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Vorrede.










Mit dem vorliegenden Doppelbande findet die Ausgabe der sämmtlichen Werke Leopold v. Ranke's ihren Abschluß. Seine Weltgeschichte dieser Sammlung einzuverleiben, lag nicht in der Absicht des Verewigten. Statt dessen hat sich der Herr Verleger entschlossen, dieselbe in ihrer gegenwärtigen, glänzenderen Ausstattung den Besitzern der Werke zu einem wesentlich ermäßigten Preise anzubieten, worüber die diesem Bande vorgedruckte Geschäftsanzeige nähere Auskunft ertheilt. –
Gerade das weitführende Unternehmen der Weltgeschichte war es, was Ranke daran verhindert hat, der Summe seiner darstellenden Arbeiten Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens hinzuzufügen, in denen sich zugleich der allgemeine Gang der Begebenheiten des 19. Jahrhunderts als ein mitempfundenes Stück der universalhistorischen Bewegung wiederspiegeln sollte. Dem fühlbaren Mangel, soweit es angeht, abzuhelfen, ist der Zweck des vorliegenden Bandes.
Er beginnt mit dem, was an autobiographischen Aufzeichnungen wirklich zustande gekommen ist. Die beiden Dictate von 1863 und 1869, von denen das erste bereits dem Publicum mitgetheilt worden1, gewähren einen ziemlich vollständigen Ueberblick über die jugendliche Entwicklung bis zu dem Punkte, wo die eigene historische Thätigkeit des Autors anhebt. Die Aufsätze von 1875 und 1885 wurden je vorm achtzigsten und neunzigsten Geburtstage dictirt, weshalb der letzte vielfach an die früher2 veröffentlichte[5]  Festrede anklingt, die er jedoch an Fülle und Bestimmtheit des Inhalts weit übertrifft. Beide setzen die Erzählung der persönlichen Lebensbegegnisse nur dürftig fort, während sie die Beziehungen der Studien und literarischen Productionen des Verfassers zu den Erscheinungen der Zeitgeschichte wenigstens im Grundriß darlegen. Sie erregen das Verlangen nach einer authentischen Ergänzung, welche durch die zweite Abtheilung unseres Bandes, über dreihundert ausgewählter Briefe aus den Jahren 1819–1886, in reichem Maße dargeboten wird.
Auch eine derartige Publication hat Ranke noch selber ins Auge gefaßt3; seine Anweisung, nur solche Briefe dazu auszusuchen, die des Aufbewahrens werth seien, diente bei der Composition der gegenwärtigen Sammlung zur Richtschnur. Was sich etwa doch von an sich geringhaltigeren Stücken darin findet, möge man mit der Absicht entschuldigen, die in den wichtigeren Schreiben berührten Verhältnisse, persönlicher oder sachlicher Natur, in einer gewissen Abrundung vorzuführen; statt lästiger Anmerkungen schien es gerathen, die Texte selbst einander gegenseitig erläutern zu lassen. Über den bedeutenden Eindruck des Ganzen kann kein Streit obwalten. Was Ranke von Johannes Müller sagt4, er habe durch seine Briefe am Ende mehr gewirkt, als durch alle seine Werke, wird sich freilich auf ihn selber glücklicherweise niemals übertragen lassen. Aber auch hier rauscht – um sein schönes Wort zu wiederholen – der ursprüngliche Quell des Geistes uns näher und vernehmlicher; auch in den Briefen Ranke's ist das individuelle Leben leichter zu fassen, um so mehr, als er in seiner Geschichtschreibung das eigene Selbst der gegenständlichen Wahrheit zuliebe geflissentlich zurückgedrängt hat.

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Bekannt waren von den 329 hier versammelten Briefen bis jetzt nur die 31 an Carl Geibel gerichteten – eine Auslese aus dessen 1886 als Handschrift gedruckter Publication: aus den Briefen Leopold v. Ranke's an seinen Verleger –; sowie die 3 von Alfred v. Reumont empfangenen, die derselbe seinem Nekrolog auf Ranke5 in zerpflücktem Zustande eingeflochten. Alle übrigen waren bisher[6]  ungedruckt und sind – mit verschwindenden Ausnahmen – durch die Bemühung der Hinterbliebenen zusammengebracht worden; wie denn die Briefe an Familienmitglieder, an Zahl 175, mehr als die Hälfte sämmtlicher Stücke ausmachen. Obenan stehen darunter: 73 an den Bruder Heinrich, überaus interessant für die Erkenntniß der inneren Entwicklung des Historikers, zumal des jungen; 65 an die Gemahlin, durch lebendige Schilderung äußerer Begegnisse ausgezeichnet; 25 an den Bruder Ernst, merkwürdig besonders in Bezug auf die höchsten Jahre. Gleich allen diesen wurden den Originalen entnommen: die 35 an den Freund Heinrich Ritter adressirten Schreiben, die Hauptquelle für die Geschichte der großen Studienreise; endlich jene an die drei vornehmsten Schüler – meine Gloire als Lehrer, wie Ranke selber sagt6: 22 an Waitz, 14 an Giesebrecht, 6 an Heinrich v. Sybel. Den Spendern der einen wie der anderen sei auch an dieser Stelle der erkenntlichste Dank dargebracht! Von den übrigen 43 Nummern entstammen die meisten, wie z.B. die anziehenden 12 an König Max, den Concepten oder zurückbehaltenen Abschriften.
Die sechs Abschnitte, in welche die vorliegende Briefsammlung chronologisch zerlegt ist, sind durch äußere Momente von einander geschieden: Berufung an die Universität, Aufbruch gen Süden, Rückkehr, Vermählung, Eintritt in den Wittwerstand; doch entspricht ihnen zugleich eine innere Gliederung, die für den Leser der Werke von Bedeutung ist. In der Frankfurter Periode sehen wir aus dem Hintergrunde philosophischer Ideen und klassischer Studien den Autor der romanisch-germanischen Geschichten hervortreten; die erste Berliner Zeit vergegenwärtigt neben dem Anfänger auf dem Katheder den Verfasser von Fürsten und Völkern; in Wien und Italien legt der Schilderer der serbischen Revolution den Grund zu künftigen Meisterwerken; zwischen Heimkehr und Hochzeit fällt außer der historisch-politischen Zeitschrift und den schulstiftenden historischen Uebungen die Schöpfung der Päpste und der Reformationsgeschichte; der Ehemann ist zugleich der Urheber der preußischen, französischen, englischen Geschichte und des Wallenstein, wie der Begründer der historischen Commission; den Wittwertagen[7]  sind die letzten Hauptschriften, vom Ursprung des siebenjährigen Krieges bis zur Weltgeschichte, entsprungen.


Eben für diese spätesten Jahre, wo neben leidenschaftlich erhöhter Arbeitsamkeit der Fluß der brieflichen Kundgebung, wenn nicht spärlicher, doch einförmiger rinnt, thut sich willkommen noch eine andere Quelle der Mittheilung auf. Der vereinsamte Greis7 ergab sich dem Selbstgespräch des Tagebuchs. Auch aus den früheren Perioden fand sich im Nachlasse Ranke's eine Anzahl Hefte vor, die jedoch meist mit wissenschaftlichen Notizen angefüllt sind. Das Wenige, was darin der biographischen Theilnahme entgegenkommt, ist auf den ersten Seiten der dritten Abtheilung unseres Bandes zusammengestellt. Eine verhältnißmäßig reiche Ernte von Tagebuchblättern ließ sich dagegen für die Zeit von 1870–1885 gewinnen. Steht dabei die politische Reflexion im Vordergrunde, so wird man nur desto angenehmer überrascht; denn was an Äußerungen über die großen Vorgänge des 19. Jahrhunderts in anderen Bänden der Werke enthalten ist, reichte doch nirgend bis zu dieser Epoche.
Den Schluß des Bandes bildet eine kleine Nachlese verschiedenen Inhalts, die sich selber rechtfertigen mag. Die Erwiderung auf Leo's Angriff und der Entwurf zur Geschichte der Wissenschaften sind vorlängst gedruckt und wurden bei der Composition des vorigen Doppelbandes, in den sie hineingehört hätten, übersehen8. Die übrigen Nummern wurden erst neuerdings dem handschriftlichen Nachlaß enthoben. Ihre Zahl hätte sich wohl aus den Archiven oder den Registraturen der Behörden um einige weitere Gutachten und Denkschriften vermehren lassen; allein der Herausgeber blieb dem Grundsatze treu, nur solche Stücke in die Werke Ranke's aufzunehmen, welche der Meister selbst durch Aufbewahrung im Entwurf oder in Abschrift einigermaßen entschieden dazu bestimmt hatte.
Und so mag denn dieser, der persönlichen Erscheinung des[8]  Verewigten geweihte Band der langen Reihe seiner Werke nachfolgen, wie der dankbare Hervorruf des Dichters die Kette der Scenen einer dramatischen Schaustellung schließt. Ranke selbst berichtet in den Briefen an seine Gemahlin mit unschuldigem Vergnügen als eine artige Schmeichelei die Worte seines Freundes Thiers: que je suis le plus grand historien de l'Allemagne et peutêtre de l'Europe, que je vois les choses présentes en historien9. Aber ernstlicher erfreut sein Herz jener andere Ausruf des Vicemasters vom Trinity College beim Festmahl in Cambridge: we admired him before, but now we see, that he is a good fellow!10 Den ersten Spruch dürfte man seinen sämmtlichen Werken überhaupt, den zweiten diesem Schlußbande zur Aufschrift setzen.

Bonn, im November 1890.
Alfred Dove.

Fußnoten

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1 Deutsche Rundschau, Jahrgang 1887, Heft 7.

2 S.W. LI/LII 592ff.

3 S. unten S. 474.

4 Unten S. 272.

5 Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft, VII 608ff. 1886.

6 Unten S. 532.

7 Vgl. unten S. 604.

8 Nicht – wie ein Recensent geglaubt hat – übersehen ist dagegen die Erinnerung an den General Clausewitz in der historisch-politischen Zeitschrift I 213ff. Mehr oder weniger direct von dessen Wittwe verfaßt, zeigt sie weder innerlich noch äußerlich eine Spur von Rankischer Arbeit.

9 Unten S. 376.

10 Unten S. 391.




Vorwort.










[3] Hier in Venedig werde ich ganz besonders an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens erinnert. Wie viele Freunde und Gönner, die mir bei meinem ersten und zweiten Aufenthalt freundschaftliche Dienste erwiesen, konnte ich jetzt nur an ihren Gräbern besuchen; andere, die mir nahe standen, sehe ich in eisgrauer Gebrechlichkeit wieder, kaum zu erkennen gegen damals. Wie oft hat uns in den letzten Jahren zu Haus die Nachricht von dem Abscheiden bald des einen, bald des anderen Freundes erschreckt, auf dessen längeres Leben wir mit Sicherheit rechneten. Dann aber ist auch das meiste von dem verschwunden, was das Gedächtniß eines Jeden über ihn selber aufbewahrt; wie wir soeben bei Jacob Grimm erlebten, von dessen Beziehungen und Motiven ich gleich nach seinem Tode die wichtigsten Momente nicht in Erfahrung bringen konnte, die er selber ohne langes Besinnen mit aller Bestimmtheit mitgetheilt hätte. Entschuldigung genug, wenn ich ein paar freie Stunden dazu anwende, um einen Abriß meines Lebenslaufes, wobei mir mein Sohn Otto die Feder leiht, zu Papier zu bringen.



Jahre der Kindheit.










[3] Schubert hat in seinem Leben den Eindruck geschildert, den ihm der Anblick der Gegend Thüringens, in der ich geboren wurde, bei dem Besuch meines väterlichen Hauses gemacht hat. Es ist ein Thal, das sich der güldenen Aue anschließt und häufig zu ihr gerechnet wird,[3]  zwischen dem Kyffhäuser und dem Orlas, auf den beiden längeren Seiten von waldbedeckten Anhöhen umgeben, von der Unstrut durchströmt, die sich – denn einst war wohl alles mit Wasser bedeckt – am Fuße des Orlas einen Ausgang gebrochen hat. Seit langen Jahrhunderten aber ist es mit menschlichen Ansiedelungen bedeckt. Die historische Erinnerung reicht – denn das alte thüringische Königreich ist so gut wie vergessen – in die glänzendsten Zeiten der deutschen Geschichte unter dem sächsischen Hause zurück. Einige populäre Erinnerungen, die sich an die Ortsnamen knüpfen, halten Heinrich I. im Gedächtniß. Da ist vor allem das Kloster Memleben, Schöpfung und Sterbestätte der Kaiser, an jenem Durchbruch der Unstrut; die alte Burg Wendelstein, Kloster Roßleben, Kloster Donndorf und die kleine Stadt Wiehe, welche in der Urkunde des 11. Jahrhunderts als eine kaiserliche Veste bezeichnet wird. Hier in Wiehe, in einem von den Vorfahren ererbten Hause, wurde ich am 21. December 1795 geboren. Der Vater gehörte einer Familie an, die wir doch nur bis in die Hälfte des 17. Jahrhunderts genau verfolgen können. Die Vorfahren, die uns bekannt sind, waren alle Geistliche, meist in der Grafschaft Mansfeld.
Unser Stammvater war Israel Ranke, Pfarrer in Bornstedt, einem ansehnlichen Dorf unfern Eisleben, das von Bauern und Bergleuten bewohnt wird, nahe den Ruinen einer Burg der alten Grafen von Mansfeld, von der ein stattlicher Thurm erhalten ist. Israel Ranke hatte einen Bruder mit Namen Andreas1, welcher Pfarrer im Städtchen Hettstedt war, wo man in der Kirche ein Bild von ihm gefunden hat. Andreas war ein Gelehrter, der auf der Universität Leipzig einige Dissertationen verfaßt hat, die etwas Scholastisches in sich tragen, aber in die Fragen jener Zeit eingreifen. Eine Reliquie von ihm ist eine sehr ausgearbeitete Predigt, gehalten nach einem Brandunglück, von dem die kleine Stadt heimgesucht worden war. Sie ist mit einigen historischen Erläuterungen versehen, die ihr in den Augen der Einwohner noch immer einen gewissen Werth geben; sie hat einige Züge, die von Geist zeugen. Auch von Israel sind einige schriftliche Denkmale übrig, die aber nicht gedruckt worden sind. Er lebte ganz seiner Pfarre, welche er von 1671–1694 verwaltete. Das Kirchenbuch zeigt seine Züge in einer festen Handschrift. In seine[4]  Zeit fiel eine pestartige Krankheit, so daß er in die Lage kam, eine große Menge Todesfälle in dem Buche aufzuzeichnen; doch wurde das Pfarrhaus davon wie gar nicht berührt. Er hatte eine zahlreiche Familie, wie denn ein Denkmal in der Kirche einem seiner Kinder gewidmet ist, welches ihm starb. Den Stamm setzte sein Sohn Israel Ranke fort, der in dem benachbarten Wolferode das Pfarramt bekleidet hat. Von ihm ist ein Gebet übrig, worin er Gott um Segen für sein Wirken auch in den freien Künsten bittet, damit er den Menschen könne Nutzen schaffen; Worte von Einfachheit und Tiefe, wie sie nicht besser gedacht werden können.
Dessen Sohn war ein Johann Heinrich Israel Ranke, geboren 1719. Er war erst 6 Jahr alt, als sein Vater starb, der kaum so viel hinterließ, daß seine Wittwe leben konnte. Der Knabe wuchs in dem Hause des benachbarten Geistlichen, Decan in Dederstedt, auf, bis er in die Jahre kam, wo ein Lebensberuf ergriffen werden mußte. Da es an allem Vermögen fehlte, so gerieth man auf den Gedanken, den anschlägigen Knaben ein Handwerk lernen zu lassen. Es giebt dort in der Gegend manche Handwerker, welche sich bis nahe zur Kunst erheben; auch damals mag es solche gegeben haben. Der junge Ranke aber wollte nichts davon hören; er wollte werden, was sein Vater und sein Großvater gewesen waren, nämlich Geistlicher. Er entschloß sich kurz und gut, nach Halle zu wandern, um dort Aufnahme in die lateinische Schule des Waisenhauses nachzusuchen. Wir finden seinen Namen in dem Register der Schule 1733. Er wußte es zu erreichen, daß er in Halle und Leipzig studieren konnte, und gelangte zuletzt in die Pfarre des kleinen Dorfes Ritteburg, wo die Unstrut unmittelbar an dem Garten vorüberfließt. Dort hat er mehr als ein Menschenalter gepredigt. Er verheirathete sich mit einem Fräulein Eberhardi in Hechendorf, von welcher das kleine Besitzthum der Familie an uns übergegangen ist. Auch er selbst wußte sehr gut Haus zu halten und hatte einige Capitalien erübrigt. Vielen Kummer machte es ihm, daß er seine Pfarre als Emeritus verlassen mußte. Er that das nur, indem er sein Studierzimmer als sein Eigenthum reservirte. Er ist 1799 in Wiehe gestorben, wohin er sich, den Achtzigen nahe, zu seinem Sohne begeben hatte. Er war ein gelehrter Mann und hatte eine Menge Bücher hinterlassen, fast ausschließlich theologischen Inhalts, die mehr noch der ersten als der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angehörten. Sie lagen auf unserem Boden zusammengehäuft; Classiker fanden sich beinahe keine darunter. Er scheint der orthodoxen Schule von Halle angehört zu haben. Der merkwürdigste Ueberrest[5]  von ihm war eine hebräische Bibel und ein Exemplar der Septuaginta mit dem neuen Testament; sie waren mit einer lateinischen Interlinearversion versehen, die der Großvater mit kleiner, aber sehr leserlicher und sauberer Handschrift zwischen die Zeilen geschrieben hatte.

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Mein Vater, Gottlob Israel Ranke, war, nicht ganz zur Zufriedenheit des Großvaters, auf der Universität Leipzig von der theologischen zur juridischen Facultät übergegangen, hatte in einigen kleinen Stellen am Harz gestanden und sich dann als praktischer Jurist in Wiehe niedergelassen, wo ihm von seiner frühverstorbenen Mutter ein Haus und ein kleines Landgut zufiel. Seine Thätigkeit war zwischen Bewirthschaftung dieses Besitzes und juristischen Geschäften getheilt. Er machte keinen Anspruch auf Gelehrsamkeit, war schlicht und einfach in seinen Sitten, von unerschütterlicher gläubiger Religiosität, wie er es denn zuweilen bereute, nicht auch Pfarrer geworden zu sein; dabei jedoch ein Mann, der in seiner Bildung der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angehörte, der Aufklärung nicht abhold. Auch uns wies er gern über die Schranken der Schule hinaus auf das Leben an; er forderte uns auf, fremde Sprachen zu lernen, auch die neueren, von denen jedoch ihm selbst keine Kunde beiwohnte. Er ließ die alten Stämme in dem Berge, der unser bestes Erbtheil war, ausroden und nutzbare Obstbäume an ihre Stelle setzen. Den Garten, den er erwarb, der aber mehr aus ein paar Teichen bestand, ließ er wirklich zu einem Garten umschaffen, die Untiefen verschütten und Bäume pflanzen, die er dann mit eigener Hand pfropfte. Seine vornehmste, unermüdliche Sorgfalt aber war der Familie gewidmet, die ihm allmählich aus einer gesegneten Ehe erwuchs.
Seine Frau, meine Mutter, Tochter des Rittergutsbesitzers Lehmike in Weidenthal bei Querfurt, war ihm in erster voller Jugendblüthe zugeführt worden. Sie bildeten ein unschuldiges, in allen körperlichen und geistigen Beziehungen gesundes Menschenpaar. Die Mutter war sinnvoll, geistig angeregt, nicht ohne einen gewissen poetischen Anflug, der dem Vater fremd war, jedoch minder glaubensfest als dieser, sehr gutherzig und überaus fleißig, unermüdlich thätig für die wachsende Familie. Die Besorgung der Küche, die Beköstigung der Tagelöhner, namentlich im Sommer, lag ihr ob. Später ging sie wenig aus. In ihren früheren Jahren hat sie wohl selbst ihren kleinen Erstgeborenen getragen, wenn sie mit dem Vater oder einer Freundin nach dem Berge spazieren ging; so im Frühjahr 1796, das, wie sie erzählte, besonders schön war. Noch lebte der Großvater im Haus, dessen letzte Jahre sie durch Fürsorge und jugendlich schöne Erscheinung erheiterte. Er[6]  war der Meinung, daß Gott sie eigentlich für ihn ausgesucht und ihm zugeschickt habe, mehr noch als für den Sohn. Er war mein Taufpathe; und es ist fast meine erste dunkle Erinnerung, wie er einst, aus seinem Bette aufstehend, mir an dem nahen Tisch ein kleines Geschenk reichte. Er hat mir seinen Segen gegeben.
Von eigenthümlicher Merkwürdigkeit war der Zustand der kleinen kursächsischen Stadt, der wir angehörten. Sie war der Accise wegen vollkommen mit drei Thoren geschlossen, sehr klein, auch auf eine kleine Flur beschränkt. Bei weitem der größte Theil der Flur gehörte den beiden Rittergütern Ober- und Unterhaus an, welche die Freiherren v. Werthern besaßen, eine in diesen Gegenden seit dem 15. Jahrhundert angesessene alte Familie, die damals einige gelehrte Mitglieder zählte. Der Oberhofrichter Friedemann v. Werthern besaß eine große Bibliothek und ist zuweilen von den Professoren von Jena besucht worden. Er hat bei seinem Tode einige gute Stiftungen gemacht. Ich besinne mich noch auf das Geläute der Glocken bei seinem Tode und den Einzug seines Nachfolgers, des Domherrn v. Werthern, der ebenfalls als ein ausgezeichneter Mann betrachtet wurde und als sächsischer Minister in Dresden gestorben ist. Seine Mutter, seine Schwester und sein jüngerer Bruder, der aber nichts als ein bloßer Landjunker wurde, lebten im Schloß. Wir hatten wenig Verbindung mit ihnen, ausgenommen, daß die jungen Damen bisweilen die Mutter besuchten. Doch sind wir wohl auch zuweilen die alte Wendeltreppe hinaufgestiegen, um die verwittwete gnädige Frau – denn das war ihr Titel – zu begrüßen. Sie genoß die allgemeine Verehrung und machte den Eindruck einer würdigen und vornehmen, dabei jedoch anspruchslosen Persönlichkeit. Das Schloß hatte seine besondere Jurisdiction, deren Verwaltung ein Amtsschösser führte, welcher jedoch ein geschulter Jurist sein mußte.
Die Stadt bildete, hiervon abgesondert, ihr eigenes Gemeinwesen. Den Kern derselben bildeten einige alte Familien, die von den Rathmannen, welche aus früheren Zeiten erwähnt werden, stammen mochten. Damals trieben sie hauptsächlich Ackerbau, den sie mit kleinem bürgerlichen Gewerbe verbanden. Sie hießen Bremer, Köhler u.s.w. und schieden sich nach der Lage ihrer Häuser; so gab es »Köhler hinter dem Rathhause«, »Köhler in der Straße«, diese uns gegenüber. Sie hatten beide kleine Kramläden; der erste besuchte die Leipziger Messe, natürlich zu Fuß, und holte seinen Bedarf von daher. Besonders machten mir die ältesten Mitglieder dieser Familie vielen Eindruck; namentlich war da der alte Vater »Bremer an der Kirche«, welcher den Ruf[7]  hatte, in sonst unheilbaren Krankheiten helfen zu können. Mir hat man versichert, daß er mich selber durch eine Art Besprechung einst vom Tode gerettet habe. Die Frau Köhler, von der ich häufig ein Loth Kaffee herüberholte, soll eine besondere Zuneigung zu mir gehabt haben. Einst fand man mich in ihren Armen beinahe erdrückt und riß das schreiende Kind mit Mühe von ihr los. Sie war bereits halb wahnsinnig und hat sich die Nacht darauf die Kehle abgeschnitten. Manches Dunkle und Geheimnißvolle hatten überhaupt diese alten Familien; in ihnen lebte neben jenen Erinnerungen an das sächsische Kaiserhaus auch das Andenken der Grafen von Rabenswald, einer Burg, von der sich mitten im Holz auf dem Berge noch Ruinen finden. Da sollte die alte Gräfin umgehen, den Kopf unter dem Arme, einen Schlüsselbund an der Seite; denn sie sei sehr haushälterisch gewesen. Auf diesem dunklen Hintergrund erhob sich jedoch ein sehr heiteres Leben und Treiben in der kleinen Stadt. Ein eigenthümliches Gepräge giebt ihr ein munterer Bach, der mitten hindurchläuft, dann, aus dem Schloßteich verstärkt, Mühlen treibt und durch das Rieth nach der Unstrut rinnt. Um den Bach bei seinen Uebergängen sammelten sich an Sommermonaten die Menschen; das Vieh, das eine jede Haushaltung hielt, wurde hereingetrieben, die Pferde, die vom Acker kamen, in die Schwemme am Teich geritten. Es gab vier Jahrmärkte – denn das Städtchen bildete zugleich einen Mittelpunkt für die umliegende Landschaft – wo sich fremde Handelsleute und zugleich die Bauern von den Dörfern her einfanden, die Familien aus der Nachbarschaft ihren Besuch machten, um die nöthigen Bedürfnisse für die nächste Zeit einzukaufen. Dem Vater waren sie wegen der Ausgaben, die sie veranlaßten, nicht sehr angenehm; desto mehr den Kindern, die etwas Neues sahen und einen Festtag hatten.


Zu der Bürgerschaft gehörten der Oberpfarrer, der Diaconus, der Rector der Schule, der Cantor. Es waren die drei ersten nicht ganz unbedeutende Männer. Der Oberpfarrer Schneider war der Vater des namhaften Philologen Carl Ernst Christoph Schneider, welcher, damals ein junger Mann, sich auf den Schulen hervorthat und, etwa zwölf Jahr älter als ich, mir zum Muster vorgestellt wurde. Von den jüngeren Söhnen desselben, die jedoch nicht so solid waren, hat einer, Wilhelm Schneider, ein Mensch von großem angeborenen Talent, später viel mit mir verkehrt. Es war viel Leben in dem Haus, mehr noch als bei uns. Der Vater Schneider war ein aufgeklärter Prediger jener Zeit, ohne jedoch im mindesten vom Dogma abzuweichen. Großen Einfluß aber auf die Gemeinde oder ihre einzelnen Mitglieder hatte[8]  er nicht. Als Diaconus hatten wir lange Zeit den jungen Rosenmüller aus einer bekannten Gelehrtenfamilie aus Leipzig, der auch selbst literarische Velleitäten hegte, die er aber nicht zur Ausführung brachte. Er hielt die Beziehungen zu Leipzig aufrecht, die überhaupt die vornehmsten aus der Ferne waren; ein Mann von einer gewissen Feinheit im Umgang, den wir viel sahen. Eine andere Classe bildeten die Juristen, alles herangezogene Fremde. Sie verwalteten die Patrimonialgerichte in der Nachbarschaft – wie mein Vater Gehofen und Nausitz, später Schönewerda verwaltete – oder widmeten sich auch der Advocatur. Der Advocat schlechthin so genannt hieß Ockart, wahrscheinlich der beste Kopf in der Stadt, ich will nicht sagen, ob in der Theorie, aber in der Praxis; streng und abstoßend, den Kindern flößte er eher eine gewisse Furcht ein, und wacker durch und durch. Das Gericht in der Stadt wurde von dem Stadtschreiber, einem kleinen verwachsenen Mann, der überdies immer an der Brust litt, verwaltet. Er war der allgemeine Hausfreund, ein guter Rathgeber, gewiegter Jurist. Noch mehrere Andere kamen hinzu, die dann mit dem Amtsschösser einen kleinen Kreis von Gelehrten bildeten; sie hatten alle studiert und erzählten gern von ihren Erlebnissen auf den Universitäten. Nicht immer zwischen den Männern, aber zwischen den Frauen war ein vertrauliches Verhältniß, das sich dann weiter auf die Häuser der Aerzte erstreckte, von denen einer ein Eingeborener war und zugleich die Apotheke des Ortes besaß. Er hatte sein Doctordiplom in voller Pracht unter dem kleinen Spiegel der Wohnstube aufgehängt; es war von der Universität Erfurt. Für einen besonderen Arzt galt er nicht. Man hat mir erzählt, daß er mir in einer meiner Krankheiten – denn ich war schwächlich von Natur – eine Arzenei gegeben hat, die immer schlechter wirkte, bis endlich der Vater in der Meinung, ich müsse ja doch sterben, mir die Qual ersparte, sie mir einzugeben. Hierauf sei ich besser geworden; der gute Mann aber habe bei seinem nächsten Besuche den Schrank vertraulich geöffnet und wahrgenommen, daß seine Medicin unberührt geblieben sei; er habe sich hierauf in heftiger Entrüstung entfernt. Es gab auch noch einen zweiten Arzt im Orte, der höher geschätzt wurde und in seine Stelle eintrat. So hatten wir denn in dem kleinen Städtchen die drei Facultäten mehr oder minder gut vertreten; immer ein Gewinn für die Einwohner, die sonst ganz in ihrem Ackerbau aufgegangen wären und auf diese Weise mit den allgemeinen Ideen und Interessen in Verbindung gehalten wurden.
Was nun aber das meiste Leben in den Ort brachte, das war[9]  das Militär. Es waren ein paar Schwadronen Husaren in Wiehe eingelagert unter einem Oberstlieutenant, vor dessen Thüren oben am Bach, nicht weit von der Oberpfarre, drei Trompeter alle Abend bliesen. Mehrere Offiziere, von denen einer eben in unserem Hause Wohnung nahm, Wachtmeister und Corporale waren uns allen namentlich bekannt. Die Husaren sahen wir mit Vergnügen durch die Straßen sprengen; ihre Uebungen, die Pferde, die sie ritten, ihre Anstelligkeit und Vorzüge bildeten den Gegenstand des Tagesgesprächs. Die Officiere hielten sich am meisten zum Schloß, doch lebten sie auch viel mit den Honoratioren der Stadt, die denn eine Classe für sich bildeten, zusammen. Ihre Verdienste oder auch der Mangel derselben, ihre Unregelmäßigkeiten, wie wenn sie Abends in bürgerlicher Kleidung ohne Urlaub wegritten, um etwa einem Ball in der Nachbarschaft beizuwohnen, die Vermuthungen über ihre Tapferkeit oder Feigheit, zu denen sie Anlaß gaben, der größere oder geringere Aufwand, den sie machten, die Aufschneidereien der jüngeren in den Gesellschaften, ihre Streitigkeiten unter einander: alles das gab Leben und beschäftigte die Menschen. Eigentlich nahe kam uns jedoch in unserer Familie keiner, einen ausgenommen, und das war ein Bürgerlicher: mit dem machte der Vater Freundschaft. Vor den übrigen zog er den Hut tief, tief ab; sonst vermied er ihren Umgang. Die vornehmste Figur unter allen war Thielmann, der später so namhaft geworden ist; damals das Ideal eines militärischen Mannes, von Energie und Willenskraft; er machte sich gewaltig geltend. Später hat in unserem Hause der ältere Sohn Schiller's gewohnt; doch war es lange, nachdem ich es verlassen hatte. Aus der früheren Zeit erinnere ich mich nur, daß einer der Officiere – ich denke, es war ein Planitz – mir das Bild Schiller's, das er unter seinem Spiegel hatte, zeigte, mit der Bemerkung, daß dieser treffliche Mann vor kurzem gestorben sei; es muß im Jahre 1805 gewesen sein. Die Gedichte Schiller's aber kannten wir nicht etwa, sie sind erst durch den Sohn importirt worden.

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Ueberhaupt beschränkten sich die literarischen Beschäftigungen für die Aelteren auf einige juridische Handbücher, zuweilen auch ein geographisches, wie mir denn Engelhardt's sächsische Geographie als ein neues Buch erinnerlich ist, für die Jüngeren auf Bibel, Gesangbuch und einige Schulbücher, z.B. Gedike's Lateinisches Lesebuch. Denn bei dem Rector lernten wir Lateinisch, wenn wir wollten. Der Mann hieß Seyffert. Ich werde ihn nie vergessen. Er hatte eine volle Classe von wilden Buben zu regieren, was denn nicht gut ohne den Stock abging. Doch hielt er sie so in Zucht, daß ich ihn noch in[10]  späten Jahren von denen, welche er damals hart behandelte, höchlichst habe rühmen hören. Wir saßen auf dem Chor der Kirche nach den Classen auf den beiden Seiten langhin vor ihm; er hatte seinen Sitz vor dem Chor, wo er uns alle übersah. Er sah es gerne, wenn man etwas nicht verstand und ihn dann noch während des Gesanges danach fragte; wie ich ihn denn einmal wegen des Wortes Polizei, das in irgend einem Liede vorkommt und mir ganz neu war, behelligt habe. Dann erschien er Montag Morgens in der Classe; seine reinen, glänzend gewichsten Stiefel machten unter der schmutzigen Brut einen gewissen Eindruck, sie gehörten dazu. Mit großer Inbrunst erhob er seine Stimme zum Gebet. Er war durch und durch gläubig; zuweilen ließ er sogar hindurchblicken, daß er mit einer oder der anderen Auffassung des Herrn Oberpfarrers nicht übereinstimmte, und tadelte mich, daß ich bei dem Examen den Einwendungen, die er gegen mein Aufsagen vorbrachte, zu geschwind nachgegeben hätte. Die Kinder der Honoratioren nahm er an seinen Tisch in der Schule, was nicht immer von Vortheil war, denn er schonte sie nicht im mindesten. Die Uebrigen nannte er »Du«, die hübscheren Kinder hatten den Vorzug von ihm mit »Er« angeredet zu werden; allein das hinderte nicht, auch denen bei Gelegenheit einen tüchtigen Stoß zu geben, wenngleich er sie mit Schlägen verschonte. Er besuchte uns Abends häufig und versäumte nicht, wenn er Etwas, was ihm mißfiel, bemerkt hatte, was im Hause durchging, uns dies nachträglich vorzuhalten. Ich bin viel mit ihm spazieren gegangen. An den abschüssigen Stellen warnte er mich wohl, obgleich zu spät, mit strengem »Er!« Man konnte ihn nicht eigentlich lieben, man hatte mehr Furcht vor ihm; aber diese war mit Ehrfurcht gemischt, und wenn er auch bisweilen das Ehrgefühl verletzte, so versöhnte er doch wieder, und man blieb ihm anhänglich. Was er etwa versäumte, das holte des Abends der Vater nach, der einst bei dem seinen die Elemente des Lateins auf das gründlichste gelernt hatte, so daß er sie noch vollkommen besaß. Namentlich im Winter gab er uns am Abend einigen Unterricht, und wir mußten ihm unsere Bücher vorweisen. Bei mir war nicht viel Zwang nöthig. Ich that eher zu viel, als zu wenig. Ich zog mich nicht von den Spielen zurück, war gern in Garten und Feld, erkletterte so gut wie ein anderer die Bäume, um Kirschen und Pflaumen zu pflücken, war aber doch gern allein. In der Gasse neben dem Haus lagen Bauhölzer; auf denen bin ich oft stundenlang auf- und abgegangen. Alles das, was ich gelesen hatte, arbeitete dann in meinem[11]  Gehirn. Ich brütete über Gott und Welt. Geschrieben wurde nichts, kein Mensch fragte mich, was ich dachte; ich selbst vergaß es wieder.
So war die erste Epoche meines Lebens vor Ausbruch des Krieges von 1806. Die Officiere, die wir beherbergt, die stracken Husaren, deren Reiten wir sonst bewundert, sammelten sich zu ihren Standarten und Fahnen. Ein preußisches Regiment zu Pferd zog vor der Stadt vorüber; Alles strömte hinaus, um es zu sehen. Bald darauf aber hörten wir den Donner der Kanonen von der Auerstädter Schlacht. Wir Knaben liefen auf den Berg und machten Gruben in den Boden, um desto besser zu hören. Gleich darauf berührte der Rückzug auch unser Städtchen. Ich sehe sie noch vor mir, die lange Reihe von Wagen, die zum Hofe gehören mochten, wie sie in unserer Straße hielten. Einige Truppen folgten; der Vater, der bei der Einquartierungsliste übergangen war, holte selbst eine Anzahl Gemeiner heran, die sich um den runden Tisch der Stube setzten, wo ihnen die Mutter ein Abendessen bereiten ließ. Kaum waren sie weg, so erschienen französische Chasseurs, Versprengte, welche Brandschatzung forderten. Der Einzige Mann im Ort, welcher ein wenig Französisch wußte, der Schwiegersohn des Oberpfarrers, der eine Leihbibliothek eingerichtet hatte, begab sich zu ihnen hinaus. Man beschwerte sich hernach, daß er sich zu mehr verstanden habe, als nöthig gewesen wäre. Dann erschienen die stattlichen Männer in fremdartiger Tracht, die der Jugend gewaltig imponirten. Der gute Rector mußte anfangen, aus seinem Dolmetscher Französisch zu lehren, das er selbst nicht verstand.



Aufenthalt auf zwei Klosterschulen.










[12] Bei der Reformation der Kirche im 16. Jahrhundert ist ein großer Theil der in dem Thal befindlichen Klostergüter in Privatbesitz übergegangen, andere sind zur Errichtung und Erhaltung von Erziehungsinstituten verwendet worden. Viele Grundstücke, auch die vornehmsten von denen, die wir selbst besaßen, zinsten nach Pforte, wohin freilich ein weiter Weg über den Orlas hinüber führte, und von dem wir bloß durch Hörensagen wußten. Alle Tage dagegen sahen wir Roßleben jenseit des Riethes über der Unstrut vor uns liegen. Es war vor kurzem vollkommen umgebaut worden und nahm sich aus, wie ein schönes Schloß. Da hat uns zuweilen der Weg nach Querfurt vorbeigeführt, wenn wir das großelterliche Gut besuchten. Jenseits dem Holz waren wir dann immer ausgestiegen, um den Weg zu Fuß zu machen; der Vater liebte, das Thal auch von dieser Seite zu betrachten.[12]  Bekanntschaft hatten wir in Roßleben nicht; der Vater schien es nicht zu lieben. Sein Augenmerk war für seine Kinder nach Pforte gerichtet, weil er in seiner Jugend mit manchem Zögling dieses Klosters Bekanntschaft gemacht hatte, der in den alten Sprachen eine vollkommene Festigkeit besaß. Diesen größeren Klosterschulen zur Seite gab es aber noch eine dritte in unmittelbarster Nähe, eine Stunde Weges von Wiehe, die für jüngere Knaben zur Vorbereitung für die beiden anderen bestimmt war: Kloster Donndorf, unmittelbar am Gehölze auf einer Höhe, welche das ganze Thal überschaut. Dahin gingen zunächst unsere Wünsche. Doch hatte es bei den nicht immer ganz guten Beziehungen zwischen den Honoratioren der Stadt und dem Schloß, von welchem die Besetzung der Freistellen abhing, einige Schwierigkeit, eine solche zu erlangen, wie doch der Vater wünschte. Ich erfuhr zufällig selbst dort am Bach von einer durch den Abgang eines Bürgersohnes entstandenen Vacanz, und dem Vater gelang es, indem er die Gelegenheit unmittelbar ergriff, die Stelle für mich zu erhalten. Kurz darauf – es war im Frühjahr 1807 – wanderten wir denn, Vater und Sohn, während die kleinen Habseligkeiten des Knaben auf einem anderen Wege herbeigeführt wurden, über das grünende Feld dem Kloster zu. Wir traten ein durch die alte kleine Pforte, durch die einst die Nonnen – denn es war ein Frauenkloster gewesen – nach dem Brunnen tief unten im Thale geschritten waren, und fanden daselbst freundliche Aufnahme. Der Rector prüfte mich ein wenig; ich war sehr empört, als er mir bei der Gelegenheit einiges Zuckerwerk präsentirte; wohl nur nach alter Sitte, denn sonst war das seine Art gar nicht. Nach bestandenem Examen lief ich unter die Schüler, die auf dem Schulplatz Ball schlugen. Hier verließ mich der Vater nach ein paar Stunden Aufenthalt. Ich bin dann nie wieder außer den Ferienzeiten in das väterliche Haus zurückgekommen, das ich jedoch dort mit scharfen, jungen Augen von einem Schulfenster unterscheiden konnte.
Wir waren etwa unser dreißig Schüler von 11–14 Jahren, in zwei Classen vertheilt, von denen der Rector die obere, der Collaborator die andere unterrichtete. Wir wohnten in größeren oder kleineren, immer geräumigen Zellen; ich bekam meinen Platz in der größten und entferntesten von allen, unmittelbar am Schulgarten. Wie hörten sich die Gewitter droben so prächtig an; nie war ich noch so aufmerksam darauf gewesen; wir zählten die Secunden zwischen Blitz und Donner. Die Schule hatte ihren Reiz darin, daß sie zugleich Landaufenthalt war. Der Rector, des Namens Krafft, mochte vierundvierzig Jahre[13]  zählen. Uns erschien er schon sehr alt und zwar um so mehr, da er mit der Hand zitterte, wenn er ein Buch oder Papier darin hielt. Er gehörte der rationalistischen, jedoch praktisch-gläubigen Richtung der Kirche an; denn er war Theolog, war aber ganz geeignet für seinen Platz: wohlwollend, aber doch noch mehr streng, keineswegs sehr eingenommen für die jungen Edelleute, welche man ihm schickte; er wies sie immer sehr ernst in ihre Schranken; überhaupt war er für persönliche Gunst unzugänglich. Aber sein Ernst erlaubte ihm doch, uns zuweilen in schönen Tagen in seiner Gartenlaube die lateinischen Exercitien zu corrigiren. Da in dem Kloster nur alle vierzehn Tage gepredigt wurde, so hielt er einen Sonntag um den andern die Gottesverehrung selbst. Im Sommer versammelte er uns unter ein paar großen Rußbäumen im Garten; ich denke, es waren Salzmann'sche Predigten, die er dann vorlas. Sie machten auf uns einen viel tieferen Eindruck, als wenn dann am anderen Sonntag der Pfarrer aus Dorf Donndorf heraufkam und seine Predigt mit donnernder Stimme abhielt. Wir saßen dann hinter der Kanzel, die Emporkirche erzitterte unaufhörlich. Ein noch eindringenderes Gepräge aber trugen die abendlichen Gebete, welche der Rector an den Sommerabenden, wenn wir vom Spaziergang nach Haus kamen, im Holz auf einem dazu eingerichteten Platz oder auch einem anderen, der sich gerade darbot, mit uns hielt. Wir stellten uns dann um ihn her; er sprach ein Abendlied versweise und intonirte den Gesang desselben, dem wir dann mit hellen Stimmen folgten. In dem Waldesdunkel unter den glänzenden Sternen, nach ihnen emporschauend, werden wir gehört worden sein, oder wenn nicht, so gingen wir doch mit erhobenem Gefühl von dannen.
Der Collaborator war noch ein junger Mann, der sich zu seinem theologischen Examen präparirte und zu diesem Zwecke zuweilen auch mit einigen Schülern die Evangelien in der Ursprache las; denn hier hatten wir Griechisch angefangen. Er führte uns weite, weite Spaziergänge. Wir besuchten einmal die Sachsenburg an der Unstrut, wo wir dann die Nacht bei einem unserer Verwandten in Gorsleben zubrachten, die ganze Jugend auf der Streu. Den anderen Morgen wurden die Berge erstiegen und die Ueberreste der Burg gründlich besichtigt. Ein andermal besuchten wir im Dickicht des Waldes die freilich nur unbedeutenden Reste von Rabenswald, oder einen und den anderen Schwedenhügel. Noch habe ich das Gefühl von den sonnigen zugleich und schattigen Sommertagen, bei den Teichen von Kleinrode, wohin unsere Spaziergänge meistentheils führten, von alle dem[14]  Leben in Luft und Wasser, das sich da regte. Wir genossen die Natur, aber wir studierten sie nicht. Der Rector besaß einige Kunde, war aber nicht mittheilsam; der Collaborator war ein Candidat, der davon wenig wußte. Dagegen war ihm eine schöne Gabe der Erzählung eigen; er hatte historischen Sinn und es war ein Fest für uns, wenn nach den schwereren Lehrstunden an den beiden großen Tafeln die Bänke auseinandergerückt wurden und der junge Lehrer zu erzählen oder auch vorzulesen anfing, was in alten Zeiten geschehen war. Besonders war es sächsische und thüringische Geschichte, die dann durch die nahen historischen Plätze einen besonderen Reiz für die Jugend bekam.
Das Alterthum wurde uns nur etwa durch Becker's Erzählungen aus der alten Welt bekannt. Da bekamen wir zuerst einen Vorgeschmack der Homerischen Gedichte. Wir scharten uns dann sehr bald in Trojaner und Griechen und theilten die Rollen der Helden unter uns aus. Unser Achill war der Sohn des Rectors von Roßleben, Wilhelm, der etwas älter als die meisten anderen war, derselbe, der sich später durch geographische Studien über das alte Germanien, namentlich auch über unsere Gegenden, einen Namen gemacht hat; leider ist er sehr früh, gestorben. Nicht wenig Eindruck machten auf uns die Rittergeschichten, die wir zu lesen bekamen, namentlich wenn sie in die thüringische Geschichte einschlugen, so daß sie die Burgen, die wir besuchten, und die umliegenden Gegenden belebten. Zum erstenmal bekamen wir auch ein Schiller'sches Werk zu hören, und zwar das Lager. Die Exemplare waren bei der Beschränktheit der Mittel nicht eben häufig; unser Wilhelm hatte aus Roßleben eins mitgebracht und las einmal daraus vor. Ich selbst konnte es nicht in die Hände bekommen, doch blieb mir der Eindruck der Darstellung des unmittelbaren Lebens in der Poesie immer gegenwärtig. Dazwischen lasen auch wir die Napoleonischen Bulletins in der Leipziger Zeitung, welche gehalten wurde. Sie erfüllten zugleich die Phantasie und führten in die Tagesgeschichte, welche nie großartiger war, uns aber in unserem sächsischen Kloster doch nur eben als Weltbegebenheit berührte. Aus den verschiedensten Zeiten drangen so lebendige Momente in das jung Gemüth, das Vornehmste blieben aber immer die Erinnerungen aus der alten Welt. Zuweilen besuchte mich mein einige Jahre jüngerer Bruder Heinrich, einer der lieblichsten Knaben, welche man sehen konnte, schön und verschämt. Wir gingen dann wohl mit einander nach Wiehe, und auf den Stegen durch das Korn schreitend, dessen Aehren uns Beide überragten, erzählte ich ihm[15]  von den Heroen der Vorzeit; er lauschte mir mit größtem Interesse und Vergnügen. Die eigentlichen Studien hielten sich innerhalb der Elemente des Wissens, doch fingen sie schon an, einiges Vergnügen zu gewähren, namentlich poetische Stellen, die dann und wann einmal vorkamen. Doch erschien Theologie noch immer als die größte aller Wissenschaften, wie denn bei unseren Lehrern der Oberhofprediger Reinhard in Dresden als der größte Mann in der gelehrten Welt und als ein höchst nachahmenswerthes Muster glücklichen Emporstrebens betrachtet wurde.

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Mein Aufenthalt auf der Schule war durch mannigfaltige Krankheiten, namentlich ein lang anhaltendes kaltes Fieber, welches in der Gegend und in der Schule grassirte, ungedeihlich geworden; ich sah erbärmlich aus. Oft hat mein Vater, wenn ich ihm davon sprach, daß ich bald nach Pforte zu kommen gedenke, gemeint, er werde mich wohl dahinaus bringen, aber auf den Gottesacker, der am Wege lag, nicht weiter. – Gott fügte es aber anders; ich genas, und im Mai 1809, nachdem sich auch in Pforte unerwartet eine Stelle gefunden hatte, machten wir uns in der That dahin auf. Jetzt wurde der Orlas, der bisher den Gesichtskreis beschränkt hatte, wirklich überschritten, die tiefe Thalschlucht von Bibra hinunter zurückgelegt und die andere Höhe von uns zu Fuß neben dem Wagen erstiegen. Nach ein paar Stunden erreichten wir die Höhen über Kösen, nicht auf der Landstraße, sondern zur Linken derselben. Da that sich nun das Thal von Naumburg auf, dessen Dom wir noch eine Stunde weit hinter der Schule erblickten. Der Vater blieb bei dem Anblick stehen, um ihn zu genießen; ich ging voller Erwartungen der nächsten Zukunft hinter dem Wagen her, die Höhen abwärts voran.
Schulpforte ist die namhafteste von allen den Schulen, die in alten Klöstern errichtet worden sind. Es ist rings vollkommen von einer hohen Mauer umschlossen, abgesondert von allen anderen Ortschaften, eine kleine Welt, und zwar eine Schulwelt für sich. Wir hatten einen Freund an dem ersten Geistlichen John, der früher Diaconus in Wiehe gewesen und durch die Empfehlung Thielmann's befördert worden war. Ein kleiner, wohlhäbiger Mann, der ebenfalls der rationalistischen Richtung der Zeiten, in denen sie mit dem positiven Glauben noch nicht gebrochen hatte, angehörte; voll unendlichen Wohlwollens, nicht ohne Wissen, obwohl ohne eigentliche Wissenschaft. Er nahm uns auf das freundlichste auf. Den anderen Tag bestand ich das Receptionsexamen. Nach demselben bei Tisch bemerkte John als etwas Auffallendes, daß der kleine Bürgerliche den Vorzug vor einem[16]  großen Edelmannssohn davongetragen, der zugleich mitgeprüft worden war, aber sich sehr unwissend gezeigt hatte. Mir war es auffallend, daß man das bemerken konnte; denn es war ja nach meinen Begriffen von Donndorf her ganz in der Ordnung. Was sollte der Standesunterschied bei einer Prüfung?
Die ersten Zeiten in Pforte waren angenehm in Bezug auf die Knaben von gleichem Alter, die mir nahe standen und unter denen ich bald Freunde fand; sehr unangenehm in Bezug auf die älteren, welche einen Vorrang besaßen und sogar kleine Dienste forderten, die an den alten Pennalismus erinnerten. Erträglich wurde es bloß dadurch, daß ein Jeder nach einiger Zeit selbst in die mittleren und höheren Classen zu kommen hoffte. Es waren mehr als anderthalb Hundert junge Leute zusammen, ohne allen weiteren Unterschied, als den der Jahre und der Classen. Eine Anzahl gab es, welche bei den Lehrern als Kostgänger lebten; sie wurden aber schon als Fremdlinge betrachtet. Der Charakter eines Portensers bestand darin, Alumnus zu sein. Das Eigenthümliche war, daß dieser Cötus der Alumnen sich als eine Genossenschaft, als die eigentliche Corporation der Schule betrachtete, über welche die Lehrer die Aufsicht führten, ohne daß man gerade zu unbedingtem Gehorsam gegen sie verpflichtet sei. Die Lehrer bestanden aus zwei Classen, den ordentlichen, welche den Titel »Professoren« vor kurzem erhalten hatten, aber noch immer die alten Schultitel führten: Inspector, Conrector, Cantor u.s.w., und den Collaboratoren, welche auch, noch nicht lange Zeit in Wirksamkeit waren und die unmittelbare Aufsicht führten. Sie wohnten je einer zwischen zwei Stuben, in denen man arbeitete, um dies um so besser ausführen zu können. Natürlich waren sie verhaßt; man sah ihnen alle ihre kleinen Lächerlichkeiten ab; selbst eigentliche Achtung genossen sie nicht, wenn sie sich nicht ganz besonders gelehrt erwiesen. Die Schule war fortwährend im Zustand geheimer Rebellion gegen diese jungen Zuchtmeister, denn Anfänger waren sie alle. Die ordentlichen Lehrer standen einen Schritt entfernter. Sie waren Männer in Jahren, von ausgeprägter Individualität, in guten Umständen, mit Familie. Ihnen zu gehorchen war man nicht sehr geneigt, doch geschah es.
Als die Gelehrtesten galten der Rector und der Mathematicus Schmidt; der Letztere, ein Mann von kleinster Statur, der älteste von allen, durch eifrige Religiosität in dem alten Sinne etwa meines Großvaters, mannigfaltige Kenntnisse, auch der Natur, und eine gewisse Gabe der Poesie ausgezeichnet. Er hatte vor dem dreißigsten Jahre keine Stelle annehmen wollen, weil unser Herr und Heiland[17]  auch erst im dreißigsten Jahre zu lehren angefangen. Er fühlte einen frommen Abscheu gegen alle Einmischung heidnischen Wesens in die allgemeinen Anschauungen; er erklärte Jupiter für einen weiland König von Kreta. Man sagte ihm nach, er habe sich aus seinem Exemplar von Schiller's Gedichten den Bogen, auf welchem ›Die Götter Griechenlands‹ stehen, herausbinden lassen. Sein Dichter war Klopstock, dessen versteckte Heterodoxien er entweder nicht bemerkte, oder sich gefallen ließ. Er hatte von der Messiade ein kostbares Exemplar mit Kupferstichen, die er zuweilen, etwa nach Tisch, wenn man das Glück hatte, von ihm eingeladen zu werden, vorzeigte. Sein Hauswesen war auf das beste, sauberste, anständigste eingerichtet. Die Frau und die bereits ältere Tochter theilten seine Gesinnungen. Ein Sohn hatte schon die Stufe der Collaboratur überstanden und ein besseres Schulamt anderswo erhalten. Er zeigte sich, wenn er erschien, als das Abbild seines Vaters; es ist jener Schmidt, der viel über Missionen geschrieben hat, doch fehlte ihm der Genius des Alten. Von dem Mathematicus stammte das Berglied, das alle Jahr an dem Bergtage gesungen wurde, an welchem die Schüler in einer Art von Procession die waldumkleidete Anhöhe, an deren Fuße Pforte liegt, erstiegen. Es ist ganz eigens zu diesem Zweck angethan, voll von Würde und jugendlicher Freudigkeit. In früheren Jahren hatte er gar manche andere kleinere Gedichte, voll Geist und Anmuth, jedoch nur für die Alumnen und die Schule verfaßt. Denn in der Schule gingen alle seine Gedanken auf, so wie eigentlich auch die der übrigen Lehrer. Der Mathematicus war voll von heiligem Eifer gegen jede Uebertretung; er sagte wohl, wer sich einer solchen schuldig mache, stehe schon mit einem Fuß in der Hölle. Seine mathematischen Lehrstunden waren gründlich, ohne doch eigentlich recht anzuregen. Er gab zur Ergänzung auch noch Privatstunde, etwa für fünf Schüler, die sich dann um seinen runden, aus zwei Hälften zusammengesetzten Tisch versammelten, von dem er zu erzählen liebte, wer alles schon von namhaften Menschen daran gesessen habe. Es war ein enges Stübchen, ringsum mit Büchern bis hoch hinauf besetzt, die er dann, wenn von einem oder dem anderen die Rede war, die Leiter ersteigend herunterholte. Den Titel las er dann vom ersten Wort bis zum Verleger herunter wörtlich ab. Außer dieser hatte er sich noch eine freiwillige Lehrstunde, die er die moralische nannte, vorbehalten, mit der er die Woche zu eröffnen pflegte. Er kam in einer frischen Perücke, sein Bibelbuch vor sich hertragend, feierlichen Angesichts in das nahe Auditorium. Die Stunde war durch historische Beispiele, die er einflocht,[18]  der Jugend interessant. Das Eigenthümlichste mochte sein, daß er an den Feldzügen Napoleon's den größten Antheil nahm und ihn als einen Helden der Menschheit verehrte. Man sagte, er erwarte von ihm die Zurückführung der Israeliten in das gelobte Land. Bis zum Brand von Moskau war er immer sehr wohl unterrichtet, dann nicht mehr. Er hat später, als er in den Ruhestand trat, seine Wohnung über dem Kreuzgange verlassen und eine andere, noch engere bezogen. Aber er war sehr zufrieden damit, denn in der neuen könne er doch die Sonne aufgehen sehen; ein Anblick, dessen er bisher entbehrt habe, und den ihm Gott aus besonderer Gnade in seinem Alter alle Tage gewähre.


Der Rector der Schule, Carl David Ilgen, eine lange Gestalt von tiefem Ernst, genoß den Ruf tiefer Gelehrsamkeit in den alten Sprachen, namentlich in der hebräischen. Er war der Sohn eins thüringischen Landschulmeisters, der damals noch bei ihm wohnte, und hatte dann als Professor in Jena sich einen gewissen Namen in der Literatur über das Alte Testament gemacht. In der Schule gereichte es ihm zur Vermehrung seines Ansehens, daß er der Lehrer Gottfried Her mann's gewesen war, des Philologen, der hier als der vornehmste aller Gelehrten betrachtet wurde. Ilgen interpretirte den Horatius, ohne gerade sehr viel auf den Dichter selbst einzugehen. Er beschäftigte sich meistens mit den Alterthümern, die er ausführlich erläuterte, und brachte dann Emendationen an, die uns freilich nicht immer recht munden wollten: einmal brachte er usquequaque in eine Ode; aber er wußte immer die Aufmerksamkeit zu erhalten. Er führte alle Schwierigkeiten der Interpretation ausführlich auf und wußte sie dann so zu lösen, daß wir uns alle befriedigt fühlten. Wir müssen ihm noch alle danken, daß er uns mit Exercitien nicht viel plagte; aber er corrigirte sie gründlich und zeigte bei jedem Wort, daß er ein Kenner war. Seine vornehmste Aktion für die Schulübungen bestand in einem Dictat, das er bei dem Examen, welches zweimal des Jahres eine ganze Woche mit Arbeiten erfüllte, niederschreiben ließ, um es dann in lateinischen Versen zu bearbeiten. Dies war die Hauptaufgabe, die sich wohl noch an die Melanchthonischen Zeiten anschloß. So seltsam diese Art von Uebungen aussieht, ich möchte sie nicht verurtheilen. Der jugendliche Geist brauchte sich nicht zu quälen, um eigene Gedanken, die doch noch unreif sein mußten, in eine andere Form zu kleiden. Man hatte einen gegebenen Stoff, an welchem man nur eben seine Bekanntschaft mit der alten Sprache übte, und zwar in einer freieren Bewegung und mit kleinen Erhebungen über den Boden[19]  des Gegebenen, die der Bildungsstufe entsprachen. Das Metrum erschien als eine andere Art von Grammatik; man mußte sie beide beherrschen. Der Rector wußte Stoffe zu wählen, welche das Interesse fesselten, meistens aus der sächsisch-thüringischen Geschichte, wo wir denn lernten, daß das nahe Zscheiplitz von supplicium herkäme und seinen Ursprung an Ludwig den Springer anknüpfte. Wir erschraken einmal, als er unter der lautlosen Stille, mit welcher die Bezeichnung des Themas erwartet wurde, mit seiner donnerähnlichen Stimme aussprach: De lexicographis. Aber es war ihm vortrefflich gelungen; er flößte für die saure und schwere Arbeit der Lexikographen und ihre berühmten Namen lebhaftes Interesse ein. Alles geschah mit gebieterischer Würde. Ilgen war der König oder vielmehr – denn er bezog sich gern auf die Befehle seiner hohen Oberen, die er jedoch meist selbst hervorrief – der absolute Statthalter in diesem kleinen Reich. An Schwächen fehlte es weder bei ihm selbst, noch in seinem Hauswesen; das verschwand aber alles vor der unbedingten Autorität, die er genoß. Er erschien wie das objective Gesetz, seine Wissenschaft als die objective, zu lernende Wissenschaft. Er zog die jungen Leute nicht an sich heran; er fuhr auf und war schrecklich in seinem Ingrimm. Wenn ein Vergehen einer großen Anzahl vorgekommen war, rief er den Cötus zusammen, um seine Entrüstung kundzugeben. Dann brach sein Unwille los, man sah ihn schäumen vor Zorn; ohne Wirkung war das jedoch nicht trotz seiner Uebertreibungen, obwohl es nicht ganz die hatte, welche er erwartete.
Eine ganz andere Natur war der Tertius Lange, der später Ilgen's Nachfolger geworden ist. Dieser beschäftigte sich mit den Einzelnen; er sammelte sie in kleinen Kreisen um sich, ließ sie arbeiten und suchte einen Jeden seiner Natur gemäß zu fördern. Seine gewöhnlichen Lehrstunden waren weder sehr anziehend, noch sehr unterrichtend. Er lehrte Homerische Grammatik durch Tabellen. Sein lateinischer Ausdruck erschien dem Ilgen'schen nicht ebenbürtig. Aber er hatte eine Specialität, durch welche er die Aufmerksamkeit im höchsten Grade fesselte, das war die Archäologie; mit den Ueberresten der alten Kunst, den Ausgrabungen und den Sammlungen der Antiken war er gut bekannt. Er schilderte die alten Tempel, die Säulenordnungen und die plastischen Kunstwerke eingehend und anschaulich. Man hat ihm später diese Lektion als über die Schule hinausgehend gestrichen; sie war aber das Beste, was er seiner Individualität nach geben konnte und gab. Er hatte Sinn für das Schöne, wie in der Kunst so auch im Leben, und besaß eine sehr ausgebreitete Kenntniß der Literatur.[20]  Seine Vorträge über die alte Literatur waren ebenfalls für das Bedürfniß der Schule zu ausführlich, aber um so belehrender, je mehr er in die einzelnen Schriften einging. Seine Erklärung dieser oder jener Schrift Cicero's ließ uns kalt; seine literarischen Erörterungen über den Redner und dessen Werke gewannen unsere lebhafte Theilnahme.
In dem Laufe der fünf Jahre, die ich auf der Schule zubrachte, waren meine Studien vornehmlich auf die Lektüre der classischen Autoren gerichtet, namentlich der Dichter. Von Ovid, der fast zu viel Modernes hat, um den jugendlichen Geist zu fesseln, gingen wir über zu Virgil, den wir nicht allein lasen, sondern auswendig lernten. Es gab Einen und den Anderen unter uns, welche die Aeneide von Anfang bis zu Ende hätten hersagen können, wenigstens rühmten sie sich dessen, und wo man sie fragte, konnten sie fortfahren. Indessen war Homer endlich im Griechischen angefangen worden. Ich glaube, ich habe beide Gedichte, Iliade und Odyssee, dreimal durchgelesen; was während des Aufenthalts in Donndorf doch immer mit einer etwas fremden Färbung gefaßt worden war, ging nun in seiner uralten eigensten Gestalt und Farbe an dem Auge vorüber. Sehr wahr, daß dabei nicht alles auf das genaueste erforscht wurde. Aber der Gesichtskreis der ältesten Welt umfing uns; mit unserer ganzen Seele lebten wir darin. Die Zeit des Abendgottesdienstes, wo ich, wie ich bekennen muß, den kalten und matten Vorträgen wenig folgte, verwandte ich vielmehr dazu, die Bibel so viel als möglich ganz durchzulesen. Es waren die Evangelien bei weitem mehr als die Episteln, die Psalmen mehr als die prophetischen Bücher, hauptsächlich aber waren es die historischen Bücher des Alten Testamentes, die ich immer von neuem las. Es war ein vollkommen abweichender, aber doch naheliegender Horizont, wie der der Homerischen Gedichte. Es ist der Hintergrund oder vielmehr die Grundlage aller Bildung, aller Anschauungen der späteren Welt. Die junge Seele gleitet leicht über das Anstößige und Unverständliche weg; aber sie wird von dem Geheimnißvollen, was etwas ganz Anderes und wenigstens die Ahnung des Verständnisses in sich schließt, dem Großartigen und der Macht der Erscheinung, dem starken, unmittelbaren Ausdruck derselben, in ihrer Tiefe ergriffen: sie athmet die Luft des Unvergänglichen ein. Die archaistische Farbe der Luther'schen Uebersetzung erhebt noch besonders über das Gespräch des Tages und die Schriften gewöhnlicher Art in eine andere Sphäre.
Auf dieser Stufe der Bildung mußte dann Klopstock unter den[21]  Modernen, die wir erreichen konnten, unser vornehmster Poet werden. Er war in derselben Schule erzogen; einen nahen Brunnen am Steig, der durch den Wald führte, nannte man mit seinem Namen. Die Versuche, das classische Metrum in der deutschen Nation einheimisch zu machen, wie auch wir das wohl versuchten, brachten ihn uns besonders nahe. An den langen Reden seiner Engel und Satane und der ersten Menschen konnten wir freilich immer keinen besonderen Antheil nehmen; sie waren dem Classischen gegenüber bei weitem nicht prägnant genug. Was ihm persönlich ist in seinen Empfindungen, ist überhaupt das Schwächste; aber im Ganzen liegt die große christliche Dichtung, an der so viele Jahrhunderte mitgearbeitet haben, zunächst in der protestantischen Auffassung, wie sie bei Milton erscheint, zu Grunde, fast mehr, als Klopstock selbst sich dessen bewußt sein mochte. In dieser Dichtung liegt eine unendliche Macht, die ihr gleichsam eingeboren ist; sie ist eine Fortbildung des poetischen Elementes, das über den Apokryphen und zum Theil dem Neuen Testamente schwebt; sie wird nie ihre Wirkung verfehlen. Klopstock hat sich noch eines anderen Stoffes, der ersten Anfänge der deutschen Geschichte, zu bemächtigen gewußt oder doch gesucht; für sich selbst, d.h. in der Form mit noch geringerem Succeß, als in der Messiade. Dennoch welch ein Fortschritt gegen die Rittergeschichten, mit denen wir uns früher beschäftigten! Es ist ein Gefühl von Größe und Nationalität und wilder Natur darin, welchem Wahrheit zukommt. Die Oden, denselben Geist athmend, noch kunstvoller und in dem kleinen Stoff energischer, eröffnen zugleich den Blick in das Privatleben eines guten und braven Mannes aus alter Zeit. Klopstock's Fanny und Cidly, seine zurückgewiesenen oder auch erwiderten zärtlichen Neigungen, sein Aufenthalt in der Schweiz und später in Eutin, die kleinen Abwandelungen seiner Lebensschicksale, sein Schlittschuhlaufen und seine Freundschaften bildeten den Gegenstand unserer Interessen und unserer Gespräche. Unter den jungen Leuten, wie sie beisammen waren, selbst bildeten sich Anziehungen, Abstoßungen, Schließen und Unterbrechen von Freundschaften, wofür man sich gewisse Maximen bildete, an denen festgehalten wurde. Ein eifriger Klopstockianer war mein Freund Haun, später Director in Mühlhausen, der in dem letzten Verhältniß von einem seiner Schüler als vir sanctissimus bezeichnet ward und schon in diesem Alter Ernst, Wohlwollen und Würde besaß. Er versuchte sich selbst in der Klopstock'schen Art und Weise, was ihm denn die Ehre verschaffte, einmal am Charfreitag ein langes Gedicht öffentlich vorzutragen. Aehnlichen Sinnes war ein anderer, früh verstorbener[22]  Freund, des Namens Harzmann. Die Billigung der beiden ernsten und braven Freunde gab mir in allem, was ich that und trieb, größere Zuversicht.

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Von allen persönlichen Begegnungen aber bei weitem die wertheste und nützlichste war die Freundschaft, welche mir einer der Collaboratoren, Wiek, später Director in Merseburg, damals bewies. Ein Mann von Tiefe der Anschauung, etwas dunkel in seinem Ausdruck, namentlich wenn das Feuer des Gesprächs ihn ergriff; aber zugleich den Einwirkungen des Zeitgeistes sehr offen, für das Reue empfänglich und immer bemüht, das eine mit dem anderen zu combiniren. Von den dortigen Menschen war er der Einzige, der einen Begriff von Goethe hatte; er hat mir zuerst von Faust gesprochen. Lange liebte Schiller; er gab uns zuweilen einige seiner glücklich ausgesprochenen Sentenzen, an denen er Gefallen fand, selbst zu Uebersetzungsversuchen. Wir lasen die Schiller'schen Stücke und meinten, indem wir sie bewunderten, sie doch auch beurtheilen zu können. Sie sind dem Standpunkt der Jugend durchaus gemäß; denn sie bringen große objective Gestalten, die man vor sich sieht, vor die Augen; Farbe und Ton der Sprache prägen sich dem Gedächtniß ein. Das ist alles bei Goethe nicht der Fall, dem vielmehr die Welt gleichsam ein persönliches Ereigniß geworden ist, das er auf originelle Weise zusammenfaßt und wiedergebt. Da ist alles mehr subjectiv; ein gereifteres Alter gehört dazu, um daran Wohlgefallen zu finden. So recht eigentlich konnte auch ich mich in Goethe nicht finden. Auch war das alles nur vorübergehend; das ernstliche Studium gehörte ausschließend der alten Welt an. Und da kann ich es nun Wiek nicht genug danken, daß er mich in die Lyriker und besonders die Tragiker des griechischen Alterthums einführte. Ich sehe noch die Erfurter Ausgabe der Sophokleischen Stücke vor mir, die er besaß und die er vor sich hatte, wenn wir sie miteinander lasen. Wir gingen zu Aeschylus fort, der mir freilich noch fremd blieb. Aber schon genug, wenn man außer dem, was man in der Hauptsache zu fassen meint, noch etwas wahrnimmt, was jenseits steht und für die Zukunft übrig bleibt. Wiek hatte einen vollkommenen Begriff von dem Unterschiede der drei Tragiker. Ich fand an Euripides Gefallen, namentlich den Phönissen, doch geschah es wohl durch Wiek, daß ich mich von Anfang an mehr mit Sophokles beschäftigte. Es versteht sich, daß ich ihn durchlas. Allein für mich, ohne Theilnahme des Freundes, machte ich auch einen Versuch, das eine oder das andere Stück zu übersetzen; Elektra übersetzte ich ganz und machte mit der Reinschrift dem Vater zu seinem[23]  Geburtstag ein Geschenk. Die Uebersetzung ist freilich in fünffüßigen Jamben, sie scheint mir aber in der freien Bewegung, die dieses Metrum gestattet, nicht mißrathen zu sein. Ich übersetzte dann Philoktet in sechsfüßigen Jamben, hatte aber den sonderbaren Einfall, die Chöre freier und nach dem Vorbild von Schiller's Braut von Messina sogar in Reimen zu übersetzen. Auch einiger und zwar nicht der beste Einfluß von Goethe läßt sich an der zweiten Arbeit bemerken; die erste ist unschuldiger, anspruchsloser und vielleicht besser. Die Hauptsache aber ist die gründliche und durchgreifende Beschäftigung mit dem wundervollen und unerreichbaren Werk des alten Dichters. An die Uebersetzungen schien sich wohl zu Zeiten Nachahmung knüpfen zu können; ich selbst bildete mir das in diesen frühen Jahren dann und wann wohl ein. Aber dazu war doch kein angeborenes Talent in mir; ich habe nicht einmal den Versuch dazu gemacht. Alles blieb Studium, hauptsächlich doch philologisches. Die Prosaiker wurden wenig getrieben, am wenigsten die Historiker, wohl aber Plato in seinen populären Dialogen. Doch genug davon. Ich will nur noch bemerken, daß die Literatur der Commentare zu den lateinischen und besonders den griechischen Schriftstellern, namentlich die holländische, die in der Schulbibliothek einigermaßen vertreten war, Ruhnkenius, Valkenarius, die Gronovius und Graevius uns nicht unbekannt blieben. Sie eröffneten einen Blicken in die weitschichtige Gelehrsamkeit der späteren Latinität und Gräcität. Es war eine Welt von Citaten aus unbekannt gebliebenen Autoren, die denn doch für die Zukunft die Aufmerksamkeit erregten.
Unter diesen Studien, Ferienreisen nach Hause, manchen angenehmen, anderen unliebsamen Begegnungen und Ereignissen verflossen fünf Jahre in den stillen Mauern von Pforte. Die Clausur war nicht so streng, daß wir nicht vielfach Ausflüge, entweder kleinere in ganzer Menge oder auch größere, jeder allein mit ein paar vertrauten Freunden, unternommen hätten. Da wurden die Wälder und Felder durchstreift, ohne daß wir uns mit Naturstudien im mindesten beschäftigt hätten, die nahen Höhen erstiegen, die uns schon wie Berge vorkamen, benachbarte Burgruinen besucht, unter anderen die Rudelsburg, eine der besterhaltenen, die man findet; wir schrieben unsere latinisirten Namen, Caesarius, Palmitius, so hoch wir konnten, in dem alten ritterlichen Gemäuer an. Die Saale erschien als ein großer Strom, Naumburg als eine große Stadt; für mich war es die größte, die ich noch gesehen. Der Dom mit seinen Thürmen und seinem Platz, und wieder das lebhafte Getreibe der Messe machte auf uns[24]  vielen Eindruck. Wie angedeutet: das Besondere war die Einheit der Beziehungen, die sich an die Schule knüpfen, welche uns als die vornehmste von allen geschildert wurde und die mit ihrer Geschichte und manchen berühmten Namen aus dem Kreise der scholastischen Beschäftigungen, die man jedoch bald zu überholen gedachte, die Gemüther fesselte.
Während wir aber in diesen Studien der alten Welt lebten und webten, bewegte sich die Gegenwart in den großartigsten Kämpfen, die jemals vorgekommen waren, welche die Welt erschütterten und wiederherstellten. Wir sahen französische Regimenter auf dem Feldzuge nach Rußland die große Landstraße, welche die Mauern berührt, hinziehen. Im Frühjahr 1813 bei dem ersten Vorrücken der Verbündeten erschienen auch bereits Kosaken mit ihren Fähnlein tragenden Lanzen vor unseren Blicken. Dann bedeckten sich die nahen Höhen bei Kösen mit französischen, von der anderen Seite kommenden neuen Regimentern. Mit vieler Zufriedenheit nahm sie der alte Mathematicus wahr, der sie mit seinem Tubus, seinem kostbarsten Eigenthum, aus dem Fenster betrachtete. Bald erfüllten Bataillone von Infanterie, deren Jugend uns auffiel, den Schulhof. Gleich darauf erfolgte die Schlacht von Lützen, unsern von uns, so daß wir den Wechsel der Erwartungen und Erfolge gleichsam mit erlebten. Früher hatten uns wohl die französischen Marschälle interessirt, und wir hatten uns beim Kegelspiel ihre Namen gegeben. Allmählich hörten die Sympathien auf, man begrüßte die Manifeste der Verbündeten mit freudiger Einstimmung. Ich las gerade Tacitus, die Annalen und besonders Agricola; der Gegensatz zwischen Briten und Römern schien sich mir zu erneuern. Wiek bestärkte mich in der Bemerkung dieser Identität; man sieht: so recht unmittelbar lebten wir doch nicht in der Zeit. Endlich erfolgte die Leipziger Schlacht. Das Thielmann'sche Corps streifte bereits länger in unserer Nähe herum; vor dem Thore der Schule hat der Führer den ersten Bericht von der Schlacht denen, die hinausgeströmt waren, vorgelesen. Wir wunderten uns nur, daß die Höhen von Kösen, die uns unüberwindlich schienen, von den Verbündeten nicht besser besetzt worden waren, um den Rückzug des Feindes zu hindern. Von dem Kriegseifer, der die preußische Jugend in dieser Epoche ergriffen hatte, war jedoch bei uns wenig zu spüren. Nur Einzelne wurden davon berührt und verließen die Schule; ich war viel zu schwach, um daran denken zu können. Der besondere Impuls, den das Gefühl eines gefallenen großen Staates, der mit aller Macht wieder aufzurichten ist, einflößt, hatte keine Stätte in unseren Mauern. Wir ließen[25]  die große Weltbegebenheit, unter deren Vollziehung die Erde erzitterte, sich vollenden, ohne daran Theil zu nehmen. Ich war mit den Arbeiten beschäftigt, welche bei dem Abgang von der Schule erforderlich waren, die ich dann Ostern 1814 verließ. Der Vater, der mich dahin geführt hatte, erschien, um mich wieder abzuholen. Als ich in dem gewohnten Geleit an der Schulpforte anlangte und das Hoch empfing, das man den Abgehenden brachte, traten ihm die Thränen in die Augen. Ich fand dabei nichts Besonderes, denn es war das Herkömmliche. Meine Gedanken waren auf fernere Studien und die Zukunft gerichtet.



Universitätsjahre.










[26] Noch war der Kreis der Heimath eigentlich nicht überschritten worden; als die nächst zu erreichende größere Metropole des Handels und der Studien war auch in diesem immer Leipzig betrachtet worden. Es war ein Ereigniß, als nun nach einigen Wochen häuslicher Ruhe der Weg dahin eingeschlagen wurde. Auch dahin wollte der Vater mich führen. Auf dem Wege nach Querfurt durch das wenig wegsame Holz brach uns der Wagen; eine Vorbedeutung hat das aber nicht gehabt, als etwa die, daß meine Verbindung mit der alten Heimath immer weiter unterbrochen werden sollte. Die Mutter war noch rüstig genug, obwohl noch einmal guter Hoffnung, um den weiten Weg nach Querfurt, das sie als ihre Vaterstadt betrachtete, zu Fuß zu machen. Da lebte ihre Schwester mit einem Kaufmann verheirathet, mit einer wenig zahlreichen, in guten Umständen befindlichen Familie; das Haus wurde seitdem eine Reisestation zwischen Leipzig und Wiehe. Auch ein älterer Halbbruder der Mutter lebte daselbst, in einem altfränkisch wohlgeordneten, kleinbürgerlichen, aber sicheren Hauswesen. An den Hof schloß sich ein Garten mit schönen Blumen; man ging dann weiter nach dem sogenannten Graben, der mit Obstbäumen erfüllt war. Die bejahrte Hausfrau setzte wohl einen Korb mit Aepfeln in den Laden, von dem sich die Vorübergehenden etwas kauften. Es war ein Haus, in dem nie eine Veränderung vorkam. Eine alte hölzerne, von Bänken umgebene Tafel, die ich von frühster Kindheit an kannte, habe ich noch lange Jahre darauf so stehen sehen; eine Wanduhr in ihrem hölzernen Gehäuse fügte ihr Tiktak Jahr aus Jahr ein zu dem gleichförmigen Leben. Der Onkel trug Jahrzehnte hindurch immer denselben Rock, ausgenommen des Sonntags, wo auch er seine Besuche machte; denn er war ein guter Landwirth und gab den Besitzern des[26]  indeß verkauften großväterlichen Rittergutes den besten Rath zur Bewirthschaftung. Die Hausfrau verwaltete still, altväterisch, fleißig, einfach ihr Hauswesen. Eine ältere Tochter schloß sich dem allen an; eine jüngere, die eben aufblühte, führte mich in den Gärten umher. Alles zusammen bildete eine ganz einzige Erscheinung in dieser Epoche der Welt. Der jüngere Bruder der Mutter, der das Gut geerbt, aber nach der Theilung des Vermögens unter den Anforderungen der Kriegsjahre nicht hatte behaupten können, war in die Stadt gezogen, wo er eine Zeitlang sehr glänzend lebte. Er galt als der Baron Lehmike. Seine Familie – denn er war mit der Tochter eines anderen angesehenen Landwirthes verheirathet – machte einen gewissen Anspruch, gegen den wir anderen zurücktraten. Genug: stille befestigte Häuslichkeit, Glanz und Lärmen, kaufmännische Thätigkeit waren da in der Familie vereinigt. Von Literatur und Studien war keine Rede, sondern nur von Gelderwerben, Geldhaben, Landwirthschaft und dem Saus und Braus des Lebens, soweit es in einer kleinen Stadt möglich ist. Auf dem Postwagen, der noch mit Kisten und Kästen bis hoch oben angefüllt war, so daß sich kaum ein paar Sitze für die Passagiere fanden oder vielmehr erst eingerichtet wurden, begaben sich nun Vater und Sohn nach Leipzig, wo uns ein alter Bekannter empfing, der Stadtwachtmeister, der ein kleines hübsches Haus an dem Graben, bei den neuen Anlagen, bewohnte. Unfern davon, in der Ritterstraße, nahm ich Wohnung, die erste Stube, die für mich besonders bestimmt war. Der Vater, über den eine Erinnerung seiner eigenen Studienjahre gekommen war – wie denn von den Professoren, die er selbst gehört hatte, Einer noch am Leben war, der Philosoph Platner, den er mit mir aufsuchte – schied unsern von mir; er wäre lieber noch eine Weile geblieben. Ich fand einige Freunde aus Pforte und richtete mich ein.

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Als ich mich bei dem Rector inscribiren ließ und in die Thüre eintrat, war er eben beschäftigt, sich ein frisches Oberhemd überzuwerfen. Der Bediente, der die Thür geöffnet, wurde, wie billig, ausgescholten. Ich trat zurück, fand aber dann, als ich mein prächtiges Testimonium aus Pforte auf einem großen pergamentähnlichen Bogen mit den besten Censuren vorwies, sehr gnädige Aufnahme. Der Rector war der Theolog Dittmann, der wohl in seinem Collegium über praktische Theologie, bei welchem sich nur die älteren, etwas bemoosten Häupter einfanden, von dem oder jenem sich eine Prise Tabak ausbat und dann mit munterer Bonhommie fortfuhr. Eine der ersten Vorlesungen, die ich mit meinen Pförtner Freunden besuchte, war die historische[27]  des Professor Wieland; vielleicht weniger aus Eifer für diese Wissenschaft, von der ich noch keinen Begriff hatte, als weil wir durch gedruckte Anmahnung, die uns bei der Inscription eingehändigt worden, dazu aufgefordert wurden. Die Einleitung des Professors, die von der genetischen Behandlung der Historie eine Idee mittheilte, war anregend genug; in der weltgeschichtlichen Entwickelung indeß verlor man gar bald den Faden. Was mich von den historischen Büchern bisher abschreckte, war die Menge unverarbeiteter Notizen, überhaupt unverstandener Thatsachen, die sie mittheilten. Unser Professor hatte viel Feuer, allein weit förderte er uns auch nicht in dem Verständniß der Dinge. Sein Auditorium und seine Art war sehr wunderlich. Jenes stieß unmittelbar an seine Studierstube; an der Thüre derselben war sein Katheder. Er ließ uns in der Regel lange warten, ehe er aus der Thür hervorbrach und plötzlich auf dem Katheder erschien. Wehe denen, die unmittelbar vor ihm saßen: er sprudelte, indem er sprach, so lebhaft, daß er das Papier, auf dem man nachschreiben wollte, feucht machte. Es kam wohl vor, daß die Betroffenen einen rothen Regenschirm aufspannten, um unter dessen Schutz ruhig schreiben zu können; er ließ sich das gern gefallen. Er gehörte der Schule des 18. Jahrhunderts an. Von dem Alterthum hatte er doch nur einen sehr ungefähren Begriff, wie er denn alle Titel modernisirte, die Legaten des römischen Heeres ohne weiteres Generallieutenant titulirte u.s.w. Genug, diese Vorträge gingen ohne alle Wirkung an mir vorüber, und man war froh, aus diesen Räumen wieder zu entkommen; denn Frau Hofräthin Wieland liebte die Katzen, welche, wenn keine Vorlesungen gehalten wurden, in den Räumen herrschten und sie mit einem Geruch anfüllten, der um so unerträglicher hervordrang, je länger man dablieb. Wieland soll einzelne junge Leute, die sich ihm und seiner Frau näherten, gefördert haben, denn die mannigfaltigsten Kenntnisse wohnten ihm bei; ich war jedoch nie versucht, mich ihm zu nähern.
Von bei weitem mehr genugthuendem Inhalt waren die kirchengeschichtlichen Vorträge Tzschirner's. Ueberhaupt ist Kirchengeschichte compendiarisch und in bändereichen Büchern besser bearbeitet in Deutschland als die allgemeine. Der Gegenstand hat beschränktere Grenzen, ein entschieden dogmatisches Lehrinteresse, einen präcisen, durch große Ereignisse markirten Gang; der Zusammenhang mit der Literatur macht das Ganze faßbarer für den Geist. Tzschirner, welcher die Kirchengeschichte von Schröckh vollendet hat, diesem aber bei weitem nicht beikommt, war zu wortreich; aber er hatte ein Gefühl von seinem Gegenstande,[28]  und wir zürnten ihm wohl, wenn er, von dem Gegensatz der griechischen und lateinischen Kirche sprechend, wobei er viel Gutes und Einleuchtendes sagte, von seiner Absicht darüber zu schreiben erzählte, die er doch nie ausgeführt habe. Wenn ich dann nach Hause ging, fühlte ich wohl die Anregung, den großen Erscheinungen, den mächtigen Führern der Literatur in den mittleren und neueren Jahrhunderten nachzuforschen. Man ahnte, welches große Feld der Erkenntniß sich da eröffnet.


Meine Studien waren in den ersten Jahren der Theologie gewidmet; doch waren es mehr die Außenwerke, in denen ich mich bewegte und die mich anzogen: die literarische Einleitung in die Bücher des Alten und Neuen Testamentes, die Erklärung einiger neutestamentlichen Bücher. Tiefer in das Innere, bis zur Dogmatik selbst, bin ich nicht aufgestiegen. Mich schreckten die ungeheuren Hefte meiner Commilitonen, zwei dicke Bände, die sie nachgeschrieben hatten. Aber überhaupt fand ich mich mit dem Geiste der dortigen Theologie in offenem Widerspruch. Ueberall herrschte ein gemäßigter Rationalismus, mit dem man sich vertragen konnte, wenn er praktisch auftrat, nicht aber, wenn es auf theoretische Ueberzeugung ankam. Es ist das vornehmste Mißverständniß in der Welt, entgegensetzte Principien vereinen zu wollen: das unbedingt Gültige, das sich als Gotteswort ankündigt und anerkannt worden ist, und das momentane Raisonnement. Durch alle meine Gefühle war ich dem ersten zugewandt; ich weiß selbst nicht, wie es gekommen ist; denn um mich her hatte von jeher alles zum Rationalismus geneigt; aber mir erschien er unbefriedigend, seicht und schal. Ich glaubte unbedingt. Doch wäre es mir schwer gewesen, zu sagen, wie weit das eigentlich reiche; denn das Supranaturalistische, wie man es bezeichnet, ist doch auch nur eine Richtung des Geistes, die von allem System frei und dennoch ihrer Sache sicher sein kann. Ich beschäftigte mich viel mit den Paulinischen Briefen und schrieb wohl selbst einiges nieder, um mir z.B. den Zusammenhang des Briefes an die Galater klar zu machen. Großes Vergnügen machte mir ein Versuch, die Psalmen aus dem Hebräischen zu übersetzen, rhythmisch, aber so eng an den Text anschließend wie möglich. Ich bemühte mich, den Gedankengang aufzufassen, den eigensten Gehalt jedes dieser merkwürdigen Ueberreste eines hohen Alterthums zu ergreifen. Das eine oder das andere meinte ich auf einzelne Momente der Geschichte der Könige beziehen zu können. Erst wenn ich mich selbst versucht hatte mit einigen älteren Hülfsmitteln, las ich De Wette. Ich habe mich seitdem immer mit dem Gedanken getragen,[29]  in den Psalmen nicht allein religiöse Gefühle persönlicher Art, noch auch objective Religion überhaupt zu sehen. Als Gesänge Davids hatte man schon aufgehört sie zu betrachten, und so weit reichte meine Orthodoxie nicht, daß ich auf die alte, durch einleuchtende Gründe widerlegte Ansicht zurückgekommen wäre; aber in der That: meistentheils ist es doch ein König, welcher redet; man sieht ihn kämpfen mit widerstrebenden Elementen; er fühlt sich fast dem Verderben nahe; ihn rettet nur, daß er sein Auge auf den ewigen Polarstern gerichtet hat, der ihm seinen Weg zeigt. Um es voraus zu sagen: als ich später Friedrich Wilhelm IV näher kennen lernte, ist mir die verwandte Stimmung, die er in einzelnen hervorgestoßenen Worten kundgab, aufgefallen, wie weit er auch sonst von der Haltung jener Heroen des Glaubens und des Thuns noch entfernt blieb. Aber indem der König redet in seiner eigenen Person, seiner besonderen Lage, die sich durchfühlt, wenn man aufmerksam ist, spricht er sich doch zugleich aus wie ein gewöhnlicher Mann; er ist faßlich und ergreifbar für alle; er repräsentirt den Menschen, wie er auch in untergeordneten Stellungen ist. Mich zog nun die Beschäftigung mit diesen herrlichen Denkmalen des grauen, gottinnigen und gottgläubigen Alterthums von den theologischen Fragen, die das Katheder beschäftigten, ab, ohne daß ich diese jedoch etwa verachtet hätte; ich fühlte mich nur von ihrer gäng und geben dreisten Lösung unbefriedigt. Unter den Predigern, unter denen es einige Männer von geübter Kanzelberedsamkeit gab, machte mir doch nur Einer Eindruck, der die Regeln wenig befolgte, des Namens Finke, welcher in der reformirten Kirche auf eine nicht so solenne Art, wie sie sonst in Leipzig üblich war, den Gottesdienst hielt. – ......

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Unter den Professoren die wirksamsten die Philologen: Christian Daniel Beck, von ausgebreitetster Wissenschaft, namentlich in Historie und Literatur; Gottfried Hermann, der erste Grammatiker, Metriker und grammatische Kritiker seiner Zeit. Er hielt eine vortreffliche Vorlesung über griechische Grammatik. Vornehmlich lehrte er mich Pindar verstehen, den er vortrefflich interpretirte. In seiner Vorlesung über die Theogonie erschien er als großer Etymolog. Ich versuchte mich hauptsächlich an Theokrit, den ich nur zur Hälfte als echt wollte gelten lassen; diese mir einleuchtenden Stücke übersetzte ich dann. Unter den Prosaikern wandte ich mich nun zu Thucydides, den ich mit aller Gründlichkeit durchlas; ich excerpirte seine politischen Lehren: ein mächtiger, großer Geist, vor dem ich mich beugte, ohne ihm mit Uebersetzungsversuchen nahe zu kommen, so wenig wie Pindar; der Eindruck[30]  des Originals, das möglichste Verständniß desselben war alles, was ich beabsichtigte. Die Studien des Alterthums bekamen in mir gewaltige Anregung durch Niebuhr's Römische Geschichte, das erste deutsche historische Buch, welches Eindruck auf mich hervorbrachte; wie vieles kommt darin vor, wovon mir noch keine Ahnung aufgestiegen war! Ich hatte oft im Sinn, auch noch Institutionen bei Haubold zu hören.
Allein diese Studien waren doch entfernt, mich völlig zu beschäftigen; auch philosophische hatten mich inzwischen angezogen, vor allen Fichte. Die Eindrücke der Zeit bewirkten eine Annäherung an die großen Hervorbringungen des Mittelalters. Richtung auf die bildende Kunst, gefördert durch einen Freund, Anton Richter. Fußreise an den Rhein in diesem Sinn im Herbst 1817: tiefer Eindruck der Boisserée'schen Gemälde in Heidelberg. Interesse an der deutschen Sprache durch das Studium der Schriften Luthers, dessen Gedächtniß im Jahre 1817 allgemein erneuert wurde. Die schwachen populären Darstellungen, die zum Vorschein kamen, veranlaßten mich, indem ich die echten Dokumente studierte, zum Versuch einer Lebensbeschreibung. Ich hatte nur zuviel angefangen, zuviel unternommen; die Mittel fingen an mir auszugehen. Ein Glück, daß mir eine gute, ehrenvolle Stelle in Frankfurt an der Oder angeboten wurde.



Frühzeitiges Schulamt.










[31] Eigentlich eine Fortsetzung der Studentenjahre, nur mit der Pflicht, zu lehren. Ganz vortreffliche Freunde: Stange, geborener Naturforscher; Heydler, Archäolog, philosophirend; Poppo, guter Gräcist, imponirend durch Gelehrsamkeit und frühe Reife. Ein neuer großer Moment: Eintritt in den preußischen Staat, dem meine Heimath indessen zugeschlagen worden war. Mittagsessen mit jungen Staatsbeamten, geistig regsame Bureaukratie. Turner, Erscheinung von Jahn. Innigste Freundschaft und doch Gegensatz mit dem leichter erregbaren Bruder Heinrich. Wir waren uns, als er in Halle studierte, wenn wir einander besuchten, in den Studien allgemeiner Art nahe gekommen. In der Religion war ich damals noch positiver, als er. Nun aber erst begannen die allgemeinen historischen Studien; sie knüpften zunächst an die philologischen an. Die alten Historiker wurden methodisch durchgelesen. Ich glaubte auch Xenophon zu fassen. Ganz neu waren mir die griechischen Historiker über die römische Geschichte. An der Hand der lateinischen ging ich dann auf das Mittelalter über. Alle Compendien wurden verschmäht. Die Ausgabe der lateinischen[31]  Historiker des Mittelalters von Hugo Grotius gab den ersten Begriff von Gothen und Langobarden. Die Bibliothek besaß eine Anzahl der Scriptores rerum Germanicarum; da lernte ich das deutsche Kaiserthum kennen. Für das spätere Mittelalter fand ich altfranzösische Quellen. Meine ganze Theilnahme erweckten die Zeiten des 15. und angehenden 16. Jahrhunderts: hier nahm ich meinen Standpunkt, um mein erstes Buch zu verfassen. Ich war bereits sechsundzwanzig Jahre geworden. – ....
Fußnoten
1 Ranke hat in sein Notizbuch nach die Thatsache eingetragen, daß sowohl Israel wie Andreas R. in Biering's Clerus Mansfeldicus (von 1742), der Hauptquelle für die obigen Angaben, als aus Wettin gebürtig bezeichnet werden.




1. Dictat vom October 1863.




Aufenthalt in Frankfurt a.O.

[33] (Herbst 1818 bis Frühjahr 1825.)

Ich war noch ziemlich jung und sah noch jugendlicher aus, als ich die Stelle eines Oberlehrers an dem Gymnasium in Frankfurt a.O. antrat. Ich langte gegen Ende der Sommerferien an und hatte noch Zeit, die Umgegend zu durchstreifen und mehr mit den Bäumen und Höhen als mit den Menschen Bekanntschaft zu machen. Die Lage des Ortes befriedigte mich vollkommen. Ein großer Strom, eine waldbewachsene Hügelkette, welche die Region, in der die Stadt erbaut ist, an dessen linker Seite umgiebt, kleine Thaleinschnitte, von Bächen durchflossen oder zwischen denselben; in einer der Vorstädte ein langer Lindengang mit weitem Platze daran. Ferner einige Denkmale in einem verlassenen Kirchhof, die an alte Zeiten gemahnten, z.B. die des Herzogs Leopold von Braunschweig, der hier einen durch ein prächtiges Stück Poesie gefeierten Tod in den Wellen fand; ein Marktplatz, der die Tage der Hanse, mit welcher Frankfurt in einer entfernten Verbindung stand, vergegenwärtigte; eine prächtige Pfarrkirche, die ebenfalls an die Zeiten städtischer Macht erinnerte; endlich auch eine kleinere, Unterkirche genannt, zu der die Schule gehörte: hier war es, wo ich die erste Bekanntschaft mit einigen meiner künftigen Collegen machte. Das allerangenehmste jedoch, was ich vorfand, war für mich die Westermannsche Bibliothek. Sie war in den Räumen des alten Universitätsgebäudes aufgestellt; sonst war dies freilich, obwohl es noch mit den Abzeichen seiner religiösen Stiftung prangte,[33] damals in einem sehr verwilderten Zustand; es diente wirthschaftlichen Zwecken. Zwischen Haufen von Stroh und Reliquien von allerlei sonstigen Gewächsen, auf einem durch aufgelegte Bretter ergänzten Gange, gelangte man in einen großen Saal, der, mit Büchern angefüllt, einen um so besseren Eindruck machte. Ein ehemaliger Professor der Universität hatte die Sammlung zu seinem eigenen Gebrauch gemacht und sie dem Gymnasium durch Testament hinterlassen. Da ich, obwohl aus einer gelehrten Stadt kommend, doch niemals freien Zutritt zu einer größeren Bibliothek gehabt hatte, so sah ich mit um so größerem Vergnügen diese, die ganz eigens, wie man mir sagte, den Lehrern der Anstalt gewidmet war. Wieviel Bücher, von denen ich bisher bloß gehört hatte, bekam ich da in die Hände! Unter anderen machte mir ein wohlerhaltenes Exemplar des Dio Cassius von Reimarus viel Eindruck. Aber auch aus allen anderen Zweigen historischer, philologischer und allgemeiner Wissenschaft fand ich die trefflichsten Werke vor, die mir die Aussicht auf künftige Studien gaben, wie ich sie zu machen wünschte. Denn darauf war meine Seele hauptsächlich gerichtet, obwohl ich mein Amt, zu dem ich in Leipzig in dem philologisch-pädagogischen Seminar schon einigermaßen vorbereitet worden, zugleich wirklich als meinen vornehmsten Beruf ansah.
Die Ferien gingen zu Ende. Der Director traf ein. Es war mein alter Bekannter aus diesem Seminar, Ernst Poppo; damals schon ein namhafter Mann durch seine Thucydideischen Studien, eben erst 24 Jahre alt und bereits an die Spitze dieser Schule berufen, aus der er nun etwas Rechtes in seinem Sinne zu machen gedachte. Er war nicht so ausschließend Philolog, wie man ihm wohl nachsagte. Er verstand, was damals nicht gewöhnlich war, Englisch und las es gern. In seiner Jugend hatte er in einem Lesekreis, an dem sich sein Vater, Archidiaconus in Guben, betheiligte, Bekanntschaft mit der laufenden politischen und allgemeinen Literatur gemacht und seine Richtung, welche im allgemeinen eine liberale war, genommen. Dann an der Universität Leipzig studierend, hatte er sich mit großer Entschiedenheit den philologischen Bestrebungen der Hermannschen Schule hingegeben, weniger jedoch der Beschäftigung mit den Poeten, welche die anderen alle vollkommen einnahm, als mit den Prosaikern, die er zu emendiren suchte. Ich besinne mich noch, wie er damals als junger Magister auf dem Katheder stand, streitfertig und jedem Gegner gewachsen: eine lange hagere Gestalt, den Ehrendegen etwas linkisch an der Seite. Er war ein besserer Grieche, als wir anderen alle; er sprach sogar griechisch. Daß er das auch in der Schule einzuführen[34] suchte, hat ihm an seinem pädagogischen Rufe geschadet; doch war er keineswegs so pedantisch, wie man gesagt hat. Er besaß entschieden Gabe für den Unterricht in dessen essentiellen Zweigen und genoß eine große Autorität in jeder Beziehung. Uebrigens ein trefflicher Mann, ohne Falsch; kein fremdartiges Bestreben kam in seine Seele; die Schule emporzubringen, war seine einzige Idee. Daß er mich für geeignet hielt, ihn dabei zu unterstützen, gereichte mir zu großer Genugthuung, und ich war entschlossen, mein Bestes dafür zu thun.
Dem Director zunächst stand ebenfalls ein ehrenwerther Mann als Prorector, der Mathematiker Schmeißer. Er hatte Verdienste um die Methode, und ich besinne mich, daß der Mathematiker Jacobi mir ihn später als einen Mann genannt hat, der eine neue Bahn des Unterrichts eingeschlagen habe. Mein nächster College war Oberlehrer Stange, nicht viel älter als Poppo, der schon länger als Alumnatsinspector – denn mit der Schule war ein kleines Alumnat verbunden – fungirt hatte, Sohn eines Professors in Halle, ein Mann von ruhiger Außenseite, etwas verlegen und wenig versprechend, der aber die ausgebreitetsten Kenntnisse besaß und besonders nach der Seite hin, die uns anderen immer ein fremdes Land geblieben war, den Naturwissenschaften. Er liebte und pflegte Blumen und pachtete wohl ein kleines Ackerstück um die halbe Stadt, wie man die nächsten Anhöhen nannte, um mit einem Freunde in Gemeinschaft diesen seinen Hang zu befriedigen. Er war eine tiefe, von Ehrgeiz freie, mittheilsame, grundehrliche Natur und keineswegs ohne inneren Schwung. Wie oft sind wir etwa nach einem heiteren Gelag unter jenen Linden der Vorstadt in der Nacht spazieren gegangen und haben uns nicht allein, wie ein Alter sagt, dieses leuchtenden Dunkels erfreut, sondern zugleich die mannigfaltigsten, von verschiedenen Seiten kommenden Ansichten ausgetauscht und die Welt nach unseren Begriffen vor uns entstehen lassen! Bald überließ er mir einen Theil seiner Wohnung, in die ich neben ihm einzog. Wir vier waren die oberen Lehrer, alle unverheirathet, was denn ein noch ziemlich an das Studentenleben erinnerndes Verhältniß veranlaßte. Eigentlich muß ich sagen, daß ich dort in Frankfurt mehr davon genoß, als in Leipzig; mit einem, wenn auch nicht großen, Gehalt versehen, konnte man sich etwas mehr regen, als dort. Den Einwohnern fiel es auf, wenn wir lebhaft und in vieler Eintracht, unaufhörlich sprechend und disputirend, unsere Spaziergänge machten.
Um von den geselligen Verhältnissen auch einmal zu reden, so war es ein großes Ereigniß, nicht allein für mich, sondern besonders[35] auch für Stange, daß mein Bruder Heinrich, ehe ich, wie man sagt, dort noch warm geworden war, bei uns eintraf und bei mir wohnte. Er war erst in seinem zwanzigsten Jahr; man wollte kaum glauben, daß er seine Studien bereits absolvirt hatte. Er war, man möchte sagen, vollkommen schön und gewann alle Herzen durch Liebenswürdigkeit und jugendliche Anmuth. Er theilte im allgemeinen meine Studien, doch war er mehr geborener Pädagog als ich; wie er denn auch nach kurzer Zeit zum Unterricht herangezogen wurde; er nahm dann selbständig an einer pädagogischen Anstalt in der Stadt Antheil. Der Bewegung, die damals in den Gemüthern der Jugend obwaltete, stand er einen Schritt näher als ich; er gesellte sich den Turnern mit Entschiedenheit bei und brachte mich erst dadurch in eine gewisse Verbindung mit dem Thun und Treiben derselben. Wir sahen Jahn in dem goldenen Löwen, einem Gasthof zu Frankfurt, als er von einer Turnerfahrt aus Schlesien zurückkam, mit ansehnlicher Begleitung junger Leute. Auch auf mich machte er durch seine mannhaft zuversichtliche Erscheinung einen gewissen Eindruck; mein jüngerer Bruder schloß sich ihm mit unbedingter Hingebung an. Ebenso war er von den kirchlichen Strömungen lebendiger berührt, als ich; doch neigte er sich ursprünglich, wenn ich dies verrathen darf, mehr den vom Positiven abweichenden Gesinnungen zu. Er war von der Friesschen Philosophie mehr berührt worden, als ich; ich war, wenn ich mich nicht irre, gläubiger, als er. Allein gar bald kämpfte sich in ihm die ihm eingepflanzte religiöse Gesinnung unter den gewaltigsten inneren Seelenbewegungen durch; er wurde sogar krank darüber. Nach einiger Zeit sah man ihn fleißig, sein Gesangbuch unter dem Arme, nach der Kirche gehen, obwohl er da nicht viel Nahrung für seine Sinnesweise fand. Ich dagegen war niemals, was man sagte, kirchlich gesinnt, obgleich niemand die Bibel und selbst das Neue Testament höher schätzen und tiefer verehren konnte, als ich.
Ich muß nun wohl auch von meiner Theilnahme an dem Unterrichte, was doch die Hauptsache war, ein Wort sagen. Ich unterrichtete, wie ich denn auch zu etwas anderem nicht fähig gewesen wäre, in den drei höchsten Klassen, namentlich in der dritten. Ich kann nicht beschreiben, wieviel Vergnügen mir die Empfänglichkeit gerade dieses Alters für die Erzählungen weltgeschichtlichen Inhalts, die ich vortrug, gemacht hat. Eine bloß jugendlich-kindliche Theilnahme, die sich aber dann in schriftlichen Reproductionen des Gehörten als fruchtbar erwies. An und für sich gereichte mir die Durcharbeitung des universalhistorischen Stoffes, die dazu nothwendig war, zum größten[36] Nutzen und Vergnügen. Dann wurde in den höheren Klassen Homer und Horaz traktirt; die Freude der Jugend an den homerischen Darstellungen, sowie nur die ersten Schwierigkeiten überwunden sind, ist unbeschreiblich. Wir lasen einiges sehr genau, anderes rasch und vielleicht flüchtig, was uns jedoch den großen Inhalt um so näher brachte. Die grammatische Erklärung wurde keineswegs versäumt; die Grammatik von Thiersch, die damals erschien, wurde fleißig studiert, da sie sich gerade auf Homer bezieht; übrigens aber hielten wir doch noch mehr und zwar nicht allein in der Formenlehre, sondern auch in der Syntax an Buttmann fest, einem grammatischen Autor von wahrhaftem Talent, der die ältere Berliner Schule philologischer Studien in sich repräsentirt. Er führt zu Bemerkungen, die über das, was er sagt, noch hinausgehen; man tritt dem grammatisch bildenden Genius der alten Hellenen noch näher, als es durch die bloßen Regeln geschehen könnte. Sprache und Gedanken bilden sich an dem Studium der horazischen Oden; da ist jedes Wort an seiner Stelle, jedes Gedicht ein kleines abgeschlossenes Ganze. Es mag sein: viel Nachahmung – aber selbst durch diese anregend, indem sie in weitere Fernen leitet; und zugleich doch tief von dem Hauch des römischen Wesens durchweht. Nichts entzückte uns mehr, als die ersten Oden des dritten Buches, welche über die römische Geschichte große Aussicht gewähren und das Kaiserthum in seiner Identität mit dem römischen Namen und in seiner Nothwendigkeit darstellen. Dafür, d.h. für den Ursprung aus dem Griechischen und die Darstellung des Römischen, war uns nun auch Virgil von der größten Bedeutung. Man hatte damals aufgehört, diesen Dichter zu schätzen, ausgenommen in dem landwirthschaftlichen Werk. Es fiel unter den Freunden auf, daß ich auch an der Aeneide Geschmack fand und sie in der Schule ganz durchlesen ließ. Mein Exemplar ist noch am Rande mit mannigfaltigen, guten und schlechten, Anmerkungen angefüllt. Ich schrieb dem Gedicht universalhistorische Bedeutung zu.
Hier aber kann ich nicht weiter gehen, ohne noch eines Freundes zu gedenken, der sich uns ein paar Jahr später zugesellte; er heißt Ferdinand Heydler. Schon bei meinem Aufenthalt in Pforte war er mir bekannt geworden, und das innigste Verständniß hatte mit mancherlei Streit gewechselt, wobei ich mich von Fehlern keineswegs freisprechen will. Aber ich liebte ihn tief und innig. Er war aus der Nähe von Dresden gebürtig, Sohn eines Pfarrers und nach dessen frühem Tode in ein öffentliches Institut in Dresden aufgenommen. Er hatte da, wie er mir immer sagte, zu viel Romane gelesen; dann aber war er,[37] weil man aus ihm, da er Talent hatte, etwas machen wollte, nach Pforte gebracht worden. Seine Begabung und seine zwanglos einnehmende Natur machte ihn dort populär. Wir vereinigten uns bald zu gemeinschaftlicher Lektüre; er imponirte mir immer durch den Geist des Verständnisses, den er für alles Fremde zeigte. Gegen mich verhielt er sich, wie angedeutet, freundschaftlich ergeben, aber doch nicht in allem einverstanden. In Leipzig stand ich ihm weniger nahe; doch entfremdeten wir uns niemals von einander. Bei jener studentischen Wanderung, die ich im Jahre 1817 nach dem Rheine unternahm, fand ich ihn in Würzburg, wo er bereits eine Stelle angenommen hatte, die er aber, da das Institut, dem er angehörte, sich nicht behaupten konnte, wieder verlassen mußte. Wir sahen damals zusammen den Katholicismus in vollem Ansehen, wir stiegen mit einander die Stufen des Käppele an den Stationen hinauf. Er begleitete mich dann einen großen Strich jener Wanderung hindurch. Seitdem hatte er eine provisorische Stellung in Halle gefunden, von wo er, nicht ohne mein Zuthun, bei der ersten eintretenden Vacanz nach Frankfurt berufen wurde. Eine ganz herrliche und in ihrer Art unvergleichliche Natur, voll von Adel der Gesinnung, freigebig selbst über das ihm gesteckte Maß hinaus – und immer in Geldbedürfniß –, den höchsten Ideen und Anliegen der Menschheit durch und durch zugewandt; in den Studien fest begründet, ein sehr guter Lateiner; er machte treffliche Verse in Pfortischer Art und Weise; einige schöne lateinische Oden sind ihm gelungen, auch in deutschen versuchte er sich mit Glück. Man kann denken, wie uns die Ereignisse der Zeit, das erste Wiederaufflammen des revolutionären Geistes in Spanien und Neapel in Bewegung setzten. Er wohnte, nachdem mich Stange verlassen hatte, in einem Hause mit mir, er unten, ich oben. Zuweilen wurden die neuesten Nachrichten aus dem Fenster von unten nach oben mitgetheilt. Er widmete sich der Schule doch noch mit größerem Eifer, als ich; wenigstens kostete es ihm, da er mehr Schülerarbeiten corrigiren mußte, mehr Zeit, als mir. Er konnte nicht viel ausarbeiten, denn er arbeitete langsam. Er bewegte sich auf den Grenzgebieten der Philosophie und der Theologie. Später wurde er strenggläubig, damals war er das noch nicht. Die Freundschaft, die er mir erwies, die Nachsicht, die er mit meinen Fehlern hatte, macht mir ihn unvergeßlich; noch mehr jedoch der Kern seines Wesens, der mit allem Großen und Guten, was die Geschichte zeigt, verwandt war und anfangs mit idealem Schwung, später mit Unterordnung unter die Heilslehre der Kirche danach strebte. Unter anderen Differenzen, die zwischen unseren Urtheilen bestanden, betraf[38] eine den Werth Virgils. Er wollte meine welthistorische Combination, die Orient und Occident, Rom und Carthago und ein unermeßliches Weltgeschick poetisch ergriffen sah, doch nicht recht begründet finden; dagegen stimmte er mir ganz bei, wenn ich die homerischen Epen in ihre Theile zerlegte und, ohne dem Ursprunge aus mannigfaltigen Gesängen entgegenzutreten, doch auch die Einheit, die Ueberarbeitung und Composition nachzuweisen versuchte, wie denn eine Idee davon auch bei der ursprünglichen Hervorbringung einzelner Gesänge obgewaltet haben müßte. Ich machte den Entwurf davon, den Heydler acceptirte. Seine schriftstellerische Thätigkeit ist nicht über ein paar Programme hinausgegangen, doch habe ich Anfänge einer philosophischen Grammatik bei ihm gesehen, die mir bedeutend schien. An jenen nächtlichen Spaziergängen mit Stange nahm er seiner Zeit immer Antheil. Ich hatte zuweilen Ursache, auf ihre größere Intimität eifersüchtig zu sein; sie haben dann nach meinem Abgang an der Schule zusammengearbeitet und sie zu immer größerer Blüthe bringen helfen unter dem wackeren Director, der für den Einfluß Heydler's zugänglich war. Nach einigen Jahren hatten sich Poppo, Schmeißer und Stange verheirathet; Heydler verlobte sich erst, als ich abging. Die Zeiten eines nur den Wissenschaften und Ideen gewidmeten Zusammenwirkens wären damit vorüber gewesen, wenn ich auch nicht abgegangen wäre. Mich aber riefen nun meine Studien nothwendig an eine andere Stelle.
Ein unendlich leichter Uebergang führt von den philologischen und allgemein-wissenschaftlichen Studien, welche die historischen schon in sich begreifen, zu den eigentlich historischen. Mir wurde derselbe noch besonders dadurch vermittelt, daß ich die Aufgabe bekam, den Primanern Geschichte der alten Literatur vorzutragen. Dies aus den gewöhnlichen Handbüchern zu thun, widerstrebte aber meinem Sinn und Wesen. Ich glaubte zu bemerken, daß die Verfasser derselben nicht einmal die Vorreden der Autoren genau gelesen, geschweige denn die Werke selbst. Ich konnte diesem Mangel nicht so rasch, als ich gewünscht hätte, abhelfen. Welch eine Aussicht aber eröffnete sich von dieser Stelle auf die Historie und Literatur im allgemeinen! Dann aber folgten Studien der alten Historiker; gleichfalls in Beziehung zu den mir aufgetragenen Lehrstunden, aber doch in diesen engen Rahmen nicht zu fassen. Die alten Historiker wurden nun systematisch durchgelesen; denn nur im Thucydides war ich einigermaßen bewandert, Herodot las ich nun erst vollständig durch. Die Verbindung des Sagenhaften und Historischen übte ihre volle Wirkung auf mich aus; so die Anmuth der Sprache die Durchsichtigkeit der Darstellung, aber[39] hauptsächlich die unendliche Weltumfassung, die sich in diesem Grundbuch des historischen Wissens ausgeprägt hat. Die Bibliothek bot die Erläuterungen von Larcher, die der Uebersetzung ins Französische beigefügt sind, dar; aber wieviel ließen diese zum wirklichen Verständniß noch übrig! Die Erläuterungen Creuzer's über das ägyptische Alterthum führten um vieles tiefer ein; aber zu rechter Einsicht gelangte man doch nicht. Creuzer's übrige Arbeiten, namentlich über Symbolik und Mythologie, eröffnen einen Kreis des Wissens, der mir neu war; doch konnte ich auf diesem Wege nicht folgen, da sie mich zu sehr in Combinationen zu verwickeln drohten, in denen ich den Boden unter den Füßen zu verlieren fürchtete. Das war selbst der Fall mit Otfried Müller's hellenischen Stämmen und Städten. Unser Director war principiell dagegen; er zog die einschlagenden Abschnitte von Manso oder Göttling bei weitem vor. Für mich war zu viel Mythologie darin; aber die Verbindung derselben mit den Denkmalen aus alter Zeit, die Idee von gesonderten Stammeseigenthümlichkeiten, die in allen Vorstellungen über Gott und Welt mitspielen, und die Gelehrsamkeit an und für sich, welche aus den abgelegensten Regionen Erläuterungen herbeischaffte, erweckten meine Bewunderung, nicht jedoch Nacheiferung. Denn mein Sinn war von Natur mehr auf das eigentlich Historische, mehr auf das Verständniß der großen Begebenheiten selbst gerichtet, als daß ich mythologischen und municipalen oder localen Forschungen, selbst in dem Glanze, in dem sie bei Müller erschienen, volle Aufmerksamkeit hätte widmen mögen. Ich vermißte selbst bei Müller eine nähere Erörterung derselben, und blieb den mehr auf das Faktische bezüglichen Forschungen getreu. Der alte Meursius mit seinen Sammlungen wurde fleißig durchstudiert, obwohl es mir doch nicht gelingen wollte, aus den beigebrachten Notizen eine genügende Einsicht, z.B. in die attischen Zustände zu gewinnen. Und viel zu sehr war ich bereits von Thucydides und seinen weit über das Besondere hinausreichenden, große Ansichten eröffnenden Darstellungen selbst des höchst Speciellen erfüllt, als daß ich ihn nicht wie mit seinem Vorgänger, so mit seinem Nachfolger zu verbinden getrachtet hätte. Für die theosophischen Momente der griechischen Geschichte Xenophons, die doch an homerische und herodoteische Weltauffassung anknüpfen, war ich ganz besonders zugänglich. Neben alle dem Heidenthum webte doch gleichsam etwas, was der alttestamentlichen Auffassung historischer Zustände entspricht. Ich fühlte mich dadurch in einer positiv-religiösen Anschauungsweise bestärkt. Wer das so nach einander studiert, empfindet den ungeheuren Abstand der späteren Historiographie, die gleichsam aus[40] der Mitte weicht, welche alles erläutert und verständlich macht. Xenophon ist seinen Vorgängern bei weitem nicht gleich, doch erhebt er sich unendlich weit über die späteren. Ich konnte nicht begreifen, warum Niebuhr ihm so abhold war.
Erst unter den Römern erscheinen wieder ebenbürtige Genien. Ich brauche kaum zu sagen, wie sehr die ersten Bücher von Livius mich hinrissen. Die Vorrede wurde auch in der Schule mit Bewunderung, man möchte fast sagen Andacht gelesen. Die Mischung von Sage und Gedichte im ersten Buche hat, Herodot ausgenommen, ihres gleichen nicht und selbst mit Herodot verglichen den größeren historischen Inhalt voraus, der die Grundlage eines Lebens enthält, welches die Welt übermeistert hat. Der erste Blick lehrte, daß Dionysius von Halicarnaß hierin nicht zu vergleichen ist. Er hatte das Mitgefühl mit dem werdenden Rom nur, insoweit es einem Griechen möglich. Jedoch ich komme auf dieses Verhältniß besser später einmal zurück, wenn ich die Jahre erreiche, in denen ich tiefer eingehende Studien machen konnte. An den damaligen nahm auch mein Bruder Heinrich Antheil. Er hatte gegen Niebuhr noch mehr einzuwenden, als ich. Ich selbst folgte diesem möglichst und war nicht allein von der Tiefe und Vielseitigkeit der Forschung, die doch immer die Hauptsache im Auge behält, sondern auch von der Größe der Darstellung, wo eine solche versucht wird, imponirt. In die Untersuchungen über die streitigen Momente der Verfassung konnte ich ihm indeß nur wendig mehr folgen, als Otfried Müller in Beziehung auf die griechischen. Noch weniger Boeckh über den Staatshaushalt von Athen. Daß diese Männer lebten und ihre große eigenthümliche Begabung zur Erforschung der realen Zustände des Alterthums verwandten, war eine Erscheinung, die jene Jahre hindurch die mitstrebenden Jüngeren beherrschte und ihnen zugleich Respekt und Muth einflößte. Von Niebuhr wurde nun die Fortsetzung der Römischen Geschichte, die ihn bis in die Bürgerkriege geführt haben würde, aufs schmerzlichste vermißt; nicht allein weil sich sein System da erst erproben mußte, sondern weil er da erst einen seinem großen Talente entsprechenden Gegenstand gefunden hätte. Hierfür lag auch kein classisches Muster von weiterer Umfassung vor. Ich muß gestehen, daß mir die Abschnitte der allgemeinen Geschichte Johannes Müller's, welche diese Zeiten berühren, großen Eindruck machten; doch sind sie viel zu fragmentarisch und epigrammatisch, um zu einer genügenden Ansicht zu führen. Die classischen Autoren, die wir studierten, führen in jedem Momente weiter; ich beschäftigte mich viel und eingehend damit. Die Studien wendeten sich[41] nun auch auf Appian und Dio Cassius, die nichts Hinreißendes haben, aber die merkwürdigsten und bedeutendsten Notizen darbieten.
Bei weitem mehr beschäftigten wir uns mit Sallust und Cäsar. Die Catilinarische Verschwörung wird durch Auffassung und Darstellung eines zusammenhängenden Ganzen immer als ein Meisterstück betrachtet werden müssen; für den Charakter der römischen Historiographie ist das Werk in zwiefacher Hinsicht entscheidend. Es ist das erste Produkt der moralischen Geschichtschreibung, die hernach vorgewaltet hat. Es trägt eine Moralität vor sich her, von der es sehr möglich ist, daß der Autor in seinem Leben sie nicht darstellte; aber sie drückt den Genius Roms, wie er sich in diesen Conflicten der mächtigen Oberhäupter untereinander unter Einwirkung des Staates bildete, vollständig aus. Eine Idee, welche in der römischen Gesammtheit wirkte, ohne das Eigenthum jedes Einzelnen zu sein. Denn in allen literarischen Produktionen erscheint zugleich die Gemeinschaft des geistigen und moralischen Wesens. Wer wollte darauf schwören, daß Catilina grade so gewesen sei, wie er hier geschildert wird? Aber er erscheint, in seiner Abweichung von dem, was Sitte, Herkommen, Verfassung und selbst die Idee gebot, als ein repräsentativer Mensch. Er hätte, wenn er Meister geworden wäre, das römische Wesen von Grund aus zerstört. In Cicero erscheint die Conservation dieser Ideen und Sitten würdig und geschickt. Mag auch Cicero noch andere Eigenschaften gehabt haben, dies waren die vornehmsten. Er wird dadurch unsterblich, inwiefern ein nothwendiger Grundzug des allgemeinen Lebens in seiner Person erscheint. Mir lag nahe, mich auch um den Stil des großen Redners zu bekümmern. Ich fand in der Configuration der Sätze, ihrer inneren Struktur etwas, was ich sonst weder bei Lateinern noch Griechen anzutreffen gemeint hatte. Es ist die Verflechtung des Nebensächlichen in den Hauptsatz. Denn was man auch sagen mag, so kann sich Widerspruch erheben, oder wenigstens Zweifel an der Vollgültigkeit des Vorgetragenen. Bei Cicero findet sich nun, daß er die möglichen Einwürfe im voraus kurz und bündig beseitigt, was denn seinem Stil eine ungewohnte Fülle und etwas Mustergültiges für alle Zeit verleiht. Der gesunde Menschenverstand kommt in ihm auf eine glänzende, majestätische Weise zu Worte. Die Briefe sind dann für die Zeitgeschichte unentbehrlich; für die Geschichte einiger Jahre sind wir am meisten auf sie angewiesen. Sie dienen zur Ergänzung der Sallustischen Erzählungen nach allen Seiten hin.
Nun aber erhebt sich die Gestalt, vor welcher alles dieses republikanische Wesen erblich und zusammensank. Weniger jedoch waren[42] es die Werke Cäsars über die inneren Zustände und den bürgerlichen Krieg, was wir studierten; denn die Kriegshandlungen, welche sie auch da hauptsächlich schildern, sind es doch nicht, worin das Innere des Staatslebens sich entwickelt. Diese sind nur da an ihrer Stelle und verdienen nur da vollkommene Aufmerksamkeit, wo sie zu einem großen Resultat führen. Welches aber könnte größer und welthistorischer sein, als die Eroberung Galliens durch Cäsar, der damit eigentlich das weströmische Reich gegründet hat, und sein Zusammentreffen mit anderen Volkselementen, die er nicht überwand? Die Schilderungen des keltischen Staatswesens in dem Inneren von Gallien und des benachbarten germanischen gehören zu den bedeutendsten Dokumenten aller Zeiten; denn Cäsar schilderte nur, was er sah und erlebte. Dies scharfe Beschränkung auf das genau Bekannte in präciser lichtvoller Sprache giebt seinem Werke seinen eigenthümlichen Charakter und seinen Werth. Die gallischen Kriege Cäsars sind der Grundtext der späteren Geschichte von Europa. Die Jugend kann nun wohl nicht an jedem, was er schildert, theilnehmen; selbst ein gereiftes Alter kann das nicht, es gehört dazu eine mehr kriegsmännische Befähigung; aber mit dem größten Interesse vermag doch ein jeder den allgemeinen Gang der Unternehmungen, die Erfolge der verschiedenen Feldzüge, die Siege, das Aufwogen des altkeltischen Volksgeistes dagegen und dessen Ueberwältigung zu verfolgen. Das Buch ist symbolisch für die Welteroberung und die Gründung des Kaiserthums überhaupt.
Als nun aber das Kaiserthum gegründet war, was wurde daraus? Tacitus stellt es dar, und zwar nicht als ein Lobredner des Siegers durch und durch, sondern zugleich als ein Gegner desselben im Innern und nach Außen. Was sich bei Cäsar nur als ethnographische Notiz über die Germanen findet, wird bei Tacitus eine mit Bewunderung durchdrungene Schilderung ihrer Sitte. Der moralische Ton der alten Historiographie, wie ihn Sallust angeschlagen, erscheint bei Tacitus in höherer Potenz. Wofür sich in Rom kein Platz mehr fand, das moralische Ideal, erschien in den barbarischen Völkern germanischen Ursprungs in vollem Dasein. Cultur und Moral trennen sich gleichsam; jene macht mit der Verderbtheit, diese mit uranfänglichen Zuständen, die man als roh bezeichnen kann, gemeinschaftliche Sache: in diesem Gegensatz, der die folgenden Jahrhunderte beherrscht hat, erscheint Tacitus fast als Prophet und zwar als ein vorwärts gewandter. Ganz in diesem Gefühl ist der Agricola geschrieben, es ist der Gegensatz des ungebrochenen altrepublikanischen Geistes, inwiefern er damals noch existirte und hätte er nicht existirt, wie hätte Tacitus schreiben können[43] gegen den Despotismus der Julier? So sind aber auch Annalen und Historien geschrieben; grade in diesen Gegensätzen liegt ihr Leben. Die Cultur mit Verderbtheit, mit Despotismus im Bunde führt zu den tragischen Ereignissen, in deren Schilderungen Tacitus unübertrefflich ist. Keine Zeit hat etwas hervorgebracht, was dem gleich wäre, was Tacitus über den Tod der Agrippina geschrieben hat. Er ist zugleich höchst gegenständlich, von allen Historikern, die jemals gelebt, der am meisten malerische; auch keine spätere Zeit wird etwas dem Gleiches hervorbringen. Die Dinge begegnen in der Welt nur einmal in voller Prägnanz ihres Daseins; so mögen sie denn auch, wenn das Glück der Zeiten es will, nur einmal dargestellt werden.
Ich war mitten in diesen Studien begriffen, als mein Bruder Ferdinand, der damals in Halle studierte, mich besuchte; ein jugendlich emporkommender, prächtiger, liebenswürdiger junger Mann, der in seinen philologischen Studien lebte und webte und sich mir mit vollem Herzen anschloß. Wie oft haben wir bei einer Tasse Kaffee schwierige Stellen des Tacitus einander zu erklären versucht; wie oft im Grase liegend einen alten oder neuen Classiker gelesen und uns seiner erfreut! Tacitus wurde durch und durch excerpirt.








Vorwort


Jahre der Kindheit


Aufenthalt auf zwei Klosterschulen


Universitätsjahre


Frühzeitiges Schulamt






 2. Dictat vom Mai 1869.













Aufenthalt in Frankfurt a.O.






 3. Dictat vom December 1875.










[44] Ich bin nun nahe daran, mein achtzigstes Jahr zu vollenden. Welch eine Periode von großen Wechselfällen, entscheidenden Ereignissen, die zwischen 1795 und 1875! So unbedeutend das einzelne Leben auch ist, so erfährt es doch in jedem Augenblick die Rückwirkung der allgemeinen Angelegenheiten. Was sonst eine Anmaßung wäre, die großen Begebenheiten mit seinem Leben in Verbindung zu bringen, ist doch andrerseits wieder unerläßlich und gleichsam eine Pflicht der Reminiscenz.
Meine Geburt fiel noch in das Jahr 1795, in welchem sich die allgemeinen und deutschen Angelegenheiten insofern fester gestalteten, als die Idee, die Revolution zu überwältigen, aufgegeben wurde und das System der preußischen Neutralität sich bildete. Unter diesen Eindrücken wuchs ich auf, da auch das Kurfürstenthum Sachsen, dem ich angehörte, die preußische Politik vollkommen theilte. Auch in das Städtchen, das wir bewohnten, und das, wie oben berührt, viel inneres Leben hatte, drangen die Beziehungen der öffentlichen Angelegenheiten ein: der Name Napoleon blieb uns nicht unbekannt. Die Kinder empfingen den Eindruck einer außerhalb unserer Beziehungen emporgekommenen ungeheuren Gewalt, die jedoch nicht als feindselig betrachtet wurde, sondern nur durch ihre Großartigkeit imponirte. Ich erinnere mich der Mittagstafel auf dem großväterlichen Gute bei Querfurt, wo ein gelehrter Candidat es versuchte, den Namen zu erklären. In unmittelbarster Nähe berührten uns die Ereignisse von 1806. Zum erstenmal erschienen die preußischen Regimenter vor dem Ort; unsere[45]  Husaren brachen auf, um ihnen zur Seite den Kampf gegen Napoleon zu bestehen. Am 14. Oktober waren wir in größter Aufregung, die älteren Knaben, denen ich mich zugesellte, glaubten Kanonendonner zu hören, wenn sie Löcher in die Erde gruben; ich vernahm nichts davon. Aber baldigst erschienen Wagenreihen, die den Rückzug ankündigten. Nach einigen Tagen erschienen die französischen Chasseurs; sie wurden als fremde Soldaten, die sich aber hervorgethan hatten, aufgenommen, mit Furcht, aber ohne Haß. Für uns hatte es nun die größte Bedeutung, daß zwischen Sachsen und Frankreich Friede geschlossen wurde; dem Kurfürstenthum gesellten sich die thüringischen Fürstenthümer bei. Ich besinne mich wohl auf den gothaischen Offizier, ich denke einen Seebach, der uns auf dem Marktplatz in Wiehe, noch zu Pferd, dies Ereigniß erzählte. Eine Anzahl übelwollender Flugschriften und Gedichte gegen den König von Preußen trugen dazu bei, die Population Preußen zu entfremden. Ich erinnere mich, daß ich doch vielen Ärger dar über empfand. Die Erhebung des Kurfürstenthums zum Königreich machte dagegen doch einen guten Eindruck. Das Einverständniß mit Frankreich erhielt die Schulen, die ich zu besuchen anfing, in der Ruhe, die für die Studien nothwendig war, in lebendiger, aber doch sehr unparteiischer Theilnahme. Auf mich machte fast mehr der Ton der Bulletins, als ihr Inhalt, Eindruck. Mit der Bewegung des Kampfes aber stieg auch die allgemeine Theilnahme für oder wider; wobei denn mehr von den französischen Marschällen und ihrem Kaiser, als von den Schicksalen von Europa die Rede war. Aber in kurzem vernahmen wir auch andere Stimmen; ich las gerade den Agricola des Tacitus und war sehr in meiner Seele bewegt, als ich die Gedanken einer britischen Königin in den Proklamationen der Alliirten wiederfand. Mein besonderer Patron, der Mathematicus Schmidt, war sehr französisch gesinnt; denn er schrieb Napoleon eine universalhistorische Mission zu; aber in der Jugend regte sich doch das lebendigste Mitgefühl für die deutsche Sache. Mein Freund und Gönner, der Collaborator Wiek, billigte sehr meine Vergleichung des Widerstandes der Briten gegen die Römer und der Alliirten gegen die Franzosen. Dort an der großen Landstraße stießen dann die großen Gegensätze sehr nahe auf einander. Wir sahen Napoleon auf seinem Marsch nach Lützen, hörten aber nach einigen Monaten den Bericht mit an, welchen General Thielmann, der mit den Sachsen zu den Verbündeten übergegangen, über die Erfolge der Schlacht von Leipzig vor der Pforte laut verlas.
Meine ersten Universitätsjahre wurden dann von lebendigster[46]  Theilnahme an dem Fortgang dieser Begebenheiten und ihrer Entscheidung bei Belle-Alliance erfüllt, die dann jedem Einzelnen mehr galten, als seine persönlichen Erlebnisse. Man begreift nun wohl, daß bei allem Fleiß, bei aller Hingebung an die Studien des Alterthums, doch auch die großen Ereignisse, die sich vollzogen, den Geist ergriffen und dazu beitrugen, ich will nicht gerade sagen, ihn durchzubilden, noch weniger zu retardiren, aber ihm eine Richtung auf das öffentliche Leben zu geben. Von besonderer Bedeutung war es nun für uns, daß die thüringisch-sächsischen Lande durch den Frieden an Preußen fielen. Wenn man an der Universität Leipzig das auf das bitterste empfand, so war mein Vater doch dafür. Er hatte alle die Unannehmlichkeiten, die mit der sächsischen Justizverwaltung, der er angehörte, verknüpft waren, persönlich empfunden und zog das Landrecht den sächsischen Gesetzen, die preußische Prozeßordnung, in die er sich nur mit Mühe fand, der sächsischen Justizverfassung vor. Es war ihm sehr erwünscht, daß ich meine erste frühe Anstellung in Preußen fand; für mich selbst hörte jede weitere Rücksicht auf abweichende Verhältnisse auf. Die Erzählungen, die ich von denen, die an den Feldzügen Theil genommen, also aus erster Quelle vernahm, waren sehr geeignet, meine junge Seele mit deutsch-patriotischem Eifer zu erfüllen. Eine Gefahr trat hiebei ein, von dem excentrischen Eifer, den diese Gefühle hervorbrachten, fortgerissen zu werden. Vater Jahn erschien auch in Frankfurt; mein jüngerer Bruder wurde von den Ideen, die sich in ihm verkörperten, unwiderstehlich fortgerissen und folgte ihm auf eine kurze Zeit nach Berlin. Ich war empfänglich dafür, aber doch nicht in so hohem Grade; doch war auch dafür gesorgt, daß ich nicht etwa der entgegengesetzten Partei beifiel. Durch die gewaltsamen Rezessionen, von denen ein Theil meiner Freunde betroffen wurde, wurde ich nothwendig abgestoßen.

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Von dem größten Einfluß war es aber auf Gesinnung, Leben und selbst die Studien, daß die Restauration eine Reihe von Jahren die Oberhand behielt. Die historischen Studien haben sich eigentlich in dem Widerspruch gegen die Alleinherrschaft der napoleonischen Ideen entwickelt. Auf diesem Grunde beruhte die große Wirkung, welche Niebuhr's römische Geschichte innerhalb und außerhalb der gelehrten Kreise hervorbrachte. Das besondere Leben im Gegensatz gegen eine allgemeine Herrschaft und die inneren Bedingungen einer großartigen Staatsentwicklung riefen einen allgemeinen Wetteifer selbst in der gelehrten Literatur hervor. Otfried Müllers Arbeiten sind aus demselben Grunde hervorgegangen; die Vorlesungen, welche Steffens in[47]  Breslau hielt, sind auf Müller nicht ohne Einfluß geblieben. Die abstruse Gelehrsamkeit verband sich mehr oder minder mit einem politischen Zuge. Der Gegensatz wurde durch Philosophie und Theologie nicht etwa geschlichtet, sondern tiefer angeregt. Man befand sich in der Mitte lebendiger Bewegung nach allen Seiten hin. Als junger Professor in Berlin lebte ich in der Mitte derselben, ich ergriff die Studien der neueren Geschichte mit wissenschaftlichen Tendenzen, die ich in denselben noch vermißte, Studien, die mich nach Wien und dann nach Italien führten.
In Wien war die literarische Bewegung bei weitem gebundener, als in Berlin; das legitimistische System beherrschte die Geister oder suchte sie zu beherrschen. Ich hatte das Glück, mit Friedrich Gentz in eine ziemlich nahe Beziehung zu kommen; er galt als eines der Oberhäupter der sogenannten Ultras und hielt an den antirevolutionären Doktrinen eifrig fest; aber er war ein Mann von Geist, der ganz in seiner Weltstellung lebte und sie jeden Augenblick überschaute. Ich besuchte ihn alle Woche einmal, in einer Abendstunde. Politische Unterhaltung war ihm eine Art von Bedürfniß, und, wie man weiß, er sprach sehr gut. Die allgemeine Situation war keineswegs mehr so beschaffen, wie sie in Folge des sogenannten heiligen Bundes in Aussicht genommen war; die Erhebung der Griechen unter der Unterstützung von England hatte alle Gemüther in neue Richtungen getrieben. Mit den Griechen und ihren Protectoren kam ich nicht in Verbindung; wohl aber mit den Serben, die demselben System, aber auf eine andere Weise angehörten. Es war mir ebenso anziehend, wie belehrend, den Ursprung der serbischen Bewegung aus unmittelbarer Mittheilung kennen zu lernen, unbekümmert, was man in Wien darüber dachte. Meine italienischen Studien, die ich in Berlin begonnen, setzte ich mit immer wachsendem Eifer fort; denn noch war das venetianische Archiv großentheils in Wien: es bot mir die nächste Ausbeute. Aber zugleich vertiefte ich mich in das Element der slavischen Bewegung in der Türkei; ich fing an Serbisch zu lernen, wiewohl nicht mit großem Succeß, da die Information, die ich bekam, in deutscher Sprache gewährt wurde. Aus dem Gespräche von Gentz nahm ich ab, daß das Verhältniß der großen Mächte keineswegs ein sehr einmüthiges war. Die Notizen, welche einige Jahre später das Portefolio publicirte, und die dann das allgemeine Erstaunen hervorriefen, waren mir bereits damals durch Gentz nicht vorenthalten worden. Er sprach oft unter dem Eindruck der letzten Depeschen aus St. Petersburg, deren Inhalt und Ton er gleichmäßig perhorrescirte.[48]  In diesem Zustande der großen Angelegenheiten, der mir wenigstens nicht fremd war, reiste ich nach Italien.
Die Zustände in Venedig repräsentirten noch ganz das alte System; meine Wirthin hatte noch den letzten Dogen gesehen. Die Erinnerungen an San-Marco waren noch nicht verloschen, und ich lebte und webte, wie sich denken läßt, in dem Mitgefühl mit der alten Republik. In diesen Directionen war es keine Störung, daß der Kronprinz von Preußen eintraf, mit jugendlicher Lebendigkeit für Alterthum und Kunst eingenommen und die Hoffnung, daß er das Alte aufrecht erhalten und neu beleben werde. Man konnte an den Idealen der Restaurationsepoche festhalten, der es gelungen war, über die griechischen Zerwürfnisse hinwegzukommen. Mir wurden die Griechen erst in Venedig lebendig, bei denen es nicht geringen Eindruck machte, daß Professor Reisig, der eben angekommen war, leider um daselbst zu sterben, das Altgriechische so gut sprach oder noch besser, als sie selber. Ich werde mir die Mühe nehmen müssen, diesen Aufenthalt einmal ausführlicher zu schildern. Hier will ich nur den politischen Horizont bezeichnen, unter dem ich dann nach Florenz und Rom ging. Wir waren im Jahr 1829, und alles war mit den großen Gegensätzen der Restauration und der Revolution beschäftigt, die damals Frankreich agitirten und durch die französischen Zeitungen aller Welt mitgetheilt wurden. In der Gesellschaft, die ich zu Rom sah, regte sich die Meinung, daß es mit der älteren Linie der Bourbonen doch nicht gehe und daß sich unter der Hand die Herrschaft der Orleans in Frankreich vorbereite, von denen man annahm, daß sie etwa die Politik Wilhelms III. in England einschlagen würden. Einen positiven Anhalt hatte das nicht, und das System der Restauration erschien in aller Welt zu gut befestigt, als daß man einen baldigen Umsturz hätte erwarten können. Aber er vollzog sich in dem folgenden Jahr, plötzlich, gewaltsam, durchgreifend. Karl X. mußte die Flucht ergreifen; Louis Philipp von Orleans trat wirklich an seine Stelle. Es lag nun nicht so sehr an der inneren Schwäche der Restaurationsideen, als an dem veränderten Zustand von Europa überhaupt, den Mißverständnissen, die zwischen Oesterreich, Rußland und England eingetreten waren, daß man wohl einen Augenblick daran denken konnte, einen conservativen Kreuzzug gegen die neue französische Regierung zu unternehmen, ihn in der That aber nimmermehr auszuführen im Stande gewesen wäre. Bei meinem zweiten Aufenthalt in Venedig im Jahr 1830 waren die Beamten des dortigen Archives und viele andere in der Stadt der Meinung, daß dies dennoch geschehen müsse, weil nur so die Continuation[49]  des Alten und Neuen aufrecht erhalten werden könne. Aber ganz an ders war der Lauf der Dinge: die revolutionären Sympathien breiteten sich jeden Augenblick weiter aus und behaupteten sich auch außerhalb der französischen Grenzen in Belgien; ihre Analogien triumphirten in England, sie bedrohten die deutschen Fürstenthümer und Regierungen. Anders war es nicht, als daß der Gegensatz der beiden Systeme, welche die Welt umfaßten, nochmals durchgekämpft werden mußte; nicht jedoch in der früheren Weise, durch einen weltumfassenden Krieg aller Mächte, sondern durch innere Bewegung.


Dies war die Signatur der Periode, die mit dem Jahre 1830 eintrat. Kein lebender Mensch konnte sich diesem großen Streite entziehen; auf eine oder die andre Weise mußte ein jeder Partei nehmen. Bei meiner Rückkehr nach Berlin, im Frühjahr 1831, wo ich nun wieder das Katheder bestieg, wurde ich mitten in diesen Streit gezogen und hielt mich sogar für verpflichtet, durch eine historisch-politische Zeitschrift an demselben Theil zu nehmen. Die Richtung, die ich einschlug, war nun aber weder Revolutioun noch Reaction. Ich hatte das kühne Unterfangen, zwischen den beiden einander in jeder öffentlichen oder privaten Aeußerung widerstrebenden Tendenzen eine dritte zu Worte bringen zu wollen, welche an das Bestehende anknüpfte, das, auf dem Vorangegangenen beruhend, eine Zukunft eröffnete, in der man auch den neuen Ideen, insofern sie Wahrheit enthielten, gerecht werden konnte. Das Unternehmen ging eigentlich über meine Kräfte; wie sehr sah ich mich getäuscht, wenn ich gemeint hatte, eigentlich müsse mir jedermann beistimmen! Ganz das Gegentheil geschah: meine früheren Freunde, wie Varnhagen und Alexander von Humboldt, die das Heil der Welt in dem Fortschritt der Revolution sahen, bezeigten mir Ungunst und Entfremdung. Meine damaligen Freunde, Radowitz und Gerlach, die sich soeben ein Organ in dem politischen Wochenblatte erschaffen hatten, duldeten mich nur eben, weil ich der Revolution nicht ganz beifiel. Einen Trost und eine Stütze fand ich in dem Beifall von Männern wie Eichhorn1, Savigny, Schleiermacher, die mich möglichst unterstützten. Die beiden ersten bildeten meine tägliche Gesellschaft. Fast noch eine größere Rolle aber spielte die Bekanntschaft mit Ancillon, den ich in Venedig kennen gelernt hatte, und um den sich dann wieder eine conservative Gesellschaft[50]  gruppirte. In Ancillon repräsentirte sich noch einmal Sinn und Art der französischen Kolonie in Berlin: in allgemeiner Bildung, einer immer gegenwärtigen Kunde der Ereignisse der Geschichte, sowie der Dogmengeschichte der Philosophie suchte er seinesgleichen. In seinen Gesprächen war er bei weitem conservativer, als in seinen Schriften, doch hielt er auch an denen fest. Nicht selten sah er den König, beinahe täglich seinen Zögling, den Kronprinzen, der dann fortfuhr, an allen Produktionen der Literatur und Kunst unter Ancillons Mitwirkung, der alle Abende vorlas, den lebendigsten Antheil zu nehmen.
Mir konnte nun nicht entgehen, daß eine vorzugsweise politische Schriftstellerei meinen Beruf doch nicht erfülle. Das Beste, was in der Zeitschrift vorkam, war doch eigentlich historisch. Meine ganze Seele trieb mich, die historischen Arbeiten, zu denen ich das reichste Material mit nach Hause gebraucht hätte, nun auch an den Tag zu fördern. Ich schrieb die Geschichte der Päpste, noch unter dem Eindruck meines Aufenthaltes in Italien, namentlich in Rom. Auffallend war es mir, daß Bunsen, der sonst meine Stellung theilte und auch meine politischen Arbeiten billigte, mit dem ersten Band der Papstgeschichte nicht zufrieden war. Er meinte, nicht der romanischen, sondern der germanischen historischen Entwickelung müsse sich die Arbeit des Historikers widmen. In dem zweiten Theil der Päpste war ich genöthigt, nur zu viel auch von der deutschen Geschichte zu sprechen. Die ›Arbeit hatte das Gute, daß sie mich in voller Anschauung der allgemeinen Verhältnisse erhielt. Der Beifall, den sie im allgemeinen fand, und selbst die Widerrede, die sie hervorrief, waren für mich dadurch bedeutend, daß sie auch mir eine Stellung in den all gemeinen Bestrebungen und Streitigkeiten der Welt verschafften. Ich hatte mich der äußersten Unparteilichkeit beflissen, ohne doch das Positive aufzugeben; ein Sinn, in welchem ich nun auch meine Vorlesungen hielt, die jetzt mehr Anklang fanden, als früher. Die Zustände von Berlin in den letzten Jahren Friedrich Wilhelms III. beruhten darauf, daß die revolutionären Tendenzen literarisch einwirkten, aber auch literarisch bekämpft wurden. Doch ging die Bedeutung der Männer, die an der Universität zusammenwirkten, nicht ohne stetes Widerstreben gegen einander, weit über diesen Gegensatz hinaus. Es waren Männer vom ersten Rang, die Universität stand in ihrer vollsten Blüthe; denn die Wissenschaft wird von den Gegensätzen der Politik zwar berührt, aber geht nicht in derselben auf. Das eigene Leben der historischen Wissenschaft[51]  war ich bemüht durch die historischen Uebungen zu fördern, die dann den glücklichsten Erfolg hatten.
Als der dritte Band der Päpste erschienen war, ging ich einst mit Savigny in seinem Garten auf und ab, und er fragte mich, was ich nun zuerst unternehmen wollte. Mein Entschluß war bereits gefaßt. Ich hatte das innere Bedürfniß, der Geschichte des Katholicismus die der Ursprünge des Protestantismus zur Seite zu setzen, und wie denn nach meiner Sinnesweise die gründlichsten Studien allem anderen vorangehen mußten, so hatte ich bereits Materialien gefunden, welche zu einer neuen Arbeit eine sichere, weitreichende Grundlage bilden konnten. Es waren die Reichstagsakten der Stadt Frankfurt a.M.; denn nur aus der Coincidenz der religiösen und politischen Bestrebungen ließ sich das große Ereigniß der Reformation der Kirche einigermaßen begreifen. Andere Informationen lieferten die Archive von Berlin, Weimar, Dresden, wozu dann die voluminösen theologischen Werke hinzukamen. Ich fühlte mich oft nicht ganz behaglich in der Composition von Reichstagsakten und Theologumenen; auf der anderen Seite war wieder mein ganzes Interesse dabei. Doch ich halte inne. Ich will nur noch mit einem Worte berühren, daß, während ich arbeitete, in Berlin der Horizont sich dadurch vollkommen veränderte, daß Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg. Er war ganz der Mann der Zeit, d.h. er lebte und athmete in den großen Gegensätzen; aber er hatte zugleich Partei genommen für das Positive und das Historische. Er meinte seinem Staat und der protestantischen Kirche eine Stellung auf immer sichern zu können, indem er doch den Formen, welche die Epoche forderte, näher trat. Allein nicht die Formen allein begehrte die revolutionäre Tendenz, sondern zugleich das Wesen. Eine neue Epoche trat durch die Revolution von 1848 ein: die Impulse, die sich im Jahre 1830 erhoben hatten, bekamen jetzt die Oberhand; und nicht auf immer konnte der ausgebrochene Kampf durch friedliche Mittel geführt werden. Wer hätte daran nicht in seiner ganzen Seele Theil nehmen sollen? Jeder Anmuthung, das Wort noch einmal zu ergreifen, wich ich beharrlich aus. Es lag mir mehr daran, die großen historischen Erscheinungen, die auf denselben Gegensätzen beruhen, zur Anschauung zu bringen: die Entwickelung des preußischen Staates, die Bildung der französischen Macht, endlich die Geschichte des 17. Jahrhunderts in England.

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Mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. trat der Gegensatz der constitutionellen und ständischen Tendenzen in Evidenz.[52]  Auf den Geist der Zeit aber hatte der Unterschied, den der König mit Recht machte, doch keine eigentliche Rückwirkung; vielmehr wurden die Zeitgenossen von einem neuen großen Gedanken erfüllt, der an die frühere Epoche anknüpfte und dessen Realisation man vom König erwartete: dem Gedanken der deutschen Einheit. Der König lebte und webte in demselben; aber bei jedem Schritt wurde er durch Rücksicht auf Oesterreich verhindert vorzuschreiten, was denn die Agitation nothwendig vermehrte. Meinerseits war auch ich von diesem Gedanken nicht unberührt geblieben; ich glaubte vielmehr in der Geschichte der Reformation den Akt des deutschen Geistes zum Bewußtsein gebracht zu haben, durch welchen die Nation ihre innere Einheit am meisten documentirt hatte; denn der Protestantismus galt eine ganze Periode hindurch als die deutsche Religion. Aber die deutsche Idee war in den folgenden Zeiten durch die großartigsten Anstrengungen von der anderen Seite her zurückgedrängt, selbst in sich gebrochen worden, so daß sich die historische Aufmerksamkeit, selbst ohne persönliche Beziehung, dem Staate zuwandte, in welchem der protestantische Gedanke die größte politische Energie entwickelt hatte. Ich hatte Freunde, welche in der preußischen Geschichte gleichsam den zweiten Theil der Reformationsgeschichte erblickten. Indem ich mich diesem Stoff zuwandte, mußte ich jedoch inne werden, daß er auch noch ganz andere Lebenskräfte in sich trug, die ihn wieder beschränkten. Ich mußte vor allem das partikularistische Leben des preußischen Staates zu begreifen und darzustellen suchen, wodurch denn die Persönlichkeit des großen Königs, in der es sich in der Welt geltend machte, in den Vordergrund trat. König Friedrich Wilhelm IV. war, so viel ich bemerkte, wenn ich ihn dann und wann einmal sah, was doch nur selten geschah, mit diesem Vorhaben nicht ganz einverstanden. Seinen Beifall gab er mir erst zu erkennen, als ich in dem dritten Bande die deutschen Fragen näher berührte: er meinte, das Buch werde nun eben ganz deutsch. Er faßte die Deutschheit jedoch anders, als die Zeitgenossen, lediglich von conservativer Seite: Aufrechterhaltung des Bundes, Erneuerung der ständischen Rechte, die zwar die Bureaukratie, aber nicht die Monarchie beschränken sollten, eine Ordnung der Dinge, welche schlechterdings nicht französisch sein sollte – darin sah er die Deutschheit. Durch die Revolution von 1848 wurde er aber inne, daß die entgegengesetzten Elemente stärker waren, als er gedacht hatte; er hatte die Welt seinen Ideen zu unterwerfen gemeint, sah sich aber bald in die Vertheidigung zurückgeworfen.[53]  Dann aber gewannen die allgemeinen Ereignisse noch eine andere Direction. Aus der Julimonarchie entstand die Republik, aus der Republik ging die Autorität des dritten Napoleon hervor; und nochmals schien dann ein Kampf mit Frankreich bevorzustehen. Ich hatte diese Idee dem König schon im Mai 1848 angedeutet; daß sie sich im December realisirte, erwarb mir seine Gunst. Erst seitdem habe ich ihn öfter gesehen. Ich hatte indessen, nicht so sehr von den Ereignissen angeregt, als in Folge der Gesammtheit meiner historischen Studien, die französische Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts zu schreiben unternommen. Ich hatte sie dem König Friedrich Wilhelm IV. in den Abendstunden größtentheils vorgelesen; ich fand in ihm den aufmerksamsten und einsichtsvollsten Zuhörer. Seine Bemerkungen machten mich zuweilen bedauern, daß das Buch schon gedruckt war; ich hätte sie sonst hie und da verwerthen können. Er war voll kommen einverstanden damit, als ich ihm endlich anvertraute, daß ich nunmehr an die englische Geschichte zu gehen gedächte. Er sprach die Hoffnung aus, daß ich damit vielleicht durchdringen könne, und gab mir, als ich im Jahre 1857 nach England reiste, einen Empfehlungsbrief an Prinz Albert, der mir dann meinen Weg einigermaßen erleichtert hat.
Schon aber waren seine Tage gezählt. Seine letzten Lebensjahre waren durch die Verwickelungen des Krimkrieges getrübt, die er nur immer aus dem Gesichtspunkt des allgemeinen Kampfes gegen die Revolution und das neue Napoleonische Reich betrachtete. Aber alle diese Fragen, die deutsche und die allgemeine sowie die constitutionelle, ließ er seinem Nachfolger zurück, der dann, auf dem einmal gelegten Grunde fortbauend, doch eine mehr, wenn wir so sagen dürfen, nach der Linken hingewandte Richtung nahm, d.h. der öffentlichen Meinung einen größeren Einfluß gestattete. Auf dieser leichten Wendung, die zugleich eine Abweichung in der religiösen Ansicht, eben auch nur eine Modification, zur Grundlage hatte, beruht dann die weitere Entwickelung der Welt. Wir sind zur Entscheidung in den beiden Hauptfragen gelangt, der deutschen und der europäischen. Noch einmal ist es zum Kampf zwischen Oesterreich und Preußen gekommen: die Schlacht von Sadowa hat zwischen ihnen entschieden und dann zugleich Zustände herbeigeführt, in denen es möglich wurde, den von Frankreich angebotenen Kampf aufzunehmen und auf das glücklichste auszuführen. Was Friedrich Wilhelm II. im Jahre 1792 unternommen, wovon er aber im Jahre 1795 abstand, das wurde im Jahre 1870 von seinem Enkel ausgeführt. Zwisten diesen Momenten[54]  hat sich mein Leben bewegt. So großartig sie sind, so denke ich doch, daß es von denselben nicht beherrscht worden ist; es hat auch seine eigene innere, von allen äußeren Ereignissen unabhängige Bewegung gehabt und sein eigenes Ziel verfolgt. Der allgemeinen Strömung, welche gegen die nächste Vergangenheit wieder ungerecht wurde, setzte ich den Briefwechsel des Königs Friedrich Wilhelm IV. mit Bunsen entgegen.
Fußnoten

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1 d.h. Joh. Albr. Eichhorn, der spätere Minister, nicht der Rechtshistoriker Karl Friedr. E., wie S.W. XLIXL Vorrede S. X Anm. 1 irrig angenommen worden.


4. Dictat vom November 1885.

[55] Ich bin in dem Jahre geboren, in welchem der Friede von Basel geschlossen worden ist, der erste Versuch einer Abkunft zwischen dem durch die Revolution umgestalteten Frankreich und dem preußischen Staate, der die conservativen Principien der europäischen Welt in sich trug; mehr ein Versuch der Verständigung, als ein Friede, bei dem die beiden entgegengesetzten Elemente ein Jahrzehnt einander gegenüber bestanden. Man verzeihe mir, wenn ich meine geringfügige Existenz mit den großen Angelegenheiten der Welt in Verbindung bringe; aber anders ist es einmal nicht: jedermann lebt unter dem Einfluß der Gestirne, welche die Welt beherrschen. Das erste Jahrzehnt meines Lebens brachte ich in dem Frieden zu, den das Kurfürstenthum Sachsen, welchem der Ort meiner Geburt angehörte, damals nach innen und außen genoß; es war mit Preußen in engen Bund getreten. Es war ein Stillleben einziger Art, in welches jedoch die Beziehungen zu der literarischen Bewegung jener für Deutschland classischen Epoche zuweilen hereinspielten. Ich besinne mich, daß eines Tages ein Hausgenosse, den ich gern besuchte, mich vor ein Bild, das unter dem Spiegel hing, führte, um mir zu sagen, der Mann, den es darstellte – es war Schiller –, sei eben gestorben. Er bezeichnete ihn als den größten Mann in Deutschland. Das Jahr 1806 erlebte ich in voller Besinnung des Geistes. Ich erinnere mich sehr wohl, wie zuerst ein preußisches Reiterregiment vor dem Städtchen vorüberzog, denn der eigentliche Durchzug wurde vermieden. Auch die Husaren, die am Orte lagen, rüsteten sich, ins Feld zu rücken; alles erwartete eine allgemeine Entscheidung. Am 14. October hatte man eine Ahnung von[56] der Schlacht von Auerstädt. Wir Knaben liefen auf das Hohenroth, eine benachbarte Anhöhe; einige von uns gruben sich in die Erde und meinten da wirklich Kanonendonner zu vernehmen. Ich bekenne: ich habe nichts gehört. Aber nur zu bald bekamen wir die Entscheidung zu erfahren. Das erste Zeichen davon gab eine lange Reihe von Wagen, besonders mit Damen besetzt, die den Rückzug angetreten hatten; dann trafen Flüchtlinge ein, die mein Vater in das Wohnhaus aufnahm und an unserer runden Tafel bewirthete. Gleich darauf aber erschienen die ersten Franzosen. Wie man an den preußischen Reitern die Todtenköpfe bewundert hatte, so erregten nun die französischen Chasseurs die Aufmerksamkeit der Jugend. Man fing an, Preußen und Sachsen zu unterscheiden und die Niederlage als eine eigentlich preußische anzusehen. Wovon man keine Ahnung haben konnte, das war nun doch geschehen: die Entscheidung zwischen den beiden großen Elementen der Welt war erfolgt. Sachsen wurde im ersten Augenblick doch nur mäßig davon betroffen.
Für mich waren die Jahre gekommen, in denen ich meine Studien über den Horizont des Rectors und Kantors von Wiehe erhob. Ich besuchte nacheinander die beiden Klosterschulen Donndorf und Pforte, die noch ganz den alten Stil des Unterrichts an sich trugen, aber mir eine neue Welt öffneten, in der ich athmete und lebte. Die Weltereignisse fanden auch hier einen gewissen Widerhall. Während wir uns in Donndorf mit den Sagen der homerischen Welt beschäftigten, machten doch auch die Napoleonischen Proclamationen, die wir zu lesen bekamen und die wir zuweilen auf den Schiefertafeln nachkritzelten oder nachahmten, den größten Eindruck. Was dann dort begonnen war, setzte sich in Pforte in höherem Tone fort. Ich kann nicht beschreiben, wie viel ich der Schulpforte zu danken habe; nicht gerade dem Unterrichte selbst, aber dem Geiste, der über der Anstalt schwebte und in die Tiefe der classischen Studien versetzte. Ich habe da den größten Theil der Dichter des Alterthums in beiden Sprachen durchgelesen, unter der Führung eines jungen Lehrers auch die Tragiker; selbst Pindar habe ich berührt. Virgil wußten mehrere von uns in ganzen Büchern herzusagen. Unter den Historikern war der vornehmste von allen auch der erste, mit dem wir Bekanntschaft machen konnten. Darauf folgte dann der große Umschlag des Napoleonischen Gestirns im Jahre 1812. Ich studierte eben den Agricola des Tacitus, als die populären Bewegungen, welche die Niederlage der Franzosen herbeirief, bekannt wurden. Ich wurde frappirt von der Identität der Gesichtspunkte, welche Tacitus der Königin Boadicea zuschreibt. Der[57] innere Bezug des Entferntesten zu dem Nächsten und die Gleichförmigkeit zwischen der Ausübung der Gewalt und der Empörung dagegen traten mir vor die Augen. Der erwähnte Freund und Lehrer stimmte mir mit der Bemerkung zu: so ist es auch. Wir erhoben uns zu allgemein historischen Anschauungen, jenseits der Motive, die den Tag bisher beherrschten. Vor unseren Augen, in unserer Nähe sollte nun der große Kampf ausgefochten werden, der über die Welt entschieden hat. Wir sahen Napoleon in der Mitte seiner Generale und Marschälle vor dem Klosterthore vorüberziehen. Bald darauf wurde die Schlacht von Lützen geschlagen; noch einmal triumphirte das revolutionäre und imperialistische Princip. Aber mit welchem Eifer wurden zugleich die Nachrichten von den Rüstungen der Verbündeten bewillkommt! Wir begrüßten die ersten Kosaken, die sich auf der Straße blicken ließen, als Verkündiger einer nahenden Erlösung von dem Drucke, den jetzt alle empfanden. Nur zu lange zögerte auch uns die Entscheidung, bis dann die Schlacht von Leipzig erfolgte, von der wir die erste Kunde aus dem Munde des Generals Thielmann vernahmen, der dort vor den jungen Leuten, die sich am Thore versammelten, den unvergleichlichen Sieg mit den Ziffern der Verluste von Todten und Gefangenen verkündigte, die uns in Staunen versetzten und die Sympathien um so mehr erweckten, da ja Thielmann selbst zu den Verbündeten übergetreten war. Nach einigen Tagen sahen wir nun auch das französische Heer, das bisher immer nach dem Osten vorgerückt war, jetzt nach Westen zurückfliehen. Es bedeckte die Höhen wieder, wie zuvor. Bei dem Paß von Kösen kam es zu einem Zusammentreffen beiderseitiger Geschütze. Mit welchem Staunen sah der Mathematicus der Schule, der liebenswürdige alte Professor Schmidt, der in Napoleon den Mann einer göttlichen Mission erblickte, die rückgängige Bewegung des Heeres, wiewohl er ihn darum nicht aufgab! Dadurch war nun das Weltgeschick entschieden. Die Macht der alten Zustände, wie sie durch die Jahrhunderte hervorgebracht worden, kam wieder zu Tage und jedermann empfand, daß die Zukunft der Welt darauf beruhte, wie weit die Reaction vordringen, wo sie ihre Grenze finden würde. Bei der Abkunft von Paris kam es zu Tage, daß die revolutionäre Invasion abgewendet sei, aber die constitutionelle Reform, die doch auch revolutionäre Elemente in sich trug, bestehen würde.
In dieser Zeit bezog ich die Universität Leipzig. Es machte mir doch Eindruck, wissenschaftliche Vorträge im Zusammenhang zu vernehmen; philosophische und hierauf historische Studien kamen erst jetzt an die Reihe. Es ist wahr, was man öfter gesagt hat, daß ich die[58] Universität früher als gewöhnlich bezog, um mehr Zeit und Raum für meine eigenthümlichen Studien zu finden. Selbst die Vorlesungen Gottfried Hermann's konnten mich doch nicht vollkommen befriedigen, da er auf die Metrik einen Werth legte, den ich niemals recht begriffen habe. Unvergeßlich aber sind mir seine Vorlesungen über Pindar, den ich nun erst verstehen lernte, über Hesiod und die griechische Mythologie und beinahe am meisten die Vorlesung über die griechische Grammatik, welche ein volles Verständniß der Gesammtheit der Sprache athmete, eine logische Begründung der grammatischen Regeln enthielt, die den Geist befriedigt. Die Vorlesungen Krug's waren mir durch dialectische Bestimmtheit nützlich, aber mich dürstete, von dem Kantianer zu Kant selbst und dessen berühmteren Nachfolgern überzugehen; ich schaffte mir Kant's Kritik der reinen Vernunft an und studierte viel bei meiner Lampe. Den größten Eindruck machte mir Fichte, freilich am meisten dessen populäre Schriften, die mit Religion und Politik in Verbindung stehen. Den Reden an die deutsche Nation widmete ich eine unbegrenzte Bewunderung. Noch immer aber stand ich der Historie ziemlich fremd gegenüber. In den Handbüchern sah ich nur eine Unzahl von Notizen, deren Unverständlichkeit und Dürre mich abschreckte. Den größten Einfluß auf meine historischen Studien hatte dann Niebuhr's römische Geschichte. Die Nachahmungen und Wiederholungen aus Livius und Dionysius und die Darstellungen Niebuhr's selbst, die an manchen Stellen einen echt classischen Geist athmen, flößten mir die Ueberzeugung ein, daß es auch in neuerer Zeit Historiker geben könne. Ueber allem schwebte in jener Epoche der Name Goethe, der auch selbst eine moderne Classicität in das Leben und die Studien eingeführt und zur Bildung des nationalen Sinnes in dieser Beziehung unendlich viel beigetragen hat; er stand damals im Zenith seines Ruhmes. Ich war unter meinen Commilitonen sein größter Bewunderer, aber ihn nachzuahmen hätte ich schon damals nicht den Muth, noch auch den rechten Impuls gehabt: er war mir wirklich zu modern. Schon damals suchte ich nach älterer, noch mehr in der Tiefe der Nation liegender sprachlicher Form. Ich ergriff Luther, zuerst nur, um von ihm Deutsch zu lernen und das Fundament der neudeutschen Schriftsprache mir zu eigen zu machen; aber zugleich wurde ich dann doch von dem großen Stoff und seiner historischen Erscheinung selbst ergriffen. Im Jahre 1817 habe ich wirklich den Versuch gemacht, Luther's Geschichte in seiner Sprache zusammenfassend darzustellen. Man begreift, daß mich da auch die theologischen Fragen in tiefer Seele beschäftigten. Die theologischen Studien hatte ich nie aufgegeben.[59] Die kirchenhistorischen Vorlesungen von Tzschirner gehörten zu denen, denen ich das meiste verdankte. Und wenn ich fortfuhr, griechische Autoren zu übersetzen, so fügte ich dem auch Verdeutschungen des hebräischen Textes hinzu.
Aus diesen incohärenten, aber in jedem Fache eifrigen Studien riß mich dann eine Berufung an das Gymnasium von Frankfurt a.O., die ich einem trefflichen Philologen, der mit mir im philologischen Seminare unter Christian Daniel Beck gearbeitet hatte und sehr früh zum Director des Frankfurter Gymnasiums erkoren worden war, verdankte. In dieser Hinsicht war zwischen Preußen und Sachsen kein Unterschied; aber in jeder anderen Beziehung ist es doch die größte Veränderung, die ich überhaupt erlebt habe, daß ich aus dem gesellschaftlichen Leben in Leipzig in eine ansehnliche preußische Stadt überging; wie denn auch Thüringen und meine Vaterstadt mit Preußen vereinigt worden waren. Das öffentliche Leben war ein durchaus verschiedenartiges. In Frankfurt herrschten noch die Erinnerungen an die letzten Kriege vor, welche selbst die Tischgespräche beherrschten. Eine andere geistige Atmosphäre, die nicht verfehlen konnte, mich anzuziehen und zu fesseln. Ich komme hier auf meine Unterscheidung der verschiedenen Richtungen des europäischen Geistes zurück. Preußen gehörte der monarchischen und conservativen Richtung an, die aber durch die großartigen Neuerungen, welche die Siege vorbereitet hatten, doch wieder gemäßigt und in sich selbst mit heterogenen Elementen erfüllt war. Jedermann weiß, wie lebendig die Wogen der Gegensätze in den Jahren 1819, 1820, 1821 aufeinanderstießen. Mein jüngerer Bruder, der mir bald nach Frankfurt folgte, schloß sich an Jahn und die Gesinnungen an, welche mit dem Turnwesen vereinigt waren. Auch ich kam ihnen sehr nahe, bin aber ihnen nie beigetreten. Meine Studien hatten indessen eine positive Richtung genommen; ich war nun ganz Historiker geworden, wozu mein Amt mir den nächsten Anlaß gab. Aber vom ersten Augenblick an verband ich die historischen Studien mit eigenthümlicher Forschung und Aneignung. Ich habe damals zuerst die griechischen und lateinischen Historiker durchgelesen, und zwar im größten Umfang, und fügte sie nun in meine Erzählungen ein, was diesen denn eine ungewohnte Farbe gab und mir einen gewissen Beifall erwarb.
Aber bei dem Alterthum konnte ich nicht stehen bleiben. Die öffentlichen Zustände selbst veranlaßten mich, in die neuere Zeit fortzuschreiten. Niemand könnte sich einen Begriff davon machen, wie sehr mich eben die Zeiten des Uebergangs aus dem römischen Weltalter[60] in das germanische ergriffen und festhielten. Mit einer Art von Entzücken las ich die von Hugo Grotius zusammengestellten Berichte über die Zeit, die man die der Völkerwanderung genannt hat, und die folgende. Ich hatte das Glück, eine große Bibliothek benutzen zu dürfen, die von einem Bibliothekar der Frankfurter Universität zusammengebracht war und damals nicht mehr benutzt wurde. Ich konnte in ihr die authentischen Denkmäler aller Jahrhunderte nach und nach benutzen, so daß ich von den Streitigkeiten des Momentes unabhängiger wurde, als andere. Und noch ein anderes Moment kann ich nicht versäumen zu erwähnen. In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts machte sich die Ueberzeugung Bahn, daß nur ein tieferes Eingehen in die Grundlagen der Staaten und Reiche der Zukunft genügen könne. Die romantisch-historischen Arbeiten Walter Scott's, die in alle Nationen und Sprachen Eingang fanden, trugen hauptsächlich dazu bei, die Theilnahme an dem Thun und Lassen der vergangenen Zeiten zu erwecken. Auch für mich hatten sie Anziehendes genug und ich las mehr als eins dieser Werke mit lebendiger Theilnahme; aber ich nahm auch Anstoß an denselben. Unter anderem verletzte es mich, wie er Quentin Durward Karl den Kühnen und Ludwig XI. behandelt, ganz im Widerspruch mit der historischen Ueberlieferung, selbst im Einzelnen. Ich studierte Commines und die gleichzeitigen Berichte, die den neuen Ausgaben dieses Autors beigefügt sind, und überzeugte mich, daß ein Karl der Kühne, ein Ludwig XI., wie sie bei Scott geschildert wurden, niemals existirt hatten. Das wußte der würdige und gelehrte Autor wohl auch selbst; aber ich konnte ihm nicht verzeihen, daß er in seine Darstellungen Züge aufgenommen hatte, die vollkommen unhistorisch waren, und sie doch so vortrug, als glaube er daran. Bei der Vergleichung überzeugte ich mich, daß das historisch Ueberlieferte selbst schöner und jedenfalls interessanter sei, als die romanische, Fiction. Ich wandte mich hierauf überhaupt von ihr ab und faßte den Gedanken, bei meinen Arbeiten alles Ersonnene und Erdichtete zu vermeiden und mich streng an die Thatsachen zu halten.
War ich nun hierbei auf die gleichzeitigen Autoren und ihre Autorität angewiesen, so zeigte sich auch da eine analoge Schwierigkeit. Zunächst bei einer Vergleichung zwischen den beiden vornehmsten Autoren über die Anfänge der neueren Geschichte, denen ich mich nunmehr zuwandte, Guicciardini und Jovius, fand ich soviel Abweichungen, die sich nicht mehr ausgleichen ließen, daß ich nicht wußte, welchem ich mich am meisten anschließen sollte. Jovius ist bei weitem[61] gegenständlicher und verräth im Einzelnen mannigfaltige gute Informationen; dagegen ist Guicciardini über die Politik der Zeit bei weitem unterrichteter und unterrichtender. Es war aber ebensowenig möglich, zwischen ihnen zu wählen, als sie zu vereinigen, wenn man auf die Wahrheit selbst Bedacht nehmen wollte. Nun wurden aber noch viele andere Autoren dieser Epoche genannt, bei denen sich eine eigenthümliche Kunde voraussetzen ließ, so daß sie nothwendig herbeigezogen werden mußten, um festen Grund und Boden zu gewinnen. Wenn sich dann herausstellte, daß Guicciardini, bei weitem der talentvollste von allen, doch wieder auch mit denen nicht übereinstimmte, auf der anderen Seite sie geradezu ausgeschrieben hatte, so ergab sich, daß eine Kritik der Geschichtschreiber dieser Epoche unumgänglich nothwendig war. Selbst auf einige deutsche Autoren desselben Zeitraums mußte ein ähnlicher Versuch erstreckt werden; er ergab, daß der berühmte Bericht des Sleidanus über die Kaiserwahl Karls V. doch nur einer einseitigen, großentheils erdichteten Erzählung entnommen war, daß dieser Schriftsteller die echten Urkunden, aus denen sich eine gründliche Kenntniß der Begebenheiten gewinnen läßt, gar nicht einmal gekannt hat. Ich habe hier weder auf Niebuhr, der eigentlich mehr der Tradition einen Sinn verschaffen will, noch vollends auf Gottfried Hermann, der die Autoren im Einzelnen kritisirt, Rücksicht genommen, obwohl ich mir bei großen Männern dieser Art Beifall versprach. Das Verfahren ist auf einem eigenen Wege ohne alle Anmaßung, durch eine Art Nothwendigkeit entstanden; und für die Epoche, die ich zunächst behandelte, genügte es auch ziemlich. Die Briefe Ludwigs XII., die vorlängst bekannt geworden, gaben einen sicheren Faden für die Beurtheilung der wichtigsten politischen Entscheidungen. Eben da aber, wo diese aufhören, mußte auch ich abbrechen.
Ich trat im Jahre 1824 mit meinem ersten Buche, »Geschichten romanischer und germanischer Völker«, hervor, die in ihrer eigenartigen Schreibart mancherlei Anstoß erregten; wie ich denn auch bekennen muß, daß die Ausdrucksweise französischer und deutscher Chronisten sich darin wiederfand, während die aus den classischen Studien herübergenommenen schwierigen Constructionen nicht selten die Wortfügung beherrschten. Aber auf der anderen Seite fand doch die Methode der Forschung, der Inhalt der Darstellung soviel Anerkennung, daß ich diesem Buche meine Berufung an die Universität Berlin im Frühjahr 1825 verdanke. Ich spreche hier nicht von meinen ersten Versuchen auf dem Katheder, aus denen man nur zu bald abnahm, daß ich den Boden, auf dem ich mich bewegen sollte, nicht kannte. Doch sind sie[62] keineswegs unglücklich abgelaufen; ich gewann damit Freunde genug und auch ziemliche Auditorien. Ich bleibe nur bei dem Fortgang der Studien stehen. Da sich mir schon für die Fortsetzung des begonnenen Werkes ergeben hatte, daß ich ohne handschriftliche Quellen nicht weiter vorschreiten könne, so hielt ich es für geboten, eine große Sammlung handschriftlicher Reliquien aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die sich in der Bibliothek von Berlin fanden, zu durchforschen. Eine eigentliche Fortsetzung des begonnenen Buches ließ sich auch damit nicht bewerkstelligen; aber sie eröffneten mir eine neue Welt. Eine so reiche Kunde über die Staaten und Fürsten des 16. Jahrhunderts, als die hier dargebotene, hatte ich niemals erwartet. Ich fand es rathsam, einige Kapitel der Geschichte des 16. Jahrhunderts nach diesen Kundgebungen zu bearbeiten. So erschien im Jahre 1827 das Buch: Fürsten und Völker von Südeuropa. Ich muß bekennen, daß der Umgang mit Männern und, ich darf es nicht verschweigen, auch mit Frauen von universaler Bildung formell großen Einfluß auf mich ausgeübt hat. Die Atmosphäre der Hauptstadt wirkte in dieser Hinsicht noch mehr auf mich, als der Aufenthalt in einer Provinzialstadt. So kam es denn, daß in dem neuen Buche vieles von dem vermieden wurde, was in dem ersten beschwerlich gefallen war. Es fand in den höchsten Kreisen in Deutschland die beste Aufnahme und selbst den Beifall der gelesensten französischen Autoren.
Nun aber konnte ich dabei nicht stehen bleiben; denn leicht ließ sich ermessen, daß jene Berliner Sammlung, so voluminös sie ist, doch gegen den Stoff, welchen italienische Bibliotheken und Archive liefern mußten, nur sehr unbedeutend sein konnte. Ich fand die nothwendige Unterstützung, um mich zur Hebung dieses Schatzes selbst auf den Weg zu machen. Wenn ich mich dabei zunächst nach Wien wandte, so geschah das, weil ein guter Theil des Archives von Venedig in Folge der Occupation dieser Stadt nach Wien übergeführt worden war und sich in dem dortigen Archiv in der That befand. In der heutigen Zeit hat man keine Idee mehr davon, wie schwer es damals war und wurde, Zutritt in die Archive zu finden. Fürst Metternich hat sich ein unsterbliches Verdienst erworben, daß er mir auf den Rath des geistvollen Gentz die Erlaubniß zur Benutzung des Archives gab, die ich dann nicht verfehlte gründlich auszubeuten. Ich fand daselbst einen reichen Schatz venetianischer Relationen und das große Tagebuch des Marino Sanudo im Original. Doch war ich auf das Archiv nicht beschränkt. In der Bibliothek des Hofes fand sich eine ansehnliche Anzahl venetianischer Relationen, bezüglich auf die Türkei und[63] auf Deutschland. Ich durchsuchte sie mit dem einmal angeregten Fleiße – denn ich stieß von Tag zu Tag auf Neues, Unerwartetes, Belehrendes – auf das emsigste. Zu gleich aber war der Aufenthalt in Wien, der sich vom October 1827 bis zum October 1828 erstreckte, in jeder anderen Weise ergiebig. Den schriftlichen Informationen reihten sich mündliche an. An Wuk Stepanowitsch, dem gelehrtesten aller Serben, die damals lebten, fand ich einen Freund, der mir seine Sammlung zu der serbischen Geschichte mittheilte. Sie ergriff mich durch die lebendige Information über ein Ereigniß von allgemeinster historischer und politischer Bedeutung in der Tiefe des Geistes und Herzens. Im Sommer 1828 habe ich daraus die Geschichte der Revolution in Serbien zusammengestellt, bei der mir die Beihilfe unvergeßlich ist, die mir der damalige Mittelsmann deutscher und slavischer Gelehrsamkeit, Kopitar, geleistet hat.
Wie sich versteht, verlor ich dabei meinen Hauptzweck nicht aus den Augen. Im October 1828 reiste ich nach Venedig ab. Mein erster venetianischer Aufenthalt dauerte bis Februar 1829. Ich ging dann nach Florenz. Am 22. März sah ich den ersten grünen Strauch in der römischen Campagna. In Rom blieb ich, nicht jedoch ohne einen Ausflug nach Neapel zu machen, bis zum April 1830. Nochmals führten mich dann meine Studien nach Florenz zurück, wo ich noch die letzten Zeitungen über die Bewegung, die der Julirevolution voranging, zu lesen bekam. Ich ließ mich dadurch in meinem Vorhaben nicht irren, welches gerade jetzt die größte Wichtigkeit bekam; denn erst nach der Hand hatte ich die Erlaubniß erhalten, das venetianische Archiv in Venedig selbst zu benutzen; hier erst bekam ich die ganze Reihe der venetianischen Relationen, die ganz unbemerkt dalagen, zu Gesicht und konnte sie nach Herzenslust benutzen. Niemals habe ich mehr gelernt und gedacht, niemals mehr eingeheimst, als in der zweiten Hälfte des Jahres 1830 und in der ersten des Jahres 1831. Ich will mich jedoch jetzt diesen Erinnerungen nicht hingeben, in der Hoffnung, über meinen italienischen Aufenthalt künftig einen näheren Bericht zu erstatten. Hier will ich nur von meiner Berührung mit dem großen Zwiespalt, der die Welt erfüllte, sprechen.
Ueber meinen Aufenthalt in Frankfurt a.O. brauche ich in dieser Hinsicht nicht ausführlich zu sein. Es waren das die Zeiten, in welchen das Resultat der vorangegangenen Jahrzehnte, der Sieg der Verbündeten und des Princips der Legitimität über die autonomen Gewalten, den größten Widerspruch fand, von dem nun auch ein Gymnasiallehrer nicht unberührt bleiben konnte. Gerade die Körperschaft,[64] der ich angehörte, wurde in denselben hineingezogen. Ich war nie Mitglied der Burschenschaft gewesen. Durch meinen Bruder, der in Jena studiert hatte, kamen mir aber doch die Unabhängigkeitsgedanken der Jugend und die germanische Tendenz derselben unendlich nahe. Der Ausbruch revolutionärer Bewegungen, die in Italien und Spanien hervorbrachen, erweckte ein lebhaftes Für und Wider in der damaligen Gesellschaft. Was hätte aber mehr die Geister erfüllen und anregen können, als die Erhebung der Griechen gegen das Joch der Türken? Ich will nicht leugnen, daß die Studien über das osmanische Reich, die dann im ersten Bande der Fürsten und Völker mitgetheilt wurden, auf diesen Anregungen beruhen; hauptsächlich liegen sie in einigen Anmerkungen über das Fortleben der griechischen Welt unter dem türkischen Joche zu Tage. Ebenso ging es mir in Berlin mit der Geschichte der Revolution überhaupt; ich wurde von der Gesellschaft, der ich nahe stand, in der man die communistische Zeitschrift Globe und alle Denkwürdigkeiten, die auf die Revolution Bezug hatten, eifrig studierte, entschieden nach dieser Seite hin gedrängt. Das Ergebniß war, daß ich im Jahre 1827 die vornehmsten echten Denkwürdigkeiten dieser Epoche selbst in die Hand nahm. Aber nicht genug; ich vertiefte mich in den Moniteur, so daß ich mit den Urhebern der revolutionären Bewegung gleichsam persönlich bekannt wurde. Ich lernte nicht allein die Motive, die sie kundgaben, sondern auch die Tendenzen, die ihnen vorschwebten, besser kennen, als wenn ich mich erst an Autoritäten zweiter Hand gewandt hätte. In mir selbst kam ich über das Problem – ob die Revolution ein allgemeines, Geist und Gemüth mit Nothwendigkeit bestimmendes und eine unbedingte Theilnahme erforderndes Interesse in sich habe, oder ob es ein Ereigniß sei, das, wie andere, seine eigenthümlichen Wurzeln in den Thatsachen hatte und aus Verflechtungen hervorging, die auch andere hätten sein können – zur Entscheidung. Ich erkannte die unendliche Bedeutung für die Welt und für jeden Einzelnen, die darin liegt, lebendig an, versöhnte mich aber doch mit den entgegengesetzten Bestrebungen der von der Bewegung nicht ergriffenen europäischen Welt. In meinen Papieren finden sich noch Versuche der Kritik über die wichtigsten biographischen Denkmale der Epoche. Genug, ich gelangte unter den eifrigsten Studien zu einer beide Seiten in sich begreifenden Auffassung, die mir eine gewisse innere Ruhe gab, welche von den Tagesbegebenheiten nicht erschüttert werden konnte.
Ich gehörte nun meiner persönlichen Stellung nach dem System an, welches noch im Besitze der Gewalt war. Aber daß es erschüttert[65] sei, konnte ich mir nicht verbergen. Bei meinem ersten, leider auch letzten Besuche in Prag hörte ich das Brausen der nationalen Bewegung gegen die Wiener Hofburg; ich hörte sogar die Frage, ob es nicht besser wäre, wenn Böhmen sich an Preußen anschlösse. Das meiste aber erfuhr ich in dieser Hofburg selbst oder wenigstens in ihrer unmittelbaren Nähe. Der Hofrath Gentz leitete noch, wie man damals wohl sagte, vom Klepperstalle aus die Politik von Österreich und von Europa. Gentz hatte die große Güte, mir sein Vertrauen zu schenken. Ich besuchte ihn alle acht Tage einmal. Er war bekanntlich kein Mann, der sich in Dunkel verhüllte: er sprach ohne Zurückhaltung und eben darum gut und überhaupt so, daß er sich selbst genügte. Ich wurde nach und nach einer der bestunterrichteten Männer in Wien, was die Tagesbegebenheiten anlangte; aber noch viel tiefer ging der Eindruck, den mir die Mittheilungen von Gentz machten. Er war nicht allein der heftigste Gegner der englischen und französischen Politik, die für Griechenland Partei nahm; bei Canning's Tod fühlte man sich in Wien wie von einem Alp befreit. Davon aber befürchtete man nicht soviel, wie von dem alle Tage anwachsenden Mißverständniß mit Rußland. Gentz wiederholte mir die Eindrücke, die ihm die englischen, hauptsächlich aber die russischen Depeschen machten. Er hat mir damals geradezu gesagt: von Rußland bekomme man Erlasse, wie sie schlimmer von Napoleon nicht ausgegangen wären. Ich habe davon nichts zu Papier gebracht, obwohl ich es vielleicht hätte thun sollen; aber ich würde damit in meine Studien ein falsches Element gebracht haben. Einmal nur habe ich mich in der Mitte derselben zu einem Aufsatze ermannt, in welchem ich die Unvermeidlichkeit einer neuen Revolution betonte, die auf denselben politischen Verflechtungen fußen müsse, wie die erste, obgleich sie die Tiefe der Impulse von damals nicht wiederholen könnte. Als ich nun nach Italien kam, bemerkte ich wohl selbst in Venedig ähnliche Bewegungen, wie dort in Prag; sie waren jedoch nicht eben stark. Im allgemeinen fühlte man sich wohl unter einer gerechten Regierung. Wie hätten sich auch Manifestationen anderer Art selbst einem Prussiano gegenüber, der aber den Tedeschi sehr nahe stand, kundgeben sollen? Viel ungescheuter äußerte man sich in dem übrigen Italien, namentlich in Rom, wo die heftigste Opposition gegen die damalige Regierung unter Leo XII. und Pius VIII., überhaupt aber gegen das Übergewicht des Klerus und der Kardinäle ausgesprochen wurde. Noch unmittelbarer aber berührte mich die öffentliche Meinung in den Salons. Es war die glänzendste Zeit unseres Bunsen, der, in wichtigen Unterhandlungen mit dem päpstlichen[66] Stuhl begriffen, die doch zugleich im Interesse Preußens fußten, Männer der verschiedensten Nationen und Parteien um sich sammelte, so daß ein freier Austausch der Befürchtungen und Hoffnungen zustande kam. Der Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit war nun aber die Bewegung in Frankreich, die immer schärfer und drohender wurde. Man hat schon damals die Meinung geäußert, daß es mit den Bourbons in Frankreich ein Ende haben, daß Karl X. nicht vermögen würde sich zu behaupten. War doch Chateaubriand, damals französischer Botschafter in Rom, mit seinem Hofe nicht einverstanden. Aber an eine Modifikation der französischen Regierung, wie er sie beabsichtigte, glaubten die wenigsten. Man zog das Beispiel von England heran. Man glaubte den Sturz Karls X. vorauszusehen, an dessen Stelle der Herzog von Orleans treten werde, wie Wilhelm III. an die Stelle Jakobs II.
Das war mir alles lebendig, als die Revolution in Frankreich wirklich nochmals ausbrach. Ich bekam die Nachricht davon auf der Höhe des Appennin durch ein Zeitungsblatt. Als ich nach Venedig gelangte, war alles vollendet: Karl X. auf der Flucht, der Herzog von Orleans wirklich auf dem Throne.
Auch im Archiv von Venedig, das ich nun besuchte, theilte man den allgemeinen Jubel nicht, mit welchem dieses große Ereigniß aufgenommen wurde. Die Archivare fühlten sich dem Kaiser Franz, der das Archiv – denn unter der Republik gab es kein solches – zuerst vereinigt und in einem stattlichen Neubau hatte aufstellen lassen, zu Dank verpflichtet. Man fürchtete einen allgemeinen Umsturz und auch da ist wohl die Frage erörtert worden, ob die verbündeten Mächte nicht nochmals nach Frankreich ziehen und das bourbonische Regiment wiederherstellen würden. Ich wußte besser, daß ein allgemeiner Umsturz auf der einen Seite nicht zu befürchten, auf der anderen Seite aber auch nicht zu erwarten sei, daß die Mächte zu einer nochmaligen Bekämpfung der Revolution in dieser Gestalt sich vereinigen würden.
König Friedrich Wilhelm III. war der entschiedenste Gegner eines solchen Vorhabens; er wollte das Schicksal der Welt nicht wieder auf der Spitze des Schwertes schwanken sehen: dem Grafen Nostitz, den er damals dem Prinzen Wilhelm zur Seite in die Rheinlande schickte, machte er es zur Pflicht, den Ausbruch eines Krieges zu vermeiden. So stand es nun aber doch, daß die revolutionären Antriebe, welche, keineswegs erstickt, noch immer lebendigen Anklang in den Populationen fanden, durch das französische Ereigniß zum vollkommenen Bewußtsein ihrer Macht gelangten und allenthalben hervorbrachen, während sich[67] die conservativen Principien schon im Gegensatz stark und gewaltig regten.
Es war in diesem Widerstreit, daß ich am 22. März 1831 nach Berlin zurückkam. Die Geister waren in dem lebendigsten Antagonismus begriffen. Man meinte wohl, ich würde nun nichts zu thun haben, als die Schätze mitzutheilen und zu verwerthen, die ich auf der Reise gesammelt hatte. Auch geschah das sogleich durch die Veröffentlichung einer Abhandlung über die Verschwörung gegen Venedig im Jahre 1618, aber freilich an einem einzelnen, beinahe vergessenen Punkte, der sogleich zu bewältigen war. Aber größere Unternehmungen erfordern eine größere Sammlung, die sich namentlich unter den Einflüssen der Berliner Gesellschaft, in die ich nun wieder zurücktrat, nicht erreichen ließ. Die Sympathien mit dem Ereigniß in Frankreich waren so stark und überwältigend, daß ich mich selbst dazu fortreißen ließ, mein Wort hineinzuwerfen.
In Berlin regten sich wie die Sympathien, so auch die Antipathien gegen die Revolution von 1830; aber viele gab es auch, die den äußersten Consequenzen sowohl der revolutionären als auch der antirevolutionären Ideen entgegentraten. Es waren großentheils meine besten Freunde, Männer von intactem Rufe und ungetrübter Intelligenz; an diesen fand ich einen Rückhalt, ohne daß jedoch von einem oder dem anderen ein unmittelbarer Einfluß ausgeübt worden wäre. So wurde ich politischer Schriftsteller, aber auf der Grundlage der Ideen, die sich mir aus Studien der Historie und der Theilnahme am Leben gebildet hatten. Eine Haltung dieser Art konnte aber nicht verstanden werden. Ich hielt mich in einiger Ferne von den Ideen, welche in dem politischen Wochenblatt zu Tage traten und die doch von vielen als rechtgläubig betrachtet wurden. Auf der anderen Seite fühlte man aber auch mehr den Widerstand, den ich der allgemeinen Gültigkeit der revolutionären Idee entgegensetzte. Den ersten galt ich als Ultra, die anderen wollten einen jakobinischen Anflug bei mir bemerken. Mein Sinn war nur, die inmitten der beiden Systeme bereits ausgebildete Haltung des preußischen Staates zu verfechten. Daß ich dem Positiven und Bestehenden mehr zuneigte, als dem wilden Treiben der revolutionären Tendenzen, liegt am Tage, und ich selbst wurde gar bald inne, daß auf diesem Wege doch nichts zur Entscheidung gebracht werden könne, und griff nun wieder zu den Arbeiten, die ich bisher bei Seite gelegt hatte.
Das letzte Jahrzent der Regierung Friedrich Wilhelms III. war für die Bewegung der Geister von unendlicher Wichtigkeit. Auf der[68] Universität Berlin trafen die beiden Tendenzen auf einander, jedoch hätte keine sich eines definitiven Sieges zu erfreuen hoffen dürfen. Mir stiegen nun aus dem Studium der mitgebrachten Papiere Arbeiten vor, die diesem Geiste entsprachen. Zuerst die Geschichte der Päpste, von der niemand sagen konnte, ob sie mehr für oder gegen das Papsthum geschrieben sei; sie war weder für noch wider gedacht; sie war nur eben das Resultat grundlegender und unparteiischer Studien. So ist sie auch aufgenommen worden. Doch schien es mir selbst, als ob dem protestantischen Element nicht vollkommene Gerechtigkeit darin widerfahren sei. Nach Vollendung des ersten Werkes ging ich einst mit Savigny in sei nem Garten spazieren; er fragte mich mit herzlicher Theilnahme, was ich nun demnächst unternehmen würde. Ich sprach ihm von der Aufgabe, die ich mir vorlängst gesetzt hatte und die bei einem Besuch in Frankfurt a.M., bei Ansicht der Reichstagsacten in mir mit doppelter Stärke erwachsen war, der Entwickelung des deutschen Reichs zur Zeit der Entstehung des Protestantismus meine Kräfte zu widmen, was denn seinen vollen Beifall hatte. Denn an und für sich mußte ich den Studien aus italienischen Archiven noch andere in den deutschen hinzufügen, in welchen auch diese Seite lebendiger zur Darstellung kam. So voluminös die Sammlungen der Reichstagsberichte, die sich mir in Frankfurt darboten, auch waren, so betrafen sie doch nur das städtische Interesse, was für mein Vorhaben erst in der zweiten oder dritten Stelle stand; bei weitem wichtiger waren die Nachrichten und Reliquien, die ich an den fürstlichen Höfen gesammelt hatte, namentlich die sächsischen, die für die frühere Zeit in Weimar, für die spätere Zeit in Dresden zu suchen waren. Für mich bot ein Besuch in diesen Städten den doppelten Vortheil dar, zugleich die Vergangenheit studieren und auch der Gegenwart an wichtigen Punkten näher treten zu können. Der Besuch in Weimar führte mich an den großherzoglichen Hof, wo damals eine Frau waltete, die zugleich der europäischen Welt angehörte und in die deutsche auf das engste eingriff. Sympathien für Luther fand ich in Weimar nicht; man gab ihm den Verlust des Kurfürstenthums und die Unterordnung unter die albertinische Linie, die doch die jüngere war, noch immer mit einer gewissen Lebhaftigkeit schuld. Unendlich wichtig aber waren die Sammlungen, unschätzbar für die Reichstage unter Maximilian I. Mit dem Studium der alten Zeit verknüpften sich die Beziehungen der neuesten. Und noch weiter sollte mich die Beschäftigung mit der Reformationsepoche führen. Im Jahre 1839 fand ich, daß mir doch neben den reichsständischen Erläuterungen der damaligen Welt nun auch noch eine[69] zuverlässige Kunde über den Mittelpunkt von allem, den kaiserlichen Hof, abging. Ich kann das Vergnügen nicht beschreiben, mit welchem ich in Brüssel die wohlgeordneten Bände in die Hand nahm, in denen die Reliquien des Hauses Österreich in den Niederlanden, namentlich Karls V. behandelt waren. Mein Erstaunen aber und zugleich meine Befriedigung stieg noch in höherem Grade, als mir die noch ungeordneten Materialien aus den letzten Zeiten dieses Herrschers, die man noch besaß, zu Gesichte kamen und zugänglich wurden. Das war es eben, was ich zur Vollendung meines Werkes noch bedurfte. Sie sind später als Korrespondenz Karls V. gedruckt, aber erst, nachdem ich sie bereits benutzt hatte. Die Entdeckung des Neuen giebt auch der Bearbeitung einen besonderen Reiz, selbst wenn man sich bescheidet, dabei nicht stehen bleiben zu können. Der Arbeit gab es nun vollauf, zumal da auch die theologischen Streitigkeiten doch immer ein lebendiges Interesse darboten. Man hat später selbst von befreundeter Seite das Werk über die Epoche der Reformation der Geschichte des Papstthums weit nachstehend gefunden. Ich empfand das selbst: es schien mir unmöglich, aus Reichstagsacten und theologischen Ausführungen ein lesbares Buch zusammenzustellen; aber der Stoff brachte die Form mit sich, und der Zweck war ein ganz anderer. Über die grundlegende Begebenheit der neueren Zeit meinte ich ein grundlegendes Werk abfassen zu sollen. Es kam mir nicht auf Leser aus der großen Welt, sondern auf eine Befriedigung der deutschen Gelehrsamkeit und der deutschen religiösen Überzeugung an. Möge das Werk auch fortan die Beachtung finden, deren es gleich damals würdig gehalten wurde!
Indem ich damit beschäftigt war, war nun aber in Preußen, in Deutschland alles dadurch verändert worden, daß Friedrich Wilelm III. starb. Mit ihm ging der einzige der großen Fürsten zu Grabe, welche noch die Kriege der Restaurationsepoche geführt hatten. Friedrich Wilhelm III. hatte es, wie berührt, hauptsächlich verhindert, daß ein neuer Krieg gegen die Julirevolution unternommen wurde; aber diese hatte auch da durch festen Boden gewonnen, daß sie einen solchen Gegensatz nicht fand, noch zu fürchten brauchte. Und wie nun das Julikönigthum selbst auf einer Vereinbarung der beiden Principien beruhte, die jedoch nur eben eine persönliche war, so daß zwar eine Quasilegitimität zustande kam, die aber nur auf einer Wiederbelebung der revolutionären Ideen und einem Siege derselben beruhte, so waren diese zu einem unendlichen Übergewicht in Europa gelangt. Durch die Presse hatten sie auch Eingang in Deutschland gefunden. Den Gegenstand der Controverse bildete hauptsächlich die Forderung einer Verfassung, kraft welcher[70] die fürstliche Allgewalt durch populäre Kammern beschränkt werden sollte. Man begleitete in Berlin diese Bewegung mit der größten Aufmerksamkeit; sie wurde in allen gesellschaftlichen Gesprächen ventilirt, zumal da die Regierung durch eine frühere Ankündigung für verpflichtet erachtet wurde, zu einem ähnlichen Werke zu schreiten. Friedrich Wilhelm III. hatte sich jedoch gescheut, eine so große Veränderung vorzunehmen, und die persönliche Autorität, die er genoß, hatte selbst alle nachhaltigen Demonstrationen in diesem Sinne verhindert. Von dem neuen Fürsten aber erwartete man eine durchgreifende Entscheidung. Friedrich Wilhelm IV., der die Ideen der Restaurationskriege noch immer aufs lebendigste in sich trug, perhorrescirte alles, was an die Revolution anlautete; selbst das Wort Constitution, das damals mit revolutionären Elementen durchdrungen zur Erscheinung kam, war ihm zuwider. Aber ebenso wenig billigte er das Thun und Treiben einer absoluten Bureaukratie. Seine Idee war, eine ständische Verfassung durchzuführen auf den alten Grundlagen der historischen Entwickelung, aber zugleich einheitlich zusammengefaßt unter dem König selbst.
Ich hatte mit Friedrich Wilhelm IV. in Venedig, wenn ich so sagen darf, Bekanntschaft gemacht; zuerst habe ich ihn auf der Markusbibliothek – es war im Jahre 1828 – gesehen, dann mehr als einmal in dem Hotel Danieli. Er empfing mich als seinen alten Bekannten mit dem Ausdruck der Anerkennung, die für mich so schmeichelhaft war, daß ich sie nicht wiederholen mag, in Bezug auf meine Fürsten und Völker. Er ist seitdem mein gnädiger Herr und Gönner geblieben. Schon zur Seite seines Vaters nahm er eine Stellung ein, die seinem Geist entsprach: ich habe ihn damals von Zeit zu Zeit gesehen, ohne jedoch eigentlich zu seiner intimen Bekanntschaft zu gehören, die mir aber durch Radowitz, Voß und Gerlach sehr wohl bekannt war. Der erste war ein Mann von glänzendem Geist und umfassenden Kenntnissen; der zweite ein Sprößling aus einer alten ministeriellen märkischen Familie, doctrinär, der Landesverhältnisse überaus kundig, brav durch und durch, von ständischen Doctrinen seiner ganzen Stellung nach durchdrungen. Dessen Freund war Gerlach; sie waren einander einmal auf der Universität Heidelberg begegnet, von jenen Gesinnungen, die nach der rechten Seite hin gravitirten, damals durchdrungen, orthodox im religiösen und politischen Bekenntniß; Gerlach hatte die Doctrinen Hallers in sich aufgenommen. Damals waren nun Radowitz und Gerlach nicht am Hofe. Für die Regierung pflog Friedrich Wilhelm IV. besonders mit seinem Generaladjutanten Thiele Berathungen. Von Thiele habe ich nun zu meinem Erstaunen die Anfrage erhalten,[71] ob ich geneigt sei, dem König in seinen ständischen Bestrebungen Rath zu geben und ihm zu dienen. Es gehört wohl zu den wichtigsten Momenten meines Lebens, daß ich darauf mit aller Bescheidenheit doch nur negativ antworten konnte. Denn so genau kannte ich die inneren Zustände der preußischen Provinzen doch nicht, um bei dem Ausbau einer ständischen Verfassung Rath zu geben, der dann auch schwerlich befolgt worden wäre. Ich war noch mit den letzten Theilen der Deutschen Geschichte im Zeitalter der Reformation beschäftigt und lebte so vollkommen in dem 16. Jahrhundert, daß ich in die neue Aufgabe mich schwerlich hätte finden können.
Und als ich nun das Werk abgeschlossen hatte, war ich doch wieder in andere Studien gerathen, die mir selbst am nächsten lagen. Einmal fühlte ich selbst den Mangel in meiner allgemeinen historischen Ausbildung, welcher darin lag, daß ich den großen Nationen, die durch Kultur und Macht die größte Rolle auf der Schaubühne der Welt spielten, nicht durch persönlichen Umgang im Kreise derselben näher getreten war. Denn nur so ließ sich der Gedanke einer allgemeinen Umfassung, mit dem ich mich von jeher trug, realisiren. Auf der anderen Seite stand es mir für diese allgemeine Umfassung im Wege, daß ich die Stellung von Preußen selbst nicht gehörig zu würdigen vermochte. Der wichtigste Moment dafür lag darin, daß das doch ziemlich beschränkte Kurfürstenthum Brandenburg zu einer europäischen Macht ersten Ranges geworden sei. Man wußte das wohl im allgemeinen; ich wünschte es mit einer Gründlichkeit und Anschaulichkeit zu entwickeln, wie ich sie überhaupt zu erreichen suchte. Den nächsten Anlaß dazu gab mir aber der erste längere Aufenthalt, den ich im Jahre 1843 in Paris nehmen konnte.
Den Weg dazu hatte mir mein Buch über die Päpste gebahnt, dem ich die Bekanntschaft mit Thiers verdankte; er hatte mir nicht lange vorher die Ehre erwiesen, mir hier in Berlin in der Luisenstraße einen Besuch zu machen, und mir die lebendigste Anerkennung dieser Arbeit ausgesprochen. Ich sah ihn dann in Paris wieder und er trat zu mir in ein freundschaftliches Verhältniß intimster Art, inwiefern ein solches stattfinden konnte zwischen einem Manne, der in den revolutionären Anschauungen erwachsen war und zu ihrer Ausbildung in einer bestimmten Rücksicht das meiste beigetragen hatte, und einem deutschen Gelehrten, der doch mehr der entgegengesetzten Seite angehörte und in dem revolutionären Elemente nur ein Element der Welt erkannte, welches nicht wieder beseitigt werden kann. Thiers war weit entfernt, sich der revolutionären Bewegung hinzugeben; er[72] hatte sich den communistischen Tendenzen mit der öffentlichen Gewalt, die ihm ein paar Jahre lang zufiel, lebhaft und eifrig widersetzt. Auch mit seinem König freilich, der die demokratischen Bestrebungen verabscheute, war er zerfallen. Er lebte in der Mitte von Zuständen, welche die Begründung einer stabilen Regierung auf einer der Revolution entsprechenden Grundlage herbeizuführen suchten. Aber überdies war er ein Mann von Geist; er hatte Sinn dafür, wenn ich das doch für unmöglich erklärte. Er erwartete alles von der Durchführung einer Constitution; ich sagte ihm wohl, man werde nie einen geborenen Fürsten finden, wie das doch bei den Constitutionen vorausgesetzt wurde, der sich diesen Bedingungen vollkommen unterwerfen würde.
Als ich nun zuerst nach Paris kam, hatte ich anfangs die Absicht, die Geschichte der Revolution selbst, für die ich früher mit vorgearbeitet hatte, zum Gegenstand meines Studiums zu machen. Auch fand ich in dem Nationalarchiv mancherlei vor, was unbekannt war, aber zu einer durchgreifenden Bearbeitung des Gegenstandes reichte es bei weitem nicht hin. Und indem ich davon abstand, bot sich mir eine Relation von größtem Werthe dar, die sich auf Preußen selbst bezog.
Es waren die Briefe des französischen Gesandten bei Friedrich dem Großen, Valori, aus denen mancherlei bekannt geworden war, was aber den Reichthum des Inhalts der Briefe selbst kaum ahnen ließ. Der Vorsteher des Archivs der auswärtigen Angelegenheiten, Mignet, der mir ebenfalls viele Freundschaft widmete, nahm keinen Anstand, mir den unbeschränkten Gebrauch derselben zuzugestehen, und ich habe gar manchen Tag von 10–3 Uhr Auszüge daraus gemacht bis zur Ermüdung meiner Hand; denn einer fremden mich zu bedienen, verhinderte damals die strenge Hausordnung des Archivs. Mit einem Reichthum originaler Mittheilungen über Preußen kehrte ich nach Berlin zurück. Und ich hätte vielleicht gut gethan, sie, wie sie waren, der Welt vorzulegen; aber es würde doch nicht von Grund aus belehrend gewesen sein. Wollte ich etwas leisten, so war es unerläßlich, in den preußischen Archiven selbst Aufklärung und Belehrung zu suchen. Diese, die bisher strenge verschlossen gehalten waren, wurden mir bereitwillig geöffnet; nur war ich auch hier auf meine eigene Hand angewiesen. Man hat keinen Begriff davon, wie viel Zeit ein solches Durchforschen einzelner Papiere in Anspruch nimmt. Allein der Gegenstand war eben der, der hauptsächlich meine Wißbegierde reizte und mir auch sonst sehr nahe lag. Herr von Thiele sagte mir wohl, ich würde nun wohl die Kräfte, deren Ursprung ich im 16. Jahrhundert nachgewiesen, hier ins Gefecht führen. Mich belebte noch ein anderer Gesichtspunkt,[73] der schon angedeutete, die Erhebung des Kurfürstenthums Brandenburg zu einer europäischen Macht begreifen zu lernen. Dazu aber war erst der Mann zu schildern, der die militärischen Kräfte gesammelt und den Staat geordnet hatte. Ich wandte mich zu dem Studium der Geschichte Friedrich Wilhelms I. Der erste Band meiner Neun Bücher preußischer Geschichte ist diesem administrativen Schöpfer und Ordner des Staates gewidmet. Er war übel berufen in der preußischen Geschichte; es machte großes Aufsehen, daß ich ihn von einer würdigen und bewunderungswerthen Seite zeigte. Hierauf wandte ich mich zu Friedrich II. und, wie sich versteht, zunächst zu seinem Kampfe mit Oesterreich. In seinem eigenen historischen Werke ist dieser doch nicht mit der Evidenz geschildert, die sich aus den Actenstücken ergab. Zu großem Vortheil gereichte mir, daß ich schon vorher den Briefwechsel Valori's studiert und mir angeeignet hatte.
Meine Arbeit fand zwar vielen Beifall bei den einen, aber auch mannigfaltigen Widerspruch bei den anderen. Indem der König sie zu Gesicht bekam, war er selbst von einem Sturme überfallen, von dem niemand eine Ahnung hatte. Die Stürme des Jahres 1848 gingen noch tiefer als die Revolution von 1830; sie waren zugleich socialer Art. Zunächst warfen sie die von der Julimonarchie eingerichtete, aber nicht fest begründete Ordnung der Dinge aus einander. Dadurch aber, daß ganz Europa in ähnlichen Schwankungen begriffen war, wie die Julimonarchie selbst, wurde der Umsturz derselben unheilvoll für alle übrigen. Es trat ein Moment ein, in dem ein allgemeiner Umsturz vor der Thür zu stehen schien. Friedrich Wilhelm IV. hatte soeben sein Verfassungswerk durch die Berufung des vereinigten Landtags zustande gebracht; allein dem allgemeinen Umsturz gegenüber konnte er sich keinen Augenblick behaupten. Er wurde genöthigt, zu einer zweiten Verfassung zu schreiten, welche den revolutionären Elementen einen breiten Spielraum ließ. Zuweilen bin ich in ziemlich verzweifelten Augenblicken indirect zu Rate gezogen worden; der damalige Flügeladjutant, spätere Feldmarschall Edwin v. Manteuffel bot sich zum Vermittler dar. Und wenigstens soviel habe ich vernommen, daß der König auf seinen Vortrag Rücksicht nahm und sich zu einer festen Haltung ermannte. Er faßte Vertrauen zu mir, weil sich eine oder die andere Voraussagung, zu der ich aber nur durch die vorliegenden Momente bestimmt wurde, z.B. über die Präsidentschaft des jungen Napoleon, bewahrheitete. Seitdem habe ich den König öfter gesehen, als früher, um mich an der Genialität seines Wesens und der Tiefe seiner inneren Impulse, dem niemals getrübten Blick, der[74] sich über die Welt erstreckte, zu erfreuen und zu erbauen. Aber an dem Werke der preußischen Geschichte fortzuarbeiten, wäre mir doch unmöglich gewesen. Die Unruhen, die ich vor mir sah, veranlaßten mich, auf die Studien des Alterthums zurückzugreifen, woraus dann meine Vorlesungen über die Geschichte des Alterthums überhaupt, namentlich von Rom, hervorgegangen sind. Inbezug auf unmittelbare schriftstellerische Thätigkeit konnte ich nun erst auf die Sammlungen zurückgreifen, die ich in Italien gemacht hatte. In dem Conflict der urkundlichen Nachrichten mit den angenommenen Meinungen ist meine Geschichte von Frankreich entstanden, die ich dem König noch vorzulesen in Stand kam; er liebte die Franzosen im allgemeinen und verstand sie auch. Zuweilen habe ich gewünscht, einen oder den anderen Abschnitt ihm noch früher vorgelegt zu haben, so treffend waren seine Bemerkungen. Das muß ich überhaupt sagen: er war ein Mann, von dem man besser wegging, als man gekommen war. Eines Tages trug ich ihm einige Ideen über die englische Geschichte, namentlich die große Katastrophe, die man die Revolution von 1688 nennt, mit einer gewissen Ausführlichkeit vor. Niemals habe ich ihn aufmerksamer gefunden; als ich ihm sagte, diese Begebenheit werde den Gegenstand meines nächsten Werkes ausmachen, rief er mir ein freudig beifälliges Wort zu: »Thun Sie das, vielleicht dringen Sie durch!«
Zwei Jahrzehnte früher hatte ich dem Kronprinzen Maximilian von Bayern, der damals an der Universität Berlin studierte, einige Vorlesungen gehalten, nicht gerade viele, die mir aber seinen Beifall und seine Gunst für das Leben gewannen. Als er in den Verwirrungen der Revolution von 1848, die auch Bayern ergriff, den Thron bestieg und sich einigermaßen befestigt auf demselben fühlte, hatte er die Güte, sich meiner zu erinnern, und bot mir eine sehr ehrenvolle Stellung an. In Genialität des Wesens und Umfang der Vorbildung ließ sich Maximilian II. nicht mit Friedrich Wilhelm IV. vergleichen; aber er war ruhig, still nachdenkend und dann sehr fest. Alle seine Bestrebungen waren auf die Erhebung Bayerns zu einer hohen Kulturstufe gerichtet; er liebte die Wienschaft an sich und in Beziehung auf sein Land. Ich bin ihm nun Dank schuldig, daß er mich auf seinen Reisen im Gebirg, die er im Herbst von Berchtesgaden aus unternahm, heranzog; er eröffnete mir dabei eine Seite der deutschen Natur und Nation, die ich bisher nicht kannte. Seine Gespräche waren immer auf das Allgemeine gerichtet. Aus den Spaziergängen von Berchtesgaden aus ist dann auch der Entwurf zu der akademischen Gesellschaft entstanden, die als Commission bei der bayrischen Akademie[75] der Wissenschaften großes literarisch-historisches Verdienst erworben hat. Hätte Maximilian nur länger gelebt! Politisch kam nichts vor, worüber wir nicht lange Gespräche gepflogen hätten. Er war wohlgesinnt durch und durch; kein Falsch war in ihm. Der mächtigste von den Mittelstaaten zwischen Österreich und Preußen war Bayern. Der König war keineswegs mit der Politik der Staatengruppe, die damals eingeschlagen wurde, einverstanden; aber sein unerwarteter Tod war wohl der erste Moment, der dieses System überhaupt vernichtete. Als der Kampf ausbrach, hätte der König von Bauern wohl niemals sich entschlossen, auf die Seite von Österreich zu treten; es geschah in der Verwirrung, die eben zu jener Zeit ausbrach, als er mit Tode abging. Er hatte noch manches im Sinne, was er wohl durchgeführt hätte, wenn er gelebt; namentlich eine Gesammtakademie für Deutschland für Sprache und Schrift. Aber der Krieg, der dann ausbrach, machte der damaligen Lage überhaupt und jedem Entwurf, der sich daran knüpfen konnte, ein Ende.
Es folgten dann die beiden großen Kriege, welche das Geschick der Welt verändert haben, der österreichisch-preußische und der preußisch-französische, deren vornehmstes Resultat darin liegt, daß die politischen Verhältnisse sich auf einem einheitlich ebenen Boden entwickelt haben. Die universale Aussicht für Deutschland und die Welt hat mich dann veranlaßt, meine letzten Kräfte einem Werk über die Weltgeschichte zu widmen, in dem ich noch begriffen bin.[76]








Leopold von Ranke
Zur eigenen Lebensgeschichte













Vorrede


Aufsätze zur eigenen Lebensbeschreibung

1. Dictat vom October 1863
2. Dictat vom Mai 1869
3. Dictat vom December 1875
4. Dictat vom November 1885




