verlobten, zu der er nicht
geneigt war, abzukommen wnschte und weil er der in jedem Augenblicke drohenden
direkten Frage nach seinem Erleben und wohl gar nach Eleonoren ausweichen
wollte, brachte er die Rede auf seine Geschfte. Er sagte, da er eben nur so
lange in Berlin zu bleiben vorhabe, als dieselben es erheischen wrden,
erwhnte, da er schon heute zu Tremann habe gehen wollen, da die Auffahrt
einer Gesellschaft ihn aber davon zurckgehalten und da er morgen gleich in der
Frhe sich zu ihm zu begeben denke.
    Der Graf lie sich das ruhig erzhlen, schenkte sich und seinem Neffen
sorgfltig den Thee ein, welchen der Diener inzwischen aufgetragen hatte, whlte
mit Kennerblick fr seinen Gast die besten Stcke der kalten Kche aus und
zeigte berhaupt alle jene kleinen Aufmerksamkeiten fr ihn, durch welche eine
achtsame Hausfrau ihrem Besucher die Freude ber seine Anwesenheit auszudrcken
liebt.
    Renatus rhmte dies dankbar, der Graf nannte es scherzend seine
Hagestolzenknste, und das brachte Jenen auf die Frage, ob der Onkel seine
frhere Haushlterin, die Kriegsrthin, noch bei sich habe.
    Der Graf verneinte es. Ich habe sie schon vor drei Jahren fortgeschickt,
sagte er. Sie war eine vortreffliche Kchin, berhaupt eine brauchbare Person,
aber Eine Kunst ging ihr vllig ab: sie verstand nicht, alt zu werden. Sie wurde
eine lcherliche Figur, und eine solche in meinem Vorzimmer zu haben, konnte mir
nicht passen.
    Sie kamen dann wieder auf Tremann zu sprechen, und Graf Gerhard meinte, es
sei ihm unbegreiflich gewesen, wie Renatus eben ihn zu seinem Bevollmchtigten
habe whlen mgen. Auf die Frage, ob der Graf denn Grnde habe, Tremann zu
mitrauen, versetzte er: Und welche Grnde hast Du, ihm zu vertrauen?
    Es entstand eine kleine Pause, ehe der Graf mit dem Ausspruche wieder das
Wort nahm, da er fr sein Theil berhaupt keinem Kaufmanne vertraue, und dem
thtigen, dem unternehmenden am wenigsten. Der Besitz, sagte er mit einer jener
hochtnenden Phrasen, welche der mige Uebermuth so leicht erlernt, der Besitz
ist fr diese Art von Leuten nicht das zu schonende Feld, der zu pflegende Baum,
von dessen Frucht und Ernte sie leben wollen, ruhig leben wollen. Nicht der
Besitz erfreut sie, sondern der Erwerb. Das Jagen nach demselben, die rastlose
Arbeit ist ihr eigentlicher Genu. Sie schmieden sich an das ewig rollende Rad
des wechselnden Glckes; und jene widerwrtige Spannung zwischen Gewinn und
Verlust, die einem gebildeten Geiste wie die Marter eines Ixion bednken wrde,
ist die Wollust solcher niedrig geborenen Naturen. Nimm Dich mit ihm in Acht!
    Auf unfertige Menschen macht jeder allgemein ausgesprochene Satz, vor Allem,
wenn er auf irgend etwas anwendbar ist, das mit ihren besonderen Verhltnissen
zusammenhngt, Anfangs immer einen bannenden Eindruck, und trotz seiner
achtundzwanzig Jahre und seines in der letzten Zeit so mannigfach bewegten
Lebens war Renatus in sich nicht freier, nicht von der leichten Bestimmbarkeit
geheilt worden, welche, als eine Folge seiner Erziehung, ihn immer unsicher ber
sich selbst und zum Sklaven jeder fremden Meinung machte, die ihm mit Sicherheit
entgegentrat. Er hatte sich bisher etwas damit gewut, da er Paul zu seinem
Vertreter und Vertrauensmanne erwhlt hatte. Es war auch alles, was derselbe bis
jetzt fr ihn gethan, soweit Renatus es aus der Ferne hatte bersehen und
beurtheilen knnen, durchaus zufriedenstellend gewesen, so da er in seinem
Inneren bestndig auf den psychologischen Scharfblick stolz gewesen war, den er
bewiesen hatte. Jetzt aber kam pltzlich bei des Grafen Worten der bse Genius
aller schwachen Seelen, das Mitrauen gegen sich und Andere, ber den jungen
Freiherrn, und sichtlich beunruhigt erkundigte er sich, wem die beiden Huser
gehrten und wer sie errichtet htte, die neben dem alten von Arten'schen Hause
emporgestiegen waren.
    Wer anders soll sie erbaut haben, als Tremann! entgegnete der Graf. Es war
eine Spekulation, die ihm, glaube ich, gut eingeschlagen ist, und es gibt kein
groes Unternehmen irgend einer Art, in dem er nicht die Hnde htte. Wo er die
Capitalien dazu hernimmt, ist freilich nicht zu sagen.
    Ich denke, Flies war reich, wendete Renatus ein.
    Reich genug! Aber der Alte kannte seine Leute, lchelte der Graf. Nicht ein
Pfennig des Flies'schen Capitals ist in dem Geschfte geblieben. Tremann mu
andere Quellen haben, und Du selbst hast ihm vielleicht mehr, als wir bersehen
knnen, damit genutzt, als Du ihm Deine Angelegenheiten berantwortet hast! Es
war das ein unbegreiflicher Einfall von Dir, und ich bekenne Dir, mein Lieber,
ich wute nicht, was ich von Dir denken sollte! Mein Bruder Felix stand freilich
eben so wie Du im Felde. Aber war ich denn nicht da? Ich hatte in meiner
unfreiwilligen Mue mir ein gut Theil Geschftskenntni erworben, und abgesehen
davon, Bester, so wren, dnkt mich, Eure immerhin ein wenig delikaten
Familien-Angelegenheiten in Deines Onkels, in eines Edelmanns Hnden besser, als
in denen dieses - dieses Tremann aufgehoben gewesen!
    Es ging Renatus, wie es ihm mit dem Grafen stets gegangen war. Er hatte eine
Abneigung, eine Scheu, ja, ein entschiedenes Mitrauen gegen ihn und fhlte sich
doch von ihm beherrscht. Sich dieser Herrschaft zu entziehen, oder doch
mindestens sich von dem Vorwurfe eines unbesonnenen Handelns zu befreien, den
der Graf ihm machte, berwand er sich so weit, demselben von seinem Abenteuer in
der Schlacht von Mckern und von der heldenmthigen Aufopferung zu sprechen, mit
welcher Tremann fr ihn eingetreten war und ihm das Leben gerettet hatte.
    Der Graf lie ihn ruhig erzhlen und berichten.
    Als er aber geendet hatte, schien der Graf ein spttisches Lcheln lnger
nicht verbergen zu knnen. Wie der Vater, sagte er - genau wie dein Vater!
Verzeihe mir, da ich lachen mu! Ich glaube, es mu Eure Religion sein, die
Euch so glubig fr Zeichen und fr Wunder macht! Es fehlt nur noch, da Ihr,
wie Schiller's Wallenstein, Euch einen Astrologen haltet und pathetisch Euer:
Und dieses Pferdes Schnelligkeit entri mich Bannier's verfolgenden Dragonern!
deklamirt! Ich habe das Stck erst gestern mit angesehen - schade, da Du nicht
dabei warst! Es htte Dir eine Lehre von der Unfehlbarkeit der Zeichen und der
Wunder geben knnen. - Er hielt inne und sagte dann ernsthaft und mit
achselzuckender Geringschtzung: Du thust wahrhaftig, lieber Junge, als ob solch
ein Dazwischenspringen im Gefechte etwas auf sich htte! Bedenke doch nur, da
dieser Tremann allen Grund hat, Dich und Dein Geschlecht zu hassen! Glaubst Du,
da er nicht gern ein Herr von Arten-Richten wre? Glaubst Du, da diese Flies,
die ihn erzogen hat, sich seiner ohne ganz bestimmte Plane angenommen htte?
Schon vor Jahren habe ich es Dir gesagt, sie hassen Dich und mich - und ich
verdenke ihnen das nicht im geringsten! Vielleicht machte ich es an ihrer Stelle
eben so. Aber daran halte fest, der Wahlspruch aller dieser Leute, aller sammt
und sonders, ist: Stehe auf, damit ich mich setze! - und wenn man sie nicht
niederwirft, sie nicht in ihre alten Schranken mit Entschiedenheit zurckdrngt,
so werden wir diese sogenannten Freiheitskriege einst noch grndlich zu
verwnschen haben!
    Er war aufgestanden, hatte die Serviette von sich geworfen und ging whrend
des Sprechens lebhaft in dem groen Zimmer auf und nieder. Renatus war sehr
nachdenklich geworden. Alles, was er hier vernahm, bedrngte ihn, und mit der
schweren Besorgni, da er einen groen Fehler begangen, dessen Folgen er zu
tragen haben werde, verlie er endlich den Grafen, der ihn aufgefordert hatte,
seinen Rath zu benutzen, wo und wie er es fr nthig finden wrde.

                              Sechszehntes Capitel


In Paul's Arbeitszimmer brannten in der Frhe des folgenden Morgens noch die
Lichter, denn es war nebelig drauen, und Paul war zeitig aufgestanden, um
einige Entwrfe und Rechnungen durchzusehen, die ihm von Dritten zur Prfung
vorgelegt worden waren. Im Comptoir daneben war noch Alles still, auch von den
Seinigen wachte noch Niemand. Das Fest hatte lange gedauert; Seba bedurfte jetzt
bisweilen doch schon der Ruhe, Davide aber, die es sich sonst nicht nehmen lie,
ihrem Gatten das Frhstck zu bereiten und eine ruhige halbe Stunde mit ihm zu
haben, ehe die Geschfte ihn beanspruchten, war durch den Knaben, den sie selbst
nhrte, mehr als gewhnlich wach erhalten worden und hatte sich von ihrem Manne
bereden lassen, sich dafr durch ein paar Stunden Schlaf am Morgen zu
entschdigen.
    Als es acht Uhr schlug und Paul eben die Lichter auslschte, weil die Sonne
die Nebel zu durchdringen und durch die Aeste der prchtig bereiften Bume
freundlich in sein Zimmer zu scheinen begann, meldete der Diener ihm, da die
Dame, die schon gestern dagewesen und die er auf heute beschieden habe,
wiedergekommen sei. Paul befahl, sie einzulassen, und sich mit bertriebener
Demuth tief verneigend, trat eine groe, noch rstige Frau in Trauerkleidern in
das Zimmer.
    Mit einer Handbewegung wies der Herr des Hauses ihr einen Stuhl in der Nhe
seines Schreibtisches an und fragte dann nach ihrem Begehren.
    Ich komme, sagte sie, Ihnen fr all das Gute zu danken, das Sie, lieber Herr
Tremann, meinem geliebten seligen Manne bis an sein Lebensende erwiesen haben.
Da er so sanft seine alten Tage beschlieen konnte, das dankte er ja Ihnen ganz
allein und noch auf seinem Todtenbette hat er ....
    Lassen Sie das, ich bitte, lassen Sie das! unterbrach sie Paul. Es hat mich
gefreut, den alten Mann ohne Sorgen zu wissen. Hat das Geld zu seiner Beerdigung
ausgereicht, das ich Ihnen gegeben habe?
    Beinahe, beinahe ganz, entgegnete die Trauernde; aber ich wollte nur sagen,
noch auf seinem Todtenbette hat der gute Weienbach den Tag und die Stunde
gesegnet, in welcher der Herr Caplan Sie in unser Haus gebracht hat; und er hat
auch mich dafr gesegnet und mir es tausend Mal gedankt, da ich ihn damals
berredete, Sie aufzunehmen, denn er hat es nicht gewollt - er hat es nicht
gewollt!
    Paul hatte sie dieses Mal zu Ende sprechen lassen; nun er schwieg, befand
sie sich offenbar in einer Verlegenheit, und er beeilte sich nicht, sie aus
derselben zu befreien. Die Kriegsrthin war ihm stets ein Gegenstand der
Abneigung gewesen, und ihr jetziges Auftreten war nicht dazu geeignet, diese
Abneigung zu vermindern. Der Graf hatte mit seinem Worte Recht gehabt: die
schne Laura verstand es nicht, mit Anstand alt zu werden. Die dicken, falschen
Locken, die falschen Zhne, welche in herausfordernder Weie aus dem stets
lchelnden Munde hervorsahen, die geschminkten Wangen und der schbige und doch
auffallende Ausputz ihrer Trauerkleider machten sie lcherlich, whrend ihre
schlecht erheuchelte Betrbni sie Paul noch widerwrtiger erscheinen lie.
    Wnschen Sie noch etwas? fragte er; sonst bitte ich Sie, mir zu sagen, wie
viel Sie fr das Begrbni aus Ihrer Tasche hergegeben haben, damit ich es Ihnen
wiedererstatte, denn ich bin beschftigt.
    Sie zog ein Taschenbuch aus dem groen, schwarzen Sammet-Pompadour,
bltterte darin herum, nahm einen Bleistift zu Hlfe, rechnete eine Weile,
versicherte danach, da sie im entferntesten nicht darauf gehofft htte, da
Herr Tremann ihr auch damit noch zu Hlfe kommen wolle, wie sie sich aber in
einer Lage befinde, in welcher sie benutzen msse, was die Gromuth ihrer
gtigen Gnner fr sie zu thun geneigt sei, und sie schlo endlich mit der
Antwort, da sie fnf Thaler und zwlf Groschen zu der Beerdigung zugeschossen
habe.
    Paul nahm einen Zehnthalerschein aus seiner Kasse. Als die Kriegsrthin ihre
Brse hervorholte und Miene machte, nach dem Gelde zu suchen, welches sie
herauszugeben hatte, sagte er ihr, sie mge sich nicht bemhen, sondern den
Ueberschu fr etwaige noch nachtrgliche Ausgaben behalten. Damit hoffte er,
indem er ihr ein Lebewohl bot, ihrer nun auch ledig zu sein. Inde sie erhob
sich zwar von ihrem Sitze, aber sie blieb nahe bei dem Pulte stehen, sah sich im
Zimmer mehrmals um, schien gehen und dann doch wieder nicht gehen zu wollen, so
da Paul, obschon er das Erknstelte in ihrem Betragen klar durchschaute, sich
doch veranlat fand, sie zu fragen, was sie suche oder was sie sonst noch etwa
wolle und begehre.
    Was htte ich hier zu suchen, rief sie mit einem Seufzer, oder was knnte
ich Anderes begehren, als Ihnen, mein verehrter Herr Tremann, meine Dankbarkeit
fr alle Ihre Wohlthaten an meinem lieben, seligen Weienbach zu beweisen! Und
ich glaube, ich kann das, ich kann das wirklich, so wie ja die Maus auch dem
Lwen helfen konnte! - Sie sah sich nochmals in dem Zimmer um, trat dann an das
Pult heran und sprach: Ich wei nicht, Herr Tremann, in wie weit Sie von der
Liebschaft unterrichtet sind, welche die Cousine und Pflegemutter Ihrer Frau
Gemahlin mit dem Grafen Gerhard von Berka seiner Zeit gehabt hat; aber ....
    Sie hielt inne, da Paul's finstere Miene ihr Scheu einflte. Er lie sie
schweigend stehen, denn er war peinlicher berhrt, als er es ihr zu zeigen fr
nthig fand, und er ging mit sich zu Rathe, ob er sie sprechen lassen oder sie
von sich weisen solle. Aber obgleich jedes ihrer Worte ihm durch den Ton und die
pltzliche Vertraulichkeit dieser Frau zu einer doppelten Krnkung wurde,
entschlo er sich endlich doch, sie anzuhren.
    Was bringt Sie dazu, mir die Frage vorzulegen, welche Sie an mich gerichtet
haben? fragte er sie.
    Meine Dankbarkeit, Herr Tremann, nur meine Dankbarkeit, und, setzte sie
hinzu, auch die alte Freundschaft fr das Flies'sche Haus. Freilich hat Seba es
jetzt ganz vergessen, da ich's gewesen bin, die sie zuerst unter die Menschen
und in die Gesellschaft gebracht hat, und da ich ihre Manieren und ihre Haltung
formirte. Ich habe auch, was an mir gewesen ist ....
    Ich bin sehr beschftigt, unterbrach sie Paul, dem die Weise der
Kriegsrthin immer unleidlicher werden mute, und der zu merken anfing, worauf
es abgesehen war. Ich bin sehr beschftigt, haben Sie also die Gte, Sich an das
Wesentliche zu halten, Frau Kriegsrthin!
    Wie Sie wnschen, wie Sie wnschen! versicherte sie. Aber, Herr Tremann,
erlauben Sie mir nur zu meiner Rechtfertigung noch ein paar Worte. Sie sind ein
erfahrener Mann, Herr Tremann, und Sie haben gewi die Frauen kennen gelernt.
Sie wissen, wie die Mdchen sind. Seba lie sich nicht abhalten, an den Herrn
Grafen zu schreiben, Brief auf Brief und Jahr und Tag. Das war sehr unrecht, und
ich sagte ihr immer ....
    Und diese Briefe? fragte Paul, der seine Ungeduld nur mhsam unterdrckte.
    Die Kriegsrthin schlug die Augen nieder. Diese Briefe besitze ich, sagte
sie.
    Sie besitzen diese Briefe - Sie? Wie kommen Sie dazu? fuhr Paul auf, dem das
Blut in die Wangen stieg, obschon er seiner Emprung und seinem Zorne Gewalt
anthat. Wie kommen Sie, Frau Kriegsrthin, zu diesen Briefen?
    Sie machte eine Bewegung mit beiden Hnden, als wolle sie andeuten, sie
knne sich dessen kaum erinnern. Ich fand mich, Sie wissen es ja, Herr Tremann,
als mein armer, guter Weienbach seiner Versuchung unterlegen war, genthigt,
mir mein Brod zu suchen. Da nahm Graf Berka mich als Haushlterin, und ich kann
sagen, als eine Freundin in sein Haus, und ....
    Und er, Graf Berka, also ist's, der Ihnen diese Briefe bergeben hat? fragte
Paul bestimmt.
    Die Kriegsrthin schlug voll Demuth ihre Blicke nieder. Der Herr Graf hatte
keine Geheimnisse vor mir, sagte sie. Er wute, da man mir vertrauen knne,
und, fgte sie hinzu, dchte ich nicht, da ich nicht mehr jung bin, da der
Herr mich abberufen und diese Briefe dann einmal in unbedachte Hnde fallen
knnten, so htte ich gegen Sie, Herr Tremann, und gegen Niemanden dieser
Angelegenheit erwhnt. Aber Mademoiselle Flies hat mich nicht vorgelassen; hat,
als ich ihr geschrieben, meinen Brief zurckgeschickt - was sollte ich da
machen?
    Paul's Verachtung gegen die Kriegsrthin, seine Verachtung gegen den Grafen,
der solche Briefe aufbewahren und sie, wenn man das wenigst Schlimme von ihm
denken wollte, so schlecht aufbewahren konnte, da sie einer Person wie dieser
in die Hnde fallen mochten, schwellten die Adern auf seiner Stirn.
    Wo sind die Briefe? fragte er kurz und kalt.
    Die Kriegsrthin brachte aus ihrem Pompadour ein ansehnliches Packet Papiere
hervor, das mit einer Schnur ber Kreuz zusammengebunden war.
    Hier, sagte sie; aber sie reichte sie Paul nicht hin, sondern hielt sie
fest, als frchte sie, da sie ihr entrissen werden knnten.
    Sind das die Briefe alle, welche Graf Berka von Mademoiselle Flies erhalten
hat?
    Alle, so viel ich wei.
    Paul ging mit sich zu Rathe; die Kriegsrthin verwandte kein Auge von ihm.
    Was verlangen Sie fr diese Briefe? fragte er darauf.
    Die Kriegsrthin lie einen Ausruf der Entrstung hren. Sie betheuerte, da
es ihr nur darauf angekommen sei, dem Wohlthter ihres Gatten ihre gute und
anhngliche Gesinnung zu bezeigen, um wo mglich seine Geneigtheit und das
Zutrauen, das er doch einst zu ihr gehabt habe, wieder zu erlangen. Sie brachte
es endlich bis zu der unter Thrnen gethanen Erklrung, da sie, die Kinderlose,
sich immer der Hoffnung hingegeben habe, sich in ihrem Pfleglinge einen Sohn zu
erziehen; aber Seba habe sie durch ihr Dazwischentreten auch um dieses Glck
gebracht, und sie wrde in ihren Herzensergssen kein Ende gefunden haben, htte
Paul sie nicht noch einmal mit der nackten Frage unterbrochen, was sie fr die
Briefe fordere.
    Ihren Beistand - weiter nichts! rief die Kriegsrthin, sich die Augen
trocknend.
    Paul schttelte verneinend das Haupt. Ich bin nicht gewohnt, solche Wechsel
in Blanco auszustellen. Nennen Sie die Summe.
    Sie haben fr meinen Mann so viel gethan ....
    Tuschen Sie Sich nicht, Frau Kriegsrthin, ich bin nicht im entferntesten
gesonnen, auch nur irgendwie ein Aehnliches fr Sie zu thun! bedeutete er ihr.
    Aber, hob sie noch einmal an, wenn ich diese Briefe ....
    Da hielt sich Paul nicht lnger. Wenn Sie die Unwrdigkeit begehen sollten,
von diesen Briefen irgend einen Gebrauch zu machen, der Mademoiselle Flies
verletzen knnte, so wrde ich zunchst den Grafen Gerhard fragen, auf welche
Weise Sie in den Besitz derselben gelangt sind! sagte er.
    So wahr Gott lebt, ich habe sie von ihm selbst! rief die Kriegsrthin
erschrocken aus.
    Dann behalten Sie sie; aber ich mache von dieser Stunde ab den Grafen
verantwortlich fr jeden Mibrauch, den Sie mit denselben treiben! Und nun,
Adieu, Frau Kriegsrthin! - Er drehte ihr den Rcken und wollte das Zimmer
verlassen.
    Darauf jedoch hatte sie es nicht abgesehen. Sie trat rasch hinzu, legte die
Briefe auf sein Pult und sagte: Sie mitrauen mir, Herr Tremann; aber wie
unrecht Sie mir auch thun, ich will es Ihnen nicht vergelten. Da sind die
Briefe! Seba soll sehen, ob ich ihre Freundin war und bin. Da sind die Briefe -
alle! Thun Sie nun, was Ihnen von Ihrem Herzen und von Ihrer Generositt geboten
wird.
    Sie blieb stehen. Paul nahm eine Feder in die Hand. Was denken Sie jetzt zu
unternehmen, da Ihr Mann gestorben ist?
    Der Herr Graf hat mir schon lngst dazu verhelfen wollen, da ich eine
Concession erhielte, mblirte Zimmer zu vermiethen; aber um das anzufangen, um
die Mbel anzuschaffen ....
    Brauchen Sie Geld, natrlich! Wie gro ist die Summe, deren Sie zu bedrfen
glauben?
    Ich habe mir das oftmals ausgerechnet; dreihundertfnfzig Thaler wren doch
das Wenigste - das Allerwenigste! meinte sie.
    Paul fand diese Summe viel zu hoch. Nach einigen kurzen Erklrungen wurden
sie jedoch des Handels einig. Er lie sich von ihr einen Schein unterschreiben,
da sie ihm gegen die von ihm empfangene Summe smmtliche in ihrem Besitze
gewesenen Briefe Seba's an den Grafen Berka ausgehndigt habe, so da, falls
noch jemals derartige Briefe zum Vorschein kommen sollten, sie als Flschung
anzusehen wren. Und nachdem die Kriegsrthin sich noch verpflichtet hatte, sich
niemals mehr, weder schriftlich noch mndlich, an Seba zu wenden, zahlte er
selbst ihr die bedungene Summe aus und entlie sie, froh, sich ihrer endlich
entledigen zu knnen.
    Als er allein war, sah er die von der Kriegsrthin nach ihrem Datum
geordneten Briefe noch einmal flchtig an. Die vergilbten Bltter rhrten ihn.
Er dachte all der trgerischen Hoffnungen, all der verzweifelnden Leidenschaft,
mit denen sie geschrieben worden waren, aber er htte ein Heiligthum zu
entweihen geglaubt, htte er gelesen, was nicht fr ihn bestimmt gewesen war. Er
nahm das ganze Pckchen, trat an das Feuer des Kamines, warf die Bltter hinein
und blieb bei ihnen stehen, bis das letzte derselben in Asche zerfiel und
zerstob.
    Die Begegnung mit der Kriegsrthin, die ganze Angelegenheit hatte ihn
verstimmt; inde er war mit derselben noch nicht am Ende, denn er hatte seine
Abrechnung noch mit dem Grafen selbst zu halten, um Seba wo mglich ein fr alle
Mal vor den Verletzungen, die ihr von dieser Seite kommen konnten, sicher zu
stellen, und er beschlo nach kurzem Ueberlegen, dies sofort zu thun.
    Hochgeborener Herr! schrieb er. Ich habe so eben von Ihrer ehemaligen
Haushlterin, der verwittweten Kriegsrthin Weienbach, eine Reihe von Briefen
erhalten, die eine edle und von mir hochverehrte Frau in dem Vertrauen
jugendlicher Liebe und in dem Glauben an die Ehrenhaftigkeit des von ihr damals
geliebten Mannes geschrieben hat. Beides, ihre Liebe wie ihr Vertrauen, waren
ein Irrthum, und ich wnsche sie vor jeder unangenehmen Erinnerung an dieselben,
wie sie ihr durch die Weienbach leicht bereitet werden knnte, fortan zu
bewahren. Indem ich es unerrtert lassen will, auf welche Weise jene Briefe in
die Hnde und den Besitz der Kriegsrthin, die sie mir gegenber als einen
Handelsartikel zu betrachten fr angemessen hielt, gelangt sind, erlaube ich
mir, bei Ew. Hochgeboren anzufragen, ob sich vielleicht noch andere Briefe jener
Dame in Ihrem Gewahrsam befinden. Sollte das der Fall sein, so bin ich nach der
heute gemachten Erfahrung gezwungen, Ew. Hochgeboren an die Herausgabe dieser
Briefe als an die Erfllung einer sittlichen Pflicht zu erinnern, wogegen ich
Ihnen auf mein Wort versichern kann, da in dem Besitze der betreffenden Dame
nichts, gar nichts mehr vorhanden ist, was an Sie erinnern knnte. Ich habe es
wohl nicht nthig, Ew. Hochgeboren noch besonders darauf aufmerksam zu machen,
da die Schreiberin jener Briefe von dem Mibrauche, der mit denselben getrieben
worden ist, nicht Kenntni hat und nicht Kenntni erhalten wird. Diese
Beleidigung und Krnkung sind von ihr durch mich glcklicher Weise abgehalten
worden. Die Angelegenheit ist also zwischen Ew. Hochgeboren und mir zu ordnen,
und ich habe dabei nur noch zu bemerken, da ich der Kriegsrthin gegenber
meine Maregeln in der Art genommen habe, da neue Ansprche und Erpressungen
auf Anla hnlicher Papiere von ihrer Seite knftig nicht mehr zu befrchten
sind. Ihrer baldigen Antwort entgegensehend
                                                                  Paul Tremann.

Er hatte diesen Brief eben erst einem Boten zur Besorgung gegeben und wollte
sich in das Comptoir verfgen, in welchem inzwischen seine Gehlfen angekommen
und an ihre Arbeit gegangen waren, als man ihm den Freiherrn von Arten-Richten
meldete.
    Es war seit lange von der Rckkehr desselben die Rede gewesen, aber sie kam
Paul doch jetzt vllig unerwartet, und weil er voraussah, da die Besprechung,
welche er mit Renatus haben mute, eine lngere Zeit erheischen wrde, begab er
sich erst zu seinen Leuten, um mit ihnen das Nthige zu bereden und ihnen seine
Befehle zu ertheilen, whrend er den Freiherrn ersuchen lie, ihn in dem
Privatzimmer, in welchem Paul sich bis dahin aufgehalten hatte, zu erwarten.
    Renatus war der Gang zu diesem Besuche schwer geworden, und die Bemerkungen
des Grafen Gerhard hatten nicht dazu beigetragen, ihm denselben zu erleichtern.
    Er war beunruhigt durch den Gedanken, wie Paul im Grunde ber ihn und ber
jene seine Manahme urtheilen mge, nach welcher er ihm vor Jahren seine
Angelegenheiten anvertraute. Er fr sein Theil war jetzt sehr geneigt, diesen
Schritt fr eine romantische und gromthige Unbesonnenheit zu halten, um
derentwillen er von sich nicht schlechter dachte, die er aber doch bereute. Der
Graf hatte ihm mit seiner Schilderung der rastlosen Habgier, die jedem Kaufmanne
inne wohnen sollte, ein widerwrtiges Bild in die Seele gedrckt; inde weder
das Haus, in das er getreten war, noch der Raum, in welchen man ihn jetzt
gewiesen hatte, stimmten mit des Grafen Voraussetzung zusammen.
    Der wohlanstndige Hauswart, der ernsthafte Diener in schwarzer,
brgerlicher Kleidung, die mit Teppichen nach englischer Weise belegten Fluren
und Korridors, auf denen der Tritt nicht hrbar war, konnten eben so wohl in dem
Hause einer Herzogin ihren Platz finden, und dieses Zimmer, in welchem Renatus
den Kaufmann zu erwarten hatte, trug vollends ein beruhigendes Geprge. Die
dunklen Tapeten, die zurckgezogenen dunklen Fenstervorhnge, der groe
Schreibtisch und die wenigen schweren Armsthle, die in dem Zimmer standen,
sahen sehr wrdig aus. Die groen Special-Landkarten an den Wnden, die nicht
unbedeutende Bibliothek, welche die eine Seite des Gemaches einnahm, und eine
Reihe von Modellen zu Maschinen, die auf einem der Tische aufgestellt waren,
htten auch in das Zimmer eines Gelehrten gehren knnen. Renatus, der viel
Freude an allem Zusammenstimmenden besa und durch den Anblick desselben, wie
durch eine angenehme Luft, sehr leicht besnftigt wurde, htte sich
wahrscheinlich auch jetzt diesem wohlthuenden Eindrucke bereitwillig hingegeben,
htte ihm nicht die ihm bevorstehende Unterredung mit ihren unerllichen
Errterungen gar zu schwer auf dem Herzen gelegen und htte er es verschmerzen
knnen, da er hier als ein Fremder auf den Herrn eben dieses Hauses warten
mute, das einst seiner Familie angehrt hatte.
    Er hatte auf die Einladung des Dieners in einem der alterthmlichen
Lehnsthle Platz genommen, die vor dem Kamine standen, und wie er von dem
knisternden Feuer zu den Ausschmckungen des Simses hinaufblickte, leuchtete ihm
das Arten'sche Wappen mit seinem fortis in adversis, hell von den Flammen
angestrahlt, vertraut und doch schmerzlich entgegen. Er zweifelte nicht, da
auch diese hochlehnigen Eichensessel, da der schwere, schn geschnitzte Tisch,
der jetzt den Modellen und Maschinen zum Trger diente, da diese groe,
altmodische Uhr einst Arten'scher Besitz gewesen waren, welcher bei der
Versteigerung des Hausrathes an die neuen Eigenthmer direkt oder indirekt
bergegangen war; und ungeduldig den groen, langsam fortrckenden Zeiger der
Uhr verfolgend, wollte er sich eben erheben, als die Thre, welche nach dem
Comptoir ging, sich lautlos ffnete und, eben so lautlos hereintretend, der Herr
dieses Hauses vor ihm stand.
    Willkommen in Deutschland! sagte er; und ich bitte um Verzeihung, da ich
Sie warten lie! Ich war dazu genthigt, um jetzt vllig zu Ihrer Verfgung zu
sein. Seit wann sind Sie zurck?
    Renatus antwortete, da er schon gestern gekommen sei; aber er konnte sich
in den geschftsmigen, wennschon sehr verbindlichen Ton des Andern nicht
gleich finden, er konnte berhaupt sich noch nicht Rechenschaft von demjenigen
geben, was in ihm vorging. Das Arten'sche Gesicht, Paul's mit jedem Lebensjahre
wachsende Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Freiherrn verfehlten ihre Wirkung
auch jetzt wieder nicht auf dessen Sohn. Aber dieser Mann in der dunkeln,
brgerlichen Tracht, auf dessen hoher Stirn die Sorge ihre Spur in leichten
Furchen zurckgelassen hatte und in dessen braunem Gelocke hier und da bereits
ein weier Silberfaden schimmerte, war das noch derselbe Offizier, der feurige
Krieger, der einst wie ein Sanct Georg mit seinem flammenden Schwerte zwischen
Renatus und den Tod getreten war? Auch jenem Jnglinge, mit dem der junge
Freiherr einst in Seba's Zimmer so feindselig an einander gerathen war, glich
Paul jetzt nicht mehr. Die frische Farbe seines Antlitzes war bleicher geworden,
alle seine Zge hatten sich gefestet. Der Mund, der Blick der Augen waren
ernster, die Stimme selbst dnkte Renatus tiefer geworden zu sein, und wie ihm
damals der Schwung und das Feuer des jungen Fremden eine unruhige Eifersucht
eingeflt hatten, so setzte ihn jetzt etwas Mchtiges, etwas Gebieterisches in
dem Wesen dieses Mannes in Verwunderung, obschon er selbst sich ihm gegenber,
in der glnzenden Uniform, in der straffen, regelrechten Haltung, mit dem Degen
an der Seite, entschieden als der Vornehmere, als das Mitglied einer hheren
Kaste bednkte. Auch war es ein Ton nachlssiger Vornehmheit, mit welchem er
Tremann aufforderte, sich gar nicht zu geniren, er knne warten, denn er habe
Zeit.
    So besitzen Sie, antwortete Tremann ihm in der frheren, freien Weise, was
mir in der Regel fehlt, und ich denke, wir machen uns eben dehalb gleich an
unsere Geschfte. Wollen Sie ablegen? Ich bitte!
    Renatus, der bis dahin nicht ohne Absicht noch immer seinen Sbel an der
Seite und seinen Czako in der Hand behalten hatte, hakte den Sbel los, stellte
ihn in die Fensterbrstung, stlpte den Czako darber, zog die Handschuhe aus,
fuhr sich, in den Spiegel blickend, der ber dem Kamine hing, einige Male mit
der feinen Hand durch sein wohlgepflegtes, blondes Haar und setzte sich dann mit
einem unterdrckten Seufzer, wie Einer, der an eine schwere Arbeit geht, an dem
Tische nieder, an welchem Tremann bereits vor ihm Platz genommen und auf dem er
verschiedene Aktenstcke und Papiere ausgebreitet hatte.
    Sie waren eigenthmlich anzusehen, der schne, krftige Geschftsmann, der
mit selbstgewisser Sicherheit sich zu seiner Arbeit anschickte, und der jngere,
eben so schne und krftige Offizier, dem sich das Unbehagen an dem Ungewohnten,
das er ber sich zu nehmen hatte, in jedem Zuge ausprgte. Mit jener kurzen
Uebersichtlichkeit, zu welcher es nur ein sehr klarer Kopf bei vlliger
Beherrschung seines Stoffes bringt, setzte Tremann dem Freiherrn den Zustand aus
einander, in welchem dessen Vermgensverhltnisse sich befnden. Er wiederholte
ihm und erklrte ihm ausfhrlicher, als es in seinen Briefen geschehen war, da
die allmhlich aufgehufte Schuldenlast und die daraus erfolgenden Zinszahlungen
es jetzt vllig unmglich machten, die Angelegenheiten in der gewohnten Weise
fortzufhren, und er kam darauf zurck, da es groer, durchgreifender
Entschlsse bedrfe, wenn man zufriedenstellende Erfolge erzielen wolle. Er trug
die Summen zusammen, welche allmhlich auf Rothenfeld und Neudorf aufgenommen
worden waren, erinnerte Renatus daran, da man sein mtterliches Capital,
welches der verstorbene Freiherr zur ersten Stelle auf Richten eintragen lassen,
noch vor dem Ausbruche des Krieges mit der Zustimmung von Renatus auf eine
zweite Hypothek gestellt habe, weil es nothwendig gewesen sei, neue namhafte
Capitalien herbeizuschaffen, die man gegen dritte Hypotheken nicht habe erhalten
knnen, und schlielich hielt er dann den gegenwrtigen Werth der Gter jener
Schuldenlast gegenber, welcher dieselbe freilich noch immer berstieg, aber
doch nicht mehr in solcher Weise berstieg, da es fr Renatus mglich gewesen
wre, sich noch als einen reichen Mann zu betrachten.
    Die unwiderlegliche Gewalt der Zahlen bte auf Renatus in diesem Falle eine
erschreckende Wirkung. Inde er war von Jugend auf gewohnt, mit sicheren
Hoffnungen, mit dem Glauben an das Fortbestehen seiner ausgezeichneten
Verhltnisse in die Zukunft zu sehen, und sich von dem unangenehmen Eindrucke
rasch emporraffend, sagte er mit der vornehmen Leichtigkeit, die er ebensowohl
als der verstorbene Freiherr, wenn es ihm pate, anzunehmen wute: Das klingt
allerdings bedenklich und wrde auch bedenklich sein, wenn man genthigt wre,
in diesen immer noch ungnstigen Zeiten zu dem Verkaufe eines solchen Besitzes
zu schreiten; glcklicher Weise ist das nicht der Fall!
    Tremann, der mit groem Bedachte und reiflichem Ernste seine
Auseinandersetzungen gemacht und sich dabei so schonend als mglich geuert
hatte, weil er gerecht genug war, den jungen Freiherrn nicht fr die ungnstige
Lage verantwortlich zu machen, in welche seine Gter durch die Schuld seines
Vaters gebracht worden waren, fhlte sich durch das ganze Betragen und durch die
Leichtfertigkeit des Freiherrn doch bewogen, diese Schonung nicht weiter zu
ben, und trocken und ohne allen Umschweif sagte er: Wie die Weltlage und unsere
industriellen und gewerblichen Verhltnisse sich mir darstellen, ist ein rasches
Steigen der Gterpreise nicht vorauszusehen, und wenn Sie Sich jetzt nicht
entschlieen, Neudorf und Rothenfeld so bald als mglich zu verkaufen, werden
Sie nach drei Jahren nicht mehr im Stande sein, auch nur Richten zu behaupten.
    Renatus wurde pltzlich bla. Er konnte die frhere leichte Weise solchem
Ausspruche gegenber nicht mehr aufrecht erhalten, und Tremann schien es auch
gar nicht auf eine Gegenuerung von ihm abgesehen zu haben. - Ich mute mich,
fuhr er fort, als ich mich, Ihrem Wunsche gem, dem Amte unterzog, das mein
verstorbener Compagnon nach Ihres Herrn Vaters Tode von Ihnen bernommen hatte,
erst selber genauer ber eine Menge von landwirthschaftlichen Fragen und
namentlich ber die Zustnde in Ihren Provinzen unterrichten, da man ohne eine
vollstndige Einsicht in diese Dinge nur ein schlechter Berather sein wrde, und
der ehemalige Amtmann Ihres Herrn Vaters, der Gutsbesitzer Steinert, ist mir
dabei mit seiner Einsicht und, ich darf sagen, mit seinem guten Willen, Ihnen
behlflich zu sein, sehr ntzlich gewesen. Nach seinen Mittheilungen ist seit
fast dreiig Jahren, seit dem Tode Ihres Grovaters, wie Steinert es nannte, so
gut wie gar nichts in die Gter hineingesteckt, wohl aber alles aus ihnen
herausgezogen worden, was sie irgend herzugeben vermochten. Der Krieg und die
untchtige Verwaltung des jetzigen Amtmanns, mit dem man aus Vorschnelle und
Bequemlichkeit, ohne ihn zu kennen, auf lange Jahre hinaus einen Vertrag gemacht
hatte, der ihn halbwegs wie einen Pchter hinstellt, der aber keine Caution
irgend einer Art geleistet hat, sind unheilvoll dazugekommen. Die Gter befinden
sich in dem vlligsten Verfalle. Sie haben allerdings in Richten ein groes
Schlo, in Neudorf eine Kirche und ein Pfarrhaus, in Rothenfeld die neue
katholische Kirche und daneben sogar noch jene Art von Seminar. Das sind
Baulichkeiten genug, aber es sind unfruchtbare, geldkostende Gebude, und es
fehlt an allem Nthigen - es fehlt an Scheunen und an Stllen, es fehlen
Wohnungen fr eine grere Anzahl Leute, die herbeigezogen werden mten, wenn
man die Verbesserung des Bodens ernstlich betreiben wollte. Man mte vierzig,
fnfzig Tausend Thaler in die Hand nehmen knnen, um auf den drei Gtern nur die
nothwendigsten Gebude herzustellen. Man mte eine eben so groe Summe
anwenden, um ein Vieh-Inventar herbeizuschaffen, wie es einem solchen
ausgesogenen Gter-Complexe nothwendig wre, und mte die Mittel haben, durch
die ersten Jahre nicht nur diesen Viehstand, sondern auch die Leute vllig
durchzuhalten, bis die Gter selber den Aufwand wieder tragen knnten. Wo wollen
Sie diese Capitalien, diese Mittel finden? Wie wollen Sie es machen, diese neuen
Capitalien besten Falles aus dem gegenwrtigen Ertrage der Gter, neben den
ohnehin laufenden alten Zinsen zu verzinsen?
    Er nahm, da Renatus keine Antwort darauf zu geben vermochte, die Papiere zur
Hand, welche den letzten Jahresabschlu des Amtmanns enthielten, und jene andern
Berichte, die er sich vierteljhrlich von ihm hatte senden lassen. Der
gegenwrtige Reinertrag der Wirthschaft hatte, da Renatus sich allmhlich in der
franzsischen Hofgesellschaft auch an einen greren Aufwand gewhnt hatte, kaum
die Hhe der Summe erreicht, welche er sich in den beiden letzten Jahren als
Zuschu nach Paris hatte nachsenden lassen, und um den Haushalt und die
Bedrfnisse der Baronin und ihrer Gste zu bestreiten, hatte man gelegentlich
von den Kaufleuten in den kleinen, den Gtern nahe gelegenen Stdten einzelne
Betrge in verschiedener Hhe entnommen, die sie, weil alle diese kleinen
Kaufleute die Vermgenslage des Freiherrn kannten, nur unter den ungnstigsten
Bedingungen hergegeben hatten. Sie waren, da auch hier sich Zins zu Zins gefgt,
zu einer Summe angewachsen, die Renatus in Erschrecken versetzte, und zum ersten
Male seiner selber nicht mehr Meister, rief er, sich gegen die Stirn schlagend:
Furchtbar, furchtbar! Da ist ja gar kein Ausweg mglich!
    Er war aufgestanden und hatte mit hastiger Hand die Haken und Knpfe seiner
Uniform geffnet, es wurde ihm angst und bange. Wie verkrpert stiegen die
Berechnungen gewaltig vor ihm in die Hhe und drngten auf ihn ein. Alle, alle,
alle gegen den Einen, gegen ihn! Hier war fr ihn kein Durchhauen mglich - und
hier zu unterliegen war nicht, wie in einer guten Sache auf dem Schlachtfelde,
eine Ehre - hier zu unterliegen war ein Schimpf!
    Tremann, der ihn seit dem Beginne ihrer Unterredung genau beobachtet hatte,
errieth und sah, was in dem jungen Freiherrn vorging, und, wie bei allen
tchtigen Menschen, waren seine Theilnahme und sein Mitleid leicht erregbar, wo
er an die Mglichkeit einer nachhaltigen Hlfe glauben konnte.
    Nur Muth, Herr von Arten! rief er; die Sache steht allerdings nicht
sonderlich, doch ist sie keineswegs verloren, noch ist sie zu halten, Sie mssen
nur den Muth nicht sinken lassen!
    Aber der natrliche und wohlgemeinte Zuspruch brachte auf das jetzt doppelt
verletzbare Gemth des Freiherrn nicht die beabsichtigte Wirkung hervor; denn
die feinen Augenbrauen zusammenziehend, sagte er: An Muth hat es noch keinem
Arten je gefehlt, und wenigstens diese Eigenschaft unseres Hauses geht mir
sicherlich nicht ab.
    Tremann lie diese unberechtigte Gereiztheit vllig unbeachtet. Mit einer
beruhigenden Milde, die seinem ernsten Antlitze eine Schnheit verlieh, gegen
welche Renatus selbst in diesem Momente sein Auge nicht verschlieen konnte,
sprach er: Es konnte mir nicht einfallen, Herr von Arten, an Ihrem Muthe, an dem
sogenannten Heldenmuthe in Ihnen zu zweifeln, der im entscheidenden Augenblicke
mit Selbstvergessenheit sein Leben daran zu geben wei. Mich dnkt, in dieser
Art von Muth haben wir beide Gelegenheit gehabt, unsere Proben abzulegen. Er
hielt inne, als wolle er dem Andern die Zeit vergnnen, sich auszusprechen; da
Renatus aber schwieg und sein Antlitz sich nicht erhellte, sagte Tremann
nachdrcklich, wennschon mit derselben unerschtterlichen Gelassenheit: Es gibt
aber einen Muth, der weniger leicht zu behaupten ist, als jener von der
fortreienden Macht einer begeisterten Masse, oder von der Erregung eines
gewaltigen Augenblickes erzeugte Heldenmuth; ich meine den moralischen Muth,
jenen guten, stillen Muth des Mannes, der seine Ehre darein setzt, sich mit
aller seiner Kraft in verschuldetem oder nicht verschuldetem Migeschicke zu
behaupten, der entschlossen ist, mit jahrelang whrender Arbeit, mit Sorgen und
Mhen, die Niemand sieht und die in vielen Fllen Niemand sehen und kennen darf,
seinen Verpflichtungen zu gengen, und der herstellen und schaffen will, was fr
ihn und fr Andere das Geforderte und Gebotene ist. Fhlen Sie von diesem
schweigenden, beharrlichen, recht eigentlich brgerlichen Muthe etwas in Sich,
Herr von Arten - nun, so brauchen Sie ber Ihre Lage noch keineswegs zu
erschrecken, denn ich wiederhole es Ihnen: noch ist Hlfe mglich!
    Renatus konnte sich gegen die Wrdigkeit dieses Mannes nicht verschlieen,
zugleich aber fhlte er jenen hochmthigen Arten'schen Aberglauben noch einmal
in sich rege werden, der erst gestern dem Grafen Gerhard Anla gegeben hatte,
ihn zu verspotten. Zum zweiten Male stellte dieser Tremann sich zwischen ihn und
eine ihm drohende Gefahr. Er hatte ihm im Kampfe der offenen Feldschlacht einst
durch seinen Muth das Leben erhalten; wehalb sollte er von dem Schicksal nicht
auch bestimmt sein, ihn eben so vor dem andern Untergange zu bewahren, der ihm
jetzt zu drohen schien? Und von der Bewegung, in welche dieser Gedanke ihn
versetzte, ber seine sonstige enge Schranke des Empfindens fortgerissen, rief
er pltzlich: Soll ich Ihnen - er wollte hinzusetzen: eben Ihnen denn Alles zu
verdanken haben? - Aber er unterdrckte diesen Zusatz, und obschon Paul das wohl
bemerkte, focht es ihn nicht an. Im Gegentheil, dasjenige, was Renatus aufregte,
dnkte ihn nur ein ganz Natrliches zu sein. Er hatte dem jungen Manne, der an
sich vllig schuldlos an allem demjenigen war, was in Paul's Schicksal mit den
Schicksalen der Herren von Arten zusammenhing, mit Gefahr des eigenen Lebens das
Leben gerettet; es erschien ihm also, da er sich einmal bereitwillig hatte
finden lassen, die Arten'schen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, eben
dehalb jetzt nur folgerecht, da er, so viel an ihm war, auch dazu that, den
Freiherrn auf den Weg zu weisen, auf welchem er sein Leben ehrenhaft und wrdig
weiter fortzufhren vermochte.
    Ich war, hob Paul nach kurzer Unterbrechung also wieder an, da ich nach fast
vierjhriger Abwesenheit aus dem Felde kam, Ihnen will ich es zu Ihrer
Ermuthigung bekennen, ziemlich in der gleichen Lage, in der Sie gegenwrtig
sind. Mein Vorgnger hatte mit den Anforderungen der Zeit nicht Schritt zu
halten vermocht, wir waren durch seine Schuld in die bedenklichsten Geschfte
und Unternehmungen verwickelt, es waren bereits groe Verluste vorgekommen, und
da ich ohnehin nach dem Willen des verstorbenen Herrn Flies die Capitalien
seiner Tochter gnzlich aus dem Geschfte herauszuziehen hatte, fand ich mich
nach meiner Heimkehr eines Tages auf dem Punkte, an dem ich, um den
augenblicklich auf mich eindringenden Forderungen gerecht zu werden und mit
meinem guten Namen auch meine brgerliche Ehre und meinen kaufmnnischen Credit
zu erhalten, wie ich es Ihnen eben jetzt gerathen habe, Alles an Alles setzen
mute.
    Was heit das in Ihrem Falle? fragte Renatus mit wachsender Spannung.
    Das heit, da ich alles, was ich an Fonds, an Papieren, selbst an
Immobilien besa, unter den ungnstigsten Verhltnissen verkaufen mute, um die
auf unsere Firma laufenden Wechsel einlsen und dem Mitrauen begegnen zu
knnen, das sich durch die in meiner Abwesenheit gemachten unglcklichen
Geschfte und Unternehmungen gegen unser Haus erhoben hatte.
    Es kam ein Abend, sprach er langsam und nachdrcklich, es kam ein Abend, an
welchem ich, nach Wochen und Monaten voll der schwersten Sorgen, voll
schlafloser Nchte, mir sagen mute, da ich jetzt fast so pfenniglos da stnde,
als an dem Tage, an welchem ich in die Welt hinausgegangen war, und mir fehlten
jetzt die feurige Hoffnung der ersten Jugend und die zwanzig Jahre voll rstiger
Kraft, in denen ich mir meinen Weg geschaffen und mein Vermgen erworben hatte.
Ich besa an jenem Abende, setzte er nach einem tiefen Athemzuge mit schwerem,
gewichtigem Tone hinzu, nicht viel mehr, als das Bewutsein, das Rechte gethan
zu haben, nicht viel mehr, als das unbedingte Vertrauen derjenigen, mit denen
ich meine Geschfte gemacht hatte, und die Ueberzeugung, da ich mich auf mich
selbst und auf meine Arbeitskraft verlassen knne. Das aber ist ein Groes! -
Und wieder entstand eine neue Pause.
    Trotz seines starken Herzens hatten die Erinnerungen, welche er eben nicht
hufig in sich zu erwecken gewohnt war, den ernsten Mann erschttert, whrend in
Renatus die widersprechendsten Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen auf und
nieder wogten. Bald fhlte er sich geneigt, sich Tremann mit Bewunderung in
brderlicher Verehrung in die Arme zu werfen; dann wieder bednkte es ihn, als
drfe er demselben, ohne sich etwas zu vergeben, nicht eine Genugthuung
bereiten, deren er jetzt ohnehin schon vollauf genieen mute; denn da ein Mann
das Rechte um des Rechten willen thun, da er frdern und Hlfe leisten knne,
ohne dabei an sich selbst und an die Wirkung zu gedenken, welche diese
Hlfsleistung auf das Gefhl des Gefrderten hervorbringt, das einzusehen, dazu
war die Seele des jungen Freiherrn nicht gemacht. Und doch fhlte er, da er
nicht schweigen drfe, da er Tremann mindestens ein Zeichen seiner dankenden
Anerkenntni schuldig sei.
    Ich bewundere Ihre Entschlossenheit, sagte er endlich, und ich wnschte, ich
befnde mich in so einfachen Verhltnissen, wie Sie, da ich das Gleiche mglich
machen und mich doch behaupten knnte. Unser Standpunkt ist nur wieder sehr
verschieden.
    Tremann sah ihn prfend an. Er hrte aus den Worten des Freiherrn, was in
dessen Seele vorging, aber er gab nichts auf die hochmthige und
vorurtheilsvolle Ueberhebung, mit welcher jener seine Zustnde als ganz
besondere von denen des brgerlichen Kaufmanns abzutrennen suchte; und wie der
Arzt die Ungebhr des Kranken nur als ein Krankheitszeichen ansieht, das ihn
nicht beirren darf, sagte Tremann: Das ist vielleicht nicht so schwer, als es
Sie dnkt, und ich bin bereit, Ihnen meine Ansicht und meine Plane fr Sie
mitzutheilen, wenn Sie mir vorher ein paar Fragen beantworten wollen. Haben Sie
Liebe fr das Landleben? Denken Sie, Sich auf Ihren Gtern aufzuhalten?
    Ich bin auf dem Lande geboren, und die Herren von Arten haben stets auf
ihren Besitzungen gelebt, es ist ein Herkommen unter uns, gab er abermals
ausweichend zur Antwort.
    Das fing Paul endlich doch zu verdrieen an. Wir haben es hier nicht mit
Ihren Familien-Traditionen, Herr von Arten, sondern mit Ihren Mglichkeiten zu
thun, sagte er schrfer, als er bis dahin zu dem Freiherrn gesprochen hatte, und
zu der Uhr emporsehend, fgte er hinzu, da ihm in einer halben Stunde eine
Geschftsbesprechung bevorstehe, da er also genthigt sei, dem Freiherrn in
groen Umrissen die Mglichkeiten und Manahmen vorzuzeichnen, mittels deren er
es fr thunlich halte, die Arten'schen Verhltnisse zu ordnen und durch Rettung
eines Theiles des Vermgens die Mittel zu einer allmhlichen Wiederherstellung
desselben zu gewinnen.
    Er rieth, Neudorf und Rothenfeld sofort zu verkaufen. Fr Neudorf finde sich
in dem Baurath Herbert, der einst die Rothenfelder Kirche aufgefhrt und bei der
Gelegenheit den Werth der Neudorfer Steinbrche habe kennen lernen, ein Kufer,
da der Baurath mit Andern in Gemeinschaft eine regelmige Ausbeutung der Brche
unternehmen mchte. Auch auf Rothenfeld sei ein den Zeitumstnden nach recht
gnstiges Gebot gethan. Nach dem Verkaufe dieser Gter werde Renatus die
Mglichkeit besitzen, seine Wechselschulden zu tilgen, die hoch verzinsten
Hypotheken von Richten theilweise abzulsen und dann Geld von der Landschaft zu
geringern Zinsen auf Richten zu erhalten. Sei dies geschehen, so frage er sich,
ob der Freiherr es nicht vorziehe, im militrischen Dienste zu verbleiben, in
welchem er sich eine ehrenvolle Laufbahn erffnet und den Weg zu weiterem
Vorwrtskommen gebahnt habe. Man mache an einen Privatmann, welchem Stande er
auch angehre, in einer groen Stadt nicht die Ansprche, die man gewohnt sei,
an die Herren von Arten auf ihrem Schlosse zu erheben. Der Hauptmann von Arten
knne in der Stadt sehr standesgem mit dem achten Theile der Summe leben,
welche der Freiherr von Arten einst in Richten alljhrlich ausgegeben habe.
Ueberantworte man Richten einem rechtschaffenen und vermglichen Pchter,
nachdem man die Bauten hergestellt, das Inventarium vervollstndigt und somit
die Mittel vorbereitet habe, welche zur Verbesserung des Gutes unerllich
wren, so werde man sich in der Lage befinden, jhrlich einen Theil der auf
Richten dann noch haftenden Schulden zu tilgen. Noch im rstigsten Mannesalter
aber knne Renatus dann wieder Herr eines Besitzes sein, der bei den
Fortschritten, welche die Bodenkultur nach den neuen Forschungen und Erfahrungen
der Englnder und Franzosen nothwendig auch in Deutschland machen msse, immer
noch ausreichend gro genug sein werde, ihm, wenn er dann den Abschied nehmen
und, nach seinem Familien-Herkommen, sich auf seinem Gute niederlassen wolle,
auch auf dem Lande ein reichliches Leben mglich zu machen und den Seinen ein
schnes Erbe zu werden. Wolle Renatus aber jetzt gleich den Dienst aufgeben, um
sich auf sein Stammgut zurckzuziehen, nun, so bleibe ihm nichts brig, als den
Degen ehrlich mit dem Pfluge zu vertauschen, die Landwirthschaft grndlich als
einen Beruf zu erlernen, die Bewirthschaftung seines Gutes selbst zu bernehmen
und zu sehen, in wie weit es ihm gelinge, mit tchtigen Gehlfen das Gut zu
heben und seine Bedrfnisse mit seinen Einnahmen in das Gleiche zu setzen, wobei
denn freilich auch auf die unberlegten Ausgaben der Baronin Vittoria Rcksicht
genommen, und die Erziehung des jungen Freiherrn Valerio in eine andere Richtung
als bisher geleitet werden mte.
    Renatus hatte ihm schweigend zugehrt. Als Tremann dann geendet hatte,
dankte Jener ihm fr diese gewi sehr richtigen und hchst wohlgemeinten
Auseinandersetzungen und fr seine Rathschlge; aber, sagte er, ich sehe und
fhle, wo der Punkt liegt, den Sie bei Ihren Planen fr meine Unternehmungen
nicht in's Auge fassen und den ich unbercksichtigt zu lassen nicht im Stande
bin, ja, den ich, selbst wenn ich es ber mein Gefhl vermchte, nicht
unbercksichtigt lassen darf. Mein Onkel, Graf Berka, bemerkte mir gestern mit
Recht: dem Kaufmanne, dem brgerlichen Gewerbetreibenden, Ihnen zum Beispiel,
habe alles, was Sie erwerben, nur seinen wirklichen Werth. Alles, was Sie
besitzen, ist Ihnen Geld, ist Ihnen Mittel zum Zwecke. Sie geben selbst den
erworbenen, liegenden Besitz mit voller Freiheit und ohne jegliches Bedenken
auf, sobald es Ihnen pat, und es ndert sich in Ihrem Sein damit nicht das
Geringste, wenn Sie ein Haus, ein Gut kaufen oder es verkaufen und wieder
zurckkaufen, wie der Anla sich eben dazu bietet. Wir aber, wir befinden uns in
einer solchen Lage nicht. Unsere Verhltnisse sind vllig anders. Wir, sagte er
mit besonderer Betonung, wir sind durch langjhrigen Besitz Eins geworden mit
unserem Grunde und Boden, mit unserem Lande und unseren Schlssern. Wir tragen
ihren Namen, sie sind unser Unterscheidungszeichen. Ein junger Baum - setzen Sie
ihn von seinem heimathlichen Boden fern, wohin Sie wollen - er kann auch in der
fremden Erde wachsen und gedeihen. Ein Stamm, der, weithin schattend, durch
Jahrhunderte seine mchtigen Wurzeln durch dasselbe Erdreich forterstreckte ...
    Geht aus, fiel Paul ihm in die Rede, wenn er den Boden ausgesogen hat, aus
dem er seine Nahrung schpfte.
    Das ist wohl mglich, entgegnete Renatus mit einem Ausdrucke von Schwermuth
in seiner Stimme, die der Andere an ihm noch nicht wahrgenommen hatte, das ist
mglich; aber es ist sicher, wenn Sie es unternehmen, ihn zu entwurzeln und ihn
zu verpflanzen. Und tief aufathmend, setzte er hinzu: Sie sprechen zu mir mit
einem Antheile, den ich dankbar anerkennen mu. Inde Sie haben nur die eine
Seite meiner Verhltnisse im Auge, und Sie vermgen die andern in ihrer ganzen
Bedeutung wohl nicht zu ermessen. Sie sagen mir: verkaufen Sie Neudorf. Aber
Neudorf war der erste Besitz unseres Hauses. Der Hochmeister Winrich von
Knipprode belehnte im vierzehnten Jahrhundert meinen Ahnherrn, nach der Schlacht
von Rudau, mit der Feldmark Neudorf. Neudorf ist seit nahezu vierhundert Jahren
unser Eigenthum. Es wre mir, wenn ich Neudorf fortgbe, als zge ich mir den
Boden unter den eigenen Fen fort, um mich darauf zu verlassen, da ich im
Nothfalle fliegen lernen werde. Das vermag ich nicht. Sie sagen mir: verkaufen
Sie Rothenfeld, und Sie bedenken nicht, da in der Rothenfelder Kirche, die
meine Eltern aufgerichtet haben, jetzt die Gebeine meiner Eltern, meiner Ahnen
ruhen, da ich von ihnen die fromme Pflicht ererbte, in Rothenfeld eben jenes
Stift fr katholische Knaben zu erhalten.
    Es wird Ihnen das in keinem Falle lange mehr mglich sein, warf Paul
abermals dazwischen, auch wenn Sie Sich nicht zu der gedachten durchgreifenden
Aenderung vermgen.
    Und nun vollends Richten verpachten, das Haus verden lassen, sagte Renatus
wie zu sich selber, das seit mehr als hundertfnfzig Jahren uns von Geschlecht
zu Geschlecht geboren werden und sterben sah? Unmglich, ganz unmglich - es mu
einen anderen Ausweg geben!
    Tremann erhob sich; seine Geduld war erschpft, seine freie Zeit zu Ende.
Ich begreife Ihre schmerzlichen Empfindungen, sagte er, und ich hatte nicht
erwartet, da Sie Sich leichten Herzens zu den schweren Schritten entschlieen
wrden. Aber tuschen Sie Sich darber nicht, Herr von Arten, Sie haben keine
Zeit, Sich Ihren Empfindungen zu berlassen. Ich sehe, und es gibt sicherlich
fr Sie keinen anderen Ausweg, als den, welchen ich Ihnen angedeutet habe. Sie
mssen Neudorf und Rothenfeld verkaufen, Sie mssen Richten verpachten, wenn Sie
Sich nicht zu persnlicher Arbeit bequemen mgen, die, wie ich frchte, auch
gegen Ihre bisherigen Gewohnheiten und wahrscheinlich ebenfalls gegen die
Ueberlieferungen Ihres Hauses verstt. Ich habe das Amt, mit dem Sie mich
betrauten, nur bis zu Ihrer Rckkunft bernommen. Wollen Sie Sorge dafr tragen,
da Ihrer Frau Stiefmutter jetzt ein anderer Curator, Ihrem Bruder baldigst ein
anderer Vormund gegeben werde, und wollen Sie es mir ermglichen, da ich in
Blde die Papiere, die ich in meiner Obhut habe, einem Anderen, vielleicht
weniger Beschftigten berliefern kann, so wird das meinen eigenen Arbeiten zu
Gute kommen und ich werde es Ihnen danken.
    Renatus hatte sich jetzt auch erhoben. Er schnallte den Sbel wieder um,
nahm den Czako zur Hand, und so auf's Neue in voller Uniform, entschuldigte er
sich gegen Tremann, da er ihn also lange aufgehalten, ohne von seinen guten
Absichten und Meinungen den von Jenem erwarteten Nutzen gezogen zu haben. Er
versprach, sobald es ihm irgend thunlich werde, Paul's gnzliche Entlastung zu
bewirken, verhie, die Arten'schen Akten und die Vormundschafts-Papiere seines
Bruders in krzester Zeit an sich zu nehmen, und sie trennten sich darauf
hflich, aber kalt.
    Der Freiherr sprach allerdings dem Kaufmanne seinen Dank und seine
Anerkennung zu wiederholten Malen aus; Paul nahm dieselben auch mit seiner
gewohnten guten Weise hin, inde sie waren sich durch diese Begegnung um keinen
Schritt nher getreten, sie hatten sich nur weiter und entschiedener als je von
einander getrennt empfunden.
    Als Paul dann auf der Wendeltreppe, die er sich aus seinem Arbeitszimmer
nach Daviden's Wohnstube hatte legen lassen, hinaufstieg, fand er die beiden
Frauen seiner bereits wartend. Er umarmte die junge Mutter, reichte Seba die
Hand, und als sie ihn mit ihren immer noch schnen Augen ruhig und heiter
anblickte, umarmte er auch sie. Er fhlte eine groe Zrtlichkeit fr sie, weil
es ihm gelungen war, von ihrem Herzen eben heute eine Krnkung abzuwenden.
    Trotz seiner Freundlichkeit merkte Davide, deren Liebe sie hellsehend
machte, dennoch, da ihm etwas nicht ganz recht sein oder da er eine
Unannehmlichkeit zu berwinden gehabt haben msse, und sie fragte, um ihm Anla
zur Mittheilung zu geben, wehalb er sie also lange habe auf sich warten lassen.
    Ich habe verschiedene Besprechungen gehabt, und zuletzt war Herr von Arten,
der gestern von Paris gekommen ist, sehr lange bei mir, gab er ihr zur Antwort.
    Und wie hast Du ihn gefunden? rief Seba, in welcher die Theilnahme fr den
Sohn ihrer Angelika sich augenblicklich wieder regte.
    Er ist ein schner Mann geworden, breitschulterig und krftig, ein sehr
schner Mann, gab er zur Antwort, whrend er sich zum Imbi niedersetzte.
    Und wie ist er sonst geworden? fragte Jene noch einmal.
    Nicht anders, als er gewesen ist. Es geht ihm wie dem Herrscherstamme der
Bourbonen, von deren Hofe er nach Hause kommt. Er hat nichts gelernt und hat
nichts vergessen.
    Was will das in seinem Falle besagen? erkundigte Davide sich, der die
Mistimmung ihres Gatten jetzt erklrlich wurde.
    Was das sagen will, mein Kind? Nun, er mchte sein Leben genieen, wie sein
Vater und seine Ahnen es genossen haben; mchte wie sie die Herrschaften
besitzen und geachtet leben und sterben wie sie. Er hat auch recht viel schne
Empfindungen - nur zur Arbeit hat er keine Lust.
    Die Frauen schwiegen. Sie mochten sich erinnern, da sie es gewesen waren,
die Paul gegen seine Absicht berredet hatten, sich mit den Arten'schen
Angelegenheiten zu befassen, und da er dieses wohl errieth, sagte er, gleich
darauf bedacht, ihnen jede Reue zu ersparen: Macht Euch um meinetwillen darber
keine Sorge, meine Lieben! Ich erleide durch Renatus keine Enttuschung, habe
obenein in dieser Verwaltung mancherlei erfahren und gelernt, das mir
gelegentlich von Nutzen sein wird; und auf eine Handvoll Arbeit mehr kommt es
mir glcklicher Weise nicht an.
    Und Du glaubst, da er sich nicht rathen lassen, sich nicht ndern werde?
erkundigte sich Seba noch einmal.
    Nein; denn wie sollten Menschen, die sich fr eine besondere Abart halten,
sich verstndig in die der groen Gesammtheit gemeinsamen Bedingungen der
Gegenwart zu schicken wissen? - Er schttelte das Haupt und sprach danach sehr
ernsthaft: Tuscht Euch nicht darin: Alles und Jedes hat nur einen zeitweisen
Bestand, eine zeitweise Mglichkeit des Bestehens. So gewi als die
fortschreitende Cultur die gemeinschdlichen Thiere in die Einden zurckdrngen
und endlich vllig ausrotten mu und wird, so gewi mu und wird die
fortschreitende Bildung, die in dem Leisten und Schaffen den hchsten Beruf des
Menschen, und in der Freiheit und Genu bereitenden Arbeit ihre hchste Ehre
erkennt, ber alle die Geschlechter hinweggehen, die ohne Nutzen fr die
Gesammtheit leben und, sich von ihr ausschlieend, sich hinter Vorrechten und
Vorurtheilen verschanzen und halten zu knnen glauben. Was werthlos fr das
Allgemeine ist, mu untergehen; und kein Adelsbrief und keine Grothat irgend
eines Ahnen kann dagegen schtzen, kann die Allgemeinheit schadlos halten fr
unberechtigte Ansprche und fr hochmthige Arbeitsscheu. Mgen sie zu Grunde
gehen!
    Er hatte dieses Verdammungsurtheil, dessen letzte Worte in seinem Munde und
in seinem ernsten Tone etwas Gewichtiges und Furchtbares gewannen, noch nicht
beendet, als die Wrterin ihm seinen Knaben in das Zimmer brachte. Der derbe
Bursche streckte dem Vater die kleinen Arme entgegen, und kaum hatte dieser ihn
auf seinen Knieen, als der Knabe sich mit allen seinen Krften aufzurichten
strebte, um das Stck Brod zu erlangen, das in einiger Entfernung vor dem Vater
auf dem Tische lag. Die Frauen lachten ber die lebhaften, wenn auch noch
ungeschickten Bewegungen des kleinen Menschen, und ihm emporhelfend, rief der
Vater mit sichtlichem Vergngen: So recht, so recht, mein Sohn, hilf Du Dir
selber zu Deinem Brode - ich hab's eben so gemacht - und ich denke, das soll uns
wohl bekommen! Geh' nur gerade darauf los!
    Und in bester Laune kehrte er nach kurzer Unterbrechung in sein Comptoir und
zu seiner tglichen Arbeit zurck.

                              Siebzehntes Capitel


Renatus ward den ganzen Morgen durch seine Dienstgeschfte und seine geselligen
Verpflichtungen in Anspruch genommen. Er hatte sich bei seinen Vorgesetzten
vorzustellen, alte Bekannte und Freunde aufzusuchen, und berall fand er einen
Empfang, der ihn die unangenehmen Errterungen der ersten Morgenstunde bei
seinem wenig tiefen Sinne leicht vergessen machte. Allerdings wurde auch von
seinen Vorgesetzten wie von seinen Freunden die Frage, ob er im Dienste bleiben
oder sich auf seine Gter begeben werde, mehrfach angeregt, aber es geschah in
einer Weise, welche deutlich kund gab, wie man bei einer solchen Entschlieung
an die vollste Freiheit von seiner Seite glaube und hchstens den Wunsch seiner
knftigen Gattin, denn man deutete ihm berall an, da man um sein Verlbni mit
der Grfin Rhoden wisse, als einen ihn bestimmenden Einflu in Betracht bringe.
    Wohin er kam, begegnete er einer groen Zufriedenheit und den besten
Hoffnungen fr die Zukunft des Vaterlandes, in welche denn selbstverstndlich
die besten Aussichten fr den Einzelnen immer mit eingeschlossen waren. Man
rhmte sich nicht, wie Renatus das in Frankreich erlebt hatte, eines gewaltsamen
Rckschrittes in die Zustnde der Vergangenheit, aber man sprach es in den
militrischen und adeligen Kreisen doch unzweideutig aus, wie man froh sei, da
jene Tage einer unnatrlichen Aufregung nun berstanden und berwunden wren, in
denen die Masse des Volkes ber ihre eigentlichen Grenzen hinausgetrieben und,
freilich durch die Nothwendigkeit, ihrem huslichen Leben wie ihrem Berufe und
Gewerbe abwendig geworden war. Man erkannte mit Zufriedenheit, wie der Strom der
Bewegung jetzt auf's Neue richtig eingedmmt, in sein altes Bett zurckgeleitet
werde, und wie die natrliche Gliederung der Stnde sich gleichsam von selber
wieder herstelle, seit man in den hchsten Kreisen die schnen, wrdigen Formen
der Etiquette wieder strenger aufrecht halte. Besonders jedoch versprach man
sich von der Verbindung der Knigstochter mit dem russischen Thronfolger, dessen
Gesinnungen und Charakter man hchlich pries, wie von dem engen Anschlusse an
das conservative Oesterreich, da man nun auch in Preuen schnell den
phantastischen, demagogischen Freiheitsgelsten, die einer ruhigen Entwicklung
des Staatslebens im Wege stnden, das Ende machen werde. Und da man von oben
herab einzelnen hartbedrngten adeligen Grundbesitzern mit groen Darlehen zu
Hlfe gekommen war, sah man, wenn in Preuen auch nicht die Milliarde von
Franken in Aussicht stand, mit welcher man die Ausgewanderten in Frankreich
entschdigt hatte, doch fr den Adel des Landes sehr beruhigt und hoffnungsreich
in die Zukunft hinaus.
    Als Renatus dann am Abende, wie er es versprochen hatte, seinen Oheim
besuchte und ihm von seinem Tagewerke Rechenschaft geben sollte, gestand er
diesem, da er dieses Tagewerk, wie er es nannte, mit einer Uebereilung, ja,
recht eigentlich mit einer Dummheit angefangen habe.
    Der Graf begehrte natrlich zu wissen, was das heien solle, und sein Neffe
entgegnete: Ich habe gegen die ersten Grundstze der Kriegfhrung gesndigt und
dafr eine Schlappe davongetragen. Ich habe mir unnthig eine Ble gegeben, die
ich mir htte sparen knnen, htte ich, wie sich's gebhrte, erst den Grund und
Boden und die Gegend genau untersucht, in die ich jetzt fast als ein Fremder
zurckgekommen bin.
    Er erzhlte darauf, wie er, statt sich erst zu seinen Freunden zu begeben,
gleich am Morgen zu Tremann gegangen sei, wie dieser ihm eine Besorgni
erregende Rechenschaft ber seine Angelegenheiten abgestattet, wie er selber sie
im trbsten Lichte angesehen und wirklich an nichts als an den Untergang gedacht
habe. Um sich aber wegen dessen, was er jetzt als seinen thrichten Kleinmuth
bezeichnete, zu entschuldigen, gab er dem Oheim zu bedenken, da er die
Eindrcke seiner Kindheit, in welcher er den hohen Adel Frankreichs flchtig
durch die Welt habe ziehen sehen, niemals los geworden sei, und da er sich, von
seinem Stammbesitze abgetrennt, so elend wie ein Verstmmelter, ja, wie ein
Mensch ohne seinen natrlichen Schatten erscheinen wrde. Er berichtete, von dem
Drange nach Mittheilung dazu verleitet, alles, was er von Tremann erfahren
hatte, lie es nicht unerwhnt, da Herbert, der dem Grafen dem Namen nach aus
den frheren Zeiten wohl bekannt war, auf Neudorf Absichten hege, da auch von
einem Kufer fr Rothenfeld die Rede gewesen sei, und der Graf hrte ihm, ohne
ihn zu unterbrechen, geduldig zu.
    Dann, als jener geendet hatte, sprach er: Ja, sie regen sich gewaltig, diese
Herren vom Geldsacke und von der Hacke, und man knnte wirklich mitunter meinen,
das goldene und das eiserne Zeitalter rckten gleichzeitig, und zwar zu unserem
Verderben, auf uns heran. Glcklicher Weise aber hat es keine Noth mit ihnen.
Ihre Interessen sind tausendfltig, kreuzen und widerstreben einander, und die
unseren sind eines - eines und dasselbe durch die ganze Welt! Ihre Habgier
trennt sie von einander, unser berechtigtes Verlangen, das Unserige, seien es
Rechte oder Besitzthmer, zu erhalten, zwingt uns zur Einigkeit. Wir gipfeln in
dem Throne, den wir sttzen, sie suchen nach einer Gestaltung, die Alle auf
gleiche Hhe stellt, und sie verflachen und vernichten sich auf diese Weise,
whrend wir uns durch unsere Gliederung und Unterordnung zugleich vertiefen und
erheben. Es hat keine Noth mit ihnen und mit uns! Ich habe sie unter den
Franzosen studirt und kennen lernen, diese republikanischen Grafen von
vorgestern und Prinzen von gestern! - Er lachte. - Du hast ja selber Proben von
ihnen hier bei mir gesehen. Schmutziges, habgieriges Gesindel, das Jeden fr
kuflich hielt, weil es selber kuflich war!
    Renatus hrte dem Grafen nicht ohne Wohlgefallen zu, aber er wurde an seinen
eigenen Erinnerungen und Erlebnissen irre. Inde wie alles in sich Vollendete,
hat auch die vollendete Heuchelei fr denjenigen, der einer solchen nicht fhig
ist, etwas, das ihn wenigstens fr Augenblicke und oft fr lange Zeit
beherrschen und blenden kann, besonders wenn ihre Aeuerungen den persnlichen
Ansichten und Wnschen dessen begegnen, an den sie gerichtet sind; und alles,
was Renatus von seinem Oheim vernahm, war dazu geeignet, ihn zu beruhigen.
Freilich entsann er sich gar wohl der Vorschlge und Antrge, welche der Graf
ihm eben hier in diesem Zimmer zur Zeit der franzsischen Herrschaft gethan
hatte; er erinnerte sich auch aller der Gerchte, die ber seinen Oheim in
Umlauf gewesen waren, und des Tadels und der Unzufriedenheit, ja, des schweren
Kummers, zu welchen derselbe seiner eigenen Familie Anla gegeben hatte. Aber
der Freiherr hatte in Paris eine groe Anzahl von Mnnern kennen lernen, von
deren strmisch durchlebter Jugend, von deren auffallenden Sinnesnderungen man
sich ebenfalls das Abenteuerlichste zu erzhlen wute, und es hatte das nicht
gehindert, da man ihnen Ehre und Achtung zollte, wenn sie endlich zu einer
wrdigen Abklrung ihres Lebens, zu Ueberzeugungen durchgedrungen schienen, mit
denen man sich einverstanden zu erklren vermochte. Wie durfte der Neffe auch an
der ehrlichen Wandlung und sittlich-patriotischen Erhebung seines Oheims
zweifeln, wenn der Knig, in dessen unbedingter Verehrung der junge Freiherr
auferzogen und den er gewhnt worden war, als die irdische Verkrperung der
hchsten Gerechtigkeit zu betrachten, den Grafen zu Gnaden angenommen und ihn
mit einem seiner hchsten Orden ausgezeichnet hatte? Der Autorittenglaube,
welchen er zu den Pflichten seines Standes zhlte, zwang den Freiherrn, das
eigene Urtheil der Ansicht seines Knigs unterzuordnen, und anzuerkennen, gelten
zu lassen und zu verehren, was dem Landesherrn, dessen menschliche
Beschrnktheit doch natrlich stets auf fremdes Urtheil, auf fremde Angaben
zurckzugehen sich genthigt sah, von Dritten als ein Ehrenwerthes und als der
Anerkennung wrdig geschildert worden war.
    Sein Vertrauen in des Oheims Einsicht steigerte sich bestndig, und die
mannigfache Kenntni, welche derselbe von allen praktischen Dingen zu haben
schien, berraschte den Neffen. Auch ber Tremann's Angelegenheiten zeigte der
Graf sich vllig unterrichtet. Er erzhlte, wie Tremann von der Flies das von
Arten'sche Grundstck in der Hauptstadt an sich gebracht, wie er es parzellirt,
wie er die Bewilligung erhalten habe, hinten im Garten dem Wasser entlang eine
Strae anzulegen, und wie er sich dadurch nicht nur aus einer bedenklichen
Verlegenheit gerettet, sondern auch ein namhaftes Capital gewonnen und seinen
groen Credit aufrecht erhalten habe.
    Sie haben sich, sagte der Graf, zusammengethan, wie ich neulich hrte, als
ich einmal ausnahmsweise, denn ich liebe meine eigene Kche, mit einem Bekannten
im Htel zu Mittag a; sie haben sich zusammengethan, Euer Steinert, dieser
Tremann und der Baurath Herbert. Sie sind es, die ihre Absichten auf Neudorf und
auf Rothenfeld gerichtet haben. Sie wollen bei Euch in der Provinz, wo der Boden
und der Arbeitslohn noch billiger sind als hier, Fabriken anlegen, Oelund
Zuckersiedereien, und, was wei ich, was sonst noch Alles. Steinert, der
Marienfelde schon besitzt, soll so viel als mglich von dem Rohprodukte auf
eigenem, den Fabriken gehrendem Boden erzielen. Herbert bernimmt die Bauten.
Steinert's Sohn haben sie ein Jahr hindurch in England gehabt und nun nach
Amerika hinbergeschickt, damit er sich in dem Fabrikwesen umsehen solle, und
Tremann, der jetzt hier bereits wieder zu den groen Firmen zhlt, findet fr
jede seiner Unternehmungen Theilnehmer und Capital, wobei denn, wie sich das
nach Meinung dieser Leute wohl gebhrt, dem Erfinder der Lwenantheil
anheimfllt. Die Continentalsperre hat sie alle klug gemacht, und was wir
Bonaparte auch nachzutragen haben, die Industrie des Festlandes hat er mit einem
Federzuge um Jahrhunderte gefrdert.
    Der Graf erwhnte darauf noch in derselben abfertigenden Weise verschiedener
anderer Gewerbtreibenden, die in kurzer Zeit groe Vermgen erworben hatten;
aber Renatus hrte es nicht mehr. Es war ihm unheimlich, zu denken, wie Andere
sich bereits Rechnung auf Gewinn von dem Ertrage seiner Gter machten; und wie
sich in solcher Lage die Vorstellungen dem Menschen leicht zum Bilde verkrpern,
kam er sich wie ein von Jgern vorsichtig umstelltes Wild vor, dem zwar die
freie Bewegung innerhalb des Reviers, aber kein Entrinnen mehr vergnnt ist. Er
sah sich im Geiste schon auf Richten eingebannt, von Neudorf und Rothenfeld
qualmte der Rauch aus den Schloten der Oelmhlen und Zuckersiedereien, er meinte
den Donner der Minen zu hren, mit denen man in den Steinbrchen hinter Neudorf
die Felsen sprengte, und von seinem Miempfinden fortgerissen, rief er: Wenn ich
mir denke, da diese Compagnie sich bei uns einzunisten denkt ....
    Wo denken sie sich denn nicht einzudrngen? erwiederte mit lachendem
Achselzucken der Graf. Und vor Allen dieser Monsieur Tremann! Da - er stand auf,
ging an seinen Schreibschrank, schob einige Papiere, die auf demselben lagen,
mit rascher Hand zur Seite, und seinem Neffen ein Blatt hinhaltend, fgte er
hinzu: Da, lies einmal, welch eine Epistel ich heute von dem Patron erhalten
habe.
    Renatus that, wie Jener begehrte; inde die Wirkung des Schreibens war eine
andere, als der Graf erwartet haben mochte, denn mit sichtlicher Mibilligung
fragte sein Neffe: Aber wie konnte das auch geschehen? wie konnte die Person zu
diesen Briefen kommen? Da Sie ihr dieselben nicht gegeben haben knnen, so mu
sie sie entwendet haben. Was werden Sie denn thun?
    Was ich thun werde? lachte der Graf, Nichts! Ich werde dem Herrn Tremann die
Zeit vergnnen, den Landwehr-Major zu vergessen, der ihm noch im Kopfe spukt,
und sein Arten'sches Blut, an das er sicherlich auch mit Vergngen denkt,
allmhlich zu beruhigen. Wenn man als verstndiger und gewiegter Mann sich noch
um solche Jugendsnden kmmern sollte, da htte man viel zu thun, vorausgesetzt,
da man ein Paar rothe Backen besessen und gesunde Glieder in der Uniform gehabt
hat. - Aber den Scherz bei Seite! Du denkst doch hoffentlich jetzt nicht daran,
Deine Angelegenheiten diesem Tremann noch lnger zur Ausbeutung zu berlassen?
    Renatus sagte, wie Tremann selbst gefordert habe, da er ihn davon entbinden
mge.
    So thue es, je eher, desto lieber! sprach der Graf. Du bist jetzt hier,
gehst jetzt nach Hause. Sieh' Dir an, wie die Verhltnisse dort sind, und da ja
zwischen heute und morgen nichts entschieden zu werden braucht, so kann man
berlegen, was zu machen ist. Bringe mir die Berichte einmal her, vielleicht
vermag ich etwas fr Dich zu thun. Ich komme im Frhjahre in unsere Provinz. Der
Regierungs-Prsident, der Direktor der Landschaft sind alte Freunde von mir. Man
mu die Dinge nur anzufassen, hchsten Ortes richtig darzustellen wissen! Es
geht Unsereinem nicht gleich an Hals und Kragen, und wenn man sich bei Anla
Deiner Hochzeit an die rechte Stelle wendet, so kommt man Dir, da Hildegard und
die Mutter sehr geschtzt sind, wohl zu Hlfe. Sind wir denn Hans und Kunz, da
wir uns nur mit so brutalen Mitteln wie Krethi und Plethi aus der Affaire ziehen
knnten?
    Der Graf war bei diesen Auseinandersetzungen uerst heiter geworden. Das
wirkte auf Renatus vortheilhaft zurck. Nach kurzer Berathung kamen der Oheim
und der Neffe dahin berein, da der junge Freiherr gleich jetzt an Tremann
schreiben und die sofortige Aushndigung der Geschftsakten und Dokumente
begehren solle, weil Renatus sie mit sich zu nehmen wnsche. Das brachte die
Unterhaltung denn auch auf die Abreise des Freiherrn, und der Graf rieth ihm mit
einer gewissen Dringlichkeit, dieselbe zu beschleunigen und auch seine Hochzeit
so bald als mglich zu begehen. Da dies seinem Neffen beides auffiel, sagte
Jener unumwunden, Renatus mge nicht vergessen, da er gegenwrtig der letzte
Arten sei und da er seinem Hause schulde, endlich fr die Erhaltung dieses
alten Geschlechtes Sorge zu tragen. Nebenher sei Hildegard durch den langen
Brautstand muthlos und an sich selber irre geworden, habe ein Mitrauen in
Renatus' Zuneigung zu ihr, und es sei auch fr Renatus selber nthig, da er
sich von dem Gerede frei mache, das ber ihn im Gange sei.
    Der junge Freiherr fuhr auf. Er begehrte zu wissen, was das sagen wolle;
sein Oheim suchte ihn zu beschwichtigen, und da Jener in ihn drang, meinte der
Graf, er selber habe nicht recht dahinter kommen knnen, um was es sich dabei
handle. Graf Stammburg, der Attach der preuischen Gesandtschaft, welcher
dieser Tage mit Privat-Depeschen von London angekommen sei, habe das Gercht von
einem Liebeshandel, einem Bekehrungsplane, einer Verfhrungs- oder
Entfhrungsgeschichte hierhergebracht, in welcher der Name eines katholischen
Geistlichen mit Renatus' Namen und dem Namen der bekannten Schnheit, der Grfin
Haughton, wunderlich verschlungen zu gleicher Zeit genannt worden wren. So viel
stehe fest, da die englische Gesellschaft die Grfin zurckgewiesen, da sie
sich auf ihre Gter begeben habe und in das Ausland zu gehen beabsichtige. Kme
sie bei ihrer Reise etwa nach Berlin, so sei es, was auch immer zwischen ihr und
dem Freiherrn vorgegangen wre, gewi das Beste, wenn derselbe bei ihrer Ankunft
nicht in der Hauptstadt und wo mglich schon vermhlt sei, um sich damit gegen
seine eigenen Erinnerungen wie gegen die mglichen Ansprche der Grfin eine
Schutzwehr zu bereiten.
    Renatus war sehr betroffen. Er konnte es nicht ertragen, von sich und von
Eleonoren in solcher Weise sprechen zu hren oder einen Verdacht gegen seine
Ehre auf sich sitzen zu lassen. Um sich zu rechtfertigen, erzhlte er dem Oheim
seine Erlebnisse bis in ihre kleinsten Einzelheiten, und es war lange nach
Mitternacht, als die Beiden noch bei einer Flasche Wein beisammen saen.
    Der Graf war ein vortrefflicher Zuhrer. Er verstand zu fragen, sprechen zu
lassen und zu schweigen. Als Renatus aber alle seine Mittheilungen geendet und
dem Grafen selbst sein erkaltetes Empfinden fr seine Braut nicht verborgen
hatte, rieth dieser ihm nur noch entschiedener, gleich an einem der nchsten
Tage nach seiner Heimath aufzubrechen. Er pries Hildegard in gewohnter Weise auf
das wrmste, meinte, jedes Feuer erlsche, wenn man es zu lange ohne Nahrung
lasse. Auch Renatus brauche nur in der Nhe seiner Braut zu sein, um die alten
Flammen wieder auflodern zu fhlen. Dazu gab er ihm des Knigs bekannten
Widerwillen gegen alles, was irgend nach einem romantischen Abenteuer ausshe,
zu bedenken. Es sei nicht rathsam, meinte er, wenn der Knig jetzt zum ersten
Male von Renatus, gerade auf Anla eines so vieldeutigen Gerchtes, sprechen
hre, ohne da man durch den Hinweis auf seine nahe Vermhlung mit einer ihm von
Jugend auf verlobten Braut jene Verdchtigungen entkrften knne. Fr die
Herstellung von Renatus' Vermgen und Besitz sei des Knigs Gunst die erste und
die einzige Bedingung, und die Grfin Rhoden, die Mutter wie die Tchter,
besen diese Gunst.
    Der Graf kam allmhlich auch auf die Baronin Vittoria zu reden, erwhnte mit
Bedauern, da sie seinen verstorbenen Schwager wohl manche unangenehme Erfahrung
habe machen lassen, und meinte, da heute einmal zwischen ihnen Alles, wie es
sich zwischen so nahen Blutsverwandten und zwischen Mnnern zieme, welche die
Welt und das Leben kennen gelernt htten, durchgesprochen wrde, so wolle er
Renatus denn auch vertrauen, da er in Bezug auf dessen Stiefmutter ein sehr
wichtiges Dokument besitze. Es sei ein Brief, der Brief eines im Felde
gebliebenen italienischen Offiziers an die Baronin. Er, der Graf, sei sonst, wie
Renatus es heute gesehen habe, eben kein sorgfltiger Aufbewahrer von Papieren,
inde dieses sei ihm doch der Mhe werth erschienen, und da man nicht wissen
knne, wie Alles sich einmal im Leben fge, so sei er bereit, es Renatus
auszuhndigen.
    Die Mittheilung kam dem Freiherrn hchlich unerwnscht. Sein Schamgefhl wie
sein Ehrgefhl lehnten sich gegen diese Enthllung des Verrathes auf, welchen
Vittoria gegen seinen Vater begangen hatte; und da ein Anderer, als eben er und
sein verstorbener Vater, sich das Recht zuerkennen durfte, seine Stiefmutter zu
verurtheilen, that ihm auch um ihretwillen weh. Wre er seiner ersten Eingebung
gefolgt, so wrde er das Anerbieten von sich gewiesen haben, aber die
flchtigste Ueberlegung lie ihn erkennen, da ein Zeugni gegen die Baronin,
gegen die Frau, die seines Vaters Gattin gewesen war und seines Hauses Namen
trug, nicht in fremden Hnden bleiben drfe; und sich berwindend, sagte er so
ruhig, als er es vermochte, da er es seinem Onkel natrlich nur Dank wissen
knne, wenn er ihm den Brief abtreten wolle.
    Der Graf holte ihn also sofort herbei. Der Zufall spielt oft wunderbar,
meinte er. Ein Italiener, der uns hier zur Zeit des russischen Feldzuges im
Hause erkrankte und am Typhus starb, hatte das Blatt an Vittoria in seiner
Brieftasche. Die Weienbach, welche des Kranken gewartet und dann spter sein
Hab und Gut an sich genommen hat, brachte mir das Schreiben.
    Es war in der That nur ein einzelnes Blatt, wie man es aus einer
Schreibtafel herausreit, los zusammengelegt, mit Bleistift geschrieben, die
Buchstaben und die Zeilen unregelmig; man mute annehmen, da ein Kranker, ein
Sterbender sie hingeworfen hatte. Die Aufschrift aber war von einer anderen
Hand. Sie trug in festen, sichern Lettern Vittoria's Namen mit genauer Angabe
ihres Wohnortes und der Stadt, in deren Nhe Schlo Richten gelegen war.
    Ohne den Neffen anzusehen - und diese Rcksicht wute Renatus sehr zu
wrdigen - reichte er ihm ber die Schulter hin das Blatt. Wer wei, wie Du es
einmal brauchen kannst, Deine Stiefmutter im Zaume zu halten, sagte er. Ich
habe, wie ich Dir bekennen will, durch die bloe Andeutung, da ich von dem
Dasein eines solchen Briefes wisse, Ruhe und Frieden in Richten geschafft, und
die Grfin und Hildegard haben mich seitdem fr einen groen Psychologen, ja,
fr einen halben Zauberer angesehen. Du wirst viel zu schlichten und zu schaffen
finden, denn auch der Junge ist ein wahrer Satan, aber vielleicht auch ein
Genie, und wenn Du etwa von dem Briefe einmal Gebrauch zu machen denkst ....
    Das werde ich niemals! fiel Renatus ihm in die Rede.
    Hte Dich, mein Lieber; man soll so etwas nicht sagen! meinte der Graf. Das
Leben nimmt uns oft sonderbar beim Worte!
    Es entstand eine Pause; Renatus schickte sich zum Fortgehen an. Der Graf
fragte ihn, wann er nach Hause zu reisen denke, und er entgegnete, da er schon
morgen aufbrechen mchte, da er jedoch erst noch einmal zu Tremann gehen und
seine Papiere an sich nehmen msse. Der Graf hingegen meinte, da Renatus
dehalb ja nicht noch einmal mit Tremann zusammen zu kommen brauche, sondern da
diese Sache sich auch schriftlich abthun lasse; und nach kurzem Hin- und
Widerreden kamen sie berein, da der Graf gleich jetzt zwei Zeilen an Tremann
schreiben solle, um dem Neffen ein neues unwillkommenes Begegnen zu ersparen.
    Der Graf, der es unter der Franzosenherrschaft wohl gelernt hatte, rasch und
gewandt mit der Feder umzugehen, setzte sich sofort an seinen Schreibtisch
nieder. Warte, sagte er, dabei kann ich ihm gleich auf seinen ritterlichen Brief
von diesem Morgen die ihm gebhrende Antwort vergnnen. Als er geendet hatte,
bot er seinem Neffen das Billet zur Ansicht dar. Es lautete:
    Mein Neffe, der Freiherr Renatus von Arten-Richten, welchen der Wunsch,
seine Heimath und seine Braut baldmglichst wiederzusehen, zu beschleunigter
Abreise veranlat, hat mich beauftragt, die smmtlichen in Ihrem Gewahrsam
befindlichen, ihm zustehenden Papiere und Dokumente von Ihnen zurckzufordern.
Ich ersuche Sie also, mir dieselben gegen einen von dem Freiherrn
unterzeichneten Empfangsschein zustellen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit
bemerke ich zugleich auf Ihr Schreiben von heute frh, da es mir gegen die Ehre
und gegen die sittliche Pflicht eines jeden Mannes zu verstoen scheint,
entwendete Papiere kuflich an sich zu bringen, da es aber fern von mir ist,
Sie dehalb zu einer Rechenschaft zu ziehen, da jene mir entwendeten
Briefschaften vllig werthlos fr mich sind.
    Der Graf sah, da die letzten Zeilen dieses Briefes nicht nach dem Sinne
seines Neffen waren, aber er wute dem Ausdrucke dieses Mifallens vorzubeugen.
Man mu diesen Herren doch gute Sitten lehren, sagte er spttisch, und ihnen
zeigen, wie ein Cavalier mit Ihresgleichen umzugehen hat. Sie mchten sich am
liebsten auch in der Gesellschaft in Reihe und Glied mit Unsereinem stellen,
weil sie einmal im Felde neben uns gestanden haben. Aber die Tage folgen
einander und gleichen einander nicht! wie die Franzosen richtig sagen.
    Er ersuchte Renatus darauf, ihm den Empfangsschein, dessen er fr Tremann
benthigt war, zu schreiben. Sie verabredeten, da sie am nchsten Tage noch
zusammen speisen wollten, und Renatus, der von der Menge der verschiedensten
Eindrcke aufgeregt war, trug jetzt selbst ein Verlangen, nach Richten zu
kommen, um seine Zustnde und Verhltnisse einmal durch eigene Anschauung und
Erfahrung zu prfen und wo mglich zu einem Abschlusse zu bringen, der es ihm
vergnnte, sich in Ruhe auf sich selber zu besinnen.

                                  Viertes Buch



                                 Erstes Capitel

Die Tage folgen einander und gleichen einander nicht! wiederholte sich der
Freiherr, als er in seiner Reisekalesche einsam durch die tief verschneiten
Haiden gen Osten nach seiner Heimath fuhr.
    Er empfand das jetzt noch lebhafter, als es sich ihm bei seiner Reise durch
Deutschland dargestellt hatte. Gerade sechs Jahre waren es her, seit er mit dem
preuischen Contingente, am Ausgange des Winters, denselben Weg gegangen war;
aber sie waren dahin, die jugendlichen Liebes- und Ruhmestrume, welche ihm
damals die Brust geschwellt hatten. Ihm winkte jetzt nicht mehr das Wiedersehen
mit seinem Vater, nicht mehr die Aussicht, mit seinen frhlichen Kameraden in
seiner Vter Schlo heitere Tage zu verleben, und Vittoria und ihren Sohn in
Freuden zu umarmen. Er war noch jung genug, inde die groen Ereignisse, die
ungewhnlichen Schicksalswechsel, die er an sich hatte vorberziehen sehen und
in denen er selbst betheiligt gewesen war, die Gefahren und Nthen, die er
berstanden, die Vorgnge in seiner Familie und namentlich die Erfahrungen, die
sich ihm in Paris in den letzten Wochen und Monaten aufgedrngt hatten, machten,
da er sich lter, in der That weit lter dnkte. Dazu trat die Sorge jetzt nahe
und nher an ihn heran.
    So lange er in Frankreich gewesen war, hatte er sie wie eine ferne, weit
entlegene Gebirgsreihe nur in unbestimmten umrissen und nur gelegentlich vor
sich gesehen. Jetzt, da er sich auf der altbekannten Strae wiederfand, da jede
Station ihm eine halbvergessene Erinnerung wachrief, tauchte auch die ganze
Kette seiner Sorgen immer deutlicher vor ihm empor, und er konnte, wohin er den
Blick auch wendete, es nicht hindern, da sie sich hoch und hher aufzuthrmen
schienen, bis er sich endlich wie von ihnen umringt und seinen ganzen Horizont
von ihnen in einer Weise eingeschlossen fhlte, da es ihm jeden freien Ausblick
hemmte und ihm den Athem einzuengen drohte.
    Was ging ihm nicht alles durch den Kopf! - In diesem Gasthofe war er
gewesen, als er mit seinen Eltern, in Begleitung der Herzogin, nach der Stadt
gefahren war. Er erinnerte sich, wie man ihn in den Wagen der Herzogin gebracht
hatte, damit die Mutter Ruhe htte, und wie heiter sein Vater an dem Tage
gewesen war. Vor jenem Kruge hatte man ihm auf der Rckreise zu trinken geben
lassen, und der Krger hatte nach der Frau Baronin gefragt, die unter Seba's
Obhut mit dem Caplan in der Stadt schwer krank zurckgeblieben war. Nun lebten
sie alle nicht mehr: nicht sein Vater, nicht seine Mutter, nicht der Caplan und
nicht die Herzogin! Und wie ihm das auch weh that, sie konnte er nicht beklagen.
Das Leben dnkte ihm kein so groes Glck. Brauchten sie alle es doch nicht zu
hren, was er von Tremann und von dem Grafen hatte hren mssen! Er dachte mit
einer zrtlichen Genugthuung daran, da sie mit weniger beschwertem Sinne, als
er, durch ihr Dasein gegangen waren, und da nur er allein die Erbschaft ihrer
Sorgen auf sich nehmen mute. Sie htten denselben zu stehen nicht mehr
vermocht.
    Vor dem Hause, vor welchem er auf seinem eiligen Ritte nach dem vterlichen
Schlosse damals, als er seinem Regimente Quartier bestellen wollte, mit Steinert
zusammengetroffen war, mute er auch jetzt wieder verweilen. Man hatte die
Posthalterei dahin verlegt, es war die letzte Station, auf der er seine Pferde
wechselte. Der Posthalter, der den jungen Freiherrn trotz der sechsjhrigen
Entfernung augenblicklich wiedererkannte, bewillkommte ihn mit lebhaftem
Zuspruche. Wie vor sechs Jahren, hatte Renatus jedoch auch jetzt keine Neigung,
darauf einzugehen. Jetzt wie damals frchtete er, irgend welche ihm
unwillkommene Berichte zu vernehmen, denn Gutes war ihm von Hause schon seit
langer Zeit nicht mehr gekommen. Und sich wie Einer, der geschlafen hat und
weiter zu schlafen denkt, tief in die Wagenecke zurcklehnend, befahl er, sobald
die Pferde vorgelegt waren, weiter zu fahren.
    Es war noch frh am Morgen, als das Schlo sich vor seinen Augen erhob. Die
Stattlichkeit desselben freute ihn, da er es jetzt zum ersten Male als sein
Eigenthum begren sollte, aber seine Besitzesfreude war nicht rein. Wehmthige
Erinnerungen und schwere Sorgen warfen ihre trben Schatten ber sie.
    Man hatte am verwichenen Tage die Kalesche des Freiherrn auf Kufen gesetzt
und die Rder untergebunden, denn der Schnee lag hier noch auf dem ganzen Lande
fest. Er reichte vor den niedrigen Husern der Insassen bis an die
halbverstiemten kleinen Fenster hinauf. Nun steckten aus den Thren sich hier
der Kopf einer Alten, dort ein paar Kindergesichter unter ihren dicken
Pelzmtzen hervor, als mit dem Schalle des Posthorns zugleich das Klingeln der
Schlittenschellen ertnte, und der Schlitten, von den starken Gulen
fortgezogen, eilig durch das Dorf fuhr.
    Die winterliche Einsamkeit, das Anschlagen der Hunde, das sich von Hof zu
Hof fortsetzte, bis es aus dem Bereiche des Schlosses an des Freiherrn Ohr
klang, hatten etwas Melancholisches fr ihn, dem jetzt seit Jahren das belebte
Treiben der heitersten aller Stdte zu einer lieben Gewohnheit geworden war. Da
er sich in Berlin so pltzlich zum Aufbruche entschlossen und auch seine Abreise
von Paris schneller, als er es erwartet hatte, gekommen war, konnte man hier in
Richten natrlich auf seine Ankunft noch nicht vorbereitet sein.
    Das eiserne Gitter in dem Hofthore war geschlossen, kein Laden in beiden
Stockwerken geffnet. Man htte das Schlo fr unbewohnt ansehen knnen, wre
nicht aus den Schloten der Rauch emporgestiegen.
    Der Postillon lie auf's Neue sein Horn erklingen, um Einla zu erhalten.
Der Freiherr betrachtete whrend dessen, wie der graue Rauch, von der Sonne
erhellt, an dem lebhaft gefrbten Himmel in graden, sich kruselnden Sulen in
die Hhe stieg, die Gegend, das Klima, sein Schlo und sein ganzer Zustand kamen
ihm pltzlich so fremd, so wenig als zu ihm gehrend vor, da er ber die
Gleichgltigkeit erschrak, mit der er, hier umherschauend, auf das Oeffnen
seines Hauses wartete.
    Der Bursche, der das Thor aufmachte, kannte den Freiherrn nicht. Er war noch
ein Knabe gewesen, als Renatus fortgegangen war. Aber der Stallknecht, der
hervorkam, ri voll freudiger Bestrzung seine Mtze von dem Kopfe und rief,
whrend er sich mit den Hnden gegen die Lenden schlug, dem Schlitten
nachlaufend: Der Herr! Herr Jesus, unser junger, gndiger Herr ist da! der Herr
ist da!
    Der Ruf brachte im Hofe Alles schnell in Bewegung. Der Kutscher, ein Paar
der andern Leute eilten nach der Rampe. Die Thre des Schlosses ward rasch
aufgemacht, es kamen ein Diener, einige Mgde zum Vorschein, man umringte
Renatus, man kte ihm die Hnde, aber es waren lauter fremde Gesichter. Nicht
Einer von den Leuten, die frher im Schlosse gewesen waren, fand sich unter den
Begrenden, so da es dem Schloherrn endlich eine wirkliche Erquickung war,
als Vittoria's italienische Kammerfrau, ihr rothseidenes Tuch wie sonst um das
dicke, schwarze Haar geschlungen, aus einem der unteren Zimmer zum Vorschein
kam.
    Wo ist die Signorina? fragte Renatus lebhaft, und der bloe Klang dieses
einen Wortes erwrmte ihm das Herz.
    Hier, Signor, hier! Im Bette! Sie schlft noch, aber sie wird glcklich sein
ber ein solches Erwecktwerden! Kommen Sie, kommen Sie, Herr Baron! Wie
glcklich wird meine Signorina sein!
    Die treue Seele lie dem Freiherrn kaum die Zeit, sich seines Pelzes und
seiner Reisestiefel zu entledigen; dann ihn mit sich fortziehend, ffnete sie
die Thre von Vittoria's Gemach und meldete mit ihrer starken, lauten Stimme:
Signora, liebe Herrin, unser Herr ist da! Unser junger Herr, unser Herr Baron!
    Das Feuer brannte hell im Kamine, Gaetana ri die Fensterlden auf, da die
emporkommende Sonne durch die gefrorenen Scheiben blendend hell hineinschien,
und von dem grellen Lichte schnell erweckt, richtete Vittoria sich auf ihrem
Lager rasch empor, sah den Eintretenden mit ihren mchtigen Augen voll Erstaunen
an und rief dann, ihm ihre Arme entgegenbreitend: Renatus, lieber Renatus, mein
Sohn, mein Freund! Aber welche Freude, aber welch ein Glck!
    Sie konnte sich nicht genug thun. Er hatte sich zu ihr niedergebeugt, sie
nahm seinen Kopf zwischen ihre Hnde und kte ihn wieder und wieder.
    Wie Du schn geworden bist, wie gro, wie stark! sagte sie Mal auf Mal, und
wenn sie ihn von sich entfernt hatte, als knne sie ihn nun besser betrachten,
so zog sie ihn wieder zu sich heran, um ihn auf's Neue zu umarmen. Pltzlich
aber brachen ihre Thrnen gewaltsam hervor, und die Augen verhllend, sprach
sie: Ich glaubte, ich sei alt, sehr alt! Aber nur ein Bichen Hoffnung, nur ein
Sonnenstrahl des Glckes, und das Leben und die Jugend sind wieder da! - O, ich
bin jung wie Du, seit ich Dich wiedersehe!
    Ehe er es hindern konnte, hatte sie in der Freude seines Herzens seine Hand
ergriffen und an ihre Lippen gedrckt. Ihre Warmherzigkeit, die
Rckhaltlosigkeit, mit welcher sie sich an ihre Empfindung hingab, bezauberten
Renatus, und wie ihr in der lebhaften Bewegung das seidene Tuch vom Haupte
glitt, da die Flle ihres schwarzen Haares sie und ihr volles, marmorfarbiges
Gesicht umflo, bte auch ihre Schnheit den alten, lieben Reiz auf ihren
Stiefsohn aus.
    Sie fragte nach seinem Ergehen, aber sie fragte, wie es die Weise ihres
phantastischen Sinnes war, bald nach Diesem, bald nach Jenem. Er sollte
erzhlen, und doch war sie es, die ihm erzhlte, wie traurig, wie verlassen sie
hier im Schlosse lebe, wie schn Valerio geworden sei, wie sie es hier gar nicht
ertragen haben wrde, htte sie Valerio und Ccilie nicht gehabt, htte sie sich
nicht damit getrstet, da Renatus wiederkommen und seiner armen, kleinen Mutter
das Leben wieder leicht und lieblich machen werde. Nur des Freiherrn, ihres
verstorbenen Gatten, erwhnte sie mit keinem Worte, und Renatus mochte ihre
Freude durch keine schmerzliche Erinnerung stren. Es fiel ihr gar nicht ein,
da Jemand, der von einer Reise kommt, ein Verlangen nach Nahrung oder den
Wunsch hegen knne, sich umzukleiden. Sie dachte nicht daran, da er von der
mehrtgigen Fahrt ermdet sein msse; selbst da sie aufstehen und sich
ankleiden lassen knne, kam ihr nicht in den Sinn. Sie war froh und glcklich,
sie war immer noch die alte Vittoria, die im Augenblicke ihre Welt zu finden
wute, und wie sonst ri sie Renatus mit sich fort, da er sich frhlich und
erquickt in ihrer Nhe fhlte.
    Mit einem Male jedoch erhob er sich von dem Sessel, auf welchem er vor
Vittoria's Lager Platz genommen hatte, und sich selber scheltend, sprach er:
Aber ich sitze hier bei Dir, Signorina, und ich mu zu meiner Braut, zu
Hildegard!
    Das ist wahr! so geh', so eile! Sie wird sich freuen, die gute Hildegard!
Aber sie ist immer unwohl, immer unwohl, die gute Hildegard! entgegnete
Vittoria.
    Auf seine Frage, was seiner Verlobten fehle, fgte die Baronin hinzu,
Hildegard habe den Schnupfen, immer den Schnupfen, sie sei immer erkltet und
leide, wie sie sage, an den Nerven. Sie behaupte, die Sehnsucht habe sie krank
gemacht. Nun aber sei er ja da, nun also werde sie genesen.
    Renatus konnte den Spott in den Worten seiner Stiefmutter nicht berhren,
inde er mochte sich nicht gleich in dieser Stunde mit den kleinen
Mihelligkeiten und Eiferschteleien befassen, deren Aeuerungen er in jedem
Briefe gefunden, welchen er von Hause erhalten hatte, und schnell die Treppe und
den langen Korridor hinaufgehend, folgte er dem Diener, der ihn bei der Grfin
ansagen sollte, whrend er selbst in seine Zimmer zu gehen und sich nach der
langen Fahrt umzukleiden wnschte, ehe er vor seiner Braut erschien. Er hatte
jedoch den Korridor noch nicht verlassen, als eine in Bewegung bebende Stimme
die Worte ausrief: Wo ist er? Ach, wo ist er? Und da er, diese Stimme erkennend,
sich umwendete, eilte Hildegard mit ausgebreiteten Armen, den Kopf wie in einer
Verzckung erhoben, auf ihn zu und drckte ihn stumm und sprachlos, als wolle
sie ihn nicht mehr lassen, an ihr Herz.
    Die Mutter, die Schwester waren ihr auf dem Fue gefolgt, der Diener stand
dabei, das Kammermdchen, welches den Frauen einige Kleidungsstcke zuzutragen
hatte, kam ebenfalls den Gang herauf, und wenn diese Begegnung in dem kalten
Vorsaale, im Beisein einer ihm fremden Dienerschaft, schon nicht nach dem
Wunsche des jungen Freiherrn war, so lag in dem Wesen, in dem Tone, ja, selbst
in der gewaltsamen Innigkeit, mit welcher seine Braut ihn umarmte, etwas, das,
statt ihn zu erwrmen, ihn erkltete, weil es ihn unwillkrlich von sich selber
abzog und ihn zum Beobachten nthigte, wo er sich einer einfacheren
Ausdrucksweise der Empfindung arglos und willig hingegeben haben wrde.
    Fasse Dich, liebe Hildegard, fasse Dich! mute er sie zu wiederholten Malen
ermahnen; aber sie schttelte stumm und immer noch sprachlos das Haupt, und
Renatus war endlich genthigt, sie mit sanfter Gewalt von seinem Herzen
aufzuheben, um die Mutter, um Ccilie begren und Hildegard in das Zimmer
geleiten zu knnen, wohin die Andern ihnen folgten.
    Die Grfin hatte sich, weil sie in dem fremden Hause so wenig als mglich an
dem Bestehenden zu ndern gewnscht, als sie nach Richten gezogen war, in dem
sogenannten Fremdenflgel niedergelassen, der einst von der Herzogin bewohnt
worden war. Hieher hatte sie ihre Mbel bringen lassen und sich, so weit dies
mglich war, ganz so eingerichtet, wie in den Rumen, die sie in der Stadt
zuletzt inne gehabt hatte. Hier wie dort hingen die weien, schlichten Vorhnge
in langen, regelrechten Falten an den Fenstern hernieder. Das kleine, alte
Klavier, das schlichte Sopha, die Bilder der Knigin und des Prinzen Louis
Ferdinand, es stand und hing hier Alles so wie dort; auch die strenge
Ordnungsliebe, die glnzende Sauberkeit herrschten hier wie dort. Renatus kannte
Alles wieder, Alles; selbst den Myrtenstock am Fenster in dem alterthmlichen,
gemalten Topfe, und doch war es ihm so fremd, doch ngstigte es ihn - so wie
Hildegard's stumme Liebe, wie ihr Blick ihn ngstigte, der sich gar nicht von
ihm wendete, wie ihre langen Hndedrcke ihn bengstigten.
    Was war denn mit seiner Braut geschehen? Die Mutter fand er, wie er sie
verlassen hatte. Sie war immer noch die edle, stattliche Frau mit den breiten
Wangenflchen, mit dem sanften Lcheln und dem guten, mtterlichen Ausdrucke.
Ccilie war noch gewachsen, war voll, stark und hbsch geworden, weit hbscher
noch, als ihre erste Jugend es hatte erwarten lassen; nur Hildegard hatte sich
in einer Weise verndert, da es Renatus schwer fiel, ihr zu verbergen, wie ihn
dies berrasche.
    In ihrem dunkeln, engen Morgenrocke, mit der fest anliegenden, kleinen
weien Haube ber dem glatt gescheitelten Haare sah sie ihm wie eine Nonne, wie
eine barmherzige Schwester aus, und ihr Behaben lie ihn vollends an ihr irre
werden. Er kam nicht ber die Frage hinaus: Was stellt das vor? was soll das
bedeuten? Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, da er verurtheilt sei,
in einer Komdie eine ihm aufgedrungene und nicht natrliche Rolle zu spielen.
Er mifiel sich in derselben, er fand sich lcherlich in ihr; aber Hildegard
mifiel ihm noch weit mehr. Er war froh, wenn die Mutter, wenn Ccilie mit ihm
sprachen, er konnte es endlich gradezu nicht mehr ertragen, sich von seiner
Braut mit dieser schwermuthsvollen Liebe ansehen zu lassen, und von einer
pltzlichen Ungeduld ergriffen, fragte er sie, ob sie krank sei.
    Krank? O nein, glcklich bin ich, unaussprechlich glcklich, entgegnete sie
ihm, so glcklich, da ich's noch nicht fassen, noch nicht glauben kann!
    Aber diese Antwort machte das Uebel rger, und lachend, um seine wahre
Empfindung zu verbergen, sagte er: So will ich mich umkleiden gehen, damit Du
Zeit gewinnst, Dich zu beruhigen! - Und den Anderen freundlich zunickend,
verlie er sie.
    In seinem Zimmer angelangt, warf er seine Kleider von sich und ging mit
heftigen Schritten in dem groen Raume auf und nieder. Das Herz war ihm still in
der Brust, zum Erschrecken still, und seine Gedanken wirbelten mit einer
Schnelle durch seinen Kopf, da er ihnen kaum zu folgen vermochte.
    Es war unmglich, er konnte sein Wort nicht halten. Dieses Mdchen konnte er
nicht heirathen. Da er Hildegard nicht liebe, das hatte er lange, das hatte er
eigentlich schon am Tage nach seiner Verlobung gewut; dennoch hatte er es fr
mglich gehalten, sich mit ihr zu verbinden, um seinem Versprechen nachzukommen,
und er hatte gemeint, auch ohne die eigentliche Liebe glcklich an ihrer Seite
leben zu knnen. Sie war immer schwrmerisch, immer berspannt, immer von einer
groen Empfindsamkeit gewesen. Aber die Schwrmerei, welche ihr vor Jahren einen
eigenthmlichen Reiz verliehen, die Empfindsamkeit, die ihn bei dem Abschiede
mit sich fortgerissen hatte, kleideten sie jetzt nicht mehr. Sie sah so verblht
aus. Bittoria hatte Recht, man sah es, da sie bestndig krnkelte, da sie
bestndig den Schnupfen haben mute; und dazu diese Gefhlskomdie, dieses
Zurschautragen der Empfindung!
    Wie schn, wie frei war Vittoria, die man mitten aus dem Schlafe erweckt und
die von seiner Ankunft eben so wenig eine Kenntni gehabt hatte, in ihrer Freude
gewesen! Wie herzlich hatte ihn die Mutter, mit wie frhlicher Zrtlichkeit
hatte Ccilie ihn empfangen! Er brauchte nicht an Eleonore, an dieses
herrlichste der Weiber zu denken, um sich zu sagen, da Hildegard nicht fr ihn
passe, da er zu jung, zu lebensvoll und, der flchtigste Blick in seinen
Spiegel rief es ihm zu, ein zu schner Mann sei, um ein Mdchen wie Hildegard an
den Altar und in sein Haus zu fhren. Es war unmglich!
    Aber was sollte er thun? Sollte er es ihr gleich jetzt, gleich heute sagen,
da er sie nicht liebe? Sollte er warten und die Zeit walten lassen? War es
denkbar, da sie ihm bei lngerem Beisammensein weniger mifiel? Durfte er
darauf rechnen, da sie vielleicht selber einsehen lernen wrde, wie wenig sie
und er zusammen paten? Sollte er ihr schreiben - mit der Mutter sprechen?
Sollte er abreisen? - Damit war freilich nichts gewonnen! - Und doch htte er es
am liebsten thun mgen, htte er nicht nach dem Seinigen sehen mssen und wre
Vittoria nicht dagewesen, die er liebte, die wiederzufinden er so glcklich
gewesen war.
    Der Diener hatte des Freiherrn Kleider noch nicht ausgepackt, als dieser
etwas die Treppe hinaufstrmen hrte, und im nchsten Augenblicke warf sich ein
Knabe mit dem Ausrufe: Mein Bruder, willkommen, mein lieber Bruder! ihm in die
Arme.
    Ein blhenderes, ein schneres Geschpf war kaum zu denken. Weit grer, als
seine Jahre es erwarten lieen, das braune Gesicht von einer Flle schwarzen
Haares umlockt, die schnen Lippen vom Lachen umspielt, die groen Augen vor
Freude funkelnd, und leicht und krftig in jeder Regung und Bewegung, entzckte
Valerio den jungen Freiherrn durch sein bloes Erscheinen; und jene Liebe fr
die Kindheit, welche die Frauen meist als ein ihnen besonders eigenes und
angeborenes Gefhl bezeichnen, whrend die Mnner sie oft in ganz gleichem, wenn
nicht in einem hheren und edleren Grade besitzen, bemchtigte sich urpltzlich
seines Herzens. Er konnte nicht satt werden, den schlanken Knaben anzusehen. Er
hrte es mit unsglichem Vergngen, wie Valerio ihn immerfort seinen Bruder,
seinen geliebten Bruder nannte, wie er sich freute, da der Bruder nun wieder da
sei, wie er den Bruder bewunderte, der alle die Schlachten gefochten hatte. Nie
zuvor waren die Worte mein Bruder zrtlicher an des Freiherrn Ohr gedrungen,
es hatte Niemand mit so voller, kindlich vertrauender Liebe zu ihm emporgesehen.
Und diese Zuversicht, diese vertrauende Bruderliebe des schnen Knaben, den er
hatte geboren werden sehen, den er auf seinen Armen getragen hatte, sollte er
Lgen strafen, sollte er jemals wieder entbehren mssen? Nimmermehr! - Vittoria
war der Stern seiner Jugend gewesen, ihre Liebe und Freundschaft hatten seine
bis dahin einsame und freudlose Kindheit in Glck verwandelt. Jetzt konnte er es
ihr vergelten, es ihr in ihrem Sohne mit Genu vergelten, und er gelobte sich,
es zu thun.
    Nur mit Widerstreben, nur, um ihn nicht in fremder Hand zu lassen, hatte er
den Brief, der gegen Vittoria Zeugni gab, von dem Grafen Gerhard angenommen.
Renatus hatte nicht daran gedacht, ihn jemals gegen sie zu brauchen oder dem
Willen seines Vaters entgegen zu handeln. Nur darber war er mit sich nicht eins
gewesen, ob er ihn Vittoria bergeben solle oder nicht, ob es gerathen sei, die
alte Wunde aufzureien und sich zum ausdrcklichen Mitwisser von Valerio's
unrechtmiger Geburt zu machen, oder ob er besser thue, dasjenige, was begraben
sei, auch begraben bleiben zu lassen. Und wie er heute Vittoria wiedergesehen
hatte, wie jetzt Valerio in seiner Schnheit und Liebe vor ihm stand, zweifelte
er nicht mehr, was hier zu thun ihm zieme. Htte er sich doch am liebsten selbst
vor der Erinnerung an dasjenige bewahren mgen, was diese beiden ihm so theuren
Wesen von ihm trennen konnte; und rasch entschlossen, nahm er seine Brieftasche
zur Hand, suchte aus derselben den bewuten Brief hervor, betrachtete ihn
sorgfltig, um sich zu berzeugen, da er sich nicht irre, und warf das Blatt
dann in das Feuer des Kamins.
    Was machst Du da? fragte Valerio, dessen Neugier alles, was der Freiherr
that, beschftigte.
    Ich verbrenne einen Brief.
    Wehalb das?
    Weil ich Dich liebe, mein Valerio, mein lieber, lieber Bruder! gab Renatus
ihm zur Antwort, indem er ihm die Arme entgegenhielt.
    Valerio sprang an ihm empor und sagte lachend: Du gibst grade solche
Antworten, wie die Mutter.
    Der Freiherr fragte ihn, was er damit meine.
    O, versetzte der Knabe, solche Antworten, bei denen man nicht wei, was sie
will, und ber die man sich freut, auch ohne da man sie versteht! Aber da Du
jetzt zu Hause bist, lieber Bruder, will ich Dir auch Alles sagen und Dich immer
fragen.
    Der Freiherr, der es wohl bemerkte, wie stolz es den Knaben machte, einen
fertigen Mann als seinen Bruder ansprechen und behandeln zu knnen, forderte
ihn, von Valerio's Weise mehr und mehr gefesselt, freundlich auf, mit dem Sagen
und Vertrauen nur gleich zu beginnen; inde Valerio weigerte sich dessen. Noch
sei es nicht an der Zeit, noch sei es Winter; aber im Frhlinge, wenn der Schnee
geschmolzen und Alles wieder grn sei, dann werde er es ihm schon sagen.
    Er fing darauf, whrend Renatus sich suberte und kleidete, von der Mutter,
von der Grfin und von Hildegard zu erzhlen an: wie Hildegard ihn in die Stadt
und in die Schule schicken wolle, wie er Hildegard nicht leiden knne, wie
Ccilie weit besser, aber weit besser sei, und wie auch die Mutter Ccilien viel
lieber habe. Renatus lie ihn immerfort gewhren, aber er konnte sich aus dem
planlosen Geplauder des Knaben doch bald berzeugen, da derselbe durch das
bestndige Zusammensein mit Erwachsenen eine bedenkliche Frhreife erlangt und
da man ihm weit mehr als wnschenswerth den Zaum und Zgel habe schieen
lassen.
    Auf des Bruders Frage, was Valerio denn lerne, was er treibe, entgegnete
dieser, der Pfarrer kme Tag um Tag, ihm Unterricht zu geben, und an den anderen
Tagen lerne er mit der Mutter und mit Ccilie Italienisch und Franzsisch.
Htten die keine Zeit, so zeichne er oder er spiele Klavier. Als Renatus sich
erkundigte, wer ihn darin unterweise, sagte er sehr bestimmt, darin unterweise
ihn Niemand, das knne er von selbst; und er hatte denn auch gleich, ohne um
Erlaubni zu fragen, aus des Freiherrn Taschenbuch den Bleistift herausgenommen
und auf den Rand eines der Papiere, die zur Einwicklung von des Freiherrn
Besteck gedient hatten, eine Menge von kleinen Figuren in den wunderlichsten
Stellungen und Sprngen, oft nur mit wenig Strichen, aber mit so vollkommener
Sicherheit hingeworfen, da Renatus sich des Erstaunens und des Lachens nicht
erwehren konnte. Sein Wohlgefallen an Valerio ward immer grer. Er meinte, nie
eine so reine Freude genossen zu haben, als die Liebe fr diesen Knaben sie ihm
bereitete, und er begriff seinen Oheim nicht, der mit solcher Wrme und
Anerkennung von Hildegard sprechen und dieses schnen, lebensvollen Knaben kaum
Erwhnung, und zwar mit Abneigung hatte Erwhnung thun knnen.

                                Zweites Capitel


Renatus war whrend der Feldzge viel umhergeworfen worden. Er hatte gelernt,
sich in den verschiedensten Verhltnissen schnell zurechtzufinden und auf
verschlungenen Wegen seines Pfades nicht zu fehlen; aber eine so absonderliche
Wirthschaft, wie die in seinem Schlosse, war ihm nirgend vorgekommen, und es war
ihm leichter, berall leichter gewesen, sich durch fremde Verkehrtheiten
durchzuschlagen, als im eigenen Hause und in der eigenen Familie Ordnung zu
schaffen, besonders fr ihn, der Ruhe und Frieden herstellen sollte, whrend er
keinen anderen Gedanken hegte, als das einzige, in der allgemeinen Uneinigkeit
anscheinend fest bestehende Verhltni, seine Verlobung mit Hildegard, so bald
als mglich aufzulsen.
    Er kannte das Schlo kaum wieder, er konnte in seinem Vaterhause nicht
heimisch werden, und nur allmhlich vermochte er es einzusehen, wie man zu einer
so grillenhaften Benutzung der verschiedenen Rumlichkeiten gelangt war und
wehalb man sich in einer so unbequemen und unzweckmigen Weise eingerichtet
hatte. Allerdings hatte Hildegard ihm davon geschrieben, aber die Ungehrigkeit
dieser Lebensweise stellte sich in der Wirklichkeit noch ganz anders als auf dem
Papiere dar, und der Eindruck, welchen Renatus davon empfing, war ein sehr
verdrielicher.
    Vittoria hatte gleich nach dem Tode ihres greisen Gatten die Zimmerreihe
verlassen, die sie mit ihm getheilt und die der verstorbene Freiherr auch mit
seiner ersten Frau bewohnt hatte. Was sie dazu bestimmt hatte, darber sprach
sie sich nicht aus, aber Renatus konnte es sich denken; und als er dann eines
Tages, neben ihr am Fenster stehend, in einer der Scheiben den Namen des Mannes
eingeschnitten fand, dessen Brief an Vittoria er vernichtet hatte, blieb ihm
kein Zweifel ber die Beweggrnde, durch welche seine Stiefmutter eben zu der
Wahl dieser im Erdgeschosse gelegenen Rume veranlat worden war. Da man diese
Wohnung seit einem halben Jahrhunderte wenig benutzt und whrend der Feldzge
die jngeren Offiziere in dieselben einquartiert hatte, waren die altfrnkischen
Mbel, die Tapeten, die Vorhnge in denselben sehr arg mitgenommen. Fr
dergleichen fehlte jedoch der Baronin das Auge ganz und gar. Was sie an diese
Rume fesselte, war vllig unabhngig von dem Zustande, in dem sie sich
befanden. Ihr gengten sie. Sie schtzte es daneben, da sie zu ebener Erde
lagen, da sie nicht nthig hatte, eine Treppe zu steigen, wenn sie whrend der
schnen Jahreszeit sich im Freien aufzuhalten wnschte, und fr den Winter hatte
sie sich auch nach ihren eigenthmlichen Bedrfnissen eingerichtet. Das schne,
groe Bett aus ihrem Schlafgemache, einige Ruhesessel, ein Polsterlager, das sie
sich bald nach ihrer Verheirathung hatte machen lassen, ihr Flgel und ihre
Musikalienschrnke waren in das groe Gemach hinuntergebracht, in welchem Tag
und Nacht die Feuer in den beiden Kaminen nicht erlschen durften, weil es
Vittoria nie verlie, wenn sie nicht zu einem Besuche in die Nachbarschaft fuhr.
Neben ihr wohnten ihr Sohn und ihre Kammerfrau, und obschon es der Letzteren an
Sinn fr Ordnung nicht gebrach, wollte es ihr jetzt, wo die Baronin, ganz sich
selber berlassen, ihren Neigungen nachgeben konnte, nicht gelingen, Herr ber
die phantastische Unordnung zu werden, in welcher Jene sich schon um dehalb
wohlgefiel, weil sie den entschiedensten Gegensatz zu den Gewohnheiten der
Grfin Rhoden bildete.
    Wre Renatus nicht zu nahe dabei betheiligt gewesen, so wrde der
Weiberkrieg in diesem Schlosse ihn belustigt haben. Jetzt indessen war das
anders. Da Vittoria die eigentliche herrschaftliche Wohnung nie betrat, hatte
die Grfin es auch nicht fr angemessen erachtet, sich ihrer zu bedienen; und
weil Vittoria oft am Tage schlief und dann bis tief in die Nacht hinein am
Flgel musizirte, war die Grfin darauf bedacht gewesen, sich vor solcher
Strung ihrer Ruhe zu bewahren. Vittoria wohnte also im Erdgescho des linken
Flgels, die Rhoden'sche Familie im zweiten Stockwerk der rechten Seite. Alle
brigen Zimmer waren zugeschlossen, und man hatte zwei Treppen und die ganze
Flucht der langen Gnge zu durchwandern, ehe man aus dem einen feindlichen Lager
in das andere gelangte. Das hatte jedoch fr die Betheiligten nur wenig auf
sich, denn die Grfin und Hildegard vermieden die Baronin so sehr, als es nur
mglich war, und Ccilie, deren blhende Gesundheit die Klte nicht zu scheuen
brauchte, focht die Unbequemlichkeit nicht an.
    Schon seit Jahren a man nicht mehr gemeinsam. Vittoria liebte es nicht,
sich an eine bestimmte Stunde zu binden, die Grfin und Hildegard verlangten
auch in diesem Falle nach einer strengen Pnktlichkeit, und wie ber die Zeit,
so hatten die Frauen sich auch ber die Wahl der Speisen nie vereinigen knnen.
Gaetana besorgte die Kche der Baronin, die Grfin hielt mit ihren Dienstboten
nach ihrer Weise Haus. Hildegard warf es Vittoria vor, da sie sich mit ihrer
sen, fetten Kost unfrmlich stark und trge mache, die Baronin hingegen wollte
sich nicht zu einer Ernhrung bequemen, bei welcher man so wie Hildegard
verfalle und an den Nerven leide, und die Folge davon war, da den ganzen Tag im
Schlosse des Kochens und des Bratens kein Ende war, da der Amtmann ber den
gewaltigen Verbrauch von Brennholz klagte, da die beiden Haushaltungen einander
der unverantwortlichsten Verschwendung ziehen und da Renatus gleich in den
ersten Stunden von beiden Seiten mit Beschwerden und mit Anschuldigungen, mit
Rathschlgen zu einer Aenderung und mit Forderungen und Ansprchen behelligt
wurde, die ihm, eben weil sie sammt und sonders kleinlich waren und den rechten
Punkt des Uebels nicht berhrten, uerst lstig dnkten. Das waren jedoch im
Grunde alles nur sehr unwesentliche Dinge gegen den Zwiespalt, den Renatus in
sich trug, gegen dasjenige, was er mit sich selber und mit seiner Verlobten
abzumachen hatte.
    Der erste Eindruck, welchen er von Hildegard empfangen hatte, nderte sich
auch im lngeren Beisammenbleiben nicht. Sie war anderthalb Jahr lter als der
Freiherr und nie schn gewesen. Nur die an blonden Mdchen schnell
vorbergehende Frische der Jugend hatte sie diesem einst reizend gemacht. Jetzt,
wo Renatus auf der Hhe seiner mnnlichen Kraft und Schnheit stand, nherte
Hildegard sich ihrem dreiigsten Jahre, und weil sie magerer geworden war,
traten die Kleinlichkeit und die Schrfe ihrer Zge unangenehm hervor. Dazu
hatte, wie jedes Zeitalter den Menschen eine bestimmte Physiognomie anbildet, so
da nur wenig bevorzugte Naturen sich unabhngig von dem allgemeinen Typus zu
freien und eigenartigen Persnlichkeiten ausbilden, die Stimmung, welche vor und
whrend der Freiheitskriege in Deutschland herrschend gewesen war, auch der
jungen Grfin Rhoden ihren Charakter aufgeprgt. Die schweren Sorgen, welche
jeder Einzelne zu tragen hatte, die Nothwendigkeit, fr das Allgemeine
bedeutende Opfer zu bringen und sich eben dehalb in seinen eigenen Bedrfnissen
zu beschrnken, die Ergebung in groe Unglcksflle, zu der so Viele sich
veranlat fanden, endlich die Selbstverlugnung, welche die deutschen Frauen und
Mdchen an dem Siechbette der Verwundeten und Kranken ber sich genommen, hatten
Hildegard vortrefflich erzogen, aber ihr auch ein eigenthmliches Geprge
aufgedrckt. Sie war sparsam und fleiig, anspruchslos in allen ihren
Bedrfnissen, groer, ausdauernder Treue und Hingebung fhig, von einem starken
Pflichtgefhle beseelt, und man htte diese Tugenden vielleicht noch hher
schtzen mssen, weil sie dieselben mit vollem Bewutsein bte und in sich
ausgebildet hatte. Grade diese Absichtlichkeit nahm ihr indessen die
Natrlichkeit. Die Sanftmuth, deren sie sich befleiigte und die sie in ihrem
ganzen Wesen kund zu thun strebte, wurde in ihrem Mienenspiele zu einem
slichen Ausdrucke, ihre Hingebung lie sie empfindsam erscheinen, und daneben
machte ihre Strenge gegen sich selbst sie gegen die Anderen unduldsam. Mit jener
Unerbittlichkeit und Selbstgengsamkeit, denen man bei beschrnkten Menschen, so
Mnnern als Frauen, berall begegnet, hatte sie sich ein Tugendideal geschaffen,
dem sie sich nachzubilden trachtete, und ohne den verschiedenen Naturen und
Lebensbedingungen der Anderen irgend eine Rechenschaft zu tragen, verwarf sie
Alles und Jeden, sofern sie ihrem Ideale nicht entsprachen.
    Da sie in all ihrem Thun und Treiben berechnend geworden war, hatte sie bei
dem Wiedersehen mit Renatus ihm gleich die ganze Flle ihrer Liebe und die tiefe
Innerlichkeit derselben darzuthun gestrebt. Aber sie hatte sich diese Scene so
tausendfltig vorgestellt, sich dieselbe so oft und in allen ihren Einzelheiten
so genau und mit so leidenschaftlichen Farben ausgemalt, da die Wirklichkeit
weit hinter der erwarteten Glckseligkeit zurckblieb. Hildegard war also trotz
ihrer anscheinenden Versunkenheit vllig im Stande gewesen, nicht nur ber sich
selbst, sondern auch ber ihren Verlobten genaue Beobachtungen anzustellen, und
sie waren nicht dazu geeignet gewesen, sie ber ihre Zweifel an seiner Liebe zu
beruhigen. Schon da er nicht zuerst nach ihr verlangt hatte, da er nicht
graden Weges zu ihr gekommen war, hatte, wie sie es nannte, ihrem Herzen wehe
gethan, und da er dann so lange mit Valerio in seinem Zimmer und von ihr fern
verweilen knnen, war fr ihre Seele noch weit entmuthigender gewesen.
    Alle ihre schlimmsten Ahnungen gingen in Erfllung. Weinend sank sie ihrer
Mutter, nachdem Renatus das Zimmer verlassen hatte, in die Arme; unter Thrnen
kleidete sie sich an; und diese Thrnen trugen nicht dazu bei, sie zu
verschnern. Es war vergebens, da die Mutter ihr Muth einsprach, da sie
Renatus mit der Ermdung entschuldigte, welche die unausbleibliche Folge einer
langen Winterreise sei. Obschon auch der Grfin das Erschrecken und die Klte
des Freiherrn sichtbar genug gewesen waren, gab sie der verzagten Tochter zu
bedenken, da in jeder langen Trennung der Keim zu gegenseitigem Miverstehen
liege. Sie erinnerte Hildegard daran, wie schnell, wie pltzlich einst ihr
Verlbni mit Renatus geschlossen worden sei und wie das wahrhaft brutliche
Zusammengehren, wie ein Zuversicht gebendes Liebesverhltni sich noch gar
nicht zwischen ihnen habe gestalten knnen. Vor Allem jedoch warnte sie die
Tochter, ihre Zweifel dem Wiedergekehrten zu verrathen. Sie beschwor sie, sich
zu erheitern, sich zu schmcken, dem Verlobten unverhohlen die Freude kund zu
geben, welche sie empfinde. Aber durch die lange Gewohnheit, sich in ihren
Gefhlen mit Selbstbeobachtung und mit Selbstbewutsein darzustellen, war
Hildegard vllig unfhig geworden, sich zwanglos gehen zu lassen, und sie hatte
kaum eingesehen, da die Mutter Recht habe und da sie wohl thun werde, wenn sie
ihr folge, als sie sich auch schon in eine neue Rolle hinein versetzte, die ihr
freilich noch weniger wohl anstand, als die bisher von ihr aufrecht erhaltene
Kundgebung der stummen Liebe.
    Sie war jetzt fest entschossen, ihren Kummer zu verbannen, sie wollte sich
mit aller ihrer Energie aus der sehnsuchtsvollen Braut in die glcklich Liebende
verwandeln; inde eine Miene, welche man durch lange Jahre festgehalten hat,
lt sich nicht leicht verwischen. Ihr lchelnder Mund wollte nicht mehr zu dem
schwermthigen Blicke, die Art, in welcher sie sich hpfend dem Brutigam an den
Hals warf, nicht zu dem elegischen Tone ihrer Sprache passen, und wenn sie bei
dem Eintritte des Geliebten nach frhlicher Kinder Weise in die Hnde klatschte,
machte das einen solchen Gegensatz zu der wehmthigen Neigung ihres Hauptes, die
ihr zur anderen Natur geworden war, da Valerio, der nicht von des Bruders Seite
wich, und weder gewohnt war, seine Gedanken zu verbergen, noch den Ausdruck
seiner Einflle zurckzuhalten, eines Tages bei Hildegard's Anblick laut zu
lachen anfing.
    Wie kommst Du denn in ein grnes Kleid, fragte er, und obenein mit solchen
langen Locken? Du siehst wie eine vergngte Trauerweide aus!
    Die Grfin schalt den Knaben. Auch Renatus wies ihn mit strengem Wort in
seine Schranken; aber Hildegard mifiel auch ihm, seit sie zum Aufputze ihre
Zuflucht nahm, mehr noch als am ersten Tage, und doch vermochte er das trennende
Wort gegen sie nicht auszusprechen. Er konnte sich nicht entschlieen, einem
Weibe, das ihm liebend gegenber stand, mit Hrte zu begegnen. Er fhlte sich
sehr unglcklich, ja, er betrachtete es als eine Erniedrigung, da er sich
genthigt sah, sich der Zrtlichkeit eines ungeliebten Mdchens zu berlassen,
welches offenbar entschlossen war, seine Klte nicht zu beachten, seine Liebe
durch ihre Geduld und Treue zu gewinnen und sich ihm ntzlich und angenehm zu
machen, indem es schon jetzt die Hlfte seiner Mhen und Sorgen auf sich nahm.
    Ohne da er es von ihr begehrte, sprach ihm Hildegard ihre Ansicht ber
seine Verhltnisse aus, von denen sie durch ihre eigenen Beobachtungen und
Erkundigungen weit vollstndiger unterrichtet war, als Renatus es erwartete. Sie
hatte denn auch mit reiflicher Ueberlegung jene Plane entworfen, von denen sie
ihrem Brutigam in ihren Briefen zum Oefteren gesprochen, und sie waren
natrlich ganz auf jene Ausschlielichkeit des liebenden Beisammenseins
berechnet, welchem Hildegard einst in der Stunde der ersten Trennung von dem
Verlobten mit dem Ausrufe: Ich und Du - und Du und ich! ihren Ausdruck gegeben
hatte.
    Ihrem Sinne widerstanden Tremann's Rathschlge, von denen sie sich mit ihren
sanften und doch eindringlich bohrenden Fragen bald durch den Freiherrn Kenntni
zu schaffen wute, keineswegs. Denn Vereinfachung der Zustnde war gerade
dasjenige, worauf ihr Augenmerk gerichtet war. Sie stimmte daher der Meinung
Tremann's auch vllig bei, da man Neudorf und Rothenfeld verkaufen solle; sie
hoffte mit dem Grafen Gerhard, da der Knig, wenn er she, wie bedrngt Renatus
sei und wie sehr er und seine Braut entschlossen wren, ihre Verhltnisse zu
regeln, sich ihrer annehmen wrde, und sie hatte bereits die genauesten
Berechnungen ber die Summe angestellt, welche man der Baronin aussetzen msse,
wenn diese mit ihrem Sohne erst an einem beliebigen anderen Orte ein Unterkommen
gefunden haben wrde. Da die Grfin Rhoden und Ccilie sich mit dem kleinen,
ihnen eigenen Vermgen nach der Hauptstadt zurckwenden wrden, nahm Hildegard
als selbstverstndlich an, und sie erging sich also, so oft der Anla sich ihr
dazu bot, in den Schilderungen des friedlichen und vollendeten Glckes, dessen
sie und der Geliebte theilhaftig werden wrden, wenn sie, von Sorgen und
Widerwrtigkeiten nicht belastet, hier in Richten einzig auf einander
angewiesen, einst nur fr einander leben wrden.
    Es lag in dem Ernst der jungen Grfin eine zwingende Kraft, aber sie hatte
die Unart, immer wieder auf denselben Gegenstand zurckzukommen, den Freiherrn
an jedem Tage auf die Nothwendigkeit einer Entschlieung hinzuweisen und dadurch
ihn unablssig an die ganze Schwere seiner Sorgen zu erinnern. Er gestand es
sich ein, da sie in gewissem Sinne Recht habe, da sie ein tchtiger, ein
ehrenwerther Charakter sei; er lie sich sogar den Vorwurf von ihr gefallen, da
es ihm an Willensstrke fehle; inde die Achtung, welche er ihr nicht versagen
durfte, fachte die Liebe in ihm nicht wieder an. Sein Bedauern ber die
Unklugheit, ihr nicht aus der Ferne geschrieben zu haben, was er ihr weder
verbergen konnte, noch verbergen wollte, verminderte sich dadurch nicht, und der
Unfriede und die grillenhafte Lebensweise, welche in seinem Schlosse herrschten,
traten ihm trotz alledem als der Uebelstand hervor, dem zunchst eine Schranke
gezogen werden msse.
    Da er diese Zustnde, wie sie sich whrend seiner Entfernung herausgebildet
hatten, da er namentlich die Doppelwirthschaft nicht fortbestehen lassen knne,
erklrte der junge Schloherr den Frauen gleich am ersten Tage. Er lie die
Wohnung seiner Eltern ffnen, richtete sich in seines Vaters Zimmern ein,
ordnete an, da man um bestimmte Stunden und gemeinsam speisen solle, und wie
diese Einrichtungen ihn des Alleinseins mit Hildegard zum Theil enthoben, so
zeigten smmtliche Frauen sich aus Eifersucht gegen einander mit Einem Male
seinen Wnschen und Anweisungen fgsamer, als er es erwartet hatte.
    Vittoria verlie ihr Gemach und stieg zur festgesetzten Zeit die Treppe
bereitwillig hinauf, um der Grfin und Hildegard die Rechte der Hausfrau in dem
Versammlungszimmer und im Speisesaale nicht zu berlassen. Diese hinwieder
hielten es fr geboten, der Liebe und Zrtlichkeit entgegenzuarbeiten, welche
Renatus immer noch fr seine Stiefmutter hegte, und da die Einen wie die Andern
das Bestreben hatten, den Heimgekehrten festzuhalten, an sich zu fesseln und fr
sich einzunehmen, migte ein Jeder sich in der Aeuerung und Darstellung des
Unrechtes, das er erlitten zu haben glaubte, hielt Jeder sich mit den Ansprchen
und Anklagen, die er erheben zu mssen fr nthig ansah, vorlufig noch in
gewissen Schranken zurck. Das gab dem Freiherrn Hoffnung und gewhrte ihm eine
Genugthuung; denn er besa noch jenen guten Glauben des Unerfahrenen, welcher
alles, was sich um ihn her gestaltet und vollzieht, als sein Werk, als die Folge
seiner Anordnungen und Manahmen anzusehen liebt, ohne zu bemerken, welchen
Antheil die Plane und Berechnungen der Andern daran haben, und ohne es gewahr zu
werden, da er oft nur ein Werkzeug ist, wo er sich als den Herrn und Meister
fhlt.
    Er zweifelte nicht daran, da er seinen Willen durchgesetzt habe, als
Vittoria pltzlich ihren Flgel und ihre Noten wieder in das Empfangszimmer
hinaufbringen lie; er ging mit Behagen in den Slen umher, wenn die Frauen sich
Abends um ihn versammelten, wenn Vittoria und Ccilie und Hildegard bei ihren
musikalischen Leistungen einen frmlichen Wetteifer verriethen, wenn die Frauen
alle sich in freundlicher Zuvorkommenheit gegen ihn und gegen einander pltzlich
berboten und keine von ihnen ein anderes Bestreben zu haben schien, als das,
sich ihm angenehm zu machen und ihn so weit als mglich zufrieden und glcklich
zu sehen.
    Die Grfin, deren Liebling ihre lteste Tochter stets gewesen war und welche
jetzt noch mehr als frher wnschen mute, das nicht mehr junge Mdchen durch
die noch immer ansehnliche Heirath mit dem Freiherrn zu versorgen, that, so viel
an ihr lag, einen Jeden zur Fgsamkeit in die Anordnungen des Hausherrn
anzuhalten und Hildegard zu freundlicher Ergebung, zu gewinnendem Beharren, zu
frderlicher Hlfsleistung zu ermuthigen. Es htte jedoch bei einem Charakter
wie dem von Hildegard dieser Ermahnungen kaum bedurft, ja, sie waren im Grunde
fr sie vom Uebel, denn das Geflissentliche, welches sich in dem Wesen der
jungen Grfin ohnehin mehr, als es dem Freiherrn lieb war, berall verrieth,
ward dadurch noch verstrkt. Es langweilte Renatus bald, bestndig auf diese
immer gleiche, ernste Ergebenheit zu stoen, und wenn er nach seinen
Unterredungen mit seiner Braut, wie Vittoria es nannte, aus dem Norden zu ihr in
den Sden hinunterkam, fand er sich von seiner Stiefmutter angenehmer und
heiterer unterhalten und in seinen eigenen Anschauungen ber Hildegard bestrkt.
    Vittoria hatte ihren Stiefsohn immer vor der gefhrlichen Sanftmuth und vor
der herrschschtigen Pflichttreue seiner Braut gewarnt. Jetzt klagte sie
dieselbe unumwunden der Arglist und einer niedrigen Gesinnung an. Sie nannte es
unschicklich und anmaend, da Hildegard, ohne dazu von ihrem Verlobten
ermchtigt worden zu sein, mit seinen Beamten verkehrt und von ihnen Auskunft
und Rechenschaft ber seine Vermgensumstnde gefordert habe. Sie bezeichnete es
als einen entschiedenen Verrath, da sie dem Grafen Berka einen Einblick in
Verhltnisse erffnet, den sie selbst sich nur durch ihre Zudringlichkeit
erworben habe. Sie beschwerte sich ber den herzlosen Hochmuth, den Hildegard
beweise, wenn sie ihr, der Wittwe des verstorbenen Freiherrn, der Mutter ihres
Verlobten, gleichsam den Thaler nachrechne, dessen sie fr ihre kleinen
Bedrfnisse benthigt sei; und als Renatus, dessen offenem und gromthigem
Herzen jede Kleinlichkeit fremd und eben dehalb auch in Anderen zuwider war,
sich eines unwilligen Wortes bei dieser letzten Mittheilung nicht erwehren
konnte, rief Vittoria, den Boden ihres Angriffes pltzlich wechselnd: Blick'
diesem Mdchen doch nur einmal unbefangen in das verblhte, jeder Anmuth, jedes
Liebreizes so beraubte Antlitz! Kannst Du an Liebesworte von den schmalen,
blassen Lippen glauben, auf denen das Lcheln gleich zu Eis gefriert? Kannst Du
mit Freuden in solchen Armen ruhen? Nein, dieses Mdchen ist zur Gattin, zur
Mutter nicht geschaffen! Ich mte irre werden an Gott und an der Natur, wenn
diesem selbstschtigen Herzen die Wonne der Mutterliebe jemals blhen knnte!
    Vittoria hatte es oft erfahren, da ihre wilde Beredtsamkeit ihre Wirkung
auf den Stiefsohn nicht verfehlte. Wider ihr Erwarten aber blieb er ihr die
Antwort schuldig. Das war gegen ihre Absicht, denn die Liebe, welche sie
wirklich fr Renatus hegte, und das Bewutsein, da sie mit ihrer Zukunft zum
grten Theile auf seinen guten Willen angewiesen sei, machten sie in der Regel
in ihren Aeuerungen vorsichtig. Sie wrde sich auch nicht unterfangen haben,
Hildegard mit solcher Entschiedenheit anzugreifen, ohne die Ueberzeugung, da
sie den geheimsten Gedanken des Freiherrn mit ihren Aussprchen begegne, und sie
irrte darin nicht, wenngleich er es nicht fr angemessen fand, ihr dies
einzurumen.
    Nur Eines hatte Vittoria bersehen, da nmlich in Renatus seit seinem
Aufenthalte in der Heimath und in seinem Schlosse sich ein neues Element
entfaltete: er begann sich als Oberhaupt einer Familie zu empfinden. An die
Unterordnung unter ein solches als an gute, adelige Zucht und Sitte von frh auf
streng gewhnt, gefiel er sich darin, jetzt fr sich in Anspruch zu nehmen, was
er frher hatte leisten mssen, und die Lage, in welcher die Frauen sich ihm
gegenber befanden, erleichterte ihm die ersten Schritte auf dem Wege zur
Herrschsucht, den er, in dem besten Glauben an ihre Nothwendigkeit, betrat.
    Er hatte am Tage seiner Ankunft den Bruch mit Hildegard beabsichtigt. Er
dachte auch jetzt noch an denselben. Aber die Vorstellung, da er diesen Schritt
spter so gut wie jetzt ausfhren knne, da es nur von ihm abhnge, in welcher
Weise er sein Schicksal gestalten wolle, und vor Allem die ungewohnte
Nachgiebigkeit, der er begegnete, wohin immer er sich wendete, schmeichelten ihm
mehr, als er es ahnte. Er tuschte sich darber keinen Augenblick, da Hildegard
ihm mehr als gleichgltig sei, ja, da sie ihm mifalle; und doch konnte er in
ihrer Nhe nie vergessen, was der Abb ihm ber die demthige und hingebende
Frauenliebe ausgesprochen hatte, doch mute er, wie oft und verfhrerisch ihm
Eleonorens Bild eben hier in der Zurckgezogenheit erschien, sich eingestehen,
da eine stolze gewaltsame Natur, wie sie, ihn auf die Lnge nicht zu beglcken
fhig gewesen sein wrde. Denn es ging ihm wie allen den Mnnern, die in einem
unklaren, aber darum nicht weniger richtigen Bewutsein ihrer eigenen Schwche
vor jeder starken Frauenseele Scheu tragen. Sie sehen die Kraft als einen Fehler
in den Frauen an, weil sie ihnen selber mangelt, und eben dehalb schweben sie
bestndig in der doppelten Gefahr, von der Berechnung der Frauen absichtlich
durch eine zur Schau getragene sogenannte unterwrfige Weiblichkeit getuscht,
oder von der wirklichen Unbedeutendheit gefesselt und beherrscht zu werden.
    Selbst die Mihelligkeiten und kleinen Hndel, auf welche Renatus fast an
jedem Tage, so sehr man sie ihm zu verbergen strebte, zwischen den einander
jetzt mit erhhter Genauigkeit beobachtenden Frauen stie, dnkten ihn bald
nicht mehr so unertrglich, als in den ersten Tagen und Wochen, denn sie gaben
ihm die Gelegenheit, sich tglich der Herrschaft bewut zu werden, welche er
ber die Personen ausbte, die er als seine Familie hielt und ansah. Und weil es
ihm wider sein Vermuthen und des Grafen Voraussetzungen leicht genug gelungen
war, durch sein bloes Dazwischentreten ein schicklicheres Leben und
Beisammensein in seinem Schlosse herzustellen, war er bald berzeugt, da seine
Berather, da Tremann und Graf Gerhard, der Eine aus Unkenntni der
landwirthschaftlichen Verhltnisse, der Andere, weil ihm bei dem beginnenden
Alter die Kraft und Leichtlebigkeit der Jugend nicht mehr zu Gebote stnden, ihm
auch von seinen Vermgensverhltnissen ein zu dster gefrbtes und eben darum
kein vllig richtiges Bild entworfen htten.
    Er beschlo also, knftig nur seinen eigenen Augen zu vertrauen und sich bei
der Ordnung seiner Angelegenheiten vor allen Dingen von dem Sachverhalte selbst
zu berzeugen, ehe er sich auf irgend welche eingehende Besprechungen mit seinen
Beamten einlie oder sich gar in Verhandlungen mit Dritten weiter vorwrts
wagte.

                                Drittes Capitel


Der Winter neigte sich stark zu Ende. Die Tage wurden schon wieder hell. Am
Mittage, wenn die Sonne hoch stand, war die Luft leicht und warm, der Himmel
dunkelblau, und der Schnee, der den Boden noch bedeckte, wenngleich er von den
Dchern und Bumen weggeschmolzen war, funkelte so hell, da man sich belebt
fhlte, als ob man im Hochgebirge wre. Auch die lichtfreudige Lerche wirbelte
sich schon wieder in gerader Linie aus ihrer Scholle zum Firmament empor und
lie aus ihrer kleinen Kehle ihre jubelnde Frhlingsverkndigung vorzeitig ber
die Erde hinweg erschallen.
    Um, wie er es nannte, nach dem Seinigen zu sehen, hatte Renatus sich
gewhnt, an jedem Mittage auszureiten. Hildegard, die man um ihrer zarten
Gesundheit willen das Reiten stets vermeiden lassen, hatte ihn zum Fahren
berreden wollen, um ihn begleiten zu knnen; inde er hatte das Reiten fr
bequemer und seinem Zwecke entsprechender erklrt und Anfangs nur Valerio, bald
aber auch Ccilie mit sich genommen, deren lebensvoller Krper sich immer nach
starker, durchgreifender Bewegung sehnte.
    Eines Tages, als man um die festgesetzte Stunde auch wieder die Pferde fr
die Reiter auf die Rampe gefhrt hatte, kam der Freiherr mit Valerio und
Ccilien eben aus dem Schlosse heraus. Er hatte dem Sonnenschein zu Liebe einen
Jagdrock von grnem Sammet angezogen, den er auf mancher Jagd in Saint Germain
getragen. Er sah ungemein gut in demselben aus, und Hildegard, die, in ihren
groen Shawl gehllt, ein kleines Tuch vorsichtig um das Haupt gebunden, oben in
ihrem Zimmer an dem geffneten Fenster stand, bemerkte das mit Vergngen. Aber
auch Ccilie sah es. Denn als er diese an ihr Pferd geleitet hatte und ihr seine
Hand hinhielt, damit sie aufsteigen und er sie in den Sattel schwingen knne,
rief sie Hildegarden die frhliche Frage zu, ob Renatus nicht sehr schn ausshe
oder ob jemals eine Knigin einen schneren Pagen gehabt habe, als sie. Valerio,
der bereits auf seinem kleinen Schimmel sa, hatte auch diese Frage kaum
vernommen, als er aus voller Brust einige von den Strophen zu singen begann, die
Beaumarchais in seinem Figaro dem Pagen in den Mund gelegt hat und welche, auf
die Marlborough-Melodie bertragen, mit den franzsischen Heeren durch ganz
Europa gewandert waren. Valerio sang mit seiner schnen Knabenstimme:

Beau page! dit la reine,
(Que mon coeur, mon coeur a de peine!)
Qui vous met  la gne?
Qui vous fait tant pleurer?

Qui vous fait tant pleurer?
Nous faut le dclarer.
Madame et souveraine,
Que mon coeur, mon coeur a de peine!
J'avais une marraine,
Que toujours adorai!

Er wiederholte den letzten Vers zu verschiedenen Malen, warf Ccilien, mit
welcher er auf dem besten Fue stand, einen Ku zu und sprengte singend davon.
    Inzwischen war Renatus ebenfalls aufgestiegen. Er lenkte seinen Goldfuchs
nach der linken Seite der Reiterin, leitete ihr Pferd vorsichtig die etwas
glatte Rampe hinunter, und whrend er unwillkrlich das Que toujours adorai!
des Knaben nachsang, grten er und Ccilie noch einmal nach dem Schlosse
hinauf, ehe sie Valerio folgten, der den Hof bereits verlassen hatte und lustig
in das Freie hinausgeritten war.
    Hildegard sah ihnen lange nach. Sie verga es, da die Mutter sie gewarnt
hatte, sich eben heute, da sie nicht ganz wohl war, der Luft am geffneten
Fenster auszusetzen, die ihr nachtheilig werden konnte. Das frhliche Singen des
Knaben hatte sie traurig gemacht. Wie die Phantasie des jungen Freiherrn sich an
den letzten Vers geheftet, hatte ihre Seele sich der immer wiederkehrenden
Worte: Que mon coeur, mon coeur a de peine! bemchtigt, und sie wute sich
nicht zu sagen, was ihr eben heute so groe Betrbni, so groen Kummer
verursachte.
    Es zog ihr so schmerzlich am Herzen, es regte sich ein Gedanke in ihr, der
ihr frher nicht gekommen war. Sonst hatte das Frhjahr sie erheitert, dieses
Mal machte sein Herannahen sie wehmthig. Was war denn geschehen? Was war denn
anders geworden, seit im vorigen Jahre die Sonne den Schnee hinweggeschmolzen
und die Lerchen eben so gesungen hatten?
    Damals war ihre Seele verwirrt gewesen durch ihre Eifersucht auf die Grfin
Eleonore; damals hatte sie sich nach dem Brutigam gesehnt und mit banger
Zrtlichkeit die Tage und die Stunden gezhlt, die bis zu seiner Heimkehr noch
vergehen muten. Jetzt war Renatus da, sie sah, sie sprach ihn tglich, sie
hatte ihm das Gestndni abgenommen, da er die Grfin Haughton trotz ihrer
verfhrerischen Reize nie geliebt, ja, da er ihre Hand, die sie ihm in
selbstgewissem Freimuthe angeboten, zurckgewiesen habe, und doch konnte
Hildegard sich's nicht verbergen, da sie in den Tagen jenes bangen und doch so
zuversichtlichen Sehnens glcklicher als jetzt gewesen sei.
    Sie beneidete Ccilie um ihre unausgesetzte gute Laune, um ihre gedankenlose
Frhlichkeit. Sie beneidete Renatus, der sich mit Valerio und ihrer Schwester,
von dem Augenblicke ganz hingenommen, an dem bloen Sonnenscheine erfreuen
konnte. Ihr war das nicht gegeben. Der frhe Tod ihres Vaters, dessen sie sich
mit allen Nebenumstnden klar erinnerte, die mannigfachen Sorgen, die sie mit
ihrer Mutter zeitig schon getheilt hatte, ihre heimliche Verlobung und endlich
alle die Erfahrungen, welche sie whrend der Kriegsjahre hatte machen mssen,
hatten ihr den glcklichen Leichtsinn der Jugend geraubt. Ihr Sinn war von jeher
ernster als der ihres Brutigams gewesen, und wie lieb sie ihn hatte, er kam ihr
immer noch nicht fertig vor. Sie erschien, sie fhlte sich reifer als er, ihm
berlegen. Als sie das einmal in einer vertraulichen Unterredung gegen den
Grafen Gerhard ausgesprochen, hatte dieser ihr lchelnd erwiedert, sie knne
eben nichts fr ihre Berka'sche Abstammung. Den Berka lgen die Verstndigkeit
und die Energie so gewi im Blute, wie den Arten der Leichtsinn und der
Wankelmuth, und sie sei eben dehalb wie ausersehen, mit ihren groen
Eigenschaften den Schwchen seines Neffen zu Hlfe zu kommen. Ihr werde
naturgem die Herrschaft im Hause und in der Ehe zufallen, und sie solle bei
Zeiten darauf denken, sich des Einflusses zu bemchtigen, welchen sie auf einen
Charakter wie den ihres Brutigams, zu dessen eigenem Heile, nothwendig erlangen
msse.
    Sie war sich bewut, diesen Rathschlgen mit all ihrer Kraft gefolgt zu
sein, aber sie erntete davon die Frchte nicht, die sie erhofft hatte. Renatus,
wie leichtgesinnt er sich auch gab, hatte das feinste Gefhl fr jede ihrer
Absichten und war nichts weniger als gewillt, ihr irgend einen Einflu auf seine
Manahmen und Entschlieungen einzurumen. Sie hatte es nach den ersten vierzehn
Tagen vllig aufgeben mssen, seiner Geschftsverhltnisse gegen ihn zu
erwhnen. Spottend und dann wieder scherzend hatte er sie Schritt fr Schritt
von dem Boden zurckgewiesen, auf dem sie sich in bester Absicht heimisch
gemacht hatte. Was sie ihm leisten, ihm sein konnte und wollte, das begehrte er
von ihr nicht; was er in ihr zu finden wnschte, den frhlichen, ihn stets
belustigenden Sinn ihrer um mehr als sechs Jahre jngeren Schwester, den besa
sie nicht. Sie war nicht jung genug dazu, sie war berhaupt nicht mehr jung.
    Das war es, was ihr heute so weh im Herzen that, was ihr das erste
Frhlingsahnen in der Luft so schmerzlich machte, und ihr die Thrnen in die
Augen prete. Der Frhling war jetzt nahe am Wiederkehren, aber ihre Jugend war
dahin und kehrte niemals wieder - niemals wieder!
    Heute, bei dem ersten hellen Sonnenscheine, hatte sie es gesehen, hatte ihr
Spiegel es ihr unwiderleglich dargethan, sie war verblht! Die Fltchen in den
Augenwinkeln, die Furchen auf der Stirn, die Zge, welche sich von ihrem Munde
nach dem Kinn hinuntersenkten, wie leise, wie wenig sichtbar sie auch waren, sie
hatte sie heute zum ersten Male an sich bemerkt, und sie zweifelte nicht daran,
Renatus hatte sie vor ihr wahrgenommen, denn er liebte sie nicht mehr, und was
das Auge der Liebe bersehen htte, dem Blicke des gleichgltigen Beobachters
war es sicher nicht entgangen.
    Sie hatte das Fenster lngst geschlossen, war lngst an ihren Nhtisch
zurckgekehrt. Was sollte ihr das helle, unverwstliche Sonnenlicht? Es
vermochte ja nur der Erde, nicht ihr, nicht ihrem Antlitze neue Jugend zu
verleihen. Aber war es ihre Schuld, da sie verblht war, da Renatus sich erst
jetzt zu seiner vollen Kraft, zu voller Mnnlichkeit entfaltete, whrend ihre
schnste Zeit vorber war? Hatte sie es zu verantworten, da er sie erwhlt, da
er sie an sich gebunden hatte durch alle die langen Jahre? Durch alle die langen
Jahre, in denen ein frisches, wechselvolles Leben im vollen Weltgetriebe sein
schnes Loos gewesen war und die sie theils in schwerer Pflichterfllung,
theils, weil er es also angeordnet, hier in der Einsamkeit vertrauert hatte?
    Mit keinem Worte hatte er, seit er zu Hause war, daran gedacht, den
Zeitpunkt ihrer Verbindung festzusetzen. Aus mdchenhaftem Zartgefhl, aus
Ehrgefhl hatte sie nicht nach demselben fragen, nicht auf dieselbe dringen
mgen; aber auch der Zustand, in dem sie gegenwrtig mit Renatus lebte,
beleidigte ihr Zartgefhl, trat ihrem Ehrgefhl zu nahe, und doch wute sie
nicht, wie sie ihn ndern, wie sie sich aus demselben befreien knnte.
    Es half ihr nicht, da sie sich schmckte! Sie konnte den verlorenen
Jugendreiz damit nicht ersetzen. Es half ihr nicht, da sie sich in nicht
endender Geflligkeit um Renatus Mhe gab. Das Zufllige, das Vittoria, das
Ccilie ihm leisteten, war immer mehr nach seinem Sinne und hatte den Vorzug,
ihm, weil es unerwartet kam, eine Ueberraschung zu sein. Sie hatte es allmhlich
aufgegeben, ihn zu suchen, weil sie bemerken mute, wie wenig es ihn freute, sie
zu finden; und selbst der Muth, ihn zu berathen, hatte sie verlassen, weil er
durch ihre Rathschlge seine Selbstndigkeit von ihr angetastet glaubte und oft,
sie zweifelte nicht daran, gegen seine eigene Ueberzeugung handelte, um ihr
darzuthun, da er nicht gewillt sei, sich der ihrigen anzuschlieen oder gar zu
fgen.
    Gestern hatte sie, gekrnkt von der Sorglosigkeit, mit welcher er sie mehr
und mehr sich selber berlie, es ihrer Mutter zum ersten Male ausgesprochen,
da sie fhle, Renatus wolle sie verlassen; er wolle mit ihr brechen und wolle,
das Ma seiner selbstschtigen Grausamkeit zu fllen, sie dazu nthigen, die
Trennung zwischen ihnen zu vollziehen.
    Die Grfin hatte dies zu lugnen, die Thatsachen in Abrede zu stellen, ihre
Tochter zu beruhigen versucht; inde Hildegard war jetzt nicht mehr zu tuschen.
Sie litt mehr als sie es sagen konnte. Alle ihre Hoffnungen waren auf die Ehe
mit Renatus begrndet gewesen, ihre ganze Vergangenheit, ihre Zukunft wurden ihr
mit Einem Schlage zertrmmert, wenn Renatus sich ihr entzog, und, fr sie war es
gewi, er hatte sich ihr bereits entzogen.
    Es verging kein Tag, an dem sie nicht Ursache hatte, ihm zu zrnen, es war
schon mancher Tag gekommen, an dem sie sich gesagt hatte, da sie ihn von einer
unmnnlichen Charakterschwche finde. Wenn sie seiner dachte, und wann dachte
sie nicht an ihn? war oft eine Bitterkeit in ihrem Herzen, vor der sie selbst
erschrak und die nicht ihm allein galt. Sie zrnte ihrer Mutter, weil diese sich
einst ihrer heimlichen Verlobung mit Renatus nicht widersetzt hatte. Sie klagte
die Grfin eines Mangels an Menschen- und an Weltkenntni an, weil sie nach des
alten Freiherrn Tode nicht gleich auf die eheliche Verbindung der Verlobten,
oder auf die Lsung des Verlbnisses gehalten hatte. Denn damals war Hildegard
noch jung, noch hbsch, noch voller Lebensmuth gewesen, damals hatte Renatus sie
noch geliebt und damals htte es ihr im schlimmsten Falle an anderen Bewerbern
nicht gefehlt, damals wre sie noch fhig gewesen, sich zu trsten, zu vergessen
und ihr Herz neuer Liebe hinzugeben. Aber jetzt?
    Mit selbstqulerischer Grausamkeit trat sie an ihren Spiegel heran. Sie
strich die Locken, die sie seit der Heimkehr ihres Verlobten wieder zu tragen
angefangen, weil er sie einst geliebt hatte, mit einer heftigen Bewegung von
ihrer Stirn, sie ri das Bndchen mit dem kleinen Kreuze, das ihr am Halse hing,
mit heftiger Hand entzwei. Sie wollte sich nicht mehr schmcken. Es freute sie,
da die blauen Adern unter ihrer schlaffer gewordenen Haut, auf ihrer Stirn, in
ihren Schlfen strker als in jungen Tagen sichtbar waren. Es freute sie, da
die Linie, auf der sich Hals und Nacken einen, jetzt in brunlicher Farbe scharf
hervortrat. Renatus sollte es sehen, was sie um ihn gelitten hatte. Er sollte es
sehen, da er sie verblhen machen, da er, er allein sie um Jugend und um Glck
betrogen hatte. Und er mute ja kein Mensch, er mute nicht Renatus, nicht ihr
Renatus, nicht ihr angebeteter Geliebter sein, wenn ihr Verfall ihn nicht
rhren, wenn er nicht zu ihr wiederkehren sollte, ihr Jugend und Schnheit,
Hoffnung, Glauben und Glck mit einem einzigen Liebesworte, mit seiner Liebe
wiederzugeben.
    Sie verstummte in bittern Thrnen, als sie auf weitem Wege wieder zu dem
alten Ausgangspunkte gelangt war. Mitten in dem Weinen erhob sie sich aber, und
noch einmal trat sie an ihren Spiegel heran. Sie erschrak vor ihrem eigenen
Anblicke. So hatte sie, so zerstrt hatte sie noch niemals ausgesehen. Den
Schmerz konnte sie der Mutter, den Triumph konnte sie Vittoria nicht bereiten.
Sie durfte, sie wollte sich nicht sinken lassen, sich nicht verloren geben.
Sollte Vittoria die Genugthuung genieen, sie von dem Schlosse gehen zu sehen?
Sollte sie, sie selbst mit ihren armen, weinenden Augen, den Tag erleben, an
welchem die Mutter in ihren vorgerckten Jahren aus dem Schlosse, das derselben
zu einer lieben Heimath geworden war, auf's Neue hinausziehen und sich in der
kalten, fremden Welt eine neue Sttte bereiten solle? - Das konnte, das durfte
nicht geschehen. Um ihrer Mutter willen mute sie ausharren und bleiben, mute
sie ihr eigenes Empfinden, ihr eigenes Bedrfen opfern.
    Und wenn es dann trotzdem geschah, wenn Renatus es vergessen konnte, was er
ihr schuldig war, nun, so sollte sein die Schuld, sein ganz allein auch das
Verbrechen sein, das er damit an ihrer armen Mutter, an der edelsten der Frauen,
zu begehen sich nicht scheute.
    Da sie selber bei ihren Planen fr die Zukunft immer auf die Entfernung
ihrer Mutter und ihrer Schwester gerechnet hatte, so lange diese Plane noch auf
ein ausschlieliches Liebesglck begrndet gewesen waren, daran freilich
erinnerte Hildegard sich in dieser Stunde nicht.
    Noch weniger machte Renatus sich bei seinem frhlichen Ritte eine Sorge um
die Gedanken und um die Zweifel, mit welchen Cciliens daheimgebliebene
Schwester sich eben beschftigte und qulte.
    Es war ein strahlend schner Tag. Die drei Reiter hatten ihr Entzcken an
demselben. Die frische Luft, die sonnebeleuchtete Ebene, die sich nach der einen
Seite weit wie der Horizont, und nur von ihm begrenzt, vor ihnen ffnete, hatten
fr die Phantasie etwas Verlockendes, und sie ritten schnell und schneller, wie
man das immer thut, wo dem Auge kein festes Ziel gesetzt ist.
    In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Richten hatte Renatus noch mit
erneutem schmerzlichem Bedauern die prchtige Allee vor dem Schlosse vermit,
deren Verschwinden ihn einst so ergriffen hatte, als er in den russischen Krieg
gegangen war. Jetzt war er schon vllig daran gewhnt, das Schlo ohne seine
Baumeszierde vor sich zu sehen, und selbst den Verfall an den Husern und an den
andern Baulichkeiten fand er doch nicht so arg, als er es nach Tremann's
Darstellungen befrchtet hatte. Seine Feldzge hatten ihn mit dem Anblicke so
entsetzlicher Zerstrungen vertraut werden lassen, da es ihm keinen
bedenklichen Eindruck machte, wenn die Dcher der Scheunen und Stlle, denen
einst eine schne Deckung mit Dachsteinen nicht gefehlt hatte, nur nothdrftig
mit Stroh gedeckt waren, wo die Ziegel schadhaft geworden waren. Er hatte so
viele Huser ohne Thre und ohne Fenster stehen sehen, da eine eingesunkene
Schwelle und schief hngende Thrflgel, da Verschlge von Brettern statt der
Fenster, besonders, wo es sich um die Wohnung von Leuten handelte, die im Grunde
doch zufrieden waren, wenn sie unter Dach und Fach nur warm beisammen saen, ihm
nicht als ein Unglck erschienen. Und wie man in einer elenden Baracke bei
rauchendem Feuer und auf hartem Boden, selbst wenn man an Nahrungsmitteln keinen
Ueberflu hatte, doch gesund und arbeitsfhig und selbst guten Muthes bleiben
knne, das hatte er in seinen Feldzgen an sich selbst mehr als einmal erfahren.
    Heute nun vollends, wo die Sonne so herrlich schien und der frische Wind im
Walde die Aeste der alten Bume so lustig knarren machte, heute, wo die Lerche
sang, als wisse sie, da es mit dem Winter nun bald zu Ende sein und ber der
Furche sich in Kurzem wieder die grnen, weichen Halme schtzend wlben wrden,
heute, wo die kluge Krhe so bedchtig auf dem letzten Reste des Schnee's
umherging, als wolle sie mit dem Schnabel ermessen, wie hoch er denn noch liege
und wie lange die Sonne wohl noch zu thun habe, bis sie mit ihm fertig werden
und die schne Jahreszeit beginnen knne, heute erschien auch dem Freiherrn
seine Lage bereits wieder in ganz anderem Lichte, als an dem Morgen, an welchem
er in sein Schlo zurckgekehrt war.
    Er war in diesen Wochen berall selbst herumgewesen, hatte berall selbst
nachgehrt, und mehr noch als bei diesen Ausflgen hatte er von den Leuten
erfahren und gelernt, die, weil er ihnen das gestattet hatte, zu ihm gekommen
waren, ihm ihre Beschwerden und Wnsche vorzutragen. Sie hatten allerdings
geklagt, aber Renatus hatte schon in Friedenszeiten bei seinem Dienste, und dann
vollends im Kriege, mit dem gemeinen Manne verkehren lernen. Er wute, da
derselbe immer klage und da er leicht zu trsten, da er mit dem geringsten
Zugestndnisse fr den Augenblick zu beschwichtigen, ja, zufrieden zu stellen
und zu geduldigem Warten wie zu muthigem Hoffen leicht zu bewegen sei.
    Der Amtmann war wirklich ein harter Mann, der Justitiarius konnte nichts
bewilligen, der verstorbene Freiherr hatte mit den Leuten, deren schwerfllig
langsames Wesen ihn belstigte, deren Kleider, selbst wenn sie in ihrem besten
Anzuge vor ihm erschienen, nach ihren schlecht gelfteten Wohnungen bel rochen,
nichts zu thun haben mgen. Er war ihnen, namentlich in den spteren Jahren
seines Lebens, als der Bau der katholischen Kirche, die Entlassung des Neudorfer
protestantischen Pfarrers, und der Todtschlag der franzsischen Kammerjungfer
bses Blut zwischen der Herrschaft und den Leuten erzeugt hatte, nur noch eine
Schreckgestalt gewesen, und sie hatten mit ihm gar nichts gemein gehabt. Erst
hatte er, wie sie sich's noch jetzt erzhlten, die kleine franzsische Herzogin
und den hasenfigen Marquis in's Land gebracht, vor dem kein Frauenzimmer Ruhe
gehabt; nachher hatte er sich die schwarze Italienerin geholt, mit der auch kein
Christenmensch im Lande in seiner Muttersprache reden konnte, und wenn das auch
Niemand laut zu sagen wagte, im Stillen waren die Leute sammt und sonders doch
der Meinung, da der alte Freiherr es heimlich mit den Franzosen gehalten habe
und nicht dawider gewesen wre, wenn sie heute hier noch im Lande ihr Wesen
getrieben htten. Er hatte ja im Schlosse auch meistens nur Franzsisch parlirt
mit Frau und Kind.
    Jetzt mit dem jungen Freiherrn war das, wie die Leute sagten, ganz was
Anderes. Man brauchte ihn nur anzusehen: die helle Ehrlichkeit sah ihm aus
seinen groen, blauen Augen. Der hatte seine Knochen und sein Leben nicht
geschont. Der war mitgegangen wie der gemeine Mann, als es noth gethan hatte.
Der hatte sein Blut ehrlich vergossen fr Gott, fr Knig und fr's Vaterland,
wie der gemeine Mann. Mit dem Wilhelm, mit des Neudorfer Schulzen Aeltestem, war
er zusammen in Leipzig im Hospital gewesen, und als der Freiherr, dessen Wunde
rascher geheilt war, als des Wilhelm's Bein, dann aus dem Lazarethe abgegangen
war, hatte er dem Wilhelm noch eine Flasche Alten und zwei harte Thaler
zurckgelassen, da er sich pflegen und recht zu Krften bringen solle, ehe er
wieder zum Regimente kme. Und nun hier zu Hause! Das war ein ganz anderes
Wesen.
    Der junge Herr hatte es im Kriege gelernt, da ein Mensch des andern
Menschen Kamerad und Bruder sei. Keinen, auch den rmsten Einlieger nicht,
behandelte er, wie der Alte es gethan hatte. Er sagte zu Niemandem Er, er nannte
Jedweden Du, und wie er neulich beim Schulzen in Neudorf gewesen war, da hatte
er den Wilhelm eigens rufen lassen, hatte ihn gefragt: Nun, Kriegskamerad, wie
geht's Dir? Und wie er danach weggeritten war, hatte er dem Wilhelm die Hand
gegeben und geschttelt. Jeder Mensch konnte zu ihm kommen, und nicht blo auf
die eine bestimmte Stunde, wie zum Alten, sondern wann er wollte.
    Dem Berning hatte der junge Herr gleich die Latten geben lassen, die er zum
Verschlage hatte haben wollen, und der Backofen war auch in Stand gesetzt, mit
dem die Frauen sich alle die Jahre her so hatten qulen mssen. Der Amtmann, der
lie jetzt freilich den Kopf hangen, nun der Herr ber ihn gekommen war; aber
das war dem hartherzigen Geizhalse recht gesund; und wenn es nun wahr wre, da
sie den Bonaparte fest in Sicherheit gebracht htten und da man den Frieden
behielte und der junge Herr zu Hause bleiben konnte, dann mute Alles noch ganz
anders werden. Dann schaffte der Herr den Amtmann ab, dann fing er selber zu
wirthschaften an; und da der Herr dann nicht irgend eine Auslndische in sein
Schlo fhren, sondern eine Frau von hier zu Lande nehmen wrde, daran war gar
kein Zweifel. Man brauchte ja nur zu sehen, wie der junge Herr und die junge
Grfin einander Augen machten! Die im Schlosse behaupteten zwar, es sei die
blasse Grfin, gegen die man freilich auch nichts sagen konnte, denn gut und
barmherzig und mitleidig mit den Kranken war sie auch; aber so ein schner,
junger Herr wie der Freiherr, der brauchte ja keine Krankenwrterin. Der
brauchte ein frisches, junges Weib, und der jngsten Grfin lachte das Leben aus
den Augen und platzte die Gesundheit fast aus den rothen Backen heraus.
    Die Frauen und die Kinder erzhlten es sich in den Drfern, wie der Freiherr
und die rothe Grfin sich mit dem Junker am Sonntage auf der Terrasse lustig mit
Schneeballen geworfen htten, und als sie neulich einmal beim Reiten zu Dreien
das Lied gesungen hatten, das der Wilhelm auch immer sang, der es aus dem Felde
mitgebracht, da hatte das lustige Juchheirassassa und die Preuen sind da! so
durch die Luft geschmettert, da denen im Walde beim Holzfllen sich das Herz in
der Brust vor Vergngen ordentlich gehoben hatte.
    Die ganze Vorliebe, welche das Volk, und mit Recht, fr die Jugend, fr die
Schnheit, fr die Gesundheit hegt, hatte sich auf Renatus und auf Ccilie
gewendet, in welchen sie dieselben verkrpert fanden, und die Leichtlebigkeit,
welcher der junge Gutsherr sich halb mit Bewutsein, halb aus Bequemlichkeit
berlie, wo er es sich nicht schuldig zu sein glaubte, seine Wrde besonders
aufrecht zu erhalten, machte ihn vollends in den Drfern und unter seinen Leuten
beliebt. Wohin er kam, berall begegneten ihm freundliche Gesichter. Die Kinder
blieben stehen und grten, die Alten gingen nicht ohne einen herzlichen Anruf
an ihm vorber, und sahen ihn mit Ccilien und dem Bruder niemals kommen, ohne
in die Thren zu treten und ihm lange nachzublicken.
    Mit jedem Tage lngeren Verweilens wuchs diese Anhnglichkeit dem jungen
Freiherrn mehr ins Herz. Er hatte bis dahin nur den Grund und Boden geliebt, auf
dem er geboren war und der ihm gehrte; jetzt begann er die Menschen zu lieben,
unter denen er geboren war und die sich als zu ihm gehrend betrachteten. Er
fand ein Vergngen darin, ihre rauhen und doch so freundlichen Gesichter zu
sehen, es war ihm eine Genugthuung, wenn er einen Bedrngten so weit als mglich
erleichtert von sich entlassen konnte, und mit einem stolzen Selbstgefhle geno
er das Vertrauen, welches man ihm entgegenbrachte, noch ehe er es hatte
verdienen knnen, als eines der schnsten Erbtheile, die er von seinen Vtern
berkommen hatte.
    Er fand es ganz begreiflich, da Paul Tremann und da selbst sein Onkel mit
so leichtem Sinne von dem Kaufe oder von dem Verkaufe eines Gutes sprechen
mochten. Sie hatten beide kein Gut ererbt, das seit Jahrhunderten von dem Vater
auf den Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht bergegangen war; sie wuten nicht,
was es heit, auf eigenem Grund und Boden leben, unter seinen Leuten heimisch
sein.
    Die Bume, die konnte man niederschlagen und entwurzeln lassen, wenn die
Noth es heischte, wie sein Vater es gethan hatte. Sich selbst zu entwurzeln,
sich loszureien von seiner eigentlichen Heimath, das war noch etwas Anderes,
und ehe Renatus sich dazu entschlo, mute seine Lage schlimmer sein, als er sie
jetzt vor Augen hatte, mute er die Ueberzeugung gewonnen haben, da ihm gar
kein anderer Ausweg bleibe. Noch aber hegte er diese Ueberzeugung nicht, und er
versprach sich, nichts zu bereilen, sondern sich zu genauem Kennenlernen und
Prfen, zu reiflicher Ueberlegung die Zeit zu gnnen.

                                Viertes Capitel


Darber kam der Frhling siegreich in das Land. An allen Ecken und Enden begann
das Treiben und das Blhen. Renatus hatte seit langen Jahren die Gter nicht im
Schmucke der guten Jahreszeit gesehen. Die keimenden Saaten, die knospenden
Bume, die grnenden Bsche freuten ihn ganz anders, als je zuvor, jetzt, wo er
sie mit dem Auge des Besitzers ansah. Wind und Wetter, Regen und Sonnenschein
bekamen eine Bedeutung fr ihn, und die Arbeiten wie die Hoffnungen des
geringsten Mannes wurden ihm wichtig, weil sie mit seinen eigenen
Nothwendigkeiten und Aussichten zusammentrafen. Es gefiel ihm immer mehr,
Grundbesitzer und Hausherr zu sein, er fand auch Behagen an dem Verkehr mit dem
Adel der Gegend, mit welchem er durch alte Familienbeziehungen verbunden war;
und da der Mensch so glcklich oder so unglcklich geartet ist, da die
Gewohnheit ihn allmhlich auch mit demjenigen vershnt, was ihm Anfangs
unertragbar erschienen ist, so war es nicht zu verwundern, wenn Renatus, dessen
Natur ohnehin allem Gewaltsamen abhold war, in Bezug auf Hildegard die Dinge
gehen lie, wie sie eben gingen, und von der Zeit eine Entscheidung erwartete,
die er zu treffen sich nicht entschlieen mochte. Kam ihm dann doch bisweilen
der Gedanke, da diese Handlungsweise oder vielmehr dieses Abwarten nicht
redlich, da es nicht mnnlich sei, so beschwichtigte er sich mit der
Vorstellung, da es bisweilen edler sei, den Schein der Schwche und der
Unredlichkeit ber sich zu nehmen, als sich selbst mit einer Grausamkeit gegen
einen Andern, und obenein gegen ein Weib, eine Genugthuung und einen Abschlu zu
bereiten, und Hildegard irrte also in der Voraussetzung keineswegs, da Renatus
von ihr die Lsung ihres Verhltnisses erwarte, weil er selber den Muth zu einer
solchen nicht in sich fand.
    Mit der bestimmten Absicht, sich ber die Gutsverwaltung zu unterrichten und
aufzuklren, nahm er bei seinem Verkehr mit den benachbarten adeligen
Gutsbesitzern jede Gelegenheit wahr, von der Landwirthschaft wie von den
Aussichten fr die Zukunft der Provinz zu sprechen, und alles, was er dabei
hrte und erfuhr, stand mit den Ansichten und Manahmen, welche Tremann ihm als
die einzige zweckmige Handlungsweise vorgezeichnet hatte, sehr im
Widerspruche. Das hatte indessen seine guten Grnde.
    Es ist ein beschwerlicher Beruf, einem Manne unangenehme Wahrheiten zu
sagen, und vollends Jemanden zu entmuthigen, der fr sein Wnschen und Hoffen
Zuspruch von uns erwartet, ist eine unerfreuliche Sache. Die lteren Edelleute,
die Lebensgenossen und Freunde seines Vaters, bei denen der junge Freiherr sich
wegen seiner Angelegenheiten gesprchsweise Rath zu holen suchte, gaben ihm zu
verstehen, da die Zeiten fr den grundbesitzenden Edelmann allerdings verndert
und nicht zum Vortheil verndert wren, seit jeder im Schacher reich gewordene
Brger Besitzer der alten adeligen Gter werden knne. Grade darum aber sei es
Pflicht, wenn irgend mglich, den adeligen Grundbesitz nicht zu zersplittern.
Ehe man die Gter an Schlchter und Brauer, an Branntweinbrenner und Fabrikanten
bergehen lasse, msse man diese Gewerbe lieber auf den Gtern selbst betreiben
und mit neuem Erwerbe die alten Familien aufrecht zu erhalten suchen, bis man
wieder so weit gekommen sein werde, die Oberhand zu haben und die Dinge auf den
guten, alten Standpunkt zurckfhren zu knnen. Vom Hofe aus werde dieses
Verhalten ganz und gar gebilligt; man knne sich von dort her jeder Frderung
getrsten, und wenn der verstorbene Freiherr Franz auch kein sonderlicher
Landwirth gewesen und vielleicht, ohne streng zu rechnen, ein wenig stark ins
Zeug gegangen sei, nun, so sei Renatus nicht der erste Sohn, der solche kleine
vterliche Unterlassungssnden ausgleichen msse. Der und Jener - man nannte die
Namen angesehener Grundbesitzer - habe sich in ganz gleicher Lage befunden und
sich mit einem tchtigen Inspector oder Amtmann wieder ganz und gar
herausgearbeitet. Es komme also hauptschlich darauf an, ob Renatus sich auf
seinen Amtmann verlassen knne, und das werde er ja wissen.
    Die jngeren Edelleute faten die Sachlage noch anders auf. Sie hatten davon
gehrt, da Angebote auf Neudorf und auf Rothenfeld geschehen wren, da eine
fabrikmige Ausbeutung der Steinbrche und der Torflager in Aussicht genommen
sei; inde sie hegten, wie sie sagten, zu Renatus das feste Vertrauen, da er
nicht verkaufen werde. Sie lugneten nicht, da die Gter nicht im besten Stande
wren, aber das gbe doch noch keinen Grund, sie loszuschlagen. Wenn Andere sie
kaufen wollten, so sei das nur ein Zeichen, da sie sich groe Vortheile davon
versprchen, und es sei thricht, ihnen aus hastiger Muthlosigkeit in den Schoo
zu werfen, was man mit einiger Geduld selbst ernten knne. Diejenigen, welche
whrend des Krieges oder gleich nach demselben ihre Gter verkauft htten,
bereuten es schon jetzt wie ein Verbrechen gegen die Ihrigen, und es werde
sicherlich Keinem anders damit ergehen. Wenn man zugebe, da die Krmer und die
Juden sich hier im Lande auf den Gtern einnisten drften, so werde dem
Edelmanne bald nichts mehr brig bleiben, als das flache Land ganz und gar
aufzugeben und in die Stdte zu ziehen; denn Umgang, Gesellschaft wolle der
Mensch doch haben, und mit solchem Volke knne man doch nicht leben, knne man
doch seine Frauen und Tchter nicht verkehren lassen.
    In dem weichen Sinne des Freiherrn blieb von allen solchen Ansichten und
Gesprchen dasjenige haften, was seinen persnlichen Wnschen am meisten diente,
und es lag nicht im Vortheile seines Amtmannes, ihn anderen Sinnes werden zu
lassen.
    Paul hatte in verstndiger Voraussicht der verschiedenen Mglichkeiten den
neuen Contract mit dem Amtmanne der Art gemacht, da der Freiherr nach seiner
Heimkehr darber entscheiden konnte, ob der Contract, wie bisher, immer auf drei
neue Jahre oder, wie es eben jetzt geschehen war, nur auf ein Jahr verlngert
werden solle, und der junge Gutsherr hatte seine Entschlieung endlich bis zum
letzten Tage hinausgeschoben, auf welchen man die Zulssigkeit einer solchen fr
ihn festgesetzt hatte.
    Er war ohne alles Vertrauen in sich und seine Einsicht auf seinen Gtern
angelangt; inde eben weil ihm eine grndliche Kenntni der Wirthschaft abging,
war er leicht dahin gekommen, sein gelegentlich und schnell erworbenes Wissen
von den Dingen sehr hoch zu veranschlagen und sich auf sein richtiges Auge, auf
seinen natrlichen Blick, auf seinen gesunden Verstand, mit Einem Worte, auf
alle jene angeborenen Fhigkeiten zu verlassen, in deren Besitz die Unkenntni
sich beruhigt fhlt und die sich immer als unzulnglich erweisen, wo ein
umsichtiges Wissen und ein folgerechtes, auf genaue Einsicht und Erfahrung
begrndetes Handeln vonnthen sind.
    Trotzdem konnte Renatus in der Nacht, welche dem entscheidenden Morgen
voranging, keine Ruhe finden. Alles, was er erlebt hatte, seit er den deutschen
Boden wieder betreten, alles, was er innerlich erfahren hatte, seit er wieder in
seinem Schlosse weilte, zog in seinem Geiste an ihm vorber, und wie er sich nun
von Stunde zu Stunde mehr gedrngt fand, mit sich ins Klare zu kommen, sah er
deutlich ein, da die Maregel, welche er jetzt unabweislich treffen mute, ihn
zu einer Erklrung gegen Hildegard nthigen, ihn zwingen wrde, auch mit ihr zu
einem Abschlusse zu gelangen, und sie erleichterte ihm dieses nicht.
    Wenn er die drei Gter, dieses alte Erbe seines Hauses, zusammen zu erhalten
suchte, wenn er in Richten blieb, und die Wirthschaft mit Hlfe eines den
Ansprchen der neuen Zeit gewachsenen Inspektors, der freilich erst noch
gefunden werden mute und bei dessen Wahl man ebenfalls fehlgreifen konnte,
selbst zu fhren bernahm, so fehlte ihm jeder Grund, seine Verheirathung
hinauszuschieben. Hildegard war seine Verlobte, der Adel der Umgegend erwartete
mit Recht tglich die ffentliche Erklrung seiner Verlobung, die Grfin sprach
bestndig von der jetzt nahe bevorstehenden Verbindung des jungen Paares, nur
Renatus und Hildegard erwhnten derselben nicht, und der Verkehr der beiden war
allmhlich ein ganz besonderer geworden.
    Hildegard hatte sich nicht vortheilhaft entwickelt, inde der Grund ihres
Wesens war ursprnglich rein und edel gewesen, und wo sie fehlte und irrte,
geschah es in der Regel durch Uebertreibung eines an sich Guten und
Lobenswerthen. Sie besa in hohem Grade jenes Schamgefhl, das der verschmhten
Liebe eigen ist, und jene Selbstachtung, die sich im Unglcke zu bescheiden
wei. Seit dem Tage aber, an welchem sie es sich zum ersten Male deutlich
gemacht hatte, da die Zeit ihrer Jugend vorber sei, da Renatus sie nicht
liebe, da er daran denken knne, sie zu verlassen, war eine jener Wandlungen
mit ihr vorgegangen, die sich in religisen Frauennaturen oft mit einer
unerwarteten Pltzlichkeit vollziehen. Sie hatte es aufgegeben, ihr Schicksal
selbst bestimmen und gestalten zu wollen, und mit einer aus Entmuthigung und
Frmmigkeit zusammengesetzten Ergebung, Alles der Fgung des hchsten Wesens
anheimgestellt, dem sie sich in Demuth unterzuordnen beschlo. Was Gott
zulassen, was er bestimmen wrde, das sollte, so hatte sie es sich gesagt, auch
ihr erwhltes Theil sein; und wie edel und richtig von ihrem religisen
Standpunkte aus diese Entsagung auch sein mochte, war ihr dieselbe doch in ihrem
Verhltnisse zu Renatus nicht frderlich gewesen, sondern nur ihm allein zu
Statten gekommen.
    Sonst hatte sie seine Zrtlichkeit gesucht und ihm die ihrige mit
unverhehlter Liebe kundgegeben; jetzt hielt sie sich zurck, obschon das Herz
ihr blutete, wenn Renatus ihre Liebesbeweise nicht forderte, nicht einmal
vermite. Sie beklagte sich nicht, wenn er ihre Gesellschaft nicht verlangte,
sie lie ihn gewhren, wenn er sich oft fr mehrere Tage entfernte, sie setzte
Vittoria's Bemhungen um ihn kein Hinderni in den Weg. Konnte Renatus seinen
Schwren untreu werden, obschon er's sehen mute, da der Kummer ihre Wange
bleichte, konnte Cciliens bestndige und oft so grundlose Frhlichkeit ihn mehr
befriedigen, ihm mehr werth sein, als ihr treues Herz, nun so hatte er sie nie
geliebt, so hatte Gott es zugelassen, da sie ihre Liebe einem Unwrdigen
zugewendet hatte, und sie mute in Demuth hinnehmen und tragen, was ihr von Gott
beschieden war, auch wenn sie seine Wege nicht verstehen konnte.
    Das Schweigen, die Entsagung, welchen Hildegard sich berlie, tuschten den
Freiherrn, denn wo die Blindheit ihnen Vortheil bringt, strengen die Wenigsten
ihr Auge zum Sehen an. Er meinte, sie erkenne es jetzt bereits, da sie nicht
fr einander paten, und sie wolle es ihm erleichtern, sich von ihr loszusagen,
ohne dehalb ihr einstiges, schnes Jugendverhltni zu verlugnen. Er wute ihr
Dank fr ihre Zurckhaltung, Dank dafr, da sie ihn seinen freien Weg und
Willen haben lie, und whrend er Anfangs sich davor gefrchtet hatte, ihr von
seinen Planen zu sprechen, begegnete es ihm jetzt bisweilen, da er ihr
erzhlte, was er zu thun, wie er sich einzurichten denke, ohne da bei diesen
Vorstzen irgendwie von ihr die Rede gewesen wre. Er gewann zu ihr jene
unbedingte Zuversicht, welche grausam macht, und weil ihr Ehrgefhl sie
hinderte, sich zu beklagen, berlie er sich bereitwillig dem Glauben, da sie
keinen Schmerz empfinde. So begann er, sich seine Unentschlossenheit und sein
feiges Zuwarten zum Verdienste und als eine Maregel milder Klugheit
anzurechnen, fr welche alle Theile ihn zu loben htten, und er bestrkte sich
an seinem eigenen Verhalten in der Lehre: da man gewaltsame Schritte berall
vermeiden msse, da man die Dinge nur gehen zu lassen brauche, damit sie in die
richtige Bahn und zu einer naturgemen Entwicklung hingeleitet wrden.
    Als er sich niedergelegt, hatte er sich an dem betreffenden Abende gefragt:
Was werde ich mit Hildegard machen, wenn ich die Gter behalte? - Am Morgen, da
er sich erhob, stand er noch vor derselben Frage, und als sich dann im Laufe des
Vormittags zur anberaumten Stunde sein Amtmann bei ihm einfand, war Renatus auch
noch nicht ber seine Ungewiheit hinausgekommen. Er fand es nach wie vor eben
so unwrdig, sein Wort zu brechen, als grausam gegen ein Weib zu sein; denn von
seinen tglich wiederkehrenden kleinen Grausamkeiten hatte er kein Bewutsein,
und daneben sagte er sich dennoch immer wieder, da ihm gar nichts brig bleiben
werde, als seinem Worte, seiner Ehre und seinem Gewissen zuwider zu handeln,
wenn er sich nicht gegen sein eigenes Glck versndigen, wenn er nicht ein
gealtertes, krnkelndes Mdchen zu seiner Gattin, zur Mutter seiner Kinder, zur
Mutter eines Geschlechtes machen wolle, das mit Fug und Recht bisher auf seine
schnen und krftigen Mnner und Frauen so stolz gewesen war.
    Jetzt, wo die Stunde der Entscheidung da war, drohte sein Glaube an die
Weisheit des Abwartens wankend zu werden, und doch verlie ihn ein
Selbstbewutsein nicht, das ihn erhob: er stand auf seinem Grunde und Boden, in
seiner Vter Schlo, er war hier der Herr. Die Vergangenheit dieses Hauses war
die seinige, sich die Zukunft in demselben zu bewahren, stand in seiner Macht.
Er hegte das volle Herrenbewutsein, jene Ueberzeugung von der eigenen
Bedeutung, welche rcksichtslose Selbsterhaltung und Selbstbefriedigung als ihr
angeborenes Recht betrachtet. Er meinte seines Vaters Geist in sich zu fhlen,
und er gelobte sich, in diesem Geiste auch zu handeln. Er durfte, er wollte sich
von dem Boden nicht trennen, aus dem er ihm erwuchs. Nur mit Hildegard mute er
zu einem Abschlusse, einem Ende gelangen!
    Er war eben von seinem Spaziergange mit Ccilien heimgekommen, als man ihm
den Amtmann meldete. Die Jahre hatten diesen wenig angefochten. Er war jetzt
allerdings auch kein junger Mann mehr, aber er sah besser aus, als in frheren
Zeiten, denn er war stark geworden und blickte selbstzufrieden und behaglich
lchelnd um sich her. Nur aus den kleinen, grauen Augen, deren schwere Lider
sich beinahe schlossen, wenn er den Mund zur Freundlichkeit verzog, scho hier
und da ein Ausdruck achtsamer Schlauheit unheimlich hervor, der sonderbar gegen
das offene Wesen abstach, dessen der Amtmann sich sonst befleiigte und rhmte.
    Demthig und doch nicht ohne Zuversicht trat er bei dem Freiherrn ein. Er
sagte, da er gekommen sei, die Befehle und die letztlichen Entschlieungen des
gndigen Herrn zu vernehmen, und er hoffe, da diese nicht zu seinem Schaden
sein wrden. Die Herren von Arten htten ja treue Dienste immer zu wrdigen
verstanden, und so werde denn ja auch der jetzige Freiherr wohl das Gleiche an
ihm thun.
    Renatus hatte den Amtmann seine Anrede ruhig vollenden lassen. Dann nthigte
er ihn, sich zu setzen, und ohne ihm irgend eine Anerkennung auszusprechen oder
ihn zu einer Hoffnung zu ermuthigen, blieb er selber, den Arm auf die Lehne
seines hohen Schreibtisches gesttzt, vor dem Sitzenden stehen, so da er auf
ihn herniedersah. Er geno in diesem Augenblicke das Bewutsein seiner
Herrschaft, er wollte sie den Amtmann auch empfinden lassen, und erst nach
lngerem Schweigen sagte er mit jener nur auf das eigene Interesse gerichteten
Weise, in welcher die Frsten gegen ihre Unterthanen, die Besitzenden gegen die
Nichtbesitzenden in der Regel Meister sind, und welche sie oft sogar verhindert,
sich die Zeit zu nehmen, dem Angeredeten auch nur die Ehre seiner Namensnennung
zu gewhren: Ich hre aus Ihren Worten, da Sie die Ansichten kennen, welche
mein Bevollmchtigter, der Kaufmann Tremann, in Bezug auf diese Gter hegt, und
ich lasse es vorlufig dahingestellt sein, in wie weit er mit denselben Recht
hat. Ich war bei meiner Ankunft allerdings der Meinung, da ich hier
durchgreifende Vernderungen machen mte, inde ich mag nichts bereilen, und
da, wie Sie richtig bemerken, wir in unserem Hause es nicht lieben, unsere
Beamten und Diener oft zu wechseln, so wre ich in gewissem Sinne nicht
abgeneigt, auch mit Ihnen einen neuen Versuch, einen neuen Contract zu machen,
obschon ich mich whrend meines langen Aufenthaltes im Auslande davon
berzeugte, da Ihnen in der That, darin hat Herr Tremann Recht, die Kenntni
der Fortschritte mangelt, welche man in der rationellen Bewirthschaftung und
Verwerthung groer Gter in den letzten Jahrzehenden berall gemacht hat.
    Er hielt inne, nahm eine Feder zur Hand, prfte auf dem Nagel des Daumens
ihre Spitze, legte sie dann wieder fort und streifte mit dem Auge ber den
Amtmann hin, der, die Hnde ber dem Leibe gefaltet, andchtig und unbeweglich,
als ob er vor der Kanzel se, die Aussprche des jungen Freiherrn, von dessen
landwirthschaftlichen Kenntnissen er hinwiederum auch seine besondere Meinung
hegte, ber sich ergehen lie. Er fand es weder nthig noch zweckmig, ihm eine
Antwort zu geben, ehe eine solche unvermeidlich war, und Renatus sah sich
dadurch also gezwungen, seiner ersten Rede die Bemerkung hinzuzufgen, da groe
Verbesserungen auf den Gtern, wie er sich berzeugt habe, unerllich wren,
und den Amtmann daran zu erinnern, wie derselbe es ihm fr mglich erklrt habe,
die Ameliorationen ohne alle Hlfe von auswrts, aus den eigenen Mitteln zu
bewerkstelligen. Aber auch hierauf antwortete der Amtmann nur mit einer stummen
Kopfneigung, und der Freiherr mute also auf's Neue zu sprechen beginnen.
    Da Sie wuten, sagte er, da ich heute die Entscheidung treffen mu, werden
Sie Sich die Verhltnisse wohl durchdacht haben. Erklren Sie Sich also nach
Ihrem besten Wissen und Gewissen darber, ob und wie Sie es fr mglich
erachten, da wir, ohne zu neuen Geldaufnahmen unsere Zuflucht zu nehmen und
ohne eines der Gter abzutrennen, - er vermied das Wort verkaufen
geflissentlich, - die Wirthschaft weiter fhren und den Schaden ersetzen knnen,
den die Kriege uns gethan haben. Man hat mir, ich verhehle Ihnen das nicht,
nicht nur gegen Ihre Einsicht und Ihre Kenntnisse, sondern auch gegen Ihre
Person Mitrauen eingeflt, aber ich gestehe Ihnen mit Vergngen ein, da ich
glaube, man habe Ihnen Unrecht gethan. Ich habe nichts, gar nichts wider Sie, im
Gegentheil! Die Frau Baronin hat mir Ihre gefllige Dienstfertigkeit gerhmt.
Sie knnen also zuversichtlich sprechen und der billigsten Beurtheilung, der
genauesten Erwgung des Fr und Wider Sich versichert halten. Ohne eine
zwingende Nothwendigkeit entferne ich Sie nicht!
    Renatus war uerst wohl mit sich und mit dieser Rede zufrieden; sie war
eben so bestimmt, wie er meinte, als menschlich und gerecht gewesen, und der
Amtmann hatte sie auch mit der tiefsten Ergebenheit vernommen. Er hatte nur zu
verschiedenen Malen gewichtig mit dem Kopfe genickt; dann wieder hatte er
gelchelt, wie einer, dem das Gehrte nicht unerwartet kommt, und sich zur
Antwort und zum Ueberlegen bedchtig Zeit lassend, sagte er endlich: Gndiger
Herr, ich habe mich nicht herangedrngt, Ihnen meine Meinung zu sagen; ich habe
gedacht, Sie sollten Sich nur, wie Sie das ja auch gethan haben, hier zu Lande
umsehen, denn die Verantwortung, die Unsereiner auf sich nimmt, ist gar zu gro.
Nun Sie hier Bescheid wissen und, wie das in der Ordnung ist, berall selber
herumgehrt haben, was von mir geglaubt und gehalten wird, nun sind Sie doch
wenigstens so weit in Ihrem Zutrauen zu mir gekommen, da Sie meine Stimme zu
vernehmen wnschen. Gerade heraus also, gndiger Herr, es sind die Spekulanten,
den Steinert und den Tremann an der Spitze, die ihre Augen auf die Gter hier
geworfen haben, das ist das ganze Elend! Sonst hat es noch keine Noth, wenn man
nur erst wieder gelassen an die Arbeit gehen kann. Verschuldet sind die Gter,
schwer verschuldet, das ist wahr; wer verlangt denn aber, da man morgen oder
bermorgen die Schulden abbezahlt? Wer verlangt das anders, als die Spekulanten,
die am liebsten Alles zu Geld und alles Geld in der Welt flssig machen mchten,
damit es, wie bei Tremann, alljhrlich drei, vier Mal durch ihre Hnde laufen
und immer etwas davon kleben bleiben kann? Im Gutsbesitz, im Landbesitz ist es
just das stricte Gegentheil. Da will Alles seine Zeit und seine Ruhe haben. Und
wenn Sie, gndiger Herr, mir ganz allein vertrauen und Sich auf mich allein
verlassen wollten, so sollten Sie erleben, ob ich mich auf mein Fach verstehe
und ob ich meines Herrn Vortheil mit meiner alten Wirthschaftsmanier nicht
besser wahrzunehmen wei, als die Anderen mit all ihren neuen Knsten.
    Der Amtmann gab dem Freiherrn zu bedenken, wie leicht es die Steinert, seine
Vorgnger im Amte, whrend der langen Friedensjahre gehabt htten, die dem
siebenjhrigen Kriege gefolgt waren, und unter wie ungnstigen Umstnden er die
Verwaltung bernommen habe. Er wies den unverhltnimigen Geldverbrauch des
Freiherrn Franz nach, er erinnerte an die furchtbaren Kriege und Kriegszge, an
den allgemeinen Nothstand, an die Aufhebung der Leibeigenschaft, um zu erklren,
wie unmglich es bisher fr ihn gewesen sei, an irgend eine Verbesserung auf den
Gtern, oder gar an die Erzielung von Ueberschssen zur Schuldentilgung denken
zu knnen. Nun, sagte er, sei noch der vllige Miwachs des vorigen Jahres dazu
gekommen, in welchem man das eigene Vieh zu schlachten versucht gewesen sei,
weil man nicht gewut habe, wie man es ernhren solle, und trotzdem habe er in
diesem Jahre am ersten Quartale allen Verpflichtungen gengen knnen, die auf
den Gtern und auf dem gndigen Herrn persnlich gehaftet htten.
    Sehen Sie, gndiger Herr, rief er und wies in die Landschaft hinaus, Gott
der Herr hat doch endlich wieder eine Einsicht! Seit man gedenken kann, haben
die Saaten nicht so gestanden, haben wir kein so frhes Jahr gehabt, haben die
Bume nicht solche Blthenlast getragen. Wenn Gott uns weiter gndig ist, gibt
das eine Ernte, die manches Loch verstopft! Denn die Theurung ist noch immer
ungeheuer und die Preise halten sich nothwendig noch bis in das nchste Jahr. Es
ist nichts mit den Spekulanten und mit den Fabriken, von denen sie immer reden!
Aus dem Boden mu man es herausholen mit Egge und Pflug! Langsam geht das
freilich, dafr jedoch ist's sicherer, sicherer wie der Dampf, mit dem sie jetzt
in England ihr Wesen zu betreiben anfangen und der auch dem Steinert im Kopfe
spukt, seit er den Sohn in Amerika da drben sitzen hat. Mit Dampf wollen sie
brennen und brauen in Marienfeld, mit Dampf mchten sie Steine schleifen in
Neudorf, und dazu sollen die Torfstiche in Rothenfeld die Feuerung liefern. Aber
wir knnen ja selber Torfstiche erffnen, wenn wir nur erst so weit sind, die
Bauten in Angriff nehmen, neue Huser auffhren und Leute zur Arbeit
hieherziehen und ernhren zu knnen. Auch die Wege mssen wir erst wieder so
weit im Stande haben, da man den Torf bis zum Wasser bringen kann. Machen
knnen wir das alles, nur Geduld mssen wir haben, nur Geduld! Das Geld wird
sich schon finden, wenn man uns nur Zeit lt. Und weil sie das Alles wissen, so
gut wie ich, darum drngen sie den gndigen Herrn so gewaltig zum Verkaufen.
Diese Spekulanten haben ja ihre Augen berall. Wie die Stovgel hangen sie in
der Luft, und ehe man's gewahr wird, schieen sie herunter und haben's in den
Krallen!
    Der Amtmann lachte, als er von den Summen hrte, welche Tremann fr die
Hebung der Gter als unerllich bezeichnet hatte. Daran allein knnen der
gndige Herr ja sehen, da es ihnen blo darauf ankommt, den gndigen Herrn
abzuschrecken. Und das nennen diese Leute Landwirthschaft! Kaufen, Alles fertig
kaufen, Alles baar bezahlen! Nichts erschaffen, nichts erziehen, das ist ihre
neue Weisheit! Sie wollen die Ziegel nicht streichen zum Baue und das Thier
nicht austragen lassen im Mutterleibe; Stallungen aufrichten im Handumdrehen und
fremde Heerden einfhren, ohne zu denken, ob sie sich hier zu Lande halten;
Hunderttausende in die Gter hineinstecken und sie dann verkaufen und das
Doppelte herausziehen! Und dann sieh' Du zu, was nun aus dem Grunde und Boden
wird! Spekulanten und Rotuscher - die sind Einer wie der Andere! Elendes
Gesindel, das der Landwirth sich vom Hofe und vom Leibe halten mu!
    Der Amtmann hatte sich in Zorn gesprochen, denn die Sache ging ihm an das
Leben. Er kannte seinen jungen Herrn wenig, inde langjhriges Dienen hatte ihn
die Edelleute der Gegend im Allgemeinen kennen gelehrt, und er hatte bewut und
unbewut den rechten Ton getroffen, um auf seinen Herrn zu wirken. Renatus
liebte es nicht, in denjenigen, mit welchen er Geschfte abzumachen hatte,
seines Gleichen oder gar einer Ueberlegenheit zu begegnen, und Tremann's vllig
freie Bildung war ihm eben so unangenehm gewesen, als die Leichtigkeit, mit der
er sich in allem Geschftlichen bewegte, und die rasche Entschiedenheit, welche
er von dem Freiherrn forderte. Des Amtmanns Ansichten vom Abwarten stimmten
zudem auf das genaueste mit denen seines Herrn berein, und da jede fest
ausgesprochene Meinung ihre Wirkung auf den Unerfahrenen nie verfehlt, verlangte
Renatus, dessen Zutrauen zu seinem Beamten sich steigerte, von demselben endlich
eine genaue Auseinandersetzung ber die Wege, welche dieser bei der Ausfhrung
seiner Plane einzuschlagen denke.
    Der Amtmann zuckte die Schultern. Gndiger Herr, sagte er, ich allein kann's
nicht machen und Einer allein kann's berhaupt nicht. Aber wenn der gndige Herr
selber mit dazu thun wollen, so ist's keine Hexerei und gar kein Zweifel, da
wir vorwrts und zu Stande kommen.
    Renatus befahl ihm, sich deutlicher zu erklren; der Amtmann lie sich das
nicht zweimal sagen. Es war ihm, als er vor seinem Herrn erschienen war, nicht
besonders wohl gewesen, jetzt aber begann er, Muth zu fassen. Er knpfte den
braunen Oberrock auf, da die grogeblmte, wollene Weste in ihrer ganzen
Farbenpracht zu sehen war, zog sein blaues Taschentuch hervor, und sich die
Stirn und die feisten Wangen trocknend, whrend die kleinen Augen in
freundlicher Zuversicht listig zwinkerten, sagte er: Was sie dem gndigen Herrn
auch von den neuen Wirthschafts-Methoden und neuen Theorieen gesprochen haben
mgen, es gibt zum Vorwrtskommen, um in die Hhe zu kommen, immer nur die eine
praktische Theorie: viel einnehmen und wenig brauchen, da man Ueberschu
erzielt. So haben sie's ja auch gemacht, die Steinert und der alte Flies, die
ihr Schfchen so vorsichtig in's Trockene gebracht haben, whrend sie den
seligen Herrn in die Patsche fhrten. Warum soll's denn jetzt, da es nicht
ihren, sondern des gndigen Herrn Vortheil gilt, mit neuen Mitteln angefangen
werden?
    Er begann darauf, dem Freiherrn die Ertrge der Gter und die zunchst
nothwendigen Ausgaben vorzurechnen, wobei die Verhltnisse sich allerdings weit
gnstiger als nach den Annahmen von Tremann auswiesen, schilderte darauf aber
die groen Mhen, welche man in den kommenden Jahren haben werde, die mancherlei
Unsicherheiten, denen man immer in der Wirthschaft ausgesetzt sei, und nachdem
er Renatus mit jener Menge von Einzelheiten, die fr den Uneingeweihten stets
etwas Beunruhigendes und Verwirrendes haben, ermdet hatte, so da derselbe
bedenklich zu werden begann, trat der Amtmann ganz unerwartet und pltzlich mit
dem Vorschlage hervor, die Gter in Pacht zu nehmen, falls der Freiherr es unter
den obwaltenden Umstnden etwa vorziehen sollte, im militrischen Dienste zu
verbleiben, wo ihm bei seinen jungen Jahren ein schnes Vorwrtskommen nicht
entgehen knne, da jetzt nach dem Kriege viele der lteren Offiziere ihren
Abschied fordern oder erhalten wrden.
    Renatus stand noch immer an dem Schreibtische, aber seine Stirne sah nicht
mehr so heiter und so klar aus. Der Vorschlag des Amtmanns beunruhigte ihn sehr;
denn auch Tremann hatte ihn darauf hingewiesen, da es gerathen fr ihn sein
wrde, in seiner militrischen Laufbahn zu beharren und zu versuchen, in wie
weit sich mit dem festen Ertrage eines Pachtzinses seine Vermgens-Umstnde
verbessern lieen. Wenn man aber von zwei so verschiedenen Ausgangspunkten, wie
die von Tremann und von dem Amtmanne es waren, an das gleiche Ziel gelangen
konnte, so mute dies ein richtiges sein; inde es widerstrebte dem Freiherrn
immer noch, an die Verpachtung seiner Gter zu denken.
    Er hatte die Feder wieder zur Hand genommen und ri, ohne zu wissen, was er
that, ihre Fahne in kleinen Stcken herunter, bis er den nackten, kahlen Kiel
erblickte. Stckweise! murmelte er kaum hrbar zwischen den Zhnen hin, knickte
die Feder um und warf sie mit einer heftigen Bewegung fort.
    Der Amtmann beobachtete ihn genau, aber er drngte ihn mit keinem Worte zu
einer entscheidenden Antwort hin. Er erklrte sich sogar aus freiem Antriebe
bereit, das Belieben des gndigen Herrn noch acht Tage zu erwarten, damit
derselbe volle Zeit habe, die Sache reiflich zu erwgen. Und als man danach auf
die Brgschaft zu reden kam, welche der Amtmann als Pchter der Gter zu leisten
haben wrde, meinte er, bescheiden und vertrauensvoll lchelnd, er sei ja nicht
nackt und blo gewesen, als er in den Dienst der Herrschaften getreten sei. Er
habe sich in all den schweren Jahren schlicht und recht und kmmerlich wie der
rmste Mann beholfen, habe also immer doch etwas zurckgelegt, und wenn der
Freiherr von ihm die Brgschaft nicht ber die Gebhr hoch begehre, so hoffe er
mit Gottes Hlfe und mit dem Beistande seiner Freunde wohl im Stande zu sein,
sie aufzubringen.
    Damit waren fr's Erste diese Verhandlungen beendet, aber der Sinn des
Freiherrn blieb mit ihnen immerfort beschftigt, und wie er sich's auch
vorhielt, da es ja noch vllig in seinem Belieben und in seinem Ermessen liege,
was er thun wolle, kam er sich nicht mehr so frei, so selbstndig als noch vor
wenigen Stunden vor, denn, mochte er sich auch gegen die Einsicht struben, das
erkannte er deutlich, er konnte das Leben nicht in der Weise seines Vaters
weiterfhren; er war heruntergekommen, und Alle um ihn her, Alle, die in seinen
Diensten gearbeitet, selbst gearbeitet hatten, waren im Wohlstande
fortgeschritten.
    Er hatte den Neid niemals gekannt, jetzt aber regte sich in ihm eine zornige
Empfindung gegen alle jene Emporkmmlinge, und obschon er sich durchaus in der
Lage befand, den Werth und die Bedeutung des Geldes schtzen zu lernen, dnkte
das Geld ihn an und fr sich als etwas Verchtliches, weil der gemeine Mann,
weil Jedweder es erwerben konnte, der eine schwielige Hand nicht scheute, der
sich entschlieen mochte, die Gegenwart um der Zukunft willen daran zu geben,
und, wie der Amtmann es nannte, gleich einem gemeinen Manne zu arbeiten und zu
leben. Es lag fr des Freiherrn Empfinden auch etwas sehr Gemeines in dem
bestndigen Denken an Hab und Gut, an Vermehrung des Besitzes. Er hatte eine
Erinnerung an die Zeiten, in welchen in seinem vterlichen Schlosse von Geld und
Besitz niemals die Rede gewesen war, weil man ihr Vorhandensein als ein
Selbstverstndliches angenommen hatte. Damals hatte man sich selbst gelebt, man
hatte Mue und Freiheit gehabt, sich seinen Neigungen, seinen Gefhlen zu
berlassen; jetzt trat berall die zwingende Nothwendigkeit zwischen ihn und
seine Wnsche, und sogar in dem Augenblicke, in welchem er sich enger als je
zuvor mit seinem Besitze verwachsen fhlen gelernt, trachteten die
Emporkmmlinge ihm von allen Seiten die Ueberzeugung aufzudrngen, da fr ihn
die alten Zustnde nicht mehr aufrecht zu halten seien, da er ohne ihren
Beistand nothwendig zu Grunde gehen msse.
    Er hatte es durchaus vorgehabt, auf seinen Gtern und unter seinen Leuten,
die ihm lieb geworden waren, zu weilen und zu leben. Nun sollte er das
menschliche Verhltni, das sich zwischen ihnen zu bilden begonnen hatte,
pltzlich wieder zerstren, indem er sie einem fremden Willen berlie; nun
sollte er wieder von seiner Heimath scheiden und das Erbe seiner Vter einzig
als den Boden behandeln, von dessen Frucht er sich ernhrte - es wollte ihm
nicht eingehen!
    Es war gegen den Mittag hin, als der Amtmann sich von dem Freiherrn
verabschiedete. Renatus blieb eine Weile an seinem Schreibtische sitzen. Das
Haupt auf den Arm gesttzt, sah er unverwandten Auges auf die Berechnungen
nieder, welche der Amtmann ihm vorgelegt hatte. Er zhlte die Reihen zusammen,
er verglich die verschiedenen Posten, es wurde damit nicht viel fr ihn
gefrdert.
    War das aber eine Aufgabe, die sich fr ihn, fr einen Edelmann geziemte?
Tag fr Tag nur dem Erwerbe, dem elenden Gelderwerbe leben! Heute dem Gewinne
eine kleine Summe hinzufgen, morgen sie von den Schulden abstreichen; und das
Jahr aus, Jahr ein, und das Alles ohne die bestimmte Aussicht auf einen sicheren
Erfolg? Es dnkte ihn eine sehr untrstliche Beschftigung. Hinter dem Pfluge
herzugehen, die Furche in dem fruchtgebenden Boden aufzureien, die goldenen
Samenkrner dem warmen Schooe der Erde anzuvertrauen, die reife Frucht des
Feldes einzuernten, den Kampf mit des Wetters Ungunst zu bestehen, dieses Thun
und Erleiden des gemeinen Mannes duchten ihm ein Genu neben dem Zuwarten aus
der Ferne, zu welchem der Edelmann, zu welchem er selber verdammt war, wenn er
sich des persnlichen Eingreifens in seine Angelegenheit durch die Verpachtung
seiner Gter mehr noch als bisher begab.
    Er konnte zu keinem Entschlusse kommen, und von der inneren Ungeduld
hinweggetrieben, verlie er sein Gemach. Er stieg die Treppen hinunter und ging
in den Garten hinaus. Gleich an der rechten Seite, wo die groe Allee sich
anschlo, ging er von der Terrasse hinunter und durch den Park.
    Die Bume, die Bsche hatten schon ihr volles Laub. Der Schatten war tief
und erquicklich, aber die Stille und die Einsamkeit waren ihm heute nicht
erwnscht. Er htte gestrt werden mgen in den Gedanken, die auf ihm lasteten,
er htte die Trompeten seines Regimentes einmal wieder schmettern hren mgen,
um sich an ihrem muthigen Klange das Herz zu erfrischen. Und whrend er noch vor
wenigen Stunden seinen Besitz als eine Ehrensache angesehen htte, erschien ihm
jetzt der rmste Soldat, der in seinem Degen sein ganzes Erbe besa und am Tage
den Tag zu leben vermochte, bei Weitem als der Glcklichere. Warum war es gerade
ihm denn auferlegt, einzustehen fr die Ehre und das Ansehen einer Reihe von
Altvordern, deren Gensse und Befriedigungen er nicht getheilt, und an deren
Irrthmern er doch so schwer zu tragen hatte?
    Er war jetzt seit einer Reihe von Jahren an ein bewegtes Dasein, an
Thtigkeit gewhnt, er verstand das Waffenhandwerk, das er bisher getrieben
hatte. Auch in seinem Regimente kannte man ihn, auch in seinem Regimente
vertraute ihm der gemeine Mann und liebte man ihn so gut wie hier auf seinem
Grunde und Boden. Auch in seinem Regimente hatte er eine Heimath, eine
Bedeutung, eine Wirksamkeit, und sie waren vllig unabhngig von allem, was von
seinen Ahnen als Erbe auf ihn gekommen war, sie waren mehr als alles Andere sein
eigen. Wehalb sollte er darauf verzichten? Wehalb sollte er sich auf seine
Gter zurckziehen, wenn er sich dazu verdammen mute, auf ihnen als ein
Einsiedler und in der halben Abhngigkeit von einem ihm untergebenen geringen
Manne zu leben? Welche Verpflichtungen hatte er gegen den Adel der
Nachbarschaft, der ihm so dringend vom Verkaufe der Gter abrieth? Sie waren ihm
im Grunde sammt und sonders fremd, diese Edelleute. In seinem Regimente hatte er
Freunde, hatte er die Kameraden, mit denen die Erinnerung an Noth, an Gefahr und
Sieg ihn eng verband. Er sehnte sich nach seinem Regimente. Dort hatte er seiner
Sorgen nicht in jedem Augenblicke denken mssen, dort hatte er sich jung
gefhlt; hier lastete das Leben schwer auf ihm und drckte ihn hernieder. Er
wollte seinen Frohsinn, seine Freunde wieder haben, er wollte sich die schnen
Tage der goldenen Jugend nicht verkmmern lassen. Mochte der Ernst beginnen,
wenn die Jugend ihm entflohen war.
    Er hatte den Park verlassen und war hinausgetreten in die Rothenfelder
Feldmark. Die Kirche lag in stiller Ruhe vor ihm. Sie sah sehr mchtig aus mit
ihrem hohen Thurme, mit dem schnen Eingangsthore; aber er konnte es sich nicht
verbergen, es war fr ihre Erbauung keine Nothwendigkeit vorhanden gewesen.
Seine Eltern hatten damit einem ganz persnlichen Bedrfen und Belieben
nachgegeben und sie hatten, wie es ihm heute erschien, damit auch Recht gehabt.
Es sollte Jeder vor allem Anderen sich selbst genug zu thun trachten. Er fr
seinen Theil bedurfte dieses Gotteshauses freilich nicht, denn des Amtmanns
Vorschlag, da er im Regimente bleiben solle, war im Grunde sehr verstndig.
Wenn er wirklich im Regimente blieb, wenn er sich knftig nicht fr immer in
seinem Schlosse aufhielt, brauchte man z.B. auch die Pfarre fr's Erste nicht
fortbestehen zu lassen. Man konnte den Frstbischof ersuchen, den Pfarrer
zurckzuberufen und anderweitig zu verwenden. Die Baronin Vittoria konnte, so
oft sie es begehrte, nach einer der Stdte, welche eine katholische Kirche
hatten, zur Messe fahren, und die Grber zu bewachen, war der Sakristan genug.
    Je lnger Renatus ber die Ersparungsvorschlge, welche der Amtmann ihm im
Laufe ihrer Unterredung gethan hatte, nachsann, um so mehr leuchteten ihm
dieselben ein. Die Entlassung der smmtlichen noch im Schlosse vorhandenen
Dienerschaft war verstndig; nur Gaetana und der alte Kammerdiener sollten bei
der Baronin bleiben. Seinen Bruder Valerio, welcher der weiblichen Hand durchaus
entwachsen war, wollte der junge Freiherr mit sich nehmen, um ihn in einer der
militrischen Erziehungsanstalten unterzubringen; und wie er in solcher Weise
das Schlo zu entvlkern begann, wurde sein eigenes Verlangen, es zu verlassen,
immer grer.
    Vor wenigen Tagen hatte ihn die Liebe berrascht, welche er fr dasselbe,
fr seine Besitzungen hegte, jetzt erschreckte ihn die Gleichgltigkeit beinahe,
in welcher er an die theilweise Zerstrung der Verhltnisse denken konnte, mit
denen er sich so unauflslich verbunden geglaubt hatte; und wie er tiefer in
sein Herz hineinsah, wie er mit dem grbelnden Sinne, der ihm von der Mutter
angeboren war, sich fragte: was ist es, das mir die Aussicht in die Ferne
pltzlich so erheitert? da blieb er sich die Antwort schuldig, denn er sah
Hildegard den kleinen Seitenpfad von der Margarethenhhe herunterkommen, und er
mute gehen, sie zu begren.

                                Fnftes Capitel


Was nur heute in sie gefahren ist! sagte an dem Nachmittage der Kammerdiener
verdrielich zu Vittoria's Dienerin, mit welcher er in dem Laufe der Jahre eine
Freundschaft auf Tod und Leben geschlossen hatte. Seit der junge Herr zu Hause
ist, hatte doch Alles wieder eine Manier bekommen, aber heute stieben sie aus
einander, als htte der Blitz dazwischengeschlagen! Was haben sie denn vor?
    Der junge Herr ist fortgeritten! bedeutete Gaetana geheimnivoll.
    Freilich, ich habe ihm ja das Pferd bestellt! versetzte darauf der Diener.
    Aber wissen Sie, wehalb er fortgeritten ist? fragte die Italienerin, und
ihre dunklen Augen blitzten unter den breiten, schwarzen Brauen scharf hervor.
    Ja, er war rgerlich, weil er mit dem Amtmanne nicht zu Stande gekommen ist!
sagte der Kammerdiener.
    Gaetana machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Nein, Padrone, Ihr
irrt, Ihr irrt Euch ganz und gar! - Und sich vorsichtig umblickend, fgte sie
hinzu: Die Grfin Ccilie kam bla wie eine Leiche zu meiner Signorina in das
Zimmer! Sie schickten den Junker fort, sie schickten auch mich hinaus! Gleich
darauf sendete die Grfin ihre Jungfer zu uns und lie sagen, sie und die
lteste Comtesse wrden auf ihrem Zimmer speisen. Die Grfin Hildegard reist ab!
    Sie konnte ihr Vergngen bei den Worten nicht verbergen, der Kammerdiener
zuckte unglubig mit den Schultern. Sie denkt nicht daran! meinte er - die
Herzogin, als wir die noch zu des seligen Herrn Zeiten bei uns hatten - ich war
damals noch ein Junge, der nur hier und da zur Hand ging - die Herzogin machte
es gerade so, wenn sie ihren Willen durchzusetzen dachte! Packen werden sie und
Pferde bestellen auch! Aber sie werden die Pferde stehen lassen und mit dem
Packen nicht zu Ende kommen, bis sie der Herr dabei betrifft, und dann ...
    Nein, sie geht, sie geht! versicherte ihm Gaetana, als die Klingel aus dem
Zimmer der Baronin Vittoria sie von der Unterhaltung abrief, und fast
gleichzeitig der Reitknecht eines benachbarten Edelmannes in den Hof geritten
kam.
    Er brachte einen Zettel von dem jungen Freiherrn, der den Kammerdiener
anwies, ihn heute nicht mehr zu erwarten, sondern ihm einen Mantelsack zu packen
und ihm denselben durch einen Boten zu bersenden, da er mit seinem
gegenwrtigen Wirthe auf einem andern Gute bei andern Freunden noch einen Besuch
zu machen denke.
    Nun? fragte Gaetana, da sie im Auftrage ihrer Herrin eilig durch den Flur
ging.
    Sie knnten Recht haben, meinte der Kammerdiener; es ist etwas passirt! Aber
fortgehen? Ich glaub's nicht! Wo sollen sie denn hin? fgte er mit einem
geringschtzigen Zucken des Mundes hinzu.
    Er war noch zu den guten Zeiten in die Dienste des verstorbenen Freiherrn
getreten, hatte noch die Baronin Angelika in aller ihrer Vornehmheit gekannt
und, wie alle Diener reicher Huser, immer eine groe Verachtung gegen
unbemittelte Herrschaften gehegt. Es war daher gar nicht nach seinem Sinne
gewesen, als nach dem Tode des Freiherrn die Grfin Rhoden mit ihren Tchtern in
das Schlo gekommen war. Er hatte es auch in all den Jahren und bis zu dem Tage
von des jungen Freiherrn Rckkehr hartnckig gelugnet, da es zwischen seinem
jungen Herrn und der Grfin Hildegard jemals etwas werden knne. Jedem, der ihn
darum befragt, hatte er geantwortet, da sein Herr der Grfin Rhoden und ihren
Tchtern in den schweren Zeiten zu Hlfe gekommen sei und sie so mit
durchgehalten habe, und das sei schn und recht von ihm gewesen, denn der
verstorbene Herr Baron habe es ja seiner Zeit mit der Frau Herzogin gerade so
gehalten; aber heirathen? Nein! Heirathen sei doch etwas Anderes, und an eine
Heirath sei hier nicht zu denken! Die Herren von Arten nhmen sich keine Frauen,
deren Hab und Gut man in zwei Wagen und ein paar Koffern von der Stadt nach
Richten bringen knne!
    Selbst als nach des jungen Freiherrn Heimkehr die ueren
Zrtlichkeitsbeweise zwischen Renatus und Hildegard ihr Verlobtsein fr die
Schloinsassen auer Frage stellten, hatte der Kammerdiener immer noch den Kopf
geschttelt und war von seinem verzweifelnden ich glaub's nicht! nicht
abgegangen; denn, hatte er zu Gaetana stets gesagt, so wie der gndige Herr die
Grfin Hildegard anfat, so fat solch ein junger Herr kein Frauenzimmer an, bei
dem ihm warm wird! Mit den Beiden wird es nichts!
    Ihm machte es also keinen Kummer, im Gegentheil, er sah es mit der stillen
Genugthuung eines Propheten, dessen Vorausverkndigungen sich erfllen, als man
die alten Koffer der Grfin Rhoden aus der Remise hervorbrachte, als die
Kammerjungfer den Sattler vom Hofe herbeiholte, die Riemen und die Schnallen
nachzusehen. Er that keine Frage, er lie die Dinge gehen und an sich kommen.
    Die Mahlzeit war vorber. Die Baronin Vittoria und der Junker hatten mit
groer Elust gespeist, aus den Zimmern der Grfin waren die Speisen fast
unberhrt nach der Kche zurckgebracht worden, und in der Stube der
Dienerschaft saen der Kammerdiener, die beiden Kammerfrauen und der alte
Kutscher jetzt bei ihrem Mittagbrode, bei welchem die Kchin die Vorschneiderin
machte und eine der Kchenmgde die Speisen zutrug.
    Wird denn oben nicht mehr gepackt? fragte der Kammerdiener, whrend er sich
zu dem Hammelbraten, den die Kchin ihm vorgelegt hatte, eine tchtige Portion
der Spargel geben lie, welche fr die Tafel der Grfin bestimmt gewesen waren.
Wird denn oben jetzt nicht mehr gepackt?
    Wir machen nur eine kleine Pause, entgegnete die Kammerjungfer, welche ihre
gute Berliner Sprache, wie sie immer sagte, hier auf dem Lande nicht verlernen
wollte. Meine Comtesse hat sich ein wenig hingelegt, sie hat Migrne, und es mu
doch auch geschrieben werden.
    Was denn geschrieben? erkundigte sich der Kutscher, es ist ja heut' nicht
Posttag!
    Sie haben wohl nicht gesehen, da der Reitknecht von Brasteck in den Hof
gekommen ist? Der soll den Brief an den Herrn Baron gleich mit sich nehmen.
    Der Kammerdiener fragte, wer den Brief denn schreibe? Mamsell Caroline
entgegnete, die Frau Grfin schriebe ihn.
    Da soll sie sich sputen, meinte der Kutscher, indem er das groe Bierglas an
die Lippen setzte, denn der Reitknecht hat gefttert und sattelt wieder.
    So sagen Sie ihm, gebot die Kammerjungfer, da er warten mu, bis meine
Grfin fertig ist! Ich will sie aber avertiren gehen.
    Sie stand auf, besah sich in dem Spiegel, rckte ihre Brilllocken und ihre
schwarze Schrze zurecht und sagte der Kchin, sie brauche heute Abend weiter
nichts.
    Also Sie gehen mit, Mamsell? rief der Kutscher. Nun, da soll mir's ein
Vergngen sein, zu fahren - besonders, wenn Sie nicht wiederkommen wollen!
brummte er in seinen Bart. Aber er hatte es nicht so leise gesprochen, um von
den Andern nicht verstanden zu werden, wenn schon Mamsell Caroline sich das
Ansehen geben konnte, als habe sie nicht gehrt, was er gesagt, und als wisse
sie nicht, was das Lachen um sie her bedeute.
    Oben lag Hildegard bleich und regungslos auf ihrem Lager. Die Vorhnge waren
niedergelassen, der Geruch von Aether erfllte das Gemach. Die Grfin hatte
ihren Brief an den Freiherrn eben beendet. Sie wollte ihn der Tochter zu lesen
geben, aber Hildegard machte eine matte, abwehrende Bewegung. Die Mutter
siegelte ihn also und wollte schellen, um ihn hinunter zu senden. Ccilie sa
mig in einem der Lehnsthle. Weil sie jedoch wute, wie empfindlich ihre
Schwester whrend ihrer Anflle von Kopfweh gegen das geringste Gerusch zu sein
pflegte, wollte sie ihr das Schellen und das Kommen des Dieners bereitwillig
ersparen.
    Sie stand leise auf, trat an die Grfin heran und erbot sich, den Brief
selbst hinunter zu tragen. Aber wie von einem elektrischen Schlage getroffen,
sprang Hildegard, die anscheinend mit geschlossenen Augen da gelegen hatte, von
ihrem Ruhebette empor, und Ccilie mit so gewaltsamem Griffe um das Handgelenk
fassend, da sie im Schmerze zusammenzuckte, rief sie mit funkelnden Augen in
wilder Leidenschaft: Du, rhre den Brief nicht an! Du nicht!
    Ganz erschrocken trat Ccilie zurck. Sie wollte antworten, die Thrnen
strzten ihr aus den Augen, und die Hnde entsetzensvoll zusammenschlagend, rief
sie: Gott im Himmel, sie ist wahnsinnig! Hilda ist wahnsinnig geworden!
    Hildegard lachte hell auf. Nein, nein, rief sie, noch bin ich's nicht, noch
sehe ich sie ja, die heuchlerischen Thrnen, die Dir ber die rothen Backen
niederrinnen! Aber ich werde es werden, wahnsinnig wird es mich machen, wenn ich
es sehen mu, wenn ich Dich sehen mu ... Sie war unfhig, den Satz zu
vollenden; sie warf sich der Mutter mit beiden Armen um den Hals und barg ihr
Gesicht an deren Brust. Es bricht mir das Herz, es nimmt mir den Verstand!
wiederholte sie immer und immer wieder. Die Grfin bemhte sich, sie zu
besnftigen, Ccilie war neben der Schwester hingeknieet und kte ihr die
Hnde, aber Hildegard stie sie mit Heftigkeit von sich, und die Grfin hie die
jngere Tochter endlich sich entfernen.
    Weinend und bleich, wie Gaetana es dem Kammerdiener geschildert hatte, war
Ccilie in dem Zimmer der Baronin angelangt. Athemlos, in der hchsten
Aufregung, erzhlte sie derselben, was geschehen war; aber wider ihr Erwarten
machte sie auf die ltere Freundin mit ihrem Berichte nicht den gewnschten
Eindruck.
    Vittoria hatte sich eben erst, dem schnen Wetter zu Liebe, ihr Ruhebett bis
hart an die groen Fensterthren ihres Zimmers tragen lassen und blieb, von den
aufgespannten Vorhngen mild beschattet, ruhig liegen, whrend sie sich langsam
und ohne jede Unterbrechung fchelte. Sie zog Ccilie neben sich auf die Polster
nieder, und mit ihrem Tuche die Thrnen von der jungen Grfin Wangen trocknend,
sagte sie mit ihrer weichen, tiefen Stimme: Weine nicht, weine nicht, mein Kind!
Die Thrnen ziehen Furchen, und aus den Furchen in eines Weibes Antlitz wchst
kein Glck hervor! - Komm, sei heiter, lchle wieder. Sieh mich an!
    Sie nahm den Kopf Cciliens in ihre Hnde, schaute ihr in das Auge, kte
dann ihre Augenlider und rief: Hildegard war nicht fr das Glck geschaffen,
nicht fr das eigene, nicht fr fremdes; ihr Blick ist unheilvoll! Wir werden
alle, alle glcklich werden, wenn ihre unheilvollen Augen uns nicht mehr
verfolgen!
    Ccilie trstend und Hildegard anklagend, sich ereifernd und dann wieder
schmeichelnd und scherzend, lie Vittoria Ccilie nicht zu Worte kommen, als
diese ihr Erschrecken ber den zwischen ihrer Schwester und dem jungen Freiherrn
erfolgten Bruch und ihr Bedauern ber Hildegard's Schicksal auszusprechen
wnschte. Und wenn es immer nicht leicht war, sich Vittoria's Einflu zu
entziehen, wo sie es mit Absicht darauf anlegte, Jemanden fr sich und ihre
augenblickliche Stimmung zu gewinnen, so fand Ccilie es heute mehr als je
unmglich.
    Sie sowohl als die Mutter hatten seit Jahren von dem traurigen Verhltnisse
zwischen Hildegard und Renatus viel zu leiden gehabt. Da es ein unhaltbares
geworden sei, das hatte Ccilie gleich an dem Tage gefrchtet, an welchem sie
den Jugendgespielen nach so langer Trennung zum ersten Male wiedersah. Es war
ihr berhaupt mit Renatus sonderbar ergangen. Von allen den Erinnerungen ihrer
ersten Jugend, von denen Hildegard und auch die Mutter zu erzhlen liebten,
wute Ccilie nichts. Sie war um mehr als fnf Jahre jnger denn der junge
Freiherr, sie war fast noch ein Kind gewesen, als Renatus in den russischen
Feldzug gegangen war; aber sie hatte es oft behauptet, da dies eigentlich der
Tag sei, dessen sie sich aus ihrem ganzen Leben am deutlichsten entsinne, und
da sie erst von diesem Tage ab vllig klare und zusammenhngende Vorstellungen
von ihren Erlebnissen habe, die freilich einfach genug gewesen waren.
    Sie hatte ihre Kindheit whrend und nach der Wittwentrauer ihrer Mutter auf
dem Lande, in dem Schlosse der ihnen verwandten Familie verlebt, von wo aus sie
nach Richten gekommen waren. Dann hatte sie in der Hauptstadt in einer der
Erziehungsanstalten einzelne Unterrichtsstunden erhalten, bis man zu Anfang der
Freiheitskriege wieder auf das Land und nach Schlo Richten gezogen war, das die
Mutter und Hildegard nur verlassen hatten, als sie zur Pflege der Verwundeten
und Kranken sich in die Stadt begeben hatten. Ccilie, die fr eine solche
Aufgabe noch zu jung gewesen, war unter Vittoria's Obhut in Richten geblieben,
denn damals hatten die Grfinnen und Vittoria noch im besten Einvernehmen mit
einander gelebt. Die Zerwrfnisse zwischen Hildegard und der Baronin hatten sich
erst spter, erst als Hildegard, wie sie das nannte, zum Bewutsein ber sich
und ber ihre Pflichten, und ber den Beruf des deutschen Weibes gekommen war,
so schroff herausgebildet. Und lugnen konnte Ccilie es nicht, das viele
Nachdenken und die groe Tugend hatten ihre Schwester nicht liebenswrdiger
gemacht.
    Ccilie war Hildegardens vlliges Gegentheil. Sie dachte wenig nach. Sie
kannte die Welt und die Menschen eigentlich nur aus den Schilderungen ihrer
Mutter und aus den wenigen Bchern, welche sie nach der Wahl der Grfin gelesen
hatte. Zwischen die Gefhlsschwrmerei ihrer Schwester und die von
leidenschaftlichen Erinnerungen durchglhte Phantasie Vittoria's gestellt, hatte
sich ihrer nicht etwa ein Verlangen nach hnlichen Empfindungen, sondern nur die
Neugier bemchtigt, ob sie solcher Empfindungen wohl fhig sei; und weil sie bei
ihrer sehr zurckgezogenen Lebensweise nur wenig Mnnern begegnet war - denn
fast die ganze mnnliche Jugend des Landes stand seit Jahren unter den Waffen -
so hatte sie in alle jene Trume, ohne welche kein Mdchen sich entfaltet, das
Bild des Jnglings verwebt, den sie am besten kannte, das Bild des jungen
Freiherrn, des Verlobten ihrer Schwester. Schlank und schmchtig, schchtern und
ein wenig schweigsam, mit den sanften, blauen Augen freundlich lchelnd, so
hatte sie sein Bild in ihrem Gedchtnisse bewahrt, und wie vor einem vllig
Fremden hatte sie am Tage seiner Heimkehr vor dem stattlichen Manne gestanden,
zu welchem die Jahre, die Strapazen des Krieges und das Leben in der bewegtesten
und gewhltesten Gesellschaft von Europa den jungen Freiherrn ausgebildet
hatten.
    Sein Haar war dunkler, seine Gestalt sehr krftig, sein Blick, seine Sprache
waren lebhaft geworden, und Ccilie hatte in freudiger Bewunderung seiner
Schnheit sich gesagt, da ihre Schwester sehr glcklich sein msse. Aber das
Glck, das sie an dem liebenden Paare zu sehen erwartete, wollte nicht zum
Vorschein kommen.
    Ccilie bemerkte mit steigender Verwunderung die schwermthige Zrtlichkeit
ihrer Schwester und die Verlegenheit, mit welcher Renatus dieselbe eher zu
ertragen als zu suchen schien. Wenn sie sich an die Stelle ihrer Schwester
dachte, so mute es gewi ganz anders sein, sagte sie sich; denn sie war doch
nicht des jungen Freiherrn Braut, sie liebte er nicht und sie liebte ihn auch
nicht, aber es war doch Alles Lust und Freude zwischen ihnen, wenn sie einmal
beisammen sein konnten, ohne da Hildegard's ernsthafte Betrachtungen ihnen in
ihrem Frohsinne Schranken setzten. Sie begriff es endlich gar nicht mehr, wie
Renatus es mit ihrer Schwester nur auszuhalten vermge; sie selbst hatte
Hildegard nie so qulerisch und so mit sich und ihren kleinen Leiden
ausschlielich beschftigt gesehen, als eben jetzt. Sie war sonst mit der
Schwester immer einig gewesen, oder doch gut mit ihr fertig geworden, denn ihre
Neigungen und Gewohnheiten hatten sich, eben weil sie so ganz und gar von
einander unterschieden waren, nicht gekreuzt; aber seit Renatus wieder in der
Heimath lebte, hatte auch das gute Verhltni zwischen den beiden Schwestern
sich mit Einem Male gendert.
    Hildegard hatte sich von Anfang an ber die laute Frhlichkeit ihrer
jngeren Schwester wie ber die Rastlosigkeit beschwert, mit welcher sie bald
Dies, bald Jenes mit Renatus unternehmen wollte, und sich vor Allem darber
beklagt, da sie es ihr so schwer mache, ihren Verlobten zu irgend einer
Sammlung zu bewegen oder auch nur ernsthaft mit ihm zu verkehren. Ccilie
hingegen war empfindlich darber geworden, da die Schwester sie wie ein Kind
behandle, mit dem oder in dessen Gegenwart man nichts Wichtiges besprechen
knne. Sie hatte geklagt, da Hildegard Alles an ihr tadle, von ihrer Art, sich
zu kleiden, bis zu der Weise, in welcher sie mit dem Jugendfreunde, mit dem
knftigen Schwager verkehre; und als Ccilie allmhlich aus Ungeduld die Nhe
der Schwester zu meiden angefangen, hatte Renatus sich zu ihr gesellt, um
Hildegard zu zeigen, da er ihr Betragen gegen Ccilie nicht billige.
    La ihr doch Zeit, ber ihre Sorgen nachzudenken! hatte Ccilie bermthig
ausgerufen, wenn sie und Valerio den jungen Freiherrn zu irgend einem frhlichen
Unternehmen zu berreden getrachtet hatten; und nachgebend und von der eigenen
Neigung angetrieben, hatte Renatus sich mehr und mehr an Ccilie angeschlossen,
deren blhende Frische ihm das Herz erfreute.
    Es war ihm ein Vergngen, Ccilie laufen zu sehen, sie hatte die Anmuth
eines Rehes. Es war ihm ein Vergngen, sie reiten zu sehen, das Thier selbst
schien von ihrer Lebenslust beflgelt zu werden; und sie mit ihrer hellen Stimme
lachen zu hren, war fr Renatus vollends ein Genu. Ccilie aber gehrte nicht
zu denen, die sich Sorgen machen, die Mutter und die Schwester thaten's, wie sie
meinte, zur Genge; sie war immer guter Dinge.
    Sie lachte mit ihrem reizendsten Lachen, wenn Renatus sich bei ihr ber
seine Braut beklagte. Sei nicht bse auf sie, sagte sie; sie ist ein wenig
altjngferlich geworden. Heirathe sie nur bald, dann wird sie eine junge Frau
und auch wieder munter und vernnftig werden. Sie hat sich gar zu sehr nach Dir
gesehnt.
    Und hast Du Dich nicht nach mir gesehnt? fragte Renatus sie dann wohl.
    Ich? Wie kme ich dazu? Ich war ja nicht mit Dir verlobt! Nur als Du in den
Krieg gegangen bist, dachte ich, es wrde mir das Herz zerbrechen, wenn Du
sterben solltest! Ich konnte mich damals gar nicht von Dir trennen! Aber Du
hast's nicht bemerkt, ich war ja damals auch nur noch ein dummes Kind!
    Renatus sah sie betroffen an. Ganz pltzlich kam es ihm in das Gedchtni
zurck. Wie hatte er das vergessen knnen? - Deutlich, aber ganz deutlich,
erinnerte er sich jetzt, wie die leidenschaftliche Umarmung des kaum
vierzehnjhrigen Mdchens ihn in jener Abschiedsstunde erschreckt hatte. So
hatte Hildegard ihn nie umarmt. Er fhlte unwillkrlich ein lebhaftes Verlangen,
einer solchen Umarmung noch einmal, von Ccilien noch einmal theilhaftig zu
werden. Wie bittend hielt er ihr die Hand hin, sie schlug herzhaft ein, er
umarmte und kte sie und sie gab ihm den Ku mit ihren schwellenden Lippen
frhlich lachend wieder. Wehalb sollte sie ihrem knftigen Schwager, wehalb
sollte sie Renatus auch einen Ku versagen? Sie that es niemals, wenn er sie
darum bat, und er kte sie jetzt oft genug. Nur jene erbebende Leidenschaft,
die er wieder einmal, nur einmal wieder noch zu genieen wnschte, jene
Leidenschaft nahm er an ihr nie wieder wahr. Es war Alles an und in ihr arglose,
auf den Augenblick gestellte Frhlichkeit, und diese war es auch, was ihre Nhe
fr Vittoria so angenehm machte, was Valerio an sie fesselte.
    Heute zum ersten Male in ihrem ganzen Leben hegte Ccilie einen wahrhaften
Zorn, und er war gegen ihre einzige Schwester gerichtet. Sie hatte es Vittoria
verschweigen wollen, was oben unter der eigenen Mutter Augen zwischen Hildegard
und ihr geschehen war; aber der Schwester ungerechtes Mitrauen, ihre Hrte und
ihre Heftigkeit waren gar zu gro, gar zu grausam gewesen. Vittoria hatte Recht:
Hildegard war nicht zum Glck geschaffen, nicht fr das eigene, nicht fr
fremdes Glck. Wie htte sie sonst die Schwester, die ihr in mitleidvoller Liebe
zu helfen und zu dienen bemht gewesen war, so herzlos, so unnatrlich von sich
stoen knnen?
    Ccilie klagte, Vittoria hrte ihr ermuthigend zu. Als jene geendet hatte,
sagte die Baronin: Und knntest Du jemals so voll Argwohn sein, wie Deine
Schwester?
    Nein! nein! ganz gewi nicht! rief Ccilie. Wie kann man auch einem Menschen
ein Uebel, ein Unrecht zutrauen, wenn man ...
    Sie hielt inne, denn die Gewohnheit der Schwesterliebe - und die
Familienliebe ist ja berhaupt zu einem groen Theile Gewohnheitssache - hielt
sie zurck, den Gedanken auszusprechen, der ihr eben erst gekommen war; aber
Vittoria ergnzte ihn sofort.
    Siehst Du es, siehst Du es nun, mein Kind, da sie voll Arglist ist? Weil
sie von Jugend auf mit unermdlicher Beharrlichkeit ihr Netz gesponnen und
meinen armen Renatus, als er fast noch ein Knabe war, damit umgarnt hat, darum,
darum allein hlt sie Dich fr fhig, das Gleiche zu thun; darum traut sie Dir
es zu, Du knntest, arglistig wie sie, ihr das Herz des ersehnten Brutigams
abwendig machen wollen. Als ob sie nicht selber alles dazu gethan htte, ihn von
sich zu entfernen, als ob ein Mann, so schn, so gut, so frhlich und so gesund
wie mein Renatus, dazu geschaffen wre, sie seufzen zu hren und unter ihren
khlen Blicken zu erfrieren! Per bacco! Vittoria brauchte, wenn sie heiteren
Muthes war, wie eben jetzt, wohl einmal einen heimathlichen Schwur - per bacco,
wir werden Ursache haben, diesen Tag zu segnen, und mich verlangt danach,
Renatus in seiner neu gewonnenen Freiheit zu umarmen! Er wird schn aussehen,
wenn er wiederkehrt und seinen Willen hat, denn er sehnte sich nach seiner
Freiheit.
    Sie war so aufgeregt, da sie sich erhob, um einen Gang hinaus in den Garten
zu thun, und sie forderte ihren Schtzling auf, sie zu begleiten. Anfangs
weigerte Ccilie sich dessen. Die Stunde war nahe, welche man fr die Abreise
der Schwester anberaumt hatte, sie wollte sie in dieser nicht verlassen, ihr
dabei nicht fehlen.
    Vittoria nahm sie bei der Hand. Lgst Du auch, fragte sie, oder hast auch Du
kein Blut in Deinen Adern, kein Feuer in der Brust, das in zorniger Flamme
emporschlgt, wenn man Dich beleidigt? Schme Dich, Ccilie, ich hatte besser
von Dir gedacht! Und ihren Arm in den der jungen Grfin legend, sagte sie,
whrend sie mit ihr die Terrasse entlang und in den Garten hinunter ging: Komm,
mein Herz, es wre nicht hbsch von Dir, Dich an ihrem Schmerze zu weiden, denn
leiden - leiden mu man im Verborgenen!
    Ccilie gab endlich nach. Sie war selbst aufgeregter und in sich
unentschiedener, als je. Sie htte nicht sagen knnen, wie ihr eigentlich zu
Muthe sei. Sie hrte auch nur halb auf die Schilderung, welche Vittoria ihr von
dem ganzen Zusammenhange zwischen ihrem Stiefsohne und Hildegarden machte, denn
Renatus hatte es der Baronin in seinem Mimuthe einst anvertraut, wie er sich
Hildegarden, von ihr dazu angetrieben, gerade in dem Augenblicke versprochen
habe, in welchem er gekommen war, sich von ihr los zu sagen. Nur das Eine
entging Ccilien nicht, und die Baronin wiederholte es auch wieder und wieder:
Renatus hatte Hildegard niemals geliebt!
    Also ist Renatus jetzt nicht zu beklagen! sagte Ccilie sich mit einer
Genugthuung, die sie berraschte, und gleich darauf fiel ihr die Schwester ein.
Sie sah nach der Uhr. Jetzt hatte Hildegard das Schlo bereits verlassen.
    Wider ihren Willen seufzte Ccilie tief. Sie dachte daran, da auch ihres
Bleibens jetzt hier nicht mehr lange sein werde, und die Thrnen traten ihr bei
der Vorstellung in die sonst so frhlichen Augen. Sie hatte das Schlo und die
Baronin Vittoria und Renatus und Valerio so lieb!

                                Sechstes Capitel


Graf Gerhard hatte eine Krankheit berstanden. Mitten in einer Gesellschaft, bei
einem Feste, das ein Kreis von alten Junggesellen sich gegeben hatte und bei dem
es frhlich genug hergegangen war, denn die Jugenderinnerungen waren den Herren
bei dem Weine reichlich zugeflossen, hatte ein schlimmer Anfall ihn ereilt.
    Wie ein Schwindel, wie ein pltzliches Vergehen der Sinne war es ber ihn
gekommen. Man hatte ihn mit dem Beistande eines Arztes nach seiner Wohnung
gebracht; dort hatte er sich bald erholt, und die Krankheit hatte nicht lange
gewhrt. Jetzt war sie ganz vorber. Nur eine Schwche war ihm noch
zurckgeblieben, und das Zittern in den Hnden, das Renatus bei dem Wiedersehen
seines Oheims aufgefallen war, hatte zugenommen, wenngleich der Graf es mit
groer Geschicklichkeit zu verbergen wute.
    Die Fenster seines Zimmers waren geffnet, die Wrme des Tages drang voll
herein, obschon man mit den heruntergelassenen Markisen das Licht abdmpfte. In
den groen Vasen auf den Ecktischen dufteten die schnsten Frhlingsblumen,
Frchte, welche die Jahreszeit im Freien noch nicht darbot und die also aus
Treibhusern geliefert sein muten, standen auf dem Tische vor dem Sopha, und in
seinen seidenen Schlafrock gehllt, geno der Graf, von Polstern bequem
gesttzt, einer sehr behaglichen Ruhe. Bald sah er, wie das Sonnenlicht milde
ber die Bilder an den Wnden hinglitt, dann betrachtete er die Blumen in den
Vasen. Ein Schmetterling, der sich in das Zimmer verirrt hatte, flog von der
einen Vase zu der anderen, wiegte sich bald auf dieser, bald auf jener Blume und
flatterte dann gaukelnd auf und nieder, wo die Sonne ihm am wrmsten schien. Der
Graf htte stundenlang dem Spiele dieser bunten Flgelchen zusehen knnen, ohne
an etwas Anderes zu denken, htte der Brief, den er in seinen Hnden hielt, ihn
nicht beschftigt.
    Es war ein langer Brief. Er hatte ihn schon am verwichenen Tage erhalten und
gelesen, aber er wollte ihn noch einmal lesen. Der Brief hatte ihn sehr gerhrt,
der Seelenzustand der Schreiberin hatte etwas Poetisches fr ihn. Er klingelte,
befahl dem Diener, ihm die Brille zu reichen, welche er in seinem Schlafzimmer
zurckgelassen hatte, lie sich aus der feinen Krystallflasche ein Glas Orgeade
einschenken, und nachdem er getrunken und den goldenen Theelffel mit weiblicher
Genauigkeit quer ber den Rand des Glases gelegt hatte, um dem Diener ohne Worte
anzuzeigen, da er das Glas nicht wieder fllen solle, zog er den Brief aus
seiner Umhllung hervor und begann ihn zum zweiten Male zu lesen. Er war aus
Pyrmont datirt und von Hildegard geschrieben.
    Ich bin unfhig gewesen zu irgend einem Thun, hob der Brief an, das mag
Ihnen erklren, mein verehrter Freund, weshalb Sie erst heute von mir erfahren,
da ich in Pyrmont bin, da ich mich vierundzwanzig Stunden in Berlin
aufgehalten, ohne Sie, ohne irgend Jemanden davon zu benachrichtigen, und da
ich Richten verlassen habe. Ach, ich habe mehr verlassen, als den Ort!
    Der Brief brach an der Stelle pltzlich ab, und erst am folgenden Tage war
die Fortsetzung desselben geschrieben worden.
    Es ist eine lange Zeit vergangen, hie es in derselben, ehe ich die
Fassung gewann, mir selbst meine Zustnde klar zu machen, und gestern, als ich
mich stark genug glaubte, Sie, dessen trstliche Theilnahme mir seit manchem
Jahre das Hoffen erleichterte, in meine entmuthigte Seele, in mein gebrochenes
Herz blicken zu lassen - gestern bermannte mich die Verzweiflung wieder mit
ihrer ganzen Strke. Jeder meiner Gedanken war wieder nur ein Aufschrei, ein
Aufschrei der Klage gegen ihn, dessen Namen zu nennen mir jetzt ein Schmerz ist.
    Ich habe des Tages nicht vergessen, an welchem ich Ihnen, als wir in Richten
zum ersten Male nach dem Kriege die Margarethenhhe hinaufstiegen, die einfache
Geschichte meines Lebens, die unbewute Weise schilderte, in welcher mein Herz
sich, von frher Kindheit an, dem schnen, verwaisten Knaben zugewendet hatte.
Meine Liebe ist stets eine Kraft gewesen, die ich nur geno, wenn ich sie im
Dienste fr Andere, in der Hingebung an Andere verwerthen konnte. Ich war sein,
so lange ich mich meiner selbst erinnern kann, und seit sieben langen Jahren hat
jeder meiner Athemzge ihm gehrt. Weshalb soll ich noch leben, da mein Dasein
ihn nicht mehr beglckt? -
    Schatten der Liebe, welche den Gegensatz zu ihrem Lichte bilden, haben Sie
die bangen Zweifel geheien, von denen meine Seele damals sich beunruhigt
fhlte. Ach, ich wute, da mein ahnend Herz mich nicht betrog, da es nicht
vergebens sorgte und erbebte! Der Unglckselige hat sein Blut vergossen fr des
Vaterlandes Ehre, und whrend ich in brnstigem Gebete jedes Haar seines Hauptes
der Huld des Hchsten anempfahl, ist Renatus nicht nur von mir, ist er von der
wahren Ehre abgefallen, ist er sich selbst verloren gegangen, ist er abwendig
geworden der Liebe und der Treue, die er mir gelobt hat.
    Als er heimkehrte! Wie soll ich sie Ihnen aussprechen, die Wonne und das
Glck, die ich empfand, die Seligkeit, mit der ich ihn in meine Arme schlo!
Aber in jenem ersten Aufzucken meines Herzens fhlte ich es - nur ich war
glcklich, er war es nicht.
    Was habe ich nicht alles gethan, ihn wiederzugewinnen, was gelitten, ihn zu
sich selbst zurckzufhren! Es ist Alles vergebens gewesen, und meine Kraft ist
erschpft, meine Lebenslust dahin.
    Fast fnf Monate sind in diesem stillen Kampfe entschwunden. Der Termin fr
die neuen Contracte mit seinen Beamten war gekommen. Ich hatte ihn am Morgen
heiterer als sonst gesehen, er sprach von seinem Vorsatze, auf seinen Gtern zu
leben, ich knpfte wider meinen Willen meine Hoffnungen daran. Aber der Mittag
war nahe, der Amtmann hatte sich schon lange entfernt, und Renatus lie sich
nicht sehen. Seine Sorgen waren stets die meinigen gewesen, ich kannte seine
Angelegenheiten besser als er selbst, ich hatte mich darauf vorbereitet, sie
leiten zu knnen, wenn es ihm nach unserer Verheirathung nicht gefallen htte,
sich mit ihnen zu beschftigen, und eben dehalb hatte ich dem Rathe
beigepflichtet, da er die beiden andern Gter verkaufen solle. Glcklich mit
ihm zu sein, war in dem herrlichen Richten ja immer noch des Raumes genug.
    Den ganzen Morgen hatte ich mich gefragt: Was wird er thun, wozu wird er
sich entschlieen? Die Ungewiheit lie mir endlich keine Ruhe. Ich schickte
nach seinem Zimmer, er war nicht dort. Man sagte, er sei in den Park gegangen.
Ich konnte nicht anders, ich mute ihn sehen. Man reit nothgedrungen sein Herz
von dem geliebten Herzen eines Mannes los und verlernt es doch nicht, um den zu
sorgen, der uns von sich stt.
    Ich ging in den Park hinab, ich suchte Renatus in den Wegen, welche ihm die
liebsten waren, nur seine Futapfen sah ich, er war nicht dort .. Er fand die
Laune spazieren zu gehen, und sagte sich nicht mehr: Hildegard wird am mich
denken, wird um mich sorgen!
    Bis an die Wiese folgte ich seiner Spur. Dann ging ich auf die
Margarethenhhe hinauf, und kaum dort angelangt, sah ich ihn von dem
Rothenfelder Kirchpfade den Weg in die Hhe kommen. Das Herz schlug mir vor
Freude, wie ich ihn in seiner Schnheit so leicht einhergehen sah. Ich wute
nicht, was ich that, als ich, der inneren Stimme folgend, so schnell ich konnte,
ihm entgegeneilte.
    Sonst, wenn ich, noch ein halbes Kind, so im Laufe von der Hhe zu ihm
heruntergeflogen war, hatten seine Arme sich mir entgegengebreitet und ich hatte
mich an seine Brust geworfen mit dem Glcksgefhle, da ich im Hafen sei. Jetzt,
als ich athemlos vor Freude und Erregung vor ihm stand, mute ich beschmt die
Augen niederschlagen, um es nicht zu sehen, wie wenig die unerwartete Begegnung
ihn erfreute.
    Wo kommst Du her? fragte er mich, ohne mir auch nur die Hand zu reichen.
    Ich habe Dich gesucht, gab ich ihm zur Antwort; ich befrchte, da Du keine
gute Verhandlung mit dem Amtmann hattest, da es zu keinem Abschlusse gekommen
ist! - Und als ich das ausgesprochen hatte, fiel mir's auf das Herz, da
zwischen mir und ihm schon seit lange immer nur von seinen Geschften die Rede
gewesen war.
    Obschon die Mittagssonne hei herniederbrannte, wollte ich ber die Wiese
den Rckweg nehmen, weil es uns am schnellsten nach dem Schlosse gebracht htte,
und ich scheute mich, mit ihm allein zu sein, weil es mir dann immer am
schmerzlichsten fhlbar wurde, wie er mir gar nichts mehr zu sagen hatte.
    Wider mein Erwarten uerte er die Absicht, ber die Hhe nach Hause zu
gehen. Als wir hinaufstiegen, bot er mir den Arm. Ich wollte fragen, mich
erkundigen; er hie mich schweigen, meine Brust zu schonen; aber auch er sprach
nicht zu mir. Die Sonne erwrmte das Laub und die Stmme, da uns aus den dicht
verschatteten Gngen berall ein warmer Bltterduft ntgegenquoll. Von Zweig zu
Zweig huschten die Vgel an uns vorber, es sang und zwitscherte rund um uns
her, es blhte, wohin man sah, und dazwischen zuckte und flammte das Sonnenlicht
bald hier, bald dort zwischen der dichten Bltterflle hervor und streute seinen
glhenden Wiederschein ber das grasige Erdreich hin, da man wie auf
dunkelrothen Blumen ging. Mitten in der Traurigkeit, die sich whrend dieses
schweigenden Ganges immer lhmender auf mich herniedersenkte, wirkte die
Herrlichkeit des Tages doch noch auf mich ein, und um nur die Stille zu
unterbrechen, um nur nicht zu merken, wie einsam ich an seiner Seite sei, sagte
ich: Siehst Du denn nicht, wie schn es hier ist?
    Gewi! entgegnete er mir, es wird mir schwer genug werden, es wieder zu
entbehren.
    Ich war nicht gleich im Stande, ihm auszudrcken, wie unerwartet mir seine
Antwort kam, aber er mochte mein Erstaunen in meinen Mienen lesen, und ehe ich
noch ein Wort gesprochen hatte, sagte er: Mein Urlaub geht zu Ende, unser
Regiment kommt in den nchsten Wochen ber den Rhein zurck. Ich mu es zu
erreichen suchen, um meine Compagnie doch selbst in die Hauptstadt einfhren zu
knnen.
    Er sprach das so einfach, so natrlich - und welche Grausamkeit wre einem
treulos gewordenen Herzen nicht natrlich? - da er mich tuschte. Ich war es
schon gewohnt worden, ihn nur an seine eigenen Wnsche denken zu sehen, und das
Verlangen, mit den Tapfern, in deren Mitte er gekmpft hatte, unter unseres
geliebten Knigs Augen in die Hauptstadt einzuziehen, war ja ein berechtigtes.
Ich selbst sehnte mich danach, ihn an der Seinen Spitze, im Siegesschmucke, im
deutschen Eichenkranze zu erblicken. Inde ich unterdrckte diesen Wunsch, und
nur die Frage that ich, wann er gehen wolle.
    Sobald ich hier mit dem Amtmann abgeschlossen habe!
    Du denkst also, ihn zu behalten? erkundigte ich mich.
    Ja, als Pchter! entgegnete er kurz.
    Mein Erschrecken war gro, inde ich hatte seit lange die Erfahrung gemacht,
da meine Bitten, meine Vorstellungen ihn nicht bestimmten. Du hast also Deine
Absichten gendert, Du willst die Gter nicht selbst bewirthschaften, wie Du es
noch vor wenig Tagen vorgehabt hast? erkundigte ich mich.
    Nein! sprach er sehr bestimmt.
    Ich wute mir nicht zu erklren, was geschehen sein konnte, ich schwieg
also; aber das reizte seine Ungeduld, und heftiger, als es zu verantworten war,
rief er: Sprich es doch aus, was Du denkst, und hlle Deine Unzufriedenheit
nicht in dieses Schweigen, das mich verdammt, weil ich endlich, endlich einmal
von den Sorgen freizukommen wnsche, die mein Erbtheil gewesen sind von Jugend
auf! Was habe ich denn bis jetzt von meinem Leben, von diesen Gtern anders
gehabt, als Sorgen? Von unseren beln Vermgensumstnden habe ich den Caplan
sprechen hren, als ich mich, ein Knabe, noch an Mrchen zu ergtzen wnschte!
Um unserer Vermgensverhltnisse willen schickte man mich in das Heer, in einem
Alter, in welchem mein Vater in wahrhaft kniglicher Freiheit mit seinem
Erzieher die halbe Welt durchreiste! Als ich nach lngerer Zeit ins Vaterhaus
zurckkam, empfing mich die Kunde, da unsere Lage es fr meinen Vater nthig
mache, auf mein mtterliches Erbe zurckzugreifen, und ich gab es hin! Im
Feldlager, am Vorabende der grten Schlacht, erreichten mich mit der Nachricht
von meines Vaters Tode die Berichte ber unseren sich entwerthenden Besitz! Am
Beiwachtfeuer, auf dem Siechbette im Lazareth, in den Slen von Paris, bei dem
Wiedersehen des Onkels, in dem Bureau von jenem Tremann und hier in meinem Hause
hre ich immer und ewig nur dasselbe alte Lied! Und wenn einmal der Schatten
meiner Bume mich still umfngt, wenn ich endlich einmal aufathmen mchte in
Gottes freier Luft, spricht Dein schon wieder sorgenvoller Blick: Schaffe Rath,
schaffe Ordnung, so ist's nicht zu halten! - Nun denn - verzeihen Sie mir, mein
edler, theurer Freund, da ich den Ausdruck wiederhole, den ich mit Beschmung
von seinem Munde hren mute - nun denn, so mag zum Teufel gehen, was nicht zu
halten ist! Ich verkaufe Rothenfeld und Neudorf, ich verpachte Richten, ich gehe
zu meinem Regiment zurck! Ich will wissen, woran ich bin, ich will nicht lnger
die Last auf meinen Schultern fhlen, welche die Vergangenheit mir aufgebrdet
hat. Ich will die Irrthmer meiner Voreltern und auch die meinigen nicht als
eine mich ewig hemmende Kette durch das Leben schleppen! Ich will ein eigenes,
neues Leben leben, ich will endlich einmal mein eigener Herr, endlich einmal
frei, endlich frei sein!
    Renatus hatte sich erhoben und ging auf dem engen Raume heftig auf und
nieder. Noch an dem Morgen dieses Tages hatte er, wie ich schon erwhnte, davon
gesprochen, da er die Gter selbst bewirthschaften wolle; es mute also etwas
geschehen sein, das ihn verstimmt, das ihn andern Sinnes gemacht hatte. Ich
vermochte mir nicht zu denken, was es gewesen sein knne, und ich wute mir
keinen Rath. Freilich hielt ich die Maregeln, von denen er gesprochen hatte,
soweit sie den Verkauf der beiden andern Gter betrafen, fr richtig; aber ein
Entschlu, in solcher Verfassung vollzogen, mute mir immer als ein unheilvoller
erscheinen, und ich wagte nicht, ihn zu billigen, nicht, wider ihn zu sprechen.
Dazu kam das unabweisliche Gefhl, da Renatus sich in solcher heftigen, in
solcher ber das erlaubte Ma hinausgehenden Weise nicht geuert haben wrde,
htte er einen Andern, htte er nicht eben mich zur Seite gehabt. Ich glaubte es
zu sehen, da mein Erschrecken, meine Angst ihm eine Genugthuung bereiteten, ich
hatte in diesen letzten Monaten so viel, ach, so unaussprechlich viel von ihm
ertragen, und keine Sylbe und kein Laut in seiner ganzen Rede dachten meiner!
Ich war nicht mehr fr ihn vorhanden!
    Oft, unsglich oft hatte ich es empfunden, da ich zu seinem Glcke nicht
mehr nthig sei. Jetzt traf es mich aus seinen Worten wie ein Schlag, und wie
ein Blitz drang die nicht mehr zurckzuweisende Erkenntni in mein Herz. Er
wollte frei sein, frei vor allen Dingen, frei von dem Worte, das ihn an mich
band! Ich war es, die er fliehen wollte, wenn er zum Regimente ging! Die Liebe,
die er mir geschworen hatte, war der Irrthum, von dem er loszukommen wnschte;
und es kostete ihn nichts, sich von dem Erbe seiner Vter loszureien, wenn er
sich damit nur von mir zu trennen vermochte.
    Wir waren nahe bei einander. Er war stehen geblieben und sah, an einen der
starken Stmme angelehnt, in den Laubgang hernieder. Dieselbe Sonne beschien uns
noch, dieselben sanften Tne des lockenden Vogelsang berhrten noch unser Ohr,
aber es war mir, als htte sich eine Kluft aufgethan zwischen mir und ihm, und
als trte er fern und ferner von mir zurck. In jedem Augenblicke wollte ich die
Frage thun. Drei, vier Mal versuchte ich es, aber immer fehlte mir dazu das
Wort, und mit jeder Sekunde schien er mir fern und ferner zu treten, wuchs in
mir die Angst, da mein Ton ihn nicht mehr erreichen knne. Ich war meiner Sinne
fast nicht mchtig. Nur das Einzige fhlte ich noch klar: auch ich mute frei
werden, und wenn auch durch den Wahnsinn oder durch den Tod, von dieser Stunde
martervoller Pein.
    Renatus, fragte ich ihn, und meine eigene Stimme klang mir wie eine fremde,
und die Frage klang mir so fremd, als htte ich nichts mit ihr zu schaffen,
Renatus, Du sprichst von Deinen Irrthmern, von deren Folgen Du frei zu sein
wnschest? Siehst Du die Liebe, die Du mir geschworen hast, auch als einen
Irrthum an? Willst Du frei sein auch von den Banden, die uns an einander ketten?
Sprich es aus!
    Renatus fuhr zusammen, aber er antwortete mir nicht, und, die Arme ber die
Brust verschrnkt, den Blick zu Boden gerichtet, starrte er finster vor sich
nieder.
    Was da in meiner Seele vorging! Wie knnte ich Ihnen das beschreiben? Ich
hatte mir gesagt, da er mich nicht mehr liebe, ich hatte ihm angeboten, ihm
seine Freiheit wiederzugeben, und, denken Sie nicht bel von mir, weil ich es
Ihnen eingestehe, ich erwartete, ihn zu meinen Fen niedersinken zu sehen, und
meine Arme waren wie meine Seele offen, ihn liebend und verzeihend zu umfangen.
Inde Renatus regte sich nicht, und wie von einem inneren Feuer schnell und hoch
emporgetrieben, scho ein Gefhl des Zornes in mir auf. Da er mich nicht mehr
liebte, sollte er knftig mit Beschmung an mich denken, wollte ich den Triumph
genieen, ihn zu demthigen, und ich hatte es bis dahin nicht geahnt, welche
Krfte der Grimm und die Emprung uns verleihen knnen.
    Ich blieb sehr ruhig sitzen, als er vor mir stand. Sieh' nicht so finster
drein, Renatus, sagte ich. Es ist eine bse Stunde ber Dich gekommen, aber ich
habe mich Dir ja angelobt fr gute und fr bse Stunden, ich will Dir helfen,
ber diese hier hinauszukommen. Es ist gut, da sie mich nicht unvorbereitet
trifft. - Ich mute innehalten, denn das Klopfen meines armen Herzens versetzte
mir den Athem und ich brauchte eine kleine Zeit, ehe ich wieder meiner Herr
geworden war.
    Du willst frei sein, sagte ich, Du mchtest ein neues Leben leben! - Ich
streifte den Ring von meinem Finger, den ich seit sieben Jahren, seit sieben
langen Jahren nicht von mir gelassen hatte, und reichte ihm denselben hin. -
Nimm das Pfand zurck, das Dich an die Vergangenheit bindet, ohne Deine Liebe
begehre ich Dein nicht. Ich gebe Dich frei!
    Renatus trat mit rascher Bewegung auf mich zu. Sein Auge belebte sich, aber
ich sah es, ich konnte mich nicht darber tuschen, es war kein Schmerz, es war
eine aufzuckende Freude, die es erglnzen machte. - Behalte ihn, o, behalte den
Ring, bat er, als ein Andenken an mich, und ich will den Deinigen heilig halten
in Bewunderung Deines edlen, groen Herzens!
    
    Ich konnte ihm nicht antworten; ich schttelte verneinend mein Haupt. Ich
htte es nicht vermocht, den Ring wieder an meiner Hand zu tragen. Er war mir
einst ein Pfand des Glcks gewesen, er wre mir jetzt eine mahnende Erinnerung
an ein langes Leid geworden. Aber ich war es so gewohnt, ihn zu tragen, meinen
Finger von dem kleinen Reif umspannt zu fhlen; es fehlte mir etwas, es wurde
mir kalt, es fiel mir Alles, Alles auseinander, da ich ihn fortgegeben, da
Renatus ihn zurckgenommen hatte. Es war ein Zauberring fr mich gewesen, nun
war der Bann gelst und die Entzauberung brach schnell heran.
    Ich war mit meinen Gedanken, mit meiner Kraft zu Ende. Ich sah das Spielen
der Bltter, ich fhlte den Sonnenschein, ich hrte die Vgel singen; es
bedeutete mir nichts mehr. Ich athmete, das war Alles! Nicht einmal mein Leiden
fhlte ich. Nur eine Stumpfheit, nur eine Leere empfand ich. Es war mir Alles
ein Rthsel, es war mir Alles klar und doch so unverstndlich. Ich htte nicht
sagen knnen, ob ich wache, ob ich trume.
    So sa ich eine Weile. Die Zeit kam mir sehr lang vor. Ich wunderte mich,
da die Sonne noch immer schien, da die Vgel noch immer sangen. Es war mir,
als htte ich Ewigkeiten durchlitten und durchlebt.
    Renatus sprach zu mir. Er sagte mir, wie er seit Jahren vor der Stunde sich
gefrchtet htte, in welcher der Irrthum unserer Herzen uns deutlich werden
wrde. Er habe lange gefhlt, da er in jugendlicher Verblendung den Frevel
begangen habe, mich an sich zu ketten, ehe er sich seines eigenen Wesens recht
bewut geworden sei. Er gestand mir, da er mich nie geliebt, da er sich
vergebens bemht habe, sich mit der Freundschaft, der Verehrung, der Bewunderung
zu begngen, die er fr mich fhle, die er mir bewahren werde ....
    Ich fhlte ein Verlangen, laut aufzulachen, aber ich unterdrckte es, denn
mit diesem Lachen htte ich dem Wahnsinne Raum gegeben, der mit seinen grauen,
verwirrenden Flgeln sich auf mein Haupt herniedersenken wollte.
    Ich lie Renatus sprechen fort und fort. Es war der Anfang der Befreiung,
die er sich bereitete. Mit lebhaften Worten schilderte er mir die Leiden, die
Schmerzen, die er um mich getragen hatte. Er um mich! - Ich unterbrach ihn
nicht; auch nicht, als er es mir ausmalte, das Glck, das er sich einst mit mir
getrumt, das er ersehnte, das er von der Zukunft sich erhoffte.
    Ach, er kannte die Liebe, er kannte sie sehr wohl! Und angstvoll, von Minute
zu Minute harrend, strebte ich, zu erkennen, wer ihn fhlen lehren, was er nicht
fr mich gefhlt. Die Liebe hatte er ertdtet in meiner Brust; wie ein bser
Geist stieg aus ihrer Asche die Eifersucht, diese niedrigste der Leidenschaften,
in mir empor. Ich sehnte mich danach, den Namen Eleonore von seinem Munde zu
vernehmen, denn mich verlangte nach einem Gegenstande fr den Ha, der in mir
brannte, aber ich hatte mich betrogen. Er hatte Eleonore Haughton nicht geliebt.
Nur seine Phantasie hat sie beherrscht, nur seine Eitelkeit hat sie beschftigt.
Sie war fr ihn zu mchtig, wie meine Liebe fr ihn zu mchtig gewesen ist - und
nicht einmal der elende Trost war mir gegnnt, das Wesen hassen zu drfen, das
er, ich erkannte es in jener unheilvollen Stunde, das er liebte und auf das sein
Sinn gerichtet war.
    Ich war sehr elend, sehr unglcklich, mein theurer Freund!
    Als Renatus endlich zu sprechen aufhrte, schien er eine Antwort zu
erwarten, aber was sollte ich ihm sagen? Ich erhob mich und wollte gehen. Er
hielt mich bei der Hand zurck. Das dnkte mir der Gipfel seiner
Herzenshrtigkeit.
    Ich zog meine Hand aus der seinigen. Du bist jetzt frei, was willst Du noch
von mir? fragte ich ihn.
    Deine Vergebung! sagte er, und dem bittenden Klange seiner Stimme konnte ich
nicht widerstehen. Wie eine leuchtende Flut strmten sie auf mich ein, alle die
Erinnerungen jener goldenen Tage der Jugend. Die Flle meines einstigen Glckes,
die Gewalt meines Schmerzes berwltigten mich. Ich breitete meine Arme aus, ich
warf mich an seine Brust, und an seinem Herzen, an seinem treulosen Herzen
weinte ich um ihn - um mich!
    Matt wie eine Sterbende, ri ich mich endlich von ihm los. Ach, er hielt
mich nicht! Wo willst Du hin? fragte er mich, da ich, nicht wissend, was ich
that, mich nach dem Dorfe wendete. Wo willst Du hin?
    In die Verbannung! gab ich ihm zur Antwort. War die Welt mir doch de und
leer, wohin ich immer ging. Er bot mir seinen Beistand an, er wollte mich
begleiten. Die kleinste Hlfsleistung von ihm wre mir wie eine Schmach
erschienen. Ich hie ihn gehen. Er trug Bedenken, mich zu verlassen. Ich bin des
Alleinseins lange schon gewohnt! versicherte ich ihm.
    Dir gegenber habe ich nur zu gehorchen! sprach er, und mir die Hand noch
einmal reichend, die zurckzuweisen ich zu stolz war, ging er, ohne sich auch
nur noch einmal nach mir umzusehen, langsam die Hhe hinab.
    Trockenen Auges blickte ich ihm nach. Es war mir Alles werthlos, Alles
gleichgltig, selbst mein eigenes Unglck. Nur das Eine fhlte ich, ich konnte
mein Haupt unter seinem Dache nicht mehr zur Ruhe legen, ich konnte ihn nicht
wiedersehen.
    Als ich in das Schlo kam, sagte man mir, Renatus sei ausgeritten und werde
erst am Abende wiederkehren. So sehr war ich an seine rcksichtslose Grausamkeit
gewohnt, da ich es ihm Dank wute, mir Freiheit fr den einen Tag geschafft zu
haben. Ich konnte Vittoria, ich mochte Ccilie nicht um mich haben. Ich bat
meiner Mutter, sich mit mir zurckzuziehen; ich sagte ihr Alles, Alles! - Auch
sie begriff es, da ich nicht bleiben konnte, auch sie wnschte, sich zu
entfernen; nur so schnell, wie ich es begehrte, konnte es fr sie und mich und
fr Ccilie nicht ausgefhrt werden; und ehe ich ber diesen Abend hinaus in
seinem Hause geblieben wre, htte ich mein Haupt auf freiem Felde betten und
des Himmels Sterne mir zum Zelte machen mgen.
    Meine Mutter sah meine Angst. Es fiel ihr ein Auskunftsmittel ein. Am
folgenden Tage sollte, wie wir wuten, eine meiner nheren Bekannten ihr
Vaterhaus verlassen, um nach dem Fruleinstift zum heiligen Grabe aufzubrechen,
in welchem der Knig ihr eine der freigewordenen Stellen gndig zuertheilt
hatte. Ich konnte ihren Wohnsitz noch vor der Nacht erreichen, und sie hatte, da
sie nur mit ihrem Mdchen reiste, einen Platz fr mich in ihrem Wagen; sie hatte
es mir sogar angeboten, sie zu begleiten, falls ich die Hauptstadt und unsere
Freunde wiederzusehen wnschte.
    Wie mir zu Muthe war, als ich das Schlo verlie, welches ich mich gewhnt
hatte, als meine Heimath zu betrachten - ich finde keine Worte, es Ihnen
auszudrcken. Vom Leben scheiden, ist fr den Glubigen nicht schwer, die
Hoffnung leiht ihm ihre tragenden Schwingen; aber sich loszureien von all
seinem Glauben, von seinem Lieben, von all seinem Hoffen und in das Leben, in
die kalte, fremde Welt hinauszugehen, das, mein theurer Freund, das ist sehr
schwer, sehr bitter, und ich habe es ertragen.
    Unsere Reisetage gingen still dahin. Ferdinanden's Verlobter war auf dem
Schlachtfelde gefallen, sie war vereinsamt wie ich, und doch die Glcklichere,
denn ihr Schmerz war rein. Wir fuhren die ganzen Tage, wir rasteten die Nchte;
sie fhlte keine Neigung und ich hatte nicht die Kraft, unsere Freunde in der
Hauptstadt wiederzusehen. So langten wir im heiligen Grabe, im Stifte an, und so
habe ich es nach kurzem Aufenthalte unter dem Schutze einer der Stiftsdamen
wieder verlassen und mich derselben mit Bewilligung meiner Mutter fr den Besuch
von Pyrmont angeschlossen. Meine Gesundheit, die nie stark gewesen ist, hat sehr
gelitten, der Arzt verlangte fr mich den Gebrauch jener Quellen, und ich durfte
mich seinem Rathe nicht widersetzen, denn ich habe eine Mutter, die von meinem
Siechthume leiden, die mein Tod betrben wrde. Ich mu ein Leben zu erhalten
suchen, das mir vllig werthlos ist.
    Am Beginne jedes Morgens frage ich mich mit schmerzlicher Ermdung: was soll
mir dieser Tag? Ich werde mich dies fragen bis an mein Lebensende! Die Liebe,
wie ich sie fhlte, ist eine Blthe, die, einmal entblttert, nicht wieder
blht, und wenn ich zurckblicke in die Vergangenheit und ich finde alles
verwelkt, was ich in mir gepflegt um seinetwillen, der es nicht verdiente, und
wenn ich mich frage: wie konnte das geschehen, wie durfte er es wagen, wie
vermochte er es zu thun? so finde ich keine Antwort in mir, wie ich kein
Verschulden in mir finde. Nur das Lied des Dichters fllt mir immer ein, und Tag
und Nacht klingt sein trauriges Wort: Mut es eben leiden! in meiner Seele
wieder.
    Wenn Gott Erbarmen mit mir hat, wenn er mein Gebet erhrt und mir es nicht
zu fern steckt, meines Daseins Ziel, dann, mein verehrter, mein theurer Freund,
Sie Einziger, der schon seit Jahren meinen Kummer in selbstloser Gte zu theilen
nicht verschmhte und gegen den mein Herz zu erschlieen mir jetzt ein trauriger
Genu ist, dann lassen Sie mir diese Worte auf den Grabstein setzen; und so
lange der rohen Willkr und dem Leichtsinne eines Mannes noch Gewalt gegeben ist
ber eines Weibes liebend Herz, wird ihnen der Wiederhall in mancher Brust nicht
fehlen.
    Leben Sie wohl, mein theurer, vterlicher Freund! Sie haben mir einst
gestanden, da ich Ihnen den Glauben an die hchsten Gter des Menschen
wiederzugeben so glcklich gewesen bin, und Sie haben mir damit einen Trost
gewhrt, an dem ich mich jetzt oft zu halten genthigt bin, wenn mein ganzes
Dasein mir als ein verfehltes vorkommt, wenn ich mich frage: Wozu habe ich
gelebt und wozu soll ich leben? -
    Ihnen, mein Freund, bin ich doch etwas werth, zu etwas gut gewesen, und ich
wei Ihnen fr die Ermuthigung, welche diese Gewiheit mir gewhrt, nicht besser
zu danken, als indem ich Ihnen mich mit allem meinem Kummer nahe. Nehmen Sie,
der, wie Sie mir selber sagten, das Leben von seinen Hhen bis zu seinen Tiefen
kennt, und den diese Kenntni nachsichtig gemacht hat, nehmen Sie mich duldsam
auf und denken Sie in irgend einer guten Stunde an die arme Hildegard.

                               Siebentes Capitel


Man soll im Zorn nicht handeln, im Zorn keine Entschlsse fassen! so lautet eine
alte Regel; aber jede Regel scheint nur um ihrer Ausnahme willen da zu sein, und
Jeder erfhrt es wohl einmal in seinem Leben, da sein Zorn ihn aus dem trgen
Gange seiner Unentschlossenheit emporgerissen, und ihn wie mit einem heftigen
Spornstoe zu einem Ansprunge und in einen neuen Weg getrieben hat, den
eingeschlagen zu haben man sich spter freut. Renatus wenigstens meinte, an sich
eine solche Bemerkung machen zu knnen.
    Sieben ganze Jahre hatte er sich in dem vllig unwahren Verhltnisse zu
Hildegard bewegt, weil er sich es bestndig vorgehalten, da es einem Manne,
einem Edelmanne, nicht anstehe, ein gegebenes Wort zu brechen. Nun es geschehen
war, nun da er Hildegard, er tuschte sich darber nicht, endlich dazu genthigt
hatte, ihn seiner Verpflichtung gegen sie zu entlassen, nun fhlte er sich so
leicht, so frei, und trotz seines edelmnnischen Bewutseins so vllig in seinem
Rechte, da er dieses Wohlbehagens nicht wieder verlustig zu werden wnschte.
    Mag zum Teufel gehen, was nicht mehr zu halten ist! hatte er in seiner
Entrstung zu Hildegard gesagt, und je mehr er auf seinem Ritte darber
nachsann, um so mehr beschlo er, jenen in der Zorneshitze gethanen Ausspruch zu
einer Wahrheit zu machen. Es war sein beeintrchtigtes Menschenrecht, das ihm
jene Worte eingegeben hatte; wehalb sollte er anstehen, es zu wahren? -
    Die Zeiten, in welchem der Adel selbstherrlich auf seinen Gtern gesessen
hatte, waren in seinem Vaterlande fr immer dahin. Er hatte keine Unterthanen
mehr, die von ihm abhingen und ber die er zu Gericht sa. Er und sie waren
gleichmig Brger des Staates geworden, fast in allen Fllen derselben
Gerichtsbarkeit unterworfen; aber Einen Weg gab es noch, auf welchem der
Edelmann sich der Vorrechte seines Standes, denn solche waren freilich noch
genug vorhanden, voll bewut werden konnte: es war die militrische Laufbahn.
Der Offizierstand war noch eine besondere Kaste, der Offizier hatte noch seinen
besonderen Gerichtsstand, und je mehr die brgerliche Gesellschaft seit der
franzsischen Revolution im Staate an Bedeutung gewonnen, um so entschiedener
hatten in Deutschland, und namentlich in Preuen, die Edelleute sich im Heere
zusammengeschlossen.
    Wehalb sollte Renatus sich mit der Sorge fr einen groen, ihm zwar Ansehen
verleihenden, aber auf lange hinaus keine Vortheile versprechenden Besitz
belasten, wenn Ansehen und Ehre ihm schon aus der groen Adelsverbindung im
Heere erwuchsen, der er sich auch knftighin nur anzuschlieen brauchte, um
neben seinen angeborenen Ehren auch noch der ganz besonderen sogenannten
militrischen Ehre theilhaftig zu werden und fr sich eine Menge von Rechten und
von Schranken aufgerichtet und benutzbar zu finden, die alle darauf berechnet
waren, auf knstliche Weise dem Adel jene bevorzugte Stellung zu erhalten, die
auf natrliche Weise vor dem Urtheile der gesunden Vernunft und vor dem
Bewutsein des Brgerstandes nicht mehr zu behaupten war.
    Sein Vater hatte die Gter mit Schulden belastet, hatte des Sohnes
mtterliches Erbe aufgezehrt; aber er hatte ihn, wie Renatus jetzt erkannte,
wahrscheinlich eben dehalb frhzeitig in das Heer, als in die ihm angemessene
Laufbahn, eingefhrt. Es war nicht des jungen Freiherrn Schuld, wenn seine
Vorfahren nicht durch Stiftung eines Majorats der ungemessenen Willkr des
Einzelnen Schranken gesetzt hatten, es konnte also auch nicht seine Pflicht
sein, herzustellen, was er nicht zerstrt, aufzurichten, was er nicht
untergraben hatte. Es war genug, da er unter der Verschwendung seines Vaters
litt, da er Fehler bte, die er nicht begangen hatte. Und endlich, was nderte
sich denn in seiner Stellung, wenn er jene Rathschlge befolgte, welche ihm von
Erfahrenen gegeben worden waren? Er blieb der Freiherr von Arten-Richten,
gleichviel, ob zu diesem Richten noch Neudorf und noch Rothenfeld gehrten oder
nicht. Und wenn es vollends mglich war, sich durch Entuerung der beiden
andern Gter mit weniger Sorgen zu einem greren Wohlstande als dem
gegenwrtigen emporzuarbeiten, so wre es ja gegen alle Klugheit und Vernunft
gewesen, sich nicht dazu entschlieen zu wollen.
    Er war in heftiger Aufregung von seinem Hofe fortgeritten; aber je weiter er
sich von demselben entfernte, je mehr lie er dem Pferde Freiheit, seinen
Schritt zu whlen, und whrend er so langsam durch den Wald hinritt, gediehen
seine Meinungen und Vorstze immer mehr zur Reife. Auf den Beistand des Knigs,
auf den Hildegard und sein Oheim ihn hingewiesen und den zu erbitten, beide ihm
Hoffnung gemacht hatten, durfte er jetzt nicht rechnen. Er selbst war dem Knige
ganz unbekannt, und sein Vater hatte seit dem Religionswechsel der Baronin
Angelika die Gunst des streng protestantischen Herrschers nicht mehr besessen.
War dem jungen Freiherrn daran gelegen, sie wieder zu erwerben, so bot sich ihm,
bei der entschiedenen Vorliebe, welche der Knig fr den Soldatenstand hegte, in
dem Heere die beste Gelegenheit dazu; kurz, Renatus mochte die Sache ansehen,
wie er wollte, er konnte nach seiner Ansicht gar nichts Angemesseneres thun, als
im Heere bleiben; und in diesem Falle war der Verkauf der Nebengter, die
Verpachtung von Richten durch die Umstnde geboten und nothwendig, und das
Nothwendige mute er thun, gleichviel, wer es ihm zuerst als ein solches
dargestellt hatte.
    Es war am Abende, als der Reitknecht seines Freundes mit dem von Richten
herbeigeholten Mantelsacke des jungen Freiherrn nach Brastnick wiederkehrte. Er
brachte ihm ein kurzes Schreiben der Grfin Rhoden mit. Renatus sa in dem
Familienkreise seines Gastfreundes beim Abendessen, als der Diener ihm den Brief
aushndigte. Er erkannte die Handschrift und steckte ihn in die Brusttasche.
    Ein Billet-doux? scherzte der Hausherr.
    Durchaus nicht! entgegnete Renatus, nur irgend eine Nachricht von meines
verstorbenen Vaters alter Freundin, von der Grfin Rhoden!
    Erst spter in der Nacht, als Renatus sich in seinem Zimmer allein befand,
die Mnner hatten lange beim Weine gesessen, ffnete er den Brief der Grfin. Er
enthielt nur die wenigen Reihen:
    Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird meine Tochter Richten bereits
verlassen haben. Mit welchen Empfindungen ich Ihnen dieses schreibe, sage Ihnen
Ihr eigenes Herz. Ich habe mir erlaubt, meine Tochter in Ihrem Wagen nach
Ramsdorf fahren zu lassen: sie wird ihre Freundin in das Stift begleiten. Fr
einige Tage bin ich, wegen der Ordnung meiner Angelegenheiten, noch auf Ihre
Gastfreundschaft angewiesen, die mir jetzt nicht leicht zu tragen sein wird; und
ist es mit Ihren Geschften nicht unvereinbar, so wre es vielleicht fr uns
Alle eine Erleichterung, wenn Sie den Besuch bei Ihrem Freunde so lange
ausdehnen wollten, bis ich mit meiner jngeren Tochter Ihr Schlo verlassen
haben werde. Ich will dazu thun, diesen Zeitpunkt mglichst zu beschleunigen.
    Anrede und Unterschrift waren durchaus frmlich gehalten, aber in der
Stimmung, in welcher Renatus sich befand, focht der Brief ihn wenig an. Man
hatte mit ihm ber seine in Aussicht stehende Heirath mit der ltesten Grfin
Rhoden gescherzt, und er hatte alle darauf hinzielenden Bemerkungen mit der
Versicherung zurckgewiesen, da davon gar nicht die Rede sei. Als man derselben
nicht glauben wollen, hatte er unumwunden eingestanden, da er vor dem Feldzuge
allerdings eine Anhnglichkeit fr sie gehabt habe, aber die Grfin sei ja lter
als er, sei krnklich, und da nach seiner Heimkehr von jener blden
Jugendschwrmerei nicht mehr die Rede gewesen sei, knne man am besten daraus
abnehmen, da er sich eben noch vllig frei befinde, whrend ihn doch nichts
abgehalten haben wrde, sich zu verloben und zu verheirathen, htte er dazu
irgend einen Antrieb in sich versprt. Er rhmte dabei die Mutter als seine
lteste und theuerste Freundin, welcher Gastfreundschaft zu gewhren ihm ein
Glck gewesen sei. Er sprach von den unschtzbaren Eigenschaften der ltesten
Tochter, erwhnte der ihn entzckenden Frhlichkeit der jngeren Grfin, sagte,
da er die beiden Schwestern wirklich als seine eigenen Schwestern liebe, und
die Aufnahme, welche diese Ansprche bei seinen Genossen fanden, lie ihn
deutlich erkennen, da man im Allgemeinen seine Verheirathung mit Hildegard als
eine unpassende betrachtet haben wrde.
    Man bezeichnete eine solche Zufriedenheit, sich in der Voraussetzung
getuscht zu haben, da Renatus sich in der Ueberzeugung bestrkte, das Richtige
und das Berechtigte gethan zu haben; und wie man ihm von verschiedenen Seiten zu
dieser und zu jener Heirath anrieth, ihm diese und jene Tochter aus den Familien
des benachbarten Adels als die fr ihn schickliche Frau bezeichnete, geno er
seiner Freiheit mit wirklichem Vergngen, obschon keines der erwhnten Mdchen
den Wunsch, es zu besitzen, in ihm hervorrief.
    Auch am Morgen, als er frischen Sinnes erwachte, fhlte er keine Reue ber
seine Handlungsweise. Er beklagte Hildegard, als ob er gar nicht an ihrem
Migeschicke betheiligt wre, und als er dann den kleinen Brief der Grfin
wieder in die Hand nahm, that es ihm leid, da diese von ihm gehen wollte. Er
hatte eine Weile sogar den Gedanken, noch an demselben Tage nach Hause zu
reiten, um es zu verhindern; aber das Wiedersehen nach dem eben Statt gehabten
Bruche und die unvermeidlichen mndlichen Erklrungen muten nothwendig eine
erschtternde Scene herbeifhren, eine jener Scenen, vor denen Renatus eine
wahre Scheu trug. Er beschlo also, schriftlich abzumachen, was er der Grfin zu
sagen wnschte, und wie sie sich kurz zusammengefat hatte, that er es auch.
    Meine theure Mutter! schrieb er ihr, denn eine Mutter sind Sie dem
verwaisten Knaben ja gewesen, lange ehe er daran denken konnte, diesen Namen
durch ein engeres Anschlieen an Sie sich zu verdienen, gehen Sie nicht im
Unmuthe von mir fort. Der Bruch, der gestern geschehen ist, wie pltzlich er
Ihnen auch erschienen sein mag, war nach meinem Empfinden lngst ein
nothwendiger geworden, und ich zweifle nicht, da selbst Hildegard und Sie ihn
als einen solchen anerkennen mssen. Wenn mich mit Recht der Tadel trifft, da
es mir an Muth gefehlt hat, gleich, als ich den Irrthum meines Herzens einsah,
und das ist lange her, ihn auch auszusprechen, so trifft Sie, theure Mutter,
doch auch der Vorwurf, da Sie, die Sie des Menschen Herz und die Welt, und
meine und Hildegard's Unerfahrenheit wohl kannten, uns vor sieben Jahren nicht
abgehalten haben, ein Bndni einzugehen, das so wenig Aussicht auf eine baldige
Erfllung darbot. Aber wir leiden in diesem Augenblicke Alle gemeinsam, wir
drfen nicht mit einander rechten. Lassen Sie uns vielmehr gemeinsam danach
streben, dieses nothwendige Leid so viel als mglich zu mildern und so viel als
mglich dem Auge der Welt zu entziehen.
    Ich werde Richten in kurzer Zeit verlassen. Gnnen Sie mir die Gunst, Sie
bis dahin in meinem Schlosse zu behalten. Wir waren Freunde, ehe wir Verwandte
zu werden hofften; lassen Sie uns Freunde bleiben, da jene Hoffnung sich leider
nicht erfllt, und mein Herz wird bemht sein, Sie und die geliebte Ccilie, und
hoffentlich einst auch Hildegard, mit mir und meiner Handlungsweise auszushnen.
Lassen Sie mich Sie in Richten wiederfinden! Aber was Sie auch beschlieen,
rechnen Sie auf mich wie auf Ihren Sohn, denn ich werde nicht aufhren, mich als
Ihren Sohn zu fhlen.
    Er war mit dem Schreiben sehr wohl zufrieden, ein Bote war schnell bei der
Hand, und ohne weiteren Aufenthalt machte man sich darauf gegen Mittag zu dem
beabsichtigten Besuche auf den Weg.
    Weil die ganze Familie seines Wirthes Theil an dem Ausfluge nehmen sollte,
hatte man in dem viersitzigen Wagen nicht Pltze genug; man nahm also ein Gig zu
Hlfe, dessen Renatus und sein Freund sich bedienten.
    Der schne Sommertag, die hbsche Hausfrau, die frhlichen Kinder, die aus
dem rasch dahin rollenden Wagen so neugierig und so ungeduldig wie flgge
werdende Vgel aus ihrem Neste in die Welt hinaussahen und mit ihren Anrufen,
Zeichen und Winken den Vater aus der Ferne bald auf dieses und bald auf jenes
Wunder aufmerksam machten, belustigten Renatus. Es lag in der Unschuld dieser
Kinder fr ihn, der an die kecke Frhreife Valerio's gewohnt war und sonst mit
Kindern wenig oder keinen Verkehr gehabt hatte, etwas ungemein Reizendes; und
nur wenn es ihm einfiel, da Hildegard jetzt unterwegs sei und da die Grfin in
Richten nun seine Antwort bald erhalten werde, legte sich ein Schatten ber
seine Heiterkeit und es fiel ihm Etwas schwer aufs Herz, da er aufathmen und
sich unwillkrlich mit der Hand ber die Stirne fahren mute. Inde sein
Gefhrte merkte nichts von dem dunkeln Boden, ber dem die Frhlichkeit des
jungen Freiherrn aufwuchs, und man war im vollen Genusse des schnen Tages, des
angenehmen Weges und des erfreulichen Beisammenseins, als ein schwerbeladener
Lastwagen, der von der Hhe herunterkam, den Fahrenden nthigte, scharf zur
Rechten auszubiegen. Aber der Landweg war nur schmal, der Wagen mit Fssern und
Kisten in der Mitte ungewhnlich breit beladen, und wie der neben dem Wagen
gehende Fuhrmann seine Pferde auch nach der linken Seite hinberzerrte, die
Rder des Frachtwagens und des Gig geriethen in einander, die Pferde des
Frachtwagens zogen auf des Fuhrmannes Anruf mit scharfem Rucke an - ein Knack,
und das leichte, schwache Rad des Gig fiel in Stcken von der Achse.
    Es war ein unangenehmer Vorfall. Man war ein paar Meilen von dem Orte der
Ausfahrt, ein paar Meilen von dem Gute entfernt, nach dem man sich begeben
wollte. Einen besonderen Kutscher hatte man fr den kleinen, nur zweisitzigen
Wagen nicht innegehabt, und den Diener, der auf dem Wagen der Frauen und der
Kinder sa, mochte man nach der eben gemachten Erfahrung nicht mit dem Pferde
nach Hause senden, um ihn fr alle Flle zur Hand zu behalten.
    Man fing an, sich in der Gegend umzusehen; man war kaum eine Viertelstunde
von Marienfelde entfernt, und eben als der Besitzer des zerbrochenen Gefhres
darauf dachte, sich dorthin zu wenden, um seinen Wagen unterzubringen, und wo
mglich irgend einen anderen zur Fortsetzung der Fahrt zu borgen, ward in der
Entfernung zwischen den Feldern ein Reiter sichtbar, der, als er die beiden
Wagen auf der Landstrae halten und einen derselben zerbrochen sah, mit seinem
tchtigen Pferde schnell herankam.
    Der Mann und sein Pferd sahen wie aus Einem Gusse aus, so fest sa er in
seinem Sattel, so gut paten der groe, starke Reiter und sein Schimmelhengst
zusammen. Es war ein schnes, ein erbeutetes Pferd; und der Gutsbesitzer
Steinert wute sich etwas mit dem feurigem Andalusier, in dessen stark
hervortretenden Adern unter der feinen Haut das arabische Blut ganz unverkennbar
war. Es kam seiner Pferdezucht zu Statten.
    Steinert erkannte seinen adeligen Gutsnachbar schon aus ansehnlicher Ferne,
und mit der weithin schallenden Stimme, welche in manchem Kampfe ermuthigend an
seiner Leute Ohr und in ihr Herz gedrungen war, rief er: Guten Morgen, Herr von
Brinken! Haben Sie ein Unglck gehabt?
    Steinert war whrend dessen nahe heran gekommen und erst jetzt erblickte er
auch Renatus, der hinter dem Gig gestanden hatte. Ohne irgend an die
Zurckweisung zu denken, welche er von dem jungen Freiherrn vor Jahren auf der
Landstrae erfahren hatte, reichte er ihm die Hand hin, und mit einer
Freundlichkeit, welche sein dunkel gebruntes Gesicht angenehm erhellte, und
seine Lippen unter dem dicken, bereits ergrauenden Schnurrbarte schn umspielte,
rief er: Willkommen zu Hause, Herr von Arten! Ich hrte schon, da Sie
zurckgekommen wren.
    Renatus konnte nicht anders, als die dargebotene Hand ergreifen und den
Handschlag Steinert's erwiedern; aber es fiel ihm auch jetzt noch auf, da
Steinert ihn vllig als seines Gleichen behandelte. Nicht einmal Herr Baron
nannte er ihn, sondern Herr von Arten, ganz schlechtweg. Es war jedoch fr
Renatus zu besonderen Betrachtungen in diesem Augenblicke nicht die Zeit. Denn
Steinert war vom Pferde gestiegen, besah mit Kennerblick den Schaden an dem
Wagen, und machte sofort den Herren den Vorschlag, mit ihm nach Marienfelde zu
kommen, von wo er einen Knecht mit einem Baume zur Unterlage fr das Gig
abschicken wolle, damit man dasselbe nur erst nach dem Dorfe bringen knne, und
spter stehe dann den Herren sein Fuhrwerk zum Weiterfortkommen zu Diensten. Man
nahm das dankbar an.
    Ein scharfer Pfiff, den Steinert ber die hohlen Hnde that, rief einen
seiner Arbeiter vom Felde herbei, den man bei dem Fuhrwerke zurcklie; der
Wagen, den Frau von Brinken und die Kinder inne hatten, setzte seinen Weg fort,
und den Zgel seines Pferdes ber den Arm nehmend, fhrte Steinert die beiden
Edelleute den Weg nach seinem Hause zu.
    Es ist hier fr uns auf dem Lande nichts mit diesen kleinen, zerbrechlichen
Wagen, sagte er, als Herr von Brinken die Bemerkung machte, da nicht nur das
Rad zerbrochen sei, sondern da auch das Gig selbst bei dem Zusammenstoe eine
Beschdigung erlitten habe, welche es nthig machen werde, es zur Herstellung
nach der Hauptstadt zu schicken. - Soll denn etwas Fremdes bei uns eingebrgert
werden, so lasse ich mir noch eher den englischen oder den vlaemischen
zweirdrigen Transportkarren gefallen; dessen Rder halten etwas aus, und unsere
Pferde sind stark genug, ihn selbst die Hhen hinaufzuziehen, obschon er fr die
Ebene besser pat. Ich habe mir, als ich aus dem Felde kam, ein paar solcher
Karren versuchsweise zusammenschlagen lassen.
    Herr von Brinken wnschte, sie zu sehen; Steinert war bereit, sie ihm zu
zeigen. Er meinte, der Herr von Arten msse diese Karren zur Genge gesehen
haben, und wie von selbst knpfte sich daran die Frage, ob Renatus whrend der
Feldzge wohl Gelegenheit genommen habe, auf die verschiedene Art und Weise der
Wirthschaft in den verschiedenen Gegenden und Lndern Acht zu geben.
    Der junge Freiherr verneinte das mit der Bemerkung, er sei darauf nicht
vorbereitet gewesen.
    Schade! sagte Steinert. Da man denn doch zuletzt jeder Sache eine gute Seite
abgewinnen soll, so kann es nicht in Abrede gestellt werden, da es uns und
unsern Leuten vortheilhaft gewesen ist, uns auch einmal auf fremdem Boden und in
fremder Wirthschaft umzuthun. Mir zum Beispiel sollen die mannigfachen
Erfahrungen, die ich bei dem Hin- und Hermarschiren machen konnte, wie ich
denke, nicht verloren gehen.
    Wie sich das von selbst versteht, kamen die beiden Mnner von den Feldzgen
im Allgemeinen auf ihre einzelnen eigenen Erlebnisse zu sprechen, und man war
mitten in den besten Kriegsgeschichten, als man auf dem Hofe in Marienfelde
anlangte.
    Von dem einstigen Schlosse stand jetzt nur der Mittelbau, und selbst der
Thurm war von demselben abgebrochen. Das Haus sah dadurch eigentlich plump und
unschn aus, dafr aber stand links von dem Teiche die groe Brennerei. Die
Scheunen, die Stlle und die Insthuser waren aus guten Ziegeln gebaut, und was
der Krieg auch hier zerstrt hatte, das war, wie die vielen neuen Dachsteine,
Fensterlden, Thren und Zune verriethen, lngst wieder vollstndig hergestellt
worden.
    Es war still auf dem Hofe, auch im Hause lie sich Niemand sehen. Erst als
der groe Hund hell anschlug, guckte ein Mdchenkopf zum Fenster hinaus, und den
Vater erblickend, trat die Tochter schnell zurck, um ihm entgegen zu eilen oder
um der Mutter zu melden, da er Fremde mit nach Hause bringe.
    Steinert war unterdessen mit den beiden Gsten in dem Flur seines Hauses
angelangt, und Renatus, der nie zuvor in diesem Hause gewesen war, fhlte sich
mit Ueberraschung in einer ganz vertrauten Umgebung.
    Auch hier in Marienfelde hingen sie rund umher an den Wnden, die
Erntekrnze jeden Jahres, wie Renatus sie in seines Vaters Amtshause hatte
hangen sehen, als er noch ein Kind gewesen war; hier wie dort stand sie der
Hausthre gegenber, die groe englische Stehuhr, das Erbstck der
Steinert'schen Familie, und tickte mit ihrem gewichtigen Pendelschlage von
Sekunde zu Sekunde die Tage und Jahre hinweg. Und als dann aus dem Zimmer zur
Linken das groe, starke, kaum siebenzehn Jahre alte Mdchen, die blonden Zpfe
um das Haupt gewunden, zum Vorschein kam und sich mit unbefangener
Freundlichkeit vor den Gsten verneigte, glaubte Renatus vollends, einer
Verzauberung zu unterliegen, denn gerade so, aber gerade so, hatte, wie er sich
zu erinnern meinte, einst Steinert's Schwester ausgesehen, als sie jung gewesen
war.
    Und nun willkommen unter meinem Dache, mein lieber Herr von Arten und mein
verehrter Herr Nachbar! sagte Steinert, whrend er den Beiden die Hte abnahm.
Lassen Sie Sich's bei uns gefallen, bis Ihr Wagen herkommt und man Ihnen Ihr
Pferd vor meine Britschka gelegt haben wird; treten Sie nher, ich bitte! Nach
dem Garten hinaus haben wir jetzt Schatten. Treten Sie nher! - Und sich zur
Tochter wendend, fragte er: Eveline, wei die Mutter, da ich zurckgekommen
bin?
    Eveline hatte nicht zu antworten nthig, denn die Hausfrau erschien bereits
in der Thre, und der Tochter den Knaben hinreichend, den sie, um schneller
fortzukommen, auf dem Arme getragen hatte, bewillkommte auch sie die Gste mit
guter Art.
    Als das Kind des Vaters ansichtig wurde, rief es ihn laut an und streckte,
sich von der Schwester losmachend, die derben Arme nach ihm aus, so da Steinert
ihn zu sich und bei der Hand nahm.
    Der Bursche ist ein Nachschling, sagte er lachend, whrend er ihn kte
und ihn mit Vaterfreude in die Hhe hob. Er ist unser ganz besonderes
Friedenspfand, und weil er sich gleich bei seiner Geburt als einen tchtigen
Kerl erwiesen hat, habe ich ihm denn auch die allerbesten Namen ausgesucht.
    Herr von Brinken, selbst ein zrtlicher Vater, freute sich des Jungen, der
kaum zwei Jahre zhlte und auf seinen Beinen schon wie eingewurzelt da stand.
    Wie heit er denn? fragte Renatus.
    Junge, wie heit Du? wiederholte der Vater. Sag's selber, aber deutlich,
damit man Ehre mit Dir einlegt!
    Gebhard Leberecht Steinert! brachte der Kleine zwar noch mit schwerer Zunge,
aber mit so dreister Entschlossenheit hervor, da er die Erwachsenen alle lachen
machte, und Renatus unwillkrlich ausrief: In Dir steckt ja der ganze Husar!
    Steinert nickte mit dem Kopfe. Ja, fr den Nothfall, Herr von Arten. Im
Uebrigen haben wir des Krieges und ich fr mein Theil des Soldatenwesens nun
genug gehabt, und ich denke, meine Jungen sollen es nicht nthig haben, sich
lange mit dem Wehrstande abzugeben, sondern im Nhrstande und ruhig bei der
Arbeit bleiben knnen.
    Whrend sie noch sprachen, schlug die Uhr im Hausflur die Mittagsstunde und
auf dem Hofe lutete die Glocke. Eveline, welche bald nach dem Eintritte der
Mutter das Zimmer verlassen hatte, kehrte jetzt zurck.
    Ist angerichtet? fragte Steinert, und auf die bejahende Antwort nthigte er
die Fremden, es sich auf gut Glck an seinem Tische gefallen zu lassen. Man nahm
den Vorschlag dankbar an.
    Der Tisch war in dem groen Saale zu ebener Erde gedeckt, und seine Gre
und Schwere zeigten, da er hier seine feste Stelle haben mute. Glnzendes,
selbstgewebtes Leinenzeug bedeckte ihn; man hatte den Gsten zu Ehren auch einen
Blumenstrau auf die Tafel gestellt, aber Silberzeug war nicht, wie sonst,
vorhanden. Was man davon besessen hatte, und der Vorrath im Hause war ansehnlich
genug gewesen, das war beim Ausbruche des Krieges auf den Altar des Vaterlandes
niedergelegt worden, und auch jetzt noch brauchte man das Geld zu anderen
Dingen, als zum Ankaufe von Werthgegenstnden, die sich nicht verzinsten.
    Die Wirthin, welche trotz ihrer fnfundvierzig Jahre noch wie das Leben
selber aussah und durch die Geburt ihres Leberecht, auf den beide Eltern einen
wahren Stolz besaen, eher erfrischt als angegriffen worden war, die Wirthin und
Steinert nahmen die Mitte des Tisches ein, die beiden Fremden saen zu ihren
Seiten, und auer den Kindern kamen einer nach dem andern noch einige junge
Leute in ihren Arbeitsrcken, mit hohen Stiefeln in das Zimmer, die sich mit
flchtigem Grue auf ihre Pltze setzten. Nur Einen von ihnen, einen hbschen,
krftigen Mann, der von Eveline mit einem Hndedrucke begrt ward, stellte
Steinert, ehe Jener sich neben der Tochter niederlie, als deren Verlobten vor,
fr den er sich hier in der Gegend schon seit lngerer Zeit nach einem passenden
Ankaufe umsehe.
    Renatus wurde es bei der Bemerkung pltzlich hei. Der also ist's, dachte
er, fr den sie auf meine Gter spekuliren! Und er konnte sich der alten,
feindseligen Empfindung nicht erwehren. Aber Niemand ahnte, was in seiner Seele
vorging, sie waren Alle munter und gut aufgelegt.
    Die Hausfrau hatte in der Eile noch rasch einen Fisch aus dem Teiche nehmen
und herrichten lassen, eine se Speise war eben so schnell bereitet worden, an
Erdbeeren und Kirschen gab es eben jetzt Ueberflu, und so war denn mit der
tchtigen alltglichen Kost des Hauses ein vollstndiges Mahl zu Stande
gekommen, das Frau Steinert mit freier Gastlichkeit ihren Gsten darbot, und
auch der Wein fehlte beim Nachtische nicht.
    Eveline selbst war aufgestanden, ihn aus dem Wasserkbel herbeizuholen, und
als Steinert die erste Flasche entkorkt und den goldig klaren Rheinwein in die
Glser gefllt hatte, welche die Tochter herumgab, erhob er sich und sagte, sich
zu Renatus wendend: Es ist das erste Mal, Herr von Arten, da Einer von Ihnen
auf meinem Grunde und Boden an meinem Tische sitzt, und ich freue mich darber.
Wir sind jetzt drei Jahre lang Kriegskameraden gewesen, lassen Sie uns nun auch
knftig gute Nachbarn werden und stoen Sie mit mir darauf an - er hielt das
Glas mit dem funkelnden Weine hoch empor - da wir hier zu Lande diesen Wein
immer und immerdar fr uns allein trinken! Es hat Blut genug gekostet, ihn uns
wieder zu gewinnen! Der freie deutsche Rhein und der Friede! -
    Hoch, hoch! erklang es von allen Seiten. Die Mutter, der knftige
Tochtermann, die Wirthschafter, von denen auch zwei in dem letzten Feldzuge
mitgewesen waren, erhoben sich und kamen zu dem Hausherrn und zu den Gsten, mit
ihnen anzustoen. Eveline, welche die eigentliche Wrterin des Jngsten machte,
war schnell in die Nebenstube geeilt und hatte den Leberecht herbeigeholt, damit
er sein Hoch auch mitrufen und seines Trpfchens Wein nicht entbehren solle; und
als Steinert ihm sein Glas hinhielt, that der Bursche einen langen Zug und
wollte sich zu des Vaters Freude das Glas, das er mit beiden Hnden fest
umklammert hatte, nicht entreien lassen.
    Die Zufriedenheit, der Lebensmuth, die Herzensgte leuchteten jedem
Mitgliede des Hauses aus den Augen. Man mute mit diesen Menschen frhlich
werden, man konnte der kleinen Verste gegen die hhere Gesellschaftssitte und
ihren sogenannten Ton gar nicht gedenken. Es war Alles anders, als Renatus es in
seinem Hause gewohnt war, Alles derber, naturwchsiger, aber es schien dafr
auch Alles auf eine lange, gesunde Dauer angelegt und berechnet zu sein, und
whrend Steinert's mnnlich schner Freimuth und seine Wrdigkeit des jungen
Freiherrn Herz fast wider dessen Willen bewegten und gewannen, meinte er
zwischen all dem lauten Sprechen und mitten durch das helle Lachen der Hausfrau
und ihrer Tochter, doch immer die schweren Pendelschlge der alten englischen
Uhr zu hren, und es klang ihm, als riefen sie immerfort: Sie kommen empor und
Du herab!
    Er suchte den Gedanken zu verscheuchen, aber es gelang ihm nicht. Das
Landleben, die Einsamkeit machen mich schwermthig, und Hildegard's krankhafte
Melancholie hat mich angesteckt und schwarzsehend gemacht, sagte er sich
endlich. Es ist Zeit, da ich unter Menschen und in die Welt und in das Leben
zurckkehre! - Und doch entging es ihm nicht, wie Steinert, als man von der
Tafel aufgestanden war und die Wirthschafter sich entfernen wollten, sie
zurckhielt, mit Jedem von ihnen kurze und bestimmte Abrede nahm, wie sie alle
voll Eifer und voll Theilnahme bei der Sache waren und dann still geschftig
ihres Weges gingen. Darin war freilich auch ein Leben, und Steinert's Welt war
unter diesen Menschen, die er heranbildete, whrend sie seine Angelegenheiten in
seinem Dienste frderten. Aber, dachte Renatus, man mu nichts Hheres kennen,
um sich darin zu befriedigen, man mu sich nicht als einer bevorzugten Kaste
angehrend empfinden, um seine Untergebenen als seines Gleichen behandeln zu
knnen, und man mu als ein Arbeiter geboren sein, um vorauszusetzen, da
Jedweder fr die Arbeit auf der Welt sei.
    Inzwischen war der zerbrochene Wagen des Herrn von Brinken in den Hof
gekommen und Steinert hatte den Befehl gegeben, das Pferd, wenn man es gefttert
haben werde, vor einen seiner kleinen Wagen vorzulegen. Whrend man noch damit
beschftigt war, erkundigte Steinert sich bei dem jungen Freiherrn, was er denn
wegen seiner Wirthschaft beschlossen habe; und von dem klugen und ehrlichen
Gesichte des Mannes, wie von seiner unverkennbaren Theilnahme doch allmhlich
berwunden, sagte Renatus: Es sind mir Rath- und Vorschlge der verschiedensten
Arten zugekommen, noch aber bin ich unentschieden. Sie kennen ja die Gter.
Anfangs der nchsten Woche bin ich bestimmt in Richten. Kommen Sie herber,
sehen Sie Sich die Gter und die Wirthschaft einmal an. Ich mchte Ihre Meinung
hren, ehe ich mich endgltig entscheide.
    Steinert lchelte. Der verstorbene Freiherr stand ihm in diesem Augenblicke
leibhaftig vor Augen. Es war die alte, frstliche Weise des Edelmannes, zu
befehlen, wo er zu bitten nicht fr angemessen fand, und sich einzubilden, da
er demjenigen eine Ehre erweise, dessen Meinung er zu hren fordere, um dann mit
der eigenen, weit geringeren Einsicht ber jene zu Gericht zu sitzen. Aber er
lie den jungen Mann seine ble Angewohnheit nicht entgelten, und von einer
gewissen Anhnglichkeit an das Arten'sche Geschlecht, von der Liebe fr die
Gter, welchen seine Voreltern und er selber durch so lange Jahre ihre Kraft und
Arbeit zugewendet hatten, wie von dem Gedanken an seinen eigenen Vortheil
gleichmig bestimmt, versprach Steinert dem Freiherrn, wenn es seine Zeit
erlaube, an einem festgesetzten Tage nach Richten zu kommen, obschon, wie er
sagte, dies kaum nthig sei.
    Denn, fgte er hinzu, ich wei, Sie haben meinen Freund Tremann in der Stadt
gesprochen, und seine Ansicht ist auch die meinige. Sie haben keine Wahl, Herr
von Arten! Sie knnen die Gter nicht wohl mehr halten! Verkaufen mssen Sie!
Wir wollen aber einmal sehen, ob wir ber Rothenfeld nicht Handels einig werden
knnen. Das Gut ist gro, es liee sich sehr wohl in zwei hbsche Theile
theilen. Den einen Theil mchte mein knftiger Schwiegersohn gern bernehmen,
der eigenes Vermgen hat und sich mit Eveline nach dem eigenen Herde sehnt, und
auf dem andern knnte man allmhlich zu bauen beginnen, damit mein Sohn bei
seiner Heimkehr doch auch Dach und Fach vorfindet. Die Kinder sind arbeitsam,
fortkommen werden sie, wenn's auch Anfangs Mhe kosten wird, und wir behielten
sie doch gern in unserer Nhe!
    Der Wagen, welcher die Gste weiterbefrdern sollte, war nun vorgefahren.
Die ganze Familie begleitete sie vor die Thre hinaus. Steinert selbst sah nach,
ob Alles in Ordnung, ob von dem kleinen Gepck der beiden Edelleute nichts
vergessen worden sei. Man sagte ihnen herzlich Lebewohl, die Hausfrau bat, bald
wieder, wo mglich auf der Rckfahrt vorzusprechen, auch Leberecht blieb ihnen
sein Adieu und seinen schnen Gru mit der Hand nicht schuldig, und Renatus wie
dem Herrn von Brinken die Rechte schttelnd, rief Steinert ihnen noch ein Auf
Wiedersehen! nach.
    Renatus aber trug jetzt nach demselben kein Begehren mehr. Sein eben erst
erwachtes Wohlgefallen an dem frheren Diener seines Hauses war schnell
vorbergegangen. Sein Verlangen, aus dieser Gegend fortzukommen, war lebhafter
als je.
    Ein wackerer Mann, sagte Herr von Brinken, nachdem sie den Hof verlassen
hatten, und es war hbsch, wie er sich durch Ihren Besuch geehrt fand. Ich liebe
es an solchen Leuten, wenn sie ihres Ursprunges nicht vergessen, und, wie er es
that, besonders vor denjenigen, welche ihnen dienen, daran denken.
    Alles Berechnung! entgegnete der junge Freiherr mit wegwerfendem Tone. Er
speculirt auf Rothenfeld und mchte mein Zutrauen gewinnen.
    Er ist brigens ein tchtiger Wirth, bemerkte darauf Herr von Brinken.
    Ja, es scheint ihm wohl zu gehen, er hat Glck, versetzte Renatus, whrend
der Andere sich die kurze Reisepfeife stopfte. Der junge Freiherr rauchte nicht.
    Herr von Brinken paffte seinen Taback an. Er hatte manche brgerliche
Gewohnheiten angenommen, seit er whrend des Krieges selbst zu wirthschaften
angefangen hatte, weil es ihm an Wirthschaftern gemangelt.
    Sie fuhren gegen den Wind, es dauerte lange, bis der Schwamm Feuer fangen
wollte, bis die Pfeife brannte, und den ersten Zug aus derselben mit sichtlichem
Behagen genieend, wiederholte Herr von Brinken: Ein tchtiger Wirth! Wenn Sie
verkaufen wollen, Arten, so werden Sie mit dem Steinert vielleicht am besten
fahren. Denn was aus einem Gute zu machen ist, das wei er daraus zu machen. Er
wird nicht leicht zurckgehen, wenn er ein Angebot gethan hat, und wird zahlen,
was er kann.
    Renatus antwortete darauf nicht. Es war auch von der ganzen Angelegenheit
weiter nicht die Rede.

                                 Achtes Capitel


Noch vor der von ihm festgesetzten Zeit langte der Freiherr in Richten wieder
an. Er hatte nirgends rechte Ruhe.
    Vittoria empfing ihn, wie immer, mit der grten Zrtlichkeit; sie und
Valerio hatten es kein Hehl, da sie sich der Entfernung Hildegard's erfreuten,
und Renatus war zum Oefteren genthigt, die bermthige Laune des jungen
Burschen zurckzuweisen, der sich darin gefiel, Hildegard in allen ersinnlichen
tragikomischen Stellungen zu zeichnen, und ihre Mienen wie ihre Ausdrucksweise
mit der Meisterschaft nachzuahmen, die ihm von frh auf eigenthmlich gewesen
war.
    Die Grfin hatte trotz des Schreibens von Renatus die Vorkehrungen fr ihre
Abreise von Richten gemacht; inde da dieser eben unerwartet zeitig von seinem
Ausfluge heimkehrte, fand er sie und Ccilie noch im Schlosse. Er begab sich,
sobald er Vittoria begrt hatte, zu ihr. Sie schrieb grade an die entfernte
Tochter. Ccilie sa am Fenster und machte einen Hut zurecht, den sie auf der
bevorstehenden Reise zu tragen dachte.
    Als Renatus gemeldet wurde, entfuhr ihren Lippen ein freudiger Ausruf. Sie
stand auf, um ihm, wie sie das gewohnt war, entgegen zu gehen, aber ein Blick
der Mutter bannte sie an ihren Platz und hie sie schweigen.
    Renatus bemerkte das im Eintreten. Sie thun mir Unrecht, liebe Mutter! war
alles, was er sagte, nachdem er ehrerbietig ihre Hand gekt und sich auf dem
Sessel zu ihrer Seite niedergelassen hatte.
    Die Grfin war eine gefate und viel erfahrene Frau, in diesem Augenblicke
konnte sie jedoch den rechten Ton nicht finden. Das Herzeleid ihrer Tochter
hatte sie sehr tief erschttert und trotz dem Briefe des jungen Freiherrn
drckte es sie, da sie Richten noch nicht hatte verlassen knnen.
    Ich hatte gehofft, sagte sie, gehofft und gewnscht, uns diese Begegnung und
dieses Wiedersehen ersparen zu knnen; inde Sie wissen es, ich habe keine
Wohnung in Berlin, und ich kann die Antwort meiner Cousine Welding, bei der ich
abzusteigen und zu bleiben denke, bis ich eine passende Wohnung fr uns gefunden
haben werde, vor acht bis zehn Tagen nicht erhalten.
    Es lag in dieser Mittheilung der Grfin das stillschweigende Gestndni
ihrer beschrnkten Vermgensverhltnisse. Obwohl Renatus diese von jeher kannte,
krnkte es die Grfin, derselben gerade jetzt gedenken zu mssen, und es nahm
sie gegen den jungen Freiherrn ein, da er ihr auch diese Miempfindung
verursachte.
    Renatus lie sich jedoch durch die geflissentliche Klte und Zurckhaltung
der Grfin nicht beirren. Seine im Grunde gute Natur machte sich in diesem
Falle, wie berall, wo er sich nicht durch fremde Ansprche beeintrchtigt und
dehalb zur Abwehr und Vertheidigung gezwungen glaubte, liebenswrdig geltend.
    Sie thun, liebe Mutter, sprach er, als htten Sie mein Schreiben nicht
erhalten. Ist es denn nicht genug, da ich sehen mu, wie sehr das
beklagenswerthe Erlebni, das uns Allen nicht zu ersparen war, Sie angegriffen
hat, da Ccilie sich von mir wendet? Glauben Sie, da ich mit leichtem Herzen
vor Ihnen stehe, da es mich nichts kostet, Sie nach Hildegard zu fragen?
    Die Augen wurden ihm feucht. Er seufzte, reichte der Grfin seine Hand hin
und sagte bittend: Bestrafen Sie mich nicht dafr, da ich mit zwanzig Jahren
mich selbst nicht besser kannte, nicht weiser war. Ich glaubte in jenem
Augenblicke, nach innerster Nothwendigkeit zu handeln, ich handle jetzt nach
reifster Ueberlegung, und - liege ich denn auf Rosen?
    Die Grfin schwieg, aber sie entzog ihm ihre Hand nicht. Sie hatte den
andern Arm auf die Lehne des Sopha's gesttzt und verbarg ihr Gesicht in ihrem
Tuche. Die zerstrten Hoffnungen ihres ltesten Kindes machten ihre Augen
flieen. Die Mutter in Thrnen, Renatus so unglcklich zu sehen, das konnte
Ccilie nicht ertragen.
    Sie stand auf, knieete vor der Mutter auf dem Ruhekissen nieder und sagte,
whrend sie zrtlich ihre Arme um sie schlang: Liebe Mutter, sieh ihn doch nur
an, er weint! - Und da die Grfin ihrer Aufforderung nicht gleich entsprach,
rief Ccilie mit jener anmuthigen Zuversicht, welche die Kinder so
unwiderstehlich macht und welche manche Frauen bis in das Alter nicht verlt:
Komm, Renatus, komm, umarme die Mutter! Sieh ihn nur wieder an, liebe Mutter, es
ist ja unser Renatus! Er kann ja nicht dafr, wenn er die arme Hildegard nicht
liebt! Wenn er nun im Kriege geblieben wre, htte Hildegard sich doch auch
beruhigen mssen, und wir wren noch weit, ach, weit unglcklicher gewesen! - Er
lebt ja doch! - Sie wendete sich von der Mutter zu dem Freunde und legte die
Hnde auf seine Schultern. Er hatte sich aufgerichtet und sah ihr in das
Antlitz.
    Du bist sehr gut, Ccilie! sagte er, whrend er ihre Hnde ergriff und
kte.
    Du auch! entgegnete sie, indem sie ihn umarmte und ihm ihren Mund darbot.
    Liebe, liebe Ccilie! wiederholte er, und sie kten einander herzlich.
    Wir knnen ja nicht in Unfrieden von einander gehen, rief sie; es wird ja
ohnehin schwer genug sein, wenn man sich knftig nicht mehr sieht!
    Ihr geht nicht fort, die Mutter bleibt noch bei mir! versicherte der junge
Freiherr.
    Ich mu wohl! erwiederte die Grfin; aber die Antwort hatte nicht mehr den
fremden, gezwungenen Ton, mit welchem sie Renatus zuerst empfangen hatte, und da
eine Bewegung, wie man sie eben durchgemacht, nicht lange dauern kann, so gewann
man denn jetzt auch bald wieder so viel Ruhe, da der Freiherr die Frage thun
durfte, ob Hildegard lange im Stifte zu bleiben denke und ob man schon eine
Nachricht von ihr habe.
    Die Grfin verneinte das Letztere und gab ihm die begehrte Auskunft. Eine
Frage, eine Antwort knpfte sich an die andere. Da Renatus sich von der
Verpflichtung befreit sah, sich mit Hildegard verheirathen zu mssen,
beurtheilte er sie nachsichtiger als sonst, ja, er dachte mit sorgendem Mitleid
an sie. Es that ihm leid, da es ihm nicht mglich gewesen war, sie glcklich zu
machen; alle seine Aeuerungen waren mild, er klagte nur sich selber an,
forderte Nachsicht fr sich, und obschon die Grfin entschlossen gewesen war,
auch zwischen sich und dem jungen Freiherrn die Trennung aufrecht zu erhalten,
die zwischen ihm und seiner Braut erfolgt war, wurde im Verlaufe des Gesprches
ihr Ton doch vllig umgestimmt. Es geschah ihr unwillkrlich, da sie Renatus,
wie sie es seit seiner frhesten Kindheit gewohnt gewesen war, wieder mit Du
ansprach. Sie verbesserte es sofort, aber Renatus beschwor sie, ihm diese Gunst
nicht zu entziehen.
    Wenn ber einem Hause, sagte er, lange ein Unwetter gedroht hat und der
Blitz, den man gefrchtet, endlich zerstrend niedergefahren, ist es dann weise,
da man in der hereingebrochenen Verwirrung blindlings aus einander luft? Oder
ist es nicht besser, da man sich verbindet, um den Folgen des geschehenen
Unglcks so weit nur immer mglich ihre Macht zu rauben?
    Er erinnerte die Grfin daran, da sie ihm einst, lange ehe er sich mit
Hildegard versprochen, einmal zugesagt hatte, er solle die Sttze ihres Alters,
der Freund und Bruder ihrer Tchter sein. Er nahm dies auch jetzt noch als sein
Recht in Anspruch. Er bestand darauf, da die Grfin Richten nicht jetzt gleich
verlassen drfe; er versicherte, da nicht er allein, sondern da auch Vittoria
darber untrstlich sein wrde, die mit Liebe an Ccilien, mit Verehrung an der
Grfin hange und gegen welche Hildegard mit ihrem strengen Pflichtgefhl
wirklich nicht immer gerecht gewesen sei. Er sprach und sagte nur, was er in der
That empfand, und er erreichte damit, was die grte Berechnung vielleicht nicht
errungen haben wrde.
    Die Grfin hrte ihn ohne jede Unterbrechung an, und mute viele seiner
Behauptungen gelten lassen. Sie hatte ohnehin ihrem gekrnkten Mutterherzen und
ihrem beleidigten Ehrgefhle den ersten vollen und bittern Ausdruck nicht
gestatten drfen, weil sie sich genthigt fand, noch einige Zeit in dem Schlosse
zu verweilen, wenn sie es nicht auf gut Glck als eine Fliehende verlassen und
den bswilligen Vermuthungen einen noch grern Spielraum vergnnen wollte, die
nach jedem hnlichen Zerwrfnisse wie giftige Schwmme aus der Erde aufschieen,
da man Mhe hat, sie zu zertreten, um ihr Wuchern nicht berhand nehmen zu
lassen. Wer aber, sei es durch was es wolle, unfrei ist, nimmt an seinem
Rechtsgefhle Schaden, ist gezwungen, bald hier, bald dort ein Zugestndni zu
machen, und kommt dann allmhlich dahin, sich seine Unfreiheit weglugnen zu
mssen, um als freie Entschlieung gelten zu lassen, was man von der
Nothwendigkeit zu thun getrieben wird. Sich frei erhalten, ist daher ohne alle
Frage das erste und das hchste Gebot der Sittlichkeit.
    Die Grfin gab den Bitten des Freiherrn nach, weil sie es mute, aber es kam
ihr hart an. Sie ging mit ihm und mit Ccilien zu Vittoria hinunter, sie lie es
sich gefallen, da man die Angelegenheit in dem Beisein derselben noch einmal
durchsprach, sie berwand sich sogar zu einem Danke, als die Baronin ihr
versicherte, wie glcklich sie sich fhlen wrde, wenn die Grfin und Ccilie
auch nach der Entfernung ihres Sohnes noch bei ihr verweilen wollten.
    Die Grfin war eben eine mittellose Frau, und es war eine stillschweigende
Entthronung vor sich gegangen. Sie war pltzlich wieder der Heimath beraubt,
deren sie sich fr ihren Lebensabend sicher geglaubt hatte, und die Sorge fr
ihre und ihrer Tchter Zukunft drckte sie jetzt weit schwerer, als in jenen
Tagen, in welchen sie mit ihnen, ohne bessere Aussichten als die gegenwrtigen
zu haben, in der Residenz gelebt hatte. Sie war eine Matrone geworden, Hildegard
war nicht mehr jung, beide Tchter hatten sich an eine Menge von Bedrfnissen
gewhnt, die zu befriedigen sie knftig keine Aussicht hatten, und beide waren
also auf den Glcksfall einer annehmbaren Heirath angewiesen. Fr Hildegard war
auf eine solche vernnftiger Weise jetzt nicht mehr zu rechnen, und wo wrde
sich fr Ccilie eine solche bieten? Man sa schweigsam und verstimmt beisammen.
    Es hatte fast den ganzen Tag geregnet, nun am Abende lie der Regen nach,
aber das Erdreich war na und dampfte im Sonnenuntergange; von den Bumen
tropfte es langsam hernieder. Die Luft in dem Zimmer war drckend schwl,
Vittoria hatte sich an das Klavier begeben. Sie sang mit Selbstgenu
italienische Stanzen, zu welchen sie die Melodieen whrend des Singens erfand.
Weder die Grfin noch die beiden Andern hrten ihr zu.
    Die Grfin dachte immer auf das Neue darber nach, in welcher Weise sie das
Geschehene ihren Freunden darstellen, wie sie vor ihnen ihr gegenwrtiges
Verweilen in dem Schlosse rechtfertigen solle. Dazwischen beschftigte sie der
Wunsch, fr ihre lteste Tochter in einer der frstlichen Hofhaltungen eine
Aufnahme, eine Anstellung zu finden, und so dem nicht mehr jungen Mdchen einen
Lebensunterhalt und eine angemessene gesellschaftliche Stellung zu verschaffen,
was durch die Gnade, welche die Prinzessin fr sie hegte, nicht unmglich
schien, sobald sich nur eine freie Stelle in ihrem Hofhalte fand.
    Renatus und Ccilie standen an dem Fenster und sahen in den Garten hinaus.
Er fragte, ob man whrend seiner Abwesenheit Besuche im Schlosse gehabt habe, ob
sie mit Valerio ausgeritten sei. Die Fragen lagen ihm aber offenbar nicht sehr
am Herzen. Ccilie, die ihre Schnellkraft bei der Begegnung zwischen ihrer
Mutter und dem jungen Freiherrn erschpft hatte, gab kurze Antworten, und das
Gesprch war allmhlich ganz in's Stocken gerathen, als mit Einem Male die
untergehende Sonne pltzlich aus den Wolken hervorbrach, mit ihrem glhenden
Roth die ganze Gegend berstrahlend.
    Grade den Fenstern von Vittoria's Zimmer gegenber stand in einer gewissen
Entfernung ganz einsam die schnste Edeltanne des Gartens, ein Baum, der in der
ganzen Gegend eben so wohl durch seine Hhe als durch seinen regelmigen Wuchs
und das pyramidenartige Aufsteigen seiner Aeste berhmt war. Wie nun die Sonne
sich tief und tiefer neigte, da sie hinter der Tanne zu stehen kam, brachen
sich ihre Strahlen in den Tropfen, die an jeder Nadel hingen, und schnell, wie
durch einen Zauber angefacht, schimmerte und funkelte der Baum von seinem
breitesten Aste bis hinauf zu seinem Wipfel in dem vielfarbigen Glanze von
Myriaden Lichtern. Es war ein wundervoller Anblick, eines jener Zauberfeste, in
welchen die Natur vor den Augen der Menschen ein Traumbild verwirklicht, das sie
in derselben Weise nicht leicht wiederholt und auch nicht zu wiederholen
braucht, weil Niemand, der es gesehen hat, es je vergit. Entzckt von dieser
Herrlichkeit und gleichsam frchtend, die Schnheit, wie das im Mrchen und im
Traume geschieht, mit dem Aussprechen eines Wortes zu zerstren, hatte Renatus
schweigend die Hand seiner Gefhrtin ergriffen, und selbst von dem Lichte des
scheidenden Tages bergossen, rief Ccilie: Ach, ein Weihnachtsbaum - und am
Johannistage! Das mu Glck bedeuten! setzte sie hinzu. Inde ihr frhlicher
Ausruf schien wirklich den Zauber aufzuheben, denn der Lichtglanz verminderte
sich, die Farben wurden blasser, die einzelnen Flammen erloschen; schnell, wie
die Herrlichkeit aus dem Nebel aufgetaucht war, entschwand sie auch wieder, und
eine graue matte Dmmerung hllte die ganze Gegend ein, noch ehe Ccilie ihre
Erwartung, da dies sicherlich ein Glck verknde, zum zweiten Male vllig
ausgesprochen hatte.
    Glck? wiederholte ihr Gefhrte, und schwermthig geworden, fgte er hinzu:
Wir knnten es brauchen!
    So standen sie noch eine kleine Weile neben einander, aber lnger hielt es
Renatus in dem Zimmer nicht mehr aus. Komm in's Freie, sagte er; es liegt mir
wie ein Reifen um das Haupt, wie ein Reifen um das Herz! Komm hinaus - ich
denke, drauen mu mir besser werden!
    Er trat in den Garten hinaus, Ccilie folgte ihm. Sie gingen neben einander
in den breiten Wegen zwischen den Beeten hin. Inde, obschon sie die Alleen und
die buschigen Gnge mieden, kam keine Erfrischung ber sie. Die Luft war voller
Elektricitt, sie lastete schwer auf ihnen, selbst sprechen konnte Renatus
nicht. Er wute nicht, was ihm war, er war aufgeregt und abgespannt zu gleicher
Zeit. Nun er mit Ccilie im Garten war, meinte er, es sei vorher im Zimmer
besser gewesen; aber auch das mochte er ihr nicht sagen, und dazwischen fiel es
ihm ein, da es schon dunkle und da er mit ihr allein sei. Er war freilich oft
genug mit ihr Abends einsam umhergegangen, ohne daran besonders zu denken; inde
damals war sie auch seine Schwgerin gewesen. Jetzt war sie das nicht mehr. Es
that ihm leid, da er dieses Anrecht an sie verloren hatte. Er stellte sich vor,
wie es sein werde, wenn die Grfin und Ccilie von Richten fortgegangen sein
wrden, wie sie in der Stadt leben und Ccilie sich hoffentlich dort
vortheilhaft verheirathen werde, denn sie war liebenswrdig und gut und hbsch,
sehr hbsch. Sie ging auf dem schmaler gewordenen Pfade, ihre Kleider mit beiden
Hnden in die Hhe hebend, um sie vor der Nsse des Weges zu bewahren,
schweigend vor ihm her. Obschon es dunkelte, konnte er doch noch sehen, wie fein
der Hals auf ihren Schultern sa, wie krftig ihr Oberleib sich aus den vollen
Hften hervorhob, und wie schn ihr Fu und ihr Knchel gebaut waren. Sie war
recht ein Mdchen, wie ein Mann sich es zum Weibe wnschen mute: froh, gut und
gesund.
    Htte ich sie statt Hildegard's mir erwhlt, wie Manches wre nicht
geschehen, wie Vieles wre anders, wre besser geworden! dachte er, und er wute
es nicht, da sich ein lautes Ach! seiner Brust entrang.
    Ccilie aber hrte es, und sich umwendend, fragte sie ihn: Was fehlt Dir,
Renatus?
    Ach, rief er noch einmal, ich sollte es nicht sagen, denn es ist unmnnlich,
es auszusprechen, aber ich bin schon lange mit mir selbst zerfallen, ich bin
recht unglcklich!
    Du? Du bist unglcklich - aber wehalb denn jetzt noch? erkundigte Ccilie
sich, whrend sie sich zu ihm gesellte und ihren Arm unaufgefordert in den
seinigen legte.
    Er antwortete ihr nicht, und so gingen sie mehrmals um den groen Rasenplatz
herum. Er fhlte mit Vergngen ihren schnen entblten Arm auf dem seinen
ruhen, er bog sich zu ihr, um ihre Schulter zu berhren, und wenn sie den Kopf
zu ihm emporhob und er sich neigte, so da seine Lippen nicht fern ber ihrer
Stirn schwebten, mute er sich zurckhalten, da er sie nicht kte. Er hatte
bisher diese Empfindung berstrmender Zrtlichkeit niemals neben ihr gehegt, er
hatte sie oft genug gekt, ohne dabei etwas zu denken, ohne dabei besonders
warm zu werden. Heute, wo er ein wahrhaftes Verlangen danach trug, sie zu
umarmen, wagte er es nicht, und seine Unruhe wurde immer grer. Er schlug den
Rckweg nach der Terrasse ein. Ccilie schttelte mibilligend ihr Haupt.
    Hildegard hatte doch Recht, sagte sie mit Einem Male; Ihr Mnner wit nicht,
was ihr wollt, und zwar weder im Kleinen, noch im Groen. Erst konntest Du's im
Zimmer nicht ertragen und wir muten in den nassen Garten hinaus; nun, da es
hier drauen aussieht, als wollte es frischer werden, als knnte der Wind
aufstehen und man knnte Luft schpfen, nun soll man hinein! - Sie zuckte mit
den Schultern, schien weiter sprechen zu wollen, unterdrckte ihr Wort und sagte
dann nach einem lngeren Schwanken dennoch: Und hast Du es denn mit Dir selbst
nicht eben so gemacht? Erst bestandest Du darauf, Dich mit Hildegard zu
verloben, die fr Dich viel zu alt war und, so gut sie sonst auch ist, nie fr
Dich gepat hat; dann, als sie Deine Braut war, liebtest Du eine Andere,
wolltest frei werden - das merkte auch ich Dir an, sobald Du den Fu nur aus dem
Wagen gesetzt hattest - und nun Du frei bist und Dir die Grfin Eleonore holen
kannst, nun bist Du auch nicht glcklich! Was willst Du denn eigentlich?
    Wie kommst Du auf Eleonore? rief Renatus auffahrend. Was weit Du von ihr?
    Alles! entgegnete Ccilie von seinem Tone ganz betroffen. Hildegard hat ja
der Mutter Alles anvertraut, und sie am letzten Tage noch darum gebeten, da sie
jetzt es mir auch sagen sollte.
    Daran erkenne ich Hildegard! stie Renatus hervor.
    Sie waren whrend dessen ganz in die Nhe des Schlosses gekommen, ohne
weiter mit einander ein Wort zu wechseln. Als sie auf dem Punkte standen,
einzutreten, sagte Ccilie: Siehst Du, Renatus, Unglck habe ich, nicht Du! Ich
wollte Dir eine Liebe thun, Dich erheitern, Dir sagen, da ich mich freuen
wrde, Dich endlich einmal recht froh, recht glcklich und auch recht reich zu
sehen, und statt dessen erzrne ich Dich gegen mich. Ich mag's im Leben machen,
wie ich will, ich treffe nicht das Rechte. Nicht bei der Mutter, nicht bei Dir!
Ich habe eben kein Glck und kein Geschick!
    Es kam ihm vor, als bebe ihre Stimme; er machte sich einen Vorwurf daraus,
da er ungerecht, da er hart gegen sie verfahren sei, und sich zu entschuldigen
und sie aufzuklren, sprach er: Ich habe Eleonore Haughton nie geliebt, Ccilie!
Sie hat mich beschftigt eine kurze Zeit hindurch, sie hat mich verwirrt durch
wenig Stunden; aber sie hat mich nie geliebt und ich habe sie nie geliebt -
niemals, Ccilie, betheuerte er, und Hildegard hat das sehr wohl gewut!
    Aber wehalb hat sie mir's denn sagen lassen? rief Ccilie.
    Weit Du's nicht? fragte er und schlang den Arm um ihren Leib.
    Sie antwortete ihm nicht; er fhlte aber, wie das Herz ihr unter seiner Hand
erbebte. Sie konnte nicht vorwrts, nicht zurck. Sie wollte ihn verlassen, aber
obschon es ihr ein Leichtes gewesen wre, sich von ihm los zu machen, kam sie
nicht von der Stelle.
    Weit Du's nicht? fragte er noch einmal; und sie fester umschlingend und sie
an sich ziehend, sprach er, nur fr ihr Ohr vernehmbar: Wie solltest Du, da
ich's ja selbst erst jetzt erkenne!
    Ach, rief Ccilie, ich war ja so unglcklich, als Du in's Feld gegangen
bist!
    Damals, damals schon hast Du mich geliebt? klang es mit unterdrcktem Jubel
aus seiner Brust hervor.
    Immer, immer! das war alles was Ccilie unter seinen glhenden Kssen
hervorzubringen vermochte.
    Er hatte sich in der Nische unter dem Portale, die der Regen am Tage nicht
hatte erreichen knnen und die tief im Schatten lag, niedergelassen und Ccilie
auf sein Knie gezogen; sie umfate ihn mit beiden Armen. Der letzte Sang der
Nachtigall, der voll emporstrmende Duft der Rosen und Levkojen berauschten ihn,
und sie immer und immer wieder an sich pressend, rief er: Komme jetzt, was mag,
wenn Du mir nur bleibst!
    Er mute sich endlich mit Gewalt ermannen, um Herr ber sich zu bleiben, und
mit einer nie gekannten Seligkeit im Herzen umschlang er Ccilie noch einmal,
ehe er mit ihr in das Zimmer trat, in welchem Vittoria und die Grfin beim
Scheine der Lampe ihrer warteten.

                                Neuntes Capitel


Nun, Signora, habe ich richtig prophezeit? fragte am nchsten Morgen die treue
Gaetana, als sie mit breitem Kamme das noch immer ppige Haar der Baronin
Vittoria schlichtete und ihr dann die reichen Flechten um das schne Haupt wand.
Habe ich richtig prophezeit, da Alles sich zum Guten wenden werde, sobald wir
nur die Grfin mit dem bsen Auge nicht mehr im Schlosse haben? Ist nicht Alles
wie umgewandelt? Ist unser Herr Baron nicht freudestrahlend? Jubelt unser
Valerio nicht? Ist die theure Signora Ccilie nicht glckselig, und wird nicht
die Frau Grfin selber es bald erkennen, da erst jetzt die Dinge sich fgen,
wie sie sein muten? Nur Geduld, nur ein Bichen Geduld ist nthig! habe ich
immer gesagt. Jetzt sehen Sie es selbst, meine theure Signorina! - Geduld ist
nthig, das ist Alles!
    In der That schien es, als sei im Schlosse ein neues Leben aufgegangen.
Renatus empfand wirklich zum ersten Male jene volle Liebesleidenschaft, welche
den ganzen Menschen in Bewegung bringt, und da ein helles Licht seine Strahlen
berall, soweit ihm keine Schranke entgegensteht, verbreitet, meinte er, von
seiner Leidenschaft aufgeklrt, auch die Vergangenheit jetzt besser zu
verstehen.
    Er erinnerte sich ganz deutlich, wie ihm die Heftigkeit und die Inbrunst
aufgefallen waren, mit denen die vierzehnjhrige Ccilie ihn umarmt hatte, als
er sich vor dem russischen Feldzuge von ihr getrennt. Er bewunderte die Kraft
des jungen Kindes, die Festigkeit, mit welcher Ccilie durch alle die Jahre
ihrer ganzen Umgebung ihre Liebe verschwiegen hatte, und er schtzte sie nur um
so hher, wenn sie ihm versicherte, sie habe es sich nie eingestanden, da sie
ihn liebe, weil das eine Snde gewesen sein wrde, so lange er der Verlobte
einer Anderen war. Nur beneidet habe ich Hildegard, sagte sie offenherzig, denn
ihr fiel, weil sie die Aeltere war, Alles von selber zu: erst der Mutter ganz
besondere Liebe und dann auch noch die Deine. Was Hildegard nur sagen, wie sie
sich verwundern wird? wiederholte Ccilie danach immer auf das Neue. Ihr Glck
erschien ihr offenbar durch den Vergleich mit dem Loose ihrer Schwester nur noch
grer, und der Gedanke, da es Hildegard's Schmerz noch steigern knne, sich
durch die eigene Schwester so schnell in dem Herzen des Geliebten ersetzt zu
finden, kam in diesen Stunden der Freude bei Ccilien nicht in Betracht. Sie
hatte an Hildegardens Glck stets mit Entsagung gedacht, mochte diese jetzt das
Gleiche zu thun versuchen; denn vergessen und vergeben konnte Ccilie es der
Schwester nicht, da dieselbe ihre wohlgemeinten Trostbezeigungen mit Bitterkeit
von sich gestoen hatte.
    Renatus verdiente seinen Namen, wie er einmal uerte, jetzt in voller
Wahrheit. Er schien sich wirklich neu geboren und ein Anderer geworden zu sein.
Alles Unentschiedene, alles Schwankende war mit Einem Male von ihm genommen. Wie
im Triumphe hatte er am verwichenen Abende Ccilie zu der Grfin gefhrt, und
ihr wie der nicht minder berraschten Vittoria seine Liebe fr Ccilie und seine
Absicht, sofort seine Verlobung mit ihr bekannt zu machen, offenbart.
    Die Grfin hatte Bedenkzeit, hatte Ruhe zur Ueberlegung gefordert; aber
alles was sie erlangen knnen, war das Zugestndni gewesen, da Renatus sich
anheischig gemacht, in den ersten achtundvierzig Stunden keinem seiner
Verwandten oder Freunde zu schreiben, oder vielmehr nur, keinen seiner Briefe
nach der Stadt zu schicken; denn da die Grfin wirklich einen Einspruch thun
knne, da sie daran denken knne, ihm die Hand des begehrten Mdchens zu
verweigern, whrend er bereits die Tage bis zu der Stunde zhlte, in welcher er
die Geliebte besitzen wrde, hielt er fr unmglich.
    Er war von einer brennenden Ungeduld verzehrt, als die Grfin ihm am Morgen
den gewohnten Spaziergang mit Ccilie verweigerte, als sie es ihm rundweg
abschlug, ihn mit der Tochter allein verkehren zu lassen, ehe sie ihren
Entschlu gefat habe. Sie hielt es ihm vor, wie sie Alle ja eben jetzt noch
unter den Folgen seiner zu schnell und in der Erregung eines Augenblickes
geschlossenen Verlobung zu leiden htten, und wie es also fr ihn doppelt
geboten sei, sich sorgsam zu prfen, ehe er sich zum zweiten Male binde. Auch
sie erinnerte ihn an den Eindruck, welchen die Grfin Haughton auf ihn gemacht
habe, an die Gerchte, welche sich ber sein Abenteuer mit ihr bis nach Berlin
verbreitet hatten, und sie bekannte ihm unumwunden, da sowohl die natrliche
Rcksicht auf das Empfinden ihrer ltesten Tochter als die Sorge um Cciliens
Zukunft sie anstehen lasse, eine Entscheidung zu treffen. Sie nannte ihn jedem
neuen Eindrucke zugnglich, sie zweifelte, ob er treu zu sein vermge, und sie
machte es ihm endlich zu einem Vorwurfe, da er mit seiner Erklrung gegen
Ccilie, mit seiner Werbung nicht gewartet habe, bis die Grfin das Schlo
verlassen hatte, und nicht mehr durch seine Gastfreundschaft in ihren Manahmen
gehindert war.
    Trotz der wrdigen und festen Haltung, mit welcher sie ihm entgegentrat, war
sie aber innerlich in einen Kampf mit sich verwickelt, der ihr schwerer fiel,
als sie verrieth. Ihr Zutrauen zu Renatus hatte wirklich einen Sto erlitten,
sie mitraute seinem Herzen, sie klagte ihn der hrtesten Selbstsucht, der
Schwche an, und wre sie reich, wre sie auch nur wohlhabend gewesen, so htte
sie nicht angestanden, dem jungen Freiherrn die Hand ihrer zweiten Tochter, nach
der Beleidigung, welche er der ltesten Tochter zugefgt hatte, unbedenklich zu
verweigern. Sie sah voraus, in welcher Weise man es beurtheilen werde und msse,
wenn sie in eine Ehe zwischen Renatus und Ccilie willige; sie frchtete sich
vor dem Zwiespalt, in welchen diese Ehe sie mit ihrer ltesten Tochter und diese
mit Ccilie und Renatus bringen msse. Sie sagte sich, da die geringste
Brgersfrau sicherlich einer solchen unerwarteten und wenig zarten Bewerbung
ihre Zustimmung versagen wrde; aber sie war eben keines schlichten Brgers
Frau, sie war die Grfin Rhoden, sie hatte sich und zwei Tchter zu versorgen,
und sie war noch mittelloser, als sie es vor dem Kriege gewesen war.
    Eine Brgersfrau konnte daran denken, mit ihren Tchtern gemeinsam sich des
Lebens Nothdurft zu erwerben. Eine Brgersfrau brauchte vielleicht in solcher
Lage und in solchem Augenblicke auf nichts als auf ihr beleidigtes Mutterherz
und auf die Empfindung ihrer Tchter Rcksicht zu nehmen, denn Brgermdchen,
wenn sie kein Vermgen besitzen, werden von Jugend an darauf hingewiesen, sich
selbst zu helfen, sie knnen arbeiten, um ihrem Ehrgefhle zu entsprechen,
arbeiten, um ihren Kummer zu bertuben, arbeiten, um sich eine getuschte
Liebeshoffnung aus dem Sinne zu schlagen - aber Hildegard und Ccilie, die
Grfinnen Rhoden, konnten das doch nicht.
    Sie hatten eine gute, standesmige Erziehung erhalten, d.h. sie besaen,
wie die wohlhabenden Frauen berhaupt, von einer Menge von Dingen, von Kunst,
von Literatur und Wissenschaft genau so viel Kenntnisse, als unerllich waren,
ber die ernsthaften Leistungen Anderer falsch und oberflchlich aburtheilen zu
knnen; aber sie hatten nichts so grndlich erlernt, da es sie irgendwie
befhigte, darauf eine Zukunft zu bauen, und sie hatten vor allen Dingen nicht
arbeiten, das Leben nicht als eine ernste, fortdauernde Arbeitszeit betrachten
lernen.
    Die Leistungen, welche Hildegard whrend des Krieges ber sich genommen
hatte, waren von der Begeisterung des Augenblickes erzeugt und getragen worden.
Sie hatte dieselben mit vielen Andern getheilt, sie waren eine anerkannte, eine
bewunderte und bis zu einem gewissen Grade auch eine absehbare Thtigkeit fr
Andere gewesen. Mit der Arbeit um die eigene Existenz, um das tgliche Brod war
es nicht dasselbe. Das Ende einer solchen ist schwer vorauszusehen, Niemand
bewundert, kaum irgend Jemand theilt oder versteht sie in den gesellschaftlichen
Kreisen, denen die Grfinnen angehrten. Wenn sich in ihnen auch Mnner fanden,
welche ihr Einkommen durch die Dienste erwarben, die sie dem Frsten oder dem
Staate leisteten, so trat doch das Arbeitenmssen der Ehre der Frauen, nach den
Begriffen ihrer Standesgenossen, offenbar zu nahe; und dienen konnten Frauen
ihres Ranges nach denselben Anschauungen eben nur den Frsten, welche ber ihnen
standen. Es war nicht anders, die Grfin mochte es ansehen, wie sie wollte, sie
mute ihr beleidigtes Herz, sie mute ihr Ehrgefhl berwinden, weil der
Ehrbegriff ihrer Umgangsgenossen die Arbeit fr entehrend erachtete, und
Hildegard mute sich darein ergeben, ihren frheren Verlobten den Gatten ihrer
Schwester werden zu sehen. Die Mutter durfte es nicht hindern, da Ccilie sich
mit einem Manne verheirathete, zu dessen Charakter ihr das rechte Vertrauen
fehlte. Ihre Armuth zwang sie, um der Standesehre willen zu thun und geschehen
zu lassen, was allen ihren Gefhlen, was ihrer Ueberzeugung widersprach.
    Es kam ihr dehalb sehr gelegen, als Vittoria sich zur Vermittlerin zwischen
den Wnschen ihres Stiefsohnes und den Bedenken von Cciliens Mutter machte.
Obschon es ihr weh that, hrte die Grfin es gern an, wenn die Baronin ihr aus
einander setzte, wie bel die Grfin jetzt daran sei. Im Tone der Anklage gegen
Renatus stellte Vittoria es ihr vor, da Hildegard durch den langen, nicht
ffentlich erklrten Brautstand mit Renatus vorzeitig gealtert habe, da die
Mutter und die Tchter durch ihr langes Verweilen in dem Hause eines
unverheiratheten Mannes, wenn dieses nicht seine Heirath mit einer der Tchter
zur Entschuldigung habe, in einem bedenklichen Lichte erscheinen mten. Sie
erinnerte daran, da man, falls sich selbst am Hofe der Prinzessin eine freie
Hofdamen-Stelle finden sollte, diese doch meist nur mit jungen und hbschen, vor
Allem aber mit recht gesunden Mdchen zu besetzen pflege, damit die Herrinnen
ohne jede Rcksicht ber ihre dienenden Damen verfgen knnten; und schlielich
gab sie der Mutter zu bedenken, wie das Zerwrfni zwischen ihren Tchtern ja
bereits ein altes, wie es eben jetzt nur vllig zum Aussprechen gekommen sei,
und da es doch in jedem Falle weiser und rathsamer erscheine, die geliebte
Ccilie auf Kosten der lteren Schwester glcklich werden zu lassen, als beide
mit gebrochenem Herzen und ohne Liebe fr einander in bedrngter Lebenslage
dauernd neben sich zu behalten.
    Einen Menschen von der Nothwendigkeit dessen zu berzeugen, was zu thun er
innerlich entschlossen ist, hlt nicht schwer, und Cciliens unter Thrnen
lchelnde Augen, vereint mit den Vorstellungen der Baronin und den dringenden
Bitten, und den festen Betheuerungen des jungen Freiherrn, trugen denn auch bald
den Sieg davon.
    Weil Renatus sein frheres Verlbni geheim gehalten hatte, war er und war
die Grfin jetzt der Meinung, da man die neue Verbindung nicht schnell genug
verffentlichen knne. Aber man mute doch eine Form dafr finden, das
Auffallende des Vorganges denjenigen, welche die Verhltnisse mehr oder weniger
kannten, wenn auch nur einigermaen zu erklren oder annehmbar zu machen; und
die Grfin, welche vor allen Dingen um Hildegard besorgt war, hatte schnell
einen Plan entworfen, der zu Gunsten dieser letzteren berechnet war. Man sollte,
so forderte sie, aus Cciliens frher und dauernder Neigung zu Renatus kein
Geheimni machen, man sollte auch eingestehen, da dessen Liebe zu Hildegard
nicht mehr so feurig als frher gewesen und da er bei der Heimkehr von der
Anmuth und von der nicht zu verbergenden Leidenschaft der jngeren Schwester
gerhrt worden sei. Dann aber solle man die Dornenkrone der armen Hildegard in
einen Heiligenschein verwandeln und erzhlen, wie die Gromuth und die Entsagung
dieser schnen Seele das Unheil, welches hereinzubrechen gedroht, durch ihren
heldenmthigen Entschlu verhindert, wie sie durch eine Entfernung, von welcher
selbst die Mutter nichts gewut, die Verwirrung gelst und in einem
zurckgelassenen Schreiben den Wunsch ausgesprochen habe, die beiden ihr
theuersten Menschen, den Geliebten und die Schwester, verbunden und so glcklich
zu sehen, als es zu werden ihr von Gott nicht beschieden gewesen sei.
    Die Grfin konnte sich in ihrer Rhrung der Thrnen kaum erwehren, als sie
den schnell erfundenen Ausweg vor ihren erstaunten Hrern darlegte. Vittoria,
die jetzt pltzlich ihr mtterliches Recht auf Renatus und ihre Freundschaft fr
Ccilie geltend machte, so da man sie bei keiner Besprechung und Berathung
bergehen konnte, hatte Mhe ernsthaft dabei zu bleiben, und Ccilie und
Renatus, welche in der Erdichtung der Grfin keine ble Rolle spielten, waren
mit allem zufrieden und einverstanden, was sie auch nur eine Stunde frher an
das ersehnte Ziel zu fhren verhie.
    Sie waren beide sehr bereit, an Hildegard zu schreiben, ihre Nachsicht, ihre
Verzeihung zu erbitten, ihr jede mglichen geschwisterlichen Dienste fr die
Zukunft anzubieten und ein treues Zusammenhalten zu geloben; aber beide waren so
voll von ihrem Glcke, so voll von Lebenslust und Hoffnung, da sie sich in den
Gemthszustand des verlassenen Mdchens gar nicht hineinzuversetzen wuten und
da die Grfin es endlich gerathener fand, die Briefe des Brautpaares an die
Entfernte zu unterdrcken und die Darstellung des Geschehenen allein auf sich zu
nehmen.

                                Zehntes Capitel


Die Plane und Vorstze, mit welchen der Freiherr in Bezug auf seine Gter
letztlich umgegangen war, erhielten durch seine neue Verlobung eine wesentliche
Befestigung. Ccilie, die seit ihrem fnfzehnten Jahre in dem Schlosse gelebt
hatte und nur selten nach der Kreisstadt gekommen war, hegte, wie schon
Hildegard ihm dies stets geschrieben hatte, eine Sehnsucht danach, die
Hauptstadt, die schne Welt, den Hof kennen zu lernen, und die Schilderungen,
welche Renatus ihr von seinem Pariser Leben machte, steigerten jene Sehnsucht zu
einem wahrhaften Verlangen. Vittoria ihrerseits, welche aus ihrem Kloster grades
Weges nach Richten und in das Ehebett des greisen Mannes gekommen war, hatte der
Einsamkeit nun auch die Flle genossen. Sie begehrte nach einer Zerstreuung,
wenn die Gesellschaft ihrer Freundin Ccilie ihr entzogen und Valerio ihr
genommen werden sollte; und weil man, wenn die Verlobten sich jetzt zwanglos in
Vittoria's Zimmer gehen lassen durften, sich allseitig so wohl befand, so heiter
war, so wurde ein solches Beisammensein auch fr die Zukunft als das
Erfreulichste und zugleich als das Einfachste in's Auge gefat.
    Man hatte niemals an einen gemeinsamen Haushalt mit Vittoria denken knnen,
so lange noch die Rede von der Heirath mit Hildegard gewesen war. Jetzt, da es
sich von selbst verstand, da die Mutter mit ihrer ltesten Tochter vereinigt
bleiben wrde, ward es eben so fraglos, da Vittoria sich an das junge Paar
anschlo, und da keiner von diesen Dreien bisher jemals in der Lage gewesen war,
sich ein Haus zu begrnden, fanden sie ein lebhaftes Vergngen darin, mit
einander die Entwrfe fr ihre Einrichtung zu machen, die Strae auszuwhlen, in
welcher man sich, wenn es mglich sei, niederlassen wolle, die Zahl der Zimmer,
die Art ihrer Vertheilung durchzusprechen und die Weise im voraus festzusetzen,
nach der man leben wolle.
    Renatus hatte den berechtigten Wunsch, da er seine Gter verkaufen und im
militrischen Dienste bleiben wollte, was beides noch kein Stammhalter seines
Hauses jemals gethan hatte, durch ein wrdiges Auftreten in der Hauptstadt es
darzuthun, da seine Umstnde immer noch gnstig wren, wenn er sich auch zu
entschiedenen Schritten fr ihre Befestigung und Sicherung bewogen finde. Selbst
Tremann, der nicht zum Beschnigen derselben geneigt gewesen war, hatte es ihm
ausgesprochen, da seine Lage keineswegs eine verzweifelte, sondern eine
haltbare und der Verbesserung fhige sei, wenn er sich zu den Manahmen
entschlieen knne, die er auszufhren jetzt im Begriffe stand.
    Renatus empfand ein Zutrauen zu sich und zu seiner Zukunft, welche ihm
bisher in den letzten Jahren vllig gemangelt hatte, und er dachte mit groer
Heiterkeit an den nicht mehr fernen Zeitpunkt, in welchem er, aller seiner
Sorgen entladen, nur seinem Dienste und seinem Glcke an der Seite einer
geliebten Frau, in Gesellschaft seiner Stiefmutter und ihres Sohnes werde leben
knnen.
    Er freute sich auf die Rckkehr zu seinem Regimente, er freute sich auf den
Beifall, welchen seine Frau bei seinen Kameraden finden werde. Er entwarf sich
ein lockendes Bild von dem hbschen Hause, das er machen wolle, versprach sich,
Vittoria und seiner Braut groe Genugthuung von der Bewunderung, welche die
musikalische Bildung der beiden Frauen, denn auch Ccilie war unter der Baronin
Anleitung eine vortreffliche Sngerin geworden, am Hofe erregen mute; und weil
bei diesen Planen der Gedanke an das Landleben vllig ausgeschlossen war, so
schwand des jungen Freiherrn Widerstreben gegen den Verkauf seines halben
Besitzes endlich ganz und gar.
    Ein paar Tage nach seiner Verlobung, gleich nachdem er die Meldung derselben
an seine nchsten Anverwandten ausgefhrt hatte, setzte er sich wohlgemuther,
als er es bei solchem Anlasse jemals fr mglich gehalten hatte, nieder, seinem
Amtmanne zu schreiben, wie er sich entschlossen habe, sobald sich ihm die
Gelegenheit dazu biete, die beiden Nebengter zu verkaufen, da er aber nicht
abgeneigt sei, ihm Richten, je nachdem man sich darber einigen knne, zur
Verwaltung oder zur Verpachtung zu berlassen. Bis ber den Verkauf der Gter
entschieden sein werde, wnsche er also, falls dem Amtmanne dies auch genehm
sei, Alles beim Alten zu lassen, und es werde sich dann voraussichtlich so
fgen, da der neue Contract mit ihm, statt jetzt im Beginne des dritten
Quartales, zu Ende desselben abgeschlossen und mit dem Anfange des letzten
Quartales in Kraft gesetzt werden knne.
    In derselben Stunde zeigte er auch Steinert an, da er verkaufen wolle, weil
er sich mit der Grfin Ccilie Rhoden verlobt habe, welche in der Stadt zu leben
wnsche, wohin ihn selber die eigene Neigung fr den Kriegsdienst und die
Rcksicht auf die Erziehung seines Bruders ziehe. Knne er mit Steinert Handels
einig werden, und zwar so, da Steinert und der Baurath Herbert, der, wie er von
dem Amtmanne gehrt zu haben glaube, den Kauf mit Steinert gemeinsam unternehmen
wolle, beide Gter an sich brchten, so werde ihm dies um seiner Insassen willen
das Erwnschteste sein. Er werde dann die Leute, welche seit Hunderten von
Jahren zu seinem Hause gehrt htten, in Steinert's Vorsorge, der den Leuten
lieb und bekannt sei und ein Herz fr sie habe, wohl berathen und wohl geborgen
wissen. Einer persnlichen Besprechung bedrfe es fr's Erste dehalb nicht, und
leider habe er zu dieser, von dem Ablaufe seines Urlaubs bedrngt, auch nicht
mehr die Zeit. Zudem befnden die smmtlichen Akten sich augenblicklich in der
Hauptstadt, in seines Oheims Hnden. Dorthin gehe er und sei bereit, auf
Anfrage, aus den Akten jede gewnschte Auskunft zu ertheilen, wie es sich denn
auch von selbst verstehe, da der Amtmann und der Justitiarius den Kufern
Einsicht in die gefhrten Bcher gewhren wrden, wenn sie etwa nach Richten
kommen sollten, sich die gegenwrtige Sachlage anzusehen.
    Er hatte ein angenehmes Selbstgefhl, als er diese beiden Schreiben
durchlas. Es dnkte ihn, als sei er pltzlich ein ganzer Geschftsmann geworden,
und er begriff, wie der Freiherr sich an solche Verhandlungen allmhlich
gewhnen und Geschmack an ihnen habe finden knnen. Es beruhigte ihn, da er
sich bei seinen Planen mit Antheil an das Loos seiner Leute erinnert hatte; er
dachte, da Steinert sich ohne alle Frage ber seine bevorstehende Verheirathung
erfreuen werde, und wenn derselbe dann, hier im Lande lebend und selbst
arbeitend, mehr aus den Gtern herausschlagen konnte, als es den Freiherren von
Arten mglich gewesen war, nun, so war das einmal nicht zu ndern, und er wollte
es ihm gnnen, da er vorlufig den Vortheil davon zog, wenn er die Gter hob.
Vielleicht war es dem nchsten Herrn von Arten, vielleicht war es seinem Sohne
einst beschieden, die Gter zurckzukaufen, wenn Renatus jetzt Ordnung in die
Verhltnisse des Hauses brachte. Er selbst freilich mute sich fr die
Vergangenheit und fr die Zukunft zum Opfer bringen; aber in seiner
militrischen Laufbahn, an Cciliens Seite, in der Residenz, und mit einem immer
noch bedeutenden Grundbesitz als Rckhalt, lie das Leben sich ertragen.
    Er fuhr mit leichtem Herzen an dem Tage auf das Gut eines Freundes, um dort,
begleitet von der Grfin und von Vittoria, mit seiner Braut den ersten Besuch zu
machen, und man hatte in dem Hause gute Sitte genug, es nicht merken zu lassen,
wie berrascht man war, nicht Hildegard, sondern Ccilie als des Freiherrn
Erwhlte zu empfangen. Die Grfin selbst mute das Gesprch darauf bringen,
mute die Frage aufwerfen, ob man sich nicht wundere, ihre zweite Tochter mit
dem Freiherrn verlobt zu sehen, ehe sie ihre romantische Erklrung zu
Hildegard's Bestem abgeben konnte; und weder Renatus noch Ccilie wuten ihr
dies Dank.
    Die Mutter hat Hildegard immer vorgezogen! sagte Ccilie, als sie sich mit
Renatus allein befand. Nun mssen wir beide Hildegarden wieder zur Folie dienen
und uns dafr bedanken, da sie vor jenen Jahren Dich mit ihrer Leidenschaft um
Deine vernnftige Ueberlegung zu bringen und sich mit Dir in dem Augenblicke zu
verloben verstanden hat, als Du Dich von ihr loszumachen wnschtest. Die Mutter
wird's noch dahin bringen, da ich die Schwester hasse!
    Beneidest Du sie, Ccilie? fragte Renatus, auf dessen schon von Natur
weichen und gtigen Sinn die Erziehung des Caplans noch verschnend und zur
Nachsicht stimmend eingewirkt hatte, whrend sein Glck, sein erstes
Liebesglck, ihm das Herz noch mehr erschlo. Hast Du Grund, sie zu beneiden?
    Ccilie antwortete ihm nicht, aber sie umschlang ihn und kte ihm die Hand.
Er war sehr glcklich in dem Besitze dieses Mdchens, dem er sich immer
berlegen fhlte und das hinwiederum so liebevoll zu ihm emporsah.

                                Eilftes Capitel


Niedergeschlagen und muthlos hatte der junge Freiherr vor einigen Monaten die
Hauptstadt verlassen, nun kehrte er voll der besten Zuversicht in dieselbe
zurck.
    Er meldete sich bei seinen Vorgesetzten, und ward auf das Beste aufgenommen.
Man lobte es, da er sich nicht auf seine Besitzungen zurckziehen, sondern im
Dienste bleiben wolle, denn der Knig sah es gern, wenn die jungen Mnner aus
den alten Familien im Heere ihren Weg machten; und die Stadt, die Straen sahen
fr Renatus jetzt ganz anders aus, seit er sie mit dem Hinblicke auf eine
knftige Huslichkeit betrachtete. Obschon er sich vorgenommen hatte, sich Zeit
zu lassen und nichts zu bereilen, konnte er der Neugier nicht widerstehen, in
die verschiedenen Huser einzutreten, in welchen Wohnungen zur Miethe ausgeboten
wurden, ihre Rumlichkeiten anzusehen, um ihren Preis zu fragen, und sich Alles
in das Notizbuch zu verzeichnen, das er eigens zu dem Zwecke mitgenommen hatte.
    Er sprach dann noch in dem Laden eines Goldschmiedes vor, um fr Ccilie den
Ring zu kaufen, den er ihr als Pfand ihrer Verlobung zu geben wnschte, und wie
er nun die einzelnen Kasten mit den Geschmeiden vor sich stehen sah, fiel ihm
bei einem Saphirschmucke pltzlich ein, wie schn die blauen Steine auf dem
weien Halse und an den vollen Armen der Geliebten aussehen wrden. Es ist ein
so natrlicher Wunsch, das, was man liebt, zu schmcken.
    Er erkundigte sich nach dem Werthe des Geschmeides, und er fand ihn hoch.
Aber Cciliens schner Nacken, ihr reizendes, kleines Ohr lieen ihm keine Ruhe.
Er meinte sie vor sich zu sehen, er konnte sich die Freude seiner Geliebten bei
dem Empfange eines solchen Geschenkes lebhaft vorstellen, und es fiel ihm ein,
da sie ihm einmal, mehrere Wochen vor ihrer Verlobung, geklagt hatte, wie sie
aber auch gar nichts von Schmuck besitze, da die Mutter alles, was sie der Art
gehabt, schon sehr frh der lteren Schwester gegeben habe. Allerdings bekam
Ccilie einst den ganzen Arten'schen Familienschmuck; inde das waren schwere
Brillanten, wie nur eine Frau sie tragen konnte, und jetzt, da er daran dachte,
kam Renatus erst wieder darauf, da der Freiherr den Familienschmuck seiner Zeit
Vittorien gegeben hatte, die berechtigt war, ihn, wenn sie wollte, der Frau
ihres Stiefsohnes durchaus vorzuenthalten. Es fiel ihm dabei aber auf, da
Vittoria, welche in frheren Jahren an diesen Brillanten so viel Wohlgefallen
gehabt und einzelne Stcke des Schmuckes immer getragen hatte, sich desselben
gar nicht mehr bediente, und er nahm sich vor, dehalb einmal Nachfrage zu thun.
    Inzwischen jedoch mute Ccilie durchaus irgend etwas geschenkt bekommen,
und der Goldschmied hatte nicht den ersten Liebenden vor sich, der zwischen
seines Herzens Lust und seinen vernnftigen Bedenken einen Vermittler zu Gunsten
der ersteren zu finden wnschte. Nach kurzem Zureden, kurzem Verhandeln erstand
Renatus den Schmuck und befahl, ihn mit dem Ringe, wohl verpackt, nach seinem
Gasthofe zu senden. Es war ein Geschenk, wie seiner Zeit der verstorbene
Freiherr es der Grfin Angelika darzubringen vollauf berechtigt gewesen war. Fr
Renatus jedoch war die Ausgabe viel zu gro, und er hielt sich das auch selber
vor; aber, sagte er sich, wenn man im ersten goldenen Sonnenscheine des Glckes
nicht einmal seinem Herzen folgen soll, so lohnt es sich ja nicht, zu leben!
    Froh ber die Freude, welche er der Braut zu bereiten jetzt gewi war, ging
er nach der Wohnung seines Oheims. Er meinte, so gut aufgelegt, wie er sich
jetzt eben fhlte, mit den Vorstellungen und Einwendungen, welche derselbe, als
Hildegard's geschworener Freund und Verehrer, ihm sicherlich nicht vorenthalten
werde, am leichtesten fertig werden zu knnen, und es war ihm sehr erwnscht,
als er auf seine Anfrage die Antwort erhielt, da der Graf zu Hause, und ihn zu
empfangen bereit sei.
    Der Graf stand mitten im Zimmer, als Renatus bei ihm eintrat. Er sah nicht
bel aus, aber er sttzte sich auf einen Stock, und wie es dem Neffen schon
auffiel, da er ihm nicht wie sonst entgegenkam, da er ihm nicht die Hand
reichte, fiel es ihm noch mehr auf, da der Graf eine sonderbare Art sich zu
bewegen angenommen hatte. Er trug sich immer noch sehr gut, inde seine Haltung
sah so absichtlich aus, und erst als er nach seinem Lehnsessel gegangen war,
sich fest niedergesetzt und seine Beine in eine bequeme Lage gebracht hatte,
sagte er: Nun, mein Lieber, Du kommst wohl, Dir meinen besonderen Glckwunsch zu
Deiner neuen Verlobung abzuholen? Seit wann bist Du denn zurckgekehrt?
    Es fuhr wie ein kalter Luftzug ber den jungen Freiherrn hin. Der Anblick
seines Oheims hatte ihn, er wute selbst kaum, wehalb, erschreckt; der
unverkennbare Spott in seinem Tone beleidigte ihn. Er hatte sich indessen darauf
gefat gemacht, hier auf Tadel und Mibilligung zu stoen, zu welchen, er
lugnete sich das keineswegs, seine Handlungsweise Jedem, der die Verhltnisse
nicht wie er selber kannte, auch ein volles Recht gab. Er berwand also seine
Miempfindung und sagte: Ich habe Ihnen, lieber Onkel, denke ich, nicht nthig,
eine lange Rechtfertigung meines Thuns zu machen! Sie sind ein Menschenkenner
und kennen mich und Hildegard - wir paten nicht zu einander! Mich dnkt also,
wie der Augenblick einer solchen Einsicht auch schmerzlich sein mag, man hat
sich immer glcklich zu preisen, wenn man sie gewinnt, ehe es zu spt ist, den
Folgen seines Irrthums vorzubeugen! Wir paten wirklich in keiner Weise fr
einander, selbst die Grfin Rhoden gibt uns dies jetzt zu!
    Er hatte sich einen Sessel genommen, ohne da der Graf, der solche Form der
Hflichkeit sonst nie verga, ihn dazu aufgefordert hatte. Nun, als Renatus
seine Behauptung wiederholte, sagte sein Oheim: Eure Unzusammengehrigkeit
streite ich Dir nicht ab, mein Lieber, wennschon ich Dir damit kein Compliment
zu machen glaube!
    Onkel! fuhr Renatus auf. Aber der Graf, der bis dahin mit voller, krftiger
Stimme gesprochen hatte, senkte diese pltzlich, und seine kalte Hand auf die
des jungen Freiherrn legend, sagte er: Gemach, mein Lieber, und mige Dich! Du
siehst, ich bin noch etwas angegriffen, Deine Brust ist strker, als die meine.
    Renatus schwieg, weil seine gute Erziehung ihn dem lteren Manne gegenber
Rcksicht nehmen hie; aber er prete die Hand unwillkrlich fest um den Griff
des Sbels zusammen, den er zwischen seinen Knieen hielt, und er nahm sich vor,
sein Herz vor dem kranken Bruder seiner Mutter im Nothfalle eben so fest
zusammenzufassen.
    Du sagst, hob der Graf nach kurzem Schweigen an, Ihr httet nicht fr
einander gepat, und ich streite Dir dies, ich wiederhole es, nicht ab. Aber,
mein Lieber, wer zwang Dich, oder vielmehr, was berechtigte Dich, vor sieben
Jahren, als Du noch sehr unfertig und vllig unselbstndig warst, das Schicksal
eines schon damals sehr reifen und im edelsten Sinne in seiner Bildung
abgeschlossenen Mdchens an Dich zu binden? Erinnere Dich, da ich Dich damals,
weil ich Deinen leicht beweglichen Arten'schen Sinn sehr wohl erkannte, vor dem
Umgange mit den Rhodens warnte!
    Renatus war keiner Antwort fhig. Zum zweiten Male gelang es seinem Oheim,
ihn durch die Dreistigkeit seiner Heuchelei und Unwahrheit frmlich zu
erschrecken. Er mute erst Herr ber sein Erstaunen werden, ehe er die Bemerkung
machen konnte, da er sich jener Warnung seines Onkels sehr wohl und sehr oft
erinnert, ja, da er sie als eine durchaus berechtigte anerkannt habe, denn er
sei damals in der That, wie der Graf es fr ihn besorgt habe, ohne selbst recht
zu wissen, wie, in die Verlobung mit dem lteren und fertigeren Mdchen
hineingezogen worden.
    Ohne zu wissen, wie? sprach der Graf ihm immer in demselben Tone spttelnden
Tadels nach. Mich dnkt, mein Lieber, dies zu behaupten, httest Du kein Recht!
Ein Mdchen von dem Seelenadel Hildegard's konnte es nicht glauben, da es nur
auf ein leeres, empfindsames Spiel von Dir gemnzt war! - Er machte eine jener
berechneten Pausen, welche Arglistige so wohl zu benutzen verstehen, und fuhr
dann fort: Hildegard hat mir geschrieben. Ich wute alles, was vorgegangen war,
noch ehe ich die seltsame Kunde erhielt, da Du Hildegard's Entfernung kaum
abgewartet hattest, um Dich mit ihrer leiblichen Schwester zu verloben.
Hildegard wird das nie verschmerzen, und wirklich, mein Lieber, es ist keine
Heldenthat, mit dem Lebensglcke eines reinen, edlen Mdchens sein Spiel zu
treiben!
    Er hatte sich in eine tugendhafte Entrstung hineingesprochen, in welcher er
sich offenbar sehr wohl gefiel, denn er zupfte sich den Hemdkragen und das Jabot
zurecht, fuhr sich mit der Hand aus alter Gewohnheit nach dem Haupte und durch
das Haar, obschon dieses zu einer solchen, seine Flle ordnenden Bewegung gar
keine Veranlassung mehr bot, und lehnte sich behaglich in den Sessel zurck.
    Seine letzte, wiederholte Behauptung war dem jungen Freiherrn aber doch zu
viel geworden, und sich erhebend, sagte er, die schne Oberlippe unter dem
blonden Schnurrbarte in die Hhe werfend: Diese Bemerkung aus Ihrem Munde
berrascht mich sehr!
    Was soll das heien? fragte der Graf kurz und bestimmt.
    
    Es soll Sie nur an Seba Flies erinnern, entgegnete der Freiherr in derselben
Weise, fr deren einstige Seelenreinheit, fr deren Seelenadel mir die
Freundschaft, welche meine Mutter fr sie hegte, ohne alle Frage eine Brgschaft
sein darf!
    Der Graf lachte hell auf. Wie man, einmal von dem rechten Wege entfernt,
sich gleich ganz und gar verliert! rief er aus. Das ist in der That naiv! ein
Cavalier und ein Judenmdchen! Wer fragt danach? - Aber das Verhalten eines
Edelmannes gegenber einer Dame seines Standes, das ist etwas Anderes! Das
Judenmdchen konnte, ohne die Ueberspanntheit, mit der es sich mir vllig in die
Arme warf, es gar nicht fr mglich halten, da es die Meine werden knne; und
htte Seba es gewollt, sie htte auch nach dem Abenteuer mit mir, von dem damals
Niemand etwas wute, unter ihres Gleichen noch Mnner genug zur Auswahl haben
knnen, denn sie war schn und reich! Aber eine Hildegard, eine Grfin Rhoden
war berechtigt, auf das Wort eines Edelmannes zu vertrauen! Alle Welt wute von
Eurer heimlichen Verlobung, sieben Jahre ihres Lebens sind Dir geweiht gewesen -
es ist unerhrt! Verla Dich aber darauf, man wird dies bel, sehr bel
vermerken! Der Knig ist gegen solche Handlungsweise uerst streng! Von dem
Darlehen auf Deine Gter ist unter diesen Umstnden natrlich keine Rede mehr!
Es war dabei sehr wesentlich auf die Gunst gerechnet, deren Hildegard geniet,
und ....
    Der Freiherr konnte es bei aller Selbstbeherrschung lnger nicht ertragen.
Ich denke weder Sie noch Hildegard in meinen Angelegenheiten zu bemhen, sagte
er. Ich bedarf des kniglichen Darlehens nicht!
    Wie das? fragte der Graf.
    Ich verkaufe Rothenfeld und Neudorf, ich verpachte Richten, denn ich werde
im Dienste bleiben, schon um meiner Familie willen!
    So? sagte der Graf mit einer leisen Kopfbewegung, whrend Renatus sich nach
seinem Czako umsah.
    Er war erbitterter, als er sich je gefhlt hatte. Sich von einem Wstlinge,
wie der Graf es gewesen war, so lange seine Kraft fr die Befriedigung seiner
Gelste ausgereicht hatte, sich von einem Verrther des Vaterlandes, von einem
Ehrlosen zu Sitte, Pflicht und Ehre ermahnen zu lassen, emprte den Freiherrn.
Er htte ihm mit Einem Worte seine ganze Verachtung aussprechen, ihm sagen
mgen, wie er des Grafen Heuchelei verabscheue; aber ber dieses vollberechtigte
Empfinden des Freiherrn trug Eine Erwgung den Sieg davon und nthigte ihn, nach
seiner Meinung, zum Schweigen.
    Er hatte aus seiner innersten Natur heraus, aus jenem warmen und
menschlichen Gefhle, dessen er fhig war, wo seine Standesvorurtheile ihm nicht
den Sinn und das Herz verengten, den Grafen an seine Schandthat gegen Seba
gemahnt; inde er selber erkannte, bei seiner Anschauungsweise, sobald sein
Oheim ihn daran erinnerte, da zwischen Seba und der Tochter eines alten,
grflichen Hauses allerdings eine wesentliche Verschiedenheit obwalte. In der
Gesellschaft, welcher die beiden Mnner angehrten, wog des Grafen ehrloser
Verrath an Seba sicherlich nicht so schwer, als der fr Renatus zu einer inneren
Nothwendigkeit gewordene Treubruch gegen eine Grfin Rhoden, und die Mnner
sowohl als die Frauen seines Standes waren der Mehrzahl nach ohne Frage eher
geneigt, den Grafen, als seinen Neffen freizusprechen. Er hatte also das
verdrieliche Bewutsein, einen Schlag gegen seinen Gegner ausgefhrt zu haben,
den Jener so geschickt von sich abgewendet hatte, da er sich aus dem
Angegriffenen in einen Angreifenden verwandeln knnen, und Renatus kannte seinen
Oheim darauf, da dieser ihm nicht vergessen, nicht verzeihen werde, was eben
jetzt zwischen ihnen vorgegangen war. Er wute, da er von jetzt ab den Grafen
als seinen Feind betrachten msse, und er fhlte auch den nie ganz besiegten
Widerwillen gegen denselben in sich so gro geworden, da er, gereizt, wie er es
war, jetzt ein fr alle Mal seine Stellung gegen den Oheim zu nehmen beschlo.
    Er stand aufrecht vor dem Grafen, der seine bequeme Lage nicht verlie, und
sagte, whrend er seine Handschuhe anzog, in einer Weise, welche sein Oheim noch
nie zuvor von ihm vernommen hatte: Wir haben, wie ich sehe, wenig Aussicht, uns
zu verstndigen, und ich wute das im voraus, da ich Ihre Vorliebe fr Cciliens
Schwester kannte. Ich kam auch nicht, mich wegen meiner Handlungsweise zu
rechtfertigen, sondern weil es mir lieb gewesen wre, sie Ihnen, dem Bruder
meiner Mutter, einsichtlich zu machen, und weil ich Sie um die Rckgabe der
Akten ersuchen wollte, die in Ihren Hnden zurckgeblieben sind.
    Da ich von dem Tage Deiner Ankunft nicht unterrichtet war, habe ich sie
gestern, wohl versiegelt, Deinem Chef zur Uebergabe an Dich zustellen lassen,
denn ich verreise morgen, antwortete der Graf mit gleicher Klte.
    Renatus dankte, ohne sich nach dem Reiseziele seines Oheims zu erkundigen,
und wollte sich entfernen; aber der Graf sagte von selbst, da er eine Badekur
beabsichtige.
    Renatus fragte also pflichtschuldigst, wohin er zu gehen beabsichtige.
    Man hat mir zu einem Stahlbade gerathen, und ich habe mich fr Pyrmont
entschieden. Ich bleibe etwa sechs Wochen dort. Wirst Du bei meiner Rckkehr
hier sein?
    Ohne alle Frage!
    Du denkst also nicht, Dich versetzen zu lassen?
    Wie kme ich dazu? fragte der Freiherr, sichtlich von der Frage berrascht.
    Ich meinte, da Deine Vermgensverhltnisse und auch die Rcksicht auf die
arme Hildegard es Dir vielleicht wnschenswerth erscheinen lieen, nicht in der
Residenz, nicht eben hier zu leben.
    Durchaus nicht! entgegnete der Neffe sehr bestimmt. Ich denke vielmehr, mich
mit meiner ganzen Familie hier niederzulassen, und bin schon heute darauf
ausgegangen, eine Wohnung zu suchen, in der ich uns und meine Stiefmutter und
meinen Bruder bequem einrichten kann!
    So, so! wiederholte der Graf in dem frheren Tone, und eine Prise nehmend,
setzte er hinzu: Auf Wiedersehen also, auf Wiedersehen, mein Lieber!
    Renatus gab ihm dieses Lebewohl zurck, und sie trennten sich, ohne sich die
Hand zu geben, wie zwei Fremde, wie zwei Feinde.

                                Zwlftes Capitel


Welch eine Welt ist das! rief Renatus innerlich aus, als er sich wieder auf der
Strae befand. Aber es gilt, sich durchzuschlagen! fgte er hinzu - und sich
durchzuschlagen, war er glcklicher Weise ja gewohnt.
    Sein Lebensmuth war entschieden im Wachsen. Er war in sich beruhigt ber die
Haltung, welche er gegen seinen Onkel behauptet hatte, und wenn er es sich recht
berlegte, war es fr ihn kein Unglck, vielmehr ein Gewinn, da es zu einem
entschiedenen Bruche zwischen ihm und dem Grafen gekommen war.
    Der Graf liebte es, sich als einen Beschtzer darzustellen; er hatte in den
Zeiten der Franzosenherrschaft sich an ein zweideutiges Vermittleramt gewhnt,
er war mig, sah viele Leute, beobachtete, wie alle diejenigen, die kein gutes
Gewissen und in ihren eigenen Lebensverhltnissen mancherlei zu verbergen haben,
uerst scharf; was konnte also fr des jungen Freiherrn Familie aus einem
Zusammenhange mit diesem Manne Heilsames erwachsen?
    Den Schutz und Einflu des Grafen irgendwie in Anspruch nehmen zu wollen,
war sein Neffe weit entfernt; er sah auch nicht ab, da er jetzt noch in die
Lage kommen knne, desselben zu bedrfen. Seine Vermgensverhltnisse ordnete er
in der durchgreifendsten Weise selbst, mit dem Kommandeur seines Regimentes
hatte er immer auf das beste gestanden, und er hatte gleich bei dem ersten
Besuche von demselben erfahren, da wirklich eine groe Anzahl von
Dienstentlassungen und von Abschiedsgesuchen im Werke, also fr das Heraufrcken
der jngeren Offiziere die gnstigsten Aussichten vorhanden seien. Wozu konnte
ihm der Oheim denn auch ntzen? Ihn, der Ccilie nicht freundlich, der Vittoria
feindlich gesinnt war, der von der inneren Familiengeschichte des Arten'schen
Hauses weit mehr als gut war wute, nicht in seiner Familie aufnehmen zu drfen,
dnkte den Freiherrn ein wesentlicher Vortheil zu sein. Wendete Hildegard sich
von der Schwester ab, schlo die Mutter sich mehr an die ihr bleibende, als an
die verheirathete Tochter an, so waren das Dinge, die eben nicht zu ndern
waren, und auf einen recht vertrglichen Verkehr zwischen Vittoria und jenen
beiden Frauen hatte Renatus sich ohnehin nicht Rechnung machen drfen. Es war
also am besten, wie es sich eben gefgt hatte, und er konnte, nachdem der Einzug
seines Regimentes vorber war, gleich an seine wichtigsten Geschfte, an die
Vorkehrungen fr seine Verheirathung gehen.
    Man hatte die Hochzeit, um nicht in zu spter Jahreszeit reisen zu mssen,
auf die ersten Tage des Oktober verlegt; Renatus hatte also fr seine
Besorgungen keinen weiten Spielraum vor sich. Er war froh, als er in einer ihm
passenden Gegend eine Wohnung gefunden hatte, welche ihm die nthigen
Bequemlichkeiten fr alle Betheiligten neben jenen greren Rumen darbot, deren
man fr eine schickliche Geselligkeit bedurfte. Nur fr Valerio wollte sich,
wenn man ihm, wie seine Mutter es gewnscht hatte, einen Erzieher annahm, kein
rechtes Unterkommen in dem Hause finden, und wie jeder, der an neue Verhltnisse
herangeht, nach dem alten Sprchworte oft gezwungen ist, aus der Noth eine
Tugend zu machen, lie Renatus sich von dem ihm nahe befreundeten Adjutanten
seines Regiments-Chefs, mit dem er gelegentlich von seinen Planen, von seiner
Einrichtung und von seinen kleinen Verlegenheiten sprach, dahin berreden, da
es fr den durch mtterliche Schwche in jedem Betrachte verwhnten Knaben
fraglos das Angemessenste sein wrde, ihn von Hause zu entfernen, und da
Renatus also mit seiner ursprnglichen Idee, ihn einer ffentlichen
Erziehungs-Anstalt zu bergeben, das Richtige fr ihn getroffen habe. Die
Kadettenhuser waren nach den Kriegen in ihren Einrichtungen wesentlich
verbessert worden; Valerio zu einem Studium zu berreden, welches ihn fr den
brgerlichen Staatsdienst geschickt machen konnte, hielt Renatus bei der Art des
Knaben nicht fr angebracht, und da es in einer neuen, jungen Ehe in keinem
Falle bequem war, einen solchen frhreifen Burschen zum tglichen Gesellschafter
zu haben, machte Renatus seine Stiefmutter und den Knaben mit seiner Absicht
bekannt, ihn in eine der militrischen Erziehungs-Anstalten zu bringen, um ihn
sein Heil einmal im Heere, dieser Zufluchtssttte adeliger Mittellosigkeit und
jngerer Brder, versuchen zu lassen.
    Mitten in diesen Vorkehrungen kamen denn allmhlich auch die groen Wagen
voll Hausrath und voll Mbeln an, welche Renatus, um der neuen Wirthschaft und
dem neuen Hause das alte, wrdige Geprge zu geben, von dem Schlosse nach der
Stadt kommen lie. Renatus wollte die groen Spiegel, sofern sie sich in die
kleineren Zimmer des stdtischen Hauses einfgen lieen, er wollte die schnen
Mbel und Gerthschaften, die guten, alten niederlndischen Landschaften, die
italienischen Statuetten und vor Allem die Bilder seiner Eltern und Groeltern
nicht entbehren; er wollte die alten werthen Erinnerungen mit sich in die neue
Lebenslage hinbernehmen. Er hing an diesen Gegenstnden, er hatte zudem auch in
dem Palaste der Herzogin erfahren, wie wohlthuend das Althergebrachte in der
Ausstattung eines Hauses wirke, und mochte der neu erworbene Reichthum der
emporgekommenen brgerlichen Gesellschaft ihr auch jede Art von Luxus zugnglich
machen, gegen die Wrdigkeit einer solchen berkommenen Einrichtung erschien
alles kalt, was der Tapezierer und die Magazine an Neuigkeiten liefern konnten.
    Mit wachsendem Behagen sah er aus den leeren Rumen, die er gemiethet hatte,
allmhlich die schne Wohnung entstehen, in welcher es ihm mit der Geliebten
wohl werden sollte, und es fgte sich eigen, da er eben an dem Tage, an welchem
er die letzten Schrnke in die Zimmer seiner zuknftigen Frau stellen lie,
einen Brief Cciliens erhielt, in welchem sie ihm erzhlte, da sie gestern, wo
man zu einer greren Gesellschaft in die Nachbarschaft gefahren sei, zum ersten
Male den Schmuck habe anlegen wollen, den er ihr gesendet. Er sei jedoch fr
alle ihre Kleidungsstcke viel zu prchtig gewesen, und sie habe sich also das
Vergngen vorlufig versagen mssen.
    Daran hatte der Brutigam allerdings nicht gedacht; inde nun er darauf,
wenn auch sicher absichtslos, hingewiesen wurde, mute dem Mangel nothwendig
abgeholfen werden. Renatus hatte sich es ohnedies von der Grfin erbeten, fr
Ccilie die ganze Ausstattung besorgen zu drfen, damit der lteren Schwester
nichts von dem, was ihr bestimmt gewesen sei, entzogen werde. Die
verhltnimige Drftigkeit Cciliens rhrte den Liebenden dehalb nur noch
mehr, und da die leeren Schiebladen und Schrnke nach einem Inhalte frmlich zu
verlangen schienen, machte er sich ein Fest daraus, sie in einer Weise
anzufllen, welche der Geliebten nichts zu wnschen brig lassen und der jungen
Frau von Arten die Mglichkeit gewhren sollte, ihrem Stande gem in den
Kreisen aufzutreten, in denen zu leben sie fortan bestimmt war.
    Whrend er Kleiderstoffe und Spitzen, Shawls und Mntel, Federn und Blumen,
Fcher und Handschuhe auswhlte und mit fast weiblicher Sorgfalt in die Schrnke
rumte, sah er mit vorgenieender Freude die Geliebte schon damit bekleidet; und
weil er eben daran dachte, beschlo er, noch an diesem Tage sich um den
Familienschmuck, den der Freiherr nach Vittoria's Angabe bei dem Ausbruche der
Freiheitskriege in der kniglichen Hauptbank niedergelegt haben sollte,
erkundigen zu gehen. Den Niederlegungsschein hatten die Frauen in Richten nicht
auffinden knnen; es mute aber in der Bank wohl zu ermitteln sein, wann der
Schmuck bergeben worden war, und Renatus machte sich also dorthin auf den Weg.
    Die Bankbeamten nahmen die Anfrage des Offiziers, des Mannes mit altem
Namen, sehr zuvorkommend auf; man fand auch den Niederlegungstag, wie es sich
gebhrte, genau verzeichnet, aber der Rcklieferungsschein lag daneben, und er
ergab, da auf des Freiherrn eigene handschriftliche Anordnung der Schmuck nach
Jahresfrist dem Hofjuwelier des Knigs Behufs einer Umfassung ausgehndigt
worden war. Das war kurz vor dem Tode des Freiherrn gewesen, und sorglos, wie
Vittoria in allen solchen Dingen sich erwies, schien es nicht unmglich, wenn
schon es auffallend gewesen wre, da die Diamanten sich noch in dem Gewahrsam
des Juweliers befinden konnten. Inde diese Erwartung zeigte sich als
trgerisch. Der Juwelier hatte die Brillanten im Auftrage des Freiherrn
verkauft; die Berechnung darber war vorhanden, eben so die Quittung des
Bankhauses, an welches man den Erls nach des Freiherrn Bestimmung ausgezahlt
hatte. Der reiche Arten'sche Familienschmuck, dieses Erbe, an welchem man von
Geschlecht zu Geschlecht gesammelt hatte, war dahin, und Renatus durfte sich
nicht einmal mit dem Gedanken trsten, da es, wie so mancher andere Schmuck,
fr die Befreiung seines Vaterlandes hingegeben worden war.
    Es war ihm lieb, da sein Dienst ihn an diesem Tage ganz in Anspruch nahm;
er mochte an den Schmuck nicht denken, und es blieb ja auch nichts brig, als
sich die Angelegenheit aus dem Sinne zu schlagen. Er freute sich nur, da er fr
Ccilie die Saphire schon gekauft hatte, er wrde sonst vielleicht des Muthes
dazu ermangelt haben, und ganz ohne Schmuck durfte seine junge Frau in der
Gesellschaft auch nicht auftreten, wenngleich in diesen Zeiten sich gar Viele
solcher Zier aus Vaterlandsliebe entuert hatten.
    Mit jedem Tage, den Renatus vorwrts ging, befestigte sich jetzt seine
Zuversicht, da Alles sich nothwendig zum Besten wenden werde, und in der That
nahten auch die Verhandlungen ber den Verkauf der Gter sich einem gnstigen
Abschlusse.
    Es war noch in der ersten Hlfte des September gewesen, als Paul von der
einen Seite und Steinert von der anderen nach der Provinzial-Hauptstadt kommend,
in dem einstigen Flies'schen Hause eingetroffen waren, das der Baurath Herbert
an sich gebracht hatte, als Herr Flies nach der Residenz gezogen war. Von Hause
aus vermgend und durch Eva's vterliches Erbe untersttzt, wie durch ihre
Sparsamkeit und Tchtigkeit gefrdert, war Herbert von den Zeitereignissen
verhltnimig weniger als die beiden anderen Mnner in seinen Umstnden
bedroht und beeintrchtigt worden. Auch die Feldzge hatte er nicht mitgemacht.
Ein unglcklicher Fall, den er bei Besichtigung eines Baues einst gethan, hatte
ihm einen Armbruch und in dessen Folge eine Schwche des rechten Armes
zugezogen, die ihn zwar in seiner Thtigkeit nicht behinderte, es ihm aber doch
unmglich gemacht haben wrde, die Waffen zu tragen. Er und seine Eva hatten
sich also seit ihrer Verheirathung nicht viel getrennt, und wenn die
fnfzigjhrige Frau den Titel und das Ansehen ihres Mannes auch sehr wohl zu
tragen wute, so war ihr von der frischen Frhlichkeit des Landmdchens doch
noch genug geblieben, um es Jedem wohl und behaglich werden zu lassen, der unter
ihrem Dache weilte.
    Jetzt besonders, wo ihr Aeltester, der, wie ihres Bruders Sohn, kaum dem
Knabenalter entwachsen, in das Feld gezogen, nun endlich wieder in die Heimath
zurckgekehrt war und wo sie Adam und Tremann zu Gsten hatte, war sie recht in
ihrem Elemente. Die schnen Augen blickten hell aus den weien Spitzen ihrer
neuen Haube hervor, die breiten rosa Bindebnder umgaben das rundeste Kinn; und
die Grbchen in den freilich etwas zu stark gewordenen Wangen blieben den ganzen
Tag sichtbar, weil die glckliche Hausfrau aus dem still zufriedenen Lcheln
nicht herauskam. Jeder sollte es ganz nach seinen Bedrfnissen und Wnschen bei
ihr haben. Der Bruder mute seine Leibgerichte auf dem Tische finden, der Sohn
sollte es merken, da es, wie schn es in Frankreich, in Berlin und in all den
groen Stdten und schnen Gegenden auch gewesen sein mochte, doch im Vaterhause
stets am besten sei; und daneben wollte Eva es dem Herrn Tremann auch beweisen,
da man in der Provinz ebenfalls zu leben wisse.
    Die beiden Tchter, von denen die ltere auf Eva's ausdrckliches Verlangen
den Namen Angelika erhalten hatte und von der man in der Familie immer
behauptete, sie sehe der verstorbenen Baronin hnlich, weil Eva vor der Geburt
dieses Kindes immer und immer daran gedacht hatte, da dieses zweite Kind, wenn
es ein Mdchen sei, den Namen der Baronin fhren solle, welche einst Eva's und
Herbert's Hnde in einander gelegt hatte - die beiden Tchter gingen in stiller
Geschftigkeit die Treppe hinauf und hinab. Sie trugen das Sonntagsgerthe, das
feine Krystall und die eingekochten Frchte auf die Tafel, die oben im Saale
schon gedeckt war; und unten in der Kche glnzte der Rehrcken, welchen
Steinert von Marienfelde mitgebracht hatte, schon in brunlicher Farbe an dem
sich rastlos drehenden Spiee, als in dem Arbeitszimmer des Bauraths die drei
Freunde noch berathend bei einander saen.
    Die Gutskarten, die Akten waren freilich schon bei Seite gelegt, die
Bedingungen des Kaufkontraktes, die Termine der Uebernahme und der Zahlungen
nach des Freiherrn Vorschlgen verabredet worden; auch die verschiedenen
Abkommen unter den drei Mnnern, welche die Gter gemeinsam kaufen wollten,
waren zum Abschlu gelangt. Die Steinbrche jenseit Rothenfeld, der Torfstich
zwischen Rothenfeld und Neudorf sollten ebenso wie die Bewirthschaftung der
Gter und die Errichtung der Fabrik auf gemeinsame Kosten unternommen und
betrieben werden. Herbert selbst wollte die Leitung der Steinbrche und die
Bearbeitung und Verwerthung des Materials auf sich nehmen. Steinert's knftiger
Schwiegersohn, der in einer torfreichen Gegend heimisch und des Torfstiches
kundig war, sollte unter Herbert's Beistand zunchst die fr solches Beginnen
nthigen Kanalarbeiten machen lassen, durch welche man dem ohnehin zu feuchten
Boden von Rothenfeld eine zweckmige Ableitung zu verschaffen hoffte; und
sobald als thunlich sollten dann vornehmlich Oelpflanzen auf den Gtern angebaut
werden, da es eben auf die Grndung einer Oelfabrik in groem Mastabe abgesehen
war, zu deren Vorstand man Steinert's Sohn bestimmte. Tremann lieferte den bei
Weitem grten Theil der Kapitalien fr dieses Unternehmen und behielt sich, des
kaufmnnischen Betriebes in allen Fchern Meister, die Oberleitung ber dasselbe
aus der Ferne vor, whrend seine Bankgeschfte in der Hauptstadt ihren
ungestrten Fortgang hatten und ihn nach allen Seiten hin in den
weitverzweigtesten Verbindungen erhielten.
    Endlich war man so weit gediehen, da Herbert die smmtlichen Papiere
zusammenlegen konnte; die Geschfte waren abgethan. Steinert fllte sich die
kurze Pfeife, an die er sich, wie mancher Andre, im Felde gewhnt hatte, Paul
brannte sich eine der Cigarren an, die er von Jugend auf in Amerika hatte
rauchen lernen und deren Gebrauch sich jetzt mehr und mehr auch in Europa zu
verbreiten anfing. Nur Herbert rauchte nicht. Er hatte eine Flasche Wein
geffnet, schenkte davon in die bereit stehenden Glser und sagte: Auf gutes
Gelingen und da es uns und den Unserigen wohl werde auf dem neuen Besitzthume!
    Uns? wiederholte Tremann. Denken Sie denn Sich selbst nach einem der Gter
berzusiedeln?
    Herbert lchelte. Ich denke zwar nicht daran, sagte er; aber Sie wissen, es
heit im Sprichwort: was die Frau will, das will Gott! Und ich werde, wie es mir
scheint, allmhlich aus der Stadt und auf das Land gefhrt werden. Meine Eva ist
die Sehnsucht nach Feld und Flur nie recht los geworden. Obschon wir den groen
Garten am Hause beibehalten und ich ihr hier auf dem Hofe die schnsten
Hhnerstlle und einen Taubenschlag gebaut, ihr auch alle Sorten von Gethier
hineingesetzt habe, fehlt ihr doch, wie sie behauptet, die freie Natur. Seit nun
von dem Ankaufe von Rothenfeld die Rede war, lt's ihr vollends keine Ruhe
mehr, und ich denke, wenn mein Sohn gut einschlgt, wenn er seine Studien
beendet hat und sich Vertrauen erwirbt, so mag er hier knftig den Baumeister an
meiner Stelle machen. Er soll meine Arbeiten fortfhren, meine Kundschaft erben,
und er mag uns denn als Altentheil das Rothenfelder Amtshaus ausbauen, wohin
meiner Eva Gedanken jetzt doch unablssig wandern werden.
    Steinert nickte dem Plane Beifall zu. Da dies wahr werde, Schwager! sagte
er und stie auf's Neue mit ihm an, whrend er sich mit der Hand den Rauch von
Tremann's Cigarre gegen das Gesicht wehte, um ihren Geruch zu prfen. Woher
beziehst Du das Kraut? fragte er.
    Direkt von der Havannah, antwortete Paul. Willst Du davon haben, so stehen
Dir tausend Stck zu Diensten.
    Steinert meinte, er wolle ihn nicht berauben. Der Andere versicherte, da er
in jedem Monate frische Zufuhr haben knne, da er Freunde in der Havannah habe,
die ihn wohl versorgten und mit denen er in fortdauernder Verbindung stehe. Er
schreibe ihnen ohnehin in wenigen Tagen, und wenn Steinert's Sohn, wie es ja im
Werke sei, seinen Rckweg ber die westindischen Inseln einschlage, so knne der
am fglichsten eine gute Ladung fr die ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft
zu besorgen bernehmen.
    Der Junge wird sich wundern, sagte Steinert, und es glitt ein
selbstzufriedenes Lcheln ber sein braunes Gesicht, wenn er erfhrt, da wir
die Gter kaufen! Und, da ich es Euch ehrlich eingestehe, oft ist es mir selbst
eine Art von Wunder, wie die Welt sich um uns her gewandelt hat. Ich habe noch
den Grovater des jetzigen Freiherrn gekannt. Der sa noch im Vollen und wie ein
Frst in seinem Schlosse. Wenn der jetzt aufstehen mte! oder wenn mein Vater
aufstehen knnte!
    Ja, nahm Herbert, als jener mit einem nachdenklichen Kopfschtteln seine
Rede pltzlich abbrach, ja, nahm Herbert das Wort, das Hofhalten verstanden sie
vortrefflich. Noch als ich nach Richten kam, hatte Alles dort einen schnen und
wrdigen Anstrich. Man betrachtete es gern, und doch hatte man schon damals das
Gefhl, da die Axt geschliffen sei, den Baum zu fllen. Was man sah, waren
schne Dekorationen, vor denen und hinter denen zwei ganz verschiedene Stcke
spielten, und eben darin lag etwas, was die Phantasie beschftigte und verwirrte
und dem man sich nur schwer entzog. Es war gut fr mich, da der Kirchenbau mich
zu Euch nach Rothenfeld hinberbrachte und in gesunde Luft. Mehr Liebe als an
diesen Kirchenbau habe ich sicherlich an keine meiner Aufgaben je gewendet.
    Die Erinnerung an seinen Jugendtraum stieg wie ein leuchtendes Gewlk vor
seinem inneren Auge auf; inde es zog schnell vorber, und eben Herbert war es,
der gleich darauf die Frage aufwarf, was man denn jetzt mit der Kirche beginnen
werde.
    Steinert meinte, das sei selbstverstndlich. Die protestantische Kirche in
Neudorf sei immer ein jmmerlicher Bau gewesen, aus Feldsteinen roh und elend
zusammengefgt, der hlzerne Thurm seit lange dem Einsturze nahe. Innen htten
die Russen die Kirche arg verwstet; sie sei danach, wie die Umstnde der
Gutsverwaltung es mit sich brachten, kaum auf das Nothdrftigste hergestellt
worden. Nichts an der ganzen Kirche und an dem Pfarrhause sei niet- und
nagelfest. Man msse also die protestantische Pfarre, was auch ohnehin bei der
Lage der Drfer immer das Zweckmigere gewesen sein wrde, von Neudorf nach
Rothenfeld zu verlegen suchen. Die nthigen Schritte bei der Regierung msse
Herbert, und wenn es etwa bis vor das Kultus-Ministerium und den Knig kme,
Tremann zu thun bernehmen. Die Gemeinde wrde sie sicherlich untersttzen, denn
ihr, die sich eng und rmlich habe helfen mssen, sei die prchtige und leere
katholische Kirche stets ein Dorn im Auge gewesen, und es sei, da in der ganzen
Gegend jetzt keine zehn Katholiken mehr zu finden wren, auch nicht die
geringste Nothwendigkeit zur Erhaltung eines besonderen Gotteshauses fr
dieselben mehr vorhanden. Nur wegen der Arten'schen Familiengruft habe es noch
Schwierigkeiten.
    In wie fern? fragte Paul, der diesen Errterungen bis dahin schweigend
gefolgt war.
    Der Freiherr verlangt als eine der Verkaufsbedingungen, da der Zugang zu
der Gruft von der Seite der Kirche vermauert werde, und er will, da ihm und
seinen Nachkommen fr ewige Zeiten der Besitz dieser Gruft mit dem sie
umgebenden, von dem eisernen Gitter eingehegten Garten, den die Gutsherrschaft
als Onus unterhalten soll, zugesichert werde.
    Paul schlug ungeduldig mit der flachen Hand auf den Tisch. Sie sind
unverbesserlich, aber ganz und gar unverbesserlich! rief er aus. Sie haben die
Geschichte der letzten dreiig Jahre vor sich und sie knnen sich das verdammte
Wort ewig nicht abgewhnen; als ob sie nicht gerade daran zu Grunde gingen,
da sie sich in den nothwendigen Wechsel der Zeiten und der Dinge nicht fgen
wollen! Dieser junge Arten sieht es jetzt mit eigenen Augen, was es mit den
Dingen ist, die man fr ewig gegrndet zu haben glaubt. Sein Vater baute, einer
Stimmung zu gengen, eine Kirche, die fr ewige Zeiten dem katholischen Kultus
und den religisen Bedrfnissen seines Geschlechtes gewidmet sein sollte. Noch
kein Menschenalter ist seitdem verflossen, und die Kirche wird unser, und wir
berathen heute hier in kalter, verstndiger Ueberlegung, was wir mit dem
Prachtbaue machen sollen, in welchem die Aufregung eines Tages sich ein ewiges
Denkmal zu setzen meinte. Noch wei es jedes Kind im Dorfe, da es die Herren
von Arten gewesen sind, welche die Kirche auferbauten, denn bis heute ist ein
Arten Besitzer derselben gewesen. Wer aber wird nach zwanzig, nach dreiig
Jahren daran denken, davon wissen? Ludwig der Sechszehnte und Marie Antoinette
sind guillotinirt, die Welt ist umgestaltet, ein Advokatensohn Kaiser und
Beherrscher der Herrschenden, seine Brder sind Knige geworden, und Alle sind
sie niedergeworfen worden, als ihre Zeit vorber gewesen ist - und dieser junge
Edelmann will ein ewiges Erbbegrbni fr die Gebeine seiner Vter, fr die
Freiherren von Arten errichtet haben. Es ist abgeschmackt! - Er stand rgerlich
auf.
    Du meinst also, da man diese Bedingung nicht eingehen soll? fragte
Steinert.
    Warum nicht? Wenn der junge Arten die Unterhaltung der Gruft und des Gartens
bernehmen will! Richten liegt dazu nahe genug, und die paar Ruthen Land knnen
wir entbehren.
    Es ist brigens keine schwere Last, wendete Herbert ein, dem begreiflicher
Weise an der Erhaltung alles dessen gelegen war, was zur Zierde der Kirche
gereichte und mit ihrem Baue organisch zusammenhing; es ist keine schwere Last,
welche wir oder die Gemeinde mit der Erhaltung dieses Blumengrtchens auf uns
nehmen wrden.
    Wir haben aber kein Recht, durchaus kein Recht, denen, die nach uns kommen
werden, eine Pflicht, wie leicht sie uns auch bednken mag, aufzuerlegen, da sie
ihnen doch weniger leicht erscheinen knnte. Soll der Garten gepflegt werden, so
mag's geschehen, so lange wir die Herren der Gter sind, und ich fr meine
Person habe keinen Grund, mich dem zu widersetzen. Aber was knnen unsere
Kinder, oder was werden diejenigen, die vielleicht nach diesen die Gter
erwerben, mit den Ewigkeitsgelsten des Barons Renatus zu schaffen haben? Wir
haben kein Recht, willkrlich bernommene Geflligkeiten als Verpflichtungen auf
Dritte zu vererben. Mag der Freiherr ...
    Du denkst als Kaufmann schon an den Verkauf der Gter, ehe wir sie noch
erworben haben, fiel Steinert ihm in das Wort, der wie ein rechter Landmann fest
an seiner Scholle hing; da freilich kann von Dauer oder gar von Ewigkeit auch
nicht die Rede sein, da ist nichts ewig!
    Paul lachte. Adam der Siebenundsiebzigste! rief er, schnell wieder heiter
geworden, den Freund an eine frhere Neckerei erinnernd. Aber beruhige Dich,
mein alter Freund, es gibt ein Ewiges, es gibt unumstliche, ewige Wahrheiten;
nur da gerade diejenigen, die fr ihre Namen und fr ihre Geschlechter und
Gebeine so gern auf die Ewigkeit vertrauen, von diesen ewigen, unumstlichen
Gesetzen und Wahrheiten meist nicht gern sprechen hren und eben daran
untergehen.
    Was meinst Du damit? fragte Steinert, der trotz seines gesunden Verstandes
immer nur langsam dachte und langsam fate.
    Es ist sicherlich eine ewige Wahrheit, da zweimal zwei vier macht und da
ich drei von zwei nicht abziehen kann! gab Paul ihm mit der frheren
Lebhaftigkeit zur Antwort. Ich habe diese unumstliche und ewige Wahrheit schon
hier in diesem Zimmer einsehen lernen, als es noch dem alten Flies zum Laden
diente und die Neger und die Palmen und die Elephanten auf seinen Uhren und
Tafelaufstzen mir eine kindische Sehnsucht nach den fernen Gegenden und
Welttheilen einflten, in denen ich die Neger und die Palmen und die Elephanten
heimisch wute. Aber was haben diese alten adeligen Geschlechter, die gleich den
Herren von Arten arbeitslos den Tag am Tage leben und dafr die Mglichkeit
einer ewigen Dauer erwarten, von jener ewig unumstlichen Grundwahrheit
begriffen? - Nichts!
    Sie sind sehr streng, liebster Tremann! bemerkte Herbert, der um der Baronin
Angelika willen eine gewisse Vorliebe fr ihren Sohn bewahrt hatte, welche
Steinert aus anderen Empfindungen und Erinnerungen gleichfalls mit ihm theilte.
    Soll ich nachsichtig gegen das Unvernnftige sein? entgegnete Paul.
    Du siehst nun aber doch, da der junge Freiherr unserm vernnftigen Rathe zu
folgen beginnt! gab Steinert ihm zu bedenken.
    Weil das Wasser ihm bis an die Kehle steigt! sagte Paul. Er darf nicht
stehen bleiben, er mu sich bewegen, er mu schwimmen oder untergehen. Wohl ihm,
wenn er sich oben zu erhalten wei!
    Es entstand eine Unterbrechung in dem Gesprche. Nach einer kleinen Weile
meinte Steinert: Ein guter Wirth ist der junge Arten freilich auch noch nicht!
    Sieh, fuhr Paul auf, das ist's, was mich so emprt! Es ist so einfltig,
zwei Thaler fr dasjenige auszugeben, was man fr einen erlangen kann; es ist
sinnlos, sich der Mittel fr ein knftiges freies Wollen zu berauben. Es ist so
dumm, so unverantwortlich dumm, ein Verschwender zu sein. Jeder Schulbube hat
einem solchen gegenber, mag er sein, was er immer wolle, das unbestreitbare
Recht, ihm sein Drei von zwei kann ich nicht abziehen in das Gesicht zu
schleudern. Leichtsinnige Verschwendung ist nicht einmal ein Laster. Sie ist nur
eine Dummheit, die aber den Charakter mit Nothwendigkeit verdirbt und die den
Menschen, wenn er nicht von ihr ablt, frher oder spter ehrlos machen mu.
Sie ist mir verchtlich!
    Es widersprach ihm Niemand von den Andern. Sie waren beide auch Mnner,
welche die Arbeit kannten und an ihr den Erwerb hatten schtzen lernen, Mnner,
welche es wuten, was die innere Freiheit, die brgerliche Unabhngigkeit werth
sei; die ihren Stolz darein setzten, sie, wenn es sein mute, auch mit schweren
Entbehrungen zu erkaufen, und sie hatten sammt und sonders Freude an der Arbeit
selbst, wie an ihrem Berufe. Steinert vor Allen war von dem seinigen so
eingenommen, da er unbedenklich annahm, ein Jeder msse danach trachten, frher
oder spter aus den Stdten auf das Land, in die freie Natur hinaus zu kommen,
um wenigstens am Abende seiner Tage, wie er es nannte, mit dem Herrgott
gemeinsam fr des Lebens Nothdurft zu arbeiten, und um mit der Erde wie mit dem
Himmel ordentliche Bekanntschaft gemacht zu haben, ehe man von ihr scheiden mu.
Er kam also, wie sie nun lnger bei einander saen, mit groer Zufriedenheit auf
den Gedanken seines Schwagers, sich vielleicht spter in Rothenfeld anzusiedeln,
zurck und fragte Tremann, ob ihn nicht auch bisweilen das Verlangen nach freier
Natur berkomme, ob er nicht auch die Neigung hege, einmal Grundbesitz zu
erwerben, wie ....
    Wie meine Altvordern? fiel ihm Paul in die Rede, der vor diesen beiden
Freunden einen solchen Scherz zu wagen kein Bedenken trug. Aber schon im
nchsten Augenblicke sagte er: Es ist gewi etwas Schnes und Erfreuliches
darum, wenn wir ein Stck Erde unser eigen nennen knnen, und ich habe mich auch
beeilt, sobald es fr mich thunlich war, mir Haus und Hof fr mich und die
Meinigen zu erwerben, denn eigenes Haus ist doppelte Heimath. Aber es ist
zuletzt doch nicht der Boden, sondern es ist vor Allem unser Zusammenhang, unser
Zusammenwirken mit den anderen Menschen, durch die wir uns den rechten
Mittelpunkt fr das eigene Dasein erschaffen. Wenn ich mir also auch nicht, wie
Du, mein alter Freund, etwas auf das direkte Zusammenarbeiten mit einem hheren
Wesen, das ich mir nun einmal nicht zu denken vermag, zu Gute thun kann, so
erwchst mir doch aus meinem Berufe eine andere und vielleicht nicht geringere
Genugthuung.
    Gewi! bekrftigte Herbert. Schon als ich Sie vorhin so beilufig Ihrer
Verbindungen in der Havannah erwhnen hrte, als handle es sich dabei um den
Verkehr mit irgend einer Nachbarschaft, trat es mir wieder einmal entgegen, wie
farbenreich das Leben eines Kaufmannes sein msse.
    Das Beiwort, welches Sie brauchen, verrth den Sinn des Knstlers, meinte
Paul. Inde es ist doch noch etwas Anderes, was mich von meinem Berufe so gro
denken und ihn immer aufs Neue lieben macht. - Er hielt einen Augenblick inne
und sagte dann: Der Handel ist fr die Menschheit so nothwendig wie die Luft,
die wir athmen, und wie diese ist er eine groe, bewegende Kraft. Wie ein
gebter Steuermann auf offenem Meere steht der Kaufmann in der Handelswelt fest
auf seinem Platze. Die stille Mondnacht, die sanft hingleitende Woge drfen
seine Wachsamkeit nicht einschlfern, der Aufruhr der Elemente und das Toben des
Sturmes seinen Sinn nicht verwirren; denn nicht allein sein eigenes Wohl und
Wehe, das Wohl und Wehe Anderer ist seiner Hand anvertraut. Mitten im tobenden
Kampfe, mitten im wilden Kriege mu er des Friedens und der Ruhe, in der Ruhe an
die Mglichkeit des Kampfes denken. Er mu das Bedrfni des Augenblicks
erkennen, das Bedrfni der Zukunft voraussehen. Um die eigene Sicherheit, den
eigenen Wohlstand zu begrnden, mu er jeden vorhandenen Mangel zu errathen
wissen und ihm abzuhelfen trachten. Wo ein Ueberflu sich zeigt, wo eine Noth
sich fhlbar macht, tritt er ein. Nord und Sd, Ost und West treffen in seinem
Geiste zusammen, erhalten ihre Ausgleichung und ihre Vermittlung durch seinen
unternehmenden Sinn, und wie er bei den groen geschichtlichen Ereignissen ihre
Ausfhrung ermglichen hilft, so begegnet er dem alltglichen Anspruche in der
entlegensten Htte. Was der grbelnde Forscher entdeckt, was der tiefsinnige
Denker ergrndet, der Kaufmann versucht, es fr die Allgemeinheit durch seine
Thtigkeit nutzbar zu machen. Alles Vorhandene mu ihm dienen, weil auch er sich
allem Vorhandenen dienstbar macht; und der Handel wird es auch jetzt wieder
sein, der Kaufmann wird es sein, welcher jenen gewaltigen Erfindungen, welcher
der Benutzung der Dampfkraft, wie sie in England und Amerika schon jetzt im
Gange ist und wie wir sie in unserer Neudorfer Fabrik bald selbst anwenden
werden, jene Ausbreitung ber den ganzen Erdball sichert, durch welche sich
Zustnde und Verhltnisse entwickeln knnen, die wir noch kaum vorauszusehen
vermgen, obschon sie vielleicht eine ganz neue Zeit fr die Menschheit
heraufzufhren geeignet sind.
    Er brach nachsinnend ab; aber die beiden Anderen, von Paul's Begeisterung
fr seinen Beruf mit ihm fortgerissen, erwarteten schweigend, ob er nicht weiter
sprechen wrde. Es war selten, da er sich in solcher Weise gehen lie, denn er
war durch seine groe Thtigkeit gewohnt, sich in der Unterhaltung meist nur auf
das Thatschliche zu beschrnken, und es berraschte ihn selbst, als er so warm
geworden war.
    Es mu wahrhaftig hier in diesem Zimmer liegen! rief er wohlgemuth, als
Herbert seine schne Wrme pries. Als Knabe schwrmte ich hier fr eine Zukunft,
die mir in nebelhaft wechselnden, aber stets sehr phantastischen Bildern vor den
Augen schwebte; nun, am erreichten Ziele, im Mannesalter schwrme ich fr meinen
Beruf und sehe in neuen Nebelbildern eine neue Zeit fr die ganze Menschheit
erstehen. Steinert begngt sich doch wenigstens, mit einem Schpfer gemeinsame
Sache zu machen; ich mchte schaffen aus eigener Gewalt, und wer ein Kaufmann in
groem Sinne sein will, mu in der That ein Stck Allwissenheit fr sich zu
erringen trachten, denn wir sitzen vor allen Anderen, wie es der Dichter singt,
auch mit an dem sausenden Webstuhl der Zeit und wirken, wenn auch nicht der
Gottheit, so doch der Menschheit lebendiges Kleid.

                              Dreizehntes Capitel


Am ersten Oktober sollte die Uebergabe der beiden Artenschen Gter an ihre neuen
Besitzer vor sich gehen und gleichzeitig auch die Verpachtung von Richten an den
bisherigen Amtmann ihren Anfang nehmen. Das veranlate den jungen Freiherrn, von
seiner knftigen Schwiegermutter die Festsetzung des Hochzeitstages in die
dritte Woche des Septembers zu begehren, und die Grfin widersprach diesem
Wunsche nicht.
    Sie fand es natrlich, da Renatus noch in der Kirche getraut zu werden
wnschte, so lange sie sein eigen war, und ihr selbst war daran gelegen, so bald
als mglich mit Hildegard zusammenzutreffen, die, aus dem Bade zurckgekehrt,
nicht fglich lnger bei ihrer Freundin in dem Stifte verweilen konnte.
    Weil man es unter den obwaltenden Umstnden in keiner Rcksicht angemessen
fand, eine groe Feierlichkeit bei der Hochzeit zu veranstalten, hatte man keine
besonderen Vorkehrungen fr dieselbe zu treffen. Renatus hatte seinen ltesten
Oheim, den Majoratsherrn Grafen Felix Berka, aufgefordert, Zeuge seiner
Vermhlung zu sein; inde derselbe hatte geschrieben, da ein Unwohlsein ihn
daran hindere. In frheren Jahren wrde Renatus gegen eine solche Angabe keinen
Zweifel gehegt haben; jetzt fragte er sich, ob sein Oheim wirklich krank sei
oder ob er nur eine Krankheit vorschtze, um einem Begegnen mit dem Neffen und
einem Besuche in Richten auszuweichen, und leider irrte er sich in dieser
Voraussetzung nicht.
    Der Graf war immer ein guter Haushalter gewesen, und Erfahrung hatte ihn
klug und noch vorsichtiger gemacht. Die Arten'sche Lebensweise hatte seinem
Sinne nie zugesagt; er hatte die zweite, spte Heirath seines Schwagers, des
Freiherrn Franz, eben so mibilligt wie die frhzeitige Verlobung von Renatus,
dessen jetzige Handlungsweise er vollends hart beurtheilte; und eben weil er
gern auf seiner Hut war, weil er sich gern berhmte, ein tchtiger Landwirth zu
sein und wie ein solcher auch seinem einfachen Bauernverstande zu folgen, hielt
er es fr gerathen, die Hand von einem Wagen loszulassen, der von einer Hhe in
das Hinunterrollen gekommen war.
    Renatus hatte Tag und Stunde seiner Ankunft festgesetzt, Ccilie und Valerio
waren ihm bis zu dem bekannten letzten Anhaltspunkte entgegengeritten, und da
der warme Mittag des sonnigen Herbsttages es ihm mglich gemacht hatte, das
Verdeck seines Wagens zurckschlagen zu lassen, sah und erkannte er die Geliebte
schon von Weitem. Er war glcklich, als er die schlanke und doch so volle
Gestalt vom Pferde hob, glcklich, als er sie nach den Tagen eines schmerzlichen
Entbehrens wieder in seine Arme schlo, als er sie neben sich im Wagen hatte und
ihr von den mannigfachen Mhen und kleinen Plagen erzhlen konnte, welche er fr
ihr knftiges Wohlbefinden in der gemeinsamen Heimath getragen hatte.
    Inde diese Zufriedenheit verminderte sich, als man auf die Arten'schen
Gter kam; denn unwillkrlich drngte es sich dem jungen Freiherrn in den Sinn,
da dies gleichsam Cciliens Brautfahrt sei und wie ganz anders sein Vater einst
seine Mutter in Richten eingefhrt habe. In mancher guten Stunde seiner Kindheit
hatte die Mutter ihm mit gerhrter Erinnerung davon erzhlt, wie die Schulzen
und Schulmeister der Drfer, gefhrt von dem Neudorfer greisen Pfarrer und von
der ganzen Schaar der Kinder gefolgt, sie unter der Ehrenpforte begrt, die man
an der Grenze der Gter zu ihrem Empfange aufgerichtet hatte. Wer aber von den
Bauern und Instleuten machte heute in Neudorf und Rothenfeld Vorbereitungen fr
die am nchsten Morgen bevorstehende Hochzeit des jungen Freiherrn? Sie wuten,
da die Uebergabe der Gter in wenig Tagen vor der Thr stand, und wenn sie von
dem jungen Herrn auf ihre Weise auch viel hielten, so war es ihnen doch
willkommen, den jetzigen Amtmann los zu werden und es knftig wieder mit einem
von den Steinert's zu thun zu haben, die auf den Gtern heimisch waren und es
wuten, was mglich sei und was einmal nicht mglich sei.
    Ccilie konnte nicht begreifen, was ihren Brutigam so ernsthaft stimme, was
die weiche, wehmthige Zrtlichkeit bedeute, mit der er sie umarmte und
behandelte, und er liebte sie so sehr, da er ihr's nicht sagte. Aber diese
Liebe ward ihm selbst zum Troste und zur Beruhigung, denn in ihr, in seiner
Reinheit, in seinem ungetheilten Empfinden konnte er seiner knftigen Gattin
bieten, was sein Vater seiner Mutter nicht hatte gewhren knnen, und er gelobte
es sich fest, da Ccilie glcklicher, als seine Mutter es gewesen, da seine
Ehe eine schne und wrdige werden solle. Sein Wille, seine Vorstze waren die
allerbesten.
    Er hatte an dem Tage noch eine Menge alter Familienpapiere zu ordnen, die er
mit sich nach der Stadt zu nehmen wnschte, und Ccilie, vor der er kein
Geheimni hatte, leistete ihm dabei freundlich ihren Beistand. Dieses erste
gemeinsame Arbeiten half ihm ber das Unbehagen fort, das ihn bei dem Eintritte
in die altbekannten Rume zuerst befallen hatte, denn eben aus dem Arbeitszimmer
seines Vaters und aus den eigentlichen Wohnzimmern hatte er die Mbel und
Kronleuchter, die Bilder und die Zierathen in seine knftige Wohnung hinber
genommen, und die leeren Gemcher starrten ihn mit kalter, vorwurfsvoller Oede
an. Er war froh, als er seine Arbeit beendet, als er die nothwendigen
Besprechungen mit dem Amtmanne gehabt hatte, und als er gegen den Abend hin sein
mdes Haupt in Vittoria's Zimmer an den Busen seiner Ccilie lehnen, und an
ihrer Schulter ruhen lassen konnte.
    Die Grfin sah er wenig. Sie war den ganzen Nachmittag in ihrer Wohnung
geblieben, sie schrieb an Hildegard; die Neuvermhlten sollten am anderen Tage
die Briefe bis zur Hauptstadt mit sich nehmen.
    Die Trauung war gleich auf den nchsten Mittag festgesetzt, denn Renatus
hatte nur einen mglichst kurzen Urlaub fordern mgen. Der Morgen brach mit
leichtem Nebel an, aber die strahlende Freude seiner Braut ersetzte fr den
Brutigam das Licht der Sonne, das nicht recht zum Vorschein kam. Ccilie lie
hier in Richten nichts zurck, wonach ihr Herz sich sehnen konnte, und ihre
hchsten Wnsche sollten heute in Erfllung gehen. Sie wurde wider all ihr
Hoffen und Erwarten dem Manne verbunden, den sie von frhester Jugend an geliebt
hatte, und sie kehrte mit der Aussicht auf die erwnschtesten Verhltnisse in
die Stadt zurck, nach der ihre heimliche Sehnsucht nie erloschen war. Freilich
sah sie den Schatten, der sich oft ber des Geliebten klare Stirne senkte, aber
sie beunruhigte sich darber nicht. Es dnkte sie ganz natrlich, da er, der
andere Rckerinnerungen hatte, sich dieser eben heute nicht erwehren konnte. Sie
glaubte, es sei der Gedanke an Hildegard, der ihn bewege, und sie mignnte das
der Schwester nicht.
    Sie sprach das dem Brutigam auch aus. Er nannte sie ein schnes Herz, er
kte sie, er verhie ihr, da sie dieses Tages stets mit Freude denken solle,
aber seine Wehmuth wollte doch nicht schwinden.
    Ihn zu erheitern, schlug sie ihm vor, als Brautleute noch einen letzten
Spaziergang zu machen. Er zeigte sich bereit dazu. Arm in Arm gingen sie aus dem
Parke in das Freie hinaus.
    Der Sommer war sehr gnstig gewesen. Groe und lang andauernde Wrme hatte
mit reichlichem Regen abgewechselt und das Wachsthum der Bume wie das Reifen
der Frucht ungewhnlich gefrdert. Alles war in diesem Jahre, wie der Amtmann es
dem jungen Freiherrn im Frhlinge richtig vorausgesagt hatte, mchtig vorwrts
gekommen, Alles frh geerntet worden; aber weil die Wrme noch im Herbste
fortdauerte und berall noch neues Leben erschuf und das Vorhandene erhielt,
merkte man es nicht sonderlich, da die Felder schon kahl waren und das Laub an
den Bumen sich je nach seiner Weise roth und gelb gefrbt hatte. Wo es zur Erde
fiel, wuchs noch berall frisches, neues Gras empor und verdeckte den
Niederfall, so da die welken Bltter nur wie Blumen aus dem Grn hervorsahen
und das Abgestorbene selbst nur dazu beitrug, das Lebendige zu verschnen. Ueber
den grnen Kronen der Eichen und Linden leuchteten die Wipfel schon herbstlich
gelb, und feuerroth umgaben die Bltter des wilden Weines, mit seinen
langstengligen violetten Trauben, den von unzhligen Silberfden bersponnenen
Schlehdorn, der auf den Rainen zwischen den einzelnen Feldern wuchs und grnte.
    Der Tag hellte sich selbst gegen den Mittag nicht vollkommen auf, aber die
Luft war mild. Der feine Nebel, der ber der ganzen Gegend liegen blieb, hatte
noch nichts Herbstliches an sich. Nur wie ein vorbergehender Gast zog er durch
die Gegend, man fhlte, da er noch nicht schwer und dicht genug sei, sich
dauernd in ihr festzusetzen. Er zog gewi in wenig Stunden fort.
    Ach, auch Renatus zog in wenig Stunden fort, und wenn er wiederkehrte - war
dies alles nicht mehr sein!
    Wie ihr Weg sich wendete, kam der Duft der letzten Heumahd zu ihnen herber,
traf der Geruch des abwelkenden Kartoffelkrautes hier und da den Sinn. Auf den
frisch geackerten Feldern streiften Dohlenschwrme hpfend umher, die Nahrung zu
suchen, welche Pflug und Egge fr sie aus der Tiefe hervorgeholt hatten, und
schwangen sich dann rauschend in die Luft, im schnellen Fluge einen andern Acker
zu besuchen. Hier sprang ein Hase mit gespitztem Ohr in weiten Stzen durch ein
Kohlfeld in das Weite, dort scho aus einem Kartoffelfelde, dicht vor den Augen
der Frauen, welche die Ernte in Scke einsammelten, ein Volk Rebhhner, den Hahn
an der Spitze, knatternd empor. Die Gnse auf dem nahen Stoppelfelde reckten
darber verwundert die Hlse in die Hhe, und bellend folgte ihnen der Hund des
Verwalters, der die Aufsicht ber die Ernte fhrte.
    Welch prchtige Jagden hatte man zu des verstorbenen Freiherrn Zeiten auf
diesen Feldern gehabt! Welch lustige Jagden noch in den Jahren, als Renatus mit
seinem Regimente vor dem russischen Kriege nach Richten gekommen war!
    Er mute sich heute der rckblickenden Gedanken zu entschlagen suchen, sie
thaten ihm nicht wohl; an den Genu der Stunde mute er sich zu halten suchen,
und sie sahen ja auch so schn aus, diese rothblhenden Tabacksfelder, sie waren
ihm schon in seiner Kindheit mit den fremdlndischen Blttern und Blthen eine
Augenlust gewesen.
    Die Vgel sangen noch in den Zweigen, aber sie lockten nicht mehr. Es war
Alles erreicht, Alles gesttigt. Es lag die sanfteste Ruhe ber der Gegend, jene
Ruhe, die es errathen lt, da die Stunde des Schlummers nicht mehr fern ist
und da er sich bald herniedersenken werde. Die schwermthige Empfindung des
Freiherrn wurde immer mchtiger. Er hatte stets ein lebhaftes Gefhl fr die
Schnheit der Natur gehabt, und sie war ihm nirgends lieblicher, nirgends
anmuthender erschienen, als auf dem Boden, den er sein eigen genannt hatte bis
auf diesen Tag. Jetzt erst gewahrte er, wie viel Antheil er in diesem letzten
Sommer mittelbar an den wechselnden Beschftigungen auf den Gtern genommen
hatte, wie viel Freude das Wachsen und Gedeihen dessen, was sein gewesen, ihm,
fast ohne da er sich dessen bewut gewesen war, bereitet hatte. Er mute seiner
Braut den Vorschlag zur Heimkehr machen, wenn er sie nicht erkennen lassen
wollte, was in ihm vorging - und es war ja ihr Hochzeitstag.
    Um zwei Uhr fuhr man nach der Kirche. Vorauf der Edelmann, mit welchem
Renatus bei Steinert gewesen war, und ein anderer seiner nheren Bekannten aus
der Nachbarschaft. Sie waren die Trauzeugen des freiherrlichen Paares. Dann die
Grfin und Vittoria mit ihrem Sohne: das Brautpaar machte den Schlu.
    Sonst hatten die Landleute sich von der katholischen Kirche fern gehalten,
heute war sie voll von Menschen. Sie waren aus allen drei Drfern
herbeigekommen, der Trauung beizuwohnen, den jungen Herrn noch einmal zu sehen;
und sie, die trotz ihrer verhltnimigen Armuth sich die lustige Hochzeit
nicht leicht versagten, hatten Mitleid mit dem Freiherrn, der nicht mehr ihr
Herr war. Es war anders gewesen vor jenen Jahren, als der Vater und vollends als
der Grovater des jungen Freiherrn geheirathet hatten. Es lebten noch alte
Leute, die von ihren Eltern davon erzhlen hren, wie dazumal die Wagen
vorgefahren waren vor das Schlo, wie das ganze Schlo und der Park erleuchtet
gewesen waren und die groen Pechtonnen berall gebrannt hatten.
    Etwas von diesen Erinnerungen mochte wohl auch in dem Geiste des Brutigams
wieder lebendig werden. Er war sehr ernst, das war natrlich; aber er war
auffallend bleich. Was er dachte? Er konnte es in diesem Augenblicke nicht
sagen; inde Ccilie verstand ihn, und es ging ihr tief zu Herzen, als der
Geistliche sie fr die Ehe einsegnete und sie den festen treuen Druck von des
Geliebten Hand empfand.
    Auf gute und auf bse Tage, fr Leben und Tod sollte dieses unauflsliche
Testament sie verbinden, und Renatus wute was er damit bernahm, und war in
sich entschlossen, es zu halten. Seit er zu einem eigenen Urtheile gekommen war,
hatte er immer gro von der Ehe gedacht, und seine Liebe fr Ccilie machte ihm
zum Glcke, was er ohnehin als seine Pflicht erkannte.
    Durch das hohe Portal des schnen Baues fiel hell die Sonne herein, als das
Brautpaar, vom Altar kommend, in das Freie trat. Sie war zum ersten Male an
diesem Tage zum Durchbruche gekommen.
    Das soll uns ein gutes Zeichen sein, sagte Renatus zrtlich, fasse Muth wie
ich, wir werden glcklich sein!
    Die Worte erschreckten Ccilie. Sie hatte nie an ihrem Glcke gezweifelt,
sie war glcklich und es freute sie Alles: der Sonnenschein und die Glckwnsche
der beiden sie begleitenden Freunde, welche sie Frau Baronin nannten, und der
Zudrang der Frauen aus den Drfern, die ihr schnes Hochzeitskleid so nahe als
mglich sehen wollten, und das oft wiederholte: Leben Sie wohl, gndiger Herr!
Leben Sie wohl, gndiger Herr! - bei dem die Alten weinten und das dem Freiherrn
fast das Herz zerri.
    Whrend man noch unter dem Portale stand und der Wagen vorfuhr, fielen die
Augen der jungen Frau auf das Grtchen, welches die Gruft umgab. Die weien
Rosen, welche der verstorbene Kaplan dort nach dem Kriege neu gepflanzt hatte
und zu deren Fen er begraben worden war, blhten, von dem milden Herbste
begnstigt, noch in voller Pracht. Auch Renatus hatte seine Blicke dorthin
gewendet. Sollte dieser kleine Raum doch bald das Einzige sein, was ihm von dem
Besitze der beiden groen Gter Neudorf und Rothenfeld verblieb; und als errathe
seine junge Frau, was in seinem Innern vorging, sprach sie den Wunsch aus, eine
von diesen weien Rosen zum Andenken mit sich zu nehmen.
    Valerio eilte, einen Zweig zu brechen, und reichte ihn der Schwgerin, wie
er Ccilie mit Selbstbewutsein nannte; als sie die Blume aber an ihrer Brust
befestigen wollte, hielt Renatus sie davon zurck. Die weie Rose hatte in dem
Artenschen Geschlechte, wie Mamsell Marianne ihm als Knaben erzhlt, immer eine
traurige Bedeutung fr die Frauen gehabt; er wollte nicht, da seine Frau sich
heute, eben heute mit den weien Rosen schmcken sollte, die vor der
Familiengruft erwachsen waren, und ihr die Rose abnehmend, steckte er sie in das
Knopfloch seines Rockes. Selbst den Schatten einer beln Vorbedeutung wollte er
von dem Weibe abwenden, das er liebte und das sich und seine Wohlfahrt ihm fr
die Zukunft anvertraute.
    Das Mittagbrod war, weil die eigentlichen Empfangszimmer jetzt der gehrigen
Einrichtung entbehrten, in dem Ahnensaale hergerichtet worden. Man hatte ihn mit
Laub und Blumen freundlich aufgeschmckt, aber er war zu gro, viel zu gro fr
die kleine Tafel, fr die geringe Anzahl von Personen, und Renatus wie seine
beiden Freunde empfanden dieses Miverhltni lebhaft. Die Trinksprche, welche
sie auszubringen fr Pflicht erachteten, die Erinnerung an die Ahnenreihe, die
man eben in diesem Raume bei solchem Anlasse wachzurufen kaum unterlassen
konnte, hatten etwas Peinliches fr alle Theile, und die schlecht verhehlte
Traurigkeit, die bei jedem Anlasse hervorbrechenden Thrnen der Grfin, waren
auch nicht dazu angethan, dem jungen Freiherrn die Seele zu befreien. Er wute,
wem vor Allen diese Thrnen flossen. Das Einzige, was ihm das Herz erhob, war
Cciliens ungetrbte Freude, war die Hingegebenheit, mit welcher sie in seine
Arme sank.
    Er war froh, als er am andern Tage sein Schlo verlassen hatte, als die
Grenzsteine der Arten'schen Gter hinter ihm lagen und er mit seinem jungen
Weibe einem eigenen, neuen Leben entgegenging. Das de gewordene Schlo hatte
allen heimathlichen Reiz fr ihn verloren, es war ihm nur noch eine traurige
Mahnung an bessere Tage gewesen, und er hatte die Stunde, es zu verlassen, kaum
erwarten knnen.
    Die jungen Eheleute legten den Weg nach der Residenz so schnell zurck, als
die damaligen Verhltnisse es gestatten wollten. Cciliens tchtige Gesundheit
hatte eine solche Anstrengung nicht zu scheuen, und Renatus war nicht mehr sein
eigener Herr. Der Dienst nthigte ihn, Zeit und Stunde einzuhalten.
    Voll der hellsten Erwartungen langte die junge Frau in der Hauptstadt an,
und ihres Gatten Liebe hatte all ihr Hoffen zu bertreffen gewut. Gegen das
weite, in jedem Sinne unwirthlich gewordene Schlo nahm sich das wohnliche
Stadthaus um so freundlicher aus, und selbst den Freiherrn wollte es bednken,
als geniee er die Gegenstnde, welche er aus Richten hieher verpflanzt hatte,
hier mehr als dort, weil man sie nher beisammen hatte. Ccilie aber, die sich
erst jetzt als die Besitzerin dieser Einrichtung zu denken anfing, die nebenher
ihrem Gatten fr die vorsorgliche Gromuth zu danken hatte, mit welcher er allem
ihrem Bedrfen begegnet war, kannte in ihrer Freude keine Grenze, und das
Bewutsein, hier von jetzt an unumschrnkte Herrin zu sein, Alles nach eigenem
Gefallen und Ermessen ordnen und bestimmen zu knnen, gab ihr schnell ein
gewisses Selbstgefhl, das ihr sehr wohl anstand.
    Wohin Renatus mit seiner jungen Gattin in den ersten Tagen kam, auf den
Spaziergngen, bei den Fahrten im Parke, im Theater und in dem zuflligen
Zusammentreffen mit seinen nheren Bekannten, sah er es mit Genugthuung, wie die
Blicke der Mnner ihr wohlgefllig folgten, wie die unverhohlene Aeuerung ihres
Vergngens ihr schnell die Neigung aller derjenigen Personen gewann, welche sich
an der Natrlichkeit und Ursprnglichkeit eines Andern zu erfreuen vermgen;
aber es entging ihm daneben nicht, da die Frauen ihr die gleiche Gunst nicht
angedeihen lieen. Ihr selber fiel es auf, wie geflissentlich man sich danach
erkundigte, ob ihre Mutter auch nach der Hauptstadt kommen werde, ob sie der
Trauung beigewohnt habe, oder ob dieselbe bei ihrer leidenden Tochter im Stifte
gewesen sei. Und ehe Ccilie noch auf solche Fragen Antwort ertheilen konnte,
war man in der Regel in eine so bertriebene Lobpreisung der abwesenden
Schwester verfallen, da sie zu einer Krnkung fr Ccilie wurde.
    Es ist unertrglich! rief Renatus ungeduldig aus, als er seine Frau einer
ihrer Anverwandten zugefhrt hatte, welche Ober-Hofmeisterin und von dem Knige
wohl gelitten war. Diese Heiligsprechung Deiner Schwester soll mir und Dir ein
Vorwurf sein, und wir danken sie ohne Frage eben so wohl Hildegarden selbst als
Deiner Mutter und meinem Oheim Gerhard! Wir werden nthig haben, auf unserer Hut
zu sein!
    Ccilie, welche die Welt nicht kannte, wollte davon nichts hren. Sie war in
dem Besitze ihres Gatten so wohlbefriedigt, da sie der Schwester, welche solch
ein Glck entbehrte, jede Anerkennung, da sie ihr alles, was dieselbe nur
irgend erfreuen konnte, von ganzem Herzen wnschte, und ein frderliches
Ereigni kam dazu, Cciliens unbedingtes Vertrauen in ihre Zukunft zu erhhen
und zu festigen.
    In den Regimentern, welche eben jetzt erst aus Frankreich zurckgekehrt
waren, fand die erwartete Entlassung der lteren Offiziere Statt, und da auch
einige jngere Offiziere nach dem beendeten Feldzuge den Abschied forderten,
erhielt Renatus kurz nach seiner Hochzeit und wenige Tage, nachdem die Uebergabe
seiner Gter an ihre neuen Eigenthmer erfolgt war, seine Ernennung zum Major.
    Er hatte darauf mit einer gewissen Sicherheit rechnen knnen, dennoch
berraschte ihn das Zutreffen dieser Voraussicht angenehm. Er gewann damit eine
neue, selbsterworbene Bedeutung in dem Augenblicke, in welchem er auf den
greren Theil seiner ererbten Gter hatte verzichten mssen, und der Besitz des
neuen Grades wrde ihn noch mehr befriedigt haben, wre durch die Erlangung
desselben nicht seinem Selbstgefhle eine Beschrnkung auferlegt worden, die er
vielleicht in keinem andern Zeitpunkte als eine solche angesehen haben wrde,
gegen die er aber eben jetzt empfindlich war.
    Er war sehr jung Offizier geworden, hatte im Felde die fortschreitenden
Grade und frhzeitig die Schwadron erhalten; aber er war der Gesellschaft
gegenber und berall, wo er sich nicht im militrischen Dienste befunden hatte,
der Freiherr von Arten geblieben. Niemand hatte ihn Lieutenant oder Rittmeister
genannt, seine persnliche Bedeutung als ein Edelmann aus altem Hause hatte ber
seinem Amte gestanden. Er hatte auch seinen Dienst immer nur als eine freiwillig
bernommene Leistung angesehen, von der er sich entbinden konnte, sobald es ihm
beliebte, sich auf seine Gter zurckzuziehen und dort in der vollen
Unabhngigkeit des grundbesitzenden Edelmannes seine Tage zu verleben. Das
Gehalt, welches er als Offizier bezogen, war ihm stets unwesentlich erschienen
neben den standesmigen Bedrfnissen eines Freiherrn von Arten-Richten, und er
hatte sich und Anderen oft den Ausspruch seines Vaters wiederholt: da ein
Edelmann immer dem Knige ein Opfer bringe, wenn er, fern von seinen Gtern im
Heere dienend, auf alle die Annehmlichkeiten verzichte, deren er in seinem
Schlosse und auf seinem Grund und Boden sicher sei, whrend er in der Stadt zu
einem Geldaufwande genthigt werde, welcher in gar keinem Verhltnisse zu seinem
Solde stehe.
    Jetzt aber war das alles anders geworden. Renatus konnte zwar noch an jedem
Tage den Abschied nehmen, um als ein Landedelmann auf seinem Grunde und Boden zu
leben; aber die Ausdehnung dieses Grundes und Bodens war nicht mehr die alte, er
war kaum noch zum dritten Theile sein eigen, und selbst ber dieses Drittheil
seines einstigen Besitzes hatte er nicht mehr die Mglichkeit einer vllig
freien Verfgung. Nur im Schlosse und im Parke konnte er noch nach seinem
Belieben schalten, und auch das Schlo war jetzt nicht mehr die alte wohnliche
und prchtige Heimath, nach welcher seine Gedanken, wo er sich auch befunden
hatte, immer gern gewandert waren. Die Eindrcke, welche er in seiner letzten
Anwesenheit in Richten empfangen hatte, waren ihm sehr qulend gewesen. Die
bloe Vorstellung, durch Neudorf und durch Rothenfeld als ein Fremder hinfahren
zu sollen, widerstrebte ihm. Er mochte auch mit dem Amtmanne nichts zu thun
haben, der fr sechs Jahre jetzt in Richten Herr war, er wrde sich in seinem
Parke wie ein Gefangener erschienen sein, da er auerhalb desselben nicht mehr
unumschrnkt gebot, mit Einem Worte, er mochte nicht mehr gern an Richten
denken, es hatte aufgehrt, die Heimath fr ihn zu sein, und sein Majorsgehalt
war jetzt nicht mehr ein unwesentlicher Theil in seinen Einknften, er war auf
dasselbe mit seinen Bedrfnissen zum Theile angewiesen. Die Pferde, der Diener,
welche der Staat jedem Offizier hlt, waren ihm jetzt eine Erleichterung, die er
nicht wohl entbehren konnte. Er mute darauf sehen, sich auszuzeichnen, wenn er
vorwrts kommen, wenn er seine gesellschaftliche Stellung behaupten wollte, und
vorwrts kommen hie jetzt fr den Freiherrn im militrischen Dienste Stufe um
Stufe ersteigen. Er war mit seiner Zukunft an den Dienst gekettet. Er lebte, wo
der Dienst es forderte, er ging, wohin man ihn schickte, er that, was man ihm
gebot, er trug das Kleid, welches der Geschmack des Knigs ihm vorzuschreiben
fr gut befand, er durfte an des Knigs Rock nach freier Wahl nichts ndern, und
er mute ihn hinwiederum ndern und ihn anlegen, wie des Knigs Willkr es
bestimmte. Er schnitt sein Haar, wie es befohlen war, und Zeit und Stunde waren
nicht mehr sein. Er war in keinem Sinne mehr sein eigener Herr, kein freier Mann
mehr, nicht mehr der wahre Freiherr von Arten-Richten. Er war der Major von
Arten, er war ein Diener - wenn auch eines Knigs Diener geworden, und es lebte
genug von dem alten freiherrlichen Stolze seines Hauses in ihm, ihn seine
Abhngigkeit in einzelnen Augenblicken bitter und schwer empfinden zu lassen.
    Er konnte es Anfangs nicht verschmerzen, da man ihn nicht mehr als Baron,
nicht mehr als Freiherr von Arten ansprach, da man ihn nicht mit seinem Namen,
sondern mit seinem Titel anredete, um ihm eine Ehre zu erweisen; er htte wie
sein Vater und dessen Vter alle nur er selber, nur Herr auf seinem Schlosse
sein mgen - aber es war zu spt. Er hatte keine Wahl mehr, er mute vorwrts!
    Vorwrts ging er also, und die umgestaltende Ueberlegung, die Trsterin
aller derjenigen, welche einer Beschnigung fr ihre Verhltnisse bedrfen, kam
auch ihm zu Hlfe, indem sie ihn antrieb, seinen besonderen Fall in dem Lichte
einer allgemeinen Nothwendigkeit zu betrachten.
    Er sagte sich, da seit Jahrhunderten der Adel in allen europischen Staaten
sich um die Throne geschaart, und in den Dienst der Frsten begeben habe, mit
denen er auf diese Weise ein wenn auch nicht ausgesprochenes Schutz- und
Trutzbndni eingegangen sei. Die Frsten und der Adel standen jetzt fast immer
und fast berall fr einander ein, waren, wie Renatus dessen eben erst in
Frankreich Zeuge gewesen war, auf einander angewiesen und standen und fielen mit
einander. Renatus folgte also gleichsam einem Naturgesetze, wenn er sich der
Minderheit so fest als mglich anschlo, in welcher er geboren worden war, jener
Minderheit, die sich das Herrschen als ihr angestammtes Recht zuschrieb und sich
nur erhalten konnte durch Einigkeit in sich und Einigkeit wider alles, was sich
ihr widersetzte.
    Er war, als er sich noch im vollen Besitze aller seiner Gter geglaubt
hatte, nur mit Widerstreben in das Heer getreten, und die Zeitverhltnisse
hatten ihm in demselben zu bleiben geboten, obschon sein Sinn von Natur dem
Kriege eben so wenig als der strengen Disciplin geneigt gewesen war. Jetzt aber
waren das Heer, der Dienst ihm eine Zuflucht und ein Anhalt, jetzt bedurfte er
des kniglichen Schutzes, der Gnade seines Herrn. Er wnschte, fr sich und die
Seinigen die persnliche Gunst des Knigs zu erwerben. Er hatte es in Frankreich
kennen gelernt, welche Vortheile es gewhren kann, sich in dem Kreise der
Gnadensonne zu bewegen, und wie er bei dem Beginne seiner Ehe voll der besten
Vorstze fr dieselbe gewesen war, so war er bei der Uebernahme seines neuen
Amtes auch entschlossen, mit Selbstverlugnung ein unbedingt ergebener Diener
seines Herrn und Knigs zu sein.

                                  Fnftes Buch



                                 Erstes Capitel

Unser Leben wrde sehr leicht sein, wenn wir uns an dem Tage, an welchem wir es
aus Ueberzeugung oder aus Nothwendigkeit umgestalten wollen, nicht eben auf
demselben Boden befnden und auf ihm weiter gehen mten, aus welchem unsere
ganze Vergangenheit erwachsen ist; es wrde gar leicht sein, wenn unser neues
Gewand bei dem Fluge, mit dem wir uns emporzuschwingen denken, nicht hier an den
drren Aesten eines alten Baumstammes hngen bliebe, den vielleicht einer
unserer Altvorderen gepflanzt und den rechtzeitig aus unserem Wege fortzurumen
wir verabsumt haben; wenn nicht dort Gestrpp und Ranken, in deren Bereich wir
uns umhergetrieben, unsere freie Bewegung hinderten; wenn wir es allein mit uns
und mit der Zukunft, statt mit der Gesammtheit, der wir angehren, und mit ihrer
und unserer ganzen Vergangenheit zu thun htten. Das sollte der Major von Arten
an sich selbst erfahren.
    Allerdings fand er es in keiner Weise schwer, sich in seinem Regimente so zu
stellen, wie er es beabsichtigte. Man hatte ihn immer gern gehabt; er besa
nichts von jener herausfordernden Selbstndigkeit, welche einen Mann unbequem
fr seine Vorgesetzten oder drckend fr seine Untergebenen macht, und in einer
Zeit, in welcher in der Armee der militrische Geist und das Gamaschenwesen, im
Gegensatze zu dem brgerlichen Geiste und dem auf den Universitten noch nicht
unterdrckten Freiheitssinne, mit groer Geflissenheit begnstigt wurden,
konnten der Diensteifer und die peinliche Genauigkeit, mit welchen der Major von
Arten auch die kleinlichsten Dienstvorschriften zur Ausfhrung zu bringen
strebte, nicht unbeachtet bleiben. Dazu wollte es das Glck, da einer der
kniglichen Prinzen Inhaber des Regiments war, da Renatus also seine Thtigkeit
unter dessen Augen entwickeln konnte und da der Prinz selber ihn dem Knige mit
einem anerkennenden Worte vorzustellen sich geneigt erwies.
    Es war schon im Beginne der kalten Jahreszeit, als man zu Ehren eines von
seinen Reisen nach Ruland zurckkehrenden Grofrsten noch eine der groen
Paraden abhielt, welche sonst in diesen Monaten nicht mehr Statt zu finden
pflegten. Die Straen, welche nach den Linden fhrten, waren fr den Verkehr
gesperrt, und die Fremden, welche in ihren eigenen Wagen, denn von der Zeit der
Eisenbahnen war man noch weit entfernt, whrend dieser Stunden in der Hauptstadt
eintrafen, hatten Noth, nach den Unter den Linden gelegenen Gasthfen zu
gelangen. Sie muten ihre Fuhrwerke jenseit der abgesperrten Straen unter
Aufsicht ihrer Leute stehen lassen und ihren Weg nach den gewhlten Husern zu
Fu zu finden suchen.
    So langte denn whrend jener groen Parade, als die allgemeine
Aufmerksamkeit der Menge sich auf den Knig und den russischen Gast gewendet
hatte, welche, von ihrem prchtigen Gefolge begleitet, langsam an den regungslos
da stehenden Reihen der Regimenter vorberritten, in dem berhmtesten Gasthofe
jener Tage auch eine Fremde ohne ihren Wagen an. Der Diener, welcher sie
begleitete, forderte zwei herrschaftliche Zimmer und zwei Stuben fr die
Dienerschaft, nebst einem Unterkommen fr den Reisewagen, mit dem die Kammerfrau
jenseit des gezogenen Cordons zurckgeblieben war.
    Die Fremde war in einen langen und weiten Reisemantel eingehllt, ein
tiefgehender Hut, ein dichter Schleier verbargen ihr Gesicht; aber ihre hohe
Gestalt und ihre gebieterische Haltung kennzeichneten sich trotzdem. Sie hrte
der flchtigen Verhandlung, welche ihr Diener mit dem Besitzer des Hauses pflog,
schweigend zu und folgte dann dem Wirthe, der, mit sicherem Blicke eine vornehme
Frau in seinem neuen Gaste erkennend, ihr mit Dienstbeflissenheit voranschritt,
um ihr die von ihr gewnschten Rume anzuweisen.
    Aber kaum in ihrem Zimmer angelangt, warf sie, noch ehe ihr Diener oder der
Wirth ihr dabei Hlfe leisten konnten, Hut und Mantel von sich, und sich zu dem
Wirthe wendend, fragte sie, Franzsisch sprechend, ob er ein Verzeichni der
Fremden besitze, welche sich in diesem Augenblicke in der Stadt befnden.
    Betroffen von der Jugend der Fremden wie von ihrer Schnheit, die trotz
ihrer Blsse und den Leidensspuren in ihrem Antlitze noch etwas Ueberwltigendes
hatten, bejahte der Wirth die Frage, und alle seine andern Anerbietungen von
sich weisend, befahl sie ihrem Diener, mit dem Wirthe hinab zu gehen, und ihr
das betreffende Blatt herbei zu schaffen.
    Unruhig schritt sie whrend dessen in dem saalartigen, groen Gemache auf
und nieder. Sie trat an das Fenster und blickte hinaus; aber weder die fremde
Stadt, noch das kriegerische Geprnge, das sich vor ihren Augen entwickelte,
selbst nicht der Schall der Musik vermochten ihre Aufmerksamkeit auch nur fr
Sekunden zu fesseln. Gleichgltig, als htte sie in eine Oede oder in die
Dunkelheit hineingeschaut, wendete sie sich in das Zimmer zurck, und nur nach
ihrer Uhr sah sie zu verschiedenen Malen, als vergesse sie von einer Minute zu
der andern, was sie gesehen habe, und als hange doch Alles fr sie daran, genau
zu wissen, wie weit die Stunde vorgeschritten sei.
    Mit einer Ungeduld, welche sich in jeder ihrer Bewegungen verrieth, trat sie
ihrem Diener entgegen. Sie nahm ihm das Zeitungsblatt aus der Hand, und es mit
raschem Auge durchfliegend, blieb ihr Blick endlich auf einer Stelle des
Verzeichnisses haften. Sie las sie zwei, drei Mal, als wolle sie sich ihrer
Sache sicher machen, als wolle sie die Namen nicht vergessen, und das Blatt auf
den Tisch niederlegend, befahl sie dem Diener, whrend sie die Notiz in ihr
Taschenbuch verzeichnete, ihr den Mantel zu reichen.
    Zgernd blieb der Alte stehen. Sie wollen wieder fort, Mylady? fragte er mit
sichtlicher Besorgni. Vier Tage und vier Nchte sind Sie in keinem Bette
gewesen! Sie halten es nicht aus, Sie haben wahrlich Ruhe nthig, Mylady!
    Hast Du die Phrase auch gelernt? rief sie, und ein eisiges Lcheln glitt
ber ihr stolzes, schnes Antlitz. Sei ohne Furcht, Du sollst schlafen diese
Nacht; jetzt aber komm!
    Sie hatte ihren Mantel selbst ber ihre Schultern geworfen, und der Thre
zuschreitend, gebot sie dem Alten, einen Lohndiener anzunehmen, der sie nach dem
Gasthofe fhren knne, dessen Namen sie dem Diener angab.
    Der Alte aber trat ihr in den Weg. Mylady, sagte er, nur das nicht, nur das
thun Sie nicht! Ich habe die selige Frau Grfin noch auf meinem Arme getragen
und das Wappenschild ber der Thre befestigt, als wir sie verloren haben. Was
Sie von mir verlangt haben, ich habe es gethan, Mylady, und ich habe mich nicht
unterfangen, zu fragen, was Sie beabsichtigten, denn das war nicht meines Amtes.
Aber heute, heute beschwre ich Sie: gehen Sie den Weg nicht, den Sie jetzt eben
gehen wollen - gehen Sie ihn nicht! Es ist Ihr Untergang, Mylady!
    Sie blieb stehen; das gab dem Alten Muth. Lassen Sie mich gehen, schreiben
Sie, Mylady! Ich will eilen, schneller, als Sie jetzt durch die abgesperrten
Straen und durch die Menschenmenge dringen knnen ....
    Ich kann nicht - kann nicht schreiben! rief die Herrin ungeduldig.
    So will ich ihm sagen, da Sie hier sind, will ihn holen ....
    Du? - ihn? Sie lachte. Du - ihn - wenn meine flehenden Bitten, meine
verzweifelnden Thrnen ihn nicht halten konnten?
    Aber was hoffen Sie, was wnschen, was wollen Sie denn jetzt, Mylady?
    Sie gab ihm keine Antwort, und mit festem Schritte an ihm vorbergehend,
verlie sie das Gemach. Der Alte folgte ihr mit einem schweren Seufzer nach.
    Durch Seitenstraen, auf weiten Umwegen fhrte der Lohndiener sie nach dem
Gasthofe, dessen Namen man ihm aufgegeben hatte. Es war gegen den Mittag hin,
die Kellner in dem Hause mit Vorbereitungen fr die Mahlzeit beschftigt. Das
Kommen der Fremden ward nur von dem Hauswart bemerkt. Sie selber erkundigte
sich, ob derjenige, den sie suchte, zu Hause sei. Der Hauswart verneinte es,
wute aber, da er zur Mahlzeit wiederkehren werde.
    Oeffnen Sie mir sein Zimmer, ich werde ihn erwarten! befahl die Dame in
einem Tone, welcher es deutlich verrieth, sie sei gewohnt, da man ihr gehorche.
Trotzdem zgerte der Hauswart, ihr Folge zu leisten, und erst die Weisung des
ihm bekannten Lohndieners bestimmte ihn, dem Verlangen der Fremden zu
willfahren.
    Fest entschlossen, wie ihr ganzes Wesen sich kund gab, betrat sie das
Gemach. Sie schien ruhiger zu werden, als sie sich in demselben befand. Sie
legte den Mantel und den Hut von sich und setzte sich nieder. Sie hatte das noch
nicht gethan, seit sie ihren Wagen verlassen hatte. Ihr Diener und der Fhrer
entfernten sich auf ihren Wink.
    Wie sie vorhin rastlos auf und nieder gegangen war, blieb sie jetzt
regungslos auf dem erwhlten Platze sitzen. So oft ein Futritt auf der Treppe
hrbar wurde, so oft man sich von auen im Vorbergehen dem Zimmer nherte,
schreckte sie zusammen, schien sie sich erheben zu wollen; inde sie berwand
sich, und die Hand auf die Lehne des Sessels gepret, die Lippen fest
geschlossen, hielt sie ihr Auge mit hchster Spannung auf die Thre gerichtet,
whrend ihre Wangen noch blsser wurden und ihr Busen sich unter ihrer
wachsenden Aufregung angstvoll hob und senkte. Denn abermals kam es die Treppe
hinauf, wieder schritt es den Gang entlang, wieder nherte sich Jemand mit
raschem Schritte dieser Thre, und diesen Schritt, den kannte sie.
    Mit beiden Hnden fuhr sie sich nach dem Kopfe, nach dem Herzen, als sich
drauen eine Hand auf den Drcker legte. Jetzt ffnete die Thre sich, jetzt
trat er ein!
    Und wie sie sich erhob, wie sie hoch aufgerichtet vor ihm stehen blieb, da
wich auch aus seinen Wangen ihm das Blut, und wider seinen Willen erschreckend
ber die Verheerung, welche die kurze Spanne Zeit in dieses Weibes hoher
Schnheit angerichtet hatte, rief er, die Hnde wie zur Abwehr gegen sie
erhoben: Eleonore - Sie hier?
    Inde sein Anblick, der Ton seiner Stimme schienen sie zu beruhigen;
gleichviel, was er auch sagte, sie sah, sie hrte ihn doch! Sie lie sich auf
den Sessel niederfallen, ihre Arme sanken schlaff herab, und mit einer
Weichheit, welche gegen ihre bisherige Gewaltsamkeit noch auffallender erschien,
sagte sie, whrend ihr Auge auf ihm ruhte: Und wo soll ich denn sonst sein?
    Die furchtbare Wahrheit ihres Tones machte ihn fassungslos. Wie er auch
gewohnt war, sich zu beherrschen und seine Worte zu erwgen, dieses Mal wute er
nicht, was er damit that, als er noch einmal die Frage aufwarf: Wie kommen Sie
hierher? Was wollen Sie, Eleonore?
    Was ich will? - Dich sehen! gab sie ihm zur Antwort, und als habe sie jetzt
alles erreicht, was sie wnsche und begehre, sttzte sie das Haupt auf ihre Hand
und blieb schweigend sitzen.
    Unentschlossen, was er thun solle, ging der Abb in dem engen Raume auf und
nieder. Drauen rief der harte, lang anhaltende Ton einer Glocke die Gste des
Hauses zur Tafel; auf den Treppen, auf den Gngen wurde es lebhaft; laute,
lachende Stimmen erklangen und verhallten und wurden durch neues Sprechen und
durch frhliches Lachen ersetzt. Innen war es todtenstill.
    Endlich schien der Abb seiner wieder Meister geworden zu sein. Er trat an
die Erschpfte heran, nahm sie bei der Hand und sagte: Sie sind krank, Eleonore!
Und dies ist nicht der Ort, an dem wir einander wiedersehen, einander Rede
stehen knnen. Ermannen Sie Sich! ein Wagen soll sofort zu Ihren Diensten sein.
Lassen Sie mich Sie nach Ihrer Wohnung hingeleiten, dort ....
    Sie hob ihre mchtigen Augen zu ihm empor, und langsam mit dem Haupte
nickend, rief sie: Ja, ich bin krank, sehr krank! Wie soll ich auch leben ohne
meine Seele, die Du mir entwendet hast? Wie soll ich leben, wenn Du Dich mir
entziehst, der Du mir alles zu ersetzen angelobtest, was ich um Dich verloren
und verlassen habe? Wollte ich nicht leben, um Dich zu sehen, ich wre lange,
lange schon gestorben!
    Die Thrnen, welche sie bis dahin mhsam zurckgehalten hatte, brachen jetzt
hervor; sie verhllte ihr Antlitz. Der Abb, da er sich von ihr nicht beobachtet
sah, schlo, vom Schmerze berwltigt, seine Augen. Dann fuhr er sich mit der
Hand flchtig ber die bleich gewordene Stirne, und sich zu ihr niedersetzend,
bat er, indem er ihre Rechte in die seinige nahm, da sie ihn hren mge.
    Sie schttelte verneinend das Haupt. Ich habe Dich nur zu oft gehrt, sagte
sie, was kannst Du mir noch sagen, das ich zu glauben vermchte? Ich habe Dich
gehrt, als Du mir vorgehalten, Eleonore Haughton sei nicht dazu geschaffen, das
Loos des gewhnlichen Weibes zu theilen! Wer war es, als Du, der mir den Stolz
im stolzen Herzen nhrte, da ich nur Einen, nur Einen als meines Gleichen
ansah, mit dem mich hinwegzusetzen und mit dem hinwegzuschreiten ber das Wollen
und Wnschen aller Andern mir als ein verlockendes Ziel erschien? Losgetrennt
von der Welt, wie Du es bist, trenntest Du auch mich von ihr los! Festgewurzelt
in Deinem Glauben, zerstrtest Du mir den meinen! Und als ich, verschmht von
dem Manne, auf dessen Liebe Du mich verwiesen hattest, obschon Du wutest, da
ich ein Verbrechen begehen wrde in dem Augenblicke, da ich sie mir zu eigen
machte; als ich, ausgestoen von der Gesellschaft, in welcher ich bis dahin
heimisch gewesen war, zurckgewiesen von den Edeln des Landes, deren Pair ich
bin, als ich mich da gedemthigt und verzweifelnd in die Einsamkeit meines
Schlosses zurckzog - wer hie Dich damals meinem Hlferufe folgen? Wer hie
Dich ....
    Ihre Stimme war lauter geworden, je lnger sie sprach; der Abb versuchte
vergebens, sie zu beruhigen, beschwor sie vergebens, zu bedenken, da man sie in
den Nebenzimmern hren knne. Sie beachtete seine Worte, seine Vorstellungen
nicht.
    La mich! rief sie. Mag die ganze Welt es wissen, da ich elend bin, weil
ich mich elend und verlassen fhle! - Oder hast Du ihn vergessen, den Tag,
fragte sie, und noch jetzt glitt ein seliges Lcheln ber ihre Zge, hast Du den
schnen Tag vergessen, an dem Du mir gestanden hast, da Du nie geliebt und da
Du mich liebtest? Hast Du vergessen, da ich Dich auf meinen Knieen angefleht,
hinzunehmen alles, was ich bin und habe, mein zu werden als mein Gatte und mein
Herr, und da ich sie gefhlt auf meinem Haupte, Deine heien Thrnen, da ich
sie noch fhle, Deine heien Ksse, unter denen ich zu vergehen wnschte? Hast
Du es vergessen, wie Du mich mit heiligem Eide schwren lassen, da ich nie
einem Manne angehren wrde, weil Du geschworen, keines Weibes Mann zu sein?
Hast Du das alles, alles ganz vergessen, Mann?
    Der Abb war aufgestanden und hatte sich von ihr entfernt. Er prete seine
Hnde gegen seine brennende Stirn, auch sein Herz schlug ihm gegen die Brust,
da es ihm den Athem versetzte; aber des Mitleids mit sich selbst von Jugend auf
entwhnt, hatte er es auch fr Eleonore nicht.
    Wir mssen zu Ende kommen, sagte er, sich mit Gewalt beherrschend, wenn wir
nicht Beide, Beide untergehen sollen! - Er hielt inne, und mit jener grausamen
Offenheit, die sich nicht scheut, Alles zu bekennen, weil sie nichts mehr zu
verlieren hat und frchtet, sprach er: Es ist wahr, wie Du es sagtest, Alles
wahr! - Ich habe mit dem bestimmten Zwecke, Dich der Mutterkirche wiederzugeben,
mein Auge ber Dir gehabt, seit ich Dich kannte! Ich habe Dir frh gestanden,
da ich zu Groem Dich berufen glaubte, ich habe danach gestrebt, Dein Vertrauen
zu gewinnen, Deine Seele zu beherrschen! Aber wann hat je die Stunde geschlagen,
in welcher ich es Dich vergessen machen gewollt, da ich fr mich von Dir nichts
zu begehren hatte? Du wutest, wer und was ich war! Du sahst das Kleid, das mich
von der groen Menge trennte, Du wutest, da ich ein Diener unserer Kirche bin!
Habe ich sie je vor Dir verborgen, die Dornenkrone der Entsagung, die wir tragen
als das Siegeszeichen unserer Selbstberwindung? War ich es, der von Liebe zu
Dir gesprochen hat? War ich es, der die heien Wnsche Deines Herzens angefacht?
Ich hielt Dich fr ein Hheres geschaffen! Du solltest sie kennen lernen in
ihrer Nichtigkeit, die Gunst der Mchtigen, die trgerischen Freundschaften der
Welt, die urtheilslose Gesellschaft Deiner Standesgenossen, um zu ermessen, was
es heit, in fester Gliederung einer unwandelbaren Einheit anzugehren, die, ein
geheimnivolles Wesen, der Menschen Schicksale mit kluger Herrschaft lenkt! Ja,
ich liebte Dich - ich liebe Dich noch, das fhle ich an dem Verlangen, das ich
hege, Dich einzureihen in den Kreis der Herrschenden! Aber - Du bist kleiner,
als ich Dich geglaubt! Du hast sie nicht verstanden, jene Liebe, die ich fr
Dich hege! Nicht mein Wille, Deine Sinne haben Dich bestrickt, da ich kaum
wute, wie ich Dich und mich erretten sollte aus dem Sturme, den Du ber uns
heraufbeschworen! Mit aller Gewalt mute ich Dich und mich hinflchten zu den
Fen des Gottes, der fr uns gestorben ist, um es zu vergessen, da ich ein
Mann bin, ein Mensch, und Du ein schnes Weib! Ich mute Dich meiden, um Deiner
selbst willen! Denn rein solltest Du niederknieen, ein reines Weib, zu den Fen
der unbefleckten Jungfrau, der Du Dich angelobt in jener Stunde, da ich Dich
aufgenommen in den Schoo der Kirche, die jetzt ber Dich und mich ihre
schtzenden Fittige ausgebreitet hat und zu deren Werkzeug Gott Dich sicher
auserkoren hat! Ich habe fr Dich gethan, was ich gemut, was mein Glaube mir
geboten! Ich kann nichts weiter fr Dich thun - ich gehre nicht mir selber an!
    Hoch und erbarmungslos stand er ihr gegenber, aber er wagte seine Blicke
nicht auf sie zu richten. Er wendete sich von ihr ab. Sie glaubte, da er sich
entfernen wolle, und aufspringend aus der tiefen Versunkenheit, mit welcher sie
ihn angehrt hatte, warf sie sich ihm zu Fen, und mit ihren Armen seine Kniee
umklammernd, rief sie: Ich sterbe, wenn Du von mir gehst!
    Er zuckte zusammen vor dem Jammerlaute, aber er erhob sie mit fester Hand,
und mit einer Ruhe, die ihn lter erscheinen machte, als er war, versetzte er:
Jeder von uns mu in sich den Tod erleiden, um ein neues Leben zu beginnen, und
das wirst auch Du. Glaubst Du, ich habe sie nie gefhlt, diese Schmerzen der
Entsagung? Glaubst Du, ich habe sie nie gekannt, die Angst vor der eigenen
Ohnmacht und die Zweifel an des Hchsten Kraft verleihender Hlfe? Glaubst Du,
ich habe nicht gesorgt um Dich, nicht zu Gott gefleht fr Dich? Whnst Du, da
meine Seele nicht bei Dir ist, wenn Dein Auge mich nicht sieht? - Er hatte ihre
Hnde in die seinen genommen, jetzt hob er sie in die Hhe, und den Blick zum
Himmel gewendet, bewegte er seine Lippen in lautlosem Gebet. Die Grfin stand
ihm wie gebrochen gegenber. Als er geendet hatte, legte er seine Hnde segnend
auf ihr Haupt, und machtlos und schweigend sank sie vor ihm nieder, seine Kniee
noch einmal in Thrnen zu umfassen.
    Er lie sie einen Augenblick gewhren, dann fhrte er sie nach dem Sessel
und ging hinaus. Sie war betubt vor Schmerz. Drauen fand der Abb den Diener
der Grfin. Er befahl ihm, einen Wagen herbeizuschaffen; der Alte hatte schon
dafr gesorgt.
    In das Zimmer zurckgekehrt, trug der Abb selbst dafr Sorge, die Grfin
einzuhllen. Sie lie es willenlos geschehen. Kommen Sie, Grfin, sagte er, hier
ist Ihres Bleibens nicht! - Er nahm ihren Arm in den seinen, und mit dem
weltmnnischen Anstande, dessen Niemand mehr Meister war, als er, fhrte er sie
die Treppe hinab und nach ihrem Wagen. Sie mochte erwartet haben, da er sie
begleiten werde, denn erst, als er sie hineingehoben hatte und, ihr die Hand
noch einmal reichend, von der Thre desselben zurcktreten wollte, erwachte sie
aus ihrer Versunkenheit, und sich emporrichtend, rief sie: Wann, wann sehe ich
Sie wieder?
    Nicht eher, bis Sie es verlernten, fr Sich selbst zu wnschen und zu
hoffen, nicht eher, bis Sie den Schleier genommen haben, der Sie abtrennt von
dem irdischen Verlangen! Auf Wiedersehen also in dem ewigen Rom! sagte er fest
und feierlich; und dem Kutscher das Zeichen gebend, da er fahren solle, ging
der Abb mit ruhigem Schritte und hochgehobenen Hauptes in sein Gemach zurck.
Eine Stunde spter hatte er die Stadt verlassen und seinen Weg gen Sden
fortgesetzt.

                                Zweites Capitel


Renatus hatte, als die Parade beendet war, sein Pferd dem Reitknechte bergeben,
um noch einige Besuche und Gnge abzumachen. Er befand sich bereits wieder auf
dem Heimwege, als er vor dem Gasthofe, in welchem die Grfin abgestiegen war,
einen Miethswagen halten sah, mit dem es etwas Besonderes auf sich haben mute,
denn der Wirth und die Kellner umgaben ihn mit unverkennbarem Erschrecken. Es
kamen die Wirthin und ein anderes Frauenzimmer aus dem Hause herbei, man rief
nach einem Sessel, nach einem Arzte, und mit jener Neugier, welche man in einem
migen Augenblicke empfindet, trat Renatus, der zur Zeit seiner Rckkehr aus
Frankreich selbst in dem Hause gewohnt hatte, an den Besitzer desselben heran
und fragte, was es gbe.
    Ach, versetzte dieser, eine junge, vornehme Dame, die vor zwei Stunden bei
uns angekommen ist, hat gleich danach zu Fue das Haus verlassen und wird uns
nun ohnmchtig oder vielleicht gar todt in diesem Wagen nach Hause gebracht. Ihr
Diener ist hinauf gegangen, ihre Kammerfrau zu holen, und wir versuchen eben,
wie wir sie am besten von der Stelle bringen.
    Er wendete sich dabei wieder zu seinen Leuten, und von der Seltsamkeit des
Vorfalles angezogen, trat Renatus an die andere Seite des Wagens heran, um
hinein zu sehen. Kaum aber hatte er die Gestalt erblickt, die ganz
zusammengesunken und bleich wie eine Todte mit geschlossenen Augen dalag, als er
die Thre des Wagens aufri und mit dem Ausrufe: Eleonore, um Gottes willen, wie
kommen Sie hieher? Was ist geschehen, Eleonore? in den Wagen sprang und sie in
seinen Armen in die Hhe hob.
    Die Umstehenden traten vor Verwunderung zurck; nur der Wirth sah es, wie
die Fremde vor des Freiherrn lautem Anrufe matt und langsam die Augen aufschlug
und, als habe sie ihn erkannt, ihr Haupt auf seine Schulter legte.
    Niemand wute, was er von dem Vorgange denken solle; aber als nun vollends
die Leute der Grfin herbeigekommen waren, als der Diener und die Kammerfrau den
Freiherrn bei seinem Namen nannten, als die Letztere Gott dafr dankte, da er
den Baron hieher gefhrt habe, da schien dem Wirthe pltzlich die Einsicht in
die obwaltenden Verhltnisse zu kommen, und den Kellnern ein Zeichen gebend, da
sie sich entfernen sollten, leistete er in Person, mit den Leuten Eleonorens,
dem Freiherrn den Beistand, dessen er bedurfte, um die ihrer selbst nicht
Mchtige in das Haus und in ihre Gemcher zu tragen.
    Die Kranke war entkleidet, war zu Bette gebracht, ein Arzt herbeigeschafft;
aber von ihr selber konnte man keine Art von Auskunft ber ihr Befinden
erhalten. Sie vermochte ihre wandernden Gedanken nicht zusammen zu halten,
obschon sie Renatus wiedererkannt hatte und nach ihm verlangte, wenn sie in
einzelnen Augenblicken ihrer Sinne Herr war.
    Er und der alte Diener hatten den Arzt, so weit als nthig, mit den
obwaltenden Verhltnissen bekannt gemacht, und wie derselbe sich auch weigerte,
in diesem ersten Augenblicke ein festes Urtheil auszusprechen, lie er es doch
errathen, da man es hier mit mehr als einem vorbergehenden Leiden, da man es
allem Anscheine nach mit einer ernsten und schweren Krankheit zu thun haben
werde. Er wollte sich, nachdem er seine Verordnungen gemacht hatte, entfernen,
und Renatus schickte sich an, ihn zu begleiten; aber Eleonore bemerkte es, als
der Freiherr seine Hand aus ihrer in Fieberhitze glhenden Rechten zog, und ihn
festhaltend, rief sie angstvoll: Sie drfen nicht fort! Sie nicht! Nein, Sie
nicht!
    Es lag etwas vllig Irres in ihrem Blicke und in ihrem Tone, das ihn
entsetzte. Er hatte ein unbegrenztes Mitleid mit dem schnen, einst so
selbstgewissen Mdchen, das er so hlflos vor sich sah; aber auch seine eigene
Lage macht ihm Sorge. Da es fr ihn, nach den vereinzelten Gerchten, welche
ber seine Beziehungen zu der Grfin in Umlauf gekommen waren, nicht mglich
sei, ihren Krankenpfleger zu machen, darber wre er mit sich ganz im Klaren
gewesen, auch ohne die Anwandlung von Eifersucht, mit welcher seine junge Frau
die Grfin Haughton stets betrachtet hatte.
    Er htte viel darum gegeben, wre er nicht so unvorbereitet, so pltzlich in
dieses Abenteuer hineingezogen worden, htten die Leute in dem Gasthofe es nicht
gesehen, wie er die Grfin, wie sie ihn wiedererkannt, wre der Arzt nicht Zeuge
gewesen, wie Eleonore ihn nicht lassen wollen, wie sie sein Bleiben gefordert
hatte, als habe sie ein Recht darauf. Er konnte es sich nicht verbergen, da er
jedem in die Verhltnisse nicht Eingeweihten als der Mann erscheinen mute, dem
Eleonore gefolgt war, der an ihrer Krankheit Schuld trug, und er hatte eben erst
die langjhrige Verlobung mit Hildegard aufgelst, hatte sich eben erst
verheirathet, eben erst seine Frau in die Gesellschaft eingefhrt, deren
Verhalten gegen seine junge Gattin ihm ohnehin nicht wohlwollend erschienen war.
    Die Kranke sich und ihrem Schicksale zu berlassen, daran dachte er nicht;
aber er sann darber nach, wem er sie bergeben, wen er in die Lebens- und
Herzensverhltnisse der Unglcklichen, so weit er selber sie zu beurtheilen im
Stande war, einweihen drfe, ohne sie dadurch gegen Eleonore einzunehmen, und er
konnte Niemanden finden. Die Grfin Rhoden war nicht in der Stadt, Ccilie, wie
sehr er sie auch liebte und ihr vertraute, war Eleonoren nicht gewachsen. Sie
konnte er unmglich zur Pflegerin Eleonorens machen, von ihr konnte er fr diese
keinen Anhalt hoffen; er mochte auch den Schatten dieses dsteren Geschickes
nicht auf die ersten, schnen Tage seiner Ehe fallen lassen, er mochte die
harmlose Frhlichkeit seines jungen Weibes nicht stren und nicht missen.
    Wie er nun so, zwischen einer berechtigten Selbstsucht und seinem Mitgefhl
getheilt, vor- und rckwrts blickte, drngte sich ihm unwillkrlich der Gedanke
in die Seele, da seiner Familie von der Annherung an die verstorbene Herzogin
von Duras nichts als Unheil gekommen sei. Er grollte dem Tage, an welchem die
Herzogin zuerst sein Vaterhaus betreten hatte, er verwnschte es, sie in Paris
aufgesucht zu haben. Er begriff kaum, wie er berhaupt auf den Gedanken
verfallen war. Hatte er doch sein Leben lang niemals vergessen knnen, wie
heiter die Herzogin stets gewesen, als seine Mutter in dem Flies'schen Hause
schon zum Tode krank darnieder gelegen hatte; wie sie an nichts gedacht, als an
sich und ihr Behagen, whrend die treue Seba Tag und Nacht am Lager seiner
Mutter gesessen und wie ein freundlicher Schutzgeist an demselben Wache gehalten
hatte.
    Wie Jemand, der im Dunkeln, seines Weges ungewi, angstvoll umhergetastet
hat, pltzlich stehen bleibt und sich zurecht zu finden trachtet, wenn ihn aus
der Ferne ein Lichtschein die rechte Strae ahnen lt, so hielt Renatus
pltzlich inne: denn jetzt wute er, wo er Hlfe finden knnte. Eine Frau wie
Seba that Eleonoren Noth, eine Frau wie Seba fehlte an diesem Krankenbette. Seba
hatte die volle Einsicht in das Menschenleben, welche duldsam und barmherzig
macht. Sie hatte die Schmerzen seiner Mutter in ihrem Busen treu bewahrt; seine
Mutter hatte ihres starken Verstandes, ihres groen Herzens in den Tagebchern
oft erwhnt, die in den Besitz ihres Sohnes bergegangen waren und die ihn
bestimmt hatten, Seba aufzusuchen, als er vor neun Jahren zuerst nach der
Hauptstadt gekommen war. Aber was lag alles zwischen dem heutigen Tage und jener
fernen Zeit! -
    Freilich hatte er nur mit tiefstem Bedauern, nur mit innerstem Widerstreben
die Mittheilungen seines Oheims ber dessen Liebeshandel mit Seba angehrt und
geglaubt; inde er hatte sie doch geglaubt! Er hatte sie auf das Wort eines
Mannes hin geglaubt, dessen Charakterlosigkeit er kannte, dessen frevelhaften
Leichtsinn in Bezug auf Frauen, ja, dessen niedrige Sinnlichkeit ihm immer ein
Gegenstand der Abneigung und des Mitrauens gewesen waren. Er hatte Seba, von
der er nichts als Gutes wute und erfahren hatte, ohne eine Anfrage an sie, ohne
sie zu hren verurtheilt. Seine Schwiegermutter, die sie schtzte, seine
damalige Verlobte, die an Seba hing, hatte er von ihr entfernt, sich selber in
schnder Weise von ihr losgesagt, und das alles, weil ein Mann mit den leichten
und sichern Umgangsformen der vornehmen Gesellschaft sich schamlos berhmt
hatte, die Gunst dieser Frau besessen zu haben, als sie noch ein halbes Kind
gewesen war. Als ob es eine Heldenthat oder eine groe Kunst gewesen wre, das
Vertrauen der Unschuld zu gewinnen und zu mibrauchen! Und Seba hatte vielleicht
einst eben so elend, eben so verzweifelnd, mit sich und mit dem Leben gerungen,
wie jetzt die unglckselige Eleonore, die in ihren Phantasieen bald die heilige
Jungfrau zu ihrem Beistande anrief, bald mit flehendem Verlangen den Namen des
Mannes aussprach, den sie liebte und von dem sie, wie sie immer wiederholte,
ihre Seele wiederhaben wollte.
    Alle diese Gedanken und Erinnerungen zogen in rascher Folge durch sein
aufgeregtes Hirn, whrend er an dem Lager der Kranken sa. Der Zeiger der Uhr,
welche auf dem Spiegeltische zwischen den beiden Vasen voll knstlicher Blumen
stand, rckte mit melancholischer Sicherheit von Minute zu Minute vorwrts, und
jede Minute steigerte mit der Unruhe und der Angst des Freiherrn ein nicht
abzuweisendes, lastendes Schuldbewutsein in seinem Innern. Er, der meist immer
mit sich wohl zufrieden gewesen war, der sich stets mit selbstischer
Leichtigkeit zurechtzusetzen gewut, wenn er sich in irgend welchem inneren
Zwiespalt befunden hatte, konnte heute dies Schuldbewutsein nicht berwinden,
und es bezog sich nicht auf eine bestimmte Person oder auf eine bestimmte
Handlung, es war eine allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst, die sich
seiner bemchtigte.
    Er fhlte sich schuldig gegen Seba, er war weniger als jemals darber
beruhigt, da er den Grafen Gerhard einst so nahe an sich herangelassen hatte.
Er warf sich seine frhe Verlobung mit Hildegard vor, er tadelte sich, da er
Eleonoren von derselben nicht gleich unterrichtet, da er dem Abb, ohne ihn
genau genug zu kennen, sein Vertrauen gewhrt hatte; und er bereute das alles
hauptschlich, weil er, der danach getrachtet hatte, sich in dem ihm angeborenen
Kreise unter seines Gleichen recht festzusetzen und auszubreiten, jetzt, da er
einer Leidenden die Hand bieten, sie aufrichten und tragen wollte, sich es
eingestehen mute, da es ein trgerischer Boden sei, auf dem er sich bewege,
und da er Niemanden, aber Niemanden in seiner genzen nchsten Umgebung und
Verwandtschaft habe, von dem er in einem auergewhnlichen Falle auf einen
auergewhnlichen Beistand rechnen drfe.
    An wen von allen seinen Standesgenossen sollte er sich wenden, um Hlfe zu
fordern fr eine junge Grfin Haughton, die, von der Liebe fr einen
katholischen Geistlichen ber alle Schranken der gesellschaftlichen Zucht und
Sitte fortgerissen, ihren Glauben gegen ihre Ueberzeugung abgeschworen hatte,
und nun in halbem Irrsinne ihren Bekehrer mit ihrer Leidenschaft verfolgte?
    Es war in Eleonorens Lage und Verhalten Alles dazu angethan, jene Frauen
abzustoen, welche in die Bewahrung ihres guten Rufes, in die strenge
Unterordnung unter die hergebrachte Sitte, und in das Beharren innerhalb der
ihnen durch ihren Stand und ihre Geburt angewiesenen Schranken ihre Ehre
setzten. Renatus hatte von frhester Jugend an aus voller Ueberzeugung die engen
und unwandelbaren Formen und Gesetze der sogenannten guten Gesellschaft als ein
Heilsames und Nothwendiges anerkannt. Er hatte es von den Frauen seines Standes
als ein Unerlliches gefordert, da sie selbst den geringsten beln Schein zu
meiden suchen sollten, und er wrde noch in dieser Stunde jedem, auch dem
leisesten Zweifel an einer zu ihm und seinem Hause gehrenden Frau, als
Edelmann, auf edelmnnische Weise zu begegnen fr seine Pflicht erachtet haben.
    Hier aber lag nun Eleonore, dem hrtesten Urtheile gerechten Anla bietend,
unglcklich und verlassen, und doch nicht schuldig.
    Immer und immer wieder kam Renatus auf die eine Frage zurck: Wen soll ich
rufen, ihr beizustehen und mir zu helfen?
    Einen Priester seiner Kirche? Der Arzt hatte dies eben so entschieden
verboten, als die Zulassung eines protestantischen oder englischen Geistlichen,
auf welchen die Dienerschaft der Kranken ihre Hoffnung gerichtet hatte. - Eine
der lteren Frauen seiner Bekanntschaft? Man war gegen ihn selber nicht ohne
Voreingenommenheit, wie konnte er hoffen, fr Eleonore ein gerechtes, ein
nachsichtiges Urtheil zu gewinnen? Wie konnte er erwarten, von denen, welche
sich fr makellos, fr eine besondere und bevorzugte Menschenklasse
betrachteten, das Erbarmen mit den Irrthmern und Fehlern eines Mdchens zu
erlangen, das sich eben durch dieselben von dem Herkommen ihres Hauses und ihres
Standes so auffallend entfernte!
    Und er selber? Nun, er hatte es ja auch fr Pflicht erachtet, selbst den
Schein des Unrechtes von sich fern zu halten, weil die Welt berechtigt sei, nach
dem Scheine zu urtheilen - und der Schein war ganz entschieden gegen ihn. Heute,
jetzt verstand er es, wehalb der Heiland, an den er glaubte, nicht die
Phariser und Schriftgelehrten zu seinen Schlern und Aposteln auserkoren hatte,
wehalb er sich mit seiner Lehre von der Liebe und von der Vergebung zu den
Armen hingewendet, die der Liebe und der Vergebung sich selber bedrftig gefhlt
hatten; heute verstand er zum ersten Male, was Christus hingezogen zu der
Snderin.
    Nur Seba konnte ihm helfen, und was es ihn auch kostete, ihr zu nahen, gegen
die er sich versndigt hatte, er mute ihren Beistand fordern.
    Vorsichtig, um Eleonore nicht zu erwecken, die in Schlaf versunken war, zog
er seine Hand aus der ihrigen, und ihren Leuten die nothwendigen Weisungen
zurcklassend, machte er sich zu Seba auf den Weg.
    Es war zwei Uhr vorber, als er an Tremann's Thre den ffnenden Hauswart
fragte, ob Frulein Flies zu Hause sei. Die Herrschaft speise, gab man ihm zur
Antwort, und Herr Tremann habe streng befohlen, da man whrend der Mahlzeit
Niemanden melden drfe. Der Freiherr schtzte dringende Geschfte vor; der
Hauswart blieb bei seiner Weigerung, bis die Unruhe, welche Renatus nicht
verbergen konnte, jenen anderen Sinnes machte. Er zog eine Schelle, welche in
das Innere des Hauses ging; der Diener kam heraus, und auf die Erklrung, da
der Herr Major das Frulein zu sprechen wnsche und sich nicht abweisen lasse,
forderte der Diener des Freiherrn Karte, nthigte ihn, in das Vorzimmer
einzutreten, und entfernte sich dann, den Bescheid fr ihn zu holen.
    Wie sie das gelernt haben! sagte Renatus unwillkrlich und mit Erstaunen;
als ob die Gewhnung an Bequemlichkeit und an jene huslichen Einrichtungen,
welche vor unwillkommenen Strungen und Ansprchen bewahren, das Vorrecht einer
besonderen Menschenklasse wre. Wie sie das gelernt haben! Der alte Flies sprang
noch behende von seinem Tische auf, wenn man im Laden schellte - und nun gar fr
Unsereinen!
    Es blieb ihm jedoch zu diesen Betrachtungen nur kurze Zeit, denn der Diener
brachte ihm die Antwort, da die Herrschaft ihn zu empfangen bereit sei, und
ging vorauf, ihn nach Seba's Zimmer zu geleiten.
    Er fand sie seiner bereits wartend; aber sie war nicht allein. Paul war bei
ihr; denn nach den Erfahrungen, welche Graf Gerhard ihn bei Anla von Seba's
Briefen hatte machen lassen, und nach der Weise, in der Renatus sich von dem
Flies'schen Hause zurckgezogen, meinte Paul seine Freundin vor jeder Begegnung
mit diesen beiden Mnnern, so viel an ihm war, behten, oder ihr bei einer
solchen doch mindestens zur Seite stehen zu mssen. Es lag daher auch wenig
Ermuthigendes in seinem Tone, als er den Freiherrn fragte, welchem Zufalle man
die Ehre seines Besuches zu verdanken habe.
    Auf Paul zu treffen, wo er darauf gerechnet hatte, Seba allein zu finden,
war dem Freiherrn nicht willkommen; aber er berwand sich, weil die
Nothwendigkeit ihn dazu zwang, und ohne auf eine Entschuldigung zu sinnen, sagte
er mit der Sicherheit derjenigen, welche es gewohnt sind, fr sich um ihrer
Stellung und ihrer Persnlichkeit willen schlielich doch immer eine gute
Aufnahme zu finden: Sie haben ein Recht, diese Frage in solchem Tone an mich zu
richten, und ich wrde, ehe ich es gewagt htte, Frulein Flies nach einer so
langen Versumni aufzusuchen, mich sicherlich vor ihr zu rechtfertigen
getrachtet haben, wre der Anla, der mich heute, der mich eben jetzt nthigte
und trieb, mich an Frulein Flies zu wenden, nicht ein pltzlich eingetretener,
und htte ich Zeit, an etwas Anderes zu denken, als an die Hlfe, die ich von
ihr fr eine Unglckliche zu fordern gekommen bin!
    Seba hatte ihn genthigt, sich niederzusetzen, und den Faden seiner
Mittheilungen wieder aufnehmend, sagte er: Sie werden Sich, ich wei es,
wundern, da ich mich eben an Sie wende...
    Nein, Herr Major, fiel Seba ihm mit ihrer sanften Wrde in die Rede, o nein!
Sie sind nicht der Erste meiner Freunde, der mich versumte und mir wiederkam,
der mich in seinem Glcke verga und sich an mich erinnerte, wenn er mich
brauchte. Ich habe dies, fgte sie mit einem Lcheln hinzu, das sie noch immer
sehr schn erscheinen lie, ich habe dies aber immer als mein besonderes
Adelsdiplom betrachtet, und Ihr heutiger Besuch, Ihr Anspruch an mich sind mir
eine Besttigung desselben. Seien Sie also willkommen - - sie hielt ihm ihre
Hand hin - in der That willkommen, Herr Major! Und nun, was wnschen Sie von
mir?
    Renatus kte ihr die Hand, die sie ihm dargeboten hatte; aber das Roth der
Scham trat ihm auf die Stirne, denn Paul war Zeuge der freundlich vornehmen
Verzeihung, mit der sie ihren einstigen Freund behandelte, der Gnade, welche
Seba ihm angedeihen lie. Inde Renatus mute dies zu vergessen, sich darber
fortzusetzen suchen, und Seba und Paul erleichterten, nachdem die Erstere sich
die ihrer wrdige, aber unerlliche Genugthuung bereitet hatte, ihm dies beide
durch ihre Fragen und durch die Art, in welcher sie seiner Mittheilung ihr Ohr
liehen.
    So schnell, so gedrngt und so schonend, als es nur mglich war, suchte
Renatus sie von den Verhltnissen der Grfin, von dem, was er selber mit ihr
erlebt hatte, in Kenntni zu setzen. Er hatte dabei seiner Verheirathung, er
hatte Ccilien's wie Vittoria's zu gedenken, und von dem Eifer seiner
Mittheilungen fortgerissen, sagte er: Sie werden meine Stiefmutter, Sie werden
meine Frau ja kennen lernen. Keiner von beiden, ich darf das zuversichtlich
sagen, wrde der gute Wille fehlen, der Grfin beizustehen, aber der gute Wille
ersetzt die Kraft, die Einsicht, die Erfahrung nicht. Sie sind meiner theuren
Mutter einst ein solcher Trost gewesen - nehmen Sie Sich der Grfin Haughton an.
    Seba antwortete ihm nicht gleich, als er geendet hatte; das beunruhigte ihn.
    Sie zgern? fragte er. Sie wollen oder Sie knnen ihr nicht beistehen?
    Ich sinne nur darber nach, entgegnete ihm Seba mit jener Einfachheit, deren
nur die hchste Bildung und die hchste Gte fhig machen, ich sinne nur darber
nach, wie ich es anfange, gleich jetzt mit Ihnen zu Ihrer Kranken hinzufahren.
Sie sagen mir, da Sie nach Hause mssen, um Frau von Arten nicht zu
beunruhigen, und ich habe fr den Nachmittag eine andere Verabredung getroffen.
    Das ist leicht zu ndern, bedeutete ihr Paul, der gewohnt, das Steuer zu
fhren, es unwillkrlich und berall, bei kleinen wie bei groen Anlssen
ergriff; und die Schelle ziehend, befahl er dem Diener, da man anspannen,
schnell anspannen, und ihm aus dem Comptoir einen Boten senden solle. Dann
schlug er dem Freiherrn vor, die Baronin durch ein paar Zeilen ber sein
Ausbleiben zu beruhigen; er selber bernahm es, Seba von ihrer genommenen Abrede
zu befreien, und whrend diese sich entfernte, um sich anzukleiden und Davide
von ihrem Ausgehen zu benachrichtigen, blieben Paul und Renatus in Seba's
Wohnzimmer zurck.
    Die zwei Worte an die Baronin von Arten waren schnell geschrieben, der Bote
damit fortgeschickt, und Renatus ward es nun mit einer peinlichen Empfindung
inne, da er sich mit Paul allein befand. Inde auch jetzt wieder kam der
Letztere ihm zu Hlfe.
    Wie nannten Sie den Namen der jungen Grfin? fragte er, um eine Unterhaltung
einzuleiten. Ich mochte Sie vorhin in Ihrer Mittheilung nicht unterbrechen und
habe ihn nicht verstanden.
    Grfin Eleonore Haughton! antwortete der Freiherr.
    Paul besann sich. Den Namen habe ich schon gehrt, meinte er; und pltzlich
sich erinnernd, sagte er: Irre ich nicht, so ist die Grfin bei unserm Hause
accreditirt und uns in dem Creditive warm empfohlen; aber ich vermuthete in
jener uns zugewiesenen Dame natrlich keine junge Frau, noch weniger ein junges
Mdchen, und darum fiel mir der Name nicht gleich am Anfange auf.
    Renatus erwiederte darauf nichts; das Gesprch drohte in's Stocken zu
gerathen, und doch mochte er sich nicht immer wieder von Tremann vorwrts helfen
lassen, mochte er nicht eben diesem Manne gegenber den Anschein auf sich laden,
als fehlten ihm die Leichtigkeit und Sicherheit, welche sein Vater in so hohem
Grade besessen hatte, oder als fhle er sich in der Gesellschaft Paul's nicht
frei. Er suchte nach einer neuen Anknpfung; die lange Parade am Morgen, die
erschtternde Begegnung mit der Grfin, das Wiedersehen von Seba, kurz, alles,
was er in den wenigen Stunden durchgemacht und durchempfunden, hatte ihn jedoch
ermdet, und zu der unerfreulichen Ahnung, da er durch Eleonorens Ankunft in
den Bereich neuer Verwicklungen getreten sei, gesellte sich noch der Gedanke,
wie Paul sich jetzt nicht nur im Besitze dieses Hauses, sondern zum Theil auch
bereits in dem Besitze der Arten'schen Gter befinde. Das befing Renatus
vollends. Er konnte, wie er sich auch mhte, keine jener allgemeinen,
gleichgltigen Bemerkungen machen, mit denen man sonst einem Fremden gegenber
einige Minuten gemeinsamen Wartens auszufllen pflegt. Aber diese Unbeholfenheit
wurde ihm immer drckender, ja, sie steigerte sich allmhlich bis zum Verdrusse
ber sich selbst, bis zu einer Angst; und als msse er sich von derselben um
jeden Preis befreien, als msse er es durchaus erklren, was ihn beschftige,
sagte er pltzlich mit einer durch die Umstnde in keiner Weise gerechtfertigten
Lebhaftigkeit: Sie sehen, ich habe Ihren Rath befolgt; Rothenfeld und Neudorf
sind verkauft!
    Paul neigte kaum merklich das Haupt. Und Sie sind im Militr geblieben,
fgte er hinzu, und haben die Frucht dieses Entschlusses, wie ich mit Vergngen
hrte, schnell genug geerntet. Man hat Ihnen zu gratuliren; Sie sind frh Major
geworden!
    Er hatte die Absicht gehabt, Renatus mit dieser Wendung von den ihm
unerfreulichen Erinnerungen auf ein anderes Gebiet zu lenken, auf welchem ihm
Gutes widerfahren und erwachsen war. Ueber diesen war jedoch mit der ersten
Stunde, in welcher er sich zu dem Verbleiben in der militrischen Laufbahn
entschlossen hatte, die rastlose Unzufriedenheit des Ehrgeizes gekommen, die
sich nicht an dem Erreichten zu erfreuen vermag, wenn Anderen das Gleiche zu
Theil geworden ist, und Tremann's Anerkennung von sich weisend, entgegnete
Renatus: Ich bin nicht wesentlich frher als Sie im Heere vorwrts gekommen; Sie
waren ja auch zu Ende des ersten Feldzuges bereits Major!
    Whrend des Krieges war die Gelegenheit mir gnstig, bemerkte Paul; das
Avancement in der Landwehr machte sich bei den ungeheuren Verlusten, die wir
erlitten hatten, schnell.
    Und wieder hatte trotz der beiderseitigen guten Absicht das Gesprch nach
diesen wenigen Worten noch einmal sein Ende erreicht. Es war, als lge eine
unausfllbare Kluft zwischen ihnen, die zu berschreiten keiner von beiden die
Brcke fand. Renatus meinte, es sei in seinen Verhltnissen geboten, seine Wrde
mit Zurckhaltung zu behaupten, und Paul fand keinen Grund in sich, dem
Freiherrn eine besondere Zuvorkommenheit zu beweisen. Inde die Unfreiheit,
welche auf dem Anderen lag, fing Paul, dessen ganze Natur auf Freiheit gestellt
war, zu belstigen an. Das Mitleid, welches er mit Renatus hegte, konnte ihn
nicht verhindern, dieses Beisammensein beschwerlich zu finden. Unwillkrlich zog
er die Uhr hervor, um zu ermessen, ob Seba noch nicht kommen, der Wagen noch
nicht fertig sein knne. Das entging Renatus nicht, und als wolle er wenigstens
in diesem Falle seine gesellschaftliche Ueberlegenheit behaupten, sagte er, sich
gewaltsam berwindend, um eine neue Unterhaltung anzuknpfen: Sie sprachen, als
ich Sie bei meiner Rckkehr hier aufzusuchen veranlat war, von Einbuen und
Verlusten, welche Ihr Haus whrend Ihrer Feldzge erlitten htte. Derlei stellt
sich wahrscheinlich auch in Ihrer Lage so leicht nicht wieder her. Wie ist es
Ihnen ergangen, was haben Sie gethan, seit ich Sie damals sah?
    Paul's schnes Antlitz hellte sich auf. Es war ihm eine Erleichterung, da
Renatus sich von seiner Befangenheit loszumachen trachtete, und da er, wie alle
tchtigen Menschen, trotz der Enttuschungen, denen Niemand mehr als eben solche
unterworfen sind, doch immer wieder zum Glauben an den Menschen und zum Hoffen
auf das Gute in der Natur desselben geneigt war, sprach er freundlich, wenn auch
ber die Art der Frage unwillkrlich lchelnd: Fr Unsereinen, der mit seinem
Thun und Lassen auf sich selbst gewiesen ist, lt sich eine solche Frage nicht
rundweg, nicht mit Einem Worte abthun. Inde ich darf wohl sagen: ich habe nicht
gefeiert! - Dann, als besorge er, den Freiherrn mit solch kurzem Bescheide
wieder in das frhere Unbehagen zurckzuwerfen, fgte er hinzu: Es sind nicht
allein die groen Unternehmungen, es sind eben so wohl die kleinen tglichen
Erfolge, welche uns vorwrts bringen; und das Wachsen, das Gedeihen vollzieht
sich berall in der Regel geruschloser und weniger sichtbar, als das Zerstren
und das Zugrundegehen. Es liegt fr den Dritten, fr den Zuschauer daher
vielleicht kein besonderes Interesse darin, uns auf unserm Wege zu begleiten,
unserm immer gleichen und doch in sich sehr wechselreichen Arbeiten zuzusehen,
selbst wenn es, wie dies meist der Fall ist, mit den allgemeinen
Nothwendigkeiten eng genug verbunden ist. Wir haben keinen Rang, keine ueren
Anerkennungen, als diejenigen, welche das Urtheil unserer Standesgenossen und
Mitbrger uns zu Theil werden lt; denn jene Titel und Orden, welche der Knig
einem Gewerbtreibenden gelegentlich verleiht, zhlen nicht vor den Tchtigen und
Verstndigen unter uns. Wir schaffen uns unsern Namen, unsere Stellung in der
kaufmnnischen wie in der brgerlichen Welt aus eigener Machtvollkommenheit.
Unsere tgliche Arbeit wird erst merkbar, wenn sie ihre Ernte getragen hat,
obgleich wir uns derselben stets bewut sind und unserer Freude an unsern mit
tausendfachen Sorgen schwer errungenen Erfolgen nicht entbehren. Und da es uns
an Sorgen und Hoffnungen dabei durchaus nicht mangelt, so brauchen wir nach
Erregungen und Zerstreuungen nicht zu suchen, uns Lust und Pein nicht erst zu
schaffen. Das hat auch sein Gutes, besonders fr denjenigen, der in der freien
Arbeit an und fr sich schon seine wahre Befriedigung geniet!
    Er brach ab, weil er besorgte, mit der Schilderung seiner Zustnde wider
seinen Willen ein Gegenbild zu denen des Freiherrn geboten zu haben; und in der
That lag in des Kaufmanns stolzer Selbstgengsamkeit ein Vertrauen zu dem Leben
und in die Zukunft verborgen, um welches der Freiherr ihn beneidete. Er konnte
sich jedoch nicht berwinden, ihm dies auszusprechen, und ohne eine Bemerkung
auf Paul's Auseinandersetzungen hinzuzufgen, sagte er: Und Sie sind auch
verheirathet? Sie haben Kinder?
    Ja, ich habe einen Knaben und Aussicht auf ein zweites Kind. Dazu geniee
ich das Glck, Frulein Flies, die mir und meiner Frau eine Mutter gewesen, und
die ja leider unvermhlt geblieben ist, in meinem Hause eine Heimath bieten zu
knne; und wir befinden uns in einer Lage, in welcher wir uns in vollster
Freiheit nach eigenem Bedrfen regen und bewegen knnen. - Er hielt abermals
inne und sagte danach: Das ist freilich nichts Besonderes, das haben hundert
Andere auch, das ist viel und wenig, wie man es betrachtet. Mir gengt es! Ich
knnte also Ihre erste Frage wohl mit dem schlichten Worte beantworten: es geht
uns Allen in jedem Sinne wohl!
    Nicht so, Seba? fragte er, sich mit seinem hellen Blicke und seiner
volltnenden, mnnlichen Stimme, deren bloer Klang erfrischend wirkte, an die
Freundin wendend, welche, fr die Ausfahrt angekleidet, eben in das Zimmer trat.
    Gewi! entgegnete sie; aber wehalb soll ich das besonders erst versichern?
    O, rief Renatus, und eine weiche, schmerzliche Empfindung, wie er sie diesen
Menschen gegenber, wie er sie in solcher Weise berhaupt noch nie gefhlt
hatte, bewegte ihn und drohte, ihn zu berwltigen, o, bereuen Sie diese
Versicherung nicht! Es ist ein Segen und es ist sehr selten, Glckliche zu
sehen!
    Seine Erschtterung berraschte die beiden Anderen, und ein Blick des
Einverstndnisses zwischen ihnen bezeugte, was sie dachten. Inde die Meldung
des Dieners, da der Wagen vorgefahren sei, trat eben jetzt dazwischen.
    Renatus, sich schnell ermannend, bot Seba seinen Arm; Paul begleitete sie.
Als sie eingestiegen war, wendete Renatus sich zu Jenem und sagte, indem er, was
er sonst nie gethan hatte, ihm die Hand reichte und schttelte: Leben Sie wohl,
und erhalte der Himmel Ihnen Ihr Glck und Ihre Zufriedenheit! Leben Sie wohl!
    Auf Wiedersehen! entgegnete Paul, ihm den Hndedruck vergeltend. Und in das
Haus zurckkehrend, dachte er: Wenn er ein Einsehen htte - wie gern wollte man
ihm helfen!

                                Drittes Capitel


Die Zeit und das Leben waren damals noch nicht so bewegt, da ein Ereigni wie
die Ankunft und Erkrankung einer vornehmen Fremden mit den diese Erkrankung
begleitenden auffallenden Nebenumstnden in der Residenz unbeobachtet und
unbesprochen htte bleiben knnen. Der und jener Vorberkommende hatte gesehen,
wie man die Kranke aus dem Wagen gehoben, wie ein Major in voller Uniform dabei
behlflich gewesen war; und die augenblicklichen Mitbewohner des Gasthofes
hatten sich bei den Kellnern erkundigt, was es mit der Kranken fr eine
Bewandtni habe. Die Fragen waren, wie das in solchen Fllen stets geschieht,
ber die ersten Antworten hinausgegangen, die nchsten Antwortenden hatten mit
Vermuthungen zu ergnzen gestrebt, was sie an Wissen entbehrten, und schon an
einem der folgenden Tage brachte die verbreitetste Zeitung der Stadt unter ihren
allgemeinen Berichten die Kunde: da eine vornehme Englnderin, die Grfin E.
H....ton, deren Abenteuer am franzsischen Hofe wie in der vornehmen Welt ihres
Vaterlandes viel von sich reden machen, in der Hauptstadt angekommen sei, wohin
ein Herzensverhltni sie gezogen habe. Wider ihr Erwarten habe sie aber den
Mann, welchem sie gefolgt sei, einen hheren preuischen Offizier, bereits
anderweitig verheirathet gefunden und sei aus Verzweiflung darber wahnsinnig
geworden. Der Name des sie behandelnden Arztes schlo diesen Bericht.
    Die brgerliche Gesellschaft las ber denselben hinweg, wie man im
Allgemeinen ber derlei achtlos fortgeht; aber in den Kreisen, in denen Renatus
lebte, und in denen man gewohnt war, sich um die Vorgnge an den verschiedenen
Hfen zu bekmmern, fiel die Nachricht auf.
    Man erinnerte sich, da vor ungefhr drei Viertel Jahren eine junge
Englnderin vom franzsischen Hofe verwiesen worden war. Man entsann sich, da
es die berhmte Schnheit, die Grfin Haughton-Lauzun gewesen sei, die Nmliche,
welche nach den Berichten der englischen Zeitungen in London am Hofe zu der
blichen Vorstellung nicht zugelassen worden, und spter zum Katholicismus
bergetreten war. Eine der Hofdamen, welche mit der grflich Rhoden'schen
Familie verwandt war, hatte damals von ihrem bei der preuischen Gesandtschaft
in Paris beschftigten Bruder die briefliche Mittheilung erhalten, da der
Freiherr von Arten in die Abenteuer der Grfin Haughton verwickelt, da er einer
ihrer Liebhaber gewesen sei; und die in der Zeitung angegebenen Buchstaben
paten auf die Grfin.
    Das machte die Neugier rege. Man lie sich die Fremdenbltter holen; unter
den Eingetroffenen fand sich, zu allgemeiner Genugthuung, der Name der Grfin
Haughton, und als die Schwester eben jenes Gesandtschafts-Sekretrs zufllig bei
ihrer Spazierfahrt die Linden entlang fuhr, sah sie, da man vor und neben dem
betreffenden Gasthofe die Strae, um das Rollen der Wagen abzudmpfen, weit
hinaus mit Stroh beschttet hatte.
    Abends erzhlte die Hofdame der Ober-Hofmeisterin in dem Zimmer ihrer Herrin
von dem romantischen Ereigni, und so leise sie auch sprachen, hatte die
Prinzessin doch ein Wort davon gehrt. Sie verlangte, zu wissen, wovon die Rede
sei. Die Ober-Hofmeisterin, froh, einen Gegenstand der Unterhaltung fr die
unbeschftigte Prinzessin zu haben, erzhlte, was sie wute.
    Die Prinzessin sagte, sie habe der Sache schon frher erwhnen hren, als
sie im Auftrage des Knigs das Frulein-Stift zum heiligen Grabe besucht, und
dort zu ihrem Erstaunen die Grfin Hildegard von Rhoden gefunden habe, die nach
ihrem Wissen mit dem Freiherrn von Arten seit vielen Jahren versprochen gewesen
sei. Sie wunderte sich, wie Hildegard's Mutter, nach der Weise, in welcher der
Freiherr sich gegen Hildegard benommen hatte, und nach den Gerchten ber ihn,
die ihr doch kaum verborgen geblieben sein konnten, den Muth besessen habe, ihm
die zweite Tochter anzuvertrauen.
    Die Hofdame, welche mit Hildegard in gleichem Alter und eine Freundin von
ihr war, wagte die bescheidene Bemerkung, Hildegard habe sich fr die Schwester
aufgeopfert, als sie deren Leidenschaft fr ihren Verlobten wahrgenommen habe.
Die Prinzessin, ein Vorbild der ehelichen Treue und der Mutterliebe, schttelte
mibilligend das schne Haupt.
    Wie traurig ist es, da selbst ursprnglich edle Naturen, denn ich habe
frher nur Gnstiges von dem Baron von Arten gehrt, sich zu solchen Verirrungen
hinreien lassen knnen, die ihre Strafe in sich selber tragen. Die Zeit bleibt
sicherlich nicht aus, in welcher die Grfin Hildegard ihr Schicksal als das
glcklichere zu preisen haben wird! Wenn Sie ihr schreiben, so sagen Sie ihr,
da ich ihrer denke und da ich sie zu sehen hoffe, wenn sie wiederkehrt.
    Mit diesem Ausspruche der Prinzessin war fr die Personen, welche zu ihrem
Hofstaate gehrten, die Weise vorgezeichnet, in welcher man die Angelegenheiten
der Arten'schen und der Rhoden'schen Familie aufzufassen hatte; und da man
einmal auf dem Wege war, sich mit ihnen zu beschftigen und sie zum Gegenstande
der Unterhaltung zu machen, gab es in den nchsten Tagen kaum einen Theetisch,
kaum ein Plauderstndchen, in welchem sie nicht den Stoff fr weit
zurckreichende Erinnerungen, fr eben so weit gehende Vermuthungen und
Voraussichten geboten htten.
    Von der Rhoden'schen Familie hatte man wenig zu sagen. Das Leben, die Ehe
der Grfin waren einfach und tadellos gewesen; um so reicheren Stoff aber boten
die Ueberlieferungen aus dem Arten'schen Hause fr die sagenbildende Kraft der
Menschen dar. Die Eigenartigkeit des Fruleins Esther, die Schnheit der frh
gestorbenen Amanda von Arten, die sich in einer heimlichen Leidenschaft zu einem
Manne niederen Standes verzehrt haben sollte; der Tod der Baronin Angelika,
welcher ein Liebeshandel das Herz gebrochen, den ihr Gatte mit der Herzogin von
Duras unterhalten hatte, waren Dem und Jenem aus persnlichen Anschauungen und
Erinnerungen bekannt, und man war nicht abgeneigt, eine Art von sittlicher
Gerechtigkeit darin zu finden, wenn die Nichte der Herzogin an einer
unglcklichen Liebe fr den Sohn der Baronin zu Grunde ging, ohne da man diesen
dehalb nachsichtiger beurtheilt htte. Selbst die Entschuldigungen, welche man
ihm angedeihen lie, dienten nicht zu seinem Segen.
    Man beklagte ihn, da er von einem Vater erzogen worden war, der, obschon er
ein vollkommener Cavalier gewesen sei, doch sich selbst nicht zu zgeln
verstanden und noch an der Schwelle des Greisenalters eine junge Nonne aus
vornehmem Hause aus dem Kloster entfhrt hatte. Man wute darber freilich
nichts Genaues, aber man hatte von einem ppstlichen Dispens sprechen hren, den
zu erwirken der Freiherr Franz lange Jahre in Italien gelebt hatte und der mit
einem namhaften Theile des Arten'schen Vermgens erkauft worden war. Die junge
Frau sollte den greisen Gatten leidenschaftlich geliebt und das Gelbde gethan
haben, fortan die Witwentrauer nicht mehr abzulegen. Man war gespannt, zu sehen,
ob sie diesen Vorsatz auch in der Residenz, auch in dem Hause ihres Stiefsohnes
zur Ausfhrung bringen werde, in dem sie, wie man berichtete, gerade in diesen
Tagen erwartet wurde. Und da nun Jeder, in dessen Beisein von diesen Gerchten
die Rede war, sich die Lcken und Unwahrscheinlichkeiten in denselben auf seine
Weise und mit seiner verbindenden Kraft zu ergnzen strebte, so erwuchs um den
Kern von Wahrheit, der diesen Behauptungen berall zum Grunde lag, eine
Dunstschicht von Einbildungen, die sich in dem Bewutsein der Leute um so fester
setzten, je weniger die Personen, um welche diese Mrchen sich bewegten, eine
Ahnung von ihrem Vorhandensein besaen und in der Lage waren, sich gegen diese
Erfindungen zu erheben und zu vertheidigen.
    Was Renatus anbetrifft, so hatte er eben in diesen Tagen vollauf mit der
Wirklichkeit zu thun. Ccilie war doch noch tiefer, als er es befrchtet hatte,
durch die Ankunft der Grfin erschttert worden, und wenn es ihm auch gelungen
war, sie bald vllig ber den Vorfall zu beruhigen und sie die Sache in ihrem
rechten Lichte erkennen zu machen, so fgte es sich doch nicht glcklich, da
gerade jetzt auch Vittoria mit ihrem Sohne von der einen Seite anlangte, whrend
von der anderen die Grfin Rhoden mit Hildegard in der Hauptstadt eintraf.
    Vittoria, die in allen praktischen Angelegenheiten unbehlflich wie ein Kind
geblieben war, wollte in ihren Zimmern eingerichtet sein und mifiel sich in
ihnen, whrend sie ber die ihr bevorstehende Trennung von Valerio sich
untrstlich zeigte. Alles in ihrem jetzigen Dasein war ihr fremd und dnkte ihr
qulend. Sie hatte niemals in einer Stadt gelebt. Die beiden von Renatus mit
Vorsorge fr ihren besonderen Gebrauch ausgewhlten Zimmer dnkten sie eng und
niedrig, denn sie verglich sie unwillkrlich mit den groen, hohen Slen ihres
Klosters und den stattlichen Rumen des Arten'schen Schlosses. Die ihr fremde
Heizungsweise belstigte sie, die Huserreihen, die ihr den Horizont verengten,
machten sie traurig, sie verlangte mit einer krankhaften Ungeduld nach Luft,
nach Licht; und wollte man sie nicht in Thrnen ausbrechen sehen und in
schwermthigem Brten sich selber berlassen, so blieb nichts brig, als auf
ihre Zerstreuung zu denken, wie denn, nach des jungen Freiherrn Ansicht, Ccilie
ebenfalls Zerstreuung nthig hatte.
    Weder das Alleinsein mit Vittoria, in welchem, wie natrlich, Eleonore
Haughton den einzigen Gegenstand der Unterhaltung machte, noch die Begegnungen
mit der Mutter und der Schwester, bei denen derselbe Gegenstand und noch andere,
eben so unerfreuliche Errterungen zur Sprache kommen muten, konnten dem
aufgeregten Gemthe der jungen Frau zu einer Besnftigung gereichen, und Renatus
selber fhlte das Bedrfni, sich, wenn auch nur fr einzelne Stunden, von den
peinlichen Eindrcken, von den Sorgen abzuziehen, die auf ihm lasteten.
    Er hatte gehofft, Hildegard werde sich wenigstens fr die erste Zeit von
seinem Hause fern halten, und er hatte dies nicht erst besonders gefordert, weil
es ihm das Natrliche geducht hatte. Aber er kannte weder die Neigung gewisser
Frauen, sich und Anderen das Leben mglichst schwer zu machen, noch die
furchtbare Berechnung, welcher eben solche Frauen fhig sind. Er hatte es nicht
vorausgesehen, da Hildegard, um die von ihr bernommene Rolle gromthiger
Entsagung aufrecht zu erhalten, sich und dem jungen Ehepaare die Marter eines
unntzen Zusammenkommens auferlegen wrde; er hatte noch weniger erwartet, da
die Mutter ein solches Verhalten als nthig bezeichnen und also es begnstigen
werde.
    Renatus sa, von der Parade kommend, mit Ccilien beisammen, als die beiden
Frauen, von deren Ankunft in der Stadt man noch nicht unterrichtet worden war,
sich zum ersten Male in dem neuen Haushalte melden lieen. Mit einer
Befangenheit, mit einer Bestrzung, welche in diesen Verhltnissen sehr
erklrlich waren, erhoben die jungen Eheleute sich, den Eintretenden entgegen zu
gehen. Ccilie warf sich der Schwester in die Arme und barg, in Thrnen
ausbrechend, ihr Gesicht an Hildegards Brust, whrend Renatus, nachdem Ccilie
sich aufgerichtet hatte, die Hand seiner Schwgerin ergriff und sie an seine
Lippen fhrte.
    Sei willkommen in unserm Hause und gnne mir es, Dir als ein Bruder zu
vergten, was ich Dir gethan! Das war alles, was er sagte, aber obschon er sehr
bla geworden, war seine Stimme doch vollkommen fest und ruhig.
    Hildegard hatte ebenfalls die Farbe gewechselt; inde das Lcheln, mit dem
sie in das Zimmer gekommen war, wich weder vor Cciliens Thrnen, noch vor ihres
Schwagers Worten von ihren Lippen; und sich zu der Mutter wendend, sprach sie:
Hatte ich nicht Recht, da wir, ohne sie darauf vorzubereiten, hieher gegangen
sind? Ihr solltet es gleich sehen, da ich nicht um meinetwillen komme, Ihr
solltet nicht darber in Zweifel sein, wie ich fr Euch gesonnen bin, und da
die Rcksicht auf Eure gesellschaftliche Stellung mir wichtiger ist, als mein
eigenes Empfinden. Wer darf Euch tadeln, wenn ich fr Euch bin? Aber wie geht es
Euch? Es scheint, die Stadtluft thut Euch nicht recht wohl. Nicht wahr, liebe
Mutter? Ccilie sieht nicht gut aus und Renatus auch nicht!
    Sie machte es mit diesem Nachsatze fr den Freiherrn zu einer Unmglichkeit,
ihr auf ihre ersten Erklrungen zu antworten, und weil Ccilie sich von der
Herablassung der Schwester, von ihrem verzeihenden Erbarmen eben so gepeinigt
fhlte, als der Freiherr ihr Betragen beleidigend fand, beeilte die junge Frau
sich, der Unterredung ein Ende zu machen, indem sie die Mutter und die Schwester
aufforderte, sich in ihrem Hause umzusehen.
    Die Wohnung des Freiherrn war sehr ansehnlich und immer noch reich
ausgestattet. Sie mute fr prchtig gelten, wenn man sie mit den Mglichkeiten
der Grfin Rhoden verglich, und die Mutter hielt ihr Wohlgefallen an den
Einrichtungen, welche Renatus getroffen hatte und in denen sie ihre Tochter
wiedersah, auch nicht zurck, so da Cciliens unschuldige Besitzesfreude sich
an der Theilnahme der Mutter steigerte, und ihr Gatte sich fr seine Mhe wohl
belohnt fand.
    Nur Hildegard ging langsam hinter den Anderen her und musterte die einzelnen
Gegenstnde mit dem Augenglase in der Hand. Ach, die Lehnsessel aus dem lieben
Bilder-Cabinette! rief sie. Ach, also auch die antiken Statuetten aus der Mutter
Wohnzimmer habt ihr von Richten fortgenommen! sprach sie. Wie nur die guten,
alten Familienbilder sich hier in der Stadt behagen mgen? scherzte sie; und
jedes ihrer Worte, jede ihrer Bemerkungen war ein Nadelstich fr den Freiherrn.
    Es that ihm wehe, wenn sie erwhnte, wie de die Zimmer jetzt in seinem
Schlosse sein mten, es verdro ihn, wenn sie die neuen Anschaffungen mit einer
aufflligen Verwunderung bemerkte, und das Blut stieg ihm zu Kopfe, als sie zum
zweiten Male gegen ihre Mutter den Ausspruch that, da Ccilie und Renatus
wirklich ganz artig, aber ganz artig eingerichtet wren. Schon trat ein Wort des
ausbrechenden Zornes ihm auf die Lippe, aber er unterdrckte es wieder. Er hatte
jenen edeln Sinn, der eine Bue entschlossen auf sich nimmt, wo er ein Unrecht
gegen Andere begangen hat, und seine Miempfindung gewaltsam berwindend, brach
er, um nicht in der Rede stecken zu bleiben, den begonnenen Satz zu der Frage
um, ob Hildegards angeborene Kurzsichtigkeit in dem Grade zugenommen habe, da
sie ihr den Gebrauch eines Augenglases jetzt selbst im Zimmer nthig mache.
    Wundert Dich das? entgegnete sie ihm. Ich habe viele Nchte durchwacht und
viele Tage durchweint; das dient den Augen nicht!
    Dann, als sie sich berzeugt hatte, da auch diese Bemerkung ihres Eindrucks
auf Renatus, auf den einst geliebten und eben dehalb jetzt gehaten Mann nicht
verfehlte, reichte sie ihm, als wolle sie ihn zerstreuen und ihm ihre ruhige
Stimmung darthun, das Augenglas hin und sagte, pltzlich in den Ton
gleichmthigster Unterhaltung bergehend: Ich habe jetzt sogar weit strkere
Glser nthig, und Dein Onkel, der sich meiner in Pyrmont mit der grten Gte
angenommen, hat mir dieses schne Lorgnon geschenkt. Sein und mein Auge tragen
ganz gleich weit, und wir sehen auch geistig die Dinge und die Menschen hufig
unter gleichen Gesichtspunkten an. Er ist vorgestern zurck gekommen; wir waren
eben bei ihm.
    Ihr wart bei ihm? fragte Renatus, und heute schon? Ist denn der Onkel krank?
    Nicht eigentlich, gab Hildegard zur Antwort; er ist schmerzensfrei und
heitern Geistes. Das Bad hat ihm sehr wohlgethan, nur das Gehen wird ihm schwer.
Doch hlt der Arzt die leichte Lhmung fr vorbergehend und ungefhrlich.
    Die Lhmung? wiederholte der Freiherr, seit wann ist der Onkel denn gelhmt?
    Wutest Du das nicht? fragte Hildegard, statt ihm zu antworten. O, das ist
nicht hbsch von Dir! Das Uebel zeigte sich ja gleich nach seinem Anfalle, er
suchte nur, es zu verbergen, weil er die Anderen nicht zu beunruhigen wnschte!
Aber man sieht es, da Du Dich um unsern guten Grafen wenig kmmerst, und er
nimmt doch so viel Theil an Dir! Das Erste, wovon der Onkel mit uns sprach, war
nicht sein Befinden, sondern seine Sorge um Ccilie und um Dich!
    Renatus hob das Haupt empor, und der neuen Schwgerin mit einem scharfen
Blicke ins Auge sehend, fragte er bestimmt: Was soll das heien? Was hat der
Onkel zu besorgen fr mich und meine Frau?
    Hildegard seufzte, und die Stimme senkend, sprach sie: Die Unberlegtheit,
mit welcher Eleonore Dir gefolgt ist, die Rcksichtslosigkeit, mit der sie sich
in dem ersten Gasthofe der Stadt unter ihrem eigenen Namen einquartierte,
beunruhigen ihn um Euretwillen, und ....
    Und Du hast hoffentlich, fiel Renatus ihr in die heuchlerische Rede, da Du
die Wahrheit kennst, es dem Onkel gleich gesagt, da Eleonore nicht mir gefolgt
ist, da ich gegenwrtig mit ihr in keinem andern Zusammenhange stehe, als in
demjenigen, in welchen ein Zufall mich verstrickte, ein Zufall, den ich nicht
einmal beklagen darf, denn Ccilie ist eben so verstndig als meiner Liebe
sicher, und die Grfin Haughton wre hier sehr verlassen, htte sich Seba Flies
ihrer nicht auf meine Bitte angenommen!
    Seba Flies? rief Hildegard mit einem allerdings begreiflichen Erstaunen, Du
hast Deine alte Bekanntschaft mit der Flies wieder aufgenommen? Das ist ja etwas
vllig Neues! - Und sich von dem Schwager zu der Mutter wendend, sagte sie:
Stelle Dir vor, Mama, Renatus hat sich mit der Flies, vor der er mich einst mit
Recht gewarnt hat, wieder in Verbindung gesetzt, hat ihr die Grfin Haughton
anempfohlen! - Du hast also wohl auch Ccilie zu ihr hingefhrt? Das ist
sonderbar!
    Renatus war emprt ber Hildegard, denn sie reizte und krnkte ihn mit einer
Art von Wollust, weil sie von ihm auf die Schonung und Rcksicht rechnen durfte,
die er ihr mehr als jedem Andern angedeihen zu lassen durch die Verhltnisse
gezwungen war.
    Das ist sonderbar, hchst sonderbar! wiederholte sie; aber Du bist freilich
oftmals unbegreiflich! fgte sie hinzu.
    Ich finde es nicht unbegreiflich, entgegnete Renatus, da man, so lange man
jung und unreif ist, sich von augenblicklichen Eindrcken zu unbesonnenen
Handlungen fortreien lt, und nicht sonderbar, da ein Mann, wenn er zur
Einsicht in seine Irrthmer gekommen ist, ihren nachtheiligen Folgen, so weit er
es vermag, vorzubeugen und seine Ungerechtigkeiten gut zu machen trachtet! Ich
habe Ccilie noch nicht zu Seba fhren knnen, aber ich denke es zu thun, sobald
die Grfin Haughton Seba's Beistand weniger bedrfen wird!
    Du bist natrlich Herr, zu thun und zu lassen, was Dich gut dnkt, meinte
Hildegard, welche in der Aeuerung des Freiherrn ber seine jugendlichen
Irrthmer eine fr sie krnkende Anspielung auf ihre Vergangenheit gefunden
hatte; und Du hast Dir ja auch die Freiheit, nach Deiner wechselnden Erkenntni
zu verfahren, immer und in allen Lebensverhltnissen unbedenklich zuerkannt! Nur
wundern wird man sich ber diese Sinnesnderung, und der Onkel nicht am
wenigsten!
    Sie erschrak, als sie diese Worte ausgesprochen hatte, denn Renatus berflog
sie mit einem Blicke voll stolzen und triumphirenden Erstaunens, vor dem sie
unwillkrlich die Augen niederschlug. Du bist sehr eingeweiht in die Ansichten
und in die Geheimnisse des Onkels, sagte er. Gleichviel aber, ob die Beichte,
die er Dir offenbar gethan hat, seiner von Dir gerhmten Sinnesnderung
vorausgegangen oder ob sie eine Folge der Bekehrung gewesen ist, die Du an ihm
gemacht hast, in jedem Falle bist Du um die Mitwissenschaft derartiger
Geheimnisse nicht zu beneiden! Ich fr meinen Theil finde solche Gestndnisse
emprend, und ich wrde es einem Manne nie verzeihen, der sich unterfinge, sie
einer mir in irgend einer Weise angehrenden Frau nach seinem Belieben
aufzudrngen! Die Mitwissenschaft um solche Dinge ist keine Ehre fr einen Mann,
und fr eine Frau ....
    Die Grfin hinderte ihn durch ihr Dazwischentreten, das vernichtende Wort
auszusprechen, das auf seinen Lippen schwebte.
    Sie hatte bisher anscheinend nur auf Cciliens Mittheilungen hingehrt, doch
war ihr nichts von der Unterredung der beiden Andern und von der immer bitterer
werdenden Wendung entgangen, welche sie genommen hatte. Einzig der Wunsch, es zu
keinem ffentlichen Zerwrfnisse in ihrer Familie kommen zu lassen, hatte sie
bis dahin abgehalten, das unerfreuliche Gesprch zu unterbrechen, und eben das
nmliche Verlangen war es jetzt wieder, welches sie bestimmte, sich mit einer
pltzlichen Frage um das Ergehen Seba's in das Mittel zu legen.
    Renatus antwortete darauf, wie seine gegenwrtige Gereiztheit es ihm eingab.
Er sprach, ohne im Grunde viel davon zu wissen, von der ausgezeichneten
Verehrung, deren Seba geniee, von den wrdigen Verhltnissen, in denen sie sich
bewege. Er erwhnte ihrer gnstigen Vermgenslage, ihres glcklichen
Familienkreises, und er hegte bei jedem seiner Worte die geheime Hoffnung, da
es Hildegard zuwider sein, da es sie wo mglich noch mehr verletzen werde, als
er Verletzungen von ihr erlitten hatte.
    Die Mutter nahm alle seine Nachrichten mit Gte auf. Sie uerte ihre
Genugthuung darber, sich in Seba, mit der sie zu den Zeiten des Tugendbundes
viel verkehrt hatte, nicht getuscht zu haben; sie nannte es sogar einen
glcklichen Gedanken, da Renatus Seba zu der Kranken hingerufen habe, da sie
hlfreich sei und sicherlich bereitwillig bei Eleonoren ausharren werde, bis sie
selber, sie und Hildegard, die Pflege der Grfin Haughton bernehmen knnten,
wozu sie gleich in den nchsten Tagen, wenn sie nur ihre nthigsten
Einrichtungen getroffen haben wrden, gern erbtig wren.
    Dieses Anerbieten seiner Schwiegermutter brachte Renatus fr den Augenblick
um seine Fassung, obschon es, das konnte er nicht lugnen, in vielfachem
Betrachte eben so natrlich als zweckentsprechend war. Wenn die Mutter und die
Schwester seiner jungen Frau, wenn die Grfin Rhoden, deren Charakter ber jeden
Zweifel erhaben und deren gesellschaftliche Stellung eine so wohl begrndete
war, sich der Grfin Haughton annahmen, muten alle Gerchte, welche ber
Eleonore wie ber ihre Beziehungen zu dem jungen Freiherrn im Umlaufe waren,
davor verstummen, und Eleonore hatte fr den Fall ihrer Herstellung an der
Grfin gleich den Anhalt, dessen sie bedurfte. Er htte daher den Vorschlag
seiner Schwiegermutter, als ein glckliches Ereigni, mit tausend Dank begrt,
wre Hildegard in demselben nicht betheiligt gewesen und htte er nicht auf das
unwiderleglichste gefhlt, da die Feindschaft zwischen dieser und zwischen ihm
eine unvershnliche sei, da Hildegard ihn und Ccilie hasse, da die Mutter,
aus einem sehr erklrlichen Mitgefhle fr ihre weniger glckliche Tochter,
Partei fr diese nehme und da also auch die Hlfsleistung, zu der man sich fr
die Grfin Haughton erbot, ohne alle Frage nur dazu benutzt werden wrde, einen
neuen Heiligenschein fr Hildegard daraus zu machen.
    Es ist ein unvergelicher, es ist oft ein entscheidender Moment fr einen
Menschen, wenn er sich zum ersten Male eingestehen mu, da er Feinde,
unvershnliche Feinde habe, wenn er es in sich fhlt, wie er diejenigen zu
hassen vermag, an deren Ha gegen ihn er nicht mehr zweifeln kann, und es war
ein doppelt schmerzlicher Augenblick fr den im Grunde seines Wesens guten und
nicht charakterfesten Freiherrn, der bisher nur selten auf Widerstand gestoen
war. Er hatte in seiner frhen Jugend keines fremden Menschen Hlfe nthig
gehabt. Er war berall gern gesehen worden, weil er nichts zu begehren
gebraucht, er hatte es also auch nicht gelernt, wie man sich mit seinen
berechtigten Ansprchen denen gegenber zu behaupten hat, die aus irgend einem
Grunde nicht gewillt sind, jene Ansprche anzuerkennen und zu befriedigen. Nach
der Lehre seiner Kirche hatte er unwillkrlich an dem Glauben festgehalten, da,
wie vor Gott, so auch den Menschen gegenber, die Reue genug thue fr den
Irrthum, und die Bue fr den Fehl. Er hatte sich ber sein Verhalten und ber
sein Unrecht gegen Hildegard in keiner Weise verblendet, er hatte nur nicht sich
allein, nicht sich ausschlielich fr den Schuldigen betrachtet, sondern
vielmehr erwartet, da auch Hildegard es allmhlich einsehen werde, in wie weit
sie selber zu ihren schmerzlichen Erlebnissen die Veranlassung geboten habe, und
eben dehalb hatte er sich der Hoffnung hingegeben, frher oder spter zu einer
Ausgleichung mit ihr gelangen zu knnen, ber welcher, wie auf einem neuen
Unterbau, sich ein schnes und friedliches Familienleben errichten lassen wrde.
Hildegard's Gte, ihr liebevolles Gemth, ihre Hingebung fr Andere, ihre
Entsagungs- und Opferfhigkeit waren seit ihrer Kindheit in der Familie und von
Fremden immerdar bewundert worden; sie hatte ihren Verlobten auch bestndig und
mit einer Vertrauen fordernden Kraft auf diese ihre Tugenden und Eigenschaften
hingewiesen, und er hatte also darauf gerechnet, da sich dieselben auch in
diesem besonderen, in seinem besonderen Falle bewhren wrden. Nun fand er sich
pltzlich in dieser Voraussetzung auf das Unerbittlichste getuscht.
    Eine Viertelstunde des Beisammenseins mit Hildegard hatte es ihm
unwiderleglich dargethan, da er in ihr eine Feindin besitze, da sie fr ihre
Feindschaft in dem Grafen Gerhard einen Bundesgenossen gewonnen habe, und da
die Grfin Rhoden, trotz ihrer Mutterliebe fr Ccilie, sich, wie gesagt,
verpflichtet halte, vor allen Dingen auf die Wohlfahrt der noch
unverheiratheten, der unversorgten Tochter oder, wie sie es in der Sprache der
Gesellschaft bezeichnete, auf das Empfinden und die Beruhigung ihrer armen
Hildegard Rcksicht zu nehmen, die sich nur in Thaten der Entsagung und in
Werken der Liebe genug thun konnte.
    Er htte nicht gleich, nicht mit Sicherheit anzugeben vermocht, was er davon
befrchtete, wenn die Grfin Rhoden und Hildegard sich mit Eleonore in
Verbindung setzten, er hatte nur die Ueberzeugung, da er es zu hindern suchen
und da er vor allem Andern darauf denken msse, sich in seinen Angelegenheiten
vor jeder Beeinflussung durch die Familie zu bewahren. Obschon er bei seinem
Wiedersehen mit Seba dieser von seiner Frau gesprochen, hatte er damals nicht
die bestimmte Absicht gehabt, ein Umgangsverhltni zwischen seinem und dem
Tremann'schen Hause einzugehen; jetzt aber fhlte er sich dazu geneigt, denn er
bersah mit jener Klarheit, die uns bei entscheidenden Anlssen oft in
ungewhnlich hohem Grade und pltzlich zu Gebote steht, wie er dadurch eine
Scheidewand zwischen sich und seinem Oheim aufrichtete, die nicht leicht zu
bersteigen war, und da er eben dadurch auch Hildegard von sich entfernen
werde. Er wollte vor allen Dingen Ruhe und Frieden in seinem Hause haben. Seine
Frau sollte nicht, wie einst seine Mutter, von heimlicher Bswilligkeit
beunruhigt werden, und weitergehend, als es in diesem Augenblicke nthig gewesen
wre, lehnte er den Beistand seiner Schwiegermutter wie den seiner Schwgerin
entschieden ab. Er sagte, da Eleonore noch auf lange Zeit hinaus vor jedem sie
aufregenden Eindrucke bewahrt bleiben msse und da es eine Undankbarkeit gegen
Seba's Alles vergessende und vergebende Gte sein wrde, wollte man sie wie
einen Nothbehelf behandeln, den man beseitige, sobald man seiner nicht ganz
unumgnglich bedrfe, eine Undankbarkeit, deren er sich gegen sie zum zweiten
Male nicht schuldig machen wolle.
    Die Grfin hrte ihm mit ihrer gewohnten Ruhe zu; wer sie aber nher kannte,
den vermochte diese Gelassenheit nicht ber ihren Unmuth zu tuschen. Es war ein
gutgemeinter Vorschlag, sagte sie, und Du hast sehr Recht, mein Sohn, ihn
abzulehnen, wenn er Deinen Absichten nicht entspricht. Ob Du aber meine Tochter
grade jetzt, grade in Deinen gegenwrtigen und besonderen Verhltnissen, zu Seba
Flies und in das Haus von Tremann fhren sollst, das, meine ich, wrde doch erst
reiflich zu erwgen sein. Ich bekenne Dir, ich bin nicht dafr.
    Und darf ich fragen, was Sie dawider haben? erkundigte sich Renatus, dem ein
Etwas in dem Tone seiner Schwiegermutter sehr empfindlich auffiel.
    Du hattest sonst, und ich habe dies nur zu begreiflich gefunden, eine
Abneigung dagegen, mit diesem Herrn Tremann in Berhrung zu kommen! entgegnete
sie ihm, ihre Worte nachdrcklich bezeichnend.
    Renatus fhlte, da er errthete, und das bestimmte ihn, sich gegen die
verweisenden Ermahnungen seiner Schwiegermutter aufzulehnen. Es mute heute,
gleich heute, ein fr alle Mal entschieden werden, wer der Herr in seinem Hause
sein solle, und entschlossen, nthigenfalls seine ganze Vergangenheit an die
Sicherung seiner Zukunft zu setzen, sagte er: Es ist nicht gut, liebe Mutter,
da Sie mich an alle die Fehler und Irrthmer erinnern, die ich mir habe zu
Schulden kommen lassen! Schieben Sie dieselben auf Rechnung meiner sehr
einseitigen Erziehung, aber glauben Sie mir, da ich gesonnen bin, sie abzulegen
und, so viel an mir ist, zu vergten!
    Es ist also Dein Vorsatz, Dich - sie hielt inne, als strube sich ihre
Empfindung dagegen, das Wort auszusprechen - dem Sohne Deines Vaters, den Dein
Vater nicht anzuerkennen doch sicherlich seine guten Grnde hatte, jetzt
brderlich zu nhern und meiner Tochter in diesem Abkmmlinge einer Dienstmagd
den Schwager zuzufhren? - Darauf war ich wirklich nicht gefat!
    Renatus, der die leicht bewegliche Empfindlichkeit seiner Mutter geerbt
hatte, wurde jetzt eben so bleich, als er vorhin mit Rthe bergossen worden
war. Es ist nicht meine Absicht, sagte er, vor der Welt ein brderliches
Verhltni mit Paul Tremann aufnehmen zu wollen, das eben vor ihr einmal nicht
zu Recht besteht! Aber es ist mein Vorsatz, mein fester Vorsatz, einen Mann, von
dem ich nur Gutes und Ehrenvolles wei, einen Mann, dem ich das Hchste schulde,
was ein Mensch dem andern schulden kann, und der sich mir, ganz abgesehen davon,
soweit ich seiner anderweit bedurfte, dienstgefllig und mit ehrlichem Rathe
bewhrt hat, knftig nicht mehr, blo um dehalb von mir zu weisen, weil er der
uneheliche Sohn meines Vaters ist.
    Die Grfin schttelte mibilligend das Haupt. Whle Deine Ausdrcke etwas
vorsichtiger, lieber Renatus, sagte sie; meine Tchter sind an solche
Unumwundenheiten Gottlob nicht gewhnt!
    So wird Ccilie sich daran gewhnen mssen, sie ist eines Soldaten Frau!
entgegnete der Freiherr, der, gleichmig von seinem Zorne wie von dem
Bewutsein fortgetrieben, da er viel weiter gegangen war, als er je
beabsichtigt hatte, den Anschein einer vlligen Geistesfreiheit aufrecht zu
erhalten wnschte.
    Ccilie ist nur nicht mit Dir allein in diesem Zimmer! bedeutete ihn die
Grfin, indem sie sich erhob.
    Hildegard war schon vorher aufgestanden und an das Fenster getreten, als die
Unterredung sich auf Paul gewendet hatte. Sie machte sich an Cciliens Nhtisch
mit der Betrachtung ihrer Stickerei zu thun. Die junge Frau blickte verlegen und
bittend bald die Mutter, bald den Gatten an. Sie war bestndig dem Weinen nahe,
und ihr unverkennbarer Kummer machte Renatus gegen die Grfin und gegen
Hildegard noch unvershnlicher.
    Die Grfin sah nach der Uhr, Hildegard sagte, sie habe die Mutter bereits
daran erinnern wollen, da es Zeit zum Gehen sei, weil man mit dem Mittag auf
sie warten werde. Ccilie fragte, ob sie nicht zu Hause en, die Mutter
verneinte es, sagte jedoch nicht, wohin sie geladen sei, und Ccilie zog es vor,
sich danach nicht zu erkundigen.
    Das unbehagliche Gesprch war pltzlich und mit einem entschiedenen Mitone
abgebrochen worden, man redete nur noch von den allergleichgltigsten Dingen,
whrend der Diener den Damen die Mntel in das Zimmer brachte. Als er sich
entfernt hatte, fragte Ccilie, ob ihre Mutter die Baronin Vittoria nicht
begren, ob man nicht noch einen Augenblick zu ihr gehen wolle; aber Hildegard
bestand darauf, da es zu spt sei, da man sich beeilen msse.
    So gelangte man in das Vorzimmer. Mit einem Male blieb die Grfin stehen. Du
wirst also, sagte sie, sich zu Renatus wendend, voraussichtlich in nicht zu
ferner Zeit Ccilie zu Seba und zu Tremann bringen, der sich ja wohl auch
verheirathet hat, und es ist ihre Pflicht, sich Dir, auch wo es ihr schwer
fallen wird, durchaus zu fgen! Wolltest Du mich aber, damit ich diesen in der
That fr Dich sehr auffallenden Schritt doch zu erklren und vor der
Gesellschaft zu begrnden im Stande bin, vielleicht wissen lassen, welches der
groe Dienst oder welches die groe Aufopferung ist, fr die Du Tremann Dich
verpflichtet fhlst, so wrdest Du mich verbinden, und Ccilien wrde Deine
Forderung dann vielleicht auch weniger berraschend dnken!
    O! rief Renatus, fr den es in diesem Augenblicke der Ueberreizung keine
Zurckhaltung mehr gab - o, Ccilie wird, wenn es sie anders glcklich macht,
mein Weib zu sein, gewi mit Freuden zu dem Manne gehen, dem ich meine
Erhaltung, dem ich mein Leben zu verdanken habe!
    Dein Leben? fragten die drei Frauen wie aus einem Munde.
    Ja, mein Leben! wiederholte der Freiherr, dem es pltzlich wohler und frei
um's Herz ward, als er den ersten Schritt zu der Genugthuung gethan hatte,
welche er aus Hochmuth seinem Retter bisher schuldig geblieben war. Ohne
Tremann's mnnliche Entschlossenheit, ohne seinen Muth lge ich begraben unter
den Tausenden, die bei Mckern ihren Tod gefunden haben! Und er sah meinem,
unserem Vater in dem Augenblicke, in welchem er mir zu Hlfe eilte, so
vollkommen gleich, er rief mich so vllig mit meines Vaters Stimme an, da ich
lange whnte, eine Vision gehabt zu haben, da ich erst, als ich ihn spter, als
ich ihn in Ruhe wiedersah, zu der Erkenntni kam, da es ein sterblicher Mensch
wie ich, da es Tremann und nicht mein Schutzgeist in der ehrwrdigen Gestalt
meines damals eben erst dahingegangenen Vaters gewesen war, der den Todesstreich
von meinem Haupte abgewendet hatte! -
    Es war gesagt. Nun war es ausgesprochen, und doch hatte Renatus auch jetzt
noch nicht die Kraft besessen, sich in voller Wahrheit von dem frheren Mrchen
loszureien; er hatte sich einer Unwrdigkeit nicht zeihen mgen.
    Es entstand eine Pause. Ccilie hing sich an ihres Gatten Arm, die Grfin
war unentschlossen, was sie sagen sollte, Hildegard's Mienen verriethen ihren
Zweifel an dem Sachverhalte. Die Mittheilung war Allen so spt, so unerwartet
gekommen, da man nicht wute, wie man sich ihr gegenber eigentlich zu
verhalten habe, und die khle Weise, mit welcher sie von der Mutter und von
Hildegard aufgenommen wurde, lhmte den Aufschwung, zu dem die Seele des
Freiherrn sich eben erst erhoben hatte.
    Das verndert die Sache freilich! meinte die Grfin endlich, das sind
Grnde, die man gelten lassen mu und die man anzugeben vermag! Hte Dich aber,
da Deine schne Dankbarkeit Dich nicht zu weit fhrt, lieber Sohn! Sei
vorsichtig auch in diesem Punkte! Wir sprechen bald einmal davon, recht bald!
    Sie umarmte die Tochter, umarmte auch den Sohn, und man trennte sich mit dem
herkmmlichen Auf Wiedersehen! -
    Die Frauen hatten aber die Schwelle des Hauses noch nicht berschritten, als
Hildegard ihren Arm in den der Mutter legte und, sich an sie schmiegend, leise
sagte: Mama, sei ruhig, ganz ruhig ber Deine Hildegard, Du wirst sie nicht mehr
klagen hren, nicht mehr weinen sehen, Gott hat es wohl mit mir gemeint! Das war
nicht der Mann, mit dem ich glcklich werden, das war nicht das Haus, in dem ich
Frieden finden konnte! Renatus hat doch im Grunde seines Vaters, hat doch den
Artenschen Sinn, der sich zu allem demjenigen hingezogen fhlt, was unseren
Begriffen von Sitte und von wahrer Wrde widerspricht! Ich wre an seiner Seite
zu Grunde gegangen wie die Cousine Angelika an seines Vaters Seite, das sehe ich
immer klarer ein! La uns hoffen, Mama, da Ccilie weniger fein empfindet, und
vor allen Dingen, liebe Mutter, la uns ihr zur Seite stehen und ber ihr
wachen. Sie wird das, wie ich frchte, nthig haben.

                                Viertes Capitel


Die mehr oder weniger groen Kreise von Menschen, welche sich als eine durch
gewisse Ueberzeugungen, Sitten oder Lebensgewohnheiten zusammengehrende
Gesellschaft betrachten, sind in der Regel sehr geneigt, sich von einem ihrer
Mitglieder einen bestimmten Ansto geben und von diesem in irgend eine beliebige
Bahn hineinschieben zu lassen, in der sie dann, je nach den Fhigkeiten der
Einzelnen, vorwrtsschreiten und die Bewegung, zu der sie getrieben worden sind,
wie eine von ihnen selbst ausgegangene eifrig fortzusetzen pflegen. Denn wie die
Gemeinschaft, die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schpferisch
belebend auf den Einzelnen zurckwirft, so empfngt sie noch hufiger ihre
Gedanken und Meinungen von einer einzelnen Person, und es sind leider nicht
immer die Edelsten und Besten, nicht immer die Unparteiischen, nicht immer die
Selbstlosen, welche den Ton angeben und bestimmen. Irgend ein Zufall, irgend
eine Schicksalsgunst, irgend ein das billige Mitleid anregender Unglcksfall,
vermgen einem bisher miachteten Charakter nicht nur Verzeihung, sondern eine
Anerkennung, eine Geltung und einen Einflu auf seine Umgebung zu verschaffen,
die erlangen zu knnen er sich vielleicht nie trumen lie und die geschickt zu
nutzen er nichtsdestoweniger sehr wohl versteht, oder doch sehr bald erlernt.
    Hildegard Rhoden und ihr Freund Graf Berka waren kaum von ihren
beiderseitigen Reisen wieder in die Residenz zurckgekehrt, als sie es bemerken
konnten, da sie von ihren Umgangsgenossen mit einer ungewhnlichen
Zuvorkommenheit empfangen und aufgenommen wurden und da man ihnen eine
Stellung, eine Theilnahme und eine Bedeutung einrumte, welche beide in einem
solchen Grade nie zuvor besessen hatten. Bei jedem Antrittsbesuche, welchen
Hildegard ihren Freundinnen und Bekannten machte, erwhnte man des Wohlwollens,
mit welchem die Prinzessin sich nach ihr erkundigt, und der groen Billigung,
mit der sie Hildegard's edles Verhalten aufgenommen habe. Man freute sich,
Hildegard so gefat, so erholt zu sehen, man behandelte sie mit jener
Achtsamkeit und Schonung, welche man einer Genesenden entgegenbringt. Man
schwieg von Renatus, wie das in diesem Falle auch natrlich war, und wenn man
gelegentlich einmal seiner jungen Frau gedachte, so geschah es nur, um die arme
Ccilie zu bedauern, weil das groe Opfer, welches ihre Schwester ihr gebracht,
weil Hildegard's edle Entsagung fr die arme Ccilie doch im Grunde eine vllig
fruchtlose, ja, vielleicht ein Unglck gewesen sei.
    Die edle Hildegard und die arme Ccilie, das waren fr diesen Augenblick
gleichsam die Stichworte und Erkennungszeichen des gesellschaftlichen Kreises
geworden, der sich um die Prinzessin bewegte, und wenn Ccilie auch nicht die
entfernteste Ahnung davon hatte, da man sich dort darin gefalle, sie als eine
unglckliche Gattin, als einen Gegenstand des Mitleids zu betrachten, so fand
doch ihre ltere Schwester sich um so schneller darein, die Rolle, welche sie
bis dahin nur in der Familie gespielt hatte, fortan auch in der Gesellschaft
durchzufhren, da der Zufall ihr dies, wenn auch auf Kosten ihrer Schwester,
mglich machte.
    Renatus hatte nach der Art, in welcher der erste Besuch seiner Schwgerin in
seinem Hause verlaufen war, darauf gerechnet, da ein solcher sich nicht so bald
wiederholen, ja, da er vielleicht gar nicht wieder erfolgen wrde. Er hatte
sich aber in dieser Voraussetzung getuscht. Die Mutter und die Tochter kamen
beide schon an einem der nchsten Tage wieder, um die Baronin Vittoria
aufzusuchen. Sie wnschten, wie Hildegard es ausdrcklich bezeichnete, es den
lieben Geschwistern darzuthun, da sie die neulichen kleinen Miverstndnisse so
leicht genommen htten, wie man dies unter nahen Anverwandten thun msse, und
obschon der Freiherr wute, was er von diesen Versicherungen zu halten habe,
bewog ihn seine Rcksicht auf dasjenige, was er als den Familienanstand und die
gute Sitte bezeichnete, sein inneres Abmahnen zu besiegen und den Schein eines
freundlichen Verhltnisses zwischen seinem und dem Hause seiner Schwiegermutter
aufrecht zu erhalten. Das war aber alles, was Hildegard fr sich und ihre
Absichten bedurfte.
    Jeder, der es sehen wollte, konnte sich jetzt also davon berzeugen, da die
Untreue des Freiherrn und Cciliens, wie man es doch mindestens bezeichnen
mute, sehr unschwesterliches und keineswegs edles Betragen auf Hildegard's
groherzige Gesinnung keinen Einflu gebt hatten. Sie behandelte das junge Paar
mit der grten Freundlichkeit, sie war es, die seine Vertheidigung bernahm, wo
man Miene machte, es anzugreifen; sie bestimmte den Grafen Gerhard, den
Neuvermhlten auf alle Flle mit einem Besuche zuvorzukommen, und wo immer in
Cciliens Abwesenheit von ihr die Rede war, machte die ltere Schwester sich zu
ihrer Lobrednerin und Beschtzerin.
    Sie gab es den Leuten zu bedenken, da die arme Ccilie kein leichtes Leben
habe. Es sei fr eine junge Frau nichts Kleines, gleich in den ersten Tagen
ihrer Ehe eine Erfahrung zu machen, wie Eleonorens Ankunft sie der armen Ccilie
auferlegt; es sei auch keine geringe Aufgabe, mit einer Schwiegermutter wie die
Baronin Vittoria sich in das rechte Verhltni zu setzen und die Anwesenheit
ihres Sohnes ruhig hinzunehmen.
    Fragte man sie, was diese letzte Andeutung besagen wolle, so brach Hildegard
stets pltzlich ab, schien erschrocken ber die Aeuerung zu sein, die ihr
entfahren war, und ging mit unverkennbarer Geflissenheit zu der Schilderung von
Vittoria's phantastischen Lebensgewohnheiten ber, bei deren Ausmalung sie gegen
ihre sonstige schwermthige und elegische Weise eine gute Laune und einen Humor
zu entwickeln verstand, welche die Hrer unterhielten und sie zum Wiedererzhlen
des Vernommenen verleiten muten.
    Vittoria hatte noch keine Besuche in der Stadt gemacht, als ber sie bereits
die widersprechendsten Gerchte im Umlauf waren. Man unterhielt sich lachend
davon, da sie sich trotz der vierzehn Jahre, seit denen sie im Norden lebe,
noch nicht an das Klima habe gewhnen knnen, da sie beim Beginne des Winters,
am Tage schlafend und in den Nchten wachend, sich frmlich in ihren Zimmern
vergrabe, um von der schlechten Jahreszeit so wenig als mglich gewahr zu
werden; da sie sich nur von Frchten und von Sigkeiten nhre, da sie unter
dem Vorgeben, um ihren verstorbenen Gatten immer noch zu trauern, bestndig
schwarz, und zwar in einem nonnenartigen Gewande einher gehe, whrend diese
Schwarze Tracht ihr doch als eine Bue fr ihre Flucht aus dem Kloster auferlegt
worden sei; und neben diesen aus mideuteter Wahrheit und aus absichtlicher
Erfindung zusammengesetzten Erzhlungen tauchten hier und da bedenklichere
Gerchte auf, welche sich in anderer Weise mit der Baronin Vittoria zu thun
machten. Sie bezogen sich auf ihre eheliche Treue, auf ihr frheres und auf ihr
gegenwrtiges Verhltni zu ihrem Stiefsohne, auf ihre Feindschaft gegen
Hildegard, auf ihre auerordentliche Freundschaft fr ihre Schwiegertochter und
endlich auch auf ihren Sohn, der sich jetzt bereits in der groen militrischen
Erziehungs-Anstalt befand.
    Woher die Gerchte stammten, welche den Ruf und die Ehre Vittoria's so
empfindlich antasteten und dem Hause des jungen Freiherrn selbst in jedem
Betrachte zu nahe traten, das wute Niemand zu sagen; aber man nahm sie nichts
desto weniger als alte, ganz bekannte Thatsachen auf. Hildegard und die Grfin
Rhoden hatten, wie man versicherte, wohl gelegentlich ber Vittoria's
Eigenheiten einmal gescherzt, inde von ihnen war ein Wort des ernsten Tadels
gegen Ccilien's Schwiegermutter, so weit man sich erinnerte, nicht ausgegangen.
Da Graf Gerhard, der so streng auf Ehre hielt und in allen Dingen so vorsichtig
zu Werke ging, nichts wider die Stiefmutter seines Neffen geuert haben knne,
davon waren alle, die ihn kannten, berzeugt, und doch empfanden Renatus und
Ccilie immer auf's Neue, da man sie mehr und mehr mit einer peinigenden
Neugier beobachtete, da man sich in einer sonderbaren Weise nach der Baronin
Vittoria erkundigte und da berall und immer die Frage aufgeworfen wurde, ob
der Freiherr denn fr sich und die Seinigen eine Vorstellung am Hofe
nachzusuchen denke.
    Die Lage wurde beiden Gatten unbequem. Man that im Grunde durchaus nichts
Entschiedenes wider sie, aber sie trafen nirgends auf einen festen Boden, und
berall war es, als wachse ein Unkraut unter ihren Schritten auf, das sich ihnen
hemmend und hindernd um die Fe legte. Wollten sie es nicht weiter wuchern,
sich nicht davon vllig umgarnen lassen, so muten sie es mit festem Auftreten
niederzuhalten suchen. Es war ohnehin Zeit, sich in die groe Gesellschaft
einzufhren, wenn man berhaupt sich ihr anzuschlieen beabsichtigte, und
Renatus wnschte, wie schon erwhnt, sowohl fr Ccilie als fr Vittoria einen
sie zerstreuenden und unterhaltenden Umgang. Als man jedoch daran gehen wollte,
die ersten gemeinsamen Besuche abzustatten, fand es sich, da Vittoria durchaus
nicht fr das Leben in der Gesellschaft oder gar am Hofe mit ihrer Toilette
eingerichtet war.
    Dem Uebelstande mute abgeholfen werden, denn Renatus hielt sich den alten
Grundsatz vor, da, wer den Zweck wolle, auch die Mittel wollen msse. Man ging
also guten Muthes daran, eine neue und vollstndige Ausstattung fr Vittoria zu
beschaffen, und diese selbst bezeigte wider alles Erwarten des Freiherrn eine
groe Freude daran. Weil sie niemals eine Stadt bewohnt, niemals das fr die
meisten Frauen so verfhrerische Vergngen genossen hatte, reich versehene
Magazine zu besuchen und sich in ihnen in freier Wahl nach ihrem Bedrfni zu
versorgen, reizte und erfreute sie alles, was ihr vor die Augen kam. Allerdings
blieb sie ihrem Vorsatze, die Trauerfarbe in ihrer Kleidung niemals abzulegen,
treu, aber auch fr eine solche Tracht war es mglich, einen groen Geldaufwand
zu machen, und Vittoria besa, wenn er bisher in ihr auch niedergehalten worden
war, den Sinn ihres Volkes fr das Reiche und das Prchtige, das obenein ihrer
besonderen Art von Schnheit sehr entsprechend war.
    Sie hatte das Verlangen, in der groen Welt zu leben, zwar seit dem Tode
ihres Gatten lebhaft gehegt, aber sie war es doch nicht gewesen, welche die
Veranlassung zu der Ausfhrung dieses ihres Wunsches gegeben hatte, und eben
dehalb sah Renatus es als seine Pflicht an, ihr bei ihren jetzigen Ausgaben
keine kleinliche Beschrnkung aufzuerlegen. Er wrde sich geschmt haben, die
Witwe seines Vaters, die Baronin Vittoria, die neben dem Namen seines Hauses den
stolzen Namen der Giustiniani trug, nicht ihrem Stande gem und nicht nach
ihrer Neigung auftreten zu lassen, und er hatte daneben, da der Schnheitssinn
seines Vaters auch auf ihn bergegangen war, eine wirkliche Freude daran,
Vittoria in einer Weise gekleidet und geschmckt zu sehen, welche die immer noch
auffallende Schnheit derselben zur rechten Geltung kommen lie.
    Jetzt erst, da Vittoria in die Gesellschaft gehen sollte, fing auch sie nach
dem Schmuck zu fragen an, welchen ihr verstorbener Gatte ihr einst als ihr
Eigenthum und als das Erbe des Hauses bergeben hatte, und Renatus konnte sich
nicht berwinden, ihr oder gar seiner Frau das Gestndni zu machen, wie von dem
vielbesprochenen Arten'schen Familienschmucke jetzt nicht mehr ein Stein
vorhanden sei. Er meinte der Ehre seines Vaters damit zu nahe zu treten, und,
wie er mit sich in seinem Innern dehalb auch prfend und berlegend zu Rathe
ging, es war nicht persnliche Eitelkeit, auch nicht einmal der Wunsch, seine
Frau und seine Stiefmutter in reichem Schmucke erscheinen zu lassen, sondern
ganz eigentlich die Rcksicht auf das Andenken seines Vaters, es waren seine
Kindesliebe und ein Gefhl fr das, was er sich und seinem Hause schuldig sei,
die ihn bewogen, sowohl fr Vittoria als fr Ccilie heimlich Ankufe von
Schmuck zu machen. Sie kamen natrlich den einstigen Familien-Diamanten, wie die
Baronin Angelika sie aus ihres Gatten Hand empfangen hatte, in keiner Weise
gleich; inde Ccilie hatte die alten Brillanten niemals, Vittoria sie seit
langer Zeit nicht mehr gesehen, und Renatus hatte also keine groe Mhe, es den
beiden Frauen glaublich zu machen, da der verstorbene Freiherr whrend der
Kriegsjahre einige der Werthstcke verkauft und da er selbst jetzt den brig
gebliebenen Brillanten, Behufs der Theilung zwischen seiner Frau und seiner
Mutter, eine neue Fassung habe geben lassen. Es gewhrte ihm dabei eine Freude,
zu sehen, wie wenig Vittoria zur Habsucht geneigt war, wie bereitwillig sie die
Hlfte des, wie sie glauben mute, ihr allein zu Recht gehrenden Schmuckes an
die Schwiegertochter abtrat; und da nebenher auch Ccilie ein auerordentliches
Vergngen ber den Besitz dieser Diamanten kund gab, so schlug sich Renatus
endlich die Sorge wegen dieser neuen und fr seine gegenwrtigen Verhltnisse
viel zu groen Ausgaben aus dem Sinne. Er trstete sich damit, da die
Vorsehung, welche ihm so mannigfache, unerwartete Hindernisse bereitet und
Prfungen jeder Art auferlegt habe, ihm doch endlich auch auf irgend eine
unvorherzusehende Weise zu Hlfe kommen, da sie es ihm mglich machen msse,
die guten und festen Vorstze, die er schon in frher Jugend fr seine einstige
Ehe gehegt hatte, zur Ausfhrung zu bringen, damit er sich jenes schne und
wrdige Familienleben aufrichten knne, welches ihm von jeher als das Ziel
vorgeschwebt hatte, nach welchem vor Allem der wahre Edelmann zu streben habe.
Da ihm fr diesen idealen Bau die beiden Hauptbedingungen: der feste Boden
gesicherter Vermgensverhltnisse oder die Fhigkeit der zu jeder Entbehrung
bereiten Selbstbeschrnkung, fehlten, daran allerdings dachte der Freiherr
nicht.
    Mit seinem Namen, mit seinen Verbindungen und bei seiner militrischen
Stellung fand er fr seine Vorstellung bei Hofe keine Schwierigkeit; dennoch war
der Empfang, welcher ihm und seiner Familie in den verschiedenen Hofstaaten zu
Theil ward, je nach den, in den einzelnen Schlssern herrschenden Gesinnungen
und Lebensgewohnheiten, sehr verschieden. Da er von Seiten der Prinzessin,
welche sich zu Hildegard's Beschtzerin gemacht und deren Gunst Graf Gerhard
sich erworben, auf keine gnstige Stimmung fr sich rechnen konnte, hatte sich
Renatus im voraus gesagt. Aber die Gnade, welcher die Grfin Rhoden sich von
Seiten der Prinzessin von jeher erfreut hatte, machte es trotzdem fr Ccilie
und fr ihren Gatten zu einer Pflicht der Dankbarkeit, die Vorstellung bei der
Prinzessin nachzusuchen, und Renatus, der in dem Regimente diente, dessen Chef
eben der Gemahl der Prinzessin nach dem Kriege geworden war, fand sich damit ab,
da er wenigstens doch die Zufriedenheit und Geneigtheit dieses Letzteren
besitze und es in seiner Gewalt habe, sie durch die strengste Pnktlichkeit im
Dienste in immer hherem Grade zu verdienen.
    Diese Pnktlichkeit im Dienste war es auch, welche den Knig auf den jungen
Major von Arten aufmerksam hatte werden lassen. In der ganzen Garde gab es bei
den Cavallerie-Regimentern kaum eine andere Schwadron, deren Exercitien so
vollendet, in welcher der Mann und sein Pferd so Eins, in der die Leute eine so
in einander gefestete Masse und jeder Knopf und jede Schnalle so der strengsten
Dienstvorschrift entsprechend gewesen wren, als in der des Majors von Arten.
Aber wenn die Armee und ihre uere Stattlichkeit auch der Stolz des Knigs und
die Freude an der regelrechten, seelenlosen Front jetzt nach den Kriegen noch
mehr als vor denselben seine eigentliche Liebhaberei geworden war, so bestimmte
doch der strenge, bis zur Uebertreibung gehende Ordnungssinn des Knigs, aus
welchem der ganze militrische Gamaschendienst entsprang, seine Anschauungen und
Ansichten auch nach andern Seiten. Er erkannte berall nur mit Widerstreben die
Nothwendigkeit oder die Berechtigung zu einer Ausnahme von der festen Regel an.
Feste Gesetze fr eine mglichst einfrmige Menschenmasse, das war es, was ihm
als Ideal vorschweben mochte. Er verabscheute jene Selbstndigkeit des
Einzelnen, welche sich ihre Lebensverhltnisse nach eigenem Bedrfen zu
gestalten unternimmt; und wie er selber einst in seiner Ehe dem Volke nach den
zgellosen Zeiten seines Vaters ein treffliches Vorbild der guten Sitte
geliefert hatte, so verlangte er, da auch von seiner Umgebung kein bses
Beispiel gegeben, da der Anstand und die Zucht in den Familien mit
Gewissenhaftigkeit aufrecht und heilig erhalten und berall dasjenige vermieden
werden sollte, was von sich sprechen machen, was Aufsehen oder gar ein Aergerni
erregen konnte.
    Es waren also nicht eben besondere Anstrengungen dazu nthig, den Major von
Arten in der guten Meinung des Knigs zu beeintrchtigen. Man bedurfte dazu
keiner Knste, keiner Verleumdung, keiner Unwahrheit, die Sache machte sich ganz
von selbst. Die Prinzessin, welche nach dem frhen Tode seiner Gemahlin dem
Knige nur noch nher getreten war, erwhnte nur einmal zufllig und bedauernd
der armen, guten Grfin Rhoden, die nun nach so langer Entfernung von der
Hauptstadt unter so traurigen Verhltnissen wieder in dieselbe zurckgekehrt
sei.
    Der Knig, dessen nach Frstenweise wohlgeschultem Gedchtni nicht leicht
eine Thatsache verloren ging, von der er einmal hatte sprechen hren, und der
ebenfalls nach Frstenweise von den Stadt- und Familienneuigkeiten unter der
Hand gut unterrichtet zu sein liebte, meinte sich zu erinnern, da die Tochter
der Grfin mit dem jetzigen Major von Arten frhzeitig versprochen worden war;
und wie dann eine Frage nun die andere gab, erfuhr der Knig alles, was man ber
die Familiengeschichte der Freiherren von Arten wute, vermuthete und fabelte.
Das war aber durchweg danach angethan, dem Knige zu mifallen.
    Nicht hbsch, gar nicht hbsch von dem Major, sagte er, ein Mdchen Jahre
lang warten und dann sitzen zu lassen! Auch von der Schwester nicht hbsch, gar
nicht hbsch!
    Er belobte die Prinzessin dafr, da sie sich Hildegard's angenommen habe.
Mssen sehen, dem Mdchen eine Versorgung, einen andern Mann zu schaffen! -
Schade um den Major! sonst ein tchtiger Offizier! fgte er in seiner
abgerissenen Redeweise noch hinzu und erkundigte sich dann, was denn aus der
Italienerin, aus der ehemaligen Nonne geworden sei, welche der Vater des Majors
seiner Zeit aus dem Kloster entfhrt und aus Italien mitgebracht habe.
    Man berichtete dem Knige, da die Baronin im Hause ihres Stiefsohnes lebe,
da dieser den Sohn aus seines Vaters zweiter Ehe dem Kadettenhause bergeben
habe, und wie von selbst schlossen sich die Erzhlungen ber die dem Major von
Arten sicherlich sehr unerwartete und unbequeme Ankunft und ber das Erkranken
der zum Katholizismus bekehrten Grfin Haughton an jene Mittheilungen an. Der
Knig, der in seiner protestantischen Strengglubigkeit den Religionswechsel an
sich, besonders aber den Uebertritt von Protestanten zum Katholizismus ungern
sah, schttelte mibilligend das Haupt.
    Knnte auch was Klgeres thun, als die Arten'sche Genie-Wirthschaft
fortzusetzen! Schickt sich nicht, schickt sich nicht fr einen Offizier!
wiederholte er noch einmal, indem er sich erhob, und das Urtheil ber die
Arten'sche Familie war mit diesen Worten fr den ganzen Hof nur noch
entschiedener als durch die Prinzessin ausgesprochen. Nur Einer lie sich nicht
davon bestimmen, nur auf den ltesten Sohn des Knigs, auf den jungen,
geistreichen und phantastischen Kronprinzen bte diese ganze Unterhaltung eine
gerade entgegengesetzte Wirkung aus.
    Er liebte die Knste und die Wissenschaften, er war ein Verehrer der alten
italienischen Musik, seine Vorliebe fr Italien und fr die Gebruche der
katholischen Kirche war schon damals eine entschiedene, und es hatte daher eben
nur der Erwhnung bedurft, da die Baronin Vittoria von Arten eine entflohene
Nonne und eine Meisterin im Vortrage der alten italienischen Kirchenmusik sei,
um dem Kronprinzen das Verlangen nach ihrer Bekanntschaft einzuflen. Eine
ehemalige Nonne die alten, tiefsinnigen Melodieen des fnfzehnten und
sechszehnten Jahrhunderts inmitten der aufgeklrten und zum Theil so nchternen
Gesellschaft singen zu hren, bot fr die Phantasie des lebhaften, jungen
Prinzen einen reizenden Gegensatz dar, und die Erscheinung der verwittweten
Baronin war wie dazu geschaffen, die Gerchte ber ihre Vergangenheit zu
besttigen.
    Vittoria selber fhlte sich berrascht, als sie sich zum ersten Male in
ihrem Leben in der reichen Tracht erblickte, welche die Etiquette bei den groen
Hoffesten den Eingeladenen vorschreibt. Das schwere Schleppkleid lie ihre
Gestalt grer erscheinen, als sie war, ihre Bste, ihr Nacken zeigten noch die
vollendete Schnheit der italienischen Formen, und was die Zeit ihrem mchtigen
Antlitze an Frische geraubt hatte, das ersetzte der Ausdruck ihrer Augen, das
vermite man nicht, wenn die Lebhaftigkeit des Gesprches ihre Wangen mit jener
feinen Rthe frbte, welche eben auch nur den Sdlndern eigen ist.
    Der Kronprinz, der ber das Alter Vittoria's nicht unterrichtet gewesen war,
hatte in ihr, wenn auch nicht eine alte, so doch eine wesentlich ltere Frau zu
finden erwartet, und er war daher erstaunt, in ihr noch eine wirkliche Schnheit
zu erblicken. Ihre stolze, edle Haltung gefiel ihm wohl, der weiche, tiefe Ton
und die vollendete Reinheit, mit welchem sie ihre Muttersprache redete, erfreute
sein gebildetes und fr jeden Wohlklang sehr empfngliches Ohr, und als er dann
am dritten Orte Vittoria einmal mit Ccilie gemeinschaftlich singen zu hren die
Gelegenheit gehabt, hatte er seine Freude ber diesen seltenen Genu so offen
und warmherzig ausgesprochen, da man berall, wo man auf die Anwesenheit des
Kronprinzen sich Rechnung machen durfte, die Arten'sche Familie einlud, sicher,
den Prinzen durch den Gesang der beiden Frauen angenehm zu unterhalten.
    Pltzlich und wider sein Erwarten fand Renatus sich also auf diese Weise in
eine Parteistellung gebracht, die er nicht gesucht hatte und die er nicht
gewhlt haben wrde, htte er es in seiner Hand gehabt, sie nach seinen Wnschen
zu bestimmen. Er hatte seine Plane auf ein Vorwrtskommen im Militairdienste und
auf die Anerkennung und Gunst des Knigs gebaut; aber diese letztere ward ihm
nicht zu Theil. Es hatte bei der einmaligen Einladung, mit welcher der Knig ihn
beehrte, sein Bewenden; auch an dem Hofe der Prinzessin wurden Renatus und die
Seinen nicht in der Weise, wie sie es wnschen muten, aufgenommen; dafr aber
empfingen alle diejenigen sie mit offenen Armen, welche zu dem nheren
Umgangskreise des Kronprinzen gehrten.
    Renatus, der sich den vorsichtigen Intriguen seiner Schwgerin und seines
Oheims gegenber in die Nothwendigkeit versetzt sah, sich nach einem Sttzpunkte
und Anhalte umzuthun, und der, wie alle leicht bestimmbaren Menschen, sehr dazu
geeignet war, dasjenige als seine freie Entschlieung zu betrachten, was ihm von
der Gewalt der Umstnde abgezwungen oder aufgenthigt ward, kam dadurch bald
dahin, sich zu berreden, wie es fr ihn, wie es fr jeden jungen und vorwrts
strebenden Mann gerathener sei, sich mit seinen Hoffnungen einem gleichalterigen
Frsten anzuschlieen, als deren Erfllung allein von der augenblicklichen Gunst
eines lteren Mannes abhngig zu machen, und die Frauen bestrkten ihn in dieser
Ansicht. Sie waren beide in ihrem Innern herzlich froh, die Grfin Rhoden und
mehr noch Hildegard und den Grafen Gerhard so viel als mglich zu vermeiden.
Ihnen sagte der jngere, lebenslustige Theil der Gesellschaft besser zu, als die
ernsthaften Unterhaltungen in den Gemchern der Prinzessin, und Renatus, der es
in den Tuilerieen und in den Slen der Herzogin von Duras wohl erlernt hatte,
sich in den durch Geist und Anmuth verfeinerten Umgangsformen eines gebildeten
Hofes mit Leichtigkeit zu bewegen, fand sich in der Nhe des jungen, immer
angeregten, jedem neuen Eindrucke offenen, leicht bewegten und die Andern mit
sich fortreienden Prinzen vllig wie in seinem Elemente.
    Es focht ihn schon nach wenig Monaten nicht mehr besonders an, da sein
inneres Zerwrfni mit seinen und seiner Gattin Anverwandten Niemandem verborgen
war. Er suchte die Gesellschaft des Grafen Gerhard und die der Grfin Rhoden
nicht, aber er vermied sie eben so wenig und hinderte auch ihre Anwesenheit in
seinem Hause nicht. Es war ihm sogar nicht unwillkommen, wenn sie sich
berzeugten, da ihre heimliche Feindschaft ihn nicht beeintrchtigt habe, da
er sich, wenn auch nicht in der ihren, so doch inmitten der ihm erwnschtesten
Gesellschaft viel begehrt, bewege und da auch ihm die Gunst eines Mchtigen
nicht fehle.
    Es freute ihn, wenn Hildegard es hrte, wie man Cciliens blhende Frische,
ihren kindlichen Frohsinn und ihren Gesang bewunderte; es freute ihn, wenn er
seinem Oheim und seiner Schwiegermutter sagen konnte, da der Kronprinz am Abend
zum Thee bei ihm erscheinen werde, weil man heute eine alte Messe in seinem
Hause singe; und da die Art der Geselligkeit, in die Renatus, wie er sich sagen
durfte, fast ohne all sein Zuthun hineingezogen worden war, ihn zu einem
greren Haushalte und zu mannigfachen Ausgaben veranlate, den zu fhren und
die ber sich zu nehmen eigentlich nicht in seinen Absichten gelegen hatte,
darber durfte er sich kein Bedenken und keinen Vorwurf machen. Er that ja nur,
was von einem Manne in seiner Stellung und in seinen Verhltnissen gebieterisch
gefordert ward; er that nur, was die Erfahrensten ihm auf andern Gebieten zu
thun stets gerathen hatten. Er durfte die Mittel nicht schonen, wenn sie dem
richtigen Zwecke galten, und wie er Rothenfeld und Neudorf hatte verkaufen
mssen, um die Capitalien fr den Betrieb der Richtener Wirthschaft flssig zu
machen, so mute er jetzt kein kleinliches Bedenken dagegen tragen, sich ein
paar Tausend Thaler, deren er fr sein breiteres Leben durchaus bedrftig war,
auf Wechsel zu verschaffen.
    Sich einer solchen geringfgigen Summe wegen aus der Gesellschaft
zurckzuziehen, auf die errungenen Vortheile zu verzichten, den heimlichen
Gegnern das Feld zu rumen, statt ihnen die Stirn zu bieten, das htte gegen
alle Regeln der Kriegskunst arg verstoen; und vollends sich freiwillig aus der
Nhe des Kronprinzen zu verbannen, freiwillig allen den Aussichten zu entsagen,
welche die beginnende Gunst desselben fr die Zukunft verhie, das wre, wie
Renatus meinte, eine unverantwortliche Unklugheit gewesen, eine Unklugheit,
deren er, ohne ein Unrecht an seiner Familie zu begehen, sich nicht schuldig
machen durfte.
    Er konnte sich sagen, da er sich jetzt in vllig geregelten Verhltnissen
befinde. Er hatte ein festes Gehalt, ein sicheres, wenn auch nur allmhliches
Avancement im Heere vor sich, sein Gut war den Umstnden nach in vortheilhafte
Pacht gegeben, seine Einnahmen waren keineswegs unbetrchtlich. Nur seine
Ausgaben waren allerdings in diesem letzten halben Jahre ber alles Voraussehen
gro gewesen; aber man hatte nicht in jedem Jahre sich neu einzurichten, nicht
in jedem Jahre die vllige Ausstattung fr zwei Frauen und fr den Bruder zu
beschaffen, nicht in jedem Jahre sich in der Gesellschaft festzusetzen, und so
lange man sich eine so genaue und strenge Rechnung legte, als er es that, hatte
es nach seiner Ansicht ohnehin mit seinen Verhltnissen nicht das mindeste
Bedenken; denn nur die achtlose, die sorglose Wirthschaft war seinem Vater so
gefhrlich, so verderblich geworden. Und es handelte sich ja nur um wenig
Monate. Schon im Laufe der nchsten Zeit, wenn die Gesellschaft aus einander
ging, und namentlich in den Sommermonaten lieen sich sehr leicht Ersparnisse
machen, mittels deren das neue, kleine Anlehen zu bezahlen war. Renatus war
dehalb ganz unbesorgt. Er htte es fr eine ganz unnthige Grausamkeit
gehalten, seine Frau oder seine Stiefmutter mit der Erwhnung dieser Thatsachen
in dem unschuldigen und frhlichen Lebensgenusse, dem sich beide zum ersten Male
berlassen durften, irgendwie zu stren. Er hatte sie dazu zu lieb, der Beifall,
den sie ernteten, that ihm selbst zu wohl, und er fhlte sich auch Mann genug,
sie, ohne da sie etwas davon ahnten, an solchen kleinen Klippen still vorbei zu
fhren.
    Htte er ber Eleonorens Schicksal nur eben so ruhig sein knnen!

                                Fnftes Capitel


Seba hatte whrend des Krieges an manchem Krankenbette gewaltet und gewacht; sie
hatte dabei manchem Kummer, manchem tiefen Schmerze, mancher Trauer und schwerem
Herzeleid begegnen und es mit ihren Kranken tragen lernen; aber eine hnliche
Verzweiflung, wie sie sich in Eleonorens Fieberphantasieen kundgab, war nie vor
ihr laut geworden, und nur in den traurigen Erinnerungen an ihre eigene Jugend
fand sie die Kraft, deren sie an diesem Krankenbette bedurfte.
    Viele, viele Tage vergingen, ohne da Eleonore zu irgend einem klaren
Bewutsein gelangte. Sie hatte in den letzten Monaten so viel, so Gewaltiges
erlebt, so groe Erschtterungen durchgemacht, da alles, was ihr begegnet war
und was ihr augenblicklich begegnete, sich bei ihrer Schwche in ihren Trumen
und Fieberphantasieen durch einander wirrte. Bisweilen meinte sie in ihrem
Schlosse zu sein und beschwerte sich darber, da man ihr Zimmer so verndert
habe; dann wieder glaubte sie sich in Rom in einer Klosterzelle, und als sie
eines Tages in zuflliger Bewegung mit ihren Hnden nach dem Haupte fate und
die Flle des Haares vermite, das man ihr auf des Arztes Anordnung whrend
ihrer Krankheit abgeschnitten hatte, rang sich der laute Aufschrei: Es ist
vollbracht! aus ihrem Herzen empor, und sich weit ber ihr Lager hinausbeugend,
umschlang sie Seba's Leib mit ihren Armen, und ihr Antlitz auf den Knieen ihrer
Pflegerin verbergend, weinte sie bitterlich.
    Mit der leidenschaftlichsten Sehnsucht rief sie nach dem Abb und verlangte
doch, da man sie vor ihm beschtzen solle. Sie beschwor dann Seba, mit ihr aus
den engen Mauern dieses Klosters zu entfliehen, heimlich mit ihr fortzugehen aus
dem fremden Lande und sie nach ihrer Heimath zu bringen, unter den Schatten
ihrer eigenen Bumen, an das Ufer des Flusses, der durch ihre Wiesen flo. Sie
nannte sich bald eine mchtige Knigin, bald eine Gefangene.
    Wer darf mich halten? Wer hat Gewalt ber mich, wenn ich frei sein will?
rief sie in wilder Heftigkeit und flehte im nchsten Augenblicke, da man ihr
ihre Seele wiedergeben solle, damit sie nicht wie ein Schemen unter den Menschen
umherzuirren brauche. Das Fieber war im Abnehmen, aber die Vorstellungen der
Kranken blieben verwirrt, und die Besorgni, da eine dauernde Strung der
Denkkraft zurckbleiben knne, hielt diejenigen, welche an dem Schicksale
Eleonorens Antheil nahmen, in angstvoller Spannung.
    Paul und Davide sahen es mit Sorge, wie Seba in der Frhe das Haus verlie
und erst am Abende spt und ermdet von der Kranken wiederkehrte; aber sie
wuten es, da es vergebens sein wrde, sie von den Liebeswerken abzuhalten, die
sie als ihre Lebensaufgabe betrachtete.
    Ihr braucht mich nicht, sagte sie mit ihrer sanften Ruhe, wenn ihre
Pflegekinder ihr doch bisweilen die Vorstellung zu machen versuchten, da sie
sich ihnen nicht so ganz entziehen, da sie an sich selber denken, sich schonen
solle. Ihr braucht mich nicht, denn Ihr seid glcklich. Ihr kennt Euren Weg und
Euer Ziel; dort aber ist ein armes, vllig verirrtes Geschpf. Wie sollte ich
anstehen, ihm die Hand zu bieten, damit es nicht verloren geht? Wer wie ich sein
eigenes Leben durch seine Schuld nicht zur reinen Schnheit gestalten, nicht zu
einem in sich selbstndig vollendeten machen konnte, der mu es fr Andere zu
verwerthen und ntzlich zu machen suchen; und Ihr wit es ja, ich finde darin
ein groes Glck. Vielleicht trgt die Natur den Sieg davon, vielleicht erhalten
wir Eleonore dem Leben, vielleicht kann man sie sich selber wiedergeben. Sie ist
so jung, sie ist ohne Liebe auferwachsen, und sie ist so schn! fgte sie dann
stets hinzu und ging voll hoffender Beharrlichkeit immer wieder an das
Krankenbett zurck.
    Das Jahr war fast zu Ende, ehe Eleonore auch nur zu fragen anfing, wo sie
sich befinde oder wer die Fremde sei, die neben ihrer alten englischen Amme an
ihrem Lager weile; und noch eine geraume Zeit verging, ehe sie zusammenhngend
ber sich zu denken, ehe sie ihre Gedanken wieder mitzutheilen im Stande war.
    Was der Beobachtung Seba's zuerst auffiel, war, da Eleonore zwar an jedem
Morgen und an jedem Abende mit tiefer Inbrunst betete, da sie sich aber nie des
Kreuzes dabei bediente, welches sie an einer goldenen, zugeltheten Kette an
ihrem Halse trug; und die Sonne schien schon wieder frhlingswarm auf die Erde
herab, als die Genesende sich eines Tages erkundigte, ob es ihr getrumt habe,
da der Freiherr von Arten bei ihr gewesen sei, als sie erkrankt war.
    Man sagte ihr, da ihre Erinnerung sie nicht tusche. Sie wollte wissen,
wehalb er nicht wiedergekommen sei. Als man ihr das Verbot des Arztes, irgend
Jemanden zu ihr zu lassen, vorhielt, erkundigte sie sich, ob Seba vielleicht den
Freiherrn kenne.
    Er hat mich zu Ihnen geholt, mein Kind, antwortete ihr diese.
    Sind Sie mit ihm verwandt? fragte Eleonore.
    Nein, aber seine Mutter war meine Freundin, und als ich jung war, wie Sie
jetzt, habe ich seine Mutter, die auch viel Kummer hatte, in meinem Vaterhause
lange gepflegt.
    Eleonore gab sich damit zufrieden. Matt, wie sie es war, gehrten nur wenig
Vorstellungen dazu, sie eine geraume Zeit zu beschftigen, und erst nach langem
Schweigen richtete sie sich ein wenig in die Hhe und sprach: Sie sagten, die
Mutter des Freiherrn von Arten habe auch viel Kummer gehabt; Sie wissen also,
da ich Kummer habe?
    Ihre Worte, Ihre unbewuten Klagen haben es mir verrathen, entgegnete ihr
Seba; aber sorgen Sie Sich nicht darum. Was ich vernommen habe, hat mir Mitleid
mit Ihnen, hat mir Liebe fr Sie eingeflt, und es ist bei mir wohl aufgehoben.
    Sind Sie katholisch? forschte Eleonore weiter.
    Nein, ich bin eine Jdin, antwortete ihr Seba.
    Eleonore sah sie unglubig und wie erschreckend an, und als mache sie sich
diesen Blick zum Vorwurfe, ergriff sie pltzlich die Hand ihrer Pflegerin und
kte sie zu wiederholten Malen. Seba hinderte sie nicht daran. Alles, was sie
whrend Eleonorens langer Krankheit von Renatus ber die Vergangenheit dieses
Mdchens erfahren, alles, was Eleonorens Amme ihr ber die Vorgnge in Haughton
Castle gesagt, hatte Seba berzeugt, da Eleonore einer vlligen Umgestaltung
ihres ganzen Wesens bedrftig sei, wenn sie nicht aus Verzweiflung ber sich
selber untergehen solle; und wie man ein Kind langsam und allmhlich auf die
Begriffe hinfhrt, die man ihm zu geben wnscht, wie man es so leitet und fhrt,
da es sehen mu, was man es sehen lassen will, so langsam und so vorsichtig
leitete Seba die Gedanken ihres neuen Pfleglings auf den Pfad, auf welchem sie
Heilung und Rettung fr Eleonore finden zu knnen hoffte.
    Weil sie selber sich gewhnt hatte, das Leben eines Menschen in seinem
ganzen Zusammenhange zu betrachten und Ursache und Wirkung einander gegenber zu
stellen, hatte sie die Kunst erlernt, sich es in den meisten Fllen klar zu
machen, durch welche Umstnde ein Charakter sich eben so und nicht anders
gebildet habe. Noch ehe also ihre Kranke im Stande war, sich ber sich selbst
auszusprechen, wute die feinsinnige Pflegerin, was Eleonoren von Jugend auf
gemangelt hatte, und sann darber in stillem Herzen nach, wie sie diesem auf den
reichen und prchtigen Hhen des Lebens geborenen und erzogenen Mdchen den
Segen zuwenden knne, der in der Htte des Armen dem Kinde selten fehlt - den
Segen der selbstlosen Liebe, die selbstlos lieben lehrt.
    Eleonore hatte ihre Mutter nicht gekannt, ihr Vater, der Marquis von Lauzun,
war nicht der Mann gewesen, einem Kinde durch seine Hingebung die Mutterliebe zu
ersetzen, und Arabella Warwell, zu deren strengen Grundstzen und zu deren
starkem Verstande Eleonoren's Mutter mit Recht ein groes Vertrauen gehegt
hatte, war selbst eine Waise und in der Erziehung ihres Pfleglings von dem
Gedanken geleitet gewesen, da sie das verwaiste Mdchen vor allen Dingen dahin
gewhnen und bilden msse, in sich selbst beruhen und den nachtheiligen
Einflssen widerstehen zu lernen, welche ihm von Seiten der Herzogin schon frhe
drohten. Mit bewuter Absicht hatte ihre Erzieherin die junge Grfin mitrauisch
gegen ihre Tante und gegen die Freunde derselben gemacht. Mit Geflissenheit
hatte sie das ohnehin sehr selbstgewisse Mdchen darauf angewiesen, nur seinen
eigenen Eingebungen, nur seinem eigenen Verstande zu folgen, und die glnzende
Ausnahmestellung, in welcher Eleonore sich befand, die unausgesetzte Bewunderung
und Huldigung, welche ihr von den Mnnern seit ihrem ersten Auftreten in der
Gesellschaft dargebracht wurden, hatten die junge Grfin mehr und mehr dazu
verleitet, nichts zu begehren und zu bedrfen, als immer neue Nahrung fr ihre
eitle Selbstgengsamkeit, immer neue Befriedigung fr ihren ungemessenen Stolz.
    Ihre Erzieherin war in Folge einer Herzenstuschung unvermhlt geblieben,
und wie sie, um sich fr den Irrthum ihrer Jugend zu bestrafen, sich eben
dehalb zu einer unerbittlich scharfen Beobachterin gemacht hatte, war auch
Eleonore durch sie gewhnt worden, an die Menschen, und namentlich an die
Mnner, ideale Mastbe anzulegen und schonungslos ber sie abzuurtheilen, wo
sie diesen Mastben nicht entsprachen. Frulein Warwell hatte gewnscht,
Eleonore vor dem Migriffe zu bewahren, den sie selber einst begangen, als sie
in einem geringen und unbedeutenden Manne die Eigenschaften zu finden geglaubt
hatte, die sie in ihrem Gatten sich ersehnte; und alles, was sie fr ihre
Pflegebefohlene damit erreichte, war die Erweckung des Glaubens gewesen, da
kaum ein Mann es werth sei, von einem edeln, reinen Frauenherzen mit voller
Hingebung geliebt zu werden, da nur selten ein Mann es verstehe, den Werth
einer groen weiblichen Seele und das Opfer ihrer Hingebung zu wrdigen, und da
es das hchste, ja, das einzige Glck des Weibes sei, den Mann zu finden, den es
in Bewunderung lieben, den es ber sich stellen knne, whrend er in jedem
Augenblicke wisse, was diese freiwillige Unterordnung des Weibes von ihm fordere
und ihm auferlege. Mitten in einer auf den uern Lebensgenu, auf Befriedigung
ihres weltlichen Ehrgeizes gestellten Gesellschaft hatte Eleonore einsam da
gestanden, in hoher Selbstberschtzung von dem Leben die Gewhrung und
Erfllung ihrer idealen und berspannten Ansprche erwartend, nach Liebe
drstend und doch in keiner Weise darauf vorbereitet, sich an die Liebe liebend
hinzugeben.
    So hatte der Abb sie gefunden, und entschlossen, sich ihrer fr seine
Kirche zu bemchtigen, hatte er das traurige Werk ihrer Erzieherin vollendet,
Eleonore ganz abzutrennen von dem Zusammenhange mit ihrer Umgebung, um sie sich
desto leichter aneignen zu knnen. Da seine Schnheit, seine persnliche
Bedeutung Eleonorens Liebe fr ihn erweckten, hatte er frh gesehen, frh zu
benutzen gewut; selbst die Leidenschaft, die in ihm fr die Grfin erwacht war,
hatte er seinen Zwecken dienstbar gemacht. Es hatte ihm das wollstige Entzcken
der Herrschsucht und den Genu gewhrt, den man empfindet, wenn man sich seinem
Ziele nahe sieht, als er Eleonore, Dank seinen Rathschlgen, vom Hofe verwiesen,
von dem Freiherrn, dem sie sich angetragen, verschmht, vllig vereinsamt
gefunden hatte; und erst als sie, aufgegeben auch von der Gesellschaft ihres
Heimathlandes, sich hlferufend an ihn gewendet, war er vor ihr erschienen, erst
da hatte er das Kreuz mit dem Bilde des Gekreuzigten vor ihr erhoben und es ihr
als die Zufluchtssttte dargeboten, in der er und sie sich begegnen, er und sie
sich in einer ewigen und ausschlielichen Liebe zusammenfinden konnten.
    Nicht aus Ueberzeugung, nur aus Leidenschaft fr den Geliebten war Eleonore
zu der katholischen Kirche bergetreten; nicht eine Befriedigung ihres Herzens,
nicht eine neue Beseligung hatte sie in dem Anschlusse an den Katholizismus
gesucht, sondern nur ihn, den Geliebten, der in diesem Glauben seine Welt zu
haben behauptete, ihn, der ihr verheien hatte, sich nie von ihr zu trennen,
wenn sie ihn zu suchen kme, wo er seines Lebens, seines Geistes, seines Wirkens
Heimath habe. Und als sie nun zu seiner Kirche sich hingewendet, da hatte er
sich ihr entzogen, da hatte er das junge Weib, das man gewiegt hatte mit allen
Ansprchen auf der Erde hchstes Glck und das sich in der Lage wute, es einem
geliebten Manne und sich selbst in jedem Augenblicke bereiten zu knnen, von
sich gestoen mit der grausamen Lust der Willkr, der einzigen Freiheit, die
sein Eid ihm gnnte.
    Ich mu Dich fliehen, denn ich liebe Dich! hatte er ihr gesagt. Willst du
mich wiedersehen, willst Du mich nicht verlieren, so mut Du alles daran setzen,
was Du hast und bist, so mut Du der Welt entsagen, wie ich es gethan habe, und
eines unlslichen Schwures Schranken mssen aufgerichtet werden zwischen uns,
zwischen mir und Dir, denn wir sind Menschen!
    Eleonore hatte ihm auch diesen Schwur geleistet! Was htte ihre Liebe dem
Abgotte ihres Herzens versagen knnen, so lange er an ihrer Seite war, so lange
sein Blick, sein Wort sie beherrschten und in ihre Bande schlugen? Aber die
Lebenslust in ihr war zu mchtig. Ihre Jugend, ihre Schnheit in der
Gefangenschaft eines Klosters verblhen zu lassen, der Heimath, dem
Ahnenschlosse ihrer Vter und vor Allem der kniglichen Freiheit zu entsagen,
deren sie sich theilhaftig gewut und gefhlt seit ihrer frhesten Kindheit an,
das war ber ihre Krfte gegangen. Auf ihren Knieen hatte sie den Abb
beschworen, sie von der Erfllung des Eides zu entbinden, den er ihr auferlegt;
mit inbrnstiger Liebe hatte sie von ihm begehrt, sich begngen zu lassen mit
ihrem Gelbni, da sie niemals einem Andern angehren wolle, und ihr Leiter und
Fhrer zu bleiben in der Welt und in der Freiheit, denen zu entsagen sie sich
nicht entschlieen konnte. Sie hatte kein Gehr bei ihm gefunden. Voll Mitrauen
in die Zulnglichkeit der eigenen Kraft, mit dem festesten Glauben an die Gewalt
von Eleonorens Liebe hatte er sie verlassen - sicher, da sie ihm folgen werde,
wohin er immer gehe, bis er sie hingefhrt haben wrde zu dem Altare, auf dem
sie ihre Zukunft opfern und sich und ihren reichen Besitz der Gemeinschaft
einverleiben sollte, der er angehrte, und deren Unerbittlichkeit er sich
verfallen wute, wenn er ihren Erwartungen nicht entsprach, wie er's verheien,
wie man es von ihm erwartet hatte.
    Seine Berechnung hatte ihn auch nicht getuscht. Wie von einer Naturgewalt
gezwungen, war Eleonore ihm nach Deutschland nachgeeilt, und noch einmal hatte
er sich von ihr entfernt. Noch einmal hatte sie erkennen mssen, da keine Gnade
von ihm zu hoffen sei, und berwltigt von der Gre ihres inneren Kampfes war
sie zusammengebrochen, ihrer selbst nicht lnger mchtig.
    Es war Herbst gewesen, als die Krankheit sie ergriffen, das Bewutsein sie
verlassen hatte; nun war es Frhling geworden. In einfacher Umgebung,
unbewundert, von Niemandem beansprucht, fremd und in der Fremde, hlflos wie ein
Kind, so lag sie da, und die warmen Sonnenstrahlen, die auf den Wnden wie die
rieselnden Wellen eines lichten Stromes hin und wieder flossen, waren ihres
Auges stille Freude. Sie war zufrieden, da sie dieselben sehen konnte, da sie
noch athmete, da der Erde dunkler Schoo sie noch nicht umfing.
    Eines Morgens, als die Sonne auch wieder freundlich in ihr Zimmer schien,
trat in der Frhe Seba bei ihr ein und legte ein paar Veilchen auf ihr Lager. Es
sind die ersten unseres Gartens, sagte sie. Meiner Pflegetochter Shnchen hat
sie gepflckt und sendet sie Ihnen mit einem schnen Guten Morgen.
    Eleonore nahm die Veilchen in die Hand; ihr Duft, ihre Form, ihr ganzer
Anblick schienen ihr wie neu. Sie drckte sie an ihre Lippen und die Thrnen
traten ihr in die Augen.
    Seba fragte, was sie so bewege.
    Es rhrt mich, antwortete ihr Eleonore, da hier in der Fremde Blumen fr
mich wachsen und da ein fremdes Kind sie fr mich pflckt. Lieben Sie die
Kinder?
    Welche Frage! rief Seba. Wer sollte den Frhling, wer sollte die Hoffnung
nicht lieben? In tiefster, eigener Entmuthigung hat die Beschftigung mit
Kindern mich aufgerichtet, und noch heute, wenn ich mich niedergeschlagen fhle,
brauche ich nur auf die schne Zuversicht hinzublicken, mit welcher die Kinder
in das Leben schauen, um zu begreifen, da schon in dem bloen Wollen, Streben,
Hoffen ein Glck verborgen liegt. Und nun vollends der Gedanke, wie leicht man
solch ein Kind erfreuen kann! Diesen holden, gengsamen Geschpfen gegenber
besitzen wir ja eine wahrhaft gttliche Allmacht!
    Eleonore seufzte und kaum hrbar sagte sie: Ich habe nie ein Kind bei mir
gehabt, nie mit einem Kinde gespielt, und keinem Kinde je etwas zu Lieb gethan.
    Armes Mdchen, sagte Seba, Sie sind eben einsam und ohne Liebe gro
geworden; Sie werden viel nachzuholen haben, wenn Sie erst genesen sind!
    Eleonore schttelte traurig das schne bleiche Haupt, Seba brach von dem
Gesprche augenblicklich ab; inde Eleonore blieb fort und fort mit dem Gedanken
an den Knaben, der die Blumen fr sie gesendet hatte, beschftigt. Sie wollte
wissen, wie alt er sei, sie wollte, da Seba ihr beschreibe, wie er aussehe, und
als diese von ihrer Uhrkette die Kapsel loslste, in welcher sie das
Miniaturbild ihres Lieblings trug, konnte Eleonore sich an dem blonden
Lockenkopfe und an den hellen, braunen Augen des Kindes gar nicht satt sehen.
Sie fragte nach des Knaben Mutter, nach seinem Vater, nach Seba's Verwandtschaft
mit ihnen, nach ihrem Thun und Treiben, und Seba konnte es bemerken, wie die
schlichte Darstellung dieses gesunden und beglckten Familienlebens die junge
Grfin, als etwas ihr vllig Unbekanntes, anzog und bewegte.
    Am Abende, da Seba sie, wie immer, verlassen wollte, hielt Eleonore sie
zurck. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben und Scheu zu hegen, es zu
offenbaren. Endlich, als Seba sich erkundigte, ob sie irgend etwas wnsche, was
sie ihr gewhren knne, fragte die Genesende: War meine Krankheit von der Art,
da meine Nhe Andern Nachtheil bringen konnte? Ist eine Ansteckung fr
diejenigen zu befrchten, die mich jetzt besuchen?
    Seba verneinte es auf das bestimmteste. Da richtete sich Eleonore auf,
ergriff die Hnde ihrer Pflegerin und sagte: Sie haben so viel fr mich gethan;
Herr Tremann und seine Frau haben mir so gromthig durch alle diese langen
Monate Ihre Pflege gegnnt, bitten Sie sie - Aber es war, als halte eine
unbesiegliche Scheu sie von dem Aussprechen des Wortes zurck. Sie verstummte
pltzlich, und erst als Seba ihre frhere Frage wiederholte, sagte Eleonore,
whrend ein flchtiges Roth ihre eingesunkenen Wangen frbte und ein verschmtes
Lcheln ihren schnen Mund umspielte: Wenn es ihm nicht schadet, wenn es ihm gar
nicht schadet, und wenn seine Eltern ihn mir einmal senden wollen - bringen Sie
mir den Knaben mit!
    Man hatte keinen Grund, ihr die Erfllung dieses Wunsches zu verweigern, und
Davide war so stolz auf ihres Knaben Schnheit, da sie sich ein Fest daraus
machte, ihn auch von Andern bewundert zu sehen. Schon am nchsten Tage also
fhrte Seba ihn der Kranken zu. Der Kleine war keines der Kinder, die durch eine
fremde Umgebung befangen werden. Wo er nur einen der Seinen bei sich hatte und
man ihn gewhren lie, war er zu Hause oder setzte er sich mit seinen schnellen
und bestimmten Fragen doch sehr bald zurecht.
    Eleonore, die des Deutschen nur wenig mchtig war, verstand den Knaben kaum,
der noch unzusammenhngend sprach, aber sein bloes Dasein war ihr eine Freude.
Sie verga sich vllig, wenn sie zusehen konnte, wie er sich tummelte, sie
strengte sich an, zu errathen, was er wolle, sie lie aus ihren Koffern
hervorholen, was ihn freuen, ihn einen Augenblick beschftigen konnte, und wenn
es geschah, da der Knabe sich mit einem Worte, mit einem Verlangen an sie
wendete, wenn es ihr gelang, ihn neben sich festzuhalten, so glnzte ein
Ausdruck des Vergngens in ihren Augen, der Seba rhrte, weil er bei Eleonoren
fast jedes Mal der Vorbote eines Seufzers und jener Schwermuth wurde, die sie
bis dahin nicht verlassen hatte.
    Kein Tag verging seitdem, ohne da man ihr den Knaben brachte; bald konnte
auch Davide mit ihm bei Eleonoren verweilen, und man konnte daran denken, die
Genesende an einem warmen Mittage in den Tremann'schen Garten fahren zu lassen,
damit sie in Ruhe und Stille sich der Luft erfreue. Die verschiedenen
Familienmitglieder leisteten ihr dabei abwechselnd Gesellschaft. Man holte ihr,
weil sie es wnschte, das Tchterchen herbei, welches Davide ihrem Manne im
Laufe des Winters geboren hatte, und obschon Eleonore noch sehr matt war,
verlangte sie, da man ihr den Sugling geben, da man das schlafende Kind auf
ihren Knieen ruhen lassen solle. Sie sagte nicht, was in ihrem Herzen vorging,
aber es war fr die sie beobachtende Familie kein Rthsel. Man lie sie still
gewhren, sie war Allen bereits werth geworden.
    Davide, deren Mutterherz sich zu Eleonoren um der Liebe willen hingezogen
fhlte, welche diese ihren Kindern entgegenbrachte, that schon nach wenig Tagen
ihrem Gatten und ihrer Pflegemutter den Vorschlag, da man die Grfin ganz in
ihr Haus bersiedeln mge, wo sie besser als in dem Gasthofe aufgehoben sein
wrde; inde wider ihr Erwarten wies Paul vorlufig diesen Vorschlag noch
zurck, und zu noch grerem Erstaunen der jungen Frau stimmte Seba ihm in
seiner Meinung bei, da es noch nicht an der Zeit sei, Eleonore von dem
traurigen Gefhle ihrer Vereinsamung zu befreien. Sie waren beide der Ansicht,
man msse der Grfin Zeit zur Einkehr in sich selber lassen. Da sie es bereue,
zum Katholizismus bergetreten zu sein, da ihr Freiheitssinn vor dem Eide
zurckschrecke, mit dem sie sich vor dem Abb gebunden hatte, und das mit der
beglckenden Empfindung des Genesens ihr Widerwille gegen den Eintritt in ein
Kloster nur gewachsen sei, davon hatten verschiedene, ganz beilufige, ganz
unwillkrlich gethane Aeuerungen der jungen Grfin Seba berzeugt. Es gab sich
fast bei jedem Anla kund, wie schwer Eleonore es fhle, den alten Anhalt ihres
Daseins verloren und keinen neuen, ihr gengenden dafr gefunden zu haben.
    Als Seba ihr angeboten, Mi Warwell herbeizurufen, hatte die Genesende dies
abgelehnt. Ich habe mich freiwillig von ihr geschieden, sagte sie, und ihre in
jedem Betrachte unduldsame Strenge kann und wird mir nicht verzeihen, was ich
gethan habe. Sie ist abhngig von ihren vorgefaten Meinungen, abhngig von
Ueberzeugungen, die sie auf Treu und Glauben angenommen hat, abhngig auch vor
allen Dingen von der Ansicht und dem Urtheile ihrer Umgebung. Ich habe mich
losgesagt von ihr, mich abgeschworen von ihrer Kirche, ihre Gesellschaft hat
mich ausgestoen: ich bin fr sie nicht mehr vorhanden! Und mit einer
Bitterkeit, welche sich oftmals in Eleonorens Worten zeigte, setzte sie hinzu:
Ich wollte ja frei sein! Nun bin ich frei, frei wie der Vogel in der Luft! Wen
kmmert es, wohin er zieht und wo er endet?
    Bisweilen fragte sie, ob Briefe fr sie angekommen wren. Aber sie schien
zufrieden, wenn man es ihr verneinte. Merkte sie dann, da dies ihren neuen
Freunden auffiel, so uerte sie, gleichsam sich entschuldigend, sie habe Ruhe
nthig, sie msse sich erst wieder daran gewhnen, da sie weiter leben solle.
Und als Paul, dessen mnnliche Bestimmtheit von dem ersten Augenblicke an einen
guten Eindruck auf sie machte, sie nach einer solchen Aeuerung einmal fragend
ansah, sprach sie: Ich habe zu sterben geglaubt und war damit zufrieden; denn
was soll ich noch im Leben und in einer Welt, der nicht mehr anzugehren ich
geschworen habe? Und doch liebe ich noch diese Welt, doch freut mich noch die
Luft und das Licht, doch entzckt mich das Lcheln Ihrer Kinder, und ich knnte
weinen ber die Gte, die Sie Alle mir beweisen; vor Schmerz und vor Freude
weinen, wenn ich es hier sehe, wie glcklich man auf Erden sein kann!
    Als ihre Krfte gewachsen waren, verlangte sie nach Renatus. Sie wollte ihm
danken fr all das Gute, welches ihr durch seine Vermittlung whrend der langen
Leidenszeit zu Theil geworden war; aber das Wiedersehen that weder der jungen
Grfin, noch ihrem Freunde wohl. Sie konnten sich nicht in einander finden.
    Ist das die strahlende Eleonore? Ist dieses Mdchen mit den sanften,
hlfesuchenden Augen das knigliche Wesen, dem meine Huldigung sich kaum zu
nahen wagte? fragte Renatus sich in seinem Innern, und es war ihm, als habe er
die Grfin in einer ihr feindlichen Verzauberung vor sich, da ihr die stolze
Umgebung fehlte, in der er sie bisher zu sehen gewohnt gewesen war.
    Er hatte Mitleid mit ihr, aber er schmte sich fast der anbetenden
Empfindung, mit der er einst zu ihr emporgeblickt, und sie hinwiederum hatte
ihre gegenwrtige Lage nie schwerer als in des Freiherrn Gegenwart gefhlt. Sein
Bedauern that ihr wehe.
    Sie htte den Freiherrn bitten mgen, sie zu meiden, htte sie nicht
gefrchtet, den Schein der Undankbarkeit oder den der Feigheit auf sich zu
laden. Sie lie es also geschehen, da Renatus, um sich und Eleonore vor den
Mideutungen der gegen sie erregten belwollenden Neugier zu bewahren, auch
seine Frau und seine Stiefmutter zu ihr brachte. Aber auch an dem Beisammensein
mit diesen beiden Frauen fand Eleonore kein Gefallen. Sie konnte die Stunde
nicht vergessen, in welcher sie sich dem Freiherrn zur Gattin angetragen hatte.
Sie nannte es in ihrem Herzen eine durchaus berechtigte That, da er sie
zurckgewiesen hatte; dennoch vermochte sie die Miempfindung gegen die Frau, um
derentwillen sie, wie sie glauben mute, verschmht worden war, in sich nicht zu
besiegen. Die Zuvorkommenheit, mit welcher Ccilie ihr begegnete, kam ihr
erknstelt vor und war es auch zum Theil, und die Erzhlungen aus der
Gesellschaft, durch welche sie und Vittoria die junge Grfin zu unterhalten
strebten, hatten keinen Reiz fr diese letztere. Eleonore dachte nicht daran, an
diesem Hofe zu erscheinen. Die Namen der Personen, auf deren Gunst oder Ungunst
die Gattin und die Stiefmutter des Majors von Arten Gewicht zu legen hatten,
waren fr Eleonore Haughton ohne jegliche Bedeutung, und schon nach wenigen
Besuchen bei der Kranken brauchte Renatus es seiner jungen Gattin nicht mehr zu
versichern, da er Eleonore zwar bewundert, aber nicht geliebt habe, da er sie
niemals htte lieben knnen und da sie berhaupt in ihrer Herzensklte ihm
nicht fr die Liebe, nicht fr die Ehe geschaffen zu sein scheine. Wurde doch
Eleonore selber oftmals an sich irre, wenn sie es ihren Pflegern auszusprechen
wnschte, was sie fr sie fhlte, und wenn sich ihr das Wort, das sie von frher
Jugend an mit seltener Gewalt bemeistert hatte, jetzt versagte, wo es sie
drngte, sich ihnen zu erschlieen und sich ihnen hinzugeben.
    Was knnen wir fr sie thun? fragte Seba oftmals, wenn sie und die Ihren das
innere Ringen und Kmpfen in Eleonorens Seele wahrnahmen. Soll man so viel
Schnheit, so viel Gaben in Einsamkeit verloren gehen lassen? Oder wie soll man
es beginnen, sie mit dem Verstande einsehen zu lassen, was sie ahnend fhlt: da
sie verloren ist, wenn sie ihrer eigensten Natur entgegenhandelt?
    Paul hrte diese Klagen, in denen Davide mit Seba stets zusammentraf, mit
jenem zuversichtlichen Gleichmuthe an, der ihn fast nie verlie. Auch er hatte
Theilnahme fr Eleonore gewonnen, und es waren nicht nur ihre Schnheit, ihre
Jugend und ihr Migeschick, welche sie in ihm erregten. Sie ist eine Kraft,
sagte er einmal, aber eine Kraft, die sich noch nicht zu wrdigen wei, weil sie
sich berschtzt. Dem Tode ist sie jetzt entrissen; ob sie dem Leben zu gewinnen
ist, das steht dahin. Ihre Gesundheit ist im Wachsen, sie bedarf Eurer nicht
mehr wie sonst, berlat sie jetzt sich selbst.
    Und soll es sie ermuthigen, wenn wir, denen sie ihre Neigung zugewendet hat,
uns ihr entziehen? Soll sie, die ohnehin der beln Erfahrungen so viele schon
gemacht, auch an uns irre werden, an deren uneigenntzige Freundschaft zu
glauben ihr offenbar so wohl thut? wendete Davide ein, deren sanfte Seele
doppelt fr die Grfin sorgte, weil sie neben Eleonorens Vereinsamung ihr
eigenes Familienglck noch lebhafter empfand.
    Paul zog die geliebte Frau in seine Arme. Kennst Du die Macht der Entbehrung
und der Trennung nicht, obschon wir lange Jahre von einander fern gewesen sind?
fragte er sie, oder soll ich, dem ihr es immer vorwarft, da er von den
mannigfachen Wahrheiten, die in der Bibel enthalten sind, zu wenig wei, Euch an
ihre Lehren mahnen? Soll ich Euch erst daran erinnern, da nur dem Bittenden
gegeben, nur dem Anklopfenden aufgethan werden soll? Sie mu hungern und dursten
nach der wahren Liebe, ehe sie derselben mit Segen theilhaft werden kann. - Das
Leben hat diesem Mdchen Alles, ohne sein Zuthun, gewhrt. Es hat des Wnschens
kaum bedurft, es hat das Verlangen, das Entbehren, das Ringen und das Kmpfen um
die Befriedigung eines Bedrfnisses nie gekannt, und kein Mensch gedeiht, wenn
er den eigentlichen Bedingungen des Daseins in solcher Art entzogen wird. Auch
jetzt wieder ist Eleonoren unsere Theilnahme geworden ohne all ihr Zuthun, ohne
ihr Verdienst!
    O, rief Davide, fhlt sie das denn nicht?
    Was will das sagen? entgegnete Paul. Sie geniet das Gute, das sich ihr
bietet, aber es dnkt sie natrlich, da man's ihr gewhrt, da wir es ihr
leisten. Sie ist an mich empfohlen, sie ist jung und schn und reich, und der
Freiherr von Arten war bei uns noch auerdem ihr Brge. Lat es sie empfinden,
da es freie Dienste sind, die sie empfngt.

                                Sechstes Capitel


Bald nach der Ankunft Eleonoren's, nur wenige Tage, nachdem er Seba's Beistand
fr sie erbeten, hatte Renatus seine Frau und seine Stiefmutter in das
Tremann'sche Haus gefhrt. Weil er damit in sich eine Selbstberwindung
vollzogen und in seiner Frau Familie dehalb Widerstand gefunden hatte, war er
des Glaubens gewesen, auf Tremann und die Seinigen jedenfalls einen sehr
bedeutenden Eindruck durch seinen frmlichen Besuch hervorbringen und in der Art
des Empfanges die Anerkennung fr diese seine Leistung finden zu mssen. In
dieser Erwartung hatte er sich jedoch getuscht.
    In dem reichen und angesehenen Kaufmannshause waren Besuche von Fremden an
und fr sich kein Ereigni, auf das man irgend ein Gewicht legte. Paul's frhe
Bekanntschaft mit dem Frsten Staatskanzler, seine Reisen, seine
Handelsverbindungen hatten ihm zeitig einen weiten Umgangskreis erffnet, und
weil bestndig Leute, den verschiedensten Nationen angehrig, geschftlich auf
ihn angewiesen wurden, so fanden die Einheimischen an den Fremden und diese an
jenen immer eine Gesellschaft, die ihnen Wesentliches zu bieten und in der man
sich einer von dem umsichtigen und weltgewandten Hausherrn trefflich geleiteten
Unterhaltung zu versehen hatte, welcher dann durch die Bildung und
Liebenswrdigkeit der beiden Frauen noch ein erhhter Reiz verliehen ward. Das
Tremann'sche Haus galt daher mit Recht fr das gastlichste der Stadt. Kaufleute,
Gelehrte, Beamte und Knstler trafen in demselben mannigfach zusammen, und wenn
man mit dem Hofe selbst auch in keiner Verbindung stand, so gab es unter den
Edelleuten, welche zu demselben gehrten, doch immer einzelne, die sich es zur
Ehre rechneten, sich frei nach ihrem Gutdnken auch auerhalb der enggezogenen
Schranken der Etiquette zu bewegen und sich einer Gesellschaft anzuschlieen, in
welcher allein die durch Bildung veredelte Sitte die Gesetze vorschrieb, die
Aufnahme bedingte.
    In einem Hause, in welchem man die Leute um ihrer alten Familiennamen willen
eben so wenig suchte, wenn sie sonst keine Eigenschaften hatten, als man sie um
ihres Adels willen mied, wenn sie in sich mehr besaen, als nur eben ihre alten
Titel, konnte man es nicht als eine besondere Ehre ansehen oder sich dadurch
geschmeichelt fhlen, wenn der Major von Arten sich in demselben wieder meldete.
Es war nur natrlich, da er, der eine Krnkung gegen Seba gutzumachen und der
sich noch dazu pltzlich Hlfe suchend bei ihr eingefunden hatte, seinen Dank
fr die Bereitwilligkeit auszusprechen kam, mit der man ihm die geforderte Hlfe
gewhrte, und wenn Seba und Davide die beiden Baroninnen trotzdem noch
freundlicher als vielleicht manche andere Fremde bei sich aufnahmen, so geschah
es in der ganz bewuten Absicht, es die Frauen nicht empfinden und nicht
entgelten zu lassen, da man sich frher, und bis jetzt mit vollem Rechte ber
Renatus zu beschweren gehabt habe.
    Whrend dieser sich nun bemhte, seine lange Versumni vergessen zu machen
und es kundzugeben, da in seinem Innern eine gewisse Wandlung vorgegangen sei,
begegnete Paul ihm mit jener ruhigen Zuvorkommenheit, welche dem Gebildeten, der
viel mit Fremden zu verkehren hat, zur anderen Natur wird. Er war nicht gewohnt,
die Gste seines Hauses um irgend etwas zu befragen, was ihm mitzutheilen sie
sich nicht veranlat fhlten; er und die Seinigen kannten ohnehin die
Arten'schen Familienverhltnisse genau genug, und da Renatus sich Paul ohne
dessen Zuthun angenhert hatte, fand dieser, nachdem man darber einig geworden
war, da Seba das Arten'sche Haus nicht besuchen wrde, um die Mglichkeit eines
Zusammentreffens mit dem Grafen Gerhard zu vermeiden, keinen Grund mehr in sich,
den Freiherrn zurckzuweisen, besonders da eben Seba eine Vorliebe fr denselben
bewahrt hatte, welche sie geneigt machte, das Geschehene zu verzeihen und zu
vergessen.
    Man hatte also Renatus und die Seinigen zu einem der ersten
Gesellschaftsabende eingeladen; Ccilie und Davide, die ziemlich gleichen Alters
waren, sagten einander zu, und Eleonoren's Krankheit hatte dann die Verbindung
langsam fortgefhrt. Renatus war gelegentlich zu Seba gekommen, sich nach dem
Ergehen der jungen Grfin zu erkundigen; man hatte es auch nthig gehabt, von
ihm ber Eleonoren's Verhltnisse unterrichtet zu werden, und ohne da es zu
einem engeren Verkehre zwischen den beiden Familien gekommen wre, waren sie auf
diese Weise doch in einem Zusammenhange geblieben, der es den Einen wie den
Anderen mglich machte, bestndig von den Vorgngen innerhalb der beiden Huser
bis zu einem gewissen Grade unterrichtet zu sein.
    Man wute es in dem Tremann'schen Hause, da Renatus mit seiner
Schwiegermutter und mit Hildegard nicht auf gutem Fue stehe; Davide erfuhr es
von Ccilien, welche Umstnde die Miverhltnisse zwischen ihr und den Ihrigen
veranlat hatten, und wie selbst ihres Gatten Oheim wider sie Partei genommen
habe. Ccilie klagte, da er ihnen dadurch mannigfach im Wege stehe, da er sie
groer Vortheile beraube; aber man sah den Freiherrn und seine junge Gattin
immer heiter, und selbst mit der Baronin Vittoria schienen sie gut zurecht zu
kommen, obschon das Leben mit dieser, seit sie in die Stadt gezogen, nichts
weniger als leicht war.
    Vittoria hatte, wie sie behauptete, keine groen Bedrfnisse, sie machte,
wie sie bestndig sagte, nur sehr einfache Ansprche; aber ihrer kleinen
Bedrfnisse und ihrer einfachen Ansprche waren viele, und sie hatte es nicht
gelernt, sich die Befriedigung eines augenblicklichen Verlangens zu versagen,
oder je zu berlegen, ob diese Befriedigung zu dem Kostenaufwande, den sie
veranlate, in irgend einem Verhltnisse stehe.
    Es war zum Beispiel allerdings nur natrlich, da eine Frau von Vittoria's
musikalischer Begabung und Bildung die Oper und die Concerte zu besuchen
wnschte. Es ging ihr damit, wie sie es mit Entzcken nannte, ein neues
geistiges Leben auf, und die schne, sechsunddreiigjhrige Frau war auch noch
jung genug, es genieen zu wollen und auf eine neue Jugend, auf eine hhere
knstlerische Ausbildung fr sich denken und hoffen zu drfen. Sie hatte sich
bis dahin nur in alter Kirchenmusik und hier und da im Vortrage von Volksliedern
ihrer Heimath versucht. Jetzt, seit ihrer Uebersiedelung in die Stadt, lernte
sie die dramatische Musik, die groartigen musikalischen Dichtungen der
Deutschen und der Franzosen kennen, und da eine jede Knstlernatur nothwendig
das Verlangen hegen mu, sich ihrer Kraft bewut zu werden, und zu gestalten und
darzustellen, was sie in sich trgt, so bemchtigte Vittoria sich schnell, und
mit aller Gewalt ihres Talentes, des neuen musikalischen Gebietes, das sich vor
ihr aufthat. Vor allem waren es die Mozart'schen und die Gluck'schen Opern, von
denen sie sich ergriffen fhlte; aber sie glaubte zu bemerken, da ihr fr den
Vortrag derselben eine gewisse Fertigkeit fehle, die sie nur durch Uebung
erlangen knne; und weil in jenen Tagen einer der Haupttrger dieser Opern, der
erste Tenor der kniglichen Bhne, zugleich ein grndlicher Musiker und ein
gebildeter Lebemann war, hatte sie bald gewnscht, seine Bekanntschaft zu
machen, um sich von ihm Raths zu erholen.
    Das erstere hatte sich fast ohne ihr Zuthun gemacht. Der beliebte Snger war
in der Gesellschaft gern gesehen; man traf ihn in den verschiedensten Kreisen,
und da unter den Dilettanten der vornehmen Gesellschaft eine zweite Sngerin wie
die Baronin Vittoria nicht zu finden war, fgte sich eine Annherung der beiden
ganz von selbst. Der Snger - die Baronin nannte ihn, weil sein deutscher
Familienname ihrem Ohre nicht gefiel, nach der Weise ihrer Heimath nur mit
seinem Taufnamen: Signor Emilio - machte sich ein Vergngen daraus, eine der
Partieen, die er mit Vittoria in einer befreundeten Familie singen sollte,
eigens mit ihr zu studiren. Sie empfand das als eine groe Frderung, sie sprach
ihm dies mit Wrme aus, und er lie sich denn auch sehr bald berreden, der
schnen, reich begabten Frau ausnahmsweise Unterricht zu ertheilen.
    Niemand hatte daran ein Arg, Vittoria selbst war davon entzckt. Freilich
vermochte Emilio, eben weil er bei dem Theater angestellt und durch seine Proben
und Dienstgeschfte sehr in Anspruch genommen war, die festgesetzten Stunden
nicht immer regelmig einzuhalten; aber bei einer Frau, die so vollkommen frei
ber ihre Zeit gebot, wie die Baronin, hatte das wenig zu bedeuten. Sie war
ohnehin dem Zwange, der Regelmigkeit und jedem Mssen abhold; sie mochte auch
nicht immer singen, wenn Emilio zur Stunde kam, und dem beiderseitigen Hange zur
Ungebundenheit Folge gebend, war zwischen ihnen von einem eigentlichen
Unterrichte bald nicht mehr die Rede.
    Emilio kam, wenn er eben konnte; man sang, man musicirte, wenn man eben
mochte. Vittoria versumte keine Oper und kein Concert, in welchem Emilio
beschftigt war; sie wurde durch ihn mit anderen Musikfreunden und Musikern
bekannt gemacht, und in die vielfachen Uebungen hineingezogen, in denen die
Musikliebhaber der Hauptstadt sich damals schon ergingen. So bildete sich fr
Vittoria neben der Gesellschaft, in welcher sie durch ihre Verhltnisse und
durch Renatus heimisch geworden war, noch ein weiterer Umgangskreis, in dem sie,
wie sie behauptete, zum ersten Male ihre wahre Heimath gefunden hatte, und in
dem sie um ihres Talentes und auch um ihrer Schnheit willen eine groe
Bewunderung erregte, einer enthusiastischen Aufnahme theilhaftig wurde.
    Die Baronin Vittoria von Arten war bald in aller Leute Mund. Die
Knstlerinnen, und die Hauptstadt war damals reich an groen Sngerinnen, waren
von ihr und ihrer Anmuth schnell bestochen. Sie rhmten die gnzliche
Anspruchslosigkeit, mit welcher sie sich ihnen hingab, sie waren bereit, der
schnen, vornehmen Italienerin jeden Dienst zu leisten, und es kostete Vittoria
also nur ein Wort, die ersten musikalischen Krfte der Stadt in ihres Sohnes
Hause zu versammeln. Der Freiherr fand das Anfangs eben so genureich, als
seinen Absichten entsprechend. Um sich ein Ansehen zu geben und um Vittoria eine
Freude zu machen, setzte man regelmige Empfangsabende fest, an denen man
musicirte, und deren Gste zu sein die Prinzen selber nicht verschmhten. Aber
man mute den Knstlern, auf deren Mitwirkung man sich angewiesen sah, doch auch
eine Entschdigung fr ihre Mhe, eine Erwiederung fr ihre Geflligkeit bieten,
und da Renatus nicht groe Gesellschaften zu geben wnschte, in denen er seine
Standesgenossen und die Knstler in aufflliger Art vereinen oder in einer hier
nicht angebrachten Weise von einander htte trennen mssen, lie er es, wenn
auch mit einem Widerstreben von seiner und seiner Gattin Seite, allmhlich doch
geschehen, da Vittoria in ihren Zimmern Abends nach eigenem Ermessen ihre
musikalischen Bekannten bei sich sah.
    Anfangs war das nur bisweilen vorgekommen und die Zahl ihrer Gste war nicht
gro gewesen. Man war jedoch damals berhaupt noch geselliger, als jetzt; es
verging daher bald kaum ein Abend, an welchem Vittoria ihre Freunde nicht
empfing. Eine Weile sah Ccilie das mit an; da sie aber, Dank ihrer Erziehung,
eine achtsame Haushlterin geworden war, fand sie sich bald veranlat, ihrem
Manne die Mittheilung zu machen, da Vittoria's Weise, ein offenes Haus zu
haben, Ausgaben verursache, welche sie mit den ihr von Renatus fr den gesammten
Haushalt festgesetzten Summen nicht zu decken vermge.
    Renatus, dem es Ernst damit war, seine Vermgensverhltnisse zu ordnen,
erklrte also seiner Stiefmutter, da er sie bitten msse, eine Aenderung in
ihrer Lebensweise einzufhren, und er gab ihr auch die Mittel und Wege an, wie
eine solche ohne alles Aufsehen leicht einzuleiten sein wrde, wenn sie sich
entschlieen wolle, ihre Abende gelegentlich auer dem Hause zuzubringen. Aber
Vittoria, die von ihrem Gatten stets wie ein Kind behandelt worden, war auch ein
Kind geblieben. Sie weinte, wo sie je auf einen Widerstand gegen ihren Willen
stie, sie hielt es Renatus, als er auch wieder einmal mit groer Schonung nur
einige Rcksicht fr sich forderte, in leidenschaftlicher Heftigkeit und jede
Rcksicht vergessend als eine unedle Handlung vor, da er ihr, die auf seine
Gromuth angewiesen sei, das Gnadenbrod, welches er ihr reiche, zum Vorwurf
mache; sie erinnerte ihn an die Liebe, die er einst fr sie gehegt, sie gab ihm
ihre freudlose Jugend zu bedenken, sie klagte seinen Vater und ihr Schicksal an,
und aufgelst in Thrnen warf sie sich dann Renatus doch wieder in die Arme,
der, in allen seinen Empfindungen beleidigt, sie endlich nur zu beruhigen suchen
mute, wollte er die Aufmerksamkeit seiner Leute nicht auf diese Scene ziehen.
    Vittoria lie sich danach zwei Tage lang nicht sehen; ihre Dienerin meldete,
da sie krank sei. Erst am dritten Tage erhob sie sich; aber auf der Herrin
Befehl wies Gaetana die Personen ab, welche gekommen waren, die Baronin zu
besuchen. Nur Emilio wurde vorgelassen, und bald war er's allein, mit dem
Vittoria fast allabendlich nach dem Theater den Thee in ihren Zimmern einnahm.
Auch dagegen mute der Freiherr Einspruch thun. So schwer es ihm fiel, mute er
es seiner Stiefmutter zu bedenken geben, da eine solche Vertraulichkeit mit
einem Manne, der in der Gesellschaft durch seine glcklichen Abenteuer von sich
sprechen mache, nicht statthaft sei, und er hatte dabei natrlich neuen Thrnen,
neuen Scenen zu begegnen, die ihm mit jedem neuen Anlasse peinlicher und
lstiger werden muten.
    Es kam Renatus hart an, aber er konnte sich jetzt der Ueberzeugung nicht
mehr verschlieen, da sein Vater nicht wohl daran gethan habe, den Fehltritt
Vittoria's zu verbergen und ihm die Sorge fr eine Frau, deren leidenschaftliche
Verirrung er gekannt hatte, ihm die Sorge fr einen jungen Menschen aufzubrden,
der nicht sein Bruder war und der, wie seine ganze Entwickelung es verrieth, mit
der Begabung seiner Mutter auch ihre vllig rcksichtslose Phantastik ererbt
hatte.
    Das Selbstvertrauen und die Zuversicht, mit denen der Freiherr im Beginne
seiner Ehe auf seinen neu errichteten Hausstand und in das Leben und in seine
Zukunft geblickt hatte, hielten vor den oftmals wiederkehrenden
Verdrielichkeiten mit Vittoria nicht Stand. Er wnschte lebhaft, da er sie
nicht von Richten fortgenommen, da er sie nicht zu seiner Hausgenossin gemacht
htte. Nun es aber einmal geschehen war, hielt er es doch nicht fr gerathen,
eine Aenderung herbeizufhren. Da er bereits, wie man es wute, mit den nchsten
Anverwandten seiner Frau und mit seinem Oheim, dem Grafen Gerhard, in keinem
guten Einvernehmen lebte, konnte er sich mit der Wittwe seines Vaters nicht wohl
verfeinden, ohne die Meinung der Gesellschaft wider sich zu haben, welche durch
die blendenden Eigenschaften Vittoria's sehr fr dieselbe eingenommen war. Sie
hatte sich zum Theil auf seine und auf Cciliens Kosten den Ruf der hchsten
Liebenswrdigkeit gewonnen, ihre Weise, sich gehen zu lassen, hatte etwas so
Natrliches, da man sie berhaupt fr einfach und natrlich hielt, und Renatus,
der eine gerechte Scheu trug, die unbesonnene und leidenschaftliche Frau
aufsichtslos sich selber zu berlassen, ward auch noch durch andere Rcksichten
abgehalten, sich von ihr zu trennen. Er mute sich sagen, da eine besondere
Haushaltung fr die Baronin ihm noch lstiger werden und ihm noch mehr kosten
wrde, als ihr Aufenthalt in seiner Familie. Er konnte es sich auch nicht
verbergen, da Vittoria, wenn er sie nicht mehr bei sich behielt, genthigt
ward, diese Trennung vor ihren Freunden als eine von ihr gewnschte
darzustellen; und ob sie das nicht in einer Weise thun wrde, welche fr ihn und
fr Ccilie nachtheilig werden konnte, dessen hielt Renatus sich bei ihrer
Unvorsichtigkeit auch nicht versichert.
    Seine Gte, seine Gromuth und seine rcksichtsvolle Schonung fr Vittoria,
seine Ehrfurcht vor seines Vaters Willen hatten ihm die Hnde gebunden. Er
konnte seine eigenen freundlichen und liebevollen Urtheile ber sie nicht
zurcknehmen, ohne von denen, vor welchen er sie ausgesprochen hatte, fr einen
Thoren gehalten zu werden; er konnte auch kaum Glauben fr Anschuldigungen zu
finden hoffen, welche seinem frheren Lobe entschieden entgegengestanden htten,
und er mute jetzt zusehen, wie er mit den Folgen seiner unzeitigen Gromuth
fertig werden konnte, auf die Vittoria in ihrem Leichtsinne sich zu verlassen
gewohnt worden war. Er trug auch in diesem Falle die Folgen eines fremden
Verschuldens; es war wieder die Rckwirkung an und fr sich guter, aber nicht an
rechter Stelle angewendeter Empfindungen und Thaten, unter welcher er zu leiden
hatte und die ihn mitrauisch nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen
sich selber zu machen begann.
    Seine grbelnde Sinnesart, sein alter Glaube, da er einmal nicht zum Glcke
geboren sei, fingen wieder an, sich in ihm zu regen. Das rasche bewegte Leben
whrend des Krieges hatte diesen Grundton seines Wesens bertubt, der ihm, wie
er glaubte, durch die Schwermuth angeboren sein mochte, mit welcher seine Mutter
ihn unter ihrem Herzen getragen hatte. Nun, da er trotz seiner guten Vorstze
und seiner redlichen Bestrebungen, sich ein ruhiges und wrdiges Leben zu
errichten, immer auf neue Behinderungen stie, tauchte jener melancholische Zug
auf das Neue so stark in ihm empor, da er die Nothwendigkeit fhlte, sich
dagegen aufzulehnen, wenn er durch sein Schwarzsehen nicht Cciliens ihn
beglckende Heiterkeit zerstren wollte. Sie machte ihm ohnehin aus Liebe stets
den Vorwurf, da er in seinen Besorgnissen weiter gehe, als es nthig sei. Sie
bernahm es gutwillig, Vittoria in ihren Ansprchen allmhlich einzuschrnken,
sie bat ihren Gemahl, keine weiteren Erklrungen mit der Stiefmutter
herbeizufhren, keine bindenden Versprechungen von ihr zu begehren. Sie erbot
sich, Vittoria des Abends zum Ausgehen oder zu einer gemeinsamen Geselligkeit zu
berreden, sie verhie, in ihrer Wirthschaft solche Ersparungen zu machen, da
man die Mglichkeit behielte, der Stiefmutter eine gewisse eigene Geselligkeit
zu gestatten, und da Vittoria, von der jungen Baronin gutem Willen gerhrt und
beruhigt, sich dieser immer wieder mit der alten Neigung anschlo, bernahm
Ccilie ihr Mittleramt in der That mit Zuversicht und Freude.
    Sie, die zuerst auf Vittoria's Unbesonnenheiten warnend hingewiesen hatte,
gab es dem Freiherrn doch zu bedenken, da Vittoria's Unsttigkeit erst seit
ihrer Trennung von Valerio hervorgetreten sei. Sie verlangte also, da man
Valerio so oft als mglich nach Hause kommen lasse. Sie setzte es durch, da er,
in dem sich auch eine auffallend schne Stimme herauszubilden begann, die
Mutter, wenn es sich irgend thun lie, in die Theater begleitete; und Mutter und
Sohn verlangten es nicht besser. Die Baronin verzichtete, wenn sie Valerio bei
sich hatte, am Abende auf geselligen Besuch in ihren Zimmern, sie sang mit dem
Sohne, dessen musikalisches Gedchtni ein ganz ungewhnliches war, und selbst
Renatus und Ccilie hatten ihr Vergngen daran, wenn Valerio mit seiner feurigen
Lebendigkeit ganze Scenen aus den Opern, in welche die Mutter ihn an den
Sonntagen zu fhren pflegte, vor ihnen nachzuspielen und zu singen unternahm.
    Seine Vorliebe fr das Zeichnen schien dadurch pltzlich in den Hintergrund
zu treten. Er hantierte allerdings noch immer mit dem Bleistifte und der Feder,
aber es waren nur noch Opern-Scenen, die er entwarf, wenn er nicht Karrikaturen
auf seine Mitschler und Vorgesetzten zeichnete, deren komische Wirkung bei
unverkennbarer Aehnlichkeit in der ganzen Anstalt von sich sprechen machte.
    Von Valerio's Verhalten in dem Kadettenhause war berhaupt nicht viel zu
rhmen. Seine Zeugnisse erkannten zwar seine Begabung an, rgten jedoch seinen
Mangel an Ausdauer und wahrer Arbeitslust, und kaum eine Woche verging, in
welcher es fr ihn nicht irgend ein Vergehen gegen die Disciplin der Anstalt zu
ben gegeben htte. Wenn er auf solche Weise an einem Sonntage den Besuch bei
der Mutter verscherzte, wute er das nchste Mal durch verdoppelte
Liebenswrdigkeit seine Bestrafung vergessen zu machen, und selbst Renatus, der
sich vorgenommen hatte, ihn streng zu behandeln, fhlte sich oftmals wider
seinen Willen von ihm hingerissen. Man mute sich sagen, da ein Knabe, der in
so schrankenloser Willkr aufgewachsen sei, es schwerer als Andere finden msse,
sich dem strengen Zwange zu fgen; sogar unter seinen Lehrern fanden sich Einer
und der Andere, die fr ihn sprachen, die der Ansicht waren, da man mehr als
mit Andern Geduld mit ihm haben und ihm Zeit vergnnen msse, sich allmhlich
unterordnen und beherrschen zu lernen, wenn man seine ungewhnliche Lebendigkeit
nicht zu einem Nachtheil fr ihn selber verkehren und ihn dahin bringen wolle,
seinen frhlichen Freimuth hinter der Maske einer erheuchelten Sinnesnderung zu
verbergen, die vorzunehmen und aufrecht zu erhalten, eben ihm, bei seiner Lust
am Darstellen, verlockend werden knnte.
    Wie dem aber auch sein mochte, Valerio war in dem Kadettenhause eben so
schnell der Liebling seiner Mitschler geworden, als seine Mutter die
Gesellschaft fr sich gewonnen hatte. Seine auffallende fremdartige Schnheit,
die Leichtigkeit, mit welcher er neben dem Deutschen das Franzsische und das
Italienische sprach, die Bereitwilligkeit, mit der er Jedem zeichnete, was man
von ihm verlangte, und seine erfinderische Phantasie, die ihn immer neue Spiele
und neuen Zeitvertreib ersinnen lie, fhrten ihm die Herzen seiner
Altersgenossen zu, whrend seine ungewhnliche Frhreife die lteren Kadetten
belustigte. In der Einsamkeit seines heimathlichen Schlosses hatte er, Dank der
Achtlosigkeit seiner Mutter, mehr von dem Leben erfahren, als es Knaben seines
Alters sonst geschieht, und der freie Gebrauch, den er bis zu der Rckkunft
seines Bruders von des verstorbenen Freiherrn reicher Bchersammlung machen
drfen, hatte die romantische und abenteuerliche Geistesrichtung Valerio's noch
erhht.
    Es war eine Hauptbelustigung der lteren Zglinge des Hauses, Valerio
erzhlen zu machen, sei es, da er von seinem Leben auf dem Lande oder von
seinen gegenwrtigen Besuchen in seines Bruders Hause und bei seiner Mutter
plauderte. Sein lebhaftes Mienenspiel, seine Beobachtungs- und Nachahmungsgabe,
die Keckheit seiner Bemerkungen gewhrten den jungen Leuten einen heitern
Zeitvertreib. Sie hielten vor ihm auch nicht, wie vor den andern Knaben zurck.
Mit Cherubin, dem schnen Pagen, wie sie ihn hieen, brauchte man sich auch
nicht in Acht zu nehmen. Er wute, was er sagen und wovon er schweigen sollte;
er hatte das in Richten zwischen den beiden feindlichen Haushaltungen frh
erlernt, und er hrte es gern, wenn man ihn den Pagen hie.
    Er hatte schon in der Heimath seinen Figaro gelesen, er hatte das Pagenlied
stets vor allem Andern geliebt; und nun vollends, seit er mit der Mutter
Mozart's Figaro auf der Bhne gesehen und gehrt hatte, seit die Mutter und
Emilio es rhmten, wie genau er das Mozart'sche Pagenlied behalten habe, lie er
sich den Namen im Kadettenhause doppelt gern gefallen. Vittoria selber nannte
ihn bald nicht anders, und ihren Cherubino Sonntags, wenn sie Leute bei sich
hatte, das Voi che sapete zum Flgel singen, ihren Cherubino von der
Gesellschaft bewundern zu lassen, das war, wenn Renatus es nicht hinderte, ein
Genu, den sie sich und ihrem Sohne selten nur versagte.

                               Siebentes Capitel


Die Aurikeln blhten schon, und die groen Dolden der Fliederbsche strmten
ihren Duft ber die weiten Rasenpltze des alten Gartens von Tante Esther aus,
als Seba eines Tages auch wieder ihren Kranz auf das Monument gehngt hatte und
langsam, des schnen, warmen Frhlingswetters froh, durch die breiten Wege nach
dem Zelte vor dem Gartensaale zurckging. Die Grfin Eleonore war an ihrer
Seite.
    Die Genesene hatte noch nicht ihre vllige Frische wiedergewonnen, aber das
Leben war doch wieder mchtig in ihr, und sie bedurfte des sttzenden Armes
ihrer Freundin nicht mehr. Sie ging frei und festen Schrittes neben ihr her, nur
ihr Auge war nicht mehr so strahlend, als in den Tagen, in welchen Renatus sie
hatte kennen lernen, und auch die stolze Zuversicht jener Zeit war nicht mehr in
ihr.
    Eine Weile schritt sie schweigend durch die Alleen, dann, als sie sich schon
dem Zelte genhert hatten, unter welchem Davide sa, die ihr Tchterchen nhrte,
whrend der Knabe mit seinen von der Sonne schon gebrunten Armen sich in dem
groen Garten, recht nach Menschenart, seinen eigenen Garten zu machen strebte,
wendete Eleonore sich in einen der Seitenwege, und Seba's Arm in den ihren
legend, fhrte sie sie mit sich fort.
    Kommen Sie, meine Freundin, sagte sie, ein wenig will ich Sie noch fr mich
besitzen. Sind Sie erst wieder in dem Zelte, dann gehren Sie mir nicht mehr
allein, dann gehren Sie Ihren Kindern und Ihren Enkeln - Eleonore bezeichnete
Tremann und die Seinen gegen Seba stets mit diesem Namen - und nicht nur Adel,
wie es das franzsische Sprchwort sagt, legt uns Verpflichtungen auf: auch Gte
verpflichtet. Sie mssen gtig zu mir sein, weil Sie so gut gegen mich gewesen
sind.
    Seba drckte ihr mit freundlichem Worte die Hand, und Eleonore meinte nach
einer kurzen Pause: Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie trstlich es mir ist,
wenn ich Sie an jedem Tage mit derselben Herzenstreue das gleiche Liebeswerk
verrichten und immer befriedigt von demselben wiederkehren sehe. Anfangs ging
ich dazu mit, weil ich eben bei Ihnen bleiben, Sie begleiten wollte. Jetzt denke
ich schon, wenn ich zu Ihnen komme, da wir die Blumen pflcken und nach dem
Denkmal tragen mssen, und ich glaube, wren Sie nicht hier, ich thte, ohne
Ihre Todten hier gekannt zu haben, ganz dasselbe. Es ist etwas Schnes um ein
alltglich Thun, es verbindet jeden unserer Tage mit der Vergangenheit und
Zukunft, es gibt jedem Tage einen Mittelpunkt. Wenn ich - - ihre Stimme wurde
weich - wenn ich fern von Ihnen sein werde, liebe Seba, werde ich zu Ihrem und
der Ihren Angedenken an jedem Tage auch einen solchen Herzenskultus ben, und
wie Sie unter den Lebenden der Todten denken, werde ich in meiner Einsamkeit mit
noch grerer Liebe - ach, und mit welcher Sehnsucht! - an Sie Alle, die ich
hier verlasse, denken.
    Sie waren whrend dieser Worte nach der Seite des Gartens gekommen, an
welcher Paul's Arbeitszimmer lagen, und dieser, der eben sein Tagewerk beendet
hatte, trat, als er sie gewahrte, zu ihnen in den Garten hinaus.
    Er sah sich zuerst nach seiner Frau und seinen Kindern um, erkundigte sich
dann nach Eleonorens Ergehen und nannte es einen bequemen Zufall, da sie eben
da sei, da er einen Brief fr sie erhalten habe. Sie fragte, woher derselbe sei.
    Er ist uns durch einen unserer rmischen Geschftsfreunde vor einer halben
Stunde zugekommen, und ich hoffe, da man ihn noch nicht zu Ihnen in das Htel
geschickt hat, gab er ihr zur Antwort, whrend er hineinging, sich nach dem
Briefe umzusehen.
    Die Grfin war bei der Nachricht bleich geworden, und die Bewegung, mit
welcher sie das Schreiben aus Paul's Hand empfing, lie ihre Freunde nicht
darber im Ungewissen, von wem es ihr kam. Auch wollten beide sich entfernen,
ihr Zeit und Ruhe zum Lesen zu geben; aber wie ein Kind, das sich vor dem
Alleinsein frchtet, langte die Grfin unwillkrlich nach der lteren Freundin
Hand, und sich auf die nahe stehende Gartenbank niederlassend, bat sie leise:
Bleiben Sie!
    Es war ein langer Brief. Die Grfin hatte ihn gelesen und noch einmal
gelesen, dann lie sie die Hand, mit der sie ihn hielt, auf ihre Kniee
niedersinken und sah sinnend vor sich hin. Seba sa schweigend an ihrer Seite.
Sie kannte die Erlebnisse der Grfin jetzt in allen ihren Einzelheiten durch
diese selbst, und Eleonore hatte auch vor Paul und vor Davide kein Hehl aus
ihnen zu machen gewnscht, wennschon sie den Beiden nicht direkt davon
gesprochen hatte. Nur von dem Religionswechsel und von ihren religisen Zweifeln
war zwischen ihr und Paul zum Oefteren die Rede gewesen, und er hatte es ihr nie
verborgen, wie er ber das blinde, unbedingte Glauben, wie er ber den Glauben
an positive Religion, wie er ber den Gottglauben berhaupt denke und was er von
jener Anschauung halte, die im neunzehnten Jahrhundert die Veredlung und
Selbstvollendung des Menschen noch durch seine Einsamkeit erreichen zu knnen
whne. Aber er hatte diese Gesprche nie geflissentlich gesucht. Denn gerade
weil Eleonore durch augenblickliche Entschlsse, durch gewaltsame Eindrcke und
durch die Macht einer ihr Herz beherrschenden mchtigen Leidenschaft zu einem
Abfalle von ihrer wahren Ueberzeugung und zu einem Handeln gegen die
eigentlichen Bedingungen ihrer Natur verleitet worden war, meinte er, da, wenn
berhaupt eine Hlfe fr sie mglich sei, ihr diese nur auf dem Wege der eigenen
Einsicht und der ruhigen, sie zur Erkenntni langsam fhrenden Erfahrung mit
Erfolg bereitet werden knne.
    So lie denn auch Seba ihr eine Weile Zeit, sich zu sammeln, und erst als
sie bemerkte, da Eleonore es schwer finde, in diesem Augenblicke von sich zu
sprechen, sagte sie: Sie haben einen Brief von dem Abb erhalten?
    Eleonore bejahte es, und was sie nie zuvor gethan hatte, sie reichte der
Freundin das Schreiben hin.
    Ich komme von einer Reise zurck, also hob es an, die ich im Auftrage
meiner Oberen unternommen und die mich durch den ganzen Winter und das ganze
Frhjahr in den Geschften unsers Ordens fern im Orient gehalten hat. Von den
Ufern des Nil, an den heiligen Wassern des Jordan, von der Schdelsttte und an
des heiligen Grabes geweihter Schwelle sind meine Gedanken zu Ihnen gegangen,
und ich habe fr Sie gebetet, Eleonore, gebetet, da auch Ihnen der Friede
kommen mge, mit dem ich an Sie denke; da Ihre endliche Bekehrung zu der
einzigen und alleinig wahren Lehre Sie reinigen und Ihren Sinn erheben mge, wie
sie mich hinaushebt ber mich selbst und ber all mein menschliches Verlangen
und Begehren. Ich habe Ihnen geschrieben und meine Briefe in unser Frauenkloster
nach Trinit di Monte gesendet. Zurckgekehrt nach Rom, bin ich gegangen, Sie in
den heiligen Mauern aufzusuchen, in denen ich Sie zu finden glauben mute. Aber
Sie waren nicht dort, und erst auf Umwegen habe ich erfahren, wo Sie weilen und
da Sie krank gewesen sind.
    Wehalb schrieben Sie mir nicht, wehalb riefen Sie mich nicht? Ein Wort von
Ihnen, das mich htte ahnen lassen, Sie bedrften meines Trostes, htte mich zu
Ihnen gefhrt. Streng, wie unsere Gesetze uns binden und unsere Oberen ber uns
walten, wrde man es mir als mein Recht zuerkannt und nicht geweigert haben,
Ihnen, deren Seele ich dem Lichte gewonnen, in den Stunden der Krankheit und der
mglichen Entmuthigung meinen Beistand leisten zu drfen, und Sie zu ihm und auf
ihn hinzuweisen, der unser Stab und unsere Leuchte, unser ewiges Heilmittel und
der Weg zu unserem ewigen Leben ist.
    Sie waren dem Tode nahe, Sie sind genesen und Sie haben, ich wei es, nicht
einmal danach verlangt, Sich durch den Genu des heiligen Abendmahles, Sich
durch das erlsende Sakrament, der Gemeinschaft anzuschlieen, der Sie
angehren, Sich der Gnade und Vergebung zu versichern, die uns den Weg durch
dieses Leben und den dunkeln Pfad in das Jenseitige ebnet und erhellt. Was soll
ich davon denken? Was bedeutet das?
    Wre es mglich, da Ihre Seele wankend geworden ist? Wre es mglich, da
Du sie vergessen knntest, die Schwre, mit denen Du Dich mir und meinem Glauben
zugeschworen? Da Du sie vergessen knntest, die gesegnete Stunde, in der meine
blutigen Thrnen und die Angst meines durch Dich gemarterten Herzens Dich und
mich neugeboren haben zu dem ewig unauflslichen Bndnisse unserer Liebe in
Gott? Solltest Du abfallen, untreu werden knnen mir, Dir selbst und ihm, dem Du
gelobt hast, Dein Leben ausschlielich seiner Anbetung zu weihen?
    Meine Seele erbebt vor dem Gedanken! Ich liege auf meinen Knieen, und meine
starke, feurige Liebe fr Dich ersehnt und erfleht von dem Hchsten Deine Treue
fr ihn. Ich zhle die Stunden, bis mir Kunde kommen wird von Dir, die Stunden,
bis ich, an das Gitter des frommen Hauses tretend, mir werde sagen drfen: es
birgt wie ein goldener Heiligenschrein den Schatz, den du der heiligen
Gemeinschaft zugefhrt, es umschliet das edle Herz, das du der Kirche zu
gewinnen durch Gottes Gnade wrdig befunden bist, und es erwchst in dieser
gesegneten Mauern stiller Huth eine jener Frauenseelen fr das Herrscheramt
innerhalb der Kirche, der die Starken sich mit Anbetung und Wonne neigen.
    Komm, meine Schwester! Komm, Du Ersehnte meiner Seele, la mich die Stunde
nicht mehr lange erwarten, in welcher unsere Seelen sich als zwei reine Flammen
in der glhenden Begeisterung Eines Liebens, Eines Glaubens, Eines Hoffens zu
Gott erheben. Meine ganze Seele schmachtet nach dem Glcke! - Komm, denn ich
erwarte Dich!
    Seba faltete, ohne ein Wort zu sprechen, den Brief zusammen, und eben so
lautlos warf Eleonore sich mit beiden Armen der Freundin um den Hals und weinte
bitterlich. Seba drckte sie an sich und hielt sie sanft umfat.
    Es war sehr still in dem Garten, Davide hatte sich entfernt, um das Kind,
das an ihrem Busen eingeschlafen war, zur Ruhe zu bringen, der Knabe war ihr
gefolgt, und Paul sa, die franzsischen Zeitungen lesend, in dem Schatten der
groen, vor dem Gartensaale stehenden Bume. Kein Lftchen regte sich. Man hrte
die Bienen leise summen, ehe sie sich in die Kelche der Blumen niedersenkten, in
dem dichten Buschwerke sang und lockte die Nachtigall.
    Richten Sie Sich auf, Eleonore, sagte Seba endlich. Es ist gut, da dieser
Brief gekommen ist. Sie hatten ihn erwartet; ich fhlte es Ihnen immer an. Was
denken Sie zu antworten? Was wollen Sie thun?
    Wei ich's denn selbst? entgegnete die Grfin, und nachdem sie noch einmal
in ihr schwermthiges Sinnen versunken war, sagte sie pltzlich: Es ist mir wie
einem Trumenden zu Muthe. Was ich am deutlichsten wissen glaubte, was mich das
Lebendigste, das Nothwendigste dnkte, Alles, worauf ich mich sttzen zu knnen
whnte, zerrinnt mir wie Nebel, wenn ich mein Auge darauf richte, und es thut
sich mir hinter demselben eine Ferne, eine Weite auf, die mir fremd ist und in
der ich mich nicht zurecht zu finden wei. Ich mchte, wenn es mglich wre -
sie zgerte und schwieg.
    Sie mchten Geschehenes ungeschehen machen knnen! fiel ihr Seba in die
Rede, um ihr zu Hlfe zu kommen.
    Ja! rief Eleonore, als habe Seba mit dem bloen Aussprechen dieses Wortes
eine Fessel von ihr genommen, ja! Ich wnschte, ich htte mein ganzes Leben
nicht gelebt!
    So vergessen Sie es und beginnen Sie ein besseres, ein neues!
    Kann man das? fragte Eleonore. Kann man es sich selber vergessen machen, was
man empfunden hat?
    Seba nahm sie bei der Hand. Sehen Sie, Eleonore, sprach sie sanft, seit mehr
als zwanzig Jahren schaue ich dem Leben jener Bume zu, die da drben, jenseit
des Flusses, in dem Garten stehen. Als ich zum ersten Male im Herbste ihr Laub
erbleichen und zu Boden fallen sah, war ich jung wie Sie, und unglcklich, weit
unglcklicher, als Sie, denn ich hatte mein Herz mit seiner reinsten Liebe einem
Manne zugewendet, den ich verachten mute, ich hatte durch meine Schuld mich
selbst verloren; und ich sah in jenem Herbste auf die entbltterten Bume hin
und dachte: sie sind dein Bild, dein und ihr Frhling, deine und ihre
Blthenzeit sind hin, es ist Winter geworden und Alles ist todt und de, todt
und de fr immer!
    Sie hielt inne, die Grfin kte ihr die Hand. Da glitt ein melancholisches
Lcheln ber Seba's Antlitz, und ihr Haupt mit seinen schnen Augen zu ihrer
jungen Freundin wendend, sagte sie mit einem Tone, welcher dieser tief in's Herz
drang: Und nun blicken Sie hinber, ob ich mich nicht irrte? Ob das Leben nicht
viel mchtiger, die Welt in ihrem ewig waltenden Werden nicht viel
wunderthtiger ist, als unser armes Herz in seinem kleinmthigen Verzagen es fr
mglich hlt? Jener Winter ist entschwunden, und mancher andere nach ihm, und
jeder neue Frhling hat meinen alten Bumen drben neues Leben und neues Blhen
gebracht, und in allem ihrem Blhen und Vergehen sind sie gewachsen und
gewachsen, und der Abfall ihrer Bltter selbst hat dem Boden, der sie erzeugte,
noch Wrme und noch neue Kraft verliehen! Und Sie wollten dem Leben entsagen,
weil Sie einmal irrten? Sie wollten Sich gebunden glauben durch den Eid, den Sie
in einer geflissentlich durch fremden Willen in Ihnen erregten
leidenschaftlichen Ueberspannung geleistet haben? Wie drfen Sie nur daran
denken, einen unfreiwilligen Irrthum Ihres Verstandes, eine Uebereilung Ihres
Herzens zu einer bewuten Lge zu machen? Nimmermehr, Eleonore! Das darf, das
kann nicht geschehen! -
    Sie hatte die letzten Worte unwillkrlich mit erhobener Stimme gesprochen,
so da Paul und Davide, die herangekommen waren, sie vernommen hatten, und Paul
die Frage aufwarf, wovon die Rede sei.
    Seba gab ihm eine andeutende Antwort, aber Eleonore sagte sehr bestimmt: Wir
sprachen von einem traurigen Gegenstande, von mir und meiner Zukunft, und es ist
gut, da Sie, meine Freunde, jetzt dazugekommen sind, denn ich fhle mich halt-
und rathlos! Ich habe Stunden, in denen ich mich in Lebenslust an das Dasein
klammern, und Tage, an denen ich aus Widerwillen gegen mich selbst, mich vor der
Welt verbergen und ein Herz in Einsamkeit begraben mchte, das ... - Sie brach
pltzlich ab, und nach kurzem Schweigen heftig auffahrend, rief sie: Wenn Sie es
wten, wie man mich umworben hat, wenn Sie wten, wie ich in dem Glauben an
eine groe, reine Liebe mich mit Stolz zurckgehalten habe, von den Spielen des
Herzens, in denen die Mehrzahl der Frauen sich gefllt und gengt! Rein und ganz
in meinem Empfinden, so hatte ich mich und alles, was ich habe und bin, mit
meiner Liebe einst dem Manne hinzugeben gehofft, der mich zu seiner Gattin
nehmen wrde! Und sich jetzt sagen zu mssen, da ich dies alles, da ich diese
groe, diese umfassende Liebe, da ich die tiefste Verehrung meines Herzens
einem Manne entgegenbrachte, der mit kaltem Auge auf mich herniedersah, dem ich
nichts, nichts gewesen bin, als der Gegenstand einer Berechnung, und der, als
ich in Liebe zu seinen Fen niedersank, es vielleicht bedachte, was mein Besitz
dem Orden werth sei, in dessen Dienste er sich meiner zu bemchtigen wnschte
... - Sie brach noch einmal ab und sagte dann nach einer Pause wie im
Selbstgesprche: Das denkt keines Menschen Seele aus!
    Doch, rief Paul, der ihr achtsam zuhrend gefolgt war, doch! Und Seba's Hand
ergreifend und schttelnd, sagte er: Fragen Sie Seba, ob sie es nicht
nachzudenken vermag, ob sie nicht Gleiches, ob sie nicht Schwereres erduldet
hat! Und sie hat sich aufgerichtet in sich selbst, da sie die Sttze und die
Zuflucht aller derer geworden ist, die einer starken und geduldigen Liebe fr
sich nthig haben! Was ist Ihnen denn geschehen, was haben Sie denn erlitten und
erlebt?
    Die Grfin sah ihn betroffen, ja, mit Erstaunen an. Es ist wahr, fuhr er
fort, Sie haben ein groes, ein schnes Capital von Liebe falsch angelegt, das
ist aber auch Alles! Sie haben Sich in dem Manne betrogen, dem Sie es
anvertrauten, und nur Sie, nicht er, tragen die Schuld davon! Sie sahen das
Kleid, das er trug, Sie kannten die Grundstze der Gemeinschaft, der er
angehrt! Wer hie Sie der eiteln Verlockung nach Herrschaft nachgeben, mit der
er zuerst verfhrend an Sie herantrat? Nicht er, Ihr Stolz hat Sie verleitet,
die Freiheit, deren Sie nach allen Seiten hin genossen, gegen die Unfreiheit zu
vertauschen, die Ihnen Herrschaft ber Andere und die blinde Unterordnung
Anderer als ein Glck vorspiegelte! Nicht Ihre Liebe fr den Abb allein, Ihr
Ha gegen Ihre Tante, ja, die ganze mige, selbstschtige Abgeschlossenheit, in
der Sie, wie Sie es mir geschildert haben, lebten, haben Sie dem Abb in die
Arme getrieben! Und jetzt, da Sie ihn kennen, jetzt wollen Sie aus falschem
Ehrgefhl hingehen, Sich in einem Kloster zu verbergen? Sie wollten auch jetzt
noch nach jener hochmthigen Selbstbefriedigung suchen, die Sie der Erde und
Ihren Mitmenschen entfremdet? Wie knnen Sie nur daran denken, noch lnger ein
Dasein zu fhren, welches in unserer Zeit und bei unseren Erkenntnissen nicht
mehr werth ist, da man's lebt? - Er schttelte mibilligend sein ernstes Haupt,
und der Grfin fest in's Auge schauend, sprach er: Da wr's besser, Sie wren
nicht genesen!
    Die Frauen blickten besorgt auf Eleonore hin. Sie sah schweigend vor sich
nieder. Paul strte sie in ihrem Sinnen nicht. Ein paar Mal schien es, als ob
sie sprechen wolle, aber sie fand das Wort nicht oder sie vermochte sich nicht
von den Vorstellungen loszureien, mit denen sie sich bisher getragen hatte, und
Davide, welche ihr dies nachempfand und ihr zu Hlfe kommen wollte, fragte: Aber
was soll Eleonore denn jetzt thun?
    Sie soll sich befreien und sich durch Selbstberwindung selbst wieder
gewinnen, wie unser Aller Vorbild, wie unsere Seba es gethan hat! Sie soll dem
Abb und der Habsucht seines Ordens den Triumph nicht vollenden, den sie ihnen
zu bereiten auf bestem Wege war! rief Paul.
    Er hielt inne. Ihr fragt mich, was die Grfin thun soll? Erretten soll sie
von dem schlecht angelegten Capitale ihrer Liebe, ihrer Freundschaft, was sie
kann! Sie soll ihr Herz tapfer in die Hand nehmen, sie soll sich muthig ihren
Irrthum, ihre Verblendung eingestehen! Sich soll sie anklagen, nicht die Andern
oder gar ihr Schicksal, und sie soll lieben, ihre Mitmenschen lieben lernen ...
    O, rief Eleonore, und ihr Antlitz leuchtete in einer Verklrung, deren es
frher nie theilhaftig geworden war, liebe ich Euch denn nicht? Wie eine
zrtliche Mutter, wie liebende Geschwister seid Ihr mir gewesen! Mutterliebe und
Geschwisterliebe und die Seligkeit, welche in der Ehe, in dem Lcheln eines
Kindes liegen kann, Alles habe ich kennen und empfinden lernen hier bei Euch! -
Aber wenn ich von Euch geschieden sein werde ...
    Scheiden? fiel ihr Davide in das Wort, und die Grfin in ihre Arme
schlieend, rief sie: Wer denkt denn an Scheiden, Eleonore? Du hast mich ja
selbst Deine Schwester genannt! Du bleibst bei uns, bei Seba, bei Paul, bei mir,
bei unseren Kindern! - Seba, Paul, sagt es ihr doch, da sie nicht gehen soll,
nicht gehen darf, da sie unser, unsere Eleonore ist!
    Sie konnte nicht weiter sprechen, die Grfin hing an ihrem Halse, Seba legte
ihre Hand sanft auf der beiden jungen Frauen Hupter, selbst Paul war sehr
erschttert. Die Blumen aber dufteten ruhig fort, die Bienen tauchten tief in
ihre Kelche hinein, und die Nachtigallen lockten und sangen, whrend in dem
leise aufgestiegenen Winde die Zweige der Bume sich nickend hin und wieder
bewegten und die Sonne ihre warmen Strahlen funkelnd durch die Bltter
niedersendete.
    Als Eleonore ihrer wieder mchtig geworden war, hielt sie Paul ihre Hand
hin. Er schlug mit festem Schlage ein und schttelte sie ihr wie einem Manne.
Muth, Grfin! sprach er mit der vollen Stimme, die schon in ihrem bloen Klange
etwas Ermuthigendes hatte. Die Welt geht nicht unter, wenn ein Stein unter
unseren Fen fortrollt, auf den wir mit Sicherheit treten zu knnen meinten!
Irgendwo findet sich ein Ast, an dem man sich halten kann, und - er reichte ihr
mit schner, herzgewinnender Freundlichkeit noch einmal seine Rechte hin - zur
Noth bin ich auch noch da! Fragen Sie Seba und Davide, ob ich loszulassen
pflege, was ich in die Hand genommen habe!
    Lieber, lieber Freund! rief die Grfin und blickte wie eine Tochter ergeben
und vertrauensvoll zu ihm empor. Was soll ich thun? Sagen Sie's, ich folge Ihnen
unbedingt!
    Paul machte eine abwehrende Bewegung. Kein blindes Gehorchen, kein
unbedingtes Vertrauen, liebe Grfin! warnte er. Ich bin kein Priester! Aber ich
wrde mich freuen, wenn Sie mir den Brief zu lesen geben wollten, den Sie dem
Abb auf seine heutige Zuschrift senden.
    Was soll ich ihm sagen? fragte sie, von dem Gedanken dieser unerllichen
Annherung ergriffen und erschreckt. Was soll ich ihm sagen?
    Die Wahrheit! entgegnete ihr Paul.
    Wird er Eleonore nicht festzuhalten streben? Wird er nicht Alles anwenden,
sie uns zu entreien? wendete Davide ein.
    Gewi! aber Eleonore ist ja nicht mehr allein in ihrem stolzen Haughton
Castle! Sie ist in eines Brgers Hause, sie hat sich ja eben freiwillig als der
Unseren Eine unter meinen Schutz gestellt, und wenn wir auch nicht wie sie in
ihrem freieren Vaterlande von uns sagen knnen: Mein Haus ist meine Burg! so
bin ich doch Herr in meinem Hause, und sie soll, wie wir alle ruhig leben, ruhig
schlafen, und sich frei bewegen unter meinem Dache und unter meinem Schutze, bis
sie uns nicht mehr braucht, bis sie gelernt hat, wieder aus eigenem Antriebe
ihren eigenen und, ich denke, einen schnen, neuen Weg zu gehen!

                                 Achtes Capitel


Nach groen Strmen pflegen, wie in dem Leben der Vlker, so auch in dem Leben
der einzelnen Menschen, wenn die aufgeregten Wogen sich geebnet haben, lange und
tiefe Windstillen einzutreten, in denen die Wasser sich beruhigen und allmhlich
so sanft hingleiten, da man es leicht vergit, wie es eben noch anders gewesen
ist und was unter der glatten Oberflche in der Tiefe schlummert. Was man
erlebte, was man erlitt, wird von dem Einzelnen mehr und mehr vergessen, von der
Gesammtheit berwunden und ausgeglichen. Man meint, es sei des Erfahrens nun
genug gewesen, man hofft, der gewonnenen Einsicht in Ruhe froh werden zu knnen,
man sieht rund um sich her vielfach ein Wachsen und Gedeihen, und da man ohne
sein besonderes Zuthun von dem allgemeinen Elende sein reichlich Theil getragen,
so wird man zu der Meinung verfhrt, da man auch ohne sein besonderes Zuthun
des Guten theilhaftig werden msse, das sich um uns her entfaltet hat, und da
das allgemeine Wachsen und Gedeihen mit seiner Segensflle zudecken msse, was
der Eine oder der Andere sich nicht gern eingestehen und gern verbergen mchte.
    Handel und Wandel standen denn auch, nachdem wenig mehr als ein Jahrzehend
seit der Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft verflossen war, wieder
in voller Blthe. Die Industrie und der Landbau waren zu einem Aufschwunge
gekommen, von dem man bis dahin in unserem Vaterlande noch kaum eine Vorstellung
gehabt hatte, und an der Spitze der bedeutendsten Unternehmungen fand man fast
immer das mit jedem Jahre mchtiger werdende Tremann'sche Handlungshaus. Paul
war einer der reichsten und zugleich einer der angesehensten Mnner der Stadt
und des Landes geworden. Sein Einflu kam nicht nur dem eigenen Schaffen,
sondern auch den Angelegenheiten der mit ihm verbundenen Menschen sehr zu
Statten. Er selber hatte sich freilich schon von den Fabrik- und industriellen
Geschften zurckgezogen, die er bald nach Beendigung des Krieges mit Steinert
und Herbert gemeinsam unternommen hatte, um sich gnzlich wieder dem groen
Geldgeschfte zuzuwenden; dafr arbeiteten aber die Shne und Schwiegershne
seiner beiden Freunde mit diesen jetzt gemeinschaftlich und einander in die
Hnde.
    Eva war, wie sie das gewnscht hatte, in dem alten, auf das beste
ausgebauten Amtshause in Rothenfeld mit ihrem Herbert angesessen. Sie sah in
behaglicher Ruhe ihrem Lebensabende entgegen, whrend der junge Steinert, der
seine Cousine Angelika geheirathet hatte, und Steinert's Schwiegersohn mit
seiner Eveline, der Eine auf dem von Rothenfeld jetzt abgezweigten Vorwerke, der
Andere in Neudorf sich tchtig regten. Auf den Gtern, deren Ertrag nach dem
Abgange von Adam Steinert in den letzten Lebensjahren des Freiherrn Franz so
tief heruntergekommen war, da er die Bedrfnisse der Herren von Arten nicht
mehr deckte, fanden jetzt drei Familien ein reichliches Auskommen und ein immer
wachsendes Gedeihen, weil sie selber schufen und erwarben, was sie brauchten,
weil sie ihre Bedrfnisse und ihre Einnahmen in Einklang erhielten und weil ihre
eigene Tchtigkeit und Arbeitsamkeit den Arbeitern um sie her zu einem Antriebe
und zu einer Ermuthigung gereichten, die den Gutsbesitzern ebenfalls zu Nutze
kamen.
    Ein Jahr nachdem Herbert sich in dem Rothenfelder Amtshause niedergelassen
hatte, war Seba in der Mitte des Sommers in ihre heimathliche Provinz
zurckgekehrt, um ihr altes Vaterhaus einmal wiederzusehen und Herbert auf
seinem Gute zu besuchen, und Eleonore hatte sie dabei begleitet. Seit die Grfin
in das Tremann'sche Haus gezogen und gleichsam ein Mitglied seiner Familie
geworden war, trennte sie sich von Seba nicht. Sie waren einander in tiefem
Verstndni nahe getreten.
    Du hast so Viele gepflegt und gehegt, sagte die Grfin bisweilen, da es nur
in der Ordnung ist, wenn sich endlich Jemand findet, der Dich nun hegt und
pflegt. Davide hat ihren Mann, hat ihre Kinder; ich habe Niemanden als Dich, und
es kommt Dir zu, da ein Wesen um Dich ist, ber welches Du ganz verfgen
kannst. Wo Du bist, da bin ich, wo Du hingehst, gehe ich mit Dir!
    Seba wollte das nicht gelten lassen, denn sie wnschte, Eleonore in einer
ihr angemessenen Ehe glcklich zu sehen; aber es war, als htte das Gemth der
Grfin noch ein Ruhen nthig, nachdem es ihr in schweren Kmpfen gelungen war,
sich mit Hlfe ihrer Freunde vllig von den Banden frei zu machen, in denen der
Abb sie gehalten hatte; und Paul bestrkte sie in ihrer Hingebung an Seba.
    Lat sie ungestrt gewhren, rieth er, wenn Davide in ihrem Glcke
Heirathsplane fr die Freundin machte. Fr eine Eleonore kommt gewi der Tag, an
welchem die Freundschaft ihr nicht mehr allein gengt; lat uns ihn erwarten.
    Sie und Seba hatten in den letzten Jahren verschiedene groe Reisen gemacht,
sie waren auch einen Sommer in Haughton Castle gewesen. Aber Eleonore hatte in
England nur ihre nchsten Anverwandten aufgesucht, und obschon von ihnen jetzt
wieder bereitwillig empfangen, hatte sie sich doch nach Deutschland und in das
Haus zurckgesehnt, in dem ihr zuerst selbstlose Liebe begegnet war und in dem
sie es erlernt hatte, sich im Anschlusse an ihre Umgebung, im engverbundenen
Zusammenhange des Familienlebens durch Hingabe zu bereichern, durch Unterordnung
zu erheben. Man dachte nicht daran, sie besonders aufzuklren, sie zu erziehen.
Die Luft macht eigen und die Luft befreit. Man lie das Leben walten.
    Freilich wunderten die Leute, vor Allen Renatus und die Seinigen sich
darber, da die Grfin Haughton der Aufforderung ihres Gesandten, sich bei Hofe
vorstellen zu lassen, nicht nachkam, da sie noch immer in Deutschland, noch
immer als eine Genossin des Tremann'schen Hauses lebte; man fand sich jedoch
endlich damit ab, es ihr fr eine ihrer englischen Grillen auszulegen, und des
Freiherrn Angelegenheiten waren nicht der Art, ihm eine besondere Theilnahme an
den Seelenzustnden der Personen einzuflen, die nicht im nchsten
Zusammenhange mit ihm lebten.
    Renatus mochte es ansehen, wie er wollte, das Glck wendete sich ihm nicht
wieder zu. Whrend in Paul's Hause eine ganze Schaar von Kindern in Kraft und
Gesundheit heranwuchsen, war das einzige Tchterchen, welches Ccilie ihrem
Manne geboren hatte, ein schwchliches Kind gewesen, das bald gestorben war, und
er hatte bisher vergebens auf die Geburt eines Sohnes gehofft, der seinen Namen
erben und in die Zukunft tragen sollte. Die Aussicht, da Valerio, da der
seinem Vater untergeschobene Sohn vielleicht der einzige Erbe des alten, schnen
Namens derer von Arten werden knne, widerstand dem Freiherrn bei der
eigenartigen Entwicklung dieses jungen Menschen mit jedem Jahre mehr, und etwas,
woran er sich recht von Herzen freuen konnte, hatte Renatus nirgend.
    Allerdings war seine Ehe eine wrdige und friedliche; aber Vittoria war eine
schwere Last fr ihn und seine Frau, und auch seine Dienstverhltnisse
gestalteten sich nicht so gnstig, als er es erwartet hatte. Er wurde trotz der
grten Pflichttreue nicht befrdert, das Avancement im Frieden war sehr
langsam, und er konnte sich des Gefhles nicht erwehren, da ein unbekanntes
Etwas, da ein heimliches Uebelwollen ihm, wohin er sich auch wende, hindernd im
Wege stehe. Dazu kam er auch mit seinen Vermgensverhltnissen nicht, wie er es
gehofft, in die Ordnung. Der Pchter hatte nicht den Muth, seine erarbeiteten
Capitalien in das fremde Gut zu stecken, und der Freiherr keine Capitalien, mit
denen er selber auf dem Gute etwas htte unternehmen lassen knnen. Das
Pachtgeld, welches regelmig genug einging, blieb immer nicht lange in des
Freiherrn Hnden, weil er gleich bei seiner Verheirathung eine Summe
aufgenommen, die er zu verzinsen hatte; und es fanden sich, da die
gesellschaftlichen Beziehungen des Freiherrn sich mit jedem Jahre ausdehnten und
das Leben in der Residenz mit dem wachsenden Reichthume ihrer Bewohner auch
glnzender und ppiger wurde, mit jedem Jahre irgend welche neue Ausgaben, denen
man sich anstandshalber nicht zu entziehen vermochte und die ein Abzahlen des
gemachten Anlehens hinderten.
    Hier und da, wenn Ccilie es sah, da Renatus sich in Geldverlegenheit
befand, wenn es sie drckte, da man die eingehenden Rechnungen nicht gleich
bezahlen konnte, wenn man die Handwerker und sonstigen Lieferanten um Geduld
angehen mute, hatte sie den Vorschlag gemacht, Renatus solle sich von der Garde
zu einem der Linien-Regimenter versetzen lassen. Wenn man indessen von der
Hauptstadt fortging, wenn man sich also auch aus den Kreisen des Hofes
entfernte, so gab man damit alle die Vortheile auf, welche in monarchischen
Staaten dem Staatsdiener aus der persnlichen Bekanntschaft mit seinem Herrn
gelegentlich erwachsen knnen, und die man im Laufe der Jahre zu erreichen eben
bemht gewesen war. Eine Versetzung von der Garde zur Linie, eine Uebersiedelung
in eine Provinzialstadt lie sich aber, ganz abgesehen davon, da sie dem
Freiherrn wie ein Herabsteigen erschienen wre, ohne einen namhaften Geldaufwand
auch nicht bewerkstelligen, den man denn, wie die beiden Gatten meinten, doch
besser und dem Zwecke entsprechender in der Residenz verwerthen konnte.
    Man blieb also bestndig in einem Zustande des Wollens, des Erwgens, des
Hoffens und des Sichtrstens, wenn wieder einmal, wie das mehrmals geschah, eine
gnstige Aussicht, auf deren Erfllung man zuversichtlich gerechnet hatte,
fehlgeschlagen war. Renatus mochte es Ccilien nicht empfinden lassen, da er
Sorgen hatte; Ccilie bemhte sich, ihm ihr Unbehagen zu verbergen, und mit
ihren gegenseitigen Ermuthigungen tuschten sie sich selber und einander.
Ccilie htte sich ein Gewissen daraus gemacht, der Mutter oder gar der
Schwester, die sie ohnehin beide nur selten sah, einen Einblick in ihre Lage zu
gestatten, und die Mutter und die Schwester befragten sie nicht darum. Sie waren
zufrieden, da Renatus und Ccilie sich innerhalb ihrer Mittel mit Anstand zu
erhalten schienen, da die Hlfe und die mannigfachen Frderungen, welche die
Gunst der Prinzessin Hildegarden gewhrte, es dieser mglich machten, in jedem
Jahre die Badereise zu unternehmen, ohne welche sie bei ihren Nervenleiden nicht
mehr bestehen zu knnen glaubte; und wie denn bei jedem Uebel sich meist noch
ein Gutes finden lt, so fgte es sich, wie Hildegard sagte, doch sehr
glcklich, da sie und Graf Gerhard seit Jahren immer dieselben Badeorte zu
besuchen hatten.
    Der Graf war indessen in seiner Gesundheit durch den Gebrauch der Bder
nicht sonderlich gefrdert worden. Die Lhmung seiner Glieder nahm im
Gegentheile, wenn auch nur sehr allmhlich, zu, und obschon er sich vortrefflich
zu befinden behauptete, schttelten seine Aerzte doch die Kpfe. Seine
Zeitgenossen meinten, er sei kein junger Mann mehr und er habe viel mitgemacht;
diejenigen indessen, welche ihn erst in den letzten Jahren hatten kennen lernen
oder die im Stande waren, einem Manne um seiner Liebenswrdigkeit willen seine
unwrdige Vergangenheit zu vergessen, sagten, Graf Gerhard sei wie alter Wein,
der durch die Jahre nur feuriger und anregender werde, und in der That schien er
an Lebhaftigkeit des Geistes zu gewinnen, was er an krperlicher Beweglichkeit
verlor.
    Weil er sich nicht gern daran erinnern mochte, da er ohne Hlfe sich nur
mhsam aufrecht halten und bewegen konnte, ging er wenig aus. An jedem Mittage
fuhr er eine Stunde in das Freie, gab bei diesem oder jenem Freunde eine Karte
ab, sendete der einen Dame ein Buch hinauf, schickte der andern ein Billet mit
einer Anfrage zu, und da es in jeder groen Stadt und an jedem Hofe eine Anzahl
von Migen gibt, die froh sind, ein Stelldichein zu haben, an dem sie eine
ihrer leeren Viertelstunden mit ihres Gleichen gemeinsam unterbringen knnen, so
ward durch den Rest des Tages das Zimmer des Grafen von Besuchern selten leer.
In dem Plaudern und Schwatzen erfuhr er, was ihm mitgetheilt zu haben man sich
kaum bewut war, und es whrte gar nicht lange, bis sich der Glaube festgestellt
hatte, da Graf Gerhard einer der am besten unterrichteten Mnner des Hofes sei,
bei dem man nicht nur sichere Auskunft ber alles, was im Augenblicke geschehe,
sondern auch sehr wesentliche Aufschlsse ber die Vergangenheit im Allgemeinen
erhalten knne.
    Es ward Mode, mit dem Grafen bekannt zu sein und ihn zu besuchen, und da die
fromme Mildthtigkeit der Prinzessin unter den ihrem Hofstaate angehrenden
Frauen auch die Barmherzigkeit zum guten Tone stempelte, so fand man es schn
und lobenswerth, als die Grfin Hildegard, auf eine grere Geselligkeit fast
ganz verzichtend, sich freiwillig zur Gesellschafterin ihres alten Freundes
machte, der einst bestimmt gewesen war, ihr als Oheim noch nher verbunden zu
werden.
    Sie und ihre Mutter brachten fast jeden Abend bei dem Onkel, wie sie ihn
jetzt bestndig nannte, zu. Sie machte seine Vorleserin, sie besorgte seinen
Briefwechsel, wenn er sich einmal ermdet fhlte, und einander sttzend, tragend
und lobpreisend, wo sie vor Dritten von einander zu sprechen hatten, gelangten
sie dahin, sich ein Ansehen und eine Geltung, sich eine Anerkennung fr ihr
gegenseitiges Verhltni zu erwerben, welche keiner von ihnen fr sich allein
jemals gewonnen haben wrde, ganz abgesehen davon, da der Grfin durch ihre
tglichen Abendbesuche bei dem Freunde eine konomische Erleichterung erwuchs,
die sie heimlich doch in Anschlag brachte.
    Es war frher einmal die Rede davon gewesen, dem Grafen, welchen seine
Sprachkenntnisse und seine feinen Umgangsformen sehr wohl zu einem solchen Amte
befhigten, zum Kammerherrn der Prinzessin zu ernennen; seine Krankheit hatte
aber die Ausfhrung dieser Absicht verhindert, whrend dieser Krankheitszustand
doch gerade seine Bedrfnisse erhhte und ein vermehrtes Einkommen fr ihn
wnschenswerth machte. Der Graf besa allerdings ein mtterliches Vermgen, das
ihm spt genug zugefallen war, um von ihm vortrefflich angelegt und gut zu Rathe
gehalten zu werden; inde als jngerer Sohn war er doch nichts weniger als
reich, denn die Berka'schen Gter waren Majorate. Er hatte es also doppelt hoch
zu schtzen, da ihm durch die Verwendung der Prinzessin eine jener Prbenden
verliehen wurde, welche ber die Zeiten der Reformation hinaus zu Gunsten des
Adels erhalten worden sind und deren geistlichen Titel Niemand mit mehr Anstand
und mit besserer Laune zu tragen sich getrauen durfte, als Graf Gerhard Berka.
    Man war schon wieder mitten im Sommer, und der Graf hatte eben eine jener
kleinen Mittagsgesellschaften um sich versammelt gehabt, die er, seit er Domherr
geworden war, scherzend nur noch seine Capitel nannte, als man ihm einen der
russischen Gesandtschaftsrthe meldete, der ihn persnlich zu sprechen wnsche.
Der Graf kannte den Legationsrath, aber er hatte kein persnliches
Umgangsverhltni mit ihm. Ein Besuch desselben zu so ungewohnter Stunde mute
also irgend eine besondere Veranlassung haben, und der Legationsrath lie den
Grafen darber auch nicht lange im Ungewissen.
    Es ist uns heute, sagte er nach einigen einleitenden Begrungsworten, mit
dem Petersburger Courier eine Privatmission zugegangen, die der hiesigen
Gesandtschaft ganz ausdrcklich von dem Ministerium anempfohlen worden ist. Es
handelt sich um eine Todesnachricht, um den Brief eines Verstorbenen an eine
Dame der hiesigen Aristokratie, die, wie ich aus zuverlssiger Quelle wei,
Ihnen befreundet ist, mit Einem Worte, um einen Brief an die Grfin Hildegard
von Rhoden. Wissen Sie zufllig, ob die Grfin irgend eine nhere Beziehung zu
einem Herrn von Kabeniew gehabt hat, der zur Zeit des ersten Feldzuges Major
gewesen ist, und der danach eben seiner Wunden wegen den Dienst verlassen hat?
    Der Graf besann sich eine Weile, dann sagte er: Ich habe den Namen von der
Grfin nennen hren, dnkt mich.
    Und Sie wissen nicht, ob Herr von Kabeniew ihr nahe gestanden hat, ob man
befrchten mte, ihr mit der Nachricht seines Todes eine Erinnerung zu
erwecken, die, ihr von fremder Hand nahe gebracht, vielleicht peinlich fr sie
sein knnte?
    Der Graf hatte dem Legationsrathe mit jener verbindlichen Achtsamkeit
zugehrt, welche ein Zeichen guter Erziehung ist. Jetzt wurde seine Miene
pltzlich ernst und kalt, und mit dem Tone bestimmtester Abwehr sagte er: Ich
meine mich zu erinnern, da die Grfin gegen mich hier und da eines Majors
Kabeniew erwhnte, den sie in einem unserer Hospitler durch eine lange Zeit
gepflegt hat; aber wo oder wie sie den Gestorbenen auch kennen gelernt hat, so
wird sie sicher das Andenken an ihn nicht zu scheuen haben; dessen drfen Sie
versichert sein, mein Herr!
    Der Legationsrath machte eine zustimmende Verbeugung. Ich war dessen selbst
gewi, Herr Graf, betheuerte er. Aber, was wollen Sie - es waren aufgeregte
Zeiten, die Bewegung der Gemther war eine gewaltige, und - er lchelte - nun,
wir waren Alle jung, jnger vielleicht als unsere Jahre! Wo eine Welt in Flammen
steht, fat auch der Einzelne leicht Feuer, und es hat dann bisweilen doch sein
Schmerzliches, auf eine solche alte Brandsttte zurckgefhrt zu werden! -
Gerade die auerordentliche Verehrung aber, deren die Grfin geniet, machte es
den Gesandten wnschen, sie wo mglich vor jeder Erschtterung zu bewahren, und
die Auskunft, die ich von Ihnen, mein Herr Graf, zu erhalten die Ehre habe,
besttigt nur eine Vermuthung, die wir selber hegten. Herr von Kabeniew, ich
darf Ihnen dies als einem Freunde der Grfin wohl vertrauen, der unvermhlt und
ohne nahe Verwandte gestorben ist, hat der Grfin Rhoden sein ganzes, uerst
betrchtliches Baarvermgen hinterlassen, das, falls sie etwa nicht mehr am
Leben gewesen wre, den hiesigen Hospitlern berwiesen werden sollte. Ich will
mich also beeilen, noch heute mich des Auftrages meines Gesandten bei der Grfin
zu entledigen.
    Er erhob sich; man wechselte noch einige Worte, welche sich zum Theil um die
edlen Eigenschaften der Grfin bewegten, und der Legationsrath hatte sich kaum
empfohlen, kaum das Haus verlassen, als um die gewohnte Stunde die Grfin und
Hildegard sich bei dem Grafen einstellten. Sie fanden ihn erhitzt und aufgeregt.
Sein Auge glnzte, seine Hnde waren kalt und selbst der Ton seiner Stimme
schien seinen Freundinnen ein vernderter zu sein.
    Sie fragten, was ihm widerfahren sei. Er wich der Antwort aus, erkundigte
sich nach ihrem Ergehen, nach den Vorkommnissen des Tages; aber Hildegard sowohl
als ihre Mutter fhlten ihm an, da er zerstreut, da er nicht bei der
Unterhaltung sei, und man nahm also zu dem Buche seine Zuflucht, mit welchem man
sich schon seit mehreren Abenden beschftigt hatte. Inde auch dieses
Auskunftsmittel wollte heute nicht verschlagen. So oft Hildegard, welche die
Vorleserin machte, ihr Auge von dem Buche aufhob, fand sie den Blick des Grafen
in einer Weise auf sich gerichtet, die sie beunruhigte, und als sie einmal ihre
Linke auf dem Tische ruhen lie, so da der Graf sie von seinem Platze aus
erreichen konnte, ergriff er ihre Hand und fhrte sie an seine Lippen.
    Das war sonst auch geschehen, und doch lag heute etwas Besonderes in des
Grafen Thun, etwas Besonderes in dem Seufzer, mit dem er sich in seinen Sessel
zurcklehnte und seine Augen mit seiner feinen, durchsichtig gewordenen Hand
bedeckte.
    Hildegard konnte nicht weiter lesen. Sie legte das Buch nieder, und sich
ber den Tisch zu dem Grafen neigend, sprach sie: Es ist etwas geschehen, lieber
Onkel, etwas, das Sie betrbt, das also auch uns nicht gleichgltig sein kann.
Ich fhle es unwiderleglich, ich empfinde es wie eine Ahnung und es ngstigt
mich! Sagen Sie es, sprechen Sie es aus, geliebter Onkel, was haben Sie, was ist
vorgefallen?
    Der Graf sttzte mit der geschlossenen Hand sein Haupt, und es leise und
traurig wiegend, sagte er: Wir werden nicht mehr oft beisammen sitzen!
    Was soll das heien? riefen Mutter und Tochter wie aus Einem Munde.
    Aber statt ihnen zu antworten, entgegnete der Graf: Wie durfte ich darauf
auch rechnen? Wie konnte ich nur whnen, da so viel Anmuth, Geist und Gte
allein dazu geschaffen wren, den Niedergang eines Daseins wie das meinige zu
verschnen! Und Hildegarden's Hnde ergreifend, zog er sie nher an sich heran
und nthigte sie damit unmerklich, sich von ihrem Platze zu erheben.
    Sie begriff nicht, was der ganze Vorgang bedeuten konnte, inde sie war
stets geneigt, bei irgend einer Gefhlsergieung mitzuwirken, und sich auf das
Polster niederlassend, das zu des Grafen Fen lag, sagte sie, die Mutter
anblickend: Mama, frage Du den Onkel, womit Deine Hildegard es verschuldet hat,
da er ihr mit seinem Zweifel an der Treue ihrer Freundschaft heut' so wehe
thut!
    Nein, rief der Graf, schweigen Sie, schweigen Sie, meine Freundin, damit ich
mich fassen, mich berwinden kann! Ihre Ankunft berraschte mich und lie mir
nicht die Zeit, mich zu sammeln. Sie wissen es ja, ich bin ein Egoist, ich kann
nicht, kann nicht selbstlos lieben, wie Sie beide, wie die theure Hildegard. So
eigenschtig, so ganz auf dieses lieben Wesens Nhe ist mein Sinn und meine
Zuversicht gestellt, da selbst sein Glck mich nicht mit dem Gedanken ausshnt,
es knftig, es vielleicht bald entbehren zu mssen.
    
    Die Worte des Grafen wurden den Frauen immer rthselhafter, aber seine
Erregtheit theilte sich ihnen mit, und die Grfin, welcher der Vorgang doch
bedenklich scheinen mute, verlangte endlich eine bestimmte Erklrung desselben.
    Der Graf gewhrte ihnen dieselbe nur auf seine Weise. Er fragte, ob er sich
irre, wenn er glaube, von Hildegard den Namen eines Majors von Kabeniew gehrt
zu haben. Ob er sich tusche, wenn er meine, da der Major ihr seine Hand
angetragen und sie dieselbe wegen ihrer Verlobung mit Renatus ausgeschlagen
habe.
    Nein, nein, rief Hildegard, Sie irren nicht! Aber was ist's mit dem Major?
    Da legte der Graf seine Hand auf Hildegard's Schulter und sagte: Was es mit
ihm ist? - Er entreit mir meines Lebens einziges, wahres Glck! Er ist
gestorben - und Sie, Hildegard - Sie sind seine Erbin. Sein Testament liegt auf
der russischen Gesandtschaft; man hat sich bei mir erkundigt, ob man's Ihnen
unvorbereitet bermachen drfe. Morgen schon wird es in Ihren Hnden sein,
morgen sind Sie eine reiche Erbin! - Und was werde ich Ihnen dann noch sein? -
Was kann mein miges Vermgen, das einst das Ihrige werden sollte, Ihnen dann
noch bedeuten?
    Es entstand eine lange Pause, denn man geht aus groer Beschrnkung nicht zu
groer Lebensfreiheit ber, ohne eine Wandlung, eine Erschtterung in sich zu
spren. Hildegard hatte den Reichthum stets ersehnt und ihre verhltnimige
Armuth war ihr nach der fehlgeschlagenen Hoffnung auf ihre Verheirathung doppelt
drckend gewesen. Sie wute, da Herr von Kabeniew sehr reich gewesen war, und
die Aussicht, jetzt pltzlich zu einem bedeutenden Vermgen zu gelangen und vor
allen Dingen dadurch unabhngiger, reicher, freier zu werden als Renatus, als
Ccilie, schwellte ihre Brust mit einer nie gekannten Freude. Nicht nur ihr
Glck geno sie, sie geno im voraus auch bereits das Erstaunen und wo mglich
die Demthigung der beiden Menschen, die sie tdtlich hate, denn sie gehrte zu
den verbitterten Naturen, deren Freude der Unterlage eines fremden Schmerzes
nthig hat, um voll und ganz zu sein. Kein Wort, nur ein laut aufgeschrieenes
Ach! entrang sich ihrer Brust, und beide Arme um der Mutter Nacken werfend,
weinte sie, als solle es ihr das Herz zersprengen.
    Die Grfin weinte ihre Freudenthrnen mit ihr. Auch ihr fiel eine schwere
Last vom Herzen. Graf Gerhard sa in seinem Sessel und wendete sein Auge nicht
von ihnen. Endlich, als er meinte, da die Frauen sich mit ihren Gefhlsergssen
genug gethan htten, richtete er sich empor, die Schelle zu ziehen.
    Das lenkte Hildegard von sich selber ab. Sie eilte hinzu, ihm die Mhe zu
ersparen, und erkundigte sich, was er wnsche.
    Ich will den Diener nach einem Wagen fr Sie senden, sagte er.
    Sollen wir Sie verlassen? fragte Hildegard.
    Der Graf sah schwermthig zu ihr empor. Sie werden zu Hause mglicher Weise
schon die Dokumente finden, welche der Legationsrath Ihnen auszuliefern hatte.
Es ist natrlich, da Sie dieselben zu lesen, da Sie Sich mit der Mutter zu
besprechen wnschen, und ich habe Sie, liebe Hildegard, ja nun gesehen! Fahren
Sie nach Hause, theures Kind!
    Die Grfin und Hildegard weigerten sich dessen; er bestand jedoch auf seinem
Vorschlage. Ich habe ja Freude, sprach er, wenn ich Ihrer denke, und - an das
Alleinsein werde ich mich gewhnen mssen! Er reichte ihr die Hand. Als sie sich
zu ihm neigte, zog er sie, als knne er seiner Empfindung nicht widerstehen, auf
das Polster zu seinen Fen nieder, und ihr Haupt in seine beiden Hnde fassend,
kte er ihr Haar mit leiser Lippe.
    Einmal, einmal nur, rief er, wie seiner selbst nicht mchtig, einmal, Du
sanfter Engel, sollst Du es im Beisein Deiner edlen Mutter von mir hren, da Du
mein Erlser gewesen bist, da ich, der das Leben von seinen hchsten Hhen bis
hinab in seine treulosen Tiefen ausgekostet zu haben whnte und der an nichts
glaubte, auf nichts vertraute, in Dir das Ideal gefunden habe, das mich bereuen,
wnschen, glauben, hoffen und mich auferbauen lehrte! Einmal mu ich es Dir
sagen, da ich Dich liebte, seit ich Dich kennen lernte, da ich den thrichten
Knaben hate, der Dich und Deine reine Liebe nicht zu wrdigen verstand, und da
ich jetzt die Stunde segne, in der er Dich von sich stie, denn Du bist jetzt
frei, und das Leben wird Dir seine schnsten Krnze nicht versagen!
    Er brach ab und hllte sein Gesicht in seine Hnde. Hildegard hatte ihr
Haupt an des Grafen Schulter gelehnt, sein Arm umfing sie; die Grfin stand
bestrzt an ihrer Seite, aber die Verherrlichung des von ihr so vorzugsweise
geliebten Kindes that ihr wohl. Hildegard erschien ihr wieder jung und schn,
wie sie jetzt, von dem letzten Schimmer des Abendsonnenscheines umflossen, vor
dem Grafen knieete, dessen gehobene Stimmung den ursprnglichen Adel seiner Zge
trotz seiner Jahre und seiner Krankheit mehr als gewhnlich hervortreten lie.
    Endlich richtete er das Haupt der jungen Grfin empor, und noch einen Ku
auf ihre Stirn drckend, whrend er ihrer Mutter die Hand hinberreichte, sprach
er: Nun ist's gut! Nun geh', nun geh', Du liebes Kind, und denk' nicht mehr an
mich! Leb' wohl! - Leben Sie wohl, Hildegard! Leben auch Sie wohl, theure
Mutter! Wir sehen uns nicht wieder!
    Onkel, mein Freund, mein theurer Freund, rief Hildegard, was soll das
heien? Nehmen Sie das Wort zurck!
    Er schttelte verneinend das Haupt und gab ihr, als knne er nicht sprechen,
ein Zeichen, sich zu entfernen.
    Hildegard blieb vor ihm stehen. - Ich komme morgen wieder! sagte sie!
    Er wendete sich von ihr ab. - Nein, das geht ber meine Kraft! Wie soll ich
knftig schweigen, da das unselige Gestndni meinen Lippen nun entflohen ist?
sprach er dumpf in sich hinein.
    Hildegard regte sich nicht; der Grfin begann die Scene peinlich und
bedenklich zu werden. Sie nahm die Tochter bei der Hand. - Komm, komm, mein
Kind, sagte sie, der Onkel ist zu sehr ergriffen, und auch Du bist sehr
erschttert. Wir haben Alle, Alle Fassung nthig! - Sie wollte die Tochter mit
sich fortfhren. Hildegard wendete ihr Antlitz nach dem Grafen zurck; er hatte
das Haupt auf seine Arme niedersinken lassen, die auf dem Tische ruhten.
    Da machte sich Hildegard von der Mutter los, und noch einmal vor dem Grafen
niederknieend, rief sie: So kann ich ihn doch nicht verlassen! Und warum soll
ich denn auch von ihm gehen? - Weinen Sie nicht, weine nicht, mein Freund, ich
bleibe! Wo soll ich denn auch bleiben, als bei Dir, der mir beigestanden hat in
meiner grten Noth?
    Engel des Lichtes, sprich es, sprich es noch einmal aus, dieses Wort, das
mich beseligt! rief der Graf, und es war vergebens, da die Mutter es versuchte,
dem Vorgange das Geprge einer frmlichen Verlobung zu entziehen.
    Hildegard lag in des Grafen Armen, er kte ihr Haupt, ihre Hnde; sie
nannte sich glcklich in dem Besitze seiner Liebe, und noch einmal geno der
fnfzigjhrige und kranke Mann den Triumph, sich eines Weibes zu bemchtigen,
dessen er nicht werth war, weil die unklare Herzensberspanntheit Hildegard's
ihm dazu die Handhabe darbot.
    Es dunkelte schon, als die Grfin mit der Tochter sein Haus verlie. Er war
sehr mit sich zufrieden. Es war ihm ein Meisterstreich gelungen, und er htte
nur gewnscht, ihn irgend Jemandem mittheilen zu knnen. Nie zuvor hatte er
daran gedacht, Hildegard zu seiner Erbin einzusetzen; er hatte sich berhaupt
nie mit seinem Testamente beschftigt. Es war ihm stets zuwider gewesen, auf
sein einstiges Ende hinzublicken, denn er fhlte in sich noch Lust, zu leben,
und die Nachricht von der reichen Erbschaft seiner Freundin Hildegard hatte ihm
pltzlich die Aussicht erffnet, sich grere Lebensbequemlichkeit, sich noch
grere Lebensfreiheit zu verschaffen, als bisher.
    Er konnte sich eines Lchelns nicht erwehren, als er sich sagen mute, er
sei Brutigam, er habe sich verlobt. Ward je in dieser Laun' ein Weib gefreit?
Ward je in dieser Laun' ein Weib gewonnen? fragte er sich selber, Shakespeare's
Worte brauchend, den er anzufhren liebte.
    In seine Genugthuung mischte sich jedoch ein Schmerz. Die Anspannung seiner
Krfte hatte ihn erschpft. Es kam wie eine Reue ber ihn. Er htte jung, er
htte noch ganz er selber sein mgen! Aber er nannte diese rckblickende Wehmuth
eine Schwche, eben eine Folge der Anstrengung, die er sich zugemuthet hatte. Er
lie sich gegen seine Gewohnheit Wein hinstellen, trank ein Paar Glser davon,
und als er dann sein Lager aufsuchte, und das auf dem Nachttische liegende Buch
aus der Hand legte, waren es philosophisch-religise Fragen, Fragen, mit denen
sein vlliger Unglaube sich zu beschftigen liebte, unter denen ihm endlich das
Bewutsein schwand und Schlaf und Traum ihn sanft umfingen.

                                Neuntes Capitel


Die Grfin und Hildegard hatten die Ruhe nicht so leicht gefunden. Das Erbe,
welches der Letzteren zugefallen, war noch weit betrchtlicher, als man es
erwartet hatte, und der Gedanke, die Tochter ohne alle Nothwendigkeit mit dem
Grafen Gerhard sich verbinden zu sehen, dessen Vergangenheit, trotz der Gunst
und kniglichen Gnade, deren er sich gegenwrtig rhmen durfte, doch immer eine
bedenkliche blieb und fr den eine Herstellung nicht zu hoffen war, whrend man
ein langes, furchtbares Siechthum fr ihn befrchten mute, widerstrebte der
verstndigen Einsicht der Mutter auf das hchste. Aber ihre Vorstellungen, ihre
Bitten, ihre Ermahnungen scheiterten an Hildegard's Entschlossenheit.
    Der Graf hatte sich seit Jahren ihrer Neigung zu bemeistern gewut, er hatte
sich ihr so geschickt und mit so vielem Behagen an der von ihm verbten
Tuschung immer als einen durch sie Bekehrten dargestellt, ihre Neugier auf die
Geheimnisse in seiner Vergangenheit war von ihm so unmerklich geweckt und
befriedigt worden, seine halben Bekenntnisse hatten ihre Begriffe von Sitte, von
des Mannes ihm oft verderblicher Freiheit und von des Weibes gromthig
verzeihender Liebe so verflscht, da die Grfin es pltzlich mit Erstaunen
wahrnahm, wie der Boden sich verndert hatte, auf welchem ihre Tochter stand. Es
fiel ihr schwer, zu glauben, da Hildegard, obschon sie in der Mitte der
Dreiiger war, fr den um zwanzig Jahre lteren, kranken Mann je etwas Anderes
als antheilvolles Mitleiden, als eine dankbare Ergebenheit empfunden haben
knne. Inde Hildegard hatte sich so fest in den Gedanken eingelebt, der
Schutzengel des Grafen zu sein, und dieser hatte whrend ihres ersten
gemeinsamen Aufenthaltes in dem Badeorte die leidenschaftlich erregte Empfindung
und die nicht minder aufgeregte Sinnlichkeit des von Renatus verlassenen
Mdchens von Anfang an so geschickt von Renatus auf sich zu bertragen gewut,
da Hildegard schon lange an den Grafen gekettet gewesen war, ohne sich dessen
bewut zu sein. Trotz aller Vorstellungen der Mutter nannte sie sich entschieden
glcklich, dem geliebten Manne, dem sie, und sie allein, den Glauben an alles
Edle und Erhabene wiedergegeben htte, den Abend seines Lebens verschnen zu
knnen, und in seiner reinen, sie anbetenden Liebe einen reichen Ersatz fr die
Leiden zu finden, welche der Leichtsinn des Freiherrn Renatus ihr bereitet
hatte.
    Alles, was die Grfin von der Tochter an dem Abende erlangen konnte, war das
Zugestndni, da die Verlobung nicht bekannt gemacht werden solle, ehe man
nicht die Prinzessin, welche sich Hildegarden stets als eine so gndige
Beschtzerin gezeigt, davon in Kenntni gesetzt und ihren Rath und ihre
Zustimmung dazu erbeten haben wrde. Aber schon bei ihrem Erwachen begrten ein
Brief und eine Sendung des Grafen seine Braut, und noch ehe die Stunde gekommen
war, in welcher man daran denken konnte, die Prinzessin aufzusuchen und bei ihr
vorgelassen zu werden, brachte einer ihrer Lakaien Hildegarden ein paar Zeilen
von der Prinzessin eigener Hand, mit denen sie ihr zu der Wendung, welche ihr
Schicksal genommen habe, ihren Glckwunsch aussprach. Sie nannte es schn, da
ihr frheres Liebeswerk ihr die Mglichkeit gewhre, in Werken der Liebe
fortzufahren, und die Prinzessin rhmte dabei die Herzensfeinheit des Grafen
ganz ausdrcklich, der ihr vor allen Andern die Mittheilung des geschlossenen
Bundes habe zukommen lassen, da er sicher gewesen sei, da sie sich jedes Guten
freuen wrde, welches Hildegarden von der Vorsehung beschieden sei.
    Damit stand nun die Verlobung als eine Thatsache fest. Denn der Graf hatte
sich nach seiner frheren Geschftserfahrung rechtzeitig daran erinnert, da es
Flle gibt, in denen man rasch handeln und den Andern zuvorkommen mu, wenn man
seiner Sache sicher sein will, und die Genugthuung, die er ber seine
Entschlossenheit fhlte, verlieh ihm, wie er meinte, wirklich eine neue Kraft.
    Es war noch frh am Morgen, als er schon bei der Braut erschien, und es sah
aus, als habe er heute des Dieners, auf dessen Arm er sich zu sttzen pflegte,
kaum noch nthig. Hildegard eilte ihm auch gleich entgegen, ihm ihren Arm zu
reichen, und der Graf hatte es so geschickt erlernt, sich mit allerlei kleinen
Knsten von einem Platz zu dem andern fortzuhelfen, da selbst die Grfin Rhoden
sich es nicht versagte, heute der Hoffnung auf seine Herstellung Raum in sich zu
geben.
    Die Mutter hatte gewnscht, ihrer verheiratheten Tochter gleich am Morgen
die Nachricht von Hildegard's Erbschaft und Verlobung zukommen zu lassen, aber
diese war anderer Meinung. Sie beabsichtigte, der Schwester die Kunde selbst zu
berbringen, und das konnte nicht sogleich geschehen. Der frhe Besuch des
Grafen, eine Besprechung mit dem Gesandten, die gerichtlichen Vollmachten,
welche die neue Erbin auszustellen hatte, nahmen Zeit in Anspruch. Es verstand
sich von selbst, da die Verlobten sich ihrer Beschtzerin, der Prinzessin,
prsentirten, und es war natrlich, da die Braut ihre jetzigen Mglichkeiten zu
benutzen und sich fr die Vorstellung bei der Prinzessin und eben so fr den
Besuch bei ihrer Schwester nach ihren neuen Verhltnissen einzurichten begehrte.
    Unter Besorgungen, Berathungen und Einkufen gingen die Stunden hin.
Hildegard und der Graf waren beide nicht die Strksten, die ungewohnten
Anstrengungen ermdeten sie, Einer war fr den Andern auf Schonung bedacht, man
mute etwas Ruhe haben, und der spte Nachmittag kam also heran, ehe man sich
anschickte, zu der Schwester hinzufahren.
    Die Stadt war schon leerer geworden, der Knig hatte sich, wie alljhrlich,
in ein bhmisches Bad begeben, die brigen Hofstaaten rsteten sich ebenfalls
zum Aufbruche, und obgleich die Residenz damals noch nicht so gro war, da man
nicht bald vor das Thor gekommen wre und auerhalb desselben nicht noch Feld
und Wald und Wiesen genug gefunden htte, suchte doch, wer es ermglichen
konnte, sich auch damals eine Vernderung des Aufenthaltes zu bereiten. Ccilie
und Vittoria aber weilten in der Stadt, denn Renatus war im Beginne des Sommers
lngere Zeit zum Ankaufe der Remonte-Pferde auswrts gewesen und war nun wieder
seit einigen Tagen mit seinem Regimente zu den groen Manvern nach einer der
benachbarten Provinzen kommandirt. Man konnte seiner Rckkehr erst in einigen
Wochen entgegensehen.
    Die Sonne brtete ber der Strae und glnzte blendend aus den
gegenberliegenden Fensterreihen wieder. Hier und da wirbelte der Sdostwind die
Staubmassen empor, da man sie wie Wolken vorberziehen sah. Vor dem Hause belud
man einen groen Reisewagen mit Koffern und Schachteln. Der Wirth, ein reicher
Kaufmann, der das Erdgescho bewohnte, ging mit seiner Familie in ein Bad und
wollte die khlere Nacht fr den Beginn seiner Reise benutzen. Ccilie und
Vittoria saen schon eine geraume Zeit schweigend neben einander. Endlich erhob
Ccilie sich, und die Fensterflgel ffnend sagte sie: Welch ein staubiger
Brodem auf diesen Straen liegt!
    Ja, entgegnete Vittoria, ich dachte es eben! Was fr ein Land und was fr
ein Leben ist es, in denen man mitten in der besten Jahreszeit sich den
grausigen Winter ersehnt!
    Ccilie setzte sich wieder zu ihr. In Richten mu es heute schn sein! hob
sie nach einer Weile an.
    In dem leeren, wsten Schlosse? entgegnete die Andere, und sich fchelnd,
wie es ihre Gewohnheit war, rief sie nach lngerem Schweigen: Wenn man nur
wenigstens eine Stunde in das Freie fahren knnte!
    Renatus hat die Pferde verkauft und noch keine ihm passenden gefunden - wir
mssen uns gedulden, bis er wiederkommt! bedeutete Ccilie wie entschuldigend,
und schlo mit der Bemerkung, da es innen in dem Zimmer ertrglicher als
drauen sei, das Fenster, welches sie eben erst geffnet hatte.
    Sie nahm ein Buch zur Hand und fing zu lesen an, aber man konnte sehen, da
sie nicht dabei war. Sie bltterte hin und her, legte es fort, griff nach einem
Zeitungsblatte und schien auch von diesem nicht gefesselt zu werden. Vittoria
sah ihr gelangweilt und ermdet zu.
    Die Aussicht, einen ganzen Sommer in diesen engen Stuben zu verbringen, rief
sie dann mit Einem Male aus, ist mir wirklich ganz entsetzlich! - Und nach einer
neuen Pause sagte sie, ihre eben erst gethane Aeuerung halbwegs vergessend: Ich
wollte, Renatus htte mich wenigstens gelassen, wo ich war - was hatte ich hier
in der Stadt zu suchen?
    Ccilie antwortete ihr nicht gleich. Sie fhlte sich selbst gedrckt. Die
neue Trennung von ihrem Manne ward ihr schwer, der ungerechte Vorwurf, den die
Stiefmutter ihm machte, that ihr weh.
    Renatus hat es gut gemeint, sagte sie endlich, und mich dnkt, Du von uns
Allen httest die meiste Befriedigung hier in der Stadt gefunden. Wenigstens
hast Du oft genug versichert, da Dir hier ein neues Leben aufgegangen sei. Du
hast Freunde gefunden, der Kronprinz zeichnet Dich aus, Du hast Gensse aller
Art ...
    Beklage ich mich denn? fiel Vittoria ihr nach der Weise aller Derer in das
Wort, die, keines zusammenhngenden Denkens gewohnt, von jeder in ihnen
angeregten Vorstellung auf einen vllig vernderten Standpunkt gefhrt werden.
Ich beklage mich ja nicht! Ich meine, ich htte es von jeher bewiesen, da ich
mich in das Unabnderliche zu fgen und da ich auch zu schweigen wei!
    Was nennst Du das Unabnderliche? fragte Ccilie.
    Glaubst Du, entgegnete die Stiefmutter, da es behaglich ist, da es fr
eine Frau, die, wie ich, Herrin in ihrem Hause zu sein gewohnt war, behaglich
ist, abhngig wie eine Klosterschlerin zu sein?
    Mich dnkt, Du wrst so ziemlich die Herrin in unserem Hause! wendete
Ccilie ein.
    Vittoria lachte. Nennst Du es Herrin sein, wenn mein Sohn, wenn Renatus mich
frmlich unter Deine Kontrole stellt? Wenn er mir die Weisung hinterlt, da
ich in seiner Abwesenheit keine Besuche machen, Niemanden empfangen soll ....
    Vittoria, rief die junge Baronin, entstelle die Thatsachen nicht! Renatus
hat Dich nur gebeten, Emilio nicht bei Dir zu sehen, weil ....
    Weil Emilio Dir den Hof macht! warf Vittoria ein.
    Ccilie wurde bla vor Zorn. La das, ich bitte Dich! sagte sie sehr fest.
Emilio's pltzliche Galanterie fr mich tuscht weder meinen Mann noch mich! Sei
zufrieden, wenn wir schweigen - das Schweigen ist nicht immer leicht!
    Und schweige ich denn nicht, fge ich mich denn nicht in alles, was Renatus
fordert? meinte Vittoria, die von ihrem frheren Klosterleben her ein Vergngen
in dem kleinlichen Kriege mit ihrer Umgebung fand, das sie sich, sobald sie
Langeweile hatte, nicht versagte.
    O ja, rief Ccilie, gewi, Du schweigst, aber man sieht es Dir an, wie
unbehaglich Du Dich fhlst, wie widerwillig Du Dich dem unerllich Gebotenen
fgst! Und glaube mir, das lastet so schwer, so schwer auf meinem Manne und auch
auf mir, fuhr sie, wider ihren Willen heftig werdend, fort, da wir .... - Sie
brach pltzlich ab.
    Vittoria fragte, ob sie nicht vollenden wolle.
    Inde die junge Frau hatte sich schon wieder zusammengenommen. Sie bereute
ihre Aufwallung, denn Renatus wollte durchaus den Frieden in seinem Hause
aufrecht erhalten haben, und bemht, dieses Ziel zu erreichen, bemht, ihrem
Manne vielleicht durch eine Errterung mit seiner Stiefmutter das Leben zu
erleichtern, sagte sie, sich berwindend: Du bist wirklich nicht gerecht gegen
uns, beste Vittoria! Du weit es, glaube ich, wirklich nicht, wie schwer der
arme Renatus es hat! Er thut fr Dich und fr uns alle, was er kann, aber .... -
sie zgerte auf's Neue und sagte dann endlich, als msse es einmal ausgesprochen
werden: Er will freilich nicht, da Du darum weit, inde Du kannst ja ohne das
seine Handlungsweise nicht begreifen, und ich kenne ja auch Deine Liebe fr ihn
und mich, wennschon Du manchmal an die unsere fr Dich nicht glauben willst! -
Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: Heute zum Beispiel - wie gern wollte
ich Dir einen Wagen holen lassen! Ich fhre ja auch selbst gern vor das Thor
hinaus! Aber unsere Einknfte sind nicht gro, und das Leben kostet hier so
viel! Dazu .... - sie nherte sich der Stiefmutter, nahm ihre Hand und sagte:
Versprich mir, da Niemand, am wenigsten Renatus darum erfhrt, und la es Dich
nicht krnken, wenn ich sage, da das ganze Unheil nur von des Vaters falscher
Gromuth herrhrt - dazu ist Renatus seit den beiden letzten Jahren immer in
groer Geldverlegenheit gewesen. Wir haben schon im vorigen und in diesem Winter
berlegt, wie wir es machen knnten, uns zurckzuziehen, ohne ein unangenehmes
Aufsehen zu erregen, und nthig wre es, denn Renatus hat, von einem
Wechselglubiger gedrngt, sich schon vor anderthalb Jahren entschlossen, von
unserem Pchter Vorschsse zu nehmen. Es bleibt ihm in diesem Jahre also nichts
mehr brig, als die auf ihn laufenden unglckseligen Wechsel verlngern zu
lassen, was neue, grere Kosten machen wird, whrend wir mit unserem Gehalte
beim besten Willen nicht im Stande sind, unsere Ausgaben zu bestreiten! Httest
Du ihn je gesehen, wie ich, wenn die Zahlungstermine nahe kommen - und er hat ja
schon in dem zweiten Jahre unserer Ehe die Hypothekenlast auf Richten noch
erhhen mssen - Du wrdest Dich nicht mehr ber ihn beschweren!
    Die Stiefmutter hrte ihr ruhig zu, aber Ccilie merkte, da sie mit ihren
Worten nicht den erwarteten Eindruck auf sie machte, denn Vittoria sagte,
offenbar gelangweilt, sie verstehe von diesen Angelegenheiten nichts.
    Gewi, hob die junge Baronin, weil sie lebhaft wnschte, ihrem Manne vor
Vittoria's Ansprchen Ruhe zu schaffen, so freundlich als sie konnte, noch
einmal an, Du verstehst das nicht genau, und ich - ich habe ja auch davon nichts
verstanden oder vielmehr nie recht daran gedacht, bis ich es Renatus endlich
anmerkte, da ihn etwas drckte! Nun ich ihn aber gefragt habe, nun er mir Alles
vertraut hat, nun ich wei, weshalb Renatus fr den Sommer unsere Wagenpferde
verkauft und den Kutscher und den Diener bis zum Winter abgeschafft hat, nun
ertrage ich, weil es ja dem geliebten Renatus zu Hlfe kommt, den heien,
einsamen Sommer hier in unserem Hause auch weit besser! Und ich meine, auch Du
wirst Dich gedulden um seinetwillen, Liebe! Er hat's gewi nicht leicht, er hat
oft schwere Tage, und er ist ein Herr von Arten, von dem man in der Gesellschaft
und im Regimente etwas erwartet! Er mu doch leben, wie es einem Arten zukommt!
    Ccilie fand eine Beruhigung darin, da sie dies endlich ausgesprochen
hatte. Sie hoffte durch diesen Beweis ihres unbedingten Vertrauens ihre
Schwiegermutter mit den Einschrnkungen auszushnen, die sich aufzuerlegen sie
ihrem Manne versprochen hatte; aber Vittoria fate es anders auf.
    Ich habe Dich nicht unterbrechen mgen, Kind, sagte sie; inde ich begreife
nicht, wehalb Du mir solche Mittheilungen machst, obenein, wenn Renatus Dir
dies verboten hat. War ich es, die den Eintritt in die Welt begehrte, die unsere
Vorstellung am Hofe forderte? Oder meinst Du, da mein Luxus Deines Mannes
Geldverlegenheit verschuldete?
    Nein, nein, gewi nicht! besnftigte sie Ccilie, die bereits einzusehen
begann, da sie einen Migriff gethan hatte. Aber Du hegtest doch so gut wie ich
die Neigung, die Gesellschaft kennen zu lernen, und Renatus hielt und hlt es
noch fr nthig, da wir uns in ihr bewegen!
    So mu er auch die Mittel schaffen, da wir's knnen, entgegnete Vittoria
mit groem Gleichmuthe, und er hat Unrecht, da er Dich und mich mit
Angelegenheiten peinigt, in denen wir ihm doch nicht helfen knnen! Sein Vater
that das nie! Er machte Alles mit sich selber ab. Er war nicht kleinlich!
    Renatus wei davon zu sagen! fuhr Ccilie auf; aber sie unterdrckte, was
sie noch hatte hinzufgen wollen, und schweigend und in sich versunken blieb sie
in dem Zimmer neben ihrer Schwiegermutter sitzen.
    Sie war dieses Zusammenlebens mit Vittoria von Herzen mde, sie war der
Nothwendigkeit des Scheinenmssens hchlich satt. Wre sie nicht in der Liebe
ihres Mannes so glcklich gewesen, htte sie sich nicht damit getrstet, da er
sich glcklich in seiner Ehe mit ihr fhle, sie wrde Hildegard oft um das ruhig
bescheidene Leben in ihrer Mutter Hause beneidet haben. Bisweilen, wenn die
Zahlungstermine fr die Wechselschulden ihres Mannes herankamen, wenn sie
berechnen konnte, wie jedes fortschreitende Halbjahr sie mit wachsender Gewalt
in eine immer tiefere Verwirrung ihrer Verhltnisse hinabzog, hatten ihre Sorge
und ihre Liebe fr den Gatten ihr die verschiedensten Plane zu seinem Beistande
eingegeben. Sie hatte sich an Eleonore, an Seba, an Tremann, an den Kronprinzen
wenden und ihn um ein Darlehen angehen wollen, das mig zu verzinsen und dann
allmhlich abzuzahlen, nicht ber ihre Krfte gegangen wre; inde die leiseste
Andeutung einer solchen Mglichkeit hatte stets ihres Gatten Zorn erregt, und
sich bescheidend, weil sie nichts zu ndern vermochte, hatte sie sich gewhnt,
am Tage den Tag zu leben und sich mit den kleineren und greren Entbehrungen
und Ersparnissen zu beschwichtigen, die sie unter annehmbaren Vorwnden sich
aufzuerlegen und den Ihren abzugewinnen geschickt erlernt hatte. Ward Renatus
das gewahr, so schlug es ihn nieder, und seine Zrtlichkeit suchte dann nach
einem Anla, Ccilie fr ihr Opfer freigebig zu entschdigen; aber sie hatte die
Sorglosigkeit verloren, sich daran zu freuen, und auch jetzt war sie in trbe
Befrchtungen versunken, als ein Wagen vor ihrer Thre vorfuhr und der Diener
des Grafen ihr seinen Herrn und die Comtesse Rhoden meldete.
    Um diese Stunde? riefen beide Frauen, da der Graf, wenn er nicht das Theater
oder ausnahmsweise eine Gesellschaft besuchte, gegen den Abend nicht mehr
ausfuhr; es blieb ihnen jedoch nicht lange Zeit, ber den Anla seines Kommens
nachzudenken, denn auf Hildegard's Arm gelehnt, trat der Graf in das Zimmer ein,
und sich auf den Sessel niederlassend, den sein Diener ihm schnell herbeiholte,
sagte er: Um Vergebung, meine Freundinnen, da wir Sie zu ungewohnter Stunde
stren, aber Glck ist etwas so Seltenes, da ich meinte, ein paar Glckliche
mten zu jeder Zeit willkommen sein! Erlauben Sie also, fgte er lchelnd
hinzu, da wir uns Ihnen als Verlobte vorstellen!
    Als Verlobte? wiederholten Ccilie und Vittoria, ihren Ohren kaum
vertrauend, und whrend die Letztere sich noch bemhte, ihr Erstaunen ber
dieses unerwartete Ereigni in Glckwnschen zu verbergen, hatte Hildegard der
Schwester Hnde bereits ergriffen, und ihr tief in die Augen blickend, sprach
sie in ihrem sanftesten Tone: Sieh', Ccilie, nun ist Alles zwischen Dir und mir
vergessen und Alles wieder, wie es war! Ich darf wohl sagen, wie es geschrieben
steht: sie dachten es bse mit mir zu machen, aber der Herr hat es wohl gemacht!
- Ich bin sehr glcklich, so glcklich, da ich Dir Dein Glck von Herzen gnne!
Schreibe das Renatus, oder ich will es lieber selber thun! Nicht wahr, geliebter
Gerhard, wir wollen an Renatus schreiben? Ich denke, es soll ihm wohlthun, und
auch Dir, Ccilie, wird es das Herz befreien, da ich glcklich, ja da ich sehr
glcklich bin!
    Sie umarmte Ccilie, sie umarmte Vittoria, sie war voller Zrtlichkeit,
voller Vergebung fr die Schwester, und doch war jedes ihrer Worte wie darauf
berechnet, Ccilie zu verwunden.
    Mit groem Geschicke wute sie, ohne der Gegenstnde irgend zu erwhnen, die
Schwester auf die neue, reiche Kette, an der sie ihre Uhr trug, auf den feinen
florentiner Hut, auf den prchtigen trkischen Shawl aufmerksam zu machen, und
von ihrer nahe bevorstehenden Hochzeit wie von der Badereise zu sprechen, die
sie gleich nach der Hochzeit unternehmen wrden. Nur ganz beilufig erzhlte
sie, da sie einen neuen Reisewagen kaufen werde, weil auf des Grafen Wagen fr
ihre Kammerjungfer nicht der nthige Platz vorhanden sei, und von allen ihren
beabsichtigten Anschaffungen sprechend, gelangte sie endlich an das von ihr
ersehnte Ziel, der Schwester die Mittheilung von dem reichen Erbe zu machen,
welches ihr anheimgefallen war.
    Dann erhob sie sich pltzlich mit der Bemerkung, da es Zeit zum Aufbruche
sei, und noch im Fortgehen wiederholte sie es der Schwester, da sie und der
Graf dem Freiherrn schreiben wrden, um ihm Kenntni von ihrem Glcke zu geben.
    Gaetana brachte eben die Lampe in das Zimmer, als der Graf mit Hildegard
sich entfernte.
    Ist das Vorhaus schon erleuchtet? fragte Ccilie lebhaft.
    Die gndige Frau haben ja befohlen, die Lampe in dem Vorhause immer so spt
als mglich anzuznden! wendete die Dienerin ein.
    Ccilie schwieg und bi sich in die Lippe. Hildegard wird immer einen gut
erleuchteten Vorsaal, wird immer einen Bedienten haben! dachte sie in ihrem
Innern, und von einer bittern Empfindung hingenommen, verlie sie das Gemach.
Sie wollte wenigstens allein sein.

                                Zehntes Capitel


Graf Gerhard hatte es im Scherze stets gesagt, er halte es mit Montecuculi, denn
zum Leben wie zum Kriegfhren brauche man Geld und Geld und Geld, und er
verstand es in der That vortrefflich, das groe Vermgen seiner Frau mit Anstand
zu benutzen.
    Die Hochzeit des Grafen war wenig Wochen nach seiner Verlobung gefeiert
worden; die Neuvermhlten waren in ein Bad, aus diesem zu einem
Winteraufenthalte in den Sden gegangen, und nach ihrer Rckkehr in die Heimath
hatten sie das inzwischen nach des Grafen Angabe eingerichtete Haus bezogen,
welches sie nun bereits seit drei Jahren inne hatten. Kein Haus in der ganzen
Stadt war so geschmackvoll und so wohnlich als das des Grafen Berka
ausgestattet. Pracht und Bequemlichkeit gingen in demselben Hand in Hand, und
wie seine Wohnung, so war alles, was ihm gehrte, auf das Beste ausgewhlt.
    Er lie seine Wagen und seine Pferde aus England kommen, er hielt sich einen
franzsischen Koch, sein Keller war der bestversehene der Residenz, seine
Kleidung von der zweckmigsten englischen Faon; nur seine Gesundheit und seine
Kraft konnte das Vermgen seiner Frau, das er seit seiner Rckkehr aus Italien
durch mannigfache Spekulationen sogar noch zu vermehren gewut hatte, ihm nicht
mehr erkaufen.
    Aber man bewunderte die Selbstbeherrschung, mit der er seine wachsenden
Beschwerden trug, den Muth, mit dem er gegen seine fortschreitende Lhmung
ankmpfte, und vor Allem pries man die schne Hingebung, mit welcher die Grfin
Berka ihn vergessen zu machen strebte, da ihr an seiner Seite doch eine schwere
Aufgabe zu Theil geworden war.
    Es gab nicht leicht ein Ehepaar in der Gesellschaft des hohen Adels, das
mehr der allgemeinen Gunst und Theilnahme geno, als Graf Gerhard und die Grfin
Hildegard; man konnte sich auch kein wrdigeres Familienverhltni denken, als
das, welches zwischen der alten Grfin Rhoden und den Berka's herrschte, bei
denen sie jetzt lebte. Die Einigkeit der Mutter und der Tochter, die schnen
weltmnnischen Manieren des Grafen, der Grfin edler Sinn fr Huslichkeit
machten, da es Jedem wohl ward, der ber ihre Schwelle trat; und da man wegen
der Krnklichkeit des Grafen groe Gesellschaften zu geben so viel als mglich
vermeiden mute, so hatte Hildegard sich entschlossen, Mittags immer ein paar
Pltze fr gute Freunde an ihrem Tische bereit zu halten und allabendlich fr
dieselben um die Theestunde zu Hause zu sein.
    Man rechnete es ihr sehr hoch an, da sie ihrem Gatten zu Liebe auf alle
Geselligkeit auer ihrem Hause verzichtete, und selbst die Prinzen und
Prinzessinnen suchten sie dafr zu entschdigen, da sie sich's versagte, an den
Hof zu gehen. Ihre Beschtzerin, die alte Prinzessin, empfing sie in den
Morgenstunden, in denen sie sonst Niemanden anders bei sich sah; die jngeren
Prinzessinnen fuhren gelegentlich bei der guten Grfin Berka vor, die an der
Spitze aller wohlthtigen Unternehmungen stand und deren Religiositt, obschon
sie eine Katholikin war, sich von jeder Ausschlielichkeit, vor aller
Unduldsamkeit fern zu halten wute. Selbst auf ihren Gatten, der es mit der
Religion sonst leicht genug genommen hatte, wirkte der fromme Sinn der Grfin
Hildegard mit Segen ein. Der Graf fuhr regelmig an jedem Sonntage in die
Kirche, die der Hof besuchte, und das Einzige, was seine Frau bedauerte, war ihr
einstiger Uebertritt zur katholischen Kirche, zu welchem sie von der Mutter in
ihrer Kindheit bestimmt worden war und der sie jetzt in gewissem Sinne von ihrem
Gatten und von ihren frstlichen Beschtzern und Freunden trennte.
    Es war durchaus angenehm, mit den Berka's eng verbunden zu sein, und
Hildegard war fr ihren Umgang sehr whlerisch geworden. Sie hielt es fr
nothwendig, Jeden und Alles zurckzuweisen, was den Grafen aufregend oder
strend berhren konnte, den man nach des Arztes Ausspruch vor heftigen
Gemthsbewegungen bewahren sollte, und sie nannte es gegen ihre vertrauten
Freunde eine Rcksicht auf das Empfinden ihrer Mutter, da sie den Freiherrn von
Arten und seine Familie trotz ihrer sehr verschiedenen Lebensansichten bei sich
sah. Denn, sagte sie eines Tages zu einer ihrer nheren Freundinnen, der Graf
ist mit dem ganzen Thun und Treiben seines Neffen gar nicht einverstanden, und
selbst mein Zusammenhang mit meiner armen Schwester ist leider ein sehr
oberflchlicher geworden. Ich komme so selten in Cciliens Haus. Sie wissen's
ja, ich verlasse den Grafen ungern, und, ich bekenne Ihnen offen, die Baronin
Vittoria ist mir nicht sympathisch, ist mir's nie gewesen!
    Sie lehnte sich mit diesen Worten in ihren Sessel zurck und nahm ihre
Stickerei wieder zur Hand, die fr eine der Weihnachts-Ausstellungen bestimmt
war, welche sie alljhrlich in den schnen Rumen ihres Hauses abhielt. Die
Freundin, an welche diese Worte gerichtet wurden, war die Mutter von des Knigs
Adjudanten. Ihr Mann war General gewesen, ihr zweiter Sohn bekleidete eine
Instructorstelle im Kadettenhause.
    Die Mittheilung der Grfin Berka hatte sie nicht berrascht. Man wute, da
die beiden Familien wenig Gemeinschaft hielten, und eben dehalb konnte die
Generalin die Frage an die Grfin richten, ob sie denn von der Unannehmlichkeit
schon unterrichtet sei, die den Major von Arten eben in diesen Tagen betroffen
habe.
    Eine Unannehmlichkeit? wiederholte Hildegard. Was ist denn geschehen? Ich
wei von nichts, die Arten's waren seit mehr als vierzehn Tagen nicht in unserm
Hause. Ich bitte, sprechen Sie; Sie beunruhigen mich auf das Aeuerste. Die arme
Ccilie!
    Die Generalin lie sich nicht lange bitten. - Es betrifft glcklicher Weise,
sagte sie, dieses Mal den Major nicht selbst; es ist nur eine widerwrtige Sache
mit dem jngeren Arten. Man hat ihn von der Anstalt fortgewiesen.
    Fortgewiesen? wiederholte Hildegard, und sich zu ihrem Manne wendend, meinte
sie: Du behltst also auch damit leider wieder Recht, lieber Gerhard! Also von
der Anstalt fortgewiesen?
    Es war unmglich, ihn zu halten! versicherte die Generalin. Mein Sohn sagte
mir, er habe in Rcksicht darauf, da der junge Arten zu Ihrer Familie gehrt,
das Aeuerste gethan, diese Maregel zu hindern; aber der Leichtsinn des jungen
Menschen sei unverbesserlich gewesen und man habe um der brigen Kadetten willen
nicht lnger Nachsicht ben drfen.
    Der Graf wollte wissen, was man Valerio zur Last lege. Die Generalin sagte,
wie sie von ihrem Sohne erfahren habe, sei der junge Arten immer kein
sonderlicher Schler gewesen und habe seit Jahren vielfachen Anla zu Klagen
gegeben. Einen Liebeshandel mit der Tochter eines der unteren Beamten, dem man
vor einigen Monaten auf die Spur gekommen sei, habe man vertuscht; man habe ihn
oftmals wegen seines Hanges zum Spotte verwarnt, die Karikaturen, die er
gezeichnet und in der Anstalt in Umlauf gesetzt, geflissentlich bersehen, bis
man neulich ein getuschtes Blatt in verschiedenen Exemplaren vorgefunden habe,
durch welches die Liebhaberei Sr. Majestt fr das Theater und namentlich fr
das Ballet in wahrhaft emprender Weise zum Gegenstande des Spottes, zu einer
Karikatur gemacht worden sei.
    Und was ist danach geschehen? erkundigte sich der Graf.
    Die Generalin zuckte die Schultern. - Es wre natrlich meines Sohnes
Pflicht gewesen, sagte sie, betreffenden Ortes davon Anzeige zu machen, aber
eben weil mein Sohn um Ihretwillen auch an dem Major Antheil nimmt, hat er davon
abgestanden. Er hat den Major sofort von dem Vorfalle benachrichtigt, man hat
den jungen Arten in seine Familie zurckgeschickt, und der Direktor der Anstalt
hat dem Major den Rath ertheilt, den jungen Menschen so bald als mglich von
hier fort und in eine andere Lebensbahn zu schaffen, da er ohnehin sehr
phantastisch sein soll.
    Das kommt von der Mutter! meinte der Graf, whrend Hildegard die Grfin
Rhoden, welche hinzugekommen war, mit einem Bedauern, dem der Ausdruck ihrer
Zge vllig widersprach, von dem Geschehenen in Kenntni setzte.
    Die Generalin bemerkte, der verstorbene Freiherr Franz sei auch sehr
phantastisch gewesen.
    Der Graf fragte, was sie mit der Erinnerung sagen wolle.
    Die Generalin erwiderte, da leider der Apfel selten weit vom Stamme falle.
    Wenn ihn der Baum getragen hat, gewi nicht! entgegnete der Graf; aber an
wie manchen alten Baumes Stamm findet man Frchte, die von auen hinbergeworfen
worden sind und auf die das Sprchwort also wenig pat.
    Die Generalin sah ihn berrascht und neugierig an. Hildegard, der die
schweren seidenen Kleider und die kleinen weien Spitzentcher, die sie ber
ihre noch immer lang herniederfallenden, rthlich-blonden Locken zu knpfen
pflegte, ein jugendlich matronenhaftes Ansehen gaben, hob die Augen mit ihrem
sanftesten Blicke bittend zu ihrem Gatten auf, und der Graf versagte es sich
also, die Neugier der Generalin zu befriedigen. Aber diese gab ihre Erwartung so
leichten Kaufs nicht fr verloren.
    Nehmen Sie es mir nicht bel, rief sie, als msse sie ihr Herz endlich
einmal von einem schweren Zweifel zu befreien suchen, ist denn irgend etwas
daran, da die Vergangenheit der Baronin nicht ganz makellos ist, und ist's denn
wirklich wahr, was man sich von der Liaison der Baronin Vittoria mit Emilio
erzhlt? Ich wrde mir, darauf kennen Sie mich ja, eine solche Frage sicherlich
nicht gestatten, wenn ich nicht zuverlssig hoffte, von Ihnen zu erfahren, da
man der Baronin Unrecht thue, aber - unvorsichtig bleibt es doch, da man Emilio
auch jetzt noch in des Freiherrn Hause sieht.
    Die Grfin Rhoden, deren Mutterherz durch den neuen Kummer, welcher jetzt
ber Ccilie wieder hereinbrach, doch bewegt ward, sagte, die Generalin irre,
wenn sie glaube, da Emilio noch zu den Umgangsgenossen ihrer Kinder zhle. Man
empfange ihn seit nahezu einem Jahre nicht mehr.
    Es war auch gar nicht mglich, lnger ein Auge zuzudrcken, fgte Hildegard
hinzu, als msse sie diese Erklrung geben, denn Emilio trieb seine
Schauspielkunst in meines Schwagers Hause so con amore, da er, um sein
Verhltni zu der Baronin Vittoria zu verbergen, nicht bel Lust bezeigte, sich
als den Verehrer meiner Schwester darzustellen.
    Das wird ihm nicht eben schwer gefallen sein, meinte die Generalin, denn die
Baronin Ccilie wird mit jedem Jahre schner. Sie wird Ihnen, liebe Rhoden, seit
sie voller geworden ist, nur immer hnlicher.
    Die Mutter nahm das Lob der Tochter, das ihr zugleich schmeichelte,
freundlich auf. Hildegard sagte, Ccilie werde doch gar zu stark, und kaum hatte
die Generalin sich entfernt, als Hildegard die Mutter fragte, ob sie nicht
anspannen lassen solle und ob sie nicht gemeinsam zu Ccilie fahren wollten,
nachzuhren, was dort wieder vorgefallen sei und was man etwa fr sie thun
knne. - Ccilie bemitleiden zu gehen, war die Grfin Berka immer bei der Hand,
und ihr Mitleid war der Schwester und dem Schwager nicht das Leichteste, das sie
zu tragen hatten.
    Auch jetzt wieder lasteten ihre Zustnde schwer auf diesen Beiden. Valerio
war seit dem vorigen Tage in des Freiherrn Hause. Es hatte heftige Auftritte und
die unangenehmsten Verhandlungen gegeben. Ccilie sah mit Kummer, wie die
Furchen auf ihres Gatten Stirn sich mit jedem neuen Jahre vertieften, wie sein
ganzer Sinn sich verdsterte und seine Reizbarkeit sich krankhaft steigerte.
Auch der Vorfall mit Valerio hatte ihn wieder sehr niedergeschlagen, whrend der
Jngling selber und seine Mutter das Geschehene uerst leicht zu nehmen
schienen.
    Vittoria sagte, sie habe immer die Ueberzeugung gehegt, ihr Sohn sei nicht
dazu geschaffen, in dem geistlosen Zwange der militrischen Disciplin seine
glnzende Begabung untergehen zu lassen. Ihr Blut, das Blut eines glcklicheren
Volkes, lebe in seinen Adern. Die Natur habe ihn bestimmt, ein Knstler zu
werden, und die Natur lasse sich nicht berwinden, sie rche sich, wenn man ihr
Gewalt anthue. Auch Valerio sprach von seinem eigentlichen Berufe, von seinem
inneren Mssen. Der Freiherr beachtete ihre Worte kaum. Der Gedanke, da der
Jngling, den er in gromthiger Liebe als seinen Bruder gelten lassen, der
seinen Namen trug, da ein Freiherr von Arten wegen einer unwrdigen Handlung
aus dem Kadettenhause ausgestoen worden sei, brannte als eine Schmach in des
Freiherrn Seele, und es hatte ihn eine groe Ueberwindung gekostet, sich heute
zur Parade zu begeben. Allerdings hatte Niemand mit ihm von dem Vorgange
gesprochen, aber der Major zweifelte nicht daran, da er vielen seiner
Nebenoffiziere bereits bekannt gewesen sei. Es war gestern ein Sonntag gewesen;
die Kadetten hatten ihren Urlaub gehabt, in Hunderten von Familien hatte man das
Ereigni gestern fraglos mitgetheilt, und Renatus hatte es auf der Parade in den
Mienen seiner Kameraden zu lesen gemeint, da sie sich Gewalt anthten, der
Angelegenheit nicht zu erwhnen.
    Der Freiherr brachte am Mittage keinen Bissen ber seine Lippen. Er stand
vom Tische auf, weil er es nicht ertragen konnte, Vittoria's Gleichmuth und die
unverminderte Elust anzusehen, mit der Valerio sich Genge that.
    Als man sich von der Mahlzeit erhob, folgte Ccilie ihrem Gatten in sein
Zimmer. Er bemerkte sie kaum. Gesenkten Hauptes, die Hnde auf den Rcken
gelegt, ging er auf und nieder. So pflegte sein Vater umherzuwandern, wenn ihn
Sorgen drckten, wenn er etwas mit sich abzumachen hatte; aber Renatus war nicht
mehr, wie einst der Freiherr, in den groen Gemchern des Richtener Schlosses,
in denen man seiner Aufregung weit ausschreitend Luft machen konnte, und die
Bewegung in dem engen Zimmer steigerte seine Heftigkeit, statt sie zu migen.
Er kam sich wie ein Gefangener vor, er meinte, die Wnde immer nher
zusammenrcken zu sehen, es versetzte ihm den Athem, und sich rasch umwendend,
wie Einer, der sich zur Wehre setzen mu, schellte er dem Diener.
    Ccilie fragte, was er wnsche.
    Ich mu mit dem Burschen zu Ende kommen! gab er ihr zur Antwort und befahl
dem Diener, ihm Valerio zu rufen, der auf dem andern Flgel bei der Mutter
wohnte.
    Ohne eine Bewegung zu verrathen, trat derselbe bei ihm ein. Er war zu einem
vollendet schnen Jnglinge erwachsen. Seine Gestalt war hoch und tadellos, der
Italiener war in jedem seiner Zge, in seiner ganzen Haltung, vor Allem in
seinem Mienenspiele und in seiner Geberdensprache unverkennbar, und selbst die
steif machende militrische Schulung hatte den freien Adel seiner Bewegungen
nicht zu unterdrcken vermocht.
    
    Du hast mich rufen lassen, Bruder? fragte er, als er bei Renatus eintrat.
    Dieser hatte sich niedergesetzt, als wolle er sich damit zur Ruhe zwingen,
und langsamer sprechend, als er sonst pflegte, sagte er: Ich habe Dich kommen
lassen, um von Dir selber zu erfahren, welche Vorstellung Du Dir von Deiner
Zukunft machst. Da Du fort mut, weit Du, da Du kein Vermgen hast, auf
welches Du Dich irgend sttzen drftest, habe ich Dir gesagt, als ich Dir den
Rath ertheilte, in das Heer einzutreten, und als die Gnade unseres Knigs Dir
die Aufnahme in das Kadettenhaus bewilligte.
    Er hielt inne. Valerio regte sich nicht. Er hatte den Arm auf einen kleinen
Schrank gesttzt, der dem Spiegel gegenberstand, und Ccilie, die besorgt der
Unterredung folgte, konnte sich des Gedankens nicht erwehren, da Valerio auch
in diesem Augenblicke noch mehr mit sich und seiner schnen Stellung, als mit
den Worten seines Bruders beschftigt sei.
    Ich spreche nicht davon, hob der Freiherr, da Valerio schwieg, auf's Neue
an, ich spreche nicht davon, wie Du Sr. Majestt dem Knige die Gnade gedankt
hast, die er Dir angedeihen lassen; das wrde, wie Du Dich erwiesen hast, eine
vergebene Mhe sein. La uns also kurz zur Sache kommen! Was soll aus Dir
werden? Was denkst Du mit Dir anzufangen?
    Valerio nderte seine Stellung nicht; aber er hob den Kopf, den er bis dahin
gesenkt gehalten hatte, in die Hhe und sagte: Fragst Du mich das im Ernste,
Bruder?
    Mich dnkt, entgegnete der Freiherr bitter, Deine Lage ist nicht dazu
angethan, mir Lust zum Scherzen einzuflen!
    Nun denn, rief Valerio, wenn es Dein Ernst ist, wenn Du mir jetzt wirklich
endlich die Freiheit geben willst, ber mich selber eine Meinung zu haben und
ber mich zu verfgen, so will ich Dir sagen, was ich wnsche! - Er zgerte, als
habe er ein Bedenken, es auszusprechen; dann aber fate er sich ein Herz, zog
mit rascher Bewegung einen Sessel heran, und sich seinem Bruder gegenber
niederlassend, sagte er: Du bist immer gut gegen mich gewesen, und ich habe Dich
immer lieb gehabt, Renatus; aber Du hast meine Natur nicht verstanden, hast mich
nie aufkommen lassen ....
    Du machst Vorwrfe, wo Du Dich entschuldigen solltest, fiel der Freiherr ihm
in die Rede; die Taktik ist nicht neu, aber sie ist hier nicht angebracht. Ich
habe es heute nicht mit Deinen Bekenntnissen, nicht mit Betrachtungen ber die
Vergangenheit zu thun, die jetzt zu nichts mehr fhren. Beantworte mir rund und
nackt die Frage: Was soll aus Dir werden?
    Da hob der junge Mann seinen vollen Blick auf den Freiherrn und meinte: Wenn
Du auf mich geachtet httest, brauchte ich Dir das nicht erst zu sagen! Ich
werde zur Bhne gehen!
    Valerio! rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren nicht, und pltzlich
die stolze Oberlippe aufwerfend, da seine Miene, so wenig seine Zge dem Vater
glichen, dem Ausdrucke des verstorbenen Freiherrn von Arten uerst hnlich
wurde, sprach er mit schneidender Klte: Aber freilich, Du bist kein Arten!
    Er wurde bla, als das Wort seinem Munde entflohen war. Er htte viel darum
gegeben, es nicht ausgesprochen zu haben, sehr viel! Denn er erschrak vor dem
wilden Blicke des jungen Mannes, der ihm gegenbersa, vor dem unheimlichen
Zucken seines schnen Mundes.
    Sie schwiegen beide; Ccilie klopfte das Herz, da sie whnte, die Andern
mten es hren knnen. So entschwanden ein paar Minuten. Renatus konnte zu
keinem Entschlusse kommen. Einmal stand er auf dem Punkte, seinen Ausspruch als
eine bildliche Redeform auszugeben, dann wieder meinte er mit der Enthllung
dieses Geheimnisses einen Zgel gewonnen zu haben, durch den er den unruhig
phantastischen Sinn des jungen Mannes wirksam lenken knnte; aber Valerio's
heies Blut trieb ihn zu schnelleren Entscheidungen, als Renatus sie zu fassen
gewohnt war, und sich hoch aufrichtend wie ein tragischer Held, denn bei seiner
Knstlernatur war er sich selbst in diesem Augenblicke noch ein Gegenstand der
Darstellung, sagte er: Ich hoffe, meines Vaters Namen wirst Du mir wohl lassen
mssen, da er diesen nicht, wie seinen Besitz, ausschlielich nur auf Dich
vererben konnte! Meinen Namen wenigstens danke ich doch Deiner brderlichen
Gnade nicht!
    Nicht? rief Renatus, der jetzt seiner selbst nicht lnger Herr war, nicht? -
Und er htte in seiner zornigen Emprung Tausende hinzuwerfen vermocht, htte er
die Beweise von Vittoria's Untreue, von Valerio's unrechtmiger Geburt dem
Jnglinge unter die Augen halten knnen, der ihm zu trotzen wagte, nachdem er
Unehre auf den alten Namen seines Hauses gebracht hatte. - Frage Deine Mutter,
ob Du ein Arten bist! Frage Deine Mutter, ob sie und Du nicht meinem Schweigen,
meiner Ehrfurcht vor dem Namen meines theuren Vaters die Stellung verdanken, die
ihr einnehmt! Ein Wort von mir ....
    Er brach ab und bedeckte sein Gesicht mit seinen Hnden. So weit hatte man
ihn gebracht, so weit war er von sich selber und von den Ehrbegriffen seines
Hauses abgefallen, da er dem Leichtsinne eines Jnglings wie Valerio das
Geheimni anvertraute, welches der verstorbene Freiherr der Ehre seines Sohnes
zu hten gegeben hatte! So weit hatte er sich vergessen, da er Vittoria, die
Freundin seiner Kindheit und Jugend, da er die Mutter blostellte vor dem
Urtheile ihres Sohnes - eines jungen Menschen, dessen Keckheit vor keinem
Aeuersten zurckschrak! Seine Unzufriedenheit mit sich selber kannte keine
Grenzen, er schmte sich vor seinem eigenen Weibe; und wie konnte er jetzt noch
darauf hoffen, ein irgend ertrgliches Verhltni zwischen Vittoria und Ccilien
aufrecht zu erhalten, da er selber Vittoria als eine Ehebrecherin angeklagt, da
er es Ccilien jetzt verrathen, was er auch ihr bisher mit ngstlicher
Geflissenheit verborgen und fern gehalten hatte!
    Wie ein Wetterstrahl war das unglckselige Wort zwischen sie Alle
niedergefahren, Alles zerstrend, Alle lhmend. Renatus rang nach Fassung; aber
es war Valerio, der sich zuerst bezwang, der sie zuerst erlangte.
    Die wilde Aufregung in seinen Mienen hatte nachgelassen, seine Stimme klang
weich, und in einer Weise, welche seine groe Erschtterung verrieth, sagte er:
Du hast ein Wort ausgesprochen, ber das ich in's Klare kommen mu! Es zwingt
mich, Dir eine Frage vorzulegen: War es nur der Zorn, der Dich jene Worte
brauchen lie, oder sagtest Du die Wahrheit? Bin ich des Freiherrn Sohn, oder
bin ich's nicht? - Ist's dehalb, da ich fast ohne Antheil an unseres Vaters
Erbe blieb, obschon unsere Gter nicht Majorate sind? - Ist's dehalb, da meine
Mutter in einer Weise von Deinem guten Willen abhngt, die fr die Wittwe
unseres Vaters mir schon seit lange unbegreiflich erschienen ist? Bin ich Dein
Bruder, bin ich's nicht? - Und wieder in seinen Trotz zurckfallend, rief er
heftig: Ich mu doch wissen, wer ich bin! Dies wenigstens, diese Wahrheit habe
ich von Dir zu fordern!
    Der Freiherr ma ihn vom Wirbel bis zur Sohle. Das Pathetische in des
Jnglings Erscheinung, das ihm immer mifllig gewesen war, reizte ihn jetzt
doppelt. Alles, was er seit Jahren und Jahren Lstiges und Schweres um
Vittoria's wegen auf sich genommen, alle die Opfer, die er fr sie und auch fr
Valerio gebracht, die qulenden Eindrcke, welche er seit gestern um des
Letzteren willen durchzumachen gehabt hatte und mit denen er noch nicht zu Ende
war, belasteten den Freiherrn wie ein einziger, gewaltiger Druck. Sein ganzes
Leben war von Rcksichten auf seines Vaters Willen, auf die Ehre seines Hauses
und Namens geleitet und bestimmt worden, und was hatte er damit erreicht? Es war
genug der Opfer, der Rcksichten auf Andere! Nur an sich selber, an seine
persnlichen Verhltnisse, an die Aufrechterhaltung seines Namens und seiner
Ehre hatte er noch zu denken; es war Zeit, seine Rechnung mit denen
abzuschlieen, die ihm dies erschwerten. In ihm, dessen war er sich bewut,
lebte der wahre Sinn seines Geschlechtes, er mute sich und fr sich die
Mglichkeit des Fortbestehens zu erhalten suchen. Wollte er nicht untergehen
zusammt dem Weibe, das sich ihm in Liebe anvertraut, so mute er, wie bei einem
Schiffbruche, endlich Alles von sich stoen, was sich hemmend an ihn klammerte,
was sich wider ihn zu erheben drohte, und finster, wie der Geist, der ber
dieser Stunde waltete, sagte er: Was fragst Du mich? Lege diese Frage Deiner
Mutter vor!
    Valerio erhob sich, sein Antlitz war todtenbla geworden; auch der Freiherr
war aufgestanden. Wo willst Du hin? fragte er, da Jener sich zur Thr wendete.
    Ich gehe, meiner Mutter die Frage vorzulegen, die .... er hielt inne und
sagte dann sehr fest: mir Freiheit schaffen soll!
    Halt, rief der Freiherr, vergi es nicht, da Du unseren Namen trgst und
da ich Dein Vormund, da ich fr Dich verantwortlich bin!
    Besorgen Sie nichts, Herr von Arten! entgegnete der Jngling mit einer
Entschiedenheit und zugleich mit einem Tone des Spottes, der ihn fr Renatus und
Ccilie vllig zu einem Fremden machte - besorgen Sie nichts! Aber zum Dienen
bin ich nicht geschaffen! Wre es mir nicht gelungen, mich durch jene Zeichnung
von diesem Rocke - er ri die Uniform vom Leibe und trat sie in wild
aufwallender Heftigkeit unter die Fe - von diesem Rocke und von der Sklaverei,
zu der er mich verdammte, zu befreien, so htte ich mir durch die Flucht
geholfen; denn mich des Namens zu entuern, der mir nichts werth ist in der
Laufbahn, die ich einzuschlagen denke, war ich ohnehin entschlossen! - Ich
begehre Ihres Namens nicht!
    Renatus trat in rascher Bewegung auf ihn zu, seine Hand erhob sich - - aber
wie im Entsetzen ber sich selber blieb er mitten im Zimmer stehen. Geh! sagte
er so tonlos, da er seine eigene Stimme nicht erkannte.
    Valerio hrte es nicht mehr. Er hatte das Gemach bereits verlassen, seine
Uniform blieb auf dem Boden liegen.

                                Eilftes Capitel


Als die Grfin Berka fast um dieselbe Stunde bei der Schwester vorfuhr, wurde
ihr Besuch nicht angenommen, und Hildegard erzhlte dies ihrem Gatten und der
Mutter mit dem Zusatze, da sowohl Ccilie als Vittoria zu Hause gewesen wren,
denn in ihren beiden Zimmern habe sie Licht gesehen.
    Ich habe das Meine gethan, ihnen meine schwesterliche Theilnahme zu
beweisen, sagte sie; man mu jetzt abwarten, bis sie kommen.
    Inde der nchste Morgen brachte nur ein paar Zeilen von Ccilie, in denen
sie der Schwester ihr lebhaftes Bedauern aussprach, da es ihr gestern unmglich
gewesen sei, sie zu empfangen. Eine unangenehme Angelegenheit, die ihr und ihrem
Manne allerdings nicht unerwartet gekommen sei, habe sie hingenommen und gebe
ihnen eben in diesen nchsten Tagen mancherlei zu bedenken und zu ordnen. Sei
das geschehen, so wrden Hildegard und die Mutter die Ersten sein, zu denen sie
eile, um ihnen Nachricht von der neuen Einrichtung zu geben, die sie und Renatus
fr sich zu machen beschlossen htten.
    Die Schwestern waren schon seit lange auf den Fu jener ganz uerlichen
Rcksicht und Hflichkeit gekommen, hinter denen die vllige Entfremdung sich
verbirgt. Hildegard lchelte, als sie dem Grafen das Billet der Schwester
hinhielt. Die Mutter aber hatte Mitleid mit Ccilien. Sie fuhr am Nachmittage zu
ihr.
    An dem Zimmer Vittoria's vorbergehend, bemerkte sie, wie man in demselben
einen Koffer packte, und sie war kaum bei ihrer Tochter eingetreten, als sich
Renatus zu ihnen gesellte.
    Obschon er sich auf Ccilie unbedingt verlassen konnte, sah er es doch seit
lange nicht mehr gern, wenn sie mit einem der Ihrigen allein beisammen war. Er
wute das Gemth seiner Frau mannigfach belastet und bedrckt; und er besorgte,
die Macht der Gewohnheit und der alten Zusammengehrigkeit mchte ihr der Mutter
oder der Schwester gegenber doch einmal Gestndnisse oder Klagen ber ihre Lage
entlocken, die er laut werden zu lassen nicht wnschen konnte.
    Noch ehe die Mutter eine Frage gethan hatte, dankte der Freiherr ihr dafr,
da sie gekommen sei, und sagte, sie kenne ja von seinem Vater her die alte
Arten'sche Maxime, Verdrielichkeiten mit sich selber abzumachen, und sie werde
sich also dehalb gestern nicht gewundert haben, da er seine Frau abgehalten,
den Besuch der Schwester anzunehmen.
    Sie wissen, liebe Mutter, Ccilie ist sehr weich, es fat sie daher Alles
mehr als nthig an, namentlich, wenn sie mich ergriffen sieht, und ich war das
gestern in der That! Wir haben groe Unannehmlichkeiten mit Valerio!
    Die Grfin gab sich das Ansehen, als wisse sie noch nicht, was vorgegangen
sei. Sie wollte ihrem Schwiegersohne mit feinem Takte die Freiheit lassen, ihr
in der ihm zusagendsten Weise zu berichten, was er eben fr angemessen hielt.
    Dem Freiherrn war das sehr willkommen. In leicht hingeworfener Weise
erzhlte er, wie wenig ernsthaft Valerio seine Studien betrieben, wie schwer er
sich in die militrische Zucht gefunden und wie nachtheilig die an und fr sich
edle und schne Kunstliebe seiner Mutter auf den Jngling eingewirkt habe. Er
erinnerte die Grfin daran, wie Valerio habe Maler werden wollen, nun, seit
Emilio und Vittoria es ihm in den Kopf gesetzt htten, da er eine der
seltensten Stimmen besitze, sei er auf noch viel verkehrtere Plane gekommen. Er
habe nichts als seine thrichten Liebhabereien betrieben, habe sich in der
Anstalt unmglich gemacht, und nach lngeren Berathungen sei man denn gestern
dahin bereingekommen, ihn auf eine sddeutsche landwirthschaftliche Akademie zu
senden. Valerio verlange durchaus nach einer greren Freiheit; man wolle also
versuchen, ob er Neigung fr die Landwirthschaft gewinnen knne, und msse dann
zusehen, wie man spter fr ihn ein Fortkommen ermgliche, mit dem es nicht so
drnge, als man es ihm darstelle, denn er sei im Grunde doch erst achtzehn Jahre
alt.
    Die Grfin nahm das ganz so auf, wie Renatus es aufgenommen zu sehen
wnschte. Sie sagte, er thue wohl daran, wenn er die Sache nicht so schwer als
Ccilie auffasse. Valerio sei ja nicht der erste junge Mensch, der den Seinen
einmal Sorge mache; man mge bedenken, da seine Erziehung frher verabsumt
worden sei, da sie und Hildegard schon lange vor des Freiherrn Heimkehr darauf
gedrungen htten, den lebhaften Knaben einer mnnlichen Aufsicht zu bergeben
und ihn von der Mutter fortzunehmen. Sie und Hildegard htten sich auch stets
darber gewundert, und Graf Gerhard - sie knne das jetzt wohl sagen - habe es
nie gebilligt, da Renatus es Vittoria erlaubt, den Sohn in alle Opern und
Concerte mitzunehmen und ihn in ihren Soiren singen zu lassen ...
    Sie war bei aller Milde und bei allem Mitleid dennoch auf dem besten Wege,
es der Tochter und dem Schwiegersohne zu beweisen, da ihnen nur geschehe, was
sie verdienten und verschuldet htten, und weil Ccilie frchtete, ihr Gatte
knne darauf in seinem Unmuthe eine die Grfin verletzende Entgegnung machen,
bemerkte sie, natrlich trage Vittoria's groe Schwche an dem ganzen Unheil
Schuld, und die Mutter sei es auch, die ihnen gestern die meisten
Schwierigkeiten in den Weg gelegt htte.
    Ihre Eigenwilligkeit, ihre Launen werden wirklich immer strender fr uns,
unser bester Wille, meine grte Nachgiebigkeit vermgen ihr nicht genug zu
thun, und, Ccilie konnte ihr Empfinden nicht mehr beherrschen, und Herr mu
Renatus in seinem Hause zuletzt doch bleiben! fuhr sie unwillkrlich auf.
    Dem Freiherrn kam die pltzliche Aufwallung seiner Frau nicht ungelegen,
denn sie gab ihm Anla, mit der Thatsache herauszurcken, die man der Grfin vor
allen Dingen mitzutheilen hatte. Ruhig, ruhig, mein Kind, sagte er, Du weit,
da Du von Vittoria's Grillen nicht lange mehr zu leiden haben wirst.
    Die Grfin sah ihn, sah die Tochter fragend an. Renatus bemerkte das. Ich
mu eine Aenderung machen, sagte er. Ccilie kommt wirklich neben Vittoria nicht
zur Ruhe. Ich habe daher meiner Stiefmutter gestern den Vorschlag gemacht, sich
selbstndig einzurichten. Sobald sie eine ihr zusagende Wohnung gefunden haben
wird, verlt sie unser Haus.
    Gottlob! rief die Grfin, die in der That sich dieses Entschlusses um der
Tochter willen freute; aber Renatus hrte darin nur einen Vorwurf, den ihm die
Mutter machte, und, wie alle schwachen und eben dehalb eitlen Menschen, stets
geneigt, von einer zu der anderen Meinung berzugehen, wenn sie ihr eigenes
Ansehen oder ihre eigene Einsicht dadurch aufrecht erhalten zu mssen glauben,
erklrte er pltzlich, da die Trennung von seiner Stiefmutter natrlich nicht
heute und nicht morgen vor sich gehen knne und werde. Er sagte, da er
Vittoria, wie sich das von selbst verstehe, nicht drngen, da er ihr Zeit
lassen wolle, Alles nach ihrem Belieben einzurichten, und da leicht mglich, da
eben jetzt, inmitten des Vierteljahres, die Zahl der freistehenden Wohnungen
eine beschrnkte sei, der Winter darber verstreichen knne.
    Die Grfin nahm das auf, wie es ihr von ihrem Schwiegersohne dargestellt
wurde; sie berlegte jedoch innerlich, da Renatus vielleicht eben jetzt die
Ausgaben fr einen solchen Umzug und fr Vittoria's besondere Einrichtung zu
machen scheue, da die brgerliche Ausstattung und die Reise Valerio's schon
Kosten verursachen muten, und nach Mittheilungen und Fragen, von deren
Oberflchlichkeit und innerer Unwahrheit beide Theile berzeugt waren, fuhr die
Grfin wieder fort, ohne sich die vllige Zerstrtheit in dem Wesen ihres
Schwiegersohnes recht erklren zu knnen.
    Der Vorfall mit Valerio war freilich arg genug; aber je mehr die Grfin
darber nachsann, um so weniger hie sie es gut, wenn durch dieses Ereigni ein
ffentlicher Bruch in dem Arten'schen Familienleben herbeigefhrt werden sollte.
Es war nach ihrer Meinung eine Sache, die man mglichst im Stillen abthun, um
derentwillen man nicht an die groe Glocke schlagen mute. Zu Hause wieder
angekommen, beklagte sie es, da Renatus und Ccilie, trotz mancher gar
vortrefflichen Eigenschaften, so wenig Takt besen, und sie bedauerte es, da
man nicht wagen drfe, ihnen einen unumwundenen Rath zu ertheilen, weil man
leider nicht mehr wissen knne, in wie weit sie ihm nachzukommen im Stande
wren.
    Hildegard bemerkte darauf, sie danke Gott tglich dafr, da er ihr so
schne, so einfache Lebensverhltnisse zubereitet habe und da sie hier in ihrem
Hause mit ihrem Gatten und mit der Mutter ein so klares, ruhiges Dasein htten.
    Eben darum, bat die Grfin, msse man nachsichtig gegen die arme Ccilie
sein. Man msse die Hnde liebevoll ber sie breiten, denn sie trage an ihrem
Leben schrecklich schwer.
    Der Graf meinte, wem nicht zu rathen sei, dem sei auch nicht zu helfen.
Renatus habe ihm nicht folgen wollen, als er ihn vor Jahren darauf hingewiesen,
da er wohl daran thun wrde, sich von der Sorge fr Vittoria und Valerio
mglichst zu befreien. Nun trage er die Folgen seines falschen Handelns, und es
sei keine von seines Neffen kleinsten Thorheiten, den vllig mittellosen Sohn
Vittoria's jetzt auf eine landwirthschaftliche Akademie zu senden. Es ist
geradezu unbegreiflich, rief der Graf, denn ich mchte wissen, wessen Gter
Valerio einst verwalten soll!
    Whrend man aber noch in dieser Weise mit den Vorgngen in der Arten'schen
Familie beschftigt war, lie sich durch einen seiner Comptoir-Beamten bei
Tremann ein junger Mann melden, der ihn zu sprechen wnsche, und gleichzeitig
mit dem Diener, welcher die Lampe auf den Schreibtisch seines Herrn
niedersetzte, trat Valerio bei ihm ein.
    Paul hatte ihn nur einmal an einem Gesellschaftsabend im Arten'schen Hause
gesehen, als der Jngling mit seiner Mutter und mit Emilio unter groem Beifalle
verschiedene Terzette gesungen hatte. Das war aber ber anderthalb Jahr her,
Valerio war in der Zeit vllig herangewachsen, der frhe Bart der Sdlnder
kruselte sich bereits voll auf seiner Oberlippe, und die brgerliche Kleidung
vernderte ihn noch mehr, so da Paul ihn mit der Bemerkung empfing, da er ihn
kaum wiedererkenne.
    Das darf mich nicht wundern, entgegnete der junge Mann, denn ich habe ja nur
einmal die Ehre gehabt, Sie im Hause des Herrn Majors von Arten zu sehen;
trotzdem aber habe ich eine Bitte an Sie zu richten.
    Es fiel Paul auf, da Valerio von seinem Bruder in so gezwungener Weise
redete, und es lag berhaupt etwas ihn Befremdendes in der ganzen Haltung des
Jnglings. Er nthigte ihn also, sich zu setzen und ihm zu sagen, was er
wnsche.
    Ich wrde es nicht wagen, Sie mit meinen Angelegenheiten zu behelligen, hob
Valerio fest und ohne alle Verlegenheit an, wren Sie nicht ein paar Jahre lang
mein Vormund gewesen und htte ich nicht von meiner Mutter es einmal zufllig
erfahren, da Sie auch in Ihrer Jugend aus Verhltnissen entflohen sind, die
Ihnen unertrglich geworden waren. Ich befinde mich in der gleichen Lage ...
    Durchaus nicht! fiel ihm Paul in die Rede, und da Valerio vor diesem Worte
inne hielt, sagte Jener: Sie haben eine Mutter am Leben, sind unter dem Schutze
eines lteren Bruders in eine gewiesene Laufbahn getreten, in welcher Ihr Name
Ihnen von Nutzen ist: das sind Vorzge, deren ich mich nicht erfreute. Wenn Sie
dieselben augenblicklich etwa nicht hoch anschlagen sollten, werden Sie bei der
Laufbahn, die Sie erwhlten, wahrscheinlich spter anders darber denken!
    Erlauben Sie mir, Ihnen eine Bemerkung zu machen, sagte der junge Mann. Ich
habe die militrische Laufbahn nicht erwhlt, ich bin zu ihr durch meine
Mittellosigkeit gezwungen worden. Meine ganze Seele war von meiner frhesten
Kindheit an nur auf Ein Ziel, auf die Kunst gestellt. Als Knabe wollte ich Maler
werden, weil ich ein Hheres nicht kannte.
    Und was hinderte Sie daran? fragte Paul.
    O, rief Valerio, ich war ja ein Herr von Arten! Ein Edelmann, ein Herr von
Arten kann kein Maler werden; er kann malen, sagte mir der Major, wenn er Zeit
und Lust dazu hat, so viel er mag. Ein Herr von Arten kann nicht von seiner
Hnde Arbeit leben, kann nicht um Geld fr Krethi und Plethi Bilder malen. Ein
Edelmann lebt fr sich auf seinen Gtern, von seinen Renten oder in seines
Knigs Dienst.
    Ueber Paul's Antlitz flog ein leises Lcheln; es entging der feinen
Beobachtung des Jnglings nicht, und durch dasselbe noch ermuthigt, sagte er:
Das Testament des Freiherrn Franz, das mich und meine Mutter ganz von dem guten
Willen seines Sohnes abhngig macht, hat Sie wahrscheinlich, als Sie es kennen
lernten, ber Verhltnisse aufgeklrt, die mich, seit ich darber nachzudenken
vermochte, viel beschftigten, und - er stockte ein wenig, setzte jedoch mit
Selbstbeherrschung hinzu: die ich seit gestern verstehen gelernt habe. Vor sechs
Jahren indessen, als wir Richten verlieen, war ich ein Knabe und hatte zu
gehorchen. So wurde ich fr den Soldatenstand bestimmt. -
    Aber, fiel ihm Paul, der die Unterredung nicht ber die Gebhr verlngert zu
sehen wnschte, in die Rede, Sie sind nicht in Uniform! Was bedeutet das?
    Ich bin aus dem Kadettenhause ausgestoen, antwortete Valerio, ohne eine
Miene zu verziehen, und ich bin berhaupt ein Ausgestoener! Ich fhre den Namen
der Freiherren von Arten jetzt nicht mehr!
    Sie fhren den Namen Ihres Vaters nicht mehr? Was wollen Sie damit sagen?
fragte Paul, dem die Festigkeit des Jnglings Wohlgefallen an ihm einzuflen
anfing.
    Valerio zog einen Brief hervor und reichte ihn Tremann hin. Er war von
Renatus an Valerio geschrieben. Der Freiherr hielt dem jungen Manne in strengen,
trockenen Worten noch einmal den Fehltritt vor, dessen derselbe sich schuldig
gemacht hatte, erwhnte des Streites, der gestern zwischen ihnen vorgefallen
war, sprach von der Unmglichkeit, da er Valerio, wie dieser und seine Mutter
es forderten, seine Einwilligung zu einer Knstler-Laufbahn auf der Bhne geben
knne, so lange er den Namen eines Herrn von Arten trage, und wies ihn an,
reiflich zu berlegen, was er jetzt anzufangen denke, da der Freiherr sich weder
in der Lage, noch veranlat fnde, ihn lange und kostspielige Versuche mit
seiner Berufswahl anstellen zu lassen.
    Paul fragte, wehalb der Freiherr ihm dies geschrieben und nicht gesagt
habe.
    Valerio entgegnete, er habe des Freiherrn Haus mit Bewilligung seiner Mutter
gleich gestern verlassen, um es nicht wieder zu betreten.
    Und was beabsichtigen Sie jetzt zunchst? erkundigte sich Paul, der nun
einsah, da die Sache ernster war, als sie ihm zuerst erschienen.
    Ich will einen Namen nicht mehr fhren, sprach Valerio mit einem
Selbstgefhle, das seine ohnehin edle Gestalt noch hher adelte, den man mich
nur aus Gnade bisher hat tragen lassen. Ich habe dem Major geschrieben, da ich
entschlossen sei, fortan auf den Namen seines Vaters zu verzichten und mir
meinen Weg zu suchen, wo er fr mich zu finden ist. Mit meiner Stimme, mit
meiner musikalischen Begabung und mit meiner Begeisterung fr die Kunst kann es
mir nicht fehlen, mir als Snger eine unendlich glnzendere und unabhngigere
Zukunft zu bereiten, als sie mir im Heere und im Dienste werden knnte. Mein
eigenes Bewutsein und meines bisherigen Lehrers und Freundes Emilio Ausspruch
sind mir dessen Brge.
    Der junge Mann brach ab, als schme er sich dieses eigenen Lobes. Paul
schwieg ebenfalls.
    Wie jedem auf sein eigenes Leben achtsamen Menschen, war es Paul bisweilen
wohl begegnet, da er in irgend einem bestimmten Augenblicke bei irgend einem
ganz pltzlich eintretenden, unvorherzusehenden Ereignisse die Empfindung gehegt
hatte, als habe er das schon einmal erlebt oder als habe er gewut, da und wie
dies eben jetzt geschehen msse; aber nie zuvor war er von diesem Eindrucke so
betroffen worden, wie von dem Gegenbilde, welches Valerio's Vorhaben ihm zu
seinen eigenen Jugenderlebnissen jetzt vor Augen stellte.
    Ihm, dem unbezweifelten Erben seines Blutes, dem Sohne seiner Liebe, hatte
der Freiherr Franz einst den Namen derer von Arten aus Standesrcksichten
versagt, whrend er mit eben diesem Namen, aus denselben Standesrcksichten den
im Ehebruche von Vittoria erzeugten Knaben zu bedecken sich verpflichtet
gehalten hatte. Und vor Paul, der einst entflohen war, weil sein Vater ihm die
Anerkennung und seinen Namen geweigert hatte, stand jetzt eben jener dem
Freiherrn untergeschobene und von ihm doch anerkannte Sohn, entschlossen, den
Namen Arten von sich abzuwerfen, um in Freiheit der ihm angeborenen Begabung zu
entsprechen. Schnell wie diese Gedanken in Tremann sich erzeugten und an
einander reihten, entstand durch sie doch eine Unterbrechung in dem
Zwiegesprche; und mit unruhiger Spannung blickte Valerio zu dem lteren Manne
hinber, bis dieser die Frage an ihn richtete, welchen Beistand und welche Hlfe
er von ihm begehre.
    Ich habe davon sprechen hren, da Sie Mitbesitzer der Schiffe sind, die
zwischen Hamburg und England den Personenverkehr besorgen, sagte der Jngere.
Meine Mittel sind beschrnkt ... Er hielt inne, und eine heie Rthe berflog
sein schnes Antlitz; er war des Bittens, er war es noch nicht gewohnt, Hlfe
begehren zu mssen. - Ich mchte nach London gehen, den Unterricht des dort
lebenden grten Sngers zu genieen. Verschaffen Sie mir eine freie Ueberfahrt,
und - in Ihrem Hause lebt die Grfin Haughton; sie hat sicherlich Verbindungen
in England. Ich mchte, bis ich zur Bhne gehen kann, Unterricht zu ertheilen
versuchen, portraitiren. Ich treffe gut!
    Seine Festigkeit drohte ihn zu verlassen, und er wartete mit sichtbarer
Unruhe auf die Antwort Tremann's, als dieser statt derselben die Frage an ihn
richtete, ob der Major von Arten von diesen Absichten und von dem Besuche,
welchen Valerio ihm jetzt eben mache, unterrichtet sei. Der Jngling verneinte
dies.
    So erlauben Sie, versetzte Paul, da ich mich erst mit dem Herrn Major
verstndige, ehe ich Ihnen sage, ob ich etwas und was ich fr Sie thun kann.
    Valerio erhob sich. Sie weisen mich zurck! meinte er, und man konnte ihm
den gekrnkten Stolz und die schmerzliche Enttuschung in jeder Miene ansehen.
    Nein, entgegnete ihm Paul, aber Sie sind unmndig. Ich mu erst wissen, wie
Ihr Vormund ber Ihre Plane denkt.
    Valerio blieb zgernd stehen; er schien etwas sagen zu wollen und den Muth
dazu nicht zu finden. Endlich stie er rasch die Worte hervor: Entflohen Sie
denn mit Erlaubni?
    Paul blickte den Jngling ruhig an und sagte mit seinem schnen, ruhigen
Ernste: Nein; aber ich hatte Niemandem von meinem Vorhaben gesprochen und von
Niemandem Hlfe dabei begehrt! Ich verlie mich auf mich selbst!
    Valerio schlug beschmt die Augen nieder. Paul hatte inde durchaus nicht
beabsichtigt, ihn zurckzuscheuchen, und stets zum Begtigen geneigt, fgte er
sofort hinzu: Ich war ein Kind, das man zur Verzweiflung getrieben hatte. Ich
wute, ich bersah nicht, was ich that, denn ich kannte vom Leben und von der
Welt weit weniger, als Sie, und ich tadle es durchaus nicht, da Sie Sich an
mich wandten, im Gegentheile! - Er sann einen Augenblick nach, blickte auf einen
Kalender, der zur Seite seines Schreibtisches hing, und sagte dann: Kommen Sie
morgen um die gleiche Stunde wieder zu mir, und Ihre Hand darauf, junger Mann,
jetzt, da Sie mit mir ber Ihre Zukunft Rcksprache genommen haben, treffen Sie
keine Entscheidung ber Sich, ohne da ich davon wei!
    Er hielt ihm die Hand hin; Valerio schlug mit neu belebter Hoffnung herzhaft
in die dargebotene Rechte. Dann hie Paul ihn gehen, und kaum hatte der Jngling
ihn verlassen, so setzte Jener sich nieder, an Renatus zu schreiben.

                                Zwlftes Capitel


Der Verkehr und der Zusammenhang zwischen den Familien von Paul und von Renatus,
die nach Eleonorens Genesung Anfangs eine Art von Lebhaftigkeit gewonnen hatten,
waren allmhlich wieder geringer geworden und hatten sich in den letzten beiden
Jahren auf jene Einladungen zu groen Festlichkeiten beschrnkt, mit denen man
sich gleichgltigen Herzens und oft widerwillig genug gegen die groe Anzahl
derjenigen sogenannten guten Freunde abzufinden sucht, die zu sehen oder gar zu
sprechen man kein sonderliches Verlangen trgt und die man doch nicht durch
gesellschaftliche Vernachlssigung zu Feinden werden lassen mag. Wenn man
einander traf, ergingen Vittoria und Ccilie sich immer in Erklrungen und
Betrachtungen darber, wie es habe geschehen knnen, da man einander so lange
nicht gesehen, und Seba's und Daviden's Arglosigkeit war stets bereit, die
Grnde gelten zu lassen, welche von Jenen vorgebracht wurden. Paul aber, der,
ohne von Natur zum Mitrauen geneigt zu sein, die Menschen besser als die Frauen
kannte, sah und beurtheilte die Grnde, aus welchen Renatus sich von ihm
zurckhielt, in einer anderen Weise.
    Er kannte die Einknfte des Freiherrn so genau, als dieser selbst, und
Renatus wute, da Paul ein guter Rechner sei. Es konnte also dem Freiherrn, der
sich fr verpflichtet erachtete, einen Aufwand zu machen, welcher bei Weitem
ber seine Mittel ging, in keinem Falle erwnscht sein, einen Beobachter neben
sich zu haben, der nach seinen Grundstzen eine solche Handlungsweise
entschieden tadeln mute, und Paul trug seinerseits auch kein Verlangen danach,
nher in die gegenwrtigen Verhltnisse des Freiherrn eingeweiht zu werden. Was
er davon gelegentlich und zufllig erfuhr und sah, besttigte ihm nur die Lehre
von der wachsenden Schnelligkeit, mit welcher die einmal ins Gleiten gerathene
Lawine dem Abgrunde zurollt. Was geschehen wrde, darber war Paul schon lange
nicht mehr im Zweifel; wann und wie es geschehen wrde, lie sich fast auch mit
Sicherheit berechnen.
    Richten war so verschuldet, da die Zinszahlungen von einem Vierteljahre zum
andern immer schwerer wurden. Steinert schrieb, da es ein Jammer sei, in
welcher Weise der Amtmann, dessen Reich in Kurzem dort zu Ende gehen mute, auf
dem Gute wirthschafte, und wenn Paul in den kaufmnnischen Kreisen, in welchen
er arbeitete, von den Wechseln auch nichts zu sehen bekam, die in den Hnden der
Wucherer auf Renatus in Umlauf waren, so erfuhr er doch hier und da, da der
Major von Arten mancherlei bedenkliche und gefhrliche Spekulationen fr sich
machen lie, und sein Zutrauen zu des Freiherrn Umstnden ward dadurch natrlich
nicht gehoben.
    Renatus selber war dabei nicht wohl zu Muthe. Er htte es anders, er htte
gern geordnete Verhltnisse haben mgen, aber wie konnte er zu diesen je
gelangen, ohne sein Leben vllig umzubrechen, ohne dem Grafen Gerhard und dessen
Frau das Feld zu rumen, ohne sich ihrem Urtheil und dem Urtheil aller seiner
Standesgenossen auf Gnade oder Ungnade zu berliefern?
    Da Hildegard ihm und Ccilien nie vergeben werde, da sie ihn und die
Schwester hasse, und da Graf Gerhard ihm bel wolle, darber war Renatus ganz
im Klaren. Aber er sagte sich nicht, da es in solchen Verhltnissen gerathen
sei, die Trennung zwischen sich und seinen Feinden zu einer vollstndigen zu
machen. Er mochte in dem sehr angesehenen und viel besuchten Hause seines Onkels
und seiner Schwgerin nicht fehlen; er meinte, durch seine bloe Anwesenheit in
demselben Hildegard's feindseligen Aeuerungen eine Schranke setzen zu knnen,
und in der That hrte auch von der Grfin Berka Niemand ein hartes Wort ber den
Freiherrn oder ber dessen Familie. Sie beklagte ihre Schwester nur, und dazu
hatte sie jetzt mehr als jemals Grund.
    Man wute es in der Gesellschaft, da die Vermgenslage des Majors von Arten
sehr zerrttet sei, man sprach ber das immer noch fortdauernde bedenkliche
Verhltni zwischen Vittoria und dem Snger, von Valerio's Entfernung aus der
Anstalt, von der zwischen Renatus und seiner Stiefmutter beabsichtigten
Trennung, und Renatus konnte sich endlich nicht darber tuschen, da man um
alle diese Dinge wute, da Jeder sie nach seiner Weise beurtheilte und
besprach.
    Er befand sich in einer Verfassung, in welcher nichts ihn berraschte und
Alles ihm gleichgltig zu werden begann, weil er keinen rechten Ausweg mehr vor
sich sah. Das Ende des Jahres stand vor der Thre, es waren Forderungen aller
Art in nchster Zeit zu befriedigen. Er wute es, da ihm dies unmglich sein
werde, da Richten zum Verkaufe kommen mute, und er konnte sich es nicht
vorstellen, wie er leben solle ohne den, wenn auch nur noch anscheinenden Besitz
dieses seines Stammgutes. Er wute eben so wenig, wie er sich und die Seinigen
von dem Einkommen erhalten solle, das seine militrische Stellung ihm eintrug
und das obenein durch Abzge aller Art verkrzt zu werden drohte, wenn man es
erst erfahren hatte, da er ruinirt sei. Er fhlte sich wie ein Schiffbrchiger,
der auf leckem Boote im offenen Meere treibt, er mute sich sagen, da Rettung
ihm nur durch ein Wunder werden knne, und wie er auf ein solches auch bisweilen
hoffen zu knnen wnschte, er vermochte es nicht.
    In dieser Lage fand ihn die Anfrage, welche Tremann wegen Valerio's an ihn
richtete, und wenn schon Paul durch dieses Ereigni lebhaft an den Wechsel der
Dinge und der Zeiten erinnert worden war, so war die Wirkung auf den Freiherrn
noch weit strker. Er htte Valerio Vorwrfe darber machen mgen, da er sich
an einen Dritten, da er sich an Paul um Hlfe gewendet habe; aber er 'fhlte
sich jetzt dazu nicht mehr berechtigt. Er hatte den Brief noch nicht
beantwortet, in welchem Valerio ihm, unter Emilio's Anleitung, den Vorschlag
gemacht, da er den Namen von Arten ablegen und unter dem italienischen Namen
seines wahren Vaters auf die Bhne gehen wolle, wenn Renatus ihm nur fr die
nchsten Jahre noch das ihm zustehende, freilich sehr geringe Jahrgeld zu zahlen
geneigt sei, welches Valerio nach dem Testamente des Freiherrn Franz zu
beanspruchen das Recht besa.
    Renatus hielt das Schreiben Tremann's lange in seiner Hand. Die Wogen, die
ihn bedrohten, stiegen immer hher, das Boot, das ihn trug, sank immer tiefer
hinab, es war im Grunde ein Glck zu nennen, wenn er es, gleichviel wie
erleichtern konnte; aber es krampfte ihm das Herz in der Brust zusammen, als er
sich dies nicht mehr wegzulugnen vermochte. Er mute froh sein, wenn er sich
Valerio's auf gute Art entledigen konnte, er mute den Handel - der Freiherr
brauchte dieses Wort mit einem Gefhle tiefer Selbsterniedrigung - er mute den
Handel mit dem jungen Manne eingehen, obschon er zuverlssig wute, da er nicht
im Stande sein werde, das Versprechen zu halten, auf welches Valerio sich
sttzen wollte, und das er ihm zu leisten sich endlich doch von der Noth
gedrungen fand.
    Tremann's Vermittlung kam ihm dabei, wie unwillkommen sie ihn im ersten
Augenblicke auch bednkte, endlich als eine sehr erwnschte vor. Er schrieb ihm
gleich in der Frhe des nchsten Morgens, da er ihm fr die Mittheilung danke,
die er eben jetzt von ihm empfangen habe, und da er ihn sogar bitte, mit dem
jungen Manne, der sich seiner brderlichen Frsorge zu entziehen wnsche, in
seinem Namen zu verhandeln. Da Valerio eine glnzende musikalische Begabung
zeige, keine Neigung fr die ihm bestimmte militrische Laufbahn hege, in der er
sich ohnehin unmglich gemacht habe, und da er sich zu keinem andern, seinem
Stande angemessenen Lebenswege entschlieen wolle, so finde er sich, so schwer
ihm dies auch ankomme, doch genthigt, der Entfernung Valerio's und seiner
musikalischen Ausbildung - von der Bhne zu sprechen, konnte Renatus auch jetzt
noch sich nicht entschlieen - Nichts in den Weg zu legen. Da Valerio den Namen
von Arten unter diesen Verhltnissen nicht fhren knne, verstehe sich von
selbst. Gerade dehalb sei er selber aber behindert, den Weg des jungen Mannes
zu frdern, und er werde sich daher Paul und der Grfin Eleonore verpflichtet
fhlen, wenn sie Valerio die Hand zur Ausfhrung seines Vorhabens bieten
wollten, bei welcher derselbe auf das ihm zustehende Jahrgeld rechnen knne.
    Dem Briefe war eine Summe als Reisegeld und als vierteljhrige
Pensionszahlung fr Valerio beigefgt, und das ganze Schreiben war in einer Form
gehalten, die man unter den obwaltenden Umstnden schicklich nennen und gelten
lassen konnte. Aber dem Freiherrn zitterte die Hand, mit welcher er die fnf
Siegel mit dem Arten'schen Wappen auf den Geldbrief drckte, und das alte fortis
in adversis brannte ihm wie eine schwere Mahnung in die Seele. Er hatte sein
Lebensschiff in einer Weise erleichtert, die er vor sich und seinem Gewissen
nicht verantworten konnte, und er hatte dazu noch das Bewutsein, sich auch
damit keine wirkliche Rettung bereitet zu haben.
    Es litt ihn nicht in seinem Hause; er mochte auch keinen der Seinigen sehen.
Trotz des beln Wetters machte er einen langen Spaziergang in den Park. Er hatte
ein Bedrfni, allein zu sein und die schwer beladene Brust zu dehnen. Als er am
Mittage wiederkehrte, war Vittoria abwesend. Ccilie sagte, die Mutter habe den
Wagen anspannen lassen, um Valerio seinen Koffer hinzubringen, und auch um sich
in der Stadt nach einer Wohnung fr sich umzusehen.
    Der Wagen kam ohne Vittoria zurck; sie hatte sich bei einer Freundin
absetzen lassen, bei der sie speisen wollte. Der Freiherr und seine Frau nahmen
ihre Mahlzeit einsam ein; man war berzeugt, da Vittoria mit ihrem Freunde und
ihrem Sohne bei der Freundin zusammentreffe. Renatus uerte sich heftig
darber; Ccilie, die seine Gereiztheit und seine Verdsterung gewahrte,
versuchte eben fr diesen Tag und diesen Fall Vittoria zu entschuldigen.
    Am Abende war ausnahmsweise einmal eine geladene Gesellschaft bei der Grfin
Berka. Ccilie und Renatus htten sich gern von dem Besuche derselben befreit.
Weil sie aber die Sicherheit in ihren Verhltnissen verloren hatten, wollten sie
durch ihr Fortbleiben keine Fragen veranlassen, sondern auf dieselben, wenn sie
etwa gethan werden sollten, lieber durch persnliche Zurechtlegungen antworten,
und etwas spter, als die Einladung es bestimmte, langten sie in dem Berka'schen
Hause an.
    Die Gesellschaft war bereits versammelt, und tuschte die Verstimmung und
Unruhe die beiden Eheleute oder herrschte wirklich eine augenblickliche Pause in
der Unterhaltung, genug, sie glaubten Beide zu bemerken, da man bei ihrem
Eintreten schwieg und da man sie mit einer Art von Neugier betrachtete. Das
raubte Ccilien die Fassung, welche sie ohnehin den Tag hindurch nur mhsam in
sich aufrecht erhalten hatte, und sich an die Schwester wendend, machte sie eine
berflssige und eben darum nicht geschickte Entschuldigung fr ihr versptetes
Erscheinen.
    Hildegard, die gerade von den ausgezeichnetsten Personen ihres Kreises
umgeben war, hielt Ccilie mit der ganzen vornehmen Anmuth, die sie sehr wohl zu
entwickeln verstand, die Hand entgegen und sagte freundlich: Wie magst Du
darber nur ein Wort verlieren! Ich versichere Dich, ich habe den ganzen Tag an
Euch gedacht und immer zu Dir fahren wollen, weil ich glaubte, Du wrdest Dich
nicht aufgelegt fhlen, auszugehen. Inde es ist gut, da Ihr Euch berwunden
habt, es zerstreut Euch doch. Sei herzlich willkommen!
    Sie kte die Schwester dabei, was sie sonst in der Gesellschaft nie gethan
hatte; aber es berlief Ccilie kalt bei ihren Worten, und sie wendete sich
ngstlich um, zu sehen, ob Renatus Hildegard's Aeuerung nur nicht vernommen
habe. Den aber hielt Graf Gerhard neben seinem Sessel fest, und Ccilie konnte
nicht gleich zu ihm kommen, denn Hildegard hatte den Arm der Schwester in den
ihrigen gelegt und fhrte sie mit sich herum. Es war von ihr offenbar auf eine
besondere Schaustellung abgesehen; sie wollte darthun, da sie ihre Schwester
aufrecht zu erhalten und in Schutz zu nehmen denke. Aber wehalb das? Was
bedeutet das? fragte diese sich mit wachsender Beklemmung.
    Renatus seinerseits verstand eben so wenig, was die Grfin Berka mit ihrer
auffallenden Zrtlichkeit fr Ccilie, mit ihrer besonderen Zuvorkommenheit fr
ihn selbst beabsichtige, die ihm den ganzen Abend drckend blieb. Er fhlte sich
so niedergeschlagen, so gepeinigt, so beunruhigt, da er es bereute, gegen seine
Neigung und Stimmung unter Menschen und in Gesellschaft gegangen zu sein. Er
hatte keine Ruhe zu irgend einer Unterhaltung; er ging, gegen seine sonstige
Gewohnheit, von einer Gruppe zur andern, er htte sich gern heiter, sorglos
zeigen, sich und Andere tuschen mgen, und doch wute er, da in wenig Tagen
oder Wochen seine Lage vor Aller Augen offen sein wrde, da der Concurs ber
ihn hereinbrechen msse, dem durch ein Abkommen vorzubeugen oder aus dem sich zu
erheben fr ihn kaum eine Mglichkeit vorhanden war. Ein Schmerz, der sich bis
zur Verzweiflung an sich selber steigerte, fra an seinem Herzen, und mit
ungeheurer Gewalt wlzte sich wie ein Alp das Bewutsein ber ihn: da sein
Unglck grer sei, als er selbst und seine Kraft.
    Zwischen dem kleinen Empfangszimmer und dem groen Saale befand sich ein
Cabinet, das von beiden Seiten mit schweren Thrvorhngen versehen war. In der
runden Vertiefung am oberen Ende stand ein Sopha. Es war, wenn man aus dem Saale
kam, nicht sichtbar, und als Renatus vorhin durch das Cabinet gegangen war,
hatte er es leer gefunden, da die Gesellschaft nicht sehr zahlreich war. Sich
einen Augenblick Ruhe zu verschaffen, trat er hinein und setzte sich in die
Sopha-Ecke nieder.
    Aber kaum hatte er den Platz eingenommen, als sich zwei Mnner plaudernd in
die Brstung der Thre stellten, deren Stimmen Renatus sofort erkannte. Der
ltere von ihnen, Graf Aurel, war ein Jugendgenosse des Grafen Gerhard, einer
der bekanntesten Lebemnner der Stadt, der andere ein Gesandtschafts-Sekretr,
dem Berka'schen Hause eng befreundet. Sie sprachen in gleichgltiger Weise ber
die Verhltnisse der anwesenden Personen.
    Es war bereits von Diesem und Jenem die Rede gewesen, wie Renatus aus den
einzelnen, zu ihm dringenden Worten hatte entnehmen knnen, als er pltzlich
seinen Namen zu hren glaubte.
    Er htte diese Maregel, wie die Grfin richtig bemerkte, nur frher treffen
mssen, sagte scherzend der Gesandtschafts-Sekretr.
    Was wollen Sie? entgegnete der Graf; die Baronin Vittoria soll ein
bedeutendes Legat von dem verstorbenen Freiherrn in Hnden haben, und der Major
ist ruinirt! Da hat er wohl ein Auge zugedrckt, und - der Graf lachte - die
Baronin Ccilie ist ja auch eine leidenschaftliche Sngerin; er wird das
Terzett, denn ein solches soll es in der That gewesen sein, nicht haben stren
wollen.
    In diesem Augenblicke, noch ehe der in allen Nerven erbebende, unfreiwillige
Hrer sich von seinem Sitze zu erheben vermochte, wurden die beiden Sprechenden
in ihrer halblaut gefhrten Unterhaltung durch die herantretende Hausfrau
unterbrochen, welche den Gesandtschafts-Sekretr aufforderte, irgend eine
Nachricht aus der Hauptstadt seines Landes, die er ihr bei seiner Ankunft
mitgetheilt hatte, einem Kreise neugieriger Gste bekrftigend zu wiederholen.
Der junge Diplomat folgte der Grfin Berka in den Saal, und Graf Aurel, der bei
Hildegard's Anfrage an den Marquis sich hflich einige Schritte zurckzuziehen
wnschte, trat fr einen Augenblick in das oben erwhnte Seitengemach.
    Er war lange im Militr gewesen und ein Mann von erprobtem Muthe, aber er
konnte sich einer Aeuerung des Erschreckens nicht erwehren, als er sich
pltzlich und unerwartet dem Freiherrn von Arten gegenber sah, dessen von der
Blsse des Todes berzogenes, von Leidenschaft entstelltes Antlitz ihm
versteinernd entgegenstarrte. Als ein Mann von Welt bersah er sofort die
nothwendigen Folgen des unglckseligen Zufalles, der den Freiherrn zum Hrer
jener beleidigenden Worte gemacht hatte; allein der Umstand, da der Marquis
sich bereits entfernt und da jetzt kein anderer Zeuge als der Beleidigte selbst
zugegen war, lie den Grafen einen Augenblick lang an die Mglichkeit irgend
einer Ausgleichung oder doch an die Abwendung des Aeuersten denken.
    In Erwgung der frchterlichen Lage, in welcher der Freiherr sich befand,
schien es dem Grafen, dem ohnehin ein solches Begegnen mit den nchsten
Anverwandten des ihm eng befreundeten Hauses hchst unwillkommen sein mute,
sogar von der Ehre als eine Pflicht geboten, selbst einen Schritt ber das
gewhnliche Ma hinaus zu thun, und schon begann er an den noch immer ihm
schweigend Gegenberstehenden in diesem Sinne das Wort zu richten, als der
Freiherr mit einer nicht mizudeutenden Bewegung ihm die Rede abschnitt.
    Die Lehne des Sessels, die Renatus' Rechte umkrampft hielt, brach unter dem
Drucke, als er mit hohler, vor innerem Grimme bebender Stimme die Worte
hervorstie: Sagen Sie Ihrem Partner, das Duett, das ich so eben von Ihnen
Beiden vortragen hrte, sei eben so falsch, als der, der es anstimmte, ehrlos
ist! - und seiner selbst nicht mehr mchtig, den abgezogenen Handschuh dem
Grafen in das Gesicht schleudernd, verlie er hoch aufgerichtet das Gemach.
    Ein Gefhl wilder Befriedigung war ber ihn gekommen. Er hatte jetzt endlich
einen Gegenstand gefunden, gegen den er die Empfindungen richten konnte, welche
kurz zuvor in seinem Busen gegen ihn selbst gewendet gewesen waren. Er fhlte
sich befreit von dem Alpdrucke, der auf ihm gelastet hatte.
    Sein Schicksal selbst, jenes Schicksal, das ber seinem Hause noch immer
gewacht und die Glieder dieses Hauses vor offenbarer Schmach und Schande noch
stets bewahrt, es hatte ihm den Ausweg gewiesen, den er zuweilen im Drange und
in der geheimen Noth dieser letzten Wochen durch Selbstmord sich zu ffnen
gedacht hatte. Jetzt war er sicher, wie es ihm zukam, als ein Edelmann zu
sterben - und er war des Daseins und des Lebens von Herzensgrunde mde.
    Stolz, sicher, mit festem Blicke des blitzenden Auges die Anwesenden
messend, durchschritt er den Saal und nherte sich dem Gesandtschafts-Sekretr.
Graf Aurel wnscht Ihnen, Herr Marquis, eine Mittheilung zu machen! sprach er
mit lchelnder Miene zu dem jungen Diplomaten, der sich bei diesen Worten zum
Erstaunen der Nchststehenden sichtbar entfrbte, aber, schnell wieder gefat,
sich eilig zu dem Grafen in das Nebenzimmer begab.
    Es entstand eine kleine Bewegung, man sah sich nach den betheiligten
Personen um; inde es waren alles Leute von Welt, die Formen der guten
Gesellschaft zogen sich ber der augenblicklichen Strung, deren Ursache Niemand
mit heftiger Neugier auf die Spur zu kommen suchte, schnell wieder zusammen, und
da der Abend schon vorgerckt war und man im Berka'schen Hause um des Grafen
willen nie spt zusammen blieb, fiel es nicht auf, da Graf Aurel und der
Marquis sich bald empfahlen und auch Renatus seine Gattin zum Aufbruche
anmahnte.
    Frh am anderen Morgen, als Renatus noch mit Ccilie beim Frhstcke war,
meldete man ihm den Besuch eines seiner Kameraden. Ccilie wunderte sich ber
den frhen Besuch, inde er flte ihr keinen Argwohn, keine Besorgni ein, und
auch der Name des Gemeldeten fiel ihr durchaus nicht auf. Es war ein Vetter des
Grafen Aurel, der mit Renatus in demselben Regimente diente und mit dem der
Freiherr immer auf gutem Fue, in einem angenehmen kameradschaftlichen
Verhltnisse gestanden hatte.
    Der Besuch whrte fr die frhe Stunde ungewhnlich lange, so da Ccilie,
als Renatus endlich zu ihr wieder zurckkam, sich erkundigte, was der
Rittmeister ihm gebracht habe. Er sagte, sie solle nicht neugierig sein, und
klagte sich an, da er sie verwhnt habe; da er das alles aber freundlich, ja,
scherzend aussprach, gab sie sich auch bald zufrieden, und es war davon die Rede
nicht mehr.
    Der Tag verging unter Besorgungen aller Art uerlich in gewohnter Weise. Am
Vormittage erhielt Renatus einen Brief von Paul, in welchem dieser ihm anzeigte,
da er und die Grfin Haughton fr Valerio die nthigen Schreiben besorgt htten
und da er den jungen Mann, da in drei Tagen das nchste Packetboot nach London
abgehe, angewiesen habe, sich fr die heutige Abendpost zur Reise nach Hamburg
einschreiben zu lassen. In einem Billet von Valerio, das beigefgt war, ersuchte
dieser den Freiherrn, ihm persnlich Lebewohl sagen zu drfen, und Renatus war
jetzt dazu geneigt, dem Verlangen zu willfahren.
    Valerio war, da er am Nachmittage zu dem Freiherrn kam, weich und sehr
bewegt. Nicht als ob er in sich unsicher oder in seinem Vorhaben und in seinen
Hoffnungen schwankend geworden wre, nur der Abschied von den Seinen schien ihm
schwerer zu fallen, als man es erwartet hatte.
    Er hatte, wie er es gleich nach der Stunde ihres Zusammenstoes gethan, den
Freiherrn als einen Fremden mit seinem Titel anreden wollen; aber da er nun vor
Renatus hintrat, fiel es ihm auf, da dieser bleicher und sehr ermdet aussah,
und weil der Jngling meinte, es sei der Kummer ber ihn, der den Freiherrn also
verwandelt habe, warf er sich demselben mit Leidenschaftlichkeit an die Brust.
    Ich lerne es nicht, ich lerne es nicht, Dich als einen Fremden anzusehen!
rief er mit berstrmender Empfindung - habe ich Dir doch mehr, weit mehr zu
danken, als wenn Du mein Bruder wrest, und ich habe Dir es schlecht gelohnt!
    Renatus drckte ihn an sein Herz und redete ihm ernsthaft zu. Valerio
wollte, da er ihm ganz ausdrcklich seine Verzeihung aussprechen solle, und der
Freiherr that es. Er zeigte sich ebenfalls erschttert, schlo Valerio's Haupt
in seine Hnde und kte ihn, da sie schieden, als ob er segnend einen Sohn
entliee. Ccilie weinte, inde es wurde ihr doch leichter, da sie sich jetzt
sagen konnte, ihre groe Bangigkeit und die Schwermuth ihres Mannes, die ihr im
Lauf des Tages aufgefallen war, wrden durch die Trennung von Valerio
herbeigefhrt.
    Sie verlie den Gatten so wenig als sie konnte, und er schien es gern zu
sehen, da sie blieb, selbst als er am Abende lange Zeit schreibend an seinem
Arbeitstische sa. Ein paar Mal meinte sie ihn seufzen zu hren, und sie wollte
ihn fragen, was ihn drcke, aber sie unterlie es, weil sie wute, da er dies
nicht liebe, da er eben jetzt, am Ende des Jahres, der unerfreulichen Geschfte
die Menge habe.
    Abends, als sie den Thee einnahmen, zu dem Vittoria sich eingestellt hatte,
war Renatus ruhiger, als in den ganzen letzten Wochen. Er schien die Andern und
sich selber zerstreuen zu wollen und machte die Unterhaltung fast ganz allein.
Er kam mehrmals auf seinen Vater, auf seine verstorbene Mutter, auf die Zeit zu
sprechen, in welcher er noch ein Knabe gewesen und Vittoria in sein Vaterhaus
gekommen war. Dann erging er sich in Betrachtungen ber das, was man in dem
Leben des Menschen die hhere Fgung nenne, und ber die geheimnivolle Grenze
zwischen dem sogenannten freien Wollen und dem unabweislichen Mssen. Es war das
schon ein Lieblingsthema seines Vaters gewesen, und Renatus hatte, wenn er sich
dem Nachdenken und Sprechen ber dasselbe hingab, es stets geliebt, den Menschen
mit einem Baume zu vergleichen. Auch jetzt kam er bald wieder auf dieses ihm
genehme Bild zurck.
    Wie kann von einem freien Willen die Rede sein, sagte er, wo wir, wie der
Baum, unser eigentliches Wesen und Geprge als ein angestammtes in uns tragen
und Boden und Luft, die wir auch nicht frei erwhlen, unsere Entwicklung
bedingen? Der Baum mag seine Bltter im Winde spielen lassen und seine Aeste
nach der Sonne wenden; das ist seine ganze Freiheit, und selbst diese geringe
Freiheit ist Naturnothwendigkeit. Alles fr ihn und Alles fr uns ist
vorbestimmtes Mssen. Wir genieen und erleiden, was uns zuerkannt ist, wir
knnen dem uns zugewiesenen Loose nicht entgehen, gleichviel, ob wir's aus den
Hnden eines blinden Schicksals oder einer gttlichen Allweisheit zugetheilt
erhalten.
    Vittoria achtete auf solche Auseinandersetzungen in der Regel wenig, sie war
dazu, wie sie es zu nennen pflegte, sich nicht wichtig genug. Ccilie aber
meinte es sich erklren zu knnen, wie ihr Gatte eben heute zu solchen
Betrachtungen gedrngt werde, und sie bemerkte zu ihrem Troste, da ihn
dieselben sichtbar beruhigten. Er verlangte, als man sich schon trennen wollte,
die beiden Frauen noch singen zu hren, und da Vittoria, von der Musik
erschttert und an Valerio erinnert, pltzlich zu weinen begann, schlo Renatus
sie in seine Arme und sprach ihr liebreich und trstend Muth ein.
    Du bist auch ein armer, aus seiner Heimatherde unfreiwillig herausgenommener
Baum, sagte er, und Du hast eben dehalb des Erleidens auch Dein Theil gehabt.
La uns hoffen, da es dem jungen Stamme, den wir jetzt Luft und Erde nach
seinem Belieben suchen lassen, besser gehen werde, wenn es uns im Augenblicke
auch schwer gefallen ist, ihm seinen Willen zu vergnnen.
    Er schlief in der Nacht nicht viel und erhob sich zeitig. Er hatte Ccilien
gesagt, da er in der Frhe ein wichtiges Geschft zu ordnen habe, und da sie
wute, wie drckend solche Angelegenheiten in der Regel fr ihn waren, fiel es
ihr nicht auf, da er bei ihrem gemeinsamen Frhstcke weniger als sonst geno.
Als er sich dann angekleidet hatte und sich entfernen wollte, sah Ccilie, da
er in voller Uniform war. Der Gedanke, da Renatus eben jetzt zu seinem Chef
gehe, um ihm die ble Lage, in der er sich befinde, zu entdecken und mit ihm
Rath zu halten ber die Schritte, die er thun solle, ein ffentliches Aufsehen
mglichst zu vermeiden, fuhr ihr erschreckend durch den Sinn. Sie wollte ihn
fragen, aber sie frchtete, ihm dadurch nur noch eine neue Pein aufzulegen, und
von Liebe und Mitleid berwltigt, schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und
kte ihn. Er drckte sie mit tiefer Inbrunst an sich, sie gaben sich die
zrtlichsten Namen, Ccilie mute weinen.
    Wir lieben einander doch! rief sie endlich, als wolle sie ihm den Trost
vorhalten, der ihnen schon ber manchen Kummer fortgeholfen hatte.
    Ja, und ich liebe Dich sehr, denke daran und vergi das nicht! gab Renatus
ihr zurck. Auch ihm war das Auge feucht geworden, aber er ri sich los und ging
die Treppe festen Schrittes hinunter.
    Ccilie trat an das Fenster und sah, wie er in den Wagen stieg. Er blickte
noch einmal aus dem Schlage zu ihr hinauf und grte mit der Hand. So schieden
sie.

                              Dreizehntes Capitel


Am Mittage durchlief das Gercht die Stadt, da der Major Freiherr von Arten im
Duell erschossen sei.
    Man erzhlte es Paul, als er eben in die Brse eintrat, denn man wute, da
er mit dem Freiherrn in mannigfachem Verkehr gestanden habe. Trotz seiner
gewohnten Festigkeit bemerkte man, da ihn die Nachricht sehr erschrecke. Er
suchte sich so schnell als mglich frei zu machen, gab seinem Disponenten die
nthigen Anweisungen fr die heute zu ordnenden Geschfte und fuhr
augenblicklich nach dem Artenschen Hause.
    Alles war dort in der vlligsten Zerstrung. Vittoria lag in heftigen
Krmpfen, Ccilie rang an der Leiche ihres Gatten, die man vor einer Stunde in
seinem Wagen nach Hause gebracht hatte, verzweiflungsvoll die Hnde, ihre Mutter
und ihre Schwester waren bei ihr. Die Grfin Berka war die Einzige, die ihrer
selber Herr war und groe Fassung zeigte.
    Sie war es auch gewesen, die in dem Zimmer des verstorbenen Freiherrn einen
von ihm an seine Gattin zurckgelassenen Brief aufgefunden hatte. Ein paar
andere Briefe hatten daneben gelegen, einer davon war an Paul gerichtet, und
Hildegard, welche die Leitung aller Angelegenheiten bernommen zu haben schien,
hndigte ihm denselben aus. Er lautete:
    Wenn Sie diesen Brief empfangen, bin ich nicht mehr am Leben, und es sind
die Wnsche eines Hingegangenen, die er Ihnen berbringt. Mge Ihr groer Sinn
sie Ihnen heilig machen.
    Die Vorsehung, die uns aus Einem Stamme erstehen lie und unsere Lebenswege
dennoch trennte, hat uns in den letzten Jahren in ihrer Weisheit einander
angenhert, als wolle sie mir den Pfad zeigen, auf dem ich zu gehen, und die
Weise angeben, in welcher ich das Erlschen unseres alten Stammes in dem
Augenblicke zu verhindern habe, in welchem der Letzte Derer, die bis jetzt den
Namen unseres Hauses mit Recht besessen, von der Erde scheidet.
    Das Blut der Freiherren von Arten fliet in Ihren Adern; meines
hingegangenen Vaters Ebenbild, die Zge unserer Ahnen leben in Ihnen, und selbst
- ich habe, da der Himmel mir keine Kinder gegeben hat, dies stets mit
schmerzlicher Rhrung wahrgenommen - in Ihren Shnen leben sie noch fort. Wie
mein Vater in dem Sinne und nach dem Ehrengebote unseres Standes und unseres
Hauses handelte, als er es sich versagte, Sie ffentlich als seinen Sohn
anzuerkennen, so handle ich, ich bin de sicher, in seinem Geiste und in dem
Geiste unseres Hauses, wenn ich danach trachte, den edlen, alten Namen der
Freiherren von Arten-Richten nicht untergehen zu lassen.
    Meine Vermgensverhltnisse, die Sie kennen, machen es fr die Baronin
Ccilie unmglich, die Richtener Gter zu behalten, und ich wei es aus dem
Munde meines verstorbenen Lehrers und Erziehers, des Caplans, da Ihre Mutter am
Vorabende ihres freiwilligen Todes Sie ermahnt hat, nach dem Besitze des
Schlosses zu streben, das sie Ihnen an jenem Abende als Ihres Vaters Haus
bezeichnete.
    Es war das eine Vorstellung, die mir alle Zeit qulend gewesen ist, seit
sie, es war als ich in den russischen Feldzug ging, zuerst in mir erweckt wurde,
und sie hat mich, wie eine unheimliche Ahnung, stets befallen, so oft ich in
Ihre Nhe gekommen bin. Dieses Gestndni, welches Ihnen zu machen ich jetzt
kein Bedenken trage, wird Ihnen Vieles in meinem Verhalten gegen Sie erklren,
das Ihnen vielleicht bisher nicht verstndlich gewesen ist und Sie zu
nachtheiligen Ansichten ber mich verleitet haben mag.
    Was mich einst von Ihnen fern hielt, fhrt mich jetzt, da ich mein Leben und
das Schicksal unseres Hauses in groem Ueberblicke betrachte, auf Sie und zu
Ihnen zurck.
    Ich habe Seiner Kniglichen Hoheit dem Kronprinzen, der sich als den ersten
Edelmann seines Landes anzusehen geruht und dessen Gnade ich mich versichert zu
halten Ursache habe, die Verhltnisse unseres Hauses aus einander gesetzt. Wenn
dieser Brief in Ihre Hnde kommt, hat Seine Knigliche Hoheit auch mein Ansuchen
bereits empfangen, und ich zweifle nicht, da es bei ihm eine geneigte Sttte
finden und da Er Selber wnschen wird, den Namen eines alten Geschlechtes, das
schon vor den Hohenzollern in unserer Heimath angesessen gewesen ist, auch fr
die Zukunft zu erhalten.
    Richten mu verkauft werden; kaufen Sie es an! Vereinigen Sie die Gter
wieder, deren mich zu entuern ich gezwungen war, und fhren Sie in Sich und
Ihren Kindern den Namen unseres gemeinsamen Vaters weiter fort. Unser Wappen
wird in Ihren Hnden wohl aufgehoben sein. Sie haben sein fortis in adversis!
beherzigt und bewhrt.
    Und so empfangen Sie mit dem Segen und den Wnschen, die ich Ihnen ber mein
Leben hinaus fr das Gedeihen unseres Geschlechtes zurufe, auch meine letzten
Bitten. Es sind ihrer nicht viele, und sie sind selbstverstndlich. Nehmen Sie
Sich berathend und hlfreich meiner theuren Ccilie, meiner Witwe an; stehen Sie
auch der Baronin Vittoria und ihrem Sohne mit Ihrer Erfahrung gromthig zur
Seite und sorgen Sie dafr, da ich in unserer Familiengruft in Rothenfeld
bestattet werde. Es ist ein erhebender Gedanke in jenem biblischen zu seinen
Vtern versammelt werden!
    Und damit Lebewohl! Mge der neue Stamm, den Sie begrnden, glcklicher
sein, als ich es gewesen bin! Des Himmels Segen ber sein Gedeihen!
    Schweigend und in tiefe Gedanken versunken, hielt Paul das Blatt eine Weile
in seinen Hnden; schweigend und in tiefe Gedanken versunken stand er an des
Freiherrn schner Leiche. Ccilie war wie vernichtet. -
    Noch vor dem Ende des Jahres ward der Sarg, in dem Renatus ruhte, nach
Rothenfeld gebracht. Ccilie hatte gewnscht, die Leiche ihres Gatten zu seiner
letzten Sttte zu begleiten, und Herbert war ihr eine Strecke entgegengereist,
um die trauernde Witwe zum Verweilen in seinem Hause einzuladen. Man mochte sie
nicht in das verdete Schlo nach Richten gehen lassen. -
    Im Frhjahr kam Richten zum Verkauf. Es war zwischen den Freunden, zwischen
Steinert, Herbert und Paul, von Anfang an fast selbstverstndlich gewesen, da
Einer von ihnen, da Paul es an sich bringen msse. Er hatte schon lange daran
gedacht, einen Landbesitz zu erwerben, auf welchem er alljhrlich ein paar
Monate mit den Seinen in ruhiger Zurckgezogenheit verleben knne, und bei
seinem groen Vermgen war es ohnehin gerathen, einen Theil desselben in Grund
und Boden festzulegen. Allerdings gab es sdlichere Gegenden, deren
Naturschnheit verlockender gewesen wre; aber die Aussicht, Steinert und
Herbert zu Nachbarn zu bekommen, die Gewiheit, da ihre Aufsicht und Erfahrung
seinem Besitze zu Statten kommen werde, waren hoch zu veranschlagen, und ber
dies alles hinaus, Paul lugnete sich das keineswegs fort, wirkten seine
Jugend-Eindrcke bestimmend auf ihn ein.
    Es war ein eigenartiges Empfinden, mit welchem er den Kauf-Contract ber die
Richtener Gter unterzeichnete, eine ergreifende Erinnerung, mit welcher er als
Besitzer mit den Seinen in Schlo Richten einzog.
    Die Erntezeit war, als er in Richten eintraf, schon vorber, denn es hatte
der unerllichen Instandsetzungen in dem seit Jahren nicht bewohnten Schlosse
doch so viele gegeben, da trotz der Bemhungen der beiden Herbert's der Monat
August herangekommen war, ehe man daran denken konnte, das Schlo mit Behagen zu
beziehen.
    Nun hatten die neuen Eigenthmer sich in demselben heimisch eingerichtet,
und am ersten Sonntage, den man mit Ruhe dort verlebte, waren die befreundeten
Familien von Neudorf und von Rothenfeld mit ihren verheiratheten Kindern und
Enkeln nach Richten herbergekommen.
    Mit groer Genugthuung, aber doch innerlich bewegter, als er es zeigte, sa
Paul an dem Mittage mit seiner Familie und seinen Gsten auf der Terrasse, die
nach dem Parke hinunterfhrte. Man hatte in dem chinesischen Huschen am oberen
Ende der Terrasse, das Herbert nicht verndern lassen, ein Frhstck fr die
groe, buntgemischte Gesellschaft aufgetragen. Es waren stattliche Greise,
tchtige Mnner und Jnglinge, heitere Matronen, frhliche junge Frauen und dazu
Kinder beiderlei Geschlechtes, die sich in ihrer lauten Lust kaum Genge zu thun
wuten.
    Seba mit ihrem sanften Ernste sa an Eleonorens Seite; sie konnte nicht
aufhren, an die Baronin Angelika zu denken, die hier an derselben Stelle einst
ihre Eltern bewirthet, die hier in solcher milden Herbstessonne die letzten Tage
ihres Lebens zugebracht hatte, und auch in Herbert tauchte ein altes, schnes
Erinnern mit seiner stillen Wehmuth auf. Fast in Allen lebte mehr oder weniger
deutlich das Bewutsein der groen Wandlungen, welche sich in ihnen selber und
whrend der letzten vierzig Jahre auch in der Erkenntni und in dem Gemeingefhl
der ganzen Menschheit befreiend und erlsend vollzogen hatten.
    Whrend man in gutem Gesprche so beisammen sa, brachte der Diener dem
neuen Besitzer von Richten die Briefe, welche von seinem Geschftsfhrer ihm
regelmig nach dem Gute gesendet wurden. Paul legte sie ruhig zur Seite, da er
in diesem Augenblicke sie doch nicht zu erledigen und zu beantworten vermochte;
nur ein Brief schien ihm durch Form und Siegel aufzufallen, und er erffnete
ihn. Er kam aus dem Kabinette des Kronprinzen.
    Eine flchtige Rthe und ein feines Lcheln flogen ber das Angesicht des
Lesenden. Seba und Davide blickten ihn fragend an.
    Es ist eine Gnade, die man mir anzuthun denkt, sagte er gelassen. Der Knig
ist, wie es in dem Schreiben heit, nicht abgeneigt, mich in Anerkennung meiner
Verdienste um die heimische Industrie und als jetzigen Besitzer der Gter eines
edeln Hauses unter Beilegung des Namens und Titels der Herren von Arten, wie der
Letzte dieses Hauses und Stammes es von ihm erbeten hat, in den Adelstand zu
erheben.
    Die Anwesenden sahen einander an und blickten dann fragend auf den
Sprechenden.
    Paul hatte das Schreiben bereits wieder zur Seite gelegt. Die Sache kommt
mir nicht unerwartet, sagte er. Der Staat ist klug genug, sich der Besitzenden
so viel als mglich versichern und den finanziellen Schwerpunkt so viel als
mglich dem Brgerthum entziehen zu wollen. Ich hatte es fr sehr wahrscheinlich
gehalten, da man mir dieses Anerbieten machen wrde.
    Und Du hast es nicht gehindert? fragte Steinert, dessen fester, aber eben
dehalb zum Argwohn geneigter Brgersinn sich nicht gleich in die Handlungsweise
des Freundes zu finden wute.
    Wie sollte ich ablehnen, was man mir noch nicht angeboten hatte? entgegnete
Paul. Aber sei unbesorgt, alter Freund, ich gehre weder zu denen, die Gnaden zu
erbitten, noch zu denen, die unerbetene Gnade anzunehmen gewohnt sind! - Er
schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Der verstorbene Freiherr Renatus hat es
auf seine Weise wohlgemeint und er hat als ein wahrer Reprsentant seiner Kaste
nur an sich und seine Ehre, an sich und seinen Stamm und an die Erhaltung seines
Namens gedacht, nicht an mich, an meine Ehre und an meinen Stamm. Er konnte es
sich von seinem Standpunkte aus nicht denken, da ich keines andern Namens
begehren kann, als dessen, welchen ich selber mir erschaffen habe, und da
derjenige, der mich aus meinem Stande in einen andern nicht nur versetzen,
sondern sogar erheben zu knnen glaubt, mich und meine ganze Vergangenheit
beleidigt; denn er erniedrigt in mir nicht nur mich selbst, sondern alle
Diejenigen, welche mit mir bisher als mit Ihresgleichen in achtendem Vertrauen
verbunden gewesen sind. Und ich lebe der sichern Hoffnung: von uns Allen, die
wir heute hier in meinem Hause beisammen sind, soll keiner je danach verlangen,
etwas Anderes zu sein, als ein unbescholtener, unabhngiger Mann, ein ntzlicher
Brger seines Vaterlandes! Darauf lat uns anstoen, da ein starker, freier
Brgersinn auch unter unsern Kindern und Kindeskindern mchtig sein und da er
die Freiheit, deren wir nach allen Seiten noch bedrfen, herauffhren helfen
mge ber unser Volk und ber die ganze Welt!
    Er hob sein Glas, sie drngten sich Alle um ihn; seine Brust athmete frei
und stolz.
    Am Abende, da alle seine Gste unter seinem Dache bereits die Ruhe gesucht
hatten, trat er mit Daviden noch einmal aus seinem Zimmer auf die Terrasse
hinaus. Er hatte seinen Arm um seines Weibes schlanken Leib gelegt, und in
stillem Frieden wandelten sie langsam und schweigend hin und wieder.
    Der Mond war inzwischen emporgestiegen, die Nacht war sehr warm, der volle
Duft der Levkojen und des Reseda erfllte die ganze Luft. Fortgezogen von der
Schnheit der Nacht, stiegen die Beiden von der Terrasse hinunter und gingen dem
Flusse zu, ber dessen Wasser die Mondstrahlen eine goldene Brcke bauten.
    Jenseit des Wassers blieben die beiden Eheleute stehen. Das Schlo lag vor
ihnen, der Mond erhellte es in seiner ganzen Stattlichkeit.
    Sieh, sagte Paul, hier habe ich gestanden, hier an dieser Stelle, mit meiner
armen Mutter an dem Tage, ehe sie sich das Leben nahm. Aber es war ein rauher,
kalter Abend, der Nebel stieg von dem Wasser empor, die welken Bltter flogen in
der Luft empor. Ich wunderte mich damals ber die vielen Schornsteine des
Schlosses und ber die vielen Fenster, denn ein so groes Gebude hatte ich nie
zuvor gesehen, und weil die untergehende Sonne sich in den Fenstern spiegelte,
fragte ich die Mutter, wer darin wohne. - Er hielt inne, dann sagte er sehr
bewegt: Du kommst nicht hinein, sprach sie zu mir; hinter den blanken Fenstern,
in denen die Sonne sich spiegelt, werden glckliche Kinder wohnen ...!
    Er konnte nicht weiter sprechen, trotz seiner Kraft berwltigte ihn diese
Erinnerung doch. Davide umschlang ihn, in Verehrung, in Glck und Liebe zu ihm
emporsehend.
    O, mgen sie immer, immer glcklich sein, die geliebten Kinder, denen Du
dieses Haus bereitet hast! rief sie mit hoffendem Wunsche aus.
    Sie werden es bleiben, sprach Paul, der sich schnell wieder ermannte, wenn
Du mir hilfst, sie dahin zu erziehen, da sie, in sich selbst beruhend, in der
Arbeit ihren Beruf, in der Freiheit ihre Ehre, in der ganzen Menschheit ihre
Brder erkennen lernen, und wenn sie mavoll und ohne Eitelkeit im Glcke, wie
der Wappenspruch dieses Hauses lautet, stark im Ungemache sind. La uns danach
trachten, la uns darauf hoffen und vertrauen!

                                    Funoten


1 Ich bin im dritten Kreis des ew'gen, kalten, gottverfluchten Regens!

