
                                Freytag, Gustav

                           Die verlorene Handschrift

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                 Gustav Freytag

                           Die verlorene Handschrift

                                  Erster Theil

                                  Erstes Buch

                                       1.

                                        

                           Eine gelehrte Entdeckung.

Es ist spter Abend in unserm Stadtwald, leise wispert das Laub in der lauen
Sommerluft und aus der Ferne tnt das Geschwirr der Feldgrillen bis unter die
Bume.
    Durch die Gipfel fllt bleiches Licht auf den Waldweg und das undeutliche
Gest des Unterholzes. Der Mond besprengt den Pfad mit schimmernden Flecken, er
zndet im Gewirr der Bltter und Zweige verlorene Lichter auf, hier luft es vom
Baumstamme blulich herab wie brennender Spiritus, dort im Grunde leuchten aus
tiefer Dunkelheit die Wedel eines Farnkrautes in grnlichem Golde, und ber dem
Wege ragt der drre Ast als ungeheures weies Geweih. Dazwischen aber und
darunter schwarze, greifbare Finsterni. Runder Mond am Himmel, deine Versuche
den Wald zu erleuchten sind unordentlich, bleichschtig und launenhaft. Bitte,
beschrnke deine Lichter auf den Damm, der zur Stadt fhrt, wirf deinen falben
Schein nicht allzuschrge ber den Weg hinaus, denn linker Hand geht es
abschssig in Sumpf und Wasser.
    Pfui, du Lgner! da ist der Sumpf, und der Schuh blieb darin stecken. Aber
dir ist das gerade recht, Tuschen und Betrgen ist deine liebste Arbeit, du
Phantast unter den Sternen. Man wundert sich allgemein, da die Menschen der
Vorzeit dich als Gott verehrten. Einst hat das griechische Mdchen dich Selene
gerufen und sie hat dir die Schale mit purpurnem Mohn bekrnzt, um durch deinen
Zauber den treulosen Geliebten zu ihrer Thrschwelle zu locken. Damit ist es fr
immer vorbei. Wir haben die Wissenschaft und Photogen, und du bist herabgekommen
zu einem armen alten Gaukler, der fern von Menschen im Walde umherflackert. Zu
einem Gaukler! Man erweist dir noch allzuviel Ehre, wenn man dich berhaupt als
lebendes Wesen behandelt. Was bist du denn eigentlich? eine Kugel ausgebrannter
blasiger Schlacke, luftlos, farbenlos, wasserlos. Bah! eine Kugel? Unsere
Gelehrten wissen, da du nicht einmal rund bist, auch darin lgst du. Wir von
der Erde haben dich nach unserer Seite in die Lnge gezogen. Du bist
gewissermaen zugespitzt, und deine Gestalt ist erbrmlich und unregelmig. Du
bist nichts als eine Art groer Erdrbe, welche sich in ewiger Sklaverei um uns
herumwlzt.
    Der Wald lichtet sich, zwischen der Stadt und dem Wanderer liegt noch eine
weite Rasenflche mit ihrem Weiher. Sei gegrt, du grner Thalgrund;
wohlgepflegte Kieswege ziehen sich ber die Waldwiese, hier und da erhebt sich
lustiges Gebsch und eine Gartenbank. Auf der Bank rastet bei Tage der
wohlhbige Brger; die Hnde auf das spanische Rohr gesttzt, sieht er stolz
nach den Thrmen seiner guten Stadt hinber. Ist heut auch die Flur verwandelt?
Vor dem Wanderer breitet sich's wie eine wogende Wasserflche, und es wallt,
brodelt und ballt sich um die Fe, in endlosen Nebelmassen soweit das Auge
reicht. Welches Geisterheer wscht hier seine grauen Gewnder? Sie flattern von
den Bumen, sie ziehen durch die Luft, mattscheinend, zerflieend, sich wieder
verwebend. Und hher erheben sich die dmmrigen Gebilde. Sie schweben dem
Wanderer ber das Haupt, die dstern Massen der Bume verschwinden, auch den
Himmel verbirgt die Dmmerung, jeder Umri lst sich auf in ein Chaos von
bleichem Licht und wogender Unform. Noch dauert die feste Erde unter den Fen
des Schreitenden, und doch wandelt er geschieden von allen wirklichen Gestalten
der Erde unter leuchtenden krperlosen Schatten. Hier sammelt sich's und dort
wieder zu schwebendem Scheine. Langsam schweifen die Luftgebilde an dem Flor,
der den Wanderer umhllt. Hier dringt eine gebeugte Gestalt heran, einem
knieenden Weibe vergleichbar, das vor Schmerz zusammenbricht, dort ein Zug in
langen wallenden Gewndern wie rmische Senatoren, an ihrer Spitze ein Kaiser
mit der Strahlenkrone, aber die Krone und das Haupt zerflieen, kopflos und
gespenstig gleitet der groe Schatten vorber. - Dunst der feuchten Wiese, wer
hat dich so verwandelt? Wetter! das that wieder der Alte dort oben, der
gaukelnde Mond.
    Weicht hinterwrts, tuschende Bilder der Dmmerung. Das Thal ist
durchschritten, vor dem Wanderer schimmern erleuchtete Fenster, hier ragen die
nchsten Huser der Stadt, zwei stattliche Huser und zwei Hausbesitzer! Hier
wohnen Menschen, Steuerzahler, rhrig Schaffende; sie hllen sich zur Nacht in
warme Decken und nicht in deine wssrigen Gespinste, o Mond, welche als rollende
Tropfen von Haar und Bart trufeln; sie haben ihre Launen und ihre Biederkeit
und schtzen deinen Werth, Mond, genau nach den Summen, die du der Stadtkasse an
Gaslicht ersparst.
    In dem Hause zur linken Hand glnzt aus der obern Fensterreihe eine Lampe
nahe den Scheiben. Vergeblich mhst du dich, bleiches Wolkenlicht, deine
trgenden Strahlen auch dort hineinzuwerfen. Denn ihn, der dort wohnt, sollst du
mit deinen Possen nicht krnken, er ist ein Kind der Sonne und ein Held dieser
Geschichte. Es ist der Professor Felix Werner, ein gelehrter Philolog, noch ein
junger Herr, aber von wohlverdientem Ruf. Da sitzt er an seinem Arbeitstisch und
blickt auf verblichene alte Schrift; ein ansehnlicher Mann; wenn er aufsteht,
von guter Mittelgre, dunkles gelocktes Haar umgibt ihm ein groes Antlitz von
krftiger Bildung, nichts Kleines darin, helle treue Augen unter dunklen Brauen,
die Nase leicht gebogen, die Muskeln des Mundes stark entwickelt, wie bei einem
beliebten Lehrer der studirenden Jugend natrlich ist. Jetzt gerade fhrt ein
feines Lcheln darber und die Wangen sind ihm von der Arbeit oder geheimer
Aufregung gerthet. Verschwinde hinter einer Wolke, Mond, die Gesellschaft
meines Professors ist mir lieber.
    Der Professor sprang von seinem Arbeitstisch auf und durchschritt einige
Male eifrig das Zimmer, dann trat er an ein Fenster, welches auf das Nachbarhaus
hinsah, stellte zwei groe Bcher auf das Fensterbrett, legte ein kleineres
darber und brachte dadurch eine Figur hervor, welche einem griechischen P
hnlich sah und durch den Lichtschein dahinter fr die Augen im Nachbarhause
sichtbar wurde. Nachdem er dies telegraphische Zeichen gezimmert hatte, eilte er
wieder an den Tisch und beugte sich von neuem ber sein Buch.
    Der Diener trat leise ein, das Abendessen wegzurumen, welches auf einem
Seitentisch zurechtgestellt war. Da er die Speisen unberhrt fand, blickte er
mibilligend auf den Professor und blieb lange hinter dem leeren Stuhl stehen.
Endlich rckte er sich in militrische Haltung: Der Herr Professor haben das
Abendbrot vergessen.
    Rumen Sie ab, Gabriel, befahl der Professor.
    Gabriel bewies keinen guten Willen. Der Herr Professor sollten wenigstens
ein Stck kalten Braten zu sich nehmen. Aus Nichts wird Nichts, fgte er
wohlwollend hinzu.
    Es ist nicht in der Ordnung, da Sie hereinkommen, mich zu stren.
    Gabriel nahm den Teller und trug ihn zum Professor. Nehmen der Herr
Professor wenigstens ein paar Bissen.
    So geben Sie, sagte der Professor und a.
    Gabriel benutzte die Pause, in welcher sein Herr widerstandslos bei
verstndlicher Thtigkeit verweilte, zu einer respectvollen Anmahnung: Mein
seliger Hauptmann hielt sehr auf ein gutes Abendessen.
    Jetzt aber sind Sie ins Civile bersetzt, versetzte der Professor
lchelnd.
    Es ist aber auch nicht in der Ordnung, fuhr Gabriel hartnckig fort, wenn
ich allein den Braten esse, den ich fr Sie hole.
    Ich hoffe, Sie sind jetzt zufrieden, versetzte der Professor und schob ihm
den Teller zurck.
    Gabriel zuckte die Achseln. Es ist zum wenigsten guter Wille. Der Herr
Doctor war nicht zu Hause.
    Ich sehe. Sorgen Sie dafr, da die Hausthr geffnet bleibt.
    Gabriel machte Kehrt und entfernte sich mit den Tellern.
    Wieder war der Gelehrte allein, das goldene Licht der Lampe fiel auf sein
Antlitz und die Bcher, welche um ihn lagen, schneller rauschten die weien
Bltter unter der Hand des Nachschlagenden und in starker Spannung arbeiteten
seine Zge.
    Da pochte es an die Thr, der erwartete Besuch trat ein.
    Guten Abend, Fritz, rief der Professor dem Eintretenden entgegen, setze
dich auf meinen Platz und sieh hierher.
    Der Gast, eine zarte Gestalt, mit feinen Zgen und einer Brille vor den
Augen, rckte sich gehorsam zurecht und ergriff ein kleines Buch, welches
Mittelpunkt eines Kreises von aufgeschlagenen Werken in jedem Alter und Format
war. Mit Kennerblicken musterte er zuerst den Deckel: geschwrztes Pergament mit
alten Noten und darunter geschriebenem Kirchentext, er warf einen sphenden
Blick auf das Innere des Einbands und suchte nach den Pergamentstreifen, durch
welche der belerhaltene Rcken des Buches mit dem Deckel verbunden war. Dann
erst sah er auf das erste Blatt des Inhalts, auf die vergilbten Buchstaben des
geschriebenen Textes. Das Leben der heiligen Hildegard - die Hand des
Schreibers aus dem fnfzehnten Jahrhundert, - sprach er, und sah den Freund
fragend an.
    Nicht deshalb zeige ich dir das alte Buch. Sieh weiter. Der
Lebensgeschichte folgen Gebete, eine Anzahl Recepte und Wirthschaftsregeln von
verschiedenen Hnden bis ber die Zeit Luthers hinaus. Ich hatte diese Bltter
fr dich gekauft, du konntest darin vielleicht etwas fr deine Sagen oder
Volksaberglauben finden. Bei der Durchsicht aber traf ich auf einer der letzten
Seiten diese Stelle, und ich mu dir jetzt das Buch noch vorenthalten. Es
scheint, da mehre Generationen eines Mnchsklosters das Buch benutzt haben, um
Bemerkungen einzuzeichnen, denn auf diesem Blatt ist ein Verzeichni von
Kirchenschtzen des Klosters Rossau. Es war ein drftiges Kloster, das
Verzeichni ist nicht gro oder nicht vollstndig. Es wurde von einem
unwissenden Mnch, soweit man aus seiner Schrift schlieen kann, etwa um 1500
gemacht. Sieh, hier Kirchengerth und wenige geistliche Gewnder, und hier
einige theologische Handschriften des Klosters, fr uns gleichgltig, darunter
aber zuletzt folgender Titel: Das alt ungehr puoch von ufart des swigers.
    Der Doctor prfte neugierig die Worte. Das klingt wie Ueberschrift eines
Rittergedichts. Und was bedeuten die Worte selbst: Ist der Ausfahrende ein
Schwieger oder ein Schweigender?
    Versuchen wir das Rthsel zu lsen, fuhr der Professor mit glnzenden
Augen fort, und wies mit dem Finger auf dasselbe Blatt. Eine sptere Hand hat
in lateinischer Sprache dazugeschrieben: Dies Buch ist latein, fast unlesbar,
fngt an mit den Worten: lacrimas et signa und endet mit den Worten: Hier
schliet der Geschichten - actorum - dreiigstes Buch. Jetzt rathe.
    Der Doctor sah in das erregte Gesicht des Freundes: La mich nicht warten.
Die Anfangsworte klingen vielversprechend, aber ein Titel sind sie nicht, es
mgen im Anfange Bltter gefehlt haben.
    So ist es, versetzte der Professor vergngt. Nehmen wir an: ein, zwei
Bltter haben gefehlt. Im fnften Kapitel der Annalen des Tacitus stehen die
Worte lacrimas et signa hintereinander.
    Der Doctor sprang auf, auch ihm flog ein freudiges Roth ber das Antlitz.
    Setze dich, fuhr der Professor fort, den Freund niederdrckend. Der alte
Titel vor den Annalen des Tacitus lautete wrtlich bersetzt: Tacitus vom
Ausgange des gttlichen Augustus, besser Deutsch: Vom Hinscheiden des Augustus
ab. Wohlan, ein unwissender Mnch entzifferte auf irgendeinem Blatte die ersten
lateinischen Worte der Ueberschrift: Taciti ab excessu und versuchte sie ins
Deutsche zu bersetzen. Er war froh zu wissen, da tacitus schweigsam bedeutet,
hatte aber nie etwas von dem rmischen Geschichtschreiber gehrt, und bertrug
also wrtlich: Vom Ausgange des Schweigenden.
    Vortrefflich, rief der Doctor. Und der Mnch schrieb seine gelungene
Uebersetzung des Titels auf die Handschrift. Triumph! Die Handschrift war ein
Tacitus.
    Hre noch weiter, ermahnte der Professor. Im dritten und vierten
Jahrhundert unserer Zeitrechnung bestanden die beiden groen Werke des Tacitus,
die Annalen und Historien, in einer Sammlung vereint unter dem Titel: Dreiig
Bcher Geschichten. Wir haben dafr mehre alte Zeugnisse, sieh her.
    Der Professor schlug bekannte Stellen auf und legte sie vor den Freund. Und
wieder am Ende der verzeichneten Handschrift stand: Hier schliet das dreiigste
Buch der Geschichten. Dadurch schwindet, wie mir scheint, jeder Zweifel, da
diese Handschrift ein Tacitus war. Und um das Ganze zusammenzufassen, war das
Sachverhltni folgendes: Zur Zeit der Reformation befand sich eine Handschrift
des Tacitus im Kloster Rossau, der Anfang fehlte. Es war eine alte Handschrift,
sie war durch die Zeit und ihre Schicksale fr Mnchsaugen fast unlesbar
geworden.
    Es mu aber an dem Buch noch etwas Besonderes gehangen haben, unterbrach
der Doctor, denn der Mnch bezeichnet es mit dem Ausdruck: ungeheuer, welches
etwa unserm Wort unheimlich entspricht.
    So ist es, besttigte der Professor. Man darf muthmaen, da entweder
eine Klostersage, die sich daran geheftet hatte, oder ein altes Verbot, das Buch
zu lesen, oder wahrscheinlicher eine ungewhnliche Beschaffenheit des Deckels
oder Formats diese Bezeichnung verursacht hat. Die Handschrift enthielt beide
Geschichtswerke des Tacitus, welche durch fortlaufende Bcherzahl verbunden
waren. Und wir, fuhr er fort und warf in der Aufregung das Buch, welches er in
der Hand hielt, auf den Tisch, wir besitzen diese Handschrift nicht mehr.
Keines von den beiden Geschichtswerken des groen Rmers ist uns vollstndig
erhalten; uns fehlt, wenn wir die Lcken zusammenrechnen, wohl mehr als die
Hlfte.
    Der Freund durchschritt hastig das Zimmer. Das ist eine von den
Entdeckungen, die das Blut schneller in die Adern treibt. Dahin und verloren!
Aber es berluft Einen hei, wenn man deutlich empfindet, da so wenig fehlte,
einen kostbaren Schatz des Alterthums fr uns zu retten. Er hat Vlkermord,
Brand und Zerstrung von anderthalb Jahrtausenden berdauert, er liegt noch zu
der Zeit, wo das Morgenroth der neuen Bildung bei uns hereinbricht, glcklich
verborgen und unbeachtet in einem deutschen Kloster, wenige Wegstunden von der
groen Vlkerstrae, auf welcher die Humanisten hin und her wandern, die Bilder
rmischer Herrlichkeit im Haupte, begierig nach jeder Ueberlieferung aus der
Rmerzeit suchend. Und kaum eine Tagreise entfernt erblhen Universitten, auf
denen die Jugend sich begeistert in lateinischen Versen und Prosa bt. Es lag so
nahe, da irgendein Mnch aus Rossau einem Ordensbruder davon erzhlte, der die
Kunde nach Mainz oder Kln trug. Es scheint unbegreiflich, da nicht einer von
den lateinischen Schullehrern, die sich damals ber das ganze Land verbreiteten,
Nachricht von dem Buche erhielt und den Brdern etwas von dem Werth eines
solchen Denkmals sagte. Und wie natrlich war, da der geistliche Herr, welcher
die Oberaufsicht ber das Kloster bte, von dem geheimnivollen Bande erfuhr und
neugierig die verblichenen Bltter umschlug. Selbst dann wre doch eine Kunde in
die Welt gedrungen und die Handschrift uns wahrscheinlich irgendwo erhalten.
Aber nichts von alledem. Und im besten Fall hat ein Zeitgenosse von Erasmus und
Melanchthon, ein armer hungernder Mnch, die Handschrift an den Buchbinder
verkauft, und abgeschnittene Streifen kleben noch irgendwo an alten Einbnden.
Sogar dafr ist diese Nachricht wichtig. Das war eine schmerzliche Freude, die
dir das kleine Buch bereitet hat.
    Der Professor fate die Hand des Freundes, die beiden Mnner sahen einer dem
andern in das treue Gesicht. Nehmen wir an, der alte Erbfeind erhaltener
Schtze, das Feuer, habe auch diese Handschrift verzehrt, schlo der Doctor
traurig. Wir sind Kinder, da wir den Verlust empfinden, als htten wir ihn
heut erlitten.
    Wer sagt uns, da die Handschrift unwiederbringlich verloren ist?
entgegnete der Professor in unterdrckter Bewegung. Noch einmal setze dich vor
das Buch, es wei uns auch von den Schicksalen der Handschrift zu erzhlen.
    Der Doctor sprang an den Tisch und ergriff das Bchlein von der heiligen
Hildegard.
    Hier hinter dem Verzeichni, sprach der Professor und wies auf die letzte
Seite des Buches, steht noch mehr.
    Der Doctor starrte auf das Blatt, lateinische Buchstaben ohne Sinn und
Wortabsatz waren in sieben Zeilen zusammengeschrieben, darunter stand ein Name:
F. Tobias Bachhuber.
    Vergleiche diese Buchstaben mit jener lateinischen Bemerkung neben dem
Titel der unheimlichen Handschrift. Es ist unzweifelhaft dieselbe Hand, feste
Zge des siebzehnten Jahrhunderts, hier das s, r, das f.
    Es ist dieselbe Hand, rief der Doctor vergngt.
    Die Buchstaben ohne Sinn sind kindliche Geheimschrift, wie man sie im
siebzehnten Jahrhundert bte. Diese hier ist leicht zu lsen, jeder Buchstabe
ist mit seinem folgenden vertauscht. Auf einen Zettel habe ich die lateinischen
Worte des Textes zusammengestellt. Die Worte lauten auf Deutsch: Beim Herannahen
des wthenden Schweden habe ich, um den verzeichneten Schatz unseres Klosters
den Nachstellungen des brllenden Teufels zu entziehen, dies alles an einer
trocknen und hohlen Stelle des Hauses Bielstein niedergelegt. Am Tage
Quasimodogeniti 37. Also am 19. April 1637. - Was sagst du nun, Fritz? Es
scheint doch, die Handschrift war bis in den dreiigjhrigen Krieg nicht
verbrannt, denn Frater Tobias Bachhuber - sein Andenken sei gesegnet - hat sie
in dieser Zeit noch einer Betrachtung gewrdigt, und da er ihr in dem
Verzeichni eine besondere Anmerkung gnnt, wird er sie zuverlssig bei der
Flucht nicht zurckgelassen haben. Die geheimnivolle Handschrift war also bis
zum Jahre 1637 im Kloster Rossau, und der Frater hat sie im April dieses Jahres
mit anderer Habe in der hohlen und trocknen Stelle des Schlosses Bielstein vor
Baners Schweden verborgen.
    Jetzt wird die Sache Ernst, rief der Doctor.
    Ja, es ist Ernst, mein Freund; nicht unmglich, da die Handschrift noch
irgendwo verborgen dauert.
    Und Schlo Bielstein?
    Es liegt nahe bei dem Stdtchen Rossau. Das Kloster hat unter dem Schutze
des geistlichen Schirmherrn bis zum dreiigjhrigen Kriege in drftigen
Verhltnissen fortbestanden; im Jahre 1637 wurde Stadt und Kloster durch die
Schweden verwstet. Die letzten Mnche verloren sich, das Kloster wurde nicht
wieder eingerichtet. Das ist alles, was ich zur Zeit erfahren konnte. Fr das
Weitere erbitte ich deine Hilfe.
    Die nchste Frage ist, ob das Schlo den Krieg berdauert hat, versetzte
der Doctor, und was bis jetzt daraus geworden. Schwerer wird zu ermitteln sein,
wo Bruder Tobias Bachhuber geendet hat, und am schwersten, durch welche Hnde
sein kleines Buch auf uns gekommen ist.
    Das Buch fand ich heut bei einem hiesigen Antiquar, es war neuer Erwerb und
noch nicht in sein Verzeichni aufgenommen. Die weitere Auskunft, welche der
Verkufer etwa geben kann, werde ich morgen holen. Es lohnt doch, nachzufragen,
fuhr er khler fort, bemht, einen Strom verstndiger Erwgung ber die
aufbrennende Glut seiner Hoffnungen zu leiten. Seit jener geheimen Notiz des
Fraters sind mehr als zweihundert Jahre verflossen, die zerstrenden Krfte
waren in dieser Zeit nicht weniger thtig als frher, vor andern Krieg und Raub
der Jahre, in denen das Kloster zu Grunde ging. So sind wir zuletzt nicht
weiter, als wenn die Handschrift einige hundert Jahre frher verloren wre.
    Und doch steigt mit jedem Jahrhundert die Wahrscheinlichkeit, da die
Handschrift bis zur Gegenwart erhalten ist, warf der Doctor ein, selbst wenn
man fr jedes Jahrhundert eine gleiche Zahl von Angriffen auf das Bestehende
annimmt. Aber die Zahl der Menschen, welche das Merkwrdige eines solchen Fundes
ahnen, ist seit jenem Kriege so gro geworden, da wenigstens eine Zerstrung
durch rohe Unwissenheit fast undenkbar wird.
    Wir drfen darin auch dem Wissen der Gegenwart nicht zu viel vertrauen,
warf der Professor ein. Wenn es aber wre, fuhr er auf, und seine Augen
strahlten, wenn uns die Kaisergeschichte des ersten Jahrhunderts, wie sie
Tacitus geschrieben, durch ein gnstiges Geschick zurckgegeben wrde, es wre
ein Geschenk, so gro, da der Gedanke an die Mglichkeit einen ehrlichen Mann
wohl berauschen darf, wie rmischer Wein.
    Unschtzbar, besttigte der Doctor, fr unsre Kenntni der Sprache, fr
hundert Einzelheiten rmischer Geschichte.
    Fr die lteste Geschichte deiner Germanen, rief der Professor.
    Beide maen wieder mit schnellen Schritten die Stube, schttelten einander
die Hnde und sahen einer den andern frhlich an.
    Und wenn ein gnstiger Zufall auf dieser Spur zu der Handschrift leitete,
begann Fritz, wenn sie durch dich dem Tageslicht zurckgegeben wrde, du, mein
Freund, du bist auch der beste Mann, sie herauszugeben. Der Gedanke, da deinem
Leben eine solche Freude und so ruhmvolle Arbeit werden knnte, macht mich
glcklicher als ich sagen kann.
    Finden wir die Handschrift, versetzte der Professor, so kann sie nur von
uns beiden zusammen herausgegeben werden.
    Von uns? frug Fritz verwundert.
    Von dir mit mir, entschied der Professor, das soll deine Tchtigkeit in
weiteren Kreisen bekanntmachen.
    Fritz trat zurck. Wie kannst du glauben, da ich so etwas annehmen wrde?
    Widersprich mir nicht, rief der Professor, du bist vollkommen dafr
geeignet.
    Das bin ich nicht, versetzte Fritz fest, und ich bin zu stolz, etwas zu
unternehmen, wobei ich deiner Gte mehr verdankte als meiner Kraft.
    Das ist ungeschickte Bescheidenheit, rief der Professor wieder.
    Ich werde es nie thun, entgegnete Fritz. Du verleugnest dein Zartgefhl,
wenn du nur einen Augenblick daran denkst, da ich mich vor dem Publicum mit
fremden Federn schmcken knnte.
    Ich wei besser als du, rief unwillig der Professor, was du vermagst und
was dir frommt.
    Jedenfalls frommt mir nicht, dir, der du bei der Arbeit selbst den
Lwenanteil haben wrdest, den Lohn dafr heimlich abzunagen. Nicht meine
Bescheidenheit, sondern meine Selbstschtzung verbietet das. Und dies Gefhl
sollst du ehren, schlo Fritz mit groer Energie.
    Nun, lenkte der Professor ein, die auflodernde Empfindung bndigend,
vorlufig geberden wir uns wie der Mann, welcher Haus und Acker vom Erls eines
Kalbes kaufte, das ihm noch nicht geboren war. Sei ruhig, Fritz, nicht du, nicht
ich werden die Handschrift herausgeben.
    Und niemals werden wir erfahren, was rmische Kaiser an Thusnelda und
Thumelicus gefrevelt haben, sagte Fritz und trat wieder teilnehmend zu dem
Freunde.
    Aber es sind doch nicht Einzelheiten, welche uns den grten Gewinn
brchten, begann der Professor ruhiger, und nicht, da wir diese missen, macht
uns den Verlust der Handschrift empfindlich. Denn fr die Hauptsachen versagen
andere Quellen nicht. Das Wichtigste wre immer, da Tacitus der erste und in
mancher Hinsicht der einzige Geschichtschreiber ist, der hchst auffallende,
unheimliche Seiten der menschlichen Natur dargestellt hat. Seine Werke sind uns
zwei geschichtliche Tragdien, Scenen des Julischen und des Flavischen
Kaiserhauses, markerschtternde Bilder der ungeheuren Umwandlung, welche durch
ein Jahrhundert der grte Staat des Alterthums, die Seelen der Gehorchenden,
die Charaktere der Herrscher erfahren; die Geschichte einer Tyrannenherrschaft,
welche die edlen Geschlechter vertilgt, eine hohe und reiche Bildung
heraustreibt und verdirbt, vor allem die Herrschenden selbst mit wenigen
Ausnahmen entmenschlicht. Wir haben bis zur Gegenwart kaum ein anderes Werk,
dessen Verfasser so sphend in die Seelen einer ganzen Reihe von Frsten blickt,
so scharf und genau die Verwstungen schildert, welche die dmonische Krankheit
der Knige in den verschiedensten Naturen hervorgebracht hat.
    Mich hat immer gergert, sagte der Doctor, wenn man ihm vorwarf, da er
zumeist Kaiser- und Hofgeschichte geschrieben. Wer darf Trauben von einer
Cypresse verlangen und behagliche Freude an dem groartigen Staatsleben von
einem Manne, der durch einen groen Theil seines Mannesalters tglich Messer und
Giftbecher eines wahnsinnigen Despoten vor seinen Augen sah.
    Ja, fuhr der Professor beistimmend fort, er gehrte zu den Aristokraten,
deren Hupter hoch ber die Menge herausragen, eine Krperschaft, unfhig zum
Regieren, unwillig im Gehorsam. In dem Gefhl einer bevorzugten Stellung waren
sie die unentbehrlichen Diener, die stillen Feinde und Rivalen der Frsten, in
ihnen bildeten sich die Tugenden und Laster einer gewaltigen Zeit zu ungeheuren
Erscheinungen. Wer sollte die Geschichte rmischer Frsten schreiben als ein
Mann aus diesem Kreise? Durch Palastintriguen und stillen Einflu dunkler
Nebengestalten entwickeln sich die Thatsachen, die schwrzeste Missethat
verbirgt sich hinter den steinernen Wnden des Palastes, das Gercht, das leise
Gemurmel des Vorzimmers, der lauernde Blick versteckten Hasses sind oft die
einzigen Quellen des Geschichtschreibers. Uns bleibt vor solcher Zeit nichts
brig, als bescheiden das Urtheil des Mannes zu schtzen, der uns von diesen
fremdartigen Zustnden Kunde berliefert hat. Wer die erhaltenen Bruchstcke des
Tacitus ehrlich und gescheidt betrachtet, der wird seinen sichern Blick in die
tiefsten Falten eines rmischen Gemthes bewundernd ehren. Es ist ein erfahrener
Staatsmann, ein krftiger und wahrhafter Geist, der uns die geheime Geschichte
seiner Zeit so erzhlt, da wir die Menschen und all ihr Thun verstehen, als ob
wir selbst Gelegenheit htten, ihnen in das Herz zu sehen. Wer das vermag fr
sptere Jahrtausende, der ist nicht nur ein groer Geschichtschreiber, er ist
auch ein bedeutender Mensch. Und vor solcher Gestalt habe ich immer eine
tiefherzliche Ehrfurcht empfunden, und ich halte fr eine Pflicht ernster
Kritik, das Mkeln der Kleinen von solchem Bilde fern zu halten.
    Schwerlich hat einer seiner Zeitgenossen, besttigte der Doctor, so tief
die Schwchen der eigenen Zeitbildung gefhlt als er. Immer hat mich gerhrt,
wie er das Schwerflssige seiner Sprache, das Vieldeutige des Ausdrucks mit der
Scheu und Vorsicht entschuldigt, welche unter der Herrschaft des Scheusals
Domitian auch in die Seelen der Besten geschlagen wurden.
    Ja, schlo der Professor, er ist ein Mann, soweit das in seiner Zeit noch
mglich war, und das ist zuletzt die Hauptsache. Denn was uns am meisten
frdert, ist doch nicht die Summe des Wissens, die wir einem groen Manne
verdanken, sondern seine eigene Persnlichkeit, die durch das, was er fr uns
geschaffen, ein Theil unseres eigenen Wesens wird. Der Geist des Aristoteles ist
fr uns noch etwas Anderes als die Summe seiner Lehren, welche wir aus den
erhaltenen Bchern zusammensuchen. Und Sophokles bedeutet uns etwas ganz Anderes
als sieben erhaltene Tragdien. Die Art, wie er dachte, fhlte, das Schne
empfand, das Gute wollte, die soll ein Stck von unserm Leben werden. Dadurch
vor allem wirkt das Wissen aus vergangener Zeit befruchtend auf unser Sein und
Wollen. In diesem Sinne ist auch die schwermthige, trauervolle Seele des
Tacitus fr mich weit mehr als selbst seine Schilderungen des Kaiserwahnsinns. -
Sieh, Fritz, und deshalb sind mir dein Sanskrit und deine Inder nicht recht,
ihnen fehlen die Mnner.
    Sie sind wenigstens fr uns schwer erkennbar, erwiederte der Freund. Aber
wer, wie du, die homerischen Gesnge den Studenten erklrt, der darf nicht
verkennen, welcher Reiz darin liegt, in die geheimnivollsten Tiefen des
menschlichen Schaffens hinabzusteigen, in die Periode der Menschheit, wo noch
die junge Volkskraft den Einzelnen, welcher in ihr arbeitet, unserm Blicke
verdeckt, und das Volk selbst in Poesie, Sage, Recht, wie ein Einzelwesen
Lebendiges gestaltend, vor uns tritt.
    Wer sich nur damit beschftigt, versetzte der Professor eifrig, der wird
leicht phantastisch und weich. Das Studium solcher Urzeiten wirkt wie
orientalischer Mohnsaft. Die Arbeit unter diesen schillernden, undeutlichen
Gebilden, welche im Dunkel aufleuchten und wieder verschwinden, verfhrt zu
ungeregeltem Combiniern; wer sein Lebtag darber verweilt, wird auch in den
Gesichtspunkten, durch die er sein eigenes Leben bestimmt, schwerlich Willkr
fernhalten.
    Fritz stand auf. Das ist unser alter Streit. Ich wei, du willst mir nichts
Hartes sagen, aber ich empfinde, da du dabei an mich denkst.
    Und habe ich Unrecht? fuhr der Professor fort, wahrlich ich habe Respect
vor jeder geistigen Arbeit, aber meinem Freund mchte ich die gnnen, welche fr
ihn am segensreichsten ist. Dein Suchen im indischen Gtterglauben und deutscher
Mythologie lockt dich von einem Rthsel zu dem andern; in dem endlosen Gebiet
von unklaren Anschauungen und Bildern unter wesenlosen Schatten soll eine junge
Kraft nicht immer weilen. Zwinge dich zu einem Abschlu. Auch aus uern
Grnden. Es taugt dir nicht, Privatgelehrter zu sein, das Leben ist zu bequem,
der uere Zwang, ein bestimmtes Gebiet von Pflichten fehlen dir. Du hast mehre
von den besten Eigenschaften eines Lehrers. Sitze nicht im Hause der Eltern, du
mut Universittslehrer werden.
    Dem Freunde stieg eine dunkle Rthe langsam ber die Wangen. Es ist genug,
rief er gekrnkt, wenn ich zu wenig an meine Zukunft gedacht habe, du sollst
mir darber keine Vorwrfe machen. Es war mir vielleicht zu groe Freude, an
deiner Seite zu leben und der stille Vertraute deiner krftigen Arbeit zu sein.
Etwas von dem Segen, den das Leben eines Mannes allen mittheilt, die an seinem
geistigen Schaffen theilnehmen, habe ich in deiner Nhe doch auch empfunden.
Gute Nacht.
    Der Professor ging auf ihn zu und fate seine beiden Hnde. Bleibe, rief
er, bist du mir bse?
    Nein, erwiederte Fritz, aber ich gehe. Er schlo leise die Thr.
    Der Professor ging mit starken Schritten auf und ab, machte sich Vorwrfe
ber seine Heftigkeit und sorgte um die Stimmung des Freundes. Endlich warf er
die Bcher, welche Telegraphendienste verrichtet hatten, heftig auf die Bretter
zurck und trat wieder an den Arbeitstisch.
    Gabriel leuchtete dem Doctor die Treppe hinab, ffnete die Hausthr und
schttelte den Kopf, als sein Nachtgru bei dem Herrn nur kurze Erwiederung
fand. Er lschte das Licht und horchte nach dem Zimmer seines Herrn. Als er die
Schritte des Professors hrte, entschlo er sich, noch einige Zge lauer
Abendluft zu schpfen und stieg in den kleinen Hausgarten. Dort stie er auf den
Hausbesitzer Herrn Hummel, welcher wahrscheinlich in derselben Absicht unter den
Fenstern des Professors spazierte. Herr Hummel war ein breitschultriger Mann mit
einem groen Kopfe und eigensinnigem Gesicht, wohlhbig und gut erhalten, von
ehrbarem und altfrnkischem Anstrich. Er rauchte aus seiner langen Pfeife mit
einer sehr dicken Spitze, an welcher eine Reihe kleiner Kirchthurmsknpfe hinter
einander stand.
    Ein schner Abend, Gabriel, begann Herr Hummel, ein gutes Jahr, das wird
eine Ernte! Er stie den Diener vertraulich an: Da oben hat's heut etwas
gegeben, das Fenster stand offen. Nicht da ich horchen wollte, aber ich mute
so manches vernehmen, Gabriel! schlo er bedeutsam und bewegte mibilligend
seinen Hausbesitzerkopf.
    Er hat wieder das Fenster aufgemacht, versetzte Gabriel ausweichend. Die
Fledermaus und die Motte werden bei der freien Aussicht zudringlich, und wenn er
mit dem Doctor discurrirt, sind beide manchmal so laut, da die Leute auf der
Strae stehen bleiben und zuhren.
    Verschlu ist immer gut, besttigte Herr Hummel. Was hat's denn
eigentlich gegeben? Der Doctor ist der Sohn von da drben, und Sie kennen meine
Meinung, Gabriel, ich traue nicht. Ich will Niemandem zu nahe treten, aber was
von jenem Hause kommt, darber habe ich so meine Ansichten.
    Worber es ging? antwortete Gabriel, ich hab's nicht gehrt, aber das
kann ich Ihnen genau sagen, es ging ber die alten Rmer. Sehen Sie, Herr
Hummel, wenn wir die alten Rmer htten, so wre Vieles bei uns anders. Das
waren Eisenbeier, die verstanden zu fuuragiren. Sie fhrten Krieg, sie
eroberten hier und dort.
    Sie sprechen ja wie ein Mordbrenner, sagte Herr Hummel mibilligend.
    Ja, sie thaten es nicht anders, erwiederte Gabriel selbstzufrieden, sie
waren ein eigenntziges Volk und hatten Haare auf den Zhnen wie die Igel. Und
was am wunderbarsten ist, wieviel Bcher diese Rmer bei alledem geschrieben
haben. Kleine und groe, viele auch in Folio. Wenn ich die Bibliothek abstube,
nimmt es mit den Rmern kein Ende, jede Art von Kaliber, und manche sind dicker
als die Bibel. Nur sind alle schwer zu lesen, wer aber die Sprache versteht,
erfhrt Vieles.
    Die Rmer sind ein abgestorbenes Volk, versetzte Herr Hummel, als es mit
ihnen zu Ende ging, kamen die Deutschen. Der Rmer wrde es bei uns niemalen
thun. Das Einzige, was uns helfen kann, ist die Hansa. Das ist die Einrichtung.
Mchtig zur See, Gabriel, rief er und schttelte den Rock desselben an einem
Knopfe, die Stdte mssen es unternehmen, Bndnisse, Capitalaufnahme, denn
Handel ist da, Credit ist da, an Menschen fehlt's nicht. Schiffe bauen, Flaggen
aufhissen.
    Und wollen Sie mit Ihrem Kahne auf das groe Meer? frug Gabriel und wies
mit der Hand auf einen kleinen Kahn, der an der hintern Seite des Gartens
umgestlpt auf zwei Hlzern lag. Soll ich mit meinem Professor auf die See
gehen?
    Davon ist nicht die Rede, versetzte Herr Hummel, aber die jungen Leute,
welche zuvrderst unntz sind. Mancher knnte etwas Besseres thun, als bei
seinen Eltern zu Hause sitzen. Warum soll Ihr Doctor von drben nicht als
Matrose fr's Vaterland mitgehen?
    Ich bitte Sie, Herr Hummel, rief Gabriel erschrocken, der junge Herr? Er
hat ja ein kurzes Gesicht.
    Thut nichts, brummte Hummel, dafr gibt's auf der See Fernrhre, und er
kann's ja meinetwegen bis zum Kapitn bringen. Ich bin nicht der Mann, der
seinem Nchsten etwas Bses wnscht.
    Er ist ein Gelehrter, entgegnete Gabriel, und dieser Stand ist auch
nthig. Ich versichere Sie, Herr Hummel, ich habe ber das gelehrte Wesen
nachgedacht, ich kenne meinen Professor genau und zuweilen den Doctor, und ich
mu sagen, es ist etwas an der Sache, es ist viel daran. Manchmal bin ich
zweifelhaft. Wenn der Schneider den neuen Rock bringt, merkt so Einer nicht, was
Jedermann wei, ob ihm der Rock sitzt oder ob auf dem Rcken Falten sind. Wenn
er auf den Einfall kommt, von einem Bauer eine Fuhre Holz zu kaufen, die
vielleicht doch nur gestohlen ist, so bezahlt er hinter meinem Rcken das Holz
viel theurer als jeder Mensch. Und wenn er unversehens rgerlich wird und sich
streitet ber Dinge, die wir beide ruhig miteinander besprechen, so wird mir die
Sache zweifelhaft. Wenn ich aber dann sehe, wie er sonst ist, barmherzig und
freundlich sogar gegen die Fliegen, die um seine Nase tanzen - denn er holt sie
mit dem Lffel aus dem Kaffe und setzt sie drauen auf's Fensterbrett - und wie
er aller Welt das Beste gnnen mchte, und wie er sich selber gar nichts gnnt
und noch tief in der Nacht liest und schreibt, so wird mir seine ganze
Geschichte gewaltig. Und ich sage Ihnen, ich lasse nichts auf die Gelehrten
kommen. Sie sind anders als wir, sie verstehen nicht, was unsereiner versteht.
Aber wir verstehen nicht, was sie verstehen.
    Nun, man hat auch seine Bildung, versetzte Herr Hummel. Was Sie sagen,
Gabriel, haben Sie als ein achtbarer Mensch gesprochen, aber das Eine will ich
Ihnen anvertrauen, man kann eine groe Wissenschaft haben und ein recht
hartherziges Subject vorstellen, das sein Geld auf Wucherzinsen gibt und seinen
guten Freunden die Ehre abschneidet. Und deswegen meine ich: die Hauptsache ist
Ordnung und Grenze und seinen Nachkommen etwas hinterlassen. Ordnung hier, er
wies auf seine Brust, und Grenze dort, er wies auf seinen Zaun, da man
sicher wei, was einem selbst gebhrt und was dem Andern gehrt. Und fr die
Kinder ein festes Eigenthum, auf dem sie sitzen; dann mgen diese wieder fr
ihre Kinder sorgen. Das ist, was ich unter Menschenleben verstehe.
    Der Hausherr verschlo die Thr des Zaunes und die Thr des Hauses, auch
Gabriel suchte sein Lager, aber noch lange brannte die Lampe in der Arbeitsstube
des Professors, und ihre Strahlen kreuzten sich an der Fensterbrstung mit dem
bleichen Schein des Mondes. Endlich verlosch die Leuchte des Gelehrten, das
Zimmer stand leer; drauen am Himmel fuhren kleine Wolken an der Mondscheibe
vorber, und dmmrige Lichter tanzten jetzt als Beherrscher der Stube ber den
Schreibtisch, ber die Werke der alten Rmer und ber das Bchlein des seligen
Frater Tobias.

                                       2.

                                        

                           Die feindlichen Nachbarn.


In knftigen Zeiten wird, wie man hrt, auf dem Erdball eitel Freude und Liebe
sein. Die Menschheit wird in wassergrnem und himmelblauem Gewande einhergehen,
Sandalen an den Fen und Palmzweige in der Hand, um dem letzten Ha und der
letzten Bosheit Salz auf den Schwanz zu streuen und diese Nachtvgel fr das
groe Museum der Zukunft auszustopfen. Bei solcher Jagd wird man finden, da das
letzte Nest der Unholde zwischen den Wnden zweier Nachbarhuser hngt. Denn
zwischen Nachbar und Nachbar nisten sie, seit der Regen vom Dach des einen
Hauses in den Hof des andern rieselt, seit der Sonnenstrahl durch eine Hausmauer
der andern vorenthalten wird, seit Kinder die Hnde durch den Zaun stecken, um
Beeren zu naschen, seit der Hausherr nicht abgeneigt ist, sich selbst fr besser
zu halten als seine Mitmenschen. Und es gab zu unsern Tagen wenig Gebude im
Lande, zwischen denen Widerwille und feindliche Kritik so arg wirtschafteten als
zwischen den beiden Husern am groen Stadtpark.
    Viele erinnern sich der Zeit, wo die Huser der Stadt noch gar nicht bis an
den waldigen Thalgrund reichten. Damals hatte die Thalgasse nur wenige kleine
Menschenwohnungen, dahinter lag ein wster Raum, Frau Knips, die Wscherin,
trocknete dort Brgerhemden und ihre beiden unartigen Jungen warfen einander mit
den Holzklammern. Da hatte Herr Hummel einen Trockenplatz am letzten Ende der
Strae gekauft und hatte darauf sein schnes Haus gebaut in zwei Stockwerken mit
steinernen Stufen und eisernem Gitter, und dahinter ein einfaches Arbeitshaus
fr sein Geschft, denn er war Hutfabrikant und trieb die Sache sehr ins Groe.
Und wenn er aus seinem Hause trat und die Vorsprnge des Daches und die
Gipsarabesken unter den Fenstern musternd berschaute, so sah er von allen
Seiten Licht und Luft und freie Natur und empfand sich als den vordersten
Pfeiler der Civilisation gegen den Urwald.
    Da begegnete ihm, was manchem Pionier der Wildni die Ruhe strt: sein
Beispiel fand Nachahmung. An einem finstern Morgen des Mrz kam ein Wagen mit
alten Brettern an den Wschplatz gefahren, der ihm gegenber lag, schnell wurde
ein Plankenzaun zusammengeschlagen, Tagelhner mit Haue und Handkarren begannen
Grund zu graben. Das war ein harter Schlag fr Herrn Hummel. Aber sein Leid
wurde grer. Als er zornig ber die Strae schritt und den Maurermeister nach
dem Namen des Mannes frug, der gegen Licht und Ruhm seines Hauses feindlich
arbeiten lie, da erfuhr er, da sein knftiger Nachbar der Fabrikant Hahn sein
sollte. Von allen Menschen auf der Welt war dieser der grte Tort, den ihm das
Schicksal anthun konnte. Nicht eigentlich als Brger betrachtet, er war nicht
unreputirlich, es lie sich gegen die Familie nichts Schweres einwenden, aber er
war Hummels natrlicher Gegner, denn das Geschft des neuen Ansiedlers bewegte
sich auch um Hte, und zwar um Strohhte. Diesen leichten Plunder zu verfertigen
ist nie fr eine ernste Mnnerarbeit gehalten worden, es war nie ein znftiges
Handwerk, es hat nie das Recht gehabt, Lehrlinge frei zu sprechen, es ist sonst
nur von italienischen Bauern betrieben worden, es hat sich als eine Neuerung mit
andern schlechten Sitten erst spt in der Welt verbreitet, es ist im Grunde gar
kein Geschft, man kauft Strohbnder und lt sie durch zusammengelaufene
Mdchen im Wochenlohn aneinandernhen. Und es besteht eine alte Feindschaft
zwischen Filzhut und Strohhut. Der Filzhut ist eine historische Macht, durch
Jahrtausende geheiligt, nur die Mtze duldete er neben sich, als gemeine
Einrichtung fr Werkeltage. Da erhob der Strohhut seine Anmaungen gegen
verbrieftes Recht und beanspruchte frech die Hlfte des Jahres. Seit der Zeit
schwanken die Wagschalen des irdischen Beifalls zwischen diesen beiden
Attributen des Menschengeschlechts. Wenn der unstte Sinn der Sterblichen nach
dem Stroh zuschwankt, bleibt der schnste Filz, Felbel, Seide und Pappe
unbeachtet stehn, von der Luft ausgezogen, von Motten zerbissen. Hinwiederum
wenn die Neigungen der Menschen nach dem Filz hinfluthen, trgt alles Geborne,
Frauen, Kinder und Kindermdchen, kleine Mnnerhte, dann liegt das Stroh
klglich, kein Herz schlgt dafr und die Hausmaus nistet in dem schnsten
Geflecht.
    Das war fr Herrn Hummel ein starker Grund zum Zorn. Aber es wurde noch
rger. Er sah tglich, wie das feindliche Haus aus dem Boden wuchs, er
beobachtete die Gerste, die aufsteigenden Mauern, die Zieraten der Gesimse, die
Fensterreihen, - es war zwei Fenster lnger als sein Haus. Das Erdgescho hob
sich in die Hhe, ein zweiter Stock, zuletzt gar ein dritter - alle Fabrikrume
des Strohmanns wurden dem Wohnhaus einverleibt. Das Haus des Herrn Hummel war zu
einem unbedeutenden Dinge herabgedrckt. Da schritt er zu seinem Advocaten und
forderte Rache wegen entzogenem Licht und verschlechterter Aussicht. Natrlich
zuckte dieser die Achseln. Das Recht Huser zu bauen gehrte zu den Grundrechten
der Menschheit, es war auch gemeines deutsches Herkommen in Husern zu leben,
und es war voraussichtlich hoffnungslos zu beantragen, da Hahn auf seinem
Grundstck nur ein. Leinwandzelt errichten drfe. So war durchaus nichts zu thun
als sich mit Geduld zu fgen, und Herr Hummel htte sich das selbst sagen
sollen.
    Seitdem waren Jahre vergangen. Zu derselben Stunde vergoldete das
Sonnenlicht die Parkseite der beiden Huser, stattlich und bewohnt standen sie
da, beide gefllt mit Menschen, welche tglich aneinander vorbeigingen. Zu
derselben Stunde trat der Brieftrger ber beide Thrschwellen, die Tauben
flogen von dem einen Dach auf das andere, die Sperlinge an den beiden Hausrinnen
traten in die gemthlichsten Beziehungen; um das eine Haus roch es zuweilen ein
wenig nach Schwefel, um das andere nach versengten Haaren, aber derselbe
Sommerwind trieb vom Walde den Harzgeruch und den Duft der Lindenblthen durch
beide Hausthren. Und doch, die tiefe Abneigung der beiden Huser hatte sich
nicht verringert. Das Haus Hahn empfand einen Widerwillen gegen versengte Haare,
und die Familie Hummel hustete in ihrem Garten zornig, sooft eine Spur von
Schwefel in dem Sauerstoff der Luft geargwhnt wurde.
    Zwar wurde das anstndige Verhalten zu der Nachbarschaft nicht ganz mit
Fen getreten, wenn auch der Filz eine Neigung zu brbeiigem Verhalten hatte,
das Stroh war biegsamer und bewies in mehren Fllen seine Nachgiebigkeit. Beide
Hausherren hatten eine bekannte Familie, in welcher sie zuweilen zusammentrafen,
ja beide hatten einmal vor demselben Tufling gestanden und darauf geachtet, da
einer nicht weniger Pathengeld gab als der andere. Deshalb entstand ein
unvermeidliches Gren, so oft man ihm nicht aus dem Wege gehen konnte. Aber
dabei blieb es. Zwischen dem Markthelfer, welcher die Strohhte schwefelte, und
den Arbeitern, welche ber den Hasenhaaren walteten, bestand glhender Ha. Und
die kleinen Leute, welche in den nchsten Husern der Strae wohnten, wuten das
und thaten redlich das Ihre, um das bestehende Verhltni aufrecht zu erhalten.
Auch konnte in der That das Wesen der beiden Hausherren schwerlich
zusammenstimmen. Der Dialekt war verschieden, die Bildung hatte einen anderen
Strich, was der eine an Leibgerichten und andern Einrichtungen des Lebens lobte,
mifiel dem andern; Hummel war aus einem Baumstamm des nrdlichen Deutschland an
das Licht geflogen, Hahn aus einer kleinen Stadt in der Nhe herzugeflattert.
    Wenn Herr Hummel von seinem Nachbar Hahn sprach, so nannte er ihn das
Strohfeuer und den Phantasten. Herr Hahn war ein sinniger Mann, still und
fleiig ber seinem Geschft, in den Freistunden aber ergab er sich ausfallenden
Liebhabereien. Unleugbar waren diese darauf berechnet, dem wandelnden Publicum,
welches zwischen den beiden Husern nach der Waldwiese und den grnen Bumen
hinauszog, einen guten Eindruck zu machen. In dem kleinen Garten hatte er
nacheinander die meisten Erfindungen gehuft, durch welche moderne Gartenkunst
die Erde verschnert. Zwischen den drei Fliederbschen erhob sich ein Felsen aus
Tuffstein gemauert mit schmalem und steilem Pfade zur Hhe, da nur feste
Bergsteiger ohne Alpenstock die Expedition nach dem Gipfel wagen konnten, auch
sie in Gefahr, mit der Nase in den zackigen Tuffstein zu fallen. Im nchsten
Jahre wurden, nahe am Gitterzaun, in kurzen Entfernungen Stangen errichtet, an
denen Schlinggewchse hinaufliefen; zwischen je zwei Stangen hing eine bunte
Glaslampe. Wenn die Lampenreihe an festlichen Abenden angezndet war, warf sie
einen magischen Glanz auf die Strohhte, welche unter dem Fliederbusch
zusammensaen und die Urtheile der Vorbergehenden einsammelten. Den Glaskugeln
folgte das Jahr der Papierlaternen. Wieder im nchsten Jahre erhielt der Garten
ein antikes Aussehen, denn eine weie Muse glnzte, von Epheu und blhendem Lack
umgeben, bis weit in den Wald hinein.
    Gegenber solcher Neuerungssucht hielt Herr Hummel fest an seiner Vorliebe
fr's Wasser. An der Hinterseite seines Hauses zog sich eine schmale Wasserader
nach der Stadt. Alljhrlich wurde sein Kahn mit derselben grnen Oelfarbe
angestrichen, er setzte sich in seinen Freistunden am liebsten allein in den
Kahn und ruderte sich ein wenig auf den Husern in den Park, nahm seine Angel
zur Hand und ergab sich dem Vergngen, Weifische und anderes kleines Wasservolk
zu fangen.
    Ohne Zweifel war das Haus Hummel legitimer, das heit eigensinniger,
wunderlicher, schwerer zu behandeln. Von allen Hausfrauen der Strae erhob Frau
Hummel die grten Ansprche, durch seidene Kleider, durch eine goldene Uhr an
goldener Kette. Sie war eine kleine Dame mit blonden Locken, immer noch recht
hbsch, sie war im Theater abonnirt, gebildet und zartfhlend und konnte sehr
bse werden. Sie sah aus, als wenn sie sich aus nichts etwas mache, aber sie
wute Alles, was auf der Strae vorging. Nur den eigenen Gatten vermochte ihre
Regierungskunst nicht immer zu bewltigen. Doch bewies Herr Hummel, tyrannisch
gegen alle Welt, seiner Frau groe Rcksicht. Wenn sie ihm im Hause zu stark
wurde, ging er stillschweigend in den Garten, und wenn sie ihm auch dahin
folgte, verschanzte er sich in der Fabrik hinter einem Bollwerk von Haaren.
    Aber auch Frau Hummel war einer hheren Gewalt unterworfen, und diese Macht
bte ihr Tchterchen Laura. Von mehren Kindern war ihr nur dies eine geblieben,
alle Zrtlichkeit und weiche Empfindung der Mutter war ihm zu Theil geworden.
Und es war ein prchtiger kleiner Balg, die ganze Stadtgegend kannte sie, seit
sie die ersten rothen Schuhe trug, schon auf dem Arm der Wrterin war sie oft
angehalten und beschenkt worden. Lustig wuchs es auf, ein dralles Mdchen mit
zwei groen blauen Augen und rothen Bckchen, mit dunklem Kraushaar und einem
schlauen Gesicht. Wenn die kleine Hummel die Strae entlang spazierte, ihre
Hndchen in den Taschen der Schrze, war sie die Freude der ganzen
Nachbarschaft. Keck und kurzab wute sie sich in alle zu schicken und blieb mit
dem kleinen Mulchen Niemandem etwas schuldig. Sie gab dem Holzhacker vor der
Thr ihre Buttersemmel und trank mit ihm aus seiner Schale den dnnen Kaffe, sie
begleitete den Postboten die ganze Strae entlang, und ihr grtes Vergngen
war, mit ihm die Treppen hinaufzulaufen, zu klingeln und seine Briefe zu
bergeben; ja sie hatte sich einst am spten Abend aus der Stube geschlichen,
sa neben dem Nachtwchter auf einem Ecksteine und hielt sein groes Horn in
ungeduldiger Erwartung des Stundenschlages, zu welchem das Horn ertnen wrde.
Frau Hummel schwebte in einer unaufhrlichen Angst, da ihre Tochter einmal
gestohlen werden msse, denn mehr als einmal war sie auf viele Stunden
verschwunden, dann war sie mit fremden Kindern in ihre Wohnung gegangen und
hatte mit ihnen gespielt; sie war die Vertraute vieler kleiner Straenjungen,
wute sich bei ihnen in Respect zu setzen, gab ihnen Pfennige und empfing als
Zeichen der Achtung Brummteufel und kleine Schornsteinfeger, die aus gebackenen
Pflaumen und Holzstbchen zusammengesetzt waren. Sie war ein gutherziges Kind,
das lieber lachte als weinte, und ihr lustiges Gesicht machte das Haus des Herrn
Hummel wohnlicher als die Efeulaube der Hausfrau und das mchtige Brustbild des
Herrn Hummel selbst, welches recht eigensinnig auf Laura's Puppenstube
heruntersah.
    Das Kind wird unertrglich, rief Frau Hummel zornig und trat, die betrbte
Laura an der Hand, in das Wohnzimmer. Sie quirlt den ganzen Tag auf der Strae
umher. Jetzt, als ich vom Markte kam, sa sie neben der Brcke auf dem Stuhl der
Obstfrau und verkaufte ihr die Zwiebeln. Jedermann blieb stehen und ich mute
mein Kind aus dem Gedrnge herausholen.
    Das Wurm wird gut, versetzte Herr Hummel lachend, warum willst du ihr die
Jugend nicht gnnen?
    Sie mu aus dem ordinren Verkehr heraus. Es fehlt ihr aller Sinn fr das
Feinere, sie kennt noch kaum die Buchstaben und sie hat einen Abscheu vor dem
Lesen. Auch ist Zeit, da mit den franzsischen Vocabeln ein Anfang gemacht
wird. Die Betty der Regierungsrthin ist nicht lter und sie wei ihre Mutter
schon so zierlich chre mre zu nennen.
    Die Mutter Schere und Mhre und den Vater Kohlrabi, versetzte Herr Hummel.
Die Franzosen sind ein artiges Volk. Wenn du so besorgt bist, deine Tochter fr
den Markt abzurichten, dann ist das Trkische immer noch besser als das
Franzsische. Der Trke bezahlt dir Geld, wenn du ihm das Kind verhandelst, die
Andern wollen alle noch etwas dazu haben.
    Sprich nicht so ruchlos, Heinrich! rief die Gattin.
    Und du bleib mir mit deinen verdammten Vocabeln vom Leibe, sonst verspreche
ich dir, ich lehre das Kind alle franzsischen Redensarten, die ich kenne, es
sind ihrer nicht viele, aber sie sind krftig. Baisez moi, Madame Uemmel. Damit
ging er trotzig aus dem Zimmer.
    Das Ergebni dieser Berathung war aber doch, da Laura in die Schule ging.
Es wurde ihr sehr schwer, zu schweigen und zu hren, und lngere Zeit waren die
Fortschritte wenig befriedigend. Endlich kam auch in die kleine Seele der
Ehrgeiz, sie klomm die untern Staffeln der Bildung bei Frulein Johanne heran,
dann wurde sie in das berhmte Institut von Frulein Jeannette befrdert, wo die
Tchter anspruchsvoller Familien das hhere Wissen erhielten. Dort lernte sie
die Nebenflsse des Amazonenstromes, viel eghyptische Geschichte, tippte auf den
Deckel eines Elektrophors, sprach Franzsisch ber das Wetter, las Englisch in
einer kunstvollen Weise, welche sogar dem gebornen Briten die Anerkennung
abnthigte, da in dem Institut eine neue Sprache erfunden werde, und wurde
endlich in allen Feinheiten eines deutschen Aufsatzes gebildet. Sie schrieb
kleine Abhandlungen ber den Unterschied zwischen Wachen und Schlafen, ber die
Gefhle der berhmten Cornelia, Mutter der Gracchen, ber die Schrecken eines
Schiffsbruchs und die wste Insel, auf welche sie sich gerettet hatte. Zuletzt
erwarb sie Kenntnisse in der Abfassung von Strophen und Sonetten. Bald stellte
sich heraus, da Laura's Hauptstrke nicht in der franzsischen, sondern in der
deutschen Sprache lag, ihr Stil wurde die Freude der Anstalt, ja sie begann ihre
Lehrerinnen und die liebsten Mdchen in Gedichten anzusingen, welche den
schwierigen Versbau des groen Schiller vom Kranze aus goldenen Aehren bis zur
Form aus Lehm gebrannt sehr glcklich nachahmten. Jetzt war sie mit achtzehn
Jahren ein hbsches rosiges Frulein, immer noch rund und lustig, immer noch die
Gebieterin des Hauses, und bei allen Leuten auf der Strae beliebt.
    Die Mutter, stolz auf die Bildung der Tochter, hatte ihr nach der
Confirmation ein Oberstbchen gerumt, das auf die Bume des Parkes hinaussah,
und Laura richtete sich ihr kleines Heimwesen zu einem Feenschlo ein, mit Efeu,
mit einem kleinen Blumentisch, mit einem allerliebsten Schreibzeug aus
Porzellan, auf welchem Schfer und Schferin nebeneinander saen. Dort oben
verlebte sie ihre schnsten Stunden bei Feder und Lschblatt, denn sie schrieb
vor jedermann verborgen ihre Memoiren.
    Aber auch sie theilte die Abneigung ihrer Familie gegen das Nachbarhaus.
Schon als kleines Ding war sie bei dieser Hausthr schmollend vorbergegangen,
noch nie hatte ihr Fu den Hausflur betreten, und wenn die gute Frau Hahn einmal
einen Handschlag von ihr forderte, so dauerte es lange, bevor sie die kleine
Hand aus der Schrze zog. Von den Bewohnern des Nachbarhauses war ihr aber der
junge Fritz Hahn am peinlichsten. Sie traf selten mit ihm zusammen, und dann
wollte das Unglck, da sie immer in einer Verlegenheit war und Fritz Hahn ihren
Gnner spielen konnte. Als sie noch gar nicht in die Schule ging, hatte der
lteste Sohn der Frau Knips, schon ein erwachsener Schlingel, welcher hbsche
Bilder und Geburtstagswnsche malte und an die Leute in der Nachbarschaft
verkaufte, sie einmal zwingen wollen, das Geld, das sie in der Hand hielt, fr
einen Teufelskopf auszugeben, den er gemalt hatte und den Niemand auf der Strae
haben wollte. Recht widerwrtig und boshaft behandelte er sie und sie geriet
gegen ihre Gewohnheit in Angst, gab ihre Groschen hin und hielt weinend das
greuliche Bild zwischen den Fingern. Da kam Fritz Hahn seines Weges, fragte nach
dem Handel, und als sie ihm die Gewaltthat des Knips klagte, entbrannte er von
einem so heftigen Zorn, da sie wieder ber den Fritz erschrak. Er fuhr auf den
Burschen los, der sein Mitschler war und schon eine Klasse hher sa, und
begann auf der Stelle eine Prgelei, welcher der jngere Knips, die Hnde in der
Tasche, lachend zusah. Und Fritz drngte den garstigen Buben an die Wand und
zwang ihn, das kleine Geldstck herauszugeben und seinen Teufel wieder zu
nehmen. Aber diese Begegnung half gar nicht dazu, ihr den Fritz lieb zu machen.
Sie konnte nicht leiden, da er schon als Primaner eine Brille trug und da er
immer so ernst vor sich hinsah. Wenn sie aus der Schule kam und er mit seiner
Mappe in die Vorlesung ging, suchte sie ihm jedesmal aus dem Wege zu gehen.
    Noch spter einmal stie sie mit ihm zusammen - sie sa unter den ersten
Mdchen im Institut, der lteste Knips war bereits Magister und der jngere
Lehrling im Geschft ihres Vaters und Fritz Hahn sollte gerade Doctor werden -,
da hatte sie sich auf dem Kahn zwischen die Bume des Parkes gerudert, bis der
Kahn an eine Wurzel stie und ihr Ruder in das Wasser fiel. Und als sie sich
darnach bckte, gingen Hut und Sonnenschirm denselben Weg, und Laura sah
verlegen um Hilfe nach dem Ufer. Da kam wieder Fritz Hahn in tiefen Gedanken
daher, er hrte den leisen Schrei, welchen Laura bei dem Unfall ausstie, sprang
sofort in das schlammige Wasser, fischte Hut und Sonnenschirm und zog den Kahn
an das Ufer. Hier bot er Laura die Hand und half ihr auf festen Grund. Laura war
ihm wohl Dank schuldig, auch hatte er sie mit Achtung behandelt und Frulein
genannt. Aber er sah doch sehr lcherlich aus, die hagere Gestalt verbeugte sich
ungeschickt und die Glser waren starr auf sie gerichtet. Und als sie darauf
erfuhr, da er von dem Sprung in den Sumpf einen schrecklichen Katarrh
davongetragen hatte, da wurde sie heizornig auf sich selbst und auf ihn, weil
sie geschrieen hatte, wo gar keine Gefahr war, und weil er zu so unnthigem
Ritterdienst gestrmt war; sie wrde sich schon allein geholfen haben, und jetzt
dchten die Hahns, sie sei ihnen wer wei welchen Dank schuldig.
    Darber htte sie ruhig sein knnen, denn Fritz hatte sich still umgezogen
und die Kleider in seiner Stube getrocknet.
    Freilich, da die beiden feindlichen Kinder einander mieden, war natrlich,
denn Fritz war eine ganz andere Natur. Auch er war das einzige Kind und auch er
war von einem gutherzigen Vater und einer bersorglichen Mutter weich erzogen.
Von klein auf ein stiller, in sich gekehrter Knabe, anspruchslos, fleiig in den
Bchern, hatte er sich neben dem Haushalt der Eltern seine eigene Welt in der
Wissenschaft ausgebaut, welche von der groen Heerstrae seitab lag. Whrend um
ihn das Leben lustig summte, sa er ber die Grundstriche und Haken des Sanskrit
gebeugt und untersuchte die Familienverwandtschaft zwischen dem wilden
Geisterheer, das ber der Teutoburger Schlacht dahinfuhr, und zwischen den
Gttern der Veda, welche ber Palmenwlder und Bambusrohr in das heie
Gangesthal hinabschwebten. Auch er war Freude und Stolz seines Hauses, die
Mutter lie sich nicht nehmen, jeden Morgen selbst den Kaffe hinaufzutragen,
dann setzte sie sich mit ihrem Schlsselbund ihm gegenber und sah schweigend
zu, whrend er sein Frhstck verzehrte, schalt leise ber sein Nachtarbeiten am
letzten Abend und sagte ihm, da sie nicht ruhig einschlafe, bis sie ber sich
den Stuhl rcken hre und die Stiefeln klappern, die er zum Reinigen vor die
Thr stellte. Nach dem Frhstck bot Fritz dem Vater Gutenmorgen, und er wute,
da dem Vater Freude war, wenn er einige Minuten mit ihm durch den Garten
schritt, das Wachsthum der Lieblingsblumen betrachtete und vor allem, wenn er
dem Vater zu einer Verschnerung seine Zustimmung geben konnte. Das war der
einzige Punkt, wo Herr Hahn mit seinem Sohne zuweilen in Gegensatz gerieth. Und
da er den Grnden des Sohnes nicht zu widerstehen vermochte und den eigenen
starken Verschnerungstrieb auch nicht bndigen konnte, so schlug er gern den
Weg ein, der selbst von greren Politikern fr ntzlich erachtet wird, er
bereitete seine Plne heimlich vor und berraschte durch Thatsachen.
    Bei solchem Stillleben war dem jungen Gelehrten der Verkehr mit dem
Professor das beste Vergngen des Tages, seine Erhebung, sein Stolz. Er hatte
noch als Student die ersten Vorlesungen gehrt, welche Felix Werner an der
Universitt hielt. Allmhlich war eine Freundschaft entstanden, wie sie
vielleicht nur unter hochgebildeten und wackern Gelehrten mglich ist. Er wurde
der hingebende Vertraute fr die umfangreiche Thtigkeit seines Freundes. Jede
Untersuchung des Professors und ihre Erfolge wurden bis auf Einzelheiten
besprochen, jede Freude, die ein neuer Fund machte, theilten die Nachbarn.
Tglich sahen sie einander, viele Abende vergingen ihnen in der schnen Art der
Unterhaltung, welche den Deutschen eigentmlich ist, in einem Gesprch, das
zwischen Errterung und Geplauder schwebt, wo zwei Geister, welche beide die
Wahrheit suchen, sich im Austausch ihrer Ansichten gegenseitig frdern. Dann
rhrte in Jedem, angeregt durch das feine Verstndni und die Einwrfe des
Andern, eine schpferische Kraft krftig die Schwingen, und blitzschnell und
ungeahnt ffneten sich dem Sprechenden und dem Hrer neue Gesichtspunkte, ein
tieferes Verstndni. Mit dem besten Theil ihres Lebens wuchsen Beide zusammen.
Freilich war Fritz als der jngere auch der, welcher sich am meisten der
feurigen Natur des Freundes bequemte, er war mehr Empfnger als Gebender. Aber
gerade deshalb wurde das Verhltni so fest und innig. Nicht ohne kleine
Strungen, wie das bei Gelehrten natrlich ist, denn beide waren von schnellem
Urtheil, beide hochgespannt in den Forderungen, die sie an sich selbst und an
die Menschen machten, beide von seiner, leicht erregter Empfindung. Aber solche
Gegenstze wurden bald berwunden, sie trugen nur dazu bei, die liebevolle
Rcksicht, mit welcher die Freunde einander behandelten, zu vergrern.
    Durch diese Freundschaft wurde das schwierige Verhltni der beiden Huser
ein wenig gemildert. Auch Herr Hummel konnte nicht umhin, dem Doctor eine kleine
Rcksicht zu gnnen, da sein hochverehrter Miether den Sohn der Feinde
auffallend auszeichnete. Denn auf seinen Miether lie Herr Hummel nichts kommen.
Durch dunkles Gercht war ihm verkndet, da der Professor in seiner Art ein
berhmter Mann sei, und er war geneigt, irdischen Ruhm besonders hochzuachten,
wenn dieser bei ihm zur Miethe wohnte. Auch war der Professor ein vortrefflicher
Miether, er protestirte nie gegen eine Maregel, welche Herr Hummel als oberste
Polizeibehrde des Hauses verfgte; er hatte Herrn Hummel einst wegen Anlage
eines Capitals um Rath gefragt, er hielt nicht Hund nicht Katze, gab keine
Tanzgesellschaften, sang nicht zum Fenster hinaus und spielte auf keinem Flgel
Bravourstcke. Und was die Hauptsache war, er bewies gegen Frau Hummel und
Laura, wenn er ihnen einmal begegnete, eine ritterliche Artigkeit, welche dem
gelehrten Herrn sehr wohl stand. Frau Hummel war von ihrem Miether begeistert,
und Hummel hatte gut befunden, die letzte nothwendige Erhhung der Miethe nicht
vorher im Familienkreise zu besprechen, weil er einen Widerspruch seiner
gesammten weiblichen Bevlkerung voraussah.
    Jetzt hatte der Kobold, welcher zwischen beiden Husern hin und her lief,
Steine in den Weg werfend und den Menschen Eselsohren bohrend, auch die beiden
freien Seelen seines Reviers gegeneinander aufgeregt. Aber sein Versuch blieb
kmmerlich: die wackern Mnner waren nicht fgsam, nach seiner mitnenden
Pfeife zu tanzen.
    Frh am nchsten Morgen trug Gabriel einen Brief seines Herrn zum Doctor
hinber. Als er in den feindlichen Hausflur trat, kam ihm eilig Dorchen, das
Dienstmdchen der Familie Hahn, entgegen, einen Brief ihres jungen Herrn an den
Professor in der Hand. Die Boten tauschten die Briefe und zu gleicher Zeit lasen
die Freunde ihre Zuschriften.
    Der Professor schrieb: Mein lieber Freund, zrne mir nicht, da ich wieder
einmal heftig wurde, die Veranlassung war so abgeschmackt als mglich. Was mich
verstimmte, war, ehrlich gesagt, da du so unbedingt verweigertest, einen
Lateiner mit mir herauszugeben. Denn die Mglichkeit, Verlorenes zu finden,
welche wir im geflligen Traume durch einige Augenblicke annahmen, war mir doch
auch darum so lockend, weil sie uns beiden eine gemeinsame Thtigkeit in
Aussicht stellte. Wenn ich versuche, dich in den engern Kreis meiner
Wissenschaft zu ziehen, so wirst du voraussetzen, da ich dabei nicht nur durch
persnliche Empfindungen, sondern weit mehr durch den naheliegenden Wunsch
bestimmt werde, fr die Wissenschaft, auf welche ich mich beschrnken mu, deine
Kraft zu gewinnen.
    Fritz dagegen schrieb: Lieber theurer Freund, ich trage das peinliche
Gefhl mit mir herum, da meine Empfindlichkeit von gestern uns beiden einen
schnen Abend verdorben hat. Meine nur nicht, da ich dir das Recht bestreiten
will, mir die Weitschweifigkeit und Systemlosigkeit meiner Arbeiten vorzuhalten.
Gerade weil deine Aeuerungen eine Saite berhrten, deren stillen Miklang ich
selbst zuweilen empfinde, verlor ich fr einen Augenblick die Unbefangenheit. Du
hast sicher in Vielem Recht, nur das Eine bitte ich dich zu glauben, da meine
Weigerung, mit dir eine groe Arbeit zu bernehmen, weder selbstschtig noch
unfreundschaftlich war. Ich bin mir bewut, da ich ein, wenn auch fr meine
Kraft zu umfangreiches, Gebiet nicht verlassen, am wenigsten aber mit einem
neuen Kreis von Interessen vertauschen darf, in welchem mein mangelhaftes Knnen
dir nur zur Last sein wrde.
    Beide waren nach Empfang dieser Briefe doch etwas beruhigt. Da aber einzelne
Aeuerungen derselben jedem von ihnen eine weitere Auseinandersetzung nothwendig
machten, so setzten sich beide hin und schrieben einander wieder kurz und
gedrungen, wie gedankenvollen Mnnern ziemt. Der Professor antwortete: Fr
deinen Brief, mein theurer Fritz, danke ich dir von Herzen. Nur das Eine mu ich
wiederholen, du hast von je deinen eigenen Werth zu niedrig angeschlagen, und
wenn ich dir einen Vorwurf machen darf, so ist es nur dieser.
    Fritz endlich antwortete: Wie tief und gerhrt empfinde ich in diesem
Augenblick deine Freundschaft fr mich. Nur das will ich dir noch sagen, unter
Vielem, was ich von dir zu lernen habe, ist mir nichts nthiger als deine
bescheidene Beschrnkung. Und wenn du mit diesem Worte deine umfassende und
resultatvolle Thtigkeit bezeichnest, so zrne nicht, da auch ich fr meine
Arbeit darnach ringe.
    Der Professor ging nach Absendung seines Briefes unruhig in die Vorlesung
und hatte das Bewutsein, da er zerstreut vortrage, Fritz eilte auf die
Bibliothek und suchte emsig alle Notizen zusammen, welche ber Schlo Bielstein
aufzutreiben waren. Am Mittag nach der Heimkehr las jeder den zweiten Brief des
Freundes, dann sah der Professor oft nach der Uhr, und als es drei schlug,
setzte er schnell seinen Hut auf und ging mit groen Schritten ber die Strae
in das feindliche Haus. Whrend er den Thrgriff an der Stube des Doctors fate,
fhlte er von innen einen Gegendruck, krftig ri er die Thr auf, Fritz stand
vor ihm, ebenfalls den Hut auf dem Kopf, im Begriff, zu ihm hinberzugehen. Ohne
ein Wort zu sagen, umarmten einander die beiden Freunde.
    Ich bringe gute Nachricht vom Antiquar, begann der Professor.
    Und ich vom alten Schlosse, rief Fritz.
    Hre zu, sagte der Professor, der Antiquar hat das Buch des Fraters von
einem Kleinhndler gekauft, der im Lande umherzieht, Gerth und alte Bcher zu
sammeln. Der Mann wurde in meiner Gegenwart herbeigeholt, er hat das Bchlein in
der Stadt Rossau selbst aus dem Nachla eines Tuchmachers erstanden, mit einem
alten Schrank und einigen geschnitzten Schemeln. Es ist also wenigstens mglich,
da die handschriftlichen Bemerkungen am Ende, die sich ohnedies ungebtem Blick
entziehen, seit dem Tode des Fraters niemals Aufmerksamkeit erregt und niemals
Nachforschungen veranlat haben. - Vielleicht gewhrt noch ein Kirchenbuch in
Rossau Nachricht ber Leben und Tod des Mnches Tobias Bachhuber.
    Wohl, besttigte Fritz vergngt, es besteht dort eine Gemeinde seiner
Confession. Schlo Bielstein aber liegt eine halbe Stunde von der Stadt Rossau
auf einer waldigen Anhhe - sieh hier die Karte. Es war frher Eigenthum des
Landesherrn, im vorigen Jahrhundert ist es in Privatbesitz bergegangen. Das
Gebude aber dauert noch, es wird in dieser Landeskunde als altes Schlo
aufgefhrt, welches gegenwrtig Wohnhaus eines Herrn Bauer ist. - Auch mein
Vater wei von dem Hause, er hat es auf einer Geschftsreise von der Landstrae
gesehen und schildert es als ein langgestrecktes Gebude mit Erkern und hohem
Dach.
    Die Fden verflechten sich zu einem guten Gewebe, sagte der Professor,
sich behaglich zurechtsetzend.
    Halt, noch eins, rief der Doctor geschftig. Die Sagen dieser Landschaft
sind von einem unserer Freunde gesammelt. Der Wackere ist zuverlssig. La
sehen, ob er eine Erinnerung aus der Umgebung von Rossau ausgezeichnet hat. Er
schlug eilig nach, sah in das Buch und blickte den Freund sprachlos an.
    Der Professor ergriff den Band und las die kurze Notiz: In der Umgegend von
Bielstein erzhlt man, da vor alten Zeiten die Mnche einen groen Schatz im
Schlosse vermauert haben.
    Wieder stieg die alte unheimliche Handschrift vor den Freunden aus dem
Boden, deutlich sichtbar, mit den Hnden zu greifen.
    Unmglich ist ja nicht, da die Handschrift dort noch versteckt liegt,
bemerkte endlich der Professor mit knstlicher Ruhe. An Beispielen fr
dergleichen Funde fehlt es nicht. Es ist noch nicht lange her, da wurde in dem
alten Hause eines Gutsbesitzers meiner Heimat eine Zimmerdecke durchgeschlagen,
es war eine Doppeldecke, der leere Raum dazwischen enthielt eine Anzahl Urkunden
und Papiere ber Eigenthumsrechte, daneben einigen alten Schmuck. Der Schatz war
auch zur Zeit des groen Krieges versteckt worden, und durch Jahrhunderte hatte
Niemand auf die niedrige Decke der kleinen Stube geachtet.
    Natrlich, rief Fritz, sich die Hnde reibend, auch in den Bekleidungen
der alten Rauchfnge sind zuweilen leere Rume; ein Bruder meiner Mutter fand
beim Umbau seines Hauses an solcher Stelle einen Topf mit Mnzen. Er zog seinen
Beutel. Hier ist eine davon, ein schner Schwedenthaler. Der Oheim gab mir ihn
bei der Einsegnung als Heckgroschen und ich trage ihn seit der Zeit in der
Brse. Ich habe manchmal harte Versuchung ihn auszugeben bekmpft.
    Der Professor untersuchte genau den Kopf Gustav Adolphs, als ob dieser ein
Nachbar des versteckten Tacitus gewesen wre und in seiner Umschrift eine Kunde
von dem verlorenen Buch brchte. Es ist richtig, sagte er nachdenkend, wenn
das Haus auf einer Anhhe liegt, knnten selbst die Kellerrume trocken sein.
    Allerdings, erwiederte der Doctor. Hufig wurden auch die dicken Wnde
doppelt gemauert und der Zwischenraum mit Schutt ausgefllt. Es ist in solchem
Fall leicht, durch kleine Oeffnung einen hohlen Raum im Innern der Mauer
hervorzubringen.
    Fr uns aber, begann der Professor sich aufrichtend, erwchst jetzt die
Frage: Was haben wir zu thun? Denn eine solche Kunde, wie gro oder gering ihre
Bedeutung auch werden mge, legt dem Finder doch die Pflicht auf, alles Mgliche
zu thun, was die Entdeckung frdern kann. Und diese Pflicht haben wir ungesumt
und vollstndig zu erfllen.
    Wenn du ffentliche Mittheilung von dieser Ueberlieferung machst, so gibst
du die Aussicht, die Handschrift selbst zu entdecken, und Alles, was sich daran
knpfen mag, aus den Hnden.
    In dieser Sache mu jede persnliche Rcksicht schwinden, entschied der
Professor.
    Und wenn du jetzt die gefundenen Klosternotizen bekanntmachst, fuhr der
Doctor fort, wer steht dir dafr, da nicht die behende Thtigkeit eines
Antiquars oder eines Auslnders allen weiteren Nachforschungen zuvorkommt? In
solchem Falle mag der Schatz, selbst wenn er gefunden wird, nicht allein fr
dich, auch fr unser Land, ja fr die Wissenschaft verloren gehn.
    Das letzte wenigstens darf nicht geschehn, rief der Professor. - Und
auch, wenn du dich an die Staatsregierung jener Landschaft wendest, ist sehr
zweifelhaft, ob dir Verstndni und guter Wille entgegenkommt, errterte der
Doctor siegreich.
    Es fllt mir nicht ein, die Angelegenheit fremden Beamten zu berlassen,
erwiederte der Professor. Wir haben aber ganz in der Nhe Jemand, dessen Glck
und Scharfsinn im Aufspren von Seltenheiten wunderbar sind. Ich habe Lust, dem
Magister Knips von der Handschrift zu sagen: er mag seine Correcturen auf einige
Tage bei Seite legen, fr uns nach Rossau reisen und dort das Terrain
untersuchen.
    Der Doctor fuhr in die Hhe: Das darf niemals geschehen. Knips ist nicht
der Mann, dem man ein solches Geheimni anvertrauen darf.
    Ich habe ihn doch stets zuverlssig gefunden, entgegnete der Professor.
Er ist bei vieler Wunderlichkeit geschickt und wohlunterrichtet.
    Mir wre eine Entweihung deines schnen Fundes, den trdelhaften Mann dafr
zu verwenden,versetzte Fritz, und ich werde es nie billigen.
    Dann also, rief der Professor, bin ich entschlossen. Die Ferien sind vor
der Thr, ich gehe selbst in das alte Haus. Du aber, mein Freund, auch du
wolltest dir einige Reisetage gnnen, du mut mich begleiten: wir reisen
zusammen, schlag ein.
    Von Herzen, rief der Doctor, die Hand des Freundes fassend. Wir dringen
in das Schlo und citiren die Geister, welche ber dem Schatze schweben.
    Wir sprechen zuerst ein verstndiges Wort mit dem Eigenthmer des Hauses.
Was dann zu thun ist, wird sich finden. Unterde bewahren wir die Angelegenheit
als Geheimni.
    So ist es recht, stimmte Fritz bei; die Freunde stiegen vergngt in den
Garten des Herrn Hahn hinab und beriethen, um die weie Muse gelagert, die
Erffnung des Feldzuges.
    Fest eingedmmt durch methodisches Denken war die Phantasie des Gelehrten,
aber in der Tiefe seiner Seele strmte doch reichlich und stark dieser
geheimnivolle Quell aller Schnheit und Thatkraft. Jetzt war in den Damm ein
Loch gerissen, lustig ergo sich die Flut ber seine Saaten. Immer wieder flog
ihm der Wunsch zu der rthselhaften Handschrift. Er sah die Mauerffnung vor
sich und den ersten Schein der Leuchte, der auf die grauen Bcher in der Hhlung
fiel; er sah den Schatz in seinen Hnden, wie er ihn heraustrug und nicht mehr
von sich lie, bis er die unleserlichen Seiten entziffert hatte. - Seliger Geist
des Frater Tobias Bachhuber! wenn du etwa deine Ferienzeit im Himmel dazu
verwendest, auf unsere arme Erde zurckzukehren, und wenn du dann bei Nacht
durch die Rume des alten Schlosses gleitest, deinen Schatz htend und
unberufene Neugierige schreckend, o so winke freundlich dem Manne zu, der jetzt
naht, dein Geheimni ins Sonnenlicht zu tragen, denn er sucht wahrhaftig nicht
fr sich Gewinn und Ehren, sondern er beschwrt dich als ein Redlicher im Dienst
guter Gewalten.

                                       3.

                                        

                              Die Reise ins Blaue.


Wer aus hhern Regionen auf die Gegend von Rossau herniederblickte, der konnte
an einem sonnigen Erntemorgen des August zwischen den Weiden der Landstrae eine
Bewegung wahrnehmen, welche den Thoren der Stadt zustrebte. Fr nhere
Betrachtung wurden zwei wandelnde Mnner erkennbar, ein grerer und ein
kleinerer, beide in hellen Sommerkleidern, welchen durch die Gewitterregen des
letzten Tages aller Glanz abgesplt war, beide mit ledernen Reisetaschen, welche
am Riemen von der Schulter hingen; der grere trug einen breitkrempigen
Filzhut, der kleinere einen Strohhut.
    Die Wanderer waren Fremdlinge, denn sie hielten zuweilen an und beobachteten
Thal und Hgel mit Genu, was den Eingeborenen des Landes selten einfiel. Die
Gegend war von Vergngungsreisenden noch nicht entdeckt, in den Wldern waren
nirgend glatte Pfade fr die Zeugstiefeln der Stdter gebahnt, selbst der
Fahrweg war keine Kunststrae, in den ausgefahrenen Wasserlchern stand das
Regenwasser, die Glckchen der Schafherde und die Axt des Holzfllers wurden nur
von den Bewohnern der Umgegend gehrt, welche auf dem Felde arbeiteten oder
zwischen zwei Orten ihrem Geschft nachgingen. Und doch war die Landschaft nicht
ohne Anmuth, die Umrisse der waldigen Hgel schwangen sich in krftigen Linien,
hier und da ragte Gestein zu Tage, ein Steinbruch zwischen Ackerflchen, ein
Felshaupt zwischen den Bumen des Waldes. Von den Bergen am Horizont zog ein
kleiner Bach in gewundenem Lauf dem fernen Flusse zu, umsumt von
Wiesenstreifen, hinter denen sich die Ackerbeete bis zu den belaubten Hhen
hinaufzogen. Frhlich lag die einsame Landschaft im Morgenlicht, seitab von der
groen Vlkerstrae.
    In der Niederung vor den Reisenden erhob sich rings von Hgeln umgeben der
Ort Rossau, ein Landstdtchen mit zwei plumpen Kirchtrmen und dunklen
Ziegeldchern, welche ber die Stadtmauer ragten wie Rcken einer Rinderherde,
die sich gegen ein Rudel Wlfe zusammengedrngt hat.
    Die Fremden schauten von der Hhe mit warmer Theilnahme auf Schornsteine und
Thrme hinter der alten Mauer, welche mifarbig, geborsten und geflickt vor
ihnen lag. Dort war einst ein Schatz bewahrt worden, der wiedergefunden die
ganze civilisirte Welt beschftigen und Hunderte zu begeisterter Arbeit aufregen
wrde. Die Landschaft sah durchweg aus wie andere deutsche Landschaften, der Ort
durchweg wie andere arme Stdtchen. Und doch war irgendein kleiner Zug in der
Gegend, der den Reisenden eine frhliche Hoffnung nhrte. War es der lustige
Zwiebelaufsatz, welcher die dicken alten Thrme krnte? oder war es das
Thorgewlbe, welches gerade vor den Reisenden den Eingang zur Stadt in lockendes
Dunkel hllte? oder die Stille des leeren Thalgrundes, in welchem der Ort ohne
Vorstadt und Auenhuser lag, wie auf alten Karten die Stdte abgebildet werden?
oder die Viehherde, welche aus dem Thore ins Freie zog und aus dem Anger
leichtfertige Sprnge machte? oder war es vielleicht die krftige Morgenluft,
welche den Wanderern um die Schlfe wehte? Beide empfanden, da etwas
Merkwrdiges und Vielverheiendes in dem Thale schwebte, welches sie als
Suchende betraten.
    Denke die Landschaft, wie sie sich einst dem Auge bot, begann der
Professor, der Laubwald schlo sich in alter Zeit enger um den Ort, er formte
die Hgel hher, das Thal tiefer, wie in einem Kessel lag damals das Kloster mit
den Htten seiner abhngigen Landleute. Hier im Sden, wo das Gelnde sich steil
hinabsenkt, haben die Mnche sicher einst ihren Klosterwein gebaut. Um das
Kloster schlossen sich allmhlich die Huser der Stadt. Nimm den Thrmen die
Mtze, welche ihnen vor hundert Jahren aufgesetzt wurde, und gib ihnen die alten
Spitzen zurck, an die Mauern setze hier und da einen Thurm, und du hast einen
hbschen Steinkasten, der ein geheimnivolles Stck Mittelalter einschlo.
    Und auf demselben Weg, der uns hierher gefhrt, zog einst ein gelehrter
Mnch mit seinen Handschriften in das stille Thal, um hier die Brder zu lehren
oder sich vor mchtigen Feinden zu verbergen, sagte hoffnungsvoll der Doctor.
    Die Reisenden schritten am Anger vorber, der Hirt sah gleichgltig nach den
Fremden, aber die Khe stellten sich an dem Grabenrand auf und starrten auf die
Wanderer und das halbwchsige Volk der Herde brummte ihnen fragend zu. Sie
traten durch die dunkle Thorwlbung und sahen neugierig die Gassen entlang,
welche hier zusammenliefen. Es war eine kleine rmliche Stadt, nur die
Hauptstrae war mit schlechten Feldsteinen gepflastert. Unweit des Thores ragte
hoch der schrge Balken eines Ziehbrunnens, daran hing eine lange Stange mit dem
Eimer. Von Menschen war wenig zu sehen, wer nicht in den Husern arbeitete, war
auf dem Feld beschftigt. Denn die Halme, welche in den Steinritzen der
Thorwlbung hingen, verriethen, da Erntewagen die Feldfrucht zu den Hfen der
Brger fuhren; neben vielen Husern waren hlzerne Thore geffnet, dann sah man
in die Hofrume, in die Scheuern und ber Dngersttten, aus denen kleines
Federvieh pickte. Die letzten Jahrhunderte hatten so wenig als mglich an dem
Orte gendert, noch standen die niedrigen Huser mit dem Giebel gegen die
Strae, zuweilen streckte sich eine hlzerne Dachrinne ber den Weg, statt der
Schilder reichten noch die Zeichen der Handwerker, aus Blech und Holz
geschnitten, farbig bemalt, in die Strae hinein, ein groer hlzerner Stiefel,
ein Greif, welcher eine ungeheure Schere in der Hand hielt, ein schreitender
Lwe, der eine Brezel anbot, und als schnstes Stck ein regelmiges Sechseck,
aus bunten Glasrauten zusammengesetzt.
    Hier hat sich Vieles erhalten, sagte der Professor.
    Die Freunde kamen auf den Marktplatz, einen unregelmigen Raum, dessen
kleine Huser sich durch bunten Anstrich herausgeputzt hatten. Dort starrte von
einem unansehnlichen Gebude ein rothbemalter Drache mit geringeltem Schwanz,
aus einem Bret geschnitten, von einer Eisenstange gehalten, in die Luft. Darauf
stand mit belgeschwungenen Buchstaben: Gasthof zum Lindwurm.
    Sieh, sagte Fritz, auf den Lindwurm weisend, die Phantasie des Knstlers
hat ihm einen Hechtkopf mit dicken Zhnen ausgeschnitten. Der Wurm ist der
lteste Schtzehter unserer Sage. Es ist merkwrdig, wie fest die Erinnerung an
dies Sagenthier berall im Volke haftet, wahrscheinlich stammt auch dieses
Schild aus einer Ueberlieferung des Ortes.
    So stiegen sie auf ausgetretener Steintreppe in das Haus, ohne zu ahnen, da
sie schon lngst von scharfen Augen beobachtet wurden. Wer mgen die sein?
frug den dicken Wirth ein Brger, der seinen Morgentrunk einnahm, wie
Geschftsreisende sehen sie nicht aus, vielleicht ist einer der neue Pastor vom
Kirchdorfe.
    So sieht kein Pastor aus, entschied der Wirth, welcher Menschen besser
kannte. Es sind Fremde, zu Fu, kein Wagen und keine Sachen.
    Die Fremden traten ein, setzten sich an einen rothgestrichenen Tisch und
bestellten das Frhstck. Eine hbsche Gegend, Herr Wirth, begann der
Professor, krftige Bume im Walde.
    Bume genug, versetzte der Wirth.
    Die Umgegend scheint wohlhabend, fuhr der Professor fort.
    Die Leute klagen, da sie nicht genug verdienen, antwortete der Wirth.
    Wieviele Geistliche haben Sie am Orte?
    Zwei, sagte der Wirth hflicher. Der alte Pastor ist aber gestorben. Es
ist unterde ein Candidat hier.
    Ob der andere Pfarrer zu Haus ist?
    Ist mir unbekannt, sagte der Wirth.
    Sie haben doch ein Gericht hier?
    Einen Ortsrichter, er ist jetzt auf dem Amt, es ist heut Gerichtstag.
    Hat nicht vor Zeiten ein Kloster in der Stadt gestanden? nahm der Doctor
das Verhr auf.
    Der Brger und der Wirth sahen einander an. Das ist lange her, versetzte
der Herr der Schenke.
    Hier in der Nhe liegt das Schlo Bielstein? frug Fritz weiter. Wieder
sahen der Brger und der Wirth einander bedeutungsvoll an.
    Es liegt so etwas hier in der Nhe, erwiederte der Wirth zurckhaltend.
    Wie lange geht man bis zum Schlo? frug der Professor, gergert durch die
kurzen Antworten des Mannes.
    Wollen Sie dorthin? entgegnete der Wirth, kennen Sie den Gutsbesitzer?
    Nein, antwortete der Professor.
    Haben Sie denn etwas bei ihm zu thun?
    Das ist unsere Sache, Herr Wirth, versetzte der Professor kurz.
    Der Weg geht eine halbe Stunde durch den Wald, er ist nicht zu fehlen,
schlo der Wirth die ungemthliche Unterhaltung und verlie die Stube. Der
Brger folgte ihm.
    Viel haben wir nicht erfahren, sagte der Doctor lchelnd, ich hoffe, der
Pfarrer und Richter sind redseliger.
    Wir gehen geradezu nach dem Gute, entschied der Professor.
    Drauen steckten der Wirth und der Brger die Kpfe zusammen. Wer die
Fremden sein mgen? wiederholte der Brger, geistlich sind sie nicht, und an
dem Richter war ihnen auch nicht viel gelegen. Hast du gemerkt, wie sie nach dem
Kloster und dem Schlosse frugen? Der Wirth nickte. Ich will dir meinen
Verdacht sagen, fuhr der Brger eifrig fort: sie kommen nicht umsonst her, sie
suchen etwas.
    Was sollen sie suchen? frug der Wirth nachdenkend.
    Es sind verkleidete Jesuiten, sie sehen mir sehr apropos aus.
    Nun, wenn sie mit den Leuten auf dem Gute anbinden wollen, die sind Manns
genug, mit ihnen fertig zu werden.
    Ich habe mit dem Inspector zu thun, ich will ihm doch einen Wink geben.
    Menge dich nur nicht in Geschichten, die dich nichts angehen, warnte der
Wirth. Der Brger aber drckte die Stiefeln fester, die er unter dem Arm trug,
und fuhr um die Ecke.
    Schweigend schritten die Freunde aus der gemeinen Nchternheit des Lindwurms
auf die Strae. Sie erfrugen von einem Mtterchen am entgegengesetzten Stadtthor
den Weg nach dem Schlosse. Hinter der Stadt erhob sich der Pfad vom Kiesbett des
Baches zu einer waldigen Hhe. Sie traten an einen Schlag Buschholz, aus dem
einzelne hohe Eichen emporragten. Der Regen des letzten Abends lag noch in
Tropfen auf den Blttern, das dunkle Grn des Sommers glnzte im Sonnenstrahl
einzelne Vgelstimmen, das Hmmern des Spechts unterbrachen die Stille.
    Das gibt eine andere Stimmung, rief der Doctor erfreut.
    Es gehrt wenig dazu, ein gut besaitetes Menschenherz in neuer Melodie
klingen zu machen, wenn nicht gerade das Schicksal mit rauher Hand darauf
spielt. Etwas Baumrinde mit grauem Flechtenbart, eine Handvoll Blthen im Grunde
und wenige Noten aus der Kehle eines Vogels, versetzte der Professor weise.
Horch, das ist kein Gru, den die Natur dem Wanderer gnnt, unterbrach er sich
lauschend. Von fern klangen menschliche Stimmen, ein leiser Choral tnte wie aus
den Baumgipfeln in ihr Ohr.
    Hher hinauf, rief der Doctor, zu der geheimnivollen Sttte, wo alte
Kirchenlieder aus den Eichen rauschen.
    Sie stiegen noch einige hundert Schritt in die Hhe und standen auf einer
Terrasse des Waldhgels, die an der Seite von Bumen umschlossen, in der Mitte
gelichtet war. In der Lichtung stand eine kleine hlzerne Kirche, von einem
Friedhof umgeben, dahinter erhob sich auf einem massigen Felsblock ein langes
altes Gebude, das Dach durch viele spitze Giebel gebrochen.
    Das fgt sich gut zusammen, rief der Professor und sah neugierig ber die
Waldkirche nach dem Schlosse hinauf.
    Aus der Kirche scholl ein Trauergesang strker in das Ohr. La uns
hineingehen, sagte der Doctor, auf die geffnete Pforte des Friedhofs weisend.
    Mir ist gottseliger hier drauen zu Muthe, erwiederte der Professor, und
mir widersteht's, unberufen in Freude und Leid Fremder einzudringen. Das Lied
ist zu Ende, jetzt kommt des Pfarrers Sprchlein.
    Fritz aber war auf die Steine der niedrigen Mauer geklettert und betrachtete
die Kirche. Sieh die massiven Strebepfeiler. Es ist der Rest eines alten Baues,
sie haben ihn durch Tannenholz ergnzt, Thurm und Holzdach blau vor Alter, es
lohnt das Innere zu sehen.
    Der Professor hielt die lange Ranke eines Brombeerstrauches, welche ber die
Mauer herabhing, in der Hand und sah bewundernd auf weie Blthen, grne und
gebrunte Beeren, welche in dicken Bscheln beieinander standen. Undeutlich
drangen die Laute einer Mnnerstimme an sein Ohr, und unwillkrlich neigte er
das Haupt, den Sinn aufzufassen.
    La uns doch hren, sagte er endlich und betrat mit dem Freunde den
Friedhof. Sie zogen die Hte und ffneten leise die Kirchthr. Es war ein sehr
kleiner Raum, der Ziegelbau des alten Chores von innen wei getncht, das brige
von gebruntem Holz, die Kanzel, eine Galerie, wenige Bnke. Vor dem Altar stand
ein offener Kindersarg, die Gestalt darin ganz mit Blumen bedeckt, wenige
Landleute in schmuckloser Tracht daneben, auf den Stufen des Altars ein alter
Geistlicher mit weiem Haar und treuherzigem Gesicht, am Haupt des Sarges aber
die schluchzende Frau eines Arbeiters, die Mutter des Kleinen. Und neben ihr
eine krftige Frauengestalt in stdtischer Tracht, sie hatte den Hut abgenommen,
hielt die Hnde gefaltet und sah auf das Kind unter den Blumen hernieder. So
stand sie regungslos, die Sonne fiel schrge auf das gelockte Haar und die
regelmigen Zge des jungen Gesichts. Fesselnder aber als der hohe Wuchs und
das schne Haupt war der Ausdruck tiefer Andacht, welche ber sie ausgegossen
war. Unwillkrlich fate der Professor den Arm des Freundes, ihn zurckzuhalten.
Der Geistliche sprach sein Schlugebet, die stattliche Frau neigte das Haupt
tiefer, dann beugte sie sich noch einmal zu dem Kleinen herab und legte einen
Arm um die Mutter, welche sich weinend an die Trsterin lehnte. So stand die
Fremde und sprach leise ber dem Haupte der Mutter, whrend ihr selbst die
Thrnen aus den Augen herabrollten. Wie Geisterlaut klang das Murmeln der tiefen
Frauenstimme in das Ohr der Freunde. Dann hoben die Mnner den Sarg vom Boden
und folgten dem Geistlichen, der auf den Friedhof fhrte. Hinter dem Sarge ging
die Mutter, das Haupt an der Schulter ihrer Fhrerin. Die Frau schritt bei den
Fremden vorber, verklrt vor sich hinschauend, sie flsterte ihrer Gefhrtin
Bibelworte zu. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. - Lasset die
Kindlein zu mir kommen, vernahmen die Freunde. Die Mutter hing gebrochen am
Arme der Fremden und, wie durch den leisen Ton fortgefhrt, wankte sie zu dem
Grabe. Ehrfrchtig schlossen sich die Freunde dem Zuge an. Der Sarg wurde in das
Grab gelassen, der Geistliche sprach den Segen, jeder der Anwesenden warf drei
Hnde voll Erde auf das geschwundene Leben. Dann traten die Landleute
auseinander und machten der Mutter und ihrer Begleiterin den Weg frei. Die
Fremde reichte dem Geistlichen die Hand und geleitete die Mutter langsam ber
den Friedhof auf den Weg, der zum Schlosse fhrte.
    In einiger Entfernung folgten die Freunde, ohne einander anzusehen. Der
Professor fuhr sich ber die Augen: Dergleichen macht immer weich, sagte er
traurig.
    Wie sie am Altare stand, rief der Doctor, eine Seherin der Vorzeit, als
trge sie einen Eichenkranz auf dem Haupt. Sie zog das arme Weib sich nach durch
ihr Murmeln. Es waren zwar unsere ehrlichen Bibelsprche; aber jetzt verstehe
ich, was das Wort raunen in alter Zeit bedeutete, wo man auch den Worten eine
zauberische Kraft zuschrieb. Sie beherrschte der Trauernden Seele und Leib, und
ihre Stimme regte auch mir das Herz auf. Wer war dieses Weib, war es Mdchen
oder Frau?
    Es ist ein Mdchen, erwiederte der Professor nachdrcklich. Sie wohnt im
Schlo und wir werden sie dort treffen. La sie voraus und uns am Fu des
Felsens warten.
    Sie saen lange auf einem vorspringenden Stein, der Professor wurde nicht
mde, ein Bschel Moos zu betrachten, er brstete es mit der Hand und legte es
bald nach der einen, bald nach der andern Seite. Endlich stand er schnell auf.
Was auch kommen mge, jetzt gehen wir.
    Sie stiegen einige hundert Schritt bis zur Hhe. Die Landschaft vor ihnen
war pltzlich verwandelt. Zur Seite lag das Schlo mit einem gemauerten Hofthor
und groen Wirtschaftsgebuden, vor ihnen neigte sich eine weite Flche
Ackerlandes von der Hhe hinab in ein flaches Thal. Das einsame Waldbild war
verschwunden, um die Wanderer rhrte sich krftig das Leben des Tages, der Wind
trieb Wellen durch das Aehrenmeer, Erntewagen fuhren auf den Feldwegen heran,
Menschenstimmen riefen, die Peitsche knallte und die Garben flogen von starker
Hand geschwungen ber die hohen Leiterbume.
    Holla, was suchen Sie hier? frug hinter den Fremden eine tiefe Bastimme
in befehlendem Ton. Die Freunde wandten sich schnell um. Vor dem Hofthor stand
ein mchtiger breitschultriger Mann mit kurzgeschorenem Haar und sehr
energischem Ausdruck im sonnenbraunen Gesicht. Hinter ihm steckten
Wirthschaftsbeamte und Knechte neugierig die Kpfe durch das Thor und ein groer
Hund fuhr bellend gegen die Fremden. Zurck, Nero, rief der Landwirth und
pfiff den Hund zu sich, dabei sah er mit kaltem Polizeiblick auf die Fremden.
    Herr Gutsbesitzer Bauer? frug der Professor grend.
    Der bin ich, und wer sind Sie? gab der Gutsherr die Frage zurck.
    Der Professor nannte die Namen und den Ort, von dem sie kamen. Der Wirth
trat einen Schritt nher und prfte das Aussehen der Beiden von oben herab.
    Dort wohnen ja wohl keine Jesuiten, sagte er; wenn Sie aber hierher
kommen, Verborgenes zu finden, so war die Reise unntz, hier finden Sie nichts.
    Die Freunde sahen einander an, sie standen nahe am Hause, aber fern vom
Ziel.
    Sie machen uns fhlbar, erwiederte der Professor, da wir ohne
Vermittlung eines Dritten an Ihre Wohnung treten. Obgleich Sie aber ber den
Zweck unseres Herkommens bereits eine Vermuthung ausgesprochen haben, ersuche
ich Sie doch, uns deshalb eine Erklrung vor weniger Zeugen zu gestatten!
    Die feste Haltung des Professors verfehlte nicht ganz die Wirkung. Wenn Sie
in der That ein Geschft zu mir fhrt, so werden wir das allerdings besser im
Haus abmachen. Folgen Sie mir, meine Herren. Er lftete ein wenig seine Mtze,
wies mit der Hand nach dem Thor und schritt voraus. Nero, Teufelshund, kannst
du nicht Ruhe halten!
    Der Professor und der Doctor folgten, an sie schlossen sich
Wirthschaftsbeamte und Knechte und der knurrende Hund. So wurden die Fremden in
einem ungemtlichen Zuge nach dem Wohnhaus gefhrt. Trotz ihrer milichen Lage
sahen sie doch mit Neugierde auf den groen Hof, auf die Arbeit des
Einscheuerns, auf einen Trupp Gnse, welcher, durch den Zug gestrt, breitbeinig
und schnatternd ber den Weg schritt. Dann berflog ihr Auge das Wohnhaus, die
breiten steinernen Stufen mit Bnken an beiden Seiten, die gewlbte Thr, das
bertnchte Wappen am Schlustein. Sie traten in einen gerumigen Hausflur, der
Gutsherr hing seine Mtze auf einen Kleiderrechen, drckte mit schwerer Hand die
Klinke der Wohnstube und machte wieder eine Handbewegung, welche hflich sein
sollte und die Fremden zum Vortritt einlud. Jetzt sind wir allein, begann er,
womit kann ich Ihnen dienen? Sie sind mir bereits als zwei Schtzesucher
angekndigt. Wenn Sie das sind, so mu ich Ihnen rundheraus erklren, da ich
von solchen Thorheiten nichts wissen will. Im brigen bin ich bereit, mich Ihrer
Bekanntschaft zu freuen.
    Nun, Schatzgrber sind wir nicht, entgegnete der Professor, und da wir
den Zweck unserer Reise berall als Geheimni bewahrt haben, so begreifen wir
nicht, wie Sie etwas Entstelltes ber die Veranlassung unseres Kommens hren
konnten.
    Der Schuster meines Hofverwalters hat ihm die Nachricht mit zwei versohlten
Stiefeln zugetragen, er hat Sie im Gasthofe der Stadt gesehen und aus Ihren
Fragen Verdacht geschpft.
    Er hat mehr Scharfsinn angewandt, erwiederte der Professor, als bei
unsern harmlosen Fragen nthig war. Und doch hat er nicht ganz Unrecht gehabt.
    Also ist etwas daran, unterbrach der Landwirth finster, in diesem Fall
mu ich die Herren bitten, sich selbst und mich nicht weiter zu bemhen. Ich
habe keine Zeit fr dergleichen Narrheiten.
    Vor Allem haben Sie die Gte, uns anzuhren, ehe Sie uns in so kurzer Weise
das Gastrecht aufkndigen, versetzte der Professor ruhig. Unser Kommen hat
keinen andern Zweck, als Ihnen eine Mittheilung zu machen, ber deren Werth Sie
dann selbst entscheiden mgen. Und nicht nur wir, auch Andere knnten Ihnen
einen Vorwurf daraus machen, wenn Sie unser Gesuch ohne Prfung abweisen. Die
Sache geht Sie mehr an als uns.
    Natrlich, sagte der Wirth, diese Redensarten kennt man.
    Doch nicht ganz, entgegnete der Professor, es ist ein Unterschied, wer
sie braucht und welchem Zweck sie dienen.
    Nun denn, in des Teufels Namen, sprechen Sie, aber verstndlich, rief der
Landwirth ungeduldig.
    Nicht eher, fuhr der Professor fort, als bis Sie sich bereit zeigen, eine
ernste Angelegenheit so anzuhren, wie sie verdient. Es ist eine kurze
Auseinandersetzung nthig, und Sie haben uns noch nicht einmal zum Sitzen
eingeladen.
    So nehmen Sie Platz, versetzte der Landwirth und rckte einen Stuhl.
    Der Professor begann: Durch Zufall habe ich vor kurzem in einem
geschriebenen Buche unter andern handschriftlichen Aufzeichnungen der Mnche von
Rossau einige Bemerkungen gefunden, welche fr die Wissenschaft, der ich diene,
mglicherweise wichtig sind.
    Und welches ist Ihre Wissenschaft, unterbrach ihn der Landwirth ungerhrt.
    Ich bin Philologe.
    Das bedeutet alte Sprachen? frug der Landwirth.
    So ist es, fuhr der Professor fort. Die Notiz eines Mnches in dem
erwhnten Bande meldet, da um das Jahr 1500 eine werthvolle Handschrift, welche
die Geschichtserzhlung des Rmers Tacitus enthielt, in dem Kloster vorhanden
war. Das Werk des berhmten Geschichtschreibers ist uns in einigen andern
wohlbekannten Handschriften nur sehr trmmerhaft erhalten, es scheint, da die
damals in dem Kloster vorhandene Handschrift sein Werk vollstndiger enthielt.
Eine zweite Notiz desselben Buches meldet aus dem April des Jahres 1637, da
damals die letzten Mnche des Klosters in schwerer Kriegszeit Kirchengerth und
die Handschriften des Klosters an einer hohlen und trocknen Stelle des Hauses
Bielstein vor den Schweden verborgen haben. - Das sind die Worte, die ich
gefunden, weitere Thatsachen habe ich Ihnen nicht mitzutheilen. Die Echtheit der
beiden Bemerkungen ist fr uns zweifellos, ich habe Ihnen eine Abschrift der
betreffenden Stelle mitgebracht, das Original bin ich bereit, Ihrer eigenen
Einsicht zu unterwerfen oder der eines sachverstndigen Beurtheilers, den Sie
whlen wollen. Ich fge nur noch hinzu, da wir beide, mein Freund und ich, sehr
gut wissen, wie ungengend die Mittheilungen sind, welche wir Ihnen machen, und
wie unsicher die Aussicht, da sich jetzt nach zwei Jahrhunderten noch etwas von
dem damals vergrabenen Eigenthum des Klosters vorfinde. Und doch haben wir eine
Ferienreise dazu benutzt, Ihnen Nachricht von dieser Entdeckung zu geben, selbst
auf die naheliegende Gefahr einer vergeblichen Untersuchung. Wir haben uns aber
zu dieser Reise verpflichtet gefhlt. Nicht vorzugsweise um Ihretwillen,
obgleich die Handschrift, wenn sie sich fnde, von sehr hohem Werth sein wrde,
sondern zunchst im Interesse der Wissenschaft, denn nach dieser Richtung wre
ein solcher Fund in der That unschtzbar.
    Der Landwirth hatte aufmerksam zugehrt, das Papier, welches der Professor
vor ihn auf den Tisch legte, lie er unberhrt. Jetzt begann er: Da Sie mich
nicht tuschen wollen und da Sie die Wahrheit nach allen Seiten mit guter
Meinung sprechen, sehe ich ein. Ihre Auseinandersetzung ist mir verstndlich.
Ihr Latein vermag ich nicht zu lesen; und das ist auch nicht nthig, denn was
die Thatsachen betrifft, so glaube ich Ihnen. Aber, fuhr er lchelnd fort, die
Herren Gelehrten haben in der Ferne eines nicht gewut, da dieses Haus das
Unglck hat, in der ganzen Gegend fr den Ort zu gelten, an welchem alte Mnche
ihre Schtze vermauert haben.
    Das war uns allerdings nicht unbekannt, fiel der Doctor ein, und es
konnte uns die Bedeutung der schriftlichen Notizen nicht verringern.
    Da waren Sie in groem Irrthum. Es liegt doch auf der Hand, da ein solches
Gercht, welches durch mehre Menschenalter in einer Gegend geglaubt wird,
fortwhrend aberglubische und gewinnschtige Personen in Bewegung gesetzt hat,
diese vermeinten Schtze aufzuspren. Wie knnen Sie annehmen, da Sie die
ersten sind, welche auf den Gedanken kommen, nachzusuchen? Dies ist ein altes
festes Haus, aber es wrde fester sein, wenn es nicht vom Keller bis unter das
Dach Spuren zeigte, da man in frherer Zeit Lcher hineingeschlagen und die
Schden nachlssig ausgebessert hat. Erst vor wenigen Jahren habe ich Kosten und
Mhe gehabt, einen neuen Dachbalken einzuziehen, weil Dach und Decke sich
senkte, und die Untersuchung ergab, da gewissenlose Menschen ein Stck des
Balkens ausgesgt hatten, jedenfalls um in einen Winkel des Daches
hineinzugreifen. Und ich sage Ihnen geradeheraus, wenn mir etwas das alte Haus
verleidet, in dem ich seit zwanzig Jahren Glck und Unglck erfahren habe, so
ist es dies widerwrtige Gercht. Gerade jetzt wird in der Stadt die
Untersuchung gegen einen Schatzgrber gefhrt, der Narren durch das Vorgeben
betrogen hat, er knne aus diesem Berge einen Schatz beschwren. Noch wird
seinen Mitschuldigen nachgesprt. Ihren Fragen in der Stadt haben Sie
zuzuschreiben, da die Leute dort, welche viel von dem Betruge reden, Sie fr
Helfer des eingezogenen Gauners gehalten haben. Daher auch mein rauher Gru. Ich
mache Ihnen deshalb meine Entschuldigung.
    Und Sie wollen sich nicht dazu verstehen, frug der Professor unzufrieden,
unsere Mittheilung zu weiterer Nachforschung zu bentzen?
    Nein, versetzte der Landwirth, ich will mich nicht selbst zum Narren
machen. Wenn Ihr Buch nichts weiter meldet, als was Sie mir gesagt haben, so
dient diese Nachricht zu gar nichts. Haben die Mnche hierherum irgend etwas
versteckt, so ist Hundert gegen Eins zu wetten, sie haben es in ruhiger Zeit
selbst wieder herausgeholt. Wre aber gegen alle Wahrscheinlichkeit das
Versteckte damals an seiner Stelle geblieben - es sind seitdem einige hundert
Jahre vergangen -, so htten es lngst andere hungrige Leute herausgegraben. Das
sind, verzeihen Sie mir, Ammengeschichten, nur gut fr Spinnstuben. Ich habe
einen Widerwillen gegen solches Gelst, das an den Mauern whlt. Der Landwirth
soll im Acker schaufeln und nicht in seinem Hause. Unter Gottes Sonne liegen
seine Schtze.
    Dem Professor wallte das Blut ber die kalte Art des Mannes, er bezwang mit
Mhe den ausbrechenden Zorn, indem er an das Fenster trat und einem Haufen
Sperlinge zusah, die heftig gegeneinander schrien. Endlich begann er, sich
umwendend: Ihre Weigerung ist ein Recht des Hauseigenthmers. Wenn Sie darauf
bestehen, so werden wir Sie allerdings mit dem Bedauern verlassen, da Sie die
mgliche Bedeutung unserer Mittheilung nicht zu wrdigen wissen. Ich habe diese
Begegnung nicht vermieden, obgleich mir wohlbekannt war, wie zufllig die
Eindrcke sind, welche bei einer ersten Unterredung mit Fremden den Entschlu
bestimmen. Sie wrden vielleicht mehr Rcksicht auf unsre Nachricht genommen
haben, wenn sie Ihnen durch Vermittlung Ihrer Regierung zugleich mit der
Forderung, genaue Nachsuchung anzustellen, zugegangen wre.
    Reut Sie, da Sie diesen Weg nicht eingeschlagen haben? frug lchelnd der
Landwirth.
    Offen gesagt, nein. Ich habe in solcher Angelegenheit kein Vertrauen zu
einem Beamtenprotokoll.
    Ich auch nicht, versetzte der Landwirth trocken. Wir stehen unter einem
kleinen Landesherrn, aber er ist fern, wir sind von fremdem Gebiet umschlossen.
Bei Hofe habe ich nichts zu thun, es vergehen Jahre, ehe ich nach unsrer
Residenz komme; die Regierung plagt uns nicht bermig und in meinem Bezirk
leite ich die Polizei. Wenn meine Regierung Ihren Wnschen Wichtigkeit beilegte,
so wrde sie wahrscheinlich von mir einen Bericht einfordern, und das wrde mir
einen Bogen Papier und eine Stunde Schreiberei kosten. Vielleicht, wenn Sie laut
zu trommeln verstehen, sendet sie mir auch eine Commission in das Haus. Die
meldet sich bei mir zum Mittagsessen und ich fhre sie nach Tisch in die Keller,
sie pocht der Form wegen ein wenig an die Wnde und ich lasse unterde einige
Flaschen aufkorken. Zuletzt wird schnell ein Papier beschrieben und die Sache
ist wieder abgemacht. Ich bin Ihnen dankbar, da Sie diesen Weg nicht
eingeschlagen haben; im brigen vertrete ich mein Hausrecht auch gegen den
Landesherrn.
    Es ist, so scheint mir, vergeblich, zu Ihnen von dem Werth zu sprechen, den
die Handschrift haben wrde, warf der Professor ihm finster entgegen.
    Es wre verlorene Mhe, sagte der Landwirth. Ob eine solche Seltenheit,
auch wenn sie in meinem Eigenthume zu Tage kme, fr mich selbst einen
wesentlichen Werth htte, ist fraglich. Und den Werth fr Ihre Wissenschaft
kenne ich nur aus Ihrer Versicherung. Aber fr mich und fr Sie rhre ich keinen
Finger, weil ich nicht glaube, da ein solcher Schatz auf meinem Eigenthum
verborgen ist, und weil ich nicht den Willen habe, um etwas Unwahrscheinliches
ein Opfer zu bringen. Dies, Herr Professor, ist meine Antwort.
    Der Professor trat wieder schweigend an das Fenster. Fritz, der sich in
stiller Emprung zurckgehalten hatte, empfand, da es Zeit war, dieser
Unterredung ein Ende zu machen, er erhob sich zum Aufbruch: Und Sie haben uns
wirklich Ihre letzte Meinung gesagt?
    Ich bedaure, Ihnen keinen andern Bescheid geben zu knnen, versetzte der
Landwirth und sah mit einer Art Mitleid auf die beiden Fremden. Es thut mir in
der That leid, da Sie den Umweg zu mir gemacht haben. Verlangen Sie meine
Wirthschaft zu sehen, jede Thr soll Ihnen geffnet sein. Die Mauern meines
Hauses ffne ich Niemandem. Ich bin brigens bereit, Ihre Mittheilung als
Geheimni zu bewahren, um so lieber, da dies auch in meinem Interesse liegt.
    Ihre Weigerung, irgendwelche Nachforschungen auf Ihrem Eigenthume
anzustellen, macht ein ferneres Geheimhalten dieser Nachricht unnthig,
entgegnete der Doctor, meinem Freunde bleibt jetzt nichts brig, als seine
Entdeckung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu berichten, er hat dann
seine Pflicht gethan, vielleicht da Andere Ihnen gegenber glcklicher sind als
wir.
    Der Landwirth fuhr auf. Donnerwetter, Herr, sind Sie des Teufels? Sie
wollen die Geschichte in der Zeitung Ihren Collegen erzhlen? Wahrscheinlich
werden diese ebenso denken wie Sie.
    Zuverlssig werden Hunderte die Sache genau so ansehen wie wir, und Ihre
Weigerung ebenso verurtheilen wie wir, rief der Doctor.
    Herr, wie Sie mich beurtheilen, ist mir ganz gleichgltig, ich mu Sie
bitten, mich so schwarz zu schildern, als Ihre Wahrheitsliebe irgend zult,
rief der Landwirth unwillig. Aber ich sehe voraus, da das alles nichts helfen
wird. Verwnscht seien die Mnche und ihr Schatz! Jetzt habe ich jeden Sonntag
und jede Stunde Ihrer Ferien einen Besuch wie den Ihren zu erwarten, fremde
Gesichter mit Brillen und Regenschirmen, welche den Anspruch erheben, unter das
Holzgestell meines Milchkellers zu kriechen und in der Schlafstube meiner Kinder
an der Decke herumzuklettern. Zum Teufel mit diesem Tacitus!
    Der Professor ergriff seinen Hut: Wir empfehlen uns Ihnen, und ging nach
der Thr.
    Halt, meine Herren, rief der Wirth unruhig, nicht so schnell. Lieber will
ich noch mit Ihnen beiden zu thun haben, als mit einer unablssigen Wallfahrt
Ihrer Collegen. Weilen Sie noch einen Augenblick, ich mache Ihnen einen
Vorschlag. Sie selbst sollen durch mein Haus gehen, Sie mgen den alten Bau vom
Boden bis zum Keller untersuchen. Es ist eine harte Zumuthung fr mich und meine
Hausgenossen, ich will das Opfer bringen. Finden Sie eine Stelle, die Ihnen
Verdacht einflt, so reden wir darber. Dagegen versprechen Sie mir, da Sie
gegen meine Hausleute von dem Zweck Ihres Hierseins schweigen. Meine Arbeiter
sind ohnedies aufgeregt; wenn Sie dem unseligen Gercht neue Nahrung geben, so
kann ich nicht dafr stehen, da nicht meine eigenen Leute auf den Einfall
kommen, mir an einer Ecke des Hauses die Grundmauer durchzustoen. Mein Haus ist
Ihnen den ganzen Tag geffnet, so lange sind Sie meine Gste. Dann aber, wenn
Sie mndlich oder schriftlich ber die Sache reden, fordere ich den Zusatz, es
sei von Ihnen das Mgliche geschehen, mein Haus durchsucht, aber nichts gefunden
worden. Wollen Sie diesen Vertrag mit mir eingehen?
    Der Doctor sah zweifelnd auf den Professor, ob der Stolz des Freundes sich
solcher Bedingung beugen werde. Wider Erwarten flog ein Strahl von Freude ber
das Antlitz des Gelehrten, und er erwiederte artig: Sie haben uns in einem
Punkt miverstanden. Nicht wir beanspruchen die verborgene Handschrift aus Ihrem
Eigenthum herauszuholen, sondern wir sind nur gekommen, um Sie selbst fr den
Versuch zu gewinnen. Da wir in einem fremden Hause, unbekannt mit den Rumen
und ungebt in dieser Art Nachforschung, nichts finden werden, ist uns sehr
deutlich. Wenn wir dennoch die lcherliche Lage, in welche Sie uns versetzen,
nicht vermeiden und Ihr Anerbieten annehmen, so thun wir dies nur in der
Hoffnung, da uns in den Stunden unseres Hierseins gelingen wird, Ihnen selbst
ein greres Interesse an dem mglichen Funde beizubringen.
    Der Landwirth bewegte abweisend das Haupt auf den hohen Schultern. Ich habe
nur das Interesse, die Sache so schnell als mglich in Vergessenheit zu bringen.
Sie mgen thun, was Sie fr Pflicht halten. - Meine Geschfte verhindern mich,
Sie zu begleiten, ich bergebe Sie meiner Tochter.
    Er ffnete die Thr des Nebenzimmers und rief: Ilse!
    Hier, Vater, antwortete eine klangvolle Altstimme. Der Landwirth ging in
das Nebenzimmer. Komm hervor, Ilse, ich habe heut einen besondern Auftrag fr
dich. Da drin sind zwei fremde Herren von einer Universitt. Sie suchen ein
Buch, das vor alten Zeiten in unserm Hause versteckt sein soll. Fhre sie durch
das Haus, schlie ihnen alle Rume auf.
    Aber Vater - unterbrach ihn die Tochter.
    Thut nichts, fuhr der Landwirth fort, es mu sein. Er trat nher an sie
und sprach leiser: Es sind zwei Gelehrte, sie haben einen Sparren - er wies
nach dem Kopfe. Was sie sich einbilden, ist verrckt, und ich gebe ihnen nur
nach, um in Zukunft Ruhe zu haben. Sei vorsichtig, Ilse, ich kenne die Leute
nicht. Ich mu auf's Vorwerk, dem Hofverwalter will ich sagen, da er sich in
der Nhe des Hauses hlt. Sie scheinen mir zwei ehrliche Narren, aber der Teufel
mag trauen.
    Ich frchte mich nicht, Vater, erwiederte die Tochter, das Haus ist voll
Menschen, wir werden schon mit ihnen fertig werden.
    Sorge dafr, da die Mgde nicht herumstehen, whrend die Fremden an den
Wnden klopfen und messen. Sie sehen mir brigens nicht aus, als ob sie viel
finden wrden, wenn auch alle Wnde aus Bchern gemauert wren. Aber da sie
irgendwo einschlagen oder die Wand beschdigen, das leidest du nicht.
    Recht, Vater, sagte die Tochter. Bleiben sie ber Mittag?
    Jawohl, dein Dienst geht bis zum Abend. In der Molkerei wird dich die
Mamsell vertreten.
    Durch die Thr hrten die Freunde Bruchstcke der Unterredung, sie gingen
nach den ersten Worten der Anweisung schnell an das Fenster und sprachen laut
miteinander ber eine groe Strohanhufung am First der Scheuer, die nach der
Behauptung des Doctors ein Storchnest war, whrend der Professor die Ansicht
vertrat, da Strche nicht auf solchen Hhen nisteten. Dazwischen sagte der
Professor leise: Es ist unbequem, in dieser demthigen Lage auszudauern. Aber
wir vermgen nur durch unser Beharren den Hauswirth zu berzeugen.
    Vielleicht entdecken wir doch etwas, antwortete der Doctor. Ich habe
einige Erfahrung in Maurerarbeit, als Knabe fand ich beim Bau unseres Hauses
Gelegenheit, schne Kenntnisse in Statik und Balkenklettern zu erwerben. Gut,
da der Tyrann uns allein lt. Unterhalte du die Tochter, ich will derweile an
den Wnden klopfen.
    Wer jemals einer undeutlichen Spur nachgegangen ist, der wei, wie schwierig
in der Nhe erscheint, was in der Ferne so leicht dnkt. Whrend zuerst die
trgende Gttin Hoffnung alle guten Mglichkeiten mit hellen Farben malt, regt
die Arbeit des Suchens selbst jeden Zweifel auf. Die lockenden Bilder
verbleichen, Kleinmuth und Ermdung werfen ihre Schatten. Zuletzt wird
pflichtmige Ausdauer, was im Anfange ein frisches Wagen war.

                                       4.

                                        

                                 Das alte Haus.


Der Landwirth trat ein, die Reitgerte in der Hand, hinter ihm die hohe Gestalt
vom Friedhof. Hier meine Tochter Elise, sie wird meine Stelle vertreten.
    Die Freunde verneigten sich. Es war dasselbe schne Antlitz, aber statt der
hohen Rhrung lag jetzt eine geschftliche Wrde in ihren Zgen, sie grte
ruhig und lud die Herren zum Frhstck in das Nebenzimmer. Was sie sprach, waren
einfache Worte, aber wieder lauschten die Freunde verwundert auf die tiefen Tne
ihrer melodischen Stimme.
    Bevor Sie sich hier umsehen, mssen Sie an meinem Tisch niedersitzen, das
ist bei uns Brauch, sagte der Landwirth in besserer Laune als er bis dahin
gezeigt, auch auf ihn bte die Gegenwart der Tochter besnftigenden Einflu.
Wiedersehen zu Mittag. Damit ging er zur Thr hinaus.
    Die Freunde folgten in den Nebenraum, ein groes Speisezimmer; Sthle
standen lngs der Wand, in der Mitte eine lange Tafel, an deren oberem Ende drei
Pltze gedeckt waren. Das Mdchen setzte sich zwischen die Herren und bot die
kalten Speisen. Als ich Sie auf dem Friedhof sah, dachte ich, da Sie den Vater
besuchen wrden, der Tisch wartet schon eine Weile auf Sie. Die Freunde aen
ein wenig und dankten fr mehr.
    Ich bedaure, da unser Kommen auch Ihre Zeit in Anspruch nehmen soll,
sagte der Professor ernst.
    Meine Aufgabe ist leicht, antwortete das Mdchen, ich frchte, die Ihre
wird Ihnen mehr Mhe machen. Das Haus hat viele Stuben, und dann die Kammern und
die Verschlge auf dem Boden.
    Ich habe bereits Ihrem Herrn Vater gesagt, erwiederte der Professor
lchelnd, da wir keinen Werth darauf legen, wie Maurer das Gebude zu
untersuchen. Betrachten Sie uns als Neugierige, welche das merkwrdige Haus nur
soweit sehen wollen, als es sich sonst einem Gaste ffnet.
    Das Haus mag wohl fr Fremde merkwrdig sein, sagte Ilse, uns ist es
lieb, denn es ist warm und gerumig. Als der Vater das Gut einige Jahr besa und
zu Krften gekommen war, hat er meiner seligen Mutter zu Liebe Alles bequem
eingerichtet; denn wir brauchen groen Raum, es sind sechs jngere Geschwister,
und es ist ein groes Gut; die Herren von der Wirthschaft essen bei uns, dann
der Hauslehrer und die Mamsell und in der Gesindestube auch zwanzig Leute.
    Der Doctor sah seine Nachbarin enttuscht an. Wo war die Seherin geblieben?
Sie sprach verstndig und sehr brgerlich, mit ihr konnte man wohl auskommen.
Da wir nun einmal auf hohle Rume ausgehen, begann er schlau, so wrden wir
uns am liebsten Ihrer Leitung anvertrauen, wenn Sie uns sagen wollten, ob man in
der Wand oder auf dem Boden oder irgendwo hier im Hause von Stellen wei, welche
beim Klopfen eine Hhlung verrathen.
    O, daran fehlt es nicht, erwiederte Ilse. Wenn man in meiner Stube an die
Hinterwand des kleinen Wandschrankes pocht, so merkt man, da dahinter ein
leerer Raum ist, und dann ist die Steinplatte unter der Treppe und mehre Platten
in der Kche und noch viele andere Stellen im Hause. Und bei allen haben die
Leute ihre Vermuthung.
    Der Doctor hatte seine Brieftafel herausgezogen und schrieb die verdchtigen
Orte nieder.
    Die Betrachtung des Hauses begann. Es war ein prachtvolles altes Haus, die
Mauer des Unterstocks so dick, da der Doctor mit gespannten Armen nicht die
ganze Tiefe der Fensternischen einfassen konnte. Eifrig bernahm er das Klopfen
und Messen der Wnde. Die Keller waren zum Theil in den Felsen gesprengt, an
einzelnen Stellen ragte das ungeglttete Gestein noch in die Rume und man
erkannte, wo die Mauer auf dem Stein gelagert war. Es waren mchtige Gewlbe,
die kleinen Fenster in der Hhe durch starke Eisenstbe geschtzt, in alter Zeit
bei feindlichem Anlauf eine feste Zuflucht wider Geschosse und Feuer. Und Alles
war schn trocken und hohl. Denn das Haus war ganz nach den Ansichten gebaut,
welche der Doctor schon frher ber alte Gebude so verstndig ausgesprochen
hatte: Mauer von auen und von innen, dazwischen Schutt und Steinbrocken.
Natrlich klangen die Wnde deshalb an vielen Orten hohl wie ein Krbis. Der
Doctor pochte und notirte fleiig, die Knchel seiner Hand wurden wei und
aufgetrieben, aber die Flle guter Mglichkeiten machte ihn kleinlaut.
    Aus dem Keller traten sie in den Unterstock. In der Kche brodelten groe
Kessel und Tpfe, und neugierig sahen die arbeitenden Frauen auf das Benehmen
der Fremden, denn der Doctor klopfte wieder mit den Abstzen auf den steinernen
Fuboden und fate die geschwrzte Seitenwand des Herdes mit den Hnden an.
Dahinter kamen Wirthschaftsrume und die Gaststuben. In einer derselben fanden
sie eine Frau in Trauerkleidung beschftigt, die Betten in ein neues Gewand zu
hllen. Es war die Mutter vom Friedhofe. Sie trat an die fremden Herren und
bedankte sich, weil sie geholfen htten, ihrem Kinde die letzte Ehre zu
erweisen. Die Freunde sprachen ihr freundlich zu, sie wischte mit der Schrze
die Augen und ging wieder an ihre Arbeit.
    Ich bat sie, heut zu Haus zu bleiben, sagte Ilse, aber sie wollte nicht.
Ihr wre gut, wenn sie etwas zu schaffen htte, und wir wrden ihre Arbeit
brauchen, weil Sie doch zu uns kmen. Es that den Gelehrten wohl, da sie
wenigstens von den weiblichen Mitgliedern des Hauses als berechtigte Gste
aufgefat wurden.
    Sie betraten die andere Seite des Unterstocks und betrachteten noch einmal
die einfachen Zimmer, die sich zuerst den Ankommenden geffnet hatten. Dahinter
lag das Arbeitszimmer des Gutsherrn, ein kleiner schmuckloser Raum, darin ein
Schrank mit Jagdgerth und Reitzeug, ein Bretergestell fr Acten und einige
Bcher, ber dem Bett Sbel und Pistolen, auf dem Schreibtisch das kleine Modell
einer Maschine und Proben von Getreide und Smerei in kleinen Sckchen; an der
Wand aber standen in militrischer Ordnung der riesige Wasserstiefel, der
Juchtenstiefel, der Reitstiefel mit Stulpen, an der uersten Ecke auch Zwerge
von Kalbleder, wie sie gewhnliche Menschen tragen. In dem Nebenzimmer hrten
sie eine Mnnerstimme und kindliche Antworten in regelmigem Wechsel. Das ist
die Schulstube, sagte Ilse lchelnd. Als die Thr geffnet ward, schwiegen Solo
und Chorstimmen, dem Gru der Eintretenden antwortete aufstehend der Lehrer, ein
Seminarist von verstndigem Gesicht. Verwundert starrten die Kinder in die
unerwartete Strung. An zwei Tischen saen drei Knaben und drei Mdchen, ein
krftiges blondhaariges Geschlecht. Das ist Clara, Luise, Riekchen, Hans, Ernst
und Franz. Die vierzehnjhrige Clara, fast erwachsen und ein verjngtes Abbild
der Schwester, erhob sich mit einem Knix, Hans, ein derber Bursch von zwlf
Jahren, machte den unbedeutenden Versuch eines Bcklings, die andern blieben
stramm stehen, sahen unverwandt auf die Fremden und tauchten, nachdem sie einer
lstigen Pflicht gengt hatten, wieder auf ihre Pltze nieder. Nur der kleine
Franz, ein rothbckiger Krauskopf von sieben Jahren, blieb in der Pein seiner
Aufgabe grimmig sitzen und benutzte die Unterbrechung, um fr die nchsten
Antworten noch schnell etwas aus seinem Buche einzusammeln. Ilse strich ihm ber
das Haar und frug den Lehrer: Wie geht's heut mit ihm? - Er hat gelernt. -
Es ist zu schwer, rief Franz erbittert. Der Professor bat den Lehrer, sich
nicht stren zu lassen, und die Reise ging weiter: Schlafzimmer der Knaben,
Zimmer des Lehrers und wieder Wirthschaftsrume, Plttstube, Kleiderkammer - der
Doctor hatte seine Brieftafel bereits eingesteckt.
    Sie kehrten in den Hausflur zurck, an der Treppe wies Ilse auf die
Steinplatte, der Doctor kniete nieder, versuchte und sagte kleinlaut: Wieder
hohl. Ilse betrat die Treppe.
    Hier oben wohne ich und die Mdchen.
    Unsere Neugierde hat vorlufig hier ein Ende, erwiederte rcksichtsvoll
der Professor. Sie sehen, auch mein Freund verzichtet.
    Man hat aber von oben eine Aussicht, sagte die Fhrerin, diese wenigstens
mssen Sie betrachten. Sie ffnete eine Thr.
    Dies ist mein Zimmer. Die Freunde blieben vor der Schwelle stehen. Kommen
Sie herein, sagte Ilse unbefangen. Von diesem Fenster sieht man die Strae,
auf der Sie zu uns kamen. Zgernd traten die Zartfhlenden nher. Es war wieder
ein bescheidener Raum, nicht einmal ein Sopha darin, die Wnde mit blauer Farbe
gestrichen, am Fenster ein Nhtisch und einige Blumenstcke, in einer Ecke das
Bett mit weier Gardine verhllt.
    Die Freunde traten an das Fenster und schauten von der Hhe auf den kleinen
Friedhof und die Gipfel der Eichen, auf das Stdtchen im Thale und auf die
Baumreihe dahinter, welche in gekrmmter Linie bis zu der Hhe lief, wo sich die
Aussicht in die Ferne schlo. Der Blick des Professors haftete an der alten
Holzkirche. Wie hatten sich in wenig Stunden die Stimmungen gendert! Auf die
frohe Erwartung war gefolgt, was beinahe wie Entsagung aussah, und doch wieder
auf die Ungeduld eine wohlthuende Ruhe.
    Das ist unser Weg in die Fremde, wies Ilse, wir sehen oft nach der
Richtung aus, wenn der Vater verreist ist und wir ihn erwarten, oder wenn wir
von dem Postboten etwas Gutes hoffen. Und so oft Bruder Franz erzhlt, da er
einst in die Welt gehen werde, fort von dem Vater und von uns Geschwistern, dann
denkt er sich die Straen in der Welt immer wie diese aussieht, als einen
Fusteig mit dicken Weidenkpfen.
    Franz ist der Liebling? frug der Professor.
    Er ist mein Nesthkchen, wir verloren die gute Mutter, als er noch die
Kindermtze trug. Das arme Kind kennt die Mutter gar nicht, und als er einmal
von ihr getrumt hatte, da brachten die andern Kinder heraus, da er sie im
Schlafe mit mir verwechselte, denn sie trug mein Kleid und meinen Strohhut. -
Dies ist der Wandschrank, sagte sie traurig, auf eine Holzthr in der Wand
deutend. Die Freunde folgten schweigend, ohne bei dem Schranke anzuhalten. Vor
der gegenberliegenden Stube blieb sie stehen, die Thr ffnend: Dies war das
Zimmer der Mutter, es ist unverndert, wie sie es verlie, nur der Vater bleibt
des Sonntags einige Zeit darin.
    Wir geben nicht zu, da Sie uns weiter fhren, sagte der Professor. Ich
kann Ihnen nicht sagen, wie peinlich ich unsere Lage Ihnen gegenber empfinde.
Verzeihen Sie uns das unzarte Eintreten in Ihre Huslichkeit.
    Wenn Sie das Haus nicht weiter sehen wollen, erwiederte Ilse mit dankendem
Blick, so geleite ich Sie gern in unsern Garten und durch den Hof. Der Vater
wird nicht loben, wenn ich Ihnen etwas vorenthalte.
    Eine Hinterthr des Flurs fhrte in den Garten; die Beete durch Buchsbaum
eingefat, waren mit Sommerblumen besetzt, mit den altheimischen Bewohnern
unsrer Grten. Am Hause liefen Weinreben bis unter die Fenster des Oberstocks
und die grnen Trauben blickten berall aus dem hellen Laub. Eine lebendige
Hecke schied die Blumenbeete vom Gemsegarten, wo auch der Hopfen an groen
Stangen hinaufkletterte. Weiter ab senkte sich ein groer Obstgarten mit
frischem Rasengrund einem Seitenthal zu. Es war auch hier nichts Merkwrdiges zu
sehen, geradlinig waren die Blumenbeete, in Reihen standen die Obstbume, der
ehrwrdige Buchsbaum und die Hecke waren nach der Schnur geschnitten und ohne
Lcken. Die Freunde schauten von Beet und Blumen immer wieder auf das Haus
zurck und freuten sich ber die braunen Mauern hinter dem saftigen Weinlaub und
ber die Arbeit des Steinmetzen an den Fenstern und am Giebel.
    Es war zur Zeit unserer Vorfahren ein Haus der Frsten, erklrte Ilse,
und sie kamen damals alle Jahre zur Jagd hierher. Jetzt aber ist nur der dunkle
Wald dort hinten noch herrschaftlich, dort steht auch noch ein Jagdhaus, und der
Oberfrster wohnt darin. Und selten kommt unser Frst in die Gegend. Es ist
lange Zeit her, da wir unsern lieben Landesherrn nicht gesehen haben, und wir
leben wie arme Waisen.
    Gilt er hier im Lande fr einen gtigen Herrn? frug der Professor.
    Wir wissen nicht viel von ihm, aber wir denken uns, da er gut ist. Vor
vielen Jahren, als ich noch Kind war, hat er einmal in unserm Haus gefrhstckt,
weil es in Rossau keine Gelegenheit gab. Damals war ich erstaunt, da er keinen
rothen Mantel trug, und er strich mir ber den Kopf und gab mir den guten Rath,
zu wachsen. Das habe ich seitdem redlich abgemacht. Und es heit schon, er wird
in diesem Jahre wieder zur Jagd kommen. Kehrt er wieder bei uns ein, dann mu
das alte Haus seinen besten Staat anthun, und in der Kche gibt's heie Wangen.
    Whrend sie friedlich unter den Obstbumen dahinschritten, tnte vom Hofe
her eine helle Glocke. Das ist der Ruf zum Essen, sagte Ilse, ich fhre die
Herren zu ihrem Zimmer, das Hausmdchen wird sie abholen.
    Die Freunde fanden in der Gaststube ihre Ledertaschen und wurden kurz darauf
durch ein leises Klopfen an der Thr geladen und in das Speisezimmer gefhrt.
Dort wartete ihrer der Gutsherr, ein halbes Dutzend sonnengebrunte Beamte der
Wirthschaft, die Mamsell, der Hauslehrer und die Kinder. Als sie eintraten,
sprach der Landwirth mit der Tochter in einer Fensternische; wahrscheinlich
hatte die Tochter gnstig ber die Fremden berichtet, denn er kam ihnen mit
unumwlkter Miene entgegen und sagte in seiner kurzen Weise: Nehmen Sie an
unserm Tische vorlieb. Dann stellte er die Fremden den Anwesenden vor, indem er
ihre Namen nannte und hinzufgte: Zwei gelehrte Herren von der Universitt.
Jedermann stand hinter seinem Stuhl nach Wrde und Alter gereiht, obenan der
Wirth, neben ihm Ilse, auf der andern Seite der Professor und der Doctor, dann
zu beiden Seiten die Herren von der Wirthschaft, dahinter die Mamsell und die
Mdchen, der Lehrer und die Knaben. Der kleine Franz am untern Ende des Tisches
trat an seinen Teller, faltete ber dem Brot die Hnde und sprach eintnig ein
kurzes Tischgebet. Darauf rckten zu gleicher Zeit alle Sthle, zwei Mdchen in
der Tracht der Landschaft trugen die Speisen. Es war ein einfaches Mittagsmahl,
nur zwischen den Fremden stand eine Flasche Wein, die Eingebornen gossen
goldbraunes Bier in die Glser.
    Schweigend und eifrig verrichtete Jeder sein Werk, am oberen Ende des
Tisches wurde Unterhaltung gefhrt. Die Freunde sprachen dem Landwirth ihre
Freude ber Haus und Umgebung aus, und der Hausherr lachte spttisch, als der
Doctor die dicken Wnde des Hauses rhmend hervorhob. Dann schweifte das
Gesprch auf die Umgegend hinaus, auf den Dialekt und die Art des Landvolks.
    Wieder ist mir in diesen Tagen aufgefallen, sagte der Professor, wie
fremd und mitrauisch die Landleute hier uns Stdter beobachten. Unsere Sprache,
Sitte, Gewohnheit betrachten sie wie die eines anderen Volkes. Und wenn ich
zusehe, was der Feldarbeiter mit den sogenannten Gebildeten gemein hat, so
empfinde ich schmerzlich, da es viel zu wenig ist.
    Wer ist daran schuld, entgegnete der Landwirth, als die Gebildeten
selbst. Nehmen Sie mir nicht bel, wenn ich Ihnen als einfacher Mann sage, da
mir diese Bildung ebensowenig gefllt als die Unwissenheit und Strrigkeit,
welche Sie an unsern Landleuten in Erstaunen setzt. Sie selbst z.B. machen eine
weite Reise, um alte vergessene Schriften zu finden, die einst ein gebildeter
Mann in einem untergegangenen Volke geschrieben hat. Ich aber frage, was haben
Millionen Menschen, die mit Ihnen eine Sprache sprechen, Ihres Stammes sind und
neben Ihnen leben, von all der Gelehrsamkeit, die Sie fr sich und eine kleine
Zahl wohlhabender und miger Leute erwerben? Wenn Sie zu meinen Arbeitern
reden, die Leute verstehen Sie nicht. Wenn Sie von Ihrer Wissenschaft etwas
erzhlen wollten, meine Knechte wrden vor Ihnen stehen wie Neger. Ist das ein
gesunder Zustand? Und ich sage Ihnen, solange dieser Zustand dauert, sind wir
noch kein rechtes Volk.
    Wenn Ihre Worte einen Vorwurf gegen meinen Beruf enthalten, erwiederte der
Professor, so sind sie ungerecht. Gerade jetzt ist man eifrig bemht, was in
der Arbeitstube der Gelehrten gefunden wird, auch dem Volke zugnglich zu
machen. Da dafr nach mancher Richtung noch mehr geschehen sollte, leugne ich
nicht. Aber zu allen Zeiten hat ernste wissenschaftliche Forschung, selbst wenn
sie zunchst nur einem sehr kleinen Kreise verstndlich ist, ganz unsichtbar und
in der Stille Seele und Leben des gesammten Volkes beherrscht. Sie bildet die
Sprache, sie richtet die Gedanken, sie formt allmhlich Sitte, Rechtsgefhl und
Gesetz nach den Bedrfnissen jeder Zeit. Nicht nur die praktischen Erfindungen
und der steigende Wohlstand werden durch sie mglich, auch, was Ihnen nicht
weniger wichtig erscheinen wird, die Gedanken des Menschen ber sein eigenes
Leben, die Art, wie er seine Pflichten gegen Andere bt, der Sinn, in welchem er
Wahrheit und Lge auffat, das alles verdankt jeder von uns der Gelehrsamkeit
seines Volkes, wie wenig er sich auch um die einzelnen Forschungen kmmern mge.
Und lassen Sie mich einen alten Vergleich gebrauchen. Die Wissenschaft ist wie
ein groes Feuer, das in einem Volke unablssig unterhalten werden mu, weil ihm
Stahl und Stein unbekannt sind. Ich gehre zu denen, welche die Pflicht haben,
immer neue Scheite in das groe Feuer zu werfen. Andere haben die Aufgabe, die
heilige Flamme durch das Land, in Drfer und Htten zu tragen. Jeder, der an der
Verbreitung des Lichtes arbeitet, hat sein Recht, und keiner soll von dem Andern
gering denken.
    Darin liegt Wahrheit, sagte der Landwirth aufmerksam.
    Wenn das groe Feuer nicht brennt, fuhr der Professor fort, werden die
einzelnen Flammen sich auch nicht verbreiten knnen. Und glauben Sie mir, was
einen ehrlichen Gelehrten bei den schwierigsten Untersuchungen, unter denen ihm
das Leben dahinschwindet, immer erhebt und strkt, das ist gerade die
unerschtterliche Ueberzeugung, welche durch lange Erfahrung tausendfach
besttigt ist, da seine Arbeit zuletzt doch der ganzen Menschheit zu Gute
kommt; sie hilft nicht immer neue Maschinen erfinden und neue Culturpflanzen
entdecken, sie ist deshalb nicht weniger wirksam fr Alle, auch wo sie lehrt,
was wahr und unwahr, was schn und hlich, was gut und schlecht ist. In diesem
Sinne macht sie Millionen freier und dadurch besser.
    Ich sehe wenigstens aus Ihren Worten, sprach der Landwirth, da Sie Ihren
Beruf hoch halten. Und das freut mich berall, denn das ist die Art eines
tchtigen Mannes.
    Bei dieser Unterredung wurde beiden Mnnern behaglicher zu Muthe. Der
Inspector erhob sich, und im Nu rckten smmtliche Sthle der Wrdentrger und
der Kinder, die Mehrzahl der Tischgste verlie das Zimmer. Nur der Wirth, Ilse
und die Gste saen noch einige Minuten beieinander, jetzt in ruhiger
fortrollender Unterhaltung. Dann ging man in das Nebenzimmer zu dem
angerichteten Kaffetisch, Ilse schenkte ein und der Landwirth betrachtete von
seinem Sitze die unerwarteten Gste.
    Der Professor setzte die leere Tasse hin und begann: Unsere Aufgabe hier
ist beendigt, wir haben Ihnen fr die gastliche Aufnahme zu danken. Ich mchte
aber nicht scheiden, ohne Sie noch einmal an das zu erinnern -
    Warum wollen Sie jetzt fort? unterbrach ihn der Landwirth. Sie haben heut
schon einen lngern Weg gemacht, Sie finden weder in der Stadt noch in den
Drfern dahinter ein ertrgliches Unterkommen und in dem Drang der Ernte
vielleicht nicht einmal eine Fuhre. Lassen Sie sich's zur Nacht hier gefallen,
wir haben ohnedies noch unser Gesprch von heut Morgen aufzunehmen, fgte er
mit Laune hinzu, und mir liegt daran, da wir in gutem Einvernehmen scheiden.
Sie begleiten mich ein Stck in das Feld, wo ich allerdings nthig bin. Wenn ich
auf das Vorwerk reite, mag Ilse wieder meine Stelle vertreten. Am Abend sprechen
wir dann ein verstndiges Wort miteinander.
    Die Freunde waren bereit, auf diesen Vorschlag einzugehen. In gutem
Einvernehmen schritten die Mnner durch das Erntefeld. Der Professor freute sich
ber die groen Aehren einer neuen Art Gerste, welche noch ungemht, dicht wie
Rohr vor ihnen stand, und der Landwirth sprach bedchtige Worte ber diese
anspruchsvolle Halmfrucht des deutschen Landmanns. Sie blieben stehen, wo gerade
die Arbeiter beschftigt waren. Dann trat zuerst der Beamte, der die Aufsicht
fhrte, dem Gutsherrn entgegen und berichtete, darauf schritten sie ber die
Stoppeln zu den Garben; der schnelle Blick des Landwirths bersah die
zusammengelegten Mandeln, die emsigen Leute und die harrenden Rosse am
Erntewagen; die Freunde aber betrachteten mit Antheil, wie der Herr des Gutes
mit seinen Beamten und Arbeitern verkehrte, kurze Befehle und beflissene
Antworten, Eifer der schaffenden Leute und frohe Mienen, wenn sie die Zahl der
Garben meldeten, berall ein wohlgefgtes Wesen, sichere Kraft, ein wackeres
Zusammengreifen. Sie kehrten zurck mit Achtung vor dem Manne, der in seinem
kleinen Reiche so fest herrschte. Auf dem Rckwege blieben sie bei den Fllen
stehen, welche sich hinter der Scheuer auf eingezuntem Raum tummelten, und als
der Doctor vor andern zwei galoppirende Braune rhmte, fand sich's, da er
richtig die besten Pferde gelobt hatte, und der Landwirth lchelte ihm
wohlwollend zu. Am Eingang des Hofes fhrte ein Knecht das Reitpferd, einen
mchtigen Rappen von starken Gliedern und breiter Brust, der Doctor klopfte den
Hals des Thieres, der Landwirth sah nach dem Riemzeug. Ich bin ein schwerer
Reiter, sagte er, und habe Noth, ein dauerhaftes Thier zu finden. Er schwang
sich wuchtig in den Sattel und griff an seine Mtze: Auf Wiedersehn heut
Abend. Und sehr stattlich sahen Ro und Reiter aus, als sie den Feldweg entlang
trabten.
    Das Frulein erwartet Sie, sagte der Reitknecht, ich soll Sie zu ihr
fhren.
    Haben wir Fortschritte gemacht oder nicht? frug der Doctor lachend, den
Arm des Freundes fassend.
    Ein Kampf hat begonnen, erwiederte der Freund ernsthaft, wer mag sagen,
wie der Ausgang sein wird.
    Ilse sa von den Kindern umgeben in einer Gaisblattlaube des Gartens. Es war
ein herzerfreuender Anblick, das junge blondhaarige Geschlecht beieinander zu
sehen. Die Mdchen saen neben der Schwester, die Knaben trieben spielend um die
Laube, groe Vesperbrote in der Hand. Sieben frische, wohlgeformte Gesichter,
einander hnlich wie Blthen desselben Baumes und doch jedes Leben in einem
andern Zeitraum seiner Entfaltung, von Franz, dessen runder Kinderkopf einer
lustigen Knospe glich, bis zu der schnen Flle in Antlitz und Gliedern, welche
in der Mitte sa, am hellsten durch das gebrochene Licht der Sonne beleuchtet.
Wieder erregte den Freunden das Aussehen des Mdchens, der Klang ihrer Worte das
Herz, als sie den kleinen Franz zrtlich schalt, weil er dem Bruder das
Butterbrot aus der Hand geschlagen hatte. Wieder starrten die Kinder mitrauisch
auf die Fremden, aber der Doctor beseitigte das Ceremoniel der ersten
Bekanntschaft, indem er Franz bei den Beinen nahm, auf seine Schultern setzte
und sich mit seinem Reiter in der Laube niederlie. Der kleine Bursch sa einige
Augenblicke betroffen auf seiner Hhe und die Kinder lachten laut, da er so
erschrocken aus runden Augen auf den fremden Kopf zwischen seinen Beinchen
herabsah. Aber das Gelchter der Andern machte ihm Muth, er begann lustig mit
den Beinen zu baumeln und schwenkte sein Vesperbrot triumphirend um die Locken
des Fremden. So war die Bekanntschaft gemacht, wenige Minuten darauf fuhr der
Doctor mit den Kindern durch den Garten, lie sich jagen und suchte die
Jauchzenden zwischen den Beeten zu fangen.
    Ist's Ihnen recht, so mchte ich Sie an eine Stelle fhren, wo wir am
liebsten auf unser Haus hinsehen, sagte Ilse zum Professor. Von den Kindern
umschwrmt, schritten die Groen den Weg hinab, der zur Kirche fhrte, und bogen
um den Friedhof herum. Der Fels, auf welchem die Gebude des Gutes lagen, senkte
sich hier steil in ein schmales Thal, das von der andern Seite durch einen
hheren Bergrcken eingeengt wurde. Ein gewundener Fupfad lief in den Grund
hinab, dort umsumte ein Wiesenstreif das strudelnde Wasser des Baches. Aus
dieser Tiefe zog sich der Pfad auf der andern Seite wieder in den Laubwald
hinein, unter Goldweiden und Erlen stiegen sie einige hundert Schritt hinan. Vor
ihnen erhob sich aus dem Gerll und Gebsch ein Felsblock: sie traten um die
Ecke und standen an einer Steingrotte. Der Felsen bildete Portal und Wnde einer
Hhle, welche etwa zehn Schritt in den Berg hineinreichte. Der Boden war eben,
mit weiem Sand bedeckt, Brombeeren und wilde Rosen hingen von oben ber den
Eingang herab, gerade in der Mitte hatte sich ein groer Busch Weidenrschen
angesiedelt, er stand mit seinen dichten Blthenrispen wie ein rother
Federschmuck ber dem Felsbogen der Grotte. Die Spur einer alten Mauer an der
Seite verrieth, da die Hhle wohl einmal in arger Zeit die Zuflucht Bedrngter
oder Gesetzloser gewesen war; am Eingange lag ein Stein, dessen Oberflche zu
einem Sitze geebnet war, in der Dmmerung des Hintergrundes stand eine steinerne
Bank.
    Dort ist unser Haus, sagte Ilse und zeigte ber das Thal nach der Hhe, wo
hinter den Obstbumen des Gartens das Giebelhaus emporstieg. Hier sind wir im
Gebirge. Sie sehen, der Hof ist so nahe, da man einen lauten Ruf von drben bei
stiller Luft hren kann.
    Aus dem Dmmerlicht der Hhle sahen die Freunde in das helle Licht des
Tages, auf das Steinhaus und auf die Bume, welche seinen Fu umgrenzten. Jetzt
ist es still im Walde, fuhr Ilse fort, die Vgel sind fast alle verstummt, die
kleinen fliegen am Rande des Holzes und suchen reifen Samen, denn ihr Hauswesen
ist zu Ende, sie leben jetzt in der groen Gesellschaft. Auch die im Garten zahm
waren, werden ausgelassen und kmmern sich wenig um den Menschen und sein
Futter.
    Dort rauscht es leise, wie gurgelndes Wasser,sagte der Professor.
    Ein Quell fliet nebenbei ber Steine herab, erklrte Ilse. Jetzt ist er
schwach, aber im Frhjahr strmt vieles Wasser von dem Berge zusammen. Dann ist
das Rauschen laut und der Bach im Thale fhrt wild ber die Steine; dann
berdeckt er auch die Wiesen dort unten, er fllt den ganzen Grund und steigt
bis an das Gebsch. - Hier aber ist fr uns alle in warmen Tagen ein lieber
Aufenthalt. Als der Vater das Gut kaufte, war die Hhle verwachsen, der Eingang
mit Steinen und Erde verschttet und die Eulen wohnten darin. Und der Vater hat
den Platz gesubert.
    Der Professor trat neugierig in den Raum und schlug mit dem Stock an den
rthlichen Felsen. Ilse sah ihn von der Seite an. Jetzt bekommt auch er das
Suchen, dachte sie bekmmert. Es ist alles altes Gestein, sagte sie
beruhigend.
    Der Doctor war mit den Kindern um die Hhle herumgeklettert, er machte sich
von Hans los, der ihm gerade anvertraute, da er weiter unten in dichtem
Erlengestrpp das leere Nest einer Beutelmeise wisse.
    Das ist ein wundervoller Ort fr die Sagen der Gegend, rief er bewundernd,
es gibt keine schnere Heimat fr die Geister des Thales.
    Die Leute reden dummes Zeug davon, entgegnete Ilse abweisend. Hier sollen
kleine Zwerge wohnen, und sie sagen, man kann ihre Futapfen im Sande erkennen,
und Vater hat den Sand doch erst hineinfahren lassen. Aber die Leute frchten
sich doch, und wenn der Abend kommt, gehen die Frauen und Kinder der Arbeiter
nicht gern vorber. Uns aber verbergen sie's, denn der Vater leidet den
Aberglauben nicht.
    Ich sehe, die Zwerge stehen hier nicht in Gunst, erwiederte der Doctor.
    Da es keine gibt, soll man nicht daran glauben, versetzte Ilse eifrig.
Unsre Leute mchten es wohl noch gern thun. Der Mensch soll an das glauben, was
die Bibel lehrt, nicht an wildes Zeug, das, wie sie im Dorfe sagen, durch den
Wald und die Nacht dahinfhrt. Neulich war eine alte Frau im nchsten Dorfe
krank, kein Mensch trug ihr Essen, recht hlich haben sie sich ber ihre
Niederlage gefreut, weil sie meinten, das arme Weib knne sich in eine schwarze
Katze verwandeln und dem Vieh schaden. Als wir es erfuhren, drohte der Frau die
Gefahr, in Einsamkeit umzukommen. Und deshalb ist es hliches Geschwtz.
    Der Doctor hatte sich unterde die Zwerge in der Brieftasche angemerkt, sah
aber jetzt ohne Freude auf Ilse, die aus dem Hintergrund der Hhle sprach, in
dem gebrochenen Scheine zwischen Fels und Licht selbst einem Sagenbilde hnlich.
Der alte Scheich Abraham und der Gauner Jacob, der seinen blinden Vater mit dem
Bocksfell an den Aermeln betrgt, sind ihr ganz recht, aber unser Schneewittchen
gilt ihr fr hliches Zeug. Er steckte die Brieftafel ein und ging mit Hans
zur Behausung der Beutelmeise.
    Der Professor hatte mit Ergtzen den stillen Aerger des Freundes beobachtet,
aber Ilse wandte sich auch zu ihm: Mich wundert, da Ihr Freund solche
Geschichten aufschreibt, das ist nicht gut, dergleichen mu in Vergessenheit
kommen.
    Sie wissen, da er selbst nicht daran glaubt, erwiederte der Professor
entschuldigend, was er aber darin findet, das sind nur alte Ueberlieferungen
des Volkes. Denn diese Sagen sind in einer Zeit entstanden, wo noch unser ganzes
Volk an diese Geister ebenso glaubte, wie jetzt an die Lehren der Bibel. Er
sammelt solche Erinnerungen, um zu erkennen, wie Glaube und Poesie unserer
Vorfahren war.
    Das Mdchen schwieg. Das gehrt also auch zu dem, was Sie heut Mittag von
Ihrer Arbeit sagten, begann sie nach einer Weile.
    Es gehrt auch dazu.
    Es hrte sich gut an, fuhr Ilse fort, denn Sie sprechen anders als wir.
Sonst, wenn man von Einem sagte, er spricht wie gedruckt, meinte ich immer, es
sei ein Vorwurf, aber es ist das richtige Wort, setzte sie leiser hinzu, und
es macht Freude zu hren. Dabei sah sie aus der Tiefe der Grotte mit ihren
groen Augen auf den Gelehrten, der am Eingange stand, an den Stein gelehnt,
hell von den Strahlen der Sonne beschienen.
    Es gibt aber auch sehr viele Bcher, welche schlecht schwatzen, antwortete
der Professor lachend, und nichts ermdet so sehr, als lange Buchweisheit aus
lebendigem Munde.
    Ja, ja, besttigte Ilse, wir haben auch eine Bekannte, welche eine
gelehrte Frau ist. Wenn die Frau Oberamtmann Rollmaus uns des Sonntags besucht,
so setzt sie sich auf dem Sopha zurecht und greift mit einem Gesprch den Vater
an. Der Vater mag sich winden, wie er will, um ihr zu entgehen, sie wei ihn
fest zu halten, ber Englnder und Tscherkessen, ber Kometen und die Dichter.
Aber die Kinder sind dahinter gekommen, da sie ein Lexikon fr Conversation
hat, daraus nimmt sie Alles. Und wenn sich in einem Lande etwas ereignet oder
die Zeitung von etwas Lrm macht, so liest sie im Lexikon darber nach. Wir
haben dasselbe Buch angeschafft, und wenn ihr Besuch bevorsteht, so wird
berlegt, welcher Name gerade an der Zeit ist. Dann schlagen die Kinder vorher
am Sonnabend Abend diese Sache auf und lesen vor, was nicht gar zu lang ist. Und
auch der Vater hrt zu und sieht auch wohl noch selbst in das Buch. Und am
andern Tage haben die Kinder ihre Freude daran, wenn der Vater die Frau
Oberamtmann mit ihrem eigenen Buche berwindet. Denn unser Buch ist neuer, ihres
ist schon alt und die neuen Begebenheiten stehen nicht darin, von diesen wei
sie wenig.
    Also der Sonntag ist die Zeit, wo man hier Ehre einlegen knnte, sagte der
Professor.
    Im Winter sieht man sich auch manchmal in der Woche, fuhr Ilse fort. Aber
es ist nicht viel Verkehr in der Umgegend. Und wenn einmal ein Besuch kommt, der
uns gute Gedanken zurcklt, so sind wir dankbar und wir bewahren sie in treuem
Herzen.
    Die besten Gedanken sind doch, welche dem Menschen aus seiner eigenen
Thtigkeit aufsteigen, sagte der Professor rcksichtsvoll. Das Wenige, was ich
von dem Gute hier gesehen, mahnt, wie schn das Leben gedeihen kann, auch wenn
es weit von dem lauten Gerusch des Tages abliegt.
    Das war ein freundliches Wort, rief Ilse. Und einsam ist es hier auch
nicht, und wir kmmern uns auch um die Landsleute drauen und um die groe Welt.
Wenn die Herren Landwirthe zum Besuch kommen, wird nicht immer von der
Wirthschaft gesprochen, und es fllt wohl etwas fr uns jngere ab. Und dann ist
unser lieber Herr Pastor, der uns auch zuweilen aus der Fremde erzhlt und mit
uns zusammen die Zeitungen liest, welche der Vater hlt. Und wenn darin zu
Beitrgen fr einen guten Zweck aufgefordert wird, dann sind die Kinder am
schnellsten bei der Hand und jedes gibt sein Scherflein vom Ersparten, der Vater
aber reichlich. Und Hans als der lteste sammelt und hat das Recht solches Geld
einzupacken, und in den Brief setzt er die Anfangsbuchstaben eines Jeden, der
dazu gegeben hat. Kommt dann spter im Gedruckten eine Quittung, so sucht jedes
zuerst seinen Buchstaben. Mehrmals war einer falsch gedruckt, dann sind die
Kinder rgerlich.
    Aus der Ferne hrte man Ruf und Lachen der Kinder, welche mit dem Doctor von
ihrem Ausflug zurckkehrten. Das Mdchen erhob sich, der Professor trat zu ihr
und sagte mit warmer Empfindung: Sooft mir einst die Bilder dieses Tages
lebendig werden, wird mein Herz voll Dank dieser Stunde gedenken, wo Sie zu
einem Fremden so ehrlich ber Ihr glckliches Leben gesprochen haben.
    Ilse sah ihn mit unschuldigem Vertrauen an. Sie sind mir nicht fremd, ich
sah Sie ja am Grabe des Kindes.
    Der frhliche Schwarm schlo beide in die Mitte und zog weiter das Thal
hinauf.
    Es war Abend, als sie zum Hause zurckkehrten, wo der Landwirth sie bereits
erwartete. Nach dem Abendbrot saen die Erwachsenen noch eine Stunde zusammen.
Die Fremden erzhlten von ihrer Stadt und Neuigkeiten aus der Welt, dann wurde,
wie Mnnern ziemt, auch ber Politik gesprochen, und Ilse freute sich, da ihr
Vater und die Fremden sich darin vortrefflich verstanden. Als der Kuckuck ber
der Hausuhr die zehnte Stunde ausrief, trennte man sich mit freundlichem
Nachtgru.
    Das Hausmdchen hatte den Fremden zur Ruhe geleuchtet, Ilse sa auf dem
Stuhl, die Hnde im Scho gefaltet, und sah schweigend vor sich hin. Der
Gutsherr kam aus seinem Zimmer und nahm den Nachtleuchter vom Tisch. Bist noch
wach, Ilse? Nun, wie gefallen dir die Fremden?
    Gut, Vater, sagte das Mdchen leise.
    Sie sind nicht so dumm als sie aussehen, sagte der Wirth auf und abgehend.
Das von dem groen Feuer war recht, wiederholte er, und das ber unsere
kleinen Regierungen war auch recht. Der Jngere wre ein guter Schullehrer
geworden, und der Groe, es ist beim Himmel schade, da er nicht ein vier Jahr
Wasserstiefeln getragen hat, er wre ein gescheidter Inspektor. Gute Nacht,
Ilse.
    Gute Nacht, Vater.
    Die Tochter erhob sich und folgte dem Vater an die Thr. Bleiben die
Fremden morgen hier, Vater?
    Hm, sagte der Wirth nachdenkend. Ueber Mittag bleiben sie jedenfalls, ich
will ihnen doch das Vorwerk zeigen. Sorge fr etwas Ordentliches zum Essen.
    Vater, der Professor hat noch nie in seinem Leben ein Spanferkel gegessen,
sagte die Tochter.
    Ilse, wo denkst du hin, meine Ferkel wegen des Tacitus! rief der
Landwirth. Nein, damit komm mir nicht, bleibe bei deinem Federvieh! Halt! noch
eins, reiche mir den Band T aus dem Schranke, ich will doch einmal ber den
Burschen nachlesen.
    Hier, Vater, ich wei, wo es steht.
    Sieh doch! sagte der Vater, Frau Oberamtmann Rollmaus! gute Nacht.
    Der Doctor sah durch das Fenster in den dunklen Hof. Schlaf und Frieden lag
ber dem weiten Raum, aus der Ferne klang der Schritt des Wchters, der die
Hofsttte umkreiste, dann bellte halblaut der Hofhund. Da stehen wir, sagte er
endlich, zwei echte Abenteurer in der feindlichen Burg. Ob wir etwas daraus
forttragen, ist sehr zweifelhaft, fgte er hinzu, seinen Freund bedenklich
anlchelnd.
    Es ist zweifelhaft, sagte der Professor, mit groen Schritten die Stube
durchmessend.
    Was hast du, Felix? frug Fritz besorgt nach einer Pause, du bist
zerstreut, das ist sonst nicht deine Art.
    Der Professor blieb stehen. Ich habe dir nichts zu sagen. Es sind starke,
aber unklare Empfindungen, welche ich zu bewltigen suche. Ich frchte, dieser
Tag hat eine Bedeutung gewonnen, gegen welche ein vernnftiger Mann sich zu
wehren hat. Frage mich nicht weiter, Fritz, fuhr er fort und drckte diesem
krftig die Hand, ich fhle mich nicht unglcklich.
    Fritz versank in Bekmmerni, setzte sich zu seinem Bett und sphte nach
einem Stiefelknecht. Wie gefllt dir unser Wirth? fragte er kleinlaut und
lie, um sorglos zu erscheinen, den Stiefel im Holze knarren.
    Ein tchtiger Mann, erwiederte der Professor, wieder stehenbleibend,
seine Art ist anders, als wir's gewhnt sind.
    Es ist altschsischer Stamm, setzte der Doctor das Gesprch fort, breite
Schultern, Hnenwuchs, offene Zge, Wucht in jeder Bewegung. Auch die Kinder
sind von derselben Art, fuhr er fort, die Tochter hat etwas von einer
Thusnelda.
    Der Vergleich pat nicht, entgegnete der Professor rauh und setzte seinen
Marsch fort.
    Fritz spannte den zweiten Stiefel in das Joch und knarrte in den leisen
Miklang hinein. Wie gefllt dir der lteste Knabe? Er hat ganz das helle Haar
seiner Schwester.
    Das ist gar nicht zu vergleichen, sagte der Professor wieder kurz.
    Fritz setzte die beiden Stiefeln vor das Bett, sich selbst auf den Bettrand
und begann entschlossen: Ich bin bereit, deine Stimmung zu achten, auch wenn
sie mir nicht ganz verstndlich ist, aber ich bitte dich doch daran zu denken,
da wir diese Gastfreundschaft uns eigentlich erzwungen haben, und da wir sie
nicht ber die Frhstunden des nchsten Tages in Anspruch nehmen drfen.
    Fritz, rief der Professor mit tiefer Empfindung, du bist mein
zartfhlender lieber Freund, habe heut Geduld mit mir, und dabei wandte er sich
wieder um und trat, das Gesprch abbrechend, an das Fenster.
    Fritz gerieth vor Sorgen ganz auer sich; dieser groartige Mann, sicher in
allem, was er schrieb, voll von Rath und festem Entschlu vor den dunkelsten
Textstellen - und jetzt arbeitete in ihm, was sein ganzes Wesen erschtterte.
Wie durfte dieser Mann so gestrt werden! Er sah mit majesttischer Klarheit in
eine Vergangenheit von mehren tausend Jahren zurck, und jetzt stand er am
Fenster einem Kuhstall gegenber, und ein Ton klang durch das Zimmer wie
Seufzen. Was sollte daraus werden? Diesen Gedanken wlzte der Doctor unablssig
hin und her.
    Lange ging der Professor mit groen Schritten auf und ab, Fritz stellte sich
schlafend, sah aber unter der Bettdecke hervor immer wieder auf den kmpfenden
Freund. Endlich lschte der Professor das Licht und warf sich auf das Lager.
Bald verriethen seine tiefen Athemzge, da die wohlthtige Natur auch dies
pochende Herz fr einige Stunden zu leisem Schlage gebndigt hatte. Aber der
Kummer des Doctors hielt hartnckiger Stand. Von Zeit zu Zeit erhob er den
Oberleib aus den Kissen, suchte tastend seine Brille vom nchsten Stuhle, ohne
die er den Professor nicht ersehen konnte, und sphte durch die runden Glser
nach dem andern Bette hinber, nahm die Brille wieder in leisem Seufzen ab und
legte sich in die Kissen zurck. Diesen Act der Freundschaft wiederholte er
mehre Male, bis auch er in festen Schlaf verfiel, kurz bevor die Sperlinge im
Rebenlaub ihren Morgengesang anstimmten.

                                       5.

                                        

                          Zwischen Herden und Garben.


Die Hofuhr schlug, Wagen rollten vor dem Fenster, die Glckchen der Herde
luteten, als die Freunde erwachten. Einen Augenblick sahen sie erstaunt auf die
Wnde des fremden Zimmers und durch das Fenster in den sonnigen Garten. Whrend
der Doctor Notizen einschrieb und das Bndel schnrte, trat der Professor hinaus
in das Freie. Drauen hatte lngst das Tagewerk begonnen, Beamte und Gespanne
waren auf das Feld gezogen, geschftig eilte der Hofverwalter um die offenen
Scheuern, die Schafe drngten sich blkend vor dem Stall zusammen, von den
Hunden umkreist.
    Die Landschaft glnzte im Licht eines wolkenlosen Himmels. Ueber dem Boden
schwebte noch der Dmmer, welcher das Licht der deutschen Sonne auch an hellen
Morgen bndigt und mit seinem Grau versetzt. Noch warfen Huser und Bume lange
Schatten, die Khle der thauigen Nacht haftete an den schattigen Stellen und die
kleinen Luftwellen trieben bald die Wrme des jungen Tageslichts, bald den
erfrischenden Hauch der Nacht dem Gelehrten an die Wange.
    Er schritt um die Gebude und den Hofraum, um sich die Sttte zu begrenzen,
die er von jetzt als eine fremdartige Erinnerung in der Seele tragen sollte. Die
Menschen, welche hier wohnten, hatten ihm zgernd ihr Wesen aufgeschlossen,
Manches in diesem einfachen Leben zwischen Haus und Flur erschien ihm lieb und
begehrenswerth. Was hier Thtigkeit gab, Eindrcke und Willen, das konnte er zum
grten Theil mit seinen Augen bersehen, denn die Aufgaben fr jedes Leben, die
Pflichten des Tages wuchsen aus dem Hofe und den Beeten der Landschaft, nach der
Ackerscholle formten sich die Ansichten ber das Fremde, beschrnkte sich das
Urtheil. Und lebhaft empfand er, wie tchtig und glcklich die Menschen leben
konnten, denen das eigene Sein so fest verwachsen war mit der Natur und den
uralten Bedrfnissen der Menschen. Er selbst aber, welch andere Gewalten
regierten sein Leben! Er wurde gefhrt durch tausend Einwirkungen alter und
neuer Zeit, nicht selten durch Gestalten und Zustnde der fernsten
Vergangenheit. Denn was der Mensch treibt, ist ihm mehr als vergngliche Arbeit
des Tages, und Alles, was er gethan, wirkt als ein Lebendiges in ihm fort; der
Naturforscher, welchen die Sehnsucht nach einer seltenen Pflanze auf die steile
Hhe fhrt, von der er den Rckweg nicht findet, der Soldat, den die Erinnerung
an alte Kampfaufregung in neue Schlachten wirft, sie werden geleitet durch die
Gewalt der Gedanken, welche ihre Vergangenheit in ihnen lebendig gemacht hat. -
Natrlich! der Mensch ist kein Sklave dessen, was er gelebt hat, wenn er sich
nicht dazu erniedrigt; sein Wille ist frei, er whlt, was er mag, und zerwirft,
was er nicht bewahren will. Aber die Gestalten und Bilder, welche einmal in
seine Seele gefallen sind, arbeiten doch unablssig ihn zu leiten, oft hat er
sich gegen ihre Herrschsucht zu wehren, in tausend Fllen folgt er frhlich
ihrem leisen Zuge. Alles was war und Alles was ist, das lebt ber seine
Erdentage hinaus fort in jedem neuen Dasein, worein es zu dringen vermag, es
wirkt vielleicht in Millionen, durch lange Zeiten, die Einzelnen und die Vlker
bildend, erhebend, verderbend. So werden die Geister der Vergangenheit, die
Gewalten der Natur, auch was man selbst geschaffen und erdacht hat, ein
unveruerlicher, Leben wirkender Bestandtheil der eigenen Seele. Und lchelnd
sah der Gelehrte, wie fremde, tausend Jahr alte Erinnerungen ihn selbst hierher
unter Landsleute gefhrt hatten, und wie dem Manne, der hier herrschte, so sehr
verschiedene Thtigkeit den Sinn und das Urtheil weit anders gestaltete.
    Zwischen seine Gedanken tnte behaglich aus dem Stall das Brummen der
Rinder. Aufblickend sah er eine Reihe geschrzter Mgde, welche die vollen
Milcheimer nach dem Gewlbe trugen. Hinter ihnen ging Ilse im einfachen
Morgenkleid, das blonde Haar glnzte gegen die Sonne wie gesponnenes Gold,
frisch und krftig schritt sie dahin wie der junge Tag. Der Gelehrte empfand
Scheu, an sie zu treten, er sah ihr sinnend nach; auch sie war eine der
Gestalten, welche fortan in seinem Innern fortleben sollten, ein Bild seiner
Trume, vielleicht seines Wunsches. Wie lange? wie mchtig? - Er ahnte nicht,
da seine rmischen Kaiser schon in der nchsten Stunde thtig sein sollten,
diese Frage zu beantworten.
    Quer ber den Hof kam der Landwirth, er rief ihm den Morgengru zu und frug,
ob der Professor ihn auf einem kurzen Gange ins Feld begleiten wolle. Als die
Beiden nebeneinander der Sonne entgegen schritten, beide tchtige Mnner und
doch so verschieden an Haupt und Gliedern, in Haltung und Inhalt, da htte wohl
Mancher den Gegensatz mit warmem Antheil betrachtet, und nicht zuletzt Ilse;
aber wer nicht die Augen eines Schatzgrbers oder Geisterbanners hatte, der
konnte doch nicht bemerken, wie verschiedenartig das unsichtbare Gefolge kleiner
Geister war, welches beiden um Schlfe und Schultern flatterte, Schwrmen
unzhlbarer Vgel oder Bienen vergleichbar. Die Geister des Landwirths waren in
heimischer Wirthschaftstracht, blaue Kittel oder flatternde Kopftcher, darunter
wenige Gestalten in den unbestimmten Gewndern von Glaube, Liebe, Hoffnung.
Hingegen um den Professor schwrmte ein unabsehbares Gewhl fremder Gebilde mit
Toga und antiken Helmen, in Purpurgewand und griechischer Chlamys, auch nacktes
Volk in Athletentracht, und solche mit Ruthenbndeln und mit zwei Flederwischen
an den Hten. Das kleine Gefolge des Landwirths flog unablssig auf die
Ackerbeete und wieder zurck, der Schwarm des Gelehrten achtete nicht sehr
darauf und hielt sich gesammelt. Endlich blieb der Landwirth vor einem Flurstck
stehen, sah liebevoll darauf und erzhlte, da er dies Stck durch Unterpflgen
grner Lupinen - einer damals neu eingefhrten Cultur - gedngt habe. Der
Professor hielt berrascht an. In seinem Gefolge entstand ein
Durcheinanderschwrmen, ein kleiner antiker Geist flog an die nchste Erdscholle
und zog vom Haupt des Professors ein zartes Gespinnst, das er dort anhing.
Unterde erzhlte der Professor dem Landwirth, wie das Unterackern der grnen
Hlsenfrucht einst bei den Rmern bruchlich gewesen, und wie er erfreut sei,
da jetzt nach anderthalb Jahrtausenden dieser alte Fund in unsern Wirtschaften
wiederum entdeckt sei. Dabei kam man auf die Vernderungen im Landbau, und der
Professor erwhnte, wie auffallend ihm gewesen sei, da dreihundert Jahre nach
Beginn unserer Zeitrechnung die Getreidebrse in den Hfen des schwarzen Meeres
und Kleinasiens so groe Aehnlichkeit mit der modernen von Hamburg und London
gehabt habe, whrend jetzt dort im Osten auch viele andere Culturpflanzen gebaut
wrden. Und endlich berichtete er ihm gar von einem Waarentarif, den ein
rmischer Kaiser aufgestellt hatte, und da gerade die Preise des Weizens und
der Gerste, der beiden Frchte, von denen damals die brigen Preise und Lhne
abgehangen htten, auf dem erhaltenen Steine zerstrt wren. Und er setzte
hbsch auseinander, weshalb dieser Verlust so sehr zu bedauern sei. Da ging
wieder dem Landwirth das Herz auf, und er versicherte dem Professor, das sei gar
nicht bermig zu beklagen, denn man knne diese verlorenen Werthe aus den
Preisen der brigen Frchte mit Halm und Hlse sicher bestimmen, weil alle
Frchte untereinander im Groen betrachtet ein festes und altes Werthverhltni
haben. Er gab diese Verhltnisse ihres Nahrungswerthes in Zahlen an, und der
Professor erkannte mit freudigem Erstaunen, da sie wohl auf den Tarif seines
alten Kaisers Diocletian passen knnten.
    Whrend die Mnner diese anscheinend gleichgltige Unterhaltung fhrten,
flog ein bsartig aussehender Genius, wahrscheinlich Kaiser Diocletianus selber,
vom Professor hinber unter die buerliche Genossenschaft des Landwirths,
stellte sich in seinem Purpurgewand mitten auf den Kopf des Herrn, stampfte mit
den Beinchen an die Hirnschale und veranlate dem Landwirth die Empfindung, da
der Professor ein verstndiger und gediegener Mann sei, und da diesem Mann
ntzlich sein werde, weitere Belehrungen ber Werth und Preise der Frchte zu
erhalten. Denn es that dem Landwirth doch sehr wohl, da er dem Gelehrten auf
dessen eigenem Gebiet Bescheid sagen konnte.
    Als nach einer Stunde die beiden Wanderer zum Hause zurckkehrten, blieb der
Landwirth an der Thr stehen und sagte mit einiger Feierlichkeit zum Professor:
Als ich Sie gestern hier einfhrte, wute ich wenig, wen ich vor mir hatte. Es
ist mir peinlich, da ich einen Mann, wie Sie, so unwirsch begrt habe. Ihre
Bekanntschaft ist mir eine Freude geworden, man findet hier selten Jemanden, mit
dem man sich ber allerlei so aussprechen kann wie mit Ihnen. Lassen Sie sich's,
da Sie doch eine Erholungsreise machen wollen, auf einige Zeit bei uns einfachen
Leuten gefallen. Je lnger, desto besser. Es sind freilich jetzt nicht die
Wochen, wo der Landwirth seinen Gsten das Haus bequem machen kann, Sie wrden
vorlieb nehmen mssen. Wollen Sie arbeiten und brauchen Sie Bcher, wir lassen
sie hierher kommen. Und sehen Sie nach, ob das bei den Rmern nicht etwa
Wintergerste war, die ist leichter als unsere. - Schlagen Sie ein und machen Sie
mir die Freude. Er hielt dem Gelehrten treuherzig die Hand hin.
    Ueber das Antlitz des Professors fuhr es wie ein helles Licht. Er ergriff
lebhaft die Hand des Gastfreundes: Wenn Sie meinen Freund und mich noch einige
Tage behalten wollen, ich nehme Ihre Einladung von ganzem Herzen an. Ich darf
Ihnen sagen, da mir der Einblick in einen neuen Kreis menschlicher Interessen
werthvoll ist, noch weit mehr aber das Wohlwollen, welches uns hier
entgegenkommt.
    Abgemacht, rief der Landwirth heiter, jetzt rufen wir Ihren Freund.
    Der Doctor ffnete seine Thr. Als der Landwirth mit warmen Worten die
Einladung gegen ihn wiederholte, sah er einen Augenblick ernsthaft nach dem
Freund hinber. Da dieser ihm freundlich zunickte, nahm auch er fr die Tage an,
welche ihm vor dem beschlossenen Besuch bei Verwandten noch frei waren. - So
geschah es, da Kaiser Diocletianus, fnfzehnhundert Jahre nachdem er die Erde
unfreiwillig verlassen hatte, seine tyrannische Macht an dem Professor und dem
Landwirthe ausbte. Ob noch andere geheime Arbeit antiker Gewalten dabei thtig
war, ist nicht erforscht.
    Ilse hrte schweigend den Bericht des Vaters, da die Herren noch einige
Zeit ihre Gste sein wollten, aber ihr Blick fiel so klar und warm auf die
Fremden, da diese freudig fhlten, sie seien auch hier willkommen.
    Sie waren von dieser Stunde wie alte Bekannte eingefhrt in das Leben des
Hauses, und beiden, die nie auf dem Lande gelebt, war, als mte das sein, und
als wren sie selbst zurckgekehrt in eine Heimat, in der sie sich schon einmal
vor Jahren getummelt hatten. Es war ein geschftiges Treiben, und doch lag auch
jetzt, wo die Arbeit hei drngte, so heitere Ruhe darber. Ohne viele Worte,
sicher verbunden wirkten die Menschen in Haus und Hof nebeneinander. Das
Tageslicht war der oberste Schirmvoigt, der aufgehend zur Arbeit trieb,
erlschend die Spannung der Glieder lste. Wie die Arbeiter nach dem Himmel
sahen, um ihre Werkstunden zu ermessen, so richteten Sonne und Wolke auch die
Stimmungen des Tages nach ihrem Zuge, bald Behagen, bald Sorge darnieder
sendend. Und langsam und leise, wie die Natur die Blthen aus dem Boden treibt
und die Frchte zeitigt, wuchsen auch die Empfindungen der Menschen dort zu
Blthe und Frucht. Im friedlichen Zusammenleben, aus kleinen Eindrcken setzt
sich das Verhltni der Thtigen zueinander zurecht. Wenige warme Worte, ein
freundlicher Blick, der kurze Anschlag einer Saite, welche im Innern lange
nachtnt, gengen, zwischen Garben und Herden, zwischen Auszug und Heimfahrt vom
Felde ein festes Band um verschiedenartige Naturen zu schlingen; ein Band,
gewebt aus unscheinbaren Fden! aber es erhlt dennoch leicht eine Strke, die
durch das ganze Erdenleben dauert.
    Auch die Freunde umgab der Frieden, die alltgliche Tchtigkeit, die kleinen
Bilder des Landes. Nur, wenn sie das alte Haus betrachteten und der Hoffnung
gedachten, welche sie hierher gefhrt, kam ihnen etwas von der Unruhe, welche
Kinder vor einer Weihnachtsbescherung empfinden. Die still arbeitende Phantasie
warf ihren bunten Schein ber Alles, was dem Hause angehrte, bis herab auf den
Beller Nero, der schon am zweiten Tage durch heftiges Schwenken des Schwanzes
den Wunsch ausdrckte, auch von ihnen in die Tischgenossenschaft aufgenommen zu
werden.
    Es war dem Doctor sehr der Beachtung werth, wie stark sein Freund durch dies
ruhige Leben angezogen wurde, und wie fgsam er sich in die Bewohner des Hauses
schickte. Der Gutsherr brachte ihm, bevor er auf das Vorwerk ritt, einige
landwirthschaftliche Bcher und sprach zu ihm ber Getreidesorten, der Professor
antwortete so bescheiden wie ein junger Herr in Stulpstiefeln und vertiefte sich
sogleich ernsthaft in diese fremden Interessen. Auch zwischen Ilse und dem
Professor offenbarte sich ein Einvernehmen, ber dessen Ursache der Doctor
unruhig nachsann. Wenn der Professor zu ihr sprach, geschah es mit inniger
Verehrung in Stimme und Blick, und auch Ilse wandte sich am liebsten zu ihm und
war in der Stille unablssig um sein Behagen bemht. Als er ihr bei Tische ein
Tuch aufhob, berreichte er es mit ehrfurchtsvoller Verbeugung, wie einer
Frstin; als sie ihm seine Tasse in die Hand gab, sah er so glcklich aus, als
htte er den geheimen Sinn einer schwierigen Schriftstelle gefunden. Dann am
Abend, als er mit dem Vater im Garten sa und Ilse hinter seinem Rcken aus dem
Hause trat, verklrte sich sein Angesicht, und er hatte sie doch gar nicht
gesehen. Und da sie den Kindern das Abendbrot austheilte und den kleinen Franz
wieder schelten mute, weil er unartig war, sah der Professor pltzlich so
finster drein, als ob er selbst ein Knabe wre, den der Unwille der Schwester
bessern sollte. Diese Beobachtungen gaben dem Doctor zu denken.
    Weiter, als kurz darauf der wackere Hans dem Doctor den Vorschlag machte,
bei einem freundschaftlichen Blindekuhspiel mitzuwirken, da nahm Fritz als
selbstverstndlich an, da der Professor unterde den Vater in der Laube
unterhalten werde. Er selbst htte sich's kaum getraut, seinen gelehrten Freund
zu dieser Ausschweifung aufzufordern. Wie erstaunte er aber, als Ilse das Tuch
zusammenlegte, zu dem Professor trat und ihn aufforderte, sich zuerst als
Blindekuh umbinden zu lassen. Und der Professor sah auf dieses Ansinnen ganz
glcklich aus, bot Haupt und Hals sanft wie ein Opferlamm der Verhllung und
lie sich von Ilse in den Kreis der kleinen Wilden fhren. Lrmend umringte der
Schwarm den Professor, die dreisten Kinder zupften ihn am Rockscho, sogar Ilse
wute einen Knopf seines Rockes zu fassen und zog leise daran, er aber gerieth
ber dieses Zucken in Aufregung, fuhr mit den Hnden umher und achtete keinen
Angriff der schwrmenden Jugend, nur um die Frevlerin zu ergreifen. Als ihm dies
nicht gelang, schlug er mit dem Stocke auf und ging wie der blinde Snger
Demodokus tastend umher, um einen Phaken mit der Stockspitze zu fassen. Jetzt
traf er richtig auf Ilse, sie aber hielt das Stockende ihrer Schwester hin, und
Clara pfiff daran, der Professor aber rief: Frulein Ilse! Und Ilse freute
sich herzlich, da er falsch gerathen, und der Professor sah darber sehr
betreten aus.
    Aber dabei blieb es nicht. Dies Landgeschlecht muthete dem Professor ferner
zu, den Dritten abzuschlagen, als schwarzer Mann zu kommen und hnliche
anstrengende Uebungen, bei denen ein Umherhuschen, Umwenden, Laufen und ein
Hpfen ber die Grenze unvermeidlich war. Alles dies machte der Professor recht
lderlich mit. Ja, er bewies darin eine Kunstfertigkeit, welche die Kinder
bezauberte. Er sprang wie ein Knabe ber die Buchsbaumbeete, unternahm das
Kunststck, mit jeder Hand eines zu fangen, schlug mit dem zusammengedrehten
Taschentuch krftigst auf die Rckseite der Knaben und traf Ilsens Hnde mit
einem so achtungsvollen Schlag, da Bruder Franz erzrnt ausrief: Das gilt
nicht, das war zu wenig. Ilse aber bekannte sich getroffen, nahm das Tuch und
schenkte es jetzt dem Professor gar nicht, sondern schlug ihn damit herzhaft auf
die Schultern, und als er sich erstaunt umdrehte, lchelte sie ihm ein wenig zu
und bergab ihm das Tuch wieder.
    Es war unleugbar, die laute Frhlichkeit der wohlgebildeten Kinder war
ansteckend, auch der Doctor wurde bald von einer derben lndlichen Lustigkeit
erfat. Auch er sprang und klatschte in die Hnde und boxte whrend des
gemeinsamen Spiels noch zum Privatvergngen mit Hans dem ltesten, so oft sie
nebeneinander zu stehen kamen. Whrend er selbst lachte und auf einem Beine
herumsprang, freute er sich als beobachtender Weiser ber die groen und kleinen
Mdchen, wie gut ihnen die krftigen Bewegungen des wilden Spiels standen. Denn
es war unverknstelte Natur und volle Hingabe an das Spiel. Wenn Clara, die
zweite, dem Bruder entlief oder im Kreise umherfuhr, so war sie bis auf ihr
bescheidenes Rckchen einer spartanischen Wettluferin wohl zu vergleichen. Als
Ilse darauf am Baum stand und mit der Hand einen Ast ber sich fate, um sich zu
sttzen, so sah ihr gerthetes Antlitz, von den Blttern des Nubaums bekrnzt,
so schn und glcklich in die Welt, da auch der Doctor ganz davon hingerissen
wurde.
    Bei solcher Bacchantenstimmung war es nicht zu verwundern, da der Professor
zuletzt Hansen zum Wettlauf herausforderte: zweimal im Viereck, lngs dem Zaune.
Unter dem Jubel der Kinder verlor Hans seine Wette, wie er selbst behauptete,
weil er die innere Seite des Vierecks gehabt hatte, aber die allgemeine Stimme
verwarf durchaus diese Entschuldigung. Als die Wettlufer wieder bei der Laube
ankamen, reichte Ilse dem Professor seinen Ueberziehrock, den sie unterde vom
Kleiderrechen des Hausflurs geholt hatte: Es wird spt, Sie drfen sich bei uns
nicht erklten. Und es war gar nicht kalt, er aber zog den Rock auf der Stelle
an, knpfte ihn von oben bis unten zu und schttelte seinen Mitstreiter Hans
vergngt an den Schultern. Darauf setzten sich alle in der Laube nieder, um
abzukhlen. Hier mute auf die strmische Forderung der Kleinen unter
allgemeinem Chorgesange ein Thaler wandern, und von dem strengen Theil der
Familie wurde laut gergt, da der Thaler zweimal zwischen Ilse und dem
Professor auf die Erde fiel, weil sie einander den geheimen Lufer nicht fest
genug in die Hand gegeben hatten. Durch dies Spiel war die Gesangeslust der
Jugend erweckt worden, Klein und Gro sang zusammen aus voller Kehle solche
Lieder, welche sich als gemeinsames Gut erwiesen: An der Saale khlem Strande,
das Mantellied und die Glocke von Capernaum, dieses als Canon. Darauf sangen
Ilse und Clara, von dem Doctor ersucht, zweistimmig ein Volkslied, sehr einfach
und schmucklos, und vielleicht traf eben deshalb die melancholische Weise das
Herz, so da es nach dem Lied still wurde und die fremden Herren gewissermaen
gerhrt vor sich hinsahen, bis der Landwirth die Gste aufforderte, auch etwas
zum Besten zu geben. Sogleich stimmte der Professor, aus seiner Bewegung
auftauchend, mit wohltnendem Basse an: Im khlen Keller sitz' ich hier, da
die Knaben begeistert die Reste aller Milch austranken und mit den Glsern auf
den Tisch stampften. Wieder uerte sich die Gesellschaft als Chor, sie
unternahmen das liebe alte Fragezeichenlied: des Deutschen Vaterland, soweit
die Kenntni der Verse reichte, und zum Schlu versuchte sich Alles zusammen an
Ltzows verwegener Jagd. Der Doctor hielt als fester Chorsnger die Melodie bei
den schwierigen Noten schn zusammen und der Refrain klang wundervoll in der
stillen Abendluft, die Tne zogen das Weinlaub der Mauer entlang und ber die
Gipfel der Obstbume bis an das Gehlz des nchsten Hgels und kamen von dort
als Echo zurck.
    Nach diesem Hauptstck trieb Ilse die Kinder zum Aufbruch und geleitete die
Unzufriedenen in das Haus, die Mnner aber saen noch lange im Gesprch
zusammen, sie hatten miteinander gelacht und gesungen und ihre Herzen waren
geffnet. Der Landwirth erzhlte aus seinen frheren Tagen, wie er sich da und
dort versucht hatte und endlich hier festgesetzt. Der Kampf um das Leben war
auch ihm schwer und langwierig gewesen, er erinnerte sich in dieser Stunde gern
daran und sprach darber in der guten Weise eines thtigen Mannes.
    So verlief der zweite Tag auf dem Gute zwischen Sonne und Sternen, zwischen
Garben und Herden.

    Am nchsten Morgen weckte den Professor ein lauter Gesang der geflgelten
Hofgenossen. Der Hahn flog auf einen Stein unter dem Fenster der Gaststube und
lie gebieterisch seinen Morgenruf erschallen, die Hennen und junges Hhnervolk
standen im Kreise um ihn her und versuchten dieselbe Gesangskunst zu ben.
Dazwischen schrieen die Sperlinge, welche im Weinlaub geschlafen hatten, aus
vollem Halse, aber sie drangen nicht durch; dann flogen die Tauben heran und
gurrten die Triller. Zuletzt kam noch eine Herde Enten zu dem Sngerbund und
begann schnatternd den zweiten Chor. Der Professor sah sich genthigt, das Lager
zu rumen, und der Doctor rief unwillig im Bett: Das kommt von dem gestrigen
Singsang. Jetzt lrmt der Brotneid aller znftigen Hofmusikanten. Darin aber
war er im Irrthum, das kleine Volk des Hofes sang nur aus Amtseifer, es meldete
zuerst dem Gute, da ein unruhiger Tag bevorstehe.
    Als der Professor in das Freie trat, glhte noch die Morgenrthe mit
feurigem Schein am Himmels, und der erste Lichtstrahl fuhr ber die Felder,
gebrochen und zitternd wie in Wellen. Der Grund war trocken, an Blatt und Rasen
hing kein Thautropfen. Auch die Luft war schwl, und matt nickten die
Blumenkpfe an den Stielen. Hatte in der Nacht eine zweite Sonne geschienen? Vom
Gipfel eines alten Kirschbaumes aber klang unaufhrlich das helle Pfeifen der
Golddrossel. Der alte Gartenarbeiter Jacob sah kopfschttelnd nach dem Baume:
Ich dachte, der Spitzbub wre fortgezogen, er hat unter den Kirschen arg
gewirthschaftet, jetzt gibt er vor seiner Reise noch eine Nachricht, heut kommt
etwas.
    Schnell rollten die Wagen auf das Erntefeld, die Pferde waren unruhig,
schttelten die Kpfe und schlugen mit dem Schweife die Flanken, und die Knechte
klatschten ohne Aufhren mit der Peitsche. Heut stechen die Fliegen, sagte im
Vorbeifahren grend der Groknecht, es kommt ein Wetter. Der Landwirth trat
aus dem Hause, statt des Morgengrues rief er dem Professor zu: Das Wetterglas
ist gefallen, es ist etwas im Anzuge. Ilse kam von der Molkerei: Die Khe sind
unruhig, sie brllen und arbeiten gegen einander.
    Roth hob sich die Sonne aus trockenem Qualm, die Arbeiter im Felde fhlten
die Mattigkeit in den Gliedern und hielten immer wiederbei der Arbeit an, das
Antlitz zu trocknen. Der Schfer war heut mit der Herde unzufrieden, seine
Hammel waren auf Kraftbungen versessen; statt zu fressen stieen sie mit den
Kpfen zusammen und das Jungvieh hpfte und tnzelte wie an Drhten in die Hhe
gezogen. Unordnung und Widersetzlichkeit waren nicht zu bndigen, der Hund
umkreiste die Aufgeregten unaufhrlich mit hngendem Schwanze, und wenn er heut
ein Schaf in das Bein zwickte, so merkte es lange den Schaden.
    Hher stieg der Sonnenball am wolkenlosen Himmel, heier wurde der Tag, ein
leichter Dunst hob sich vom Boden und machte die Ferne undeutlich, die Sperlinge
flogen unruhig um die Baumgipfel, die Schwalben fuhren lngs dem Boden und zogen
ihre Kreise um die Menschen. Die Freunde suchten ihr Zimmer auf, auch hier
empfand man die ermattende Schwle, der Doctor, welcher einen Plan des Hauses
entwarf, legte den Bleistift hin, der Professor las von Ackerbau und Viehzucht,
aber er sah oft ber sein Buch nach dem Himmel, ffnete das Fenster und schlo
es wieder. Das Mittagsmahl war stiller als sonst, der Landwirth sah ernst drein,
seine Beamten nahmen sich kaum Zeit, ihre Teller zu leeren. Es kommt heut
ungelegen, sagte der Hausherr beim Aufstehen zu der Tochter, ich reite an die
Grenze; bin ich nicht vor dem Wetter zurck, so sieh nach Haus und Hof. Und
wieder zogen die Menschen und Rosse auf das Feld, aber heut war ihnen der Weg
zur Arbeit sauer.
    Die Hitze wurde unertrglich, die Nachmittagssonne brannte auf die Haut,
Fels und Mauer fhlten sich hei an, den Himmel berzog ein weies Gewlk, das
sich zusehends verdichtete und zusammenfuhr. Eifrig trieb der Knecht die Pferde
zur Scheuer, die Arbeiter hasteten die Garben abzuladen, im schnellen Trabe
fuhren die Wagen, noch eine Ladung unter das schtzende Dach zu retten.
    Die Freunde standen vor der Hofthr und blickten auf die schweren Wolken,
welche vom Himmelsrande heraufzogen. Das gelbe Sonnenlicht kmpfte kurze Zeit
gegen die dunkeln Schatten der Hhe, endlich verschwand auch der letzte grelle
Schein, glanzlos und trauernd lag die Erde. Ilse trat zu ihnen: Seine Zeit ist
gekommen, gegen vier Uhr steigt es herauf, selten zieht es aus dem Morgen ber
das ebene Land, dann aber wird es jedesmal schwer fr uns, denn die Leute sagen,
es kann nicht ber die Berghhe, auf die Sie vom Garten aus sehen. Dann hngt es
lange ber unserm Felde. Und der Donner, sagt man, rollt bei uns strker als
anderswo.
    Die ersten Ste des Windes fuhren heulend an das Haus. Ich mu durch den
Hof, zum Rechten sehen, rief Ilse, band schnell ein Tuch um das Haupt und
drang, von den Mnnern begleitet, gegen den Sturm vorwrts zu dem Hofgebude, in
welchem die Spritze stand, sie sah zu, ob die Thr geffnet und Wasser in den
Tonnen war. Dann eilte sie vorwrts nach den Stllen, whrend die Strohhalme im
Wirbel um sie herumfuhren, mahnte die Mgde noch einmal durch muntern Zuruf,
sprach schnell einige Worte mit den Beamten und kehrte nach dem Hause zurck.
Sie warf einen Blick in die Kche und nach dem Herde und ffnete die Thr des
Kinderzimmers, ob alle Geschwister beim Lehrer versammelt waren. Zuletzt lie
sie noch den Hund herein, der an der geschlossenen Hofthr ngstlich bellte, und
trat dann wieder zu den Freunden, welche vom Fenster der Wohnstube in den
Aufruhr der Elemente blickten. Das Haus ist verwahrt, so gut die Hand des
Menschen vermag, wir aber vertrauen auf strkeren Schutz.
    Langsam wlzte sich das Wetter nher, eine schwarze Masse nach der andern
schob sich heran, unter ihnen stieg ein fahler Dunstschleier wie ein ungeheurer
Vorhang hher und hher, der Donner rollte, krzer die Pausen, wilder sein
Drhnen, der Sturm heulte um das Haus, jagte zornig dicke Staubwolken um die
Mauern, Bltter und Halme flogen in wildem Tanze dahin.
    Der Lwe brllt, sagte Ilse, die Hnde faltend. Sie neigte auf einige
Augenblicke das Haupt. Dann sah sie schweigend zum Fenster hinaus. Der Vater
ist auf dem Vorwerk unter Dach, begann sie wieder, einer Frage des Professors
zuvorkommend.
    Ein tchtiges Wetter tobte um das alte Haus. Die es zum erstenmal an dieser
Stelle hrten, auf freier Hhe, an der Seite des Bergrckens, von dem das
wirbelnde Getse des Donners zurckschallte, meinten solche Gewalt der Natur
noch nicht erlebt zu haben. Whrend der Donner tobte, ward es pltzlich finster
in der Stube wie bei einbrechender Nacht, und immer wieder wurde die unheimliche
Dmmerung durch den Schein der feurigen Schlangen zerrissen, welche ber den Hof
dahinfuhren.
    In der Kinderstube war es laut geworden, man hrte das Weinen der Kleinen.
Ilse ging an die Thr und ffnete. Kommt zu mir, rief sie. Aengstlich liefen
die Kinder herein und drngten sich um die Schwester, sie faten ihre Hnde, die
jngsten klammerten sich an ihr Gewand. Ilse nahm die kleine Schwester und legte
sie in die Hnde des Professors, der neben ihr stand. Seid still und sagt leise
euren Spruch, mahnte sie, jetzt ist keine Zeit, zu weinen und zu klagen.
    Pltzlich ein Licht so blendend, da es zwang, die Augen zu schlieen, ein
kurzer markerschtternder Krach, der in mitnendem Knattern endete. Als der
Professor die Augen ffnete, sah er in dem Schein eines neuen Blitzes Ilse neben
sich stehen, das Haupt ihm zugewendet, mit strahlendem Blick. Das hat
eingeschlagen, rief er besorgt.
    Nicht in den Hof, versetzte das Mdchen unbeweglich.
    Wieder ein Schlag und wieder ein Feuerschein und ein Schlag, wilder, krzer,
schrfer. Es schwebt ber uns, sagte Ilse ruhig und drckte das Haupt des
kleinen Bruders an sich, als wollte sie ihn schtzen.
    Der Professor konnte den Blick nicht abwenden von der Gruppe in der
Zimmermitte. Die edle Gestalt des Weibes vor ihm, hoch aufgerichtet,
unbeweglich, umringt von den angstvollen Geschwistern, gehoben das Antlitz und
um den Mund ein stolzes Lcheln. Sie hatte in unwillkrlicher Empfindung eines
der theuren Leben seiner Obhut anvertraut, er stand in der Noth der Entscheidung
neben ihr als einer der Ihrigen. Auch er hielt das Kind fest, das ihn ngstlich
umschlang. Es waren kurze Augenblicke, aber zwischen Blitz und Schlag loderte
die Glut in ihm zu hellen Flammen auf. Die neben ihm stand im Wetterschein, von
blendendem Licht umgossen, sie war es, die er sich forderte fr sein Leben.
    Lnger drhnte der Donner, der Regen schlug an das Fenster, ein Wassergu
rasselte und klatschte um das Haus, die Fenster zitterten in einem wthenden
Anprall des Sturmes.
    Es ist vorber, sagte die Jungfrau leise. Die Kinder fuhren auseinander
und liefen an das Fenster. Nach oben, Hans, rief die Schwester und eilte mit
dem Bruder aus dem Zimmer, um zu sehen, ob das Wasser doch irgendwo Eingang
gefunden. Der Professor sah sinnend nach der Thr, aus der sie geschwunden war,
der Doctor aber, der unterde, das Knie in den Hnden, ruhig auf dem Stuhl
gesessen, begann kopfschttelnd: Diese Naturerscheinung ist fr uns
ungemthlich. Seit die Blitzableiter in Micredit gekommen sind, hat man nicht
einmal den Trost, da solche Stange dem Codex Sicherheit gegen die
Zudringlichkeit von oben gewhrt. Das ist ein schlechter Aufenthalt, mein
Freund, fr unser armes altes Manuscript, und es ist wahrlich Christenpflicht,
das Buch so schnell als mglich aus diesem Donnerwinkel zu retten. Wie kann man
ferner noch mit Gemthsruhe eine Wolke am Himmel sehen? Wir werden immer daran
denken mssen, was hier alles mglich ist.
    Das Haus hat doch bis jetzt vorgehalten, erwiederte der Professor
lchelnd, berlassen wir die Handschrift unterde den guten Gewalten, denen die
Menschen selbst hier so fest vertrauen. - Sieh, schon bricht der Sonnenstrahl
durch den Dunst.
    Eine halbe Stunde spter war Alles vorber, ber den Bergen lag noch die
dunkle Wolke und aus der Ferne tnte gefahrlos der Donner. In dem leeren Hofe
regte sich wieder das Leben. Zuerst zog in frhlichem Eifer der Entenchor aus
seinem Versteck, putzte die Federn, untersuchte die Wasserlachen und schnatterte
lngs den Wagengleisen. Dann kam der Hahn mit seinen Hhnern, vorsichtig
schreitend und die quellenden Krner pickend, die Tauben flogen an Vorsprnge
der Fenster, wnschten einander mit Verbeugungen Glck und breiteten die Federn
im neuen Sonnenlicht, Nero fuhr in khnem Sprunge aus dem Hause, trottete durch
den Hof und bellte herausfordernd in die Luft, um die feindliche Wolke vollends
zu verscheuchen. Dann schritten die Mgde und Arbeiter wieder rhrig ber den
Platz und athmeten erfrischt den Balsam der feuchten Luft. Der Hofverwalter kam
und berichtete, da es zweimal in den Berg nebenan geschlagen. Auch der
Landwirth ritt in starkem Trabe herein, tchtig durchnt, um zu sehen, ob Haus
und Hof ihm unversehrt geblieben. Er sprang frhlich vom Pferde und rief: Es
hat drauen eingeweicht, aber Gottlob, da es so vorbergegangen. Solch Wetter
ist hier seit Jahren nicht erlebt. Die Leute hrten noch eine Weile, wie der
Groknecht erzhlte, da er eine Wassersule gesehen, die als ein groer Sack
vom Himmel bis zur Erde hing, und da es jenseit der Grenze stark gehagelt. Dann
traten sie gleichmthig in die Stlle und genossen die Ruhestunde, die ihnen das
Unwetter vor der Zeit verschaffte. Und whrend der Landwirth zu seinen Beamten
sprach, rstete sich der Doctor, mit den Knaben und dem Lehrer in das Thal
hinabzusteigen und dort die Ueberschwemmung des Baches zu betrachten.
    Der Professor aber und Ilse blieben im Obstgarten, und der Professor
erstaunte ber die Menge der braunen Haustrgerinnen, der Schnecken, welche
jetzt berall hervorkamen und langsam ber den Weg zogen; er nahm eine nach der
andern und setzte sie vorsichtig aus dem Wege, aber die Unverstndigen kehrten
immer wieder auf den festen Kies zurck und erhoben den Anspruch, da die
Fugnger ihnen auswichen. Dann sahen die beiden nach, wie die Fruchtbume das
Unwetter ertragen hatten. Sie waren arg zerzaust, beugten ihre Zweige tief
herab, und viel unreifes Obst lag abgeschlagen im Grase. Der Professor
schttelte vorsichtig an den regenschweren Aesten, um sie von der fremden Brde
zu befreien, er holte einige Stangen und untersttzte einen alten Apfelbaum, der
unter seiner Last zu erliegen drohte, und beide lachten herzlich, als ihm bei
der Arbeit das Wasser aus den Blttern, wie aus kleinen Rinnen, auf Haar und
Rock hinablief.
    Ilse schlug bedauernd die Hnde zusammen ber die vielen gefallenen Frchte,
es hing aber doch noch viel an den Bumen, und es war immer noch eine reiche
Ernte zu hoffen. Der Professor gab ihr teilnehmend den Rath, das gefallene Obst
zu backen, und Ilse lachte wieder darber, weil das meiste noch zu unreif sei.
Da gestand ihr der Professor, da auch er als Knabe geholfen habe, wenn seine
liebe Mutter das Obst auf dem Trockenbret ordnete. Denn seine Eltern hatten auch
einen groen Garten an der Stadt gehabt, in welcher sein Vater Beamter gewesen.
Und Ilse hrte mit leidenschaftlichem Antheil zu, als er weiter erzhlte, da er
als Knabe den Vater verloren und wie lieb und gescheidt seine Mutter um ihn
gesorgt, und wie innig sein Verhltni zu ihr gewesen, und da ihr Verlust der
grte Schmerz seines Lebens sei. Dabei schritten sie den langen Kiesweg auf und
ab, und in beiden klang durch die heitere Stimmung der Gegenwart ein Ton des
Leides aus vergangenen Tagen, gerade wie in der Natur die Bewegung des heftigen
Unwetters leise nachzitterte und das reine Licht des Tages von unzhligen
blitzenden Edelsteinen auf Laub und Halm erglnzte.
    Ilse ffnete eine Pforte, welche aus dem untern Theil des Obstgartens ins
Freie fhrte, sie stand still und begann mit zgernder Bitte: Ich habe einen
Gang vor in das Dorf, um zu sehen, wie der Herr Pfarrer das Wetter berstanden
hat. Wird Ihnen recht sein, unsern guten Freund kennen zu lernen?
    Wenn er Ihnen lieb ist, so bin ich dankbar, da Sie mich zu ihm fhren,
antwortete der Professor.
    Auf feuchtem Fupfade schritten sie in die gewundene Verlngerung des Thals,
welche sich an der Seite des Friedhofs hinzog. Dort lag mit zusammengedrngten
Husern ein kleines Dorf, meist von Arbeitern des Gutes bewohnt. Das erste
Gebude unter der Kirche war das Pfarrhaus, mit Holzdach und kleinen Fenstern,
wenig von den Wohnungen der Landleute verschieden. Ilse ffnete die Thr, eine
alte Magd eilte mit vertraulichem Gru entgegen. Ach, Frulein, rief sie, das
war heut schlimm, ich dachte, der jngste Tag wre vor der Thr. Der Herr hat
immer an dem Kammerfenster gestanden und nach dem Schlo hinaufgesehen und fr
Sie die Hnde in die Hhe gehoben. - Jetzt ist er im Garten. - Durch die
Hinterthr traten die Gste in einen kleinen Raum zwischen Giebeln und Scheuern
der Nachbarhfe, wenige niedrige Fruchtbume ragten ber die Blumenbeete. Der
alte Herr in dunklem Hausrock stand vor einem Spalier und arbeitete emsig. Mein
liebes Kind, rief er aufsehend, und sein gutherziges Angesicht lachte vor
Freude unter dem weien Haar, ich wute, da Sie heut kommen wrden. Er
verneigte sich vor dem fremden Gast und wandte sich nach den Begrungsworten
wieder zu Ilse. Denken Sie das Unglck, der Sturm hat unsern Pfirsichbaum
geknickt, das Gelnder ist abgerissen, die Zweige zerschlagen, der Schaden ist
unersetzlich. Er beugte sich zu seinem kranken Baume herab, dem er gerade mit
Baumwachs und Bast einen Verband aufgelegt hatte. Es ist der einzige Pfirsich
hier, klagte er dem Professor, auf dem ganzen Gute haben sie keinen, und in
der Stadt vollends nicht. Aber ich darf Sie nicht mit meinen kleinen Leiden
belstigen, fuhr er muthiger fort, bitte, kommen Sie mit mir in die Stube.
Ilse trat in eine Seitenthr neben dem Hause. Was macht Flavia? frug sie die
Magd, welche den Besuch erwartend an der Pforte stand.
    Munter, antwortete Susanne, und der Kleine auch.
    Es ist die gelbe Kuh und ein junges Ochsenkalb, erklrte der Pastor dem
Professor, whrend Ilse mit der Magd in den engen Hofraum trat. Ich sehe nicht
gern, wenn die Leute dem Vieh christliche Namen geben, da mu unser Latein
aushelfen.
    Ilse kehrte zurck. Es ist Zeit, da das Kalb fortkommt, es ist ein
unntzer Brotesser.
    Das hab' ich auch gesagt, schaltete Susanne ein, aber der Herr Pfarrer
will sich nicht dazu entschlieen.
    Sie haben Recht, mein liebes Kind, erwiederte der Pfarrer, nach
menschlicher Weisheit wre es rathsam, das Oechslein dem Schlchter zu
berliefern. Aber das Oechslein sieht die Sache ganz anders an, und es ist eine
muntere Creatur.
    Wenn man's aber darum fragt, erhlt man keine Antwort, sagte Ilse, und
deswegen mu sich's gefallen lassen, was wir wollen. Erlauben Sie, Herr Pfarrer,
da ich das mit Susanne hinter Ihrem Rcken abmache. Unterde holst du die Milch
von oben.
    Der Pfarrer fhrte in seine Stube. Es war ein kleiner Raum, wei getncht,
sprlich mblirt, darin ein alter Schreibtisch, ein schwarzbestrichenes
Bcherbret mit einer kleinen Anzahl ltlicher Bcher, Sopha und Sthle mit
buntem Kattun berzogen. Hier ist seit vierzig Jahren mein Tusculum, sagte der
Pastor vergngt zum Professor, der verwundert auf den drftigen Hausrath
blickte. Es wrde grer sein, wenn der Anbau zu Stande gekommen wre, es waren
auch schon Plne gemacht, und mein Herr Nachbar hat sich sehr darum bemht, aber
seit meine selige Frau dort hinaufgezogen ist - er sah nach der Hhe des
Friedhofs - will ich nichts mehr davon hren.
    Der Professor sah zum Fenster hinaus. Vierzig Jahre in dem engen Bau, dem
schmalen Thal, zwischen dem Friedhof, den Htten, dem Wald! Ihm wurde gedrckt
zu Muth. Es scheint, die Gemeinde ist arm, sagte er, zwischen den Bergen
liegt nur wenig Feld. Und wie ist's im Winter?
    Ei, die Fe tragen noch, erwiederte der geistliche Herr, man besucht
dann auch gute Freunde; nur der Schnee wird zuweilen lstig, einmal waren wir
ganz eingeschneit und Herr Bauer hat uns herausschaufeln mssen. Er lchelte
behaglich bei der Erinnerung. Es ist nicht einsam, wenn man lange Jahre an
einem Orte gelebt hat, man hat die Grovter gekannt, die Vter aufgezogen, man
lehrt die Kinder und hier und da schon die Enkel, man sieht, wie die Menschen
sich von der Erde erheben und wieder hinabsinken, gleich den Blttern der Bume.
Und man merkt, da Alles eitel ist und eine kurze Vorbereitung. Liebes Kind,
sagte er zu Ilse, welche jetzt eintrat, setzen Sie sich zu uns, ich habe Ihr
liebes Gesicht seit drei Tagen nicht gesehen, und wollte nicht hinaufkommen,
weil ich hrte, da Besuch bei Ihnen ist. Ich habe auch etwas fr Sie, setzte
er hinzu und holte einen beschriebenen Bogen vom Pult, es ist Poesie dabei.
    Denn auch der Musengesang fehlt uns nicht, fuhr er gegen den Professor
fort. Freilich ist er demthig und von der bukolischen Art. Aber glauben Sie
mir, fr Einen, der sein Dorf kennt, gibt es wenig Neues unter der Sonne. Es ist
im Kleinen hier Alles, wie in der brigen Welt im Groen, der Schmied ist ein
heftiger Politikus und der Schulthei mchte gern ein Dionysius von Syrakus
sein. Auch den reichen Mann der Schrift haben wir, freilich auch mehre
Lazarusse, zu welchen dieser Dichter gehrt; und unser Tncher ist im Winter ein
Musikus, er spielt gar nicht schlecht auf der Zither. Das alles arbeitet
durcheinander und mchte gern oben hinaus, und es macht zuweilen Mhe, die gute
Nachbarschaft unter ihnen zu erhalten.
    Er will seine grne Wand wieder haben, soviel ich verstehe, sagte Ilse,
von dem Blatt aufsehend.
    Seit sieben Jahren liegt er in seiner Kammer, zur Hlfte gelhmt, mit
heftigen Schmerzen und unheilbar, erklrte der Pfarrer dem Gast, er sieht
durch ein kleines Fensterloch in die Welt, auf die Lehmwand gegenber und die
Menschen, welche davor sichtbar werden. Und die Wand gehrt dem Nachbar, sie war
durch mein liebes Kind mit wildem Wein bezogen. In diesem Jahr aber hatder
Nachbar - unser reicher Mann - daran gebaut und das Grne abgerissen. Das rgert
den Kranken. Ihm ist schwer zu helfen, denn jetzt ist nicht die Zeit, Neues zu
pflanzen.
    Es mu doch Rath werden, warf Ilse ein. Ich will mit ihm darber reden.
Verzeihen Sie, es soll nicht lange dauern.
    Sie verlie das Zimmer. Ist's Ihnen recht, sagte der Pfarrer geheimnivoll
zu seinem Gast, so zeige ich Ihnen diese Wand, denn ich habe mir die Sache viel
berlegt, aber ich finde keine Abhilfe. Schweigend stimmte der Professor bei.
Die Mnner schritten die Dorfgasse entlang, an der Ecke fate der Pfarrer den
Arm seines Begleiters. Hier liegt der Kranke, begann er halblaut, er hrt
schwer in seiner Schwche, aber wir mssen doch leise auftreten, da er uns
nicht merkt; denn das strt ihn.
    Der Professor sah dichtbei am drftigen Hause ein kleines Schiebfenster
geffnet und Ilse davorstehen, von ihnen abgewandt. Whrend der Pfarrer ihm die
Lehmwand zeigte und die Hhe, welche fr die Laubumkleidung nthig sei, hrte er
auf das Gesprch am Fenster. Ilse sprach laut hinein und von dem Lager
antwortete eine schrille Stimme. Erstaunt vernahm er, da nicht vom Weinlaub die
Rede war. - Und hat der Herr ein gutes Gemth? frug die Stimme. Er ist ein
gelehrter Mann und ein guter Mann, antwortete Ilse. Wie lange bleibt er bei
Ihnen? frug der Kranke. Ich wei nicht, war Ilsens zgernde Antwort. Er soll
ganz bei Ihnen bleiben, denn er ist Ihnen lieb, sagte der Kranke. Ach, das
drfen wir gar nicht hoffen, lieber Benz. Aber dies Gesprch hilft nicht zu
guter Aussicht auf gegenber, fuhr Ilse fort. Mit dem Nachbar rede ich, aber
zwischen heut und morgen wchst doch nichts. Da habe ich mir ausgedacht, der
Grtner schlgt hier drauen unter dem Fenster ein kleines Bret fest und wir
setzen unterde die Blumenstcke aus meiner Stube darauf. - Das benimmt mir
die Aussicht, entgegnete die Stimme unzufrieden, ich kann dann die Schwalben
nicht mehr sehen, wenn sie vorbeifliegen, und ich sehe wenig von den Kpfen der
Leute, die vorbeigehen. Das ist richtig, versetzte Ilse, aber wir machen das
Bret so niedrig, da nur die Blumen durch's Fenster gucken. Was sind's fr
Blumen? frug Benz. Ein Myrtenstock, sagte Ilse. Der blht nicht, versetzte
Benz mrrisch. - Aber zwei Rosen blhen und ein Vanillestrauch. - Den kenne
ich nicht, warf der Kranke ein. Er riecht wundergut, sagte Ilse empfehlend.
Dann kann er kommen, bewilligte Benz, aber Basilikum mu auch dabei sein. -
Wir wollen sehen, ob's zu haben ist, erwiederte Ilse, und um das Fensterholz
zieht euch der Grtner eine Epheuranke. Der ist mir zu schwarz, widersprach
der ungengsame Benz. Ei was, entschied Ilse, wir probiren's. Ist's euch
nicht recht, so wird's gendert. Damit war der Kranke einverstanden. Aber der
Grtner soll mich nicht warten lassen, rief er, ich mchte es morgen haben.
Gut, sagte Ilse, am frhen Morgen. - Und meinen Vers zeigen Sie Niemand,
bat Benz, auch dem fremden Herrn nicht, er ist nur fr Sie. Das bleibt unter
uns, sagte Ilse. Ruft eure Tochter Anna, lieber Benz.
    Sie rstete sich zum Aufbruch, der Pfarrer zog seinen Gast leise zurck.
Wenn der Kranke solches Gesprch gehabt hat, erklrte er, ist er fr den
nchsten Tag zufrieden. Und morgen macht er ihr wieder einen Vers. Er schreibt,
unter uns gesagt, manchmal Nonsens, aber es ist gut gemeint, und ihm ist es die
beste Unterhaltung. Nmlich die Leute im Dorfe scheuen sich, an sein Fenster zu
treten, und sie gehen auch nicht gern vorber. - Fr mein Amt aber ist dies die
hrteste Arbeit. Denn die Leute sind in dem Aberglauben verstockt, da Krankheit
und Erdenleid von bsen Mchten stammen und da sie durch Ha angethan werden
oder zur Strafe fr begangenes Unrecht. Wenn ich ihnen predige ohne Aufhren,
da Alles nur eine Prfung ist fr das Jenseits, die Lehre ist ihnen zu gro und
hoch, nur die Schwachen glauben sie, wer aber gesund und trotzig dasteht, der
strubt sich gegen die Wahrheit und das Heil.
    Der Gelehrte sah nach dem kleinen Fenster, aus dem der Kranke auf eine
Lehmwand blickte; und er sah wieder nach dem geistlichen Herrn, der in dem Thal
seit vierzig Jahren fr die heilbringende Wahrheit kmpfte. Ihm wurde das Herz
schwer, und sein Auge flog aus der dmmernden Tiefe zu den Berggipfeln, welche
noch im frohen Licht der Abendsonne glnzten. Da trat sie wieder zu ihm, sie,
welche herabgestiegen war, die Hilflosen und Armen zu bewachen, und als er neben
ihr der Hhe zuschritt, da war ihm, als ob sie beide aus dumpfer Erdennoth
emportauchten in leichtere Luft. Aber auch die jugendliche Gestalt, das schne
ruhige Antlitz neben ihm glnzte vom Abendlicht umsumt so fremdartig, seinem
irdischen Wesen ungleich, hnlich einem der Boten, welche einst Jehova in die
Zelte seiner Getreuen sandte. Und er freute sich, als sie ber die lustigen
Sprnge des Hundes lachte, der ihnen bellend entgegenfuhr.
    So schwand wieder ein Tag dahin zwischen Sonnenlicht und Wolkenschatten, in
kleinen Erlebnissen, in stillem Sein. Wenn die Feder davon erzhlt, ist es
gering, wenn aber ein Mensch darin lebt, treibt es ihm den Strom des Blutes
krftig durch die Adern.

                                       6.

                                        

                         Eine gelehrte Frau vom Lande.


Es war Sonntag, und auch das Gut trug sein Festgewand. Auf dem Hof standen die
Scheuern geschlossen, Knechte und Mgde schritten in ihrem besten Staat daher,
nicht wie geschftige Arbeiter, sondern in der behaglichen Mue, welche dem
deutschen Landmann die Poesie des mhevollen Lebens ist. Von dem Kirchthurm rief
das Glckchen zum Gottesdienst, Ilse ging mit den Schwestern, das Gesangbuch in
der Hand, langsam den Fels hinunter, in kleinen Gruppen folgten die Mgde und
Mnner. Heut blieb der Gutsherr in seiner Arbeitsstube, um die aufgelaufene
Schreiberei zu erledigen. Vorher aber klopfte er an das Zimmer der Freunde und
machte ihnen einen kurzen Morgenbesuch. Heut kommen Gste, Oberamtmann Rollmaus
mit seiner Frau er ist ein tchtiger Wirth, die Frau ist sehr auf Bildung
versessen. Nehmen Sie sich in Acht, sie wird Ihnen zusetzen.
    Schlag zwlf Uhr fuhren zwei wohlgenhrte Braune einen halbgedeckten Wagen
vor das Haus. Die Kinder eilten an das Fenster. Die Frau Oberamtmann kommt!
riefen aufgeregt die jngsten. Ein stmmiger Mann in dunkelgrnem Rock stieg aus
dem Wagen, eine kleine Dame in schwarzer Seide folgte mit Sonnenschirm und einer
groen Schachtel. Der Hausherr und Ilse traten ihnen in der Hausthr entgegen,
der Wirth rief lachend seinen Willkomm zu und fhrte den Oberamtmann in das
Familienzimmer. Der Herr Oberamtmann trug unter seinem schwarzen Haar ein rundes
Angesicht, das durch Luft und Sonne mit gleichmigem Rothbraun dauerhaft
bermalt war, dazu kleine scharfe Augen, Nase und Lippen reichlich und rthlich
hervorstehend. Als er Stand und Namen der beiden Fremden erfuhr, verbeugte er
sich zwar ein wenig, sah aber mifllig, da diese beiden Stdter in den
anspruchsvollen schwarzen Frack gekleidet waren, und da er eine unbestimmte,
aber krftige Abneigung gegen alle unntzen Schreiber und Hungerleider hatte,
welche so hier und da die Gter besuchen, etwa um Bcher zu schreiben, oder auch
weil sie sonst keinen rechten Aufenthalt haben, so nahm er gegen beide eine
mrrische und beobachtende Haltung an. Erst nach einer Weile erschien die Frau
Oberamtmann, sie hatte unterde mit Ilse's Hlfe ihre gute Haube, ein Kunstwerk
mit zwei dunkelrothen Rosen, aus der Schachtel geholt, und sie drang jetzt mit
ihrem spitzen Nschen in die Gesellschaft, vom Kopf bis zum Fu geglttet,
rauschend, knixend, lchelnd. Schnell fuhr sie von einem zum andern, kte die
Mdchen auf den Mund, erklrte den Knaben, da sie in den letzten Wochen sehr
gewachsen seien, und hielt endlich erwartungsvoll vor den beiden Fremden. Der
Landwirth stellte vor und verfehlte nicht, wieder beizufgen: Zwei Herren von
der Universitt. Die kleine Dame spitzte gleichsam die Ohren und ihre grauen
Augen erglnzten. Von der Universitt! rief sie, ei, welche Ueberraschung!
Diese Herren sind seltene Gste in unserer Gegend. Es ist freilich auch bei uns
fr gelehrte Herren wenig zu holen, denn der Materialismus herrscht bei uns, und
die Lesebibliothek in Rossau ist wirklich nicht in den besten Hnden, neue
Sachen sind niemals zu haben. Darf ich mir noch die Frage erlauben, welches
Studium die Herren haben, Wissenschaft im Allgemeinen oder etwas Besonderes?
    Mein Freund mehr das Allgemeine, ich das Besondere, erwiederte der
Professor, auerdem etwas alte Sprachen, dieser Herr Indisch.
    Wollen Sie nicht die Gte haben, auf dem Sopha Platz zu nehmen? begann
Ilse, dazwischentretend. Die Frau Oberamtmann folgte mit Widerstreben.
    Also Indisch, rief sie niedersitzend und ihr Gewand zurechtstreichend.
Das ist eine seltene Sprache. Sie tragen ja wohl Federbschel und ihre Kleidung
ist mangelhaft, und die Beinkleider, wenn man das erwhnen darf, hngen
herunter, wie bei manchen Tauben, welche auch lange Federn an den Beinen haben.
Man sieht sie zuweilen abgebildet; in dem Bilderbuch meines Karl vom letzten
Weihnachten sind diese wilden Mnner deutlich zu sehen. Sie haben barbarische
Sitten, liebe Ilse.
    Warum ist aber Karl nicht mitgekommen? frug Ilse, um die Herren von der
Unterhaltung zu lsen.
    Es war nur wegen der Rckfahrt im Finstern. Denn der Wagen ist zweisitzig,
und neben Rollmaus kann kein Drittes eingeschachtelt werden. Da mu Karl beim
Kutscher sitzen, und das arme Kind wird Abends immer so schlfrig, da ich Sorge
habe, es fllt herunter.
    Als die Oberamtmann die Aussicht erffnete, bei finsterer Nacht
heimzufahren, sah der Doctor den Freund mitleidig an, aber der Professor hrte
so aufmerksam nach der Unterhaltung, da er das Bedauern gar nicht bemerkte.
Ilse frug weiter und die Frau Oberamtmann stand ihr allerdings Rede, sah aber
zuweilen begehrlich nach dem Doctor, dessen Verhltni zu den Indianern in Karls
Bilderbuch ihr lehrreich erschien. Unterde waren die Landwirthe sogleich in ein
Gesprch ber die Eigenschaften eines Rosses gesunken, das irgendwo in der Nhe
zu gemeinntziger Thtigkeit aufgestellt war, so da der Doctor sich zuletzt an
die Kinder wandte und mit Clara und Luise plauderte.
    Nachdem eine halbe Stunde ruhiger Vorbereitung vergangen war, erschien das
Dienstmdchen an der Thr des Speisezimmers. Der Landwirth lud ein, zu Tische zu
gehen, und bot ritterlich der Frau Oberamtmann seinen Arm ber die Sophalehne.
Die Dame knixte und fuhr neben ihm durch die Thr, der Professor fhrte Ilse,
der Doctor aber Schwester Clara, welche errthete und sich strubte, bis er
Luise und Riekchen an seinen andern Arm hing, worauf auch noch Franz seinen
Rockzipfel fate und ihm auf dem Wege hinter seinem Rcken zuraunte: Heut
gibt's einen Truthahn. Der Oberamtmann aber, welcher das Fhren der Damen als
eine lstige Erfindung betrachtete, machte einsam den Schlu und begrte im
Saale die aufgestellten Herren von der Wirthschaft mit den Worten: Ist das Korn
herein? - Versteht sich, grte der Inspector dagegen. Wieder nahm Alles nach
Rang und Wrden Platz, auf dem Ehrensitz die Frau Oberamtmann, zwischen ihr und
Ilse der Professor.
    Es war fr diesen kein ruhiger Mittag, zwar Ilse war stiller als gewhnlich,
aber seine neue Nachbarin stellte ihm wissenschaftliche Aufgaben. Sie zwang ihn,
von der Einrichtung seiner Universitt zu erzhlen, und in welcher Weise die
Studenten belehrt wrden. Der Professor that das ausfhrlich und mit guter
Laune. Es gelang ihm aber nur kurze Zeit, sich und Andern die peinliche
Empfindung fern zu halten, welche die Reden der Frau Oberamtmann wohl
verursachten. Also philosophisch sind Sie? sagte die Rollmaus. Das ist ja
sehr interessant. Ich habe es auch mit der Philosophie versucht, aber der Stil
ist zu unverstndlich. Was enthlt denn eigentlich die Philosophie?
    Sie gibt sich Mhe, die Menschen ber das Leben ihres eigenen Geistes zu
belehren und dadurch fester und vielleicht besser zu machen, beantwortete der
Professor geduldig die miliche Frage.
    Das Leben des Geistes, rief die Oberamtmann aufgeregt, aber glauben Sie
denn auch, da die Geister nach dem Tode der Menschen erscheinen knnen?
    Haben Sie Beispiele davon? frug der Professor. Es wrde gewi Allen
willkommen sein, darber zu hren. Ist dergleichen hier in der Gegend
vorgekommen?
    Weniger mit Geistern, erwiederte Frau Oberamtmann, mitrauisch nach dem
Hausherrn blickend, aber mit Ahnungsvermgen und was man Sympathie nennt.
Denken Sie einmal, in unserm Hause diente ein Mdchen, sie htte es nicht nthig
gehabt, aber die Eltern wollten sie auf einige Zeit von sich thun. Denn im Dorfe
war ein armer Bursch, der aber ein groer Geiger war, der strich Morgens und
Abends mit der Violine um ihr Haus, und wenn das Mdchen hinauskommen konnte,
saen sie miteinander hinter einem Busch, er spielte auf der Geige und sie hrte
zu. Deswegen konnte sie nicht von ihm lassen. Sie war ein sauberes Mdchen und
schickte sich im Hause zu Allem, nur da sie immer traurig war. Und der Geiger
wurde zu den Husaren genommen, wozu er auch pate, weil er sehr entschlossen und
unterminirt war. Nach einem Jahre kommt die Kchin zu mir und sagt: Frau
Oberamtmann, ich halte es nicht lnger aus, die Jette treibt Nachtwandel. Sie
steigt aus dem Bette und singt das Lied von einem Soldaten, den der Hauptmann
erschieen lt, weil es nicht anders sein konnte, und sthnt dazu, da es einen
Stein erbarmen mchte, und am Morgen wei sie nichts von ihrem Singen, aber sie
weint immer still fort. Das war die Wahrheit. Ich rufe sie und frage sie
ernsthaft: Was hast du? Ich kann das mysterielle Wesen nicht ausstehen, du bist
mir eine Charade. Darauf jammerte sie sehr und meinte, ich solle sie doch nicht
fr so etwas halten, sie sei ein ehrliches Mdchen, aber sie htte eine
Erscheinung gehabt. Und nun kam Alles heraus. Der Gottlob war in der Nacht an
ihrer Kammerthr erschienen, ganz hager und traurig, und hatte gesagt: Jette, es
ist vorbei mit mir, morgen mu ich dran glauben. Ich suchte ihr das Zeug
auszureden, aber ihre Angst steckte mich an, ich schrieb an einen Offizier, den
Rollmaus von der Hasenjagd kannte, und fragte, ob das eine Dummheit wre oder
von dem sogenannten Ahnungsvermgen herkme. Da schrieb er mir ganz erstaunt
zurck, es wre richtig Ahnungsvermgen, an demselben Tage war der Geiger vom
Pferde gestrzt, hatte ein Bein gebrochen und lag in dem Lazareth zum Tode.
Jetzt bitte ich Sie, ob das nicht eine Naturerscheinung war.
    Was wurde aus den armen Leuten? frug der Professor.
    Ach die! erwiederte die Frau Oberamtmann, es lie sich helfen. Denn ein
Kamerad von dem Gebrochenen war aus unserm Dorf, welcher eine kranke Mutter
hatte; dem schrieb ich die Forderung, da er jeden dritten Tag einen Brief an
mich schickte, wie es dem Kranken ging, und es konnte mit Speck und Mehl
gutgemacht werden. Da schrieb er, und die Sache dauerte viele Wochen. Endlich
aber wurde der Geiger geheilt und kam am Stock zurck. Beide waren so bla wie
dieses Tuch, als sie zusammentrafen, und fielen einander vor meinen Augen ohne
Rcksicht um den Hals, worauf ich mit den Eltern des Mdchens ein Wort sprach,
welches wenig nutzte. Dann aber mit Rollmaus, dem unsere Dorfschenke gehrt, und
der gerade einen guten Pchter suchte. Das brachte die Geschichte zum Ende, oder
wie man zu sagen pflegt, zum commencement du pain. Denn Rollmaus war zwar mit
der Geige nicht zufrieden, weil er meinte, diese sei ein Anzeichen von leichtem
Geblt, aber die Leutchen halten sich ordentlich. Dann zuerst war ich Pathe,
dann Rollmaus. Es sind aber keine Erscheinungen mehr vorgekommen.
    Das war von Ihnen brav und liebevoll gehandelt, rief der Professor
krftig.
    Man ist ja bei alledem auch Mensch, entschuldigte sich die Frau
Oberamtmann.
    Und ich hoffe, ein guter Mensch, versetzte der Professor. Glauben Sie
mir, verehrte Frau, in der Philosophie und anderer Gelehrsamkeit gibt es
verschiedene Ansichten. Man streitet sich ber Vieles, und leicht hlt Einer den
Andern fr unwissend. Aber was Redlichkeit heit und Menschenfreundlichkeit,
darber sind die Ansichten selten verschieden gewesen, und wo man diese
Eigenschaften findet, hat Jedermann Freude und Hochachtung, und diese habe ich
jetzt vor Ihnen, Frau Oberamtmann.
    Das sagte er herzlich der gelehrten Frau. An seiner andern Seite hrte er
ein leises Rauschen des Gewandes, und als er sich zu Ilse wandte, begegnete er
einem Blick so voll von demthiger Dankbarkeit, da er mit Mhe seine Haltung
bewahrte.
    Die Frau Oberamtmann aber sa lchelnd und zufrieden mit dem philosophischen
System ihres Nachbars. Wieder kehrte sich der Professor zu ihr und sprach mit
ihr davon, da es gar nicht leicht sei, Hilflosen auf die rechte Art wohlzuthun.
Die Frau Oberamtmann gab zu, da die Leute ohne Bildung ihre eigene Art htten,
aber man kann leicht mit ihnen fertig werden, wenn sie nur erkennen, da man's
gut meint. Und der Professor veranlate allerdings noch ein kleines
Miverstndni, als er der Oberamtmann achtungsvoll in seiner Sprache bemerkte:
Ganz recht, zuletzt ist auch auf diesem Gebiet geduldige Liebe die
Voraussetzung einer fruchtbaren Thtigkeit.
    Ja, besttigte die Rollmaus verlegen, allerdings; diese gewisse
Thtigkeit, welche Sie erwhnen, fehlt bei uns gar nicht, und sie heiraten meist
gerade noch zur rechten Zeit, aber die geduldige Liebe, welche Sie sehr richtig
Voraussetzung nennen, ist bei unsern Landleuten nicht immer vorhanden, denn sie
sorgen bei einer Heirat oft mehr um Geld als um Liebe.
    Wenn aber auch einzelne Noten in dem Concert am obern Tisch nicht recht
zueinander stimmten, so verging doch der Truthahn und die Sahnmehlspeise - ein
Meisterwerk aus Ilse's Kche - ohne widerwrtigen Zusammensto des gelehrten
Wissens. Und Alle erhoben sich wohl miteinander zufrieden. Nur die Kinder, deren
unschuldige Bosheit am dauerhaftesten ist, empfanden ein Mifallen, da heut
Frau Oberamtmann in keinen Kampf eintrat, in welchem das Conversationslexikon
als oberster Kampfrichter waltete. Whrend nun die Mnner im Nebenzimmer Kaffe
tranken, sa Frau Rollmaus wieder auf dem guten Sopha, und Ilse hatte einen
harten Stand die neugierigen Fragen zu beantworten, mit denen sie jetzt wegen
der beiden Fremden angegriffen wurde. Unterde belagerten die Kinder das Sopha
und lauerten auf eine Gelegenheit, um selbst einen kleinen Feldzug gegen die
ahnungslose Frau Oberamtmann zu unternehmen.
    Also sie forschen nach, und in unserer Gegend. Nach Indianern kann es nicht
sein, ich wte nicht, da hierherum welche aufgetreten wren. Es mte denn ein
Irrthum sein, und sie mten Zigeuner meinen, solche kommen vor. Denken Sie,
liebe Ilse, erst vor vierzehn Tagen ein Mann und zwei Weiber, jede mit einem
Kinde. Die Weiber sagten wahr; was sie dem Hausmdchen prophezeit haben, ist
wirklich merkwrdig, und am Abend fehlten zwei Hhner. Sollte es wegen der
Zigeuner sein? aber das kann ich nicht glauben, da dies blo Kesselflicker sind
und nichtsnutzige Leute. Nein, deretwegen forschen sie nicht.
    Wer sind denn aber die Zigeuner? frug Clara.
    Liebes Kind, sie sind Vagabonden, welche frher ein Volk waren und sich
verbreiteten. Sie hatten einen Knig und Briefe und Jagdhunde, obgleich sie
groe Spitzbuben waren. Ursprnglich aber sind sie Egypter, eigentlich aber auch
Indianer.
    Wie knnen sie Indianer sein, rief Hans ohne alle Ehrerbietung, die
Indianer wohnen ja in Amerika. Wir haben auch ein Conversationslexikon, und wir
wollen gleich nachsehen.
    Ja, ja, riefen die Kinder und liefen mit dem Bruder zum Bcherschrank.
Triumphirend brachte jedes einen Band getragen und stellte die neuen Einbnde
zwischen den Kaffetassen vor Frau Rollmaus auf. Diese blickte keineswegs erfreut
auf die geheime Quelle ihrer Kraft, welche hier vor Aller Augen blogelegt
wurde.
    Und unseres ist neuer als das Ihre, rief der kleine Franz, die Hand
schwenkend. Vergebens bemhte sich Ilse durch abweisende Winke diesen Ausbruch
des Familienstolzes zu unterdrcken. Hans hielt, das Wort Zigeuner suchend, den
letzten Band fest in seinen Hnden und eine Niederlage der Frau Oberamtmann war
nach menschlichem Dafrhalten nicht mehr abzuwehren. Aber pltzlich sprang Hans
auf, hielt den Band in die Hhe und rief: Hier steht der Herr Professor! -
Unser Herr Professor steht im Conversationslexikon! schrieen die Kinder.
Familienfehde und Zigeuner waren vergessen, Ilse nahm dem Bruder das Buch aus
der Hand, die Oberamtmann stand auf, um die merkwrdige Stelle ber Ilse's
Schultern selbst zu lesen, alle Kinderkpfe drngten sich um das Buch, da sie
wieder aussahen wie ein Bndel Knospen am Fruchtbaum, und alle sphten neugierig
nach den Zeilen, die fr ihren Gast und sie selbst so ruhmvoll waren. In dem
Artikel standen die gewhnlichen kurzen Notizen, welche ber lebende Gelehrte
gegeben werden, Ort und Tag seiner Geburt und die - meist lateinischen - Titel
seiner Schriften. Alle diese Titel wurden trotz der unleserlichen Sprache mit
Jahreszahl und Format laut abgelesen. Ilse sah lange in das Buch, dann reichte
sie es der erstaunten Frau Oberamtmann, dann zogen die Kinder den Band einander
aus den Hnden. Das Ereigni machte auf Gro und Klein einen Eindruck, der in
literarischen Kreisen niemals erreicht werden konnte. Am glcklichsten war die
Frau Oberamtmann, sie hatte neben einem Manne gesessen, der nicht nur selbst
nachschlug, sondern auch nachgeschlagen werden konnte. Er war jetzt fr sie
berhmt im Allgemeinen, ohne Einschrnkung, und sie empfand zum ersten Male in
ihrem Leben, da sich mit solchem gedruckten Mann recht behaglich verkehren
liee. Welch ein ausgezeichneter Gelehrter! rief sie. Wie waren doch die
Titel seiner Schpfungen, liebe Ilse? Ilse wute es nicht, Auge und Gedanken
waren ihr an den kurzen Bemerkungen ber seine Lebensverhltnisse festgeheftet.
    Diese Entdeckung hatte die gute Folge, da Frau Oberamtmann fr heut
gnzlich die Waffen streckte und sich beschied, keine Kenntnisse zu verrathen,
denn sie sah ein, da heut eine Concurrenz mit dieser Familie unmglich war, und
sie lie sich zu einer anspruchslosen Unterhaltung ber Hausangelegenheiten
herab. Die Kinder aber stellten sich in achtungsvoller Entfernung vor dem
Professor auf und betrachteten ihn neugierig noch einmal von oben bis unten, und
Hans theilte dem Doctor leise die Neuigkeit mit und war sehr betroffen, da
dieser nichts daraus machte.
    Nach dem Kaffe schlug der Landwirth seinen Gsten vor, den nahen Berg zu
besteigen und den Schaden zu betrachten, welchen der Blitz angerichtet. Ilse
belud eine Magd mit dem Abendbrot und einigen Flaschen Wein, und der Zug setzte
sich in Bewegung. Vom Felsen ging es in das Thal hinab ber den Wiesenstreif und
den Bach, dann die Berglehne hinauf durch Unterholz in den Schatten
hochstmmiger Fichten. Der Regen hatte die steilen Wege ausgesplt und
unregelmige Wasserrinnen furchten den Kies. Auch die Frauen schritten tapfer
ber die feuchten Stellen. Wer aber nicht aus Tracht und Haltung des Professors
erkannte, da er in sicherem Gefhl seiner Mnnlichkeit auftrat, der htte wohl
argwhnen drfen, da zwar die Frau Oberamtmann ein verkleideter Herr sei, der
Herr Professor aber eine weichbeschuhte Dame. Denn die Rollmaus umschwebte ihn
ehrerbietig und war nicht von seiner Seite zu bringen. Sie machte ihn auf Steine
aufmerksam, bezeichnete mit der Spitze ihres Schirmes die trockensten Stellen,
blieb zuweilen stehen und sprach die Befrchtung aus, da ihn der Weg zu sehr
angreifen werde. Der Professor lie sich die Huldigung der kleinen Dame erstaunt
gefallen und sah nur einige Male fragend auf Ilse, ber deren Gesicht dann ein
schalkhaftes Lcheln flog. Auf der Hhe wurde der Pfad bequemer, einzelne
Laubbume unterbrachen das dunkle Grn der Fichten. Der Gipfel selbst war
gelichtet, zwischen den Steinen breitete das Haidekraut seine dichten Bschel,
an denen in ppiger Flle die rthlichen Blthen hingen. Ringsumher bersah man
die Landschaft mit ihren Hhen und Thlern, in der Tiefe den Bach und seinen
grnen Saum, das Gut mit seinen Feldern, das Thal von Rossau. Auf die sinkende
Sonne zu aber hob sich in langgeschwungenen Bogen eine Erdwelle hinter der
andern, jede nach der Entfernung anders mit dmmerigem Blau gefrbt, bis in das
helle Grau der Gebirgskette am Horizont. Das war unter heiterem Himmel, in
reiner Bergluft ein erfrischender Anblick, und die Gesellschaft lagerte vergngt
im Haidekraut, wo es die weichsten Polster bot.
    Nach kurzer Rast brach die Gesellschaft, von Hans gefhrt, zu der Stelle
auf, an welcher der Wetterstrahl den Baum gefllt hatte. In einem Schlag hoher
Nadelbume war der Ort der Verwstung. Eine starke gesunde Fichte war durch den
Strahl erschlagen und zerworfen, ein wstes Durcheinander von Zweigen und
riesigen Splittern des weien Holzes lag im Umkreis des gebrochenen Stammes, der
ohne Krone, geschwrzt, bis auf den Grund gespalten noch etwa haushoch ber die
Trmmer hervorragte. Aus dem Gewirr der Aeste am Boden erkannte man, da auch
der Grund aufgewhlt war bis unter die Wurzeln der nchsten Bume. Ernsthaft
sahen die Erwachsenen auf die Sttte, wo ein Augenblick das krftige Leben in
hliche Unform verwandelt hatte. Die Kinder aber drangen jauchzend in das
Dickicht, griffen nach den schuppigen Zapfen des vergangenen Jahres und
schnitten Aeste von dem Gipfel, jeder bemht, das grte Gehnge der gelben
Schuppenfrchte davon zu tragen.
    Es ist nur einer von Hunderten, sagte der Landwirth finster, aber es thut
doch weh, solche Verwstung gegen die gewohnte Ordnung zu betrachten und an das
Verderben zu denken, das so nahe ber unsern Huptern dahinfuhr.
    Macht diese Erinnerung nur Mibehagen? frug der Professor, ist sie nicht
auch erhebend?
    Die Hrner des Widders hngen an den Zweigen, sprach Ilse leise zum Vater,
er wurde das Opfer, damit wir verschont blieben.
    Ich meine auch der Mensch, der von solchem Strahl getroffen wird, er
sollte, wenn dieser Augenblick noch zu einem letzten Gedanken Zeit lt, sich
selbst sagen: es ist ganz in der Ordnung.
    Der Landwirth sah den Professor fragend an: Sprechen Sie darber zu uns
einige Worte, begann er feierlich. Man hat an diesem Orte einen Wunsch nach
einem gemeinsamen Gedanken, der von dem Mibehagen frei macht.
    Ich bin nicht gebt in der Sprache erbaulicher Betrachtung, sagte der
Gelehrte, und ich vermag nur weltliche Worte zu reden. Wir vergessen leicht im
Behagen des Tages, was wir immer im frhlichen Herzen tragen sollten, da wir
nur unter Bedingungen leben, wie alles Andere auf Erden und am Himmel. Zahllose
Krfte, fremdartige Gewalten sind um uns in unaufhrlicher Arbeit, jede nach
festen ihr eigenen Gesetzen wirkend, auch unser Leben erhaltend, tragend,
beschdigend. Die Klte, welche den Kreislauf des Blutes hemmt, die einbrechende
Woge, in welcher der menschliche Leib versinkt, der schdliche Dampf des Bodens,
der den Ahtem vergiftet, sie sind keine zuflligen Erscheinungen, die Gesetze,
in deren Zwange sie auf uns eindringen, sind ebenso uralt und ebenso heilig als
unser Bedrfni nach Speise und Trank, nach Schlaf und Licht. Und wenn der
Mensch seine Stellung unter den Gewalten der Erde erwgt, so heit leben nichts
Anderes als thtig gegen sie kmpfen und denkend sie verstehen. Wer das Brot
schafft, das uns nhrt, und das Holz zieht, das uns wrmt, jede ntzliche
Thtigkeit hat keinen anderen Zweck, als uns zu vertheidigen und strker zu
machen durch freundliche Benutzung oder Ueberwindung dieser Mchte. Schon bei
dieser Arbeit merken wir, da zwischen jeder lebendigen Regung in der Natur und
in unserem eigenen Geiste eine geheime Verbindung ist, und da alles Lebendige,
wie feindlich es im Einzelnen sich befehde, doch zusammen eine groe,
unermeliche Einheit bildet. Und Ahnung und Gedanke dieser Einheit sind zu allen
Zeiten das Herrlichste gewesen, was der Mensch in sich hervorzurufen vermochte.
Deshalb ist dem Menschen die zweite Aufgabe geworden, eine unwiderstehliche
Sehnsucht und ein unwiderstehlicher Trieb, den innern Zusammenhang dieser
Lebensgewalten zu erfassen. Und das ist es, was uns fromm macht. - Nicht bei
jedem Menschen ist die Arbeit die gleiche, aber das Ziel ist dasselbe. Die warme
Empfindung des einen ahnt ewige Vernunft in Allem, was ihm unbegreiflich
erscheint, und er nennt diese in kindlichem Vertrauen mit dem ehrwrdigsten und
herzlichsten Namen. Und wieder andere suchen emsig die einzelnen Gesetze und
Krfte des Lebens zu beobachten und ihren groen Zusammenhang ehrfurchtsvoll zu
verstehen, und diese sind es, welche der Wissenschaft dienen. Wer glaubt und wer
forscht, beide thun im Grunde dasselbe, sie ben die hchste Bescheidenheit,
denn sie empfinden, da alles einzelne Leben, eigenes und fremdes, unendlich
klein ist gegen das groe Ganze. Und wer, vom Blitzstrahl getroffen, noch zu
glauben vermchte, ich gehe zum Vater, und wer in solchem Augenblick mit
Interesse zu beobachten vermchte, wie sein Nervenleben aufhrt, sie haben beide
ein gottseliges Ende.
    So sprach der Professor vor der geborstenen Fichte, die letzte Aeuerung
Ilse's im Herzen. Die Kinder hrten dem krftigen Tonfall seiner Worte ein
Weilchen zu, dann wurde ihnen die Sache lang, Hans fuhr den Schwestern mit
seinem Nadelzweige in die Aermel, sie schlugen mit ihrer Fichtenruthe nach ihm,
die Brder kamen zu Hilfe, und ein Gefecht mit grnen Zweigen zog sich von dem
Stamme abwrts in das Dickicht. Der Oberamtmann sah verwundert auf den Redner
und fate den Verdacht, dieser Mann gehre zu einer neuen Klasse von
Volksaposteln, die zur Zeit hier und da auftauchten. Seine Frau stand, die Hnde
ber dem Sonnenschirm gefaltet, andchtig da und nickte zuweilen besttigend mit
dem Kopfe, bis sie endlich den Gutsherrn leise anstie und flsterte: Das
gehrt zu der Philosophie, von der wir sprachen. Der Landwirth jedoch
erwiederte nichts, sondern hrte mit geneigtem Haupt, um dem Sinn besser zu
folgen. Ilse aber wandte die Augen nicht von dem Sprechenden ab, fremdartig
klang seine Rede und Einiges regte ihr geheimes Bangen auf, sie wute nicht
weshalb. Aber sie htte nichts dagegen sagen knnen, denn der Quell warmen
Lebens, der aus dieser Menschenseele hervorbrach, wirkte wie ein Zauber auf sie.
Die Wahl der Worte, die neuen Gedanken, der edle Ausdruck seines festen
Antlitzes nahmen sie unwiderstehlich gefangen. Es war nach der Ansicht des
Doctors eine seltsam zusammengeladene Gesellschaft fr den schwerverstndlichen
Vortrag eines Professors, und der Redner hatte, an eine einzige denkend, als ein
sorgloser Semann geset. Aber wer vermag zu sagen, wie das Saatkorn der Worte
in den Hrern haftet und aufblht, vielleicht verdorrte es auf dem Stein,
vielleicht auch entwickelte sich's in einer Seele zu neuem Leben.
    Die Gesellschaft kehrte zu dem Lager auf dem Gipfel zurck. Hinter den
Bergen sank die Sonne und von ihr her strich der Wind ber die Hhen, der milde
Abendschein vergoldete zuerst die Spitzen des Haidekrauts und die Gestalten der
Menschen, dann stieg er hinauf ber ihre Hupter bis zu den Gipfeln der Bume,
und blulicher Schatten deckte den Boden, die Baumstmme, die Fernsicht. Oben
aber am Himmel schwebten die kleinen Lichtwolken aus Gold und Purpur, bis auch
dort die glhenden Farben in rosiger Dmmerung erblaten. Der Nebel stieg aus
der Tiefe und im einfrmigen Grau schwanden die Farben des Himmels und der Erde.
    Lange sah die Gesellschaft in die wechselnden Lichter des Abends, endlich
rief der Gutsbesitzer nach dem Inhalt des Korbes, die Kinder waren geschftig
auszupacken und die kalten Speisen in der Runde zu bieten. Der Landwirth go den
Wein in die Glser, stie krftig mit seinen Gsten an und freute sich des guten
Abends. Hans lief auf einen Wink des Vaters ins Gebsch und holte einige
Kienfackeln hervor. Es ist heut keine Gefahr, sagte der Landwirth zum
Oberamtmann, whrend er die Fackeln anzndete. Die Kinder drngten sich zum
Fackeltragen, aber nur Hans wurde mit diesem Ehrenamte betraut, die Herren vom
Lande trugen die anderen selbst.
    Langsam wand sich der Zug den Bergpfad hinab, die Fackeln warfen ihr grelles
Licht auf Nadelbschel und Steine und auf die Gesichter der Menschen, welche in
den Biegungen des Weges rot leuchteten wie der aufgehende Mond und wieder in
Finsterni verschwanden. Die Frau Oberamtmann hatte schon einige Mal versucht,
auch den zweiten der groen Fremden zum Gesprch heranzuziehen, jetzt gelang es
ihr bei einer schlechten Wegstelle. Was Ihr Freund sprach, begann sie, war
sehr schn, denn es war lehrreich. Er hatte ganz Recht, man soll gegen die
Gewalten kmpfen und man soll den Zusammenhang suchen. Aber ich versichere Sie,
einer Frau wird das schwer. Denn Rollmaus, der doch fr mich die erste
Naturgewalt ist, hat einen Ha gegen Grnde, er ist immer dafr, da Alles nach
seinem Kopfe geht. Und als ein rechtschaffner Mann hat er darin auch Recht, aber
fr Wissenschaft ist er nicht sehr, und auch wegen eines Claviers fr die Kinder
habe ich meine Noth mit ihm. Und ich suche wohl die Grnde und Krfte, und was
man sonst Zusammenhang nennt, und man liest, was man kann, denn man will doch
auch wissen, was in der Welt vorgeht, und sich aus dem Gewhnlichen erheben.
Aber manchmal versteht man's nicht, und wenn man's auch zweimal liest. Und wenn
man's hat, dann ist's vielleicht schon veraltet und es gilt nichts mehr, und man
mchte gar alles Forschen aufgeben.
    Thun Sie das doch nicht, ermahnte der Doctor, es ist immer eine geheime
Freude, wenn man etwas wei.
    Nicht wahr, fuhr die Frau Oberamtmann fort, wenn ich in der Stadt lebte,
ich wrde mich ganz in die Wissenschaft vertiefen, aber auf dem Lande ist man zu
allein, und dann die groe Wirthschaft, und auch der Mann, und man hat zu thun,
da man's dem recht macht. Denn Sie glauben nicht, was fr ein tchtiger Wirth
er ist. - Rollmaus, halt deine Fackel zur Seite, der ganze Rauch schlgt dem
Herrn Doctor ins Gesicht. Rollmaus wandte mit leisem Gebrumm die Fackel ab.
Seine Frau drngte sich an ihn, fate seinen Arm und hob sich zu seinem Ohr:
Ehe wir wegfahren, mut du die fremden Herren zu uns einladen, damit die
Schicklichkeit beobachtet wird.
    Er ist ein freier Winkelprediger, antwortete der Oberamtmann mrrisch.
    Um Gotteswillen, Rollmaus, begehe keine Ruchlosigkeit und blasvomire
nicht, fuhr sie fort, ihm den Arm drckend, er steht ja im Lexikon.
    In deinem? frug der Gatte.
    In dem hiesigen, versetzte die Frau, was auf eins herauskommt.
    Es stehen Viele in Bchern, die weniger werth sind als Andere, die nicht
darin stehen, sagte der Mann ungerhrt.
    Damit widerlegst du mich nicht, entschied die Frau, ich sage dir und
ichavertire dich, er ist ein berhmter Mann, und der Anstand verlangt, da wir
darauf Rcksicht nehmen. Und du weit, was den Anstand betrifft -
    Sei nur ruhig, besnftigte Rollmaus; ich habe ja nichts dagegen, wenn es
sein mu. Ich habe deinetwegen schon in ganz andere saure Aepfel gebissen.
    Meinetwegen? frug die Oberamtmann gekrnkt. Bin ich unvernnftig, bin ich
ein Tyrann, bin ich eine Eva, welche mit ihrem Manne unter dem Baume steht, mit
lderlichem Haar, und nicht einmal mit einem Hemde? Willst du dich und mich mit
solchen alten Zustnden vergleichen?
    Na, sagte Rollmaus, gib dich zufrieden, wir wissen ja, wie wir
miteinander stehen.
    Siehst du wohl, da ich Recht habe? versetzte besnftigt die Frau
Oberamtmann. Und glaube mir, ich wei auch, wie Andere miteinander stehen, und
ich sage dir, ich habe so eine Ahnung, es spinnt sich etwas an.
    Wer spinnt? frug Rollmaus.
    Es ist zwischen Ilse und dem Herrn Professor.
    Das wre der Teufel! rief der Oberamtmann lebhafter, als er den ganzen Tag
gewesen war.
    Still, Rollmaus, man hrt dich, vernachlssige nicht die Discretion.
    Ilse war zurckgeblieben, sie fhrte den jngsten Bruder, dem Ermdung den
Schritt unsicher machte. Ritterlich weilte der Professor neben ihr. Er machte
sie aufmerksam, wie gut sich der Zug ausnehme, die Fackeln wie groe Glhwrmer
an der Spitze, dahinter die scharf beleuchteten Gestalten, der wechselnde
Feuerschein an Baumstmmen und grnen Zweigen. Ilse hrte lngere Zeit
schweigend zu, endlich begann sie: Und das Liebste am heutigen Tage war, da
Sie so gtig zu unserer Nachbarin sprachen. Als sie neben Ihnen sa, war mir weh
zu Muth. Denn mir kam vor, als wre demthigend fr Sie, die ungeschickten
Fragen unserer Freundin zu hren, und auf einmal war mir, als ob Sie auch gegen
uns eine immerwhrende Nachsicht ben mten, und das qulte mich. Weil Sie aber
so freundlich das Gute anerkannten, das unsere Frau Oberamtmann hat, merkte ich
doch, da es Ihnen keine Ueberwindung kostet, mit uns einfachen Leuten zu
verkehren.
    Liebes Frulein, rief der Professor erschrocken, ich hoffe, Sie sind
berzeugt, da ich der wackern Dame nur sagte, was wahre Herzensmeinung war.
    Ich wei es, fuhr Ilse lebhaft fort, und die treue Seele vor uns fhlt es
auch. Sie war heut den ganzen Tag ruhiger und heiterer als sie sonst ist. Und
dafr mu ich Ihnen danken. Ach, von Herzen, fgte sie leise hinzu.
    Da Lob aus geliebtem Munde nicht die kleinste Freude des Menschen ist, sah
der Professor glcklich auf seine Nachbarin, welche jetzt im Dunkeln den Bruder
zu schnellerem Schritte trieb. Er wagte das Schweigen nicht zu brechen, beiden
waren die reinen Herzen geffnet, und ohne ein Wort zu reden, fhlten sie den
Strom warmer Empfindungen, der von einem zum andern zog. Wer aus seinen Bchern
unter andere Menschen tritt, begann endlich der Professor, dem macht die
pedantische Gewohnheit des Bcherlesens zuweilen leichter, aus einem fremden
Leben heraus zu holen, was ihm fr das eigene dienlich sein kann. Denn zuletzt
ist in jedem Leben etwas Ehrwrdiges, wie oft es auch durch wunderliche Zuthat
verdeckt ist.
    Uns ist geboten, den Nchsten zu lieben, sagte Ilse, und wir mhen uns,
das zu thun; aber wenn man findet, da diese Liebe so heiter, so hoch und sicher
gegeben wird, ist es doch rhrend. Und wo man solche Gesinnung vor sich sieht,
wird sie ein Beispiel und erhebt das Herz. - Komm, Franz, sagte sie zum Bruder
gewandt, es ist nicht mehr weit nach Haus. Aber Franz stolperte und erklrte
schlaftrunken, da ihn seine Beine schmerzten. Auf, kleiner Herr, rief der
Professor, la dich tragen.
    Aengstlich wehrte Ilse: Das kann ich nicht zugeben, es ist nur der Schlaf,
der ihn trge macht.
    Bis wir im Thale sind, sagte der Professor und hob den Knaben an seine
Schulter. Franz schlug ihm den Arm um den Hals, drckte sich an ihn und war bald
fest entschlafen. Sie kamen an eine steile Biegung des Weges, der Professor bot
seiner Gefhrtin den freien Arm, sie aber weigerte sich und sttzte sich nur ein
wenig auf die dargebotene Hand. Und ihre Hand glitt hinab und blieb in der des
Mannes liegen. Hand in Hand schritten beide den letzten Theil des Berges abwrts
in das Thal, keines sprach ein Wort. Unten lste Ilse leise ihre Hand aus der
seinen, er lie sie los ohne Wort und Druck, aber die wenigen Minuten umfaten
fr beide eine Welt von seligen Gefhlen. Komm herab, Franz, bat Ilse, und
nahm den schlafenden Bruder vom Arm ihres Freundes. Sie beugte sich zu dem
Kleinen nieder und sprach ihm Muth ein, und weiter ging es zu der Gesellschaft,
welche am Bach die Zurckgebliebenen erwartete.
    Der Wagen des Oberamtmanns fuhr vor. Wortreich waren die Abschiedsgre der
Frau Oberamtmann; auch der Starrsinn des Gatten war durch die Vorstellungen
seiner Frau gemildert, und als er die Mtze in der Hand hielt, bequemte er sich
mit ertrglichem Anstande zum Bi in den erwhnten sauren Apfel. Er trat auf die
Schreiberleute aus der Stadt zu und ersuchte sie, auch ihm das Vergngen ihres
Besuches zu schenken, und als er die freundlichen Worte sprach, bte die
Einladung selbst auf sein ehrliches Gemth eine weitere besnftigende Wirkung,
er streckte auch noch die Hand aus, und als diese ihm krftig geschttelt wurde,
nherte er sich der Ansicht, da die Fremden im Grunde auch nicht so bel wren.
Der Gutsherr begleitete die Gste zu dem Wagen, Hans reichte die Schachtel
hinein, und beide Landwirthe beobachteten unter dem letzten Gutnachtruf noch mit
Kennerblicken, wie die Braunen anzogen.

                                       7.

                                        

                              Neue Feindseligkeit.


Whrend zwischen dem Professor und dem Doctor eine helle Frauengestalt aufstieg,
wollte das Schicksal, da zwischen denbeiden Nachbarhusern eine neue Fehde
entbrannte. Und das ging so zu.
    Herr Hahn hatte die Abwesenheit seines Sohnes zu einer Verschnerung des
Grundstcks benutzt. Sein Garten lief nach dem Parke spitz zu, und er hatte viel
darber nachgedacht, wie diese Spitze zu einer guten Wirkung verwerthet werden
knnte. Denn die kleine Erhhung, die er dort aufgeworfen und mit Rosen besetzt
hatte, erwies sich als ungengend. Er beschlo also, ein hbsches wasserdichtes
Sommerhaus fr solche Besucher des Gartens zu zimmern, welche nicht geneigt
waren, bei schlechtem Wetter nach der nahen Wohnstube zurckzugehen. Alles war
schon vor der Abreise des Sohnes weislich berlegt, den Tag darauf lie er einen
schlanken Holzbau errichten, mit kleinen Fenstern nach der Strae, oben statt
des Daches eine Plattform mit lustigen Bnken, deren Latten ber die Holzwnde
und den Gartenzaun khn in die Luft der Strae vorsprangen. Die Sache sah gut
aus. Als aber Herr Hahn herzlich vergngt seine Gattin eine kleine Seitentreppe
auf die Plattform hinauffhrte und die wohlgerundete Frau Hahn, nichts Arges
ahnend, auf der Luftbank niedersa und von dort oben verwundert auf die Welt
herunterblickte, da ergab sich, da die Spaziergnger gerade unter ihr
wegschritten, und wer lngs dem Zaun ging, sah den Himmel ber sich verdunkelt
durch das Gefieder des groen Vogels, der auf seinem hohen Sitz der Straenwelt
den Rcken kehrte. Da klangen schon in der ersten Viertelstunde so spitze Reden
herauf, da die arglose Frau Hahn dem Weinen nahe war und ihrem Hausherrn mit
ungewohnter Energie erklrte, sie werde sich nie wieder als Henne behandeln
lassen und die Plattform nicht wieder besteigen. Die Familienstimmung wurde
dadurch nicht besser, da Herr Hummel whrend dieser Ausstellung der Frau Hahn
am Zaune des Nachbargartens gestanden und ber die nichtswrdigen Redensarten
des Volkes recht hhnisch gelacht hatte.
    Hahn aber, nach kurzem Kampfe zwischen Stolz und Rcksicht, gab der besseren
Stimme seines Innern Gehr, entfernte die Bnke und die Plattform und errichtete
ber dem Sommerhause ein schnes chinesisches Dach. An die Vorsprnge des Daches
aber hing er kleine Glocken. Wenn sich der Wind erhob, tnten die Glocken leise.
Dieser Einfall wre eine entschiedene Verbesserung gewesen. Aber die
Schlechtigkeit der Menschen gnnte dem Kunstwerk keine Ruhe. Denn die
Straenjungen machten sich ein Vergngen daraus, einzelne Glocken durch lange
Gerten in Bewegung zu erhalten. Und in einer der nchsten Nchte wurde die
Nachbarschaft sogar durch ein vielstimmiges Glockenconcert aus dem Schlummer
geweckt.
    Herrn Hahn duchte im Schlafe, da der Winter gekommen sei und eine lustige
Gesellschaft Schlitten fahrend sein Haus umkreise; er horchte auf und erkannte
mit Entrstung die aufgeregte Thtigkeit seiner Glocken. Im Nachtkleide eilte er
in den Garten und rief zornig in die Luft hinaus: Wer ist hier? Augenblicklich
verstummte das Gelut, ringsum tiefes Schweigen, friedliche Stille. Er stieg zum
Gartenhaus hinauf und sah die unsichern Umrisse seiner Glocken, welche noch
unter dem Nachthimmel schwangen, aber rundumher war Niemand zu entdecken. Er
ging nach seinem Bett zurck, aber kaum hatte er sich zurechtgelegt, so fing der
Lrm wieder an, hastig und rufend, als sollte eine Weihnachtsbescherung
eingelutet werden. Und es wurde auch eine eingelutet, aber keine frhliche.
Wieder strmte er ins Freie und wieder schwieg der Lrm, aber als er sich ber
das Gitter erhob und umhersphte, sah er im Garten gegenber die breite Gestalt
des Herrn Hummel am Zaun stehen und hrte eine drhnende Stimme rufen: Was sind
das fr verrckte Phantastereien?
    Es ist unerklrlich, Herr Hummel, rief Herr Hahn begtigend ber die
Strae hinber.
    Unerklrlich ist nichts, rief Herr Hummel, als der Unfug, Glocken auf
offner Strae in die freie Luft zu hngen.
    Ich verbitte mir Ihre Ausflle, rief Herr Hahn tief verletzt, ich habe
das Recht, auf meinem Grundstck aufzuhngen, was ich will.
    Und nun begann ein Kampf der Ansichten ber die Strae, schrecklich und
klglich zugleich. Dort Hummels Ba, hier Hahns scharfe Stimme, welche in hohe
Tenorlagen hinberhpfte; beide Nachtgestalten in langen Schlafrcken, getrennt
durch Strae und Verschanzungen, aber wie zwei antike Helden mit starken Worten
gegeneinander fechtend. Wenn man auch nicht den wilden Anstrich erkennen konnte,
den Herr Hahn durch die rothe Farbe seines Schlafrocks erhielt, so ragte er doch
auf der Hhe neben seinem chinesischen Tempel und seine Arme hoben sich
imponirend von dem dmmerigen Horizonte ab, Herr Hummel aber stand im Finstern,
berschattet von wildem Wein. Ich werde Sie bei der Polizei belangen, weil Sie
die brgerliche Ruhe stren, rief Herr Hummel zuletzt und fhlte in seinem
Rcken die kleine Hand seiner Frau, die ihn beim Schlafrock fate und ihn
umdrehte und leise beschwor, keine Scene zu geben.
    Und ich werde vor Gericht fragen, wer Ihnen das Recht gibt, Ihre Injurien
ber die Strae zu werfen, rief Herr Hahn ebenfalls auf dem Rckzuge, denn
unter dem Getse des Kampfes hatte er hufig die leisen Worte gehrt: Komm
zurck, Hahn, und seine Frau hnderingend hinter sich gesehen. Er war aber
nicht in der Stimmung, das Schlachtfeld zu verlassen. Licht her und eine
Leiter, rief er, ich will diese Schndlichkeit ermitteln. Eilfertig
erschienen Leiter und Laterne, von dem erschrockenen Dienstmdchen zugetragen.
Herr Hahn stieg zu seinen Glocken hinauf und suchte lange vergeblich, endlich
entdeckte er, da Jemand ein Geflecht von Pferdehaaren mit den einzelnen Glocken
in Verbindung gebracht und dieselben von auen wie an einem Strange gelutet
hatte.
    Auf diese wilde Nacht folgte ein wster Morgen. Gehen Sie zu dem Manne
hinber, Gabriel, sagte Herr Hummel, und fragen Sie ihn um des lieben Friedens
willen, ob er gutwillig sogleich die Glocken abnehmen will. Ich fordere meinen
Schlaf. Und ich leide nicht, da Nachtgesindel an mein Haus gelockt wird, um den
Zaun streift, in meinem Garten die Pflaumen stiehlt und in meine Fabrik
einbricht. Dieser Mann lutet die Spitzbuben aus der ganzen Umgegend zusammen.
    Gabriel versetzte: Um des lieben Friedens willen gehe ich hinber, aber nur
wenn ich mit Hflichkeit sagen darf, was ich fr gut halte.
    Mit Hflichkeit? wiederholte Hummel und blinzte dem Vertrauten schlau zu.
Sie verstehen Ihren Vortheil nicht. Eine so schne Gelegenheit, deutlich zu
werden, kommt Ihnen so bald nicht wieder. Und es wre jammerschade, wenn man
sich das entgehen liee. Aber ich habe so meine Ahnungen, Gabriel, hflich oder
nicht, mit dem Manne werden wir nicht fertig. Er ist boshaft und strrig und
verbissen. Er ist ein Bulldog, Gabriel, da haben Sie seinen Charakter.
    Gabriel trat bei dem armen Herrn Hahn ein, der noch leidend vor dem
unberhrten Frhstck sa und mitrauisch auf den Bewohner des feindlichen
Hauses blickte. Ich komme nur zu fragen, begann Gabriel schlau, ob Sie
vielleicht durch Ihren Herrn Sohn Nachricht von meinem Professor bekommen
haben.
    Keine, versetzte Herr Hahn traurig, es gibt Zeiten, wo Alles quer geht,
lieber Gabriel.
    Ja, das war heut Nacht ein schlechter Schabernack, bedauerte Gabriel.
    Herr Hahn sprang auf. Unsinnig hat er mich genannt, einen Phantasten hat er
mich genannt. Darf ich mir das gefallen lassen? Als Geschftsmann und in meinem
eigenen Garten? - Wegen dem Spielwerk mgen Sie Recht haben, man mu nicht zu
viel Vertrauen auf die Menschen setzen. Jetzt aber ist meine Ehre gekrnkt, und
ich sage Ihnen, die Glocken bleiben, und sollte ich alle Nchte einen Wchter
dazustellen.
    Vergebens sprach Gabriel verstndige Worte. Herr Hahn blieb unerbittlich und
rief dem Abgehenden noch nach: Sagen Sie ihm, vor Gericht sehen wir uns
wieder.
    In der That ging er zu seinem Sachwalter und bestand auf einer Klage wegen
nchtlicher Injurien.
    Gut, sagte Hummel, als Gabriel von seiner fruchtlosen Gesandtschaft
zurckkehrte. Diese Leute zwingen mich, Sicherheitsmaregeln fr mich selbst zu
treffen, ich will dafr sorgen, da keine fremden Pferdehaare an mein Haus
gebunden werden. Wenn bei denen drben die Spitzbuben mit den Schellen luten,
so sollen bei mir die Hunde bellen. Wurst wider Wurst, Gabriel.
    Dster ging er in seine Fabrik und schnaubte wild umher. Sein Buchhalter,
der das Aussehen eines gedrckten Mannes hatte, weil er neben Herrn Hummel nie
recht aufkommen konnte, fhlte sich verpflichtet, zeitgem zu reden und
bemerkte schchtern: Die Einflle von A.C. Hahn sind abgeschmackt, alle Welt
hlt sich darber auf. Aber die Rede gedieh ihm nicht. Was kmmern Sie dieses
Mannes Einflle? rief Hummel, sind Sie Hausbesitzer und sind Sie Prinzipal
dieses Geschfts oder bin ich es? Wenn ich mich rgern will, so ist das meine
Sache und geht Sie gar nichts an. Sein neuer Commis Knips trgt einen frisirten
Lockenkopf und riecht nach klnischem Wasser. Machen Sie sich doch ber den
lustig, das ist Ihre Gerechtsame. Und was die brige Welt betrifft, so ist ihr
Schelten auf dieses Mannes Erfindungen gerade so viel werth, als ob ein Sperling
vom Dache schreit. Wenn er alle Tage ein Schellengelut auf seine Schultern
hngt und damit in sein Comtoir geht, so bleibt er fr dieses Straenvolk immer
ein reputirlicher Brger. Nur mir gegenber ist das ein ander Ding. Ich bin sein
Nachbar bei Tag und bei Nacht. Und wenn er Suppen einbrockt, so fllt auch mir
der Lffel hinein. Im Uebrigen verbitte ich mir alle Verlumdungen auf
Mitmenschen. Was gesagt werden mu, besorge ich allein, ohne Associ. Merken Sie
sich das.
    An einem der nchsten Abende stand Gabriel vor der Thr, sah auf den Himmel
und wartete, ob eine kleine schwarze Wolke, welche dort oben langsam
dahinschiffte, das Bild des Mondes verdecken wrde. Gerade als dies Ereigni
eintrat und die Strae und die beiden Huser im Dunkel lagen, fuhr ein Wagen vor
das Haus und die Stimme des Hausbesitzers frug hinter dem Leder hervor: Alles
in Ordnung?
    Alles in Ordnung, erwiederte Gabriel und knpfte den Schurz auf. Herr
Hummel stieg schwerfllig herab, hinter ihm klang ein unwilliges Knurren. Was
steckt da in der Finsterni? frug Gabriel neugierig und griff in den Wagen,
aber er zog schnell die Hand zurck: Das Grobzeug will beien.
    Ja, das hoffe ich, versetzte Herr Hummel, es soll beien. Ich bringe
Wachhunde mit gegen die Glockenspieler. Er zerrte am Strick zwei undeutliche
Gestalten heraus, welche auf dem Boden mit heiserem Geklff umherfuhren,
Gabriels Beine bsartig umkreisten und den Strick wie eine Schlinge um ihn
zogen. Die Menge mu es bringen, rief Gabriel, zwei Stck! Der Mond hatte
die Wolke berwunden und beleuchtete hell die beiden Hunde. Das sind seltsame
Thiere, Herr Hummel, es ist eine schwierige Race. Zwei Kter, fuhr er
abschtzend fort, kaum von Mittelgre, es ist dickes Format und ihr Haar ist
zottig, ber die Schnauze hngen die Borsten wie ein Schnurrbart. Die Mutter war
eine Pudelin, der Vater ein Affenpintsch, auch ein Mops mu mit in der
Verwandtschaft gewesen sein und der Urgrovater war ein Dachshund. Ein schner
Bau, Herr Hummel, so etwas ist selten. Wie sind Sie zu diesen Mondklbern
gekommen?
    Das war ein eigener Zufall. Im Dorfe hatte ich fr heut keinen Hund
erhalten; als ich durch den Wald zurckfuhr, scheuten die Pferde und wollten
nicht vorwrts. Whrend der Kutscher mit ihnen hantirte, sah ich auf einmal
neben dem Wagen einen groen schwarzen Mann stehen, wie aus dem Boden
heraufgeschossen. Er hielt die zwei Hunde am Stricke und lachte hhnisch ber
die Schelte des Kutschers. Was soll's? rief ich ihn an, wohin fhrt ihr die
Hunde? Dem, der sie haben will, rief der Schwarze.
    Hebt sie in den Wagen, sagte ich.
    Ich reiche nichts, brummte der Fremde, ihr mt sie euch holen. Ich
stieg ab und frug: Was verlangt ihr dafr?
    Nichts! sagte der Mann. Die Sache wurde mir bedenklich, aber ich dachte,
man kann's doch probiren, ich trug die Burschen in den Wagen, sie waren
lammfromm. Wie heien die Hunde? rief ich aus dem Wagen.
    Bruhahn und Gose, sagte der Mann und lachte wie ein Teufel.
    Das sind keine Hundenamen, Herr Hummel, warf Gabriel kopfschttelnd ein.
    Das sagte auch ich dem Manne, und er versetzte: Getauft sind sie nicht.
Aber der Strick ist euer, sagte ich, und denken Sie, Gabriel, dieser schwarze
Kerl antwortete mir: Behaltet ihn, ihr knnt euch dran hngen. Ich wollte ihm
die Hunde wieder aus dem Wagen werfen, da war der Mann im Walde verschwunden wie
ein Irrwisch.
    Das ist eine niedertrchtige Geschichte, rief Gabriel bekmmert, diese
Hunde sind in keinem christlichen Hause gewachsen. Und wollen Sie wirklich
solche Gespenster behalten?
    Ich will's probiren, sagte Herr Hummel. Zuletzt ist ein Hund ein Hund.
    Nehmen Sie sich in Acht, Herr Hummel, in den Thieren steckt etwas.
    Dummes Zeug!
    Sie sind scheuslig, fuhr Gabriel fort und zhlte an den Fingern: sie
haben keine menschlichen Hundenamen, sie sind angeboten ohne Geld, kein Mensch
wei, was diese Bestien fressen.
    Auf den Appetit werden Sie nicht lange zu warten haben, versetzte der
Hausherr. Gabriel zog ein Stck Semmel aus der Tasche, die Hunde schnappten
darnach. In dieser Weise sind sie zuverlssig, sagte er ein wenig beruhigt.
Aber wie soll man sie in Ihrem Hause rufen?
    Der Bruhahn mag bleiben, was er ist, versetzte Herr Hummel, aber in
meiner Familie soll kein Hund Gose heien. Ich leide dieses Getrnk nicht. Er
sah feindselig auf das Nachbarhaus hinber. Andere Leute lassen sich das Zeug
tglich ber die Strae holen, das ist fr mich kein Grund, ein solches Wort in
meinem Haushalt zu dulden. Der Schwarze heit von jetzt ab Bruhahn und der
Rothe Speihahn. Damit abgemacht.
    Aber, Herr Hummel, das sind lauter injurise Namen, rief Gabriel, damit
wird das Uebel rger.
    Das ist meine Sorge, sagte Herr Hummel entschlossen. Bei Nacht bleiben
sie im Hofe, sie sollen das Haus bewachen.
    Wenn sie nur leibhaftig aushalten, wandte Gabriel ein, die Art kommt und
verschwindet wie sie will und nicht wie wir wollen.
    Sie werden doch nicht des Teufels sein, lachte Herr Hummel.
    Wer spricht vom Teufel? versetzte Gabriel schnell. Einen Teufel gibt es
nicht, das leidet der Professor nimmer, aber von Hunden hat man Beispiele.
    Damit zog Gabriel die Thiere in den Hausflur, Herr Hummel rief in die Stube:
Guten Abend, Philippine, hier habe ich dir etwas mitgebracht.
    Frau Hummel trat mit dem Lichte in die Thr und sah erstaunt auf das
Geschenk, das zu ihren Fen winselte. Durch diese Demuth wurde das stolze Herz
der Hausfrau zum Wohlwollen gestimmt. Aber sie sind hlich, sagte sie
zweifelnd, als der Rothe und der Schwarze zu ihren beiden Seiten niedersaen,
das Ges gesenkt, mit dem Schwanze wedelnd und unter den langen Augenhaaren zu
ihr aufblickend. Und warum zwei?
    Sie sind nicht fr die Ausstellung gearbeitet, entgegnete Herr Hummel
begtigend, es ist Landwaare. Der eine ist nur Ersatzmann.
    Nach dieser Vorstellung wurden sie in einen Verschlag getragen, Gabriel
prfte noch einmal ihre Fhigkeit im Fressen und Saufen, sie erwiesen sich
durchaus als regelmige, wenn auch nicht durch Leibesschnheit ausgezeichnete
Hunde, und Gabriel stieg sorglos zu seiner Kammer hinauf.
    Als die Uhr zehn schlug und das Gitterthor, welches den Hof von der Strae
schied, geschlossen wurde, ging Herr Hummel selbst zum Hundezwinger hinab, um
die neuen Wchter in ihren Beruf einzuweihen. Aber er erstaunte sehr, als er
ihnen die Thr ffnete. Denn ohne sein ermunterndes Herrenwort abzuwarten,
strzten die beiden Creaturen zwischen seinen Fen in den Hof hinaus. Wie von
einer unsichtbaren Peitsche getrieben, fuhren sie um das Haus und die Fabrik
herum, ohne Aufhren, immer neben einander. Und keineswegs stillschweigend. Sie
waren bis dahin gedrckt und kleinlaut gewesen, jetzt wurden sie, entweder wegen
guter Leibesnahrung oder weil ihre nchtliche Stunde gekommen war, so
geruschvoll, da sogar Herr Hummel erstaunt zurcktrat; ihr heiseres, scharfes
Gebell bertnte das Horn des Nachtwchters und die Rufe des Hausherrn, welcher
ihnen Migung anempfehlen wollte. Ohne Aufhren ging die wilde Jagd im Hofe
herum und ein unendliches Geklff begleitete den Sturmlauf. Die Fensterflgel
des Hauses ffneten sich. Das wird eine lebendige Nacht, Herr Hummel, rief
Gabriel hinunter.
    Aber Heinrich, das ist ja unertrglich, rief die Gattin aus der
Schlafstube.
    Es ist nur die erste Freude, trstete Herr Hummel und zog sich in das Haus
zurck.
    Aber diese Ansicht erwies sich als ein Irrthum. Durch die ganze Nacht klang
das Gebell der Hunde aus dem Hofe. Auch in den Husern der Nachbarschaft wurden
Lden aufgerissen und laute Scheltworte nach dem Hof des Herrn Hummel geworfen.
Am nchsten Morgen stand Herr Hummel unsicher auf. Selbst ihm war sein krftiger
Brgerschlaf durch die Vorwrfe der Gattin gestrt worden, welche jetzt zornig
und mit Kopfschmerzen behaftet beim Frhstck sa. Und als er in den Hof trat
und die Beschwerden einsammelte, welche ihm seine Leute von der Auenwelt
zutrugen, da war auch er einen Augenblick schwankend, ob er die Hunde fr eine
Bereicherung seines Hausstandes halten drfe.
    Das Unglck wollte, da gerade in dieser Stunde der Markthelfer des Herrn
Hahn mit herausfordernder Miene in den Hof trat und meldete: Herr Hahn msse
darauf bestehen, da Herr Hummel das unerhrte Gebell abschaffe, er werde sich
sonst genthigt sehen, sein Recht bei der Polizei zu suchen.
    Dieser Angriff des Gegners entschied den innern Kampf des Herrn Hummel.
Wenn ich das Bellen meiner Hunde ertrage, so knnen's andere Leute auch
ertragen. Dort spielen die Glocken, hier singen die Hunde, und wenn Jemand vor
der Polizei meine Ansicht hren will, so soll er genug zu hren bekommen. Er
ging in das Haus zurck und trat wrdig vor seine leidende Hausfrau. Du bist
meine Frau, Philippine, du bist eine kluge Frau und ich gebe dir nach in jedem
Dinge, worin du mir einen verstndigen Willen zeigst.
    Sollen zwei Hunde zwischen dich und mich treten? frug mit schwacher Stimme
die Gattin.
    Niemals, versetzte Hummel, Hausfriede mu sein, und dein Kopfschmerz ist
mir nicht recht. Und ich wollte dir zu Gefallen die Biester schon wieder
abschaffen. Da begegnet mir dies mit diesen Phantasten. Zum zweiten Mal bedrohen
sie mich mit Justiz und Polizei. Jetzt steht meine Ehre auf dem Spiel und ich
kann nicht mehr nachgeben. Sei mein gutes Weib, Philippine, versuch's einige
Nchte mit Baumwolle in den Ohren, bis sich die Hunde an ihre Arbeit gewhnt
haben.
    Heinrich, versetzte die Gattin matt, ich habe nie an deinem Herzen
gezweifelt, aber dein Charakter ist rauh. Und die Hunde haben eine zu hliche
Stimme. Willst du, um deinen Willen durchzusetzen, deine Frau durch
Schlaflosigkeit leiden sehen und immer krnker werden sehen, so sag's. Willst
du, um deinen Charakter zu behaupten, den Frieden mit der Nachbarschaft opfern,
so sag's.
    Ich will nicht, da du krank wirst, und ich will die Hunde nicht weggeben,
versetzte Herr Hummel, ergriff seinen Filzhut und ging mit starken Schritten
nach der Fabrik.
    Wenn sich aber Herr Hummel der Hoffnung hingab, den schwersten Hauskampf als
Sieger beendet zu haben, so wandelte er in groem Irrthum. Noch war eine andere
Macht innerhalb seiner Grenzen brig, und diese erffnete den Feldzug auf ihre
Weise. Als Hummel in seinem kleinen Comtoir an das Pult trat, sah er neben dem
Tintenfa einen Blumenstrau. An dem rosa Seidenband hing ein kleiner Brief,
gesiegelt mit der Oblate Vergimeinnicht, berschrieben: Meinem lieben Papa.
Das ist mein Blitzmdel, murmelte er, ffnete das Billet und las folgende
Zeilen: Lieber Papa, guten Morgen, die Hunde machen uns groe Sorgen, sie sind
gar zu hlich, und ihr Gebell ist grlich. Was den Unfrieden mehrt und die
Nachbarn strt, behalte nicht in Hof und Hut. Sei edel, Vater, hilfreich und
gut.
    Hummel lachte krftig, da die Arbeit in der Fabrik stockte und Jedermann
ber die gute Laune verwundert war. Dann bezeichnete er den Zettel mit dem Datum
des Empfanges, steckte ihn in die Brieftasche und begab sich nach Durchsicht der
eingelaufenen Briefe in den Garten. Er sah seine kleine Hummel mit der Giekanne
ber die Beete fahren und Vaterstolz schwellte ihm das Herz. Wie behend sie sich
drehte und beugte, wie ihr die dunkeln Lckchen um das blhende Antlitz hingen,
wie geschftig sie die Kanne hob und schwenkte! Und als sie ihn erblickte, das
Gef hinsetzte und ihm mit dem Finger drohte, da wurde er vollends bezaubert.
Wieder Verse, rief er ihr entgegen, es ist Numro neun, die ich kriege.
    Und du wirst mein guter Papa sein, rief Laura auf ihn zueilend und
streichelte sein Kinn. Schaffe sie ab.
    Siehst du, Kind, sagte der Vater behaglich, ich habe schon mit deiner
Mutter darber gesprochen, und ich habe ihr auseinandergesetzt, weshalb ich sie
nicht abschaffen kann. Jetzt darf ich doch nicht dir zu Gefallen thun, was ich
deiner Mutter nicht zugeben konnte. Das wre gegen die Hausordnung. Respectire
deine Mutter, kleine Hummel.
    Du bist hartherzig, Vater, versetzte die Tochter schmollend. Und sieh, du
hast in dieser Sache Unrecht.
    Oho, rief der Vater, kommst du mir so?
    Was that uns das Glockenspiel drben zu Leid? Das Huschen ist hbsch, und
wenn wir Abends im Garten sitzen und der Wind geht und die Glocken leise
bimmeln, das hrt sich gut an, es ist wie in der Zauberflte.
    Hier ist keine Oper, rief Hummel rgerlich, sondern offene Strae. Und
wenn meine Hndlein bellen, so kannst du ja auch deine Theaterideen haben und
denken, da du in der Wolfschlucht bist.
    Nein, mein Vater, erwiederte die Tochter eifrig. Du hast Unrecht gegen
die Leute. Denn du willst ihnen einen Possen thun. Das krnkt mich in tiefstem
Herzen. Und das leide ich nicht an meinem Vater.
    Du wirst's doch leiden mssen, entgegnete Hummel verstockt. Denn dies ist
ein Streit zwischen Mnnern, hier finden Paragraphen der Polizeiordnung statt,
da bleibe du mit deinen Versen hbsch davon. Was die Namen angeht, so ist wohl
mglich, da andere Wrter, wie Adolar und Ingomar und Marquis Posa, euch
Weibern besser klingen. Dies aber ist fr mich kein Grund, meine Namen sind
praktisch. In deinen Blumen und Bchern will ich dir Vieles zu Gefallen thun,
aber Poesie bei Hunden beachte ich nicht. Damit kehrte er der Tochter den
Rcken, bemht, dieses Streites ledig zu werden.
    Laura aber eilte in die Stube zur Mutter, und die Frauen traten in
Berathung. Der Lrm war arg, klagte Laura, aber schrecklicher ist der Name.
Mutter, ich kann dieses Wort nicht aussprechen, und du darfst nicht leiden, da
unsere Leute die Hunde so nennen.
    Liebes Kind, versetzte die erfahrene Frau, man erlebt auf Erden viel
Unbilliges, aber am meisten schmerzt, was gegen die Wrde der Frauen im eigenen
Hause gebt wird. Ich spreche mich darber nicht weiter aus. Was nun den Namen
Bruhahn betrifft, so hat dieser, welcher, wie ich hre, ein benachbartes
Getrnk ist, Manches, was zu seiner Entschuldigung gesagt werden kann, und etwas
mssen wir darin dem Vater nachgeben. Die andere Bezeichnung aber, darin gebe
ich dir Recht, wre eine Beschimpfung der Nachbarn. Doch wenn der Vater merkt,
da wir hinter seinem Rcken den rothen Hund Phbus oder Azor nennen, so wird
das Uebel rger.
    Den bsen Namen wenigstens soll Niemand in den Mund nehmen, dem an meiner
Freundschaft gelegen ist, entschied Laura und eilte in den Hof.
    Gabriel benutzte seine einsame Mue, die neuen Ankmmlinge zu beobachten. Es
zog ihn fter nach dem Hundestall, dort die irdische Beschaffenheit der
Fremdlinge festzustellen.
    Was ist Ihre Meinung? frug Laura, zu ihm tretend.
    Ich habe so meine Meinung, antwortete der Diener, in die Tiefe des Stalles
sphend. Nmlich in den da steckt doch etwas. Haben Sie heut Nacht den Gesang
dieser Raben beachtet? So bellt kein richtiger Hund. Sie winseln und jammern,
dazwischen krchzen sie und sprechen wie kleine Kinder. Ihr Fressen ist
gewhnlich, aber ihre Lebensart ist unmenschlich. Sehen Sie, jetzt ducken sie
sich, wie auf's Maul geschlagen, weil die Sonne auf sie scheint. - Und dann,
liebes Frulein, der Name!
    Laura sah neugierig auf die Thiere. Wir ndern den Namen in der Stille,
Gabriel, dieser hier soll nur der Rothe heien.
    Das wre schon besser, es wre wenigstens nicht injuris fr Herrn Hahn,
sondern nur fr die Kellerwohnung.
    Wie meinen Sie das?
    Da doch drben der Markthelfer Rothe heit.
    Dann also, entschied Laura, wird das rothe Unthier von jetzt ab nur das
Andere genannt, und so sollen ihn unsere Leute rufen. Sagen Sie das auch den
Arbeitern in der Fabrik.
    Andres? versetzte Gabriel. Der Name wird ihm schon recht sein. Dies
Gesindel hat's nicht gern, wenn es mit ordentlichem Zeichen gerufen wird. Dieses
Andere wird am besten wissen, woher das Eine stammt, dem es zugehrt. Na, die
Nachbarschaft wird meinen, da er Andreas heit, damit geschieht ihm immer noch
zu viel Ehre.
    So war billiger Sinn geschftig, die bse Vorbedeutung des Namens
abzuwenden. Vergebens. Denn, wie Laura richtig im Tagebuch bemerkte, wenn der
Ball des Unheils unter die Menschen geworfen wird, so trifft er erbarmungslos
die Guten wie die Bsen. Der Hund wurde mit dem unscheinbarsten Namen versehen,
der gar kein Name war. Aber durch eine unbegreifliche Verbindung der Ereignisse,
welche allen menschlichen Scharfsinn hhnte, geschah es, da Herr Hahn selbst
den Vornamen Andreas fhrte. So wurde der Doppelname des Geschpfes eine
doppelte Krnkung des Nachbarhauses, und Alles schlug zu schrecklichem Unglck
um, Tort und gute Meinung kochten zusammen zu einer dicken, schwarzen Suppe des
Hasses.
    Gleich in der Frhe, als Herr Hummel vor die Thr trat und trotzig wie Ajax
die beiden Hunde mit ihren feindlichen Namen rief, vernahm Markthelfer Rothe im
Kellerstock den Ruf, eilte in die Stube seines Hausherrn und meldete diese
hliche Krnkung. Frau Hahn versuchte, die Sache nicht zu glauben, und setzte
durch, da wenigstens eine Besttigung abgewartet wurde. Aber diese Besttigung
blieb nicht aus. Denn am Nachmittag ffnete Gabriel die Thr des Zwingers und
zwang die Geschpfe, sich auf eine Viertelstunde dem Sonnenlicht des Gartens
auszusetzen. Laura, welche unter ihren Blumen sa und gerade nach ihrem stillen
Ideal, einem berhmten Snger, blickte, der mit gelten schwarzen Locken und
einem Feldherrnblick vorberschritt, verzichtete als wackeres Mdchen darauf,
ihrem Liebling durch das Weinlaub nachzusphen, und wendete sich zu den Hunden.
Und um den Rothen an seinen neuen Namen zu gewhnen, lockte sie ihn mit einem
Stckchen Kuchen und rief ihm einigemal das ungeschickte Wort Andres zu. In
demselben Augenblick strzte Dorchen zu Frau Hahn: Es ist richtig, jetzt ruft
ihn gar Frulein Laura mit dem Vornamen unseres Herrn. Frau Hahn fuhr
erschrocken an das Fenster und vernahm selbst den Namen ihres lieben Mannes. Sie
trat ebenso schnell zurck, denn diese Unmenschlichkeit der Nachbarn prete ihr
Thrnen aus, und sie suchte nach ihrem Taschentuch, um diese heimlich vor dem
Mdchen abzuwischen. Madame Hahn war eine gute Frau, ruhig, gleichmig, mit
einer hbschen kleinen Anlage zur Beleibtheit und einer unablssigen Neigung,
den Staub der Erde mit weien Lppchen geruschlos zu beseitigen. Aber diese
Herzlosigkeit auch der Tochter entflammte ihren Zorn. Sie holte augenblicklich
ihre Mantille aus dem Schranke und ging zum Aeuersten entschlossen ber die
Strae in den feindlichen Garten.
    Erstaunt sah Laura von den garstigen Hunden auf den unerhrten Besuch,
welcher mit starken Schritten gegen sie eindrang.
    Ich komme, mich bei Ihnen zu beklagen, Frulein, begann Frau Hahn ohne
Gru. Was in diesem Hause meinem Manne zum Hohn gethan wird, ist unertrglich.
Fr das Benehmen Ihres Vaters knnen Sie nicht, aber da auch Sie sich auf
solche Beschimpfungen einlassen, finde ich an einem jungen Mdchen doch zu
schrecklich.
    Was meinen Sie damit, Madame Hahn? frug Laura mit flammendem Gesicht.
    Die Beleidigung eines Menschen durch Hundenamen meine ich. Sie rufen Ihren
Hund mit allen Namen meines Mannes.
    Das habe ich niemals gethan, versetzte Laura.
    Leugnen Sie nicht, rief Frau Hahn.
    Ich spreche keine Unwahrheiten, sagte das Mdchen stolz.
    Mein Mann heit Andreas Hahn, und wie Sie dieses Thier nennen, das hrt die
ganze Nachbarschaft aus Ihrem Munde.
    Laura's Stolz bumte auf. Dies ist ein Miverstndni, und der Hund heit
gar nicht so. Was Sie mir sagen, ist ungerecht vom Anfang bis zum Ende.
    Wie so ungerecht? frug Frau Hahn wieder, am Morgen ruft der Vater, am
Nachmittag die Tochter.
    Auf Laura's Herz sank eine Centnerlast, sie fhlte sich hinabgedrckt in
einen Abgrund von Unrecht und Greuel. Die That des Vaters lhmte ihre Kraft,
auch ihr brachen die Thrnen aus den Augen.
    Ich sehe, da Sie wenigstens nicht ohne Gefhl fr das Unrecht sind, das
Sie begehen, fuhr Frau Hahn ruhiger fort, thun Sie's nicht wieder. Glauben Sie
mir, es ist leicht, Andere zu krnken, aber es ist ein trauriges Geschft. Und
mein armer Mann und ich haben's um Sie nicht verdient. Denn wir haben Sie
aufwachsen sehen vor unsern Augen, und wenn wir auch sonst nicht mit Ihren
Eltern in Verkehr stehen, wir haben uns immer ber Sie gefreut und in unserm
Hause ist Ihnen niemals etwas Bses gewnscht worden. Sie wissen nicht, was Hahn
fr ein guter Mann ist, aber so etwas durften Sie doch nicht thun. Wir haben,
seit wir hier wohnen, aus diesem Hause viele Krnkung erfahren, aber da auch
Sie die Gesinnung Ihres Vaters theilen, das thut mir am allermeisten weh.
    Laura versuchte umsonst, ihre Thrnen zu trocknen. Ich wiederhole Ihnen,
da Sie mir Unrecht thun, weiter kann ich nichts zu meiner Rechtfertigung sagen,
und ich will es auch nicht. Sie haben mich mehr gekrnkt, als Sie wissen. Und
ich mu darauf vertrauen, da ich gegen Sie ein gutes Gewissen habe.
    Mit diesen Worten eilte sie in das Haus, Frau Hahn kehrte unsicher ber den
Erfolg ihres Besuches dem feindlichen Bau den Rcken.
    In ihrem Dachstbchen schritt Laura auf und ab und rang die Hnde.
Unschuldig und doch schuldvoll, trotz gutem Willen bis auf's Blut gekrnkt,
hineingezogen in einen Familienha, dessen Jammer noch gar nicht abzusehen war,
so durchflog sie die Ereignisse der letzten Tage in emprter Seele. Endlich
setzte sie sich an ihren kleinen Schreibtisch, zog ihr Geheimbuch heraus und
vertraute ihre Schmerzen diesem verschwiegenen Freunde in violettem Leder. Und
sie suchte Trost bei den Seelen Anderer, die aus hnlichem Weh sich edel erhoben
hatten, und fand endlich eine Besttigung ihrer Erlebnisse in der schnen Stelle
des Dichters: Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage, weh dir, da du ein Enkel
bist. Denn hatte sie nicht Verstndiges und Wohlthuendes gewollt, und war nicht
Unsinn und Plage daraus geworden? Und hatte das Unglck nicht auch sie ohne ihr
Verschulden getroffen, weil sie Kind vom Hause war? Mit diesem Satze schlo sie
einen leidenschaftlichen Ergu. Um aber vor dem eigenen Gewissen nicht lieblos
zu erscheinen, schrieb das arme Kind sogleich die Worte darunter: Mein lieber,
guter Vater. Dann schob sie ein wenig getrstet das Buch zurck.
    Doch als rgste Demthigung empfand sie, da sie von den fremden Leuten
drben ungerecht beurtheilt wurde, und sie schlug die Arme bereinander und
sann, ob ihr nicht dennoch eine Rechtfertigung mglich sei. Sie selbst konnte
nichts thun. Aber da war ein ehrlicher Mann, der von Allen im Hause als
Vertrauter gebraucht wurde, der ihren Kanarienvogel vom Pips geheilt hatte und
die kleine Bste Schillers von einem Spinnenfleck auf der Nase. Sie beschlo,
nur dem treuen Gabriel von den Reden der Frau Hahn zu erzhlen, ohne Noth aber
auch nicht der Mutter.
    Es fgte sich, da gegen Abend Gabriel und Dorchen auf der Strae in ein
kleines Gesprch kamen. Dorchen begann bittere Klage ber die Bosheit der
Hummeln, Gabriel aber mahnte herzlich: Lassen Sie sich durch diesen Krieg nicht
fortreien. Es mu auch solche geben, welche neutral bleiben. Seien Sie ein
Engel, Dorchen, welcher den Frieden und die Krnze in das Haus trgt. Nmlich
die Tochter ist unschuldig. Darauf wurde die Namengebung noch einmal
durchgesprochen und Laura ehrenvoll gerechtfertigt. Als Gabriel spter im
Vorbeigehen sagte: diese Sache ist in Ordnung, und Herr Hahn hat gesagt, ihm
wre gleich unwahrscheinlich gewesen, da Sie es so bel mit ihm meinten da
fiel ihr zwar die schwerste Last vom Herzen, und wieder klang ihr leiser Gesang
durch das Haus, aber ruhig wurde sie deshalb doch nicht. Denn immer noch blieb
ihr Haus gegen die Nachbarn im Unrecht, die Menschen von jenseits wurden durch
den Zorn des Vaters schwer gekrnkt. Ach, dies gewaltige Gemth konnte sie nicht
bndigen, aber sie mute versuchen, in der Stille sein Unrecht zu shnen.
Darber grbelte sie noch am spten Abend beim Auskleiden. Und als sie bereits
im Bette lag und Vieles gefunden und verworfen hatte, da kam ihr der rechte
Einfall, und sie sprang noch einmal auf, zndete das Licht an und lief im Hemde
nach dem Schreibtisch. Dort schttelte sie ihr Beutelchen aus und berzhlte die
neuen Thaler, die ihr der Vater zu Weihnacht und am Geburtstage geschenkt hatte.
Diese Thaler beschlo sie zu einer geheimen Abbitte zu verwenden. Vergngt nahm
sie den Perlenbeutel zu sich ins Bett, legte ihn unter das Kopfkissen und
schlief darber in Frieden ein, obgleich wieder die wilde Jagd der
Gespensterhunde um das Haus tobte, greulich und unaufhrlich.
    Am nchsten Morgen schrieb Laura mit groen steifen Buchstaben Name und
Wohnung des Herrn Hahn auf einen Briefumschlag, siegelte diesen mit einem
Veilchen, welches die Umschrift trug: ich verberge mich, und steckte die
Adresse in ihre Tasche. Als sie wegen eines Einkaufs nach der Stadt ging, machte
sie auf eigene Gefahr einen Seitenweg zu einem Handelsgrtner, mit dem sie
persnlich nicht bekannt war. Dort kaufte sie den dicken Busch einer Zwergorange
voll von Blthen und goldenen Frchten, ein Prachtstck des Glashauses, sie fuhr
den Strauch mit pochendem Herzen in geschlossener Droschke, bis sie einen
Lohntrger fand, und empfahl mit einer auerordentlichen Vergtigung dem Trger,
Strauch und Brief ohne Gru und Wort im Hause des Herrn Hahn niederzusetzen.
    Redlich fhrte der Mann den Auftrag aus. Dorchen entdeckte den Stock im
Hausflur und in der Familie Hahn begann eine kleine, sehr behagliche Aufregung,
fruchtloses Sinnen, wiederholte Besichtigung, eitles Vermuthen. Als Laura am
Mittag durch das Weinlaub in den Garten hinbersphte, hatte sie die Freude, den
Orangenstrauch auf einem ausgezeichneten Platz vor der weien Muse zu erblicken.
Allerliebst leuchtete der Busch in Wei und Gold ber die Strae. Und Laura
stand lange hinter den Ranken und faltete unwillkrlich die Hnde. Das Unrecht
war von ihrer Seele genommen. Dann wandte sie sich in gehobener Stimmung ab von
dem feindlichen Hause.
    Unterde hing eine Polizeibeschwerde und eine gerichtliche Klage zwischen
den beiden Husern. Die letztere wurde durch Einfgung des Namens Speihahn noch
an demselben Tage gefhrlich verschrft.
    Und der Frieden im Hause und in der Nachbarschaft blieb gestrt. Zuerst
hatte das Glockenspiel die allgemeine Meinung gegen Herrn Hahn aufgeregt, aber
durch die Hunde wurde die Stimmung grndlich gendert, die ganze Strae zog sich
nach dem Stroh hinber, der Filz hatte alle Welt gegen sich. Herrn Hummel
kmmerte das wenig. Des Abends sa er im Garten auf dem umgestrzten Kahn und
sah stolz auf das Nachbarhaus, whrend Bruhahn und das Andere zu seinen Fen
lagen und nach dem Mond blinzten, der in seiner gewohnten Weise boshaft
herniederblickte auf Hummel, auf Hahn, auf die brige Welt.
    Es geschah aber, da in einer der nchsten Nchte unter Hundegebell und
Mondschein am chinesischen Bau des Herrn Hahn alle Glocken abgerissen und
gestohlen wurden.

                                       8.

                                        

                              Noch einmal Tacitus.


Unser Volk wei, da alle verlorenen Dinge unter den Krallen des Bsen liegen.
Wer etwas sucht, der hat zu rufen: Teufel, nimm die Pratze weg. Dann liegt's
pltzlich da vor den Augen der Menschen, es war so leicht zu finden, man ist
hundertmal herumgegangen, man hat darber und darunter gesehen, das
Unwahrscheinlichste hat man durchsucht und an das Nchste nicht gedacht.
Zuverlssig war es mit der Handschrift nicht anders, sie lag unter der Tatze des
Bsen oder eines Kobolds ganz in der Nhe der Freunde; wenn man die Hand
ausstreckte, war sie zu fassen; der Erwerb wurde nur noch durch ein Bedenken
aufgehalten, durch die Frage: wo? Ob diese Verzgerung fr beide Gelehrte die
groe oder kleine Frage peinlicher Tortur werden sollte, das allein war noch
zweifelhaft. Inde auch ber diese Unsicherheit konnte man hinwegkommen; die
Hauptsache war, da die Handschrift selbst wirklich und vorhanden dalag. Und
kurz, die Sache stand im Ganzen so gut als irgend mglich, es fehlte nur noch
eben die Handschrift.
    Ich sehe, sagte der Doctor dem Freunde, du bist angestrengt beflissen,
die Erwachsenen zu bilden, ich senke den Codex in die Seelen der nchsten
Generation. Hans der lteste ist weit entfernt, die Auffassung des Vaters und
der Schwester zu theilen, er zeigt Gemth fr den alten Schatz. Und wenn uns
selbst nicht gelingt, die Entdeckung zu machen, er wird einmal die Hausmauer
nicht schonen.
    Im Einvernehmen mit Hans nahm der Doctor ganz in der Stille seine
Nachforschungen wieder auf. In ruhigen Stunden, wo der Landwirth arglos bei
seiner Ernte umherritt und der Professor im Zimmer arbeitete oder in der
Gaisblattlaube sa, strich der Doctor spionirend im Innern des Hauses. In dem
Kittel eines Arbeiters, den Hans auf sein Zimmer gebracht hatte, durchforschte
er die staubigen Hhen und Tiefen des Raumes. Und mehr als einmal erschreckte er
die dienenden Frauen der Wirthschaft, wenn er pltzlich hinter einer alten Tonne
des Kellers auftauchte, oder wenn er rittlings auf einem Balken des Dachstuhls
dahinfuhr. Bei dem Milchkeller war fr Anbau einer Eisgrube ein Loch gegraben,
die Arbeiter hatten sich in der Mittagstunde entfernt und die Mamsell ging
arglos in der Nhe der blogelegten Mauer vorber. Da erblickte sie pltzlich
einen Kopf ohne Leib, mit feurigen Augen und gestrubtem Haar, welcher langsam
auf dem Erdboden dahinwandelte und hohnlachend das Gesicht auf sie zukehrte. Sie
stie einen gellenden Schrei aus und strzte in die Kche, wo sie auf einem
Schemel in Ohnmacht sank und erst durch vieles Zureden und Begieen mit Wasser
zum Leben erweckt wurde. Beim Mittagessen war sie so verstrt, da sie jedermann
auffiel, und da ergab sich endlich, da der teuflische Kopf auf den Schultern
ihres Tischnachbars sa, der heimlich in das Loch gestiegen war, um das
Mauerwerk zu untersuchen.
    Bei dieser Gelegenheit entdeckte der Doctor mit einiger Schadenfreude, da
das gastliche Dach, welches ihn und den Codex vor Regen schtzte, ber einem
anerkannten Gespensterhause stand. Es spukte heftig in dem alten Bau, Geister
wurden hufig gesehen und die Berichte gingen nur darin auseinander, ob es ein
Mann in grauer Kutte, ein Kind in weiem Hemdchen oder ein Kater von der Gre
eines Esels sei. Jedermann wute, da ab und zu ein unerklrliches Klopfen,
Rasseln, Donnern und unsichtbares Steinwerfen stattfand, zuweilen war das ganze
Ansehen des Landwirths und seiner Tochter nthig, um den Ausbruch eines
panischen Schreckens unter den Dienstboten zu verhindern. Auch die Freunde
hrten in stiller Nacht unberechtigte Tne, Gechz, Gepolter und
herausforderndes Geklopf an den Wnden. Diese Unarten des Hauses erklrte der
Doctor zur Zufriedenheit des Landwirths aus seiner Theorie der alten Mauern. Er
erluterte, da viele Geschlechter von Wieseln, Ratten und Musen den dicken
Steinbau canalisirt und ein System von bedeckten Gngen und Burgen angelegt
hatten. Deshalb wurde jedes gesellige Vergngen und jede Znkerei, welcher sich
die Insassen der Mauer ergaben, durch dumpfes Getse bemerkbar. Aber in der
Stille horchte der Doctor doch rgerlich auf das geheime Rumoren seiner
Wandnachbarn. Denn wenn diese so aufgeregt um den Codex herumtobten, drohten sie
die sptere Arbeit der Wissenschaft sehr zu erschweren. Sooft er heftig knabbern
hrte, mute er denken, sie fressen wieder eine Zeile weg, jedenfalls wird eine
Menge Conjecturen nthig werden. Und es war nicht das Nagen allein, wodurch dies
Mausevolk den Codex, der unter ihnen lag, verunzierte.
    Aber fr die groe Geduld, welche in dieser Angelegenheit nthig war, wurde
der Doctor durch andere Entdeckungen entschdigt. Er beschrnkte sich nicht auf
Haus und Hof, sondern durchsuchte auch die Umgegend nach alten
Volkserinnerungen, welche noch hie und da am Rocken der Spinnstuben hingen und
sich um den Kochtopf alter Mtterchen kruselten. Gleich am zweiten Tage machte
er durch geheime Vermittelung der Taglhnerfrau die Bekanntschaft einer
Mrchenerzhlerin im nchsten Dorfe. Nachdem die liebe alte Frau den ersten
Schreck vor dem Titel des Doctors und die Furcht berwunden hatte, er wolle ihr
wegen unbefugter rztlicher Praxis zu Leibe gehen, sang sie ihm mit zitternder
Stimme die Liebeslieder ihrer Jugend und erzhlte mehr, als der Hrer
nachzuschreiben vermochte. Jeden Abend brachte der Doctor beschriebene Bltter
nach Hause, sehr bald fand er in seiner Sammlung alle bekannten Charaktere
unserer Volkssagen, einen wilden Jger, einige Frau Hollen, drei weie Frulein,
mehre Mnche, einen undeutlichen Nix, der in der Geschichte zwar als
Handwerksbursche auftrat, aber ganz unleugbar ursprnglich ein Wassermann
gewesen war, und zuletzt viele kleine Zwerge. Zuweilen begleitete ihn auf diesen
Ausflgen Hans, der lteste, der den Doctor bei den Landleuten einfhrte und
sich htete, dem Vater und der Schwester ber diese Jagdzge eine Mittheilung zu
gnnen. Nun ist allerdings mglich, da hier und da ein Erdloch oder ein Brunnen
im Felde ohne Berechtigung mit einem Geiste versehen wurde. Denn als die weisen
Frauen des Dorfes merkten, wie sehr der Doctor sich ber solche Mitteilungen
freute, wurde in ihnen die uralte Erfindungskraft des Volkes aus langem
Schlummer geweckt, und es kam ihnen so vor, als ob noch hie und da etwas von dem
Geistervolk stecken msse. Im Ganzen aber bewiesen beide Theile einander
deutsche Treue und Gewissenhaftigkeit, und zuletzt war der Doctor auch kein
Mann, den man leicht hintergehen konnte.
    Als er einst von solchem Besuche nach dem Schlo zurckkehrte, begegnete er
auf einsamem Fupfad der Taglhnerfrau. Sie sah sich vorsichtig um und gestand
ihm endlich, wenn er sie nicht dem Gutsherrn verrathen wolle, so knne sie ihm
wohl etwas mittheilen. Der Doctor gelobte unverbrchliche Verschwiegenheit.
Darauf erzhlte die Frau, im Keller des Schlosses, auf der Seite gegen Morgen in
der rechten Ecke sei ein Stein mit drei Kreuzen bezeichnet. Dahinter liege der
Schatz. Das habe sie von ihrem Grovater gehrt, und der habe es von seinem
Vater, und dieser sei im Schlo in Diensten gewesen, und zu dessen Zeit htte
der damalige Oberamtmann den Schatz heben wollen; als sie aber deshalb in den
Keller gingen, habe es einen frchterlichen Knall und ein solches Getse
gegeben, da sie entsetzt zurckgelaufen seien. Das aber mit dem Schatz sei
sicher, denn sie habe den Stein selbst angefhlt, die Zeichen seien deutlich
eingegraben. Jetzt sei der Weinkeller dort, der Stein durch ein Holzgestell
verdeckt.
    Der Doctor nahm diese Mittheilung mit Ruhe auf, beschlo aber, ganz fr sich
Nachforschungen anzustellen. Er sagte weder dem Professor noch seinem Hans ein
Wort, lauerte aber auf eine Gelegenheit. Seine Vertraute trug den Wein, welcher
unabnderlich vor dem Platz der Gste stand, zuweilen selbst aus dem Keller und
wieder zurck. Am nchsten Morgen folgte er ihr khnlich, die Frau sprach kein
Wort als er hinter ihr in den Verschlag trat, sondern wies scheu in eine Ecke
der Wand. Der Doctor ergriff die Lampe, hob ein Dutzend Flaschen von ihrer
Stelle und tastete an dem Gestein; es war ein groer behauener Stein mit drei
Kreuzen. Er sah die Frau bedeutungsvoll an, - sie hat spter im engsten
Vertrauen erzhlt, die glsernen Schilde vor seinen Augen htten in diesem
Augenblick so schrecklich gegen die Lampe geleuchtet, da ihr ganz angst
geworden sei, - er aber ging schweigend herauf, entschlossen, die Entdeckung bei
erster Gelegenheit gegen den Landwirth zu benutzen.
    Doch die grte Ueberraschung stand dem Doctor noch bevor, seine stille
Arbeit wurde durch den seligen Frater Tobias selbst untersttzt, ja durch das
Lebensende dieses frommen Mrtyrers gleichsam geweiht. Die Freunde stiegen
nmlich nach Rossau hinab, von dem Landwirth, den ein Geschft zur Stadt fhrte,
begleitet. Der Landwirth fhrte die Freunde zum Brgermeister und ersuchte
diesen, den Herren, als zuverlssigen Mnnern, vorzulegen, was etwa in dem
stdtischen Bereich von alten Schriften vorhanden sei. Der Brgermeister, ein
ehrlicher Gerber, fuhr in seinen Rock und brachte die Gelehrten zunchst vor das
alte Klostergebude. Es war nicht viel daran zu sehen, ein neues Dach, innerer
Umbau, nur die Mauern standen noch, kleine Beamte des Landesherrn wohnten in den
Zellen. Ueber das Rathsarchiv stellte der Brgermeister die Muthmaung auf, da
wohl nicht viel darin sein werde, er empfahl die Herren in dieser Angelegenheit
dem Stadtschreiber und ging selbst nach dem Schiehause, um sich nach schwerem
Regierungsact eine Partie Solo anzuthun. Der Stadtschreiber neigte sich
respectvoll vor seinen Collegen von der Feder, ergriff ein rostiges
Schlsselbund und ffnete das kleine Gewlbe des Rathhauses, wo alte Acten in
dicker Staubhlle die Zeit erwarteten, in welcher ihr Stillleben unter dem
Stampfer einer Papiermhle enden wrde. Die Stadtschreiberei wute ein wenig
unter den alten Papieren Bescheid, begriff auch vollstndig die Wichtigkeit der
Mittheilungen, welche von ihr erwartet wurden, versicherte aber der Wahrheit
gem, da durch zwei Stadtbrnde sowie durch Unordnung in frherer Zeit jede
alte Nachricht verloren sei. Man kannte auch keinerlei Aufzeichnung in einem
Privathause, nur in der gedruckten Chronik einer Nachbarstadt waren einige
Notizen ber das Schicksal Rossaus im dreiigjhrigen Kriege erhalten. Darnach
war der Ort durch einige Jahre ein Trmmerhauf und fast unbewohnt gewesen. Im
Uebrigen lebte das Stdtchen geschichtslos fort, und der Stadtschreiber
betheuerte, man wisse hier nichts von der alten Zeit und kmmere sich gar nicht
darum. Vielleicht sei in der Residenz etwas ber die Stadt zu erfahren.
    Die Freunde schritten unermdlich von einem klugen Mann zum andern und
frugen wie im Mrchen nach dem Vogel mit goldenen Federn. Zwei Erdmnnchen
hatten nichts gewut, jetzt blieb noch das dritte. Sie lieen sich also zu dem
katholischen Pfarrer fhren. Ein kleiner alter Herr empfing sie mit tiefen
Bcklingen, der Professor setzte ihm auseinander, da er ber die letzten
Schicksale des Klosters Auskunft suche, vor Allem, was aus einem der letzten
Mnche, dem ehrwrdigen Bruder Tobias Bachhuber, in seinen Jahren geworden sei.
    Aus so entlegener Zeit werden keine Totenscheine verlangt, versetzte der
Geistliche, ich kann den hochverehrten Herren deshalb kenerlei Bescheid
versprechen. Dennoch, wenn es Ihnen nur darum zu thun und Sie nichts der Kirche
Nachtheiliges aus alten Schriften eruiren wollen, bin ich gewillt, denselben das
lteste der vorhandenen Bcher zu prsentiren. Er ging in eine Kammer und
brachte ein langes schmales Buch hervor, dem der Moder des feuchten Raumes die
Rnder beschdigt hatte. Anhier sind einige Notata meiner im Herrn ruhenden
Vorgnger, vielleicht da den verehrten Herren dieses dienen kann. Weiteres bin
ich nicht im Stande, weil Aehnliches nicht mehr vorhanden.
    Auf dem Vorsetzblatt stand ein Verzeichni geistlicher Wrdentrger des
Ortes in lateinischer Sprache. Eine der ersten Notizen war: Im Jahre des Herrn
1637 im Monat Mai ist der verehrungswrdige Bruder Tobias Bachhuber, der letzte
Mnch hiesigen Klosters, an der Seuche der Pestilenz gestorben. Der Herr sei ihm
gndig. Der Professor wies dem Freunde schweigend die Stelle, der Doctor
schrieb die lateinischen Worte ab, sie gaben dankend das Buch zurck und
empfahlen sich.
    Und die Handschrift liegt doch in dem Hause, rief der Professor auf der
Strae. Der Doctor dachte an die drei Kreuze und lchelte vor sich hin. Er war
keineswegs mit den taktischen Maregeln einverstanden, welche er seinen Freund
zur Rettung des Codex ausfhren sah. Wenn der Professor behauptete, da ihre
einzige Hoffnung auf dem Antheil beruhe, den sie nach und nach dem Hausherrn
beibringen knnten; so hegte der Doctor den Verdacht, da sein Freund zu dieser
langsamen Kriegfhrung nicht durch reinen Eifer fr die Handschrift gebracht
werde.
    Der Landwirth aber beobachtete ber die Handschrift ein hartnckiges
Schweigen; warf der Doctor einmal eine Anspielung hin, so verzog der Wirth
spttisch das Gesicht und lenkte das Gesprch sogleich auf etwas Anderes. Das
durfte so nicht bleiben. Der Doctor beschlo, jetzt, wo seine Abreise
bevorstand, eine Entscheidung zu erzwingen. Als die Mnner am Abend im Garten
zusammen saen und der Landwirth in heiterer Ruhe auf seine Obstbume sah,
begann der Doctor den Angriff. Ich gehe nicht von hier, mein Gastfreund, ohne
Sie an unsern Contract erinnert zu haben.
    An welchen Contract? frug der Landwirth wie ein Mann, der sich an nichts
erinnert.
    Wegen der Handschrift, fuhr der Doctor entschlossen fort, die bei Ihnen
verborgen liegt.
    So? Sie sagten ja selbst, es sei Alles hohl. Da wird uns nichts
brigbleiben, als das Haus vom Dach bis zum Keller nieder zu reien; ich dchte,
damit warteten wir bis zum nchsten Frhjahr, wo Sie wieder zu uns kommen
sollen. Denn wir mten in diesem Falle doch in den Scheunen wohnen, und die
sind jetzt voll.
    Das Haus mag vorlufig stehen bleiben, sagte der Doctor, wenn Sie aber
immer noch meinen, da die Mnche ihr Klostergut wieder herausgeholt haben, so
steht dieser Ansicht ein Umstand entgegen. Wir haben in Rossau ermittelt, da
der wackere Bruder, der im April die Sachen hier versteckt hatte, schon im Mai
an der Pestilenz gestorben ist. Laut Angabe des Kirchenbuches; hier ist die
Stelle.
    Der Landwirth sah in die Brieftafel des Doctors, klappte sie wieder zu und
sagte: Dann haben seine Herren Mitbrder das Eigenthum herausgeholt.
    Das ist kaum mglich, versetzte der Doctor, denn er war der letzte seines
Klosters.
    Dann also haben's andere Stadtleute geholt.
    Aber die Einwohner der Stadt haben sich damals verlaufen, der Ort lag Jahre
lang verwstet, menschenleer, in Trmmern.
    Hm, begann der Landwirth in guter Laune, die Herren Gelehrten sind
strenge Mahner und wissen auf ihrem Recht zu bestehen. Sagen Sie also
geradeheraus, was wollen Sie von mir? Sie mten mir doch vor allem eine
einzelne Stelle angeben knnen, die nicht nur Ihnen verdchtig ist, sondern die
auch nach gemeinem Urtheil etwas zu verschlieen scheint, und das sind Sie
zuverlssig nicht im Stande.
    Ich wei eine solche Stelle, erwiederte der Doctor dreist, und ich stelle
Ihnen gegenber die Vermuthung auf, da der Schatz dort liegt.
    Der Professor und der Landwirth sahen erstaunt auf ihn. Folgen Sie mir in
den Keller, rief der Doctor.
    Ein Licht wurde angezndet, der Doctor fhrte zu dem Verschlage, in welchem
der Wein lag. Wie kommst du zu der siegesfrohen Zuversicht? frug ihn der
Professor leise auf dem Wege.
    Ich argwhne, da du deine Geheimnisse hast, versetzte der Doctor, la
mir die meinen. Geschftig rumte er die Flaschen aus einer Ecke, leuchtete an
den Stein und schlug mit einem groen Schlssel an die Mauer, die Stelle ist
hohl und der Stein bezeichnet.
    Es ist richtig, sagte der Landwirth, dahinter ist ein leerer Raum; und er
ist jedenfalls nicht klein. Aber der Stein ist einer von den Grundsteinen des
Hauses, und nirgend ist sichtbar, da er einmal aus seiner Lage gerckt wurde.
    Nach so langer Zeit wrde man das schwerlich erkennen, warf ihm der Doctor
entgegen.
    Der Landwirth untersuchte selbst die Mauer. Eine groe Platte liegt
darber, es ist vielleicht mglich, den bezeichneten Stein von der Stelle zu
heben. Er berlegte eine Weile und fuhr endlich fort: Ich sehe, ich mu Ihnen
einen Preis zahlen. Ich will damit die erste Stunde unserer Bekanntschaft
ausgleichen, die mir immer noch auf der Seele liegt. Und da wir drei hier wie
Verschwrer im Keller stehen, so wollen wir uns auf das frhere Abkommen
verpflichten. Ich will einmal thun, was ich fr sehr unnthig halte. Dafr
werden Sie, wenn Sie jemals ber die Sache sprechen oder schreiben, auch mir das
Zeugni nicht versagen, da ich allen billigen Wnschen nachgegeben habe.
    Wir werden sehn, was sich thun lt, versetzte der Doctor.
    Wohlan, in einem Steinbruch an meiner Grenze sind fremde Arbeiter
beschftigt, sie sollen versuchen, den Stein auszulsen und wieder in seine Lage
zu bringen. Damit wird, wie ich hoffe, diese Sache fr immer abgemacht. - Ilse,
la morgen in der Frhe das Holzgestell im Weinkeller ausrumen.
    Am nchsten Tag kamen die Steinarbeiter, mit ihnen stiegen die drei Herren
und Ilse in den Keller und sahen neugierig zu, wie Spitzhacke und Brecheisen
ihre Gewalt an dem vierkantigen Stein versuchten. Er war auf den Fels gesetzt
und tchtige Anstrengung war nthig, ihn zu lsen. Aber auch die Leute
erklrten, da dahinter eine groe Hhlung sei, und arbeiteten mit einem Eifer,
der durch den Ruf des gespenstigen Hauses sehr gesteigert wurde. Endlich wich
der Stein, eine dunkle Oeffnung bot sich den Augen, die Zuschauer traten nher,
die beiden Gelehrten in lebhafter Spannung, auch der Landwirth und seine Tochter
voll Erwartung. Der Steinbrecher fate schnell das Licht und hielt es vor die
Oeffnung, ein feiner Dunst zog heraus, erschreckt fuhr der Mann mit dem Lichte
zurck. Da drin liegt etwas Weies, rief er zwischen Angst und Hoffnung. Ilse
sah auf den Professor, der mit Mhe die Erregung beherrschte, welche in seinem
Antlitze arbeitete. Er griff nach dem Licht, da wehrte sie ihm und rief
ngstlich: Nicht Sie. Sie eilte zu der Oeffnung und fuhr mit der Hand in den
hohlen Raum. Sie fate Greifbares, man hrte ein Rasseln, sie zog schnell die
Hand zurck, aber auch sie warf, was sie festgehalten, erschreckt auf den Boden:
es war ein Stck Gebein.
    Das ist eine ernste Antwort auf Ihre Frage, rief der Landwirth, wir
zahlen einen theuren Preis fr den Scherz. Er nahm das Licht und suchte jetzt
selbst in der Oeffnung, ein Haufen zusammengefallener Knochen lag darin. Die
Andern standen in unbehaglichem Schweigen herum. Endlich warf der Landwirth
einen Schdel in den Keller und rief sich erhebend als ein Mann, der von
peinlichem Gefhl befreit wurde: Es ist das Gebein eines Hundes!
    Es war ein kleiner Hund, besttigte der Steinhauer und schlug mit dem
Eisen an einen Knochen, das morsche Gebein brach in Stcke.
    Ein Hund! rief der Doctor erfreut und verga fr einen Augenblick seine
getuschte Hoffnung. Das ist lehrreich. Die Grundmauer dieses Hauses mu sehr
alt sein.
    Es freut mich, da Sie auch mit diesem Fund zufrieden sind, versetzte der
Landwirth ironisch.
    Der Doctor aber lie sich nicht stren und erzhlte, wie im frhen
Mittelalter ein aberglubischer Brauch gewesen sei, in die Grundmauer fester
Gebude etwas Lebendes einzuschlieen. Die Gewohnheit stamme aus uralter
Heidenzeit. Die Flle seien selten genug, wo man dergleichen in alten Bauten
gefunden, und das Gerippe des Thieres sei eine schne Besttigung.
    Wenn es Ihre Ansicht besttigt, sagte der Landwirth, meine besttigt es
auch. Eilt, ihr Leute, den Stein wieder fest zu machen.
    Jetzt leuchtete und fhlte auch der Steinhauer in die Oeffnung und erklrte,
da nichts mehr darin sei. Die Arbeiter rckten den Stein an seine Stelle, der
Wein wurde eingerumt und die Sache war abgethan. Der Doctor aber trug die
spttischen Bemerkungen, welche der Landwirth nicht sparte, mit groer Ruhe und
sagte ihm: Was wir erreicht haben, ist allerdings nicht viel, aber wir wissen
doch jetzt mit Sicherheit, da die Handschrift nicht an dieser Stelle Ihres
Hauses liegt, sondern an einer andern. Ich nehme ein sorgfltiges Verzeichni
aller hohlen Stellen mit, und wir begeben uns unserer Ansprche an Ihr Haus
wegen dieses Fundes durchaus nicht, sondern wir betrachten Sie von jetzt ab als
einen Mann, der den Codex zu seinem Privatgebrauch auf unbestimmte Zeit geliehen
hat, und ich versichere Sie, Wunsch und Sorge werden uns unaufhrlich um dieses
Haus schweben.
    Lassen Sie den Menschen, die darin wohnen, auch etwas von den guten
Wnschen zu Theil werden, sagte lachend der Landwirth, und vergessen Sie
nicht, da Sie bei Ihrem Suchen nach der Handschrift in Wahrheit auf den Hund
gekommen sind. Ich hoffe brigens, da diese Entdeckung mein armes Haus von dem
blen Rufe befreien wird, Schtze zu enthalten. Und um diesen Gewinn will ich
mir die unnthige Arbeit recht gern gefallen lassen.
    Das ist der grte Irrthum Ihres Lebens, erwiederte der Doctor berlegen,
gerade das Entgegengesetzte wird stattfinden. Unsere Entdeckung wird von allen
Leuten, welche ein Gemth fr Schtze haben, so verstanden werden, da Ihnen nur
der Glaube fehlte, und da Sie nicht die nthige Feierlichkeit anwandten;
deshalb ist der Schatz Ihren Augen entrckt und zur Strafe der Hund beigesetzt
worden. Ich wei besser, wie Ihre Nachbarn dergleichen der Nachwelt berliefern.
Harre in Frieden deiner Entdeckung, Tacitus, dein beharrlichster Freund
scheidet, denn er, den ich dir zurcklasse, fngt an, der Gleichgltigkeit
dieses Hauses unbillige Zugestndnisse zu machen.
    Er sah ernsthaft auf den Professor hinber und rief seinen Begleiter Hans zu
einem letzten Besuche im Dorfe, um dort noch von seinen weisen Frauen dankbaren
Abschied zu nehmen und ein schnes Volkslied einzuheimsen, dem er auf die Spur
gekommen war.
    Er blieb lange aus, denn nach dem Liede kam unvermuthet noch eine
wundervolle Geschichte zum Vorschein von einem Herrn Dietrich und seinem Pferd,
welches Feuer schnaubte.
    Als der Professor gegen Abend nach ihm aussah, traf er auf Ilse, welche,
ihren Strohhut in der Hand, zu einem Gang ins Freie gerstet war. Ist Ihnen
recht, sagte sie, so gehen wir Ihrem Freunde entgegen. Sie schritten einen
Rain entlang, zwischen abgerumten Feldern, auf denen hier und da wildes Grn
aus den Stoppeln herauftrieb.
    Der Herbst naht, bemerkte der Professor, das ist die erste Mahnung.
    Wir in der Wirtschaft, erwiederte Ilse, sind wie Till Eulenspiegel gutes
Muths, so oft wir im Winter durchmachen, was Andern lstig scheint. Wir denken
dann auf das nchste Frhjahr, und wir freuen uns der Ruhe. Wenn die Windsbraut
dahinfhrt und den Schnee mannshoch in die Thler weht, wir sitzen im Warmen.
    Uns in der Stadt aber vergeht der Winter, fast ohne da wir ihn merken. Nur
die kurzen Tage, die weien Dcher erinnern daran, unsere Arbeit aber verluft
unabhngig vom Wechsel der Jahreszeiten. Und doch hat mich der Bltterfall seit
meiner Kindheit betrbt, und im Frhjahr habe ich immer Lust, die Bcher bei
Seite zu werfen und durch das Land zu laufen, wie ein Handwerksgesell.
    Sie standen an einem Garbenhaufen. Ilse bog einige Aehrenbndel zum Sitz
zurecht und sah ber die Felder nach den fernen Bergen.
    So ist's mit uns gerade umgekehrt und anders, als man denken sollte,
begann sie nach einer Weile, wir sind hier wie die Vgel, die Jahr aus, Jahr
ein lustig mit den Flgeln schlagen, Sie aber denken und sorgen um andere Zeiten
und andere Menschen, die lange vor uns waren; Ihnen ist das Fremde so vertraut,
wie uns der Aufgang der Sonne und die Sternbilder. Und wie Ihnen wehmthig ist,
da der Sommer endet, ebenso wird es mir schmerzlich, wenn ich einmal von
vergangener Zeit hre und lese, und am traurigsten machen mich die
Geschichtsbcher. So viel Unglck auf Erden, und gerade die Guten nehmen so oft
ein Ende mit Leid. Ich werde dann vermessen und frage, warum hat der liebe Gott
das so gewollt? Und es ist wohl recht thricht, wenn ich das sage, ich lese
deshalb nicht gern in der Geschichte.
    Diese Stimmung begreife ich, erwiederte der Professor. Denn wo die
Menschen ihren Willen durchzusetzen streben gegen ihr Volk und gegen ihre Zeit,
werden sie am Ende fast immer als die Schwcheren widerlegt; auch was der
Strkste etwa siegreich durchsetzt, hat keinen ewigen Bestand. Und wie die
Menschen und ihre Werke, vergehen auch die Vlker. Aber wir sollen nicht an die
Schicksale eines einzelnen Mannes oder Volkes unser Herz hngen, sondern wir
sollen verstehen, wodurch sie gro wurden und untergingen, und welches der
bleibende Gewinn war, welcher dem Menschengeschlecht durch ihr Leben erhalten
wurde. Dann wird der Bericht ber ihre Schicksale nur wie eine Hlle, hinter
welcher wir die Thtigkeit anderer lebendiger Krfte erkennen. Denn wir
errathen, da in den Menschen, welche zerbrechen, und in den Vlkern, welche
zerrinnen, noch ein hheres geheimes Leben waltet, welches nach ewigen Gesetzen
schaffend und zerstrend dauert. Und einige Gesetze dieses hhern Lebens zu
erkennen und den Segen zu empfinden, welchen dies Schaffen und Zerstren in
unser Dasein gebracht hat, das ist Aufgabe und Stolz des Geschichtsforschers.
Von diesem Standpunkt verwandelt sich Auflsung und Verderben in neues Leben.
Und wer sich gewhnt, die Vergangenheit so zu betrachten, dem vermehrt sie die
Sicherheit, und sie erhebt ihm das Herz.
    Ilse schttelte das Haupt und sah vor sich nieder. Der rmische Mann,
dessen verlorenes Buch Sie zu uns gefhrt hat, und von dem heut wieder die Rede
war, ist er Ihnen deshalb lieb, weil er die Welt ebenso freudig angesehen hat
wie Sie?
    Nein, versetzte der Professor, gerade das Gegentheil macht uns seine
Arbeit beweglich. Sein ernster Geist wurde niemals durch frhliche Zuversicht
gehoben. Das Schicksal seines Volkes, die Zukunft der Menschen liegt ihm als ein
unheimliches Rthsel schwer auf der Seele, in der Vergangenheit erblickt er eine
bessere Zeit, freieres Regieren, strkere Charaktere, reinere Sitten, er erkennt
an seinem Volke und im Staat einen Verfall, der selbst durch gute Regenten nicht
mehr aufzuhalten ist. Es ist ergreifend, wie der besonnene Mann zweifelt, ob
dies furchtbare Schicksal von Millionen eine Strafe der Gottheit ist, oder die
Folge davon, da kein Gott sich um das Loos der Sterblichen kmmert. Ahnungsvoll
und ironisch betrachtet er die Geschicke der Einzelnen, die beste Weisheit ist
ihm, das Unvermeidliche schweigend und duldend ertragen. Da er in eine
trostlose Oede starrt, erkennt man auch dann, wenn ihm einmal ein kurzes Lcheln
die Lippen bewegt; man meint zu sehen, da um sein Auge doch die Furcht hngt
und der starre Ausdruck, welcher dem Menschen bleibt, den einmal ttliches
Grauen geschttelt.
    Das ist traurig, rief Ilse.
    Ja, es ist frchterlich. Und wir begreifen schwer, wie man bei solcher
Trostlosigkeit das Leben ertrug. Die Freude, unter einem Volke mit aufsteigender
Kraft zu leben, hatte damals nicht der Heide, nicht der Christ. Denn das ist
doch das hchste und unzerstrbare Glck des Menschen, wenn er vertrauend auf
das Werdende, mit Hoffnung auf das Zuknftige blicken kann. Und so leben wir.
Viel Schwaches, viel Verdorbenes und Absterbendes umgibt uns, aber dazwischen
wchst eine unendliche Flle von junger Kraft herauf. Wurzeln und Stamm unseres
Volkslebens sind gesund. Innigkeit in der Familie, Ehrfurcht vor Sitte und
Recht, harte, aber tchtige Arbeit, krftige Rhrigkeit auf jedem Gebiet. In
vielen Tausenden das Bewutsein, da sie ihre Volkskraft steigern, in Millionen,
die noch zurckgeblieben sind, die Empfindung, da auch sie zu ringen haben nach
unserer Bildung. Das ist uns Modernen Freude und Ehre, das hilft wacker und
stolz machen. Und wir wissen wohl, die frohe Empfindung dieses Besitzes kann
auch uns einmal getrbt werden, denn jeder Nation kommen zeitweise Strungen
ihrer Entwicklung, aber das Gedeihen ist nicht zu ertten und nicht auf die
Dauer zurckzuhalten, solange diese letzten Brgschaften der Kraft und
Gesundheit vorhanden sind. Deshalb ist jetzt auch glcklich, wer den Beruf hat,
lngst Vergangenes zu durchsuchen, denn er blickt von der gesunden Luft der Hhe
hinab in die dunkle Tiefe.
    Ilse sah hingerissen in das Antlitz des Mannes; er aber bog sich ber die
Garbe, welche zwischen ihm und ihr lehnte, und fuhr begeistert fort: Jeder von
uns holt aus dem Kreise seiner persnlichen Erfahrungen Urtheil und Stimmung,
welche er bei Betrachtung groer Weltverhltnisse verwendet. Blicken Sie um sich
her auf die lachende Sommerlandschaft, dort in der Ferne auf die thtigen
Menschen, und was Ihrem Herzen nher liegt, auf Ihr eigenes Haus und den Kreis,
in dem Sie aufgewachsen sind. So mild das Licht, so warm das Herz, verstndig,
gut und treu der Sinn der Menschen, die Sie umgeben. Und denken Sie, welchen
Werth auch fr mich hat, das zu sehen und an Ihrer Seite zu genieen. Und wenn
ich ber meinen Bchern recht innig empfinde, wie wacker und tchtig das Leben
meines Volkes ist, welches mich umgibt, so werde ich fortan auch Ihnen zu danken
haben. Er streckte seine Hand aus ber die Garben, Ilse fate sie, hielt sie
mit beiden Hnden fest, und eine warme Thrne fiel darauf. So sah sie mit
feuchten Augen zu ihm hin, eine ganze Welt von Seligkeit lag in ihrem Antlitz.
Allmhlich ergo sich ein helles Roth ber ihre Wangen, sie stand auf, noch ein
Blick voll hingebender Zrtlichkeit fiel auf ihn, dann schritt sie flchtig von
ihm abwrts, den Rain entlang.
    Der Professor blieb stehen, an die Garben gelehnt. Auf der Spitze der Aehre
ber seinem Haupte zwitscherte frhlich die Haidelerche, er drckte seine Wange
an die Getreidebschel, welche ihn halb verbargen. So sah er in seliger
Vergessenheit dem Mdchen nach, das zu den fernen Arbeitern hinabstieg.
    Als er die Augen erhob, stand ihm der Freund zur Seite, er schaute ein
Antlitz, in welchem inniges Mitgefhl zuckte, und hrte die leise Frage: Und
was soll werden?
    Mann und Weib, sprach der Professor stark, drckte dem Freunde die Hand
und schritt ber das Feld dem Ruf der Lerche nach, welche auf jeder Garbenspitze
anhielt, ihn zu erwarten.
    Fritz war allein. Das Wort war gesprochen, ein neues ungeheures Schicksal
erhob sich ber das Leben des Freundes. Also dies sollte das Ende sein?
Thusnelda statt des Tacitus? - Ach, die sociale Erfindung der Ehe war sehr
ehrwrdig, das empfand Fritz tief, es war fast allen Menschen unvermeidlich, die
aufwhlenden Kmpfe durchzumachen, welche eine Vernderung der gesammten
Lebensordnung zur Folge haben. Aber den Freund konnte er sich gar nicht denken
unter den Bchern, mit den Collegen, und dazu diese Frau! Schmerzlich fhlte er,
da auch sein Verhltni zu dem Gelehrten dadurch gendert werden mute. - Aber
er dachte nicht lange an sich selbst, mitrauisch, ngstlich sorgte er um den
Waghalsigen. Und nicht weniger um sie, die so gefhrlich in die Seele des Andern
eingedrungen war. - Und der Treue sah zornig in die Runde auf Stoppeln und
Strohhalme, und er ballte eine Faust gegen den seligen Bachhuber, gegen das Thal
von Rossau, ja auch gegen sie, die letzte Ursache der heillosen Verwirrung -
gegen die Handschrift des Tacitus.

                                       9.

                                        

                                     Ilse.


Ilse hatte in groer Wirtschaft gleichmig dahingelebt, seit dem Tod der Mutter
hatte sie, kaum erwachsen, dem Haushalt des Gutes vorgestanden, angestrengt und
pflichtgetreu wie ein Beamter ihres Vaters; der Frhling kam und der Herbst, ein
Jahr rollte wie das andere ber ihr Haupt; der Vater, die Geschwister, das Gut,
die Arbeiter und die Armen des Thales, das war ihr Leben. Mehr als einmal hatte
sich beim Vater ein Freier gemeldet, ein derber tchtiger Landwirth aus der
Umgegend, sie aber hatte sich zufrieden gefhlt in dem Amt des Hauses, und sie
wute, da dem Vater lieb war, wenn er sie bei sich behielt. Des Abends, wenn
der thtige Mann auf dem Sopha ausruhte und die Kinder zu Bett geschickt waren,
sa sie still mit ihrer Stickerei neben ihm oder besprach die kleinen Vorgnge
des Tages, die Krankheit eines Arbeiters, den Schaden eines Hagelschauers, den
Namen der neuen Milchkuh, die angebunden wurde. Es war eine einsame Gegend, viel
Wald, meist kleine Gter, keine reiche Geselligkeit, und der Vater, der sich
durch angestrengte Thtigkeit zum wohlhabenden Manne heraufgearbeitet hatte, war
kein Freund groer Gesellschaften, die Tochter auch nicht. Am Sonntage kam wohl
der Herr Pastor zu Tische, die Beamten des Vaters blieben dann ber den Kaffe
und erzhlten kleine Geschichten aus der Umgegend, die Kinder, welche in der
Woche durch den Seminaristen gebndigt wurden, lrmten durch Garten und Flur.
Und wenn Ilse eine freie Stunde hatte, setzte sie sich in ihr Stbchen mit einem
Buche aus der kleinen Sammlung des Vaters, einem Roman von Walter Scott, einer
Erzhlung von Hauff, einem Bande von Schiller.
    Jetzt aber war mit dem fremden Manne eine Flle von Bildern, Gedanken,
Gefhlen in ihrer Seele aufgegangen. Vieles, was sie bis dahin gleichmthig aus
der Ferne betrachtet hatte, wurde ihr auf einmal nah vor die Augen gerckt. Wie
knstliches Feuer, welches unerwartet aufsprhend einzelne Stellen der dunklen
Landschaft mit buntem Schein erleuchtet, gab ihr seine Rede bald hier bald dort
einen fesselnden Blick auf fremdes Leben. Wenn er sprach und die Worte so reich,
gewhlt und vornehm aus seinem Innern quollen, dann neigte sie das Haupt
anfnglich vorwrts, wie im Traum, bis zuletzt ihr Blick an seinen Lippen und
Augen festhing. Denn sie fhlte eine Ehrfurcht, bei welcher Schrecken war, vor
einem Menschengeiste, der so hoch und sicher ber der Erde schwebte. Von
vergangenen Zeiten sprach er wie von der Gegenwart, die geheimen Gedanken der
Menschen, welche vor Jahrtausenden lebendig gewesen waren, wute er zu erklren.
Ach, sie empfand die Herrlichkeit und Gre menschlicher Wissenschaft als
Verdienst und Gre des Einen, der ihr gegenber sa, und die geistige Arbeit
vieler Jahrhunderte erschien ihr wie ein berirdisches Wesen, das mit
menschlichem Munde in ihrem Hause Unerhrtes verkndete.
    Aber es war nicht das Wissen allein. Wenn sie wie aus der Tiefe den Blick zu
ihm erhob, sah sie ein strahlendes Auge, den freundlichen Zug um die beredten
Lippen, und sie fhlte sich unwiderstehlich zu dem warmen Leben des Mannes
gezogen. Dann sa sie ihm als stille Hrerin gegenber. Wenn sie aber in ihr
Zimmer trat, kniete sie nieder und verbarg das Antlitz in ihren Hnden, sie sah
ihn dann vor sich und brachte ihm in der Einsamkeit ihre Huldigung dar.
    So erwachte sie zum Leben. Es war eine Zeit der reinen Begeisterung, eines
selbstlosen Entzckens, das der Mann nicht kennt und das nur dem Weibe wird,
einem reinen, unwissenden Herzen, dem pltzlich bei gereifter Kraft das Grte
des Erdenlebens die empfngliche Seele einnimmt.
    Und sie sah, da ihr Vater in seiner Art unter dem Einflu desselben Zaubers
stand. Am Mittagstisch, der sonst so schweigsam war, flo jetzt die Unterhaltung
wie aus lebendigem Born, an den Abenden, wo er sonst mde ber der Zeitung
gesessen hatte, wurde das Gesprch zuweilen bis auf die erste Nachtstunde
hinausgezogen, Vieles wurde errtert, oft wurde gestritten, immer war der Vater,
wenn er seinen Nachtleuchter vom Tische nahm, in heiterer Stimmung, mehr als
einmal wiederholte er auf und ab gehend noch sich selbst einzelne Reden des
Gastfreundes. Er ist in seiner Art ein ganzer Mann, sagte er, Alles sicher
und fest gefgt, man wei immer, wie man mit ihm dran ist.
    Einigemal ngstigte sie, was er aussprach. Zwar vermieden die Freunde, was
die innige Glubigkeit der Hrerin verletzen konnte, aber aus den Reden des
Professors klang zuweilen eine fremdartige Auffassung ehrwrdiger Lehre und der
menschlichen Pflichten heraus. Und doch war wieder so edel und gut, was er
behauptete, da sie sich dagegen mit ihren Gedanken nicht zu wehren wute.
    Er war oft heftig in seinen Ausdrcken; wo er verurtheilte, that er das mit
starken Worten, auch im Gesprch brach er wohl heraus, da der Doctor und sogar
der Vater zurckwichen. Und sie ahnte, da in seinem Haupte sich die Welt anders
darstellte als bei den meisten Menschen, stolzer, edler, entschiedner. Und wenn
er von Andern viel verlangte, wie Einem natrlich ist, der mehr mit
abgeschlossenen Bildungen als mit dem werdenden Leben verkehrt, da wurde ihr
wohl bange, wie man vor seinen Augen bestehen knne. Aber derselbe Mann war
wieder so bereit, alles Gute anzuerkennen, und er freute sich wie ein Kind, wenn
er erfuhr, da sich Jemand brav und stark erwiesen hatte.
    Er war ein ernster Mann, und doch war er Liebling der Kinder geworden, fast
noch mehr als der Doctor. Sie vertrauten ihm ihre kleinen Geheimnisse, er
besuchte sie in der Kinderstube und gab ihnen nach Jugenderinnerungen Anweisung,
wie sie einen groen Papierdrachen machen sollten, er malte selbst die Augen und
den Schnurrbart und schnitt die Quaste des Schwanzes, und ein froher Tag war's,
als der Drache das erste Mal auf dem neuen Stoppelfelde aufstieg. Wenn der Abend
kam, dann sa er, von den Kindern umgeben, wie ein Rebhuhn unter den Kchlein,
Franz kletterte auf die Stuhllehne und zauste an seinem Haar, an jedem Knie
lehnte eines der Grern; dann wurden Rthsel aufgegeben und Geschichten
erzhlt, und wenn Ilse zuhrte, wie er mit den Kindern kleine Reime nachsprach
und lehrte, dann schwoll ihr das Herz vor Freude, da ein solcher Geist so
zutraulich mit der Einfalt verkehren konnte, dann sphte sie in sein Antlitz und
sah hinter den festen Zgen des Mannes ein Kindergesicht herausleuchten, lachend
und glcklich, und sie konnte sich ihn denken, wie er selber ein kleiner Bube
gewesen war, der auf dem Schoe seiner Mutter sa. - Glckliche Mutter!
    Da kam die Stunde unter den Garben, die gelehrte Unterredung, welche mit
Tacitus anfing und mit einem stummen Bekenntni der Liebe endigte. Die selige
Heiterkeit seines Angesichts, der bebende Klang seiner Stimme hatten den dnnen
Schleier zerrissen, der ihr das eigene wogende Gefhl barg. Sie wute jetzt, da
sie ihn liebte, hei und unendlich, und sie ahnte, da er empfand, wie sie
selbst. Der ihr so gro gegenberstand, er hatte sich zu ihr herabgeneigt, sie
hatte seinen warmen Athem, den schnellen Druck seiner Hand gefhlt. Als sie
dahinging durch das Feld, strmte ihr die Glut in die Wangen, und was sie umgab,
Erde und Himmel, Flur und sonniger Waldessaum, das flo vor ihr in leuchtende
Wolken zusammen. Mit beflgeltem Fu eilte sie hinab in den Waldgrund, wo das
Baumlaub sie umhllte. Jetzt erst fhlte sie sich allein, und ohne es zu wissen,
fate sie einen schlanken Birkenstamm und schttelte ihn mit voller Kraft, da
der Baum laut rauschte und seine Bltter auf sie herabstreute. Und sie hob die
Hnde zu dem goldenen Licht des Himmels und warf sich nieder auf den Moosgrund.
In heftigen Athemzgen hob sich ihre Brust und die krftigen Glieder zuckten von
der inneren Erregung. Wie vom Himmel herab war die Leidenschaft in das junge
Weib gesunken und fate ihr Leib und Seele mit unwiderstehlicher Gewalt.
    
    Lange lag sie so, braune Sommerfalter spielten ihr um das Haar, eine kleine
Eidechse fuhr ihr ber die Hand, weie Dolden der Waldblumen und die Zweige der
Hasel neigten sich ber sie, als wollten die kleinen Kinder der Natur das heie
Leben der Schwester verdecken, welche zu ihnen gekommen war in dem seligsten
Schreck ihres Lebens.
    Endlich hob sie sich auf die Knie, schlug die Hnde zusammen, sie dankte dem
lieben Gott fr ihn und bat fr ihn.
    Gesammelt trat sie in das offene Thal, nicht mehr das ruhige Mdchen von
sonst, ihr eigenes Leben und was sie umgab, glnzte in neuen Farben, und ein
neues Fhlen fand sie in der Welt. Sie verstand die Sprache des Schwalbenpaares,
welches um sie kreiste und mit zwitscherndem Ton pfeilschnell an ihr
vorberfuhr. Es war die wonnige Freude am Leben, welche den kleinen Leib durch
die Luft schnellte, und was die Vgel zu ihr sprachen, war ein schwesterlicher
Jubelruf. Sie antwortete auf den Gru der Arbeiter, welche vom Felde heimgingen,
und sie sah auf eine der Frauen, welche die Garben angelegt hatte, und wute
genau, wie ihr zu Muthe war. Auch die Frau hatte als Mdchen einen fremden
Burschen geliebt, es war eine lange unglckliche Neigung gewesen mit vielen
Schmerzen, jetzt aber ging sie getrstet neben ihm nach Hause, und als sie mit
ihrer Herrin sprach, sah sie stolz auf ihren Begleiter. Und Ilse fhlte, wie
glcklich die arme ermdete Frau war. Und als Ilse in den Hof trat und die
Stimme der Mgde hrte, welche vergebens auf sie gewartet hatten, und das
ungeduldige Brummen der Rinder, das wie ein Vorwurf an die sumige Herrin klang,
da schttelte sie leise das Haupt, als wenn die Mahnung nicht mehr ihr gelte,
sondern einer andern.
    Als sie wieder aus den Wirthschaftsrumen in das goldene Abendlicht trat,
mit beflgeltem Schritt, das Haupt gehoben, sah sie erstaunt den Vater neben
seinem Reitpferd stehen, bereit zum Aufsitzen, und vor ihm in ruhigem Gesprch
den Doctor und den Mann, welchem entgegenzutreten sie in diesem Augenblicke
verlegen scheute. Sie nherte sich zgernd. Wo sumst du, Ilse, rief der
Landwirth, ich mu fort, und, in das bewegte Gesicht der Tochter blickend,
setzte er hinzu, es ist nichts Groes. Ein Brief des kranken Oberfrsters ruft
mich in das Forsthaus, es ist einer von den Hofleuten angekommen, und ich kann
mir denken, was sie von mir wollen. Ich hoffe zur Nacht zurck zu sein. Und dem
Doctor nickte er zu: Wir sehen uns noch vor Ihrer Abreise. Er trabte dahin und
Ilse dankte im Herzen der neuen Botschaft, die ihr leichter machte, ruhige Worte
mit den Freunden zu sprechen. Sie folgte neben ihnen dem Wege, auf dem der Vater
dahinritt, und bemhte sich, in gleichgltigem Gesprch die Unruhe zu verbergen.
Und sie erzhlte von dem Jagdschlo im Walde und von der Einsamkeit, in welcher
der greise Oberfrster unter den Buchen des Forstes hause. Aber es war doch eine
sprliche Rede, jedes der ehrlichen Herzen war mchtig bewegt, der Professor und
Ilse vermieden einander in die Augen zu blicken, auch dem Freunde gelang nicht,
durch leichte Scherze die Leidenschaftlichen in das kleine Treiben dieser Welt
herab zu ziehen.
    Da wies Ilse pltzlich mit der Hand auf einen Hohlweg zur Seite, aus welchem
mehre schwarze Kpfe auftauchten. Sehen Sie dort die Indianer der Frau
Oberamtmann. In schnellem Schritt zog eine Reihe wilder Gestalten, eine hinter
der andern; voran ein krftiger Mann in braunem Kittel und verschossenem Hut,
einen dicken Stab in der Hand; hinter ihm zwei jngere Mnner, ein bepacktes
kleines Pferd fhrend, auf dem ein Affe in rother Jacke sa; dann Weiber mit
Kindern auf dem Rcken; um den Trupp liefen halbnackte Buben und Mdchen, lange
schwarze Haare hingen ihnen um die braunen Gesichter und die wilden Augen
starrten schon aus der Ferne gierig auf die Spaziergnger.
    Wenn der Herbst kommt, streicht zuweilen das bettelnde Volk durch unser
Land, es sind Gaukler, die zu Kirmes und Vogelschieen ziehen, aber seit einigen
Jahren haben sie sich nicht in die Nhe des Guts gewagt.
    Der Trupp nahte, aus dem Trott wurde strmisches Laufen, im Augenblick waren
die Freunde von sechs bis acht dunklen Gestalten umringt, welche mit
leidenschaftlicher Geberde drngten und laut schreiend die Hnde ausstreckten,
Mnner, Weiber, Kinder im Getmmel durcheinander. Erstaunt sahen die Freunde in
die blitzenden Augen, die heftigen Bewegungen und auf die Kinder, welche mit den
Fen stampften und mit ihren Hnden den Leib der Fremden betasteten wie
Wahnsinnige.
    Zurck, ihr Wilden, rief Ilse, drang durch die Bande und stellte sich vor
die Freunde. Zurck, wer spricht fr den Haufen? wiederholte sie unwillig und
hob gebietend den Arm. Der Lrm verstummte, ein braunes Weib, nicht kleiner als
Ilse, das glnzende Haar in Flechten gebunden und mit einem bunten Kopftuch
umschlungen, trat aus der Schaar und streckte die Hand gegen Ilse aus: Meine
Kinder bitten, sagte sie, sie hungern und drsten. Es war ein groes Antlitz
mit scharfen Zgen, in denen noch die Spuren frherer Schnheit sichtbar waren.
Mit vorgebeugtem Kopf stand sie der Jungfrau gegenber und ihre funkelnden Augen
fuhren sphend von einem Antlitz auf das andere.
    Geld haben wir nur fr die Menschen, welche uns arbeiten, antwortete Ilse
kalt. Fr den Fremden, der drstet, ist unser Quell, und dem Hungernden geben
wir von unserm Brot, Sie erhalten nichts weiter aus unserm Hause.
    Wieder hob sich ein halbes Dutzend Arme und wieder drngte der wilde Haufe
heran. Die Fhrerin trieb ihn durch einen Ruf in fremder Sprache zurck. Wir
wollen dir arbeiten, Frulein, sagte sie in gelufiger Phrase mit gebildetem
Accent, die Mnner bessern altes Gerth, wir scheuchen dir Maus und Ratte aus
den Mauern, hast du ein krankes Pferd, wir heilen es schnell.
    Ilse bewegte verneinend das Haupt. Eurer Hilfe bedrfen wir nicht. Sprechen
Sie zu mir ohne Gaukelei, wie man zu ordentlichen Leuten redet, ich wei wohl,
da Sie das recht gut knnen, wenn Sie wollen. Wo ist euer Passierschein?
    Wir haben keinen, sagte die Frau, wir kommen weit aus der Fremde. Sie
wies nach der aufgehenden Sonne.
    Und wo wollen Sie zur Nacht rasten? frug Ilse.
    Wir wissen es nicht. Die Sonne will untergehen, und meine Leute sind mde
und barfu, versetzte die Fremde.
    Sie drfen nicht nahe am Hofe und nicht nahe bei den Dorfhusern lagern.
Die Brote erhalten Sie am Hofthor, dorthin schickt Jemanden, der sie abholt. Und
wenn ihr ein Feuer anzndet auf unserer Flur, so htet euch, den Garben nahe zu
kommen, wir werden auf euch Acht geben. Und Niemand schleicht auf das Gut und in
das Dorf, den Leuten wahrzusagen, das leiden wir nicht.
    Wir sagen nicht wahr, antwortete die Frau und berhrte mit der Hand ein
kleines schwarzes Kreuz, welches sie am Halse trug. Die Zukunft kennt hier
unten Keiner, auch wir wissen nichts davon.
    Ilse neigte ehrerbietig das Haupt. Gut, sagte sie, wie auch der Sinn ist,
welchen Sie hinter Ihren Worten bergen, Sie sollen mich nicht umsonst an die
Gemeinschaft gemahnt haben, die zwischen uns ist. Kommen Sie selbst an das Thor,
Mutter, und erwarten Sie mich dort. Brauchen Sie etwas fr die Kleinen, so will
ich zu helfen suchen.
    Wir haben ein krankes Kind, schnes Frulein, und dem Buben fehlen die
Kleider, bat die Landfahrerin, ich komme, und meine Leute werden thun, wie Sie
wollen. Sie gab ein Zeichen und der wilde Zug trabte gehorsam einen Seitenweg
entlang, der dem kleinen Dorfe zufhrte. Die Freunde sahen der Bande neugierig
nach.
    Da solche Scene in diesem Lande mglich wre, htte ich nie geglaubt,
rief der Doctor.
    Sie waren frher bei uns eine Landplage, versetzte Ilse gleichmthig. Sie
stammen von Zigeunerart. Ein Landesherr in der Nhe hatte ihnen Unterschlupf
gegeben, aber sie waren ein unartiges Gesinde. Jetzt sind sie selten, der Vater
hlt streng auf Ordnung, und sie wissen das recht gut. Doch wir mssen zurck in
den Hof, denn Vorsicht kann bei dem diebischen Volk nicht schaden.
    Sie eilten nach dem Hofe, Ilse rief den Inspector, und die Kunde, da die
Landlufer in der Nhe waren, flog wie ein Lauffeuer durch den Hof. Die Stlle
wurden verwahrt, das Federvieh und die Familien der fettumwachsenen Schweine der
Obhut von zwei handfesten Mgden bergeben, der Schfer und die Knechte
erhielten Befehl, Nachtwache zu halten. Ilse rief die Kinder, sie gab ihnen das
Abendbrot und fand schwer die Aufgeregten zu bndigen. Die Jngsten wurden der
Mamsell unter starkem Protest und Thrnen bergeben zu sicherer Aufbewahrung in
ihren Betten. Dann suchte Ilse alte Rckchen und Linnen zusammen, belud eine
Magd mit zwei Broten und schickte sich an, zum Hofthor zu gehen, wo die Frau sie
erwarten sollte. Der Doctor hatte sich in seiner Freude ber die Fremden aller
Sorge um den Freund entschlagen. Erlauben Sie uns, die Verhandlung mit der
Sibylle anzuhren, bat er.
    Sie fanden die Landstreicherin in der Dmmerung vor dem Thor sitzend, neben
ihr ein halbwchsiges Mdchen mit prachtvollen Augen und langen Zpfen, aber
mangelhaftem Gewande. Das Weib erhob sich und nahm mit vornehmer Haltung die
Spende in Empfang, welche ihr Ilse reichte.
    Segen ber Sie, Frulein, rief sie, alles Glck, das Sie sich jetzt
wnschen, soll Ihnen zu Theil werden. Und Sie haben ein Angesicht, welches Glck
verheit. Segen ber Ihr goldenes Haar und die blauen Augen. Ihnen danke ich,
schlo sie sich verneigend. Wollen die Herren nicht auch meinem Mdchen ein
Andenken schenken? Die wilde Schne hielt ihre Hand hin. Die Sonne hat ihr das
Gesicht verbrannt, seien Sie freundlich gegen die arme Schwarze, bettelte die
Alte, und dabei sah sie lauernd in der Runde umher. Der Professor schttelte
verneinend das Haupt, der Doctor griff nach seiner Brse und legte der Alten ein
Geldstck in die Hand. Das Prophezeien habt ihr aufgegeben? frug er lachend.
    Es bringt Unglck dem, der wahrsagt, und dem, der fragt, versetzte die
Fremde. Hte sich der Herr vor allem, was bellt und kratzt, denn ihm kommt
Unglck von Hunden und Katzen. Ilse und der Professor lachten, die Augen der
Landstreicherin suchten unterde unruhig in dem Gebsch.
    Wir knnen nicht wahrsagen, fuhr sie gelufig fort, wir haben keine Macht
ber die Zukunft und wir irren wie ihr andern auch. Aber Manches sehen wir doch,
schnes Frulein, und ohne da Sie es verlangen, will ich's Ihnen sagen. Der
Herr da neben Ihnen sucht einen Schatz, und er wird ihn finden, aber er soll
sich hten, da er ihn nicht verliert; und Sie, stolzes Frulein, werden einem
Manne lieb sein, der eine Krone trgt, und Sie werden die Wahl haben, ob Sie
eine Knigin werden wollen, die Wahl und die Qual, setzte sie leiser hinzu, und
ihre Augen flogen wieder unruhig umher.
    Hinweg mit euch! rief Ilse unwillig, solch Geschwtz stimmt schlecht zu
euren Worten.
    Wir wissen nichts, murmelte die Fremde demthig, nach dem Zeichen an ihrem
Halse fassend. Wir haben nur unsere Gedanken. Und unsere Gedanken sind eitel
oder wahr, je nachdem ein Strkerer will. Leben Sie wohl, schnes Frulein,
rief sie mit Nachdruck und schritt mit ihrer Begleiterin in die Tiefe.
    Wie stolz sie dahingeht, rief der Doctor, Respect vor dem klugen Weibe,
sie wollte nicht wahrsagen, aber sie konnte doch nicht vermeiden, sich durch
geheimes Wissen zu empfehlen.
    Sie hat sich lngst bei den Feldarbeitern nach uns Allen erkundigt, und sie
kennt den Hof, versetzte Ilse lachend.
    Wo nur ihr Lager aufgeschlagen ist? frug der Doctor neugierig.
    Wahrscheinlich hinter dem Dorfe, versetzte Ilse. Im Thal sehen wir wohl
die Feuer. Die Fremden haben nicht gern, wenn man ihrem Lager nahekommt und
zusieht, was sie als Abendkost verzehren.
    Sie stiegen langsam in das Thal hinab und blieben am Ufer des Baches unfern
dem Garten stehen. Rings um sie lag das Dunkel des Abends auf Busch und Wiese,
das alte Haus auf dem Steine ragte dster unter dem dmmrigen Grau des Himmels.
Vor ihren Fen murmelte das Wasser und die Bltter der Bume rhrten sich im
Nachtwind. Schweigend blickten die Drei in die verschwimmenden Formen der
Landschaft hinaus, das Seitenthal mit dem Dorf lag unsichtbar in dem tiefen
Schatten der Nacht, nicht einmal ein erleuchtetes Fenster war zu sehen. Sie
sind lautlos verschwunden wie die Fledermuse, welche eben noch durch die Luft
flogen, sagte der Doctor. Aber die Andern antworteten nicht, sie dachten nicht
mehr an die Landlufer.
    Da klang es durch die Abendluft wie leises Wimmern. Ilse fuhr zusammen und
lauschte. Und noch einmal derselbe schwache Ton. Die Kinder! schrie Ilse
entsetzt und strzte der Hecke zu, welche den Obstgarten von der Wiese trennte.
Sie rttelte angstvoll an der verschlossenen Pforte, dann brach sie das Gest
der Hecke auseinander und sprang wie eine Lwin hindurch, das Obstgelnde
hinauf. Die Freunde eilten ihr nach, aber sie erreichten die Schnelle nicht. Vor
ihr schimmerte es hell unter den Bumen und es regte sich, da sie heranflog.
Zwei Mnner hoben sich vom Boden, eine Gestalt fuhr ihr entgegen, Ilse aber
schlug den Arm zurck, der zum Schlag gegen sie ausholte, da der Mann taumelte,
und warf sich ber die weinenden Kleinen, welche im Rasen lagen. Hinter Ilse
sprang Felix herzu und packte den Mann, der Doctor rang im nchsten Augenblick
mit einem andern, der wie ein Aal unter seinen Hnden dahinglitt und in der
Dunkelheit verschwand. Der erste Ruber aber hob sein Messer gegen den Arm des
Professors, entrang sich der Hand, welche ihn festhielt, und war im nchsten
Augenblick durch die Hecke gebrochen. Man hrte das Knarren im Gest, dann war
Alles wieder still.
    Sie leben! rief Ilse am Boden knieend mit fliegendem Athem und umschlang
die Kleinen, welche jetzt ein klgliches Geschrei ausstieen. Es war Riekchen im
bloen Hemde und Franz, auch halb ausgeschlt. Die Kinder waren den Augen der
Mamsell und dem Schutz der Schlafstube entschlpft und in den Garten
geschlichen, um die Feuer der Komdianten zu sehen, von denen die Geschwister
erzhlten. Da waren sie den Genossen der Bande, welche Greifbares suchten, in
die Hnde gefallen und der Kleider entledigt worden.
    Ilse nahm die schreienden Kinder auf ihre Arme, vergebens wollten die
Freunde ihr die Last abnehmen. Lautlos eilte sie mit den Geretteten nach dem
Hause, sie strzte in das Zimmer und beide festhaltend kniete sie vor dem Sopha
ber ihnen, und die Freunde hrten ihr unterdrcktes Schluchzen. Aber nur auf
wenige Augenblicke verlor sie die Haltung. Sie richtete sich auf und sah ber
die Dienstleute, welche in ngstlichem Gedrnge die Stube fllten. Den Kindern
ist kein Leid geschehen, rief sie, geht, wo ihr die Wache habt und holt mir
einen der Herren. Der Inspector trat aus dem Haufen. Das war ein Raub auf
unserem Grunde, sagte Ilse, und die ihn verbt, soll das Gesetz erreichen. Ich
bitte, lassen Sie die Bande in ihrem Lager aufheben.
    In der Schlucht hinter dem Dorf ist ihr Feuer, erwiederte der Inspector,
man sieht den rothen Rauch vom Oberstock. Aber, Frulein - ich sage es ungern -
wre nicht vorsichtiger, man liee die Schurken entlaufen? Ein groer Theil
unserer Ernte liegt in Garben, sie znden uns in der Nacht aus Rache die Haufen
an oder wagen noch Aergeres, um ihre Leute wieder frei zu machen.
    Nein, rief Ilse, bedenken Sie nicht, zgern Sie nicht. Ob die Argen uns
zu schaden vermgen oder nicht, darber entscheidet ein hherer Wille, wir thun,
was unsere Pflicht ist. Der Frevel fordert Strafe und der Herr dieses Gutes ist
zum Wchter des Gesetzes gestellt.
    Lassen Sie uns eilen, mahnte der Professor den Beamten, wir begleiten
Sie.
    Nun, mir ist's nach dem Herzen, versetzte der Inspector berlegend, der
Hofverwalter bleibt hier, wir Andern suchen die Bande am Feuer.
    Er eilte hinaus. Der Doctor fate einen Knotenstock, der in einer Zimmerecke
lehnte. Das wird gengen, sagte er lchelnd dem Freunde. Ich halte mich zu
einiger Schonung verpflichtet gegen diese lderlichen Zigeunershne, welche ihr
Indisch noch nicht ganz vergessen haben. Im Begriff, das Zimmer zu verlassen,
hielt er an: Du aber bleibst zurck, denn du blutest.
    Aus dem Aermel des Professors fielen einzelne Blutstropfen zur Erde.
    Das Antlitz der Jungfrau wurde fahl wie die Thr, bei welcher sie stand, und
sie hielt sich zitternd an den Pfosten. Um unsertwillen, murmelte sie tonlos.
Pltzlich eilte sie auf den Professor zu und neigte sich auf die Hand herab, sie
zu kssen, erschrocken hielt Felix die Leidenschaftliche zurck. Es ist nicht
der Rede werth, Frulein, rief er, ich bewege den Arm nach Gefallen. Der
Doctor zwang ihn, den Rock auszuziehen und Ilse flog nach Verbandzeug. Fritz
aber untersuchte mit der Ruhe eines alten Studenten die wunde Stelle. Es ist
ein kurzer Stich in die Muskeln des Unterarmes, trstete er sachverstndig das
Frulein, etwas Heftpflaster wird gengen. Der Professor fuhr wieder in den
Rock und ergriff den Hut: Vorwrts, sagte er.
    O nein, bleiben Sie bei uns! flehte Ilse ihm nacheilend. Der Professor sah
in das angsterfllte Gesicht, schttelte ihr herzlich die Hand und verlie mit
dem Freunde das Zimmer.
    Der eilige Tritt der Mnner verklang. Ilse durchschritt allein die Rume des
Hauses, Thren und Fensterlden waren geschlossen, an der Thr nach dem Hofe
wachte Hans, den Sbel des Vaters in der Hand, vom Oberstock beobachteten die
Hausmdchen Hofraum und Garten. Ilse trat in die Kinderstube, wo die armen
Kleinen, von der Mamsell und den Geschwistern umringt, in ihren Betten saen und
zwischen den letzten Thrnen und dem Schlafe kmpften. Ilse kte die Mden und
drckte sie in die Kissen, dann eilte sie hinaus in den Hof und lauschte
ngstlich bald nach der Richtung, in welcher die Bande lagerte, bald nach der
andern Seite, wo Hufschlag die Ankunft des Vaters verknden sollte. Alles war
still. Die Mgde von oben riefen ihr zu, da auch das Feuer der Fremden
verlscht sei, und wieder eilte sie auf und ab, horchte erwartungsvoll und
richtete die Augen zum Sternenhimmel.
    Welch ein Tag! Vor wenig Stunden hoch emporgehoben ber die Noth der Erde
und jetzt durch feindliche Faust zurckgerissen in Schrecken und Angst! Sollte
das eine Vorbedeutung sein fr die Tage der Zukunft? War die goldene Pforte nur
geffnet, um sich mitnend wieder zu schlieen und eine arme Seele
zurckzulassen in verzehrender Sehnsucht? Die Betrgerin hatte prophezeit von
Einem, der eine Krone tragen wrde. Ja, in dem Reich, wo er als ein Knig
herrschte, da war selige Heiterkeit und beglckender Friede. Ach, wenn es
erlaubt ist, Irdisches zu vergleichen mit den Freuden des Himmels, solches
Wissen und Denken gab eine Vorahnung der ewigen Herrlichkeit. Denn so schwebten
die Geister derer, die hienieden gut und weise gewesen waren, lichtumflossen in
reiner Klarheit, und sie sprachen lchelnd und glcklich zueinander von Allem,
was auf Erden gewesen war, das Geheimste wurde ihnen offenbar und das
Tiefverhllte durchsichtig, und sie wuten, da alle Pein und aller Schmerz der
Erde ewige Weisheit und Gte war. Und er, der hier auf Erden dahinschritt, den
heitern Himmel im Herzen, ihn stach der wandernde Strolch in den Arm um
ihretwillen, und um ihrer Lieben willen war er wieder ausgezogen in die
feindselige Nacht, und unendliche Angst um ihn schnitt durch das Herz. Schtze
ihn, Allerbarmer, rief sie, und mich heb aus dem Dunkel, strke mir die Kraft
und verklre meinen Geist, da ich wrdig werde des Mannes, der dein Antlitz
schaut in vergangenen Zeiten und ber geschwundenen Vlkern.
    Endlich hrte sie den schnellen Trab eines Reiters und das Schnauben des
ungeduldigen Rosses an dem verschlossenen Thor. Vater! rief sie, ri den
Riegel zurck und flog an den Hals des Absteigenden. Bestrzt vernahm der
Landwirth ihren schnellen Bericht, er warf die Zgel des Pferdes dem Sohne zu
und eilte in die Kinderstube, seine Kleinen zu herzen, die beim Anblick des
Vaters ihres Unglcks gedachten und weinend neue Wehklage begannen.
    Als der Landwirth in den Hof trat, zogen die Gutsleute vor das Haus und der
Inspector berichtete: Niemand war um das Feuer und in der Nhe zu sehen. Am
Feuer keine Spur, da dabei gerastet worden, es war zur Tuschung angezndet,
sie haben hier nur stehlen wollen, der grere Theil der Bande ist schon am
Abend weitergezogen. Sie liegen irgendwo in den Wldern versteckt, und wenn die
Sonne aufgeht, sind sie lngst ber die Grenze. Das Gewrm kenne ich aus alter
Zeit.
    Er hat Recht, sagte der Landwirth zu den Freunden, und ich meine, wir
haben nichts mehr zu frchten. Doch werden zuverlssige Augen diese Nacht
geffnet bleiben. Ihnen aber dankt ein armer Vater, fgte er bewegt hinzu, der
letzte Tag, den Sie bei uns verlebten, Herr Doctor, sollte vom Morgen bis zum
Abend abenteuerlich sein. Das ist sonst nicht unsere Art.
    Ich scheide allerdings in Sorge um das, was ich hier zurcklasse,
versetzte der Doctor zwischen Ernst und Scherz. Da jetzt gar noch verlorene
Kinder Asiens um die alten Mauern schleichen, ist auer Spa.
    Des Gesindels sind wir ledig, wie ich hoffe, fuhr der Landwirth gegen
seine Tochter fort, aber auf einen andern Besuch magst du dich bei Zeiten
gefat machen, der Landesherr wird in einigen Wochen vor diesem Hause absteigen.
Ich bin nur deshalb fortgesprengt worden, um Geschwtz ber seinen Besuch zu
hren und zu vernehmen, da noch nicht entschieden sei, wo Serenissimus vor der
Jagd das Frhstck einnehmen werde. Diesen Wink kenne ich, es war vor fnfzehn
Jahren ebenso. Da hilft nun nichts, zu Rossau im Lindwurm kann er nicht bleiben.
Auch diese Strung wird vorbergehen. - Und jetzt uns Allen eine gute Nacht und
ein Schlaf in Frieden.
    Die beiden Freunde traten nachdenklich in ihr Schlafzimmer. Der Professor
stand am Fenster und horchte auf den Tritt der Wchter, die von auen und innen
den Hof umzogen, auf das Zirpen der Grillen und auf die gebrochenen Laute,
welche aus der schlummernden Flur in das Ohr drangen. Und wieder hrte er ein
Gerusch neben sich und sah in das treue Gesicht seines Freundes, der in seiner
Aufregung die Hnde gefaltet hatte: Sie ist fromm, rief Fritz klagend.
    Sind wir's nicht auch? erwiederte der Professor und richtete sich hoch
auf.
    Sie ist dem Leben deines Geistes so fremd wie die heilige Elisabeth.
    Sie hat Verstand, entgegnete der Professor.
    Sie steht so sicher und abgeschlossen in ihrem Kreise, sie wird in deiner
Welt nie heimisch werden.
    Sie ist tchtig hier, sie wird es berall sein.
    Du verblendest dich, rief Fritz hnderingend. Willst du in den Frieden
deiner Tage einen Zwiespalt bringen, dessen Ende du nicht absehen kannst? Willst
du ihr selbst die ungeheure Umwandlung zumuthen, welche sie aus einer tchtigen
Wirthin zur Vertrauten deiner rcksichtslosen Forschung machen soll? Darfst du
ihr das sichere Selbstgefhl eines krftigen Lebens rauben und in ihre Zukunft
den Kampf, die Unsicherheit, den Zweifel hineintragen? Wenn du nicht an dich und
deine Ruhe denkst, so hast du doch die Verpflichtung, ihr Wesen zu ehren.
    Der Professor legte das heie Haupt an das Holz des Fensters. Endlich fuhr
er auf: Wir aber sollen Diener der Wahrheit sein und ihre Verknder. Und wenn
wir diese Pflicht gegen tausend Fremde ben, gegen Jeden, der uns hren will,
wchst nicht Recht und Pflicht da, wo wir lieben?
    Tusche dich nicht, antwortete Fritz, du, der feinfhlende Mann, der
jedes Leben in seiner Berechtigung so willig anerkennt, du wrst der Letzte, die
Harmonie ihres Wesens zu stren, wenn du sie nicht fr dich begehrtest. Was dich
treibt, ist nicht Pflichtgefhl, sondern Leidenschaft.
    Was ich der Fremden nicht zumuthen darf, das ziemt mir an dem Weibe zu
thun, das ich fr immer mit mir verbinde. Und hat nicht jede Frau, die unserm
Leben nahe tritt, hnliche Wandlung zu erfahren? Wie hoch stellst du das Wissen
der Frauen in der Stadt, welche in unseren Kreisen heraufkommen?
    Was sie wissen, ist in der Regel unsicherer als ihnen und uns gut ist,
versetzte Fritz, aber von klein auf sind sie gewhnt, mit Theilnahme die
wissenschaftlichen Interessen der Mnner zu begleiten. Die besten Resultate des
geistigen Schaffens sind ihnen doch so leicht zugnglich, da sie berall
Anknpfungspunkte fr ein herzliches Verstndni finden. Hier aber, wie schn,
wie liebenswerth sich unsern Augen dies Leben darstellt, es ist vielleicht
gerade darum so anziehend, weil es uns zugleich so fremdartig gegenbersteht.
    Du bertreibst und wirst unwahr, rief der Professor. Gerade in diesen
Tagen habe ich tief gefhlt, was wir ber den Bchern leicht vergessen, wie gro
die Rechte sind, welche eine edle Leidenschaft in unserm Leben hat. Wer kann
sagen, was zwei Menschen einander so lieb macht, da sie sich nicht scheiden
knnen? Es ist nicht nur die Freude am Dasein des Andern, nicht das Bedrfni
der Ergnzung des eigenen Wesens, auch nicht Sinn und Phantasie allein, welche
das Fremde uns so innig verbinden. Ist denn nthig, da die Frau nur das feinere
Rohr wird, welches eine Octave hher immer dieselben Noten tnt, welche der Mann
spielt? Die Sprache ist arm fr den mchtigen Ausdruck der Freude und Erhebung,
welche ich in ihrer Nhe empfinde, und ich kann dir nur sagen, mein Freund, das
ist etwas Gutes und Groes, und es fordert in meinem Leben sein Recht. Was aber
jetzt aus dir spricht, das ist nur der kalte Zweifler Verstand, der allem
Werdenden abhold so lange seine Ansprche erhebt, bis er durch die vollendete
That widerlegt ist.
    Es ist nicht allein der Verstand, versetzte Fritz gekrnkt. Da du meine
Rede so verkennst, habe ich nicht verdient. War es anmaend, da ich mit dir
ber Gefhle gesprochen habe, welche dir jetzt fr heilig gelten, so darf ich zu
meiner Entschuldigung sagen, da ich nur die Rechte in Anspruch nahm, welche mir
deine Freundschaft bis zu dieser Stunde eingerumt hat. Ich mute meine Pflicht
gegen dich thun, bevor ich dich hier verlasse. Kann ich dich nicht berzeugen,
so suche diese Unterredung zu vergessen, ich werde dies Thema nie wieder
berhren.
    Er lie den Professor am Fenster stehn und wandte sich zu seinem Lager.
Diesmal zog er die Stiefeln leise aus und legte sich auf sein Bett, den Kopf zu
der Wand gekehrt. Nach einer Weile fhlte er seine Hand ergriffen, der Professor
sa an seinem Lager und hielt die Hand des Freundes fest, ohne ein Wort zu
sprechen. Endlich entzog sie ihm Fritz mit herzlichem Druck und wandte sich
wieder zur Wand.
    Im ersten Morgengrau stand er auf, trat leise an das Lager des schlummernden
Gelehrten und ging still zur Thr hinaus. Im Wohnzimmer erwartete ihn der
Hausherr, der Wagen fuhr vor, ein kurzer, freundlicher Abschied und Fritz fuhr
davon und lie seinen Freund allein unter den Grillen des Feldes und unter den
Aehren, deren schwere Hupter sich im Morgenwind hoben und senkten, gleich den
Wellen des Meeres, in diesem Jahr wie vor tausend und abertausend Jahren.
    Der Doctor sah zurck auf den Stein, der das alte Haus trug, auf die
Terrasse darunter mit dem Friedhofe und der Holzkirche, und auf den Laubwald,
welcher den Fu der Anhhe umzog. Und alle Vergangenheit und Gegenwart der
gefhrlichen Sttte waren ihm deutlich. Das uralte Wesen aus der Sachsenzeit
hatte sich an diesem Orte nur wenig gendert. Und er sah den Felsen und die
schne Ilse von Bielstein, wie sie vor Menschengedenken gewesen waren. Damals
war der Stein einem Heidengotte heilig, schon damals hatte ein Thurm darauf
gestanden und die Ilse hatte darin gewohnt mit ihren gescheitelten blonden
Haaren, im weien Linnengewand, einen Pelz von Otterfell darber. Damals war sie
Priesterin und Prophetin gewesen fr einen Stamm wilden Sachsenvolks. Wo jetzt
die Kirche stand, war die Opfersttte gewesen, und das Blut der gefangenen
Feinde war von dort heruntergerieselt in das Thal.
    Wieder spter hatte ein christlicher Sachsenhuptling dort sein Balkenhaus
gebaut, und wieder hatte dieselbe Ilse darin gesessen zwischen den hlzernen
Pfosten, auf dem erhhten Raum der Frauen, und sie hatte die Spindel gedreht
oder den Mnnern schwarzen Meth in die Schale gegossen.
    Jahrhunderte spter war das gemauerte Haus mit steinumfaten Fenstern und
einem Wartthurm auf dem Felsen errichtet worden als Nest eines ruberischen
Junkers, und die Ilse von Bielstein hatte wieder darin gehaust in einer sammtnen
Schaube, die der Vater auf des Knigs Heerstrae den Kaufherren geraubt hatte,
und wenn das Haus von einem Feinde berannt wurde, stand die Ilse unter den
Mnnern auf der Mauer und spannte die groe Armbrust wie ein Reitersknecht.
    Und viele hundert Jahre spter hatte sie in dem Jagdschlo eines Frsten
gesessen, bei ihrem Vater, einem alten Kriegsmann aus der Schwedenzeit. Damals
war sie spiebrgerlich und fromm geworden, sie kochte Beeren zu Mu und ging
hinunter zum Pfarrer in das Conventikel, sie wollte keine Blumen tragen und
schlug mit dem Finger in der Bibel nach, welchen Mann ihr der Himmel bescheren
wrde.
    Jetzt aber stand dasselbe Sachsenkind seinem Freunde gegenber, hoch und
krftig an Leib und Seele, aber immer noch ein Kind des Mittelalters, gefat und
still, mit gleichmigem Ausdruck des schnen Angesichts, der nur wechselte,
wenn einmal pltzliche Leidenschaft durch das Herz fuhr; ein Gemth wie im
Halbschlaf, ein so einfaches Gefge des Geistes, da man zuweilen nicht wute,
war sie sehr klug oder einfltig. An ihrem Wesen hing etwas von allem, was die
Ilsen seit zwei Jahrtausenden gewesen: ein Stck Alraune, Methspenderin,
Reiterstochter, Pietistin. Es war die altdeutsche Art und die altdeutsche
Schnheit, aber da sie jetzt mit einemmal auch noch das Weib eines Professors
werden sollte, das dnkte dem bekmmerten Doctor zu sehr gegen alle Gesetze
ruhiger geschichtlicher Entwicklung.

                                      10.

                                        

                                  Die Werbung.


Wenige Stunden, nachdem der Freund das Gut verlassen, trat der Professor in das
Arbeitszimmer des Landwirths. Die Landlufer sind verschwunden und mit ihnen
Ihr Freund. Es thut uns Allen leid, da der Herr Doctor nicht lnger bleiben
konnte, rief ihm der Landwirth von seiner Arbeit zu.
    Bei Ihnen liegt die Entscheidung, ob auch ich noch lnger weilen darf,
entgegnete der Professor in so tiefem Ernst, da der Landwirth aufstand und
seinen Gast fragend anblickte. Ich komme, von Ihnen ein groes Vertrauen zu
erbitten, fuhr der Professor fort, und ich mu von hier scheiden, wenn Sie mir
dasselbe versagen.
    Sprechen Sie, Herr Professor, entgegnete der Landwirth.
    Es ist fr uns beide nicht mehr mglich, in dem unbefangenen Verhltni als
Wirth und Gast fortzuleben. Ich suche die Neigung Ihrer Tochter Elise fr mich
zu gewinnen.
    Der Landwirth fuhr zurck, die Hand des starken Mannes klammerte sich an die
Tischplatte.
    Ich wei, was ich von Ihnen fordere, rief der Gelehrte mit ausbrechender
Leidenschaft. Das Hchste nehme ich in Anspruch, was Sie geben knnen; ich
wei, da ich Ihr Leben dadurch rmer mache, denn ich will von Ihnen abwenden,
was Ihnen Freude, Hilfe, Stolz gewesen ist.
    Und doch, murmelte der Landwirth finster, Sie ersparen dem Vater, das zu
sagen.
    Ich frchte, da Sie mich in diesem Augenblicke fr einen Einbrecher in den
Frieden Ihres Hauses halten, fuhr der Gelehrte fort. Aber wenn Ihnen auch
schwer wird, gtig gegen mich zu sein, Sie sollen Alles wissen. Ich sah sie
zuerst in der Kirche, und ihr inniges, gottbegeistertes Wesen ergriff mich
mchtig. Ich lebte um sie im Hause und fhlte jede Stunde mehr, wie schn und
liebenswerth sie ist. Unwiderstehlich wurde die Gewalt, welche sie auf mich
ausbt. Die Leidenschaft, in welcher ich lebe, ist so gro geworden, da mir der
Gedanke Entsetzen bereitet, sie knnte mir doch fern bleiben. Fr Leib und Seele
sehne ich mich, sie zu meinem Weibe zu machen.
    So sprach der Gelehrte, offenherzig wie ein Kind.
    Und wie weit sind Sie mit meiner Tochter? frug der Landwirth.
    Ich habe zwei Mal in ausbrechendem Gefhl ihre Hand berhrt, rief der
Professor.
    Haben Sie ber Ihre Liebe mit ihr gesprochen?
    Dann stnde ich nicht so vor Ihnen, entgegnete der Professor. Ich bin,
Ihnen gnzlich unbekannt, durch einen besonderen Zufall zu Ihnen gekommen. Und
ich bin nicht in der glcklichen Lage eines Freiwerbers, der sich auf lngere
Bekanntschaft berufen kann. Sie haben mir ungewhnliche Gastfreundschaft
erwiesen und ich bin verpflichtet, Ihr Vertrauen nicht zu tuschen; ich will
nicht hinter Ihrem Rcken ein Herz fr mich gewinnen, das mit Ihrem Leben so eng
verbunden ist.
    Der Landwirth neigte beistimmend das Haupt. Und haben Sie die Zuversicht,
ihre Liebe fr sich zu gewinnen?
    Ich bin kein Knabe und sehe wohl, da sie mir herzlich zugethan ist. Ueber
die Tiefe und Dauer eines jungfrulichen Gefhls haben wir beide kein Urtheil.
In einzelnen Stunden habe ich die beseligende Ueberzeugung gehabt, da die warme
Neigung des Weibes mir geworden ist, aber gerade die unbefangene Unschuld ihres
Empfindens macht mich wieder unsicher. Und wenn ich Ihnen das Schwerste gestehen
soll, was mir zu sagen bleibt, ich darf nicht leugnen, da fr sie noch eine
Rckkehr zu ruhiger Empfindung mglich ist.
    Der Landwirth sah auf den Mann, der sich mhte, unbefangen zu urtheilen und
doch am ganzen Krper bebte. Ich habe die Pflicht, auf einen Herzenswunsch
meines Kindes Rcksicht zu nehmen, wenn er so mchtig wird, da er sie aus ihrer
Heimat fortzieht, zu einem andern Manne. Immer vorausgesetzt, da ich selbst
nicht die Ueberzeugung habe, es werde ihr Unglck sein. Ihr Verhltni zu meiner
Tochter ist bei der kurzen Bekanntschaft und nach dem, was Sie mir darber
sagen, schwerlich so, da mir nur die Wahl bleibt, entweder einzuwilligen oder
mein Kind elend zu machen. Und Ihr Gestndni gibt mir auch die Mglichkeit zu
verhten, was mir vielleicht in vieler Rcksicht unwillkommen ist. Ja, Sie sind
mir in diesem Augenblick ein Fremder, und als ich Ihnen anbot, bei mir zu
bleiben, habe ich gethan, was fr mich und die Meinen schwere Folgen haben mag.
    Als der Landwirth in der Erregung des Augenblicks so sprach, fiel sein Blick
auf den Arm, der gestern geblutet hatte, und wieder auf die mannhaften Zge des
bleichen Antlitzes vor ihm, er unterbrach seine Rede und legte die Hand auf die
Schultern des Andern. Nein, rief er, das ist nicht meines Herzens Meinung,
und nicht so darf ich Ihnen antworten. Er schritt durch das Zimmer, bemht,
sich zu fassen. Aber hren auch Sie ein vertrauendes Wort und zrnen Sie mir
darum nicht, fuhr er ruhiger fort. Wohl wei ich, da ich meine Tochter nicht
fr mich erzogen habe, und da ich mich einmal gewhnen mu, sie zu entbehren.
Aber unsere Bekanntschaft ist zu kurz, als da ich ein Urtheil htte, ob mein
Kind an Ihrer Seite Frieden oder Unfrieden zu erwarten hat. Wenn ich Ihnen sage,
da Sie mir sehr werth und angenehm geworden sind, so hat das doch in dieser
Stunde keine Bedeutung. Wren Sie ein Landwirth wie ich, so wrde ich Ihre
Mittheilung mit leichterem Herzen anhren, denn ich htte in der Zeit Ihres
Hierseins wohl ber Ihre Tchtigkeit eine feste Ansicht gewonnen. Da unser
Beruf so verschieden ist, macht nicht nur mir schwer, ber Sie zu urtheilen, es
mag auch gefhrlich werden fr die Zukunft meines Kindes. Wenn der Vater
wnscht, da die Tochter sich mit einem Manne verheiratet, der in hnlichem
Geschfte arbeitet, so hat das in jedem Lebenskreise seinen guten Grund, fr den
Landwirth von meinem Schlage noch einen besonderen. Denn die Tchtigkeit unserer
Kinder liegt zum Theil darin, da sie als Gehilfen der Eltern heranwachsen. Was
Ilse in meinem Hause gelernt hat, gibt mir die Sicherheit, da sie als Frau
eines Landwirths ihren Platz vollkommen ausfllen wird, ja, sie vermchte wohl
Schwchen ihres Mannes zu ergnzen. Und das wird ihr ein gesundes Leben sichern,
selbst wenn ihr Mann Manches zu wnschen brigliee. Als Frau eines Gelehrten
hat sie wenig Nutzen von dem, was sie wei, und sie wird als ein Unglck
empfinden, da sie vieles Andere nicht gelernt hat.
    Da sie entbehren wird, mu ich einrumen, auf Alles, was ihr nach Ihren
Worten fehlt, gebe ich wenig, rief der Gelehrte. Ich bitte Sie, darin mir und
der Zukunft zu vertrauen.
    Dann also antworte ich Ihnen, Herr Professor, ebenso offen, wie Sie zu mir
gesprochen haben, ich darf Ihre Forderung nicht kurz abweisen, denn ich will
dem, was vielleicht Sehnsucht und Glck meiner Tochter ist, nicht feindlich in
den Weg treten; und doch, ich kann bei der unvollstndigen Einsicht, die ich
ber Ihre Verhltnisse habe, nicht darauf eingehen. Und ich bin in diesem
Augenblicke in der schmerzlichen Lage, da ich nicht wei, wie ich berhaupt
diese Sicherheit gewinnen kann.
    Wohl fhle ich, wie ungengend und zufllig die Urtheile sind, welche Sie
von Fremden ber mich einsammeln knnen; es wird dennoch geschehen mssen,
antwortete mit Haltung der Gelehrte.
    Der Landwirth bejahte schweigend, und der Professor fuhr fort:
    Zunchst bitte ich um Erlaubni, Ihnen ber meine ueren Verhltnisse
Mittheilung zu machen. Er nannte seine Einnahmen, gab getreulich an, woher sie
flossen und legte ein Verzeichni derselben auf den Arbeitstisch. Fr diese
Angaben wird mein Rechtsfreund, ein geachteter Anwalt der Universittsstadt,
Ihnen jede Besttigung geben, welche Sie wnschen. Ueber meine Brauchbarkeit als
Lehrer und meine Stellung an der Universitt mu ich Sie allerdings auf das
Urtheil meiner Collegen verweisen und auf die Ansicht, die sich etwa in der
Stadt darber gebildet hat.
    Der Landwirth blickte in das Verzeichni. Selbst die Bedeutung dieser
Summen fr Ihre Verhltnisse ist mir nicht ganz deutlich, fr weitere Kunde habe
ich in Ihrer Heimat kaum eine Anknpfung. Aber, Herr Professor, ich werde ohne
Zgern mir selbst die Gewiheit zu verschaffen suchen, welche ich erhalten kann.
Ich werde morgen nach Ihrer Stadt abreisen.
    O wie danke ich Ihnen, rief der Professor und fate die Hand des
Landwirths.
    Noch nicht, antwortete dieser und zog seine Hand zurck.
    Ich werde natrlich, falls Sie das wnschen, Sie begleiten, fuhr der
Professor fort.
    Das wnsche ich nicht, versetzte der Landwirth. Schreiben Sie sogleich
die Briefe, welche mich einigen Ihrer Bekannten empfehlen, im Uebrigen mu ich
mich auf meine Fragen und allerdings auf den Zufall verlassen. Aber, Herr
Professor, diese Reise wird mir nur Ihre Angaben besttigen, die ich ohnedies
fr wahr halte, und vielleicht Urtheile Anderer ber Sie, welche zu dem stimmen,
was ich selbstvon Ihnen halte. Setzen wir den Fall, da diese Auskunft mich
befriedigt, was soll die Folge sein?
    Da Sie mir gestatten, noch lnger in Ihrem Hause zu verweilen, rief der
Professor, da Sie vertrauend meine Annherung an Ihre Tochter dulden und da
Sie mir Ihre Einwilligung zur Ehe geben, sobald ich der Neigung Ihrer Tochter
sicher bin.
    Solche Vorbereitung zu einer Brautwerbung ist ungewhnlich, sagte der
Landwirth mit trbem Lcheln, doch sie ist einem Landwirth nicht unwillkommen.
Wir sind gewohnt, die Frchte langsam reifen zu sehen. Also, Herr Professor,
auch nach meiner Reise behalten wir alle drei Freiheit der Wahl und des letzten
Entschlusses. - Und diese Unterredung, soll sie unser Geheimni bleiben?
    Ich beschwre Sie darum, flehte der Gelehrte. Wieder flog ein leichtes
Lcheln ber das ernste Antlitz des Wirthes.
    Damit meine schnelle Abreise weniger auffalle, bleiben Sie unterde hier.
Vermeiden Sie vor meiner Rckkehr, sich meiner Tochter zu nhern. Sie sehen, ich
erweise Ihnen ein groes Vertrauen.
    So hatte der Professor seinen Gastfreund gezwungen, der Vertraute seiner
Liebe zu werden. Es war ein schner Vertrag zwischen Leidenschaft und Gewissen,
den der Gelehrte durchgesetzt hatte, und doch war in seiner Disposition ein
Irrthum, und die Abhandlung, an welcher er mit heiem Haupt und pochendem Herzen
arbeitete, gerieth ein wenig anders als er sich und dem Vater vorgestellt. Denn
zwischen den drei Menschen, welche jetzt die hochsinnig eingeleitete
Brautwerbung durchmachen sollten, war pltzlich die Unbefangenheit verschwunden.
Als Ilse am Morgen der verhngnivollen Unterredung strahlend von Glck zu den
Mnnern trat, fand sie den Himmel des Gutes lichtlos, mit finsteren Wolken
umzogen. Der Professor war unruhig und dster, er arbeitete fast den ganzen Tag
auf seiner Stube, und als die Kleinen ihn am Abend baten, eine Geschichte zu
erzhlen, da lehnte er's ab, fate den Kopf der kleinen Schwester mit beiden
Hnden, kte ihre Stirn und legte sein eigenes Haupt darauf, als wollte er sich
auf das Kind sttzen. Gezwungen und sprlich waren die Worte, die er an Ilse
richtete, und doch haftete unablssig sein Blick an ihr, aber fragend und
unsicher. Und Ilse berraschte auch den Vater, wie dieser sie gespannt und
schmerzlich ansah. Auch zwischen den Vater und sie war ein Geheimni getreten,
das in seinem Innern arbeitete. Ja sogar zwischen den beiden Mnnern war es
nicht wie sonst. Der Vater sprach wohl einmal leise zu dem Freunde, aber beiden
sah sie einen Zwang an, wenn sie ber Gleichgltiges redeten.
    Am nchsten Morgen gar die geheimnivolle Reise des Vaters, die er ihr durch
karge Worte ber ein unwichtiges Geschft anzeigte! War seit jenem wsten Abend
Alles um sie verwandelt? Das Herz des Weibes zog sich ngstlich zusammen. Die
Unsicherheit kam ihr, die Furcht vor etwas Feindseligem, das gegen sie
heranfuhr. Schmerzvoll hielt sie sich zurck, in ihrem Zimmer kmpfte sie mit
schweren Gedanken und sie vermied, mit dem Manne ihrer Liebe allein zu sein.
    Natrlich wurde dem Professor die Vernderung an der Geliebten auf der
Stelle deutlich und sie qulte den tiefsinnigen Mann. Wollte sie ihn fernhalten,
um den Vater nicht zu verlassen, war nur frohes Erstaunen gewesen, was er fr
herzliche Neigung hielt? Diese Sorge machte seine Haltung gezwungen und
ungleichmig und der Wechsel seiner Stimmung wirkte wieder auf Ilse zurck.
    Frhlich hatte sich der Blthenkelch ihrer Seele dem aufsteigenden Lichte
geffnet, da war ein Tropfen Morgenthau hineingefallen und die zarten Bltter
schlossen sich noch einmal unter der fremden Last.
    Ilse war bei Krankheiten und Verletzungen die weise Frau des Gutes. Von
ihrer Mutter hatte sie dies Ehrenamt bernommen und ihr Ruhm in der Umgegend war
nicht gering; auch war es nicht unnthige Beflissenheit, denn Rossau besa nicht
einmal einen ordentlichen Heilknstler. Ilse aber verstand ihre einfachen
Hausmittel vortrefflich anzuwenden, sogar der Vater und die Herren der
Wirthschaft unterwarfen sich gehorsam ihrer Pflege. Und sie war in den Beruf
einer barmherzigen Schwester so eingelebt, da ihr jungfruliches Zartgefhl gar
nichts darin fand, am Krankenbett eines Gutsgenossen zu sitzen, und da sie ohne
Ziererei in die Wunde blickte, welche der Hufschlag eines Pferdes oder der
Schnitt einer Sense verursacht hatte. Und jetzt stand er mit einer Wunde neben
ihr, er hielt den Arm nicht einmal in der Binde, und sie sorgte unaufhrlich,
da der Schaden rger werden knne. Wie gern htte sie die Stelle gesehen, ach
wie gern sie selbst verbunden, und sie bat ihn am Morgen beim Frhstck, auf den
Arm deutend: Wollen Sie nicht uns zu Liebe etwas dafr thun?
    Der Professor zog befangen den Arm zurck und erwiderte: Es hat gar nichts
zu bedeuten. Sie schwieg verletzt. Als er aber auf sein Zimmer ging, wurde ihr
die Sorge bermchtig und sie sandte die Tagelhnerfrau, welche in solchen
Knsten ihre bewhrte Gehilfin war, mit einem Auftrage in das Gastzimmer und
schrfte ihr ein, gewaltthtig aufzutreten, jeden Widerspruch des Herrn zu
bewltigen, den Arm zu betrachten und ihr zu berichten. Als nun die ehrliche
Frau sagte, da ihr Frulein sie sende und da sie darauf bestehen msse, den
Stich zu sehen, da entschlo sich zwar der Professor zgernd, die Stelle zu
zeigen, aber als die Botin einen bedenklichen Bericht heraustrug und Ilse, die
unruhig vor der Thr auf und ab ging, durch die Vermittlerin wieder kalte
Umschlge befahl, da wollte der Professor diese nicht anwenden. Er hatte wohl
Ursache dazu, denn wie schmerzlich er den Zwang fhlte, der ihm im Verkehr mit
Ilse aufgelegt war, so dnkte ihm doch unertrglich, ihren Anblick ganz zu
missen und in seiner Stube allein bei dem Wassernapf zu sitzen. Da er aber den
guten Rath verwarf, schmerzte Ilse noch mehr, denn sie frchtete die Folgen und
es that ihr wieder weh, da er auf ihre Wnsche nichts gab. Als sie vollends
erfuhr, da er heimlich zum Chirurgus nach Rossau geschickt hatte, da kamen dem
Mdchen die Thrnen in die Augen ber das, was sie fr Nichtachtung hielt. Denn
sie kannte die verkehrten Mittel des Trunkenbolds, und sie wute jetzt genau,
da es ein Unglck geben wrde. Sie kmpfte mit sich bis zum Abend, endlich
besiegte die Sorge um den Geliebten alle Bedenken, und als er neben den Kindern
in der Laube sa, trat sie vor ihn und bat in ihrer Herzensangst leise mit
niedergeschlagenen Augen: Der fremde Mann macht Ihnen die Schmerzen grer,
bitte, lassen Sie mich die Wunde sehen. Und der Professor, erschrocken ber
diese Aussicht, welche seine ganze, mhsam erkmpfte Selbstbeherrschung zu
vernichten drohte, erwiederte, wie Ilse hrte, mit rauher Stimme - er war aber
in Wahrheit nur durch innere Bewegung ein wenig heiser -: Ich danke, das kann
ich gar nicht annehmen. Da ergriff Ilse die beiden jngsten Geschwister, welche
in den Hnden der Zigeuner gewesen waren, stellte sie vor ihn hin und rief
heftig: Bittet ihr, wenn er auf mich nicht hrt. Dem Professor war dieser
kleine Auftritt so beweglich und Ilse sah in ihrer Aufregung so unwiderstehlich
schn aus, da ihn die Rhrung bermannte und da er, um gegen den Vater ehrlich
zu bleiben, aufstand und schnell aus dem Garten ging.
    Ilse prete die Hnde krampfhaft zusammen und sah starr vor sich hin. Alles
war ein Traum gewesen. Tuschung war's und thrichte Einbildung, da sie in
seliger Stunde gehofft hatte, er liebe sie. Sie hatte ihm ihr Herz offenbart,
und ihr heies Gefhl war fr ihn nichts als dreiste Zudringlichkeit einer
Fremden. Sie war ihm ein ungeschicktes Weib vom Lande, dem das stdtische
Zartgefhl fehlte, und die sich thricht etwas in den Kopf gesetzt, weil er
einige Male gtig zu ihr gesprochen. Sie strzte in ihr Zimmer, dort sank sie
vor ihrem Lager nieder und ein krampfhaftes Schluchzen erschtterte ihre
Glieder.
    Sie war den ganzen Abend nicht mehr sichtbar, am nchsten Tag trat sie dem
Geliebten stolz und kalt gegenber, sie sprach nur das Nthigste und rang in der
Stille mit Thrnen und unendlichem Jammer.
    Alles war hochsinnig fr eine feine und zarte Brautwerbung zurechtgelegt,
aber wenn zwei Menschen einander lieb haben, sollen sie das einer dem andern
auch frisch und einfltig sagen, ohne Disposition und, beim Styx, auch ohne
Zartgefhl.

    Der Landwirth war abgereist. Ein Geldgeschft, das er auf dem Wege erledigen
konnte, gab den Vorwand. Schon den Tag darauf fiel seine gewaltige Gestalt und
das sorgenvolle Antlitz in den Straen der Universittsstadt auf. Gabriel war
sehr verwundert, als ein riesiger Mann, hher als sein alter Freund, der
Wachtmeister bei den Krassieren, an der Thr schellte und einen Brief des Herrn
berbrachte, worin Gabriel aufgefordert wurde, sich und das Quartier dem Herrn
zur Verfgung zu stellen. Der fremde Mann schritt durch die Zimmer, sa am
Arbeitstisch des Professors nieder und begann mit Gabriel ein Gesprch in
Kreuzfragen, aus denen der Diener nicht klug werden konnte. Auch Herrn Hummel
begrte der Fremde, dann lie er sich nach der Universitt fhren, hielt auf
der Strae Studenten an und frug sie aus, verhandelte mit dem Rechtsanwalt,
besuchte einen Kaufmann, mit welchem er zuweilen Getreidegeschfte machte, lie
sich von Gabriel zum Schneider des Professors fhren, dort einen Rock zu
bestellen, und Gabriel mute lange vor der Thr stehen, bis der geschwtzige
Schneider den Fremden entlie. Auch zu Herrn Hahn ging er, einen Strohhut zu
kaufen, und am Abend sah man seine groe Gestalt, welche den chinesischen Tempel
unbillig beengte, neben Herrn Hahn bei einer Flasche Wein sitzen. Es war ein
armer Vater, der sich bei gleichgltigen Leuten ngstlich erkundigte, ob er sein
geliebtes Kind in die Arme eines Fremden legen msse. Ach, was er erfuhr, war
alles noch weit gnstiger als er erwartet hatte. Auch ihm wurde deutlich, was
die Frau Oberamtmann Rollmaus lngst wute, da es nach der Meinung Anderer kein
gewhnlicher Mann war, den er bei sich aufgenommen hatte.
    Als der Heimkehrende am Abende des nchsten Tages zwischen den letzten
Husern von Rossau dahinfuhr, sah er eine Gestalt eilig auf sich zukommen. Es
war der Professor, den die ungeduldige Erwartung auf den Weg getrieben hatte und
der jetzt mit verstrtem Gesicht an den Wagen eilte. Der Landwirth sprang von
seinem Sitze und sagte dem Professor leise: Bleiben Sie bei uns, der Himmel
gebe zu allem weiteren seinen Segen. Und als die beiden Mnner nebeneinander
den Fupfad hinaufstiegen, fuhr der Gutsherr mit einem Anflug von guter Laune
fort: Sie haben mich gezwungen, um Ihre Wohnung zu spioniren, lieber Herr
Professor. Ich habe erfahren, da Sie still weg leben. Sie bezahlen Ihre
Rechnungen pnktlich, Ihr Diener spricht mit Ehrerbietung von Ihnen, die
Nachbarn denken gut ber Sie, in der Stadt sind Sie ein angesehener Mann, alles
was Sie sonst ber sich gesagt haben, ist besttigt. Ihr Quartier ist sehr
stattlich, die Kche zu klein, die Vorrathskammer enger als bei uns ein Schrank.
Durch die Fenster ist wenigstens Aussicht ins Grne.
    Sonst wurde kein Wort ber den Zweck der Reise gesprochen, aber
hoffnungsvoll vernahm der Professor, was der Landwirt von anderen Beobachtungen
erzhlte, wie reichlich die Brger lebten, wie glnzend die Lden ausgestattet
waren, dann von den hohen Husern des Marktes, dem Gedrnge auf den Straen und
von den Tauben, welche nach altem Herkommen vom Rath gehalten werden und dreist
wie Stadtbeamte zwischen Wagen und Menschen umherlaufen.
    Es war frher Morgen auf dem Gute, wieder sandte die Sonne ihre ersten
Strahlen hei auf die Erde. Nach einer schlummerlosen Nacht eilte Ilse durch den
Garten zu dem kleinen Badehause, das der Vater zwischen Rohr und Gebsch
angelegt hatte. Dort tauchte sie die weien Glieder in das Wasser, hllte sich
schnell wieder in ihr Gewand und stieg, die Strahlen der Sonne suchend, den Weg
hinauf, welcher unweit der Grotte nach der Hhe fhrte. Da sie wute, da unter
den Steinen der Hhle noch die khle Nachtluft lag, stieg sie hher hinauf, wo
die Berglehne steil nach der Grotte und dem Thal abfiel. Dort oben auf dem
Abhange setzte sie sich zwischen den ersten Bschen nieder, um fern von jedem
Menschenauge im Sonnenstrahl die Haare zu trocknen und ihren Anzug zu ordnen.
    Sie sah hinber nach dem Vaterhause, wo auf dem Freunde wohl noch der
Morgenschlummer lag, und sah vor sich herunter auf die Steindecke der Grotte und
auf den groen Federbusch von Weidenrschen, dem jetzt die weie Wolle des
Samens aus den Schoten quoll. Und sie sttzte das Haupt in die Hand und dachte
an den letzten Abend, wie wortkarg er wieder gewesen war, und da der Vater zu
ihr gar nicht von seiner Reise sprach. Aber wie unruhig auch die Sorgen durch
ihr Haupt fuhren, aus der klaren Fluth hatte sie auch ihren Gedanken Erfrischung
geholt und jetzt warf der Morgen sein mildes Licht auch ber ihr Herz.
    Dort sa das Kind des Gutes, sie wand das Wasser aus dem Haar und sttzte
die weien Fe auf das Moos. Neben ihr summten die Bienen ber dem blhenden
Quendel, und eine kleine Arbeiterin kreiste drohend um ihre Fe. Ilse bewegte
sich und stie an einen ihrer Schuhe, der Schuh glitt hinab, berschlug sich und
fiel in kleinen Stzen ber Moos und Stein, er sprang beim Weidenrschen vorbei
und verschwand in der Tiefe. Ilse fuhr in den Kameraden des Flchtlings und
eilte auf dem Wege zur Grotte nach. Sie bog um die Felsecke und trat erschrocken
zurck, denn auf dem Platze vor der Grotte stand der Professor und betrachtete
sinnend die gestickten Arabesken des Schuhes. Der zartfhlende Mann war ber
diese pltzliche Begegnung kaum weniger betroffen als Ilse. Es hatte auch ihn am
frhen Morgen hinausgetrieben zu der Stelle, wo ihm zuerst das Herz des Mdchens
aufgegangen war, auf dem Stein am Eingange hatte er gesessen und das Haupt an
den Felsen gelehnt in tiefem und schmerzlichem Grbeln. Da, horch, ein leises
Rauschen, Steinchen und Sand rollten herab, ein kleines Meisterwerk bildender
Kunst fiel dicht vor seine Fe. Er schnellte empor, den er ahnte auf der
Stelle, wem der springende Schuh gehrte. Jetzt sah er die Geliebte vor sich
stehen, in leichtem Morgengewand, von dem langen blonden Haar umflossen, einer
Wasserfee oder Bergnymphe vergleichbar.
    Es ist mein Schuh, rief Ilse verlegen und verbarg den Fu.
    Ich wei, sagte der Gelehrte ebenfalls verlegen und rckte den Schuh
ehrerbietig an den Saum ihres Kleides. Schnell schlpfte der Fu hinein, aber
die kurze Bewegung der weien Zehen gab dem Professor pltzlich einen Heldenmut,
den er an den letzten Tagen nicht gehabt hatte. Ich gehe nicht von der Stelle,
rief er entschlossen. Ilse fuhr in die Grotte und barg ihre Haare in dem Netz,
das sie in der Hand hielt. Der Gelehrte stand am Eingange zu dem Heiligthume,
neben ihm hingen die Ranken der Brombeeren, die Bienen summten ber dem Quendel,
und ihm pochte das Herz. Als Ilse mit gertheten Wangen aus der Grotte in das
Licht des Tages trat, hrte sie, wie eine Stimme in tiefer Bewegung ihren Namen
aussprach, sie fhlte ihre Hnde gefat, ein heier Blick aus den treuen Augen,
se Worte in bebendem Tonfall, der Arm des Mannes umschlang sie, lautlos sank
sie an sein Herz.
    Denn, wie der Professor selbst bei einer andern Gelegenheit
auseinandergesetzt hatte, der Mensch vergit zuweilen, da sein Leben auf einem
Contract mit bermchtigen Naturgewalten beruht, welche den kleinen Herrn der
Erde unversehens kreuzen. Dergleichen unbeachtete Mchte zwangen jetzt auch den
Professor und Ilse. Wei nicht, welche Naturgewalt die Biene sandte und den
Schuh warf, waren es die Erdmnnchen, an welche Ilse nicht glaubte, oder war es
Einer aus der antiken Bekanntschaft des Professors, der gaifige Pan, der in
den Grotten auf der Rohrpfeife blst.
    Die Brautwerbung war wissenschafttlich begonnen, aber sie war ohne alle
Weisheit zur Vollendung gebracht. Es waren zwei groe und reine Herzen, welche
jetzt an einander schlugen, aber um Alles zu sagen, der feinfhlende Professor
hatte zuletzt doch um die Geliebte geworben, als sie gerade keinen Strumpf
anhatte.

                                      11.

                                        

                                   Speihahn.


Ueber den feindlichen Husern war rabenschwarze Nacht, die Welt sah aus wie eine
groe Kohlengrube, in der die Leuchte erloschen ist. Der Wind fuhr durch die
Bume des Parkes, man hrte ein Rauschen der Bltter, Geknarr der Aeste, ein
tiefes, zorniges Brummen in der Luft, aber man sah nichts als einen ungeheuren
schwarzen Vorhang, der den Stadtwald verhllte, und ein schwarzes Zeltdach, das
ber die Huser gespannt war. Die Straen der Stadt waren leer, wer ein
freundliches Verhltni zu seinem Bett hatte, lag lngst darin, wer eine
Schlafmtze besa, heut zog er sie ber die Ohren. Alles Menschliche barg sich
in tiefem Schweigen, auch den Stundenschlag der Thurmglocke zerri der Sturmwind
und fhrte die einzelnen Tne hierhin und dorthin, so da Niemand die Schlge
der Mitternachtsstunde vollstndig zusammenbringen konnte. Nur um das Haus des
Herrn Hummel klffte die wilde Jagd, die Hunde fuhren im Hofe umher, unbeirrt
durch Sturm und Finsterni, und wenn der Wind wie ein Hifthorn zwischen den
Husern blies, bellte die Meute dem Schlafe der Menschen ein greuliches Halali.
    Den ist heut wohl, dachte Gabriel in seiner Kammer, das ist ganz ihr
Wetter. Endlich entschlief auch er und hatte einen Traum, als wenn die beiden
Hunde seine Kammerthr aufmachten, sich vor seinem Bett auf zwei Sthle setzten
und abwechselnd die Zndhtchen ihrer Taschenpistolen auf ihn abknipsten.
    Er lag noch in unruhigem Schlaf, als es an seine Thr pochte.
    Stehen Sie auf, Gabriel, rief die Stimme des alten Schlieers aus der
Fabrik, es ist ein Unglck geschehen.
    Durch die Hunde? rief Gabriel, mit beiden Beinen aus dem Bette springend.
    Es mu Jemand eingebrochen sein, rief der Mann wieder durch die Thr, die
Hunde liegen auf der Erde.
    Gabriel fuhr erschrocken in seine Stiefeln und eilte in den Hof, der durch
die Morgendmmerung nothdrftig erhellt wurde. Da lagen die zwei armen
nchtlichen Geschpfe auf dem Boden, nur noch ein wenig zappelnd. Gabriel lief
zu dem Waarenlager, sah nach Thr und Fenstern, dann untersuchte er das Haus,
jeder Laden war geschlossen, nirgend Verstrung zu entdecken. Als er
zurckkehrte, stand Herr Hummel vor den Liegenden.
    Gabriel, hier ist eine Missethat geschehen, den Hunden ist etwas angethan,
lassen Sie beide liegen, es mu eine Beweisaufnahme stattfinden, ich schicke zur
Polizei.
    Ei was, erwiederte Gabriel, erst kommt das Erbarmen, dann die Polizei,
vielleicht ist den Wrmern noch zu helfen. Er nahm die beiden Thiere, trug sie
ans Licht und untersuchte ihren Zustand. Der Schwarze ist dahin, sagte er
mitleidig, der Rothe hat noch einigen guten Willen.
    Zum Thierarzt, Klaus, rief Herr Hummel, und auf der Stelle, er mchte mir
den Gefallen thun und sogleich aufstehen, es soll sein Schade nicht sein. Dieser
Fall mu ins Tageblatt. Ich verlange Satisfaction vor Stadtverordneten und Rath.
- Gabriel, fuhr er in zorniger Bewegung fort, sie ermorden die Hunde von
Brgern. Damit fngt die niedertrchtige Bosheit an, aber ich bin nicht der
Mann, der sich durch Meuchelmrder behandeln lt, es soll ein Exempel werden,
Gabriel.
    Gabriel streichelte unterde das Fell des rothen Hundes, der die Augen wild
unter dem zottigen Stirnhaar rollte und klglich mit den Pfoten schlug.
    Endlich kam der Thierarzt. Er fand die ganze Familie im Hofe versammelt,
Frau Hummel, noch im Nachtgewande, trug ihm eine Tasse Kaffe zu, er bedauerte
trinkend und begann die Untersuchung. Der Ausspruch des Sachverstndigen lautete
auf Vergiftung. Die Section ergab genossene Klchen mit Arsenik, und was Herrn
Hummel noch tiefer krnkte, auerdem mit Glassplittern. Der Rothe gewhrte bei
alledem eine unsichere Hoffnung gerettet zu werden.
    Das wurde der Familie Hummel ein finsterer Morgen. Herr Hummel setzte sich
noch vor dem Frhstck an den Schreibtisch und verfate eine Anzeige fr das
Tageblatt, worin er zehn Thaler Belohnung fr den Menschenfreund aussetzte, der
ihm den tckischen Vergifter seiner Hunde angeben wollte. Die zehn Thaler
unterstrich er dreimal mit Klecksen. Dann trat er an sein Fenster und sah
grimmig hinber nach dem Schlupfwinkel seines Gegners und nach dem chinesischen
Tempel, der die Veranlassung des neuen Unfriedens geworden war. Und immer wieder
wandte er sich zu seiner Frau und brummte auf und abgehend: Mir ist der Fall
nicht zweifelhaft.
    Ich begreife dich nicht, erwiederte die Gattin, welche an dem
anstrengenden Morgen zum zweiten Mal ihr Frhstck einnahm, und ich verstehe
nicht, wie du deiner Sache sicher sein kannst. Es ist wahr, in den Leuten ist
eine Art, welche uns immer wieder abstt, und es mag ein Unglck sein, da wir
diese Nachbarschaft haben. Aber du kannst nicht behaupten, da sie Hunde
vergiften. Und ich kann mir nicht denken, da die Hahn solche Einflle hat. Ich
gebe dir zu, sie ist eine gewhnliche Frau, und der Doctor sagt, da es Klchen
waren, was auf eine weibliche Hand schlieen lt. Aber als unser Rother bei den
Krammetsvgeln getroffen wurde, die sie in der Kche hatte, hat sie mir den Hund
nur mit einer Empfehlung zurckgeschickt, und es wre nicht schn von ihm, er
htte drei Vgel gefressen. Das war in der Ordnung und ich kann darin keine
Mordlust finden. Und er, du lieber Gott, er sieht mir auch nicht aus, als ob er
in finsterer Mitternacht sich mit unseren Hunden zu thun machte.
    Er ist tckisch, grollte Herr Hummel, aber du hast immer deine eigene
Meinung von den Leuten gehabt. Er ist scheinheilig gegen mich gewesen von dem
ersten Tage, wo er sich vor diesen Fenstern bei seinen Ziegeln aufstellte und
mir den Rcken zukehrte. Und ich habe mich immer wieder von euch Weibern bewegen
lassen, ihn als Nachbar zu behandeln mit Gren und Redensarten; und ich habe
stillgeschwiegen, wenn ihr mit der Frau drben euer Gewsch getrieben habt.
    Unser Gewsch, Heinrich, rief die Gattin und setzte ihre Kaffetasse
klirrend hin. Ich mu dich bitten, da du nicht vergit, was du mir schuldig
bist.
    Nun, es war nicht so bse gemeint, rumte Herr Hummel ein, um den Sturm zu
beschwichtigen, den er zur Unzeit heraufbeschworen hatte.
    Wie es gemeint war, mut du wissen, ich halte mich an das, was ich hre; es
zeigt wenig Gefhl, Hummel, da du um eines toten Hundes willen deine Gattin und
deine Tochter als Waschfrauen behandelst.
    Diese Auseinandersetzung trug noch mehr widerwrtiges Grau in die Stimmung
des Morgens, frderte aber keineswegs die Entdeckung des Verbrechers. Es war
vergebens, da die Hausfrau, um den stbernden Verdacht des Gatten von der
Familie Hahn abzulenken, viele andere Vermuthungen aufstellte und mit Laura's
Hilfe wieder verwarf, gegen die eigenen Arbeiter, gegen den Nachtwchter, und
da sie zuletzt sogar den Markthelfer von drben als mglichen Missethter
einrumte. Ach, die brgerliche Stellung der Hunde war so trbselig gewesen, da
die Familie Hummel viel leichter die wenigen Menschen herzhlen konnte, welche
den Hunden nichts Bses anwnschten, als die vielen, welche Wunsch und Interesse
hatten, die Scheusale zum Cocytus wandeln zu sehen. Denn wie Lauffeuer fuhr die
Nachricht ber die Strae, bei der Obstfrau an der Ecke war heut Versammlung wie
auf der Brse, in den Kramlden standen die Leute und besprachen die Unthat,
berall mitleidlos, feindselig, schadenfroh. Auch die ueren Zeichen der
Theilnahme, welche die Strae fr schicklich hielt, verhllten schlecht die
herrschende Stimmung. Allerdings kamen die Mitfhlenden, zuerst Frau Knips, die
Wscherin, mit wortreicher Entrstung; dann wagte sich sogar Knips der Jngere
bedauernd in die Nhe des Hauses, der Commis im feindlichen Geschft, welcher zu
den Feinden bergegangen war, aber nicht mde wurde, seinem frheren Lehrherrn
gelegentliche Ehrfurcht und Frulein Laura eine unbequeme Anbetung zu erweisen.
Endlich kam ein Komiker der Stadtbhne, der hufig des Sonntags eingeladen wurde
und dafr lustige Geschichten erzhlte. Aber selbst diese wenigen Getreuen
wurden von einzelnen Hausgenossen beargwhnt. Der Familie Knips mitraute
Gabriel, den Commis verabscheute Laura, und der Komiker, sonst ein willkommener
Gast, hatte einige Abende zuvor im Vorbeigehen leichtsinnig gegen einen
Begleiter geuert, da es verdienstlich sein wrde, diese Hunde von der
Weltbhne zu entfernen. Heut war dieser unglckliche Einfall der Hausfrau
hinterbracht worden, und er lag ihr schwer auf dem Herzen. Fnfzehn Jahre hatte
sie gerade dieses Mannes Huldigung mit Wohlgefallen ertragen, viele
Freundlichkeit, begeistertes Klatschen im Theater war ihm zu Theil geworden, der
Sonntagsbraten und eingesottenen Frchte gar nicht zu gedenken; aber jetzt, wo
der Mime bedauernd den Kopf senkte und sein Entsetzen aussprach, da wurde ihm
sein Gesicht wegen langer Gewhnung an komische Wirkungen so heuchlerisch
verzogen, da Frau Hummel aus den Zgen des geschtzten Mannes pltzlich einen
Teufel herausgrinsen sah. Und ihre spitzen Bemerkungen ber Judasse erschreckten
wieder den Mimen, weil sie ihm die Gefahr offenbarten, sein bestes Haus zu
verlieren, und je klglicher er sich fhlte, desto zweideutiger wurde sein
Ausdruck.
    Whrend aller dieser Vorflle hielt sich die Familie Hahn gnzlich zurck.
Kein Zeichen von unschicklicher Freude, keines von unnatrlichem Mitgefhl drang
ans den schweigenden Mauern. Nur am Nachmittag, als Frau Hummel, um sich zu
erholen, ein wenig in die Luft ging, begegnete ihr die Nachbarin. Und Frau Hahn,
welche sich seit jener Gartenscene im Unrecht fhlte, blieb stehen und sprach
freundlich ihr Bedauern aus, da Frau Hummel einen so unangenehmen Vorfall
erlebt habe. Aber da klang doch die feindliche Stimmung und der Verdacht des
Mannes aus der Antwort heraus, sehr kalt und abweisend sprach Frau Hummel, und
auch die beiden Frauen schieden in feindseliger Stimmung.
    Unterde sa Laura an ihrem Schreibtisch, sie besprach die Ereignisse des
Tages in ihren geheimen Aufzeichnungen und dichtete mit leichtem Herzen die
Schluverse: Sie sind dahin! von uns genommen ist der Fluch, und ausgetilgt der
Flecken in des Schicksals Buch. Diese Prophezeiung enthielt gerade soviel
Wahrheit, als wenn sie nach dem ersten Scharmtzel des trojanischen Krieges
durch Kassandra in Hektors Stammbuch eingezeichnet worden wre. Sie wurde durch
endlose Gruel der Folgezeit widerlegt.
    Zunchst war Speihahn gar nicht dahin, sondern blieb am Leben. Aber der
nchtliche Verrath bte auf Leib und Seele des Geschpfes einen betrbenden
Einflu. Er war nie schn gewesen, jetzt wurde sein Leib mager, der Kopf dick
und sein zottiges Fell struppig. Die Glassplitter, welche der kunstvolle Arzt
aus seinem Magen entfernte, fuhren gewissermaen in die Haare, da diese borstig
am ganzen Leibe starrten wie an einer Flaschenbrste; das gewundene Schwnzchen
wurde kahl, nur an der Spitze bestand eine Haarquaste, da es aussah wie ein
verbogener Korkzieher mit einem Kork am Ende. Mit diesem Schwanze wedelte er
selten, auch sein Klffen hrte auf, bei der Nacht wie am Tage wandelte er
schweigend, nur ausnahmsweise vernahm man ein dumpfes Knurren, das zu denken
gab. Er kehrte in das Leben zurck, aber die sanfteren Gefhle in ihm waren
erstorben, sein Charakter wurde menschenscheu und schwarze Hintergedanken
sammelten sich in seinem Innern, Anhnglichkeit und Berufstreue wurden vermit,
statt ihrer erwiesen sich lauernde Heimtcke und allgemeine Rachsucht. Doch Herr
Hummel beachtete diese Umwandlung nicht. Der Hund war das Opfer einer unerhrten
Bosheit, welche ihn, den Hausbesitzer, schdigen wollte, und wre er zehnmal
hlicher und menschenfeindlicher gewesen, Herr Hummel htte ihn doch zu seinem
Lieblinge gemacht. Er streichelte ihn und nahm es dem Hunde gar nicht bel, wenn
dieser zum Danke nach den Fingern seines Herrn schnappte.
    Whrend aus der neuen Brandsttte des Familienfriedens immer noch die
Flmmchen sittlicher Entrstung emporzngelten, kehrte Fritz von seiner Reise
zurck. In der ersten Stunde erzhlte ihm die Mutter alle Vorgnge der jngsten
Zeit: das Glockenspiel, die Hunde, die neue Feindschaft. Es war recht gut, da
du nicht hier warst. Hast du denn auch immer ein gutes Federbett gehabt? In den
Gasthfen sind sie jetzt mit den Decken gegen Fremde sehr rcksichtslos. Ich
hoffe, auf dem Lande, wo sie die Gnse selbst ziehen, wird mehr Einsicht gewesen
sein. Und wegen dieses neuen Zankes sprich mit dem Vater, thu, was du kannst,
da wieder Friede wird.
    Fritz hrte schweigend den Bericht der Mutter und sagte endlich begtigend:
Du weit, es ist nicht das erste Mal, es geht vorber.
    Diese Neuigkeiten trugen nicht dazu bei, den Doctor heiter zu stimmen. Er
sah aus seiner Stube bekmmert nach dem Nachbarhause und den Fenstern des
Freundes hinber. Dort wurde wohl in Kurzem ein neuer Haushalt eingerichtet;
konnte dann auch seine Freundschaft zum Professor von den Strungen betroffen
werden, welche seit alter Zeit die beiden Huser beschftigten? Er ging daran,
die Sammlungen seiner Reise zu ordnen, aber die Futapfen in der Hhle machten
ihm heut eine unbehagliche Empfindung, und beim Hufschlag des wilden Jgers
mute er an die altklugen Worte Ilse's denken: es ist Alles Aberglaube. Er
legte die Hefte zusammen, ergriff den Hut und ging grbelnd und nicht gerade
frhlich gemuthet in den Stadtpark. Und als er wenige Schritte vor sich Laura
Hummel auf demselben Wege dahinschweben sah, bog er seitwrts ab, um Niemandem
aus diesem Hause zu begegnen.
    Laura trug ein Krbchen mit Frchten zu ihrer Frau Pathe. Die alte Dame
bewohnte eine Sommerwohnung im nahen Dorfe, zu welchem ein schattiger Fuweg
durch den Park fhrte. Es war zu dieser Stunde einsam im Stadtwald, und nur die
Vgel beobachteten, wie sorglos der kleine Mund des behenden Fruleins lachte,
und wie glcklich zwei schne tiefblaue Augen in das Dickicht sphten. Aber
obgleich Laura eilte, sie hatte doch vielen Aufenthalt. Zuerst fiel ihr ein, da
die Bltter einer Blutbuche ihrem braunen Filzhtchen gut stehen wrden, sie
brach einen Zweig, nahm den Hut ab und steckte die Bltter auf, und um sich
darber zu freuen, behielt sie den Hut in der Hand und legte zum Schutz gegen
einzelne verwegene Lichtstrahlen ein Flortuch ber den Kopf. Dann bewunderte sie
das Parket von Goldgelb und Grau, welches die Sonne auf den Boden malte. Dann
lief gar ein Eichhrnchen ber den Weg, fuhr blitzschnell an einem Baum hinauf
und duckte sich in die Zweige, und Laura sah zu ihm empor und erkannte seine
reizenden Ohrbschel hinter dem Laub, und sie trumte sich selbst auf die Hhe
des Baumes mitten unter Laub und Frchte, schaukelte auf den Zweigen, schwang
sich von einem Ast auf den andern und machte zuletzt einen Spaziergang auf den
Gipfeln wie auf grnen Hgeln hoch in der Luft ber die flatternden Bltter. Als
sie dem Wasser nahekam, das auf der andern Wegseite flo, erlebte sie, da eine
groe Gesellschaft Frsche, welche am Uferrande in der Sonne sa, wie auf
Kommando mit groem Satze ins Wasser sprang, sie lief hinzu und sah mit
Erstaunen, da die Frsche im Wasser weit anders aussahen als auf dem Lande, gar
nicht wie Kltze, sondern da sie dahinfuhren wie kleine Herren mit Buchlein
und dicken Hlsen, aber langen Beinchen, welche tapfer ausgreifen. Und da ein
groer Frosch auf sie zusteuerte und seinen Kopf gegen sie aus dem Wasser hob,
fuhr sie zurck, schmte sich einen Augenblick, da sie seiner Schwimmkunst
zugesehen hatte, und lachte dann ber sich selbst. So zog sie durch den Wald,
selbst ein Sommervogel, leicht beschwingt und in Frieden mit aller Welt.
    Aber hinter ihr schritt ihr Schicksal. Speihahn nmlich hatte von seinem
gewhnlichen Platz an der steinernen Freitreppe ihr Beginnen nicht unbemerkt
gelassen. Unter den wilden Haaren, die wie ein Schnurrbart ber seine Augen
hingen, war etwas aufgedmmert, er hatte ihr nachgeschielt, sich endlich
aufgemacht und trottete jetzt schweigend hinter ihr her, ungerhrt durch
Sonnenstrahl, Fruchtkorb und das rothe Kopftuch seiner jungen Herrin. Mitten
zwischen Stadt und Dorf stieg der Weg aus dem Thalgrunde und seinen Bumen zu
einer kahlen Ebene, auf welcher die Kriegsmacht der Stadt zuweilen ihre Uebungen
hielt, in den friedlichen Stunden ein Schfer die Herde weidete: der Pfad lief
schrg ber die offene Flche dem Dorfe zu. Laura hielt auf der Hhe an und
bewunderte die fernen Wolltrger und den braunen Schfer, der mit seinem groen
Hut und Hakenstock sehr hbsch aussah. Schon war sie ber die Herde
hinausgekommen, da hrte sie hinter sich Gebell und drohendes Geschrei, sie
wandte sich um und sah die friedliche Gemeinde in wildem Aufruhr. Die Schafe
stoben auseinander, einige rannten kopflos in die Weite, andere lagen
zusammengeballt in einem Quergraben, die Schferhunde bellten, der Schfer und
sein Knabe liefen mit gehobenen Stcken um den verstrten Haufen. Aber whrend
Laura erstaunt in das Getmmel sah, wurde sie selbst davon umringt, der Schfer
und sein Junge sprangen auf sie zu, zwei groe Schferhunde folgten dem
hetzenden Zuruf, sie fhlte sich von rauher Mnnerhand angepackt, das zornige
Gesicht des Schfers und sein Hakenstock bewegten sich dicht vor ihren Augen.
Ihr Hund hat mir die Herde auseinandergejagt, ich fordere Strafe und Zahlung.
Erstarrt und leichenbla griff Laura nach ihrem Geldtschchen, kaum vermochte
sie zu bitten: ich habe ja keinen Hund, lassen Sie mich los, lieber Schfer.
Doch der Mann schttelte wild ihren Arm, zwei riesige schwarze Thiere sprangen
an ihr hinauf und schnappten nach ihrem Tuche. Es ist Ihr Hund, und ich kenne
das rothe Biest, schrie der Schfer.
    Das war kein Irrthum. Speihahn hatte nmlich ebenfalls die Schafherde
beobachtet und seinen ruchlosen Plan geschmiedet. Pltzlich war er mit heiserem
Geklff auf ein Schaf zugesprungen und hatte es heftig ins Bein gebissen. Darauf
Flucht der Herde, Zusammenstrzen des Haufens, Speihahn mitten darunter,
klffend, kratzend, beiend, dann linksab einen trockenen Graben entlang, den
Abhang zum Walde hinunter in das dichteste Gestruch. Jetzt trabte er in
Sicherheit nach Hause zurck, die Zhne fletschend, mit verworrenem Schnurrbart,
und lie sein Frulein unter der Faust des Schfers vergehen, der seinen
Hakenstock noch immer ber ihr schwenkte.
    Lassen Sie das Frulein los! rief die erzrnte Stimme eines Mannes. Fritz
Hahn sprang herzu, stie den Arm des Schfers zurck und fing Laura, der die
Sinne schwanden, in seinen Armen auf.
    Das Dazwischentreten eines Dritten zwang den Schfer zu neuer Anklage, deren
Schlu war, da er wieder in auflodernder Hitze das Mdchen anfassen wollte und
da seine Hunde gegen den Doctor heranfuhren. Aber tief emprt gebot Fritz: Sie
halten die Hunde zurck und benehmen sich manierlicher, oder ich veranlasse, da
Sie selbst bestraft werden. Hat ein fremdes Thier Ihrer Herde Schaden gethan, so
soll eine billige Entschdigung gezahlt werden, ich bin bereit, Ihnen oder dem
Besitzer der Schafherde dafr zu brgen.
    So rief er und hielt Laura fest im Arme, ihr Kopf lag auf seiner Schulter
und das rothe Tuch hing ber seine Weste bis auf das Herz hinab. Fassen Sie
sich, liebes Frulein, bat er herzlich besorgt. Laura erhob ihr Haupt, blickte
furchsam auf das Angesicht, welches sich von Menschenliebe und Mitgefhl
gerthet ber sie beugte und erkannte mit Schrecken ihre Lage. Furchtbares
Schicksal! Wieder er, zum dritten Male er, der unvermeidliche Beschtzer und
Retter! Sie entwand sich ihm und sagte mit schwacher Stimme: Ich danke Ihnen,
Herr Doctor, ich vermag allein zu gehen.
    Nein, ich verlasse Sie nicht so, rief Fritz und verhandelte mit dem
Schfer, der unterde die beiden Opfer des mrderischen Hundes herzugeholt und
als Beweise der verbten Missethat niedergelegt hatte. Fritz griff in seine
Tasche, reichte dem Schfer ein Aufgeld zu der gebotenen Entschdigung, nannte
seinen Namen und besprach mit dem Manne, der nach Anblick des Geldes ruhiger
wurde, eine Zusammenkunft.
    Bitte geben Sie mir den Arm, wandte er sich ritterlich zu Laura.
    Ich kann das nicht annehmen, erwiederte das betubte Mdchen, der groen
Feindschaft eingedenk.
    Es ist nur Menschenpflicht, begtigte Fritz, Sie sind zu angegriffen, um
allein zu gehen.
    Dann bitte ich Sie, mich zu meiner Frau Pathe zu geleiten, es ist am
nchsten dorthin.
    Fritz nahm ihr das Krbchen ab und las die herausgefallenen Frchte
zusammen, darauf fhrte er sie dem Dorfe zu. Vor dem Manne htte ich mich nicht
so sehr gefrchtet, klagte Laura, aber die schwarzen Thiere waren so
furchtbar. Dabei hielt sie ihren Arm schwebend in dem seinen, denn jetzt, wo
der Schrecken verflog, fhlte sie das Peinliche ihrer Lage, ach, mit
Gewissensbissen! Denn sie hatte erst heute frh die Reisetoilette des
heimkehrenden Doctors unausstehlich gefunden. Nun war allerdings Fritz kein
Mann, dessen Unausstehlichkeit lange vorhielt. Er war voll Zartgefhl und Sorge
um sie, strebte ihr jede Unebenheit des Weges zu ersparen, streckte im Gehen
seinen Fu aus und stie kleine Steine weg. Er begann ein gleichgltiges
Gesprch ber die Frau Pathe, wobei sie erzhlen mute und auf andere Gedanken
kommen konnte. Darber ergab sich, da er selbst die Pathe recht hochschtzte,
ja, sie hatte ihm einst, als er noch Schulknabe war, einen Kirschkuchen
geschenkt und er dafr an ihrem Geburtstage ein Gedicht verfertigt. Ueber das
Wort Gedicht erstaunte Laura. Also dort drben konnte man das auch? Allein der
Doctor sprach sehr rcksichtslos von den erhebenden Schpfungen glcklicher
Stunden. Und als sie ihn frug: Sie haben auch gedichtet? und er lachend
erwiederte: nur fr's Haus, wie Jedermann, da fhlte sie sich durch seine
kalte Nichtachtung der Poesie recht gedrckt. Es war jedenfalls ein Unterschied
zwischen Vers und Vers, bei Hahns thaten sie das um Kirschkuchen. Aber gleich
darauf tadelte sie sich wegen unziemlicher Gedanken gegen ihren Wohlthter. Und
sie wandte sich freundlich zu ihm und sprach von ihrer Freude ber das heutige
Eichhorn im Walde. Denn sie hatte frher einmal ein solches Thier von einem
Straenjungen gekauft und ins Freie gesetzt, das Thierchen war zweimal vom Baume
wieder auf ihre Schultern gesprungen, sie war endlich mit Thrnen weggelaufen,
damit das Kleine in seinem Walde bleiben msse. Und wenn sie jetzt ein Eichhorn
sehe, sei ihr immer, als gehre es ihr zu, und sie tuschte sich gewi, aber die
Eichhrner schienen ihr dieselbe Ansicht zu hegen. Diese Geschichte fhrte zu
der merkwrdigen Entdeckung, da der Doctor ganz hnliche Erlebnisse mit einer
kleinen Eule gehabt hatte, er machte der Eule nach, wie sie immer mit dem Kopfe
nickte, wenn er ihr das Fressen brachte, und dabei sahen seine Brillenglser
ganz wie Eulenaugen aus, und Laura konnte das Lachen nicht verbergen.
    In diesem Gesprch kamen sie vor der Thr der Pathe an, Fritz entlie
Laura's Arm und wollte sich verabschieden, sie blieb an der Thrschwelle stehen,
die Hand am Griffe, und sagte verlegen: Wollen Sie nicht wenigstens einen
Augenblick hereinkommen, da Sie die Frau Pathe kennen? - Mit Vergngen,
erwiederte der Doctor.
    Die Pathe sa in ihrer Sommerwohnung, welche etwas kleiner, feuchter und
ungemthlicher war als ihr Quartier in der Stadt. Als aber die Kinder der
feindlichen Huser miteinander eintraten, erst Laura, immer noch bleich und
feierlich, und hinter ihr der Doctor, ebenfalls mit sehr ernsthaftem Gesicht, da
erstaunte die gute Dame so, da sie starr auf dem Sopha sitzen blieb und nur die
Worte herausbrachte: Was mu ich erblicken! Ist das mglich, ihr Kinder bei
einander? Dieser Ausruf lste den Zauber, welcher die jungen Seelen fr einen
Augenblick zusammenband. Laura ging erkltet auf die Pathe zu und erzhlte, da
der Herr Doctor zufllig bei ihrem Unfall herbeigekommen; der Doctor aber
erklrte, da er nur das Frulein ihr sicher habe bergeben wollen; dann
erkundigte er sich nach dem Befinden der Pathe und nahm seinen Abschied.
    Whrend die Pathe strkende Mittel herbeiholte und beschlo, da Laura unter
dem Schutze des Dienstmdchens auf einem anderen Wege heimkehren solle, ging der
Doctor mit leichten Schritten nach dem Walde zurck. Seine Stimmung war gnzlich
verwandelt, hufig flog ihm ein Lcheln ber das Antlitz. Immer wieder mute er
daran zurckdenken, wie fest ihm das Mdchen in dem Arm lag. Er hatte ihre Brust
an der seinen gefhlt, ihr Haar hatte seine Wange berhrt und er hatte auf den
weien Nacken und die Bste herabgesehen. Der wackere Junge errthete bei dem
Gedanken und beschleunigte seinen Marsch. Darin wenigstens hatte der Professor
nicht Unrecht, ein Weib war immerhin noch etwas Anderes als die Summe der
Gedanken, welche man ber Menschenleben und Weltgeschichte aus ihr zu entwickeln
vermochte. Dem Doctor schien allerdings, als ob etwas sehr Anziehendes in
wallenden Locken, rothen Bckchen und einem hbschen Halse liege. Er gab zu, da
diese Entdeckung nicht neu war, aber ihren Werth hatte er bis dahin noch nicht
mit solcher Deutlichkeit gefhlt. Und es war so rhrend gewesen, wie sie aus der
Betubung zu sich kam, die Augen aufschlug und sich schamhaft aus seinen Armen
lste. Auch da er sie trotzig vertheidigt hatte, erfllte ihn jetzt mit
heiterem Stolze, er blieb auf dem Schlachtfelde stehen und lachte recht herzlich
vor sich hin. Dann ging er in demselben Wege, den Laura aus dem Walde gekommen
war, er sah auf den Boden, als wenn er die Spuren ihrer kleinen Fe auf dem
Kies zu erkennen vermchte und er fhlte Glanz und Wrme der Luft, den Lockruf
der Vgel, das Flattern der Libellen mit ebenso beflgeltem Muth wie kurz vorher
seine hbsche Nachbarin. Dabei summte ihm die Erinnerung an den Freund durch den
Kopf, behaglich dachte er auch an die Regungen dieses Gemthes und an die
Erschtterungen, welche Thusnelda darin hervorgebracht. Es hatte dem Professor
nrrisch gestanden, sein Freund war in dem Pathos der aufgehenden Leidenschaft
sehr komisch gewesen. Solch schwerflssiges ernsthaftes Wesen stach seltsam ab
gegen die neckischen Angriffe, welche der Zufall auf das Leben der Erdgeborenen
macht. Und als auf dem letzten Busch eine von den kleinen Heuschrecken rasselte,
deren Geschwirr er in sorgenvoller Zeit oft gehrt hatte, sagte er lustig vor
sich hin: auch die mu noch dabei sein, erst die Schafe, dann die Grillen. Und
er begann halblaut ein gewisses altes Lied, worin die Grillen aufgefordert
wurden, dahinzufahren und sein Gemth nicht weiter zu belstigen. So kam er von
seinem Spaziergange in recht leichter, weltmnnischer Stimmung nach Hause.
    Heinrich, begann Frau Hummel am Nachmittage feierlich zu ihrem Gatten,
mache dich gefat auf eine fatale Geschichte, ich beschwre dich, bleibe ruhig
und vermeide eine Scene, mhe dich, deinen Widerwillen zu bezhmen, und vor
allem, achte auch unsere Gefhle. Und sie erzhlte ihm das Unglck.
    Was den Hund betrifft, versetzte Hummel nachdrcklich, so ist durchaus
noch nicht bewiesen, da es unser Hund war. Das Zeugni des Schfers gengt mir
nicht, ich kenne dieses Subject, ich verlange einen unbescholtenen Zeugen. Es
laufen jetzt so viele fremde Hunde um die Stadt, da die allgemeine Sicherheit
darunter leidet, und ich habe schon oft gesagt, es ist eine Schande fr unsere
Polizei. Sollte es aber doch unser Hund gewesen sein, so kann ich kein
besonderes Unrecht darin finden. Wenn das Schaf ihm ein Bein hinstreckt und er
ein wenig daran zwickt, so ist das seine Sache und gar nichts dagegen zu sagen.
Was ferner den Schfer betrifft, ich kenne seinen Herrn, so ist das meine Sache.
Was endlich den jungen Mann da drben betrifft, so ist das eure Sache. Ich habe
nicht den Willen, das Unrecht seiner Eltern an ihm heimzusuchen, aber ich will
mit den Leuten nichts zu thun haben.
    Ich mache dich aufmerksam, Hummel, warf die Gattin ein, da der Doctor
dem Schfer bereits Geld gegeben hat.
    Geld fr mein Kind, das leide ich nicht, rief Hummel, wieviel war's?
    Aber Vater -, bat Laura. - Wie kannst du verlangen, rief Frau Hummel
vorwurfsvoll, da deine Tochter in Todesgefahr die Groschen zhlt, welche ihr
Retter auslegt.
    So seid ihr Weiber, grollte der Hausherr, fr Geschfte fehlt der Sinn.
Konntest du ihn nicht nachtrglich fragen? Den Schfer nehme ich auf mich, der
Doctor kmmert mich nicht. Nur das sage ich euch, die Sache wird kurz abgemacht,
und im brigen bleibt's bei unserm Verhltni zu diesem Hause. Ich fordere mir
glattes Geschft, und ich will diese Hhne nicht gren.
    Nach diesem Entscheid berlie er die Frauenstube ihren Gefhlen. Der Vater
hat Recht, begann Frau Hummel, da er uns die Hauptsache anvertraut. Seinem
strengen Sinne wrde der Dank zu schwer ankommen.
    Mutter, bat Laura, du bist geschickt in Artigkeiten, knntest du nicht
hinbergehen?
    Mein Kind, erwiederte Frau Hummel sich ruspernd, das ist nicht leicht.
Dieser unglckliche Vorfall mit den Hunden hat uns Frauen zu sehr
auseinandergebracht. Nein, da du die Hauptperson bei dem heutigen Vorfalle bist,
mut du selbst hinbergehen.
    Ich kann doch nicht den Doctor besuchen, rief Laura erschrocken.
    Das ist gar nicht nthig, begtigte Frau Hummel. Den einzigen Vortheil
hat diese Nachbarschaft, da wir von unserem Fenster sehen, wenn die Mnner
ausgehen. Dann springst du zu der Mutter hinber und richtest an sie noch einmal
deinen Dank fr den Sohn. Du bist mein kluges Kind und wirst dir zu helfen
wissen.
    Darauf sa Laura am Fenster, ohne Freude sah sie sich zur Wchterin der
Nachbarn gesetzt, und recht widerwrtig erschien ihr das Auflauern. Endlich trat
der Doctor auf die Thrschwelle. Sein Aussehen war wie gewhnlich, gar nichts
Ritterliches darin zu erkennen, die Gestalt war zart und der Wuchs regelmig,
Laura liebte das Hohe; er hatte geistvolle Zge, aber sie wurden versteckt durch
die groe Brille, welche ihm einen recht pedantischen Ausdruck gab; wenn er
einmal lachte, wurde sein Gesicht recht hbsch, aber sein gewhnlicher Ernst
kleidete ihn gar nicht. Fritz verschwand um die Ecke, und Laura setzte mit
schwerem Herzen ihr Htchen auf und ging in das feindliche Haus, dessen Rume
sie noch niemals betreten hatte. Dorchen, die nicht im Geheimni war, blickte
den Besuch erstaunt an, brachte ihn aber scharfsinnig mit der Rckkehr des
Doctors in Verbindung und verkndete aus freien Stcken, von den Herren sei
Niemand zu Hause, Frau Hahn aber im Garten.
    Frau Hahn sa im chinesischen Tempel. Verlegen standen die beiden Frauen
einander gegenber, beide dachten zugleich an ihr letztes Gesprch, und beiden
war die Erinnerung peinlich. Aber bei Frau Hahn berwog sogleich der menschliche
Schauder vor der Gefahr, welche Laura umzingelt hatte. Ach, Sie armes
Frulein, begann sie. Und whrend sie von Mitleid aufwallte, fhlte sie, da
der chinesische Bau fr diesen Besuch kein geeigneter Ort sei, sie steuerte
zartfhlend davon ab und lud auf die kleine Bank vor der weien Muse. Das war
der glcklichste Platz des Hauses, hier lachte der Orangenbaum seine Kuferin
an, und Laura vermochte sich in dankbare Stimmung zu versetzen. Sie sagte der
Nachbarin, wie sehr sich sie dem Herrn Doctor verpflichtet fhle, und da sie
die Mutter bitte, dem Sohne dies zu sagen, weil sie selbst in der Verwirrung
diese Pflicht nicht gebhrend erfllt habe. Dazu fgte sie das Geschftliche
wegen des bsen Schfers. Der Dank vergngte die gute Frau Hahn, und mtterlich
bat sie Laura, ihren Hut ein wenig abzunehmen, weil es im Garten noch warm sei.
Laura aber nahm den Hut nicht ab. Sie sprach schickliche Freude aus, wie hbsch
der Garten blhe, und hrte mit Befriedigung, da das Prachtstck im Topfe dem
Herrn Hahn von einem Unbekannten geschenkt sei, auch die Frchte seien s, denn
Herr Hahn habe die Rckkehr seines Sohnes durch ein knstliches Getrnk gefeiert
und dazu die erste Frucht des kleinen Baumes genommen.
    Es war bei alledem ein diplomatischer Besuch, er wurde nicht ber die
nothwendige Zeit ausgedehnt, und Laura war froh, als sie beim Abschied
Empfehlung und Dank an den Herrn Doctor wiederholt hatte.
    Auch in den stillen Aufzeichnungen Laura's wurde die Begebenheit des Tages
sehr kurz abgefertigt. Sogar eine angefangene Betrachtung ber das Glck
einsamer Waldbewohner blieb unvollendet. Wie, Laura? Du schreibst ja Alles
nieder; wenn ein Holzwurm tickt, oder ein Sperling in dein Fenster schreit,
hpfen dir einige Versfe auf. Hier wre ein Erlebni, gewaltig fr dein junges
Leben: Gefahr, Bewutlosigkeit, Arme eines Fremden, der trotz seinem gelehrten
Aussehen doch ein hbscher Knabe ist. Jetzt wre Zeit zu schildern und zu
schwrmen. Eigensinniges Kind, warum liegt das Abenteuer als totes Gestein in
der phantastischen Landschaft, welche dich umgibt? Geht dir's wie dem Reisenden,
der mde auf die Alpengegend zu seinen Fen blickt und sich wundert, da die
fremdartige Natur ihn so wenig ergreift, bis allmhlich, vielleicht nach Jahren,
die Bilder ihn im Traum und Wachen verfolgen und von neuem in die Berge ziehen?
Oder hat die Nhe des argen Wichtes, der die Missethat verbt, auch dir die
freien Schwingen gelhmt?
    Da liegt er vor deiner Thrschwelle, roth und ruppig, und leckt seinen
Schnurrbart!

                                      12.

                                        

                             Der Abschied vom Gute.


Der Herbst war gekommen, auf den Hgeln des Gutes trugen die Bume ihr buntes
Trauerkleid; zwischen den Stoppeln hing weies Gespinst und die Tautropfen lagen
darauf, bis der Wind das Gewebe zerri und aus Flur und Thal entfhrte in die
blaue Ferne. Auf dem Gute aber gingen Hand in Hand zwei Glckliche. In diesem
Jahr war der Bltterfall dem Professor gar nicht empfindlich, denn in seinem
eigenen Leben hatte ein neuer Frhling begonnen, und die Seligkeit dieser Tage
war auf sein Antlitz in einer Schrift geschrieben, da auch der Ungelehrteste zu
lesen vermochte.
    Ilse war Braut. Demthig trug sie die unsichtbare Krone, welche nach der
Meinung des Hauses und der Nachbarschaft jetzt auf ihrem Haupte sa. Immer noch
hatte sie Stunden, wo sie an das Glck kaum glauben konnte. Wenn sie sich frh
vom Lager erhob und das Schleifen der ausziehenden Pflge hrte, oder wenn sie
im Keller stand und die Milcheimer klapperten, war ihr die Zukunft wie ein
Traum. Aber am Abend, wenn sie neben dem geliebten Mann in der Laube sa, seinen
Worten lauschte und die Rede ber Groes und Kleines dahinflog, dann fate sie
ihn leise am Arm und versicherte sich, da er ihr gehrte, und da sie selbst
fortan in der Welt leben sollte, in welcher sein Geist heimisch war.
    Noch vor dem Winter, ehe die Vorlesungen der Universitt begannen, sollte
die Hochzeit sein. Denn der Professor hatte flehentlich gegen langen Brautstand
Verwahrung eingelegt, und der Landwirth gab ihm Recht. Gern htte ich Ilse ber
den Winter behalten, denn Clara mu einen Theil ihrer Arbeit bernehmen, und dem
Kinde wre die Anweisung der Schwester sehr nthig. Aber fr euch ist es anders
besser. Sie, mein Sohn, haben sich meine Tochter nach kurzer Bekanntschaft
gefordert, je eher sich Ilse an Ihr Stadtleben gewhnt, desto besser wird es fr
Sie beide sein; und ich meine, im Winter wird ihr das leichter werden.
    Es war eine Zeit seliger Unruhe, und es war gut, da die verstndige Sorge
um den neuen Haushalt die hohe Empfindung der Verlobten ein wenig zu irdischen
Dingen hinabzwang.
    Der Professor reiste noch einmal nach der Universittsstadt. Sein erster
Gang war zum Freund. Wnsche mir Glck, rief er, vertraue ihr und mir. Der
Doctor fiel ihm um den Hals und ging ihm in den Tagen seines Aufenthalt nicht
von der Seite, er begleitete ihn bei allen Einkufen und berlegte mit ihm die
Eintheilung der Zimmer. Gabriel, dem der Besuch des Landwirths ein Vorgefhl
kommender Ereignisse gegeben hatte, und dem um die eigene Unentbehrlichkeit
bange geworden war, fhlte sich stolz, weil der Professor ihm sagte: Wir
bleiben die Alten, thun Sie, was in Ihren Krften steht, sich meiner Frau
ntzlich zu machen. Dann kam Herr Hummel, stattete im Namen der Familie seinen
Glckwunsch ab und erbot sich aus freien Stcken, noch zwei Zimmer seines
Hauses, die er entbehren konnte, dem Professor zu berlassen. Aber unruhiger als
alle Andern erwartete Laura die neue Hausgenossin. Und sie brach in die
schriftlichen Worte aus: Wie wird sie sein, erhaben oder niedlich? voll
strenger Wrde oder lachend friedlich? mir pocht das Herz, und die Gedanken
fliegen! wird liebevolles Ahnen mich betrgen? Und als der Professor sie und
ihre Mutter bat, seiner knftigen Frau entgegenzukommen und bei der Einrichtung
zu helfen, und als er gegen Laura hinzusetzte, er hoffe auf ein gutes Verhltni
zwischen ihr und seiner Braut, da ahnte er gar nicht, wieviel Glck er in ein
junges Herz senkte, welches das unruhige Bedrfni hatte, sich hingebend
anzuschlieen. Die unsichern Angaben, welche er ber das Wesen seiner Verlobten
machte, hllten die Gestalt immer noch in Nebel, aber sie wurden doch fr Laura
ein Rahmen, in welchen sie tglich neue Gesichter und Stellungen
hineinzeichnete.
    Unterde saen in den Nebenrumen des alten Hauses die Frauen emsig um
Truhen und Leinwand beschftigt. Clara war durch den Brautstand der Schwester
auf einmal zum erwachsenen Mdchen geworden, sie half und gab guten Rath und
erwies sich in Allem brauchbar und verstndig. Und Ilse rhmte das am Abend
gegen den Vater und darauf schlang sie die Arme um seinen Hals und brach in
heie Thrnen aus. Dem Vater zuckte der Mund, er antwortete nicht, aber er
hielte die Tochter mit beiden Hnden fest an seinem Herzen. Auch fr diese
Trennung traf es sich gnstig, da die letzten Wochen vor dem Abschied bervoll
von Arbeit und Zerstreuung waren. In der Wirthschaft gab es noch viel zu
schaffen, und der Vater erlie den Verlobten keinen Besuch bei seinen Bekannten
in der Nachbarschaft.
    Zu den nchsten gehrte die Familie Rollmaus. Ilse hatte ihre Verlobung der
Frau Oberamtmann in besonderm Briefe angezeigt. Darber war groe Erregung
entstanden. Die Frau Oberamtmann triumphirte. Rollmaus aber lie sich sofort das
Pferd satteln und kam nach Bielstein geritten, jedoch nicht vor das Haus, er
frug am Hofthor nach dem Gutsherrn und ritt zu diesem auf das Feld. Dort nahm er
den Landwirth bei Seite und begann seinen Glckwunsch mit der kurzen Frage: Was
hat er? Diese Frage konnte durch Zahlen beantwortet werden, und die Antwort
beruhigte ihn einigermaen. Denn er wandte sein Pferd kurz um, trabte vor das
Haus und brachte der Braut und dem Professor, den er jetzt als ebenbrtig ansah,
seinen Glckwunsch dar. Und diesmal wiederholte er dringend seine Einladung.
Nach der Rckkehr sagte er seiner Frau: Ich htte der Ilse eine bessere Partie
gewnscht, inde der Mann ist nicht ganz bel, freilich auf einem groen Gute
mte er sich mhsam durchschlagen.
    Rollmaus, erwiederte die Frau, ich hoffe, du wirst dich bei dieser
Gelegenheit decent beweisen.
    Wie so? frug der Oberamtmann.
    Du mut beim Essen die Gesundheit des Brautpaars ausbringen.
    Der Gatte brummte. Jedoch ohne unntzes Zeug, wie Redensarten und
Steckenbleiben. Ich kenne das, darauf lasse ich mich nicht ein.
    Die Redensarten mssen die Voraussetzung sein, rief die Oberamtmann. Und
wenn du nicht willst, so werde ich selbst besorgen, was vorgesetzt werden mu,
und du sprichst die Gesundheit.
    Das Haus Rollmaus hatte fr den Brautbesuch sein feinstes Tischzeug
aufgedeckt, und die Frau Oberamtmann erwies nicht nur ein gutes Herz, auch gute
Kche. Sie schlug beim Braten an das Glas und begann aufgeregt: Liebe Ilse, da
Rollmaus in seiner Gesundheit das Kurze und Drakonische uern wird, so will ich
nur vorher erwhnen, da wir Ihnen aus einem ehrlichen Herzen Glck wnschen als
alte Freunde Ihrer Eltern, und da wir immer gute Nachbarschaft miteinander
gehalten haben, in allem Unglck, und wenn ein angenehmer Zuwachs zur Familie
kam, und ebenso durch Aushilfe in der Wirtschaft. Es ist uns sehr wehmthig, da
Sie aus dieser Gegend ziehen, obgleich wir uns freuen, da Sie in eine Stadt
kommen, wo man das Geistige zu schtzen wei, und was ein hheres Streben
genannt wird. Ich will nicht volumins werden, weshalb wir Sie beide bitten,
auch in treuer Freundschaft an uns zu denken. Sie fuhr mit dem Tuche nach den
Augen und Rollmaus fate die Familiengefhle krftig in den vier Worten
zusammen: Das Brautpaar soll leben. Beim Abschied weinte die Frau Oberamtmann
ein wenig und bat den Hausherrn zu erlauben, da sie doch zur Trauung kommen
drfe, wenn auch die Hochzeit ohne Gste sei.
    Und noch eine Strung brach herein. Der Landwirth hatte um die Ehre gebeten
und sie war ihm gewhrt: auf dem Wege zum Jagdschlo wollte der Frst anhalten
und im alten Hause das Frhstck einnehmen.
    Es ist gut, Ilse, da du noch bei uns bist, sagte der Landwirth.
    Aber man wei ja gar nicht, wie so ein Herr das gewhnt ist, wandte Ilse
zwischen Freude und Sorge ein.
    Er bringt doch einen seiner Kche mit, der in der Oberfrsterei das
Jagdessen zurichtet, der mag helfen; sorge nur dafr, da er etwas in der Kche
findet.
    Am Tage der emsigen Vorbereitung saen die Kinder, die Mamsell und
Arbeiterinnen zwischen Hgeln von Waldzweigen und Herbstblumen und wanden Krnze
und Festgehnge. Verschont nichts, befahl Ilse dem alten Grtner, er ist
unser lieber Landesvater, wir Kleinen bringen ihm unsere Blumen als Steuer dar.
Und Hans verfertigte mit Hilfe des Professors aus Georginen riesige Kokarden und
Namenszge.
    Schon am Abend vor der Jagd hielten der Fourier und der Mundkoch ihren
Einzug. Der Fourier bat, die Tafel im Garten zu decken, dem Frsten folge die
nthige Dienerschaft, bei der brigen Aufwartung knnten die schmucken
Hausmdchen helfen, dem Herrn sei das Lndliche gerade recht. Am Morgen der Jagd
ritt der Landwirth in seinem besten Staat nach Rossau hinab, den Frsten zu
empfangen; die Kinder drngten sich um die Fenster der obern Stuben und sphten
wie Wegelagerer nach der Landstrae. Kurz vor Mittag kamen die Wagen den Berg
herauf und fuhren an der alten Hausthr vor, der Landwirth und der Oberfrster,
welche zu beiden Seiten des frstlichen Wagens ritten, sprangen von den Pferden.
Der Frst stieg mit seinen Begleitern aus und betrat grend die Schwelle. Ein
Herr in hherem Mannesalter von miger Gre, einem schmalen feinen Gesicht,
dem man noch glaubte, da er in seiner Jugend den Ruf eines schnen Mannes
gehabt hatte, mit zwei klugen Augen, deren Umgebung nur durch zu viele kleine
Falten verknittert war. Ilse trat in den Hausflur, der Landwirth stellte in
seiner einfachen Weise die Tochter vor, der Herr begrte Ilse huldreich mit
einigen Worten und gnnte dem Professor, der ihm als Brutigam der Tochter
genannt wurde, einen Blick und eine Frage, worauf der Professor vom
Oberjgermeisteraufgefordert wurde, am Frhstck Theil zu nehmen. Dann schritt
der Frst sogleich in den Garten, rhmte das Haus und die Landschaft und
erinnerte sich, da er zum ersten Mal als vierzehnjhriger Knabe mit seinem
Vater diese Gegend besucht habe.
    Das Frhstck verlief auf's Beste, der Frst that dem Landwirth wohlthuende
Fragen, welche sein Interesse an den Zustnden der Landschaft erwiesen. Als er
sich vom Tisch erhoben hatte, trat er an den Professor und frug nach
Einzelheiten der Universitt, er kannte den Namen des einen und anderen
Collegen. Durch die sichern Antworten und die gute Haltung des Gelehrten wurde
er veranlat, das Gesprch zu verlngern. Er erzhlte, da er selbst ein wenig
Sammler sei, antike Mnzen und Grberfunde aus Italien mitgebracht habe, und da
ihm die Vermehrung seiner Sammlungen viele Freude gemacht. Und ihm war angenehm,
da der Professor bereits von einigem Bedeutenden darin wute.
    Als nun der Frst mit einer Wendung zum Schlusse den Gelehrten frug, ob er
in dieser Gegend heimisch sei, und Felix antwortete, da ein Zufall ihn hierher
gefhrt, da flog dem Gelehrten pltzlich der Gedanke durch das Haupt, da hier
eine Gelegenheit sei, die wohl so nicht wiederkehren werde, die hchste Gewalt
des Landes mit dem Schicksale der verlorenen Handschrift bekannt zu machen,
vielleicht Frderung fr weitere Nachforschungen in der Residenz zu gewinnen. Er
begann seinen Bericht. Der Frst hrte mit sichtlicher Spannung zu, fhrte ihn
whrend angelegener Querfragen weiter von der Gesellschaft ab und war so ganz
bei der Sache, da er darber, wie es schien, die Jagd verga. Der
Oberjgermeister wenigstens sah oft nach der Uhr und sagte dem Gutsherrn
Verbindliches ber das Interesse, welches der Herr an seinem Schwiegersohn
nehme. Endlich schlo der Frst die Unterhaltung: Ich danke Ihnen fr Ihre
Mittheilung, ich wrdige das Vertrauen, welches Sie mir damit erweisen, kann ich
Ihnen darin selbst ntzlich sein, so wenden Sie sich direkt an mich, fhrt Sie
der Weg einmal in meine Nhe, so lassen Sie mich das wissen, ich werde mich
freuen, Sie wieder zu sehen.
    Als der Frst durch den Hausflur nach dem Wagen schritt, blieb er einen
Augenblick stehen und sah sich um, der Oberjgermeister gab dem Landwirth
schnell einen Wink, Ilse wurde gerufen und verneigte sich wieder und der Frst
dankte ihr in Krze fr die gastliche Aufnahme. Ehe die Wagen zwischen den
Hofgebuden verschwanden, sah der Frst sich noch einmal nach dem Hause um. Auch
diese Artigkeit fiel auf fruchtbaren Boden. Ganz umgedreht hat er sich und ganz
eigen darauf gesehen, erzhlte die Taglhnerfrau, die sich mit Arbeitern bei
dem Laubgewinde an der Scheuer aufgepflanzt hatte. Alles war zufrieden und
freute sich der Huld, welche mit gutem Anstand erwiesen und empfangen war. Ilse
rhmte die Leute des Frsten, die ihr Alles so bequem gemacht, dem Professor
hatten die gescheidten Fragen des Herrn sehr wohl gefallen, und als der
Landwirth am spten Abend zurckkehrte, erzhlte auch er, wie gut die Jagd
verlaufen, und da der Frst ihm noch Freundliches gesagt und vor allen Leuten
zu seinem Schwiegersohn Glck gewnscht habe.
    Der letzte Tag kam, den die Jungfrau im Hause des Vaters verlebte. Sie ging
mit Schwester Clara hinab in das Dorf, sie stand am Fenster des armen Lazarus,
sie kehrte in jedem Hause ein und bergab die Armen und Kranken der Schwester.
Dann sa sie lange bei dem Herrn Pfarrer in der Studierstube, der alte Mann
hielt sein liebes Kind an den Hnden fest und wollte sie nicht fortlassen. Bei
der Trennung schenkte er ihr die alte Bibel, in welcher seine Frau gelesen
hatte. Ich wollte sie mit mir nehmen in die letzte Behausung, sagte er, aber
sie ist besser aufgehoben in Ihren Hnden. Als Ilse zurckkam, setzte sie sich
in ihrer Stube nieder, und die Mgde und Arbeiterinnen des Gutes traten eine
nach der andern ein, von jeder nahm sie unter vier Augen Abschied, sie sprach
noch einmal ber das, was jeder auf dem Herzen lag, gab Trost und guten Rat, ein
kleines Andenken aus ihrer Habe und zuletzt einen guten Spruch, wie er auf das
Leben pate. Am Abend sa sie zwischen dem Vater und dem geliebten Mann, der
Lehrer hatte den Kindern einige Verse eingelernt, Clara brachte den Brautkranz
und der kleine Bruder erschien als Genius, aber als der Genius seinen Spruch
sagen sollte, fing er an zu schluchzen, verbarg seinen Kopf in Ilse's Scho und
war gar nicht wieder zu beruhigen.
    Zur Gutenachtzeit, als sich Alles entfernt hatte, sa Ilse noch einmal auf
ihrem Stuhl in der Wohnstube, und als der Vater aufbrach, reichte sie ihm den
Leuchter. Der Vater setzte ihn wieder hin und ging auf und ab, ohne zu sprechen.
Endlich begann er: Deine Stube bleibt fr dich unverndert, und wenn du zu uns
zurckkehrst, sollst du Alles so finden, wie du es verlassen. Dem Gute bist du
nicht zu ersetzen, nicht den Geschwistern, auch nicht deinem Vater. Ich gebe
dich hin mit Schmerzen in ein Leben, das uns beiden unbekannt ist. Gute Nacht,
mein braves Kind, des Himmels Segen ber dich. Gott behte dir dein ehrliches
Herz. Sei tapfer, Ilse, das Leben ist schwer. Er zog sie an sich und sie weinte
still an seinem Herzen.
    Die Morgensonne des nchsten Tages schien durch die Fenster der alten
Holzkirche auf die Sttte vor dem Altar. Wieder umsumte sie Ilse's Haupt wie
mit berirdischem Glanz und verklrte das glckliche Antlitz des Mannes, in
dessen Hand der alte Pfarrer die Hand seines Lieblings legte. Die Kinder des
Hauses und die Arbeiterinnen des Gutes streuten Blumen. Ueber den letzten
Schmuck des Gartens schritt Ilse mit Kranz und Schleier, das Auge zur Hhe
gerichtet. Aus den Armen des Vaters und der Geschwister, unter den lauten
Segenswnschen der Frau Oberamtmann und dem leisen Gebet des alten Pfarrers hob
der Gatte sie in den Wagen. Noch ein Hoch der Gutsleute, noch ein Blick nach dem
Vaterhause, und Ilse fate die Hand des Gatten und hielt sich an ihm fest.

                                  Zweites Buch



                                       1.

                                        

                          Die ersten Grsse der Stadt.

Im Stadtwald fiel das Laub vor die Fe der Spaziergnger. Ilse stand am Fenster
und dachte an die Heimat. Die Krnze ber der Thr waren verwelkt, Linnen und
Kleider lagen eingestaut in den Schrnken, das eigene Leben rann so still, und
drauen das fremde rauschte so berlaut. Im Nebenzimmer sa der Gatte ber
seiner Arbeit; nur das Knittern der Bltter, welche er umschlug, drang durch die
Thr und dazwischen aus der nahen Kche ein Klappern der Teller. Sehr schn war
die Wohnung, aber enge eingehegt, zur Seite die schmale Strae; dahinter das
Nachbarhaus mit vielen neugierigen Fenstern; auch nach dem Walde der Horizont
verbaut durch graue Stmme und ragende Aeste. Und aus der Ferne tnte vom Morgen
bis zum Abend das Summen, Rasseln und Rufen der thtigen Stadt in das Ohr, von
der Hhe die Klnge eines Flgels, vom Brgersteig ohne Aufhren die Tritte der
Vorbergehenden, Wagen rollten heran, laute Stimmen zankten. Und wie lange man
aus dem Fenster schaute, immer neue Menschen und unbekannte Gesichter, viele
schne Herrschaften und wieder sehr rmliche Leute. Ilse dachte bei jedem
Vorbergehenden, der einen modischen Rock trug, wie vornehm er sein msse, und
bei jedem drftigen Anzug, wie hart den Armen hier das Leben drcke. Alle aber
waren ihr fremd, die sie reden hrte, auch die nahe bei ihr wohnten und von
allen Ecken auf ihr eigenes Treiben sehen konnten, hatten wenig mit ihr zu
schaffen, und wenn sie nach Einzelnen frug, wuten ihre Hausgenossen nur
sprliche Nachricht zu geben. Alles fremd und kalt und in endlosem Getmmel!
Ilse stand in ihrer Wohnung wie auf einem winzigen Eiland in sturmbewegtem Meere
und ihr wurde bange vor dem fremden Leben.
    Aber die Stadt, wie riesenhaft und toblustig sie sich gegen Ilse geberdete,
war im Grunde ein freundliches Ungethm, ja sie hegte vielleicht vor andern eine
stille Neigung zu poetischen Gefhlen und zu heimlicher Artigkeit. Zwar hatte
ein gestrenger Stadtrath den Brauch aufgegeben, ansehnlichen Fremden den
Willkommen mit Wein und Fischen zu berreichen, aber er sandte doch den ersten
Morgengru durch seine geflgelten Schtzlinge, ber welche sich schon Ilse's
Vater gefreut hatte. Die Tauben flogen um Ilse's Fenster, saen gedrngt vor den
Scheiben und pickten an das Holz, bis Ilse ihnen Futter hinausstreute. Und
Gabriel, der das Frhstck abrumte, konnte nicht umhin, sich selbst zu loben:
Ich habe sie seit einigen Wochen an diesem Fenster gefttert, weil ich mir
dachte, da sie Ihnen recht sein wrden. Und als Ilse ihn dankbar ansah,
gestand er offenherzig: Denn ich bin auch vom Dorfe, und weil ich zuerst in die
Kaserne kam, habe ich auch mein erstes Commisbrot mit einem fremden Pudel
aufgegessen.
    Aber die Stadt sorgte noch durch andere Vgel dafr, da die Frau vom Lande
heimisch wurde. Gleich am ersten Tage, wo Ilse allein ausging - es war ein
schwerer Gang, denn sie konnte sich mit Mhe enthalten, vor den Schaufenstern
stehen zu bleiben, und sie errthete, sooft die Leute dreist in ihr Gesicht
sahen -, gleich damals hatte sie vor einer Conditorei arme Kinder getroffen,
welche begehrlich durch die Fensterscheiben auf das Backwerk starrten; die
sehnsuchtsvollen Blicke hatten sie gerhrt, sie war hineingetreten und hatte
Kuchen unter sie vertheilt. Seitdem machte sich's, da jeden Mittag leise an
Ilse's Klingel gezogen wurde und kleine Jungen mit zerrissenen Hschen leere
Tpfe darboten und gefllte heimtrugen, zum Aerger des Herrn Hummel, der ein
solches Anlocken von Spitzbuben nicht loben konnte.
    Als Ilse am Abend ihrer Ankunft von dem Gatten in ihr Zimmer gefhrt wurde,
fand sie ber den Tisch eine schne Decke gebreitet, ein Meisterstck
sorgfltiger Frauenarbeit, daran einen Zettel mit dem Wort: Willkommen.
Gabriel bekannte, da Frulein Laura dies Geschenk aufgelegt habe. Deshalb wurde
am nchsten Morgen der erste Besuch im Unterstock gemacht. Als Ilse in das
Wohnzimmer der Familie Hummel trat, sprang Laura errthend auf und stand
verlegen der Frau Professorin gegenber; ihre ganze Seele flog der Fremden
entgegen, aber Ilse's Wesen flte ihr Scheu ein. Ach, die Ersehnte war
allerdings erhaben und wrdevoll, weit mehr als Laura gedacht hatte, Laura kam
sich auf der Stelle sehr klein und unreif vor, sie empfing schchtern den Dank
und zog sich einige Schritte zurck, der Mutter die Pflicht der Worte
berlassend. Aber sie wurde nicht mde, die schne Frau anzusehen und ihre
Gestalt in Gedanken mit dem edelsten Costm der tragischen Bhne zu schmcken.
    Laura erklrte der Mutter, da sie den Gegenbesuch allein machen wolle, und
schlpfte am nchsten schicklichen Tage in der Dmmerung hinauf, mit pochendem
Herzen, aber entschlossen, eine gute Unterhaltung zu suchen. Doch da wollte der
Zufall, da gleich nach ihr der Doctor als Strenfried eintrat, und es gab
nichts als ein zerpflcktes Gesprch und verblichene Redensarten, durch welche
gar nichts erreicht wurde. Und sie empfahl sich wieder, bse auf den Doctor und
unzufrieden mit sich selbst, weil sie nichts Besseres zu sagen gewut.
    Seit diesen Tagen war die Hausgenossin fr Laura ein Gegenstand stiller
unablssiger Verehrung. Sie setzte sich nach Tische an das Fenster und wartete
auf die Stunde, in welcher Ilse am Arm des Gatten auszugehen pflegte. Dann
lauschte sie hinter der Gardine hervor und sah ihr bewundernd nach. Sie huschte
oft ber den Hausflur und um die Entreethr der Miether, aber wenn Ilse einmal
von weitem sichtbar wurde, verbarg sie sich, oder wenn sie mit ihr zusammentraf,
verneigte sie sich tief und wute in der Schnelle nur Gewhnliches zu reden. Sie
war sehr bekmmert, ob ihr Clavierspiel nicht stren wrde und lie
hinauffragen, in welchen Stunden sie am wenigsten damit lstig sei; und als er,
der rothe Kobold ohne Namen, einst gegen Ilse geknurrt und ihr tckisch in das
Kleid gebissen hatte, gerieth sie in solchen Zorn, da sie ihren Sonnenschirm
holte und das Scheusal damit bis unter die Treppe verfolgte.
    Unter dem Namen der Mutter - denn fr sich selbst wagte sie es nicht -
begann sie einen Feldzug von kleinen Aufmerksamkeiten gegen den Oberstock. Wenn
Verkufer gute Dinge fr die Kche anboten, wurde Laura den Mittagsfreuden des
Herrn Hummel verhngnivoll, denn sie fing junge Gnse und fette Hhner vor der
Kcheab und sandte sie regelmig nach der Hhe, bis das Dienstmdchen Susanne
ber das Vorkaufsrecht der Miether in Erbitterung gerieth und Frau Hummel zu
Hilfe holte. Als durch eine Frage Gabriels offenbar wurde, da sich die Frau
Professorin nach einer bestimmten Art feiner Aepfel erkundigt hatte, eilte Laura
auf den Markt, suchte so lange, bis sie ein Krbchen davon heimbrachte, und
diesmal zwang sie sogar Herrn Hummel selbst, den Korb mit vielen Empfehlungen
hinaufzusenden. Ilse freute sich des artigen Hauswirths, aber sie ahnte nicht
den geheimen Quell.
    Vor einem Volk habe ich groe Scheu, sagte Ilse zu ihrem Gatten, und das
sind die Studenten. Ich war kaum flgge und zum Besuch bei unserer Tante, da sah
ich eine ganze Gesellschaft zum Thore hereinziehen, mit groen Degen, mit
Federhten und sammtenen Rcken. Thaten die wild! Ich durfte den Tag nicht auf
die Strae gehen. Wenn ich jetzt als deine Frau mit den wilden Mnnern verkehren
mu, ich frchte mich nicht gerade, aber sie sind mir bangsam.
    Nicht alle sind so arg, trstete der Professor, du wirst sie bald gewhnt
werden.
    Trotzdem erwartete Ilse mit Spannung den ersten Studenten. Und es traf sich,
da an einem Morgen die Schelle gezogen wurde, als gerade der Professor auf der
Bibliothek weilte, Gabriel und das Mdchen ausgeschickt waren. Ilse ffnete
selbst die Thr. Betroffen prallte ein junger Mann zurck, der durch die bunte
Mtze als Student deutlich wurde und auerdem eine schwarze Mappe unter dem Arme
trug. Dieser sah freilich anders aus, ohne Strauenfeder und Degen, er war auch
bleich und schmchtig; aber Ilse fhlte doch Respect vor dem gelehrten jungen
Herrn und frchtete nebenbei, da die Wildheit seines Standes pltzlich aus ihm
hervorbrechen knnte. Inde, sie war ein tapferes Mdchen gewesen und nahm den
Besuch von der praktischen Seite: Das Unglck ist einmal da, jetzt gilt's artig
sein. - Sie wnschen meinen Mann zu sprechen, er ist im Augenblick nicht zu
Hause, wollen Sie sich nicht gtigst hereinbemhen?
    Der Student, ein armer Philolog, welcher als Bewerber um ein kleines
Stipendium anlief, gerieth solchem majesttischen Willen gegenber in starke
Beklemmung. Er machte viele Verbeugungen, aber er wagte nicht zu widerstreben.
Ilse fhrte ihn also in das Besuchzimmer, nthigte ihn, auf einem Lehnsessel
niederzusitzen und frug, ob sie ihm mit irgend etwas dienen knne. Der arme
Schelm wurde immer verlegener, und auch Ilse wurde durch seine Unruhe ein wenig
angesteckt. Sie fing aber entschlossen eine Unterhaltung an und erkundigte sich,
ob er aus dieser Stadt stamme. Dies war nicht der Fall. - Aus welcher Gegend er
zugezogen, auch sie sei eine Fremde. - Da ergab sich, da er aus ihrer
Landschaft war, zwar nicht aus der Nhe ihrer Heimat, sondern, wie beide
miteinander berechneten, etwa zehn Meilen ab aus anderer Ecke, inde er hatte
doch von klein auf dieselben Berge gesehen und kannte die Mundart ihres Landes
und die Sprache seiner Vgel. Nun rckte sie ihm nher und machte ihn
gesprchig, bis beide wie gute Gesellen miteinander plauderten. Endlich sagte
Ilse: Mein Mann kommt vielleicht nicht so bald, ich mchte ihn aber des
Vergngens nicht berauben, Sie zu sprechen, wie wre es, Herr Landsmann, wenn
Sie uns den nchsten Sonntag die Freude machten, unser Mittagsgast zu sein?
Ueberrascht und unter vielen Danksagungen erhob sich der Student und entfernte
sich, von Ilse bis an die Thr begleitet. Er hatte aber, umstrickt durch das
Abenteuer, seine Mappe vergessen, noch einmal tnte schchtern die Schelle, er
stand noch einmal verlegen an der Thr und bat mit vielen Entschuldigungen um
seine Mappe.
    Ilse freute sich der Begegnung und da sie so gut die erste Schwierigkeit
berwunden hatte. Froh rief sie ihrem Mann an der Thr zu: Felix, der erste
Student war hier.
    So? erwiederte der Gatte, durch die Nachricht keineswegs erschttert, wie
hie er?
    Den Namen wei ich nicht, er trug aber eine rothe Mtze und sagte: er sei
kein Fuchs. Ich habe mich nicht gefrchtet, ich habe ihn dir fr Sonntag zum
Essen gebeten.
    Nun, versetzte der Professor, wenn du das bei Jedem thust, so wird unser
Haus voll werden.
    War's nicht recht? frug Ilse bekmmert. Ich sah wohl, da es keiner von
den groen war, aber ich wollte um deinetwillen doch lieber zu viel, als zu
wenig thun.
    La gut sein, sagte der Professor, es soll ihm nicht vergessen werden,
da er der erste war, der in dein liebes Angesicht schaute.
    Der Sonntag kam, und in der Mittagstunde unter vielen Verbeugungen der
Studiosus. Obwohl er sonst Freitische in Familien als eine zwar werthvolle, aber
lstige Einrichtung leidend ertrug, so hatte er doch diesmal in Weste und sogar
in Handschuhen eine auerordentliche Anstrengung gemacht. Und Ilse erhielt durch
die Haltung des Gatten gegen den Studenten sogleich eine ruhig mtterliche
Wrde. In solcher Stimmung legte sie ihm ein zweites Bratenstck auf den Teller
und versah ihn mit gehufter Zukost. Die wohlwollende Behandlung und einige
Glser Wein, deren letztes Ilse eingo, strkten dem Studenten das Herz und
hoben ihn ber die Erbrmlichkeiten des irdischen Daseins. Nach Tische besprach
der Professor mit dem Doctor etwas Gelehrtes. Ilse aber setzte gtig die
Unterhaltung mit dem jungen Herrn fort und kam, da dies am bequemsten war, auf
seine Familienverhltnisse zu sprechen. Da wurde der Student warm und weich und
begann Enthllungen von sehr traurigem Inhalt. Natrlich zunchst, da er kein
Geld hatte, dann aber wagte er auch schmerzliche Offenbarungen ber ein zartes
Verhltni zu der Tochter eines Juristen, mit welcher er in demselben Hause
gewohnt und die er ein Jahr lang innig verehrt hatte, zuletzt mit Poesie.
Endlich kam der Vater dahinter. Dieser verbot mit einer Tyrannei, wie sie
geheimen Justizrthen eigen ist, seiner Tochter die Annahme der Gedichte und
bewirkte sogar die Entfernung des Studiosus aus dem Hause. Seitdem war das
Innere des Studenten ein Abgrund von Verzweiflung; kein Gedicht - es waren
Sonette - drang mehr bis zu der umschlossenen Geliebten. Ja, er hatte Grund,
anzunehmen, da auch sie ihn verachte. Denn sie besuchte Blle, und er hatte sie
erst den Abend vorher gesehen, wie sie mit Blumen im Haar aus dem Wagen des
Vaters in ein hell erleuchtetes Haus getreten war. Traurig hatte er an der
Hausthr unter dem zuschauenden Volk gestanden, sie aber war rosig, lchelnd,
strahlend bei ihm vorbergeglitten. Jetzt wandelte er mit seinem Abgrunde dahin,
allein, ohne eine menschliche Seele, des Lebens mde und voll schwarzer
Gedanken, ber welche er sehr dstere Andeutungen machte. Zuletzt bat er Ilse um
Erlaubni, ihr diejenigen Gedichte, welche die Zustnde seines Innern am
deutlichsten ausdrckten, bersenden zu drfen.
    Natrlich gab das Ilse in warmem Mitleid zu.
    Der Studiosus empfahl sich, und Ilse erhielt am nchsten Morgen durch
Stadtpost ein ziemliches Pckchen mit einem ehrerbietigen Briefe, worin der
Student sich entschuldigte, da er nicht alle poetischen Actenstcke, welche
sein Unglck ins richtige Licht setzten, bersende, da er mit dem Abschreiben
nicht fertig geworden sei. Beilage war ein Sonett an Ilse selbst, sehr
hochachtungsvoll und zart, doch war daraus allerdings die stille Neigung des
Studenten erkennbar, Ilse an Stelle seiner Ungetreuen zur Herrin seiner Trume
zu machen.
    Ilse trug verlegen diese Sendung auf den Arbeitstisch ihres Gatten. Habe
ich etwas versehen, Felix, so sag' mir's. Der Professor lachte. Ich schicke
ihm selbst seine Gedichte zurck, das wird die Huldigung wohl bndigen; du weit
jetzt, da es nicht ohne Gefahr ist, das Vertrauen eines Studenten zu gewinnen.
Die Gedichte sind brigens schlechter als nthig wre.
    Das war also eine Lehre, sagte Ilse, die ich mir geholt. In Zukunft
wollen wir vorsichtiger sein.
    Aber so schnell wurde sie die Erinnerung an den Studenten nicht los.
    Jeden Nachmittag, wenn das Wetter nicht gar unfreundlich war, ging zu
derselben Stunde Ilse am Arm des Gatten in den Stadtwald. Die Glcklichen
suchten einsame Nebenpfade, wo das Astgeflecht dichter ragte und das Grn des
Grundes frhlich gegen die gelben Bltter abstach. Dann dachte Ilse an die Bume
des Gutes, und da machte sich's, da die Gatten immer wieder vom Vater und von
den Geschwistern sprachen und von den ersten Nachrichten, die sie aus der Heimat
bekommen. An dem Wiesengrund, welcher sich von den letzten Gebuden in den Wald
zog, stand unter dichtem Gebsch eine Bank, dort bersah man im Vordergrund die
feindlichen Huser, dahinter Giebel und Thrme der Stadt. Als Ilse das erste Mal
aus dem Gebsch an die Stelle trat, freute sie sich des Anblicks ihrer Fenster
und der umdmmerten Thrme, dabei fiel ihr der Sitz in der Hhle ein, von dem
sie sooft auf das Vaterhaus geblickt hatte; sie sa auf der Bank nieder, zog
Briefe ihrer Geschwister hervor, die sie eben erhalten, und las dem Gatten die
schmucklosen Stze, in denen die letzten Ereignisse des Gutes berichtet wurden.
Seitdem war ihr die Ruhestelle lieb, jedesmal lenkten sich die Schritte auf dem
Heimwege dorthin, und sie schaute von der Bank nach der Wohnung, den Dchern der
Stadt und dem Himmel darber.
    Als sie nun am Tage nach jener Sendung des Studenten wieder aus dem Gehlz
zu der Bank trat, sah sie einen kleinen Blumenstrau darauf liegen; neugierig
griff sie darnach, ein zierlich zusammengelegtes Briefchen aus Rosapapier hing
daran, mit der Aufschrift: Ein Gru aus B. Dahinter gerade so viel Punkte, als
der Name des vterlichen Gutes Buchstaben enthielt. Ueberrascht reichte sie den
Zettel dem Professor, er ffnete und las die anspruchslosen Worte: Unterm Stein
die kleinen Zwerge senden dir den Blumenstrau, grend ber Thal und Berge, aus
dem lieben Vaterhaus. - Das gilt dir, sagte er verwundert.
    Wie allerliebst, rief Ilse.
    Die Zwerge sind jedenfalls ein Scherz des Doctors, entschied der
Professor, freilich hat er seine Hand gut verstellt.
    Erfreut steckte Ilse den Strau an: Wenn der Doctor heut Abend kommt, soll
er nicht merken, da wir ihn errathen haben. Der Professor erzhlte von den
neckischen Einfllen des Freundes, und Ilse, die sonst den Doctor mit einem
geheimen Zweifel betrachtete, stimmte herzlich bei.
    Als aber der Doctor am Abend die grte Unbefangenheit heuchelte, wurde
frhlich seine Verstellungskunst gescholten und der Dank doch an ihn abgegeben.
Da aber erklrte er fest, da Strau und Gedicht nicht von ihm kmen; es erhob
sich eine fruchtlose Errterung ber den Urheber, und der Professor sah zuletzt
sehr ernsthaft aus.
    Die Begrung im Walde wiederholte sich. Wenige Tage darauf lag wieder ein
kleiner Strau mit derselben Aufschrift und einem Verse auf der Bank. Noch
einmal versuchte Ilse leise eine Mitwirkung des Doctors zu behaupten, aber der
Professor wies das kurz ab und steckte den rosafarbenen Zettel ein. Ilse nahm
den Strau mit, diesmal nicht im Grtel. Als der Doctor herberkam, wurde das
Abenteuer wieder in Erwgung gezogen.
    Es kann Niemand sein als der kleine Student, gestand Ilse gedrckt.
    Das frchte auch ich, sagte der Professor, und erzhlte dem Doctor zu
Ilse's Kummer von der vertraulichen Sendung des Musensohns. So harmlos die
Sache an sich ist, hat sie doch eine ernste Seite. Das Auflegen dieser Adressen
setzt eine genaue Beobachtung voraus, die nichts weniger als angenehm ist, und
solche emsige Thtigkeit kann den Verehrer bis zu grerem Wagni fhren. Dem
mu gesteuert werden. Ich werde morgen versuchen, ihn von seinem Unrecht zu
berzeugen.
    Und wenn er dir die Tterschaft ableugnet, warf der Doctor ein. Dies
wenigstens sollte man ihm vorher unmglich machen. Der Strau kann, wenn er
andern Vorbergehenden entgehen soll, erst im letzten Augenblicke vor eurer
Ankunft hingelegt werden, und es ist nicht schwer, euer Kommen abzuwarten, da
der Spaziergang in grter Regelmigkeit stattfindet. Man mu den Dreisten zu
berraschen suchen.
    Ich werde also morgen allein gehen, sagte der Professor.
    Du darfst einem Studenten nicht im Walde aufpassen, entschied der Doctor,
auch wird, wenn Frau Professorin zu Hause bleibt, der Strau wahrscheinlich
nicht auf der Bank liegen. Ueberla mir die Sache. Geht morgen und in den
nchsten Tagen aus wie gewhnlich, ich will von anderer Seite her die Sttte des
Frevels beobachten.
    Das wurde beschlossen, der Professor nahm die beiden kleinen Strue aus dem
Glase und warf sie zum Fenster hinaus.
    Den Tag darauf ging der Doctor als Spion verkleidet in grauem Rock und
dunklem Hut eine Viertelstunde vor den Freunden in den Stadtwald, um aus einem
Versteck den vermessenen Versifex zu berfallen; er nahm sich vor, den Thter im
Gebsch so zu zerknirschen, da seinem Professor jede persnliche Einmischung
gespart wurde. Gerade gegenber der Bank fand er eine gute Stelle, wo
dauerhaftes Buchenlaub den Jger vor dem Wilde verbarg. Dort stellte er sich auf
dem Anstand zurecht, zog einen groen Operngucker aus der Tasche, zwang ihn
durch Drehen zu der schrfsten Wirkung und starrte unverwandt nach der
verhngnivollen Bank. Noch war die Bank leer, wenige Spaziergnger gingen
gleichgltig an ihr vorber, die Zeit wurde lang, der Doctor sah eine halbe
Stunde durch die Glser, da ihm die Augen schmerzten, aber er hielt aus, sein
Stand war ausgezeichnet, der Verbrecher konnte nicht entrinnen. Da pltzlich,
gerade als sein Auge zufllig nach Herrn Hummels Haus abschweifte, sah er dort
die Gartenthr nach dem Stadtpark geffnet, etwas Dunkles fuhr heraus zwischen
die Bume, kam bei der Bank aus dem Gehlz, sah sich vorsichtig um, strich lngs
der Bank dahin und verschwand wieder hinter den Coulissen der Bume und hinter
der feindlichen Gartenpforte. Ein unendliches Erstaunen lagerte sich auf dem
Antlitz des Doctors, er drckte das Opernglas zusammen und lachte still vor sich
hin, richtete wieder die Glser und sphte der verschwundenen Gestalt nach,
schttelte mit dem Kopf und verfiel in ein tiefes Sinnen. Da, horch, der ruhige
Schritt zweier Lustwandelnden. Der Professor und Ilse traten in seiner Nhe aus
dem Holz, sie blieben einige Schritt von der Bank stehen und sahen auf einen
verhngnivollen Strau, welcher recht unschuldig dalag. Der Doctor brach
lachend aus dem Gebsch, er nahm den Strau und bot ihn Ilse an. Es ist nicht
der Student, sagte er.
    Wer also? frug der Professor unruhig.
    Das darf ich nicht sagen, versetzte der Doctor, aber die Sache ist
harmlos, der Strau ist von einer Dame.
    Im Ernst? frug der Professor.
    Verla dich darauf, trstete Fritz berzeugend, er ist von Jemand, den
wir beide kennen. Und deine Frau darf keinen Augenblick anstehen, sich den Gru
gefallen zu lassen, er ist in bester Meinung gegeben.
    Sind die Stdter so reich an Versen und Geheimnissen? frug Ilse neugierig
und nahm mit leichtem Herzen die Blumen. Wieder wurde gerathen, leider fand sich
kein Mensch, dem man dergleichen zutrauen konnte. Es ist mir lieb, da sich die
Sache so lst, sprach der Professor, doch sage deiner Dichterin, da solche
Sendung sehr leicht in falsche Hnde kommen kann.
    Ich habe keinen Einflu auf sie, erwiederte der Doctor, aber weshalb sie
sich diese Gre auch in den Kopf gesetzt hat, es wird euch nicht ewig Geheimni
bleiben.
    Endlich kam die heiersehnte Stunde, in welcher Laura mit der hohen Fremden
- so wurde Ilse bis zu diesem Tage in den Memoiren bezeichnet - ohne Beobachter
zusammentraf. Die Mutter war ausgegangen, als Ilse mit einer huslichen Frage in
das Wohnzimmer trat. Laura gab Auskunft, wurde im Reden herzhaft und wagte
endlich die Bitte, da Ilse mit ihr in den Hausgarten hinabsteigen mchte. Dort
saen beide nebeneinander in dem letzten Strahl der Octobersonne und
begutachteten mild den Kahn, den chinesischen Tempel und die Vorbergehenden.
Endlich fate Laura mit den Fingerspitzen Ilse's Hand und zog sie in die
Gartenecke, um ihr die grte Seltenheit, das verlassene Nest eines
Zaunschlpfers, zu zeigen. Die Vgel waren lngst entflogen, das Gewebe hing an
halbentlaubten Aesten. Hier waren sie, rief Laura nachdrcklich; himmlische
kleine Wesen, fnf gesprenkelte Eier lagen darin, und sie haben die Kleinen
glcklich heraufgebracht. Ich stand die ganze Zeit Todesangst aus wegen der
Katzen, die hier sehr umherschleichen.
    Sie sind ein liebes Stadtkind, sagte Ilse. Ach, die Menschen sind hier
glcklich, wenn sie nur einen armen Plattmnch im Garten erhalten. Zu Hause
schwirrte, flog und sang das von allen Bumen, und wenn's nicht etwas Besonderes
war, konnte man sich gar nicht um das Einzelne kmmern. Hier wird Einem jedes
Thierchen werthvoll und wehmthig. Zuletzt auch die Sperlinge. Ich bin am ersten
Morgen erschrocken ber diese armen Geschpfe. Sie sind ihren Kameraden drauen
gar nicht zu vergleichen, so struppig und abgestoen sind ihre Federn, und am
ganzen Leibe sind sie schwarz und ruig wie Kohlenbrenner. Ich htte gern einen
Schwamm genommen und die ganze Bande abgewaschen.
    Es wrde nichts helfen, denn sie werden gleich wieder angemalt, sagte
Laura kleinlaut, das macht der Ru in den Dachrinnen.
    Wird man in der Stadt so verstubt und von allen Seiten gestoen? Das ist
traurig. Es ist doch schner auf dem Lande, und als Ilse das leise gestand,
wurden ihr bei dem Gedanken an den fernen Waldhgel wider Willen die Augen
feucht. Ich bin nur noch fremd hier, setzte sie muthiger hinzu. Die Stadt
wre schon gut, wenn nur nicht gar zu viel Menschen darin wren, die krnken
mich noch mit ihrem Anstarren, so oft ich allein auf der Strae gehe.
    Ich will Sie begleiten, rief Laura hingerissen, wenn Sie wollen, ich will
immer bereit sein.
    Das war ein freundliches Anerbieten, und es wurde dankbar angenommen. Und
Laura bat in ihrer Freude darber, da Ilse sie jetzt auch in ihr Geheimzimmer
begleite. Sie stiegen in den Oberstock hinauf. Dort wurde das kleine Sopha, der
Epheu, Schfer und Schferin bewundert, zuletzt das neue Fortepiano.
    Spielen Sie mir etwas vor, bat Ilse. Ich kann nichts. Wir hatten ein
altes Clavier, da habe ich nur wenig Takte von meiner lieben Mutter gelernt,
wenn die Kinder tanzten. Laura ergriff ein schnes Notenheft, dessen erstes
Blatt kunstvoll mit vergoldeten Elfen und Lilien geziert war, und spielte
innerlich bebend, aber mit hbscher Fingerfertigkeit das Elfenstck herunter.
Und sie erklrte lachend und ihre dunklen Lckchen schttelnd die Stellen, wo
die Geister angehuscht kamen und geheimnivoll durcheinander schwatzten. Ilse
war hoch erfreut. Wie schnell die kleinen Finger fliegen! sagte sie und
betrachtete mit Bewunderung die feine Hand Laura's, sehen Sie, wie gro meine
Hand dagegen ist, und wie hart die Haut, das kommt vom Anfassen in der
Wirthschaft. Und Laura sah bittend zu ihr auf: Wenn ich nur Sie singen hrte.
    Ich vermag nichts als Gesangbuchlieder und ein paar alte Dorfmelodien.
    O singen Sie doch, bat Laura, ich will Sie zu begleiten suchen.
    Ilse begann eine alte Weise, und Laura suchte eine bescheidene Begleitung
und horchte hingerissen auf den krftigen Klang der Stimme, sie fhlte ihr Herz
in den Tonwellen zittern und wagte beim letzten Vers leise einzustimmen.
    Sofort suchte sie nach einem Liede, das beide kannten, und als der
gemeinsame Gesang so ziemlich gelungen war, klatschte Laura begeistert in die
Hnde, und es wurde der Beschlu gefat, ein oder das andere leichte Lied
einzuben und den Professor damit zu berraschen.
    Dabei ergab sich, da Ilse nur selten ein kleines Concert gehrt und nur
einige Male auf Reisen in ihrer Umgegend ein Schauspiel gesehen hatte, und nicht
mehr als eine Oper.
    Das Stck hie der Freischtz, sagte Ilse. Sie war des Oberfrsters
Tochter, und sie hatte eine Freundin, geradeso lustig und mit solchen hbschen
Locken und treuen Augen, wie Sie haben. Und der Mann, den sie liebte, verlor
sein Vertrauen auf des Himmels gnadenvollen Schutz, und um das Mdchen fr sich
zu erhalten, verleugnete er, und gab sich dem Bsen. Das war frchterlich. Ihr
wurde das Herz schwer, und die Ahnung kam ber sie, aber sie verlor nicht die
Kraft und nicht das Vertrauen zu der Hilfe von oben. Und ihr Glaube rettete den
Geliebten, ber den der Bse schon seine Hand hielt. Darauf schilderte sie
getreulich den ganzen Verlauf des Stckes. Es war hinreiend, sagte sie, ich
war damals noch jung, und als ich in unser Quartier kam, konnte ich mich nicht
fassen, und der Vater mute mich schelten. Laura lauschte auf dem Fubnkchen
zu Ilse's Fen, hielt die Hand der Professorin fest, lie sich wie ein kleines
Kind, das ein Mrchen hrt, erzhlen, was sie doch so gut wute, und die Fremde
war ihr unendlich rhrend. Wie warm Sie das schildern, es ist, als ob man ein
Gedicht liest.
    Ach nein, erwiederte Ilse kopfschttelnd, gerade diese Artigkeit verdiene
ich am wenigsten, ich habe in meinem ganzen Leben keinen Vers gemacht, und ich
bin so prosaisch, da ich gar nicht wei, wie ich mit meinem ungeschickten Wesen
in der Stadt zurechtkommen werde. Denn hier macht man Verse! Sie summen um einen
in der Luft wie die Mcken im Sommer.
    Meinen Sie? frug Laura, das Kpfchen senkend.
    Denken Sie, auch ich Fremde habe Verse erhalten.
    Das finde ich natrlich, sagte Laura und drckte ihr Taschentuch in
Falten, um die Verwirrung zu verbergen.
    Auf der Bank im Park habe ich kleine Strue gefunden mit lieben kleinen
Gedichten, und den Namen meiner Heimat mit Buchstaben und Punkten. Sehen Sie,
erst ein groes B und dann -
    Laura sah in ihrem Entzcken ber den Bericht vom Taschentuch auf, ihre
Wangen waren mit Purpur Uebergossen, aber aus den Augen lachte der Schelm. Ilse
blickte in das strahlende Gesicht, und whrend sie sprach, erriet sie die
Geberin. Da beugte sich Laura auf Ilse's Hand, sie zu kssen, Ilse aber hob ihr
den Lockenkopf in die Hhe, drohte ihr mit dem Finger und kte sie auf den
Mund.
    Sie sind mir nicht bse, bat Laura, da ich so dreist war.
    Es war lieb und schn. Aber denken Sie, es hat uns doch in Verwirrung
gesetzt, der Doctor hat Sie wohl beobachtet, aber er hat uns Ihren Namen nicht
genannt.
    Der Doctor? rief Laura aufspringend, mu der berall dazwischen kommen.
    Er hat Ihr Geheimni treu bewahrt. Nicht wahr, jetzt darf ich meinem
Hausherrn Alles sagen? Denn unter uns, ihm war's eine Zeitlang gar nicht recht.
    Das war nun fr Laura ein Triumph. Wieder flog sie zu Ilse's Fen und bat
schelmisch, zu erzhlen, was der Herr Professor gesagt.
    Das geht nicht an, entgegnete Ilse gravittisch, denn das ist sein
Geheimni.
    So schwand eine Stunde in sem Geplauder, bis die Uhr schlug und Ilse
schnell aufstand. Mein Mann wird sich wundern, wohin ich verschwunden bin,
sagte sie, Sie sind ein liebes Frulein, ist's Ihnen recht, so wollen wir treu
zusammenhalten.
    Ach, Laura war das sehr recht, sie begleitete ihren Besuch bis zur Treppe,
auf den Stufen fand Laura, da sie eine Hauptsache vergessen hatte, ihre Stube
lag gerade ber dem Zimmer der Frau Professorin, und wenn Ilse das Fenster
ffnete, konnte sie im Nothfall der Hausgenossin schnelle Nachricht
hinaufwinken. Und als Ilse an ihrer Thr schlo, kam Laura noch einmal
herabgelaufen, um ihre Freude auszusprechen, da Ilse ihr diese Stunde geschenkt
habe.
    Laura ging in ihrem Zimmer mit schnellen Schritten auf und ab und schnippte
mit den Fingern, wie Einer, der das groe Loos gewonnen hat. Sie vertraute dem
geheimen Werke die ganze Weihestunde an, jedes Wort, das Ilse gesprochen, und
schlo mit den Versen: Ich fand dich, Reine! Leben wird mein Traum. Dir schwebt
die Seele zwischen Freud' und Schmerzen, ich aber rhr' an deines Kleides Saum
und trage liebend dich in meinem Herzen. Dann setzte sie sich an das Piano und
spielte noch einmal mit leidenschaftlichem Ausdruck die Melodie, welche Ilse ihr
vorgesungen hatte. Und Ilse hrte unten den innigen Dank fr ihren Besuch.

                                       2.

                                        

                              Ein Tag der Besuche.


Der Wagen fuhr vor, Ilse trat, fr die ersten Besuche gerstet, in das
Arbeitszimmer des Gatten. Sieh mich an, sagte sie, bin ich so recht?
    Alles in Ordnung, rief der Professor, frhlich seine Frau musternd. Aber
es war gut, da auch ohne seine Hilfe Alles in Ordnung war, denn in Toiletten
war des Professors kritischer Blick von zweifelhaftem Werth.
    Jetzt fngt fr mich ein neues Spiel an, fuhr Ilse fort, wie es zu Hause
die Kinder gebt. Ich soll bei deinen Freunden anklopfen und rufen: Hollo,
holla! und wenn die fremden Frauen fragen: wer ist da? dann werde ich antworten,
wie's im Spiele geht: ein fremdes Bettelweib. - Was will sie denn? - Fr mich
ein Stcklein Brot, fr meinen Mann 'nen Ku, weil er mit mir bitten mu.
    Nun, was die Ksse betrifft, welche ich den Frauen der Collegen austheilen
soll, versetzte der Professor, in die Handschuhe fahrend, so wre ich dir im
Ganzen verbunden, wenn du das Geschft bernhmst.
    Ja, ihr Mnner seid darin sehr streng, sagte Ilse, auch mein Frnzchen
weigerte sich immer, das Spiel zu spielen, weil er den dummen Mdeln keinen Ku
geben wollte. - Ach, wenn ich dir nur keine Unehre mache!
    Sie fuhren durch die Straen. Der Professor erzhlte seiner Frau auf dem
Wege von Person und gelehrtem Wesen des Collegen, zu dem sie gerade fuhren.
Zuerst zu lieben Menschen, sagte er, der jetzt kommt, ist Professor Raschke,
unser Philosoph, und mir ein werther Freund. Ich hoffe, seine Frau wird dir
gefallen.
    Ist er sehr berhmt? frug Ilse und legte die Hand auf das pochende Herz.
    Sie hielten am uersten Ende der Vorstadt vor einem niedrigen Hause,
Gabriel eilte in den Hausflur, den Besuch anzukndigen. Da er die Kche leer
fand, klopfte er an die Stubenthr und ffnete endlich, in den Bruchen des
Hauses erfahren, den Eingang zum Hofe. Herr und Frau Professor sind im Garten.
    Durch den engen Hof traten die Besuchenden in einen Gemsegarten, dessen
Luft der Hauswirth seinem Miether zur vorsichtigen und schonenden Mitbenutzung
eingerumt hatte. Unter der Mittagsonne des Herbsttages schritt ein Ehepaar die
geraden Wege entlang. Die Frau trug ein kleines Kind auf dem Arme, der Mann
hielt ein Buch in der Hand, aus dem er im Gehen seiner Begleiterin vorlas. Um
aber auch seine andere zur Zeit wenig beschftigte Krperseite fr die Familie
zu verwerthen, hatte der Professor die Deichsel eines Kinderwagens an den Bund
seiner Beinkleider befestigt und fuhr auf solche Weise ein zweites Kind hinter
sich her. Die Wandelnden kehrten den Gsten den Rcken zu und bewegten sich
langsam, hrend und vorlesend, tragend und fahrend abwrts.
    Ein Zusammensto in dem engen Wege ist nicht wnschenswerth, sagte Felix,
wir mssen warten, bis sie um das Viereck lenken und uns das Gesicht zukehren.
Es dauerte eine gute Weile, bevor der Zug die Hindernisse der Reise berwand,
denn der Professor blieb im Eifer des Lesens zuweilen stehen und erklrte etwas,
wie aus seinen Handbewegungen zu erkennen war. Neugierig betrachtete Ilse das
Aussehen der seltsamen Spaziergnger. Die Frau war bleich und zart, man sah ihr
an, da sie vor Kurzem das Krankenlager verlassen hatte, ihm hing um ein
edelgeformtes geistvolles Angesicht langes, dunkeles Haar, auf dem der graue
Reif lag. Schon waren sie dicht an die Gste gekommen, da erst wandte die Frau
die Augen von dem Gatten ab und erblickte den Besuch.
    Welche Freude! rief der Philosoph und senkte sein Buch in die groe
Rocktasche. Guten Morgen, College. Ha, da ist ja unsere liebe Frau Professorin.
Frau, binde mir den Wagen ab, die Familienbande hemmen. - Das Ablsen dauerte
einige Zeit, da die Hausfrau die Hnde nicht frei hatte und Professor Raschke
keineswegs stillhielt, sondern vorwrts strebte und bereits die Hnde des
Collegen und der neuen Professorin in seinen beiden Hnden festhielt. Kommen
Sie in das Haus, Sie liebe Gste, rief er und ging, whrend Felix seine Frau
der Professorin zufhrte, mit groen Schritten voran. Darber verga er seinen
Kinderwagen, den Ilse ber die Schwelle hob und in den Hausflur rollte. Dort
nahm sie das verlassene Kind aus den Betten, die beiden Frauen traten, jede ein
kleines Werk der Weltweisheit auf dem Arme, in das Zimmer und sagten dabei
einander die ersten freundlichen Worte, whrend das Kleine auf Ilse's Arm seine
Windmhle schwenkte und das jngste gelehrte Kind auf dem Arme der Mutter zu
schreien begann. Unterde fuhr College Raschke abrumend in der Stube umher,
entfernte Bcher und Papiere vom Sopha, rckte ein ausgebleichtes Sophakissen
durch krftigen Schlag in seine Form, da der Staub herausfuhr, und bat eifrig:
Nehmen Sie Platz. Aber wie? Sie bemhen sich selbst mit diesem Pupus. Ist's der
Sugling, so kann ich's Ihrem schnen Kleide nicht empfehlen. Doch es ist das
andere, das gibt bessere Garantien, verbesserte er sich selbst. Unterde
befestigte sich die Gesellschaft auf den Sitzen. Ilse spielte mit dem Kinde auf
ihrem Schoe, whrend Frau Raschke auf einen Augenblick verschwand und ohne den
schreienden Sugling zurckkam. Sie sa schchtern da, aber sie that mit leiser
Stimme wohlthuende Fragen. Nur unterbrach der lebhafte Philosoph immer wieder
die Unterhaltung der Frauen, indem er dem Professor die Hand streichelte und der
neuen Frau Collega zunickte: So war's recht, ich freue mich, da Sie sich in
blhender Jugend an unser Treiben gewhnen, denn unsere Frauen haben es nicht
leicht, das uere Leben ist enge, das innere anspruchsvoll. Wir sind oft
langweilige Gesellen, schwer zu behandeln, mimthig, mrrisch und widerwrtig.
Und dabei schttelte er mibilligend den Kopf ber das gelehrte Wesen, und aus
seinem Angesicht lachte ein inniges Behagen.
    Der Aufbruch des Besuches wurde durch den Pupus beschleunigt, der in der
Nebenstube recht jmmerlich zu schreien begann. Sie wollen schon fort, klagte
der Philosoph gegen Ilse, dieser Besuch kann nicht gerechnet werden. Sie
gefallen mir sehr, Sie haben ein klares Auge, und ich merke, Sie haben ein
freundliches Gemth, und das ist alles. Im Kopfe einen guten Spiegel, der die
Bilder der Welt voll und rein zurckstrahlt, und im Herzen eine dauerhafte
Flamme, welche Andern von ihrer Wrme abgibt. Wer das hat, dem kann's nicht
fehlen, selbst wenn ihm das Schicksal auferlegt, Frau eines Stubengelehrten zu
sein, wie Sie sind und diese arme Mutter von fnf Schreihlsen. Und wieder
strich er beflissen umher, holte einen alten Hut aus dem Winkel und hielt ihn
der Frau Collega hin. Ilse lachte. Ja so, rief er, es ist ein Herrenhut, er
gehrt dem Gatten. - Auch ich bin versehen, entschuldigte sich der Professor.
Dann also ist es mein eigener, entschied Raschke, setzte den Hut entschlossen
auf und schritt zur Thr hinaus, die Gste an den Wagen zu begleiten.
    Ilse sa im Wagen eine Weile stumm vor Erstaunen: Jetzt habe ich Mut,
Felix, die Professoren sind noch weniger schreckhaft als die Studenten.
    Nicht alle antworten so auf die erste Begrung, erwiderte der Professor.
Der jetzt kommt, ist mein nchster College Struvelius, er lehrt wie ich
Griechisch und Latein, gehrt nicht zu meinen nhern Bekannten, ist aber ein
tchtiger Gelehrter.
    Diesmal war es ein Haus der Stadt, die Einrichtung des Quartiers ein wenig
ltlicher als in Ilse's neuer Wohnung. Diese Frau Professorin trug ein
schwarzseidenes Kleid und sa vor einem Schreibtisch, der mit Bchern und
Papieren bedeckt war. Zarte Dame in mittleren Jahren mit einem kleinen, aber
gescheidten Gesicht und einer seltenen Frisur. Denn ihr kurzes Haar war hinter
die Ohren in eine groe, eingerollte Locke gekmmt, was ihr eine gewisse
Aehnlichkeit mit Sappho oder Korinna gab, soweit nmlich ein Vergleich mit dem
keineswegs hinreichend ermittelten Haarwuchs der beiden antiken Damen gestattet
ist. Frau Professor Struvelius erhob sich langsam und begrte die Eintretenden
mit steifer Haltung. Sie sprach gegen Ilse ihre Freude aus und wandte sich dann
sogleich an den Professor. Ich habe heut das Werk des Collegen Raschke
angefangen und bewundere den Tiefsinn des Mannes.
    Alles, was er schreibt, ist erfreulich, versetzte der Professor, weil bei
Allem ein ganzer und reiner Mensch sichtbar wird.
    Den Vordersatz und Nachsatz gebe ich fr diesen Collegen zu, gegen die
Verallgemeinerung des Satzes mchte ich bemerken, da manches Epoche machende
Werk keine hohe Berechtigung haben wrde, wenn ein ganzer Mann dazu gehrt, um
ein gutes Buch zu schreiben.
    Ilse sah scheu auf die gelehrte Frau, welche ihrem Manne zu widersprechen
wagte.
    Doch wir wollen uns vereinigen, fuhr die Professorin so gelufig fort, als
ob sie ihre Worte aus einem Buche ablse. Nicht jedes tchtige Werk fordert,
da sein Verfasser ein Mann von Charakter sei, aber wer wirklich diese edle
Qualitt hat, wird schwerlich etwas schaffen, was in seiner Wissenschaft
ungnstig wirkt. Und allerdings wurzeln die Schwchen eines gelehrten Werkes
hufiger, als man wohl annimmt, in einer Charakterschwche dessen, der das Werk
schrieb.
    Der Professor neigte beistimmend das Haupt.
    Denn, fuhr sie fort, die Stellung, welche ein Gelehrter zu den groen
Zeitfragen seiner Wissenschaft einnimmt, ja selbst die Vorzge und Mngel seiner
Methode sind doch in der Regel aus dem Charakter zu erklren. - Sie haben immer
auf dem Lande gelebt, wandte sie sich zu Ilse, es wre mir belehrend, zu
erfahren, welche Eindrcke Ihnen das nahe Aneinandersein der Menschen in der
Stadt gemacht hat.
    Ich habe bis jetzt nur mit sehr Wenigen verkehrt, entgegnete Ilse
ngstlich.
    Natrlich, fuhr Frau Professor Struvelius fort. Ich meine aber, Sie
werden mit Ueberraschung bemerken, da die grere Nhe nicht immer ein inneres
Zusammenleben frdert. Doch Struvelius mu erfahren, da Sie hier sind. Sie
stand auf, ffnete das Nebenzimmer und rief, lothrecht an der Thr stehend,
hinein: Herr und Frau Professor Werner. Aus der Nebenstube wurde leises
Brummen gehrt und eilfertiges Rauschen groer Bltter. Die Professorin schlo
die Thr und fuhr fort: Denn zuletzt leben wir doch durch Viele und in Wenigen.
In der Stadt whlt man aus einer Flle von Persnlichkeiten mit einer gewissen
Willkr. Man knnte reicher sein als man gerade ist. Auch dieses Gefhl verleiht
eine Zuversicht. Und solche Zuversicht gibt allerdings die Stadt leichter als
das Land.
    Die Seitenthr ffnete sich, Professor Struvelius trat ein mit zerstreutem
Blick, scharfer Nase, schmalen Lippen, leider auch mit ungewhnlichem
Hauptschmuck. Denn sein Haar stand so struwelig ber den Schlfen, da die
Annahme wohl berechtigt war, diese Kopftracht sei alter Familienbesitz, eine
Erbperrcke, welche in frheren naseweisen Jahrhunderten seinem Geschlecht den
Namen zugezogen hatte. Er verbeugte sich ein wenig, schob einen Stuhl heran und
setzte sich stumm nieder, wahrscheinlich arbeitete er in Gedanken an seinem
griechischen Schriftsteller rhrig fort. Ilse litt unter der Ueberzeugung, da
ihm der Besuch eine ungelegene Strung sei und da seine Frau sich unendlich
tief herablasse, wenn sie ihr eine Anrede gnnte. Sind Sie musikalisch?
examinirte Frau Struvelius.
    Ich darf kaum sagen ja, erwiederte Ilse.
    Das freut mich, rief die Wirthin, rckte sich ihr gegenber und musterte
sie mit scharfem Blick. Wie ich Sie mir denke, drfen Sie nicht musikalisch
sein. Diese Kunst macht uns weich und zieht nur zu hufig gebrochene
Existenzen.
    Felix bemhte sich noch ohne sonderlichen Erfolg, den Professor zur
Theilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen; bald erhoben sich die Besuchenden.
Beim Abschiede streckte Frau Professor Struvelius die untere Hlfte des Armes
rechtwinklig nach Ilse aus und sagte mit feierlichem Hndedruck: Werden Sie
heimisch bei uns. Und die Anrede ihres Gatten: Ich habe die Ehre, mich zu
empfehlen, wurde durch die zuklappende Thr entzweigeschnitten.
    Was sagst du jetzt? frug der Professor im Wagen.
    Ach, Felix, ich bin recht klein geworden, mein Muth ist dahin, ich mchte
am liebsten nach Hause fahren.
    Sei ruhig, trstete der Gatte, du fhrst heut auf dem Jahrmarkt umher und
siehst ber viele aufgeschlagene Tische. Was dir nicht gefllt, brauchst du
nicht zu kaufen. Der nchste Besuch gilt unserm Historiker, einem wrdigen Mann,
der zu den guten Geistern unserer Universitt gehrt. Auch seine Tochter ist
eine liebenswrdige junge Dame.
    Ein Diener ffnete den Vorsaal und fhrte in das Empfangzimmer. An der Wand
hingen einige gute Landschaften; ein Flgel, ein zierlicher Blumentisch, die
seltenen Pflanzen wohlgeordnet und gepflegt. Die Tochter trat eilig herein, eine
feine, Gestalt mit zwei schnen dunklen Augen, ihr folgte ein stattlicher Herr
von vornehmer Haltung, der fast aussah wie ein hoher Beamter, nur seine lebhafte
Weise zu sprechen lie den Gelehrten erkennen. Mit wohlthuender Herzlichkeit
wurde Ilse aufgenommen. Der alte Herr setzte sich neben sie, begann eine
zwanglose Unterhaltung, und Ilse fhlte sich bald behaglich wie bei guten
Bekannten. Sie wurde auch an ihre Heimat erinnert, denn der Gelehrte frug: Ist
von dem alten Kloster in Rossau noch etwas erhalten? Felix sah neugierig auf
und Ilse antwortete: Nur die Mauer; auch das Innere ist umgebaut.
    Es war eine der ltesten geistlichen Stiftungen Ihrer Gegend, hat viele
Jahrhunderte bestanden und sicher auf eine weite Umgegend Einflu gebt. Da ist
auffallend, da die Urkunden des Klosters fast ganz fehlen und die brigen
Nachrichten, soviel mir bekannt, sehr drftig sind. Man mu vermuthen, da dort
noch Manches in Verborgenheit liegt. Ilse sah, wie sich das Angesicht ihres
Gatten verklrte, aber er versetzte ruhig: Am Orte selbst waren meine Fragen
vergeblich.
    Das ist wohl mglich, gab der Historiker zu, vielleicht sind die
Documente nach Ihrer Residenz gebracht und liegen dort noch irgendwo unbenutzt.
    So rollte ein Besuch nach dem andern ab. Da war der Rector, Mediciner, ein
behaglicher Weltmann in glnzender Einrichtung, seine Gattin eine runde
bewegliche Frau mit zwei herausfordernden Augen; dann der groe theologische
Consistorialrath, ein langer hagerer Herr mit slichem Lcheln, auch bei seiner
Gattin Alles in bergroen Verhltnissen, Nase, Mund und Freundlichkeit. Der
letzte war der Mineraloge, ein junger gewandter Mann mit einer sehr niedlichen
Frau, auch erst seit wenigen Monaten verheiratet. Whrend die jungen Frauen auf
dem Sopha schnell gute Bekanntschaft machten, wurde Ilse zum zweiten Mal durch
eine Frage des Professors berrascht: Ihre Heimat ist fr mein Fach nicht ohne
Interesse; ist nicht eine Hhle in der Nhe? Ilse errthete und sah wieder nach
ihrem Felix: Sie gehrt zum Gute meines Vaters.
    Ei, dann habe ich jetzt gerade mit einem Funde zu thun, der auf Ihrem Gute
gemacht ist, rief der Mineraloge. Er holte einen Stein von auffallendem
strahligem Gefge herbei. Dies ist ein sehr seltenes Mineral, das in der Nhe
der Hhle entdeckt wurde, ein Apotheker der Gegend hat es mir eingeschickt. Er
nannte ihr den Namen des Minerals, sprach ber das Gestein der Hhle und des
Felsens, auf welchem das vterliche Haus stand, gerade als wre er selbst dort
gewesen, und lie sich von Ilse die Linien der Berge und die Steinbrche der
Nhe beschreiben. Er hrte achtungsvoll ihre sichern Antworten und fand die
Bodenbildung des Gutes sehr merkwrdig.
    Erfreut rief Ilse: Wir meinten, man kmmere sich in der Welt gar nicht um
uns, aber ich sehe, die Herren Gelehrten wissen Einiges mehr von unserer Gegend
als wir selbst.
    Wir verstehen wenigstens Werthvolleres dort zu finden als Gesteintrmmer,
erwiederte der Professor artig.
    Nach der Heimfahrt trat Ilse in das Zimmer des Gatten, der bereits an seiner
Arbeit sa. Dulde mich heute bei dir, Felix, mir summt der Kopf von all den
Menschen, welche eingezogen sind. Das war fr mich viel Neues an einem Tage, und
viele Freundlichkeit von so gelehrten und vornehmen Geistern. Am gefhrlichsten
war's bei der belesenen Frau; Felix, es ist wohl unrecht, da ich so etwas sage,
und sie ist ja um sehr vieles feiner und gescheidter, aber wenn ich dir eine
Aehnlichkeit nennen soll mit einer guten alten Bekannten -
    Rollmaus, besttigte der Professor. Die hier aber ist in der That sehr
gescheidt.
    Gebe der Himmel, bat Ilse, da sich ihr Herz ebenso treu erweist, aber
vor ihrer Gelehrsamkeit fhle ich einen Schauder. Sonst gefallen mir die Frauen
gut, aber die Mnner noch viel besser. Etwas Groes haben sie fast alle, sie
sprechen wunderschn, sie sind ungezwungen und sehen recht innerlich froh und
seelenvergngt aus. Natrlich, sie schweben ber der Erde wie deine alten
Gtter, da knnen sie wohl lustig sein. Ach, und dabei das geflickte Hausrckel,
welches der liebe Herr Professor Raschke anhatte. Dem wird Motte und Rost das
Seine auch nicht fressen! Und wenn ich mir denke, da diese vielen klugen Leute
mich aufmerksam und gut behandeln, nur meines Hausherrn wegen, so wei ich
nicht, wie ich dir danken soll. Jetzt also bin ich unter die neuen Menschen
aufgenommen und ich darf bitten: mein Eingang sei gesegnet.
    Der Gatte reichte ihr die Hand und zog sie an sich. Sie fate sein Haupt mit
ihren Hnden und neigte sich darber.
    Was ist es, worber du jetzt arbeitest? frug sie endlich leise.
    Nichts Groes, nur eine Abhandlung, wie ich sie alljhrlich fr die
Universitt zu machen habe. Er sprach ihr Einiges von dem Inhalt der Arbeit.
    Und wenn sie fertig ist, was dann?
    Dann ist fr neue Aufgaben gesorgt.
    Und das geht immer so fort, vom Morgen bis in den Abend, alle Jahre, bis
die Augen versagen und die Kraft zerbricht! klagte Ilse. La mich heut um
etwas Ernstes bitten. Zeige mir die Bcher, Felix, die du geschrieben hast, aber
Alles.
    Was ich etwa noch besitze, sagte der Professor, und holte hier und da aus
den Winkeln Bcher und Abhandlungen zusammen. Ilse schlug eine Schrift nach der
andern auf, und es ergab sich, da sie einige von den lateinischen Titeln
bereits auswendig wute. Der Professor wurde darber eifrig, und ihm fielen
immer noch kleine Arbeiten ein, die er vergessen hatte. Ilse aber legte Alles
vor sich in einem Hufchen zusammen und begann feierlich: Jetzt kommt fr mich
eine groe Stunde. Denn ich will jetzt von dir erfahren, was in jeder Schrift
steht, soweit du deinem Weibe das deutlich machen kannst. Als ich dir schon im
Geheimen gut war, da fanden die Kinder deinen Namen im Lexikon, wir mhten uns,
die fremden Namen deiner Bcher zu lesen und die Oberamtmann hatte in ihrer
Weise Muthmaungen ber den Inhalt. Da fhlte ich einen Schmerz, da ich gar
nichts von dem verstand, was du fr die Menschheit gearbeitet hast. Seither habe
ich immer auf den Tag gehofft, wo ich dich nach dem fragen knnte, was du besser
gewut hast als die Andern, und worauf ich stolz sein darf, da ich dir angehre.
Und heut ist die Stunde. Denn du hast mich heut deinen Freunden als deine Frau
vorgestellt. Und ich will dein Weib auch da sein, wo dein Schatz ist und dein
Herz, soweit ich vermag.
    Liebe Ilse, rief der Professor, hingerissen von ihrer ehrbaren Wrde.
    Aber vergi nicht, fuhr Ilse mit wichtiger Miene fort, da ich sehr wenig
verstehe, und verliere nicht die Geduld. Ich habe mir ausgedacht, wie ich es
haben will. Schreibe du mir die Titel, wie sie in fremder Sprache und wie sie
deutsch lauten, in ein Bchel, das ich mir dazu gekauft habe, deine frheste
Arbeit zuerst und die jngste zuletzt. Und dahinter, ob dir die Arbeit sehr lieb
ist oder weniger, und welche Wichtigkeit sie fr die Menschen hat. Darunter will
ich mir bei jeder Schrift aufzeichnen, was ich von deiner Erklrung verstehe,
damit ich Alles in gutem Gedchtni behalte.
    Sie trug ein leeres Heft herzu, der Professor suchte wieder noch einzelne
Abhandlungen hervor, ordnete sie nach Jahren und schrieb jeden Titel auf eine
besondere Seite des Heftes. Dann erklrte er seiner Frau in ihrer Sprache ein
wenig, was jeder Schrift Inhalt war, und half die kleinen Bemerkungen in das
Notizbuch schreiben. Was deutsch ist, suche ich selbst zu lesen, sagte Ilse.
    So saen Beide ernsthaft ber die Bcher geneigt, und dem Professor pochte
das Herz vor Freude ber den festen Bedacht, mit welchem sein Weib das
Verstndni seiner Thtigkeit suchte. Denn es ist das Loos des Gelehrten, da
Wenige mit herzlichem Antheil Mhe, Kampf und Verdienst seines Schaffens
betrachten. Der Welt gilt er fr einen harten Baugehilfen. Was er mit
ausdauernder Kraft gebildet, das wird sofort als Baustein verwandt zu dem
unermelichen Hause der Wissenschaft, an welchem das Geschlecht der Erde seit
Jahrtausenden arbeitet. Hundert Andere stellen sich darauf, um die eigene Arbeit
zu frdern, tausend neue Werkstcke werden darber gewlzt, nicht Viele sind,
welche danach fragen, wer den einzelnen Pfeiler gemeielt, noch seltener drckt
dem Arbeiter ein Fremder darum die Hand. Dem leichten Werke des Dichters winkt
noch lange grend zu, wer einmal davor heiteres Lcheln gefunden hat oder
gehobene Stimmung. Der Gelehrte wird nur selten und fast zufllig durch einzelne
Werke ein werther Freund und Vertrauter seiner Leser. Er stellt nicht der
Phantasie lockende Bilder, er schmeichelt nicht zuvorkommend dem
sehnsuchtsvollen Gemth, er fordert strengen Ernst und nchterne Sammlung vom
Leser, und dieselbe Strenge und Nchternheit wird ihm selbst zu Theil bei jedem
Urtheil ber seine Leistung. Auch wo er Ehrfurcht einflt, bleibt er ein
Fremder.
    Und doch ist er kein Steinmetz, der unfrmliche Masse nach verstndigen
Maen zurechtschlgt, auch er schafft mit inneren Kmpfen, mit seinem besten
Herzblut, zuweilen unter schwerem Leid, oft mit beglckender Freudigkeit. Auch
ihm erblht, was er seiner Zeit darbringt, aus den tiefsten Wurzeln seines
Lebens. Deshalb ist dem Gelehrten die Seele, welche das Wackere seiner Arbeit
herzlich empfindet, und nicht nur nach dem letzten Gewinn der Wissenschaft
frgt, sondern nach dem innern Kampf des Schaffenden, ein kostbarer Fund, ein
seltenes Glck. - Jetzt sah Felix mit Rhrung, wie sein Weib nach dieser
Stellung rang, und dem krftigen Manne wurde das Herz weich, whrend er ihr den
Namen eines rmischen Dichters nannte, den er zu einem fast unbekannten Gedicht
ermittelt, und whrend er ihr von rmischen Tribus und von den Geschften des
Senates erzhlte.
    Als ein Jedes verzeichnet war, faltete Ilse die Hnde ber den Bchern und
rief: Hier halte ich Alles. Der Raum, den es einnimmt, ist so klein, und doch
waren dafr viele arbeitvolle Tage nthig, und manche Nacht, der grte Theil
deines edlen Lebens. Dies hat dir oft heie Wangen gemacht, wie du heute wieder
hast. Dafr hast du gelernt, da dir dein armer Kopf brannte, und dafr hast du
immer in der Stube und zwischen den engen Mauern gesessen. Ich habe die Bcher
sonst auch gleichgltig angesehen, jetzt erkenne ich erst, was ein Buch ist,
eine stille, unendliche Arbeit.
    Nicht von jedem ist das zu rhmen, versetzte der Professor, aber die
besseren sind dafr auch mehr als eine Arbeit. Er sah liebevoll auf die Wnde,
an denen hohe Bcherschrnke bis zur Decke reichten, so da die Stube aussah wie
mit Bcherrcken tapeziert.
    Mir wird angst vor der Menge, sagte Ilse und half ihm seine eignen Werke
in eine dunkle Ecke tragen, welche ihnen jetzt als Standquartier eingerumt
wurde. Sie sehen so gleichgltig aus, und doch mgen viele in Leidenschaft
geschrieben sein und auch die Leser aufgestrt haben.
    Ja, sagte der Gatte, sie sind die groen Schtzehter des
Menschengeschlechts. Das Beste, was je gedacht und erfunden wurde, bewahren sie
aus einem Jahrhundert in das andere, sie verknden, was nur einst auf Erden
lebendig war. Hier steht, was wohl tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung
geschaffen wurde, und dicht daneben, was erst vor wenig Wochen in die Welt
wanderte.
    Von den Rckchen, die sie tragen, seht fast eins aus wie das andere, sagte
Ilse, ich wrde mich schwer darin zurechtfinden.
    Der Professor erklrte ihr die Anordnung, fhrte sie von einem Schrank zum
andern und wies ihr einzelne, die ihm besonders lieb waren.
    Und du brauchst sie alle?
    Gelegentlich wohl noch viele andere. Die hier stehen, sind doch nur ein
unendlich kleiner Theil der Bcher, welche je gedruckt wurden. Denn seit sie
erfunden sind, liegt in ihnen fast Alles, was wir wissen und Bildung nennen.
Aber das ist es nicht allein, fuhr er geheimnivoll fort, Wenige denken daran,
da ein Buch mehr ist als ein Werk des schaffenden Geistes, das er von sich
absendet wie der Tischler einen bestellten Sessel. Zwar an jedem Menschenwerk
bleibt etwas von der Seele des Menschen hngen, der es gefertigt. Das Buch aber
schliet zwischen seinen Deckeln in Wahrheit den Geist des Menschen ein. Was ein
Mann fr Andere bedeutet, der beste Theil seines Lebens, bleibt in dieser Form
fr die nchsten Geschlechter, vielleicht bis in die fernste Zukunft. Sowohl
die, welche ein gutes Buch schreiben, als auch solche, deren Leben und Thun im
Buche dargestellt wird, sie beharren in der That lebendig unter uns. Wir
verkehren mit ihnen als mit Freunden und Gegnern, wir bewundern und bekmpfen,
wir lieben und verabscheuen sie nicht weniger, als wenn sie leibhaftig unter uns
weilten. Der Menschengeist, der zwischen solche Deckel eingeschlossen ist, wird
dadurch auf Erden unvergnglich, und deshalb drfen wir sagen, im Buche dauert
das geistige Leben des Einzelnen, und nur der Geist, welcher eingebucht wird,
hat sichere Dauer auf Erden.
    Aber der Irrthum dauert auch, rief Ilse, und die Lgner und die unreinen
Geister, wenn sie sich in ein Buch stecken.
    Auch sie, sie werden durch andere Geister widerlegt. Sehr verschieden
freilich ist Werth und Bedeutung dieser Unsterblichen. Bei Wenigen bleibt das
Schne und Groe, das sie gefunden, fr alle Zeiten, Viele gelten spterer Zeit
nur, weil wir erkennen, wie in ihren Tagen das Wesen der Menschen beschaffen
war, Andere endlich sind ganz nichtig und unntz, und solche schwinden schnell
dahin. Aber alle Bcher, die geschrieben wurden, vom ltesten bis zum jngsten,
stehen in einem geheimnivollen Zusammenhang. Denn sieh, Keiner, der ein Buch
geschrieben, ist durch sich selbst geworden, was er uns ist, jeder steht auf den
Schultern seiner Vorgnger. Alles, was vor ihm geschaffen wurde, hat irgendwie
dazu geholfen, ihm Leben und Geist zu bilden. Und wieder was er geschaffen, hat
irgendwie andre Menschen gebildet, und aus seinem Geist ist in sptere
bergegangen. So bildet der Inhalt aller Bcher ein groes Geisterreich auf
Erden, von den vergangenen Seelen leben und nhren sich Alle, welche jetzt
schaffen. In diesem Sinne ist der Geist des Menschengeschlechts eine
unermeliche Einheit, der jeder Einzelne angehrt, der einst lebte und schuf,
und jetzt athmet und Neues wirkt. Der Geist, den die vergangenen Menschen als
ihren eigenen empfanden, er ging und geht jeden Tag in Andere ber. Was heut
geschrieben ist, wird morgen vielleicht die Habe von tausend Fremden, wer lngst
seinen Leib der Natur zurckgegeben hat, lebt unaufhrlich in neuem irdischen
Dasein fort und wird tglich in Tausenden auf's Neue lebendig.
    Hre auf! rief Ilse ngstlich, mir schwindelt.
    Ich sage dir das heut, weil auch ich mich als bescheidenen Arbeiter in
diesem irdischen Geisterreich fhle. Diese Empfindung gibt mir eine Freude am
Leben, die unzerstrbar ist, und sie gibt mir beides, Freiheit und Demuth. Denn
wer in solchem Sinne arbeitet, der schafft, ob seine Kraft sich gro, ob klein
erweise, nicht sich zur eigenen Ehre, sondern fr Alle. Er lebt nicht fr sich,
sondern fr Alle, gleichwie Alle, die gewesen sind, fr ihn fortleben.
    So sprach er ernsthaft, von seinen Bchern umgeben, und die scheidende Sonne
warf ihre Strahlen freundlich auf sein Haupt und auf die Behausungen seiner
Geister an der Wand. Ilse aber sagte, an seine Schulter gelehnt, demthig: Ich
bin dein, lehre mich, bilde mich, mache mich verstehen, was du verstehst.

                                       3.

                                        

                              Unter den Gelehrten.


Ilse steckte den Kopf in das Arbeitszimmer des Gatten.
    Darf ich stren?
    Nur herein!
    Felix, wie unterscheiden sich die Faune und Satyre? Hier liest man, die
Satyre haben Ziegenfe, die Faune aber Menschenbeine, nur hinten ein kleines
Schwnzchen.
    Wer sagt das? frug Felix entrstet.
    Es ist gedruckt, erwiederte Ilse, hier steht es bewiesen. Sie hielt dem
Gatten ein aufgeschlagenes Buch hin.
    Es ist aber nicht wahr, versetzte der Professor und erklrte ihr das
Sachverhltni. Bei den Griechen Satyre, bei den Rmern Faune, der Herr mit dem
Bocksfu aber hie Pan. Wie kommt der Bacchantenzug in deine Wirtschaft?
    Ihr sagtet gestern, der Consistorialrath hat ein Faungesicht. Nun entstand
die Frage: was ist ein Faungesicht und was ist ein Faun? Laura erinnerte sich
aus der Schule sehr gut, da er ein altes rmisches Fabelwesen war. Und sie
brachte dies Buch, worin die Geschpfe abgebildet sind. Was ist das fr eine
ausgelassene Gesellschaft? Warum haben sie spitze Ohren wie die Rehe, und was
soll das heien, wenn man sich nicht einmal in solchen Dingen auf deine
unsterblichen Bcher verlassen kann?
    Komm her, sagte Felix, ich will dir schnell die ganze Sippschaft
vorstellen. Er holte ein Kupferwerk herzu und schlug ihr die Gestalten des
Bacchuskreises auf. Eine Weile ging die Belehrung gut tvon Statten. Sie haben
alle sehr wenig Kleider, wandte Ilse bekmmert ein.
    Der Kunst ist der Leib lieber als das Gewand, trstete der Gatte.
    Aber Ilse wurde ngstlicher. Endlich schlug sie errthend das Buch zu und
sagte: Ich mu fort. Ich helfe heute in der Kche, es wird eine neue Mehlspeise
gelehrt. Dort ist meine hohe Schule. Und das Mdchen ist noch ein Fuchs. Sie
eilte zur Thr hinaus. Sage deinen Satyren und Faunen, da ich eine bessere
Idee von ihnen gehabt habe, sie sind sehr unanstndig, rief sie, den Kopf noch
einmal in das Zimmer steckend.
    Das sind sie, antwortete Felix durch die Thr, und sie wollen auch nichts
Anderes sein.
    Beim Essen, als Felix die Mehlspeise nach Gebhr bewundert hatte, legte Ilse
den Lffel weg und sagte ernsthaft: Zeige mir nicht wieder solche Bilder, ich
mchte deinen Heiden gut werden, aber wie kann ich das, wenn sie so sind?
    Sie sind nicht alle so arg, beruhigte der Gatte. Ist dir's recht, so
machen wir heut Abend einigen von den alten Herrschaften unsern Besuch.
    Mit diesem Tage begann fr Ilse eine neue Zeit des Lernens. Bald wurde den
Erluterungen des Gatten eine feste Tagesstunde bestimmt, fr Ilse die
werthvollste Zeit des Tages. Der Professor gab ihr zuerst eine kurze Schilderung
der groen Culturvlker des Alterthums und des Mittelalters und schrieb ihr sehr
wenige Zahlen und Namen auf, die sie auswendig lernte. Er schilderte ihr, wie
das ganze Leben der Menschen im letzten Grunde nichts sei, als ein
uuaufhrliches Einnehmen, Umschaffen und Ausgeben der Stoffe, Bilder und
Eindrcke, welche die umgebende Welt darbietet; und wie die ganze geistige
Entwicklung der Menschheit nichts sei, als ein ernstes und andchtiges Suchen
nach Wahrheit, und wie die ganze politische Geschichte im letzten Grunde auch
nichts sei, als ein allmhliches Bndigen des Egoismus, welcher Menschen,
Stmme, Vlker feindlich voneinander scheidet: durch Steigerung der Bedrfnisse,
durch Luterung des Rechtsgefhls und durch die Zunahme der Liebe und Ehrfurcht
vor allem Lebendigen.
    Nach solcher Vorbereitung begann der Professor sogleich die Odyssee
vorzulesen, kurze Erluterung anfgend. Noch nie hatte Poesie so gro und rein
auf die Seele der Frau gewirkt, der heitere Mrchenton des ersten Theils, die
gewaltige Ausfhrung des zweiten nahmen ihr Herz ganzgefangen, die Gestalten
erhielten ihr ein fast greifbares Leben, sie wandelte, litt und frohlockte mit
ihnen, hinaufgehoben in eine neue Welt schner Bildung und hoher Empfindungen.
Als der Schlu herankam, der Vielduldende seiner Gattin gegenbersa und die
Erkennungsscene Tne aus dem geheimsten Leben der jungen Frau anschlug, da sa
auch Ilse, die Wangen gerthet, die thrnenfeuchten Augen schamhaft
niedergeschlagen, neben dem geliebten Manne; und als er geendet, schlang auch
sie die weien Arme um den Geliebten und sank aufgelst von Entzcken und
Rhrung ihm an die Brust. Ihrer Seele, die nach langer Ruhe in einem groen
Gefhle erglht war, verklrte das unsterbliche Schne dieser Dichtung alle
Stunden des Tages, ja die Sprache und Haltung. Gern versuchte sie sich selbst
mit Vorlesen, und der Professor hrte mit inniger Freude, wie die majesttischen
Verse klangvoll von ihren Lippen rollten, und wie sie in Tonfall und Ausdruck
unbewut seine Sprache nachahmte. Wenn er frh in die Vorlesung ging und sie ihm
in seinen braunen Tffelrock half, da klangen ihm die herzerfreuenden Worte
nach: Purpurn ist und rauh das Gewand des edlen Odysseus; wenn sie ihm in der
Lehrstunde gegenbersa und er einmal Pause machte, dann brachen die
bewundernden Worte von ihren Lippen: So mit klugem Bedacht und verstandvoll
redest du Alles. Und wenn sie sich selbst loben wollte, dann summte sie zuden
brodelnden Blasen des Theekessels: Selbst wohl hab ich im Herzen Verstand und
erkenne genugsam Gutes zugleich und Bses; doch vormals war ich ein Kind noch.
Auch das Gut des lieben Vaters leuchtete ihr jetzt in dem goldenen Glanze der
Hellenensonne. Ich wei nicht, sagte der Vater einmal des Abends zu Clara,
wie es mglich ist, da Ilse so schnell den Brauch unserer Wirthschaft
vergessen konnte. Sie spricht in ihrem Briefe von der Zeit, wo die Rinder wieder
in dem weitscholligen Blachfelde wandeln werden. Sie meint jedenfalls die
Brache, aber wir haben ja Stallftterung.
    Drauen heulte der Nordwind um die beiden Nachbarhuser und legte Eispalmen
ber die Fensterscheiben, drinnen aber zog ein Tag nach dem andern lichtvoll und
buntfarbig und ein Abend herzerfreuender als der andere ber die Hupter der
Glcklichen, ob sie allein waren, oder ob die Freunde des Gatten, Fhrer des
Volkes, zusammensaen und am gedeckten Theetisch die Hnde nach dem einfach
bereiteten Mahle ausstreckten.
    Denn auch die Freunde des Gatten und kluges Wechselgesprch sind der
Hausfrau erfreulich. Dann leuchtet die Lampe festlich in Ilse's Stube, die
Gardinen sind zugezogen, der Tisch wohlgerstet, auch eine Flasche Wein ist
aufgesetzt, wenn die Herren eintreten. Manchmal beginnt das Gesprch mit
Kleinigkeiten, die Freunde wollen auch der Professorin ihre Hochachtung
erweisen, der Eine spricht ein wenig ber Concerte, der Andere empfiehlt ein
neues Bild oder Buch. Zuweilen aber treten sie schon aus der Arbeitstube in
eifriger Unterredung, dann ist der Tritt fester und die Bckchen sind etwas
gerthet, dann dringt die Rede gleich auf das los, was ihnen gerade aus ihrer
Wissenschaft auf der Seele liegt. Nicht immer ist die Unterhaltung ganz
verstndlich, und wenn sie sich auf Einzelheiten heftet, auch nicht in jedem
Moment sehr anziehend, aber im Ganzen ist sie doch fr die Hrerin Freude und
Erquickung. Dann sitzt Ilse still da, die Hnde, welche sich ber der Arbeit
bewegten, sinken ihr in den Scho, und andchtig hrt sie zu. Wer nicht
Professorfrau ist, hat doch keine Vorstellung, wie schn die Unterhaltung der
Gelehrten dahinfliet. Alle wissen gut zu reden, Alle sind eifrig und haben
dabei ein gehaltenes Wesen, das ihnen sehr wohlsteht. Die Errterung erhebt
sich, ein Kampf gewichtiger Meinungen beginnt. Diese kreuzen sich und fahren
durcheinander, der Eine sagt zuerst schwarz, der Andere wei, der erste beweist,
da er Recht hat, der zweite widerlegt und engt den ersten ein. Nun denkt die
Frau, wie wird sich dieser herauswinden. Aber, keine Sorge! es fehlt ihm nicht,
mit einem Sprunge ist er ber dem Andern, dann kommt der Andere mit neuen
Grnden und treibt die Sache noch hher, darauf reden die Uebrigen auch hinein,
sie werden feurig, und ihre Stimmen ertnen lauter. Und ob sie sich zuletzt
miteinander vergleichen, oder ob jeder bei seiner Meinung bleibt - was hufig
vorkommt -, immer ist eine Freude, schwierige Fragen so von allen Seiten
beleuchtet zu sehen. Wenn endlich der Eine etwas recht Groes sagt und auf den
Kern der Wahrheit kommt, dann sind sie smmtlich in gehobener Stimmung, dann
leuchtet es in dem heimlichen Raume wie von berirdischem Lichte, und wer
spricht und wer hrt, fhlt sich frei, sicher und leicht. Ach aber, der
gescheidteste von Allen und der, dessen Meinung mit der grten Hochachtung
gehrt wird, das ist doch immer der Hausfrau lieber Mann.
    Freilich bemerkte Ilse auch, da nicht alle gelehrten Herren dasselbe gute
Wesen bewhrten. Mancher konnte Widerspruch nicht recht vertragen und es war ihm
in schwachen Augenblicken mehr um seine Geltung als um die Wahrheit zu thun.
Wieder Einer wollte nur sprechen und nicht hren und beengte die Unterhaltung,
indem er immer auf das zurckkam, was die Andern berwunden hatten. Ilse
entdeckte, da auch eine ungelehrte Frau aus dem Gesprche der weisen Mnner
Einiges von ihrem Charakter erkennen konnte. Und wenn sich die Gste entfernt
hatten, dann wagte sie wohl ein bescheidenes Urtheil ber Wissen und Wesen
Einzelner. Und sie war stolz, wenn Felix zugab, da ihr Urtheil das Richtige
getroffen.
    Bei solcher Unterhaltung erfuhr die Frau des Gelehrten auch viele Sachen
ganz genau, die jeder andern Frau schwierig bleiben. Da war z.B. die rmische
Plebs, wenig bedeutet den meisten Frauen dieses Wort. Die alte Plebs hat zu
ihrer Zeit nie Kaffegesellschaften gegeben, nie auf dem Flgel gespielt, nie
Reifrcke getragen und nie einen franzsischen Roman gelesen. Sie ist eine im
Schutt des Alterthums begrabene, sehr ungemthliche Einrichtung. Die Frau eines
Philologen aber wei davon. Was hrte nicht Ilse alles von Plebejern und
Patriciern, ja, sie nahm in ihrem Herzen Partei fr die Plebejer, sie verwarf
gnzlich die Ansicht, da sie nur aus kleinen Leuten und leichtfertigem Gesindel
zusammengeflossen seien, und schtzte sie als tchtige Landwirthe, trotzige
politische Mnner, die hartnckig bis auf den Tod in einem groen Vereine gegen
ungerechte Patricier kmpften. Und sie dachte dabei an ihren eigenen Vater und
hatte Tage, wo sie ihre Bekannten darauf ansah, ob sie auch zur Plebs gehren
wrden, wenn sie Rmer wren.
    Auch ihr selbst waren die Herren freundlich, und fast alle hatten eine
Eigenschaft, die den Verkehr bequem machte, sie erklrten gern. Im Anfange
wollte Ilse ungern verrathen, da sie von Vielem gar nichts wute. An einem
Abend aber setzte sie sich vor ihren Gatten und begann: Ich habe mir etwas
ausgedacht. Bisher habe ich mich gescheut zu fragen, nicht weil ich mich meiner
Unwissenheit schme, wo sollte ich's her haben? nur um deinetwillen, damit die
Leute nicht merken, da du eine einfltige Frau hast. Aber wenn dir's recht ist,
will ich's jetzt anders machen, denn ich merke, sie sprechen zumeist gern, und
da werden sie wohl auch mir ein geflgeltes Wort gnnen.
    So ist es recht, sagte der Gatte, du wirst ihnen um so lieber werden, je
mehr du ihnen Antheil zeigst.
    Wissen mchte ich Alles, die ganze Welt, um dir hnlicher zu werden, aber
es fehlt mir immer noch an Verstndni.
    Die neue Politik bewhrte sich vortrefflich. Ilse erfuhr sogar, da es
zuweilen leichter war, einen lieben Bekannten zum Reden als zum Aufhren zu
bringen. Denn die Herren berichteten ihr gewissenhaft und in groen Zgen, was
sie erfahren wollte, aber sie vergaen wohl einmal, da die Fhigkeit der Frau,
das Neue aufzunehmen, nicht so entwickelt war, als ihnen die Kunst zu belehren.
    Ja, sie schwebten wie Gtter ber der Erde. Aber sie theilten auch darin das
Loos der ambrosischen Genossenschaft, da der heitere Friede, welchen sie in die
Herzen der Sterblichen sandten, unter ihnen selbst durchaus nicht immer waltete
und durch geworfene Erispfel leicht verscheucht wurde. Es war Ilse's Schicksal,
da sie unter heftiger Fehde der Unsterblichen im Olymp heimisch werden sollte.
    An einem finstern Wintertage fuhr der Sturmwind belgelaunt gegen die
Fenster und versteckte den Stadtwald hinter wirbelnden Schneewolken. Da hrte
Ilse im Zimmer ihres Gatten die scharfen Laute des Professor Struvelius in
bedchtigem Flu der Rede, dazwischen langes und eingehendes Gesprch ihres
Felix. Die Worte waren nicht zu unterscheiden, der Tonfall aber war zwei Stimmen
schnellschwebender Vgel vergleichbar, dem Wettgesange der Drossel und einer
Uebles weissagenden Krhe. Die Unterredung zog sich lange hin, und Ilse wunderte
sich, da Struvelius so ausdauernden Gebrauch der Rede ertrug. Als er sich
endlich entfernt hatte, trat Felix zu ungewohnter Stunde in ihr Zimmer und ging,
mit geheimen Gedanken beschftigt, einigemal schweigend auf und ab. Zuletzt
brach er kurz heraus: Ich bin in die Lage gekommen, dem Collegen ber unsere
Handschrift eine Mittheilung zu machen.
    Ilse sah neugierig auf. Seit ihrer Vermhlung war von Tacitus noch nicht die
Rede gewesen. Du hattest doch die Absicht, gegen Fremde nicht mehr davon zu
sprechen.
    Ich habe das Schweigen ungern gebrochen. Mir blieb nichts brig, als gegen
meinen nchsten Collegen offen zu sein. Das Gebiet unserer Wissenschaft ist
umfangreich, nicht hufig geschieht es, da Genossen derselben Universitt jeder
fr sich auf dieselbe Arbeit verfallen. Ja, aus naheliegenden Grnden vermeiden
sie, einander darin eine gewisse Concurrenz zu machen. Fgt der Zufall nun doch
einmal solches Zusammentreffen, so ist Mitgliedern derselben Anstalt jede zarte
Rcksicht geboten. Heut nun sagte mir Struvelius, er wisse, da ich mich ab und
zu mit Tacitus beschftige, und er bitte mich um einige Auskunft. Er frug nach
den Handschriften, die ich vor Jahren im Auslande eingesehen und verglichen, und
nach der Durchzeichnung, die ich von den Schriftzgen derselben fr mich gemacht
habe.
    Du hast ihm mitgetheilt, was du wutest? frug Ilse.
    Ich habe ihm gegeben, was ich besa, das verstand sich von selbst,
erwiederte der Professor. Denn was er auch damit anfangen mag, es wird nicht
ganz ohne Gewinn fr die Wissenschaft sein.
    Er soll deine Arbeit benutzen, um die seine mglich zu machen? Jetzt wird
er vor der Welt in deinen Federn singen, klagte Ilse.
    Ob er das Gegebene mit Anstand gebraucht, ob er es mibraucht, ist seine
Sache, ich habe die Verpflichtung, einem bewhrten Amtsgenossen nur das
Ehrenhafte zuzutrauen. Das war mir keinen Augenblick zweifelhaft, wohl aber fiel
mir Anderes auf. Er war nicht offen gegen mich. Er gab an, da ihn die Kritik
einiger Stellen des Tacitus beschftige, aber er verbarg mir die Hauptsache, das
empfand ich deutlich. Da mute ich ihm geradeheraus sagen, da ich seit langer
Zeit fr diesen Schriftsteller ein warmes Interesse herumtrage, und da ich seit
dem letzten Sommer an ihn gefesselt sei durch die, wenn auch unsichere
Mglichkeit eines neuen Fundes. Ich habe ihm die Nachricht gezeigt, welche mich
zuerst in deine Nhe leitete. Er ist Philolog wie ich und wei jetzt, welche
Bedeutung fr mich dieser Autor gewonnen hat.
    Mein einziger Trost ist, sagte Ilse, da der verstndige Vater dem
Struvelius ein schweres Verhngni bereiten wird, wenn dieser auf unserm Gute
nach der Handschrift freien will.
    Dem Professor war der Gedanke an den Trotz seines gewaltigen Schwiegervaters
heut trstlich und er lchelte. Nach dieser Seite bin ich sicher. Aber was will
der Andere mit Tacitus, die Historiker lagen doch sonst nicht auf seinem Wege? -
Es ist kaum denkbar, - aber sollte das Unglaubliche geschehen sein? ist die
geheimnivolle Handschrift durch irgendeinen Zufall aufgefunden und in seinen
Hnden? - Doch es ist Thorheit, darum zu sorgen. Er schritt heftig auf und ab
und rief endlich, in starker Bewegung seiner Frau die Hand schttelnd: Es ist
immer widerwrtig, wenn man sich auf selbstschtigen Empfindungen ertappt.
    Er ging wieder an seine Arbeit, und als Ilse leise die Thr ffnete, sah sie
seine Feder in gleichfrmiger Bewegung. Gegen Abend aber, wo sie nach seiner
Lampe sah und die Ankunft des Doctors verkndigte, sa er, den Kopf auf die Hand
gesttzt, in finsterm Sinnen. Sie strich ihm leise ber das Haar und er merkte
es kaum.
    Der Doctor aber nahm die Sache nicht so innerlich, er gerieth in Aerger ber
die Geheimnikrmerei des Andern und ber die Hochherzigkeit des Freundes, und
es gab eine lebhafte Errterung. Mchtest du diese Offenheit niemals bereuen,
rief der Doctor, der Mann wird aus deinem Silber seine Mnzen schlagen. Denke
an mich, dir wird ein Possen gespielt.
    Zuletzt, so schlo der Professor bedachtsam, lohnt nicht, sich darber
aufzuregen. Kam durch irgendeinen unwahrscheinlichen und unerhrten Zufall
wesentlich Neues in seinen Besitz, so hat er ein Recht auf alles vorhandene
Material, auf meine Sammlungen, auf meine Untersttzung, soweit ich sie zu geben
vermag. Uebt er seinen Scharfsinn nur an dem vorhandenen Text, so ist unserer
kindlichen Hoffnung gegenber Alles, was er frdern mag, unwesentlich.
    In solcher Weise zog unscheinbar und harmlos ein akademisches Gewlk herauf.
    Vier Wochen waren vergangen, der Professor war oft mit seinem Collegen
zusammengetroffen. Es konnte nicht auffallen, da Struvelius den Namen Tacitus
nicht ber seine schweigsamen Lippen brachte, der Professor aber blickte unruhig
auf den Pfad des Amtsgenossen, denn er glaubte zu bemerken, da der Andere ihm
auswich. An einem friedlichen Abend sa Felix Werner mit Ilse und dem Doctor am
Theetisch, als Gabriel eintrat und eine kleine Broschre in unscheinbarem
Zeitungspapier vor dem Professor niederlegte. Der Professor ri die Hlle ab,
warf einen Blick auf den Titel und reichte das Heft schweigend dem Doctor. Der
lateinische Titel lautete in die Sprache dieses Buches bersetzt: Ein Fragment
des Tacitus, als Spur einer verlorenen Handschrift mitgetheilt von Dr.
Friedobald Struvelius, Professor u.s.w. Ohne ein Wort zu sagen, standen die
Freunde auf und trugen die Abhandlung in das Arbeitszimmer des Professors. Ilse
blieb erschrocken zurck, sie hrte, wie ihr Gatte den lateinischen Text vorlas,
und erkannte, da er sich zwang, durch langsames und festes Lesen seine
Aufregung zu berwltigen. Was in dieser verhngnivollen Schrift enthalten war,
darf leider dem Leser nicht vorenthalten werden.
    Aeltere Zeitgenossen erinnern sich der Culturperiode, in welcher der Tabak
aus Pfeifenkpfen geraucht wurde; sie kennen die wohlthtige Erfindung, welche
mit einem noch durch keine Forschung hinreichend aufgehellten Worte Fidibus
benannt wird; sie kennen auch die normale Lnge und Breite eines solchen
Papierstreifens, welchen unsere Vter aus verjhrten Acten massenhaft
zusammenfalteten. Ein solcher Streifen, allerdings nicht von Papier, sondern von
einem Pergamentblatt geschnitten, war in die Hnde des Herausgebers gefallen.
Der Streifen hatte aber vorher schwere Schicksale erfahren. Er war vor etwa
zweihundert Jahren von einem Buchbinder auf die Rckseite eines dicken Bandes
geklebt worden, um die Dauer des Heftzwirns zu verstrken, und er war fr diesen
Zweck durch Leim bel zugerichtet. Nach Entfernung des Leims erschienen die
Schriftzge einer alten Mnchshand. Das Wort Amen und einige heilige Namen
machten zweifellos, da das Geschriebene dazu gedient hatte, christliche
Frmmigkeit zu frdern. Unter dieser Mnchsschrift aber waren andere und grere
lateinische Buchstaben sichtbar, sehr verblichen, fast ganz geschwunden, von
denen man einige mit miger Anstrengung zu dem rmischen Namen Piso
zusammendeuten konnte. Da hatte nun Professor Struvelius durch Hartnckigkeit
und durch Anwendung einiger chemischer Mittel mglich gemacht, diese untere
Schrift zu lesen. Sie war nach den Formen ihrer Buchstaben uralt. Da der
Pergamentfidibus aber von einem ganzen Blatte abgeschnitten war, enthielt er
natrlich nicht vollstndige Stze, nur einzelne Wrter, welche in die Seele des
Lesers fielen wie verlorene Noten einer fernen Musik, die ein Wind ans Ohr
trgt, es war daraus keine Melodie zu machen. Gerade das hatte den Herausgeber
angezogen. Er hatte die verschwundenen Buchstaben ermittelt, die
durchschnittenen Worte ergnzt, ja, den gesammten fehlenden Theil des Blattes
gemuthmat. Und er hatte durch bewundernswerthe Anwendung der allergrten
Gelehrsamkeit aus wenigen schattenhaften Flecken des Fidibus ziemlich die ganze
Seite einer Pergamenthandschrift hergestellt, wie sie etwa vor zwlfhundert
Jahren leibhaftig gewesen sein konnte. Es war eine staunenswerthe Arbeit.
    Daraus ergab sich Folgendes. Noch am deutlichsten, obgleich fr gewhnliche
Augen kaum lesbar, war auf dem Pergamentstreif ein gewisser Pontifex Piso
gewesen, in wortgetreuer Uebersetzung: Brckenmacher Erbs. Dieser Erbs schien
den Pergamentstreif sehr zu beschftigen, denn der Name zeigte sich einigemal.
Nun aber hatte der Herausgeber aus diesem Namen und aus den Ruinen zerstrter
Wrter bewiesen, da der Pergamentstreif letzter Ueberrest einer Handschrift des
Tacitus war, und da seine Worte einem uns verlorenen Abschnitt der Annalen
angehrten; und er hatte endlich aus dem Charakter der schattenhaften Buchstaben
nachgewiesen, da der Pergamentstreif zu keiner der vorhandenen Handschriften
des Rmers gehrt habe, sondern da er durch Zerstrung einer ganz unbekannten
entstanden sei.
    Die Freunde saen, nachdem der Aufsatz vorgelesen war, finster und sinnend.
Endlich brach der Doctor aus: Wie unfreundlich, dir dies zu verbergen und doch
deine Hilfe in Anspruch zu nehmen!
    Darauf kommt jetzt wenig an, erwiederte der Professor, die Arbeit selbst
kann ich nicht loben, sie wendet auf unsichere Grundlage einen bergroen
Scharfsinn, und gegen Manches, was er ergnzt und vermuthet, wird Einspruch zu
erheben sein. Aber warum sprichst du nicht aus, was uns beiden mehr am Herzen
liegt als das Ungeschick eines wunderlichen Mannes. Wir sind einer Handschrift
des Tacitus auf der Spur, und hier findet sich das Trmmerstck einer solchen
Handschrift, welche nach dem dreiigjhrigen Kriege von einem Buchbinder
zerschnitten ward. Die Ausbeute, welche dies kleine Fragment fr unser Wissen
geben mag, ist so unbedeutend, da der Gewinn den aufgewandten Flei gar nicht
lohnt, gleichgltig fr alle Welt, nur nicht fr uns. Denn, mein Freund, wenn
wirklich eine Handschrift des Tacitus in solche Streifen zerschnitten wurde, so
ist es mit groer Wahrscheinlichkeit dieselbe, auf welche wir gehofft haben. -
Was weiter! schlo er bitter, wir werden ein Traumbild los, das uns vielleicht
noch lange gefft htte.
    Wie kann dies Pergament von der Handschrift unseres Freundes Bachhuber
stammen? rief der Doctor, auf diesem hier ist der Text ja mit Gebeten
berschrieben.
    Wer steht uns dafr, da nicht auch die Mnche von Rossau wenigstens
einzelne verblichene Bltter mit ihrem geistlichen Hausbedarf bermalten?
Dergleichen ist nicht gewhnlich, aber wohl denkbar.
    Vor allem mut du selbst das Pergamentblatt des Struvelius sehen,
entschied der Doctor. Genaue Betrachtung kann Manches aufhellen.
    Es ist mir nicht bequem, deshalb mit ihm zu sprechen, aber es soll morgen
geschehen.
    Den Tag darauf trat der Professor ruhiger in das Zimmer des Collegen
Struvelius. Sie mgen denken, begann er, da ich mit besonderer Spannung Ihre
Abhandlung gelesen habe. Nach dem, was ich Ihnen von einem unbekannten Codex des
Tacitus mittheilte, wissen Sie, da unsere Aussicht, diesen Codex zu ermitteln,
sehr verringert wird, wenn der Pergamentstreif von Blttern des Tacitus
geschnitten ist, welche noch vor zweihundert Jahren in Deutschland erhalten
waren.
    Wenn er geschnitten ist? erwiederte Struvelius scharf. Er ist davon
geschnitten. Und was Sie mir ber den Versteck von Rossau mittheilten, war doch
unsicher, und ich bin nicht der Meinung, da darauf Werth zu legen ist. Wenn
dort in der That eine Handschrift des Tacitus vorhanden war, so ist sie
allerdings zerschnitten und diese Frage erledigt.
    Wenn solche Handschrift vorhanden war? entgegnete Felix. Sie war
vorhanden. Ich aber komme, Sie zu bitten, da Sie mich das Pergamentblatt sehen
lassen. Seit der Inhalt verffentlicht ist, wird das wohl keinem Bedenken
unterliegen.
    Struvelius sah verlegen aus, als er antwortete: Ich bedaure Ihren Wunsch,
den ich brigens ganz in der Ordnung finde, nicht erfllen zu knnen, ich bin
nicht mehr im Besitz des Blattes.
    An wen habe ich mich deshalb zu wenden? frug der Professor befremdet.
    Auch darber bin ich vorlufig zum Schweigen verpflichtet.
    Das ist auffallend, brach Felix los, und verzeihen Sie mir das offene
Wort, es ist schlimmer als unfreundlich. Denn ob die Bedeutung dieses Fragments
gro oder gering ist, es sollte nach dem Druck seines Inhaltes den Augen Anderer
nicht entzogen werden. Ihnen selbst mu daran liegen, da Andere Ihre
Herstellung des Textes grndlich zu wrdigen vermgen.
    Das gebe ich zu, erwiederte Struvelius, aber ich bin nicht im Stande,
Ihnen die Einsicht dieses Blattes zu bewirken.
    Haben Sie daran gedacht, rief der Professor auflodernd, da Sie durch
solche Weigerung Mideutungen Fremder ausgesetzt werden, Mideutungen, die
niemals mit Ihrem Namen in Verbindung gebracht werden sollten?
    Ich halte mich selbst fr hinreichend befhigt, Wchter meines guten Namens
zu sein, und mu Sie bitten, diese Sorge vollstndig mir zu berlassen.
    Dann habe ich Ihnen nichts weiter zu sagen, Herr Professor, erwiederte
Felix und ging nach der Thr.
    Im Gehen sah er noch, da sich die Mittelthr ffnete und die Frau
Professorin, aufgeschreckt durch die lauten Worte der Sprechenden, wie ein
Genius eintrat und die Hand flehend nach ihm ausstreckte. Er aber schlo nach
flchtiger Verbeugung die Thr und ging zornig nach Hause.
    Die Wolke war geballt, der Himmel wurde finster. Der Professor nahm jetzt
noch einmal die Abhandlung des unholden Collegen zur Hand. Und es war gerade,
als wenn ein Luchs einen Hasen oder ein Zicklein zerrissen hat und sich des
Schmauses zu freuen bereit ist, und der wilde Bergleu wirft sich, die Mhne
schttelnd, gegen die Beute, da der andere entweicht, die Schlge des Starken
im Nacken.
    Ilse rief heut den Gatten zweimal vergebens zu Tische; als sie besorgt an
seinen Stuhl trat, sah sie in ein verstrtes Antlitz. Ich kann nicht essen,
sagte er kurz, schicke hinber, ich lasse Fritz bitten, sich sogleich her zu
bemhen.
    Ilse sandte erschrocken in das Nachbarhaus, setzte sich im Zimmer des
Professors nieder und folgte mit ihrem Blick dem auf und ab Schreitenden. Was
hat dich so erregt, Felix? frug sie ngstlich.
    Ich bitte dich, liebes Weib, i heut ohne mich, rief er und setzte seine
Wanderung fort.
    Eilig trat der Doctor ein: Das Bruchstck ist nicht aus einer Handschrift
des Tacitus, rief der Professor dem Freunde entgegen.
    Vivat Bachhuber! erwiederte dieser noch an der Thr und schwenkte den Hut.
    Es ist kein Grund zur Freude, unterbrach ihn der Professor finster, das
Fragment, soweit es berhaupt irgend wo her ist, enthlt eine Stelle des
Tacitus.
    Nun, irgend wo her mu es doch sein, sagte der Doctor.
    Nein, rief der Professor mit starker Stimme, das Ganze ist eine
Flschung. Die obere Hlfte des Textes scheinen wst zusammengeschriebene Worte,
auch sind die Versuche des Herausgebers, diese in einen verstndlichen
Zusammenhang zu bringen, nicht glcklich. Der untere Theil des sogenannten
Fragments ist aus einem Kirchenvater abgeschrieben, welcher an einer bis jetzt
nicht beachteten Stelle einen Satz des Tacitus anfhrt. Der Flscher hat
einzelne Worte dieses Citats mit regelmiger Auslassung der dazwischenliegenden
Wrter auf den Pergamentzettel untereinander geschrieben. Das letzte ist
unzweifelhaft. Er fhrte den Doctor, der jetzt fast so betroffen aussah wie er
selbst, zu den Bchern und bewies ihm die Richtigkeit seiner Behauptung. Der
Flscher hat aus diesem gedruckten Text des Kirchenvaters seine Weisheit geholt,
denn er hat das Ungeschick gehabt, einen Druckfehler des Setzers mit
abzuschreiben. So sind wir mit dem Pergamentblatt fertig und mit einem deutschen
Gelehrten auch. Er zog das Tuch, den Schwei von seiner Stirn zu trocknen, und
warf sich in einen Sessel.
    Halt, rief der Doctor, hier handelt es sich um einen Gelehrten von Ruf
und Ehre. La uns noch einmal kaltbltig untersuchen, ob nicht ein zuflliges
Zusammenstimmen mglich ist.
    Suche, sagte der Professor, ich bin am Ende.
    Der Doctor verglich lange und ngstlich den ergnzten Text des Struvelius
mit den gedruckten Worten des Kirchenvaters. Endlich sagte er traurig: Was
Struvelius ergnzt hat, trifft in Sinn und Wortlaut mit den Worten des
Kirchenvaters so merkwrdig berein, da man in Versuchung gerth, die etwa
abweichenden Worte seiner Ergnzung fr Schlauheiten zu halten, durch welche
seine Bekanntschaft mit dem erhaltenen Citat versteckt werden sollte; aber
unmglich ist doch nicht, da Jemand durch Glck und Scharfsinn auf den
richtigen Zusammenhang kommen konnte, wie er ihn gefunden hat.
    Ich zweifle keinen Augenblick, da Struvelius ehrlich und in gutem Glauben
seine Ergnzungen selbst gefunden, versetzte der Professor. Aber seine
Niederlage ist doch so widerwrtig als mglich. Betrger oder betrogen, die
unselige Abhandlung ist nicht nur fr ihn, auch fr unsere Universitt eine
gruliche Demthigung.
    Die Worte des Pergamentblattes selbst, fuhr der Doctor fort, sind
unzweifelhaft abgeschrieben und unzweifelhaft eine Flschung. Und dir liegt die
Pflicht ob, das Sachverhltni aufzudecken.
    Meinem Mann? frug Ilse aufstehend.
    Dem, der die Flschung gefunden, und wenn Struvelius der nchste Freund
wre, Felix mte es thun.
    Sprich zuvor mit dem Andern, bat Ilse, handle nicht so an ihm, wie er an
dir; hat er geirrt, la es ihn selbst verbessern.
    Der Professor dachte nach und nickte dem Freunde zu: Sie hat Recht. Er
eilte an den Tisch und schrieb dem Professor Struvelius seinen Wunsch, ihn heut
noch in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Gabriel empfing den Brief,
und das Herz war dem Professor doch leichter geworden, denn er war jetzt bereit,
sich das Mittagessen gefallen zu lassen.
    Ilse ersuchte den Doctor, bei ihrem Gatten zu bleiben, und mhte sich am
Tisch, die Herren ein wenig auf andere Gedanken zu bringen. Sie zog einen Brief
der Rollmaus aus der Tasche, worin diese bat, ihr etwas Gelehrtes ganz nach Wahl
des Herrn Professors zum Lesen zu schicken. Und Ilse sprach den Wunsch aus, es
mchte durch solche Sendung eine schne Kiste mit Rebhhnern und
Eingeschlachtetem gutgemacht werden, welche die Frau Oberamtmann der stdtischen
Wissenschaft gewidmet hatte. Das half doch etwas, die Mordgedanken der finstern
Mnner in den Hintergrund zu drngen. Zuletzt brachte sie eine groe runde Wurst
herbei, welche die Rollmaus eigens dem Doctor bestimmt hatte, und setzte sie als
Schaugericht auf den Tisch. Wenn man die Wurst ansah, wie sie so vergngt dalag,
in runder Flle, ohne innere Kmpfe, mit blauem Band umwunden, da war es
unmglich zu verkennen, da auf dieser Erde trotz falschem Schein und leerer
Anmaung doch auch Gediegenes zu finden war. Und als die Mnner das gute dicke
Ding betrachteten, erweichte sich ihr Herz zu einem leisen Lcheln und einer
mildern Auffassung menschlicher Schwche.
    Aber da klingelte es, und Struvelius erschien. Der Professor rckte sich
heftig zusammen und ging mit starken Schritten in sein Zimmer, der Doctor
entfernte sich heimlich und versprach, in Kurzem wieder zu kommen.
    Zuverlssig empfand Struvelius beim ersten Blick auf den Collegen, da die
letzte Unterredung ihre Schatten ber diese neue Zusammenkunft zu werfen drohe,
denn er sah betroffen aus, und sein Haar stand chaotisch auf dem Haupte. Der
Professor legte ihm die gedruckte Stelle des Kirchenvaters vor Augen und sagte
dazu nur die Worte: Diese Stelle ist Ihnen entgangen.
    In der That, rief Struvelius und sa lange darbergebeugt. Ich kann mir
diese Besttigung gefallen lassen, sprach er endlich, von dem Folianten
aufsehend.
    Der Professor aber legte den Finger auf das Buch: In den Text des
Pergamentblattes, welchen Sie ergnzt haben, ist ein ungewhnlicher Druckfehler
dieser Ausgabe aufgenommen, ein Druckfehler, welcher am Ende des Buches
verbessert wurde. Die Worte des Pergamentblattes sind also zum Theil nach dieser
gedruckten Stelle zusammengesetzt und eine Flschung.
    Struvelius blieb stumm sitzen, aber er war sehr erschrocken und sah
ngstlich in das zusammengezogene Gesicht des Collegen.
    Es wird jetzt zunchst Ihr Interesse sein, dem Publicum darber die
unvermeidliche Aufklrung zu geben.
    Eine Flschung ist unmglich, entgegnete Struvelius unbesonnen, ich
selbst habe das Pergamentblatt von dem alten Leim gereinigt, der den Text
verdeckte.
    Und doch sagten Sie mir, da das Blatt nicht in Ihrem Besitz sei. Sie
werden begreifen, da es mir keine Freude machen kann, einem Amtsgenossen
gegenber zu treten, deshalb mssen Sie selbst unverzglich das ganze
Sachverhltni ffentlich darlegen. Denn da die Flschung bekannt werden mu,
ist selbstverstndlich.
    Struvelius dachte nach Ich rume ein, da Sie in guter Meinung sprechen,
begann er endlich, aber ich habe die feste Ueberzeugung, da die Schrift des
Pergamentes echt ist, und ich mu Ihnen berlassen, zu thun, was Sie fr Pflicht
halten. Wenn Sie Ihren Collegen ffentlich angreifen, so werde ich das zu
ertragen suchen.
    Nach diesen Worten entfernte sich Struvelius widerspenstig, aber in groer
Unruhe, und die Angelegenheit wlzte sich auf der Bahn des Unheils weiter. Ilse
sah mit Betrbni, wie heftig ihr Gatte unter der Strrigkeit seines Collegen
litt, die er als unreinliches Wesen verurtheilte. Jetzt schrieb der Professor in
die wissenschaftliche Zeitung, fr welche er arbeitete, eine kurze Darstellung
des wirklichen Sachverhltnisses. Er fhrte die verhngnisvolle Stelle des
Kirchenvaters an und sprach schonend sein Bedauern aus, da der scharfsinnige
Herausgeber irgendwie durch einen Betrger hintergangen sei.
    Diese schlagende Beurtheilung machte an der Universitt ein ungeheures
Aufsehen. Wie ein gestrter Bienenschwarm, welcher hierhin und dorthin fliegt,
summten die Collegen durcheinander. Struvelius hatte wenig warme Freunde, aber
er hatte auch keine Gegner. Zwar die ersten Tage nach jenem literarischen
Urtheil galt er fr einen aufzugebenden Mann, aber er selbst hielt sich gar
nicht dafr, sondern verfate eine Entgegnung. Darin betonte er nicht ohne
Selbstgefhl die schne Besttigung, welche seine Ergnzungen durch die von ihm
allerdings bersehene Stelle des Kirchenvaters erhalten, er behandelte das
Zusammentreffen des Druckfehlers mit dem Wortlaut seines Pergaments als einen
wunderlichen, keineswegs aber unerhrten Zufall und versagte sich zuletzt nicht,
einige scharfe Seitenblicke auf andere Gelehrte zu werfen, welche gewisse
Autoren fr ihre Domne hielten und einen kleinen Fund miachteten, whrend doch
kein unbefangenes Urtheil auf einen grern hoffen drfe.
    Diese tactlose Anspielung auf den geheimen Codex emprte den Professor in
tiefster Seele, aber stolz verschmhte er jeden weitern Kampf vor der
Oeffentlichkeit. Die Entgegnung des Struvelius war allerdings bel gelungen,
inde hatte sie doch die Wirkung, da die Mitglieder der Universitt, welche
gegen Felix gestimmt waren, den Muth gewannen, auf Seite des Gegners zu treten.
Die Sache sei immerhin zweifelhaft, und es sei doch gegen die Bundespflicht des
Amtes, seinen Collegen ffentlich so groben Versehens zu bezichtigen. Der
Angreifer htte das auch einem Andern berlassen knnen. Gegen diese Schwachen
kmpfte der bessere Theil der Amtsgenossen aus dem Lager unseres Professors.
Einige der angesehensten, unter ihnen alle von Ilse's Theetisch, beschlossen,
da die Angelegenheit nicht im Sande verlaufen drfe. In der That stand fr
Struvelius der Streit ungnstig genug, denn ihm wurde ernstlich vorgestellt, da
seine Ehre ihn verpflichte, ber das Pergament irgendeine Aufklrung zu geben.
Er aber schwieg sich durch diese Verhaue hingeworfener Behauptungen durch, so
wohl oder bel ihm mglich war.
    Auch die Abende in Ilse's Zimmer erhielten durch dies Ereigni einen
kriegerischen Charakter, immer wieder saen die nchsten Freunde, der Doctor,
der Mineralog und nicht zuletzt Raschke, wie Kriegstribunen in Berathung gegen
den Feind. Raschke gestand an einem Abend, da er soeben bei dem verstockten
Gegner gewesen war und ihn flehentlich gebeten hatte, wenigstens zu bewirken,
da irgend ein Dritter das unglckliche Pergament zur Ansicht erhalte. Und
Struvelius war einigermaen in Thauwrme gekommen und hatte bedauert, da er
Schweigen versprochen, weil ihm noch andere Seltenheiten in Aussicht gestellt
seien. Da hatte ihn Raschke beschworen, auf solche unheimliche Schtze zu
verzichten und sich die Freiheit der Rede zurck zu kaufen. Es war eine lebhafte
Errterung gewesen, denn Raschke fuhr sich mit der kleinen Theeserviette - sie
hatte Fransen und war Ilse's Freude - ber Nase und Augen und steckte sie dann
in seine Tasche. Als Ilse ihm lachend seinen Raub zu Gemth fhrte, brachte er
nicht nur die Serviette hervor, sondern mit ihr noch ein seidenes Taschentuch,
von dem er behauptete, da es ebenfalls Ilsen gehren msse, obgleich es
offenbar Eigenthum eines mit Schnupftabak umgehenden Herrn war. Deshalb wurde
gegen ihn der Verdacht erhoben, da er das Tuch aus dem Zimmer des Struvelius
mitgebracht habe. Nicht unmglich, sagte er, denn wir waren bewegt.
    Das fremde Taschentuch lag auf einem Stuhle und wurde von den Anwesenden mit
kalten Blicken und feindlichen Empfindungen betrachtet.

                                       4.

                                        

                              Der Professorenball.


In diese akademische Verstrung fiel der groe Professorenball, das einzige Fest
des Jahres, welches smmtlichen Familien der Universitt Gelegenheit gab, in
frhlicher Geselligkeit zusammenzutreffen. Auch Studenten und andere Bekannte
wurden geladen, der Ball war in der Stadt wohlangesehen und die Einladungen
begehrt.
    Ein akademischer Tanz ist etwas ganz Anderes als ein gewhnlicher Ball. Denn
auer allen guten Eigenschaften eines distinguirten Balles erweist er noch drei
Vorzge deutscher Wissenschaft: Flei, Freiheit und Gleichgltigkeit; Flei im
Tanzen, auch bei den Herren, Freiheit in anmuthigem Verkehr zwischen Jung und
Alt und Gleichgltigkeit gegen Uniformen und lackirte Tanzstiefeln. Zwar die
Jugend hat auch hier im Ganzen einen weltbrgerlichen Charakter, denn dieselben
Tanzweisen, Roben, Strue und Verbeugungen, grende Augen und gerthete
Bckchen mag man bei tausend hnlichen Festen von der Newa bis nach Kalifornien
erblicken. Nur wer genauer zusah, erkannte wohl an einem Mdchenkopf die
geistvollen Augen und beredten Lippen, welche von dem gelehrten Vater auf sie
bergegangen waren, und vielleicht in Locken und Bndern eine kleine akademische
Eigenheit. Und der alte Satz, welchen Tiefsinn vergangener Studenten gefunden:
Professorentchter sind entweder hbsch oder hlich, empfahl sich auch hier dem
betrachtenden Menschenfreund, die landesbliche Mischung beider Eigenschaften
war selten. Und unter den Tnzern waren neben einigen Offizieren und der Blthe
stdtischer Jugend, dem gewhnlichen Ballgut, hie und da junge
Gelehrtengesichter zu sehen, hager und bleich, umflossen von schlichtem Haar,
welches mehr geeignet war, sinnig auf die Bcher hinabzuhngen, als im Tanz
durch den Saal zu schweifen. Was aber diesem Fest seinen Werth gab, war gar
nicht die Jugend, sondern Herren und Frauen in gesetzten Jahren. Unter den
lteren Herren mit grauem Haar und frhlichem Antlitz, welche in Gruppen
zusammenstanden oder behaglich zwischen den Damen umhertrieben, viele bedeutende
Kpfe, feine ausgearbeitete Zge, ein frisches, lebendiges, unterhaltsames
Wesen. Und unter den Frauen nicht wenige, die sonst das ganze Jahr geruschlos
zwischen dem Arbeitszimmer des Gatten und der Kinderstube einherschwebten, und
die sich jetzt im ungewohnten Staatskleid dem Kerzenglanz ausgesetzt sahen,
ebenso schchtern und verschmt, wie sie vor langer Zeit als Mdchen gewesen
waren.
    Diesmal aber war beim Beginn des Festes in einzelnen Gruppen doch eine
gewisse Spannung unverkennbar. Der Theetisch Werners hatte angenommen, da
Struvelius nicht kommen werde. Aber er war da. Er stand still in sich gezogen
mit seinem gewhnlichen zerstreuten Blick unweit des Eingangs, und Ilse und ihr
Gatte muten an ihm vorber. Als Ilse am Arm des Professors durch den Saal
schritt, sah sie, da die Augen Vieler sich neugierig auf sie richteten, und
hohe Rthe stieg ihr in die Wangen. Der Professor fhrte sie der Frau des
Collegen Gnther zu, welche mit Ilse verabredet hatte, da sie am Abende
zusammenhalten wollten, und Ilse war froh, als sie auf einem der erhhten Sitze
neben der muntern Frau Platz gefunden hatte, und sie wagte im Anfange nur
schchtern um sich zu blicken. Aber der Schmuck des Saales, die vielen
stattlichen Menschen, welche suchend, plaudernd, grend den groen Raum
fllten, dazwischen die ersten Klnge der Ouvertre, gaben ihr bald eine
gehobene Stimmung. Sie getraute sich weiter umzuschauen und nach ihren Bekannten
zu sphen, vor Allem nach dem lieben Manne. Sie sah ihn unweit der einen
Saalthr stehen inmitten seiner Freunde und Genossen, ragend an Haupt und
Gliedern. Und sie sah unweit der andern Thr den Gegner Struvelius stehen mit
kleinem Gefolge, fast nur von Studenten umgeben; so standen die Mnner zwiefach
getheilt, den Groll in ihrem Busen ehrbar bndigend. Aber zu Ilse kamen die
Bekannten des Gatten, der Doctor kam und lachte sie aus, weil sie vorher groe
Sorge gehabt, wie man in dem Gewirr fremder Menschen einander finden werde, auch
der Mineraloge kam und erklrte seine Absicht, sie um einen Tanz zu ersuchen.
Doch Ilse machte ihm dagegen ernste Vorstellungen: Bitte, thun Sie das nicht,
ich bin in den neuen stdtischen Tnzen nicht sicher, und Sie mchten mit mir
nicht gut bestehen. Da wollen wir einen Grundsatz daraus machen, und ich werde
gar nicht tanzen. Aber das ist auch nicht nthig, denn mir ist sehr festlich zu
Muth, und ich freue mich von Herzen ber all die schmucken Leute. Bald traten
Fremde heran, lieen sich ihr vorstellen, und sie erlangte schnell grere
Gewandtheit, Tnze abzuschlagen. Darauf fhrte auch der Historiker seine Tochter
zu ihr, der wrdige Herr sprach lngere Zeit mit Ilse und setzte sich endlich
sogar neben sie, und Ilse fhlte freudig, da darin eine Auszeichnung lag.
Endlich wagte sie sich selbst einige Schritte von ihrem Platz, um Frau Professor
Raschke zu sich zu holen. Und es dauerte nicht lange, so bildete sie mit den
Bekannten eine hbsche kleine Gesellschaft, die niedliche Frau Gnther machte
allerliebste Scherze und erklrte ihr fremde Damen und Herren. Auch die Frau
Rectorin kam herbei und sagte, sie msse sich zu ihnen setzen, weil sie merke,
da es bei ihnen so lustig hergehe, und die Magnificenz warf ihre Augen wie
Leuchtkugeln hin und her und zog einen Herrn nach dem andern zu der Gruppe; und
wer der Magnificenz Hochachtung bewies, der begrte auch die neue Frau
Collegin. Es wurde in ihrer Nhe ein Kommen und Gehen wie auf einem Jahrmarkt,
und Ilse und die Magnificenz saen da wie zwei Nachbarsterne, von denen einer
den Glanz des andern vermehrt. Alles war gut und schn, Ilse war seelenvergngt,
und es fand in ihrer Nhe nur etwas mehr freundschaftliches Hndeschtteln
statt, als sich im Ganzen mit der Feierlichkeit eines Balles vertrgt. Und als
Felix auch einmal herzutrat und sie fragend ansah, da drckte sie ihm leise die
Fingerspitze und lachte ihn so glcklich an, da er keiner weitern Antwort
bedurfte.
    Da, in einer Pause, als Ilse die Wnde des Saales entlang sah, erblickte sie
auf der entgegengesetzten Seite Frau Professor Struvelius. Sie sa in auffallend
dunklem Kleide, ihre eine sapphische Locke hing ernst und schwermthig von dem
feinen Haupt. Die Gattin des Feindes sah bleich aus und blickte still vor sich
nieder. In der Haltung der Frau war etwas, was Ilsen das Herz bewegte, und ihr
war, als mte sie hinbergehen. Sie berlegte, ob ihrem Felix das recht sein
werde, und frchtete sich auch vor einer kalten Abweisung. Endlich aber fate
sie ein Herz und schritt quer durch den Saal auf die gelehrte Frau zu.
    Sie wute nicht, was sie that. Sie selbst war viel mehr aufgefallen, sie
wurde viel schrfer beobachtet, und die Anwesenden beschftigte der Zwist zweier
Huptlinge viel angelegentlicher, als sie ahnte. Wie sie jetzt mit festem
Schritt auf die Andere zuging und schon einige Schritt vor ihr die Hand nach ihr
ausstreckte, da entstand eine bemerkbare Stille im Saale und viele Augen
richteten sich auf die beiden Frauen. Die Struvelius erhob sich geradlinig,
stieg eine Stufe von ihrem Sitz hinab und sah so gefroren aus, da Ilse erschrak
und kaum eine alltgliche Frage nach ihrem Befinden ber die Lippen brachte.
    Ich danke Ihnen, antwortete die Struvelius, ich bin keine Freundin lauter
Geselligkeit, wohl nur deshalb, weil mir alle Eigenschaften dafr fehlen. Denn
zuletzt ist dem Menschen nur da wohl, wo er Gelegenheit hat, irgendeine Anlage
thtig darzustellen.
    Mit meiner Anlage sieht es vollends schlecht aus, sagte Ilse schchtern,
aber mir ist hier Alles neu und deshalb unterhalte ich mich sehr durch das
Zusehen, und ich mchte meine Augen berall haben.
    Das ist bei Ihnen eine ganz andere Sache, versetzte die Struvelius mit
kalter Abfertigung.
    Zum Glck wurde die drftige Unterhaltung im Beginn unterbrochen. Denn die
Consistorialrthin scho neugierig wie eine Elster zu der Gruppe, um
menschenfreundlich zu vermitteln oder in der auffallenden Scene mitzuwirken. Sie
pickte in das Gesprch hinein, und gleichgltige Reden wurden kurze Zeit
fortgesetzt. Ilse kehrte erkltet auf ihren Platz zurck, mit sich selbst ein
wenig unzufrieden. Sie hatte keine Ursache dazu. Die kleine Gnther sagte ihr
leise: Das war recht, und ich bin Ihnen jetzt noch einmal so gut; und
Professor Raschke kam zu ihr herangeschossen; er erwhnte nichts, aber nannte
sie einmal ber das andere seine liebe Frau Collega. Er frug besorgt, ob er ihr
nicht etwas Gutes, wie Thee oder Limonade, zutragen drfe, er nahm den
feingeschnitzten Fcher, den ihr Laura aufgenthigt hatte, bewundernd aus ihrer
Hand und steckte ihn aus Vorsicht in die Brusttasche seines Fracks. Dabei kam er
auf eine lustige Geschichte, wie er als Student sich in seiner kleinen Stube
selbst tanzen gelehrt hatte, um seiner gegenwrtigen Frau zu gefallen, und im
Feuer seiner Erzhlung begann er vor Ilse die Methode darzustellen, durch welche
er sich in der Stille die ersten Pas beigebracht. Er bewegte sich gerade im
Schwunge, und der Schwanenflaum des Fchers ragte wie eine groe Feder aus
seinem Flgel hervor, als ein neuer Tanz begann und der Professor durch die
wirbelnden Paare mit Laura's Fcher weggefegt wurde. - Es waren nur wenige
Schritte, die Ilse durch den Saal gethan hatte, aber die kleine Aeuerung eines
selbstndigen Willens hatte ihr die gute Meinung der Universitt gewonnen. Denn
mancher Bemerkung, welche wohl ber ihr lndliches Wesen gemacht wurde, klang
jetzt bei Mnnern und Frauen die Anerkennung entgegen: sie hat Gemth und
Charakter.
    Nach altem Brauch wurde der Ball in seiner Mitte durch ein
gemeinschaftliches Abendessen unterbrochen. Wrdige Professoren waren schon
einige Zeit vorher im Nebenzimmer sphend um gedeckte Tische gewandelt, hatten
vorsorglich Zettel gelegt und mit wohlgekruselten Kellnern eine Weinlieferung
verabredet. Endlich lagerte sich die Gesellschaft, nach Familien geordnet, um
die Tafeln. Als Ilse am Arm des Gatten nach ihrem Platze schritt, frug sie
leise: War's recht, da ich hinberging? Und er erwiederte ernsthaft: Es war
nicht unrecht. Damit mute sie sich vorlufig begngen.
    Whrend der Tafel brachte Magnisiens den ersten Toast auf die akademische
Geselligkeit aus, und die Herren vom Theetisch fanden, da seine leise
Anspielung auf ein freundliches Zusammenhalten der Collegen in unzarter Weise an
die brennende Frage des Tages rhre. Aber diese Wirkung ging sogleich in andern
Trinksprchen unter, und Ilse merkte, da die Tischreden hier anders betrieben
wurden als in der Familie Rollmaus, denn ein College nach dem andern schlug an
das Glas. Wie zierlich und geistreich wuten sie leben zu lassen, sie hielten
ihre Fracksche und blickten kaltbltig in die Runde und gedachten in
herrlichen Worten der Gste, der Frauen und der brigen Menschheit. Als die
Pfropfen des Champagners knallten, wurde die Beredtsamkeit bermchtig, und es
schlugen sogar zwei Professoren zu gleicher Zeit an die Glser. Da erhob sich
noch einmal der Professor der Geschichte, und Alles wurde still. Er begrte die
neuen Mitglieder der Universitt, die Frauen und Mnner, und Ilse merkte, da
dieser Gru auch auf sie selbst gehe, und sah auf ihren Teller herab. Aber sie
erschrak, als er immer persnlicher wurde und zuletzt gar ihren Namen laut in
den Saal rief und den der Mineralogin, welche auf der andern Seite ihres Felix
sa. Die Glser klangen, ein Tusch wurde geblasen, viele Collegen und einige
Frauen erhoben sich und zogen mit ihren Glsern heran, es entstand hinter den
Sthlen eine kleine Vlkerwanderung, und Ilse und die Mineralogin muten ohne
Aufhren anstoen, danken und sich verneigen. Als Ilse errthend aufstand, um
mit den Grenden anzustoen, streifte ihr Blick unwillkrlich die nchste
Tafel, wo wieder die Struvelius gegenber sa, und sie sah, wie diese nach dem
Glase zuckte, aber schnell zurckfuhr und finster vor sich hinstarrte.
    Die Gesellschaft erhob sich, und jetzt erst begann die rechte Festfreude.
Denn auch die Professoren wurden regsam und gedachten ihrer alten Tchtigkeit.
Und der Saal erhielt ein verndertes Aussehen, denn jetzt drehten sich auch
ehrwrdige Herren mit ihren eigenen Frauen im Kreise. Ach, es war fr Ilse ein
herziger und rhrender Anblick! Mancher alte Frack und bequeme Wegstiefel
bewegte sich im Tacte. Die Herren tanzten entschlossen mit allerlei Schleifung
des Fues und khner Bewegung der Kniee in dem Stil ihrer Jugendzeit und mit dem
Gefhl, da sie ihre Kunst auch noch verstanden. Einige der Frauen hingen
schchtern in den Armen der Tnzer, manche auch etwas schwerfllig, andern aber
sah man an, wie gut sie das Regiment im Hause fhrten, denn wenn die
Wissenschaft des Gemahls nicht ganz ausreichte, wuten sie ihn durch ein
krftiges Herumschwingen im Kreise fortzutreiben. Und Magnificus tanzte mit
seiner runden Frau, sehr zierlich, und Raschke tanzte mit seiner Frau und sah
beim Anlauf, der einige Zeit in Anspruch nahm, triumphirend nach Ilse hinber.
Bei diesem Ball geschah, was lange nicht vorgekommen war: die Professoren wagten
auch eine Senioren-Franaise. Als aber Raschke dazu antrat, entstand ein
besorgtes Kopfschtteln seiner Vertrauten. Nicht ohne Grund, denn er brachte
eine heillose Verwirrung in die Touren. Er wollte seine Frau durchaus nicht mit
einer andern Dame vertauschen, welche ihm gegenberstand, dann ergab sich, da
er keine feste Ansicht ber seinen eigentlichen Platz gewinnen konnte, und erst
am Ende, als ein groer Stern gebildet wurde, bei welchem die Herren an der
Auenseite als Strahlen herumkreisten, da fand er sich an der Hand irgendeiner
Dame wieder zurecht und schwenkte lachend seine Beinchen gegen die Auenwelt.
    Lustiger wurde das Getmmel, alle Nachbarinnen Ilsens waren durch den Taumel
ergriffen und tanzten Walzer; Ilse stand unweit einer Sule und sah in das bunte
Treiben herab. Da strich etwas hinter ihr herum, ein seidenes Kleid rauschte,
die Struvelius trat neben sie.
    Betroffen sah Ilse in die groen grauen Augen der Gegnerin, welche langsam
begann: Ich halte Sie fr edel und gemeiner Empfindung ganz unfhig.
    Ilse verneigte sich ein wenig, um ihren Dank fr die unerwartete Erklrung
auszudrcken.
    Ich gehe umher, fuhr die Struvelius in ihrer gemessenen Weise fort, wie
mit einem Fluche beladen. Was ich in diesen Wochen gelitten habe, ist
unaussprechlich, heute in der lauten Freude komme ich mir vor wie eine
Ausgestoene. Das Tuch in ihrer Hand zitterte, aber sie sprach eintnig fort:
Mein Mann ist unschuldig und in der Hauptsache von seinem Recht berzeugt. Mir
als seiner Frau geziemt, seine Auffassung und sein Schicksal zu theilen. Aber
ich sehe auch ihn durch eine unselige Verwickelung innerlich verstrt, und ich
fhle mit Entsetzen, da ihm die gute Meinung seiner nchsten Bekannten verloren
sein mag, wenn es nicht gelingt, die Zweifel zu lsen, welche sich um sein Haupt
sammeln. - Helfen Sie mir, rief sie in pltzlichem Ausbruch die Hnde ringend,
und zwei groe Thrnen rollten ihr ber die Wangen.
    Vermag ich das? frug Ilse.
    Es ist ein Geheimni bei der Sache, fuhr die Struvelius fort, mein Mann
hat die Unvorsichtigkeit gehabt, unbedingtes Schweigen zu versprechen, sein Wort
ist ihm heilig, und er selbst ist wie ein Kind in Geschften und wei sich in
dieser Sache keinen Rath. Ohne sein Wissen und Zuthun mu versucht werden, was
ihn rechtfertigt. Ich bitte Sie, mir dabei Ihren Beistand nicht zu versagen.
    Ich kann nichts thun, was mein Mann mibilligen wrde, und ich habe bis
jetzt niemals ein Geheimni vor ihm gehabt, versetzte Ilse ernst.
    Ich will nichts, was nicht vor dem strengsten Urtheil bestehen knnte,
fuhr die Andere fort. Ihr Gemahl soll zuerst wissen, was ich etwa ermitteln
kann; gerade deshalb wende ich mich an Sie. Ach, nicht deshalb allein, ich wei
Niemanden, dem ich vertrauen knnte. - Ihnen sage ich, was ich nicht von
Struvelius erfahren habe, er hat das unglckliche Pergamentblatt von Magister
Knips erhalten und an diesen wieder zurckgegeben.
    Das ist der kleine Magister auf unserer Strae? frug Ilse neugierig.
    Derselbe. Ich mu den Magister veranlassen, da er das Blatt wieder
herbeischafft oder mir sagt, wo es zu finden ist. Nicht hier ist der Ort, dies
zu besprechen, rief sie, als die Tanzmusik verstummte. Bei der Stellung
unserer Mnner darf ich Sie nicht besuchen, es wrde mir zu schmerzlich sein,
die vernderte Haltung Ihres Gemahls in einer Begegnung zu empfinden; aber ich
wnsche Ihren Rath und bitte Sie, eine Zusammenkunft am dritten Orte mglich zu
machen.
    Wenn Magister Knips im Spiel ist, erwiederte Ilse zgernd, so schlage ich
Ihnenvor, sich zu Frulein Laura Hummel, meiner Hausgenossin, zu bemhen, wir
sind in ihrem Zimmer ungestrt, und sie wei mehr von dem Magister und seiner
Familie als wir beide. Aber, Frau Professorin, wir armen Frauen werden bei einem
fremden Manne schwerlich etwas durchsetzen.
    Ich bin entschlossen, Alles zu wagen, um meinen Gatten von dem unwrdigen
Verdacht zu befreien, der sich gegen ihn zu erheben droht. Beweisen Sie sich so,
wie Sie mir erscheinen, und ich will Ihnen auf Knieen danken. Sie rckte wieder
heftig mit der Hand und sah dabei sehr gleichgltig aus.
    Wir treffen uns morgen, versetzte Ilse, darin wenigstens darf ich Ihrem
Vertrauen entsprechen. Und sie beredeten die Stunde.
    So trennten sich die Frauen. Noch einmal sah die Struvelius hinter der Sule
hervor aus ihren groen Augen flehend nach Ilse, dann umschlo beide der Schwarm
aufbrechender Ballgste.
    Nach der Heimfahrt hrte Ilse im Traum noch lange die Tanzmusik und sah
fremde Mnner und Frauen an ihr Lager kommen, und sie lachte und wunderte sich
ber die nrrischen Leute, die sich gerade eine Zeit aussuchten, wo sie im Bette
lag ohne ihr schnes Kleid und den Fcher. Aber in diese frohe Betrachtung fuhr
die heimliche Sorge, da sie ihrem Felix von all diesen Besuchen nichts sagen
drfe. Und da sie leise ber solchen Zwang seufzte, schwebte der Traum zurck
nach der elfenbeinenen Pforte, aus welcher er herangezogen war, und ein fester
Schlummer lste ihr die Glieder.
    Am nchsten Morgen ging Ilse zu Laura hinauf und vertraute ihr die
Ereignisse des Abends, zuletzt die Bitte der Struvelius. Die geheime
Zusammenkunft mit der Frau Professorin war ganz nach Laura's Sinn. Sie hatte in
den letzten Wochen am Theetisch mehr als einmal von dem geheimnivollen
Pergament gehrt, sie fand den Entschlu der Struvelius hochherzig und sprach
von allem, was Magister Knips anzetteln knne, mit Verachtung.
    Mit dem Stundenschlag traf Frau Struvelius ein. Sie sah heut recht gedrckt
und leidend aus und man erkannte auch hinter ihren unbeweglichen Zgen die
ngstliche Spannung.
    Ilse krzte die unvermeidliche Einleitung von Gren und Entschuldigungen
ab, indem sie begann: Ich habe Frulein Laura von Ihrem Wunsche gesagt, das
Pergamentblatt zu erhalten, sie ist bereit, Herrn Magister Knips sogleich
herber zu rufen.
    Das ist unendlich mehr, als ich zu hoffen wagte, sagte die Struvelius,
ich war bereit, mit Ihrer gtigen Hilfe ihn selbst aufzusuchen.
    Er soll herkommen, entschied Laura, und er soll sich hier verantworten.
Er ist mir immer unausstehlich gewesen, obgleich er mir manchmal fr Geld
hbsche kleine Bilder gemalt hat. Denn seine Demuth ist so, wie sie keinem Manne
geziemt, und ich halte ihn im Grund seines Herzens fr einen Schleicher.
    Die Kchin Susanne wurde gerufen und von Laura in Gegenwart der Frauen als
Herold in die Burg der Knipse gesandt. Du sagst unter keinen Umstnden, da
Jemand bei mir ist, und wenn er kommt, fhrst du ihn sogleich herauf. Susanne
kehrte mit schlauem Gesicht zurck und berbrachte den Gegengru: Der Magister
lt sagen, er wird sich sogleich die hohe Ehre geben. Er erstauntesich, aber es
war ihm recht.
    Er soll sich wundern, rief Laura. Die verbndeten Damen lieen sich um den
Sophatisch nieder und empfanden den Ernst der Stunde, welche ihnen bevorstand.
Wenn ich mit ihm spreche, begann Frau Struvelius feierlich, haben Sie die
Gte, genau auf seine Antworten zu achten, damit Sie dieselben im Nothfalle
wiederholen knnen, seien Sie mir Beistand und Zeugen.
    Ich kann schnell schreiben, rief Laura, ich will aufzeichnen, was er
antwortet, nachher kann er's nicht ableugnen.
    Das wird zu sehr wie ein Verhr, warf Ilse ein, es macht ihn nur
mitrauisch.
    Drauen scholl das wthende Geklff eines Hundes. Er kommt, rief die
Struvelius und rckte sich entschlossen zurecht. Ein polternder Schritt lie
sich von der Treppe hren, Susanne ffnete und Magister Knips trat ein.
    Gefhrlich sah der nicht aus, ein kleiner gekrmmter Mann, von dem man
zweifeln konnte, ob er jung oder alt war, ein blasses Gesicht mit hervorragenden
Backenknochen, auf denen zwei rothe Flecke lagen, zusammengedrckte Augen, wie
Kurzsichtige zu haben pflegen, von vieler Nachtarbeit bei trber Lampe gerthet,
so stand er, den Kopf auf eine Seite geneigt, in fadenscheinigem Rock, ein
demthiger Diener, vielleicht ein Opfer der Wissenschaft. Als er drei Damen
sitzen sah, wo er seinem Herzen nur fr eine Fassung gegeben hatte, alle streng
und feierlich, darunter die Frauen gewaltiger Mnner, blieb er bestrzt an der
Thr stehen. Doch fate er sich und machte drei tiefe Verbeugungen,
wahrscheinlich jeder Dame eine, enthielt sich aber alles Gebrauchs der Worte.
Setzen Sie sich, Herr Magister, begann Laura herablassend und wies auf einen
leeren Stuhl gegenber dem Sopha. Der Magister trat zgernd heran, rckte den
Stuhl weiter aus dem Bereich der drei Schicksalsgttinnen und schob sich mit
einer neuen Verbeugung auf eine Ecke des Rohrgeflechts.
    Es wird Ihnen bekannt sein, Herr Magister, begann Frau Struvelius, da
die letzte Schrift meines Mannes Errterungen veranlat hat, welche allen
Betheiligten und, wie ich voraussetze, auch Ihnen peinlich gewesen sind.
    Knips machte ein sehr klgliches Gesicht und legte den Kopf ganz auf eine
Schulter.
    Ich berufe mich jetzt auf das Interesse, welches auch Sie fr die Studien
meines Mannes haben, und ich berufe mich auf Ihr Herz, wenn ich Sie ersuche, mir
offen und geradsinnig die Auskunft zu geben, welche uns Allen wnschenswerth
sein mu. Sie hielt an, Knips sah mit gebeugtem Haupt von der Seite zu ihr
hinber und schwieg ebenfalls. Ich bitte um eine Antwort, rief die Struvelius
nachdrcklich.
    Ach sehr gern, hochverehrte Frau Professorin, begann endlich Knips mit
feiner Stimme, ich wei nur nicht, worauf ich antworten soll.
    Aus Ihren Hnden hat mein Mann das Pergament bekommen, welches die
Veranlassung zu seiner letzten Abhandlung gewesen ist.
    Hat der Herr Professor der hochverehrten Frau Professorin das gesagt? frug
Knips noch klglicher.
    Nein, antwortete die Struvelius, aber ich habe durch die Thr gehrt, da
Sie kamen, und ich habe gehrt, da er versprach, ber etwas zu schweigen, und
da ich spter bei ihm eintrat, sah ich das Pergament auf seinem Tisch liegen,
und als ich darnach frug, sagte er mir auch: das ist ein Geheimni.
    Der Magister sah ngstlich in der Luft umher und senkte den Blick endlich
auf seine Kniespitzen, welche in ungewhnlicher Gltte und Abgestoenheit
glnzten.
    Wenn der Herr Professor selbst meinten, da die Sache Geheimni sei, so
steht doch mir nicht zu, darber zu sprechen, selbst wenn ich in der That etwas
wte.
    Sie verweigern also, uns Auskunft zu geben?
    Ach! hochverehrte und wohlgeneigte Frau Professorin, ich wrde Niemandem
lieber eine Mittheilung machen als den gtigen Damen, welche ich hier zu sehen
die Ehre habe, aber ich bin viel zu schwach, Ihnen hierin zu dienen.
    Haben Sie auch berlegt, was Ihre Weigerung fr verwirrende Folgen haben
mu fr meinen Gatten, fr die ganze Universitt, und was Ihnen mehr als dies
alles gelten mu, wenn Sie im Dienst der Wahrheit stehen, fr die Wissenschaft?
    Knips gab zu, im Dienst der Wahrheit zu stehen.
    Laura merkte, da das Verhr sich in Seitenpfade schlngelte, auf denen das
Pergament nicht zu finden war, sie sprang auf und rief: Gehen Sie einmal
hinaus, Magister Knips, ich habe mit Frau Professorin etwas zu besprechen.
Knips erhob sich bereitwillig und machte eine Verbeugung. Sie drfen aber nicht
fort, treten Sie in das Zimmer nebenan. Kommen Sie, ich werde Sie sogleich
wieder einlassen. Knips folgte mit gesenktem Haupt und Laura kam auf den
Fuspitzen zurck und sagte leise: Ich habe ihn eingeschlossen, damit er nicht
entluft. Die Frauen neigten die Kpfe zu geheimer Berathung.
    Sie behandeln ihn zu zartfhlend, Frau Professorin, flsterte Laura,
bieten Sie ihm Geld, das wird ihn locken. Es ist hart, da ich so etwas sagen
mu, aber ich kenne die Familie Knips, sie ist egoistisch.
    Auch ich habe fr den uersten Fall daran gedacht, versetzte die
Struvelius, ich wollte ihn nur nicht durch ein kaltes Angebot verletzen, wenn
eine mnnliche Empfindung in ihm lebt.
    Ei was, rief Laura, es ist gar kein Mann, es ist nur ein Hasenfu. Und
wenn er Ihnen widersteht, so bieten Sie mehr. Bitte, hier ist meine Sparcasse.
Sie lief zum geheimen Schreibtisch und holte die Perlentasche hervor.
    Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, raunte die Struvelius und zog auch ihre
Brse aus dem Gewande. Wenn es nur reichen wird, sagte sie, ngstlich an den
Schnren ziehend, sehen wir schnell, was wir haben.
    Behte, rief Laura erschrocken, sie ist ja voll Gold.
    Ich habe zu Geld gemacht, was ich gerade konnte, erwiederte hastig die
Struvelius. Das ist ja jetzt alles unwesentlich.
    Ilse nahm beiden Frauen die Brsen aus der Hand und sagte fest: Das ist
vielzu viel. Solche Summe drfen wir ihm nicht anbieten, wir wissen nicht, ob
wir nicht den armen Mann in Versuchung fhren, ein Unrecht zu thun. Ueberhaupt,
wenn wir Geld bieten, lassen wir uns auf einen Handel ein, den wir gar nicht
verstehen. Das bestritten die Andern, und im Flsterton wurde eifrig darber
verhandelt.
    Endlich entschied Laura: Zwei Goldstcke soll er haben, und damit
abgemacht. Sie eilte hinaus, den Gefangenen wieder einzufhren.
    Als der Magister eintrat, sah die Struvelius so bittend auf Ilse, da diese
sich berwand, die Verhandlung einzuleiten. Herr Magister, wir Frauen haben uns
in den Kopf gesetzt, das Schriftstck zu erhalten, welches die Herren Gelehrten
so sehr beschftigt, und da Sie Bescheid wissen, bitten wir Sie, uns dabei zu
helfen. Magister Knips bewegte seine Lippen zu einem untertnigen Lcheln.
    Wir wollen es kaufen, fiel die Struvelius ein, und wir bitten Sie, den
Ankauf zu besorgen. Sie sollen das Geld haben, welches Sie dafr brauchen. Sie
fuhr in ihre Brse, verga in innerer Angst die Verabredung und zhlte einen
Louisdor nach dem andern auf den Tisch, da Laura erschrocken zu ihr sprang und
sie von hinten heftig an dem Tuch zupfte. Knips trug sein bedrngtes Haupt
wieder auf der Schulter, und wie ein Hndchen auf die Hand des Brotschneidenden
starrt, blickte er auf die kleinen Finger der Frau Professorin, aus denen ein
Goldstck nach dem andern fiel. Dies und noch mehr gehrt Ihnen, rief die
Struvelius, wenn Sie mir das Pergament schaffen. Der Magister fuhr in die
Tasche nach seinem Tuch und trocknete sich die Stirne. Wohl wird Denenselben
bekannt sein, sagte er klagend, da ich viele Correcturen lesen mu, und
manches Mal in die liebe Nacht arbeiten, bevor ich nur den zehnten Theil von dem
verdiene, was hier liegt. Es ist eine groe Verlockung fr mich, aber ich glaube
nicht, da ich das Pergamentblatt schaffen kann. Und wenn es mir gelingen
sollte, so frchte ich, es knnte nur unter der Bedingung sein, da den Streifen
keiner der Herren Professoren in die Hand bekommt, sondern da derselbe hier in
Gegenwart der hochverehrten Frauen und Frulein vernichtet wird.
    Gehen Sie noch einmal hinaus, Magister Knips, gebot Laura aufspringend,
lassen Sie aber Ihren Hut hier liegen, damit Sie uns nicht entwischen.
    Der Magister verschwand zum zweiten Male. Wieder fuhren die Frauenkpfe
zusammen.
    Er hat das Blatt, und er kann es schaffen, jetzt wissen wir's, rief Laura.
    Auf sein Anerbieten knnen Sie nicht eingehen, sagte Ilse, denn es liegt
Ihnen doch nichts daran, das Blatt zu behalten, es soll nur noch einmal von
unsern Mnnern untersucht werden, dann kann es ja der Herr Magister wieder
zurcknehmen.
    Bitte, schaffen Sie alles Gold fort bis auf dies hier, rieth Laura, und
erlauben Sie mir, jetzt aus einem andern Tone mit ihm zu sprechen, denn meine
Geduld ist am Ende. Sie ffnete die Thr: Kommen Sie herein, Magister Knips,
und hren Sie mich mit Ueberlegung an. Sie haben sich geweigert, das Geld ist
verschwunden bis auf zwei Stcke, die liegen noch fr Sie da. Aber nur unter der
Bedingung, da Sie auf der Stelle schaffen, was Frau Professorin von Ihnen
erbeten hat. Denn wir haben Ihnen deutlich angesehen, Sie besitzen das Blatt,
und wenn Sie sich noch weigern, so kommt uns der Verdacht, da Sie dabei etwas
Unehrliches verbt haben. Knips sah sie erschrocken an und winkte flehend mit
der Hand. Und ich gehe sogleich zu Ihrer Mutter und sage ihr, da es ein Ende
hat zwischen ihr und unserm Hause. Ich gehe hinber zu Herrn Hahn und erzhle
ihm von Ihrem Verhalten, und da er Ihnen Ihren Bruder auf den Hals schickt. Ihr
Bruder ist in einem Geschft und wei, was Redlichkeit heit. Und wenn er es
nicht einsieht, so wird Herr Hahn daran denken, und auch Ihrem Bruder wird es
nicht zum Heile gereichen. Zuletzt will ich Ihnen noch etwas sagen. Ich lasse
auf der Stelle Herrn Fritz Hahn herber bitten und wir theilen ihm Alles mit,
und dann soll er mit Ihnen verhandeln. Denn da Fritz Hahn mit Ihnen fertig
wird, wissen Sie. Und ich auch, denn ich habe als kleines Mdchen
dabeigestanden. Ich kenne Sie, Herr Magister. Wir auf unserer Strae sind nicht
von der Art, da wir uns hinter's Licht fhren lassen. Und wir halten auf
Ordnung in der Nachbarschaft. Deshalb schaffen Sie das Blatt, oder Sie sollen
Laura Hummel kennenlernen. Das rief Laura mit blitzenden Augen, und sie ballte
die kleine Hand gegen den Magister. Und Ilse sah mit Erstaunen, wie in der Rede
der Eifrigen auf einmal der Doctor als Ajax gegen den Magister heranstrmte.
    Wenn ein Vortrag nach seinen Wirkungen beurtheilt werden darf, so war
Laura's Anrede musterhaft, denn sie bewirkte in dem Magister vllige Zerstrung.
Er war unter den Menschen und Gewohnheiten der kleinen Strae aufgewachsen und
wrdigte sehr wohl die Folgen, welche Laura's Feindschaft fr das geringe
Behagen seines eigenen Lebens haben konnte. Er kmpfte deshalb eine Weile um die
Worte, endlich begann er leise: Da es so weit gekommen ist, da Frulein Laura
sogar gegen mich selbst etwas muthmat, so bin ich allerdings genthigt, den
hochverehrten Frauen zu sagen, wie die Sache zusammenhngt. Ich kenne einen
kleinen reisenden Hndler, der allerlei Antiquitten mit sich fhrt,
Holzschnitte, Miniaturen, auch Bruchstcke alter Handschriften, und was sonst in
dieser Art vorkommt, ich habe ihm manchmal Kunden zugewiesen und wohl auch ber
den Werth seltener Sachen Auskunft gegeben. Dieser Mann zeigte mir bei seinem
Hiersein einen Haufen alter Pergamentbltter, ber welche er bereits, wie er
sagte, mit einem Auswrtigen im Handel war. Und weil man jetzt auf die doppelt
beschriebenen Bltter sehr aufmerkt, war ihm der Streifen aufgefallen und mir
auch. Ich las Einiges darin, soweit man es durch den Leim erkennen konnte, der
noch darber lag, und ich bat ihn, mir das Pergament wenigstens zu leihen, damit
ich es einem unserer groen Herren Gelehrten zeigen knnte. Ich trug es zu Herrn
Professor Struvelius. Und als der Herr Professor meinten, die Sache wre
vielleicht der Mhe werth, ging ich wieder zu dem Hndler. Dieser sagte mir,
verkaufen knne er das Blatt vorlufig nicht, aber es sei ihm recht, wenn
darber geschrieben wrde, denn dadurch knnte es greren Werth erhalten.Der
Hndler berlie ers mir bis zu seiner Zurckkunft. In dieser Woche ist er
wieder angekommen, um es mit fortzunehmen. Jetzt wei ich nicht, ob es noch
vorhanden ist, und ich kann gar nicht sagen, ob er es fr dieses Geld
herausgeben wird. Ich besorge: Nein.
    Die Frauen sahen einander an. Sie Alle hrten diese Aussage, begann die
Struvelius. Aber weshalb haben Sie, Herr Magister, meinen Mann gebeten,
Niemandem zu sagen, da das Pergament von Ihnen kommt?
    Der Magister wand sich auf dem Stuhl und sah verlegen auf seine Kniee herab.
Ach, die hochverehrten Damen werden mir zrnen, wenn ich das ausspreche. Herr
Professor Werner hat gegen mich immer viele Freundlichkeit gehabt und ich hatte
Angst, derselbe knnte bel empfinden, wenn ich einen solchen Fund nicht zuerst
ihm zeigte. Und doch hatte auch Herr Professor Struvelius mich wieder zu Dank
verpflichtet, denn derselbe hatte mir geneigtest Correctur und
Inhaltsverzeichni seiner neuen groen Ausgabe bertragen. Deshalb stand ich
zwischen zwei schtzbaren Gnnern in Verlegenheit.
    Das war so klglich, da es leider nicht unwahrscheinlich war.
    O bewirken Sie, da Ihr Gemahl ihn anhrt, rief die Struvelius.
    Wir hoffen, Herr Magister, Sie werden Ihre Worte vor Andern wiederholen,
welche den Inhalt besser verstehen als wir, sagte Ilse, und der Magister
erklrte furchtsam seine Bereitwilligkeit.
    Aber das Pergament mssen Sie doch schaffen, warf Laura dazwischen.
    Knips zuckte die Achseln. Wenn es mglich ist, sagte er, und ob der Mann
fr diesen Betrag mir das Blatt berlassen wird -
    Die Struvelius griff wieder nach der Tasche, aber Ilse hielt ihr die Hand
fest und Laura rief: Wir geben nicht mehr. Dennoch, aber, fuhr der Magister,
gedrckt durch den Widerstand seiner Richterinnen, fort: es sind Zweifel
erhoben an der Echtheit, und wie es bei solchen Leuten geht, vielleicht hat das
Blatt dem Hndler dadurch an Werth verloren. - Aber, hochverehrte Frauen und
Frulein, wenn es mir gelingen sollte, Ihnen zu dienen, so flehe ich in
Ehrerbietung, da Dieselben mir nicht den unglckseligen Antheil nachtragen, den
ich ohne mein Verschulden in dieser schwierigen Sache gehabt habe. Sie hat mich
die ganze Zeit sehr bekmmert, und seit die Worte des Herrn Professor Werner
gedruckt wurden, habe ich jeden Tag gejammert, da ich je mit einem Auge auf das
Blatt gesehen. Denn ich darf meine gewichtigen Gnner nicht verlieren, wenn ich
nicht in den Abgrund des Elends sinken soll.
    Diese Worte regten den Richterinnen das Mitleid auf, und die Struvelius
sagte gtig: Wir glauben Ihnen, denn es ist eine hliche Empfindung, auch
wider Willen Andere getuscht zu haben. Aber Laura, welche sich zur
Vorsitzenden des Rathes aufgeworfen hatte, entschied kurz: Ich bitte also, da
alle Betheiligten sich morgen um dieselbe Stunde hierher bemhen. Ihnen,
Magister Knips, gebe ich bis dahin Zeit, das Blatt in unsere Hnde zu liefern.
Nach Ablauf dieser Frist wird Wsche entzogen, das Haus verboten und der Familie
Hahn Anzeige gemacht. Sehen Sie zu, da wir im Guten auseinander kommen.
    Der Magister nherte sich dem Tisch, schob mit einem Finger die Geldstcke
in die hohle Hand, welche er bescheiden unter den Rand der Tischplatte hielt,
machte geknickt drei tiefe Verbeugungen und empfahl sich den hochverehrten
Anwesenden.
    Ilse erzhlte dem Gatten das Abenteuer, und Felix hrte erstaunt von der
Rolle, welche das gelehrte Factotum in der Tragdie gespielt hatte.
    Schon am nchsten Morgen erschien der Magister vor dem Gelehrten. Athemlos
zog er das eingepackte Unglcksblatt aus der Tasche und trug es mit geneigtem
Haupt und ausgestreckter Hand, immer kleiner werdend, demthig und flehend von
der Thr bis zum Arbeitstisch des Professors. Dem Herrn Professor dies zu
bringen, mchte ich immer noch eher wagen, als zum zweiten Mal hherer
weiblicher Wrde entgegentreten. Wenn der Herr Professor geruhen wollten,
dasselbe durch Dero Gemahlin geneigtest in die Hnde der neuen Eigenthmerin zu
befrdern. Auf die strengen Fragen des Professors begann er Bericht und
Verteidigung. Was er sagte, war nicht unwahrscheinlich. Dem Professor war der
Name des unsichern Hndlers bekannt, er wute, da der Mann sich in diesen
Wochen am Orte aufgehalten hatte, und bei den zahlreichen Verbindungen, welche
Knips im Interesse seiner Gnner unterhielt, war seine Bekanntschaft mit diesem
Verkufer nicht auffallend. Der Professor untersuchte neugierig das Pergament.
Hatte hier eine Flschung stattgefunden, so war sie meisterhaft ausgefhrt; aber
Knips selbst brachte eine Lupe aus der Westentasche und machte darauf
aufmerksam, wie man unter dem Vergrerungsglase erkenne, da einige Male die
schattenhaften Schriftzge der scheinbar ltesten Hand ber die Buchstaben des
Kirchengebets gefhrt, also spter aufgemalt seien. Des Herrn Professors
Einwrfe in der Literaturzeitung haben mich aufmerksam gemacht, und heut frh,
als ich das Pergament in die Hand bekam, habe ich sorgenvoll untersucht, was
vorher durch den aufgestrichenen Kleister undeutlich war. Und soweit ich mir in
solchen Dingen berhaupt ein Urtheil erlauben darf, wage ich jetzt Dero Ansicht
zu theilen, da ein Falsarius an diesem Blatt Uebles gethan hat.
    Der Professor warf das Blatt weit von sich: Ich bedaure, da Ihre Hand
jemals an dies gerhrt hat. Denn Sie haben, wenn auch wider Willen, eine
Verwstung angerichtet, deren Schmerzlichkeit Sie wohl nicht bersehen. Auch um
Sie selbst thut es mir sehr leid. Dieser unglckliche Vorfall wirft einen
Schatten auf Ihr Leben. Ich wrde viel darum geben, wenn ich ihn hinwegwischen
knnte. Denn wir kennen einander von mancher Arbeit, Herr Magister, ich habe fr
Ihre opfervolle Thtigkeit zu Gunsten Anderer immer Theilnahme gefhlt. Und
trotz Ihrem Bcherschacher, den ich nicht lobe, und trotz der Zersplitterung
Ihrer Zeit durch Arbeiten, die auch Schwchere abmachen knnten, habe ich Sie
stets fr einen Mann gehalten, dessen ungewhnliche Kenntnisse Achtung
einflen.
    Der gebeugte Magister erhob das Haupt und ber sein Gesicht flog ein
Lcheln. Und ich habe Herrn Professor immer fr den einzigen unter meinen
vornehmen Gnnern gehalten, welcher das Recht htte, mir zu sagen, da ich zu
wenig gelernt habe. Der Herr Professor sind ebenso der einzige, dem ich zu
gestehen wage, da ich mich in der Stille auch als einen Gelehrten zu stimiren
nicht unterlassen kann. Und ich verhoffe, da Sie mir nicht das Zeugni versagen
werden, Denenselben stets ein zuverlssiger und treuer Arbeiter gewesen zu
sein. Er fiel in sein gedrcktes Wesen zurck, als er fortfuhr: Was geschehen
ist, soll mir fr die Zukunft eine Lehre sein.
    Ich mu mehr von Ihnen fordern. Zuerst werden Sie sich Mhe geben, durch
Ihre Bekanntschaft den Versteck zu ermitteln, aus welchem diese Flschung
hervorgegangen ist, denn sie ist schwerlich der zufllige Einfall eines
gewissenlosen Mannes, sondern Beginn einer unheimlichen Industrie, welche noch
mehr Unheil anrichten kann. Ferner ist Ihre Pflicht, auf der Stelle Herrn
Professor Struvelius das Pergament zu berbringen und Ihre Entdeckung
mitzutheilen. Sie selbst aber werden gut thun, fortan vorsichtiger in der Wahl
der Geschftsleute zu sein, mit welchen Sie verkehren. Diese Ansichten theilte
Knips vollstndig und schied, indem er sich flehentlich fr die Zukunft zu
hochgeneigter Bercksichtigung empfahl.
    Er ist doch irgendwie bei der Schurkerei betheiligt, rief der Doctor.
    Nein, entgegnete der Professor. Sein Unrecht ist, da ihm bis zum letzten
Augenblick mehr an einem Handel als an Ermittlung der Wahrheit lag. Und Frau
Professor Struvelius sprach am Nachmittag zu Ilse: Was wir erreicht haben, ist
fr meinen Gatten sehr schmerzlich. Denn es gibt ihm die Ueberzeugung, da er
getuscht wurde, whrend Andere das wahre Sachverhltni erkannt haben. Es ist
fr eine Frau grausame Qual, wenn sie selbst zu solcher Demthigung des Liebsten
die Hand reichen mu. Dieses Leid werde ich lange in mir herumtragen. Auch
unsere Gatten sind einander so entfremdet, da fr beide lngere Zeit nothwendig
sein wird, bevor die verletzte Empfindung einer unbefangenen Wrdigung des
Collegen Raum gibt. Mir aber liegt daran, da das Verhltni zwischen Ihnen und
mir darunter nicht leidet. Ich habe den Werth Ihres Herzens erkannt und ich
bitte Sie, sich trotz meinem schwerflligen Wesen, das ich sehr wohl kenne, die
Freundschaft gefallen zu lassen, welche ich Ihnen entgegentrage.
    Als sie in ihrem schwarzen Kleide langsam zur Thr hinausschritt, wunderte
sich Ilse, wie schnell der erste Eindruck, den ihr die gelehrte Dame gemacht,
durch andere Gefhle zurckgedrngt war.
    In der nchsten Nummer der Literaturzeitung erschien eine kurze Erklrung
des Professor Struvelius, worin er ehrlich bekannte, da er durch einen -
allerdings sehr geschickten - Betrug getuscht worden sei, und da er dem
Scharfsinn und der freundlichen Thtigkeit seines verehrten Collegen dankbar
sein msse, welcher zur Aufklrung des Sachverhltnisses beigetragen.
    Diese Erklrung hat die Frau geschrieben, sagte wieder der hartnckige
Doctor.
    Wir drfen annehmen, da die unbehagliche Novelle dadurch fr alle
Betheiligten zum Ende gebracht ist, schlo der Professor mit leichtem Herzen.
    Aber auch die Hoffnungen eines groen Gelehrten gehen nicht immer in
Erfllung. Dieser Streit der Scepter tragenden Frsten an der Universitt hatte
nicht nur Ilse in neuen Beruf eingefhrt, auch einen Andern.
    Magister Knips kauerte am Abend des entscheidenden Tages, welcher die
Nichtigkeit des Pergaments enthllt hatte, in der ungeheizten Kammer seiner
drftigen Wohnung auf dem Boden. Auf den Bretern an der Wand und auf dem
Fuboden lagen die Bcher unordentlich gehuft und er sa von ihnen ringsum
eingeschlossen, wie ein Ameisenlwe in seinem Trichter. Er rumte eine alte
Cigarrenkiste seines Bruders, die mit kleinen Flaschen und Farbentpfchen
gefllt war, in eine dunkle Ecke und legte Bcher darber. Dann stellte er die
Lampe auf einen Schemel neben sich, nahm mit innigem Behagen ein und das andere
alte Buch in die Hand, betrachtete den Einband, las den Titel und die letzte
Seite, strich liebkosend mit der Hand darber und legte es wieder zum Haufen.
Endlich fate er mit beiden Hnden den alten italienischen Druck eines
griechischen Autors, schob sich nher an die Lampe und untersuchte Blatt fr
Blatt. Die Mutter rief zur Thr herein: Hre auf mit deinen Bchern und komm
aus der kalten Kammer zu deinem Abendbrot.
    Seit zweihundert Jahren hat kein Gelehrter dies Buch gesehen, Mutter, sie
leugnen, da es berhaupt vorhanden ist, ich aber halte es in meinen Hnden, und
es gehrt mir. Das ist ein Schatz, Mutter.
    Was hilft dir der Schatz, du armer Junge?
    Ich hab' ihn, Mutter, sagte der Magister, zu den harten Zgen der Frau
aufblickend, und seine zwinkernden Augen glnzten verklrt. Heut erst mute ich
eine Correctur lesen, in der ein berhmter Mann behauptet, dieser Band, den ich
hier halte, sei nie vorhanden gewesen. Er wollte das nie vorhanden mit
gesperrter Schrift gedruckt, und ich habe es dem Setzer gezeichnet, aber ich
wute es besser.
    Kommst du wieder nicht los? rief die Mutter rgerlich, dein Bier wird am
Ofen warm, mach' ein Ende.
    Widerstrebend erhob sich der Magister, fuhr mit seinen Filzschuhen aus der
Kammer und setzte sich zu seinem Butterbrot in der Stube nieder. Mutter, sagte
er der Frau, die dem schnellen Essen zusah, ich habe einiges Geld brig,
brauchst du etwas, so kaufe dir's. Aber ich will wissen, was es ist, und ich
will es auch sehen, da nicht der Bruder dir das Geld wieder abborgt. Denn es
ist mit Sorgen verdient.
    Dein Bruder wird mir jetzt Alles zurckzahlen; denn Hahn hat ihm seine
Stelle gebessert und er hat sein gutes Auskommen.
    Das ist nicht wahr, versetzte der Magister, die Mutter scharf ansehend,
er ist zu vornehm geworden, um noch bei uns zu wohnen, aber so oft er herkommt,
will er etwas von dir. Und du hast ihn immer lieber gehabt als mich.
    Rede nicht so, mein Sohn, rief Frau Knips, er hat nur eine andere Art, du
hast immer fleiig stillgesessen und gesammelt, und schon als kleiner Junge hast
du zusammengetragen.
    Ich habe mir etwas gesucht, das mir lieb war, sagte der Magister und sah
nach seiner Kammer, und ich habe Manches gefunden.
    Ach, und wie sauer lt du dir's werden, mein armes Kind, schmeichelte die
Mutter.
    Wie's kommt, antwortete der Magister und verzog in heiterer Stimmung sein
Gesicht. Ich lese Correcturen und ich mache Arbeiten fr diese Gelehrten, die
vornehm im Wagen fahren und, wenn ich zu ihnen komme, mich behandeln wie einen
rmischen Sklaven. Und kein Mensch wei, wie oft ich ihre Dummheiten ausbessere
und die groben Fehler aus ihrem Latein. Ich thue es aber nicht Jedem, nur dem,
welchen ich mag und der es wohl um mich verdient hat. Den Andern lasse ich
stehen, was sie nicht gewut haben, und ich zucke in der Stille die Achseln ber
die hohlen Kpfe. Es ist nicht Alles Gold, was glnzt, sagte er, und hielt
behaglich sein Dnnbier gegen das Licht, ich allein wei, wie es in manchem
aussieht. Ihre elenden Manuscripte, immer wieder corrigirt, und das Schlechteste
darin nicht corrigirt; ich sehe, wie sie sich abqulen und, was sie etwa wissen,
noch aus fremden Bchern mausen. Man sieht das alle Tage, Mutter, und man
lchelt in der Stille ber den Lauf der Welt.
    Und Magister Knips lchelte ber die Welt.

                                       5.

                                        

                           Herr Hummel als Falsarius.


In den Husern der Parkstrae waltete Friede, Duldsamkeit, heimliche Hoffnung.
Seit Ilse's Ankunft schien der alte Streit abgethan, das Kriegsbeil begraben.
Zwar Hummels Hund knurrte und schnappte nach Hahns Katze und wurde von ihr
geohrfeigt, und der Markthelfer Rothe von A.C. Hahn schlug im Kuchengarten vor
dem Schlieer der Fabrik von H. Hummel auf den Tisch und erklrte ihm seine
Verachtung. Aber diese kleinen Vorflle glichen unschdlichen Wasserblasen,
welche an der Sttte aufstiegen, wo einst ein strudelnder Abgrund von
Feindschaft gewesen war, das Leben zwischen den beiden Husern flo dahin wie
ein klarer Bach, und Vergimeinnicht wuchs an seinem Ufer. Wenn ein
menschenfeindlicher Zauber in den Boden gesteckt war zu jener Zeit, wo Frau
Knips allein darauf herrschte, so schien er jetzt durch weibliche Beschwrung
gnzlich beseitigt.
    An einem Morgen, kurz vor der Messe, stellte der Markthelfer einer
Buchhandlung einen Sto neuer Bcher auf den Schreibtisch des Doctors. Es waren
die Freiexemplare des ersten greren Werkes, das er geschrieben. Fritz schlug
die ersten Seiten auf, sah einen Augenblick in stillem Genu auf den Titel, noch
einmal flog die Hauptsache des Inhalts durch seine Seele. Dann ergriff er
schnell die Feder, schrieb in das Exemplar einige herzliche Worte und trug es zu
seinen Eltern hinab.
    Das Buch handelte, um in der Weise Gabriels zu sprechen, von den alten
Indern sowie von den alten Deutschen, es besprach das Leben unserer Vorfahren
vor der Zeit, in welcher diese den verstndigen Entschlu faten, auf dem
Blocksberg artige Brockenstrue zu binden und im Vater Rhein ihre Trinkhrner
auszusplen. Es war ein sehr gelehrtes Buch, und es enthllte, soweit der
Verfasser sich nicht geirrt hatte, viele geheime Tiefen der Urzeit.
    Vater und Mutter, denen Fritz das Buch hinuntertrug, hatten nicht nthig,
sich durch Fremde ber die Bedeutung des Werkes belehren zu lassen. Die Mutter
kte dem Sohne die Stirn und konnte ihre Rhrung nicht bekmpfen, als sie
seinen Namen sogro und schn gedruckt auf dem Titel sah; Herr Hahn aber nahm
ihr das Buch aus den Hnden und trug es in den Garten. Dort legte er es auf den
Tisch des chinesischen Tempels, las mehre Mal die Widmung und umkreiste darauf
den Pavillon, immer wieder hineinsehend, um zu beobachten, wie sich der Baustil
in Verbindung mit dem Buch ausnehme. Dabei begegnete auch ihm, da er sich
einige Mal herzhaft rusperte, um seiner freudigen Bewegung Herr zu werden.
    Nicht geringer war die Freude im Arbeitszimmer des Professors. Dieser ging
das Buch hastig vom Anfang bis zum Ende durch. Es ist merkwrdig, sagte er
dann vergngt zu Ilse, wie khn und fest Fritz auf die Sache losgeht. Dabei mit
einer Selbstbeherrschung, die ich ihm nicht in dem Mae zugetraut habe. Vieles
darin ist mir ganz neu,; mich wundert, da er so schnell und heimlich mit der
Arbeit abgeschlossen hat.
    Wie die gelehrte Welt das Buch des Doctors betrachtete, ist aus vielem
gedruckten Lobe ersichtlich. Schwerer ist zu schtzen, wie es auf die Parkgasse
wirkte. Herr Hummel studirte in seiner Zeitung eine ausfhrliche Besprechung des
Werkes, nicht ohne Gerusch, er summte bei dem Wort Veda, er brummte bei dem
Namen Humboldt und er pfiff durch die Zhne bei dem Lobe, welches der tiefen
Gelehrsamkeit des Verfassers ertheilt wurde. Als endlich am Schlu Recensent
sich nicht enthalten konnte, im Namen der Wissenschaft dem Doctor frmlich Dank
zu sagen und das Werk allen Lesern angelegentlichst zu empfehlen, verstrkte
sich das Gesumm in Herrn Hummels Kopf bis zur Melodie des alten Dessauers, und
er warf die Zeitung auf den Tisch. Ich denke nicht daran, es zu kaufen, war
Alles, was er den Frauen ber seine Empfindungen gnnte. Aber er sah im Laufe
des Tages einige Mal nach der feindlichen Hausecke hinber, wo das Zimmer des
Doctors lag, und dann wieder nach dem eigenen Oberstock, als wenn er die beiden
Gelehrten und ihre Behausungen gegeneinander abschtzen wollte.
    Als Ilse gegen Laura das Urtheil des Gatten ber das Buch wiederholte,
errthete Laura ein wenig und erwiederte, ihr Kpfchen zurckwerfend: Ich
hoffe, es ist so gelehrt, da wir nicht nthig haben, uns damit abzugeben. Aber
die Abneigung, sich darauf einzulassen, verhinderte sie doch nicht, einige Tage
spter den Professor um das Buch zu bitten, weil sie es der Mutter zeigen wolle.
Bei dieser Gelegenheit wurde es in das Geheimzimmer getragen und verweilte dort
lngere Zeit.
    Auch unter den brigen Anwohnern der Strae wurde die Bedeutung der Familie
Hahn, welche so rhmlich in die Zeitung gekommen, deren Fritz sogar im Tageblatt
gepriesen war, sehr vermehrt. Die Wagschale der Volksgunst senkte sich
entschieden auf Seite dieses Hauses, sogar Hummel fand zweckmig, sich nicht
dagegen aufzulehnen, da in seiner Familie mit khler Anerkennung von dem
Nachbarsohn gesprochen wurde. Und wenn Dorchen, wie zuweilen geschah, mit
Gabriel auf der Strae zusammentraf, so wagte sie sogar fr einige Augenblicke
in den Hofraum der Feinde zu treten, trotz dem Geknurr des Hundes und dem
dstern Blick des Hausherrn.
    An einem warmen Abend des Mrz hatte sie gerade wieder im Vorbeigehen mit
Gabriel Nothwendiges besprochen und trippelte zierlich ber die Strae nach
ihrer Hausthr, whrend Gabriel ihr voll Bewunderung nachsah. Da trat Herr
Hummel ins Freie und erhaschte den letzten Gru und Blick Gabriels.
    Sie ist niedlich wie ein Rothschwnzchen, sagte Gabriel zu Herrn Hummel.
Dieser schttelte menschenfreundlich den Kopf. Ich merke wohl, Gabriel, wie
dieser Hase luft. Und ich sage nichts, denn es wrde nichts nutzen. Aber Eines
will ich Ihnen als eine gute Lehre mittheilen. Sie verstehen das weibliche
Geschlecht nicht zu behandeln, Sie sind nicht borstig gegen das Frauenzimmer.
Als ich jung war, zitterten sie, wenn ich mein Taschentuch schwenkte, und liefen
doch um mich her wie die Ameisen. Diese Nation will furchtsam sein, Sie
verderben sich Alles durch Freundlichkeit. Ich schtze Sie, Gabriel, und deshalb
gebe ich Ihnen diesen Rath, wie man ihn gleichsam einem Freunde gibt. Sehen Sie,
da ist Madame Hummel. Sie ist ziemlich krftig, ich zwinge sie doch; wenn ich
nicht brummig wre, wrde sie es sein. Da nun gebrummt werden mu, so ist mir
immer plsirlicher, da ich derjenige bin.
    Jedes Thier hat seine Manier, versetzte Gabriel verbindlich, ich habe
kein Geschick zum Brummbr.
    Es will gelernt sein, sagte Herr Hummel wohlwollend. Er zog die
Augenbrauen in die Hhe und machte ein schlaues Gesicht: Dort drben schleicht
man auch schon im Garten herum, wahrscheinlich speculiert man wieder mit einem
neuen Einfall, den ich zu seiner Zeit mit dem richtigen Namen zu nennen mir
unter allen Umstnden vorbehalte. Er dmpfte seine Stimme: Es ist bereits
etwas Anonymes abgeladen und in den Garten geschafft. - Aergerlich ber seine
eigene Vorsicht fuhr er fort: Glauben Sie mir, Gabriel, durch das viele
Erzeugen von Kindern wird die Welt feig, die Menschen werden so
zusammengedrngt, da die Freiheit aufhrt; das Leben ist eine Sklaverei vom
ersten Kasten, in den man gelegt wird, bis zum letzten. Ich stehe hierauf meinem
eigenen Grund und Boden. Wenn ich an dieser Stelle ein Loch graben will bis zum
Mittelpunkt der Erde, kein Mensch kann mir's verwehren. Dennoch drfen wir beide
auf meinem freien Eigenthum nicht einmal mit gewhnlicher Menschenstimme eine
Meinung aussprechen. Warum? Es knnte gehrt werden und fremden Ohren mifallen.
Soweit sind wir. Man ist ein Knecht seiner Nachbarn. Und nun bedenken Sie, ich
habe nur Einen gegenber, auf der andern Seite schtzt mich das Wasser und die
Fabrik, und ich mu doch die Wahrheit hinunterschlucken, die ich wenigstens zehn
Fu von meiner Grenze aussprechen will. Wer nun gar von allen Seiten mit
Nachbarn umgeben ist, der fhrt ein erbrmliches Leben, er kann sich nicht
einmal in seinem eigenen Garten den Kopf abschneiden, ohne da die ganze
Nachbarschaft ein Geschrei erhebt, weil ihr der Anblick nicht gefllt. - Er
deutete mit dem Daumen nach dem Nachbarhause und fuhr vertraulich fort: Heut
sind wir verglichen worden, die Weiber haben nicht eher geruht. Und ich
versichere Sie, dort drben fehlt die richtige Courage zum Streit. Die Sache
wurde langweilig, da gab ich mich drein.
    Es ist doch gut, da Alles wieder in Ordnung kam, sagte Gabriel. Wenn die
Vter im Streit leben, wie sollen die Kinder einander gren?
    Warum sollen sie einander nicht auch Gesichter schneiden? rief Hummel
rgerlich. Ich bin nicht fr die ewigen Knixe.
    Das wei Jedermann, versetzte Gabriel. Wenn aber Frulein Laura bei uns
mit dem Doctor zusammentrifft, was ja oft geschieht, so kann sie doch nicht
gegen ihn brummen.
    Sie treffen also oft zusammen? wiederholte Hummel bedachtsam. Da haben
Sie wieder die Ueberfllung, man kann einander nicht aus dem Wege gehen. Nun,
meiner Tochter bin ich sicher, sie ist von meiner Art, Gabriel.
    Das wei ich doch nicht, erwiederte Gabriel lachend.
    
    Ich versichere Sie, es ist ganz mein Kopf, besttigte Hummel mit
Ueberzeugung. Was aber diesen Frieden betrifft, so freuen Sie sich nicht so
sehr darber, denn verlassen Sie sich auf mich, zwischen hier und drben hat er
keine Dauer. Wenn das Eis aufthaut und das Gartenvergngen angeht, dann gibt's
wieder Hndel. Das ist hier immer so gewesen. Und ich sehe nicht ein, warum das
nicht so bleiben soll, trotz Vergleich und trotz Ihrer neuen Herrschaft, der ich
brigens meinen Respect nicht vorenthalten will.
    Die Unterredung, welche sich in den Garten hineingesponnen hatte, wurde
durch einen schwarzen feierlichen Mann unterbrochen, welcher einen groen Brief
in bunter Hlle darbot, sich vor Herrn Hummel aufstellte und demselben fr seine
abwesende Tochter die Aufforderung berbrachte, Pathenstelle bei einem Kinde zu
bernehmen, welches vor Kurzem geboren war, die Welt zu verengen. Gegen die
Einladung war nichts einzuwenden, die junge Mutter, Frau eines Juristen, war
Laura's Freundin und eine Tochter ihrer angesehenen Pathe, es war ein alter
Familienzusammenhang und Hummel nahm als Vater und Brger das Ceremoniel der
Einladung mit Wrde entgegen. Fr wen ist der Brief, den Sie noch in der Hand
halten? frug er den Lohndiener.
    Fr Herrn Doctor Hahn, welcher mit Frulein Laura zusammen stehen soll.
    So? sagte Hummel ironisch, das geht ja mit vier Kutschpferden. Tragen Sie
Ihren Brief nur dort hinber. - Habe ich's nicht gesagt, Gabriel? wandte er
sich zu seinem Vertrauten. Kaum vor Gericht verglichen und auf der Stelle
Gevatter, kein Mensch kann dafr stehen, da nicht morgen der Strohmann von
drben zu mir kommt und mir Brderschaft anbietet. Da haben Sie die Folgen der
Ueberfllung und des Christenthums. Diesmal ist gar mein armes Kind das Opfer.
    Er trug den Brief in die Stube und warf ihn vor den heimkehrenden Frauen auf
den Tisch. Das kommt von eurem Vergleich, ihr schwachen Weiber, rief er
grollend, hier hngen sich die Amme und die Hebamme und der Herr Gevatter an
euren Hals.
    Die Frauen studirten den Brief, und Laura fand rcksichtslos, da die Frau
Pathe gerade den Doctor fr sie zum Partner gewhlt habe.
    Es ist bequem fr den Pathenwagen, hhnte Hummel aus seiner Ecke. Er kann
in einer Fahrt Zwei abliefern. Jetzt luft der Humboldt von drben in weien
Glachandschuhen bis in dieses Zimmer, um dich zur Kirche abzuholen, und ich
traue ihm obendrein die Unverschmtheit zu, da er dir den Gevattergru
schickt.
    Wenn er es nicht thte, so wre es eine Beleidigung, versetzte die Gattin,
das mu schon der Menschen wegen geschehen, sonst gibt es ein Gerede. Dagegen
drfen wir nichts sagen, er wird ihr den Blumenkorb schicken mit den
Pathenhandschuhen, und Laura sendet ihm dagegen das Taschentuch, wie es in
unserer Bekanntschaft Brauch ist. Du weit ja, da Laura's Pathe auf so etwas
hlt.
    Seine Blumen in unserm Hause, seine Handschuhe auf unsern Fingern und unser
Tuch in seiner Tasche, zankte der Hausherr, das wird ja recht lustig.
    Ich bitte dich, Hummel, entgegnete seine Frau unwillig, verleide uns
nicht durch dein Schelten die Artigkeiten, die bei solcher Gelegenheit nicht zu
vermeiden sind, und hinter denen kein Mensch etwas sucht.
    Ich danke fr eure Artigkeiten, die man nicht vermeiden kann, und an denen
Niemandem etwas gelegen ist. Nichts ist mir unter den Leuten hier so
unausstehlich als ihre ewigen Artigkeiten durch die Vorderthr und ihr Kratzen
durch die Hinterthr. Er ging aus dem Zimmer und schlo die Thr nicht leise.
Die Mutter aber begann: Im Grunde hat er nichts dagegen, er will nur sein
strenges Wesen behaupten. Da du dem Doctor etwas fr seinen Gevattergru
sendest, ist nicht gerade nthig, aber du bist ihm noch eine Aufmerksamkeit von
dem Schfer her schuldig.
    Laura vershnte sich mit dem Gedanken, Gevatterin des Doctors zu werden, und
sagte: Ich mache mir eine Zeichnung fr die Zipfel des Tuches und ich sticke
sie.
    Am nchsten Morgen ging sie aus, Battist zu kaufen. Aber auch Herr Hummel
ging aus. Er besuchte einen Bekannten, der Krschner war, zog ihn vertraulich
bei Seite und bestellte ein Paar Handschuhe ganz von weiem Katzenfell, mit fnf
Fingern fr eine kleine Hand. Und er forderte, da an die Spitze jedes Fingers
eine Katzenkralle befestigt werde. Es mu aber etwas Zartes sein, verordnete
er, von ungeborenem Kater, im Nothfall auch Sugling von Kanin, und da mir die
Krallen gro und steif herausstehen. Dann trat er in einen andern Laden, lie
sich bunt gedruckte Taschentcher von Baumwolle zeigen, wie man sie um einige
Groschen kauft, und whlte ein schwarz und rothes mit einem abscheulichen
Portrt, das gerade zu seiner Stimmung pate. Diesen Erwerb senkte er in seine
Tasche.
    Der Morgen des Tauftags brach an, in der Wohnung des Herrn Hummel klapperte
das Pltteisen, die Mutter that noch einige letzte Nadelstiche und Laura fuhr
die Treppe geschftig auf und ab. Unterde wandelte Hummel zwischen Hausthr und
Fabrik, jeden Eintretenden beobachtend, Speihahn sa auf der Schwelle und
knurrte, sooft ein fremder Fu an die Hausthr rhrte. Beweise dich, Speihahn,
wie du bist, brummte Hummel vor seinen Hund tretend, und fahre der Jungfer von
drben an den Rock; sie traut sich nicht herein, wenn du Wache hltst. Der
rothe Hund antwortete, indem er seinem eigenen Herrn boshaft die Zhne wies. So
ist's recht, sagte Hummel und setzte seinen Spaziergang fort. Endlich erschien
Dorchen in ihrer Hausthr und tnzelte, einen verhllten Korb in der Hand, zur
Treppe des Herrn Hummel. Speihahn erhob sich grimmig, stie ein heiseres Gesthn
aus und seine Haare strubten sich.
    Rufen Sie den hlichen Hund weg, Herr Hummel, rief Dorchen schnippisch,
ich habe einen Auftrag an Frulein Laura.
    Hummel gab seinem Gesicht einen wohlwollenden Ausdruck und griff in die
Tasche. Die Frauen sind in Arbeit, mein hbsches Kind, sagte er, ein schweres
Geldstck herausholend, vielleicht kann ich's bestellen. Die Botin war ber
die unerwartete Menschlichkeit des Tyrannen so betroffen, da sie einen stummen
Knix machte und das Krbchen in seine Hand gleiten lie. Es wird Alles auf's
Beste besorgt werden, versicherte Herr Hummel mit einnehmendem Lcheln.
    Er trug den Korb in das Haus und rief Susanne, ihn den Frauen zu bringen,
darauf trat er wieder an die Thr und streichelte den Hund.
    Nicht lange, und er hrte, da die Thr der Wohnstube aufflog und sein Name
laut in den Flur gerufen wurde. Bedchtig schritt er in das Frauengemach und
fand hier arge Verstrung. Ein zierlicher Korb stand auf dem Tisch, zerstreute
Blumen lagen umher und zwei kleine Pelzhandschuhe mit groen Krallen an den
Fingerspitzen lagen wie abgeschlagene Tatzen eines Raubthiers auf dem Boden.
Laura aber sa vor ihnen und schluchzte laut.
    Holla, rief Hummel, gehrt das auch zum Pathenvergngen?
    Heinrich, rief die Gattin heftig, deinem Kinde ist eine Beleidigung
widerfahren. Der Doctor hat gewagt, deiner Tochter dies zu senden.
    Ei, rief Hummel, Katzenpfoten, und gar mit Krallen! Warum nicht, die
werden warm halten in der Kirche, du kannst den Doctor ja damit anfassen.
    Es soll ein Scherz sein, rief Laura unter heien Thrnen, weil ich ihn
oben zuweilen geneckt habe. Eine solche Unzartheit htte ich ihm niemals
zugetraut.
    Kennst du ihn so gut? frug Hummel. Nun, da es ein Spa sein soll, wie du
sagst, so nimm es auch als einen Spa. Diese Feuchtigkeit ist unnthig.
    Was soll jetzt geschehen? rief die Mutter, kann sie nach dieser
Beleidigung noch mit ihm Pathe stehen?
    Ich sollte meinen, versetzte Hummel ironisch, Diese Beleidigung ist eine
Kinderei gegen andere Beleidigungen, gegen Hausmauern, Glockenspiel und
Hundegift. Wenn ihr das alles hinunterschlucken konntet, warum nicht auch die
Katzenpfoten?
    Sie hat ihm selbst ein Taschentuch gesumt und gestickt, rief die Mutter
wieder, und sie hatte sich die grte Mhe gegeben, noch fertig zu werden.
    Das sende ich nicht hinber, rief Laura.
    Also sie hat es selber gesumt und gestickt? wiederholte Herr Hummel. Es
ist doch hbsch, wenn man mit seinen Nachbarn in Freundschaft lebt. Ihr seid ein
weiches Vlkchen und ihr nehmt die Sache zu ernsthaft. Das sind ja Artigkeiten,
die man nicht vermeiden kann, und bei denen man nichts denken soll. So handelt
doch nach euren Worten. Jetzt gerade mt ihr das Zeug hinberschicken, und ihr
mt euch gegen ihn und Jedermann gar nichts merken lassen. Behaltet die
Verachtung innerlich.
    Der Vater hat Recht, rief Laura aufspringend, hinweg mit dem Tuch. Und
meine Rechnung mit dem Doctor sei fr immer geschlossen.
    So ist's recht, besttigte Hummel, wo ist der Lappen? Fort damit.
    Das Tuch lag bereits auf einer Platte in seines blaues Papier geschlagen,
ebenfalls von Frhlingsblumen umgeben. Dies also ist das Gesumte und
Gestickte? wir schicken es sogleich hinber. Er nahm die Platte vom Tisch und
trug sie eilig in die Fabrik, von dort ging das blaue Packet mit vielen
Empfehlungen fr den Herrn Gevatter in das Haus der Feinde.
    Frau Hahn brachte Gru und Gabe in das Zimmer ihres Sohnes. Ah, das ist
eine liebe Aufmerksamkeit, rief der Doctor und betrachtete angelegentlich die
Blumen.
    Es kommt ab, da man auch den Herren etwas sendet, sprach die Mutter
behaglich, ich hab's immer fr eine hbsche Einrichtung gehalten, man sollte an
so etwas nicht rtteln. Neugierig entfaltete sie das Papier und sah sehr
betroffen aus. Ein bedrucktes baumwollenes Taschentuch lag darin, lederartig,
aus groben Fden gewebt. Es konnte noch eine Atrappe sein, in dieser Hoffnung
breitete sie es auseinander, aber nichts war daran zu sehen als ein grimmiger
Kopf in den Teufelsfarben Roth und Schwarz. Das ist kein hbscher Scherz! rief
die Mutter gekrnkt.
    Der Doctor sah vor sich nieder. Ich habe Laura Hummel zuweilen gergert.
Dies hat wohl Bezug auf eine Neckerei, die wir gehabt haben. Bitte, Mutter,
setze die Blumen in ein Glas. Er nahm das Tuch, verbarg es in einer Schublade
und beugte sich wieder ber die Schrift. Das htte ich Laura doch nicht
zugetraut, fuhr die Mutter bekmmert fort. Da aber der Sohn weitere Klagen
nicht begnstigte, stellte sie ihm die Blumen zurecht und verlie das Zimmer,
die Krnkung ihres Kindes in mtterlichem Herzen umherwlzend.
    Der Wagen fuhr vor und der Doctor stieg ein, die Gevatterin abzuholen. Er
kann nur gleich auf der andern Seite wieder herauskriechen, sagte Herr Hummel
am Fenster, die Hausthren sind nahe genug. Durch eine schwierige Wendung
gelangte der Festwagen an die Treppe des Herrn Hummel, der Lohndiener ffnete
den Schlag, aber bevor der Doctor die Stufen hinaufdringen konnte, erschien
Susanne auf der Treppe und rief hinunter: Bemhen Sie sich nicht erst herein,
das Frulein wird sogleich kommen. Laura schwebte von den Stufen herab, ganz in
Wei, wie in eine Schneewolke gehllt. Wie schn sah sie heut aus! Zwar die
Wangen waren bleicher als gewhnlich und die Augenbrauen finster
zusammengezogen, aber der schwermthige Zug gab ihrem Antlitz eine bezaubernde
Wrde. Sie vermied, den Doctor anzusehen, bewegte ihr Haupt nur ein wenig auf
seinen Gru, und als er die Hand bot, ihr Einsteigen zu untersttzen, fuhr sie
an ihm vorber und setzte sich auf ihren Platz, als sei er gar nicht vorhanden.
Mit Mhe fand er Raum an ihrer Seite, sie nickte noch einmal ber ihn weg nach
der Treppe, auf welcher jetzt Herr Hummel stand, der heut viel aufgerumter
aussah als sein Kind. Schwerfllig trabten die Rosse vorwrts, die bleiche Laura
sah weder nach rechts noch links. Es ist ihr erstes Pathenamt, dachte der
Doctor, ist das feierliche Stimmung? Oder ist es Reue ber das bunte Tuch? Er
sah nach ihren Hnden, die Handschuhe, die er ihr gesandt, waren nicht darauf zu
sehen. Habe ich gegen die Mode gesndigt? dachte er wieder, oder waren sie zu
gro fr die kleine Hand?
    Er schweigt, dachte sie, das ist sein bses Gewissen, er denkt an die
Katzenkrallen, und fr mein Taschentuch hat er kein Wort des Dankes. Ich habe
mich doch sehr in ihm geirrt. Und die Betrachtung wurde ihr so wehmthig, da
ihr wieder eine Thrne in die Augen stieg, sie aber prete heftig die Lippen
aneinander, drckte sich selbst den Daumen der rechten Hand und zhlte in der
Stille von eins bis zehn, ein altes Mittel, das ihr schon frher heftige Gefhle
gebndigt hatte.
    So kann das nicht bleiben, dachte der Doctor, ich mu sie anreden. Sie
haben die Handschuhe, die ich Ihnen zu senden wagte, nicht brauchen knnen,
begann er bescheiden, ich habe gewi recht ungeschickt gewhlt.
    Das war zu viel. Laura wandte den Kopf mit heftiger Bewegung nach dem
Doctor, er sah einen Augenblick in zwei rollende zornige Augen und hrte die
verchtlichen Worte: Ich bin keine Katze. Und wieder zuckten ihre Lippen und
sie drckte krampfhaft die Hand zusammen.
    Fritz sann erstaunt darber nach, ob Handschuhe, welche Falten werfen,
jemals ein charakteristisches Kennzeichen unserer Hausthiere gewesen sein
knnten. Er fand die Beziehung unergrndlich. Wie schade, da sie Launen hat!
Nach einer Weile begann er von Neuem: Ich frchte, die Zugluft wird Ihnen
lstig, soll ich das Fenster schlieen?
    Ich danke, sagte Laura mit eisiger Klte.
    Wissen Sie etwas ber den Namen des Tuflings? frug der Doctor weiter.
    Er soll Fritz heien, erwiederte Laura, und zum zweiten Mal traf ein
flammender Zornesblick seine Brillenglser, dann trat wieder Profilstellung mit
Ohrlppchen und Nasenspitze ein.
    Ach, sie war trotz dem Gewitter, das aus ihr blitzte, in diesem Augenblick
wunderschn, und der Doctor konnte sich das nicht verhehlen. Sie aber fhlte
jetzt ebenfalls die Verpflichtung, etwas zu reden, und begann ber die Schulter:
Ich finde den Namen sehr gewhnlich.
    Da es mein eigener Name ist und ich ihn jeden Tag hren mu, versetzte der
Doctor, so darf ich Ihnen vor Andern Recht geben. Es ist wenigstens ein
deutscher Name, fgte er gutmthig hinzu, es ist unrecht, da man diese so
sehr vernachlssigt.
    Da mein Name auch aus der Fremde stammt, entgegnete Laura wieder ber die
Achsel, so habe ich ein Recht, fremde Namen fr gewhlter zu halten.
    Wenn sie den ganzen Tag so bleibt, dachte Fritz entmuthigt, werden die
nchsten Stunden peinlich sein.
    Bei Tische mu ich auch neben ihm sitzen und den Hohn ertragen, dachte sie.
Ach, das Leben legt Schreckliches auf.
    Sie fuhren am Taufhause vor, beide froh, da sie wieder unter Menschen
kamen. Als sie in die Zimmer traten, stoben sie nach den entgegengesetzten
Seiten auseinander. Aber natrlich muten sie zuerst die junge Mutter begren,
und ihre Bahnen stieen hier wieder zusammen. Als Laura sich zu der Pathe
wandte, trat auch der Doctor von der andern Seite dazu. Und der guten Pathe fiel
wieder jener Tag ein, wo die Beiden ebenso feierlich in ihre Sommerwohnung
gekommen waren, und sie konnte sich nicht enthalten, zu rufen: Das hat etwas zu
bedeuten, da seid ihr ja wieder zusammen, ihr lieben Kinder. Laura erhob stolz
das Haupt und erwiederte: Nur, weil Sie es durchaus so gewollt haben.
    Man fuhr zur Kirche. Der Geistliche that alles Mgliche, dem Tuflinge in
diesem und jenem Leben gute Freundschaft zu sichern, und der kleine Fritz
umkreiste auf den Armen seiner Pathen widerwillig den Taufstein. Als er aber dem
groen Fritz berliefert wurde, brach er in ein zorniges Geschrei aus, und Laura
sah mit Verachtung, wie der Doctor beunruhigt wurde und ungeschickte Versuche
machte, durch Heben und Senken der Arme den Schreihals mit seinem Anblicke zu
vershnen; bis ihm zuletzt die Hebamme - eine sehr entschlossene Frau - aus der
Noth half.
    Je weiter die Sonne herabsank, desto unertrglicher wurde die Pflicht des
Tages. Bei dem Taufessen gingen alle schwarzen Ahnungen Laura's in Erfllung,
sie sa neben dem Doctor. Es war beiden ein ausgezeichnet behagliches Mahl. Der
Doctor wagte noch einige Anlufe, ihre unbegreifliche Stimmung zu durchbrechen,
er htte ebenso leicht mit einem Schwefelholz das Eis eines Gletschers
aufgethaut, denn jetzt war Laura an die kalte Luft geselliger Nichtachtung
gewhnt. Sie sprach ausschlielich mit dem Taufvater, der auf ihrer andern Seite
sa, und fand in der Unterhaltung mit dem heitern Manne die Schwungkraft des
Geistes wieder, whrend Fritz immer stiller wurde und seine Nachbarin zur
Linken, eine freundliche junge Frau, auffallend vernachlssigte. Es wurde noch
rger. Denn als der Braten herannahte, kam der Mitgevatter, ein Stadtrath und
sonst ein Mann von Welt und Wort, hinter den Stuhl des Doctors und erklrte, da
er den Toast auf den Tufling auszubringen keineswegs gesonnen sei, weil ihm ein
Kopfschmerz alle Gedanken nehme, und da der Doctor an seiner Stelle zu reden
habe. Dem Doctor aber war diese Mglichkeit gar nicht eingefallen und ihm war so
unbehaglich zu Muthe, da er sich ebenfalls leise, aber ernsthaft gegen die
Zumuthung auflehnte. Laura hrte wieder mit tiefer Verachtung den Kampf der
beiden Herren um eine Stilbung, die noch dazu nicht einmal schriftlich war.
Auch der Hausherr wurde aufmerksam, und ber die Gesellschaft kam eine gewisse
peinliche Erwartung, welche in der Regel nicht die Wirkung hat, widerwilligen
Tischrednern ihre Geisteskrfte zu beflgeln, sondern vielmehr zu banger
Gedankenlosigkeit herabzudrcken. Eben war der Doctor im Begriff, doch seine
Pflicht zu thun, als Laura ihm noch einen kalten Blick gnnte, dann aufstand und
an das Glas schlug. Ein lautes Bravo begrte sie und sie sprach zu ihrem
eigenen Erstaunen und zur Freude aller Anwesenden: Da die Herren Pathen ihrer
Pflicht so wenig eingedenk sind, so bitte ich um Verzeihung, da ich unternehme,
was sie htten thun sollen. Darauf brachte sie tapfer ein Hoch aus. Es war ein
sehr gewagtes Unternehmen, aber es war gelungen und sie wurde mit Beifall
berschttet. Auf den Doctor dagegen richteten sich jetzt die Stachelreden
smmtlicher Herren. Es ist wahr, er zog sich noch ertrglich heraus, denn die
verzweifelte Lage gab ihm seine Kraft wieder, ja er hatte die Unverschmtheit,
zu erklren, da er absichtlich gezgert, um der Gesellschaft die Freude zu
bereiten, welche Allen durch die Beredsamkeit seiner Nachbarin geworden sei.
Darauf hielt er einen lustigen Vortrag ber alles Mgliche, und als Alle lachten
und Keiner mehr wute, wo er hinaus wollte, machte er eine khne Wendung auf die
Pathen und brachte die Gesundheit dieser Menschenclasse aus, und insbesondere
die seiner Nachbarin. Fr die Anwesenden war das gut genug, fr Laura war es ein
unleidlicher Hohn und Heuchelei. Und als sie mit ihm anstoen mute, sah sie ihn
wieder so feindselig an, da er sich schnell von ihr zurckzog.
    Jetzt aber begann er ihr in seiner Weise Gleichgltigkeit zu zeigen, er
sprach laut mit seiner Nachbarin, er trank mehre Glser Wein. Laura rckte ihren
Stuhl von ihm ab und dachte, er trinkt am Ende gar zu viel, er wurde ihr
unheimlich, und jetzt wurde sie stiller. Der Doctor aber achtete gar nicht mehr
darauf, er schlug wieder an das Glas und hielt noch eine Rede, und die war so
possirlich, da die Anwesenden dadurch in die glcklichste Stimmung versetzt
wurden. Laura aber sa starr wie ein Steinbild und sah ihn nur manchmal
verstohlen von der Seite an. Darauf verlie der Doctor ganz seine Nachbarin, der
Stuhl neben ihr stand leer, er hatte, um bildlich zu sprechen, das baumwollene
Taschentuch darauf gelegt, sie aber die kleinen Pelzhandschuhe, da der leere
Stuhl unter seiner unsichtbaren Last recht unheimlich aussah, und der Doctor
ging hinter der Tafel herum und machte kleine Besuche, und wo er anhielt, gab es
Lachen und Anstoen der Glser. Und als er die Runde um den Tisch geendet hatte,
und zu Wirth und Wirthin trat, hrte Laura, wie diese ihm fr den lustigen Abend
dankten und seine frohe Laune rhmten.
    So kehrte er zu seinem Platz zurck. Und jetzt hatte er sogar die
Unverschmtheit, sich an Laura zu wenden. Mit einem Ausdruck, in welchem Laura
deutlich den Hohn erkannte, hielt er ihr unterm Tisch die Hand hin und sagte:
Machen wir Friede, bse Frau Gevatterin; reichen Sie mir Ihre Hand. Da emprte
sich Laura's ganzes Herz, sie rief: Sogleich sollen Sie meine Hand haben. Sie
griff schnell in eine geheime Tasche, fuhr in einen Katzenhandschuh und kratzte
ihn damit auf die Rckseite seiner Hand. Da nehmen Sie den Hndedruck, den Sie
verdienen.
    Der Doctor fhlte einen scharfen Schmerz, fuhr mit der Hand in die Hhe und
sah diese durch einige rothe Striche ttowirt. Laura aber warf ihm den Handschuh
in den Scho und setzte dazu: Wre ich ein Mann, ich machte Ihnen auf andere
Weise fhlbar, da Sie mich beleidigt haben.
    Der Doctor blickte um sich, seine Nachbarin zur Linken war aufgestanden, auf
der andern Seite bildete der Hausherr, ber den Tisch gebeugt, harmlos einen
Wall gegen die Auenwelt. Dann sah er erstaunt auf den Fehdehandschuh in seinem
Scho, Alles war ihm unbegreiflich, nur das Eine empfand er, da Laura trotz
ihrer Leidenschaft von hinreiender Schnheit war.
    Auch er fuhr mit der Hand in seine Tasche und sagte: Glcklicherweise bin
ich in der Lage, auf diese Risse Ihr Geschenk von heut Morgen legen zu knnen.
Er holte das roth und schwarze Tuch hervor und mhte sich, dasselbe um die
verwundete Hand zu schlingen, wobei nicht zu vermeiden war, da die Hand ein
unheimliches, mrderisches Aussehen erhielt. Als Laura die blutigen Schrammen
sah, erschrak sie, aber sie wute ihre Reue tapfer zu verbergen und warf ihm nur
die kalten Worte zu: Wenigstens wird fr Ihre Hand besser sein, wenn Sie mein
Tuch zum Verband nehmen, als dieses steife Leder.
    Es ist Ihr Tuch, versetzte der Doctor traurig.
    Das ist noch schlimmer als alles Andere, rief Laura mit bebender Stimme.
Sie haben heut eine Art, mit mir zu verkehren, die fr mich entwrdigend ist,
und ich frage Sie, was habe ich gethan, um solche Behandlung zu verdienen?
    Was habe denn ich gethan, da Sie mir diese Vorhaltung machen? frug der
Doctor. Sie haben mir heut Morgen diesen Gevattergru gesandt.
    Ich? rief Laura, Sie haben mir diese Katzenpfoten gesandt, aber nicht ich
dies Tuch. Mein Tuch hatte nichts von den Reizen dieses bunten Drucks, es war
nur wei.
    Ebenso darf ich von meinen Handschuhen sagen, sie hatten nicht den Vorzug,
Krallen zu besitzen, es war gewhnliches Leder.
    Laura wandte sich zu ihm hin und starrte ihm ngstlich in das Gesicht. Ist
das wahr?
    Es ist wahr, versicherte der Doctor mit berzeugender Aufrichtigkeit, von
diesen Pelzhandschuhen wei ich nichts.
    Dann sind wir beide Opfer einer Tuschung, rief Laura bestrzt. O,
verzeihen Sie mir, vergessen Sie, was geschehen ist. Und den Zusammenhang
ahnend, fuhr sie fort: Ich bitte Sie, sprechen wir nicht mehr davon. - Erlauben
Sie mir, da ich Ihnen das Tuch umbinde. Er hielt ihr die Hand hin, sie
trocknete ihm die Finger mit ihrem Tuche und schlang es hastig ber die Risse.
Es ist zu klein zum Verbande, sagte sie traurig, wir mssen Ihr eigenes
darberlegen. Das war ein hlicher Tag, Herr Doctor, o vergessen Sie und sein
Sie mir nicht bse.
    Bse war der Doctor keineswegs, und das war auch aus der eifrigen
Unterhaltung zu erkennen, in welche beide jetzt versanken. Denn beiden war das
Herz leicht geworden und sie waren bemht, einander das gegenseitig zu beweisen.
Als der Wagen sie vor ihren Thren absetzte, gab es einen herzlichen Nachtgru.
    Am nchsten Morgen trat Herr Hummel in Laura's Geheimzimmer und legte ein
blaues Papier auf den Tisch. Da ist gestern ein Irrthum vorgefallen, sagte er,
hier hast du, was dir gehrt. Laura ffnete schnell das Papier, ihr gesticktes
Tuch lag darin. Dem Doctor drben habe ich seine Handschuhe auch
zurckgeschickt und eine Empfehlung dazu, und ich habe ihm auch sagen lassen, es
sei ein Versehen, und ich, der Vater Hummel, sendete ihm, was ihm gehrte.
    Vater, rief Laura ihm gegenbertretend, diese neue Krnkung war nicht
nthig. Mir magst du anthun, was dir dein Ha gegen die Nachbarn eingibt, aber
da du nach Allem, was gestern geschehen ist, aufs Neue einen Dritten verletzen
kannst, das ist grausam von dir. Dies Tuch gehrt dem Doctor. Und da ich es
zurckerhalte, werde ich es ihm bei erster Gelegenheit wiedergeben.
    Richtig, sagte Hummel, es ist von dir mit eigenen Hnden gesumt und
gestickt. Thue jetzt, was du vor deinem Kopfe verantworten kannst. Du weit
aber, und auch er wei, was ich von diesen Artigkeiten zwischen hier und dort
halte. Willst du gegen meinen entschiedenen Willen handeln, so wage es. Auf
einen Geschenkfu mit den Hhnen mchte ich unsere Wirthschaft nicht einrichten,
weder in Kleinem, noch in Grerem. Da du, wie ich hre, bei den Miethern mit
dem Doctor oft zusammenkommst, so wird es gut sein, wenn du auch daran denkst.
Dies sollte eine Erinnerung sein. Er ging gemthlich zur Thr hinaus und lie
seine Tochter im Aufruhr gegen sein hartes Regiment zurck. Sie hatte nicht
gewagt, dem Vater zu widersprechen, denn er war heut, abweichend von seinem
polternden Wesen, in ruhiger Haltung und sie fhlte aus seinen Worten einen
Sinn, der ihr den Mund schlo und das Blut in die Wangen trieb. Und es wurde fr
das geheime Tagebuch ein strmischer Vormittag.
    Herr Hummel war auf seinem Comtoir mit einer Lieferung von Soldatenkppis
beschftigt, als ihn ein Klopfen strte und zu seiner Verwunderung Fritz Hahn
eintrat. Hummel blieb wrdig sitzen, bis der achtungsvolle Gru des Andern
vollzogen war, dann erhob er sich langsam und begann im Geschftston: Was steht
zu Ihren Diensten, Herr Doctor? Wenn Sie einen feinen Filzhut nthig haben, wie
ich annehme, so ist das Verkaufslokal eine Treppe tiefer.
    Ich wei es, versetzte der Doctor artig. Ich komme zunchst, Ihnen fr
das Tuch zu danken, das Ihre Gte mir ausgesucht und gestern zum Geschenk
gemacht hat.
    Nicht bel, sagte Hummel. Es ist der alte Blcher darauf gemalt; er ist
ein Stck Landsmann von mir und ich dachte, da Ihnen das Tuch deswegen angenehm
sein wrde.
    Ganz recht, antwortete Fritz, ich werde es mir als Andenken sorgfltig
aufheben. Ich verbinde mit meinem Dank die Bitte, da Sie diese Handschuhe hier
Frulein Laura berreichen. Wenn gestern bei der Uebergabe ein Versehen
vorgefallen ist, wie Sie mir freundlich mittheilen lieen, so habe ich daran
keine Schuld. Da diese Handschuhe Ihrem Frulein Tochter bereits gehren, so bin
ich natrlich auer Stande, dieselben zurckzunehmen.
    Wieder nicht bel, sagte Hummel, aber Sie sind im Irrthum. Die Handschuhe
gehren meiner Tochter ganz und gar nicht, sie sind von Ihnen gekauft und von
meiner Tochter mit keinem Auge gesehen worden. Und sie sind heut frh zum
Eigenthmer zurckgewandert.
    Verzeihung, erwiederte Fritz, wenn ich Sie selbst als Zeugen gegen Ihre
Worte in Anspruch nehme, die Handschuhe sind gestern als ein landesbliches
Geschenk an Frulein Laura geschickt worden. Sie selbst haben dem Boten die
Sendung abgenommen und durch Ihre Worte die Annahme besttigt. Die Handschuhe
sind also durch Ihre eigene Mitwirkung Eigenthum des Fruleins geworden und ich
habe durchaus kein Anrecht darauf.
    Kein Advocat kann einen Fall besser ins Licht setzen, entgegnete Herr
Hummel mit Behagen. Es ist nur ein Uebelstand dabei. Diese Handschuhe waren
undeutlich, denn sie lagen in Papier und Blumen versteckt, wie ein Frosch im
Grase. Htten Sie mir die Handschuhe offen und mit der Bitte, sie meiner Tochter
zu geben, in dies Comtoir gebracht, so wrde ich Ihnen schon gestern gesagt
haben, was ich Ihnen jetzt sage, da ich Sie nmlich fr einen ganz wackern
jungen Mann halte und da ich nichts dawider habe, wenn Sie jeden Tag Pathe
stehen, da ich aber sehr viel dawider habe, wenn Sie meiner Tochter irgend
etwas von dem beweisen, was man hier zu Lande Artigkeit nennt. Ich bin gegen Ihr
Haus nicht artig, und ich will es nicht sein. Deshalb kann ich auch nicht
zugeben, da Sie gegen meine Leute artig sind. Denn was dem Einen recht ist, ist
dem Andern billig.
    Ich bin wieder in der unangenehmen Lage, antwortete der Doctor, Sie durch
Ihre eigenen Thaten widerlegen zu mssen. Sie selbst haben mir gestern die Ehre
einer Artigkeit erwiesen. Da Sie mir als persnliches Zeichen Ihres Wohlwollens
ein Tuch geschenkt haben, worauf ich, der ich nicht Ihr Mitgevatter bin, gar
keinen Anspruch hatte, so darf auch ich sagen, was dem Einen recht ist, ist dem
Andern billig. Und gerade Sie werden gar nichts einwenden drfen, wenn ich diese
Handschuhe in Ihr Haus sende.
    Hummel lachte. Alle Hochachtung, Herr Doctor; Sie haben nur vergessen, da
Vater und Tochter nicht ganz dasselbe sind. Ich habe nichts dagegen, da Sie mir
gelegentlich ein Geschenk machen, wenn Sie diesem Triebe nicht widerstehen
knnen. Ich werde mir dann berlegen, was ich Ihnen dagegen zuschicken kann.
Wenn Sie also meinen, da diese Handschuhe fr mich passend sind, so will ich
sie als eine Ausgleichung zwischen uns beiden behalten. Und wenn ich einmal mit
Ihnen zusammen Pathe stehen sollte, werde ich sie ber meine Daumen ziehen und
Ihnen vorzeigen.
    Ich habe sie Ihnen als Eigenthum Ihrer Tochter bergeben, erwiederte Fritz
mit Haltung, wie Sie weiter damit verfahren, darber steht mir keine
Entscheidung zu, nur ein Wunsch.
    So ist es recht, Herr Doctor, stimmte Hummel bei, die Sache ist zur
Zufriedenheit aller Betheiligten abgemacht, und wir sind miteinander zu Ende.
    Noch nicht ganz, versetzte der Doctor. Was jetzt kommt, ist allerdings
eine Forderung an Sie. Auch Frulein Laura hat als meine Gevatterin mir ein Tuch
bestimmt und bersandt. Das Tuch ist nicht in meine Hnde gekommen, ich habe
unzweifelhaft das Recht, auch dieses Tuch als mein Eigenthum zu betrachten, und
ich ersuche Sie ergebenst, die Zusendung zu bewirken.
    Oho, rief Hummel, und der Br in ihm regte sich. Das sieht aus wie Trotz,
und darauf gebhrt eine andere Sprache. Mit meinem Willen erhalten Sie das Tuch
nicht, es ist meiner Tochter zurckgegeben, und wenn sie es Ihnen noch
einhndigt, handelt sie als ein ungehorsames Kind gegen das Gebot ihres Vaters.
    Dann also ist meine Absicht, Sie zum Widerruf dieses Verbotes zu
veranlassen, antwortete der Doctor nachdrcklich. Sie haben, wie ich gestern
zufllig bemerkte, die bersandten Handschuhe mit anderen vertauscht, welche bei
Frulein Laura den Glauben anregen muten, da ich ein unverschmter und schaler
Spamacher sei. Solche hinterlistige Krnkung eines Fremden, selbst wenn er ein
Gegner wre, ziemt keinem redlichen Mann.
    Hummels Augen wurden gro, und er trat einen Schritt zurck. Alle Wetter,
brummte er, ist so etwas mglich? sind Sie der Sohn Ihres Vaters? sind Sie
Fritz Hahn, der junge Humboldt? Sie knnen ja grob sein wie ein Brstenbinder.
    Nur wo es nthig ist, versetzte Fritz. Ich habe mir in meinem Verhalten
gegen Sie nie einen Mangel an Zartgefhl zu Schulden kommen lassen, Sie aber
haben gegen mich ein Unrecht begangen und Sie sind mir eine Genugthuung
schuldig. Als ehrlicher Mann werden Sie mir diese geben und meine Genugthuung
soll das Tuch sein.
    Es ist hinreichend, unterbrach ihn Hummel, die Hand erhebend, das alles
nutzt Ihnen nichts. Denn ich will Ihnen, da wir unter uns sind, geradezu sagen,
ich habe das nicht, was Sie Zartgefhl nennen. Wenn Sie sich durch mich gekrnkt
fhlen, so wre mir das in der Stille leid, insofern ich Sie als einen muthigen
jungen Mann vor mir sehe, der auch seine Grobheit hat. Wenn ich mir aber wieder
bedenke, da Sie Fritz Hahn heien, so kommt mir die Meinung, da es mir ganz
recht ist, wenn Sie sich durch mich gekrnkt fhlen. Und damit mssen Sie sich
begngen.
    Was Sie mir sagen, entgegnete Fritz, ist zwar unhflich, aber redlich ist
es nicht. Und ich gehe mit der Empfindung von Ihnen, da Sie gegen mich etwas
gut zu machen haben. Dies Gefhl ist fr mich jedenfalls angenehmer, als wenn
ich in Ihrer Lage wre.
    Ich sehe, wir verstehen uns in allen Dingen, erwiederte Hummel, wie zwei
Geschftsleute, die beide ihren Vortheil gehabt haben. Ihnen ist angenehm, da
ich ein Unrecht gegen Sie habe, und mir macht es keinen Kummer. So soll es
bleiben, Herr Doctor. Wir sind in unserm Herzen und vor der Welt Feinde, im
Uebrigen aber alle Hochachtung.
    Der Doctor verneigte sich und schied aus dem Comtoir, Herr Hummel sah
nachdenklich auf die Stelle, wo er gestanden hatte.
    Er war den ganzen Tag in einer milden und menschenfreundlichen Stimmung, die
er zunchst dadurch bewies, da er mit seinem Buchhalter philosophirte. Haben
Sie auch einmal Bienenzucht getrieben? frug er ihn ber den Comtoirtisch.
    Nein, Herr Hummel, antwortete dieser, wie sollte ich dazu kommen?
    Es fehlt Ihnen an Unternehmungsgeist, fuhr Hummel tadelnd fort, warum
wollen Sie sich dieses Vergngen nicht gnnen?
    Ich wohne ja in einer Dachstube, Herr Hummel.
    Tut nichts, die neuen Erfindungen erlauben den Bienengenu in einem
Tabakskasten. Sie setzen den Schwarm hinein, ffnen das Fenster und schneiden
von Zeit zu Zeit Ihren Honig heraus. Sie knnen dabei ein reicher Mann werden.
Sie sagen, da dieses Geschmei Ihre Hausleute und Nachbarn stechen wird, haben
Sie keine Sorge, solche Rcksichten sind altfrnkisch. Folgen Sie doch dem
Beispiel gewisser anderer Leute, die auch ihre Bienenstcke an die Strae
setzen, um die Ausgaben fr Zucker zu ersparen.
    Der Buchhalter wollte diesem Vorschlag zur Gte nicht widersprechen. Wenn
Sie meinen, versetzte er nachgiebig.
    Den Teufel meine ich, Herr, brach Hummel los, lassen Sie sich nicht
einfallen, mit einem Bienenschwarm in der Tasche in mein Comtoir zu kommen, ich
bin entschlossen, dergleichen Unfug unter keinen Umstnden zu dulden. Fr diese
Gasse bin ich Hummel genug, und ich verbitte mir jede Art von Summen und
Schwrmen um Haus und Hof.
    Als er am Nachmittag mit Frau und Tochter im Garten lustwandelte, hielt er
pltzlich an. Was war es doch, das hier durch die Luft flog?
    Es war ein Kfer, sagte seine Frau.
    Es war eine Biene, sagte Herr Hummel. Sollte dieses Gesindel schon
ausfliegen? Wenn es etwas gibt, was ich nicht leiden kann, so sind es Bienen.
Richtig, da ist wieder eine. Sie belstigt dich, Philippine.
    Ich kann's nicht sagen, antwortete diese.
    Aber wenige Augenblicke darauf flog eine Biene unleugbar um Laura's Locken,
und Laura mute sich mit ihrem Sonnenschirme gegen die kleine Arbeiterin
vertheidigen, welche die Wangen des Mdchens mit einem Pfirsich verwechselte.
Es ist auffallend, sagte Hummel zu den Frauen, das war doch sonst nicht so
arg. In einem hohlen Baum des Parks mu sich ein Bienenstock etablirt haben,
dergleichen kommt vor. Da drauen schlft der Parkwchter auf einer Bank, froh,
da ihn selber Niemand stiehlt. Du stehst ja gut mit dem Manne, mache ihn doch
darauf aufmerksam. Das Ungeziefer ist unleidlich.
    Frau Hummel lie sich zu einer Frage verleiten, der Wchter versprach
aufzumerken, kam nach einer Weile wieder an den Zaun und rief leise: Pst,
Madame Hummel.
    Der Mann ruft dich, ermahnte Hummel.
    Sie kommen aus dem Garten des Herrn Hahn, berichtete vorsichtig der
Parkwchter, dort steht jetzt ein Bienenstock.
    Wirklich? frug Hummel, ist es mglich, sollte Hahn diese Liebhaberei
gewhlt haben? Laura sah unruhig auf den Vater. Ich bin ein friedlicher Mann,
Wchter, und ich kann meinem Nachbar nicht zutrauen, da er uns solchen Tort
anthut.
    Es ist sicher, Herr Hummel, sagte der Parkwchter, sehen Sie dort das
gelbe Ding?
    Richtig, rief Hummel kopfschttelnd, es ist gelb.
    La gut sein, Heinrich, vielleicht wird es nicht so arg, begtigte seine
Frau.
    Nicht so arg? frug Hummel zornig. Soll ich zusehen, wie sich die Bienen
auf deine Nasenspitze setzen, soll ich dulden, da meine Frau den ganzen Sommer
eine Kugel vor sich hertrgt, so gro wie ein Apfel? La nur gleich eine Stube
fr den Chirurgus zurecht machen, er wird doch die nchsten Monate nicht aus
unserm Hause kommen.
    Laura trat an den Vater: Ich sehe dir's an, du willst mit dem Nachbar
wieder Streit anfangen; wenn du mich liebst, thu' es nicht. Ich kann dir nicht
sagen, Vater, wie sehr mir dieses Geznk zuwider ist. Ich habe genug darunter
gelitten.
    Ich glaube dir's, erwiederte Hummel gemthlich. Aber gerade weil ich dich
liebe, mu ich bei guter Zeit diesen Injurien von drben ein Ende machen, bevor
dieses beflgelte Zeug seinen Honig aus unserm Garten hinbertrgt. Ich will
dich von keiner Nachbarbiene anfallen lassen, verstehst du?
    Laura wandte sich ab und sah finster in das Wasser, auf welchem abgefallene
Ktzchen der Birken langsam der Stadt zuschwammen. Thun Sie etwas Uebriges,
Wchter, um den Frieden zwischen Nachbarn zu erhalten, fuhr Hummel fort, und
richten Sie Herrn Hahn meine Empfehlung und die Bitte aus, er mchte seine
Bienen anbinden, damit ich nicht in die Lage komme, wieder die Polizei zu Hilfe
zu rufen.
    Ich will ihm sagen, Herr Hummel, da die Bienen der Nachbarschaft lstig
werden. Denn es ist wahr, die Grten sind klein.
    Sie sind ja so enge, da man sie in einer Schachtel auf dem Weihnachtsmarkt
verkaufen kann, rumte Hummel bereitwillig ein. Thun Sie's auch aus Erbarmen
mit den Bienen selbst. Unsere drei Mrzbecher werden als Futter nicht lange
vorhalten. Und nachher bleibt ihnen nichts brig, als das eiserne Gitter zu
benagen. Er gab dem Wchter einige Groschen und fgte fr seine Frau und
Tochter hinzu: Um des lieben Friedens willen, ihr seht, wie sehr ich den
Nachbar schone.
    Die Frauen kehrten gedrckt nnd voll trber Ahnung in das Haus zurck.
    Da der Wchter sich nicht wieder sehen lie, lauerte ihm Hummel am nchsten
Tage auf. Nun? frug er.
    Herr Hahn meinte, die Stcke wren weit von der Strae hinter Gebsch. Sie
belstigten Niemanden. Und er wrde sich sein Recht nicht nehmen lassen.
    Da haben wir's, brach Hummel los, Sie sind mein Zeuge, da ich das
Menschenmgliche gethan habe, um Streit zu vermeiden. Der Mann hat vergessen,
da es einen Paragraph 167 gibt. Es thut mir leid, Wchter, aber jetzt mu die
Polizei das letzte Wort sprechen.
    Herr Hummel besprach sich vertraulich mit einem Polizeidiener. Herr Hahn
aber gerieth wieder einmal in Aufregung und Zorn, als er auf's Rathhaus bestellt
wurde; und Herr Hummel behielt gewissermaen Recht, denn die Polizei gab Herrn
Hahn den Rath, einer Belstigung der Nachbarn und Vorbergehenden durch
Entfernung der Krbe zuvorzukommen. Herr Hahn hatte sich so herzlich ber seine
Bienen gefreut, ihre Wohnungen waren mit allen neuen Erfindungen ausgestattet,
auch waren es gar nicht unsere zornigen deutschen Bienen, sondern italienische,
welche nur stechen, wenn sie aufs uerste gereizt werden. Das half jetzt alles
nichts, denn auch der Doctor und Frau Hahn baten, die Stcke zu entfernen, und
so wurden diese in einer dunkeln Nacht von Herrn Hahn unter bittern und
niederbeugenden Empfindungen aufs Land geschafft. An der Sttte, die sie de
zurckgelassen, errichtete Herr Hahn wenigstens einige Starnester auf Stangen.
Sie waren ein schwacher Trost. Die Stare hatten bereits nach dem alten Brauch
ihres Stammes Boten durch das Land geschickt und ihre Sommerwohnungen gemietet,
und nur Sperlinge nahmen frohlockend Besitz von den Ksten und lieen als
liederliche Haushalter lange Strohhalme zu den Lchern herabhngen. Herr Hummel
aber zuckte verchtlich die Achseln und nannte die neue Erfindung mit lautem Ba
Spatztelegraphen.
    Das Gartenvergngen begann, schwermthige Ahnung war zur Wirklichkeit
geworden, Argwohn und finstere Mienen schieden auf's Neue die Nachbarhuser.

                                       6.

                                        

                               Kleine Gegenstze.


Eine Professorsfrau hat auch Noth mit ihrem Mann. Wenn Ilse einmal mit
wohlbekannten Frauen zusammensa, mit der Raschke, der Struvelius und der
kleinen Gnther, etwa bei einem vertraulichen Kaffe, der nicht gnzlich
verachtet wurde, dann kam so allerlei zutage.
    Es war doch eine hbsche Unterhaltung mit den gebildeten Frauen. Allerdings
streifte das Gesprch zuweilen flchtig ber die Hupter der Dienstboten, die
Sorgen der Wirthschaft wagten sich auch als quakende Frsche aus dem Weiher
gemthlicher Plauderei hervor, und Ilse wunderte sich, da auch Flaminia
Struvelius ernsthaft ber das Aufbewahren kleiner Essiggurken zu sprechen wute
und da sie angelegentlich nach den Kennzeichen der Jugend an einer gerupften
Gans forschte. Die lustige Gnther aber erregte den Hausfrauen von grerer
Erfahrung Entsetzen und Gelchter, als sie erklrte, da sie das Geschrei
kleiner Kinder gar nicht ertragen knne und da sie das ihre - das sie noch
nicht einmal hatte - vom ersten Anfang durch Streiche zu ehrbarer Ruhe zwingen
werde. Wie gesagt, die Rede schweifte von Grerem auch auf diese Gebiete. Und
wenn so einmal Unbedeutendes darankam, geschah es natrlich auch, da die Mnner
einer ruhigen Besprechung gewrdigt wurden, und da ergab sich, da jede der
Frauen, wenn von Mnnern im Allgemeinen die Rede war, doch an ihren eigenen
dachte, und da jede, ohne da sie es aussprach, ein heimliches Bndel Sorgen
mit sich herumtrug und die Hrerinnen zu dem Schlu berechtigte, auch dieser
Mann sei schwer zu behandeln. Gar nicht zu verbergen waren die Schicksale der
Frau Raschke, denn sie waren stadtkundig. Man wute sehr wohl, da er an einem
Markttage in seinem Schlafrock zur Universitt gezogen war, in einem leuchtenden
Schlafrock, orange und blau mit trkischen Mustern. Seine Studenten, die ihn
zrtlich liebten und seine Gewohnheiten wohl kannten, hatten doch ein lautes
Lachen nicht unterdrckt, und Raschke hatte ruhig den Schlafrock ber das
Katheder gehngt und in Hemdsrmeln gelesen und war im Ueberzieher eines
Studenten nach Hause gekommen. Seitdem lie Frau Raschke den Gatten niemals
ausgehen, ohne ihn noch einmal zu untersuchen. Ferner kam heraus, da er sich
nach zehn Jahren in den Straen der Stadt noch immer nicht zurecht fand und da
sie ihr Quartier nicht wechseln durfte, weil sie berzeugt war, da ihr
Professor sich nicht daran kehren und doch immer wieder in die alte Wohnung
zurcklaufen wrde. Auch Struvelius machte Sorge. Die letzte gewaltige hatte
Ilse persnlich kennengelernt, aber es wurde auch ermittelt, da er von seiner
Frau forderte, fr ihn lateinische Correcturen zu lesen, weil sie ein wenig
diese Sprache gelernt hatte, und da er gnzlich auer Stande war, freundlichen
Weinreisenden seine Auftrge zu versagen. Denn die Struvelius hatte bei ihrer
Verheiratung einen ganzen Keller voll kleiner und groer Weinfsser gefunden,
die noch gar nicht abgezogen waren, whrend er selbst bitterlich klagte, da er
keinen Wein in den Keller bekomme. Sogar die kleine Gnther erzhlte, da ihr
Gatte der Nachtarbeiten sich nicht entschlagen konnte und da er bei einer
solchen Ausschweifung mit der Lampe unter den Bchern umherflackerte und einer
Gardine zu nahe kam, die Gardine fing Feuer, er ri sie ab, verbrannte sich
dabei die Hnde und drang mit kohlschwarzen Fingern in die Schlafstube, verstrt
und einem Othello hnlicher als einem Mineralogen.
    Ilse erzhlte nichts aus ihrer kurzen Laufbahn, aber auch sie hatte
Gelegenheit, Erfahrungen zu machen. Zwar in spter Arbeit war ihr Hausherr
mig, auch mit dem Weine wute er ziemlich Bescheid und trank bei Gelegenheit
wacker sein Glas, wie einem deutschen Gelehrten ziemt. Doch mit dem Essen war's
bei ihm traurig bestellt. Es ist zwar nicht schn, wenn man viel um den Magen
sorgt, und vollends einem Professor nicht anstndig, aber wenn einer gar nicht
wei, was er it und Entenbein und Gansbein verwechselt, so ist das auch keine
Freude fr die, welche ihm etwas Gutes erweisen mchten. Zum Tranchiren war er
vollends nicht zu brauchen. Die zhen stymphalischen Vgel, welche Herkules
erlegt hatte, und den ungeniebaren Vogel Phnix, den sein Tacitus mit Achtung
erwhnte, kannte er viel genauer als den Knochenbau einer Truthenne. Ilse
gehrte zwar nicht zu den Hausfrauen, denen Vergngen ist, den ganzen Tag in der
Kche zu stehen, aber sie verstand das Geschft und setzte eine Ehre darein, fr
den Mittagstisch ihr Herrscheramt wrdig zu ben. Das war alles vergebens. Er
machte zuweilen einen Versuch, seine Tafel zu loben, aber Ilse kam dahinter, da
sein Herz gar nicht dabei war. Denn als sie ihm einen prchtigen Fasan vorsetzte
und er an ihrer beobachtenden Miene merkte, da eine Aeuerung erwartet werde,
da lobte er die Kchin, weil sie ein so stattliches Huhn eingekauft. Ilse
seufzte und suchte ihm den Unterschied aus einander zu setzen, und sie mute
erleben, da ihr Gabriel nach Tisch bedauernd sagte: Es ist umsonst, ich kenne
den Herrn, er hat kein Geschick zum Essen. Seitdem war Ilse auf die Anerkennung
angewiesen, welche ihr einzelne Herren des Theetisches zollten. Das war ihr kein
Ersatz. Auch der Doctor hatte nach dieser Richtung nicht viel Achtungswerthes.
Und es war jmmerlich und niederbeugend, die beiden Herren vor einem
Schnepfenpaar zu sehen, das der Vater geschickt hatte.
    Der Professor aber hielt den Doctor fr ausnehmend praktisch, weil dieser
etwas Geschick im Kaufen und Einrichten hatte, und er war gewhnt, bei vielen
Ereignissen des Tages den Freund zu Rathe zu ziehen. Der Schneider kam und
brachte Tuchproben zu einem neuen Rock. Der Professor sah zerstreut auf die
farbigen Signale der aufgeklappten Mappe. Ilse, schicke doch zum Doctor, damit
er whlen hilft. Ilse schickte, aber mit bsem Willen; - zum Rockkaufen
brauchte man den Doctor auch noch nicht, und wenn ihr lieber Mann darin keinen
Entschlu hatte, so war sie doch da. Aber vorlufig half das nichts, der Doctor
bestimmte gebietend Rock, Weste und den brigen Kleiderbedarf ihres Gatten. Ilse
hrte der Verhandlung schweigend zu, aber sie war recht herzlich bse auf den
Doctor und auch ein wenig auf ihren Hausherrn. Sie beschlo in der Stille, da
das nicht so bleiben drfe, unternahm schnell eine Kopfrechnung mit ihrem
Wirthschaftsgeld, lie den Schneider in ihr Zimmer kommen und bestellte selbst
einen zweiten Anzug fr ihren Mann mit dem Auftrage, diesen zuerst zu machen.
Als der Knstler sein Werk abgeliefert hatte, rief sie den Gatten und frug, wie
ihm die Prachtstcke gefielen. Er lobte, und sie sagte: Sie sind fr dich. Ich
mache mich so hbsch als ich kann, um dir zu gefallen, trage du auch einmal mir
zu Ehren, was ich fr dich ausgesucht habe. Habe ich's getroffen, so whle ich
dir in Zukunft und ich bernehme die Verantwortung fr deine Kleidung.
    Aber der Doctor sah verwundert darein, als der Professor in anderm Schmucke
erschien. Es ergab sich jedoch, da er nichts daran auszusetzen vermochte. Und
als Ilse dem Doctor allein gegenbersa, begann sie: Beide lieben wir den Mann
da drinnen und wir wollen uns ber ihn vereinigen. Sie haben das grte Recht,
der Vertraute seiner Arbeiten zu sein, und ich darf nie daran denken, mich darin
Ihnen gleich zu stellen. Aber wo mein kleiner Hausverstand ausreicht, da
wenigstens mchte ich ihm ntzlich werden, und was ich ihm darin sein kann,
lieber Herr Doctor, berlassen Sie mir.
    Sie sagte das lchelnd, der Doctor aber trat ernsthaft vor sie hin: Sie
sprechen aus, was ich lange empfunden. Ich habe mehre Jahre mit ihm gelebt und
manchmal fr ihn gelebt, und diese Zeit war mir ein hohes Glck, jetzt fhle ich
sehr wohl, da Sie den nchsten Anspruch auf ihn haben. Ich werde versuchen
mssen, mich in Manchem zu bescheiden; es wird mir schwer, aber es ist zuletzt
gut, da es so kommt.
    So waren meine Worte nicht gemeint, rief Ilse unruhig.
    Ich verstehe wohl, wie sie gemeint waren, und ich verstehe auch, da Sie
Recht haben. Ihre Aufgabe ist nicht nur, ihm sein Leben bequem zu machen. Denn
er sieht gleichgltig ber Vieles weg, was den Tag schmckt und behaglich
zurichtet. Aber inniges Bedrfni ist ihm, mit seiner Umgebung bei Allem, was
ihn und seine Zeit bewegt, im Einklang zu leben. Darin ist er weich und reizbar.
Nicht da ich ein Verstndni fr Einzelheiten seiner Arbeit habe, machte ihn zu
meinem Freund, sondern weit mehr das gute Einvernehmen in den groen und kleinen
Fragen unseres Lebens. Ich sehe jetzt, wie eifrig Sie bemht sind, auch darin
ihm Vertraute zu werden. Glauben Sie mir, der wrmste Wunsch meines Herzens ist,
da Sie mit der Zeit dieses hohe Recht erhalten.
    Er schied mit ernstem Gru, und Ilse sah ihm betroffen nach. Der Doctor
hatte an eine Saite gerhrt, deren Schwirren sie in ihrem Glcke immer wieder
mit Schmerzen fhlte. Ihr war das neue Hauswesen leicht und klein, und Alles
schnurrte wie ein Kreisel, und auch sie legte keinen groen Werth auf ihre
Thtigkeit. Aber es that ihr doch weh, da ihre Arbeit dem Gatten so wenig war,
und sie dachte wieder: Was ich ihm sein kann, das merkt er kaum, und wo es mir
schwer wird, seinem Geiste zu folgen, da entbehrt er vielleicht eine Seele, die
ein besseres Verstndni hat.
    Das waren leichte Wolkenschatten, welche ber die sonnige Landschaft
dahinfuhren, aber sie kamen oft, wenn Ilse in ihrem Zimmer grbelnd allein sa.
    Einst in der Dunkelstunde war Professor Raschke angelangt, er zeigte sich
willig, ber Abend zu bleiben, und Felix sandte den Diener zur Frau Professorin,
dieser die Sorge um den abwesenden Gatten zu nehmen. Da Raschke unter den
gelehrten Herren Ilse's Liebling war, gab sie in der Noth einen Kchenbefehl,
der ihm wohlthun sollte. Dieser Befehl verurtheilte einige junge Hhner, welche
kurz vorher lebend angelangt waren, zum Tode. Die Herren waren bereits in Ilse's
Zimmer, als aus der Kche ein klgliches Geschrei ertnte und das Kchenmdchen
ihr bleiches Gesicht an der Thr zeigte und die Herrin herausrief. Dort fand
sich, da das Gemth des Mdchens das Schlachten nicht bewerkstelligen konnte.
Da Gabriel die nthigen Meucheleien sonst still an entlegener Sttte besorgt
hatte, wute sie sich heut keinen Rath, ein ngstlicher Versuch war schlecht
abgelaufen und Ilse mute das Unvermeidliche selbst thun. Als sie wieder
eintrat, frug unglcklicher Weise Felix nach dem Grunde der Aufregung, und Ilse
erzhlte kurz den Vorfall.
    Die Hhnchen kamen auf den Tisch, sie machten der Kche keine Schande, Ilse
schnitt und legte vor. Aber ihr Gatte schob den Teller zurck und Raschke
arbeitete zwar aus Artigkeit ein wenig an seinem Bruststcke herum, wrgte aber
auch ber den Bissen. Ilse sah mit groen Augen auf die beiden Mnner. Weshalb
essen Sie nicht, Herr Professor? frug sie endlich den Gast mit mhsam
erkmpfter Ruhe.
    Es ist nur eine Schwche der Empfindung, antwortete Raschke, und Sie
haben ganz Recht, es ist eine Thorheit; mich strt noch das Geschrei der armen
Gebratenen.
    Dich auch, Felix? frug Ilse mit ausbrechendem Eifer.
    Ja, erwiederte dieser, ist es nicht mglich, das Umbringen unmerklich zu
machen?
    Nicht immer, entgegnete Ilse gekrnkt, wenn der Raum so enge und die
Kche so nahe ist. Sie klingelte und lie den unglcklichen Braten abtragen.
Da man in der Stadt das Schlachten so sehr bedauert, sollte man kein Fleisch
essen.
    Sie haben ganz Recht, wiederholte Raschke vershnend, und unsere
Empfindlichkeit hat nur geringe Berechtigung. Wir finden die Zubereitungen
unbehaglich und lassen uns Bereitetes in der Regel sehr wohl gefallen. Aber wer
gewhnt ist, das Thierleben mit Theilnahme zu betrachten, den beunruhigt die
Zerstrung eines Organismus fr egoistische Zwecke immer, wenn sie in einer
Weise vollzogen wird, an welche er zufllig nicht gewhnt ist. Denn das ganze
Leben der Thiere hat fr uns etwas Geheimnivolles. Dieselbe Lebenskraft, die
wir an uns beobachten, ist im Grunde auch in ihnen thtig, nur eingeengt durch
eine anders beschrnkte und im Ganzen weit unvollkommenere Organisation!
    Wie kann man ihre Seele mit der des Menschen vergleichen! rief Ilse, das
Vernunftlose mit dem Vernnftigen, das Vergngliche mit dem Ewigen!
    Was das Unvernnftige betrifft, liebe Frau Collega, so ist es ein Wort, bei
dem man sich in diesem Falle nichts Genaues denkt. Wie gro der Unterschied
zwischen Mensch und Thier auch sei, er ist schwer festzustellen, und auch nach
dieser Richtung ziemt uns Bescheidenheit. Wir wissen sehr wenig von den Thieren,
selbst von denen, welche tglich mit uns leben. Ich gestehe Ihnen, da mir der
gelegentliche Versuch, dies Unverstndliche meinem Verstndni nher zu rcken,
eine Achtung und Scheu vor dem fremdartigen Leben eingeflt hat, bei welcher
zuweilen Schrecken war. Ich leide nicht, da Jemand von meinen Leuten sein Herz
an ein Thier hngt. Auch aus einer Weichheit des Gefhls, die, wie ich Ihnen
zugebe, pedantisch ist. Aber die Einwirkung des menschlichen Gemthes auf die
Thiere ist mir vollends rthselhaft und unheimlich erschienen, es werden in den
fremden Creaturen dadurch Seiten ihres Lebens entwickelt, welche sie nach
einzelnen Richtungen dem Menschen sehr hnlich machen. Auch hat die liebevolle
Annherung an unsere Art fr uns soviel Rhrendes, da wir leicht mehr Herz und
Empfindung auf ein Thier wenden als ihm und uns frommt.
    Aber das Thier bleibt doch, wie es seit der Schpfung war, rief Ilse,
unverndert in seinen Trieben und Neigungen. Wir knnen einen Vogel abrichten
und einen Hund zwingen, da er berbringt, was er selbst fressen mchte, aber
das ist nur uerer Zwang. Sind sie sich selbst berlassen, so bleibt ihnen Art
und Natur ungendert, und was wir Cultur nennen, fehlt ihnen ganz.
    Auch darber sind wir keineswegs sicher, versetzte Raschke. Wir wissen
gar nicht, ob nicht jedes Geschlecht der Thiere auch eine Bildung und Geschichte
hat, welche von der ersten Generation bis zur letzten reicht. Es ist sehr
mglich, da Kenntnisse, Virtuositten und Verstndni der Welt, soweit dies den
Thieren mglich ist, sich in engerem. Kreise ebenso wandelte als bei den
Menschen. Es ist eine willkrliche Annahme, da die Vgel vor tausend Jahren
genau ebenso gesungen haben als jetzt. Ich bin der Ansicht, da Wolf und Fuchs
auf cultivirtem Boden in hnlicher Lage sind wie die letzten Trmmer der
Indianerstmme unter den Weien, whrend solche Thiere, die in ertrglichem
Frieden mit den Menschen leben, wie die Sperlinge und anderes kleines Volk,
sogar die Bienen, in ihrer Art klger werden und im Laufe der Zeit Fortschritte
machen, Fortschritte, die wir in einzelnen Fllen ahnen, die unsere Wissenschaft
aber noch nicht darzustellen vermag.
    Damit wird unser Herr Oberfrster sehr einverstanden sein, sagte Ilse
ruhiger, er klagt bitterlich, da die Finken unserer Gegend sich seit
Menschengedenken in ihrem Gesange erbrmlich verschlechtert haben, weil alle
guten Snger weggefangen sind und die jungen nichts Ordentliches mehr lernen.
    Vortrefflich, rief Raschke. Und wie es unter den Thieren derselben Art
kluge und unwissende gibt, lt sich auch annehmen, da den einzelnen eine
gewisse geistige Arbeit zugewiesen ist, welche ber ihr Leben hinausreicht. Die
Erfahrung eines alten Raben oder die melodische Tonfolge einer schnsingenden
Nachtigall wre fr die spteren Geschlechter nicht verloren, sondern wirkte
auch in ihnen mit einer gewissen Dauer. Nach dieser Richtung darf man wohl von
Cultur und Fortbildung auch der Thiere sprechen. - Aber der Kche gegenber
bekennen wir, da wir zum Nachtheil fr das gemeinsame Behagen an unrechter
Stelle gefhlvoll geworden sind, und Sie zrnen uns deshalb nicht, liebe
Freundin.
    Fr diesmal wird es vergessen, erwiederte Ilse vershnt, das nchste Mal
setze ich Ihnen gesottene Eier vor, die werden doch kein Bedenken haben.
    Mit den Eiern ist es auch so ein eigen Ding, versetzte Raschke, doch
darber enthalte ich mich billig einer nheren Betrachtung. Was mich aber
hierhergefhrt hat, fuhr er zu Felix gewandt fort, war nicht Huhn, nicht Ei,
sondern College Struvelius. Ich suche fr ihn Vershnung.
    Felix setzte sich steif zurecht. Kommen Sie in seinem Auftrage?
    Noch nicht, aber auf Wunsch einiger Collegen. Sie wissen, da fr das
nchste Jahr ein energischer Rector nthig wird. Es ist unter den Bekannten
wiederholt von Ihnen die Rede gewesen. Struvelius wird wahrscheinlich Decan,
schon deshalb wnschen wir, da Sie beide in ein freundliches Verhltni treten.
Noch mehr des akademischen Friedens wegen. Ungern sehen wir unsere
Alterthumswissenschaft auf gespanntem Fue.
    Was der Mann etwa gegen mich versehen hat, antwortete der Professor stolz,
kann ich ihm leicht vergeben, obgleich das kleinliche und versteckte Wesen mir
innerlich zuwider ist. Da er durch seine thrichte Arbeit sich selbst und
dadurch unsere Universitt blogestellt hat, ertrage ich schwerer. Was mich aber
von ihm scheidet, das ist die Unehrlichkeit seiner Empfindung.
    Der Ausdruck ist zu stark, rief Raschke.
    Er entspricht genau seinem Thun, behauptete der Professor. Als der Beweis
einer Flschung gefhrt war, da noch war seine Furcht, eine Niederlage zu
erleben, strker als sein Sinn fr Wahrheit, und er hat sich selbst belogen, um
Andere zu tuschen. Das ist eines deutschen Gelehrten unwrdig, und fr solches
Unrecht kenne ich keine Vergebung.
    Das ist wieder zu hart, versetzte Raschke, er hat offen und loyal seinen
Irrthum bekannt.
    Er hat es erst gethan, als durch Magister Knips ihm und Anderen die
Flschung an der Schrift augenscheinlich nachgewiesen und dadurch die letzte
Ausflucht genommen war.
    Die Gefhle eines Menschen sind nicht so leicht wie Zahlen in ihre Elemente
zu zerfllen, entgegnete Raschke, und nur wer billig urtheilt, wird richtig
rechnen. Er hat gekmpft mit verletztem Stolz, vielleicht zu lange, aber er hat
sich herausgehoben.
    Ich gestatte an der Sittlichkeit eines wissenschaftlichen Mannes keine
irrationalen Gren, hier war die Frage, schwarz oder wei, Wahrheit oder Lge,
rief Felix.
    Du hast doch dem Magister grere Nachsicht bewiesen, sagte Ilse bittend,
ich habe ihn seit der Zeit mehr als einmal bei dir gesehen.
    Der Magister hat in der Hauptsache geringere Schuld, antwortete der Gatte.
Als ihm die Frage ernsthaft vor die Seele trat, hat er sehr wohl seinen
Scharfsinn angewandt.
    Er hatte Geld dafr bekommen, sagte Ilse.
    Er ist ein armer Teufel, gewhnt, als Zwischenhndler bei
Antiquargeschften einigen Vortheil zu haben, und Niemand wird an ihn die
Forderung stellen, da er sich durchweg als Gentleman erweise. Soweit seine
gedrckte Seele der Wissenschaft angehrt, ist sie nicht ohne mnnlichen Stolz,
das wei ich. Fr dergleichen Naturen habe ich das wrmste Mitgefhl. Denn sein
Leben ist in der Hauptsache ein fortgesetztes Martyrium zum Besten Anderer. Wenn
ich einen solchen Mann verwende, so wei ich sicher, wo ich ihm vertrauen kann,
wo nicht.
    Mchten Sie sich darin nicht tuschen, rief Raschke.
    Ich bernehme Gefahr und Verantwortung, entgegnete der Professor; nichts
weiter von dem Magister, er gehrt nicht hierher. Wenn ich aber seine Schuld mit
der des Struvelius vergleichen soll, so ist mir nicht zweifelhaft, wer, Alles
eingerechnet, den greren Mangel an Ehrgefhl gezeigt hat.
    Das ist wieder so ungerecht, rief Raschke, da ich eine solche Aeuerung
ber den abwesenden Collegen nicht anhren kann. Ich vermisse mit tiefem
Bedauern in Ihrer Auffassung die Unbefangenheit, welche ich unter allen
Umstnden geboten halte, am meisten im Urtheil ber einen Amtsgenossen.
    Sie selbst haben mir gesagt, versetzte der Professor ruhiger, da er dem
Verkufer Schweigen versprochen hat, weil ihm Aussicht auf noch andere
geheimnivolle Pergamente gemacht wurde. Wie knnen Sie fr solches Preisgeben
des eigenen Selbstgefhls ein Wort der Entschuldigung finden?
    Es ist wahr, erwiederte Raschke, das hat er gethan, und das war seine
Schwche.
    Das war seine Unsittlichkeit, rief der Professor wieder, und darber
komme ich nicht weg. Wer anders denkt, mag ihm die Hand drcken.
    Raschke stand auf. Wenn Ihre Worte meinen, da derjenige weniger Ethos
besitzt, der dem Struvelius noch die Hand drckt, so entgegne ich Ihnen, da ich
dieser Mann bin, und da mich diese Handlung noch keinen Augenblick vor mir
selbst gedemthigt hat. Ich habe vor Ihrem krftigen und reinen Empfinden eine
recht innerliche Hochachtung, und es ist mir manchmal ein Beispiel gewesen, aber
heut mu ich Ihnen sagen, da ich mich Ihrer nicht freue. Ist diese Hrte doch
im Grunde deshalb in Sie gekommen, weil Struvelius Sie persnlich verletzt hat;
so geht sie ber das Ma hinaus, nach welchem wir nicht uns selbst, aber Andere
beurtheilen sollen.
    Sie gehe ber das Ma hinaus, rief der Professor, ich kenne kein
bescheidenes Ma bei den Anforderungen, die ich an das Rechts- und
Anstandsgefhl meiner persnlichen Bekannten stelle. Mir ist nicht gleichgltig,
bei dieser Auffassung Sie zum Gegner zu haben; aber wie ich bin, selbst ein
unvollkommener und irrender Mensch, ich kann mir diese Forderungen an meine
Umgebung nicht herabstimmen.
    So will ich wnschen, brach Raschke los, da Sie selbst nie in den Fall
kommen, Anderen bekennen zu mssen, Sie seien durch einen Betrger gerade da
getuscht, wo sich Ihr Selbstgefhl am krftigsten erhob. Denn wer so stolz ber
Andere urtheilt, dem wrde das Bekenntni der eigenen Kurzsichtigkeit nicht
geringe Schmerzen bereiten.
    Ja, es wre furchtbar fr mich, rief Felix, auch wider meinen Willen
Andere in Unwahrheit und Lge zu verstricken. Aber darauf vertrauen Sie, ich
wrde, um solches Unrecht zu shnen, Alles, was ich an Leben und Kraft noch
habe, daran setzen. Unterde bleibt es zwischen jenem und mir wie bisher.
    Raschke rckte seinen Stuhl unter den Tisch. Dann gehe ich heute, denn ich
bin durch unsere Errterung aus der Ruhe gekommen und ich wrde ein schlechter
Gesellschafter sein. Es ist das erste Mal, Frau Collega, da ich aus diesem
Hause mit unbehaglichem Gefhl scheide, und nicht am wenigsten schmerzt mich,
da meine unzeitige Parteinahme fr Hhnerseelen auch gegen Sie den Kamm
gestrubt hat.
    Ilse sah betrbt in das erregte Antlitz des werthen Mannes, und um die
wogenden Gedanken zu gltten und an gute Freundschaft zu mahnen, sagte sie
bittend: Aber das arme Huhn ist Ihnen nicht erlassen, das mssen Sie doch noch
essen, und ich sorge dafr, da es Ihnen morgen durch Ihre Frau zum Frhstck
vorgesetzt wird.
    Raschke drckte ihr die Hand und eilte zur Thr hinaus, der Professor ging
heftig im Zimmer auf und ab, endlich trat er vor seine Frau und frug kurz: Habe
ich Unrecht?
    Ich wei es nicht, erwiederte Ilse zgernd, aber als der Freund zu dir
sprach, war meine ganze Empfindung auf seiner Seite, und mir war, als htte er
Recht.
    Auch du? sagte der Professor finster, wandte sich ab und schritt in seine
Arbeitsstube.
    Wieder sa Ilse allein, das Herz war ihr schwer und sie grbelte: Er sieht
doch in vielen Dingen das Leben anders an als ich. Gegen die Thiere ist er
weicher und gegen die Menschen zuweilen hrter als ich sein kann. Wie ich mich
auch mhe, ich bleibe ihm gegenber ein ungeschicktes Weib vom Lande. Er ist
gtig gewesen gegen die Rollmaus, er wird es auch gegen mich sein, aber er wird
immer gegen mich Nachsicht ben mssen.
    Sie sprang auf und ihr Antlitz flammte.
    Unterde fuhr Raschke im Vorzimmer umher. Auch dort herrschte Unordnung,
Gabriel war noch nicht von seinem weiten Wege zurckgekehrt, die Kchin hatte
das abgerumte Mahl bis zu seiner Ankunft auf einen Seitentisch gestellt und
Raschke mute allein seinen Ueberrock suchen. Er whlte unter den Kleidern,
griff einen Rock und einen Hut. Da er heut nicht zerstreut war wie wohl sonst,
fiel ihm bei einem Blick ber die verschmhte Abendkost noch zu rechter Zeit
ein, da er ein Huhn essen mute. Deshalb erfate er die neuen Zeitungen, welche
Gabriel fr seinen Herrn zurechtgelegt hatte, nahm schnell ein Huhn aus der
Schssel, wickelte es in die Bltter und versenkte es in die Tasche, deren Tiefe
und Gerumigkeit ihn angenehm berraschte. So eilte er bei der erstaunten Kchin
vorber zur Wohnung hinaus. Als er die Entreethr ffnete, stie er an etwas,
das an der Schwelle wurzelte, er hrte hinter sich ein hliches Geknurr und
strmte die Treppe hinab ins Freie.
    Dabei flogen ihm die Reden des verlassenen Freundes durch den Kopf. Das
ganze Verhalten Werners war sehr charakteristisch, und es war ein tchtiges
Wesen. Merkwrdig, da in einem Augenblick des Zornes Werners Gesicht pltzliche
Aehnlichkeit mit dem einer Dogge erhalten hatte. Hier wurde dem Philosophen die
geradlinige Kette seiner Betrachtungen gekreuzt durch die Erinnerung an das
Gesprch ber Thierseelen. Es ist doch zu bedauern, da es immer noch schwer
wird, den seelischen Ausdruck der Thiere zu fixiren. Gelnge das, so wrde auch
die Wissenschaft davon Nutzen ziehen. Wer Ausdruck und Geberde der
Leidenschaften bei Menschen und hheren Thieren genau bis auf Einzelheiten
vergleichen knnte, der vermchte aus dem Gemeingltigen wie aus den einzelnen
Abweichungen Interessantes zu folgern. Denn dadurch wrde das Naturgeme ihrer
dramatischen Bewegung und vielleicht einige neue Gesetze derselben gefunden
werden.
    Whrend der Philosoph darber dachte, fhlte er ein wiederholtes Ziehen am
Rockscho. Da seine Frau die Gewohnheit hatte, ihn leise zu zupfen, wenn er
neben ihr in Gedanken wandelte und einem Bekannten begegnete, so lie er sich
dadurch nicht weiter stren, er nahm freundlich seinen Hut ab und sagte gegen
das Brckengelnder gewendet: Guten Abend.
    Dies Gemeinsame und Ursprngliche des mimischen Ausdrucks bei Menschen und
hheren Thieren wrde aber, genau erkannt, vielleicht sogar neue Blicke in das
groe Geheimni des Lebens verstatten. - Es zupfte wieder. Raschke nahm
mechanisch den Hut ab; es zupfte wieder. Ich danke, liebe Aurelie, ich habe
gegrt. Darber entwickelte sich in ihm der Seitengedanke, da seine Frau
nicht so tief unten am Rock ziehen knnte. Die zupfte, war gar nicht sie,
sondern seine kleine Tochter Bertha, die zuweilen altklug neben ihm ging und
ebenso wie die Mutter leise die Glocke zum Gren zog. Es ist gut, mein Kind,
sagte er, da Bertha unaufhrlich an dem Rockscho kratzte und lutete. Komm
hervor, du Schelm, und er fate in Gedanken hinter sich, die Neckerin
heranzuziehen. Er ergriff tief unten etwas Rundes, Zottiges, fhlte im
Augenblick scharfe Zhne an seinen Fingern und wandte sich erschrocken um. Da
sah er im Laternenlicht ein rthlich schimmerndes Ungethm mit dickem Kopf, mit
gestrubtem Haar und einer Quaste statt des Schwanzes aus gehobener Stellung auf
die Vorderbeine zurckfallen. Frau und Tochter waren ihm greulich verwandelt und
er blickte verwundert auf das undeutliche Geschpf, das sich ihm gegenbersetzte
und ihn ebenfalls schweigend anstarrte.
    Eine merkwrdige Begegnung, rief Raschke. Was bist du, unbekanntes Wesen?
muthmalich ein Hund, hinweg mit dir! Die Creatur wich einige Schritte zurck,
Raschke eilte in seiner Untersuchung weiter: Wenn man den Gesichtsausdruck und
die Geberde der Affecte in solcher Art auf Grundformen zurckfhrte, so wrde
sich jedenfalls als eins der thtigsten Gesetze das Bestreben erweisen, Fremdes
anzuziehen und abzustoen. Es wre lehrreich, bei diesen unwillkrlichen
Bewegungen der Menschen und Thiere zu unterscheiden, was jeder Art
naturnothwendig und was ihr conventionell ist. Hinweg, Hund, thu' mir den
Gefallen und geh nach Haus. Was will er von mir? er gehrt offenbar in Werners
Reich. Das arme Geschpf wird sich unter der Herrschaft einer fixen Idee in der
Stadt verlaufen.
    Unterde wurden die Angriffe Speihahns leidenschaftlicher, zuletzt bewegte
er sich in ganz unnatrlichen und rein conventionellem Marsche nur auf den
Hinterbeinen vorwrts, indem er sich mit den Vorderpfoten an die Rckseite des
Professors stemmte und mit dem Maul frmlich in den Rock einbi.
    Ein spter Schusterjunge blieb stehen und schlug an sein Schurzfell. Schmt
sich der Meister nicht, da er sich von dem armen Lehrjungen bockschieben lt?
In Wahrheit sah der Hund hinter dem Manne aus wie ein Zwerg, der auf der Eisbahn
einen Riesen stoend fortbewegt.
    Raschke's Interesse an den Gedanken des Hundes wurde grer Er blieb an
einer Laterne stehen, besah und befhlte seinen Rock. Dieser Rock war zu einem
Sammetkragen und sehr langen Aermeln gekommen, zu Vorzgen, welche der Philosoph
an seinem Ueberrocke niemals bemerkt hatte. Jetzt war die Sache klar, er selbst
hatte in Gedanken ein falsches Kleid gewhlt und der wackere Hund bestand
darauf, das Gewand seines Herrn zu retten und dem Ruber fhlbar zu machen, da
etwas nicht in Ordnung war. Raschke freute sich so sehr ber diese Klugheit, da
er sich umdrehte, an Speihahn einige gtige Worte richtete und einen Versuch
machte, das borstige Fell zu streicheln. Der Hund schnappte wieder nach seiner
Hand. Du hast ganz Recht, entgegnete Raschke, da du mir zrnst, ich will dir
beweisen, da ich mein Unrecht einsehe. Er zog den Rock aus und hing ihn ber
den Arm: Richtig, er ist weit schwerer als mein eigener. So ging er in seinem
dnnen Leibrock frisch vorwrts und erkannte mit Befriedigung, da der Hund die
Angriffe auf den Rcken aufgab. Dafr aber sprang Speihahn an der Rockseite
dahin, und wieder bi er nach dem Rock und nach der Hand und knurrte
widerwrtig.
    Dem Professor wurde der Hund rgerlich, und als er auf der Promenade an eine
Bank kam, legte er den Rock auf die Bank, um den Hund in ernster Begegnung nach
Hause zu treiben. Dadurch wurde er zwar den Hund los, aber auch den Rock. Denn
Speihahn sprang mit gewaltigem Satze auf die Bank, stellte sich breitbeinig ber
den Rock und erhob gegen den Professor, der ihn vertreiben wollte, ein grimmiges
Knurren und Fauchen. Es ist Werners Rock, sagte sichder Professor, und es ist
Werners Hund, es wre unrecht, das arme Thier zu schlagen, weil es in seiner
Treue leidenschaftlich wird, und es wre unrecht, Hund und Rock zu verlassen.
So blieb er vor dem Hunde stehen und redete ihm freundschaftlich zu, aber
Speihahn achtete gar nicht mehr auf den Professor, er wandte sich gegen den Rock
selbst und kratzte, whlte, bi hinein. Raschke sah, da der Rock diese Wuth
nicht lange ertragen konnte. Er ist verrckt oder toll, sagte er
sichmitrauisch, zuletzt werde ich doch Gewalt gegen dich brauchen mssen, arme
Creatur, und dabei berlegte er, ob er ebenfalls auf die Bank springen und den
Verrckten durch eine krftige Fubewegung in die Tiefe schleudern sollte, oder
ob er den unvermeidlichen Angriff besser von unten erffnen wrde. Er entschlo
sich zu letzterem und sah umher, ob irgendwo ein Stein oder Pfahl gegen den
Wthenden erreichbar sei. Dabei blickte er auf die Bume und den dunkeln Himmel
ber sich, und die Oertlichkeit erschien ihm ganz fremd. Ist hier Zauberei im
Spiel? rief er ergtzt. Bitte, wandte er sich grend an einen einsamen
Wanderer, der seines Weges kam, in welcher Stadtgegend sind wir wohl? Und
knnten Sie mir wohl auf einen Augenblick Ihren Stock leihen?
    Wirklich? entgegnete der Angeredete in unwilligem Ton, das sind ja sehr
verfngliche Fragen. Meinen Stock brauche ich des Abends selbst. Wer sind denn
Sie, mein Herr? Der Fremde trat dem Professor drohend nher.
    Ich bin friedlich, versetzte Raschke, und thtlichen Angriffen durchaus
abgeneigt. Es hat sich nur zwischen jenem Thiere auf der Bank und mir ein Streit
um den Besitz eines Rockes erhoben, und ich wrde Ihnen verbunden sein, wenn Sie
den Hund von dem Rocke verscheuchten. Aber ich bitte Sie, dem Thiere nicht mehr
weh zu thun, als durchaus nthig ist.
    Ist denn das Ihr Rock? frug der Mann.
    Das kann ich leider nicht bejahen, versetzte Raschke gewissenhaft.
    Hier ist etwas nicht in Ordnung, rief der Fremde und sah wieder
argwhnisch auf den Professor.
    Allerdings nicht, versetzte Raschke, der Hund ist auer sich, der Rock
ist vertauscht und ich wei nicht, wo wir sind.
    Nahe beim Thalthor, Herr Professor Raschke, antwortete die Stimme
Gabriels, welcher eilig zu der Gruppe trat. Um Vergebung, wie kommen Sie
hierher?
    Vortrefflich, rief Raschke vergngt, ich bitte, bernehmen Sie hier
diesen Rock und diesen Hund.
    Erstaunt sah Gabriel auf Freund Speihahn, der jetzt ber dem Rocke sa und
gegen seinen Gnner das Haupt senkte. Gabriel warf den Hund herab und ri den
Rock an sich. Das ist ja unser Ueberzieher, rief er.
    Ja, Gabriel, besttigte der Professor, das war mein Irrthum, und der Hund
hat dem Rock eine merkwrdige Treue bewiesen.
    Treue? rief Gabriel entrstet und zog ein Packet aus der Tasche des
Rockes. Es war gefriger Eigennutz, Herr Professor, hierin mu etwas
Gebratenes sein.
    Ha, rief Raschke, richtig, ich erinnere mich, das Huhn ist an Allem
schuld. Geben Sie mir das Packet, Gabriel, das Huhn mu ich selbst essen. Und
wir knnten jetzt mit vlliger Befriedigung einander Gute Nacht sagen, wenn Sie
mir noch ein wenig meine Richtung durch diese Bume angeben wollten.
    Aber Sie drfen mir nicht in der Abendluft ohne Ueberrock nach Hause
gehen, bat Gabriel wohlmeinend, wir sind nicht weit von unserer Wohnung, am
besten wre wirklich, der Herr Professor kehrte mit mir um.
    Raschke berlegte und lachte: Sie haben Recht, lieber Gabriel, mein
Aufbruch war ungeschickt, und die Thierseele hat heut eine Menschenseele zur
Ordnung gebracht.
    Wenn Sie diesen Hund meinen, versetzte Gabriel, so wr's zum ersten Mal,
da er etwas Ordentliches zu Stande bringt. Ich merke, er ist Ihnen von unserer
Thr nachgeschlichen, denn dorthin stelle ich ihm des Abends die kleinen
Knochen.
    Er that einmal, als wre er nicht ganz bei Sinnen, sagte der Professor.
    Er ist schlau, wo er will, versetzte Gabriel geheimnivoll, aber wenn ich
von meinen Erfahrungen mit diesem Hunde reden sollte -
    Sprechen Sie, Gabriel, rief der Philosoph wibegierig. Nichts ist von
Thieren so werthvoll, als wahrhafter Bericht solcher, welche genau beobachtet
haben.
    Das darf ich von mir sagen, besttigte Gabriel mit Selbstgefhl, und wenn
Sie genau wissen wollen, wie er ist, so versichre ich Sie, er ist verwnscht, er
ist unehrlich, er ist vergiftet und er hat einen Grimm gegen die Menschheit.
    Hm, so! versetzte der Philosoph kleinlaut, ich merke, es ist viel
schwerer, einem Hunde ins Herz zu sehen als einem Professor.
    Speihahn schlich still und gedrckt und hrte auf das Lob, das ihm ertheilt
wurde, whrend Professor Raschke, von Gabriel geleitet, in das Haus am Parke
zurckkehrte. Gabriel ffnete die Thr des Wohnzimmers und rief hinein: Herr
Professor Raschke.
    Ilse streckte ihm beide Hnde entgegen: Willkommen, willkommen, lieber Herr
Professor, und fhrte ihn in das Arbeitszimmer des Gatten.
    Da bin ich wieder, rief Raschke vergngt, nach einer Irrfahrt wie im
Mrchen; was mich zurckgefhrt hat, waren zwei Thiere, die mir den richtigen
Weg wiesen, ein gebratnes Huhn und ein vergifteter Hund. Felix sprang auf, die
Mnner grten einander mit warmem Hndedruck, und es wurde nach aller Irrung
noch ein herzerfreuender Abend.
    Als Raschke sich spt entfernt hatte, sagte Gabriel traurig zu seiner
Herrin: Dies war der neue Rock; das Huhn und der Hund haben ihn verwstet, da
es ein Jammer ist.

                                       7.

                                        

                                Die Erkrankung.


Ueber dem Stadtwald und den Grten rhrte sich das junge Leben des Frhlings. In
stillem Wintertraum hatten Knospen und Raupen nebeneinander geschlafen, jetzt
scho das Blatt aus seiner Hlle und der Wurm kroch ber das junge Grn. Unter
dem hellen Schein einer hheren Sonne begann der Kampf des Lebens, das Blhen
und Welken, die bunten Farben und der Sptfrost, in dem sie erblichen, das
lustige Laub und der Kfer, der daran nagte. Der uralte Streit erhob sich um
Knospen und Blthen wie im Herzen des Menschen.
    In Ilse's Lehrstunden wurde jetzt Herodot gelesen. Auch er ein Frhlingsbote
des Menschengeschlechts an der Grenze zwischen trumender Poesie und heller
Wirklichkeit, der frohe Verknder einer Zeit, in welcher das Volk der Erde sich
der eigenen Schnheit freute und die Wahrheit mit Ernst zu suchen begann. Wieder
las Ilse in leidenschaftlicher Spannung die Seiten, welche ihr eine verschttete
Welt so lebendig und herzlich vor Augen stellten. Aber es war nicht mehr die
ungetrbte erhebende Freude an dem Erzhlten, wie bei dem Werk des groen
Dichters, der Schicksal und Thaten seiner Helden so lenkte, da sie dem Gemth
auch da wohlthaten, wo sie Leid und Schrecken erregten. Denn das ist ein Recht
der menschlichen Erfindung, die Welt zu gestalten, wie das weiche Herz des
Menschen sie ersehnt: Wechsel und billiges Verhltni in Glck und Leid, jedem
Einzelnen nach seiner Kraft und seinem Thun Anerkennung und klug zugemessene
Vergeltung. Der Geist aber, welcher hier das geschwundene Leben regierte,
waltete bermenschlich; die Flle des Lebendigen drngte sich, eines verwstete
das andere, erbarmungslos brach die Zerstrung ein, sie traf die Guten wie die
Bsen, es war auch eine Vergeltung, es war auch ein Fluch, aber sie schlugen
unbegreiflich, grausam, herzzerm almend. Das Gute blieb nicht gut, und das Bse
behielt den Sieg. Was erst zum Segen war, wurde spter zum Verderben, was heut
wohlthtig Gre und Herrschaft gab, das wurde morgen eine Krankheit, welche den
Staat zerstrte. Wenig galt jetzt der einzelne Held; wo sich eine groe
Menschenkraft fr Augenblicke herrschend erhob, sah Ilse gleich darauf, wie sie
dahinschwand in dem wirbelnden Strom der Ereignisse. Krsus, der bersichere
gutherzige Knig, fiel, der starke Cyrus verging, und Xerxes wurde geschlagen.
Aber auch die Vlker versanken, die groe Wunderblume Egypten verdorrte, das
goldene Reich der Lyder zerbrach, die mchtigen Perser verdarben zuerst Andere,
dann sich selbst. Und in dem jungen Hellenenvolk, das sich so heldenkrftig
erhob, sah sie bereits den Zorn, die Missethat und die feindlichen Gegenstze
geschftig, durch welche das schnste Gebilde des Alterthums nach kurzem
Gedeihen vergehen sollte.
    Ilse und Laura saen einander gegenber, zwischen ihnen lag das
aufgeschlagene Buch. Zwar wurde Laura nicht bei dem geheimen Vortrag des
Professors zugelassen, aber ihre Seele flog getreulich auf der Wildbahn
nebenher. Ilse theilte ihr von dem Erwerb ihrer Stunden mit und geno die se
Freude, neues Wissen in den Geist einer Vertrauten zu senken.
    Auf diesen Xerxes habe ich einen groen Zorn, rief Laura, schon von der
Fibel her: Der Perser Xerxes war ein reicher Knig, Xanthippe war ein Weib, doch
taugten beide wenig. Ich dachte lange, Xanthippe wre seine Frau gewesen, ich
htte sie ihm gegnnt. Sehen Sie dagegen die dreihundert Spartaner, sie senden
die Andern nach Haus, krnzen sich und salben sich und ziehen ihr Festkleid an
zum Tode. Das erhebt das Herz. Sie waren Mnner. Und knnte ich ihrem Gedchtni
etwas Liebes erweisen durch meinen dummen Kopf und meine schwachen Hnde, ich
wollte dafr arbeiten, bis mir die Finger schmerzten. Aber was kann ich
Armselige thun! Hchstens Reisetaschen sticken fr ihren Weg in die Unterwelt,
und die kmen zweitausend Jahre zu spt. Wir Frauen sind erbrmlich dran, rief
sie rgerlich.
    Ich wei andere aus der Schlacht, sagte Ilse, die mir rhrender sind als
die dreihundert von Sparta. Das sind die Thespier, welche zugleich mit ihnen
kmpften und starben. Die Spartaner zwang ihr stolzes Herz, die strenge Zucht
und Befehl ihrer Obrigkeit. Die Thespier aber starben freiwillig. Sie waren
kleine Leute und sie wuten wohl, da die grte Ehre ihren vornehmen Nachbarn
bleiben wrde. Sie aber standen treu in bescheidenem Sinn, und das war weit
selbstloser und edler. - Ach, ihnen allen war es leicht, fuhr sie traurig fort,
aber die zurckblieben, ihre armen Eltern, die Frauen und Kinder, das zerstrte
Glck und der unsgliche Jammer daheim.
    Jammer! rief Laura, wenn sie dachten wie ich, waren sie stolz auf den Tod
ihrer Lieben und trugen, wie diese, Krnze in ihrem Schmerz. Wozu ist unser
Leben, wenn man sich nicht freuen darf, es fr Hheres hinzugeben?
    Fr Hheres? frug Ilse. Was den Mnnern hher gilt als Weib und Kind, ist
das hher auch fr uns? Unser Amt ist, das ganze Herz auf sie, die Kinder und
das Haus zu richten. Wenn sie uns genommen werden, uns ist das ganze Leben
verwstet, und nichts bleibt als unendliche Trbsal. Das ist fr uns wohl
natrlich, wenn wir ihren Beruf anders ansehen als sie selbst.
    Ich will auch ein Mann sein, rief Laura. Sind wir denn so schwach an
Geist und Gemth, da wir weniger Begeisterung und Ehrgefhl und Liebe zum
Vaterland haben mssen als sie? Der Gedanke ist furchtbar, durch das ganze Leben
nur Dienerin zu sein eines Gebieters, der auch nicht strker und besser ist als
ich, der Gummischuhe trgt, sich die Fe nicht na zu machen, und einen
wollenen Shawl, sobald ein rauhes Lftchen weht.
    Man trgt dergleichen hier in der Nachbarschaft, versetzte Ilse lchelnd.
    Es thun's die Meisten, sagte Laura ausweichend, und glauben Sie mir, Frau
Ilse, dies Mnnervolk hat kein Recht darauf, da wir unser ganzes Herz und Leben
auf sie richten. Gerade die tchtigsten haben kein volles Herz fr uns. Wie
sollten sie auch? Wir sind ihnen gut zur Unterhaltung und ihre Strmpfe zu
stopfen und vielleicht ihre Vertrauten zu werden, wenn sie einmal nicht Rath
wissen, aber die besten von ihnen sehen immer ber uns weg auf das Ganze, und
dort ist ihr eigentliches Leben. Was ihnen Recht ist, das sollte uns billig
sein.
    Haben wir nicht genug an dem, was sie uns von ihrem Leben geben? frug
Ilse. Ist's auch nur ein Theil, er macht uns glcklich.
    Ist es ein Glck, die grten Gefhle zu entbehren? rief Laura wieder,
knnen wir sterben wie Leonidas?
    Ilse wies auf die Thr ihres Gatten. Mein Hellas sitzt dort drin und
arbeitet, und mir pocht das Herz, wenn ich seinen Tritt hre oder auch nur das
Knistern seiner Feder. Fr den einen Geliebten zu leben oder zu sterben, ist
doch auch eine erhebende Idee, und sie macht glcklich. Ach, nur glcklich, wenn
man wei, da man ihm ein Glck ist.
    Laura flog zu den Fen der Freundin, sah ihr in das sorgenvolle Antlitz und
schmeichelte. Ich habe Sie ernsthaft gemacht mit meinem Geschwtz, und das war
unrecht, denn ich mchte Ihnen jede Stunde ein Lcheln um die Lippen zaubern und
immer ein freundliches Licht in die sanften Augen. Haben Sie Geduld mit mir, ich
bin ein Querkopf und ein unwirsches Ding und oft unzufrieden mit mir und Andern,
und ich wei manchmal selbst nicht warum. - Aber Xerxes taugt nichts, dabei
bleibe ich, und wenn ich ihn htte, ich knnte ihn alle Tage ohrfeigen.
    Ihm wenigstens ist es vergolten worden, versetzte Ilse. Laura sprang
wieder auf. Ist das eine Vergeltung fr den Buben, Hunderttausende hat er
umgebracht oder elend gemacht, und er fhrt mit heiler Haut nach Hause. Es gibt
keine Strafe, die hart genug ist fr solchen frevelhaften Knig. - Ich wei aber
recht gut, wie er war, er war ein verzogenes Muttershnchen, er hatte immer in
seinem elterlichen Hause gelebt, er war aufgewachsen im Ueberflu, und alle
Menschen waren ihm unterthnig. Deswegen behandelte er Alle mit Verachtung. Es
wrde Andern ebenso gehen, wenn sie in die Lage kmen. Ich kann mir's recht gut
denken, da ich selbst so ein Ungethm sein wrde, und mancher Bekannte auch.
    Etwa mein Mann? frug Ilse.
    Der ist mehr Cyrus oder Kambyses, versetzte Laura.
    Ilse lachte. Das ist nicht wahr. Aber wie wre es mit dem Doctor drben?
    Laura hob strafend die Hand gegen das Nachbarhaus. Der wre Xerxes, gerade
wie er im Buche steht. Wenn Sie sich den Doctor denken ohne Brille, in einem
goldenen Schlafrock, mit einem Scepter in der Hand, ohne sein gutes Herz, was
Fritz Hahn allerdings hat, und etwas weniger gescheidt als er ist, und noch mehr
verzogen als er ist, und als einen Menschen, der kein Buch geschrieben hat, und
nichts gelernt hat als Andere schlecht behandeln, so ist er ganz Xerxes. Ich
sehe ihn vor mir auf dem Throne sitzen hier am Bach und mit seiner Peitsche in
das Wasser schlagen, weil es ihm die Stiefeln na macht. Der htte wohl
gefhrlich werden knnen, wenn er nicht hier am Stadtpark geboren wre.
    Das meine ich auch, versetzte Ilse.
    Aber am Abend in der Lehrstunde sprach Ilse zum Gatten: Als Leonidas mit
seinen Helden starb, rettete er seine Landsleute vor der Herrschaft fremder
Barbaren, aber nach ihm endeten viele Tausende des schnen Volkes im innern
Kampf der Stdte, und in solchem Streite verdarb das Volk, und nicht lange
whrte es, da kamen andere Fremde und nahmen ihren Enkeln doch die Freiheit.
Wozu sind die vielen Tausende gestorben, was half der Ha und die Begeisterung
und der Parteieifer, Alles war eitel und Alles ein Zeichen des Untergangs. Der
Mensch ist hier wie ein Sandkorn, das in den Boden getreten wird, ich stehe vor
einem schrecklichen Rthsel und mir wird bange auf der Erde.
    Ich will versuchen, dir eine Lsung zu geben, versetzte der Gatte ernst,
aber die Worte, welche ich dir heut sagen darf, sind wie die Schlssel zu den
Gemchern des bsen Blaubart. Oeffne nicht zu hastig jedes Zimmer, denn in
einigen ist zu schauen, was dir jetzt vorzeitig neue Unsicherheit aufregt.
    Ich bin dein Weib, rief Ilse, und hast du eine Antwort fr die Fragen,
welche mich peinigen, so fordere ich sie.
    Es ist auch dir kein Geheimni, was ich dir antworte, sprach der
Professor. Du bist nicht nur, wofr du dich hltst, ein Mensch, geschaffen zu
Leid und Freude, durch Natur, Liebe, Glauben mit Einzelnen verbunden, du bist
zugleich mit Leib und Seele einer irdischen Macht verpflichtet, um die du nur
wenig sorgst, und die doch vom ersten bis zum letzten Athemzuge dein Leben
leitet. Wenn ich dir sage, da du ein Kind deines Volkes und da du ein Kind des
Menschengeschlechts bist, so ist dir dies Wort so gelufig, da du wohl nicht
mehr an die hohe Bedeutung denkst. Und doch ist dies Verhltni das hchste
irdische, in dem du stehst. Zu sehr werden wir von klein auf gewhnt, nur die
Einzelnen, mit denen uns Natur oder freie Wahl verbindet, in unser Herz zu
schlieen, und selten denken wir daran, da unser Volk der Ahnherr ist, von dem
die Eltern stammen, der uns Sprache, Recht, Sitte, Erwerb und jede Mglichkeit
des Lebens, fast Alles, was unser Schicksal bestimmt, unser Herz erhebt,
geschaffen oder zugetragen hat. Freilich nicht unser Volk allein; denn auch die
Vlker der Erde stehen wie Geschwister nebeneinander, und ein Volk hilft Leben
und Schicksal der andern bestimmen. Alle zusammen haben gelebt, gelitten und
gearbeitet, damit du lebst, dich freust und schaffst.
    Ilse lchelte. Auch der bse Knig Kambyses und seine Perser?
    Auch sie, versetzte der Professor, denn das groe Netz, in welchem dein
Leben einer Masche gleicht, ist aus unendlich vielen Fden zusammengewebt, und
wenn einer gefehlt htte, wre das Gewebe unvollstndig. Denke zuerst an
Kleines. Der Tisch, an welchem du sitzest, die Nadel, welche du in der Hand
hltst, die Ringe an Finger und Ohr verdankst du Erfindungen einer Zeit, aus
welcher jede Kunde fehlt; damit dein Kleid gewebt werden konnte, ist der
Webstuhl in einem unbekannten Volke erfunden, und hnliche Palmenmuster, wie du
trgst, sind in einer Fabrik der Phnicier erdacht worden.
    Gut, sagte Ilse, das lasse ich mir gefallen, es ist ein hbscher Gedanke,
da die Vorzeit so artig fr mein Behagen gesorgt hat.
    Nicht dafr allein, fuhr der Gelehrte fort, auch was du weit und was du
glaubst, und Vieles, was dein Herz beschftigt, ist dir durch dein Volk aus
eigener und fremder Habe berliefert. Jedes Wort, das du sprichst, ist durch
hunderte von Generationen fortgepflanzt und umgebildet worden, damit es den
Klang und die Bedeutung bekam, welche du jetzt spielend gebrauchst. In diesem
Sinne sind unsere Ahnen aus Asien ins Land gezogen, hat Armin mit den Rmern fr
Erhaltung unserer Sprache gekmpft, damit du an Gabriel einen Befehl geben
kannst, den ihr beide versteht. Fr dich haben die Dichter gelebt, welche dir in
der Jugendzeit des Hellenenvolkes den krftigen Klang des epischen Verses
erfanden, den ich so gern von deinen Lippen hre. Und ferner, damit du glauben
kannst, wie du glaubst, war vor dreihundert Jahren in deinem Vaterlande der
groartigste Kampf der Gedanken nthig, und wieder anderthalbtausend Jahre
frher in einem kleinen Volke Asiens noch machtvolleres Ringen der Seele, und
wieder fnfzig Generationen frher ehrwrdige Gebote unter den Zelten eines
wandernden Wstenvolkes. Das Meiste, was du hast und bist, verdankst du einer
Vergangenheit, die anfngt von dem ersten Menschenleben auf Erden. In diesem
Sinne hat das ganze Menschengeschlecht gelebt, damit du leben kannst.
    Ilse sah mit Spannung auf den Gatten. Der Gedanke erhebt, rief sie, und
er kann den Menschen stolz machen. Aber wie stimmt dazu, da derselbe Mensch
wieder ein Nichts ist und wie ein Wurm zertreten wird in dem groen Treiben
deiner Geschichte?
    Wie du ein Kind deines Volkes und des Menschengeschlechtes bist, so ist es
zu jeder Zeit der Einzelne gewesen, und wie er sein Leben und fast den ganzen
Inhalt desselben dem greren Erdengebilde verdankt, von dem er ein Theil ist,
so ist auch sein Schicksal an das grere Schicksal des Volkes, an die Geschicke
der Menschheit gefesselt. Dein Volk und dein Geschlecht haben dir Vieles
gegeben, sie verlangen dafr ebensoviel von dir. Sie haben dir den Leib behtet,
den Geist geformt, sie fordern auch deinen Leib und Geist fr sich. Wie frei du
als Einzelner die Flgel regst, diesen Glubigern bist du fr den Gebrauch
deiner Freiheit verantwortlich. Ob sie als milde Herren dein Leben friedlich
gewhren lassen, ob sie es sichmit hoher Mahnung in einer Stunde fordern, deine
Pflicht ist dieselbe; indem du fr dich zu leben und zu sterben meinst, lebst
und stirbst du fr sie. Das einzelne Leben ist fr solche Betrachtung
unermelich klein gegen das Ganze. Uns ist der einzelne verstorbene Mensch nur
erkennbar, sofern er auf andere Menschen eingewirkt hat, nur im Zusammenhange
mit denen, die vor ihm waren und nach ihm kamen, hat er Werth. Werth hat aber in
diesem Sinne der Groe und der Kleine. Denn in solcher Pflicht gegen sein Volk
arbeitet Jeder von uns, wer seine Kinder erzieht, wer den Staat regiert, wer
Wohlstand, Behagen, Bildung seines Geschlechtes mehrt. Unzhlige wirken dies,
ohne da von ihnen eine persnliche Kunde bleibt, sie sind wie Wassertropfen,
die mit andern eng verbunden als groe Fluth dahinrinnen, fr sptere Augen
nicht erkennbar. Aber vergebens haben darum auch sie nicht gelebt. Und wie die
zahllosen Kleinen Bewahrer der Bildung und Arbeiter fr Fortdauer der Volkskraft
sind, so stellt auch die hchste Kraft des Einzelnen, der grte Held, der
edelste Reformator durch sein Leben nur einen kleinen Theil der Volkskraft dar.
Whrend er fr sich und seine Zwecke kmpft, arbeitet er zugleich umgestaltend
fr seine Zeit, vielleicht ber seine Zeit und sein Volk hinaus, fr alle
Zukunft. Auch er zahlt nur die Schuld seines Lebens, indem er die Verpflichtung
spterer Menschen grer und edler macht. Sieh, Geliebte, bei solcher Auffassung
schwindet der Tod aus der Geschichte. Das Resultat des Lebens wird wichtiger als
das Leben selbst, ber dem Mann steht das Volk, ber dem Volk die Menschheit,
Alles, was sich menschlich auf Erden regte, hat nicht nur fr sich gelebt,
sondern auch fr alle anderen, auch fr uns, denn es ist ein Gewinn geworden fr
unser Leben. Wie die Griechen in schner Freiheit heraufwuchsen und vergingen
und wie ihre Gedanken und Arbeiten den spteren Menschen zu gut kamen, so wird
auch unser Leben, das in kleinem Kreise verluft, nicht vergeblich fr die
Geschlechter der Zukunft.
    Ach, rief Ilse, das ist eine Ansicht ber das Erdenleben, die nur Solchen
mglich ist, welche Groes thun, und um die man sich in spter Zeit immer wieder
kmmert. Mich friert dabei. Der Mensch ist hier nur wie Blume und Kraut und das
Volk wie eine Wiesenflche, und sind sie gemht durch die Zeit, so ist, was
brigbleibt, nur ntzliches Heu fr die Sptern. Alle, die einst waren und die
jetzt sind, sie haben doch auch fr sich selbst gelebt und fr die, welche sie
sich mit freier Liebe suchten, fr Weib und Kind und ihre Freunde, und sie waren
noch etwas Anderes als eine Ziffer unter Millionen und als ein Blatt am
ungeheuren Baume. Und wenn ihr Dasein so klein ist und so unntz, da euer Auge
keine Spur seines Schaffens erkennt, das Leben des armen Bettlers, meines
Kranken am Dorffenster, ihre Seelen werden doch behtet von einer Macht, welche
grer ist als dein groes Netz, das aus Menschenseelen gewebt ist. Sie sprang
auf und starrte dem Gatten ngstlich in das Anlitz. Beugt euren Menschenstolz
vor einer Gewalt, die ihr nicht versteht.
    Der Gelehrte sah besorgt auf sein Weib. Auch ich beuge mich in Demuth vor
dem Gedanken, da die groe Einheit des Lebendigen auf dieser Erde nicht die
hchste Macht des Lebens ist. Nur der Unterschied ist zwischen dir und mir, da
ich gewhnt bin, in meinem Geist mit den hohen Gewalten der Erde zu verkehren.
Auch mir sind die Offenbarungen so ehrwrdig und heilig, da ich dem Ewigen und
Unbegreiflichen am liebsten auf diesem Wege zu nahen suche. Du bist gewohnt, das
Unerforschliche im Bilde zu schauen, welches fromme Ueberlieferung in dein
Gemth gelegt hat, und ich wiederhole die Worte, welche ich dir frher sagte:
Dein Suchen und Vertrauen und das meinige entspringen aus derselben Quelle, und
es ist dasselbe Licht, zu dem wir aufblicken, wenn auch auf verschiedene Weise.
Was dem Glauben frherer Geschlechter die Gtter und wieder die Engel und
Erzengel waren, hhere Gewalten, welche als Boten des Hchsten das Leben der
Einzelnen umschweben, das sind in anderem Sinne fr uns die groen geistigen
Einheiten der Vlker und der Menschheit, Persnlichkeiten, welche dauern und
vergehen, aber nach andern Gesetzen als die einzelnen Menschen. Und da ich
dieses Gesetz zu verstehen suche, das ist ein Theil meiner Frmmigkeit. Du
selbst wirst allmhlich die bescheidene und erhebende Auffassung des Heiligen,
in welcher ich lebe, kennenlernen. Auch du wirst allmhlich erfahren, da dein
und mein Glaube im Grunde derselbe ist.
    Nein, rief Ilse, ich sehe nur Eines, eine tiefe Kluft, welche meine
Gedanken von deinen scheidet. O nimm mir die Angst, welche mich jetzt um deine
Seele peinigt.
    Nicht ich kann das thun, und nicht ein Tag kann das thun, nur unser Leben
selbst, tausend Eindrcke, tausend Tage, an denen du dich gewhnst, die Welt so
anzusehen wie ich.
    Er zog die Gattin, welche starr vor ihm stand, nher an sich und sagte
ihrleise: Gedenke an den Spruch: im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen.
Auch er, der so gesprochen, wute, da Mann und Weib Eines sind durch das
strkste Gefhl der Erde, welches Alles trgt und Alles duldet.
    Was kann ich dir sein, dem der Einzelne so wenig und klein ist? frug Ilse
tonlos.
    Das Hchste und Liebste auf Erden, die Blthe meines Volkes, ein Kind
meines Geschlechts, in dem ich ehre und liebe, was vor uns war und was uns
berleben wird, rief der Professor.
    Ilse stand allein unter den fremden Bchern, drauen schlug der Wind an die
Mauern, er jagte die Wolken an dem Monde vorber, bald wurde die Stube dunkel,
bald fllte sie sich mit fahlem Scheine. Und in dem wechselnden Lichte der
Dmmerung dehnten sich ihr die Wnde zu einem unabsehbaren Raum, aus den Bchern
stiegen fremde Gestalten, sie hingen an den Wnden und schwebten von der Hhe,
ein Heer von grauen Schatten, die bei Tage in die geradlinigen Gehuse der
Bcher gebannt waren, zogen gegen das Weib heran, und die Toten, die gespenstig
fortlebten auf der Erde, streckten die Arme nach ihr und forderten ihre Seele
fr sich.
    Ilse richtete sich hoch auf, sie hob die Hnde nach oben und rief sich die
hellen Bilder zu Hilfe, die von klein auf ihre Tage segnend umgeben hatten,
weie Gestalten mit leuchtendem Antlitz. Sie neigte das Haupt und bat: Schtzet
mir den Frieden meiner Seele.
    Als Ilse in ihr Zimmer trat, lag ein Brief ihres Vaters auf dem Tisch, sie
ffnete hastig und sank, nachdem sie die ersten Zeilen gelesen, schluchzend
darber hin.
    Der Vater zeigte der Tochter den Tod eines alten Freundes an. Der gute Herr
Pfarrer war aus dem engen Thal hinaufgetragen zu der Ruhesttte, die er sich auf
dem Friedhof neben seiner Frau erwhlt. Von der Aufregung, die ihm Ilse's
Scheiden verursacht, hatte er sich nicht wieder erholt, der Winter war in langem
Siechthum vergangen, an einem warmen Frhlingsabend berraschte ihn im Garten
vor seinem Pfirsichbaume das schnelle Ende. Dort fand ihn die treue Magd und
lief mit der Schreckensbotschaft nach dem Schlosse. Er hatte wenige Stunden
vorher Clara gebeten, seinem lieben Kinde in der Stadt zu schreiben, da es ihm
jetzt wohl gehe.
    Ilse hatte oft im Winter um das Leben des Freundes gesorgt, und die
Nachricht kam ihr nicht berraschend. Und doch fhlte sie gerade jetzt seinen
Verlust als entsetzliches Unglck. Das war ein Leben, welches fest und treu an
dem ihren hing, sie wute wohl, in den letzten Jahren war sie der Mittelpunkt
seiner Gedanken und fast ausschlielich der Inhalt seines Herzens gewesen. Sie
hatte dies Leben, das ganz ihr gehrte, um eine strkere Neigung verlassen, und
ihr schien jetzt ein Unrecht, da sie von ihm geschieden war. Sie sah den Stab
zerbrochen, der sie festband an die Gefhle ihrer Kindheit. Und ihr war, als
wankte der Boden und als sei Alles unsicher geworden, das Herz des Gatten, die
eigene Zukunft.
    So fand sie der Professor, ber den Brief gebeugt, in Thrnen aufgelst, ihr
Schmerz erschtterte auch ihm das Herz und er bat sie ngstlich, ihrer selbst zu
gedenken. Lange redete er zrtlich in sie hinein. Endlich sah sie ihn wieder mit
treuen Augen an und versprach ruhig zu sein.
    Aber es gelang ihr nicht. - Nach wenigen Stunden mute er sie zu ihrem Lager
fhren.
    Es wurde eine gefhrliche Krankheit. Ilse hatte Tage, wo sie in ttlicher
Schwche bewutlos lag. Wenn sie einmal die mden Augen aufschlug, sah sie in
das abgehrmte Antlitz ihres Gatten, und sie sah Laura's Lockenkopf zrtlich
ber ihr Lager geneigt, dann schwand wieder Alles in dumpfer Betubung.
    Es war ein langes Ringen zwischen Leben und Vergehen, aber sie berwand. Der
erste Eindruck, den sie empfing, als sie schmerzlos wie aus einem Schlummer
erwachte, war das Rauschen eines schwarzen Kleides und die groe Locke der
Struvelius, welche ihren Kopf durch die geschlossenen Vorhnge gesteckt hatte
und kummervoll aus den grauen Augen auf sie herabsah. Leise rief sie den Namen
ihres Gatten, und im nchsten Augenblick kniete er selbst an ihrem Lager und
bedeckte ihre Hand mit Kssen, und der starke Mann war so auer Fassung, da
sein Leib in krampfhaftem Weinen bebte. Sie legte ihm die Hand auf das Haupt,
strich ihm das verworrene Haar zurck und sagte ihm leise: Felix, Geliebter,
ich will leben.
    Jetzt kam eine Zeit groer Schwche und zgernder Genesung, noch manche
Stunde kraftloser Schwermuth, aber auch ein leises Lcheln flog zuweilen ber
ihre bleichen Lippen.
    Drauen grnte der Frhling, nicht alle Knospen hatte der Nachtreif
vernichtet, und die Stadtvgel zwitscherten vor ihren Fenstern. Mit Rhrung sah
Ilse, welch guter Krankenpfleger ihr Mann war, wie geschickt er ihr die Arznei
reichte und die Tasse mit Brhe herzutrug, wie er kaum dulden wollte, da einmal
Andere seine Stelle an ihrem Lager einnahmen, und wie er auch jetzt noch trotzig
verweigerte, sich in der Nacht einige Stunden Schlaf zu gnnen, aber als sie
selbst bat, ganz widerstandslos und mit feuchten Augen nachgab. Von Laura erfuhr
Ilse, da dieser Mann sehr groe Noth gemacht hatte, er war in der argen Zeit
ganz verstrt gewesen, finster und heftig gegen Jedermann, er hatte bei Tag und
Nacht an dem Lager gesessen, da man gar nicht begriff, wie er selbst den
Zustand ausgehalten hatte. Der Arzt konnte ihn nicht zwingen, sagte Laura,
ich aber fand das rechte Wort, denn ich drohte ihm ernsthaft, da ich Ihnen
seine Widersetzlichkeit klagen wrde. Da berlie er mir endlich auf einzelne
Stunden den Platz, und zuletzt auch der Struvelius, aber ungern, weil er
behauptete, da diese zu viel raschele.
    Laura selbst bewies jetzt prchtig ihre Liebe; sie war stets zur Stelle,
schwebte geruschlos wie ein Vogel um das Krankenbett, sa stundenlang
unbeweglich, und wenn Ilse die Augen aufschlug und ein wenig bei Krften war,
hatte sie immer eine hbsche Geschichte bei der Hand. Wie sie erzhlte, war die
Struvelius gleich am zweiten Tage herzugekommen, hatte dem Professor eine kleine
Rede gehalten, worin sie feierlich die Rechte einer Freundin in Anspruch nahm,
und sich dann auf die andere Seite des Bettes gesetzt. Er aber hatte gar nichts
von ihren Perioden gehrt, war pltzlich aufgefahren und hatte sie gefragt, wer
sie sei und was sie hier wolle. Da antwortete die Frau Professorin ihm ruhig,
sie heie Flaminia Struvelius und sie habe ebenfalls ein Recht, hier zu sein
durch ihr Herz, und darauf hielt sie ihm die Rede noch einmal, bis er sich's
endlich gefallen lie. Sogar ihr Mann war hier, setzte Laura vorsichtig hinzu,
als es gerade am schlimmsten war, und er stie auf den Gemahl, und ich sah, wie
dieser ihm die Hand reichte, aber, unter uns, ich glaube, er kannte ihn gar
nicht. - Und dann, erzhlte Laura, kam auch der thrichte Mensch, der Doctor,
gleich am ersten Abend mit seiner Schlafdecke und einer Kaffemaschine von Blech
und erklrte, er werde hier wachen. Da er nicht in die Krankenstube gelassen
werden konnte, setzte er sich mit seinem Blech in des Professors Stube und es
war wie bei der Geschichte mit dem Jokel, den sein Herr ausschickt: der
Professor pflegte Sie, und der Doctor pflegte den Professor. Ilse zog Laura's
Kopf zu sich nieder und sagte ihr ins Ohr: Und Schwester Laura pflegte den
Doctor. Worauf Laura sie auf den Mund kte, aber heftig mit dem Kopf
schttelte. Wenigstens lstig war er nicht, fuhr sie fort, er verhielt sich
still, und wir haben ihn als Cerberus gebraucht, der die Besuche und die Vielen,
welche anfrugen, abfertigte. Das hat er treulich gethan. Wenn es mglich wre,
ihn zu sehen, so glaube ich, es wrde ihm groe Freude sein.
    Ilse nickte. Lat ihn herein. Der Doctor kam, Ilse streckte ihm den Arm
entgegen und empfand aus dem treuen Hndedruck und dem bewegten Gesicht des
Nachbars, da auch der gelehrte Vertraute des Geliebten, auf dessen Beifall sie
nicht immer rechnete, als ein wackerer Freund an ihrem Lager sa. Und Ilse
erlebte, da noch andere fremde Herren an ihr Bett drangen. Wenn die Frau
Collega Audienz gibt, so bitte ich mich zu melden, sprach eine frhliche Stimme
drauen.
    Herein, Herr Professor Raschke, rief Ilse von ihrem Lager.
    Da ist sie, rief er lauter, als in einem Krankenzimmer blich ist. Zum
frohen Licht entronnen dem schweren Verhngnis.
    Was machen die Thierseelen, lieber Herr Professor? frug Ilse.
    Sie fressen im Stadtwald die Bltter ab, versetzte Raschke, es hat in
diesem Jahr zahllose Maikfer gegeben. - Siehe, da fliegt einer um die
Arzneiflasche, ich frchte, er hat mich als Omnibus benutzt, um zu Ihnen zu
dringen. Die Bume stehen wie Besen, und das Federvieh ist so gemstet, da alle
Vorurtheile gegen den Genu dieser Mitlebenden gnzlich beseitigt sind. Ich
zhle die Tage bis zu dem frohen Augenblick, wo die Freundin mir erlauben wird,
einen Beweis meiner Besserung abzulegen.
    Es war eine langsame Genesung, aber sie war reich an trstender Empfindung.
Denn das Schicksal gnnt dem Genesenden gern als Entschdigung fr Gefahr und
Schmerz, da er seine Umgebung frei von dem Staub der Werktage schaut in reinen
Umrissen und frischem Glanz. Diese milde Poesie des Krankenlagers fhlte jetzt
Ilse, als sie dem ehrlichen Gabriel die Hand entgegenhielt, die der Bursch
kte, sein Schnupftuch in der Hand, whrend der Professor rhmte, wie sorglich
er seinen Dienst gethan. Sie fhlte dies Behagen, als sie an Laura's Arm in den
Garten hinabstieg und Herr Hummel in seinem besten Rocke ehrbar auf sie
zuschritt, das Haar glattgebrstet und die trotzigen Augen in milder Stimmung
halb zusammengedrckt, und hinter ihm langsam sein Hund Speihahn, der den Kopf
ebenfalls in widerwilliger Achtung senkte. Als Herr Hummel seine Huldigung
dargebracht hatte, sagte er in seinem Mitgefhl sogar: Wenn Sie sich einmal
eine ruhige Bewegung anthun wollen, so bitte ich, sich meines Kahns ganz nach
Belieben zu bedienen. Das war die hchste Gunst, die Herr Hummel erweisen
konnte, denn er traute den Bewohnern des Landes, in welchem er lebte, keine von
den Fhigkeiten zu, welche fr das Wasser nothwendig sind. Und er hatte
allerdings Recht, wenn er eine Reise auf einem Kahn ein ruhiges Vergngen
nannte, denn der Kahn blieb bei dem niedrigen Wasserstand dieses Jahres hufig
auf dem Grunde sitzen, und die grte Aufregung welche er gestattete, war, da
man die Hnde nach beiden Ufern ausstreckte und mit jeder ein Grasbschel abri.
    Als Ilse wieder in ihrem Zimmer sa, geschah es oft, da sich die Thr leise
ffnete, der Gatte eintrat, ihr Stirn und Mund kte und dann vergngt unter
seine Bcher zurckging. Wenn sie die zrtliche Sorge aus seinen Augen las und
sein Glck, da er sie wieder genesen und in seiner Nhe wute, da zweifelte sie
nicht mehr an seiner Liebe, und ihr war, als drfe sie auch nicht mehr um das
sorgen, was er ber Leben und Untergang der Einzelnen und der Vlker dachte.

                                       8.

                                        

                            Eine Frage der Residenz.


Unter den Fragen nach der Frau Professorin, welche whrend der Krankheit kamen,
war auch die eines Fremden. Gabriel erregte im Haushalt ein kleines Erstaunen,
als er erzhlte: Da ich einmal nach der Apotheke lief, stand ein Mann von
feinem Aussehen auf der Strae im Gesprch mit Dorchen. Dorchen rief mich hinzu,
der Mann erkundigte sich nach Allerlei und es schien ihm sehr ungelegen, da Sie
erkrankt waren.
    Haben Sie nach seinem Namen gefragt?
    Den wollte er nicht nennen. Er wre aus Ihrer Gegend und htte sich nur auf
der Durchreise erkundigen wollen.
    Vielleicht war's Jemand aus Rossau, klagte Ilse, wenn er nur nicht den
Vater durch seine Reden gengstigt hat.
    Gabriel schttelte den Kopf. Er meinte etwas dabei, er spionirte nach dem
ganzen Haushalt und that dreiste Fragen, die ich ihm gar nicht beantworten
wollte. Weil er ein schlaues Aussehen hatte, ging ich ihm nach bis zum nchsten
Gasthof, und da sagte mir der Hausknecht, da es der Kammerdiener eines Frsten
wre. Gabriel nannte den Namen.
    Das ist unser Landesherr, rief Ilse, was kann der an mir fr Theil
nehmen?
    Der Mann wollte eine Neuigkeit nach Hause bringen, versetzte der Gatte.
Er war wohl damals mit im Jagdgefolge, und es war gute Meinung.
    Mit diesem Bescheid wurde Gabriel beruhigt, und Ilse sagte vergngt: Es ist
doch hbsch, wenn ein Landesvater sich auch um die Kinder in der Fremde kmmert,
denen es gerade schlecht geht.
    Inde, Gabriels Kopfschtteln war nicht ohne Grund, die Nachfrage hatte
etwas zu bedeuten.

    Hinter der Scheuer eines Bauerhofes sa eine junge Dame auf dem Rasen und
band Wiesenblumen zu einem dicken Strau; ein Knuel blauer Wolle rollte in
ihren Scho, so oft sie ein neues Bschel Blumen einfgte. Auf der Wiese vor ihr
lief ein junger Herr geschftig durch das tiefe Gras, suchte die Blthen
zusammen und legte sie nach den Farben geordnet vor die Strauwinderin. Da der
Jngling und das Frulein Geschwister waren, lie ein stark ausgeprgter
Familienzug ihres Angesichts erkennen, und das gewhlte Promenadenkleid machte
Jedem zweifellos, da Beide nicht unter Klee und Kamillen des Grundes aufgeblht
waren, auch wer nicht durch eine Lcke zwischen den Scheuern sah, wie sich auf
der andern Seite Pferdekpfe und die Tressenhte ihrer Dienerschaft bewegten.
    Du bringst den Strau nicht zu Stande, Siddy, sagte der junge Herr
zweifelnd zu dem Frulein, als dieses ungeschickt an dem zerrissenen Wollfaden
knpfte.
    Wenn nur der Faden besser hielte, rief die Emsige, mach mir den Knoten.
Es erwies sich, da der junge Herr damit auch nicht leicht zu Stande kam. Gib
Acht, Benno, wie schn der Strau wird, das ist meine Kunst.
    Es ist ja Alles viel zu locker, wandte der junge Herr ein.
    Fr's erste Mal ist's gut genug, versetzte Siddy. Da schau meine Hnde
an, und wie sie riechen. Sie zeigte die blauen Spitzen der kleinen Finger,
hielt sie ihm an das Gesicht, und als er gutmthig daran roch, gab sie ihm einen
kleinen Nasenstber. Von den rothen Blumen habe ich genug, fuhr sie wieder
ber dem Straue fort, jetzt kommen nur weie im Kreise herum.
    Was fr weie?
    Ja, wer die Namen wte, versetzte Siddy bedenklich, ich meine
Margueriten. Wie nennen Sie diese weie Blume? frug sie nach rckwrts gewandt
die Buerin, welche respectvoll einige Schritt hinter dem beschftigten Paare
stand und mit vergngtem Lcheln dem Treiben der Beiden zusah.
    Wir nennen sie Gnseblume, sagte die Buerin.
    Ah, richtig, rief Siddy, aber lange Stiele, Benno.
    Sie haben aber gar keine langen Stiele, klagte dieser und trug herzu, was
er in der Nhe abrupfen konnte. Weit du, was mich wundert? begann er, neben
der Schwester im Grase sitzend. Diese Wiese ist voll Blumen, wenn man sie mht,
wird Heu daraus, und im Heu sieht man von all den Blumen nichts.
    Nicht? frug Siddy und knpfte wieder an der Wolle. Sie mgen auch
vertrocknet sein.
    Benno schttelte den Kopf. Sieh dir einmal ein Bndel Heu an, du wirst
wenig darin merken. Ich denke, die Leute pflcken sie vorher heraus und
verkaufen sie in der Stadt.
    Siddy lachte und wies ber die grne Flche. Da, schau um dich, sie sind
zahllos, und die Leute kaufen auch nur die ewigen Gartenblumen. Und diese hier
sind doch weit zierlicher. Wie reizend ist das Sternchen an der Blume unserer
Frau Marguerite. Sie hielt den Strau ihrem Bruder hin und sah liebevoll auf
ihr Kunstwerk.
    Du hast es doch durchgesetzt, sagte der junge Herr bewundernd, du bist
immer ein kluges Weibchen gewesen. - Mir thut's leid, Siddy, da du von uns
gehst, setzte er traurig hinzu.
    Die Schwester sah ihn ernsthaft an. Ist das wahr? - Erhalte mir immer deine
Freundschaft, mein Bruder, du bist der Einzige hier, der mir den Abschied schwer
machen wird. - Benno, wir sind wiezwei Waisenkinder, die in einer kalten
Winternacht im Schnee sitzen.
    Die so sprach, war Prinzessin Sidonie, und die Sonne schien warm auf die
blhende Wiese vor ihr.
    Wie gefllt dir mein Brutigam? frug sie nach einer Pause, den blauen
Faden hufig um den fertigen Strau windend.
    Er ist ein schner Mann und er war sehr freundlich zu mir, sagte Benno
nachdenklich. Ob er gescheidt ist?
    Siddy nickte. Er ist darin ordentlich. Er schreibt auch liebe Briefe.
Willst du, so sollst du einen lesen.
    Das mchte ich gern, rief Benno.
    Und weit du, fuhr Siddy geheimnivoll fort, auch ich schreibe ihm alle
Tage. Denn ich merke, eine Frau soll ihrem Manne Groes und Kleines vertrauen,
und da will ich mich und ihn daran gewhnen. Ich schreibe ihm der Sicherheit
wegen unter fremder Adresse und meine Kammerfrau besorgt die Briefe zur Post,
denn ich frchte, meine dummen Zeilen werden sonst gelesen, bevor sie abgehen.
Sie sagte das gleichmthig und betrachtete ihren Strau. Auch diesen Besuch bei
Frau Marguerite erfhrt er haarklein, und da er dir gut gefallen hat. Und jetzt
ist der Strau fertig, rief sie frhlich, ich schlage ein Tuch darum, wir
nehmen ihn in den Wagen, und ich setze ihn auf meinen Schreibtisch.
    Benno lachte: Er sieht aus wie eine Keule, du kannst ihn heut Abend im
Ballet den Wilden borgen.
    Er ist doch besser als die flachen Teller, die man nicht einmal ins Wasser
setzen darf, antwortete die Schwester aufspringend. Vorwrts, wir tragen ihn
zum Brunnen.
    Sie eilten, von der Buerin gefolgt, nach dem Hofe. Benno ergriff einen
Eimer und trug ihn nach der Pumpe. Ich will pumpen, rief Siddy; sie fate den
Schwengel und versuchte zu drcken, aber es gelang ihr schlecht, nur einzelne
Tropfen rannen in den Eimer. Benno tadelte: Du bist ungeschickt, la mich
daran. Jetzt trat er an das Holz, und Siddy fate den Eimer; er drckte krftig
und der Strahl fuhr ber den Eimer auf die Hnde und das Kleid der Prinzessin.
Sie stie einen leisen Schrei aus, lie den Eimer fallen, und Beide lachten
laut. Du hast mich schn zugerichtet, unartiger Bonbon, rief Siddy. Ei, das
thut nichts, Mutter, trstete sie die Buerin, welche herzulief und erschrocken
die Hnde zusammenschlug. Du, mir fllt etwas ein, ich ziehe mir den Rock
unserer Dame Marguerite an und du einen Kittel ihres Mannes, und wenn der Vetter
kommt, soll er uns nicht erkennen und wir berfallen ihn.
    Wenn nur Alles gut abluft, wandte Benno bedenklich ein.
    Es sieht uns ja Niemand, berredete Siddy. Mtterchen, schmeichelte sie
der Buerin, kommt in eure Kammer und helft mir beim Anziehen. Die jungen
Herrschaften ergriffen die Hnde der Frau und zogen sie in das Haus. Benno legte
im Hausflur seinen Sommerrock ab, besah mitrauisch den neuen Kittel, welchen
eine stmmige Magd zutrug, und fuhr mit ihrer Hilfe hinein. Der zierliche
Bauernbursch setzte sich geduldig auf eine Bank, seine Gefhrtin zu erwarten,
und bentzte die Mue, einen Schleifstein zu drehen und neugierig die
Fingerspitze ein wenig daran zu halten. Whrend dieser Untersuchung fhlte er
einen Schlag auf den Rcken und sah erstaunt eine kleine Buerin in blauem Rock
und schwarzer Jacke, die landesbliche Mtze auf dem Kopf, hinter sich stehen.
Wie gefalle ich dir? frug Siddy, die Arme in einander legend.
    Allerliebst, rief Benno berrascht, ich htte nicht gedacht, da ich eine
so hbsche Schwester habe. Siddy machte einen burischen Knix. Wo hast du bis
heut die Augen gehabt, du thrichter Bonbon? - Und jetzt helfen wir in der
Wirthschaft. Was haben Sie fr Ihre neuen Dienstleute zu thun, Frau Marguerite?
    Die Buerin schmunzelte. Dort ist das Futter fr die Khe mit Schrotwasser
abzubrhen, sagte sie.
    Nichts mehr mit Wasser, wir haben genug davon. Komm, Benno, wir decken
unterde den Tisch im Garten unter den Obstbumen und tragen die saure Milch
herzu. Sie drangen in die Stube, trugen zusammen eine kleine Bank heraus und
setzten sie in den Grasgarten unter einen Apfelbaum, dann flogen sie nach
Tellern und Lffeln zurck, die Buerin und die Magd brachten den Tisch, einen
groen Milchnapf und Schwarzbrot. Siddy fuhr behende umher, deckte die Serviette
ber, strich sie eifrig zurecht und setzte die buntbemalten Thonteller auf.
Sieh dies an, flsterte Benno und wies betrbt auf die abgenutzten
Blechlffel.
    Wir waschen sie noch einmal ab und trocknen sie mit grnen Blttern, rieth
die Schwester. Wieder liefen sie mit den Lffeln zu dem Brunnen und rieben
krftig mit Blttern daran, aber sie vermochten keinen weien Glanz
hervorzubringen. Es ist ihre Art so, trstete Benno, das gehrt mit zum
lndlichen Fest.
    Der Tisch war gedeckt, Siddy rckte an den Schemeln und wischte mit ihrem
Battisttuch herum. Du bist der Erbprinz, sagte Siddy, du mut auf die Bank
und wir andern zu deinen Seiten. Das Schwarzbrot mu zerkrmelt werden, das kann
sich Jeder selbst machen. Der Zucker fehlt, es kommt nicht darauf an. Sie saen
erwartungsvoll vor dem Milchnapf und klapperten im Tact mit den Lffeln. Ein
kleiner grner Apfel fiel vom Baum mitten in die Milchschssel und verursachte
ein Spritzen. Beide lachten laut, sprangen wieder auf, lasen die unreifen Aepfel
und Pflaumen aus dem Grase und sphten ber die Hecke auf einen Feldweg, der zur
Stadt fhrte. Er kommt, rief Benno, verstecke dich.
    Ein Reiter ritt im Galopp heran, von dem schnaubenden Pferde schwang sich
ein junger Offizier, er band das Pferd an einen Pfahl und sprang mit einem Satz
ber die Hecke. Aber er hielt erstaunt an, denn er wurde aus den Winkeln mit
einem Kreuzfeuer von unreifen Aepfeln und Pflaumen berschttet, schnell ergriff
er einige der grnen Geschosse und vertheidigte sich, so gut er konnte, gegen
den Angriff. Die kleinen Bauerleute sprangen hervor. Endlich, rief Benno, du
hast lange warten lassen. Und Siddy verneigte sich vor ihm: Prinz, die saure
Milch ist servirt. Prinz Victor sah mit unverhohlener Verwunderung auf die
junge Buerin. Ei, sagte er gutmthig, jetzt sieht man doch endlich einmal,
wie klein die Fe sind, vor die man seine Huldigungen niederlegt. So war's
recht, ihr Kinder. Aber vor allem mu ich Satisfaction haben fr den Ueberfall.
Er drehte sein Taschentuch zusammen, die Geschwister lachten und baten: Sei
gut, Vetter, wir thun's nicht wieder. - Ach, lieber Herr Oger, Gnade, Erbarmen,
flehte Siddy und fuhr mit dem Zipfel ihrer Schrze nach den Augen.
    Nichts da, rief Victor, ich erhalte euretwegen doch wieder Arrest, da
will ich euch wenigstens vorher abstrafen. So trieb er die Andern um den Tisch.
Das thut weh, Vetter, rief Siddy; la die Thorheiten und komm zu Tisch. Ich
lege vor. Oben ist der Rahm. Da wird Gerechtigkeit nthig, wenn Victor dabei
ist.
    Victor musterte den Tisch. Das ist alles sehr schn, aber der Zucker
fehlt.
    Es war keiner zu haben, riefen die Geschwister im Chor. Victor griff in
seine Tasche und setzte eine silberne Bchse auf den Tisch. Was wrde aus euch,
wenn ihr mich nicht httet. Hier ist der Zucker. Und er griff wieder in den
Rock und brachte eine Lederflasche mit kleinem Trinkglas zu Tage. Und hier ist
eine andere Hauptsache, der Cognac
    Wozu? frug Siddy.
    Zum Trinken, gndigste Cousine. Willst du dies kalte Gelee ohne Cognac mit
deinem Innern vermhlen, so wage ich nicht zu widersprechen, dir aber, Benno,
rathe ich als Mann, sorge fr dein Heil.
    Die beiden hielten verlegen ihre Lffel beim Stiele.
    Das wre nothwendig? frug Benno argwhnisch.
    Es calmirt, wie unser Doctor sagt, erklrte Victor, es pacificirt und
zwingt die rebellische Masse zu ruhiger Submission, welche in Frieden tiefer und
tiefer wird. Verweigerst du den Cognac, so geht's wie auf dem Weg zur Hlle. Der
Pfad ist anfangs leicht, aber was dahinter kommt, ist Chaos. Jedenfalls wrde
dir das heutige Ballet erspart werden. Ist euch die Sache klar?
    Sehr klar, rief Siddy, da du uns zum Besten hast wie immer. Gib ihm eins
auf die Finger, Benno.
    Benno tippte ihm mit dem Lffel auf die Hand, Victor sprang auf und parirte
in Fechterstellung mit seinem Lffel, und die Geschwister jagten den Vetter
wieder lustig um die Bume.
    Da strte ein eiliger Tritt, ein Lakai erschien auf einen Augenblick an der
Gartenthr: Der durchlauchtigste Herr kommt geritten, rief er.
    Alle drei standen still, die Lffel sanken ins Gras. Wir sind verrathen,
rief Siddy erbleichend, mache dich fort, Victor.
    Ich bin Offizier und darf nicht entlaufen, entgegnete dieser
achselzuckend, ergriff seinen Sbel und hakte ihn eilig ein.
    Du nimmst Alles auf dich, Benno, rief die Schwester.
    Ich mchte wohl, versetzte dieser kleinlaut, ich habe nur zum Erfinden
niemals Geschick gehabt.
    Vor dem Hofe stieg der Frst mit Hilfe des Stallmeisters ab, der Lakai eilte
voran, die Pforte zu ffnen, langsam nahte das Schicksal. Der Frst trat in den
Garten und sein scharfer Blick flog ber die jungen Herrschaften, welche steif
auf ihrem Platz stehen blieben und sich vor ihm verneigten. Ein spttisches
Lcheln zuckte um seinen Mund, als er die Zurstungen des Tisches sah. Wer von
euch hat den lndlichen Carneval arrangirt? frug er. Alle schwiegen. Antworte,
Benno, wandte er sich finster an den jungen Herrn im blauen Kittel.
    Siddy und ich wollten einmal auf einer Wiese sitzen, bevor die Schwester
unser Land verlt. Ich habe aus Ungeschick die Schwester mit Wasser beschttet,
sie mute sich umziehen.
    Wo ist dein Frulein, Sidonie? frug er die Tochter.
    Ich bat sie, auf das nahe Gut ihrer Tante zu fahren und mich in einer
Stunde von hier abzuholen, versetzte Prinzessin Sidonie.
    Sie hat nicht gut gethan, meine Befehle zu vergessen, um die deinen zu
erfllen, und sie hat ihre Pflicht verletzt, als sie die Prinzessin einem
solchen Abenteuer berlie. Es ziemt nicht, da Prinzessinnen allein und
verkleidet in Dorfhusern einkehren.
    Die Prinzessin prete die Lippen zusammen. Mein gndigster Herr und Vater
mge verzeihen, ich war nicht allein; ich hatte den besten Schtzer bei mir, den
eine Frstin unseres Hauses haben kann, und der war Ew. Hoheit Sohn, mein
erlauchter Bruder.
    Der Frst trat einen Schritt nher und sah ihr schweigend ins Gesicht, und
so stark war in seinem Antlitz der Ausdruck von Zorn und Abneigung, da die
Prinzessin erbleichte und die Augen niederschlug. Gehrt Prinz Victor auch zu
den Beschtzern, welche sich die Prinzessin in den Bauerhof bestellt? frug er.
Hat der Lieutenant - er nannte den Namen seines Geschlechts - Urlaub, sich aus
der Garnison zu entfernen?
    Ich bin ohne Urlaub herausgeritten, versetzte der Prinz in militrischer
Haltung.
    Melde dich als Arrestant, befahl der Frst.
    Victor salutirte und machte Kehrt, er band sein Pferd ab und nickte hinter
dem Rcken des Frsten ber die Hecke seinem Vetter zu, bevor er der Stadt
zutrabte.
    Ihr aber eilt, diese Mummerei los zu werden, befahl der Frst, die
Prinzessin fhrt im Wagen des Erbprinzen nach Haus. Er winkte, die jungen
Herrschaften verneigten sich und eilten aus dem Garten.
    Mir hat das Unglck geahnt, sagte der Erbprinz im Wagen zu seiner
Schwester. Arme Siddy!
    Ich will lieber eine Magd dieser Buerin sein und Holzpantoffeln an den
Fen tragen, als dies Sklavenleben noch lange erdulden, rief die zornige
Prinzessin.
    
    La dir nur heut beim Diner nichts merken, bat Benno.
    Der Strau von Wiesenblumen stand im Eimer, und am Abend zerrupften ihn die
Khe der Buerin.
    Den Tag darauf trat der Obersthofmeister von Ottenberg, ein alter Herr mit
weiem Haar, bei dem Frsten ein. Ich bemhe Ew. Excellenz, begann der Frst
zuvorkommend, weil ich in einer Familienangelegenheit Ihre Ansicht zu vernehmen
wnsche. Der Tag naht, wo die Prinzessin uns verlt. - Haben Sie meine Tochter
heut gesprochen? unterbrach er sich.
    Ich komme von Ihrer Hoheit, antwortete ehrerbietig der alte Herr.
    Der Frst lchelte: Ich habe ihr gestern einige ernste Worte gesagt. Die
Kinder spielten auf eigene Hand eine Idylle und ich traf sie in Bauerkleidern
und ausgelassener Stimmung. Unsere liebe Siddy hatte vergessen, da solches
Spiel Mideutungen ausgesetzt ist, die sie zu vermeiden jede Ursache hat.
    Der Obersthofmeister verbeugte sich schweigend.
    Doch nicht um die Prinze handelt es sich. Die Zeit ist gekommen, wo ber
die nchsten Jahre des Erbprinzen ein Entschlu gefat werden mu. Ich habe
daran gedacht, ihn trotz der Bedenken, welche seine zarte Gesundheit nahelegt,
in eine grere Armee eintreten zu lassen. Sie wissen, da dies uns nur in Einem
Staate mglich ist. Auch dort hat sich eine unerwartete Schwierigkeit gefunden.
Es sind dort zwei Regimenter, welche Sicherheit gewhren, da der Prinz nur mit
Offizieren von Familie in ein kameradschaftliches Verhltni treten wrde. Aber
das eine Regiment hat jetzt zum Commandeur denselben Kobell erhalten, der vor
Jahren unsern Dienst quittirt hat; es ist unthunlich, den Prinzen zu seinem
Untergebenen zu machen. Bei dem andern Regiment aber ist in den letzten Monaten
das Unerwartete geschehen und trotz dem Widerstande des Offizierscorps ein Herr
Mller eingeschoben worden. So ist dem Erbprinzen unmglich gemacht, in die
einzige Armee zu treten, welche uns offensteht.
    Darf ich mir die Frage erlauben, ob nicht das zweite Hinderni zu
beseitigen wre? frug der Obersthofmeister.
    Man mchte uns gern gefllig sein, versetzte der Frst, wei aber selbst
keinen Rath, denn das Einreihen des brgerlichen Lieutenants war ein
Zugestndni, welches man aus politischen Grnden gemacht hatte.
    Und es wrde nicht viel helfen, wenn an Name und Familie des Lieutenant
Mller selbst das Strende gendert wrde? warf der Obersthofmeister ein.
    Auch das ist vorsichtig versucht worden, es hat sich ergeben, da in dem
Vater des Menschen keine Bereitwilligkeit war. Und Excellenz, zuletzt bliebe die
Inconvenienz doch dieselbe. Sie wissen, da ich in diesen Dingen keineswegs
Purist bin, aber fr den kameradschaftlichen Verkehr des Tages wre dem
Erbprinzen solche Nhe doch gar zu unbehaglich. Mller oder von Mller, der
Mehlstaub bleibt.
    Es entstand eine Pause. Endlich begann der Obersthofmeister: Fr jngere
Prinzen ohne Vermgen und die Mglichkeit, sich selbst eine krftige Thtigkeit
zu finden, sind die Vortheile einer militrischen Carriere allerdings unleugbar.
Ob sie auch fr einen Frsten unzweifelhaft sind, der die Vorbildung fr einen
groen Beruf sucht? Ich erinnere mich, da in frherer Zeit Ew. Hoheit das
Soldatenspiel an den Hfen als eine Modelaune ohne Vorliebe betrachteten.
    Das leugne ich nicht, versetzte der Frst, und Ihnen gegenber darf ich
mich wohl zu dieser Ansicht bekennen. Der gewhnliche Zustand der menschlichen
Gesellschaft ist jetzt nicht der Krieg, sondern der Friede. Die angelegentliche
Vorbildung eines jungen Frsten fr den Krieg wird allerdings in seinem Wesen
einige mnnliche Seiten entwickeln, berliefert ihn aber in allen Hauptsachen
hilflos den Hnden seiner Beamten. Und im Vertrauen, Excellenz, die Freude an
Epauletten ist gerade whrend der Friedenszeit in die Hfe gedrungen, und im
Fall eines groen Krieges, wo nur bei wirklichem Feldherrntalent Hilfe zu finden
ist, wird das militrische Dilettiren der Frsten sich mit wenigen Ausnahmen als
durchaus unntz erweisen. Das alles ist unleugbar. Leider ist es gegenwrtig
nicht mehr Modelaune, wenn an den meisten Hfen dieser Bildungsweg fr junge
Frsten gewhlt wird, sondern ernste Nothwendigkeit. Die Zeit, in welcher wir zu
leben verurtheilt sind, hat eine engere Verbindung der Hfe mit den Heeren
unvermeidlich gemacht, und was einst besser unterblieb, ist jetzt eine Sttze
frstlicher Stellung geworden.
    Ich sehe die Stellung erlauchter Herren nicht dadurch verstrkt, da sie
schlechte Generle sind, erwiederte der Obersthofmeister. Ja, man darf
behaupten, da viele von den Schwierigkeiten, welche die Gegenwart zwischen
Frsten und Vlkern aufgehuft hat, gerade daher rhren, da unsere Prinzen
neben vortrefflichen Ansichten ber den Hufbeschlag der Pferde und Ausarbeiten
der Recruten auch einige Vorurtheile und Unarten der Garnison zu ihrem hohen
Beruf mitbringen und viel zu wenig von der Sicherheit, dem edlen Stolz und dem
frstlichen Sinn, welchen die Uebung in den groen Geschften zu entwickeln
vermag.
    Der Frst lchelte. Excellenz sind also der Ansicht, da der Erbprinz eine
Universitt besuchen soll? Denn eine andere Schule gibt es doch nicht, wenn er
einmal diesen Hof verlt. Der Prinz ist schwach und bestimmbar, die Gefahren,
welche fr ihn auf diesem Wege liegen, sind doch noch grer als der Verkehr mit
einem ungeeigneten Offizier.
    Es ist wahr, warf der Obersthofmeister ein, da whrend dieser Jahre der
Erbprinz gewisse Zugestndnisse an den Brauch einer Akademie zu machen hat; fr
den persnlichen Umgang finden sich aber doch auf jeder Universitt Shne alter
Familien, welche die Ehre, den Prinzen zu entouriren, wohl wrdigen. Es wird
vielleicht dort leichter sein, den jungen Herrn von unpassender Kameradschaft
frei zu halten als beim Regiment.
    Nicht diese Gefahr frchte ich, versetzte der Frst, sondern unpraktische
Theorie und zerstrende Ideen, welche dort verkndet werden.
    Was man bekmpfen mu, sollte man doch vorher kennenlernen, entgegnete der
Obersthofmeister. Erachten Ew. Hoheit bei der vielseitigen Erfahrung, welche
Hchstdenselben ein reiches Leben verlieh, die Bekanntschaft mit diesen Ideen so
gefhrlich?
    Wer geht in die Hlle, um fromm zu werden? frug der Frst in guter Laune.
    Als ein groer Dichter dies gewagt hatte, versetzte der Obersthofmeister,
schrieb er sein gttliches Gedicht. Und mein gndigster Herr, der selbst warmes
Interesse fr wissenschaftliche Thtigkeit vielfach bewhrt hat, wird doch
unsere Akademien hchstens fr Orte eines milden Fegfeuers halten. Sollte an den
Seelen unserer erlauchten Herren nach der Rckkehr von dieser Sttte hie und da
ein infernalisches Flmmchen hngen, es wird durch die hohen Interessen des
frstlichen Berufes sehr bald getilgt.
    Ja, besttigte der Frst mit devoter Miene, es liegt eine Weihe auf dem
Amt des Frsten, welche das Wesen auch des schwachen Mannes fr die groen
Interessen umbildet, welche er durch sein Leben darzustellen hat. Aber,
Excellenz, es ist schwer, ohne verchtliches Mitleid auf die sentimentale
Gefhlsseligkeit neuer Regenten zu sehen und aus Frstenmunde immer wieder die
alten Phrasen von Liebe und Vertrauen glubig nachgesprochen zu hren.
Allerdings sind diese populren Aufwallungen vergnglich, und auch mancher von
uns lteren hat einst geschwrmt und da grnes Moos zu pflanzen versucht, wo es
von der Sonne versengt wird, aber die furchtbaren Gefahren unserer argen Zeit
machen solches Schwanken neuer Regenten immer gefhrlicher, und falsche Schritte
der ersten Regierungswochen mgen oft die ganze sptere Stellung verderben.
    Der Obersthofmeister erwiederte entschuldigend: Es ist vielleicht gut,
weiser zu sein als Andere, aber nchterner zu sein als alle Andere, bringt doch
nicht zu jeder Zeit Vortheil. Ein wenig Poesie und jugendliche Begeisterung mag
man unsern Frsten auch gnnen. Wenn ich deshalb fr des Erbprinzen Hoheit den
Besuch einer Universitt zu empfehlen wage, so thue ich dies mit der
willkommenen Empfindung, da ich damit auch Ew. Hoheit eigentliche Meinung
ausspreche.
    Der Frst sah scharf nach dem Obersthofmeister, und auf seiner Stirn zog
sich ein schnelles Gewlk zusammen. Wie wollen Sie wissen, was meine geheimen
Gedanken sind?
    Das wre Ew. Hoheit gegenber ein ganz vergeblicher Versuch, versetzte der
alte Herr ruhig, und es wrde einem alten Diener wenig anstehen, nach den
geheimen Gedanken seines Herrn zu sphen. Aber Hchstdieselben haben bis jetzt
dem Erbprinzen immer solche Gouverneure und Begleiter gegeben, welche nicht
Militrs waren. Das legte einen Schlu auf Ew. Hoheit Willensmeinung fr
Jedermann nahe.
    Sie haben Recht - wie immer, sagte der Frst vershnt. Und es war mir
Freude, Ihre Auffassung in Uebereinstimmung mit der meinigen zu finden. Denn es
ist immerhin ein ernster Entschlu, er raubt mir auf lngere Zeit die Nhe
meines lieben Benno.
    Der Obersthofmeister bewies sein Mitgefhl durch eine stumme Verbeugung.
Der Hchste Entscheid wird allerdings groe Vernderungen hervorbringen, denn
er entfernt zu gleicher Zeit alle jungen Herrschaften vom Hofe.
    Alle? frug der Frst berrascht. Der Erbprinz wrde kurz nach der
Vermhlung seiner Schwester abreisen, aber da ist ja noch Prinz Victor, welcher
zurckbleibt.
    Dann bitte ich unterthnigst um Verzeihung, entgegnete der
Obersthofmeister, ich hatte vorausgesetzt, da die Abreise des Erbprinzen auch
den Uebertritt des Prinzen Victor in eine fremde Armee zur Folge haben wrde.
    Wie kommen Sie dazu? frug der Frst berrascht. Ich habe durchaus nicht
die Absicht, den Prinzen Victor in der Fremde zu fourniren, er mag seine
Reitkunst bei unsern Schwadronen ben.
    In diesem Falle wrde seine Stellung am Hofe gendert, sagte der
Obersthofmeister nachdenklich, er erhlt den Rang und wird fr diese Jahre dem
Hofe bei Gelegenheit der stellvertretende Prinz des erlauchten Hauses.
    Was fllt Ihnen ein, Obersthofmeister? versetzte der Frst unwillig.
    Hoheit wollen gndigst angeben, wie das vermieden werden soll. Das Recht
des Blutes kann nie gegeben und nie genommen werden. Der Prinz ist der nchste
Anverwandte, die Ordnung des Hofes fordert die entsprechende Stellung, und der
Hof wird in tiefster Ehrfurcht darauf bestehen, da sie dem Prinzen nicht
versagt werde.
    Der Hof, rief der Frst verchtlich, sagen Sie gerade heraus, der
Obersthofmeister.
    Der Obersthofmeister ist von Ew. Hoheit dazu bestellt, ber die Ordnung des
Hofes zu wachen, versetzte der alte Herr mit Festigkeit. Als persnliche
Meinung wage ich noch anzufgen, da fr den lebendigen und thatkrftigen Geist
des Prinzen Victor der Dienst in dieser Residenz und die Nhe des Hofes nicht
vorteilhaft sind; es ist vorauszusehen, da er fter Ew. Hoheit Veranlassung zur
Unzufriedenheit geben wird und da der Verlust Hchster Gnade bei dem
aufgeweckten und volkstmlichen Wesen des Prinzen eine dauernde Veranlassung zu
Medisance und bswilligem Geschwtz sein wrde. Deshalb wagte ich anzunehmen,
da die Bedenken, welche eine militrische Carriere des Erbprinzen in fremder
Armee hindern, bei Prinz Victor ohne Gewicht sein wrden.
    Der Frst sah finster vor sich hin. Endlich begann er mit Ueberwindung: Ich
mu Ihnen dankbar sein, da Sie mich auf dieses Bedenken gefhrt haben. Ich
werde nach reiflicher Ueberlegung meinen Entschlu fassen. Seien Excellenz
berzeugt, da ich den warmen Antheil wohl zu schtzen wei, den sie mir und den
Meinen bewahren. Er neigte das Haupt, der Obersthofmeister verlie das Zimmer;
und die Falten im Antlitz des Frsten zogen sich drohend zusammen, als er dem
Alten nachsah.
    Die Folge dieser Unterredung war, da der Erbprinz auf eine Universitt
gesandt wurde. Dies Ereigni ward an der Universitt im Schein der hllischen
Flmmchen, welche hie und da loderten, nicht ganz so aufgefat als am Hofe.
    Der Magnificus trat eines Abends bei Professor Werner ein und begann, Ilse
begrend: Sie haben Ihrem Lande ein gutes Beispiel gegeben, als Sie zu uns
kamen, von oben ist der Universitt die Mittheilung geworden, da im nchsten
Semester Ihr Erbprinz bei uns seine Studien beginnen will. Zum Professor
gewandt fuhr er fort: Man erwartet, da wir Alles thun werden, den jungen Herrn
zu frdern, was mit den Pflichten unseres Amtes vertrglich ist. Ihnen habe ich
den Hohen Wunsch auszudrcken, da auch Sie dem Erbprinzen auf seinem Zimmer
eine Vorlesung halten.
    Ich lese kein Prinzencollegium, erwiederte der Professor, dazu ist meine
Wissenschaft zu umfangreich, sie lt sich nicht in eine Nuschale packen.
    Vielleicht wrde sich doch irgendein populres Thema ergeben, mahnte der
kluge Magnificus. Mir scheint fast hherer Werth, als auf den Inhalt der
Vorlesung, darauf gelegt zu werden, da Ihre Person mit dem Erbprinzen in
wohlthuende Verbindung tritt.
    Wenn der Prinz sich in meinem Hause wohlfhlen und unserm Brauch fgen
kann, so bin ich zu jeder anstndigen Aufmerksamkeit erbtig. In meinen
Vortrgen fhre ich seinetwegen keine Aenderung ein. Besucht er als Student
eines meiner Collegien, gut. Auf seinem Zimmer lese ich weder ihm noch jemand
Anderem.
    Wird man die Weigerung nicht als eine Unfreundlichkeit empfinden? wandte
der Rector ein.
    Wohl mglich, versetzte der Professor, und ich gestehe Ihnen, da mir
dies im vorliegenden Fall besonders peinlich ist. Aber keine persnliche
Rcksicht soll mich bestimmen, von einem Grundsatz abzuweichen. Ich habe frher
einmal die Erfahrung gemacht, wie demthigend es ist, einem Knaben, dem die
nthige Vorbildung, dem Verstndni und inneres Interesse fehlte, ernste
Mnnerarbeit zurechtzuschneiden. Ich thue es nie wieder. Dann aber handle ich im
Interesse dieser jungen Herren selbst, soviel ich als Einzelner vermag, dessen
Studien von der Heerstrae frstlicher Bildung weitab liegen. Wollen sie von uns
etwas lernen, was fr ihr Leben fruchtbar ist, so sollen sie es ordentlich
lernen, und sie sollen mit den Vorkenntnissen zu uns kommen, welche ihnen
mglich machen, von der Wissenschaft Nutzen zu ziehen. Ich habe hie und da aus
der Ferne gesehen, wie traurig es mit der innern Bildung der Mehrzahl bestellt
ist. Das flache zerstreuende Wesen ihrer Erziehung, welches ihnen fast die
Mglichkeit nimmt, an irgendeinem Gebiete geistiger Arbeit ein warmes Interesse
zu nehmen, macht sie auch spter fr das Leben und fr ihre Regentenpflichten
wenig brauchbar. Und wir nehmen Theil an diesem Unrecht, wenn wir Jnglinge, die
in Wahrheit nicht die Kenntnisse eines Tertianers haben, mit dem Schein und
Firni wissenschaftlicher Cultur berziehen. Denn darauf ist es doch in der
Regel abgesehen. Man braucht sicher nicht die Universitt zu besuchen, um ein
tchtiger Mann zu werden; wenn man aber diesen schwierigen Weg einschlgt - und
ich meine allerdings, jeder knftige Regent sollte das -, so darf es nur in
einer Weise geschehen, welche auch tchtige Resultate sichert. Ich verurtheile
nicht die Lehrer, welche anders denken, schlo der Professor, es gibt ohne
Zweifel Disciplinen, bei denen gedrngte Darstellung einiger Hauptstze mglich
und ntzlich ist. Die Alterthumswissenschaft wenigstens gehrt nicht dazu. Und
deshalb bitte ich zu entschuldigen, wenn ich mich dem jungen Herrn fr
Privatstunden versage.
    Der Rector zuckte die Achseln und sprach diesen Grundstzen seine
Anerkennung aus.
    Mein armer Erbprinz, rief Ilse bedauernd, als der Rector sich entfernt
hatte.
    Mein armer Codex, parodirte der Professor lachend.
    
    Aber eine Ausnahme hast du doch gemacht, wandte Ilse ein, bei deinem
Weibe.
    Hier ist die Lehrstunde nur der Leitfaden, unser ganzes Leben die
Erluterung, versetzte der Professor. Den knftigen Landesherrn von Bielstein
aber wirst du unter diesen Umstnden wohl nur aus der Ferne als dein stilles
Eigenthum betrachten knnen; und auch mir schwindet eine gewisse unsichere
Hoffnung, welche ich auf das flchtige Begegnen mit seinem Vater baute. Denn es
ist allerdings wahrscheinlich, da man dort meine Weigerung als launischen
Hochmuth auffat.
    Darber htte der Professor ruhig sein knnen. Es wird dafr gesorgt, da
solche Auffassung nicht zu rechter Zeit an die Adresse gelangt, fr welche sie
bestimmt ist. Die Schrfe wird umgebogen, die Spitze abgebrochen und zuletzt
hlt man in hoher Luft dergleichen Gesinnung fr so ungeheuerlich, da man sie
nur den verworfensten Menschen zutraut. Dafr galt der Professor keineswegs.
Schon der Rector war vorsichtig genug, die Weigerung Werners durch Grnde zu
verdecken, und in der Residenz des Frsten hatte man einmal beschlossen, da der
Erbprinz ein Zuhrer des Professors werden sollte. Aus dem eingesandten
Verzeichni der Vorlesungen wurde ein kleines Collegium Werners ausgesucht:
Besichtigung und Erklrung antiker Bildwerke in Gipsabgssen, bei welchen der
Erbprinz mit seinem Begleiter wenigstens nicht unter allerlei bunten Mtzen zu
sitzen nthig hatte, sondern in frstlicher Isolirung umherwandelnd gedacht
werden konnte.

    Wieder wogten die Wellen der reifen Aehren, als Ilse mit ihrem Gatten dem
Gute des Vaters zufuhr. Ein Jahr, reich an Freuden, nicht frei von Schmerzen,
lag hinter ihr, auch sie hatte jetzt eine kleine Geschichte, Frieden mit Streit,
Wachsthum und Vergehen am eigenen Leben erfahren. Wer in ihr Antlitz sah, der
konnte an der bleichen Wange das Leid erkennen, welches sie getroffen, und an
dem sinnenden Blick, da ernste Gedanken durch ihr Haupt gezogen waren. Aber als
sie auf der Hhe das dunkle Dach des Vaterhauses erblickte und an der
wetterblauen Holzkirche vorbeifuhr, da war Groes und Kleines vergessen und sie
empfand sich wieder als Kind in dem Frieden der Heimat, der ihr jetzt so
wohlthuend und trostbringend erschien. Als sich die Gutsleute um die Thr
drngten, als die Geschwister heranstrmten und der Vater alle berragend den
Gatten und sie selbst aus dem Wagen hob, da hielt sie Jeden in stummem Gru
umfangen, aber als der kleine Franz an ihr aufsprang, drckte sie ihn so lange
an ihr Herz, bis sie die Haltung verlor und in Thrnen ausbrach, so da ihr der
Vater das Kind vom Arme nehmen mute.
    Es konnte nur ein kurzer Besuch sein, den die Gatten auf dem Gut machten,
Amtsgeschfte zwangen den Professor zu schneller Heimkehr, er hatte Ilse den
Vorschlag gemacht, sie lnger beim Vater zu lassen und abzuholen; sie aber
wollte nicht.
    Prfend sah der Vater auf Haltung und Antlitz der Tochter und lie sich von
dem Professor immer wieder erzhlen, wie schnell und gut sie in der Stadt
heimisch geworden war.
    Unterde flog Ilse durch Hof und Garten hinaus in die Landschaft, wieder
leichtbeflgelt wie die kleinen Geschwister, die ihre Hand nicht loslassen
wollten. Alle seid ihr gewachsen, rief sie, mein Krauskopf aber am meisten,
der wird werden wie der Vater. Ein Landwirth, Franz.
    Nein, ein Professor, erwiederte der Knabe.
    Ach du armes Kind, sagte Ilse.
    Die Feldarbeiter verlieen die Garben und eilten ihr entgegen, es gab viel
zu gren und zu fragen: der Groknecht hielt seine Pferde an, das Sattelpferd,
der Schimmel, rckte heftig mit dem Kopfe. Er kennt Sie recht gut, sagte der
Knecht und klatschte lustig mit der Peitsche. Ilse ging in das Dorf und trug
ihren Gru zu den Toten und den Lebendigen, und als der kranke Benz sie endlich
losgelassen hatte, rief er nach seiner Tafel und verfertigte mit zitternder Hand
ein Freudengedicht. Bedchtiger wandelte die Frau Professorin durch den Hof. Vom
Zuge der Mgde geleitet, schritt sie den Gang zwischen den Rindern entlang,
trotz ihrem modischen Kleide der sagenhaften Frau Berchta hnlich, welche Segen
streuend durch Stall und Haus des Landmanns gleitet. Vor jedem gehrnten Haupte
hielt sie an, die Khe hoben die Muler zu ihr auf und brummten, bei jeder war
eine wichtige Neuigkeit zu berichten. Die Mgde wiesen ihr stolz die
angebundenen Klber und baten um Namen fr die erwachsenen Fersen; denn der Herr
hatte befohlen, da Ilse das Jungvieh mit Namen versehen sollte, und die Mgde
freuten sich ber die vornehmen Stadtnamen Kalypso und Xanthippe. - Alles
vertraut und Alles wie sonst, und doch bei jedem Schritt Neues fr Auge und Ohr.
    Clara gab ihr Rechenschaft ber die Wirthschaft; das Mdchen hatte sich
trefflich gehalten, ihr Lob, welches die Mamsell und, was wichtiger war, die
Gromagd in vertraulicher Unterredung ertheilten, that Ilse sehr wohl und sie
sagte: Jetzt erst bin ich ganz beruhigt, ich kann hier entbehrt werden.
    Gegen Abend suchte der Professor seine Frau, die seit Stunden verschwunden
war. Er hrte den Lrm der Kinder am Bach und dachte sich, wo Ilse jetzt sein
msse. Als er um den Stein der Hhle bog, sah er sie im Halbdunkel sitzen, das
Auge nach dem Vaterhause gewandt. Er rief ihren Namen und streckte die Arme nach
ihr aus, sie flog ihm an die Brust und sagte leise: Ich wei, da an deinem
Herzen meine Heimat ist; habe Nachsicht, wenn die alte Zeit mir jetzt mchtig
wird.
    Am spten Abend, als der Vater den Professor in das Schlafzimmer fhrte und
mit ihm noch Geschfte und Politik besprach, schickte Ilse ihre Schwester Clara
zu Bett und sie setzte sich auf den Stuhl. Da der Vater hereinkam, das Licht vom
Tische zu holen, fand er die Ilse wieder an ihrer alten Stelle zum Nachtgru und
sie hielt ihm den Leuchter hin. Er setzte das Licht auf den Tisch, ging, wie er
pflegte, vor ihr auf und ab und begann: Du bist bleicher und ernster als du
warst. Wird das vorbergehen?
    Ich hoffe, es wird vorbergehen, wiederholte die Tochter. - Nach einer
Weile fuhr sie fort: Man denkt ber Vieles anders in der Stadt und man glaubt
anders, Vater.
    Der Vater nickte mit dem Kopf. Das war's, sagte er, und deshalb habe ich
um dich gesorgt.
    Es wird mir unmglich, schwere Gedanken los zu werden, sprach Ilse leise.
    Armes Kind, rief der Landwirth, dabei dir zu helfen, geht ber meinen
Verstand. Denn bei uns auf dem Lande ist es leicht, an Vatersorge zu glauben,
wenn man ber das Feld geht und sich des Wachsthums freut. Aber la dir von
einem Landmann ein vertrauliches Wort sagen. Es ist in allen Dingen auf Erden
Bescheidenheit nthig und Entsagung. Wir auf dem Lande sind nicht besser und
gescheidter, weil wir wenig um das sorgen, was dem Menschen rthselhaft ist. Wir
haben keine Zeit zu grbeln, das ist bequem, und wenn uns ein Gedanke
erschreckt, hilft die Arbeit darber weg. Aber manchmal kommt doch die
Ungewiheit. Auch ich habe Tage gehabt und ich habe sie noch, wo ich mir meinen
Kopf zerbreche, obgleich ich wei, da ich nicht auf's Reine kommen kann; und
deshalb suche ich mir jetztsolche Gedanken fern zu halten. Das ist Vorsicht,
aber es ist nicht Tapferkeit. Du bist hineingesetzt in ein Leben, wo dir das
Hren und Nachdenken unvermeidlich wird. Du mut dich durchkmpfen, Ilse. Vergi
dazu zweierlei nicht. Die Menschen haben von je sehr verschieden angesehen, was
ihnen nicht ganz verstndlich war, und sie haben einander deshalb seit alter
Zeit gehat und wie Kannibalen geschlachtet, nur weil Jeder gegen den Andern
Recht haben wollte. Darin liegt eine Warnung. Aber Eines hat sich immer bewhrt
gegenber dem Zweifel: seine Pflicht thun, alle Tage das Nchste thun und im
Uebrigen vertrauen, da man nicht deshalb verloren ist, weil man Eines und das
Andere denkt. Bist du der Liebe deines Mannes sicher?
    Ja, versetzte Ilse.
    Und hast du eine aufrichtige Achtung vor dem, was er thut, fr dich und fr
alle Andern?
    Ja, rief Ilse.
    Dann ist Alles in Ordnung, sagte der Vater, denn an seinen Frchten
erkennen wir den Acker. Um das Uebrige grmen wir uns nicht heut, nicht in der
Zukunft. Gib mir das Licht und geh zu deinem Mann. Gute Nacht, Frau
Professorin.


                                 Zweiter Theil

                                  Drittes Buch

                                       1.

                                        

                              Die Buttermaschine.

Im groen Saale der Universitt war ein gewhltes Publicum versammelt,
Wrdentrger der Regierung und Stadt, Mnner der Wissenschaft, hinter ihnen die
Studenten, welche ab- und zustrmend die Thr des groen Portals in Bewegung
erhielten. Oben aber auf der Gallerie saen die Frauen der Professoren, in der
Mitte der ersten Reihe Ilse mit Laura auf dem Ehrenplatz. Heut war fr Ilse ein
groer Tag, denn der Glanz der hchsten akademischen Wrde sank auf das Haupt
ihres Gatten. Felix Werner war zum Rector Magnificus gewhlt und sollte hier
sein Amt antreten.
    In langem Zuge schritten die Lehrer der Universitt in den Saal, vor ihnen
die Pedelle in altertmlicher Amtstracht, groe Scepter in der Hand; die Herren
selbst nach den Facultten geordnet. Die Theologie begann den Zug und die
Philosophie schlo den Reigen, diese an Zahl der Mnner und Bedeutung die
strkste Abtheilung, alle zusammen aber bildeten eine stattliche Genossenschaft,
neben einzelnen Nullen gingen hochberhmte Herren, auf welche das Land stolz
sein durfte, und es war eine Freude fr Jedermann, soviel gelehrtes Wissen
krperlich versammelt zu sehen. Nur die wrdige Darstellung im Zuge gelang den
groen Geistern nicht, sie hielten schlecht Reihe, mancher sah aus, als ob er
mehr an seine Bcher denke als an den Eindruck, welchen seine Gestalt dem
Publicum machen sollte, einer hatte sich gar versptet - er hie Raschke - und
kam sorglos und vertraulich grend hinter den jngsten Privatdocenten
hergelaufen. Den Zug empfing ein lateinischer Gesang des akademischen
Sngerchors, nicht verstndlich, aber festlich. Die Professoren ordneten sich
auf ihren Sitzen, der bisherige Rector betrat ein hohes, mit Blumen verziertes
Katheder, hielt zuerst eine gelehrte Rede ber den Nutzen, welchen vor lngerer
Zeit das unruhige Volk der Araber der medicinischen Wissenschaft gebracht hat,
und berichtete dann ber die akademischen Ereignisse des letzten Jahres. Der
Vortrag war schn und Alles warsehr feierlich, die Ehrengste der Stadt und
Regierung saen unbeweglich, die Professoren hrten ergeben zu, die Studenten
knarrten nur wenig an der Thr, und wenn von dem gemalten Plafond der Aula
zuweilen die Langeweile ihre groen Fledermausflgel gegen die Augen der Zuhrer
herabbewegte, wie bei akademischen Schaustellungen unvermeidlich ist: - Ilse
merkte heut nichts davon. Als Magnificus den Vortrag beendet hatte, bat er mit
einer zierlichen Handbewegung und den verbindlichsten Worten seinen Nachfolger,
zu ihm auf die Erhhung zu steigen. Ilse errthete, als ihr Felix das Katheder
betrat. Der Rector nahm sein Barett ab, die goldene Kette und den Mantel, der
wie ein alter Frstenmantel aussah, und Alles setzte und hing er um seinen
Nachfolger mit warmen Wnschen und Aeuerungen der Hochachtung. Laura flsterte
ihrer Nachbarin zu: Wenn unser Herr Professor ein Schwert an der Seite trge,
wre er ganz wie ein Kurfrst auf den Bildern drauen; und Ilse nickte freudig,
es war genau ihre Ansicht. Jetzt aber trat Werner in Purpurmantel und Kette vor.
Die Pedelle kreuzten ihre Scepter zu beiden Seiten des Katheders und der neue
Rector hielt majesttisch eine Ansprache an Professoren und Studenten, worin er
Gnstiges erbat und gutes Regiment verhie. Wieder begann der akademische Chor
ein lateinisches Triumphlied, und der Zug der Universittslehrer bewegte sich in
das Nebenzimmer zurck, wo die Professoren ihren Rector hndeschttelnd
umstanden und die Pedelle Purpurmantel und Kette in Ksten packten, zur Schonung
fr sptere Zeiten. Auch Ilse empfing die Glckwnsche der Frauen und des
Theetisches, welcher sich an der Gallerietreppe aufstellte und sie lustig mit
Magnificenz begrte.
    Zu Haus fiel Ilse dem Gatten um den Hals und sagte ihm, wie stattlich er in
seinem Ornate ausgesehen habe. Was die Zigeunerin sprach, rief sie, heut ist
es erfllt, heut trug der Mann, den ich liebe, den Frstenhut, sei gegrt du
mein Frst und Herr.
    Fr den Nachmittag dieses groen Tages war der Besuch des Erbprinzen
angemeldet, Ilse sah noch einmal in die Winkel der blanken Wohnung, damit sie
als Hausfrau keine Unehre erlebe, und lie sich von dem Gatten ber die Form
unterrichten, in der man mit vornehmen Herren spricht. Damit ich Bescheid wei,
wenn er sich auch um mich kmmert. Ich bin unruhig, Felix, denn es ist doch
etwas Groes, den knftigen Herrn der Heimat kennen zu lernen.
    Mit dem Stundenschlag fuhr der Wagen vor, Gabriel in seinem besten Frack
fhrte die Herren an das Zimmer des Rectors. Unterde ging Ilse erwartungsvoll
in ihrer Stube auf und ab. Nicht lange, und ihre Thr wurde geffnet, zwei
Herren traten, von dem Gatten geleitet, ihr entgegen. Da war der Prinz, eine
zarte Gestalt unter Mittelgre, schwarzes Haar, ein kleines Gesicht mit weichen
Zgen, ber den feinen Lippen ein dunkler Streif, welcher den beginnenden Bart
andeutete, die Haltung etwas schlottrig und verlegen, so machte er den Eindruck
eines zarten und schwchlichen Menschenkindes. Befangen trat er auf Ilse zu und
sagte ihr so leise, da sie kaum die Worte verstand, wie sehr er sich freue, in
ihr eine Landsmnnin zu begren.
    Ilse erhielt durch sein schchternes Wesen ihren Muth zurck, und da sie in
dem Anblick ihres jungen Prinzen ein wenig bewegt war, so begegnete ihr, da sie
ihm eine kleine Rede hielt: Wir aus unserm Lande hngen an der Heimat, und da
ich jetzt Ew. Hoheit so nahe vor mir sehe, wage ich auch zu sagen, da ich Ew.
Hoheit sehr gut wiedererkenne. Sie waren noch ein ganz junger Herr und ich war
ein halbwchsiges Mdchen, da sah ich Sie zuerst neben Ihrem Herrn Vater in der
Residenz. Ew. Hoheit saen auf einem sehr kleinen Pferde; whrend mein Vater und
ich grten, stand das Pferd still und wollte nicht weitergehen, Sie sahen mich
freundlich an, ganz mit denselben Augen wie jetzt. Ich hielt ein Paar Rosen in
der Hand, und weil Sie unser junger Prinz waren, bot ich Ihnen die Rosen an.
Aber Sie schttelten den Kopf und Sie konnten auch nichts nehmen, weil Sie den
Zgel halten muten, und ich glaube, Sie waren etwas ngstlich auf dem Pferde.
Nur das Pferd fuhr mit seinem Kopfe nach den Blumen. Da kam ein Groer in
Uniform herangeritten, fate das Pferd, und wir traten zurck. Sie sehen, ich
wei noch Alles, denn fr ein Mdchen vom Lande ist so etwas eine wichtige
Erinnerung. - Aber erweisen Hoheit mir doch die Ehre, Platz zu nehmen.
    Der Begleiter des Prinzen, Kammerherr von Weidegg, begrte Ilse
verbindlich; er war ein Mann in mittlen Jahren, gro, von guter Haltung und
keinem blen Gesicht. Er bernahm die Leitung der Wechselreden, und ein kleines
Gesprch lustwandelte ber die Berge und Wlder des Heimatlandes. Es blieb ein
anstndiger Austausch von Worten, welcher sich ungewhnlicher Gedanken gnzlich
enthielt. Der Prinz war schweigsam, spielte mit einem Augenglase und sah
befremdet und vorsichtig auf die stattliche Professorsfrau, welche ihm gegenber
sa. Zuletzt frug der Kammerherr nach den Stunden, wo dies Zimmer sich Fremden
ffne, und drckte den Wunsch aus, dem Prinzen und ihm mge gestattet sein,
zuweilen einzutreten. Von den wenigen Beziehungen, welche die fremde Stadt
bietet, ist uns dies Haus besonders werthvoll, in welchem mein durchlauchtigster
Prinz das Recht beanspruchen darf, nicht ganz als Fremder behandelt zu werden.
Das alles war recht sauber und verbindlich, und als der Professor die Fremden
bis an die Entrethre geleitet hatte, sagte er zu seiner Frau: Nun, sie sehen
ja menschlich genug aus.
    Ich habe mir Prinzen ganz anders gedacht, Felix, keck und bermthig,
dieser hatte nicht einmal einen Stern auf der Brust.
    Der war nur in die Tasche gesteckt, trstete der Professor.
    Aber er sieht aus wie ein guter Junge, schlo Ilse, und da er mein
Landsmann ist, soll er auch gut behandelt werden.
    So ist es recht, versetzte der Professor lachend.
    Es machte sich in den nchsten Wochen allmhlich, da der Erbprinz und sein
Kammerherr die gute Behandlung behaglich fanden. Der Kammerherr bewhrte sich
als angenehmer Mann, er hatte grere Reisen gemacht, hatte Einiges erlebt,
Vieles gesehen und allerlei gelesen, auch was nicht gerade am Wege liegt; er
sammelte Autographen und war dem menschlichen Geschlecht durch kein Laster und
keine ble Gewohnheit lstig. Whrend einem lngeren Aufenthalte in Rom hatte er
mit alten Bekannten des Professors in Verbindung gestanden, er war durch die
Ruinen Pompeji's gewandelt und zeigte ein wohlthuendes Interesse an der
Einrichtung altrmischer Huser. Auerdem verstand er gut zu hren und zu fragen
und erzhlte zuweilen mit anstndiger Medisance Anekdoten von vielgenannten
Personen. So geschah es, da der Professor gern mit ihm verkehrte, und da er am
Theetisch Ilse's den Wirthen willkommen, den Gsten nicht unbequem war. Auch ihm
selbst schien der Verkehr mit den gelehrten Herren Freude zu machen, er besuchte
den Doctor und betrachtete bei diesem alte Holzschnitte, er behandelte den
Professor Raschke mit rcksichtsvoller Artigkeit und begleitete nebst seinem
Prinzen den Philosophen an einem klaren Winterabend bis zu der entlegenen
Wohnung, whrend Raschke sehr interessante Beobachtungen ber den Schlaf der
Pflanzen mittheilte.
    Da der Erbprinz sich ebenso gut unter den Professoren zurechtfand, konnte
man nicht behaupten; er hrte dem Gesprch der Mnner leidend zu, wie einem
akademischen Hrer ziemte, und sprach durchaus und zu rechter Zeit das
Schickliche. Nur zuweilen deutete er durch leises Knipsen seiner Lorgnette an,
sein Gemth werde wohl eine andere Art von Unterhaltung nicht ungern ertragen.
    Ilse war unzufrieden, wenn er mit der Lorgnette knackte, und wenn sie zu ihm
hinbersah, hrte das Knipsen auf.
    Denn Ilse wollte, da er sich unter den andern Mnnern recht stattlich
hervorthun sollte, und ihr war, als knnten die Herren ihr selbst einen Vorwurf
daraus machen, da ihr Prinz fr Mnnergeschfte kein rechtes Herz erwies. Sie
war deshalb als Hausfrau mit zarter Aufmerksamkeit um ihn bemht; sie wagte den
Rath, da er den Thee nicht zu stark trinken mchte, und bereitete ihm selbst
die Mischung. Der Prinz lie sich das gern gefallen, er sa am liebsten auf dem
Stuhl neben ihr und sah ihr freundlich zu, wie sie um den Tisch wirthschaftete.
Nur ihr gegenber ging er ein wenig aus seiner vorsichtigen Zurckhaltung
heraus, er erzhlte ihr, was er von Merkwrdigkeiten der Stadt gesehen, und wenn
er gerade nichts zu sprechen hatte, machte er wenigstens ihr Amt leicht, er
stellte den Sahntopf vor sie hin und hatte ein scharfes Auge auf die
Zuckerbchse, wenn er meinte, da Ilse fr sich davon Gebrauch machen knne.
    Einst, als er wieder schweigsam neben ihr sa und die Herren gerade zornig
ber der Bibliothekverwaltung des Vaticans zu Gericht saen, machte Ilse den
Vorschlag, ein Werk anzusehen, das ihr der Gatte gekauft hatte, gutgestochene
Bildnisse berhmter Gelehrten und Knstler. Sie gingen zu der Lampe des
Nebenzimmers, der Prinz betrachtete mit matter Theilnahme die Kpfe. Von
manchem wei ich nichts, begann Ilse, als einige Worte, die mir mein Mann ber
sie erzhlt hat. Ihre Bcher habe ich nicht gelesen und von den schnen Werken,
die sie gemalt und componirt haben, kenne ich auch gar wenig.
    Mir geht es gerade so, versetzte der Prinz ehrlich, nur die Musiker kenne
ich etwas.
    Und doch ist es eine Freude, die Gesichter anzusehen, fuhr Ilse fort, man
denkt bei Jedem, wie der Charakter und die Vorzge dieses Mannes sein mchten,
und wenn man Jemand fragt, der mehr wei, ergibt sich manchmal eine Besttigung
und manchmal ein Irrthum. Das hilft Einem die Mnner lieb und vertraulich zu
machen und man sucht Gelegenheit, auch mit ihrer Kunst und Weisheit bekannt zu
werden. Ich mhe mich jetzt, von einem nach dem andern mehr zu erfahren. Wenn
man aber etwas von einem groen Manne gelesen hat und sein Bild nach einiger
Zeit wieder ansieht, dann ist es, als schaute man in das Gesicht eines guten
Freundes.
    Lesen Sie gern? frug der Prinz aufblickend.
    Langsam, erwiederte Ilse, denn von ernsten Dingen geht nicht viel auf
einmal in den ungelehrten Kopf, besonders wenn es schwere Gedanken erregt.
    Ich lese nicht gern, versetzte der Prinz, am wenigsten, was einem so
vorgelegt wird. Und mir ist es langweilig, denn ich habe nichts Ordentliches
gelernt und ich wei nirgends recht Bescheid.
    Das sagte er mit Bitterkeit. Ilse erschrak ber das Gestndni. Dem werden
Ew. Hoheit jetzt abhelfen, es ist ja hier so schne Gelegenheit.
    Ja, versetzte der Prinz, vom Morgen bis zum Abend, und Alles
durcheinander, ich bin jedesmal froh, wenn die Stunden zu Ende sind.
    Ilse betrachtete den jungen Herrn mit groer Betrbni. Das ist ja fr Ew.
Hoheit ein rechtes Unglck. Haben Sie denn nichts, was Ihnen zu wissen oder zu
besitzen recht lieb ist? Eine Sammlung von Steinen oder Schmetterlingen oder von
seltenen Bchern oder Kupferstichen wie der Doctor drben? Dabei hat man das
ganze Jahr sein Vergngen und man lernt auch allerlei, wenn man sich diese
werthen Sachen zusammentrgt.
    Wenn ich dergleichen haben will, kann ich Alles in Haufen gesammelt haben,
versetzte der Prinz. Aber wozu? es steht schon soviel Zeug um mich herum. Wenn
ich heut Steine suchen wollte, geriethen alle Leute um mich in Aufregung, und es
wrde mir entweder verwehrt oder eine ganze Sammlung ins Haus getragen.
    Das hilft freilich nichts, bedauerte Ilse, man mu selbst um das Einzelne
sorgen, dann kommt die Freude. Ein Mensch kann nicht Alles wissen, aber etwas
mu jeder haben, was er ordentlich versteht. Wenn ich mein kleines Leben
vergleichen drfte mit dem groen, das Ew. Hoheit erwartet, so knnte ich Ihnen
wohl etwas erzhlen. Als meine gute Mutter sich zu ihrer letzten Krankheit
einlegte, war ich ein ganz junges Ding, aber ich wollte durchaus an ihrer Stelle
die Wirthschaft fhren. Da fand sich, da ich mir nicht Rath wute. Ich verstand
nicht einmal, ob die Leute fleiig oder trge waren, ich kannte auch nicht die
Handgriffe, und wenn Jemand etwas schlecht machte, konnte ich's nicht lehren.
Deshalb sa ich an einem Abend muthlos und rgerlich ber mich selbst, und ich
glaube, ich weinte. Da sagte mein guter Vater: du durftest nicht soviel auf
einmal bernehmen, du sollst erst etwas genau lernen. Und er wies mich in die
Molkerei. Wissen Ew. Hoheit, was das ist?
    Nicht so recht, versetzte der Prinz.
    Das ist ja die Milchwirtschaft des Gutes, ich will Ew. Hoheit sagen, was
dabei zu thun ist.
    Sie erzhlte ihm die ganze Tagesarbeit des Milchkellers. Und jetzt machte
sich's so. Ich griff selbst mit an, wurde fest in der Arbeit und bekam ein
Urtheil ber die Mgde. Ich lernte jede Kuh genau kennen und lernte auch, welche
Art fr uns am besten war und warum. Denn nicht jede Race pat berallhin. Bald
bekam ich den Ehrgeiz, Butter und Kse recht fein zu machen. Ich erkundigte mich
bei den Klugen und las auch zuweilen in einem Buch darber. Dann besprach ich
mit dem Vater Verbesserungen. Und gerade als ich wegkam, war die Rede davon,
statt unseres groen Butterfasses von Holz eine neue Maschine anzuschaffen. Sie
ist jetzt aufgestellt, soll sehr gut sein und schne Butter machen, ich habe sie
aber noch nicht gesehen. Denn Ew. Hoheit kennen doch das Buttern?
    Nein, versetzte der Prinz.
    Ilse beschrieb es ihm ein wenig. Wenn aber der Vater um Johanni die groe
Rechnung machte, da war mein Stolz, da die Khwirthschaft in jedem Jahr hhern
Ertrag gab. Mich rgerte nur, da der Vater ber meinen kleinen Gewinn lachte,
denn der eigentliche Werth der Khe lag fr ihn in ganz andern Dingen. Auch
darber machte Ilse eine leise Andeutung. Und sehen Hoheit, fuhr sie fort,
erst von dieser Zeit ab fhlte ich mich in der Welt recht zu Hause. Noch jetzt,
wenn ich einmal in eine Fabrik gehe, ertappe ich mich darber, da ich sie wie
eine andere Art Molkerei ansehe, und wenn von Staatseinnahmen und Regierung die
Rede ist, vergleiche ich sie noch heut mit unserer Wirthschaft. Aber es ist wohl
thricht, da ich Ew. Hoheit von Butter und Kse unterhalte.
    Der Prinz sah ihr treuherzig in die Augen. Ach, gndige Frau, sagte er,
Sie sind glcklich daran gewesen, mir aber ist es nie so gut geworden, da ich
bei dem, was mir lieb war, recht ruhig beharren konnte. Vom Morgen bis zum Abend
bin ich erzogen worden und von Einem zum Andern geschleppt. Wenn ich als Kind in
den Garten ging, war immer die Gouvernante dabei oder der Erzieher, und wenn ich
im Grase sprang, wurde darauf gehalten, da meine kleinen Sprnge auch fr
andere Leute gut aussahen, niederkauern durfte ich nicht; und als ich mich
einmal auf den Kopf stellen wollte, wie ich bei andern Knaben gesehen hatte, gab
es Entsetzen wegen der Unschicklichkeit und Arrest. Jeden Augenblick hie es,
das pat nicht fr einen Prinzen, oder das ist jetzt nicht an der Zeit. Sooft
ich aus der Stube kam, starrten mich die fremden Leute an, auch ich mute immer
auf sie sehen und gren; mir wurde gesagt, wem ich die Hand geben durfte und
wem nicht, wen ich anreden durfte und wen nicht. So ging es alle Tage. Immer
waren es leere Redensarten, in drei Sprachen, und jeden Tag war der Gedanke
obenan, da man sich nur gut prsentire. Einmal wollte ich mir mit der Schwester
einen kleinen Garten anlegen, sogleich wurde der Hofgrtner gerufen, der uns
graben und pflanzen mute. Da war's uns vom ersten Tage verleidet. Dann wollten
wir Theater spielen und hatten uns schon selbst ein Stck ausgedacht, wieder
wurde uns gesagt, das sei dummes Zeug, und wir muten ein Spiel auswendig lernen
mit franzsischen Redensarten, wo die Kinder immer riefen, wie lieb sie Papa und
Mama htten, und wir hatten gar keine Mutter. Ueber diesem Zurichten fr den
Schein ist meine Kinderzeit vergangen. Ich versichere Sie, ich wei nichts
grndlich, und wenn ich jetzt hier in dem ewigen Lernen bleibe, so habe ich das
Gefhl, da es mir gar nichts helfen wird, und ich komme mir sehr unntz vor in
der Welt.
    Ach, das ist traurig, rief Ilse in tiefem Mitgefhl. Aber ich flehe Ew.
Hoheit an, verlieren Sie nur nicht den Muth. Es ist unmglich, da das Leben
unter so vielen tchtigen und gescheidten Mnnern, die Sie hier finden, ohne
Segen fr Sie sein sollte.
    Der Prinz schttelte den Kopf.
    Denken doch Ew. Hoheit an Ihre Zukunft, fuhr Ilse leise fort. Ach, Sie
haben alle Ursache, zuversichtlich und tapfer zu sein. Ihr Amt ist doch das
hchste auf Erden. Wir andern arbeiten und sind glcklich, wenn wir ein
einzelnes Menschenleben vor dem Untergange bewahren, und wenn es noch so klein
und elend ist, Ihnen aber wird einmal Wohlsein und Leben von vielen Tausenden in
die Hand gegeben. Was Sie fr Schule und Bildung thun durch gute oder schlechte
Lehrer der Seelen, und ob Sie fr Krieg oder Frieden stimmen, das kann ein
ganzes Land glcklich machen oder verderben. Wenn ich an diesen erhabenen Beruf
denke, kommt mir die Ehrfurcht vor Ihnen, und ich mchte Sie auf meinen Knieen
anflehen, da Sie thun, was mglich ist, um sich zu einem tchtigen Frsten zu
machen. Dafr ist jetzt der beste Rath, da Sie guten Willen zeigen, auch das zu
lernen, was Ihnen langweilig ist. Und im Uebrigen vertrauen Sie der Zukunft,
auch Ihnen wird die Freude am Leben und das Gefhl der Tchtigkeit kommen.
    Der Prinz schwieg, denn die Erwhnung seines knftigen Frstennamtes gehrte
zu den Anspielungen, welche bei Hofe verpnt sind und die im stillen Geiste zu
verfolgen einem Thronerben noch weniger als Andern erlaubt ist.
    Gelehrte Vorlesungen hre ich genug, sagte endlich der Prinz, ich wollte
aber lieber, ich wre bei einem Landwirth in der Lehre gewesen, wie Sie.
    Sie kehrten zu den Herren zurck, und der Prinz nahm den Rest des Abends
aufmerksam an der Unterhaltung Theil. Als er sich entfernt hatte, sagte Ilse zu
ihrem Gatten: Da geht er hin, er hat, was Tausende froh machen wrde, und doch
ist er unglcklich, denn sie haben ihm sein ehrliches Herz in Leder eingenht,
wie einer Gliederpuppe. O, sei gtig gegen ihn, Felix, und gnne ihm manchmal
etwas von deiner Seele, damit ein Theil deiner Sicherheit und Kraft auf ihn
bergehe.
    Der Gatte kte sie auf das Haupt und sagte: Dir wird das leichter mglich
sein als mir. Aber er selbst hat sich das Rechte gesagt, drei Jahre bei deinem
Vater in der Wirthschaft wren fr ihn und sein Land die beste Hilfe.
    Beim Frhstck des nchsten Morgens nahm der Kammerherr die Zeitungen aus
der Hand des Lakaien, der Prinz sa schweigend am Tisch, spielte mit dem
Kaffelffel und beobachtete eine Fliege, welche vom Rande des Sahntopfes
unehrerbietige Versuche machte, in die frstliche Milch zu sinken. Da die
schriftliche Instruktion dem Kammerherrn die Pflicht auferlegte, den Prinzen vor
jeder gefhrlichen Lectre zu behten - es waren damit unzufriedene Zeitungen
und schmutzige Romane gemeint -, so bot er seinem Herrn zuerst das unter allen
Umstnden gefahrlose Tageblatt, whrend er selbst eine wohlgesinnte Zeitung
ergriff, um dort die Hofnachrichten, Befrderungen und Ordensverleihungen zu
mustern. Er war lngst mit seiner Lectre zu Ende, der Prinz aber studirte noch
immer ber den frischen Schellfischen und Austern. Betrbt sah der Kammerherr,
wie die junge Hoheit wieder einmal fr den Lauf der Welt so geringe Theilnahme
zeigte. Ein Bekannter des Kammerherrn war zum Rittmeister ernannt, ein anderer
kndigte seine Verlobung an, er verfehlte nicht, den Prinzen aufmerksam zu
machen, dieser aber lchelte nur in seiner zerstreuten Weise.
    Der Kammerherr ging also zu seiner nchsten Pflicht ber, er berlegte das
Programm des Tages. Und da ihm oblag, den Prinzen mit den Neuigkeiten der Kunst,
Literatur und der Stadt in geziemender Auswahl bekannt zu machen, so wartete er
ungeduldig auf die Befreiung des Tageblattes, um sich aus diesem Rath zu holen.
Endlich unterbrach der Prinz diese Erwgungen durch die Frage: Hier finde ich
eine permanente Ausstellung landwirthschaftlicher Gerthe, was ist in solcher
Ausstellung zu sehen?
    Der Kammerherr versuchte, das zu erklren und knpfte vergngt den Vorschlag
an, auch einmal diese Ausstellung zu besuchen. Der Prinz gab durch ein schwaches
Kopfnicken seine Einwilligung zu erkennen, sah nach der Uhr und ging auf sein
Zimmer, den dreistndigen Morgencursus durchzumachen, eine Stunde
Staatswissenschaft, eine Stunde Mythologie und Aesthetik und eine Stunde Taktik
und Strategie. Dann trat er mit seinem Begleiter den Weg nach der Ausstellung
an.
    Selbst dem Kammerherrn wurde langweilig zu Muth, als er hinter seinem jungen
Herrn die groen Rume betrat, in denen unverstndliche Maschinen zahlreich
durcheinander standen. Der Geschftsfhrer des Fabrikanten begann die Erklrung,
der Kammerherr that die Fragen, welche eine geziemende Wibegierde andeuten
sollten, der Prinz ging geduldig von einem rthselhaften Krper zum andern und
hrte etwas von Pflug, Exstirpator und Walze. Endlich veranlate die groe
Dreschmaschine den Erklrer, einen Arbeiter mit einer Treppenleiter zu Hilfe zu
rufen. Der Prinz berlie dem Kammerherrn die Mhe hinauf zu steigen und die
innere Einrichtung zu bewundern, er spielte unterde mit seiner Lorgnette und
frug den Geschftsfhrer in dem leisen Ton, in dem er zu sprechen gewhnt war:
Haben Sie nicht auch eine Buttermaschine?
    Ja wohl, war die Antwort, mehre von verschiedener Construction. Der
Prinz gab sich wieder ruhig der Betrachtung des groen Dreschmechanismus hin und
lernte die schne Vorrichtung schtzen, welche das ausgedroschene Stroh, das er
sich zu denken aufgefordert wurde, auf einen unsichtbaren Futterboden
hinaufbefrderte. Endlich kamen die Gerthe an die Reihe, welche ihm am Herzen
lagen, moderne Nachfolger des alten ehrlichen Butterfasses. Da standen sie
nebeneinander, das kleine Handgef, durch welches, wenn der Versicherung des
Fhrers zu trauen war, jede Hausfrau in unglaublich kurzer Zeit ihre Butter
selbst bereiten konnte, und die gewaltige Erfindung, welche den Bedrfnissen der
grten Milchwirtschaft spielend gengte. Der Prinz lie sich beschreiben, wie
der Rahm hineingegossen, in eine gewisse kreisende Bewegung gesetzt und durch
diese Aufregung gezwungen wird, sich mit sich selbst zu entzweien. Das alles
hatte er schon viel schner gehrt, aber es machte ihm Spa, die Vorzge des
modernen Baues einzusehen, und er wurde innig von seiner Vortrefflichkeit
berzeugt. Er that zum Erstaunen seines Begleiters Fragen, ergriff die Kurbel
und versuchte ein wenig zu drehen, zog aber mit verlegenem Lcheln die Hand
wieder zurck. Zuletzt frug er sogar nach dem Preise. Der Kammerherr freute sich
ber die anstndige Wibegierde, welche sein junger Herr bewies, aber er wurde
wieder gedemthigt, als der Prinz sich zu ihm wandte und franzsisch sagte: Was
meinen Sie? Ich habe Lust, die kleine Maschine zu kaufen. Des Drehens wegen,
dachte der Kammerherr mit innerm Achselzucken. Wie kommt es, da Hoheit sich
gerade dafr interessiren? Sie gefllt mir, erwiederte der Prinz, und man
mchte dem Mann doch etwas abkaufen.
    
    Die niedliche Erfindung wurde erstanden, in das Quartier des Prinzen
getragen und in seiner Arbeitsstube aufgestellt. Gegen Abend, whrend der Prinz
seine Musikstunde am Flgel verlebte, mute die Maschine sogar in dem Rapport
erscheinen, welchen der Kammerherr fr den regierenden Herrn verfate. Rhmend
hob der Berichterstatter das Interesse hervor, welches sein Prinz den ntzlichen
Werkzeugen deutscher Bodencultur erwiesen hatte. Allein selten war dem armen
Kammerherrn so schwer geworden, die Pflicht eines getreuen Hofmanns zu ben,
welchem ziemt, persnliches Empfinden zurck zu drngen und Peinliches mit
Anmuth zu umziehen. Denn in Wahrheit fhlte er tiefe Scham ber die unntze
Spielerei seines Prinzen. Aber man lernt bei Hofe nie aus, wie sehr man auch den
Faltenwurf eines frstlichen Gemthes studire, selbst dem weisesten Hofmarschall
bleiben einzelne Tiefen unerforschlich.
    Der Erbprinz aber bedeckte die Buttermaschine mit einem seidenen Tuch, und
wenn er allein war, trat er vorsichtig heran, drehte an der Kurbel und
beobachtete den Mechanismus.
    Einige Tage darauf hatte der Kammerlakai den Prinzen ausgekleidet, die
Schlafschuhe zurechtgestellt und seine Nachtverbeugung gemacht, da blieb der
kleine ausgehlste Prinz gegen Gewohnheit auf dem Stuhle sitzen und hemmte den
Abschied des Dieners durch die Anrede: Krger, Sie mssen mir einen Gefallen
thun. - Hoheit haben zu befehlen. - Besorgen Sie mir zumorgen frh, ohne da
es Jemand sieht, einen groen Topf Milch, aber Sie setzen die Milch nicht auf
Rechnung. - Befehlen Hoheit gekochte oder ungekochte?
    Das war eine schwierige Frage. Der Prinz drehte schweigend am Schnurrbart
und sah seinen Krger hilflos an. Ich wei nicht, brach er endlich heraus,
ich mchte gern einmal buttern.
    Krger begriff scharfsinnig, da dieser Wunsch mit der neuen Maschine
zusammenhing, und lngst gewhnt, an vornehmen Herren nichts erstaunlich zu
finden, erwiederte er: Dann mu aber die Maschine erst ausgebrht werden, sonst
schmeckt die Butter schlecht, und den Rahm dazu mu ich bestellen. So mchten
Ew. Hoheit sich noch einen Tag gedulden.
    Ich berlasse Ihnen Alles, sagte der Prinz vergngt, nehmen Sie die
Maschine und sorgen Sie, da Niemand etwas erfhrt.
    Als Krger am Morgen des zweiten Tages beim Prinzen eintrat, fand er den
jungen Herrn bereits angekleidet und meldete, stolz auf seine vertraute
Stellung: Der Herr Kammerherr schlft noch, es ist Alles bereit.
    Der Prinz eilte auf den Zehen in die Stube, ein groer Topf Rahm wurde in
den Leib der Maschine gegossen, erwartungsvoll setzte sich der Prinz an den
Tisch und sagte: Ich will selbst drehen. Er drehte und Krger sah zu. Aber
gleichmig, Hoheit, ermahnte Krger. Der Prinz konnte sich nicht versagen, den
Deckel zu ffnen und hineinzublicken. Es will noch nicht werden, Krger, sagte
er kleinlaut. - Nur immer munter, Hoheit, rieth Krger, bitte um gndigste
Erlaubni, weiter zu drehen. Darauf drehte Krger und der Prinz sah zu. Es
wird, rief der Prinz vergngt, als er hineingesehen.
    Ja, es ist geworden, antwortete Krger. Jetzt aber kommt die andere
Arbeit. Die Butter mu herausgenommen und ausgewaschen werden. Befehlen Ew.
Hoheit?
    Nein, sagte der Prinz mitrauisch, das geht nicht. Aber die Maschine ist
gut. Bringen Sie mir einen Lffel und das Weibrot, ich fische heraus, was ich
finde, man mu sich zu helfen wissen. Der Prinz fuhr mit dem Lffel in das
Getmmel, holte in der Bildung begriffene Butter heraus und strich sie mit einem
Gefhl von Behagen, das ihm ganz neu war, auf sein Weibrot. Sie schmeckt
suerlich, Krger, sagte er. Das kann nicht anders sein, versetzte Krger
belehrend, es ist ja noch die Buttermilch drin. - Das thut nichts, trstete
sich der Prinz. Krger, ich htte nicht gedacht, da beim Buttern soviel zu
beobachten ist. - Ja, aller Anfang ist schwer, ermuthigte Krger. - Es ist
gut, schlo der Prinz gndig, nehmen Sie die Maschine heraus, und da sie mir
recht rein wird.
    Seitdem stand die Buttermaschine friedlich unter seidenem Tuche, der Prinz
stellte sich in einsamen Stunden zuweilen davor und berlegte, wie er sie in die
Hnde liefern knne, denen er sie heimlich bestimmt hatte.
    Die Sterne selbst schienen das zu begnstigen. Denn der rollende Erdball
wlzte sich dem letzten Himmelszeichen zu, welches die Seelen unseres Volkes mit
magischer Gewalt auf das schnste Fest des Jahres richtet. Weihnachten war nahe,
und die Frauenwelt der Parkstrae fuhr in geheimnivoller Thtigkeit einher. Der
Verkehr mit guten Bekannten wurde unterbrochen, angefangene Bcher lagen im
Winkel, Theater und Concertsaal wiesen leere Pltze, die Accorde des Flgels und
die neuen Bravourarien klangen selten in die rasselnden Wagen der Strae, innere
Kmpfe wurden beschwichtigt und bser Nachbarn ward wenig gedacht. Was eine
Hausfrau oder Tochter zu leisten vermochte, das wurde auch in diesem Jahr
auffllig. Vom Morgen bis zum Abend flogen kleine Finger zwischen Perlen, Wolle,
Seide, Pinsel und Palette umher, der Tag wurde zu acht und vierzig Stunden
ausgeweitet, selbst in den Minuten eines unruhigen Morgenschlummers arbeiteten
dienstfertige Heimchen und andere unsichtbare Geister im Solde der Frauen. Je
nher das Fest rckte, desto zahlreicher wurden die Geheimnisse, in jedem
Schrank steckten Dinge, die Niemand sehen sollte, von allen Seiten wurden
Packete in das Haus getragen, deren Berhrung verpnt war. Aber whrend die
Hausgenossen geheimnivoll an einander vorberschlpften, ist die Hausfrau
stille Herrscherin in dem unsichtbaren Reich der Geschenke, Vertraute und kluge
Rathgeberin Aller. Sie kennt in dieser Zeit keine Ermdung, sie denkt und sorgt
fr Jedermann, die Welt ist ihr ein groer Schrank geworden mit zahllosen
Fchern, aus denen sie unablssig herausholt, in die sie Verhlltes nach weisem
Plane einstaut. Wenn am Weihnachtsabend der Flitterstern blitzt, der Wachsstock
trufelt und die goldene Kugel am Christbaum schimmert, da feiert die Phantasie
der Kinder ihre groe Stunde, aber die Poesie der Hausfrauen und Tchter fllt
schon Monate vorher die Zimmer mit frhlichem Glanz.
    Wenn man das Urtheil des Herrn Hummel als gemeingltig betrachten darf, ist
leider auch den Mnnern, welche die Ehre eines Hauses zu vertreten haben, die
Begeisterung dieser Wochen nicht vollstndig entwickelt. Glauben Sie mir,
Gabriel, sagte Herr Hummel an einem Decemberabend, whrend er einem Jungen
nachblickte, der mit Brummteufeln umging, in dieser Zeit verliert der Mann
seine Bedeutung; er ist nichts als ein Geldspint, in dem sich der Schlsselbart
vom Morgen bis zum Abend dreht. Die beste Frau wird unverschmt und
phantastisch, alles Familienvertrauen schwindet, Eines geht scheu an dem Andern
vorber, die Hausordnung wird mit Fen getreten, die Nachtruhe gewissenlos
ruinirt; wenn gegessen werden soll, luft die Frau auf den Markt, wenn die Lampe
ausgelscht werden soll, fngt die Tochter eine neue Stickerei an. Und ist die
lange Noth ausgestanden, dann soll man sich gar noch freuen ber neue
Schlafschuhe, welche einen Zoll zu klein sind, und bei denen man spter die
grobe Schusterrechnung zu bezahlen hat, und ber eine Cigarrentasche von Perlen,
die platt und hart ist wie eine gedrrte Flunder. Endlich zu allerletzt, nachdem
man goldene Funken gespuckt hat wie eine Rakete, fordern die Frauen noch, da
man auch ihnen selbst durch eine Schenkung sein Gemth erweist. Nun, die
meinigen habe ich mir gezogen.
    Ich habe doch auch Sie selbst gesehen, wandte Gabriel ein, mit Packet und
Schachtel unter dem Arm.
    Dies ist wahr, versetzte Herr Hummel, eine Schachtel ist unvermeidlich.
Aber, Gabriel, das Denken habe ich mir abgeschafft. Denn das war das
Niedertrchtige bei der Geschichte. Ich gehe jedes Jahr zu derselben
Putzmacherin und sage: eine Haube fr Madame Hummel. Und die Person sagt: Zu
dienen, Herr Hummel, und die Architektur steht reisefertig vor mir. Ich gehe
ferner jedes Jahr zu demselben Kaufmann und sage: ein Kleid fr meine Tochter
Laura, so und so theuer, ein Thaler Spielraum nach oben und unten, und das
Kleid liegt preiswrdig vor mir. Im Vertrauen, ich habe den Verdacht, da die
Frauen hinter meine Schliche gekommen sind, und sich die Sachen vorher selbst
aussuchen, denn es ist immer Alles sehr nach ihrem Geschmack, whrend in
frheren Jahren Widersetzlichkeit stattfand. Jetzt haben sie die Mhe, den
Plunder auszuwhlen, und am Abend mssen sie noch heucheln wie die Katzen,
auseinanderfalten und anprobiren, sich erstaunt stellen und mein ausgezeichnetes
Geschick loben. Das ist meine einzige Genugthuung bei dem ganzen
Kindervergngen. Aber sie ist drftig, Gabriel.
    So knarrte mitnend die Prosa des Hausherrn, doch die Parkstrae achtete
wenig darauf, und sie wird solchen Sinn immer mit gebhrender Miachtung
betrachten, solange ser ist fr Andere sorgen als fr sich selbst und Freude
zu machen seliger als Freudiges zu empfangen.
    Auch fr Ilse wurde in diesem Jahr das Fest eine groe Angelegenheit, sie
trug wie eine Biene zusammen, und nicht nur fr die Lieben in der Heimat. Denn
auch in der Stadt hatten sich viele groe und kleine Kinder an ihr Herz
genestelt, von den fnf unmndigen Raschkes bis zu den kleinen Barflern mit
dem Suppentopf. Auch bei ihr wurden die Sophawinkel unheimlich fr den Gatten,
fr Laura und den Doctor, wenn diese einmal unerwartet eintraten.
    Als der Kammerherr einige Zeit vor dem Feste einen Besuch seines Prinzen bei
dem neuen Rector schicklich erachtete, fanden die Herren Ilse und Laura in
eifriger Arbeit und den Salon der Frau Rectorin in eine groe Marktbude
verwandelt. Auf langem Tisch standen Weihnachtsbumchen, und gefllte Scke
lehnten ihren schweren Leib an die Tischbeine, die Frauen aber arbeiteten mit
Elle und Schere, zertheilten groe Wollzpfe und wickelten Linnenstcke
auseinander, wie Kaufleute. Als Ilse den Herren entgegentrat und ihre Umgebung
entschuldigte, bat der Kammerherr dringend, sich nicht stren zu lassen. Wir
drfen nur hierbleiben, wenn wir das Recht erhalten, uns ntzlich zu machen.
Auch der Prinz sagte: Ich bitte um die Erlaubni zu helfen, wenn Sie etwas fr
mich zu thun haben.
    Das ist freundlich, versetzte Ilse, denn bis zum Abend ist noch Vieles zu
vertheilen. Erlauben Ew. Hoheit, da ich Sie anstelle. Nehmen Sie den Sack mit
Nssen, Sie, Herr Kammerherr, haben Sie die Gte, die Aepfel unter Ihre Obhut zu
nehmen, du, Felix, erhltst den Pfefferkuchen. Und ich bitte die Herren, kleine
Hufchen zu machen, zu jedem zwanzig Nsse, sechs Aepfel, ein Packet Kuchen.
    Die Herren gingen mit Feuer an die Arbeit. Der Prinz zhlte gewissenhaft die
Nsse und rgerte sich, da sie immer wieder unter einanderfuhren, machte aber
die Erfindung, durch zusammengefaltete Papierstreifen die Portionen beisammen zu
halten; die Herren lachten und erzhlten, wie sie sich einst in fremdem Lande
die deutsche Festfreude verschafft hatten. Der Duft der Fichtennadeln und Aepfel
erfllte die Stube und zog wie eine Festahnung in die Seelen aller Anwesenden.
    Drfen wir die gndige Frau fragen, wem unsere angestrengte Thtigkeit zu
gut kommt? sagte der Kammerherr, ich halte hier einen ungewhnlich groen
Apfel, durch den ich gern einen Ihrer Lieblinge bevorzugen mchte. Jedenfalls
thun wir, was armen Kindern Freude machen soll.
    Zuletzt wohl, versetzte Ilse, aber das geht uns nichts an, wir geben
schon heut ihren Mttern. Denn die grte Freude einer Mutter ist doch ihren
Kindern selbst einzubescheren, das Christbumchen zu putzen und zu arbeiten, was
die Kleinen gerade bedrfen. Diese Freude soll man ihr nicht nehmen, und deshalb
wird ihnen der Stoff unverarbeitet geschenkt. Auch die Weihnachtsbumchen kaufen
sie am liebsten allein, jede nach ihrem Geschmack; die hier stehen, sind nur fr
solche Kinder, denen die Mutter fehlt. Und diese Bumchen werden auch von uns
ausgeputzt. Heut zum Feierabend wird Alles aus dem Haus getragen, damit die
Leutchen zu guter Zeit das Ihre erhalten und sich danach einrichten.
    Der Prinz sah auf den Kammerherrn. Wrden Sie uns erlauben, begann er
zgernd, auch etwas fr die Bescherung zu kaufen?
    Sehr gern, erwiederte Ilse freudig. Wenn Hoheit befehlen, kann unser
Diener das sogleich besorgen. Er wei Bescheid und ist zuverlssig.
    Ich mchte selbst mit ihm gehen, sagte der Prinz. Der Kammerherr hrte
verwundert auf diesen Einfall seines jungen Herrn, da der Einfall aber lblich
und nicht gegen die Instruktion war, so lchelte er respectvoll. Gabriel wurde
gerufen. Der Prinz ergriff freudig seinen Hut. Was sollen wir kaufen? frug er
aufbrechend.
    Kleine Wachsstcke fehlen uns, versetzte Ilse, dann von Spielzeug Puppen,
fr die Knaben Bleisoldaten und fr die Mdchen ein Kochgeschirr, aber Alles
hbsch handfest und sparsam. Gabriel verlie mit einem groen Korbe hinter dem
Prinzen das Haus.
    Sie haben gehrt, was die gndige Frau befohlen hat, sagte der Prinz auf
der Strae zu Gabriel. Zuerst die Wachsstcke, Sie suchen aus und ich bezahle,
wir sollen sparsam einkaufen, geben Sie Achtung, da wir nicht betrogen werden.
    Das haben wir nicht zu frchten, Ew. Hoheit, versetzte Gabriel trstend.
Und wenn wir ja einmal einige Pfennige zu viel bezahlen, das kommt wieder
andern Kindern zu gut.
    Nach einer Stunde kehrte der Prinz zurck, Gabriel mit hochbeladenem Korb,
auch der Prinz trug unter beiden Armen Puppen und groe Dten mit Naschwerk. Als
der junge Herr so belastet eintrat, mit gertheten Wangen, selbst glcklich wie
ein Kind, sah er so gut und liebenswerth aus, da sich Alle ber ihn freuten.
Emsig packte er seine Schtze vor der Frau Professorin aus und schttete zuletzt
die Zuckerdten auf den Tisch.
    Seine Befangenheit war verschwunden, er spielte in kindlichem Behagen mit
den hbschen Dingen, wies den Andern die kunstvolle Arbeit an Marzipanpflaumen,
bat Laura, einen Tempelherrn aus Zucker fr sich zu behalten und wirthschaftete
zierlich und behend um den Tisch, bis die Andern ihm bewundernd zusahen und in
seine Kinderscherze einstimmten. Als die Frauen den Ausputz der Fichtenbumchen
begannen, erklrte der Prinz, auch er werde dabei helfen. Er setzte sich vor die
Untertasse mit Eiwei, lie sich die Handgriffe zeigen und wlzte die
bestrichenen Frchte in Gold- und Silberblttchen. Ilse setzte als Preis fr den
Herrn, der am meisten und besten arbeiten wrde, eine groe Dame von
Pfefferkuchen mit Reifrock und Glasaugen, und es entstand ein lblicher
Wetteifer unter den Herren, die besten Stcke zu liefern. Der Professor und der
Kammerherr wuten alte Kunstfertigkeit zu verwenden, der Prinz aber arbeitete
als Neuling etwas lderlich, es blieben einzelne leere Stellen, und an andern
bauschte das Schaumgold. Er war mit sich unzufrieden, aber Ilse ermunterte ihn:
Nur mssen Ew. Hoheit sparsamer mit dem Golde sein, sonst reichen wir nicht.
Zuletzt erhielt der Kammerherr die Dame im Reifrock und der Prinz als
auerordentliche Belohnung fr seine Strebsamkeit ein Wickelkind, das aber auch
durch zwei Glaskorallen in die Welt starrte.
    Drauen auf dem Weihnachtsmarkt standen die kleinen Kinder um die
Tannenbumchen und Weihnachtsbuden und schauten ahnungsvoll und begehrlich auf
die Schtze, und in Ilse's Zimmer saen die groen Kinder am Tische, spielend
und glcklich; auch hier kam kein kluges Wort zu Tage, und der Prinz malte
sichzuletzt mit Eiwei die Umrisse eines Gesichtes auf die Handflche und
vergoldete sie mit den Metallblttchen.
    Als der Erbprinz aufbrach, frug der Professor: Darf ich fragen, wo Ew.
Hoheit den Weihnachtsabend verbringen?
    Wir bleiben hier, versetzte der Prinz.
    Da seltene Musikauffhrungen in Aussicht stehen, fgte der Kammerherr
hinzu, hat des Frsten Hoheit auf die Freude verzichtet, den Prinzen zum Fest
in seiner Nhe zu haben, wir werden also stille Weihnacht im Quartier halten.
    Wir wagen nicht einzuladen, fuhr der Professor fort, falls aber Ew.
Hoheit an diesem Abend nicht in anderer Gesellschaft verweilen, wrde uns groe
Freude sein, wenn die Herren bei uns vorliebnhmen.
    Ilse sah dankbar auf den Gatten, und der Prinz berlie diesmal nicht dem
Kammerherrn die Antwort, sondern nahm mit Wrme die Einladung an. Als er mit
seinem Begleiter durch die gefllten Straen schritt, begann er vorsichtig:
Irgend etwas werden wir doch auch zu dem Weihnachtstisch beisteuern.
    Ich habe soeben daran gedacht, versetzte der Kammerherr, wenn Ew. Hoheit
den wackern Leuten die Ehre erweisen und den Abend bei ihnen zubringen, so bin
ich nicht sicher, wie der Frst eine Beisteuer meines gndigsten Prinzen zu
diesem Weihnachtsbaum auffassen wird.
    Nur nichts von Broschen oder Ohrringen aus dem langweiligen Kasten des
Hofjuweliers, rief der Prinz mit ungewohnter Energie, es darf nur eine
Kleinigkeit sein, am liebsten ein Scherz.
    Das ist auch meine Ansicht, besttigte der Kammerherr. Aber es ist doch
rathsam, den Entscheid darber dem durchlauchtigsten Herrn anheim zu geben.
    Dann bleibe ich lieber zu Hause, versetzte der Prinz erbittert, ich will
nicht mit einem dummen Cadeau in der Hand eintreten. Lt sich nicht machen, da
der Besuch ganz zwanglos erscheint, wie auch die Einladung war?
    Der Kammerherr zuckte die Achseln. Wenige Tage nach dem Fest wird der
ganzen Stadt bekannt sein, da Ew. Hoheit dem Professor Werner diese
ungewhnliche Ehre erwiesen haben. Ohne Zweifel wird das Ereigni von
irgendeinem Unberufenen nach der Residenz geschrieben. Hoheit wissen besser als
ich, wie der Frst eine solche Nachricht aufnehmen mag, die ihm zuerst von
Fremden kommt.
    Dem Prinzen war die Freude verdorben. So schreiben Sie meinem Vater, rief
er zornig; aber stellen Sie die Einladung dar, wie sie vorgebracht wurde, und
sprechen Sie sich gegen jedes gndige Geschenk aus. Es wrde diese Familie nur
verletzen.
    Der Kammerherr freute sich ber den Tact seines jungen Herrn und versprach,
den Brief nach Wunsch einzurichten. Das vershnte den Prinzen, und er begann
nach einer Weile: Ich habe mir ausgedacht, Weidegg, was wir geben drfen. Frau
Professorin ist vom Lande, ihr schenke ich als Attrape die Maschine, die ich
neulich gekauft habe, und ich lege hbsche Bonbons oder so etwas hinein.
    Jetzt will er die unntze Spielerei wieder loswerden, dachte der Kammerherr.
Das geht unmglich, erwiederte er laut. Ew. Hoheit sind gar nicht sicher, da
Frau Professorin den Scherz so auffassen wird, wie er gemeint war. Und verzeihen
Ew. Hoheit die Bemerkung: es ist sehr milich, in solche Geschenke etwas zu
legen, was Mideutungen unterliegen kann. Ew. Hoheit vollends drfen dergleichen
niemals wagen. Wenn auch die liebenswrdige Frau selbst nichts darin findet, in
ihrem Kreise wird viel besprochen werden, da ein solcher Scherz von Ew. Hoheit
gemacht ist, und man wrde darin leicht eine ironische Anspielung auf ein
gewisses lndliches Benehmen finden, welches der Dame unleugbar recht gut steht,
aber doch hier und da Veranlassung zu leisem Lcheln sein kann.
    Dem Prinzen fror das Herz, er war wthend auf den Kammerherrn und erschrak
auch wieder bei dem Gedanken, da er Frau Ilse verletzen knnte; die Poesie des
Festes war ihm grndlich verdorben, er ging stumm in sein Quartier.
    Auf den Brief des Kammerherrn kam die Antwort, da der Frst gegen einen
gelegentlichen Besuch des Erbprinzen trotz der nahe liegenden Inconvenienz
nichts einwenden wolle, und da, wenn eine Aufmerksamkeit berhaupt
unvermeidlich sei, dieselbe von einem Grtner und Conditor beschafft werden
msse. Es wurde also eine Menge von Blumen und Confitren durch den Kammerherrn
eingekauft und vor dem Prinzen aufgesetzt. Dieser aber sah kalt und schweigend
ber den frhlichen Farbenglanz. Zwei Lakaien trugen die Sachen gegen Abend zum
Rector mit einem kleinen Billet des Kammerherrn, welcher im Namen seines
durchlauchtigsten Prinzen bat, die Sendung zum Ausputz des Weihnachtstisches zu
verwenden. Unterde stand der Prinz finster vor dem landwirthschaftlichen
Mechanismus und haderte bitter mit seiner frstlichen Wrde.
    Als er zur geziemenden Stunde bei Werners eintrat, war die Bescherung
vorber, der Christbaum ausgelscht. Ilse hatte das so gewollt, es ist nicht
nthig, da die fremden Herrschaften sehen, wie wir uns ber die Geschenke
freuen. Der Prinz empfing den Dank Ilse's ber den prchtigen Schmuck ihres
Tisches mit Zurckhaltung und sa schweigend und zerstreut vor dem Theekessel.
Ilse dachte: Ihm thut esweh, da er keinen frohen Weihnachtsabend hat, das
rmste Kind ist lustig vor seinem Fichtenbumchen, und er sitzt wie
ausgeschlossen von den Freuden der Christenheit. Sie winkte Laura und sagte dem
Prinzen: Wollen Ew. Hoheit nicht unsern Christbaum ansehen? Die Lichter muten
gelscht werden, sonst brannten sie auf einmal herunter. Ist's aber Ew. Hoheit
recht, so znden wir die ganze Herrlichkeit noch einmal an, und es wre sehr
gtig, wenn Hoheit uns dabei helfen wollten.
    Das war dem Prinzen doch willkommen, und er ging mit den Frauen in das
Weihnachtzimmer. Dort erbot er sich, den Stock zu nehmen, an dessen Spitze ein
Wachsstockende befestigt war, um die hchsten Lichter des mchtigen Baumes zu
erreichen. Whrend er geschftig an dem Baum arbeitete, wurde ihm das Herz etwas
leichter, und er sah mit Antheil auf die Geschenke, welche unter dem Baume
lagen. Jetzt aber haben Ew. Hoheit die Gte, hinauszugehen, sagte Ilse,
undwenn ich klingle, so gilt es Ihnen und Herrn von Weidegg, das kann Ew.
Hoheit nicht erspart werden. Der Prinz eilte hinaus, die Schelle tnte. Als die
Herren eintraten, fanden sie zwei kleine Tische gedeckt, darauf angezndete
Bumchen und unter jedem eine groe Schssel mit Backwerk, das man nur in der
Landschaft zu backen verstand, welcher sie angehrten. Das soll eine Erinnerung
an unsere Heimat sein, sagte Ilse, und auf den Bumchen sind die Aepfel und
Nsse, welche die Herren selbst vergoldet haben; die mit den rothen Flecken sind
Ew. Hoheit Arbeit. Und dies ist eine respectvolle Sendung aus der Wirthschaft
meines lieben Vaters. Ich bitte die Herren, die gerucherte Gnsebrust mit gutem
Appetit zu verzehren; wir sind ein wenig stolz auf diese Leistung. Hier aber,
mein gndigster Prinz, ist zur Erinnerung an mich ein kleines Modell von unserm
Butterfa, denn dabei habe ich als ein Kind vom Lande meine hohe Schule
durchgemacht, wie ich neulich Ew. Hoheit erzhlte. Und auf dem Platze des
Prinzen stand wohlhbig dies ntzliche Werkzeug aus Marzipan gefertigt. Unten
auf dem Boden habe ich Ew. Hoheit mein Sprchel von damals aufgeschrieben. Und
so nehmen die Herrschaften mit dem guten Willen vorlieb.
    Sie sagte das mit so inniger Frhlichkeit und bot dem Kammerherrn dabei so
gutherzig die Hand, da diesem seine Anstandsbedenken schwanden und er ihr recht
wacker die Rechte schttelte. Der Prinz aber stand vor seinem Fchen und
dachte: Jetzt ist der Augenblick, oder er kommt nie. Er las unten die
anspruchslosen Worte: Hat man sich mit Einem rechte Mh' gegeben, so bleibt es
Segen fr das ganze Leben. Da bat er ohne alle Rcksicht auf die druenden
Folgen seines Wagnisses: Darf ich Ihnen einen Tausch vorschlagen? Ich habe auch
eine kleine Buttermaschine gekauft, sie ist mit einem Rade und einer Scheibe zum
Drehen, und man kann sich darin jeden Morgen seinen Bedarf selbst machen. Es
wre mir groe Freude, wenn auch Sie diese annehmen wollten.
    Ilse verneigte sich dankend, der Prinz bat, den Diener sogleich in sein
Quartier zu senden. Whrend der Kammerherr noch erstaunt den Zusammenhang
berdachte, wurde der Mechanismus in das Zimmer getragen, der Prinz setzte ihn
mit eigenen Hnden auf eine Ecke des Tisches, erklrte der Gesellschaft die
innere Einrichtung und war sehr erfreut, als Ilse sagte, da sie Zutrauen zu der
Erfindung habe. Wieder wurde er das frhliche Kind von neulich, trank lustig
sein Glas Wein und brachte mit geflligem Anstand die Gesundheit des Hausherrn
und der Hausfrau aus, so da der Kammerherr seinen Telemach gar nicht
wiedererkannte. Und beim Abschiede packte er sich selbst den Marzipan ein und
trug ihn in der Tasche nach Hause.

                                       2.

                                        

                              Aus drei Cabinetten.


Das Jahr des Rectorats hatte auch Ilse's Haushalt und den Kreis ihrer Gedanken
so umgeformt, da sie dem Gatten erstaunt sagte: Ich bin jetzt wie aus der
Schule in das Getmmel der Welt versetzt. Die Tage ihres Felix waren mit
zerstreuenden Geschften belastet, schwierige Verhandlungen der Universitt mit
der Regierung, rgerliche Vorflle in der Studentenschaft nahmen einen groen
Theil seiner Zeit in Anspruch.
    Auch die Abende verliefen nicht wie im ersten Jahr, wo Ilse der stillen
Arbeit des Gatten zusah oder den Worten der Mnner lauschte; denn viele Abende
waren dem Professor durch Sitzungen des Senats in Anspruch genommen und viele
durch grere Gesellschaften, denen er als Rector sich nicht entziehen wollte.
Wenn die Freunde zum Theetisch kamen, fehlte zuweilen der Hausherr.
    Ilse hatte die Lehre des Vaters beherzigt. Sie lebte frisch darauf los und
mied verwirrende Gedanken. Der Gatte selbst war ngstlich bemht, Alles von ihr
fern zu halten, was ihre Ruhe stren konnte, und die geistige Dit, welche ihr
zu Theil wurde, that ihr sehr wohl. Wenn er sie in Gesellschaft sich gegenber
sah, wieder in voller Kraft und Gesundheit, die Wange leicht gerthet, um Augen
und Lippen heiteres Leben, da war ihm, als sei seine Pflicht, diese Seele fr
immer zu behten vor dem bermchtigen Einbruch kmpfender Gewalten, und ihm war
ganz recht, da sie auch durch hufigen Verkehr mit verschiedenartigen Manschen
und durch die leichten Bande einer reichen Geselligkeit heimisch wurde in seinem
Kreise. Freudig sah er, da ihre unbefangene Art Anerkennung fand, und da sie
nicht nur von den Mnnern mit Auszeichnung behandelt wurde, auch den Frauen
gefiel.
    Doch das Privatissimum, wie Ilse nach Universittsgebrauch die Stunde
nannte, wo sie die lehrenden Worte des Gatten vernahm, wurde unter allen
Strungen fortgesetzt: darauf hielt die Hausfrau mit eiserner Strenge, und wenn
ein Tag versumt war, mute das Verlorene am nchsten eingebracht werden. Aber
auch in diese Stunden war ein anderer Inhalt gekommen. Der Professor las jetzt
mit ihr kleine Stcke alter Schriftsteller, welche in Vers und Prosa die
grazise Schnheit des antiken Lebens abspiegelten. Die unschuldige Seele der
Frau fand sich in der heitern Sinnlichkeit dieser fremden Welt arglos zurecht,
und die Eindrcke, welche sie erhielt, stimmten vortrefflich zu der Weise, in
der sie sich jetzt das eigene Leben zurechtlegte. Der Professor erklrte ihr
einzelne Gedichte der griechischen Anthologie und des Theokrit, Weniges aus der
Lyrik der Rmer, dazwischen aber zum Vergleich Gedichte des groen Deutschen,
der in einziger Weise griechische Schnheit mit deutscher Empfindung zu
vermhlen gewut. Wieder klangen in das Tagesleben der jungen Frau leise die
Melodien des hellenischen Saitenspiels und der Rohrpfeife, wenn Laura ber ihrem
toten Kanarienvogel trauerte, oder wenn Ilse selbst mit Frau Gnther traulich
schwatzend nach dem stdtischen Museum ging, dem syrakusischen Weibe gleich,
welches die Nachbarin abholt, um die reiche Ausstellung der Knigin auf der Burg
zu betrachten. Und als der Gatte sich einmal in spter Stunde ber ihr Antlitz
beugte, um zu sehen, ob sie entschlummert war, da schlug sie die Augen zu ihm
auf und frug ihn, ob er etwa auf ihrer Schulter seine Versfe abzhlen wollte,
und sie wand ihm ihre langen Haare um den Hals und lachte, als er darber seine
groe Abhandlung von den Gladiatoren im Stich lie, ber welcher er in der
Stille arbeitete.
    Auch die Wrde der Magnificenz erwies Ilse in groer Abendgesellschaft, alle
Zimmer waren geffnet, die schmucke Wohnung strahlte im Kerzenglanz, die Hupter
der Universitt und Stadt mit ihren Frauen waren zahlreich erschienen, der Prinz
und sein Kammerherr fehlten nicht. Laura half anmuthig die Honneurs machen und
in der Stille die fremden Diener anweisen; Kche und Wein thaten geschmackvoll
ihre Pflicht, die Gste geberdeten sich artig und schieden frhlich angeregt.
Jetzt war der groe Abend glcklich vergangen, auch der Doctor und Laura hatten
sich entfernt; Ilse gab die letzten Auftrge an Gabriel und schritt noch einmal
durch die Zimmer in dem frohen Gefhl, da sie ihrem Felix und sich Ehre
eingelegt hatte. Im Ankleidezimmer warf sie einen Blick in den Spiegel. Du hast
nicht nthig, dich prfend zu betrachten, sagte der Gatte, es war Alles sehr
schn, aber das Schnste war die Frau Rectorin.
    Damon, mein Schfer, versetzte Ilse, wie bist du verblendet. Doch sagst
du's auch nicht zum ersten Mal, ich hre solche Worte sehr gern, du kannst
dasselbe mir noch recht oft erzhlen. Aber Felix, fuhr sie fort, indem sie ihr
Haar auflste, es ist immer etwas Festliches selbst bei solcher Gesellschaft,
wo die Menschen nichts thun als sich unterhalten. Man trgt von Keinem viel
davon, und doch ist's ein hbsches Vergngen, unter ihnen umherzutreiben, Alle
wollen artig sein und suchen sich auf's Beste zu erweisen, und Jeder ist bemht,
sich den Andern ein wenig anzupassen.
    Nicht Jedem gelingt bei solcher Gelegenheit, seinen Inhalt gut
darzustellen, am wenigsten uns Bchermenschen, antwortete Felix. Aber es ist
wahr, diese Gesellschaften geben Solchen, die in hnlichen Lebenskreisen stehen,
eine gewisse Gemeinsamkeit der Sprache und Haltung, zuletzt auch der Ideen. Und
das ist sehr nthig, denn im Grunde sind auch die, welche nahe an einander
leben, in einem weiten Gebiet ihres Empfindens und Denkens oft so verschieden,
als ob sie aus verschiedenen Jahrhunderten stammten. Wie hat dir der Kammerherr
gefallen?
    Ilse schttelte den Kopf. Er ist der artigste und aufgeweckteste von Allen
und wei Jedem etwas Verbindliches zu sagen; aber man mchte ihm doch nicht
trauen, denn man hat wie bei einem Aal gar keinen Anhalt und keinen Augenblick,
wo man in sein Herz sieht. Da war mir unser Prinz mit seinem steifen Wesen
lieber. Er hat mir heut von seiner Schwester erzhlt, die mu sehr gescheidt und
liebenswrdig sein. Aus welchem deiner Jahrhunderte stammt denn er?
    Aus der Mitte des vorigen, erklrte der Gatte lachend, er ist gute
hundert Jahre lter als wir, aus der Zeit, wo die Menschheit in zwei Klassen
zerfiel, in Hoffhige und in Sklaven. Aber wenn du dich in unserer Nhe umsehen
willst, kannst du grere Unterschiede erkennen. Da ist unser Gabriel, eine
Menschenseele, die in ihren Vorurtheilen und ihrer Poesie um dreihundert Jahre
hinter der Gegenwart zurckgeblieben ist. Seine Weise zu empfinden erinnert an
die Zeit, in welcher die groen Reformatoren unser Volk zuerst zum Denken
heranzogen. Dagegen die feindlichen Nachbarn sind in mancher Hinsicht
Reprsentanten von zwei entgegengesetzten Richtungen, welche am Ende des vorigen
Jahrhunderts neben einander liefen, in unserm Hause eigensinniger Rationalismus,
bei den Alten drben eine weiche Gefhlsseligkeit.
    Und welcher Zeit gehre ich an? frug Ilse, sich vor den Gatten stellend.
    Du bist mein liebes Weib, rief er und wollte sie an sich ziehen.
    Ich will dir's sagen, fuhr Ilse zurckweichend fort, nach eurer Meinung
bin ich auch aus einer vergangenen Zeit, und das hat mich mehr gengstigt, als
ich jetzt aussprechen will. Aber ich mache mir nichts mehr daraus. Denn wenn ich
dich zwingen kann, meine Hand zu kssen, so oft ich dir's befehle - der
Professor war sehr willig dazu -; wenn ich sehe, wie es dich auch keine
Ueberwindung kostet, mich einmal auf den Mund zu kssen - es ist nicht nthig,
da du es jetzt versuchst, ich glaube dir; ferner, wenn ich merke, da der
gelehrte Herr nicht abgeneigt ist, mir die Schlafschuhe zu reichen und
vielleicht gar mein Nachtkleid - gut, ich will nicht, da du dich weiter
bemhst. Hier hkele mir die Ohrringe auf und mache das Kstchen hbsch zu; und
wenn ich auerdem merke, da dir viel daran gelegen ist, mir zu gefallen, da du
auf meinen Wunsch die Consistorialrtin zu Tische gefhrt hast, die du gar nicht
leiden kannst, und da du mir dies prchtige Kleid gekauft hast, obgleich du vom
Kaufen gar nichts verstehst; wenn ich ferner sehe, da Magnificenz ganz in
meiner Botmigkeit sind, da ich die Schlssel zum Brote habe und sogar deine
Geldrechnung fhre, und wenn ich mir endlich in das Gedchtnis zurckrufe, da
du guter, lieber Bchermann neben deinen Griechen und Rmern auch Frau Ilse
kleiner Abhandlungen wrdigst und da dir eine Freude ist, wenn ich ein wenig
von deiner gelehrten Schreiberei verstehe, so kommt mir die Meinung, da du ganz
mir angehrst, du und deine Zeit, und da es mir ganz gleichgltig ist, aus
welcher Periode der Weltgeschichte meine Gemtsart stammt. Denn wenn ich
zurckgebliebenes Kind aus entlegener Zeit dich in das Ohrlppchen zwicke, wie
ich jetzt tue, so wird mir der groe Herr der Gegenwart und Zukunft und sein
Philosophieren ber verschiedene Menschen nur lcherlich. Nachdem ich dir diesen
Vortrag gehalten habe, kannst du ruhig einschlafen.
    Das wird schwer halten, versetzte der Professor, wenn die gelehrte Frau
um das Lager herumwandelt und im Nachtkleide Reden hlt, die langstieliger sind
als die eines rmischen Philosophen. Und wenn sie darauf mit den Schrankthren
klappert und in dem Zimmer umherfhrt.
    Mein Tyrann fordert morgen frh seinen Kaffe, der mu heut herausgegeben
werden, und ich kann nicht einschlafen, wenn ich nicht alle Schlssel neben mir
habe.
    Da hilft nichts, sagte der Professor, als ernsthafte Beschwrung, und
einen Vers des Theokrit parodierend, rief er: Drehhals, wende dich um und ziehe
das Weib in die Kammer.
    Ich mu nachsehen, ob noch irgendein Licht brennt, rief Ilse hinein. -
Aber gleich darauf kniete sie an seinem Lager nieder und umschlang ihn mit ihren
Armen. Es ist so schn auf der Welt, Felix, rief sie, bitten wir demtig, da
unser Glck dauere.
    Ja du bist glcklich, Frau Ilse, aber wie dein Vater gesagt hat, du
verdankst dein Glck der Vorsicht, nicht der Tapferkeit.

    Als Ilse ihrem Vater schrieb, wie die groe Abendgesellschaft verlaufen war,
verga sie nicht beizufgen, da auch ihr knftiger Landesherr wieder unter den
Gsten gewesen war, und da sie sich mit ihm recht verstndig unterhalten habe.
Der Vater schien ihr die letzte Mittheilung nicht recht zu wrdigen, denn er
antwortete rgerlich: Wenn du so einflureiche Rathgeberin geworden bist, sorge
lieber dafr, da wir einen Anschlu an die groe Chaussee erhalten; die Sache
wird seit zehn Jahren von den Behrden hingezogen, es ist eine Schande, da wir
von aller Welt so abgeschnitten sind. Der Schimmel hat das Bein gebrochen. Unser
Gut wre an die zehntausend Thaler mehr werth, wenn die Regierung nicht so
saumselig wre.
    Ilse las den Brief ihrem Gatten vor und fgte hinzu: Das mit der Chaussee
wollen wir dem Prinzen sagen, der kann es bei seinem Vater durchsetzen. Der
Gatte lachte. Ich bernehme diesen Auftrag nicht, der Prinz sieht mir nicht
aus, als ob er groen Einflu auf die Regierung htte.
    Das wollen wir doch sehen, versetzte Ilse frhlich, bei nchster
Gelegenheit spreche ich ihn darauf an.
    Diese Gelegenheit blieb nicht aus. Der Consistorialrath, welcher jetzt
theologischer Decan war, lud zu einem Thee. Es war eine vornehme und ehrwrdige
Gesellschaft, fr Ilse gar nicht behaglich, die Frmmigkeit des Decans war ihr
lngst verdchtig, aus dem Frack des slichen Herrn sah sie oben deutlich einen
eingeknpften Fuchsschwanz herausragen, in den Reden der Frau Decanin war eine
unbequeme Mischung von Honig und Galle, die Rume waren enge und hei und die
Gste gelangweilt. Aber der Erbprinz mit seinem Kammerherrn hatte zugesagt. Als
er eintrat, strebten der Hausherr und einige Gste, welche den Brauch der Hfe
kannten, nach einer Aufstellung mit Front, aber der Erfolg wurde durch die
Unachtsamkeit oder aufsssiges Wesen der Mehrzahl vereitelt. Der Prinz mute
sich, vom Hausherrn geleitet, durch die Gruppen bis zur Frau Decanin
vdurchkmpfen. Sein Blick prallte von ihren scharfen Zgen ab und irrte in ihrer
Nhe umher, wo Ilse stand, wie aus einem andern Planeten herabgestiegen. Sie war
heut sehr majesttisch, der kleine Bandschmuck sa wie ein Krnchen auf den
lockigen Haaren, deren Flle ihr Haupt mchtig umgab. Der Prinz sah scheu auf
sie und konnte kaum die Worte finden, welche er ihr gnnen mute. Als er sich
nach kurzem Gru wieder zur Gesellschaft wandte, war Ilse unzufrieden, sie hatte
als gute Bekannte artigere Behandlung erwartet. Sie berlegte nicht, da seine
Aufgabe in der Gesellschaft nicht die eines Privatmannes war, und da er
frstliche Pflichten zu erfllen hatte, bevor er als Mensch unter den Andern
umherlaufen konnte. Whrend er aber mit innerem Unwillen that, was seine
Stellung erheischte, zuerst langsam umherging, zu Ilse's Gatten, dann zu den
brigen Wrdentrgern, darauf feste Stellung nahm, sich Einzelne vorstellen lie
und Fragen that, wie sie fr solche Flle berlegt waren, wartete auch er
ungeduldig auf den Zeitpunkt, wo ihm das Schicksal gestatten wrde, mit der
Landsmnnin ein wenig zu reden. Er hielt aber wacker Stand; der Professor der
Geschichte sprach ihm seine Freude aus, da jetzt ltere Chroniken seiner
Landschaft herausgegeben wrden, und suchte halb erzhlend, halb belehrend die
Bedeutung derselben klar zu machen. Unterde bedachte der Prinz, da die Frau
Rectorin wenigstens zu seiner linken Seite sitzen werde, denn der Kammerherr
hatte ihn aufmerksam gemacht, da die Decanin seine rechte Seite erhalten msse.
    Die Sache war zweifelhaft. Denn die Decanin war zwar Wirthin, aber der Abend
hatte einen gewissermaen officiellenoffiziellen Universittsstrich, und Ilse
war ohne Widerrede unter den gelehrten Damen die vornehmste. Jedoch dieser
Zweifel wurde deshalb unwesentlich, weil der Decan fr zahlreiche Zusendung
theologischer Werke und bewundernde Huldigungsbriefe von dem Frsten bereits das
Comthurkreuz seines Ordens erhalten hatte. Da er bis zu diesem emporgeklettert,
glich, wie der Kammerherr auseinandersetzte, den Wrdenunterschied zwischen
Magnificus und Decan so vollstndig aus, da die Decanin doch schlielich das
beste Recht hatte. Nun war allerdings, wie der Kammerherr zugab, im Grunde
gleichgltig, wie man hier durcheinander sa, denn von einem Recht auf Rang
konnte in dieser Gesellschaft berhaupt nicht die Rede sein. Doch war es
angemessen, wenn der Prinz nicht ganz versumte, zu distinguiren.
    Also an seiner linken Seite wenigstens hoffte der Prinz Frau Ilse zu finden.
Allein auch diese Erwartung wurde durch die Tcke der Decanin vereitelt. Denn in
der Gesellschaft erschien die Frau eines Obersten, Mann und Frau von alter
Familie, erst an den Ort versetzt. Beflissen fhrte die Decanin den Kammerherrn
der eintretenden Frau Oberst zu, und bei der Begrung ergab sich zum Ueberflu,
da beide gemeinsame Verwandte hatten. Dadurch wurde die Rangordnung des Soupers
zerrttet. Die Dame forderte ihr Recht der Vorstellung. Der Kammerherr fhrte
sie dem Prinzen entgegen, der Prinz aber kam artig zuvor und sprach seinen
Wunsch aus, der Dame genannt zu werden. Sie lt sich einem Studenten
vorstellen, sagte erstaunt die kleine Gnther. - Das ist eine Beeintrchtigung
der socialen Vorrechte, welche die Frau dem Mann gegenber zu behaupten hat,
versetzte unwillig die Struvelius.
    Sie macht es doch recht hbsch, erwiederte Ilse, und wie sie sich mit ihm
unterhlt, gefllt mir. Die Frauen wuten nicht, da der Gegenstand ihrer
Bemerkungen in diesem Augenblick scheinbarer Erniedrigung den Triumph einer
hhern Stellung freudig empfand. Der Prinz, die Oberstin und der Kammerherr
bildeten fr kurze Zeit eine Gruppe, von welcher das Licht des Abends
ausstrahlte, alle drei in dem Bewutsein, da sie unter Fremden
zusammengehrten.
    Die Folge dieser Vorstellung war, da die Frau Oberst an der linken Seite
des Prinzen zu sitzen kam, und Ilse, von zwei Decanen eingefat, ihm gegenber.
Fr den Prinzen wurde die Bewahrung frstlicher Wrde dadurch nicht leichter,
da er die Augen und das Lockenhaar seiner Landsmnnin vor sich erblickte, sooft
er die Augen erhob. Langsam schlich ihm die Abendstunde dahin, erst kurz vor dem
Aufbruch fand er Gelegenheit, ungezwungen mit Frau Ilse zusammen zu treffen.
Warte, dachte Ilse, die Chaussee soll dir nicht geschenkt sein.
    Haben Sie Nachricht von Ihrem Herrn Vater und dem Gut? begann der Prinz
mit einer Frage, welche die Unterhaltung schon fter eingeleitet hatte. - Es
ist keine gute Nachricht, entgegnete Ilse, denken Ew. Hoheit, eines unserer
Arbeitspferde hat den Fu gebrochen. Es war ein Schimmel, den wir selbst
gezogen, ein gutes, frommes Thier, ich bin manchmal auf ihm geritten, obgleich
der Vater das nicht gern sah. Denn sehen Ew. Hoheit, der Weg bei uns bis zu der
greren Marktstadt, wohin der Vater jedes Jahr das Getreide abliefern mu, ist
unverantwortlich schlecht, es geschieht durch die Regierung gar nichts dafr.
Seit zehn Jahren hngt die Sache, aber es kommt zu nichts. Wenn Ew. Hoheit etwas
dazu thun knnten, da uns eine Chaussee gebaut wird, so bitte ich sehr, Sie
helfen der ganzen Gegend auf. Der Prinz sah ihr treuherzig in die Augen und
sagte verlegen: Das ist Sache der Regierung, ich glaube, mein Vater wei davon
nichts.
    Das glaube ich auch, versicherte Ilse siegreich, die Herren von der
Regierung haben immer Grnde, nichts zu thun; Schwierigkeiten machen und kein
Geld haben, das verstehen sie am besten. Der Kammerherr trat in die Nhe, und
da die Unterhaltung einen unheimlichen politischen Anstrich erhalten, nahm der
Prinz schnell seinen Rckzug mit den Worten: Hoffen wir das Beste, lchelnd
und sich verbeugend. Ilse flsterte beim Herausgehen ihrem Manne zu: Felix, ich
hab's ihm gesagt; er ist ein gutes Kind, aber in Gesellschaft hat er nichts als
Redensarten.
    Der Zufall wollte, da einige Wochen darauf der frstliche Rat, welcher die
oberste Verwaltung von Rossau hatte, nach der Universittsstadt kam, den
Kammerherrn besuchte und von diesem zum Prinzen gefhrt ward. Er wurde zum
Mittagessen geladen, der Prinz zeigte ungewhnlichen Antheil an den
Verhltnissen der abgelegenen Gegend, erkundigte sich nach den Gtern und deren
Besitzern und sagte endlich beim Kaffe, als er allein mit dem Rath am Fenster
stand: Wie kommt es, da noch keine Chaussee in der Gegend ist? Knnten Sie
nicht etwas dafr thun? Der Beamte setzte die Schwierigkeiten gebhrend
auseinander. Der Prinz erwiederte endlich: Ja, ich wei, an Grnden fehlt es
nicht, Sie wrden mich aber verbinden, wenn Sie sich Mhe geben wollten, die
Sache doch durchzusetzen.
    Mit diesen Worten im Herzen reiste der Beamte nach Hause, hchlich aufgeregt
durch diese Lebensuerung seines zuknftigen Herrn. Er wlzte die Worte drei
Tage lang im bekmmerten Gemth, ihre Bedeutung wurde ihm immer grer, seine
eigene Zukunft mochte davon abhngen. Endlich kam er zu der Ansicht, da dies
ein Fall sei, der einen auerordentlichen Entschlu nthig mache, er setzte sich
auf, fuhr nach der Residenz und legte die ganze Unterredung und ein dickes
verstubtes Actenbndel, Chausseeangelegenheiten, vor seinem Minister nieder.
Der Minister dankte ihm fr die Nachricht und kam wieder zu der Ansicht, da
hier ein Inzidentpunkt vorliege, bei dem es klug sei, Serenissimo Mittheilung zu
machen. Am Ende eines Vortrags ber Staatsangelegenheiten erwhnte er, da im
Distrikt von Rossau die Klagen ber die schlechten Wege und das Verlangen nach
einer Chaussee lebhaft wrden, und erzhlte, bei welcher Gelegenheit der
Erbprinz selbst seinen Antheil an dem Bau ausgesprochen habe. Der Frst erhob
sich schnell von seinem Sessel. Der Erbprinz? Was bedeutet das? - Es ist mir
lieb, da mein Sohn Theilnahme fr Landesangelegenheiten beweist, fgte er
hinzu, ich werde mir die Sache berlegen. Denselben Tag ging ein eigenhndiger
Brief des Frsten an den Kammerherrn ab: Woher kommt das Wohlwollen des
Erbprinzen fr den Chausseebau bei Rossau? Ich fordere genauen Bericht. - Der
Kammerherr geriet in Verlegenheit, auch er fhlte seine Stellung durch ein
Geheimni gefhrdet. Endlich whlte er, zwischen Vater und Sohn gestellt, den
Weg offener Entfaltung vor der knftigen Sonne und theilte dem Prinzen die Frage
des Frsten mit.
    Sie sehen, welche Wichtigkeit der Herr auf die Sache legt, es wird
unvermeidlich sein, ihm Nheres mitzutheilen.
    Der Prinz war ebenfalls betroffen. Es war ja nichts als ein hingeworfenes
Wort, entgegnete er zgernd.
    Um so besser, sagte der Kammerherr, es kommt nur darauf an, zu sagen, wie
in Ew. Hoheit der Wunsch entstand. Dem Frsten knnte auffallend sein, wenn sich
Untertanen oder Behrden an Ew. Hoheit, statt an ihn selbst gewandt htten. Das
war, soviel ich wei, nicht der Fall.
    Nein, versetzte der Prinz, ich habe bei dem Rector magnificus davon
gehrt, ich habe ja nichts gethan, als den Rat, als er hier war, deshalb
gefragt. Ich wollte doch eine Antwort geben knnen, fgte er klug hinzu.
    Beruhigt setzte sich der Kammerherr hin, rhmte in seinem Bericht den
Professor und Ilse, welche ein angenehmes Haus machten, und verfehlte nicht, zu
bemerken, da der Erbprinz gern dort sei. Er war erfreut, als wenige Tage darauf
einer geschftlichen Mittheilung des Kabinetssecretrs eine eigenhndige
Nachschrift seines Gebieters zugefgt war, in welcher dieser seine besondere
Zufriedenheit mit dem Erbprinzen und dem Kammerherrn aussprach.
    Nicht weniger erfreut war Ilse, als ihr der Vater schrieb: Ilse, kannst du
hexen? Es ist Befehl gegeben, die Chaussee sofort in Angriff zu nehmen, der
Wegebaumeister ist bereits hier, die Strae abzustecken. Ilse brachte am Mittag
den Brief vergngt aus ihrer Rocktasche. Lies, unglubiger Mann, und sieh, was
unser kleiner Prinz durchzusetzen vermag, wir haben dem guten Herrn doch Unrecht
gethan. Mein armer Schimmel hat ihn gedauert, und er hat seinem lieben Vater
Alles geschrieben.
    Als der Erbprinz wieder einmal in grerer Gesellschaft an Ilse trat, begann
sie nach der ersten Begrung leise: Meine Heimat ist Ew. Hoheit zu warmem Dank
verpflichtet, Hoheit haben die Gte gehabt, sich fr die Chaussee zu verwenden.
    Wird sie gebaut? frug der Prinz berrascht.
    Und das wissen Ew. Hoheit nicht? Ihre Verwendung hat es doch bei Ihrem
durchlauchtigsten Herrn Vater durchgesetzt.
    Das wrde wenig genutzt haben, fuhr der Prinz heraus, nein, nein, setzte
er eifrig ablehnend hinzu. Ich habe deshalb meinem Vater nicht geschrieben. Es
ist ganz sein eigener Entschlu.
    Ilse schwieg, ihr war unbegreiflich, was den Sohn eines Frsten verhindern
knne, dem Vater offen eine geschftliche Bitte vorzutragen, deren Erfllung
wohlthtig fr Viele war. Und da er jeden Antheil ablehnte, den er doch
offenbar hatte, dnkte ihr eine sehr ungeschickte Bescheidenheit.
    Der Kammerherr aber hatte in dem letzten Kabinetsschreiben eine Besttigung
seiner Ansicht gefunden, da der Frst den Verkehr des Erbprinzen im Hause des
Rectors nicht ungern sehe. Er dachte zuweilen ber den Grund dieser hohen
Theilnahme an Menschen nach, welche so sehr auerhalb des Gesichtskreises
frstlicher Beachtung standen. Er kam darber nicht recht auf's Reine. In jedem
Fall war seine eigene Aufgabe, den Prinzen von diesem Hause nicht zurckzuhalten
und sich selbst dem Rector und seiner Hausfrau angenehm zu erweisen. Dies
Letztere that er gern und ehrlich, nicht nur, weil der Rector ein angesehenes
Haus machte. Er fand sich zuweilen ohne den Prinzen bei dem Professor ein, lie
sich von ihm Bcher empfehlen, achtete sehr auf sein Urtheil ber Menschen,
whlte, soweit ihn die Anweisung des Frsten nichtband, auch die Lehrer des
Prinzen nach seinem Rath. Die energische Wucht und das stolze, wahrhafte Wesen
des Gelehrten zogen den Hofherrn an und Werner wurde ihm bald eine werthvolle
Bekanntschaft. Auch Frau Ilse war er aufrichtig zugethan und auch sie erlebte
einige Augenblicke, wo etwas von dem Herzen des Kammerherrn zu sehen war.
    Aber obgleich der Kammerherr alle Fgsamkeit eines Hofmanns hatte und wute,
da dem Frsten und seinem jungen Herrn die Besuche im Hause des Rectors
willkommen waren, bewies er doch an seinem Prinzen wenig Zuvorkommenheit gegen
hchste Wnsche. Ja, er war geneigt, Schwierigkeiten aufzufinden, wenn einmal,
was freilich selten geschah, sein Prinz eine Theestunde bei Werners vorschlug.
Er kam in schicklichen Zwischenrumen mit dem Prinzen an, aber er vermied seit
der Chausseeangelegenheit fr den Erbprinzen grere Annherung. Dagegen suchte
der Kammerherr den Prinzen in geeigneter Weise unter den Studenten einzubrgern.
Von den Genossenschaften, welche sich durch Farben, Bruche und Statuten
unterschieden, war damals das Corps der Markomannen vor andern ansehnlich. Es
war die aristokratische Verbindung, enthielt viele Shne alter Familien, einige
der besten Schlger, seine Mitglieder trugen die bunte Mtze am stolzesten, sie
waren vielbesprochen, nicht gerade beliebt. Der Kammerherr fand in diesem Corps
einen Verwandten und unter den Huptern das wnschenswerte Verstndni fr die
sociale Stellung des jungen Herrn.
    So machte sich's, da der Prinz mit dieser Verbindung nher bekannt wurde,
er lud die Studenten in sein Quartier, besuchte zuweilen ihre kleinen
Trinkabende und wurde von ihnen in die Gewohnheiten des akademischen Lebens
behaglich eingefhrt. Er nahm Fechtstunde, erwies darin trotz seinem zarten und
wenig gesthlten Krper einiges Geschick, und die sausende Klinge des Rappiers
gefhrdete in seiner Wohnung alltglich Spiegel und Kronleuchter.
    Ilse aber sprach gegen den Gatten ihre Verwunderung aus, da der Prinz sich
zuerst so schnell und rckhaltlos aufgeschlossen hatte und sich seit dem groen
Erfolg in Chausseesachen so vorsichtig zurckhielt. Bin ich ihm zu anmaend
erschienen? frug sie bekmmert, es war doch nur in guter Meinung gesagt. Aber
ich merke, Felix, bei diesen Herrschaften ist es nicht wie bei Unsereinem. Wo
wir einmal gutes Zutrauen haben, da richten wir uns huslich ein, sie aber sind
wie die Vgel, sie singen dicht beim Ohr ihr Lied, und husch, fliegen sie auf
und suchen in der Ferne einen andern Ruheplatz.
    Im nchsten Jahr kommen sie vielleicht wieder, erwiederte der Gatte, wer
sie sich ans Haus zhmen will, hat das Nachsehen. Wenn ihr lustiger Pfad sie in
die Nhe fhrt, mag man sich ihrer freuen, aber um die Sorglosen soll man sich
nicht das Herz beschweren.
    Und Ilse nickte und versetzte: Honig erflle dir, Thyrsis, den Mund, ich
hre und lerne.
    Aber in der Stille rgerte sich Ilse doch ber die Untreue ihres kleinen
Singvogels.

    Heut treibt mich mein Pflichtgefhl zu Ihnen, begann der eintretende
Kammerherr zum Professor. Unter den Vortrgen, welche fr den Erbprinzen
gewnscht werden, ist auch einer ber Heraldik. Ich bitte Magnificenz, mir einen
Lehrer dafr nachzuweisen, der wenigstens einige Stunden zu geben vermchte. In
der Residenz war keine geeignete Persnlichkeit, und ich gestehe ohne Errthen,
da meine eigenen Kenntnisse viel zu drftig sind, als da ich dem Prinzen davon
etwas ablassen knnte.
    Der Professor dachte nach. Unter meinen Collegen wei ich Niemand, den ich
dafr empfehlen konnte. Es ist mglich, da Magister Knips auch darin Bescheid
wei. Er ist auf allen diesen Seitenpfaden der Wissenschaft gut bewandert, er
ist aber in engen Verhltnissen aufgewachsen und die Formen seiner Ergebenheit
sind ein wenig altfrnkisch.
    Dem Kammerherrn erschien altfrnkische Ergebenheit nicht als Hinderni, und
da er selbst die Gelegenheit benutzen wollte, ber die Bedeutung einer
rtselhaften Figur in seinem Wappen klar zu werden, welche einer Ofengabel sehr
hnlich sah, eigentlich aber ein keltischer Druidenstab war, so versetzte er:
Es wrden doch nur wenige Stunden werden, und ich knnte selbst dabei anwesend
sein.
    Magister Knips wurde gerufen, fand sich, wie immer, auf der Stelle ein und
wurde dem Kammerherrn vorgestellt. Diesem erschien die groteske Gestalt
allerdings in anderer Weise komisch, als mancher von den Herren Professoren,
aber keineswegs ungeeignet. Die Bescheidenheit war unverkennbar, die Devotion
konnte nicht grer sein, und wenn man seine Gestalt in einen ertrglichen Frack
einband, so durfte sie fr den Nothfall neben dem Erbprinzen und dem Kammerherrn
am Tische sitzend gedacht werden. Der Kammerherr frug also, ob Herr Knips im
Stande sei, einige Vortrge ber Heraldik zu halten.
    Falls Ew. Hoch- und Wohlgeboren gndigst vorliebnehmen wollten mit
deutschem und franzsischem Blason, so glaube ich, Denenselben mein allerdings
ungengendes Wissen anbieten zu drfen. In den englischen Wappen und Figuren
dagegen ist meine Kenntni wegen mangelnder Gelegenheit nicht ausreichend.
Dagegen wrde ich Denenselben ber die neueren Untersuchungen wegen der
Ehrenstcke Auskunft zu geben mich befleiigen.
    Das wird nicht einmal nthig sein, versetzte der Kammerherr, und zum
Professor gewandt bat er: Wrden Magnificenz mir erlauben, mit dem Herrn
Magister das Nhere zu besprechen?
    Der Professor berlie die Beiden der geschftlichen Verhandlung, und der
Kammerherr fuhr freier fort: Ich will im Vertrauen auf die Empfehlung des Herrn
Rector einen Versuch machen, ob des Erbprinzen Hoheit Ihre Vortrge benutzen
kann.
    Knips wurde zusehends kleiner und schwand fast ganz in den Erdboden. Nur
sein Haupt neigte sich von der Schulter andchtig nach dem Auge des Kammerherrn.
Dieser bestimmte freigebig den Preis der Stunden, Knips lchelte und drckte die
Augen zusammen. Dagegen mu ich die Forderung stellen, Herr Magister, da auch
Sie nicht verschmhen, sich in Ihrem Aeuern ein wenig den beabsichtigten
Vortrgen anzupassen. Schwarzer Frack und ebensolche Beinkleider.
    Sie sind vorhanden, erwiederte Knips in seinen hchsten Tnen.
    Weie Weste und weie Cravatte, fuhr der Kammerherr fort.
    Ebenfalls vorhanden, fltete Knips wieder.
    Der Kammerherr hielt doch fr wnschenswerth, sich von dieser Befhigung des
Kandidaten durch eigene Anschauung zu berzeugen. Ich ersuche Sie also, sich
auf geeignete Weise in der Wohnung des Erbprinzen einzufinden. Dort besprechen
wir das Nhere.
    Knips erschien am nchsten Morgen in seinem Staatskleid, das Haar durch
starke Brstenstriche geglttet, mit Handschuhen und rundem Hut; und der
Kammerherr fand, da der Mann gar nicht so bel aussah. Er machte ihn also noch
aufmerksam, da es hier nicht auf wissenschaftliche Errterung, sondern vielmehr
auf einen schnellen Ueberblick ankomme, und bergab, um Knipsens Luftschicht zu
weihen, beim Abschiede noch eine Flasche wohlriechendes Wasser fr ein weies
Taschentuch.
    Knips bereitet sich fr seine ersten Stunden vor, indem er zuerst seinen
Farbekasten, dann einige Briefsteller und alte Complimentirbcher hervorzog. Mit
Hlfe des Farbekastens malte er einige Wappen, aus den Bchern schrieb er die
ehrfurchtsvollen Redewendungen ab, welche unsere demthige Kanzleisprache im
Verkehr mit den Groen eingefhrt hat, und lernte alle auswendig. Zur Stunde
stellte er sich dem Kammerherrn vor, glatt und duftend, einer Blume gleich,
welcher durch den Strahl hoher Sonne die Kraft des Stengels genommen ist. So
wurde er vor die Augen des Prinzen gefhrt, welkte auch vor diesem eine Weile
dahin, bis er durch einen Stuhl Halt erhielt, und begann seinen Vortrag, indem
er das frstliche Hauswappen und das Wappen des Kammerherrn aus einer kleinen
Mappe zog, in tiefster Ehrfurcht zu Fen legte und daran die ersten Erklrungen
knpfte.
    Sein Vortrag war nach den eigenen Worten des Kammerherrn ganz magnifique,
seine unterthnigen Arabesken drehten sich zwar wunderlich und weitschweifig,
aber durchaus nicht unangenehm, sie waren possierlich und sie paten sehr zu dem
schnrkelhaften Inhalt seiner Vortrge. Er brachte hufig kleine Zeichnungen,
Wappenbcher und Kupferwerke von der Bibliothek zum Ansehen und erwies sich
grndlicher unterrichtet als vielleicht nothwendig gewesen wre. Wenn er sich ja
einmal auf geschichtliche Errterungen einlie, die ihm anmuthiger waren als
seinen Zuhrern, so hob der Kammerherr nur den Finger und Knips flatterte
ehrerbietig auf die Fahrstrae zurck. Die Herren fanden mehr Gefallen an seinem
Vortrage als an manchem andern, den des Magisters hohe Gnner hielten. Die
Stunden wurden ber das ganze Halbjahr ausgedehnt, denn zufllig fand sich, da
Knips auch in Turnieren, Ringelrennen, Faquins und anderen ritterlichen
Ergtzlichkeiten Bescheid wute. Er erzhlte dem Prinzen von alten Schaufesten
des eigenen hohen Hauses, beschrieb genau das Ceremoniell und wute sogar die
Namen der mitwirkenden Cavaliere anzugeben. Den Zuhrern erschien dies Wissen
staunenswerth, ihn kostete wenig Mhe, die Notizen aus Bchern zusammen zu
tragen. Und als er am Ende reichlich belohnt von dannen schied, war seinen
Hrern leid, da die lustige Gestalt nicht mehr ihre altfrnkische und
verkrauste Weisheit vortragen sollte.
    Mutter, sieh her, rief Knips, in seine Stube tretend, und holte eine
kleine Geldrolle aus der Tasche, das ist die grte Summe, die ich je bei einem
Geschft verdient. Die Mutter schlug mit den Hnden auf die Schrze. Da lobe
ich mir die vornehmen Leute, die wissen meinen Sohn doch zu schtzen.
    Zu schtzen? versetzte Knips verchtlich, die wissen gar nichts von mir
und von dem, was ich verstehe. Und je weniger man ihnen beibringt, desto lieber
ist es ihnen. Es macht ihnen Mhe, das nur aufzuschlagen, was schon fr alle
Welt zugerichtet ist, und was in hundert Folianten steht, war ihnen noch neu.
Ich habe sie behandelt wie kleine Jungen, und sie haben es nicht gemerkt. Nein,
Mutter, sie verstehen noch schlechter, mich zu benutzen als hier das
Professorenvolk. Mich ehren nach meinem Wissen thut Niemand.
    Einer wei es, murmelte er vor sich hin, aber der ist hochmthiger als
der Kammerherr. Der Kammerherr thut, als wollte er ber die alten Carrousels und
Maskeraden sich selbst unterrichten. Ich will ihm den kleinen Rohr zum Andenken
schenken. Es steht gerade so wenig darin, da es fr ihn gut genug ist. Ich habe
das Buch um vier Groschen gekauft, das Schweinsleder ist noch ziemlich wei, ich
wasche es mit Salmiak und klebe sein Wappen hinein. Wer wei, wozu es ntzen
kann.
    Er wusch ab und fuhr mit dem Pinsel in seinen Muscheln umher. Die Welt ist
voll Schwindel, Mutter. Wer htte gedacht, da ich mit dem alten schlottrigen
Unsinn dieser Wappenzeichen ein Capital verdienen wrde? Und er zeichnete und
tuschte ber dem Wappen: Ich habe selten Gold in das Haus getragen, und dann
war es immer fr schlechtes Zeug, das mir keine Ehre gemacht hat. - Hier brach
er ab. Noch einmal ziehe ich meine Lohndienerkleidung an, wenn ich ihnen das
Buch berreiche, dann schaff sie mir aus den Augen.

    In der Gegend von Rossau steckten Wegebauer Mestangen auf und in der
Universittsstadt legte Magister Knips den weien Schweinslederband in die Hnde
seines hochgeneigten Gnners. Ilse freute sich, da der Weg zum Gut ihres Vaters
fr Jedermann leicht fahrbar sein wrde, und der Professor hrte mit Antheil,
da der Mann, den er empfohlen, sich gut anschickte, und er lchelte wohlwollend
ber die Danksagungen des Magisters. Aber fr den Kunstbau der neuen Strae und
fr die erprobte Kunstfertigkeit des kleinen Mannes sollte den beiden
Glcklichen, welche die Empfehlung an die rechte Stelle gebracht, noch Dank
werden, den sie sich nicht begehrten.

                                       3.

                                        

                                 Vielliebchen.


Ilse stellte eines Abends die letzten Sigkeiten der Weihnachtszeit auf den
Tisch. Laura klapperte mit einer Knackmandel und frug den Doctor ernsthaft,
woher der ehrwrdige Gebrauch der Vielliebchen komme. Der Doctor bestritt das
Ehrwrdige, wute aber im Augenblick den Ursprung des Spiels nicht anzugeben und
war ber diese Unsicherheit sichtlich betroffen. Er verga deshalb seine
Pflicht, zum gemeinsamen Genu der Doppelmandel aufzufordern. Laura ffnete die
Schale und legte nachlssig zwei Mandeln zwischen ihn und sich. Da sind sie.
    Soll's gelten? rief der Doctor erheitert.
    Meinetwegen, erwiederte Laura, mit Geben und Nehmen, wie recht ist. Aber
es darf nur Scherz sein, fgte sie, des Vaters gedenkend hinzu, und kein
Geschenk. Beide aen mit dem rhmlichen Entschlu, das Spiel zu verlieren. Die
Folge war, da das Geschft nicht vorwrts gehen wollte. Laura berreichte dem
Doctor in den nchsten Wochen Bcher, Theetassen, Teller mit aufgeschnittenem
Braten, er war wie ein Stock, niemals sagte er: Ich denke dran. Hatte er den
Vertrag vergessen, oder war's gewhnliche Ritterlichkeit? Laura aber durfte ihm
seine Vergelichkeit gar nicht zu Gemth fhren, sonst gewann sie das
Vielliebchen. Sie wurde wieder einmal zornig auf ihn. Mir reicht der gelehrte
Herr gar nichts, sagte sie zu Ilse, er behandelt mich, als wre ich eine
Nessel.
    Das ist Zufall, versetzte Ilse, er hat's lngst vergessen.
    Natrlich, rief Laura, fr einen hbschen Scherz mit einer unbedeutenden
Person hat er kein Gedchtni.
    Mach' ein Ende, mahnte Ilse, erinnere du ihn daran.
    Es fgte sich, da der Doctor einmal nicht vermeiden konnte, ihr eine Schere
aufzuheben und in die Hand zu reichen. Ich denke dran, sagte Laura
schnippisch, besser als Sie.
    Darauf bot sie dem Doctor die Zuckerbchse, der Doctor holte sich ehrbar ein
Stck Zucker heraus und schwieg. Guten Morgen, Vielliebchen, rief sie
verchtlich. Der Doctor lachte und erklrte sich fr berwunden. Es ist gar
nicht schn, fuhr Laura eifrig fort, da Sie sich so wenig um Ihr Vielliebchen
bekmmert haben, ich werde nie wieder eines mit Ihnen essen; gegen Herren, die
so zerstreut sind, ist es keine Ehre zu gewinnen.
    Kurz darauf berreichte ihr der Doctor ein winziges gedrucktes Bchel in
zierlichem Einband. Auf dem ersten Blatte stand: Fr Frulein Laura, und auf
dem zweiten: Die Entstehung der Vielliebchen, ein Mrchen. Es war die
Geschichte der schnen Knigstochter, welche sehr gern Knackmandeln a, aber
nicht heiraten wollte. Deshalb erfand sie Folgendes. Sie lie jedem Prinzen, der
um ihre Hand warb - und es waren unzhlige - die Hlfte einer Doppelmandel
darbieten und sie speiste den andern Zwilling. Und wenn Ew. Liebden mich von
jetzt ab zwingen knnen, da ich etwas aus Dero Hand nehme, ohne die Worte zu
sprechen: ich denke dran, so bin ich zu jeder Vermhlung bereit; wenn ich aber
Ew. Liebden verleiten kann, etwas aus meiner Hand zu nehmen, ohne da Ihnen die
klugen Worte einfallen, so werden Dieselben an Dero frstlichem Haupte unbedingt
kahl geschoren und verlassen sofort meine Lnder. Es war aber eine Tcke bei
diesem Vertrage. Nmlich der schnen Prinzessin durfte nach Hofsitte berhaupt
Niemand etwas in die Hand reichen, bei Todesstrafe, sondern er reichte es der
Staatsdame und diese reichte es der Knigstochter. Wenn aber die Knigstochter
selbst etwas wegnehmen oder berreichen wollte, wer konnte ihr das wehren? Es
war also fr die Freiwerber ein bitteres Vergngen. Denn wie sie sich auch
mhten, die Prinzessin zu verleiten, da sie ohne Angebot etwas aus ihrer Hand
nahm, immer fuhr die Staatsdame dazwischen und verdarb die besten Plne. Wenn
aber die Knigstochter einen Freier abschaffen wollte, that sie einen Tag
holdselig gegen ihn, bis er ganz bezaubert war, und sobald er neben ihr sa und
bereits vor Freude taumelte, dann ergriff sie wie von ungefhr etwas in ihrer
Nhe, einen Granatapfel oder ein Ei, und sagte leise: Behalten Sie dies zu
meinem Angedenken. Sobald nun der Prinz das Stck in die Hand nahm und
vielleicht noch der rettenden Worte ein wenig gedachte, sprang das Ding
auseinander und ein Frosch, eine Hornisse oder Fledermaus fuhr gegen seine
Locken, da er zurckschreckte und im Schrecken die Worte verga. Und dann auf
der Stelle geschoren und fort mit ihm.
    Das war durch Jahre gegangen, und in allen Knigshusern trugen die Prinzen
Percken - auch diese sind seitdem bruchlich geworden -, da traf sich's, da
ein fremder Knigssohn zugereist kam in eigenen Geschften und aus Zufall die
Mandelknigin sah. Er fand sie schn, und er merkte die Tcke. Aber ihm hatte
ein befreundetes graues Mnnchen einen Apfel geschenkt, an den durfte er alle
Jahre einmal riechen, dann kam ihm ein kluger Einfall. Und er war wegen der
klugen Einflle schon unter allen Knigen sehr berhmt geworden. Jetzt war
gerade die Zeit des Apfels gekommen, er roch und da fiel ihm ein: wenn du das
Spiel mit Nehmen und Geben gewinnen willst, darfst du ihr niemals und unter
keinen Umstnden etwas geben oder nehmen. Er lie sich also die Hnde fest in
den Grtel binden, ging mit seinem Marschall zu Hofe und sagte, er wollte auch
gern seine Mandel essen. Der Prinzessin gefiel er sehr und sie lie ihm die
Mandel reichen. Die nahm sein Marschall und steckte sie ihm in den Mund. Da
fragte die Knigstochter, was denn das vorstelle, und berhaupt, warum er die
Hnde immer im Grtel trage. Und er antwortete, bei seinem Hofe sei der Brauch
noch viel strenger als bei ihrem, er drfe mit seinen Hnden gar nichts nehmen
und geben, hchstens mit den Fen oder dem Kopfe. Da lachte die Prinzessin und
sagte: Auf die Weise knnen wir ja niemals in unserm Spiel zusammenkommen. Er
zuckte die Achseln und antwortete: Nur wenn Sie geruhen wollten, etwas von
meinen Stiefeln zu nehmen. Das kann nie geschehen, rief der ganze Hofstaat.
Wozu sind Sie hergekommen, frug die Prinzessin rgerlich, wenn Sie so dumme
Gewohnheiten haben? Weil Sie sehr schn sind, sagte der Prinz, wenn ich Sie
auch nicht gewinnen kann, ich will Sie doch ansehen. Dagegen kann ich nichts
haben, versetzte die Knigstochter. Der Prinz blieb also am Hofe und gefiel ihr
immer besser. Weil sie aber auch ihre Bosheit hatte, suchte sie ihn auf alle Art
zu verfhren, da er die Hand aus dem Grtel zog und doch etwas von ihr nahm.
Sie unterhielt sich immer mit ihm und schenkte ihm Blumen, Bonbons und
Riechflschchen, und zuletzt gar ihr Armband, auch zuckte es ihm mehrmals in den
Hnden, aber da fhlte er die Bande und kam zur Besinnung, nickte dem Marschall
und der sammelte ein und sagte: Wir denken schon dran. Dabei wurde endlich die
Prinzessin ungeduldig und sie begann: Mir ist mein Taschentuch
heruntergefallen, Ew. Liebden knnten mir es aufheben. Der Prinz fate das Tuch
mit der Fuspitze und schwenkte es gleichgltig, und die Prinzessin beugte sich
nieder, nahm das Tuch von seinem Fu und rief zornig: Ich denke dran. Darber
war ein Jahr vergangen und die Knigstochter sagte zu sich selbst: So kann das
nicht bleiben, hier mu Schicht gemacht werden, so oder so. Sie begann also zum
Prinzen: Ich habe den besten Garten der Welt, den will ich morgen Euer Liebden
zeigen. Aber der Prinz roch wieder an seinem Apfel. Und als sie in den Garten
kamen, fing der Prinz an: Hier ist's wunderschn. Damit wir aber in rechtem
Frieden neben einander gehen und durchaus nicht durch unser Spiel gestrt
werden, bitte ich meine Herrin, da dieselbe nur auf eine Stunde meine Hofsitte
annehme und sich auch die Hnde festbinden lasse. Dann sind wir eines des andern
sicher und uns kann nichts Aergerliches begegnen. Der Prinzessin war dies nicht
recht, aber er bat und sie wollte ihm doch die Kleinigkeit nicht abschlagen. So
gingen sie allein mit einander, die Hnde im Grtel gebunden. Die Vgel sangen,
die Sonne schien warm und vom Baum hingen die rothen Kirschen bis auf die Wangen
herunter. Die Prinzessin sah auf die Kirschen und rief: Wie schade, da Ew.
Liebden mir keine davon pflcken knnen! Der Prinz antwortete: Noth kennt kein
Gebot, er nahm eine Kirsche mit dem Munde und bot sie der Knigstochter. Der
Prinzessin blieb nichts brig, sie mute ihren Mund an den seinigen bringen, um
die Kirsche zu fassen, und da sie die Frucht zwischen den Lippen hatte und
seinen Ku dazu, vermochte sie nicht im Augenblick zu sprechen: Ich denke
dran. Da rief er laut: Guten Morgen, Vielliebchen! zog die Hnde aus dem
Grtel und fiel ihr um den Hals. Und wenn sie nicht gestorben sind u.s.w. Diese
Geschichte hatte der Doctor lustig ausgefhrt und eigens fr Laura drucken
lassen, so da Niemand dies Bchel haben konnte, als sie allein.
    Laura trug das Mrchen in ihr Geheimzimmer, sah mit Stolz auf ihren
gedruckten Namen und las immer wieder die kleine dumme Geschichte. Und sie ging
nachdenkend auf und ab. Wenn sie sich so den ganzen Fritz Hahn berlegte, konnte
sie doch kein recht gutes Gewissen haben. Von klein auf hatte er sie zu Dank
verpflichtet, er war stets lieb und gut gegen sie gewesen, und sie, und ach noch
mehr der Vater, hatten ihm immer wieder weh gethan. Reuevoll berdachte sie alle
Vergangenheit bis zu den Katzenpfoten, was ihr schon bei dem Vielliebchen in der
Seele gelegen hatte, das wurde ihr jetzt deutlich, sie konnte nicht unbefangen
sein, wie sie doch sollte, und nicht gleichgltig, wie ihr ganz recht gewesen
wre, weil sie immer von ihm in den eisernen Banden einer Verpflichtung lag.
Ich mu mit ihm auf's Reine kommen! Ach, aber zwischen ihm und ihr stand als
trennende Mauer das Verbot des Vaters. Sie berlegte, wie sie, ohne jenem Befehl
entgegen zu handeln, doch dem Doctor etwas Angenehmes erweisen knne. Aehnliches
hatte sie schon einmal mit der Orange gewagt; wenn drben Niemand wute, da der
Scherz von ihr kam, dann war keine Gefahr, es entstand kein zartes Verhltni
und keine Freundschaft, die der Vater doch nur vermeiden wollte. Sie eilte zu
Ilse hinunter. Die Verpflichtungen gegen den Doctor drcken mich mehr, als ich
sagen kann, es ist unertrglich, immer in seiner Schuld zu sein. Jetzt habe ich
etwas ausgedacht, was dies Verhltni zum Ende bringt.
    Nimm dich nur in Acht, versetzte Ilse, da die Sache auch grndlich
abgemacht wird.
    Darauf schlpfte Laura in das Arbeitszimmer des Professors und bat: Helfen
Sie mir zu einem Scherz gegen den Mann von drben, er sammelt ja allerlei alte
Sachen, ich mchte etwas Seltenes fr ihn erwerben, was ihm lieb wre. Aber
keine Seele darf wissen, da ich dabei im Spiele bin, und er am wenigsten.
    Der Professor versprach, auf etwas zu denken.
    Einige Zeit darauf legte er in Laura's Hnde einen kleinen zerrissenen Band,
der jmmerlich herabgekommen aussah. Es sind Einzeldrucke alter Volkslieder,
sagte er, die irgend einmal zusammengebunden sind, ich stie durch einen
glcklichen Zufall darauf. Das Bchlein ist theuer, fr den Liebhaber ist sein
Werth unverhltnimig grer als der Preis. Nehmen Sie keinen Ansto an dem
schlechten Kleide, Fritz wird doch die einzelnen Lieder voneinander lsen und in
seine Sammlung ordnen. Ich bin berzeugt. Sie knnen ihm kein lieberes Geschenk
machen.
    Er soll es erhalten, sagte Laura vergngt, aber er soll geqult werden.
    Es war eine schne Sammlung, sehr seltene Stcke darunter, ein ganz
unbekannter Druck des Liedes vom Ritter Tanhuser, das Lied vom Ruber
Strzebecher und andere erfreuliche Bltter. Laura trug das Buch herauf und
schnitt die gebundenen Bogen sorgfltig von dem Bindfaden, der sie locker
zusammenhielt. Darauf setzte sie sich an den Schreibtisch und fuhr in der
anonymen Briefstellerei fort, welche ihr die Tyrannei des Vaters aufgenthigt
hatte, indem sie mit verstellter Hand Folgendes schrieb: Lieber Herr Doctor,
ein Unbekannter sendet Ihnen dies Lied fr Ihre Sammlung, er hat noch dreiig
hnliche, welche Ihnen bestimmt sind, doch unter Bedingungen. Erstens: Sie
bewahren gegen Jedermann, wer es auch sei, unverbrchliches Schweigen. Zweitens:
Sie senden fr jedes Gedicht ein anderes, das Sie selbst gemacht haben, worber
es auch sei, unter Adresse O.W. auf die Stadtpost. Drittens: Wenn Sie bereit
sind, in diesen Vertrag zu willigen, so gehen Sie an einem der drei nchsten
Tage Nachmittags um drei Uhr an No. zehn der Parkstrae vorber, etwas Blhendes
am Knopfloch. Der Absender wird sich innig freuen, wenn Sie auf diesen kleinen
Scherz eingehen. Ihr ergebener N.N. Diesem Briefe lag das Lied vom Strzebecher
bei.
    Die Taschenuhr des Doctors zeigte, wie durch sptere Nachforschungen
festgestellt wurde, neun Uhr fnf Minuten, als dieser Brief in sein Zimmer
gebracht wurde; das Barometer war im Steigen, am Himmel leichtes Federgewlk,
dazwischen die bleiche Mondsichel erkennbar. Der Doctor ffnete, ein alter
Druckbogen stach gelblich vom grnen Postpapier eines Briefes ab. Er entfaltete
hastig die gelben Bltter und las: Stortebecker und Godeke Michael, de rowten
alle beede. Kein Zweifel, der niederdeutsche Urext des berhmten Liedes, den
die Welt bis dahin vermit hatte, lag leibhaftig vor ihm. Ihm wurde so wohl zu
Muthe, wie dem Kinde vor der Einbescherung. Darauf las er den Brief, und als er
am Ende angekommen war, las er ihn noch einmal. Er lachte. Offenbar war das
Ganze eine Schelmerei. Aber von wem? Seine Gedanken flogen um Laura, aber sie
hatte ihn erst gestern Abend durch kalte Nichtachtung verletzt. An Ilse war gar
nicht zu denken, und dem Professor sah solch spielender Unfug vollends nicht
hnlich. Und was sollte das Haus No. zehn? Die junge Schauspielerin, welche dort
wohnte, galt sehr dafr, eine liebenswrdige und unternehmende Dame zu sein. War
es mglich, da sie ein Verstndni fr Volkslieder hatte, und, das konnte der
Doctor sich nicht verbergen, auch ein zartes Verstndni fr ihn selbst? Dem
ehrlichen Fritz begegnete, da er einen Augenblick vor den Spiegel trat, aber er
widersprach sogleich innerlich und zog sich lachend zu dem Schreibtische und dem
Volksliede zurck. Er konnte auf den Scherz nicht eingehen, das war klar, aber
es war sehr schade. Er legte den Strzebecher bei Seite und ergriff seine
Arbeit. Aber nach einer Weile nahm er ihn wieder zur Hand. Dieses Prachtstck
wenigstens war ihm ohne demthigende Bedingung gesandt, vielleicht mochte er
doch dies eine behalten. Er ffnete eine Mappe seiner alten Volkslieder und
suchte die Stelle, wo das Gedicht eingereiht werden mute, wenn es in der That
sein Eigenthum wurde. Er legte den Schatz in die Reihe, stellte die Mappe wieder
in den Bcherschrank und dachte, es ist ja gleichgltig, wo der Bogen liegt.
    In dieser Weise kmpfte der Doctor bis nach dem Mittagessen. Kurz vor drei
Uhr war er zu einer ruhigen Auffassung gelangt. War es nur ein Scherz eines
nahen Bekannten, so wollte er kein Spaverderber sein; hatte die Sendung
irgendeinen anderen Grund, so mute auch das zu Tage kommen. Unterde mochte er
die seltenen Drucke wohl aufbewahren, aber er durfte sie nicht als sein
Eigenthum behandeln, bis das Recht des Absenders daran und der Zweck der Sendung
deutlich war. Dies Bedenken mute er dem Unbekannten zuerst mittheilen. Nachdem
er diesen nothdrftigen Vergleich zwischen seinem Gewissen und seinem
Sammeltrieb zu Stande gebracht, holte er aus der Blumenstube des Vaters etwas
Blhendes, steckte es in sein Knopfloch und trat auf die Strae. Unsicher
blickte er nach den Fenstern des feindlichen Hauses, aber Laura war nirgend zu
finden, denn sie lauschte hinter der Gardine und schnippte, als sie die Blumen
im Knopfloch sah, mit den Fingern ber den gelungenen Scherz. Der Doctor wurde
verlegen, als er in die Nhe der vorgeschriebenen Hausnummer kam. Die Lage war
doch demthigend und ihn reute seine Begehrlichkeit. Er sah in die Fenster des
Unterstocks, und sieh! die junge Schauspielerin stand gerade an den Scheiben. Er
blickte auf ein gescheidtes Gesicht mit einnehmenden Zgen, zog verbindlich
seinen Hut, nicht ohne schwaches Errthen; und das Frulein dankte artig dem
wohlbekannten Sohn des Nachbarhauses. Der Doctor ging noch ein wenig auf der
Promenade umher, ihm erschien dies Abenteuer unheimlich. Es war doch nicht
zufllig, da die Knstlerin am Fenster stand und grte. Er wurde mit seinen
Quergedanken nicht fertig, nur Eines war ihm ganz klar geworden, er behielt
vorlufig den Strzebecher.
    Da seine Gewissensbisse nicht aufhrten, so rang er zwei Tage mit sich
selbst, ob er sich auf weiteren Briefwechsel einlassen drfe. Am dritten waren
die letzten Bedenken zum Schweigen gebracht. Dreiig Volkslieder, sehr alte
Drucke, die Versuchung war bermchtig! Er holte seine eigenen Verse heraus,
Ergsse seiner lyrischen Periode, musterte und verwarf; endlich fand er eine
unschuldige Romanze, welche ihn in keiner Weise blostellte; sie wurde
abgeschrieben und von einigen Zeilen begleitet, worin auch er seine Bedingung
aussprach, da er sich nur als Bewahrer der Lieder betrachten knne.
    Einige Tage darauf erhielt er eine zweite Sendung, es war ein werthes
Mnchslied, worin die gebratene Martinsgans gefeiert wurde, dabei lag ein
Zettel, welcher die ermunternden Worte enthielt: Nicht bel, fahren Sie fort.
    Und wieder erhob sich Laura's Gestalt vor seinen Augen und er lachte die
Martinsgans recht herzlich an. Das war auch ein alter Druck, der noch nirgend
verzeichnet war! Er zog also diesmal eine Ode auf den Frhling aus seinen
Poesien und gab diese mit den befohlenen Buchstaben O.W. zur Post.
    Der Professor wunderte sich, da der Doctor ber das Liederbuch schwieg, und
uerte dies gegen Ilse, welche ein wenig im Geheimni war. Er darf nicht
sprechen, sagte diese, sie behandelt ihn schlecht. Da er es ist, hat der
Scherz fr das kecke Mdchen keine Gefahr.
    Laura aber war selig ber dies Schachspiel mit verdeckten Zgen. Sie hob die
Gedichte des Doctors sorgfltig in ihrem Geheimbuch auf und sie fand, da die
Poesie der Hahns gar nicht so schlecht war, ja sie war ausgezeichnet. Aber fast
noch lockender als der Schriftwechsel wurde ihrem Uebermuth der Gedanke, dem
Doctor ein kleines artiges Verhltni zu der Schauspielerin aufzuzwingen. Als
sie wieder mit ihm bei Ilse zusammentraf und einer der Anwesenden das Talent der
jungen Dame rhmte, erzhlte sie unbefangen und gar nicht zum Doctor gewandt,
was die Strae von bizarren Einfllen der Schauspielerin wute, da sie einst
ihr Hndchen mit einer Nachthaube ans Fenster gesetzt, als ihr ein widerwrtiger
Verehrer ein Stndchen angekndigt hatte, und da sie eine Vorliebe fr
bettelnde Handwerksburschen habe und sich mit ihnen meisterhaft in der Mundart
ihrer Landschaft zu unterhalten wisse.
    Der arglose Doctor wurde nachdenklich. Sollte in der That die Schauspielerin
mit ihm in brieflichem Verkehr stehen, ohne da er es wute? Und Fritz begann
der Dame eine gewisse ruhige Beachtung zu gnnen.
    Als Laura einst auf dem abonnirten Platz ihrer Mutter sa und einer Rolle
der Knstlerin zusah, erkannte sie in der Loge gegenber Fritz Hahn, sie
beobachtete, da er durch sein Opernglas angestrengt auf die Bhne starrte und
einige Mal lebhaften Beifall zu erkennen gab. - Nun, der war glcklich auf
falsche Fhrte gebracht.
    Inde er mute doch auch erfahren, da der unbekannte Briefsender mehr
verstand, als Adressen zu schreiben. Laura durchsuchte die Lieder, dachte lange
nach ber den Text des alten Gedichtes vom Ritter Tanhuser, der bei Frau Venus
im Berge verweilt, und sandte das Lied mit folgenden Zeilen:
    Whrend ich das Gedicht durchlese, berkommt mich Rhrung und Schreck vor
dem Sinn dieser alten Poesie. Was wird nach der Meinung des Dichters aus der
Seele des armen Tanhuser? Er hat sich von Frau Venus losgerissen und kehrt
reuig zum Christenglauben zurck, und als ihm der harte Papst sagt: so wenig der
Stock, den ich in der Hand halte, grn werden kann, so wenig kannst du noch
selig werden, da wankt er aus trotziger Verzweiflung zur Venus in den Berg
zurck. Darauf erst ergrnt der Stab in der Hand des Papstes und vergebens
sendet dieser seine Boten, den Ritter zurckzuholen. Wie versteht der Snger den
Rckfall des Tanhuser? Wird die ewige Liebe und Barmherzigkeit dem Armen auch
jetzt noch verzeihen, obgleich er sich der Teufelin zum zweiten Mal ergibt? Ist
also dieser alte Dichter so frei und gro gesinnt, da er auch noch die Rckkehr
zur Heidenfrau fr verzeihlich hlt? Oder ist Tanhuser jetzt in seinen Augen
fr ewig verloren und soll der grnende Stab nur anzeigen, da der Papst die
Schuld trgt? Es wrde mich freuen, darber von Ihnen Aufklrung zu erhalten.
Das Gedicht finde ich sehr schn und ergreifend, und in den einfachen Worten,
wenn man sich erst hineingelesen hat, gewaltige Poesie. Aber ich habe Angst um
das Schicksal des Tanhuser. Ihr N.N.
    Der Doctor antwortete sogleich: Es ist zuweilen schwer, aus der tiefen
Empfindung und dem knappen Ausdruck alter Gedichte die Grundidee des Dichters zu
verstehen. Am schwersten vor einem Gedichte, welches, durch Jahrhunderte vom
Volksmunde fortgetragen, zuverlssig in Wortlaut und Inhalt Aenderungen erfahren
hat. Das erste Motiv des Liedes, da Sterbliche bei den alten Heidengttern im
Innern der Berge weilen, beruht auf einer Anschauung, die noch aus der
Heidenzeit stammt. Die Idee, da der Christengott milder ist als sein
Stellvertreter auf Erden, wurde seit der Hohenstaufenzeit in Deutschland
heimisch. Man darf den Ursprung des Gedichtes wohl auf diese Zeit zurckfhren.
In den uns berlieferten Formen mag es etwa aus der Mitte des fnfzehnten
Jahrhunderts stammen, wo die Unzufriedenheit mit der Hierarchie in Deutschland
bei hoch und Niedrig allgemein war. Der hohe Gedanke dieser Auflehnung gegen die
Macht der Geistlichen war: nicht der Priester kann die Snden vergeben, nur
Reue, Bue, Erhebung des eigenen Herzens. Der Druck, welchen Ihre Gte mir
bersandt hat, stammt aus der ersten Zeit Luthers, aber wir wissen, da das Lied
lter ist, und wir besitzen verschiedene Texte, von denen einige noch strker
hervorheben, da Tanhuser auch nach seinem Rckfall der gttlichen Gnade
vertrauen drfe. Zuverlssig hielt der Snger des bersandten Textes den armen
Tanhuser fr verloren, wenn dieser sich nicht wieder von Frau Venus freimachte.
In diesem Fall nicht. Der Volkssage nach ist Tanhuser bei ihr geblieben. Aber
den groen Gedanken, der auch unser Leben adelt, da der Mensch, solange Geist
und Gemth ihm nicht ausgebrannt sind, in sich selbst die Kraft zur Erhebung
ber begangenes Unrecht trage, drfen wir auch in diesem Gedicht erkennen,
dessen poetischen Werth ich wrdige wie Sie.
    Als Laura diese Antwort erhielt - Gabriel war auch hier der vertraute Bote -
sprang sie vor Freude von ihrem Arbeitstisch hoch auf. Sie hatte mit Ilse die
Leiden Tanhusers beklagt und der Freundin eine Abschrift des Gedichtes gegeben,
jetzt lief sie mit den Zeilen des Doctors hinunter, stolz, da sie durch den
kindischen Scherz, ber welchen Ilse den Kopf geschttelt hatte, zu einer
geheimen wissenschaftlichen Errterung gekommen war. Von diesem Tage erhielt der
geheime Briefwechsel fr Laura und Fritz eine Bedeutung, an welche keines von
beiden im Anfang gedacht hatte. Denn Laura wagte jetzt, wenn sie ber etwas
nicht mit sich auf's Reine kommen konnte, oder wenn ein stilles Interesse sie
beschftigte, ihre Gedanken, die bis dahin im Schreibtisch verschlossen wurden,
dem Nachbar mitzutheilen, und der Doctor sah mit Erstaunen und Freude ein
weibliches Gemth von krftigem und eigenartigem Empfinden, das bei ihm Klarheit
suchte und mit ungewhnlichem Vertrauen sich aufschlo. Diese Stimmung war auch
aus seinen Gedichten zu erkennen, sie waren nicht mehr aus der Mappe
herausgeholt, sondern erhielten einen gewissermaen persnlichen Charakter. Und
Laura wurden die Augen feucht, als sie ein Blatt in der Hand hielt, welches in
Versen seine Spannung und Ungeduld aussprach, den unbekannten Briefsteller
kennen zu lernen. Es war so reine Empfindung in den Zeilen, und man sah daraus
so deutlich den guten und feinen Mann, da man ein recht herzliches Zurtrauen zu
ihm haben mute. Die alten Volkslieder, zuerst die Hauptsache, wurden allmhlich
nur die Begleiter des stillen Briefwechsels, und Laura's begeisterte Seele
schwebte beflgelt ber goldumsumte Wolken, whrend unten Herr Hummel grollte
und Herr Hahn mitrauisch neue Angriffe des Feindes erwartete.
    Aber dies poetische Verhltni zum Nachbarsohn, welches Laura's
Unternehmungsgeist geschaffen hatte, litt an derselben Gefahr, welche allen
poetischen Stimmungen droht, die rauhe Wirklichkeit konnte es jeden Augenblick
zerstren. Niemals durfte der Doctor wissen, da sie es war, die Tochter der
Feinde, sein alltglicher Anblick, das kindische Mdchen, das in Ilse's Zimmer
mit ihm um Butterbrote und Knackmandeln zankte. Wenn sie mit ihm Auge gegen Auge
zusammentraf, war er ihr der Doctor mit der Brille von sonst und sie die kleine
borstige Hummel, welche mehr von der Unart ihres Vaters hatte als Gabriel
zugeben wollte. Das Schmollen und die Neckerei des Tages lief zwischen beiden
fort wie frher. Dennoch war unvermeidlich, da zuweilen aus Laura's Augen ein
Strahl warmer Empfindung brach, und da sich der freundliche Humor, mit dem sie
den Doctor im Innern betrachtete, einmal durch flchtige Worte verrieth. Fritz
wandelte deshalb in einer Unsicherheit dahin, ber die er im Stillen lachte, und
die ihn doch qulte. Immer sah er Laura vor sich, wenn er einige Zeilen der gut
verstellten Hand auf seinem Zimmer las, doch sobald er die Nachbarin beim
Freunde traf, sorgte sie durch eine spttische Bemerkung und durch sprde
Zurckhaltung dafr, da er wieder unsicher wurde. Sie zwang die Noth zu solcher
Koketterie, er aber wurde immer auf's Neue khl davon angeweht, und dann fiel
ihm auf's Herz: sie ist es doch nicht, kann es denn die Schauspielerin sein?
    Am Theetisch entstand allgemeines Erstaunen, als der Doctor einst fallen
lie, er sei zu einem Maskenball eingeladen und nicht abgeneigt, sich in das
Getmmel zu strzen. Der Ball wurde von einer groen Ressource ansehnlicher
Brger gegeben, zu welcher auch Herr Hummel gehrte, die Gesellschaft war dafr
bekannt, da die ersten Schauspieler der Stadtbhne sich dort als willkommene
Gste im Kreise ihrer Verehrer bewegten. Da der Doctor sonst nie fr diese Art
geselliger Unterhaltung ein Herz bewiesen hatte, sah auch der Professor
verwundert auf den Freund, nur Laura ahnte den Zusammenhang, aber Alle lieen
sich schweigend die Ankndigung eines bevorstehenden Excesses gefallen.
    Herr Hummel war nicht der Ansicht, da ein Maskenball die Sttte sei, wo die
Tchtigkeit des deutschen Brgers Triumphe feiert, er hatte widerwillig den
schmeichelnden Bitten seiner Frauen nachgegeben und stand jetzt unter den Masken
im Saale. Den kleinen schwarzen Domino hatte er wie ein Priestermntelchen
nachlssig auf den Rcken geschoben, den Hut in die Augen gedrckt, sein breites
Gesicht berragte auf allen Seiten den Florbart der Seidenlarve und war so
unverkennbar wie ein Vollmond hinter dnnem Gewlke. Spttisch sah er in das
Gedrnge der Masken, welche beieinander vorbeistrichen, etwas weniger behaglich
und etwas schweigsamer, als sie ohne Larve und bunten Rock gewesen wren. Und
vor Andern zuwider waren ihm die eingestreuten Harlekine, welche beim Beginn des
Festes eine Ausgelassenheit heuchelten, die ihnen nicht natrlich war. Herr
Hummel hatte gute Augen, nur ging es ihm wie Andern auch: wenn Jemand maskirt
war, vermochte er ihn nicht zu erkennen. Aber alle Welt erkannte ihn. Hinten
zupfte etwas. Was macht denn Ihr Hund Speihahn? frug mit einer Verbeugung ein
Herr in Rococco. Hummel verneigte sich wieder. Danke fr gtige Nachfrage, ich
htte ihn mitgebracht, Sie in Ihre Waden zu beien, wenn Sie mit diesem Artikel
versehen wren. - Kann diese Hummel auch stechen? frug ein grner Domino im
Falsett. Ersparen Sie sich Ihre Bemerkungen, Fistulant, entgegnete Herr Hummel
grollend, Ihre Stimme ist ja ins Weibliche umgeschlagen, sollte Ihnen etwas
fehlen, so bedaure ich aufrichtig Ihre Familie. Er steuerte weiter. Kaufst du
eine Partie Hasenhaare, Bruder Hummel? frug ein wandernder Tabuletkrmer. Ich
danke, Bruder, versetzte Hummel grimmig, du kannst mir aber die Eselshaare
ablassen, welche dir deine Frau beim letzten Zanke ausgerissen hat.
    Das ist der grobe Filz, rief naseweis ein kleiner Pierrot und schlug Herrn
Hummel mit der Pritsche ber den Bauch. Das war Herrn Hummel zu viel, er fate
den Pierrot beim Kragen, nahm ihm die Pritsche weg und hielt den Widersetzlichen
an sein Knie. Warte, mein Shnchen, rief er, dir wre jetzt gut, den Filz
anderswo zu tragen als auf dem Kopfe. Aber ein beleibter Trke fiel ihm in den
Arm. Herr, wie knnen Sie sich unterstehen, meinen Sohn anzufallen? Ist
dieses Besteck Ihre Arbeit, frug Herr Hummel zornig, schmen Sie sich. Ihre
lschpapierne Physiognomie ist mir nicht bekannt. Wenn Sie sich als Trke der
Anfertigung von ungezogenen Hanswrsten widmen, so mssen Sie sich auch
trkischen Bambus auf dem Rcken Ihrer Producte gefallen lassen, das ist
Vlkerrecht. Sollten Sie dieses nicht verstehen, so melden Sie sich morgen auf
meinem Comtoir, ich werde Sie darber ins Klare setzen und Ihnen eine Rechnung
berreichen wegen des Uhrglases, das mir das Subject aus Ihrem Harem in der
Tasche zerbrochen hat. Und damit warf er den Pierrot dem Trken in die Arme,
die Pritsche auf die Erde und schritt schwerfllig durch die Masken, welche ihn
umringten. Keine menschliche Seele, grollte er vor sich hin, man ist wie
Robinson unter den Wilden. Er bewegte sich in den Tanzsaal, unbekmmert um die
weien Schultern und blitzenden Augen, welche neben ihm auftauchten und wieder
verschwanden. Endlich erblickte er zwei graue Fledermuse, die er persnlich zu
kennen glaubte, denn es schienen ihm die Masken seiner Frau und Tochter. Er ging
auf sie zu, sie aber wichen ihm scheu aus und verloren sich im Gedrnge. Es
waren allerdings die Frauen seines Hauses, aber sie hatten die Absicht,
unerkannt zu bleiben, und sie wuten, da das neben Herrn Hummel unmglich sei.
So wandte sich der verlassene Hausherr kurz um, ging in ein Nebenzimmer, setzte
sich einsam an einen der leeren Tische, nahm die Larve ab, bestellte eine
Flasche Wein, frug nach dem Tageblatt und zndete eine Cigarre an. Vergebung,
Herr Hummel, rief ein kleiner Kellner, hier wird nicht geraucht.
    Auch du? versetzte Herr Hummel trbe, du siehst, es wird geraucht. Dies
ist auch ein Maskenscherz. Denn heut wird alle Humanitt und menschliche
Rcksicht aus Langerweile mit Fen getreten, und das ist's gerade, was man bal
masqu nennt.
    Unterde schlpfte Laura unter den Masken umher, sie suchte den Doctor. Auch
Fritz Hahn war fr scharfe Augen leicht erkennbar, er trug ber der Larve
gemthlich seine Brille. Er stand als blauer Domino neben einer eleganten Dame
in rothem Mantel. Laura drngte sich in die Nhe. Fritz schrieb der Dame etwas
in die Hand, jedenfalls ihren Namen, denn sie nickte gleichgltig, darauf
schrieb er wieder etwas in ihre Hand und wies auf sich selbst, wahrscheinlich
war es sein eigener Name, denn die Dame nickte und Laura glaubte zu erkennen,
wie sie unter ihrem Flor lachte. Und Laura hrte, wie der Doctor die Dame mit
dem Namen der Rolle anredete, in welcher er sie neulich auf der Bhne gesehen
hatte und auerdem mit du. Das war zwar Maskenrecht, aber nthig war es nicht.
Der Doctor aber sprach seine Freude aus, da die Knstlerin bei der Balkonscene
so gut verstanden habe, die aufglhende Empfindung in den schwierigen Versen
darzustellen. Der rothe Mantel wurde aufmerksam, wandte sich ganz dem Doctor zu
und begann ber die Rolle zu sprechen. Die Dame redete eine Weile, und dann
wieder Doctor Romeo und noch lnger. Dabei trat die Schauspielerin einige
Schritte zurck an einen Pfeiler, der Doctor folgte ihr dahin, und Laura sah,
wie der rothe Mantel einige andere Herrenmasken kurz abfertigte und sich wieder
zum Doctor wandte. Endlich setzte sich die Knstlerin gar hinter den Pfeiler, wo
sie wenig von fremden Blicken gesehen wurde, und der Doctor stand an den Stein
gelehnt neben ihr und setzte die Unterhaltung fort. Laura schob sich zu dem
Pfeiler und hrte, wie lebhaft die Unterhaltung von beiden gefhrt wurde. Es war
von Leidenschaft die Rede. - Nun, es war noch nicht die Leidenschaft, welche
beide fr einander entflammte, sondern vorlufig die der Bhne - aber auch das
war mehr, als ein Freund des Doctors billigen konnte.
    Laura trat rasch hervor, stellte sich neben Fritz Hahn und hob warnend den
Finger in die Hhe. Der Doctor sah verwundert auf die Fledermaus und zuckte die
Achseln. Da ergriff sie seine Hand und schrieb seinen Namen ein. Der Doctor
machte eine Verbeugung, darauf hielt sie ihre Hand hin. Wie konnte er sie in der
entstellenden Hlle erkennen? Er gab starke Zeichen seiner vollen Unwissenheit
und wandte sich wieder zu der Dame im rothen Mantel. Laura trat zurck und ihre
Schlfe rtheten sich unter der Maske. Auch im Zorn auf sich selbst! Denn sie
hatte dem Unglcklichen diese Gefahr gebracht, und sie hatte darauf bestanden,
den Ball heimlich vor ihm und in einer Tracht zu besuchen, welche das Erkennen
so schwer machte.
    Sie zog sich zu ihrer Mutter zurck, welche endlich das Glck gehabt hatte,
in der Frau Pathe eine Gesellschafterin zu finden und eine Ecke des Maskensaales
benutzte, um Beobachtungen ber die krperliche Entwicklung des getauften
kleinen Fritz auszutauschen. Laura setzte sich neben die Mutter und sah
theilnahmlos auf die tanzenden Masken. Pltzlich sprang sie wie von Federn
geschnellt in die Hhe, denn Fritz Hahn tanzte mit der Dame im rothen Mantel
vorber. War das mglich? Lngst hatte er das Tanzen abgeschworen, mehr als
einmal hatte er Laura wegen ihrer Freude daran verspottet, auch sie selbst hatte
vor ihrem Geheimbuch Stunden gehabt, wo ihr diese einfrmige kreisende Bewegung
kindisch und mit einer edleren Auffassung des Lebens unvertrglich erschien. Und
jetzt drehte er sich wie ein Kreisel. Was sehe ich? rief auch ihre Mutter -
ist das nicht - und die rothe ist ja gar - Es ist gleichgltig, mit wem er
tanzt, unterbrach Laura, um nicht die verhate Besttigung zu hren.
    Aber sie kannte Fritz Hahn, und sie wute, da dieser Walzer etwas zu
bedeuten hatte. Julia gefiel ihm sehr, sonst htte er's nicht gethan, ihr selbst
war diese Auszeichnung nie zu Theil geworden. Der alte Komiker der Stadtbhne
trat als Pantalon zu ihnen, er hatte endlich die zwei einflureichen Damen
aufgefunden, er trippelte, machte groteske Verbeugungen und fing an die Mama mit
kleinen Gekltsch zu unterhalten. Und eine seiner ersten Bemerkungen war: Man
hrt, der junge Hahn wird zum Theater gehen, er studirt mit unserer Primadonna
seine Liebhaberrolle ein. Laura wandte sich mit Widerwillen von der platten
Bemerkung ab.
    Ihre letzte Hoffnung war die Zeit des Demaskirens, ungeduldig erwartete sie
den Augenblick. Endlich trat eine Pause ein, die Larven fielen. Sie nahm den Arm
der Mutter, mit ihr durch den Saal zu gehen und die Bekannten zu gren; es
dauerte lange, bis sie in die Nhe von Fritz Hahn kamen, und er sah nicht einmal
nach ihnen hin. Laura zuckte mit der Hand, ihn leise anzurhren, aber sie prete
die Finger fest und gingaus, groen Augen auf ihn blickend, vorber. Jetzt
endlich that er, was lngst seine Schuldigkeit gewesen wre, er erkannte sie.
Sie sah die Freude auf seinem Gesicht und ihr wurde leichter zu Muth. Sie blieb
stehen, whrend er sich vor der Mutter verbeugte und einige hfliche Worte mit
dieser wechselte, und sie wartete, da er anerkennen werde, wie sie ihn bereits
gegrt. Er aber sprach kein Wort von der Begegnung. Hatten ihm so Viele den
Namen in die Hand geschrieben, da er eine einzelne arme Fledermaus nicht im
Gedchtni behalten konnte? Und als er sich zu ihr wandte, lobte er die
Ballmusik.
    Das war die Beachtung, die er ihr gnnte! Mit Julia hatte er gesprochen, was
zwischen freien Seelen der Rede werth ist, und ihr gegenber schnurrte eine
gleichgltige Phrase. Ihre Augen bekamen den dstern Hummelblick, als sie
entgegnete: Sie hatten sonst wenig Wohlgefallen an dem groen Hackebrett dort
oben, das die Puppen hpfen macht. Der Doctor lchelte befangen und bat um den
nchsten Tanz. Das war so ungeschickt als mglich. Laura antwortete bitter: Die
graue Fledermaus war bereits so dreist, an Romeo heran zu flattern, damals hatte
er keinen Tanz fr sie frei, jetzt thun ihr von dem hellen Licht die Augen weh.
Sie neigte ihr Kpfchen wie eine Knigin, nahm den Arm ihrer Mutter und lie ihn
hinter sich zurck.
    Was noch kam, war eitel Herzeleid. Noch einmal tanzte der Doctor mit der
Dame im Mantel, und Laura sah jetzt, wie freundlich die Verfhrerin ihn
anlachte, und er tanzte sonst mit Niemandem. Um sie aber kmmerte er sich nicht
weiter; und es war ein Glck, da bald darauf Hummel zu den Seinen trat und
sagte: Es hielt schwer, euch zu finden. Erst als ich die Leute nach den zwei
hlichsten Verputzungen frug, wurde auf euch gewiesen. Es wre mir lieb, wenn
ihr morgen ohne Kopfschmerz erwachtet, wir haben heut des Vergngens genug
ausgestanden. Laura war froh, als der Wagen an der Hausschwelle hielt, sie
strzte in ihr Zimmer, ri ihr Buch aus der Schublade und schrieb mit fliegender
Hast hinein: Fluch meiner That und Fluch dem frevelhaften Scherz! Die
Drachenzhne hab' ich mir ins Land gestreut. In Waffen wchst ein Herr von
Feinden und bedrut mit scharfem Stahle mir das warme Herz. Und sie wischte
dabei ber den Thrnen, die ihr auf das Papier rollten.
    Das klare Licht des nchsten Morgens bte auch auf ihre scheu flatternden
Gedanken seine beruhigende Macht. Dort drben lag Fritz Hahn wohl noch in seinem
Bett. Der gute Junge war gestern mde geworden. Es mochte doch noch mancher
Tropfen Wasser zum Meere flieen, bevor Freund Fritz sich entschlo, sein
Geschick mit dem einer tragischen Knstlerin zu verbinden. Sie holte ihren
Vorrath von alten Druckbogen heraus und whlte. Da war ja ein recht lustiges
Lied: die Kferhochzeit, worin der Kfer auf dem Zaune die Jungfer Fliege
auffordert, ihn zu heiraten. Viele kleine Vgel bemhen sich ernsthaft um die
Hochzeit, diese aber wird zuletzt durch ein unrhmliches Privatvergngen des
Brutigams verdorben. Gut, sagte Laura, mein Kfer Fritz, ehe du die leichte
Fliege Juliette heiratest, sollen noch andere Vgel ihr Stimmchen dazugeben.
Sie legte das Lied zusammen und schrieb dazu auf einen kleinen Zettel: Sie
vermuthen falsch. Der dies sendet, war niemals Julia. Als sie den Brief schlo,
sagte sie beruhigt zu sich selbst: Wenn er jetzt nicht merkt, da er im Irrthum
war, so mu man an seinem Urtheil verzweifeln.
    
    Der Doctor sa noch ein wenig betubt bei seinen Bchern, als dieser Brief
bei ihm einfiel. Er warf einen Blick auf die Kferhochzeit; alte Einzeldrucke
davon waren ihm berhaupt noch nicht davon vorgekommen und er sah schon bei
schnellem Ueberfliegen, da manche Verse ganz anders lauteten als in unserm
landlufigen Text. Dann nahm er den Zettel und suchte den Orakelspruch desselben
zu verstehen. Allerdings, jetzt war unzweifelhaft, da die Sendung von der
Schauspielerin kam, denn wer sonst konnte wissen, da er sie mit Julia angeredet
hatte, und da lange von dieser Rolle die Rede gewesen war. Aber was sollten die
Worte: Sie vermuthen falsch? Auch darber ging ihm ein blendendes Licht auf. Er
hatte behauptet, da die Darstellung der Leidenschaft dem Knstler nur bis zu
einem gewissen Grade mglich sei, wenn ihm nicht einmal das Leben selbst eine
hnliche Kette von Empfindungen durch die Seele gezogen htte. Das hatte die
Schauspielerin geleugnet, und sie hatten sich darber zu vereinigen gesucht.
Ihre Worte bedeuteten also offenbar, da sie die Julia gegeben, ohne je eine
groe Leidenschaft gefhlt zu haben. Nun, dies war ein Gestndni, das wieder
viel Vertrauen zeigte, ja vielleicht noch mehr. Der Doctor sa lange vor dem
Blatt. Aber er wurde jetzt ziemlich sicher, mit wem er Briefwechsel fhre, und
die Entdeckung machte ihn nicht froh. Denn wie er sich auch mit verstndigen
Grnden gestrubt hatte, es waren doch immer Laura's Augen gewesen, die ihm von
dem Papier entgegenstrahlten, freilich ein ganz anderer Blick, als sie ihm
gestern vergnnt hatte. Er legte die Kferhochzeit still zu den andern Liedern,
und wieder frug er sich, ob er den Briefwechsel jetzt noch fortsetzen drfe.
Endlich packte er als Antwort die fllige Abgabe ein, etwas aus dem verblhten
Vorrath seiner Mappe, und schrieb nichts weiter dazu.
    Einige Tage darauf ging der Professor mit Ilse durch die Strae, und als sie
bei der Wohnung der Schauspielerin vorbeikamen, sahen beide den Freund am
Fenster der Heldin stehen, und Fritz nickte ihnen hinter den Scheiben zu.
    Wie kommt er zu dieser Bekanntschaft? frug der Professor, gilt die junge
Dame nicht fr sehr emancipirt? Ich frchte, antwortete Ilse bekmmert.
    Zu Madame Hummel aber kam Frau Knips, welche der Schauspielerin gegenber
wohnte, mit noch feuchter Wsche gelaufen und erzhlte, da am Abend zuvor ein
ganzer Korb Champagner zu dem Frulein geschafft worden sei, und da man in der
Nacht den lauten Gesang einer wilden Gesellschaft ber die ganze Strae gehrt
habe, und der junge Herr Hahn sei mitten darunter gewesen!
    Am Sonntag war der Komiker zum Mittagsbraten des Herrn Hummel geladen, und
eine seiner ersten Anekdoten war, da er von einer lustigen Gesellschaft
erzhlte, die bei der Schauspielerin gewesen war. Mit der Bosheit, welche auch
Genossen derselben Kunst einander zu Theil werden lassen, setzte er hinzu: Sie
hat einen neuen Verehrer gefunden, den Sohn von drben. Nun, das Geld seines
Vaters wird doch auf diesem Wege der Kunst zu Hilfe kommen. Herr Hummel machte
groe Augen und schttelte den Kopf, sagte aber weiter nichts als: Also auch
Fritz Hahn ist unter die Schauspieler gegangen und lderlich geworden, er wre
der letzte gewesen, dem ich so etwas zugetraut htte. Frau Hummel aber suchte
ihre Erinnerungen vom Ball zusammen und fand darin traurige Besttigung, als
Laura, welche heut sehr bleich und schweigsam dasa, gegen den Mimen heftig
herausfuhr: Ich leide nicht, da Sie an unserm Tische in solchem Ton vom Herrn
Doctor sprechen. Wir kennen ihn gut genug, um zu wissen, da er in Benehmen und
Grundstzen ein edler Mensch ist. Er ist Herr ber sein Thun, und wenn ihm das
Frulein lieb geworden ist und er sie zuweilen besucht, so geht das keinen
Dritten etwas an. Und es ist boshafte Verleumdung zu sagen, da er dort etwas
Unehrenhaftes begehen wird und Geld ausgeben, das ihm nicht gehrt.
    Dem Komiker kam vor Schrecken eine Brotkrume in die falsche Kehle, er
versank in den heftigsten Bhnenhusten seines Lebens, die Mutter aber versetzte,
um den genialen Mann zu entschuldigen: Du selbst hast zuweilen gefhlt, da das
Benehmen des Doctors nicht das richtige war.
    Wenn ich in thrichtem Unmuth so etwas gesagt habe,rief Laura, war es ein
Unrecht, und es schmerzt mich sehr; ich habe nur die Entschuldigung, da es
niemals bse gemeint war. Von Andern aber ertrage ich keine Krnkung unseres
Nachbars. Und sie stand vom Tische auf und verlie das Zimmer.
    Der Komiker rechtfertigte sich gegen die Mutter, Herr Hummel aber fate an
sein Weinglas und sagte, mit zugedrckten Augen seiner Tochter nachsehend: Sie
ist bei trbem Tageslicht gar nicht von mir zu unterscheiden.
    Die Missethaten des Doctors machten ihm selbst wenig Kummer. Er hatte seiner
Tnzerin vom Ball einen Besuch gemacht, denselben, wobei er am Fenster gesehen
wurde. Einer seiner Schulfreunde, jetzt zweiter Tenor der Bhne, war
dazugekommen und hatte mit der Knstlerin beschlossen, an ihrem nahen
Geburtstage ein kleines Pickenick einzurichten, so war Fritz aufgefordert
worden, Theil zu nehmen. Es war eine lustige Gesellschaft gewesen, der Doctor
hatte sich unter den leichtbeschwingten Vgeln der Bhne sehr gut unterhalten
und mit der Ruhe eines Weisen ber den guten Takt gefreut, welcher in der
zwanglosen Weise ihres Verkehrs sichtbar wurde. Auch manches verstndige Wort
wurde den Abend gesprochen, und er ging mit der Ansicht nach Hause, da es fr
Seinesgleichen recht erfrischend sei, sich einmal zu der lustigen Kunst zu
gesellen. Aber er versuchte an demselben Abend auch durch eine Kriegslist seine
unbekannte Briefschreiberin zu ermitteln. Als man kleine Lieder sang und mit
munterer Grazie komische Reime hersagte, hatte er das Kferlied auf das Tapet
gebracht und ehrbar angefangen: Der Kfer auf dem Zaune sa, brum brum, die
Fliege, die darunter sa, sum, sum. Einige hatten eingestimmt, die Dame im
Mantel aber kannte das Lied gar nicht, nur ein hnliches aus einer alten Rolle,
und als der Bassist dem Doctor die Melodie aus dem Munde nahm und bei den
folgenden Versen jeden der auftretenden Vgel durch Geberde und komische
Vernderungen der Melodie zu portrtiren wute, da hatte die Wirthin so
unbefangen gelacht und sich vorgenommen, das Lied zu lernen, da der Doctor
wieder sehr zweifelhaft wurde, bei der Heimkehr auf seiner Hausschwelle
stehenblieb und bedeutsam nach dem Hause des Herrn Hummel hinbersah. Und wer
genau untersucht htte, weshalb er nach diesem Kferlied selbst laut und
bermthig wurde wie die Andern, der htte vielleicht gefunden, da ihm durch
jene Unbefangenheit der Schauspielerin ein kleiner Stein vom Herzen geschnellt
war.
    Aber das alles half ihm wenig gegenber Brumm und Summ der Nachbarn. Die
Parkstrae hatte ihrem Fritz Hahn in der letzten Zeit erhhte Beachtung gegnnt,
sein Bild war unter die ernsten Gelehrten ihres Albums eingereiht, welche sie
tglich betrachtete und besprach. Jetzt schien ein fremder Zug in das bekannte
Gesicht gekommen, und die Strae wollte nicht dulden, da eines ihrer Kinder
einmal anders aussah, als ihr gelufig war. Deshalb fand viel Raunen und
Kopfschtteln statt, Herr und Frau Hahn erfuhren das, nicht zuletzt der Doctor.
Er lachte darber, aber ganz recht war es ihm nicht.
    Tanhuser, edler Rittersmann, du liegst in Frau Venus Banden, ich selbst
war der arge Papst Urban, ich hufte dir Jammer und Schande. So klagte Laura in
ihrem Zimmer, aber sie verbarg den groen Schmerz, auch gegen Ilse sprach sie
kein Wort ber die Gefahren des Doctors, und als diese einmal eine leise
Anspielung auf die neue Verbindung des Freundes wagte, zerri Laura den Faden
ihrer Stickerei und sagte, whrend ihr das Blut hei zum Herzen drang: Warum
soll der Doctor nicht hinbergehen? Er ist ein junger Mann, dem es gut thut,
verschiedene Menschen zu sehen, er sitzt ohnedies zu viel in der Stube und bei
seinen Eltern, wre ich ein Mann wie er, ich htte lngst mein Bndel geschnrt
und wre in die Welt gelaufen, denn diese engen Hausmauern machen kleinmthig
und pedantisch.
    Am Theetisch brachte einer der Anwesenden das Gesprch auf die
Schauspielerin und zuckte die Achseln ber ihr freies Wesen. Laura empfand die
Pein des Doctors: da sa der arme Fritz und mute das verwerfende Urtheil
anhren, die nheren Bekannten schwiegen und sahen bedeutsam auf ihn, seine Lage
war schrecklich, denn jeder Narr benutzte des Fruleins schutzlose Stellung, um
sich als Cato zu erweisen. Ich wundere mich, rief sie, da die Herren so
strenge ber kleine Streiche einer Knstlerin urtheilen, das sollten sie doch
uns berlassen. Einer solchen Dame darf man noch viel mehr zu gut halten, denn
ihr fehlt aller Schutz und alle Freude, welche uns die Familie gibt. Ich bin
berzeugt, da sie ein wackeres und feinfhlendes Mdchen ist.
    Der Doctor sah dankbar zu ihr hinber und besttigte ihre Worte. Er merkte
nichts, aber es war gekommen, wie in seinem Kindermrchen, Laura bog sich
bereits zu seiner Fuspitze herab und hob das Taschentuch auf.
    Noch mehr wurde ihr zugemuthet. Der Monat Mrz begann in der Welt seine
Theaterstreiche. Erst hatte er eine Schneelandschaft aus grauen Wolkensoffitten
heruntergelassen, Dcher mit Eiszapfen, weie Krystalle an den Bumen und wildes
Sturmgeheul hinter der Scene, pltzlich war Alles verwandelt, ein lauer Sdwind
wehte, die Knospen der Bume schwollen, auf den Wiesen hob sich junges Grn ber
die drren Stiele; die Kinder liefen in den Stadtwald und trugen groe Bndel
der ersten Frhlingsblumen heim, frhliche Menschen zogen in unabsehbarer
Wallfahrt durch die Parkstrae dem warmen Sonnenschein entgegen.
    Auch ber Herrn Hummel kam das Frhlingsahnen. Dies uerte sich jhrlich
dadurch, da er Farbe fr den Kahn mischte und an einem kluggewhlten Nachmittag
mit Frau und Tochter in einen entlegenen Kaffegarten lustwandelte. Fr Laura war
die festliche Reise ein miges Vergngen, denn Herr Hummel spazierte den Frauen
mit starken Schritten voraus, er freute sich ganz in der Stille darber, wie
Alles in der alten Natur wieder in Stand kam und gnnte den Seinen nur dann eine
Bemerkung ber die Schulter, wenn ihn eine Vernderung im Pflanzenwuchs rgerte.
Aber Laura wute, da der Vater auf diese Mrzfreude hielt und eilte auch in
diesem Jahre neben der Mutter hinter ihm her, einem einsamen Dorfe zu, wo Herr
Hummel seine Pfeife rauchte, die Hhner ftterte, den Kellner abkanzelte, mit
dem Wirth ein Gesprch ber die Saaten fhrte und der Sonne gestattete, sich
auch ihrerseits ber das gute Aussehen ihres alten Bekannten Hummel zu freuen.
Denn Herr Hummel, sonst keineswegs menschenscheu, liebte in der Natur allein zu
sein und hate die Sammelpltze der Stdter auf dem Lande, wo der Duft von
frischem Kuchen und gebackenen Krpfeln alle Natur wegrucherte.
    Als er mit seinen Frauen den Kaffegarten betrat, sah er unzufrieden, da
bereits andere Gste vorhanden waren. Er warf einen zweiten tadelnden Blick auf
die lustige Gesellschaft, welche seinen gewhnlichen Platz in Besitz genommen
hatte, und erkannte die junge Schauspielerin, andere Mitglieder der Bhne,
mitten unter ihnen den Sohn seines Gegners. Da wandte er sich zu seiner Tochter
und sagte blinzelnd: Heut wirst du recht zufrieden sein, hier hast du ja auer
dem Naturgenu auch noch die Kunst zur Hand. Laura erschrak vor der harten
Zumuthung, welche ihrer Kraft gestellt wurde, aber sie hob stolz das Haupt und
schritt mit den Eltern in eine andere Ecke des Gartens. Dort setzte sie sich mit
dem Rcken gegen die Fremden. Dennoch merkte sie mehr von ihrem Treiben, als fr
die Fassung gut war, sie vernahm Lachen und lustiges Gebrumm der
Kferversammlung; je weniger sie sah, um so peinlicher wurde der Lrm, und jedes
Gerusch wurde in der tiefen Stille fhlbar, denn auch Ohr und Auge der Mutter
hing gespannt an der andern Gesellschaft. Nach einer Weile brach die laute
Unterhaltung der Knstler ab, aus den leisen Reden glaubte sie ihren Namen zu
hren. Gleich darauf knirschte hinter ihr der Kies, sie dachte sich, da der
Doctor in ihrem Rcken war.
    Er trat an den Tisch, grte stumm den Vater, machte der Mutter eine
freundliche Bemerkung ber das Wetter und war gerade im Begriff sich an Laura zu
wenden, mit einem Zwange, den sie ihm wohl ansah, als Herr Hummel, der bis dahin
den Einbruch des Feindes schweigend ertragen hatte, die Pfeife aus dem Munde
nahm und mit sanfter Stimme begann: Ist denn mglich, was man ber Sie hrt,
Herr Doctor? Sie wollen sich verndern? Laura fuhr mit dem Sonnenschirm heftig
in den Kies.
    Ich wei nichts davon, versetzte der Doctor khl.
    Es geht das Gercht, fuhr Herr Hummel fort, Sie wollen Ihren Bchern
Lebewohl sagen und dramatischer Knstler werden. Sollte dieses doch der Fall
sein, so bitte ich Sie freundlich, auch meines kleinen Geschftes zu gedenken.
Jede Art von knstlerischer Kopftracht, fr Liebhaberrollen feiner Biber, fr
Lakaien mit Tressen, und wenn Sie einmal den Bajazzo machen, eine weie
Filzmtze. Aber Sie werden lieber Clown heien wollen. Es ist jetzt eine gute
Carriere geworden, Hanswurst ist aus der Mode, man wird Sie auch Herr Clown
anreden.
    Ich habe nicht die Absicht, zur Bhne zu gehen, erwiederte der Doctor.
Wenn ich ja auf den Einfall kme, wrde ich Sie nicht um die Kunstwerke Ihrer
Fabrik bitten, sondern um eine Unterweisung in dem, was Sie fr gute Lebensart
halten. Ich wrde dann auf der Bhne wenigstens wissen, was sich unter Mnnern
von Anstandsgefhl nicht schickt. Er grte die Frauen und entfernte sich.
    Immer Humboldt, sagte Herr Hummel ihm nachblickend.
    Laura rhrte sich nicht, aber ihre dunklen Augenbrauen zogen sich so drohend
zusammen, da auch Herr Hummel davon Kenntni nahm. Ich bin ganz deiner
Meinung, sagte er behaglich zu seiner Tochter, es ist schade um ihn; wre er
nicht in dieser Strohhtte verdorben, es htte wohl etwas aus ihm werden knnen.
Der ist nun auch dahin. Dabei nahm er Kuchenbrocken und bot sie einem
Lwenhndchen, welches vor ihm auf den Hinterbeinen sa und die Vorderpfoten
bittend auf und ab bewegte.
    Billy, rief eine Frauenstimme durch den Garten. Aber Hund Billy achtete
nicht darauf, sondern fuhr fort, Herrn Hummel seine Ergebenheit zu beweisen, und
dieser, der fr Thiere ein weicheres Gemth hatte als fr Menschen, ftterte den
Kleinen.
    Die Schauspielerin kam eilig heran. Bitte geben Sie dem unartigen Thiere
keinen Kuchen, es sind Mandeln darin, bat die Knstlerin und wehrte dem
Hndchen.
    Ein hbscher Hund, bemerkte Herr Hummel sitzend.
    
    Wenn Sie erst wten, wie gescheidt er ist, sagte das Frulein, er
versteht alle Kunststcke. Zeige dem Herrn, was du gelernt hast. Sie hielt den
Sonnenschirm hin, Billy sprang eifrig darber weg und sofort mit einem Satze auf
den Scho des Herrn Hummel, dort wedelte er mit dem Schweif und versuchte ihm
das Gesicht zu lecken.
    Er will Sie kssen, sagte die Schauspielerin, darauf drfen Sie sich
etwas einbilden, denn das thut er gar nicht Jedermann.
    Es ist auch nicht Jedermanns Sache, versetzte Herr Hummel und streichelte
den Kleinen.
    Sei dem Herrn nicht lstig, Billy, schalt das Frulein.
    Herr Hummel stand auf und berreichte den Hund, der auf seinen Ku nicht
verzichten wollte und immer noch nach dem Gesicht des Hausbesitzers zngelte.
Er ist treuherzig, sagte Herr Hummel, und hat ganz die Farbe des meinigen.
    Das Frulein liebkoste den Kleinen. Der Schelm ist leider sehr verzogen; er
kriecht in meinen Muff, sooft ich in das Theater gehe, und ich mu ihn
mitnehmen, obgleich das nicht geschehen soll. Erst neulich stand ich seinetwegen
Todesangst aus, denn whrend ich als Klrchen unter den Brgern jammerte, war
Billy aus der Garderobe gelaufen, wedelte zwischen den Coulissen und machte mir
Mnnchen.
    Es war ein ergreifendes Spiel, begann Frau Hummel.
    Ich fuhr wohl mehr umher als sonst, entgegnete die Schauspielerin, denn
ich mute bei jeder Wendung in die Coulisse rufen: Kusch, Billy!
    Gut, nickte Herr Hummel, immer Besonnenheit.
    Heut bin ich dem Unartigen dankbar, fuhr das Frulein fort, denn er
verschafft mir hier auf dem Lande die Freude, meine Nachbarn zu begren. Herr
Hummel, wie ich hre.
    Herr Hummel verneigte sich schwerfllig. Die Schauspielerin wandte sich mit
einer Verbeugung zu den Damen, welche stumm ihren Gru erwiederten.
    An der Dame war Manches, was Herrn Hummel gefiel. Sie war hbsch, sah aus
klugen Augen frhlich in die Welt und trug etwas auf dem Kopf, was er persnlich
kannte. Er ergriff also einen Stuhl und sagte mit einer zweiten Verbeugung:
Wollen Sie nicht die Gte haben, Platz zu nehmen? Die Fremde nickte ihm zu und
wandte sich an Laura. Ich freue mich, Sie endlich so nahe zu sehen, Sie sind
mir keine Fremde mehr, ich habe manchmal an Ihnen rechte Freude gehabt, und es
ist mir lieb, da ich Ihnen heut dafr danken kann.
    Wo war das doch? frug Laura beklommen.
    Wo Sie gewi nicht daran dachten, versetzte die Andere. Ich habe ein
scharfes Auge und erkenne ber die Lampen jedes Gesicht der Zuschauer. Sie
glauben nicht, wie sehr das zuweilen peinigt. Da Sie einen festen Platz haben,
ist mir oft Erholung gewesen, auf Ihren Zgen auszuruhen und den lebendigen
Ausdruck zu betrachten. Und mehr als einmal habe ich, ohne da Sie es wuten,
fr Sie allein gespielt.
    Ha, dachte Laura, das ist keine Fliege, das ist Frau Venus. Aber sie
fhlte eine Saite anschlagen, die reinen Ton gab. Sie sagte der Schauspielerin,
wie ungern sie eine ihrer Rollen versume, und da in ihrem Hause die erste
Frage vor dem neuen Theaterzettel sei, ob das Frulein mitspiele.
    Dies gab der Mutter Gelegenheit, sich an der Unterhaltung zu beteiligen.
Dagegen rhmte die Schauspielerin, wie gtig man ihr berall entgegengekommen
sei. Denn das Reizvollste unserer Kunst, fuhr sie fort, sind die stillen
Freunde, welche wir in den Stunden des Spiels gewinnen, Menschen, die man sonst
vielleicht nie sieht, deren Namen man nicht wei, und welche doch unser Leben
mit Theilnahme begleiten. Lernt man bei Gelegenheit einmal dieses Wohlwollen
Fremder kennen, so wird es reiche Entschdigung fr die Leiden unseres Berufes,
unter denen die zudringliche Huldigung gemeiner Menschen vielleicht das grte
ist.
    Nun, die Huldigung des Doctors durfte sie zu diesen Leiden sicher nicht
zhlen.
    Whrend die Frauen in solcher Weise miteinander sprachen und Herr Hummel
beifllig zuhrte, traten auch einzelne Herren dem Tisch nher. Frau Hummel
begrte zuvorkommend den zweiten Tenor, der im Hause der Frau Pathe bisweilen
ein Lied sang, und der wrdige Vater der Bhne, welcher Herrn Hummel aus der
Ressource kannte, begann mit diesem ein Gesprch ber den Bau eines neuen
Theaters. Darber hatte Hummel als Brger sehr bestimmte Ansichten, welche mit
denen des wrdigen Vaters ganz bereinstimmten.
    So verschmolzen die beiden getrennten Gesellschaften, und der Tisch des
Herrn Hummel wurde ein Mittelpunkt, den die Kinder Thalia's umschwrmten.
Whrend die Schauspielerin mit Frau Hummel recht ehrbar und hausmtterlich die
Uebelstnde ihrer Wohnung besprach, sah Laura nach dem Doctor. Er stand mehre
Schritte von der Gesellschaft an einem Baum und sah nachdenkend vor sich hin.
Schnell trat Laura zu ihm und begann mit fliegender Eile: Mein Vater hat Sie
beleidigt, ich bitte Sie um Verzeihung.
    Der Doctor sah auf. Es that nicht weh, sagte er gutherzig, ich kenne ja
seine Art.
    Ich habe sie gesprochen, fuhr Laura mit bebender Stimme fort, sie ist
gescheidt und liebenswrdig und hat eine unwiderstehliche Freundlichkeit.
    Wer? frug der Doctor, die Schauspielerin?
    Verstellen Sie sich nicht gegen mich, fuhr Laura fort, das ist zwischen
uns ubnthig, es gibt Niemand auf Erden, der Ihr Glck so von Herzen wnscht als
ich. Betrben Sie sich nicht ber das Kopfschtteln Anderer; wenn Sie der Liebe
des Fruleins sicher sind, ist alles Uebrige Nebensache.
    Der Doctor erstaunte immer mehr: Ich will ja aber das Frulein gar nicht
heiraten!
    Leugnen Sie nicht, Fritz Hahn, das steht Ihrem wahrhaften Wesen schlecht,
rief die leidenschaftliche Laura wieder. Ich merke wohl, wie sehr das Frulein
zu Ihnen pat. Seit ich sie gesehen, bin ich berzeugt, fr alles Gute und Groe
finden Sie bei ihr Verstndni. Bedenken Sie sich nicht und wagen Sie muthig
Ihrem Herzen zu folgen. Denn sehen Sie, Fritz, eine Sorge habe ich um Sie. Ihr
Gefhl ist warm und Ihr Urtheil ist sicher, aber Sie hngen zu fest in den
Banden Ihrer Umgebung. Ich zittere davor, da Sie darum unglcklich werden
knnen, weil Sie vielleicht nicht in der rechten Stunde einen Entschlu fassen,
der Ihrer Familie ungewhnlich erscheint. Ich kenne Sie von meiner ersten
Kindheit und wei sehr gut, da Ihre Gefahr immer war, sich selbst fr Andere zu
vergessen. Darber knnen Sie zu einem opfervollen Dasein kommen, und der
Gedanke ist mir schrecklich. Denn ich mchte, da Ihnen alles Gute zu Theil
wird, was ihr redliches Herz verdient. Die Thrnen liefen ihr ber die Wangen,
als sie ihn liebevoll ansah.
    Jedes Wort, das sie sprach, klang dem Doctor wie Lerchentriller und
Geschwirr der Heimchen. Leise sprach er: Ich liebe das Frulein nicht, ich habe
nie den Gedanken gehabt, ihre Zukunft an die meine zu fesseln.
    Laura trat zurck, ber ihr Antlitz zog hohe Rthe.
    Es ist eine flchtige Bekanntschaft, nichts weiter fr jene und mich, ihr
Leben gehrt der Kunst und schwerlich jemals ruhiger Huslichkeit. Wenn ich fr
mich ein Herz zu begehren wagte, so wre es nicht das ihre, sondern ein
anderes. Er sah nach dem Tisch hinber, wo gerade ein lautes Lachen Herrn
Hummel andeutete, und sprach die letzten Worte so leise, da sie kaum bis in
Laura's Ohr drangen, dabei blickte er schmerzlich vor sich hin, auf die Knospe
des Fliederstrauches, in welcher noch die junge Blthe verborgen lag.
    Laura stand unbeweglich, wie vom Stabe eines Zauberers berhrt, aber die
Thrnen liefen noch immer von ihrer Wange herab. Sie war nahe daran, die Kirsche
ihres Vielliebchens mit den Lippen zu fassen.
    Da summten die lustigen Kfer heran, die Schauspielerin winkte ihr lchelnd
zu, der Vater rief, das Mrchen war zu Ende. Laura hrte noch, wie das Frulein
siegreich zum Doctor sagte: Er hat mir doch einen Stuhl angeboten, er ist gar
kein Brummbr, er war sehr gut gegen Billy.
    Als Fritz in seine Wohnung kam, schleuderte er Hut und Ueberrock von sich,
sprang an den Schreibtisch und holte die kleinen Briefe der unbekannten Hand
heraus. Sie ist es, rief er laut, ich Thor, nur einen Augenblick zu
zweifeln. Er las jeden der Briefe wieder durch und nickte bei jedem mit dem
Kopfe. Das war sein hochsinniges, wackeres Mdchen; wie sie sich sonst auch
stellte, heut hatte sie ihm ihr wahres Antlitz gezeigt. Er wartete ungeduldig
auf die Stunde, wo er Laura bei den Freunden treffen wrde. Sie trat spt ein,
grte ihn ruhig und war den Abend schweigsamer und weicher als sonst. Wenn sie
sich an ihn wandte, sprach sie zu ihm ernsthaft wie zu einem bewhrten Freunde.
Sehr gut stand ihr die milde Ruhe. Jetzt gab sie sich ihm, wie sie war, ein
begeistertes Fhlen, ein reiches Gemth. Sprdigkeit und neckende Laune, die
alten Schalen, welche den sen Kern verdeckt hatten, waren zerbrochen. Auch die
ruhige Vorsicht freute ihn, mit der sie unter den Freunden ihre Empfindung barg.
Wenn die nchste Liedersendung kam, dann sprach sie zu ihm, wie jetzt beiden
um's Herz war, oder sie gab doch ihm das Recht, offen an sie zu schreiben. Der
Doctor zhlte am nchsten Morgen die Minuten, bis der Brieftrger sein Haus
betrat. Er ri die Thr auf und eilte dem Manne entgegen. Fritz hielt einen
neuen Brief in der Hand, er lste ungeduldig das Couvert, keine Zeile des
Absenders lag dabei, er entfaltete den alten Druckbogen und las die Worte des
groben Liedes:
    Hei ha ho. Steck an den Schweinebraten, darzu die Hhner jung! darauf mag
uns gerathen ein frischer freier Trunk. Hol' Wein, schenk ein, trink mein liebes
Brderlein, heute mu Alles verschlemmet sein, und der ehrliche einfltige
Doctor frug wieder: ist sie es? oder wre mglich, da sie es nicht ist?

                                       4.

                                        

                              Unter den Studenten.


Wer dem Professor von Herzen gut werden wollte, der mute ihn sehen, wenn er im
Kreise seiner Zuhrer sa, der gereifte Mann unter der aufblhenden Jugend, der
mittheilende Lehrer vor bewundernden Schlern. Denn des akademischen Lehrers
schnstes Vorrecht ist, da er nicht nur durch sein Wissen, auch durch seine
Persnlichkeit die Seelen des nchsten Geschlechtes adelt. Aus den Vielen,
welche einzelne Vortrge hren, schliet sich ein gewhlter Kreis enger an den
Gelehrten, im persnlichen Verkehr schlingt sich ein Band um Lehrer und Schler,
leicht gewebt, aber dauerhaft, denn was den Einen an den Andern fesselt, oft den
Fremden nach wenig Stunden zum Vertrauten macht, ist ihr frohes Bewutsein, da
Beide dasselbe fr wahr, gro, gut halten.
    Dieses Verhltni, reizvoll und fruchtbar fr beide Theile, ist die edle
Poesie, welche die Wissenschaft ihren Bekennern gnnt. Fremde und sptere
Menschen, welche den Werth eines Mannes nur nach seinen Bchern beurtheilen, sie
erhalten, wie hoch auch der Gelehrte selbst diese Art von Ueberlieferung
schtzen mge, doch nur ein unvollstndiges Bild des Entfernten; weit anders
wird der lebendige Quell schpferischer Kraft auf die Seelen solcher, welche von
Lippe und Auge des Lehrers sein Wissen empfangen. Nicht nur der Inhalt seiner
Lehre bildet sie, mehr noch seine Art, zu suchen und darzustellen, am meisten
sein Charakter und die besondere Weise des Vortrags. Denn diese erwrmen dem
Hrer das Herz und senken ihm Achtung und Neigung in das Gemth. Solcher Abdruck
eines menschlichen Lebens, der in Vielen zurckbleibt, ist fr Arbeitsweise und
Charakter der Jngeren oft wichtiger als der Inhalt empfangener Lehre. In den
Schlern arbeitet das Wesen des Lehrers neues Leben schaffend fort, seine
Vorzge, zuweilen auch Eigenheiten und Schwchen. In jedem Hrer frbt sich
anders das charakteristische Bild seines starken Meisters, und doch ist in jedem
Schler der Lehrer, der an dieser Seele formte, vielleicht bis zur kleinen
Absonderlichkeit erkennbar.
    Die Lehrstunde, welche Felix fr seine Frau festgesetzt hatte, war nicht die
einzige, welche er in seinem Hause gab. Ein Abend jeder Woche gehrte seinen
Studenten. Da kamen zuerst Einzelne, welche fr ihre Arbeiten einen Wunsch
hatten, mit Anfrage und Bitte. Spter sammelte sich eine grere Zahl, auch
Ilse's Zimmer wurde geffnet, Gabriel bot Thee und einfaches Abendbrot, eine
Stunde verlief in zwanglosem Gesprch und einzelnen Gruppen; bis sich allmhlich
die Getreuen in das Arbeitszimmer des Lehrers zogen und den Kreis dichter um
sein geehrtes Haupt schlossen. Dann sa der Professor inmitten seiner Schler
und das Zimmer wurde zuweilen enge. Auch hier formlose Unterhaltung, bald ein
launiger Bericht ber Erlebtes, bald eingehende Errterung, wobei der Professor
seine jungen Freunde zu thtiger Theilnahme anzuregen wute; dazwischen schnelle
Urtheile ber Menschen und Bcher in schlagender Rede und Antwort, wie solchen
natrlich ist, die aus flchtigem Anschlage eine lange Melodie erkennen. Felix
erschlo in diesen Stunden sein Inneres mit einer Offenheit, die er in seinen
Vorlesungen nicht zeigte, er sprach ber sich und Andere ohne Rckhalt und
verhandelte behaglich, was ihm gerade auf der Seele lag. Aber wie verschieden
die Unterhaltung dieser Abende dahinlief, immer waren es Mnner derselben
Wissenschaft, welche einander im Groen und Kleinen verstanden und selbst im
Scherze ernster Geistesarbeit gedachten.
    Auch Frau Ilse blieb dieser vertrauten Gesellschaft keine fremde
Erscheinung. Die Theilnehmer, smmtlich ernsthafte Mnner, ltere Studenten oder
junge Doctoren, freuten sich der ansehnlichen Hausfrau, welche in ihrer
einfachen Weise gern mit den Einzelnen verkehrte. Im Jahre vorher war einmal
ihre Freude an der Odyssee zu Tage gekommen, als sie die Herren zum Genu einer
Hinterkeule des erdaufwhlenden Ebers aufgefordert und den wohlthuenden Wunsch
ausgesprochen hatte, die Gesellschaft mge nicht verschmhen, ihre Hnde nach
dem bereiteten Mahle auszustrecken. Seitdem hie sie in dem Krnzchen Frau
Penelope, und sie wute, da dieser Beiname sich auch ber die Wnde des Hauses
in die Studentenschaft verbreitet hatte.
    Nun hatte Ilse auch unter den jungen Gelehrten ihre Lieblinge. Zu diesen
gehrte ein wackerer Student, nicht der bedeutendste von den Zuhrern des
Professors, aber einer der fleiigsten. Er war ihr Landsmann und Ilse hatte
zuerst an ihm erkannt, da auch zarte Empfindung in der Brust eines Studenten zu
finden sei. Unser Student hatte in den letzten Jahren mit Erfolg daran
gearbeitet, den Krater seines Innern durch Collegienhefte auszufllen. Seiner
Lyrik aber hatte er ziemlich entsagt; denn damals, wo der Professor ihm seine
Gedichte zurckschickte, war er sehr in sich gegangen und hatte demthig um
Entschuldigung gebeten; war auch seitdem mit Hilfe eines guten Stipendiums, das
ihm Felix verschafft, zu einer weniger menschenfeindlichen Auffassung
brgerlicher Verhltnisse durchgedrungen. Er bewhrte sich als ein treuer und
anhnglicher Bursch und trug jetzt wrdig den Titel Doctorandus, welcher nach
Angabe unsrer Grammatiker einen Mann bedeutet, der zum Doctor gemacht werden
soll oder mu. Dabei hatte er auch bei der Studentenschaft eine gewisse Geltung,
er bekleidete in der groen Verbindung Arminia ein Ehrenamt, trug noch immer
ihre Farbenmtze und wurde dort zu den bevorzugten Weisen gerechnet, welche an
Trinkabenden von lstiger Verpflichtung befreit sind und die Pausen, in denen
strmische Jugend Athem holt, durch ernstes Gesprch ber Menschentugend
ausfllen.
    An einem Studentenabend brodelte die Unterhaltung schon in Ilse's Zimmer
sehr laut und warf wissenschaftliche Blasen. Eine interessante Handschrift war
in entlegener sddeutscher Bibliothek aufgefunden. Ueber den Fund und den
Herausgeber wurde verhandelt, und Felix zhlte behaglich mit einigen
Auserwhlten alle hnlichen Entdeckungen auf, welche in den letzten zwanzig
Jahren gemacht waren. Da begann unser Student, der gerade durch Frau Ilse eine
Tasse Thee erhalten hatte, mit dem Lffel rhrend, recht gemthlich: Drfte
nicht auch in der Nhe noch Manches zu finden sein? So steht in meiner Heimat
eine alte Kiste, welche Bcher und Papiere aus dem Kloster Rossau enthalten
soll. Es ist nicht unmglich, da darunter etwas Werthvolles steckt.
    Das sprach der Student und rhrte mit dem Lffel, dem Knaben gleich, welcher
den brennenden Span in einer gefllten Bombe herumdreht.
    Der Professor fuhr von seinem Stuhl in die Hhe und warf dem Studenten einen
Flammenblick zu, da dieser erschrak und die Tasse schnell hinsetzte, um bei
dem, was kommen mute, nichts zu beschtten. Wo soll die Kiste stehen?
    Wo? wei ich nicht, versetzte der Student betreten, vor einigen Jahren
hat mir ein Landsmann davon erzhl, er war in der Gegend von Rossau geboren -
der Student nannte den Namen und Ilse kannte die Familie. Aber in unserm
Frstenthum mu es sein, denn er hat dort als Hauslehrer an mehren Orten
gelebt.
    War er denn Philolog? frug ein lterer Hrer ebensosehr im Jagdeifer als
der Professor.
    Er war Theolog, antwortete unser Student.
    Ein bedauerndes Gerusch ging durch das Zimmer. Dann ist die Nachricht doch
unsicher, schlo der Kritiker.
    Hat der Mann die Kiste selbst gesehen? frug der Professor.
    Auch darber bin ich nicht sicher, erwiederte der Student, ich hatte
damals noch kein rechtes Verstndni fr den Werth dieser Mittheilung. Aber er
mu sie doch selbst gesehen haben, denn ich erinnere mich, er sagte, sie wre
dick mit Eisen beschlagen.
    Unglcksmann, rief der Professor, schaffen Sie uns Kunde von diesem
Kasten. Er ging heftig im Zimmer auf und ab, die Studenten machten seiner
Aufregung ehrerbietig Platz. Die Nachricht ist wichtiger, als ich Ihnen jetzt
sagen kann, begann der Professor vor dem Studenten anhaltend. Suchen Sie
zunchst Ihre Erinnerungen zu sammeln. Hat Ihr Bekannter die Kiste offen
gesehen?
    Wenn ich mir Alles zusammenhalte, sagte der Student, mchte ich glauben,
er hat selbst gesehen, da alte Klostersachen darin liegen.
    Dann war sie also nicht mehr verschlossen? frug der Professor weiter. Und
wo ist jetzt Ihr Freund?
    Er ist voriges Jahr mit einer Bauerstochter nach Amerika gegangen. Wo er
sich aufhlt, wei ich nicht, das wird aber bei seinen Verwandten zu erfahren
sein.
    Wieder ging ein mibilligendes Gerusch durch das Zimmer.
    Ermitteln Sie den Aufenthalt des Mannes, schreiben Sie ihm und fordern Sie
genaue Auskunft, rief der Professor. Sie knnen mir keinen grern Dienst
erweisen.
    Der Student versprach das Menschenmgliche. Als die Herren sich entfernten,
richtete Gabriel dem Studenten eine heimliche Einladung zu nchstem Mittag aus.
Ilse wute, da ihrem Felix jetzt die Nhe des Vertrauten wohlthun werde, der
einen Bekannten besa, der den Kasten gesehen hatte, der die Bcher von Rossau
enthielt, unter welchen allerdings die Handschrift des Tacitus liegen konnte,
wenn sie nicht irgendwo anders war.
    Aber sie selbst hrte ohne Freude von der geheimnivollen Kiste. Denn Ilse
war leider in Sachen der Handschrift immer noch unglubig, sie hatte einigemal
den Gatten durch ihre Gleichgltigkeit verletzt und mied seit dem Unglck des
Struvelius jede Erwhnung der verlorenen. Dazu hatte sie noch einen besonderen
Grund. Sie wute, wie sehr der Gedanke und jede Errterung ihren Felix aufregte.
Er fuhr dann in die Hhe, sprach in heftigen Worten und seine Augen blitzten wie
im Fieber. Zwar bndigte er sich selbst nach wenigen Augenblicken und lachte
wohl ber seinen Eifer, aber der Hausfrau war solcher Ausbruch geheimer
Leidenschaft unbehaglich, denn sie empfand bei dem pltzlichen Auflodern, da
der Gedanke an den Codex die Seele des geliebten Mannes wund drckte, und sie
argwhnte, da er in der Stille oft darber trumte und Feindseliges gegen die
Mauern des Vaterhauses sann.
    Auch heut hatte unser Student den Sturm aufgeregt. Noch spt wurde der
Doctor gerufen, lange wurde errtert und gestritten, Ilse war erfreut, da der
Doctor auf die Kiste nicht viel gab und durch verstndige Einwrfe auch dem
Professor wieder eine launige Bemerkung ber seine heie Jagdlust abnthigte.
    Als der Student am nchsten Mittag die Briefe, welche er geschrieben hatte,
als Zeichen seines Eifers mitbrachte, behandelte der Professor die Nachricht
ruhiger. Es ist eine unsichere Notiz, sagte er, selbst wenn der Erzhler
Wahrheit sprach, mag noch jeder einzelne Umstand, sogar der Name des Klosters,
unrichtig sein. Als vollends aus der Heimat des Studenten die Kunde einlief,
der Theolog habe sich irgendwo im Staate Wisconsin als Apotheker niedergelassen,
und der Brief des Studenten in eine unsichere Ferne gesandt werden mute, da
ermigte sich der Strudel, welchen die auftauchende Kiste erregt hatte, zu
gefahrlosen kleinen Wellen.
    Der grte Vortheil erwuchs aus diesem Vorfall zunchst unserm Studenten.
Denn der Professor theilte die Nachricht dem Kammerherrn mit und gnnte diesem
eine Andeutung, da in dem Kasten Sachen von hohem Werth verpackt sein knnten.
Der Kammerherr hatte frher einmal durch mehre Jahre die Geschfte eines
Schlohauptmanns besorgt und war mit dem alten Hausgerth einiger frstlichen
Schlsser bekannt, wute jedoch auf keinem Boden etwas Verdchtiges zu finden.
Da ihm aber der Student als Gnstling des Hauses vor Augen trat, wollte er an
dem jungen Mann seine Geneigtheit erweisen und forderte denselben auf, sich als
Landeskind dem Erbprinzen vorzustellen. Das geschah. Eine Folge der Vorstellung
war, da unser Student zu einem Abend eingeladen wurde, an welchem der Prinz
mehre akademische Bekannte bei sich empfing.
    Es war fr den Studenten ein bangsamer Abend, und der Armine hatte allerlei
Ursache, argwhnisch zu sein. Denn in diesem Jahr ghrte es heftig in der
Studentenschaft. Gerade die Hndel zwischen dem Corps der Markomannen und der
groen Genossenschaft Arminia hatten den Sturm aufgewirbelt. Und die letzte
Veranlassung des Unwetters war seltsam und lehrreich fr Jeden, der die geheime
Verknotung irdischer Ereignisse beachtet. Jener Zwist der Professoren, welcher
die Vertreter der Alterthumswissenschaft voneinander schied, der Kampf zwischen
Werner und Struvelius, hatte zu seiner Zeit die akademische Jugend durchaus
nicht aufgeregt. Aber kurz darauf war unter den Studenten ein Lied aufgetaucht,
in welchem die Abenteuer des Struvelius respectwidrig besungen wurden. Dies Lied
war als Kunstwerk schwchlich, es lief im Bnkeltone und war mit einem
wiederkehrenden Schlureim geziert, welcher lautete: Struvelius, Struvelius,
heraus mit deinem Fidibus, wer sich verbrennt, der hat Verdru. Der Dichter ist
nie ermittelt worden. Wenn man aber erwgt, da dieses Lied, soweit sein
possenhafter Inhalt erkennen lie, feindselig gegen Struvelius und zu Werners
Ruhm gedichtet war, und wenn man ferner erwgt, da es zuerst unter den Arminen
aufkam und da unter den Kindern Armins einer mit lyrischer Vergangenheit war,
da dieser Eine zu Werners Krnzchen gehrte und da im Krnzchen das Pergament
einigemal verchtlich als Fidibus behandelt wurde, so kann man die vorsichtige
Vermuthung nicht unterdrcken, da unser Student seine scheidende Muse, als sie
gerade zur Thr hinausgehen wollte, noch zu dieser niedrigen Leistung entwrdigt
habe.
    Das leichtfertige Lied war bei den Arminen heimisch, sein Schlureim wurde
zuweilen in stiller Nacht auf der Strae gehrt, es war den Professoren sehr
rgerlich und nicht zuletzt dem Theetisch Werners, aber mit Gewalt lie sich
nicht dagegen ankmpfen. Den Markomannen und ihren Bundesgenossen blieb das Lied
und seine Veranlassung gleichgltig, aber sie sangen die Verse nicht, weil diese
einem Trinkliede der Arminen nachgebildet waren. Gerade da Werner sein Rectorat
antrat, saen in einer Gastwirthschaft Studenten aller Parteien durcheinander.
Als ein Markomanne seine Pfeife an der Gasflamme anzndete und sich dabei das
Corpsband versenkte, sangen einige Arminen hhnend den Schlureim. Die
Markomannen sprangen auf und geboten Schweigen. Die natrliche Folge waren
zahlreiche Forderungen. Leider blieb es dabei nicht. Ein Haufe Arminen war vor
das Lager der Markomannen gezogen und hatte auf der Heerstrae dieselbe
unfreundliche Weise angestimmt, es war zu bedauerlichen Zusammensten zwischen
den Parteien und der Stadtpolizei gekommen, Untersuchungen und ernste Strafen
waren das Ende gewesen. Werner selbst hatte in vertraulicher Besprechung mit
einzelnen Huptern Alles gethan, das leidige Lied zu dmpfen, und seinem Ansehen
war gelungen, den Gesang wenigstens auf der Strae zu bndigen. Aber der Groll
war in den Herzen zurckgeblieben. Durch allerlei widerwrtige Vorflle wurde
bemerkbar, da die akademischen Brger uneiniger als gewhnlich und in
widersetzlicher Stimmung waren.
    Dies alles wlzte der Armine in besorgtem Gemth, als er im Vorzimmer des
Prinzen seine Mtze neben die Kopfzierden groer Markomannenhuptlinge hing.
Inde verlief der Abend besser als er dachte. Die Markomannen beobachteten in
dem geweihten Raume anstndige Hflichkeit. Ja, das Zusammentreffen erhielt eine
Bedeutung. Denn gerade in dieser Zeit war Veranlassung, ein Fest der Universitt
durch solennen Commers zu feiern. Aber wie hufig groe Angelegenheiten unserer
Nation, drohte auch dieses Trinkfest durch den Zwist der Stmme vereitelt zu
werden. Jetzt, wo der Armine unter den Markomannen Eispunsch trank, uerte der
Erbprinz, da er gern einmal einen feierlichen Commers ansehen wrde, und Beppo,
Fhrer der Markomannen, sprach gegen den Arminen eine Ansicht aus, wie der Zwist
beigelegt werden konnte. Der Armine erbot sich, diese Vorschlge seinem Stamme
zu berbringen. Als der Kammerherr Bedenken gegen eine Theilnahme des Erbprinzen
am Commers erhob, versicherte der Sohn Armins, von Punsch und Gesprch
begeistert, da auch sein Volk gemthvoll die Ehre empfinden werde, die der
Erbprinz dem Fest durch seine Gegenwart erweise.
    Die Bemhungen unseres Studenten hatten Erfolg; das Kriegsbeil wurde
begraben, die akademische Jugend rstete sich zu einem gemeinsamen Feste. Ein
groer Saal, reich verziert mit den Farben aller Genossenschaften, welche an dem
Commers Teil nahmen, war mit langen Tafeln besetzt. An den Enden standen im
Festschmuck die Prsiden mit ihren Schlgern, auf den Sthlen saen mehre
Hundert Studenten nach Verbindungen gereiht; unter den Markomannen der Prinz und
sein Kammerherr, und der Prinz trug heut der Verbindung zu Ehren ihre Abzeichen.
Rauschende Musik trug den vollen Klang der Lieder weit in die Runde, es war ein
guter Anblick, so viele Mnner, Hoffnung und Kraft des nchsten Geschlechtes, in
festlichem Gesange und den alten Bruchen der Akademie bei einander zu sehen.
Ohne Strung verlief das Fest bis gegen das Ende. Als der Kammerherr bemerkte,
da die Wangen glhten, der Gesang wilder dahinfuhr und die Musik dem
akademischen Pulsschlag nicht schnell genug tnte, mahnte er in der Pause zum
Aufbruch. Der Prinz erhob sich, selbst erregt durch Gesang und Wein, vor ihm
schritt der gesammte Adel der Markomannen, das wogende Volk zu theilen. Sie
muten sich durch die Menge drngen, welche von den Sthlen aufgestanden war und
durch einanderschwirrte. So geschah es, da der Prinz von seinem akademischen
Hofstaat abgeschnitten wurde und mit einem trotzigen Arminen zusammenstie, der,
durch Wein gestrkt und durch unsanfte Berhrung der Vorausschreitenden
erbittert, den Weg nicht rumte, sondern mit den Ellbogen unbillig verengte und
den Rauch seiner Pfeife ruhig vor sich hinblies, so da der Dampf dem Prinzen um
den kleinen Bart fuhr. Da hatte der Prinz die Unbesonnenheit, den Studenten
anzustoen und zu sagen: Sie sind ein unverschmter Wicht. Und der Armine
sprach mit lauter Stimme das verhngnivolle Wort aus, welches nach akademischer
Sitte einen Zweikampf oder Ehrlosigkeit des Geschmhten zur Folge hat. Er war im
Nu von den dstern Gestalten der Markomannen umdrngt und dasselbe Schmhwort
regnete von allen Seiten wie Hagel gegen seine dreiste Stirn. Er aber zog
hhnend seine Schreibtafel und rief: Einer nach dem Andern, da keiner von dem
Hofstaat fehlt, wie der Herr, so das Gesinde. Und da der Andrang grer wurde,
schrie er hinter sich: Hierher ihr Arminen! und begann im wilden Basse den
Schlachtruf seines Stammes: Struvelius, Struvelius, heraus mit deinem Fidibus!
Im Saale brach das Getmmel los, ber Stuhl und Tisch sprangen die Arminen ihrem
gefhrdeten Krieger zu Hilfe - nicht mehr einzeln, sondern wie Heckenfeuer
flogen die schmhenden Worte und Forderungen hin und her. Vergebens riefen die
Prsiden zu den Pltzen, vergebens fiel die Musik ein, zwischen das Geschmetter
der Fanfare klangen die zornigen Rufe der streitenden Parteien. Zwar eilten die
Prsiden auf einen Hauf zusammen und trennten, im Zuge dazwischenfahrend, die
Zankenden. Aber auf das wilde Toben folgten leidenschaftliche Errterungen, die
Verbindungen standen getrennt, die einzelnen Haufen verhhnten einander und
suchten nach altem Kriegsbrauch die Gegner allmhlich bis zum uersten Worte zu
treiben, schon waren einige Ausdrcke gefallen, welche durch den Sittencodex der
Akademie gnzlich verboten sind, die Schlger blitzten in der Luft und mehr als
eine Faust packte statt der Waffe die Weinflasche. Die Musik stimmte das
Vaterlandslied an, doch die Weise klang den Emprten widerwrtig in ihren Zorn,
von allen Seiten donnerte der Ruf: Aufhren. Die verschchterten Musiker
schwiegen und der neue Ausbruch eines ungeheuren Tumultes schien unvermeidlich.
Da sprang ein alter Huptling der Teutonen, der sein Volk kannte, auf das
Orchester, ergriff eine Geige, stellte sich als Dirigent hoch auf einen Stuhl
und begann die kindische Melodie: Ach, du lieber Augustin, Alles ist hin. Die
Musik fiel in klagenden Tnen ein. Jeder sah nach der Hhe, man erkannte den
ansehnlichen Mann, der angestrengt auf der Geige kratzte, die Stimmung schlug
pltzlich um, es entstand ein allgemeines Gelchter. Die Prsiden schmetterten
mit ihren Klingen auf die Tische, da mehr als eine zersprang, und geboten Ruhe,
die Fhrer aller Verbindungen traten zusammen, erklrten den Commers fr
aufgehoben und forderten ruhigen Heimgang der Stmme, weil sie selbst alles
Weitere in die Hand nehmen wrden. Zornig drngte die Studentenschaft zum Saale
hinaus und zerstreute sich zu ihren Sammelpltzen. Aber in jedem Haufen wurden
die Vorflle mit leidenschaftlicher Erbitterung besprochen und eilige
Gesandtschaften schritten durch die Nacht von einem Lager zum andern.
    Den Prinzen hatte der Kammerherr nach dem ersten Zusammensto aus dem Gewhl
gerettet. Der Prinz sa in seinem Zimmer, bleich und entsetzt ber den Unfall
und die Folgen, die er zu haben drohte. Auch der Kammerherr war bestrzt, denn
auf sein Haupt fiel die Verantwortung fr diesen Skandal. Dabei sah er mit
wirklicher Theilnahme auf den jungen Frsten, der die Krnkung seiner Ehre so
tief empfand und wie gebrochen vor sich hinstarrte, unempfnglich fr den Trost,
da der Plebejer seine frstliche Ehre so wenig zu krnken vermge wie der
Sperling auf dem Baum.
    Nach einer schlaflosen Nacht empfing der Prinz die Aeltesten der
Markomannen, welche kamen, um den Beschlu ihres Stammes zu verknden. Sie
erklrten, da ihr erster Huptling Beppo erwhlt sei, die Stelle des Prinzen
bei den weiteren Verhandlungen mit den Arminen zu vertreten, und der Senior bat
ritterlich, ihm diese Ehre zu bewilligen. Er fgte hinzu: nach der Meinung
seiner Genossenschaft habe der Armine berhaupt keine Ansprche auf den Vorzug,
da dem verruchten Schmhwort eine Forderung folge, und wenn der Prinz jedes
weitere Eingehen verweigere, wrden die Markomannen alle Folgen auf ihre
Genossenschaft nehmen. Aber sie wollten nicht verbergen, da sie mit dieser
Ansicht allein stnden, ja da sie in ihrem eignen Corps Widerspruch gefunden
htten. Und Alles erwgend hielten sie fr die beste Auskunft, wenn der Prinz
dem akademischen Brauch ein Zugestndni mache, dessen Gre sie allerdings tief
empfnden.
    Der Prinz war noch fassungslos, der Kammerherr bat die Herren, Sr. Hoheit
einige Stunden Zeit zur Erwgung zu lassen.
    Unterde trug unser Student, den die Rcksicht auf seine Dissertation
gebndigt und vor persnlichen Verwickelungen bewahrt hatte, die Kunde des
Unheils bestrzt an den Doctor, da er sich in dieser Angelegenheit vor den
Rector nicht traute. Der Doctor eilte zum Freunde, der bereits durch die Pedelle
und Berichte der Polizei von dem unerfreulichen Ereigni wute. Ueber den
persnlichen Streitfall des Prinzen ist mir bis jetzt keine Anzeige geworden, es
ist vielleicht fr ihn selbst und fr die Universitt wnschenswerth, da eine
solche nicht erfolgt. Ich werde wachsam sein und weitere Ausschreitungen zu
verhten suchen, und ich werde meine Amtspflicht nach jeder Richtung auf das
Strengste thun, sorgt aber dafr, da ich ber diese Angelegenheit nur erfahre,
was mir Grundlage zu amtlichem Eingreifen werden kann.
    Fast in derselben Lage wie unser Student war der Kammerherr, auch er stellte
sich sorgenvoll beim Doctor ein, erzhlte den Streit und frug, was der Doctor
von der Verpflichtung des Prinzen halte, sich durch seinen Stellvertreter aus
einen Zweikampf einzulassen. Der Doctor erwiederte mit Zurckhaltung: Jedes
Duell ist Unsinn und Unrecht. Wenn der Erbprinz von dieser Ansicht durchdrungen
ist und die Folgen derselben fr sein Leben und dereinst fr seine Regierung auf
sich nehmen will, so werde ich der letzte sein, der gegen dies Martyrium etwas
einwendet. Steht aber Ihr junger Herr nicht so sicher und frei ber den
Vorurtheilen seines Kreises und ist auch ihm die stille Ansicht eingepflanzt,
da es fr Cavaliere und Militrs eine bestimmte Ehre gibt, welche noch etwas
Anderes bedeutet als die Ehre eines Ehrenmannes, und welche in gewissen Fllen
ein Duell nthig macht, sollte Ihr Prinz nach solchen Anschauungen urtheilen und
dereinst regieren wollen, so will ich Ihnen allerdings bekennen, da ich ihm das
Recht nicht zugestehe, den Ehrbegriffen unserer akademischen Jugend
entgegenzutreten.
    Sie sind also der Meinung, frug der Kammerherr, da der Prinz sich auf
die angebotene Stellvertretung einlassen msse?
    Ich habe weder Recht noch Wunsch, hier eine Meinung auszusprechen,
versetzte der Doctor. Ich kann nur sagen, da mir die Stellvertretung auch
nicht gefllt. Mir scheint die Sache so zu liegen: entweder Vernunft oder
wenigstens persnlicher Muth.
    Der Kammerherr stand schnell auf. Das ist ganz unmglich; es wre nicht nur
eine unerhrte Abweichung von dem Herkommen und wrde fr den Prinzen neue
peinliche Verwickelungen herbeifhren, es ist auch so vollstndig gegen meine
Ueberzeugung von dem, was einem Frsten erlaubt ist, da davon unter keinen
Umstnden die Rede sein kann.
    Der Kammerherr entfernte sich, nicht angenehm von der radikalen Auffassung
des Doctors berhrt. Nach der Heimkehr sagte er dem Prinzen: Die Angelegenheit
mu schnell beendet werden, bevor der Frst davon erfhrt. Hchstderselbe wird
bei der Persnlichkeit des Gegners Ew. Hoheit jede Nachgiebigkeit auf das
Strengste untersagen; und doch sehe ich, da die Beziehungen meines gndigsten
Prinzen zu der Studentenschaft und vielleicht sogar andere persnliche
Verhltnisse auf das Aeuerste gefhrdet sind, wenn es nicht gelingt, den hier
blichen Ansichten einigermaen zu entsprechen. Darf ich deshalb Ew. Hoheit
einen Rath geben, so ist es immer der, da Hchstsie dem Kreise, in welchem wir
einmal leben, eine groe Bewilligung machen und Herrn von Halling als Vertreter
annehmen.
    Der Prinz sah gedrckt vor sich nieder und sagte endlich: Das wird wohl das
Beste sein.
    Der groe Huptling Beppo, eine der besten Klingen der Universitt, sollte
sich also fr den Erbprinzen schlagen. Nun erwies sich aber, da die Arminen mit
dieser Vertretung keineswegs zufrieden waren, sondern den unverschmten Anspruch
erhoben, den Prinzen selbst in Fausthandschuhen und Batisthemd vor sich zu
sehen. Namentlich Ulf der Dicke, Urheber des ganzen Skandals, erklrte, da er
den Markomannenfhrer ohnedies in seiner Brieftasche finde und nicht auf die
frhliche Aussicht verzichten wolle, mit ihm in Privatangelegenheiten einen Gang
unter kleinen Mtzen abzumachen.
    Das war nicht zu leugnen; inde ein groer Rat aller Senioren, welchen die
Markomannen schnell zusammenriefen, entschied dafr, da der Stellvertreter
anzunehmen sei. Dagegen wurde die listige Forderung der Markomannen abgelehnt,
da der Armine zuerst gegen ihre Corpsgenossen auf die Kreide trete. Sie wollten
dadurch den Prinzen der ganzen Sache berheben, da anzunehmen war, da auch die
stmmige Kraft des Arminen lange beseitigt sein wrde, bevor nur die Hlfte der
Namen in seiner Brieftafel getilgt war. Es blieb also nichts brig, als da die
beiden Kmpfer zu zwei verschiedenen Malen aufeinander loshieben, der Markomanne
zuerst im Namen des Prinzen. Wir wollen uns beide Mhe geben, da das zweite
Mal nicht nthig wird, sagte der Markomanne beim Aufbruch bedeutsam zum
Vertreter des Arminen.
    Jede Vorkehrung war getroffen, den verhngnivollen Zweikampf geheim zu
halten, nur die Betheiligten wuten die Stunde, selbst den Stammgenossen wurde
von anderen Tagen gesprochen, denn die Pedelle waren wachsam, die Universitt
bereits von der hchsten Behrde aufgefordert, mit allen Mitteln weitere Folgen
zu verhindern.
    Am Mittag vor dem Zweikampf lud der Prinz die Markomannen zu Tische, es war
dabei so viel von hnlichen Geschften die Rede, da selbst dem Kammerherrn
unheimlich wurde. Kurz vor dem Aufbruch stand der Prinz mit dem Senior in einer
Fensternische, pltzlich fate er die Hand des jungen Mannes, hielt sie fest und
ein heftiges Schluchzen erschtterte ihm die Glieder. Bewegt sah der tapfere
Knabe auf den Prinzen: Es wird Alles gut gehen, Hoheit, sagte er trstend.
    Fr dich, aber nicht fr mich, erwiederte der Prinz und wandte sich ab.
    Als gegen Abend der Erbprinz unstt durch die Zimmer ging, machte der
Kammerherr, der selbst trbe Gedanken loswerden wollte, den Vorschlag, heut
abend das Haus des Rectors zu besuchen. Dies war der einzige Ort, wo er sicher
war, nichts von der widerwrtigen Geschichte zu hren, und er war scharfsinnig
genug, zu ahnen, da auch dem Prinzen dieser Besuch am ersten wohlthun werde.
    Ilse wute Alles. Unser Student, der wider Willen die Elster gespielt hatte,
welche Unheil stiftend zwischen den Parteien auf und ab lief, umkreiste immer
noch ngstlich das Haus des Rectors, er wagte an einem Studentenabend bei Frau
Penelope zurckzubleiben, als sich die Anwesenden in das Zimmer des Rectors
zogen, erzhlte der Fragenden den ganzen Streit, schilderte die gefhrliche Lage
des Prinzen und flehte, Sr. Magnificenz nichts von dem Vorfall zu sagen. Als
heut der Prinz eintrat, war unter den Anwesenden eine Spannung bemerkbar, welche
solchen, die in gefhrliche Geschfte verstrickt sind, die Unbefangenheit nicht
zu erhhen pflegt. Der Kammerherr war liebenswrdiger als je und erzhlte
hbsche Hofgeschichten, aber er machte keine Wirkung. Der Prinz sa verlegen auf
seinem Platz neben Frau Ilse, auch aus ihren freundlichen Worten fhlte er den
Ernst, er sah, wie ihr Blick traurig auf ihm ruhte und sich schnell abwandte,
als er die Augen aufschlug. Endlich begann er mit unsicherer Stimme: Sie haben
mir frher die Kpfe berhmter Mnner gezeigt, darf ich Sie bitten, mir den Band
noch einmal zu weisen?
    Ilse sah ihn an und stand auf. Der Prinz folgte ihr wie neulich zu der Lampe
des Nebenzimmers. Sie legte den Band vor ihn, er sah theilnahmslos darber weg
und begann endlich leise: Mir lag nichts an den Kpfen, nur mit Ihnen allein zu
sein. Ich bin hilflos und sehr unglcklich. Ich habe keinen Menschen auf Erden,
der mir ehrlich rth, was ich thun soll. Ich habe einen Studenten gekrnkt und
bin schwer von ihm beleidigt. Jetzt soll ein Anderer fr mich den Streit
ausfechten.
    Arme Hoheit! rief Ilse.
    Sprechen Sie nicht so zu mir, gndige Frau, wie ein Weib das ansieht,
sondern als ob Sie mein Freund wren. Da ich Ihnen mit meiner Angst zur Last
falle, macht mich in diesem Augenblicke vor mir selbst verchtlich, und ich
frchte, ich werde es auch Ihnen sein. Er sah finster vor sich nieder.
    Ilse sprach leise: Ich kann nur reden, wie mir um's Herz ist, haben Hoheit
ein Unrecht gethan, so bitten Sie es ab, sind Sie beleidigt worden, so verzeihen
Sie.
    Der Prinz schttelte das Haupt. Das wrde nichts nutzen, es wrde mich
auf's Neue beschimpfen vor allen Andern und vor mir selbst. Nicht darum frage
ich Sie. Nur Eines will ich wissen, darf ich einen Andern meinen Streit
auskmpfen lassen, weil ich ein Prinz bin? Alle sagen mir, ich mte es thun,
ich habe zu Keinem Zutrauen, nur zu Ihnen.
    Ilse stieg das Blut in das Antlitz: Ew. Hoheit legen eine Verantwortung auf
meine Seele, vor der ich erschrecke.
    Sie haben einmal zu mir die Wahrheit gesprochen, sagte der Prinz finster,
wie noch niemals ein Mensch auf Erden, und jedes Wort aus Ihrem Munde war gut
und herzlich. Und deshalb fordere ich auch, da Sie mir heut Ihre wahre Meinung
sagen.
    Dann also, rief Ilse, ihn gro ansehend, und das alte Sachsenblut wallte
in ihr auf, wenn Ew. Hoheit Streit angefangen, so mssen Sie ihn auch selbst
als Mann zu Ende fhren, und Sie selbst mssen dafr sorgen, da es in
ehrenvoller Weise geschehe. Ew. Hoheit drfen nicht zugeben, da ein Anderer um
Ihres Unrechts willen Ihrem Gegner trotzt und seine gesunden Glieder in Gefahr
setzt. Denn einen Fremden zu Unrecht verleiten und in Gefahr strzen und dabei
ruhig zusehen, das ist das Schrecklichste von Allem.
    Der Prinz versetzte kleinlaut: Er ist muthig und dem Gegner berlegen.
    Und wie drfen Ew. Hoheit Ihren Gegner einer fremden Kraft preisgeben, die
strker ist als die Ihre? Wenn Ihr Stellvertreter gewinnt oder verliert, Sie
werden ihm mehr schuldig, als man einem Fremden schuldig sein darf, und durch
Ihr ganzes Leben wird Sie der Gedanke drcken, da er Muth bewiesen hat, wo Sie
ihn nicht gezeigt haben.
    Der Prinz wurde bleich und schwieg. Ich fhle ebenso, sagte er endlich.
    Furchtbar ist Alles, was auf diesem Wege liegt, fuhr Ilse mit gerungenen
Hnden fort, Frevel hier und dort und blutdrstige Rache. Aber ist Ihnen
unmglich, ein Unrecht zu verhindern, so besteht doch Ihre Pflicht zu sorgen,
da es nicht grer werde und da seine Folgen nicht auf Anderer Haupt sinken,
nur auf das Ihre. Und Alles in mir ruft: Sie selbst mssen thun, wo nicht, was
Recht ist, doch was am wenigsten Unrecht ist.
    Der Prinz nickte mit dem Kopfe und sa wieder schweigend. Ich darf keinem
von meiner Umgebung etwas sagen, begann er endlich, am wenigsten dem dort, er
wies auf den Kammerherrn. Wenn ich verhindern soll, da ein Anderer an meiner
Statt den Streit ausficht, so mu das in den nchsten Stunden geschehen. Wissen
Sie Jemand, der mir dabei helfen wrde?
    Meinem Mann verbietet sein Amt, in dieser Sache etwas fr Ew. Hoheit zu
thun. Der Doctor aber.
    Der Prinz schttelte den Kopf.
    Unser Student, rief Ilse, er ist Ew. Hoheit aufrichtig ergeben, er ist
ein Landsmann und fhlt groen Kummer ber die Sache.
    Der Prinz berlegte. Wollen Sie mir Ihren Diener fr einige Stunden dieses
Abends erlauben, sobald Sie seiner nicht mehr bedrfen?
    Ilse rief Gabriel, der am Tische beschftigt war, in das Zimmer und sagte zu
ihm: Thun Sie, was Se. Hoheit auftrgt. Der Prinz trat an das Fenster und
sprach leise mit dem Diener.
    Verlassen sich Ew. Hoheit ganz auf mich, sagte Gabriel und ging zu seinen
Tassen zurck.
    Der Prinz trat zu Frau Ilse, welche unbeweglich dasa und auf das Buch
starrte. Ich habe die Kpfe angesehen, sagte er ruhiger als er noch den Abend
gewesen war, und ich habe gefunden, was ich suchte. Ich danke Ihnen.
    Ilse erhob sich und kehrte mit ihm zur Gesellschaft zurck.
    Die Gste hatten sich entfernt und Ilse sa allein in ihrem Zimmer. Was
hatte sie gethan! Vertraute eines Mannes bei blutigem Beginnen, geheime
Beratherin bei gesetzloser That! Sie, ein Weib, war Verbndete eines Fremden,
sie, die Gattin des Mannes, der jetzt ein Wchter des Gesetzes sein sollte, war
Helferin bei einem Verbrechen geworden. Welcher finstere Geist hatte ihr die
Sinne bethrt, als sie vertraulich der Rede des Andern antwortete und flsternd
mit ihm verhandelte, was sie dem eigenen Mann nicht zu gestehen wagte?
    Nein, der sie verlockt hatte, ein Fremder war er nicht. Seit ihrer Kindheit
hatte sie mit innigem Antheil von ihm gehrt, er war der knftige Gebieter ihrer
Heimat, einst Herr ber Leben und Tod auf dem Felsen, von dem sie hinabgestiegen
war in die Fremde. Seit er zuerst vor sie trat, so rhrend in seiner freudelosen
Jugend, in der weichen Hilflosigkeit seines Standes, hatte sie zrtlich um ihn
gesorgt, und was er ihr erwiesen hatte seit demselben Tage, war ein
liebenswerthes, lauteres Gemth. Jetzt fate sie bebende Angst auch um ihn. Sie
hatte ihn in sein Schicksal getrieben, sie trug die Schuld eines Beginnens, das
seinem Stande fr ungeheuer galt. Wenn ihm zum Unheil wurde, was sie gerathen,
wenn der Gegner den armen schwachen Jngling bis zum Tode traf, wie wollte sie
das ertragen in ihrem Gewissen?
    Sie sprang auf und wiederrang sie die Hnde. Der Gatte rief ihren Namen, sie
fuhr zusammen, denn sie fhlte sich in einer Schuld gegen ihn. Und wieder frug
sie bange: Welcher bse Geist hat mich verwirrt? Bin ich nicht mehr, die ich
war? Wehe mir, ich habe mich nicht gehalten wie einer Christin geziemt, nicht
als eine bescheidene Frau, die den Schrein ihrer Seele ffnen soll nur vor
Einem. Dennoch aber, rief sie, ihr Haupt erhebend, wenn er wieder vor mir
stnde und noch einmal frge, ob er als Mann handeln soll oder als ein
Schwchling, ich wrde ihm wieder dasselbe sagen und immer wieder. Der Herr
schtze mich! -
    Als Krger in das Schlafzimmer trat, den Prinzen auszukleiden, gab ihm
dieser in kurzem Ton Auftrge, welche den Lakaien hchlich befremdeten. Da er
aber dadurch seine vertraute Stellung befestigt sah, versprach er Gehorsam und
Schweigen. Er lschte die Lampen und ging auf seinen Posten. Nach einer Stunde
fhrte er den Studenten, welcher von Gabriel abgeliefert wurde, durch eine
Seitenthr in das Schlafzimmer des Prinzen. Dort fand eine leise Unterredung
statt, deren Folge war, da der Student in groer Aufregung aus dem Hause eilte
und dem harrenden Gabriel den Auftrag gab, zu frher Morgenstunde eine Droschke
an die nchste Straenecke zu bestellen.
    In dem Saale eines abgelegenen Kaffehauses vor der Stadt war beim ersten
Morgenlicht eine ernste Gesellschaft versammelt, die Blthe der Corps und
Verbindungen, erprobte Gesellen von verwegenem Aussehen, fr jedes Studentenherz
ein gewaltiger Anblick; heut sollten nacheinander mehre von den vielen
Blutvertrgen jenes Abends ausgefhrt werden. Das erste Geschft sollte der
Studentenehre des Erbprinzen gelten. Die Kmpfer waren ausgezogen und in ihre
Fechtertracht gekleidet; Jeder stand mit seinem Secundanten und Zeugen in einer
Ecke des Saales, der Doctor - es war der alte Teutone von der Geige - hatte in
einem Winkel sein Verbandzeug ausgebreitet und sah mit grimmigem Behagen auf die
bevorstehende Arbeit, welche ihm neue lehrreiche Curen versprach. Aber die
Arminen waren aufsssig, noch einmal traten ihre Secundanten vor den
Unparteiischen und erhoben Beschwerde, da der Prinz nicht gegenwrtig sei, um
wenigstens durch seine Anwesenheit den Vertreter zu besttigen. Sie forderten
deshalb, da der bevorstehende Gang nicht fr ihn gerechnet werde, sondern als
persnlicher Kampf der beiden Studenten, welche miteinander in mehrfache zarte
Beziehungen getreten waren. Da die Markomannen kein gutes Gewissen hatten, denn
sie hatten bei den Verhandlungen diesen Punkt zweideutig zu umgehen gewut,
machten sie jetzt den Vorschlag, da der Prinz nachtrglich mit dem Arminen oder
dessen Secundanten am dritten Ort zusammenkommen sollte, damit zwischen beiden
die gebruchliche Vershnung stattfinde.
    Noch wurde darum gehandelt, mit Erbitterung, aber in kurzen Worten, wie der
Zwang dieser Stunde gebot, da pochte der Fuchs, welcher die Wache an der Treppe
hatte - es war ein junger Armine -, zweimal an die Thr. Alle standen
unbeweglich. Nur die Secundanten rafften die Schlger zusammen und warfen sie in
eine finstere Kammer, und unser Student, der als Zeuge seinem Stammgenossen noch
seidene Strnge ber die Pulsadern der Hand legte, sprang schnell an die Thr
und ffnete. Eine kleine Gestalt im Mantel und runden Hut trat herein, es war
der Erbprinz. Er nahm den Hut ab, sein Gesicht sah etwas bleicher aus
gewhnlich, aber er begann mit ruhiger Haltung: Ich bin heimlich hergekommen;
ich bitte die Anwesenden, mir zu erlauben, da ich mir selbst Genugthuung hole,
und ich bitte Sie, Nachsicht mit mir zu haben, wenn ich mich in dem Brauch
ungebt zeige, denn es ist das erste Mal, da ich mich versuche.
    Es entstand eine Stille, so tief, da man das leise Schwirren des Rappiers
hrte, welches in eine Ecke geschleudert war, alle Anwesenden empfanden, da
dies ein wackeres Thun war. Nur Beppo, der Markomanne, stand bestrzt und
begann: Schon deine Gegenwart gengt, die letzten Schwierigkeiten zu
beseitigen, ich bestehe darauf, da nicht umgeworfen wird, was beschlossen ist,
und leiser fgte er hinzu: Ich beschwre Ew. Hoheit, nicht das Unnthige zu
thun, es ladet uns allen eine Verantwortung auf, die wir nicht bernehmen
drfen.
    Der Prinz erwiederte fest: Du hast dein Versprechen erfllt, ich werde dir
fr den Willen ebenso dankbar sein als fr die That. - Aber ich bin
entschlossen. Er zog seinen Rock aus und sagte: Legt mir die Binden an.
    Der Secundant des Arminen wandte sich zum Unparteiischen. Ich bitte, den
Gegner zur Eile zu mahnen, wir sind nicht hier, um Artigkeiten zu wechseln; will
sich der Prinz selbst Genugthuung holen, wir sind bereit. Die Markomannen
rsteten den Prinzen, und man darf den tapfern Gesellen das Zeugni nicht
versagen, sie thaten es mit so inniger Ehrerbietung und ngstlicher Sorgfalt,
als ob sie in der That Krieger des Volksstammes wren, dessen Namen sie trugen,
und ihr junges Knigskind zum ttlichen Einzelkampfe stellen sollten.
    Der Prinz trat auf den Kreidestrich, seinem Secundanten, einem harten
Balafr zitterte die Waffe in der Hand, als er sich neben ihm auslegte.
Gebunden - Los! Die Klingen sausten in der Luft. Der Prinz hielt sich nicht
schlecht, eine lange Gewhnung, sich vorsichtig zu beherrschen, kam ihm zu gut,
er vermied, gefhrliche Blen zu geben, und sein Secundant zog sich eine herbe
Warnung des Unparteiischen zu, weil er ohne Rcksicht auf seine eigenen Glieder
im Bereich des feindlichen Stahles lag. Der Armine war an Kraft und Kunst weit
berlegen, aber er gestand spter seinen nchsten Freunden, es sei ihm doch
strend gewesen, das Frstenkind leibhaftig im Bereich seines Schlgers zu
sehen. Nach dem vierten Gange strmte das Blut von Ulfs breiter Backe auf das
Hemd. Sein Secundant forderte Fortsetzung des Kampfes, der Unparteiische
erklrte den Streit fr beendet. Der Prinz stand still auf seinem Platze, jetzt
entfiel der Schlger seiner Hand, und ein leises Zittern bewegte die Finger,
aber sein Mund lchelte, und es war ein guter Ausdruck in den frohen Zgen. Ein
Knabe hatte durch die ernste Viertelstunde das Selbstgefhl eines Mannes
gewonnen. Bevor der Prinz sich zu seinem Gegner wandte, fiel er dem Markomannen
um den Hals und sagte: Jetzt kann ich dir von Herzen danken. Der Unparteiische
fhrte ihn zum Gegner, der unwillig vor dem Doctor stand, und doch auch ein
Lcheln nicht unterdrcken konnte, das ihm weh genug that, und Beide reichten
einander die Hnde. Nun traten auch die Arminen grend zu dem Prinzen, whrend
der Unparteiische in den Saal rief: Zweiter Fall.
    Aber der Prinz, der seinen Mantel wieder umgethan hatte, ging zu dem Leiter
des Zweikampfes und begann: Ich kann nicht fortgehen, ohne eine groe Bitte
auszusprechen. Ich bin unglcklicher Weise die Veranlassung des peinlichen
Vorfalles gewesen, welcher jetzt die Studentenschaft entzweit, ich wei wohl,
da ich gar kein Recht habe, hier einen Wunsch zu uern, aber es wre mir eine
freudige Erinnerung fr immer, wenn ich dazu beitragen knnte, da Vershnung
und Friede beschlossen wrde.
    Von seinen Markomannen htte er in diesem Augenblick das Schwerste fordern
drfen, aber auch die Andern standen unter dem Eindruck eines ungewhnlichen
Erlebnisses. Ein beiflliges Murmeln ging durch den Saal, sogar der
Unparteiische rief mit lauter Stimme: Der Prinz hat ein gutes Wort gesprochen.
Die dstern Blicke Einzelner wurden nicht beachtet, die Secundanten und Senioren
beriethen in der Mitte des Saales, das Ergebni war, da die schwebenden
Forderungen zunchst zwischen den Anwesenden ausgeglichen und eine allgemeine
Vershnung eingeleitet wurde.
    Der Prinz verlie, von den Markomannen umdrngt, das Haus und sprang in den
Wagen, Krger ffnete ihm die Thr des Schlafzimmers. Der Kammerherr war ber
die lange Ruhe seines jungen Herrn gerade an diesem Morgen sehr verwundert; als
er nach der Meldung des Kammerlakaien zum Frhstck eintrat, fand er seinen
Prinzen behaglich am Tisch sitzen. Nachdem Krger hinausgegangen war, begann der
Prinz: Das Duell ist abgemacht, Weidegg, ich habe mich selbst geschlagen. Der
Kammerherr stand erschrocken auf. Ich sage Ihnen das, weil es Ihnen doch kein
Geheimni bleiben wrde. Ich hoffe, der Streit unter den Studenten wird damit
abgemacht sein. Sprechen Sie mir nichts dagegen und regen Sie sich selbst nicht
auf, ich habe gethan, was ich fr recht hielt, oder doch fr das kleinste
Unrecht, und ich bin froher als ich seit langer Zeit war.
    Die Hupter der Markomannen hatten von den brigen Anwesenden das Wort
erbeten, da die einzelnen Vorgnge dieses Morgens nicht verbreitet werden
sollten, und man mu annehmen, da Jedermann sein Wort gehalten habe. Dennoch
flog durch Universitt und Stadt blitzschnell die Kunde, da der Prinz selbst
durch wackeres Verhalten die Hndel ausgeglichen habe. Und der Kammerherr
erkannte aus frohen Andeutungen der Markomannen und aus den freundlichen Gren,
welche sein junger Herr auf der Strae erhielt, noch mehr aber aus der
vernderten Haltung des Prinzen selbst, da der heimliche Zweikampf doch eine
gute Seite gehabt hatte, und das vershnte ihn ein wenig mit dem rgerlichen
Ereigni.
    Als der Prinz einige Zeit darauf das Haus des Rectors betrat, wurde er in
das Arbeitszimmer gefhrt und Werner begrte ihn lchelnd. Ich war genthigt,
meiner Regierung ber die letzten Vorflle zu berichten, und, gem der
bereinstimmenden Aussage der vorgeladenen Studenten, beizufgen, da Ew. Hoheit
Dazwischentreten wesentlich dazu beigetragen hat, den Frieden wieder
herzustellen. Mir ist der Auftrag geworden, Ihnen dafr warme Anerkennung der
akademischen Behrde auszusprechen. Persnlich erlaube ich mir, dem Wunsch Worte
zu geben, da Alles, was Ew. Hoheit in diesen Tagen erlebt, Ihnen immer eine
angenehme und fruchtbare Erinnerung sein mge.
    Als der Prinz sich vor Frau Ilse verneigte, sagte er leise: Es ist Alles
gut gegangen, ich danke. Ilse sah stolz auf ihren jungen Herrn, und doch war
die bange Unsicherheit der letzten Tage nicht ganz von ihr genommen, sie war dem
Prinzen gegenber stiller als gewhnlich.

                                       5.

                                        

                                 Alles gestrt.


Der Frhling flog lustig durch das Land. Die Blthenstrucher und die Beete der
Grten prangten stolz in den Farben ihrer Verbindung, in diesem Jahre sangen
wirklich Staare in den Ksten des Herrn Hahn, und auf der Waldwiese vor dem
Garten des Herrn Hummel freuten sich Hahnenfu und wilder Lauch der feuchten
Wrme. Den akademischen Brgern wurde es eine behagliche Zeit, die Hndel des
Winters waren abgethan, die Pedelle zogen um zehn Uhr das Nachtcamisol an, und
die Vorlesungen der Herren Professoren liefen gemthlich nebeneinander hin wie
Mhlrder bei hohem Stande des Wassers.
    Auch der Rector geno die Ruhe, und sie war ihm zu gnnen, denn Ilse sah
besorgt, da seine Wange hagrer war als sonst, und da am Abend zuweilen eine
Ermdung ber ihn kam, die er frher nicht gekannt. Er solle auf einige Monate
sein Arbeitszimmer verlassen, rieth der Arzt, das wrde ihm wieder fr Jahre
die Spannung geben, jedem Gelehrten thue zwei, drei Mal im Leben solche
Erfrischung noth, eine Reise wre die beste Cur.
    Felix lachte dazu, aber die Hausfrau bewahrte den Rath in treuem Gemth und
suchte unterde den Gatten so oft als mglich von seinen Bchern in das Freie zu
entfhren. Auch heut zog sie ihn am Arm durch Wald und grne Wiesen. Sie wies
ihm Schmetterlinge, die ber den Feldblumen flatterten, und Vgelschwrme,
welche in der warmen Luft dahinzogen. Jetzt ist die Zeit deiner Unruhe, von der
du mir einst erzhlt hast, fhlst du nichts davon?
    Ja, sagte der Professor, und wenn du mit mir ziehen willst, so machen wir
wenigstens in Gedanken eine gemeinsame Reise in die Ferne.
    Du willst mich mitnehmen? rief Ilse erfreut. Ich bin wie ein Murmelthier,
ich kenne nur die Hhle, aus welcher mein Herr mich geholt, und den Deckel des
Kastens, in dem er mich fttert. Darf ich wnschen, so fordere ich mir Eisberge,
welche hoch ber die Wolken ragen, und Abgrnde, die steil ins Unermeliche
fallen. Aber aus den Bergen steige ich hinab zum Oelbaum und Orange, seit Jahren
habe ich von den Menschen gehrt, welche dort gelebt haben, euch allen lacht das
Herz, sooft ihr von dem blauen Meer und der Herrlichkeit alter Stdte redet. Das
mchte ich sehen, deine Worte dazu hren und die Freude fhlen, die du beim
Wiedersehen von Allem hast, was dir dort liebgeworden ist.
    Gut, versetzte der Professor, also die Alpen, dann bis Neapel. Ich habe
nur zuerst einige Wochen in Florenz fr den Tacitus zu arbeiten.
    Hui, dachte Ilse, da ist der Codex wieder!
    Sie saen unter der groen Eiche nieder, einem Riesen des Mittelalters, der
das neue Baumgeschlecht im Stadtwald berragte wie die Kuppel Sanct Peters die
Dcher und Thrme der heiligen Stadt. Und unter dem hohen Laubgewlbe, zu dem
Ilse gern die Schritte lenkte, machten sie lustige Reiseplne zu Pinien und
Cactushecken.
    Als sie aus dem Gehlz in die nahe Lichtung traten, sahen sie unter den
Wiesenblumen die Livree eines Lakaien, sie erkannten den Prinzen mit seinem
Begleiter, neben ihnen einen Wirth aus dem nchsten Dorfe. Die Herren traten
grend heran. Hier wird ein Anschlag gegen einige Stunden Ihrer Mue gemacht,
rief der Kammerherr dem Professor zu, und der Prinz begann: Ich habe den
Wunsch, einige Herren und Damen von der Universitt ins Freie zu bitten, da ich
hier doch nicht die Freude haben kann, sie in eigenem Hause zu sehen. Es soll
keine groe Gesellschaft sein, und so lndlich als mglich. Wir haben an diesen
Platz gedacht, weil die gndige Frau ihn fter gerhmt hat. Und ich werde Ihnen
dankbar sein, wenn Sie mir noch mit gutem Rat aushelfen wollen, wie die Sache am
besten einzurichten ist.
    Wenn Ew. Hoheit den Frauen eine Freude machen will, so laden Sie auch die
Kinder ein. Ist es zugleich ein Kinderfest, so sind Hoheit sicher, da es allen
eine gute Erinnerung hinterlt.
    Das wurde angenommen. Es erschienen zierliche Einladungen, durch welche
Rector und Decane und die Herren Professoren, mit denen der Prinz persnlich
bekannt war, nebst ihren Familien fr ein Fest im Freien geworben wurden. Der
Gedanke fand bei Groen und Kleinen Beifall, und unter den Bekannten der Frau
Professorin regte sich frohe Erwartung.
    Auch Laura hatte eine Einladung erhalten, und ihre Freude war gro. Als sich
aber am Abend ergab, da der Doctor nicht eingeladen war, wurde sie unwillig.
    Mir fllt nicht ein, seinen Anwalt zu machen, sagte sie zu Ilse, doch er
ist genau in meiner Lage; wenn man mich um deinetwillen eingeladen hat, so mute
man deines Mannes wegen auch ihn auffordern. Da man dies versumt hat, ist eine
Tactlosigkeit oder etwas Schlimmeres. Und da er nicht gebeten ist, bin ich
entschlossen, auch nicht zu gehen. Denn Fritz Hahn mag sonst sein wie er will,
eine Nichtachtung hat er von diesen vornehmen Leuten nicht verdient.
    Vergebens suchte ihr Ilse auseinander zu setzen, da der Doctor dem Prinzen,
von dem doch die Einladung ausgehe, keinen Besuch gemacht. Laura blieb
eigensinnig und versetzte: Du bist ein beredter Vertheidiger deines Prinzen und
in den Gebruchen vornehmer Leute besser bewandert, als ich dir zugetraut htte.
Ich aber werde zum Feste schulkrank, darauf verla dich. Wenn nicht anging, den
drben zu laden, so geht es bei mir auch nicht an. Sag aber dem Doctor nichts
davon, damit Fritzchen sich nicht etwa einbildet, ich thte es ihm zu Liebe, es
ist nicht Freundschaft fr ihn, sondern Bosheit gegen die Hofherren.
    An einem Sonntag fuhr zuerst ein groer Vorrathswagen mit Krger und einem
Koch in die Nhe der groen Eiche, Kutschen des Prinzen holten die Herren und
Damen, ein Omnibus, mit Laubgewinden und Krnzen verziert, lud die Kinder der
Familien zusammen. Auf der Wiese war ein Zelt errichtet, seitwrts durch Gebsch
verdeckt eine Breterhtte mit aufgestelltem Kochherd; eine Musikbande sa
versteckt im Walde und empfing die ankommenden Familien. Der Prinz und sein
Kammerherr begrten an der Waldecke und geleiteten zum Mittelpunkt des grnen
Festraumes, wo ein ungeheures Werkstck hchster Bckerkunst den Leuchtturm
bildete, in dessen Nhe man sich vor Anker legte. Bald verrieth Geklirr der
Tassen, da man sich der unvermeidlichen Vorbereitung zu gemthvoller deutscher
Frhlichkeit hingab. Im Anfang waren die Geladenen feierlich, das Ungewhnliche
des Festes verursachte Erwgung. Als aber Raschke seine Rocksche fate und
sich im Grase lagerte, als die andern Herren ihm folgten und dargebotene
Cigarren anzndeten, bekam die Wiese ein theokritisches Aussehen. Da sa der
Rector auf dem Rasen, die Beine wie ein Trke zusammengeschlagen, daneben der
Consistorialrath auf einem Stuhle und etwas entfernt auf einem abgeschlagenen
Baumstamm der immer noch feindliche Struvelius, mit seinem starrenden Haar und
der schweigsamen Weise dem kummervollen Geist der alten Weide hnlich. Abseits
von ihnen aber thronte auf einem alten Ameisenhaufen, ber den er sein
Taschentuch gebreitet hatte, Magister Knips, er hielt seinen runden Hut
ehrerbietig unter dem Arm und stand auf, sooft der Prinz in seine Nhe trat.
Unterde war der Prinz bemht, die Damen zu unterhalten, seit den letzten
Vorfllen des Winters war er ohnedies Liebling der Frauen, heut eroberte er
vollends durch verlegene Anmuth die Herzen der Mtter und Tchter. Er sprach
verbindlich mit jeder Einzelnen, winkte den Lakaien, wo es fehlte, war um Alles
besorgt und lachte ber sich selbst, wenn er nicht Bescheid wute. Ilse und er
arbeiteten im stillen Einverstndni einander in die Hnde, der Frauenwelt
Liebenswrdiges zu erweisen, Ilse, gehoben von dem Gedanken, da ihr Prinz den
Leuten so gut gefalle, und der Prinz im Herzen selig ber die kleine gemeinsame
Arbeit, die er mit der Frau Rectorin besorgte.
    Noch nie hatte er sich ihr so vertraulich nahe gefhlt als heut. Er sah nur
sie, er dachte nur an sie. Im Geschwirr der Redenden, unter den Klngen der
Musik lauschte er auf jedes Wort aus ihrem Munde. Sooft er zu ihr trat, empfand
er das warme Leben der schnen Frau wie einen wonnigen Zauber. Sie fate nach
einem Baumblatt, ihr Spitzenrmel streifte sein Gesicht, und von der Berhrung
des feinen Gewebes rthete sich ihm die Wange. Ihre Hand ruhte einen Augenblick
auf der seinen, als sie ihm einen bunten Kfer darbot, und er fhlte den
flchtigen Druck wie einen Schlag im Herzen. Der Kfer wei Ew. Hoheit Zukunft.
Sie drfen ihn fragen: Liebes Marienvgelein, wie lange werd' ich lustig sein?
ein Jahr, zwei Jahr und so fort, bis er entfliegt. Der Prinz begann den Spruch,
aber war noch nicht bis zum ersten Jahr gekommen, als der Kfer davonflog. Das
gilt nicht Ihnen, trstete Ilse lachend, der Kleine war noch bse auf mich.
Lieber will ich das Unglck tragen, versetzte leise der Prinz, als da es
Ihnen naht. Da nun Ilse, betroffen durch den innigen Klang seiner Worte, sich
zu den Frauen wendete, hob er verstohlen das Tuch auf, welches ihr von der
Schulter geglitten war, und drckte es hinter dem Baum an seine Lippen.
    Lauter wurde die junge Welt, als aus der Htte hinter dem Busch zwei Mnner
hervortraten mit rothem Rock und Trommel und die Jugend zu einem Vogelschieen
einluden. Der Kammerherr nahm die Aufsicht ber die Knaben, Ilse ber die
Mdchen, Jger und Lakai halfen bei den Armbrsten, die Bolzen knallten ohne
Aufhren gegen den Leib der aufgerichteten Vgel, denn das Treffen war bequem
gemacht, und wer gerade nicht scho, konnte Preise bewundern, welche auf zwei
Tischen ausgestellt waren. Es ging Alles schnell, wie bei einem Hoffest
schicklich ist, die Lakaien durchwanderten unaufhrlich die Gesellschaft mit
jeder denkbaren Erfrischung, die Splitter der Vgel fielen wie Hagel, und der
Prinz vertheilte die Preise an die Kinder, die ihn umdrngten. Bertha Raschke
wurde Schtzenknigin, ein kleiner Consistorialrath ihr Mitregent. Jauchzend
zogen die Kinder mit ihren Geschenken hinter den Trommlern bis zu einer langen
Tafel, wo ihnen eine Mahlzeit bereitet war. Sie muten niedersitzen, in der
Mitte Knig und Knigin. Jger und Lakaien trugen die Gnge eines feinen Soupers
auf. Der Kammerherr htte nichts Besseres erfinden knnen, die Eltern zu
verbinden, auch die Vter traten hinter die Sthle und freuten sich innig, wie
die Kleinen aus den Krystallglsern unschdlichen Wein tranken und selig aus
rosigen Gesichtern die gemalten Teller und silbernen Aufstze der Tafel
anstaunten. Bald wurden sie lustig, zuletzt erhob sich sogar der kleine
Consistorialrath und brachte die Gesundheit des Prinzen aus, alle Kinder
schrieen hoch, die Trommler trommelten, die Musik fiel ein und die Eltern
umstanden dankend den Festgeber. Ilse aberbrachte eine Schrpe getragen, welche
die Frauen von Feldblumen geflochten hatten, und bat den Prinzen um die
Erlaubni, ihm die Schrpe anzulegen. Er stand unter den frohen Menschen selbst
gehoben durch die harmlose Freude, welche die Andern erfllte, und durch die
achtungsvolle Neigung, welche ihn aus allen Augen ansah. Mit stummem Dank
blickte er zu Ilse herber und ohne Veranlassung wurden ihm die Augen feucht.
Und wieder schrieen die Kinder ihr Hoch und die Trommler wirbelten.
    Da sprengte ein Reiter in fremder Dienertracht aus dem Walde heran, der
Kammerherr trat bestrzt zu dem Prinzen und berreichte ihm einen Brief mit
schwarzem Siegel. Der Prinz eilte in das Zelt, der Kammerherr folgte ihm.
    Der junge Herr hatte bei Feldblumen kein Glck. Die Festfreude war dahin,
die Gesellschaft stand theilnehmend und unsicher in Gruppen um das Zelt. Endlich
trat der Kammerherr heraus; whrend er sich an den Rector wandte und die
Anwesenden ihn umdrngten, sah Ilse den Prinzen an ihrer Seite, tiefe Trauer im
Angesicht. Ich bitte Sie, mich bei den Damen zu entschuldigen, wenn ich mich
sogleich entferne. Der Gemahl meiner Schwester ist nach kurzer Krankheit
gestorben, und meine arme Schwester ist sehr unglcklich geworden. Der Schmerz
zuckte in seinem Gesicht, als er fortfuhr: Ich selbst habe meinen Schwager
wenig gekannt, aber er war gegen meine Schwester sehr gut, und sie fhlte sich
bei ihm glcklicher als je in ihrem Leben. Sie schreibt mir in Verzweiflung, und
das Unglck ist fr sie ganz unsglich. Wie die Verhltnisse sind, wird sie an
ihrem jetzigen Wohnort nicht bleiben drfen, ich sehe voraus, da sie wieder zu
uns zurckkehren mu. Das ist unser bitteres Schicksal, nirgend ruhig zu
bleiben, immer wieder gewaltsam herausgerissen zu werden. Und ich wei, mich
wird ein hnliches Unglck treffen. Ich fhle mich jetzt hier wohl, Ihnen darf
ich das gestehen, auch mir macht dieser Todesfall Vieles unsicher, ich ahne, er
wird auch mich von hier fortziehen. Ich reise morgen auf einige Tage zu meiner
Schwester, denken Sie mit Theilnahme meiner. Er verneigte sich und trat in das
Zelt zurck, in den nchsten Minuten rollte sein Wagen der Stadt zu.
    Ilse eilte zu ihrem Gatten, dem vom Kammerherrn die Bitte ausgesprochen war,
bei der Gesellschaft seine Stelle zu vertreten. Man beschlo sogleich
aufzubrechen. Die Kinder wurden in die Wagen gesetzt, die Erwachsenen kehrten in
ernstem Gesprch zur Stadt zurck.
    Unterde sa die schulkranke Laura in ihrem Stbchen und stberte unter den
alten Liederdrucken. Nach jener Begegnung im Dorfgarten war sie mit Schrecken zu
der Erkenntni gekommen, da die Tage ngstlicher Sorge um den Doctor ihren
Schatz sehr vermindert hatten, wohl ein Dutzend - und nicht der schlechtesten -
war leidenschaftlich hinbergeschleudert, die Schnre, an welchen sie das
Sammlerherz drben festhielt, drohten dnn zu werden. Deshalb war das Trinklied
fr lngere Zeit die letzte Spende geblieben. Heut aber, wo Fritz eine
Behandlung erfahren hatte, welche ihr mehr Kummer machte als ihm selbst, mute
sie auf einen kleinen Trost fr ihn denken.
    Ein schwerer Tritt auf der Treppe strte die Wahl. Laura hatte kaum Zeit,
ihren Schatz in die geheime Schublade zu werfen, als schon die schwere Hand des
Herrn Hummel auf die Klinke drckte. Das war ein seltener Besuch, und Laura
empfing ihn mit der Ahnung, da er auch heut nicht ohne ernste Veranlassung
erfolge. Herr Hummel trat dicht vor seine Tochter und betrachtete sie
sorgfltig, als wre sie eine neue Pariser Erfindung. Du hast also Kopfschmerz
und konntest die Einladung nicht annehmen? Das bin ich an meiner Tochter nicht
gewhnt. Bei deiner Mutter kann ich nicht verhindern, da ihr Gefhl zuweilen in
das Gehirn steigt, von deinem Kopf fordere ich, da er unter allen Umstnden
frei bleibe. Weshalb bist du also der Einladung nicht gefolgt?
    Es wre mir ein unertrglicher Zwang gewesen, sagte Laura.
    Ich verstehe, versetzte Herr Hummel. Ich bin nicht sehr fr Frsten, ich
bin auch nicht gegen sie. Ich kann nicht finden, da sie einen greren Kopf
haben als andere Leute, und ich bin deshalb veranlat, sie als einfache Kunden
der brgerlichen Gesellschaft zu betrachten, welche nicht immer Numero Eins
weder sind noch tragen. Jedoch, wenn dich ein Prinz mit andern anstndigen
Personen zu einem ehrbaren Sommervergngen einladet, und du dich weigerst, so
frage ich als Vater nach dem Grund, und zwischen dir und mir soll jetzt von
Kopfschmerz keine Rede sein.
    Laura erkannte an dem unwirschen Blick des Vaters, da er noch Anderes im
Schilde fhre. Wenn du die Wahrheit wissen willst, ich mache dir kein Geheimni
daraus. Ich bin nicht meiner selbst wegen eingeladen, denn was liegt den Leuten
an mir, sondern als Tischzugabe unserer Hausgenossen.
    Das wutest du doch auch, als die Einladung ankam, und damals fuhrst du vor
Freude in die Hhe.
    Mir ist der Gedanke erst nachher gekommen.
    Als du erfuhrst, da der Doctor von drben nicht geladen war, sagte
Hummel. Deine Mutter ist eine sehr brave Frau, vor der ich alle Hochachtung
habe, aber ihr begegnet zuweilen, da man ihr ein Geheimni abschrauben kann.
Wenn du also etwas spintisirst, was weder die Welt noch dein Vater erfahren
soll, so wird es klug sein, das Niemandem anzuvertrauen, weder in unserm Hause,
noch in einem andern.
    Gut also, rief Laura entschlossen, wenn du es gemerkt hast, so hre es
noch einmal von mir. Ich bin ein Brgerkind wie Fritz Hahn drben, er ist fter
als ich mit den Herren vom Hofe zusammengetroffen; da man auf ihn keine
Rcksicht nahm, hat mir klar gemacht, da man meinesgleichen als eine
berflssige Beigabe betrachtet.
    Also der drben ist deinesgleichen? frug Herr Hummel, das gerade war es,
was ich dir ausreden wollte. Ich mchte nicht, da du deine Gefhle nach den
Wetterglsern von dort drben einrichtest. Ich mchte nicht, da Hahn junior auf
den Gedanken kme, einmal einen Schwibbogen ber die Gasse zu bauen und in
Schlafschuhen von einem Haus in das andere zu wandeln. Der Gedanke gefllt mir
nicht. Ich will dir nur einen Grund anfhren, der mit meinem alten Zorn gar
nichts zu thun hat. Er ist seines Vaters Sohn, und er hat keine rechte Courage
fr das Leben. Wer aushalten kann, Jahr fr Jahr in dem Strohnest zu sitzen und
Bcher aufzuklappen, der wre, wenn ich mich als Mdchen betrachte, nicht mein
Mann. Es ist mglich, da er sehr gelehrt ist und gerade die Dinge wei, um die
sich andere Menschen wenig kmmern, ich habe aber noch nicht gehrt, da er sich
dadurch etwas Ordentliches verdient hat. Deshalb, wenn geschehen knnte, was
nicht geschehen wird, solange das Grundstck drben ein Hhnerhof ist, wenn ich,
Heinrich Hummel, zugeben wollte, da mein einziges Kind vor der weien Muse
Strmpfe strickte, so wre dies fr mein Kind selbst ein Unglck. Denn du bist
meine Tochter. Du bist innerlich ebensosehr ein Dickkopf wie ich von auen, und
wenn du unter solche schwachherzige Leut gerthst, wirst du sie jmmerlich
unterbuttern, und du selbst wirst darber unglcklich werden. Deshalb also bin
ich der Meinung, da dein Kopfschmerz eine Narrheit war, und ich wnsche nie
wieder von Leiden dieser Art zu hren. Guten Tag, Frulein Hummel. Er schritt
zur Thr hinaus und brummte auf der Treppe: Blhe, liebes Veilchen, das ich
selbst erzog.
    Laura sa am Schreibtisch und sttzte das schwere Haupt mit beiden Hnden.
Das war ein frchterlicher Auftritt, die Reden des gewaltigen Vaters rissen ihr
die Seele wund. Aber in seiner hhnenden Betrachtung des Nachbarsohnes war doch
eine Wahrheit, die ihr selbst schon wie eine feindliche Spinne ber die bunten
Bltter ihrer Theilnahme gekrochen war. Er mute hinaus in die Welt. Unten die
Freunde dachten daran, in die Ferne zu ziehen, ach, sie selbst war ein armer
Vogel, der vergebens aufflatterte, weil die Fessel am Fu zurckhielt. Er aber
konnte sich lsen. Sie verlor ihn aus der Nhe, sie verlor ihn vielleicht fr
immer, aber das durfte sie nicht hindern, ihm die Wahrheit zu sagen. Hastig fuhr
sie unter die alten Druckbltter, mit Mhe fand sie ein Reiselied, welches
allerdings nicht recht auf den Doctor pate, insofern es die Gefhle eines recht
lderlichen Landstreichers aussprach. Das Lied war schlimm, aber es gab nichts
Besseres, unsre Vorfahren fanden, sofern sie sich nicht gerade der Wegelagerei
befleiigten, geringes Vergngen auf der Landstrae. Der Brief mute das Beste
thun. Sie schrieb also: Die Sommervgel fliegen, auch die sehnschtigen Trume
der Menschen suchen die Ferne. Zrnen Sie nicht, wenn der Absender Sie bittet,
etwas von der Stimmung dieses losen Liedes in Ihr eigenes Leben aufzunehmen. Fr
Sie ist die Heimat zu enge, Ihr Werth wird hier nicht erkannt, wie Sie
verdienen. Sie selbst entbehren in dem stillen Hause der Eltern die Erfahrungen,
welche der Mann gewinnt, wenn er sich durch eigene Tchtigkeit ein neues Leben
formt. Wohl wei ich, da Ihre hchste Aufgabe immer sein wird, durch
Schriftwerke Ihre Wissenschaft zu frdern. Das vermgen Sie berall zu thun.
Aber Sie sollten doch nicht verschmhen, auch im persnlichen Verkehr auf
Jngere lehrend zu wirken und sich selbst an den Kmpfen Ihrer Zeit thtig zu
betheiligen. Auf, Herr Doctor, auch Ihnen singt hier der unbekannte Vogel sein
Wanderlied. Mit Schmerz werden die Zurckbleibenden Sie missen.
    Zu derselben Stunde sa Gabriel in seiner Kammer und brstete die letzten
Stubchen von dem Festgewand, das er ber den Stuhl gebreitet hatte, zu seinen
Fen leckte sich der rothe Hund die Pfote und lie zuweilen leises Geknurr
hren, das fast wie ein Seufzer klang. Gabriel betrachtete unzufrieden den Hund.
Schner bist du im letzten Winter nicht geworden und besser auch nicht. Dein
tckisches Dasein ist nur auf deine Schssel und die Beine der Vorbergehenden
gerichtet. Ich wte nicht, da einmal ein Hund der Menschheit so verhat
gewesen wre wie du, und kein Hund hat diesen Ha so verdient. Deine einzige
Freude ist, zu verachten, was wohlanstndig ist. Denn was ist dir der liebste
Festtag? wenn es geregnet hat und die Pftzen auf dem Wege stehen und ein
Sonnenblick die Leute verfhrt, in den Wald zu spazieren: Dann lauerst du auf
der Steintreppe, und kommt ein junges Mdchen vor deine Augen in recht hellem
Sommerkleide, so springst du mit einem Satz vor ihr in die Pftze wie ein
Frosch, da ihr Kleid bis an den Hals bespritzt wird und ich eine Droschke holen
mu, worin die Person nach Hause fhrt. Was hat dir gestern der fliegende
Cigarrenhndler gethan? Sein Kasten stand auf einer Bank am Garten des Herrn
Hummel, und das Geschft versprach gut zu werden wegen der Mcken im Thale, aber
da wurdest du Bsewicht hmisch. Der Cigarrenmann tritt zwei Schritte von seinem
Kasten zu einem Bekannten, du springst gegen das Butterbrot, das auf dem Kasten
liegt, dabei mit allen vier Beinen auf das Glas; die Glasscheiben brechen, die
Splitter mischen sich mit den Cigarren, du trampelst Glas und Stinkadores zu
einem Brei, und fhrst in das Haus zurck. Du hast es durchgesetzt, Scheusal,
dein Herr hat den Cigarrenmann angefahren, als dieser gegen dich klagte, und der
Mann hat seinen Kram aufgepackt und ist mit einem Fluch von unserm Hause
weggezogen. Auf welchen Nachtwegen bist du seitdem dahingefahren? Kein Auge hat
dich gesehen. Er beugte sich zu dem Hunde nieder. Also diesmal ist dir's
wirklich ins Fleisch gegangen, es ist mir lieb zu merken, da du nicht nur
Andern schaden kannst, sondern auch dir selbst. Gabriel sah nach der Pfote und
zog einen Glassplitter heraus. Der Hund blickte ihn winselnd an.
    Wenn ich nur wte, fuhr Gabriel kopfschttelnd fort, was der Hund an mir
findet. Sind es die Knchel oder wei er einen schlechten Streich von mir, der
ihm Spa macht? Er hat alle Welt, knurrt auch gegen seinen Hauswirth, nur zu
mir kommt er auf Besuch und benimmt sich wie ein guter Kamerad. Und noch
verrckter ist er zu meinem Rector. Ich glaube nicht, da Magnificenz viel von
dem Leben Speihahns wei. So oft dieser Unhold aber meinen Professor sieht,
guckt er ihn aus seinem Haargebsch schlau an und thut sein Aeuerstes, er
wedelt mit der Quaste. Und wenn der Herr nach der Universitt geht, luft er
hinter ihm her wie ein Lamm hinter seiner Mutter. Wie kommt er dazu, seine
schwarze Seele gerade auf meinen Gelehrten zu richten? Was will er von unserer
Wissenschaft? Sie glauben doch nicht an dich, Junker Speiteufel. Er sah sich
mitrauisch um und fuhr schnell in seinen Rock. Im Sonntagsstaat trat er vor die
Hausthr. Bei Hahns war Niemand zu Hause, denn Dorchens Gesicht sah aus dem
Fenster der Putzstube. Sie lchelte und nickte, Gabriel fate ein Herz und
schritt in den feindlichen Hausflur. Die Zimmerthr ffnete sich, Dorchen
knixste auf der Schwelle und Gabriel begann, die Thr in der Hand, feierlich:
Wenn ich an diesem schnen Tag das Vergngen haben knnte, mit Ihnen
auszugehen, so wrde er mir noch angenehmer.
    Dorchen erwiederte, an der Schrze zupfend: Ich mu als Hausunke hier
sitzen, aber das darf ja Sie nicht hindern.
    Es fehlt mir dann die Heiterkeit, versetzte Gabriel mit einer Verbeugung,
denn ich mu doch immer an Sie denken, und da ich Sie jetzt selbst vor mir
habe, ist mir das viel lieber als das bloe Denken im Freien. Wenn Sie mich also
ein wenig hier dulden wollen -
    Treten Sie doch nher, Herr Gabriel.
    Nur auf die Thrschwelle, sagte Gabriel eintretend und hielt die offene
Thr in der Hand. Ich wollte Ihnen nur bei dieser Gelegenheit sagen, da ich
die Nummer, von welcher Sie neulich getrumt haben, bei keinem Collecteur finden
konnte, ich habe jedoch eine andere genommen, und ich habe sie von einem kleinen
Betteljungen ziehen lassen, weil das Glck bringt. Es wrde mich erfreuen, wenn
Sie diese Nummer mit mir zusammen spielen wollten. Es ist viel, denn es ist ein
ganzes Achtel.
    Aber das wird ja keine gute Vorbedeutung, Gabriel, entgegnete Dorchen in
artiger Verlegenheit.
    Warum nicht, Frulein? es war ein richtiger Betteljunge.
    Nein, ich meine, wenn zwei zusammen spielen, die einander lieb haben.
    Liebes Dorchen, rief Gabriel nhertretend und fate nach ihrer Hand.
    Ein dumpfes Gegurgel unterbrach das Gesprch. Dorchen fuhr erschrocken von
ihm fort. Das war wie ein Geist, rief sie.
    Dies ist unmglich, trstete Gabriel, erstens bei Tage, zweitens in einem
neuen Hause und drittens ist es mit Geistern berhaupt soso. Es war nur auf der
Strae.
    Mir ist ein rechter Trost, da Sie hier sind, versicherte das furchtsame
Dorchen. Allein sein in einem groen Hause ist immer schreckhaft.
    Und zu zweien in einem kleinen ist immer lustig, ergnzte Gabriel
unternehmend, ach, Dorchen, wenn wir daran denken drften.
    Wieder hrte man leises Gekrchz. Es ist doch etwas hier, schrie Dorchen,
ich frchte mich. Sie sprang von ihm weg in die Mitte der Stube. Gabriel
ergriff eine Elle und suchte unter den Mbeln. Also du bist's wieder, rief er
zornig und fuhr mit der Elle unter das Sopha. In einem Satze und Schrei sprang
Speihahn hervor und auf den nchsten Stuhl, vom Stuhle auf den Pfeilertisch,
worauf die Stutzuhr stand, er schleuderte die Uhr herunter, strzte mit einem
unfrmlichen Sprunge nach und fuhr durch den Thrritz ins Freie.
    Es war die Stutzuhr, es war das Hochzeitsgeschenk, Herr Hahn zog sie jeden
Abend auf, bevor er zu Bett ging; sie hatte zwei Alabastersulen mit vergoldeten
Krnchen, das Gehuse war von amerikanischem Holz und stellte einen Triumphbogen
vor. Jetzt lag das Kleinod in Trmmern, die Sulen gebrochen, das Holz
zerborsten, das Zifferblatt zersplittert, in dem offenen Werke wirbelte ein
einziges Rad mit frchterlicher Schnelligkeit, alles Uebrige war regungslos und
tot. Dorchen stand entsetztvor den Scherben und rang die Hnde. Das Scheusal,
seufzte Gabriel, bemhte sich vergebens um das verwstete Kunstwerk, und suchte
mit nicht besserem Erfolg sein armes Mdchen zu trsten, welche vor den
Schrecken der nchsten Stunde zitterte.
    Mir hat geahnt, da heut etwas passiren wrde, rief Herr Hahn nach der
Heimkehr, ich hatte gestern zum ersten Mal vergessen, die Uhr aufzuziehen. Aber
jetzt ist meine Geduld zu Ende und es soll ein Krieg mit dem drben werden auf
Leben und Tod. Drohend trat er auf das schluchzende Mdchen zu. Bezeuge die
Wahrheit, gebot er, das Gericht wird dein Zeugni fordern, suche deine Rettung
nicht in Heuchelei und Lge. War er es, oder warst du es? Dorchen berichtete
noch einmal dramatisch die ganze Missethat Speihahns, sie rckte an dem Sopha,
als knnte sie den Hund leibhaftig hervorholen, sie gab die geffnete Thr
weinend zu und erklrte Gabriels Anwesenheit aus einer Anfrage, die er gethan.
Unglckliche, drohte der zrnende Hausherr, ich sehe deine Verlegenheit, du
warst es selbst, dein Gewissen peinigt dich. Wie kannst du beweisen, da er
unter dem Sopha war? Von deiner Seele fordere ich handgreiflichen Beweis.
    Hier ist er, rief Dorchen immer noch schluchzend und wies in tragischer
Stellung mit der Hand auf den Boden.
    Und ein Beweis war unter dem Sopha unverkennbar, obgleich nicht gut
handgreiflich, der Hund hatte zurckgelassen, was seinen Namen so sicher
besttigte, als htte er sein Petschaft auf den Boden gedrckt.
    Jetzt gab auch Frau Hahn zornig den Befehl, welcher einer Hausfrau vor
solchem Greuel ziemte.
    Untersteht euch nicht, rief Herr Hahn wieder, hinweg mit Lappen und
Tchern, dies bleibt.
    Aber Andreas, klagte seine Frau.
    Dies bleibt, sage ich, es mu recognoscirt und vidimiert werden. Holt
sogleich Rothe und seine Frau und wen ihr von sicheren Zeugen auf der Strae
findet.
    Die Zeugen kamen und umstanden emprt die Sttte des Verbrechens. Herr Hahn
aber eilte an seinen Schreibtisch und schrieb einen krftigen Brief an Herrn
Hummel, worin er die Unthat berichtete, die Zeugen nannte und drohend
Schadenersatz forderte. Diesen Brief trug Rothe mit einem Bret, worauf die
Trmmer der Uhr lagen, zu Herrn Hummel hinber.
    Hummel las bedchtig den Brief und warf ihn auf den Tisch. Ich lasse Ihrem
Herrn zu dem neuen Sommervergngen gratuliren, sagte er kalt. Tragen Sie
diesen Prsentirteller sogleich wieder zurck, ich habe auf solchen Unsinn keine
Antwort. Man mag thun, was man nicht lassen kann.
    Am nchsten Tage erhob wieder eine gerichtliche Klage ihr Medusenhaupt
zwischen den beiden Husern. Diesmal war auch Frau Hahn tief emprt, und als sie
am nchsten Tage Laura auf der Strae begegnete, wandte sie ihr gutmthiges
Gesicht zur Seite, die Tochter der Feinde nicht zu gren.
    Laura aber erhielt die Antwort des Doctors auf ihren Brief. Ein hbsches
Gedicht rhmte das Glck des Elternhauses und als beste Freude des Nachbars
Tchterlein, welche der Dichter im Garten unter ihren Blumen sah, sooft er ber
den hohen Zaun blickte. Dann las sie folgende Worte: Die Mahnung, welche so
herzlich aus Ihren Zeilen spricht, hat auch in mir geklungen. Ich wei, was
meinem Leben fehlt. Meine Wissenschaft macht mir berhaupt unmglich, in
greren Kreisen Anerkennung zu finden, welche die Freunde eines Gelehrten ihm
zuweilen eifriger fordern als er selbst; sie erschwert mir auch eine akademische
Laufbahn, fr welche ich jetzt auf einen zuflligen Ruf aus der Fremde
angewiesen bin. Mit diesen Erwgungen bin ich leicht fertig. Aber die
Beschaffenheit meiner Arbeiten nimmt mir auch alle Hoffnung, da jemals uere
Erfolge das Hinderni bewltigen werden, welches sich gegen die geheimen Wnsche
meiner Seele aufgethrmt hat. Ich habe Stunden, wo selbst der groe Gedanke
seine Heilkraft verliert, da Entbehren und Entsagen eine unerlliche Bedingung
fr das Priesteramt ist, welches ich zu verwalten habe.
    Armer Fritz! rief Laura, rmer noch ich selbst. Sein Priesteramt! -
Weshalb mu er entbehren, weil er Sanskrit treibt? Nicht Muth fehlt diesen
Gelehrten, wie der Vater schmht, aber die Leidenschaft. Sie sind selbst
staublos und blutlos wie die alten Gtter, von denen sie schreiben. Das knistert
einmal in ihrem Leben und gibt einen Funken und man hofft auf eine mchtige
Feuerflamme, aber sogleich ist wieder Alles gedmpft und durch kluge Erkenntni
zerdrckt. Sie sprang auf. Ha, knnte ich den Fritz beim Haar packen und
hineinwerfen in das wildeste Getmmel, wo er sich blutig durchschlgt, dem Vater
trotzt und etwas Groes auf's Spiel setzt, um zu gewinnen, was er, wie er leise
klagt, fr sich begehrt. Fluch dieser stillen, klaren, gelehrten Luft, sie macht
langweilig, die in ihr athmen! Ihre strkste Neigung ist ein schmerzliches
Achselzucken ber uns andere Sterbliche oder ber sich selbst. So zrnte die
leidenschaftliche Laura in ihrer Dachstube, und wieder wurde ihr Papier von
bittern Thrnen befeuchtet, als sie in dem heroischen Vers Beruhigung suchte und
die fremden Gtter des Doctors in folgenden Zeilen ermahnte, gegen die Tcke
Speihahns zu Felde zu ziehen.

Leuchtender Indra und ihr, glanzvolle Gewalten des Aethers,
Welche dem Erdengeschlecht jemals segnend genaht,
Eilt zur Rettung herbei, denn arg umdrngt uns das Unheil,
Schwarze Gestalten der Nacht fllen den friedlichen Hof,
Scheiden vom Kinde den Vater; und breit auf der Schwelle gelagert,
Knurret betrenden Fluch tckisch der greuliche Mops.

    Der Friede blieb gestrt, nicht nur den Nachbarn der Parkstrae, auch dem
jungen Herrn, an dessen Fest die Verwirrung eingebrochen war. Der Prinz wurde
einige Wochen in der Fremde aufgehalten, nach seiner Rckkehr lebte er in der
stillen Zurckgezogenheit, welche ihm durch die Trauer auferlegt war. Die
Vortrge auf seinem Zimmer wurden wieder aufgenommen, aber sein Platz an Ilse's
Theetisch blieb leer.
    Am Tage der akademischen Preisvertheilung brachte die Studentenschaft ihrem
Rector einen groen Fackelzug. Durch die alten Straen wogte der flammende
Schein, die Fanfare tnte, krftiger Mnnergesang brauste dahin, Giebel und
Erker leuchteten in buntem Glanz, die Prsiden schwenkten lustig ihre Waffen,
die Fackeltrger spritzten die Funken gegen das andrngende Volk der Straen.
Der Zug wand sich in die Gasse am Thal, er hielt vor dem Hause des Herrn Hummel,
wieder Musik und Gesang, eine Deputation betrat feierlich die Hausschwelle.
Hummel sah stolz auf den langen Strom rothen Lichtes, welcher heranfluthete und
sich an der Masse seines Baues brach. Die ganze Ehre galt nur seinem Hause, wenn
er auch nicht verhindern konnte, da Dampf und Lohe sich gleich vertheilten und
das feindliche Dachgesims verklrten.
    Oben beim Rector waren einige der nchsten Freunde versammelt, er empfing in
seinem Zimmer die Fhrer der Studentenschaft zu Rede und Gegenrede. Whrend die
Anwesenden nahe traten, die feierlichen Worte anzuhren, ffnete sich leise die
Thr von Ilse's Zimmer; der Prinz trat ein. Ilse eilte ihm entgegen, er aber
begann ohne Gru: Ich komme heut, Ihnen Lebewohl zu sagen. Was ich ahnte, ist
eingetroffen, ich habe den Befehl erhalten, zu meinem Vater zurckzukehren.
Morgen werde ich mit meinem Begleiter von dem Herrn Rector und Ihnen frmlichen
Abschied nehmen, ich wollte Sie vorher auf einen Augenblick sehen. Und jetzt, da
ich vor Ihnen stehe, habe ich keine Worte, fr das, was mich hertrieb. Ich danke
Ihnen fr alle Freundlichkeit. Ich bitte Sie, mich nicht zu vergessen. Sie sind
es, die mir diese Stadt liebgemacht hat. Sie machen mir schwer, von hier zu
scheiden. Er sprach die Worte so leise, da sie nur wie ein Hauch in Ilse's Ohr
drangen, und er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern verlie das Zimmer so
schnell wie er eingetreten war.
    Drauen auf dem freien Platze an der Parkwiese warfen die Studenten ihre
Fackeln zu einem groen Haufen, hoch fuhr die rothe Lohe in die Luft, der Dampf
ballte sich bleigrau um die Wipfel der Bume, er rollte an den Husern entlang,
drang durch die geffneten Fenster und beengte den Athem. Niedriger wurde die
Flamme, aus den verkohlten Brnden stieg dnner Rauch. Es war ein schnelles,
lustiges Roth, ein flchtiges Feuer, verglommen, zerweht, nur Rauch und Asche
blieben zurck. Aber Ilse stand noch immer am Fenster und sah traurig auf die
leere Stelle.

                                       6.

                                        

                                 Vor dem Drama.


Er war ein Tyrann, sagte Laura, und sie hatte Recht, ihm nicht zu gehorchen.
    Er that in harter Weise seine Pflicht und sie ebenso die ihrige, versetzte
Ilse.
    Er war ein querkpfiger, engherziger Bursch, der zuletzt gedemthigt wurde,
sie aber eine edle Heldin, die Alles wegwarf, was ihr auf Erden lieb war, um mit
groem Herzen die hchste Pflicht zu ben, rief Laura.
    Er hat gehandelt in dem Zwange seines Charakters, wie sie nach dem ihren.
Sie war strker als er und ging siegreich in den Tod, ihn zerbrach das Gewicht
seines Thuns, da er lebte, entgegnete Ilse.
    Die Charaktere, ber welche die Frauen sprachen, waren Antigone und Kreon.
    Der Professor hatte an einem Herbstabend die Tragdien des Sophokles auf den
Tisch seiner Frau gelegt. Es ist Zeit, da du die schnste Dichterkraft des
Alterthums in ihren Werken verstehen lernst. Er las vor und erklrte. In dem
stillen Frieden des deutschen Hauses schwebten die hohen Gebilde der attischen
Bhne. Ilse hrte Fluch und herzerschtternde Klage um sich her, sie sah ein
dunkles Verhngni einbrechen ber Menschen von hchstem Adel der Empfindung und
ehernem Willen, sie fhlte den Sturm der Leidenschaft durch gewaltige Seelen
toben und hrte zwischen dem Schrei der Rache und Verzweiflung weich die Accorde
rhrenden Gefhls in unwiderstehlichem Zauber ertnen.
    Wohl war fr Ilse die Zeit gekommen, wo sie Gestalt und Schicksal fremder
Menschen mit gutem Verstndni in sich aufzunehmen vermochte.
    Nicht immer liegt das Sonnenlicht auf dem Pfade des Menschen, in tuschender
Nebelnacht sucht er seine Richtung nicht mit dem Auge allein, er lauscht dann
auch auf geheime Stimmen in seiner Brust. Aus dem Kampf entgegengesetzter
Pflichten, aus dem Drange der Leidenschaft rettet den Menschen nicht zumeist der
kluge Gedanke, nicht wrdiges Lehrwort, ihn befreit oder wirft in die Tiefe ein
kurzer Entschlu, der wie eine Naturnothwendigkeit aus dem Innern bricht und
doch hervorgebracht wird durch den Zwang des ganzen frheren Lebens, durch
Alles, was der Mensch wei und glaubt, gedacht, gelitten und gethan hat. Was in
der finstern Stunde treibt zum guten Ziel oder in das Verderben, das nennen die
Leute Charakter, und wie der Wanderer den Weg sucht durch Hindernisse und
Schrecken, das nennt der Zuschauer vor der Bhne dramatische Bewegung.
    Nur wer einmal unter den gaukelnden Bildern der Nacht dahingegangen ist und
ernsthaft auf die geheime Mahnung seines Innern gelauscht hat, nur der versteht
vllig, wie Andern zu Muthe war, die in hnlicher Lage den Ausweg aus beengendem
Irrsal suchten und sich Heil oder Verderben fanden.
    Auch um Ilse's Haupt waren in einzelnen Stunden flchtige Schreckbilder
dahingefahren, auch sie hatte gebangt, ob sie auf rechtem Wege war.
    Die siebente Tragdie des Griechen war gelesen, die khnste Darstellung
herber Leidenschaft und blutiger Rache. Ilse sa noch stumm und erschrocken ber
den frchterlichen Ausbruch des Hasses aus dem Herzen der Elektra. Da begann der
Gatte, um ihr befreiende Gedanken herbeizurufen: Jetzt hast du Alles gehrt,
was uns von Kunst und Gewalt eines wundervollen Dichtergeistes geblieben ist. Du
aber sollst mir berichten, welcher unter seinen Charakteren dich am meisten
gefesselt hat.
    Meinst du, wo mich die Gewalt seiner Poesie am meisten ergriffen hat, so
ist mir immer die neueste Gestalt die grte gewesen, und heut ist es das
ungeheure Bild der Elektra. Fragst du aber, welche Gestalt mir am meisten
wohlgethan hat -
    Die sanfte Ismene, unterbrach lchelnd der Professor. Ilse schttelte das
Haupt. Nein, der mir am meisten gefllt, ist der wackere Sohn des Achill. Erst
will er dem listigen Anschlag des Genossen nachgeben und einem Unglcklichen
Gewalt anthun, aber nach lngerem Kampf siegt die edle Natur. Er erkennt, da er
ein Unrecht begehen will und ermannt sich.
    Der Professor machte das Buch zu und sah seine Frau erstaunt an. Denn
sieh, fuhr Ilse fort, gerade in den grten Gestalten deines Griechen ist eine
Starrheit, die mich erschreckt. Allen fehlt etwas, um Menschen zu sein wie wir,
sie zweifeln nicht wie wir, sie ringen nicht, ob sie recht thun, ihre Gre ist,
unverrckt etwas Frchterliches zu wollen oder den harten Nacken gegen ein
furchtbares Schicksal zu stemmen. Wir aber fordern von dem starken Menschen, da
er zwar gewaltig thut, was er nach seinem Wesen thun mu, Gutes oder Arges, aber
unsern vollen menschlichen Antheil gewinnt er doch nur dann, wenn wir die
Sicherheit haben, da es in seinem Innern gerade so arbeitet, wie vielleicht in
uns selbst.
    Wie vielleicht in uns selbst? frug der Professor ernst und legte das Buch
weg. Woher kommt dir diese Erkenntni? Ilse, hast du ein Geheimni vor deinem
Manne?
    Ilse erhob sich und sah betroffen nach ihm hinber.
    Doch der Professor fuhr heiter fort: Ich will dir erst sagen, weshalb ich
frage und was ich von dir wissen mchte. Als ich dich heimfhrte aus Hof und
Flur, da warst du trotz deinem innigen deutschen Empfinden nach mancher
Rcksicht eine Gestalt, wie wir uns Nausikaa und Frau Penelope behaglich in
ihrer Umgebung ausmalen. Unbefangen nahmst du die Bilder der Welt in dich auf,
du standest sicher und stark in festumgrenztem Kreis von Rechten und Pflichten;
mit kindlichem Vertrauen holtest du von der Sitte deines Kreises und aus
heiligen Sprchen die Richtschnur fr Urtheil und Handeln. Deine Liebe zu mir,
die Berhrung mit anders geformten Seelen, der Einblick in ein neues Gebiet des
Wissens erweckten in deinem Innern leidenschaftliche Klnge, die Unsicherheit
kam und der Zweifel, neue Gedanken arbeiteten heftig gegen alte Vorstellungen,
die Forderungen deines gegenwrtigen Lebens gegen den Inhalt deiner
Mdchenjahre. Du warst durch Monate unglcklicher als ich wute. Jetzt aber bist
du in einer Zeit, wo ich mich deiner frhlichen Ruhe und deines Gedeihens
freute, zu einem Verstndni des Menschen vorgedrungen, das mich berrascht. Oft
habe ich in den letzten Abenden mit heimlicher Freude gesehen, wie warm deine
Theilnahme und wie mild dein Urtheil die Charaktere des Dramas begriff. Ich
hatte erwartet, da das Herbe und Ungeheure ihres Schicksals dich zuweilen
abstoen wrde, und da du behend sein wrdest in Zuneigung und Abneigung, du
aber hast dein Mitgefhl den dunklen Gestalten gegnnt wie den hellen, als wenn
deine Seele selbst unter der Ahnung gezuckt htte, da sich im eigenen Leben
Gutes in Bses verkehren kann und Segen in Fluch, und als wenn du in dir selbst
erfahren httest, da der Mensch nicht nur dem uren Sittengesetze zu folgen
hat, wie erhaben sein Ursprung sei, sondern da in Stunden der Noth noch ein
anderes Gebot dazu kommen msse, welches aus der Tiefe der Menschenbrust
heraufgeholt wird. Solche Einsicht aber wird dem Menschen wohl nur in Stunden
der eigenen Gefahr. Es ist unwahrscheinlich, da du dazugekommen bist ohne
Erfahrungen, die mir fremd geblieben sind. Ich drnge mich nicht in dein
Vertrauen, ich wei, wie sicher ich deiner bin, aber ist dir's recht, so gib mir
Auskunft, wie ist dir die feine Empfindung fr die geheimen Kmpfe solcher
Menschen aufgegangen, welche ein tragisches Schicksal fortreit?
    Ilse fate ihn an der Hand und zog ihn in ihr Zimmer. Auf dieser Stelle
war's, rief sie. Ein Fremder frug mich, ob er sich ttlicher Gefahr aussetzen
solle um seiner Ehre willen oder ob er einen Andern der Gefahr preisgeben drfe.
Ich hatte ihm ein Recht zu solcher Frage gegeben, denn ich hatte schon frher zu
ihm mit grerer Offenheit ber sein Leben gesprochen, als fr eine vorsichtige
Frau klug war. Ich stand und rang gegen die Frage, die er mir stellte, aber ich
konnte die Antwort nicht verweigern, und, Felix, Alles gesagt, ich wollte auch
nicht. Ich gab einen Rath, der ihm ein blutiges Ende htte bereiten knnen, ich
gab den Rath heimlich, und ich war verstrickt in ein Verhngni, aus dem ich
mich nicht zu lsen wute. Ich sah mich um nach dir, ich durfte dir nichts
sagen, du wrest entweder untreu gegen deine Amtspflicht geworden oder du
httest das Ehrgefhl eines Andern fr immer schdigen mssen; ich frug unsere
heilige Lehre, sie rief mir nur zu, da mein Rath sndhaft sei. Ich war
unglcklich, Felix, da ich in diese Lage gekommen war, noch unglcklicher, da
du mir versagen mutest und unsere Lehre mich nicht heraushob. Aber ich habe in
dieser Sache gerathen, wie mir um's Herz war. Es ist nicht mein Verdienst, da
Alles besser geworden ist, als ich ngstlich gesorgt. Seitdem wei ich, Felix,
was Gewissenskampf ist. Und du kennst das einzige Geheimni, das ich vor dir
hatte. That ich ein Unrecht gegen dich, so urtheile mild, denn, bei Allem, was
mir heilig ist, ich konnte nicht anders.
    Und der Prinz? frug der Gatte leise.
    Er ist ein gutes, freundliches Herz, ein unerzogener Mann, ich aber bin
dein Weib. Ihm gegenber war kein Zweifelund kein Kampf.
    Ich wei genug, du ernsthaftes, ehrbares Weib, sagte der Professor, ich
kann jetzt dir gegenber meine Bcher zusammenpacken. Wenig gilt die Lehre, und
sei sie noch so gut, gegen das Leben. Ein thrichtes Studentenduell, in dem du
unsichtbarer Beirath warst, hat fr dein Inneres vielleicht mehr gethan, als
meine klugen Worte in Jahren durchgesetzt htten. Sei gutes Muths, Frau Ilse von
Bielstein, wie uns auch das Schicksal noch zausen mag, ich wei jetzt, mit
inneren Kmpfen wirst du fertig, und darum brauchen wir um die Gefahren, die von
auen kommen, nicht zu sorgen. Denn was auch uns Menschen auf Erden streund
aufrege, wer sein eigenes Wesen einmal soweit kennengelernt hat, da er auch die
Geheimschrift anderer Seelen zu lesen vermag, der hat eine gute Schutzwehr gegen
die Versuchungen der Welt.
    Was der deutsche Gelehrte sagte, der jetzt sein Weib so sicher in die Arme
schlo, war nicht bel, nur schade, da wir deshalb noch keine Sicherheit haben,
die Geheimnisse anderer Seelen zu durchschauen, weil wir etwas von der Arbeit
unserer eigenen belauscht haben; und schade, da die grte Kenntni fremder
Seelenschrift nicht Schutzwehr wird gegen den Sturm der eigenen Leidenschaften.

    Der Kammerherr, welcher als Hofmarschall des Erbprinzen fungirte, hatte beim
Frsten Vortrag ber Angelegenheiten des Dienstes. Es galt unter Anderem, den
Kammerlakai Krger von der Buttermaschine in die Ehren und, was nicht weniger
wichtig war, in das vollen Gehalt eines erbprinzlichen Kammerdieners zu
befrdern. Wider Erwarten war der Frst bereit, auf die Vorschlge einzugehen,
und der Kammerherr wollte bereits, der gndigen Laune des Herrn froh, seinen
Rckzug nehmen, als der Frst ihm den Abgang durch die gtige Bemerkung hemmte:
Ihre Schwester Malwine sah leidend aus; sie tanzt doch nicht zu viel? Hten Sie
ihre zarte Gesundheit, nichts ist fr solche Constitution schdlicher als eine
frhe Heirat. Ich wnsche ihr freundliches Gesicht noch lange am Hofe zu sehen.
    Nun war aber Frulein Malwine mit einem Offizier des Frsten in der Stille
verlobt, der Hof und die Stadt wuten es, die Verlobten aber waren arm und zu
ihrer Verbindung eine Erlaubni des Frsten nthig. Um diese zu erhalten, wurde
eine gnstige Stunde abgewartet. Deshalb erschrak der Kammerherr ber die Worte
seines Herrn, er fand darin eine geheime Drohung, und whrend er fr die
huldvolle Theilnahme dankte, war auf seinem Gesicht deutlich die Betroffenheit
zu lesen.
    Nachdem der Frst durch diesen kurzen Ruck am Wirbel sein Instrument
gestimmt hatte, fuhr er gleichgltig fort: Haben Sie eine Viertelstunde Zeit,
so begleiten Sie mich in das Antikenkabinett. Der Kammerherr verneigte sich.
    Durch Corridor und Sle ging es in einen entfernten Theil des Schlosses, wo
im obersten Stock eine groe Sammlung von alten Mnzen, geschnittenen Steinen
und andern kleinen Ueberresten aus griechischer und rmischer Zeit aufgestellt
waren. Mehre Generationen regierender Herren hatten dazu beigetragen, den
grten Theil hatte der Frst selbst von seinen Reisen heimgebracht, er selbst
hatte in frheren Jahren an Aufstellung der Sachen Antheil genommen und groe
Summen auf Ankauf verwandt. Allmhlich war diese Liebhaberei geschwunden, seit
Jahren hatte die Federbrste des Conservators den Staub nur fr einzelne Fremde
abgewehrt, welche zuflligin die fast unbekannte Sammlung geriethen.
    Deshalb folgte heut der Kammerherr seinem Herrn mit der Empfindung, da
dieser ungewhnliche Einfall irgend etwas bedeute, und obgleich er den sonnigen
Hhen des Erdenlebens nahestand, neigte er sich doch zu der trben Auffassung,
da das Bevorstehende nichts Gutes sein werde. Der Frst nickte der tiefen
Verbeugung des vernachlssigten Aufsehers zu, durchschritt prfend die lange
Zimmerreihe, lie sich einzelne Behltnisse aufschlieen, nahm das geschriebene
Verzeichni zur Hand und betrachtete angelegentlich die Goldmnzen Alexanders
des Groen und seiner Nachfolger und eine Sammlung alter Glasgefe und
angeschliffener Glasscherben, an denen die kunstvolle Arbeit der alten Glaser
auffallend war. Endlich frug er nach dem Fremdenbuch, in welches die Besucher
ihre Namen einzeichneten. Nachdem er den Mann durch einen Auftrag entfernt
hatte, begann er zu seinem Begleiter: Die Sammlung wird weniger gesehen als sie
verdient, ich habe lngst daran gedacht, sie durch eine bessere Aufstellung und
einen guten Katalog bekannt und fr die Gelehrten ntzlich zu machen. Sie ist
eine von den kleinen Freuden meines Lebens gewesen, ich habe Manches dabei
gelernt und Widriges auf Stunden vergessen. Wissen Sie Jemand, der geeignet
wre, die Leitung dieser groen und dankenswerthen Arbeit zu bernehmen?
    Der Kammerherr besann sich, aber ihm fiel Niemand bei.
    Am liebsten ein Fremder, fuhr der Frst fort. Das gibt ein
vorbergehendes und ungezwungenes Verhltni, er mte natrlich als Gelehrter
und als Mensch die besten Brgschaften geben.
    Der Kammerherr nannte einen und den andern Sachverstndigen aus anderen
Residenzen; der Frst sah ihn mit scharfem Blick an und schttelte das Haupt.
Denken Sie darber nach, ermahnte er, vielleicht fllt Ihnen doch Jemand
ein.
    Die Besichtigung ging fort, bei einem antiken Gef erinnerte sich der Frst
mit Interesse, wie er dazu gekommen war. Eine Rmerin, eine schne, groe
Gestalt, war pltzlich an ihn getreten und hatte ihm das Stck angeboten, mit so
vornehmer Haltung, da er, wie er lchelnd uerte, von der ungewhnlichen Weise
der Frau und ihrer klangvollen Stimme berrascht, mehr gezahlt hatte als sie
forderte. Dem Kammerherrn fiel noch Niemand ein.
    Auf dem Rckwege nach seinen Zimmern blieb der Frst in einem der einsamen
Sle stehen und frug den Kammerherrn: Ist Ihnen nicht aufgefallen, da die
Scarletti schlechte Toilette macht? Der Kammerherr verneinte, denn die Tnzerin
galt dafr, in Gunst zu stehen.
    Sie trug gestern Abend an der Brust einen unfrmlichen Blumenstrau. Wem
von unsrer Jugend galt diese ungeschickte Aufmerksamkeit?
    Wieder erschrak der Kammerherr, jetzt wute er, da ein Hagelwetter gegen
seine Saaten zog. Da Sie heut in der Stimmung sind, nichts zu wissen, fuhr der
Frst in scharfem Tone fort, so bemerke ich Ihnen, da ich ungern sehe, wenn
der Erbprinz mit den Damen vom Theater irgendwelche Verbindung unterhlt. Er ist
nicht alt genug, um solche Verhltnisse mit dem nthigen Rckhalt durchzumachen,
und die Eitelkeit der Erwhlten trgt jede Gunst prahlend zur Schau.
    Der Kammerherr betheuerte bei seiner Ehre, da er von dieser Artigkeit des
Erbprinzen nichts gewut und da, auch wenn die Annahme seines gndigsten Herrn
begrndet sei, nichts als ein flchtiger Einfall des Prinzen diese Scene
veranlat habe. Ew. Hoheit werden berzeugt sein, da ich zu so etwas nicht die
Hand biete.
    Ich will aber auch nicht, da Sie die Augen schlieen, fuhr der Frst
bitter fort, Sie haben in der Loge hinter dem Erbprinzen gestanden und Sie
mssen die kokette Huldigung gesehen haben, welche ihm die Person darbrachte.
Die Sendung ist wahrscheinlich durch den neuen Kammerdiener befrdert. Machen
Sie diesem bemerkbar, da man in meinem Dienst nicht auf zwei Schultern trgt.
Von Ihnen aber verlange ich, fgte er ruhiger hinzu, da Sie Ihre
Aufmerksamkeit verdoppeln. Die Gesundheit des Erbprinzen verlangt immer noch
Schonung. Ich will nicht, da er sich durch solche Verhltnisse krperlich zu
Grunde richte. Er ist mig und weich. Was beschftigt ihn wohl jetzt?
    Er besucht regelmig die kleinen Abende der Frau Prinzessin.
    Und am Tage? setzte der Frst das Examen fort.
    Wie Ew. Hoheit bekannt, liebt er Musik, er spielt mit dem Concertmeister zu
vier Hnden.
    Was liest er?
    Der Kammerherr nannte einige franzsische Bcher. Darf ich mir einen
unterthnigen Vorschlag erlauben? Es wrde Sr. Hoheit gewi nach jeder Richtung
ntzlich sein, wenn derselbe die Freude htte, etwas zu schaffen und
einzurichten, vielleicht durch eine Parkanlage oder einen Bau. Ich wage
anzufhren, da sich eine hnliche Thtigkeit junger Herren an andern Hfen als
vortheilhaft bewhrt hat. Vielleicht wrde eines von Ew. Hoheit Schlssern fr
solche Beschftigung geeignet sein.
    Und der Erbprinz und Herr von Weidegg wrden eigenen Hofhalt einrichten und
mehre Monate des Jahres fern vom Hofe ihre Villeggiatura halten, erwiederte der
Frst.
    Ich betheure, da ich dabei nicht an mich gedacht habe, antwortete der
Kammerherr gekrnkt.
    Ich verdenke es Ihnen nicht, versetzte der Frst mit zermalmender
Leutseligkeit. Die Rcksicht auf meine Kasse verbietet mir, Ihrem Vorschlag
beizustimmen, aber ich will fr die Zukunft daran denken. Da der Prinz aus
seinem Universittsjahr kein Interesse mitgebracht hat, ist mir unlieb. Hat ihm
denn diese Zeit auch kein persnliches Verhltni zurckgelassen, das eine
Bereicherung seines Lebens wre?
    Im Kreise des Professor Werner hat er sich sehr wohlgefhlt, bemerkte
zgernd der gute Kammerherr.
    Ich hoffe, er bewahrt seinem Lehrer eine dankbare Erinnerung.
    Er spricht mit groer Theilnahme von ihm und seinem Hause, entgegnete der
Kammerherr.
    Es ist gut, schlo der Frst. Die Beschftigung durch einen Bau werde ich
mir berlegen, und Sie vergessen nicht, ein wenig fr meine Sammlungen zu
sorgen.
    Diese neue Aufforderung brach die Kraft des Kammerherrn, noch schwieg er
einige Augenblicke im inneren Kampf, whrend der Frst weiterschritt, das Haupt
auf ihn zugeneigt wie Jemand, der etwas Entscheidendes hren will.
    Fr die Antiken wte ich allerdings keinen bessern vorzuschlagen als den
Professor Werner selbst, sprach endlich der Kammerherr.
    Der Frst blieb wieder stehen. Sie halten ihn fr geeignet?
    Ueber seine wissenschaftliche Befhigung steht mir natrlich kein Urtheil
zu, versetzte der Kammerherr vorsichtig.
    Gergert durch diesen feigen Versuch des Rckzuges frug der Frst
nachdrcklich: Wrde er einen solchen Auftrag annehmen?
    Er hat dort eine angesehene Stellung und ist glcklich verheiratet, er
wrde sicher seine Huslichkeit nicht fr lngere Zeit verlassen.
    Vielleicht liee sich das einrichten, entgegnete der Frst. Also Werner?
Er hat mir bei flchtiger Begegnung einen guten Eindruck gemacht. Erinnern Sie
mich doch heut Abend daran, da wegen Bielstein etwas im Archiv nachzusehen
ist.
    So bemhte sich ein Vater fr das Gedeihen seines Sohnes.
    Der Kammerherr erinnerte am Abend, da wegen Bielstein etwas im Archiv
nachzusehen sei, und der Frst war dankbar dafr. Am nchsten Morgen wurde durch
das Kabinet dem Archiv und einzelnen Zweigen der Hof- und Staatsverwaltung
Befehl, alle auf Schlo Bielstein und Kloster Rossau bezglichen Acten von einem
gewissen Alter hervorzusuchen und einzusenden. Dieser Befehl veranlate ein
starkes Aufrhren von Staub, fnf groe Lederscke wurden mit Urkunden und alten
Papieren angefllt. Das Gesammelte wurde an den Professor gesandt; in einem
Briefe sprach der Frst seinen Dank fr die Aufmerksamkeit aus, welche der
Professor dem Erbprinzen erwiesen. Einer frheren Unterredung gedenkend,
bersende er ihm zur Einsicht, was bei oberflchlichem Suchen ber die
Vergangenheit eines Ortes aufzufinden gewesen, an dem er Interesse nehme.
    Diese Sendung bewegte zwei Forschern das Haupt zu schwerem Sinnen. Schon
damals, als unser Student die unsichere Nachricht ber eine erhaltene Kiste in
den Frieden des Hauses geschleudert hatte, waren die Freunde wieder zu der
Aufzeichnung des seligen Bachhuber zurckgekehrt und hatten jedes Wort derselben
noch einmal sorgfltig erwogen: - An einer hohlen und trockenen Stelle, loco
cavo et sicco. - Das Wort Stelle, locus, gab viel zu denken, es war darber
durchaus zu keiner Klarheit zu kommen. - Des Hauses Bielstein, domus Bielsteyn
! - Hier war der Ausdruck Haus, domus, sehr merkwrdig. Bedeutete er, da der
Codex in dem Wohnhause selbst versteckt lag, oder war das Wort Haus in der
veralteten Bedeutung Rittersitz, Gut, gebraucht? Der Doctor verfocht das
Wohnhaus, der Professor den Rittersitz. Darauf aber kam sehr viel an. Denn wenn
domus nur das Gut bedeutete, so konnte die Handschrift auch an irgendeiner
andern Stelle auf dem Gutsgrund verborgen sein. - Habe ich das alles
niedergelegt, haec omnia deposui! - Sehr trstlich war das Wort Alles, omnia,
denn es gab Sicherheit, da der selige Bachhuber den Codex nicht zurckgelassen
hatte. Aber das Niederlegen war um so zweifelhafter. Bezeichnete das Wort, da
der Codex nur in Bielstein deponirt, also den Bewohnern gewissermaen anvertraut
war, oder hatte Schreiber den Ausdruck gewhlt, weil er das Einsenken,
in-die-Tiefe-Bergen andeuten wollte? Uns Laien im lateinischen Stil liegt
freilich die Auffassung nahe, da Bachhuber berhaupt froh war, eine lateinische
Vocabel zu besitzen, durch welche er das Verstecken seines Schatzes andeuten
konnte. Dagegen aber strubte sich die Empfindung der Gelehrten.
    Zuletzt vereinigten sich die Freunde in der Ansicht, da die Hausmauern
trotz jener Nachricht einer fortgesetzten Beachtung werth seien. Die hohlen
Stellen, welche der Doctor verzeichnet hatte, wurden gemustert, der Wandschrank
in Ilse's Schlafstube schien eine nicht verchtliche Mglichkeit darzubieten.
Der Professor beschlo, in den nchsten Ferien wenigstens darber Sicherheit zu
erhalten. Zwar gestatteten die Geschfte des Rectorats auch diesmal nur einen
kurzen Besuch auf dem Gute, inde vertraute der Professor auf seine
gesellschaftliche Stellung, welche ihm Ilse's Zimmer und den Wandschrank
ffnete.
    Es war ein schner Augusttag, der Vater ritt auf den Feldern umher, Ilse sa
mit Clara in huslicher Berathung, als sich in der Kche ein Aufstand erhob und
die Mamsell auer sich in das Wohnzimmer strzte: Es spukt wieder! Und in der
That erschtterte ein lautes Pochen und Schlagen das Haus, die Mgde liefen im
Flur zusammen, der Lrm kam aus dem menschenleeren Oberstock. Ilse eilte hinauf
und traf, als sie die Thr ihres Zimmers aufri, ihren Gatten in Hemdsrmeln,
wie er mit allerhand Werkzeug des Gutsbttchers im Wandschrank arbeitete.
Lachend empfing er sie und rief zur Beruhigung hinab, da er die Breter am
Wandschrank festschlage. Das war richtig, aber er hatte sie vorher ausgebrochen.
Die Handschrift lag nicht dahinter, nichts war zu sehen als ein miger, leerer
Raum mit einigen Kalkbrocken. Nur ein Unerklrliches hatte sich gefunden, das
doch gewissermaen an den Codex erinnerte, ein kleiner blauer Tuchlappen. Wie
der in die Mauer gekommen, war rthselhaft. Sptere Prfung ergab, da er nicht
mit Indigo gefrbt, also wahrscheinlich schon vor Einfhrung dieser Farbe
entstanden war. Ob ihn eine Maus in hausmtterlicher Sorge dort niedergelegt und
deponirt hatte, zum Schmuck ihres Wochenbettes und zugleich als ebaren Vorrath
fr verzweifelte Flle, konnte nicht ermittelt werden, da gegenwrtig diesem
Gesindel jede Ueberlieferung aus der Vergangenheit zu fehlen scheint, und die
Thterin selbst wahrscheinlich schon vor einigen hundert Jahren von einer
Ahnfrau unserer Katzen gefressen war.
    Diese Entdeckung htte eigentlich den Freunden die Zuversicht steigern
sollen. Denn es gab jetzt bereits zwei Stellen, an welchen der Schatz
zuverlssig nicht war. Aber in der Natur des Menschen ist viel Unlogisches. Auch
der Doctor neigte sich jetzt der Auffassung des Professors zu, da die
Handschrift vielleicht gar nicht in dem Hause selbst stecke, ja da sie wohl gar
schon einmal aus ihrem Lager entfernt sei.
    So stand die Angelegenheit, als die Sendung des Frsten eintraf. Die Freunde
saen viele Stunden vor den Koffern und prften sorglich die Acten. Fr die
Geschichte der Landschaft fand sich viel Werthvolles darin, lange nichts, was
zum Codex verhelfen konnte. Endlich hob der Professor vom Boden eines Koffers
ein dickes Bndel gehefteter Berichte, welche durch Beamte von Bielstein der
frstlichen Regierung bersandt waren. Darunter war das Schreiben eines
Amtsverwalters aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts, worin dieser anzeigte,
da er bei schwebenden gefhrlichen Zeitlufen sich beeile, Hohem Befehl gem,
die an noch in seinem Verschlu befindlichen Truhen mit Jagdgerth und alten
Bchern nach dem frstlichen Lustschlo Solitude abzuliefern.
    Zuverlssig hatte der Schreiber des Briefes nicht geahnt, welche Aufregung
seine verblichene Schnrkelschrift unter spten Enkeln hervorbringen wrde.
    Hier ist die Kiste des Studenten, rief der Professor mit gertheten Wangen
und hielt dem Freunde das Actenstck hin.
    Merkwrdig, sagte der Doctor, es ist unmglich, da dies Zusammentreffen
zufllig ist.
    Die Kiste des Studenten war kein Nebelbild, rief der Professor seiner Frau
in ihr Zimmer. Hier ist die Besttigung.
    Wo steht die Kiste? frug Ilse neugierig.
    Das gerade ist es, was wir noch nicht wissen, versetzte der Professor
lachend. Hier ist eine neue Fhrte, undeutlich, von der alten Richtung weit
abspringend, aber sie kann auf kurzem Wege zu dem verschwundenen Pergament
leiten. Die Freunde eilten in Weidmannseifer zu dem Actenbndel zurck. Alte
Bcher, rief der Doctor. Das Haus war ein Jagdschlo, das Gut kam erst ein
Menschenalter vor Abfassung dieses Briefes in den Besitz dieses
Frstengeschlechtes, es ist nicht wahrscheinlich, da sie selbst bei ihren
kurzen Jagdbesuchen dort Bcher aufgesammelt haben.
    Alte Bcher, rief auch der Professor. Es knnen auch Jagdjournale und
Rechnungen gemeint sein, aber unmglich ist nicht, da die Truhen wenigstens
Einzelnes von dem alten Klostergut enthielten. Ilse, wo liegt das Schlo deines
Landesherrn, welches Solitude heit? Ilse wute nichts von einem solchen
Schlosse.
    Es trifft sich gut, da der Frst selbst uns eine Veranlassung gibt,
darber Nheres zu erkunden.
    Ach ihr armen Mnner, klagte Ilse in der Thr, jetzt seid ihr viel
schlechter dran als frher; solange der Schatz noch in unserm Hause lag, hielt
wenigstens der Vater gute Wache, jetzt ist er in einem Kasten in die weite Welt
gefahren, und sogar von dem Hause, in welches er getragen sein knnte, wei man
nichts mehr zu erzhlen.
    Die Freunde lachten wieder. Das Haus des Vaters bleibt deshalb noch
verdchtig, trstete der Gatte.
    Der Professor sandte Koffer und Inhalt an das frstliche Kabinet zurck,
sprach in einem Briefe an den Frsten seinen warmen Dank aus und erwhnte, da
eine unsichere Spur ihm den Wunsch nahelege, die Erlaubni zu persnlichen
Nachforschungen zu erhalten.
    Dieser Brief hatte fr beide Theile die ersehnte Folge. Der Frst erhielt
die Genugthuung, welche fr irdische Hoheit werthvoll ist, da er eine Gunst zu
gewhren schien, whrend er selbst eine suchte.
    Der Professor aber war freudig berrascht, als umgehend ein Kabinetschreiben
des Frsten eintraf, in welchem dem Professor jede Frderung bei seinen
Untersuchungen verheien und daran ein Vorschlag geknpft wurde. Der Frst
wnsche die Prfung seines Antikenkabinets durch eine wissenschaftliche Gre,
und der Frst wrde Niemandem lieber diese Thtigkeit anvertrauen als dem
Professor. Er wisse wohl, wie werthvoll fr Andere die Thtigkeit des Gelehrten
sei, er hoffe aber, die Sammlung wrde auch ihm wichtig genug erscheinen, um
einige Wochen darauf zu wenden.
    Zugleich schrieb der Kammerherr im Auftrage seines gndigsten Herrn. Der
Frst werde sich freuen, den Professor fr die Zeit seines Besuches in der
Residenz gastlich aufzunehmen. Ein Gartenpavillon, der im ersten Frhjahr wohl
bewohnbar sei, werde ihm zur Verfgung gestellt. Das Quartier sei gerumig
genug, um auerdem noch seine Familie aufzunehmen, und es sei ihm befohlen,
hervorzuheben, da der Professor mit Gemahlin und Dienerschaft darin vollkommen
Raum finde, da der Frst nicht wnsche, da der Gelehrte seine bequeme
Huslichkeit unterde ganz entbehre. Die ersten Wochen des Frhjahrs drften fr
beide Theile die bequemste Zeit sein. Er, der Kammerherr, freue sich darauf,
seiner Landsmnnin in der Hauptstadt die Honneurs zu machen.
    Der Professor eilte mit beflgeltem Schritt zu seiner Frau und legte den
Brief in ihren Scho. Hier lies, was unsere Reise in die Ferne gefhrdet, es
beansprucht einen Theil der besten Reisezeit. Aber ich mu diese Einladung
annehmen, denn jede Aussicht, auch die entfernteste, der Handschrift habhaft zu
werden, zwingt mich, Alles einzusetzen, was der Mensch einer groen Hoffnung nur
opfern darf. Willst du mit mir auf die Jagd ausziehen? Du siehst, die artigen
Leute haben fr Alles gesorgt.
    Ich ein Gast unseres Landesherrn! rief Ilse, in den Brief sehend, nie
htte ich mir solche Ehre trumen lassen. Was wird der Vater dazu sagen! - Das
ist fr dich eine sehr ehrenvolle Einladung, fuhr sie ernst fort, und du mut
sie in jedem Fall annehmen. Fr mich, wenn ich mir's recht berlege, ist es doch
am besten, ich bleibe hier.
    Wozu dich auf Wochen von mir trennen? Es wre das erste Mal.
    So schicke mich unterde zum Vater, sagte Ilse.
    Ist das nicht dasselbe? frug der Professor.
    Was soll ich unter den fremden Menschen? fuhr Ilse ngstlich fort.
    Thorheit! rief der Professor, hast du einen Grund, nicht mitzugehen? und
er sah ihr unruhig in das Angesicht.
    Nicht da ich einen sagen knnte, erwiederte Ilse.
    Dann also entschlie dich kurz und komm mit. Wir wrden uns wahrscheinlich
freier fhlen, wenn wir dort nach eigenem Gefallen leben knnten, aber im
Gasthof einer fremden Stadt sehe ich dich zu wochenlangem Aufenthalt auch nicht
gern, und nach anderer Rcksicht befreit diese Aufnahme beide Theile vor
Anbieten und Zurckweisen einer Entschdigung. Wir bleiben dort, solange ich
unumgnglich nthig bin, und dann geht's doch nach dem Sden, soweit wir kommen.
Es ist zuletzt nur Aufschub der Reise von wenigen Wochen.
    Als die zustimmende Antwort des Professors eintraf, berichtete der
Kammerherr in Gegenwart des Hofmarschalls dem Frsten. Sorgen Sie dafr, da
der Pavillon so bequem als mglich eingerichtet wird. Zur Tafel aufgetragen wird
im Pavillon zu der Stunde, welche der Herr Professor angibt.
    Und wie befehlen Ew. Hoheit, da die Fremden zum Hofe gestellt werden?
frug der Hofmarschall.
    Das ist selbstverstndlich, versetzte der Frst, er hat das Vorrecht
Fremder und wird gelegentlich zu kleiner Hoftafel eingeladen.
    Aber die Frau Professorin? frug der Hofmarschall.
    Ah, sagte der Frst, die Frau, es ist wahr, sie kommt mit.
    Also, fuhr der Hofmarschall fort, zwei Gedecke im Pavillon, zwei
Logenpltze, ein Lakai ohne Livree.
    Das gengt, entschied der Frst, das Weitere wird sich finden. Wenn die
Frau Professorin unsern Damen einen Besuch macht, so werden diese, wie ich
annehme, die Artigkeit erwiedern. Im Uebrigen wollen wir der Prinzessin nicht
vorgreifen.
    Was soll das mit der Fremden? frug der Hofmarschall vor dem Palais den
Kammerherrn. Sie kennen ja die Leute.
    Wie man sich in fremder Stadt kennenlernt, versetzte der Kammerherr.
    Sie haben doch ihre Herkunft vermittelt?
    Ich habe nur nach dem Befehl des Frsten geschrieben. Der Professor ist ein
angesehener Gelehrter von Ruf und durchaus Gentleman.
    Aber was soll die Frau hier?
    Der Kammerherr zuckte die Achseln. Er war wohl nicht ohne die Frau zu
haben, erwiederte er vorsichtig.
    Und doch lag dem Frsten an ihr.
    Ist Ihnen das aufgefallen? frug der Kammerherr, ich habe nichts davon
bemerkt.
    Er that, als ob sie ihm sehr gleichgltig sei. Und sie ist gewissermaen
ein Landeskind.
    Sie wissen, da der Frst der letzte wre, welcher die Rechte des Hofes aus
den Augen lt. Es ist kein Grund zur Sorge.
    In jedem Fall mu die Prinzessin sogleich ihre Stellung nehmen. Diese Frau
Professorin gilt, wie ich hre, fr eine Schnheit.
    Ich glaube, sie ist ebenfalls eine Frau von Charakter, entgegnete der
Kammerherr.
    Der Professor erhielt den erbetenen Urlaub. Ilse traf die Vorbereitungen zur
Reise mit einem feierlichen Ernst, der ihrer ganzen Umgebung auffiel. Sie sollte
jetzt mit ihrem Gatten in die Nhe des Frsten kommen, den sie aus der Ferne mit
scheuer Ehrfurcht betrachtete. Ihr fiel schwer auf das Herz, da der Sohn nie
von dem Vater gesprochen hatte, und da sie von dem erlauchten Herrn nichts
weiter kannte, als Antlitz und Geberde. Sie suchte alle Erinnerungen und alle
Anekdoten zusammen, aber sein Wesen blieb ihr undeutlich, und sie frug sich
ngstlich: wie wird er sein gegen Felix und mich? Ist er ein Kreon oder ein
Odysseus oder Agamemnon der Vlkergebieter? Und sie setzte sich aus diesen
Gestalten ein Bild zusammen, das ihr kein Vertrauen einflte.
    Whrend Felix die Bcher und Aufzeichnungen, welche ihm fr die Reise
unentbehrlich waren, zusammensuchte, stand der Doctor kummervoll im Zimmer des
Freundes. Er war innig berzeugt, da der Professor sich der Pflicht nicht
entziehen durfte, die Handschrift zu suchen, und doch war ihm diese Einladung
des Hofes nicht recht. Der schnelle Aufbruch aus wohlbefestigtem Leben ngstigte
ihn und er sah zuweilen prfend auf Frau Ilse.
    Laura sa am letzten Abend neben Ilse und lehnte sich weinend an ihre
Schulter. Mir ist, als stnde mir Groes bevor, sagte Ilse, und ich gehe mit
Furcht. Dich aber verlasse ich ohne Sorge um deine Zukunft, obgleich dein
kleiner Trotzkopf mich zuweilen gengstigt hat. Denn ein Anderer wird dir immer
der beste Berather bleiben, auch wenn ihr euch wenig seht.
    Ich verliere ihn zugleich mit dir, rief Laura unter Thrnen, Alles
entschwindet, was meinem Leben Freude gewesen war. In dem kleinen Garten, den
ich mir in der Stille angelegt habe, sind die Blthen mit der Wurzel
ausgerissen, auch fr mich kommt die bittere Zeit der Entsagung, und der arme
Fritz, der ohnedies mit stiller Resignation umherluft, wird jetzt ganz in
seiner Einsiedelei verkommen.
    Sogar Gabriel, der die Reisenden nach der Hauptstadt begleiten und ihre
Heimkehr aus der Ferne auf dem Gut des Vaters erwarten sollte, war in diesen
Tagen aufgeregt und verschwand fter whrend der Dunkelstunde im Hause des Herrn
Hahn. Am letzten Tage brachte er vom Markt ein schnes Kunstblatt nach Hause,
worauf ein Vogel von ungewhnlichem Aussehen durch aufgeklebte bunte Federn
gebildet war, mit der Unterschrift: Prachthahn aus Madagascar. Gabriel schrieb
dazu mit sauberer steifer Handschrift die freundlichen Worte: Getreu bis an den
Tod und trug gegen Abend den Hahn in den Hausflur der Gegner. Man konnte dort
ein Geflster hren und ein Taschentuch sehen, welches ber zwei betrbte Augen
gewischt wurde.
    Es soll keine Anspielung sein auf den Namen dieses Hauses, sagte Gabriel
und hielt den Vogel noch einmal gegen den Mond, welcher durch das Treppenfenster
seine Strahlen auf zwei traurige Gesichter herniederwarf, aber es gefiel mir
als Erinnerung. Denken Sie dabei an mich und die Worte, die ich darauf
geschrieben habe. Denn Scheiden mu sein, aber es ist schwer. Der ehrliche
Junge fuhr nach seinem Tuche.
    Dorchen nahm ihm das Taschentuch weg - sie hatte das ihre vergessen - und
weinte sehr hinein. Es ist nicht auf lange, sagte Gabriel in seinem Schmerze
trstend. Kleben Sie den Vogel in den Deckel Ihrer Truhe, und wenn Sie die
Truhe ffnen und ein gutes Kleid herausholen, denken Sie an mich.
    Immer, rief Dorchen weinend, ich brauche das nicht.
    Wenn ich wiederkomme, Dorchen, sprechen wir weiter, wie es mit uns werden
soll, und ich hoffe, es soll gut werden. Das Tuch, in das Sie geweint haben,
soll mein Andenken sein.
    Lassen Sie mir's, bat Dorchen schluchzend. Ich will's Ihnen nur sagen,
ich habe Wolle gekauft und ich sticke eine Brieftasche. Die sollen Sie tragen,
und wenn ich Ihnen schreibe, thun Sie meine Briefe hinein.
    Gabriel sah trotz seinem Kummer sehr glcklich aus, und der Mond blickte
spttisch herab auf die Ksse und Gelbde, welche gewechselt wurden.

                                  Viertes Buch



                                       1.

                                        

                                   Der Frst.

Der Erbprinz ging mit dem Kammerherrn durch die Gartenanlagen, welche drei
Seiten des frstlichen Schlosses umgaben. Er sah gleichgltig auf die
Farbenpracht der ersten Blumen und das junge Grn der Bume, welches wie ein
durchsichtiger Schleier um die Aeste schwebte, heut war er noch schweigsamer als
gewhnlich; whrend der Vogel aus den Zweigen ber ihm seine Weise pfiff, die
Wellen der Frhlingsluft wrzig von den Baumwipfeln wehten und gelben
Blumenstaub auf seinen Hut streuten, klapperte er mit der Lorgnette. Wer pfeift
dort? frug er endlich, aus seiner Theilnahmlosigkeit erwachend. Der Kammerherr
sagte ihm, da es eine Amsel sei. Der Prinz suchte den schwarzen Vogel mit den
Glsern und frug dabei nachlssig: Was tragen die Leute vor uns?
    Es sind Sthle fr den Pavillon, versetzte der Kammerherr, er wird dem
Professor Werner eingerichtet. Das Haus ist jetzt selten geffnet, frher
bewohnte es der gndigste Herr zuweilen selbst auf einige Tage.
    Ich erinnere mich nie darin gewesen zu sein.
    Wollen Hoheit vielleicht die Rume betrachten?
    Wir knnen vorbeigehen.
    Der Kammerherr lenkte auf den Pavillon zu, bei der Thr stand der
Hofmarschall, welcher gerade zum Rechten sehen wollte. Der Erbprinz grte, warf
einen flchtigen Blick auf das Haus und wollte vorbergehen. Es war ein kleiner
vergrauter Steinbau in verwegenem Zopfstil, um Thr und Fenster muschelartige
Arabesken und dicke Gehnge von steinernen Blumen, welche von kleinen
wasserschtigen Engeln an Bndern gehalten wurden, die Bnder waren wie aus
Elephantenleder geschnitzt, die Genien sahen aus, als wren sie aus schwarzem
Sumpf gekrochen und eben erst in der Sonne getrocknet. Unter dem jungen Laub
stand der finstere Bau wie eine groe Kommode, in welcher alle gewelkten Blumen,
die der Garten je getragen, und alle Moosbrte, die der Grtner je von den
Bumen gekratzt, fr sptere Geschlechter aufbewahrt werden.
    Es ist ein plumpes Haus, sagte der Prinz.
    Gerade das dstere Aussehen hat dem gndigsten Herrn immer wohlgefallen,
versetzte der Hofmarschall. Wollen Ew. Hoheit nicht das Innere ansehen?
Langsam ging der Prinz die Stufen hinauf und durchschritt die Zimmerreihe. Noch
war der Modergeruch in den langverschlossenen Rumen nicht durch das Rucherwerk
gebndigt, in allen Kaminen flammten die Scheite, aber die Wrme, welche sie
verbreiteten, kmpfte noch gegen die feuchte Luft. Die Einrichtung der Zimmer
war durchaus regelrecht und vollstndig. Schwere Thrvorhnge mit groen Quasten
und geschweifte Mbel mit vieler Vergoldung und weien Kappen zur Schonung der
seidenen Ueberzge, Spiegel mit breiten Barockrahmen; um die Kamine Laubgewinde
aus grauem Marmor, darber geschnrkelte Vasen und Nippsachen aus gemaltem
Porcellan. Im Ankleidezimmer stand auf einem Marmoruntersatz unter Glasglocke
eine groe Uhr, ber dem Zifferblatt go eine nackte vergoldete Nymphe aus ihrer
Urne Wasser, welches zu gelbem Eis gefroren war. Alles war reich ausgestattet,
aber die ganze Einrichtung, Mbel, Porcellan, Wnde sahen aus, als htte nie ein
Auge mit Freude darauf geruht, nie eine sorgliche Hausfrau sich des Besitzes
gefreut. Die Uhr war einst ein Geburtstagsgeschenk fr den regierenden Herrn von
einem gleichgltigen Verwandten gewesen, sie war flchtig betrachtet beim Kauf
und ebenso freudelos beim Empfange, jetzt war sie mit einer Nummer eingetragen
worden in die groe Liste, sie hatte sich in den ersten Jahren bemht, durch
Ticken ihr Zimmer behaglich zu machen, ihre Glasglocke hatte immer den Schall
gedmpft, endlich hatte sie die unntzen Versuche aufgegeben und beharrte
darauf, die zwlfte Stunde zu zeigen. Jetzt, wo der Kastellan sie von Neuem
aufgezogen, tickte sie wieder mde und abgespannt, aber man sah ihr den Wunsch
an, auch diese Anstrengung zu beenden. Es waren vornehme Allerweltssachen, sie
hatten zuerst in den groen Gesellschaftsrumen gestanden, welche bei Hoffesten
geffnet werden, sie hatten aufgehrt modisch zu sein und waren in Seitenzimmer
gebracht worden. Jetzt war ihre Bestimmung, im Verzeichni fortgefhrt zu werden
von einem Zeitalter auf das andere, und alljhrlich einmal gezhlt, ob sie noch
vorhanden waren. So lebten sie ein unsterbliches Dasein, geschont und nicht
gebraucht, bewahrt und nicht beachtet, und dabei sollten sie immer hher hinauf
gefrdert werden aus den Cavalierstuben in die Zimmer der Unterbeamten, zuletzt
nach langer Ruhe auf den Boden.
    Es ist feucht und kalt hier, sagte der Prinz, an den Wnden umherblickend,
und beeilte sich, wieder ins Freie zu kommen.
    Wie gefllt Ew. Hoheit die Einrichtung? frug der Hofmarschall.
    Sie geht an, versetzte der Prinz, bis auf die Bilder.
    Einige sind freilich etwas frei, gab der Marschall zu.
    Meinem Vater wird lieb sein, wenn Sie diese bei Seite stellen. Wann wird
Herr Professor Werner erwartet?
    
    Heut gegen Abend, versetzte der Kammerherr. Haben Hoheit vielleicht den
Wunsch, den Gast nach seiner Ankunft zu empfangen oder selbst zu begren?
    Fragen Sie deshalb an, erwiederte der Prinz.
    Als der Prinz mit seinem Begleiter die Treppe zu seinen Zimmern im Schlosse
hinaufstieg, begann der Kammerherr: Die Frau Professorin hat sich frher einmal
ber die Blumen gefreut, welche Ew. Hoheit ihr sandten, darf ich dem Hofgrtner
den Auftrag geben, die Zimmer damit zu versehen?
    Thun Sie, was Ihnen passend dnkt, versetzte der Erbprinz kalt. Er trat in
seine Wohnung, sah hinter sich, ob er allein war, und ging mit schnellen
Schritten zu dem Fenster, von welchem er ber den geschorenen Rasenplatz und die
blhenden Gebsche auf den Pavillon sehen konnte. Er starrte lange zum Fenster
hinaus, dann nahm er ein Buch vom Tisch und setzte sich in die Sophaecke, zu
lesen, aber er legte das Buch wieder auf den Tisch, ging hastig auf und ab und
sah auf seine Uhr.
    Die Hoftafel war vorber. Die Damen warfen einen halben Blick hinter sich,
ob ihr Hintergrund der Abschiedsverbeugung gnstig sei, die Herren faten die
Hte unter den Arm, der Hofmarschall trat in die Nhe der Thr und hielt mit
geflligem Anstand seinen Stock unter dem Goldknopf, sichere Anzeichen, da die
hchsten Herrschaften an den Aufbruch dachten. Die Prinze, welche noch in
Trauer war, kreuzte den Weg des Bruders: Wann kommen sie? Ich bin neugierig,
frug sie leise.
    Sie sind vielleicht schon da, antwortete dieser vor sich niedersehend.
    Ich fahre heut zum ersten Mal ins Theater, fuhr die Prinzessin fort,
kannst du, so komm in die Loge.
    Der Prinz nickte. Dem Marschall kam eine Meldung, er trug sie zu dem
Frsten. Dein Lehrer Professor Werner ist angekommen, sagte der Frst laut zum
Sohne, du wirst den Wunsch haben, ihn zu begren. Er neigte sich gegen den
Hof, die jungen Herrschaften schwebten hinter ihm aus dem Saale.
    Der Kammerherr eilte dem Pavillon zu, ruhiger folgte der Hofmarschall. Ein
frstlicher Wagen hatte die Reisenden von der letzten Station abgeholt, die
Bume des Parkes, die Anlagen und die erleuchteten Fenster des Residenzschlosses
flogen an den Reisenden vorber. Der Pavillon war nicht mehr ein unfrmlicher
Bau, wie heut am Tage vor dem rcksichtslosen Strahl der Sonne und den
gleichgltigen Augen der Hofherren. Der Mond beschien die Front, er bermalte
mit schimmerndem Firni die Mauern, versilberte die Backen der Engel und die
dicken Tulpenbltter ihrer Blumengewinde und hob von der hellen Wandflche die
Schatten der vorspringenden Gesimse krftig ab. Aus der geffneten Thr drang
Kerzenglanz, Lakaien in reichbetreter Livree hielten die schweren Armleuchter.
Der Haushofmeister, ein freundlicher Mann in Frack und Kniehosen, stand im
Hausflur und begrte die Ankommenden mit verbindlichen Worten. Hinter den
Lakaien stieg Ilse am Arm des Gatten ber den Teppich der Stufen, und als der
Diener den Thrvorhang zurckschlug und die Zimmerreihe im Kerzenglanz strahlte,
unterdrckte sie mit Mhe einen Ausruf des Erstaunens. Der Haushofmeister fhrte
durch die Zimmer und erklrte kurz ihre Bedeutung, Ilse erkannte mit schnellem
Blick, wie stattlich und bequem auch die Nebenrume waren. Bewundernd stand sie
vor der Blumenflle, die in Vasen und Schalen aufgestellt war, sie dachte, ob
ihr kleiner Prinz diese zarte Aufmerksamkeit gehabt, und war einen Augenblick
enttuscht, als der Beamte erklrte, der Herr Kammerherr habe dies gesandt.
Whrend ihr ein artiges Mdchen vorgefhrt wurde, das ausschlielich fr ihren
Dienst bestimmt war, stand Gabriel noch im Vorzimmer und berlegte, wohin er
sich und sein Rstzeug tragen sollte, damit die Stiefeln des Herrn Professors
morgen frh dem Glanz des Hauses keine Schande machten, bis auch ihn einer der
Lakaien in seine hhere Behausung einfhrte und kameradschaftlich auf die
Laterne eines Gasthauses aufmerksam machte, das fr ruhige Stunden vorzglich
gelegen sei.
    Noch ging Ilse wie betubt von der Herrlichkeit durch die Gemcher und
prfte gerade den Verschlu der Fenster, um frische Luft einzulassen, denn der
starke Geruch der Hyacinthen bedrohte mit Kopfschmerz, da kam der Kammerherr und
hinter ihm der Hofmarschall, auch ein artiger Herr von sehr feinem Wesen, und
beide sprachen ihre Freude aus, den Professor und seine Gemahlin hier zu
begren, sie erboten sich zu jedem guten Dienst und erklrten an den Fenstern
die Lage des Pavillons. Pltzlich ri der Lakai die Flgelthren auf: Des
Erbprinzen Hoheit.
    Der junge Herr trat langsam ber die Schwelle, er verneigte sich stumm vor
Ilse und bot dem Professor die Hand: Mein Vater trug mir auf, Ihnen seine
Freude auszusprechen, da Sie seinen Wunsch erfllt haben, und zu Ilse gewandt
fuhr er fort: Mchte Ihnen die Wohnung so bequem sein, da Sie Ihr Quartier an
der Waldwiese nicht zu sehr vermissen.
    Ilse sah mit inniger Freude auf ihren Prinzen; er war, wie ihr schien, noch
ein wenig gewachsen, seine Haltung war immer gedrckt, aber die Wangen waren
doch etwas gerthet, es ging ihm nicht schlecht, das war wohl zu sehen. Auch der
kleine Bart war strker und stand ihm gut.
    Sie erwiederte: Ich wage mich noch kaum umzudrehen, es ist wie in einem
Feenschlo, man erwartet jeden Augenblick, da ein Geist aus der Wand springen
wird und fragen: befehlen Sie vielleicht, durch die Luft zu fahren? vier Schwne
halten mit einem goldenen Wagen am Fenster; man braucht auch keinen Stuhl, um
hinein zu steigen, denn die Fenster reichen ja bis auf den Fuboden. - Die
Parkstrae sendet ihre Huldigungen, und fr die Sendung, welche mir der Herr
Kammerherr unter die letzten Christbumchen machte, sage ich Ew. Hoheit noch von
Herzen Dank.
    Der Professor trat zum Prinzen, nannte ihm die Namen einiger Amtsgenossen,
welche sich ihm zu geneigtem Andenken empfehlen lieen, und bat, dem Frsten
seinen Dank fr die gastliche Aufnahme auszusprechen, bis ihm selbst die Ehre
werde, sich dem hohen Herrn vorzustellen. Alles kruselte sich in runden und
zierlichen Schnrkeln, die Lampen und silbernen Armleuchter glnzten, die
Hyacinthen sendeten aus allen Glckchen sen Wohlgeruch, die geschlossenen
Vorhnge gaben den Zimmern ein trauliches Aussehen und an der gemalten Decke
hielt ein fliegender Amor ein rothes Mohnbschel ber die Hupter der Gste.
    Heut berlassen wir Sie der Ruhe, Sie mssen ermdet sein, schlo der
Prinz den Besuch, und der Kammerherr versprach morgen bei guter Stunde dem
Professor mitzutheilen, wann der Frst ihn empfangen werde. Kaum hatten die
Herren sich entfernt, als ein Diener meldete, da zum Diner im Nebenzimmer
servirt sei. Jetzt am Abend? wandte Ilse schchtern ein.
    Das hilft nichts, versetzte der Professor, du hast den ersten Schritt
gethan, erweise auch ferner deine Tapferkeit. Er bot ihr in dieser ritterlichen
Luft den Arm, der Mann mit den Tressen fhrte in das Nebenzimmer und rckte die
Sthle des reichgeschmckten Tisches. Die Gnge wollten kein Ende nehmen, trotz
Ilse's Widerspruch schnurrte das volle Mahl ab, und sie sagte endlich: Ich
lasse mir Alles gefallen, diesen Geistern gegenber hilft kein Struben; wer in
einem Frstenschlosse lebt, mu auch seine Dreistigkeit haben.
    Als die Mahlzeit endlich abgetragen und Ilse auch ihrer Sorge um Gabriel
enthoben war, begann sie sogleich sich geschftig einzurichten. Whrend sie
auspackte und in Schrnke und Schubksten legen lie, sagte sie heimlich zum
Gatten: Das ist ein sehr schner Willkommen, Felix, und ich habe jetzt ein
rechtes Vertrauen, da Alles gut gehen wird.
    Hast du denn je daran gezweifelt? frug der Professor.
    Ilse antwortete: Ich habe eine heimliche Angst gehabt bis zu dieser Stunde,
wei selbst nicht warum, jetzt aber ist sie verschwunden, denn die Menschen sind
hier alle freundlich und sehen gutherzig aus.
    Der Prinz ging durch die Anlagen dem Schlosse zu. Hinter ihm unterhielten
sich die beiden Cavaliere.
    Das ist ja eine auergewhnliche Erscheinung, sagte der Hofmarschall,
eine Schnheit ersten Ranges, darin ist Race.
    Es ist eine in jeder Hinsicht ausgezeichnete Frau, versetzte der
Kammerherr laut.
    Das haben Sie mir schon einmal gesagt, erwiederte der Hofmarschall, ich
wnsche Ihnen nachtrglich Glck zu dieser Bekanntschaft von der Universitt.
    Wie gefllt Ihnen der Professor? frug ablenkend der Kammerherr.
    Er scheint ein gescheidter Mann, entgegnete der Hofmarschall gleichgltig.
Nun, es ist lange her, seit der Pavillon eine solche Schnheit bewahrt hat.
    Der Prinz wandte sich um, er sah beim Schein des groen Kandelabers am
Schlosse, da die Herren einen schnellen Blick miteinander austauschten.
    Der Wagen des Prinzen hielt an der Treppe, er stieg ein ohne Wort und Gru
fr seine Begleiter und fuhr in die Oper. Dort trat er in den Salon der
frstlichen Loge.
    Wie gefallen sich die Fremden in ihrem Pavillon? frug der Frst
freundlich.
    Sie sind mit Allem zufrieden, versetzte der Erbprinz, aber die Rume sind
feucht, und sie werden fr lngern Aufenthalt ungesund sein.
    Sie waren das doch bis jetzt nicht, soviel ich mich erinnere, versetzte
der Frst kalt, ich hoffe, auch du wirst dich davon berzeugen. Und zu dem
Kammerherrn gewandt befahl er: Morgen nach dem Frhstck wnsche ich Herrn
Werner zu sprechen.
    Der Erbprinz ging in die Loge seiner Schwester und setzte sich stumm an ihre
Seite.
    Wo sind die Pltze der Fremden? frug die Prinzessin.
    Ich wei nicht, erwiederte der Prinz. Die Prinzessin sah fragend hinter
sich. Gegenber, die Fremdenloge, erklrte der Kammerherr, aber sie haben
heut wohl noch mit ihrer Einrichtung zu thun.
    Was ist dir, Benno? frug die Schwester nach dem ersten Akt, du hustest.
    Ich habe mich ein wenig erkltet, es geht vorber.
    Nach dem Theater zog sich der Prinz in sein Schlafzimmer zurck und klagte
gegen Krger ber Kopfschmerz und rauhen Hals. Als er allein war, ffnete er das
Fenster und sah ber die Anlagen nach dem Pavillon, dessen Lichter wie Sterne
durch die Nacht schimmerten. Der Prinz horchte, ob er einen Ton von drben
erlauschen knne. Ihm war warm, denn er nahm seine Halsbinde ab und stand lange
unbeweglich am Fenster, bis die khle Nachtluft sein Zimmer durchzogen hatte und
drben das letzte Licht erloschen war. Dann schlo er leise die Flgel und ging
zu Bett.
    Vorsichtig war das nicht, denn der Prinz, dessen Gesundheit ohnedies leicht
gestrt wurde, fhlte sich am nchsten Morgen stark erkltet, der Leibarzt ward
eilig gerufen, der Prinz mute das Bett hten.
    Als dem Frsten die Erkrankung des Erbprinzen gemeldet wurde, gerieth er in
sehr ble Laune. Gerade jetzt, rief er, er hat alles Unglck eines
krnklichen Menschen. Noch als der Professor gemeldet wurde, war die Weise, in
welcher der Frst die Meldung annahm, so kalt und wegwerfend, da der Kammerherr
um die nchste Stunde des Professors besorgt wurde. Inde bten die lange
Gewhnung, sich huldreich darzustellen und die sichere Haltung des Professors
besnftigenden Einflu; nach wenigen einleitenden Worten versetzte der Frst die
Unterhaltung nach Italien, es fand sich, da der Professor in Briefwechsel mit
einem vornehmen Rmer von ungewhnlicher Gelehrsamkeit stand, den der Frst zu
seinen nheren Bekannten zhlte, und da er in Italien auch in den Kreisen
gelebt, welche dem Frsten bei seiner letzten Reise wohlgethan hatten. Dadurch
wurde der Professor dem Frsten allmhlich in ganz anderes Licht gestellt, er
hatte ihn als ein gleichgltiges Werkzeug herzugeholt und sah jetzt in ihm einen
Mann, der persnliche Beachtung zu fordern hatte, weil er mit Andern bekannt
war, deren Stellung der Frst respectirte. Darauf frug der Frst, wie es mit der
verlorenen Handschrift stehe, und beobachtete lchelnd den leidenschaftlichen
Eifer des Professors, als dieser ihm von der neuen Spur berichtete, die er in
den Acten gefunden. Es wird gut sein, wenn Sie mir in einer Denkschrift den
ganzen Stand der Angelegenheit auseinandersetzen, das kommt meinem Gedchtni am
besten zu Hilfe; fgen Sie bei, welche Frderung Sie von mir oder meinen Beamten
irgend wnschen. Der Professor war dafr sehr dankbar.
    Ich lasse mir nicht nehmen, Sie selbst in das Antikenkabinet zu fhren,
fuhr der Frst fort, ich will dabei erfahren, wie ein Gelehrter, der volles
Sachverstndni hat, die stillen Freuden eines bel unterrichteten Sammlers
ansieht.
    Die Thren flogen auseinander, der Gelehrte betrat an der Seite des Frsten
die weiten Sle. Wir gehn zuerst flchtig durch die Zimmer, damit ich Ihnen
kurz Inhalt und Anordnung vorfhre, sagte der Frst. Er berichtete, der
Professor blickte auf eine Flle von hbschen und lehrreichen Ueberresten des
Alterthums, auf Vieles, was ihm ganz neu war. Bald berlie der Erklrer den
Gelehrten seinen eigenen Auge. Und jetzt gab dieser die Erluterung: hier eine
Inschrift, die wahrscheinlich noch Niemand abgeschrieben hatte, dort ein
Thongef mit bedeutsamem Bilde, dort eine Statuette, merkwrdiges Nebenstck zu
einem berhmten antiken Bildwerk, hier die unbekannte Mnze eines rmischen
Geschlechts mit einem Familienwappen, dort wieder eine lange Reihe von Amuleten
mit rtselhaften Zeichen. Es war dem Frsten Freude, Unscheinbares als bedeutend
zu erkennen und jeden Augenblick ber Werth und Namen neue Aufschlsse zu
erhalten, der Professor aber hatte den Tact, lange Erklrungen zu vermeiden. Er
selbst blickte mit frischer Freude auf die Sammlung. Gerade war fr ihn eine
Zeit gekommen, wo er, nicht durch grere Arbeit beschftigt, eine heitere
Empfnglichkeit fr Eindrcke mitbrachte und bei jedem Schritte empfand, wie
reizvoll die neuen Anschauungen waren, welche er erhielt. Denn sehr Vieles stand
hier, was zu nherer Untersuchung lockte. Von dem schnen Behagen, welches er
darber fhlte, ging etwas auf den Frsten ber. Seine Fragen und die Antworten
des Professors nahmen kein Ende, bei vielen Stcken freute den Frsten zu
erzhlen, wie er dazu gekommen, und der Professor wute ihn immer mit kleinen
Geschichten hnlicher Funde zu neuem Berichte zu veranlassen. So vergingen
einige Stunden, ohne da der Frst Ermdung merkte, und er war hchlich
erstaunt, als ihm die Meldung wurde, da die Stunde des Diners nahe sei. Das
ist nicht mglich, rief er, Sie verstehen die schwerste aller Knste, die Zeit
vergessen zu machen. Ich erwarte Sie bei Tafel, morgen sehen Sie, ungestrt
durch mein Dazwischenreden, die Sammlung noch einmal an, dann gnnen Sie mir
auch darber schriftlichen Bericht, was die Aufstellung zu wnschen lt, und
wie zu machen ist, da das Beachtungswerthe auch der Wissenschaft zu Gute
kommt.
    Bei Tafel - es war Niemand anwesend als einige Cavaliere, denen der
Professor nach dem Rath des Kammerherrn schon am Morgen seinen Besuch gemacht -
wurde die Unterhaltung fortgesetzt. Der Frst erzhlte viel von Italien und
verfehlte nicht, im leisen Anschlag auch die persnlichen Beziehungen des
Professors zu Bekannten des Frsten durchklingen zu lassen, damit sein Hof ber
den Mann, der ihm gefiel, unterrichtet werde. Es war eine hbsche rollende
Unterhaltung, und ehe der Frst die Gesellschaft verlie, wandte er sich noch
einmal zum Professor und sagte: Ich wnsche lebhaft, da Sie sich bei uns
wohlfhlen, ich hoffe auf mehr als einen Tag, der fr mich so anmuthig wird als
der heutige.
    Auch dem Professor war der Tag eine rechte Erfrischung gewesen, und in
gehobener Stimmung sagte er beim Herausgehen zu dem Obersthofmeister: Des
Frsten Hoheit versteht gut, Wohlthuendes zu sagen. Der Obersthofmeister neigte
artig das weie Haupt: Das ist Beruf der Frsten.
    Wohl, fuhr der Professor freudig fort, aber so warmes Eingehen auf
Einzelheiten bei einem ziemlich entlegenen Gebiete wissenschaftlicher Forschung
war mehr, als ich vorausgesetzt habe. Der Obersthofmeister machte eine hfliche
Bewegung, welche andeuten sollte, da er nicht gesonnen sei, zu widersprechen,
lie sich einen altfrnkischen kleinen Mantel umhngen, neigte sich schweigend
gegen die Herren, welche in hnlicher Thtigkeit begriffen waren, und stieg in
seinen Wagen.

    Der Frst war an Geist und Bildung der Mehrzahl seiner Standesgenossen
berlegen. Er hatte viel von der Schwungkraft seiner Jugend in das hhere
Mannesalter gerettet, sein krperliches Befinden war vortrefflich, und er
pflegte seine Gesundheit sorgfltig, er durfte sich im Nothfall noch
Anstrengungen zumuthen, welche einem jngeren Mann hart gewesen wren. Als
junger Herr hatte er sich den Wallungen der damals modischen Poesie mit offener
Empfindung hingegeben, hher und freier fhlen als andere Menschen war ihm eine
willkommene Lehre gewesen. Er hatte damals in Briefwechsel mit namhaften
Gelehrten und Knstlern gestanden, erzhlte gern, wie er einem hervorragenden
Geist da und dort nhergetreten war, und eine berhmte Sngerin bewahrte noch in
alten Tagen ein besonders kostbares Armband, das er ihr einst auf der Bhne in
leidenschaftlicher Begeisterung selbst um den Arm gelegt hatte. Aber seine
Jugend und Manneszeit war in einen schwachen, krnklichen Zeitraum unserer
Entwickelung gefallen. In den Jahren, wo ein fremder Eroberer die deutschen
Frsten behandelt hatte, wie die groe Mehrzahl derselben verdiente, hatte er
auch, noch ein Jngling, sich vor dem Fremden gebeugt und den Sinkenden zu
rechter Zeit verlassen, um sich die Aussicht auf sein Land zu retten. Seitdem
hatte er ber verkmmerte Menschen geherrscht, denn er hatte sein Gebiet in
einer Zeit groer Erschpfung bernommen, er hatte wenig darin gefunden, was er
zu ehren und zu scheuen gezwungen war, selten ein Recht, das von festen Mnnern
gegen ihn geltend gemacht wurde, keine ffentliche Meinung, welche stark genug
war, seinen Uebergriffen die geschlossene Faust eines einmthigen Entschlusses
entgegen zu halten. Sein Land wurde durch die Beamten regiert, die
Beamtenstellen immer wieder vermehrt, ber jeden verlorenen Schlssel einer
Dorfkirche wurde ein Actenbndel angelegt, er lie dies weitlufige Formenwesen,
in dem die Bevlkerung wie erstarrt dahinlebte, ruhig gewhren und sorgte nur
dafr, da die Beamten, wo einmal sein persnlicher Vortheil in das Spiel kam,
gefgige Diener waren, welche ihm Geld schafften und ein begangenes Unrecht
ihres Herrn behend der Oeffentlichkeit entzogen.
    Er selbst war, wo er mit seinem Volk in Verbindung trat, leutselig und von
bester Laune, machte den Bittenden leicht, ihm zu nahen, hrte gefllig alle
Klagen und schob theilnehmend die Schuld auf die Beamten. Er war nicht
unpopulr; zuweilen murrten Unzufriedene ber die hohen Steuern und ber
kostspielige Ausgaben ihres Frsten, hier und da drang eine Anekdote aus seinem
Privatleben in die Oeffentlichkeit, aber die neue Zeit, welche sich auch in
seinem Lande regte, kmpfte nur schwach in unbehilflichen Anlufen gegen die
Grundstze seiner Regierung. Und obgleich er als Regent keine Neigung zeigte,
Uebelstnde aus eigenem Willen zu bessern, erschien er den Fernstehenden doch
als ein humaner, persnlich gutherziger Mann. Er hatte fr Jeden einen
freundlichen Gru, ein gndiges Wort bereit, er wute viel von den
Privatverhltnissen seiner Unterthanen und erwies den Einzelnen bei Gelegenheit
seine persnliche Theilnahme; er liebte die Kinder, denn er blieb bisweilen auf
der Strae vor hbschen Knaben und Mdchen stehen und frug nach ihren Eltern,
veranstaltete alljhrlich den Schulkindern seiner Residenz ein Fest, erschien
selbst dabei, lachte und freute sich ber ihre Spiele.
    Sein Hof war in vieler Beziehung ein Muster von Ordnung und geflligem
Schein. Auch gegen seine Umgebung blieb er der vornehme Mann und erreichte, was
fr einen Frsten das Schwerste ist, da die, welche ihn tglich umkreisten,
fast immer ein Gefhl seiner Ueberlegenheit hatten. Er war nie Militr gewesen,
er enthielt sich nicht sarkastischer Bemerkungen ber die kriegerischen
Neigungen anderer Friedensfrsten und sein Hof blieb lange Zeit frei von der
militrischen Umgebung, welche an Nachbarhfen den Dienst der alten Chargen in
den Hintergrund drngte und Uebelstnde der frheren Hofordnung mit neuen
vertauschte, welche nicht geringer waren. Doch allmhlich machte er auch der
Mode einige Zugestndnisse, auch seine Adjutanten wurden einflureiche
Mitglieder des Hofhaltes. Der Dienst bei ihm galt nicht fr bequem, und er war
trotz seiner Ruhe von den Herren seines Hofhaltes gefrchtet. Denn es gab
Stunden, wo, wie es schien, sein gehaltenes Wesen nicht nur mit Hrte versetzt
war, sondern mit einer ganz fremdartigen Zuthat, in solchen Augenblicken fiel
ein cynischer Scherz oder ein brskes, herausforderndes Urtheil von seinen
Lippen und er verlor jede Rcksicht auf Stimmung und Ansprche seiner Umgebung.
Aber Cavaliere und Adjutanten ertrugen die geheimen Dornen ihrer Stellung ohne
die laute Kritik, welche sonst wohl von der Umgebung hoher Herren ausgeht. Denn
der Frst verstand es, sie vor Fremden zu heben. Er hielt streng auf Etikette,
auch zu ihren Gunsten, vertrat geschickt ihren Vortheil bei den hflichen
Geschenken, bei Orden und Brillanten, welche fremde Herrschaften seinem Hofe zu
machen verbunden waren; er muthete ihnen nie zu, was gegen die Wrde ihres Amtes
war. Und er wute Fremden gegenber sich und seinen Hofstaat stets wrdig zu
behaupten.
    Seine Gemahlin war frh gestorben; der bleichen, zarten Dame bewahrten die
Bewohner der Residenz immer noch ein dankbares Andenken. Man erzhlte, da die
Ehe keine glckliche gewesen sei, doch die Trauer des Frsten nach dem Verlust
war heftig und dauernd, er sprach noch immer mit groer Zrtlichkeit von der
Geschiedenen und heftete selbst alljhrlich am Todestage einen Kranz an ihr
Grabgewlbe.
    Er hatte zwei Kinder. Das lteste, die Prinzessin, war nach dem Tode des
Gemahls an den Hof zurckgekehrt, und der Frst behandelte sie vor den Augen des
Hofes und des Volkes mit besonderer Rcksicht. Dem Hofprediger hatte er
ihretwegen sein ganzes Herz aufgeschlossen. Ich she sie gern auf's Neue
vermhlt, sie hat das Recht, Ansprche an das Leben zu machen, das Herz ist
warm, die Natur krftig, und meinen Erfahrungen nach hat ein langer Witwenstand
fr eine Frstin viele Uebelstnde. Aber ich frchte, sie wird widerstreben. Ich
bin gegen dies Kind vielleicht immer ein schwacher Vater gewesen. Sie wissen,
hochwrdiger Herr, wie sehr sie immer mein Liebling war. Darauf hatte der
fromme Herr mit gefalteten Hnden ausgerufen: Ich wei es, und ich wei, wie
warm das Herz der durchlauchtigsten Prinzessin an ihrem geliebten Vater hngt.
Auch das Volk merkte, da der Frst ein guter Vater war. An jedem Geburtstage
der Tochter wurde groes Hoffest befohlen, und als der Frst einst in dieser
Zeit auf Reisen gewesen war, erschien er doch wider Erwarten am Abend des
Geburtstages in der Loge der Prinzessin, kte noch in Reisekleidern die hohe
Dame vor allem Volk auf die Stirn und sagte, da er seine Rckkehr beeilt habe,
um ihr zum Feste seinen Glckwunsch zu bringen. Auch sonst versumte er keine
Gelegenheit, ihr kleine Artigkeiten zu erweisen, die bei jedem Vater den
Eindruck liebenswrdiger Ritterlichkeit machen, beim regierenden Herrn doppelt
werthvoll sind. Vor jedem Ball sandte er selbst der Tochter einen Blumenstrau,
und jedesmal lie er sich denselben vorher durch den Hofgrtner in das Schlo
bringen, um ihn anzusehen. Er hatte gern, wenn angesehene Reisende auch vor den
Gemchern der Prinzessin ihre Ankunft meldeten, und achtete genau darauf, ob sie
sich whrend ihrer Tourne durch den Saal auch gut unterhielt. Die Nebensterne
irdischer Hoheit haben bei ihrem Umkreisen in der Gesellschaft auf die
Bewegungen der Hauptsonne geheime Rcksicht zu nehmen, die Prinzessin verga
wohl einmal vor einem angenehmen Gast diese Rcksicht, dann verzgerte der Frst
um ihretwillen seinen Aufbruch, sah lchelnd nach ihr hin und hatte einen bequem
stehenden Cavalier noch etwas Scherzhaftes zu fragen. Der Hof wute freilich,
da in solchen Augenblicken die Scherze herber Natur waren, und man beeiferte
sich dann, gar nicht in seiner Nhe zu stehen. Denn trotz der groen Mhe,
welche sich der Frst gab, sein Verhltni zur Prinzessin gut darzustellen,
behauptete man doch, da er sie in der Stille mit Abneigung betrachtete. Wohl
ist einem Frsten mglich, seiner tglichen Umgebung in wichtigen Dingen
undurchdringlich zu bleiben, aber es ist fast unmglich, sie dauernd zu
tuschen.
    Anders war die Stellung des Vaters zum Sohn. Dieser war als ein krnklicher,
schchterner Knabe durch die herrische Weise, in welcher der Vater seine
Erziehung berwachte, noch unsicherer geworden. Der Knabe hatte keine Anlage
gehabt, sich wirkungsvoll darzustellen, noch jetzt wurde ihm schwer, in der
Unterredung mit Fremden seine Schchternheit zu berwinden. Wenn ihm die Liste
der Eingeladenen berreicht wurde und er berlegte, was er mit den Einzelnen
sprechen solle, so fielen ihm selten gescheidte Fragen ein, und was er dann etwa
vorbrachte, kam noch so ungeschickt heraus, da man deutlich merkte, er hatte
den Kram einstudirt. Selbst dem Hofe gegenber war der Prinz schweigsam und
theilnahmlos, Damen und Herren waren deshalb geneigt anzunehmen, da er ein
wenig bte sei. Der Vater behandelte ihn mit Nichtachtung, und dem Sohne
gegenber klang seine Stimme zuweilen kurz und hart, als wenn es sich nicht der
Mhe lohne, die Geringschtzung zu verbergen.
    Darin aber that man dem Frsten Unrecht. Ein regierender Herr sieht in dem
Sohne leicht den jngern Mitbewerber. Der Sohn wird sein Nachfolger, er ist dazu
da, schon in dem nchsten Geschlecht seinen Vater vor aller Welt zu widerlegen,
seine Einrichtungen umzustoen, die Unzufriedenen und Gegner zu vershnen. Es
ist unvermeidlich, da ihm einmal, wenn er Herr geworden, der Blick auf Vielem
haftet, was unter der frheren Regierung nicht gut gewesen ist, da ihm Alles
zugetragen wird, was sein Vater im Geheimen gefehlt und gesndigt hat. Das war
auch fr den Frsten Grund genug, den Erbprinzen fremd und kalt zu behandeln.
Jetzt war er ein Nichts, ein machtloser Sklave, der jeden Thaler nur durch die
Gnade des Vaters erhielt, einst sollte er Alles sein. Aber der Sohn war in
seinen Augen unbedeutend, wie willenlos bewegte er sich in vorgeschriebenem
Gleise, er hatte nie getrotzt, war mit Allem zufrieden, hatte sich schweigend
und ehrerbietig jedem Befehle gefgt, es war nicht anzunehmen, da er in
Wahrheit selbst regieren wrde, er konnte den Vater schwerlich in Schatten
stellen. So kam zu der ruhigen Nichtachtung, welche in der Seele des Vaters
lebte, allmhlich ein khles, fast mitleidiges Wohlwollen. Die furchtsame
Unterwrfigkeit des Prinzen war dem Frsten sehr bequem, es wurde ihm behaglich,
das schwache Rohr, welches die Zukunft seiner Familie tragen sollte, fr das
Leben mit den Sttzen zu versehen, welche der Frst zu geben verstand. Ihm
gegenber gab er sich, wie er war, was er etwa fr ihn that, geschah mit der
Empfindung, da er nicht sich, sondern einem Andern Gutes erwies.
    Und gerade jetzt, wo der Frst sich bemht hatte, dem Erbprinzen eine Freude
zu machen, wurde dieser krank!
    Ilse ging mit Gabriel durch die Zimmer und versuchte die Einrichtung nach
ihres Herzens Wunsch zu stimmen, sie rckte ber den Tischen, prfte den Zug an
den Vorhngen und betrachtete mitrauisch die Malerei der Porcellanvasen.
Kaufen Sie in der Stadt einen Lampenschleier, den hngen wir ber die groe
Uhr.
    Es ist ohnedies noch eine andere da, welche sich nicht weigert, zu gehen,
versetzte Gabriel. Auch hrt man die Uhr vom Schlosse, aber sie schlgt so
traurig, da man die Geduld darber verliert. Mich wundert, da in dieser
schnen Einrichtung Eines fehlt, und das ist eine Uhr mit dem Kukuk. Der wrde
sehr passen, er macht Leben, wenn er seine Thr ffnet und tiefe Complimente
schneidet, es ist ganz wie bei Hofe. Denn hflich sind sie hier, wenn auch das
Gemth hinterlistig ist. Dem Lakaien traue ich nicht, er fragt mich zu sehr aus.
Wie wr's, wenn man den abschaffte? Ich bin doch allein im Stande, mit dem
Mdchen diese Wirthschaft zu besorgen. Gekocht kann nicht werden, es ist gar
keine Kche da, man mu wegen jedem Topf warmen Wassers hinbergehen unter die
Weijacken, die im Keller wie Geister durcheinander wirthschaften.
    Da hilft nun nichts, entschied Ilse, wir mssen uns in die Ordnung
gewhnen, Hoffahrt will Noth leiden, Geheimnisse haben wir nicht und ich wei,
Sie werden vorsichtig sein.
    Die Grtner haben auch einen Tisch und Sthle vor das Haus gestellt und
Blumen darum, sagte Gabriel, darf ich die Arbeit hinuntertragen? Die Sonne
scheint warm.
    Ilse trat vor das Haus, neben der Thr war ein Raum durch aufgestellte
Topfgewchse abgegrenzt, ein traulicher Platz im warmen Mittagslicht, man
bersah aus dem grnen Versteck die Wege und den geschorenen Rasenteppich bis zu
den Mauern des Schlosses. Ilse sa auf dem Gartenstuhl nieder, hielt ihre
Stickerei in den Hnden und blickte hinber auf den groen Steinpalast, der sich
mit seinem Thurm und neuen Seitengebuden einige hundert Schritt von ihr erhob.
Dort wohnten die Groen der Erde, denen sie pltzlich so nahegekommen war. Sie
zhlte die Reihe der Fenster und dachte, da viel mehr als hundert Stuben und
Sle darin sein mten, alle stattlich und vornehm eingerichtet, und sie
berlegte, wieviel Menschen wohl dazu gehrten, ein solches Gebude zu fllen,
damit es nicht leer und de aussehe. Der Tritt eines Mannes strte ihre
Gedanken. Ein Herr in gesetzten Jahren ging auf dem Kiesweg, er nherte sich, es
war der Frst. Ilse stand erschrocken auf, der Frst trat langsam auf sie zu.
Madame Werner? fragte er, seinen Hut berhrend. Ilse verneigte sich tief, ihr
pochte das Herz, unvorbereitet stand sie dem Manne gegenber, der ihr in der
ganzen Mdchenzeit als der hchste Mensch auf Erden gegolten hatte. Wenn sie ihn
einmal gesehen, war es immer nur in vornehmem Vorberschreiten gewesen, und doch
hatten ihre Gedanken seit den Jahren, wo sie ihn mit Krone und Scepter eines
Kartenknigs schmckte, in scheuer Ehrfurcht an ihm gehangen. Oft, wenn sie den
Erbprinzen ansah, hatte sie versucht, sich vorzustellen, wie sein Vater sein
msse; was sie etwa ber ihn gehrt, hatte nicht geholfen, ihr die Bangigkeit zu
vermindern.
    Der Frst sah mit Wohlgefallen auf das schne Weib vor ihm, welches in
stummer Betroffenheit den schmeichelhaftesten Gru entgegenbrachte. Sie sind
mir nicht fremd, begann er, und Sie haben Ursache, mit den Jahren zufrieden zu
sein, welche seit meiner Fahrt ber den Hof Ihres Vaters vergangen sind.
Versuchen Sie jetzt, wie sich's bei uns lebt. Auch wir freuen uns des Frhlings,
und ich sehe, die Sonne blickt freundlich auf den Platz, wo Sie sich ansiedeln.
Er setzte sich auf einen Gartenstuhl, indem er auf einen andern wies. Lassen
Sie sich in Ihrer Arbeit nicht stren, ich bin ein Spaziergnger, der einen
Ihrer Sthle erbittet, wenige Minuten zu rasten.
    Die Arbeit lag in miger Hand, antwortete Ilse, ich sah hinber nach dem
Schlo und berdachte, wie gro der Haushalt sein mu, der so viel Raum
fordert.
    Es ist ein alter Bau, bemerkte der Frst, manches Jahrhundert hat
gearbeitet, ihn zu vergrern, und doch will nach der Meinung meiner Beamten der
Raum immer noch nicht reichen. Man breitet sich leicht anspruchsvoll aus. Aber
gerade dann erfreut es wieder einmal, sich ganz ins Enge zu ziehen, ich selbst
habe sonst diesen Pavillon bewohnt, allein, mit wenigen zuverlssigen Dienern.
Solche Einsamkeit that wohl.
    Das kann ich mir denken, versetzte Ilse teilnehmend. Uns kleinen Leuten
aber ist neu, ein so groes Wesen so prchtig eingefat zu sehen. Schlo und
Hofraum stehen unter den blhenden Bumen, wie ein groer Edelstein im Golde.
Mir ist's von Herzen lieb, da ich Ew. Hoheit Haus und Leben jetzt so in der
Nhe erblicke, man hat doch einen Anhalt und wei, wie man sich die Umgebung des
gndigsten Landesherrn denken soll.
    Sie betrachten sich also noch als Kind des Landes? sagte der Frst
lchelnd.
    Das ist natrlich, antwortete Ilse. Von klein auf habe ich von Ew. Hoheit
als unserm Oberherrn gehrt, sooft ich in die Zeitung sah, fand ich Ew. Hoheit
Namen unter den Befehlen, berall habe ich Ew. Hoheit Bild gesehen, und seit ich
in die Kirche ging, habe ich fr Ew. Hoheit Glck und Gesundheit gebeten. Das
gibt ein Verhltni, es ist freilich einseitig, denn Ew. Hoheit knnen sich
nicht um uns alle kmmern, wir aber denken und sorgen viel um den Landesherrn.
    Und besprechen ihn auch zuweilen unzufrieden. versetzte der Frst in guter
Laune.
    Wie's gerade kommt, gndigster Frst, erwiederte Ilse ehrlich, man
spricht auch von seinen Nachbarn nicht immer das Beste. Zuletzt in Ernst und
Noth kommt doch das gute Herz zum Vorschein. Ebenso ist es mit dem Landesherrn,
Jeder macht sich von ihm ein Bild nach seinem Wissen und Meinen, hofft auf ihn
und zrnt mit ihm, zuletzt denkt er doch daran, da sein Frst und er zueinander
gehren.
    Es wre zu wnschen, da so billiger Sinn sich an jedem Unterthan erwiese,
entgegnete der Frst. Aber die Treue wankt, die persnliche Zuneigung
schwindet.
    Viele wissen auch zu wenig von ihrem Landesherrn, entschuldigte Ilse, wie
soll man ihm gut werden, wenn man wenig von ihm sieht? Denn das Sehen thut viel;
wir um Rossau haben selten die Ehre, unsern Frsten mit Augen zu erblicken.
    Die Gesinnung jener Gegend wird mir als unzuverlssig geschildert,
versetzte der Frst.
    Wir sitzen im Winkel, aber wir haben auch unser Herz. Ew. Hoheit erinnern
sich kaum noch an die Mdchen von Rossau, welche Ew. Hoheit vor siebzehn Jahren
an der Ehrenpforte empfingen. Es waren ihrer zwanzig, mehr hatte die kleine
Stadt nicht aufgebracht. Sie trugen aber Alle die Landesfarben an Mieder und
Rock, die Kleider muten sie sich natrlich selbst kaufen. Eine der Mdchen war
blutarm, sie war aber hbsch und sollte nicht wegbleiben, da nhte sie
wochenlang vorher in der Nacht, sich das Geld zum Kleide zu schaffen. Noch in
ihrer letzten Krankheit, denn sie ist jung gestorben, bat sie, man mchte ihr im
Sarge dasselbe Kleid anziehen, denn der Tag war ihre grte Freude und Ehre
gewesen. Ew. Hoheit aber konnten sich damals gar nicht aufhalten, fuhren schnell
durch die Ehrenpforte und haben vielleicht die Mdchen nicht einmal gesehen.
    Whrend Ilse sprach, warf sie verstohlen Semmelkrumen zur Seite. Der Frst
sah auf ihre Hand. Ilse entschuldigte sich. Der Fink ruft seinem gndigsten
Landesherrn zu: Gib, gib! Die kleinen Brotesser hier sind gut gezhmt.
    Sie werden wahrscheinlich von der Dienerschaft gefttert, sagte der Frst.
    Die Thiere zu lieben ist auch unsere Landesart, rief Ilse, und zahme
Vgel stehen einem Herrenschlo gut, denn hier soll Alles ein frhliches
Zutrauen haben.
    Dem Frsten fiel der Handschuh zur Erde, die loyale Ilse bckte sich eilig
darnach, der Herr sah einen Augenblick sinnend auf Ilse's Kopf und Bste. Er
stand langsam auf. Ich hoffe, Madame, da auch Sie unter die Frhlichen
gehren, welche gutes Vertrauen zu dem Besitzer dieses Grundstcks haben. Als
Hauswirth, der sich nach dem Befinden seiner neuen Miether erkundigt hat,
wnsche ich Ihnen, da Sie hier selbst etwas von dem Behagen empfinden, mgen,
welches Sie Andern mitzutheilen wissen. Er grte artig zu Ilse's
ehrfurchtsvoller Verneigung und ging dem Schlosse zu.
    Dort erwartete ihn der Kammerherr, ber das Befinden des Erbprinzen zu
berichten: Se. Hoheit ist leider noch genthigt, das Bett zu hten.
    Er soll sich ruhig pflegen, versetzte der Frst gndig, und das Zimmer ja
nicht zu frh verlassen.

                                       2.

                                        

                                  Im Pavillon.


Die prchtigen Irisfarben, womit Ilse in den ersten Tagen ihren neuen Aufenthalt
geschmckt hatte, verblichen allmhlich. Wie an Stelle des Haushofmeisters und
der empfangenden Lakaien jetzt ein einzelner Diener in dunklem Rock neben
Gabriel trat, so kleidete sich auch alles Andere, was Ilse umgab, Wohnung und
Menschen, in die bescheidenen Farben gewhnlicher Erdentage. Das war in der
Ordnung und Ilse sagte das selbst ihrem Gatten. Nur eines war ihr nicht recht,
da sie von ihrem Felix jetzt mehr getrennt war als in der Stadt. Den Morgen und
einen Theil des Nachmittags arbeitete er im Antikenkabinet, viele Stunden auch
fr seine eigenen Zwecke im Archiv und unter den Acten des Marschallamtes, deren
einfaches Zimmer ihm bereitwillig geffnet wurde; kam er nach Hause, so hatte er
zuweilen Eile, sich zur frstlichen Tafel umzukleiden, und Ilse speiste allein.
Wie gewandt der fremde Diener die groe Zahl der Schsseln auftrug, ihr war die
einsame Mahlzeit ungewohnt und traurig. Nur die Mehrzahl der Abende verging ihr
in neuer Unterhaltung, dann hielt ein frstlicher Wagen vor dem Pavillon und
entfhrte sie mit ihrem Gatten in das Theater. Als sie zum ersten Mal die
geschlossene Loge nahe der Bhne betrat, freute sie sich des bequemen Platzes,
der ihr erlaubte, ungestrt durch das Publikum der Vorstellung zu folgen. Wenn
sie sich in ihrer Loge zurcklehnte, sah sie nichts von dem Zuschauerraum, nur
den Sitz des Frsten gegenber. Das Theater war sehr stattlich, Dekorationen und
Kostme viel reicher, als sie in der Universittsstadt gesehen hatte, bei der
Oper einige gute Snger. Hingerissen von der Auffhrung merkte sie nicht, wie
neugierig das Publikum nach ihr hinsah, da auch der Frst sein Augenglas oft
auf sie richtete. Bald kam sie zu der Ansicht, da das Theater noch das beste
Vergngen der Residenz sei, und der Gatte hielt darauf, da sie diese
Zerstreuung nicht entbehrte, obgleich er selbst vielleicht vorgezogen htte,
ber seinen Bchern zu bleiben oder ein Actenbndel des Archivs zu durchsuchen.
In den Zwischenakten sah Ilse dann neugierig hinunter auf die Menschen, die ihr
alle fremd waren, und sagte zu Felix: Hier ist doch die einzige Gelegenheit, wo
ich noch Frauen in meiner Nhe habe.
    Denn in den Tagesstunden fhlte sie die Einsamkeit. Der Vater hatte einen
Geschftsfreund in der Stadt, sie war gleich am ersten Tage hingegangen, aber in
der Familie des kleinen Kaufmanns fand sie Niemand, der ihr zusagte: sie war
nach Anweisung des Kammerherrn mit Felix bei den Damen des Hofes umhergefahren,
ihren Besuch zu machen, in den meisten Husern war Niemand zu Hause gewesen und
sie hatte Karten abgegeben. Sprlich kamen die Gegenbesuche, und es traf sich
immer, da Ilse, wenn sie einmal in die Stadt oder den Schlogarten gegangen
war, bei der Heimkehr die Karte einer Dame auf dem Tisch fand. Das war ihr gar
nicht lieb, denn sie wollte doch wissen, wie sich mit den Frauen hier umgehen
liee. Zwar einige Herren des Hofes stellten sich in den Morgenstunden ein, der
Kammerherr und der Hofmarschall, aber auch die Besuche des Kammerherrn wurden
krzer, er sah gedrckt aus und sprach fast nur von der anhaltenden
Unplichkeit des Erbprinzen.
    Sehr begierig war Ilse, die Prinzessin kennen zu lernen. Am zweiten Tage
nach der Ankunft brachte der Kammerherr die Kunde, da Ihre Hoheit Herrn und
Madame Werner zu festgesetzter Stunde sehen wolle. Ilse stand neben dem Gatten
unter Seide und Vergoldung eines frstlichen Zimmers, die Thr flog auf, eine
junge Dame in Halbtrauer schwebte herein. Ilse erkannte auf den ersten Blick die
Schwester des Erbprinzen, eine feine, zierliche Gestalt, dieselben Augen, nur
kecker und glnzender, um den feinen Mund ein reizendes Lcheln. Die Prinzessin
neigte gegen sie ernst das kleine Haupt, sprach einige artige Worte zu ihr und
wandte sich dann zu Felix, mit dem sie sogleich in lebhaftes Gesprch kam. Ilse
sah mit Bewunderung auf die leichten Bewegungen, auf den Tact, mit welchem die
Prinze Freundliches zu sagen wute, sie merkte bald, da aus der schnen Hlle
ein lebhafter Geist hervorblickte, den Antworten des Gatten folgten blitzschnell
gescheidte Einflle der erlauchten Dame. Zum Schlu wandte sich die Prinzessin
wieder an Ilse und sagte, wie sehr ihr Bruder bedaure, da seine Krankheit ihn
des Vergngens beraube, sie hier zu sehen. Worte und Ton waren sehr gtig, und
doch lag etwas von Stolz und frstlicher Wrde darin, was Ilse weh that. Als der
Professor bei der Rckfahrt mit Wrme von der liebenswrdigen Dame sprach und
ausrief: Das ist ein ungewhnlich klarer Geist, wie ihr Aussehen, ist auch ihre
innere Arbeit von elfenhafter Anmuth, da schwieg Ilse still, sie fhlte, da
der Gatte Recht hatte, aber ihr war, als htte die Prinzessin sie ausgeschlossen
von der Annherung, welche sie ihrem Felix gestattete.
    In dieser Stimmung war ihr eine Aufmerksamkeit berraschend und werthvoll.
Seit jener Unterredung mit dem Frsten berbrachte ihr der Hofgrtner jeden
Morgen zu derselben Stunde eine Schssel der prchtigsten Blumen im Auftrage des
hohen Herrn. Dabei blieb es nicht, wenige Tage darauf kam der Frst wieder
heran, als Ilse vor der Thr sa. Er frug, ob ein leiser Windzug nicht rathsam
mache, in das Haus zu treten; sie geleitete ihn in die Zimmer, er sa dort
nieder, forschte angelegentlich, wie sie sich unterhalte, ob sie Bekannte in der
Stadt gefunden, und war so gtig um ihr Wohlbefinden bemht, da Ilse dem Gatten
nach seiner Heimkehr sagte: Wie trgerisch ist doch die Ansicht, die man sich
ber fremde Menschen bildet. Als ich hierher kam, dachte ich mir den Herrn als
einen recht hinterhaltigen Mann, und er ist so freundlich und sieht aus wie ein
recht guter Hausvater. Nun - Strenge mag bei der groen Wirthschaft hier wohl
manchmal nthig sein.
    Das kurze Ansprechen des Frsten wiederholte sich. Beim nchsten Mal traf er
den Professor neben seiner Gattin. Diesmal war der Frst ernster als sonst. Wie
waren Sie mit dem Erbprinzen zufrieden? frug er den Professor.
    Die Vortragenden rhmten seinen Flei, unter den Studenten hatte er
Popularitt gewonnen, man sah ihn allgemein mit Bedauern scheiden.
    Der Frst horchte auf das Wort Popularitt. Wie hat der Prinz verstanden,
sich diese zu erwerben?
    Er hat Redlichkeit und entschiedenen Willen bewiesen, man hatte Zutrauen zu
seinem Charakter.
    Der Frst sah prfend auf den Professor und erkannte aus der ruhigen
Haltung, da dies nicht unwahre Hflichkeit war.
    Die Zuneigung der Studenten hat sich auch beim Abgange des jungen Herrn
durch ein feierliches Stndchen bewiesen, fiel Ilse ein.
    Ich wei, versetzte der Frst, ich nahm an, da Weidegg dabei etwas
reichlich das Seine gethan habe.
    Es war freier Wille und warme Empfindung der Studentenschaft, versicherte
der Gelehrte.
    Der Frst schwieg.
    Auch uns Frauen ist der junge Herr lieb geworden, setzte Ilse das Lob
fort, und in unserm Hause sahen wir traurig den Stuhl leer, auf dem Se. Hoheit
an unsern Theeabenden gesessen hatte.
    Immer noch schwieg der Frst, endlich begann er in herbem Ton: Was Sie mir
sagen, berrascht mich. Ich darf Sie als Lehrer des Prinzen betrachten und zu
Ihnen offener sprechen als gegen meine Umgebung. Der Prinz ist eine schwache
Natur und ich habe kein Vertrauen zu seiner Zukunft.
    Bei uns machte er den Eindruck, da hinter schchterner Zurckhaltung doch
Anlage zu einem wackern und charakterfesten Wesen vorhanden sei, versetzte der
Professor ehrerbietig.
    Ilse dachte, da jetzt der Augenblick sei, dem Prinzen etwas Gutes
durchzusetzen. Wenn ich wagen darf, vor Ew. Hoheit auszusprechen, was auch mein
Gatte denkt, der Prinz wnschte sich nhere Kenntni der Landwirthschaft; da ich
auch vom Lande bin, so werden Ew. Hoheit mir verzeihen, wenn ich diese Schule
unserem theuren jungen Herrn am liebsten gnnen wrde.
    Auf dem Gut Ihres Vaters? frug der Frst kurz.
    Wo es auch sei, versetzte Ilse arglos.
    Mir selbst hat er nie etwas von solchen Wnschen gesagt, schlo der Frst,
sich erhebend. In jedem Falle bin ich Ihnen fr den Antheil dankbar, den Sie an
seiner Zukunft nehmen.
    Er entfernte sich mit gehaltenem Gru zu den Geschften des Tages. Der Tag
wurde hart fr Alle, welche mit ihm zu thun hatten. Er ritt mit seinem
Adjutanten weit hinaus in eine hgelige Waldlandschaft, wo seine Soldaten nach
einem Nachtmarsch Felddienst bten. Sonst kmmerte er sich wenig um militrische
Einzelheiten, heut hetzte er die Leute und seine Adjutanten durch pltzliche
Aenderungen der Disposition weit umher. Als die Soldaten ermattet heimzogen,
besichtigte er noch ein entferntes Gestt und eine Waldpflanzung und strich
stundenlang auf rauhen Bergwegen einher. Niemand machte es ihm zu Dank, nur
Tadel und bittere Bemerkungen fielen von seinen Lippen. Am Abend war Hofconcert,
todmde stand der Adjutant im Saale und zhlte die Minuten bis zu seinem
Rckzuge. Da forderte ihn der Frst, als er den Hof entlie, noch in sein
Arbeitszimmer. Hier setzte sich der Frst auf einen Lehnsessel in die Nhe des
Kamins und sah in die Flamme, legte zuweilen ein Scheit an, hielt den silbernen
Griff des Feuerhakens in der Hand und schlug nach lngern Pausen mit dem
eisernen Haken an die metallene Einfassung des Feuerrahmens. Unterde stand der
Adjutant einige Schritt hinter ihm, eine Stunde, zwei Stunden, einer Ohnmacht
nah, erst mitten in der Nacht erhob sich der Frst und sagte: Sie werden mde
sein, ich will Sie nicht lnger aufhalten. Er sprach das mit sanftem Tone, aber
in seinen Augen glitzerte ein unheimlicher Schein, und der Adjutant gestand
spter seinen nchsten Freunden, er werde den Blick nicht vergessen, solange er
lebe.
    Zum dritten Mal hat der Frst den Pavillon besucht, berichtete der
Kammerherr dem Erbprinzen, welcher mit verhlltem Hals in seinem Zimmer sa. Der
Erbprinz sah auf das Buch nieder, das er vor sich hingelegt hatte. Fhlen sich
die Gste wohl in ihrer Umgebung?
    Von Frau Professorin mchte ich das nicht behaupten, ich frchte, sie
gerth hier in eine schwierige Lage. Die auffallende Auszeichnung, welche des
Frsten Hoheit ihr zu Theil werden lt, und gewisse alte Erinnerungen, welche
sich an den Pavillon knpfen -
    Der Prinz stand auf und sah den Kammerherrn so finster an, da dieser
verstummte.
    Der Frst war heute sehr ungndig, fuhr der Kammerherr gedrckt fort. Als
ich ber Ew. Hoheit Befinden berichtete, fand ich eine Aufnahme, welche nicht
ermuthigend war.
    Der Erbprinz trat an das Fenster. Die Luft ist mild, Weidegg, ich will
versuchen, morgen auszugehen.
    Der Kammerherr war sehr unsicher, welche Aufnahme dieser Entschlu des
Erbprinzen finden werde, er entfernte sich schweigend.
    Als der Prinz allein war, ri er den Shawl von seiner Brust und warf ihn in
eine Ecke. Thor, der ich war, ich wollte sie vor dem Geschwtz bewahren und
habe Schlimmeres herbeigefhrt. Ich selbst sitze hier in der Kartause und der
Frst macht ihr an meiner Statt seine Besuche. Es war ein feiges Mittel. Vermag
ich nicht abzuwenden, was ber die Arme heraufzieht, so will auch ich meine
Rolle in dem Stck spielen, das hier beginnt.
    Als der Prinz am nchsten Morgen bei seinem Vater eintrat, begann dieser mit
ruhiger Klte: Ich hre von Fremden, da du dir Einblick in eine
Landwirthschaft ersehnt hast. Der Wunsch ist verstndig. Ich will daran denken,
wie du Gelegenheit erhltst, diese Kenntnisse irgendwo auf dem Lande zu
erwerben. Das wird auch fr deine Gesundheit vorteilhaft sein und deiner Neigung
zu poetischem Stillleben entsprechen.
    
    Ich werde thun, was mein lieber Vater mir befiehlt, antwortete der
Erbprinz und verlie das Zimmer.
    Der Frst sah ihm nach und murmelte: Kein anderer Laut in seiner Kehle als
feige Ergebung, stets dieselbe unterwrfige Geduld. Ihm zuckte keine Miene,
keine Wimper, als ich das Unwillkommene befahl. Ist mglich, da dieser schlaffe
Knabe in der Verstellung ein Meister ist, der mich und uns alle hintergeht?

    Wenn Ilse trotz der Auszeichnung, welche der Frst ihr zu Theil werden lie,
doch etwas von den dunklen Schatten ahnte, welche ber dem Pavillon lagen, weit
anders war die Stimmung ihres Gatten. Er lebte bereits mitten in kleinen
reizvollen Untersuchungen, zu denen ihm das Antikenkabinet Veranlassung gab, und
die Poesie seines ernsten Geistes arbeitete geschftig, ihm den Aufenthalt in
der Residenz mit glnzendem Schein zu umziehen. Er war ein Jger, der, reine
Bergluft athmend, mit leichtem Schritt auf seinem Jagdgrund schreitet, whrend
um ihn der Sonnenstrahl Moosgrund und Haidekraut vergoldet. Jetzt war fr ihn
die Zeit gekommen, wo in den Bereich seiner Hand kam, was er seit Jahren
getrumt hatte. Zwar die neue Spur der Handschrift blieb undeutlich. Was aus
jenen Truhen geworden war, die in dem alten Briefe erwhnt wurden, war noch
nicht zu ermitteln. In der Bibliothek des Frsten, in einer Bchersammlung der
Stadt fanden sich weder Handschriften noch andere Bcher, welche aus der Habe
des Klosters Rossau eingereiht sein konnten. Er hatte die Bekanntschaft mit dem
Oberjgermeister erneuert, auch dieser wute keinen Raum zu nennen, wo altes
Jagdgerth aufbewahrt werde. Er durchlief alte Verzeichnisse des Marschallamtes,
nirgend waren die Kisten zu erkennen. Aber befremdlicher blieb, da der Name
eines frstlichen Schlosses Solitude auch in der Residenz ganz unbekannt war,
kein Druckwerk, kein altes Papier enthielt den Namen. Wenn auch durch einen
Brand in der Hofkanzlei viele Acten vernichtet waren, aus dem Erhaltenen mute
sich doch eine Kunde auffinden lassen. Doch das Schlo war, wie aus einer alten
Sage, verschwunden und versunken; auch auerhalb des frstlichen Gebietes, in
angrenzender Landschaft haftete nirgend dieser Name. Offenbar war er wenig
bekannt und bald mit einem andern vertauscht worden. Wie seltsam aber auch
dieser Umstand war, durch die Nachricht des Studenten hatte jener alte Brief des
Beamten eine Bedeutung gewonnen, die dem Suchenden guten Erfolg wahrscheinlich
machte. Denn erst vor wenig Jahren hatte Jemand, der von dem Werth solcher
Nachrichten nichts wute, die Kiste von Nossau gesehen, sie war nicht mehr ein
tuschendes Bild aus ferner Vergangenheit, jeden Tag konnte ein glcklicher
Zufall daranf fhren. Vorlufig uur ein Zufall. Aber wenn der Professor auf das
Schieferdach des frstlichen Schlosses blickte und die groen Treppen
hinaufstieg, kam ihm immer die frohe Ahnung, da er jetzt seinem Fund nahe sei.
Mit Hilfe des Kastellans hatte er bereits den ganzen Schloboden durchsucht, er
war unter den mchtigen Balkenlagen des alten Baues herumgeklettert wie ein
Marder, nnd hatte alte Dachkammern geffnet, deren Schlsselbart vielleicht seit
einem Menschenalter nicht im Schlosse gedreht war. Er hatte nichts gefunden.
Aber es gab noch andere Huser des Frsten in der Stadt und Umgegend, und sein
Entschlu stand fest, in der Stille eines nach dem andern zu durchsuchen.
    In dieser Zeit treibender Unruhe, wo die Phantasie stets neue Aussichten
ffnete, war ihm der Verkehr mit geflligen Menschen sehr erfreulich. Er selbst
innerlich angeregt, zeigte sich als guter Gesellschafter und beobachtete mit
heiterem Antheil das Treiben seiner Umgebung. Der Frst zeichnete ihn auffallend
aus, die Cavaliere waren zuvorkommend, er schritt sicher und ohne Ansprche
neben ihnen dahin.
    Der Kammerherr berichtete dem Professor, wie gut er der Prinzessin gefallen
habe, und Felix freute sich, da an einem Vormittage auch sie mit ihrer Hofdame
das Antikenkabinet besuchte und um seine Fhrung bat. Als die Prinzessin sich
dankend entfernte, bat sie ihn noch, ihr Bcher anzuweisen, aus denen sie sich
selbst ein wenig ber den Theil des antiken Lebens unterrichten knne, dessen
Trmmer er ihr gewiesen, sie erzhlte ihm von einer antiken Vase, die sie
besitze, und forderte ihn auf, diese bei ihr anzusehen.
    Jetzt stand der Gelehrte neben der Prinzessin vor der aufgestellten Vase. Er
erklrte ihr den Inhalt des Bildes und erzhlte Einiges ber altgriechische
Tpferarbeit. Die Prinzessin fhrte ihn in ein anderes Zimmer und wies ihm
werthvolle Handzeichnungen: damit Sie Alles sehen, was ich von Kunstsachen
besitze. Whrend er diese ansah, begann sie pltzlich: Sie haben jetzt etwas
von uns kennen gelernt, wie sind Sie mit uns zufrieden?
    Man ist mir sehr freundlich entgegengekommen, erwiederte der Professor,
das thut dem Selbstgefhl wohl, mir macht Freude ein Tagesleben zu sehen, das
von dem meines Kreises abweicht, und Menschen, welche anders geformt sind.
    Und worin finden Sie uns anders geformt? frug die Prinzessin
angelegentlich.
    Die Gewhnung, sich in jedem Augenblick schicklich darzustellen und unter
Andern seine Stellung zu behaupten, gibt den Personen eine leichte Sicherheit,
welche sehr wohlthuend wirkt.
    Das wre ein Vorzug, den wir mit jedem ertrglichen Schauspieler theilen,
versetzte die Prinzessin.
    In jedem Fall ist es ein Vortheil, immer dieselbe Rolle zu spielen.
    Sie meinen, es ist deshalb keine Kunst, wenn wir Gewandtheit erwerben und
unsere Sache besser machen, fiel die Prinzessin lchelnd ein, aber darin liegt
anch eine Gefahr, wir werden von klein so sehr daran gewhnt, uns angemessen zu
erweisen, da unsere Aufrichtigkeit zuweilen in Gefahr kommt, wir beobachten die
Wirkung unserer Worte, und wir denken leicht mehr an die gute Wirkung als den
wahrhaften Inhalt der Reden. Ich selbst, whrend ich mit Ihnen spreche, bemerke
mit Vergngen, wie ich Ihnen gefalle, ich bin auch nichts weiter als eine arme
Prinzessin. Aber wenn Ihnen an uns die Meisterschaft im Darstellen der eigenen
Person gefllt, uns zieht ebensosehr ein Wesen an, das sicher in sich ruht, ohne
auf Wirkung zu achten, und wir finden vielleicht Mngel in der Form, einen
krftigen Ausdruck und dergleichen gerade anziehend, immer vorausgesetzt, da
man uns nicht verletzt, denn darin sind wir empfindlich. Wer uns auf die Dauer
gefallen will, der thut gut, unsere Ansprche jeden Augenblick zu schonen. Ich
will nicht, da Sie mich so behandeln, unterbrach sie sich, aber ich denke
dabei doch an Sie. Gestern hrte ich, wie Sie dem Frsten geradezu
widersprachen. Bitte, schonen Sie unsere Schwche, ich mchte, da Sie sich
recht lange bei uns gefielen.
    Der Professor verneigte sich. Wenn ich im Widerspruch wrmer wurde als
nthig war, so bin ich einer Versuchung unterlegen, welche Mnnern meines
Berufes gefhrlich wird. Disputiren ist die Schwche der Gelehrten.
    Gut, wir rechnen mit unseren Eigenheiten gegeneinander ab. Sie aber sind in
der glcklichen Lage, stets frischweg anzugreifen, wir immer in der
entgegengesetzten, uns vorsichtig zu vertheidigen. Die groe Sorge, welche uns
von Jugend auf jeden Augenblick am Kleide zieht, ist die, da wir uns nichts
vergeben. Bei Ihnen streitet man sich wahrscheinlich selten um den Vorrang, ich
frchte, auch Ihnen ist sehr gleichgltig, welche Stufe Sie in unserer
Rangordnung entnehmen, uns ist dergleichen groe Angelegenheit, nicht nur unserm
Hofstaat, noch mehr uns selbst. Viele von uns sind Tage lang unglcklich, weil
sie nicht bei Tafel den Platz erhalten, den sie beanspruchen. Mancher Besuch
unterbleibt deshalb, alte Verbindungen werden abgebrochen, und es gibt allerlei
unfreundliches Geznk hinter der Scene. Treten wir einmal klugen Leuten von
Ihrer Art gegenber, dann lachen wir wohl selbst ber die Schwche, aber wenige
sind frei davon. Auch ich habe schon um meinen Platz bei der Tafel gefochten und
mit dem Fcher Wind gemacht, setzte sie mit muthwilliger Offenheit hinzu.
    Niemand mag sich in jedem Augenblick von den Anschauungen seiner Umgebung
frei erhalten, versetzte artig der Professor. Vor hundert Jahren war im Leben
des Brgers derselbe peinliche Eifer um Rang und gesellige Bevorzugung. Bei uns
ist das anders geworden, seit unser Leben einen strkern geistigen Inhalt
erhielt. In Zukunft wird man auch bei Hof ber dergleichen als veralteten
Trdelkram lcheln.
    Die Prinze hob drohend den kleinen Finger. Herr Werner, das sprach wieder
der Gelehrte, verbindlich war das nicht. Wir bewegen uns nicht so sehr im
Nachtrabe der Mode und guten Lebensart, da wir hinter den Menschen
zurckgeblieben sind, von denen wir uns gesellschaftlich abschlieen.
    Vielleicht gerade deshalb, sagte der Professor, weil man sich abschliet.
Der wrmste Herzschlag unserer Nation war von je in der Mitte zwischen oben und
unten, von da aus verbreiten sich Bildung und neue Ideen allmhlich zu den
Frsten und in das Volk. Sogar Eigenthmlichkeiten und Schwchen einer
Zeitbildung steigen in der Regel ein halbes Menschenalter, nachdem die
Gebildeten in der Mitte des Volkes darunter gelitten haben, auf die Throne, sie
erlangen dort erst Geltung, wenn sie im Volke durch neue Zeitrichtung bereits
berwunden sind. Auch deshalb wird es zuweilen schwer, da sich Frst und Volk
in ernsten Dingen verstehen.
    O wie haben Sie Recht, rief die Prinzessin und trat nher an ihn. Das ist
Verhngni der Frsten, unser aller Unglck, da die tchtigste Bildung unserer
Zeit selten freundlich auf uns wirkt. Die frische Luft fehlt dem Kreis, in dem
wir leben, wir alle sind weich und stubenkrank. Was uns nahetritt, mu sich
unsern Vorurtheilen anbequemen, und wir gewhnen uns, die Menschen nur nach der
knstlichen Ordnung zu schtzen, die wir selbst fr sie erdacht. Haben Sie
frher einmal mit einem unserer groen Herren in Verbindung gestanden?
    Nein, entgegnete der Professor.
    Haben Sie auch niemals, was Sie geschrieben, einem hohen Herrn bersandt?
    Ich hatte dazu keine Veranlassung, versetzte der Professor.
    Dann sind Sie sogar unbekannt mit der Scala von Huldbezeigungen, welche wir
den Herren Gelehrten gegenber feststellen. Jetzt mache ich die schne Belehrung
ber Thonvasen quitt, die ich von Ihnen erhalten, auch ich gebe Ihnen
Unterricht. Setzen Sie sich mir gegenber, Sie sind jetzt mein Scholar. Die
Prinze lehnte sich in dem Sessel zurck und zog ihr Gesicht in ernste Falten.
Wir nehmen an, Sie sind fromm und gut und schauen ehrerbietig nach dem Stiele
des Reichsapfels hin, den wir in der Hand halten. Ihre erste Sendung kommt, ein
ansehnliches Buch; der Titel wird aufgeschlagen: Ueber antike Thonvasen. - Hm
hm, wer ist der Mann? Man erkundigt sich ein wenig, es ist gut, wenn bereits
gedruckte Notizen ber Sie zu haben sind. Darauf anerkennende Antwort aus dem
Kabinet, kurze Variation nach dem Formular Numero 1. Ihre zweite Sendung
erscheint, ein hbscher Einband, ein angenehmer Eindruck, deshalb wrmere
Anerkennung in verbindlichen Ausdrcken nach Formular 2. Dritte Sendung, wieder
dick, der Goldschnitt ist untadelhaft, das Kabinet nimmt das Buch in die Hand
und erwgt. Ist der Verfasser eine kleine Leuchte, so tritt er in das Stadium
der Busennadel, ist er hherer Beachtung werth, durch bekannten Namen, oder was
uns sicherer ist, durch einen Titel, so gelangt er in den Gesichtskreis des
Ordens. Ein Orden hat Klassen, welche an Fremde genau nach ihrem Titel
ausgetheilt werden. Aber wer beharrlich ist und nicht nachlt, immer auf's Neue
zu verpflichten, der hpft allmhlich wie der Laubfrosch in Jahreszwischenrumen
nach der Hhe.
    Ehrerbietigen Dank fr die Belehrung, erwiederte der Professor, es sei
mir gestattet, in diesem Fall das Kabinet in Schutz zu nehmen. Was sollen die
erlauchten Herren zuletzt auf gleichgltige Sendungen Anderes thun, zumal wenn
sie in Menge einlaufen?
    Es war nur ein gutmthiges Beispiel, sagte die Prinzessin, wie hbsch wir
die Stufen zu unserer Gnade nach allen Richtungen gezimmert haben. Uebrigens
sind wir bei dem, was wir den Mnnern austheilen, nicht nur artig, sondern auch
haushlterisch fr uns selbst besorgt. Wer nicht bunte Bnder zu verschenken
hat, fhlt sich sehr genirt. Aber, fuhr sie in verndertem Ton fort, in
derselben Weise ist ein groer Theil unserer Thtigkeit auf eitlen Schein und
leere Form gerichtet; und weil Hunderte so schwach und abhngig sind, da sie
sich dadurch anziehen lassen, meinen wir Millionen an uns fesseln zu knnen.
    Manch kleiner Vortheil wird damit erreicht, versetzte der Professor, nur
ein Irrthum ist in der Rechnung: wer die Menschen durch ihre Schwchen,
Eitelkeit und Hoffahrt an sich bindet, der erwirbt den besten Theil ihres Lebens
doch nicht; in ruhigen Zeiten ist dieses beflissene Anziehen unnthig, in der
Gefahr erweist es nur die Strke eines Strohseils.
    Die Prinze nickte eifrig mit dem Haupt. Man wei das auch recht gut,
sagte sie vertraulich, und man fhlt sich gar nicht wohl und sicher, trotz dem
massenhaften Ausstreuen von Huld. Was ich zu Ihnen sage, wrde meinen erlauchten
Verwandten wie Hochverrath klingen, nur weil ich es ausspreche, nicht weil ich
so denke. Halten Sie mich nicht fr einen weien Raben, es gibt Klgere als ich,
die in der Stille ebenso urtheilen, aber wir finden uns aus den Schranken nicht
heraus, und wir klammern uns daran, obgleich wir wissen, da die Sttze schwach
ist. Denn wie der Kolibri die Schlange, so betrachten wir das Antlitz, welches
uns die neue Zeit entgegenhlt, mit Schauder und hilfloser Erwartung. Sie erhob
sich. Doch ich bin ein Weib und habe kein Recht, ber diese groen Verhltnisse
mitzusprechen. Wenn mir einmal bange wird, gebrauche ich das Vorrecht der
Frauen, zu klagen, das habe ich Ihnen gegenber reichlich gethan. Denn mir liegt
ernstlich daran, Ihnen zu gefallen, Herr Werner. Ich wnsche, da auch Sie mich
als ein Weib betrachten, welches Besseres verdient als gefllige Worte und
hfliche Nichtigkeiten. Gnnen Sie mir recht oft die Freude, an Ihrem Urtheil
das meine zu berichtigen.
    Sie hielt dem Gelehrten mit herzlichem Vertrauen die Hand entgegen. Werner
beugte sich tief herab und verlie das Zimmer. Die Prinze sah ihm frhlich
nach.
    Der Professor trat warm von dem Gesprch in den Pavillon und erzhlte seiner
Frau den ganzen Verlauf. Ich habe nicht fr mglich gehalten, rief er, da in
Frauen dieses Kreises ein so freies und hochsinniges Verstndni ihrer Stellung
zu finden sei. Das Schnste war die heitere Unbefangenheit ihres Wesens, ein
Liebreiz, der sich jeden Augenblick in Accent und Bewegung aussprach. Die kleine
Dame hat mich bezaubert. Ich will ihr sogleich das Buch zurechtmachen, das sie
sich gewnscht hat. Er setzte sich an den Tisch, strich gedruckte Stellen an
und schrieb Bemerkungen auf kleine Zettel, die er hineinlegte.
    Ilse sa am Fenster und sah mit groen Augen auf den Gatten. Es war kein
Wunder, da die Prinze ihm gefiel, Ilse selbst hatte mit dem Scharfsinn einer
Frau erkannt, wie fein sie zu gewinnen wute. Hier war eine Seele, die sich
unter dem Zwang ihres Hofes nach dem Verkehr mit einem freigebildeten Mann
sehnte, hier war ein krftiger Geist, der sich ber die Vorurtheile seines
Ranges erhob, gewandt, leicht beflgelt, mit schnellem Verstndni. Jetzt hatte
diese Frau einen Mann gefunden, zu dem sie aufsehen mute, und sie legte mit
ihrer kleinen Hand die Fesseln um seine Brust.
    Es wurde dunkel im Zimmer, noch sa Felix, machte Zeichen und schrieb. Die
Strahlen der Abendsonne lagen auf seinem Haupt, um Ilse schwebten die dunklen
Schatten des fremden Raumes. Im Rcken des Gatten erhob sie sich von ihrem
Stuhl.
    Er ist gut gegen mich, klang es in ihr, er liebt mich, wie man an
Jemandem hngt, den man sich gezogen und zum Vertrauten gemacht hat. Er ist
nicht wie andere Mnner, da er meine Rechte hinwerfen wird an eine Fremde, er
ist arglos wie ein Kind und merkt nichts von der Gefahr, die ihm und mir droht.
Hte dich, Ilse, da du den Nachtwandler nicht weckst.
    Ich Thrin! welches Recht habe ich, zu klagen, wenn auch einer Andern seine
reiche Seele zu Gute kommt? Bleibt nicht genug von dem Schatz seines Lebens noch
fr mich? Nein, rief sie und schlang die Hnde um den Hals des Gatten, du
gehrst mir und ganz will ich dich haben.
    Der Professor sah auf, sein erstaunter Blick brachte Ilse zur Besinnung.
Verzeih, sagte sie tonlos, ich war in Gedanken.
    Was hast du, Ilse? frug er gutherzig. Deine Wange ist hei, bist du
krank?
    Es wird vorbergehen, habe Geduld mit mir.
    Der Professor verlie sein Buch und beschftigte sich ngstlich mit seiner
Frau. Oeffne das Fenster, bat sie leise, die Luft in dem verschlossenen Raume
legt sich schwer auf die Brust.
    Er war so herzlich um sie bemht, da sie wieder heiter auf ihn sah: Es war
eine thrichte Schwche, Felix, sie ist vorber.

                                       3.

                                        

                                Zwei neue Gste.


Der Professor stand mit dem Kammerherrn im Arbeitszimmer des Frsten. Dieser
hielt in der Hand die Denkschrift, welche Werner ber das Antikenkabinet verfat
hatte. Erst hierdurch erhalte ich ein Urtheil ber den Umfang des Katalogs,
welchen Sie fr nthig halten. Ich bin bereit, auf Ihre Vorschlge einzugehen,
wenn Sie sich verpflichten wollen, die oberste Leitung der neuen Aufstellung und
des Katalogs zu bernehmen. Knnen Sie uns diesen Dienst nicht erweisen, so
bleibt Alles wie bisher, denn nur das groe Vertrauen, welches ich zu Ihnen
habe, und der Wunsch, Sie in meiner Nhe zu behalten, wrde mich veranlassen,
die nthigen Opfer zu bringen. Sie sehen, ich mache das Unternehmen von dem
Grade der Zuneigung abhngig, welchen Sie selbst fr diese Arbeit hegen.
    Der Professor entgegnete, da seine Anwesenheit fr die erste Einrichtung
wnschenswert sein mge und da er bereit , sei, einige Wochen darauf zu wenden.
Spter werde gengen, wenn er ab und zu die Fortschritte der Arbeiten prfe.
    Damit bin ich vorlufig zufrieden, sagte der Frst mit kurzem Bedacht,
unser Vertrag ist also geschlossen. Ferner aber sehe ich, da es darauf
ankommt, einen Arbeiter zu gewinnen, welcher unter Ihrer Leitung die Aufnahme
der Kunstgegenstnde bewltigt. Der Conservator ist dafr nicht brauchbar?
    Der Professor verneinte dies.
    Und knnen Sie mir einen solchen Gehilfen vorschlagen?
    Der Professor musterte in Gedanken die lteren Mitglieder seines Krnzchens.
    Diesmal fiel dem Kammerherrn sogleich der geeignete Mann ein. Wrde nicht
Magister Knips fr diese Arbeit passen?
    In der That, sagte der Professor, Flei, Kenntnisse, seine ganze
Persnlichkeit machen ihn vortrefflich geeignet. Ich glaube, da er auf der
Stelle zu haben wre. Auch fr seine Zuverlssigkeit gegenber den Werthstcken
knnte ich brgen. Aber ich darf diese Verantwortung doch nicht bernehmen, ohne
Ew. Hoheit mitzutheilen, da er einmal in seinem Leben durch Mangel an Vorsicht
in einen widerwrtigen Handel verwickelt wurde, der nicht mir, aber mehren
seiner Bekannten das Vertrauen zu ihm verringert hat.
    Darauf erzhlte der Professor schonend fr alle Betheiligten die Geschichte
von dem geflschten Pergamentblatt des Tacitus.
    Der Frst hrte aufmerksam zu und erwog. Ueber den Bestand der Sammlungen
erlauben die alten Verzeichnisse augenblickliche Nachrechnung. Sie halten den
Magister fr unschuldig an jenem Betruge?
    Ich halte ihn dafr, sagte der Gelehrte.
    Dann ersuche ich Sie, dem Mann zu schreiben.
    Wenige Tage darauf betrat Magister Knips die Residenz. Er trug Reisetasche
und Hutschachtel in eine anspruchslose Herberge, hllte seinen Leib auf der
Stelle in die Gewnder, welche er selbst gegen seine Mutter Lohndienertracht
nannte, und suchte den Pavillon des Professors auf. Gabriel sah die Gestalt von
Weitem durch blhendes Gestruch heranziehen, den Kopf auf der Schulter, den Hut
in der Hand. Denn Knips erachtete fr anstndig, im Bann des frstlichen
Schlosses das Haupt entblt zu tragen, und durchschritt wie eine wandelnde
Verbeugung den vornehmen Gesichtskreis. Auch der Professor konnte ein Lcheln
nicht bergen, als er den hfisch zugerichteten Magister, glatt und duftend, mit
zwei tiefen Verbeugungen vor sich sah. Der Kammerherr hat Sie fr diese
Thtigkeit vorgeschlagen, ich habe nicht widersprochen. Denn unter der
Voraussetzung, da sie Ihnen in entsprechender Weise vergtet wird, bietet sie
Gelegenheit zu einer groen Anstrengung, welche Sie vielleicht fr immer aus
kleiner Tagesarbeit heraushebt, und welche bei pflichtgetreuer Ausfhrung nicht
nur Einzelne von uns, sondern die ganze Wissenschaft zu lebhaftem Dank
verpflichten wird. Ihre Leistung hier mag deshalb fr Ihr spteres Leben
entscheidend sein. Denken Sie jede Stunde daran, Herr Magister, da Sie
Gewissenhaftigkeit und Treue nicht nur der Wissenschaft, auch dem Eigenthum des
Frsten zu beweisen haben, welcher Sie vertrauend hierherrief.
    Hochwohlgeborner und hochverehrter Herr Professor, erwiederte Knips, als
ich Dero Brief durchgelesen hatte, war mir nicht zweifelhaft, da Dero gtiges
Wohlwollen mir Gelegenheit geben wollte, einen neuen Menschen anzuziehen.
Deshalb, an die Pforte eines unbekannten Lebens tretend, flehe ich tiefbewegt
vor Anderem um die Fortdauer von Dero guter Meinung, welche ich in treustem
Gehorsam verdienen zu knnen vertraue.
    Gut also, schlo der Professor, melden Sie sich bei dem Kammerherrn.
    Schon am Tage darauf sa Knips vor einer Reihe antiker Lampen, den Frack
durch Ueberziehrmel geschtzt, die Feder am Ohr, von Bchern der frstlichen
Bibliothek umgeben. Er schlug nach, verglich, schrieb auf und war rstig in
seiner Arbeit, als wenn er sein Lebtag Commis in einem Nippesgeschft des alten
Roms gewesen wre. Der Kammerherr meldete vor der Tafel heiter dem Prinzen:
Magister Knips ist da, und der Prinz wiederholte der Schwester: Der weise
Knips ist da. Ah, der Magister, sagte der Frst ebenfalls mit Laune.
    In derselben Woche wurde der Frst von dem Kammerherrn in die Sammlungen
begleitet, damit Knips gelegentlich unter die Augen des Herrn gestellt werde.
Der Frst sah neugierig auf den tiefgekrmmten Mann, dem der Angstschwei
ausbrach, und der jetzt vllig einer Maus glich, welche durch starke Bezauberung
verhindert wird, in ihrem Loche zu verschwinden. Der Frst erkannte sogleich,
was er subalterne Natur nannte, und das bleiche breitgedrckte Antlitz, das
zurckgezogene Kinn und die wehmthige Miene schienen ihn zu ergtzen. Im
Begriff, weiter zu gehen, wies er auf den Bcherwall, aus welchem Knips
emporgeschossen war: Sie haben sich schnell heimisch gemacht, ich hoffe, da
Sie bei uns fanden, was Ihnen an Bchern unentbehrlich ist.
    Malosen Wnschen entsagend, jammerte Knips in hohem Ton, habe ich aus
Allerhchstdero Bibliothek vieles Brauchbare zu entleihen mir in tiefster
Untertnigkeit gestattet, Fehlendes aber mit Beihilfe verehrter Gnner aus den
Bchersammlungen meiner Vaterstadt herbeizuschaffen gewagt.
    Der Frst ging mit kurzem Kopfnicken weiter, Magister Knips blieb in der
Stellung demthiger Hingabe stehen, bis der Frst das Zimmer verlassen hatte,
dann sank er auf den Stuhl zurck und schrieb, ohne links und rechts zu sehen,
an dem angefangenen Worte weiter. Sooft der Frst das Zimmer betrat und verlie,
schnellte er auf und fiel zurck, durch Ehrfurcht in einen Automaten verwandelt.
    Sind Sie mit ihm zufrieden? frug der Frst den Professor.
    Noch ber Erwarten, antwortete dieser.
    Der Kammerherr, froh seiner Empfehlung, erinnerte den Frsten, da derselbe
Magister sich auch als vortrefflicher Wappenmaler erwiesen habe und merkwrdige
Kenntnisse in Brauch und Festordnung der alten Hfe besitze. Als der Frst den
Saal verlie, streifte sein Auge vornehm ber das gesenkte Haupt des Kleinen,
aber Knips konnte mit dem Erfolge dieser Vorstellung zufrieden sein, er war sehr
ehrerbietig und sehr bequem fr fernere Verwendung befunden.
    Ihm wurde sogleich Gelegenheit, seine Brauchbarkeit in einem
auerordentlichen Fall zu beweisen. Die Ordnung des Hofes war in allen Stcken
musterhaft, nicht am wenigsten, wenn der Frst eine Aufmerksamkeit zu erweisen
hatte. Ein vertrauter Kabinetsrath zog vor jedem Geburtstag, bei welchem der
Frst durch sein Herz zu einem Geschenk verpflichtet war, nicht weniger vor
Volksfesten, welche die Stiftung eines silbernen Bechers oder andern Beweis
frstlicher Theilnahme nothwendig machten, den Tag des Festes nebst der fr das
Geschenk ausgesetzten Summe aus seinem Verzeichni und sandte die Anzeige dem
Kammerherrn. Denn dieser war mit dem ehrenvollen, aber schwierigen Amte
bekleidet, etwas Passendes zu whlen und anzukaufen. Bei Geburtstagen der
frstlichen Familie hatte der Kammerherr aber nur Vorschlge zu machen, der
Frst entschied selbst ber Geschenke und Preise. Jetzt nahte der Geburtstag der
Prinzessin. Der Cavalier machte deshalb ihrer Kammerfrau einen Besuch und
erkundigte sich unter der Hand, was die Prinzessin sich wohl wnsche. Auf diesem
nicht ungewhnlichen Wege wurde allerlei festgestellt, der Kammerherr fgte aus
eignem Antriebe modische Kleinigkeiten bei, darunter Vorlegebltter zu bunten
Anfangsbuchstaben, welche gerade damals in Album und Briefbogen gemalt wurden,
denn er wute, da die Prinzessin dergleichen gewnscht hatte. Der Frst whlte
aus der Liste und blieb zuletzt an den Vorlegeblttern hngen. Diese Pariser
Fabrikzeichnungen werden der Prinzessin schwerlich gefallen. Knnen Sie nicht
gemalte Buchstaben alter Pergamente von einem Zeichner nachbilden lassen? Wer
hat mir doch Ihren Magister Knips gerhmt? Er soll kleine Handzeichnungen recht
zierlich anfertigen.
    Der Kammerherr freute sich ehrerbietig des hohen Einfalls und suchte den
Magister auf; Knips versprach, alle Buchstaben des Alphabets nach alten
Handschriften zu malen, der Kammerherr besorgte unterde die Kapsel. Als die
Arbeit des Magisters dem Frsten vorgelegt wurde, war dieser in der That
berrascht. Das sind ja schne alte Miniaturen, rief er, wie kommen Sie
dazu? Jeder Buchstabe stand auf altem Pergament so gemalt, da, wer flchtig
zusah, nicht erkennen mochte, ob die Arbeit alt oder neu war.
    Lange sah der Frst auf die Bltter. Dies ist ein staunenswerthes Talent;
sorgen Sie dafr, da der Mann nach dem Werth seiner Leistung entschdigt wird.
Knips gerieth in ehrfurchtsvolles Entzcken, als ihm der Kammerherr die
Zufriedenheit des Frsten in glnzendem Geprge zu erkennen gab. Dabei aber
blieb es nicht. Denn kurz darauf besuchte der Frst das Antikenkabinet in einer
Stunde, wo Knips darin arbeitete. Der Frst hielt wieder vor dem Magister an.
Ich habe mich ber die Bilder gefreut, sagte er, Sie besitzen eine seltene
Meisterschaft, Auge und Urtheil durch den Schein des Alterthums zu tuschen.
    Allerhchste Gnade mge verzeihen, wenn die Nachahmung wegen Krze der Zeit
nur unvollkommen ausfiel, erwiederte der gebeugte Knips.
    Ich bin sehr damit zufrieden, entgegnete der Frst und musterte scharf
Antlitz und Haltung des kleinen Mannes. Er fing an, dem Magister Antheil zu
gnnen. Es kann Ihnen nicht an Gelegenheit gefehlt haben, diese Kunst in
lohnender Weise auszuben.
    Allerhchster frstlicher Huld blieb vorbehalten, meine geringe Fertigkeit
fr mich werthvoll zu machen, versetzte Knips, bis jetzt habe ich solche
Nachbildung nur zu meinem eigenen Vergngen gebt, oder hie und da als Scherz,
um einmal Andere zu necken.
    Der Frst lchelte und entfernte sich mit einer wohlwollenden Bewegung des
Hauptes. Magister Knips war sehr brauchbar befunden.

    Die Prinzessin sa an ihrem Schreibtisch, die Feder flog in der kleinen
Hand, sie blickte zuweilen in ein Buch von gelehrtem Aussehen und schrieb
Stellen ab, welche ihr durch Striche bezeichnet waren. Tritte im Vorzimmer
strten die Arbeit, der Erbprinz trat ein, neben ihm ein Offizier in fremder
Uniform. Setzt euch, Kinder, rief die Prinze. Lege deinen Sarras ab, Victor,
und komm zu mir. Du bist ein hbscher Junge geworden, man sieht dir's an, da du
dich unter fremden Leuten behauptet hast.
    Man schlgt sich durch, erwiederte Victor achselzuckend und stellte den
Sbel vorsichtig in die Nhe, da er ihn mit der Hand erreichen konnte.
    Sei ruhig, trstete die Prinze, wir sind jetzt sicher, er hat
Geschfte.
    Wenn er das gesagt hat, wollen wir uns nicht darauf verlassen, versetzte
Victor. Du bist ernster geworden, Siddy, auch das Zimmer ist verndert, Bcher
und wieder Bcher, er schlug einen Titel auf. Archologie der Kunst. Sprich,
was thust du mit dem Zeug?
    Man schlgt sich durch, wiederholte Siddy achselzuckend.
    Siddy beschtzt die Wissenschaft, erklrte der Erbprinz. Wir haben jetzt
gelehrte Theeabende, sie lt Stcke lesen mit vertheilten Rollen. Nimm dich in
Acht, du wirst auch daran mssen.
    Ich lese nur Bsewichte, entschied Victor, und allenfalls Bediente.
    Das Beiwerk ist mein Theil, sagte der Erbprinz, das Beste, was an mich
kommt, ist ein gutmthiger Vater, der zuletzt seinen Segen gibt.
    Er hat keinen andern Ton in seiner Kehle, entschuldigte die Prinze, als
ruhigen Biedersinn, er wehrt sich, wenn er mehr als vier Verse hintereinander
vortragen soll, dabei entsteht noch jedesmal eine Pause, in der er sich die
Lorgnette zurechtrckt.
    Sein eigentlicher Beruf ist Pastor, spottete Victor, er wrde seiner
Gemeinde den Genu kurzer Predigten und eines tugendhaften Wandels verschaffen.
    Hre, wenn er darin besser sein sollte als du, so wre das noch kein
Verdienst. Victor, du stehst bei uns in dem Ruf, immer noch sehr unartige
Streiche zu machen, und uns wird die Bekanntschaft mit deinen Thorheiten nicht
erlassen.
    Verleumdung, rief Victor. Ich bin bei meinem Regiment bel angesehen
wegen allzu schroffer Grundstze.
    Dann bewahre uns der Himmel vor einem Einbruch deiner Kameraden. Mir ist
recht, da du deinen Urlaub in dieser Galeere zubringen willst, aber ich wundere
mich darber. Du bist frei, dir steht die Welt offen.
    Ja, frei wie eine Dohle, die aus dem Nest geworfen ist, versetzte Victor,
man hat doch Stunden, wo Einem einfllt, da die Garnison nicht alle Reize
einer Heimat hat.
    Und die suchst du bei uns? frug die Prinzessin. Armer Vetter! - Aber du
warst unterde im Feldzug, ich wnsche Glck. Wir hren, du hast dich brav
gehalten.
    Ich hatte ein gutes Pferd, lachte Victor.
    Und du hast die groe Rundreise bei den Verwandten gemacht?
    Ich habe die Mysterien dreier Hfe durchgelesen, versetzte Victor. Zuerst
bei der Cousine, unschuldiger Schferhof und reizendes Stillleben. Der
Hofmarschall trgt eine Stickerei in der Tasche, an der er unter den Damen
arbeitet. Die Hofdame kommt mit ihrem Bologneser zum Diner und lt ihn von der
Kche fttern. Jede Woche werden zweimal Leute aus der Stadt auf Thee und
Backwerk geladen. Wenn die Familie den Thee allein nimmt, wird um Haselnsse
gespielt. Ich glaube, sie werden im Herbst vom ganzen Hofe gesammelt. Dann
ging's zum Groonkel an den Hof der sechsfigen Grenadiere, ich war der
kleinste unter der Gesellschaft, den einen Tag waren Alle als Generle
gekleidet, den Tag darauf Alle als Nimrods in Jagdrcken und Gamaschen; heut
wird exercirt, morgen gejagt, Pulver ist der grte Verbrauch des Hofes; auch
das Ballet trgt, wie man sagt, unter dem Flor Uniformen. Endlich kam der groe
Hof der Tante Luise. Alle in weien Kpfen mit Puder, hat Jemand jngeres Haar,
so sucht er es so schnell als mglich los zu werden. Abends tugendhafte
Familienunterhaltung, wer medisirt, erhlt am nchsten Morgen von der Frstin
eine Aufforderung zu Beitrgen fr milde Stiftungen. Prinze Minna frug mich, ob
ich auch fleiig zur Kirche gehe, und als ich ihr sagte, da ich wenigstens mit
unserm Feldprediger regelmig Whist spiele, fiel ich in Verachtung; sie tanzte
den ersten Contretanz mit ihrem Bruder, ich bekam erst den zweiten. Die
Abendgesellschaft genau nach ihren Wrden aus den vier Schachteln geholt, jede
in gesonderter Aufstellung. Saal der wirklichen Geheimen, der Kammerherren, des
Kleinviehes vom Hofe und auerdem eine Vorhlle fr unvermeidliches Brgervolk,
worin Banquiers und Knstler der hchsten Beachtung harren.
    Dies steife Wesen macht uns vor aller Welt lcherlich, rief der Erbprinz.
    Die Prinze und Victor lachten ber den pltzlichen Eifer. Seit wann ist
Benno roth? frug Victor.
    Ich hre dies von ihm zum ersten Male, sagte die Prinze.
    Ein Frst soll nur Gentlemen in seine Gesellschaft laden, wer darin ist,
steht dem Andern gleich, belehrte der Erbprinz.
    Wieder lachten die Andern. Wir danken fr den weisen Spruch, Professor
Bonbon, rief Siddy.
    In diesem Zimmer war's, wo wir dich als Eule anzogen, Bonbon, und wo du
seufzend unter Siddy's Mantel saest, als der Frst uns berraschte.
    Und wo du Strafe erhieltest, versetzte Benno, weil du mich armen Kerl so
verunstaltet.
    Mach's ihm noch einmal, bat Siddy.
    Wie du befiehlst. Victor nahm ein buntes Seidentuch, formte zwei Zipfel
durch Knoten zu Ohrbscheln und verhllte den Kopf des Erbprinzen, der sich das
Manver ruhig gefallen lie. Sein ernsthaftes Gesicht mit den dunklen
Augenbrauen blickte abenteuerlich aus der Hlle heraus. Jetzt fehlt der
Federrock, rief Siddy, den denken wir uns dazu. Ich bin die Wachtel und Victor
macht den Hahn. Ich kenne noch die Melodie, die wir uns als Kinder erdacht
haben.
    Sie flog zum Flgel und fuhr ber die Tasten, der Erbprinz drehte den
Theaterzettel, welchen er in der Tasche trug, zu einer spitzen Dte und sthnte
hinein: Uh, uh, Frau Wachtel, ich fresse Sie.
    Die Wachtel sang: Pikwerwit, alter Uhu, 's macht sich nit. Und der Hahn
krhte: Kikeriki, allerliebste Wachtel, ich liebe Sie.
    Das ist nie wahr gewesen, Victor, sagte die Prinzessin unter dem Spiele.
    Wer wei, entgegnete er, Kikeriki.
    Das Concert war im besten Gange, Victor sprang auf den Teppich, schlug mit
den Hnden und krhte, der Erbprinz blies auf seinem Stuhle unermdlich die
Klagelaute des Uhu, Siddy bewegte ihr Kpfchen nach dem Tacte, sang ihr
Pikwerwit und rief dazwischen: Ihr seid lcherliche kleine Jungen. Da klopfte
es leise, schnell fuhren Alle auf, der Sbel flog an seinen Riemen, die Wachtel
war im Nu in eine vornehme Dame verwandelt.
    Des Frsten Hoheit lt ersuchen, Hchstdenselben allein zu erwarten,
meldete der eintretende Kammerdiener.
    Ich wute, da er uns stren wrde, brummte Victor aufbrechend.
    Hinweg ihr Kinder, rief Prinze Sidonie. Noch einmal, mich freut's,
Vetter, da du wieder da bist, wir Drei wollen zusammenhalten. Benno ist brav
und mein einziger Trost. Vermeide, sooft der Frst zugegen ist, dich mit mir zu
beschftigen, ich nehme dir nicht bel, wenn du dich gar nicht um mich kmmerst.
Der Spion, welcher mir gesetzt wurde, ist jetzt mein Frulein, die Lossau, jedes
Wort, das du in ihrer Gegenwart sprichst, wird zugetragen. Die Herren kennst du,
lustiger sind sie nicht geworden.
    Da ist Benno's Kammerherr heraufgekommen, forschte Victor, der Frst
sprach heut lange mit ihm.
    Er ist gutmthig, aber schwach, bemerkte der Erbprinz, und hngt ganz von
seiner Stelle ab. Verla ist nicht auf ihn.
    Sei diesmal hbsch artig, Victor, fuhr die Prinzessin fort, sei ein guter
Chinese, trage deinen Zopf regelrecht, und benimm dich genau nach den
Privilegien des Knopfes, den du auf deiner Mtze fhrst. Jetzt macht fort, dort
hinaus, die Treppe meiner Kammerfrau hinab.
    Prinze Sidonie eilte dem Frsten an die Thr des Empfangzimmers entgegen.
Der Frst durchschritt die Rume bis in ihre Arbeitsstube. Er warf einen Blick
in das aufgeschlagene Buch. Wer hat diese Zeichen gemacht?
    Herr Werner hat mir die wichtigsten Stellen angestrichen, versetzte die
Prinzessin.
    Er ist mir lieb, da du diese Gelegenheit bentzest, dich durch einen
ausgezeichneten Gelehrten frdern zu lassen. Er ist, wenn man von dem
doctrinren Wesen absieht, welches an diesen Meistern der Bcher hngt, ein
bedeutender Mensch. Ich habe den Wunsch, ihm fr seine opfervolle Thtigkeit den
Aufenthalt so angenehm zu machen als die Verhltnisse erlauben, und ich ersuche,
da du dabei das Deine thust.
    Die Prinze verneigte sich stumm, die Finger ihrer Hand schlossen sich
krankhaft zusammen.
    Da es unmglich ist, ihn und seine Frau dem Hofe nher zu stellen, so
wnsche ich, da du die Fremden einmal zu deinen kleinen Theeabenden einladest.
    Mein gndigster Vater wolle mir verzeihen, wenn ich nicht sehe, wie dies
geschehen kann. Die Abendgesellschaft hat bis jetzt immer nur aus meinen Damen
und den ersten Mitgliedern des Hofes bestanden.
    So ndere das, sagte der Frst kalt, es bleibt dir unbenommen, noch einen
oder den andern von unsern Beamten mit ihren Frauen herbeizuziehen.
    Verzeihung, mein Vater, da dies bis jetzt niemals geschah, wrde Jedermann
bemerken, da die Aenderung nur durch die beiden Fremden veranlat ist. Es mu
ble Nachrede verursachen, wenn ein zuflliger Besuch umzuwerfen vermag, was an
diesem Hofe bis zu diesem Tage fr erlaubt gehalten wurde.
    Die Rcksicht auf unartiges Geschwtz soll dich nicht abhalten, antwortete
der Frst gereizt.
    Mein gndigster Vater mge huldvoll die Rcksichten wrdigen, welche mich
verhindern, etwas dergleichen zu thun. Es wrde doch mir, der Frau, nicht
ziemen, mich ber Sitte und Brauch wegzusetzen, welche mein Frst und Vater fr
sich selbst bindend erachtet. Du hast geruht, Herrn Werner bei kleiner Hoftafel
den Zutritt zu gestatten, ihn wrde auch ich, ohne ungewhnlichen Ansto zu
erregen, an meinem Theetisch sehen drfen. Die Frau dagegen ist von meinem
gndigsten Vater niemals mit dem Hofe in Verbindung gebracht. Es wrde der
Tochter schlecht anstehen, zu wagen, was der Vater selbst nicht gethan.
    Dieser Grund ist ein schlechter Deckmantel fr bsen Willen, erwiederte
der Frst, dich hindert nichts, den Hof ganz wegzulassen.
    Ich kann keine Abendgesellschaft, und sei sie noch so klein, ohne meine
Hofdamen laden, entgegnete die Prinzessin hartnckig, ich darf von meinen
Damen nicht fordern, an so rcksichtslos zusammengeladener Gesellschaft Theil zu
nehmen.
    Ich werde dafr sorgen, da Frulein von Lossau erscheint, entschied der
Frst in bitterem Tone, ich bestehe darauf, da du im Uebrigen nach meinem
Willen thust.
    Verzeihung, mein gndigster Vater, versetzte die Prinzessin in groer
Aufregung, wenn ich in diesem Fall nicht gehorche.
    Du wagst mir zu trotzen? rief der Frst in einem pltzlichen Ausbruch von
Zorn und kam der Prinzessin nher, die Prinzessin erblich und trat wie zur
Abwehr hinter einen Stuhl.
    Ich bin hier die einzige Dame unseres Hauses, sagte sie entschlossen, und
ich habe in dieser hohen Stellung Rcksichten zu nehmen, von denen mich nicht
der Herr dieses Hofes, nicht mein eigener Vater entbinden kann. Fhren Ew.
Hoheit eine neue Hofordnung ein, ich werde mich willig fgen, was aber Ew.
Hoheit heut von mir verlangen, ist keine neue Ordnung, es ist Unordnung,
demthigend fr mich und uns alle.
    Freche, bermthige Thrin, rief der Frst, seiner nicht mehr mchtig,
meinst du meinen Befehlen entwachsen zu sein, weil ich dich einmal aus meiner
Hand lie? Ich habe dich wieder hergezogen, um dich festzuhalten, du bist in
meiner Gewalt, keine Sklavin ist es mehr. In diesen Mauern gilt kein Wille, als
der meine, und wenn du dich nicht beugst, ich wei verstockten Sinn zu brechen.
Er trat drohend auf sie zu. Die Prinze wich an die Wand ihres Zimmers zurck.
Ich wei, da ich eine Gefangene bin, rief auch sie mit flammenden Blicken,
ich wute, seit ich hierher zurckkehrte, da ich in meinen Kerker trat, ich
wei, da kein Schrei der Angst aus diesen Mauern dringt und da eine Sklavin
mehr Schutz findet unter den Menschen, als das Kind eines Frsten gegen den
eigenen Vater. Aber in diesem Zimmer habe ich eine Helferin, zu der ich oft
flehend aufsehe, und wenn Ew. Hoheit mir jede Mglichkeit nehmen, bei Lebenden
Hilfe zu suchen, ich rufe mir zum Schutz gegen Sie die Toten. Sie ri die
Schnur eines Vorhangs, das lebensgroe Bild einer Dame wurde sichtbar, in dem
sanften Antlitz ein rhrender Zug von Trauer. Die Prinzessin wies auf das Bild
und sah nach dem Frsten: Wagen Ew. Hoheit die Tochter vor den Augen ihrer
Mutter zu beschimpfen.
    Der Frst fuhr zurck, ein rauher Ton drang aus seiner Brust, er wandte sich
ab und winkte mit der Hand. Verhlle das Bild, sprach er tonlos. - Rege dich
und mich nicht unnthig auf, begann er mit verndertem Ton, willst du meinen
Wunsch nicht erfllen, es sei, ich bestehe nicht darauf. Er nahm seinen Hut vom
Tisch und fuhr in sanfter Stimme fort: Du bist bei der Brgerschaft beliebt,
das Wetter ist sommerwarm und verspricht Dauer. Ich werde an deinem Geburtstage
den Beamten und der Stadt ein Tagesconcert im Park veranstalten; die Liste der
Einladungen werde ich dir durch den Obersthofmeister zuschicken. Am Abend ist
Galatafel und Festoper. Der Frst schritt durch die Thr ohne die Tochter
anzusehen, die Prinzessin folgte ihm bis an das Vorzimmer, wo die Dienerschaft
stand. Die Prinzessin machte bei der Thr eine tiefe Verbeugung, der Frst
winkte ihr freundlich mit der Hand. Dann flog die Prinzessin in ihr Zimmer
zurck, warf sich vor dem Bild auf den Boden und rang die Hnde.
    Die Prinzen gingen durch den Park, die Spaziergnger grten und sahen ihnen
nach. Ehrbar und altbrtig rckte der Erbprinz seinen groen Hut, Victor fuhr
leicht an die Husarenmtze und nickte zuweilen einem hbschen Gesichte
vertraulich zu. Alles alte Bekannte, begann er, es freut Einen doch, da man
hier zu Hause ist.
    Du bist immer ein Liebling der Leute gewesen, sagte der Erbprinz.
    Ich habe sie ergtzt und gergert, versetzte Victor lachend. Ich fhle
wie Herkules den mtterlichen Boden unter mir und bin zu jeder Missethat
aufgelegt. Benno, sieh nicht so gelangweilt aus, das leide ich nicht.
    Wenn du nur alle Tage zu derselben Stunde mit mir spazieren gingest,
wrdest du auch so aussehen, erwiederte Benno und blieb vor einem leeren
Wasserbassin stehen, worin vier kleine Bren saen und nach dem Publicum
schauten, das ihnen Brot hinabwarf. Der Erbprinz nahm aus den Hnden des
Wrters, der mit abgezogener Mtze zu ihm trat, einige Brotstcke und warf sie
gleichgltig den Bren zu. Und wenn du auf hchsten Befehl dich alle Tage als
populren Freund des Volkes zeigen und die dummen Bren fttern mtest, so
wrdest du die Bren auch langweilig finden.
    Bah, rief Victor, es steht ja nur bei dir, diese Mondklber unterhaltend
zu machen. Er sprang mit einem Satz in den gemauerten Raum unter die Thiere,
packte den ersten Br wie einen Hammel, der zur Wollschur getragen wird, und
warf ihn auf den zweiten, ebenso den dritten auf den vierten. Ein greuliches
Gebrumm und Ohrfeigen der Bren begann, sie balgten heftig miteinander, das
Publicum jauchzte vor Vergngen. Ihre Hand, Kamerad, rief der Prinz einem
Zuschauer, welcher mit lauten Aeuerungen des Beifalls dem Unfug zusah. Helfen
Sie heraus. Der Angerufene, es war Freund Gabriel, hielt beide Hnde herunter.
Hier, Excellenz, schnell, da die Biester nicht in die Uniformhose beien. Er
zog den Prinzen, der sich mit seinen Fen an die Mauer stemmte, krftig herauf,
Victor sprang leichtfig auf den Mauerrand und gab seinem Beistand einen Schlag
auf die Schulter. Dank, Kamerad, wenn Sie einmal im Loch sitzen, halte ich
Ihnen auch die Hand entgegen. Das Volk schrie Bravo, es gab ein ehrerbietiges
Gelchter, whrend unten das Fauchen, Kratzen und Beien nicht aufhrte.
    Man mu Leben in die Verhltnisse bringen, sagte Victor, wenn mich dein
Vater nicht wegjagt, soll es in acht Tagen an euerm Hofe zugehen wie hier in der
Brengrube.
    Und ich hab's unterde weggekriegt, versetzte Benno bekmmert, Einer
sagte zum Andern, wenn Der doch auch so viel Courage htte, und damit meinte er
mich.
    Sei ruhig, du bist der Weise; vor einsichtsvollen Leuten setze ich deine
Tugend ins helle Licht. Zunchst erbitte ich dein Vertrauen. Welcher Dame vom
Theater gnnst du deine Aufmerksamkeit, damit ich dir nicht in den Weg komme?
Ich wnsche nicht, meine Aussichten bei dir zu verderben.
    Man will an mir dergleichen durchaus nicht leiden, versetzte Benno.
    Nicht leiden? frug Victor erstaunt. Was ist das wieder fr eine Tyrannei?
Ist hier guter Ton geworden, tugendhaft zu sein? Dann gnne mir wenigstens eine
Mittheilung, welche andere Dame aus politischen Grnden von mir nur aus der
Ferne bewundert werden darf.
    Ich glaube, da du freie Wahl hast, entgegnete Prinz Benno gedrckt.
    Heil mir, da ich nicht Erbprinz bin. Was aber hat den Frsten veranlat,
mich so gndig hierher einzuladen?
    Wir wissen es nicht, auch Siddy war berrascht.
    Und ich Narr glaubte, sie htte die Hand im Spiele gehabt.
    Htte sie etwas dafr versucht, so wre dir sicher keine Einladung
geworden.
    Da er mich nicht gern sieht, ist klar, es war ein khler Empfang.
    Vielleicht will er dich verheiraten.
    Mit wem? frug Victor schnell.
    Er hat dich doch veranlat, bei den Verwandten herumzureisen, erwiederte
der Prinz vorsichtig.
    Er? durchaus nicht. Ich wurde aus einer Hand in die andere spedirt und
berall wie ein netter Junge behandelt. Das Ganze war offenbar eine
Verabredung.
    Vielleicht steckt eine unserer groen Ehestifterinnen dahinter, sagte der
Erbprinz.
    Bei mir nicht, verla dich darauf. Ich bin bei smmtlichen geheimen Mttern
unseres Vaterlandes, welche die allerhchsten Familiengefhle unter Aussicht
genommen haben, sehr schlecht angeschrieben, die rhren meinetwegen keinen
Finger.
    Wenn's also der Vater nicht war und Niemand anders, so hat's der
Obersthofmeister gethan.
    Sei gesegnet fr diesen Verdacht, rief Victor. Wenn er mich hierher haben
wollte, dann steht Alles gut.
    Hast du ihn gesprochen?
    Ich war bei ihm, er lie sich sogleich vom Feldzug erzhlen und sprach in
seiner Art freundlich, nicht mehr als sonst.
    Dann war er es, verla dich darauf.
    Aber warum? frug Victor, was soll ich hier?
    Das mut du mich nicht fragen, um mich kmmert er sich wenig.
    Warum lenkst du bei jedem Seitenweg vom Pavillon ab, frug Victor, habt
ihr dort Fuangeln aufgestellt? Wetter, welch prachtvolles Gesicht! Sieh, du
Duckmuser. Also ihr seid tugendhaft geworden?
    Der Erbprinz errthete vor Zorn. Die Dame dort oben hat Anspruch auf die
rcksichtsvollste Behandlung, sagte er finster.
    Das ist also die schne Fremde, rief Victor. Sie liest. Wenn sie nur
einen Blick herunterwerfen wollte, damit man mehr als das Profil she. Wir gehn
hinauf, du fhrst mich ein.
    In keinem Fall, versetzte der Erbprinz, wenigstens jetzt nicht.
    Victor sah ihn verwundert an. Du weigerst dich, mich dieser Dame
vorzustellen? Ich brauche dich nicht. Er machte sich von ihm los.
    Du bist toll, rief der Erbprinz, ihn zurckhaltend.
    Ich war nie mehr bei Sinnen, entgegnete Victor. Er eilte einem Baum zu,
der seine niedrigen Aeste in der Nhe des Fensters emporstreckte, und kletterte
mit der Behendigkeit einer Katze in die Hhe. Ilse sah auf, erkannte den
Erbprinzen und einen aufsteigenden Offizier und trat vom Fenster zurck. Victor
brach eine Gerte ab und berhrte die Scheiben. Man hrte im Hause schellen, das
Fenster wurde geffnet, Gabriel sah heraus. Immer in der Luft, Excellenz? rief
er, was befehlen Dieselben?
    Richten Sie Ihrer Herrin meine ehrerbietige Bitte aus, sie in einer
dringenden Angelegenheit nur einen Augenblick zu sprechen.
    Ilse erschien mit ernstem Gesicht am Fenster, hinter ihr der Diener; der
junge Herr hielt sich mit einer Hand fest und griff mit der andern grend an
seine Mtze. Ich erbitte Ihre Vergebung, gndige Frau, da ich diesen
ungewhnlichen Weg whle, mich Ihnen vorzustellen, mein Vetter dort unten hat
mich wider meinen Willen hier heraufgeschickt.
    Wenn Sie hinunterfallen, mein Herr, nehmen Sie die Ueberzeugung auf den
Erdboden mit, da das Klettern unntz war, die Thr des Hauses steht offen.
    Ilse trat zurck, Victor verneigte sich wieder. Die Dame ist ganz meiner
Meinung, rief er strafend dem Erbprinzen zu, da du sehr Unrecht gethan hast,
mich von der Thr abzusperren.
    Es gibt nach dieser Etourderie keinen Ausweg, als da wir sogleich
hinaufgehen und um Entschuldigung bitten, entschied der Erbprinz zornig.
    Das war ja gerade, was ich wollte, rief Victor, man mu den Menschen nur
verstndig zureden.
    Der Erbprinz trat mit seinem Vetter ein, Ilse empfing die Prinzen mit
stummer Verbeugung.
    Dies ist derselbe Mann, begann der Erbprinz, von dem ich Ihnen, gndige
Frau, bereits erzhlt habe, er hie schon als Knabe bei denen, welche sein Wesen
kannten, Junker Eulenspiegel.
    Ew. Hoheit htte es doch nicht thun sollen, versetzte Ilse traurig, ich
bin hier fremd und einer Mideutung mehr ausgesetzt als Andere. Sie wandte sich
an den Erbprinzen. Es ist das erste Mal, da ich Ew. Hoheit seit Ihrer Genesung
sehe.
    Ich bin in Gefahr, wieder aus Ihrer Nhe verbannt zu werden, entgegnete
der Erbprinz, und Sie haben das gewollt.
    Ilse sah ihn befremdet an.
    Sie haben meinem Vater den Inhalt einer Unterredung mitgetheilt, die ich
einst mit Ihnen hatte, fuhr der Erbprinz bekmmert fort. Sie haben dadurch den
Frsten veranlat, zu beschlieen, da ich von hier auf das Land versetzt
werde.
    Ich mchte um Alles nicht, da Ew. Hoheit von mir glaubten, ich habe ein
Vertrauen verrathen. Waren die harmlosen Worte, die ich zu Ihrem Herrn Vater
gesprochen, gegen Ew. Hoheit Wunsch, so kann ich zu meiner Entschuldigung nur
sagen, da sie aus der wrmsten Empfindung fr Ew. Hoheit hervorgegangen sind.
    Der Erbprinz verneigte sich schweigend.
    Dies Terzett ist nur aus Dissonanzen zusammengesetzt, rief Victor. Alle
drei sind wir gekrnkt, Jeder durch die beiden Andern; am tiefsten ich, denn
mich hat mein ungeflliger Vetter in die Gefahr gesetzt, gnzlich aus Ihrer
Gnade zu fallen, bevor ich sie zu gewinnen Gelegenheit hatte. Dennoch bitte ich
um die Erlaubni, mich Ihnen wieder vorzustellen in besserer Beleuchtung, als
mir das Baumlaub dort drauen zukommen lie.
    Die Prinzen empfahlen sich, im Freien sagte Victor: Ich wollte nur wissen,
was die Frau Professorin zu bedeuten hat, ich merke jetzt, da es fr mich in
keinem Fall ratsam ist, meine Ehrerbietung geruschvoll zu Fen zu legen. Sei
mir nicht bse, Benno, ich bin kein Spielverderber, kannst du mich brauchen, so
befiehl ber mich.
    Der Erbprinz blieb stehen und sah seinen Vetter so schmerzlich an, da
dieser auch ernsthaft wurde. Willst du mir einen Dienst erweisen, fr den ich
dir dankbar sein werde, weil ich lebe, so hilf dazu, da die Bewohner jenes
Hauses unsere Gegend so schnell als mglich verlassen. Es bringt kein Glck, uns
nahe zu sein.
    Sag's ihnen doch geradeheraus, dir werden sie mehr glauben als mir.
    Welchen Grund soll ich angeben? frug der Erbprinz. Es gibt nur einen, und
ich bin der letzte, der ihn aussprechen darf.
    Die Frau sieht wenigstens aus, als wte sie recht gut sich selbst zu
berathen, trstete Victor. Grere Sorge habe ich um dich, ich sehe, du bist
in Gefahr, diesmal mit dem Frsten zu sehr einer Meinung zu sein. Wirst du nicht
wenigstens Einwrfe wagen, wenn er dich fortschicken will?
    Mit welchem Recht? frug der Erbprinz. Er ist mein Vater, Victor, und mein
Herr. Ich bin der erste seiner Unterthanen, mir ziemt es, der Gehorsamste zu
sein. So lange er mir nichts befiehlt, was gegen mein Gewissen ist, bin ich
verbunden, ihm auf der Stelle zu gehorchen. Das ist die Richtschnur, die ich fr
mein Thun gezogen habe. Aus innerer Ueberzeugung.
    Gesetzt aber, warf Victor entgegen, ein Vater wollte seinen Sohn
entfernen, um Andern Unheil zu brauen, denen der Sohn Antheil gnnt?
    Ich meine, der Sohn mte doch gehen, versetzte der Erbprinz, wie schwer
es ihm auch wird; denn ihm ziemt nicht einmal, einen Verdacht gegen den Vater in
seiner Seele zu dulden.
    Mehr Sohn als Prinz, rief Victor, und wir sind am Ende, tugendhafter
Benno. Ah, Bergau, wohin?
    Der angeredete Hofmarschall erwiederte bedrngt: Nach dem Pavillon, mein
Prinz.
    Haben Sie Nheres ber den Schrecken gehrt? frug Victor geheimnivoll,
den man im Schlosse des Groonkels gehabt hat? ber eine Frau oder vielmehr
Erscheinung, die in Wirklichkeit ein Geist war, der als Gespenst auftrat, mit
einem Getse, welches als Gepolter anfing und mit einem Trauermarsch endete,
wobei die Thren zitterten und die Kronleuchter klirrten wie ein Schellengelut?
Nichts gehrt?
    Nicht das Geringste; welche Erscheinung? wann? und wie?
    Ich wei durchaus nichts, antwortete Victor. Kommt Ihnen etwas zu Ohren,
so bitte ich um Nachricht. Das versprach der Hofmarschall und eilte vorwrts.
    Der Hofmarschall war in seinem Dienst untadelhaft, er kannte alle
Tafelgedecke und Glser persnlich, berflog gewissenhaft die Rechnungen, sorgte
fr einen guten Weinkeller und verstand grndlich die Reprsentation seines
Amtes. Auerdem war er ein wackerer Edelmann, fromm, mit reichem Kindersegen
beglckt, aber er war nicht, was man einen groen Geist nennt. Diese letzte
Eigenschaft machte ihn bisweilen zu einem werthvollen Kmpfer des Hoflagers,
denn er verfocht mit der Sicherheit eines Fanatikers den geheiligten Brauch
seines Hofes gegen unberechtigte Ansprche fremder Gste und wurde vom Frsten
wohl einmal als Sturmbock benutzt, um eine Mauer anzurennen, welche ein Anderer
vorsichtig umging. Heut trat der Hofmarschall bei Ilse ein, im Herzen unwillig
ber den Auftrag, den er geschickt auszufhren befehligt war. Er traf die Frau
Professorin in ungnstiger Stimmung. Die Dreistigkeit Victors, der geheime
Vorwurf in den Worten des Erbprinzen hatten sie unzufrieden mit sich selbst
gemacht und mitrauisch gegen die unklaren Verhltnisse, von welchen sie umgeben
war. Der Hofmarschall rhrte lange die Bowle um, aus welcher er einzuschenken
hatte, er drehte die Unterhaltung auf Ilse's Heimat und ihren Vater, den er nach
seiner Annahme einmal bei einer Thierschau gesehen hatte. Ein schnes Gut, wie
man hrt, hchst achtungswerther Charakter. Ilse, ber jedes Lob ihrer Lieben
erfreut, ging arglos auf dies Gesprch ein und erzhlte von Gtern und Nachbarn
in ihrer Gegend. Endlich begann der Hofmarschall: Herr Bauer ist jeder
Auszeichnung wrdig; verzeihen Sie mir deshalb eine Frage: Hat Ihr Vater denn
niemals den Wunsch gehabt, geadelt zu werden?
    Nein, versetzte Ilse und sah den Hofmarschall gro an, wie sollte er zu
diesem Wunsch kommen?
    Ich enthalte mich aller Bemerkungen ber die gnstigen Folgen, welche eine
solche Erhebung fr die Zukunft Ihrer Geschwister haben wrde, sie liegen auf
der Hand. Es ist leicht zu begreifen, da bescheidenes Selbstgefhl einen Mann
verhindern kann, sich um diesen Vorzug zu bewerben. Ich bin aber berzeugt, da
des Frsten Hoheit auch im eigenen Interesse eine solche Verleihung gern sehen
wrde. Denn die Stellung Ihres Herrn Vaters zu meinem gndigsten Herrn wrde
dadurch viel gnstiger.
    Es ist eine recht gnstige Stellung, sagte Ilse.
    Ich darf wohl bei den persnlichen Beziehungen, in welche Sie zu unsern
hohen Herrschaften getreten sind, darber offener sprechen, fuhr der
Hofmarschall sicherer fort. Fr des Frsten Hoheit und fr uns alle wrde
werthvoll sein, wenn Hchstderselbe bei gelegentlicher Anwesenheit in jener
Gegend ein Haus fnde, in welchem eine gastliche Aufnahme mglich wre.
    Erstaunt unterbrach ihn Ilse: Ich bitte, Herr von Bergau, mir das nher
auseinanderzusetzen, ich verstehe von diesen Dingen gar nichts. Der Frst hat
doch schon einigemal unser Haus mit seiner Anwesenheit beehrt.
    Der Hofmarschall zuckte die Achseln. Man hat in der Noth das freundliche
Anerbieten Ihres Herrn Vaters angenommen, es mute immer ein kurzes, wie
gelegentliches Absteigen bleiben, denn wenn auch Ihr Vater selbst in seiner
amtlichen Stellung fr diese Ehre nicht ganz ungeeignet war, so fehlte doch die
Hausfrau, welche die Honneurs des Hauses machen konnte.
    Ich vertrat diese Stelle, so gut ich vermochte, sagte Ilse.
    Der Hofmarschall verneigte sich. Es hat Erwgungen gekostet, wie das
Frhstck einzurichten wre, ohne die Frauen des Hauses zu beleidigen, und es
war sehr willkommen, da Herr Bauer ganz davon absah, fr die Frauen eine
Theilnahme daran zu verlangen. Gestatten Sie mir endlich noch die Bemerkung,
eine Standeserhhung Ihres Vaters wrde sogar fr Sie sehr werthvoll sein. Denn
Ihr Herr Gemahl ist als Gelehrter von ausgezeichneten Verdiensten ebenfalls in
der Lage, da ein angedeuteter Wunsch desselben ihm Rang und Stand verschaffen
knnte, welche ihn bei Hofe etabliren. Unter diesen Voraussetzungen aber wrde
sich auch fr Sie ein Zutritt bei Hofe, wenn auch mit Beschrnkungen,
durchsetzen lassen. Dem Frsten und der Prinzessin wre durch unsere Hofordnung
Gelegenheit gegeben, Ihnen bisweilen im Schlosse bei Gegenwart der Chargen
Zutritt zu gestatten, zu grerem Hofball und Hofconcert wren Einladungen
mglich.
    Ilse stand auf. Es ist genug, Herr Hofmarschall, jetzt verstehe ich. Was
mein Vater thut, wenn ihm angeboten wird, wovon Sie sprechen, glaube ich zu
wissen; er wird lachen und das Angebotene zurckweisen, und er wird sagen, wenn
unser brgerliches Haus unserm Landesherrn nicht gut genug ist, darin
einzukehren, so verzichten wir auf diese Ehre. Ich aber habe im Zurckweisen
nicht die Ruhe, welche ich meinem Vater zutraue, und ich sage Ihnen, mein Herr,
wenn ich eine Ahnung gehabt htte, da ich als Frau der hiesigen Gesellschaft
nicht fr vollberechtigt gelte, ich wrde keinen Fu hierher gesetzt haben.
    Mit Mhe bezwang Ilse den Zorn, welcher in ihr arbeitete. Der Hofmarschall
war bestrzt und versuchte sich in zudeckender Rede, aber mit Frau Ilse war
nicht mehr zu verhandeln, sie blieb stehen und zwang ihn dadurch zum Aufbruch.
    Der Professor fand seine Frau im dunklen Zimmer vor sich hinbrtend. Willst
du einen Adelsbrief haben? rief sie aufspringend, er wird auf der Stelle fr
dich ausgefertigt und fr den Vater auch, damit wir alle den Vorzug erhalten,
volle Menschen zu werden, mit denen die Leute im Schlo verkehren knnen, ohne
sich gedemthigt zu fhlen. Es wird ihnen unbequem, da sie uns nur wie
Aegelegentlich sehen knnen. Ich wei jetzt, weshalb ich allein speise, und
weshalb der Frst in Bielstein nicht unsere Wohnstube betrat. Uns thut ein neuer
Name noth, damit wir die Bildung und den Anstand erhalten, welche uns wrdig
machen, zu Hofe zu gehen. Uns noch nicht einmal, vielleicht unsere Kinder.
Kannst du das anhren, ohne vor Scham zu errthen, da wir hier sind? Sie
fttern uns wie fremde Thiere, die sie sich aus Neugierde anschaffen und wohl
wieder aus dem Pferch hinausjagen.
    Holla, Ilse, rief Felix, du verwendest mehr Pathos, als nthig ist. Was
kmmern uns die Vorurtheile der Menschen hier? Wir sind hergekommen, weil sie
etwas von uns begehrten, wir etwas bei ihnen suchten. Hat der Frst nicht Alles
gethan, uns den Aufenthalt in der Weise angenehm zu machen, wie wir sie gewohnt
sind? Wenn die Leute hier durch den Brauch, in dem sie erzogen sind, und durch
die Sitte ihres Kreises veranlat werden, den Verkehr mit uns durch bestimmte
Formen abzugrenzen, was kmmert das uns? Wollen wir ihre Vertrauten werden und
mit ihnen zusammen leben wie mit unsern Freunden daheim? Solches Aufschlieen
unserer Seelen haben sie sich doch noch nicht verdient. Als wir herkamen, traten
wir in ein einfaches Contractverhltni, wir bernahmen auch die Verpflichtung,
uns in ihre Lebensordnung zu fgen.
    Und wir behielten die Freiheit, von hier zu gehen, sobald uns diese Ordnung
nicht mehr gefllt.
    Ganz recht, versetzte der Professor, sobald wir einen ausreichenden Grund
haben, sie unertrglich zu finden. Ich meine, das ist nicht der Fall. Man
verlangt von uns nichts Entwrdigendes, ja man zeigt uns beflissene
Aufmerksamkeit, was kmmert uns der Theil ihres Lebens, den sie uns nicht geben
und den wir zu begehren weder Recht noch Veranlassung haben.
    Tusche uns beide nicht, rief Ilse. Wenn in unserer Stadt Jemand zu dir
sagte, du darfst nur meine Schuhe ansehen, aber den Blick nicht bis zu meinem
Gesicht erheben, du darfst nur im Freien mit mir zusammenkommen, aber nicht in
meinem Hause, ich kann nur stehend bei dir essen, aber an deinem Tisch
niederzusitzen verbietet mir meine Wrde, was wirst du, der du so stolz in
deinem Kreise stehst, einem solchen Thoren antworten?
    Ich werde nach dem Grund seiner Befangenheit fragen, vielleicht ihn
bedauern, vielleicht mich von ihm wegwenden.
    So thu's hier, rief Ilse. Denn wir sind geladene Gste, vor denen die
Hausleute die Thr zusperren.
    Ich wiederhole dir, wir sind nicht Gste, welche geladen wurden, mit den
Menschen hier gesellig zu verkehren. Ich bin zur Arbeit hergerufen, und ich habe
diesen Ruf angenommen, weil ich fr meine Wissenschaft so Groes suche, da ich
weit andere Uebelstnde ertragen mte als etwa unbequeme Gewohnheiten des
Hofes. Dies wichtige Interesse darf ich nicht auf's Spiel setzen durch ein
Auflehnen gegen gesellige Ansprche, die mir nicht gefallen. Gerade weil ich
ohne besondere Ehrfurcht auf diese Ordnung sehe, strt sie mir nicht die Laune.
    Es thut aber weh und macht zornig, da Menschen, an deren Leben man Antheil
nimmt, an so greulich veraltetem Trdel hngen, rief Ilse immer noch erbittert.
    Das also ist es? frug Felix. Wir sorgen auch um das Seelenheil der
Anspruchsvollen selbst? Das lt sich eher hren. Nun, an jedem Privilegium
hngt ein alter Fluch, der die Meisten trifft, welche daran Theil haben. Das mag
auch von den Vorrechten des Hofes gelten. Das Leben unserer Frsten ist in den
Bann bestimmter Kreise eingeschlossen, Anschauung und Vorurtheil einer Umgebung,
die sie sich nicht frei whlen drfen, umgibt sie vom ersten Tage ihres Lebens
bis zum letzten. Da sie nicht strker und freier sind, rhrt zum groen Theil
von der engen Atmosphre, in welche sie durch die Etikette gebannt sind. Das ist
ein Unglck nicht nur fr sie selbst, ist fr uns alle ein Leiden, da unsere
Frsten so hufig die brgerliche Gesellschaft mit den Augen eines Kammerjunkers
betrachten. Diesen Uebelstand mag man als Mitlebender schmerzlich fhlen. Und
ich meine allerdings, der Kampf, welcher in unserm Vaterlande auf verschiedenen
Gebieten entbrannt ist, wird nicht eher mit einem guten Frieden enden, als bis
die Gefahren beseitigt sind, welche die alte Hofordnung der Erziehung unserer
Frsten bereitet. Auch scheint mir in der That, da diese starre Ordnung schon
an vielen Stellen durchlchert ist, die Zeit mag kommen, wo das Unverstndige
darin ein Stoff fr gute Laune und Satire wird. Denn die Etikette der Hfe ist
zuletzt ein Ueberrest aus vergangener Zeit, wie unsere Zunftverfassung und
hnlicher veralteter Brauch. Darin hast du Recht. Wer sich aber persnlich so
sehr reizen lt, wie du in dieser Stunde, der setzt sich dem Argwohn aus, da
er nur deshalb zrnt, weil er sich selbst den Zutritt zu abgeschlossenen Kreisen
begehrt.
    Ilse sah schweigend vor sich nieder. Dir und mir, fuhr der Professor fort,
geziemt bei zuflliger persnlicher Berhrung mit solchen Anschauungen nur
Eines: khle Nichtachtung. Wir wnschen zum Vortheil unserer Frsten die
Schranken beseitigt, welche ihnen den Verkehr mit ihrem Volke einengen, aber wir
haben durchaus nicht Wunsch und Drang, uns an die Stelle derer zu setzen, auf
welche die Gebieter unseres Landes jetzt ausschlielich angewiesen sind. Denn im
Vertrauen, wir alle, deren Leben in angestrengter, geschftlicher Thtigkeit
verluft, wir wrden in der Regel schlechte Gesellschafter der Frsten sein, uns
fehlt nicht nur die zierliche Sicherheit der Form, die sich eher gewinnen liee,
auch die wohlthuende Gefgigkeit im Tagesverkehr, die Strkeren werden leicht
durch Unabhngigkeit verletzen, die Schwachen durch haltlose Unterwrfigkeit
verchtlich werden. Nur die Freiheit der Wahl fordern wir fr die Regierenden.
Ein Gefhl drfen wir aber ohne Ueberhebung bewahren, da Alle, die sich
gesellig von unsern Kreisen scheiden, mehr verlieren als wir. Was die Herzen
erwrmt, den Geist erhellt, mu man aus dem Volke holen. Wer sich das schwer
macht, der entbehrt.
    Ilse trat zu ihm und legte ihre Hand in die seine.
    Deshalb, Frau Ilse, fuhr der Gatte heiter fort, la dir ruhig fr diese
wenigen Wochen gefallen, was um dich vorgeht. Kme dir einmal die Aufforderung,
in Wirklichkeit Gast fr die Geselligkeit eines Hofes zu werden, dann magst du
vorher ber deine Ansprche in Verhandlung treten, und wenn du in solchem Falle
ablehnst, dann thust du's mit Lachen.
    Sprichst du so aus sicherer Ruhe deiner Seele? frug Ilse und sah den
Gatten forschend an, oder weil dir jetzt sehr viel daran liegt, hier zu
bleiben?
    Mir liegt Alles an meiner Handschrift, versetzte der Professor, im
Uebrigen entbehre ich der Ruhe weniger als du. Denn du hast in deiner Jugend und
vollends im letzten Jahr mit warmer Empfindung um Personen dieses
Frstenschlosses gesorgt, du hast dich in einzelnen Stunden ihnen vertraulich
nahe gefhlt, und deshalb bist du jetzt mehr verletzt, als nthig wre.
    Ilse nickte besttigend mit dem Haupt.
    Halt' aus, Ilse, mahnte der Gatte herzlich, denke daran, da du frei bist
und jeden Tag davon fliegen kannst. Aber mir wre lieb, wenn du mich nicht
allein lieest.
    Ist dir das lieb, Felix? frug Ilse weich.
    Unglubige, rief der Professor. Heut lassen wir das Theater und nehmen
unsere Leseabende auf. Ich habe mitgebracht, was dir die Grillen vertreiben
soll. Er trug die Lampe auf den Tisch, schlug ein kleines Buch auf und begann:
Es war an einem Pfingstentag, Nobel, der Knig von allen Thieren, hielt Hof
und so fort.
    Frau Ilse sa, die Arbeit in der Hand, neben dem Gatten, wie sonst fiel das
Licht der Lampe auf das Antlitz des Geliebten, sie suchte sphend darin zu
lesen, ob er noch gegen sie fhle, wie ehemals; bis endlich die Frevelthaten des
Fuchses auch ihre Lippen zum Lcheln zogen und sie ihm das Buch aus der Hand
nahm, um weiter zu lesen mit ruhigem Athem, behaglich, wie in der Heimat. -
    Wie geht es der kranken Frau von Bergau? frug am andern Morgen die Prinze
ihr Hoffrulein, die kleine Gotlinde Thurn.
    Schlecht, Hoheit, sie hat sich sehr aufgeregt ber die pltzliche Abreise
ihres Gatten, und ihre Entbindung wird jede Stunde erwartet.
    Bergau ist verreist? warum jetzt? frug die Prinze erstaunt.
    Der Frst hat ihm den Einkauf von Porzellan in einer fremden Stadt
befohlen.
    Die Prinzessin sah bedeutsam auf die Vertraute. Verzeihen Hoheit, da ich
es auszusprechen wage, fuhr das Hoffrulein fort, wir alle sind emprt. Bergau
hat gestern, wie man vernimmt, einen Auftritt mit der fremden Dame im Pavillon
gehabt, heut frh hat er von des Frsten Hoheit den Befehl erhalten unter
Ausdrcken, welche jede Einwendung unmglich machten.
    Was hat's denn im Pavillon gegeben? frug die Prinzessin.
    Das wei man nicht, erwiederte das erzrnte Frulein. Aus den Andeutungen
Bergau's mu man schlieen, da die Fremde Ansprche erhoben hat, Zutritt bei
Hofe gefordert und mit ihrer Abreise gedroht. - Die Anmaung der Fremden ist
unleidlich, wir alle bitten, da Hoheit die Gnade haben, unsere Rechte zu
vertreten.
    Gute Linda, ich bin fr euch ein gefhrlicher Bundesgenosse, versetzte die
Prinzessin traurig.

    Der Geburtstag der Prinzessin wurde von Hof und Stadt gefeiert. Viele Leute
trugen Festkleider, lange Zge Glckwnschender bewegten sich nach dem Vorzimmer
des Frstenkindes, zwei Diener hatten vollauf zu thun, Listen und Federn
darzubieten, damit die Ankommenden ihre Namen einzeichneten. Die Prinze empfing
am Morgen den Hofstaat; sie erschien zum ersten Mal in hellen Farben und sah
schner aus als je. In dem geffneten Seitenzimmer standen die Tische, welche
mit Geschenken bedeckt waren, viel wurde von den Damen das prachtvolle Kleid
bewundert, welches der Frst seiner Tochter verschrieben hatte, und von den
Weisen des Hofes kaum weniger die schne Arbeit an den Miniaturen des Magisters.
    Um drei Uhr begann das Concert im Schlogarten, Herren und Frauen des Adels,
der Beamten und Brgerschaft traten in den gedeckten Raum, die Damen der
Prinzessin begrten und ordneten die Frauenwelt durch leise Winke zu einem
groen Kreis, hinter welchen die Herren als dunkle Einfassung traten, auf der
einen Seite die Familien des Hofes, auf der andern die Stadt. Die Gste fgten
sich mit Behendigkeit dem Zwange der mathematischen Linie, nur auf der
Stadtseite gab's kleine Unordnung. Der neue Stadtrath Gottlieb, ein ansehnlicher
Fleischermeister, schob Frau und Tochter nach hinten und stellte sich
breitbeinig in die Vorderreihe, und es bedurfte einer Aufforderung des
Hoffruleins, um die Zurckgestellten hervorzuziehen. Ich zahle die Steuern,
sagte der gebndigte Gottlieb mit verlegenem Trotz zu seiner Umgebung, aber er
begegnete auch bei seinen Nachbarn einem verurtheilenden Lcheln.
    Als Ilse neben dem Gatten in die fremde Gesellschaft trat, fhlte sie sich
durch die kalten, neugierigen Blicke erschreckt, welche von allen Seiten gegen
sie stachen. Der Kammerherr fhrte sie zu der ersten Hofdame, und die Barone
machte nach khler Begrung eine gehaltene Handbewegung, durch welche Ilse an
das Ende der Hofseite gegenber dem Eingange gestellt wurde. Pnktlich
erschienen unter Vortritt der Marschlle die Herrschaften, am Arme des Frsten
strahlend und lchelnd die Prinze, hinter ihr die Prinzen. Die Kleider der
Damen rauschten wie Wellen bei dem ehrfrchtigen Niedertauchen, hinter ihnen
beugte auch der Mnnerkreis seine Hupter in feierlichem Schwunge. Die Prinze
machte die tiefe Cercleverneigung, ein Meisterstck hchster Hoftechnik, und
begann ihren Rundgang. Frau Sonne schien warm wie im Sommer, Alles freute sich
des schnen Tages und des frohen Geburtstagskindes; die Prinze war wieder von
bezaubernder Liebenswrdigkeit und erwies heut ihre Begabung, sich edel
darzustellen, in der gehobenen Stimmung, welche, wie man sagt, von der Ausbung
schner Kunst unzertrennlich ist. Vor ihr bewegte sich die Hofdame, zog Einzelne
noch durch einen Wink zur Vorderreihe und nannte die Namen, welche der Prinze
etwa fremd waren. Die Prinzessin hatte fr Jeden ein herzliches Wort oder doch
ein Kopfnicken und ses Lcheln, welche das Gefhl gaben, da man wohl beachtet
sei. Der Frst aber stand heut unter seinen Brgern mit aller Behbigkeit eines
guten Hausvaters.
    Eine groe Zahl alter Freunde und Nachbarn, sagte er dem
Oberbrgermeister. Ich wute, da dies ganz nach dem Herzen meines Kindes sein
wrde. Denn es ist fr sie nach schwerer Prfungszeit wieder das erste Mal, da
sie mit Vielen zusammentrifft, welche freundlichen Antheil an ihrem Leben
nehmen.
    Aber keine von allen geladenen Frauen sah mit solcher Spannung auf den
Cercle der Prinzessin, als Ilse. Sie verga ihren Zorn ber Standesvorurtheile,
sie verga auch das Mibehagen, welches ihr die eigene Einsamkeit unter den
fremden Frauen bereitete, und blickte unverwandt auf die junge Frstin. Etwas
von dem Reiz, den die Huld der vornehmen Dame fr die Anwesenden hatte, empfand
doch auch Ilse. Diese Leichtigkeit, in wenig Minuten so Vielen etwas
Wohlthuendes von dem eigenen Wesen zu geben, war ihr ganz neu. Unruhig schaute
sie nach ihrem Felix zurck, auch er beobachtete mit Freude die anmuthsvollen
Bewegungen der Prinzessin. Sie kam nher, Ilse vernahm ihre Fragen und die
Antworten der Glcklichen, denen sie nhere Beachtung zu Theil werden lie. Ilse
sah auch, da das Auge der Prinzessin flchtig bis zu ihr hinabstreifte, und da
sein Ausdruck ernster wurde. Die Prinze hatte sich bei einem alten Frulein,
das vor Ilse stand, verweilt und angelegentlich nach dem Befinden der kranken
Mutter erkundigt, jetzt schritt sie langsam an Ilse vorber, neigte fast
unmerklich das Haupt und sagte leise: Ich hre, Sie wollen uns verlassen.
    Die unerwartete Frage und Klte in Ton und Angesicht regten den Stolz der
Professorin auf, unter dem Strahl ihrer groen Augen hob sich auch die Gestalt
der Prinzessin, beide wechselten einen feindseligen Blick, als Ilse antwortete:
Ich bitte Ew. Hoheit um Verzeihung, wenn ich bei meinem Gatten bleibe. Die
Prinze sah auf den Professor, wieder flog ein frhliches Lachen ber ihr
Gesicht, sie setzte ihre Wanderung fort. Auch Ilse wandte sich schnell zu ihrem
Mann, er schaute durchaus harmlos und vergngt in die Welt, er hatte von dem
kleinen Auftritt gar nichts gemerkt.
    Wohl aber der Frst. Denn er schritt quer durch den Raum auf Ilse zu und
begann: Unter alten Bekannten begren wir auch die neuen. Doch fr mich und
den Erbprinzen pat der Ausdruck nicht. Denn wir sind der Gastlichkeit Ihres
Hauses oft zu Dank verpflichtet gewesen, und es ist uns besonders werthvoll, da
wir Ihnen heut den Kreis zeigen, in welchem wir heimisch sind. Ich bedaure, da
Ihr Herr Vater nicht unter uns ist, ich hege warme Achtung vor seiner gediegenen
Tchtigkeit und ich wei seine Verdienste um die Landschaft sehr wohl zu
schtzen. Er hat bei der landwirthschaftlichen Ausstellung einen Preis erhalten,
richten Sie ihm meine Glckwnsche aus. Ich hoffe, sein Beispiel wird fr mein
Land nicht verloren sein.
    Der Frst verstand gut zu machen, was sein Hof an Ilse versah. Eine
Professorfrau hat starke Bedenken gegen Hofbrauch und vornehme Ansprche. Aber
wenn denen, die sie liebt, in feierlicher Versammlung ein wohlverdientes Lob aus
erlauchtem Munde zu Theil wird, das freut sie doch trotz alledem. Nach der
verletzenden Frage der Tochter war die glnzende Auszeichnung durch den Vater
eine schne Genugthuung. Ilse sah den Frsten mit einem Blick inniger
Dankbarkeit an und dieser wandte sich jetzt freundlich zu ihrem Felix und blieb
lange vor ihm stehen. Als er endlich zu Andern trat, hatte die ungewhnliche
Beachtung, welche er den Fremden vor seinem versammelten Volke gnnte, die
landesblichen Folgen; auch die Herren des Hofes schoben sich heran und erwiesen
Ilse und dem Professor von der Seite ihre Aufmerksamkeit. Ilse sah jetzt ruhiger
in den Kreis und bemerkte, wie der Erbprinz langsam durch die Reihen ging und
Herren und Damen nach einer geheimen, wohlgeordneten Reihenfolge aussuchte,
dabei mitunter auf dem Wege anhielt und sein Augenglas bewegte, als ob er etwas
berlege; whrend Prinz Victor als Komet eine durchaus unregelmige Bahn
wandelte, deren Punkte sich nur bestimmen lieen, wenn man die hbschesten
Gesichter heraussuchte. Er hatte lange mit der Tochter des Stadtrath Gottlieb
gesprochen und das Frulein zu einem Lachen gebracht, ber das sie selbst so
erschrak, da sie roth wurde und ihr Taschentuch vor den Mund hielt; als er
pltzlich neben Ilse stand. Eine solche Blumenausstellung ist lustig, begann
er nachlssig wie zu einem guten Kameraden. Man mu freilich auch manchen
stachligen Cactus in Kauf nehmen.
    Fr die Herrschaften, welche mit so Vielen zu sprechen haben, mag sie doch
ermdend sein, sagte Ilse.
    Glauben Sie das ja nicht, versetzte Victor. Es ist s, soviel Leute vor
sich zu sehen, welche nicht mucksen drfen, wenn man's ihnen nicht erlaubt; fr
diesen Genu ertrgt frstliches Blut noch grere Strapazen. Kennen Sie das
Spiel: Dreh dich nicht um, der Plumpsack geht um? Dies hier ist eine Abart,
welche zum Vergngen hoher Herrschaften eingerichtet wurde. Nur da die Klapse
nicht auf den Rcken, sondern vorn verabreicht werden.
    Der Kreis gerieth in Bewegung, der Frst bot der Prinzessin den Arm und
fhrte sie in ein groes buntverziertes Zelt, die Gste folgten, eine Schaar
Lakaien bot Erfrischungen. Darauf nahmen die Damen hinter den hohen Herrschaften
Platz, die Herren standen in der Runde. Das Concert begann mit majesttischem
Paukenschlag und ging nach kurzem Verlauf, unter rasenden Einfllen smmtlicher
Geigen, zu Ende. Jetzt aber begrte die Prinzessin auch die Herren, diese
allerdings mit minderer Regelmigkeit. Ilse ward von Frulein von Lossau in ein
Gesprch verflochten, die Prinze aber trat zu Felix Werner und that eifrige
Fragen, der Professor wurde warm und erklrte, die Prinze frug immer mehr,
lachte und antwortete. Der dienstthuende Obermarschall blickte verstohlen nach
der Uhr, es war hchste Zeit fr die Damen des Hofes, sich zum Diner
umzukleiden, der Frst aber winkte ihm zu, sah zufrieden nach der Prinzessin und
sagte in bester Laune zu seinem Sohn: Heut regiert sie, wir warten gern.
    Meine liebe Hoheit vergit uns alle ber den Fremden, flsterte Frulein
von Thurn bekmmert dem Prinzen Victor zu.
    Beruhigen Sie deshalb Ihr treues Herz, Dame Gotlinde, trstete der Prinz.
Unsre Herrin Bradamante hat ihre siegreichen Waffen ein langes Jahr nicht
gebraucht; sie wrde heut ihre Kraft versuchen und wenn sie einen Kohlkopf vor
sich htte.
    Am nchsten Morgen sa die Prinzessin unter ihren Hofdamen, der vergangene
Tag wurde besprochen wie Brauch ist, die Prinzessin bewundert, ber Abwesende
ein wenig geurtheilt und ber Kleidung und Haltung einiger Stadtmtter Erstaunen
ausgedrckt.
    Aber mit der Stadtkmmerin haben Hoheit nicht gesprochen, rief Gotlinde
Thurn, die arme Frau hat das als Zurcksetzung empfunden und nach dem Concert
geweint.
    Wo stand sie? frug die Prinze.
    Nahe bei der Fremden, antwortete die Thurn.
    Ah deshalb, rief die Prinze. Wie sieht sie denn aus?
    Ein rundes Frauchen mit braunen Augen und rothen Backen. Mein Bruder wohnt
in ihrem Hause, daher kenne ich sie. Sie versteht ausgezeichnete Obstkuchen zu
backen.
    Mach's gut, Linda, sagte die Prinze, sage ihr etwas Freundliches von
mir.
    Darf ich ihr erzhlen, da Hoheit von ihrem guten Kirschsafte gehrt haben
und gern einige Flaschen davon erhalten wrden? Das macht sie berglcklich.
    Die Prinzessin nickte. Die Tochter des Stadtrath Gottlieb wird eine
Schnheit, lobte die Baronin Hallstein.
    Prinz Victor hat alle Andern ber ihr vergessen, rief die Lossau gekrnkt.
    Wnschen Sie sich Glck, liebe Betty, versetzte die Prinzessin scharf,
wenn Sie von meinem Vetter vergessen werden. Die Aufmerksamkeiten des Prinzen
sind in der Regel beunruhigend fr die Damen, denen er sie zu Theil werden
lt.
    Aber dankbar sind wir alle, rief die Hallstein, eine Dame von Muth und
Charakter, da Ew. Hoheit gegenber der Frau vom Pavillon den Hof vertreten
haben. Die khle Abfertigung hat allgemein gefreut.
    Meinst du, Wally? sagte die Prinze nachdenkend. Die Frau ist stolz und
hat mir getrotzt. Aber ich hatte sie zuerst verletzt und an einem Tage, wo ich
im Vortheil war.

                                       4.

                                        

                                  Neckereien.


Das Jahr lie sich nach jeder Richtung leichtfertig an. Die Schnepfen waren
huslich eingerichtet, bevor die Jger ihre Wasserstiefeln angelegt hatten, und
die Mrzbecher hatten wirklich im Mrz geblht. Der Mond lachte zwischen dem
ersten und letzten Viertel jeden Abend mit schiefgezogenem Mund, an den Hfen
begannen Prinzessinnen mit Professoren nach verlorenen Handschriften zu suchen
und in den Stdten zeigten die Brger eine ungewhnliche Neigung zu Maitrank und
zu gewagten Unternehmungen. Auch ruhige Kpfe erfate der Taumel, Stroh und
Papier wurden mchtig. Alle Welt trug nicht nur Hte, auch Mtzen von Stroh,
alle Welt betheiligte sich an Papiergeschften und neuen Aktien. Das Haus Hahn
kam obenauf. Die Bestellungen der kleinen Kaufleute liefen so massenhaft ein,
da sie gar nicht mehr ausgefhrt werden konnten, in allen Winkeln des Hauses
saen Mdchen und nhten Strohbnder zusammen, der Schwefelgeruch wurde auf der
Strae und in den Nachbargrten unertrglich. Herr Hummel sa des Abends auf
seinem umgestrzten Kahn, wie Napoleon auf Helena als ein berwundener
Standpunkt und aufgegebener Mann. Mit zorniger Verachtung schaute er auf den
Taumel der Menschheit. Wiederholt forderten ihn seine Bekannten auf, die groe
Bewegung auf sich wirken zu lassen, Mitglied zu werden von irgendeiner
Gesellschaft, eine Bank zu grnden, Kohlen zu graben, Eisen zu schmelzen. Er
wies alle diese Zumuthungen kurz von sich ab. Wenn er in seine thatlosen
Werksttten ging, welche sich fast nur durch den Kampf gegen Motten erhielten,
und sein Buchhalter eine Vermuthung ber die nchsten Pariser Hutformen wagte,
so lachte er wild und entgegnete: Ich verbitte mir jede Muthmaung ber die
Deckel, welche die Leute brauchen werden, wenn dieser Schwindel aufhrt. Wollen
Sie aber durchaus die nchste Mode wissen, so will ich sie Ihnen andeuten.
Pechkappen werden die Leute tragen. Ich wundere mich, da Sie noch an Ihrem
Pulte sitzen. Warum machen Sie es nicht wie andere Ihrer Collegen, welche jetzt
berall in den Weinhusern liegen?
    Herr Hummel, das erlauben mir meine Mittel nicht, versetzte der gedrckte
Mann.
    Ihre Mittel? rief Hummel, wer fragt jetzt darnach? Schwefelhlzer sind so
gut wie baar Geld, die Eckensteher machen Wechselgeschfte und schenken einander
ihre Brustbilder. Warum leben Sie nicht wie der Buchhalter Knips von drben? Als
ich meiner Frau beim Italiener eine Apfelsine kaufte, sah ich ihn in der
Hinterstube sitzen mit einer Flasche Champagner in Eis. Warum setzen Sie sich
nicht auch ins Eis in dieser hitzigen Zeit? Es ist Alles ein greulicher
Schwindel geworden, ein Sodom und Gomorrha, das Strohfeuer brennt, aber es wird
ein Ende mit Schrecken nehmen.
    Herr Hummel schlo sein Comtoir und schritt im Zwielicht nach dem Stadtpark,
wo er wie ein Geist an der Grenze seines Grundstcks auf und ab wandelte. Aus
seinen Betrachtungen wurde er durch ein wildes Geklff des rothen Hundes
geweckt, welcher an eine umschattete Bank des Parks strzte und wthend in die
Stiefeln und Beinkleider eines Mannes bi. Hummel trat nher, ein Mnnlein und
ein Frulein flogen auseinander. Hummel war Weltmann genug, sich nichts merken
zu lassen, aber er zog sich eilig in seinen Garten zurck und setzte dort seine
Wanderung im Sturmschritt fort. Ich hab's gewut, ich hab's gesagt, ich habe
gewarnt. Der arme Teufel. Dabei trat er zornig auf den eignen Buchsbaum und
verga die Stunde des Abendessens, so da seine Frau zweimal in den Garten rufen
mute. Auch als er bei Tische sa, finster und mit einem Wetter geladen, uerte
er eine so tiefe Menschenverachtung, da die Frauen bald verstummten. Laura
machte noch einen Versuch, das Gesprch auf die Frau Brgermeisterin zu bringen,
welcher Hummel groe Verehrung bewies, sooft sie vorbeiging, aber er brach in
die entsetzlichen Worte aus: Sie ist auch nichts Besseres als ein Weib.
    Jetzt ist's genug, Hummel, rief seine Frau, dieses Benehmen ist sehr
unerfreulich, und ich mu dich ersuchen, deine ble Laune nicht so weit zu
treiben, da sie dich des Urtheils ber weiblichen Werth beraubt. Ich kann
Vieles verzeihen, aber niemals einen Frevel am Adel menschlicher Natur.
    Bleib mir vom Leibe mit deinem menschlichen Adel, versetzte Hummel, stand
vom Tisch auf, rckte heftig den Stuhl an seinen Platz und strmte in die
Nebenstube, wo er im Halbdunkel wieder zornig auf und ab schritt; denn Gabriel
lag ihm sehr im Sinn. Allerdings war die gesellschaftliche Stellung dieses
Mannes keine hervorragende, er war nicht Verwandter, nicht Hausbesitzer, nicht
einmal Brger. Deshalb erwog Herr Hummel, da eine Einmischung in die geheimen
Gefhle desselben ihm selbst schwerlich anstehe. Aber zu dieser Erkenntni drang
er nicht ohne Kmpfe durch. Und er vermochte die Stimme, welche in einem Winkel
seines Herzens zu Gunsten Gabriels brummte, durchaus nicht zum Schweigen zu
bringen.
    Unterde saen die Frauen an dem verstrten Tisch. Laura sah finster vor
sich nieder, ihr waren solche Auftritte nicht neu und sie wurden ihr immer
schmerzlicher. Die Mutter aber war ber den unverhohlenen Zorn gegen die
Frauenwelt sehr bestrzt und versank unter den Wogen sturmbewegter Gedanken. Sie
kam endlich zu der Ueberzeugung, da Hummel eiferschtig sei. Das war sehr
lcherlich, und es gab durchaus keine ertrgliche Veranlassung zu solcher
Leidenschaft. Aber die Einflle der Mnner waren von je unberechenbar. Der Mime
war den Tag vorher auf ihren Wunsch erschienen, er war sehr unterhaltend
gewesen, Braten und Wein hatten ihm vortrefflich geschmeckt und er hatte ihr
beim Abschiede mit khnem dramatischen Blick die Hand gekt. War es mglich,
da dieser Blick das Unheil angerichtet hatte? Jetzt ging auch Frau Hummel auf
und ab, sah im Vorbeigehen nach dem Spiegel und beschlo als tapfere Hausfrau
ihrem Mann noch heut Abend seine Thorheit vorzuhalten. Geh hinauf, Laura,
sagte sie leise zu ihrer Tochter, ich habe mit deinem Vater allein zu
sprechen.
    Laura nahm schweigend den Leuchter und trug ihn auf ihren Geheimtisch, sie
stellte sich an das Fenster und sah nach dem Nachbarhause hinber, wo die Lampe
des Doctors durch die Vorhnge schimmerte. Sie rang die Hnde und rief: Fort,
fort von hier, das ist die einzige Rettung fr mich und ihn.
    Unterde hatte Frau Hummel das Nachtmahl abrumen lassen, sie sammelte noch
einmal Muth zu der bevorstehenden schweren Stunde und trat endlich an die Thr
des Nebenzimmers, in welchem Herr Hummel noch immer umhertobte. Heinrich,
begann sie feierlich, bist du jetzt im Stande, den Fall, welcher dir alle
Haltung geraubt hat, ruhig zu betrachten?
    Nein, rief Hummel und warf einen Stiefel an die Thr.
    Ich kenne die Veranlassung deines Zorns, fuhr Frau Hummel fort und blickte
verschmt vor sich nieder. Darber bedarf es keiner Erklrung. Es ist mglich,
da er sich zuweilen mit Blicken und kleinen Bemerkungen mehr herauswagt als
nthig wre, aber er ist doch ein talentvoller und liebenswrdiger Mann und man
mu seinem Beruf etwas zu Gute halten.
    Er ist ein elender Laffe, rief Herr Hummel und schleuderte den zweiten
Stiefel von sich.
    Das ist nicht wahr, rief Frau Hummel eifrig. Aber wenn es wre, Heinrich,
selbst wenn du ihm jede Unwrdigkeit zutrauen knntest, vergi nicht, da in dem
Herzen des Weibes Stolz und Pflichtgefhl wohnen, und da dein Verdacht eine
Beleidigung gegen diese schtzenden Genien wird.
    Sie ist eine gefallschtige, einfltige Gans, rief Hummel und ri seine
Schlafschuhe unter dem Bett hervor.
    Frau Hummel fuhr entsetzt zurck. Diese Behandlung hat dein Weib nicht
verdient. Du trittst mit Fen, was dir heilig sein sollte. Komm zu dir, ich
beschwre dich, deine Eifersucht bringt dich dem Wahnsinn nahe.
    Ich eiferschtig auf solche Person? rief Hummel verchtlich und klopfte
heftig die Asche seiner Pfeife aus. Dann mte ich in der That verrckt sein.
La mich mit all dem Unsinn in Ruhe.
    Frau Hummel ergriff ihr Taschentuch und begann zu schluchzen. Er war mir
manchmal eine Erheiterung, er erzhlte Geschichten, wie ich sie in meinem Leben
nie wieder hren werde, aber wenn er dich so aufregt, da alle Vernunft deiner
Seele schwindet und du deine Frau durch die unwrdigsten Vgelnamen beschimpfst
- ich habe manches Opfer gebracht in unserer Ehe, auch er soll noch am Altar des
huslichen Friedens fallen. Nimm ihn hin, er soll nie wieder eingeladen werden.
    Wer ist Er? frug Hummel.
    Wer sonst als unser Komiker?
    Wer ist sie?
    Frau Hummel sah ihn mit einem Blick an, der unzweifelhaft machte, da sie
selbst die Dame war.
    Ist es mglich? rief Hummel erstaunt. So schwimmen wir Aepfel? Warum
willst du deinen Theaterhanswurst am huslichen Altar schlachten? Setze ihm
lieber etwas Geschlachtetes vor, das wird fr alle Theile bequemer sein. Sei
ruhig, Philippine. Du bist manchmal undeutlich in deinen Reden und du machst zu
viel Geklatsch, du hast deine Theatergespinste im Kopfe und du hast deine Launen
und verwirrten Einflle, aber im Uebrigen bist du meine brave Frau, auf die ich
nichts kommen lasse, weder vor Andern noch in meinen Gedanken. Und jetzt fahre
mir nicht mehr vor dem Lichte herum, denn ich habe mich entschlossen, und ich
will ihm einen Brief schreiben.
    Whrend Frau Hummel sich betubt auf das Sopha setzte und berlegte, ob sie
durch das Lob ihres Gatten gekrnkt oder beruhigt sein drfe und ob sie sich
selbst nrrisch getuscht, oder ob Heinrichs Wahnsinn nur die neue furchtbare
Form der Bonhommie angenommen habe, schrieb Herr Hummel wie folgt:
    Mein guter Gabriel, gestern, den 17. hujus, Abends 73/4 Uhr, sah ich auf
der Bank Numero 4 der Waldwiese die Dorothee von drben und Knips junior
zusammensitzen. Da Speihahn attakirte, flohen sie auseinander. Dies zur Warnung
und weitern Beschlufassung. Ich bin bereit, nach Ihrer Ordre zu verfahren.
Stroh, Gabriel! Ihr affectionirter H. Hummel.
    Zu gleicher Zeit mit diesem Schreiben flog ein Brief Laura's an Ilse in den
Pavillon. Recht kummervoll schrieb die treue Seele. Die kleinen Hndel des
Hauses und der Nachbarschaft krnkten sie mehr als nthig war, von dem Doctor
sah sie wenig, und was ihr den bittersten Schmerz machte, sie hatte das letzte
Lied ausgegeben, sie wute dem Doctor nichts mehr zu senden und wollte den
Briefwechsel ohne Beilage fortsetzen. Verwundert las Ilse einen Satz, dessen
Sinn ihr nicht recht verstndlich war. Ich habe mir bei Frulein Jeannette
Erlaubni ausgewirkt, einzelne Lehrstunden in ihrer Anstalt zu geben, ich will
nicht lnger ein unntzer Brotesser sein. Seit ich Dich aus meiner Nhe
verloren, ist es um mich kalt und de, mein einziger Trost bleibt, da ich
wenigstens vorbereitet bin, auch in die Fremde zu fliegen und dort die Krnchen
einzusammeln, welche ich zur Fristung meines Lebens brauche.
    Wo ist mein Mann? frug Ilse ihr Mdchen.
    Der Herr Professor ist zu Ihrer Hoheit der Frau Prinzessin gegangen.
    Rufen Sie Gabriel.
    Er hat eine traurige Nachricht erhalten, er sitzt auf seiner Stube.
    Gleich darauf trat der Diener mit verstrtem Wesen ein. Was ist geschehen,
Gabriel? frug Ilse erschrocken.
    Es ist nur in meinen eigenen Sachen, versetzte Gabriel mit bebender
Stimme, es ist keine gute Nachricht, welche mir dies Papier zugetragen hat. Er
griff in den Rock und holte Hummels zerknitterten Brief hervor, wandte sich ab
und legte den Kopf auf das Holz des Fenster.
    Armer Gabriel! rief Ilse. Aber noch ist eine Erklrung mglich, welche
das Mdchen rechtfertigt.
    Ich danke Ihnen fr den guten Glauben, Frau Professorin, sagte Gabriel
feierlich, aber dieser Brief meldet mein Unglck. Der ihn geschrieben hat, ist
zuverlssig wie Gold. Ich wute Alles, bevor ich ihn erhielt. Sie hat mir auf
mein letztes Schreiben nicht geantwortet, sie hat mir die Brieftasche nicht
geschickt, und gestern gegen Abend, als ich drauen umherging und gerade an sie
dachte, flog neben mir eine Lerche in die Hhe und sang mir ein Lied, das mir
Gewiheit gab.
    Das ist Thorheit, Gabriel, Sie drfen nicht dadurch Ihr Urtheil bestimmen
lassen, weil Ihnen zufllig bei einem Vogel trbe Gedanken kommen.
    Es war deutlich, Frau Professorin, erwiederte Gabriel traurig. Gerade als
die Lerche aufflog und ich an die Dorothee dachte, fielen mir Worte ein, die ich
als Kind gehrt hatte und seit der Zeit nicht wieder. Es ist kein Aberglaube
dabei und ich kann Ihnen den Spruch erzhlen: Lerche, liebe Lerche, hoch ber
dem Rauch, was hast du mir Neues zu sagen? Dieser Gedanke kam mir, und darauf
vernahm ich so deutlich, als wenn mir Jemand die Antwort ins Ohr sprche: Zwei
Verliebte seh' ich am Haselstrauch, den dritten hr' ich klagen, zwei treten
ber den Stein in das geweihte Haus, der dritte sitzt allein und wischt sich die
Augen aus. Gabriel fuhr nach seinem Taschentuch. Das war eine sichere
Vorbedeutung, die Dorothee verleugnet mich.
    Gabriel, ich frchte, sie war immer ein Flattergeist, rief Ilse.
    Sie hat selbst ein Herz wie ein Vogel, entschuldigte Gabriel, sie ist
keine ernste Person und hat die Art, Alle freundlich anzulachen. Das wute ich.
Aber da sie frhlich und sorglos war und angenehm scherzte, hat sie mir lieb
gemacht. Es war ein Unglck fr mich und sie, da ich von ihr weggehen mute,
gerade da sie ihr Gemth auf mich richtete und die Andern abhielt, welche hbsch
gegen sie thaten. Denn ich wei, der Buchhalter hatte schon lange ein Auge auf
sie, er hatte ihr Aussicht gemacht, sie zu heiraten, und das war eine bessere
Versorgung, als ich ihr geben konnte.
    Hier mu etwas geschehen, rief Ilse. Wollen Sie nach der Stadt zurck und
selbst zum Rechten sehen? Mein Mann wird Ihnen sogleich die Erlaubni geben.
Vielleicht ist es doch nicht so schlimm.
    Fr mich ist es so schlimm, als es sein kann, Frau Professorin. Wollen Sie
die Gte haben und fr die Dorothee sorgen, da sie nicht unglcklich wird, so
danke ich Ihnen von Herzen. Ich will sie nie wieder sehen. Ja, Frau Professorin,
hat man Jemanden lieb, soll man ihn nicht alleinlassen, wenn er in Versuchung
ist.
    Ilse versuchte zu trsten, aber sie fhlte die Worte Gabriels tief in ihrem
Herzen. Der Dritte sitzt allein, klagte es in ihr fort.
    Sie stand wieder allein im Saal und sah scheu auf die fremden Wnde. Aller
Schmerz, der je in diesem Raume eine Menschenseele bewegt hatte, Eifersucht und
verletzter Stolz, fieberhafte Erwartung und hoffnungsloses Sehnen, Trauer um
zerstrtes Glck und Grauen vor der Zukunft, Schrei der Angst und Sthnen eines
gequlten Gewissens, herbe Mitne aus ferner Vergangenheit, lngst verhallt,
zerflossen, verweht, sie sandten heut einen undeutlichen zitternden Nachklang in
das arglose Herz des Weibes. Es ist unheimlich hier, und wenn ich in Worte
fassen will, was mich ngstigt, so versagen sie. Ich bin keine Gefangene, und
doch umgibt mich die Luft eines Kerkers. Der Kammerherr lie sich seit Tagen
nicht sehen, und der Prinz, der sonst zu mir sprach wie zu einer Freundin, kommt
selten, nur auf Minuten, und dann ist es schlimmer, als ob er nicht da wre. Er
ist gedrckt wie ich und sieht mich an, als fhlte er dieselbe namenlose Angst.
Und sein Vater? Wenn er vor mich tritt, ist er ein freundlicher Herr, dem man
gut sein knnte, und sobald er mir den Rcken wendet, verzerren sich vor meiner
Seele die Zge seines Antlitzes. Es thut nicht wohl, den Groen der Erde nahe zu
sein, sie neigen sich Einem zu, ffnen ihre Seele wie gute Freunde, und kaum
fhlt man die Erhebung, da das Hchste Einem so groes Anrecht gewhrt, dann
ziehen sich die neckenden Geister pltzlich wieder in ihr unsichtbares Reich
zurck, und man kmmert sich, denkt an sie und regt sich auf. Solch Leben nimmt
den Frieden.
    Felix sagt, man soll nicht sorgen um diese Sorglosen. Wie kann man Antheil
und Sorge meiden, wenn ihrer Seele Wohlfahrt ein Segen fr Alle ist?
    Ist es nur darum, Ilse, frug sie, da die Gedanken ruhelos fliegen? Oder
ist es Stolz, bald verletzt und bald wieder geschmeichelt, ist es Angst um
Geliebtes, das sie mir in der Stille entreien wollen?
    Weshalb bangt mir um dich, mein Felix? Warum zage ich, weil er hier ein
Weib gefunden hat, das seinem Geiste ebenbrtig ist? Bin ich es nicht auch? An
seinem Licht bin ich heraufgewachsen, ich bin nicht mehr die unwissende
Landfrau, die er sich einst von den Herden geholt hat. Fehlt mir auch der
lockende Reiz der vornehmen Dame, was kann sie ihm mehr geben als ich? Er ist
kein Knabe und er wei, da ich jede Stunde nur fr ihn lebe. Ich verachte euch,
ihr klglichen Bilder, wie habt ihr Zugang zu meiner Seele gefunden? Ich bin
keine Gefangene dieser Wnde, und wenn ich hier weile, wo ihr Macht habt ber
die Menschen, ich bleibe um seinetwillen. Man soll nicht verlassen, den man
liebt, das Wort ist auch fr mich gesprochen. Aber meines Vaters Kind steht
nicht klglich in der Kammer und wischt sich die Augen, wenn der Geliebte auch
einmal mit einer Prinzessin unter dem Haselstrauch sitzt.
    Gabriel schlich in einem abgelegenen Theil der Anlagen dahin, da fhlte er
einen Schlag auf der Schulter, Prinz Victor stand hinter ihm. Freund Gabriel?
Zu Befehl, Hoheit. Wo gedient? Blaue Husaren. Gut, nickte der Prinz,
wir sind von derselben Waffe. Ich hre, Sie sind ein zuverlssiger Bursch. Wo
fehlt's Ihnen? Er zog seine Brse heraus. Wir theilen, nehmen Sie, was Sie
brauchen.
    Gabriel schttelte den Kopf.
    Dann sind die Weiber schuld, rief der Prinz, das ist schlimmer. Ist sie
stolz? Gabriel verneinte. Ist sie ungetreu? Der arme Bursch wandte sich ab.
Bei den Eltern bin ich leider ein schlechter Frsprecher, sagte der Prinz
theilnehmend, das Geschlecht der Vter gnnt mir wenig Zutrauen. Wenn's aber
gilt, einem Mdchen ins Gewissen zu reden, dann rufen Sie mich.
    Ich danke fr den guten Willen, Hoheit, mir ist nicht zu helfen. Das mu
hinuntergearbeitet werden. Er wandte sich wieder ab.
    Pfui, Kamerad, haben Sie den Soldatenspruch vergessen: Alle gern haben,
Eine lieben, sich um Keine grmen? Wird ja einmal das Herz schwer, so mu man
nicht allein umherlaufen, wie Sie thun. In Ermangelung eines andern Gefhrten
nehmen Sie vorlufig mit mir vorlieb.
    Das ist zu viel Ehre, sagte der arme Gabriel, nach der Mtze greifend.
    Der Prinz hatte ihn whrend dieser Reden von dem offenen Wege abgefhrt in
ein dichtes Gebsch, er setzte sich jetzt auf die Wurzel eines alten Baumes und
wies mit einer Handbewegung Gabriel an den nchsten Stamm.
    Hier liegen wir im Versteck, Sie sehen dort hinaus, ich hier auf den Weg,
da uns Niemand berrascht. Wie sind Sie mit Ihrem Quartier zufrieden? Haben Sie
gute Bekannte gefunden?
    Ich meine, es ist klug, hier Niemandem zu trauen, antwortete Gabriel
vorsichtig.
    Nun, versetzte der Prinz, ich bin nicht von hier, ich habe nichts
dagegen, wenn Sie mit mir eine Ausnahme machen. Nehmen Sie an, wir sen im
Felde, an demselben Feuer und trnken aus einer Feldflasche. Sie haben Recht, es
ist hier nicht Alles so sicher, wie es aussieht. Das nchtliche Spuken im
Schlosse gefllt mir auch nicht. Sie haben davon gehrt? Gabriel besttigte
lebhaft. In solchem alten Schlo, fuhr der Prinz behaglich fort, sind manche
Thren, die Wenige kennen, vielleicht auch Gnge in der Wand. Ob's Geister sind
oder etwas Anderes, wer wei es. Das schleicht daher und kommt auf einmal
hervor, wo man nicht dran denkt, und wenn man gerade sein Nachthemd angezogen
hat, ffnet sich eine geheime Thr oder eine Diele des Fubodens steigt in die
Hhe und eine verdammte Erscheinung schwebt herauf, rumt ab, was auf den
Tischen ist, und ehe man sich besinnt, ist's wieder verschwunden.
    Wer's leidet, Hoheit, erwiederte Gabriel tapfer.
    Ja, wer sich zur Wehr setzen knnte, lachte der Prinz, es streckt die
Hand aus, und man ist unbeweglich, es hlt dem Schlafenden einen Schwamm vor die
Nase, und er erwacht nicht.
    Gabriel horchte hoch auf.
    Die Leute erzhlen, auch in Ihrem Pavillon soll's nicht geheuer sein, fuhr
der Prinz fort. Es wre doch gut, wenn ein sicherer Mann einmal in der Stille
Alles durchsuchte. Findet man einen Zugang, der nicht in Ordnung ist, so sperrt
man ihn mit einer Schraube oder mit einem Riegel zu. Es ist freilich unsicher,
ob man etwas findet. Denn dergleichen Teufelswerk ist schlau angebracht.
    Er winkte bedeutsam zu Gabriel, der gespannt auf ihn starrte.
    Das ist nur ein Gedanke von mir, sagte der Prinz, wenn aber ein Soldat in
fremdem Quartier liegt, so sieht er sich nach einer Sicherheit um fr die Zeit,
wo seine Leute schlafen.
    Ich verstehe Alles, versetzte Gabriel leise.
    Man mu Andern nicht unnthige Angst machen, fuhr der Prinz fort. Aber in
der Stille thut man seine Pflicht als braver Junge. Ich sehe, das sind Sie. Der
Prinz erhob sich von seiner Baumwurzel. Knnen Sie mich einmal brauchen oder
htten Sie mir etwas zu sagen, was Niemand sonst zu wissen braucht, ich habe
einen Burschen, den mit dem groen Schnauzbart, einen guten stillen Menschen,
machen Sie seine Bekanntschaft. Im Uebrigen pflegen Sie sich hier. Da lungert ja
bei Ihnen noch ein Lakai herum, ist ein Gang zu thun, so kann der ihn abmachen.
Es ist gut fr eine Herrschaft, wenn in fremdem Hause immer ein zuverlssiger
Mann zur Hand ist. Guten Tag, Kamerad. Hoffe, ich habe Sie auf andere Gedanken
gebracht.
    Er entfernte sich, Gabriel blieb in tiefem Nachdenken zurck. Die Neckerei
des Prinzen hatte den treuen Mann aus seinem Schmerz aufgerttelt, er
wirtschaftete jetzt den ganzen Tag geschftig im Hause, nur des Abends, wenn
seine Herrschaft im Theater war, sah man ihn zuweilen neben dem Diener des
Prinzen in geruschloser Unterhaltung auf einer Gartenbank.
    An die Wnde des Pavillons heftete der Geist trber Ahnung seine grauen
Schleier, im Frstenschlo aber wirthschaftete unterde ein unsichtbarer Kobold
anderer Art, Groe und Kleine verstrend.
    Der Stall war in Bestrzung. Das liebste Reitpferd des Frsten war ein
weier Ivenacker. Als der Reitknecht am Morgen zu dem Pferde trat, fand er ihm
auf der Brust ein groes schwarzes Herz gemalt. Die schndende Farbe lie sich
nicht abwaschen, wahrscheinlich hatte der Bsewicht eine Tinctur, welche fr das
Haupthaar der Menschen ersonnen war, zu diesem Frevel angewendet. Die
Sachverstndigen erklrten, nur die Zeit knne den Schaden heilen. Es war
unvermeidlich, dem Frsten Anzeige zu machen, der Herr gerieth in heftigen Zorn,
strengste Untersuchung wurde angestellt. Die Nachtwache des Stalles hatte
Niemand gesehen, kein fremder Fu hatte den Raum betreten, nur der Reitknecht
des Prinzen, ein schnauzbrtiger Kunde aus fremdem Volk, hatte zugleich mit der
brigen Stallbedienung ein Pferd seines Prinzen besorgt, welches dieser vor
Kurzem von einem Verwandten zum Geschenk erhalten. Der Mann wurde verhrt, er
sprach wenig Deutsch, war nach der Aussage des brigen Personals harmlos und
einfltig, es war durchaus nichts auf ihn zu bringen. Zuletzt wurde der
Stallknecht, welcher die Wache gehabt, aus dem Dienst gejagt. Er verschwand aus
der Hauptstadt und wre sehr ins Elend gekommen, wenn nicht Prinz Victor den
armen Teufel in seiner Garnison untergebracht htte.
    Das Ballet gerieth in Aufruhr. In dem neuen Ballo tragico der Nix hatte
die Prima Ballerina Giuseppa Scarletti eine glnzende Rolle, in der sie
grnseidene Hschen mit reichem Silberbesatz tragen sollte. Als sie vor der
ersten Auffhrung dies Gewandstck, welches fr die Rolle bedeutsam war, anlegen
wollte, war die Helferin so ungeschickt, ihr dasselbe verkehrt, die Rckseite
nach vorn, zu reichen. Die Dame sprach krftig ihre Ungeduld aus, die
Garderobiere drehte das Stck um, wieder war die Rckseite vorn. Das Kunstwerk
wurde nherer Betrachtung unterworfen, man fand mit Entsetzen, da es wie eine
geschlossene Muschel aus zwei Hohlseiten zusammengesetzt war. Die Scarletti
gerieth in Wuth, dann in Thrnen und nervse Zuflle, der Regisseur, der
Intendant wurden gerufen, die Knstlerin erklrte, nach dieser Schmach und
Aufregung nicht tanzen zu knnen. Erst als Prinz Victor, den sie hochschtzte,
selbst in das Ankleidezimmer kam, ihr seine tiefe Entrstung auszusprechen, und
erst als der Frst ihr sagen lie, da die Krnkung auf's Strengste bestraft
werden solle, gewann sie den Muth zurck, welchen die schwierige Rolle nthig
machte. Unterde hatte auch die elfenhafte Schnelligkeit des Theaterschneiders
den Schaden ihres Kleides gebessert. Sie tanzte entzckend, aber mit einem
schmerzlichen Ausdruck, der ihr sehr gut stand. Schon war der Intendant froh,
da das Unglck so vorbergegangen war, schon wurde in der letzten Decoration
die ganze Tiefe der Bhne erschlossen, da zeigten sich pltzlich in der
Nixengrotte unter bengalischem Feuer die ausgetauschten Beinkleider, sie hingen
friedlich an zwei Zacken eines silbernen Felsens, als wren sie von einem
Wassergeist zum Trocknen aufgehngt. Darauf unruhige Bewegung, lautes Gelchter
im Publicum, der Vorhang mute fallen, bevor das bengalische Feuer
niedergebrannt war. Alles schnob Rache, aber der Missethter war wieder nicht zu
ermitteln.
    Der Dienerschaft strubte sich das Haar. Man wute, da in schweren Zeiten
des frstlichen Hauses eine schwarze Dame durch Gnge und Sle schritt und da
diese Erscheinung der hohen Familie ein Unglck bedeute. Der Glaube war
allgemein, selbst der Hofmarschall theilte ihn, seinem eigenen Grovater war die
schwarze Frau erschienen, als dieser einst in einsamer Nacht auf die Rckkehr
seines gndigsten Herrn wartete. An einem Abend hatte sich der Hof entfernt, und
der Hofmarschall schritt, den Lakaien mit der Leuchte vor sich, durch die leeren
Sle, dem Flgel zu, in welchem der Prinz Victor als Gast wohnte, um nach
Verabredung bei diesem eine stille Cigarre zu rauchen. Pltzlich fuhr der Lakai
zurck und wies zitternd in eine Ecke. Dort stand die schwarze Gestalt, das
Haupt mit dem Schleier verhllt, sie erhob drohend die Hand und verschwand durch
eine Tapetenthr. Dem Lakaien fiel die Leuchte aus der Hand, der Hofmarschall
tappte im Finstern bis zum Vorzimmer des Prinzen und sank dort auf das Sopha.
Als der Prinz aus seinem Ankleidezimmer eintrat, fand er den Herrn in einem
Zustand der hchsten Aufregung, selbst ein Glas Punschessenz, welches er ihm
eigenhndig eingo, vermochte den Gebeugten nicht aufzurichten. Die Kunde, da
die schwarze Dame erschienen sei, flog durch alle Rume des Schlosses, die bange
Erwartung eines Unheils beschftigte den Hofstaat und die Dienerschaft. Die
Lakaien liefen des Abends im Schnellschritt durch die Corridore und erschraken
vor dem Wiederhall ihrer eigenen Tritte, die Hofdamen wollten ihre Zimmer gar
nicht mehr ohne Begleitung verlassen. Auch der Frst erfuhr davon, er zog die
Augen finster zusammen und sah bei der Tafel verchtlich nach dem Hofmarschall
hinber.
    Sogar die Hofdamen blieben nicht verschont. Frulein von Lossau, welche in
dem Damenschlo, einem Flgel des Palastes, ber den Gemchern der Prinzessin
wohnte, kam zur Nacht in der glcklichsten Stimmung nach ihren Zimmern. Prinz
Victor hatte sie auffallend ausgezeichnet, er war sehr drollig gewesen und hatte
ihr dabei einigemal Gefhl gezeigt, das bei ihm selten durchbrach. Sie lie sich
von ihrem Mdchen entkleiden und legte sich unter anmuthigen Gedanken auf ihrem
Lager zurecht, Alles wurde still, sie sank in den ersten Schlummer, das Bild des
Prinzen gaukelte im Contretanz vor ihr. Da, horch, ein leises Gerusch, es
knisterte, Etwas strich langsam unter ihrem Bett dahin. Sie fuhr in die Hhe,
der unheimliche Ton hrte auf; schon war sie im Begriff, sich selbst zu belgen,
da Alles nur eine Einbildung des Schlafes sei, da knisterte und fuhr es wieder
unter dem Bett, es stie an ihre Schlafschuhe, es kam rasselnd hervor, sie hrte
ein furchtbares Sthnen und sah beim matten Schein der Nachtlampe, da sich eine
Kugel langsam hinter dem Stuhle heranschob und vor dem Bette Halt machte. Halb
bewutlos vor Entsetzen fuhr sie aus dem Bett, berhrte mit dem nackten Fu
einen fremden Gegenstand, fhlte an der Stelle einen scharfen Schmerz und sank
mit einem Schrei zurck. Jetzt erhob sie im Bett gellenden Hilferuf, bis ihr
Mdchen herbeistrzte und zitternd das Licht anzndete; das Frulein wies immer
noch schreiend in eine Ecke, wo die stachlige Gespensterkugel jetzt in ruhiger
Furchtbarkeit verweilte und sich allmhlich als ein groer Igel darstellte, der
noch trumerisch von seinem Winterschlaf mit einer Thrne an der Nase dasa. Das
Frulein wurde vor Schrecken krank. Als der Arzt am frhen Morgen zu ihr eilte,
fand er Lakaien und Kammermdchen in geschlossenem Haufen vor ihrer Thr
versammelt. An der Thr war ein weies Schild von Pappe befestigt, darauf mit
groen Buchstaben zu lesen: Bettina von Lossau, frstliche Hofspionin. Wieder
wurde strengste Untersuchung befohlen und wieder wurde der Missethter nicht
ermittelt.
    Aber der neckende Geist, welcher sich unter dem Schieferdache des Schlosses
einquartirt hatte, trieb nicht nur mit Hof und Dienerschaft seine Possen, er
wagte auch den Professor in gelehrter Arbeit zu stren.
    Ilse sa allein und betrachtete zerstreut die Bilder zu Reineke Fuchs, als
der Lakai die Thr aufri: Des Frsten Hoheit.
    Der Frst sah ber das aufgeschlagene Bild des Buches: Das ist also die
Laune, mit welcher Sie unsere Zustnde betrachten. Die Satire der Bltter ist
bitter, aber sie enthalten eine unvergngliche Wahrheit.
    Ilse schlo errthend das Buch. Die unartigen Thiere sind rohe Egoisten,
das ist bei Menschen doch anders.
    Meinen Sie? frug der Frst. Wer darber Erfahrungen gemacht hat, wird
nicht so wohlwollend urtheilen. Die zweibeinigen Thiere, welche ihre Zwecke in
der Nhe des Herrschers verfolgen, sind in der Mehrzahl ebenso rcksichtslos in
ihrer Selbstsucht und ebenso geneigt, ihre Anhnglichkeit zu betheuern. Es ist
nicht leicht, ihre Ansprche zu bndigen.
    Neben einzelnen Argen bilden doch Bessere die Mehrzahl, bei denen das
Tchtige berwiegt, wandte Ilse mit bittender Stimme ein.
    Der Frst neigte artig das Haupt. Wer Alle bersehen soll, mu die
Beschrnktheit jedes Einzelnen lebhaft empfinden, denn er mu wissen, wo und
wieweit er ihm vertrauen darf. Solche Beobachtung fremder Natur, welche stets
bemht ist, das Wesen von dem Schein zu trennen, die Brauchbarkeit zu prfen und
dem Beobachter ein berlegenes Urtheil zu bewahren, schrft den Blick fr die
Mngel Anderer. Es ist mglich, da wir bisweilen in der Stille streng
urtheilen, whrend Sie, eine Frau mit warmem Gemth, in die liebenswerthere
Schwche verfallen und das Menschenvolk allzu gnstig betrachten.
    Dann ist mein Loos doch glcklicher, rief Ilse und sah den Frsten mit
ehrlichem Kummer an.
    Es ist schner und beglckender, sagte dieser mit Empfindung, sich ohne
Zwang seinem Gefhl hinzugeben, arglos mit den Wenigen zu verkehren, welche man
sich frei erwhlt, Unholdes durch eine leichte Wendung zu vermeiden, den
Geliebten ein frhliches Herz zwanglos zu ffnen. Wer aber in der kalten Luft
der Geschfte zu leben verurtheilt ist, im Kampf gegen zahllose Ansprche,
welche einander feindlich kreuzen, der vermag dieses Dasein nur zu ertragen,
wenn er sein Tagesleben mit einer Ordnung umgibt, welche ihm wenigstens eine
gehufte Last des Unwillkommenen fernhlt und die Fchse und Wlfe zwingt, ihre
harten Kpfe zu beugen. Solche Ordnung des Hofes und der Regierung ist kein
vollkommenes Werk, oft wird darber geklagt, vielleicht wurde Ihnen selbst
Gelegenheit zu bemerken, da Brauch und Etikette eines Hofes nicht ohne Hrte
sind. Dennoch sind sie nothwendig. Denn sie erleichtern uns den Rckzug und
erhalten uns in einer gewissen Absonderung, dadurch aber helfen sie uns die
innere Freiheit bewahren. Ilse sah vor sich nieder.
    Doch glauben Sie mir, fuhr der Frst fort, auch wir bleiben Menschen, wir
mchten uns gern der Stunde warm hingeben, und mit Solchen, die uns werth
geworden, zwanglos zusammenleben. Wir mssen uns oft bescheiden, und wir erleben
Augenblicke, wo solche Entsagung sehr schwer wird.
    Aber innerhalb der Hohen Familie fallen diese Rcksichten doch weg, rief
Ilse. Der Vater und seine Kinder, die Geschwister untereinander, diese heiligen
Verhltnisse drfen niemals gestrt werden.
    Die Miene des Frsten verfinsterte sich. Auch sie leiden in der
auergewhnlichen Stellung. Man lebt nicht zusammen, man sieht sich weniger
allein, und hufig von Andern beobachtet. Jeder kommt zum Andern aus seinem
besonderen Kreise von Interessen, aus einer Umgebung, die ihn beeinflut, und
die ihm vielleicht das Zutrauen zu seinen nchsten Verwandten mindert. Mein Sohn
ist Ihnen bekannt. Er hat alle Anlage zu einem gutherzigen offenen Menschen, Sie
werden bemerkt haben, wie argwhnisch und versteckt er geworden ist.
    Ilse verga kluge Gedanken und fhlte sich wieder ein wenig stolz als
Vertraute.
    Verzeihung, rief sie, das habe ich nie gefunden, er ist nur schchtern
und zuweilen ein wenig ungelenk.
    Der Frst lchelte. Sie haben neulich eine Ansicht darber ausgesprochen,
was seiner Zukunft vortheilhaft sein wrde. Er soll einmal die Geschftsfhrung
groer Familiengter bersehen, ihm wre allerdings gut, wenn er die Arbeit des
Landwirths aus eigener Anschauung kennenlernte. Er fhlt sich ohnedies am Hofe
nicht wohl. Ilse nickte mit dem Kopfe. Auch das haben Sie schon bemerkt? frug
der Frst heiter.
    Ich will meinem Prinzen doch Gutes rathen, dachte Ilse, wenn es ihm auch
nicht ganz bequem ist. Dann wage ich zu sagen, rief sie, da jetzt gerade die
beste Zeit gekommen ist. Denn, gndigster Herr, er mu doch die
Frhjahrsbestellung lernen, und die ist in vollem Gange, er kommt nur noch zur
Gerste zurecht, da darf man nicht aufschieben.
    Dem Frsten gefiel dieser Eifer sehr. Nicht so leicht ist der Ort
gefunden, sagte er.
    Wenn Ew. Hoheit hier in der Nhe eine Domne haben, wobei ein Schlchen
ist.
    Dann knnte er recht oft nach der Stadt kommen, bemerkte der Frst mit
rauher Stimme.
    Das taugt nicht, fuhr Ilse eifrig fort. Er mu zuerst die Arbeit der
Leute grndlich kennen und dazu regelmig auf dem Felde sein.
    Einen bessern Rathgeber konnte ich nicht finden, sagte der Frst in
vortrefflicher Laune. In der Nhe fehlt die Gelegenheit. Ich habe an das Gut
Ihres Vaters gedacht.
    Ilse stand berrascht auf. Aber unser Hauswesen ist gar nicht eingerichtet,
einen solchen Herrn aufzunehmen, erwiederte sie mit Zurckhaltung. Nein,
gndigster Herr, die brgerliche Ordnung unserer Familie wrde nicht fr die
Ansprche eines jungen Frsten passen. Ich schweige von andern Bedenken, die mir
frher unbekannt waren und die mir erst hier auf die Seele gefallen sind.
Deshalb, wenn ich nach meinem Gefhl sprechen darf, bin ich der Meinung, da
dies aus vielen Grnden nicht gut angeht.
    Es war nur ein Gedanke, versetzte der Frst in der glcklichsten Stimmung.
Der Zweck wrde sich vielleicht erreichen lassen, ohne Herrn Bauer unbillig zu
beengen. Meine Absicht war, fuhr er mit ritterlicher Artigkeit fort, Ihnen und
Ihrem Vater einen offenkundigen Beweis meiner Achtung zu geben, ich habe dazu
besondere Veranlassung. Er sah Ilse bedeutsam an, sie dachte an den Geburtstag
der Prinzessin.
    Ich wei warum, sagte sie leise.
    Der Frst rckte seinen Stuhl nher. Ihr Vater hat eine groe Familie?
frug er. Ich erinnere mich dunkel, einige rothbckige Knaben gesehen zu haben.
    Das waren die Brder, lachte Ilse, es sind prchtige Jungen, gndiger
Herr, wenn ich als Schwester loben darf. Sie werden einmal Ew. Hoheit Freude
machen. Noch sind sie etwas ungeleckt, aber brav und gescheidt. Mein Franz hat
mir erst gestern geschrieben, ich mchte Ew. Hoheit von ihm gren. Das kleine
Kerlchen denkt, dergleichen geht nur so. Nun will ich doch, weil es die
Gelegenheit gibt, den Gru an meinen lieben gndigen Herrn ausgerichtet haben,
es ist ein dummer Kindergru, aber er kommt aus gutem Herzen. Sie nestelte an
ihrer Tasche und brachte einen Brief hervor, der mit schnen Buchstaben bemalt
war. Sehen Ew. Hoheit, so hbsch schreibt das Kind. Ach, aber ich darf den
Brief nicht zeigen, denn Hoheit werden darin wieder eine Besttigung finden, da
die Menschen immer eigenntzige Wnsche im Hintergrund haben, wenn sie an ihren
Frsten denken. Der unglckliche Junge hat auch einen Wunsch.
    Da haben wir's! sagte der Frst.
    Ilse wies ihm den Brief, der Frst fate gndig das Papier mit ihr an und
seine Hand lag auf der ihren. Er ist so unverschmt, Ew. Hoheit um einen groen
Lederball zum Aufblasen zu bitten. Der Ball ist bereits gekauft.
    Sie sprang auf und trug einen riesigen bunten Ball herzu. Den schicke ich
noch heut, und ich schreibe ihm dazu, da es sich gar nicht zieme, einen so
groen Herrn um etwas anzubetteln. Er ist schon neun Jahre, aber er ist noch
sehr kindisch. Ew. Hoheit mssen ihm das zu Gute halten.
    Ergriffen von der unbefangenen Herzlichkeit entgegnete der Frst: Schreiben
Sie ihm zugleich, da ich ihm sagen lasse, er soll sich den heiteren Sinn und
das loyale Gemth seiner ltesten Schwester durch die Gefahren des Lebens
retten. Auch ich fhle, wie sehr Ihr Wesen denen zum Segen ist, welche das Glck
haben, in Ihrer Nhe zu athmen. In einem Treiben, welches mit aufreibenden
Eindrcken angefllt ist, wo Ha und Argwohn mehr von dem Frieden der Seele
nehmen, als die Stunden der Ruhe zurckgeben knnen, habe ich mir doch
Empfnglichkeit bewahrt fr die unschuldige Frische eines Gemthes wie das Ihre
ist. Ich freue mich Ihrer von Herzen.
    Wieder legte er seine Hand leise auf die ihre, Ilse sah beschmt durch das
Lob ihres lieben Landesherrn vor sich nieder.
    Da nahte ein eiliger Schritt, der Frst erhob sich, der Professor trat ein.
Er verneigte sich vor dem Frsten und sah berrascht auf seine Frau. Du bist
nicht unwohl? rief er frhlich. Verzeihung, gndigster Herr, ich kam in Sorge
um meine Frau. Ein fremder Knabe zog die Klingel am Antikenkabinet und brachte
die Botschaft, der Fremde mge sogleich nach seiner Frau sehen, sie sei
erkrankt. Gut, da es eine Verwechslung war.
    Ich bin dem Irrthum dankbar, versetzte der Frst, da er mir Gelegenheit
gibt, Ihnen selbst zu sagen, was ich vor Madame Werner niederlegen wollte: der
Stall hat Befehl, Ihnen zu jeder Stunde einen Wagen bereit zu halten, wenn Sie
bei Ihren geheimnivollen Nachforschungen eine Reise in die Umgegend wnschen.
Er empfahl sich gndig.
    Der Frst ffnete das Fenster seines Arbeitzimmers, die Luft war schwl,
lange hatte die Sonne ber der frohen Erde geglnzt, jetzt war sie verschwunden,
schwere Wolken wlzten sich wie unfrmliche Wasserschluche ber der Stadt und
dem Schlo. Der Frst holte tief Athem, aber die Gewitterluft prete den Dampf
aus den Essen des Schlosses herab an sein Fenster, und der Rauch fuhr wie ein
grauer Nebel um sein Haupt. Er ri die Thr der Galerie auf, welche zu seinen
Audienzzimmern fhrte, und schritt hastig ber den Teppich. An den Wnden hing
eine Reihe Oelbilder, Kpfe schner Frauen, denen der Frst einmal Beachtung
geschenkt hatte. Sein Blick irrte von der einen zur andern, am Ende der Reihe
war noch ein leerer Platz, er blieb davor stehen und seine Phantasie malte ein
Bild hin mit blonden Haaren und einem treuherzigen brgerlichen Licht in den
Augen, rhrend wie keines der andern Gesichter.
    So spt! klang es in ihm. Es ist die letzte Stelle und es ist das
strkste Gefhl. Thoren, die uns sagen, da die Jahre gleichgltig machen. Wenn
sie mir begegnet wre am anderen Ende, er sah die Galerie hinab, bei dem
Beginn meines Lebens, als ich noch vor einem Rosenstrauch sehnschtig an die
Wangen des Mdchens dachte und durch den Gesang einer Grasmcke empfindsam
gerhrt wurde, htte damals ein solches Weib mir schtzend erhalten, was ich fr
immer verlor?
    Unntze Frage, die um Vergangenes sorgt. Festhalten mu ich fr die
Gegenwart, was in den Bereich meiner Hand gekommen ist. Der schwache Jngling
ist ihr gleichgltig, aber sie selbst fhlt sich hier unheimisch, und wenn sie
sich mir entwindet, ich bin ohnmchtig, sie zurck zu halten. Ich bleibe allein,
tglich dieselben gelangweilten Gesichter, deren Gedanken man kennt, bevor sie
ausgesprochen werden, denen man ansieht, bevor sie den Mund ffnen, was sie fr
sich wollen und wie sie sich vorbereiten, eine Empfindung zu lgen. Was sie von
Witz und Willen haben, das arbeitet in der Stille gegen mich; was ich von ihnen
erhalte, ist nur der knstliche Schein des Lebens. Es ist traurig, ein Meister
zu sein, vor dem sich lebendige Seelen in Maschinen verwandeln, Jahr aus Jahr
ein die Klappen am Kopf zu ffnen und das Rderwerk zu betrachten. Ich selbst
habe es ihnen eingesetzt, lchelte er, aber mich langweilt meine Arbeit.
    Ich wei, murmelte er, da unter diesen knstlichen Uhren der Zweifel
aufkommt, ob meine unselige Kunst sie zu Lgen der Menschennatur gemacht hat,
oder ob ich selbst nur ein Automat bin, welcher aufgezogen nickt und gedankenlos
dieselben gndigen Worte wiederholt. Ich wei, es gibt Stunden, wo ich ber mich
selbst die Achseln zucke, wenn ich als Pantalon oder Bramarbas auf der Bhne
stolzire, ich merke den Draht, der meine Gelenke bewegt, ich fhle ein Gelst,
meinen eigenen Kopf in den Schraubstock zu stellen und zu bessern, was in mir
schadhaft wurde, und ich sehe einen groen Kasten geffnet, in den man mich
wirft, wenn meine Rolle ausgespielt ist.
    Oh, sthnte er aus tiefer Brust, ich wei, da ich wirklich bin, wenn
nicht bei Tage, doch bei Nacht. Keinen von meiner Umgebung qulen die einsamen
Stunden wie mich, ihnen pocht's nicht fieberhei an die Schlfe, wenn sie sich
in den Winkel legen, nachdem ihr Tagewerk abgeschnurrt ist.
    Wo habe ich Freude zwischen den Ledertapeten dieser Rume oder unter den
alten Schildereien der Mutter Natur? Lachen ohne Freude, Zorn ber
Nichtigkeiten, Alles kalt, gleichgltig, seelenlos.
    Nur in den seltenen Augenblicken, wo ich bei ihr bin, fhle ich mich wie
ein anderer Mensch, dann empfinde ich, da flssiges Blut in meinen Adern rollt.
Wenn sie in ihrer ehrlichen Einfalt von dem Vielen spricht, was sie liebt und
worber sie sich freuen kann, die Frau mit dem Kinderherzen, dann werde auch ich
wieder jung wie sie. Sie erzhlte von ihrem Bruder Krauskopf. Ich sehe den
Knaben vor mir, ein draller Bursch, mit den Augen seiner Schwester, ich sehe,
wie der kleine Dummkopf in sein Butterbrot beit, und mir ist das so beweglich,
als lse ich eine rhrende Geschichte. Ich mchte den Jungen zu mir heraufheben,
als wenn ich sein guter Vetter wre.
    Sie selbst ist wahr und geradsinnig, es ist ein klares Gemth und hinter
ruhiger Milde birgt sich die starke Leidenschaft. Wie sie auffuhr gegen meinen
Boten, den armen Widder Bellyn, der ihr den Adelsbrief in der Tasche zutragen
sollte! Sie ist ein Weib, mit der zu leben der Mhe werth ist und fr die ein
Mann viel thun kann, sie zu erwerben.
    Doch was vermag ich ihr gegenber? Was ich ihr geben kann, das gilt ihr
wenig, was ich ihr nehmen mu, wie wird sie das berwinden? Er sah scheu auf
die leere Stelle der Wand. Dort sollte einst ein anderes Bild hngen, rief er,
warum hngt es nicht da? Warum liegt die Erinnerung an eine Verschwundene seit
alter Zeit in meinem Hirn wie ein Stein, dessen Druck ich fhle bei Tage unter
den Menschen, und bei Nacht, wenn ich das mde Haupt mit meinen Hnden presse?
Das Weib von damals schlief in demselben Zimmer vor vielen, vielen Jahren, wo
jetzt die Fremde ruht, und sie wachte nicht auf, als es klug gewesen wre. Und
da sie erwachte und zur Besinnung kam, zersprang in ihrem schwachen Geist eine
Feder und sie schwand dahin, wo die Leiber fortleben ohne vernnftige Seelen.
    Ein Fieberschauer fuhr ihm durch den Leib, er schttelte sich und sprang mit
einem Satz aus der Galerie, blickte scheu hinter sich und schlug die Thr zu.
    Die rohe Leidenschaft ist verglht, fuhr er nach einer Weile fort, man
wird bedchtiger mit den Jahren. Festhalten will ich sie, wie es auch sei. Es
ist nicht mehr die sengende Glut der Jugend, es ist das Herz eines gereiften
Mannes, das ich ihr entgegentrage. Mit fester Geduld will ich erwarten, was die
Zeit mir bereitet, langsam wird diese Frucht in der warmen Sonne reifen, ich
harre aus. Aber festhalten will ich sie. Auch der Mann bei ihr wird aufmerksam,
es war ein ungeschickter Vorwand, den er log, auch er entringt sich meiner Hand.
Ich mu sie halten, und fr diese Kinderherzen gibt es nur ein kindisches
Mittel.
    Die Schelle tnte, der Diener trat ein und erhielt einen Auftrag.
    Magister Knips stand vor dem Frsten, seine Wangen waren gerthet, in seinen
Zgen arbeitete heftige Erregung.
    Haben Sie die Denkschrift gelesen, welche Professor Werner ber die
Handschrift abgefat hat? frug der Frst herablassend. Was ist Ihre Ansicht
darber?
    Es ist eine ungeheure staunenswerte Nachricht, Allerdurchlauchtigster,
allergndigster Frst und Herr. Wohl darf ich sagen, da ich diese Entdeckung in
allen Gliedern fhle. Wenn es gelnge, die Handschrift zu finden, der Ruhm wre
unvergnglich, er wrde bei jeder Ausgabe, worin von Handschriften die Rede ist,
bis an das letzte Ende der Welt im Vorwort erneuert werden, er mte den
Gelehrten, welchem dieser grte irdische Glcksfall zu Theil wird, auf einmal
hoch herausheben ber seine Mitmenschen. Auch der erhabene Frst, dem nach Titel
22  127 eines neuen Landesgesetzes unzweifelhaft das nchste Recht an dem
gefundenen Schatz zusteht, Hchstderselbe wrde als Schirmherr eines hohen
Zeitalters unserer Kenntni des betreffenden Rmers von den Zungen aller Vlker
gefeiert werden.
    Der Frst hrte zufrieden diesen schwrmerischen Ausbruch des Magisters, der
in der Begeisterung seine demthige Haltung verga und pathetisch den Arm nach
der Richtung ausstreckte, wo er die Strahlenkrone ber dem Haupte des Frsten
schweben sah.
    Dies alles wrde geschehen, wenn man den Schatz fnde, sagte der Frst,
noch ist er nicht gefunden.
    Knips sank zusammen. Allerdings ist der Gedanke vermessen, da ein solches
Glck einem Lebenden beschieden sei, dennoch wre Frevel, an der Mglichkeit zu
zweifeln.
    Dem Professor Werner scheint viel an dem Funde gelegen, warf der Frst
gleichgltig hin.
    Derselbe mte nicht ein Gelehrter von gediegenem Urtheil sein, wenn er
nicht die Wichtigkeit dieses Gewinnstes ebenso tief empfnde, als Hchstdero
allerunterthnigster Diener und Knecht.
    Der Frst unterbrach den Redenden. Herr von Weidegg hat Ihnen den Antrag
gestellt, in meinem Dienst zu bleiben. Sie haben angenommen?
    Mit den Gefhlen eines geretteten Menschen, rief Knips, welcher Dank und
Segenswnsche in unbegrenzter Verehrung zu Ew. Hoheit Fen niederzulegen wagt.
    Haben Sie sich bereits verpflichtet?
    In feierlichster Weise.
    Gut, sagte der Frst und hielt mit einer Handbewegung den Strom
ehrfurchtsvoller Betheuerung in den Lippen des Magisters zurck.
    Man hat mir gerhmt, Herr Magister, da Sie besonderes Glck haben,
dergleichen Seltenheiten aufzufinden. Glck, wiederholte der Frst, oder was
dasselbe ist, Geschick. Halten Sie im Ernst fr glaublich, da die undeutlichen
Spuren zu dem verlorenen Schatz fhren?
    Wer darf noch behaupten, da ein solcher Fund unmglich ist? rief der
Magister. Ja, wre mir erlaubt, in tiefster Ehrfurcht meine Ansicht
auszusprechen, welche wie ein Freudenschrei aus meinem Innern bricht, es ist
sogar - ich darf nicht sagen wahrscheinlich - aber es ist doch nicht
unwahrscheinlich, da ein Zufall darauffhrt. Jedoch wenn ich mir gestatten
darf, eine ehrfurchtsvolle Erfahrung in Worte zu fassen, welche vielleicht nur
Aberglaube ist: wenn sich die Handschrift findet, so findet sie sich nicht da,
wo man sie erwartet, sondern irgendwo anders. So oft mir bis jetzt in meinem
bescheidenen Dasein das Glck eines Fundes zu Theil geworden ist - ich erwhne
nur den italienischen Homer von 1488, so war dies immer gegen alles Vermuthen;
und was Allerhchste Huld meine Geschicklichkeit nannte, das ist, wenn ich das
Geheimni meines Glckes zu offenbaren mich unterfange, im letzten Grunde nichts
als der Umstand, da ich hufig da gesucht habe, wo nach gemeiner menschlicher
Vermuthung ein Schatz zu liegen keine Veranlassung hatte.
    Die Aussicht, welche Sie erffnen, ist jedenfalls fr einen Ungeduldigen
nicht trstlich, versetzte der Frst, denn das kann lange whren.
    Menschengeschlechter mgen schwinden, rief Knips, aber die Gegenwart und
Zukunft wird suchen, bis der Codex gefunden ist.
    Das ist mir ein schlechter Trost, lchelte der Frst, und ich gestehe,
Herr Magister, Sie tuschen durch diese Worte die heitere Erwartung, welche ich
hegte, da Ihre Sprkraft und Geschicklichkeit mir recht bald das Vergngen
machen wrde, das Buch in den Hnden des Professors zu sehen, das Buch selbst
oder doch einen handgreiflichen Beweis seiner Existenz. Ich bin Laie in all
diesen Sachen und ich habe durchaus kein Urtheil ber die Wichtigkeit, welche
Sie der Entdeckung beilegen. Mir ist es zur Zeit nur um einen Scherz zu thun,
oder, ich wiederhole die Worte, welche Sie mir neulich vor den Miniaturen
sagten, um eine Neckerei.
    Ausdruck und Haltung des Magisters vernderten sich allmhlich wie unter der
Beschwrung eines Zauberers, er sank zusammen, legte das Haupt auf die Achsel
und sah in ngstlicher Spannung auf den Frsten.
    
    Kurz gesagt, ich wnsche, da Herr Werner recht bald auf eine sichere Spur
der Handschrift geleitet werde, wenn es nicht mglich ist, die Handschrift
selbst herbeizuschaffen.
    Knips schwieg und starrte auf den Sprechenden.
    Ich ersuche Sie, fuhr der Frst nachdrcklich fort, Ihr bereits bewhrtes
Talent fr diesen Zweck in Thtigkeit zu setzen. Ihre Hilfe dabei mte
allerdings mein Geheimni bleiben, denn ich mchte Herrn Werner gnnen, da er
selbst das Vergngen empfindet einen Fund zu machen. So ist ja wohl der
Ausdruck.
    Es mu eine groe Handschrift sein, sthnte Knips.
    Ich frchte, versetzte der Frst nachlssig, sie ist lngst in Stcke
zerrissen. Nicht unmglich, da sich einige zerstreute Bltter irgendwo erhalten
haben.
    Der Magister stand wie vom Donner gerhrt. Es ist schwer, den Herrn
Professor zu befriedigen.
    Um so grer wird Ihr Verdienst sein, Verdienst und Lohn.
    Knips blieb zusammengesunken stehen und schwieg.
    Ist Ihre Zuversicht geschwunden, Herr Magister? spottete der Frst. Es
ist doch nicht das erste Mal, da Ihnen ein solcher Fund gelingt. Er trat dem
kleinen Mann nher. Ich wei etwas von frheren Proben Ihrer Kunstfertigkeit,
und ich bin ber den Umfang Ihres Talentes durchaus nicht mehr im Zweifel.
    Knips schreckte zusammen, aber er fand noch keine Worte.
    Im Uebrigen bin ich mit Ihrer Thtigkeit zufrieden, fuhr der Frst mit
vernderter Stimme fort, ich zweifle nicht, da Sie nach mehrfacher Richtung
verstehen werden, sich den Beamten meines Hofes ntzlich zu machen und dadurch
Ihre eigene Zukunft wohl zu berathen.
    Hohe Ehre, jammerte Knips und zog sein Taschentuch.
    Was die verlorene Handschrift betrifft, fuhr der Frst fort, so wird der
Aufenthalt des Herrn Werner, wie ich frchte, nur vorbergehend sein. Ihnen
wrde die Aufgabe zufallen, die Nachforschungen in unserem Lande fortzusetzen.
    Knips erhob sein Haupt, und ein Strahl von Freude zuckte ber sein
verstrtes Gesicht.
    Hat die Handschrift in der That so groen Werth wie die Herren Gelehrten
meinen, so wrde, im Fall nach der Abreise des Professors noch etwas zu
entdecken bliebe, fr Sie bei uns gerade die Thtigkeit gefunden sein, welche
Ihnen besonders zusagt.
    Diese Aussicht ist die hchste und gndigste, welche meinem Leben zu Theil
werden kann, erwiederte Knips muthiger.
    Gut, sagte der Frst, verdienen Sie sich jetzt dieses Anrecht und
versuchen Sie zunchst, was Ihre Geschicklichkeit vermag.
    Ich werde mir Mhe geben, Ew. Hoheit zu dienen, versetzte der Magister,
die Augen auf den Boden geheftet.
    Knips verlie das Kabinet. Der kleine Mann, welcher jetzt die Treppe
hinabschlich, sah anders aus als jener glckliche Magister, der vor wenig
Minuten hinaufgestiegen war. Das bleiche Gesicht war nach vorn gebeugt und sein
Auge irrte scheu ber die Mienen der Diener, welche ihn neugierig betrachteten.
Er griff in Verwirrung nach seinem Hut und er, der Magister, setzte ihn noch im
Frstenschlosse auf sein Haupt. Er trat hinaus auf den Platz, der Sturm fegte
durch die Straen, trieb Staub in Wirbeln um ihn her und jagte ihm die
Rocksche vorwrts. Er treibt, murmelte Knips, er treibt, wie kann ich
widerstehen? Soll ich zurckkehren in die kalte Kammer zu meinen Correcturen,
soll ich mein Lebtag von der Professorengnade abhngen und den stolzen Trpfen
Bcklinge machen, immer in Sorge, da ein Zufall diesen Gelehrten verrt, wie
auch ich einmal ihr Meister war und sie hhnte?
    Hier aber ein gutes Leben und Gelegenheit, unter Unwissenden der Klgste zu
sein und ihnen unentbehrlich zu werden. Ich bin es schon jetzt, der Frst hat
sich zu mir gestellt wie ein Kamerad zum andern, und er kann, wenn ich seinen
Willen tue, sich so wenig von mir scheiden wie das Pergament von der Schrift.
    Er wischte sich den kalten Schwei von der Stirn. Ich selbst finde den
Codex, fuhr er zuversichtlicher fort. Jacobi Knipsii sollertia inventum. Ich
kenne das groe Geheimni, und ich will suchen Tag fr Tag, wo nur ein
Kellerwurm kriecht und eine Spinne ihr Gewebe anhngt. Bei mir steht es dann, ob
ich den Professor zum Gehilfen nehme bei der Herausgabe oder einen Andern.
Vielleicht nehme ich ihn und er soll mir dankbar sein. Denn er findet schwerlich
den Schatz, er ist viel zu vornehm, um zu horchen und zu spioniren, wo die
Truhen versteckt sind.
    Der Magister beflgelte seine Schritte, hinter ihm pfiff der Wind in
scharfen Tnen, ri vertrocknete Zweige des letzten Jahres vom Baum und warf sie
an den Hut des kleinen Mannes. Schneller kreisten die Staubwirbel um seinen
Leib, sie bargen das schwarze Festkleid in fahlem Grau, glitten fort mit dem
Schreitenden und hllten ihn ein, da ihm das Grn der Bume und die Gestalten
der Menschen entschwanden und er in einer Wolke dahinlief, bedeckt mit
Erdenstaub und toten Blttern. Er aber hob wieder sein Taschentuch, seufzte und
wischte den Schwei von seinen Schlfen.

                                       5.

                                        

                               Hummel's Triumph.


Es wurde schwl in der Natur und unter den geschftigen Menschen. Der Barometer
fiel pltzlich, Gewitter und Hagelschauer fuhren ber das Land; das Vertrauen
schwand, die Aktien wurden werthloses Papier, dem Uebermuth folgte Jammer, auf
den Straen stand Wasser, die Strohhte verschwanden wie vom Sturm zerweht.
    Wer in dieser wechselvollen Zeit die Gemthlichkeit des Herrn Hummel
beobachten wollte, der mute die Nachmittagsstunde vor drei Uhr whlen, wo er
seine Gartenthr ffnete und sich an den Zaun setzte. In dieser Stunde gab er
wohlwollenden Gedanken Audienz, er hrte auf den Schlag der Stadtuhr und stellte
die eigene, las etwas im Tageblatt, zhlte die regelmigen Spaziergnger,
welche alltglich zu derselben Stunde in den Wald und wieder zur Stadt zogen,
und hielt darauf, die Bekannten anzureden und ihren Gru zu empfangen. Diese
Bekannten waren meist Hausbesitzer, starke Kpfe, auch Mitglieder der
Stadtverordneten und des Raths.
    Heut sa er an der geffneten Pforte, sah stolz nach dem Haus gegenber, in
welchem eine innere Bewegung erkennbar war, prfte die Vorbergehenden und
empfing wrdig die Gre und kurzen Anreden der Stadt. Der erste Bekannte war
Herr Wenzel, Rentier und sein Gevatter, der seit vielen Jahren jeden Tag des
Sommers und Winters denselben Weg durch die Parkwiese machte, um in wohlthtige
Wrme zu kommen. Es war das einzige feste Geschft seines Lebens und er sprach
deshalb auch von wenig Anderem. - Guten Tag, Hummel. - Guten Tag, Wenzel. -
Ist's geglckt? frug Herr Hummel. - Es hat lange gedauert, aber es ist
geworden, sagte der Rentier. Ich darf nicht stehenbleiben, ich wollte nur
fragen, wie geht's mit Dem drben.
    Wie so? frug Hummel rgerlich.
    Du weit nicht, da sein Buchhalter verschwunden ist?
    Warum nicht gar! rief Hummel.
    Sie sagen, er hat Brsengeschfte gemacht und ist nach Amerika entwischt.
Aber ich mu fort, es zieht lngs den Husern. Guten Tag. Der Rentier entfernte
sich eilig.
    Herr Hummel blieb in groem Erstaunen zurck. Guten Tag, Herr Hummel,
weckte die Stimme des Stadtrats. Ein warmer Tag, achtzehn Grad im Schatten. Sie
haben doch gehrt? er machte mit dem Stockknopf eine Bewegung nach dem
Nachbarhause.
    Nichts, rief Hummel, man lebt an diesem Orte wie verrathen und verkauft.
Feuersbrunst, Seuche und Ankunft hoher Personen - es ist ein reiner Zufall, wenn
man davon erfhrt. Wie ist's mit dem entlaufenen Buchhalter?
    Es scheint, da Ihr Nachbar dem Manne zu viel Vertrauen geschenkt hat,
dieser soll auf den Namen seines Prinzipals in der Stille tolle Aktiengeschfte
gewagt haben und diese Nacht geflohen sein. Man spricht von vierzigtausend.
    Dann ist Hahn verloren, sagte Hummel. Unrettbar. Es sollte mich nicht
wundern. Dieser Mann ist immer ein Phantast gewesen.
    Vielleicht ist's nicht so arg, trstete der Stadtrath, sich losmachend.
    Herr Hummel blieb mit seinen Gedanken allein. Natrlich, sagte er zu sich
selbst, das mute so kommen. Immer oben hinaus, Huser, Fenster,
Gartenspielerei, keine Ruhe, der Mann ist aus wie ein Licht.
    Er verga die Vorbergehenden, bewegte sich in seinem Hauptgange auf und ab
und sah zuweilen verwundert auf die feindlichen Mauern.
    Aus wie ein Licht, wiederholte er mit dem Behagen eines tragischen
Schauspielers, welcher den schrecklichsten Ausdruck fr ein Kraftwort seiner
Rolle zu finden bemht ist. Ein halbes Menschenalter hatte er sich ber den Mann
dort drben gergert; ehe er noch den ersten Ansatz zu dem Buchlein erhielt,
das er jetzt stattlich trug, hatte er dieses Mannes Hauswesen und Geschft
gehat. Dies Gefhl war seine tgliche Unterhaltung gewesen, es gehrte zu
seinem Tagesbedarf wie sein Stiefelknecht und der grne Kahn. Jetzt kam die
Stunde, wo das Schicksal Dem drben heimzahlte, da er Herrn Hummel durch sein
Dasein gekrnkt hatte. Hummel sah auf das Haus und zuckte die Achseln, der Mann,
der ihm dieses unfrmliche Ding vor die Augen gesetzt, war jetzt in Gefahr,
selbst hinausgeschleudert zu werden; er sah auf den Tempel und die Muse, dieses
Spielwerk eines armen Teufels wurde nchstens von irgendeinem Fremden
niedergerissen. Hummel trat in die Wohnstube, auch dort wandelte er auf und ab
und erzhlte seinen Frauen in kurzen Stzen das Unglck, er beobachtete von der
Seite, da Frau Philippine erschrocken auf das Sopha eilte, sich zurechtsetzte
und hufig die Hnde zusammenschlug, da Laura in das Nebenzimmer strzte und
ein lautes Weinen nicht bndigen konnte, und er wiederholte mit schauderhaftem
Behagen die greulichen Worte: Er ist aus wie ein Licht.
    Ebenso trieb er's in seiner Fabrik, er ging langsam in der Niederlage auf
und ab, sah majesttisch auf einen Haufen Hasenhaare, nahm einen der feinsten
Hte aus der Papierkapsel, hielt ihn gegen das Fenster, gab ihm mit der Brste
einen Strich und brummte wieder: Auch er geht zu Ende. Sein Buchhalter kam
heut das erste Mal in seinem Leben zu spt an das Pult, er hatte auf dem Wege
von dem Unglck vernommen, berichtete aufgeregt seinem Prinzipal und wiederholte
zuletzt schadenfroh die Unglcksworte: Mit dem geht's zu Ende. Da sah ihn
Hummel mit durchbohrendem Blick an und schnaubte, da dem Mann das furchtsame
Schreiberherz tief hinabsank: Sie wollen wohl auch Procurist werden, wie der
Ausgekratzte? Ich danke Ihnen fr diesen Beweis Ihres Vertrauens, ich kann
solche Banditenwirthschaft nicht brauchen, ich bin mein eigener Procurist, Herr,
und ich verbitte mir jede Art von Geheimnikrmerei hinter meinem Rcken.
    Aber Herr Hummel, ich habe ja keine Geheimnikrmerei getrieben.
    Das danke Ihnen der Teufel, drhnte Hummel in seinem wildesten Ba; es
ist kein Verla mehr auf Erden, nichts ist fest, die heiligsten Verhltnisse
werden gewissenlos zerstrt, auf seine Freunde durfte man schon lange nicht mehr
vertrauen, jetzt gehen sogar die Feinde durch die Lappen. Heut legen Sie sich
ruhig als Deutscher schlafen, morgen wachen Sie als Franzose auf, und wenn Sie
nach Ihrem germanischen Kaffe seufzen, bringt Ihnen die Wirthin eine Schssel
Pariser Spinat ans Bett. Es sollte mir lieb sein, von Ihnen zu erfahren, auf
welcher Stelle dieses Erdbodens wir uns jetzt befinden.
    In der Thalgasse, Herr Hummel.
    Das sprach aus Ihnen der letzte Rest des guten Genius, den Sie noch auf
Lager haben. Sehen Sie durch das Fenster, was steht dort? Er wies auf das
Nachbarhaus.
    Parkstrae, Herr Hummel.
    Wirklich? frug Hummel ironisch. Seit der grauen Vorzeit, wo Ihre
Voreltern hier auf den Bumen saen und Bucheckern knabberten, hie diese Gegend
die Thalgasse. In dieses Thal habe ich den Grund meines Hauses gelegt und einen
Zettel eingemauert fr sptere Ausgrabungen: Heinrich Hummel, Nummer 1. Jetzt
haben die Umtriebe jenes verbrannten Strohmanns auch diese Wahrheit umgeworfen.
Trotz meinem Protest beim Rath sind wir polizeilich in Parkarbeiter
umgeschrieben. Kaum ist das geschehen, so schreibt sich auch der Buchhalter des
Mannes in einen Amerikaner um. Glauben Sie, da Knips junior, dieser Molch,
seine Unthat gewagt htte, wenn ihm nicht der eigene Prinzipal mit gutem
Beispiel vorangegangen wre? Da haben Sie die Folgen elender Neuerungen. Zwanzig
Jahre habe ich an Ihnen herumgestrichen, aber ich glaube, sogar Sie sind jetzt
im Stande, Ihren Stuhl umzuwerfen und sich in ein anderes Geschft
umzuschreiben. Pfui, Herr, schmen Sie sich Ihres Jahrhunderts.
    Fr die Familie Hahn war es ein Trauertag. Der Hausherr war am Morgen zur
gewhnlichen Stunde auf sein Comtoir in der Stadt gegangen und hatte vergebens
seinen Buchhalter erwartet. Als er endlich in die Wohnung des jungen Mannes
sandte, brachte der Markthelfer die Nachricht zurck, da derselbe verreist sei
und auf seinem Tisch einen Brief an Herrn Hahn zurckgelassen habe. Hahn las den
Brief und brach an seinem Pult in jhem Schreck zusammen. Er hatte seinem
Geschft stets als treuer Arbeiter vorgestanden, mit geringen Mitteln hatte er
begonnen, durch eigene Kraft war er zum wohlhabenden Mann geworden; aber er
hatte in Geldgeschften seinem gewandten Commis mehr berlassen, als vorsichtig
war. Der Mann war unter seinen Augen aufgewachsen, hatte durch geschmeidigen
Diensteifer allmhlich sein volles Vertrauen gewonnen und war vor Kurzem mit dem
Recht versehen worden, den Namen der Firma unter geschftliche Verpflichtungen
zu setzen. Der neue Procurist war den Versuchungen einer aufgeregten Zeit
unterlegen, er hatte hinter dem Rcken seines Prinzipals wilde Speculationen
gewagt. In dem Briefe legte er ein offenes Gestndni ab. Fr seine Flucht hatte
er eine kleine Summe veruntreut, seine Verluste aber hatte Herr Hahn am nchsten
Tage mit ungefhr zwanzigtausend Thalern zu decken. Der Blitzstrahl fuhr aus
heitrem Himmel in das friedliche Leben eines Brgerhauses. Herr Hahn sandte nach
seinem Sohn, der Doctor eilte zur Polizei, zum Rechtsanwalt, zu
Geschftsfreunden und immer wieder nach dem Comtoir zurck, den Vater zu
trsten, der wie gelhmt vor seinem Pulte sa und der Zukunft fassungslos
entgegensah.
    Der Mittag kam, wo Herr Hahn seiner Frau das Unglck mittheilen mute, und
der Jammer erhob sich in den Wnden des Hauses. Frau Hahn ging verstrt durch
die Zimmer, vor dem Herde schrie Dorothee und rang die Hnde. In den Stunden des
Nachmittags eilte der Doctor wieder zu Bekannten und zu Geldleuten, aber whrend
dieser Woche eines allgemeinen Schreckens, wo Jeder dem Andern mitraute, war
das Geld verschwunden, der Doctor fand nichts als Mitleid und Klagen ber die
furchtbare Zeit. Die Flucht des Buchhalters machte auch zuverlssige Freunde
argwhnisch gegen den Umfang der Verpflichtungen, welche vielleicht auf der
Firma lasteten, selbst auf das Haus war mit den grten Opfern keine
ausreichende Summe zu erhalten. Die Gefahr wurde mit jeder Stunde drohender, die
Angst grer. Gegen Abend kehrte der Doctor von dem letzten vergeblichen Gange
in das Haus seiner Eltern zurck, dem Vater hatte er ein heiteres Antlitz
gezeigt und tapfer getrstet, aber in seinem Haupt hmmerte unablssig der
Gedanke, da dieses Unglck auch ihn vollends von der Geliebten scheide. Jetzt
sa er mde und allein in der dunklen Wohnstube und sah nach den erleuchteten
Fenstern des Nachbars hinber.
    Er wute wohl, da ein Freund seinem Vater in dieser Noth nicht fehlen
wrde. Aber der Professor war fern, auch war die Hilfe, welche dieser zu leisten
vermochte, unzureichend, sie kam im besten Fall zu spt. Nur noch wenige
Stunden, und die Entscheidung trat ein. Was dazwischen lag, eine Zeit der Ruhe
fr Jedermann, wurde dem Vater eine unendliche Qual, wo er hundertfach das
Bittere des nchsten Tages durchmachen sollte mit starrem Auge und fieberhaftem
Pulsschlag, und dem Sohn bangte um die Wirkung, welche die furchtbare Spannung
auf den reizbaren Vater haben mute.
    Da schwebte es leise in das dunkle Zimmer, eine helle Gestalt stand neben
dem Doctor, Laura fate seine Hand und hielt sie mit beiden Hnden fest. Sie
beugte sich zu ihm herab und blickte in das kummervolle Antlitz. Ich habe
drben die Noth dieser Stunden durchgefhlt, ich kann die Einsamkeit nicht
lnger ertragen, sagte sie leise. Ist keine Hilfe?
    Ich frchte, keine.
    Sie berhrte ihm mit der Hand das lockige Haar. Sie haben das Loos erwhlt,
gering zu achten, was sich Andere so ngstlich begehren. Das Licht der Sonne,
welche Ihr Haupt verklrt, soll niemals durch die Qualen dieser Erde getrbt
werden. Seien Sie stolz, Fritz, nie drfen Sie es mehr sein als in diesen
Stunden, denn Ihnen kann solches Unglck nichts nehmen, was einer Klage werth
ist.
    Mein armer Vater! rief Fritz.
    Ihr Vater ist doch glcklich, fuhr Laura fort, denn er hat sich einen
Sohn erzogen, dem kaum ein Opfer ist, zu entbehren, was anderen Menschen das
beste Glck erscheint. Fr wen haben Ihre lieben Eltern gesammelt als fr Sie?
Heut drfen Sie ihnen zeigen, wie frei und gro Sie stehen ber diesen Sorgen um
totes Metall.
    Wenn ich auch fr mein Leben das Unglck dieses Tages empfinde, sagte der
Doctor, so war es nur um einer Andern willen.
    Ist es Ihnen ein Trost, mein Freund, rief Laura in ausbrechendem Gefhle,
so will ich Ihnen heut sagen, da ich treu zu Ihnen halte, was auch geschehen
mge.
    Liebe Laura! rief der Doctor, sie aber sang ihm weich wie ein Vogel in das
Ohr: Mir ist's recht, Fritz, da Sie mir gut sind. Fritz legte seine Wange
zrtlich auf ihre Hand. Ich mhe mich, Ihrer nicht unwerth zu sein, fuhr Laura
fort. Was ich armes Mdchen vermag, versuche ich im Geheim schon lange, um mich
frei zu machen von dem kleinen Tand, der an unserm Leben hngt. Ich habe mir
Alles berlegt, wie man haushalten kann mit sehr wenig, ich verwende nichts mehr
auf unntze Kleider und solchen Kram. Ich bin eifrig, auch etwas zu verdienen.
Ich gebe Stunden, Fritz, und man ist mit mir zufrieden. Der Mensch braucht sehr
wenig zum Leben, dahinter bin ich gekommen, ich habe in meiner Stube keine
grere Freude als den Gedanken, mich unabhngig zu machen. Das wollte ich Ihnen
heut schnell sagen. Und noch Eines, Fritz, wenn ich Sie auch nicht sehe, ich
denke immer an Sie und ich sorge um Sie.
    Fritz streckte die Arme nach ihr aus, aber sie entzog sich ihm, noch einmal
winkte sie an der Thr, dann flog sie ber die Strae zurck in ihre Dachstube.
    Dort stand sie im Dunkeln mit pochendem Herzen, von auen fiel ein matter
Lichtstrahl durch die Scheiben und beleuchtete das Schferpaar am Tintenfa, da
es verklrt in der Luft schwebte. Heut dachte Laura nicht an ihr Geheimbuch, sie
sah hinber nach dem Fenster, wo der Geliebte sa, und wieder strzten ihr die
Thrnen aus den Augen. Aber sie fate sich mit kurzem Entschlu, holte in der
Kche Licht und einen Topf mit Wasser, suchte Spitzenrmel und Kragen zusammen
und weichte sie in einer Schssel ein, auch diesen Plunder konnte sie sich
allein zurecht machen. Es war wieder eine kleine Ersparni, es konnte doch
einmal dem Fritz zu Gute kommen.
    Herr Hummel schlo sein Comtoir und setzte seine Wanderungen fort. Die Thr
zu Laura's Stube ffnete sich, die Tochter fuhr zusammen, als sie den Vater auf
die Schwelle treten sah, feierlich wie einen Boten der Vehme. Hummel bewegte
sich auf seine Tochter zu und sah ihr scharf in die verweinten Augen. Also
wegen Dem drben? Laura barg das Gesicht in den Hnden, wieder bewltigte sie
der Schmerz.
    Da hast du deine Glckchen, brummte er leise. Da hast du deine
Taschentcher und deine Inder. Es ist dort drben aus. Er klopfte ihr mit der
groen Hand auf die Schulter. Hre auf, wir haben ihn nicht umgebracht, eure
Schnupftcher beweisen gar nichts.
    Es wurde dunkel, Hummel ging auf der Strae zwischen den beiden Husern auf
und ab, sah das feindliche Haus von der Parkseite an, wo es ihm weniger gelufig
war, und sein breites Gesicht verzog sich zu einem siegesgewissen Lcheln.
Endlich entdeckte er einen Bekannten, der aus dem Nachbarhause eilte, und ging
mit starken Schritten hinter ihm her. Wie steht's? frug er, den Arm des Andern
fassend, kann er sich halten?
    Der Geschftsfreund zuckte die Achseln, es wird kein Geheimni bleiben,
und berichtete ber Lage und Gefahr des Gegners.
    Wird er Deckung schaffen?
    Der Andere zuckte wieder die Achseln. Bis morgen schwerlich. Geld ist jetzt
unter Brdern nicht zu haben. Natrlich ist der Mann mehr werth, das Geschft
gut, das Haus unverschuldet.
    Das Haus ist keine zwanzigtausend werth, unterbrach ihn Hummel.
    Gleichviel, bei gesundem Stande des Geldmarkts wrde er den Schlag ohne
Gefahr aushalten. Jetzt frchte ich das Schlimmste.
    Ich hab's ja gesagt, er ist aus wie ein Licht, murrte Hummel und drehte
sich kurz ab nach seinem Hause.
    Im Zimmer des Doctors saen Vater und Sohn ber Briefen und Rechnungen, an
den Wnden glnzten im Lampenlicht die goldenen Titel der Bcher und der
sauberen Mappen, in denen der Doctor seine Schtze barg, emsiger Sammelflei
hatte sie aus hundert Winkeln zusammengeholt und hier in stattlicher Ordnung
verbunden, jetzt sollten auch sie auseinanderflattern in alle Welt. Muthvoll
redete der Sohn in die Seele des verzweifelten Vaters. Ist das Unglck nicht zu
wenden, das wie ein Orkan ber uns einbrach, wir ertragen es mannhaft, deine
Ehre vermagst du zu wahren. Der grte Schmerz, den ich empfinde, ist doch nur,
da ich dir jetzt so wenig ntzen kann und da der Rath jedes Geschftsmannes
mehr Werth hat, als die Hilfe des eigenen Sohnes.
    Der Vater legte das Haupt auf den Tisch, kraftlos und betubt.
    Da ging die Thr auf, aus dem dunkeln Vorsaal trat mit schweren Schritten
eine fremde Gestalt in das Zimmer. Der Doctor sprang auf und starrte auf die
harten Zge eines wohlbekannten Gesichtes, Herr Hahn aber stie einen Schrei aus
und fuhr von dem Sopha, um das Zimmer zu verlassen. Herr Hummel, rief der
Doctor erschrocken.
    Natrlich, versetzte Hummel, ich bin's, wer sollte es auch sonst sein?
Er legte ein Packet auf den Tisch. Hier sind zwanzigtausend Thaler in ehrlichen
Stadtschuldscheinen, und hier ist eine Empfangsbescheinigung, die Sie beide
unterschreiben. Morgen lassen Sie mir dafr eine Hypothek ausstellen auf Ihr
Haus, die Papiere werden mir in Natura zurckgezahlt, denn ich will nicht zu
Schaden kommen, der Curs ist zu schlecht. Die Hypothek soll fr mich auf zehn
Jahr unkndbar sein, damit Sie nicht glauben, ich will Ihnen Ihr Haus nehmen,
Sie knnen zurckzahlen, wann Sie wollen, das Ganze oder in Theilen. Ich kenne
Ihr Geschft, auf Ihr Stroh ist jetzt kein Geld zu erhalten, aber in zehn Jahren
kann der Schade berwunden sein. Ich mache nur eine Bedingung, da kein Mensch
von diesem Darlehn erfhrt, am wenigsten Ihre Frau und meine Frau und Tochter.
Dazu habe ich meine guten Grnde. Sehen Sie mich doch nicht an wie die Katze den
Kaiser, fuhr er zum Doctor gewendet fort. Setzen Sie sich hin, zhlen Sie die
Papiere und die Nummern. Machen Sie keine Worte, ich bin kein Mann von Gefhl,
und Redensarten knnen mir nichts ntzen. Ich denke auch an meine Sicherheit.
Das Haus ist schwerlich zwanzigtausend Thaler werth, aber es gengt mir. Wenn
Sie's wegtragen wollen, werde ich's sehen. Sie haben gesorgt, da es mir nahe
genug vor den Augen steht. Zhlen Sie und unterschreiben Sie, Herr Doctor,
befahl er und drckte den Sohn auf einen Stuhl.
    Herr Hummel, begann Hahn etwas undeutlich, denn in seiner Gemtsbewegung
wurden ihm die Worte schwer, diese Stunde vergesse ich Ihnen nicht bis zu
meinem Ende. Er wollte auf ihn zugehen und ihm die Hand reichen, aber es kam
ihm hei aus den Augen und er arbeitete stark mit seinem Taschentuche.
    Setzen auch Sie sich nieder, sagte Hummel und drckte ihn auf das Sopha.
Gesetztheit und kaltes Blut sind immer die Hauptsache, sie sind besser als
chinesisches Zeug. Ich sage Ihnen heut weiter nichts, und Sie sagen mir auch
kein Wort ber diese Angelegenheit. Morgen wird Alles vor Notar und Gericht
glatt gemacht, dann vierteljhrlich pnktlich die Zinsen gezahlt, und im
Uebrigen bleibt es zwischen uns beim Alten. Denn sehen Sie, wir sind nicht blo
Menschen, wir sind auch Geschftsleute. Als Mensch wei ich ganz genau, was fr
gute Seiten Sie haben, auch wenn Sie mich verklagen. Unsere Huser aber und
unsere Geschfte stimmen nicht. Wir sind zwanzig Jahr Gegner gewesen mit Haar
und Stroh, mit unsern Liebhabereien und unserm Gitterzaun. Das soll so bleiben.
Ihre Musen sind mir nicht recht und meine Hunde sind Ihnen nicht recht, obgleich
ich jetzt glaube, da es dieser Schurke von Buchhalter auch hinter Ihrem Rcken
gethan hat. Es ist dieselbe Geschichte wie bei den Wechseln, heimliche
Vergiftung mit Auskratzen. Was also nicht stimmt, das braucht nicht zu stimmen.
Wenn Sie mich borstig nennen und einen groben Filz, ich will grob gegen Sie sein
und ich will Sie fr einen Strohkopf halten, sooft mir der Aerger ber Sie
kommt. Demungeachtet kann daneben das ruhige Geschft gehen, welches wir jetzt
miteinander machen. Und wenn einmal, was ich nicht hoffen will, mich die Ruber
ausplndern, so werden Sie auch da sein, soweit Sie vermgen. Dies wei ich, und
ich habe es immer gewut, und deshalb bin ich heut gekommen.
    Hahn sah mit einem Blicke warmer Dankbarkeit zu ihm auf und griff wieder
nach seinem Tuch.
    Hummel legte ihm die schwere Hand auf den Kopf, wie einem kleinen Kinde, und
sagte leise: Sie sind ein Phantast, Hahn. - Der Doctor ist fertig, jetzt
unterschreiben Sie und lassen Sie sich beide das Unglck nicht bermig zu
Herzen gehen. So, fuhr er fort und bestreute das Papier sorgfltig, morgen um
neun Uhr schicke ich Ihnen meinen Anwalt auf's Comtoir. Bleiben Sie hier, die
Treppe hat schlechtes Licht, aber ich finde mich schon zurecht. Gute Nacht.
    Er trat auf die Strae und sah sich geringschtzig nach den feindlichen
Mauern um. Keine Hypothek? brummte er. H. Hummel, erste und letzte,
zwanzigtausend. In der Familienstube gnnte er seinen Frauen einige beruhigende
Worte. Ich habe mich erkundigt, die Leute werden sich halten. Ich verbitte mir
also jedes weitere Geseufz. Wenn ihr wieder einmal der elenden Mode zu Gefallen
einen Strohhut braucht, so knnt ihr das Geld eher zu den Hhnen tragen als zu
Andern, ich gebe meine Erlaubni.
    Einige Tage darauf trat Fritz Hahn in das kleine Comtoir des Herrn Hummel.
Dieser scheuchte den Buchhalter durch einen Wink mit dem Finger hinaus und
begann khl von seinem Lehnstuhl: Was bringen Sie mir, Herr Doctor?
    Mein Vater fhlt die Verpflichtung, dem groen Vertrauen, das Sie ihm
bewiesen, dadurch zu entsprechen, da er Ihnen Einblick in den Stand seines
Geschftes gibt und Sie bittet, ihn in einzelnen Verwicklungen zu untersttzen.
Er ist der Meinung, da er, bis diese Erschtterung berwunden ist, nichts
Wichtiges ohne Ihre Beistimmung thun darf.
    Hummel lachte hell auf. Ich soll einen Rath geben, und Ihrem Geschft? Sie
bringen mich in eine Lage, welche ganz unnatrlich ist, und gegen welche ich
mich wehre.
    Der Doctor legte ihm schweigend die Uebersicht ber Activa und Passiva vor
die Augen.
    Sie sind ein seiner Kunde, rief Hummel, immer noch erstaunt. Aber fr
einen alten Fuchs ist dieses Tellereisen nicht schlau genug. Dabei blickte er
doch auf Credit und Debet und nahm einen Bleistift in die Hand. Hier finde ich
unter den Activis fnfzehnhundert Thaler fr Bcher, welche verkauft werden
sollen, ich habe nicht gewut, da Ihr Vater auch diese Liebhaberei hat.
    Es sind meine Bcher, Herr Hummel, ich habe in diesen Jahren weit mehr Geld
dafr ausgegeben, als meinen Arbeiten unbedingt nothwendig ist. Ich bin
entschlossen, zu verkaufen, was ich entbehren kann; ein Antiquar hat sich
bereits erboten, diese Summe in zwei Raten zu zahlen.
    Handwerkszeug darf kein Executor pfnden, sagte Hummel und machte einen
dicken Strich durch den Posten. Ich glaube zwar, da es unleserliche Schmker
sind, aber die Welt hat viele dunkle Winkel, und da Sie einmal eine Vorliebe
dafr haben, als Kauz unter Ihren Mitmenschen zu sitzen, so sollen Sie in Ihrem
Loch bleiben. Er betrachtete den Doctor mit einem ironischen Blinzen. Haben
Sie mir nichts weiter zu sagen? Ich meine nicht ber das Geschft Ihres Vaters,
das mich gar nichts angeht, sondern ber ein anderes Geschft, das Sie selbst zu
betreiben scheinen, wobei Sie den Wunsch haben, sich mit meiner Tochter Laura zu
associiren.
    Der Doctor errthete. Ich htte einen andern Tag fr diese Erklrung
gewhlt, welche Sie jetzt von mir fordern. Aber auch ich habe den heien Wunsch,
mich darber mit Ihnen zu verstndigen. Ich habe mich lange mit der stillen
Hoffnung getragen, da es der Zeit gelingen knnte, Ihre Abneigung gegen mich zu
vermindern.
    Der Zeit? unterbrach ihn Hummel, das ist mir lcherlich.
    Jetzt bin ich durch die hochherzige Hilfe, welche Sie meinem Vater
geleistet, Ihnen gegenber in eine Stellung gekommen, welche fr mich so
schmerzvoll ist, da ich Sie anflehen mu, mir Ihr Mitgefhl nicht zu versagen.
Ich werde bei angestrengter Thtigkeit und glcklichen Zufllen erst nach Jahren
in der Lage sein, eine Frau ernhren zu knnen.
    Brotlose Knste! unterbrach Herr Hummel brummend.
    Ich liebe Ihre Tochter und ich kann dies Gefhl nicht opfern. Aber ich habe
die Aussicht verloren, ihr eine Zukunft zu bieten, welche den Ansprchen, die
sie zu machen berechtigt ist, einigermaen entspricht, und die rettende Hilfe,
welche Sie meinem Vater gebracht, macht auch mich so abhngig von Ihnen, da ich
meiden mu, was Ihnen Unwillen erregen knnte. Deshalb sehe ich fr mich eine
de Zukunft.
    Ganz wie ich erwartet habe, versetzte Hummel, miserabel.
    Der Doctor trat zurck, aber er legte gleich darauf seine Hand auf den
Aermel des Nachbarn. Diese Sprache nutzt Ihnen nichts mehr, Herr Hummel, sagte
er lchelnd.
    Edel, aber miserabel, wiederholte Hummel mit Genu. Schmen Sie sich,
Herr, Sie wollen ein Liebhaber sein? Sie wollen sich unterstehen, meiner Tochter
Laura zu gefallen, und Sie sind ein solcher schwachherziger Hase mit
Seitensprngen? Wollen Sie Ihre Gefhle nach meiner Hypothek reguliren? Wenn Sie
verliebt sind, so fordere ich von Ihnen, da Sie sich benehmen wie ein
springender Lwe, jaloux und mordschtig. Pfui, Herr, Sie sind mir ein schner
Adonis, oder wie dieser Nicodemus sonst heit.
    Herr Hummel, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter, rief der Doctor.
    Ich verweigere sie Ihnen, sagte Hummel entschieden, Sie verstehen meine
Worte falsch. Mir fllt nicht ein, auch noch mein Kind in diese Masse zu werfen.
Aber da ich meine Tochter Ihnen nicht geben will, darf Sie gar nicht
irremachen. Ihre verdammte Schuldigkeit ist, wie das Wetter hinterher zu sein.
Sie mssen mich angreifen und in mein Haus dringen, wogegen ich mir allerdings
vorbehalte, Sie hinaus zu weisen. Aber ich habe es immer gesagt, Ihnen fehlt die
Courage.
    Herr Hummel, versetzte der Doctor mit Haltung, ich erlaube mir die
Bemerkung, da Sie jetzt nicht mehr ausfllig sein drfen.
    Warum nicht? frug Hummel. Der Doctor wies auf die Papiere. Was hier
geschehen, macht mir schwer, wieder grob zu werden, es kann Ihnen kein Vergngen
machen, einen Wehrlosen anzugreifen.
    Diese Ansprche sind mir nur lcherlich, erwiederte Hummel. Weil ich
Ihnen mein Geld gegeben habe, soll ich aufhren, Sie zu behandeln, wie Sie
verdienen? Weil Sie vielleicht nicht ganz abgeneigt wren, meine Tochter zu
heiraten, soll ich Sie mit einer Sammtbrste streicheln? Hat man je solchen
Unsinn gehrt!
    Sie irren, fuhr der Doctor artig fort, wenn Sie meinen, da ich ganz
auer Stande bin, Ihre Sprache zu reden. Ich gebe mir deshalb die Ehre, Ihnen zu
bemerken, Ihre hhnende Laune versteht so zu verletzen, da selbst die
empfangene Wohlthat ihren Werth verliert.
    Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihrer Wohlthat, unterbrach Hummel, ich war
nur wohlthtig aus Rachsucht.
    Darauf will ich Ihnen ebenso ehrlich sagen, fuhr der Doctor fort, da es
auch fr mich eine schwere Stunde war, als Sie auf mein Zimmer traten. Ich
wute, wie drckend die Verpflichtung auf meinem Leben lasten wrde, die Sie uns
auferlegten. Ich sah auf meinen armen Vater, und der Gedanke an sein Unglck
schlo mir den Mund. Ich fr meinen Theil wre lieber betteln gegangen, als da
ich von Ihnen Geld genommen htte.
    Nur weiter! ermunterte Hummel.
    Was Sie fr meinen Vater gethan, gibt Ihnen noch nicht das Recht, mich zu
mihandeln. Dieses Gesprch strkt mich in der Ueberzeugung, die ich vom ersten
Augenblick hatte, da wir Alles aufbieten mssen, Ihnen so schnell als mglich
die erhaltene Summe zurck zu zahlen. Sie haben den Posten fr meine Bcher
gestrichen, ich werde sie doch verkaufen.
    Unsinn! rief Hummel.
    Ich werde es thun, wie unbedeutend auch die Summe im Vergleich zu unserer
Schuld ist; weil die Tyrannei, welche Sie ber mich ausben wollen, mir
unertrglich zu werden droht. Ich wenigstens will Ihnen nicht in dieser Weise
verpflichtet sein.
    Sie wollen es doch in einer andern Weise, die Ihnen mehr zusagt.
    Ja, versetzte der Doctor; da Sie das grte Opfer, welches ich Ihnen
bringen konnte, so verchtlich zurckweisen, so werde ich fortfahren, um die
Liebe Ihrer Tochter zu werben, auch gegen Ihren Willen. Ich werde versuchen, sie
zu sprechen, sooft ich kann, mich ihr so werth zu machen, als ich im Stande bin.
Sie selbst haben mir diesen Weg gezeigt, Sie werden sich gefallen lassen, da
ich ihn betrete, und wenn Sie nicht zufrieden sein sollten, werde ich auf Ihren
Unwillen keine Rcksicht nehmen.
    Endlich! rief Hummel, es kommt zum Vorschein. Ich sehe doch, da Sie
nicht ganz ohne Bosheit sind. Darum lassen Sie uns ruhig diese Angelegenheit
besprechen. Sie sind nicht der Mann, den ich meiner Tochter wnsche. Ich habe
Sie von meinem Hause ferngehalten, und es hat nichts gentzt. Denn es hat sich
doch ein verdammtes Gefhl entsponnen. Deshalb bin ich der Meinung, dies
Geschft jetzt anders zu betreiben. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie manchmal
in mein Haus kommen. Sie werden das mit Bescheidenheit thun, ich sehe es Ihnen
an. Ich werde Sie als nicht vorhanden betrachten, meine Tochter wird Gelegenheit
haben, Sie ruhig mit unsern vier Wnden zu vergleichen. Was daraus wird, warten
wir beide ab.
    Auf diesen Vorschlag gehe ich nicht ein, sagte der Doctor entschlossen.
Ich bestehe nicht darauf, da Sie mir in dieser Stunde die Hand Ihrer Tochter
bewilligen; den Zutritt zu Ihrer Familie aber nehme ich nur unter der Bedingung
an, da Sie selbst sich gegen mich so verhalten, wie gegen einen Gast Ihres
Hauses schicklich ist, und da Sie gegen mich die Pflichten eines Wirthes
freundlich erfllen. Ich werde nicht dulden, da Sie in der Weise zu mir
sprechen, wie heut unter vier Augen. Eine Krnkung durch Worte oder Nichtachtung
ertrage ich von Ihnen am wenigsten. Es liegt mir nicht nur daran, Ihrer Tochter
zu gefallen, sondern auch Ihnen angenehmer zu werden. Dazu fordere ich
Gelegenheit. Knnen Sie auf diese Bedingung nicht eingehen, so komme ich lieber
gar nicht.
    Humboldt, unternehmen Sie nicht zu viel auf einmal, mahnte Herr Hummel
kopfschttelnd, denn sehen Sie, ich schtze Sie, aber ich kann Sie wirklich
nicht recht leiden. Deshalb will ich mir berlegen, wieweit ich Ihnen gefllig
sein kann, ich versichere Sie, es wird mir sauer werden. Unterde nehmen Sie
diese Papiere mit sich. Ihr Vater hat sich die Lehre gekauft, da er seine
Geldgeschfte selbst besorgt. Im uebrigen steht die Sache nicht schlecht und er
wird sich allein heraushelfen, Sie brauchen dazu weder mich noch einen Andern.
Guten Morgen, Herr Doctor.
    
    Der Doctor nahm die Papiere unter den Arm. Ich bitte um Ihre Hand, Herr
Hummel.
    Nicht so hastig, wehrte Hummel.
    Es thut mir leid, sagte der Doctor lchelnd, aber ich kann es Ihnen heut
nicht ersparen.
    Nur aus angeborner Hflichkeit, entgegnete Hummel, aber nicht aus guter
Meinung.
    Er reichte ihm die groe Hand und lie sie sich krftig schtteln. Ihre
Bcher behalten Sie, rief er dem Scheidenden nach. Den Schwindel kenne ich,
Sie werden sich das Zeug doch wieder anschaffen, und ich mu am Ende noch einmal
mein Geld dazu geben.

                                       6.

                                        

                  Ein Capitel aus der verlorenen Handschrift.


Tobias Bachhuber! Als deine Taufpathen beschlossen, da du Tobias heien
solltest, haben sie deinem Leben und ihren eigenen Enkeln schlechte Dienste
geleistet. Denn wer diesen Namen fhrt, wird vom Schicksal genthigt zu erleben,
was niemals gnstiger benamten Menschen zugemuthet werden darf. Wann hat der
Vogel Schwalbe gegen Andere gewagt, was er dem ersten Besitzer deines Namens
durch unwrdiges Beschmeien anthat? Wer hat eine so elende Brautfahrt erlebt,
als der arme Sohn des Blinden, Tobias der jngere? Denn mute dieser nicht
fasten, die Gebetschnre halten und mit einem mrderischen Geist kmpfen, gerade
in den Stunden, in welchen sonst jedem Sterblichen geistiger Kampf hchlich
verbelt wird? Auch an dir, seliger Bachhuber, hat sich das Unglck des Namens
greulich bewhrt. Ob vielleicht der ganze blutige Schwedenkrieg deshalb
entstand, weil dem Schweden ein Gelst nach deinem Codex ankam, soll hier nicht
errtert werden; man darf vertrauen, da neue Geschichtsforschung auch noch
diesen geheimen Beweggrund ans Licht ziehen wird. Aber unleugbar bist du selbst
in dem Kriege jmmerlich draufgegangen, ja sogar an deinem Schatz, den du
verstecktest und gleichsam deponirtest, hngt noch der Fluch deines Namens.
Allen, welche damit zu thun haben, werden die Augen geblendet, und ein bser
Geist wrgt ihre Hoffnungen.
    Auch den Professor qulte die Blindheit und ngstigte der Dmon. Er hatte
nichts gefunden. Mancher wre ermdet und htte abgelassen, ihm wurde der Eifer
gemehrt. Denn er suchte keineswegs kopflos, er wute sehr wohl, da der Fund an
einer langen Kette von Zufllen hing, welche sich jeder Berechnung entzogen.
Aber er wollte thun, was in seinen Krften stand; seine Aufgabe war, der
gelehrten Welt die Sicherheit zu geben, da Archive, Sammlungen und
Wirthschaftsverzeichnisse des Frsten grndlich durchsucht seien. Diese
Gewiheit wenigstens vermochte er besser zu erlangen als jeder Andere, und er
that damit seine Pflicht gegen den Frsten und seine Wissenschaft. Aber die
innere Ungeduld wurde heftiger, die heitere Spannung der ersten Zeit steigerte
sich zu unbehaglicher Aufregung, die lange Erwartung, immer getuscht, strte
ihm auch die Stimmung des Tages. Wieder sa er oft in sich gesunken, ja, er
sprach tglich von dem Schatze und Ilse konnte es ihm nicht recht machen, ihre
Einwrfe, selbst ihr Trost verletzten ihn, denn ihm war sehr rgerlich, da sie
seinen Eifer gar nicht theilte. Er wute genau, wie die Handschrift aussehen
wrde, dick, groes Quadrat, sehr alte Buchstaben, vielleicht aus dem sechsten
Jahrhundert, verblichen, manche Bltter halb zerstrt, er verbarg sich durchaus
nicht, da die Bosheit der Zeit, des Wassers und der Ratten arges Spiel damit
getrieben hatte.
    Heut trat der Professor mit gertheten Wangen in das Arbeitzimmer der
Prinzessin.
    Endlich vermag ich gute Nachricht zu bringen. In einem kleinen Actenbndel
des Marschallamtes, das mir unbegreiflicherweise bis jetzt entgangen ist, fand
ich auf einem einzelnen Blatt eine verlorene Notiz. Die Truhen, welche der
Beamte von Bielstein im Anfange des vorigen Jahrhunderts nach dem verschwundenen
Schlosse sandte, werden darin kurz als No. 1 und 2 bezeichnet, mit dem Vermerk,
da sie Manuscripte des Klosters von Rossau, auerdem alte Armbruste, Bolzen
u.s.w. enthalten. Es waren also zwei Truhen, und Handschriften des Klosters
lagen darin. Die Prinzessin sah neugierig auf das Blatt, welches er vor sie
hinlegte.
    Es war Zeit, da diese Nachricht kam, fuhr der Professor frhlich fort,
denn ich gestehe Ew. Hoheit, das Gespenst verfolgte mich bei Tag und Nacht.
Dies ist eine werthvolle Besttigung, da ich auf richtigem Wege bin.
    Ja, rief die Prinzessin, ich bin berzeugt, wir finden den Schatz. Wenn
ich nur ein wenig dazu helfen knnte! Wre er durch Beschwrung zu gewinnen, wie
gern wollte ich den Zaubergrtel umbinden und Frau Hekate anrufen. Leider ist
dieser Weg, Geister zu bezwingen, veraltet, und die geheime Kunst, durch welche
die Herren Gelehrten ihre Schtze heben, ist schwer zu erlernen.
    Auch ich bin jetzt wenig besser als ein unglcklicher Geisterbanner,
antwortete der Professor. Schlecht wre ich empfohlen, wenn Ew. Hoheit meine
Arbeiten nach der Thtigkeit beurtheilen wollten, welche ich hier durch
Aufrhren des alten Staubes beweise. Man freut sich und wird getuscht wie ein
Kind. Es ist ein Glck, da das Schicksal uns Bcherschreiber selten durch
solche Gaukeleien neckt; was wir etwa fr Andere gewinnen, hngt nicht mehr
vorzugsweise von zuflligem Funde ab.
    Ich aber ahne etwas von dem Ernst der Arbeit, welche ich nicht sehe, sagte
die Prinzessin, Ihre Gte hat mir wenigstens ein kleines Guckfenster geffnet,
durch welches ich in die Werkstatt der schaffenden Geister blicken kann. Ich
begreife, da die Arbeit der Gelehrten fr Jeden, der zu ihrer stillen Gemeinde
gehrt, einen unwiderstehlichen Reiz ausben mu. Ich mchte die Frauen
beneiden, denen das Glck wird, solcher Thtigkeit durch ihr ganzes Leben nahe
zu sein.
    Wir sind khne Eroberer am Schreibtisch, erwiederte der Professor, aber
dem Eroberer und seiner Umgebung wird oft das Miverhltni zwischen innerer
Freiheit und uerer Unbehilflichkeit fhlbar. Wer das wirkliche Leben mit uns
durchmacht, der wird uns leicht bersehen und unsere Einseitigkeit schwer
ertragen. Denn, Hoheit, die Gelehrten sind selbst wie die Bcher, welche sie
schreiben. In der Mehrzahl stehen wir schlecht gerstet in dem Wirrwarr der
Geschfte, zuweilen hilflos in der vielgestaltigen Thtigkeit unserer Zeit. Wir
sind treue Freunde solcher Stunden, in denen der Mensch neue Kraft sucht fr den
Kampf des Lebens, aber in dem Streit selbst sind wir hufig ungebte Helfer.
    Dachten Sie bei Ihren Worten an sich selbst? frug die Prinzessin schnell.
    Nein, versetzte der Professor, ich trug ein Bild im Sinne, das ich mir
aus den Zgen vieler Berufsgenossen zusammengesetzt hatte, aber wenn Ew. Hoheit
nach mir fragen, auch ich bin nach dieser Richtung ein regelrechter Gelehrter.
Denn ich habe oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, wie unfertig mein Urtheil in
allen Fragen ist, bei denen nicht mein Wissen oder meine sittlichen Empfindungen
mir Sicherheit geben.
    Das ist mir gar nicht recht, Herr Werner, rief die Prinzessin und lehnte
sich wrdevoll auf dem Sessel zurck. Meine Phantasie war im besten Fluge, ich
sa als Gebieterin der Welt da, bereit, meine Vlker zu beglcken, und ich
machte Sie zu meinem Minister.
    Das Zutrauen thut mir wohl, entgegnete der Professor, aber wenn Hoheit
einmal in die Lage kommen, einen Gehilfen der Herrschaft zu suchen, so knnte
ich diese Wrde nur dann mit gutem Gewissen annehmen, wenn Ew. Hoheit Insassen
vorher alle in der Presse des Buchbinders zurechtgeschnitten wren, wenn sie ein
Rckchen aus Pappe trgen und auf ihrem Rcken einen Zettel, der deutlich
besagt, was jeder fr einen Inhalt hat.
    Die Prinzessin lachte, aber ihr Auge ruhte innig auf dem ehrlichen Antlitz
des Mannes. Sie sprang auf und trat vor ihn. Immer sind Sie wahrhaft und klar,
und hoch das Haupt.
    Dank fr die Beurtheilung, versetzte der Professor frhlich. Selbst Ew.
Hoheit behandeln mich wie einen Geist, der in einem Buche steckt, Sie rhmen
mich so offen, als ob ich die Worte nicht verstnde, die man ber mich spricht.
Ich bitte um Erlaubni, auch Ew. Hoheit meine Gefhle in einer Recension
vorzutragen.
    Wie ich bin, will ich von Ihnen nicht hren, rief die Prinzessin, denn
Sie wrden trotz der Harmlosigkeit, die Sie an sich loben, am Ende soviel aus
mir herauslesen, als wenn auch ich Goldschnitt und einen Saffianrcken trge.
Aber mir ist ernst zu Muth, wenn ich Sie rhme. Ja, Herr Werner, seit Sie bei
uns sind, geht mir ein besseres Verstndni fr den Werth des Lebens auf. Sie
wissen nicht, welcher Gewinn fr mich ist, einen Geist zu beobachten, der,
unbekmmert um das kleine Treiben seiner Umgebung, nur seiner hohen Gttin der
Wahrheit dient. Uns bedrngt der Lrm des Tages, uns verwirrt die
Begehrlichkeit; die Menschen, von denen ich umgeben bin, auch die guten, sie
alle denken und sorgen behaglich um sich selbst und schlieen bequeme Vertrge
zwischen ihrem Pflichtgefhl und ihrem Egoismus. Hier aber erkenne ich eine
Selbstlosigkeit und eine unablssige Hingabe des eigenen Daseins an die hchste
Arbeit des Menschen. Dies ist etwas so Groes und Gewaltiges, da mich die
Bewunderung weich macht, wenn ich Sie ansehe. Ich fhle den Werth solches
Daseins wie ein neues Licht, das in meine Seele fllt. Nie habe ich bis jetzt
gewut, da Andere neben mir einhergehen, begeistert, den Himmel im Herzen. Das
ist meine Recension ber Sie, Herr Gelehrter, sie ist vielleicht nicht gut
geschrieben, aber sie kommt vom Herzen.
    Das Auge des Gelehrten strahlte, als er dem Frstenkinde in das gerthete
Antlitz sah, aber er schwieg. Es war eine lange Pause. Die Prinzessin wandte
sich ab und neigte sich ber die Bcher. Endlich begann sie mit leiser Stimme:
Sie gehen zu Ihrer Tagesarbeit, ich will es auch. Bevor Sie mich verlassen,
bitte ich Sie, mein Lehrer zu sein, ich habe in der Kunstgeschichte, die mir
Ihre Gte aus der Bibliothek brachte, eine Stelle bezeichnet, welche mir nicht
verstndlich war.
    Der Professor nahm das aufgeschlagene Buch zur Hand und lachte. Dies ist
die Theorie einer andern Kunst, es ist nicht das rechte Buch. Die Prinzessin
las: Blancmanger zu machen. Sie schlug den Titel auf. Geistreiches Kochbuch
der alten Nrnberger Kchin. Erstaunt wandte sie das Buch um, es war derselbe
einfache Bibliothekband. Wie kommt dies hierher? rief sie rgerlich und
schellte ihrer Kammerfrau. Es ist Niemand hier gewesen, betheuerte diese, als
vorhin die Prinzen.
    Ja dann, rief die Prinzessin kleinlaut, da ist nichts zu hoffen. Wir
stehen jetzt unter der Herrschaft eines schadenfrohen Kobolds und mssen warten,
ob unser Buch sich findet. Leben Sie wohl, Herr Werner, wenn der Kobold das Buch
herausgibt, rufe ich Sie zurck.
    Als der Professor entlassen war, kam die Kammerfrau erschrocken und brachte
die verlorene Archologie in trbseligem Zustande. Das Buch lag im Kfig des
Affen, Jocko hat emsig darber studirt, er war wthend, als ich ihm den Band
fortnahm.
    Zu derselben Stunde stand der Kammerherr vor dem Frsten. Ihre Freunde von
der Universitt haben sich bei uns eingelebt; ich setze voraus, auch Sie thun
das Ihre, ihnen unsere Stadt lieb zu erhalten.
    Professor Werner scheint sehr befriedigt, entgegnete der Kammerherr mit
Zurckhaltung.
    Hat Ihre Schwester Malwine die Bekanntschaft der Frau Professorin gemacht?
    Leider ist meine Schwester genthigt, unsere kranke Tante auf dem Lande zu
pflegen.
    Das ist schade, versetzte der Frst, sie mag Ursache haben, diesen Zufall
zu bedauern. - Vor einiger Zeit haben Sie gegen mich die Ansicht ausgesprochen,
da dem Erbprinzen eine praktische Thtigkeit wohlthun werde; der Gedanke hat
mich beschftigt. Es wird nothwendig, im Bezirk von Rossau die Mglichkeit eines
zeitweisen Aufenthalts zu schaffen. Die alte Oberfrsterei ist dafr nicht bel
geeignet. Ich habe mich entschlossen, das Haus durch einen Umbau in ein
wohnliches Jagdschlo zu verwandeln. Der Erbprinz soll diesen Bau an Ort und
Stelle ganz in seinem Sinn anordnen, Sie werden ihn begleiten. Der Baudirector
hat Anweisung, die Plne nach den Befehlen des Erbprinzen zu zeichnen. Nur bei
dem Kostenanschlag wnsche ich mitzusprechen. Unterde wird der Erbprinz sich
mit den Zimmern begngen, welche in der Oberfrsterei mir vorbehalten sind. Da
aber der Bau nicht die ganze Zeit in Anspruch nehmen wird, so mag er seine Mue
benutzen, in der Wirthschaft des Herrn Bauer einen Einblick in unsern Landbau zu
erwerben. Er soll die Feldarbeiten und die Buchfhrung kennen. Das Jahr ist
bereits vorgeschritten und macht schnellen Aufbruch wnschenswerth. Es ist
Befehl ertheilt, die Zimmer einzurichten, rsten Sie sich zur Reise. Ich hoffe,
da diese Anordnung einen Wunsch erfllt, den Sie wohl lngst gehegt haben. Die
schne Landschaft und der stille Wald werden auch Ihnen nach dem Treiben des
Winters eine Erfrischung sein.
    Der Kammerherr verbeugte sich erschrocken vor seinem Herrn, der so gndig
die Verbannung vom Hofe aussprach, er eilte zum Erbprinzen und berichtete das
Unheil. Es ist Exil, rief er auer sich.
    Treffen Sie schnell Ihre Anstalten, antwortete der Erbprinz ruhig, ich
bin vorbereitet, noch in dieser Stunde fortzugehen.
    Der Erbprinz ging zu seinem Vater. Ich werde thun, was du befiehlst, und
mir Mhe geben, deine Zufriedenheit zu verdienen. Wenn du, mein Vater, diesen
Aufenthalt an entlegenem Ort fr ntzlich hltst, so sage ich mir, du verstehst
besser als ich, was meiner Zukunft dient. Aber, fuhr er zgernd fort, ich darf
nicht von hier scheiden, ohne eine Bitte auszusprechen, die mir sehr am Herzen
liegt.
    Sprich, Benno, sagte der Frst gndig.
    Ich flehe dich an, entla den Professor und seine Frau so schnell als
mglich aus der Nhe des Hofes.
    Was soll das? frug der Frst rauh.
    Der Aufenthalt ist hier fr Frau Werner nachtheilig. Ihr Ruf wird durch die
ungewhnliche Lage, in welche sie gekommen ist, gefhrdet. Ich bin ihm und ihr
zu groem Dank verpflichtet, ihr Glck ist mir theuer, und mich qult der
Gedanke, da ihr Verweilen in unserer Gegend den Frieden ihrer Tage zu stren
droht.
    Und weshalb frchtet deine Dankbarkeit eine Strung des Glckes, das dir so
theuer ist? frug der Frst.
    Man nimmt an, da der Pavillon ein verhngnivoller Aufenthalt fr eine
ehrbare Frau sei, erwiederte der Erbprinz entschlossen.
    Wenn durch die Wohnung gefhrdet wird, was du Ehrbarkeit nennst, sagte der
Frst bitter, dann wird diese Tugend leicht verloren.
    Es ist nicht die Wohnung allein, fuhr der Erbprinz fort. Die Damen des
Hofes haben sich ganz zurckgehalten, die Fremden werden viel besprochen,
Geschwtz und Verlumdung sind thtig, ihr schuldloses Leben falsch
darzustellen.
    Ich hre mit Erstaunen, entgegnete der Frst, wie lebhaft deine Sorge fr
die fremde Frau ist, du selbst hast ihr doch, wenn ich recht vernahm, whrend
dieser Wochen nur wenig von ritterlicher Aufmerksamkeit gegnnt.
    Ich habe es nicht gethan, rief der Erbprinz, weil ich mich verpflichtet
fhlte, wenigstens fr meine Person zu vermeiden, was ihr schaden konnte. Ich
sah die spttischen Blicke unserer Herren, als die Fremden ankamen, ich hrte
geringschtzige Worte ber die neue Schnheit, die in jenem Hause eingeschlossen
sei, und mir drehte sich vor Scham und Zorn das Herz um. Deshalb habe ich mich
mit Schmerzen bezwungen, ich habe vor meiner Umgebung Gleichgltigkeit
geheuchelt und habe ihr selbst eine kalte Miene gezeigt, aber, mein Vater, es
ist mir schwer geworden, und die letzten Wochen waren fr mich voll bitterer
Sorge, denn ich habe die glcklichsten Stunden meiner akademischen Zeit in ihrem
Kreise verlebt.
    Der Frst hatte sich abgewandt, er zeigte jetzt dem Sohne ein lchelndes
Antlitz. Das also war der Grund deiner Zurckhaltung! Ich hatte vergessen, da
du in den Jahren sanfter Regung stehst und geneigt bist, in deinem Verhltni zu
Frauen mehr schwrmerisches Gefhl aufzuwenden als fr einen Mann gut ist. Und
doch mchte ich dich darum beneiden. Leider gnnt das Leben so weicher
Empfindung keine Dauer. Er trat vor den Prinzen und fuhr gtig fort: Ich
leugne nicht, Benno, da ich die Ankunft dieser Fremden in deinem Interesse
anders ansah. Fr einen Prinzen von deiner Anlage ist vielleicht nichts so
bildend als zarte Neigung zu einer Frau, welche keine Ansprche an das uere
Leben des Freundes macht und ihm doch den Reiz eines innigen Seelenbundes
gewhrt. Dir sind Liebeleien mit den Damen des Hofes oder mit anspruchsvollen
Intrigantinnen gefhrlich, du hast dich zu hten, da nicht eine Frau, der du
dich hingibst, mit dir spielt und dich selbstschtig fr ihre Zwecke benutzt.
Nach Allem, was ich wute, war dein Verhltni zu der Dame im Pavillon gerade,
was du fr deine nchste Zukunft brauchtest. Aus Grundstzen, denen ich die
volle Anerkennung nicht versage, hast du vermieden, diese idyllischen
Beziehungen wieder aufzunehmen. Du selbst hast nicht gewollt, was ich dir in
guter Meinung bereitete; mir scheint deshalb, du hast das Recht verloren, in
dieser Angelegenheit noch berhaupt etwas zu wollen.
    Vater, rief der Erbprinz und rang erschreckt die Hnde, da du mir dies
sagst, ist unbarmherzig. Ich hatte die dunkle Ahnung, da die Einladung zu uns
in geheimer Absicht geschehen sei, ich habe diesen Verdacht niedergekmpft und
mich darum gescholten. Jetzt aber stehe ich entsetzt vor dem Gedanken, da ich
selbst die Schuld an dem Unglck guter Menschen trage. Deine Worte geben mir das
Recht, meine Bitte zu wiederholen: entla sie so schnell als mglich, oder du
machst deinen Sohn unglcklich.
    Ich lerne dich von ganz neuer Seite kennen, versetzte der Frst, und ich
bin dir dankbar fr den Einblick, den du mir endlich in dein schweigsames Wesen
gestattest. Du bist entweder ein berspannter Trumer oder du bist mit einem
Talent fr Diplomatie versehen, das ich dir niemals zugetraut htte.
    Ich bin dir gegenber nichts als wahr, rief der Erbprinz.
    Soll die Frau nach dem Hause Bielstein kommen, um gerettet zu werden? frug
der Frst hhnend.
    Nein, erwiederte der Erbprinz leise.
    Deine Forderung verdient kaum eine Antwort, fuhr der Frst fort. Die
Fremden sind hergerufen fr eine gewisse Zeit, der Mann steht nicht in meinem
Dienst, ich bin weder in der Lage, sie fort zu schicken, denn sie haben mir
keinen Grund zur Unzufriedenheit gegeben, noch sie wider ihren Willen hier zu
halten.
    Verzeihung, mein Vater, rief der Erbprinz, du selbst hast durch die
gndige Aufmerksamkeit, welche du der Frau tglich zu Theil werden lt, durch
artige Sendungen und fteren Besuch dem Hof die Meinung erregt, da du ihr eine
besondere persnliche Beachtung zuwendest.
    Ist der Hof so beflissen, dir vorzutragen, was mir, gegenber dem
unziemlichen Benehmen Anderer, schicklich erscheint? frug der Frst.
    Mir wird wenig von dem gesagt, was unsere Umgebung spricht, sei berzeugt,
da ich kein offenes Ohr fr ihre Vermuthungen habe, aber es ist unvermeidlich,
da auch ich zuweilen hren mu, was Alle beschftigt und in Harnisch bringt.
Denn man wagt sogar zu behaupten, da sich jeder deine Ungnade zuziehe, der ihr
nicht Aufmerksamkeit beweist; und man hlt bereits fr besonders achtungswerth
und charakterfest, ihr Artigkeiten zu versagen. Dich wie sie bedroht die
Verlumdung. Vergib mir, mein Vater, da ich es geradeheraus sage, du selbst
hast durch deine Gnade die Frau in die gefhrliche Lage gebracht, und deshalb
liegt dir ob, sie daraus zu befreien.
    Der Hof wird immer tugendhaft, wenn sein Herr eine Dame auszeichnet, welche
nicht in die Hofkreise gehrt; auch du wirst lernen, solche Sittenstrenge gering
zu achten, versetzte der Frst. Es ist eine ungewhnliche Neigung, Benno, die
dein furchtsames Wesen an die Grenzen der Redefreiheit treibt, welche dem Sohn
gegen den Vater gestattet ist.
    Dem Erbprinzen rthete sich das bleiche Antlitz. Ja, mein Vater, rief er,
hre, was jedem andern Ohr Geheimni bleiben wird. Ich liebe die Frau so warm
und von ganzem Herzen, da ich ihr mit Freude das grte Opfer bringen wrde.
Die Macht, welche Schnheit und Unschuld des Weibes auf einen Mann ausbt, habe
ich bei ihr gefhlt, mehr als einmal habe ich mich an ihrem lauteren Gemth
aufgerichtet. Ich war selig in ihrer Nhe und unglcklich, wenn ich nicht in
ihre Augen sah. In dem ganzen Jahre habe ich in der Stille an sie gedacht, in
diesem schmerzvollen Gefhl bin ich zum Mann herangewachsen. Da ich jetzt den
Muth habe, vor dich zu treten, verdanke ich dem Einflu, den sie auf mich gebt.
Ich wei, mein Vater, wie unglcklich solche Leidenschaft macht, ich kenne die
Qual, das geliebte Weib fr immer zu entbehren. Was mich erhoben hat in den
bittersten Stunden des sehnschtigen Verlangens, das war allein der Gedanke an
den Frieden ihrer reinen Seele. Jetzt weit du Alles, mein Geheimni habe ich zu
deinen Fen niedergelegt, ich flehe, mein Herr und Vater, schone dies
Vertrauen. Hast du bisher fr mein Wohl gesorgt, heut ist die Stunde, wo du mir
den hchsten Beweis deiner Treue geben kannst. Ehre die Frau, welche dein
unglcklicher Sohn liebt.
    Das Antlitz des Frsten hatte sich unter den Worten des Sohnes verndert,
der Prinz erschrak vor dem feindlichen Ausdruck. Suche dir fr deine Poesien
das Ohr eines fahrenden Ritters, der begierig das Wasser hinuntertrinkt, in
welches seine Dame ein Thrnchen geweint hat.
    Ja, ich suche deine ritterliche Hilfe, mein Frst und Herr, rief der
Erbprinz auer sich, ich beschwre dich, la mich nicht vergebens werben, ich
rufe dich zu einem Dienst fr mich und sie, als Prinz unseres erlauchten Hauses
und als Mitglied derselben Genossenschaft, deren Wahlspruch wir beide tragen.
Versage nicht deinen Beistand in ihrer Gefahr.
    Wir stehen nicht im Ordenssaal, versetzte der Frst kalt, und die Phrase
klingt widerwrtig in die Stimmung des Werkeltages. Ich habe dein Vertrauen
nicht begehrt, zu dreist hast du mir's aufgedrungen, wundere dich nicht, da der
Vater ber die vermessene Rede zrnt und der Frst dich ungndig entlt.
    Der Erbprinz erblich und trat zurck. Der Zorn des Vaters und die Ungnade
meines Herrn sind ein Unglck, welches ich tief fhle; aber noch furchtbarer ist
mir der Gedanke, da hier am Hofe ein Unrecht gegen eine Unschuldige verbt
wird, ein Unrecht, an welchem auch ich Theil haben soll. Wie schwer dein Zorn
mich treffe, ich sage dir doch, du selbst hast die Frau der Mideutung
ausgesetzt, und solange ich dir gegenberstehe, werde ich dir das sagen und
[nicht] ablassen mit der Bitte: entferne sie von hier, um ihrer Ehre und um
unserer Ehre willen.
    Da deine Worte endlos um dasselbe Trugbild flattern, antwortete der Frst,
so ist es Zeit, dieser Unterredung ein Ende zu machen. Du wirst auf der Stelle
abreisen, du wirst der Zeit berlassen, ob sie mich vergessen lt, was ich heut
von dir erfahren. Bis dahin magst du in der Einsamkeit darber nachsinnen, da
du ein Thor warst, als du den Vormund Fremder spielen wolltest, welche
vollstndig in der Lage sind, fr ihr eigenes Heil zu sorgen.
    Der Erbprinz verneigte sich. Hat mein durchlauchtigster Herr noch einen
Befehl fr mich? frug er mit zuckenden Lippen.
    Finster entgegnete der Frst: Dir bleibt nur noch brig, da du selbst die
Fremden gegen deinen Vater aufregst.
    Ew. Hoheit wissen, da mir dergleichen nicht geziemen wrde.
    Der Frst winkte mit der Hand, der Sohn schied mit stummer Verbeugung.
    Der Prinz rief nach seinem Wagen und eilte zu seiner Schwester. Die Prinze
sah ngstlich in sein verstrtes Gesicht: Du sollst fort?
    Lebe wohl, sagte er, ihr die Hand reichend, ich gehe auf's Land, uns noch
ein neues Schlo zu bauen, wenn wir einmal die Scene wechseln wollen.
    Wann kehrst du zurck, Benno?
    Der Erbprinz zuckte die Achseln. Sobald der Frst befiehlt. Ich habe jetzt
den Auftrag, ein wenig Baumeister und Landwirth zu werden, auch dies ist eine
ntzliche Thtigkeit. Lebe wohl, Sidonie. Sollte der Zufall dich einmal mit Frau
Werner zusammenfhren, so wrde ich dir verbunden sein, wenn du nicht auf das
Geschwtz des Hofes achten, sondern daran denken wolltest, da sie eine wackere
Frau ist, und da ich ihr von frher groen Dank schuldig bin.
    Bist du unzufrieden mit mir, mein Bruder? frug die Prinzessin ngstlich.
    Mache gut, Siddy, was du noch gutmachen kannst, lebe wohl.
    Prinz Victor begleitete ihn zum Wagen. Der Erbprinz fate ihn an der Hand
und sah bedeutungsvoll nach dem Pavillon hinber, Victor nickte. Es ist mein
eigener Vortheil, sagte er. Ehe ich nach der Garnison gehe, besuche ich dich
im Lande des Farnkrauts, ich erwarte, dich als Bruder Klausner zu finden mit
langem Bart und einer Mtze von Baumrinde. Lebe wohl, Ritter Toggenburg, und
lerne dort, da die beste Philosophie auf Erden ist, jeden Tag fr verloren zu
halten, an dem man keinen dummen Streich gemacht hat. Besorgt man dies Geschft
nicht selbst, so bernehmen Andere die Mhe. Es ist immer lustiger, Hammer zu
sein als Ambos.
    Der Frst war heut whrend der Hoftafel so finster und schweigsam, da es
den meisten Anwesenden auffiel, nur kurze Bemerkungen fielen von seinem Munde,
zuweilen ein herber Scherz, dem man anmerkte, da die Seele des Frsten nach
Fassung rang; der Hof verstand, da diese unheimliche Stimmung mit der Abreise
des Erbprinzen zusammenhing, und Jeder htete sich, den Verstrten zu reizen.
Der Professor allein geno den Vorzug, dem Frsten ein Lcheln abzunthigen, als
er gutlaunig von dem verzauberten Schlo Solitude erzhlte. Nach der Tafel
sprach der Frst neben dem Professor mit einem Adjutanten, der Professor wandte
sich an den Obersthofmeister, und obgleich er die unzugngliche Artigkeit des
Mannes sonst mied, that er heut doch eine gleichgltige Personenfrage. Der
Obersthofmeister antwortete verbindlich, da der nahe Hofmarschall sicher die
beste Auskunft geben knne, und vernderte seinen Platz. Gleich darauf trat der
Frst, quer durch die Gesellschaft schreitend, an den Obersthofmeister, zog sich
mit diesem in eine Fensternische zurck und begann: Sie haben mich auf meiner
ersten Reise nach Italien begleitet und, wenn mir recht ist, ein wenig meine
Liebhaberei fr Alterthmer getheilt. Unsere Sammlung wird neu geordnet, an
einem Katalog fleiig gearbeitet.
    Der Obersthofmeister sprach seine Anerkennung der frstlichen
Opferwilligkeit aus.
    Professor Werner ist sehr thtig, fuhr der Frst fort, es ist erfreulich,
wie schnell er einen Ueberblick zu geben versteht. Der Obersthofmeister blieb
stumm.
    Sie erinnern sich, Excellenz, wie belustigend uns in Italien die Sammler
waren, welche den Fremden durch Lohndiener in ihre Kabinette zogen und um eine
erloschene Inschrift endlos Mund und Arme bewegten. Wie die meisten Menschen an
einer fixen Idee leiden, so auch unser Gast. Er argwhnt, da in einem Hause
unseres Frstenthums eine alte Handschrift verborgen liege, deshalb hat er die
Tochter des Hausbesitzers geheiratet, und da er trotzdem seinen Schatz nicht
gefunden, sucht er jetzt in der Stille dies Nebelbild auf allen Bden der
Residenz. Hat er nie gegen Sie darber gesprochen?
    Ich habe noch keine Veranlassung gehabt, sein Vertrauen zu suchen,
erwiederte der Obersthofmeister.
    Da haben Sie etwas verloren, fuhr der Frst fort, er spricht in seiner
Weise gut und gern darber; es wird Sie unterhalten, einmal diese Art von
Narrheit nher zu betrachten. Kommen Sie nachher mit ihm in mein Arbeitszimmer.
    Der Obersthofmeister verneigte sich und meldete beim Aufbruch dem Professor,
da der Frst ihn noch zu sprechen wnsche.
    Die Herren traten bei dem Frsten ein, diesem eine erheiternde Unterhaltung
zu schaffen.
    Ich habe Seiner Excellenz erzhlt, begann der Frst, da Sie bei uns noch
ein besonderes Interesse als Jagdliebhaber verfolgen. Wie steht's mit der
Handschrift?
    Der Professor berichtete ber seine neue Entdeckung und die beiden Truhen.
Der nchste Jagdgrund, worauf ich hoffe, sind die Bden und Kammern im
Sommerschlo der Frau Prinzessin; weigern auch diese eine Beute, so wei ich mir
kaum noch eine undurchsuchte Sttte.
    Es soll mich freuen, wenn Sie recht bald zum Ziele kommen, sagte der Frst
und blickte zu dem Obersthofmeister hinber. Ich nehme an, da es auch fr Ihr
eigenes Leben von Wichtigkeit sein wrde, diese Handschrift zu finden. Sie
werden sich ja wohl dazu verstehen, dieselbe durch den Druck bekannt zu machen.
    Es wre die hchste Aufgabe, die mir werden knnte, versetzte der
Professor, vorausgesetzt, da Ew. Hoheit Huld mir dies Werk anvertrauen
wollte.
    Sie sollen die Arbeit bernehmen und kein Anderer, erwiederte der Frst
lchelnd, soweit ich ein Recht habe, darber zu bestimmen. Also das unsichtbare
Buch wrde fr Ihre Wissenschaft in Wahrheit groe Bedeutung haben?
    Die grte Bedeutung. Aber der Inhalt wre fr jeden Gebildeten von hohem
Werth, ich meine, er wrde auch Ew. Hoheit fesseln, sagte der Professor arglos
und freudig, denn der Rmer Tacitus ist in gewissem Sinne ein
Hofschriftsteller, Mittelpunkt seiner Erzhlung sind die Charaktere der Kaiser,
welche in dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Geschicke der alten
Welt bestimmt haben. Es ist freilich im Ganzen ein trbes Bild.
    Er ist ein Schriftsteller der Unzufriedenen? sagte der Frst.
    Er ist der groe Berichterstatter Ueber eine eigenthmliche Verbildung der
Charaktere, welche bei den Herren der antiken Welt eintrat, wir verdanken ihm
eine Reihe von psychologischen Schilderungen der Krankheit, welche sich damals
auf dem Throne entwickelte.
    Das ist mir neu, versetzte der Frst, sich auf seinem Stuhl bewegend.
    Ew. Hoheit wrden, ich bin berzeugt, mit dem grten Antheil die
verschiedenen Formen dieser Seelenkrankheit betrachten, und Hchstdieselben
wrden in andern Zeitrumen der Vergangenheit, ja in frheren Zustnden unseres
eigenen Volkes viele bedeutsame Seitenbilder finden.
    Sie nehmen also eine besondere Krankheit an, welche nur die Regenten
befllt? frug der Frst, die Mediciner werden Ihnen fr diese Entdeckung
besonderen Dank wissen.
    In der That, rief der Professor eifrig, ist die furchtbare Bedeutung
dieser Erscheinung noch viel zu wenig gewrdigt, keine andere hat auf das
Schicksal der Nationen so unermelichen Einflu gebt. Was Pest und Krieg
verdarben, ist wenig gegen die verhngnivolle Verwstung der Vlker, welche
durch dies besondere Leiden der Herrscher angerichtet wurde. Denn diese
Krankheit, welche noch lange nach Tacitus unter den rmischen Imperatoren
wthete, ist kein Leiden, welches auf das alte Rom beschrnkt war, sie ist
zuverlssig so alt, wie die Despotien des Menschengeschlechts, sie befiel auch
spter in den christlichen Staaten zahlreiche Herrscher, sie brachte in jeder
Zeit anders geformte, groteske Gestalten hervor, sie war durch Jahrtausende der
Wurm, welcher, in der Hirnschale eingeschlossen, das Mark des Hauptes verzehrte,
das Urtheil vernichtete, die sittlichen Empfindungen zerfra, bis zuletzt nichts
brig blieb als der hohle Schein des Lebens. Zuweilen wurde es Wahnsinn, den
auch der Arzt nachweisen kann, aber in zahlreichen anderen Fllen hrte die
brgerliche Zurechnungsfhigkeit nicht auf und der geheime Schaden barg sich
sorgfltig. Es gab Zeitrume, wo nur einzelne festgefgte Seelen sich vllige
Gesundheit bewahrten, und wieder andere Jahrhunderte, wo ein frischer Luftzug
aus dem Volke die Hupter, welche das Diadem trugen, frei erhielt. Ich bin
berzeugt, wer den Beruf hat, die Zustnde spterer Zeit genau zu untersuchen,
wird im Grunde denselben Verlauf der Krankheit selbst noch in den milderen
Formen unserer Bildung erkennen. Meinem Leben liegen diese Beobachtungen fern,
auch zeigt der rmische Staat allerdings die abenteuerlichsten Formen der
Krankheit, denn dort sind die grten Verhltnisse und eine so mchtige
Entfaltung der Menschennatur in Tugend und Verkehrtheit, wie seitdem selten in
der Geschichte.
    Den Herren Gelehrten aber macht es besondere Freude, diese Leiden frherer
Herrscher ans Licht zu stellen? frug der Frst.
    Sie sind gewi lehrreich fr alle Zeiten, fuhr der Professor sicher fort,
denn sie prgen durch furchtbare Beispiele die Wahrheit ein, da der Mann, je
hher er steht, um so strkere Schranken nthig hat, welche die Willkr seines
Wesens bndigen. Ew. Hoheit freies Urtheil und reiche Erfahrung werden schrfer
als Jemand aus meinem Lebenskreise beobachten, da diese Krankheitserscheinungen
sich stets da zeigen, wo der Regierende weniger zu scheuen und zu ehren hat als
ein anderer Sterblicher. Was den Menschen in gewhnlicher Lage gesund erhlt,
ist doch nur, da ihm eine strenge und unablssige Controle seines Lebens in
jedem Augenblick fhlbar wird, seine Freunde, das Gesetz, die Interessen Anderer
umgeben ihn von allen Seiten, sie fordern gebieterisch, da er Denken und Wollen
der Ordnung fge, durch welche Andere ihr Gedeihen sichern. Zu jeder Zeit ist
die Gewalt dieser Fesseln bei dem Regenten minder stark; was ihn einengt, vermag
er leichter niederzuwerfen, eine ungndige Handbewegung scheucht den Warnenden
fr immer von seiner Seite, vom Morgen bis zum Abend ist er mit Personen
umgeben, welche ihm bequem sind, ihn mahnt kein Freund an seine Pflicht, ihn
straft kein Gesetz. Hundert Beispiele lehren, da frhere Herrscher selbst bei
groen ueren Erfolgen an innerer Verwstung litten, wo nicht eine starke
ffentliche Meinung und krftige Theilnahme des Volkes am Staat sie unablssig
zwang, sich selbst zu behten. Es liegt nahe, an die riesengroe Kraft eines
Feldherrn und Eroberers zu denken, den die Erfolge und Siege des eigenen Lebens
ins Wste und Malose getrieben haben, er war ein furchtbarer Phantast geworden,
Lgner gegen sich selbst, Lgner gegen die Welt, bevor er gestrzt wurde, und
lange bevor er starb. Doch dergleichen zu untersuchen, ist, wie gesagt, nicht
mein Beruf.
    Nein, sagte der Frst tonlos.
    Die entfernte Zeit, begann der Obersthofmeister, welche Sie im Auge
haben, war aber nicht nur fr die Regenten, auch fr die Vlker eine traurige
Epoche. Wenn mir recht ist, war das Gefhl des Absterbens allgemein, auch
bewunderte Schriftsteller taugten nicht viel, mir wenigstens sind solche Mnner
wie Apulejus und Lucian als eitle und klglich gemeine Menschen erschienen.
    Der Professor sah berrascht auf den Hofmann.
    In meiner Jugend las man dergleichen hufiger, fuhr dieser fort. Ich
verdenke den Besseren jener Zeit nicht, wenn sie sich mit Widerwillen von
solchem Treiben abwandten und sich in das engste Privatleben oder in die
thebanische Wste zurckzogen. Deshalb, wenn Sie von einer Krankheit der
rmischen Imperatoren sprechen, mchte ich entgegnen, da sie nur Folge einer
ungeheuren Erkrankung der Vlker ist, obgleich ich sehr wohl einsehe, da sich
whrend diesem Verderb der Einzelnen ein groer Fortschritt des
Menschengeschlechts vollzogen hat, die Befreiung der Vlker aus abschlieendem
Volksthum zu einer Cultureinheit, und der neue Idealismus, welcher durch das
Christenthum auf die Erde kam.
    Zuverlssig ist die Form des Staates und die Form der Bildung, welche die
einzelnen Kaiser vorfanden, entscheidend fr ihr Leben gewesen. Jedermann ist in
diesem Sinne Kind seiner Zeit, und wenn es gilt, das Ma ihrer Schuld zu
bestimmen, dann wird vorsichtiges Abwgen ziemen. Aber was ich die Ehre hatte,
Sr. Hoheit als besondern Vorzug des Tacitus anzufhren, ist auch nur die
Meisterschaft, mit welcher er die eigenthmlichen Symptome und den Verlauf des
Csarenwahnsinns schildert.
    Sie waren alle wahnsinnig, unterbrach der Frst mit heiserer Stimme.
    Verzeihung, gndiger Herr, entgegnete der Professor arglos. Augustus
wurde auf dem Throne ein besserer Mann, und nach der Zeit, in welcher Tacitus
schrieb, haben noch manche gute und mavolle Herrscher gelebt. Etwas von dem
Fluch, welchen bel beschrnkte Macht auf die Seelen ausbte, mag an der
Mehrheit der rmischen Kaiser erkennbar sein. In den besseren aber lag er wie
eine Krnklichkeit, welche, nur selten bemerkbar, immer wieder durch Tchtigkeit
oder gute Natur gebndigt wurde. Eine Anzahl freilich verdarb durchaus, und in
ihnen entwickelte sich die Krankheit nach einer bestimmten Stufenfolge, deren
innere Gesetzlichkeit wir wohl begreifen.
    Sie wissen also auch, wie den Leuten zu Muthe war? fuhr der Frst auf, den
Professor scheu anblickend.
    Der Obersthofmeister trat in eine Fensternische.
    Der Verlauf der Krankheit ist im Allgemeinen nicht schwer zu verfolgen,
versetzte der Professor, erfllt von seinem Gegenstande. Die Uebernahme der
Regierung wirkt zunchst erhebend. Der hchste Erdenberuf steigert auch
beschrnkte Menschen wie den Claudius, verdorbene Buben wie den Caligula, Nero
und Domitian whrend der ersten Wochen zu einem gewissen pathetischen Adel.
Lebhaft ist das Bestreben, zu gefallen, beflissen die Arbeit, sich durch Gnade
festzusetzen; die Scheu vor einflureichen Persnlichkeiten oder vor dem
Widerstreben der Masse zwingt zur Vorsicht. Die Herrschaft aber hat den Menschen
zum Sklaven gemacht, und der Sklavensinn trgt eine Verehrung entgegen, welche
den Kaiser uerlich ber andere Menschen hinausstellt, er ist von den Gttern
besonders begnadigt, ja seine Seele ein Ausflu der gttlichen Kraft. In dieser
knechtischen Unterwrfigkeit Aller und der Sicherheit der Herrschaft wuchert
bald der Egoismus. Die zuflligen Forderungen eines ungebndigten Willens werden
rcksichtslos, die Seele verliert allmhlich das Urtheil ber Bs und Gut, der
persnliche Wunsch erscheint dem Regierenden sofort als Bedrfni des Staates,
jede Laune des Augenblicks heischt Befriedigung. Das Mitrauen gegen Unabhngige
fhrt zu kopflosem Argwohn, wer sich nicht fgt, wird als Feind beseitigt, wer
sich geschmeidig anzupassen versteht, ist sicher, eine Herrschaft ber den
Herrscher auszuben. Die Familienbande reien, die nchsten Verwandten werden
als geheime Feinde umlauert, der gleiende Schein eines herzlichen Vertrauens
wird bewahrt, pltzlich durchbricht eine Missethat den Schleier, mit welchem
Heuchelei ein innerlich hohles Verhltni umzogen hat.
    Der Frst rckte mhsam seinen Sessel von dem Kaminfeuer in das Dunkel.
    Der Professor fuhr eifrig fort: Die Idee des rmischen Staates verliert
sich zuletzt ganz aus den Seelen, ja sie wird als feindselig gehat, nur
persnliche Anhnglichkeit wird gefordert, treue Hingabe an den Staat erscheint
als Verbrechen. Diese Hilflosigkeit und das Schwinden des Urtheils ber die
Tchtigkeit, ja ber die wirkliche Ergebenheit der Menschen bezeichnen einen
Fortschritt der Krankheit, durch welchen bereits die Zurechnungsfhigkeit
beeintrchtigt wird. In dieser Zeit werden die Bildungselemente immer
beschrnkter und einseitiger, das Wollen immer eitler und kleinlicher. Ein
kindisches Wesen wird sichtbar, Freude an elendem Tand und eitlen Possen,
daneben eine bubenhafte Tcke, welche zwecklos verdirbt, es wird Genu, nicht
nur zu qulen, auch die Qualen Anderer zu schauen, unwiderstehlich wird das
Gelst, Hervorragendes in das Gemeine herab zu ziehen, ja auch Gleichgltiges zu
vernichten. Sehr merkwrdig ist, wie mit dieser Abnahme der Denkkraft eine
unruhige und zerstrende Sinnlichkeit ber Hand nimmt. Ihre dunkle Gewalt wird
bermchtig. Whrend sonst die Wrde des hhern Alters auch dem Schwachen
Haltung gibt, verletzt hier das widerliche Bild bejahrter Wstlinge wie Tiberius
und Claudius. In einer schamlosen und raffinirten Hingabe an Lste wird die
letzte Lebenskraft zerstrt.
    Das ist sehr merkwrdig, wiederholte tonlos der Frst.
    Der Professor schlo: So vollendet sich der Verderb in vier Stufen, zuerst
malose Selbstsucht, dann Argwohn und Heuchelei, dann knabenhafte Unvernunft,
das Letzte thut widerwrtige Ausschweifung.
    Der Frst erhob sich langsam von seinem Sessel, er strauchelte, der
Obersthofmeister trat ngstlich nher, aber der Frst prete die Hand auf die
Lehne und wandte sich dem Professor zu; ohne ihn anzusehen sagte er
verabschiedend: Ich danke den Herren fr eine vergngte Stunde. Man hrte den
Worten die Anstrengung an, welche sie ihm kosteten. Im Hinausgehen frug der
Professor leise den Obersthofmeister: Ich habe den Frsten gewi durch die
gedehnte Errterung gelangweilt?
    Der Obersthofmeister sah erstaunt in das freundliche Antlitz des Gelehrten:
Ich zweifle nicht, der Frst wird Ihnen sehr bald beweisen, da er aufmerksam
zugehrt hat.
    Als sie auf der Treppe waren, klang ein heiserer Miton aus der Ferne, der
alte Herr fuhr zusammen und lehnte sich an die Wand.
    Der Professor lauschte, Alles war still. Das war wie der Schrei eines
wilden Thieres, sagte er.
    Es klang von der Strae, versetzte der Obersthofmeister.

                                       7.

                                        

                          Der Hummeln Csarenwahnsinn.


Herr Hahn fuhr an seinem Gartenzaun dahin. Seine Seele war mit Dankbarkeit
gefllt; da diese aber verhindert wurde, durch das gewhnliche Ventil
freundlicher Rede auszustrmen, drang sie ihm in diejenige Kammer seines
Hauptes, in welcher er die Plne fr Verschnerung des Gartens aufbewahrte. Der
hochherzige Gegner von drben feierte nchstens seinen Geburtstag, das hatte
Herr Hahn auf weitem Umwege entdeckt. An diesem Tage durfte ihm vielleicht ein
heimliches Zeichen der Achtung vor Augen gestellt werden. Der grte Schatz im
Garten des Herrn Hahn waren seine Topfrosen, Bumchen und Struche von jeder
Gre und Farbe, prachtvolle Rosen, welche fast das ganze Jahr blhten und von
den Vorbergehenden sehr bewundert wurden. Er trug sie eigenhndig im Garten hin
und her und benutzte sie zum Ausputz verschiedener Gruppen. Diese Rosen beschlo
er in stiller Huldigung zu widmen. Lngst hatte er in der Mitte des feindlichen
Gartens ein wstes Rondel bedauert, das den ganzen Sommer thatlos dalag, als
Lagerplatz fr den rothen Hund oder eine umherschweifende Katze. Wenn Herr
Hummel an seinem Festtage in den Garten trat, sollte das runde Beet in eine
blhende Rosengruppe verwandelt sein.
    Dieser Gedanke verschaffte Herrn Hahn viele glckliche Stunden und erhob ihn
ein wenig aus der Tiefe seines Kummers. Er trug also die Rosen in einen
versteckten Winkel, stellte sie vor sich nach Gre und Farbe in Reihe und Glied
und schrieb mit Kreide Nummern auf die Tpfe. Bei dem Hause des Parkwrters,
welches jetzt als uerster Vorposten der Stadt am Flusse stand, schwamm ein
kleiner Kahn, diesen entlieh Herr Hahn in vertraulichster Weise fr einige
Nachtstunden. Vor dem ersten Morgengrau des feindlichen Geburtstages schlpfte
er aus seinem Hause, trug die Tpfe ber den Parkweg in den Kahn und fuhr mit
seiner Ladung bis zu der kleinen Treppe, welche aus dem Wasser in den Garten des
Herrn Hummel fhrte. Er schlich mit seinen geliebten Rosen an das runde Beet,
ordnete sie geruschlos nach der Nummer, topfte jede einzelne aus und
verwandelte die de Sttte in ein prachtvolles Rosengebsch. Als die Sperlinge
in der Dachrinne ihre ersten Schimpfreden auf ihn hinabschrieen, hatte er die
Erde des Beetes wieder mit kleinem Rechen geebnet. Noch einen vergngten Blick
warf er auf sein Werk, einen zweiten auf die dmmrige Hauswand, hinter welcher
Herr Hummel der Ueberraschung des Morgens entgegenschlummerte, dann schlich er
mit Grabeisen und leeren Scherben wieder in seinen Kahn, ruderte bis zum Hause
des Parkwrters und barg sich und sein Gartengert auf dem eigenen Grunde, bevor
das erste Sonnenlicht seinen Schornstein rosig anmalte.
    Herr Hummel trat zur gewhnlichen Stunde in die Wohnstube, empfing in guter
Laune den Glckwunsch seiner Frauen, blickte gndig auf den Festkuchen, welchen
Frau Philippine neben seinen Kaffe gestellt, und auf die Reisetasche, welche ihm
Laura gestickt, nahm seine Zeitung zur Hand und weihte sich durch Theilnahme an
den politischen Angelegenheiten der Menschen fr die Geschfte seines eigenen
Lebens. Alles lie sich gut an, er nahm in der Fabrik und im Comtoir die
Gratulationen auf wie ein Lamm, er streichelte den knurrenden Hund und schrieb
Geschftsbriefe voll Hochachtung an seine Kunden.
    Als er gegen Mittag zu seinen Frauen zurckkehrte, trat auch der Doctor von
drben in das Zimmer und brachte seinen Glckwunsch dar. Auf der sonnigen Stirn
des Hausherrn lagerte sich eine dunkle Wolke und es wetterleuchtete unter seinen
ambrosischen Brauen. Sieh da, auch Saul unter den Propheten! Wollen Sie einen
verlorenen Esel nach dem Hause ihres Vaters holen? Damit knnen wir nicht
aufwarten. Oder wollen Sie einen Vortrag halten ber die Sprache der Orangutangs
im Kokoslande?
    Meine Vortrge sind Ihnen noch nicht lstig geworden, erwiederte der
Doctor. Ich komme nicht dazu, weil Ihre gastliche Zuvorkommenheit selbst die
Mhe bernimmt, die Anwesenden durch Ergsse Ihrer guten Laune zu unterhalten.
Ich habe Ihnen bereits meinen Wunsch ausgedrckt, niemals Zielpunkt derselben zu
sein.
    So vertheidigen Sie sich doch, wenn Sie knnen, rief Herr Hummel.
    Nur die Rcksicht auf das Behagen der Anwesenden hindert mich, versicherte
der Doctor, Ihnen in Ihren vier Wnden die Antwort zu geben, welche Sie zu
wnschen scheinen.
    Es wrde mir leid thun, wenn Sie durch meine vier Wnde in Nachtheil
gesetzt wrden, bedauerte Hummel. Ich mache Ihnen den Vorschlag, stellen Sie
sich mit mir auf gleichen Fu, bleiben Sie drben und stecken Sie den Kopf zum
Fenster hinaus, ich werde dasselbe thun, wir knnen dann ber die Strae
einander ansingen wie zwei Kanarienvgel.
    Jetzt aber bin ich hier, sagte der Doctor mit einer Verbeugung, und
erhebe den Anspruch, dies Stck Geburtstagskuchen in Frieden und unter
freundlichen Gesichtern zu verzehren.
    Dann ersuche ich Sie, ohne bergroen Schmerz auf mein Gesicht zu
verzichten, brummte Hummel. Er ffnete die Thr nach dem Garten und schritt
unzufrieden die Stufen hinab. Schon von Weitem sah er die junge Rosengruppe im
Tageslicht unschuldig lcheln. Er umkreiste die Sttte, schttelte den Kopf und
lud seine Frauen in den Garten. Wer von euch hat diesen Einfall gehabt? frug
er. Die Frauen bezeugten so lebhaft ihre Ueberraschung, da er von ihrer
Unschuld berzeugt wurde; er rief den alten Schlieer, den Buchhalter, Alle
bewiesen vllige Unwissenheit. Die Miene des Herrn Hummel wurde finster. Was
heit das? Hier ist eingeschlichen worden, whrend wir schliefen, nchtlicher
Gartenbau ist nicht nach meinem Geschmack; wer darf sich unterstehen, mein
Grundstck ohne Erlaubni zu betreten? Wer hat diese Naturproducte eingefhrt?
    Er ging unruhig die Wasserseite entlang, neben ihm schlich Speihahn. Der
Hund kroch die Wassertreppe hinab, roch an einem braunen Holz, welches auf der
letzten Stufe lag, stieg wieder zur Hhe, wandte sich gegen das Haus des Herrn
Hahn und machte knurrend einen hhnischen Katzenbuckel. Es war so deutlich, als
htte er die freundlichen Worte gesprochen: Wnsche wohl zu speisen.
    Richtig, rief Hummel, der Einbrecher hat den Griff des Steuerruders
zurckgelassen. Der braune Griff gehrt zu dem Kahn des Parkwrters. Tragen Sie
ihn hinber, Klaus, ich fordere Antwort, wer gewagt hat, diesen Kahn hier
anzulegen. Der Schlieer eilte mit dem Holze fort und brachte verlegen die
Antwort, Herr Hahn habe sich in der Nacht den Kahn ausgebeten.
    Wenn es Ahnungen gibt, zrnte Hummel, so war dies eine. Nchtliche
Schleicherei Ihres Vaters verbitte ich mir unter allen Umstnden, fuhr er den
Doctor an.
    Ich wei nichts davon, entgegnete der Doctor. Hat dies mein Vater gethan,
so ersuche ich Sie, auch wenn Ihnen an den Rosen nichts liegt, sich doch die
gute Meinung gefallen zu lassen.
    Ich protestire gegen jede Rose, welche auf meinen Weg gestreut werden
soll, grollte Hummel. Zuerst hatten wir giftige Klchen aus bler Meinung und
jetzt Rosenbltter aus guter. Ihr Vater sollte an etwas Anderes denken, als an
solche Possen. Noch ist der Grund und Boden mein, und dies Scharren der Hhne
gedenke ich zu verhindern. Er fuhr wild unter die Rosen, packte Stmmchen und
Aeste, ri sie aus dem Boden und warf sie in einen wsten Haufen.
    Der Doctor wandte sich finster ab, Laura aber eilte zu dem Vater und sah ihm
zornig in das harte Gesicht. Was du herausreiest, sprach sie nachdrcklich,
ich setze es mit meinen Hnden wieder ein, da du's nur weit. Sie lief in
eine Ecke des Gartens, trug Tpfe herzu, kniete am Boden und prete die Stcke
mit ihren kleinen Erdballen wieder in die Gefe, ebenso heftig, als der Vater
ausrodete. Ich will sie pflegen, rief sie dem Doctor zu, sagen Sie Ihrem
lieben Vater, da nicht Alle in unserm Hause seine Freundlichkeit miachten.
    Thu', was du nicht lassen kannst, versetzte Herr Hummel ruhiger. Klaus,
was stehen Sie da und glotzen auf Ihren Hinterbeinen wie eine Schildkrte?
Helfen Sie Frulein Hummel bei ihrer freundlichen Erdarbeit. Dann tragen Sie die
ganze Einbescherung wieder hinber zu dem jugendlichen Blumenzchter. Eine
Empfehlung, und er htte im Dunkeln die Grten verwechselt. Die Rosen mchte er
selber begieen, bis wir jungen Mdchen miteinander zum Tanze gingen. Dann wrde
ich ihn um das Grnzeug zu einem Kranze bitten. Er drehte der Gesellschaft den
Rcken und ging mit starken Schritten nach seinem Comtoir. Laura kauerte am
Boden und arbeitete an den gemihandelten Rosen mit gerthetem Antlitz und
dsterer Entschlossenheit. Der Doctor half schweigend. Er hatte seinen Vater
wohl hinter dem Zaune gesehen und wute, wie tief der Arme den neuen Trotz des
Gegners empfinden werde. Laura hrte nicht auf, bis alle Blumen so gut als
mglich in den Tpfen geborgen waren, dann tauchte sie die Hnde in das
vorbeiflieende Wasser, und ihre Thrnen mischten sich mit der Fluth. Sie zog
den Doctor nach dem Zimmer. Dort rang sie auer sich die Hnde. Das Leben ist
schrecklich, wir gehen beide unter in dem kleinlichen Hader. Es gibt nur eine
Rettung fr Sie und fr mich, sind Sie ein Mann, so finden Sie, was uns lst von
diesem Jammer. Sie strzte aus dem Zimmer, die Mutter winkte heftig dem Doctor
zurck zu bleiben, als dieser folgen wollte.
    Sie ist auer sich, rief Fritz, was meinen ihre Worte? was fordert sie
von mir?
    Die Mutter setzte sich verlegen auf ihren Sorgenstuhl, rusperte sich und
zupfte an ihren Aermeln. Ich mu Ihnen etwas vertrauen, Herr Doctor, begann
sie zgernd, was fr uns beide sehr schmerzlich ist, und doch wei ich mir
keine Hilfe, und alle Vorstellungen, die ich meinem unglcklichen Kinde mache,
sind vergebens. Um Ihnen nichts zu verschweigen, es ist eine groe Verirrung,
und ich htte nie erwartet, da so etwas mglich wre. Sie hielt an und suchte
Kraft in ihrem Taschentuche. Fritz sah ngstlich auf die verstrte Frau Hummel,
ein Geheimni Laura's, das er seit Wochen geahnt, sollte jetzt vernichtend auf
seine Hoffnungen fallen.
    Ich will Ihnen ja Alles gestehen, lieber Herr Doctor, fuhr die Mutter mit
vielem Seufzen fort, Laura schtzt Sie unendlich und der Gedanke, Ihre Frau zu
werden, ist ihr, ich darf es im Vertrauen sagen, nicht fremdartig und auch nicht
gerade unangenehm. Aber sie hat sich etwas in den Kopf gesetzt, was frchterlich
ist und was ich mich schme ber meine Lippen zu bringen.
    Sprechen Sie es aus, rief der Doctor in Verzweiflung.
    Laura will von Ihnen entfhrt werden.
    Fritz sa starr.
    Es ist unmenschlich, da ich als Mutter diesen Wunsch gegen Sie aussprechen
mu, aber ich wei mir keinen Rath mehr.
    Aber wozu? frug der Doctor, immer noch betubt.
    Das gerade ist das Schmerzlichste von Allem, und das soll sie Ihnen selbst
bekennen. Wie sie auf den Gedanken gekommen ist, durch Dichtungen oder durch
Zeitungsberichte aus der groen Welt, ich wei es nicht. Aber in ihrer Stimmung,
welche immer aufgeregt und tragisch ist, kann ich ihr keinen Widerstand leisten.
Ich frchte mich, meinem Mann darber eine Mittheilung zu machen, ich beschwre
Sie, thun Sie das Ihrige, mein Kind zu beruhigen. Sie ist von Gefhlen zerrissen
und ich vermag den innern Kampf dieser jungfrulichen Brust nicht mehr
widerstrebend anzusehen.
    Ich bitte um Erlaubni, versetzte der Doctor, darber sogleich mit Laura
zu sprechen. Ohne die Antwort der Mutter abzuwarten, eilte er die Treppe zu
Laura's Zimmer hinauf. Er pochte. Als ihm keine Antwort wurde, ri er die Thr
auf. Laura sa an ihrem Schreibtisch und schluchzte recht herzlich.
    Liebe, se Laura, rief der Doctor an ihrer Seite, ich habe mit Ihrer
Mutter gesprochen, lassen Sie mich Alles wissen.
    Laura fuhr auf. Jede warme Empfindung wird mit Hohn beworfen, jede Stunde,
in der ich Sie sehe, wird mir durch die Feindseligkeit des Vaters verbittert.
Dem rmsten Mdchen geht das Herz auf, wenn sie die Stimme des geliebten Mannes
hrt, ich aber mu fragen, ist das die Seligkeit der Liebe? Wenn ich Sie nicht
sehe, bangt mir nach Ihnen, und wenn Sie zu uns kommen, fhle ich mich geqult
und lausche ngstlich auf jedes Wort des Vaters. Sie selbst sehe ich freudenlos
und niedergeschlagen. Fritz, Ihre Liebe zu mir macht Sie unglcklich!
    Geduld, Laura, sagte der Doctor, halten wir aus. Mein Vertrauen zu dem
Herzen des Vaters ist besser als das Ihre. Allmhlich wird er sich mit meinem
Anblick vershnen.
    Nachdem uns beiden der Muth gebrochen ist, eine groe Neigung durch
zahllose kleine Widerwrtigkeiten zerdrckt ist. Ich kann Ihre Frau nicht
werden, Fritz, auf diesem Wege, zwischen den Hndeln unserer feindlichen Huser,
mich verdirbt die enge Strae und der alte Ha. Oft habe ich hier gesessen und
mich abgehrmt, da ich kein Mann bin, der herauskann, sich selbst sein Glck zu
suchen. Hren Sie ein Geheimni, Fritz, rief sie vor ihn tretend, und rang
wieder die Hnde, ich werde hier hochmthig, boshaft und schlecht.
    Davon habe ich noch wenig gemerkt, erwiederte Fritz erstaunt.
    Ich verberge es Ihnen, rief Laura, aber ich kmpfe tglich mit unreinen
Gedanken; ich bin gleichgltig gegen die Liebe der Eltern: wenn der Vater mich
auf den Kopf drckt, so schreit der Teufel in mir, er knnt' es auch lassen;
wenn die Mutter mich in ihrer Weise zur Geduld ermahnt, so ist mir ihre Rede in
der Stille rgerlich, weil sie vielleicht schnere Worte gebraucht als nthig
wre. Den Hund hasse ich so, da ich ihn manchmal ohne Veranlassung knuffe. Das
Gesprch am Sonntagstisch, die Geschichten des alten Schauspielers, der ewige
kleine Klatsch der Strae erscheinen mir unertrglich. Ich fhle, da ich ein
garstiges Kind bin und ich habe manchmal auf dieser Stelle ber mich geweint und
mich selbst gehat. Aber die schlechten Anwandlungen kehren wieder und werden
mchtiger. Das wird hier nicht besser, wo wir beide im Banne leben als zwei
verwhnte Kinder. Wir versinken, Fritz, in dieser Umgebung! Auch die liebende
Sorge der Eltern hrt auf zu beglcken. Was die Frau Base ber Den und ber Die
klagt, und da man sich nicht nasse Fe macht, wollene Strmpfe, und des
Sonntags Kuchen mit Zuckergu: - das alle Jahre, das ganze Leben hindurch! Sie
ri ihr Memoirenbuch auf und hielt ihm ein Bndel Gedichte und Briefe entgegen.
Hier sind Ihre Briefe, durch diese habe ich Sie liebgewonnen, denn hier sind
Sie, wie ich Sie verehre. So will ich Sie immer haben. Wenn ich Sie dann
wiederfinde zwischen Ihrem und unserm Hause, wie Sie die Schelte des Vaters
ertragen mssen, wie Sie sich ngstlich mhen, es allen Theilen recht zu machen,
und wenn ich merke, da Sie bei jedem rauhen Lftchen doppelte Shawls tragen, so
wird mir hei und bange auch um Sie, und ich sehe Sie als einen recht verwhnten
Stubengelehrten vor mir und mich als eine kleine dicke Frau mit einer groen
Haube und einem nichtssagenden Gesicht, welche bei der Kaffetasse sitzt und sich
ber die tglichen Spaziergnger aufhlt, und dieser Gedanke schnrt mir das
Herz zusammen.
    Fritz erkannte seine Briefe. Lngst war ihm zweifellos, da Laura die stille
Vertraute gewesen, aber als er jetzt auf die Geliebte blickte, welche den
geheimnivollen Briefwechsel in die Hhe hielt, da dachte er nicht mehr der
Laune, welche ihm soeben wehe gethan hatte, er fhlte nur ihre Treue und die
Poesie des zarten Verhltnisses. Liebe, liebe Laura, rief er, sie
umschlingend, unruhig pochendes Herz. Wo ist der frhliche Uebermuth hin, der
dir damals die Hand fhrte, als du dem armen Sammler das Seil um den Nacken
legtest? Mir sind zwei Seelen, mit denen ich innig verkehrte, zu einer geworden,
du aber zerlegst mich und dich selbst jetzt klagend in Alltagsmenschen und in
hher berechtigte Naturen. Was hat dir dein frhliches Vertrauen genommen?
    Unsere Noth, Fritz, und der Schmerz, ohne Freude Sie zu sehen, ohne
Erhebung Ihre Stimme zu hren. Sie sind bei mir und Sie sind mir oft ferner als
in jenen Tagen, wo ich Sie gar nicht sah oder nur in Gesellschaft der Freunde.
Sie lste sich aus seiner Umarmung. Liebst du mich und bist du der Mann, der
dies geschrieben, so wage, mich aus dieser Enge hinauszuziehen. Fange mit mir
ein neues Leben an, ich will mit dir arbeiten und entbehren, du sollst sehen,
da ich Kraft habe, ich will Tag und Nacht darauf denken, wie ich den
Tagesbedarf verdiene, damit du ungestrt durch die kleine Noth in deiner
Wissenschaft weilen kannst. Sei frisch und keck, wirf die ewigen Bedenken von
dir, wage einmal zu thun, was Andere mit Achselzucken betrachten.
    Wenn ich es thte, antwortete Fritz ernst, fr mich ist das Wagni
gering. Fr dich steht auf dem Spiel, woran du jetzt nicht denkst. Wie magst du
whnen, da ein gewagter Entschlu dir heilsam sei, wenn er einen neuen Miklang
in deine Seele wirft und dich fr dein ganzes Leben mit einer Schuld gegen
Andere belastet?
    Wenn ich ein Unrecht auf mich nehme, rief Laura finster, ich thue es
nicht nur fr mich. Ich fhle, da es ein Unrecht ist, ach sehr. Aber ich wage
es fr unsere Liebe. Niemals wird mein Vater mit gutem Willen Ihre Hand in meine
legen. Er wei, wie ich an Ihnen hnge, und ist nicht so hart, mein Unglck zu
wollen, aber er vermag seine Abneigung nicht zu bekmpfen. Heut hat er sich zu
der Ansicht gezwungen, da Sie der Mann sind, dem ich angehre, morgen kommt ihm
wieder die gallige Empfindung, wie sehr ihm das verhat ist. Wagen Sie ihm zu
trotzen, und Sie werden ihm selbst einen Gefallen thun, beweisen Sie festen
Willen, er wird zrnen, aber er wird sich dem Muthigen leichter vershnen. Er
liebt mich, sagte sie leise, aber er ist frchterlich hart gegen Andere.
    Ist er das immer? frug der Doctor. Nun, so kennt die Tochter doch nicht
den ganzen Werth ihres Vaters. Ich wrde in dieser Stunde ein Unrecht gegen ihn
und dich begehen, wenn ich dir verschwiege, was nach seinem Willen fr dich
Geheimni bleiben soll. Hre denn: als mein armer Vater in Verzweiflung neben
mir sa, da trat dein Vater in unser Haus und gab uns in einer groartigen Weise
die Mittel, um den drohenden Sturz abzuhalten. Weit du nicht, da sein
Schmollen und Zanken oft Ausdruck eines rauhen Humors ist?
    Laura's Augen hingen an seinem Mund, als wollte sie die Worte von seinen
Lippen stehlen. Das hat der Vater gethan? rief sie auer sich, hob die Arme
zum Himmel und warf sich zu ihrem Memoirentisch nieder. Fritz wollte sie
aufheben. La mich, bat sie leidenschaftlich, es wird vorbergehn, ich bin
glcklich, la mich jetzt allein, Geliebter.
    Der Doctor schlo leise die Thr und ging hinab zur Mutter, welche immer
noch in Kummer versunken auf dem Sopha sa und alle aufregenden Scenen der
Entfhrung in mtterlicher Angst durchkostete. Ich bitte Sie, Laura jetzt nicht
durch Vorstellungen zu ngstigen, sagte er, sie selbst wird die Ruhe
wiederfinden, vertrauen wir ihrem wackeren Herzen. Mit diesen klugen Worten
suchte der Doctor sich selbst zu trsten.
    Unterde lag Laura auf den Sessel gesttzt und bat dem Vater in Gedanken
immer wieder ab, wo sie ihm Unrecht gethan. Seit Jahren trug sie den Schmerz mit
sich herum, der fr das Herz eines Kindes am bittersten ist, heut war der Druck
von der Seele genommen. Endlich sprang sie auf, zog ihr Tagebuch hervor, ri ein
Blatt und wieder eins heraus, ballte die Bltter zusammen und errichtete in dem
Ofen ein kleines Opferfeuer, sie sah zu, bis die letzten Funken am schwarzen
Zunder hin und herliefen, dann schlo sie die Ofenthr und eilte aus dem Zimmer.
    Herr Hummel sa in seinem Waarenlager vor einem Bataillon neuer Hte mit
breiter Krempe und runder Kappe, welche zur Musterung vor sein Feldherrnauge
gestellt waren, und er sprach strafend zu seinem Buchhalter: Es ist das reine
Barbierbecken. Der Mensch verliert seine Hoheit. Allerdings, bei diesen Deckeln
wird verdient, Niemand merkt die Katzenhaare, die darin sind; aber sie rauben
dem Kopf des deutschen Brgers den letzten Rest von freier Luft, den er bis
jetzt in seinem Cylinder heimlich mit sich herumtrug. In meiner Jugend erkannte
man einen Brger an drei Stcken: auf dem Leibe trug er einen Rock von blauem
Tuch, auf dem Kopfe einen schwarzen Hut und in der Tasche einen groen
Hausschlssel, mit dessen Bart er bei nchtlichem Ueberfall die Nasen der
Meuchelmrder abdrehte. Jetzt schiet er in grauer Joppe auf sein Bockbier los,
die Hausthren ffnet man mit kleinen Korkziehern und die letzten Cylinder
werden nchstens fr die Kunstsammlungen als Raritt aufgekauft. Sie knnen nur
gleich eine Partie von unserm Fabrikat fr die Alterthumsforscher
zurckstellen.
    Dies behagliche Gebrumm wurde durch Laura unterbrochen, welche heftig
eintrat, den Vater mit flehendem Blick bei der Hand fate und aus dem
Waarenlager in sein kleines Comtoir zog. Herr Hummel unterwarf sich dieser
Fhrung geduldig wie Lot, den der Engel aus den brennbaren Stoffen des Thales
entfhrte. Als Laura mit dem Vater allein war, fiel sie ihm um den Hals, kte
und streichelte ihm die Wange und brachte lange nichts heraus, als: mein guter
edler Vater. Herr Hummel lie sich diese strmischen Liebkosungen eine Weile
gefallen. Hre auf mit dem Edelmuth. Was willst du? Diese Einleitung ist zu
groartig fr einen neuen Sonnenschirm oder ein Concertbillet.
    Vater, rief Laura, ich wei Alles, was du an unsern Nachbarn gethan hast,
ich bitte dich um Verzeihung, ich Unglckliche habe dein Herz verkannt und in
vielen Stunden gegen deine Hrte gegrollt. Sie kte ihm unter Thrnen die
Hnde.
    Hat dieser Duckmuser von drben geschwatzt? frug Hummel.
    Er mute mir's sagen, und es war eine selige Stunde fr mich. Jetzt will
ich dir Alles bekennen, in Scham und Reue. Vergib mir, sie sank an ihm nieder.
Vater, ich bin krank geworden in diesen Jahren, ich habe dich fr lieblos
gehalten, das ewige Gesumm und die Feindschaft mit den Nachbarn haben mich sehr
unglcklich gemacht, und mir ist das Leben hier oft zur Qual geworden.
    Herr Hummel setzte sich ernsthaft zurecht, doch ein wenig betroffen ber das
Bekenntni seines Kindes, und ihm war dunkel, als htte er in Widerhaarigkeit
allerdings etwas zu viel geleistet. Jetzt ist's genug, sagte er. Das ist
Alles aufgeregtes Zeug und Phantasterei. Wenn ich mich durch diese Jahre
gergert habe, mir ist es nicht schlecht bekommen, und ich denke, Den drben
auch nicht. Was ist das fr eine unpassende Schwermuth, da du jetzt darber
Lamento erregst.
    Habe Nachsicht mit mir, bat Laura. Es ist mir in die Seele gekommen als
unwiderstehliche Sehnsucht, einmal hinaus zu springen aus dieser engen Strae.
Vater, ich mchte mit einem Satze hinein in die Welt.
    Nicht bel, meinte Herr Hummel, ich mchte auch einen Satz machen, wenn
ich nur wte, wo diese lustige Welt zu finden ist.
    Vater, du hast mir oft erzhlt, da du als Wanderbursch aus der kleinen
Stadt zogst, wie leicht dir damals im Herzen war, und da du durch das Wandern
zu einem Mann geworden bist.
    Das ist richtig, besttigte Hummel, es war ein schner Morgen und es
waren acht Groschen in der Tasche. Mir war zu Muthe wie einem geflgelten
Spitz.
    Vater, ich mchte auch wandern.
    Du? frug Hummel. Mein Rnzel habe ich aufgehoben, es hat nur noch wenig
Haare, aber du kannst dir die Stiefeln darberbinden, dann sieht man's nicht.
    Gut, Vater, auch ich will ausziehen und singen, ich gehe unter fremde Leute
und suche, die mir gefallen, ich fange dort an, mein Nest zu bauen, ich prfe
meine Kraft und schlage mich durch auf meine eigene Faust.
    Zieh dir Hosen an, sagte Hummel, du kannst doch nicht allein auf die
Wanderschaft gehen.
    Ich will mir auch Jemanden mitnehmen, antwortete Laura leise.
    Unser Mdchen Susanne? sie kann dir die Laterne tragen: die Wege in dieser
Welt sind zuweilen kothig.
    Nein, Vater, ich meine den Doctor. Sie erhob sich zu seinem Ohr und
flsterte hinein: Ich will mich vom Doctor entfhren lassen.
    Pfui Spinne! rief Hummel verwundert, du vom Doctor? Wenn du den Doctor
entfhrtest, dann wre noch eher Verstand darin.
    Das will ich auch, versicherte Laura.
    Also Gegenseitigkeit, sagte Hummel. Hre, die Sache wird ernst, la deine
Umarmungen unterwegs, halt die Hnde an den Leib und mache ein Gesicht, wie
einer Brgerstochter geziemt, und nicht wie eine Komdiantin. Er drckte sie
auf ein Sthlchen in der Fensternische. Jetzt rede deutlich. Also du willst den
Doctor entfhren. Ich frage, womit? Denn dein Taschengeld reicht nicht weit und
dort drben ist auch nicht viel fr solche Sonntagsvergngen brig. Ich frage,
warum? Willst du ihn vorher heiraten, so wrde dir die Entfhrung sehr verdacht
werden, denn ich habe noch nicht gehrt, da eine Frau ihren angetrauten Mann
gewaltsam entfhrt hat. Willst du ihn nicht heiraten, so gibt es etwas, was du
von deiner Mutter her kennen mut, und was man Sittsamkeit nennt. Also heraus.
    Ich will ihn zum Manne, bat Laura leise.
    Ah, so pfeift die Drossel. Und war dein Doctor bereit, dich vor einer
anstndigen Hochzeit zu bewahren und mit dir weg zu laufen?
    Nein, er sprach wie du, und erinnerte mich, da ich dir den Schmerz nicht
machen drfe.
    Er ist in einzelnen Stunden menschlich, versetzte Hummel, ich bin ihm fr
die gute Meinung verbunden. Endlich frage ich, wohin willst du ihn entfhren?
    Nach Bielstein, Vater, auf das Gut. Dort ist die Kirche, in welcher Ilse
getraut wurde.
    Ich verstehe, nickte Hummel, unsere sind zu gerumig, und was nachher?
wollt ihr auf dem Gute in Tagelohn arbeiten?
    Vater, wenn wir reisen drften, flehte Laura.
    Warum nicht? entgegnete Hummel ironisch, etwa nach Amerika als Collegen
des Knips junior. Du bist toll wie ein Mrzhase. Die rechtmige und einzige
Tochter von H. Hummel will mit dem Nachbarsohn, der ebenfalls in seiner Art
rechtmig und einzig ist, ins Schlaraffenland laufen, von Vater und Mutter, aus
einem massiven Hause und einem blhenden Geschft. Da diese Stunde in meinem
Kalender stehen wrde, htte ich niemals gedacht. Er ging bekmmert auf und ab.
Jetzt also hre deinen Vater. Wrst du ein Junge, ich htte dich gestenzt und
getriezt nach meiner Art, welche die Leute eine grobe Art nennen; du aber bist
ein Mdchen geworden, die Mutter hat dich nach ihren Grundstzen gebildet. Jetzt
sehe ich mit Schrecken, da wir dir zu viel Willen gelassen haben und da du
recht unglcklich werden knntest fr dein ganzes Leben. Du hast dir den Doctor
in den Kopf gesetzt, du httest ebensogut auf einen lderlichen tragischen
Helden oder auf einen Prinzen verfallen knnen, und mir wird greulich, wenn ich
daran denke.
    Ich bin aber nicht darauf verfallen, uerte Laura kleinlaut, denn ich
bin meines Vaters Tochter.
    Hummel packte ihre Haarflechten und betrachtete sie kritisch. Dickkopf,
sagte er, aber die Mischung ist anders, es ist etwas von hherer Weiblichkeit
dabei, Phantasie mit mimischen Einfllen. Jetzt ist das Unglck da. Und hier ist
ein krftiger Brstenstrich nthig. Diese Worte wiederholte er einigemal und
setzte sich nachdenkend auf seinen Stuhl. Also du willst meine Einwilligung zu
einer kleinen Entfhrung? Ich gebe sie dir. Unter einer Bedingung. Die Sache
bleibt zwischen uns beiden, du thust nichts ohne meinen Willen, auch deine
Mutter darf nicht wissen, da du mit mir davon gesprochen. Du sollst in die Welt
kutschiren, aber wie ich haben will. Im Uebrigen danke ich dir fr dies
Angebinde, das du mir zu meinem Geburtstage machst. Du bist ein schnes
Veilchen, das ich mir gezogen habe. Hat man je gehrt, da ein solches Gewchs
sich selbst beim Kopfe packt und aus dem Boden reit?
    Laura umschlang ihn wieder und weinte. Setze dein Pumpwerk nicht in
Bewegung, rief Herr Hummel ungerhrt, das kann uns beiden nichts mehr helfen.
Glckliche Reise, Frulein Hummel.
    Laura aber ging nicht, sondern blieb an seinem Halse hngen. Der Vater kte
sie auf die Stirn. Mach dich fort, ich mu mir berlegen, mit welcher Brste
ich dich glatt streiche.
    Laura verlie das Zimmer, Herr Hummel sa lange allein an seinem Pulte und
hielt seinen Kopf mit beiden Hnden. Endlich begann er wieder leise den alten
Dessauer zu pfeifen, fr den eintretenden Buchhalter ein Zeichen, da weiche
Gefhle in ihm ber Hand nahmen. Springen Sie hinber zu dem Doctor, ich lasse
ihn ersuchen, sich sogleich hierher zu bemhen.
    
    Der Doctor trat in das Comtoir. Herr Hummel griff in sein Pult und brachte
ein kleines Papier hervor. Hier gebe ich Ihnen das Geschenk zurck, das Sie mir
einmal gemacht haben. Der Doctor ffnete, zwei kleine Handschuhe lagen darin.
    Sie knnen die Handschuhe meiner Tochter an dem Tage geben, wo Sie mit ihr
getraut werden, und knnen ihr sagen, sie kmen von ihrem Vater, dem sie
entlaufen wre. Er wandte sich ab, trat an das Fenster und trommelte auf den
Scheiben.
    Ich habe Ihnen bereits frher gesagt, Herr Hummel, da ich diese Handschuhe
nicht zurcknehme. Am wenigsten thue ich es zu diesem Zwecke. Wenn mir der
glckliche Tag heraufsteigt, wo ich Laura heimfhren darf, so wird es nur so
geschehen, da Sie selbst die Hand der Tochter in die meine legen. Ich bitte,
lieber Herr Hummel, heben Sie die Handschuhe bis zu diesem Tage auf.
    Sehr verbunden, versetzte Hummel, Sie sind ein erbrmlicher Don Juan. Ich
bin verpflichtet, fuhr er in seinem gewhnlichen Tone fort, Ihnen eine
Mittheilung zu machen, welche Sie nahe genug angeht: meine Tochter Laura wnscht
Sie zu entfhren.
    Was jetzt in Laura strmt, antwortete der Doctor, und ihr diesen wilden
Gedanken eingegeben hat, ist wohl auch Ihnen kein Geheimni. Sie fhlt sich
gedrckt durch das schwierige Verhltni, in welchem wir beide zueinander
stehen. Ich hoffe, die Aufregung wird vorbergehen.
    Darf ich mir die bescheidene Frage erlauben, frug Hummel, ob Sie die
Absicht haben, sich auf ihren Plan einzulassen?
    Ich werde es nicht thun, entgegnete der Doctor.
    Warum nicht? frug Hummel kalt, ich fr meinen Theil habe nichts dagegen.
    Das ist fr mich ein Grund mehr, Ihnen gegenber keine Unbesonnenheit zu
begehen und keine zuzugeben.
    Ich knnte mein Geld dem Spital vermachen, spottete Herr Hummel.
    Auf diese Bemerkung habe ich nur eine Antwort, erwiederte der Doctor, Sie
selbst glauben nicht, da dieser Umstand mein Thun bestimmt.
    Leider, versetzte Hummel, ihr seid beide unpraktisches Volk. Sie hoffen
also, da ich Ihnen zuletzt auch ohne Entfhrung meinen Segen gebe?
    Ja, ich hoffe darauf, rief der Doctor, wie Sie sich auch gegen mich
stellen, ich vertraue, da die Gte Ihres Herzens grer sein wird als Ihre
Abneigung.
    Verlassen Sie sich nicht auf meine Nachgiebigkeit, Herr Doctor, ich glaube
nicht, da ich Ihnen jemals den Hochzeitsschmaus ausrichten werde. Mein Kind
gibt sich mit Vertrauen in Ihre Hand, greifen Sie zu.
    Nein, Herr Hummel, sagte der Doctor entschieden, ich thue es dennoch
nicht.
    Ist meine Tochter im Preis gesunken, weil sie so bereit ist, Ihre Frau zu
werden? frug Herr Hummel bitter und seine Stimme klang rauh. Das arme Mdchen
hat in der gelehrten Bekanntschaft allerlei Ideen bekommen, die zu dem einfachen
Leben ihres Vaters nicht passen.
    Das ist ungerecht gegen uns alle, auch gegen die abwesenden Freunde, rief
der Doctor unwillig. Was Laura jetzt strt, ist nur ein wenig Schwrmerei, noch
hngt etwas von der kindlichen Poesie der ersten Mdchenjahre in ihr. Wer sie
liebt, der mag ihrer lauteren Seele in Allem vertrauen. Nur in Einem mu er ihr
gegenber festes Urtheil behaupten, er wird hier und da milde Kritik ihrer
poetischen Einflle ausben mssen. Ich aber wre der Liebe ihres reinen Herzens
nicht werth, wenn ich eine bereilte Handlung zugeben wollte, die ihr spter
Schmerzen bereiten mu. Laura soll nichts thun, was ihrer selbst unwrdig ist.
    Dies also ist indisch? bemerkte Herr Hummel, es ist ein Funke von
gesundem Menschenverstand in Ihren Botocuden und Braminen. Wissen Ihre gelehrten
Bcher auch eine Entschuldigung dafr, da die Tochter sich im Hause ihrer
Eltern nicht wohlfhlt?
    Daran sind Sie allein schuld, Herr Hummel, sagte der Doctor ernsthaft.
    Hoho, rief Herr Hummel, auch dieses noch.
    Verzeihen Sie mir eine offene Rede, fuhr der Doctor fort. Laura's Vater
hat die Art, bei aller Liebe fr die Seinen ein wenig zu sehr den Tyrannen des
Hauses zu spielen. Laura ist von klein auf gewhnt, mit furchtsamer Scheu auf
Ihre krftige Natur zu blicken, deshalb fehlt ihr die unbefangene Auffassung
Ihres Wesens und die Freude an Ihrer nrrischen Laune, welche wohl Fernstehende
empfanden. Htten Sie Laura's Entzcken gesehen, als ich ihr bekannte, was Sie
an meinem Vater gethan, Sie wrden niemals an ihrem Herzen zweifeln. Jetzt ist
ihr die Angst um unsere Zukunft bermchtig geworden. Seien Sie aber berzeugt,
wenn Laura ihrer Phantasie nachgeben und sich von dem elterlichen Hause lsen
drfte, das nchste Gefhl wrde ihr nagende Reue und Sehnsucht nach den Eltern
sein. Auch deshalb handelt der Mann, welchem sie jetzt ein Opfer bringen will,
nicht nur ehrlich, sondern auch klug, wenn er sich dagegen auflehnt.
    Herr Hummel sah grimmig auf den Doctor. Da steht der alte Petz an einen
Pfahl gebunden, die jungen Hndlein zausen ihm das Fell und die Hhne krhen
ber seinem Haupt. Lassen Sie sich warnen durch mein Schicksal. Vermeiden Sie
unter allen Umstnden weibliche Nachkommenschaft. Er schlug mit der Faust auf
die Handschuh, packte sie wieder ein, strich das Papier glatt und verschlo das
Pckchen in seinen Schreibtisch. So sperre ich mein Rabenkind wieder ein; im
Uebrigen bleibe ich Ihr ergebener Diener. Also Ihre alten Inder sagen Ihnen, da
ich ein drolliger Kauz bin und fr fremde Leute ein lustiger Lebemann. Ist das
Ihre Meinung von meinen natrlichen Gaben?
    Nun, entgegnete der Doctor mit einer Verbeugung, ganz so harmlos sind Sie
nicht. Gegen mich waren Sie immer ausgezeichnet grob.
    Ich zanke mich mit Niemand lieber als mit Ihnen, warf Herr Hummel
anerkennend dazwischen.
    Der Doctor verneigte sich wieder. Wenn Sie mit andern Menschen spielen wie
mit Ktzchen, so lassen sich die Andern solche Behandlung nur darum gefallen,
weil sie im Grunde hinter Ihrem unwirschen Wesen die gute Meinung merken. Ich
gerade kann Ihnen das sagen, weil ich zu den wenigen Menschen gehre, denen Sie
wirkliche Abneigung gnnen. Und da Sie nebenbei hartnckig sind, so wei ich
sehr wohl, da ich noch manchen Strau mit Ihnen ausfechten mu, und ich bin gar
nicht sicher, wie es zuletzt noch zwischen uns werden soll. Das hindert mich
brigens nicht, die verbissene Liebenswrdigkeit Ihrer Natur anzuerkennen.
    Ich verbitte mir jede weitere Beleuchtung meiner Innerlichkeit, rief Herr
Hummel. Ich erhebe Widerspruch dagegen, da Sie mich wie einen Floh im
Schattenspiel an die Wand malen. Sie haben eine nichtswrdige Weise, Ihre
Mitmenschen mikroskopisch zu behandeln. Was Ihre Thtigkeit als Liebhaber meiner
Tochter betrifft, so bin ich damit zufrieden. Sie wollen mein Kind nicht in der
Art haben, wie sie zu haben ist? Ich danke Ihnen fr Ihre Bedenken. Wir sind
darin ganz einer Meinung, und Sie sollen sie jetzt gar nicht haben. Der Doctor
wollte ihn unterbrechen, Hummel winkte mit der Hand: Jede weitere Rede ist
unntz, Sie verzichten auf die Tochter, aber Sie haben die Achtung des Vaters
gerettet und Sie haben auerdem das Gefhl, zu Laura's Bestem zu handeln. Da Sie
ein so groer Biedermann sind, werden Sie sich damit beruhigen. Sie wollen sich
dem Clibat ergeben, ich wrde Sie beneiden, wenn mich nicht die Rcksicht auf
Madame Hummel daran hinderte.
    Das hilft Ihnen nichts, Herr Hummel, versetzte der Doctor, ich bin
durchaus nicht gesonnen, auf Laura's Hand zu verzichten.
    Ich verstehe, erwiederte Herr Hummel, Sie wollen fortfahren, mein Kind
ber die Strae anzuschwrmen. Dies stille Vergngen kann ich Ihnen leider nicht
mehr lange gestatten, denn ich bin allerdings der Meinung, da Laura auf einige
Zeit aus meinem Hause gehen soll. Und da Sie sich statt der Tochter die
Hochachtung des Vaters erwhlt haben, so wollen wir diesen Punkt in gutem
Einvernehmen besprechen. Denn in Einem irren Sie, wenn Sie meinen, da meine
Tochter Laura ihre Phantasien auf gutes Zureden unterdrckt. Haben Sie nicht
auch mir zuweilen ins Gewissen geredet? Es war wirklich fr Ihre Jahre alles
Mgliche, und es hat Ihnen bei mir gar nichts gentzt. Gerade so ist's mit
diesem hartnckigen Kinde. Deswegen bin ich als Vater der Meinung, da wir
wenigstens in etwas dem Unsinn meines Wurms nachgeben. Ueberlegen Sie, wieweit
Sie uns gefllig sein knnen. Sie will zu der Professorin. Nach dieser Residenz,
wo mein Miether kein Hauswesen hat, soll sie nicht, aber nach Bielstein ist sie
mehrmals eingeladen.
    Der Doctor antwortete: Ich habe dringende Veranlassung, in den nchsten
Tagen meinen Freund aufzusuchen, gern werde ich den Umweg ber Bielstein whlen,
wenn Sie mir gestatten, fr diese Fahrt Laura's Reisebegleiter zu sein. Ein
Geheimni aus der Reise mache ich nicht, am wenigsten meinen Eltern.
    Diese Entfhrung ist so ruppig, unterbrach Hummel, da ich als Mdchen
mich schmen wrde, dabei mitzuspielen. Aber man darf von Ihnen nicht viel
verlangen. Ich will nicht zu Hause sein, wenn diese Abfahrt vor sich geht, das
werden Sie natrlich finden. Ueber die nchste Zukunft meines Kindes habe ich
bereits meinen Plan gemacht. Fr die Reise bergebe ich Ihnen mein Kind mit
Vertrauen.
    Herr Hummel, rief der Doctor unruhig, ich erbitte greres Vertrauen. Wie
haben Sie ber Laura's nchste Zukunft bestimmt?
    Da Sie sich entschlossen haben, mich hochzuachten, so ersuche ich Sie, mit
der vertraulichen Andeutung zufrieden zu sein, da ich gar nicht gesonnen bin,
Ihnen darber eine Mittheilung zu machen. Sie behalten meine Werthschtzung und
ich behalte meine Tochter. Unser Vertrag ist geschlossen.
    Der Vertrag ist mir aber durchaus nicht recht, Herr Hummel, warf der
Doctor ein.
    Schweigen Sie. Wenn Sie in Folge dieses Vergleiches Ihre Theaterlaufbahn
wieder aufnehmen, so gebe ich Ihnen nur den Rath, spielen Sie niemals
Liebhaberrollen: die Zuschauer laufen Ihnen zu allen Thren hinaus. Also ich
behandle die Leute wie Ktzchen? Dann wird also auch Ihr Vater, der behandelte
Kater von heut frh wissen, da ich nur mit ihm gespielt habe. Sie knnen ihm
darber eine Andeutung machen. Meine Frau hat heut zum Geburtstag einige Hhne
gerupft; sollte dieser Braten Ihnen nicht peinliche Gefhle erregen, so wird
mich freuen, Sie zu Mittag bei mir zu sehen. Sie werden nicht in die
Verlegenheit kommen, mit meiner Tochter allein zu sprechen, denn der Hausmime
ist eingeladen, er besorgt die Unterhaltung, Sie knnen stillsitzen. Guten
Morgen, Herr Doctor.
    Wieder streckte ihm der Doctor die Hand entgegen, Herr Hummel schttelte sie
eine Weile und brummte dazu. Als er wieder allein in seinem Comtoir sa, klang
auf's Neue die Melodie des alten Dessauers in dem engen Raume, und jetzt frisch
und herzhaft. Nicht lange, und die zweite der beiden Arien, ber deren Tne Herr
Hummel unbeschrnkt verfgte, brach aus seinem Innern, er lie auch das liebe
Veilchen blhen. Endlich mischte er gar die Trommelschlge des Dessauers und das
Veilchen zu einem knstlerischen Mus. Der Buchhalter, welcher wute, da dieses
Potpourri einen Zustand hchster Frhlingswrme bezeichnete, steckte ehrerbietig
lchelnd seinen Kopf in das Comtoir.
    Sie mgen heut auch zu Tische kommen, befahl Herr Hummel gndig.

                                       8.

                                        

                                 Alte Bekannte.


Seit jener Unterredung ber rmische Kaiser hatte sich der Frst durch einige
Tage seinem Hof entzogen. Er war krank. Seine nervse Aufregung war, wie der
Leibarzt erklrte, die gewhnliche Folge einer Verkltung. Nur wenige Bevorzugte
erhielten in diesen Tagen Zutritt - unter ihnen auch Magister Knips - sie hatten
keine Veranlassung, sich ihrer vertrauten Stellung zu freuen, denn mit dem hohen
Kranken war schweres Auskommen.
    Heut sa der Frst in seinem Arbeitzimmer, vor ihm stand ein lterer Beamter
mit schlauem Gesicht, welcher die Tagesereignisse der Residenz berichtete,
Urtheile, die an ffentlichen Orten ber den Frsten und das hohe Haus gesummt
hatten, kleine skandalse Anekdoten aus Familien, aber auch Beobachtungen,
welche im frstlichen Schlo gemacht waren, wohin die Prinzessin am letzten Tage
ausgefahren sei und wen sie bei sich gesehen habe. Prinz Victor war von drei
bis vier Uhr bei der Baronin Hallstein, die er jetzt tglich besucht, am Abend
mit Offizieren seines frheren Regiments zusammen, er ist erst gegen Morgen
zurckgekehrt. Der Diener hatte Befehl, ihn nicht zu erwarten.
    Wie war's im Pavillon? frug der Frst.
    Nach dem Bericht des Lakaien kein Besuch aus der Stadt, auch keine Briefe,
Alles wie gewhnlich. Als die Fremden am Nachmittag vor der Thr saen, sprach
die Frau von einer Reise in die Schweiz, der Mann entgegnete, da davon nicht
die Rede sein knne, bevor er nicht hier zu glcklichem Ende gekommen sei.
Darauf verstimmtes Schweigen. Am Abend waren beide im Theater.
    Der Frst nickte und verabschiedete den Beamten. Als er allein sa, rckte
er einen Stuhl an die Wand und lauschte auf den Ton eines Glckchens, welcher
kaum hrbar aus der Tiefe heraufzitterte; schnell ffnete er die Thr einer
Wandnische und nahm die Papiere heraus, welche ein vertrauter Secretr durch
eine Rhre in der Wand aus dem Unterstock heraufbefrdert hatte. Es waren
Schreiben von verschiedenen Hnden, er durchflog schnell den Inhalt, behielt
endlich ein Bndel Kinderbriefe in der Hand. Wieder lchelte er. Also der groe
Ball zum Aufblasen hat bereits ein Loch. Die Miene wurde ernst. Ein echter
Bauer, ihm fehlt jede Empfindung fr die Ehre, die Stulpstiefeln eines Prinzen
auf seinen Beeten zu sehen. Er nahm einen andern Brief. Der Erbprinz an seine
Schwester. Es ist der erste Brief des frommen Johannes aus Patmos, nichtssagend,
als wre er fr mich geschrieben. Das mag wohl auch sein. Der Inhalt ist drftig
und kalt, aber der ihn geschrieben, ist ein Gentleman. Er drckt den Wunsch aus,
auch die Schwester mge die schne Zeit auf dem Lande verleben. Wir sind darin
einer Meinung, setzte er in guter Laune hinzu, Blumen pflcken und mit
Gelehrten ber die Tugend rmischer Damen sprechen. Dieser Wunsch soll allen
Theilen erfllt werden. Er legte die Briefe in die Nische zurck und drckte
mit dem Fu eine Feder am Boden, leise rauschte es in der Wand, die Sendung
schwebte hinab.
    Der Frst erhob sich von seinem Stuhle und schritt durch das Zimmer. Meine
Gedanken fahren ruhelos um diesen Mann. Ich habe ihn zuvorkommend aufgenommen,
ich habe sogar seine verrckten Hoffnungen mit grter Aufmerksamkeit behandelt,
und mir begegnet, da ein unpraktischer Trumer mich blasphemirt. Weshalb dieser
tckische Angriff auf mich? Er that ihn mit dem boshaften Scharfsinn eines
Kranken, der besser erkennt als die Gesunden, wo es einem Andern fehlt. Was er
schwatzte, war halb leere Reflexion und halb blde Schlauheit eines Thoren, der
auch den Wurm in der Hirnschale mit sich herumtrgt. Gleichviel, wir kennen
einander wie der Augur den Genossen. Zwischen uns ist ein Familienha
aufgebrannt, wie nur Verwandte gegeneinander fhlen, ein dauerhafter
treuherziger Ha, der sich hinter Lcheln und artigem Beugen des Kopfes
verbirgt. Streich um Streich, mein rmischer Vetter, du suchst eine Handschrift,
die bei mir verborgen liegt, ich aber etwas Anderes, was du mir vorenthltst.
    Er sank in den Sessel zurck und sah scheu nach der Thr. Dann fuhr er mit
der Hand in einen Sto Bcher und zog eine Uebersetzung des Tacitus heraus. Mit
dem Finger tippte er auf das Buch. Der dies schrieb, war auch krank. Er
spionirt unablssig um die Seelen seiner Herren; ihre Bilder fllen ihm die
Phantasie so sehr, da ihm das rmische Volk und die Millionen anderer Menschen
unbedeutend geworden sind, er beargwhnt jeden Schritt seiner Gebieter und er
vermchte sie doch nicht zu entbehren, wie seine Zeit sie nicht entbehren
konnte. Er starrt auf sie wie auf Sonnen, ber deren Verfinsterung er grbelt,
und die auch ihm, dem kleinen Planeten, sein Licht geben. Schon zweifelt er an
einer vernnftigen Ordnung der Welt, das ist jedem Menschenhirn der Anfang vom
Ende. Aber er hat noch Witz genug, einzusehen, da seine Herren erkrankt sind
durch die Erbrmlichkeit von Seinesgleichen, und seine beste Politik ist die des
alten Obersthofmeisters, mit stummer Verbeugung zu ertragen.
    Er schlug die Bltter auf. Nur Einer, den er in sein Buch gesperrt hat,
begann er wieder, war ein Mann, von dem zu lesen beweglich ist. Das war die
finstere Majestt des Tiberius. Der kannte das Gesindel und mihandelte es, bis
die elenden Sklaven zuletzt auch ihn unter die Irren steckten. Weit du,
Professor Tacitus, weshalb der groe Kaiser zu einem schwachen Narren wurde?
Niemand wei es, Niemand auf Erden als ich und Meinesgleichen. Er wurde
wahnsinnig, weil er nicht aufhren konnte, ein fhlender Mensch zu sein. Viele
verachtete er und Viele hate er, und doch konnte er das kindliche Gefhl nicht
missen, zu lieben und zu vertrauen. An diesem Zipfel seines irdischen Lebens
fate ihn ein gemeiner Bursch, der ihm einmal persnliche Aufopferung gezeigt,
und zog den starken Geist zu sich herab in den Schmutz. Eine armselige Schwche
des Herzens hat den harten Politiker des kaiserlichen Roms zum Thoren gemacht.
Uns alle verderben die weichen Gefhle, welche in einsamer Stunde aufsteigen,
untilgbar ist dies Verlangen nach reinem Herzen und treuem Gemth, unsterblich
die Sehnsucht nach den idealen Zustnden des Menschen, welche der Dichter
schildert und der Pedant glaubt.
    Er las mit halblauter Stimme eine Stelle: So schreibt der rmische Kaiser
seinem Senat: Die Gtter und Gttinnen sollen mich rger strafen, als ich mich
tglich gestraft fhle, wenn ich wei, was ich euch, versammelte Vter,
schreiben soll, oder wie ich es schreiben soll, oder was ich euch in diesem
Augenblicke durchaus nicht schreiben darf.
    Er schlug auf das Buch. Der hat's gefhlt. Den Brief knnte noch mancher
Andere schreiben und er knnte weinen, da er so schreiben mu. Er seufzte
tief, der Kopf sank ihm in die Hnde und auf den Tisch.
    An der Thr regte sich's leise: der Frst fuhr in die Hhe. Der Kammerdiener
meldete: Hofmarschall von Bergau.
    Der Hofmarschall trat ein. Die Frau Prinzessin fragt an, zu welcher Stunde
sie Ew. Hoheit Lebewohl sagen darf.
    Lebewohl? frug der Frst, sich besinnend. Weshalb?
    Ew. Hoheit haben anzuordnen geruht, da die Frau Prinzessin heut auf einige
Tage nach ihrem Sommerschlo abreist.
    In der That, versetzte der Frst. Mir ist heut recht wohl, lieber Bergau,
ich wnsche mit der Prinzessin beim Frhstck zusammen zu treffen. Ist auch
Ihnen angenehm, da Sie dort den Dienst leiten? frug er freundlich.
    Ich bin meinem gndigsten Herrn dafr sehr dankbar, erwiederte aufrichtig
der Hofmarschall.
    Welche Dame hat die Prinzessin zur Begleitung gewhlt?
    Da Hoheit die Wahl freigestellt haben, ist Frulein Gotlinde bestimmt.
    Ich bin damit einverstanden, sagte der Frst gndig. Lassen Sie die gute
Gotlinde zum Frhstck laden und stellen Sie sich selbst dabei ein, damit ich
Sie alle vor der Abreise noch einmal um mich sehe. Noch Eins. Herr Werner wird
Ihnen nachfolgen, er wnscht fr seine gelehrten Zwecke Gerth und Rume des
Schlosses zu durchsuchen. Seien Sie ihm in jeder Weise behilflich und lassen Sie
es an keiner Aufmerksamkeit fehlen. Ich habe dabei einen vertraulichen Auftrag
fr Sie.
    Der Hofmarschall machte eine klgliche Miene, welche deutlich protestirte.
    Ich wnsche diesen bedeutenden Mann ganz fr uns zu gewinnen, fuhr der
Frst fort. Sondiren Sie, welche uere Stellung oder Auszeichnung ihm
willkommen wre. Ich bemerke, da mir viel daran liegt, ihn festzuhalten.
    Der Hofmarschall antwortete bekmmert: Ew. Hoheit betheure ich, da ich das
hohe Vertrauen ehrfurchtsvoll zu schtzen wei, und doch consternirt mich dieser
Auftrag. Denn er setzt mich wieder in Gefahr, den Unwillen meines gndigen Herrn
zu erregen. Mir wurde hinreichende Gelegenheit, zu bemerken, da bei diesen
Leuten auf ein dankbares Entgegenkommen nicht zu rechnen ist.
    Sie mssen nichts bieten, nur aus ihm einen Wunsch herauslocken, versetzte
der Frst trocken.
    Wenn dieser Wunsch aber in das Malose hinausschweifen sollte? frug der
Hofmarschall unsicher.
    So hten Sie sich zu widersprechen, berlassen Sie mir die Entscheidung, ob
ich ihn fr malos halte. Senden Sie mir sofort Nachricht. Der Frst winkte
Entlassung, beobachtete scharf Verbeugung und Abtreten des Hofmarschalls und sah
ihm kopfschttelnd nach. Er ist noch nicht alt und schon trifft ihn der Fluch,
er wird grotesk. Hier ist auch ein Rthsel menschlicher Natur fr euch, ihr
Gelehrten, da Jemand, der alle Stunden Miene und Haltung beherrschen mu, der
im tglichen Verkehr mit Anspruchsvollen Feingefhl und gute Form sehr nthig
hat, da gerade der in alten Tagen leicht dem Schicksal verfllt, diesen besten
Erwerb seines Lebens zu verlieren, haltlos zu schwatzen und durch ungebndigten
Egoismus lstig zu werden. Du weit die Antwort darauf, Kaiser Tiberius, weshalb
der Dienst bei dir, dem klugen Mann, deine Diener allmhlich zu Zerrbildern
ihres eigenen Wesens gemacht hat. Nun, sie haben sich an dir gercht, es ist
Alles in der Ordnung. In dem Gefge der Welt ist eine verzweifelte Vernunft;
Jammer, o Jammer, da wir beide geringe Veranlassung haben, uns darber zu
freuen. Er sthnte, und wieder verbarg er das Haupt in den Hnden.

    Kurz darauf hielt Ilse im Pavillon neue Briefe aus der Heimat in der Hand.
Wie kann vierblttriger Klee aus gut geschlossenem Briefe verlorengehen? frug
sie den Gatten. Luise hat an ihrem Geburtstage einige Kleebltter gefunden und
in dem vorletzten Briefe dir geschickt, damit du Glck haben solltest. Das Kind
kommt in die Jahre, wo solches Spiel Freude macht. Der getrocknete Klee lag
nicht in ihrem Briefe, und da sie flchtig ist, schalt ich sie darum in meiner
Antwort. Heut betheuert sie, ihn ganz zuletzt in das Couvert gesteckt zu haben.
    Er mag dir selbst beim Aufbrechen des Briefes herausgefallen sein,
trstete der Professor.
    Der Vater ist nicht mit uns zufrieden, fuhr Ilse bekmmert fort, ihm ist
nicht recht, da der Prinz in seine Nhe gekommen ist, er frchtet Strungen fr
die Wirthschaft und das Geschwtz der Leute. Worber wollen die Leute schwatzen?
Clara ist doch noch ein halbes Kind, und der Prinz wohnt ja gar nicht auf unserm
Gute.
    Alles ist grau auf der Erde, klagte sie, das Licht der lieben Sonne fehlt
berall. Auch hier die Verstrung, der Frst krank, unser Prinz verschwunden,
wie vom Sturm weggefegt. Wie konnte der Prinz abreisen, ohne guten Tag, guten
Weg zu sagen? Darber kann ich mich nicht beruhigen. Denn das haben wir nicht um
ihn verdient und nicht um seinen geschmeidigen Kammerherrn. Ich frchte, er geht
nicht gern auf das Land und er zrnt mir, Felix, weil ich einige Worte darber
gesagt. Wenn er unzufrieden ist, so wird er ganz schweigsam und gleichgltig
sein, darauf kenne ich ihn, und darber wird sich wieder mein Vater rgern. Das
kann nicht gut thun, und mir liegt die Sache schwer auf dem Herzen.
    Lt dir dieser Kummer noch Raum fr die Geschfte anderer Leute, begann
der Professor frhlich, so gnne auch mir einigen Antheil. Ich meine, das
einsame Schlo gefunden zu haben, das ich so lange suchte, aus dieser Chronik
sehe ich, da noch im vorigen Jahrhundert der Landsitz, nach welchem die
Prinzessin abreist, mitten im Walde lag. Ich hre, in den entlegenen Mauern wird
viel alter Hausrath aufbewahrt. Mir ist zu Muthe, wie in meiner Kindheit am
Vorabend meines Geburtstages. Ich habe dem Schicksal einen groen Wunschzettel
geschrieben, und wenn ich an die Stunde denke, wo diese Einbescherung mir werden
kann, fhle ich dieselbe pochende Erwartung, die dem Knaben den Schlaf
verscheuchte. Es ist ja kindisch, Ilse, fuhr er fort, seiner Frau die Hand
reichend. Ich wei es, habe auch du Nachsicht mit mir, ich habe dich oft mit
meinen Trumen gelangweilt, das wird jetzt ein Ende nehmen. Denn dort endet zwar
nicht die Hoffnung, den Schatz einmal zu finden, wohl aber ist dort die letzte
Sttte, wo ich ihn zu suchen Veranlassung habe.
    Wie aber, Felix, wenn du das Buch wieder nicht findest? frug Ilse traurig
und hielt seine Hand fest.
    Die Stirne des Professors zog sich finster zusammen, er wandte sich kurz ab
und sagte rauh: Dann suche ich weiter. - Wre doch Fritz gekommen.
    Sollte er denn kommen? frug Ilse verwundert.
    Ich habe ihn darum ersucht, versetzte der Gatte. Er antwortete, da die
Geschfte seines Vaters und sein Verhltni mit Laura ihn noch zurckhalten.
Auch fr ihn scheint sich eine Krisis vorzubereiten. Er erhebt gegen das
Verzeichni, das ich hier fand, Bedenken, die ich fr unbegrndet halte.
    O wre er bei uns! rief Ilse, ich sehne mich nach einem befreundeten
Gesicht wie ein Reisender, der Tage lang durch de Wildni fhrt.
    Der Professor wies zum Fenster hinaus. Diese Wildni sieht doch menschlich
genug aus, und ein Besuch, den du dir forderst, fhrt bereits vor das Haus.
    Ilse hrte das Rollen fremder Rder, welche unsichere Gleise in den
frstlichen Kies zogen. Ein Wagen hielt vor dem Pavillon, der lndliche Kutscher
klatschte mit der Peitsche. Die Diener eilten vor die Thr, Gabriel knpfte an
der Lederdecke des Wagens, eine kleine Dame fuhr heraus, gab dem Lakaien ein
Packet und Gabriel eine Schachtel und rief dem Kutscher zu, wegen des Anspannens
nachzufragen. Eilig stieg sie die Treppe herauf und verschlang auf dem Wege die
Malerei und die Gipsschnrkel mit ihren Augen.
    Das ist groe Freude, Frau Oberamtmann, rief Ilse erfreut an der
Stubenthr. Der Professor eilte der Fremden entgegen und bot ihr den Arm.
    Meine theure Ilse, rief die kleine Dame, verehrter Herr Professor, da bin
ich! Denn Rollmaus hat fr seine Geschwisterkinder die Aufsicht ber ein Gut in
der Nhe erhalten, und da er in diese Gegend reisen mute, um zum Rechten zu
sehen und nur kurze Zeit verweilen wird, so dachte ich wegen der Annehmlichkeit
des Wiedersehens Ihnen beiden einen Besuch zu machen. Der Vater grt und die
Geschwister, von denen Clara sich ausbildet wie Ihr jngerer Zwilling.
    Herein, herein, rief Ilse. Sie selbst sind der beste Gru aus der
Heimat.
    Die Rollmaus blieb an der Thr stehen. Ich bitte nur einen Augenblick,
rief sie, auf die Schachtel zeigend.
    Sie kommen zu alten Freunden.
    Ich bitte dennoch, damit ich diesem decolletirten Hause keine Schande
mache.
    Die Frau Oberamtmann wurde in ein Nebenzimmer gefhrt, die Schachtel
geffnet, und nachdem die gute Haube aufgesetzt und weie Randverzierungen um
Hals und Arme gesteckt waren, flatterte die gelehrte Frau mit Ilse in die
Wohnstube. Prachtvoll, rief sie und sah bewundernd nach der Decke, wo der
Liebesgott ihr sein Mohnbschel entgegenstreckte. Man erkennt an dem Flitzbogen
auf der Stelle, da es ein Cupido ist, welchen man sogar fter auf
Pfefferkuchenbildern sieht, wo er zwischen zwei brennenden Herzen steht.
Verehrter Herr Professor, das Glck, uns wieder zu sehen und in solcher
Umgebung, ist wirklich sehr gro. Ich habe mich lange auf diese Stunde gefreut,
wobei ich Ihnen zugleich meinen Dank sage fr die letzten bersandten Werke, in
denen ich bis zur Reformation vorgedrungen bin. Rollmaus wre gern mitgekommen,
aber die Brennerei macht ihm zu thun wegen der alten Blase, welche dort
herausgenommen werden mu.
    Bei dieser Begrung fuhren die Augen der Frau Oberamtmann neugierig in alle
Winkel der Stube. Wer htte gedacht, liebe Ilse, da Sie und der Herr Professor
mit unseren frstlichen Personen in ein freundschaftliches Verhltni kommen
wrden? Ich mu Ihnen gestehen, da ich mich bereits beim Herfahren nach dem
frstlichen Hof umgesehen habe, welcher aber wahrscheinlich auf der andern Seite
liegt, da ich hier nur Gartengewchse erblicke.
    Es ist keine Wirthschaft bei dem Schlo, erklrte Ilse, nur der Stall ist
geblieben und die groe Kche.
    Man spricht von sechs Kchen, rief die Rollmaus, welche alle vorzugsweise
Mundkche sind, obgleich ich nicht wei, fr welchen andern Theil des
menschlichen Krpers sonst noch gekocht werden soll. Aber die Originalitten bei
einem Hofe sind berhaupt sehr gro, wozu auch die Silberwscherinnen gehren,
von denen ich wirklich nicht glaube, da sie ihre Pflicht thun; wenigstens ist
das kleine Courant in unserm Lande sehr schmutzig, und es wre ein groes
Scheuerfest dafr nothwendig. Man sagt, da der junge Prinz jetzt auf die
Oberfrsterei kommt; unser Oberfrster ist in voller Occupation, er flucht ber
die Einquartierung und hat sich neue Uniform bestellt. Sie wurde ernsthaft,
fiel in Gedanken, und es entstand eine Pause, aus welcher sie sich dadurch zog,
da sie ihre Nasenspitze fate, Ilse gutmthig ansah und dieser die Hand
drckte. Es scheint Regenwetter zu kommen, fuhr sie kleinlaut fort, und die
Landwirthe klagen, da der Kfer im Frhjahr den Raps gefressen hat. Hier
freilich ist's wie im Paradiese, obgleich ich hoffe, da keine wilden Thiere
herumspazieren und jetzt auch keine Zeit ist, wo man Aepfel mit Vergngen vom
Baume brechen kann. Dagegen hat sich hier in der Residenz etwas aufgethan, was
sehr merkwrdig sein soll. Denn wie ich mit Rollmaus nach dem Gute kam, erzhlte
der Inspecktor von einer Wahrsagerin, welche den Leuten dieser Stadt wunderbare
Dinge prophezeit. Wissen Sie etwas Sicheres ber ihre Qualitt?
    Wir haben wenig Bekannte, antwortete Ilse, Neuigkeiten erfahren wir nur
aus den Blttern.
    Mir wre wirklich lieb zu hren, was an der Person ist. Denn ich habe in
der letzten Zeit das Studium der Phrenologie angefangen und ich hre, lieber
Herr Professor, da auch diese Forschung von mehren Seiten angefochten wird. Ich
selbst bin darber unsicher. Ich habe den Kopf von Rollmaus untersucht und bin
erschrocken, wie sehr an seinen Ohren der Zerstrungstrieb entwickelt ist,
whrend er doch bei jedem Tassenhenkel, den die Mdchen abbrechen, unzufrieden
wird. Wiewohl ich wieder, lieber Herr Professor, auf Ihrer Stirn das
Denkvermgen besttigt finde. Die Buckel sind sehr gro, womit ich nicht sagen
will, da sie Ihnen schlecht stehen. Um aber wieder auf die Wahrsagerin zu
kommen, so hat sie dem Inspector gesagt, da er verheiratet war, da seine Frau
gestorben ist und da er zwei Kinder hat, und da er noch eine Frau nehmen wird,
welche ihm wieder einen Nachwuchs von zweien importiren wird. Und das ist alles
richtig, denn er geht bereits auf Freiersfen. Nun frage ich Sie, woher kann
die Person das wissen?
    Vielleicht kennt sie den Inspector, versetzte der Professor, unter seinen
Papieren aufrumend. Ich rathe nicht, ihrer Kunst zu vertrauen, und ich kann
Ihnen auch das Studium der Phrenologie nicht empfehlen. Jetzt aber lassen Sie
uns wissen, wie lange Sie bei uns bleiben, ich bin genthigt, in das Museum zu
gehen und will Sie bei meiner Rckkehr wiederfinden.
    Ich kann einige Stunden bleiben, trstete die Rollmaus, ich habe drei
Meilen zu fahren, aber die Wege hier sind besser als bei uns. Obgleich auch
jetzt ber unserer Chaussee gebaut wird, die Wegebauer karren schon bei der
Stadt Rossau, denken Sie, liebe Ilse, die steinerne Brcke zwischen der Stadt
und Ihrem Gute ist bereits abgebrochen, sie haben eine Nothbrcke gezimmert.
Also auf einige Stunden bitte ich Sie, mit mir in Ermangelung eines Besseren
vorlieb zu nehmen.
    Der Professor entfernte sich, die Frauen sprachen vertraulich ber die
Familien der Heimat, wobei die Rollmaus sich wissenschaftlicher Untersuchungen
nicht ganz begab, denn sie fuhr mitten in der Unterhaltung mit dem Finger an
Ilse's Schlfe und bat um Erlaubni, ihren Scheitel zu befhlen, worauf sie
erfreut sagte: Es ist viel Aufrichtigkeit da, wie ich immer vorausgesetzt
habe. Dabei sah sie Ilse bedeutungsvoll an. Sie war redselig und herzlich, aber
sie verrieth eine Befangenheit, welche Ilse auf die ungewohnte Umgebung schob.
    Nachdem die Frau Oberamtmann die Wohnung bewundert hatte, die Bilder
beurtheilt und den Stoff der Mbelberzge befhlt, wies Ilse auf das
Sonnenlicht, welches aus den Regenwolken brach, und machte den Vorschlag, durch
die Parkanlagen zu gehen. Erfreut stimmte die Frau Oberamtmann bei, sie wandelte
mit festem Landschritt neben ihrer Fhrerin, und Ilse hatte viel zu thun, die
Fragen der aufgeregten Dame zu beantworten. Dabei kamen sie in einen Theil der
Anlagen, welcher in dieser Stunde den vornehmen Leuten der Residenz zur
Promenade diente. Welche Ueberraschung! rief die Rollmaus pltzlich und fate
Ilse's Arm. Hochfrstliches Costm. Bei einer Biegung des Weges wurde der Hut
eines Lakaien sichtbar, die Prinzessin, begleitet von Frulein Gotlinde und dem
Prinzen Victor, kam gerade auf sie zu. Unter ehrfurchtsvollen Gren der
Spaziergnger nherten sich die Herrschaften auch, Ilse trat zur Seite und
verneigte sich. Die Prinzessin blieb stehen. Wir sind im Begriff, Sie
aufzusuchen, begann sie freundlich, mein Bruder war zu schneller Abreise
veranlat, er wird Ihrem Vater sagen, wie leid ihm that, da er Ihre Gre nicht
in das vterliche Haus mitnehmen konnte. Ihre Augen streiften ber die Frau
Oberamtmann, welche sich mit beiden Hnden auf ihren Schirm sttzte und den Kopf
vorbeugte, um keine Silbe von den Lippen der erlauchten Dame zu verlieren. Ilse
nannte den Namen: Eine treue Nachbarin aus der Gegend von Rossau, welche fr
einige Tage hier in der Nhe weilt. Die Rollmaus tauchte tief herab und sagte
fast bewutlos vor Schreck: Es ist nur drei Meilen von hier, in Krtendorf,
obwohl mit gndigster Erlaubni nicht mehr Krten daselbst wohnen, als an andern
anstndigen Orten.
    Sie sind auf dem Spaziergange, sprach die Prinzessin zu Ilse, wollen Sie
mich nicht ein Stck begleiten? Sie winkte Ilse neben sich und setzte zwischen
ihr und dem Hoffrulein den Weg fort, Prinz Victor blieb zurck und gesellte
sich zur Frau Oberamtmann.
    Also die Krten werden auf Ihrem Gut nicht gemstet? begann der Prinz die
Unterhaltung.
    Nein, mein Gndiger, versetzte die Rollmaus, verlegen an ihrem Schirm
nestelnd. Ich wei wirklich nicht, wie ich Sie durch eine richtige Titulatur
coordiniren soll.
    Prinz Victor, erwiederte der junge Herr nachlssig.
    Ich bitte um Verzeihung, da mir dieser ehrenvolle Name noch keine
Befriedigung gewhrt. Darf ich noch um die sonstige Titulatur bitten, welche bei
Pfarrern durch Hochehrwrden ausgedrckt wird? Denn bei frstlichen Personen
anzustoen, ist nicht erfreulich, und mir sind diese Adressen nicht gelufig.
    Nennen Hochwohlgeboren mich Hoheit, so wird uns beiden Recht geschehen.
    Ganz wie Sie befehlen, rief die Rollmaus erfreut.
    Sie sind nher mit der Frau Professorin bekannt?
    Seit ihrer Kindheit, erklrte die Frau Oberamtmann, ich war ihrer seligen
Mutter befreundet und ich darf wohl sagen, ich habe Freude und Trauer mit
unserer lieben Ilse getheilt, Prinz Victor Hoheit kann ihr treues Herz unmglich
so gut kennen als Unsereiner. Zuletzt ist sie durch die gelehrte Bekanntschaft
in andere Atmosphre gekommen, aber schon vor der Verlobung, als die Fackeln
brannten und ihre Geschwister Fichtenste trugen, war mir deutlich, da daraus
eine Partie werden mute.
    Gut, sagte der Prinz, wie lange bleiben Sie in unserer Nhe?
    Nur bis Ende der Woche, denn die Wirthschaft geht bei Rollmaus jeder
Residenz vor, was auch gar nicht zu verwundern ist, da er nicht Neigung zur
Wissenschaft hat, welche mich beseelt. Wozu in der Stadt bessere Gelegenheit
ist, obgleich man auch auf dem Lande seine Beobachtungen macht an Kpfen und
andern Naturgegenstnden.
    Das Wetter ist unsicher, Ihr Wagen ist doch von allen Seiten geschlossen?
unterbrach sie der Prinz.
    Es ist eine Britschka mit ledernem Verdeck, entgegnete die Rollmaus.
Wogegen ich offenherzig gestehen will, da es mir bei diesem Besuche ein ganz
unerwartetes Vergngen ist, Hoheit neben mir zu sehen, denn ich habe schon von
Ihnen allerlei gehrt.
    Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, bemerkte der Prinz lchelnd, wenn Sie
mir ganz freundschaftlich sagen, was Sie gehrt haben. Ich habe bis jetzt
geglaubt, da mein Ruf noch lange nicht so arg ist, als er sein knnte.
    Es mag Jemand noch so edel sein, er entgeht der Nachrede nicht, rief die
Rollmaus eifrig. Man spricht von Streichen. Ich frchte, Hoheit werden mir
verbeln, wenn ich diese Nichtswrdigkeiten in den Mund nehme.
    Sprechen Sie nur etwas, ermuthigte der Prinz, was es auch sei.
    Man behauptet, da Hoheit debuschiren, da Hoheit als ein lustiger Vogel
leben und noch Anderes, was ich zu wiederholen mich scheue.
    Nur heraus, ermunterte der Prinz.
    Da Hoheit andere Leute zum Narren haben.
    Das thut weh, bedauerte der Prinz. Ist Ihr Kutscher ein beherzter Mann?
    Er ist nur etwas grob, sogar gegen Rollmaus, der ihm Vieles nachsieht.
    Glauben Sie mir, Frau Oberamtmann, fuhr der Prinz fort, es ist ein
trauriges Geschft, Prinz zu sein. Unruhe vom Morgen bis zum Abend. Jeder will
haben, und Keiner bringt etwas auer Rechnungen. Darber geht die Heiterkeit
verloren, man wird trbsinnig und schleicht durch die Bsche. Meine liebste
Erholung ist am Abend ein friedliches Gesprch mit meiner guten alten Amme und
Erzieherin, der verwitweten Cliquot, und eine kleine Patience, die ich mit
meinen vier kniglichen Freunden lege. Zuletzt zhlt man die guten Werke
zusammen, die man den Tag zu Stande gebracht hat, seufzt, da ihrer so wenig
sind, und sucht seinen Stiefelknecht. Wir sind die Opfer unseres Standes. Wenn
ich die Frau Professorin um etwas beneide, so ist es ihr Diener Gabriel, ein
zuverlssiger Mann, den ich auch Ihrem Wohlwollen empfehle.
    Ich kenne ihn bereits, fiel die Rollmaus freudig ein. Wobei ich bekennen
mu, da die Selbstbiographie, welche Sie von sich geben, mit Allem
bereinstimmt, was ich bei Hoheit an dem Organismus des Kopfes entdecke, soweit
nicht der Hut die Aussicht benimmt, was freilich sehr der Fall ist.
    Ich wre meiner Hirnschale dankbar, brummte der Prinz, wenn sie bei
Jedermann meinen Worten so leicht Glauben verschaffen wollte.
    Es wird mir, solange ich lebe, sowohl Plaisir als Souvenir sein, fuhr die
Rollmaus mit einem schreitenden Knixe fort, da mir der Zufall diesen intimen
Commers mit Ew. Hoheit verschafft hat. Die Erinnerung daran will ich mir, wenn
ich dies sagen darf, durch Ew. Hoheit Bild vexiren, von dem ich hoffe, da es in
den Handlungen zu haben sein wird. Man stellt sich davor, wenn man sich gerade
im Singularis befindet, wie jetzt mein Sohn Karl vor seiner Grammatik, und denkt
an die vergangenen Stunden.
    Prinz Victor sah die Rollmaus mit einem Blicke innigen Wohlwollens an. Ich
werde nie dulden, da Sie mein Portrait kaufen, ich bitte um die Erlaubni,
Ihnen ein Exemplar als Andenken zu bersenden. Es ist leider nicht so getroffen,
wie ich wnsche. Der Maler hat mich strker aufgefat, auch mit dem Anzug bin
ich nicht ganz zufrieden, er sieht einem geistlichen Talar gar zu hnlich. Inde
bitte ich, den Ueberflu freundlich hinweg zu denken. Hlt Oberamtmann Rollmaus
auf gute Pferde? Zieht er die Fohlen selbst?
    Immer, Hoheit, er ist deswegen bei den Nachbarn berhmt.
    Der Prinz wandte sich in einem ganz neuen Interesse zu der kleinen Dame.
Knnte man vielleicht mit ihm ein Geschft machen? Ich suche einige dauerhafte
Reitpferde. Wie ist er beim Handel? frug er treuherzig.
    Er ist ein sehr guter Wirth, versetzte die Rollmaus zgernd, und sah den
Prinzen mit heimlichem Bedauern an. In Pferden gilt er seinen Bekannten fr
sehr erfahren und - und wenn ich es sagen darf - fr frottirt.
    Was heit das? frug der Prinz.
    Ich bitte um Vergebung, rief die Rollmaus ngstlich, es wrde fr mich
als Gattin nicht wohlanstndig sein, wenn ich das unangenehme Wort gerieben
verwenden wollte.
    Der Prinz zog die Lippen zu einem leisen Hauch zusammen, welcher wie ein
unterdrcktes Pfeifen klang. Also er ist Hochwohlgeboren sehr unhnlich. Dann
wird schwerlich etwas zu machen sein. Hat Frau Professorin nicht Lust, Sie auf
einige Tage im Dorf der Krten zu besuchen?
    Es wre uns die grte Freude, rief die Rollmaus, aber das Haus steht
leer und ist nicht eingerichtet, wir mssen uns behelfen, auch die Kche ist
kalt.
    Also nur fr den uersten Nothfall, sagte der Prinz.
    Unterde schritt Ilse an der Seite der Prinzessin durch die Gruppen der
grenden Stdter, ihr war das Herz nicht so leicht als ihrer Frau Oberamtmann.
Die Prinzessin sprach gtig zu ihr, aber ber Gleichgltiges, wandte sich auch
wohl nach der andern Seite zu ihrem Hoffrulein. Es war offenbar nicht der
Wunsch, sich mit Ilse zu unterhalten, was die Aufforderung veranlat hatte, es
war eine Schaustellung der Huld vor den Leuten, das empfand Ilse deutlich, sie
fhlte die Absicht heraus, frug sich in der Stille, weshalb das nthig sei, und
ihr Stolz bumte gegen eine Huld auf, die nicht vom Herzen kam. In dem
belebtesten Theil der Promenade wurde Ilse noch eine Weile von der Prinzessin
festgehalten. Ich verlasse heut die Residenz, sagte die Prinzessin, und gehe
fr Tage oder Wochen auf das Land, vielleicht wird mir das Vergngen, Sie dort
zu sehen. Auch Prinz Victor rckte verbindlich an seinem Hut und sagte nichts
als die Worte: Die Luft wird schwl.
    Ilse grbelte ber den kleinen Vorfall, als sie mit ihrer Begleiterin dem
Pavillon zuging, sie antwortete zerstreut den begeisterten Reden der Frau
Oberamtmann und sah nur mit halbem Blick auf die Spaziergnger, von denen jetzt
viele auch vor ihr den Hut zogen.
    Gabriel hatte der Frau Oberamtmann zu Ehren fr Kaffe gesorgt und in dem
abgeschlossenen Raume vor der Thr den Tisch gedeckt. Dort saen die Frauen
nieder, die Rollmaus sah entzckt auf blhende Azaleen, rhmte den Kuchen der
Residenz und noch weit mehr die hohen Herrschaften, und plauderte in ihrer
besten Laune fort, whrend Ilse ernsthaft vor sich niedersah. Einige
Frstlichkeiten habe ich gesehen, jetzt htte ich noch Lust zur Wahrsagerin. Es
ist merkwrdig, liebe Ilse, da meine schtzbare Verbindung mit dem Herrn
Professor immer nach dem Ahnungsvermgen hinarbeitet. Als ich ihn zuerst sah,
kam das Gesprch auf meine Jette, welche jetzt als Schenkwirthin recht dick
wird, und heut wieder auf die Wahrsagerin. Es ist wirklich kein Vorwitz, wenn
ich den Wunsch habe, diese Person zu befragen. Mir liegt nichts daran, meine
Zukunft zu erfahren, da ich ohnedies genau wei, wie Alles geschehen wird. Denn
wir leben gewissermaen in natrlichen Verhltnissen; zuerst kommen die Kinder,
dann wachsen sie gro, man wird lter, und wenn man nicht stirbt, bleibt man
noch eine Weile am Leben. Das ist mir nie scrupuls gewesen, und ich wte
nicht, was mir die Person darin Neues entdecken knnte. Es mte denn ein
Unglck sein, das uns passiren soll, und das will ich gar nicht prophezeit
haben. Mir ist es vielmehr nur um die Belehrung, ob eine solche Person mehr wei
als wir andern. Denn in unserer Zeit wird auch das Ahnungsvermgen bezweifelt,
und mir selbst hat nie etwas geahnt, auer einmal bei Zahnschmerz, wo mir
trumte, da ich eine Pfeife rauchte, was denn auch geschah und garstige
Wirkungen hatte, welche aber nicht wunderbar genannt werden knnen.
    Vielleicht wei die Wahrsagerin zuweilen mehr als Andere, versetzte Ilse
zerstreut, weil sie irgendwo die Kenntni fremder Verhltnisse erworben hat.
    Ich habe mir schon etwas ausgedacht, rief die Oberamtmann, ich wrde sie
nur wegen der silbernen Suppenkelle fragen, welche auf eine unerklrliche Weise
aus unserer Kche verschwunden ist.
    Was will die Frau daranwenden, wenn ich's ihr sage? frug eine hohle
Stimme. Die Rollmaus fuhr in die Hhe. An der Hausecke stand ein groes Weib
hinter den Topfgewchsen, von den Schultern hing ihr ein verschlissener Mantel,
das Haupt war mit einem dunklen Tuche verhllt, hinter welchem zwei blitzende
Augen nach den Frauen stachen. Die Rollmaus fate Ilse's Arm und rief
erschreckt: Das ist die Wahrsagerin selbst, liebe Ilse, ich erbitte Ihren Rath,
soll ich sie fragen?
    Das Weib trat vorsichtig hinter dem Strauchwerk hervor, stellte sich vor
Ilse und lftete das Kopftuch. Ilse erhob sich und sah unruhig auf die scharfen
Zge eines verfallenen Gesichts. Die Zigeunerin! rief sie zurcktretend.
    Eine Kesselflickerfrau, sagte die Rollmaus unwillig, dieses
Ahnungsvermgen kenne ich, es hngt mit Hhnermausen zusammen und mit noch
schlimmeren Dingen. Erst stehlen sie und verstecken und dann verknden sie, wo
das Gestohlene liegt.
    Die Fremde achtete nicht auf den Angriff der Frau Oberamtmann. Meine Leute
sind gehetzt worden wie die Fchse im Wald, der Frost hat sie gettet, eure
Wchter haben sie gefangen, die noch leben, liegen zwischen Mauern und klirren
mit der Kette. Ich ziehe allein durch das Land. Schne Frau, denken Sie nicht
daran, was in jener Nacht die Mnner gethan, denken Sie nur an das, was ich
Ihnen vorausgesagt. Ist es nicht eingetroffen? Jetzt sehen Sie auf das steinerne
Haus dort drben, und Sie sehen, wie er langsam auf dem Kieswege herankommt, bis
in die Stube, in welcher der nackte Knabe an der Decke hngt.
    Ilse's Antlitz zog sich zusammen. Ich verstehe den Sinn eurer Rede nicht,
nur Eines hre ich, da ihr hier Bescheid wit.
    Manches Jahr sind meine Fe durch den Schnee geglitten, fuhr die
Landstreicherin fort, seit ich zum letzten Mal durch die Pforte dieser
schwarzen Thiere getreten bin. Sie wies auf die beiden Engel mit
Tulpengewinden. Jetzt hat die Krankheit auch mich geschlagen. Sie streckte
ihre Hand aus. Geben Sie, junge Frau, einer Kranken von der Landstrae, die
einst denselben Weg gegangen ist, den Sie jetzt schreiten.
    Ilse's Wange rthete sich, sie sah starr auf die Bettlerin und schttelte
verneinend das Haupt. Nicht Geld will ich von Ihnen, sagte das Weib
eindringlich. Bitten Sie fr mich bei dem Geiste dieses Hauses, wenn er Ihnen
einmal erscheint. Ich bin mde und suche ein Lager fr mein Haupt. Sagen Sie
ihm, die Fremde, der er das Zeichen umgehangen hat, sie wies auf ihren Hals,
bittet um seine Hilfe.
    Ilse stand unbeweglich, ihre Wangen glhten, und ihr Auge sah zornig auf das
unheimliche Weib.
    Was wenden Sie daran, Ihr Silber wieder zu finden? frug zur Rollmaus
gewandt die Bettlerin in verndertem Ton.
    Ihr also seid die Wahrsagerin? fuhr die Rollmaus entrstet auf sie ein,
nicht einen Kreuzer wende ich an euch. Wer euren Kopf untersucht, wrde einen
schnen Organismus daraus finden. Solche kauderwelsche Worte habe ich schon oft
gehrt. Macht euch fort, bevor die Polizei kommt. Eine von eurem Volk hat meiner
Gromagd prophezeit, sie wrde einen Gutsbesitzer heiraten, und ich mute das
Mdchen abschaffen, welche sonst brauchbar war, weil sie anfing, gegen Rollmaus
selbst zu scharmuziren, obgleich dieser nur darber lachte. Geht, wir wollen
nichts mit euch zu thun haben.
    Denken Sie an meine Bitte, rief die Fremde Ilse zu, ich komme wieder.
    Die Frau wandte sich ab und verschwand hinter dem Hause.
    Es sind Blger, erklrte die Oberamtmann in tiefem Aerger, glauben Sie
nichts von Allem, was sie sagen. Diese hier sprach noch rgern Unsinn als die
andern. Ich glaube gar, liebe Ilse, Sie lassen sich zu Herzen gehen, was dieser
Betteltanz parlirte.
    Sie kennt dies Haus, sie wute wohl, was sie sprach, sagte Ilse tonlos.
    Natrlich, versetzte die Rollmaus, sie schweifen umher und gucken durch
alle Ritzen, sie haben ein gutes Gedchtni fr anderer Leute Geschfte, nur an
ihre eigene Dieberei wollen sie nicht erinnert sein. Dieses Object hier habe ich
sehr im Verdacht wegen meiner Suppenkelle. Wenn das die berhmte Wahrsagerin
sein sollte, dann ist mir alle Forschung verleidet. Ach, und ich sehe, Ihnen
auch.
    Ich kenne das Weib, erwiederte Ilse, sie gehrt zu der Bande, die unsere
Kinder bestahl und den Arm meines Felix verwundete. Jetzt tritt die unheimliche
Gestalt wie ein Gespenst vor meine Seele und ihre dunklen Worte erregen mir
Grauen. Sie drohte, wieder zu kommen, mich fat die Angst, da dieses Weib noch
einmal an mich heranschleicht. Hinweg von hier.
    Ilse eilte in das Haus, die Oberamtmann folgte und rieth wohlwollend: Kommt
sie wieder, so wird sie weggejagt. Fr dieses Ahnungsvermgen gibt es kein
besseres Mittel als Gefngni bei Wasser und Brot.
    Ilse stand im Wohnzimmer, auch dort sah sie sich scheu um. Der ihr das
Kreuz umhing, war der Herr dieses Schlosses; und als sie damals am Hofthor die
wsten Worte zu mir sprach, meinte sie nicht meinen Felix.
    Acht Groschen meinte sie und nichts weiter, trstete die Rollmaus.
    Wie darf sie wagen, mein Leben mit dem ihren zu vergleichen? Wie wei sie,
ob der Herr dieses Hauses auf meine Worte hrt?
    Die Oberamtmann mhte sich vergebens, durch verstndige Betrachtungen ber
die Nichtswrdigkeit weiblicher Vagabonden zu beruhigen. Ilse sah mit gefalteten
Hnden vor sich hin, die Trostsprche der wackern Freundin verhallten vor ihrem
Ohr.
    Im Hause sprachen fremde Stimmen, Gabriel ffnete die Thr und meldete den
Hausmeister. Der alte Mann trat diensteifrig ein und bat, die Strung zu
entschuldigen. Mein gndigster Herr befahl mir, anzufragen, ob vielleicht eine
fremde Landstreicherin hier bettelte. Sie hat sich in das Schlo geschlichen,
Zugang zu der Frau Prinzessin gesucht und diese erschreckt, als Hochdieselbe
abreisen wollte. Seine Hoheit lassen vor der Fremden warnen, sie ist eine
gefhrliche Person.
    Sie war hier, versetzte Ilse, und sprach wilde Reden, sie lie merken,
da sie im Hause bekannt sei.
    Der Hausmeister sah bekmmert aus, als er fortfuhr: Es ist lange her, da
hatte die hochselige Frstin sich einmal eines singenden Mdchens erbarmt, dem
die Mutter an der Landstrae gestorben war. Sie lie das Geschpf unterrichten,
und weil es drollig war und sich gut anlie, wurde es zuletzt ins Schlo
genommen und zu kleinen Diensten gebraucht, aber es hat den Herrschaften
schlecht gelohnt. In einer Zeit, wo die hohe Familie schweres Unglck traf, fiel
die Person in die Gewohnheit ihrer Kinderzeit zurck, sie stahl und wurde
unsichtbar. Heut will ein Diener in dem fremden Weibe das Mdchen wiedererkannt
haben. Das hat der Kammerdiener Sr. Hoheit zugetragen, und der gndige Herr,
welcher ohnedies leidend ist, hat sich darber aufgeregt. Bereits suchen die
Landreiter auf allen Straen nach der Fremden.
    Der Alte empfahl sich, Ilse sah ihm finster nach, aber sie sagte doch
ruhiger zur Oberamtmann: Daher also die Sprache der Landstreicherin, welche
anders klang, als sonst bei bettelndem Volk, und daher ihr Wunsch, die
Verzeihung des Frsten zu erhalten.
    Jetzt aber sa die Rollmaus gedrckt und kleinlaut. Ach, liebe Ilse, wenn
die Hexe wirklich hier unter den frstlichen Personen gelebt hat, dann mag sie
Vielerlei wissen, was in diesem Hause geschehen ist, denn die Leute sprechen
nichts Gutes davon, und sie sagen, da in frherer Zeit hier frstliche
Amoretten gewohnt haben. Das Haus kann ja nichts dafr und wir andern auch
nicht, es ist nur deshalb, weil der Erbprinz jetzt zu Ihrem Vater kommt und Sie
ihn schon von der Universitt kennen. Darber schtteln die Menschen ihre Kpfe,
es ist dummes Geschwtz.
    Was fr Geschwtz? rief Ilse mit rauher Stimme und fate die Hand der
Oberamtmann.
    Man redet, Sie seien die Ursache, da der Prinz in unsere Gegend kommt. Wir
wrden uns alle sehr freuen, wenn Sie vor Ihrer Reise noch den Vater besuchten,
wie verabredet war, aber ich glaube wirklich, solange der Prinz dort ist, wre
besser, wenn Sie hier blieben oder auch wo anders. Es ist nur zur Vorsicht,
fgte sie beruhigend zu, und Sie mssen sich das nicht zu Herzen nehmen.
    Ilse stand abgewandt, lautlos, unbeweglich, die Oberamtmann fuhr in
trstender Rede fort, aber Ilse vernahm kaum noch ihre Worte.
    Man lehrt nicht umsonst junge Prinzen landwirthschaftliche Maschinen drehen
und sich duelliren, Frau Ilse; das Lehrgeld wird dir bezahlt, doppelt, in neuem
Geprge, wie Hofbrauch ist.
    Es war eine lange, bangsame Stille im Zimmer. Ilse sah wild umher, dann nahm
sie einen Rohrstuhl, setzte sich der Oberamtmann gegenber, ihre Finger flogen
ber einer Handarbeit. Sprechen wir nicht mehr von solchen Verlumdungen,
sagte sie. Was macht Ihr Sohn Karl? Sind Sie mit seinem Flei zufrieden? Und
wie geht's mit dem Clavier? Es ist immer gut, wenn er etwas Musik versteht.
    Die Oberamtmann kam ber den Tnzen, welche ihr Sohn Karl spielte, wieder zu
guter Laune, sie schwatzte fort, Ilse hrte schweigend zu und zhlte ber den
Stichen, welche sie mit bunten Wollfden machte.
    Der Professor kehrte zurck, kurz darauf fuhr der Kutscher vor. Frau
Rollmaus verschwand in die Nebenstube, ihren Kopfputz in die Schachtel zu
packen, dann nahm sie wortreichen Abschied von ihrem lieben Herrn Professor. Die
letzten Worte Ilse's waren: Es mag lange dauern, bis wir uns wiedersehen,
erhalten Sie mir Ihre Freundschaft, auch wenn ich fern bin.
    Was meinten deine feierlichen Worte beim Abschied der Nachbarin? frug der
Professor verwundert.
    Sie meinen, da wir hier in einem Hause sind, in welchem einer ehrlichen
Frau vor den Wnden graut, rief Ilse mit flammendem Blick, und sie meinen, da
ich fort will von hier und da es fr dich Zeit ist, dein Weib wegzufhren aus
einem ungesunden Leben.
    Sie erzhlte ihm mit fliegendem Athem, was ihr die Rollmaus geklagt, die
Bettlerin zugeraunt.
    Ich bin verstrickt, Felix, rief sie, durch meine eigene Schuld, ich klage
dir's. Wie ich mich gehalten gegen den jungen Prinzen, mein Gott wei, ich habe
keinen Gedanken gehabt, der deinem Weibe Unehre machte, aber ich bin
unvorsichtig gewesen und ich be dafr schrecklich, schrecklich! Jetzt verstehe
ich, was mich wie eine Ahnung geqult hat in den letzten Wochen. Liebst du mich,
so fhre mich schnell fort von hier, denn der Boden brennt unter meinem Fue.
    Auch den Professor packte ein scharfes Weh, als er sein Weib in Schmerzen
ringen sah, die so bitter sind, da sie die strkste Seele einer Frau betuben,
die edelste Kraft fr Stunden zerbrechen. Mir ist widerwrtig und demthigend
wie dir, dem Hlichen in das nackte Angesicht zu sehen, ich bin bereit, Alles
zu thun, was ich vermag, um dich von diesem Leide zu lsen. La uns ruhig
erwgen, wie das geschehen kann. Nicht in solcher Leidenschaft darfst du, was
dir ziemt, beschlieen, denn dir fehlt jetzt die Freiheit, das Rechte zu whlen.
An welchem alten Hause, das ein Miether bezieht, das ein Gastwirth ffnet,
hngen nicht peinliche Erinnerungen? Miges Geschwtz vermag selbst der nicht
von seinem Haupte zu bannen, der in ungewohnter Umgebung gleichfrmig hinlebt.
Wende den Blick ab von dem Gemeinen. Um seinetwillen aufzubrechen wie
Flchtlinge, ziemt nicht dir und nicht mir. Was haben wir gethan, Ilse, da wir
unser Selbstgefhl verlieren? Gegen die feindselige Arbeit des thrichten
Zufalls gibt es nur eine Weisheit, sicher vorwrts gehen und wenig darum sorgen.
Dann verhallt und verklingt der Miton von selbst im Gerusch der Strae. Wer
sich davon stren lt, der vergrert ihn durch seine eigenen Schmerzen.
Gesetzt, wir brechen pltzlich auf aus diesem Hause. Du wrdest in die Fremde
das Gefhl tragen, da du als Besiegte von hier gehst, und unaufhrlich wrde
dich die Sorge verfolgen, da ein mitnendes Gemurmel hinter uns nicht zum
Schweigen gebracht ist.
    Du sprichst sehr kalt und verstndig, rief Ilse in innerer Emprung,
trotz deiner Worte fhlst du wenig die Krnkung deines Weibes.
    Wrest du in der Fassung, die ich sonst an dir ehre, du wrdest so
ungerechte Klage nicht ber deine Lippen bringen, versetzte der Gatte finster.
Wenn ich dich in Gefahr she, ich wrde noch diese Stunde mit dir fortziehen;
habe ich erst nthig, darber gegen dich ein Wort zu verlieren? Aber selbst
gegen das Geschwtz der Schwachen ist dir dieser Aufenthalt hier vorlufig der
beste Schutz, denn der Prinz ist fern, du aber weilst zurckgezogen bei deinem
Gatten.
    Ich wei, woher diese Gleichgltigkeit kommt, murmelte Ilse.
    Du weit, was mich hier fesselt, erwiederte der Professor, und wrst du
mir, was du sein solltest, Verbndete bei meinen Hoffnungen, und httest du
dasselbe Gefhl fr den Werth des Gutes, das ich suche, du wrdest gleich mir
empfinden, da ich keinen ablenkenden Schritt thun darf, wenn ich nicht erkenne,
da er nthig ist. - Ertrage nur noch fr den nchsten Tag diesen Aufenthalt,
liebe Ilse, wie unbehaglich er dir heut erscheint, fuhr er herzlich fort. Ich
bin eingeladen in dem Landschlo der Prinzessin zu suchen, dort wird sich, wie
ich ahne, finden, was uns von hier frei macht.
    Gehe nicht! bat Ilse vor ihn tretend, la mich nicht allein in dieser
frchterlichen Unsicherheit, in einer Angst, die mich schaudern macht vor mir
selbst und vor jedem fremden Laut, den ich in diesen Rumen hre.
    Angst? rief der Professor unwillig, eine Angst vor Gespenstern. Selten
ist das Leben in der Fremde so leicht und bequem, als uns dieser Aufenthalt.
Miklnge gibt es berall, und nur unser ist die Schuld, wenn wir sie bermig
empfinden.
    Gehe nicht! flehte Ilse von Neuem. Ja, es sind Gespenster, die mich
verfolgen, sie hngen bei Tag und Nacht ber meinem Haupte. Gehe nicht, Felix,
rief sie, die Hand erhebend, dich lockt nicht die Handschrift allein, auch das
Weib, das dich dort erwartet. Das wei ich seit den ersten Tagen in dieser
Stadt, ich sehe, wie der Zauber ihrer flchtigen Seele dich umgarnt. Ich habe
die Furcht bis heut in mir niedergekmpft mit dem Vertrauen, das ich zu meinem
geliebten Manne haben mu. Gehst du jetzt, Felix, wo ich mich an dich klammern
mchte, wo ich jeden Augenblick bei deiner Stimme Trost suche, so kommt mir der
Zweifel an dir und der furchtbare Gedanke, da meine Noth dir gleichgltig ist,
weil du selbst kalt gegen mich wurdest.
    Wohin bist du gerathen, Ilse! rief der Gelehrte erschrocken, ist mein
Weib, das so spricht? wann habe ich dir je meine Empfindungen verhllt? Und
vermagst du nicht in meiner Seele zu lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch?
Das also war es, was so schwer auf dir lag! Gerade das htte ich nicht fr
mglich gehalten, sagte er treuherzig und bekmmert.
    Nein, nein, rief Ilse auer sich, ich habe Unrecht, ich wei es, achte
nicht auf meine Worte, ich vertraue dir, ich halte mich an dich, o Felix, ich
mte verzweifeln, wenn dieser Halt mir brche. Sie warf sich an seinen Hals
und schluchzte. Der Gatte umschlang sie, auch ihm wurden die Augen na bei dem
Jammer seines Weibes. Bleibe bei mir, mein Felix! fuhr Ilse weinend fort, nur
jetzt la mich nicht allein, ich bin immer noch ein kindisches einfltiges Herz,
habe Geduld mit mir. Ich bin hier krank, ich wei nicht, woher das kommt; ich
liege an deinem Herzen, und ich zittere davor, da du mir fremd werden knntest,
ich wei, da du mein bist, und ich ringe dabei mit der ngstlichen Ahnung, da
ich dich hier verlieren werde. Wenn du zur Thr hinausgehst, ist mir, als mte
ich einen Abschied von dir nehmen auf immer, und wenn du zurckkehrst, sehe ich
dich zweifelnd an, als wrst du mir in wenig Stunden verwandelt. Ich bin
unglcklich, Felix, und das Unglck macht mitrauisch, ich bin schwach und klein
geworden und ich scheue mich, dir es zu sagen, weil ich frchte, da du mich
deshalb gering achten knntest. Bleibe hier, Geliebter, gehe nicht zu der
Prinzessin, nur morgen nicht.
    Der Gatte fate ihr Haupt und sah ihr in die verweinten Augen. Wenn morgen
nicht, entgegnete er herzlich, dann doch bermorgen oder an anderem Tage.
Ersparen kann ich uns die kurze Fahrt von wenigen Stunden nicht, sie aufgeben
wre ein Unrecht, das wir beide nicht auf uns laden drfen. Je lnger ich
zgere, Ilse, um so lnger sehe ich dich festgehalten in diesen Wnden. Ist
nicht klug, schnell zu thun, was uns frei macht, auch in deinem Sinne?
    Ilse lste sich aus seiner Umarmung. Du sprichst verstndig in einer
Stunde, wo ich einen andern Ton aus deiner Brust hoffte, versetzte sie ruhiger.
Ich wei, Felix, du willst mir nicht wehe thun, und ich hoffe, du bist auch in
dieser Rede wahr gegen mich und verbirgst mir nichts. Aber ich fhle mit tiefem
Herzen ein altes Weh, das mich an trben Tagen berfallen hat, seit ich dich
kenne. Du denkst anders als ich, und du fhlst anders in manchen Dingen, der
einzelne Mensch und sein Leiden gilt dir wenig gegen die groen Gedanken, die du
mit dir herumtrgst, du stehst auf der Hhe in klarer Luft und hast keinen
Antheil an der Angst und Noth im Thale zu deinen Fen. Klar ist die Luft, aber
kalt, und mich friert dabei.
    Das ist die Art des Mannes, sagte der Professor, tiefer bewegt durch den
gehaltenen Schmerz seines Weibes als durch ihre laute Klage.
    Nein, antwortete Ilse vor sich hinstarrend, das ist die Art des
Gelehrten.
    In der Nacht, als der Gelehrte lngst im Schlummer lag, da erhob sich das
Weib an seiner Seite vom Lager und sphte durch die Dmmerung auf das Antlitz
des geliebten Mannes. Sie stand auf und ergriff die Nachtlampe, da der gelbe
Schein auf sein ruhiges Antlitz fiel, und groe Thrnen sanken aus ihren Augen
auf sein Haupt. Dann setzte sie sich vor ihn, rang die Hnde und bndigte mit
Anstrengung das Weinen und den Krampf, welche ihr den Leib erschtterten.

                                       9.

                                        

                            Im Thurm der Prinzessin.


Als die Prinzessin von ihrem drngenden Vater in die Heimat zurckgerufen wurde,
hatte das erlauchte Haus, dessen Namen sie jetzt trug, nicht nur darauf
bestanden, da sie fortan einige Monate des Jahres an dem Wohnsitz ihres
verstorbenen Gemahls zubringe, auch da ihr in der Residenz des Vaters ein
gesonderter Hofhalt eingerichtet werde. Darber war ein Vertrag geschlossen,
welcher allerdings den Zweck hatte, der jungen Frstin eine gewisse
Selbstndigkeit zu wahren. Um den Wortlaut des Vertrags zu erfllen, wurde der
Prinzessin ein frstliches Schlo auf dem Lande als Wohnsitz berwiesen, da in
der Residenz selbst kein geeignetes Gebude vorhanden war. Das Schlo lag eine
halbe Tagereise von der Stadt, am Fue belaubter Hgel, zwischen Wldern und
Dorffluren, im Sommer ein anmuthiger Ruhesitz; die Prinzessin hatte dort bereits
einige Monate ihres Trauerjahrs zugebracht.
    Es war ein warmer Tag, an welchem der Professor nach dem Schlosse fuhr. Die
Luft war durch das Gewitter der Nacht nicht abgekhlt, der strmende Regengu
hatte Furchen in die glatte Kunststrae gerissen, zwischen den Ackerbeeten stand
das Wasser an dem ppigen Grn des Rasens, an den Blttern der Wegpflanzen
hingen die Tropfen, eine feuchte Brutwrme lag ber der Erde, der Wasserdunst
frbte die entfernten Hhen mit dunklem Blau. Am Himmel zogen die Wolken
flchtig dahin, bald verhllten sie neckend die Sonne und warfen ihre Schatten
ber die sprossende Flur, bald ffneten sie den Lichtstrahlen ein Thor, dann
flog ein feuriger Glanz ber Baumgipfel, Dcher und den fruchtbaren Grund.
Schneller Schatten und heller Schein am Himmel und auf der Erde, erst deckte das
Wolkenheer mit grauen Gewndern den geradlinigen Weg, welchen der Gelehrte fuhr,
wieder lag die Strae vor ihm als ein goldener Pfad, der zum ersehnten Ziele
fhrt.
    Grelles Licht und dunkler Schatten flogen auch durch die Seele des
Gelehrten. Die Schrift wird gefunden; sie bleibt uns verborgen, rief es in
ihm, und sein Auge umwlkte sich. Wenn sie nicht gefunden wird? Viele werden
dann mit Verwunderung lesen, wie tuschend der Schein war, wie nahe die
Mglichkeit; mancher wird bedauernd auf seine Hoffnung verzichten, die ihm ber
den Worten des Klosterbruders aufgeht; doch den Schmerz der Entsagung wird
Keiner fhlen wie ich. Ein Gedanke, der durch Jahre die Phantasie unterhalten,
die Augen auf einen Punkt gerichtet hat, ist mir bermchtig geworden. Mit
tausend Eindrcken aus alter und neuer Zeit spielt des Mannes freier Geist, er
bndigt ihre Gewalt durch abwgenden Verstand und Kraft des Willens. Mir aber
ist ein kleines Bild aus verloschenen Zgen des alten Buches so tief in die
Seele gedrungen, da die Hoffnung zu erwerben das Blut in den Adern hpfen macht
und die Furcht zu verlieren die Spannung der Muskeln lhmt. Allzugro ist der
Eifer, das wei ich, er hat mich hart gemacht gegen die kindliche Angst meines
Weibes, auch ich bin nicht strker geworden, seit ich auf dem unsicheren Pfad
eines Wildschtzen dahinfahre. Jeder hte sich, da ihm seine Trume nicht die
Herrenrechte des Geistes verringern, auch der Traum guter Stunden, wo die Seele
sich arglos einer groen Empfindung hingibt, mag abwenden von dem geraden Wege
der nchsten Pflicht.
    Das goldene Licht flog ber sein Antlitz. Wenn sie aber gefunden wird. Es
ist nur ein kleiner Theil unseres Wissens aus alter Zeit, der in ihr verborgen
liegt. Und doch wrde gerade dieser Fund eine verdmmerte Landschaft mit hellem
Glanze fllen, und einige Jahrzehnte des alten Lebens wrden fr unser Auge in
festen Umrissen sichtbar werden, als ob sie in nchster Vergangenheit lgen. Der
Fund knnte hundert Rthsel lsen und tausend neue aufregen, jedes sptere
Geschlecht drfte der greren Habe sich freuen und mit besserer Kraft neuen
Aufschlu begehren. Auch ihr wnsche ich die Freude eines Fundes, welche dort im
Schlosse so warmherzig meine Sorge theilt, auch ihr wre eine groe Erinnerung
fr immer, da sie wohlthuenden Antheil gehabt an der ersten Arbeit des
Suchenden.
    Hher stiegen die Berge, farbiger wurden ihre Massen. Die Linien der
Vorhgel schieden sich von der nebligen Ferne, zwischen dem schwarzen Wald
ffneten sich blaue Mndungen der Thler. Der Wagen rollte in einen wohlgehegten
Forst, gedrngte Fhren und Fichten schlossen eine Weile die Aussicht; als die
Strae wieder ins Freie fhrte durch Rasenflchen und Baumgruppen, lag das
Schlo gerade vor den Augen des Gelehrten. Ein mchtiger alter Thurm mit Zinnen
gekrnt ragte aus niedrigem Gehlz, ber ihm stand die Sonne des Nachmittags und
malte lange Regenstreifen in den Dunst der Luft. Das braune Mauerwerk hob sich
in der einsamen Landschaft wie der letzte Pfeiler eines zertrmmerten
Riesenbaues, nur an der hellen Steinfassung der wohlgefgten Fenster erkannte
man, da es wohnliche Rume enthielt. An den Thurm gelehnt stieg das kleine
Schlo herauf, mit steilem Dach und spitzbogigen Fenstern, in seiner migen
Gre ein seltsamer Genosse des gewaltigen Thurmbaues. Aber trotz dem
Miverhltni der verbundenen Theile war das Ganze ein stattlicher Ueberrest des
Mittelalters, vielen Geschlechtern hatten die festen Mauern zu Schutz und Wehr
gedient.
    Wilder Wein sandte seine Ranken bis auf das Dach des Hauses und um die
Fenster des Thurmes, welcher in sieben Stockwerken aufstieg, durch starke
Strebepfeiler gesttzt. In der Hhe wuchs Quendel und Gras aus den Fugen des
verwitterten Steins, aber die Grashalme, welche noch vor wenig Tagen den Grund
bedeckt hatten, waren ausgerissen, Hofraum und Thren hatten sich fr die neuen
Bewohner festlich geschmckt, Blumentreppen und Topfgewchse waren reichlich
aufgestellt. Nur an einer Ecke war die schnelle Arbeit nicht beendet, der
grnliche Schimmer am Boden und ein Schwarm schwarzer Vgel, der um die Zinne
des Thurmes flatterte, gaben Zeugni, da der Bau leer von Menschen in einsamer
Landschaft gestanden hatte.
    Der Professor sprang aus dem Wagen, der Marschall winkte ihm von der Rampe
Gre zu und fhrte ihn selbst in das einfache Gastzimmer. Kurz darauf leitete
er ihn durch einen gewlbten Gang des Schlosses in den Thurm. Die Prinzessin
stand, von einem Spaziergang zurckgekehrt, den Sommerhut in der Hand, am
Eingang des Thurmes. Willkommen in meiner Solitude, rief sie dem Gelehrten
entgegen, glcklich sei die Stunde, in welcher dies alte Haus Ihnen die Thren
ffnet. Hier stehen Sie an der Pforte meines Reiches, ich habe mich fast in
jedem Stockwerk des Thurmes angesiedelt, er ist unser Frauenzwinger. Wenn diese
feste Eichenthr verschlossen wird, knnen wir Frauen ein Amazonenreich grnden
und die ganze Mnnerwelt, soweit sie hier sichtbar wird, gefahrlos mit
Tannzapfen bewerfen. Denn dies ist die Frucht, welche hier am besten gedeiht.
Kommen Sie, Herr Werner, ich fhre Sie der Sttte zu, auf welcher Ihre Gedanken
jetzt mehr verweilen, als bei uns Kindern der Gegenwart.
    Eine steinerne Wendeltreppe verband die Stockwerke des Thurms, jedes
enthielt Zimmer und Kabinette, nur das hchste war Bodenraum. Die Prinzessin
wies geheimnivoll die Treppe hinauf. Dort oben unter der Plattform ist Alles
vollgestopft mit altem Hausrath. Ich konnte schon gestern der Neugierde nicht
widerstehen, einmal in die Kammern zu blicken, es liegt in wirrem Haufen
durcheinander, wir werden Arbeit haben.
    Der Professor sah freudig auf das wohlerhaltene Steinwerk der bogigen Thren
und auf die kunstvolle Arbeit des alten Schlossers. Es war in neuer Zeit wenig
gethan, um den alten Schmuck der Wnde ansehnlich zu machen und kleine Schden
zu bessern. Aber wer Antheil nahm an Meiel und Schnitzmesser der alten
Bauherren, der erkannte berall mit Behagen, da der Thurm leicht zu einem
Prachtstck alten Stils geformt werden konnte. Der Diener ffnete die Thr zu
den Zimmern der Prinzessin. Auch diese waren einfach hergerichtet, die
zerschlagene Glasmalerei der kleinen Fenster war durch bunte Scheiben kunstlos
ausgebessert, nur Bruchstcke der alten Bilder hafteten in dem Blei.
    Hier ist noch viel zu thun, erklrte die Prinzessin, das soll in den
nchsten Jahren allmhlich geschehen.
    Im Vorzimmer klirrten die Schlssel des Kastellans, der Professor wandte
sich nach der Thr. Einen Augenblick Geduld, rief die Prinzessin, sie flog in
ein Nebenzimmer und kehrte in einem hellen Mantel mit Kappe zurck, der sie
faltig umhllte, nur das feine Antlitz war sichtbar, die groen, strahlenden
Augen und der lchelnde Mund. Das ist die Gnomentracht, in der ich den
staubigen Geistern des Bodens zu nahen wage.
    Sie stiegen zu dem hchsten Stockwerk hinauf. Whrend der Kastellan am
Gebund den Schlssel suchte, befhlte der Professor das Holz der Thr und
bemerkte gemessen: wieder schne Schlosserarbeit. Aber sein Auge fuhr unruhig
an den Umrissen der Thr umher.
    Ich hoffe, sagte die Prinzessin leise.
    Alles sieht hoffnungsvoll aus, versetzte der Gelehrte.
    Die dicke Thr chzte in ihren Angeln. Ein groer Raum ffnete sich dem
suchenden Blick. Durch enge Mauerluken fiel ein scharfes Licht auf die
geheimnivolle Sttte, in dem eindringenden Luftstrom wirbelten die Atome des
Staubes, davor und dahinter dmmrige Dunkelheit. Hochgethrmt,
ineinandergeschoben lag hier alter Hausrath; riesige Schrnke mit ausgebrochenen
Thren, plumpe Tische mit Kugeln am Ende der Beine, Sthle mit geradliniger
Lehne und Lederpolstern, aus denen das Rohaar quoll; dazwischen Bruchstcke
alter Waffen, Hellebarden, zerfressene Schienen, verrostete Helme. Undeutlich
ragten die Formen durcheinander, Stuhlbeine, Holzplatten mit eingelegter Arbeit,
eine Rundung von altem Eisen. Es war ein trdelhaftes Gewirr knstlicher Gebilde
aus mehren Jahrhunderten. Die Hand berhrte den Tisch, an welchem ein
Zeitgenosse Luthers getrunken hatte, der Fu stie an einen Schrein, dem Kroaten
und Schweden die Thr ausgeschlagen, auf dem weilackirten Sessel mit dem
verschossenen Sammetpolster hatte einst ein Hoffrulein gesessen, im Reifrock
mit gepudertem Haar, jetzt ruhten sie zusammengeschichtet in wstem Haufen, die
abgethanen Hlsen frherer Geschlechter, halbzerstrt und ganz vergessen, leere
Puppengehuse, aus denen die Schmetterlinge geflogen waren. Alles lag mit
graulicher Leichendecke berzogen, mit dem letzten Schutt des geschwundenen
Lebens. Zu Pulver zerrieben kruselte sich in der Luft, was einst Form und
Krper war, feindlich ballte der Staub seine Wolken gegen die Eintretenden,
welche kamen, an seinem Besitzthum zu rhren, das er mit dicken Lagen berzog;
er hing sich an Haare und Kleider des neuen Lebens und quoll langsam durch die
geffnete Thr hinab den Rumen zu, wo bunte Farbe und glnzender Schmuck die
Menschen umgab, um auch dort den endlosen Kampf der Vergangenheit gegen das Neue
zu fhren, den stillen Kampf, der sich tglich erneut im Groen wie im Kleinen,
der Neues alt macht und Altes auflst, um zuletzt die Keime jungen Lebens
hilfreich zu nhren.
    Der Professor sah wie ein Falk zwischen Tisch und Stuhlbeinen in den
dmmerigen Hintergrund. Hier ist vor Kurzem gerumt worden, sagte er, ber
die vordern Mbel ist gefegt.
    Ich habe gestern versucht, ein wenig zu subern, sagte der Kastellan,
weil Ihre Hoheit den Wunsch aussprach, hier einzutreten, aber wir sind nicht
weit gekommen.
    Haben Sie das Gerth des Raumes frher einmal durchsucht? frug der
Professor.
    Nein, erwiederte der Mann, ich bin erst im vorigen Jahre durch des
Frsten Hoheit hierher versetzt.
    Besteht ein Verzeichni der Sachen?
    Der Mann verneinte.
    Wissen Sie, da Kisten oder Truhen hier stehen?
    Ich meine dergleichen bemerkt zu haben, antwortete der Kastellan.
    Holen Sie die Arbeiter, das Gerth hinauszuschaffen, befahl die
Prinzessin. Heut wird jedes Stck dieses Bodens betrachtet.
    Der Kastellan eilte hinab, der Professor suchte wieder durch die
aufgethrmten Massen zu sphen, aber das grelle Licht in der Hhe blendete die
Augen. Er sah auf das Frstenkind; sie stand im hellen Gewande an der Thr wie
die Fee des Schlosses, welche in die Wohnung der altbrtigen Hausgeister
gestiegen ist, ihre Huldigungen entgegen zu nehmen.
    Es wird eine lange Arbeit und Ew. Hoheit werden sich an dem Umherschleppen
der staubigen Mbel nicht erfreuen.
    Ich bleibe bei Ihnen, rief die Prinzessin. Ist der Antheil, den ich an
dem Funde haben kann, auch winzig klein, ich will ihm doch nicht entsagen.
    Beide schwiegen, der Gelehrte rckte ungeduldig ber den Sthlen. In der
Staubwolke flatterten Motten auf, und eine Mauerschwalbe flog aus dem Nest, das
sie an der Fensterluke gebaut hatte. Alles war still, nur ein leises Klopfen
klang regelmig wie der Pendelschlag der Uhr in dem wsten Raum.
    Das ist die Totenuhr, flsterte die Prinzessin.
    Der Holzwurm thut seine Arbeit im Dienst der Natur, er lst, was abgelebt
ist, in seine Elemente.
    Es wurde still im Holz. Nach einer Weile tickte der Wurm wieder, darauf ein
zweiter, sie hmmerten und nagten emsig: dahin, dahin, hinab! Ueber den Huptern
der Suchenden aber krchzten die Dohlen, und aus der Tiefe zog leise der Gesang
einer Nachtigall in das eifrige Schaffen der Totengrber.
    Die Arbeiter kamen, sie trugen ein Stck des Gerthes nach dem andern auf
Vorraum und Treppe. Dichter wirbelte der mifarbige Staub, die Prinzessin
flchtete sich in den Vorsaal, der Professor aber verlie nicht seinen Posten.
Er griff selbst zu, hob und rckte in der vordersten Reihe. Er trat einen
Augenblick an die Thr, Athem zu holen, lachend empfing ihn die Prinzessin. Sie
sind verwandelt, als htten auch Sie in der Kammer dieser Auferstehung geharrt.
Und mir geht es, wie ich merke, nicht besser.
    Ich sehe eine Truhe, meldete der Professor und eilte zurck. Noch ein
wirrer Knuel von Stuhlbeinen und Lehnen wurde abgehoben, dann faten die
Arbeiter einen kleinen Kasten, welcher im Dunkeln stand. Setzt hin, rief der
Kastellan und fuhr schnell mit dem groen Borstbesen darber. Das Gef wurde an
das Licht getragen, es war eine Truhe von Kienholz mit gewlbtem Deckel, die
Oelfarbe des Anstrichs an vielen Stellen geschwunden, an den Ecken eiserne
Beschlge, ein rostiges Schlo, das den Schliehaken festhielt, aber locker im
Holze hing. Auf dem Deckel der Kiste war verstubt und abgerieben eine 2 in
schwarzer Farbe sichtbar. Der Professor lie die Kiste zu den Fen der
Prinzessin niedersetzen. Er wies auf die Ziffer. Dies ist wahrscheinlich eine
der Truhen, die der Beamte von Rossau nach dem Schlo Solitude geschickt hat,
sagte er mit erknstelter Ruhe, aber seine Stimme bebte. Die Prinzessin kauerte
neben ihm nieder und versuchte den Deckel zu heben, das Schlo lste sich aus
dem Holz, die Kiste ging auf.
    Oben lag ein dickes Buch in Pergament gebunden. Schnell wie der Lwe nach
seiner Beute fuhr der Professor darnach, aber legte es sogleich wieder hin. Es
war ein altes Mebuch, auf Pergament geschrieben, die Deckel schadhaft und
zerrissen, die Lagen des Pergaments hingen locker am Bande. Er griff wieder in
die Kiste, ein zerrissenes Jagdnetz fllte den brigen Raum, auerdem einige
schadhafte Armbrste, ein Bndel Bolzen, kleines Eisenwerk. Er erhob sich, seine
Wange war entfrbt, aber sein Auge glhte. Das ist die zweite Nummer, wo ist
die erste? rief er. Er sprang in den Raum zurck, die Prinzessin folgte.
Vorwrts, ihr Mnner, befahl er, holt die andere Truhe. Die Mnner hoben und
rumten. Dort steht noch etwas, rief einer der Arbeiter; der Professor eilte
vor ihm zur Stelle, hob und zog, es war nur ein leerer Kasten.
    Die Arbeit ging fort. Auch den Hofmarschall hatte die Neugierde
herbeigetrieben, er musterte eifrig die alten Mbel und lie zusammenstellen,
was nach seiner Ansicht noch ausgebessert und im Schlosse aufgestellt werden
mochte. Die Treppe fllte sich mit Hausrath, auch ein Zimmer der Dienerinnen
wurde geffnet und mit alten Sachen besetzt. Eine Stunde war verronnen, der Raum
wurde leerer, die Sonne stand tief, ihre Strahlen malten das Bild der Mauerluke
roth an die entgegenstehende Wand, die andere Kiste fand sich nicht. Schafft
Alles hinaus, rief der Professor, das letzte Holz. Ein Haufen alter Spiee,
zerschlagene Glser und Thonkrge wurden aus dem Winkel hervorgeholt,
abgefallene Tischbeine, gesplitterte Fourniere, in der Ecke noch ein groer
Zinnkrug, der Raum war leer. Auf dem Boden lagen zernagte Holzstckchen, an
denen der Totenwurm sein Werk bereits gethan.
    Der Professor trat wieder in die Thr. Diese Kammer ist gerumt, sagte er
mit knstlicher Ruhe dem Kastellan. Oeffnen Sie den Nebenraum.
    Ich glaube nicht, da sich darin etwas findet, versetzte der ermdete
Mann. Dort liegen wohl nur alte Breter und Oefen, die frher im Schlosse
gestanden haben.
    Hinein! mahnte der Professor.
    Der Kastellan ffnete zgernd die Thr, eine zweite Kammer, noch grer,
noch weniger einladend, bot sich dem Blick, ruige Kacheln, Ziegel und
Schieferplatten lagen berghoch am Eingange, darber hlzernes Rstzeug, das
wahrscheinlich bei der letzten Reparatur des Schlosses gebraucht war.
    Mir ist lieb, da ich dies sehe, rief der Hofmarschall, solche Belastung
des Oberstocks ist ungehrig. Dies Zeug mu ganz aus dem Thurm geschafft
werden. Der Professor war auf einen Berg von Schieferplatten gestiegen und
suchte in der Finsterni nach der andern Truhe, aber das Chaos war wieder zu
gro.
    Ich lasse sogleich aufrumen, trstete der Hofmarschall, aber das mag
lngere Zeit dauern, wir kommen heut schwerlich zu Ende.
    Der Professor sah bittend auf die Prinzessin. Nehmen Sie mehr Leute, rief
sie.
    Auch darber vergeht die letzte Tageszeit, bemerkte der Hofmarschall
verstndig. Wir sehen, wieweit wir kommen. In jedem Fall soll der Herr
Professor morgen bei guter Zeit den Zugang gebahnt finden.
    Unterde schtteln wir den ersten Staub von unsren Gewndern, sagte die
Prinzessin, und treten in meinem Bibliothekzimmer ab; es liegt gerade unter
uns, Sie knnen von dort die Arbeit der rumenden Leute berwachen. Die Truhe
schaffen wir zu meinen Bchern. Ich nehme sie mit mir und ich erwarte Sie. Zwei
Mnner trugen die gefundene Nummer 2 in die Bibliothek, widerwillig ging der
Professor nach seiner Stube, sich umzukleiden.
    Die Prinzessin schritt, den Gelehrten erwartend, ber den Teppich, auf
welchen die alte Truhe gestellt war. Nicht mit freiem Herzen sah sie dieser
Zusammenkunft entgegen, sie barg in ihrer Seele einen Wunsch und einen Auftrag.
Ihr Abschied vom Frsten war diesmal freundlicher gewesen als seit Jahren; der
Herr hatte sie vor dem Aufbruch in ein Seitenzimmer gefhrt und zu ihr ber
Werner gesprochen. Du weit, da man dem ehrlichen Bergau nicht allzuviel
berlassen darf, mir wre lieb, wenn auch du etwas dazu thtest, den Gelehrten
in unserer Nhe zu halten. Ich habe mich in dieser kurzen Zeit an ihn gewhnt
und wrde die anregenden Stunden ungern missen. Aber ich denke nicht an mich
allein. Ich werde lter, deinem Bruder wre gerade ein solcher Mann fr sein
ganzes Leben von hchstem Werth, ein Mann in voller Kraft, der gegenber unsrem
zerstreuenden Treiben immer gesammelt und sicher in seinen Interessen steht. Das
Verstndni dafr wnsche ich euch beiden erhalten und gesteigert, auch dir,
Sidonie. Ich habe mit besonderer Genugthuung gesehen, wie warm die Empfindung
ist, mit welcher du die Studien unserer gelehrten Mnner begleitest. Deine Seele
wird durch das Zwitschern der artigen Vgel, welche uns umgeben, nicht
hinreichend unterhalten, gerade dir mag einige Nachhilfe von kundiger Seite eine
edlere Auffassung der Welt ffnen. Suche diesen Mann zu gewinnen, jede Art von
lstiger Verpflichtung soll ihm erspart bleiben; was jetzt etwa seine Stellung
unsicher macht, hebt sich von selbst, sobald er bei uns eingebrgert ist. Ich
fordere nicht, da du mit ihm sprichst, ich wnsche es nur; und ich mchte dir
den Glauben beibringen, da ich dabei auch an deine Zukunft denke.
    Ohne Zweifel war das der Fall.
    Die Prinzessin hatte die Worte des Vaters mit der stillen Kritik gehrt,
welche diese beiden Blutsverwandten gegenseitig auszuben gewhnt waren. Aber
der Ton, den die feine Zunge des Frsten in ihre Seele sandte, klang diesmal so
voll in ihr wieder, da sie ihre Bereitwilligkeit aussprach, mit Herrn Werner zu
reden.
    Wenn du etwas dergleichen unternimmst, hatte der Frst zuletzt gesagt, so
thue es nicht halb. Bentze den milden Einflu, den du etwa auf ihn ausben
kannst; la zu festem Wort und Versprechen werden, was der Gelehrte uns zu
bewilligen geneigt ist.
    Jetzt dachte die Prinzessin unruhig dieser Worte. Ach, sie htte dem werthen
Mann gern denselben Wunsch aus eigenem Herzen an das seine gelegt und sie
empfand ein Mibehagen darber, da ihr geheimer Gedanke auch Wille eines Andern
war.
    Der Professor trat in die Bibliothek der Prinzessin, er sah flchtig auf die
Gipsabgsse und Bcher, welche frisch ausgepackt und ungeordnet umherstanden.
Schwer trgt sich die Erwartung, sagte er, wenn sie so heftig aufgeregt ist.
Man knnte lachen ber den hhnischen Zufall, der uns einen Bruder
entgegengetragen, an welchem nichts liegt, und den andern vorenthlt, der
unermelich wichtig wre.
    Die Prinzessin wies mit der Hand nach der Thr, drauen auf der Treppe klang
der Tritt tragender Leute. Nur noch kleine Geduld, ist's nicht mehr heut, dann
morgen in der Frhe.
    Morgen, rief der Professor, dazwischen liegt eine Nacht. Unterde pocht
unablssig der Wurm, arbeiten die Krfte der Zerstrung. Zahllos sind die
Mglichkeiten, welche uns von einer Hoffnung scheiden, sicher ist nur der
Erwerb, den wir in der Hand halten. Er betrachtete die Truhe. Sie ist weit
kleiner, als ich whnte, wie zufllig lag das Mebuch darin, noch ist nicht
einmal ganz sicher, woher sie stammt, und noch ist sehr zweifelhaft, was in der
andern Kiste verborgen liegt.
    Die Prinzessin ffnete den Deckel. Unterde halten wir uns an das Wenige,
das wir gefunden. Sie hob den Pergamentband heraus und legte ihn in die Hand
des Gelehrten. Einzelne Bltter glitten abwrts, der Professor griff darnach,
sein Auge zog sich zusammen, er sprang an das Fenster. Zwei Bltter, welche
nicht hineingehren. Er las. Ein Stck der Handschrift ist gefunden, rief er.
Er hielt der Prinzessin die Bltter hin, seine Hand zitterte und die
Erschtterung arbeitete so heftig in seinem Antlitz, da er sich abwandte. Er
eilte an den Tisch und suchte in dem Mebuch, Seite fr Seite schlug er heftig
um vom Anfang bis zum Ende. Die Prinzessin hielt die Bltter erwartungsvoll in
der Hand, sie trat zu ihm; als er das Haupt erhob, sah er zwei groe Augen in
zrtlichem Mitgefhl auf sich geheftet. Wieder ergriff er die beiden Bltter.
Was ich hier halte, rief er, ist zugleich werthvoll und trostlos, man mchte
weinen, da es nicht mehr ist, es ist ein Bruchstck aus dem sechsten Buch der
Annalen des Tacitus, das wir bereits einmal in anderer Handschrift besitzen.
Dies waren zwei Bltter einer Pergamentlage, zwischen denen mehre verloren sind.
Die Schrift ist wohlerhalten, besser als ich gedacht hatte, sie ist den Zgen
nach im zwlften Jahrhundert von einem Deutschen geschrieben. Er suchte im
Licht der Abendsonne schnell nach dem Inhalt. Die Prinzessin blickte ber seine
Schulter neugierig auf die dicken Buchstaben der Mnchshand. Es ist richtig,
fuhr er ruhiger fort, der Fund ist von hohem Interesse. Es wird lehrreich sein,
diese Handschrift mit der einzigen vorhandenen zu vergleichen. Er sah wieder
nach. Ob es eine Abschrift ist, murmelte er, vielleicht weisen beide auf
gemeinsame Quelle. Also auch die Handschrift, welche wir suchen, mu zerrissen
sein, diese Bltter sind herausgefallen und vielleicht whrend des Einpackens in
ein falsches Buch geschoben. Noch ist Manches rthselhaft, aber die Thatsache
scheint fest zu stehen, wir halten hier einen Ueberrest der Handschrift von
Rossau, und dieser Fund darf eine Brgschaft sein, da auch das Uebrige nahe.
Wieviel? fuhr er finster aus, und in welchem Zustande? Wieder hrte er
unruhig auf den Tritt der Mnner, welche die Kammer rumten. Er strmte aus dem
Zimmer die Treppe hinan, aber er kehrte nach wenigen Augenblicken zurck. Das
geht langsam, sagte er, noch ist nichts zu sehen.
    Ich wei gar nicht, ob ich wnschen darf, da es schnell gehe, rief die
Prinzessin munter, aber ihr Auge strafte den lachenden Mund Lgen. Wissen Sie
auch, da ich uneigenntzig bin, wenn ich Ihnen helfe, die Handschrift zu
finden? Solange Sie suchen, gehren Sie uns. Haben Sie den Schatz gehoben, dann
ziehen Sie sich in ihr unsichtbares Reich zurck und uns bleibt das Nachsehen.
Ich habe Lust, die brigen Kammern des Hauses vor Ihnen zu verschlieen und nur
Jahr um Jahr eine zu ffnen, bis Sie sich ganz zu uns gewhnt haben.
    Das wre grausam nicht nur gegen mich, versetzte der Professor.
    Die Prinzessin trat ihm gegenber. Ich spreche nicht eitle Worte, sprach
sie schnell in verndertem Tone. Der Frst wnscht, da Sie sich bei uns
ansiedeln. Bergau hat Auftrag, ber Aeuerlichkeiten, welche Ihren Entschlu
nicht bestimmen werden, mit Ihnen zu verhandeln. Wenn ich dieselbe Bitte
ausspreche, so folge ich meinem eignen Herzen.
    Sehr unerwartet tritt diese Forderung an mich, entgegnete der Gelehrte
erstaunt. Mein Brauch ist, dergleichen still und in verschiedenen Stimmungen zu
erwgen, ich bitte Ew. Hoheit, in dieser Stunde keine Antwort zu fordern.
    Ich kann Sie Ihnen nicht ersparen, rief die Prinzessin. Denn ich mchte
in meiner Weise selbst um Sie werben. Sie sollen Amt und Thtigkeit sich hier so
frei whlen, als unsere Verhltnisse gestatten, man will Sie in aller Weise
auszeichnen und jeden Wunsch, dessen Befriedigung in der Macht des Frsten
steht, erfllen.
    Ich bin Universittslehrer, erwiederte der Professor, ich bin es mit
Freude, nicht ohne Erfolg. Mein ganzes Wesen, der Gang meiner Bildung weisen
mich auf diesen Beruf. Die Rechte und Pflichten, welche mein Leben umschlieen,
halten mich mit festen Banden. Ich habe Schler, ich stehe mitten in dem Werk,
das ich in ihre Seelen schreibe.
    Sie werden nirgend Schler finden, die Ihnen treuer ergeben sind und wrmer
an Ihnen hngen, als meinen Bruder und mich.
    Ich bin kein Lehrer, der auf die Dauer einen Frsten zu frdern vermag, ich
bin gewhnt an den strengen Gang meiner Wissenschaft und die stille Arbeit unter
meinen Bchern.
    Der letzte Theil Ihrer Thtigkeit wenigstens geht hier der Welt nicht
verloren. Gerade hier sollen Sie Mue finden, vielleicht mehr als unter Ihren
Studenten.
    Das neue Leben wrde mir neue Pflichten bringen, antwortete der Professor,
und als Mann mte ich sie mir fordern. Es wrde mir auch Zerstreuung bieten,
an welche ich nicht gewhnt bin. Sie laden sich einen Mann, den Sie fr fest
halten; wohl, er steht fest in seinem Kreise, es besteht keine Brgschaft dafr,
da er Ihnen in anderm Leben ebenso erscheinen werde. Vertrauen Sie nicht, da
ich Ruhe und Sammlung, wie Sie der Arbeiter bedarf, mir in vernderter Stellung
bewahrte, und mein Mibehagen ber innere Strungen wrde auch meiner Umgebung
fhlbar sein. Schmeichelnd tnt der neue Ruf mir in das Ohr. Aber selbst wenn
ich hier fr mein Haus und meine Privatverhltnisse Alles hoffen drfte, was dem
Leben Behagen gibt, ich mte doch da verharren, wo ich meiner Persnlichkeit
nach am besten ntze. Ich habe heut die Ueberzeugung nicht, da mir dies hier
gelingen wrde.
    Die Prinzessin sah betrbt vor sich hin. Immer noch klangen von drauen die
Tritte der Mnner, welche die Handschrift von aufgehuftem Schutt befreiten.
    Und doch, fuhr der Professor fort, wenn uns das Glck wird, die
Handschrift zu finden, so werden viele Tage, vielleicht viele Jahre meines
Lebens durch eine neue Aufgabe in Anspruch genommen, welche so gro ist, da ich
dann meine Amtsthtigkeit als eine Last empfinden drfte. Dann htte ich das
Recht zu fragen, in welcher Umgebung ich fr dieses Werk am besten gefrdert
werde. Fr diesen Fall wrde mir auch das Recht zu Theil, die Akademie fr
lngere Zeit zu verlassen. Finde ich nicht, so wird mir doch sehr schwer werden,
von hier zu scheiden, meine Seele wird noch lange ruhelos um diese Sttte
schweben.
    So lasse ich Sie nicht frei, rief die Prinzessin, ich hre nur die Worte
Pflicht und Pergament. Gilt Ihnen denn gar nichts die Neigung, welche wir Ihnen
entgegentragen? Vergessen Sie in diesem Augenblick, da ich eine Frau bin, und
betrachten Sie mich als einen warmherzigen Knaben, der hingebend zu Ihnen
aufsieht, und der nicht ganz unwerth ist, da Sie an seiner Seele Antheil
nehmen.
    Der Professor sah auf den Schler, der vor ihm stand und kein Weib sein
wollte. Die Frstin hatte nie verfhrerischer ausgesehen, er blickte auf die
gertheten Wangen, auf die Augen, welche so herzlich an seinem Antlitz hingen,
und auf die rothen Lippen, die vor innerer Bewegung zuckten. Meine Schler
sehen sonst anders aus, sagte er leise, und sie sind gewhnt, strengere Kritik
auch an ihrem Lehrer zu ben.
    Ertragen Sie einmal, rief die Prinzessin, da Sie in einem empfnglichen
Gemth reine Bewunderung finden. Ich habe Ihnen frher gesagt, wie werthvoll mir
ist, Sie zu kennen, ich bin keine Kaiserin, welche ein Reich regiert, und ich
will Ihre Kraft nicht verwenden fr meine Geschfte. Aber ich wrde fr ein
hohes Glck halten, Ihrem Geiste nahe zu sein, die edlen Worte aus Ihrem Munde
zu hren. Ich fhle die Sehnsucht, das Leben mit den klaren Augen eines Mannes
anzusehen. Sie haben mir leicht, wie spielend, Rthsel gelst, die mich qulten,
und Fragen beantwortet, mit denen ich seit Jahren rang. Herr Werner, Sie haben
sich mir gtig zugeneigt; wenn Sie von hier gehen, werde ich da, wo ich jetzt am
liebsten weile, mich vereinsamt finden. Wre ich ein Mann, ich zge Ihrer Lehre
nach, ich bin hier gefesselt, und ich winke Sie zu mir.
    Hingerissen lauschte der Gelehrte auf die weiche Stimme, welche so innig zu
berreden wute.
    Ich bitte nicht fr mich allein, fuhr die Prinzessin nher tretend fort,
auch mein Bruder bedarf eines Freundes. Ihm wird einst die Aufgabe, fr Viele
zu sorgen. Was Sie an seinem Geiste thun, das gereicht Andern zum Heil. Wenn ich
aus der Gegenwart mich trume in die Zukunft unseres Hauses, dieses Landes, so
fhle ich stolz, da wir Geschwister eine Ahnung von dem haben, was unsere Zeit
von ihren Frsten fordert, und ich fhle den Ehrgeiz, da wir beide uns vor
Andern wrdig dieses hohen Berufes erweisen. Ich hoffe in meiner Heimat ein
neues Leben entfaltet, den Bruder und mich umgeben von den besten Geistern
unseres Volkes; was ein guter Frst zu spenden vermag, reiche Einfassung eines
wohlbefestigten Daseins, das sehe ich tchtiger Geisteskraft zugetheilt. So
leben wir verstndig und ernsthaft, wie unsere Zeit verlangt, miteinander, es
soll kein lustiger Hof werden in altem Stil, aber es soll ein herzlicher Verkehr
sein zwischen dem Frsten und dem Geist der Nation. Das wird uns freier und
besser machen, es mag auch dem Ganzen zu gut kommen, es kann noch spteren
Zeiten eine frohe Erinnerung sein. Wenn ich mir solche Zukunft denke, dann, Herr
Werner, sehe ich Sie als lieben Gefhrten unseres Lebens, und der Gedanke macht
mich stolz und glcklich.
    Die Sonne sank, ihr letzter Strahl fiel glhend auf die Frstin und das
Haupt des Mannes. S tnte das Lied der Nachtigall im Fliederbusch, der
Gelehrte stand schweigend der schnen Frau gegenber, welche ihm das Leben so
rosig malte; ihm pochte das Herz, und seine Kraft ward klein. Wieder sah er nahe
vor sich zwei strahlende Augen, und noch einmal tnten die bittenden Worte:
Bleiben Sie bei uns ihm mit hinreiendem Zauber in das Ohr.
    Da rauschte es leise an der Prinzessin nieder, die Bltter der Handschrift,
welche sie berhrt hatte, fielen auf den Boden. Der Professor bckte sich
darnach und schnellte in die Hhe. Ew. Hoheit sehen mit frhlichem Blick in die
Zukunft, begann er weich, mein Auge ist gewhnt, die einzelnen Zeilen in der
Schrift vergangener Zeit zu lesen. Hier liegt meine nchste Aufgabe, um diese
Bltter flattern meine Trume. Ich bin nur ein Mann der Schreibstube, und ich
werde weniger, wenn ich mehr zu sein fordere. Ich wei, da ich Vieles entbehre:
in dieser Stunde, wo das leichtbeschwingte Leben so schn vor mir glnzt, fhle
ich dies tiefer als je. Aber mein bestes Glck mu sein, da ich aus stillen
Wnden in andere Seelen senke, was dort zur Blthe und Frucht wird. Und meine
grte Belohnung mu sein, da ein Anderer in guten Stunden, wo er sich der
eigenen Tchtigkeit bewut wird, mit flchtiger Erinnerung auch des entfernten
Lehrers denkt, seines Lehrers, der nur einer war unter Tausenden, die ihn
gebildet haben, nur ein einzelner Semann auf den unabsehbaren Feldern unserer
Wissenschaft.
    So sprach der Gelehrte. Aber als er mit mhsam erkmpfter Haltung sagte, was
wahrhaft und ehrlich war, da dachte er nicht allein an die Wahrheit und nicht
allein an den Schatz, den er suchte, sondern an den grern, den er verlassen,
um mit der schnen Fee des Thurmschlosses auf die Jagd zu ziehen. Er hrte die
flehenden Worte: Geh nicht, Felix! und sie waren ihm eine Mahnung zu guter
Stunde. Wenn ich zu ihr kehre, wird sie wohl mit mir zufrieden sein, sann der
Arglose. Es wurde ihm erspart, sie darum zu fragen.
    Unten rollte schnell ein Wagen heran, der meldende Diener nahte dem Zimmer.
So starr Ihr Wille, so fest Ihr Sinn, rief die Prinzessin leidenschaftlich.
Aber auch ich bin eine hartnckige Mahnerin; ich setze meine Werbung fort, Herr
Werner. Krieg zwischen uns beiden. Auf Wiedersehen zum Abend. Sie eilte die
Stufen hinab. Das Abendlicht schwand hinter einer finstern Wolkenwand, der
Wasserdampf schwebte in langen Streifen ber die Wiesen und hing sich an die
Wipfel der Bume, und um die Mauern des Thurmes flogen krchzend die Dohlen.
Oben knarrte die Thr der Kammer, der Kastellan rasselte mit den Schlsseln,
whrend der Gelehrte liebevoll auf die Bltter sah, welche er in der Hand hielt.

                                      10.

                                        

                                 Ilse's Flucht.


Ilse war am Morgen dieses Tages von dem Abschiedsgru des Gatten erwacht, sie
sa an ihrem Lager und horchte auf die rollenden Rder. Das war eine bangsame
Nacht, sagte sie, nach den Thrnen und der Angst kamen die Trume. Ich hing
ber einem Abgrund, tief unten im Nebel rauschte ein Wassersturz, Felix hielt
mich von oben an einem Tuch, seine Kraft lie nach, ich fhlte das an dem Tuche,
aber ich hatte im Traume keine Sorge, es war mir lieb, da Felix mich loslie
und nicht mit mir hinabsank. Schwebe in Frieden abwrts, mein Traum, zu deiner
Pforte von Elfenbein, du warst ein guter Traum, denn sonst habt ihr einen Hang
zum Schlechten, und manchmal mu man sich euer schmen.
    Er fhrt dahin, und ich bin allein. Nein, mein Felix, du weilst bei mir,
auch wenn ich deine Stimme nicht hre. Ich war gestern heftig gegen dich, das
thut mir sehr leid. Ich trage dich doch in mir herum, ganz nach deiner Lehre vom
Geist des Menschen, der in den Andern bergeht. Das Stck Felix, welches ich in
mir bewahre, wollen wir heut in Ehren halten und still ausdauern in dem
hlichen Hause.
    Sie ffnete die Vorhnge. Es wird wieder ein trber Tag, die Finken sitzen
schon am Fenster und schreien nach der sumigen Frau, die heut das Frhstck
ihrer Kleinen verschlief. Drauen blht es, und die groen Bltter des
Rhabarbers blhen sich vor Behagen in der feuchten Luft. Dem Vater aber mu des
Regens zu viel werden, die Saat leidet. Nicht Jedem kann es der liebe Gott
zugleich recht machen, begehrlich sind wir alle.
    In der Heimat schwatzen sie ber mich. Die Nachbarin sagte nicht das
Aergste, was sie wute. Dergleichen bin ich nicht gewohnt. Als ich das Weib
meines Felix wurde, da meinte ich enthoben zu sein ber jede Niedrigkeit der
Erde, jetzt aber fhle ich die Stiche in meiner Seele.
    Sie hielt die Hand ber die Augen. Keine Thrne heut? rief sie
aufspringend. Wenn die Gedanken mir wild umherziehen, ich will mir selbst
beweisen, da auch ich etwas von einem Gelehrten habe, ich will ruhig auf mein
eigens Herz sehen und sein Pochen stillen durch kluges Nachdenken. Als er zuerst
zu uns kam und der schne Inhalt seiner Rede mich aufregte, da verfolgte mich
sein Bild in meine Kammer; ich nahm ein Buch, aber ich wute nicht, was ich las,
ich ergriff eine Rechnung, aber ich konnte nicht mehr zusammenzhlen, ich
merkte, da es strmisch in mir werden wollte. Und es war doch ein Unrecht, so
an einen Mann zu denken, der mir derzeit noch ein Fremder war. Da ging ich mit
meiner Angst in die Kinderstube, rumte allen Geschwistern ihre Sachen auf und
sah nach, ob die Knaben etwas zerrissen hatten. Ich war damals ein sehr
hausbackenes Ding. Ach, ich bin's immer geblieben; ich hoffe, heut soll es mir
helfen. Ich suche den leichten Kram zusammen. Denn mir ist doch, als wre mir
die Reise nahe, dafr ist gut, wenn Alles gerstet ist. Sie ffnete Schrank und
Kommode, zog ihren Koffer hervor und packte ein.
    Wohin? frug sie leise, in die Weite? Wie lange ist's her, da hatte ich
groe Flgel wie eine Schwalbe und flog mit meinen Gedanken froh in die Fremde,
und jetzt sind dem armen Schwlbchen die Schwingen gelhmt, ich sitze allein auf
meinem Zweig, ich mchte mich tief verstecken in die Bltter und ich frchte
mich vor dem Flattern und Schwatzen der Nachbarn. Sie sttzte das Haupt mde in
die Hand. Wo soll ich hin? seufzte sie, zum Vater soll ich nicht, wie soll
ich jetzt Berge und alte Sulen mit Freude schauen? wie kann man ein Herz haben
fr die Bilder der Natur und fr das Treiben vergangener Vlker, wenn das eigene
Leben nicht in Ordnung ist?
    Man soll sich immer betrachten als das Kind des ganzen Menschengeschlechts,
sagt mein Felix, und das Haupt frei halten fr den hohen Gedanken, da die
Millionen Gestorbener und Lebender mit uns verbunden sind zu einer
unauflslichen Einheit. Wer aber nimmt mir ab von denen, die waren und um mich
sind, was mir durch die Seele strmt und was stets auf's Neue qulend in mir
aufsteigt? wer lst mich von der Unzufriedenheit mit mir selbst und von einer
heien Angst um das Kommende? Ach, es ist eine Lehre fr die groen Stunden des
Menschen, wo er ruhig um sich schaut, aber die Lehre ist zu hoch fr den armen
Gequlten.
    Sie nahm die kleine Bibel von dem Schrank, welche ihr der gute Pfarrer auf
dem Stein beim Abschied geschenkt hatte, und zog sie aus ihrer Kapsel. Ich habe
lange versumt, in dir zu lesen, liebes Buch, denn wenn ich deine Bltter
aufschlage, so fhle ich mich wie ein doppeltes Wesen, die alte Ilse wird
lebendig, die einst deinen Worten ohne Grbeln vertraute, und dazwischen sehe
ich wieder mit den Augen meines Mannes prfend auf manche Bltter und ich frage,
ob auch noch jeder Ausspruch, den ich hier finde, mein Gedanke sein darf. Das
kindliche Vertrauen habe ich verloren, und was ich dafr erhalten, ich fhle,
da es vor Unsicherheit nicht schtzt. Auch wenn ich die Hnde zusammenlege und
bitte, wie ich als Kind gelernt, so wei ich, da ich um nichts bitten darf als
um die Kraft, selbst zu berwinden, was mir den Muth beschwert.
    Der Grtner trat in das Zimmer, heut wie jeden Morgen, und bot einen Korb
Blumen, welchen der Herr des Schlosses ihr sandte. Ilse fuhr auf und wies nach
dem Tisch. Setzen Sie hin, sagte sie kalt, ohne den Korb zu berhren. Sonst
hatte sie dem Mann oft ihre Freude gezeigt an dem schnen Blthenschmuck, den er
gezogen, und der Grtner, dem immer weh that, da die vornehmen Herrschaften
ber das Seltenste wegsahen, hatte sich an den warmen Antheil der fremden Frau
so gewhnt, da er jeden Morgen selbst die Blumen brachte und ihr die neuen
Lieblinge des Glashauses nannte. Das Beste, was er hatte, schnitt er fr sie ab.
Die Andern merken es doch nicht, sagte er, und sie behlt auch die
lateinischen Namen.
    Heut setzte er gekrnkt den Blumenkorb hin. Es sind neue Pantoffelblumen
dabei, begann er vorwurfsvoll, es ist mein Sortiment, Sie sehen diese Arten
nicht wieder. Ilse fhlte das Leid des Grtners, sie trat mit Ueberwindung an
den Tisch und sagte: Wohl sind sie sehr schn. Aber die Blumen, lieber Herr,
verlangen auch ein leichtes Herz, und das fehlt mir jetzt. Ich verdiene heut
Ihre Freundlichkeit schlecht, seien Sie mir darum nicht bse.
    Wenn Sie nur auf die graugefleckten achten wollen, rief der Grtner in
Knstlerbegeisterung, diese sind mein Stolz und sonst nirgend in der Welt zu
haben.
    Ilse rhmte die grauen. Manches Jahr habe ich mich gemht, fuhr der
Grtner fort, ich habe Alles gethan, um guten Samen zu erhalten, immer kam
Gewhnliches. Als ich fast den Muth verloren hatte, blhten in einem Jahre alle
die neuen Arten. Nicht meine Kunst that es, fgte er ehrlich hinzu, es ist ein
Geheimni der Natur, sie hat mir das Glck gegeben und die Sorge benommen ganz
auf einmal.
    Sie hatten sich doch darum bemht und wacker das Ihre gethan, antwortete
Ilse, handelt man so, dann mag man auch dem guten Geiste des Lebens vertrauen.
    Der Grtner ging beruhigt von dannen, Ilse sah auf die Blumen. Auch er, der
euch zu mir sandte, ist mir zur Angst geworden. Und doch war er der Einzige
hier, der mir gleichmige Freundlichkeit und eine gute Haltung gezeigt hat.
Felix hat Recht, es ist fr uns kein Grund, seinetwegen unruhig zu sein. Wer
wei, ob er groe Schuld hat an den hlichen Reden, die um dieses Haus fliegen.
Ich darf ihm nicht Unrecht thun. Aber wenn ich seine Blumen betrachte, ist mir
jetzt, als lge eine Natter darin, denn ich wei nicht, ist seine Seele lauter
oder unrein, ich verstehe seine Art nicht, und das macht unsicher und
argwhnisch. Sie stie den Korb weg und wandte sich ab.
    Das Mdchen, welches ihr zur Bedienung bergeben war, kam betrbt in das
Zimmer und bat, ihr bis morgen Urlaub zu geben, weil ihre Mutter auf einem Dorf
in der Nhe schwer erkrankt sei. Ilse erkundigte sich gtig nach der Krankheit,
gab ihr mit Wnschen und gutem Rath die erbetene Freiheit. Das Mdchen schlich
verstrt aus der Thr, Ilse sah ihr traurig nach. Auch ihr ist das Herz schwer.
Es trifft sich gut, da Felix nicht zu Hause ist, da kann ich mir allein helfen.
Es wird ein stiller Tag werden, nach dem Sturm von gestern ist mir das recht.
    Wieder klopfte es, der Kastellan vom Schlosse brachte die Briefe, welche ihm
der Postbote auch fr den Pavillon abgab. Es waren heut Briefe der Geschwister,
die den regelmigen Verkehr zwischen dem Stein und seiner entfernten Tochter
unterhielten. Ueber das ernste Gesicht von Frau Ilse flog ein Strahl der Freude.
    Das ist ein guter Morgengru, sagte sie, ich will heut meiner Bande
ausfhrlich antworten, wer wei, ob in den nchsten Wochen Zeit dafr ist. Sie
eilte an den Schreibtisch, las, lachte und schrieb, die Angst war von ihr
genommen, sie plauderte als frohes Kind in den Redensarten und Gedanken der
Kinderstube. Darber verrannen die Stunden, Gabriel trug das Mittagsmahl auf und
ab. Als er sie am Nachmittag wieder ber die Briefe geneigt fand, blieb er
hinter ihr stehen und kmpfte mit sich, ob er sie anreden sollte, aber da Ilse
so tief in ihre Arbeit versenkt war, nickte er vor sich hin und schlo die Thr.
    Zuletzt schrieb Ilse an den Vater. Wieder wurde ihr das Haupt schwer, und
aus der Tiefe stieg die Angst und legte sich brennend um ihre Brust. Sie sprang
vom Schreibtisch auf und ging heftig durch das Zimmer. Da, als sie dem Fenster
nahe kam, sah sie, da der Herr des Schlosses langsam auf dem Kieswege dem
Pavillon zuschritt.
    Ilse trat schnell zurck. Nicht ungewohnt waren ihr die kurzen Besuche des
Frsten, heut aber blickte sie scheu auf die Wnde, das Blut scho ihr zu dem
Herzen, sie prete die Hnde auf die Brust und rang nach Fassung.
    Die Thr flog auf. Ich komme zu hren, begann der Frst, wie Sie die
Einsamkeit dieser Stunden ertragen. Auch mein Haus ist gerumt, die Kinder sind
von mir gezogen, es ist leer unter dem Schiefer des groen Baues.
    Ich habe die Mue bentzt, mit entfernten Freunden zu verkehren,
antwortete Ilse. Sie wollte heut die Namen der Kinder vor dem Frsten nicht
nennen.
    Gehrt zu diesen Freunden auch das kleine Volk, welches in der Ferne auf
dem Steine umherspringt? frug der Frst lchelnd, haben die Kinder vom Gute
wieder ihre Wnsche ans Herz gelegt? Er ergriff einen Stuhl und lud Ilse zum
Sitzen ein.
    Seine Haltung gab auch ihr grere Ruhe, er sah in diesem Augenblick aus wie
ein kluger und wohlwollender Mann.
    Ja, Hoheit, versetzte Ilse. Diesmal aber war meine jngere Schwester
Luise die eifrigste Briefstellerin.
    Verspricht sie Ihnen hnlich zu werden? frug der Frst leutselig.
    Sie ist jetzt zwlf Jahr, erwiederte Ilse gehalten, sie hat Gefhle ber
Alles, und ihre Phantasie fliegt um jeden Strohhalm. Es sieht fast aus, als ob
sie die Dichterin der Kinderstube sein wollte. Ich wei nicht, wie dieser
phantastische Sinn in unsere Wirthschaft gekommen ist. Sie erzhlt mir in ihrem
Brief eine ganze lange Geschichte, die ihr selbst begegnet sei, und die doch
nichts ist als ein kleines Mrchen, das sie irgendwo gelesen hat. Denn seit ich
in der Stadt bin, sind mehr Mrchenbcher auf den Stein gekommen als in meiner
Jugend.
    Wahrscheinlich ist es nur kindliche Eitelkeit, sagte der Frst freundlich,
welche sie antreibt, eine Erfindung fr Wahrheit auszugeben.
    So ist es auch, antwortete Ilse lebhafter. Sie will sich im Walde verirrt
haben, und als sie einsam unter den Pilzen sa, kamen die kleinen Thiere unseres
Hofes, die sie sonst fttert, die weie Maus im Kfig, das Ktzchen und der
Schferhund, setzten sich um sie und liefen vor ihr her, bis sie sich aus dem
Walde fand. Die Katze neben der Maus, Hoheit, das war dumm! Diese Geschichte
erzhlt sie dreist als Wirklichkeit und fordert mich noch auf, sie rhrend zu
finden. Das wurde doch zu arg, ich habe ihr aber auch meine Meinung gesagt.
    Der Frst lachte, er lachte von Herzen. Es war ein seltener Klang, der an
den Wnden des dunklen Zimmers dahinzog, und verwundert schaute der Liebesgott
oben auf den lustigen Mann herab. Darf ich fragen, welche Kritik dem poetischen
Gemth zuertheilt wurde? frug der Frst. In dem Mrchen ist doch eine
poetische Idee, da Freundlichkeit, welche man Andern erwiesen, zur rechten
Stunde wieder vergolten wird. Das ist leider nur Dichtereinfall, die
Wirklichkeit kennt solche Dankbarkeit selten.
    Man soll auch im Leben nicht auf fremde Hilfe bauen, versetzte Ilse fest.
Und man soll Freundlichkeit Andern nicht erweisen, damit sie vergolten wird. Es
ist ja besondere Freude, wenn ein Ton, den man in die Welt gerufen hat, als Echo
herzlich zu uns zurckklingt, aber man soll nicht darauf vertrauen; ein
verirrtes Kind soll tapfer seine fnf Sinne zusammennehmen, damit es den Weg zur
Heimat selbst findet. Vor Allem aber soll man nicht poetische Einflle fr ein
erlebtes Ereigni ausgeben. Darber gab's wieder Schelte, denn, Ew. Hoheit,
Mdchen in diesen Jahren mu man immer zu richtiger Besinnung zwingen, sie
verlieren sich leicht in Trumerei.
    Der Frst lachte wieder. Wo weilen die klugen Thiere, Frau Ilse, welche dir
freundlichen Rath geben in deiner Noth?
    Sie waren zu streng, sagte der Frst. Auch uns Erwachsenen tuscht die
Hexe Phantasie ewig das Urtheil; man ngstigt sich ohne Grund und man hofft und
vertraut ohne Berechtigung. Wer immer vermchte, das unbefangene Urtheil ber
die eigene Lage zu bewahren, der wre so frei, da er das Leben schwerlich noch
ertrge.
    Die Phantasie verwirrt uns, antwortete Ilse umherblickend, aber sie warnt
uns auch.
    Was ist alle Wrme der Empfindung, jede Hingabe an andere Menschen? fuhr
der Frst traurig fort, nichts als ein feiner Selbstbetrug. Wenn ich jetzt mir
mit der frohen Empfindung schmeichle, da es mir gelang, einen Antheil auch an
Ihrem Herzen fr mich zu gewinnen, zuletzt ist auch das nur eine Tuschung; aber
es ist ein Traum, den ich mir sorgfltig erhalte, denn er thut mir wohl. Mit
einem Genu, den ich lange entbehrt, hre ich auf die ehrlichen Worte Ihrer
Stimme, und mich peinigt der Gedanke, da ich dies anmuthige Behagen je wieder
missen soll. Es hat fr mich hheren Werth, als Sie wohl meinen.
    Ew. Hoheit sprechen zu mir wie zu einem recht guten Freunde, entgegnete
Ilse sich hoch aufrichtend, und wenn ich den Ausdruck, womit Sie mir dies
Gtige sagen, zu Herzen nehme, so mu ich glauben, da Ihnen ganz so zu Muthe
ist, wie Sie reden. Mir aber strt jetzt dieselbe Phantasie, welche Sie tadeln
und loben, auch das Vertrauen, welches ich gern zu Ew. Hoheit haben mchte. Und
ich will darber nicht schweigen, denn mir thut weh, nach solchem lieben Wort
etwas gegen Sie auf dem Herzen zu behalten. Sie stand schnell auf. Mir strt
meinen Frieden, da ich in einem Hause wohne, welches der Fu anderer Frauen
meidet.
    Der Frst blickte berrascht auf die Frau, welche mit fester Haltung die
innere Unruhe beherrschte. Die Wahrsagerin, murmelte er.
    Ew. Hoheit wissen so gut, welche Dienste die Phantasie thut, fuhr Ilse
schmerzlich fort. Mich hat sie geqult, und mir wird schwer, in diesem Raum an
die Achtung zu glauben, deren Ew. Hoheit mich versichern.
    Was hat man Ihnen zugetragen? frug der Frst mit scharfem Ton.
    Was Ew. Hoheit aus meinem Munde zu hren nicht verlangen drfen, versetzte
Ilse stolz. Es ist mglich, da ein Herr vom Hofe ber dergleichen
gleichgltiger denkt. Das sage ich mir selbst. Mir aber hat Unglck gebracht,
da ich hier bin. Es ist ein Fleck auf einem saubern Gewande, mein Auge haftet
starr darauf, ich wasche ihn weg mit meiner Hand, und doch liegt er immer wieder
vor mir, denn es ist ein Schatten, der von auen darber fllt.
    Der Frst sah finster vor sich hin. Ich bentze die Ausreden nicht, welche
Sie selbst dem Herrn eines Hofes in den Mund legen, denn ich fhle in diesem
Augenblicke tief und leidenschaftlich wie Sie, da man Ihnen ein Unrecht gethan.
Ich habe nur eine Entschuldigung, fuhr er in gehobener Stimme fort, Sie kamen
her, mir fremd, und wenig ahnte ich, welchen Schatz man in meiner Nhe barg.
Seitdem haben Sie bei kurzem Gru und Kommen fr mich eine Bedeutung gewonnen,
der ich mich widerstandslos hingebe. Selten erlaubt mir das Schicksal unverhllt
zu sagen, was ich empfinde. Ich scheue mich, die hochtrabenden Worte eines
Jnglings zu gebrauchen, denn ich will Sie nicht beunruhigen. Glauben Sie aber
nicht, da ich gegen Sie weniger stark fhle, weil ich meine Bewegung zu
verbergen wei.
    Ilse stand in der Mitte des Zimmers, ein flammendes Roth fuhr ihr ber die
Wangen. Ich bitte Ew. Hoheit, kein Wort weiter zu sprechen, denn mir ziemt
nicht, das zu hren.
    Der Frst lchelte bitter. Schon habe ich Sie verletzt, und Sie machen mir
schnell deutlich, da eine Tuschung war, wenn ich auf Ihre Neigung hoffte. Und
doch bin ich Ihnen gegenber so arm, da ich Sie bitte, Ihr Mitgefhl einer
Leidenschaft nicht zu versagen, die so hei in mir glht, da sie mir in dieser
Stunde die Herrschaft ber mich selbst genommen hat.
    Ilse flsterte vor sich hin: Hinweg von hier!
    Entsagen Sie diesem Gedanken, rief der Frst in hchster Aufregung. Ich
kann Ihren Anblick, den Klang Ihrer Stimme nicht entbehren. Wie sprlich er mich
erfreut, er ist das Glck meiner Tage, in einem Leben ohne Freude und Liebe das
einzige groe Gefhl. Da ich Sie mir nahe wei, hlt mich aufrecht im Kampfe
gegen Gedanken, die mich in dsteren Stunden betuben. Wie der andchtige
Wanderer auf das Glcklein des Eremiten lauscht, so horche ich auf den leisen
Ton, der aus Ihrem Leben in das meine klingt. Lassen Sie sich die Hingabe des
einsamen Mannes gefallen, setzte er ruhiger bittend hinzu. Ich gelobe, Ihr
Zartgefhl nicht mehr zu krnken, ich gelobe, mich mit dem Anrecht an Ihr Leben
zu begngen, das Sie mir in freier Wahl geben.
    Mich aber reut jedes Wort, das ich zu Ew. Hoheit gesprochen, und mich reut
jede Stunde, in der ich ehrfrchtig Ihrer gedacht, rief Ilse in aufloderndem
Zorn. Ich war ein armes glubiges Kind, fuhr sie auer sich fort, und ich
habe fr meinen Frsten die Hnde gefaltet, ehe mein Auge ihn gesehen, jetzt, da
ich ihn kenne, graut mir vor ihm und ich raffe mein Kleid zusammen und spreche:
Hebe dich weg von mir.
    Der Frst fiel in einen Stuhl. Es ist ein alter Fluch, der aus diesen
Wnden in mein Ohr braust, es ist nicht Ihre Seele, die mich von sich stt. Von
Ihren Lippen soll nur das Wort der Liebe und des Erbarmens kommen. Nicht der
Versucher bin ich, selbst ein Wanderer in der Wste, nichts um mich als der
Sand und starrer Fels. Und ich hre verschmachtend ein Kinderlachen, ich sehe
die blondgelockte Schaar bei mir vorberziehen, ich sehe zwei Augen mit warmem
Gru auf mich geheftet und eine Hand, die dem Mden mit der gefllten Schale
zuwinkt, und wie ein Nebelbild ist Alles verschwunden, ich bleibe allein, und
ich verderbe. Er schlug die Hnde vor die Augen. Ilse erwiederte kein Wort, sie
stand abgewandt und blickte durch das Fenster nach den Wolken, welche flchtig
am Himmel zogen.
    Es war still im Zimmer. Keines regte sich und Keines sprach. Langsam erhob
sich der Frst, er trat vor Ilse, wie verglast waren seine, Augen und seine
Bewegungen mhsam und gezwungen. Hat Sie verletzt, was ich in berstrmendem
Eifer sprach, so vergessen Sie es. Ich habe Ihnen gezeigt, da auch ich noch
nicht frei von der Schwche lebe, vergeblich auf einen verwandten Herzschlag zu
hoffen. Denken Sie nur daran, da ich ein Irrender bin, der bei Ihnen Trost
gesucht hat, es war eine demthige Frage, knnen Sie keine Antwort geben, so
zrnen Sie doch dem armen Bittenden nicht. Ein langer Blick fiel auf sie, heie
Leidenschaft, ttlich verletzter Stolz und etwas Anderes, das der Frau Entsetzen
erregte, lag in seinem Auge, fest und starr sah auch sie ihm in das Antlitz, er
hob warnend den Finger und schritt zur Thr hinaus.
    Sie lauschte auf die Tritte des Schreitenden, sie merkte jede Treppenstufe,
die er hinabstieg, als sich die Hausthr hinter ihm schlo, ri sie an der
Klingel.
    Gabriel, der im Vorzimmer gestanden, trat schnell herein. Ich will fort von
hier, rief Ilse.
    Wohin, Frau Professorin? frug der erschrockene Diener.
    Wohin? brauste es in Ilse's Ohr.
    Zu meinem Mann, rief sie, aber als sie die eigenen Worte hrte, fuhr sie
zusammen; auch er war in einem Hause des Frsten, er war bei der Tochter des
argen Mannes, er selbst nicht sicher dort, sein Weib nicht sicher bei ihm.
Wohin? wirbelte ihr im Hirn. Beim Vater auf dem Stein war der Sohn des argen
Mannes; sie drfe nicht hinkommen, hatte die Nachbarin gesagt. Sie senkte
betubt das Haupt, das Gefhl der Hilflosigkeit legte sich centnerschwer auf
sie. Aber sie erhob sich wieder und trat nahe zu Gabriel. Ich will dies Haus
verlassen, sagte sie, ich will diese Stadt verlassen, noch heut, auf der
Stelle. Der Diener rang die Hnde. Ich wute, da es so kommen wrde, rief
er.
    Sie wuten es? frug Ilse finster, und ich nicht und mein Gatte nicht? Lag
denn auf der Strae fr Jedermann sichtbar, was ihm und mir Geheimni war?
    Ich merkte, da es hier sehr unheimlich ist, antwortete Gabriel, und da
Niemand dem vornehmen Herrn traut, welcher dort hinausging. Wie durfte ich Ihnen
sagen, was nur mein einfltiger Gedanke war?
    Es ist nicht gut, wenn man sich zu wenig um die Reden der Leute kmmert,
versetzte Ilse. Ich will an einen Ort, wo ich eine Frau finde, Gabriel.
Schaffen Sie mir sogleich einen Wagen und begleiten Sie mich zur Frau
Oberamtmann. Wir lassen Alles hier, Sie kehren in das Haus zurck, damit Sie zur
Stelle sind, wenn mein Mann eintrifft.
    Woher soll ich den Wagen nehmen? frug Gabriel zgernd.
    Aus der Stadt und nicht aus dem Marstall.
    Gabriel stand und berlegte, endlich sagte er kurz: Ich gehe, Frau
Professorin, haben Sie die Gte zu verhindern, da der Lakai nicht zusieht, wenn
Sie sich zur Reise bereiten.
    Niemand darf es wissen, rief Ilse heftig. Gabriel eilte hinaus, Ilse
verriegelte die Thr und flog in das Nebenzimmer. Dort suchte sie das
Unentbehrliche fr die Reise zusammen, Hut und Hlle. Sie schlo alle Behlter
und packte die Schlssel in ein Bund. Wenn Felix kommt, soll er nicht sagen,
da ich kopflos entlaufen sei. Sie ging auch an seinen Arbeitstisch und
versiegelte die Briefe in einem Packet. Damit kein neugieriges Auge auf euch
blickt, sagte sie. Als sie die Briefe der Kinder und ihre eigenen Antworten
zusammenschlo, berfiel sie ein Schauer und sie barg das Bndel schnell unter
den brigen Schriften. Sie war fertig, Gabriel kehrte noch nicht zurck, er
sumte lange. Mit festem Schritt ging sie durch die Zimmer. Fremder seid ihr
mir geworden, je lnger ich hier weilte. Die Pracht des ersten Abends, wo ist
sie geblieben? Es war ein kalter Glanz, feindselig meinem Leben, knnte ich jede
Erinnerung an euch aus der Seele reien, es wre mir lieb. Sie setzte sich auf
die Stelle, wo sie in der Nacht ber den schlafenden Gatten geblickt. Das war
der letzte traurige Blick auf sein liebes Haupt, wann sehe ich es wieder? Ich
gehe von dir, mein Felix. Wer uns das gesagt htte, als wir nebeneinander vor
dem Altare standen! Ich lasse dich zurck unter argdenkenden Menschen, dich,
auch dich in Gefahr, und ich gehe allein in die Fremde, Rettung fr mich zu
suchen, weit weg von dir. Wer uns das gesagt noch vor wenigen Tagen, ich htte
ihn einen Lgner gescholten in sein Angesicht. Ich gehe, mein Felix, um mich zu
retten fr dich, denke daran, bat sie vor dem Lager, und zrne mir nicht. Um
Kleineres ginge ich nicht. Sie sank an den Kissen nieder und rang die Hnde in
thrnenlosem Schmerz. Lange lag sie so, endlich pochte es an der uern Thr,
sie sprang auf und ffnete, aber sie fuhr zurck, als sie in das bleiche Antlitz
des treuen Dieners sah.
    Ich habe keinen Wagen bestellt, sagte Gabriel, denn es wrde nichts
ntzen.
    Was heit das? frug Ilse finster.
    Der Wagen, welcher hier vorfhrt, wrde die Frau Professorin nicht dahin
bringen, wo Sie wollen, nur dahin, wo Andere wollen.
    So gehen wir selbst und nehmen in der Stadt ein Fuhrwerk, wie es auch sei.
    Wohin wir gehen, erwiederte Gabriel, werden wir beobachtet, wenn ich
einen Wagen rufe, wird er wieder abbestellt.
    Sie sind selbst erschrocken, Gabriel, und Sie sehen Gefahren, wo keine
sind, erwiederte Ilse unwillig.
    Wenn auch ein ehrlicher Mann Sie zu der Frau Oberamtmann fhrt, fuhr
Gabriel fort, so ist doch zweifelhaft, ob Sie auf dem Gute ankommen. Sehen Sie
den Mann dort unten am Schlosse? Er geht langsam wie ein Spaziergnger, aber er
verwendet kein Auge von diesem Hause. Das ist einer von unsern Wchtern, und er
ist nicht der einzige.
    Wer hat Ihnen das gesagt? frug Ilse.
    Ich habe einen guten Freund hier, der zum Schlosse gehrt, antwortete
Gabriel zgernd, zrnen Sie nicht, Frau Professorin, da ich bei ihm anfrug,
denn er kennt alle Schliche. Es ist ja mglich, sagt mir dieser, da es glckt.
Denn man kann die Leute in der Stadt doch nicht zu Rubern oder Betrgern
machen, aber es ist unsicher und gefhrlich.
    Ilse ergriff ihren Hut und Mantel.
    Ich gehe, Gabriel, sagte sie ruhig. Wollen Sie mich auf meinem Gange
begleiten?
    Liebe Frau Professorin, wohin Sie wollen, rief Gabriel. Hren Sie aber
erst auf meinen Vorschlag. Der Bekannte meint, das Sicherste ist, wenn der Herr
Oberamtmann Sie selbst abholen kommt und zwar am Abend. Die Abende sind finster,
und Sie knnen dann vielleicht aus dem Hause gehen, ohne da der Lakai oder ein
Anderer es bemerkt.
    Eine Gefangene! rief Ilse. - Wer ist Ihr Bekannter? frug sie, Gabriel
scharf ansehend.
    Er ist sicher wie Gold, betheuerte Gabriel, und ich werde es der Frau
Professorin spter gern erzhlen, nur heut bitte ich mich nicht zu fragen, denn
er hat wegen seiner eigenen Sicherheit gefordert, da kein Mensch von ihm
erfahre.
    Ihrer Treue vertraue ich, versetzte Ilse kalt, aber Sie selbst knnen
getuscht werden. Fremdem Rath folge ich nicht.
    Er hat mir ein Pferd angeboten, rief Gabriel, es steht bereits vor der
Stadt. Wenn Sie mir eine Zeile an den Herrn Oberamtmann mitgeben, ich reite
selbst und bringe den Wagen bei guter Zeit.
    Ilse sah finster auf den Diener. Darber vergehen viele Stunden, ich will
nicht allein hier bleiben. Ich gehe zu Fu auf der Landstrae zu meinen
Freunden.
    Sehen doch Frau Professorin nach dem Himmel, ein Wetter zieht herauf.
    Es ist mir recht, rief Ilse, ich gehe nicht zum ersten Mal durch den
Regen. Wollen Sie mich nicht begleiten, so erwarten Sie hier meinen Mann und
sagen ihm, ich wre hinausgegangen auf meine Heimat zu, wenn ich bei guten
Leuten bin, werde ich ihm schreiben.
    Gabriel rang die Hnde, Ilse knpfte Hut und Mantel um.
    Da erhob sich unten im Hausflur ein lauter Wortwechsel, Gabriel ri die Thr
auf, eine fremde Bastimme zrnte heftig gegen den Lakaien: Ich aber sage
Ihnen, Levkoi, oder was fr eine Pflanze Sie sonst sind, ich bin nicht der Mann,
der sich die Thr vor der Nase zuschlagen lt; sie ist zu Hause.
    Ilse warf Hut und Mantel von sich, sprang an die Treppe und rief hinunter:
Herr Hummel!
    Gehorsamster Diener, Frau Professorin, rief Hummel herauf. Ich komme
sogleich, ich will nur erst diesem Majordomus meine Hochachtung aussprechen. Sie
sind ein Intrigant, Herr, und ein Subject, dem ich diejenige Behandlung wnsche,
welche es verdient: dreijhrige Hasel und stramm angezogen. Ich komme, Frau
Professorin. Er stieg schwerfllig die Treppe herauf, Ilse flog ihm entgegen,
fhrte ihn an der Hand in ihr Zimmer, und so bermchtig wurde ihr jetzt die
Erschtterung, da sie ihr Haupt auf seine Schulter legte und weinte.
    Herr Hummel hielt still und sah theilnehmend auf Frau Ilse.
    Also das ist Hofbrauch? frug er leise, und in diesem Tone wird hier
Conversation gemacht?
    Mein Gatte ist verreist, ich will hinweg, Herr Hummel, helfen Sie mir ins
Freie.
    Das ist ganz mein Fall, versicherte Hummel, ich bin ohnedies mitten in
einem Entfhrungsgeschft; ich komme in diese Stadt, um Ihnen wegen meiner
Tochter Laura eine Bitte vorzutragen und bei schwarzen Herren hierselbst Einiges
in Ordnung zu bringen. Wohin wollen Sie reisen?
    Zu guten Freunden, welche mich in das Haus meines Vaters bringen.
    Dies ist der rechte Weg, ermuthigte Hummel. In verzweifeltem Fall, wenn
Alles in der Welt wankt, soll das Kind zum Vater zurck. Diese Treue bleibt, sie
ist zwanzig Jahr alt, bevor die des Mannes anfngt. Da Ihr Herr Vater nicht
vorhanden ist, so erlauben Sie, da ein Anderer, der auch wei, was Sorge um ein
Kind heit, bei Ihnen die Stelle des Vaters vertritt.
    Ilse hielt sich an ihm fest, Hummel drckte ihr in seiner Weise zart die
Hand, es war doch ein krftiger Druck.
    Jetzt Ruhe und kaltes Blut. Es kann keine geringe Sache sein, welche Sie so
stark bewegt. Ich verlasse Sie nicht eher, bis ich Sie gut aufgehoben wei. Er
sah auf Gabriel, der ihm ein Zeichen machte. Sie also, Frau Professorin,
kmmern sich um gar nichts. Setzen Sie sich ruhig hin und erlauben Sie, da ich
mich mit Gabriel bespreche. Ich sorge Ihnen fr Alles, und ich stehe fr Alles.
    Ilse blickte ihn dankbar an und setzte sich gehorsam nieder. Hummel winkte
Gabriel in das Nebenzimmer. Was ist hier vorgefallen? frug er.
    Der Herr ist auf einige Tage verreist, unterde ist man unartig gegen die
Frau Professorin geworden, hier gehen groe Schlechtigkeiten vor, man will sie
nicht abreisen lassen.
    Meine Miether nicht abreisen lassen? rief Herr Hummel, lcherlich! Ich
habe einen Reisepa bis Paris in der Tasche, wir springen ber dieses Land
hinweg wie Heupferde. Ich hole sogleich eine Fuhre. Gabriel schttelte den
Kopf. Die Vertrauten handelten eine Weile miteinander. Herr Hummel kam zurck
und sagte mit grerem Ernst zu Ilse: Jetzt bitte ich, setzen Sie sich an den
Schreibtisch und verfassen Sie einige Zeilen an den Herrn Oberamtmann; an den
Mann und nicht an die Frau, sonst gibt's Verwirrung; er soll sogleich nach
Empfang dieses Schreibens mit einem geschlossenen Wagen hierherkommen, er soll
in der Vorstadt beim schwarzen Br mit dem Wagen halten, er soll seinen Wagen
nicht verlassen, es wre ein groer Freundesdienst. Weiter nichts. Diesen Brief
schafft Gabriel an die Adresse. Wie er ihn besorgt, ist ganz seine Sache und
kmmert uns nicht, will er fliegen, wie dieser zweideutige Genius an der Decke,
welcher seinen Paletot vergessen hat, so wird das um so besser sein. Also der
Brief ist fertig, verzeihen Sie, wenn ich ihn lese. Alles richtig und genau.
Schnell fort, Gabriel. Sobald Sie beim Schlosse vorber sind, dann Carriere, bis
dahin benehmen Sie sich als ruhiger Menschenfreund, ich erlaube Ihnen, meinen
Dessauer zu pfeifen, wenn Sie das im Stande sind. Sollte man Sie fragen, so
besorgen Sie fr mich Geschfte.
    Gabriel eilte zur Thr hinaus. Hummel rckte sich einen Stuhl vor Frau Ilse
und sah auf seine Uhr. Sie werden fnf Stunden auf den Wagen warten, wenn Alles
gut geht. Unterde mssen Sie mich bei sich ertragen, ich verlasse dieses Haus
nicht ohne Sie. Lassen Sie sich den Aufschub nicht leid sein, mir ist er lieb,
denn ich habe mit Ihnen als mit einer braven Frau, vor welcher ich mit wahrem
Respect den Hut abnehme, auch ber meine Angelegenheiten zu sprechen, welche mir
sehr auf dem Herzen liegen. Wir haben Zeit genug dafr. Ich habe auch dem Herrn
Professor einige Papiere mitgebracht, es kommt wenig darauf an, sie werden aber
hier auf den Tisch gelegt, damit wir als Geschftsleute einander
gegenbersitzen. Dann aber werde ich mich freuen, wenn Sie dem Judas im
Bedientenzimmer meinetwegen einen Auftrag geben. Haben Sie jedoch die Gte,
vorher Alles wegzurumen, was daran erinnert, da Sie von mir entfhrt sein
wollen.
    Ilse sah ihn unsicher an. Was darf ich dem Mann sagen, Herr Hummel?
    Sie sind eine so gute Hausfrau, versetzte Hummel verbindlich, da ich
Ihnen durchaus berlassen kann, was Sie mir vorsetzen wollen. Ich bin den ganzen
Tag gereist. Er machte eine kleine Handbewegung nach seiner Weste.
    Ilse sprang auf, sie mute trotz ihrer Angst lcheln ber das sorgliche
Wesen des Hauswirths. Verzeihen Sie mir, Herr Hummel.
    Das ist die rechte Stimmung, besttigte Hummel, es gibt kein besseres
Mittel gegen das Tragische, als einen gedeckten Tisch. Ich bitte deshalb nicht
um einen Teller, sondern um zwei, es wrde mir nicht munden, wenn Sie zusehen
wollten. Glauben Sie mir, Frau Professorin, die edelsten Gefhle sind
unzuverlssig, wenn nicht ein ehrliches Butterbrot gleichsam als Stempel
daraufgedrckt worden ist. Das macht ruhig und fest. Und Sie werden heut diese
Tugenden noch nthig haben.
    Ilse schellte. Erscheint das Besteck, fuhr Hummel fort, so nennen Sie ihm
meinen Namen und Firma. Ich reise berhaupt nicht incognito, und ich wnsche
hier gar nicht mysteris betrachtet zu werden.
    Der Lakai erschien, Ilse gab ihm Auftrag, im Gasthof das Nthige zu holen,
und frug, wie er dazu gekommen sei, ihre Anwesenheit vor ihrem lieben Hauswirth
zu verleugnen.
    Der Mann stotterte eine Entschuldigung und entfernte sich eilig.
    Als ich in dies Haus kam, wute ich bereits, da hier nicht Alles in
Ordnung war. Ich frug im Schlosse nach Ihnen und erhielt keine gengende
Auskunft, ich frug hinter dem Schlosse einen Mann, welcher umherstrich, nach
Ihrer Behausung. Er sah mich an wie ein Kreuzschnabel. Sie wren verreist,
behauptete er und versuchte meine Geheimnisse auszupumpen. Darber gab es eine
kurze Unterhaltung, wobei Kreuzschnabel seine Bosheit kundgab, weil ich ihn
wegen Unbekanntschaft mit seinem gewhnlichen Titel einen Spion nannte. Der
Wachtposten trat dazu und ich sah, die Herren Confratres hatten Lust, mich
festzuhalten. Da kam ein junger Herr des Weges, frug die Andern nach dem Grund
des Lrms und sagte, er wte, da Sie zu Hause wren. Er begleitete mich bis
vor dieses Haus, frug hflich nach meinem Namen, nannte mir auch den seinen,
Lieutenant Baumlufer, und rieth, ich sollte mich ja nicht abschrecken lassen,
das Dienervolk sei unverschmt, Sie aber wrden sich freuen, einen alten Freund
zu sehen. Er mu auch Ihnen bekannt sein.
    Der Lakai deckte den Tisch. Sooft er Herrn Hummel die Teller bot, sah ihn
dieser mit vernichtendem Blick an und beeiferte sich nicht, ihm sein Amt leicht
zu machen. Dagegen bot er Frau Ilse ritterlich die Speisen und ermahnte sie
durch ein bedeutungsvolles Ruspern, sich vorzusehen. Whrend der Diener
abrumte, begann Hummel, sich zurechtrckend: Jetzt erlaube ich mir, von unsern
Geschften zu sprechen, es wird ein langer Vortrag, haben Sie Geduld.
    Es war Abend geworden, Finsterni lag ber dem unheimlichen Hause, das
Wetter zog herauf, die Fenster klirrten im Winde und der Regen rauschte. Ilse
sa wie im Traum. Zwischen dem heftigen Sturm des versinkenden Tages und der
bangen Erwartung einer wilden Nacht lagerte sich vor ihr die behagliche Prosa
der Parkstrae, furchtlos, sicher, mit sich und der Welt zufrieden, soweit diese
Welt nicht gerade rgerlich wurde. Aber sie fhlte, wie wohlthuend dieser
Gegensatz war, sie verga sogar ihre eigene Lage und hrte mit inniger
Theilnahme auf den Bericht des Vaters. Ich spreche mit einer Tochter, sagte
Herr Hummel, die zu ihrem Vater zurckgeht, ihr sage ich, was ich Niemandem
sonst erzhle, mir ist's hart, zu ertragen, da mein Kind mich verlassen will.
Er sprach ber das Kind, welches sie beide liebten, und jeder von ihnen hatte
Freude an dem andern. So verrannen einige Stunden.
    Der Lakai kam wieder und frug respectvoll die Frau Professorin, ob sie
Gabriel weggeschickt.
    Er ist in meinem Auftrage ausgegangen, brummte Herr Hummel gegen den
Fragenden, er besorgt fr mich Geschfte von Geldeswerth, mit denen ich Ihre
Ehrlichkeit nicht belstigen wollte. Wenn sich noch Jemand aus der Stadt nach
mir erkundigt, so bitte ich Sie zu befehlen, Frau Professorin, da dieser Mann
nicht auch mich verleugnet.
    Er sah wieder nach seiner Uhr. Vier Stunden, sagte er. War das Pferd gut
und hat Gabriel sich nicht in der Finsterni verirrt, so knnen wir ihn jeden
Augenblick erwarten. Ist's ihm nicht geglckt, so seien Sie immer ohne Sorgen,
ich fhre Sie doch aus dem Hause. Unten schellte es, die Hausthr wurde
geffnet, Gabriel trat ein. Die Freude lachte aus seinem Gesicht. Punkt zehn
Uhr hlt der Wagen vor der Herberge, sagte er vorsichtig, ich bin schnell
vorausgeritten.
    Ilse sprang auf, wieder flog der Schreck des Tages, die Sorge um die Zukunft
durch ihr Haupt. Bleiben Sie sitzen, mahnte Hummel wieder, starkes Umhergehen
ist verdchtig, ich halte unterde mit Gabriel hier daneben noch einmal Rath.
Diese Berathung whrte lange Zeit, endlich kam Herr Hummel zurck und sagte
ernsthaft: Jetzt, Frau Professorin, machen Sie sich bereit; wir haben eine
Viertelstunde zu gehen, lassen Sie sich unser Thun ruhig gefallen, es ist Alles
sorgfltig bedacht.
    Herr Hummel schellte, Gabriel, der zu dem Spher im Unterstock zurckgekehrt
war, trat ein wie gewhnlich, er zog Schlssel und einen Schraubenzieher aus der
Tasche. Ich habe die kleine Hintertreppe schon in den ersten Wochen
verschlossen und die Thr mit einer groen Schraube gesperrt, die Leute wissen
nicht, da ich die Schlssel habe. Er ging in einen Nebenraum der Hinterstube
und ffnete den Zugang einer verborgenen Treppe. Herr Hummel schlich ihm nach.
Ich will wissen, wo ich wieder eingelassen werden soll, sagte er zurckkehrend
zu Frau Ilse. Wenn ich Sie hinausgefhrt habe, mu hier Jemand als Ihr Geist
umherpoltern, sonst drfte die ganze Mhe vergeblich sein. Gabriel fhrt Sie die
Hintertreppe hinab, whrend ich zur Vorderthr hinausgehe und den Lakaien
unterhalte. Ich treffe Sie eine kurze Strecke von diesem Hause im Gebsch,
Gabriel fhrt Sie zu mir; ich werde mich zurechtfinden. Ilse fate ngstlich
seine Hand. Ich hoffe, Alles soll gut gehen, sagte Herr Hummel bedchtig.
Sorgen Sie fr einen Mantel, der Sie so unkenntlich macht als mglich.
    Ilse flog an den Schreibtisch und schrieb mit fliegender Eile die Worte:
Lebe wohl, Geliebter, ich gehe zum Vater. Noch einmal berkam sie der Schmerz,
sie rang die Hnde und weinte. Hummel stand achtungsvoll zur Seite, endlich
legte er die Hand auf ihre Schulter: Die Zeit verrinnt. Ilse sprang auf,
schlo den Zettel in ein Cuvert, reichte ihn Gabriel und verhllte schnell ihr
Haupt. Jetzt vorwrts, mahnte Herr Hummel mit leisem Gebrumm, zu beiden
Thren hinaus. Ich gehe zuerst. Ich empfehle mich Ihnen, Frau Professorin, rief
er laut durch die offene Thr zurck, wnsche wohl zu ruhen. Wuchtig schritt
er die Treppe hinab, der Lakai stand auf den letzten Stufen. Kommen Sie einmal
her, Jngling, rief Hummel, ich wnsche Sie nach Ihrem Tode ausgestopft und
vor dem Rathhause aufgestellt als ein Musterbild von Wahrheitsliebe fr sptere
Zeiten. Wenn ich wiederkomme, und verlassen Sie sich darauf, ich werde mir
wieder das Vergngen machen, Ihnen meine Hochachtung auszusprechen, dann will
ich dem Herrn Professor die ganze Erbrmlichkeit Ihres Daseins enthllen. Ich
habe groe Lust, Ihre Nichtsnutzigkeit im hiesigen Tageblatte bekannt zu machen,
damit Sie zur Vogelscheuche werden fr Jedermann.
    Der Diener hrte mit gesenkten Augen zu und verneigte sich spttisch. Gute
Nacht, Hfling, rief Herr Hummel hinausgehend und schlug die Thr hinter sich
zu.
    Herr Hummel wandelte im Geschftsschritt vom Hause abwrts zur linken Seite,
wo ein Pfad in das Dickicht fhrte; dort verbarg er seine Gestalt dem trben
Licht der Laternen. Der Regen strmte und der Wind rauschte in den Gipfeln. Herr
Hummel sah sich vorsichtig um, als er in die dichte Finsterni des Platzes trat,
an welchem einst Gabriel und der Prinz von den Gespenstern des Schlosses
zueinander gesprochen. Ein leises Rascheln im Gebsch, eine hohe Gestalt trat zu
ihm und fate seinen Arm. Gut, sagte Herr Hummel leise, vorlufig gerettet.
Schnell zurck, Gabriel, und erwarten Sie mich zur Zeit. Wir aber suchen dunkle
Wege und meiden die Laternen, im Hellen verbergen Sie Ihr Gesicht unter dem
Schleier. Ilse schritt am Arm ihres Hauswirths hinein in die Nacht, gedeckt
durch den groen Schirm, welchen Herr Hummel ber sie hielt.
    Im Rcken der Flchtigen schlugen die Thurmglocken die zehnte Abendstunde,
als sich die Umrisse der letzten Herberge vor dem Thor von dem dstern Himmel
abhoben. Nicht frher, nicht spter, sagte Herr Hummel und hemmte den Schritt
der eilenden Begleiterin. In demselben Augenblick kam ihnen ein Wagen langsam
aus der Finsterni entgegen. Ilse's Arm zuckte. Ruhig, bat Herr Hummel, sehen
Sie nach, ob das Ihre Freunde sind.
    Ich erkenne die Blsse, flsterte Ilse athemlos. Herr Hummel trat an den
verdeckten Kutschersitz, auf welchem zwei Mnner saen, und frug mit schnell
erfundener Losung: Krten?
    Dorf, antwortete eine feste Stimme. Der Oberamtmann sprang zu Ilse herab,
in dem Wagen rhrte sich's, ein Zipfel der Lederdecke wurde geffnet, eine
kleine Hand fuhr heraus. Hummel ergriff und schttelte sie. Als Zugabe
angenehm, sagte er. Ohne ein Wort zu sprechen, knpfte der Oberamtmann die
Lederdecke auf. Meine liebe Freundin, rief von innen eine zitternde
Frauenstimme. Ilse wandte sich zu Herrn Hummel. Keine Worte, sagte dieser,
gute Fahrt. Ilse wurde hineingeschoben, die Frau Oberamtmann fate Ilse's Arm
und hielt ihn krftig fest. Whrend Oberamtmann Rollmaus das Leder wieder
zuknpfte, begrte ihn Herr Hummel. Ich freue mich, sagte er. Fr Austausch
der Namen ist die Gelegenheit nicht gnstig. Auch ist unsere Klasse in der
Naturgeschichte nicht dieselbe, aber die Pnktlichkeit zu rechter Stunde war
gegenseitig und der gute Wille. Der Oberamtmann schwang sich wieder auf den
Kutschersitz und ergriff die Zgel. Er wendete den Wagen, Herr Hummel klopfte
noch einmal an das nasse Leder, gemchlich trabten die Pferde ins Freie, dann
hrte Herr Hummel einen kurzen Zuruf, mit gestrecktem Lauf ging es in die
Finsterni hinein.
    Hummel sah dem Wagen nach, bis dieser durch den dichten Regenschleier
verdeckt war, warf noch einen prfenden Blick auf die leere Strae und eilte
wieder der Stadtgegend zu, in welcher das Schlo lag. Durch die entlegenen
Theile der Anlagen suchte er den Pavillon; an derselben Stelle, wo Gabriel die
Herrin ihm bergeben hatte, tauchte er in den tiefen Schatten der Bume und
tappte vorsichtig durch das nasse Gebsch bis an die Hinterseite des Hauses. Er
fhlte sich an der Wand entlang. Setzen Sie sich auf die Schwelle, flsterte
Gabriel, ich ziehe Ihre Stiefeln aus.
    Kann diese Hoftoilette mir nicht erspart werden? summte Hummel,
Strumpfhosen sind gegen meine Natur.
    Alles ist umsonst, wenn man Sie auf der Treppe hrt.
    Hummel schlich hinter Gabriel die Treppe hinauf in finstere Stuben. Hier
sind die Zimmer der Frau Professorin. Sie mssen im Dunkeln auf und ab gehen und
zuweilen mit den Sthlen rcken, bis ich Sie rufe. Es ist jetzt noch ein anderer
Aufpasser gekommen, sie sprechen unten miteinander, ich frchte, sie haben einen
Argwohn, da wir etwas im Schilde fhren, sie sehen mich sehr von der Seite an.
Der Lakai trgt jeden Tag die Lampen aus den Wohnzimmern, daran darf nichts
gendert werden, er schpft Verdacht, wenn er nicht hrt, da Jemand in den
Nebenstuben umhergeht. Ist Alles zur Ruhe, dann verlt der Lakai das Haus, dann
knnen wir miteinander sprechen.
    Es ist gegen mein Gewissen, Gabriel, brummte Hummel, in einem fremden
Hause ohne Erlaubni des Eigenthmers oder des Miethers zu verweilen.
    Still, mahnte Gabriel ngstlich, ich hre den Mann auf der Treppe,
schlieen Sie hinter mir die Thr.
    Herr Hummel stand allein im Finstern, er setzte seine Stiefeln neben den
Lehnstuhl, umkreiste beide und gab ihnen zuweilen einen Ruck. Immer zart,
dachte er, denn es ist der Tritt einer Professorsfrau. Die Anforderungen, die
in diesen Zeiten an einen Hausbesitzer gemacht werden, bersteigen alle
Gedanken. Entfhrung aus fremden Husern und Damenrollen in nchtlicher
Finsterni. Drauen hrte man die Schritte der Mnner, er stie an seine
Stiefeln. Dunkelheit in fremdem Hause ist mit nichten wnschenswerth, fuhr er
bei sich fort, ich habe immer einen Ha gegen finstere Rume gehabt, seit ich
einmal in ein Kellerloch fiel, dieser Nebel ist nur gut fr Katzen und
Spitzbuben. Das Jmmerlichste aber fr einen Brger ist, wenn man ihm seine
Stiefeln vorenthlt. Er hrte einen leisen Tritt im Nebenzimmer, und wieder
rckte er an dem Stuhl.
    Endlich wurde es still im Hause, Herr Hummel setzte sich in dem Lehnsessel
zurecht und sah sich mde in dem fremden Zimmer um. Von drauen fiel durch einen
Ritz der Vorhnge ein matter Lichtschein an die Wand, die Quaste eines
Vorhanges, der vergoldete Knauf eines Sessels schimmerten in der Dunkelheit.
Jetzt zog Herr Hummel unwiderruflich die Stiefeln an und ergab sich noch eine
Weile miflliger Beurtheilung der Welt. Inde, seine Brgerstunde war gekommen,
und heut hatte ihn die Reise ermdet. Er versank allmhlich in trumerisches
Sinnen, sein letzter deutlicher Gedanke war: nur in dieser frstlichen
Finsterni nicht schnarchen. Mit diesem Vorsatz schlo er die Augen und sagte
den Sorgen der Welt Lebewohl.
    Im Schlafe war ihm, als hre er ein leises Gerusch, er ffnete die Augen
und blickte in dem Zimmer umher. Undeutlich nahm er wahr, da eine Wand anders
aussah als sonst. Der groe Spiegel, welcher in die Wandflche gefgt war,
schien verschwunden, ihm kam vor, als ob eine verhllte Gestalt in der Wand
stehe und sich bewege. Er war ein beherzter Mann, aber der Schreck fuhr ihm
durch die Glieder. Er verschanzte sich hinter dem Stuhl. Ist dies nur ein
Schattenspiel, begann er mit stockender Stimme, so bitte ich, sich nicht
stren zu lassen; ich bewundere die Kunst, aber ich trage meine Geldbrse nicht
bei mir. Behaupten Sie aber ein Mensch zu sein, so fordere ich grere
Deutlichkeit, ich fordere die landesblichen Rundungen hinten und vorn. Ich
selbst habe die Ehre, mich Ihnen bei dieser mangelhaften Beleuchtung
vorzustellen. Hutfabrikant Heinrich Hummel, meine Legitimation ist in Ordnung,
Reisepa nach Paris. Er fuhr mit der Hand nach der Brusttasche. Da ein
anstndiger Brger verpflichtet ist, sich in diesen gefhrlichen Zeiten zu
schtzen, so steht in meinem Pa polizeilich bemerkt: avec un pistolet. Bitte
dies freundlich zu bercksichtigen. Er zog ein Taschenpistol heraus und hielt
es vor sich. Wieder sah er nach der Stelle, nichts war zu sehen. Der Spiegel
stand wie vorher. Er rieb sich die Augen. Dummes Zeug, sagte er, es war am
Ende nur eine verschlafene Einbildung.
    Drauen wurde die Hausthr geschlossen. Noch eine Weile stand er,
argwhnisch umherblickend, und der Schwei trat ihm auf die Stirn. Endlich hrte
er das Klopfen Gabriels an der Thr. Er ffnete, nahm ihm schnell das Licht aus
der Hand, trat zu dem Spiegel und beleuchtete Rahmen und Wand. Er steht
eisenfest, sagte er vor sich hin, es war nur eine Tuschung. Aber er ergriff
doch eilig seinen Hut und zog den Diener aus dem Zimmer. Fr heut ist's genug,
brummte er, ich wnsche, schnell aus diesem Hause geschafft zu werden. Mir ist
nicht recht, da Sie allein hier bleiben, Gabriel. Morgen frh suche ich Sie
auf, ich habe den Tag ber in der Stadt zu thun. Versuchen Sie zu schlafen, wir
werden beide in unserm Bette an diesen Streich denken, und an sie, welche noch
ein sicheres Dach sucht zum Schutz gegen Nachtwind und Gespenster.
    Ilse fuhr durch die Nacht. Um sie rauschte der Regen, der Sturm tobte durch
die Bume, hoch spritzte das Wasser aus den Gleisen um Pferde und Wagen. Nur
zwischen den Gestalten der Mnner auf dem Vordersitz sah sie ein Stck des
Nachthimmels, der schwer und schwarz ber der Flchtigen hing. Zuweilen blickte
ein Lichtfunke aus dem Fenster eines Hauses, dann wieder nichts als Regen, Sturm
und schwarze Nacht. Die Nachbarin hielt immer noch ihre Hand, auch sie schwieg
ngstlich whrend der unheimlichen Fahrt. Ilse fuhr hinein in die Welt, in eine
lichtarme, sturmgepeitschte, thrnenreiche Welt. Unsicherheit und bange Sorge
berall, wenn sie an den Geliebten dachte, den sie in den Hnden des Verfolgers
zurcklie, wenn sie das bekmmerte Antlitz des Vaters vor sich sah, und die
Fluren des Gutes, wo der Jngling weilte, dessen Nhe ihr jetzt mit neuem
Schmerz drohte. Aber sie sa hochaufgerichtet. Wenn er zurckkehrt zu der Thr,
ber welcher die schwarzen Engel schweben, dann wird er vergebens nach seinem
Weibe fragen. Ich aber habe gethan, was ich mute, der Herr meines Lebens walte
ber mir.
    Hinter dem Wagen klang Hufschlag, er kam nher; wo sich der Feldweg zum Gute
schied von der groen Landstrae, fuhr auf schumendem Pferde ein Reiter heran,
er rief denen auf dem Kutschersitz zu, Wagen und Reiter strmten einige
Augenblicke nebeneinander vorwrts, dann hielt der Reiter sein Ro zurck. Der
Oberamtmann warf einen Baumzweig in den Wagen. Den hat der Reiter fr Frau Ilse
hergebracht, er sei von dem Baum unter ihrem Fenster und die Rechnung sei
bezahlt.

                                      11.

                                        

                             Der Obersthofmeister.


Zu derselben Stunde, in welcher Ilse den trstenden Worten ihres Hauswirths
lauschte, fuhr der Wagen des Obersthofmeisters an das Thurmschlo der
Prinzessin. Erstaunt hrte die Prinzessin die Meldung des Dieners und flog in
ihr Empfangzimmer hinab. Der Professor lie die Truhe mit ihrem Inhalt in sein
Zimmer schaffen und hatte sich eben ber die Handschrift gebeugt, als der
Hofmarschall eintrat, um seines Auftrags ledig zu werden.
    Unterde erwartete die Prinzessin den alten Herrn.
    Das Amt des Obersthofmeisters theilte ihm den Ehrendienst bei der Prinzessin
zu, es galt fr eine achtungsvolle Entfernung von der Person des Frsten. An dem
Flgel des Schlosses, den die Prinzessin bewohnte, sah man seinen Wagen jeden
Morgen zu derselben Stunde vorfahren. Sein persnliches Verhltni zu der jungen
Herrin schien khl, in Hofgesellschaften wurde er von ihr, nur soweit schicklich
war, ausgezeichnet, die Bittsteller erfuhren zuweilen, da ihre Gesuche ihm
mitgetheilt waren. In der Stadt galt er fr einen gutherzigen Mann, er wurde
wegen seiner Wohlthtigkeit von den Brgern mit Achtung betrachtet und war der
einzige unter den Herren des Hofes, ber welchen nie ein abgeneigtes Urtheil
laut wurde. Er wohnte in einem altfrnkischen Hause, von Grten umgeben, war
unverheiratet und lebte als reicher Mann, ohne nahe Verwandte, still vor sich
hin. Er war, wie man annahm, ohne regelmigen Einflu, er stand nicht in Gunst
und wurde deshalb von den jngeren Cavalieren mit ritterlicher Achtung
behandelt. Trotzdem war er dem Frsten und Hofe unentbehrlich. Er war der
Growrdentrger, nothwendig fr die Reprsentation, er war Rathgeber in
Familienangelegenheiten, Gesandter und Begleiter bei feierlichen
Staatshandlungen. Denn er war von frher an den meisten Hfen Europa's wohl
bekannt, hatte Verbindungen in der groen Diplomatie, er geno die besondere
Gnade einiger auswrtiger Herrscher, an deren gutem Willen dem Frsten gelegen
sein mute, und da bei unseren Hfen die Meinung, die ein Hofmann in der Fremde
geniet, auch fr das Urtheil des Schlosses magebend zu sein pflegt, so machte
den Obersthofmeister der Briefwechsel, in dem er mit den Leitern auswrtiger
Politik stehen sollte, und die reiche Auswahl, welche ihm unter breiten Bndern
freistand, fr den Frsten selbst zu einer Autoritt, welche ebenso lstig als
schtzenswerth war, fr den Hof aber zum stillen Berather und zur letzten
Zuflucht in schwierigen Fragen.
    Jetzt ffnete dem alten Herrn der Diener mit tiefer Verbeugung die Thr zum
Empfangraum der Prinzessin. Gleichgltige Fragen und Antworten wurden
gewechselt, dann trat die Prinzessin in das Nebenzimmer und forderte ihre treue
Kammerfrau durch einen Wink auf, vorn Wache zu halten. Als die Unterredung vor
dem Ohr jedes Lauschers gesichert war, nderte sich die Haltung der Prinzessin,
sie eilte auf den alten Herrn zu und sah ihm fragend in das ernste Gesicht: Ist
etwas vorgefallen? Nichts Kleines hat Sie veranlat, sich hierher in die Wildni
zu bemhen. Was haben Sie Ihrem Tchterchen zu sagen? ist es Lob oder sind es
Schelte?
    Ich erflle nur meine Pflicht, versetzte der alte Herr, wenn ich mich
einstelle, um Ew. Hoheit Befehle entgegen zu nehmen und nachzusehen, ob der
Aufenthalt meiner gndigsten Herrin schicklich vorgerichtet ist.
    Excellenz kommen zu schelten, rief die Prinzessin zurcktretend, denn Sie
haben kein freundliches Wort fr Ihr kleines Weibchen.
    Der Obersthofmeister neigte entschuldigend das weie Haupt. Wenn ich Ew.
Hoheit ernster erscheine als sonst, so sind es vielleicht nur die Grillen eines
alten Mannes, welche sich zu ungelegener Zeit eingestellt haben. Ich bitte um
Erlaubni, mich durch Ew. Hoheit Anblick davon zu befreien. Die leidende
Gesundheit des Frsten legt uns allen Sorge auf, sie mahnt an die
Vergnglichkeit jedes Lebens. Selbst der guten Laune des Prinzen Victor gelang
nicht, mich von trben Gedanken zu lsen.
    Wie geht es dem Vetter? frug die Prinzessin leicht.
    Er berwindet die Schwierigkeit, ein Prinz zu sein, in seiner wunderlichen
Weise, erwiederte der Obersthofmeister, aber es ist ein tchtiger Kern in ihm,
er vermag wohl ernste Sachen klug zu behandeln. Mich freut, setzte der Hofmann
hinzu, da meine gndigste Herrin warm fr einen Verwandten empfindet, der
Hchstderselben treu ergeben ist.
    Er war gegen mich stets nett und zuverlssig, sagte die Prinzessin
obenhin. Jetzt aber haben Sie mich hart genug gestraft. Was Sie mir zu sagen
haben, darf zwischen uns beiden nicht so verhandelt werden. Sie fate einen
Sessel und schob ihn in die Mitte der Stube. Hier sitzen Sie nieder, mein
wrdiger Herr, und mir erlauben Sie, da ich die Hand des Freundes fasse, wenn
er mir sagt, was ihm um meinetwillen Sorge macht. Sie rckte sich ein niedriges
Tabouret herzu, hielt mit beiden Hnden die Rechte des alten Herrn und sah ihm
sphend in die Augen. Hoheit kennen das Mittel, mir zu dreister Bitte Muth zu
machen, sagte der Hofmann lchelnd.
    So ist's besser, rief die Prinzessin erleichtert, ich hre die Stimme und
ich halte die Hand, denen ich am liebsten vertraue.
    Ich aber wnsche Ew. Hoheit eine strkere und nhere Sttze als mich
selbst, begann der alte Herr ernsthaft.
    Die Prinzessin fuhr in die Hhe. Das also war's, was Excellenz zu dieser
Reise bestimmte? rief sie ngstlich.
    Das war die Sorge, welche mich beschftigte. Es ist nichts weiter als eine
Ansicht, entschuldigte der Obersthofmeister, sein Haupt neigend.
    Und das soll mich ruhiger machen? rief die Prinzessin. Was hat mir bis
jetzt die Mglichkeit geschafft, zu leben, als Ew. Excellenz Ansichten.
    Da Ew. Hoheit, noch in der Witwentrauer, zur Heimat gefordert wurden, war
mir der Wunsch des Frsten willkommen, weil ich dadurch das Recht erhielt, dies
Gesprch mit Ew. Hoheit zu fhren. Es wies mit seiner Handbewegung auf den
Sitz, die Prinzessin eilte wieder an seine Seite. Auch jetzt, wo ich Ew. Hoheit
vor mir sehe in dem heitern Glanz der Jugend, berreich ausgestattet, Andere zu
beglcken und des besten Glckes theilhaftig zu werden, vermag ich den Gedanken
nicht abzuwehren, da Ihnen Unrecht ist, auf die Freuden des Hauses zu
verzichten.
    Ich habe dies Glck genossen und habe es verloren, rief die Prinzessin.
Jetzt bin ich vertraut mit dem Gedanken, Manchem zu entsagen. Ich suche mir
dafr eine Entschdigung, welche auch Sie nicht fr unwrdig halten.
    Es ist ein Unterschied zwischen uns von mehr als fnfzig Jahren, sagte der
alte Herr. Was mir, dem unbedeutenden Manne, freisteht, das wird der Tochter
des hohen Geschlechtes nicht ebenso leicht gestattet. Ich bitte meine geliebte
Herrin um Erlaubni, fuhr er mit leiser Stimme fort, heut an den Vorhang zu
rhren, welcher ein finsteres Bild aus Ihrer frhen Jugend verhllt. Sie waren
Zeugin der Scene, welche den Frsten von Ihrer erlauchten Mutter schied.
    Es ist eine dunkle Erinnerung, flsterte die Prinzessin, ngstlich zu dem
alten Herrn aufsehend, die Mutter machte dem Frsten Vorwrfe, es war etwas
ber den unseligen Pavillon. Der Frst gerieth in eine Aufregung, die furchtbar
war. Ich, das kleine Mdchen, lief herzu und umschlang das Knie der Mutter, er
schleuderte mich fort - die Prinze verhllte die Augen. Der alte Herr machte
eine abwehrende Bewegung und erwiederte ablenkend: Die Nachwirkung dieses
Ereignisses wurde verderblich fr das Leben einer edlen Frau, aber auch fr Sie
selbst. Damals uerte sich zuerst die krankhafte Reizbarkeit des Frsten,
welche seitdem seine Stimmung verdstert. Von jener Stunde sieht der Frst in
Ihnen eine lebendige Zeugin dessen, was er selbst als seine Krankheit und seine
Schuld empfindet. Er hat sich Jahre lang gemht, Ihnen durch Gte und
Aufmerksamkeiten jenen Eindruck zu verwischen, er hat nie geglaubt, da ihm das
gelungen ist. Scham, Argwohn, Furcht haben ihm stets wieder das Verhltni zu
Ihnen verdorben. Er will Sie nicht von sich lassen, weil er frchtet, da Ihr
Vertrauen einem andern Menschen verrathen konnte, was er selbst sich zu bergen
bemht ist. Er hat widerwillig der ersten Werbung nachgegeben, er wird auch eine
zweite sehr unfreundlich empfangen, denn er wnscht nicht, Ew. Hoheit
wiedervermhlt zu sehen. Wohl aber freut er sich in den Stunden, wo ber seinem
ungewhnlichen Geist finstere Wolken liegen, des Gedankens, da Ew. Hoheit das
Recht verlieren knnten, ihm in der Stille Vorwrfe zu machen. In ihm nagt, da
er die frstliche Wrde seiner Gemahlin ttlich gekrnkt hat, ihn beschftigt
jetzt der Gedanke, da auch Ew. Hoheit ber andern Verhltnissen vergessen
knnten, was Beruf einer Frstin ist.
    Er hofft vergebens, rief die Prinzessin auer sich. Nie wird eine
unwrdige Leidenschaft mich vor seine Fe werfen; nicht umsonst bin ich das
Kind Ihrer Sorge gewesen.
    Was ist unwrdig fr eine Frstin? frug der Obersthofmeister nachdenkend.
Da Ew. Hoheit sich frei erhalten von den kleinen Passionen, welche bei der
Quadrille eines Maskenballs aufflattern, davon ist man berzeugt. Aber auch das
geistvolle Spiel mit schnen und groen Interessen vermag einer Frau das Leben
zu stren. Leicht hngt sich Schwrmerei an den feinsten geistigen Genu, mehr
als einmal ist ein Weib gerade da in der grten Gefahr gewesen, wo sie, von
auen krftig angeregt, sich hher, freier, edler fhlte als sonst. Es ist
schwer, eine entzckende Musik zu hren und dem Knstler, der sie uns
geschaffen, warme Theilnahme zu versagen.
    Die Prinzessin sah vor sich nieder.
    Gesetzt den Fall, fuhr der Obersthofmeister fort, da ein Kranker in
galliger Laune so grbelte und fr solchen Zweck handelte, die Gesunde wrde
sich wohl hten, ihm den Willen zu thun.
    Sie wrde sich aber auch nicht stren lassen in dem, was sie fr Ehre und
Reichthum ihres Lebens hlt, rief die Prinzessin, zu dem Alten aufsehend.
    Gewi nicht, versetzte dieser, wenn solche Gter in der That durch die
spielende Hingabe einer Frau an Kunst oder Wissenschaft zu erwerben sind. Am
schwersten wird eine Frstin dabei Befriedigung finden. Niemand verdenkt einer
Frau aus dem Volke, wenn sie eine groe Begabung zum Lebensberuf macht; vermag
sie, als Sngerin oder Malerin sich zu befriedigen und Anderen zu gefallen, so
lacht ihr alle Welt freudig entgegen. Wenn aber meine gndigste Prinzessin ihre
schne musikalische Anlage benutzen wollte, ffentliche Concerte zu geben,
weshalb wrden die Menschen darber die Achseln zucken? Nicht, weil Ew. Hoheit
Talent geringer ist als das einer andern Knstlerin, sondern weil man Ihrem
Leben andere Aufgaben zutheilt. Die Nation stellt an ihre Frsten sehr bestimmte
ideale Forderungen. Wenn leider den frstlichen Herren unserer Zeit nicht leicht
wird, diesen Idealen zu entsprechen, fr die Frauen der erlauchten Geschlechter
macht die ernste Richtung der Gegenwart dies eher mglich als in meiner Jugend.
Eine Frstin unseres Volkes soll das edle Vorbild einer guten Hausfrau sein,
nichts mehr, nichts Anderes. Treu und wohlthuend und fest gegen ihren Gatten,
sorgfltig in den Pflichten des Tages, warmherzig gegen Bedrftige, gtig und
theilnehmend gegen Alle, denen der Vorzug wird, ihr zu nahen. Hat sie Geist, sie
soll sich hten zu glnzen, hat sie Talent fr die Geschfte, sie soll sich
wahren, eine Intrigantin zu werden. Sogar die schne Meisterschaft geselliger
Tugenden wird sie mit grter Bescheidenheit ben. Wohlgewogenes Gleichgewicht
der weiblichen Vorzge ist der beste Schmuck einer Frstin, ihre hchste Ehre,
da sie liebenswerther und besser ist als die Andern, ohne da man darber
erstaunt, in Allem gut und tchtig, nach keiner Richtung anspruchsvoll. Denn sie
steht zu hoch, um fr sich zu begehren und zu erobern.
    Die Prinzessin sa neben dem Sprechenden, das Haupt auf den Arm gesttzt,
sie sah traurig vor sich hin.
    Meine theure Frstin hrt dergleichen nicht zum ersten Mal aus meinem
Munde. Oft habe ich um die Gefahr gesorgt, welche Ihnen ein hochfliegender Geist
und die behende Einbildungskraft bereiten, das Wiegengeschenk einer neidischen
Fee, welche Ew. Hoheit zu glnzend und verfhrerisch machte. Denn diese
herrliche Begabung trgt die Schuld, da Sie keine vornehme Natur sind, wie Ihr
erlauchter Bruder, der Erbprinz. Zu lebhaft ist das Bedrfni, sich geltend zu
machen und auf Andere zu wirken. Den Bruder durfte man mit vollem Vertrauen
seiner guten Art berlassen, jedes Einreden in seine Seele war bei dem
vielgeplagten Kinde vom Uebel. Die reiche Knstlernatur aber, welche mit so
groen Augen auf mich sieht, habe ich stets vor einer feinen Koketterie der
Empfindung zu schtzen gesucht. Ich bin jetzt ein harter Mahner an hohe
Pflichten, weil ich Gefahren ahne, welche diese eroberungslustige Seele ber
sich und Andere heraufbeschwrt.
    Ich hre aus liebevollen Worten einen harten Vorwurf, erwiederte die
Prinzessin gehalten. Ich soll mich vermhlen - um vornehm zu werden.
    Meiner lieben Hoheit wnsche ich, da sie dieses groe Ziel erreiche als
Hausfrau eines Gemahls, der Ihrer Hingabe nicht unwerth ist. Nur auf diesem Wege
darf eine Frstin wahres Glck erwarten. Auch dies Glck wird nicht ohne
Entsagung erworben, ich wei es, Jedem ist schwer, sich selbst zu beschrnken,
wer im Purpur geboren ist, bt diese Tugend zehnmal schwerer als ein Anderer.
Verzeihung, fuhr er fort, ich bin geschwtzig geworden, wie uns Alten vom Hofe
zuweilen begegnet.
    Nicht zu viel hat mir mein Freund gesagt, noch zuwenig, rief die
Prinzessin bewegt. Mir ist der Gedanke lieb geworden, still vor mich
hinzuleben, umgeben von Mnnern, die mich das Hchste lehren, was eine Frau zu
erwerben vermag. Auch auf diesem Wege finde ich zarte Pflichten, edle Bande,
welche mich mit den Besten vereinen, auch ein solches Leben ist einer Frstin
nicht unwerth; mehr als eine hat in frherer Zeit dies Loos gewhlt, und die
Nachwelt denkt ihrer mit Achtung.
    Ew. Hoheit meint nicht Knigin Christine von Schweden, versetzte der
Obersthofmeister. Aber auch anderen war solche Wahl selten zum Heil. Denn Ew.
Hoheit erwge, wenn eine Frstin sich mit weisen Mnnern umgibt, sie meint dabei
immer einen Mann, der ihr der weiseste ist.
    Die Prinzessin schwieg und sah vor sich hin.
    Wir haben lange der Frstinnen gedacht, begann der alte Herr, man darf
auch das Schicksal der Mnner beachten, welche durch zarte Bande an das Leben
einer erlauchten Frau geschlossen werden. Gesetzt, es gelnge, einen Freund zu
finden, der ohne unziemliches Fordern mit Selbstverleugnung und vlliger
Ergebenheit sein Leben den bewegten und wechselvollen Tagen einer Frstin
widmet: viel mu er aufopfern und entbehren. Recht des Mannes ist, da das Weib
sich ihm hingibt; hier soll ein Mann die Kraft, ja auch die Leidenschaft seiner
Natur in Fesseln legen fr eine Frau, welche nicht ihm gehrt, der er nur
vorsichtig in einzelnen Stunden nahen darf wie der Freund dem Freunde, die ihn
selbst betrachtet als eine gewi sehr werthvolle Habe, zuerst als schnen
Schmuck, zuletzt im besten Fall als ntzliches Hausgerth. Am schlechtesten
steht auf diesem Posten der Knstler, der Gelehrte, ich habe immer vor solchem
wandelnden Conversationslexikon eines frstlichen Haushalts Bedauern gefhlt.
Auch groe Talente gleichen dann den Philosophen des alten Roms, welche mit
langem Bart und dem Mantel ihrer Schule im Schweif einer vornehmen Dame durch
die Straen zogen.
    Die Prinzessin stand auf und wandte sich ab.
    Besser allerdings ist die Lage des Mannes, schlo der Obersthofmeister,
dem seine Persnlichkeit gestattet, das ganze Leben seiner hohen Freundin durch
stille Arbeit zu leiten. Aber auch er mu nicht nur selbst das Schnste missen,
er wird auch seiner Herrin beim reinsten Willen nicht immer ein Glck sein. Wer
mehr sein will als ein treuer Diener, der vermindert die Sicherheit seiner
Herrin. Wird solche ritterliche Hingabe angeboten, so mag ein edles Weib zgern,
sie anzunehmen; sie hervorzulocken, ziemt einer Frstin nicht.
    Der Prinzessin strzten die Thrnen aus den Augen, sie wandte sich schnell
dem Alten zu. Ich kenne ein solches Leben, rief sie, das in unaufhrlicher
Selbstverleugnung drei Frauen unseres Hauses zum Segen war. O mein Vater, ich
wei wohl, was Sie uns gewesen sind, haben Sie Geduld mit Ihrem armen
Pflegekinde, ich ringe gegen Ihre Worte, es wird mir schwer, ihnen mein Ohr zu
ffnen, und doch wei ich, Sie sind der einzige sichere Halt, den ich bis jetzt
im Leben gehabt habe, Ihre Mahnung der einzige Zuruf, der meine Jugend vor dem
Verderben bewahrte. Wieder fate sie seine Hand, und ihr Haupt sank an seine
Schulter.
    Ich habe Ihre Gromutter geliebt, erwiederte der alte Herr mit zitternder
Stimme, es war in einer Zeit, wo dergleichen leichtherzig aufgefat wurde, ein
reines Verhltni, ich habe fr sie gelebt, ich habe ihr tglich entsagt; sie
war doch unglcklich, denn sie war Gemahlin eines andern Mannes, und gerade die
heiligsten Pflichten wurden ihr durch mein Leben erschwert. Ich habe Ihre Mutter
als sorglicher Diener behtet, ich habe doch nicht verhindert, da sie
unglcklich wurde und in dem Gefhl ihres Elends starb. Jetzt halte ich das
dritte Geschlecht an meinem Herzen und ich mchte, bevor ich von hier scheide,
da mein Leben und das Leiden der Mtter Ihnen zur Lehre sei. Habe ich je fr
Sie gesorgt, so thue ich es jetzt, hat mein liebes Kind je aus meinen Worten das
Herz eines vterlichen Freundes gefhlt, so soll sie jetzt meinen Rath nicht
gering achten, wie nchtern er auch glnzende Trume stre.
    Ich will Ihrer Worte denken, rief die Prinzessin, ich will mich mhen, zu
entsagen, aber, Vater, mein gtiger Vater, es wird mir schwer.
    Der alte Herr rckte sich schnell zusammen und unterbrach ihre Worte. Es
ist genug, sagte er in der Haltung seines Amtes, Hoheit haben heut groe
Nachsicht gegen mich gebt, noch leben Andere, welche auch ihren Antheil an
hchster Huld begehren.
    Es klopfte an der Thr, die Kammerfrau trat ein. Der Diener meldet, da
Frulein Gotlinde und die Herren im Theezimmer harren.
    Ich habe mit Sr. Excellenz noch ber Geschfte zu sprechen, antwortete die
Prinzessin leise, ich lasse Gotlinde bitten, bei unserm Gast meine Stelle zu
vertreten.

    Der Abend lag ber dem Thurmschlo, die Fledermaus flatterte aus ihrem
Schlupfwinkel in der gerumten Kammer, sie zog ihre Kreise im Hofraum des
Schlosses und schnalzte verwundert, da sie in einer leeren Behausung erwacht
war. Die Eule flog in die Thurmluke und suchte mit runden Augen nach der alten
Stuhllehne, von der sie sonst auf die dummen Muse gelauert hatte, und die
Totenuhr, die der Gelehrte aus der einsamen Kammer unter die lebenden Menschen
hinabgetragen hatte, nagte und tickte auf der Treppe und in den Zimmern des
Schlosses. Der Regen schlug an die Mauern und der Sturmwind heulte um den Thurm.
Das Weib des Gelehrten fuhr durch die Nacht flchtig wie ein gehetztes Wild, er
aber schritt noch in seinem Zimmer auf und ab und formte trumend aus den
gefundenen Blttern die ganze verlorene Handschrift. Und wieder wunderte er
sich, da sie ganz anders aussah, als er seit Jahren gedacht hatte.
    Auch um das Frstenschlo in der Residenz heulte der Wind und groe
Regentropfen schlugen an die Fenster, auch dort tobten die Gewalten der Natur
und forderten Zugang in die feste Burg der Menschen. Sle und geschmckte Zimmer
fllte das Dunkel der Nacht wie ein finsterer Rauch, nur die Laternen aus den
Anlagen warfen ihren bleichen Schein durch die Fenster, er hing an den Hllen
der Kronleuchter und dem goldenen Zierat der Wnde und machte die Oede der
menschlichen Rume noch trauriger. Die Schlouhr rief in melancholischem Schlage
durch das Haus, da die erste Stunde des neuen Tages gekommen sei. Dann wieder
Stille, de Stille berall. Zuweilen knisterte es in dem Parket des Fubodens,
und durch eine geffnete Scheibe blies der Zugwind in die Vorhnge, welche
schwarz um die Fenster hingen wie Leichenschmuck, der aufgesteckt wird beim
Begrbni eines Hausgenossen. Hier und da schien ein sprlicher Strahl aus der
Tiefe auf die Bilder an der Wand, dort hingen in der fremden Tracht ihrer Zeit
die Ahnen des Frstenhauses, und wenn bei Tage der Kastellan die neugierigen
Fremden durch die Sle geleitete, dann nannte er ihre Namen und sprach die Worte
des Lobes ber sie, welche er eingelernt hatte. Viele Geschlechter hatten in
diesen Rumen gehaust, stattliche Mnner und schne Frauen hatten sich hier im
Reigen geschwungen, in goldenen Bechern war der Wein geflossen, gndige Worte,
festliche Rede und das leise Gemurmel der Liebe waren hier gehrt worden, der
Glanz jeder frheren Zeit war berboten durch reicheren Zierat der spteren.
Alles aber war verschwunden und verweht, ber den bunten Farben lag die Schwrze
der Nacht und des Todes. Die sich einst hier verbeugt und des bunten Gewhls
geladener Gste gefreut, sie alle waren hinabgestiegen zur Tiefe, nichts war
geblieben in dieser Stunde als traurige Leere und unheimliche Stille und eine
einzelne Gestalt, welche geruschlos wie ein Geist auf dem glatten Boden
dahinschlich. Es war der Herr dieses Schlosses. Das Haupt vorgebeugt wie im
Traume, ging er bei den Bildern seiner Ahnen vorber.
    Das scheue Reh entlief, flsterte er, der Panther sprang zu kurz, heulend
schleicht er, das Haupt gesenkt, in seine Kluft zurck. Die groe Katze konnte
ihre Krallen nicht bergen. Die Jagd ist aus, es ist Zeit, den Hammer dieser
Brust in Ruhe zu setzen.
    Es war nur ein Weib, ein kleines, unbekanntes Menschenleben, aber die
Gaunerin Phantasie hat meine Sinne an ihren Leib gebunden, ihr allein gehrt,
was ich von Wrme und Hingabe fr das Menschenvolk brig habe. Er blieb vor
einem Bilde stehen, auf welches das trbe Licht einer gedmpften Lampe fiel. Du
Alter im Harnisch weit, wie Einem ums Herz ist, der flchtig von Haus und Hof
zieht und seinem Feind berlassen mu, was ihm lieb war. Als du aus dem Schlosse
deiner Vter eiltest, ein heimatloser Flchtling, verfolgt von der Meute fremder
Sldner, da war dir elend zu Muth und du warfst einen wilden Fluch hinter dich.
Aermer fhlt sich dein Enkel, der jetzt flchtig durch das Erbe gleitet, das du
ihm hinterlassen, dir blieb die Hoffnung im harten Herzen, ich habe heut Alles
verloren, wofr zu athmen der Mhe lohnt. Sie ist meinen Wchtern entflohen.
Wohin? Auf den Stein zu ihrem Vater! Fluch der Stunde, wo ich selbst, durch ihre
Worte getuscht, den Knaben in ihre Berge sandte.
    Er schlich weiter. Die dritte Station auf dem Wege zum Ende, grbelte er,
ist eitles und nichtiges Spiel und bubenhafte Tcke. So sagte der gelehrte
Pedant. Es traf ein, ich bin entstellt zu einem kindischen Zerrbild meiner
Natur. Klglich ist das Geflecht des Netzes, welches ich um ihre Glieder legte,
fester Wille vermochte es im Augenblick zu zerreien. Er hatte Recht, knabenhaft
war das Spiel. Durch einen Federbart wollte ich ihn festhalten, und bevor noch
die Kunst des Magisters ihre Wirkung gethan, strte ich mir selbst den Erfolg
durch die zitternde Hast meiner Leidenschaft. Wenn ihm die Kunde kommt, da sein
Weib entflohen, dann schnrt auch er seine Bcher und hhnt mich in sicherer
Ferne. Schlechter Spieler, der an die Spielbank trat mit gutem Vorsatz, Stck um
Stck auf das grne Tuch zu setzen, und der im Wahnsinn den Beutel hinwarf und
durch eine Kugel Alles verlor. Fluch ber ihn und mich! Er darf nicht von mir,
er darf sie nicht sehen. Doch was ntzt ihn zu halten, wenn ich nicht seine
Glieder in Eisen schmiede oder seinen Leib da unten berge, wo wir alle geborgen
werden, wenn die Andern Macht erhalten, sich unser zu entledigen. Du lgst,
Professor, wenn du mich deinen alten Kaisern vergleichst. Mir graut bei dem
Gedanken an Dinge, die jene lachend thaten, und mein Hirn weigert sich zu
denken, was einst ein kurzer Wink der Hand befahl.
    Eine Kugel und ein Wrfel fr zwei, fuhr er fort, das ist ein lustiges
Spiel, von Meinesgleichen erfunden. Wie's trifft, der Eine fllt, der Andere
springt davon. Wir wrfeln, Professor, wer von uns beiden dem Gegner diesen
letzten Dienst erweist. Und ich werde dir zunicken, du Trumer, wenn ich der
Glckliche bin, der zur Ruhe gebracht wird.
    Reicht dein Witz aus, Philosoph, dein Schicksal vorauszusehen, wie jenem
alten Sterndeuter gelang, den dein Tiberius nach der eigenen Zukunft frug? La
uns versuchen, wie weise du bist.
    Er stand wieder still und sah unruhig auf die dunklen Bilder. Ihr schttelt
mit den Kpfen, ihr Alten an der Wand, mancher von euch hat gethan, was Anderen
leid wurde, ihr seid alle ehrenvoll eingesargt mit Trauermarschall und
Leichenpferd, man hat Lieder gesungen euch zu Ehren und die Gelehrten haben
lateinische Wehklagen geschmiedet und geseufzt, da der goldene Regen aufhrte,
der aus eurer Hand auf sie herabfiel. Dort steht einer von euch, rief er und
sah mit starrem Auge in einen Winkel, dort schwebt der Wehegeist heran, der
schwarze Schatten, der durch dieses Haus fhrt, wenn das Unglck naht, die
Schuld und die Bue. Es fhrt dahin, die Narren zu schrecken, wesenlos, ein Spuk
meiner kranken Laune. Ich sehe, wie es die Hand hebt, es scheucht, und mir graut
vor der Malerei meines Gehirns. Hinweg, rief er laut, hinweg! Ich bin der Herr
des Hauses! Er lief durch die Zimmer und strauchelte, der schwarze Schatten
eilte hinter ihm. Der Frst strzte auf den Fuboden.
    Er rief laut nach Hilfe in dem den Raum. Als der vertraute Diener aus dem
Vorzimmer des Frsten herzueilte, fand er seinen Herrn auf der Erde liegen. Ich
hrte einen gellenden Ruf, rief der Frst, sich wild erhebend, wer hat
geschrieen ber meinem Haupt?
    Der Diener versetzte zitternd: Ich wei nicht, wer es war, ich hrte den
Ruf und eilte herbei.
    Ich war es wohl selbst, sagte der Frst tonlos, mich berkam die
Schwche.

    Am frhen Morgen rief der Professor den Kastellan und strmte die
Thurmtreppe hinauf, er fuhr in der Kammer umher und rckte an Bohlen und
Bretern, er fand manchen vergessenen Kasten, nicht den, welchen er suchte. Er
lie den Kastellan jeden Nebenraum des Schlosses ffnen, schritt durch die Bden
und Keller, nirgend eine Spur. Er suchte bei dem Frster, welcher in einem
Nebenhause wohnte, auch dieser wute keine Auskunft zu geben. Als der Gelehrte
wieder in sein Zimmer trat, legte er das Haupt auf seine Hnde. Aber er schalt
sich und bndigte sich. Zu sehr habe ich die khle Umsicht verloren, welche
Fritz die hchste Tugend des Sammlers nennt. Gewhne dich an den Gedanken, zu
entsagen und prfe ruhig die Hoffnung, welche noch dauert. Sei auch nicht
undankbar fr das Wenige, das du gewonnen. Aber ihm wurde schwer, bei den
gefundenen Blttern zu verweilen, und er ging wieder sinnend auf und ab. Er
hrte Stimmen im Hofe, eiliges Laufen in dem Gange, endlich meldete ein Lakai
die Ankunft des Frsten, und da dieser den Professor beim Frhstck zu sehen
wnsche.
    An der Thurmseite, welche der Morgensonne entgegenlag, war unter blhendem
Gestruch die Tafel gedeckt. Als der Professor unter das Dach trat, welches die
Stelle vor Regen und Sonnenstrahlen schtzte, fand er neben der Dienerschaft
auch die Forstbeamten aufgestellt, und auer dem Marschall den Obersthofmeister,
welcher unruhiger als der Professor die pltzliche Ankunft des Frsten bedachte.
    Der alte Herr nherte sich dem Gelehrten und sprach Gleichgltiges. Wie
lange gedenken Sie hier zu bleiben? frug er verbindlich.
    Ich werde um Erlaubni bitten, in der nchsten Stunde nach der Stadt
abzureisen, ich bin fertig.
    Es whrte lange, bis die Herrschaften kamen. Als der Frst aus der Thr
trat, fiel sein leidendes Aussehen allen Anwesenden auf, seine Bewegungen waren
hastig, die Zge verstrt, die Blicke fuhren unstt ber die Gesellschaft. Er
wandte sich zuerst mit harter Frage an den Frster. Wie durften Sie das widrige
Geschrei der Dohlen am Thurme leiden? Es ware Ihre Sache, dort aufzurumen.
    Ihre Hoheit, die Frau Prinzessin, hatte in vorigem Sommer fr die Vgel
gebeten.
    Mir ist der Ton unertrglich, sagte der Frst, bringen Sie Gewehre und
machen Sie sich bereit, einigemal darunter zu schieen.
    Da der Verbrauch von Jagdpulver zu den regelmigen Landfreuden des Hofes
gehrte, und der Frst auch in der Umgebung des Schlosses gern selbst einmal auf
einen Raubvogel oder ein anderes lockendes Ziel sein Gewehr richtete, fand der
Hof diesen Auftrag weniger hart als der Gelehrte.
    Der Frst wandte sich an den Obersthofmeister. Ich bin berrascht,
Excellenz hier zu finden, ich wute nicht, da auch Sie sich fr dies Stillleben
Urlaub ertheilt haben.
    Mein gndigster Herr drfte berrascht sein, wenn ich meine Pflicht nicht
gethan htte. Es war meine Absicht, Eurer Hoheit noch heute in der Residenz ber
das Befinden der Frau Prinzessin zu berichten.
    Also darum! bemerkte der Frst spttisch, ich hatte vergessen, da mein
Obersthofmeister seines Wchteramtes nicht mde wird.
    Ein Amt, das man fast ein halbes Jahrhundert im Dienst des erlauchten
Hauses gebt hat, wird zur Gewohnheit, erwiederte der Obersthofmeister. Ew.
Hoheit haben den Eifer eines Dieners, der sich gern ntzlich machen mchte,
sonst mit Nachsicht beurtheilt.
    Der Frst wandte sich an den Hofmarschall und frug mit gedmpfter Stimme:
Will er bleiben?
    Der Hofmarschall versetzte gedrckt: Es war kein Versprechen, nicht einmal
ein Wunsch aus ihm zu holen.
    Ich wute es bereits, unterbrach der Frst rauh. Er kehrte sich zu dem
Professor und zwang sich heftig zu freundlicher Miene, als er sagte: Ich habe
von meiner Tochter gehrt, welchen Verlauf Ihr Feldzug gegen Stuhlbeine genommen
hat. Ich wnsche darber noch mit Ihnen allein zu sprechen.
    Man nahm Platz. Der Frst starrte vor sich hin und trank einige Glser Wein,
auch die Prinzessin sa schweigend, es war eine einsilbige Unterhaltung. Nur der
Obersthofmeister wurde gesprchig, er frug nach einer Bste Winckelmanns und
sprach von dem lebhaften Antheil, welchen die Nation jedem ungewhnlichen
Schicksal ihrer geistigen Fhrer zuwendet.
    Es mu doch ein angenehmes Gefhl sein, sagte er verbindlich zum
Professor, gewissermaen von der ganzen gebildeten Welt gehtet zu werden. In
hundert Fllen vergeht das Privatleben unserer groen Gelehrten ohne besondere
Ereignisse und doch beschftigt sich unser Volk so gern mit dem Lebenslauf der
Geschiedenen. Wen ein gnstiger Zufall mit Herren Ihresgleichen in Berhrung
setzt, der mag sich vorsehen, da er nicht unter den Hnden spter Biographen
fr alle Ewigkeit mit einem entstellenden Strich versehen wird. Ich gestehe,
fgte er lchelnd hinzu, da diese Scheu mich mancher lehrreichen Bekanntschaft
beraubt hat.
    Der Professor erwiederte ruhig: Das Volk ist sich bewut, da es zuerst
durch die Arbeit der Studierstuben aus dem Elend heraufgekommen ist, bei
lngeren Erfolgen im politischen Leben wird auch die Theilnahme an den Trgern
unserer bisherigen Cultur auf ein bescheideneres Ma zurckgefhrt werden.
    Ich habe dem Frsten erzhlt, da Sie hier doch etwas gefunden, bemerkte
die Prinzessin ber den Tisch.
    Da ist nahebei ein merkwrdiger Fund in altem Hnengrabe gemacht, knpfte
der Obersthofmeister an und berichtete weitlufig ber Totenurnen.
    Aber der Frst selbst wandte sich an den Gelehrten. Jetzt ist doch
Hoffnung, da sich auch das Uebrige finden wird.
    Leider wei ich nicht mehr, wo ich suchen soll, entgegnete der Professor.
    Was Sie gefunden haben, fuhr der Frst mit Selbstberwindung fort, ist
also unbedeutend.
    Dem Professor war nicht recht, da die Rede wieder auf die Handschrift kam,
er empfand Mibehagen, von seinem Rmer zu erzhlen. Es sind einige Kapitel aus
dem sechsten Buch der Annalen, versetzte er mit Haltung.
    Als Ew. Hoheit in Pompeji standen, fiel der Obersthofmeister ein,
erregten die eingekratzten Aufschriften der Wnde Aufmerksamkeit. In diesen
Tagen fiel mir eine hbsche Abhandlung darber in die Hand. Es ist fesselnd, das
lebhafte Volk des alten Unteritaliens in den unbefangenen Aeuerungen seiner
Liebe und seines Hasses zu beobachten. Man fhlt sich bei den naiven Ausrufungen
der kleinen Leute fast ebenso lebhaft in die alte Zeit versetzt, als wenn man
jetzt ein Zeitungsblatt in die Hand nimmt, das vor mehren Jahren geschrieben
wurde. Wer den Brgern Pompejis gesagt htte, da man nach achtzehn
Jahrhunderten noch wissen wrde, wen sie in zuflliger Verstimmung einmal
feindselig behandelt haben, dem htten sie es schwerlich geglaubt. Wir freilich
sind vorsichtiger.
    Also das war der Ha kleiner Leute, bemerkte der Frst zerstreut, Tacitus
wei davon nichts, ihn kmmert der Skandal des Hofes. Wahrscheinlich hatte auch
er ein Hofamt.
    Die Prinzessin sah unruhig auf den Frsten. Ist von dem Inhalt der beiden
Pergamentbltter auch etwas fr uns Frauen belehrend? frug sie wieder
ablenkend.
    Nichts Neues, antwortete der Gelehrte, da, wie ich die Ehre hatte, Ew.
Hoheit zu sagen, uns dieselbe Stelle bereits aus einer italienischen Handschrift
bekannt ist. Es sind kleine Ereignisse im rmischen Senat.
    Zank der versammelten Vter, warf der Frst nachlssig ein, es waren
elende Sklaven. Ist das alles?
    Am Schlu stand noch eine Anekdote aus dem Privatleben des Tiberius. Der
verstrte Geist des Frsten klammert sich an die Astrologie; er ruft Sterndeuter
zu sich und lt in das Meer schleudern, die er in Verdacht eines Betruges hat.
Auch der kluge Thrasyllus wird ber den verhngnivollen Felsenpfad zu ihm
gefhrt, er verkndet die verborgenen Geheimnisse des kaiserlichen Lebens. Da
forscht Tiberius lauernd, ob er auch wisse, was ihm selbst der gegenwrtige Tag
bringen werde.
    Der Philosoph fragt die Gestirne und ruft zitternd aus: Bedenklich ist
meine Lage, ich sehe mich in Todesgefahr. An dieser Stelle bricht unser
Bruchstck ab. Der Vorfall mag sich wiederholt haben, dieselbe Anekdote haftet
an mehr als einem Frstenleben.
    Um die Zinne des Thurmes flog die Schaar der Dohlen, sie schwatzten und
schrieen und erzhlten einander, da unten der Weidmann stand, der ein Wild
suchte.
    Der Frst erhob sich schnell. Diesem Geschrei der schwarzen Vgel soll ein
Ende gemacht werden, er winkte dem Bchsenspanner. Der Mann trat heran und
legte ein Gewehr in die Hand des Frsten. Der Frst setzte den Kolben auf die
Erde und wandte sich zu dem Professor, whrend die Prinzessin beunruhigt durch
die letzten Worte des Gelehrten mit ihrem Gefolge abseits stand und um Fassung
rang.
    Die Prinzessin hat mir gesagt, begann der Frst, da Sie Bedenken tragen,
einen Wunsch zu erfllen, der uns allen groe Bedeutung gewonnen hat. Ich hoffe,
da die Hindernisse nicht unberwindlich sein werden.
    Mir ziemt, versetzte der Professor, erfreut durch die gtigen Worte des
Frsten, einen so ehrenvollen Antrag ruhig zu erwgen. Ich habe nicht nur auf
meine Wissenschaft Rcksicht zu nehmen, auch auf Anderes.
    Worauf? frug der Frst.
    Auf den Wunsch einer geliebten Frau, sagte der Professor. Ein pltzliches
Zucken kam ber die Glieder des Frsten.
    Und wie betrachten Sie Ihr Verhltni zu mir? frug der Frst mit heiserer
Stimme.
    Der Gelehrte sah den Frsten an, aus den Augen sprhte ttlicher Ha und der
glitzernde Schein des bsen Blickes, er sah die Mndung des Gewehres gegen seine
Brust gerichtet und da der gehobene Fu des Frsten um den Drcker fuhr.
    Der Wetterstrahl zuckte, kein Raum zur Flucht, keine Zeit zur Regung; der
Gedanke des letzten Augenblicks fuhr ihm durch das Haupt. Er erblickte vor sich
das verzerrte Antlitz des Kaisers Tiberius und er sagte leise: Ich stehe auf
dem Pfad des Todes.
    Der Frst sinkt! schrie der Obersthofmeister. Er warf sich mit
ausgestreckten Armen gegen den Herrn und ergriff seine Hnde. Der Frst wankte,
das Gewehr fiel zu Boden, er selbst wurde von den Armen der Herbeieilenden
aufgefangen.
    Die Prinzessin flog herzu und sah fragend dem Gelehrten in das bleiche
Antlitz. Den Frsten berkam ein pltzlicher Schwindel, antwortete dieser
ruhig.
    Der Herr wird ohnmchtig, rief der Obersthofmeister. Wie geht es Ihnen,
Herr Werner? Die Hnde des alten Mannes zitterten.
    Gebrochen hing der Frst in den Armen seiner Begleiter, er wurde nach dem
Schlo getragen.
    Die Umstehenden sprachen in warmen Worten ihren Schreck ber den Zufall aus,
die Prinzessin eilte dem kranken Frsten nach. Ehe der Obersthofmeister folgte,
sagte er noch zum Professor, indem er ihm prfend ins Auge sah: Nicht zum
ersten Mal erkrankt der Frst an solchem Zufall, Ihnen kam das berraschend, Sie
wuten nicht, da der Frst leidend ist?
    Ich wei es seit heut, erwiederte kalt der Gelehrte.

    Wenige Minuten darauf trat der Obersthofmeister in das Zimmer des
Professors, welcher sich zur Abreise bereitete.
    Ich komme, Ihre Nachsicht zu erbitten, begann der Obersthofmeister. Denn
ich mu Ihnen durch ein Bekenntni lstig werden, welches fr mich peinlich ist.
Sie haben neulich in meiner Gegenwart dem Frsten von dem Csarenwahnsinn
rmischer Kaiser berichtet. Was Sie damals sagten, war mir sehr lehrreich.
    Ich ahne jetzt, versetzte der Professor finster, da der Ort dafr sehr
wenig geeignet war.
    Mehr als Sie annehmen, sagte der Hofmann trocken. Fr mich war
vorzugsweise lehrreich, nicht was Sie sagten, sondern da Sie es sagten. Ich
hatte nicht fr mglich gehalten, da Jemand so scharfsinnig Vergangenes
nachfhlen und so bereitwillig auf ein Urtheil ber seine Umgebung verzichten
knnte. Sie haben damals einem Kranken seine eigene Krankheitsgeschichte
erzhlt.
    Ich habe darber soeben Beobachtungen gemacht, antwortete der Gelehrte.
    Der Frst ist gemthskrank. Es ist jetzt nothwendig, da Sie es wissen. Ich
habe Ihnen noch ein zweites Bekenntni abzulegen. Mir ist begegnet, da ich Sie
falsch beurtheilt habe.
    Es wrde mir von Werth sein, wenn Ihr gegenwrtiges Urtheil gnstiger wre
als das frhere, entgegnete der Professor mit Haltung.
    In Ihrem Sinne, ja, fuhr der Obersthofmeister fort. Ich habe Sie in Ihren
hiesigen Beziehungen lngere Zeit fr einen vorsichtigen Mann gehalten, der klug
seine Zwecke verfolgt, ich habe erfahren, da Sie das nicht sind, sondern etwas
Anderes.
    Ein ehrlicher Mann, Excellenz.
    Wir haben einander nichts vorzuwerfen, antwortete der Hofmann, das Haupt
neigend, wie Sie den Frsten, so habe ich Sie selbst unrichtig beurtheilt. Aber
mein Versehen ist das grere. Denn ich bin der ltere, und ich habe nicht wie
Sie die Entschuldigung eines besonders reichen Geistes, welcher zuweilen
erschwert, andere Naturen unbefangen aufzufassen. Eine Entschuldigung aber haben
wir beide. Es ist selten leicht, solchen gerecht zu werden, welche in andern
Kreisen aufgewachsen sind und in Tugenden und Schwchen fremdartige Mischung
zeigen. Befriedigung oder Verletzung des eigenen Selbstgefhls irrt uns allen
das Urtheil. Wo die gemthlichen Neigungen abweichen, entfremdet Mibehagen, wo
krftig Tne der eigenen Brust sympathisch wiederklingen, gefhrdet schnelle
Annherung. So habe ich Ihre ehrliche Unbefangenheit zu niedrig geschtzt, ich
zahle in dieser Stunde die Bue, denn ich bergebe Ihnen ein Geheimni in dem
Vertrauen, da Sie es mit hohem Sinn aufnehmen werden.
    Ich nehme an, da Excellenz mir diese Mittheilung nicht ohne bestimmte
Veranlassung machen.
    Man geht damit um, Sie in unserer Stadt festzuhalten, warf der
Obersthofmeister hin.
    Mir sind seit gestern Antrge in dieser Richtung zugegangen. Der
Obersthofmeister fuhr fort: Ich habe nicht nthig, um Ihre Antwort zu sorgen.
Sie haben die Meinung kennengelernt, welche sich hinter artiger Hlle verbarg.
Wissen Sie, weshalb der Frst Ihnen den Antrag gemacht hat?
    Nein. Bis zu diesem Morgen habe ich nicht gezweifelt, da ein gewisses
persnliches Wohlwollen und die Ansicht, da ich hier ntzlich sein knnte, der
Beweggrund war.
    Sie irren, entgegnete der Obersthofmeister. Man will Sie nicht blo
deshalb festhalten, um Sie fr vergngliche Privatinteressen zu verwenden, das
letzte Motiv sind, wie ich annehme, die Grillen eines Kranken, welcher in Ihnen
bald einen Gegner sieht, bald einen Scharfsinn frchtet, der schonungslos
krankhafte Stimmungen vor der Welt aufdecken knnte. Sie sollen hier festgebannt
werden, man will Sie streicheln, kratzen, beobachten, verfolgen. Sie sind ein
Gegenstand des Interesses, der Scheu und Abneigung geworden.
    Der Professor stand auf. Was ich erlebt und was Sie mir sagen, zwingt mich,
diese Sttte augenblicklich zu verlassen.
    Ich wnsche nicht, sagte der Obersthofmeister, da Sie mit einem lauten
Miton von hier scheiden, wenn dies vermieden werden kann; um Ihretwillen nicht,
und wegen manchem von uns nicht.
    Der Professor trat an den Tisch, auf welchem die Pergamentbltter lagen.
Ich erbitte Ihre Geduld, wenn ich nicht sogleich ruhige Haltung wiederfinde.
Die Lage, in welche wir versetzt sind, ist wie aus einem fremden Jahrhundert,
sie steht in furchtbarem Gegensatz zu der heitern Sicherheit, womit wir das
eigene Leben und die Seelen unserer Zeitgenossen betrachten.
    Heitere Sicherheit? frug der Obersthofmeister traurig. An Hfen
wenigstens drfen Sie diese nicht suchen, und nirgend, wo der Einzelne aus dem
Privatleben heraustritt. Heitere Sicherheit! Auch ich mchte fragen, ob wir aus
Einem Jahrhundert sind. Schwerlich hat es eine Zeit gegeben, wo so Vieles
unsicher, das Alte so abgelebt und das Neue so schwach war.
    Der Professor hob erstaunt das Haupt bei der lauten Klage des Greises.
    Der Obersthofmeister fuhr zrnend fort: Ich hre berall von den
Hoffnungen, die man im Volke hat, ich sehe hufig ein junges burschikoses
Vertrauen. Es ist freilich noch weit von gereifter Kraft, aber ich verarge einem
gemthvollen Manne nicht, wenn er darauf Hoffnungen setzt. Ja, ich darf
einrumen, da dieser jugendliche Muth in der That die beste Hoffnung ist,
welche wir haben. Aber ich bin ein alter Mann, ich vermag dies Neue nirgend, wo
es ber die Interessen des Privatlebens hinausstrebt, bedeutend zu finden. Ich
fhle die Abnahme der Lebenskraft in der Luft, welche mich umgibt. Meine Jugend
fllt in eine Zeit, wo die beste Bildung der Nation den Hfen nahestand; meine
eigenen Vorfahren haben durch sechs Jahrhunderte an den Thorheiten und
Verbrechen, aber auch an dem Stolz ihrer Zeit eifrig Theil genommen, ich bin zum
Manne erwachsen in der Vorstellung, da Frsten und Adel die geborenen Fhrer
der Nation sind. Ich sehe mit Trauer, da sie auf lange, vielleicht fr immer
diese Fhrung verlieren. Manches, was Sie neulich erzhlten, pat genau auf die
letzten Jahrzehnte, welche ich durchlebt. Es war eine schmerzvolle Zeit. Die
dumpfe Schwche im Leben des Volkes hat am meisten auf den Hhen verwstet. Auch
da hat es nicht an einzelnen ehrenwerthen und krftigen Mnnern gefehlt. Welche
Zeit htte sie ganz entbehrt? Aber, was die edelste Blthe der Volkskraft sein
sollte, das ist gerade in dieser leeren und schalen Zeit am tiefsten erkrankt.
    Der Professor warf ein: Ist Grund zur Trauer, wo vielleicht der Einzelne
verliert, das Ganze gewonnen hat?
    Zuverlssig nicht, versetzte der Hofmann, wenn nur der Gewinn fr das
Ganze so sicher stnde. Aber mit Erstaunen sehe ich, da gerade die grten
Angelegenheiten der Nation von allen Seiten schlerhaft klein betrieben werden.
Vieles Werthvolle ist verloren, Besseres nicht gewonnen. Die Feinheit der
Empfindung, welche sich sonst in allen Formen des Verkehrs sehr wohlthuend
ausdrckte, vorsichtige Behandlung wichtiger Geschfte werden selten. Wenn
dieser Vorzug nicht ausreicht, Charaktere zu bilden, wie sie vielleicht die
Gegenwart braucht, er machte doch das Leben gefllig und schn. Was einst hufig
war an den Hfen und den Geschften, sicheres Gefhl der Ueberlegenheit,
grazise Herrschaft ber Andere, das mssen wir entbehren. Die Diplomatie hat
aufgehrt, vornehm zu sein. Man brskirt, man aventurirt, nicht nur der Adel der
Gesinnung, sogar der anmuthige Schein desselben fehlen, an den Hfen hat
unsichere Kleinlichkeit, ein mrrisches, gereiztes, abschlieendes Wesen ber
Hand genommen, in der Diplomatie Ungezogenheiten und Leichtsinn ohne Kenntnisse
und ohne mnnlichen Willen. Unsere Prinzen klirren als bewaffnete Miggnger
einher, die alte Hofzucht ist verloren, man fhlt sich haltlos auf der Defensive
und sucht in thrichten Uebergriffen sein Heil. Es ist schwer, sich die
Empfindung fern zu halten, da es mit diesem Treiben unaufhaltsam abwrts gehe.
    Der Professor lchelte ber die Trauer des alten Herrn.
    Ich verdenke Ihnen nicht, fuhr der Obersthofmeister fort, wenn Sie das
Unglck dieser Verwandlung weniger schmerzlich empfinden als ich. Es ist nur
schade, da es immer noch die hchsten irdischen Interessen sind, mit welchen in
solcher Weise gespielt wird.
    Ist denn aber das Unglck so allgemein? versetzte der Professor.
    Unserem vielgestaltigen Leben fehlt es nicht an glnzenden Ausnahmen,
sagte der Obersthofmeister. Es war uns auch in der Zeit, wo wir vor der Welt
die grten Trauerspiele auffhrten, noch vergnnt, hier und da eine heitere
Novelle ins Leben zu rufen. Kaum jemals hat es uns ganz an einem Lande gefehlt,
welches die fnf Charaktere eines guten Hofes in dauerndem Zusammenleben
vereinte: einen geradsinnigen Herrn, eine liebenswrdige Frstin, einen
hochgesinnten Staatsmann, eine geistreiche Hofdame und unter den Cavalieren
einen berlegenen Geist. Aber die Sttten sind selten geworden.
    Waren sie jemals hufig?
    Sie waren in der Zeit, aus welcher meine ersten Erinnerungen stammen, der
Stolz unserer Nation, versetzte der Obersthofmeister.
    Gerade in jener Zeit haben wir auch Anderes gewonnen, worauf wir noch jetzt
stolz sind, entgegnete der Gelehrte. Es waren kurze Jahrzehnte, in welchen die
Hfe fr Pflegesttten der freiesten Zeitbildung galten, und nur durch die
seltsamen politischen Schicksale unseres Volkes ist diese Fhrerschaft mglich
geworden. Jetzt ist sie auf andere Kreise bergegangen und fr die vornehme
Bildung Einzelner haben wir die vermehrte Tchtigkeit Vieler eingetauscht.
    Auch hierbei ist ein Verlust, rief der Obersthofmeister, da vornehme
Naturen berhaupt selten geworden sind. Ich bin bereit, die groen Fortschritte
anzuerkennen, welche das Brgerthum in den letzten fnfzig Jahren gemacht hat.
Aber die Tchtigkeit, welche das Volk in Erwerb und Verkehr entwickelt, ist zu
selten verbunden mit sicherem Selbstgefhl, ja auch selten mit der
festgegrndeten Stellung, deren eine politische Kraft bedarf. Zu hufig ist das
Schwanken zwischen unzufriedenem Trotz und bergroer Fgsamkeit, hoch fliegt
die Begehrlichkeit, zu klein ist der Opfermuth. Ueberall hat der Wohlstand
zugenommen, wer drfte das leugnen? Nicht in demselben Mae das Verstndni fr
die hchsten Angelegenheiten der Nation.
    Die Lebenden kommen herauf, erwiederte der Gelehrte, die Shne werden
sicherer und freier stehen, auch auf diesem Gebiet gehrt unsere Zukunft denen,
welche emsig arbeiten.
    Vieles mag verloren gehen, sagte der Obersthofmeister, bevor die
Steigerung, welche Sie erwarten, so gro wird, da sie den Aufstrebenden Antheil
an der Herrschaft verschafft. Ich bin zu alt, mich von Hoffnungen zu nhren,
deshalb vermag ich Ihre lichtvolle Auffassung unserer Lage mir nicht anzueignen.
Ich wnsche unserer Nation Gutes, woher es auch komme, ich wei, sie hat
Aergeres berstanden als das gegenwrtige Hngen zwischen einer niedersteigenden
und einer aufsteigenden Bildung. Aber ich fhle, da die Luft, in der ich lebe,
immer schwler wird, die Spannung der Gegenstze gefhrlicher. Wenn ich
zurcksehe auf ein langes Leben, so graut mir zuweilen vor dem Siechthum, das
ich geschaut. Es war keine Zeit riesiger Laster, wie Ihre Kaiserperiode, aber es
war eine Zeit, in welcher nach kurzem poetischen Traum die Schwche drftiger
Seelen herrschte und verdarb. Die Gestalten, welche in dieser Zeit verkommen
sind, werden der Nachwelt nicht frchterlich erscheinen, aber grotesk und
verchtlich. Sie, Herr Professor, leben in einem neuen Zeitalter, wo sich ein
jngeres Geschlecht unbehilflich mht, heraufzukommen. Mir fehlt Empfnglichkeit
fr die neue Art, und mir fehlt der Muth zu hoffen, denn mir fehlt jede
Fhigkeit, die Jngern bildend zu frdern.
    Er war aufgestanden. Der Greis und der jugendfrische Mann, der Diplomat und
der Gelehrte standen einander gegenber, der Eine Sprecher fr die Welt, welche
sich abwrts neigte, der Andere Verknder der Lehren, welche unablssig die alte
Welt erneuen. Auf dem ruhigen Antlitz des Alten lag stille Trauer, in den
geistvollen Zgen des Jngern arbeitete krftig die Empfindung, ein hoher Sinn
und ein feiner Geist schaute aus den treuen Augen Beider.
    Was wir einander zu sagen hatten, fuhr der Obersthofmeister fort, ist
gesagt. Ich habe versucht gut zu machen, was ich gegen Sie versehen, mge Ihnen
die geschwtzige Offenheit, mit der ich mich Ihrem Urtheil hingab, eine kleine
Genugthuung dafr sein, da ich zu lange gegen Sie schwieg. Es ist die beste
Genugthuung, die ich einem Manne Ihrer Art zu geben wei. Was die krankhafte
Stimmung Anderer betrifft, von welcher wir ausgingen, so bedarf es darber
zwischen uns keiner Worte; beide werden wir besonnen thun, was unsere Pflicht
ist, um die Menschen, welche unserer Sorge vertraut sind, vor Gefahr zu hten,
auch uns selbst zu wahren, Herr Werner. Leben Sie wohl! Mge die Thtigkeit,
welche Sie gewhlt haben, Ihnen das freudige Vertrauen zu Ihrer Zeit und Ihrem
Geschlecht erhalten, bis in die Jahre, welche ich auf meinem Scheitel trage.
Dies hchste Glck des Menschen habe ich, der unbedeutende Mann, zuweilen mit
Schmerzen entbehrt, wie sie Ihr groer Rmer gefhlt hat.
    Gestatten Excellenz auch mir, Ihnen eine Bitte auszusprechen, versetzte
der Gelehrte mit warmer Empfindung. Noch oft mag die ungebte Rhrigkeit der
Jngern Ihnen ein bitteres Lcheln abnthigen, und nicht immer werden die
unfertigen Werke, welche wir Pioniere der Wissenschaft aufwerfen, den
Forderungen gengen, welche Sie auch an uns stellen; denken Sie, wenn Sie uns
tadeln mssen, auch nachsichtig daran, da unser Volk die Brgschaft
schpferischer Jugend so lange in sich trgt, als die Ehrfurcht vor jeder
geistigen Arbeit und die einfache Ehrlichkeit in Liebe und Ha ihm nicht
verloren sind. Solange die Nation sich selbst verjngt, vermag sie auch ihre
Frsten und die Leiter ihrer Geschfte mit neuem Leben zu erfllen. Denn wir
sind nicht Rmer, sondern warmherzige und dauerhafte Germanen.
    Nero wagt nicht mehr, die Apostel einer neuen Lehre zu verbrennen,
erwiederte der Obersthofmeister mit trbem Lcheln. Darf ich dem Frsten von
Ihnen das Herkmmliche sagen, das Sie ihm aussprechen drfen, ohne Ihrer Wrde
wehe zu thun?
    Ich bitte darum, Excellenz, versicherte der Professor.
    Der Professor eilte, sich bei der Prinzessin zu beurlauben, sie empfing ihn
in Gegenwart ihres Fruleins und des Hofmarschalls. Wenige Worte wurden
gewechselt; whrend sie die Hoffnung aussprach, ihn recht bald in der Residenz
wiederzusehen, wollte ihr die Sprache versagen. Als er das Zimmer verlassen,
flog sie hinauf in die Bibliothek und blickte hinab auf den Wagen, in welchen
die Truhe geladen wurde. Sie brach einige der Blumen ab, welche der Grtner in
ihr Zimmer gesetzt und schlang sie mit einem Bande zusammen. Sein Auge sah auf
euch und seine Stimme klang in dem Raum, in dem ihr euer flchtiges Leben
verbringt. Es war ein kurzer Traum! kein Traum, ein schnes Bild war's aus neuer
Welt.
    Wie sich die Frau fgt dem strkern Geist in liebevoller Hingabe, ihr Auge
auf das seine geheftet, das Glck habe ich geahnt. Nur einmal hat meine Hand die
seine berhrt, und doch habe ich an seinem Herzen gelegen, unsichtbar,
krperlos, Niemand wei es, er selbst nicht, ich allein empfand die Wonne.
Leichtes, luftiges Band, gewebt aus den zartesten Fden, die sich von einer
Menschenseele zur andern ziehen, du sollst zerreien und verwehen, nur das
Gefhl bleibt, da die Neigung, welche zwei Freunde zueinander zog, zum Segen
wurde fr eines der beiden.
    Du ernster Mann gehst deinen Pfad, und ich den meinen, und wenn der Zufall
uns zusammenfhrt, dann neigen wir uns artig voreinander und gren uns mit
hflicher Rede. Lebe wohl, Gelehrter, sooft mir einer deiner Genossen
entgegentritt, ich werde fortan wissen, da er zu einer stillen Gemeinde gehrt,
in deren Vorhof auch ich demthig mein Haupt geneigt.
    Aus den Baumgipfeln, auf die das Frstenkind niedersah, sangen die Vgel.
Der Wagen rollte davon, sie beugte sich herab und hielt den Strau in der
ausgestreckten Hand, dann warf sie die Blumen mit krftigem Schwunge in den
Wipfel eines Baumes, sie hingen unter den Blttern, ein kleiner Vogel flog auf,
doch er setzte sich im nchsten Augenblick wieder vor den Strau und sang sein
Lied fort. Die Prinzessin aber legte ihr Haupt an die Mauer des Thurmes.
    Der Gelehrte fuhr der Stadt zu, die Truhe, welche er gefunden, stand vor
ihm. Schneller noch und strmischer als auf der Herfahrt fuhren die wechselnden
Gedanken durch seine Seele, er trieb den Kutscher zur Eile, und eine unbestimmte
Angst heftete ihm den Blick an die Stelle, wo die Thrme der Hauptstadt
aufsteigen sollten. Dazwischen aber sah er immer wieder die Gestalt des
Obersthofmeisters vor sich und hrte die traurigen Worte der leisen Stimme.
Unermelich gro ist der Unterschied zwischen den engen Verhltnissen dieses
Hofes und der gewaltigen Gre des kaiserlichen Roms, unermelich gro auch der
Unterschied zwischen dem bekmmerten Hofherrn und der dstern Gestalt eines
rmischen Senators. Und doch ist etwas in dem Gefge der Seele, die sich mir
heut aufgethan, was mich mahnt an ein Bild aus lngst vergangener Zeit, und was
er sprach, klingt in meiner Seele wie ein schwacher Ton aus dem Herzen des
Mannes, dessen Werk ich vergebens gesucht. Denn wie wir Gegenwrtiges aus dem
Vergangenen zu erklren bemht sind, so deuten wir auch Zustnde und Gestalten
entfernter Zeit nach dem Gemth der Menschen, welche uns lebend umgeben. Das
Alte sendet unaufhrlich seine Geister in unsere Seelen und unaufhrlich legen
wir uns das Alte zurecht nach dem Bedrfni unseres warmen Herzens.

                                  Fnftes Buch



                                       1.

                                        

                             Des Magisters Ausgang.

Professor Raschke sa auf dem Boden seiner Wohnstube. Die Farbenpracht des
trkischen Schlafrocks war vermindert, treues Beharren im Dienste
wissenschaftlicher Theorie hatte ihm einen Schimmer von fahlem Grau verliehen,
aber er umhllte doch wrdig die Glieder seines Herrn. Der Professor hatte sich
zu seinem ltesten Sohn Marcus niedergesetzt, um diesem das Studium des ersten
ABC-Buchs zu erleichtern; als der Kleine ermdet bei den Bildern ausruhte, hatte
der Vater, um diese Unterbrechung fr sich zu ntzen, ein Handexemplar des
Aristoteles aus der Tasche gezogen. Er las und machte mit einem Bleistift
Anmerkungen ohne zu beachten, da sein Sohn Marcus lngst das Bilderbuch
weggeworfen hatte und mit den brigen Kindern, unter denen auch der Pupus
stolperte, um den Vater einen Kringeltanz auffhrte. Papa, nimm die Beine weg,
wir knnen nicht drum herum, rief Bertha, die lteste, von der man wirklich
grere Klugheit htte erwarten drfen. Raschke zog die Beine ein, und da er
seinen Sitz seitdem unbequem fand, ersuchte er die Kinder, ihm einen Stuhl zu
bringen. Sie trugen den Stuhl herzu, er sttzte sich mit dem Rcken dagegen.
Wir knnen wieder nicht herum, riefen die tanzenden Kinder. Raschke sah auf:
Dann also werde ich mich auf den Stuhl setzen. Das war den Kindern recht, und
der Hllenlrm ging weiter. Komm her, Bertha, sagte Raschke, du kannst mir
als Pult dienen, er legte das Buch auf ihre Zpfe, las und schrieb. Die Kleine
stand muschenstill unter dem Buch und schalt die Andern, weil sie Lrm machten.
    Es klopfte, der Doctor trat ein.
    Pfui, Fritz, rief Raschke ihm entgegen, ich kenne Sie nicht mehr, ich mu
mich wirklich auf Ihr Gesicht besinnen. Ist das recht, Ihre Freunde so hinten an
zu setzen in einer Zeit, wo ein Freundesgru Ihnen wohlthun konnte? Laura hat
mir erzhlt, was Ihren lieben Vater betroffen. Ein schwerer Verlust, fuhr er
traurig fort, wenn ich nicht irre, Zweimalhunderttausend.
    Gerade eine Null zu viel, sagte Fritz.
    Es kommt wenig darauf an, versetzte Raschke, wie gro die Summe war, nur
auf das Leid, welches sie lieben Menschen bereitet hat. Ich war bei Ihnen,
Fritz, in jenen Tagen, ich habe mich sogleich aufgemacht, es kam nur, fgte er
bekmmert zu, ein Umstand dazwischen. Ich bin sonst gewhnt, des Abends auf
Ihre Strae zu gehen, und, es kurz zu sagen, ich gerieth in ein falsches Haus
und kam mit Mhe fr die Vorlesung zurecht.
    Bedauern Sie mich nicht, entgegnete der Doctor, freuen Sie sich mit mir,
ich bin ein glcklicher Mann, gerade in dieser Zeit habe ich gefunden, was ich
zu erreichen verzweifelte, Laura's Herz und die Einwilligung des Vaters.
    Raschke klopfte dem Doctor auf die Schulter und drckte ihm erst die eine,
dann die andere Hand. Der Vater, rief er, er war das Hinderni, ich kenne ihn
etwas, und ich kenne auch seinen Hund. Wenn ich von dem Hunde auf den Mann
schlieen darf, fgte er zweifelnd hinzu, so ist er ein Original. Ist's nicht
so, Freund?
    Der Doctor lachte. Es ist alte Feindschaft ber die Strae. Meine arme
Seele wird von ihm mihandelt, wie die Psyche im Mrchen von Frau Venus. Er lt
seinen Zorn an mir aus und stellt mir unlsbare Aufgaben. Aber hinter seinem
Trotze merke ich doch, da er sich mit meiner Neigung vershnt. Ich ahne Frohes,
in diesen Tagen begleite ich Laura nach Bielstein. Nur um des Freundes willen
habe ich gewnscht, diese Reise eher anzutreten. Ich werde eine Sorge nicht los.
Mich beunruhigt, da der Magister in der Nhe Werners ist.
    Raschke fuhr sich in die Haare. Freilich! rief er.
    Ich habe dazu bestimmte Veranlassung, fuhr der Doctor fort. Der Hndler,
welcher den falschen Pergamentstreif des Struvelius in die Stadt gebracht haben
sollte, wurde von der Mutter des Magisters zu mir gewiesen. Ich behandelte ihn,
wie natrlich war, er aber betheuerte, von jenem Pergament nichts zu wissen und
niemals ein solches Blatt durch den Magister verkauft zu haben. Der Zorn des
Mannes ber die unwahre Behauptung des Magisters hat mich ngstlich gemacht. Er
besttigt einen Verdacht, den ich gegen die Echtheit eines andern Schriftstcks,
das mir Werner aus der Residenz mittheilte, bereits in einem Briefe geuert.
Ich kann die Sorge nicht fernhalten, da der Magister selbst der Flscher war,
und Schrecken befllt mich bei dem Gedanken, da er jetzt seine Kunst gegen
unsern Freund zu ben versucht.
    Das ist eine sehr ernste Sache, rief Raschke, unruhig auf und ab gehend.
Werner vertraut dem Magister unbedingt.
    Auch der Doctor wandelte auf und ab. Denken Sie den Fall, da sein
groartiges Vertrauen Opfer einer Gemeinheit wrde. Stellen Sie sich den bittern
Schmerz vor, den ihm das bereiten mte. Mit einem peinlichen Eindruck, den wir
andern ohne groen Kampf verwischen, wird er lange selbstqulerisch und hart
ringen.
    Sie haben ganz Recht, rief Raschke und fuhr sich wieder in die Haare. Ihm
ist nicht eigen, sittliche Hlichkeit ohne groe Aufregung zu berwinden. Sie
mssen ihn auf der Stelle warnen, und zwar Aug' in Auge.
    Leider vermag ich das erst in mehren Tagen, unterde bitte ich Sie,
Professor Struvelius von der Aussage des Hndlers in Kenntni zu setzen.
    Der Doctor entfernte sich, Raschke verga den Aristoteles und bedachte
ngstlich die Untreue des Magisters. Noch zrnte er mit dem kleinen Mann, als es
klopfte und Struvelius mit Flaminia in der geffneten Thr stand.
    Raschke begrte, rief seine Frau, bat niederzusitzen und verga darber,
da er im trkischen Schlafrock stand.
    Wir kommen mit einem Wunsch, begann Flaminia feierlich. Er gilt unserm
Collegen Werner. Mein Mann will Ihnen mittheilen, was uns beide tief erschttert
hat.
    Raschke fuhr von seinem Stuhle in die Hhe. Der Gatte, dessen Erschtterung
nur an seinem gestrubten Haar sichtbar war, erzhlte: Mir wurde gestern eine
Einladung auf die Polizei. Als ein Bruder des Magister Knips nach Amerika
entwich, belegte man seine Sachen auf Ansuchen kleiner Glubiger mit Beschlag,
und weil er den grten Theil seines Eigenthums in der Wohnung der Mutter
bewahrte, wurde auch dort weggenommen. Darunter einige Gefe und Mappen, welche
offenbar nicht dem Entwichenen gehrten, sondern dessen Bruder. Eine dieser
Mappen enthielt Durchzeichnungen nach Handschriften, viele Versuche, alte
Schrift nachzuahmen, und beschriebene Pergamentbltter. Den Beamten hatte dies
befremdet, er forderte mich auf, unter der Hand davon Einsicht zu nehmen. Nhere
Betrachtung ergab, da der Magister selbst sich lange um die Fertigkeit bemht
hat, Schriftzge des Mittelalters nachzuahmen. Aus den Fragmenten aber, welche
ich in der Mappe gefunden, ist unzweifelhaft, da er noch andere Flschungen im
Vorrath hat, welche zum Theil jenem Pergamentstreif genau entsprechen.
    Dies gengt, Struvelius, begann die Gattin, jetzt la mich sprechen. Sie
mgen denken, Herr College, da uns zunchst Werner einfiel und da wir uns der
Angst nicht entschlugen, auch der Gatte unserer Freundin werde durch den
Betrger in eine Verlegenheit kommen. Ich forderte Struvelius auf, an Professor
Werner zu schreiben, er aber zog vor, die Nachricht durch Sie zu befrdern.
Dieser Weg schien auch mir sachgem.
    Raschke zog, ohne ein Wort zu sagen, seinen Schlafrock aus, lief in
Hemdrmeln durch das Zimmer und suchte in den Winkeln. Endlich fand er
wenigstens seinen Hut, den er aufsetzte.
    Aber Raschke! rief Frau Aurelie. Wie so? frug er eilig. Hier gilt kein
Sumen. Bitte sehr um Verzeihung, Frau Collega, rief er, seinen Aermel
betrachtend, und fuhr wieder in den Schlafrock, behielt aber in der Aufregung
seinen Hut und setzte sich so gerstet den Freunden gegenber. Bertha nahm ihm
auf einen Wink der Mutter leise den Hut ab. Hier ist ein schneller Entschlu
nthig, wiederholte er.
    Man hat keinen Grund, fuhr Struvelius fort, die Habe des Magisters seiner
Mutter vorzuenthalten, inde wrde man Ihnen bereitwillig eine Durchsicht der
Schriften gestatten.
    Das wnsche ich gar nicht, rief Raschke, es wrde mir den Tag verderben;
Ihr Urtheil, Struvelius, gengt.
    Noch ein aufgeregter Austausch der Ansichten, und der Besuch enthob sich.
Wieder ging Raschke strmisch einher, da die Flanken seines Schlafrocks ber
die Sthle flogen. Liebe Aurelie, erschrick nicht, ich bin zu einem Entschlu
gekommen, ich werde morgen verreisen.
    Die Professorin schlug die Hnde zusammen. Was fllt dir ein, Raschke?
    Es ist nothwendig, sagte er. Ich verzweifle, durch einen Brief die festen
Ansichten Werners zu erschttern. Meine Pflicht ist, zu versuchen, ob
geflgeltes Wort und ausfhrliche Darstellung grere Wirkung haben. Ich mu
wissen, wie der Freund zum Magister steht, nach Andeutungen des Doctors
befrchte ich von der Thtigkeit des Falsarius das Aergste. Ich habe einige
freie Tage vor mir, ich kann sie nicht besser verwenden.
    Aber Raschke, du willst reisen? frug seine Frau vorwurfsvoll. Wie kannst
du dich auf so etwas einlassen?
    Du verkennst mich, Aurelie, in unserer Stadt bin ich allerdings zuweilen
unsicher, aber in der Fremde finde ich mich berall sehr gut zurecht.
    Weil du noch niemals allein in der Fremde warst, versetzte die kluge Frau.
    Raschke trat vor sie und hob warnend die Hand. Aurelie, es gilt dem Freund,
auf Kleinigkeiten darf man keine Rcksicht nehmen.
    Du wirst nie hinkommen, entgegnete seine Frau mit trben Ahnungen.
    Es ist viel leichter, auf sicherem Fahrzeug durch die halbe Welt zu
fliegen, als auf zwei Beinen durch die Gasse, halbe Bekannte sind am
unbequemsten.
    Und dann das Reisegeld, Raschke, warnte Frau Aurelie leise, wegen der
Kinder.
    Du hast in deinem Wschschrank eine alte schwarze Sparbchse, mahnte
Raschke schlau, denkst du, ich wei nichts davon?
    Ich habe darin fr einen neuen Frack gesammelt, sagte die Professorin.
    Du willst mir meinen Frack nehmen? rief Raschke hitzig, gut, da ich
dahinterkomme. Jetzt wrde ich nach jener Residenz reisen, wenn ich auch gar
keine Veranlassung htte. Heraus mit der Bchse.
    Frau Aurelie ging langsam, brachte die Sparbchse und legte sie ihm mit
stummem Vorwurf in die Hand. Der Professor zwngte das Geld sammt der Bchse in
die Tasche seiner Beinkleider, schlang den Arm um seine Frau und kte sie auf
die Stirn. Du bist mein liebes Weib, rief er, jetzt aber nicht gesumt.
Bringt mir den Plato und Spinoza.
    Plato war die seidene Mtze und Spinoza der dicke Mantel des Professors. Die
Schtze des Hauses hieen so, weil sie von dem Honorar zweier Bcher ber die
beiden Philosophen gekauft waren. Das Aufsehen, welches die Werke in der
gelehrten Welt gemacht hatten, war sehr gro, das Honorar sehr klein gewesen.
Unter den Kindern entstand eine Bewegung, denn die schnen Stcke wurden nur
zuweilen im Winter fr einen Sonntagsspaziergang herausgeholt. Der kleine Haufe
lief mit der Mutter.
    Bring Alles zurck, Raschke, ich habe Angst, etwas geht verloren.
    Wie ich dir sage, Aurelie, auf Reisen kannst du mir sicher vertrauen.
    Ich will doch eine Zeile an Werner schreiben, er soll darauf achten, da du
beides behltst, den Brief stecke ich dir in die Rocktasche, wenn du ihn nur
abgeben wolltest.
    Warum nicht? rief Raschke unternehmend.
    Am nchsten Morgen begleitete Frau Aurelie ihren Gatten zu der
Reisegelegenheit und achtete darauf, da er auf den richtigen Platz kam. Wenn
du nur erst wieder glcklich bei uns wrst, klagte sie. Raschke kte ihr
ritterlich die Hand und setzte sich auf seine Reisetasche. Die Sitze haben eine
merkwrdige Hhe, rief er und baumelte mit den Beinchen. Die Mitreisenden
lachten, er sagte freundlich: Ich bitte die Herren sehr um Entschuldigung.

    Die Laternen brannten, und der Mond schien aus weiem Dunst auf die Wand des
Pavillons, als der Professor zurckkehrte. Kein Lichtstrahl fiel aus den
Fenstern, dster und verlassen stand das Haus, von einem blulichen
Phosphorschein berzogen. Die Thr war verschlossen, der Lakai verschwunden. Der
Gelehrte zog die Glocke, endlich kam Etwas die Treppe herab, Gabriel ffnete und
stie einen Freudenruf aus, als er seinen Herrn vor sich sah. Wie geht es
meiner Frau? rief der Professor.
    Frau Professorin ist nicht zu Hause, entgegnete Gabriel scheu. Er winkte
seinen Herrn in das Zimmer, dort holte er den Brief Ilse's hervor. Der Professor
las die Zeilen und hielt sie betubt in der Hand. Auch dies war eine
Handschrift, die er gefunden, sie meldete, da sein Weib von ihm gegangen war;
jedes Wort fuhr wie ein Messerstich in seine Seele. Als er zu Gabriel
aufblickte, erkannte er, da er noch nicht Alles wute. Der Diener erzhlte, der
Gelehrte stie den Sessel von sich, seine Glieder zitterten im Fieber. Wir
verlassen sogleich dieses Haus, sagte er tonlos, rumen Sie zusammen.
    Wie ein rmischer Priester, der in geheimer Andacht zu seinem Gotte betet,
hatte er sein Haupt verhllt gegen die Klnge, welche von Auen in die Seele
dringen. Ohr und Auge hatte er abgeschlossen von den Gestalten, welche ihn
umwandelten, jetzt ri das Schicksal die Hllen von seinem Haupte.
    Herr Hummel wollte nicht vor Ihrer Ankunft reisen, fuhr Gabriel fort, ihm
ist es eilig.
    Ich gehe nach seinem Gasthof, folgen Sie mir, sagte der Professor, im
Schlosse melden Sie, da ich ausgezogen sei. Er wandte sich ab und verlie das
Haus. Als er bei dem Schlo vorberkam, warf er einen wilden Blick auf die
Fensterreihe der Zimmer, welche der Frst bewohnte. Noch ist er nicht zurck,
Geduld, murmelte er; dann ging er vor sich hinbrtend zum Gasthof. Er forderte
Wohnung und frug nach seinem Hauswirth. Gleich darauf trat Herr Hummel bei ihm
ein. Gute Botschaft, begann dieser in seinem sanftesten Ton, ein Bote des
Oberamtmanns trug mir soeben die Nachricht zu, da Alle glcklich fortgezogen
sind. Es ist wohl aus Vorsicht geschehen, da kein Brief an Sie beilag.
    Es war wohl aus Vorsicht, wiederholte der Gelehrte, und sein Haupt sank
ihm schwer auf die Brust.
    Herr Hummel setzte sich zu ihm und sprach ihm leise ins Ohr, bei den letzten
Worten fuhr der Professor entsetzt auf und ein Sthnen klang durch den Raum.
Der Mensch ist kein Uhu, erklrte Herr Hummel begtigend, und es ist eine
Ungerechtigkeit, von ihm zu verlangen, da er in der Finsterni Kopf und Schwanz
einer Ratte unterscheiden soll. Aber jeder Hausbesitzer wei auch, da es
nichtswrdige Erfindungen der Architektur gibt. Diese Andeutung widme ich nur
Ihnen, sonst Niemandem. Ich habe mich vor mehren Tagen bei Ihrem Herrn
Schwiegervater angemeldet. Fritzchen Hahn ist in Ihrer Abwesenheit zu einem
Doctor Faustus geworden, der mein armes Kind durchaus auf seinem Hllenmantel
nach Bielstein tragen will. Darf ich auch Ihre Ankunft dort verknden?
    Sagen Sie, versetzte der Gelehrte finster, ich werde in der ersten Stunde
kommen, nachdem ich hier abgerechnet habe. Er hielt Herrn Hummel fest an der
Hand, als wollte er den Vertrauten seines Weibes nicht von sich lassen, und
geleitete ihn so hinab in den Hausflur. Dort waren neue Reisende angekommen, ein
kleiner Herr in Mantel und schner seidener Reisemtze wandte sich, ohne unter
dem groen Schirm aufzusehen, an den Professor und sagte: Ich wrde Ihnen sehr
verbunden sein, wenn Sie mir ein Zimmer anweisen wollten. Ich bin hier doch am
rechten Orte? Er nannte den Namen der Stadt. Der Professor nahm dem Herrn die
Reisetasche ab, fate ihn ohne ein Wort zu sprechen, unter den Arm und fhrte
ihn schnell die Treppe hinauf. Sehr artig, rief Raschke, ich danke Ihnen
aufrichtig, ich bin durchaus nicht ermdet, mein einziger Wunsch ist, Herrn
Professor Werner zu sprechen. Knnen Sie das vermitteln?
    Werner ffnete sein Zimmer, nahm dem Andern die Mtze vom Kopf und schlo
ihn in die Arme.
    Mein theurer College, rief Raschke, ich bin der glcklichste Reisende der
Welt; sonst ist ein Pilger auf der Landstrae zufrieden, wenn ihm kein Unglck
begegnet, ich aber habe im Wagen bescheidene, denkende Menschen gefunden, der
Conducteur hat mir beim Wagenwechsel meine Mtze nachgetragen, man hat mich
gtig bis vor dieses Haus begleitet, und jetzt, wo ich zum ersten Mal auf meinen
eigenen Fen stehe, finde ich mich am Arme dessen, nach dem ich ausgefahren
bin. Es ist eine Freude zu reisen, College, bei jeder Meile merkt man, wie gut
und warmherzig das Volk ist, in dem wir leben. Wir sind Thoren, da wir unsere
Vortrge nicht im Wagen halten. Die Sorge unserer Frauen ist durchaus nicht
gerechtfertigt; selbst ist der Mann.
    So frohlockte Raschke. Wer wohnt in diesem Zimmer, frug er, ich oder
Sie?
    Hier oder daneben, wie Sie wollen, versetzte Werner.
    Dann neben Ihnen, denn Freund, ich wnsche Sie so wenig als mglich zu
entbehren.
    Sie kommen zu einem Mann, dem warmer Zuspruch noth thut, sagte der
Gelehrte. Meine Frau ist bei ihrem Vater, ich bin allein, setzte er mit
stockendem Athem hinzu.
    Sie sehen aus wie ein Wanderer, der bei schlechtem Wetter den Mantel um
sich zieht, rief Raschke, deshalb wird Sie, was ich zutrage, wenigstens nicht
aus heiterer Ruhe stren. Denn mein Botenamt ist, eine Menschenseele in Ihren
Augen zu erniedrigen, das ist hart fr uns beide. Ich habe heut erlebt, was auch
einen festeren Bau aus allen Fugen treiben kann. Wenig mag noch zurck sein, was
mich erschttert, ich bin gefat zu hren.
    Raschke setzte sich neben ihn und begann seinen Bericht, er fuhr dabei auf
dem Sopha hin und her, klopfte dem Freund auf die Kniee, streichelte ihm den Arm
und bat um Fassung.
    Wieder war eine Hlle von dem Haupt des Suchenden gezogen, der allein mit
seinem Gott zu reden glaubte. Der Gelehrte hielt still und zuckte nicht. Das
ist furchtbar, Freund, sagte er am Ende. Damit brach er kurz ab, und den ganzen
Abend gedachte er mit keinem Wort des Magisters.
    Am nchsten Morgen saen die Professoren wieder auf Werners Zimmer
beieinander. Werner warf die beiden Pergamentbltter auf den Tisch. Dies
wenigstens hat mit dem Magister nichts zu thun, ich selbst habe es aus altem
Gerll hervorgeholt. Dort liegt das Mebuch auf der Truhe, es kostet mich
Ueberwindung, den theuer erkauften Erwerb anzusehen.
    Raschke betrachtete das Pergament. Sehr bedeutend, erklrte er, wenn dies
wirklich ist, was es scheint. Er eilte zu der Truhe und durchsuchte das
Mebuch. Wahrscheinlich wrde auch das Missale einen Anhalt dafr gewhren, ob
es in dem Mnchskloster von Rossau gebraucht worden, sagte er, ich bedaure,
da zu dieser Prfung meine Kenntni der Klostergewohnheiten nicht ausreicht.
Er ffnete den Kasten und hob den Inhalt heraus. Von der Zerstreuung, welche ihn
sonst wohl strte, war nichts zu bemerken, mit scharfen Augen sah er umher, als
ob er die dunklen Worte eines alten Philosophen zusammensuche. Sehr
merkwrdig, rief er, nur Eines wundert mich. Ist die Kiste ausgefegt worden?
    Nein, versetzte Werner auffahrend.
    Die drei Begleiter einer hundertjhrigen Ruhe fehlen, Staub, Spinngewebe
und Insektenschalen, es mte doch etwas im Innern des Deckels oder Bodens
hngen, denn die Truhe hat Ritze, welche den Geschlechtern der Kerbthiere Zugang
verstatten.
    Er rumte weiter und untersuchte den Boden. Unter dem Holzsplitter hngt
etwas Papier, er zog einen winzigen Papierfetzen heraus, und ber die edlen
Zge seines Angesichts legte sich ein tiefer Schatten. Lieber Freund, machen
Sie sich gefat auf eine unwillkommene Beobachtung. Auf diesem Fragment stehen
nur sechs gedruckte Wrter, aber es sind Lettern unserer Zeit, es ist unser
Zeitungspapier, und eines der sechs Wrter ist ein Name, der in der Politik
dieser Tage oft genannt wird. Er legte das Papierstckchen auf den Tisch.
Werner starrte darauf, ohne ein Wort zu sagen, auch sein Angesicht verwandelte
sich, als ob ein Augenblick die Arbeit von zwanzig sorgenvollen Jahren gethan
htte. Die Sachen sind von mir ausgepackt und wieder eingelegt worden, mglich,
da das Papier dabei hineingefallen ist.
    Mglich, wiederholte Raschke.
    Der Professor sprang auf und suchte in fliegender Eile sein Handexemplar des
Tacitus hervor. Hier sind die Lesarten der Florentiner Handschrift, ein
Vergleich mit den Pergamentblttern wird Licht geben. Er verglich einige Stze.
Es scheint eine genaue Copie, sagte er, zu genau, ungeschickt genau. Er
hielt die Handschrift prfend von der Seite gegen das Licht, er go einen
Tropfen Wasser auf eine Ecke des Pergaments und wischte mit einem weien Tuch,
im nchsten Augenblick schleuderte er Tuch und Pergament auf den Boden und
schlug die Hnde heftig vor sein Gesicht. Raschke ergriff die Bltter und sah
auf die geschdigte Ecke. Es ist richtig, besttigte er traurig, eine
Schrift, welche sechshundert Jahre auf dem Pergament gestanden hat, lt andere
Spuren in dem Stoff zurck. Heftig ging er auf und ab, die Hnde in den
Rocktaschen, fuhr sich mit dem Tuch ber das Gesicht und warf es, den Irrthum
bemerkend, weit von sich. Ich kenne dafr nur ein Wort, sagte er
nachdrcklich, ein Wort, das der Mensch ungern ber seine Lippen gehen lt,
und das Wort heit: Schurkerei.
    Es war ein Bubenstck, rief Werner mit starker Stimme.
    Hier halten wir an, Freund, bat Raschke, wir wissen, da eine Tuschung
beabsichtigt war, wir wissen, da der Versuch vor Kurzem gemacht wurde; wenn wir
den Ort des Fundes und Ihr Hiersein zusammenhalten, so drfen wir, ohne gegen
Jemand ungerecht zu sein, als Thatsache annehmen, da das Unrecht verbt wurde,
Sie zu hintergehen. Wer es verbt hat, darber haben wir nur Argwohn,
starkbegrndeten Argwohn, keine Sicherheit.
    Diese Sicherheit soll uns werden, rief Werner, bevor der Tag um viele
Stunden lter wird.
    Allerdings, entgegnete Raschke, diese Sicherheit mu gewonnen werden,
denn Argwohn darf in des Menschen Haupt nicht dauern, er zerfrit alle Bilder
und Gedanken, welche ihm nahekommen. Uns ist aber die letzte Frage zurck: zu
welchem Zweck ward das Unrecht verbt? War es der Muthwille eines Buben, dann
wird der Frevel an Ehrwrdigem nicht geringer, aber die rgste Schndlichkeit
ist es nicht. War es berlegte Bosheit, um Sie zu schdigen, dann das hrteste
Urtheil. Wie stehen Sie zum Magister?
    Es war berlegte Bosheit, einen Menschen zu schdigen an Leib und Seele,
betonte der Professor mit feierlichem Ernst, aber der Thter war nur das
Werkzeug, den Gedanken gab ein Anderer.
    Halt, rief Raschke wieder, nicht weiter, auch dies ist nur Argwohn.
    Es ist nur Argwohn, wiederholte der Professor, auch dafr suche ich
Sicherheit. Man hat mich hingehalten, als ich den Weg nach dem Landschlo machen
wollte, von Tag zu Tag, unter kleinem Vorwand; der Magister fehlte vor kurzem
einen Tag bei der Arbeit, die ihm zugewiesen war, er entschuldigte sich mit
Krankheit; als er wortreiche Entschuldigung aussprach, fiel mir sein scheues
Wesen auf. Man hatte den Wunsch, mich hier zu fesseln, aus Grnden, fr welche
Sie in dem Bereich Ihrer Empfindungen kaum ein Verstndni finden wrden. Man
hoffte diesen Zweck zu erreichen, wenn man den fanatischen Eifer, an dem ich
erkrankt war, aufregte, ohne ihn ganz zu befriedigen. Das ist mein Argwohn,
Freund, und ich fhle mich elend, so elend, wie nie in meinem Leben. Er warf
sich auf das Sopha und verbarg wieder sein Gesicht.
    Raschke trat zu ihm und sprach leise: Krnkt Sie so sehr, Werner, da man
Sie getuscht?
    Ich habe vertraut, und getuschtes Vertrauen thut weh, aber ich denke bei
dem Jammer, den ich fhle, nicht allein an mich, auch an das Verderben eines
Andern, der zu uns gehrt.
    Raschke nickte mit dem Haupt. Wieder ging er heftig durch die Stube und sah
zornig auf die Truhe.
    Werner erhob sich und schellte. Ich wnsche Magister Knips zu sprechen,
sagte er dem eintretenden Gabriel, ich lasse ihn ersuchen, sich so bald als
mglich hierher zu bemhen.
    Wie werden Sie zu ihm reden? frug Raschke, besorgt vor dem Freund
anhaltend.
    Ich bedarf selbst so sehr der Nachsicht, versetzte Werner, da Sie meine
Heftigkeit nicht zu frchten haben. Auch ich bin ein Kranker und ich wei, da
ich mit Einem sprechen soll, der krnker ist als ich.
    Nicht krank, rief Raschke, nur erschreckt, wie ich. Sie werden ihm sagen,
was nothwendig ist, im Uebrigen berlassen Sie ihn seinem Gewissen.
    Ich werde nur sagen, was nothwendig ist, wiederholte der Professor, vor
sich hinstarrend.
    Gabriel kehrte zurck und brachte die Nachricht, der Magister wollte gegen
Abend, wenn er das Kabinet verlasse, beim Professor vorsprechen.
    Wie nahm der Magister die Botschaft auf? frug Raschke.
    Er schien erschrocken, als ich ihm sagte, da der Herr Professor im Gasthof
wohnt.
    Der Professor hatte sich in die Ecke gedrckt, aber der Philosoph lie ihm
keine Ruhe, er sprach beharrlich von Angelegenheiten der Universitt und zwang
ihn durch hufige Fragen zur Theilnahme. Endlich uerte er den Wunsch, ins
Freie zu gehen, ungern gab der Professor dem Drngenden nach.
    Werner geleitete vor das Stadtthor, auch auf dem Wege antwortete er sprlich
auf die lebhaften Reden des Freundes. Als sie zu der Herberge kamen, wo Ilse in
den Wagen des Oberamtmanns gestiegen war, begann der Gelehrte mit rauher Stimme:
Dies ist der Weg, auf dem mein Weib aus der Stadt entfloh, ich bin schon heut
am frhen Morgen dieselbe Strae gegangen und ich habe bei jedem Schritt
gefhlt, was einem Mann die rgste Demthigung ist.
    Vor ihr war Licht und hinter ihr Finsterni, rief Raschke. Er redete von
Frau Ilse und gedachte jetzt der Auftrge, welche ihm seine Kinder an die Tante
mitgegeben hatten.
    So verging der Nachmittag; wieder sa Werner vor sich hinbrtend auf seiner
Stube, als Gabriel die Ankunft des Magisters meldete. Bevor Raschke in das
Nebenzimmer eilte, drckte er noch einmal die Hand des Andern und sah ihn
bittend an: Ruhe, Freund.
    Ich bin ruhig, versetzte dieser.
    Magister Knips hatte sich dem bildenden Einflu des Hofes nicht entzogen,
sein schwarzes Kleid war von einem Schneider gefertigt, der ein frstliches
Wappen vor der Werkstatt fhrte, seine Haare waren frei von Federn und seine
Sprache hatte neuern Ausdruck der Ehrerbietung angenommen. Jetzt sah er lauernd
und trotzig aus. Werner ma den Eintretenden mit langem Blick; wenn ihm noch ein
Zweifel geblieben war an der Schuld des Magisters, jetzt kannte er den Thter.
Er wandte sich einen Augenblick ab, um seinen Widerwillen zu bekmpfen.
Betrachten Sie dies, sagte er und wies mit dem Finger auf die
Pergamentbltter.
    Knips nahm das Blatt in die Hand, und das Pergament zitterte, als er sein
bldes Auge darberneigte.
    Es ist wieder eine Flschung, sagte der Professor, die Lesarten des
ersten Florentiner Codex, sogar die Eigenthmlichkeiten seiner Orthographie sind
mit einer ngstlichen Genauigkeit, welche jedem alten Abschreiber unmglich
gewesen wre, auf diese Bltter nachgezeichnet. Auch die Schrift verrth sich
als neu.
    Der Magister legte das Blatt nieder und erwiederte unsicher: Es scheint
allerdings eine Nachahmung alter Schrift, wie bereits der Herr Professor
erkannte.
    Ich fand diese Arbeit, fuhr der Gelehrte fort, im Thurm des
Landschlosses, gepackt in jenes zerrissene Mebuch, in jene Truhe gelegt, unter
alte Mbel versteckt. Sie aber, Herr Magister, haben dies Blatt verfertigt, Sie
haben es an Ort und Stelle geborgen. Das ist nicht alles. Sie haben schon
vorher, um mich auf falsche Fhrte zu bringen, das Verzeichni der Truhen in
alte Rechnungen gesteckt, Sie haben die Ziffern 1 und 2 fr die Kisten erfunden.
Auch die Schrift dieses Verzeichnisses ist von Ihnen gemacht, mich zu tuschen.
    Der Magister stand mit gesenktem Haupt und suchte die Antwort. Er wute
nicht, auf welche Bekenntnisse Anderer sich die feste Behauptung grndete. Hatte
der Kastellan ihn verrathen? hatte der Frst selbst ihn preisgegeben? Ihn
berkam die Angst, aber er entgegnete verstockt: Ich habe es nicht gethan.
    Vergebens suchen Sie auf's Neue zu tuschen, fuhr der Gelehrte fort. Wenn
ich nicht bereits Grund htte, Ihnen ins Gesicht zu sagen, da Sie dies thaten,
Ihr Benehmen vor diesem Blatt wre vollgltiger Beweis. Kein Laut des
Befremdens, kein Wort des Abscheues gegen solchen Versuch einer Flschung.
Welcher Gelehrte kann dergleichen ansehen und stumm bleiben, wenn ihm nicht das
eigene Gewissen den Mund schliet? Was habe ich Ihnen gethan, Herr Magister, da
Sie mir diesen bittern Schmerz bereiten? Geben Sie mir eine Entschuldigung fr
Ihr Thun. Habe ich Sie je gekrnkt? Habe ich je in Ihnen finstere Leidenschaft
gegen mich aufgeregt? Jeder Grund, der mir das Widerwrtige begreiflich macht,
wird mir willkommen sein. Denn mit Entsetzen sehe ich auf diese Verirrung einer
Menschenseele.
    Der Herr Professor haben mir niemals Grund zur Klage gegeben, antwortete
Knips gedrckt.
    Und dennoch, rief der Professor, mit ruhigem Blut, gleichgltig, in
frevelhaftem Spiel das Arge gethan, das war sehr schlecht, Herr Magister.
    Vielleicht sollte es nur ein Scherz sein, seufzte der Magister,
vielleicht wurde so zu dem gesagt, der die Schrift gefertigt. Er hat nur
gehandelt nach dem Befehl eines Andern, nicht in freier Wahl, und nicht mit
eigenem Willen.
    Welche Macht der Erde durfte Ihnen befehlen, gegen einen Andern so
berlegte Tcke zu ben? frug der Professor traurig. Sie selbst wuten doch
sehr gut, welche Folge diese Tuschung fr mich und Andere haben konnte.
    Magister Knips schwieg.
    Mit mir sind wir fertig, rief der Gelehrte, kein Wort ber den Plan,
welchem diese Flschung dienen sollte, und keinen weiteren Vorwurf ber das
Unrecht, das Sie gegen einen Mann gebt, der Ihrer Ehrlichkeit vertraute.
    Er warf das Pergament unter den Tisch, Knips ergriff schweigend seinen Hut,
das Zimmer zu verlassen.
    Halt, gebot der Professor, nicht von der Stelle. Was Sie gegen mich
persnlich versucht haben, darber darf ich schweigen. Nicht vorzugsweise dieser
Handschrift wegen habe ich Sie herbeschieden. Aber der Mann, den ich vor mir
sehe, auf den ich mit einem Grauen blicke, das ich so noch nie gefhlt, ist noch
etwas Anderes als ein gewissenloses Werkzeug im Dienste Fremder, er ist ein
untreuer Philolog, ein Verrther an seiner Wissenschaft, Flscher und Betrger
da, wo nur die Ehrlichkeit ein Recht hat zu leben, ein Verdammter da, wo es
keine Shne und Gnade gibt.
    Dem Magister fiel sein Hut zur Erde.
    Sie haben den Pergamentstreif des Struvelius geschrieben, jener Hndler hat
gegen Sie ausgesagt, Ihre Schreibbungen sind mit Beschlag belegt und in Ihrer
Vaterstadt unter den Hnden der Polizei.
    Immer noch schwieg der Magister, er fuhr nach seinem Taschentuch und wischte
sich den kalten Schwei von der Stirn.
    Jetzt wenigstens sprechen Sie, rief Werner. Geben Sie mir eine Erklrung
des furchtbaren Rthsels, wie Jemand, der zu uns gehrt, sich muthwillig Alles
zerstren kann, was seinem Leben Halt und Adel gibt. Wie vermag ein Mann von
Ihren Kenntnissen in so roher Weise gegen seine Wissenschaft untreu zu werden?
    Ich war arm und mein Leben voll Plage, versetzte Knips leise.
    Ja, Sie waren arm, seit Ihrer frhen Jugend haben Sie vom Morgen bis zum
Abend gearbeitet, schon als Kind haben Sie auf Vieles verzichtet, was Andere
gedankenlos genieen. Sie haben dafr das stille Bewutsein erworben, da Sie
sich heraufrangen zu innerer Freiheit und zu demthiger Freundschaft mit dem
groen Geist unseres Lebens. Ja, Sie wuchsen zum Mann unter zahllosen Opfern und
Entsagungen, welche Andere frchten. Sie haben dafr gelernt und gelehrt, was
der hchste Besitz des Menschen ist. Vor jeder Correctur, die Sie hilfreich fr
Andere lasen, vor jedem Wrterverzeichnis, das Sie zu einem Klassiker auszogen,
haben Sie bei den Worten, die Sie verbesserten, bei den Zahlen, die Sie
schrieben, das Bedrfni gehabt, wahr zu sein. Gerade Ihre Tagesarbeit war ein
unablssiger, emsiger Kampf gegen das Falsche und Unrichtige. Doch mehr als das
und schlimmer als das, Sie sind kein gedankenloser Lohnarbeiter gewesen, Sie
haben ganz und voll zu uns gehrt, Sie waren in der That ein Gelehrter, bei
dessen Wissen sich oft Anspruchsvollere Rath erholten, Sie bargen nicht nur eine
Masse einzelner Kenntnisse in Ihrem Geist, Sie verstanden auch sehr wohl, welche
Gedanken aus solchem Wissen aufsteigen. Das alles waren Sie, und doch ein
Flscher. Ganz treue Hingabe und Selbstverleugnung und dicht daneben frevelhafte
Willkr; ein zuverlssiger und emsiger Gehilfe und dazwischen ein Betrger,
dreist und hhnend wie ein Teufel.
    Ich war ein gequlter Mann, begann Knips, wer anders gelebt hat, wei
nicht, wie schwer es ist, immer in seiner Wissenschaft zu dienen und fremden
Fen nachzutreten. Sie haben nie fr Andere, die weniger wissen als Sie,
gearbeitet. Sie verstehen nicht, welches Gefhl es gibt, wenn die Anderen
hochfahrend benutzen ohne Anerkennung und ohne Dank, was man ihnen von seinem
Wissen gegeben hat. Ich bin nicht unempfindlich gegen Freundlichkeit. Der Herr
Professor war der erste, welcher bei dem ersten Autor, den Derselbe herausgab,
in den letzten Zeilen der Einleitung meinen Namen genannt hat, weil ich
Denenselben bei der Arbeit gedient. Und doch habe ich weniger fr Sie gethan als
fr jeden andern meiner alten Gnner. Das Exemplar, welches Sie mir damals
geschenkt, habe ich unter meine Bcher auf den Ehrenplatz gestellt. Sooft ich
mde wurde von der Nachtarbeit, habe ich diese Zeilen gelesen. Dergleichen
Freundlichkeit habe ich selten erfahren. Aber ich habe die Qual gefhlt, mehr zu
wissen als ich bedeute, und mir hat die Gelegenheit gefehlt, mich
herauszuarbeiten aus meiner Enge. Da ist's gekommen. Er stockte und brach ab.
    Es war Stolz, sagte der Professor schmerzlich, es war Neid, der aus einem
bedrngten Leben heraufquoll gegen Glcklichere, die vielleicht nicht mehr
wuten, es war das Gelst nach Ueberlegenheit ber Andere.
    Das war's, fuhr Knips klagend fort. Zuerst kam der Einfall, auch ber
Solche zu lachen, die mich benutzen und verachten, ich dachte, wenn ich will,
kann ich euch in meiner Hand haben, ihr Herren Gelehrten. Dann wurde es ein
Vorsatz, und es hielt mich fest. Ich habe manche Nacht gesessen und darber
gearbeitet, ehe ich soweit kam, und manchmal habe ich's wieder weggeworfen, Herr
Professor, und unter meinen Bchern versteckt. Aber es lockte mich fortzufahren,
es wurde mir ein Stolz, die Kunst zu gewinnen. Als ich sie endlich hatte, machte
mir's Spa, sie zu gebrauchen. Es war mir weniger um den Gewinn als um die
Ueberlegenheit.
    Es ist leicht, versetzte der Professor, Mnner von unserer Art da zu
tuschen, wo sie gewhnt sind, sicher zu vertrauen. Wo der Scharfsinn versagt,
den wir bei unserer Arbeit gewinnen, da sind Viele von uns wie die Kinder, und
wer klter ist und sie hintergehen will, der mag leicht eine Weile mit ihnen
spielen. Es war ein schwacher Ruhm, die Kunst eines Satans gegen Arglose zu
ben.
    Ich wute, da es ein Teufel war, mit dem ich umging. Ich wute es vom
ersten Tage, Herr Professor, aber ich konnte mich nicht gegen ihn wehren. So war
es, schlo Knips und setzte sich erschpft auf die Truhe.
    So war es, Herr Magister, rief Werner sich aufrichtend, aber so darf es
ferner nicht bleiben. Sie waren einer von uns, Sie drfen es nicht mehr sein.
Sie haben ein Verbrechen begangen an dem hchsten Gut, welches dem Geschlecht
der Menschen vergnnt ist, an der Ehrlichkeit seiner Wissenschaft. Sie selbst
wissen, da ein Todfeind unserer Seelen wird, wer diese Ehrlichkeit gefhrdet.
In unserm Reiche, wo der beschrnkten Kraft des Einzelnen tglich der Irrthum
droht, ist der Wille, wahr zu sein, eine Voraussetzung, die Keiner entbehren
darf, ohne Andere in sein Verderben zu ziehen.
    Ich war nur der Handlanger, seufzte Knips, und wenig hat man sich um mich
gekmmert. Htten mich Andere als einen Gelehrten geachtet, es wre nicht
geschehen.
    Sie selbst haben sich dafr gehalten, rief der Professor, und Sie hatten
ein Recht dazu, Sie fhlten den Stolz Ihrer Wissenschaft und Sie kannten wohl
Ihren hohen Beruf. Sie wuten sehr gut, da auch Sie, der demthige Magister,
Theil hatten an dem Priesteramt und an dem Frstenamt in unserm Reich. Kein
Purpur ist edler und keine Herrschaft ist machtvoller als die unsere, wir fhren
die Seelen unseres Volkes aus einem Jahrhundert in das andere, unser ist die
Pflicht, ber seinem Lernen zu wachen und ber seinen Gedanken. Wir sind seine
Vorkmpfer gegen die Lge und gegen die Gespenster aus vergangener Zeit, welche
noch unter uns wandeln, mit dem Schein des Lebens bekleidet. Was wir zum Leben
weihen, das lebt, und was wir verdammen, das vergeht. Von uns werden jetzt die
alten Tugenden der Apostel gefordert, gering zu achten, was vergnglich ist, und
die Wahrheit zu verknden. Sie waren in diesem Sinn geweiht wie Jeder von uns,
Ihr Leben verpflichtet Ihrem Gott. Auf Ihnen lag, wie auf uns allen,
Verantwortung fr die Seelen unserer Nation. Sie haben sich dieses Amtes unwerth
gemacht, und ich traure, ich traure, armer Mann, da ich Sie davon scheiden
mu.
    Der Magister fuhr in die Hhe und sah flehend zu dem Gelehrten auf.
    Der Professor redete nachdrcklich: Mein ist die Pflicht, dies
auszusprechen gegen Sie und gegen Andere. Was Sie damals an meinem Amtsgenossen
gethan, was Sie noch von hnlichen Versuchen bereitet haben, das darf kein
Geheimni bleiben. Die Ehrlichen mssen gewarnt werden vor der Kunst, welche zu
ben ein Dmon Sie getrieben hat. Aber in der letzten Stunde, wo Sie vor mir
stehen, fhle auch ich, da ich zu wenig gethan, Ihnen Hilfe gegen die
Versuchung zu geben. Ohne bsen Willen habe vielleicht auch ich zuweilen
miachtet, was werthvoll in Ihnen war fr Andere, auch ich habe wohl vergessen,
wie schwer die Arbeit des Tages auf Ihnen lag. Hat meine Hrte Sie je gedrckt
und verbittert, so be ich heut dafr. Denn als ich kurzsichtiger, irrender
Mensch befrderte, was Sie herausheben sollte aus uerer Bedrngni, da lud ich
eine Mitschuld auf mich, da Sie hier der Versuchung auf's Neue verfielen. Das
ngstigt mich schwer, Herr Magister und ich fhle wie Sie die Qualen dieser
Stunde.
    Magister Knips sa erschpft und zusammengekauert auf der Truhe, der
Gelehrte stand ber ihm, und seine Worte sanken wie Schlge auf des Magisters
Haupt. Ich darf nicht verschweigen, Herr Magister, da Sie ein Flscher sind,
Sie drfen nie wieder in unserm Kreise sich lebendig rhren, Ihre Laufbahn als
Gelehrter ist durch Ihr Verbrechen geschlossen, Sie sind unserer Wissenschaft
verloren, verloren fr Alle, welche an Ihren Arbeiten einen Antheil nahmen. Sie
sind geschwunden fr uns, auf der Sttte, wo Sie unter uns gestanden haben, ist
nichts geblieben als ein schwarzer Schatten. Eine Menschenkraft, mhsam
heraufgezogen, ein Geist von ungewhnlichem Scharfsinn und Inhalt ist uns
verloren und tot. Und wie ber einen Toten traure ich ber Sie.
    Der Gelehrte weinte, Knips drckte sein Gesicht in die Hnde. Werner eilte
zum Schreibtisch. Brauchen Sie Mittel, Ihr zerstrtes Leben in anderer Umgebung
zu erhalten, hier sind sie. Nehmen Sie, was Sie bedrfen. Er warf Geld auf den
Tisch. Versuchen Sie, Ihr Haupt zu bergen, wo Ihnen Niemand aus unserer
Gemeinde begegnet. Mge Ihnen jedes Gut zu Theil werden, das auf der Erde noch
fr Sie brig ist. Aber fliehen Sie, Herr Magister, meiden Sie die Stellen, wo
man mit Trauer Ihrer denkt und mit dem Widerwillen, den der ehrliche Arbeiter
gegen den untreuen empfindet.
    Knips erhob sich, sein Gesicht war noch bleicher als gewhnlich, er blickte
verstrt umher. Ich brauche kein Geld, sagte er tonlos, ich habe genug zu
meiner Reise. Ich bitte den Herrn Professor, fr meine Mutter zu sorgen.
    Der Gelehrte stand abgewandt, und der krftige Mann schluchzte. Magister
Knips ging an die Thr, dort blieb er stehen. Ich habe den Homer von 1488,
sagen Sie meiner Mutter, da Sie Ihnen das Buch gibt. Wenn Ihnen auch der
Gedanke an mich traurig ist, behalten Sie doch das Buch. Es war mir ein Schatz.
    Der Magister schlo die Thr und ging langsam aus dem Hause. Der Wind fegte
durch die Straen, er stie an den Rcken des Magisters und beschleunigte seinen
Schritt. Er treibt, murmelte Knips wieder, er treibt vorwrts. Auf dem
freien Platz blieb er im Winde stehen und sah nach den Wolken, welche in eiligem
Fluge unter dem Monde dahinfuhren, unfrmliche Gebilde aus grauem Dunst
schwebten und glitten ber seinem Haupte. Er dachte an die letzte Correctur,
welche er in seiner Vaterstadt gelesen, und sprach griechische Worte vor sich
hin, es waren Verse aus den Eumeniden des Aeschylus: Packt an, packt an, packt
an, ihr Gtterhunde. Er ging hinauf zu dem Schlosse und blieb vor den
erleuchteten Fenstern stehen, die vier Rappen, welche den Frsten vom
Thurmschlo nach der Stadt zurckfhrten, flogen an ihm vorber, er ballte die
hagere Hand gegen den Wagen. Dann lief er um das Schlo herum auf die Parkseite.
Dort drckte er sich unter den Fenstern des Frsten an einen Baum, sah zum
Schlosse hinauf, hob wieder die Faust gegen den Schloherrn und seufzte. Er
blickte auf den dunklen Ast, der ber ihm ragte, starrte auf den Himmel und die
grauen flatternden Schatten, welcher unter dem Mond dahinzogen, und verzweifelte
Gedanken fuhren ihm durch den Sinn. Wenn der Mond verschwindet, so soll es auch
mir ein Zeichen sein.
    Er sah lange auf den Mond. Dabei zog ihm leise unter wilden Gedanken ein
lateinischer Satz durch sein gequltes Hirn: Der Mond und die Erde verhalten
sich wie kleine Punkte zum Weltall, das sagt schon Ammianus Marcellinus. Ich
habe die Handschriften dieses Rmers verglichen, ich habe Conjecturen gemacht zu
jeder Seite seines verdorbenen Textes, ich habe Jahre lang ber ihm gesessen.
Wenn ich hier thue, um diesen unwissenden Frsten zu rgern, was dem Haman
gethan wurde, so geht der Apparat zu meinem Rmer verloren. Er tauchte unter
dem Baume hervor und lief in seine Wohnung. Dort raffte er seine Habe zusammen,
steckte sein Handexemplar des Ammianus in die Rocktasche und eilte mit seinem
Bndel dem Thor zu.
    Man sagt, er sei in dasselbe Land, das vor ihm sein Bruder gesucht, tief
hinein gen Westen gezogen.
    Er entwich und barg sein Haupt, ein untreuer Diener und ein Opfer der
Wissenschaft. Sein Lebelang hatte er ber geschriebenem Wort gesessen, jetzt ri
ihn aus der Heimat das lebendige Wort, welches von einer andern Seele in die
seine drang. Bei Tag und Nacht hatten ihn die Buchstaben der Bcher umgeben und
gelehrte Schrift, die aus dem Rohr auf das weie Blatt geflossen war, aber ihm
hatte zu rechter Zeit der Segen des Wortes gefehlt, welches aus dem Munde in das
Ohr, vom Herzen zum Herzen klingt. Denn was wir als das Gemeinste gebrauchen,
ist uns auch das Hchste. Geheimnivoll ist uns noch heut, wie unsern Vorfahren,
seine Gewalt. Das Geschlecht unserer Schriftzeit, gebt die Laute in ihrem Bilde
zu schauen, gewhnt, die Krfte der Natur durch Ma und Wage zu schtzen, denkt
selten daran, wie mchtig klangvolles Wort der Menschenbrust in uns waltet. Es
ist Herrin und Dienerin, es erhebt und zerstrt, es macht krank und schafft
Heilung. Glcklich der Lebende, dem es voll und rein in das Ohr tnt, der den
weichen Laut der Liebe, den herzhaften Ruf des Freundes unablssig empfngt. Wer
den Segen der Rede entbehrt, die aus warmem Herzen quillt, der wandelt schon als
Lebender unter den Andern wie ein Geist, der vom Leibe gelst ist, wie ein Buch,
das man aufschlgt, bentzt, von sich abthut nach Gefallen. Der Magister hat
durch geschriebenes Wort gesndigt, ihn hat der Schmerzensruf einer
Menschenstimme in die dmmrige Ferne gescheucht.

                                       2.

                                        

                             Vor der Entscheidung.


Die Rinder brllten und die Glckchen der Schafherde luteten, in den
schossenden Halmen der grnen Saat wogte der Wind. Durch Haus und Garten schritt
wieder das lteste Kind des Gutes, umgeben von den Geschwistern. Wo ist der
frohe Glanz deiner Augen geblieben und dein herzliches Kinderlachen, Frau Ilse?
Ernst ist das Antlitz und gemessen die Geberde, prfend mit dein Blick die
Menschen und die Wege, auf denen du gehst, und ruhiger Befehl tnt aus deinem
Munde. Die Heimat hat dir das Herz nicht leicht gemacht, und nicht
wiedergegeben, was du in der Fremde verloren.
    Aber eifrig bt sie ihr Recht, Liebe zu fordern und zu erweisen, vertraute
Bilder sendet sie in deine Seele, und alte Erinnerungen weckt sie bei jedem
Schritt. Die Menschen, die dich in ihrem Herzen treu gehegt, Thiere, die du
gezogen, Bume, die du gepflanzt, sie neigen sich grend vor dir und arbeiten
geschftig, mit heiteren Farben zu berdecken, was dir finster im Innern liegt.
    Der erste Abend war schwer. Als Ilse in das Haus trat, geleitet von den
Nachbarn, eine Flchtige, die zu verbergen sucht, was sie qult, da warfen bei
dem Schreck des Vaters, unter den neugierigen Fragen der Geschwister noch einmal
Zorn und Angst schwarze Schatten ber ihr Haupt. Aber an der Brust des Vaters,
unter dem Dach des festen Hauses, drang mit dem Gefhl der Sicherheit wieder die
alte Kraft des Bodens in die Glieder der Landfrau, und sie vermochte den Augen
ihrer Lieben zu verbergen, was nicht allein ihr Geheimni war.
    Noch eine schwere Stunde kam. Ilse sa am spten Abend wie vor Jahren auf
ihrem Stuhl, gegenber dem Vater. Nach ihrem Bericht sah der starke Mann
ngstlich vor sich hin, sprach ein hartes Wort ber ihren Gatten und Fluch gegen
einen Andern. Als er ihr sagte, da auch im Vaterhaus noch Gefahr drohe, als er
ihr Vorsicht befahl fr Schritt und Tritt, und als er erzhlte, wie in ihrer
Kindheit ein dunkles Gercht gegangen, da schon einmal ein Mdchen vom Steine,
ein Kind des frheren Besitzers, das Opfer vornehmer Herren geworden sei, da
rang sie noch einmal die Hnde zum Himmel. Aber der Vater hatte ihre Hnde
gefat und sie zu sich in die Hhe gezogen. Unrecht begehen wir, da wir ber
unsicherer Zukunft vergessen, wie gnadenvoll die Vorsehung dich behtet hat. Ich
halte dich an der Hand, du stehst auf dem Grunde deiner Heimat. Wir thun, was
der Tag fordert, und stellen alles Andere grerer Macht an Heim. Um die Reden
Fremder sorgen wir nicht, schnell wechselt das Wetter. Halte still und
vertraue.
    Die jngeren Kinder plaudern sorglos, sie fragen nach dem schnen Leben in
der Residenz, sie wollen genau wissen, was die Schwester geschaut, und vor
Allem, wie der Herr des Landes gegen Ilse war, er, den sie sich denken wie den
heiligen Christ, als den unermdlichen Spender von Freude und beglckender
Gunst. Aber die lteren wehren dieser Rede, ohne selbst zu wissen warum, mit dem
zarten Gefhl, das Kinder fr die Lage Solcher haben, die sie lieben. Ilse
begleitet die Schwester Clara durch den Oberstock, sie richtet Zimmer ein fr
die Gste, welche erwartet werden, und stellt einen Riesenstrau ihrer
Gartenblumen in die Stube, welche Herr Hummel bewohnen soll. Die Brder ziehen
sie durch den Obstgarten in das enge Thal, sie zeigen ihr den hohen Steg ber
das Wasser, welchen der Vater weiter oben zu der Grotte gelegt hat und der eine
Freude fr Ilse sein soll, weil er den Zugang zu ihrem Lieblingsplatz bequem
macht. Ilse geht lngs dem hochgeschwollenen Bach, das Wasser zieht gelb und
trbe ber die Felsblcke, es hat den schmalen Wiesenstreif an den Ufern
berschwemmt und fliet in starker Strmung thalwrts auf die Stadt zu. Ilse
sucht den Platz, wo sie einst unter Laub und wilden Wegpflanzen verborgen lag,
als sie in den Augen ihres Felix das Bekenntni seiner Liebe gelesen. Auch die
heimliche Stelle ist berfluthet, undurchsichtig rinnt der Strom darber hin,
die Blthendolden sind geknickt und bergossen, die Erlenbsche bis an die
oberen Zweige bedeckt, Rohrhalme und mifarbiger Schaum hngen um die Bltter;
nur der weie Stamm einer Birke ragt aus der Zerstrung hervor, und um die
tiefsten Aeste wirbelt die Fluth. Der Schwall verluft, klagt Ilse; in wenig
Tagen taucht der Boden wieder an das Licht, und wo das Grn verdorben ist,
treibt der milde Sonnenstrahl ein neues hervor. Wie aber soll es mit mir werden?
Mir fehlt das Licht, solange er nicht bei mir ist, und wenn ich ihn wiedersehe,
wie wird er gewandelt sein? Wie wird er, der ernste und eifrige, ertragen, was
feindlich in mein Leben gedrungen ist und in das seine?
    Der Vater bewacht sorglich ihre Schritte, er spricht fter im Hause ein als
sonst; sooft er vom Felde zurckkehrt, erzhlt er ihr von der Arbeit des Gutes,
er denkt immer daran, da seine Rede nicht an einen Gedanken rhre, der ihr
Schmerzen macht, und die Tochter fhlt, wie zart und liebevoll die
Aufmerksamkeit des Vielbeschftigten um sie waltet. Jetzt winkt er ihr schon von
weitem zu, neben ihm schreitet eine untersetzte Gestalt mit groem Kopf und
wohlhbigem Aussehen. Herr Hummel! ruft Ilse freudig und eilt mit beflgeltem
Fu auf ihn zu. Wann kommt er? fragt sie ihm erwartungsvoll entgegen.
    Sobald er frei ist, versetzt Hummel.
    Wer hlt ihn noch dort? sagt die Frau traurig vor sich hin.
    Herr Hummel erzhlt. Bei seinem Bericht gltten sich die Falten auf Ilse's
Stirn, und sie fhrt den lieben Gast in die alten Mauern. Herr Hummel steht
erstaunt unter dem hohen Geschlecht, das auf dem Steine wchst, er sieht
bewundernd auf die Mdchen und achtungsvoll auf die Kpfe der Knaben. Heut
vergit Ilse nicht, was einer guten Hausfrau gegen den willkommenen Gast ziemt.
Herr Hummel aber wird frhlich unter dem Landvolk, er freut sich ber den
Blumenstrau in seiner Stube, er zwingt den drallen Buben Franz, sich auf seine
Kniee zu setzen, und lt ihn aus seinem Glase trinken bis zum Ueberma. Dann
geht er mit dem Landwirth und Ilse durch die Wirthschaft, klug ist sein Urtheil,
der Wirth und er, jeder erkennt in dem Andern bedchtigen Verstand. Zuletzt
fragt ihn Ilse herzlich, wie ihm ihre Heimat gefalle. Alles groartig, erklrt
Hummel, Wuchs, Kopf, Strau, Viehstand und Huslichkeit. Es steht zu dem
Geschft von H. Hummel wie ein Krbis zu einer Gurke. Alles tchtig und voll,
nur fr meinen Geschmack zu viel Stroh.
    Der Landwirth ruft Ilse beiseit: Der Prinz will wieder abreisen, er hat den
Wunsch geuert, dich vorher zu sprechen. Willst du ihn sehen?
    Heut nicht. Dieser Tag gehrt euch und dem Gast. Aber morgen, sagt Ilse.

    Am Morgen des nchsten Tages trat Professor Raschke, zur Reise bereit, in
das Zimmer des Freundes. Der Magister soll verschwunden sein? frug er
ngstlich.
    Er hat gethan, was er mute, versetzte Werner finster, wie er auch lebe,
wir haben ihn gestern bestattet.
    Raschke sah unruhig in das gefurchte Antlitz des Andern. Gern she ich Sie
auf dem Wege zu Frau Ilse, am liebsten mit ihr vereint auf dem Rckwege zu uns.
    Kein Zweifel, Freund, ich werde beide Wege suchen, sobald ich Recht dazu
habe.
    Frau Ilse zhlt die Stunden, mahnte Raschke in grerer Sorge, erst wenn
sie den Geliebten bei sich festhlt, wird sie ruhig sein.
    Mein Weib hat die Ruhe lange entbehrt, whrend sie an meiner Seite war,
sprach der Gelehrte. Ich habe nicht verstanden, sie zu schtzen, ich habe sie
den Krallen wilder Thiere berlassen, bei Fremden hat sie den Trost gefunden,
den ihr der eigene Mann verweigerte. Die Nichtachtung des Gatten hat sie da
geschdigt, wo die Frau am schwersten verzeiht. Ich bin zu einem schwachen
Trumer geworden, rief er, unwerth der Hingabe dieses reinen Lebens, und ich
fhle, was ein Mann nie fhlen sollte, ich fhle Scham, mein gutes Weib
wiederzusehen. Er wandte sein Angesicht ab.
    Zu hoch gespannt ist dies Empfinden, entgegnete Raschke, zu hart der
Vorwurf, den Sie jetzt zrnend gegen sich selbst erheben. Sie wurden durch
listige Winkelzge Weltkluger getuscht. Sie selbst haben ausgesprochen, da es
ruhmlos leicht ist, uns da zu hintergehen, wo wir nicht viel klger sind als die
Kinder. Werner, noch einmal bitte ich, reisen Sie mit mir zugleich ab, wenn auch
auf anderem Wege.
    Nein, versetzte kurz der Gelehrte. Ich habe mein Lebelang die Beziehungen
zu anderen Menschen reinlich behandelt. Halbheit in Neigung und Abneigung ist
mir unertrglich. Fhle ich Neigung, so soll mein Hndedruck und das Vertrauen,
das ich gebe, den Andern keinen Augenblick in Zweifel lassen, wie mir um's Herz
ist. Mu ich ein Verhltni lsen, auch da habe ich die Rechnung stets ganz und
voll geschlossen. Jetzt kann ich nicht aufbrechen wie ein Flchtling.
    Wer fordert das? frug Raschke, nur wie ein Mann, der die Augen abwendet
von hlichem Gewrm, das vor ihm auf dem Boden kriecht.
    Hat das Gewrm den Mann geschdigt, so ist ihm Pflicht zu verhten, da das
Schdliche auch Andern gefhrlich wird, und kann er Andere nicht behten, er
wird sich selbst genug thun, wenn er seinen Weg subert.
    Wenn ihm aber der Versuch neue Gefahr bringt?
    Er wird doch thun, was er vermag, sich selbst zu gengen, rief Werner.
Das Recht, welches ich erhalten habe gegen Einen, ich lasse mir's nicht rauben.
Die Krnkung meines Weibes mahnt, es mahnt das verlorene Leben eines Gelehrten,
um welches wir beide trauern. Sagen Sie mir nichts mehr. Freund, mein
Selbstgefhl hat in diesen Tagen groe Schdigung erfahren, und mit Recht. Ich
fhle meine Schwche mit einer Bitterkeit, die gerechte Strafe ist fr den
Stolz, mit dem ich auf das Leben Anderer gesehen. Ich habe an Struvelius
geschrieben, ich habe ihn um Verzeihung gebeten, da ich die kleine
Unsicherheit, die einst ihn strte, so hochmthig empfand. Hier ist der Brief an
den Collegen; ich bitte Sie, die Zeilen abzugeben und ihm zu sagen, wenn wir uns
wiedersehen, dann soll kein Wort ber das Vergangene von unsern Lippen fallen,
nur er soll wissen, wie schwer ich dafr gebt habe, da ich gegen ihn hart
war. Aber wie sehr ich die Geduld und Nachsicht Anderer bedarf, ich wrde das
Letzte verlieren, was mir den Muth gibt, die Augen aufzuschlagen, wenn ich von
hier gehen wollte, bevor ich mit dem Schloherrn dort oben abgerechnet habe. Ich
bin kein Weltmann, der gelernt hat, seinen Zorn hinter einem hflichen Gru zu
verbergen.
    Wer solche Abrechnung sucht, warnte Raschke, mu auch die Mittel haben,
den Gegner dabei festzuhalten, sonst mag eine neue Demthigung werden, was
Genugthuung sein soll.
    Diese Genugthuung gesucht zu haben bis zum Aeuersten, versetzte Werner,
auch das ist Befriedigung.
    Werner, rief der College, ich will nicht hoffen, da Ihr erregter Zorn
Sie hinabzieht in die gedankenlose Rachsucht der Schwachen, welche ein rohes
Spiel mit dem eigenen Leben und dem des Andern Genugthuung nennen.
    Er ist ein Frst, sagte der Professor mit finsterm Lcheln, ich trage
keine Sporen, und der letzte Versuch, den ich mit meiner Kugelform anstellte,
war Nsse darin zu quetschen. Wie mgen Sie mich so verkennen? Aber es gibt
Forderungen, welche deutlich ausgesprochen sein wollen, damit sie zur That
werden. Noch wohnt in dem Wort eine heilende Kraft, wenn nicht fr den, der die
Rede hrt, doch fr den, der sie spricht. Ihm sagen mu ich, was ich von ihm
heische. Er mag zusehen, wie er das Wort hinunterwrgt in sein freudloses Herz.
    Er wird weigern, Sie zu hren, warf Raschke ein.
    Ich werde suchen, ihn zu sprechen.
    Er hat der Mittel viele, Sie zu hindern.
    Er gebraucht sie auf seine Gefahr, denn er nimmt sich dadurch den Vortheil,
den er htte, mich ohne Zeugen zu hren.
    Er wird das ganze Rstzeug gegen Sie in Bewegung setzen, das ihm seine hohe
Stellung gibt, er wird seine Gewalt rcksichtslos gebrauchen, Sie zu bndigen.
    Ich bin kein schreiender Wahrsager, der den Csar auf offener Strae
anfllt, um vor den Idus des Mrz zu warnen. Da ich wei, was ihn demthigt vor
sich selbst und seinen Zeitgenossen, das ist meine Waffe. Und ich versichere
Sie, er wird mir Gelegenheit geben, sie zu gebrauchen, wie ich will.
    Er verreist, rief Raschke ngstlicher.
    Wohin kann er reisen, wo ich ihm nicht nachkomme?
    Ihn wird die Besorgni, welche Sie in ihm erregen, zu finsterer That
treiben.
    Er wage sein Aergstes, ich will thun, was mir Frieden gibt.
    Werner, rief Raschke, die Hnde erhebend, ich darf Sie in dieser Lage
nicht verlassen, und doch machen Sie dem Freunde fhlbar, wie ohnmchtig sein
ehrlicher Rath gegen Ihren starren Willen ist.
    Der Professor ging auf ihn zu und kte ihn. Leben Sie wohl, Raschke. So
hoch als ein Mann in der Achtung eines Andern stehen kann, stehen Sie in meinem
Herzen. Zrnen Sie nicht, wenn ich in diesem Fall mehr dem Drang des eigenen
Wesens folge, als der milden Weisheit des Ihren. Gren Sie von mir Frau Aurelie
und die Kinder.
    Raschke fuhr sich ber die Augen, zog seinen Rock an und steckte den Brief
an Struvelius in die Rocktasche. Dabei fhlte er einen andern Brief, er zog ihn
heraus und las die Aufschrift. Ein Brief meiner Frau an Sie, sagte er, ich
wei nicht, wie er mir in die Tasche kommt.
    Werner ffnete, wieder flog ein kurzes Lcheln ber sein Gesicht. Frau
Aurelie bittet mich fr Ihr Wohlbefinden zu sorgen. Der Auftrag kommt zu guter
Stunde; ich begleite Sie zur Stelle Ihrer Abfahrt, wir wollen auch Mtze und
Mantel nicht vergessen.
    Der Professor fhrte den Freund zu der Reisegelegenheit, die Mnner sprachen
in der letzten Stunde ber die Vorlesungen, welche beide im nchsten Halbjahr zu
halten wnschten. Denken Sie des Briefes an Struvelius, war das letzte Wort
Werners, als der Freund im Wagen sa.
    Ich denke daran, sooft ich Ihrer gedenke, rief Raschke, die Hand zum Wagen
hinausstreckend.
    Der Professor ging nach dem Schlo zur groen Abrechnung mit dem Mann, der
ihn in seine Hauptstadt gerufen. Ihn empfing die Dienerschaft mit verlegenen
Blicken. Der Herr ist im Begriff zu verreisen und wird erst in einigen Tagen
zurckkehren. Wohin er reist, wei man nicht, sagte der Hausmeister bekmmert.
Der Professor forderte, ihn doch bei dem Frsten zu melden, sein Anliegen sei
dringend; der Diener brachte die Antwort, der Frst sei vor der Rckkehr nicht
zu sprechen, der Gelehrte mge seine Wnsche einem der Adjutanten mittheilen.
    Werner eilte zu dem abgelegenen Hause des Obersthofmeisters. Er wurde in die
Bcherstube gefhrt, sah flchtig auf den verschossenen Teppich des Bodens, auf
die alte Tapete, welche durch Kupferstiche in dunklen Rahmen verdeckt war, auf
groe Bcherschrnke mit Glasthren, von innen verhngt, als wollte der
Eigenthmer selbst was er las fremdem Auge entziehen. Der Obersthofmeister trat
eilig herein.
    Ich suche vor der Abreise des Frsten eine Unterredung mit ihm, begann der
Professor, ich bitte Excellenz um gtige Vermittlung fr die Audienz.
    Verzeihen Sie die Frage, wozu? frug der Obersthofmeister. Wollen Sie mit
einem Leidenden noch einmal ber seine Krankheit sprechen?
    Der Kranke versieht ein hohes Amt und hat Gewalt und Recht eines Gesunden;
er ist seinen Mitlebenden verantwortlich fr sein Thun. Ich halte fr Pflicht,
nicht von hier zu gehen, ohne ihm auszusprechen, da er nicht mehr in der Lage
ist, die Pflichten seiner Stellung zu ben, und ich halte fr ein Gebot meiner
Ehre, zu bewirken, da er aus dieser Stellung scheidet.
    Der Obersthofmeister sah den Gelehrten erstaunt an. Und darum mssen Sie
auf dieser Unterredung bestehen?
    Die Erfahrungen, welche ich seit meiner Rckkehr vom Lande hier gemacht,
zwingen mich dazu; ich mu vor Anderm die Unterredung suchen durch jedes Mittel,
welches mir erlaubt ist, was auch die Folge sei.
    Auch die Folge fr Sie selbst?
    Auch diese. Der Frst kann mir nach Allem, was geschehen, ein persnliches
Zusammentreffen nicht versagen.
    Was er nicht sollte, wird er doch versuchen.
    Er thut es auf seine Gefahr, versetzte der Professor.
    Der Obersthofmeister stellte sich vor den Professor und begann
nachdrcklich: Der Frst will noch heut nach Rossau abreisen. Der Plan ist
Geheimni, ich erfuhr zufllig die Befehle, welche fr den Marstall ertheilt
wurden. Der Gelehrte fuhr zurck. Ich danke Ew. Excellenz von Herzen Uefr
diese Mittheilung, sprach er mit erzwungener Fassung, ich werde versuchen,
vorher eine schnelle Warnung hinzusenden. Ich selbst reise ebenfalls dorthin,
doch nicht eher, bis Excellenz meinen Versuch untersttzt haben, den Frsten vor
seiner Abreise zu sprechen.
    Wenn Sie durch mich um eine Audienz nachsuchen, sagte der Obersthofmeister
berlegend, so will ich als Beamter des Hofes und aus persnlicher Hochachtung
fr Sie Ihren Wunsch dem Frsten sogleich vortragen. Aber ich verberge Ihnen
nicht, da ich eine Kritik vergangener Ereignisse durch Sie, Herr Professor,
nach jeder Richtung fr bedenklich erachte.
    Ich aber bin von der Ueberzeugung durchdrungen, da in diesem Fall nicht
nur die Kritik gebt, auch eine Forderung gestellt werden mu, rief der
Professor.
    Nur in das Ohr des Frsten? Oder auch vor andern Menschen? frug der
Obersthofmeister.
    Wenn mir Ohr und Sinn des Frsten verschlossen bleibt, dann vor Jedermann.
Ich erflle damit eine ernste Pflicht gegen Alle, welche unter den finstern
Einfllen eines zerrtteten Geistes leiden knnten, eine Pflicht, der ich mich
als ehrlicher Mann nicht entziehen darf. Ich werde sein Anklger vor Frsten und
Volk, wenn stille Vorstellung ihn nicht bestimmt. Denn es ist nicht zu dulden,
da die Zustnde des alten Roms in unserer Nation gespenstig aufleben.
    Das ist entscheidend, versetzte der Obersthofmeister. Er ging zu seinem
Schreibtisch, hob ein Schriftstck hervor und bot es dem Gelehrten. Lesen Sie.
Werden Sie auf eine persnliche Unterredung mit dem Frsten verzichten, wenn
dies Papier von seiner Hand unterzeichnet ist?
    Der Professor las und neigte sein Haupt gegen den Obersthofmeister. Sobald
er aufhrt, zu sein, was er bis jetzt war, darf ich ihn als Kranken betrachten.
In diesem Fall wrde meine Unterredung mit ihm zwecklos. Unterde wiederhole ich
meine Bitte, mir vor Abreise des Frsten die erbetene Audienz zu erwirken.
    Der Obersthofmeister nahm das Papier zurck. Ich werde versuchen, Ihr
Anwalt zu sein. Aber vergessen Sie nicht, da der Frst in den nchsten Stunden
nach Rossau reist. Sehen wir uns wieder, Herr Werner, schlo feierlich der alte
Herr, so sei es an einem Tage, wo unser beider Haupt frei ist von der Sorge um
etwas, das man selbst zuweilen gering achtet, wie Sie in diesem Augenblick thun,
das man sich aber nicht gern durch den Einfall eines Dritten rauben lt.
    Der Professor eilte zu dem Gasthof und rief seinen Diener. Heut beweisen
Sie mir Ihre Treue, Gabriel, nur ein reitender Bote kann zu rechter Zeit in
Bielstein eintreffen. Versuchen Sie das Mgliche, nehmen Sie Courierpferde,
schaffen Sie einen Brief in die Hnde meiner Frau, bevor die Hofwagen dort
ankommen.
    
    Zu Befehl, Herr Professor, sagte Gabriel in kriegerischer Haltung, es ist
auch fr einen gedienten Husaren ein starker Ritt; wenn der Pferdewechsel mich
nicht aufhlt, so traue ich mich wohl den Brief zu rechter Zeit zu besorgen.
Der Professor schrieb in fliegender Eile und fertigte Gabriel ab; dann bestellte
er sich selbst Postpferde und eilte in die Wohnung des Obersthofmeisters zurck.
    Der Frst lag in seinem Sessel, die Wangen bleich, die Augen erloschen, ein
schwer erkrankter Mann; mde hing ihm das Haupt vom Nacken. Ich hatte sonst
doch andere Gedanken und vermochte, wenn ich auf die Tasten drckte, mehr als
eine Melodie zu spielen; jetzt wandelt sich Alles in eine mitnende Weise: sie
ist fort, sie ist in der Nhe des Knaben, sie lacht des thrichten Werbers.
Nichts sehe ich vor mir als das Gleis der Landstrae, welche zu ihr fhrt. Eine
fremde Gewalt hmmert in mir ewig dieselben Noten, ein schwarzer Schatten steht
neben mir und weist mit dem Finger unablssig auf denselben Pfad, ich vermag
mich nicht zu wehren, ich hre die Worte, ich sehe den Weg, ich fhle die dunkle
Hand ber meinem Haupt.
    Der Kammerdiener meldete den Obersthofmeister.
    Ich will ihn nicht sehen, herrschte der Frst den Diener an. Sagen Sie
Sr. Excellenz, ich sei im Begriff auf's Land zu reisen.
    Excellenz bitten, es handle sich um eine dringende Unterschrift.
    Der alte Thor, murmelte der Frst. Fhren Sie ihn herein. - Ich bin
leider pressirt, Excellenz, rief er dem Eintretenden zu.
    Ich wnsche die Zeit meines Durchlauchtigsten Herrn nicht lange in Anspruch
zu nehmen, begann der Hofmann, Professor Werner bittet, da Ew. Hoheit geruhe,
ihn vor seiner Abreise zu empfangen.
    Was soll die Zudringlichkeit? rief der Frst, er war bereits hier, ich
habe ihn abweisen lassen.
    Ich erlaube mir die ehrfurchtsvolle Bemerkung, da nach Allem, was
vorausgegangen, ihm die Ehre einer persnlichen Verabschiedung nicht wohl
verweigert werden kann. Ew. Hoheit werden der Letzte sein, welcher so
auffallende Verletzung schicklicher Rcksicht loben wrde.
    Der Frst sah feindselig auf den Obersthofmeister. Gleichviel, ich will ihn
nicht sprechen.
    Auerdem aber ist nicht rathsam, demselben diese Unterredung zu
verweigern, fuhr der alte Herr nachdrcklich fort.
    Darber bin ich der beste Richter, versetzte nachlssig der Frst.
    Derselbe ist Mitwisser einiger Thatsachen geworden, deren Bekanntwerden man
im Interesse frstlicher Wrde selbst mit schweren Opfern vermeiden mu, denn
derselbe ist nicht verpflichtet, das Geheimni zu bewahren.
    Niemand wird auf den einzelnen Trumer achten.
    Desselben Aussage wird nicht nur Glauben finden, auch gegen Ew. Hoheit
einen Sturm erregen.
    Geschwtz aus den Bcherstuben reicht nicht bis zu meinem Haupt.
    Derselbe ist ein hochgeachteter Mann von Charakter und wird seine
Beobachtungen benutzen, um vor der ganzen gebildeten Welt zu fordern, da am
hiesigen Hofe die Mglichkeit hnlicher Beobachtungen aufhre.
    Er thue, was er wagt, rief der Frst mit ausbrechendem Grimm, man wird
sich zu hten wissen.
    Noch kann die Niederlage verhtet werden: es gibt dagegen aber nur ein
letztes und grndliches Mittel.
    Sprechen Sie, Excellenz, ich habe Ihr Urtheil stets geachtet.
    Was jenen Professor aufregte, fuhr der Hofmann bedchtig fort, das wird,
zu allgemeiner Kenntni gebracht, allerdings Gerusch und gefhrliche Nachrede
hervorbringen; schwerlich mehr. Es war eine persnliche Wahrnehmung, die ihm am
Fu des Thurms aufgenthigt wurde, es war eine Vermuthung, die er unter dem Dach
desselben Thurms hervorgeholt hat. Nach seiner Behauptung sind zwei Versuche
gemacht, welche nicht zu folgenschwerer That wurden. Auf solcher Grundlage ein
ffentliches Urtheil der gesitteten Welt herauszufordern, ist milich. Wie
redlich der Berichterstatter sei, er mag sich selbst getuscht haben. Ew. Hoheit
bemerkten richtig, der Eifer eines einzelnen Gelehrten wrde unliebsames
Geschwtz veranlassen, nichts weiter.
    Vortrefflich, Excellenz, unterbrach der Frst.
    Leider tritt ein bedenklicher Umstand hinzu. Fr jene persnliche
Wahrnehmung am Fu des Thurms hat derselbe Gelehrte einen Zeugen. Und dieser
Zeuge bin ich. Wenn er sich auf mein Zeugni beruft, will sagen, auf meine
persnliche Wahrnehmung, so werde ich erklren mssen, er hat Recht, denn ich
bin nicht gewohnt, halbe Wahrheit fr Wahrheit zu achten.
    Der Frst fuhr in die Hhe.
    Ich war es, der die Hand festhielt, bemerkte der Hofmann leise. Und weil
jener Gelehrte Recht hat, und weil ich desselben Ansicht ber das Befinden
meines gndigen Herrn besttigen mte, sage ich, es gibt nur ein letztes und
grndliches Mittel. Der Obersthofmeister hob die Urkunde aus der Mappe. Mein
Mittel ist, da Ew. Hoheit durch einen groen Entschlu dem Unwetter zuvorkomme
und hochgeneigt geruhe, dies zur Willenserklrung zu machen.
    Der Frst warf einen Blick in das Papier und schleuderte es von sich. Sind
Sie unsinnig, alter Mann?
    An mir ist diese Eigenschaft noch nicht bemerkt worden, versetzte der
Obersthofmeister traurig. Mge mein gndigster Herr die Angelegenheit mit
gewohntem Scharfsinn erwgen. Es ist leider unmglich geworden, da Ew. Hoheit
die Anstrengungen eines hohen Berufes in bisheriger Weise ertragen. Selbst wenn
Ew. Hoheit dazu bereit wren, hat sich die Schwierigkeit erhoben, da getreue
Diener in der peinlichen Lage sind, diese Auffassung nicht zu theilen.
    Diese treuen Diener sind mein Obersthofmeister.
    Ich bin einer davon. Wenn Ew. Hoheit nicht geruhen wollten, jenem Entwurf
Hchstihren Beifall zu geben, so wrde mir die Rcksicht auf etwas, das mir
theurer sein mu, als Ew. Hoheit Gnade, verbieten, ferner im Dienst zu bleiben.
    Ich wiederhole die Frage: Sind Sie kindisch geworden, Obersthofmeister?
    Nur bewegt, ich meinte nicht, jemals whlen zu mssen zwischen meiner Ehre
und meinem Dienst. Er holte ein anderes Document aus der Mappe.
    Ihre Entlassung? rief der Frst lesend. Sie htten dazusetzen knnen: in
Gnaden. Der Frst ergriff die Feder. Hier, Freiherr von Ottenberg, Sie sind
Ihres Amtes quitt.
    Es ist kein freudiger Dank, den ich Ew. Hoheit dafr sage. Demnach aber
spreche ich, Hans von Ottenberg, die ehrfurchtsvolle Bitte aus, da Ew. Hoheit
noch in dieser Stunde auch das andere Schriftstck zu unterzeichnen geruhe. Denn
falls Hochdieselben zgern wollten, die flehende Bitte eines frheren Dieners zu
erfllen, so wrde dieselbe Bitte von jetzt ab mehrfach Ew. Hoheit Ohr
belstigen und von Seiten, denen Hochdieselben nicht soviel Nachsicht zu
beweisen pflegen, als seither mir. Bis jetzt war's einer, der bat, ein
Professor, jetzt sind's zwei, er und ich, in den nchsten Stunden wird die Zahl
Ew. Hoheit lstig werden.
    Ein frherer Obersthofmeister als Aufwiegler!
    Nur als Bittender. Ew. Hoheit haben Recht, da der hchste Entschlu,
welchen ich zu beeinflussen suche, durchaus freiwillig sein mu. Aber ich flehe
nochmals an, zu erwgen, da er nicht mehr zu vermeiden ist. Ew. Hoheit Hofstaat
wird in der nchsten Stunde vor derselben Entscheidung stehen wie ich; denn die
Rcksicht auf die Ehre dieser Herren und Damen wird mich zwingen, smmtliche
Grnde, welche mich bestimmten, auch ihnen nicht zu verschweigen. Ohne Zweifel
werden die Herren des Hofes gleich mir Ew. Hoheit bittend nahen und gleich mir
um Enthebung nachsuchen, falls ihr Flehen erfolglos bleibt; und ohne Zweifel
werden Ew. Hoheit neue Diener finden. Die Rcksicht auf Ehre und Amt Ihrer
Beamten wird mich verpflichten, Ew. Hoheit Ministern dieselbe Mittheilung zu
machen. Auch diese mgen durch weniger bedenkliche Staatsdiener ersetzt werden.
Ferner wrde ich mich ans Ehrfurcht und Ergebenheit gegen dies Hohe Haus, aus
Sorge um Leben und Wohlfahrt des Erbprinzen und seiner erlauchten Schwester
sowie aus Anhnglichkeit gegen dies Land, in welchem ich ergraut bin, genthigt
sehen, verwandte Regierungen um eine energische Wiederholung dieser meiner Bitte
anzugehen. Solange ich am Hofe diente, zwang mich Eid und Pflicht zur
Verschwiegenheit und zur Rcksicht auf Ew. Hoheit persnliche Interessen. Dieser
Verpflichtung bin ich enthoben, und ich wrde von jetzt fr das allgemeine Wohl
gegen Ew. Hoheit stehen. Ew. Hoheit mgen selbst ermessen, wohin das fhren mu.
Jene Unterschrift kann hinausgeschoben, nicht mehr vermieden werden. Jede
Zgerung verschlechtert die Lage; die Unterschrift wrde nicht mehr als
freiwillige That eines hohen Entschlusses erscheinen, sondern als abgedrungene
Notwendigkeit. Endlich erwgen Ew. Hoheit, der Professor hatte am Thurmschlo
eine aufregende Beobachtung gemacht, eine andere am Leben eines gewissen
Magisters; mein Schicksal ist, Mehres zu wissen, was nicht Dienstgeheimni war.
    Der Frst lag in seinem Sessel, das Haupt abgewandt, er schlug die Hnde vor
das Antlitz. Es wurde eine lange, unheimliche Stille.
    Sie waren mein persnlicher Feind vom ersten Tage meiner Regierung, fuhr
der Frst endlich auf.
    Ich war meines gndigsten Herrn getreuer Diener; persnliche Freundschaft
wurde mir nie zu Theil und ich habe sie nie geheuchelt.
    Sie haben von je gegen mich intriguirt.
    Ew. Hoheit ist wohl bewut, da ich als ein Mann von Ehre gedient,
versetzte der Freiherr stolz. Auch jetzt, wenn ich noch einmal bitte, dieses
Schriftstck in der gebotenen Form zu unterzeichnen, sttze ich mich nicht auf
die Rechte, welche mir Ew. Hoheit vieljhriges Vertrauen gibt; ich berufe mich
auch nicht, um dieses wiederholte Drngen zu entschuldigen, auf die Theilnahme,
die ich an dem Ansehn und Wohlergehen dieses Hohen Hauses zu nehmen berechtigt
bin. Ich habe noch einen andern Grund, von Ew. Hoheit Haupt die letzte
Demthigung, das heit ein ffentliches Besprechen Hchstihrer Gesundheit
fernzuhalten. Ich bin ein loyaler und monarchisch gesinnter Mann. Wer noch
Ehrfurcht vor dem hohen Amt eines Frsten in sich bewahrt, gerade dem ist
dringend geboten, zu verhten, da dies Amt in den Augen der Nation erniedrigt
werde. Dies soll er verhten, nicht dadurch, da er Unzutrgliches verschleiert,
sondern dadurch, da er es austilgt. Deshalb steht seit jenem Ereigni am Thurm
zwischen Ew. Hoheit und mir der Streit so, da ich, um Ew. Hoheit erhabenes Amt
zu schtzen, Ew. Hoheit Person opfern mu. Ich bin dazu entschlossen, und
deshalb bleibt Ew. Hoheit nur die Wahl, ob Hchstdieselben das Unvermeidliche
thun wollen: freiwillig und vor den Augen der Welt in Ehren, oder auf
bermchtiges Drngen Fremder in Unehren. Die Worte sind gesprochen, ich bitte
um kurzen Entscheid.
    Der alte Herr stand dicht vor dem Frsten, fest und kalt blickte er in die
unsicheren Augen seines frheren Gebieters und wies mit dem Finger unverrckt
auf das Pergament. Es war der Wchter, der seinen Kranken bemeistert.
    Nicht jetzt, nicht hier, rief der Frst auer sich. In Gegenwart des
Erbprinzen will ich berathen und mich entscheiden.
    Gegenwart und Unterschrift der Minister sind fr das Document nthig, nicht
die Gegenwart des Prinzen. Da Ew. Hoheit vorziehen, vor den Augen des Erbprinzen
zu unterzeichnen, so werde ich mir die Ehre geben, Ew. Hoheit nach Rossau zu
folgen, und einen der Minister bitten, zu diesem Zweck mich zu begleiten.
    Der Frst sah nachdenkend vor sich hin. Noch bin ich Frst, rief er
aufspringend, ergriff die unterschriebene Entlassung des Freiherrn und zerri
sie: Obersthofmeister von Ottenberg, Sie werden mich in meinem Wagen nach
Rossau begleiten.
    Dann wird der Minister in meinem Wagen Ew. Hoheit folgen, sagte der alte
Herr ruhig; ich eile, ihn davon zu benachrichtigen.

                                       3.

                                        

                            Auf dem Weg zum Steine.


Zu der stillen Landstadt, welche einst fromme Ansiedler um die Klosterglocke
betender Mnche erbaut, zu dem Steine, worauf einst die Heidenjungfrau ihrem
Stamm weissagende Worte geraunt, stiegen jetzt auf verschiedenen Straen Rosse
und Rder mit lebenden Menschen, welche Entscheidung ihres Schicksals suchen,
hier frhlich aufsteigendes Hoffen, dort abwrts geneigte Kraft, hier holder
Traum einer schwrmerischen Jugend, dort wster Traum eines finstern Geistes. Im
Thal und ber dem Stein schweben die Geister der Landschaft, sie rsten sich,
die flchtigen Fremden nach dem Gastrecht der Heimat zu empfangen.
    Das erste Morgengrau sandte seinen bleichen Schimmer in Laura's
Arbeitsstube, sie stand an ihrem Memoirentisch und warf den letzten Blick nach
dem vertrauten Buch, in welches sie mit flchtiger Hand die Schluworte
geschrieben hatte. Sie schnrte das Buch und die Gedichte des Doctors zusammen
und barg sie unter dem Deckel ihres Reisekoffers. Noch einen langen Blick warf
sie auf das Heiligthum ihrer Mdchenjahre, dann flog sie die Treppe hinab in die
Arme der ngstlichen Mutter.
    Es war eine wundervolle Entfhrung, ein stiller Sonntagmorgen,
geheimnivolle Dmmerung, am Himmel dstere Regenwolken, welche schauerlich von
einem dunkelrothen Morgenschein abstachen. Laura lag lange in den Armen der
weinenden Mutter, bis Kchin Susanne zum Aufbruch drngte, dann schlpfte sie
aus dem Haus auf die Strae, wo der Doctor sie erwartete, und eilte neben ihm zu
dem Wagen. Denn der Wagen war jenseit der Ecke an einen einsamen Platz bestellt,
nicht vor das Haus, darauf hatte Laura bestanden. Es war eine wundervolle
Entfhrung, ein bescheidener und wackerer Reisegenosse, das Haus der geliebten
Freundin als Reiseziel, zuletzt eine groe Ledertasche mit kaltem Braten und
anderem Vorrath, welchen Frau Hahn selbst in den Wagen trug, um ihren Sohn und
Laura noch einmal zu kssen und mit Thrnen zu segnen.
    Aber, um in der Sprache des abwesenden Herrn Hummel zu reden, wenn unser
Herrgott im Kutschwagen fhrt, sitzt der Teufel auf der Pechbchse. Hier setzte
sich der Teufel auf den kalten Braten. Speihahn nmlich hatte in den letzten
Tagen sein vereinsamtes Dasein schwer ertragen. Seit der Abreise des gelehrten
Oberstocks war er immer mivergngt gewesen, seit vollends der Hausherr
verschwunden war, fehlte seinem Leben die Anerkennung, welche auch ein Bsewicht
ungern entbehrt. Heut sah er mit kaltem Blinzeln, wie Laura um die trauernde
Mutter schwebte, er sah mit einem Schielblick die heftigen Bewegungen der Kchin
Susanne, welche den groen Reisekoffer zum Wagen trug, dann trollte er auf die
Strae, um dort seinem Ha gegen das Nachbarhaus Ausdruck zu geben. Als aber
Frau Hahn mit der Ledertasche zum Wagen eilte, merkte er ein Unheil und war bei
der Hand. Er schlich der Nachbarin nach, und whrend diese aus den Wagentritt
stieg, um ihren Fritz vor der rauhen Morgenluft zu warnen und Laura noch einmal
zu kssen, benutzte Speihahn den Futtersack, welchen der Kutscher an die
Vorderrder gestellt hatte, sprang hinauf und fuhr unter die Lederschrze des
Kutschers, entschlossen, seine Zeit zu erwarten. Der Kutscher setzte sich,
fhlte mit seinem Fu an das zweideutige Wesen, er nahm an, da der Hund zur
Reisegesellschaft gehre, hob unternehmend seine Peitsche und setzte den
Entfhrungswagen in Bewegung. Noch ein Blick und Zuruf an die Mutter, und die
waghalsige Fahrt begann.
    Laura's Seele bebte unter dem Druck der leidenschaftlichen Gefhle, welche
die langersehnte und gefrchtete Stunde hervorrief. Die Huser der Stadt
entschwanden, die Pappeln der Landstrae tanzten vorber. Sie sah ngstlich auf
ihren Fritz und fate mit den Fingerspitzen seine Hand. Fritz lachte und drckte
die Hand krftig.
    An seinem Muth richtete sie sich ein wenig auf. Sie sah ihm zrtlich in das
treue Gesicht. Der Morgen ist khl, begann Fritz, erlauben Sie, da ich Ihnen
den Mantel schliee.
    Mir ist sehr wohl, versicherte Laura und fuhr mit der zitternden Hand aus
dem Mantel, um sich wieder mit ihren Fingerspitzen an dem Geliebten zu halten.
    So saen sie schweigend nebeneinander, die Sonne guckte verschmt aus ihrer
rothen Gardine hervor und lachte Laura an, da diese die Augen schlo. Ihr
ganzes Kinderleben flog in flchtigen Bildern an ihr vorber. Zuletzt die
bedeutsamen Worte, welche sie bei den jngsten Besuchen von ihren Freundinnen
gehrt. Die Pathe hatte zu ihr gesagt: komm bald wieder, Kind. Laura hatte
bewegt gefhlt, da das Wiedersehen in einer unabsehbaren Ferne lag. Ihre
Gevatterin hatte herzlich gefragt: wann sehen wir uns wieder? In Laura klang
rhrend als Echo: wer wei, wann. Rings um sie aber regte sich der junge Tag,
ein Taubenschwarm flog ber das Feld, ein Hase rannte lngs dem Wege wie zum
Wettlauf, ein prchtiges Bschel blauer Blumen stand am Grabenrand, rund umher
glnzten die rothen Dcher aus dem Kranz der Obstbume, Alles auf der Erde
hoffnungsgrn, blhend und wogend im Morgenwind. Landleute kamen ihnen entgegen,
welche nach der Stadt zogen, ein Buerlein sa aus seinem Wagen, der Rauch aus
seiner Pfeife wirbelte lustig in der Luft, er nickte zu Laura Guten Morgen, und
Laura hielt ihre freie Hand hinaus, als wollte sie der ganzen Mitwelt einen Gru
senden. Mit ihrem kleinen Wagen kam die Milchfrau, welche an der Straenecke
feilbot, auch diese grte: Guten Morgen, Frulein. Laura fuhr zurck und sah
Fritz erschrocken an: Sie hat uns erkannt.
    Kein Zweifel, besttigte der Doctor lustig.
    Sie ist geschwtzig, Fritz, sie kann's nicht verschweigen, sie erzhlt's
allen Dienstmdchen unserer Strae, da wir zusammen diesen Weg gefahren sind.
Mir wird angst, Fritz.
    Wir fahren spazieren, frohlockte der Doctor, wir fahren zum Besuch bei
irgend Jemandem, wir sollen auf dem Lande miteinander Pathen stehen, machen Sie
sich um diese Kleinigkeiten keine Sorge.
    Bei dem Pathenstehen fing's an, Fritz, versetzte Laura beruhigt. Die
Katzenpfoten haben Alles verschuldet.
    Ich wei nicht, meinte Fritz schlau, ob das Unglck nicht schon weit
frher anfing. Sie waren noch ein kleines Mdchen, da erhielt ich schon einen
Ku.
    Davon wei ich nichts, sagte Laura.
    Es war um einen Korb bunter Bohnen, den ich Ihnen aus unserm Garten
brachte. Ich forderte den Ku. Sie lieen sich den Preis gefallen, aber Sie
fuhren sich gleich darauf mit der Hand ber den Mund. Sie gefielen mir seit
damals besser als alle Andern.
    Sprechen wir nicht von solchen Dingen, Fritz, wehrte Laura ngstlich,
meine Erinnerungen aus der Urzeit sind nicht alle so harmlos.
    Ich bin immer kurz gehalten worden, rief Fritz, auch heut. Es ist eine
Schande. Das kann nicht so fortgehen, es wird ein ernstes Aussprechen darber
vor Allem nthig. Wenn man zusammen reist wie wir beide, will sich nicht
schicken, da man das steife Sie gegen einander gebraucht.
    Laura sah ihn vorwurfsvoll an. Heut nicht, sagte sie leise.
    Das hilft nun nichts, rief Fritz entschlossen. Ich lasse mich nicht
lnger als Fremden behandeln. Erst einmal habe ich das ehrliche Du gehrt, und
dann nicht wieder. Mir thut es weh.
    Das war nun Laura leid. Aber nur, wenn wir ganz allein sind, bat sie.
    Ich schlage Brderschaft vor, fuhr Fritz ungerhrt fort, ein fr allemal,
man verspricht sich sonst nur und es gibt Verwirrung. Er bot ihr seine Hand,
die sie ein wenig schttelte, dabei machte sich's, da seine Wange der ihren
nahe kam, und ehe sie sich's versah, fhlte sie einen Ku auf ihren Lippen.
    Sie sah ihn zrtlich an, aber gleich darauf fuhr sie zurck und drckte sich
in ihre Wagenecke. Fritz war heut weit anders als sonst, er sah unternehmend und
trotzig aus. Zu Hause war er immer bescheiden gewesen, Laura hatte bei sich
schon mehr als einmal an die Brderschaft gedacht; wenn zwei Menschen so mit
ganzer Seele einander gehren, sollen sie sich das auch sagen, hatte sie in ihr
Buch geschrieben. Jetzt machte er wenig Umstnde. Er legte sich khn aus dem
Wagen. Wenn Reisende entgegenkamen, beugte er sich gar nicht zurck wie sie seit
der Milchfrau, sondern sah herausfordernd auf die Leute und grte zuerst. Ich
mu von den Indern anfangen, dachte sie, damit ich ihn auf andere Gedanken
bringe. Sie frug ihn nach dem Inhalt der Veda.
    Heut kann ich mich gar nicht darauf besinnen, rief Fritz ausgelassen. Mir
ist so glcklich zu Muth, da ich nicht an die alten Bcher denken mag. Sie
haben vier Abtheilungen, in jeder finde ich nur einen Gedanken: Laura, das
geliebte Mdchen, wird mein. Ich mchte im Wagen tanzen vor Freude. Und er
hpfte auf seinem Sitz in die Hhe, wie ein kleiner Junge.
    Frchterlich war Fritz verwandelt, sie kannte ihn nicht wieder, sie entzog
ihm ihre Hand, wickelte sich in ihr Tuch und sah ihn mitrauisch von der Seite
an.
    Der Himmel hllt sich in Wolken, sagte sie mit trben Ahnungen.
    Oben drber scheint die Sonne, versetzte Fritz behaglich, sie kommt in
wenig Augenblicken wieder hervor. Ich schlage vor, die groe Ledertasche zu
untersuchen, welche die Mutter mitgegeben hat, ich hoffe, es ist etwas Gutes
darin.
    Die Prosa der Familie Hahn verrieth sich. Laura sah mit geheimem Kummer, wie
eifrig der Doctor in der Tasche kramte. Inde auch sie hatte in der Anfregung
wenig des Frhstcks gedacht, und als Fritz ihr den Inhalt bot, streckte sie
doch die kleine Hand darnach aus, und beide aen herzhaft.
    Der Platz neben dem Kutscher verdunkelte sich, ein umfrmlicher Kopf fuhr um
das Fenster, ein mitnendes Knurren wurde im Wagen gehrt. Laura wies
erschrocken auf den Kopf. Wehe uns, da ist wieder der Hund. Auch der Doctor
sah zornig auf die feindliche Gestalt. Wir jagen ihn hinunter, rief Laura, er
mag nach Hause laufen.
    Er findet sich schwerlich nach Hause, wendete der Doctor bedenklich ein,
was wird dein Vater sagen, wenn er ihm verloren geht?
    Er war der Feind meines Lebens, rief Laura emprt, und jetzt sollen wir
ihn in die Welt mitnehmen? Das ist unertrglich, das ist eine schlimme
Vorbedeutung, Fritz.
    Vielleicht begegnet uns ein Wagen, der ihn zurcknimmt, trstete der
Doctor. Unterde kann er nicht verhungern. Er reichte ihm trotz des Abscheues,
den er ihm redlich gnnte, ein Frhstck hinaus, der Hund verschwand wieder
unter der Wagendecke.
    Laura aber blieb verstrt. Fritz, lieber Fritz, rief sie pltzlich,
lassen Sie mich allein.
    Der Doctor sah erstaunt zu ihr hinber. Das Sie war ein orthographischer
Fehler und mu gebt werden. Er nherte sich wieder ihrem Munde. Laura fuhr
zurck. Wenn Sie mich lieben, Fritz, so lassen Sie mich jetzt allein, rief sie
hnderingend.
    Wie kann ich das? frug Fritz, wir fahren ja miteinander in die Welt.
    Setze dich zum Kutscher auf den Bock, bat Laura flehentlich. Sie sah so
ernst und gedrckt aus, da Fritz gehorsam halten lie, aus dem Wagen stieg und
zum Kutscher hinaufkletterte. Laura holte tief Athem, sie wurde ruhiger. Ihr
Wort hatte Einflu auf ihn. Wie wild er auch war, er that doch Manches nach
ihrem Gefallen. Sie sa allein, ihre Gedanken flogen wieder muthiger in das Land
hinaus. Der Doctor wandte sich hufig um, klopfte an das Fenster und frug, wie
es ihr gehe. Er war doch sehr zartfhlend und liebevoll um sie besorgt.
    Auf mir liegt die ganze Verantwortung fr seine Gesundheit, dachte sie;
was bis jetzt seine liebe Mutter fr ihn gethan, das wird meine Pflicht. Eine
se Pflicht, geliebter Fritz. Vor Nachtarbeiten werde ich ihn hten, denn seine
Gesundheit ist zart, und alle Tage fhre ich ihn spazieren, auch bei rauhem
Wetter, damit er sich daran gewhnt. Sie sah zum Wagen hinaus, der Wind
schttelte die Baumbltter, sie klopfte von innen an das Fenster. Fritz, es ist
windig, Sie haben keinen Shawl um.
    Ich soll ja keinen umhaben, rief der Doctor von auen, diese
Verweichlichung wird nicht mehr gestattet.
    Ich bitte, Fritz, seien Sie kein Kind, nehmen Sie ihn um, Sie werden sich
sicher erklten.
    Mit Sie nehme ich ihn nun gar nicht.
    Nimm ihn, Herzensfritz, ich beschwre dich, flehte Laura.
    Das klingt anders, sagte Fritz. Das Fenster wurde geffnet, der Shawl
wanderte hinaus.
    Er ist eisenfest, sagte Laura, sich wieder auf ihrem Sitz zurecht rckend.
Wie gefllig er aussieht, er wei sehr genau, was er will, und er wird mir
nicht nachgeben, wo seine Ueberzeugung ihm das nicht erlaubt. Das ist auch gut
so, denn ich merke, ich bin immer noch ein kindisches Ding und der Vater hat
Recht, ich brauche einen Gatten, der ruhiger in die Welt sieht als ich.
    Es fing an zu regnen. Der Kutscher zog seinen Mantel hervor, Fritz breitete
seine Decke aus und hllte sich hinein. Ihr wurde angst um den Fritz, wieder
klopfte sie an das Fenster. Es regnet, Fritz. Das konnte der Doctor nicht
leugnen. Kommen Sie herein, Sie werden na und erklten sich.
    Der Wagen hielt, Fritz kletterte wieder gehorsam in das Innere, Laura
wischte die kleinen Tropfen auf dem Haar seiner Decke mit ihrem Taschentuch ab.
    Viermal Sie gesagt, begann Fritz strafend. Wenn das so fort geht, wirst
du eine groe Rechnung zahlen.
    Sei ernsthaft, bat Laura, mir ist feierlich zu Muth: ich denke an unsere
Zukunft. Ich will darauf sinnen Tag und Nacht, Geliebter, da du die Mutter
nicht entbehrst. Deine liebe Mutter hat dir bis jetzt den Kaffe hinaufgetragen,
das ist ungemthlich, du kommst zu mir herber und nimmst dein Frhstck mit mir
ein. Diese halbe Stunde mu mir Indien abtreten. Um zehn Uhr schlage ich dir ein
Ei und schicke es dir hinber, am Mittag kommst du wieder zu mir herber, ich
sorge fr gute Kche, wir leben einfach, wie wir beide gewohnt sind, aber
krftig. Dann erzhlst du mir schnell etwas aus deinen Bchern, damit ich wei,
was mein Mann treibt, denn dies ist das Recht der Frau. Am Nachmittag treffen
wir uns auf der Strae.
    Wie so? frug Fritz, herber, hinber und auf der Strae, wir wohnen ja
doch zusammen.
    Laura sah ihn mit groen Augen an, langsam berzog die Rthe ihr Gesicht bis
an die Schlfe.
    Wir knnen als Mann und Frau doch nicht in verschiedenen Husern wohnen?
    Laura hielt die Hand vor die Augen und schwieg. Da sie nicht antwortete, zog
ihr Fritz leise die Hand vom Gesicht, groe Thrnen liefen von ihrer Wange
herab. Meine Mutter, weinte sie leise. So rhrend war der Ausdruck ihres
Wehes, da Fritz mitfhlend sagte: Grme dich nicht drum, Laura, wir wohnen,
wie du willst, und wir leben ganz, wie dir's recht ist. Aber auch die
freundlichen Worte vermochten das arme Herz nicht zu trsten, um welches sich
die mdchenhafte Angst vor der Zukunft legte. Der bunte Nebel war zerflossen,
mit welchem ihre kindliche Phantasie sich das freie Leben in der Nhe des
Geliebten verhllt hatte.
    Sie sa schweigend und finster.
    Der Kutscher hielt vor einer Dorfherberge, seine Pferde und sich selbst zu
erquicken. Die junge Wirthin stand, ihr Kind auf dem Arm, in der Thr, sie trat
an den Wagen und lud artig ein, abzusteigen. Laura sah unsicher den Doctor an,
er winkte, der Wagenschlag wurde geffnet, Laura setzte sich vor der Thr auf
eine Bank und that, um die Sicherheit einer Reisenden zu erweisen,
Familienfragen an die junge Frau. Die Frau antwortete zutraulich: Es ist das
erste Kind, wir sind erst seit zwei Jahren verheiratet. Um Vergebung, Sie sind
auch junge Eheleute? Laura erhob sich schnell, wieder glhte ihre Wange
feuriger als die aufgehende Sonne, whrend sie ein leises Nein erwiederte.
    Na, dann sicher Brautleute, sagte die Frau, das sieht man auf zehn
Schritt.
    Woran wollen Sie das erkennen? frug Laura, ohne die Augen aufzuschlagen.
    Man hat so seine Zeichen, versetzte die Frau, wie Sie nach dem Herrn
ausschauten, das war deutlich genug.
    Getroffen! rief der Doctor glcklich, aber auch ihm war die Wange etwas
gerthet. Laura wandte sich ab und kmpfte um Fassung. Das Geheimni ihrer Reise
lag offen vor Jedermanns Blick. In der Stadt wuten sie es, auf dem Dorfe
sprachen sie davon. Sie war Braut geworden durch fremde Zungen. Die Eltern
hatten ihr nicht die Hand in die des Geliebten gelegt, keine ihrer Freundinnen
hatte ihr Glck gewnscht, jetzt kam die Fremde auf der Landstrae und sagte ihr
auf den Kopf zu, was sie war. Htte die Frau erst Alles gewut, da ich von
Fritz Hahn heimlich entfhrt bin ohne Verlobung und ohne Brautstand, welches
Gesicht wrde sie gemacht haben? Laura rang unter dem Mantel die Hnde, sie
stieg in den Wagen, bevor der Kutscher die Krippe wegsetzte, und wieder rannen
ihr die Thrnen aus den Augen. Der Doctor, welcher von dieser Stimmung nichts
ahnte, wollte einsteigen. Bitte, rief Laura auer sich, setzen Sie sich zum
Kutscher, mir ist sehr traurig um's Herz.
    Weshalb? frug Fritz leise.
    Ich habe ein frevelhaftes Spiel getrieben, rief Laura, Fritz, ich mchte
wieder umkehren. Was wird die Frau von mir denken? Sie hat recht gut gesehen,
da wir nicht verlobt sind.
    Sind wir's denn nicht? frug der Doctor verwundert, ich betrachte mich
entschieden als Brutigam, und die Freunde, zu denen wir reisen, werden die
Sache genau so ansehen.
    Ich beschwre Sie, Fritz, lassen Sie mich nur jetzt allein; was ich fhle,
kann ich keiner Menschenseele gestehen; bin ich ruhiger, so werde ich klopfen.
    Fritz kletterte wieder auf den Kutscherbock. Laura verlebte in der
Einsamkeit ihres Wagens eine trostlose Stunde.
    Sie fhlte etwas Fremdes an ihrem Mantel, sah erschreckt auf den leeren Sitz
und fuhr zurck, neben ihr sa der Dmon, der Feind ihres Lebens, der rothe
Hund. Er stemmte seine Vorderbeine breit auseinander und hob seinen Schnurrbart
hoch in die Luft, als wollte er sagen: Jetzt entfhre ich. Der Doctor ist auf
den Bock gesetzt, und ich, der alte Hndelmacher, der Menschenfeind, ich, der an
vielem Schmerz der Dichterseele neben mir schuld ist, der in ihrem Tagebuch
durch Vers und Prosa verwnscht wurde, ich, die gemeine und unwrdige
Wirklichkeit, welche vor ihren Fen lag, ich sitze hier neben der Entfhrten,
ein dsteres Bild ihres Schicksals, Gespenst ihrer Jugend und bses Omen fr
ihre knftigen Tage, ich lagere an der Stelle, wo ihre kindische Poesie lange
einen Andern hintrumte, und ich hhne ihre Thrnen und ihre Noth. Er leckte
seinen Bart und blickte unter seinen langen Haaren verchtlich auf sie. Und
Laura pochte an das Fenster, um selbst den Wagen zu verlassen und sich auch auf
den Bock zu setzen.

    Unterde saen die Mtter sorgenvoll in den feindlichen Husern. Seit die
Tochter abgereist war, zagte Frau Hummel vor dem Zorn ihres Gatten. Von Laura
wute sie, da ihr Mann gegen die Reise nach Bielstein nichts hatte und sich nur
unwissend stellte, um sein trotziges Wesen gegen die Nachbarn zu behaupten. Aber
was dahinter lag, ahnte er nicht; wenn zur Entscheidung kam, was nun mit Laura
und dem Doctor werden sollte, war von ihm noch Alles zu frchten. Frau Hummel
hatte die Reise befrdert, um den Haustyrannen zur Einwilligung zu zwingen,
jetzt wurde sie mitrauisch gegen ihre eigene Klugheit. In ihrer Noth warf sie
die Mantille ber ihr Morgenkleid und eilte aus dem Hause, um bei der Nachbarin
Trost zu holen.
    Das Herz der Frau Hahn war durch hnliche Sorgen bewegt, auch sie war
bereit, in Morgenkleid und Mantille bei Frau Hummel vorzusprechen. Die Frauen
trafen auerhalb der Huser zusammen, ein Austausch mtterlicher Sorgen begann.
Sie bentzten den neutralen Boden, der zwischen den feindlichen Gebieten lag, zu
leisem Wechselverkehr und vergaen darber, da sie auf der Strae standen. Die
Glocken luteten, die Kirchgnger kehrten nach Hause, immer noch standen sie
beieinander und sorgten um Vergangenes und Knftiges. Da nherte sich ihnen in
gewhltem Gewande der Mime. Schon von weitem machte er eine dramatische
Handbewegung, welche angelegentlichen Gru ausdrckte. Heut sah Frau Hummel mit
Sorge auf den geschtzten Gast, sie frchtete seine Vermuthungen und noch mehr
die scharfe Zunge. Das Gesicht des Knstlers glnzte vor Freude und seine
Bewegungen wurden gefhlvoll. Welche Ueberraschung, rief er im Ton eines
warmherzigen Onkels, welche anmuthige Ueberraschung! Der alte Streit ist
abgethan, Blumengewinde ziehen sich von einem Hause zum andern, was der Zwist
der Vter verschuldet, shnt die Liebe der Kinder. Aus warmem Herzen bringe ich
meinen Glckwunsch dar.
    Wie meinen Sie das? frug Frau Hummel betroffen, und was bedeuten Ihre
Worte?
    Entfhrung, rief der Mime und hob seine Hand zum Segen.
    Die beiden Mtter sahen einander erschrocken an. Ich mu Sie bitten, bei
Ihren Ausdrcken mehr die wirklichen Verhltnisse zu bercksichtigen, versetzte
Frau Hummel, sich an den letzten Trmmern ihres Stolzes aufrichtend.
    Entfhrung, rief der Mime wieder freudestrahlend. Ganz dem Humor dieses
Hauses angemessen, es ist ein Meisterstreich.
    Da Sie uns nicht beleidigen wollen, betonte Frau Hummel erregt, nehme
ich im Vertrauen auf alte Freundschaft an. Aber ich mu Sie im Ernst bitten,
Ihre Ausdrcke besser zu whlen.
    Der Mime erstaunte ber den Widerstand seiner Gnnerin. Ich wiederhole nur,
was mir soeben die Stadtpost gemeldet hat. Es zog ein zierliches Briefchen aus
seinem Rock. Ich bitte die verehrten Damen, sich selbst davon zu berzeugen.
Er wies das Billet hin und las mit lauter Stimme auf der Strae vor: Die
Verlobung des Doctor Fritz Hahn mit meiner Tochter Laura und die heut morgen ins
Werk gesetzte Entfhrung desselben aus seinem elterlichen Hause zeige ich
ergebenst an. Hummel. - Dies entspricht ganz dem Charakter unseres launigen
Freundes.
    Noch standen die Frauen fassungslos, da rauschte ein seidenes Kleid von den
Granitplatten heran, eilig kam die Frau Pathe, ihr Gesangbuch in der Hand, und
begann schon von weitem: Was mu man erleben, ihr bsen Leute! Ist es recht,
da die Hausfreunde erst in der Kirche vom Prediger erfahren mssen, was hier
vorgeht?
    Was meinen Sie? riefen beide Frauen vllig verwirrt.
    Da Ihre Kinder heut in der Kirche aufgeboten sind, zum ersten, zweiten und
dritten Mal. Es gab ein allgemeines Erstaunen, und wie unfreundlich Sie auch
gegen uns gehandelt haben, da Sie ein Geheimni daraus machten, es war bei
allen Bekannten eine innige Freude. Jetzt ist die ganze Stadt voll davon.
    Ohne ein Wort zu reden, flogen die beiden Mtter einander in die Arme.
Mitten auf dem Fahrweg der Parkstrae, welche frher Thalgasse hie, gerade
zwischen den beiden Hausthren, genau zwischen den beiden Gitterzunen. Der Mime
stand gerhrt daneben und bewegte den Arm nach der Brusttasche, und die Frau
Pathe faltete die Hnde.

    Auch denen vom Gut war es ein unruhiger Sonntag. Whrend der letzten Nacht
war in den Bergen ein Wolkenbruch niedergestrzt und eine wilde Fluth wlzte
sich ber dem Wasserpfade dahin, den sonst der Bach zwischen Wiesen durchlief.
Die ltesten Leute erinnerten sich nicht solches Wogendrangs, der Bach war
ohnedies hoch angeschwollen seit dem Regen der letzten Wochen, jetzt brauste und
donnerte er durch das enge Thal zwischen dem Stein und der Berglehne und bergo
die Felder, wo ihm nicht steiles Land und Fels trotzten. Jh und zornig scho
das Wasser durch die Enge, es sprudelte ber den Felsblcken und um die Kpfe
der Weiden. Auf seiner Oberflche trug es gemhtes Gras der Wiesen, alte
Rohrstengel, abgerissene Baumste, aber auch Trmmer von Menschenwohnungen, die
weiter oben von der Fluth erreicht waren. Die Leute vom Gute standen an der
Hecke des Obstgartens, sahen schweigend nach dem Strom hinab und nach den
Ueberresten zerstrten Lebens, die er auf seinem Rcken dahintrug. Kam etwas
angeschwommen, was von Menschenhand gemacht war, ein Reisigbndel, ein Bret,
eine Hausthr, dann ging ein Summen durch die Zuschauer. Aber die Kinder liefen
geschftig am Wasserrand entlang und zogen mit Stangen an sich, was sie zu
erreichen vermochten. Sie erhoben lautes Geschrei, als von fern ein lebendes
Thier heranschwamm, es war ein Zicklein, das auf dem Breterdach seines Stalles
stand. Als das Kleine die Menschen sah, schrie es klglich und bat um Rettung.
Hans legte einen Brunnenhaken aus und fate das Bret, das Zicklein sprang an das
Land, wurde von den Kindern im groen Zuge nach dem Hofe gefhrt und dort
gefttert.
    Ilse stand an dem neuen Steg zu der Grotte. Vor wenig Wochen war er gebaut,
jetzt drohte auch ihm die Zerstrung. Schon neigten sich die Sttzen zur Seite.
Die Uebermacht des Wassers arbeitete an den niedrigen Enden und lockerte die
Klammern. Um den vorspringenden Fu des Felsens, welcher die Grotte wlbte,
wirbelten die Wasserblasen, die Gewalt des Staues zog tiefe Furchen in der
Fluth.
    Dort luft Jemand vom Berge, riefen die Gutsleute. Um die Grotte kam eilig
ein Mdchen, ein groes Tuch mit frischgemhetem Berggras auf dem Rcken,
ngstlich hielt sie auf der Felsplatte an und zagte, ber den gebogenen Steg zu
gehen.
    Es ist die Anna des armen Benz, rief Ilse, sie darf nicht drben in der
Wildni bleiben, wirf deine Last ab, frisch Anna, schnell herber. Das Mdchen
kam flchtig ber den Steg. Sie soll die letzte sein, befahl Ilse, keines von
euch betritt das Holz, es hlt den Andrang nicht mehr lange aus.
    Der Landwirth kam herzu. Die Fluth verluft noch diese Nacht, wenn nicht
neuer Regen fllt, aber des Schadens, den sie thut, werden die Leute lange
gedenken. Unten um Rossau sieht's noch rger aus, das Wasser bergiet die
Felder, Hummel ist hinabgeeilt, er sorgt um die Brcke und den Weg, den seine
Tochter kommen soll. In unserm Dorf tritt das Wasser in die Stuben der letzten
Huser, die Leute schicken sich an, nach unserm Hofe zu rumen. Geht hinab zu
helfen, befahl er den Gutsleuten, und halblaut fuhr er zu seiner Tochter fort:
Der Prinz ist nach dem Dorf gegangen, dort den Schaden zu betrachten, er will
dich sprechen, ist dir's recht, ihn jetzt zu sehen?
    Ich bin bereit, sagte Ilse.
    Sie ging mit dem Vater lngs der Hecke dem Dorfe zu, dort stieg sie zu dem
Friedhof hinauf. Ich bleibe in der Nhe; wenn der Prinz zurckkommt, la mich
rufen.
    Sie stand an dem Mauerrand und sah hinber nach dem Grabe ihrer lieben
Mutter und vor sich auf die Stelle, wo der alte Pfarrer neben seiner Frau ruhte.
Die Aeste der beiden Bume, welche sie daneben gepflanzt, hingen ihr ber das
Haupt. Sie dachte, wie gern ihr alter Freund darber gesprochen, da es in der
groen Welt im Ganzen genau so sei, wie in seinem Dorfe, Natur und
Leidenschaften der Menschen berall gleich, und da man in dem kleinen Thal
dasselbe erleben knne, wie im Getmmel der Gewaltigen.
    Hier ist mein Vater der Herr, dachte sie, und wir die Herrenkinder, die
Leute sind gewhnt, uns zu gehorchen, und sich ebenso freundlich um uns zu
kmmern, wie wir um jene dort im Lande. Ihre Kinder knnten auch erleben, wenn
ein arggesinnter Wirth auf dem Stein wohnte, was Andere erfahren muten. Aber
sie drfen ihr Recht suchen und sie finden Schutz zu jeder Stunde.
    Wie wird er, der stolze Mann, ertragen, da sein Weib nicht Recht findet und
nicht den Schutz einer strkeren Macht gegen die Krnkung, die man ihr angethan
und ihm? - Wir sollen wohlthun unsern Beleidigern. Wenn der bse Herr aus dem
Lande jetzt zu mir kme, krank und hilflos, darf ich ihn aufnehmen in meinem
Hause, und darf ich mich an sein Lager setzen, obgleich solcher Liebesbeweis mir
auf's Neue verderblich wird? Ich habe einen weien Mantel getragen; den
Schmutzfleck, den er darauf geworfen, sehe ich jede Stunde, und keine Thrne
wscht ihn weg. Er hat mir meinen reinen Mantel genommen, soll ich ihm, wenn er
heischt, auch noch meinen Rock geben? Hohes, ehrwrdiges Gebot, das der tote
Freund mich lehrte, ich stehe erschrocken vor dir. Denn es ist ein Streit der
Pflichten, und der Gedanke an meinen Felix sagt mir Nein.
    Ich bin fertig auch mit dem Erbprinzen, wie schuldlos er ist. Ich wei, er
hat sich einst den Zuspruch der einfachen Frau mit warmem Herzen begehrt, und
meine Eitelkeit hat mir oft gesagt, da ich ihm werth bin als eine gute Freundin
in seinem vornehmen, einsamen Leben. Furchtbar habe ich gebt fr diesen eiteln
Stolz. Auch er ist mir von jetzt ab ein Fremder. Was kann er noch von mir
wollen? Ich ahne, da er geradeso denkt wie ich, er will nichts, als Abschied
nehmen auf immer. Wohl, ich bin dazu gerstet.
    Den Fupfad vom Dorfe kam der Erbprinz herauf, Ilse blieb an der
Kirchhofmauer stehen und neigte sich ruhig seinem Gru. Nach der Residenz habe
ich den Wunsch gesandt, mit meinem Vetter eine grere Reise zu machen, begann
der Prinz, ich hoffe, meine Bitte wird gewhrt. Darum wollte ich auch Ihnen ein
Lebewohl sagen.
    Ich habe Ew. Hoheit so beurtheilt, wie jetzt Ihre Rede Sie mir zeigt,
antwortete Ilse.
    Mir wurde in der Stadt wenig Gelegenheit, Sie zu sprechen, fuhr der
Erbprinz schchtern fort, mir wrde wehe thun, wenn Sie mich des Undanks oder
kalter Gesinnung fr fhig hielten.
    Ich kenne jetzt den Beweggrund, der Ew. Hoheit ferngehalten hat, versetzte
Ilse, vor sich hinsehend, und ich bin dankbar fr die gute Meinung.
    Heut will ich Ihnen zugleich fr Ihren Gemahl sagen, fuhr der Prinz fort,
da ich darber arbeite, fr meine Zukunft ntzlich zu machen, was ich in Ihrer
Nhe gelernt. Ich wei, da dies der einzige Dank ist, den ich Ihnen noch
abstatten darf. Wenn Sie einst hren, da man mit mir zufrieden ist, dann denken
Sie, gndige Frau, in der Stille daran, da ich vor Allem Ihrem Hause die
Strkung meines Rechtsgefhls verdanke, ein unbefangenes Urtheil ber den Werth
der Menschen und ein hheres Ma fr die Pflichten eines Mannes, der das Wohl
Vieler besorgen soll. Ich mhe mich, der Theilnahme, die Sie mir schenkten,
nicht ganz unwerth zu sein. Erfahren Sie von Andern, da mir dies gelang, dann
denken Sie an mich ohne Abneigung.
    Ilse sah ihm in das aufgeregte Gesicht, es waren die sanften, ehrlichen
Zge, die sie so oft mit ngstlichem Antheil geschaut; sie sah, wie tief er
fhlte, da etwas Fremdes zwischen ihn und sie getreten war, und sie sah, wie
bescheiden er sie zu schonen wute. Dennoch erma sie nicht die ganze Gewalt des
Schmerzes, welchen der junge Mann darum in sich trug, weil ihm der Vater die
Poesie seiner Jugend gestrt hatte. Sie ahnte nicht, da die Strafe, welche dem
Vater Gesetz und Urtheil der Menschen nicht auflegen konnten, an der schuldlosen
Seele des Sohnes vollzogen wurde. Was ihr der Vater zu Leide gethan, das verdarb
seinem Kinde das glcklichste Gefhl des jungen Lebens, die zarte Freundschaft
zu der Frau, an der er mit schwrmerischer Neigung hing. Aber die warmherzige
Ilse erkannte den wackeren Sinn des Mannes, der ihr gegenberstand, ihre
vorsichtige Zurckhaltung schwand, und mit der alten Offenheit sagte sie zu ihm:
Man soll nicht ungerecht sein gegen Unschuldige, und in seinem Herzen nicht
untreu werden gegen Solche, deren Vertrauen man gehabt hat, wie ich das Ihre.
Was ich Ew. Hoheit jetzt wnsche, das ist ein Freund; ich habe wohl gesehen, da
er Ihrem Leben fehlt, und ich habe gemerkt, wie schwer man sich vor niedriger
Schtzung der Menschen bewahrt, wenn man immer nur von Dienern umgeben ist.
    An den freundlichen Worten Ilse's brach die mhsam behauptete Fassung des
Prinzen. Ein Freund fr mich? frug er bitter. Mich hat das Unglck frh in
die Lehre genommen, mir ist's vergllt, Freundschaft zu suchen und mich daran zu
freuen. Ueber die Liebe, die ich gefhlt, ist ein Gift gegossen. Verzeihen Sie,
unterbrach er sich, ich bin so gewhnt, Ihnen zu klagen und bei Ihnen Trost zu
suchen, da ich mich selbst jetzt nicht enthalte, von mir zu sprechen, obgleich
ich wei, da ich das Recht dazu verloren.
    Arme Hoheit! rief Ilse, wie wollen Sie fr das Wohl Anderer sorgen, wenn
Ihr eigenes Leben leer ist an Licht? Wenn ich fr Ew. Hoheit Zukunft ein Glck
ersehne, so meine ich als Frau die Freundschaft im Hause, eine Seele, die Sie
versteht, eine Gattin, welche auch eine Freundin Ihrer Gedanken ist.
    Der Prinz wandte sich zur Seite, ihr das Weh zu verbergen, das er bei dieser
Rede empfand. Ilse sah ihn traurig an, sie war noch einmal die gute Beratherin
von sonst geworden.
    Um die Mauer des Kirchhofs schlich ein Bettelweib heran. Darf ich heut
bitten? begann eine heisere Stimme in Ilse's Rcken, ist's nicht der Vater, so
ist's doch der Sohn. Ilse wandte sich um, wieder sah sie in die hohlen Augen
der Landfahrerin und rief entsetzt: Hinweg von hier!
    Die Frau kann mich nicht mehr fortscheuchen, sagte die Fremde
niederkauernd, denn ich bin mde und meine Kraft ist am Ende. Man sah, da sie
Wahrheit sprach.
    Die Reiter haben mich gejagt von einem Grenzpfahl zum andern. Wenn die
Uebrigen kein Mitleid haben, die Frau vom Steine sollte nicht so hartherzig
sein, denn zwischen der Bettlerin und ihr ist alte Kameradschaft. Auch ich habe
einmal mit den Vornehmen verkehrt, ich habe sie verlassen, und doch hingen meine
Trume immer ber den goldenen Husern. Wer den Zaubersaft getrunken hat, wird
die Erinnerung nicht los. Sie hat mich wieder in dieses Land getrieben und
wieder, ich habe meine Leute hergefhrt, sie liegen eingefangen wegen der alten
Gedanken, die mich verfolgten.
    Wer ist das Weib? frug der Prinz.
    Die Bettlerin hob die Hnde in die Hhe. Auf diesem Arme habe ich den
Erbprinzen gehalten, da er ein Kind war und nichts von sich wute, ich habe mit
ihm gesessen auf dem Sammet in der Stube seiner Mutter, jetzt liege ich am
Kirchhof der Landstrae und die Hand bleibt leer, die ich nach ihm ausstrecke.
    Es ist das Zigeunermdchen, sagte leise der Prinz und kehrte sich ab.
    Die Bettlerin sah ihn hhnisch an und sprach zu Ilse: Sie spielen mit uns,
sie verderben uns, aber sie hassen die Erinnerung an alte Zeit und an ihr
Verschulden. Lassen Sie sich warnen, junge Frau, ich kenne die Geheimnisse
dieses hohen Geschlechts und ich kann Ihnen erzhlen, was sie an Ihnen versucht
haben und was sie einer Andern gethan, die vor Ihnen in dem Hause auf jener Hhe
aufgeblht war, und die sie auch hineingesetzt hatten in den vergoldeten Kerker,
an dem die schwarzen Engel schweben.
    Ilse stand ber die Bettlerin geneigt, der Prinz trat zu ihr. Hren Sie
nicht auf das Weib, rief er.
    Sprecht weiter, sagte Ilse tonlos, ich hre.
    Sie war jung und hochgewachsen wie du, sie war eingefangen wie du, und als
die Mutter dieses Mannes mich aus ihrer Nhe entfernt hatte, weil ich dem
Frsten gefiel, da wurde ich zur Dienerin bestellt fr die Fremde. An einem
Morgen mute ich mich frei bitten bei der eingesetzten Frau von meinem Dienst,
weil sie allein sein sollte.
    Ich flehe, hren Sie nicht auf ihre Rede, bat der Prinz und trat abwehrend
hinzu.
    Ich hre, sprach Ilse wieder ber die Alte geneigt, sprecht leise.
    Als ich am nchsten Morgen zurckkam, fand ich statt des blondhaarigen
Weibes eine Verrckte im Hause und ich floh mit Schrecken aus dem Schlo. Willst
du wissen, durch welche Thr der Wahnsinn bei der Frau einschlich? Sie fuhr
fort in leisem Gemurmel. Ilse neigte das Ohr an ihren Mund, aber sie sprang
pltzlich zurck, stie einen gellenden Schrei aus und schlug die Finger vor ihr
Antlitz. Der Prinz lehnte sich an die Mauer und rang die Hnde.
    Von dem Fahrwege klang ein lauter Ruf, ein Mann stieg eilend herauf, er
hielt einen Brief und winkte schon von weitem. Gabriel! schrie Ilse und eilte
ihm entgegen, sie entri ihm den Brief, las und sttzte sich zusammenbrechend an
die Steine des Friedhofs. Der Prinz sprang herzu, sie aber hielt den Brief wie
zur Abwehr gegen ihn und rief: Der Frst kommt hierher.
    Der Prinz sah erschrocken auf Gabriel. Es ist keine Meile von hier,
meldete der erschpfte Diener, da berholte ich die frstlichen Wagen, erst
kamen sie mir zuvor, dann wieder ich. Die Pferde arbeiten noch auf der
unfertigen Strae, die Brcke aber zwischen hier und Rossau ist kaum noch fr
Reiter und Fuhrwerk zu berschreiten, ich mute das Pferd mit dem Postillon
zurcklassen, ich glaube nicht, da sie noch herberkommen, wenn nicht zu Fu.
Der Prinz eilte, ohne ein Wort zu sagen, auf dem Wege nach Rossau hinab. Ilse
flog, den Brief in der Hand, den Stein hinauf zu dem Vater, der ihr mit dem
Herrn von Weidegg entgegenkam. Gehen Sie, Ihren Frsten zu begren, rief sie
wild dem Kammerherrn zu, mein Felix kommt, rief sie dem Vater zu und warf sich
ihm an die Brust.
    Vor der Nothbrcke, welche nach der Flur von Rossau fhrte, sammelten sich
die Leute. Auch Gabriel eilte an das Wasser zurck, er hatte dort Herrn Hummel
getroffen, welcher am Uferrand auf und ab ging und unruhig ber den Strom sah.
Die Welt ist erbrmlich klein, rief Herr Hummel seinem Vertrauten zu, man
trifft sich immer wieder. Wer so gejagt ist wie Sie, sollte sich pflegen, Sie
sind erschpft und sehen mir sehr verndert aus. Setzen Sie sich auf diesen
Klotz und behandeln Sie sich mit Hochachtung. Er drckte Gabriel nieder,
knpfte ihm den Rock zu und klopfte ihm mit der groen Hand auf die Backe.
Ihnen thut eine Strkung noth, aber das Beste, was wir hier haben, ist ein
ersoffener Kaulbarsch, und ich mchte Sie nicht als einen scheulichen
Neuseelnder behandeln, der in der Mebude um einen Groschen Eintrittsgeld rohe
Weifische verzehrt. Nehmen Sie hier die letzte Hilfe eines alten Pariser
Reisenden. Er zwang ihm eine Tafel Chocolade auf.
    Wenige Schritte davon an der Brcke stand der Prinz, er sah mit
verschrnkten Armen in das Wasser, welches auf der Seite von Rossau den Uferrand
erreicht hatte und sich schnell ber den Weidegrund und die niedrigen Felder der
Stadt ausbreitete, es rauschte vom Damme und splte die Erde zur Tiefe. Schnell
wurde der Ri grer, weiter dehnte sich die Wasserflche. Auch auf der nchsten
Strecke des neuen Weges, welche noch nicht gepflastert war, schimmerten
Wasserlachen zwischen den Sandhuschen und den Karren der Erdarbeiter, der Weg
ragte als ein dunkler Streif aus der lehmigen Fluth. Noch kamen einzelne Leute
von Rossau herber, sie kneteten im Brei der Strae und hielten sich furchtsam
an die glatten Stangen, welche das Brckengelnder ersetzten. Denn das Wasser
stie heftig an die Bcke, es flo dicht unter den Bohlen entlang, und der Ruf
der Zuschauer auf der Bielsteiner Seite mahnte zur Eile. Von der Hhe eilte der
Kammerherr herzu und sah ngstlich in das Angesicht seines schweigenden Herrn.
Ihm folgte der Landwirth. Drfte ich thun, wie ich wollte, ich brche diese
wankenden Breter mit meinen eigenen Hnden ab, sagte er zornig zu Herrn Hummel.
    Die Wagen kommen, schrieen die Leute. Aus dem Thor von Rossau fuhren in
gestrecktem Trabe vier Pferde den Wagen des Frsten heran. Neben dem Frsten sa
der Obersthofmeister. Finster hinbrtend hatte der Frst die lange Fahrt
gemacht, einzelne wilde Worte, ein Blick voll von heiem Ha, das war sein
Reiseverkehr mit dem Begleiter gewesen.
    Der Hofmann hatte vergebens den Frsten zu ruhigem Gesprch veranlat, sogar
die Rcksicht auf die beiden Diener, welche im offenen Wagen hinter den
Reisenden saen, hatte die Stimmung des Frsten nicht gebndigt. Erschpft von
der stillen Anstrengung dieser Fahrt sa der alte Herr, ein Wchter neben dem
Kranken, aber sein scharfer Blick beobachtete jede Bewegung des Nachbars. Als
sie aus der Stadt ins Freie fuhren, begann der Frst lauernd: Sie kannten den
Reiter, der so hastig uns berholte.
    Er war mir fremd, sagte der Obersthofmeister.
    Er trug die Botschaft unserer Ankunft in die Berge, man hat sich gerstet,
uns zu empfangen.
    Dann hat er Ew. Hoheit einen Dienst geleistet, denn schwerlich hatte man im
Jagdhaus eine Ahnung von Ew. Hoheit gewichtigen Entschlssen.
    Noch sind wir nicht am Ende unseres Dramas, Obersthofmeister, sagte der
Frst lchelnd, und die Kunst, das Kommende vorauszusehen, ist verloren. Auch
Excellenz verstehen diese Kunst nicht.
    Ich habe mich immer begngt, vorsichtig zu deuten, was meine Gegenwart
umgibt, ich habe dadurch zuweilen verhtet, da die Zukunft mich unangenehm
berraschte. Wenn ich durch einen Zufall verhindert wrde, in dem Drama, von
welchem Ew. Hoheit sprachen, meine Rolle bis zur letzten Scene durchzufhren, so
ist dafr gesorgt, da Andere meine Partie bernehmen.
    Der Frst warf sich auf seinem Sitz zurck. Der Wagen fuhr in dem
durchweichten Schutt. Die Pferde stampften und bumten, der Kutscher sah
unsicher zurck. Vorwrts, rief der Frst mit scharfer Stimme.
    Der Erbprinz erwartet Ew. Hoheit zu Fu an der Brcke, sagte der
Obersthofmeister. Im Schritt ging es vorwrts, der Kutscher bndigte mit Mhe
die Pferde, welche vor der glitzernden Wasserflche und dem Gerusch der Fluth
scheuten.
    Vorwrts, befahl der Frst von Neuem.
    Erlauben Ew. Hoheit dem Kutscher zu halten. Der Wagen kann ohne Gefahr
nicht weiter.
    Frchten Sie die Gefahr, alter Mann? rief der Frst, und der Ha verzog
ihm das Gesicht. Hier sitzen wir beide im Wasser. Gleiches Schicksal, Herr
Hofmeister, ein schlechter Diener, der seinen Herrn verlt.
    Ich wnsche auch Ew. Hoheit zurckzuhalten, versetzte der
Obersthofmeister.
    Vorwrts, rief der Frst wieder.
    Der Kutscher hielt. Es ist unmglich, gndigster Herr, sagte er, wir
kommen nicht mehr ber die Brcke.
    Der Frst sprang im Wagen auf und hob den Stock gegen den Kutscher.
Erschreckt peitschte der Mann auf die Pferde, sie bumten und sprangen zur
Seite.
    Halt! rief der Obersthofmeister. Die ngstlichen Lakaien sprangen
bereitwillig herab und hielten die Pferde. Der Obersthofmeister ffnete den
Schlag und kletterte aus dem Wagen. Ich flehe Ew. Hoheit an, auszusteigen.
    Der Frst sprang heraus, warf noch einen Blick finsteren Hasses auf ihn und
eilte zu Fu vorwrts. Er betrat die Brcke, um ihn rauschte die Fluth.
    Bleibe zurck, Vater, flehte der Erbprinz. Der Frst lchelte und ging
weiter auf den wankenden Bretern. Er hatte die Mitte der Brcke und die tiefe
Strmung berschritten, noch wenige Schritte, und sein Fu betrat das Ufer von
Bielstein. Da hob sich neben der Brcke eine zusammengedrckte Gestalt vom Boden
und schrie ihm wild entgegen: Willkommen in diesem Lande, durchlauchtiger Herr,
Gnade fr die arme Bettlerin. Ich bringe Eurer Hoheit den Gru der blonden
Frauen vom Steine.
    Hinweg mit der Verrckten! rief der Kammerherr.
    Der Frst sah stier auf die wilde Gestalt, er wankte und hielt sich an die
Stange des Gelnders, der Erbprinz flog ihm entgegen, der Frst trat mit
Widerwillen zurck, sein Fu verlor den Halt, er glitt an der Seite des
schlpfrigen Bretes hinab in die Fluth. Ein lauter Schrei der Umstehenden, der
Sohn sprang ihm nach, im nchsten Augenblick war ein halbes Dutzend Menschen im
Wasser, unter den ersten Gabriel, bedchtiger folgte Herr Hummel. Die riesige
Gestalt des Landwirths ragte aus der Strmung, er hielt den Frsten, Gabriel und
Hummel faten den jungen Herrn. Dem Frsten ist nichts geschehen, rief der
Landwirth dem Prinzen zu und setzte den Betubten am Uferrand nieder. Der
Erbprinz warf sich neben dem Vater auf den Boden. Der Frst sa auf dem Kies der
Strae, die fremde Bettlerin hielt ihm das Haupt, er sah mit verglasten Augen
vor sich hin und erkannte nicht den knieenden Sohn, und nicht das gefurchte
Antlitz der Fremden, welche sich ber ihn beugte. Er lebt, versetzte der
Landwirth leise, aber die Glieder versagen ihm den Dienst. Auf der andern
Seite des Wassers stand der Obersthofmeister, er rief dem Kammerherrn
franzsische Worte zu, dann eilte er mit dem Wagen zurck, befahl zu wenden und
nach Rossau zu fahren, um von da den nchsten sichern Uebergang zu erreichen.
Mit Mhe wurden die Wagen zurckgeschafft.
    Unterde war am Ufer von Bielstein ein Bret der halbzerstrten Brcke
abgerissen und der Frst daraufgesetzt, so gehalten und getragen wurde er dem
Gute zugefhrt. Die Kinder des Landwirths liefen voraus und ffneten die Thr
des alten Hauses. Im Hausflur stand Ilse, farblos wie ein Bild von Stein. Der
Frst war aus dem Wasser gerettet, hatten die Brder ihr zugerufen, er nahte dem
Dach des Hauses, dem er seit zwei Geschlechtern Fluch und Entsetzen war. Sie
stand im Hausflur, nicht mehr die Ilse von einst, sondern ein wildes
Sachsenweib, das dem Feind ihres Stammes den Gtterfluch in das Gesicht
schleudert, ihre Augen glhten und die Finger ihrer Hnde schlossen sich
krampfhaft zusammen.
    Die Mnner trugen den erschpften Mann an die Stufen der Treppe. Da trat
Ilse auf die Schwelle und rief: Nicht hier herein. So gellend war ihr Schrei,
da die Trger anhielten. Nicht in unser Haus, rief sie zum zweiten Mal und
hob die Hand drohend zur Abwehr.
    Der Frst hrte die Stimme, er lchelte und nickte gndig mit dem Haupt.
    Es ist Christenpflicht, Ilse, rief der Landwirth.
    Ich bin das Weib des Gelehrten, rief Ilse finster gegen ihn. Unser Dach
bricht ber ihm zusammen.
    Entfernen Sie Ihre Tochter, sagte der Erbprinz leise, ich fordere Einla
fr den Frsten dieses Landes.
    Der Landwirth trat auf die Stufen und fate Ilse's Arm. Sie ri sich los.
Du jagst deine Tochter aus dem Hause, Vater, rief sie auer sich. Bist du ein
Diener dieses Herrn, ich bin es nicht. Hier ist nicht Raum zugleich fr ihn und
meinen Gatten, er kommt, uns zu verderben, seine Nhe bringt Fluch. Sie ri die
Thr des Gartens auf und flog unter den Bumen dahin, sie brach durch die Hecke
und eilte hinab nach der Tiefe. Dort sprang sie auf den Steg, von dem sie vor
Kurzem die Leute des Dorfes gescheucht hatte, wild brauste unter ihr die Flut,
das Holzwerk bog sich und sthnte. Ein Ri, ein Krach, mit starkem Schwunge hob
sie sich auf der andern Seite zum Felsen, hinter ihr wirbelten die Trmmer der
Brcke thalab. Sie stand auf dem Felsvorsprung vor der Grotte und hob mit wildem
Blick die Hnde zum Himmel. Hinter ihr kam der lteste Bruder vom Garten
gelaufen und schrie laut auf, als er die Bruchstcke der Brcke dahintreiben
sah.
    Ich bin geschieden von euch, rief Ilse, sage dem Vater, er soll nicht
sorgen um mich, die Luft ist rein, ich stehe im Schutz des Herrn, dem ich diene,
und mir ist leicht im Herzen.

                                       4.

                                        

                                 In der Hhle.


Das dunkle Wasser gurgelte und strmte zum Thale, der Wiederschein des
Abendroths glnzte von den Erkerfenstern des alten Hauses, unter dem Stein der
Hhle stand allein das Weib des Gelehrten. Wo einst die Frauen der alten Sachsen
auf das Rauschen der Waldbume gelauscht, wo das Weib des gejagten Rubers die
Steine geschleudert auf die Verfolger, stand wieder eine flchtige Tochter des
Felsens und sah hinab auf das wilde Treiben der Gewsser und hinauf zu dem
Hause, wo der Feind ihres Gatten im Lehnstuhl des Vaters lag. Noch hob sich ihre
Brust in tiefen Atemzgen, aber sie blickte freundlich auf den braunen Fels, der
sich ber ihr zum schtzenden Obdach wlbte. Unter ihr wlzte sich wilde Fluth
und Zerstrung, um sie herum spielte sorglos das kleine Leben der Natur. Die
Libellen jagten einander ber dem Wasser, die Bienen summten um die Kruter der
Berglehne, die Waldvgel sangen ihr Abendlied. Sie setzte sich auf die Steinbank
und rang nach friedlichen Gedanken, sie legte die Hnde zusammen und neigte das
Haupt; das Wetter, welches durch ihr Inneres gefahren, schwand dahin in der
Thrne, welche ihr aus dem Auge flo. Ich will nicht an mich denken, nur an
meine Lieben. Die Kleinen werden nach mir verlangen, wenn sie zu Bett gehen,
heut hren sie nicht die Stadtgeschichten, die ich ihnen zum Einschlafen
erzhlen mu. Sie waren alle na von ihrer Fischerarbeit, und in der Verwirrung
wird Niemand fr trockne Strmpfchen sorgen, ich habe ber Anderem vergessen,
was ihnen nthig war. Der Jngste besteht eigensinnig darauf, ein Professor zu
werden. Mein Knabe, du weit nicht, was du willst. Was mut du lernen und an dir
ndern! denn die Arbeit, die das Leben an uns thut, ist unermelich. Als ich
hier neben dem Vater sa, glaubte ich einfltig, da die Menschen um so edler
sind, je hher ihr Amt ist, die vornehmsten unter Allen die besten, und da
alles Gewichtige auf Erden gro und mit seinem Geiste gemacht wird. Auch da die
beiden Gelehrten kamen und ich an dieser Stelle mit Felix zuerst ber Bcher
sprach, da whnte ich noch, was gedruckt zu lesen ist, das msse ungeflschte
Wahrheit sein, und Jeder, der schreibt, ein grundgelehrter Mann. So kindisch
denken noch Viele. Aber ich bin ein Trotzkopf geworden, der sich heftig auflehnt
gegen Andere, sogar gegen die Worte meines Mannes, der bei mir am hchsten
steht. Sie sah mit trbem Lcheln vor sich hin, aber gleich darauf neigte sie
das Haupt, und wieder rannen die Thrnen in den Scho.
    Vom Garten herber erscholl der Zuruf des Bruders. Holla, Ilse, bist du da?
Noch sind die Fremden im Hause, sie binden einen Tragsessel fr den Kranken
zusammen, er soll nach der Oberfrsterei geschafft werden. Der Vater hat zu
thun, Boten auszusenden. Auch die Brcke nach Rossau ist mit dem Wasser
davongegangen, wir knnen nicht nach der Stadt und Niemand aus der Stadt zu uns.
Wir ngstigen uns, wie du zu uns herber kommen sollst.
    Sorge nicht um mich, Hans; sage den Mdchen, sie sollen unsern lieben Gast
nicht vergessen ber den Fremden, und gre mir die Kinder, ich will nicht, da
sie zum Gutenachtgru an den Wasserrand kommen, denn das Ufer ist glatt.
    Ilse setzte sich an den Eingang der Hhle und blickte in dem Raume umher,
erst am Morgen hatte sie hier gesessen; als das hohe Wasser heranflo, war sie
ber den Steg geeilt, die Geschwister zu warnen. Noch lag ihre Arbeit auf der
Bank und ein Buch, das ihr einst, da sie noch Mdchen war, der Pfarrer
geschenkt. Es war das Leben der heiligen Elisabeth, von einem eifrigen
Geistlichen ihrer Kirche geschrieben. Als ich zuerst von dir erfuhr, dachte
sie, Frau Ilse von der Wartburg, du vornehme Namensschwester, war mir dein
Leben rhrend, und Alles, was du gethan und was die Sage von dir erzhlt, schien
mir ein Beispiel fr mich selbst. Du warst ein Weib, fromm, verstandvoll und
liebenswerth und einem wackern Herrn vermhlt. Da machte ihn die Sehnsucht, in
seinem Ritterstand besondere Ehre und Kriegsruhm zu erwerben, blind gegen die
nchste Pflicht seines Lebens, er verlie dich und die Bauern seiner Heimat und
zog in die Fremde und das Land Italien. Wohl zwei Jahre ritt er umher, er kehrte
mde und nchtern zurck. Aber er fand sein liebes Weib nicht wie er sie
verlassen. Du hattest dich in der Einsamkeit nach dem Manne gebangt, und in
deiner Schwermuth gegrbelt ber die groen Geheimnisse des Lebens. Dein eigenes
Dasein war voll Sehnsucht gewesen, darber warst du zu einer frommen Berin
geworden. Du trugst das hrene Hemd und schwangst die Geiel ber deinem Rcken,
du beugtest Stirn und Gedanken vor einem unduldsamen Priester. Und du thatest,
was nicht recht war und nicht schicklich, du legtest den Ausstzigen, um deinem
Gott zu gefallen, in das Bett deines lieben Mannes. In deiner berspannten
Frmmigkeit hast du dein warmes Herz und die schamhafte Weiblichkeit verloren.
Du wurdest von den Geistlichen heilig gesprochen, aber du arme Frau hattest in
deinem Ringen um das, was sie die Gnade Gottes nannten, menschliches Gefhl und
milde Sitte hingeopfert. Es ist nicht gut, Ilse, wenn Mann und Frau sich ohne
zwingende Noth voneinander scheiden.
    Wer gegen den Geliebten hart wird, der begeht dies Unrecht doch nur, weil er
selbst ihm Leides gethan oder weil er sich von ihm gekrnkt meint. Woher kam es
doch, da du erkrankte Fremdlinge auf dem Lager pflegtest, das dein Gatte
verlassen? Ich frchte, heilige Elisabeth, es war der Trotz gekrnkter Liebe und
es war die geheime Rache ber die lange vergebliche Sehnsucht nach deinem
Gatten. Dein Beispiel ist fr uns keine Lehre, es ist eine Warnung. Meine alte
Freundin Penelope, das arme heidnische Fabelweib, war menschlicher, und sie war
eine bessere Frau als du. Sie weinte jede Nacht um den Geliebten, und als er
endlich zu ihr zurckkam, da schlang sie ihre Arme um ihn, weil er die geheimen
Zeichen des Lagers noch kannte.
    Wieder klang es von der andern Seite des Wassers. Hrst du mich, Ilse?
rief der Landwirth am Uferrand.
    Ich hre, Vater, antwortete Ilse, sich erhebend.
    Die Fremden ziehen zum Hofe hinaus, sagte der Vater, der Kranke ist so
schwach, da er Andern schwerlich zu schaden vermag; du aber bist in Wahrheit
von uns geschieden. Es dunkelt und es ist keine Aussicht, zur Nacht den Steg
ber das Wasser zu zimmern. Geh auf deiner Seite thalab ber die Hgel nach
Rossau, dort bleibe bis morgen bei unsren Bekannten. Es ist ein weiter Umweg,
aber du kannst vor Nacht dort sein.
    Ich bleibe hier, mein Vater, rief Ilse hinber, der Abend ist mild, es
sind nur wenige Stunden bis zum nchsten Morgen.
    Mir ist's hart, Ilse, da mein wildes Kind unter dem Felsen ruhen soll im
Angesicht ihres Hauses.
    Sorge nicht um mich. Der Mond geht ber mir und die Sterne; du weit, ich
frchte mich nicht vor den Zwergen der Hhle, und auf meinen Bergen auch nicht
vor Gewalt der Menschen.
    Die Dmmerung des Abends sank ber das tiefe Thal, aus dem Wasser hob sich
der Nebel, er schwebte langsam von Baum zu Baum nach der Hhe, er wogte und
ballte sich und zog zwischen Ilse und dem Vaterhaus seine dmmrigen langen
Schleier. Die Stmme der Bume, das Schieferdach des Hauses verschwanden, die
Hhle schwebte in Wolken und Luft, gelst von der brigen Erde, unter
undeutlichen Schatten, sie hingen sich an das Thor des Felsens und flatterten an
Ilse's Fen dahin, sie fuhren zusammen und zerflossen.
    Ilse sa am Stein des Einganges, die Hnde ber das Knie gefaltet, in ihrem
hellen Gewande selbst einem Fabelweibe aus alter Zeit, einer Herrin der
schwebenden Schatten vergleichbar. Sie blickte auf ihrer Uferseite entlang nach
dem Bergweg, der von Rossau herfhrte.
    Da schallte dumpf durch den Nebel der ferne Schritt des Wanderers, dem eine
hilfreiche Gttin seinen Pfad in dunklen Wolken verbarg. Ilse fate an den
feuchten Stein. Neben ihr am Boden bewegte sich's, undeutlich huschte etwas
vorber, vielleicht eine Nachtschwalbe oder Eule. Er ist es, sagte Ilse leise,
sie stand langsam auf, aber die krftige Frau bebte und hielt sich an die
Felsen.
    Aus dem weien Dunst trat die Gestalt eines Mannes, auch er hemmte erstaunt
seinen Schritt, als er das Weib an der Felswand stehen sah. Ilse, rief eine
helle Stimme.
    Ich erwarte dich hier, rief sie leise. Halte dort still, Felix. Du
findest dein Weib nicht, wie du sie verlassen. Ein Andrer hat sich begehrt, was
dir gehrt, ein giftiger Hauch hat mich getroffen, man hat gewagt, mir Worte zu
sagen, welche ein ehrliches Weib nicht hren darf, und man hat mich betrachtet
wie eine gekaufte Sklavin.
    Du hast dich dem Feinde entzogen.
    Ich habe es gethan, darum stehe ich hier. Aber ich bin in den Augen der
Leute nicht mehr, wie ich einst war. Du hattest ein suberliches Weib; die jetzt
vor dir steht, ist im Gercht wegen Vater und Sohn.
    Gerusch der Zungen verklingt wie der Wasserschwall vor deinen Fen. Wenig
gilt, was die Anderen meinen, wenn wir gethan haben, was uns selbst befriedigt.
    Mir thut wohl, da dir die einzelnen Menschen so wenig sind gegen deine
Gedanken. Aber ich bin nicht so stolz und frei. Ich berge mein Leid, aber ich
fhle es immer. Ich bin erniedrigt vor mir und ich frchte, Felix, auch vor dir.
Denn ich habe mir mein Unglck selbst bereitet, ich bin zu herzlich gewesen
gegen Fremde und ich habe ihnen ein Recht gegeben ber mich.
    Du bist erzogen im Glauben an die Autoritt. Wer lst sich von frommer
Glubigkeit ohne Schmerzen?
    Ich bin erwacht, Felix. Antworte mir noch einmal, fuhr sie mit stockendem
Athem fort, wie kommst du zu mir zurck?
    Als ein mder, irrender Mann, der das Herz und die Vergebung seines Weibes
sucht.
    Was hat dir dein Weib zu vergeben, Felix? frug sie wieder.
    Da mir die Augen geblendet wurden bei meinem Suchen und da ich der
nchsten Pflicht vergessen, um ein Traumbild zu jagen.
    Ist das alles, Felix? Hast du mir dein Herz zurckgebracht, wie es sonst
gegen mich war?
    Liebe Ilse, rief der Gatte sie umschlingend.
    Ich hre den Ton deiner Liebe, rief sie leidenschaftlich und warf ihre
Arme um seinen Hals. Sie zog ihn in die Grotte, strich ihm mit den Hnden die
Wassertropfen aus dem feuchten Haar und kte ihn auf den Mund. Ich halte dich,
geliebtes Leben, ich klammere mich fest an dich und keine Gewalt soll mich mehr
von dir scheiden. Hier sitze, vielduldender Wanderer, ich halte deine Schultern
und dein Haupt, la mich aus deinem Munde hren allen Kummer, den du erlebt.
    Der Gelehrte hielt sein Weib im Arm. Er fhlte ihr Beben, als er von seinen
Abenteuern berichtete. Mich hetzte heier Zorn und Angst hinter dem Frsten her
auf dem Wege nach Rossau, schlo er seinen Bericht, unertrglich schien mir
der Aufenthalt beim Wechsel der Pferde. Unten in der Stadt traf ich ein
Wagengetmmel, rger wie am Markttag, vor der Herberge Gewirr der Rder,
Geschrei der Menschen, Landleute und Lakaien des Hofes, welche nicht ber das
Wasser kamen. In der Stadt erfuhr ich von Fremden, da der Feind unseres Glckes
durch die Hand des Schicksals getroffen ward, die in dem Wasser nach seinem
Leben schlug. Man rief mir entgegen, da die Brcke zu dir gebrochen sei, ich
sprang aus dem Wagen, um den Fupfad ber die Berge zu suchen und den Weg hinter
dem Garten. Da fuhr mir der Hund unseres Hauswirths um die Beine, ein Kutscher
unserer Stadt trat grend zu mir und erzhlte, da er Fritz und Laura nach der
Stadt gebracht, sie aber waren hinausgegangen, weit unten stromab einen
Uebergang zu finden. Du magst denken, da ich zu warten nicht vermochte.
    Ich wute, da du diesen Weg suchen wrdest, rief Ilse. Heut bist du zu
mir gekommen, zu mir allein, nur mir gehrst du an, heut bist du mir auf's Neue
geschenkt, und zum zweiten Mal gelobst du dich mir. Die Menschenwohnungen um uns
sind verschwunden, wir beide stehen einsam in dem wilden Geklft der Zwerge, du,
mein Felix, dem die ganze Welt gehrt, der alle Geheimnisse des Lebens kennt,
Vergangenes wei und Knftiges ahnt, du hast jetzt nichts als die Decke dieser
Felskluft und das Grastuch der armen Anna, worein ich dir die mden Glieder
hlle. Noch ist der Stein warm, und ich streue dir das Gras unseres Berges zum
Lager. Nichts hast du in der Wildni, mein Held, als Fels und Kraut und die Ilse
an deiner Seite.
    Jetzt ist stille Nacht, leiser rauscht die Strmung, um die Brombeerranken
ber der Hhle hngt sich der weie Nebeldunst zu dichtem Vorhange. Dmmrige
Schemen gleiten das Thal entlang, sie schweben in langem, weiem Gewande am
Felsthor vorber, hinab in das Freie, wo sie ein frischer Luftzug zerweht. Hoch
oben spannt der Mond sein weies schimmerndes Zelt, aus Lichtstrahlen und
Wasserdunst gewebt, ber das Thal, und lustig lacht der alte Gaukler herab auf
die Felsgrotte. Wie das tuschende Mondlicht die Sterblichen neckt durch
wesenlosen Schein, so necken sie sich selbst durch die Bilder ihrer Phantasie,
in Liebe und Ha, in Laune und Zorn; ihr Leben verrinnt, indem sie ihrer Pflicht
gedenken und dabei irren, die Wahrheit suchen und dabei trumen. Der Geist
fliegt hoch und das Herz schlgt warm, aber der Kobold Phantasie wirtschaftet
unablssig zwischen dem Ernst des Lebens, der Klgste tuscht sich selbst, und
den Besten betrgt sein Eifer.
    Schlummre in Frieden, Frau Ilse. Du sitzest auf der Steinbank und hltst das
Haupt deines Gatten im Scho, selbst in der Seligkeit dieser Stunde fhlst du
noch das Leid, das dir und ihm geschehen, und ein leiser Seufzer schwirrt wie
ein Nachtfalter an dem Gestein der Hhle. Schlummre in Frieden. Denn du hast in
diesen Wochen erlebt, was dir Gewinn wird fr alle Tage deiner Zukunft. Du hast
gelernt, aus der Tiefe deines eigenen Lebens Urtheil zu holen und entscheidenden
Entschlu. Sieh, Ilse, der leichtgebauten Erzhlung von dem, was du erlittest,
wollte nicht geziemen, die hohen Fragen ber das Ewige, die du erhobst, den
Zweifel und deine Gewissenskmpfe einzeln aufzuzhlen. Das wre zu schwere
Ladung fr den flchtigen Nachen. Aber wie der rudernde Schiffer, welcher das
Auge nach unten richtet, doch die Himmelswolken im Wiederscheine der Fluth
erkennt, so wird deine innere Befreiung aus dem Wiederschein deiner Gedanken
sichtbar, aus Antlitz und Geberde und aus deinem Thun.
    Schlummert ruhig, ihr Kinder des Lichtes, manche Hoffnung ward euch
getuscht und mancher holde Glaube ist durch rauhe Wirklichkeit zerstrt.
Gestalten vergangener Zeit, Gestalten, die ihr mit Ehrfurcht in eurem Herzen
getragen, haben lebendig auch in euer Leben gegriffen. Denn was der Mensch denkt
und was der Mensch trumt, das gewinnt eine Gewalt ber ihn; was einmal in die
Seele gefallen, das wirkt lebendig darin fort, erhebend und treibend,
herabziehend und zerstrend. Auch um euch erhob sich ein Spiel phantastischer
Trume. That es euch weh in einzelnen Stunden, die Kraft eures Lebens hat es
doch nicht geschdigt, denn die Wurzeln eures Glckes liegen so tief, als dem
Menschen, der vergnglichen Blthe der Erde, im Boden zu haften vergnnt ist.
Schlummert friedlich unter dem Dach des wilden Felsens, Wrme haucht der Stein
um euer Lager, und die uralte Wlbung der Decke spannt sich schtzend ber die
mden Augen. Um euch ruht und trumt der Wald; am Eingange der Hhle sitzen die
alten Bewohner des Felsens, wei nicht, sind es die Erdmnnchen, an welche Ilse
nicht glaubt, oder sind es alte Freunde des Gelehrten, die kleinen gaifigen
Pane, welche ihr Waldlied auf der Rohrpfeife blasen. Sie halten ihre Finger an
den Mund und hauchen zuweilen leise in ihr Rohr, da es zu dem Rauschen des
Wassers tnt, wie der sanfte Laut eines schlafenden Vogels.

                                       5.

                                        

                               Tobias Bachhuber.


Ilse berhrte leise das Haupt des Gatten, welches in ihrem Schoe lag. Felix
schlug die Augen auf, schlang den Arm um sein Weib und sah einen Augenblick
befremdet auf die wilde Umgebung. Wie ein weier Vorhang schwebte der Nebel vor
dem Bogen der Hhle, der erste Schimmer des Morgens frbte in dem dunklen
Gewlbe einzelne vorspringende Zacken mit hellerem Braun, das Rothkehlchen sang,
und die Amsel pfiff, das holde Licht des Tages war nahe. Hrst du nichts?
flsterte Ilse.
    Die Vgel singen, und das Wasser rauscht.
    Aber unter uns im Berge arbeitet eine fremde Gewalt. Es whlt und sthnt.
    Es ist ein Waldthier, sagte der Professor, ein Fuchs oder ein Kaninchen.
    Lauter wurde das Gerusch um den Sitz der Beiden; Etwas stie an den Stein
der Bank, arbeitete und seufzte wie ein Mann, der eine schwere Last trgt.
    Sieh, flsterte Ilse, es kommt heraus, es schleicht um unsere Fe, dort
sitzt das fremde Ding, es hat glnzende Augen, es hat einen blitzenden Mantel
um.
    Der Professor sttzte sich auf seine Hand und schaute nach der dunklen
Stelle am Boden, wo eine kleine Gestalt sa mit brtigem Gesicht, den Leib
verhllt in steifem, schimmerndem Gewande.
    Die beiden Gatten sahen regungslos auf die Erscheinung.
    Glaubst du jetzt an die Geister des Ortes? frug leise der Gatte.
    Ich frchte mich, Felix, ich sehe deutlich das Gold des Kleides, ich sehe
einen kleinen Bart und ein hliches Gesicht. Sie erhob sich.
    Bist du der Zwergknig Alberich? frug der Professor, und liegt hier der
Nibelungenhort?
    Es ist der rothe Hund, rief Ilse, er hat ein Rckchen an.
    Der Professor sprang auf, der Hund legte sich ihm winselnd vor die Fe; der
Gelehrte beugte sich nieder, fhlte einen fremden Stoff um den Leib des Hundes
und ri die Hlle ab. Er trat in den Eingang und hielt sie gegen das
Dmmerlicht; es war alter vermoderter Stoff mit Goldfden durchwirkt. Der Hund
fuhr befreit von seiner Last mit Geknurr aus der Hhle. Der Professor sah lange
auf das zerschlissene Gewebe, lie den Lappen fallen und sagte ernsthaft: Ilse,
ich bin am Ziel meines Suchens. Dies sind die Ueberreste eines geistlichen
Megewandes. Der Hund hat dies aus einem Loch gezogen, in das er sprend
gekrochen war, der Schatz der Mnche liegt hier in der Hhle. Ich bin fertig mit
meinen Hoffnungen. Vor wenig Tagen htte mich diese Entdeckung schwindeln
gemacht, jetzt liegt eine so finstere Erinnerung darber, da mir die Freude an
Allem, was die Tiefe bergen mag, fast geschwunden ist.
    Am andern Ufer wurden Stimmen laut; Hans rief wieder durch den Nebel ein
Holla, er grte die Schwester und Felix, welche auf die Platte vor der Hhle
traten, mit lautem Jubelruf: Das Wasser ist gefallen. Die andern Geschwister
strmten nach, traten dicht an das Wasser, jauchzten und schrieen; Franz brachte
ein Butterbrod in Zeitungspapier und erklrte seine Absicht, dies Frhstck
hinberzuwerfen, damit die Leute drben nicht verhungerten. Die Kinder
bekmpften diesen Entschlu, und eifrig wurde ber einen Plan gehandelt,
Bindfaden an einem Ball berzuwerfen und das Butterbrot daran zu befestigen. Das
Tagesleben des Gutes klang wieder in gewohnter Weise.
    Ist Fritz angekommen? rief der Professor ber den Strom.
    Sie sind noch in Rossau, rief Hans, die Brcke ist erst gegen Morgen
fertig geworden. Herr Hummel ist auf und hinab.
    Auch der Vater kam, gefolgt von einem Trupp Arbeiter, welche Balken und
Breter herzutrugen. Die Mnner gingen ins Wasser und trieben dort eine Unterlage
in den weichen Boden, auf der sie einige schlanke Baumstmme ber das Wasser
legten. Der Professor zog an dem zugeworfenen Seile; nach stndiger Arbeit war
ein schmaler Steg errichtet. Der Landwirth war der erste, der zu seinen Kindern
herberkam. Die Mnner wechselten ernsten Gru. Haben die Leute am Tage eine
Stunde Zeit, sagte der Professor, so mgen sie hier noch ein letztes Werk
thun; der Versteck des Mnches war in dieser Hhle.

    Zu derselben Zeit stieg Herr Hummel mit schnellen Schritten zur Stadt Rossau
hinab. Noch arbeiteten die Zimmerleute ber der Brcke, er warf einen
bedenklichen Blick auf die Stelle, wo er im Wasser die Fe des jungen Prinzen
gefat hatte, und brummte: Er ging unter wie eine Kanonenkugel. Tchtigkeit zur
See fehlt diesem Volke oben und unten, sie haben in der ganzen Gegend nicht
einmal einen Kahn. Vor zwanzig Jahren soll einer hier gewesen sein, wie das
Gercht geht; er ist zu Kaffeholz zerschlagen. Der beste Dank an diesen
Bielstein fr die Unruhe, die wir ihm machen, wird sein, da ich ihm einen Kahn
unter seine Strohbndel schicke.
    Mit diesem Vorsatz trat er in die Thr des Lindwurms. Dort traf er auf den
verschlafenen Wirth. Wo ist das junge Paar, das gestern Abend hier ankam?
    Sie werden wohl noch oben sein, sagte dieser gleichgltig, die Rechnung
ist noch nicht bezahlt.
    Sie sind ein Gastwirth fr reisende Faulthiere, aber nicht fr Menschen,
rief Herr Hummel, ich habe lngst gewnscht, ein solches monstrses Fossil
lebendig zu erblicken. Natrlich, Ihr Hotel ist zu gro, als da Sie sich um
jeden gemeinen Reisenden kmmern knnten. Ihre Gste putzen sich die Stiefeln,
und Sie schreiben die Rechnung. Haben Sie die Gte, mir die Klingel zu Ihrem
Portier nachzuweisen. Als er zum Oberstock hinaufsteigen wollte, hrte er einen
Freudenschrei. Vater, mein Vater, rief Laura die Treppe hinabstrzend; sie
warf sich ihm an den Hals und hielt ihn fest mit so warmem Ausdruck ihrer
Zrtlichkeit und Trauer, da Herr Hummel gndig wurde. Gesindel! rief er,
habe ich euch erwischt? Wartet, ihr sollt mir die Entfhrung theuer bezahlen.
    Der Doctor polterte ebenfalls von oben herab und begrte freudig Herrn
Hummel. Euer Wagen fhrt mit den Sachen nach, wir gehen voran, befahl Herr
Hummel. Wie war dein Don Juan? frug er die Tochter leise.
    Vater, er hat wie ein Engel fr mich gesorgt und die ganze Nacht auf einem
Stuhl vor meiner Thr gesessen. Es war schrecklich, mein Vater.
    Und wie gefllt dir eine solche Entfhrung? Sie ist poetisch, sie gibt
groe Gefhle, man vermeidet dadurch den Baumkuchen und die ungesalzenen Scherze
des Mimen.
    Laura aber drckte sich an den Vater und sah ihn flehend an, bis Herr Hummel
sagte: Es war also eine Kur. Dann will ich gern die Rechnung des Lindwurms
bezahlen.
    Sie schritten miteinander zum Thor hinaus, Hummel zwischen den beiden
Entfhrten. Wie war sie unterwegs? frug er den Doctor vertraulich.
    Sehr liebenswrdig, rief dieser, den Arm des Vaters drckend, aber
ngstlich, ich wurde viermal auf den Kutschbock geschickt, weil ihr die Reue
ankam.
    Warum sind Sie als Mann hinaufgeklettert? frug Hummel entrstet.
    Mir war lieb, da sie das Ungewhnliche der Reise so tief empfand.
    Mir ist lieb, da mein Pudel ins Wasser geht, sagte der Floh und ertrank,
spottete Herr Hummel. Weshalb sahen Sie die Angst meines Wurms nicht ruhig an?
Es htte Ihnen manchen Tanz mit ihr erspart, wenn Sie gleich am ersten Tage fest
gewesen wren.
    Sie war noch nicht meine Frau, Herr Hummel, sagte der Doctor.
    Also geduldige Bosheit, versetzte der Vater, Sie mgen Ihr Schicksal
abwarten.
    Als sie in die Nhe des Hofes kamen, die Tochter am Arm des Vaters, den sie
nicht mehr loslassen wollte, begann dieser: Heut kein Wort ber eure greuliche
Entfhrung. Vor den Leuten hier habe ich deinen Unsinn vertuscht und einen
Mantel umgehangen, damit du die Augen aufschlagen kannst. Ihr seid angemeldet
und erwartet als ruhige Reisende. Wir bleiben heut hier zusammen, morgen spreche
ich als Vater ein letztes Wort mit deiner Poesie.
    Vor dem Thore empfing die Wanderer frhlicher Gru der Hausgenossen. Der
Professor und der Doctor lagen einander in den Armen. Du kommst zu guter
Stunde, Fritz, das Abenteuer, welches wir vor Jahren hier begannen, heut kommt
es zum Ende. Der Schatz des Frater Tobias ist entdeckt.
    Nach einigen Stunden brach die ganze Gesellschaft zur Hhle auf, die
Werkleute folgten mit Eisen und Hebebumen.
    Der Landwirth betrachtete den Steinblock im Hintergrunde der Hhle, unten an
der Seite sah er ein Loch, dasselbe, aus welchem der Hund zur Oberwelt gestiegen
war. Diese Oeffnung ist neu, rief er, sie war jedenfalls durch einen Stein
verschlossen, der hinabgefallen ist.
    Die groe Steinbank wurde mit Anstrengung weggewlzt, eine Oeffnung, so
weit, da ein Mann ohne Schwierigkeit einkriechen konnte, zeigte sich dem Blick.
Die Lichter wurden hineingehalten, sie erhellten eine abwrts geneigte
Fortsetzung der Hhle, die noch mehre Ellen tief in den Berg hineinging. Es war
ein wster Raum. Sicher war er in der Mnchszeit trocken gewesen, aber er war es
nicht mehr. Baumwurzeln hatten den zerklfteten Felsen auseinandergetrieben,
oder Schichten des Gesteins hatten sich in nasser Zeit gesenkt, es war vom Berge
her ein Zugang fr Wasser und Thiere entstanden, Waldstreu und Knochen bildeten
eine wirre Masse. Die Arbeiter fuhren mit ihren Werkzeugen hinein und rumten
auf, neugierig saen und standen die Anwesenden umher, der Professor trotz
seiner Ruhe, dicht an dem Schatze. Den Doctor aber litt es nicht lange
zuzusehen, er zog seinen Rock aus und stieg in die Oeffnung. Vermoderte Stcke
eines dicken Tuches wurden heraufgebracht, wahrscheinlich war der Schatz in
einem groen Sack zu seinem Versteck gefahren worden. Dann kamen Altardecken und
geistlicher Ornat.
    Ein froher Ruf, der Doctor reichte ein Buch hinauf, das Antlitz des
Professors war hoch gerthet, als er darnach griff. Es war ein Missale auf
Pergament. Er gab es dem Landwirth, der jetzt mit groem Antheil auf den lange
geleugneten Schatz blickte. Der Doctor reichte das zweite Buch, Alle drngten
sich herzu, der Professor sa auf dem Boden und las, es war eine jmmerlich
zugerichtete Handschrift des heiligen Augustinus. Zwei, sagte er, seine Stimme
klang rauh vor innerer Bewegung. Der Doctor reichte das dritte Buch, wieder
geistliche lateinische Hymnen mit Noten. Das vierte ein lateinischer Psalter.
Der Professor hielt die Hand hin, und die Hand zitterte; gib her, rief er.
    Dumpf klang die Stimme des Doctors aus der Hhlung: Es ist nichts mehr
darin.
    Sieh genauer nach, sagte der Professor mit stockendem Athem.
    Hier das letzte, rief der Doctor und reichte ein viereckiges Bretchen
heraus, und hier noch eins. Es waren zwei Bcherdeckel aus festem Holz, die
Auenseite mit geschnitztem Elfenbein berzogen. Der Professor erkannte beim
ersten Blick an der gebrunten Platte, in den abgestoenen Figuren die
byzantinische Arbeit der letzten rmischen Zeit, eine Kaisergestalt auf dem
Throne, ber ihr Engel mit der Glorie. Groes Quadrat, Arbeit des fnften oder
sechsten Jahrhunderts. Es sind die Deckel der Handschrift, Fritz, wo ist der
Text?
    Kein Text vorhanden, tnte wieder die dumpfe Stimme des Doctors.
    Nimm das Licht und leuchte. Der Doctor nahm auch die zweite Leuchte
hinein, er fuhr mit Hand und Hacke an jedem Punkte des Felsens umher, er warf
die letzte Nadel Waldstreu hinaus, und den letzten Ueberrest des Sackes. Es war
nichts von der Handschrift zu sehen, kein Blatt, kein Fidibus. Der Professor sah
auf die Deckel. Man hat sie abgerissen, sagte er tonlos, wahrscheinlich
hielten die Mnche den rmischen Kaiser in Elfenbein fr einen Heiligen. Er
hielt die Deckel an das Licht, auf der innern Seite des einen waren unter Staub
und Moder in alter Mnchschrift die Worte zu lesen:
    Von Ausfahrt des Schweigenden.
    Jetzt fuhr der Schweigende aus seiner Hhle, aber er schwieg, sein Mund
blieb stumm fr immer.
    Unser Traum ist zu Ende, sagte der Professor gefat, die Mnche haben den
unleserlichen Text aus den Deckeln gerissen und zurckgelassen, die Handschrift
ging wohl nicht mehr in den gefllten Sack. Der Schatz ist verloren fr das
Wissen unseres Geschlechtes. Die Hand berhrt, was einst Hlle der Handschrift
war, und uns wird das schwere Gefhl nicht erspart, um das Unwiederbringliche zu
trauern, als wre es vor unsern Augen untergegangen. Wir aber kehren besonnen an
das Licht zurck und thun unsere Pflicht, lebendig zu machen, was erhalten
blieb, fr unser Geschlecht und fr die, welche nach uns sein werden.
    Bachhuber hie dieser Genius, rief Herr Hummel, er war seinem Zeichen
nach ein Esel.
    Der Landwirth aber legte die Hand auf die Schulter des Sohnes. Gegen den
Landwirth habt ihr Gelehrten zuletzt doch Recht behalten, sagte er. Schliet
die Oeffnung wieder mit der Steinbank, befahl er den Arbeitern, die Hhle soll
werden, wie sie war.
    Still kehrte die Gesellschaft zum alten Hause zurck, die Knaben trugen die
Bcher, die Mdchen die Bndel zerschlissener Mnchsgewnder, sie machten Plne,
die Goldfden fr sich herauszuziehen, der Professor hielt die Deckel der
verlorenen Handschrift.
    Als sie das Haus betraten, klapperte von der andern Seite Hufschlag, der
Landwirth trat in die Thr, der alte Oberfrster hielt auf seinem Rappen an.
Ich reite in Eile ber den Hof, Bescheid zu sagen; bei uns geht's drunter und
drber, Hofbeamte, Minister, von allen Seiten werden Aerzte geholt, meine Leute
sind smmtlich fortgeschickt, ich mu selbst nach Rossau, einen Courier zu
bestellen. Ich frchte, mit dem Herrn steht's schlecht, er erkennt Niemanden.
Jetzt erwartet der Erbprinz noch die Ankunft des Leibarztes, sobald dieser die
Erlaubni gibt, wird die Gesellschaft nach der Residenz aufbrechen. An allem
Schrecken ist dieser unglckliche Umbau meiner stillen Wohnung schuld. Noch
Eins, weil mir's gerade einfllt. Ihr Schwiegersohn sucht ja alte Papiere und
Bcher. Da stehen bei uns noch einige Kisten mit solchem Plunder aus uralter
Zeit, wo die Oberfrsterei noch frstliches Prschhaus war, ber der Thr ist
unter der Tnche ein fremdes Wort zu erkennen: Solitudini, welches in der
Einsamkeit bedeuten soll. Die Kisten sind morsch, beim Bau werden sie doch von
der Stelle geschafft. Ist's bei uns ruhiger, dann knnte der Herr Professor
vielleicht einen Blick darauf werfen.
    Da ist auch das Lustschlo Solitude mit den echten Kisten der Beamten,
rief der Professor. Ich thue keinen Schritt mehr nach jenem Hause.
    Der Doctor ergriff seinen Hut, sprach leise mit Laura und dem Landwirth.
Ich bitte mich fr heut zu beurlauben, sagte er hinausgehend.
    Erst am Abend kehrte er zurck. In den Kisten sind Baurechnungen vom Ende
des siebzehnten Jahrhunderts ber Ausbesserungen am Klostergebude und ber
diesen Hof. Auerdem einige Bnde Corneille. Der Candidat, welcher nach Amerika
ging, ist mit dem Oberfrster verwandt.
    Wir sind geneckt worden, sagte der Professor ruhig. Es ist gut, da jeder
Zweifel geschwunden ist.
    Nun, entgegnete der Doctor, da die alte Handschrift zerstrt sei, dafr
haben wir doch keinen Beweis. Es ist immer noch mglich, da sie ganz oder in
Trmmern irgendwo zum Vorschein kommt. Wer wei, auf welchen Bcherrcken ihre
Streifen kleben.
    Auf den Bchern, welche der Schwede mit Flammenschrift in Rossau
geschrieben hat, versetzte der Professor mit trbem Lcheln. Wir sind fertig
mit der Handschrift, Fritz, die Qulgeister sind uns grndlich gebannt.

    In der frhen Morgenstunde des nchsten Tages fuhr eine Reihe Hofwagen von
der Oberfrsterei ab; der erste war dicht geschlossen, in ihm lag der kranke
Frst, behtet von seinen Aerzten, ein aufgegebener Mann. Vor der Fahrt winkte
der Erbprinz den Oberfrster an seinen Wagen. Gibt es einen andern Weg nach
Rossau als durch den Hof jenes Gutes?
    Ueber die lange Hhe, durch den Wald, es ist ein Umweg, erwiederte der
Oberfrster.
    Wir fahren den Waldweg, befahl der Erbprinz. Unterwegs begann er zu seinem
Begleiter: Ich erwarte von Ihrem Charakter, Weidegg, da Sie bei jeder
Gelegenheit den Menschen, welche dort wohnen, achtungsvolle Zuneigung beweisen
werden. Ich bin der Sohn des kranken Frsten, welchem dort von einer Stimme die
Aufnahme versagt wurde. Ich werde die Schwelle jenes Hauses nicht wieder
betreten, und ich wnsche, da Sie den Namen der Frau in meiner Gegenwart
niemals erwhnen.
    Der traurige Zug bewegte sich nahe bei der Stelle vorber, wo einst der
Blitzstrahl die Fichte zerschlagen. Im Schritt fuhren die Wagen auf dem Holzwege
des Bergrckens. Fahren Sie voraus, sagte der Prinz, ich gehe eine Strecke zu
Fu߫. Er trat auf den Gipfel des Berges, das junge Tageslicht frbte die dstern
Bschel des Haidekrauts mit goldigem Grn. Von derselben Hhe, wo einst eine
frohe Gesellschaft gerastet hatte, sah der Prinz hinab auf den Bielstein,
welcher aus dem weien Frhnebel ragte, auf Dach und Erker des alten Hauses.
Lange stand der Prinz regungslos, von dem Thurm der Dorfkirche klang das
Glckchen in die Bergluft hinauf, er neigte sein Haupt, bis der leise Ton
verhallt war, dann streckte er grend die Hand nach dem Steine aus, wandte sich
schnell ab und schritt den Waldweg entlang.

    Auf dem Hofe des Bielsteins aber krhten zu derselben Stunde die Hhne, die
Sperlinge schrien im Weinlaub, die Leute rsteten sich zur Arbeit des Tages. Da
pochte die Faust des Herrn Hummel dreimal an die Stubenthr, hinter welcher
seine Tochter Laura schlief. Steh auf, entfhrtes Wurm, brummte er, wenn dir
noch lohnt, von deinem verlassenen Vater Abschied zu nehmen. Es fuhr im Zimmer
umher und klapperte mit den Pantoffeln, Laura's Kopf guckte durch einen
Thrritz.
    Vater, du willst uns doch nicht verlassen?
    Du hast mich verlassen, versetzte Hummel, wir wollen noch schnell die
letzten Redensarten miteinander abmachen. Zieh dich ordentlich an, du sollst
mich den Berg hinab begleiten, ich warte unten im Hausflur. Er mute eine gute
Weile seiner Tochter harren, ging ungeduldig auf und ab und sah nach der Uhr.
Glauben Sie mir, Gabriel, versicherte er dem Diener, der in seinem besten
Staat zu ihm trat, vieles Unglck kommt von den langen Haaren der Weiber.
Deshalb knnen sie nie zu rechter Zeit fertig werden, darin liegt ihr Vorrecht,
womit sie uns vexiren, und darum behaupten sie, das schwchere Geschlecht zu
sein. Ordnung und Pnktlichkeit werden nie erreicht, wenn nicht dem ganzen
Frauenvolk an einem Tage der Zopf abgeschnitten wird.
    Laura schwebte die Treppe herab, hing sich an den Arm des Vaters und
streichelte ihm mit der kleinen Hand die Wange.
    Komm in den Garten, Theaterprinzessin, brummte er, ich habe mit dir noch
einige Augenblicke allein zu reden. Entfhrt wrst du, den Skandal hast du
durchgesetzt. Wie ist dir zu Muth?
    Bangsam, lieber Vater, sagte Laura kleinlaut. Ich wei, da es eine
Thorheit war, und Ilse sagt es auch.
    Dann wird's schon richtig sein, besttigte Hummel trocken. Und was soll
jetzt mit dir werden?
    Was du willst, mein Vater, erwiederte Laura. Fritz und ich sind der
Meinung, da wir dir unbedingt zu folgen haben. Ich habe durch meine Thorheit
jedes Recht verloren, dir einen Wunsch auszusprechen. Wenn ich noch bitten
darf, setzte sie furchtsam hinzu, ich mchte einige Zeit hier bleiben.
    Also du willst deinen Entfhrer wieder loswerden?
    Er geht zu seinen Eltern zurck, und wir warten, mein Vater, bis er einen
Ruf bekommt an eine Universitt, er hat Aussichten.
    So? sagte Hummel kopfschttelnd, das alles wre vor der Entfhrung
verstndig gewesen; jetzt ist es zu spt. Ihr seid bereits miteinander in der
Kirche aufgeboten, einmal fr dreimal. Laura trat zurck. Das thaten die Leute
nicht anders, fuhr Hummel fort. Als bekannt wurde, da ihr ausgerissen seid,
hat sich die Geistlichkeit nicht nehmen lassen, euch aufzubieten; ihr wart noch
nicht lange zum Thor hinaus, als dieses Unglck vor sich ging.
    Laura stand erschrocken, ein heies Roth fuhr ihr ber die Wangen. In der
Waldkirche unten lutete das Glckchen. Herr Hummel zog ein Papier aus der
Tasche. Das sind diese verdammten alten Pathenhandschuhe, ich wnsche dies Zeug
endlich los zu werden. Hier hast du deine Ausstattung, weiter kann ich dir
nichts mitgeben. Zieh sie schnell an, damit die Leute wenigstens an deinen
Fingern merken, da fr dich heut ein Festtag ist. Bei der Geschichte mit dem
Trauringe kannst du sie schnell wieder abziehen.
    Vater! rief Laura und rang die Hnde.
    Du wolltest ja keinen Baumkuchen leiden, spottete Hummel, da mu das
Hochzeitskleid und manches Andere auch entbehrt werden. Dieser Schrecken wre
passender gewesen vor der Entfhrung, jetzt wird unweigerlich geheiratet,
entweder zur Stunde oder gar nicht. Meinst du, da man nur zum Spa in die Welt
zieht?
    Meine Mutter! rief Laura, und die Thrnen strzten ihr aus den Augen.
    Du hast ja deiner Mutter entlaufen wollen, und wenn dein Vater nicht aus
guter Meinung zu den fremden Leuten gekommen wre, so httest du das Geschft
ganz allein abgemacht. Unsern hausbackenen Brgergefhlen wolltest du ja aus dem
Wege gehen.
    Laura hielt sich mit zitternder Hand an einem Baum und sah den Vater flehend
an. Du bist doch nicht so khn, als ich dachte, jetzt kommt der Banghase bei
dir zum Vorschein.
    Laura warf sich an die Brust des Vaters und schluchzte an seinem Herzen, er
streichelte ihr die Locken. Kleine Hummel, sagte er herzlich, Strafe mu
sein, und es ist keine harte Strafe; mir ist recht, da du ihn heiratest. Er ist
ein braver Mann, das habe ich gemerkt, und wenn es dein Glck ist, ich will
schon mit ihm auskommen, du mut nur nicht gleich summen und schwrmen, wenn ich
einmal auf meine Art brste. Es ist mir auch recht, da du ihn heut heiratest,
das ist jetzt fr alle Theile gut, deine Brautgefhle kannst du spter haben,
mache nachher deine Rhrung durch, wie du willst. Jetzt sei mein tapferes Kind,
wir drfen die Andern nicht warten lassen. Bist du bereit?
    Laura weinte, aber es klang leise wie ein Ja.
    Dann wollen wir den Brutigam wecken, entschied Hummel, ich glaube, dies
Opferlamm schlft noch ohne Ahnung seines Schicksals.
    Er verlie seine Tochter, eilte zur Thr des Doctors und sah in das Zimmer.
Fritz lag in festem Schlummer. Hummel ergriff die Stiefeln, welche vor der Thr
standen, und setzte sie hart vor das Bett.
    Guten Morgen, Don Juan, brummte er. Haben Sie die Gte, sich sogleich in
dieses Leder hineinzubemhen. Dies sind Ihre Brautstiefeln. Meine Tochter Laura
lt Sie ersuchen, sich zu beeilen, der Geistliche wird ungeduldig.
    Der Doctor sprang mit beiden Beinen aus dem Bett. Ist das Ernst? frug er.
    Greulicher Ernst, sagte Hummel.
    Auf den Doctor brauchte er nicht lange zu warten. Er trat in den Garten, wo
Laura noch immer allein in der Laube sa, ngstlich wie ein eingesperrter Vogel,
der sein Bauer nicht zu verlassen wagt. Hummel fhrte den Doctor zu ihr. Da
habt ihr euch, begann er feierlich. Es ist ein schner Morgen, gerade wie
damals, wo ich als Wanderbursch auszog. Heut schicke ich mein Kind in die Welt,
und das ist eine andere Sorte von Gefhlen. Ich habe nichts dagegen, wenn ihr
glcklich miteinander lebt, bis zuerst eure Kinder von euch in die Welt laufen,
dann die Enkel. Denn der Mensch ist wie ein Vogel, er mht sich und trgt die
Halme zusammen fr sein Haus, aber die junge Brut achtet das Nest der Eltern
nicht. So wird der alte Rabe jetzt allein sitzen und Wenige finden, die sich
ber sein Krchzen rgern. Nehmen Sie meinen Dickkopf hin, lieber Fritz, lassen
Sie ihr nicht zu viel Willen. Ich habe Sie mir einige Zeit angesehen, und ich
will Ihnen jetzt etwas im Vertrauen sagen, bei der Geschichte mit den
Katzenpfoten fiel mir ein, da Sie doch am Ende kein bler Mann fr diese Hummel
wren. Da Sie Hahn heien, ist zuletzt auch nur ein Unglck. Er kte Beide
recht herzlich. Jetzt kommt, ihr Ausreier, denn die Andern warten. Hummel
schritt vor seinen Kindern nach dem Hause, er ffnete die Thr der Wohnstube,
die ganze Familie war versammelt. Laura flog zu Ilse und verbarg ihr heies
Gesicht an der Brust der Freundin. Diese nahm den Brautkranz, den die Schwestern
herzutrugen, und setzte ihn auf Laura's Haupt. Gabriel ffnete die Thr. Vor
Jahren hatte der Doctor den Freund von den Brombeerranken an der Mauer in die
Kirche gezogen, jetzt schritt auch er, die Geliebte an der Hand, in die kleine
Dorfkirche, wieder streuten die Kinder Blumen. Als der Geistliche die Hnde des
Brautpaars zusammengab, fate auch Ilse die Hand ihres Gatten.
    Die Mutter fehlt, sagte Hummel zu der Neuvermhlten, als diese ihm nach
der Trauung um den Hals fiel. Und des Doctors Wirthschaft auch. Ihr aber seid
Brgerkinder, und wie erhaben eure Gefhle sind, ihr werdet euch unserm Brauche
fgen. Ihr reist von hier nach eurer Vaterstadt zurck. Dort werden die Mtter
euch Nachhochzeit halten, und du, Landluferin, sollst den schlechten Gedichten
nicht entgehen. Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich an diesem Tage nicht zu
Hause bin, ich mache meine Geschftsreise, und zweimal in einer Woche sein Kind
zu verheiraten, schickt sich nicht. Leise erklrte er der Tochter: Unter uns,
ich mag nicht mit der Hhnerfamilie zusammen in den bewuten Brautkuchen
picken.
    Ihr sollt nicht bei mir wohnen und nicht in dem Hause drben, das hat die
Freundin hier gerathen, und es ist mir ganz recht. Nach dem Hochzeitessen mgt
ihr einige Wochen reisen, dann aber kehrt ihr in die Heimat zurck.
    Die Brautreise macht ihr allein, sagte der Professor, nicht mit uns. Ilse
und ich sind entschlossen, nach kurzer Rast zur Stadt zurckzukehren. Ich habe
noch einige Monate dieses Sommers vor mir, ich will sie wenigstens fr einen
engern Kreis von Zuhrern ntzlich machen. Unter den Bchern finden wir wieder,
was uns in der Fremde entschwand, Frieden im Innern und Frieden mit unserer
Umgebung.

    Es war um die Osterzeit des folgenden Jahres, da standen Herr Hummel und
Gabriel, beide in festliches Schwarz gekleidet, vor der Thr des Hauses Nr. 1 in
der Parkstrae.
    Ich war bei ihr, begann Herr Hummel vertraulich zu Gabriel, ich habe ihr
diesmal das Geld selbst gebracht, weil Sie das wollten. Bei den Wirthsleuten und
Nachbarn habe ich mich nach ihr erkundigt. Sie hlt sich ordentlich, und das
Wesen ist verndert. Viel Wasser, Gabriel, er wies auf die Augen.
    Sie waren doch freundlich zu ihr? frug Gabriel finster.
    Wie ein Lamm, versetzte Hummel, und sie gleichfalls. Die Stube war
drftig, ein einziges Bild hing darin ohne Rahmen, Gabriel, als eine Erinnerung
an ihren glcklichen Stand in jenem Hause. Es war ein Hahn mit goldenen Federn.
    Gabriel wandte sich ab.
    Zuletzt wurde der Aufenthalt fr meine trockene Constitution zu feucht.
Aber es wird fr sie gesorgt. Sie soll in ein anstndiges Geschft als
Verkuferin, und fr den illegitimen Knips werden die Frauen sorgen. Ich habe
mit Madame Hummel gesprochen und diese mit der Hahnfrau drben, die beiden
werden ihren wohlthtigen Kohl zurecht kochen. Denn was Sie betrifft, Gabriel,
allen Respect, aber was zu viel ist, das ist zu viel.
    Herr Hummel fate achtungsvoll einen Westenknopf Gabriels und drehte das
abgewandte Antlitz mit dem Knopf wie durch eine Schraube auf sich zu. Dann sah
er eine Weile in die trben Augen, ohne ein Wort zu sprechen. Aber die beiden
verstanden einander. Es war eine schwere Zeit, es war eine tolle Zeit, Gabriel,
in jeder Hinsicht, begann Herr Hummel endlich kopfschttelnd, was wir mit
Souvernen ausgefhrt haben, war keine Kleinigkeit.
    Er hatte wenig Gewicht, sagte Gabriel, und trug sich wie eine Feder.
    Darauf kommt's gar nicht an, erwiederte Herr Hummel, die Sache war
verdienstlich. Denken Sie, was das heit, einen jungen Frsten retten, das
machen uns Wenige nach. Und mir kamen einen Augenblick ehrgeizige Gedanken.
Nmlich der Kammerherr, kein bler Mann, und ein alter Bekannter von uns, rhrte
mich auf, als er neulich vorsprach.
    Er hat auch mich rufen lassen, unterbrach ihn Gabriel mit Selbstgefhl.
Der Prinz Victor hatte ihm aufgetragen, er sollte mir seine Gre ausrichten
und sagen, der Prinz wrde jetzt die Prinzessin heiraten.
    Auch diese Art von Hofbesitzern wird huslich, nickte Herr Hummel, das
ist doch wenigstens ein Anfang. Also der Kammerherr versicherte mich hchster
Dankbarkeit, machte so seine Redensarten und stichelte endlich auf ein Prdikat,
wissen Sie, was das ist?
    Hm, entgegnete Gabriel, wenn es etwas ist, was man bei diesem Hofe
verschenkt, so wird es sich wohl mit einer bunten Schweinsblase vergleichen, in
welcher kein Tabak ist, es wird wohl ein Titel sein.
    Getroffen, entschied Herr Hummel. Was meinen Sie zu Herr Hofhutfabrikant
und Hausbesitzer Heinrich Hummel?
    Schwindel, antwortete Gabriel.
    Richtig, es war eine Schwche, aber ich kam noch zu rechter Zeit dahinter.
Denn ich fragte diesen Kammerherrn: welche Zumuthung wrden Sie dafr an mich
richten? Gar keine, sagte er, als da Sie ein ansehnliches Geschft darstellen.
Das ist mein Fall, sagte ich. Aber was fr Hte wird man bei mir suchen? Denn
wer Erfahrungen gemacht hat wie ich, der wird mitrauisch. Und sehen Sie,
Gabriel, da kam der Schwindel heraus. Denn was war seine Ansicht und Zumuthung?
Ich war in seinen Augen ein Mann, bei dem auch Strohhte umgingen. Da dankte ich
fr die Ehre und drehte ihm den Rcken.
    Nun, wandte Gabriel ein, bei diesem Stoff mu eine Milderung eintreten.
Wir sind ja jetzt gute Freunde mit Den drben, und wenn Sie Ihre Tochter dem
Hause verwilligt haben, warum nicht auch einen Artikel in das Geschft?
    Mengen Sie mir nicht diese Dinge durcheinander, wehrte Herr Hummel
rgerlich. Es ist schlimm genug, da ich als Vater und gewissermaen auch als
Nachbar meinen alten Zorn verloren habe. Worber soll man sich jetzt noch
rgern, wenn hier die Hand gedrckt und dort unter der verdammten Muse
Familienpunsch getrunken wird? Nein, ich war ein schwacher Vater, ich war als
Nachbar ein unverantwortlich leichtsinniger Mann. Aber, Gabriel, auch der Wurm,
welcher getreten wird, behlt noch seinen Stachel. Und mein Stachel ist das
Geschft. Darin bleibt die Feindschaft. Jedes Frhjahr die Rachsucht und bei der
Winterklte mein Triumph. Mein Kind habe ich verloren, mein Geld habe ich diesen
Phantasten hinbergetragen, aber ich bin immer noch Manns genug, um es mit Dem
da drben aufzunehmen. Er sah auf die leere Stelle der Freitreppe, wo sonst
sein Hund Speihahn zu sitzen pflegte. Dieser fehlt mir, fuhr Herr Hummel fort,
nach der Tiefe zeigend.
    Er ist dahin und aus der Menschheit ausgewischt, sagte Gabriel.
    Er war ein Hund nach meinem Herzen, betheuerte Hummel, und ich habe daran
gedacht, was meinen Sie, Gabriel, wenn ich ihm im Garten ein Denkmal setzte?
Hier an der Strae, nur ein niedriger Stein, und darauf nur das eine Wort
Speihahn. Wenn die Pforte offen steht, wrde man's ber die Strae lesen knnen.
Es wre ein Gedchtni fr das arme Thier und auerdem an die gute Zeit, wo man
einem Hahn noch die Federn rupfen konnte, ohne wegen Kindesmord angeschrieen zu
werden.
    Es geht nicht, versetzte Gabriel, was wrden die Schwgersleute drben
dazu sagen?
    Pfui Teufel! rief Herr Hummel und wandte sich ab.
    Ja, Speihahn war der Menschheit entwischt. Seit jener Stunde, wo er im
dmmerigen Morgengrauen den goldenen Chorrock des seligen Bachhuber als
Halskrause um sich geschlagen hatte, war er verschwunden. Keine Forschung, kein
Geldgebot des Herrn Hummel vermochten seine Spur zu ermitteln, vergebens wurden
die Schfer und Gutsarbeiter der Umgegend, sogar die Behrden von Rossau in
Bewegung gesetzt, er war entwischt wie ein Geist. Die Stelle an der Freitreppe
blieb leer. Die Lcke, welche er in der brgerlichen Gesellschaft zurcklie,
wurde durch jngeres Hundegeschlecht der Parkstrae ausgefllt; die
Nachbarschaft fhlte bei jedem Gange auf der Strae ein Behagen, welches sie
lange entbehrt hatte, der Cigarrenhndler stellte seine Bank wieder an Herrn
Hummels Garten, und die weigekleideten Frulein, welche nach dem Stadtpark
zogen, entsagten allmhlich der Gewohnheit, vor dem Hause des Herrn Hummel
abzubiegen und auf die Strohseite hinberzuflchten. Speihahn wurde von Vielen
ohne Bedauern vergessen, nur bei alten Insassen der Strae blieb die Erinnerung
an ihn als finstere Sage. Gabriel allein dachte jeden Abend an den Verlorenen,
wenn er die kleinen Knochen fr gleichgltige Nachbarhunde zurckstellte. Aber
er wunderte sich ber das Verschwinden des Hundes nicht. Er hatte lngst gewut,
da es mit dieser Kreatur so oder so kommen msse.
    Dieser Ansicht war eine Besttigung geworden, an welche Gabriel sein ganzes
Leben hindurch dachte. Denn als er im Herbst mit seiner Herrschaft wieder den
Bielstein besuchte, hatte er sich einmal einen freien Nachmittag erbeten und
war, wie er jetzt fter that, allein mit seinen Gedanken dahingeschritten. Er
ging im Wald weit ber die Oberfrsterei hinaus, zwischen dicken, bemoosten
Buchenstmmen, zwischen Farnkraut und Heidelbeeren. Es wurde Abend, graue
Dmmerung legte sich um den Wanderer, er war ber seine Richtung unsicher
geworden und suchte unruhig den Weg nach Hause. Ganz in der Ferne rollte der
Donner, und zuweilen fuhr ein gelber Schein ber den Himmel und erhellte fr
einen Augenblick die Baumstmme und den Moosgrund. Bei solchem hellen Schein sah
er sich pltzlich an einem Kreuzweg; er fuhr zurck, denn wenige Schritte von
ihm schritt quer ber den Pfad eine groe dunkle Gestalt, einen breitkrempigen
Filzhut auf dem Haupt, ein Gewehr auf der Schulter, ohne Gru und lautlos glitt
sie vorber. Gabriel stand und staunte. Wieder ein Schein, und denselben Weg
liefen zwei Hunde, ein schwarzer und ein rthlicher Kter mit dickem Kopf und
gestrubtem Haar; pltzlich blieb der rothe stehen, wandte sich gegen Gabriel,
und dieser sah deutlich an dem Ende des Hundes eine Quaste, welche sich wedelnd
regte. Im nchsten Augenblick tiefe Finsterni, Gabriel hrte vor seinen Fen
ein leises Winseln, und ihm war, als ob etwas seine Stiefeln lecke. Noch ein
leises Rauschen, dann war Alles still.
    Die auf dem Gute behaupteten, es sei ein Wilddieb oder der groe
Waldbelaufer jenseit der Grenze gewesen; Gabriel aber wute, wer der Nachtjger
war und wer der Hund war. Der den Hund einst in Hummels Haus geschickt, ohne
Geld und ohne Namen, der hatte ihn auch abgerufen. Der Hund bellte jetzt wieder
durch die Nacht, wenn der Sturm wie ein Hifthorn blies, wenn die Wolken unter
dem Monde dahinflogen und die Bume ihre Gipfel chzend zur Erde neigten. Dann
lief er ber die Berge von Rossau, durch die Grnde des Bielsteins, er heulte,
und der Mond lachte spttisch auf die Stelle herab, an welcher Tobias Bachhuber
seinen Schatz deponirt hatte, darunter die Deckel der verlorenen Handschrift.
    Aber wenn keinem Beobachter zweifelhaft sein konnte, was es mit diesem Hunde
fr ein Ende nehmen mute, weit unsicherer ist das Urtheil der Gegenwart ber
eine andere Schattengestalt, welche um die Hhle schwebt.
    Was kann dein Schicksal sein, unseliger Frater Tobias Bachhuber? Dein
Benehmen gegen die Handschrift war so, da es Alles bersteigt, was man von
einem Tobias erwarten konnte. Es stand sehr zu befrchten, da dein Leichtsinn
gegen die hchsten Angelegenheiten der Menschheit auch deiner gesellschaftlichen
Stellung im Jenseits geschadet habe. Gegen deine Seligkeit, Bachhuber, muten
schwere Zweifel entstehen. Denn das Unrecht, das du an uns begangen, war so
gro, da es auch einem Engel Thrnen auspressen mute. Uns Sterblichen ist
unmglich, deiner noch mit dem Vertrauen zu denken, zu dem uns deine
treuherzigen Worte verfhrten: haec omnia deposui, dies alles habe ich
niedergelegt. Das war eine Unwahrheit, Bachhuber, und die Wunde getuschter
Zuversicht wird stets auf's Neue brennen.
    Antworte auf die Frage, Tobias, was waren deine Ansichten ber den
Zusammenhang des Menschengeschlechts? ber die Verbindung der vergangenen und
lebenden Geister? oder ber das groe Netz der Menschheit, in welchem du eine
Masche warst? Deine Ansichten waren erbrmlich, du stopftest die groe
Handschrift, die Sehnsucht unserer Tage, in einen Sack, und da der Sack zu voll
wurde, rissest du den Text heraus und bewahrtest fr sptere Geschlechter die
Deckel! Dreimal pfui!
    Und dennoch schwebtest du ruhelos um die Hhle, und dennoch poltertest du
seit der Schwedenzeit in den Kammern des alten Hauses umher! Wozu diese
Geschftigkeit, thrichter Mnch? Solltest du vielleicht doch etwas bedacht und
behtet haben, was zum Wohle der Enkel gereicht und dem erwhnten Zusammenhange
des Menschengeschlechtes dient?
    In der That, es wurde ein Schatz gehoben. Er sieht freilich anders aus als
die Forscher vermutheten, da ihr Auge zuerst auf den undeutlichen Buchstaben
deines Verzeichnisses ruhte. Der Schatz, den die beiden Gelehrten gehoben, hat
kleine geballte Fuste, runde Wnglein und liebe Augen. Er ist lebendig
geworden, aber er verhlt sich keineswegs schweigsam. Bachhuber, solltest du
deine Ordensregel leichtsinnig behandelt haben? hast du diesen Schatz in zwei
Wohnungen an der hohlen und trocknen Stelle deponirt, welche in unserer
Laiensprache Wiege heit?
    Heut ist groe Taufe in der Wohnung des Professors, es ist eine Doppeltaufe.
Des Professors Sohn heit Felix und des Doctors junge Tochter Cornelia. Die
Kinder haben fast zu gleicher Zeit den Entschlu gefat, durch ihr Erscheinen
diese berfllte Welt zu verengen. Die Pathen des Knaben sind Raschke und Frau
Struvelius, die Pathen des Mdchens Struvelius und Frau Raschke, Herr Hummel
aber ist Doppelpathe und steht in der Mitte, er schwenkt bald den einen, bald
den andern Tufling.
    Es ist mir lieb, da Ihres ein Sohn ist, sagt er zum Professor, er wird
blond, und er wird lustig. Denn das weibliche Geschlecht nimmt ber Hand und
wird uns zu krftig, wir mssen uns durch Zuwachs strken, sonst findet ein
vlliges Unterbuttern statt. Es ist mir lieb, da deines ein Mdchen ist, sagt
er zu seiner Tochter, das Ding ist schwarz und borstig, es wird kein Hahn,
sondern eine Hummel.
    Die Taufe ist vorber und Professor Raschke erhebt das Glas: Zwei neue
Menschenseelen im Reich der Bcher, zwei Gelehrtenkinder mehr in unserer
doctrinren, wunderlichen, pedantischen, grilligen Zunft. Ihr Kinder werdet eure
ersten Reitbungen auf Folianten anstellen, euren ersten Helm und eure erste
Schrze werdet ihr aus Correcturbogen eurer Vter anfertigen, frher als Andere
werdet ihr mit heimlichem Bangen auf die Bcher schauen, die eure rosige Jugend
umstehen. Wir aber wnschen, da auch ihr dazu helft, einem spteren Geschlecht
den stolzen Sinn zu bewahren, mit welchem eure Vter das eigene Leben hingeben
als Suchende, Denkende, Gestaltende. Auch ihr, ob Mann, ob Weib, sollt treue
Bewahrer der idealen Habe unseres Volkes sein. Ihr werdet ein Volksthum finden,
das strker die Flgel regt und hhere Forderungen an seine geistigen Fhrer
stellt. Wie die Gegenwart uns, wird auch euch eure Zeit zuweilen mit einem
Lcheln betrachten; sorgt dafr, da es ein herzliches Lcheln sei. Und sorgt
dafr, da dem Volke dies Amt werth bleibe, das ihr von euren Vtern berkommt,
und das auch ihr verwalten sollt als ehrliche Arbeiter im Reiche der
Wissenschaft, treu im Glauben an den guten Geist unseres Lebens.
    Raschke sprach's und schwenkte das Glas. Bitte, es ist mein Glas, rief die
Struvelius, trinken Sie meine Handschuhe nicht, sie liegen darin.
    Richtig, entschuldigte sich Raschke, es ist Leder. Er go bedchtig den
Wein aus seiner Flasche ber die Handschuhe und rief sein Hoch!
    Aber in der dmmrigen Ecke am Bcherschrank, wo das kleine Notizbuch des
Fraters lag, erschien, von Jedermann unbeachtet, die demthige Gestalt
Bachhubers, einer Kindermuhme hnlich, sie grte und verneigte sich dankend.
    Als die Freunde geschieden waren, sa Ilse am Lager, das Kind vor sich auf
dem Scho; Felix kniete an ihrer Seite, und beide sahen herab auf das junge
Leben, das zwischen ihnen lag. Es ist so klein, Felix, sagte Ilse, und doch
macht Alles, was war, und Alles, was ist, die Mutter nicht so glcklich, als der
leise Herzschlag in seiner Brust.
    Ruhelos ringt der denkende Geist nach dem Ewigen, rief der Gelehrte, wer
aber Weib und Kind am Herzen hlt, der fhlt sich der hohen Gewalt unseres
Lebens einig verbunden in seligem Frieden.
    Die Wiege schaukelte, wie von Geisterhand berhrt. - So also sieht der
Schatz aus, verewigter Bachhuber, den du einem sptern Geschlecht durch
hilfreiche Thtigkeit vermittelt hast? Es ist wahr, du hast an uns Uebles
gethan. Jedoch, wenn man wieder erwgt, wie sorglich du in dem alten Hause und
anderswo bedacht warst, als Ehestifter spteren Menschen gutherzige Dienste zu
leisten, so kann man dir am heutigen Tauftage auch nicht bse sein. Eins ins
Andere gerechnet, darf man wohl sagen: du warst ein Unglckspilz, aber dein Herz
war nicht schlecht. Und am Ende, Tobias Bachhuber, bist du doch nach vielen
Bedenken aus alter Barmherzigkeit unter die Seligen aufgenommen, aber allerdings
mit einem Fragezeichen: du trgst am Rcken deiner himmlischen Kutte als Nota
fr ewige Zeiten ein hllisches Schwnzchen - wegen der verlorenen Handschrift
des Tacitus.

                                     Ende.
