
                                 Raabe, Wilhelm

                                Der Hungerpastor

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                                 Wilhelm Raabe

                                Der Hungerpastor

                               Nicht mitzuhassen,
                            mitzulieben bin ich da.

                                   Sophokles


                                 Erstes Kapitel

Vom Hunger will ich in diesem schnen Buche handeln, von dem, was er bedeutet,
was er will und was er vermag. Wie er fr die Welt im ganzen Schiwa und Wischnu,
Zerstrer und Erhalter in einer Person ist, kann ich freilich nicht
auseinandersetzen, denn das ist die Sache der Geschichte; aber schildern kann
ich, wie er im einzelnen zerstrend und erhaltend wirkt und wirken wird bis an
der Welt Ende.
    Dem Hunger, der heiligen Macht des echten, wahren Hungers widme ich diese
Bltter, und sie gehren ihm auch von Rechts wegen, was am Schlu hoffentlich
vollkommen klargeworden sein wird. Mit letzterer Versicherung bin ich einer
weiteren Vorrede, welche zur Gemtlichkeit, Erregung und Aufregung des Lesers
doch nur das wenigste beitragen wrde, berhoben und beginne meine Geschichte
mit unbegrenztem Wohlwollen sowohl gegen Mitwelt und Nachwelt als auch gegen
mich selber und alle mir im Lauf der Erzhlung vorbergleitenden Schattenbilder
des groen Entstehens, Seins und Vergehens - des unendlichen Werdens, welches
man Weltentwicklung nennt, welches freilich ein wenig interessanter und reicher
als dieses Buch ist, das aber auch nicht wie dieses Buch in drei Teilen zu einem
befriedigenden Abschlu kommen mu.
    Da haben wir den Jungen! Da haben wir ihn endlich - endlich! rief der
Vater meines Helden und tat einen langen, erleichternden Atemzug, wie ein Mann,
der langes, vergebliches Sehnen, schwere Arbeit, viele Mhen und Sorgen getragen
hat und endlich glcklich zu einem glcklichen Ziel gekommen ist. Mit klugen,
glnzenden Augen sah er herab auf das unansehnliche, kmmerliche Stck
Menschentum, welches ihm die Wehemutter in die Arme gelegt hatte, grad als die
Feierabendglocke erklang. Eine Trne stahl sich ber die hagere Wange des
Mannes; und die scharfe, spitze, kluge vterliche Nase senkte sich immer tiefer
gegen das unbedeutende, kaum erkennbare Nschen des Neugeborenen, bis sie
pltzlich mit einem Ruck wieder emporfuhr und sich ngstlich fragend gegen die
gute, hlfreiche Frau, die soviel zu seinem Entzcken beigetragen hatte,
richtete.
    O Frau Gevatterin - Gevatterin Tiebus, es ist doch wirklich, wirklich
einer? Sagt's noch einmal, da Ihr Euch nicht irrt - da dem wirklich, wirklich
also ist!
    Die Wehemutter, die bis jetzt mit selbstbewutem, lchelndem Kopfnicken der
ersten zrtlichen Begrung zwischen Vater und Sohn zugesehen hatte, hob nun
ebenfalls ihre Nase sehr ruckartig, verscheuchte mit einer unnachahmlichen
Bewegung beider Arme alle Geister und Geisterchen des Wohlwollens und der
Zufriedenheit, von welchen sie bis jetzt umflattert wurde, stemmte die Fuste in
die Seite, und mit Hohn, Verachtung und beleidigtem Selbstgefhl sprach sie:
    Meister Unwirrsch, Ihr seid ein Narr! Lat Euch an die Wand malen! ... Ob
es einer ist? - Hat die Welt je so was gehrt von solchem alten, verstndigen
Menschen und Hausvater? ... Ob es einer ist!? Meister Unwirrsch, ich glaube,
nchstens verlernt Ihr noch, einen Stiefel von einem Schuh zu unterscheiden. Da
sieht man's recht, was fr ein Leiden es ist, wenn die Gottesgabe so spt kommt.
Ist das kein Junge, den Ihr da haltet? Ist das wirklich kein Junge, kein
richtiger, echter Junge? Jesus, wenn die alte Kreatur nicht das arme Geschpf in
den Armen hielte, so mchte ich ihr schon eine Tachtel um solch 'ne
nichtsnutzige, frwitzige Frage stechen! Kein Junge!? Wohl ist es ein Junge,
Gevatter Pechdraht - zwaren keiner von die schwersten; aber doch 'n Junge wie
was! Und wieso ist's kein Junge? Ist nicht der Buohnohparteh, der Napohlion,
wieder unterwegens bers Wasser, und gibt's nicht Krieg und Katzbalgerei
zwischen heut und morgen, und braucht man etwan keine Jungen, und werden nicht
etwan in jetziger gesegneter und geschlagener Zeit mehr Jungen als Mdchen drum
in die Welt gesetzt, und kommen nicht auf ein Mdchen drei Jungen, und kommt Ihr
mir so, Gevatter, und wollt einer gewickelten und gewiegten Perschon
nichtswrdige Fragen stellen? Lat Euch an die Wand malen, Gevatter Unwirrsch,
und drunter schreiben, wofr ich Euch halte. Gebt her den Jungen; Ihr seid gar
nicht wert, da er sich mit Euch abgibt - marsch fort mit Euch zu Eurer Frau -
am Ende fragt Ihr die auch, noch, ob's - ein - Junge - ist!
    Unsanft wurde das Wickelkind aus den Armen des verachteten,
niedergeschmetterten Vaters gerissen, und nach abermaligem Atemholen humpelte
der Meister Anton Unwirrsch in die Kammer zu seiner Frau, und die Glocken des
Feierabends luteten immer noch; wir aber wollen weder die beiden Ehegatten noch
die Glocken stren - sie sollen ihre Gefhle ausklingen lassen, und niemand soll
dreinreden und -schreien drfen. -
    Arme Leute und reiche Leute leben auf verschiedene Art in dieser Welt: aber
wenn die Sonne des Glcks in ihre Htten, Huser oder Palste fllt, so
vergoldet sie mit ganz dem nmlichen Schein die hlzerne Bank wie den
Sammetsessel, die getnchte Wand wie die vergoldete; und mehr als ein
philosophischer Schlaukopf will bemerkt haben, da, was Freude und Leid
betrifft, der Unterschied zwischen reichen und armen Leuten gar so gro nicht
sei, wie man auf beiden Seiten oft, sehr oft, ungemein oft denkt. Wir wollen das
dahingestellt sein lassen: uns gengt es, da das Lachen nicht Monopol und das
Weinen nicht Servitut ist auf diesem rundlichen, an beiden Polen abgeplatteten,
feuergefllten Ball, auf welchem wir uns ohne unsern Willen einfinden und von
welchem wir ohne unsern Willen abgehen, nachdem uns der Zwischenraum zwischen
Kommen und Gehen sauer genug gemacht wurde.
    In armer Leute Haus schien jetzt die Sonne, das Glck beugte sein Haupt
unter der niedern Tr und trat lchelnd herein, beide Hnde offen zum Gru
darbietend. Es war hohe Freude ber die Geburt des Sohnes bei den Eltern, dem
Schuster Unwirrsch und seiner Frau, welche so lange drauf gewartet hatten, da
sie nahe daran waren, solche Hoffnung gnzlich aufzugeben.
    Und nun war er doch gekommen, gekommen eine Stunde vor dem Feierabend! Die
ganze Krppelstrae wute bereits um das Ereignis, und selbst zum Meister
Nikolaus Grnebaum, dem Bruder der Wchnerin, der ziemlich am andern Ende der
Stadt wohnte, war die frohe Botschaft gedrungen. Ein grinsender Schusterjunge,
der seine Pantoffeln, um schneller laufen zu knnen, unter den Arm genommen
hatte, brachte die Nachricht dahin und schrie sie atemlos dem Meister in das
weniger taube Ohr, was zur Folge hatte, da der gute Mann whrend fnf Minuten
viel dmmer aussah, als er war. Jetzt aber war er bereits auf dem Wege zur
Krppelstrae, und da er als Brger, Hausbesitzer und ansssiger Meister die
Pantoffeln nicht unter den Arm nehmen konnte, so war davon die Folge, da ihn
der eine treulos an einer Straenecke verlie, um das Leben auf eigene Hand oder
vielmehr auf eigener Sohle anzufangen.
    Als der Oheim Grnebaum in dem Hause seines Schwagers anlangte, fand er
daselbst so viele gute Nachbarinnen mit Ratschlgen und Meinungsuerungen vor,
da er sich in seiner jammerhaften Eigenschaft als alter Junggesell und
ausgesprochener Weiberhasser hchst berflssig erscheinen mute. Er erschien
sich auch in solchem Lichte und wre beinahe umgekehrt, wenn ihn nicht der
Gedanke an den in dem Lrmsal elendig verlassenen Schwager und
Handwerksgenossen doch dazu gebracht htte, seine Gefhle zu bemeistern.
Brummend und grunzend drngte er sich durch das Frauenvolk und fand endlich
richtig den Schwager in einer auch nicht sehr beneidenswerten und leuchtenden
Lage und Stellung.
    Man hatte den Armen vollstndig beiseite geschoben. Aus der Kammer der
Wchnerin hatte ihn die Frau Tiebus hinausgemaregelt; in der Stube unter den
Nachbarinnen war er auch vollkommen berflssig; der Gevatter Grnebaum
entdeckte ihn endlich in einem Winkel, wo er kmmerlich zusammengedrckt auf
einem Schemel sa und Teilnahme nur an der Hauskatze fand, die sich an seinen
Beinen rieb. Aber in seinen Augen war noch immer jener Glanz, der aus einer
andern Welt zu stammen scheint: der Meister Unwirrsch hrte nichts von dem
Flstern und Schnattern der Weiber, er sah nichts von ihrem Durcheinander, er
sah auch den Schwager nicht; bis dieser ihn an den Schultern packte und ihn auf
nicht sehr sanfte Art ins Bewutsein zurckschttelte.
    Gib 'n Zeichen, da du noch beis labendige Dasein bist, Anton! brummte der
Meister Grnebaum. Sei 'n Mensch und 'n Mann, wirf die Weibsleute raus, alle,
bis auf - bis auf die Base Schlotterbeck dort. Denn obschonst der Deibel die
Graden und die Ungraden nimmt, so ist das doch die einzigste drunter, die 'nen
Menschen wenigstens alle Stunde einmal zu Worte kommen lt. Willst du nicht?
Kannst du nicht? Darfst du nicht? Auch gut, so fa hinten meine Jacke, da ich
dich sicher aus dem Tumult bringe; komm die Treppe herauf und la es gehen, wie
es will. Also der Junge ist da? Na, gottlob! Ich dachte schon, wir htten wieder
vergeblich gelauert.
    Durch die Weiber schoben sich seitwrts die beiden Handwerksgenossen,
gelangten mit Mhe auf den Hausflur und stiegen die enge, knarrende Treppe
hinauf, welche in das obere Stockwerk des Hauses fhrte, allwo die Base
Schlotterbeck ein Stbchen, eine Kammer und eine Kche gemietet hatte und wo
also die Familie Unwirrsch nur noch ber ein Gemach gebot, das so mit
Gegenstnden von allerlei Art vollgepfropft war, da fr die beiden ehrenwerten
Gildebrder kaum noch der ntige Platz zum Niederhocken und Seelenaustausch
brigblieb. Kisten und Kasten, Kruterbndel, Maiskolben, Lederbndel,
Zwiebelbndel, Schinken, Wrste, unendliche Rumpeleien waren hier mit wahrhaft
genialer Geschicklichkeit neben-, unter-, ber-, vor- und
zwischeneinandergedrngt, - gehngt, - gestellt, - gestopft und - geworfen; und
kein Wunder war's, wenn der Schwager Grnebaum hier seinen zweiten Pantoffel
verlor.
    Aber die letzten Strahlen der Sonne fielen durch die beiden niedrigen
Fenster in den Raum; vor den Nachbarinnen und der Frau Tiebus war man in
Sicherheit; auf zwei Kisten setzten sich die beiden Meister einander gegenber
nieder, reichten sich die Hnde und schttelten sie whrend wohlgezhlter fnf
Minuten.
    Gratulabumdum, Anton! sagte Nikolaus Grnebaum.
    Ich danke dir, Nikolaus! sagte Anton Unwirrsch.
    Vivat, er ist da! Vivat, er lebe hoch! - nochmals, ab - schrie aus vollem
Halse der Meister Grnebaum, brach aber ab, als ihm der Schwager die Hand auf
den Mund drckte.
    Nicht so laut, um Gottes willen nicht so laut, Niklas! Die Frau liegt hier
grade unter uns und hat so schon ihre liebe Not mit den Weibern.
    Die Faust lie der neue Onkel auf seine Knie fallen:
    Hast recht, Bruderherz: der Deibel hole die Graden und die Ungraden. Aber
nun geh mal los, Alter; wie ist dir denn zumute? Allewege ganz und gar nicht wie
sonsten? Hoho! Wie sieht denn die Krte aus? Alles an die rechte Stelle? Nase,
Mund, Arm und Bein? Nichts vermalhrt? Alles in Ordnung: Strippen und Schfte,
Oberleder, Spann, Hacken und Sohle? Gut verpicht, vernagelt und adrett
gewichst?
    Alles, wie es sein mu, Bruderherz! rief der glckliche Vater, die Hnde
aneinander reibend. Ein Staatsjunge! Gott segne uns in ihm. O Niklas,
tausenderlei wollt ich dir sagen, aber es wrgt mich zu sehr in der Kehle; alles
geht rund mit mir um -
    La es gehen, wie's will; wenn die Katze vom Dach geworfen ist, mu sie
sich erst besinnen, sagte der Schwager Grnebaum. Die Frau ist doch wohlauf?
    Gott sei's gedankt. Sie hat sich gehalten wie eine Heldin; keine Kaiserin
htt's besser gemacht.
    Sie ist eine Grnebaum, sagte Nikolaus mit Selbstbewutsein, und die
Grnebume knnen im Notfall die Zhne zusammenbeien. Auf was fr 'n Namen
willst du den Jungen gehen lassen, Anton?
    Mit der hagern Hand fuhr der Vater des Neugeborenen ber die hohe,
furchenreiche Stirn und starrte einige Augenblicke durch das Fenster ins Weite.
Dann sagte er:
    Getauft soll er werden auf drei Handwerksgenossen. Johannes soll er heien
wie der Poete in Nrnberg und Jakob wie der hochgelobte Philosophus von Grlitz,
und wie zwei Flgel sollen ihm die beiden Namen sein, da er damit aufsteige von
der Erde zum blauen Himmel und sein Teil Licht nehme. Aber zum dritten will ich
ihn Nikolaus nennen, damit er immer wisse, da er auf der Erde einen treuen
Freund und Frsorger habe, an welchen er sich halten kann, wenn ich nicht mehr
vorhanden bin.
    Das nenn ich 'nen Satz mit 'nem Kopf von Sinn und Verstand und 'nem dicken,
unsinnigen Schwanz. Die Namen gib ihm, und es soll fr uns alle drei Perschonen
'ne Ehre sein; aber mit den alten, nrrischen Todesschrullen bleib mir vom
Leibe. Fett bist du nicht, und 'nen Ochsen schlgst du auch grade nicht mit dem
bloen Knieriemen nieder; aber den Pechdraht kannst du noch manch hbsches
Jhrlein ziehen, du alter, spintisierender Bcherhase, du.
    Der Meister Unwirrsch schttelte den Kopf und brachte die Rede auf was
anderes, und mancherlei sprachen die beiden Schwger noch miteinander, bis es
vollstndig Dmmerung in der Rumpelkammer geworden war.
    Es klopfte jemand an die Tr, und der Meister Grnebaum rief:
    Wer ist mich da? Weibervolk wird nicht hereingelassen!
    Ich bin's, rief eine Stimme drauen.
    Wer?
    Iche!
    's ist die Base Schlotterbeck, sagte Unwirrsch. Schieb nur den Riegel
zurck; wir haben lange genug hier oben gesessen: vielleicht darf ich die Frau
noch einmal sehen.
    Brummend gehorchte der Schwager, und die Base leuchtete mit ihrer Lampe in
die Kammer.
    Richtig, da sitzen sie. Na, kommt nur, ihr Helden; die Nachbarinnen sind
fort. Kriecht hervor! Eure Frau, Meister Unwirrsch? Ja, die ist wohlberaten; sie
schlft, und Ihr drft sie nicht stren: aber 'ne Neuigkeit sollt Ihr wissen und
Gott danken. Drben ber der Gasse beim Juden Freudenstein ist's heut auch so
gegangen wie in diesem Haus; aber nicht ganz so. Das Kind ist da - auch ein
Junge, aber 's Blmchen Freudenstein ist tot, und groes Wehklagen ist drber.
Lobt Gott den Herrn, Meister Unwirrsch; Ihr aber, Meister Grnebaum, macht Euch
fort nach Haus. Nun, nun, Unwirrsch, steht nicht so betroffen da, der Tod tritt
ein oder geht vorbei nach Gottes Befehl. Ich bin wie gerdert und will ins Bett
kriechen. Gute Nacht, Gevattern.
    Die Base Schlotterbeck verschwand hinter ihrer Tr, die beiden Meister
schlichen auf den Fuspitzen die Treppe hinab, und der Oheim Grnebaum hatte an
diesem Abend in seiner Stammkneipe zum Roten Bock viel weniger das groe Wort in
Politik, Stadtangelegenheiten und andern Angelegenheiten als sonst. Der Meister
Unwirrsch lag die ganze Nacht, ohne ein Auge zuzutun; der Neugeborne schrie
mchtig, und es war kein Wunder, da diese ungewohnten Tne den Vater wach
erhielten und ein wirbelndes Heer von hoffenden und sorgenden Gedanken
aufstrten und in wilder Jagd durch Herz und Hirn trieben.
    Es ist nicht leicht, eine gute Predigt zu machen; aber leicht ist es auch
nicht, einen guten Stiefel anzufertigen. Zu beiden gehrt Geschick, viel
Geschick; und Pfuscher und Stmper sollten zum Besten ihrer Mitmenschen lieber
ganz davonbleiben. Ich fr mein Teil habe eine ungemeine Vorliebe fr die
Schuster, sowohl in der Gesamtheit bei ihren feierlichen Aufzgen wie auch in
ihrer Eigenschaft als Individuen. Es ist, wie das Volk sagt, eine
spintisierende Nation, und kein anderes Handwerk bringt so treffliche und
kuriose Eigentmlichkeiten bei seinen Gildegliedern hervor. Der niedrige
Arbeitstisch, der niedrige Schemel, die wassergefllte Glaskugel, welche das
Licht der kleinen llampe auffngt und glnzender wieder zurckwirft, der
scharfe Duft des Leders und des Pechs mssen notwendigerweise eine nachhaltige
Wirkung auf die menschliche Natur ausben, und sie tun es auch mchtig. Was fr
originelle Kuze hat dieses vortreffliche Handwerk hervorgebracht! - eine ganze
Bibliothek knnte man ber merkwrdige Schuster zusammenschreiben, ohne den
Stoff im mindesten zu erschpfen! Das Licht, das durch die schwebende Glaskugel
auf den Arbeitstisch fllt, ist das Reich phantastischer Geister; es fllt die
Einbildungskraft whrend der nachdenklichen Arbeit mit wunderlichen Gestalten
und Bildern und gibt den Gedanken eine Frbung, wie sie ihnen keine andere
Lampe, patentiert oder nicht patentiert, verleihen kann. Auf allerlei Reime,
seltsame Mrlein, Wundergeschichten und lustige und traurige Weltbegebenheiten
verfllt man dabei, worber dann die Nachbarn sich verwundern, wenn man sie mit
schwerflliger Hand zu Papier gebracht hat, und wobei die Frau lacht oder sich
frchtet, wenn man sie in der Dmmerung mit halblauter Stimme summt. Oder aber
man fngt an, noch tiefer zu grbeln, und Not wird uns, zu entsinnen des
Lebens Anfang. Immer tiefer sehen wir in die leuchtende Kugel, und in dem Glase
sehen wir das Universum in all seinen Gestalten und Naturen: durch die Pforten
aller Himmel treten wir frei und erkennen sie mit all ihren Sternen und
Elementen; hchste Ahnungen gehen uns auf, und niederschreiben wir, whrend der
Pastor Primarius Richter von der Kanzel den Pbel gegen uns aufhetzt und der
Bttel von Grlitz, der uns ins Gefngnis bringen soll, vor der Tr steht:
    Denn das ist der Ewigkeit Recht und ewig Bestehen, da sie nur einen Willen
hat. Wenn sie deren zweene htte, so zerbrche einer den andern und wre Streit.
Sie stehet wohl in viel Kraft und Wundern: aber ihr Leben ist nur blo allein
die Liebe, aus welcher Licht und Majestt ausgehet. Alle Kreaturen im Himmel
haben einen Willen, und der ist ins Herze Gottes gerichtet und gehet in Gottes
Geist, wohl im Centro der Vielheit, im Wachsen und Blhen; aber Gottes Geist ist
das Leben in allen Dingen, Centrum Naturae gibt Wesen, Majestt und Kraft, und
der Heilige Geist ist Fhrer.
    Viel sehen wir in der glnzenden Kugel, durch welche die schlechte Lampe so
armes Licht wirft, da wir dabei kaum zu Papier bringen knnen, was wir sahen;
aber nichtsdestoweniger knnen wir unter das vollendete Manuskriptum schreiben:
    Geschrieben nach gttlicher Erleuchtung durch Jakob Bhm, sonsten auch
Teutonicus genannt.
    Wer gegen die Schuster was hat und ihre Trefflichkeit im einzelnen wie im
allgemeinen nicht nach Gebhr zu schtzen wei, der bleibe mir vom Leibe. Wer
sie gar ihres oft wunderbaren uern wegen, ihrer krummen Beine, ihrer harten,
schwarzen Pfoten, ihrer nrrischen Nasen, ihrer ungepflegten Haarwlste halben
nasermpfend verachtet, den mge man mir stehlen; ich werde keine Belohnung um
seine Wiedererlangung aussetzen. Ich schtze und liebe die Schuster, und vor
allen halte ich hoch den wackern Meister Anton Unwirrsch, den Vater von Hans
Jakob Nikolaus Unwirrsch. Obgleich er leider recht bald nach jenem Feierabend,
an welchem ihm der lngst erwnschte Sohn geboren wurde, selbst fr immer
Feierabend machte, so hngen doch aus seinem Leben zu viele Fden in das des
Sohnes hinein, als da wir die Schilderung seines Seins und Wesens umgehen
knnten. Der Mann stand, wie wir bereits wissen, krperlich auf nicht sehr
festen Fen; aber geistig stand er fest genug und nahm es mit manchem, der sich
hoch ber ihn erhaben dnkte, auf. Aus allen Reliquien seines verborgenen
Daseins geht hervor, da er die Mngel einer vernachlssigten Ausbildung nach
besten Krften nachzuholen suchte; es geht daraus hervor, da er Wissensdrang,
viel Wissensdrang hatte. Und wenngleich er niemals vollstndig orthographisch
schreiben lernte, so war er doch ein dichterisches Gemt, wie sein berhmter
Handwerksgenosse aus der Mausfalle zu Nrnberg, und las, soviel er nur irgend
konnte. Was er las, verstand er meistens auch; und wenn er aus manchem den Sinn
nicht herausfand, welchen der Autor hineingelegt hatte, so fand er einen andern
Sinn heraus oder legte ihn hinein, der ihm ganz allein gehrte und mit welchem
der Autor sehr oft hchst zufrieden sein konnte. Obgleich er sein Handwerk
liebte und es in keiner Weise versumte, so hatte es doch keinen goldenen Boden
fr ihn, und er blieb ein armer Mann. Goldene Trume aber hatte seine
Beschftigung fr ihn, und alle Beschftigungen, die dergleichen geben knnen,
sind gut und machen glcklich. Anton Unwirrsch sah die Welt von seinem
Schusterstuhl fast gradeso, wie sie einst Hans Sachs gesehen hatte, doch wurde
er nicht so berhmt. Er hinterlie ein eng und fein geschriebenes Bchlein,
welches zuerst seine Witwe in der Tiefe ihrer Lade neben ihrem Gesangbuch,
Brautkranz und einem schwanen Kstchen, von welchem spter noch die Rede sein
wird, aufbewahrte gleich einem Heiligtume. Gleich einem Heiligtume berlieferte
die Mutter es dem Sohne, und dieser hat ihm den Ehrenplatz in seiner Bibliothek
zwischen der Bibel und dem Shakespeare gegeben, obgleich es nach Gehalt und
Poesie ein wenig unter diesen beiden Schriftwerken steht.
    Die Base Schlotterbeck und der Schwager Grnebaum hatten eine dumpfe Ahnung
von dem Vorhandensein dieses Manuskripts, aber wirklich Bescheid darum wute nur
die Frau des Poeten. Fr sie war es das Wunderbarste, was man sich vorstellen
konnte: es reimte sich ja wie 's Gesangbuch, und ihr Mann hatte es gemacht;
das ging ber alles, was die Nachbarschaft zutage frdern konnte.
    Fr den Sohn waren diese zusammengehefteten Bltter spter ein teures
Vermchtnis und ein rhrendes Zeichen des ewig aus der Tiefe und Dunkelheit zur
Hhe, zum Licht, zur Schnheit emporstrebenden Volksgeistes.
    Die harmlosen, formlosen Seelenergsse des Schusters Unwirrsch feierten
naturgem die Natur in ihren Erscheinungen, das Haus, das Handwerk und einzelne
groe Fakta der Weltgeschichte, vorzglich Taten und Helden des eben
vorbergedonnerten Befreiungskrieges. Sie zeugten von einem bald gemtlichen,
bald gehobenen Denken nach allen diesen Seiten hin. Ein wenig Humor mischte sich
auch darein, doch trat das Pathetische am meisten hervor und mute auch meistens
das bekannte Lcheln erregen. Der wackere Meister Anton hatte so viel Donner und
Blitz, Hagelschlag, Feuersbrnste und Wassersnot erlebt, hatte so viele
Franzosen, Rheinbndler, Preuen, sterreicher und Russen vor seinem Hause
vorberziehen sehen, da es kein Wunder war, wenn er dann und wann auch ein
wenig versuchte zu donnern, zu blitzen und totzuschlagen. Mit den Nachbarn
geriet er deshalb nicht in Feindschaft: denn er blieb, was er war, ein guter
Kerl, und als er starb, trauerte nicht allein die Frau, der Schwager Grnebaum
und die Base Schlotterbeck; nein, die ganze Krppelstrae wute und sagte, da
ein guter Mann fortgegangen und da es schade um ihn sei.
    Auf die Geburt eines Sohnes hatte er lange und sehnschtig gewartet. Oft
malte er sich aus, was er daraus machen knnte und wollte. Sein ganzes, eifriges
Streben nach Erkenntnis trug er auf ihn ber; der Sohn sollte und mute
erreichen, was der Vater nicht erreichen konnte. Die tausend unbersteiglichen
Hindernisse, die das Leben dem Meister Anton in den Weg geworfen hatte, sollten
den Lauf des Unwirrsches der Zukunft nicht aufhalten. Frei sollte er die Bahn
finden, und keine Pforte der Weisheit, keine der Bildung sollte ihm der Mangel,
die Not des Lebens verschlieen.
    So trumte Anton, und ein Jahr der Ehe ging nach dem andern hin. Es wurde
eine Tochter geboren, aber sie starb bald nach der Geburt; dann kam wieder eine
lange Zeit nichts, und dann - dann kam endlich Johannes Jakob Nikolaus
Unwirrsch, dessen Eintritt in die Welt uns bereits den Stoff zu mehreren der
vorhergehenden Seiten gab und dessen sptere Leiden, Freuden, Abenteuer und
Fahrten, kurz, dessen Schicksale den grten Teil dieses Buches ausmachen
werden.
    Wir sahen den Schwager und Oheim Grnebaum seinen Pantoffel verlieren, wir
sahen und hrten den Tumult der Weiber, lernten die Frau Tiebus und die Base
Schlotterbeck kennen; wir sahen endlich die beiden Schwger Unwirrsch und
Grnebaum in der Rumpelkammer sitzen und sahen die Dmmerung in den
ereignisvollen Sonnenuntergang hereinschleichen; noch ein Jahr lebte der Meister
Anton nach der Geburt seines Sohnes, dann starb er an einer Lungenentzndung.
Das Schicksal machte es mit ihm nicht anders als mit so manchem andern: es gab
ihm sein Teil Freude in der Hoffnung und versagte ihm die Erfllung, welche von
der Hoffnung doch stets allzu weit berflogen wird.
    Johannes schrie tchtig in der Todesstunde seines Vaters, doch nicht um den
Vater. Die Frau Christine aber schrie sehr um den Gatten und wollte sich lange
Zeit weder durch die trstenden Worte der Base Schlotterbeck noch durch die
philosophischen Zusprche des weisen Meisters Nikolaus Grnebaum beruhigen
lassen. Dem Sterbenden versprach der Schwager, sein Bestes zu tun fr die
Hinterlassenen und ihnen in allen Nten nach besten Krften beizustehen. Noch
einmal rang Anton Unwirrsch nach Luft; aber die Luft war fr ihn zu sehr mit
Feuerflammen gefllt; er seufzte und starb. Der Doktor schrieb ihm den
Totenschein; es kam die Frau Kiebike, die Totenfrau, und wusch ihn, sein Sarg
war zur rechten Zeit fertig, ein gutes Gefolge von Nachbarn und Freunden gab ihm
das Geleit zum Kirchhof, und im Winkel neben dem Ofen sa die Frau Christine,
hielt ihr Kind auf dem Scho und sah mit starren, verweinten Augen auf den
niedern, schwarzen Arbeitsschemel und den niedern, schwarzen Arbeitstisch und
wollte es noch immer nicht glauben, da ihr Anton niemals mehr drauf und dran
sitzen sollte. Die Base Schlotterbeck rumte die leeren Kuchenteller, die
Flaschen und Glser fort, welche voll den Leidtragenden, den Leichentrgern und
den kondolierenden Nachbarinnen zur Strkung im Jammer vorgesetzt worden waren.
Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch kreischte in kindlicher Lust und streckte
verlangend die kleinen Hnde nach der blitzenden Glaskugel aus, welche ber des
Vaters Tische hing, auf welche jetzt die Sonne schien und welche einen so
merkwrdigen Schein ber die Gedankenwelt Anton Unwirrschs gegossen hatte. Der
Einflu dieser Kugel sollte noch lange fortdauern. Die Mutter hatte sich an das
Licht derselben so gewhnt, da sie es auch nach ihres Mannes Tode nicht
entbehren konnte; es leuchtete weit in das Jnglingsalter des Sohnes hinein,
manche Erzhlung von des Vaters Wert und Wrdigkeit vernahm Johannes dabei, und
unlslich verknpfte sich allmhlich in des Sohnes Geist das Bild des Vaters mit
dem Schein dieser Kugel.

                                Zweites Kapitel


Die Alten meinten, es sei fr ein groes Glck zu achten, wenn die Gtter einen
in einer berhmten Stadt geboren werden lieen. Da aber dieses Glck sehr
berhmten Mnnern nicht zuteil geworden ist, indem Bethlehem, Eisleben,
Stratford, Kamenz, Marbach und so weiter vordem nicht grade glnzende Punkte in
der Menschen Gedanken waren, so wird fr Hans Unwirrsch wenig darauf ankommen,
wenn er in einem Stdtchen namens Neustadt das Licht der Welt erblickte. Es gibt
nicht wenige gleichbenannte Stdte und Stdtchen; aber sie haben sich nicht um
die Ehre, unsern Helden zu ihren Brgern zu zhlen, gezankt. Johannes Jakob
Nikolaus Unwirrsch machte seinen Geburtsort nicht berhmter in der Welt.
    Zehntausend Einwohner hatte das Nest im Jahre 1819; heute hat es
hundertundfnfzig mehr. Es lag und liegt in einem weiten Tal, umgehen von Hgeln
und Bergen, von denen herab Wlder sich bis in die Stadtmarkung ziehen. Trotz
seines Namens ist es nicht neu mehr; mhsam hat es seine Existenz durch wilde
Jahrhunderte gerettet und geniet jetzt eines ruhigen, schlfrigen
Greisenalters. Die Hoffnung, noch einmal zu etwas Rechtem zu kommen, hat's
allmhlich aufgegeben und fhlt sich darum nicht unbehaglicher. In dem kleinen
Staate, welchem es angehrt, ist es immer ein Faktor, und die Regierung nimmt
Rcksicht auf es. Der Klang seiner Kirchenglocken machte einen angenehmen
Eindruck auf den Wanderer, der auf der nchstgelegenen Hhe aus dem Walde trat;
und wenn sich grade die Sonne in den Fenstern der beiden Kirchen und der Huser
spiegelte, so dachte derselbe Wanderer selten daran, da nicht alles Gold ist,
was glnzt, und da Glockenklang, fruchtbare Felder, grne Wiesen und eine
hbsche kleine Stadt im Tal noch lange nicht genug sind, um ein Idyll
herzustellen. Amyntas, Palmon, Daphnis, Doris und Chloe konnten sich das Leben
drunten im Tal oft recht unangenehm machen. Da das Lmmerweiden und - scheren
ein wenig aus der Mode gekommen ist, so fiel man sich einander gegenseitig in
die Wolle, und es mangelte nicht an Scherereien aller Art. Aber man freite und
lie sich freien und kam, alles in allem genommen, doch ziemlich gemchlich
durch das Leben; - da die Lebensbedrfnisse nicht unerschwinglich teuer waren
trug wohl sein Teil dazu bei. Der Teufel hole den ganzen Gener, wenn Obst und
Most miraten und Milch und Honig rar sind in Arkadien!
    Doch wir werden wohl noch Gelegenheit finden, ber dies alles hie und da
einige Worte zu verlieren, und wenn nicht, so schadet es nichts. Fr jetzt
mssen wir uns zu dem jungen Arkadier Hans Unwirrsch zurckwenden und sehen, auf
welche Weise er sich im Leben zurechtfindet.
    Eine recht ungebildete Frau war die Witwe des Schusters. Lesen und schreiben
konnte sie kaum notdrftig, ihre philosophische Bildung war gnzlich
vernachlssigt, sie weinte leicht und gern. In der Dunkelheit geboren, blieb sie
in der Dunkelheit, sugte ihr Kind, stellte es auf die Fe, lehrte ihm das
Gehen, stellte es fr das ganze Leben auf die Fe und lehrte ihm fr das ganze
Leben das Gehen. Das ist ein groer Ruhm, und die gebildetste Mutter kann nicht
mehr fr ihr Kind tun.
    In einem niedern, dunkeln Zimmer, in das wenig frische Luft und noch weniger
Sonne drang, erwachte Hans zum Bewutsein, und dies war in einer Hinsicht gut;
er frchtete sich spter nicht allzusehr vor den Hhlen, in welchen die bei
weitem grere Hlfte der an den Segnungen der Zivilisation teilnehmenden
Menschheit ihr Dasein hinbringen mu. Sein ganzes Leben hindurch nahm er Licht
und Luft fr das, was sie sind, Luxusartikel, die das Geschick gibt und
verweigert und welche es lieber zu verweigern als zu geben scheint.
    Die nach der Gasse gelegene Stube, welche zugleich des Meisters Anton
Werkstatt gewesen war, wurde unverndert in ihrem vorigen Zustande erhalten. Mit
ngstlicher Sorgfalt wachte die Witwe darber, da nichts von ihres Seligen
Arbeitsgert verrckt wurde. Der Oheim Grnebaum hatte zwar das ganze
berflssige Handwerkszeug fr einen namhaften Preis an sich kaufen wollen; aber
die Frau Christine konnte sich nicht entschlieen, irgendein Stck davon
herzugeben. In allen ihren Feierstunden sa sie auf ihrem gewohnten Platz neben
dem niedrigen Schustertisch, und am Abend konnte sie, wie wir wissen, nur beim
Licht der Glaskugel stricken, nhen oder das groe Gesangbuch
durchbuchstabieren.
    Die arme Frau mute sich jetzt sehr qulen, um sich und ihr Kind ehrlich
durchzubringen: in der kleinen Schlafkammer, deren Fenster nach dem Hofe
hinaussahen, lag sie manche Nacht wachend in groen Sorgen, whrend Hans
Unwirrsch in seines Vaters groer Bettstatt von den groen Butterbrten und den
Semmeln glcklicherer Nachbarskinder trumte. Der weise Meister Grnebaum tat an
seinen Verwandten, was er konnte; aber das Handwerk hatte fr ihn nicht den
Segen, den man nach jedem Kinderfreund davon erwarten mchte; er hielt
allzugern allzulange Reden im Roten Bock, und seine Kunden vertrauten ihm lieber
da sie ein neues Paar bei ihm bestellten. Er hielt selber mit Mhe den Kopf
berm Wasser; - mit seinem Rat aber hielt er nicht zurck, sondern gab ihn
willig und in groen Quantitten; und leider mssen wir das nicht ungewhnliche
Faktum berichten, da die Quantitt meistenteils durchaus nicht im richtigen
Verhltnis zur Qualitt stand. Die Base Schlotterbeck, obwohl lange nicht so
weise wie der Meister Grnebaum, war praktischer, und auf ihren Rat wurde die
Frau Christine eine Wscherin, die des Morgens zwischen zwei und drei Uhr
aufstand und am Abend um acht todmde und zerschlagen nach Hause kam, um den
ersten, den physischen Hunger ihres Kindes stillen und seine Trume in die
Wirklichkeit setzen zu knnen.
    Hans Unwirrsch behielt aus dieser Zeit seines Lebens dunkle, unbestimmte,
wunderliche Erinnerungen und hat davon seinen nchsten Freunden Bericht gegeben.
Von frhester Jugend an hatte er einen leisen Schlaf, und so erwachte er auch
fters von dem Lichtschein des Schwefelhlzchens, mit welchem seine Mutter in
dunkler, kalter Winternacht ihre Lampe anzndete, um sich zu ihrem frhen Wege
zu rsten. Warm lag er in seinen Kissen und rhrte sich nicht, bis die Mutter
sich ber ihn beugte, um nachzusehen, ob sie den kleinen Schlfer auch nicht
durch das Klappern ihrer Pantoffeln erweckt habe. Dann schlang er seine Arme um
ihren Hals und lachte, bekam einen Ku und die Ermahnung, schnell wieder
einzuschlafen, da es noch lange nicht Tag sei. Dieser Ermahnung folgte er
entweder sogleich oder erst spter. Im zweiten Fall beobachtete er durch
halbgeschlossene Augenlider die brennende Lampe, die Mutter und die Schatten an
der Wand.
    Merkwrdigerweise stammten diese frhen Erinnerungen fast alle aus der Zeit
des Winters. Um die Flamme der Lampe war ein Dunstkreis; der Atem fuhr in einer
Wolke gegen das Licht: die gefrorenen Fensterscheiben flimmerten, es war bitter
kalt, und in das Behagen des sichern, warmen Bettes mischte sich fr den kleinen
Beobachter das Grauen der bittern Klte, vor welchem er sein Nschen unter die
Decke ziehen mute.
    Begreifen konnte er nicht, weshalb die Mutter so frh aufstehe, whrend es
so dunkel und kalt war und whrend so tolle schwarze Schatten an der Wand
vorbergingen, nickten, sich aufrichteten und sich beugten. Noch unbestimmtere
Begriffe hatte er von den Orten, wohin die Mutter ging; je nach seinen
Gemtsstimmungen stellte er sich diese Orte mehr oder weniger angenehm vor und
vermischte damit allerlei Einzelheiten der Mrchen und allerlei Bruchstcke aus
den Gesprchen der erwachsenen Leute, denen er gelauscht hatte und die sich
jetzt in diesen unklaren Augenblicken zwischen Schlaf und Wachen bunt und immer
bunter frbten und mischten.
    Endlich war die Mutter mit ihrem Ankleiden fertig, und noch einmal beugte
sie sich ber das Lager des Kindes. Abermals erhielt es einen Ku, allerlei gute
Ermahnungen und lockende Versprechungen, damit es still liege, nicht heule,
schnell wieder einschlafe. Die Versicherung, da der Morgen und die Base
Schlotterbeck bald kommen wrden, wurde hinzugefgt; die Lampe wurde
ausgeblasen, die Kammer versank in die tiefste Dunkelheit, die Tr knarrte, die
Schritte der Mutter entfernten sich; - schnell war der Schlaf wieder da, und
wenn Hans zum zweitenmal erwachte, sa die Base gewhnlich schon vor seinem
Bett, und in der Stube nebenan prasselte das Feuer im Ofen.
    Die Base Schlotterbeck war, obgleich sie nicht lter war als die Frau
Christine Unwirrsch, immer die Base Schlotterbeck gewesen. Niemand in der
Krppelstrae kannte sie unter einer andern Bezeichnung, und bekannt war sie in
der Krppelstrae wie der Alte Fritz, der Kaiser Napohlion und der alte
Blcher, wenngleich sie sonst mit diesen drei berhmten Helden weiter keine
hnlichkeiten hatte, als da sie schnupfte wie der preuische Knig und eine
gebogene Nase hatte wie der korsische Wterich. Eine hnlichkeit mit dem
Marschall Vorwrts wre schwer herauszufinden gewesen.
    Die Base war frher ebenfalls Wscherin gewesen, aber sie war nun lngst
ausrangiert und ernhrte sich kmmerlich durch Spinnen, Strumpfstricken und
hnliche Arbeiten. Der Magistrat hatte ihr ein krgliches Armengeld gewhrt, und
der Meister Anton, dessen sehr entfernte Verwandte sie war, hatte ihr das
Stbchen, welches sie in seinem Hause bewohnte, aus Mildttigkeit fr ein
billiges eingerumt. Eigentlich verdiente sie, ein eigenes Kapitel in diesem
Buche auszufllen, denn sie hatte eine Gabe, welcher sich nicht jedermann rhmen
kann: die Gestorbenen waren fr sie nicht abgeschieden von der Erde, sie sah sie
durch die Gassen schreiten, sie begegneten ihr auf den Mrkten, wie man
Lebendige sieht und unvermutet an einer Ecke auf sie stt. Damit war fr sie
nicht der geringste Hauch von Unheimlichkeit verbunden: sie sprach davon wie von
etwas ganz Natrlichem, Gewhnlichem, und es gab durchaus keinen Unterschied fr
sie zwischen dem Brgermeister Eckerlein, der im Jahr 1769 gestorben war und ihr
in Beutelpercke und rotem Sammetrock an der Lwenapotheke begegnete, und dem
Enkel des Mannes, welcher im Jahr 1820 die Lwenapotheke besa und der eben aus
dem Fenster sah, ohne von seinem Herrn Grovater Notiz nehmen zu knnen.
    Selbst den Bekannten und Bekanntinnen der Base Schlotterbeck erregte die
Gabe derselben zuletzt kein Grauen mehr. Die Unglubigen hrten auf, darber
zu lcheln, und die Glubigen - deren es eine gute Zahl gab - segneten sich
nicht mehr und schlugen nicht mehr die Hnde ber dem Kopfe zusammen. Auf den
Charakter des guten Weibleins selber hatte die hohe Vergnstigung keinen
verschlechternden Einflu. Die Base berhob sich nicht in ihrer seltsamen
Sehergabe, sie nahm diese wie eine unverdiente Gnade Gottes und blieb demtiger
als viele andere Leute, die lange nicht soviel sahen wie die ltliche Jungfer in
der Krppelstrae.
    Was das uere anbetrifft, so war die Base Schlotterbeck mittlerer Gre,
doch ging sie sehr gebckt und mit weit vorgeneigtem Kopfe. Die Kleider hingen
an ihr wie etwas, das nicht recht an seinem Platze ist, und ihre Nase war, wie
schon gesagt, sehr scharf und sehr gebogen. Sie htte einen unangenehmen
Eindruck gemacht, diese Nase, wenn die Augen nicht gewesen wren. Die Augen aber
machten alles wieder gut, was die Nase sndigte; es waren merkwrdige Augen und
sahen ja auch merkwrdige Dinge. Klar und leuchtend blieben sie bis in das
hchste Alter - blaue, junge Augen in einem alten, alten vertrockneten Gesichte!
Hans Unwirrsch hat sie nie vergessen, obgleich er spter in noch viel schnere
Augen sah.
    Den Wissenschaften war die Base Schlotterbeck in naiver Weise ergeben. Sie
hatte einen ungeheuren Respekt vor der Gelahrtheit, und vorzglich vor der
Gottesgelahrtheit; der kleine Hans verdankte ihr die erste Einfhrung zu allen
Wissenschaften, deren er sich in kommender Zeit mehr oder weniger bemchtigte.
Den Gebrdern Grimm htte sie Mrchen erzhlen knnen, und wenn die bse Knigin
der gehaten Stieftochter die goldene Nadel in den Scheitel stie, so fhlte
Hans Unwirrsch die Spitze bis in das Zwerchfell hinunter.
    Hans und die Base waren unzertrennliche Genossen whrend der ersten
Lebensjahre des Knaben. Vom frhen Morgen bis zum spten Abend vertrat die
Geisterseherin Mutterstelle bei dem Kinde; ohne ihren Rat und ihren Beistand
geschah nichts, was auf es Bezug hatte: manchen Hunger stillte sie, doch manchen
Hunger lernte Johannes Unwirrsch auch durch sie kennen. Der Oheim Grnebaum
brummte oft genug bei seinen Besuchen, aus solchem Weiberverkehr knne nichts
Gutes kommen, der Teufel nehme die Graden und die Ungraden; Schrullen,
Phantaseien und Gespensterimaginationen knnten einem Menschen nichts helfen und
machten ihn nur zu einem Konfuzius und Konfusionsrat: Dummes Zeug! Und dabei
bleibe ich!
    Die Base zuckte zur Antwort auf solche Anflle nur die Achseln, und Hans
kroch dichter an sie heran. Brummend, wie er gekommen war, zog der Oheim ab; -
er hielt sich fr einen ungemein praktischen und klaren Kopf und blies
Verachtung durch die Nase, ohne zu bedenken, da das beste Pfeifenrohr
verschlmmen kann.
    Hans Unwirrsch war ein frhreifes Kind und lernte das Sprechen fast eher als
das Gehen; das Lesen lernte er spielend. Die Base Schlotterbeck verstand die
letztere schwere Kunst sehr gut und stolperte nur ber allzu lange und allzu
auslndische Worte. Sie las gern laut und mit einem nselnden Pathos, das den
grten Eindruck auf das Kind machte. Ihre Bibliothek bestand in der Hauptsache
aus Bibel, Gesangbuch und einer langen Reihe von Volkskalendern, welche sich
seit dem Jahr siebzehnhundertneunzig in ununterbrochener Reihenfolge
aneinanderschlossen und deren jeder eine rhrende oder komische oder
schauerliche Historie nebst einem Schatz guter Haus- und Geheimmittel und einer
feinen Auswahl lustiger Anekdoten enthielt. Fr eine reizbare Kinderphantasie
lag eine unendliche reiche Welt in diesen alten Heften verborgen, und Geister
aller Art stiegen daraus empor, lchelten und lachten, grinsten, drohten und
fhrten die junge Seele durch die wechselndsten Schauer und Wonnen. Wenn der
Regen an die Scheiben schlug, wenn die Sonne in die Stube schien, wenn das
Gewitter mit schwarzen Wolkenarmen ber die Dcher griff und seine roten Blitze
ber die Stadt schleuderte, wenn der Donner rollte und der Hagel auf dem
Straenpflaster prasselte und hpfte, so geriet alles das auf irgendeine Weise
mit Gestalten und Szenen aus jenen Kalendern in Verbindung, und die Helden und
Heldinnen der Historien schritten durch gutes und schlechtes Wetter vollstndig
klar, deutlich und bestimmt vorber an dem kleinen trumerischen Hans, der
seinen Kopf in den Scho der alten Geisterseherin gelegt hatte. Die Geschichte
vom braven Kasperl und dem schnen Annerl gab einen Klang, der durch das ganze
Leben forttnte; aber einen noch grern Eindruck machte auf den Knaben das
Buch der Bcher, die Bibel. Die einfache Groartigkeit der ersten Kapitel der
Genesis mu die Kinder wie die Erwachsenen, die geistig Armen wie die Millionre
des Geistes berwltigen. Unendlich glaubwrdig sind diese Historien vom Anfang
der Dinge, und glaubwrdig bleiben sie, trotzdem jeden Tag klarer bewiesen wird,
da die Welt nicht in sieben Tagen erschaffen wurde. Mit schauerlichem Behagen
vertiefte sich Hans zu den Fen der Base in den dunkeln Abgrund des Chaos: Und
die Erde war wste und leer; - bis das Licht sich schied von der Finsternis und
das Wasser unter der Feste von dem Wasser ber der Feste. Wenn Sonne, Mond und
Sterne ihren Tanz begannen, Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre gaben, dann atmete
er wieder auf; und wenn die Erde Gras und Kraut und Fruchtbume aufgehen lie,
wenn das Wasser, die Luft und die Erde sich, erregten mit wehenden und
lebendigen Tieren, dann klatschte er in die kleinen Hnde und fhlte sich auf
sicherm Boden. Ganz deutlich und von unumstlicher Wahrheit war ihm die Art,
wie Gott dem Adam den Odem einblies, whrend dagegen der erste kritische Zweifel
in dem Kindeskopf entstand, als das Weib aus der Rippe des Mannes erschaffen
wurde; denn das tat doch weh!
    Auf die einfachen Geschichten vom Paradies, Kain und Abel, von der Sndflut
folgten aber die Geschlechtsregister mit den langen, schwierigen Namen. Diese
Namen waren wahre Dornbsche fr Vorleserin und Zuhrer; es waren Fallgruben, in
welche sie Hals ber Kopf hineinstrzten, es waren Steine, ber welche sie
stolperten und auf die Nase fielen. Immer wanden sie sich los, rafften sie sich
auf und arbeiteten sie sich weiter mit ehrfrchtiger Feierlichkeit: Aber die
Kinder von Gomer sind diese: Ascenas, Riphath und Thorgama. Die Kinder von Javan
sind diese: Elisa, Tharsis, Kithim und Dodanim.
    Doch die Tage verflossen nicht ganz allein unter Lesen und
Geschichtenerzhlen. Sobald Hans Unwirrsch seine Hnde nicht mehr in halb
unwillkrlichen Bewegungen hin und her warf oder in den Mund steckte, wurde er
sogleich von der Mutter und der Base mit dem groen Prinzip der Arbeit bekannt
gemacht. Die Base Schlotterbeck war ein kunstreiches Weib, welches sich dadurch
einen kleinen Nebenverdienst verschaffte, da es fr eine groe Spielwarenfabrik
Puppen ankleidete, eine Beschftigung, die dem Interesse eines Kindes nahe genug
lag und wobei Hans bald und gern hlfreich Hand leistete. Herren und Damen,
Bauern und Buerinnen, Schfer und Schferinnen und mancherlei andere lustige
Mnnlein und Frulein aus allen Stnden und Lebensaltern entstanden unter den
Hnden der Base, welche wacker mit Leim und Nadel, bunten Zeugstckchen,
Gold-und Silberschaum hantierte und jedem sein Teil davon gab, je nach dem
Preise. Es war eine philosophische Arbeit, bei welcher man mancherlei Gedanken
haben konnte, und Hans Unwirrsch stellte sich gut dazu an, wenn ihm auch die
Kinderfreude an diesem Spielzeug natrlich bald verlorenging. Wer in einem Laden
voll Hampelmnner aufwchst, den kmmert der einzelne Hampelmann wenig, sei er
auch noch so bunt und zappele er auch noch so sehr.
    Nach Martini, welcher berhmte Tag leider nicht durch eine gebratene Gans
gefeiert werden konnte, begann eine Fabrikation auf eigene Rechnung. Die Base
konnte jetzt den grten Nutzen aus ihrem Talent fr die plastische Kunst
ziehen: sie baute Rosinenmnner auf Weihnachten und fr bescheidenere Gemter
Pflaumenkerle. Der erste Bursche letzterer Art, welchen Hans ohne Beihlfe
herstellte, machte ihm ein ebenso groes Vergngen wie dem hoffnungsvollen
Kunstjnger die Preisarbeit, die ihm ein Stipendium zur Reise nach Italien
verschafft.
    Der Beginn des Weihnachtsmarktes war fr den kleinen Bildner ein groes
Ereignis. Mancherlei Gefhle beschreibt der Epiker, indem er auseinandersetzt,
da er sie nicht beschreiben knne: die Gefhle Hansens bei dieser Gelegenheit
waren von solcher Art, und mit Wonne trug er die Laterne voran, whrend die Base
auf einem kleinen Handwagen ihre Bank, ihren Korb, ihr Feuerbecken und einen
kleinen Tisch zum Markt zog.
    Die Erffnung des Geschftes in dem vor dem schrfsten Wind geschtzten
Huserwinkel war allein ein wundervolles Ereignis. Das Zusammenkauern unter dem
groen, alten Regenschirm, das Anblasen der Glut in dem Kohlenbecken, das
Aufstellen der Handelsartikel, der erste ruhige und doch erwartungsvolle Blick
in das Getmmel des Marktes, alles hatte seine herzerschtternden Reize. Der
erste Pflaumenkerl, der behandelt, verkauft und gekauft wurde, erweckte einen
wahren Wonnesturm in der Brust von Schlotterbeck und Kompanie. Das Mittagessen,
welches ein gutwilliges Kind aus der Krppelstrae in einem irdenen Henkeltopf
brachte, schmeckte ganz anders auf dem freien Markt als in der dunkeln Stube
daheim; aber das Beste von allem war doch der Abend mit seinem Nebel, seinem
Lichter- und Lampenglanz und seinem verdoppelten Lrmen, Drngen, Stoen und
Treiben.
    Nicht immer konnte das Kind ruhig auf der Bank neben der Alten sitzen.
Bezaubert - verzaubert trotz Klte, trotz Regen und Schnee, unternahm es
Streifzge ber den ganzen Markt und schob als Teilhaber der Firma Schlotterbeck
und Kompanie sein Kinn jeder andern Firma mit Bewutsein und Kritik auf den
Verkaufstisch.
    Um acht Uhr kam die Mutter und holte den jngern Kompagnon des Hauses
Schlotterbeck nach Haus; aber nicht ohne Widerstreben, Heulen und Zappeln ging
das ab, und nur die Versicherung, da morgen wieder ein Tag sei, konnte den
kleinen Grohndler bewegen, der Base das Geschft bis elf Uhr allein zu
berlassen.
    Ein Faktum aus dieser Lebenszeit unseres Helden ist zu berichten. Fr den
Erls eines selbstverfertigten Rosinenmannes kaufte er - einen andern von einem
Handelshause, welches sich am entgegengesetzten Ende des Marktes etabliert
hatte. Ein Zug, der von groer Bedeutung fr die knftige Entwicklung des Knaben
war. Hans Unwirrsch, welcher die schwarzen Kerle fr andere verfertigte, wollte
wissen, was fr ein Spa darin liege, solch einen Gesellen selbst zu kaufen. Er
ging dem Vergngen auf den Grund, und natrlich zog er keine Freude aus diesem
allzufrhen Analysieren. Als die Pfennige von dem Verkufer eingestrichen waren
und der Kufer das Geschpf in der Hand hielt, kam die Rene in vollem Mae ber
ihn. Heulend stand er in der Mitte der Gasse, die verhutzelten Zwetschen von dem
Drahte nagend, und zuletzt schleuderte er den Einkauf weit von sich und lief,
die bittersten Trnen hinunterschluckend, so schnell als mglich davon. Weder
die Base noch die Mutter erfuhren, was aus dem Groschen, wofr man den ganzen
Markt htte kaufen knnen, geworden war. -
    Manche Freuden hat der Winter, doch fhrt er auch die grten Beschwerden
mit sich. Mit sehr armen Leuten haben wir es zu tun, und arme Leute leben
gewhnlich erst mit dem Frhjahr und den Maikfern wieder auf. Hunderttausende,
Millionen knnten jene glcklichen Tiere beneiden, welche die kalten Tage
bewutlos und behaglich durchschlafen.
    Nach der Heiligen Weihnacht, die so gut als mglich gefeiert wurde, kam der
Neujahrstag, und nach ihm zogen die Heiligen Drei Knige heran. Die Schatten
vieler Gestorbenen begegneten um diese Zeit der Base Schlotterbeck in den Gassen
oder traten mit ihr in die Kirche und umschritten den Altar. Nach Mari Lichtme
behaupteten einige Leute, da die Tage lnger wrden, aber man merkte noch nicht
viel davon. Um Mari Verkndigung jedoch war die Sache nicht mehr zu leugnen;
die Schneeglckchen hatten sich hervorgewagt, der Schnee hielt sich nicht mehr
in der Welt, die Knospen schwollen und sprangen auf, die Nase der Base
Schlotterbeck verlor viel von ihrer Rte. Wenn die Mutter in der Frhe jetzt
aufstand, so schien die Lampe nicht mehr durch einen frostigen Nebelkreis. Hans
Unwirrsch schrie nicht mehr Zeter am Waschnapf, seine Fe brauchten nicht mehr
mit Gewalt in die Schuhe gezwngt zu werden. Das Warmsitzen wurde nicht mehr von
groben Holzbauern in die Stadt gefahren und um ein Sndengeld verkauft. Es
kamen die Tage, wo die Sonne es umsonst gab und nicht einmal ein Schn-Dank
dafr forderte. Der Palmsonntag war da, ehe man es sich versah, und das
Osterfest knpfte den Kranz, welchen das Fest der Freude, das grnende,
blhende, jauchzende, jubilierende Pfingsten dem jungen Jahr auf die Stirn
drckte. Die Base Schlotterbeck strickte ihre Strmpfe auf der Bank vor der
Haustr, und Hans Unwirrsch beobachtete ernst und scheu den Trdler Freudenstein
gegenber, welcher seinen kleinen Moses, ein krnkliches, mageres, jmmerliches
Stck Menschheit, wohlverpackt in Kissen und Decken, auf einem Rollstuhl in die
Sonne schob.

                                Drittes Kapitel


Johannes Jakob Nikolaus Unwirrsch war in seinem fnften Jahr ein kleiner,
plumper Gesell in einer Hose, die auf Wachstum berechnet und zugeschnitten
worden war. Er sah aus blaugrauen Augen frhlich in die Welt und die
Krppelstrae, seine Nase hatte bis jetzt noch nichts Charakteristisches, sein
Mund versprach sehr gro zu werden und hielt sein Versprechen. Das gelbe Haar
des Jungen kruselte sich natrlich und war das Hbscheste an ihm. Er hatte in
jeder Beziehung einen ausgezeichneten Magen, wie alle die Leute, welche viel
Hunger in ihrem Leben dulden sollen; er wurde mit dem grten Stck Schwarzbrot
und dem vollsten Suppenteller fast noch leichter und schneller fertig als mit
dem Abc. Von den beiden Weibern, der Mutter und der Base, wurde er natrlich
sehr verzogen und als Kronprinz, Heros und Weltwunder behandelt und verehrt, so
da es ein Glck war, als der Staat sich ins Mittel legte und ihn fr
schulpflichtig erklrte. Hans setzte den Fu auf die unterste Stufe der Leiter,
die an dem fruchtreichen Baum der Erkenntnis lehnt: die Armenschule tat sich vor
ihm auf, und Silberlffel, der Armenschullehrer, versprach an ihrer Tr der
Base, da das Herzenskind weder von ihm selber noch von den hundertsechzig
Rangen, die seiner Zucht untergeben waren, totgeschlagen werden sollte.
    Mit dem Schrzenzipfel vor dem Auge zog die Base ab und trstete sich erst,
als ihr am Brunnen der Pastor Primarius Holzapfel, der im Jahr
achtzehnhundertfnfzehn gestorben war, in seinem schwarzen Predigerrock mit
Halskrause und Bibel begegnete. Die Base hatte den Pastor und seine Eltern sehr
gut gekannt. Der Vater war ein Holzhauer gewesen, und die Mutter war im Spital
zum Heiligen Geist gestorben; der Pastor Primarius aber, von dessen Ruhm und
Preis die Stadt noch voll war, hatte auf demselben Platz in der Armenschule
gesessen, zu welchem Silberlffel jetzt den kleinen Hans fhrte.
    In einem dunkeln Sackgchen, in einem einstckigen Gebude, das einst als
Spritzenhaus diente, hatte die Kommune die Schule fr ihre Armen eingerichtet,
nachdem sie sich so lange als mglich geweigert hatte, berhaupt ein Lokal zu so
berflssigem Zweck herzugehen. Es war ein feuchtes Loch: fast zu jeder
Jahreszeit lief das Wasser von den Wnden; Schwmme und Pilze wuchsen in den
Ecken und unter dem Pult des Lehrers. Klebrigna waren die Tische und Bnke, die
whrend der Ferien stets mit einem leichten Schimmelanflug berzogen wurden. Von
den Fenstern wollen wir lieber nicht reden; es war kein Wunder, wenn sich auch
in ihrer Nhe die interessantesten Schwammformationen bildeten. Ein Wunder war
es auch nicht, wenn sich in den Hnden und Fen des Lehrers die allerschnsten
Gichtknoten und in seiner Lunge die prachtvollsten Tuberkeln bildeten. Es war
kein Wunder, wenn zeitweise die halbe Schule am Fieber krank lag. Htte die
Kommune auf jedes Kindergrab, welches durch ihre Schuld auf dem Kirchhof
geschaufelt wurde, ein Marmordenkmal setzen mssen, so wrde sie sehr bald fr
ein anderes Schullokal gesorgt haben.
    Karl Silberlffel unterschrieb sich der Lehrer auf den Quittungen fr die
stupenden Geldsummen, die ihm der Staat quatemberweise auszahlte. Ach, der Arme
fhrte seinen Namen nur der Ironie wegen; er war nicht mit einem silbernen
Lffel im Munde geboren worden. Er htte dem Kultusministerium viel Stoff zum
Nachdenken geben mssen, wenn nicht diese verehrliche und hochlbliche Behrde
durch Wichtigeres abgezogen gewesen wre. Wie kann sich die hohe Behrde um den
Lehrer Silberlffel bekmmern, wenn die Frage, welches Minimum von Wissen den
untern Schichten der Gesellschaft ohne Schaden und Unbequemlichkeit fr die
hchsten gestattet werden knne, noch immer nicht gelst ist? Noch lange Zeit
werden die mit der Lsung dieser Frage beauftragten Herren die Volkslehrer als
ihre Feinde betrachten und es als eine hchst abgeschmackte und lcherliche
Forderung auffassen, wenn bswillige, revolutionre Idealisten verlangen, auch
ein hohes Ministerium mge seinen Feinden Gutes tun und sie zum wenigsten
anstndig kleiden und notdrftig fttern. O du gute alte Zeit, wo die Menschheit
noch aus der Hand des einen Unteroffiziers in die des andern berging! O du gute
alte Zeit, wo nicht allein die Armee unter dem Korporalstock stand!
    Der Hungerpastor hat spter noch einmal so gern seinen Schulmeister in
Grunzenow zu seinem Sonntagsbraten, seiner Martinsgans und seinem
Weihnachtspunsch eingeladen, wenn er sich seiner ersten Schultage und des
Armenlehrers Silberlffel erinnerte. Er hatte auch nichts dagegen, wenn der
Schulmeister an der Ostsee einen Teil der guten, nahrhaften Dinge fr seine
sieben Buben daheim einsckelte: er brachte ihm selbst die alte Zeitung dazu und
half die Tte in die enge Rocktasche zwngen.
    In dem Spritzenhause zu Neustadt saen rechts die Mdchen, links die Knaben.
Zwischen diesen beiden Abteilungen lief ein Gang von der Tr zum Pult des
Lehrers, und in diesem Gange hustete Silberlffel auf und ab, ohne da es
irgendeinen in der jugendlichen Schar rhrte. Lang, sehr lang war der Arme;
hager, sehr hager war er; sehr melancholisch sah er aus, und das mit Recht. Ein
anderer an seiner Stelle htte sich in dem feuchten, kalten Raume munter und
warm geprgelt; aber selbst dazu war er nicht mehr imstande. Seine schwachen
Versuche in dieser Hinsicht galten nur fr gute Spe; seine Autoritt stand
unter Null. Ein herzzerreiender Vorwurf fr alle Wohlgekleideten war der Anzug
dieses verdienstvollen Mannes; der Hut fhrte mit seinem Besitzer eine wahre
Tragdie auf. Zwischen beiden handelte es sich darum, wer den andern berdauern
wrde, und der Hut schien zu wissen, da er gewinnen msse. Ein diabolischer
Hohn grinste aus seinen Beulen und Schrammen. Das Scheusal wute, da es auch
noch den Nachfolger des armen, schwindschtigen Mannes berleben knne; es
machte sich nicht das geringste aus dem Schimmel und Schwamm des Spritzenhauses.
    Hans Unwirrsch trat mit keineswegs sentimentalen Gefhlen in die
Gemeinschaft und das Gewimmel der Armenschule. Nachdem die erste Verblffung und
Bldigkeit berwunden war, nachdem er sich halbwegs hereingefunden hatte, zeigte
er sich nicht besser als jeder andere Schlingel und nahm nach besten Krften
teil an allen Leiden und Freuden dieser preiswrdigen Staatseinrichtung. Er
orientierte sich bald. Die Freunde und Feinde unter den Knaben waren schnell
herausgefunden: gleichgeartete Gemter schlossen sich an ihn, entgegenstehende
Naturen suchten ihn an den Haaren aus seiner Weltanschauungsweise
herauszuziehen, und im Einzelkampf wie in der allgemeinen Prgelei kam manches
Leid ber ihn, das er aber als anstndiger Junge ertrug, ohne sich hinter dem
Lehrer zu verkriechen. Als anstndiger Junge hatte er in dieser Lebensepoche
gegen das weibliche Geschlecht auf den Bnken zur Rechten des Ganges im
allgemeinen eine heilsame Idiosynkrasie. Er klebte den Mdchen gern Pech auf
ihre Pltze und knpfte ihnen noch lieber paarweise verstohlen die Zpfe
zusammen; er verachtete sie hchlichst als untergeordnete Geschpfe, die sich
nur durch Geschrei wehrten und durch die der Lehrer mehr ber die linke Hlfte
seiner Schule erfuhr, als den Buben lieb war. Von ritterlichen Regungen und
Gefhlen fand sich anfangs in seiner Brust keine Spur, doch die Zeit, wo es in
dieser Hinsicht anfing zu dmmern, war nicht fern, und bald machte wenigstens
ein kleines Geschpfchen von der andern Seite der Schule her seinen Einflu auf
Hans Unwirrsch geltend. Es kam die Zeit, wo er eine kleine Mitschlerin nicht
weinen sehen konnte und wo er einen unbestimmten Hunger empfand, der nicht auf
die groen Butterbrote und Kuchenstcke der benachbarten Straenjugend gerichtet
war. Doch fr jetzt steckte er frech die Hnde in die Taschen der Pumphose,
spreizte die Beine voneinander, stellte sich fest auf den Fen und suchte sich
soviel als mglich von der absoluten Herrschaft der Weiber zu befreien. Nicht
mehr wie sonst sa er still und artig zu den Fen der Base Schlotterbeck und
horchte andchtig ihren Lehren und Ermahnungen, ihren Mrchen und
Kalendergeschichten, ihren biblischen Vorlesungen. Zum groen Mibehagen der
guten Alten fing er an, tglich mehr Kritik zu ben. Die Kalendergeschichten
wute er allesamt auswendig; kein Mrchen konnte die Base beginnen, ohne da der
Bengel ihr ins Wort fiel, um Verbesserungen anzubringen oder nichtsnutzige,
ironische Fragen zu stellen; gegen ihre guten Ermahnungen rckte er immer mit
verwirrenden Einwnden hervor, welche die Base fters ganz und gar aus der
Fassung brachten. Wenn sich die treue Seele nach ihrer Art in einem langatmigen
Geschlechtsregister der Bibel verwickelt hatte, so hatte Hans eine wahrhaft
diabolische Lust daran und suchte die Arme immer tiefer und hlfloser in das
Dorngestrpp zu treiben, so da sie oft ganz rgerlich und giftig das Buch
zuklappte und das einstige kleine Lamm eine nichtsnutzige, naseweise Krte
nannte. Hinter ihrem Rcken spielte er ihr allerlei Possen, ja er entbldete
sich nicht, vor einem ausgewhlten Publikum der Krppelstrae, das mit ihm im
gleichen Alter stand, eine Vorstellung zu geben, in der er die Art der Base aufs
komischste nachffte. Kurz, Hans Jakob Nikolaus Unwirrsch hatte jetzt eine
Lebensstufe erreicht, auf welcher liebende Verwandte ihren hoffnungsvollsten
Sprlingen und jugendlichen Bekannten mit finster-melancholischen Blicken und
warnenden Handbewegungen eine dstere Zukunft, den Bettelstab, das Gefngnis,
das Zuchthaus und zuletzt, zum angenehmen Beschlu, den schimpflichen Tod am
Galgen vorhersagen, Es ist auch in diesem Falle ein Glck, da Prophezeiungen
gewhnlich nicht in Erfllung gehen.
    Hans zog eben in dieser Epoche das bewegte Leben der Gasse mit seinen
Einzelheiten dem huslichen Glck, dem stillen, ungestrten Frieden der vier
Wnde bei weitem vor. O du schne Zeit der schmutzigen Hnde, der blutenden
Nasen, der zerrissenen Jacken, der zerzausten Haare! Wehe dem Mann, der dich
nicht kennenlernte! Es wre ihm besser gewesen, er htte manches andere nicht
kennengelernt, welches die liebenden Verwandten und Freunde mit den
finster-melancholischen Blicken ihm als sehr lblich, lieblich und rhmlich
priesen und anempfahlen.
    Naturgem hielt sich Hans jetzt mehr an den Oheim Grnebaum als an die
Mutter und die Base. Der wackere Flickschuster hatte manches, was ein
jugendliches Gemt anziehen konnte. In der Gesellschaft dieses wrdigen Mannes
wurde dem Neffen selten die Zeit lang.
    Sehr schmutzig und vernachlssigt erschien jedem ordentlichen Weibe die
Haushaltung und Umgebung des Oheims Grnebaum. In seiner Werkstatt sah es aus,
als htten die Hutzelmnnchen nicht wohlwollend, sondern in grimmigster
Erzrnung darin gehaust. Ein tolleres Kopfber-Kopfunter kann man sich nicht
leicht vorstellen, und wenn jemand htte das Suchen lernen wollen, so htte er
hier die beste Gelegenheit dazu gehabt. Der Oheim Grnebaum verbrachte aber auch
den grten Teil des Tages und seiner Arbeitszeit im vergeblichen Suchen. Das
Gert, das er eben brauchte, war fast niemals zu finden, und das Whlen und
Rumoren danach brachte keine grere Ordnung in den Wirrwarr. Dazu schrien,
pfiffen und sangen von den Wnden aus groen und kleinen Kfigen Vgel
mannigfacher Art; ein Laubfrosch zeigte in seinem Glase am Fenster das Wetter
an. Das politische Wetter aber zeigte sich der Meister Grnebaum selber an,
indem er sich und seinen Vgeln den Postkurier fr Stadt und Land mit lauter
Stimme vorlas, was ebenfalls einen ziemlichen Teil seiner Arbeitszeit wegnahm.
Der wackere Oheim Grnebaum schusterte nur gerade so eifrig und so lange, als
ntig war, um sich und seine Vgel notdrftig zu erhalten und den Postkurier
fr Stadt und Land halten zu knnen. Seine Schoppen im Roten Bock lie er fter
ankreiden, als fr einen soliden Brger und Handwerksmeister sich's eigentlich
schickte.
    Fr den Sohn des seligen Schwagers mangelte es jedoch dem guten Mann
durchaus nicht an natrlicher Zuneigung. Mit Wohlwollen nahm er ihn auf in
seinem verwahrlosten Loche und gab ihm gute Lehren ber Welt und Leben,
Vogelzucht und Politik nach seiner Art. Wenig verstand Hans von der Weisheit des
Postkuriers fr Stadt und Land, aber einzelne Namen wie Navarin, Missolunghi,
Bozzaris, Ibrahim-Pascha nahm er doch, mit offenem Mund in sich auf, und eine
groe Griechen-und-Trken-Schlacht wurde in der Krppelstrae geschlagen;
blutige Kpfe gab's dabei, und Silberlffel, der Armenlehrer, mute viel
Anzglichkeiten darob von den erzrnten Eltern vernehmen.
    Der Oheim Grnebaum war ein gewaltiger Philhellene; aber noch mehr war das
der arme Karl Silberlffel, der mit wahrhaft fieberhaftem Interesse dem blutigen
Kampfe im fernen Osten folgte. Auch die Base Schlotterbeck war eine groe
Philhellenin, und in der Krppelstrae gab es eigentlich nur einen Mann, der
Partei fr die Trken nahm, weil er die Griechen aus eigener Anschauung und
Erfahrung kannte. Dieser Mann war Samuel Freudenstein, der Trdeljude, der einst
weit genug in der Welt umhergekommen war und welcher von den Hllnen fast
noch weniger hielt als Jakob Philipp Fallmerayer, der orientalische Fragmentist.
Der Trdler behielt aber seine Ansicht fr sich und entging somit den
mannigfachen Unannehmlichkeiten, die der treffliche Mnchener Gelehrte zu
erdulden hatte.
    Von dem Oheim Grnebaum wurde Hans brigens zum erstenmal wirksam darauf
aufmerksam gemacht, da man dem Lehrer Silberlffel doch wenigstens einigen
Respekt schuldig sei. Unter meinen mnnlichen Lesern wird wohl niemand sein, der
nicht wei, was fr eine Tyrannei in der Schule von Schulknaben ausgebt werden
kann und ertragen wird, der nicht wei, was es um die ffentliche Meinung
unter einer Bande solcher jungen Geister ist. Der Oheim Grnebaum war schuld
daran, da Hans Unwirrsch dieser ffentlichen Meinung in einem Falle die ganze
Wucht seiner kleinen Persnlichkeit entgegenwarf und heldenmtig die Folgen
davon ertrug. Zwischen Lehrern und Schlern herrscht dasselbe Verhltnis wie im
Vlkerverkehr. Was auch der Lehrer tun mag, um das Vernunftrecht zur Darstellung
zu bringen, seine Schler sttzen sich immer wieder auf das Naturrecht. Ein
fortwhrender, scharf beobachtender Kriegszustand ist die Folge davon, und nicht
immer hat der Lehrer die bessere Hand im Kampf gegen den rcksichtslosen Feind,
dem jede Waffe recht ist und der kein Erbarmen kennt. Manch hochbegabte Natur
ist schon in solchem Kampfe zugrunde gegangen.
    Hannes, sagte der Oheim, wenn ich in deiner Stelle wre, so machte ich
nicht mit die andern so 'n tagtglich heillos Spektakulum in der Schule, da,
wenn 'n Mensch da vorbeigeht, er sich die Ohren zustopfen mu. Mich jammert der
Magister in der Seele, und lange leben wird er auch nicht mehr. Die
unglckselige, miserable Kreatur hustet sich zu Tode, und ihr gottverlassenen,
inkomparabeln Satans brllt ihn zu Tode. Hier mal vors Brett, Hans, und nicht
ausgewichen! Was ist das mit der Schule? Bist du immer mit bei dem Gebrll und
Getrampel und Spietakel? Junge, Junge, in deiner Stell ginge ich in mir und
bedchte, da, wer 'n Menschen umbringt, 'n Mrder ist und da 'n toter Mensch
einem sehr auf die Seele liegen kann, als was man dann nachher bses Gewissen
nennt. Gehe in dich herein, Hannes, und bedenke, da sich wohl ein Stiebel lange
flicken, versohlen und vorschuhen lt, da aber noch kein Doktor 'nen
schwindschtigen Schulmeister, dem seine Schlingel also grausam mitspielen wie
ihr eurem, den Atem gerettet hat. Der Mensche jammert mich wirklich, und der
Deibel nimmt die Graden und die Ungraden, also gib Achtung, Hans, da er dich
nicht mit den andern Blgern in den Sack steckt das Recht hat er wohl gewi
schon lngst dazu.
    Diese Rede machte auf Hans einen grern Eindruck, als ihm der Oheim
anmerkte. In einem gnstigen Augenblick hatte dieser geredet, seine Worte waren
nicht auf schlechten Boden gefallen und hatten eine bessere Wirkung als alle
frheren Ermahnungen. Zum erstenmal dmmerte in der Brust des Kindes ein Gefhl,
welches ber den Egoismus des Kindes hinausging. Als Hans Unwirrsch am folgenden
Morgen seinen Platz in dem Spritzenhause einnahm, sah er den Armenlehrer mit
ganz andern Augen an als am vergangenen Tage; und da Silberlffel an diesem
kalten, unfreundlichen Regenmorgen noch jammervoller und hungriger als sonst
aussah und noch mehr hustete, so erlosch das Gefhl nicht, sondern es wurde
strker - Hans sa zum erstenmal still in der Schule.
    An dem nchsten Komplott nahm er auch nicht teil, verfiel der allgemeinen
Verachtung und kriegte frchterliche Prgel, die ihn jedoch nur in seinen guten
Vorstzen bestrkten. Der Streich wurde natrlich auch ohne ihn ausgefhrt und
gelang vollkommen. Es war ein Hauptstreich, und die Befriedigung der jungen
Taugenichtse und Galgenstricke war gro; der arme Lehrer, dessen Brustschmerzen
an diesem Tage noch strker als gewhnlich waren, unterlag kraftlos, und der
Blick hlfloser Verzweiflung, den er ber die rebellische Schule schweifen lie
und welcher auch Hans Unwirrsch streifte, wurde von letzterem niemals vergessen;
seine Wirkungen reichten bis in das spteste Alter.
    Am nchsten Morgen kam der Herr Lehrer nicht in das Spritzenhaus; er sollte
es niemals wieder betreten. Ein Blutsturz war in der Nacht ber ihn gekommen,
und zum Sterben krank lag er auf seinem Bett in seiner schlechten, kalten Stube.
Ein anderer nahm seine Stelle an dem Marterpult in der Armenschule ein; Karl
Silberlffel war aufgebraucht worden wie ein Rad in der Maschine. Ein anderes
Rad wurde eingesetzt; langsam drehte sich das Ding weiter, und unsere
fortschreitende Bildung und humane Entwicklung war und blieb das Lieblingsthema
manches wohlmeinenden Mannes - damals.
    Wenig Leute kmmerten sich um den abgenutzten, sterbenden Armenschullehrer;
zu den wenigen aber, die das Ihrige taten, ihm seine letzten Lebenstage und
Nchte zu erleichtern, gehrten der Oheim Grnebaum und die Base Schlotterbeck.
An der Hand der letztern kam Hans Unwirrsch, um seinen Lehrer sterben zu sehen
und um zum erstenmal die feierlichen Schauer zu empfinden, die das Nahen des
Todes in der Seele des Menschen erregt, auch wenn er noch ein Kind ist.
    Der todkranke Mann hielt lange die Hand des Kindes und sah ihm lange und
tief in die Augen. Aber in dem Blicke, mit welchem er es ansah, war jetzt nichts
mehr von jenem Elend zu finden, das ihn durch sein kurzes, dunkeles Leben
unablssig bedrngt und ihm gnadenlos jedes freiere Aufsehen und Aufatmen
verwehrt hatte. Matt war jetzt das Auge, aber still und befriedigt war es auch:
der Kampf war zu Ende, noch ein Schritt, und das Land der ewigen Freiheit war
erreicht. Auf seinem Sterbebette fhlte sich der Armenschullehrer zum erstenmal
als ein freier Mann, der sich vor niemand mehr zu neigen und in den Winkel zu
drcken brauchte. Der alte, rtliche, diabolische Hut, der hinter der Tr am
Nagel hing, hatte freilich das Spiel gewonnen, aber weder er noch ein
hochlbliches Kultusministerium zogen einen groen Vorteil davon. Der eine wurde
als Vogelscheuche in ein Kornfeld gestellt, und das andere blieb frs erste, was
es war.
    Laut sprechen konnte der Kranke nicht, aber Hans vernahm doch, was er zu ihm
sagte, und verga es nicht.
    Weine nicht, liebes Kind, und frchte dich auch nicht! Du bist immer ein
guter Junge gewesen und wirst dereinst auch ein guter Mann werden. Groen Hunger
jeder Art wirst du auch zu erdulden haben, aber du wirst satt werden wie ich,
denn endlich, endlich wird doch einmal jeder satt...
    Das, was der sterbende Herr Silberlffel damals noch hinzufgte, verstand
Hans freilich nicht, und die Base Schlotterbeck wute auch nicht recht, ob der
Kranke bereits in den letzten Todesphantasien liege oder nicht.
    Er sagte, whrend seine Augen sich nach der niedern, schwarzen Decke der
Stube richteten:
    Ich bin sehr hungrig gewesen. Hungrig nach Liebe bin ich gewesen und
durstig nach Wissen; alles andere war nichts. Goldene pfel hngen lockend im
Gezweig und schieen ihre Strahlen durch das Grn. Sie blenden so die Augen, die
schnen, glnzenden Frchte. Die Hnde habe ich ausgestreckt und habe sie mir
zerrissen an den Dornen; - viel Trnen habe ich vergieen mssen um den goldenen
Glanz im Grn. Im Schatten habe ich gesessen mein ganzes Leben durch, und doch
war auch ich fr das Licht geboren. Es ist hart, hart, hart, im Schatten sitzen
zu mssen und Hungers zu sterben, whrend so schne Augen leuchten in der Welt,
whrend so holdselige Stimmen locken - in der Nhe und, ach, auch aus so weiter,
weiter Ferne. Ich habe auch Hunger gehabt nach der Ferne, aber im Schatten mute
ich bleiben, auf einen kleinen Raum im Schatten war ich gebannt. Ein goldener
Regen umspielte mich oft, in Schauern fielen die leuchtenden Frchte nieder um
mich her und glnzten durchs Grn und durch die Morgen- und Abendrten; mir aber
waren die Hnde gefesselt, und nichts hatte ich als mein qualvolles Sehnen. Ich
habe nichts, nichts erhalten von dem reichen Leben. Nur mein Sehnen ist mir
zuteil geworden, und auch das geht nun zu Ende. So wird's dunkel vor den Augen,
still vor den Ohren und im Herzen; ich werde satt sein - im Tode.
    Man begrub den Armenschullehrer Karl Silberlffel einige Tage vor
Weihnachten, und die Armenschule unter dem Nachfolger folgte dem Sarge, der
nicht mit Silber beschlagen und nicht mit Sammet behngt war. Nicht ber reinen
Schnee, sondern durch ein schmutziges Schlackerwetter trug man den Leichnam und
scharrte ihn kurz und gut ein ohne das allergeringste Geprnge. Die Schule
zerstreute sich vom Kirchhofe und flatterte auseinander gleich einem
Sperlingsschwarm, und auch Hans war mit im Schwarm und fhlte sich nicht viel
beklommener als die andern. Der Tod hat doch eigentlich fr das Kind keinen
Sinn; erst wenn uns das Leben recht zusammengerttelt und - geschttelt hat,
geht uns das rechte Verstndnis dafr auf.
    Der Kindheit, der alles noch neu ist, drngt jeder neue Tag den vergangenen
in die vollstndigste Vergessenheit. Am Morgen nach dem Begrbnis des guten
Lehrers spielte Hans Unwirrsch bereits wieder lustig in der Gasse und dachte fr
jetzt mit keinem Gedanken mehr an den toten Mann. Der Schnee, der gestern
gemangelt hatte, war ber Nacht reichlichst herabgefallen; es hatte kein Junge
in der Stadt Zeit, an etwas anderes zu denken als an den Schnee.
    Groes Geschrei war in der Krppelstrae, und mchtig wuchs der Schneemann
zur Lust der jungen Knstlerbande und zum rger des misanthropischen
pensionierten Stadtbttels Murx, der wie ein podagrischer Oger in seinem
Lehnstuhl am Fenster festgebannt sa und den Lrm und die Lust der lieben Jugend
fr eine ganz persnliche Beleidigung nahm. Aber der spanische Rohrstock war
pensioniert wie sein Herr und hing in grimmiger Unzufriedenheit ber dem
pensionierten Dreimaster an der Wand.
    Unablssig wanderte das Auge des zur Ruhe gesetzten Schtzers der
ffentlichen Ruhe und Sicherheit zwischen dem Stock und der Strae hin und her,
und in der Brust des Vortrefflichen grollte und brummte es wie in einem dem
Ausbruch nahen Vulkan: Prometheus, am Kaukasus angeschmiedet, Napoleon auf Sankt
Helena fhlten wohl hnliche Bitternisse wie der gichtische Bttel, aber ihr
Beispiel trstete ihn nicht. Lustig ging der Spektakel in der Gasse fort, und
nachdem der Schneemann vollendet war, strzte sich die Bande jugendlicher
Missetter auf Moses Freudenstein, den Sohn des Trdlers, und fing an, ihn zu
waschen.
    In jenen vergangenen Tagen herrschte - vorzglich in kleinern Stdten und
Ortschaften - noch eine Miachtung der Juden, die man so stark ausgeprgt
glcklicherweise heute nicht mehr findet. Die Alten wie die Jungen des Volkes
Gottes hatten viel zu dulden von ihren christlichen Nachbarn; unendlich langsam
ist das alte, schauerliche Hephep, welches so unsgliches Unheil anrichtete,
verklungen in der Welt. Vorzglich waren die Kinder unter den Kindern elend
dran, und der kleine, gelbe, krnkliche Moses fhrte gewi kein angenehmes
Dasein in der Krppelstrae. Wenn er sich blicken lie, fiel das junge,
nichtsnutzige Volk auf ihn wie das Gevgel auf den Aufsto. Gestoen, an den
Haaren gezerrt, geschimpft und geschlagen bei jeder Gelegenheit, lie er sich
auch sowenig als mglich drauen blicken und fhrte eine dunkle, klgliche
Existenz in der halbunterirdischen Wohnung seines Vaters.
    An diesem Tage aber hatte ihn sein Unstern doch mitten unter seine Peiniger
gefhrt; und man hatte, wie gewhnlich in solchen Ausnahmefllen, ihn in einen
engen Kreis geschlossen. Was fiel dem Judenjungen ein, da auch er den neuen
Schnee sehen wollte? In der Mitte seiner Tyrannen stand Moses Freudenstein und
reichte mit verhaltenen Trnen und einem Jammerlcheln die Hand, in welche jeder
junge Christ und Germane mit hellem Hohngeschrei hineinspie, in die Runde. Es
gab wenige Leute in der Krppelstrae, die nicht ihren Spa an solcher infamen
Qulerei gefunden htten. Keiner von den Gaffern in den Haustren trat
dazwischen, um der Erbrmlichkeit ein Ende zu machen. Man lachte, zuckte die
Achseln und hetzte wohl gar noch ein wenig; es hatte eben wenig auf sich, wenn
der schmutzige Judenjunge ein bichen in seiner Menschenwrde gekrnkt wurde.
Hlfe und Rettung sollten fr Moses Freudenstein von einer Seite kommen, von
woher er sie nicht erwartet hatte.
    Hans Unwirrsch hatte bis zu dieser Stunde auch hier mit den Wlfen geheult,
und was die andern taten, hatte er leichtsinnig, ohne Erbarmen und ohne
berlegung ebenfalls getan. Jetzt kam die Reihe an ihn, in die offene Hand des
heulenden Judenknaben zu speien, und wie ein Blitz durchzuckte es ihn, da da
eben eine groe Niedertrchtigkeit und Feigheit ausgebt werde. Es war ihm, als
blicke das bleiche Gesicht des Lehrers Silberlffel, der gestern begraben worden
war, ernst und traurig ber die Kpfe und Schultern der Buben in den Kreis. Hans
spie nicht in die Hand des Moses! Er schlug sie weg und streckte seine Faust den
Kameraden entgegen. Wild schrie er, man solle den Moses zufrieden lassen, er -
Hans Jakob - leide es nicht, da man ihm ferner Leid antue. Die Faust fiel auf
die erste Nase, die sich frech nher drngte. Blut flo - ein verwickelter
Knuel! Pffe, Knffe, Futritte, Wehgeheul! Wutgebrll! Sausende Schneeblle,
zerrissene Rappen und Jacken! Exaltierteste Aufregung des pensionierten
Stadtbttels! Elektrisches Erzittern des spanischen Rohres an der Wand!
bereinander und Durcheinander! Untereinander und Zwischeneinander! - Hernieder
in den Laden des Trdlers Samuel Freudenstein rollten Moses und Hans,
schwindlig, zerschlagen, mit blutenden Mulern und verschwollenen Augen. Auch
Moses Freudenstein hatte zum erstenmal in seinem Leben einen Schlag gegen seine
Peiniger zu fhren gewagt. Es war eine glorreiche Stunde, und ihr Einflu auf
das Leben von Hans Unwirrsch war unberechenbar im Guten wie im Bsen. Indem er
aus dem wilden Gewhl der Gassenschlacht die Stufen in den Trdelladen
hinabrollte, fiel er in Verhltnisse, welche unendlich wichtig fr ihn werden
sollten. In mehr als einer Hinsicht entschied sich sein Schicksal an diesem
Tage; eine ganz andere Welt tat sich vor seinen Augen auf. Es wohnten seltsame
Leute in dem Keller, Leute, die auch ihren Hunger hatten und ihn nach Krften zu
befriedigen suchten, Leute, ber welche die Krppelstrae sehr mit Unrecht sich
erhaben dnkte.
    Das nchste Kapitel soll uns zeigen, wer der Trdler Samuel Freudenstein
war, dann werden wir bei Gelegenheit wohl auch erfahren, auf welche Weise er
seinen Sohn Moses erzog und welche Ansichten von der Welt und von dem Leben in
der Welt er ihm beizubringen strebte.

                                Viertes Kapitel


Auf malerische Mittelalterlichkeit machte die Krppelstrae keinen Anspruch.
Smtliche Huser darin waren nach einem groen Brande, der whrend des
Siebenjhrigen Krieges stattgefunden hatte, mit mglichster Schnelligkeit und
mit mglichst wenigen Kosten wiederaufgebaut worden. Jetzt war ein Teil der
Gebude bereits wieder so baufllig, da ein neuer Brand vonnten schien, um
greres Unheil durch ganz unmotiviertes Zusammenstrzen ber Nacht bei
vollstndiger Windstille ohne Erdbeben und dergleichen Anstigkeiten zu
verhten. Samuel Freudenstein bewohnte mit seinem Sohn und einer uralten
Haushlterin das wackligste Haus der ganzen Reihe; und wenn alle andern Besitzer
allerlei mehr oder weniger schwache Anstrengungen machten, ihr Eigentum vor dem
gnzlichen Verfall zu sichern, so tat der israelitische Handelsmann durchaus
nichts zur Erhaltung seines Hauses und noch weniger zur Verschnerung desselben.
Seit dem Anfang des Jahrhunderts waren die Mauern nicht getncht, seit dem
Hubertusburger Frieden schienen die Fenster nicht geputzt worden zu sein. Auf
dem Dach wuchs Moos und allerlei Krautwerk; es hatte sich mehr als ein Ziegel
abgelst und war durch keinen andern ersetzt worden. Die Baupolizei war schlecht
in Neustadt, aber Samuel Freudenstein verlangte gar keine bessere.
    Eigentliche Kellerwohnungen und -lden gab es in Neustadt nicht, die Stadt
war dazu nicht berfllt genug. Der rmere Teil der Bevlkerung wurde weder zu
hoch hinauf- noch zu tief hinabgedrngt. Das einzige Lokal, welches jenen
troglodytischen Einrichtungen grerer Stdte hnelte und welches somit dem
Geschmacke Freudensteins entsprach, hatte dieser bei seiner Ansssigmachung in
Neustadt bald gefunden, und nach seinem Geschmack hatte er sich darin
eingerichtet.
    Dem durch die Krppelstrae Wandelnden machte sich der Laden des Trdlers
glnzend durch eine vor der Tr aufgehngte Hoflakaienlivree des Knigs
Hieronymus von Westfalen bemerklich. Dieser bunte Anzug diente besser als alles
andere als Aushngeschild eines Trdelladens, und ein vorzglicheres Symbolum
dafr als dieses Hausratstck des Trdelknigreichs Westphalie war schwerlich zu
finden. Es war niemand in der Stadt, der diese Livree nicht kannte; und Leute,
welche sie als Kinder angestaunt hatten, muten sich ihrer noch im spten
Greisenalter erinnern.
    Dem Lakaien gegenber hing am andern Trpfosten eine schadhafte
Eierkuchenpfanne, und zwischen beiden gingen die Kunden ein und aus, brachten
die verschiedenartigsten Gegenstnde oder schleppten die verschiedenartigsten
Gegenstnde fort. Das Schaufenster gab nur einen schwachen Begriff von dem, was
der Laden in seinem Innern enthielt: Damenhte und Herrenhte, Schulbcher,
Bndel verrosteter Schlssel, staubige Rokokoglser und Schsseln, ein Fcher,
eine Standuhr, desolate Porzellanfiguren, Kinderpuppen, ein Zettel mit der
Inschrift: Hier werden die hchsten Preise fr Lumpen aller Art gezahlt; - ein
anderer Zettel mit der Inschrift: Allerhchste Preise fr Knochen, zerbrochenes
Glas und Eisen; - ein dritter Zettel mit den verlockenden Worten: Einkauf von
Gold, Silber, Juwelen und getragenen Kleidungsstcken; - - viel enthielt das
Schaufenster und doch sehr wenig im Vergleich zu dem Laden selbst.
    Wenn man ber die Schwelle getreten und die drei Stufen hinabgestolpert war,
geriet man in eine Dmmerung, in welcher man anfangs keinen Gegenstand von dem
andern unterschied, und in eine Atmosphre, welche ebenfalls aus mancherlei
ununterscheidbaren Dften zusammengesetzt war. Nur ganz allmhlich gewhnten
sich Auge und Nase an die Lokalitten; nur ganz allmhlich erkannte man, da der
Mensch hier alles loswerden konnte, was er nicht gebrauchte oder nicht lnger
gebrauchte, und da er hier vieles fand, was er gebrauchte. Ein Gegenstand
mochte durch noch so viele Hnde gegangen sein, noch so viele Schicksale in auf-
und absteigender Linie gehabt haben, Samuel Freudenstein brachte ihn doch noch
im gegebenen Augenblick in Bewegung und an den rechten Mann. Er konnte dem
ltesten Plunder tuschend den Anschein der Neuheit gehen, und seine Ansichten
ber die Dauer im Wechsel wren hchst belehrend und anziehend fr jeden
Philosophen gewesen. Wie ein Alchimist und Zauberer waltete er aber auch in
seinem dmmerigen Reich, und seine Erscheinung weckte nicht das Zutrauen,
welches dem Handelsmann so ntzlich ist.
    Samuel Freudenstein war ein Sechziger, der wenig auf uere Eleganz hielt
und der allein imstande gewesen wre, den Hut des Armenlehrers Silberlffel fr
eine hchst anstndige Kopfbedeckung zu halten. Er war gro, doch ging er sehr
gebckt und schien an einem ewigen Frost zu leiden. Die Art, wie er seine
schlotternden Glieder in seinem zerlumpten Schlafrock verbarg, konnte in den
Hundstagen einem eine Gnsehaut hervorbringen. Der Mann war ein fortwhrendes
Zhnklappern und ein Greuel fr jeden, der etwas auf ein wohlgewaschenes Gesicht
und reinlich beschnittene Ngel gab. Da er sich stets gengend rasiert habe,
konnte man ebenfalls nicht behaupten, und da er einst ein Weib gefunden hatte,
und zwar ein sehr hbsches und sehr reinliches, das glaubten nicht alle, welche
mit der Tatsache bekannt gemacht wurden. Es war aber doch so, und das Weib hatte
ihn sogar geliebt und hatte ihn hchst ungern allein gelassen in der Welt.
    Nicht immer hatte Samuel in der Dunkelheit seines Ladens in Neustadt
gesessen; er hatte mehr von der Welt gesehen als smtliche anderen Neustdter
zusammengenommen.
    Geboren war er in jener angenehmen Gegend, wo Katze und Hund sich gute Nacht
sagen und wo Russen, Polacken und Trken einander seit undenklichen Zeiten in
den Haaren liegen. Gehandelt hatte Samuel bis hinauf nach Warschau und
Petersburg und bis hinunter nach Konstantinopel. Im Jahr 1799 zog er mit Suwarow
nach Italien und machte gute Geschfte, wre aber beinahe von dem alten
Italinsky gehngt und von Massena fsiliert worden. Als vorsichtiger Mann blieb
er deshalb an der nchsten Ecke zurck und lie die kriegfhrenden Parteien
allein weitermarschieren. Er ging nach Wien, und als ihm das Glck dort nicht
wohlwollte, nach Prag, wo er in der Jdenstadt sich sehr behaglich fhlte und wo
er jedenfalls sich fr immer festgesetzt htte, wenn nicht die groe Konkurrenz
gewesen wre. Er handelte um diese Zeit mit Rauchwaren und machte ein ziemlich
bedeutendes Geschft in Fchsen von allen Farben, Mardern und dergleichen
Pelztieren. Als er zum erstenmal zur Messe nach Leipzig kam, glaubte er sich
gerade mitten in Abrahams Scho setzen zu knnen, aber er setzte sich nebenzu
und verlor in einer allzu gewagten Spekulation fast sein smtliches Vermgen.
    Die Zeiten waren fr jedermann hart und wurden immer hrter, aber Samuel
Freudenstein gehrte zu den Leuten, die jeder Windsto nach Belieben dreht und
wendet, und das kann unter Umstnden trotz allem, was man dagegen sagen mag, ein
groes Glck sein. Er verstand zu lavieren; und durch alle Gefahren, alles
Kriegswetter, Krachen und Poltern rettete er sich mit seinem Pcklein, zog im
Sommer des Jahres achtzehnhundertundsechs durch das Rosentor zu Neustadt ein und
wurde als Jude nach damaligem lblichem Gebrauch gleich dem eingetriebenen
Schlachtvieh verzollt. Nach dieser lobwrdigen Gewohnheit konnten Zettel auf
irgendeinem Steueramt in jeder beliebigen deutschen Stadt abgeliefert werden,
auf welchen zu lesen stand:
    Heute am .. Januar 178. verzollt und versteuert am Kreuztor:
    I. drei Rinder,
    II. vierzehn Schweine,
    III. zehn Klber,
    IV. ein Jd, nennt sich Moses Mendelssohn aus Berlin.
Die Schlacht bei Jena, welche so manche Niedertrchtigkeit, so manchen Unsinn
ber den Haufen warf, machte auch diesem Skandal ein Ende, aber Anno fnfzehn
htte mancher liebende Landesvater die gute, alte Sitte allergndigst gern
wiedereingefhrt.
    In Neustadt lud Samuel Freudenstein sein Bndel bei einem Glaubensgenossen
ab und prsentierte demselben einen Wechsel, der sein ganzes damaliges Vermgen
darstellte. Er war des umherschweifenden Lebens berdrssig, wollte von jetzt an
das Leben auf bescheidenem Fue anfangen, und das Stdtlein gefiel ihm. Was ihm
der Gastfreund ber die sonstigen Verhltnisse mitteilte, befestigte seinen
Entschlu, hiesigen Orts den Wanderstab abzusetzen und sich huslich
niederzulassen. Trotz dem Unglck, welches Samuel bei seinem letzten Unternehmen
gehabt hatte, war der Wechsel, den er aus seiner schmierigen Brieftasche
hervorwhlte, fr die Neustdter Verhltnisse doch nicht so unbedeutend, und es
lie sich wohl ein neues Geschftchen damit grnden. Die Huser waren damals
wohlfeil, der ewigen Einquartierung wegen; Samuel erhielt das beschriebene
Gebude in der Krppelstrae fast geschenkt und richtete sich darin ein wie ein
Ohrwurm in einem leeren Schneckenhaus. Im Jahre 1815 heiratete er die Tochter
des weisen und wohlhabenden Mannes, der seinen Wechsel so prompt saldiert hatte.
Sein Trdelgeschft hatte unter den Durchmrschen von Feind und Freund nicht
gelitten; es hatte sich im Gegenteil sehr dadurch gehoben, denn Freund und Feind
hatten mancherlei Dinge loszuschlagen, an welche sie leicht gekommen waren,
welche sich aber schwer mitschleppen lieen im Tornister oder auf dem
Bagagewagen. Nach dem zweiten Pariser Frieden ahnte die Krppelstrae, da der
Jd im Keller sein Schflein geschoren habe, der Gastfreund aber wute es und
gab seine Tochter, das schne Blmchen, gern an ihn ab. Wir wissen, da Moses
Freudenstein und Hans Unwirrsch fast um dieselbe Stunde im Jahre 1819 geboren
wurden und da das Blmchen im Kindbett starb. Der Frauen Amme ftterte den
Sugling auf, und Samuel erzog ihn auf seine Weise, welche von dem Schulplan des
Spritzenhauses in mancher Hinsicht bedeutend abwich. Um die Erziehung der Juden
bekmmerte sich das hohe Kultusministerium damals noch nicht; es lie sie in
dieser Beziehung ganz und gar ihren eigenen Weg suchen, und - sie fanden ihn und
gingen ihn. Moses Freudenstein wute um viele Dinge Bescheid, von welchen die
Taugenichtse, die ihn in der Krppelstrae mihandelten, nicht das mindeste
ahnten.
    Da die Krppelstrae den Juden nicht mit den freundlichsten Augen ansah und
sich ihm gegenber nicht auf den Standpunkt des Liebe deinen Nchsten wie dich
selbst stellte, brauchte keine Verwunderung zu erregen; aber bertrieben war es
doch, wenn die Mtter ihre hoffnungsvollen Sprlinge vor dem Trdelladen
dadurch warnten, da sie behaupteten, man verfertige darin Wrste aus dem
Fleisch kleiner unartiger und unschuldiger Christenkinder und benutze dazu statt
ihrer Drme ihre wollenen Strmpfe.
    Auch fr Hans Unwirrsch hatte einst die Idee, zu Wurstfleisch gehackt und in
seinen eigenen wollenen Strumpf gestopft zu werden, nichts Verlockendes; als er
aber mit Moses hinab in den dunkeln Laden polterte, war er ber diese Fabel
lngst hinaus und sah sich nur sehr neugierig in dem geheimnisvollen Raume um,
in den er bis jetzt nur ganz verstohlen von der Strae aus zu blicken gewagt
hatte.
    Aus der Finsternis des Hintergrundes hervor strzten der Vater Samuel und
die alte Esther, um den jetzt in lautes Geheul ausbrechenden Moses in ihre Arme
zu schlieen, auszufragen und zu beruhigen. Verwnschungen aller Art schleuderte
Esther auf den Haufen in der Gasse, und als sie gar, bewaffnet mit einem Besen,
einen Angriff darauf machte, stob er entsetzt nach allen Seiten hin auseinander.
Mit traurigem Kopfschtteln lie sich der Trdler das Geschehene
auseinandersetzen, aber sein Zorn machte sich nicht in lauter Weise Luft. Er
hatte in seinem Leben so viele Demtigungen hinunterschlucken mssen, da es ihm
auf eine mehr oder weniger nicht ankam. Aber dem Verteidiger seines Sohnes
stattete er seinen Dank fast in einer Art ab, wie er es einem erwachsenen Mann
gegenber getan haben wrde, und Hans fhlte sich hchlichst geschmeichelt und
schenkte ihm seine ganze Hochachtung. Er geno in dem dunkeln Hinterzimmer eine
Tasse Kaffee und ein Stck Kuchen, fand auch hier manches, was seine
Aufmerksamkeit erregte, und versprach sich und der Familie Freudenstein, die
angeknpfte Bekanntschaft fortzusetzen.
    Die Base Schlotterbeck war grade nicht sehr entzckt, als sie das Geschehene
vernahm. Sie hatte auch ihre kleinen Vorurteile gegen die Juden und sah nicht
ein, welchen Nutzen ein solcher Umgang ihrem Pflegling bringen knne. Die Frau
Christine aber erinnerte sich, da ihr seliger Mann einst geuert hatte, der
Nachbar Freudenstein sei kein bler Mann, es lasse sich recht gut mit ihm
verkehren. Die Frau Christine, welche mehr als einer wohlhabenden israelitischen
Familie in der Hauptstrae die Hemden gewaschen hatte, meinte daher, die Juden
seien auch Menschen und knnten recht vernnftige Leute sein. Sie hatte nichts
gegen den Verkehr mit dem westflischen Lakaien drben, und auch der Oheim
Grnebaum gab als zivilisierter Mann und Philosophikus seine Zustimmung.
Hans durfte Moses besuchen und Besuche von Moses annehmen. Die Nachbarn und
Nachbarinnen schttelten bedenklich die Kpfe, aber hinderten nicht, was das
Geschick beschlossen hatte.
    Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit des Trdelladens gewhnt hatten,
entdeckte Hans darin so viele Wunder, da sich sein Leben jetzt erst mit dem
wahren Inhalt zu fllen schien. Zu gleicher Zeit erstieg er eine zweite Stufe
auf der Leiter des Wissens, sagte er dem Spritzenhaus und dem Nachfolger
Silberlffels Valet, um in die unterste Klasse der Brgerschule einzutreten.
    Das war ein wichtiger Schritt vorwrts und wurde als solcher gebhrend
anerkannt und gefeiert. Der Oheim Grnebaum hielt dabei eine seiner schnsten
und lngsten Reden, welche aber doch weniger Wirkung auf den Neffen machte als
ein Paar neuer Stiefel, womit er ihn beschenkte. Es waren die ersten, auf welche
Hans Unwirrsch trat; in fieberhafter Aufregung hatte er ihren Bau von den ersten
Anfngen an bewacht; mit Ngeln waren sie beschlagen, da man von der Sohle fast
nichts erblickte; wenn man darin einherstapfte, so hrte man den Schritt drei
Gassen weit. Der Oheim Grnebaum hatte ein Meisterstck gemacht und hatte das
seltene Vergngen, da es als solches anerkannt wurde. Ein groes Sehnen in
Hansens Brust war durch die Stiefeln befriedigt worden, er schritt auf ihnen mit
bedeutend erhhterem Selbstbewutsein durch das Leben. Ein Junge mit so vielen
und so dickkpfigen Ngeln unter den Fen konnte schon seinen Standpunkt den
neuen Lehrern und den neuen Schulgenossen gegenber behaupten, und Hans
behauptete ihn und trat jetzt auch erst in ein innigeres Verhltnis zu dem
andern Geschlecht, welches er bis dahin so sehr verachtet hatte, insofern es
nicht durch seine Mutter und die Base Schlotterbeck reprsentiert wurde.
    Neben dem Trdelladen wohnte eine Frau, die sich durch eine Semmel- und
Obstbude vor der Tr der Brgerschule erhielt. Ihr Name tut nichts zur Sache;
aber sie hatte eine Tochter von ungefhr acht Jahren, und das kleine Mdchen
hatte eine Katze. Das Kind starb zuerst, dann starb die Katze; die Obsthndlerin
ist heute auch lngst tot; - sie haben keine unausfllbare Lcke in der Welt
gelassen, aber die kleine Sophie war doch Hans Unwirrschs erste Liebe.
    In Abwesenheit der Mutter sa das Kind in der Obstbude an der Brgerschule,
und neben ihm sa die Katze. Beide blickten unbeschreiblich ernsthaft und
verstndig ber die Haufen rotbckiger pfel und Birnen, die Krbe mit den
Pfefferkuchen und Semmeln und die Glasksten voll verlockenden Zuckerwerks. Sich
selber lieen sie niemals durch die ausgelegten Schtze verlocken. Pflichtgetreu
saen sie da, warteten auf die Kunden und besorgten den Handel ebensogut wie die
Inhaberin der Firma.
    Zuerst wurde Hans natrlich durch das Obst, die Pfefferkuchen und Semmeln zu
der Bude gezogen; dann bte die Katze eine bedeutende Anziehungskraft auf ihn
aus; die kleine Sophie wrdigte er seiner Aufmerksamkeit zuletzt, und es dauerte
eine ziemliche Zeit, ehe das Verhltnis sich umkehrte. Letzteres trat erst dann
ein, als der ritterliche Hans auch hier als Beschtzer aufgetreten war, und dazu
mangelte die Gelegenheit nicht.
    Nicht Hans allein richtete seine Aufmerksamkeit auf die Katze in der
Semmelbude. Auch andere jugendliche Gemter nahmen teil an ihrem Wohl, aber noch
viel mehr an ihrem Wehe. Die offenen oder geheimen Angriffe auf das ehrbare,
gesittete Tier nahmen nie ein Ende, und die kleine Herrin wute im Kampf mit
allen finstern Mchten ihrem Jammer oft keinen Rat. An jedem Abend trug sie ihre
vierbeinige Freundin auf den Armen nach Haus, und dann war auch die rechte Zeit
der Wegelagerer gekommen. An jeder Straenecke hatten Kind und Katze Leid zu
bestehen, und immer neue Verfolger schlossen sich zur Begleitung an.
    Bei solcher Gelegenheit zeigte sich Hans wieder als ein edles Gemt und nahm
sich der duldenden Unschuld nach Krften an. Er trug zwar wiederum einige Beulen
und blaue Flecke davon; aber das stolze Gefhl, mit welchem er die kleine Sophie
sicher bis zur Krppelstrae geleitete, war doch auch nicht zu verachten. Die
Bekanntschaft war angeknpft, und gegenseitige, innigste Zuneigung entstand
daraus. An jedem Abend fand sich Hans an der Obstbude ein, um seine beiden
Schutzbefohlenen abzuholen. Moses Freudenstein war bald der Vierte im Bunde.
    Durch einen Lenz, einen Sommer und einen Winter verkehrten die Kinder so
miteinander. Sie trieben alle Kinderspiele zusammen; mit seinen schnsten Blten
berschttete sie der Frhling, der Sommer gab alle Freuden, welche er dem
jungen Menschen zu geben hat. Holdselig war das Jahr, keine Blte, keine Frucht
blieb aus. In den Herzen der Greise regten sich die ltesten frhlichen
Erinnerungen; die Schatten der Toten, welche der Base Schlotterbeck in den
Gassen begegneten, schienen sich, nach der Aussage der Base, mit den Lebendigen
zu freuen. Die Jnglinge und Jungfrauen lebten ein doppeltes Leben in einer
schnen Gegenwart und einer schnern, hoffnungsreichen Zukunft. Sorgenvolle
Vter und Mtter warfen wenigstens auf Augenblicke die Not des Tages von sich;
aber die Glcklichsten waren doch die Kinder, die vom Alter, vom Tod, von der
Hoffnung und von der Sorge noch nichts wuten. Ihnen gehrte die Lust des Jahres
ganz und gar, und grtes Unrecht war es, in ihr Reich allzu verstndig mit
kalter Hand einzugreifen.
    Zu Wald und Feld fhrte Hans die kleine Sophie. Sie verloren sich freilich
nicht weiter in die grne Freiheit, als der Schall der Glocken der kleinen Stadt
reichte: aber welch eine Unendlichkeit war ihnen darin gegeben! Der Inbegriff
aller Dinge, die Welt, die absolute Totalitt erffnet dem Forscher nicht
weitere und nicht geheimnisvollere Rume, als dem Kinde die engbegrenzte Wiese
und das Stckchen Himmelblau darber bieten.
    Mit dem Hunger nach der Unendlichkeit wird der Mensch geboren; er sprt ihn
frh; aber wenn er in die Jahre des Verstandes kommt, erstickt er ihn meistens
leicht und schnell. Es gibt soviel angenehme und nahrhafte Sachen auf der Erde,
es gibt so vieles, was man gern in den Mund oder in die Tasche schiebt. Hans
Unwirrsch war jetzt in dem Alter, wo die ersten Klnge der groen Weltenharfe
leise, leise das aufhorchende Ohr berhren; wo man im Gras sich wlzt oder still
liegt und den Wind in den Blttern hrt, die Wolken in der Luft schwimmen sieht
und nach den fernen Bergen hinberstaunt; wo man luft, um die Stelle zu finden,
an welcher der Regenbogen auf der Erde steht, wo man mit Gras und Baum, mit dem
lieben Gott, mit jedem Vogel, jeder bunten Mcke, jedem glnzenden Kfer auf du
und du steht: wo man Pantheist in der lautersten Bedeutung des Wortes ist.
    Ernsthaft wie in der Holzbude vor der Schule sa das kleine Mdchen am Rande
des Waldes oder in der Blumenflle der Wiese. Ihre Hnde waren nie
unbeschftigt, ihre Augen waren stets fr alles weit geffnet: aber sie sprach
seltener als andere Kinder, und was sie sagte, war viel vernnftiger als anderer
Kinder Worte. Die Nachbarn in der Krppelstrae schttelten oft den Kopf ber
sie und nannten sie altklug; allein, das war sie nicht. Ihre Gedanken ber das
Rauschen im grnen Baum, ber den Sonnenschein, ber die weie und ber die
rosige Wolke, ber den stillen, blauen Himmel waren echte Kindergedanken trotz
aller Vernnftigkeit. Mit ihren groen Augen sah sie fest und tief in die schne
Welt und schlo sie dann geraume Zeit, als wolle sie versuchen, wieviel sie von
all der Pracht und Lieblichkeit mit sich hineinnehmen knne in die Dunkelheit,
den Winter - das Grab.
    Sie starb in dem Winter an einer Kinderkrankheit, die arme, kleine Sophie.
Wenn wir auf das anmutige Bild hauchen, so ist es verschwunden, als sei es
nimmer dagewesen.
    Auf der obersten Stufe der steilen Treppe, die zu der Wohnung der
Obsthkerin fhrte, saen dicht aneinandergedrngt Hans Unwirrsch und Moses
Freudenstein, und die Katze Sophiens sa eine Stufe niedriger auf der Treppe.
Hinter der Tr lag das kleine Mdchen, von welchem gesagt wurde, da es noch an
dem nmlichen Tag sterben msse.
    Durch ein einziges morsches und schmutziges Fenster wurde der enge Vorplatz
erhellt; der Regen schlug an die Scheiben, und der Wind rttelte daran. Mehr als
einmal hatte man den Versuch gemacht, die beiden Knaben von ihrem Platze zu
vertreiben; doch Hans wich weder der Gewalt noch der berredung, und Moses, der
gern fortgeschlichen wre, mute seinetwegen bleiben. Die Katze miauzte von Zeit
zu Zeit leise und klagend: wenn die Knaben zueinander sprachen, so geschah das
auch leise und ngstlich. Sie sahen die Katze an, und die Katze sah sie an; der
Tod aber lag auf der Lauer wie damals, als der Lehrer Silberlffel so krank war;
- ein lautes Wort durfte nicht gesprochen werden, der Tod konnte es nicht
leiden.
    Der Jude wie der Christ fhlten gleicherweise die Schwere der Stunde; jeder
jedoch machte auf seine Weise seine Bemerkungen darber.
    Hast du gehrt, was der Doktor sagte zur Jungfer Schlotterbeck? fragte
Moses.
    Sie macht's nun nicht lange mehr, hat er gesagt, und er hat den Kopf
geschttelt - so.
    Moses Freudenstein schttelte den Kopf, wie ihn der Doktor geschttelt
hatte, und Hans sah die Katze an und streichelte sie und schluchzte:
    Sie macht's nun nicht lang mehr!
    Die Katze aber wimmerte, als wollte auch sie sagen:
    Ja, sie macht's nun nicht lang mehr, und niemand wei das besser als ich.
    Wohin wird sie nun gehen, wenn sie tot ist? fragte der Jude, ohne seinen
Freund dabei anzusehen. Moses schien fr sich allein tief darber nachzugrbeln,
und das Grbeln schien das Gefhl in den Hintergrund zu drngen.
    In den blauen Himmel, zu den Engeln, zu dem lieben Gott geht siel
flsterte Hans, den Finger auf den Mund legend.
    Aber Moses legte den klugen Kopf auf die Seite und blickte nach dem
klirrenden Fenster, an welchem der Regen in Strmen herniederflo.
    Mein, sie wird einen bsen Weg haben! Wird sie doch sehr frieren auf dem
Weg.
    Hans Unwirrsch sah ebenfalls nach dem trostlosen Fenster und zog die
blauroten Hnde so tief als mglich in die rmel seiner Jacke, aus welcher er
der Base und der Mutter wieder einmal ganz unbemerkt herausgewachsen war. Er
konnte ber das, was hinter der dunklen Tr vorging, nicht solche Fragen
aufwerfen wie der kleine, scharfe, semitische Dialektiker ihm zur Seite; er war
zu unglcklich dazu und fror zu sehr krperlich und geistig. Er hatte mit
dunklern, verworrenern, aber auch schmerzvolleren Gefhlen zu kmpfen als Moses
Freudenstein. Der Tod der Spielgefhrtin machte einen noch viel schrfern
Eindruck auf ihn als der des Lehrers; zum erstenmal fhlte Hans Unwirrsch, da
er ein Stck von seinem Leben verliere.
    Aber der schaurige Gast, der Tod hinter der Tr, achtete weder auf Grbeln
noch auf Gefhl. Mit einem Satz scho die Katze von ihrem Platz auf der
Treppenstufe gegen die Tr; sie fing an, heftig daran zu kratzen, ihr Haar
strubte sich, sie schrie klglicher als je. Jemand ffnete die Tr, um das Tier
zu verscheuchen; aber blitzschnell scho es in die Spalte, und dann - dann
durfte auch Hans eintreten - die kleine Sophie verlangte nach ihm.
    Das Kind wute ganz klar, da es sterben msse. Die groen, ernsthaften
Augen hatten einen Glanz bekommen, der nicht mehr von dieser Welt war. Sophie
wehrte sich nicht gegen den Tod: sie lag ganz still und sprach auch nicht viel
mehr. Mit ihren Augen nahm sie Abschied von ihrem Gespielen, und als Hans laut
und bitterlich weinte, schttelte sie nur ganz leise den Kopf und flsterte:
    Ich habe sie gesehen - gestern - in der Nacht - die schne groe Wiese! O
Hans, wie die Sonne darauf schien - das glnzte! - und so viele, viele, viele
Blumen! Oh, mir fehlt gar nichts mehr, morgen bin ich ganz gesund. So schne,
goldene pfel in den grnen, grnen Bumen. Wenn der Wind geht, fallen sie wie
ein Regen von Gold herunter. Morgen bin ich auf der schnen, schnen, groen,
groen Wiese - gute Nacht, Hans, lieber Hans!
    Sie schlo die Augen und schlief ein, und im Schlafe ging sie hinber in die
Ewigkeit, wo die goldenen pfel im grnen Gezweig hingen - all der liebliche
Glanz, nach welchem der Armenschullehrer hier auf Erden so groen Hunger gehabt
hatte, den er so vergeblich hier auf Erden zu ergreifen gesucht hatte.
    Die Katze war auf die Bettdecke der Kranken gesprungen, hatte sich ihr zu
Fen in einen Knuel gerollt und schnurrte behaglich. Man lie das arme Tier,
wo es war; aber den weinenden Hans fhrte die Base Schlotterbeck fort; er sah
seine Spielgefhrtin nicht eher wieder, als bis sie im Sarge lag.
    Als das Kind gestorben war, wollte man die Katze wegnehmen von der Decke;
sie gebrdete sich jedoch wie toll, bi und kratzte und spuckte und sprang erst
dann freiwillig herab, als die winzige Leiche aus der Bettstelle gehoben wurde.
Als der Sarg geschlossen worden war und auf zwei Sthlen in der Mitte der Stube
stand, legte sich das Tier unter den Sarg und wollte auch von dieser Stelle
nicht weichen. Als der Sarg aus dem Hause getragen wurde, folgte ihm die Katze
bis zur Haustr und sah ihm nach. Dann scho sie wieder die Treppe hinauf und
fing an zu suchen in allen Winkeln und Ecken und wollte dies Suchen nicht
aufgehen trotz allem, was man tat, um sie davon abzubringen. Tagelang,
nchtelang wimmerte sie umher, da das roheste Gemt im Haus und in der
Nachbarschaft ein Grauen und eine Wehmut darber ankam. Vergeblich bot man dem
armen Geschpf die besten Bissen - es nahm sie nicht an. Niemand hatte das Herz,
es roh und rauh anzufassen; aber man frchtete sich vor ihm, und jeder atmete
auf, als es nach acht Tagen allmhlich still wurde. Es hatte ein altes Kleidchen
der Toten gefunden, darauf wickelte es sich in einem Winkel zusammen und starb
vor Gram und Hunger. Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein begruben es, und der
Vater Samuel gab aus seinem Trdelvorrat eine bunte Schachtel zum Sarge her.
    Der Tod der kleinen Sophie und der Katze machte, wie gesagt, einen viel
greren Eindruck auf Hans als der Tod des Lehrers Silberlffel. Mit einem
andern Mdchen schlo er frs erste keine Freundschaft; aber der Trdelladen
gewann von jetzt an einen immer grern Einflu auf ihn. Die Base Schlotterbeck
und die Mutter Christine htten Grund gehabt, recht eiferschtig auf den Nachbar
Samuel Freudenstein zu sein.

                                Fnftes Kapitel


Die Freundschaft zwischen dem Sohne des Schusters und dem Sohne des Trdlers,
zwischen dem Christen und dem Juden, zog den ersteren immer mehr von dem Umgang
mit den brigen Altersgenossen ab. Diese betrachteten das Verhltnis nicht von
der gnstigsten Seite; sie hatten mancherlei daran auszusetzen, und Hans mute
viel darum leiden innerhalb und auerhalb der Schule. Die witzigen Kpfe machten
die lcherlichsten Glossen ber diese merkwrdige Freundschaft. Die, welche
Talent fr die zeichnenden Knste besaen, bedeckten Gartenmauern, Hauswnde und
Tren mit mehr oder weniger gelungenen Illustrationen der zwei Freunde; und
krummnasige Abbildungen von Moses und Hans, worunter wieder andere geistreiche
Bemerkungen schrieben, sah man nicht selten und auch an Orten, wo man sie nicht
vermutete. Krperlich aber vergriff man sich nicht mehr an den beiden; man
machte in dieser Beziehung zu bse Erfahrungen Es war brigens abzusehen, da
eine Zeit kommen knne, wo das Interesse an ihnen vollstndig erloschen sein
wrde und wo man sie ruhig ihres Weges gehen lassen wrde, ohne sich weiter um
sie zu bekmmern.
    Wie in einer Mrchenhhle sa Hans Unwirrsch in dem Laden des Trdlers, und
Samuel Freudenstein war auch in seiner Art ein Zauberer, der durch sein
Hantieren, durch sein Wesen und seine Worte wohl einen mchtigen Eindruck auf
ein kindliches Gemt machen mute. Mit dem Pinsel wie mit dem Leimtopf wute er
gleich geschickt umzugehen; Vgel, allerlei Vierfler stopfte er sehr
naturgetreu aus und verkaufte sie in Glasksten den Liebhabern. Er war auf einer
ewigen Jagd nach Merkwrdigkeiten begriffen, sa in seinem Gewlbe wie eine
Spinne in ihrem Netz und lauerte auf seine Kunden - Kufer und Verkufer. Selten
entging ihm eine rmische Mnze oder ein Brakteat, die den Versuch gemacht
hatten, noch einmal am Weltverkehr teilzunehmen, und die vom Krmer oder vom
Bauer mit Grimm und Verachtung ganz unvermutet in der Ladenkasse oder im
Lederbeutel entdeckt und angehalten worden waren. Merkwrdige glserne Pokale
und Becher wute Samuel sehr zu schtzen, er witterte sie in den dunkelsten
Winkeln und Kchenschrnken auf den Drfern aus und zahlte gern dafr, was die
Besitzer verlangten. Auch Ahnenbilder kaufte er gern, doch meistens mehr des
Rahmens wegen. Es war ein Wunder, wie viele Leute, die auf solche Ahnen
durchaus keinen Anspruch hatten, doch dergleichen angeschleppt brachten. Wie
kamen diese Kotsassen, Halbspnner und Brinksitzer, diese kleinen Handwerker zu
diesen stattlichen Herren in Percke, Ringkragen und Brustharnisch, zu diesen
hochtoupierten und gepuderten Damen, die zu ihrer Entwrdigung so holdselig
lchelten und auf Rosen und Lilien rochen? Der Stolz und die Verehrung manches
Geschlechtes wurde in der Krppelstrae auf das schndeste mit dem Gesicht gegen
die Wand gelehnt, und manchen gndigen Herrn, manche gndige Frau und manches
gndige Frulein nahm der Trdler nur als Zugabe auf einen alten Sessel,
wackligen Tisch oder wurmstichigen Rokokokasten mit Achselzucken an.
    Auch mit Bchern gab sich Samuel Freudenstein ab; alte Folianten in
Schweinsleder waren ein wertvoller Handelsartikel es gab keine Scharteke, die
nicht zuletzt doch noch der Welt auf irgendeine Art ntzlich wurde, an die der
Autor einst nicht gedacht hatte. Manches Buch aber, welches der Zufall in den
Trdelladen hinabwarf, sollte auf Hans Unwirrsch spter eine Wirkung haben, mit
welcher der Verfasser zufrieden sein konnte. -
    Die mannigfachen Gegenstnde, welche der Laden enthielt, erffneten dem in
einfachster rmlichkeit aufwachsenden Knaben den Blick in unendliche Rume. Was
die Schule nchtern lehrte, gewann hier bunteste und lebendigste Gestalt; und
vielerlei, von dem die Schule nichts sagte, trat ihm hier zuerst entgegen.
    Einst war in die Krppelstrae ein Bilderbuch geraten, das einem Kinde
wohlhabender Eltern gehrte, und sehr stolz war der Besitzer darauf und gab es
nicht aus den Hnden. Der arme Hans durfte nur aus der Ferne einen ganz
flchtigen Blick hineintun, worauf es ihm sogleich wieder vor der Nase
zugeschlagen wurde. Wie frher von den groen Butterbrten der Genossen, so
trumte Hans geraume Zeit von diesem Bilderbuche; er htte gern tagelang
gehungert, wenn es ihm dafr auf eine Stunde in die Hnde gelegt worden wre;
den Besitzer hielt er fr den glcklichsten Jungen, den es jemals gegeben habe.
Er hatte einen groen Hunger nach diesem Bilderbuch und mute ihn sich vergehen
lassen wie so manchen andern Hunger damals und spter.
    Jetzt wurde ein in jeder Beziehung viel reichhaltigeres Bilderbuch vor ihm
aufgeschlagen, und nach Belieben durfte er darin blttern. Nun dmmerte ihm eine
Ahnung von dem Reichtum der Welt; immer bestimmtere Formen erhoben sich unter
den schwankenden Mrchenbildern, den verschwimmenden Gestalten und Klngen,
welche durch die Base Schlotterbeck und ihre Kalenderbibliothek in der
Kinderseele wachgerufen worden waren. Aus der Schule konnte Hans Unwirrsch
nichts mitbringen, welchem Moses Freudenstein nicht eine andere Frbung htte
gehen knnen; und die Worte des Vaters Samuel gewannen bald ein ebenso groes
Gewicht wie die der Lehrer in der Brgerschule. In diesem Trdelladen wuchs Hans
ber diese Schule schnell hinaus.
    Der Vater Freudenstein hatte eine gewaltige Achtung vor den Wissenschaften,
eine fast ebenso groe Achtung wie weiland der arme Anton Unwirrsch. Doch wenn
dieser sie um ihrer selbst willen einst verehrte, so schtzte jener sie, weil er
darin den Talisman glaubte gefunden zu haben, der zugleich mit dem Gelde ein
Schild und eine Waffe sei fr sein immer noch ob seiner und der Vter Snden so
vielfach bedrngtes und zurckgesetztes Volk. Das Leben, welches dem Manne so
arg mitgespielt hatte, hatte ihm immer von neuem diese Lehre vor die Augen
gerckt, und wie der Meister Anton beschlo er, seinen Sohn mit diesen mchtigen
Verteidigungs- und Angriffswaffen gengend auszursten. Wie Anton Unwirrsch
wollte er seinem Sohn den Weg durch die Welt freier machen, als er selbst ihn
gefunden hatte: wie Anton Unwirrsch lebte er seit der Geburt seines Kindes nur
in der Zukunft desselben.
    Lerne, da dir schwitzet der Kopf, Moses, sagte er, sobald der Knabe nur
irgend imstande war, ihn zu verstehen. Wenn se dir hinhalten an Stck Kuchen
und an Buch, so la den Kuchen und nimm das Buch. Wenn du was kannst, kannste
dich wehren, brauchste dich nicht lassen zu treten, kannste an groer Mann
werden und brauchst dich zu frchten vor keinem, und den Kuchen wirst du auch
dazu bekommen. Se werden dir ihn geben mssen, ob se wollen oder nicht.
    Moses Freudenstein ffnete bei solcher Ermahnung die funkelnden Augen sehr
weit und kniff sie dann zu und fragte wohl:
    Und ich brauch, wenn ich lern, mich nicht lassen zu schimpfen und schlagen
in der Ga? Ich kann's ihnen heimzahlen, was sie mir tun, brauch mich nicht zu
verkriechen vor ihnen?
    Wenn du hast Kunst und wenn du hast Geld, kannst du sie stecken alle in den
Sack. Und wenn du jetzt sitzest im Winkel, kannst du denken: du bist die Katz,
und die Mus tanzen vor dir und pfeifen dir zum Hohn. La sie pfeifen und lern;
wenn der jungen Katz sind gewachsen die Krallen, kann sie spielen mit der Maus,
und die Maus hat das Schlimmste davon.
    So will ich sitzen im Dunkeln und will lernen alles, was es gibt, und wenn
ich alles wei und habe das Geld, so will ich es ihnen in der Gasse vergelten,
was sie mir tun.
    Ich will dir helfen, zu kriegen das Geld! sagte der Vater, und die alte
Haushlterin in der Ecke kicherte und rieb sich die Hnde und murmelte Segnungen
und Flche zu gleicher Zeit, jene ber ihren Brotherrn, sein Kind und sein Haus,
diese ber die Stadt Neustadt und die Krppelstrae samt allem, was dran und
drum hing.
    Als Hans Unwirrsch die nhere Bekanntschaft von Moses Freudenstein machte,
war dieser ihm in den meisten Elementarkenntnissen weit voraus und wute
auerdem in Dingen Bescheid, die den armen Hans mit Staunen und Bewunderung
erfllten. Er wute, wie eine Kokosnu aussah; denn der Vater Samuel hielt eine
verschlossen im Schranke. Er wute ganz genau Bescheid im Lande der Kokosnsse
und im Affenlande und knpfte daran die Bemerkung, da die Jungen in der
Krppelstrae auch zum Affengeschlecht gehrten, da er - Moses Freudenstein -
aber doch lieber ein Aff als ein Jung aus der Krppelstrae sein wolle.
    In den Geschichten des Alten Bundes war Moses natrlich, sehr bewandert und
sprach davon immer in der ersten Person Pluralis: als wir in gypten waren - als
wir abfielen vom Knig Saul - als wir zu Babylon in der Gefangenschaft saen -
als wir die Assyrier verjagten.
    Diese Art zu reden, welche der Deutsche leider Gottes nicht kennt, hatte er
auch von seinem Vater, der die Geschichte seines Volkes aus dem Grunde kannte,
stolz darauf war und gern und viel davon sprach. Moses Freudenstein warf diese
Eigentmlichkeit auch erst sehr spt ab; ja eigentlich verlor er sie nie vllig,
selbst in jener Zeit, als er die Erinnerungen und den Einflu des Ladens in der
Krppelstrae wie ein altes Kleid von sich gestreift hatte.
    Es gab in dem Laden alte hollndische Reisebeschreibungen vom Ende des
siebenzehnten Jahrhunderts, voll der merkwrdigsten Kupfer. Vor diesen
Foliobnden war Moses gro, Hans Unwirrsch aber verga ber ihnen alles andere.
Selbst die Geschichte vom braven Kasperl und dem schnen Annerl verblate vor
den Wundern von Surinam, dem Hof des Gromoguls, den Elefanten und den Tigern,
den stolzen Kriegsschiffen der Herren Generalstaaten, die mit ihren Kanonen die
wundersamen, phantastischen indischen Stdte im Kupferstich begrten.
    Aber das waren noch lange nicht alle Reichtmer, von denen Moses umgehen
war. Noch ganz andere Wunder barg der Laden des Trdlers. Das Ei des Vogels Roch
im Mrchen Sindbads des Seefahrers ist ein Gegenstand, der wohl die Phantasie
gefangennehmen kann; aber das wirkliche und wahrhaftige Strauenei, welches
einem vor der Nase liegt und welches man mit dem Finger vorsichtig berhren
darf, hat doch einen noch grern Reiz. Der westflische Hoflakai vor der Tr
hielt alles, was er versprach; er hing Wache vor so vielen Schtzen, da das
jugendliche Gemt durch den Reichtum fast verwirrt wurde.
    Es war gut, da Hans in dieser Epoche einen so khlen Burschen wie den
kleinen Moses neben sich hatte. Dieser hatte sich lngst in dem Wirrwarr
zurechtgefunden und lie sich so leicht durch nichts mehr verblffen. Er hatte
die groe Gabe von der Natur empfangen, in seinem Kopf sogleich alles an die
rechte Stelle legen zu knnen. Im gegebenen Augenblick wute er alles sofort zu
finden; - ein Kind, ein wahres, rechtes, echtes Kind war er eigentlich nie
gewesen.
    Ein wahres, rechtes, echtes Kind blieb dagegen Hans Unwirrsch sehr lange,
fast ber die gewhnliche Zeit hinaus. Auch der Verkehr mit dem israelitischen
Freunde nderte daran nichts; die Phantasie behielt noch das Obergewicht ber
den Verstand; der Kreis, in welchem Hans wie jedes andere Menschenkind stand,
erweiterte sich nur und fllte sich mit immer buntern, glnzenderen, lockenderen
Gestalten, Bildern und Trumen. Die zusammengerollten, farblosen Flgel der
jungen Psyche entfalteten sich allgemach im belebenden Strahl der Weltensonne;
ein leichter Schimmer von Azur, Purpur und Gold fing an, sie zu berziehen; - in
Purpur, Azur und Gold aber wiegten sich im Garten der Welt alle Blumen und
Blten, alle Wissenschaften und Knste; und alle neun Musen, die hohen Gttinnen
und Grtnerinnen, saen und lchelten still und freudig ber all die flatternden
Dinger, die verlangenden Seelen und die geffneten prangenden Kelche.
    Eines Abends trat Hans sehr nachdenklich aus der Dunkelheit des
Trdlerladens hervor und stand einen Augenblick ganz geblendet im Schein der
Abendsonne, der noch auf dem Pflaster der Krppelstrae lag. Dann scho er
schnell ber die Strae zum mtterlichen Hause, als ob er einen groen Gedanken
so eilig als mglich hinbertragen msse. Aber still setzte er sich neben der
Base Schlotterbeck, die ihrer Gewohnheit nach, um diese Zeit mit ihrem
Strickstrumpf vor der Tr hockte, nieder und starrte mit offenem Munde zum
Sonnenhimmel hinauf.
    Anfangs gab die Base weiter nicht acht auf ihn, als sie ihn aber zufllig
ansah, lie sie ihr Strickzeug in den Scho sinken und rief:
    Hannes, was ist dir begegnet? Kind, wie siehst du aus! Junge, mach den Mund
zu und gib Antwort von dir, was haben sie dir drben angetan?
    Hans warf einen ziemlich verstrten Blick auf den kniglich westflischen
Lakaien drben, antwortete aber nicht, und die Base mute ihn erst tchtig an
der Schulter rtteln, ehe er sich in die Gegenwart zurckfand.
    Jesus, sie haben es fertiggebracht, sie haben dem Kinde den Kopf verwirrt!
O das Volk, das Volk! Hans, Hans, mein Liebling, komm zu dir und gib aus, was
dir passiert ist, was sie dir getan haben!
    Er lernt das Lateinische! rief Hans, und jetzt sperrte die Base den Mund
auf.
    Er geht zu Michaeli aufs Gymnasium! jammerte der Junge, und die Base
schlug die Hnde zusammen.
    Und ich mu 'n Schuster werden und 'n Pechschuster bleiben! heulte Hans,
und strmend brachen die Trnen hervor.
    'n Schuster! Ei sieh mal - 'n Pechschuster und weiter nichts! rief eine
ironische Brummstimme, und ein grimmer Schatten fiel auf die Base und den
Knaben. Der Oheim Grnebaum stand vor den beiden, ein wrdiger Vorwurf fr den
Pinsel eines groen Malers. Verwunderungsvolle Entrstung malte sich, in
Ermangelung eines groen Meisters, selber in allen seinen Zgen: sie trieb ihm
fast die Augen aus dem Kopfe. Jedes borstige und widerborstige Haar seines
Hauptes schien einen beleidigten Schuster zu bedeuten und der ganze
emporgestrubte und - gewhlte Wulst die gekrnkte Wrde der ehrsamen Zunft im
ganzen. Im Innern des Mannes kollerte, knurrte und polterte es aufs
bedrohlichste; aber nur in abgebrochenen Worten und Stzen vermochte die
gerechte Entrstung sich Luft zu machen.
    So 'n Knirps - will sich an der ganzen ehrbaren Schusterei vergreifen - der
Deibel - wenn man's nicht mit hchsteigenhndigen Ohren gehrt htte, sollte
man's nicht glauben - bis dahin, da man's - mit seinen eigentmlichen Augen
gesehen htte - hallo! - Donner und Hagel, und als wenn nicht von Adam herunter
ein ganzer Schwanz von Schustern hinge - einer am andern, und diese miserablige,
naseweise Krte, das letzte Exkrementum von die ganze achtbare und notable
Reihe!
    - I da soll ja -
    Die Base streckte dem erzrnten Meister abwehrend beide Arme entgegen, und
Hans verkroch sich angstvoll hinter ihrem Stuhl und Rock.
    Raus mit ihm, Base! Wenn ich ihn nicht berlege als Mensch und wenn ich ihn
nicht haue als Oheim, Pate und Vormund, so ist mein Offizium als Meister von die
lbliche Schusterzunft, da ich ihm die Bchse prallziehe. Stehe Sie beiseite,
Base Schlotterbeck; ich will dem gottlosen und lasziven Lstermaul sein Urteil
so gut hinten aufschreiben, da er sich drei Tage nicht hinsetzen soll von wegen
die Schriftzge!
    Aber Meister, was hat denn das arme Kind eigentlich gesagt, was Euch so aus
Rand und Band bringt? rief die Base, die ihr Leben in der Verteidigung ihres
Lieblings geopfert haben wrde.
    Was die Kreatur gesagt hat? Sie fragt mich noch?! Da er kein Schuster
werden will, weil er die lbliche Schusterei verachtet, hat er gesagt. Da er
seinen Oheim und Paten Grnebaum fr'n Pechesel und Phlister stimiert, hat er
gesagt. Der Deibel nehme die Graden und die Ungraden: ich aber, Niklas
Grnebaum, will justement meinen New bei der Jacke nehmen. Diktus, faktus, gehe
Sie mich stantepe aus die Sonne, gehe Sie mich auf die Stelle aus die angenehme
Gelegenheit, Base Schlotterbeck!
    Die Base wich dem Zorn des gttlichen Schusters Nikolaus Grnebaum nicht:
sie wurde allmhlich ebenso hitzig wie der wackere Meister. Erst mit sanft
berredenden Worten, dann mit drohenden, zuletzt mit ausgespreizten Fingern und
Ngeln verteidigte sie den armen Hans; und da die Nachbarschaft durch den Lrm
in Scharen herbeigezogen wurde und da der Meister Grnebaum auf Anstand hielt
und da er wute, da, wenn sechs, acht oder zwlf Gevatterinnen die Fuste in
die Seite stemmen, meistens ein Geschrei entsteht, welches kein Mann lnger, als
es unbedingt ntig ist, aushlt: so gab er frs erste klein bei oder verlegte
wenigstens die Fortsetzung der Verhandlung in das Innere des Hauses. Der
Nachbarinnen wegen riegelte er auch die Tr zu; aber der Frau Tiebus Entrstung
und der Frau Kiebike Verachtung drangen whrend einer geraumen Zeit doch hinein
und ihm nach.
    Der Oheim Grnebaum hielt jetzt seinen Neffen und Paten am Kragen, setzte
sich auf den Arbeitsstuhl des Meisters Anton und zog den schluchzenden Snder
zwischen seine Knie, wo er ihn wie in einem Schraubstock hielt. Die Base
Schlotterbeck stand kummervoll, aber machtlos daneben.
    Nun noch einmal von vorn! rief der Oheim. Also 'n Pechschuster mu dieses
unglckselige Opferlamm werden und will es nicht?! Soll mich doch wundern, ob
ich aus das Stckchen Unglck den Grund herausquetschen kann, weshalb es nicht
nur seine eigene schtzbare Familie, sondern auch noch dazu das ganze
hochlbliche Schustergewerk verschimpfiert!
    Er schrob seinen Schraubstock zu, und lautauf heulte Hans Unwirrsch:
    Weil der Moses das Latein lernt und Herr wird ber die ganze Strae und die
ganze Stadt und alle Jungen darin. Und weil meine Mutter 'ne arme Witfrau ist
und weil der Herr Oheim mich auch nicht das Latein lernen lassen wird und weil
und weil -
    Und weil und weil - - Base Schlotterbeck, auf Euch geht's aus. Wenn ein
Mensch angefangen hat, dem Jungen Dummheiten in den Kopf zu setzen, so seid Ihr
die Perschon, mit Respekt zu sagen. Was, Latein? Ich will dich Knirps
belateinen! Mit dem Juden drben ist's aus. Dir werde ich das Festkleben da
drben vertreiben! La mich noch einmal merken, da du da hinberschnffelst, so
will ich dich an der Nase fassen, da du dein Lebtag kein Schnupptuch mehr
gebrauchen sollst. Latein?! Konnte dein Vater Latein? Kann ich Latein? Und wir
sind doch Meister und wohlberedte Leute geworden, und wenn ich im Roten Bock den
Mund auftue, so klappt das weiteste Maul zu, ohne da ich es mit Latein stopfe.
Aber in dir, Junge, kommt dein Vater wieder heraus, das war auch so ein
Phantastiktus, und wenn er das Latein nicht konnte, so hatte er sich doch auf
andere Schrullen gelegt; aber ich habe ihm auf dem Todbette versprochen, einen
Menschen aus dir zu machen, und das soll geschehen. Da ist jetzt grade der Knig
Karl in Frankreich, der macht es grade jetzt so mit seine geliebten Untertanen
und franzsischen Landeskindern, wie ich es mit dir machen werde, Hans
Unwirrsch: willste nicht, so sollste. Also in aller Gte, willst du nun ein
Schuster werden wie deine Vorfahren oder nicht?
    Da diese letzte Frage, mit einem neuen heftigen Druck des Schraubstocks
verbunden, an Hans gestellt wurde, so konnte letzterer nicht umhin, seine
vollkommene bereinstimmung mit den Ansichten des Oheims kundzugeben. Die
Trnenfluten aber, welche das Versprechen begleiteten, nahmen ihm freilich den
grten Teil seines Wertes, und in dem sehr legitimen Knig Charles dix hatte
sich der gute Meister Grnebaum auch nicht das rechte Muster fr sein Verhalten
ausgesucht. Es ist, als ob das Schicksal hinterlistigerweise manche Wegweiser
nur deshalb aufpflanze, um sich mit der Menschheit einen nicht immer harmlosen
Fastnachts- oder Aprilscherz zu machen.
    Stumm hatte die Base des Meisters Wortschwall ber sich ergehen lassen; als
er nun aber endlich seine Meinung von der Seele los war, begann sie die
Antistrophe zu singen, und das Wort lie sie sich sowenig wie der Oheim
Grnebaum nehmen.
    So! Also Er ist fertig, Gevatter, und hat gesagt, was Er zu sagen hatte?
Das ist ein Glck fr mich, das Kind und die vier Wnde. Da sollte man ja
auseinandergehen vor Grauen vor solcher Trompete. Ihr seid mir ein schner Mann,
Gevatter. Im Roten Bock mgt Ihr wohl allein das groe Wort haben; aber hier
haben doch auch noch andere Leute dreinzusprechen. Das Kind hat nichts gesagt,
was einen halbewegs vernnftigen Mann aufbringen kann, und wenn es eine
fremdlndische Sprache lernen will, von der Er nichts versteht, Gevatter, so
braucht Er darum noch lange nicht solch einen grausamen Aufruhr zu stiften. Ihr
lat Euer Vogelviehzeug auch nicht einzig singen, wie ihm der Schnabel
gewachsen. Pfeift Ihr nicht etwa Eurem Dompfaffen tagelang den Alten Dessauer
vor, Gevatter Grnebaum? Ihr seid wohl ein rechter Schuster? Ihr habt wohl
Grund, Euch Eures Handwerks zu rhmen? Ach du lieber Gott, ja, wenn man die
Stiefel mit alten Lgenzeitungen flicken knnte und wenn man die Schusterei am
besten nur auf der Bierbank im Roten Bock treiben knnte, so wret Ihr wohl der
Mann dazu. Seht mir doch! Er hat es wohl mit seinem Rsonieren vors ehrbare
Handwerk weit darin gebracht, Grnebaum? Sei Er ganz still - die ganze Stadt
wei ja, wie's mit Ihm bestellt ist. Keinen ganzen Stuhl im Haus, keinen heilen
Rock am Leib - besehe Er sich nur in dem Spiegel und dann spreche Er die
Wahrheit ob Er ein Musterbild und Exempel von 'm Schuster fr die Menschheit
ist. Grnebaum, Grnebaum, wenn das Kind nicht darbeistnde und ich mir darvor
zusammenhielte, so wollt ich Euch den Text schon lesen; Ihr seid mir ein schner
Vormund; aber lat nur die Christine nach Haus kommen!
    Auch die Base Schlotterbeck hatte den trefflichen Meister Grnebaum in den
Schraubstock genommen, und jedesmal, wenn sie zukniff, zuckte der arme Mann
nicht weniger zusammen als vorhin Hans Unwirrsch. Er wand sich wie ein Aal,
welchem die Kchin lebendig die Haut vom Leibe zieht. Mit beiden Hnden griff er
nach dem Kopfe, fand jedoch wenig Erleichterung darin, da derselbe nicht auf
den Kchentisch genagelt war. Sein Selbstgefhl erlitt betrchtlichen Schaden,
und als die Base notgedrungen Atem schpfen mute, trotzdem da sie sich so
meisterlich zusammengehalten hatte, gab es in ganz Neustadt keinen Schuster von
klglicherer Erscheinung als den Meister Niklas Grnebaum. Rckwrts schreitend
zog er sich gegen die Tr zurck, ein Bild uerster Entwrdigung innerlich und
uerlich.
    Himmeldonnerwetter! brummte er, den Riegel wegschiebend und die Tr
ffnend; aber das Brummwort bedeutete keinen Fluch, keine Verwnschung; es war
nur eine unwillkrliche Interjektion der allerbedrngtesten Verblfftheit. Fr
jetzt war der Oheim Grnebaum nicht mehr fhig, den Kampf gegen die Sprache der
Rmer fortzusetzen. Und dazu brachte der Postkurier fr Stadt und Land an
diesem selbigen Abend so wichtige, unerhrte, kuriose Nachrichten: Rewwolution
in Paris! Bollinjak an die Beine aufgehngt! Fnfzigtausend Pariser
niederkradtscht! Garden, Linie und Schweizer totalemang kaputtgemacht! Thron
von Frankreich und Navarra in die Luft geflogen! Gljottine, Marseljse,
Barrikaden! ...
    Der Politiker, Schuster, Vormund und Oheim Nikolaus war wie vor den Kopf
geschlagen: es kostete im Roten Bock mehr als einen Extraschoppen, ehe er sich
zu der berzeugung, da er das groe politische Ereignis lngst vorhergewut und
vorausgesagt habe, emporschwingen konnte. Endlich brachte er es aber doch
gottlob wieder fertig, und je schwankender sein krperlicher Zustand wurde,
desto mehr wuchs wieder der Glaube an seine moralische und staatsmnnische
Unfehlbarkeit. Er trug sein schweres Haupt in vollkommener Zufriedenheit mit
sich selbst zu Bett und schlief den Schlaf des Gerechten, was Hans Unwirrsch und
seine Mutter nicht taten und die Base Schlotterbeck auch nicht.

                                Sechstes Kapitel


Eine schne, liebliche Nacht war auf den Tag gefolgt: ber ganz Europa und seine
Vlker schien der Mond. Alles Gewlk war fortgetrieben und lagerte und lauerte
nun auf dem Atlantischen Ozean. Wer schlafen konnte, schlief; aber es konnten
nicht alle schlafen!
    Brautnacht und Todesnacht zugleich! Durch die Wlder spritzten die Bche
ihre silbernen Funken; die groen Strme flossen still und glnzend. Die Wlder,
Wiesen und Felder, die Seen, Flsse und Bche, die waren in voller Harmonie mit
dem Mond, aber das wunderliche Pygmenvolk der Menschen in seinen Stdten und
Drfern, weit davon entfernt, in bereinstimmung mit sich selber zu sein, lie
in jener Beziehung manches zu wnschen brig. Wre er nicht der sanfte Mond
gewesen, htte er nicht einen guten Ruf zu bewahren gehabt, er wrde der
Menschheit trotz allen Dichtern und Verliebten nicht geleuchtet haben. Er war
sanft und schien; - zu allem andern rhrte ihn vielleicht auch noch das
Vertrauen der stdtischen Verwaltungen, die sich auf ihn verlieen und
seinetwegen ihre Straenlaternen nicht anzndeten.
    Er schien mit gleicher Klarheit und Sanftmut ber Europa - auf die wilde,
arme Stadt Paris, wo so viele Tote noch unbegraben lagen und so viele blutige
Verwundete mit dem Tode rangen, nicht anders als auf die winzige Stadt Neustadt
in ihrem friedlichen, weiten Tal. Er guckte mild in die berfllten Spitler und
Leichenkammern: - er guckte mild in die Reisekutsche des zehnten Karls und nicht
weniger mild in die niedrige Kammer, in welcher die Frau Christine Unwirrsch mit
ihrem Knaben lag.
    Das Kind schlief; aber die Mutter lag wachend, konnte nicht schlafen vor
dem, was sie gehrt hatte, nachdem sie von ihrer schweren Arbeit so mde, mde
nach Haus gekommen war.
    Es hatte ziemlich lange gedauert, ehe sie den verworrenen Bericht, den ihr
Hans und die Base Schlotterbeck gaben, verstand; sie war eine einfache Frau, die
Zeit brauchte, ehe sie sich in irgendeiner Sache, welche ber ihre tgliche
Arbeit und ihren armen Haushalt hinausging, zurechtfand. Wenn sie ein Ding
begriff, so konnte sie freilich dasselbe auch ordentlich und verstndig
auseinanderlegen und das Fr und Wider jeder Einzelheit gehrig betrachten und
gegeneinander abwiegen: aber dieses Streben ihres Kindes aus der Dunkelheit nach
dem Licht konnte sie kaum in seinen weitesten Umrissen verstehen.
    Sie wute nur, da sich in diesem ihrem Kinde jetzt derselbe Hunger
offenbart hatte, an welchem ihr Anton gelitten hatte; dieser Hunger, den sie
nicht verstand und vor welchem sie doch einen solchen Respekt hatte; dieser
Hunger, welcher den lieben seligen Mann so gepeinigt hatte, der Hunger nach den
Bchern und den Wunderdingen, welche in ihnen verborgen lagen. Die Jahre, welche
hingegangen waren, seit man ihren Gatten zu Grabe trug hatten keine Erinnerung
verwischt. In dem Gemt der stillen Frau lebte der gute Mann noch mit allen
seinen Eigentmlichkeiten, deren kleinste und unbedeutendste der Tod verklrt
und zu einem Vorzug gemacht hatte. Wie er mit der Arbeit einhielt und
minutenlang selbstvergessen in die Glaskugel vor seiner Lampe starrte, wie er
auf Spaziergngen am schnen Feiertag pltzlich stillstand und den Boden
betrachtete und das Himmelsgewlbe, wie er nachts erwachte und stundenlang
schlaflos im Bette sa, unzusammenhngende Worte murmelnd: das alles war nicht
vergessen und konnte nie vergessen werden. Wie der gute Mann zwischen Seufzern
und frohen Aufwallungen, zwischen heiterer und niedergeschlagener Stimmung in
seinem Handwerk sich abqulte - wie er in seinen seltenen Feierstunden so sehr
studierte, und vor allem, wie er auf seinen Sohn hoffte und so wunderlich
hochhinauf trumte von der Zukunft dieses Sohnes: das stand der Frau Christine
klar vor der Seele.
    Die Mutter richtete sich von ihrem Kopfkissen empor und blickte nach dem
Lager des Kindes hinber. Der Mondschein spielte auf der Decke und den Kissen
und verklrte das Gesicht des schlafenden Knaben, welcher sich nach seinem
betrbten Bericht in den Schlaf geweint hatte und auf dessen Wangen noch die
Spuren der Trnen zu finden waren, obgleich er jetzt im Schlummer wieder
lchelte und nichts mehr wute von dem Kummer des Tages. Rund um die Stadt
Neustadt in den Bschen und am Rande der Gewsser regte sich das Nachtgevgel;
des Nachtwchters rauhe Stimme erschallte bald nher, bald ferner; die Uhren der
beiden Kirchen zankten sich um die richtige Zeit und waren sehr abweichender
Meinung: sehr lebendig waren alle Neustdter Fledermuse und Eulen, die ihre
Stunden ganz genau kannten und sich um keine Minute irrten: Muse zirpten hinter
der Wand der Kammer, und eine Maus raschelte unter dem Bette der Frau Christine;
eine Brummfliege, welche auch nicht schlafen konnte, summte bald hier, bald da,
stie mit dem Kopf bald gegen das Fenster, bald gegen die Wand und suchte
vergeblich einen Ausweg; es knackte in der Stube der Grovaterstuhl hinter dem
Ofen, und auf dem Haustoden trappelte und schlich es so schauerlich und
gespenstig, da es schwerhielt, den beruhigenden Glauben an Katzen
festzuhalten. Die Frau Christine Unwirrsch, welche als eine ahnungsvolle Seele
sonst ein scharfes, ngstliches Ohr fr alle Tne und Laute der Nacht hatte und
an dem Hereinragen der Geisterwelt in ihre Kammer nicht im mindesten zweifelte,
hatte in dieser Nacht nicht Zeit, darauf zu horchen und die Gnsehaut darber zu
bekommen. Ihr Herz war zu voll von andern Dingen, und die Gespenster, die
zwischen Erd und Himmel wandeln und mit den Nerven der Menschen ihr Spiel
treiben, hatten keine Macht ber sie. Die Mutter fhlte die Verantwortlichkeit
fr das Schicksal ihres Kindes schwer auf sich lasten, und obgleich sie eine
ungebildete, arme Frau war, so war ihre Sorge darum nicht geringer, ja ihre
Sorge war vielleicht noch schwerer, weil ihr Begriff von dem Verlangen ihres
Kindes mangelhaft und unzureichend war.
    Lange betrachtete sie den schlafenden Hans, bis der Mond am Himmelsgewlbe
weiterglitt und der Strahl von dem Bette verschwand und sich langsam gegen das
Fenster zurckzog. Als endlich vollkommene Dunkelheit die Kammer fllte, seufzte
sie tief und flsterte:
    Sein Vater hat's gewollt, und es soll niemand gegen seines Vaters Willen
sich setzen. Der liebe Gott wird mir armem, dummem Weib schon helfen, da das
Rechte daraus wird. Sein Vater hat's gewollt, und das Kind soll seinen Willen
haben nach seines Vaters Willen.
    Sie erhob sich leise von ihrem Lager und schlich, um den schlafenden Knaben
nicht zu erwecken, auf bloen Fen aus der Kammer. In der Stube zndete sie die
Lampe an. Auf den Arbeitsstuhl ihres Mannes setzte sie sich noch einige
Augenblicke nieder und wischte die Trnen aus den Augen: dann aber trug sie das
Licht zu jener Lade im Winkel, von der wir schon vorhin erzhlt haben, kniete
davor nieder und ffnete das altertmliche Schlo, welches dem Schlssel so
lange als mglich den hartnckigsten Widerstand entgegensetzte.
    Als der schwere Deckel zurckgelegt war, erfllte ein Duft von frischer
Wsche und getrockneten Krutern - Rosmarin und Lavendel - das Zimmer. Diese
Lade enthielt alles, was die Frau Christine Kstliches und Wertvolles besa, und
sorgsam nahm sie sich in acht, da keine Trne dazwischenfalle, Sorgsam legte
sie die bunten und weien Tcher zurck, jede Falte sogleich wieder glttend,
vorsichtig stellte sie die Schchtelchen mit alten armseligen Spielereien,
zerbrochenen, wohlfeilen Schmucksachen, vereinzelten Bernsteinperlen, Armbndern
von farbigen Glasperlen und dergleichen Schtzen der Armen und der Kinder zur
Seite, bis sie fast auf dem Grunde des Koffers zu dem kam, was sie in der Stille
der Nacht suchte. Mit scheuer Hand holte sie erst ein Kstchen mit einem
Glasdeckel hervor; ihr Haupt senkte sich tiefer, als sie es ffnete. Es enthielt
des Liederbuch des Meisters Anton, und auf demselben lag ein vertrockneter
Myrtenkranz. Wie ferne Glocken, wie Orgelklang durchzitterte es die Nacht und
die Seele der knienden Frau; nicht klarer und deutlicher sah die Base
Schlotterbeck die Toten lebendig, als die Frau Christine sie in diesem
Augenblick sah. Sie faltete ber dem offenen Kstchen die Hnde, und leise
bewegten sich ihre Lippen. Es fiel ihr zwar weiter kein Gebet ein als das
Vaterunser, aber es gengte.
    Ein zweites Kstchen stand neben dem ersten, ein altes Ding von Eichenholz,
eisenbeschlagen, mit festem Schlo, eine knstliche Arbeit aus dem siebenzehnten
Jahrhundert, welche schon seit Generationen im Besitz der Unwirrsche gewesen
war. Diesen Kasten trug die Frau Christine zum Tisch, und ehe sie ihn ffnete,
legte sie erst in der Lade alles wieder sorgsam an seinen Platz; sie liebte die
Ordnung in allen Stcken und bereilte selbst auch jetzt nichts.
    Hellen Glanz gaben die kleine Lampe und die schwebende Glaskugel, aber das
altersschwarze Kstchen auf dem Tische berstrahlte sie doch, sein Inhalt sprach
lauter von der Kstlichkeit der Elternliebe, als wenn ihr Preis unter dem Schall
von tausend Trompeten auf allen Mrkten der Welt verkndet worden wre. Das
Schlo sprang auf, und der Deckel schlug zurck: Geld enthielt der Kasten! -
Viel, viel Geld - silberne Mnzen von aller Art und sogar ein Goldstck,
eingewickelt in Seidenpapier. Reiche Leute htten mit Recht ber den Schatz
lcheln knnen, aber wenn sie jeden Taler und Gulden nach dem wahren Wert htten
bezahlen sollen, so wrde vielleicht all ihr Reichtum nicht gengt haben, den
Inhalt des schwarzen Kastens auszukaufen. Mit Schwei und Hunger war jede Mnze
gewonnen worden, und tausend edle Gedanken und schne Trume hingen daran.
Tausend Hoffnungen lagen in dem dunklen Kstchen, sein edelstes Selbst hatte der
Meister Anton darin verborgen, und all ihre Liebe und Treue hatte Christine
Unwirrsch hinzugelegt.
    Wer sah das dem rmlichen Huflein abgegriffener Geldstcke an?
    Ein kleines Buch, bestehend aus wenigen zusammengehefteten Bogen grauen
Konzeptpapiers, lag neben dem Geld; des Vaters Hand hatte die ersten Seiten mit
Buchstaben und Zahlen gefllt, dann aber hatte der Tod den Schlustrich unter
des wackeren Meisters Anton Rechnung gezogen, und nun hatte bereits durch lange
Jahre die Mutter Buch gehalten auf Treu und Glauben ohne Buchstaben und Ziffern,
und die Rechnung stimmte immer noch.
    Wie oft hatte sich die Frau Christine Unwirrsch hungrig zu Bett gelegt, wie
oft hatte sie allen mglichen Mangel erduldet, ohne der Versuchung, die Hand
nach dem schwarzen Kstchen auszustrecken, zu unterliegen! In jeder Gestalt war
die Not an sie herangetreten in ihrer kmmerlichen Witwenschaft, aber heldenhaft
hatte sie Widerstand geleistet. Auch ohne Schriftzeichen und Zahlenzeichen
konnte sie in jedem Augenblick Rechenschaft ablegen: - sie trug keine Schuld,
wenn aus dem schwarzen Kstchen nicht die glckliche, ehrenvolle Zukunft, die
der Tote fr seinen Sohn ertrumt hatte, emporstieg.
    Lnger als eine Stunde sa die Frau Christine in dieser Nacht vor dem Tisch,
zhlte an den Fingern und rechnete, whrend drben im Hinterstbchen des
Trdlerhauses ebenfalls ein Mann rechnend und zhlend sa. Auch Samuel
Freudenstein wachte fr seinen schlafenden Knaben. Manche Rolle mit Goldstcken,
manche Rolle mit Silberstcken lag vor ihm: er hatte mehr in die Waagschale des
Glckes seines Kindes zu werfen als die arme Witwe.
    Ich will ihn wappnen mit allem, was eine Waffe ist! murmelte er. Sie
sollen ihn finden gerstet auf allen Seiten, und er soll ihrer spotten. Ein
groer Mann soll er werden; er soll alles haben, was er will. Ein Knecht war
ich, er soll ein Herr sein im fremden Volk, und leben will ich in seinem Leben.
Einen guten Kopf, ein scharfes Auge hat er; er wird seinen Weg schon gehen. Er
soll gedenken an seinen Vater, wenn er ist angekommen auf der Hhe; leben will
ich in seinem Leben.
    Die Witwe teilte ihren kmmerlichen Tageslohn in zwei Teile. Der grte
derselben fiel in das Kstchen von Eichenholz zu den andern Ersparnissen so
langer, mhevoller Jahre, und einen hellen Klang gaben die schlechten Mnzen.
Mehr als hundert blanke Taler legte Samuel Freudenstein zu dem Vermgen seines
Sohnes; niemand in der Krppelstrae hatte eine Ahnung davon, welch ein reicher
Mann der Trdler allmhlich wieder geworden war.
    Aus der Kammer der Witwe war der Mondschein gnzlich wieder verschwunden,
als die Mutter frstelnd zurckschlich aus der Stube. Noch immer schlief Hans
Unwirrsch fest und erwachte auch nicht von dem Ku, den die Mutter auf seine
Stirn drckte. Auch die Lampe erlosch, und die Frau Christine schlief bald so
sanft wie ihr Kind. Um das Bett des Knigs Salomo standen mit Schwertern in den
Hnden sechzig Starke, geschickt zum Streiten, um der Furcht willen in der
Nacht; zu Hupten der Witwe und ihres Kindes jedoch stand ein Geist, der
bessere Wacht hielt als alle Gewappneten in Israel.
    Fast den ganzen Sommer hindurch dauerte der Kampf gegen den Oheim Grnebaum.
Einen so hartnckigen Schuster hatte die Welt lange nicht gesehen. Trnen,
Bitten und Vorstellungen erweichten, rhrten und berzeugten ihn nicht. Ein
Mann, der es mit den sieben weisen Meistern in jeder Beziehung aufnahm, lie
sich durch zwei alberne Weibsbilder und einen dummen Jungen so leicht nicht
seinen Standpunkt verrcken. Beschlossen hatte er in seiner zottigen
Mnnerbrust, da Hans Unwirrsch wie alle andern Unwirrsche und Grnebume ein
Schuster werden msse, und mit hhnischem Gepfeife schlug er alle Angriffe auf
seinen Verstand, seine Vernunft und sein Herz zurck. Es verging kaum ein Tag,
an welchem er nicht die Base Schlotterbeck aus ihrer Gelassenheit herausfltete.
Je mehr sich die Frauen rgerten, je hitziger sie in ihren Argumenten, je
schrfer sie in ihren Worten wurden, desto melodiser wurde der Oheim Grnebaum.
Mit einer mutigen, kriegerischen Weise begleitete er gewhnlich den Anfang jeder
neuen Unterhandlung, und unter den schmelzendsten, sehnschtigsten Melodien
brachte er sie ergebnislos zu Ende.
    Gevatter, Gevatter, rief die Base, wenn das Kind unglcklich wird, so
ist's Eure Schuld - Eure Schuld allein! Solch ein Mensch wie Ihr ist mir in
meinem ganzen, lieben, langen Leben nicht vorgekommen.
    Ob nun das Lied vom Prinzen Eugen zur Beantwortung dieser Anmahnung gesungen
worden war, konnte einigem Zweifel unterliegen: der Meister Grnebaum wie
selber ein Trke! pfiff es.
    O Niklas, rief die Schwester. was bist du fr ein Mann! Es ist ein so
gutes Kind, und seine Lehrer sind so mit ihm zufrieden, und sein Vater hat's
gewollt, da er alles lernen solle, was es zu lernen gibt. Denke an Anton,
Niklas, und gib dich, ich bitte dich herzlich drum.
    Der Oheim Grnebaum gab sich noch lange nicht. Er drckte den Gedanken, da
die Schusterei ebenfalls ein schnes, nachdenkliches, gelehrtes Geschft sei und
da das Handwerk einen goldenen Boden habe, sehr bezeichnend durch die Melodie
Die Leineweber haben eine saubere Zunft aus, lie sich aber auf Weiteres nicht
ein.
    Pfeife Er nur! schrie die Base, erbost die Arme in die Seite stemmend.
Pfeife Er nur zu. Er Narr! Ich aber sage Ihm, Er mag sich nur auf den Kopf
stellen, das Kind soll doch auf die Hohen Schulen und Universtten. Sitze Er nur
wie ein geblendeter Gimpfel, pfeife Er nur zu. Base Unwirrsch, heule Sie nicht,
tue Sie ihm nicht den Gefallen, er hat nur seine abscheuliche Lust daran. Solch
ein Tyrann! Solch ein Barbare! Und es ist doch Ihr Kind, Base, nicht seins! Aber
der liebe Gott wird schon ein Einsehen haben, lasse Sie nur die Schrze vom
Auge, Base. Pfeife Er jetzt nur zu, Gevatter, aber verantworte Er nachher es
auch und berlege Er sich, was Er einst dem Meister Anton da oben sagen will!
    Es schien, als ob der Oheim Grnebaum sich dereinst bei seinem seligen
Schwager durch das schne Lied Sa ein Eichhorn auf dem Heckendorn
verantworten wolle, wenigstens pfiff er es nachdenklich und gerhrt und drehte
dazu die Daumen umeinander.
    O Niklas, was fr ein hartherziger Mann du bist! schluchzte die Schwester.
Die Base hat ganz recht, du wirst es nicht verantworten knnen, was du an
deines Schwagers Kinde tust!
    Und lieber noch 'n Lumpensammler als solch ein lumpiger Flickschuster, der
dem lieben Gott seine Tage im Roten Bock auf der Bierbank abstiehlt. Und solch
eine Kreatur will sich dagegensetzen und hinten ausschlagen, wenn ein armes Kind
ber ihr hinauswill! Wenn er sich nur die Hnde waschen und die Haare kmmen
wollte, der Mann; ich mchte den sehen, welchem es eine Ehre wre, ihn zum
Vorbild und Muster zu nehmen. Es lebt so was weiter nicht, und so einer will
andere abhalten, sich rein zu waschen und ihren Eltern Ehre zu machen. Aber ich
bau auf den Herrgott, Meister Grnebaum. Derselbigte wird Euch schon zeigen, was
Ihr eigentlich seid. 's ist doch wirklich 'ne Lcherlichkeit, da ein Mensch den
Vormund spielen will, der sich selber nicht bemndeln kann.
    Die Melodie Guter Mond, du gehst so stille mu in der Tat eine sehr
besnftigende Wirkung auf die menschlichen Gefhle ausben; der Oheim Grnebaum
pfiff sie schmelzend, solange die Base Schlotterbeck redete, und wie groer Zorn
auch in seinem Busen kochen mochte, die Welt bekam nichts davon zu sehen. Hans
Unwirrsch, mit seinem Bcherrnzel aus der Schule heimkehrend, fand die beiden
Frauen in sehr erregter Stimmung, mit hochroten Gesichtern, und den Oheim sehr
gefat, gleichmtig und khl; - er ahnte wohl, wovon wiederum die Rede gewesen
war, aber selten erfuhr er etwas Nheres ber die Verhandlung.
    Gewhnlich nahm der Oheim Abschied, indem er einen Choral oder sonst eine
schwermtige Weise fltete und dabei den armen Hans grinsend in das Ohr kniff;
Mephistopheles htte ihn um sein Lcheln beneiden knnen, und die Frauen fielen
nach seinem Abmarsch gewhnlich matt und gebrochen auf die nchsten Sthle und
waren fr mehrere Stunden unfhig, an die menschliche und gttliche
Gerechtigkeit zu glauben.
    Im Kornfelde blitzte und klang die Sense: der Oheim Grnebaum hatte noch
immer nicht nachgegeben. Allerlei Frchte lsten sich, ohne da der Wind wehte,
von den Zweigen und fielen herab: der Oheim Grnebaum hielt seine Meinung
hartnckiger als je fest. Silberne Fden umspannen die Welt und schwebten durch
die Luft: der Oheim Grnebaum schwebte nicht mit, sondern lachte hohn von seinem
niedrigen Dreifu. Bunt und immer bunter frbte sich der Wald, aber des Oheim
Grnebaums Ansicht von Welt und Leben hielt Farbe. Moses Freudenstein brstete
sich immer stolzer in seinem Triumphe, und Hans Unwirrsch sah immer klglicher
und trbseliger drein. Die Singvgel flteten ihre letzten Weisen und rsteten
sich zur Abreise nach Sden: der Oheim Grnebaum fltete auch, aber er blieb im
Lande und nhrte sich redlich, denn er war zu sehr berzeugt, da er nicht zu
entbehren sei in Neustadt, im Roten Bock und in seiner Familie. Kein Deus ex
machina stieg herab, dem armen Hans Hlfe zu bringen, und so blieb ihm zuletzt
nichts weiter brig, als sich selbst zu helfen. Er fhrte einen Plan aus, der
lngerer Zeit bedurft hatte, um in seiner kleinen Brust zu reifen, setzte
dadurch die Base und die Mutter in schwindelnde Verwunderung und brachte den
steifnackigen Oheim Grnebaum vollstndig aus der Fassung.
    An einem Sonntagmorgen zu Anfang des Septembers hatte der Gymnasialprofessor
und Doktor der Philosophie Fackler das Reich allein in seinem Haus und fhlte
sich geborgen, behaglich wie selten in seiner Studierstube. Die Frau Professorin
und Doktorin befand sich mit ihren beiden Tchtern in der Kirche und bat
hchstwahrscheinlich den lieben Gott um Verzeihung fr die unruhigen Stunden,
welche sie dann und wann dem guten Mann, d.h. ihrem Gemahl und Herrn
bereitete. Die Magd hatte sich in Privatangelegenheiten entfernt; - still war
das Haus, ein grauer Tag blickte freilich in die mit Tabakswolken gefllte
Studierstube, aber die freudige Seele des Professors wandelte auf blauem Gewlk
mit dem Liederbuch des Quintus Valerius Catullus und schlrfte die wonnigen
Minuten der Freiheit -

Vivamus, mea Lesbia, atque amemus,
rumoresque senum severiorum
omnes unius aestimemus assis.

Am See Benacus lustwandelte er im Schatten der Granatbume und Pinien auf der
glckseligen Halbinsel Sirmio, und die funkelnden Verswellen des rmischen
Dichters splten jeden Gedanken an die Gegenwart und jene Lesbia, die
augenblicklich in der Kirche scharf und schrill mitsang, in das Nichts hinab. Er
berhrte den Klang der Haustrglocke, vernahm nicht den ngstlich leisen
Schritt, der die Treppe emporstieg; er fuhr erst auf, als etwas leise an seiner
Tr kratzte und klopfte. Schnell verbarg sich der lateinische Schalk Catull
unter einem Haufen ernstern gelehrten Rstzeugs, und wrdig rief der Professor
und Doktor der Philosophie:
    Herein!
    Niemand folgte der Einladung, und lauter wurde sie wiederholt, aber auch
dieses Mal ohne Erfolg. Verwundert erhob sich der Gelehrte aus seinem Sessel,
zog seinen langen Schlafrock fest um sich und lie nun mit noch grerer
Verwunderung ein winziges Brschlein von ungefhr elf Jahren in seine
Studierstube, ein Brschlein, das an allen Gliedern zitterte und dem die Trnen
ber die Backen liefen. Niemand war bei der Unterhaltung, welche dieser Besucher
mit dem Herrn Professor Fackler hatte, zugegen, und die Einzelheiten des
Gesprchs knnen wir nicht angeben. Nur das knnen wir sagen, da die aus der
Kirche mit den holden Pfndern der tausend und aber tausend Ksse, ihren
beiden Tchtern, heimkehrende Lesbia ihren Gatten in einer sehr vergngten
Stimmung fand. Er trug ihr nicht die Aufmerksamkeit entgegen, welche sie von ihm
erwartete, sondern fuhr fort, weitbeinig in der Stube auf und ab zu laufen und
zu murmeln:
    Seh einer! - Ein wackerer kleiner Kerl! - Puer tenax propositi! - Er soll
seinen Willen haben! - Bei allen olympischen Gttern, er soll erreichen, was er
will, und mge es zu seinem Heil sein!
    Was soll zum Heil sein? Wem soll was zum Heil sein, Blasius? fragte
Lesbia, ihr Gesangbuch weglegend.
    An der Ferse soll jemand genommen und in den Styx soll er getaucht werden,
Beste, auf da er gegen der Welt Bedrngnisse gefeiet sei und als Sieger aus der
Mnnerschlacht hervorgehe.
    Du hast heute wieder deinen albernen, unverstndlichen Tag, Blasius! rief
die Frau Professorin rgerlich und sah dabei aus, als habe sie Lust, den Gemahl
tchtig durchzuschtteln. Glcklicherweise jedoch sprangen in diesem Augenblicke
Eugenia und Kornelia herein und hingen sich mit allerlei kindlichen Fragen und
Bitten an den Papa. Dieser wies auf die Mutter und zitierte dumpf:
    Jove tonante, fulgurante, comitia populi habere nefas.
    Er zog den Rock an, setzte den Hut auf, nahm den Stock, ging aus und -
stattete dem Oheim Grnebaum einen Besuch ab. Der Oheim Nikolaus Grnebaum aber
hielt zu seiner eigenen hchsten Perplexitt am Nachmittag in der
Krppelstrae eine lange, schne Rede, zu welcher die Base Schlotterbeck einen
ausgezeichneten Kaffee gebraut hatte, und expektorierte sich ungefhr
folgendermaen:
    Sintemalen denn ein Schuster ein nobles und ehrerbietiges Geschft ist,
aber dennoch so knnen nicht alle Menschenkinder Schuster werden, sondern es mu
item noch anders Volk gehen, Schneider, Bcker, Zimmerlinge, Maurer und
dergleichen, auf da fr jedes Gefhl und Sentiment gesorgt werde und kein Sinn
ohne die ntige Bedeckung bleibe. Weilen es aber auch noch andere
Bedrftigkeiten in der Welt gibt und der Mensch viel ntig hat, ehe und bevor er
nichts mehr ntig hat, so gibt es auch item Advokaten und Doktors mehr als
zuviel und dazu Professors, Pastre mehr als genug. Aber der Herrgott lt's
gehen, wie's will, und der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden, was soviel
heien soll als: ein Junge, der sich sein Geschft aussuchen will, der soll sich
sehr vorsehen und bedenken, wozu ihm die Nase steht, denn es hat sich schon mehr
als einmal zugetragen, da der Esel meinte, er knne die Laute schlagen. Aber
einen Stiebel kann auch nicht jeder machen, es ist nicht so leicht, als es sich
ansieht. Nun ist hier vorhanden Christine Unwirrsch, weiland Anton Unwirrschs
Witfrau, und zweitens die unverehelichte Base Schlotterbeck, auch ein sehr gutes
Spezifikum von gesundem Menschenverstand und natrlicher Begabung. Ferner ist
gegenwrtig Meister Niklas Grnebaum, als wie ich selber, ohne Rhmens auch
nicht auf den Kopf gefallen, sondern ganz adrett auf die Fe. Vor sie drei aber
steht das Geschpf, um das es sich handelt, Hans Jakob Niklas Unwirrsch, was
wenigstens sich als einen Jungen von Kurasche demonstriert hat und seine liebe
Anverwandtschaft hinterrcks ein Bein gestellt hat. Solch ein Knirps!
    Beide Frauen erhoben hier die Hnde, um des Himmels Segen auf den
jugendlichen Genius Hans Unwirrsch herabzuflehen; aber der Oheim fuhr fort:
    Ich denke: Grnebaum, fall vom Stuhle!, als der Herr Professor so mit einem
Male vor mir steht. Solch ein Junge! Aber ein stimabler, rsonabler, angenehmer
Herr ist der Herr Professor, und so ist das Lange und Kurze von der Geschichte,
da ich von heute morgen um halber zwlfe an nichts mehr damit zu tun haben will
und meine Hnde mir drber wasche.
    Woran Er sehr wohltut, Gevatter, sagte die Base Schlotterbeck.
    Und so mag es denn gehen, wie's geht, der Deibel nimmt die Graden und die
Ungraden! schlo der Oheim.
    Niklas, rief aber die Frau Christine rgerlich, ich hoffe, mein Sohn wird
weder grad noch ungrad mit dem Teufel zu tun haben, und gehen lassen, wie's
geht, soll er es auch nicht.
    Keine Reverenzien und belnehmerischkeiten! brummte der Oheim. Also, was
ich und der Herr Professor denn sagen wollten: Junge, da 'n berstudierter am
Ende doch auch ein Mensch bleibt, so sollst du unsertwegen deinen Willen haben.
Basta, ich hab's gesagt! Die hochlbliche Schusterei wird doch wohl nicht ein
Mirakelum an dir Lmmel vorbeilassen.
    In einem Trnenstrom machten sich die Gefhle der Mutter Luft, die Base
Schlotterbeck zerflo fast in freudiger Rhrung; Hans Unwirrsch war spter
niemals imstande, sich und andern Rechenschaft zu geben ber die Gefhle dieser
Stunde. Wer aber auch jetzt vollkommen trocken und khl blieb oder tat, war der
Oheim Grnebaum. Mit seinem Schusterdaumen drckte er gemtlich den Tabak in
seiner kurzen Pfeife nieder, klappte bedchtig den Deckel zu wie ein Mann, der
ein gutes Werk getan hat und sich die ihm von Rechts wegen zukommende Belohnung
hchstens im Hauptbuch des Himmels gutschreiben lt.
    Er mochte aber aussehen, wie er wollte, seine Macht ber seinen Neffen hatte
er verloren, und niemals konnte er das Eingebte wiedergewinnen. Seit dem
Augenblick, in welchem Hans Unwirrsch mit der eigenen, winzigen Hand dem Steuer
seines Lebens einen so wirkungsvollen Ruck gegeben hatte, stand er dem wackern
Meister mit vollberechtigtem Willen gegenber, und des Meisters Erstarrung und
Ratlosigkeit war um so grenzenloser, je grere Gleichmtigkeit er uerlich zur
Schau trug.
    Die Geschicke muten sich erfllen, und Hans Unwirrsch betrat den Weg,
welchen Anton Unwirrsch nicht gehen durfte. Am folgenden Mittag begegnete der
verstorbene Meister der Base Schlotterbeck; er ging gebckt und mit gesenktem
Kopfe, nach seiner Art, aber er lchelte zufrieden.

                               Siebentes Kapitel


Die Pforte, die sich nun vor unserm Hans geffnet hatte, fhrte, wie jeder,
welcher durch sie schritt, wei, nicht gleich in die weiten, hohen, herrlichen
Sle, wo die weien Marmorgestalten, die aus dem Schutt der klassischen Welt
aufgegraben wurden, feierlich die Wnde entlang stehen. Sowohl Hans als Moses
fanden das sehr bald aus, doch ersterer hatte mit dem Faktum bitterer zu kmpfen
als der letztere. Verwirrt und bestrzt stolperten beide auf der heiligen
Schwelle und rutschten durch den abschssigen Gang des Vokabulariums hinab in
das grauenvolle Labyrinth der Deklinationen und Konjugationen, in welchem der
Kollaborator Klopffleisch als erbarmungsloser Minotaur auf seine Opfer wartete.
Aber Moses Freudenstein fand sich schnell wieder auf den Fen, whrend Hans
Unwirrsch noch lngere Zeit klglich auf seinem Hinterteil sitzen blieb und
verloren, verraten und verkauft um sich starrte. Die schnelle Fassungsgabe, das
treffliche Gedchtnis des jdischen Knaben hoben ihn schnell ber die ersten
Schwierigkeiten der gelehrten Laufbahn weg, und nur mhsam und keuchend konnte
Hans ihm folgen.
    Doch Wille ist Werk, sagt das Sprichwort, und Hans Unwirrsch hatte den
besten Willen, seinen Freund nicht aus den Augen zu verlieren: alle Kraft setzte
er daran, und der Kollaborator Klopffleisch respektierte bald den Willen seines
Schlers.
    Glckliche Jahre! Ach, wenn sie nur nicht so schnell vorberrauschten, o
Posthumus, liebster Posthumus!
    Eben schien noch die heie Julisonne durch die Fenster der Quinta auf unsere
Kpfe, und wir schwitzten zu allem andern Schwei dicke Angsttropfen ber der
zerlesenen Grammatik, whrend die Vgel drauen in den Bumen uns auslachten und
die Fliege, die frei ber das blaue Heft spazierte, die frech um die Nase des
Magisters summte, uns ein beneidenswertes Tier dnkte! Nun ist es schon Winter,
Schnee liegt auf dem Boden und den Dchern und wird vom freien, lustigen Wind
gegen die Fenster der Quarta gewirbelt. Der Wind und die tanzenden Flocken
hhnen uns nicht weniger als die Sommervgel und die Fliegen; es gewhrt uns nur
eine sehr mangelhafte Genugtuung, da wir uns nach Herzenslust ber den
Cornelius Nepos aufhalten drfen, weil er seine Vorrede mit einem
grammatikalischen Fehler anfngt und non dubito nicht mit quin konstruiert. Eine
ganz andere Befriedigung wrde es uns geben, wenn wir dem edlen Rmer drauen
auf dem Marktplatz die Qualen und den Jammer, welche er ber so manche
Generation von Schulbuben gebracht hat, durch einen tchtigen Hagel von
Schneebllen heimzahlen knnten. O Posthumus, wie schnell rauschen die Jahre!
Eben saen wir noch als Tertianer wie junge Affen flegelhaft, zhnefletschend
und schnatternd im Baum der Wissenschaften und fanden wenig Geschmack an den
vielgepriesenen Frchten besagten Baumes: nun ist das auf einmal ganz anders
geworden. Wir werden in der Sekunda mit Sie angeredet; weit in nebelgrauer
Ferne liegt jene Zeit, wo wir selbst des Nachts in unsern Trumen nicht vor dem
Rohrstock des Kollaborators Klopffleisch sicher waren - wir haben unter den
Folgen der ersten Zigarre schauerlich, aber heldenhaft gelitten; einige von uns
erweitern ihre Ansicht von ihrer gesellschaftlichen Stellung und Wrde dadurch,
da sie Brillen von Fensterglas aufsetzen: wir fangen an, vor den Fenstern der
ersten Klasse der Mdchenschule Parade zu machen, und einen Hauptgegenstand
unserer Unterhaltungen bilden die Vorflle der Tanzstunde. Grinsend stoen wir
einander unter den Tischen die Fuste in die Seite, wenn der Konrektor Gnurrmann
ber einzelne Stellen und Szenen klassischer Dichtung schnell hinweggleitet oder
sie ganz berschlgt; wir haben diese Stellen natrlich lngst und grndlich
studiert und halten sie fr die besten im Buche, und es ist ein Wunder, wenn
unser Exemplar der Odyssee nicht stets da auseinanderfllt, wo Demodokos den
Phaken zur klingenden Harfe den schnen Gesang ber des Ares Lieb und der
reizenden Aphrodite singt. Es ist ein Glck, da wir das andere Geschlecht in
dieser blden, brenhaften Epoche unseres Daseins so sehr frchten, da das, was
uns zum erstenmal so geheimnisvoll, so unverstndlich wunderlich anzieht, uns zu
gleicher Zeit in so respektvolle Entfernung zurckstt. O selige Zeit, wo wir,
ein Zwitterding vom Knaben und Jngling, im Grunde genommen mit unserem Dasein
nicht das mindeste anzufangen wissen und zwischen Verstndigkeit und Unsinn
angenehm fr uns, sehr unangenehm aber fr unsere lieben erwachsenen Angehrigen
in der Schwebe hngen.
    Ganz anders sieht sich Welt und Leben von den Bnken der Prima an.
Selbstgefhl entfaltete sich schon im vorigen Stadium im reichlichsten Mae in
unserer Brust; jetzt steht es in voller Blte, wir werden sehr kitzlig im Punkt
der Ehre. Der erworbene Charakter entwickelt sich nun immer schneller, bei
manchem steht er bereits vollkommen fest. So recht zufrieden sind wir freilich
nicht mehr mit unserm Zustand; das Studententum lockt in zu groer Nhe, und
fester noch als unser Charakter steht in unserer Seele die Form des Bartes, den
wir in Jena oder Gttingen tragen werden. Unsere Stimme schnappt nicht mehr
ber, wohl aber fter unsere Ansicht von der Achtung, welche uns die Herren
Lehrer schuldig sind; es kann vorkommen, da unsere Anschauung in diesem Punkte
allzusehr von der des Professors Fackler abweicht und da wir schnderweise
deshalb vom Maturittsexamen zurckgesetzt werden.
    O Posthumus, Posthumus, was wrden wir darum gehen, wenn wir die Jahre
zwischen dem zehnten und dem zwanzigsten noch nicht hinter uns htten! Sie
hatten ihre Leiden und ngste; aber wir sprechen doch am liebsten von ihnen,
wenn wir graukpfig, kahlkpfig abends im Goldenen Lwen oder Silbernen Lamm, im
Kasino oder in der Harmonie unsere Sthle zusammenrcken und den Staub des
Berufs abschtteln oder hinuntersplen! Wir vergessen darber die Stunde, in
welcher die Frau uns daheim erwartet, wir vergessen darber die Aktenste, die
sich um unsern Schreibtisch trmen, die Nase, welche wir heute von einem hohen
Vorgesetzten erhielten; wir vergessen darber unsern Rheumatismus, unsere
heiratsfhigen Tchter und unsern Hausherrn, der uns wieder um ein Drittel des
Mietzinses gesteigert hat. Nur mit Mhe knnen wir bei der Nachhausekunft unserm
ltesten Schlingel Eduard, welcher heute einen zwlfstndigen Karzer absa den
gebhrenden Ernst zeigen. Wir haben in demselben Karzer gesessen, und wenn
seitdem die Wnde nicht geweit worden wren, so htte unser hoffnungsvoller
Sprling mehr als eine der damaligen Lebensmaximen seines Erzeugers daran
finden knnen. Aber die Wnde sind glcklicherweise geweit, und die Portrts
des Oberlehrers Sger, welche damals unser Mitdulder Fritz Scharfnagel ebenso
khn als geistreich entwarf, sind heute durch, ebenso khne als geistreiche
Karikaturen auf den Oberlehrer Dr. Scharfnagel ersetzt.

Eheu fugaces, Posthume, Posthume
Labuntur anni!

Moses Freudenstein und Hans Unwirrsch gingen ihren Weg durch die verschiedenen
Klassen, aber in beiden haben wir dem Leser zwei Ausnahmen des Schlerlebens vor
die Augen stellen mssen. In einer Ausnahmestellung befand sich Moses schon
durch seine Nationalitt und seine Religion, welche ihn hinderten, in dem
Gemeinwesen des Gymnasiums gleichberechtigt mitzu taten und mitzu raten; der
Sohn der Witwe aber wurde durch seine Armut gezwungen, dem frhlichen Gewimmel
fernzubleiben. Wie frher gingen auch jetzt die beiden Freunde aus der
Krppelstrae vereinsamt auf einem Seitenpfade und warteten auf den
Stundenschlag, durch welchen sie in die Mitte des Getmmels der Welt gerufen
werden sollten.
    Aus dem Dachstbchen, der Polterkammer, in welche sich einst der Meister
Anton am Geburtstage seines Sohnes aus dem Weibertumult rettete, hatte Hans
seine Studierstube gemacht. Hier hatte er seine wenigen Bcher und sein
Dintenfa aufgestellt, hier war er ein glcklicher Herrscher im Reich der
Gedanken und Trume und hielt Zwiesprache mit allen Geistern, die er
heraufbeschwren konnte. Harte Kmpfe kmpfte er hier mit den Wchtern, die vor
den Pforten jeder Wissenschaft liegen, und berwltigte mit Schwei und
unsglicher Mhe das, ber was der semitische Grammatiker Moses spielend
hinwegschritt. Letzterer hatte den Vorteil, da die Phantasie sich ihm nicht
hindernd in den Weg stellte. Gradeaus ging er mit klarem Kopf und scharfen
Augen; die verlockenden Wege, die seitab ins Grne, aber auch in die wirre
Wildnis fhren, waren fr ihn nicht da. Moses Freudenstein sah nicht, whrend
der Doktor Fackler die schwierigen Satzbildungen des Thukydides konstruierte,
hinaus auf die blauschimmernde Flche des Ionischen Meeres, sah nicht auf der
Meereshhe die weien Segel von Korzyra auftauchen, sah nicht die
hundertundfnfzig Schiffe der Korinther von Chimerium heranschweben. Wenn der
Professor von den Thraniten, Zygiten und Thalamiten, den Arten der Ruderer,
sprach, so vernahm Moses Freudenstein nicht ihr Jauchzen, wie die Flotten
aufeinanderstieen. Er vernahm nicht den Befehlruf der Stolarchen, das Krachen
der Schiffsschnbel, das Triumphgeschrei des Siegers, das Wehgeheul des
Sinkenden; er sah nicht die blaue Flut rotgefrbt, sah sie nicht bedeckt mit
Trmmern und Leichen: und wenn der Professor pltzlich eine Frage an ihn
richtete, so fuhr er nicht ratlos und beschmt auf wie der arme Hans Unwirrsch,
der all das eben Geschilderte sah und hrte, der aber ganz und gar vergessen
hatte, da es sich weniger um die Schlacht am Vorgebirge Leukimme und den Beginn
des Peloponnesischen Krieges als um die Ansicht des Professors Fackler ber die
Konstruktion mit de handelte.
    Der Professor schttelte jedoch bei solchen Gelegenheiten nur ganz leise den
Kopf, ohne eine der trefflichen Reden zu halten, die er sonst so gern von sich
gab. Seit an jenem lngst vergangenen Sonntagmorgen das verweinte, stammelnde
Brschlein in den zu langen Hosen und der zu engen Jacke vor ihm erschienen war,
hatte es stets bei ihm einen Stein im Brette gehabt; er hatte den Knaben auf
seinem Wege durch die Klassen seiner Hohen Schule nicht aus den Augen verloren;
er wute, da es von bel sein wrde, den scheuen Jngling noch mehr zu
verschchtern, und nahm vielleicht ein regeres Interesse an ihm als an
irgendeinem andern seiner Schler. Vor Moses Freudenstein schien sich der gute
Mann ein wenig zu frchten; aber Gerechtigkeit lie er ihm ebenfalls
widerfahren. -
    Einen flchtigen Blick haben wir bereits in das Hinterstbchen des
Trdlerhauses geworfen; jetzt mssen wir uns nher damit bekannt machen. Es war
so dunkel, wie man es nur von einem Gemach, das auf einen so schmutzigen und
dunkeln Hof hinaussah, erwarten konnte. Feuchte Mauern sperrten jeden frischen
Hauch von seinen niedern Fenstern ab, und der Sonnenschein war wirklich
knstlich ausgeschlossen von dem Baumeister, der im angenehmen Mittelalter
sicher Wirklicher Geheimer Verliesbaurat geworden wre. Den dunkelsten Winkel in
diesem Gemach nahm die alte Haushlterin ein: auf der Grenze zwischen Nacht und
Dmmerung stand der Tisch und Sessel des Vaters Samuel, und in der Dmmerung des
Fensters stand Moses' Tisch und Stuhl.
    Die schwarzen Haare zerwhlend, sa hier Moses, immer mehr beschftigt, die
bunte Mannigfaltigkeit des Lebens aufzulsen und sie in die Fcher einer
unbarmherzigen Logik zu ordnen. Je mehr Wissen er aufhufte, desto klter wurde
sein Herz; mit hhnischem Spott erdrosselte er den letzten Rest warmer
Phantasie, der ihm geblieben war. Nicht Werkzeug zum Nutzen und Genu fr sich
und die Welt schuf er; Waffen, nur Waffen gegen die Welt schmiedete er, und
keinen Augenblick der Ruhe, des Atemholens gnnte er sich bei der Arbeit.
    Der alte Vater rieb hinter seinem Geldkasten frohlockend die knchernen
Hnde, wenn er auf seinen Sohn blickte.
    Er wird seinen Weg gehen, murmelte er. Er wird herausbrechen wie das
Licht und wird seinen Rcken nicht beugen, wenn die rechte Zeit gekommen ist.
Ich werde es erleben, da die Gojim sich vor ihm neigen; Gott Abrahams, ich
werde sitzen im Dunkeln, aber mein Herz wird lachen und sich freuen!
    Der Vater Samuel hatte seine Phantasie nicht erttet wie Moses: sie trug ihn
auch hochhinauf, sie trug ihn weithinaus ber seine verborgene, gedrckte,
dunkle Existenz; kosend wiegte sie ihn in den Traum und hufte auf das Haupt
seines Kindes allen Glanz, alle Wrden und Ehren der Welt. Moses Freudenstein
verachtete aber seinen halbkindischen Vater ganz im stillen sehr, wenn er auch
seine Meinung jetzt noch nicht laut uerte.
    Das Verhltnis zwischen Hans und dem Sohn des Trdlers blieb uerlich
dasselbe; aber nur Hans glaubte noch als Pylades an Orest. Moses bersah den
Jugendgenossen, und da er keinen Grund hatte, ihn in irgendeiner Hinsicht zu
frchten oder zu beneiden, so lie er sich die Zuneigung desselben gefallen,
ohne aber einen bedeutenden Wert darauf zu legen. Ein schrferes Auge als das
des armen Hans wrde dieses bald entdeckt haben; doch Hans gab eine Illusion
nicht so leicht auf wie Moses, und so hielt er auch den Glauben an diese
Freundschaft fest. Manche gute Lebensstunde brachte er in dem dunkeln
Hinterstbchen zu; aber soviel warmes Licht er auch aus seinem Kreise
hineintrug, es konnte den dunkeln Raum nicht heller, es konnte das kalte Herz
des Jugendgenossen nicht wrmer machen. Zu allem andern kam noch ein ganz
besonderer Reiz, durch welchen er in jedem freien Augenblick zu dem Trdlerhause
hinbergezogen wurde. Seit sein Sohn wirklich auf dem Wege war, ein gelehrter
Mensch zu werden, hatte Samuel Freudenstein seinen Bcherhandel erweitert. Es
verging kaum ein Tag, an welchem er nicht einen Haufen alter Scharteken in
Schweinsleder, Franzband oder Pappband in das Hinterstbchen schleppte und um
den Arbeitstisch seines Sohnes aufhufte. Wenn nun Moses den grten Teil dieser
Bcher als unntzen Plunder verchtlich beiseite schob, so whlte Hans mit
gieriger Wonne darunter und verschlang alles durcheinander, wie es ihm in die
Hnde fiel. Griechische und lateinische Klassiker, Reisebeschreibungen,
moderfleckige, abstruse Theologie, vergessene philosophische Traktate, moderne
inlndische und auslndische Dichter waren ihm gleich willkommen, wenn auch
nicht gleich geschtzt. Es gab fast keinen Trster, ber den nicht sein Geist
sich aus der Gegenwart verlieren konnte, um im blauen ther, der ber den Dingen
ist, trumerisch lchelnd zu schweben, bis ihn die metallscharfe Stimme des
Freundes durch eine ironische Frage oder Bemerkung wieder herabzog in die dunkle
Stube in der Krppelstrae, die dunkle Stube mit der schnen Aussicht auf den
schwarzen Hof, ber welchen so viele schnelle und feiste Ratten liefen. Der
sinnreiche Junker Don Quijote de la Mancha allein hob unsern Hans vergngt ber
einen ganzen, langen Winter hinaus, und die Schillerschen und Goetheschen
Dichtungen, die hinunter in die dumpfige, dunkle Stube gerieten, waren imstande,
alle Regentage des Lebens in ein olympisches Sprhen von Goldsonnenfunken zu
verwandeln.
    Hans Unwirrsch gehrte in dieser Epoche zu den Glcklichen der Erde. Der
Oheim Grnebaum war vollstndig vershnt, und nachdem er anfangs die bekannte
saure Miene gezogen hatte, hatte er jetzt seinen Standpunkt verndert und
behauptete, in seiner eigenen Behausung sowohl wie unter dem Dache der Frau
Christine und im Roten Bock, er - Nikolaus Grnebaum - sei's gewesen, welcher
dem Neffen den ersten Sto und Schub auf der Laufbahn der Gelahrtheit gegeben
habe; er - Meister Grnebaum - sei's gewesen, welcher die widerstrebende Nase
des Neffen in die lateinischen und griechischen Lexizizibus gestoen habe. Er
fing an, frchterlich mit seinem Hans zu renommieren, und den Professor Fackler
grte er stets mit einem gewissen Augenblinzeln, welches nur bedeuten konnte:
Na, habe ich es Ihnen nicht gesagt? Habe ich nicht recht gehabt? Vernht mich
als Pechdraht, wenn dieser Junge nicht Euern ganzen Topf voll Weisheit zum
Frhstck auslffelt! Und das sollte ein Schuster werden? Ja, es sollte mir
einer damit gekommen sein!
    Zu den Glcklichen dieser Welt gehrten auch die Witwe des Meisters Anton
Unwirrsch und die Base Schlotterbeck. Sie trieben einen wahren Gtzendienst mit
ihrem Hans und ergingen sich in kaum weniger ausschweifenden Trumen ber seine
Zukunft, als die waren, welche Samuel Freudenstein von dem Lose seines Sohnes
hatte.
    Es war ein Glck, da Hans keine Anlage zum Stolz und Hochmut hatte, sie
wre sonst durch die bergroe Fgsamkeit und Demtigkeit der beiden dummen
Weiblein aufs schnste zur Blte gebracht worden. Aber hier wie bei andern
Gelegenheiten zur Selbstberhebung brachte der Gedanke an das schwarze Kstchen
in der Lade der Mutter den jungen Menschen stets schnell wieder zur Besinnung.
    Die Existenz dieses Kstchens war ihm bald nach seiner Aufnahme auf das
Gymnasium bekannt geworden.
    Rcke heraus damit, Stine, hatte der Oheim Grnebaum gesagt. Stelle es
ihm auf den Tisch, Stinchen, da der Knirps einsehe, was fr merkwrdig
anstndige, verehrungswrdige und politische Personen seine Eltern gewesen sind,
da er sich nach der Decke strecke und da er nachher seinen Kindern davon
erzhle, wie sein Vater und seine Mutter fr ihn gehungert haben.
    Hans Unwirrsch hatte damals wenigstens schon geahnt, was dieses Kstchen
bedeutete, und je lter er wurde, desto mehr begriff er die Entsagung, den
Heroismus, welche darin verborgen lagen. Die beiden Frauen hatten ihm, jede nach
ihrer Weise, verworren-klar von seinem Vater erzhlt und schmckten ihren
Bericht noch tglich mit neuen Zgen. Hans selbst tat das Seinige dazu und schuf
sich so ein Bild des toten Mannes, das seine rmliche Umgebung in wahrhaft
magischer Weise verklrte. Des Vaters Kampf mit der Unwissenheit, sein Streben
nach dem Hhern, sein Hunger nach dem Ideal hatten eine Fortsetzung in dem Sohn
gefunden, und alles, was es Edles in dem Wesen des Toten gab, wirkte viel
mchtiger auf den Sohn ein als das, was Samuel Freudenstein seinem Moses geben
und sagen konnte.
    Frh fhlte Hans, da er alle Kraft aufwenden msse, die Vorsorge seines
Vaters und die Aufopferung seiner Mutter zu verdienen und da er keine
Gelegenheit, durch eigene Anstrengung sich den Weg durchs Leben weiterzubahnen,
versumen drfe. Die Werke der Not verwandelten sich ihm in teuere Pflichten,
wie das bei allen edleren Naturen der Fall ist. Was fr schne Tage - lchelnde
Gesellen in weien Gewndern, mit Krnzen auf den Huptern und Lilienstengeln in
den Hnden - hinter dem dunkeln Vorhang auf ihre Zeit warten mochten: die Tage
der Gegenwart streuten im Vorberziehen ebenfalls ihre Blten aus, und Hans
Unwirrsch konnte sie niemals vergessen, wie groes Glck auch spter ihm zuteil
wurde.
    Wie s war spter die Erinnerung an jene Abende, wo die rote Sonnenkugel in
den Winternebel versunken war, der Schnee bleich von der Gasse in das Fenster
blickte und der Schler nach einem in fleiiger Arbeit verbrachten Tage neben
dem Stuhle der Mutter sa. Wie s war's, beim Schnurren des Spinnrades der
Mutter, beim Klirren der Stricknadeln der guten Base aus den eigenen Gedanken
und den einfltigen Worten der beiden armen Weiblein Luftschlsser zu bauen. Wie
s war's, fr jede Phantasie, fr jedes Wort in klassischer oder moderner Zunge
zwei so andchtige Zuhrerinnen zu haben; Lauscherinnen, die um so andchtiger
wurden, je weiter sich der Redner aus ihrem Gesichtskreis entfernte, je hher er
sich erhob ber die Dcher der Krppelstrae und der Stadt Neustadt.
    Es war die Zeit gekommen, wo nicht blo die Kronentrger, die Weisen, Helden
und hohen Frauen der Vorwelt durch die Dmmerung der armen, niedern Stube
schritten; Hans war ein Mann der groen Welt geworden und blickte durch mehr als
eine Ritze und Trspalte in den Haushalt der Weisen, Helden und hohen Frauen,
die noch in Fleisch und Blut sich in Neustadt das Leben so angenehm als mglich
machten und vor deren Haustren der arme Knabe sonst nur im Schwarm der Menge
gaffen durfte, wenn sie in den Mietwagen stiegen, um zum Ball nach dem Kasino zu
fahren.
    Dominus Blasius Fackler, welcher als Professor und Doktor der Philosophie
die Schlssel des griechischen und rmischen Olymps hielt, hatte durch seine
Stellung im Staat und durch seine holdanlchelnde Gattin auch einigen Einflu
auf den Neustdter Olymp und benutzte denselben bestens fr seinen Schtzling.
Ein ungezhltes Heer von Grillen und gelehrten Schrullen durchsummte das Hirn
des gelehrten Mannes und fuhr dem Unvorsichtigen, der sich ihm von der falschen
Seite oder zur unrechten Stunde nherte, ins Gesicht, wie der Chor der Insekten,
welchen Mephistopheles aus dem Schlafrocke Fausts schttelte. Aber der gelehrte
Mann war zu gleicher Zeit ein guter Mann und um so mehr imstande, sich in die
Seele seines Schlers zu versetzen, weil er ebenfalls ein Sohn der Armut und des
Hungers war. Sein Vater, ein Leinweber, hatte nicht einmal sein Leichentuch
weben knnen; er wurde auf ffentliche Kosten eingewickelt und im Armenwinkel
verscharrt. Der Professor Fackler hatte einen mhevollen Weg zurckgelegt, ehe
er sich auf seinem Lehrstuhl niederlassen konnte; er verga die harten Tage
seiner Jugend nicht und machte auch, was ein groer Ruhm vor Gott ist, niemals
den Versuch, sie zu vergessen.
    Eines Morgens nach der Tacitus-Stunde beschied er Hans Unwirrsch im
Feiertagsgewand zu sich, gab ihm ein Glas Burgunder zur Herzstrkung, trug ihm
eine fr die Gelegenheit ungemein passende Abhandlung ber das Patronen- und
Klientensystem bei den Alten vor und fhrte ihn sodann zu dem Hause eines der
honoriertesten Honoratioren der nie genug gelobten Stadt Neustadt. Mit Beben und
Herzklopfen folgte ihm Hans durch die Gassen, um dann einem kahlkpfigen Herrn,
welcher recht gut die Stelle des kniglich westflischen Kammerlakaien vor
Samuel Freudensteins Trdelladen htte ausfllen knnen, von dem Professor als
das besprochene Individuum, das augenblicklich die meisten Talente zum
Erziehungsfach in seiner Schule verrate, vorgestellt zu werden. Ein hherer
Justizbeamter in einem kleinen Staat ist freilich ein gefhrlich Ding: aber mit
der Zeit gewhnt man sich doch an seinen Anblick und fhlt sich wieder in seiner
Haut sicher. Auch Hans Unwirrsch erhob das Haupt wieder, nachdem der erste
Eindruck des Feierlichen, Erhabenen und Geheimnisvollen berwunden war. Mit
Eifer suchte er die Befhigung zum Erzieher, die man an ihm loben wollte, an
zwei verzogenen Rangen von sechs bis acht Jahren zu bettigen. Was fr Erfolge
er erzielte, braucht hier nicht errtert zu werden; aber ber andere Eindrcke,
welche ihm in dem Hause des Kanzleidirektors Trffler zuteil wurden, drfen wir
nicht schweigen.
    Die Frau Kanzleidirektorin liebte einen groen Verkehr: es gab auer den
beiden hoffnungsvollen Shnen auch einige erwachsene Tchter im Hause, welche zu
nicht geringern Hoffnungen berechtigten. Sie waren die unschuldigen Urheberinnen
der neuen Ahnungen, die in Hans Unwirrsch aufgingen, mit welchen neuen Ahnungen
und Sensationen brigens die Dea omnipotens, die Liebe, nichts zu schaffen
hatte. Die Personen in ihren modischen Gewndern, deren Fasson um ein Halbjahr
von Berlin und um ein Jahr von Paris differierte, waren zu sehr Geschpfe einer
andern Welt, als da sich das Auge des staubgeborenen Hans anders als in
tiefster Demut zu ihnen erhoben htte.
    Aber sie rauschten und schwebten an ihm vorber, wenn er kam, um seine
Lektionen zu geben; er vernahm ihr Klavierspiel, ihr silbernes Gelchter durch
halbgeffnete Tren, sie erschienen ihm unbeschreiblich schn, elegant, vornehm;
sie erffneten ihm den ersten Blick in jene Welt, welche so viele demtige,
dumme, hungrige arme Teufel, die sich vergeblich hineinsehnen, die vornehme
nennen.
    Die Tchter des Kanzleidirektors und ihr Umgangskreis waren schuld daran,
da Hans whrend eines gottlob nur kurzen Zeitraums Augenblicke hatte, in denen
er nicht nur den Oheim Grnebaum grndlich verachtete, sondern in welchen er
auch die Base Schlotterbeck zwar fr eine gute, aber sehr alberne und
langweilige alte Jungfer hielt.
    Seltsamerweise war es Moses Freudenstein, der Primus, welcher Hans seine
Gemtsstimmung klarmachte, sie natrlich aufs schrfste analysierte und ihn
dadurch zur Besinnung brachte.
    Ich will dir was sagen, Hans, meinte er, indem er mit den Augen zwinkerte
und die Knie aneinanderrieb - eine Gewohnheit, die er von allen andern
Eigentmlichkeiten allein nie ganz ablegen konnte -, ich will dir sagen, was
dich jetzt so grob macht. Neidisch ist der Hans! Es wird ihm eine Tr vor der
Nase aufgemacht; aber niemand ruft: Treten Sie ein geflligst, Herr Unwirrsch.
Er mu stehen und zuschauen, wie die andern ihren Spa haben in der Welt; er mu
stehen wie unsereiner. Nicht den Mund darf er auftun; und wenn er grt und man
dankt nicht, mu er auch zufrieden sein. Mein Frulein, darf ich um den nchsten
Walzer bitten, darf er schon gar nicht sagen; - er kann nicht einmal tanzen - er
wird es auch niemals lernen, aber ich werde es lernen!
    Das letzte sagte der Sprecher mit einem merkwrdigen Nachdruck und fgte
noch bei: Werde aber nicht tanzen mit diesen naseweisen ffinnen, Hans
Unwirrsch - sieh mich also nicht an wie ein Br. Ich bitte dich, fri mich
nicht.
    Die beiden Freunde kamen von einem Spaziergang heim und nherten sich eben
der Krppelstrae, als Moses an viele andere Auslassungen ber das Volk von
Neustadt diesen Schlu hing. In die dunkle Gasse fiel der Schein der Lampe durch
die niedern Fenster des Vaterhauses. Hans lie den Arm des Genossen los und
eilte schneller voran. Er blickte in das Fenster, die glnzende Kugel schwebte
ber dem Werktisch des Vaters; in dem Lehnstuhl sa die Mutter und hielt die
Hnde ber dem Strickzeug im Scho gefaltet; sie schlummerte, o sie sah so mde
aus, so abgearbeitet mde, mde! Die Base Schlotterbeck hatte die groe Bibel
vor sich liegen, fuhr mit dem Finger den Zeilen nach und nickte nach ihrer Art
mit dem Kopfe. Hans Unwirrsch fuhr heftig zusammen, als Moses sich schwer ihm
auf die Schulter hing und seine scharfe Nase ebenfalls gegen die trbe Scheibe
vorschob. Er schttelte ihn durch eine hastige Bewegung ab und sagte ihm krzer
als sonst gute Nacht.
    Welch eine Zaubermacht lag in der schwebenden Glaskugel? Sie verklrte die
Welt mit den schnsten Farben, und doch konnte sie auch jedes Ding wieder in das
rechte Licht stellen. Wir knnen dreist unsern Hans bei ihrem Schein seine
Luftschlsser bauen lassen. -

                                 Achtes Kapitel


Der Oheim Grnebaum im Festtagshabit war eine Erscheinung, wrdig, gediegen,
selbstbewut und fest. Wer zuerst nur einen flchtigen Blick auf ihn geworfen
hatte, lie gewhnlich diesem Blick freudig berrascht eine minutenlange
Betrachtung folgen, eine Betrachtung, die der Oheim, je nach der beschauenden
Persnlichkeit, entweder mit huldvoller Gemtsruhe gestattete oder durch ein
unnachahmliches Nanu? zu Ende brachte.
    In seinem Sonntagshabit stand der Oheim Niklas Grnebaum an der Ecke dem
Gymnasium gegenber und glich insofern einem Engel, als er einen schnen, langen
blauen Rock trug, welcher freilich, was den Schnitt betraf, wenig mit den
Gewndern der Heiligenbilder gemein hatte. Die Taille dieses Rockes war durch
den Verfertiger dem Nacken so nah als mglich gerckt, und zwei
Nonplusultraknpfe bezeichneten ihren Beginn. Deutlich zeichneten sich die
Taschen in der untern Gegend der Sche ab, und eine kurze Pfeife mit anmutig
schaukelnden Quasten sah neugierig aus der einen hervor. Eine gelb und braun
gestreifte Weste trug der Oheim und Hosen von grnlichblauer Frbung, etwas zu
kurz, aber von angenehmer Konstruktion, oben zu eng, unten zu weit. Die
Petschafte, welche ber dem Magen des wrdigen Mannes baumelten, waren
eigentlich einer seitenlangen Beschreibung wrdig, und von dem Hut wollen wir
deshalb nichts sagen, weil wir frchten, dadurch ber die Grenzen des gegebenen
Raumes unwiderstehlich hinausgerissen zu werden.
    Weshalb stand der Oheim Grnebaum an einem ganz gewhnlichen Wochentage in
seinem Sonntagsrock an der Ecke dem Gymnasium gegenber? Sage uns, o Muse, den
Grund davon! Nimm den Finger von der Nase, schnredende Kalliope, du hast den
Meister Niklas genug betrachtet, wende dein gttliches Auge nach dem Schulhause
und melde uns als ein gutes Mdchen, das es nicht bers Herz bringen kann,
jemanden lange zappeln zu lassen, was darin vorgeht!
    Wahrlich, es war Grund zur Aufregung fr mehr als eine der Personen, welche
bis jetzt in diesen Blttern erwhnt wurden, vorhanden: Hans Unwirrsch und Moses
Freudenstein machten an diesem Mittwoch vor dem Grnen Donnerstag ihr
Abiturientenexamen und schlossen damit, wenn das Ding gut ausfiel, ihr
Schlerleben.
    Deshalb hatte der Oheim Grnebaum einen auergewhnlichen blauen Montag
gemacht und stand im Feierkleide an der Ecke, deshalb behauptete er mit so
anerkennenswerter Hartnckigkeit seinen Platz im Gedrnge des Wochenmarkts,
deshalb griff er so krampfhaft nach den Rockknpfen der Bekannten, die
unvorsichtigerweise sich nach dem Grunde seines auergewhnlichen Aufputzes
erkundigten. Den am heutigen Tage gepackten Knopf lie der Meister nur sehr
schwer wieder los. Seine Seele war zu voll von dem wichtigen Ereignis. Dasselbe
lie sich unter so vielen Gesichtspunkten betrachten! Wenn das da drben im
Schulhaus so ausfiel, wie man erwartete und wnschte: wem hatte die Welt dafr
zu danken? Keinem andern als dem ehrsamen Meister Nikolaus Grnebaum! Wenn der
betubte Nachbar oder Bekannte endlich sich aus dem Griff des Meisters
losgemacht hatte, so war er wahrend der ersten Minuten durchaus nicht im reinen
mit sich darber, wer denn eigentlich examiniert werde vom Professor Fackler, ob
der Oheim Grnebaum oder Hans Unwirrsch, des Oheims Neffe. -
    Um zwlf Uhr sollte das Examen beendet sein, und von Augenblick zu
Augenblick geriet des Oheims Nervensystem in lebendigere Schwingungen. Er nahm
den Hut ab und wischte sich mit dem Sacktuch die Stirn; er stlpte ihn wieder
auf, schob ihn nach hinten, schob ihn nach vorn, nach rechts und nach links. Er
nahm die langen Rocksche unter die Arme und lie sie wieder fallen; er
schneuzte sich, da man es drei Straen weit hrte. Er fing an, laut mit sich
selber zu sprechen, und gestikulierte dabei sehr zum hohen Ergtzen smtlicher
Gaffer und Gafferinnen in den Ladentren und hinter den Fenstern der nchsten
Umgebung. Die Marktweiber, denen er den ganzen Morgen ber den Weg versperrt
hatte, setzten fters ihre Eierkrbe, Gemsekrbe und Milchkannen nieder, um ihm
wenigstens moralisch seinen Standpunkt zu verrcken, aber er war taub fr ihre
Anzglichkeiten. Er htte sich heute selbst von den Hunden verchtlich behandeln
lassen.
    Um drei Viertel auf zwlf nahm er im nchsten Materialladen den sechsten
Bittern, und es war die hchste Zeit dazu: denn er fhlte sich so schwach auf
den Fen, da er fast dem Umsinken nahe war. Von jetzt an hielt er die Uhr, ein
Familienstck, fr welches ein Rarittensammler viel Geld bezahlt haben wrde,
krampfhaft in der zitternden Hand, und als die Glocke der Stadtkirche zwlf
schlug, wre er beinahe fertig und kaputt nach Haus gegangen, um sich zu Bett
zu legen.
    Er geno noch einen Bittern; es war der siebente, und im Verein mit den
andern wirkte er, und seine Folgen waren erkennbarer als die der
vorhergegangenen.
    Fest lehnte jetzt der Oheim an der Hauswand; er lchelte durch Trnen. Von
Zeit zu Zeit machte er abwehrende Handbewegungen, als wolle er unberufene
Gefhle in ihre Schranken zurckweisen; es war ein Glck fr ihn, da um diese
Stunde der jngere Teil der Bevlkerung von Neustadt sich den Genssen des
Mittagstisches hingab, es wurden ihm viele Krnkungen und ironische Bemerkungen
dadurch erspart. Er fing an, die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen, und sie
gab ihm mtterlich besorgt den Rat, nicht lnger zu warten, sondern nach Haus zu
gehen, was zur Folge hatte, da er sich nur noch fester an die Wand lehnte und
mit miflligem Gegrunz, schnaufend und glucksend, die Absicht aussprach, bis
zum Jngsten Gericht an dieser Ecke auf den Jungen zu warten. Da er bis jetzt
die ffentliche Ruhe noch nicht sehr strte, so zog sich die Polizei ein wenig
zurck, behielt ihn aber scharf im Auge, bereit, in jedem Augenblick
hervorzuspringen und zuzupacken.
    Glcklicherweise wachte mit der lblichen Sicherheitsbehrde ber dem
Meister Niklas auch sein Schutzengel, oder vielmehr der kam eben von einem
Privatgeschftswege zurck, um seine Wache wiederanzutreten. Mit Entsetzen
erkannte er, wie die Sachen standen, und seiner Vermittlung war's
hchstwahrscheinlich zuzuschreiben, da drben im Schulhause dem Professor
Doktor Fackler auch ein heftiger Schreck mit dem Gedanken an die mit der
Mahlzeit harrende Lesbia durch die gelehrte Seele ging. Hastig sah er nach der
Uhr und fuhr von seinem Sitz empor; die andern Herren rauschten ihm nach,
secundum ordinem; die Examinanden, denen allmhlich alles vor den Augen schwamm,
erhoben sich ebenfalls schwindelnd, schwitzend und erschpft - nur noch eine
kleine Viertelstunde hatte der Oheim Grnebaum durch eigene Kraft das
Gleichgewicht zu bewahren; - um drei Viertel auf eins sank er, fiel er, schlug
er dem bleichen, aufgeregten Neffen in die Arme - - - Viktoria! Gesiegt hatte
Hans Unwirrsch, gesiegt hatte der Meister Grnebaum. Der eine ber die Fragen
der sieben examinierenden Lehrer, der andere ber die sieben Bittern - Viktoria!
    Professor Fackler wollte auf den Oheim zutreten, um ihm Glck zu wnschen,
unterlie es aber ganz erschrocken, als er den aufgelsten Zustand des
Trefflichen erkannte; Moses Freudenstein, Primus inter pares, lachte nicht wenig
ber die hlflosen und klglichen Blicke, welche Hans Unwirrsch nach allen
Seiten umhersandte; die gute Stunde jedoch hatte sein Herz weicher als
gewhnlich gemacht, er bot sich dem Freunde zur ttigen Hlfeleistung an, und
zwischen den beiden Jnglingen wandelte der alte, heitere Knabe Niklas Grnebaum
lchelnd und lallend, schwankend und schluchzend der Krppelstrae zu.
    Was wollte es bedeuten, da der Oheim in der niedern dunkeln Stube sogleich
auf den nchsten Stuhl fiel und die Arme auf den Tisch legte und den Kopf auf
die Arme? Was kmmerten sich die Mutter Christine und die Base Schlotterbeck in
dieser Stunde um den Oheim Grnebaum? Gnzlich berlieen sie ihn sich selber
und den sieben! Die beiden Frauen waren fast ebenso betubt und verwirrt wie der
Meister: durcheinander schluchzten und lchelten sie, wie jener geschluchzt und
gelchelt hatte, und Hans gab ihnen an Rhrung und Jubel nichts nach.
    Der Tag war von den beiden Knaben aus der Krppelstrae gewonnen; den ersten
Platz unter den Examinanden hatte natrlich Moses Freudenstein eingenommen: aber
den zweiten hatte Hans Unwirrsch errungen.
    Es hatte alles in der Stube ein ganz anderes Ansehen als sonst: ein
magisches Licht hatte sich ber alles ergossen. Da die Glaskugel leuchtete, war
kein Wunder, sie stand mit der Sonne auf zu gutem Fue, um nicht an einem
solchen Tage zu funkeln, als sei sie selbst eine kleinere Sonne. Wer genau
hinblickte, der sah, da in ihr sich mehr spiegelte, als er vermuten konnte:
lachende und weinende Gesichter, Stcke von den Wnden, ein Stck von der
Krppelstrae samt einem Stck vom blauen Himmel der kniglich westflische
Leiblakai und der Trdler Samuel Freudenstein, welcher besagten Lakaien in
seltsam hastiger Weise vom Haken ri und Laden und Tr seines Hauses schlo.
    Die Base Schlotterbeck sah diesen Vorgang, welcher in der schwebenden Kugel
sich abbildete, durch das Fenster und wollte eben ihre Verwunderung darber
kundgeben, als der Oheim Grnebaum das mde Haupt wieder vom Tisch emporhob und
seine Umgebung mit mehr als erstaunten Blicken zu mustern begann. Er rieb sich
die Augen, er fuhr durch das Haar und nahm mit der Versicherung, da jedes
berma von Freude und Jubel sehr gefhrlich sei und schlagfluhnliche Anflle
hervorbringen knne, wie sein leibeigenes Exemplum soeben dargetan habe, seine
Stellung im Familienkreise wieder ein. Mit der Besinnung ward ihm die Gabe der
holden Rede im reichen Mae wiedergeschenkt, und er machte sogleich in gewohnter
Weise einen ausgiebigen Gebrauch davon.
    So hat denn dieser hiesige junge Mann, unser Nehv und Diszendente, seiner
geliebten Anverwandtschaft alle Ehre gemacht, und es ist richtig nichts mit die
Schusterei. Mit das Kapitolium ist er nun glcklich durchs Loch nach seinem
Willen, und so wird er Bauch und Beine mit der Zeit und Rat wohl auch
durchkriegen, und wir knnen wohl guter Hoffnung sein, da er uns dieserseits
von der Mauer nicht vergit, wenn er die Fe dem Kopf hinterdreingezogen hat.
Man hat ja wohl Exempel von Beispielen, da dem Schenie bei solchem
Durchgedrngel der Hirnkasten verdreht wird und da es solchergestalt verlernt,
was hinter der Mauer gewesen ist und wer allda steht und vordem nach Krften
geschoben hat; aber dieser hier gegenwrtige Hans wird's seinem Oheim,
imgleichen seiner Mutter und, nicht zu vergessen, der Base Schlotterbeck,
gedenken, was sie an ihm getan haben und wie er's ihnen niemalen genugsam
verdanken kann. Da steht er nun, Christine Unwirrsch, geborene Grnebaum; da
steht er, Jungfer Base, und hat den Kopf voll von guten Dingen, und die Trnen
laufen ihm ber die Backen, da es ein erfreuliches Schauspiel und schmerzliches
Vergngen ist. Wir wollen's ihm auch lassen, da er mehr gelernt hat, als er
verantworten kann, und wenn ihn die Base auf griechisch fragt, so wird er auf
hebrisch antworten. So wollen wir denn fr die gute Gabe dankbar sein und
wollen uns nicht drum kmmern, da der Deibel die Graden und die Ungraden nimmt.
Komm her, Junge, und wenn du mich auch damalen das lbliche Handwerk infamigt
verachtet hast und anjetzo dem Pastor nher bist als dem Pechschuster Grnebaum,
so komm her und umarme mir; dein Oheim, er sagt dir aus dem Grunde seines
Herzens prost zu diesem heutigen Ehrentage!
    Es war Sinn in dem Unsinn, welchen der Oheim so pathetisch von sich gab,
aber htte er auch nichts als Bldsinn zutage gefrdert, Hans wrde sich
nichtsdestoweniger schnell in die weitgeffneten Arme des wackern Mannes
gestrzt haben. Nach minutenlangem Schtteln und Drcken kte er von neuem
seine Mutter ab, ging denselben Proze abermals mit der Base durch und gab
dazwischen seinen berstrmenden Gefhlen nach Mglichkeit Worte.
    O wie soll ich es euch allen danken, was ihr an mir getan habt? rief er.
O Mutter, Mutter, wenn doch mein Vater noch lebte!
    Die Mutter brach bei diesem Ausruf ihres Sohnes natrlich in lautes Weinen
aus; aber die Base legte nur die Hnde im Scho zusammen, nickte mit dem Kopf
und lchelte vor sich hin, sprach jedoch ihre Gedanken nicht aus. Auf einmal
erhob sie sich aber schnell vom Stuhl, fate den Rock der Frau Christine,
deutete geheimnisvoll nach dem Fenster.
    Jeder folgte der Richtung ihres Winkes mit den Augen. Aber niemand auer ihr
sah etwas. Die Krppelstrae lag im vollen Mittagssonnenschein, von ihren
Bewohnern war jedoch niemand zu erblicken; das Haus des Trdlers sah aus, als ob
es seit einem halben Jahrhundert bereits von seinen Bewohnern verlassen worden
sei; nur eine Katze benutzte den stillen Augenblick und schlich vorsichtig quer
ber die Gasse.
    Sie knnte einen am hellen, lichten Tage aus die Kontenankse bringen!
murmelte der Oheim mit einem scheuen Seitenblick auf die Base; die Mutter fate
die Hand ihres Sohnes fester und zog ihn nher zu sich; was auch Hansens Meinung
von den geheimnisvollen Gaben der Base Schlotterbeck sein mochte, in diesem
Augenblick war er nicht imstande, sich gegen das Gefhl, welches ihr Gebaren
erregte, zu wehren. -
    Welch ein Erwachen am Morgen nach diesem schweren und glcklichen Tage! Ein
Sieger, der sein Zelt auf triumphierend behauptetem Schlachtfeld aufschlug, ein
junges Mdchen, das sich gestern auf dem Ball verlobte, mgen in hnlicher Weise
wie Hans Unwirrsch nach seinem Examen erwachen. Die Nerven haben sich noch nicht
beruhigt, aber man ist von dem beseligenden Gefhl durchdrungen, da sie Zeit
haben, sich zu beruhigen. Noch zucken einzelne Schauer der groen Aufregung
durch die Seele, aber man fhlt sich trotzdem, ja grade deshalb so sicher, da
es eine Wonne ist. Was bleibt von dem Glcke des Menschen, wenn man die Hoffnung
vor dem Kampf, vor dem Erlangen des Wunsches und diese ersten verwirrten,
unklaren Augenblicke nach ihm davon abzieht?
    Summa cum laude! lchelte der Sonnenstrahl, der das Bett, in welchem Hans
Unwirrsch mit halbgeschlossenen Augenlidern lag, umspielte! Summa cum laude!
zwitscherten die frhwachen Sperlinge und Schwalben vor dem Fenster. Summa cum
laude! riefen die Glocken, die den Grnen Donnerstag einluteten. Summa cum
laude! sagte Hans Unwirrsch, als er in der Mitte seiner Kammer stand und einen
Bckling machte, welcher ihm selber galt.
    Er war mit seinem Anzug noch nicht ganz fertig, als die Mutter bereits
hereinschlich. Sie hatte ihre Schuhe unten an der Treppe gelassen, um die Base,
die ihre Schlafkammer dicht neben Hansens Kammer hatte, nicht zu wecken. Sie
setzte sich auf das Bett des Sohnes und betrachtete ihn mit naivem Stolz, und
ihre Blicke taten ihm bis ins Innerste wohl.
    Unten wartete der Feiertagskaffee, und die Base sa am Tisch. Sie hatte ihre
Schuhe oben an ihrer Tr gelassen, um den Studenten und die Frau Christine nicht
zu wecken, und es gab ein kleines Gelchter wegen der wechselseitigen Vorsicht.
Ein Stck Jubelkuchen war auch vorhanden, und obgleich der Grne Donnerstag nur
ein halber Festtag ist, wie jeder wei, der sich in harter Arbeit qulen mu, so
stand es doch fest, da er als ein ganzer gefeiert werden solle.
    Zuerst ging man natrlich zur Kirche, nachdem Hans noch einmal vergeblich an
die Tr des Trdlerhauses geklopft hatte. Seit der alte Samuel den Lakai des
Knigs Hieronymus vom Haken genommen und ihn somit seiner Stellung oder vielmehr
seines Schaukelns im gesellschaftlichen Leben fr immer enthoben hatte, war die
Tr noch nicht wieder geffnet worden. Was hinter ihr vorging, war ein Rtsel
fr die Krppelstrae, aber ein noch greres Rtsel fr Hans, der den Freund
seit ihrem Heimgang aus dem Examen nicht wiedergesehen hatte und von jedem
Versuch, in das Haus drben einzudringen, ohne Erfolg zurckgekommen war. Murx,
der pensionierte Stadtbttel, der immer noch in ohnmchtiger Wut und
gichtbrchig mehr als je von seinem Lehnsessel aus auf die Krppelstrae
achtgab, hatte bereits den gegenwrtigen Stabschwinger und Nachfolger im Amt auf
den verflucht verdchtigen Kasus aufmerksam gemacht; ja der Brgermeister
hatte bereits das Haupt darber geschttelt. - Das stille Haus fing an, die Ruhe
der Stadt mehr zu stren, als der betrunkenste Raufbold es vermocht htte.
    Aber die Glocken riefen zur Kirche, und dort schritt der Oheim Grnebaum
heran, im blauen Rock, in seegrnen Hosen und gestreifter Weste, zum Schutz
gegen alle bittern und sen Verlockungen mit dem mchtigsten aller Gesangbcher
bewaffnet, eine Zierde jeder Strae, durch welche er stapfte, ein Schmuck jeder
Versammlung von Christen, Politikern und zivilisierten Menschen, die er mit
seiner Gegenwart beehrte.
    Hand in Hand ging Hans mit seiner Mutter, und an der Seite der Base schritt
der Oheim, der nur da ein wenig von seinem selbstbewuten Anstand verlor, als
man um die Ecke bog, wo er gestern - wo ihn gestern seine Gefhle bermannt
hatten. Ein sehr rotes Taschentuch zog er hervor, schneuzte sich heftig,
gelangte so glcklich ber die bse Stelle hinweg und landete seine Wrde ohne
Havarie in dem Kirchenstuhl der Familie; - es ist schade, da wir seinem Gesang
nicht ein eigenes Kapitel widmen drfen, niemals psallierte ein Schuster mit
grerer Andacht und Gewalt durch die Nase.
    Von der Predigt verstand Hans an diesem Tage nicht viel, und obgleich sie
ziemlich lang war, deuchte sie ihm sehr kurz. Summa cum laude! grinste sogar das
steinerne Skelett an dem alten Grabmal neben dem Kirchenplatz der Unwirrsche,
dieses Scheusal, welches Hans lange Jahre ber die Kindheit hinaus nie von dem
Begriff Kirche ablsen konnte. Auch die Orgel sang durch alle Pfeifen: Summa cum
laude! und begleitete damit die Familie bis vor die Tr des Gotteshauses. Summa
cum laude! lchelte vor allem der Professor Doktor Fackler, der mit Kornelia und
Eugenia ebenfalls in der Kirche gewesen war, der es nicht unter seiner Wrde
hielt, mit der Verwandtschaft seines Lieblingsschlers eine Strecke weit zu
gehen, und der dem Oheim Grnebaum nun nachtrglich Glck wnschen konnte.
    Summa cum laude! schien auf den Gesichtern aller Begegnenden zu stehen, es
war wirklich eine merkwrdige Geschichte.
    Mit Gru und Hndedruck hatte der Professor sich verabschiedet, und Eugenia
und Kornelia hatten die unbeholfene Verbeugung des schchternen, errtenden
Studenten mit zierlichem Knicks erwidert; - da war die Krppelstrae wieder, und
ihre Bewohner hatten bereits die Feiertagskleider ausgezogen und die
Werktagskleider angelegt.
    Sie arbeiteten aber noch nicht; eine groe Aufregung herrschte in der
Krppelstrae; alt und jung war auf den Beinen und schrie und lief und
handzappelte durcheinander.
    Holla, was ist da wieder los? rief der Oheim. Was hat's denn gegeben? Was
gibt es denn, Meister Schwenckkettel?
    Er hat's! Es hat ihn! lautete die Antwort.
    Der Deibel, wer hat's? Was hat ihn?
    Der Jud, der Freudenstein! Er liegt auf dem Rcken und schnappt -
    Die Frauen schlugen die Hnde zusammen, Hans Unwirrsch stand starr und
erbleichend, der Oheim Grnebaum aber sprach phlegmatisch:
    Der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden! Nur immer langsam, Hans
Donnerwetter, da ist er schon hin!
    Im vollen Laufe strzte Hans nach dem Laden des Trdlers, dessen Tr jetzt
offenstand und von einem dichten Menschenhaufen belagert wurde. Einer guckte dem
andern ber die Schulter, und obgleich niemand in dem dunkeln Raume etwas
Auergewhnliches erblickte, so wre doch keiner von der Stelle gewichen; die
Krppelstrae liebte solche nichtskostende Aufregung viel zu sehr.
    Nur mit Mhe gelang es dem betubten Hans, sich Bahn zu brechen. Endlich
stand er in der Dmmerung des Ladens mit einem Gefhl, als sei er von der
freien, frischen Frhlingsluft fr ewig ausgeschlossen. Wie durch einen Nebel
starrten die Gesichter des Volkes von der Treppe am Eingang auf ihn herab; eben
wollte er die zitternde Hand auf den Griff der Tr, welche in das Hinterzimmer
fhrte, legen, als sie geffnet wurde.
    Der Arzt trat heraus und rckte die Brille zurecht.
    Ah, Sie sind's, Unwirrsch, sagte er. Es geht schlecht drinnen. Apoplexia
spasmodica. Gastrischer, krampfhafter Schlagflu. Augenblicklich alle Vorsorge
getroffen. In einer Stunde wieder nachsehen. Gesegnete Mahlzeit.
    Hans Unwirrsch erwiderte den letzten Wunsch des Doktors nicht; denn nur
dieser ging zu seinem Mittagessen, Hans aber raffte alle Energie zusammen und
trat in die Hinterstube, die sich jetzt in ein Sterbezimmer verwandelt hatte.
Ein durchdringender Geruch von Salmiakspiritus schlug ihm entgegen, auf dem
Lager im Winkel rchelte der Kranke; der Ortsrabbiner war bereits gekommen, sa
zu Hupten des Bettes und murmelte hebrische Gebete, in welche die Stimme der
alten Esther von der andern Seite von Zeit zu Zeit einfiel.
    Zu Fen des Lagers stand regungslos Moses. Er sttzte sich auf die Pfosten
und blickte starr auf den Kranken. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht, in
seinen Augen zeigte sich keine Spur von Trnen, fest geschlossen waren seine
Lippen.
    Er wandte sich um, als Hans zu ihm trat, und legte seine kalte Rechte in die
Hand des Freundes; dann aber wandte er das Gesicht sogleich wieder ab und sah
von neuem auf den kranken Vater. Es war, als sei er mit dem Examentag um einen
Kopf hher geworden, der Ausdruck seiner Augen war unbeschreiblich - es war, um
ein schreckliches Gleichnis zu gebrauchen, als ob der Todesengel auf das
Niederfallen des letzten Sandkornes lausche; - Moses Freudenstein war allmhlich
ein schner Jngling geworden.
    O mein Gott, Moses, so sprich doch! Wie ist das gekommen? Wie ist das so
schnell gekommen? flsterte Hans.
    Wer das sagen knnte! sagte Moses ebenso leise. Vor zwei Stunden noch
saen wir ruhig zusammen und - und - er zeigte mir allerlei Papiere und wir
ordneten - wir haben seit gestern mancherlei zu ordnen gehabt -, da sthnt er
pltzlich und fllt vom Stuhl, und nun - da liegt er. Der Doktor sagt, er werde
nicht wieder aufstehen.
    O wie schrecklich! Ich habe gestern so oft an eure Tr geklopft: weshalb
wolltet ihr niemanden einlassen?
    Er dort wollte es nicht; er war immer ein eigener Mann. Er hatte sich
vorgesetzt, an diesem Tag, wenn ich mein Examen glcklich berstanden htte,
sein Geschft fr immer zu schlieen. Er wollte keinen Zeugen, keinen Strer
haben, als er seine geheimen Kasten und Fcher mir ffnete. Ein eigener Mann ist
er gewesen, und jetzt schliet mit dem Geschft sein Leben wer htte es gedacht!
Freilich, wer htte es gedacht?
    Die Stimme, mit welcher diese Worte gesprochen wurden, war klanglos und
klagend; aber in den Augen schimmerte etwas, was keine Trauer und Klage war.
Eine geheime Befriedigung lag in ihnen, ein verhaltener Triumph, die Gewiheit
eines Glckes, welches pltzlich sich offenbart hatte, welches in solcher Flle
nicht gehofft worden war und welches augenblicklich noch unter dem dunkeln
Mantel versteckt werden mute.
    Wir wollen erzhlen, wie Vater und Sohn die Zeit seit dem vergangenen Tage
zugebracht hatten, und wir werden uns diesen Blick, welchen Moses Freudenstein
auf den sterbenden Vater warf, erklren knnen.
    
    In ebenso groer Aufregung wie die Verwandten Hans Unwirrschs hatte der
Meister Samuel auf die Heimkehr seines Sohnes gewartet. Ruhelos irrte er in
seinem Hause umher und fing ein Whlen an, ein Aufundzuschieben von Kasten, ein
Durchstbern der vergessensten Winkel, als wolle er eine letzte Generalmusterung
seines Besitztums und seiner tausendfachen Handelsgegenstnde halten. Dabei
sprach er fortwhrend mit sich selbst, und obgleich er keinen Tropfen
spirituosen Getrnkes je ber die Lippen brachte, schien er um die Zeit, als der
Oheim Grnebaum dem Schulhaus gegenber sich fest an die Mauer lehnte, mehr
berauscht als dieser. Der groe Entschlu, den er so lange mit sich
herumgetragen hatte und welcher jetzt zur Ausfhrung kommen sollte, machte ihn
wie trunken. Gegen elf Uhr trieb er die Haushlterin Esther aus der Hinterstube
und verriegelte fest auch diese Tr. Geheimnisvolle Schlssel brachte er nun zum
Vorschein, geheimnisvolle Fcher ffnete er in seinem Schreibtisch, knarrend
erschlo sich eine geheimnisvolle Tr in einem geheimnisvollen Wandschrank. Es
klirrte wie Gold und Silber, es rauschte wie Staatspfandbriefe und hnliche
wertvolle Papiere, und es murmelte zwischen dem Klirren und Rauschen der Vater
Samuel:
    Er ist geboren in einer finstern Ecke, er wird haben Sehnsucht nach dem
Licht; er hat gesessen in einem dunkeln Haus er wird wohnen in einem Palast. Sie
haben ihn verspottet und geschlagen, er wird es ihnen vergelten nach dem Gesetz:
Auge um Auge, Zahn um Zahn! Er ist ein guter Sohn, und er hat gelernt, was der
Mensch braucht, um in die Hhe zu kommen. Er ist nicht ungeduldig geworden,
sondern er ist stillgesessen gewesen vor seinen Bchern hier an diesem Tisch. Er
hat sein Werk getan, und ich habe getan das meinige. Er soll mich finden hier an
diesem Tisch, wo er gesessen hat still sein junges Leben hindurch. Er wird nun
hinausgehen, und ich werde hierbleiben; aber meine Augen werden ihm folgen auf
seinem Wege, und ich werde groe Freude von ihm haben. Ich bin ihm immer gefolgt
mit meinen Augen, er ist ein guter Sohn. Nun ist er ein Mann geworden, und sein
Vater wird nichts Geheimes mehr vor ihm haben. Sechshundert, siebenhundert -
zweitausend - ein guter Sohn - der Gott unserer Vter mge ihm und seinen
Kindern und seiner Kinder Kindern Segen geben!
    Das Geschrei, die Segnungen und Beschwrungen Esthers drauen und ein
Klopfen an der Tr jagten den Alten aus seinen Berechnungen und Gedanken in die
Hhe:
    Gott Abrahams, da ist er!
    Mit zitternder Hand schob er den Riegel zurck und fate seinen eintretenden
Sohn in die Arme.
    Da ist er! Da ist er! Mein Sohn, der Sohn meines Weibes! Nun, Moses,
sprich, wie ist's gegangen?
    Auf Moses' Gesicht zeigte sich keine Spur von Vernderung, er erschien kalt
wie immer, und ruhig hielt er dem Vater das Zeugnis hin.
    Ich wute es, da sie schreiben muten, was sie geschrieben haben. Sie
werden schne Gesichter geschnitten haben, aber sie muten mir die erste Stelle
geben. Spa! Macht Euch nicht lcherlich, Vater, werdet nicht toll, Esther.
Spa! Sie htten mir den sentimentalen Hans drben gern vorgeschoben, aber es
ging nicht an: ich wute es. Bei allen albernen Gttern, Vater, was habt Ihr
aber angefangen heute morgen? Gold? Gold ber Gold? Was ist das? Was soll das?
Mein Gott, woher -
    Er brach ab und beugte sich ber den Tisch. Dieser Anblick warf seine
gewohnte Selbstbeherrschung, fr einige Zeit wenigstens, vllig ber den Haufen.
    Dein! Dein! Alles dein! rief der Vater. Ich habe dir gesagt, da ich das
Meinige tun wrde, wenn du ttest das Deinige an dem Tisch da. Noch nicht alles!
Da - da!
    Der Alte war wieder zu dem Wandschrank gesprungen und warf noch einige
klirrende Beutel auf den schwarzen Fuboden und noch einige Bndel Dokumente auf
den Tisch. Seine Augen glhten wie im Fieber.
    Gewaffnet bist du und gerstet, nun hebe dein Haupt. I, wenn du bist
hungrig, und greife nach allem, wonach der Sinn dir steht. Sie werden es dir
entgegenbringen, wenn du bist klug; du wirst ein groer Mann werden unter den
Fremdlingen! Sei klug auf deinem Wege! Stehe nicht still, stehe nicht still,
stehe nicht still!
    Die schwebende Kugel in dem Hause gegenber spiegelte wider, wie Samuel
Freudenstein hervoreilte und den westflischen Lakai von dem Haken ri und ihn
in die Tiefe des Trdelladens begrub: er schlo sein Geschft damit fr immer; -
der Lakai hatte als Aushngeschild fr manche Dinge gedient, welche mit der
Trdlerei eigentlich nichts zu tun hatten; es war kein Unglck, da er aus der
Krppelstrae verschwand.
    Htte die Glaskugel des Meisters Anton Unwirrsch doch auch das Bild Moses
Freudensteins wiedergeben knnen, wie er in der kurzen Abwesenheit seines Vaters
mit untergeschlagenen Armen vor dem so reich belasteten Tische stand! Er war
bleich, und seine Lippen zuckten, er fuhr mit den Fingerspitzen ber einige der
aufgezhlten Goldreihen, und ein leises Zittern ging dabei durch seinen Krper.
Tausend blitzschnelle Gedanken berschlugen sich in seinem Gehirn, aber nicht
einer dieser Gedanken stieg aus seinem Herzen empor; er dachte nicht an die
Arbeit, die Sorge, die - Liebe, welche an diesem aufgehuften Reichtum hafteten;
er dachte nur daran, wie er selbst sich nun zu diesem pltzlich ihm offenbarten
Reichtum stellen msse, welch eine vernderte Existenz fr ihn selbst von diesem
Augenblick anheben werde. Sein kaltes Herz schlug so sehr, da fast ein
physischer Schmerz daraus wurde. Es war eine bse Minute, in welcher Samuel
Freudenstein seinem Sohne verkndete, da er ein reicher Mann sei und da der
Sohn es dereinst sein werde. Von diesem Augenblick liefen tausend dunkle Fden
in die Zukunft hinaus; was dunkel in Moses' Seele war, wurde von diesem
Augenblick an noch dunkler, heller wurde nichts; der Egoismus richtete sich
druend empor und streckte hungrige Polypenarme aus, um damit die Welt zu
umfassen.
    Das Dasein des Vaters war in diesem sich berstrzenden, wild
heranschwellenden Gedankensturm nichts mehr, es war ausgelscht, als ob es nie
gewesen sei. Nur an sich selbst, nur an sich selbst dachte Moses Freudenstein,
und als des Vaters Schritt wieder hinter ihm erschallte fuhr er zusammen und bi
die Zhne aufeinander.
    Samuel Freudenstein hatte die Tr verriegelt; die Lden hatte er
geschlossen, die weite liebliche Frhlingswelt, den blauen Himmel, die schne
Sonne sperrte er mit aus - wehe ihm!
    Mit den frhlichen Klngen, den glnzenden Farben des Lebens hatte er nichts
zu schaffen, sie htten ihn nur gestrt; er wollte einen Triumph feiern, zu
welchem er sie nicht ntig hatte - wehe ihm! Die graue Dmmerung, die durch die
schmutzigen Scheiben der Hinterstube fiel, gengte vollkommen, um dabei dem
Sohne das geheime Geschftsbuch vorzulegen und ihm zu zeigen, auf welche Weise
der Reichtum, den er vor ihm ausgebreitet hatte, erworben worden war.
    Die Sonne ging unter und bergo vor ihrem Scheiden die Welt mit einer
Schnheit sondergleichen; in jedes Fenster, welches sie erreichen konnte,
lchelte sie zum Abschied; aber dem armen Samuel Freudenstein konnte sie nicht
Lebewohl sagen wehe ihm!
    Es wurde Nacht, und Esther trug die angezndete Lampe in das Hinterstbchen.
Die Kinder wurden zu Bett gebracht, der Nachtwchter kam: auch die lteren Leute
verschwanden von den Bnken vor den Haustren. Jedermann trug seine Sorgen zu
Bett; aber Samuel und Moses Freudenstein zhlten und rechneten weiter, und erst
der grauende Morgen fand letztern in einem unruhigen, fieberhaften Schlummer,
aus welchem er wieder auffuhr, nachdem er kaum die Augen geschlossen hatte. Er
erwachte nicht wie Hans Unwirrsch; er erwachte mit einem Angstruf und streckte
die Hnde aus und zog die Finger zusammen, als entreie man ihm etwas unendlich
Kostbares, als bestrebe er sich in tdlicher Angst, es festzuhalten. Aufrecht
sa er im Bette und starrte umher, fate die Stirn mit den Hnden und sprang
dann empor. Er zog die Kleider hastig an und stieg in die Hinterstube nieder, wo
sein Vater noch im Schlafe lag und unruhig abgebrochene Stze murmelte. Vor dem
Bette des Vaters stand der Sohn, und seine Blicke wanderten von dem Gesichte des
Vaters zu dem leeren Tisch, der vorhin so reich belastet war.
    O ber den Hunger, den schrecklichen Hunger, von welchem Moses Freudenstein
gepeinigt, verzehrt wurde! Zwischen dem Mahl und dem Hungrigen stand ein
berflssiges Etwas, das Leben eines alten Mannes. Die Zhne des Sohnes dieses
alten Mannes schlugen aneinander - wehe auch dir, Moses Freudenstein!
    Wie war die Sanduhr von der Kanzel der christlichen Kirche in den
Trdelladen gekommen? Sie war da und stand neben dem Bett des Greises in einem
Fach an der Wand. In frheren Jahren hatte sie Moses und Hans oft als Spielwerk
gedient, und sie hatten sich an dem Niederrinnen des Sandes ergtzt; nun hatte
schon lngst keine Hand sie mehr berhrt, die Spinnen hatten ihr Gewebe um sie
gezogen; es war auch ein nutzloses Ding. Was fuhr dem Sohn des Trdlers
pltzlich durch den Sinn, da er das alte Stundenglas von neuem umdrehte? Die
erschreckte Spinne fuhr an der Wand hinauf; der Sand rieselte wieder nieder, und
Samuel Freudenstein erwachte schreckhaft. Er zog die Decken zusammen, er griff
nach dem Schlsselbund unter seinem Kopfkissen; dann fragte er fast kreischend:
    Was willst du, Moses? Bist du es? Was willst du? Es ist ja noch Nacht!
    Heller Tag ist's. Hat der Vater vergessen, da wir noch nicht fertig
geworden sind gestern. Es ist heller Tag; der Vater hat mir noch soviel zu
sagen.
    Der Vater blickte den Sohn starr an und sah ihn wieder an. Dann fiel sein
Blick auf die Sanduhr.
    Weshalb hast du umgewendet das Glas? Weshalb weckst du mich vor dem Tag?
    Spa! Der Vater wei, da die Zeit ist kostbar und verrinnt wie der Sand.
Will der Vater aufstehn?
    Der Alte wendete sich unruhig in seinem Bette hin und her, und immer von
neuem blickte er auf den Sohn, bald forschend, bald angstvoll, bald zornig.
    Moses hatte sich abgewendet und ging zu seinem Schreibtisch am Fenster,
aufrecht sa der Alte und zog die Knie in die Hbe. Der Sand in der Uhr rieselte
nieder - nieder, und die Augen des Greises wurden immer starrer. Ob er in seinem
kurzen Schlaf einen Traum gehabt hatte und nun berlegte, ob dieser Traum nicht
Wahrheit sein knne, wer konnte das sagen? War es ihm urpltzlich klargeworden,
da er seinem Kinde mit seinem so lange und gut verborgenen Schatz nur
Finsternis und Verderben gegeben hatte? Welch ein Leben hatte er gefhrt, um die
gestrige Stunde feiern zu knnen! Wehe ihm!
    Scheue Blicke warf der Sohn ber die Schulter auf den Vater: Was ist dem
Vater? Ist er nicht wohl?
    Ganz wohl, Moses, ganz wohl. Sei still, ich will aufstehen. Sei nicht
zornig. Still, still - - auf da du lange lebest auf Erden.
    Er erhob sich und kleidete sich an. Esther kam mit dem Frhstck, aber sie
htte das Tassenbrett fast fallen lassen, als sie ihrem alten Herrn in das
Gesicht sah.
    Gott der Gerechte! Was ist dem Freudenstein?
    Nichts, nichts! Sei still, Esther; es wird vorbergehen.
    Er sa den ganzen Morgen in seinem Stuhl, ohne sich zu regen. Nur sein Mund
bewegte sich, aber ein lautes Wort kam nur einmal ber seine Lippen; er wollte
jetzt, da man die Tr und die Laden wieder ffne.
    Was soll die Esther aufsperren das Haus? fragte Moses. Wollen wir doch
erst zu Ende bringen das Geschft von gestern und brauchen dazu keine Gaffer und
Horcher.
    Still, still, du hast recht, mein Sohn. Es ist gut, Esther. Nimm die
Schlssel unter meinem Kissen, Moses.
    Die Sanduhr war wieder abgelaufen; Moses Freudenstein selber hatte den
Wandschrank abermals geffnet und kramte in den Papieren. Der Greis rhrte sich
nicht, aber er folgte jeder Bewegung seines Sohnes mit den Augen und fuhr dann
und wann frstelnd zusammen. Esther hatte ihm eine alte Decke um die Schultern
gelegt; er war wie ein Kind, das alles mit sich geschehen lassen mu.
    Wieder nahm Moses einen Geldsack hervor, er glitt ihm aus den Hnden und
fiel klirrend auf den Boden, wobei ein Teil der Mnzen ber den Fuboden
hingestreut wurde. In das Klirren und Klingen mischte sich ein Schrei, der das
Blut erstarren machte.
    Apoplexia spasmodica! sagte eine Viertelstunde spter der Doktor. Hm, hm
- seltener Fall bei einer solchen Konstitution!

                                Neuntes Kapitel


Drei Tage nach dem ersten Anfall wiederholte sich der Schlagflu, aber der
Doktor bildete sich nichts darauf ein, da er das vorhergesagt hatte. Ob der
Kranke in dem Zeitraum zwischen den beiden Anfllen das Bewutsein zeitweilig
wiedererlangt habe, blieb zweifelhaft; Hans Unwirrsch glaubte es, aber Moses
wollte es nicht zugestehen; der Doktor zuckte nur die Achseln.
    In der Todesstunde des alten Trdlers war Hans nicht zugegen; aber zu seinem
Grabe folgte er ihm und erschien vielen Leuten bewegter als der Sohn. Samuel
Freudenstein war keine unwichtige Person in der Geschichte seiner Jugend, er
betrauerte aufrichtig sein Hinscheiden.
    Auf dem Heimwege von dem abgelegenen, rmlichen Judenkirchhofe hielt er sich
dicht an der Seite des Freundes, den ein so harter Verlust betroffen hatte, um
ihn durch innige, teilnehmende Worte in seinem Schmerze aufzurichten; er hatte
keine Ahnung davon, da der Freund diesen Trost gar nicht ntig hatte. Finster
und bleich schritt Moses an seiner Seite und stellte, whrend er die Worte des
Trsters dann und wann durch einen Seufzer oder eine Handbewegung erwiderte, ein
genaues Verzeichnis des Nachlasses vorlufig auf.
    An den folgenden Tagen vervollstndigte er diese Aufstellung mit Hlfe
zweier wrdiger Semiten, welche die Behrde in der Judenschaft zu seinen
Vormndern ausgewhlt hatte. Er zeigte dabei einen so scharfugigen berblick,
da die beiden ehrenwerten Handelsleute sich und ihn hchlichst segneten und
sich hnliche Shne, Enkel und Urenkel wnschten. Wir wissen schon, da
bedeutende Summen in barem Geld und in Wertpapieren vorhanden waren; aber es
fanden sich auch noch manche andere wertvolle Dinge in den wunderlichsten
Verstecken, und selbst Hans Unwirrsch fiel die Umsicht des Freundes beim
Aufsuchen und Finden dieser Verstecke auf.
    Whrend der Katalog des Trdelladens aufgenommen wurde, hielt es Hans nicht
weniger fr seine Pflicht, dem Freunde mit seinem Troste nahe zu bleiben. Welch
ein Staub wurde aufgewhlt, welch ein Moderdunst stieg auf aus manchen
Schiebladen, die der Schlosser ffnen mute, weil die Schlssel dazu nicht zu
finden waren! Es war ein Wunder, was alles aus den Winkeln zum Vorschein kam;
sogar die beiden Israeliten hielten sich fters die Nasen zu. Die Verachtung,
mit welcher Moses auf all den Plunder herniederblickte, war nicht zu
beschreiben.
    Man lie jetzt soviel Licht als mglich in den Laden und das Haus, aber
beide blieben doch noch dunkel genug. Oft fuhr Hans zusammen; er glaubte in dem
Schatten einen Schatten zu sehen: es war ihm, als ob der tote Mann noch nicht
ganz fortgegangen sei; er war ja auch der Base Schlotterbeck begegnet, und die
Gute schttelte bedenklich den Kopf, als man sie nher darum befragte.
    Nur ein einziges Wort sprach Hans mit Moses ber diese seine Gefhle, aber
Moses wurde ganz zornig darber.
    Die Toten kommen nicht zurck, Hans! Ich wollte, ich wte alles so genau
wie das! rief er. Er hielt eben die Sanduhr, die neben dem Bette des Vaters
gestanden hatte, in der Hand. Die Hand zitterte, und das alte Ding entglitt ihr;
zerbrochen lag es am Boden, ein Futritt sandte die Trmmer in die Ecke.
    Whrend man in dem Trdelladen auf diese Weise aufrumte, waren die Frau
Christine und die Base eifrigst beschftigt, ihren Hans zur groen Fahrt nach
der Universitt auszursten. Sie konnten ihm nicht viel mitgehen auf die
Wanderschaft; wenn sich jedoch die guten Wnsche, die in die Hemden vernht und
in die Strmpfe verstrickt wurden, alle erfllten, so nahmen die Gtter nur ihr
Recht, wenn sie auch hier bsartig neidisch wurden.
    Die Ausstattung fllte einen Seehundskoffer, welchen der Oheim Grnebaum
nebst einer Rede hergegeben hatte, und den Lederranzen, welchen der Meister
Anton Unwirrsch whrend seiner Wanderjahre mit soviel Nutzen auf dem Rcken
geschleppt hatte. Acht Tage nach Ostern war alles in Ordnung, soweit es von den
beiden Frauen abhing.
    Auf einsamen Wegen in der Stadt und um die Stadt nahm Hans Abschied von
allerlei Dingen, die ihm seit frhester Kindheit lieb und vertraut waren. Auch
Besuche machte er bei manchen Leuten, deren Namen in diesen Blttern erwhnt und
nicht erwhnt wurden, und jedermann stopfte gern seinen Beitrag in den Sack voll
guter Wnsche, den er auf diesen Gngen mit sich trug.
    Der Professor Doktor Fackler gab ihm eine seltene Ausgabe der Bekenntnisse
des heiligen Augustin und der Oheim Grnebaum eine kurze Pfeife, auf deren Kopf
die Hoffnung abgebildet war, ein schauderhaftes Weibsbild, das sich jedenfalls
selber in sehr hoffnungsreichem Zustand befand und ber welches der Oheim eine
Rede hielt.
    Der Trdelladen ging unter Zustimmung der beiden obenerwhnten
israelitischen Berater in die Hnde eines dritten Semiten ber, welcher jedoch
den westflischen Lakai nicht wieder in seine frheren Funktionen einsetzte.
    Auch Moses Freudenstein war bereit zum ersten Ausflug in die Welt; und wenn
er weniger gute Wnsche von der Stadt Neustadt mit auf den Weg erhielt, so
kmmerte ihn das nicht im geringsten; die Abrechnung ber das gegenseitige
Wohlwollen schlo aber doch mit einem wenn auch nur geringen berschu auf
seilen der Stadt ab. -
    Die Osterfeiertage gingen vorber; die Stunde des Abschieds kam, ehe man es
sich versah.
    Es war ein Morgen, wie man ihn sich wnscht zu allem Angenehmen und Guten:
zu Hochzeiten und Kindtaufen, zu Landpartien und vor allem zur Reise in die
Fremde. Wenn es am Tage vorher merkwrdig schlechtes Wetter gewesen war, so ging
heute die Sonne so schn auf, als wolle sie Hans Unwirrsch ein ganz besonderes
Zeichen ihrer Gunst und Zuneigung geben. Der Hahn auf dem Turm der
Valentinskirche glnzte wie ein junger, eben aus den Flammen aufgestiegener
Phnix, und Kirche und Turm warfen ihren Schatten ungemein behaglich ber den
grnen Kirchplatz und die Dcher der nchsten Huser. Noch schliefen die meisten
Leute, und wenn nicht ein sehr wacher und vergngter Hund, der in einem
Bckerladen eine Irische Semmel gestohlen hatte, von einem Lehrjungen mit groem
Geschrei durch die Gassen verfolgt worden wre, so htte man glauben knnen, man
befinde sich in einer verzauberten Stadt. Der Hund, der atemlose Lehrling und
die pltschernden Brunnen waren bis jetzt die einzigen beruhigenden Zeichen
dafr, da Senatus Populusque Neustadiensis weniger verzaubert als verschlafen
seien.
    In der ganzen Stadt gab es nur einen Verzauberten, und dieser war freilich
ebenfalls sehr wach - und guckte seit drei Uhr in der Krppelstrae aus einer
Bodenluke - Hans Unwirrsch war's.
    Die Aufregung hatte ihn aus dem Bett gejagt und die Leiter emporgetrieben,
welche zu seinem Lugaus hinauffhrte. Nach dem Kalender sollte die Sonne um vier
Uhr neunundfnfzig Minuten kommen, und es verlohnte sich schon, an einem so
wichtigen Tage auf sie zu warten. Schon der Blick in den Nebel, welcher zwischen
drei und fnf die Stadt, das Tal und die Berge verschleierte, wog das halbwache
Trumen im Bett auf. Die Seele verlor sich ahnungsvoll in diesem Nebel, der die
ganze Heimat verhllte; - wir haben in einem vorigen Buch einen Greis Bilder und
Gestalten in solch wallendes Gewlk zeichnen lassen, aber eigentlich gehrt der
Nebel doch der Jugend - nur der Jugend!
    Nur die Jugend hlt den Zauberstab, der die rechten Bilder auf der grauen
Flche hervorzaubert; die Jugend, die Jugend allein ist fhig, alles zu erfassen
und zu finden, was in dem Nebel, dem geheimnisvollen Nebel verborgen liegen
kann. Als er sich an diesem Morgen senkte und die Sonne strahlend hervorbrach,
war das Herz des Jnglings so voll geworden, da er nur mit Lebensgefahr die
Leiter und die enge, halsbrechende Treppe niedersteigen konnte.
    Nimm Abschied von dem alten gekitteten und vernieteten Kaffeetopf, Hans; -
nimm Abschied von den henkellosen blauen Tassen. Nimm vor allen Dingen Abschied
von der Glaskugel, und trotz allem Hunger nach der Ferne wirst du dich oft sehr,
gar sehr nach ihrem vertrauten Leuchten zurcksehnen. Nimm Abschied von der
verweinten Mutter und von der Base, die eine so schne Haube zu Ehren der
feierlichen Stunde aufgesetzt hat. Fasse dich, mein Junge; nimm dir ein gutes
Beispiel an dem Oheim Grnebaum, der als ein erfahrener Mann wei, da man zu
einer langen Wanderung der Strkung bedarf, und der zwischen Kauen und Schlucken
recht jovial ein Wanderburschenlied summt und dich mehr als einmal versichert,
da du froh sein kannst, aus dem Nest und Kfig herauszukommen. -
    Es klopft an der Tr - Moses Freudenstein ist's. Er knnte zwar mit
Extrapost fahren, aber aus alter Freundschaft hat er sich entschlossen, mit dir,
Hans Unwirrsch, das neue Leben zu Fu zu beginnen. Sei ein Mann, Hans, fahr
schnell mit dem rmel ber die Augen, da der Schulgenosse dich nicht auslache
wegen deiner Weichmtigkeit! -
    Moses Freudenstein sah die Trne im Auge des Freundes nicht; er befand sich
im Geist bereits auf der Landstrae; ungeduldig schwang er den Wanderstab:
    Auf, auf, Hans! Es ist hchste Zeit, da wir aufbrechen. Es ist nicht
angenehm, in der vollen Sonnenhitze auf der Landstrae zu schwitzen.
    Na, denn, Christine, rief der Oheim Grnebaum, haue deinem Lamento den
Schwanz ab und gib jetzt den Jungen frei. Habt Euch nicht, Base Schlotterbeck,
Ihr seid doch sonsten ein fermes Frauenzimmer. O Weibsen, Weibsen, ihr seid mir
ein paar rare Exemplare, und nun hat der Junge auch wieder an die Zwiebel
gerochen. Ach du liebster Gott, wenn das nicht ber alle Fontnen geht, so will
ich mir meine eigene Nase besohlen, beflecken und vorschuhen! O du grundgtiger
Heiland, Herr Freudenstein, wie nannten doch die alten Griechenlnder solch
einen Gesang?
    Vielleicht wrden sie ihn durch das Wort Threnodie bezeichnet haben,
antwortete Moses.
    Richtig! Ganz recht! Ich konnte mir nur nicht gleich darauf besinnen! Eine
Trnodie! Und jetzt ist es aus und zu Ende damit, sage ich euch; der Deibel hole
eure Wasserwerke! Packe auf, Hans, und marsch! Die Weiber bleiben zurck von
wegen dem ffentlichen Anstand; ich als unaffizinierter Vormund marschiere mit
bis zum Tor, und dann Gott befohlen und 'n frhliches, fideles Wiedersehen!
    Hans Unwirrsch sackte den Tornister des Vaters auf; drei Minuten spter bog
er zwischen Moses und dem Oheim um die Ecke der Krppelstrae, und ungestrt
konnten die beiden armen Frauen ihrem Kummer und - ihrer Freude Luft machen.
    Vor der verschlossenen Tr des Trdelladens hatten sich drei alte
Judenweiber, gegen welche der verstorbene Samuel dann und wann den barmherzigen
Samaritaner spielte, samt der Haushlterin Esther eingefunden, um dem Sohne
ihres Wohltters ihren Segen und ihre Glckwnsche auf den Weg mitzugeben. Wir
haben schon gesagt, da dem armen Moses wenig davon geboten wurde; aber er
zeigte auch jetzt wieder, da er selbst das wenige grndlich verachtete. Hchst
mimutig hielt er sich die Ohren zu vor dem heisern Geschrei der Alten, und mit
schlecht verhehltem Ekel und Verdru entri er seine Rocksche ihren Hnden -
wehe ihm!
    Sie lieen den Taler, den er ihnen zuwarf, liegen auf der Erde. Auf der
Schwelle des Trdelladens kauerten sie wie vier Schicksalschwestern, die ber
ein groes Unglck nachsannen. Moses Freudenstein mute sehr bse Worte zu ihnen
gesprochen haben, da sie so erschreckt, erstarrt die Hnde zusammenschlugen,
da sie ihm ein Gebet nachsandten, welches zur Hlfte ein Fluch war. Wehe riefen
sie ber ihn, wie im Tal Achor ber Achan, den Sohn Serahs, gerufen wurde; - sie
verglichen ihn mit Absalom dem Sohne Davids, und manchem andern
alttestamentlichen beltter.
    Hat er gelernt zuviel, ist er geworden zu klug, wird er werden ein Verrter
an seinem Volk! seufzten sie, als sie davonhumpelten.
    Aber da war das uralte Tor, umsponnen von uraltem Efeu. Und die Morgensonne
strahlte durch die dunkeln Bogen, und das inhaftierte Vagabundenpaar im obern
Stock sang hinter den grnen Ranken ganz idyllisch sein Morgenlied. Sind wir
wieder mal beisamm gewest! und schien mit seinem Los ungemein zufrieden zu
sein. Gro war des Oheims Verdru ber diese jubilierenden Lumpen, und in der
sittlichen Entrstung, welche ihn darob befiel, ging der letzte Tropfen
Abschiedswehmut ohne Bodensatz auf.
    Wer es nicht hrt, der glaubt es nicht! knurrte er. Jedweder moralische
Mensch und honorable Handwerksmann mu jetzt an seinen sauern Schwei und
schwere Arbeit, und dies Pack und Exkrement von der sozialen Gesellschaft wlzt
sich auf dem Stroh und hat sein Plsier auf ffentliche Unkosten. Nun, ihr
beiden jungen Gesellen, macht euch auf die Beine und greift aus. Hans, mein
Junge, ich sage dich nichts mehr. Du bist nun allgemchlich in die Zustndigkeit
der Mndigkeit angekommen, und wenn du auch bei die Gelehrten noch nicht aus der
Lehre bist, so weit du doch schonst mehr wie unsereins vons Metier. Halte den
Kopf in die Hhe und sieh scharf nach rechts und links, denn jedes Ding hat zwei
Seiten, die Schusterei sowohl als imgleichen die Gelehrsamkeit. Bedanke dich
nicht um das, was ich an dir getan habe, es ist nicht der Rede wert, und die
Sorgen, die du mir in die schlaflosen Nchte gemacht hast, kannst du mir doch
nicht ersetzen. Ich verlange es auch gar nicht, sondern beruhige mir fr das in
meiner Gewissenhaftigkeit, was ein sehr schnes Kopfkissen ist im Kinderfreund.
Also - hier nimm 'n Schluck auf 'n gesundes Wiedersehen und schreib auch, wenn
du mal Zeit hast, an die Weiber, sie mchten sich sonsten bei unpassender
Gelegenheit vom Tage tun. Herr Freudenstein, bleiben Sie gesund; - stecke die
Pulle nur ein, Hans, du bist in die Jahre, wo man schon dir und ihr allein
zusammenlassen kann. Adjes, und nun macht's gut, ohne Schwanz und Umschweife.
    Schnellen Schrittes entfernte sich der Oheim; die beiden jungen Mnner sahen
ihm nach, bis er verschwunden war, dann schritten auch sie fort, entgegen der
jungen Morgensonne, und bald hatten sie die Stadt hinter sich.
    Die Sonne hielt, was sie versprochen hatte, sie sorgte fr einen schnen
Tag. Auf die Grten der Brger folgten die frischgrnen Felder; und die
Landstrae, die sich zuerst in Schlangenlinien durch die Ebene wand, stieg
allmhlich zu den Hhen, zu dem Wald hinan.
    Noch hing der Tau an den Grasspitzen, die Lerche sang, und die Butterweiber
kamen im Butterweibertrab den beiden Jnglingen entgegen. Mehr als eine der
schwerbeladenen Frauen gehrte zur Bekanntschaft der Base Schlotterbeck und
somit natrlich auch zur Bekanntschaft Hans Unwirrschs; groe Verwunderung und
helles Geschrei war die Folge von mancher Begegnung. Es war wirklich ein Wunder,
wie viele Menschen dem ausmarschierenden Hans ihre Teilnahme kundzugeben hatten.
    O du lustige, lustige Landstrae, was geht alles auf dir vor! Der
Handwerksbursch sitzt nieder am Rand des Grabens und zieht die Stiefel aus und
sieht sich die schne Natur durch das Loch in der Sohle an, whrend gegenber
auf dem Steinhaufen die Tochter des Vagabundenpaars drunten im Turm unbefangen
ihr Kind an die Brust legt. Mit klingenden Schellen, Peitschenknall, Hallo,
Geschnauf und Gestampf schwankt der weie Lastwagen daher, und der weie
Spitzhund ist entweder sehr rgerlich oder sehr spahaft gestimmt; jedenfalls
wrde er zerspringen, wenn er seinen Gefhlen nicht Luft machte. Was hat der
Hase auf der Landstrae zu tun? Dort! Dort! Galopp mit angelegten Lffeln quer
ber den Weg. Es soll Unglck, rgernis und Kummer bedeuten - dreimal ein Vivat
fr ihn und sechsmal ein Vivat fr den Schalk, der das schnurrige Omen in jener
unvordenklichen Zeit, als die Leute noch dumm waren, unter die Leute brachte!
    Hurra, auf den Hasen im Galopp eine Stafette im Galopp, jedenfalls von der
Regierung mit der allerneuesten politischen Neuigkeit an den Oheim Grnebaum
abgesandt! Nach der Staubwolke, welche Ro und Reiter einhllt, zu urteilen, mu
entweder Serenissimus eine Nase vom Kaiser Nikolaus erhalten oder Serenissima
das angestammte Frstenhaus durch einen neuen, apanagefhigen Sprling
allergndigst vor dem Ausgehen gesichert haben. Was es auch sein mag - ein
kindlich heiteres Vivat fr Serenissimum und Serenissimam! Mgen sie alle die
freudigen berraschungen erleben, die wir unsererseits ihnen schuldig sind.
    Aber die Hhe des Weges ist erreicht; da ist der knospende Wald, und alle
ausgewachsenen Bume schtteln im leisen Morgenwind altvterlich gutmtig die
Hupter ber das vorwitzige Gesindel der Strucher und Bsche, welches die Zeit
nicht erwarten konnte, welches ber Nacht grn geworden ist.
    Natrlich standen Hans und Moses am Rande des Waldes still und blickten
zurck auf den Weg, auf das Heimatstal und die Stadt Neustadt. Keine Spur mehr
von Nebel, nach keiner Seite hin! Alles klar und licht und frisch und sonnig!
Man konnte die Ziegel auf den Dchern drunten im Tal zhlen; - es schlgt eben
sechs, und es ist so wunderlich, damit Abschied auch von den Glocken nehmen zu
mssen.
    Wie verschieden waren die Gedanken der beiden jungen Mnner, welche an
demselben Baumstamm lehnten! Licht und Schatten sind nicht so verschieden wie
das, was durch die Seelen von Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein zog. Der
eine der Jnglinge hielt das Haupt gesenkt und bedeckte die Augen mit der Hand,
der andere sah scharf hinab und lchelte. Sie standen beide und fhlten einen
groen Hunger in ihrer Seele: alles, was in verschiedener Weise seinen Anfang
genommen hatte, mute auch in verschiedener Weise seinen Fortgang nehmen.
    In einer langen Reihe wechselnder Bilder zog die Kinderzeit vor Hans
vorber. Alle die Gestalten, die ihm auf seinem Lebenswege bis jetzt
entgegengetreten waren, glitten vorber, und es fehlte niemand unter ihnen,
nicht der Lehrer Silberlffel aus der Armenschule, nicht die arme kleine Sophie,
welche doch beide schon so lange tot waren.
    Auch Moses hatte seine Toten drunten im Tal; aber er verscheuchte jeden
Gedanken daran, und fr die Lebenden hatte er nichts als jenes feine, bse
Lcheln. Er hate die Stadt Neustadt und hielt den guten Professor Fackler fr
einen albernen Pedanten. Der Professor Fackler wrde aber auch die Art, wie sein
frherer klgster Schler den trumenden Hans durch eine spttische Bemerkung
aus dem Traum emporri, fr hchst unpassend erklrt haben.
    Aber es war geschehen - ein Blick, ein Wort, und die Bilder der Kindheit,
der ersten Jugend, verflchtigten sich, die Gestalten lsten sich auf; Hans
Unwirrsch hrte wieder die Lerche in der Luft, den Fink im Wald und vor allem
das scharfe Lachen des Freundes neben sich. Noch ein Blick hinab ins Tal und
dann vorwrts - hinein in den Wald, hinein in die weite Welt, das neue Leben.
    Bald war die weiteste Grenze frherer Wanderungen und Ausflge
berschritten, unbekannte Tler durchwanderte man, unbekannte Hhen wurden
erstiegen, unbekannte Kirchtrme lugten bald rechts, bald links hervor. Da mute
wohl das drckende Gefhl des Abschieds mehr und mehr schwinden und dem
wonniglichen Gefhl der Wanderfreiheit Platz machen. Mehr und mehr merkte Hans
Unwirrsch, da er geschaffen sei, Wunderdinge zu erleben und sie, wie der Oheim
Grnebaum sich ausdrcken wrde, richtig und gerecht zu taxieren. Was erlebte
der nrrische Bursch alles an dem ersten Reisetage! Wie sperrte er den Mund auf
vor den allergewhnlichsten Dingen! Wie lcherlich, nrrisch und tlpelhaft
erschien er dem scharfen, nchternen Moses!
    Nicht vor jedem Wirtshause, das ihnen am Wege mit langem Arm winkte, hielten
die beiden fahrenden Schler an, aber mancher Lockung konnten sie doch nicht
widerstehen; die heiesten Mittagsstunden verbrachten sie jedoch wieder in einem
Wald, abseits von der Landstrae. Auf dem weichen Rasen lagerten sie, und
whrend Moses in seinem Taschenbuch allerlei Berechnungen anstellte, fiel Hans
ber einer Taschenausgabe des Virgil in einen Halbschlaf, in welchem er das
ferne Posthorn fr die rmische Tuba nahm, die der Reiterei der Bundesgenossen
das Zeichen zum Vorrcken gab. Aufgerttelt, starrte er sehr verblfft um sich
und wute whrend mehrerer Minuten nicht, wo er sich befand; - er hatte zuletzt
ganz fest geschlafen und von dem berhmten Schferstudenten Chrysostomo und der
schonen Marzella getrumt. Moses Freudenstein aber beglckte ihn mit einer
Vorlesung ber die Trume und ihr Verhltnis zum Gangliensystem; - er war ber
seine finanziellen Verhltnisse wieder einmal im reinen und daher zu allen
Bosheiten und philosophischen Deduktionen aufgelegt. Im Lauf des Nachmittags
wurde er sehr lebendig und nahm dadurch aufs innigste an den Schwrmereien und
Entzckungen seines Gefhrten teil, da er sie auf die schndlichste Weise durch
die verstndigsten und trockensten Bemerkungen ber den Haufen warf oder zu
werfen suchte.
    Er, Moses Freudenstein, trumte nicht von der schnen Marzella und dem
Schferstudenten, und die Wolken fr allerlei Tiere oder gar schne Gttinnen zu
halten, hielt er ganz unter seiner Wrde. Von der schlafenden Prinzessin
Dornrschen und dem Zauberer Merlin behauptete er nie ein Wort gehrt zu haben,
und der Alte mit dem langen weien Bart und dem langen Stab, der auf dem
Waldwege daherkam, war ihm ein verdammter, alter Topfbinder und weiter nichts.
Fr ganz verruchten Unsinn erklrte er Hansens und der Romantiker
Waldeinsamkeit; er war frech genug, zu behaupten, da ihm bei dem lieblichen
Wort stets ganz bel zumute werde.
    So hatte Hans Unwirrsch Augenblicke, in denen er mit dem Freund,
Reisegefhrten und Studiengenossen gar nicht harmonierte, wo er sich sogar ber
ihn rgerte und ihn von seiner grnen Seite so weit als mglich wegwnschte;
aber diese Augenblicke gingen stets sehr schnell vorber, und nachdem am Abend
im Wirtshaus einige naseweise Gesellen den Versuch gemacht hatten, den klugen
Moses an seiner Adlernase zu ziehen, und nur durch das energische Verhalten des
guten Hans davon abgehalten worden waren, wurde das freundschaftliche Verhltnis
zwischen den beiden angehenden Studenten fernerhin kaum noch durch einen Miton
gestrt. Am Morgen des dritten Tages ihrer Wanderung standen sie wiederum auf
einer Anhhe am Rande eines Gehlzes und sahen in ein Tal hinab, in welchem eine
andere kleine, aber viel- und hochgetrmte Stadt lag; und Moses, der nicht nur
die alten Sprachen innehatte, sondern auch einige neue, deklamierte mit
ironischem Pathos:

Ma quando il sol gli aridi campi fiede
Con raggi assai ferventi, e in alto sorge,
Ecco apparir Gierusalem si vede,
Ecco additar Gierusalem si scorge,
Ecco da mille voci unitamente
Gierusalemme salutar si sente.

Er teilte dem aufgeregten Hans mit, da er sich augenblicklich zwar viel mehr
als Kreuzfahrer denn als Jude fhle, da er aber vor allem froh sei, da die
langweilige Wanderschaft endlich zu Ende sei; und whrend Hans auf dem nun
betretenen heiligen Boden gern die Schuhe ausgezogen htte, sprach jener seine
Meinung sehr mageblich dahin aus, da manches faule oder ausgeblasene Ei in dem
morschen Nest da unten liegen mge. Und als nun gar ein alter Herr von sehr
gelehrtem, professorlichem Ansehen, der eine Driburger Brunnenkruke im Arm trug,
ihnen entgegenstieg, da murmelte Moses Freudenstein, da er - Moses - sich so
leicht nicht imponieren lasse.

                                Zehntes Kapitel


In dem abgelegensten und wohlfeilsten Winkel der hochbelobten Universittsstadt
bezog Hans ein Stbchen, und es war nicht ganz Zufall, da sein Hausherr ein
Schuster war. Das Fenster des beschrnkten Raumes gewhrte eine treffliche
Aussicht auf zwei fensterlose, hohe Brandmauern und das schwarze Dach eines
Speichers. Htte nicht ber dieses Dach ein Stck von einem bewaldeten
Bergrcken gesehen, so wrden die grauen Wnde des Zimmers, welche der
Antezessor in heiteren und melancholischen Stimmungen mit Fratzen und lasziven,
satirischen und philosophischen Streckversen beschmiert hatte, ein viel
reicheres Feld sinniger Betrachtungen geboten haben.
    Es war ein Loch, nehmt alles nur in allem; aber Hans Unwirrsch verlebte auch
hier glckliche Stunden, und das griechische Wort, da Olymp und Tartarus jedem
Erdenflecke gleich fern und gleich nah seien, bewhrte sich auch hier wieder. Es
waren recht kluge Leute, diese alten Griechen!
    Moses Freudenstein, der Mann der glcklichsituierten Minderheit, hatte
sich einen behaglichern, poetischern Aufenthaltsort aufsuchen knnen, war aber
dadurch den unsterblichen Gttern nicht nhergerckt, da er in dem hher und
freier gelegenen Teil der Stadt wohnte und ber einen anmutigen, mit Gebsch und
Springbrunnen gezierten Platz auf die alte, prchtige gotische Hauptkirche sah.
Dagegen zeigte sich bald, da in der unansehnlichen Puppe, die in der
Krppelstrae in einem Winkel eingesponnen gehangen hatte, ein recht hbscher,
buntfarbiger, munterer, epikureischer Schmetterling verborgen gewesen war. Die
Metamorphose ging so schnell vor sich, der ausgekrochene Papillon regte so
unbefangen, sicher und gewandt die glnzenden Flgel, da selbst Hans Unwirrsch
ihn nur schwer mit dem verstaubten Neustdter Kokon in Verbindung bringen
konnte. Moses Freudenstein entwickelte in den meisten Dingen des uern Lebens
einen guten Geschmack, zeigte sich den feinen Genssen des Daseins in keiner
Weise abgeneigt, richtete sich in seinem Eckzimmer am Domplatz sehr elegant ein
und setzte den guten Hans durch die ber Nacht ihm angeflogene Lebenserfahrung
nicht wenig in Erstaunen. -
    Schon am Tage nach ihrer Ankunft hatten sich beide Jnglinge immatrikulieren
lassen und versprochen, data dextra jurisjurandi loco, die Gebote der Hohen
Mutter halten zu wollen und alles zu vermeiden, was der Mama miliebig sein
mge.
    In das Album der theologischen Fakultt wurde natrlich der biedere Name
Hans Unwirrsch, juvenis, eingetragen; - Moses Freudenstein, juvenis, dagegen
ging zu den Philosophen mit der Absicht, viel mehr als nur Philosophie zu
studieren. Da er das ausfhrte, da er vielerlei lernte und da er es weit
brachte in der Welt, werden wir spter sehen.
    Durch den Rest des Inhalts des schwarzen Kstchens, ein Stipendium und
einige Empfehlungsschreiben des Professors Fackler war Hans Unwirrsch vor dem
leiblichen Hunger frs erste geschtzt; den geistigen Hunger suchte er nun auch
mit Anspannung aller Fhigkeiten zu befriedigen.
    Wir knnen unsern beiden Freunden natrlich nicht Schritt fr Schritt auf
ihrem Wege durch den groen Wald der Wissenschaften folgen, wir knnen nur
sagen, da beide im Verlauf ihrer Studienjahre zu den Fen mancher Lehrer
niedersaen und da sie, mittelbar und unmittelbar, reiche Erfahrungen
sammelten, jeder nach seiner Art.
    Rhrend war die ehrfurchtsvolle Scheu, welche Hans diesen mehr oder weniger
berhmten, bekannten oder berchtigten Lichtern und Spiegeln der Weisheit
entgegentrug; wahrhaft diabolisch aber war die Art und Weise, in welcher Moses
bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit diesem Glauben an die Autoritt
ein Bein zu stellen suchte.
    Da war der groe Hermeneutiker Professor Doktor Gamaliel Unkemann, ein
Schriftausleger, dessen historische, geographische, antiquarische und
sprachliche Kenntnisse nichts zu wnschen briglieen! Moses Freudenstein
behauptete, er reinige den Lehrbegriff wie Herkules den Stall des Knigs Augias,
und benutzte ein Gleichnis, das an und fr sich gar nicht so unpassend und
unwrdig war, zu einer Reihe von Folgerungen, Nebengleichnissen und
Unterstellungen, durch welche die Wrde des Mannes keineswegs erhht werden
konnte.
    Noch schlimmer sprang der vorurteilsfreie Moses mit dem bekannten Dogmatiker
Weihel um. Dieser Herr, der zugleich ein Patristiker ersten Ranges war und
welcher schon einem Kirchenvater den Daumen auf das Auge drcken konnte, wurde
von allerlei dunkeln, unheimlichen Gerchten verfolgt, die seine Moralitt nicht
in das beste Licht stellten, ihn aber dafr zu einem angenehmen Gedft in der
ironischen Nase Moses Freudensteins machten. Der Professor Weihel hatte durch
seine milde Erscheinung, seine weiche Bruststimme, seine evangelischen Locken
und vor allem durch das, was er vortrug, einen tiefen Eindruck auf Hans gemacht;
Moses Freudenstein hielt es natrlich fr seine Pflicht, dieses Ideal
umzustrzen, und viel Vergngen zog er aus den schmerzvollen Gefhlen seines
Freundes.
    Der arme Hans verbarg seine Gefhle zuletzt instinktiv in Moses' Gegenwart,
da er wute, da der Eimer kalten Wassers immer bereit war, um darber
ausgeleert zu werden. Es war fast fr ein Wunder zu nehmen, da der Verkehr
zwischen den beiden Neustdtern dadurch keinen Abbruch erlitt; aber so viel
Moses zerstren konnte, so viel hatte er auch zu geben. Nicht leicht war es ihm
zu widerstehen, und manche reiche Kraft, die er sozusagen mit Gewalt erdrckte,
weil er sie nicht gebrauchen konnte, wre ein schnes Erbteil fr manche
krglicher ausgestattete Natur gewesen.
    In seinem behaglich eingerichteten Zimmer am Domplatz hatte sich der Sohn
und Erbe des Trdlers bald mit Haufen von Bchern aus allen Fchern des Wissens
umgeben; und ohne sich in dilettantischer Vielleserei zu verlieren, baute er
sich ein ziemlich originales System objektiver Logik auf das vollkommenste auf.
Aus der Philosophie Friedrich Wilhelm Hegels konnte er manches gebrauchen und
machte den Freund Hans fters sehr verwirrt und unbehaglich dadurch, da er ihn
und alles, was er mit sich trug, irgendeiner verruchten Kategorie unterordnete.
Mit Eifer besuchte er daneben allerlei juristische Kollegien, und vorzglich
eingehend beschftigte er sich mit dem Staatsrecht: der Macchiavell und der
Reineke Fuchs waren in dieser Epoche zwei Bcher, die selten von seinem
Arbeitstisch kamen. Zur Erholung gab er dem theologischen Jugendfreund
Unterricht im Hebrischen, von welcher Sprache er mehr wute als der ordentliche
Professor, der darber las.
    Auf das Hebrische folgten gewhnlich die schon erwhnten Disputationen ber
Gott und die Welt, Physik und Metaphysik, sowie auch ber das deutsche
Vaterland, seine innern und uern Verhltnisse.
    Moses Freudenstein stand natrlich dem deutschen Vaterland ebenso objektiv
gegenber wie allem andern, worber sich reden lie. ber seine Stellung lie er
sich ungefhr folgendermaen aus:
    Ich habe das Recht, nur da ein Deutscher zu sein, wo es mir beliebt, und
das Recht, diese Ehre in jedem mir beliebigen Augenblick aufzugeben. Wir Juden
sind doch die wahren Kosmopoliten, die Weltbrger von Gottes Gnaden oder, wenn
du willst, von Gottes Ungnaden. Seit der Erschaffung bis zum Zehnten des Monats
Ab im Jahr siebenzig eurer Zeitrechnung haben wir eine Ausnahmestellung
innegehabt, und nach der Zerstrung des Tempels ist uns dieselbe geblieben, wenn
auch in etwas vernderter Art und Weise. Durch lange Jahrhunderte hatte diese
Ausnahmestellung ihre groen Unannehmlichkeiten fr uns; jetzt aber fangen die
angenehmen Seiten des Verhltnisses an, zutage zu treten. Wir knnen ruhig
stehen, whrend ihr euch absetzt, qult und ngstet. Die Erfolge, welche ihr
gewinnt, erringt ihr fr uns mit, eure Niederlagen brauchen uns nicht zu
kmmern. Wenn wir in den Kampf eintreten, so ist es immer nur, sozusagen, die
Hand des Pococurante, die wir dazu bieten. Wir sind Passagiere auf eurem Schiff,
das nach dem Ideal des besten Staats steuert; aber wenn die Barke scheitert, so
ertrinkt nur ihr; - wir haben unsere Schwimmgrtel und schaukeln lustig und
wohlbehalten unter den Trmmern. Seit man uns nicht mehr als Brunnenvergifter
und Christenkindermrder totschlgt und verbrennt, sind wir viel besser gestellt
als ihr alle, wie ihr euch nennen mgt, ihr Arier: Deutsche, Franzosen,
Englnder. Einzelne Narren unter uns mgen diese gnstige Stellung aufgeben und
sich um ein Adoptivvaterland zu Tode grmen  la Lb Baruch, germanice Ludwig
Brne; mein Freund Harry Heine in Paris bleibt trotz seines weien
Katechumenengewandes ein echter Jude, dem alles Taufwasser, aller franzsische
Champagner und deutsche Rheinwein das semitische Blut nicht aus den Adern splt.
Weshalb sollte er deutsche Schmach und Schande nicht mit einem Anhauch von
Wehmut verspotten? Jede Dummheit und Niedertrchtigkeit, die man diesseits des
Rheins begeht, ist ja ein Gottessegen fr ihn!
    Wie Hans Unwirrsch whrend solcher Auseinandersetzung auf dem Stuhle hin und
her rutschte, wie er vergeblich versuchte, den Redner zu unterbrechen, ist kaum
zu beschreiben. Und wenn Moses endlich eine Pause machte, um Atem zu schpfen,
zog Hans doch keinen Vorteil daraus; er war ebenso atemlos wie der Redner und
brachte kaum einige klgliche Interjektionen und das Wort Egoismus heraus.
    Egoismus?! Moses Freudenstein hatte das Wort natrlich sogleich aufgefangen
und ging mit frischer Kraft ins Zeug:
    Egoismus? Du nennst das so; aber beschau nur die Sache nher. Die
Philosophie der Geschichte nicht weniger als die Philosophie des Individuums
gibt mir recht. Ich sage brigens ja gar nicht, da der Vorteil unserer
gegenwrtigen Stellung darin bestehe, da wir bei euren Haupt- und
Staatsaktionen schadenfroh oder achselzuckend mit dem bekannten Spiel des
Daumens als Zuschauer im Circus maximus sitzen. Wir knnen auch fr irgendeine
schne, hohe Sache, zum Beispiel Schicksal, Ehre und Glck der deutschen Nation
in die Arena hinabsteigen und Elend und Tod dafr auf uns nehmen. Unser Vorteil
besteht grade auch darin, da wir mit einem freiern, geistigeren animus in
solches Elend, in solchen Tod gehen. Ihr kmpft und leidet pro domo; wir opfern
uns fr einen reinen Gedanken; - was sagst du dazu, mein Sohn Johannes?
    Nun wre es selbst fr einen schnellern Geist schwierig gewesen, auf diese
Rede alles das kurz und bndig zu erwidern, was darauf gehrte. Von Hans
Unwirrsch war es nicht zu verlangen, und Moses Freudenstein durfte nach
Herzenslust mit den Augen zwinkern, Hnde und Knie aneinanderreiben. Wenn aber
Hans den Wortschwall gehrig verdaut hatte, wozu er fters mehrere Tage,
jedenfalls aber eine Stunde ntig hatte, ermangelte er nicht, seine Einwendungen
und seine Verwahrungen gegen solche Sophismen gehrig vorzubringen, worauf er
durch die talmudistische Spitzfindigkeit natrlich von neuem in eine gelinde
Betubung versetzt wurde.
    Das oft so nrrische und triviale Treiben unserer deutschen Universitten
ist nur allzuoft mit Begeisterung beschrieben worden; Hans und Moses wurden
wenig davon berhrt; das, was die Mehrzahl sich unter einem Studenten
vorstellt, war keiner von beiden. Hans ging ganz unangefochten seinen Weg, und
Moses htte es auch so haben knnen, wenn er nicht durch zwei Charakterzge
mehrfach in unangenehme Vorflle verwickelt worden wre. Wir mssen leider an
dieser Stelle eingestehen, da er nicht nur sehr naseweis, sondern auch im
hchsten Grade neugierig war und da er seiner Neugier oft sogar die gewohnte
Klugheit und gepriesene Logik zum Opfer brachte. Die Folge davon war, da er zum
ftern in Lagen geriet, aus welchen ihn ein schlagfertiger Arm leichter und
anstndiger erlst htte als sein schlagfertiges Maul. Aber viele groe Mnner
haben die Meinung der Welt, insofern sie ihnen keinen Schaden bringen konnte,
verachtet, und so trug es auch Moses Freudenstein mit ziemlichem Gleichmut, wenn
er dann und wann fr einen Duckmuser und schofeln Kerl erklrt wurde. -
    Nach dem ersten Semester bereits sah Hans Unwirrsch ein, da er mehr fr die
praktische als fr die theoretische Theologie bestimmt sei. Mit Eifer suchte er
unter der Leitung des Professors Vogelsang die hohen Geheimnisse der Homiletik
zu ergrnden; und wenn er einst als Kind in seiner Mutter Stube der Base
Schlotterbeck erbauliche Predigten gehalten hatte, so erbaute er jetzt sich
selber nchtlicherweise, erboste aber dadurch nicht wenig seinen Stubennachbar,
einen Mediziner, der meistens sehr spt und sehr betrunken nach Haus kam. Es war
fr den Redner nicht gerade angenehm, statt durch das Schluchzen einer
hchlichst gerhrten Zuhrerschaft durch ein rgerliches Klopfen des
Stiefelknechtes an der dnnen Wand akkompagniert zu werden und dumpf dazwischen
allerlei bse Wnsche fr den wahnsinnigen Bonzen zu vernehmen. Am Tage war
die Sache noch schlimmer; dann hatte der Mediziner gewhnlich den Katzenjammer
und konnte das Predigen noch weniger vertragen. Die Versunkenheit des Menschen
war so gro, da er selbst in den Momenten klglichster Auflsung noch imstande
war, dem armen Hans sein Mifallen zu erkennen zu geben.
    Am liebsten hielt Hans daher seine Predigten im Freien. Lngst hatte er den
Weg zu dem Berge, den er von seinem Fenster aus erblickte, gefunden. Dort unter
den schattigen Bumen, und vorzglich unter einer hohen Eiche auf einer engen
Waldwiese, richtete er seine Kanzel auf, predigte er den Vgeln; und es war ein
ganz ander Ding, wenn der Kuckuck, als wenn der Mediziner die Responsen sang.
    Unter der groen Eiche war der Prdikante vor noch einem andern
Freudenstrer sicher, vor dem berhmten Professor Vogelsang nmlich.
    Dieser ehrwrdige Herr war nicht immer, ja sogar sehr selten mit der Art
zufrieden, in welcher Hans die gegebenen Themata behandelte. Er - der Professor
- fand in den Reden des Schlers viel zuviel Posie, viel zuviel
Naturschwrmerei; er witterte sogar stellenweise einen Duft von Pantheismus, der
seiner orthodoxen Nase im hchsten Grade widerlich war; aber er hatte gut reden,
er war nicht der Abkmmling einer so langen Reihe nachdenklicher, grbelnder
Schuster, und ber seine Wiege hatte wahrlich nicht die wundersame schwebende
Kugel, die auch ber Jakob Bhmes Tisch hing, ihr Licht ergossen.
    Finke und Specht im Walde waren duldsamer als der Professor, das Eichhorn
sah von seinem Zweig nicht so grimmig herab wie der Professor von seinem
Katheder; und wenn der Prediger in der Wildnis an den Rand des Holzes vortrat
und die Aussicht ber Tal, Stadt, Berg und Ebene bis zur blauesten Ferne sich
vor ihm entfaltete, so lag in dem Sonnenschein, der das alles berstrahlte,
selber etwas so Pantheistisches, da es dem Professor nicht zu verargen war,
wenn er niemals solch einen Berg bestieg und von der weiten Welt und ihren
Wundern, die auerhalb seiner vier Wnde lagen, nur mit Gechz, Geseufz und
Gesthn sprach. -
    In den Kollegien, die der Professor Gingler ber praktische Pastoralklugheit
hielt, trumte Hans viel Angenehmes und Idyllisches von einer knftigen
Dorfpfarre unter Blumen, Kornfeldern und frommen Bauern. Der nselnde Vortrag in
den Mittagsstunden war ganz geeignet, dabei allerlei Phantasien ber Trsten der
Kranken, Kindtaufen, Hochzeiten sich hinzugeben; Hans mute die Enttuschungen,
die er spter erfuhr, als er in Grunzenow das Ideal mit der Wirklichkeit
verglich, dann auch hinnehmen.
    In die dornigen Wsteneien der Kasuistik fhrte ihn der Doktor und Professor
Mundrecht, und in diesem Kolleg traf er stets mit einem eifrigen Hospitanten,
dem Philosophen Moses Freudenstein, zusammen, welcher bereits so viel Fetzen
seines bessern Selbstes an den Bschen hatte hngenlassen, da ihm der
Geistesglanz dieses hell leuchtenden Kirchenlichtes wenig mehr schaden konnte.
    Die Jahreszeiten wechselten nach altgewohnter Weise; vorwrtsstrebten beide
jungen Mnner, jeder in seiner Art, mit nie erlschendem Hunger nach dem Wissen.
Beim Beginn jeder Ferien schnrte Hans seinen Ranzen mit hoher Freude zur Fahrt
nach der Heimat und steuerte derselben manchmal auf einem kleinen Umwege, aber
immer mit dem nmlichen Behagen entgegen. Und jedesmal trat er mit lichterm
Haupt und mit erweitertem Herzen in den kleinen, engen Kreis der treuen,
beschrnkten Menschen, die er hinter sich zurckgelassen hatte, die er aber
nicht verachtete, wie Moses sie verachtete. Letzterer kehrte whrend seiner
Studienzeit nicht nach Neustadt zurck; das Nest mit allen seinen Erinnerungen
war ihm zu sehr zuwider. Fest verriegelte er sich in den Ferien in seinen
Zimmern und kam beim Wiederbeginn der Vorlesungen jedesmal skeptischer und
sarkastischer in betreff dessen, was Alma mater ihren Kindern zu bieten hatte
oder bieten wollte, zum Vorschein.
    So kam endlich fr Hans und Moses das letzte Halbjahr ihrer Universittszeit
heran. Um Michaelis sollte Hans in der Heimat das Examen als Kandidat der
Gottesgelahrtheit machen, und da er das Seinige getan hatte, so sah er diesem
kritischen Moment trotz des Professors Vogelsang und anderer schwer zu
befriedigender Gemter mit ziemlicher Gelassenheit entgegen.
    Zu Anfang desselben Semesters schrieb Moses eine famose Doktordissertation
ber die Materie als Moment des Gttlichen und verteidigte seine Meinungen
darber, indem er die These ganz allmhlich umdrehte und das Gttliche zu einem
Moment der Materie machte, vor einer zahlreichen Versammlung in klassischem
Latein. Das Schriftstck sowie die Disputation erregten vielen Lrm, und viel
Staub wurde durch dieselben aufgewirbelt; der israelitische Schlaukopf aber
grinste nicht wenig durch den Dunst, der von den Huptern der Pneumatomachoi
(Geisttotschlger), wie der Schurke seine ehrwrdigen Lehrer nannte, aufstieg.
Als Doctor philosophiae stieg aber auch Moses Freudenstein aus dem Dunst der
Aula empor; sein Ruf war gro in den letzten Tagen seiner studentischen
Laufbahn, und soweit er nicht berhmt war, war er berchtigt; - von Hans
Unwirrsch sprach niemand, und durch seinen Abgang fhlte sich niemand bedrckt
und niemand erleichtert.
    Bis jetzt hatte Moses auf alle Fragen, was er insknftige mit seinem Leben
zu beginnen gedenke, nur durch ausweichende Redensarten geantwortet, oder er
hatte auch wohl die fabelhaftesten Plne mit treuherzigstem Ernst dem guten Hans
zur Begutachtung vorgelegt. Nach seiner Promotion erklrte er eines Abends ganz
beilufig:
    Ah, ehe ich's vergesse, Hans; bermorgen gehe ich nach Paris: heute
nachmittag hab ich den Pa von der franzsischen Gesandtschaft in ** erhalten.
Fall nicht vom Stuhl, mein Junge! Siehst du irgend etwas auergewhnlich
Interessantes an meiner Nase? Was starrst du mich so an?
    Hans Unwirrsch machte wirklich ein verwunderungsvolles Gesicht; wenn der
Professor Vogelsang auf seinem Katheder pltzlich das Lied Mein Lebenslauf ist
Lieb und Lust angestimmt htte, wrde ihn Hans auf ungefhr gleiche Weise
angeblickt haben. Erst als Moses ihm den Pa unter die Nase hielt glaubte er,
was er vernommen hatte.
    O Moses, Moses, was willst du dort? rief er endlich, und Moses antwortete:
    Das Schwimmen will ich dort lernen. Wir Deutsche sind seltsame Fische -
eine Quabbenart mit ungeheuern Geistesflossen, mit denen sich ein
ungeheuerliches Gepltscher machen lt. Wenn nur nicht die Pftzen, in denen
wir unser jmmerliches Dasein hinbringen, so seicht, so eng wren! Was ist
Deutschland anders als ein Strand, von welchem sich die Flut zurckgezogen hat?
Hier ein Sumpf, dort ein Sumpf voll elender Geschpfe, glotzugig, quabbelig,
dumm und zufrieden mit ihrer jmmerlichen Pfuhlexistenz, trotzdem da sie alle
Augenblicke auf dem Trockenen schnappen. Ich danke dafr; ich habe die Ahnung
des groen Meeres noch nicht verloren und bin so gottverlassen und
unpatriotisch, mich danach zu sehnen. Ich will einmal weiteres Wasser fr meine
Flossen suchen, Hnschen. Was meinst du, wenn du den Ausflug nach Sodom und
Gomorra mitmachtest, frommer Hans?
    ber Sodom und Gomorra steht das Tote Meer, sagte Hans, der sich
allmhlich wieder beruhigt hatte und sehr nachdenklich dasa. Moses, wenn deine
ersten Vergleiche richtig waren, so hast du das durch dein letztes Wort
umgestoen.
    Bravo! lachte Moses. Sei nur ruhig, du sanftes theologisches Gemt, ich
will dich deinem behaglichen Sumpf nicht entreien; aber jetzt komme mit mir,
wir wollen auf den Schreck eine Flasche Wein trinken - ich stehe sie.
    Moses Freudenstein stand wirklich die Flasche Wein, und dies Faktum wre
vielleicht fr mehr als einen von denen, welche die Ehre seiner Bekanntschaft
genossen, das sicherste Zeichen davon gewesen, da er ein auergewhnliches
Vorhaben in seinem Busen bewege.
    Am bezeichneten Tage stieg er wirklich in den Postwagen und fuhr ab gen
Westen, und sehr bewegt blieb Hans auf den Stufen der Tr des Posthauses zurck.
Er konnte es trichterweise noch immer nicht fassen, da die beiden Wege, welche
so lange nebeneinander hergelaufen waren, sich jetzt, vielleicht fr alle Zeit,
getrennt hatten. Es war ihm wie ein Traum, in welchem selbst das Natrliche,
ganz Gewhnliche in unbegreiflichen, seltsamen, verwirrenden Farben spielt.
    Eine groe Lcke war in Hans Unwirrschs Leben entstanden, und schwer, schwer
vermite er trotz allen seinen unliebsenswrdigen Eigenschaften diesen Freund,
welcher die Existenz des Jugendgenossen wahrscheinlich noch vor dem ersten
Pferdewechsel vergessen hatte. Er zog sich noch mehr als sonst aus dem Leben
zurck und verbrachte seine Tage in angestrengter Arbeit; er verfiel in einen
trben, ungesunden Zustand, aus welchem er erst gegen Ende des Semesters durch
einen Brief gerissen wurde, der ihm zeigte, da in seinem Dasein noch grere
Lcken entstehen knnten.
    Dieser Brief kam vom Oheim Grnebaum, und Hans fand ihn, an einem grauen
Abend von einem langen Spaziergang heimkehrend, auf seinem Tisch.
    Wenn der Oheim Nikolaus Grnebaum schrieb, so schrieb er wenig anders, als
er sprach.
    Der Brief lautete folgendermaen:

Liebwertester Nev!
Teuerster Bruder Studio!

Wenn Du, wie nicht zu erwgen steht, von wegen Deines seligen Vaters in
Erfahrung gebracht haben wirst, da der Mensch nicht ewig lebt allhier auf
dieser Erde, sondern da des Menschen Leben seine Zeit whret und er schon
zufrieden sein mu, wenn er nicht schon vor der Zeit abfhrt und nach dem
Kirchhof abgefahren wird, und sintemalen und alldieweilen Du nun, mit Respekt zu
sagen, ein angehender Pastore bist und in Gottes Wort erzogen bist und sonsten
ein vertrgliches Gemt und patibeles Temperament hast, so verhoffen wir, als
wie ich, Deine Mutter und die Base Schlotterbeck, da Du dieses Schreiben Dir
nicht zu sehr zu Herzen nehmen wirst. Denn mit Deiner Mutter steht es schlecht!
Wir haben lnglich geschwiegen, weil es leise anging und wir vermeinten, es
solle besser werden, ehe wir Dir Nachricht von das Malr gben; aber nun ist's
aus und am Ende, schlechter kann's nicht werden, und wir vermelden es Dir
hiermit, Du mut den Bndel auf den Buckel laden und als ein geistlicher Mensche
zeigen, da Du den Trost nicht blo fr andere in der Tasche trgst und mits
Schnupptuch herfrziehst. Habe Dir also nicht zu schrecklich und unvernnftig
ber das, was in diesem selbigen Brief Dir zukommt! Deiner Mutter, der guten
Seele, ist es denn doch wohl zu gnnen, da sie einen sanften Tod hat und sich
nicht allzu elend und langweilig hinqulen mu, ehe ihr der Odem stillesteht.
Aber der Doktor sagt, es kann nicht sein, und sie wird noch viel Drangsal
leiden, ehe und bevor der liebe Gott sie zu sich nimmt. Du mut Dich also darin
finden, mein Junge, la es gehen, wie's geht, ich sage nichts weiter. Die Frau
hat aber grausame Sehnsucht nach Dir, und wenn Du abkommen kannst von Deine
Gelehrsamkeit und Deine Herren Lehrerprofessors Dich loslassen wollen, so wre
es uns sehr angenehmlich, wenn Du Dein Wanderbuch so schnell als mglich
hierherfisieren lassen wolltest. Deine Mutter hat es wohl um Dich verdient, da
sie Trost an Dir hat in ihre letzten Tage und groe Schmerzen; denn sie hat die
zurckgetretene Gicht, und das Wasser und Waschen hat ihr den Dampf angetan, was
was Schreckliches ist. Mache Dich also somit auf die Wanderschaft und komm
eilends hierher, wo wir in groer Not Deiner erwarten.
    Sonsten ist noch alles wie sonst, aber es ist nicht viel Plsier mehr in der
Welt und in den Zeitungen auch nicht mehr. Es waren ganz andere Zeiten, als ich
und Deine Mutter noch solch jung Volk waren wie Du anjetzo und Dein Vater, auch
ein jung Blut, um Deine Mutter freiete, welches mir ist wie heute, und kann noch
nicht daran glauben, wenn ich bedenke, da der Anton schon so lange tot ist, und
wenn ich die Christine, will sagen, Deine Mutter ansehe, wie sie da liegt.
    Komm also schnell und behalte bis dahin in guten Gedanken Deinen geliebten
Oheim und Paten
                                                               Niklas Grnebaum,
                                                            Schuhmachermeister.

Der Blitz, welcher du den Fllen Hans Unwirrschs einschlug, betubte ihn nur auf
kurze Zeit, er stand auf den Fen und horchte auf den feierlich verrollenden
Donner. Hans, der so leicht vor jeder rauben Berhrung zurckwich, wich nicht,
als sich die Hand des Unglcks nun wirklich grimmig gegen ihn ausstreckte. Er
packte seine Zeugnisse und wenigen Habseligkeiten mit berlegung zusammen und
zog fort von der Universitt nach dem alten Neustadt zum Sterbebett der Mutter.

                                 Elftes Kapitel


Es war ein melancholischer Weg durch das herbstliche Wetter. Auf der ganzen
Lnge seines Pfades begleitete den armen Wanderer der Wind, der kalte,
grmliche, greinende, sthnende Oktoberwind. Den Wldern ri er ein gut Teil des
Schmuckes, mit welchem er im Frhling und Sommer so oft schmeichlerisch
getndelt hatte, hhnisch ab. Auf der Landstrae jagte er dichte Staubwolken
empor, und ber die Stoppeln der Felder fuhr er mit einem heulenden Gezisch,
welches keinem lebenden Wesen auer der Krhe behagen konnte. Nur das Geklapper
der Dreschflegel in nahen und fernen Drfern konnte als trstliches Zeichen
genommen werden, da noch nicht alles fr die Erde verloren sei und da der
Triumph, welchen der Wind auf den leeren Feldern feiere, nur ein trglicher sei.
    Aber fr den einsamen Wanderer in den Staubwolken der Landstrae ging dieser
Trost verloren; er konnte wenig darauf achten, und bedrckt und bedrngt aufs
tiefste, zog er einen Fu dem andern nach. Er hatte diesen Weg nun schon so oft
gemacht, da ihm weder zur Rechten noch zur Linken irgendein hervortretender
Gegenstand unbekannt war. Bume und Felsstcke, Huser und Htten, Wegweiser,
Kirchtrme, alte Grenzsteine, die nichts mehr bedeuteten als die Vergnglichkeit
auch des weitesten Besitzes - alles hatte schon frher in wechselnden Stimmungen
einen wechselnden Eindruck auf ihn gemacht. Er erinnerte sich, wie er dort
nachdenklich gesessen, dort unter jenem Gebsch einen Nachmittag verschlafen
habe. Er gedachte vorzglich jener Tage, als er diesen Weg zum erstenmal mit dem
groen Hunger nach dem Wissen in Begleitung des entschwundenen Jugendgenossen
gezogen war. Nun kam er zum letztenmal zurck auf diesem Wege; - viel hatte er
gelernt, mancherlei geduldet und viele Freuden genossen. Wie stand es nun in
seiner Seele?
    Er war niedergeschlagen, er war traurig und wre es auch ohne den bsen
Brief des Oheims Grnebaum gewesen. Mit aller Kraft hatte er gestrebt, das zu
lernen, was von der hohen Wissenschaft, der er sich ergeben hatte, sich lernen
lie, und er mute sich sagen, da dies im Grunde wenig genug war. Er fhlte
tief das Unzulngliche dessen, was ihm die Herren von ihren Kathedern doziert
hatten, aber er fhlte noch etwas anderes, und das war das, was der Professor
Vogelsang und die meisten brigen Mitglieder der hochpreislichen, ehrwrdigen
Fakultt nicht gelten lassen wollten, weil sie es nicht lehren konnten.
    Er befand sich auf dem Wege, um das geliebteste Wesen sterben zu sehen; der
Dunkelheit schritt er entgegen, und Dunkelheit lie er hinter sich zurck. Einst
hatte er dem Walde und den Vgeln gepredigt, weil die Welt von seinen Gefhlen
nichts wissen wollte, und er hatte sich nie darber beklagt. Nun schien der
Hunger nach dem Wissen tot, aber die Gefhle waren noch lebendig und drngten
sich empor und um sein Herz zusammen; sie wurden zu dem bittersten Schmerz,
welchen der Mensch erdulden kann. In diesem Augenblick unterschied sich nichts
in dem drngenden Gewhl: der Schmerz um die Mutter, Enttuschung, Sorge und
Furcht vermischten sich; und wunderlicherweise klangen dazwischen scharf und
schneidend lngst vergessene Worte auf, welche Moses Freudenstein einst
gesprochen hatte. Hans Jakob Unwirrsch befand sich auf diesem Wege in hnlicher
Stimmung wie ein anderer Hans Jakob, der vor langen Jahren von Anncy nach Vevey
ging und von diesem Weg schrieb:
    Combien de fois, m'arrtant pour pleurer  mon aise, assis sur une grosse
pierre, je me suis amus  voir tomber mes larmes dans l'eau!
    Immer der Wind! Er jagte den ganzen Tag dunkeles Gewlk ber den grauen
Himmel, doch fiel kein Regentropfen herab. Er whlte in den Hecken um die
verwilderten, unordentlichen Grten, wo die vertrockneten Sonnenblumen und
Stockrosen klglich die Kpfe hingen. Er rttelte an den Fenstern des
Dorfwirtshauses, wo Hans sein Mittagsmahl einnahm, und umbrauste das Haus und
wartete grimmig auf den Wanderer, der sich fr einen kurzen Augenblick ihm
entzogen hatte. Er hatte sein Wesen um den Reisewagen, der unter dem Schlagbaum
anhielt, und schlug dem Kutscher den weiten Mantelkragen so um die Ohren, da
der kaum das Wegegeld hervorlangen konnte. Durch das Fenster warf Hans einen
gleichgltigen Blick auf diesen Wagen; aber im nchsten Augenblick sah er doch
schrfer hin. Der Ledervorhang an der Seite des Wagens war zurckgezogen worden,
ein junges Mdchen sah heraus und blickte die traurige Landstrae hinab. Der
Wind hob den schwarzen Schleier von dem schwarzen Trauerhut und hatte nicht mehr
Mitleid mit dem bleichen, traurigen Mdchenangesicht darunter als mit jedem
andern Ding, welches ihm in den Weg kam. Aber auf Hans Unwirrsch machte dieses
Gesichtchen einen desto grern Eindruck. Der Kummer begrte den Kummer, und
der Schmerz, der zu Fu die Landstrae beschritt, neigte sich vor dem Schmerz,
welcher im Wagen durch die Staubwirbel rollte. Dieses kindliche, abgehrmte
Gesicht pate ganz zu der Stimmung, in welcher Hans sich befand; er htte gern
mehr gewut von diesem ihm jetzt noch unbekannten fremden Schicksal.
    Aber der Kopf des Mdchens zog sich zurck, und an seiner Stelle erschienen
ein grauer Schnauzbart und eine alte Militrmtze. Ein Schnapsglas wurde voll in
den Wagen hineingereicht und kam sehr rasch leer wieder zum Vorschein; auch der
Kutscher hatte es mglich gemacht, sich trotz des heftigen Kampfes mit seinem
Mantelkragen ebenfalls durch einen Trunk, der nicht unmittelbar aus der Quelle
kam, zu strken. Hoho! Vorwrts! Die Pferde zogen an, mit seiner Staubwolke
rasselte das alte Gefhrt davon, der Wind war hinter ihm her wie der Schweihund
auf der Fhrte, und es war mehr als merkwrdig, da er, als Hans nun auch
hervortrat aus dem Haus zum Goldenen Hirsch, ihn ebenfalls
triumphierend-rgerlich in Empfang nahm und ihn dem Wagen nachblies.
    Die Leute im Goldenen Hirsch hatten nicht sagen knnen wer der alte
militrische Herr und die junge Dame in Trauerkleidung seien, sie kannten nur
den Kutscher, die beiden hagern Gule und das alte baufllige Fuhrwerk und
sagten aus, da diese vier Stcke fters von Reisenden gedungen wrden, weil sie
hier oft das einzige Mittel zum Weiterkommen seien.
    Zu allen seinen brigen Gedanken hatte Hans nun noch das Bild des lieben
Gesichtchens auf seinem Wege durch den dunkeln Nachmittag. Es kam ihm immer von
neuem vor die Seele, er konnte nichts dagegen tun. So zog er fort und hielt
nicht eher wieder an, bis die Dmmerung dichter wurde und das Stdtchen, in
welchem er Nachtquartier nehmen mute, erreicht war.
    Dmmerung war freilich den ganzen Tag ber gewesen, und der Abend konnte an
der Beleuchtung der Welt wenig ndern. Aber nun sank die Nacht herab und machte
gemeinschaftliche Sache mit dem Winde, und wenn der Teufel als Dritter zum Bunde
getreten wre, so htte er die Sache nicht viel schlimmer machen knnen.
    Es war nicht des Windes Schuld, wenn die alten, schiefen Huser des
Landstdtchens, in welches Hans jetzt einzog, am andern Morgen noch aufrecht
standen. Die Lichter schienen in den Stuben hinter den Fenstern zu flackern, und
die wenigen Menschen, die sich noch in den Gassen befanden, arbeiteten schrg
vor - oder zurckgelehnt dem Sturme ihren Weg ab. Haustren flogen mit
donnerndem Krachen zu, Fensterladen mit Geprassel auf, und der einzige Glaser im
Ort horchte mit ganz einzigem Vergngen auf jedes helle Klingen und Klirren in
der Ferne.
    Wenn aber der Wind das Stdtchen im allgemeinen doch stehenlassen mute, so
konnte er noch viel weniger dem Wirt zum Posthorn was anhaben. Den Mann von
seinen Fen zu blasen und auf die Erde zu setzen wre in der Tat ein Kunststck
gewesen, welches olus als Preisaufgabe fr seine Untergebenen htte
ausschreiben knnen. Auf kurzen, wohlgerundeten Beinen stand er fest und
unbewegt vor seinem Torweg unter seinem knarrenden Schild und gab seine Befehle
in Hinsicht auf eine Kutsche, die eben von zwei Knechten unter einen Schuppen
gezogen wurde. An dem Fleischkolo, dem Posthornwirt, strandete der hagere
Theologe Hans Unwirrsch im wrtlichsten Sinne des Worts; halb erstickt und halb
erblindet wurde er in den Torweg hineingeblasen und fuhr mit voller Gewalt gegen
den Bauch des Posthalters, doch auch dieser Anprall brachte den Block nicht aus
dem Gleichgewichte.
    Der Posthornwirt war dabei glcklicherweise ein Mann, welcher die zwingende
Gewalt der Umstnde zu wrdigen wute: er nahm den Anfall nicht so grob auf, wie
man htte erwarten sollen. Er forderte den herangeschleuderten Gast nicht auf,
sich zu allen Teufeln zu scheren; er machte sogar eine halbe Schwenkung, um ihm
Einla in sein Haus zu gewhren, und folgte ihm nur mit einigen leise
geschnauften Bemerkungen:
    Verfluchte Steuerdirektion! - Immer langsam ber die Brcke! - Nicht zu
scharf um die Ecke! - Donner, grad auf den vollen Magen!
    Als er aber in der trb erhellten Gaststube den Fremdling, welchen der bse
Wind in sein Haus geweht hatte, erkannte, verschwand der letzte Schatten des
Mimutes aus seinem runden Gesicht, und ganz vergngt reichte er seine breite
Pfote zum Gru hin.
    Ah, Sie sind's, Herr Studente! Wieder einmal eingesprungen in den Ferien?
Das freut mich! 's ist, wie man sagt: Das mu ein bser Wind sein, der einem
nichts Gutes herblst.
    Hans entschuldigte nach besten Krften die ungestme Begrung in dem
Haustor; doch der Wirt sah ihn jetzt nur lchelnd und mitleidig an und blies
ber die Hand, als wolle er sagen: Eine Feder! Eine Feder! Nichts als eine
Feder! Er sagte aber: Lassen Sie's gut sein, Herr Unwirrsch, ich stehe schon
meinen Mann. Legen Sie Ihren Ranzen ab; - haben ihn wohl wie gewhnlich den
ganzen Tag auf dem Rcken geschleppt? Du liebster Gott?!
    Da war die Frau Wirtin, ebenso wohlbeleibt wie der Herr des Hauses! Da war
der Frau Wirtin Tchterlein, aber diesmal gottlob noch nicht in einem schwarzen
Schrein, sondern sehr lebendig und ebenfalls von wohltuender Flle. Und sie
begrten den armen, traurigen Hans, dessen gutes Herz und winzigen Geldbeutel
sie von manchen frhern Ferien her kannten und mit der gehrigen Achtung
behandelten. Sie fragten ihn aus, ehe er zu Atem gekommen, und wuten den
betrbten Grund, der ihn jetzt nach der Heimat rief, ehe er den Ranzen und den
Ziegenhainer abgelegt hatte. Und da sie ein gutes Mahl und einen guten Trunk fr
die beste Panazee gegen alle bel hielten, so stieg er, der Wirt, in den Keller,
whrend die Wirtin sich mit ihrem Tchterlein in die Kche begab, und jetzt
konnte Hans Unwirrsch den ersten Blick auf die brigen Gste werfen.
    Es waren nur zwei vorhanden. Im Winkel am Ofen war ein Tisch gedeckt, und
daran saen sie: ein alter, schnauzbrtiger Herr in einem langen militrischen,
bis an das Kinn zugeknpften Rock und ein junges, blasses, krnklich aussehendes
Mdchen in Trauerkleidung. Das Mdchen hielt die Augen niedergeschlagen; aber
der alte Herr fixierte den Theologen so fest und unbefangen, da letzterm dabei
ganz unbehaglich zumute wurde und er sehr froh war, als der dicke Wirt wieder in
der Gaststube erschien und seine undurchsichtige Gestalt zwischen den
scharfugigen Schnauzbart und den Tisch schob, an welchem Hans Platz genommen
hatte.
    Eine volltnende Stimme hatte der Herr Wirt und stellte seine Fragen nicht
so leise, wie Hans gewnscht htte; etwas schwerhrig war der Herr Wirt und
verlangte die Antworten so laut als mglich. Und als die Frau Wirtin mit
Schsseln und Tellern und der Wirtin Tchterlein mit Messer und Gabeln kamen,
wollten auch sie das Ihrige wissen. Der Schnauzbart brauchte nicht den Horcher
zu spielen, um alles Wissenswrdige ber den Schwarzrock zu erfahren.
    Wenn nun der Mensch, der viel Schmerzliches zu ertragen hatte, dazu seit
langer Zeit keine freundlichen, teilnehmenden Stimmen um sich her gehrt hat, so
wird er, wenn nun endlich solche Stimmen mit Fragen und Bedauerungen ihm zu
Ohren und zu Herzen dringen, auch mitteilsamer, so verschlossen er sonst sein
mag. Hans Unwirrsch aber war, wie wir wissen, nicht verschlossen; er hielt mit
seinen Leiden und Freuden nicht hinter dem Berge, und da er nichts zu
verschweigen hatte, gab er den gutmtigen Wirtsleuten unverhohlenen Bericht, wie
die Welt mit ihm gefahren sei und er mit der Welt.
    Der militrische alte Herr hatte alles bald weg, was an einem so hungrig
aussehenden, jungen, schwarzrckigen Theologen Interessantes sein konnte. Er
kannte seinen Namen, er wute, da er aus der berhmten Stadt Neustadt sei, er
hatte in Erfahrung gebracht, da ein gewisser Oheim Grnebaum immer noch bei
guter Gesundheit sei und da eine ebenso gewisse Base Schlotterbeck immer noch
die Toten in den Gassen umherwandeln sehe. Da der Theologe eine alte Mutter in
der Stadt Neustadt habe und da diese Mutter an bser, schmerzhafter Krankheit
darniederliege und vielleicht sterben msse, das alles vernahm der graue
Schnauzbart, und das junge Mdchen vernahm es auch, und zwar mit Teilnahme, wie
es schien, denn sie hatte das Gesicht erhoben und nach der Stelle gerichtet, wo
der Theologe sa. Das Gesicht war gut, aber nicht schn; schn waren die Augen,
mit welchen sie jedoch den Theologen nicht sehen konnte, wohl aber den breiten
Rcken des Herrn Wirtes zum Posthorn. Der Herr Wirt verdeckte sowohl ihr die
Aussicht als auch dem jungen Mann, den er mit so groem Eifer ausfragte.
    Wie der Wind drauen sich rgerte und seine Wut auf das unzweideutigste
kundgab! Er lief um das Haus wie toll, rttelte an jedem Fenster, in welches
seine Mitverschworene, die Nacht, die grmliche Herbstnacht, menschenfeindlich,
lichtfeindlich hineinsah. O wie rgerten sich Wind und Nacht ber die Reisenden,
die jetzt so sicher vor ihnen waren; wie rgerten sie sich ber den dicken Wirt
zum Posthorn und die Wirtin und der Wirtin rosige Tochter! Keine Hscher, deren
Opfer sich in eine heilige, unverletzliche Freistatt gerettet hatten, konnten
sich mehr rgern.
    Wer aber schnarrte in diesem Augenblick mit Nachdruck die Worte:
Unverschmter Judenjunge! ...?
    War es der Wind oder war's die Nacht?
    Nein, es war der ltliche militrische Herr mit dem Schnurrbart, und wenn
ein Zweifel brigbleiben konnte, da er mit dieser wohlwollenden Bezeichnung
unsern Freund Moses Freudenstein meinte, dessen Namen soeben von Hans Unwirrsch
genannt worden war, so zerstreute er diesen Zweifel sogleich, indem er
hinzusetzte:
    Ein naseweiser, vorwitziger Judenbengel, wenn's der Schlingel ist, dem ich
neulich in Paris seinen Standpunkt mit Nachdruck habe klarmachen mssen; - nicht
wahr, Frnzchen? Moses Freudenstein, ja, der Name war's. Rcken Sie doch mal
nher, Herr Kandidate; kommen Sie zu diesem Tisch; der Abend ist ganz dazu
geschaffen, da die Leute zusammenrcken, und es wird mich freuen, Ihre nhere
Bekanntschaft zu machen und etwas Weiteres ber besagten Moses zu hren.
    Sehr verwundert ber die pltzliche Unterbrechung, hatten sich die
Wirtsleute nach dem Sprecher umgedreht, und sehr erregt ber den unvermuteten
Angriff auf den Freund, hatte sich Hans erhoben.
    Ohne alle Schchternheit hub er die Verteidigung seines Moses Freudenstein
auf der Stelle, vom Platze aus, an; aber der alte Herr winkte begtigend:
    Na, na; nur immer Schritt! Rechten, linken! Rechten - jetzt hat der Wind
erst mal wieder das Wort. Hren Sie nur, wie er drauen rasaunt. Das ist ein
Wetter, wo selbst den Pastoren die Lust vergeht, sich zu zanken. Rcken Sie
herber, Herr Kandidate, zu einem Glas Punsch; und nehmen Sie's nicht bel, wenn
ich schon wieder was Unpliches gesagt habe; - 's mu wohl so sein, denn mein
Frulein Nichte hier zupft mich sehr am Rockschwanz.
    Vielleicht wr's der jungen Dame jetzt ganz angenehm gewesen, wenn der Herr
Wirt immer noch zwischen ihr und dem Theologen gestanden htte; aber die
Aussicht war nunmehr vollkommen frei, und nichts hinderte unsern Hans, sich
durch einen Blick zu bedanken bei dem errtenden Kinde, welches den grauen
Schnauzbart am Rockscho gezupft hatte.
    Immer heran, Herr Kandidate, immer heran! Gewehr ber - marsch - halt!
Rcke zu, Franziska; - du wirst dich doch nicht vor dem Schwarzrock frchten?
Herr Wirt, was meinen sie zu einem zweiten Aufgebot dieses angenehmen und
gesunden Getrnkes?
    Der Wirt meinte, da das Getrnk dem Wetter und der Zeit ganz und gar
angemessen sei, und bereitete es auf einen Wink. Ehe Hans Unwirrsch so recht
wute, wie es zugegangen war, sa er an der Seite des alten Kriegers, dem
bleichen Frulein gegenber und vor dem dampfenden Glase.
    So ist's recht, Herr Kandidate, sagte der Schnauzbart. Ich wute es ja,
da Sie einen abgedankten Landsknecht nicht um ein lumpiges Wort oder zwei mit
der Nase auf den Tisch stoen wrden. Ihr Wohlsein, Herr Kandidate; und da ich
nun allgemach Ihren Namen, Umstnde und so weiter in Erfahrung gebracht habe, so
sollen Sie ber uns auch nicht im dunkeln tappen. Ich bin der Leutnant auer
Dienst Rudolf Gtz, und dies Kind ist meine Nichte Franziska Gtz, deren Vater
vor kurzem in Paris gestorben ist und welche ich von dort abgeholt habe, um sie
meinem dritten Bruder, der ein groes juristisches Tier ist, zu berliefern, das
arme Ding!
    Die letzten Worte brummte der Leutnant nur ganz leise und setzte sogleich
sehr laut hinzu:
    Da wir somit wissen, woran wir gegenseitig sind, verhoffe ich, da es heut
abend ohne Spektakel im Quartier abgehen wird. Prosit, Herr Kandidat, Ihr habt
heute einen guten Marsch gemacht, und darauf gehrt ein guter Trunk.
    Hans tat dem Leutnant Bescheid und fand bald heraus, da die Stimme und der
Schnurrbart in gar keinem Verhltnis zu den lustigen Augen, der gutmtigen Nase
und dem frhlichen Mund standen. Er fand, da kein Grund zu der Befrchtung, die
Theologie sei hier in die Gewalt und Tyrannei eines bramarbasierenden
Eisenfressers gefallen, vorhanden war. Er fand auch, da groe innere Verderbnis
dazu gehre, um in der Gegenwart dieser Franziska das Rauhe nach auen zu
kehren.
    Ein angenehmes Bild war's, dieser alte Soldat zwischen den beiden betrbten
jungen Leuten. Groe Lust hatte er unbedingt, sehr vergngt zu sein; aber da das
nun doch so recht nicht angehen wollte, spielte er nach besten Krften den
Trster.
    So ist's in der Welt, sagte er ber den Rand seines Glases weg, eben
fahrt oder trabt man auf der Landstrae aneinander vorber und denkt nicht
aneinander, und dann sitzt man auf einmal behaglich und streckt die Beine unter
einen Tisch. So ist's auch bei uns; eben steht man im Viereck und hat rechts und
links seine Nebenmnner, seine besten Freunde bei sich und kann sich auf sie
verlassen. Man sieht ganz ruhig zu, wie die zwei Zwlfpfnder drben auffahren
und die Partie beginnen. Sst, sst - die Kugeln ziehen bse Striche durchs
Bataillon; aber euch tut's nichts und euern Nebenmnnern auch nicht. Drben
denken sie, jetzt sei ihre Zeit gekommen - da ist die Kavallerie - Trab - Galopp
- ihr seht sie herankommen mit Gestampf und Gebrll wie das Donnerwetter - Feuer
also! Es kracht euch um die Ohren, und es ist euch so konfus im Sinn, da ihr
nicht einmal prosit sagen knnt, wenn der Teufel niest. Aber ihr steht fest, so
schwarz es euch auch vor den Augen werden mag - das ist das rechte Gedrngele,
und ihr stolpert ber allerlei, was zappelt oder still liegt. Es quietscht und
heult und chzt euch zwischen den Beinen; aber 's ist einerlei, ihr steht so
fest als mglich, wenn ihr auch nichts dafr knnt. Zurck mssen die Hunde und
tun's auch richtig. Durch den Pulverdampf seht ihr nichts als Pferdeschwnze,
und jeder macht, da er hinkommt, woher er gekommen ist, und der Wind blst den
Qualm nach - ja Teufel, wo sind aber eure Nebenmnner? Fremde Gesichter habt ihr
zur Seite, und eine fremde Hand reicht euch die Flasche: Da sauf, Kamerad, auf
die Arbeit! Drei Schritt geht das Bataillon vor, da die Toten und Verwundeten
aus der Reihe kommen. Die Kerle ringsum dampfen vor Schwei, und da und dort
trufelt einem das Blut aus der Nase oder sonstwoher. - Der Boden ist schlpfrig
und zerwhlt genug, und es ist ein Stank wie aus der Hlle: aber die guten
Freunde sind fort, und ihr drft euch noch nicht einmal danach umgucken, denn
Ruhe geben die Karnaljen drben am Walde noch lange nicht; die werden noch oft
genug herankommen bis Sonnenuntergang, um ihr Abendbrot zu verdienen und den
Namen Waterloo in die Weltgeschichte reinzubringen. Da ist nun meine Nichte
Franziska, die hat auch ihren Nebenmann aus dem Gesicht verloren, und hier ist
der Herr Pastor mit einem Gesicht wie ein schwarzer Kater, der in den Essigtopf
fiel, und hier bin ich - auch 'ne arme Waise. Ich sage euch, junges Volk, wem es
erst fters in den Feldkessel regnete, der lernt den Deckel auflegen, und wer
schon mehr als einen guten Kameraden von der Seite verlor, der lernt ade sagen.
Die weichsten Herzen haben's gelernt, im Elend nur dreimal trocken
berzuschlucken, und sind dabei doch die besten und treuesten Kreaturen
geblieben. Kopf in die Hhe, Frnzel; tu's deinem alten Onkel zuliebe. Kopf in
die Hhe, Hans Unwirrsch! Wenn solch junges Blut die Nase durch den Staub zieht,
was sollen dann wir Alten tun?
    Franziska drckte die harte, haarige Hand, die ihr der Soldat hinhielt,
zrtlich an ihre Brust; sie sah ihn an, und obgleich ihre Augen feucht
schimmerten, lchelte sie doch und sagte:
    O lieber, guter Oheim; ich will alles tun, was du willst. Ich sehe es wohl
ein, da es unrecht von mir ist, deine Liebe durch solchen Trbsinn zu erwidern;
du mut Nachsicht mit mir haben - du hast mich recht verwhnt durch deine
Liebe.
    Der Alte nahm die kleine, schwache Hand, die er in seiner breiten Tatze
hielt, auf und betrachtete sie ganz aufmerksam.
    Armes Kind, armes Kind, murmelte er. So verlassen und umhergetrieben wie
ein kleiner Vogel, der aus dem Nest gefallen ist; - und dieser Theodor und sein
Weib - und die Kleophea - ach es ist ein Jammer, Armes Vgelchen, armes
Vgelchen - und ich alter Vagabund habe nicht den jmmerlichsten Winkel, in
welchen ich es aufnehmen knnte.
    Er schttelte lange den Kopf, knurrend und seufzend; dann schlug er auf den
Tisch:
    Lustig, Herr Kandidate! Also Sie kennen jenen Moses Freudenstein, der jetzt
mit achtmal hunderttausend andern Tagedieben die Pariser Gassen unsicher macht?
Das ist ja eine schne Bekanntschaft und pat eigentlich zu Ihnen wie eine
Haubitze zu gelben Erbsen.
    
    Es sollte mir sehr leid tun, wenn Moses, wenn er es wirklich ist, Ihr
Mifallen wirklich so sehr verdient htte, Herr Leutnant, antwortete Hans. Wir
sind zusammen aufgewachsen, wir sind Schulfreunde und Universittsfreunde; und
er kann sich auerdem kaum seit einem halben Jahr in Paris befinden. Ich hoffe,
es ist ein Irrtum; ich hoffe es von ganzem Herzen!
    Der Leutnant lie sich nun ganz genau die Persnlichkeit des armen, guten
Moses beschreiben und nickte leider bei jeder Einzelheit mit dem Kopfe, indem er
seine Nichte fragend dabei ansah.
    Er ist es. Er ist's so sicher wie ein Kolbenschlag. Ist's nicht der
Halunke, Frnzel? Ich will Ihnen die Geschichte kurz erzhlen, um dem Ding ein
Ende zu machen. Da meines Bruders Tod sehr schnell erfolgte, so war meine Nichte
hier fr einige Zeit sehr verlassen in dem Satansnest, und was das heien will,
das wei ich noch von Anno vierzehn und fnfzehn her, wo ich aber mit mehreren
dort auf Besuch war. Armes Kind, armes Kind! Was das heien will, in dem Gewhl
dort verlassen zu sein - Herr Kandidate, sie zupft mich schon wieder! Ich bitte
dich, Frnzel, gib Ruhe; la mich erzhlen.
    Ich mchte es lieber nicht, Onkel, flsterte das junge Mdchen. Du hast
die Sache auch schlimmer genommen, als sie war; jener Herr -
    War eine Kanaille, die zu Brei verrieben werden mute; - nein, zupfe mich
nicht, Frnzel.
    Franziska warf einen flehenden Blick auf Hans Unwirrsch, und dieser hatte
sich selten auf einem Stuhl so unbehaglich gefhlt, und dazu erfuhr er jetzt
doch nicht, in welche Beziehungen sein Freund Moses zu der jungen Dame und zu
dem alten Krieger getreten war. Obgleich ihn die Ungewiheit tief beunruhigte
und der Zweifel an dem Freunde ihm wie mit spitzigen Nadeln in das Herz drang,
so htte er doch um alles in der Welt nicht den Kummer des bleichen Mdchens
durch heftige, zudringliche Fragen vermehren knnen. Nur das wurde ihm klar, da
ein Spiel des Zufalls den angenehmen Moses in das Haus gefhrt haben mute, in
welchem Franziska Gtz nach dem Tode ihres Vaters hlflos, einsam und schutzlos
lebte, und da sein Betragen nicht von der ritterlichsten Art gewesen war. Auf
einem der Boulevards hatte dann eine heftige Szene zwischen dem Leutnant Gtz
und Monsieur Freudenstein stattgefunden, und eine eingewurzelte Abneigung gegen
den armen Moses hatte ersterer sicherlich in das deutsche Vaterland
heimgebracht.
    Mitnig erschallte vor den Fenstern des Posthorns ein anderes Horn durch
den Sturm. Der Nachtwchter rief die zehnte Stunde ab, und die kleine
Gesellschaft trennte sich. In herzlicher Weise nahm der Leutnant von dem
Theologen Abschied und forderte ihn nochmals auf, den Kopf ber dem Wasser zu
halten und den Hals, wenn es sein msse, mit Gesundheit zu brechen. Auch
Franziska Gtz mute auf seinen Befehl dem jungen Mann die Hand zum Lebewohl
geben und tat es ganz natrlich und ungeziert. Frh muten der Leutnant und das
Frulein am andern Morgen abfahren, um den Eisenbahnstrang, der jetzt bereits
nach der groen Hauptstadt im Norden fhrte, zu erreichen. Hans Unwirrsch konnte
lnger schlafen; nach Neustadt ging noch keine Eisenbahnlinie, und die Stadt
trug eigentlich auch gar kein Verlangen danach, in solcher Weise der brigen
Welt zugnglicher gemacht zu werden. Wenn Hans sich vornahm, noch einmal am
Wagen den beiden Reisenden eine glckliche Fahrt zu wnschen, so war das sein
guter Wille, und wenn er die Zeit verschlief, so war das Schicksal, welches den
guten Willen nicht zur Tat werden lie, schuld daran.
    Er verschlief richtig die Zeit, nachdem er sich die halbe Nacht hindurch
schlaflos auf seinem Lager hin und her gewlzt hatte. Die lange Wanderung und
der Wind, welcher ber das Dach fuhr und um die Ecke pfiff, der Brief des Oheims
Grnebaum und der starke Punsch des Leutnants Rudolf Gtz, Herr Moses
Freudenstein in Paris und die bleiche, traurige Franziska lieen ihn nicht
schlafen. Er stand auf und zndete das Licht an, um es wieder auszublasen; er
konnte nicht die geringste Ordnung in seine Gedanken bringen, und wenn ihm sonst
seine Phantasie in bedrckten Stimmungen zu Hlfe gekommen war, um ihn mit
allerlei heiteren und lieblichen Bildern aus der Vergangenheit zu trsten oder
ihm den magischen Spiegel der Zukunft mit Lcheln und neckischen Winken
vorzuhalten, so trieb sie ihm jetzt nur gespenstische Schatten um das Haupt und
verhllte ihm die Nhe und die Ferne in der drohendsten Weise.
    So mutlos wie in dieser Nacht hatte sich Hans Unwirrsch in seinem ganzen
Leben noch nicht gefhlt; er war eben bis jetzt zu glcklich gewesen. Zum
erstenmal griffen jetzt von allen Seiten die dunkeln, erbarmungslosen Hnde in
sein Leben: der enge, sichere Kreis, welchen ein gtiges Geschick um seine
Jugend gezogen hatte, war durchbrochen worden; hinausgerissen wurde er in den
groen Kampf der Welt, von welchem das junge Mdchen, das mit ihm in dieser
Nacht unter dem Dach des Posthorns wohnte, schon soviel mehr wute als er.

                                  Vae victis!

                                Zwlftes Kapitel


Sie waren gegangen; er aber wute nicht, wer sie waren und was sie ihm werden
sollten. Dort am Ofen stand der Tisch, an welchem sie gesessen hatten, und die
Wirtin setzte den Kaffee darauf und rckte den Stuhl zurecht fr Hans Unwirrsch.
Der Wirt kam von seinem Morgengang durch Hof und Garten zurck und brachte noch
einen Gru von den beiden Reisenden. Sie waren gegangen, das heit fortgefahren.
    Ehe Hans den Kaffee trank, sah er noch einmal aus dem Fenster auf die
Strae. Keine Spur mehr von ihnen.
    Das war ein wackerer alter Herr, sagte der Posthalter, und die
Posthalterin sagte: Arme junge Dame! Ich mchte wohl wissen, was ihr fehlte;
meine Marie, welche neben ihrer Kammer schlief, hrte sie die ganze Nacht
hindurch weinen. Sie mu schon manches Leid erlebt haben in ihrem jungen Leben.
    Hans kam vom Fenster zurck, setzte sich auf den Stuhl, auf welchem er am
vorigen Abend sa, und sah auf die beiden leeren Sthle. Er fing an, jedes Wort,
welches gestern gesprochen worden war, sich zu wiederholen.
    Und er schreibt mir nicht - ich wei seine Adresse nicht ich kann ihn nicht
fragen, was er dieser jungen Dame zuleide getan hat. Es ist wie ein Traum. O
Moses, Moses! -
    Sie waren fort, und auch der Wind hatte sich gelegt. Der Himmel war fast
noch grauer als gestern, aber kein Lftchen regte sich mehr.
    Es war doch ein wunderliches Zusammentreffen! Htte ich den Herrn Leutnant
doch noch einmal gesehen... Und die Last auf meinen Schultern ist schon so
schwer! O was gbe ich darum, wenn ich die Adresse des Moses wte!
    Der Posthalter fhlte die Verpflichtung, seinen Gast zu erheitern, und
erzhlte die merkwrdigen, lustigen und traurigen Vorkommnisse des Fleckens;
aber Hans konnte nur halben Ohres darauf hren; - - - sie waren fort, und er
hielt es zuletzt auch nicht mehr aus in der dumpfen Wirtsstube. Er mute
ebenfalls fort, er mute frische Luft schpfen. Er bezahlte also seine Rechnung
und ging ab, begleitet von den besten Segenswnschen des Posthornes! Er
durchschritt den verschlafenen Flecken, ohne nach rechts und links zu blicken;
erst als er sich wieder auf der Landstrae befand, sah er auf und umher und
htte fast den Wind von gestern zurckgewnscht. Gestern war doch noch
wenigstens Leben, wenn auch ein unheimliches; aber heute rief jede kahle Furche:
Der groe Pan ist tot! - und die Wolken senkten sich trauernd auf die gestorbene
Erde herab. Es war ein Glck fr den Wanderer, da der Weg hinter dem nchsten
Dorf in einen weiten Tannenwald fhrte. War's darin auch noch dunkler als
zwischen den freien Feldern, so wirkte doch der frische Duft des Harzes
krftigend auf Sinn und Seele. In diesem Tannenwald lie Hans Unwirrsch
wenigstens die beunruhigenden Gedanken an den Jugendgenossen zurck, denn als er
wieder aus der Dmmerung des Forstes hervortrat, erhoben sich am Horizont jene
Hhen, hinter welchen die Heimatstadt lag, und vor dem Bild der kranken Mutter
mute
    nunmehr alles andere zurckweichen, selbst das Bild der lieben jungen Dame,
die ihm gestern abend gegenbergesessen hatte.
    Ununterbrochen wanderte Hans Unwirrsch fort; er gnnte sich keine Rast mehr.
Mit unwiderstehlicher Gewalt trieb es ihn vorwrts; um die zweite Stunde des
Nachmittags stand er am Rande jenes Waldes, von welchem man Neustadt zu seinen
Fen liegen sieht.
    O Mutter! Mutter! seufzte Hans, die Hnde der Stadt zustreckend. Ich
komme, ich komme. Ich bin ausgezogen in groer Hoffnung, und ich komme heim in
groem Schmerz und mit vielem Zweifel. O liebe, liebe Mutter, willst du dein
Kind auch verlassen? Du kannst das nicht. Weh mir, da ich nicht dort unten
geblieben bin, weh ber die falsche Sehnsucht, die mich ber diesen Berg und
Wald so trgerisch hinausgelockt hat! Was bringe ich heim, was mir und dir
Ersatz bereiten knnte fr das aufgegebene, verlorene, ruhige, friedliche Glck,
in welchem meinem Vater die Tage verflossen sind?
    Nun kam ihm der schreckliche Gedanke, die Mutter sterbe, whrend er hier
oben zgere, und er lief die Hhe hinunter, bis ihm der Atem ausging und er sich
im gemigten Gang ein wenig fate.
    Nun schritt er durch das alte Tor und nun durch die Gassen der Stadt. Aus
manchem Fenster blickte man ihm nach, manch ein Bekannter begegnete ihm und
grte ihn; er aber konnte auf niemand achten. Er befand sich in der
Krppelstrae, er stand vor dem vterlichen Hause; er kniete am Bett der Mutter
und wute nicht, ob seit dem Augenblick, wo er am Rand des Gehlzes stand, eine
Minute oder ein Jahrhundert vergangen sei. Auch ber das, was in den ersten
Momenten nach dieser Heimkehr gesprochen wurde, konnte er keine Rechenschaft
ablegen. Es wurde auch vielleicht nichts gesprochen.
    Jetzt las er von dem Gesichte, in den zerstrten Zgen die furchtbaren
Leiden der Mutter und weinte bitter. Jetzt flsterte er ihr zu, da er da sei,
da er niemals wieder fortgehen wolle, da auch sie ihn nicht verlassen drfe.
Und dann bemhte sich
    die Kranke mit matter Stimme, ihn zu beruhigen, und er fhlte eine Hand auf
seiner Schulter und richtete sich endlich empor.
    Die Base Schlotterbeck stand hinter ihm; an ihr hatte sich nichts verndert,
und leise ermahnte sie ihn, sich zu fassen und die Kranke nicht zu sehr
aufzuregen.
    Da war auch der Oheim Nikolaus Grnebaum, sehr weich und scheu; der Oheim
Grnebaum, ein Mann, der da wute, da alles seine Zeit hat und da alles auf
die gehrige Weise betrachtet und behandelt und besprochen werden mu.
    Nun reichte Hans sowohl der Base als auch dem Oheim die Hand, und beide
sprachen ihm trstend und beruhigend zu. Er sah sich wieder einmal um in dem
rmlichen, niedern, dunkeln Zimmer, und trotz aller Trauer, trotz alles
Schmerzes, zu welchem er gerufen war, fhlte er eine Beruhigung, eine Sicherung
in sich, die er whrend der qualvollen Wanderung fr immer glaubte verloren zu
haben.
    Jetzt machte der Oheim Anstalt, seine Gefhle in wohlerwogener Rede
kundzugeben; aber die Base legte sich nach dem ersten bedenklichen Ruspern ins
Mittel und fhrte ihn halb durch berredung, halb mit Zwang aus der Tr, wobei
et wenigstens noch ber die Schulter zurckrief:
    Rege ihr nicht auf, Hans. Geh human mit ihr um; betrage dir als ein
filialer Sohn und ein gefates Gemte, der Doktor hat es uns streng verordnet.
    Als Mutter und Sohn allein waren, sagte die Mutter:
    Du mut es mir vergeben, Hans, da ich dich von deiner Arbeit hab abrufen
lassen; aber ich hatte solch ein gro Sehnen nach dir, da es nicht anders ging.
Du bist immer mein Trost gewesen, nun mut du es auch jetzt sein. Ich habe ein
so gro gewaltig Verlangen nach dir gehabt.
    O Mutter, liebe Mutter, rief Hans Unwirrsch, sprich nicht so, als sei an
meinem Glck und Wohlergehen mehr gelegen als an dem deinigen. O wenn du
wtest, wie gern ich alles, was ich durch meine Arbeit in der Fremde errungen
habe, hergeben wrde, wenn ich dir dadurch nur den kleinsten Teil deiner
    Schmerzen verscheuchen knnte! Aber es wird auch besser werden, bald wirst
du wieder gesund sein. O Mutter, du weit nicht, wie ntig ich dich habe; keine
Weisheit, die auf Erden gelehrt werden kann, kann das uns geben, was uns ein
Wort und ein Blick der Mutter gibt.
    Sieh, sieh den Jungen, rief Frau Christine. Will er ber die alte
Waschfrau lachen. Solch ein gelehrter Herr?! Aber es ist schon gut; - Hans,
Hans, weit du wohl, da du deinem seligen Vater immer hnlicher wirst? Der
konnte sich auch so haben, wenn sich die Sonne einmal ein bichen hinter der
Wolke verkroch. Er war auch so 'n Gelehrter, wenn er auch nicht studiert hatte,
und ich habe mich oft ber den Mann wundern mssen. Den einen Tag war er so hoch
in den Lften wie 'ne Lerche, und am andern Tag kroch er auf der Erde wie die
Schnecke. Wirst auch schon wieder ins Blaue aufsteigen, Hans, sorge dich nur
nicht um mich; ich hab dem lieben Herrgott nichts vorzuwerfen, er hat's wohl mit
mir gemacht, ein glckselig Leben hat er mir gegeben, und was er mir jetzt
auferlegt, nun dazu kann er nichts; das ist am Ende jedem bestimmt, und es wird
wohl niemand darum wegkommen.
    Hans fhlte sich sehr gedemtigt am Lager dieser armen, einfltigen Frau,
die so groe Qualen erdulden mute und welche doch so heldenmig sprechen und
trsten konnte. Wenn auch der Schmerz um den drohenden Verlust heftiger wurde,
so verflog doch die schwchliche Mistimmung der vorigen Tage. Er fhlte sich
wieder sicher auf seinen Fen, das echte, wirkliche Leid gab ihm die geistige
Haltung wieder; in seinem Beruf schied er das Wahre, den Inhalt von dem
Nebenschlichen und trug ihn zum erstenmal wirklich in das Leben ber. Diese
schweren Tage wirkten bedeutender auf ihn ein als alle jene Tage, die er in den
Hrslen oder ber seinen Bchern im halb unfruchtbaren Studium verbracht hatte.
Aus dem Zauberbann schmeichlerischer, entnervender Phantasien und stumpfen,
dumpfen Grbelns trat er jetzt zuerst in das wahre Leben; er verlor den Hunger
nach dem Idealen, dem berirdischen, nicht, aber dazu gesellte sich nunmehr der
Hunger nach dem Wirklichen, und
    die Verschmelzung von beiden, die in so feierlichen Stunden stattfand, mute
einen guten Gu geben.
    Neben dem Lager der sterbenden Mutter bereitete er seinen Arbeitstisch. Da
sa er und schrieb, indem er zugleich den Schlummer der Kranken bewachte. Das
Konsistorium hatte ihm die Examinationsaufgaben zugestellt, er begann dieselben
mit einem Eifer, den er gnzlich in sich erloschen geglaubt hatte. Es war eine
seltsame, traurig-glckliche Zeit.
    Welch ein Licht am Abend und in der Nacht die Glaskugel des Meisters Anton
ber den Tisch und durch das Gemach warf! Niemals vorher und niemals nachher gab
sie solchen Schein. In dem Glanz sah die Frau Christine ihr ganzes Leben wie in
einem Zauberspiegel. Sie sah sich als Kind, als junges Mdchen und fhlte auch
so. Die Eltern und der Eltern Eltern kamen und gingen: sie sah sie so deutlich
und lebendig, wie nur die Base Schlotterbeck dieselben sehen konnte. An ihre
Kinderspiele und alle ihre Freundinnen dachte die Frau Christine, und das Licht
der Kugel war wie Mondenschein, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang oder wie der
klare Mittag. Die kranke Frau hatte so vieles vergessen, und nun war es auf
einmal wieder da, und nichts davon war verlorengegangen - man konnte sich wohl
darber verwundern. Die kranke Frau mute oftmals die Augen schlieen, weil die
Gestalten und bunten Bilder in zu groer Flle aus der fernen Zeit
herberschwebten; - jetzt kam es ihr recht in den Sinn, wieviel, wie unendlich
viel sie doch in ihrem Leben erlebt hatte. Da war ihr Anton, der wohl fters
geklagt hatte, da er so still und so in der Dmmerung sitzen msse und da er
gar nicht daran denken drfe, wie so viele Menschen ber Berg und Tal fhren und
ber das weite Meer und wie man fremde Lnder entdecke und wie soviel Gewimmel
und Lrm in der Welt sei; - die Frau Christine dachte dieser Klagen, wie sie auf
ihrem Schmerzensbett lag, und nickte mit dem Kopf und schttelte ihn und
lchelte. Der nrrische Anton, hatte er nicht Spektakel und Aufregung genug in
seinem Leben? Gab es darin nicht genug Hinundherrennen? Da war zum Beispiel der
Hochzeitstag, wo die Christine zum allerletztenmal als Mdchen tanzte und Anton
so stattlich aussah in seinem Brutigamsrock. War das nicht ein helles Leben,
und war das nicht ein grer Ding, als ber die See zu fahren nach den
Affenlndern? Und was mute man nicht erleben in der Franzosenzeit, als die
Anna, welcher der Bruder Niklas sich beinahe versprochen htte, mit den Husaren
fortging. Das war Anno sechs, und es war doch merkwrdig, daran zu gedenken,
welchen Kummer damals Anton um die schwere Zeit hatte und wie jetzt niemand mehr
an die Welschen dachte, sowenig wie der Bruder Niklas jetzt an die Anna. Da war
die Base Schlotterbeck, die hatte das alles miterlebt und konnte auch die Toten
sehen; aber an so vieles gedenken wie die Frau Christine konnte sie doch nicht,
denn sie hatte kein Kind geboren, und ihr Sohn konnte spter nicht am Tisch
sitzen, ein so gelehrter Mann, und konnte nicht ber seine Bcher herbersehen
und mit den Augen winken. O wieviel, wieviel lie sich denken beim Leuchten der
Wunderkugel; da war's wahrlich keine Kunst, auch unter den allerbsesten
Schmerzen ruhig zu liegen und in Geduld auf das letzte Stndlein zu warten!
    Wir haben frher beschrieben, wie Hans als kleines Kind in seinem Bette lag
in der Winternacht und die Mutter, welche sich zu ihrer frhen Arbeit rstete,
belauschte. Wir haben davon gesprochen, wie er sich allerlei geheimnisvolle,
seltsame Vorstellungen von den Orten machte, wohin sie ging, wie er die Schatten
an den Wnden tanzen sah und genau achtgab, was daraus werde, wenn die Lampe
ausgeblasen wurde. Nun mute er als erwachsener Mensch sich ganz hnlichen und
doch ganz andern Gefhlen hingehen. Mancherlei hatte er erfahren und vieles
gelernt; es wre kein Wunder gewesen, wenn er verstndigere Stimmungen in diese
Stunden hineingetragen htte; aber wie die Mutter sich ber die Rckkehr ihrer
Jugenderinnerungen wunderte, so hatte er Grund, sich ber die Rckkehr dieser
Gefhle zu wundern.
    Whrend er beim Licht der Glaskugel die Bltter seiner Bcher umwandte und
von Zeit zu Zeit nach dem Lager der Kranken hinbersah, dachte er daran, wie die
Mutter jetzt wieder sich zum Fortgehen rste, um ihn allein in der Dunkelheit zu
lassen. Wie er sie damals oft mit Trnen bat zu bleiben, so htte er sie auch
jetzt bitten mgen. Oft berkam ihn die groe Angst, die er vor so langen Jahren
gefhlt hatte, wenn die Lampe ausgeblasen, der Tritt der Mutter verhallt war und
der Schlaf ihm nicht sogleich die Augen zudrckte. Er hrte den Schnee am
Fenster rieseln wie damals; wie damals rief der Nachtwchter die Stunden ab, wie
damals flimmerte der Mond durch die gefrorenen Scheiben, wie damals knarrten und
knackten die alten Gertschaften, wie damals regte sich geisterhaft die
nchtliche Welt.
    Wenn die Mutter in solchen Augenblicken schlief, so konnte er sich nur
dadurch aus dem ngstlichen Gewhl retten, da er in den schwierigsten Teilen
seiner Aufgabe so angestrengt als mglich fortarbeitete, und nicht immer gelang
das. Wenn aber die Mutter wachte, so brauchte er nur die Feder niederzulegen und
die treue Hand der Kranken zu nehmen: er bekam dann den besten Trost, den es fr
ihn gehen konnte. Wenn etwas spter Einflu auf seine Handlungen, seine Plne,
seine Ansichten und sein ganzes Leben hatte, so waren es die leisen Worte, die
ihm in diesen Stunden zugeflstert wurden.
    Sieh, liebes Kind, sagte die alte Frau, in meinem schlechten Verstande
hab ich mir immer gedacht, da aus der Welt nicht viel werden wrde, wenn es
nicht den Hunger darin gbe. Aber das mu nicht blo der Hunger sein, der nach
Essen und Trinken und einem guten Leben verlangt, nein, ein ganz ander Ding. Da
war dein Vater, der hatte solch einen Hunger, wie ich meine, und von dem hast du
ihn geerbt. Dein Vater war auch nicht immer zufrieden mit sich und der Welt,
aber nicht aus Migunst, weil andere in schneren Husern wohnten oder in
Kutschen fuhren oder sonsten dergleichen: nein, er war nur deshalb bekmmert,
weil es so viele Dinge gab, die er nicht verstand und die er gern htte lernen
mgen. Das ist der Mnner Hunger, und wenn sie den haben und dazu nicht ganz
derer vergessen, die sie liebhaben, dann sind sie die rechten Mnner, ob sie nun
weit kommen oder nicht - 's ist einerlei. Der Frauen Hunger aber liegt nach der
andern Seite. Da ist die Liebe das erste. Der Mnner Herz mu bluten um das
Licht, aber der Frauen Herz mu bluten um die Liebe. Um das mssen sie auch ihre
Freude haben. O Kind, mir ist es viel besser geworden als deinem Vater, denn ich
habe viel Liebe geben knnen, und viel, viel Liebe ist mir zu meinem Teil
geworden. Er war so gut gegen mich, solange er lebte, und dann hab ich dich
gehabt, und nun, wo ich meinem Anton nachgeh, sitzest du neben mir, und was er
haben wollte, ist dir zuteil geworden, und ich habe dazu geholfen. Ist das nicht
ein glckselig Ding? Du mut dich nicht so sehr hrmen um deine dumme Mutter, du
machst mir sonsten nur das Herz schwer, und das willst du doch nicht, hast es ja
nie getan.
    Der Sohn verbarg sein Gesicht in die Kissen der Kranken; er vermochte nicht
zu sprechen, nur das Wort Mutter! wiederholte er schluchzend; es war aber alles,
was ihn bewegte, darin zusammengefat. -
    Aus dem Hause trat Hans Unwirrsch whrend seines jetzigen Aufenthalts in
Neustadt wenig hervor. Die Nachbarn begrte er alle in der Stube der Base
Schlotterbeck, nur wenig Besuche stattete er ab. Wo er aber erschien, wurde er
freundlich aufgenommen, und der Professor Fackler hielt ihn so fest, da er sich
endlich nur mit Gewalt losreien konnte.
    Der Professor nahm merkwrdigerweise jetzt ein groes Interesse an dem
Doktor Moses Freudenstein und holte den unruhigen Hans auf das genaueste ber
ihn aus.
    Also nach Paris ist der talmudistische Spitzkopf gegangen? Ich sage Ihnen,
Unwirrsch, der Bursch hat mir whrend seiner Schulzeit mehr Verlegenheiten
bereitet, als ich mir habe merken lassen. Wir knnen jetzt darber sprechen;
seine Einwrfe und Schlsse, sein Frage-und-Antwort-Spiel haben mir oft den
hellen Angstschwei auf die Stirn getrieben. Da hie es wahrlich nicht: Credat
Judaeus Apella - dieser hoffnungsvolle Jngling war nicht so leichtglubig! Er
wird mit seinem Appetit nach allen guten Dingen dieser Welt seinen Weg auch
schon machen, Unwirrsch. Ich sage Ihnen, es geht nichts ber den richtigen
Hunger; im Mnchslatein - die Gtter von Latium schtzen uns - wrde man sagen:
Fames - famositas, hehehe! Na, Gott behte Sie, Johannes, und gebe Ihnen Kraft,
das Unglck zu Hause zu tragen. Wir nehmen den innigsten Anteil daran, und wenn
wir Ihnen in irgendeiner Beziehung ntzlich sein knnen, so kommen Sie nur zu
mir oder meiner Frau. Eheu, das menschliche Leben ist trotz aller guten Dinge
ein Jammertal!
    Auf was sich der letzte Stoseufzer so recht eigentlich bezog, bleibt unklar
fr uns, wenn auch nicht fr Hans Unwirrsch, welcher der festen Meinung war, da
er der Krankheit seiner Mutter galt, und tiefgerhrt fr diesmal Abschied von
dem guten Professor nahm. -
    Der Oheim Grnebaum fand in dieser Zeit natrlich zum ftern Gelegenheit,
sich in seiner ganzen Gre zu zeigen. Er ging und kam fortwhrend, und das Haus
in der Krppelstrae war keinen Augenblick vor ihm sicher. Jetzt trat er so
pltzlich in die Tr, da die Kranke erschreckt in ihrem Bett zusammenfuhr,
jetzt verdunkelte sein wrdiges Haupt so pltzlich das Fenster neben Hansens
Arbeitstisch, da Hans jach emporscho von seinem Sitz, um die Erscheinung
anzustarren. Ohne die Base Schlotterbeck wre der Oheim recht lstig geworden,
aber diese sorgliche Seele organisierte zuletzt einen frmlichen Wachtdienst,
und mehr als ein Kind der Krppelstrae war beauftragt, ein warnendes Zeichen zu
geben, wenn der Meister Grnebaum um die Ecke bog. Erschallte der Alarmruf, so
stand auch jedesmal die Base an der Tr, um den Oheim aufzufangen und ihn schlau
heimzuschicken oder ihn unter Umstnden in ihr eigenes Stbchen zu fhren.
Dorthin wurde dann auch Hans beordert, um des Oheims Trstungen und Ratschlge
in Empfang zu nehmen.
    Also es geht ihr noch immer nicht besser? Sehre unangenehm, sehre betrbt!
Aber so geht's in der Welt, und wenn's beim einen auf den schlechten Tabak
ankommt, so liegt's beim andern an der Pfeife. Wir mssen alle dran; - aberst
wie?! Da sitzt nun die Base, eine hinfllige, miserable Perschon, pure Knochen
in einem ledernen Beutel, und wenn Sie's mir nichtbelnimmt, Jungfer
Schlotterbeck, so mu ich sagen, da ich die letzten zwanzig Jahre durch von Tag
zu Tag vermeint habe, da Sie mir ausgehen wird wie 'n Dreierlicht. Aber nun
liegt die Schwester, so doch eine merkwrdig robuste Frau war, auf 'n Tod, und
Sie, Base, Sie glimmt fort, als ob sich das ganz von selbst verstnde, und am
Ende kann Sie auch mir noch nach meinem Tode in die Gassen herumlaufen sehen als
'n Geist in 'nem weien Hemd und mit drei Paar alten Stiebeln unter jedem Arm.
Ich traue Ihr jetzt alles zu. - Ach Gott, Hans, was ist der Mensch? Was hat er
alles auszustehen in seinem Leben!? So groen Hunger -
    Und so sehre groen Durst! warf die Base ein.
    Auch diesen, Jungfer Schlotterbeck! fuhr der Oheim wrdig, aber schon
etwas verschnupft fort. So groen Hunger und - Durst, da kein Engel, der es
nicht probiert hat, es glaubt. Was tut der Mensch, wenn er geboren wird? Er
saugt! Und was tut der Mensch, wenn er in seine verstndigen Jahre gekommen
ist?
    Manchmal sauft er dann! brummte die Base drein.
    Er hungert und begehrt alles mgliche, was zu hoch fr ihn hngt,
schnarrte der Oheim wtend. Wer unbescheiden ist, verdient, nichts zu kriegen;
wer aber bescheiden ist, der kriegt ganz gewi nichts. Da war dein Vater, Junge,
der hatte einen pudelnrrischen Hunger, und einen unbescheidenen dazu; er wollte
ein Schuster und ein Gelehrter zu gleicher Zeit sein. Was ist daraus geworden?
Nichts! Nun ist hier dein lieber Oheim Niklas, der war mit zu groer
Bescheidenheit begabt und wollte nichts als sein tglich Brot -
    Und den Roten Bock und die politische Zeitung! fuhr die Base wieder
dazwischen. Und da er lieber im Roten Bock sa als auf dem Arbeitsschemel, und
da er lieber den Vgeln vorpfiff, als seine Arbeit tat, und lieber den
Postkurier als das Gesangbuch las, so kommt er nun her und fragt, was daraus
geworden ist, und will sich noch wundern, wenn es wiederum heit: nichts!
    Jungfer Schlotterbeck, erwiderte der Oheim, Sie kann jedem Esel
imponieren, nur mir nicht! Fr diesmal habe ich genug von Ihr, und ich wnsche
Ihr einen guten Abend. Da sollte man ja die ganze Krppelstrae verschwren! Geh
hin zu deiner Mutter, Hans, gre sie von mir und bestell ihr meine
Entschuldigung, da ich sie fr diesmal nicht sehe von wegen Aufgeregtheit und
mangelhafte Selbstbeherrschung. Ich bedanke mir, Base Schlotterbeck, fr die
angenehme Unterhaltung und wnsche, wenn's mglich ist, ein sanftes Gewissen und
eine gute Nachtruhe!
    Die Base umgab in dieser traurigen Zeit unsern Hans womglich noch mit mehr
Liebe und sorglicher Aufmerksamkeit als sonst. Das Wunderbare, das sich in ihre
Trstungen mischte, konnte nicht stren. Diese Erscheinungen der Abgeschiedenen,
von denen sie wie von etwas Wirklichem sprach, hatten nichts Schreckhaftes,
nichts Verwirrendes; - stundenlang konnte Hans Unwirrsch sitzen und zuhren, wie
die Base der kranken Mutter von ihren Phantasmen sprach und wie die Mutter bei
mancher Einzelheit nickte und sich an lang Vergangenes und Vergessenes
erinnerte.
    Den guten Meister Anton sah die Base jetzt sehr hufig, und die schlimmsten
Schmerzen der Kranken snftigten sich, wenn die Base von ihm berichtete. -
    Es war ein sehr strenger Winter. Weder die Base noch die Mutter, welche doch
schon so manchen Winter erlebt hatten erinnerten sich eines hnlichen. Wenn Hans
halb gezwungen einen Gang ins Freie machte, um einmal gesunde Luft zu schpfen,
so war es ihm zumute, als werde das alles ringsumher in Ewigkeit so tot, so
starr, so kahl und bleich bleiben, als sei es unmglich da in wenig Wochen die
Bume wieder grn wrden. Mehr als einmal brach er mechanisch einen Zweig ab, um
die fest geschlossenen braunen Blattknospen vorsichtig aufzuwickeln und sich zu
vergewissern, da der Frhling wirklich nur schlafe und nicht tot sei.
    Der Schnee zerflo aber zu seiner Zeit, und die ausgefrornen Wasser brachen
triumphierend ihre Bande. Hans Unwirrsch vollendete seine Arbeiten und legte
eines Abends die Feder nieder, trat leise zu dem Bett der Mutter und flsterte,
indem er sich niederbeugte und sie kte:
    Liebe Mutter, ich hoffe, das ist gelungen.
    Da zog die Mutter mit den beiden kranken Hnden das Haupt des Sohnes zu sich
hernieder und kte ihn ebenfalls. Dann schob sie ihn sanft von sich und faltete
die Hnde. Sie bewegte die Lippen, aber Hans konnte nicht alles verstehen, was
sie sagte. Nur die letzten Worte vernahm er:
    Wir haben es fertiggebracht, Anton! Nun kann ich zu dir kommen! - - -
    Am Anfang des neuen Frhjahrs kam der Sonntag, an welchem Hans seine
Prfungspredigt halten sollte. Es war ein Tag, an dem die Sonne wieder schien.
    Ein Glas mit Schneeglckchen stand neben dem Bett der Kranken, und
feierlicher als heute hatten die Kirchenglocken nie geklungen. Im schwarzen
Chorrock beugte sich der Sohn ber die Mutter, und sie legte ihm die Hand auf
das junge Haupt und sah ihn lchelnd und mit glnzenden Augen an. Tief, tief
blickte Johannes Unwirrsch in diese Augen, die mehr sagten, als hunderttausend
Worte gesagt haben wrden; dann ging er, und die Base und der Oheim folgten ihm.
Die Mutter wollte es so, sie wollte allein sein.
    Da lag sie still und hatte keine Schmerzen mehr. In Gedanken verfolgte sie
ihr Kind durch die Gassen ber den Markt, ber den alten Kirchhof zu der niedern
Tr der Sakristei. Sie vernahm die Orgel und schlo die Augen. Nur noch einmal
ffnete sie sie verwundert und sah nach der Glaskugel ber dem Tische; es war
ihr, als habe dieselbe pltzlich einen hellen Klang gegeben und als sei sie
durch den Klang erweckt worden Sie lchelte und schlo die Augen wieder, und
dann - -
    Und dann? Es kann niemand sagen, was darauf folgte; aber als Hans Unwirrsch
heimkehrte aus der Kirche, war seine Mutter gestorben, und alle, die sie sahen,
sagten, da sie einen glckseligen Tod gehabt haben msse.

                              Dreizehntes Kapitel


Vergeblich hatte die Frau Tiebus, die auch noch lebte, aber lngst ihrer
stumpfen Augen wegen aus einer Hebamme eine Totenfrau geworden war, einen
hartnckigen Angriff auf die Leiche in der Krppelstrae gemacht. Mit Hlfe des
Oheims Grnebaum hatte die Base Schlotterbeck diesen Angriff abgewehrt; sie
hatte es sich nicht nehmen lassen, die sterblichen Reste ihrer alten Freundin
selber zu waschen und mit dem Totenhemd zu bekleiden.
    Die Schreiner hatten die Frau Christine in den Sarg gelegt, und der Sarg war
zugeschlagen worden; an der Seite ihres Gatten hatte die Frau ihre Ruhesttte
gefunden, und es war nun so, wie sie es sich oft, oft vorgestellt hatte, wenn
sie am Sonntagnachmittag nach der Kirche auf dem Kirchhof unter dem Fliederbusch
sa und auf den Hgel sah, welcher den Meister Anton deckte, und auf das
Pltzchen daneben.
    Da war alles in Ordnung, und mehreres andere war ebenfalls so gut als
mglich geordnet. Da in dem rmern Stadtteil von Neustadt augenblicklich niemand
so reich war, um das alte Haus in der Krppelstrae zu kaufen, so wurde es an
einen Maurer vermietet, mit der Bedingung, da die Base Schlotterbeck von dem
Anwesen in jeder Weise als Hausmeisterin anerkannt wurde. Der wenige Hausrat war
entweder verkauft oder dem wackern Oheim Grnebaum zur Nutznieung bergeben
oder von der Base zur Aufbewahrung an sich genommen worden. Unter letztern
Dingen befanden sich alle die Sachen des armseligen Nachlasses, die Hans
Unwirrsch um keinen Preis weggegeben htte und von welchen er jetzt mit fast
ebenso s-schmerzlichen Gefhlen Abschied nahm wie von der Base und dem Oheim.
    Zum andernmal nahm Hans Abschied von Neustadt! Er ging in die weite Welt,
und wann er wiederkam, konnte er diesmal nicht so sicher bestimmen wie damals,
als er zum erstenmal die Berge berschritt, um mit Moses Freudenstein nach der
Universitt zu ziehen. Lngst hatte er eingesehen, da bei jedem Kirchturme, der
aus den Kornfeldern und Obstbumen des Vaterlndchens hervorguckte, lngst ein
Pastor in guter Gesundheit mit seiner Pastorin und wenigstens einem halben
Dutzend Kindern sa, und Hans war nicht der Mann dazu, auch nur in Gedanken den
behaglichen geistlichen Herrn auf seinem eigenen Kirchhof zu begraben und seine
Frau zur Witwe, seine Kinder zu Waisen zu machen. Neidlos zog er an den
fettesten und anmutigsten Pfarren vorber ins Hauslehrertum.
    Zwei Inkarnationen dieses glckseligen Zustandes hatte er durchzumachen, ehe
er zu der dritten, letzten und wichtigsten kam. Von den beiden ersten wollen wir
in diesem Kapitel kurz Bericht geben, von der letzten mssen wir freilich lnger
und ausfhrlicher handeln.
    Die erste Stelle erhielt Hans durch Vermittlung des Professors Fackler. Das
Empfehlungsschreiben desselben fhrte ihn auf das Gut eines Landedelmanns, eines
Herrn von Holoch, wo er sehr gut aufgenommen wurde und wo fr ihn auf die magere
Zeit des Studententums zwei sehr nahrhafte Jahre folgten, in denen sein uerer
Mensch zusehends an Flle gewann zum groen Vergngen der Hausfrau, die sich
selbst eines rundlichen Aussehens erfreute und deren Stolz es war, alles, was
mager ins Hoftor kam, fett wieder herauszulassen. Es war diese Dame noch eine
Gutsfrau vom alten Schlage, die es nicht unter ihrer Wrde hielt, ihren Knechten
und Mgden dann und wann eigenhndig den Brei zu kochen und auszuteilen. In
allen guten Dingen ging sie ihren Haus- und Hofleuten mit dem besten Beispiel
voran, stand frh auf und kroch spt ins Bett, spielte mit dem ersten Verwalter,
dem Pastor und dem Strohmann Whist und hatte nichts dagegen, wenn sich die Hunde
in ihrem Zimmer umhertrieben und auf den Kissen ihres Kanapees ihren
Mittagsschlaf hielten.
    Der Herr des Hauses spielte nicht Whist; aber er war ein gewaltiger Jger
vor dem Herrn, und sein Wald und seine Jagd waren sein hchster Stolz. Ein
Studierzimmer besa er von einem alten, verrckten Vetter her, der auf dem Gut
zu Tod gefttert worden war. An Regentagen verfertigte er darin Fischnetze, in
welcher Kunst er es zu einer groen Geschicklichkeit gebracht hatte; zu anderer
Zeit wurde es von der gndigen Frau zu allerlei wirtschaftlichen Zwecken
gebraucht, und mancherlei wurde darin aufbewahrt, was mit der Wissenschaft und
dem Studium nur in losester Verbindung stand. Als der Kandidat Unwirrsch kam,
wurde es demselben bergeben; und er fand ebenfalls bald, da der Vetter in der
Tat ein hchst origineller Vetter, ein ganz verrckter Vetter gewesen sein
msse: seine auf diesem protestantischen Gutshofe, mitten im nchternen,
verstndigen Norddeutschland zurckgelassene Bibliothek bestand aus lauter
Schriften ber die - immaculata conceptio, und kein Autor in Folio, Quart und so
weiter war darunter, den der Vetter nicht durch die tollsten, seltsamsten und
kuriosesten Randbemerkungen verziert hatte. Eine ungemeine Belesenheit auf
diesem merkwrdigen Felde zeigte der Vetter; sehr sarkastisch und bissig konnte
er sein, aber es gab auch keinen Unsinn in den Bnden, den er nicht durch eine
doppelte Dosis Verschrobenheit berbot. Des Kandidaten Augen, die beim ersten
Anblick der Bcherreihen einen eigentmlichen Glanz erhalten hatten, verloren
diesen Glanz auf der Stelle, nachdem sie die Titel berflogen und in einige der
Bcher hineingeblickt hatten. Wehmtig und enttuscht wandte sich Hans ab;
rotbckig war der Apfel, doch faul war er auch. -
    Aber Hans Unwirrsch war ja auch nicht hierhergerufen worden, um die kitzlige
Frage, die der Welt bereits soviel Kopfzerbrechen bereitet hatte, zu lsen;
seine Aufgabe bestand darin, den Stammhalter derer von Holoch mit den hhern
Kulturanforderungen des neunzehnten Jahrhunderts bekannt zu machen und den
guten, gesunden Jungen zu lehren, was er eben lernen konnte. Mit Eifer unterzog
er sich dieser Aufgabe und unterwies daneben noch ein kleines, ebenfalls sehr
gesundes Frulein in einigen harmlosen Wissenschaften, als da sind Orthographie,
Geographie und dergleichen. Beide Kinder erwiesen sich als dankbare, treuherzige
Schler, und es war recht traurig, da das kleine Mdchen spter in einer
belberatenen Ehe elend zugrunde ging und da der Sohn als Sekondeleutnant in
der Residenz an der Rckenmarksschwindsucht starb, ohne sein Geschlecht legitim
fortzupflanzen.
    Wenn des Vetters bndereiche Bibliothek sich als ein bloes Schaugericht
zeigte, so war dem Herrn Hauslehrer dagegen jetzt Gelegenheit gegeben, sich ein
gutes Stck von der hochedlen Wissenschaft der Landwirtschaft anzueignen, und
der Gutsherr verfehlte nicht, ihn einzuweihen in die hohen und tiefen
Geheimnisse, deren Meister er war. Auch der Pfarrer des Dorfes hielt dem
Kandidaten manche ntzliche Vorlesung ber Feld-, Garten- und Wiesenbau, ber
Vieh-und Kinderzucht, Behandlung der Frau als Gattin und selbstndiges,
eigenwilliges Wesen und sonst alles, was zum christlich-germanischen Hausstand
und Regiment gehrt. Der gute Mann stand arg unter dem Pantoffel, der Gutsherr
nicht weniger, und vieles lernte Hans Unwirrsch, wenn die beiden Herren ber der
Abendpfeife - in Abwesenheit ihrer bessern Hlften natrlich - ihre Herzen
gegeneinander ausschtteten, die junge kandidatliche Unschuld mit naivem
Vertrauen in ihre geheimen Freuden und Leiden einweihten und ihr den reichen
Schatz ihrer Erfahrungen offenbarten.
    Aber nicht weniger vertraut wendeten sich bald auch die beiden Damen in
allerlei kleinen Angelegenheiten, Nten und Intrigen an den Hauslehrer, und oft
flog dieser gleich einem Federball zwischen den beiden Parteien hin und her,
ohne es jedoch im geringsten zu ahnen.
    Es war ein gemtliches Stilleben. Die Verwalter, die sich durch ungeheure
Wasserstiefel vor der brigen Menschheit auszeichneten, waren ehrliche Naturen,
denen man eine kleine Grobheit nicht belnehmen konnte; - es gab auf dem Gute
nur ein einziges Wesen, welches das Vertrauen, das Hans Unwirrsch ihm
entgegentrug, schndlich mibrauchte. Dieses schlechte Wesen war die Mamsell,
die zu den korpulentesten und hlichsten ihrer Art gehrte und in
unverantwortlicher Weise den armen Hans in die allergrte Verlegenheit setzte,
indem sie sich heftig in ihn verliebte. Groes Leiden brachte sie ber den Herrn
Hauslehrer; aber nachdem sie an einem heien Mittage in der Grnenerbsenzeit den
Versuch gemacht hatte, die Ophelia in einem stehenden Gewsser, welches die
Gutsbewohner euphemistisch einen Teich nannten, in welchem aber kein Huhn
ertrinken konnte, zu spielen, mute sie den Hof verlassen, nachdem sie von zwei
Knechten aus dem Sumpf hervorgezogen worden war und sich gewaschen hatte. Ihre
Nachfolgerin nahm sich entweder ein gutes Beispiel daran oder war bereits ber
solche Versuchungen hinaus: sie strte den Frieden nicht. Wie aber der Prinzipal
und leider auch der Herr Pastor die Geschichte ausbeuteten, wollen wir nicht
beschreiben, um die Gefhle der Leserin zu schonen.
    Zwei Jahre Hauslehrertum sind eine Zeit, in der man manches lernen, erfahren
und vergessen kann. Hans Unwirrsch lernte in ihnen, sein Leben bis zum Tode der
Mutter wie einen schnen, stillen Traum zu betrachten, an dessen Einzelheiten
man sich whrend der Arbeit des Tages mit wehmtiger Lust erinnert; er erfuhr,
da es sehr viele und sehr verschiedenartige Menschen in der Welt gibt, und er
verga vollstndig, da er einmal einem Leutnant Rudolf Gtz begegnet war, der
seine Nichte von Paris abgeholt hatte und sie an vornehme Verwandte in der
groen Hauptstadt abliefern wollte.
    Im zweiten Jahr von Hans Unwirrschs Aufenthalt auf dem Gut des Herrn von
Holoch erschien daselbst eine reiche Erbtante, auf welche die Familie viel
Rcksicht zu nehmen hatte. Diese Dame war ebenso hager, wie jene entsetzliche
Haushlterin wohlbeleibt war, und der arme Hans mifiel ihr in demselben Grade,
wie er der Mamsell gefallen hatte. Diese Dame war ebenso gebildet, wie sie hager
war, und erklrte den Herrn Hauslehrer fr einen unpolierten Tlpel, der selbst
nicht erzogen sei und darum vollstndig der Berechtigung ermangele, andere zu
erziehen. Sie examinierte nicht nur den Junker Erich, sondern auch den
Kandidaten Unwirrsch, und dies Examen fiel freilich sehr klglich aus. Gegen
alles Achselzucken, Gebrumm und Geseufz des wackern Gutsherrn, gegen alle
Einwendungen der braven Gutsfrau, welche mit ihrem Hauslehrer und seiner
Erziehungsmethode sehr wohl zufrieden waren, behauptete sie energisch ihren
Standpunkt; und da von ihrer Gnade und Ungnade viel fr den Junker Erich abhing,
so kam Hans Unwirrschs Aufenthalt auf Bocksdorf pltzlich zu einem betrbten
Ende. Die Erbtante nahm es auf sich, den Junker Erich in der kleinen Residenz,
wo sie eine ziemlich groe Geige spielte, zum Edelmann der Zukunft ausbilden zu
lassen; der Kandidat Unwirrsch erhielt die Erlaubnis von ihr, sich nach einer
neuen Stellung umzusehen. Er erhielt eine solche vermittelst eines
Zeitungsinserates bei einem wohlhabenden Fabrikanten, welcher im Magdeburgschen
irgendeinen belriechenden Stoff fabrizierte, den man wieder in andern Fabriken
zur Herstellung anderer Fabrikate sehr notwendig gebrauchte.
    Die Stunde des Abschieds kam; der Herr von Holoch schob seine Fuchsmtze hin
und her und seufzte:
    Und es wre doch besser gewesen, wenn ich die alte Schachtel htte abziehen
lassen und nicht Sie, Herr Kandidat. Gott behte Sie, Sie sind ein wackerer
Kerl, und wir werden Sie sehr vermissen. Ohne meine Frau htte die Alte ihren
Willen auch nicht durchgesetzt; aber - die Weiber, die Weiber! O Unwirrsch,
darber knnen Sie noch nicht mitsprechen; aber wenn Sie's gelernt haben, so
denken Sie an mich!
    Mit aller Gewalt wollte der gute Herr dem abziehenden Hans eine
Lieblingsjagdflinte zum Angedenken aufdringen und konnte durchaus nicht
begreifen, weshalb ein Kandidat der Gottesgelahrtheit eine verwunderungswrdige
Figur spiele, wenn er als bewaffneter Mann also durch die Welt ziehen wolle. Die
schnen Pantoffeln, die das kleine Frulein ihrem Lehrer zum Abschied gearbeitet
hatte - auf jeden derselben war ein Hase gestickt - ' nahm er mit Dank an und
war sehr gerhrt darber. Sehr gerhrt war auch die gndige Frau, welche einen
groen Sack mit Lebensmitteln und Delikatessen fr den Abziehenden fllte und
ihm mit fast mtterlicher Sorge allerlei gute Ratschlge und Gesundheitsregeln
mit auf den Weg gab. Das Pastorenhaus fhlte den Abschied bitter, das ganze Dorf
Bocksdorf schien teil daran zu nehmen; sogar die Hunde des Gutshofes zeigten
sich sehr aufgeregt und umschnffelten und umwedelten mit klglichem und
ausdrucksvollem Winseln den Proviantsack; auch der Junker, der sich doch schon
mit halbem Geist im Kadettenhaus befand, vergo einige Trnen.
    Der Gutsherr selber fuhr den scheidenden Hausgenossen ein gut Stck Weges
bis hinein in die goldene Au. Dort in einem lustigen Wirtshaus bestellte er noch
ein groartiges Mahl, und wenig fehlte daran, da candidatus theologiae Hans
Unwirrsch sich einen kleinen Rausch zeugete. Dann kam die Post herangerasselt,
und der Schwager blies: Frisch auf, Kameraden. Der Herr von Holoch, der nunmehr
einen wirklichen und wahrhaftigen kleinen Rausch hatte, nahm noch einmal
Abschied in frhlicher Rhrung und schrie noch aus dem Fenster dem Wagenmeister
nach, ja recht achtzugeben auf den jungen Menschen und das unerfahrene Wort
Gottes. Hans Unwirrsch aber fuhr dahin und fiel, wie sehr er sich auch dagegen
wehren mochte, in einen unruhigen Schlaf, in welchem ihm trumte, da er von der
gndigen Tante in die Bibliothek des Vetters auf ewige Zeit eingesperrt sei, um
sich die Bildung, die ihm fehlte, daraus anzueignen.
    Ein Stck Weges auf der Post - ein Stck Weges auf der Eisenbahn - ein Stck
Weges auf einem Feldwege: damit ging der Tag hin, und es kam der Abend heran.
    Auf dem Feldwege zog Hans zu Fu neben einem Karren her, der sein Gepck
trug, und da er mit dem elenden Gaul, welcher den Karren zog, Schritt halten
mute, so hatte er Mue, sich gehrig zu sammeln und sich auf alles Gute und
Bse, was ihn an seinem neuen Aufenthaltsort erwartete, vorzubereiten.
    Mancherlei Omina sandten ihm auch diesmal die Gtter. Es flog ein Rabe zu
seiner Rechten, es lief wiederum ein Hase ber den Weg, es begegnete ihm nicht
ein altes Weib, sondern zwanzig kamen ihm entgegen. Eine Glcksspinne kroch ber
seine Hand, und als der Blaukittel, der zu der Mhre gehrte, endlich mit dem
Peitschenstiel eine Rauchwolke als Kohlenau bezeichnete, mute der Wandrer
niesen, was bei Heiden und Christen als ein glckliches Zeichen gilt, aber in
diesem Fall, da der Qualm schuld daran war, doch auch sehr bedenklich erscheinen
konnte. Alles in allem genommen, machte der schwarze, hohe Schornstein inmitten
der Dampfwolke keinen angenehmen Eindruck auf Hans, und die Aschenhaufen zu
beiden Seiten des Weges, welcher ebenfalls immer schwrzer wurde, schienen ihm
nichts zur Erhhung des landschaftlichen Reizes beizutragen.
    An einer langen Mauer lief der Weg jetzt hin zu einem weiten Tor; - Hans
Unwirrsch war an seinem neuen Aufenthaltsort angelangt. Alles war auf dem Hofe
an seinem rechten Flecke, und das Wohnhaus des Fabrikanten, welches links von
dem Fabrikgebude mit demselben einen rechten Winkel bildete, hatte Fenster und
Tren, wie es sich gehrte; mehr lie sich aber auch nicht darber sagen.
    Die Wolken, die sich den ganzen Nachmittag ber immer mehr zusammengezogen
hatten, lieen sich jetzt leise und feucht zur Erde herab. Schwarze Gestalten
liefen ber den Hof des Geschftsanwesens; aus Rhren, die aus den Mauern der
Fabrik guckten, zischte weier Dampf; in dem Wohnhause wurde auf einem
Fortepiano etwas Musik gemacht, doch nicht ausreichend, um eine helle Stimme zu
bertuben, welche sich sicherlich einbildete, angenehm zu sein. Auf den
Treppenstufen der Haustr drngten sich drei bld aussehende Knaben, smtlich
mit den Zeigefingern im Munde, zusammen, und mit wahrem Przeptorblick erkannte
Hans in ihnen sogleich seine Zglinge. Dann trat ein Herr hervor, welcher statt
des Zeigefingers eine Zigarre im Munde hatte und sich durch einen roten Fes mit
blauem Quast glnzend und vorteilhaft von der in Grau und Schwarz getuschten
Umgebung abhob; dieser Herr winkte dem Kandidaten, nher zu treten, und forderte
ihn etwas kurz auf, nicht in dem Regen stehenzubleiben; es blieb kein Zweifel
brig, da dies der Mann war, der einen Hauslehrer fr hundertundfnfzig Taler
bar und eine angenehme und freie Station gesucht hatte.
    Hans Unwirrsch fand, da er sich wirklich auch in dieser Vermutung nicht
getuscht hatte. Er wurde etwas steif, aber nicht unfreundlich aufgenommen und
den Damen des Hauses vorgestellt. Nicht die Hausfrau, sondern die Schwgerin der
Hausfrau gab sich hold-verschmt als die musikalische Verbrecherin zu erkennen;
die Hausfrau, eine sehr stmmige Dame, erklrte die Musik fr ihre schwchste
Seite und verletzte ihre Schwgerin durch die Bemerkung, da sie nie begriffen
habe, wie ein Frauenzimmer, welches schon so lange ber das Tanzen hinaus sei,
sich aus so was noch was machen knne.
    Recht real zeigte sich somit die Hausfrau und stach um so vorteilhafter von
der Schwgerin ab, welche auf den lieblichen Ruf Frulein ging und dazu den
Namen Eleonore fhrte; Frulein Eleonore schwrmte fr das ganze brige Haus mit
und fabrizierte Gefhle, Trume, Trnen und Seufzer weit ber den Bedarf hinaus.
    Kalt und klar stand der Herr der Erwerbsanstalt als ein unstreitig sehr
ntzliches Glied der groen menschlichen Gesellschaft inmitten seiner schwarzen,
dampfenden, zischenden, chzenden, knarrenden, geschftigen Welt. Auch er hielt
den Lrm seiner Maschinen fr die beste Musik, und in bezug auf Poesie hatte er
abgeschlossen mit einem Buch der Toaste und Gelegenheitsgedichte, das er als
lebenslustiger Kommis und junger Snder erstanden hatte. Jetzt war die Zeit
lngst vorber, wo es ein Genu war, durch witzsprhende Improvisationen und
geistreiche Trinksprche zu glnzen. Stumm trank er jetzt sein Glas aus, und
stumm fllte er es wieder, und seine Geschftsfreunde achteten ihn deshalb nur
um so hher.
    Kurz und bndig setzte er dem Kandidaten Unwirrsch auseinander, was fr
Leute er aus seinen Shnen zu machen wnsche.
    Gute Geschftsmnner sollen sie werden, sagte er, aber bis sie alt genug
sind, um in die Lehre genommen zu werden, wird's nichts schaden, ihnen ein wenig
von dem, was ihr Herren die Humaniora nennt, beizubringen. Die Zeit schreitet
mchtig fort, und wir Kaufleute und Fabrikanten haben uns wahrhaftig nicht ber
sie zu beklagen; sie nimmt uns gern mit, wenn wir nur wollen. Der Mensch mu
sich jetzt in mehr Dingen zurechtfinden lernen als in unserer Vter Tagen - also
trichtern Sie nur, Herr Przeptor, trichtern Sie! Ich will schon Halt rufen,
wenn ich denke, es ist genug und die edlern Organe werden unter Wasser gesetzt.
Die Praxis ist doch die Hauptsache -
    Und davon versteh ich leider wenig, sehr wenig, sagte Hans mit einer
Vornehmheit, welche ihm Moses Freudenstein gewi nicht zugetraut haben wrde.
    Der Fabrikant lachte und klopfte ihn auf die Schulter. Dafr hab ich Sie
auch nicht engagiert. Setzen Sie nur Ihren Trichter an, lieber Herr, und fllen
Sie auf; - Bildung ist eine schne Gegend, und etwas Latein kann gar nicht
schaden. Wissen Sie, es gibt so viele Fremdwrter in der Welt und dergleichen.
Latein ist auch eine sehr schne Gegend und gar nicht zu verachten, aber immer
mit Ma, immer mit Ma. Na, trichtern Sie nur, ich will die Augen schon
offenhalten.
    Hans Unwirrsch zuckte die Achseln und fing an zu trichtern und lie es
sich sauer werden, die hundertfnfzig Taler sowie die freie und angenehme
Station durch die Allotria, die er lehren konnte, zu verdienen. ber seine
Zglinge hatte er sich brigens nicht zu beklagen; es waren aufgeweckte, muntere
Knaben, welche schnell auffaten und begriffen. Die materielle Verpflegung in
diesem Hause lie auch wieder nichts zu wnschen brig, und der Fabrikant gab
der Nachbarschaft sehr stattliche Mittags- und Abendmahlzeiten, von denen der
Hauslehrer nicht ausgeschlossen wurde. Die Hausherrin konnte grob sein, wurde
aber eigentlich doch nie beleidigend; Eleonore war zart, betrachtete aber doch
nicht jedes mnnliche Wesen als einen Stamm, der es ruhig dulden msse, wenn er
mit Lianenarmen umrankt werde. Jeder tat pnktlich seine Pflicht, man stand frh
auf und ging frh zu Bett; man ghnte nur am Abend nach getaner Arbeit, wenn man
das Recht dazu hatte.
    Was die Gegend anbetraf, die der Prinzipal ebenfalls eine schne nannte,
so hatte Hans Unwirrsch noch niemals eine so platte gesehen, und man konnte
nicht sagen, da die Neuigkeit eines solchen Anblicks einen groen Reiz fr ihn
gehabt htte. Die Aussicht blieb berall dieselbe, man sah von jedem Standpunkt
aus zwei oder drei Drfer, zehn bis zwanzig hohe Schornsteine, zehn bis zwanzig
Windmhlen und hie und da einige zerrissene Fichtenbestnde. Kornfelder gab es
wenige; aber sehr schne Zuckerrben wuchsen bis ber den fernsten Horizont
hinaus, trugen jedoch auch nichts zur Verschnerung der Landschaft bei. Auf
engen Pfaden wandelte zwischen dieser nutzbringenden Vegetation der, welcher
spazierenging, und nichts in der Nhe und nichts in der Ferne hinderte ihn, sich
geistig in die wundersamsten paradiesischen Gegenden der Erde zu versetzen; wenn
der Unglckliche Phantasie besa, so hatte sie den weitesten Spielraum, sich zu
entfalten.
    Schwer sank das Leben auf Hans Unwirrsch herab. Er erwachte des Morgens und
verwunderte sich gar nicht, alles noch auf seiner Stelle zu finden. Er, der
immer in der Einsamkeit und Stille gelebt hatte, fing an, hier wie ein lebendig
Begrabener zu leiden; Ketten, von deren Existenz er bis jetzt keine Ahnung
gehabt hatte, fhlte er nun an Hnden und Fen, und ihr Geklirr fing an, ihn in
tiefster Seele zu ngstigen. Wenn er sein unruhig Herz aus den schwarzen Mauern
der Fabrik auf die Feldwege trug, schritt er, der sonst die Kunst des
Schlenderns aufs hchste ausgebildet hatte, so hastig hin, als ob er einem
Gefngnis entflohen sei und die Verfolger hinter sich hre. Mehr als je dachte
er jetzt wieder an den verschollenen Moses, und allerlei bunte Phantasien ber
das Los, welches diesem zuteil geworden sein mochte, kamen ihm in den Sinn.
Wunderliche Ideen und Wnsche kehrten jetzt seltsamerweise in verdoppelter
Strke wieder. Vergebens suchte er dieselben zu bekmpfen, vergebens sagte er
sich tglich vor, da er mit ihnen eigentlich schon vor langen, langen Jahren in
dem Hause des Kanzleidirektors Trffler in seiner Vaterstadt gebrochen habe; -
sie waren immer wieder da und lieen sich nicht so leicht vertreiben wie damals,
als Hans noch mit Moses Freudenstein auf die Schule ging. Seltsam war's in
Hinsicht auf Hans, doch kein Wunder berhaupt, da diese Wnsche nach einer
freiern, weitern, schnern Welt sich regten. Es mute so herrlich sein und so
nutzbringend, inmitten eines strebenden Gewhls der Intelligenzen zu leben. Dort
allein, wo alle Grade und Schattierungen der menschlichen Gesellschaft auf dem
Kampfplatz vertreten waren, in den groen Stdten, konnte man den Menschen und
das, was ber dem Menschen ist, erst recht erkennen lernen. In der de und
Abgeschiedenheit lernte Hans Unwirrsch seinen Freund Moses begreifen; aber die
Maschen des Netzes, welches ihn gefangenhielt, lagen dicht und unzerreibar um
seine Glieder, und je mehr er zappelte, desto erstickender zogen sie sich um ihn
zusammen. In diesem Netze ttete ihn fast der Hunger. Er konnte seine Stellung
nicht verlassen. Durch einen guten, sichern Kontrakt hatte ihn der Prinzipal auf
drei lange Jahre gebunden, und nur er - der Prinzipal - konnte diesen Kontrakt
aufheben. Trichtern mute Hans Unwirrsch, wenn nicht die Gtter sich ins Mittel
legten und ihn aus der selbstverschuldeten Knechtschaft erlsten. Da dieses
geschah, mute der Befreite fr ein hohes Glck nehmen, obgleich es die Folge
sehr trauriger Ereignisse war.
    Es brach in der Gegend gegen Mitte des Herbstes eine bse Krankheit aus, die
viel hnlichkeit mit dem Hungertyphus hatte. Sehr viele Leute starben daran,
sehr viele trugen ein lebenslngliches Siechtum davon, und sehr, sehr viele der
berlebenden fanden sich, wenn die Leichen aus den Husern geschafft waren, in
der drckendsten Not und Armut. Auch der rmste Mensch kann zuletzt den Hunger
und die Sorge nicht mehr ertragen, und leider macht er dann keine schriftlichen
Eingaben an die Behrden, sondern er schlgt mit der Faust an die Tr der Leute,
welche noch etwas zu essen haben. Letzteres geschah denn auch diesesmal an
dieser Stelle. Das Murren des Arbeitervolkes wurde zur Meuterei; man demolierte
ein wenig und warf sehr viele Fenster ein, man sprach davon, da es ntzlich
sein wrde, verschiedene Leute lebendig zu braten. Aus der nchsten
Garnisonstadt rckte natrlich eine Infanteriekompanie heran, um die Ruhe
wiederherzustellen, Es kam zu einem Zusammensto; drei der unglcklichen
Fabrikler wurden erschossen, mehrere erhielten Schu- und Stichwunden. Die arme
Eleonore lag tagelang in den bsesten Krmpfen; aber die Prinzipalin schnob Wut,
wie jene sanfte Agnes, die nach der Ermordung des Kaisers Albrecht des Ersten
das Kloster Knigsfelden baute, nachdem ihr das Blut der Unschuldigen bis an die
Waden gestiegen war. Auch der Prinzipal war sehr erbost, und mit ihm geriet Hans
jetzt auf eine Art aneinander, welche die Lsung des Kontraktes, die Kndigung
desselben auf Ostern zur Folge hatte. Es war aber auch dem Prinzipal nicht zu
verdenken, wenn er mit einem Menschen, der in Betracht solcher Vorkommnisse
solche zugleich abgeschmackte und schndliche Ansichten offenbarte, nicht lnger
unter einem Dache leben wollte. Aber es war schon recht - was konnte man von
solch einem Hungerleider von Hauslehrer anders erwarten, als da er die Partei
der Hungerleider nehme? Wie konnte das eine eigene Meinung haben, selbst -
wenn es darum gefragt wurde?
    Einen trbseligen Winter verlebte Hans Unwirrsch. Vergeblich bot er wiederum
seine Dienste in den Zeitungen an, vergeblich schrieb er an die wenigen
Bekannten, welche er besa. Es war, als ob die Welt frs erste vollstndig mit
Przeptoren versorgt sei - auf die Anerbietungen antwortete niemand, und die
Bekannten wuten auch keinen Rat. Dazu war groe Ebbe in der Kasse des
Kandidaten. Wo soviel Elend ringsumher die Hnde ausstreckte, da konnte Hans
Unwirrsch nicht die Taschen zuknpfen. Er gab, was er hatte, und behielt kaum
etwas Nennenswertes fr sich selber brig. Ein Proletarier, wandelte er unter
den Proletariern, und die Felder waren kahl, und Schnee lag in den Furchen, und
graue Nebel verhingen den Horizont nach allen Seiten. In den Nebel, in welchen
Hans aus dem Bodenfenster seines vterlichen Hauses hineingesehen, war er nun
wieder ein gut Stck Weges weiter hineingeschritten, immer hatte er vor sich den
hellen Schein erblickt, der vor dem einzelnen nicht weniger herschwebt als vor
dem Volk auf dem Marsche. Die Feuersule, die vor dem Zuge Israels wandelte, die
glubige Hoffnung hatte bis jetzt auch den armen Kandidaten geleitet; aber
nunmehr gab es Augenblicke, in denen sie erloschen schien, Augenblicke, in
welchen er auf gut Glck nach allen Seiten hin im Dunkeln und vergeblich
umhergriff.
    Seine Stellung in dem Hause seines jetzigen Brotherrn wurde von Tag zu Tag
unertrglicher, und es wurde Februar, ohne da sich ihm eine freundlichere
Aussicht erffnet htte. Aus der Heimat schrieb der Oheim Grnebaum gar kuriose
Klagebriefe, und die Base Schlotterbeck litt an den Augen und konnte nicht
schreiben. Die beiden alten Leute waren auch hart bedrngt, und von Neustadt aus
hatte Hans keine Hlfe zu erwarten, und Frost konnten sie ihm auch nicht geben.
    Wir haben von den Fichtenholzungen gesprochen, welche hie und da die
Einfrmigkeit der Ebene unterbrachen. Eine derselben war das gewhnliche Ziel
der Spaziergnge des Hauslehrers. Wenn die Sonne schien und wenn kein Schnee
lag, so schritt man dort mitten im Winter wie in einem wunderlich guterhaltenen
Stck Frhling. Kein entbltterter Laubholzbaum strte die Tuschung; aber auch
kein singender Vogel vervollstndigte sie. Eine Landstrae lief durch dieses
Gehlz, und auf dieser Landstrae trabte das Geschick in der Gestalt eines
ltlichen, schnauzbrtigen, etwas rotnasigen Reiters heran, whrend Hans
Unwirrsch in bangem, wehmtigem Sinnen auf einem Stein am Wege sa und keine
Ahnung davon hatte, wie nahe die Wendung seines Schicksals sei.

                              Vierzehntes Kapitel


In so tiefe Gedanken war Hans Unwirrsch versunken, da er von dem sich nahenden
Hufschlag nichts vernahm. Um so erschreckter fuhr er empor, als der Reiter
seinen Gaul dicht vor ihm anhielt und den Trumer mit einem lauten Hallo
begrte.
    Holla, mein Shnchen, sind wir es denn wirklich? Sitzen wir denn leibhaftig
auf dem Stein am Weg wie ein Schneider mit Leibweh? Wacht heraus! Prsentiert 's
G'wer! Trrrrrrbumbum; guten Abend, Herr Kandidate, ich bin's!
    Mit weitaufgerissenen Augen stand Hans da, ohne doch recht zu wissen, wer
sich da so sehr verwunderte, ihn hier unter den Fichten zu treffen. Der Reiter
tat auch nichts, den Armen aus seiner Verwirrung zu reien, auer da er ihm
fortwhrend lchelnd oder vielmehr grinsend in das Gesicht sah. Die Mhne seines
Pferdes legte er dabei gemtlich zurecht, und erst als er damit fertig war und
nun eine hnliche Handhabung mit seinem Schnurrbart begann, ging dem Hauslehrer
ein Licht auf.
    Das war ja der alte Herr aus dem Posthorn zu Windheim! Es war kein Zweifel,
das war jener alte Herr, der so gern Punsch trank und jene junge, liebe Dame in
Trauerkleidung zu den Verwandten bringen wollte! Das war der alte Herr, welcher
Moses Freudenstein in Paris gesehen hatte und so schlecht von ihm sprach! Es war
kein Zweifel! Kein Haar fehlte in dem langen Schnurrbart, kein Knopf an dem bis
zum Hals zugeknpften, langen, etwas schbigen Rock!
    Er mute auch wohl merken, dieser alte Herr, da es in der Erinnerung des
Theologen klar wurde; denn er rstete sich zum Absteigen und sagte:
    Na, rcken Sie nur zu auf Ihrem Steine; ich bin's wirklich, und - hier bin
ich.
    Er war abgestiegen und schttelte dem Kandidaten die Hand:
    Guten Abend, Schwarzrock; man sagt wohl: was sich liebt, das trifft sich;
aber zuweilen trifft sich auch das, was einander braucht. Rcken Sie zu auf dem
Stein, und du, alte Mhre, halt dich ruhig, ich habe mit diesem Jngling einige
Worte zu reden. Angenehmes Biwak hier, wenn die Sonne darauf scheint; man sollte
den grauweien Klumpen dort im Graben kaum noch fr Schnee halten; - also, Sie
suchen eine Stelle, Herr Johannes Unwirrsch, Kandidat der Theologie?
    Wiederum zeigte Hans alle Zeichen der Verwunderung und des Staunens, und
dazu murmelte und stotterte er, da er nicht wisse, da er nicht begreife, da
er nicht imstande sei, kurz, da ihn diese Begegnung und diese Frage im hchsten
Grade berrasche.
    Gott, was fr Augen kann deine Eule machen! rief aber der Leutnant Gtz,
der jetzt ein zerknittertes Zeitungsblatt aus der Brusttasche zog. Steht es
hier nicht unter Butter, Kse, verlaufenen Hunden und ehrlichen Findern? - Hier
- ein junger Mann in den besten Jahren sucht auf diesem Wege eine Lebens - -
nein, das ist eins von den verfluchten Heiratsgesuchen! aber hier, was steht da
schwarz auf wei?
    Der Leutnant hielt dem Kandidaten richtig sein Inserat unter die Nase, und
Hans bekannte, da er der Johannes Unwirrsch sei, welcher eine Stelle als
Hauslehrer wohl gebrauchen knne.
    Und jetzt habt Ihr hchstwahrscheinlich schon sechs fr eine gefunden, und
ein, zwei Dutzend junge, reiche Witwen mit nur einigen Unmndigen reien sich um
Euch, und Ihr habt der jngsten geschrieben, da Ihr zu Ostern kommt - he,
Pffflein?!
    Hans Unwirrsch erklrte halb entrstet, halb klglich, da weder eine junge
noch eine alte Witwe noch sonst wer nach seinen Dienstleistungen Verlangen
getragen habe, da die Sache ihm brigens durchaus nicht lcherlich vorkomme.
    Und so sitzen Sie denn hier an der Landstrae und warten auf die Gte
Gottes? Das ist recht von Ihnen, das gefllt mir! - Wer wei, was alles zwischen
Sonnenaufgang und - untergang hier vorberkommen kann!
    Habe ich Sie doch getroffen, Herr Leutnant, antwortete Hans. Ich habe es
nicht vergessen, da Sie einst so freundlich gegen mich waren. Oft habe ich an
jenen Abend, Sie und Ihr Frulein Nichte gedacht.
    So?! sagte der Leutnant. Ei! Hm! - Nun, ich denke Ihnen beweisen zu
knnen, da auch ich Sie nicht vergessen habe; aber zuerst mchte ich Ihnen gern
eine Frage vorlegen. Haben Sie etwas dagegen, mir zu erzhlen, wie es Ihnen seit
jenem Abend, wo wir zuerst die Fe unter einen Tisch stellten, ergangen ist und
wie Sie leben? Offen gestanden, Sie sehen mir aus, als ob es jetzt nicht weniger
als damals in Ihre Suppe regne, Erzhlen Sie! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da
ich im Grunde augenblicklich ebensowenig zum Scherz aufgelegt bin wie Sie.
    Hans Unwirrsch sah dem alten Herrn ins Gesicht und fand, da wohl etwas
Wahres an der letzten Behauptung desselben sein mge. Da er brigens auch jetzt
noch nichts in seinem Leben zu verbergen hatte, so besann er sich nicht lange
und gab heute Bericht darber wie einst im Posthorn zu Windheim. Er erzhlte
alles, was man bereits wei, und der Leutnant hrte aufmerksam zu, ohne ihn nur
ein einziges Mal zu unterbrechen; aber es war, als ob er sich vorgenommen habe,
seinen jungen Bekannten aus einer Verwunderung in die andere zu strzen; denn
als Hans endlich zu Ende war mit der Aufzhlung seiner Erlebnisse, schlug ihn
jener mit groer Gewalt auf das Knie und rief:
    Vortrefflich! Ausgezeichnet! So mute es kommen! Also es geht Ihnen
miserabel? Na, das freut mich unendlich. Geben Sie mir Ihre Hand; - also es geht
Ihnen hundsbel? Das ist mir eine wahre Beruhigung! Kandidate, ich habe eine
Stelle fr Sie!
    O Herr Leutnant...
    Ruhe im Glied! Sie verwundern sich, und das nicht ohne Grund. Auch mir
kommt es jetzt noch verwunderlich vor, da wir zwei beide hier auf diesem
verflucht khlen Stein sitzen und einander so ntig haben wie die liebe Luft. Es
ist keine kuriose Geschichte, da wir einst im Posthorn zu Windheim
zusammensaen, und es ist keine kuriose Geschichte, da ich spter mit keinem
Gedanken an den jungen Pfaffen, der mir damals seine Geschichte ber einem Glase
Grog erzhlte, gedacht habe; aber eine kuriose Geschichte ist's, da ich vor
acht Tagen in Kummer und Sorge im Russischen Hof in ** sitze und denke an das
arme Mdel - dummes Zeug, und denke an den langen Theodor, das heit meinen
Herrn Bruder, den Geheimen Rat, und wie er fr seinen Jungen einen Przeptor
sucht, unverdorben, demtig und in der Furcht des Herrn, ergeben der Gebieterin,
der Grfin von Savern, welches sagen will, da auch meine Schwgerin nicht
allzuviel an ihm auszusetzen finde. Sitze da und sehe durch den Rauch meiner
Pfeife die Welt so erbrmlich und jmmerlich, wie man nur wnschen kann, an und
denke, da die Billardkugeln besser dran sind als die Menschen, die sich auch
von allen mglichen Tlpeln und Lmmeln umherstoen lassen mssen, aber mit
Gefhl. Ich zerreibe mir die Stirn, doch es will kein vernnftiger Gedanke
heraus. Herrgott, meine ich, Rudolf, du alter Knabe, du bist doch mit vielen
Menschen in der Welt zusammengekommen: existiert denn keine einzige Kreatur auf
dem ganzen Erdhoden, welche du - dahin - schicken knntest, da das arme Kind -
- - na ja, hier ist der Wisch! Ich gucke erst hinein, um meinen rger
vollzumachen; und dann ist's mir, als ob mich jemand mit der Nase aufs Blatt
stoe und sage: Da! Hrst du's, alter Schwede, was sagst du nun? Was sagst du zu
der Etappenstrae? - Johannes Unwirrsch! - Will eine Stelle als Hauslehrer
haben! - Ich stlpe meinen Gedchtniskasten um - da ist's, und - hier bin ich.
Ich fahre noch in derselben Nacht auf der Eisenhahn nach **, marschiere nach
***. Dort miete ich diese vierbeinige Schwindsucht und reite vor den Goldenen
Schnabel in dem Nest, dessen Kirchturm dort hinter dem Wald zu sehen ist! Da
mache ich Quartier und rekognosziere wie ein Ltzower: Kohlenau? Richtig, es
gibt es hierherum. Kohlemeier? Schon recht, so heit der Kerl beim Schornstein.
Kandidatus Johannes Unwirrsch? Denke ich, das alte Weib in der Wirtsstube wird
verrckt bei dem Namen; alles andere Gesindel spitzt die Ohren und drngt sich
heran. Nun geht's los; ich mu schne Geschichten hren: - - - da hast du
nochmals meine Hand, mein Junge; ich mache dir meine Honneurs von wegen des
sen Duftes, welchen du in dieser Gegend von dir gelassen hast. Ich lasse mir
den Burschen, der allhier in so gutem Geruch steht, genau beschreiben, und das
Konterfei trifft mit dem Schwarzrock aus dem Posthorn aufs beste zusammen. Da
sattle ich wieder, und ich habe nur noch die Angst, da das Nest schon
ausgenommen ist und mein Vogel in einem fremden Kfig sitzt; dort komme ich um
die Ecke und gucke auf und sehe was Schwarzes am Weg hocken. Sollte dir der
liebe Gott so wohlwollen, da du das Geschft schon hier abmachen kannst? fhrt
mir durch den Sinn und richtig, es ist so - er ist es. Und trotzdem da er
wiederum aussieht wie die Klagelieder Jeremi, ist mir sehr wohl zumut, und nun,
Kandidate, tun Sie einem alten, herrenlosen Hunde und heimatlosen Bettelmann
seinen Willen und schreiben Sie an den Geheimen Rat Gtz - Hochwohlgeboren - und
vergessen Sie nicht, auf den Brief Amtssache zu setzen und das Wort zu
unterstreichen, von wegen - a hm - von wegen der Schwgerin und der Kleophea.
Schreiben Sie dem Mann, ich htte Sie empfohlen. Hier ist die vollstndige
Adresse; schreiben Sie gleich, wenn Sie nach Haus kommen. Sie werden jedenfalls
bald Antwort erhalten; auch ich werde von mir hren lassen, und somit ist alles
gesagt, was augenblicklich zu sagen war. Lassen Sie sich noch einmal ansehen,
geben Sie mir noch einmal Ihre liebe Hand, und nun - leben Sie wohl und bleiben
Sie gesund, Ihr Sie liebender Rudolf Gtz, Leutnant auer Dienst, und so
weiter.
    Aber ich wei ja eigentlich noch gar nicht -
    Schreiben Sie an den Rat, da Sie Hans Unwirrsch heien und eine Stelle als
Hauslehrer suchen.
    Aber Herr Leutnant -
    Man merkt doch, da es noch nicht vllig Frhling ist. Da, sehen Sie,
lieber Junge, eben nimmt die Sonne dort von der hchsten Fichte Abschied; es ist
zu Ende fr heute, und mein Rossinante wird auch ungeduldig. Wohlauf, Kameraden,
wohlauf aufs Pferd! Herrgott, wie ist dem Menschen leicht, wenn du ihm ein Stck
Sorge aus dem Tornister genommen hast. Auf Wiedersehen, Kandidate!
    Schon sa der Leutnant im Sattel, den Zgel hatte er auf den Sattelknopf
gelegt, beide Zeigefinger in die Ohren gestopft, und so ritt er dahin, woher er
gekommen war. Hans Unwirrsch gab es auf, ihm nachzurufen; er sah ihm nur nach
und war in diesem Augenblick selbst zu der Frage, ob er wache oder trume, nicht
fhig. Wie festgewurzelt stand er und hielt das Papierstck mit der Adresse des
Geheimen Rats Gtz in Berlin in der Hand, und der Leutnant Gtz winkte von der
Ecke des Weges noch einmal zurck. Dann war er verschwunden, und nun war es in
der Tat mehr als fraglich, ob er wirklich da vor dem Stein am Wege gehalten und
auf dem Stein gesessen hatte. Ebenso zweifelhaft war's, ob die Sonne wirklich
heute so warm geschienen habe; frostig und dunkel war's nun auch unter den
Fichten; mit dem Licht auf den Stmmen und in den Wipfeln waren alle
Frhlingsgefhle erloschen. Grau war der Himmel ber dem Walde, Hans knpfte
seinen Rock zu und ging ebenfalls. Die Adresse steckte er bald in die Tasche,
bald zog er sie wieder hervor; - dieses Stck Papier wenigstens war doch
Wirklichkeit, war doch kein Stck von einem Traum!
    Vor dem Walde lag das Feld traurig kahl, und der Schnee lag immer noch in
den Furchen; die Sonne hatte ihn an diesem einen Nachmittag nicht auflsen
knnen, aber der rote Strich am westlichen Horizont war wie ein Zeichen, das sie
gemacht hatte, um ihr angefangen Werk nicht zu vergessen. Aus dem hohen
Schornstein von Kohlenau quoll wie gewhnlich die schwarze Rauchwolke und wlzte
sich langsam ber den grauen Himmel gegen den Schein im Westen; auf dem schmalen
Feldwege schritt Hans hastig fort, die Nase hoch in der Luft und den Hut weit im
Nacken; allein wie er sich auch abqulte, jetzt brachte er noch keinen
Zusammenhang zwischen jenen Abend im Posthorn zu Windheim und die heutige
Unterredung im Fichtengehlz. Alle Einzelheiten jenes Abends rief er sich
zurck; jedes Wort, welches damals gesprochen wurde, war ihm wichtig, weil er
dadurch das Rtsel des heutigen Tages glaubte lsen zu knnen. Er lste es
jedoch nicht; nur die Gestalten des alten Soldaten und des jungen Mdchens, die
allmhlich so ziemlich in seiner Erinnerung erloschen waren, waren wieder klar
geworden, und vorzglich das Bild Franziskas stand in lebenskrftigen Farben vor
seiner Seele.
    Er kam heim und wurde auf die gewohnte Art halb gleichgltig, halb abweisend
empfangen; unwillkrlich fhlte er nach dem Papierstck, welches ihm der
Leutnant gegeben hatte; er wrde es schwer empfunden haben, wenn er es unterwegs
verloren htte. In seinem unbehaglichen Zimmer war das Feuer erloschen, als er
nach dem Abendessen hinaufstieg. Er fhlte die Klte nicht, er sa am Tisch
nieder, legte das Blatt mit der Adresse vor sich hin und begann sein Grbeln von
neuem. Als die Fabrikglocke zwei Uhr schlug, hatte er das Schreiben an den
Geheimen Rat Gtz fertig und kroch im halben Fieber ins Bett; als er aber am
andern Morgen aus einem tiefen Schlaf erwachte, fhlte er sich erleichtert wie
seit langer Zeit nicht. Whrend des Ankleidens fielen ihm freilich noch einige
gute Stze ein, die er dem Briefe htte anfgen knnen; allein da das Siegel
einmal aufgedrckt war, so behielt er sie fr sich, und der Bote des Prinzipals
nahm das inhaltsvolle Schreiben um zehn Uhr mit zur nchsten Poststation. Hans
Unwirrsch sah dem Kerl und der ledernen Tasche nach bis zum Hoftor; dann seufzte
er tief auf wie ein Mann, der eine schwere Last niedergesetzt hat; darauf nahm
er sich vor, nun gar nicht mehr zu denken an den Kerl, an die Tasche, an den
Brief und an den Leutnant Rudolf Gtz, sondern sich ganz seinen Zglingen zu
widmen. Die armen Jungen hatten gegrndete Ursache, sich ber ihren Lehrer zu
verwundern, er trichterte mit einer Krampfhaftigkeit, da ihnen der Kopf
brummte; und der Prinzipal der, wie wir wissen, scharf Achtung gab, sagte zu
seiner Gemahlin:
    Der arme Teufel, er fngt doch an, mir leid zu tun. Alle Mhe gibt er sich,
das mu man ihm lassen; aber behalten kann ich ihn nicht. Was hilft mir alle
Gelehrsamkeit, wenn sie solche frivolen Grundstze zutage frdert! Das Volk
zieht die Kappen nicht tiefer vor mir als vor ihm, je eher der Mensch also geht,
desto besser ist's fr uns beide.
    Vierzehn Tage vergingen, vierzehn Tage voll wechselnden Februarwetters, und
Hans Unwirrsch dachte seinem Vorsatz zuwider sehr, sehr hufig an seinen Brief
und den Leutnant Gtz. Zwischen der Fabrik und der Poststation wanderte der
Briefsack hin und her, aber kein Schreiben fiel fr den Przeptor heraus. Jeden
Abend legte sich Hans bedrckter zu Bett, und jeden Morgen erwachte er
hoffnungsleerer. Wenn die Witterung es irgend erlaubte, wanderte er zu den
Fichten, mit dem Gefhl, als werde ihn dort das treffen, was er neben dem hohen
Schornstein mit so nervsem Bangen so vergeblich erwartete. Aber niemand sa,
wenn er aus dem Gebsch trat, auf dem Stein, weder die alte Frau, die sich in
die allerschnste und gtigste Fee verwandeln konnte, noch der Herr Geheime Rat
Gtz, der einen Hauslehrer suchte. Und wenn nun Hans selber niedersa und
wartete, so sah er wohl dann und wann irgendein Menschenwesen vorbeiziehen; aber
der Leutnant Gtz trabte nicht um die Waldecke. Immer bedrckter und
hoffnungsloser kehrte Hans von den Fichten heim. An den Prinzipal kam in der
ledernen Brieftasche ein Brief von dem neuen Przeptor, der seine demnchstige
Ankunft meldete. -
    Der achtundzwanzigste Februar fiel auf einen Sonntag, und es regnete an
diesem Sonntage fast ununterbrochen. Die nchste Kirche war eine Stunde von
Kohlenau entfernt, und der Weg dahin war bei solchem Wetter mit so groen
Beschwerden verbunden, da der Pastor an solchen Tagen seine Predigt so ziemlich
fr sich und seinen Kster allein hielt. Auch Hans Unwirrsch hatte sich von
derartigem Wetter fters abhalten lassen, die schnen Reden anzuhren; aber in
seiner jetzigen Stimmung zog er den schlimmsten Weg dem ruhelosen Stillsitzen im
Hause vor. Unter seinem Regenschirm watete er klglich durch die aufgeweichten
Felder, und die durchnten Meisen und Spatzen in den trpfelnden Hecken zogen
die Kpfe unter den Flgeln hervor und blinzelten ihm mit spttischem, aber
leisem Gezirp nach. So grau der Himmel war, so grau war die Predigt; klglich
erklang der Gesang der sechs andchtigen Christenleute, welche die andchtige
Versammlung bildeten, und doch verlie der Hauslehrer von Kohlenau nur ungern
die Kirche, als der Gottesdienst zu Ende war, und der Heimweg war fast noch
schlimmer als der Herweg.
    Eine Stelle gab's auf diesem Pfade, die vorzglich Lust hatte, unvorsichtige
Wanderer mit Haut und Haar zu verschlingen; und als Hans hgelab auf sie
zutrabte, vernahm er in der Tiefe ein groes Geplatsch und Gefluche und
erblickte richtig ein unglckliches Menschenkind im Kampf mit den unsaubern
Geistern des Abgrundes. Ein Postbote im blauen Rock mit rotem Kragen war's, und
ein Glck war's, da Hans ihn vom Versinken rettete, denn einen rekommandierten
Brief, gerichtet an den Kandidaten Unwirrsch, trug er in der Tasche, und dieser
Brief war von dem Geheimen Rat Gtz. Seine Sterne und den Zufall, der ihm den
Rest eines solchen Weges erspart hatte, preisend, verschwand der blaugerockte
Mann mit aller Mnze, die Hans bei sich gefhrt hatte, im Nebel und Regen; -
Hans Unwirrsch aber stand am Rande des Abgrundes und hielt das Schreiben in
zitternder Hand, und der Regen trommelte auf seinem Regenschirm. Es dauerte eine
geraume Zeit, ehe er sich so weit gefat hatte, da er das Siegel erbrechen
konnte.
    Wenig mehr stand in dem Brief, als da sich der Herr Kandidat am achten
Mrz, mittags um zwlf Uhr weniger fnfzehn Minuten - pnktlich und persnlich
dem Geheimen Rat vorstellen mge; aber auch dieses wenige gengte, um die
schwerste Last der Ungewiheit von der Brust des armen Hans abzuwlzen. Tief
aufatmete der Befreite, und dann setzte er seinen Weg fort; er schwebte jetzt
ber den Dreck, und nach seiner Heimkehr verwendete er den Nachmittag dazu,
seine Habseligkeiten zusammenzupacken. Gern berlie er seinem Nachfolger das
Zimmer mit der schnen Aussicht auf den Schornstein und wnschte ihm von Herzen,
da er sich wohler darin fhlen mge, als er - Hans Unwirrsch - sich darin
gefhlt hatte. Der Prinzipal freute sich, wie er sagte, herzlich ber die gute
Aussicht auf eine neue, angenehme Stellung, welche sich dem Herrn Kandidaten
erffne; die Prinzipalin zeigte sich von ihrer liebenswrdigsten Seite; die
Schwgerin, die von allen Seiten liebenswrdigst war, fing an, fr den
abziehenden Przeptor einen Geldbeutel in Seide und Perlen zu arbeiten,
beglckte damit aber erst den folgenden jungen Pdagogen zum Heiligen Christ.
Die Knaben nahmen von ihrem jetzigen Lehrer nicht ohne Rhrung Abschied; auf der
Landstrae befand sich Hans Unwirrsch nun eher wieder, als er es sich
vorgestellt hatte.
    Seinen Koffer hatte er zurckgelassen, nachdem der Buchhalter versprochen
hatte, denselben spter auf Order nach jedem beliebigen Ort zu spedieren; mit
einer leichten Reisetasche wanderte Hans aus, seinem weitern Schicksal entgegen.
    Ein leichter Frost hatte den Boden gefestigt; man blieb nicht mehr darauf
kleben, sondern schritt frei und elastisch darber hin. Die Spatzen und Meisen
saen auch nicht mehr kmmerlich und klglich in den Hecken; lustig flogen sie
umher, und die Sonne schien in den Nebel, der sich senkte, eine Reihe guter Tage
versprechend.
    Da war der Fichtenwald mit seinem morgendlichen, aromatischen Duft, und der
Kandidat nahm den Hut ab, als er in den heiligen Schatten trat, setzte ihn aber
der Khle wegen wieder auf.
    Da war der Stein am Wege, und auf dem Stein - auf dem Stein sa wahrhaftig
was, das sich erhob, militrisch grte und im frhlichen Baton sprach:
    Guten Morgen, Herr Kandidate!
    Ein Wunder mute geschehen an diesem Morgen, Hans Unwirrsch hatte es bei
jedem Schritt erwartet und vorgefhlt. Jetzt war es da und erschien zuletzt gar
nicht einmal als ein Wunder, sondern als ein ganz natrlicher Vorgang. Der
Leutnant Rudolf Gtz wenigstens fand durchaus nichts Verwunderungswrdiges an
diesem abermaligen Zusammentreffen an dieser Stelle. Der wackere Soldat hatte
natrlich Kenntnis von dem Briefe seines Bruders, und da er sonst nichts
Wichtiges zu tun hatte, machte er sich auf, den Przeptor von Kohlenau
abzuholen, um ihn an den Bestimmungsort abzuliefern.
    Diese Wendung gab er selber der Sache, und Hans nahm sie glubig an; der
Gute ahnte ganz und gar nicht, da der alte Krieger einen sehr bestimmten Zweck
dabei hatte, grade diesen Przeptor in das Haus seines Bruders zu bringen; aber
da wir teilweise diese Geschichte auch dieses Zweckes wegen erzhlen, so wird es
nicht ntig sein, da man an dieser Stelle mehr davon erfahre als der Kandidat.
    Eine umsponnene Flasche, die Hans bereits kannte, reichte der Leutnant dem
jungen Theologen zum Willkommen und zum Wahrzeichen, da die Begegnung im
Fleisch und in der Wirklichkeit vor sich gehe; dann erkundigte er sich sehr
teilnehmend nach dem Befinden des Jnglings, und dann schlug er vor, da man
weiterwandere.
    Nun wagte es Hans auch, sich nach dem Befinden der Nichte zu erkundigen,
worauf der Alte mit Gebrumm meinte, da es ihr leidlich gehe, da es ihr aber
noch viel besser gehen knne und da man im Grunde in einer Lumpenwelt lebe. Der
Kandidat dachte an den Oheim Grnebaum, der das letztere ebenfalls fters mit
demselben Worte, aber eigentlich ohne gengenden Grund verkndigte, und sah mit
Mitgefhl auf das arme Pack, das ihm und seinem Reisegenossen begegnete.
Wahrlich, manch eine zerlumpte Kreatur hielt den Przeptor an und nahm Abschied
von ihm, mit Trnen oder einem Kratzfu - Hans Unwirrsch hatte eine groe und
nette Bekanntschaft in dieser schnen, flachen Gegend.
    Aber der Wald ging zu Ende, hinter dem Walde lag das Dorf Plackenhausen und
in dem Dorf das Wirtshaus zum Schnabel, vor dessen Tr dem Leutnant schwach
wurde und er einiger geistigen Anregung und eines Frhstcks bedurfte. Nachdem
dasselbe eingenommen war und Hans auch von den Wirtsleuten einen gerhrten
Abschied genommen hatte, behauptete der Leutnant, da ein Frhstck ihn stets am
Marschieren hindere, und es fand sich vor der Tr ein Gefhrt auf zwei Rdern,
das von einem Ro gezogen wurde und in welchem zwei Herren behaglich
nebeneinander sitzen konnten. In diesem Fuhrwerk setzten der Soldat und der
Theologe ihre Fahrt bis zur Stadt ** fort, wo sie um Mittag anlangten. Dann
fhrte sie die Eisenbahn weiter bis zur letzten Station vor der groen
Allerweltsstadt, die von nun an der Aufenthaltsort Hans Unwirrschs sein sollte.
Auf der letzten Station aber verlieen die beiden Reisenden den Zug auf Wunsch
des Leutnants, welcher behauptete, es sei besser, in das neue Leben zu Fu
einzuwandern, da man dem Geist dadurch Gelegenheit gebe, sich zu beruhigen, und
da er - Rudolf Gtz - noch eine Geschichte zu erzhlen habe, welche er am besten
im Marschieren von sich geben knne. Dem Przeptor war dieser Vorschlag hchst
angenehm, mit Vergngen sah und hrte er den Dampfzug fortschnauben, - rasseln
und - klappern, mit Behagen atmete er die scharfe Luft des nahenden Abends ein.
Ungemein belebend und krftigend hatte bereits die Reise und die Gesellschaft
des Leutnants auf ihn gewirkt; Kohlenau mit dem grmelnden Herrn im roten,
blauquastigen Fes, Kohlenau mit der harten Prinzipalin und der weichen
Schwgerin, Kohlenau mit seinen Aschenhaufen und Kohlenhaufen, seinen Rdern und
Rollen, seinem Gezisch und Gesause, seinem Schornstein und seinen Dmpfen und
Dnsten, Kohlenau war hinter ihm versunken, als wre es nie dagewesen.
    Hans Unwirrsch stand mit Wanderstab und Reisetasche auf dem Bahnhof wie ein
Abenteurer vom reinsten Wasser; er fhlte sich fhig, dem seltsamen Begleiter in
die mglichsten und unmglichsten Fhrlichkeiten und Wunder zu folgen, und der
bleiche zunehmende Mond sah durch das gesnftigte Sonnenlicht lchelnd auf den
verwegenen jungen Menschen herab.

                              Fnfzehntes Kapitel


Von mancherlei Dingen hatten die beiden Reisenden auf ihrer Fahrt bis jetzt
gesprochen. Wieder hatte der Leutnant seinen Begleiter, wenn auch wie einen
Schwamm, so doch immer auf die unverfnglichste Weise ausgepret. Der alte
Schlaukopf hatte den Kandidaten gleich einem Buche durchblttert, und die
Notizen, die er sich dabei gemacht hatte, schienen ganz und gar befriedigend
ausgefallen zu sein; denn jetzt klappte er - um diesen Vergleich fortzufhren -
das Buch zu und seufzte behaglich, whrend er mit dem Begleiter in die stille,
kalte Abendlandschaft hineinschritt.
    Es war zwischen vier und fnf Uhr nachmittags, und die Sonne ging, dem
Kalender nach, erst um fnf Uhr fnfzig Minuten unter. Ein blulicher Nebel lag
ber der Ferne, ein zarter Hauch berzog die grnen Spitzen der jungen,
keimenden Saat. Still war's auf der Landstrae, still auf den Feldern, still
lagen die fernen Drfer im Duft, nur das dumpfe Geroll des forteilenden
Bahnzuges vernahm man noch aus der Weite, aber auch es verhallte, die weie
Wolke verschwand im Dunst des Horizontes; - nun war es ganz still.
    Also, Freund, sagte der Leutnant zu Hans, mit Ihnen wren wir fertig.
Jetzt wird es ntig sein, da Sie auch von mir und dem, was daran bummelt, eine
ntzliche Erkenntnis gewinnen und da Sie etwas ber das Haus erfahren, zu
welchem ich Sie fhre. Wer wei, ob Sie den Quartiermacher nachher nicht
tausendmal zum Henker wnschen? Ja, sehen Sie mich nur an, schtteln Sie nur den
Kopf: fr Wanzen, Flhe und dergleichen Ungeziefer wird nicht garantiert. Doch
zur Sache! Wir waren unserer drei Brder Gtz. Ich bin der lteste, Theodor, der
Geheime Rat, ist der zweite - der arme Felix war der jngste und ist leider
zuerst kaputtgegangen, das Frnzchen ist seine Tochter; doch von der ist jetzt
nicht die Rede. Unser Papa war zu der Zeit geboren, als der Siebenjhrige Krieg
seinen Anfang nahm, um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts; ich bin 1782
geboren und also jetzt ein rstiger Sechziger, Theodor ist ein starker
Fnfziger, und Felix kam um vierundneunzig ans Licht: der hatte den Teufel im
Leib, und der Satan hat ihn auch geholt. Unser Alter war Justizbeamter eines
jetzo glcklich mediatisierten Grafen am Harz; es war ein grillenhafter,
krnklicher Knabe, der seine Frau, unsere Mutter, vor der Zeit zu Tode qulte
und uns mancherlei erdulden lie, dazu unmenschlich gelehrt; und seine
Bibliothek war weit in die Runde berhmt! Uns htte er nur allzugern ebenfalls
zu solchen trbseligen Vielwissern, von denen er ein bejammernswertes Exemplar
war, erzogen; aber es gelang ihm nur beim Theodor, der berdies an den Skrofeln
litt. Ich ging im Jahre 1798 auf die Forstschule, und Theodor bezog seinerzeit
die Universitt, um die Juristerei zu studieren. Felix hatte damals eben das
Laufen gelernt. Wir kamen, obgleich die Welt voll mchtigen Spektakels war,
ziemlich ruhig in das neunzehnte Jahrhundert hinber; ich erhielt eine
hochgrfliche Unterfrsterstelle, Theodor sah als Auskultator sich den Einzug
der Franzosen in der Hauptstadt an, Felix sa auf einem Gymnasium, bis man ihn
von demselben fortjagte. Ich glaube, Theodor kmmerte sich am wenigsten darum,
was damals aus dem deutschen Lande geworden war; ich ging nach dem achtzehnten
Oktober Anno sechs mit nach Ostpreuen und war bei Eylau und allem, was daran
hngt. Leutnant wurde ich bald, zog mit Yorck nach Ruland und hatte die Wacht
vor dem Hauptquartier zu Tauroggen. Daran will ich noch auf meinem Todbett mit
Vergngen gedenken; - habe sonst wenig Vergngen in der Welt gehabt. Von dem,
was darauf geschehen ist und wie der Sndenknuel abgewickelt wurde, will ich
nicht weiter sprechen, jedes Kind wei davon zu erzhlen. Ich war bei manchem
lustigen Tanz, bis wir von der Weichsel an die Elbe kamen. Um seine lieben
Verwandten konnte man sich im Tumult wenig bekmmern, seit langer Zeit hatte ich
weder von dem Alten noch von den Brdern Nachricht. Steh ich am 22. Juni 1813 an
der Elbe, vielleicht eine Stunde oberhalb Aken, auf Vorposten und denke an
nichts Gutes und nichts Schlimmes, und der Abend ist still genug. Unser Feuer
ist niedergebrannt, und wer nicht wacht, der schlft. Ich hre das Wasser
rauschen manche Stunde lang, ohne da was passiert, bis auf einmal alles
auffhrt und alert in die Hhe springt; - drben am andern Ufer! ... es ist, als
ob jeder Frosch auf das Horn da drben horcht. Und dazwischen knackt und
knattert es nach der bekannten Melodie. Da sind die Freiwilligen am Werk! meinen
meine Leute, und unser Horniste fragt an, was er ihnen zum Trost blasen soll.
Den Alten Dessauer, Kerl! sage ich, und der Kerl trompetet, da ihm fast das
Horn und die Backen platzen.
    Verflucht, die Schufte sind tchtig hinter ihnen! meinen unsere Leute, und
sie knnen recht haben; denn wir wissen, da drben wenige der Unsrigen und
viele von den Vivelamperrs und den Westflingern sind. Da platscht es in den
Strom, und wir stehen mit den Kuhfen in Anschlag, um auf alles gerstet zu
sein. Bescheid im Lande mssen sie wissen, sie haben die seichte Stelle gut
gefunden, und halb watend, halb schwimmend kommen sie an, und von drben pfeifen
uns die blauen Bohnen um die Ohren. Das Horn meldet sich auch wieder, es blst
den Jger ruf der Freiwilligen, und da sind sie, und wir drngen uns an die
schwarzgerucherten, brtigen, zerlumpten, lausigen Teufels jungen und der Mond
scheint auf alles herab und amsiert sich gttlich. Nun wissen wir, woran wir
sind: versprengte Reiter Colombs sind's, und wir erfahren die ganze
Prostemahlzeit. Bei Werbzig bei Kthen hat der Westflinger, General von
Hammerstein, den Rittmeister verrterisch und heimtckisch ber fallen, aber der
Colomb war ihm zu schlau und ist besser davon gekommen als die Ltzower bei
Kitzen. Seine lustigen Burschen haben ein fideles Ende fr diesmal gemacht und
dem Feinde die Plempe zu guter Letzt noch mal tchtig durch die Fressage
gezogen. Dann ist das Hauptkorps auf und davon und ist mit einer Subtraktion von
vierzehn glcklich bei Aken ber die Elbe gekommen. Aber zur Seite ist hier und
da ein Huflein abgesprengt, und solch eins fllt uns hier mit Jubilation und
Hurra in die Arme und ber unsere Feldkessel und Flaschen her. Drben ist's
wieder ruhig, und keine Katze wagt sich bers Wasser; wir sind ganz unter uns
und haben Zeit, einander genauer ins Gesicht zu sehen. Da ist ein blutjunges
Brschlein unter den reitenden Rattenfngern, wie ein Zigeuner zerzaust, und ich
fall aus den Wolken, als die Kreatur die Hand an den Tschako legt und sagt: Herr
Leutnant, ich melde mich als das Jngste aus dem Nest - columba Colombi, ein
Freiwilliger des Herrn Rittmeisters von Colomb ! - Ich packe den Burschen und
ziehe ihn zum Fenster und dann in den Mondenschein - ich bin starr; unser Felix
ist's und kein anderer! Spricht der Bengel lateinisch, so zieh auch ich gelehrt
vom Leder und rufe: Et tu, Brute? O du Teufelsjunge, wo kommst du her, und was
hat der Alte dazu gesagt? - Ja, der Alte, wer fragt in solcher Zeit nach dem
Alten? - Frage den Theodor drum, ruft der Naseweis, ich bin aus dem
Hinterfenster ohne Abschied ausgerckt. - Und so war's. Ich hrte in der
nchsten halben Stunde noch von manchem tollen Streich; dann waren die wilden
Gesellen wieder in den Stteln, und fort ging's in die Nacht; ich sah den Felix
erst in Paris wieder im folgenden Jahr.
    Hier hielt der Erzhler inne und schttelte melancholisch den Kopf. Der
Theologe hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit dieser Schilderung aus
vergangenen wilden Tagen zugehrt.
    Welch eine Zeit! rief er jetzt unwillkrlich; aber der alte Krieger sagte:
    Eine ganz vortreffliche Zeit, wie alle Zeiten, in denen man einen groen
Hunger nach irgend etwas hat, von dem man wei, da man es durch Mhen und
Arbeit erlangen kann. Ihr jungen Leute habt keinen Begriff davon wie wohl dem
Fisch ist, der sich im Netz abgezappelt hat und aus ihm kopfber in sein Element
hinunterschlgt! Doch davon ist nicht die Rede, sondern von den drei Gebrdern
Gtz. Deren ging jeder seinen besondern Weg, und da jeder Weg um die besondere
Ecke ging, so verloren wir uns einander bald aus dem Gesicht. Es ist fast ein
Wunder, da ich wenigstens mit dem Theodor so - a hm - wieder zusammengekommen
bin. Dieser gute Knabe war whrend der Kriege ruhig hinter seinem Schreibpult
sitzen geblieben, und er hatte recht daran getan, denn man htte ihn im Felde
hchstwahrscheinlich sehr wenig gebrauchen knnen; es hat sich ausgewiesen, da
er strker von Begriffen als von Nerven war. Er ist ewig ein Jammerbild gewesen,
und jetzt - a hm, Kandidate - ' na, ich sage nichts, aber was man sonst in einer
Bude auf dem Jahrmarkt fr seine Groschen sieht, das werdet Ihr gratis zu sehen
kriegen. - Also mein Theodor sa hinter seinem Schreibtisch und schrieb sich zum
Assessor; ich blieb, was ich war - Leutnant bei der Infanterie. - O du mein Je,
ich wollt's nicht besser haben; nach all dem lustigen Lrm wollt mir nichts
anders so recht mehr behagen, und ich dachte dazu, mit Geduld kommst du
vielleicht doch noch in die Hhe, wenn du dich nicht allzu schnell dem Trunk
ergibst. 's ist aber nichts daraus geworden; es wird auch manch besserer Kerl in
den Winkel geschoben. Dem lieben Theodor ist's dagegen herrlich ergangen. Sie
haben ihn wohl gebrauchen knnen, und allzu steifnackig ist er auch nicht
gewesen; da hat er sein tglich Brot schon gefunden und auch noch was dazu,
nmlich seine Frau. Die kam aus einem gar frommen und gottseligen Nest und einem
hochadligen, hie mit Namen Aurelie von Lichtenhahn und ist heute noch sehr
fromm, sehr adlig und meines Bruders Weib. Sie zeugten zuerst meine teure Nichte
Kleophea, und ich habe es immer fr eins der grten Wunder gehalten, da sie
das fertiggebracht haben. Verliebt Euch nicht in das Wettermdel mit dem
heiligen Namen, junger Pfaff! - Bei allem, was blitzt und kracht, die Dirne pat
in jede Schilderei der Verfhrung des heiligen Antonius. Mein Frnzchen - na ja,
Ihr werdet schon sehen, Kandidate! Nach der Geburt Kleopheas gab's lange Jahre
weiter nichts. Keiner denkt an was Arges und mein lieber Theodor vielleicht am
wenigsten; da erscheint - sieben Jahre sind's jetzt her - meine Schwgerin ganz
unvermutet abermals in der Zeitung: Diese Nacht, mit Gottes gndigem Beistand
wurde - gesunder Knabe - und so weiter und so weiter. Es mu wohl auf ganz
natrliche Weise zugegangen sein, denn die Welt ist darum nicht umgekippt,
wenngleich sich auch ein Teil davon recht verwundert hat. Aim heit der Knabe,
und Sie, Hans Unwirrsch, sind auserwhlt, ihm das Abc beizubringen, und ich
gratuliere dazu; das brige besorgt die Mutter, wozu ich Ihnen ebenfalls
gratuliere. - Da meine Nichte Franziska jetzt in dem Hause des Geheimen Rats
Theodor wohnt, haben Sie bereits erfahren; die ist die Tochter meines Bruders
Felix, und da Sie das Kind nun ganz von selber genauer kennenlernen werden, so
will ich von ihr nicht weiter sprechen, sondern nur ber ihren Vater das Ntige
rapportieren. Da geht nun auch eben der letzte Schnitzel der Sonne zum Henker,
und so ist die Zeit recht passend und angenehm dazu. Von uns drei Brdern hatte
Felix jedenfalls die wenigste hnlichkeit mit dem Vater, welchem Theodor in
jeder Hinsicht am meisten hnelte. Wenn ich es auch zu weniger als nichts auf
der Welt gebracht habe, so kann ich wenigstens stellenweise ein vernnftiger
Mensch sein, Felix aber war's hchstens nur durch Zufall. Ein tollkpfiger,
prchtiger Bursche war er, und selbst die, welchen er seine Streiche spielte,
konnten ihm nicht gram werden. Ich hab ihn als Unterfrster in meinem Walde das
Schieen gelehrt und manches andere Stck der edlen Jgerei. Ich hatte den
Knaben so lieb wie meinen Augapfel, und auch er hing an mir, soviel das ihm bei
seinem leichten Sinn mglich war. Htte ihn der Alte im Walde gelassen, wer
wei, ob nicht alles gut abgelaufen wre; aber der Alte holte ihn eines Tages
selber zurck und brachte ihn in einer fest verschlossenen Kutsche nach Ilfeld
auf die Schule und gab ihn da in grimmige Zucht. Wenn nur die Welt dann nicht
selbst aus Rand und Band gegangen wre! Das war nichts fr den jungen Falken,
stillzusitzen hinter dem Gitter und in das grne Tal hinab- und zu dem blauen
Himmel emporzugucken und auf das Jgerhorn zu hren. Das Jgerhorn erklang eben
durch die ganze Welt und rief alle jungen Falken heraus: Felix Gtz htte sich
den Kopf an dem Gitter zerstoen, wenn es ihm nicht gelungen wre, es zu
zerbrechen. Aus einer Schule hatte man ihn fortgejagt, von Ilfeld entfloh er bei
Nacht und Nebel, und der erste Trupp freiwilliger Reiter, auf welchen er stie,
nahm ihn gern und willig auf und gab ihm ein ledig Pferd. Da hatte er, was er
wollte. Ich habe schon erzhlt, wie er mit den Colombschen ritt, ber die Elbe
versprengt wurde und in unsere Beiwacht fiel wie der Stein vom Monde. Ich habe
auch gesagt, da wir uns nicht eher wiedersahen, bis Paris genommen war, und nun
mu ich hinzufgen, da das Wiedersehen meinerseits gar nicht so recht
erfreulich war. Der Feldzug in Frankreich hatte dem tollen Felix nicht gutgetan;
liederlich und heruntergekommen sah er aus, und Drangsale und Entbehrungen waren
nicht allein schuld an seinem Aussehen. Ich nahm ihn natrlich tchtig ins
Gebet, aber leider sah ich ein, da ich nicht der rechte Mann dazu sei und da
fr jetzt wenig an dem Unheil zu ndern sei, und zu einem gemtlichen
Gedankenaustausch hatten wir auch nicht die gehrige Zeit, denn der groe Tumult
ri uns wieder auseinander, wie er uns zusammengebracht hatte. Mit dem
Donnerwetter bei Waterloo war der Krieg zu Ende; ich marschierte in eine kleine
Garnisonsstadt, deren Name nichts zur Sache tut; Theodor schrieb immer noch
Akten, und Felix - Felix schien vollstndig berflssig in Europia geworden zu
sein. Es waren grere Akteurs von der Bhne abgetreten und wuten nunmehr
nichts mehr mit ihrer Zeit zu beginnen; Felix schlug die Zeit tot mit Snden.
Bis der Alte starb, lag er dem auf der Tasche; und alle Versuche, die Theodor
und ich machten, dem Jungen wieder zu einer ntzlichen Existenz zu verhelfen,
schlugen fehl. Zum letztenmal redeten wir bei unseres Vaters Begrbnis auf ihn
ein; er aber ging mit seinem Erbteil, welches gleich dem unsrigen nicht sehr
bedeutend war, zum zweitenmal nach Paris, und als er dort binnen kurzem aufs
trockne kam, als richtiger Glckssoldat nach Amerika, wo seine Spur sich fr
Jahre verlor. Ich sa in meiner Garnison und zhlte die Pappeln an den Teichen
und Wegen des verlornen Nestes. Man wollte mich im Steuerfach anstellen, aber
dazu hatte ich keine Lust; - in den Wald wre ich lieber zurckgegangen, doch da
war jedes Loch vernagelt und auf keine Weise in das Gehege zu kommen. Ich
vegetierte also fort wie der Schwamm im Dunkel, zog auf die Wache mit Ghnen,
trank mehr, als einem Menschen, der mal eine Nichte zu versorgen haben soll, gut
ist, drillte Rekruten mit Ekel, zhlte Pappelbume und spielte Schach, kurz, tat
alles, was man unter besagten Umstnden in unserm Stande sich wissenschaftlich
beschftigen nennt. Die alten Kameraden verloren sich allmhlich aus dem
Regiment; blutjunges, naseweises Gesindel rckte ein und machte einem das Leben
noch saurer. Die Frauenzimmer an den Fenstern mokierten sich ber den
graukpfigen Leutnant, der eigene Hund verlor den Respekt vor einem, und zuletzt
wunderte man sich im Kriegsministerium gar noch, wenn man sich dem stillen Suff
ergab und dann und wann den Anstand verletzte in der so beraus anstndigen
Zeit. Es schneite, es regnete, es gab auch Sonnenschein, whrend welchem die
Smpfe um das holde Stdtlein anfingen zu stinken. Eins war mir so egal wie das
andere, und als das Jahr achtzehnhundertunddreiig kam, wo's wieder anfing,
lebendig in der Welt zu werden, wunderte ich mich sehr, da ich selber noch
lebendig war. Aber wie es auch nunmehro in der Welt rumoren mochte, uns schien
man in unserm Winkel total vergessen zu haben. Wie die Spinnen hinter dem
Spiegel saen wir; was fr Bilder durch den Spiegel selber gingen, ging uns
nichts an, und so war's jetzt fast noch schlimmer als vorher. Die Franzosen
hatten natrlich nach gewohnter Weise den Tanz angefangen, in Belgien ging's
lustig los, in einigen kleinen deutschen Vaterlndern folgte man dem guten
Beispiel; einige jngere Kameraden liefen Tag fr Tag hinaus auf die Heerstrae,
um den Kurier ankommen zu sehen, der den Marschbefehl bringen sollte. Sie
mochten sich die Hlse ausrecken, so lang sie wollten, aus dem Sommer wurde
Herbst, ohne da es jemandem eingefallen wre, uns unsern wissenschaftlichen
Beschftigungen zu entreien. Es wre auch schade darum gewesen! Nun sitze ich
gegen das Ende des Oktobers eines Abends, ein Glas zur Linken und die Karte der
Trkei vor der Nase, um mit dem Bleistift dem General Sabalkanskoi nachzuziehen.
Drauen heult der Wind, und zwar nicht nach Noten. Ich denke an mancherlei, was
mit Diebitsch nichts zu tun hat: an den Alten, der nun lngst von seinen
Hmorrhoiden erlst ist, an die Brder, an die Schlacht bei Leipzig, deren
Jahrestag wir neulich dadurch feierten, da wir auf hhern Befehl Kommandos
ausschickten, um die Freudenfeuer auszulschen. Denk auch noch dazwischen, wozu
solch ein alter Hund wie ich wohl eigentlich gut sein mge, als pltzlich mein
Bursch vor mir steht und hinter ihm ein Mann im Mantel, der viel kalte Luft mit
ins Quartier bringt. Herr Leutnant -, will der Bursche rapportieren, aber der
Fremde schnauzt ganz  la militaire: Abtreten!, und verwundert winke ich meinem
Kerl, zu gehen. Er geht, und der andere bleibt. Ich will eben die gewohnten
Phrasen machen: Mit wem habe ich die Ehre? und so fort, aber der Fremde nimmt
sich, wie es in solchen Fllen heit, selber die Freiheit, schlgt mich auf die
Schulter und ruft: Alter Mensch, du bist doch recht grau geworden! Er wirft den
Mantel ab, und - Felix Gtz war ber mich gekommen, wie an der Elbe Anno
dreizehn; ich aber griff die Lampe vom Tisch und beleuchtete wiederum die
Erscheinung. Es dauerte geraume Zeit, ehe ich mich von ihrer Wirklichkeit
berzeugt hatte, ehe ich es glauben konnte, da dieser durchwetterte Mann mein
Bruder sei. Er war es aber, und es blieb kein Zweifel brig. Nach einer
Viertelstunde saen wir vor vollen und geleerten Flaschen und erzhlten uns wie
damals an der Elbe unsere Schicksale. Beim Hauptmann von Kapernaum! Felix hatte
mehr zu erzhlen als ich; und Hauptmann lie er sich auch titulieren, und ein
peruvianischer Hauptmann oder ein kolumbianischer war er. Wir hatten zwischen
unsern Pappeln, Teichen und Viehweiden vom Bolivar, von der Schlacht bei
Karabobo und der Schlacht bei Pinchincha gelesen, Felix aber hatte mit dem
groen Mann aus einem Napf gegessen, und seine Schlachten hatte er
mitgeschlagen. Und verheiratet war er auch, und zwar mit einer deutschen
Kolonistentochter aus irgendeinem Fiebernest an irgendeinem scheulichen
Krokodilenflu, und die Frau sa jetzt mit einem kleinen Mdchen in Paris, und
der Capitano ging in Angelegenheiten, von denen er nicht sprechen durfte, nach
Polen. - Als der Morgen graute, saen wir beiden Brder noch zusammen, und in
den Tabaksqualm konnte sich eine Pionierkompanie mit Schaufel und Hacke
hineingraben. Die ganze Nacht durch hatte es geregnet, und es regnete immer
noch, als es fnf schlug und Felix aufsprang, mir die Adresse seines Weibes auf
einen Zettel schrieb und versicherte, da er nunmehr keinen Augenblick weiter
zgern drfe, da um ein Viertel auf sechs die Post weitergehe nach - Polen. Das
war auch nicht anders als damals, wo er mit den Colombschen Reitern aus unserm
Biwak ritt. Ich brachte ihn zur Post, sah ihn abfahren und kam betubt und halb
benebelt durch alles, was ich in der Nacht vernommen hatte, zurck ins Quartier.
Ich schrieb an die unbekannte Schwgerin und erhielt nach einiger Zeit wiederum
einen Brief, den nur ein gutes, aber sorgenvolles Weib geschrieben haben konnte;
in diesem Briefe wurde mir meine Nichte Franziska fr knftige Zeiten
anempfohlen. Aber aus Polen kamen zu Anfang des Dezembers die merkwrdigsten
Nachrichten. Revolution in Warschau - Chlopicki Diktator - Schlacht bei Grochow
Schlacht bei Praga - Skrzynecki - Paskewitsch - noch ist Polen nicht verloren; -
- - ich wute jetzt, weshalb Felix Gtz so schnell auf der Post weitermute; der
wilde Gesell wute besser auf dem theatro mundi Bescheid als wir in unserer
Vergessenheit. Ich glaube, er hat manchen unserer frheren Alliierten auf dem
Gewissen, aber ich bin auch fest berzeugt, da er nicht schlechter darum
schlief. Erst nach dem Malheur bei Ostrolenka kam er zurck, klopfte krank,
zerlumpt und blutend an meine Tr in der Nacht vom siebenten auf den achten
Januar achtzehnhundertzweiunddreiig. Das war schuld daran, da ich meinen
Abschied nahm, um ihn nicht zu erhalten; doch darber sprech ich nicht gern. Er
ging nach Paris zurck zu seinem armen Weib und Kind, und ich habe mich seitdem
als halber Bettler und ganzer Vagabond so gut und jmmerlich als mglich durch
die Welt geschlagen. Anno sechsunddreiig war ich in Paris und kam gerad recht
zum Begrbnis meiner Schwgerin. Felix war noch mehr auf dem Hund als ich. Er
gab Fechtstunden, und ich hab ihm durch ein paar Jahre dabei geholfen und ihm
und mir sein Quantum Eau-de-vie tglich zugemessen und seinem Kind die deutsche
Sprache gelehrt. Ich vergeb's mir heute noch nicht, da ich endlich ging, als
ich glaubte, ihn nunmehro wieder fest auf die Fe gestellt zu haben. Als ich
fort war, hat natrlich das alte Lied sofort von neuem angefangen; der Teufel
der Liederlichkeit hatte ihn zu fest gepackt und gewann die Bataille. Vor fnf
Jahren ist der Bruder Felix gestorben; ich habe sein Kind aus der Fremde
heimgeholt, und nun hab ich erst recht gesprt, was es ist, wenn der Mensch kein
eigen Dach hat, um solch ein verlassen Wrmchen darunter zu bergen. Zum Theodor
hab ich das arme Frnzchen bringen mssen, und wenn ich es nicht zu lieb htte,
knnte ich schon damit zufrieden sein. Sehet dorthin, Kandidate!
    Und Hans sah auf, sah, da es Nacht, dunkle Nacht geworden war, fhlte, da
es bitter kalt geworden war. ber der Erzhlung seines Begleiters hatte er alles
um sich her vergessen, hatte er vergessen, wieviel er fr sich selber von dem
nahen Ziel der Reise zu hoffen und zu frchten habe.
    Die Landstrae hatte sich an einem ziemlich unbedeutenden Hgel
emporgewunden, und auf der Hhe derselben vollendete der Leutnant seinen
Familienbericht, stand still und wies mit ausgestrecktem Arm in die Ferne.
    Nacht war's und still, kein Zweig der kahlen Bume zu beiden Seiten des
Weges regte sich. Schwarz war der Himmel, sternenleer war er, und von der
zunehmenden Mondsichel war keine Spur mehr zu erblicken. Vor dem Hgel lag die
Ebene, wie sie hinter ihm sich dehnte; aber mit Staunen und Schrecken starrte
Hans auf den feurigen Schein vor ihm und horchte auf das dumpfe Rollen und
Summen, welches aus einer unendlichen Tiefe dicht zu seinen Fen zu kommen
schien.
    Das ist die Stadt! sagte der Leutnant Gtz. In einer halben Stunde sind
wir an den Barrieren und in einer Stunde im Grnen Baum bei den Neunttern.
    Hans achtete jetzt nicht auf die letztere mysterise Versicherung; der
ungewohnte, berraschende Anblick nahm alle seine Sinne und Gefhle gefangen und
verwirrte ihn dergestalt, da er nach Luft schnappte wie jemand, der in einer
windstillen Strae in Gedanken gegangen ist und den an der Ecke pltzlich der
Sturm mit vollen Backen anblst.
    Das ist die Stadt! wiederholte er, das ist die Stadt! Ich habe davon
getrumt, aber das ist doch noch anders als der Traum!
    Er blickte schnell zur Seite. Die Idee war ihm gekommen, sein Gefhrte habe
ihn verlassen, sei in die Erde gesunken, und er Hans Unwirrsch - stehe allein
dem drohenden Untier da unten gegenber. Es war das Gefhl, welches die
gefangenen Sklaven hatten, wenn das dunkle Tor hinter ihnen zugefallen war und
der unentrinnbare Kreis der Arena mit seinem zerstampften Sande, seinen
Blutlachen, seinem Gebrll, Hohngelchter und Geheul sich vor ihnen dehnte. Es
war eine groe Beruhigung, als er statt eines hunderttausendstimmigen recipe
ferrum! doch noch die ehrliche Stimme seines Begleiters neben sich vernahm:
    Wenn Sie genug von dem kuriosen Ding haben, so lassen Sie uns
weitermarschieren. Es ist hier oben lngst nicht so behaglich wie im Grnen
Baum, meinte der Leutnant, den Arm des jungen Mannes nehmend.
    Das ist, wie das Meer sein mu߫, sagte Hans, und ich stehe am Rande wie
ein Knabe, der das Schwimmen lernen soll. Es treibt mich mit unwiderstehlicher
Gewalt hinab, und doch frchte ich mich. Ich frchte mich vor der Gewhrung
meiner Wnsche; - was mich vordem mit so tiefem Verlangen erfllt hat, macht mir
jetzt ebenso tiefes Grauen.
    Frisch mit einem Satz hinunter! rief der alte Kriegsmann. Streicht nur
wacker mit Hnden und Fen aus, Freundchen! Man platzt noch nicht gleich, wenn
man auch mal das Maul voll Wasser kriegt. Brr - fort! Was kmmert uns das
Wasser? Vivat der Grne Baum und die Neuntter!
    Abwrts trabten die beiden Wanderer, und nach fnf Minuten befanden sie sich
wieder auf ebenem Boden. Felder, Grten und Gartenmauern zu beiden Seiten! - Sie
kamen durch ein kleines Gehlz, dann in eine Wstenei von Husern, die man
abzubrechen schien, die aber erst aufgebaut wurden. Fertige Huser standen
ungemtlich und frostig zwischen Pfahlgersten und unvollendeten Mauern oder auf
kahlen Flecken. Selbst der Lichterschein, der aus diesen Husern in die Nacht
hinausfiel, hatte nichts von Gemtlichkeit und Behaglichkeit. Dies tolle
Durcheinander mit seinem Geruch nach Kalk und frisch behauenen Balken schien
kein Ende nehmen zu wollen, bis es auf einmal - so pltzlich ein Ende nahm, da
Hans Unwirrsch ber den neuen Anblick abermals in die greste Verwirrung
geriet. Die Menschen und die Laternen auf ihrem Wege hatten sich von Minute zu
Minute vermehrt; jetzt standen die zwei Reisenden vor einem der Tore des Teiles
der Stadt, der, wie der Leutnant sich ausdrckte, fertig war. Soldaten auf
Wache! Laternenreihen, die ebenfalls auf Wache zu sein schienen! Menschen im
berflu - ungeheuer viele Menschen!
    Wache heraus - Trommelwirbel - - - Grade neun Uhr - Zapfenstreich! meinte
der Leutnant, seinen altmodischen Zeitmesser mhsam aus der Tasche
hervorhaspelnd.
    Fr Hans Unwirrsch aber gab es in diesem Augenblick keine Zeit. Er stand und
gaffte ber den Platz, der vor ihm sich ausbreitete, er starrte auf die
lichterhellten vier Straen, die auf diesen Platz ausmndeten und deren Anfang
in unendlichster Ferne zu liegen schien. Ungeheuer viele Menschen! Neustadt war
doch auch ein ziemlich bevlkerter Ort, aber dies ging noch ber Neustadt
hinaus; das ging ber alles hinaus, was der Herr von Malthus jemals geschrieben
hatte.
    Kommen Sie, Pffflein, sagte der Leutnant. Fr diesen Abend und morgen
gehren Sie mir, bermorgen liefere ich Sie an Ihren Bestimmungsort ab und
mssen Sie dann sich auf eigene Faust zurechtfinden. Kleophea und Appendix wird
Ihnen schon manche harte Nu zwischen die Zhne schieben. Na, kommen Sie - Sie
werden Ihr blaues Wunder haben!
    Quer ber den Platz, hinein in eine der breiten und langen Straen! Hans
Unwirrsch htte nie gedacht, da es soviel Menschen gbe, welche Kutschen halten
knnten. An jeder Straenkreuzung entging er nur mit Mhe dem grlichen Tode
durch das Rad. Ohne den schnauzbrtigen Mentor wrde er sich dem Geheimen Rat
Gtz nur als Krppel oder als Leiche haben vorstellen knnen.
    Vorgesehen! Rechts - links! - Donnerwetter, wo stecken Sie? - Achtung -
Augen links - ein Omnibus!
    Als Telemachos endlich in eine ruhigere Strae gerettet worden war, wischte
sich der Leutnant schnaufend und blasend die hellen Angsttropfen von der Stirn,
fchelte sich mit dem Sacktuch diese Stirn und seufzte:
    Mit Erlaubnis zu sagen, Kandidate, das ist ja schlimmer, schweitreibender
und verantwortungsvoller, als wenn ein Bauer sein Schwein zu Markte bringt
    Hans war nicht in der Stimmung, den Vergleich belzunehmen. Er war einfach
schwindlig und hielt seinen Fhrer krampfhaft am Rockscho und im Auge.
    Nur ruhig, wir haben jetzt klareren Weg vor uns. Sechsmal gradaus und
sechsmal um die Ecke, dann sind wir gerettet. Im Grnen Baum wird abgekocht, und
dann machen wir eine freie Nacht draus. Vorwrts! Marsch! Das war 'n
Laternenpfahl, junges Wort Gottes! Marsch! Marsch!
    Sie standen eher vor dem Grnen Baum, als Hans es vermutet hatte. Und die
Tr des gastlichen Gebudes stand offen, und auf dem hell erleuchteten Hausflur
stand der Wirt und ohrfeigte einen sehr jugendlichen und sehr hoffnungsvollen
Ganymed, der vor der Tr der Gaststube die Zungenspitze vorwitzig in die
Nektarschale des Zeus steckte, vulgo in das Glas Punsch, welches der Herr Oberst
von Bullau bestellt hatte.
    Aber die geballte Faust des Wirtes zum Grnen Baum ffnete sich, es ffneten
sich die drohenden Falten seines Gesichts, der Knabe Louis entfloh seinem
Griffe, und das Geheul des Knaben verklang in der Tiefe des Hauses. Nimmer wurde
ein mder Wanderer unter einem Schenkenzeichen freudiger begrt als der
Leutnant Rudolf Gtz unter dem Schilde des Grnen Baumes. Der Grne Baum und der
Leutnant Gtz kannten einander seit langer Zeit, und Hans Unwirrsch zog
ebenfalls Vorteil aus diesem freundschaftlichen Verhltnis.
    Das Nest beisammen, Lmmert? fragte der Leutnant.
    Jeder Vogel auf seinem Zweig! antwortete der Wirt in ordonnanzmiger
Positur, beide Hnde an den Hosennhten.
    Bullau?
    Auf seinem Zweig im Baum.
    Schn! Stoff?
    Propre! antwortete der Wirt, den Zeigefinger langsam und bedeutungsvoll
ber die Lippen ziehend.
    Sehr schn! Ich gehe in das gewohnte Loch, und hier der Herr Kandidat
erhlt das Zimmer nebenan.
    Zu Befehl, Herr Leutnant! antwortete der Wirt mit einem Seitenblick auf
unsern Hans, eine Glocke ziehend. Johann, der Herr Leutnant auf sein Zimmer,
der andere Herr auf Numero dreizehn, Licht - schnell - marsch!
    Treppauf marschierte mit dem Lichte Johann der Hausknecht, den der Leutnant
ebenfalls seit lngerer Zeit zu kennen schien. Die beiden Reisenden folgten ihm;
der Wirt aber sah ihnen nach, go langsam den Punsch, welcher fr den Oberst von
Bullau bestimmt gewesen war, die eigene Gurgel hinab und bndelte alle seine
Verwunderung und alle seine Ideen ber Hans Unwirrsch und das Erscheinen
desselben im Grnen Baum zusammen in dem ausdrucksvollen Worte: Putzig!

                              Sechzehntes Kapitel


Hans Unwirrsch stand noch lngere Zeit betubt in der Mitte des ihm angewiesenen
Gemaches und sah auf die trbe Kerze, die Johannes auf den Tisch gestellt hatte,
bis ihn ein groes Wassergepltscher nebenan aus seiner Betubung
emporschreckte. Der Leutnant Gtz schnaufte und schnob gleich einem Walfisch in
seinem Waschnapf, und nun - wusch sich auch der Theologe. Eben war er mit der
Toilette fertig, als auch schon sein Begleiter den Kopf in die Tr steckte:
    Angenehmer Ort, nicht wahr? - Etwas schmal, niedrig und dunkel, aber - sehr
angenehm, Kandidate. Lag hier nach der Schlacht bei Friedland vier Wochen in der
Gesellschaft von Ratten, Musen, alten Besen und Stiefeln versteckt. Sehr duftig
und sehr angenehm. Haben ein wenig gelftet seit dem Jahre sieben. Lmmert
senior, Vater von Lmmert junior, Unteroffizier in unserm Regiment. Patriotische
Gemter drinnen - franzsische Sprnasen drauen. Rettung - Tugendbund - Aufruf
an mein Volk - Leipzig - Waterloo - Viktoria! uerst angenehm! Kommen Sie, wenn
Sie im Wichs sind, man wartet drunten auf uns; wir sind gemeldet.
    Mehr denn blo erwartungsvoll folgte Hans seinem Fhrer die Treppe hinab,
und unten an der Treppe stand bereits Herr Lmmert, der Wirt, salutierte
abermals und ri mit Nachdruck eine Tr auf, hinter welcher es sehr laut war.
    Da die in dem Gemach anwesenden Herren rauchten, sah man, aber die
anwesenden Herren selber sah man anfangs nicht. Selbst die Gasflamme ber dem
Tische und die beiden Lichter auf ihm lieen sich kaum ahnen; ein Hof war um
sie her wie um den Mond, um welchen sich der gute Sir Patrick Spence im Schlo
zu Dumferline so klglich hinter dem Ohr kratzte. Magisch tauchte aber ein
Neuntter nach dem andern aus dem Nebel auf, und es waren lauter ltere Herren,
deren jeder ein Glas mit irgendeinem behaglichen Getrnk vor sich stehen hatte
und die smtlich die beiden Eintretenden mit einem aufgeregten Gegrunze
begrten. Prses der Gesellschaft schien ein alter Herr mit schneeweiem Bart
zu sein. Hans Unwirrsch wurde ihm zuerst vorgestellt und erfuhr, da der wrdige
Alte mit der kolorierten Nase der Oberst und Oberneuntter von Bullau sei und
da der Leutnant Gtz einst in dem Regimente desselben gestanden habe. Wir aber
berichten jetzt, wer die Neuntter eigentlich waren, was sie wollten, woher sie
ihren Namen genommen hatten und ob sie denselben mit Recht fhrten.
    Jedes Mitglied der Gesellschaft hatte einst mittelbar oder unmittelbar mit
dem Wehrstande in Verbindung gestanden; jedes Mitglied fhlte mehr oder weniger
den Trieb der Geselligkeit und hatte ihn zu befriedigen gesucht, obgleich nicht
jedes Mitglied unbeweibt und somit unbehtet, unbeaufsichtigt durch das Leben
wandelte oder humpelte. Jedes Mitglied der Gesellschaft hatte das Recht, zu
rauchen und spirituse Getrnke jeder andern Feuchtigkeit vorzuziehen, selbst
dem funkelnden Tropfen im Auge der bessern Hlfte daheim, wenn besagtes Auge
schmerzlich sich auf den Nagel richtete, an welchem der Hausschlssel - gehangen
hatte.
    Jedes Mitglied hatte das Recht, zu lgen und Gste einzufhren, die fhig
waren, bis zu einem gewissen, aber ziemlich weit hinausgeschobenen Punkte
jedwede Erzhlung fr verbriefte, besiegelte und beschworene Wahrheit zu nehmen.
    Jedwedes Mitglied hatte das Recht, an jedem Gesellschaftsabend ein gewisses
Quantum Blut zu vergieen, doch durften nach Paragraph acht der Statuten nicht
mehr als neun Leichen auf den - Erzhler kommen. Davon der sehr schne Name des
Klubs!
    Ging ein exaltiertes Individuum ber die heilige Zahl Neun in seinem Eifer
hinaus, so verfiel es, wenn auch nicht sehr drakonischen Gesetzen, so doch der
sittlichen Entrstung der ganzen lblichen Tafelrunde, die in solchen Momenten
von dem Unbefangenen oder vielmehr dem Befangenen fr den obersten Gerichtshof
der Wahrhaftigkeit genommen werden konnte.
    Die Neuntter fhrten ihren Namen mit Recht, nicht der kleinste Einwand lie
sich dagegen erheben; es fiel brigens auch niemandem ein dagegen aufzutreten.
    Nicht alle Mitglieder der Gesellschaft waren festeingesessene Bewohner der
Stadt. Der Oberst von Bullau zum Beispiel brachte einen groen Teil des Jahres
auf seinem Gute Grunzenow zu, andere der Herren und Vgel waren in kleinen
Stdten und Ortschaften der Umgegend zu Hause; aber wen Geschfte, Reiselust,
Vergngen oder ein zusammengedrcktes Zwerchfell zur Hauptstadt fhrten, der
suchte unter allen Umstnden das alte Nest im Grnen Baum auf und war gewi,
einen Kreis wackerer Jugend- und Kampfgenossen an dem runden Tisch
zusammenzufinden.
    Nachdem der Oberst von Bullau den Kandidaten einer kurzen, aber eingehenden
Untersuchung unterzogen hatte, entlie er ihn fr dieses Mal mit dem Prdikate
dienstfhig, und Hans wurde von dem Leutnant Gtz jetzt auch den anderen
Herren vorgestellt.
    Zuerst machte er seinen unbeholfenen Diener vor einem rotgesichtigen,
vollwangigen, apoplektischen Neuntter, dessen Haupteigenschaften ein inniges
Wohlwollen und Wohlbehagen und ein merkwrdiger Husten waren. Wohlbehagen,
Wohlwollen und Husten schienen in seinem Innern im immerwhrenden Kampf zu
liegen und erschtterten seinen respektablen Bauch wechselweise. Dieser Herr
hatte einst der Artillerie angehrt und erzhlte an diesem Abend eine sehr
interessante Geschichte von einer feindlichen Kanonenkugel bei Bar-sur-Aube, die
so verstndig in die Mndung seiner - des Erzhlers - eigenen Kanone geflogen
sei und sich so regelrecht auf die Pulverladung gesetzt habe, da - das
herauskam, was ich ein richtiges Fangballspiel nenne. Paff, wir schickten sie
ihnen wieder, und da sie uns allbereits das Schwanzende zugekehrt hatten, so
hatten sie das Schlimmste davon, und der Spa kostete sie elf Beine, welche wir
nachher auf einem Haufen fanden, als wir zur Strecke kamen.
    Elf - elf Beine!? fragte der Oberst von Bullau, die Augenbrauen bedenklich
in die Hhe ziehend. Lauter rechte oder lauter linke, Kamerad?
    Sechs rechte und fnf linke, Kamerad! antwortete ohne Zgern der
Artillerist und war gerettet.
    Macht sechs Mann! summierte der Oberst, und alle Neuntter gestanden der
Geschichte nach Adam Riese ihre Meriten zu.
    Neben dem dicken Artilleriekapitn sa auf seinem Ast ein Vogel mit einem in
der Tat unheimlichen Ausdruck im linken Auge und einem diabolischen linken
Vatermrder, der triumphierend gradauf stand, whrend sein rechter Genosse
schlaff und geknickt herabgesunken war. Dieser Herr nahm nur mit der linken
Seite Notiz von dem Kandidaten, als solcher ihm vorgestellt wurde; er erzhlte
an diesem Abend durchaus keine Geschichte, aber er war selbst eine. Zum
Finanzfach gehrte er, und der Leutnant Gtz flsterte seinem Schtzling ins
Ohr, der Kamerad Schwappler sei heute links und werde morgen rechts sein;
seine - Schwapplers - Ansicht von der Behandlung der Organisation des Menschen
bestehe darin, da man dieselbe am besten dadurch ausbilde und erhalte, wenn man
in allem, was sie betreffe, einen Wechsel von rechts nach links und umgekehrt
eintreten lasse; heute sei der Kamerade links, knpfe seinen Rock nach links zu
und sein ganzes Wesen dito, morgen sei er rechts. Er nenne das sein Debet und
Kredit.
    Hans Unwirrsch betrachtete das Phnomen mit groem Staunen, und schweigend
sah ihn der Steuerrat mit dem linken Auge an, schweigend schlrfte er seinen
Grog mit dem linken Mundwinkel, schweigend blies er aus dem linken Mundwinkel
dichte Tabakswolken.
    Einem sehr mivergngten Neuntter wurde Hans vorgestellt und einem sehr
frhlichen, der aber nur einen Flgel oder einen Arm hatte. Das Abendessen,
welches der Leutnant Gtz fr sich und seinen geistlichen Begleiter bestellt
hatte, war jetzt angekommen, und mit nicht geringem Appetit folgte Hans der
Einladung seines Fhrers und hieb ein; der eben erwhnte frhliche Herr aber
hielt es sofort fr seine Pflicht, den Kandidaten durch eine recht appetitliche
Geschichte zu erfreuen und zum Angriff zu ermuntern.
    Bouillon und Beefsteak? sagte der frhliche Herr, einen Blick auf Hans,
die Schsseln und Hansens Teller werfend. Ist mir sehr zuwider - sehr!
Unbehagliches Gefhl, wenn einem ein geliebtes Glied seines eigenen geliebten
Krpers als Bouillon und Beefsteak vorgesetzt wird. Was denken Sie, Herr
Pastore, wer von dem, was in diesen rmel gehrte, satt geworden ist?
    Hans wagte schchtern seine Meinung dahin auszusprechen, da es Wrmer
gewesen seien, welche diesen Genu gehabt htten, und er fhlte sich sehr
erleichtert, als der frhliche Herr die noch vorhandene Faust schwer auf den
Tisch fallen lie und rief:
    Richtig, ganz recht! Ins Schwarze getroffen, Herr Schwarzrock.
    Messer und Gabel legte der Herr Pastor aber nieder, als der frhliche Herr
jetzt fragend hinzusetzte:
    Aber was fr Wrmer? und die Frage selber beantwortete: Die vier Wrmer
meines Bauern zu Niederkrayn an der Wtenden Neie, wo alles aufgefressen war
bis auf meinen Arm, den mir der Feldscherer abgesgt hatte. Es ging uns hart an,
aber was konnte es helfen - ich kriegte die Brhe und die andern den Braten. Der
Mensch tut vieles, was er nicht lassen kann.
    Der Kandidat der Theologie, Johannes Unwirrsch, tat auch, was er nicht
lassen konnte; er legte Lffel, Messer und Gabel nieder, sah den frhlichen
Herrn mehrere Augenblicke starr und bleich an, wischte den kalten Schwei von
der Stirn und go auf das Gewhl und Rumoren in seinem Innern sehr schnell
hintereinander drei Glser Wein, die ihm bei seinem aufgeregten Zustande
baldigst zu Kopfe stiegen. Der frhliche Herr sprte, wie wir leider sagen
mssen, nicht die mindesten Gewissensbisse ber die Wirkung seiner Erzhlung,
der Leutnant Gtz war abgestumpft gegen ihre Wirkung, und die brigen Herren
hatten ihr Abendbrot lngst hinter sich und in Sicherheit gebracht.
    Noch manche wunderbare Historien, Behauptungen und Bemerkungen bekam Hans an
diesem Abend zu hren, aber nicht alle wurden zu seinem speziellen Vergngen und
Behagen zum besten gegeben. Die Neuntter nahmen einander nichts bel, und am
schlimmsten waren jedenfalls diejenigen daran, welche durch ihre Frauen an ihrer
Pflicht als Gesellschaftsmitglieder gehindert wurden. Arme Burschen - aber es
geschah ihnen schon recht: hatten sie das Vergngen ihres Zustandes, so muten
sie auch seine Molesten auf sich nehmen.
    Sehr viel lernte Hans an diesem Abend, und nicht alles auf seine Kosten. Die
Haare standen ihm seit der Bouillongeschichte noch fters zu Berge, aber er
erkannte doch auch, da die Neuntter im Grunde recht wackere, anstndige,
ehrliche Gesellen waren.
    Immer mehr trat es hervor, da der Leutnant Rudolf Gtz ein sehr angesehenes
Mitglied des Vereins war und es zu sein verdiente. Er log fabelhaft und war
brigens der einzige, der heute die gesetzmige Leichenzahl berschritt und
dadurch dem allgemeinen Gegrunz, Oho, Aha und Hurra verfiel.
    Nach zehn Uhr erhoben sich diejenigen der alten Knaben, welche am meisten
mit dem Podagra zu schaffen hatten, und nach elf Uhr befanden sich Bullau, Gtz
und der Kandidat Unwirrsch allein an dem runden Tisch, der in seiner Mitte einen
klaffenden Spalt hatte, der, wie der Oberst schmunzelnd gegen Hans bemerkte,
jedenfalls entstanden war, weil selbst der Tisch das Bedrfnis fhlte, das Maul
aufzureien ber das, was er an jedem Abend zu hren kriegte.
    Der Oberst von Bullau, der Leutnant Gtz und der Kandidat Unwirrsch litten
bis jetzt noch nicht an der Gicht, und nichts hinderte sie, noch einige
Augenblicke vergnglich zusammenzubleiben, wenngleich vor Hansens Augen die
Umgebung sich nicht mehr in den bestimmtesten Umrissen prsentierte, Da war ein
lebensgroes Portrt des Marschalls Vorwrts an der Wand, und immer
bedrohlichere Blicke warfen Seine Durchlaucht auf den Theologen. Da stand auf
dem Ofen in der Ecke die Bste des weisen, aber mopsnasigen Mannes Sokrates, die
- immer sehr verwundert, sich hiesigen Orts zu finden - in diesen Augenblicken
mit wahrhaft bengstigendem Ausdruck der Mibilligung von ihrer Hhe in den
Dampf hinuntersah. Der Philosoph war vorzglich schuld daran, da der Kandidat
Unwirrsch fr ein letztes Glas Punsch herzlich dankte: Hans fhlte es innig,
da dieses letzte Glas unbedingt der Giftbecher fr ihn sein wrde. Auch die
Zigarre legte er fort und tat wohl daran.
    Aber jetzt erst erfuhr der Oberst von Bullau ganz genau, wer der Gastfreund
der Neuntter eigentlich sei und wie es komme, da er mit dem Leutnant Gtz
komme.
    I verflucht! sagte der Oberst von Bullau, als er erfuhr, da der Herr
Kandidate jener Przeptor sei, welchen der Kamerade Gtz so lange fr das Haus
seines Bruders gesucht habe. Weiter sagte der Herr Oberst jedoch nichts; - Hans
Unwirrsch durfte zu Bett gehen und ging. Was die beiden alten Kriegsmnner
weiter sprachen und taten, nachdem Hans schlaftrunken unter der Aufsicht und
Beleuchtung des Hausknechtes treppauf geschwankt war, knnen wir nicht
verknden. Jedenfalls gingen sie noch nicht zu Bett. -
    Trotzdem da zuerst ein unbekannter, aber hchst bsherziger und
schadenfroher Geist groes Vergngen daran fand, erst das Fuende des Lagers des
Kandidaten bis an die Zimmerdecke emporzuheben und darauf das Kopfende, fiel
Hans zuletzt doch in einen tiefen, schweren Schlaf, der ihm weder erfreuliche
noch drohende Bilder vorgaukelte. Nicht eine der fabelhaften Geschichten, die er
im Klub der Neuntter vernommen hatte, drckte ihn als Alp, und als er erwachte,
war es heller Tag, und der Leutnant Gtz stand vor seinem Bett, frisch, scharf
und fidel, als sei auch um ihn kein Gespenstertanz in der Nacht aufgefhrt
worden.
    Na, junger Mensch, heute stehen Sie noch unter meinem Kommando, sagte der
Leutnant. Zu den Waffen also! Marsch, aus den Federn! Morgen um diese Zeit
sollt Ihr die Mundwinkel nach Belieben herunterziehen drfen, heute aber -
aufwrts mit dem Riecher! Die Jugend kann die Nase nicht hoch genug heben, was
man auch dagegen sagen mag. Marsch, in die Kleider, Sie schwarzgebundenes
Prachtexemplar aus unseres Herrgotts Regimentsbibliothek!
    Wir wollen und knnen nicht auf allen Wegen, welche der Leutnant an diesem
Tage unsern Freund fhrte, mitgehen, wenngleich es sehr respektable und
anstndige, in jeder Beziehung anstndige Wege waren. Nicht nur durch Kneipen
und Konditoreien fhrte den Theologen der Kriegsmann. Er schleifte ihn durch das
Arsenal und verschiedene Waffensammlungen, lie aber mit Verachtung freilich die
Bibliothek zur Seite liegen. Dagegen schien er sehr gern bunte Bilder in den
Fenstern der Kunstlden sowie in den Museen zu sehen und entwickelte dabei die
eigentmlichsten Kunstansichten. Die antiken Bildsulen erklrte er fr
prachtvolle Kreaturen und ganz auerordentlich dienstfhig, fhrte jedoch im
Grunde seinen Begleiter nur deshalb in die Galerie der Skulpturwerke, um ihm ein
ziemlich unanstndiges Basrelief zu zeigen, auf welches ihn selber hchst
frivolerweise der Herr Oberst von Bullau aufmerksam gemacht hatte.
    Verschiedene Gensse hatten und verschiedene Fhrlichkeiten bestanden die
zwei Herumtreiber den Tag ber. In einen Streit mit einem in ungewhnlicher
Weise jhzornigen Droschkenkutscher geriet der Leutnant eigentlich durch seine
eigene Schuld, rief aber auch nicht die Polizei zu Hlfe, sondern machte zuletzt
sogar gemeinschaftliche Sache mit dem Droschkenkutscher gegen die Polizei. Der
Leutnant Gtz hielt es nicht unter seiner Wrde, in einem sehr tiefen, sehr
dunkeln und sehr feuchten Viktualienkeller einen Bittern mit dem
Droschkenkutscher zu trinken, whrend die Polizei grimmig von der Strae in das
Loch hinabsah und den armen Hans als das ihr verdchtigste Subjekt von den
beiden Bauernfngern scharf ins Auge nahm.
    Am Abend fand sich Hans Unwirrsch, wirbelig von allen Erlebnissen des Tages,
pltzlich wieder im Grnen Baum vor einem nahrhaften Abendessen. Den frhlichen
Herrn fand er aber glcklicherweise nicht und durfte somit das Seinige in
Frieden genieen.
    Nach dem Abendessen erklrte der Leutnant, da er nunmehr bereit sei, seinen
Schtzling in - die Oper zu fhren, und smtliche anwesende Neuntter erklrten
diese Idee fr sehr unzurechnungsfhig und sehr lcherlich. Der Leutnant
fhrte jedoch seinen Kandidaten ohne weitere Diskussion der Frage aus dem
trauten Nest der biedern Vgel hinweg, und letztere entlieen das bunte und
schwarze Tuch mit einer knatternden Abschiedssalve der bemerkenswertesten
Bemerkungen und der anzglichsten Anzglichkeiten.
    Don Juan! - - - Wenn der Mensch mit Mhe und Not in dunkeln, engen Straen,
hinter wackelnden Tischen in Klte und Hunger, groem Hunger, aufgewachsen ist,
und es endlich - endlich zum Kandidaten der Theologie gebracht hat, wenn der
Mensch dazu noch gar Johannes Unwirrsch heit und soviel im Innern und sowenig
nach auen hin erlebt hat, dann ist es ein merkwrdig Ding, wenn er, zum
erstenmal in ein groes Schauspielhaus tretend, sich diesem Bruchstck
menschlicher Unsterblichkeit gegenberfindet.
    Der prchtige Saal, die Menschen, die Lichter berauschten den Theologen
mehr, als das der Wein am vergangenen Abend vermochte. Wie war es mglich, da
solch ein reiches, farbenprchtiges Leben rauschen konnte, ohne da Tausende,
Hunderttausende, Millionen eine Ahnung davon hatten?
    Wer hat nie das tiefschmerzliche Gefhl des Versumthabens kennengelernt?
Elans Unwirrsch empfand es in diesem Augenblick wieder einmal recht sehr, wenn
auch nur auf eine flchtige Minute.
    Lat Euch nicht verfhren durch das nrrische Gewimmel, sagte der
Leutnant, der beide Arme auf die Brstung der Loge im dritten Rang sttzte und
dabei aussah, als ob er sehr gern in die Tiefe hinabgespuckt haben wrde. Das
mu man kennen, um es zu wrdigen, Herr Kandidate. Das imponiert nur das erste
Mal; wartet nur auf die Musik; vor ihr ist dieses Gekribbel, Gekrabbel und
Affenspiel wie Schaum, der verfliegt, wenn man dagegenblst. Es hat nichts auf
sich mit diesem Flitter! Da ist die Ouvertre, nun sind wir alle tot und nichts,
und lebendig ist allein Wolfgang Amadeus Mozart.
    Der Vorhang ging auf: Leporello greinte und grinste, Don Juan lsterte,
Donna Anna erschien in Verzweiflung, Wut und im Nachtrock auf der Bhne, der
Komtur wurde erstochen, um spter im Lapidarstil den Wstling zu berzeugen, da
es sehr gefhrlich sei, Leute von rachgierigem Gemt, mit denen man nicht auf
dem besten Fu steht, zum Souper einzuladen. Wenn der Komtur im letzten Akt eine
fr Sandstein oder Marmor etwas ungewhnliche Lebendigkeit zeigte, so sa Hans
Unwirrsch wirklich wie versteinert dabei da und erwachte nicht eher zum
Bewutsein seiner selbst, bis der lebenslustige, heitere junge Spanier kopfber
in den feurigen Pfuhl gestrzt und der Vorhang niedergerollt war.
    Das Rauschen und Durcheinander der sich erhebenden und drngenden Menge
trieb auch den Kandidaten empor, aber der Leutnant zog ihn am Rockscho wieder
auf die Bank herab.
    Bleiben Sie sitzen, Unwirrsch, sagte er, ich liebe es nicht, im Wirbel
aus solcher Musenbude herausgeschoben zu werden. Ich bin gern der letzte im
Theater, obgleich den Menschen dabei ein Gefhl berkommen kann, als ritte er,
der letzte, von einem Schlachtfeld. Es ist aber ein ntzlich Gefhl auf all den
Spektakel.
    Sie blieben sitzen, und so wurde es allgemach leer um sie her; sie sahen die
Lampen erlschen und zuletzt den gewaltigen funkelnden Kronleuchter; sie gingen
nicht eher, bis der Logenschlieer und der wachthabende Soldat ihre Blicke mit
Winken verbanden.
    Nicht wahr, das gehrte dazu? fragte der Leutnant, als sie auf der Gasse
standen, und Hans konnte nur stumm und frstelnd mit dem Kopfe nicken.
    Etwas Warmes darauf! sagte der Leutnant dann aber auch. Rechtsum!
Gradaus! Rechten, linken. Sie wollen lieber heimgehen? Haben etwas Kopfweh?
Dummes Zeug! Ich hab's Ihnen ja schon gesagt, morgen knnen Sie mit sich
anfangen, was Sie wollen; heute aber trage ich die Laterne. Hier sind wir,
nehmen Sie sich in acht, da Sie nicht auf der Treppe stolpern.
    In eine bekannte Weinstube nicht weit von dem Theater fhrte der Leutnant
den Theologen und vermischte auf dem Wege dahin allerlei Melodisches aus der
eben gehrten Oper mit allerlei Hindeutungen auf die Annehmlichkeiten und
Zutrglichkeiten von Kaviar und Rdesheimer.
    Nicht wenig wunderte sich der Kandidat der Theologie, als er in dieser
Weinstube den Komtur ohne eine Spur von Mehlstaub im Gesicht an einem Tisch mit
dem Verfhrer seiner reizenden Tochter sitzen sah. Ohne den Leutnant wurde Hans
nimmer darauf gekommen sein, da es diese beiden behaglichen Herren mit dem
prachtvollen Appetit waren, die ihm vorhin die Seele halb aus dem Leibe gesungen
hatten. Manch ein unscheinbares Individuum zeigte der Leutnant seinem jungen
Freunde in dem weiten Gemache und raunte ihm den Namen desselben in das Ohr,
worauf Hans mehrfach besagtes Individuum beinah mit Andacht betrachtete. Mehrere
sehr durstige und berhmte Knstler wurden ihm gewiesen, und auch einen der
gresten Geister im Lande, einen geliebten, berhmten lyrischen Dichter sah er
mit ehrfurchtsvollem Schauder und tiefer Rhrung, und zwar von einem ganz neuen
Gesichtspunkt aus: der Poet litt an einem furchtbaren Katarrh, trank Eierpunsch
und wurde Punkt elf Uhr von einem schrillstimmigen, lumpenhaften Dienstmdchen
nach Haus beordert: Frau Doktorn lt eine Empfehlung bestellen, und sie habe
nicht lnger Lust, allein wach zu sitzen und auf Herrn Doktor zu warten!
    Mi fa piet Masetto! sang seltsamerweise diesmal nicht Zerline, sondern
der Komtur im klglichsten komischen Ba, und der Lyriker wickelte einen sehr
bunten Schal um den Hals und wurde von dem kategorischen Aschenbrdel abgefhrt.
Hans Unwirrsch hrte ihn drauen unter dem Fenster vorberniesen und las von
diesem Moment an die Lieder des geweihten Sngers mit gnzlich vernderten
Gefhlen.
    In diesem Lokale verwandelte sich auch der Leutnant aus einem Erzhler in
einen Zuhrer, mit hoch emporgezogenen Augenbrauen sa er hinter seiner Flasche
und Zigarre und gab acht auf die Umgebung.
    Es war ein immerwhrendes Kommen und Gehen, die Kellner stolperten
bereinander in hastiger Verrichtung ihres Dienstes. Fast das ganze
Opernpersonal mnnlichen Geschlechts fand sich allmhlich zusammen, doch auch
viele andere Herren kamen.
    Je spter der Abend, desto schner die Leute! Da kommt Theophile! rief
pltzlich Don Giovanni, als sich die Tr wieder einmal ffnete. Da ist Stein.
Hierher, hierher, Doktor! Der Dichter soll mit dem Knig gehen -
    Welches hier wohl soviel heien will als: der Kritiker soll mit dem Snger
trinken, sagte lchelnd der als Doktor Stein bezeichnete Herr, indem er dabei
vorsichtig seine eleganten Handschuhe auszog.
    Der Leutnant Gtz hatte eben seinen Platz verlassen, um in einem Nebenzimmer
einen Bekannten aufzusuchen, dessen Stimme er durch all den Lrm gehrt hatte;
Hans Unwirrsch, der jetzt allmhlich Lust bekam, die Augen ganz zu schlieen,
richtete sie noch mal auf seine Umgebung, sah auf den fremden Herrn am
Nebentisch anfangs sehr flchtig, dann aber wie erstarrt zwischen Freude und
Schrecken.
    War es mglich? War es eine Tuschung oder Wahrheit? War er es, oder war er
es nicht? ... Kein Zweifel, er war's trotz Bart und allem andern.
    Zitternd vor Aufregung erhob sich der Kandidat und trat zu auf den Herrn,
der ihm jetzt den Rcken zuwandte. Leise berhrte er seinen Arm; und jener
drehte sich um und sah dem Theologen voll ins Gesicht.
    Moses! Moses Freudenstein! murmelte Hans Unwirrsch, beide Arme ausbreitend
zur Umarmung; jener jedoch trat einen Schritt zurck und schien einen Augenblick
in seiner Erinnerung zu suchen, whrend seine Augenbrauen sich zusammenzogen und
seine Lippen fest sich schlossen. Aber er schien schnell, wenn auch nicht
freudig berrascht, zu einem Entschlu gekommen zu sein. Er fate fest beide
Hnde des Kandidaten und zog ihn dicht zu sich heran.
    Ei, du bist es, Hans? Bist du es? Welch ein Zusammentreffen! Sprich nicht
so laut! O wie ich mich freue! Nenne meinen alten Namen nicht mehr, ich will dir
spter sagen, warum nicht. Jetzt bin ich der Doktor Theophile Stein. Mach mir
hier keine Szene, Freund! Alle die Narren sehen auf uns! Nachher - morgen,
nachher!
    Moses Freudenstein schob den bestrzten Jugendfreund von sich und wandte
sich wieder zu den andern Herren. Sie schienen ihn ber den Auftritt und den
drolligen Schwarzrock auszufragen; er flsterte ihnen etwas zu, und nun sah
jedermann mit einem gewissen wohlwollenden Lcheln auf den armen Hans.
    Noch einmal trat Moses zu dem Freund und sagte leise und eindringlich:
    Geh zu deinem Tisch zurck! Errege kein Aufsehen, es hngt viel fr mich
davon ab. Sei ein guter Kerl, Hans, wie du es immer gewesen bist. Mach uns hier
keine Szene!
    Von allen Seiten wurde jetzt der Doktor Theophile Stein gerufen. Er schien
ein sehr beliebter und bekannter Charakter zu sein, Wie der Kellner in
Shakespeares Heinrich dem Vierten mute er nach allen Seiten hin Gleich!
Gleich! antworten. Bald war er von einer ganzen Schar der Anwesenden umgeben;
jedermann horchte mit lachendem Munde auf seine Aussprche. Witzig, scharf
zufahrend im hchsten Grade waren diese Aussprche; niemand schien ihm auf
irgendeinem Felde standhalten zu knnen; - nichts, nichts, nichts in dem Wesen
des Mannes erinnerte mehr an den dunkeln Laden in der Krppelstrae, an den
kniglich westflischen Lakai! Hans war zu seinem Tisch zurckgewichen und
strich immer von neuem die Haare aus der Stirn; es war ihm fast unmglich, an
das zu glauben, was er sah und hrte.
    Jetzt kam der Leutnant Gtz zurck und sagte, indem er neben Hans sich
wieder niederlie:
    Ah, da ist ja auch der Doktor Stein! Ein merkwrdiges Menschenkind, Herr
Kandidate. Ist erst vor kurzem in hiesiger Stadt angelangt - Literat -
Journalist - Buch ber den Weltgeist oder dergleichen. Ein fabuloses Mundwerk.
Wenn ich nur wte, wo ich das Gesicht schon gesehen habe! Kann nicht sagen, da
mir der Mensch so auerordentlich gefalle, aber die andern haben ohne Frage den
Narren an ihm gefressen.
    Hans sa auf glhenden Kohlen; er wute, wo der Leutnant seinen Moses
Freudenstein, der sich jetzt Theophile Stein nannte, gesehen hatte; er mute es
sagen, und doch durfte er es nicht, denn pltzlich richteten sich die schwarzen
Augen des Jugendgenossen mitten aus dem Gewhl auf ihn. Den Finger legte Moses
auf den Mund und schttelte den Kopf. Der arme Hans befand sich in
ungemtlichster Kollision der Pflichten, aber die Krppelstrae ging nochmals
aus dem Kampfe in der Brust des Theologen als Siegerin hervor, das Posthorn zu
Windheim unterlag. An diesem Abend erfuhr der Leutnant noch nicht, wer der
interessante Fremdling war; Hans aber versprach sich fest, dem Zwiespalt in
seinem eigenen Innern so schnell als mglich ein Ende zu machen; er beruhigte
sich endlich in dem Gedanken, da es zu gegebener Zeit leicht sein msse, diese
beiden edlen Charaktere einander entgegenzufhren und vorgefallene kleine
Zwistigkeiten auszugleichen. Das aber stand auch fest, geschlafen hatte die
Seele des Kandidaten der Gottesgelahrtheit Johannes Unwirrsch bis jetzt wie die
- Prinzessin Dornrschen im Zauberwald, und whrend dieses allzu tiefen Schlafes
hatte sich die Welt vollkommen verndert und den Kandidaten bei diesem Proze
durchaus nicht vermit. In seinem Trbsinn bedachte Hans nicht, da die
verzauberte Prinzessin jung - jung erwachte und da das blhendste Leben anhub
im Schlo, whrend drauen vor dem Walde die Leute so alt, so sehr alt geworden
waren. -
    Seit der Doktor Theophile erkannt hatte, da Hans ihn nicht an den Leutnant
verraten wrde, widmete er sich gnzlich dem eigenen, frhlichen Kreise, ohne
weitere Notiz von dem Jugendgenossen zu nehmen. Als aber der Leutnant sich zum
Abschied gerstet hatte und zuerst aus der Tr gegangen war, fhlte der Kandidat
pltzlich eine Berhrung. Moses stand neben ihm und drckte ihm eine Karte in
die Hand; dann sprang er zurck, kte wie zrtlich die Fingerspitzen gegen den
Freund, und Hans befand sich einen Augenblick spter auf der Gasse an der Seite
des Leutnants Gtz, der heute auch bermdet zu sein schien und an der Kammertr
im Grnen Baum schnell Abschied von seinem Begleiter nahm.
    Lange betrachtete der Kandidat in seiner Kammer die Karte mit der Adresse
des Jugendfreundes. Schwer wog sie auf seiner Seele, obgleich sie zart und
zierlich genug war.

                              Siebzehntes Kapitel


Fast die ganze Nacht hindurch mute Hans Unwirrsch auf alle die Turmuhren
horchen, deren Glockenklnge bis zu seinem Kopfkissen drangen. Stimmen von jeder
Art vernahm er, wie er wachend lag. Zwlffach rief ihm die groe Stadt jede
verrauschte Viertelstunde ins Ohr. Aus der Nhe wie aus der Weite kamen die
Klnge - erst die dumpfe, ganz nahe Glocke, dann die feine, die in der Ferne
bimmelte und viel hnlichkeit mit der Passagierglocke eines Bahnhofes hatte. Auf
das feine, ferne Stimmchen das sonore Drhnen von dem Nikolausturm und so fort,
so fort, eine Uhr und Glocke der andern dicht auf dem Nacken folgend.
    Es war ein eigen Ding, zu liegen in dem fremden Haus, der fremden Stadt, der
fremden Welt, die nchtlichen Stunden zhlend und das vergangene Leben im Geist
zu wiederholen, um die wirren, tollen Erlebnisse der Gegenwart nur irgendwie
damit verknpfen zu knnen.
    Wie stellte sich dieser Doktor Theophile Stein zu dem Moses aus der
Krppelstrae, dem Moses des Gymnasiums und der Universitt? Hans Unwirrsch gab
es auf, darber sich abzuqulen. So unerklrlich diese pltzlich aus dem Boden
gestiegene Erscheinung sein mochte, ihre Umrisse waren doch zu bestimmt und
scharf, als da es mglich gewesen wre, ihr Dasein in der Wirklichkeit zu
bezweifeln.
    Man kann an viele Leute denken, whrend man die Stunden zhlt in der Nacht.
An Lebende und Tote kann man denken und vorzglich an die letzteren; denn die
Nacht ist die Zeit der Geister.
    An seine Toten dachte Hans - an die Mutter, ihren alten schwarzen
Sparkasten, ihre guten, treuen Augen und den Morgen, an welchem er, von seiner
Predigt heimkehrend, diese Augen geschlossen fand. An den Vater dachte Hans, an
die glnzende Glaskugel, an sein schnes Liederbuch. Nun stieg allmhlich die
ganze eng eingeschrnkte Kindheit aus dem Dunkel empor; und einmal richtete sich
der ruhelose Trumer schnell von seinem Lager empor, weil er glaubte, die
Stimmen der Base Schlotterbeck und des Oheims Grnebaum drauen auf der Treppe
zu hren. Es war freilich eine enge, begrenzte Welt, die den Kandidaten in
dieser Nacht umgab, als aber der Morgen graute, hatte sie ihn fhig gemacht, der
weitern Welt, die sich jetzt vor ihm ffnete, fest entgegenzutreten. An diesem
Morgen brauchte der Leutnant Gtz seinen Przeptor nicht aus den Federn
aufzujagen: vollstndig gerstet fand er ihn und bereit - wie derselbe Leutnant
sich ausdrckte -, einen breiten Buckel zu machen fr alles, was man ihm
auflegen mochte.
    Dreimal ging der Leutnant Gtz um den Kandidaten der Gottesgelahrtheit
Unwirrsch herum und betrachtete ihn mit Wohlgefallen.
    Wie auf der Bhne, sagte er, als er zum drittenmal seinen Kreis vollendet
hatte. Was ist die Theologie ohne schwarze Hosen? Was ist ein Przeptor ohne
Frack? Donner und Hagel - famos! Etwas aus der Mode, aber sehr anstndig!
Freundchen, wenn diese beiden schnen schwarzen Schwnze dem Bruder Theodor
nicht gefallen, so - so kann's nur an dem blauen Taschentuch liegen, das
vielleicht etwas zu naseweis fr die feine Frau Schwgerin zwischen ihnen - ich
meine, den Frackschen - hervorguckt.
    Schnell schob Hans das Taschentuch so tief als mglich in den Abgrund der
Tasche, der Leutnant aber rief:
    Lassen Sie hngen! Lassen Sie dreist hngen! Deshalb habe ich's wahrhaftig
nicht bemerkt! Was geht Sie der Theodor und die Kleophea an? Wenn nur-
    Der Alte brach ab; Hans Unwirrsch erfuhr jetzt nicht, was sich an dieses
wenn nur schlieen sollte. Um fnfzehn Minuten nach elf Uhr war er mit dem
Leutnant auf dem Wege zum Hause des Geheimen Rats Gtz.
    Den Ratschlag des alten Kriegers, sich vor dem Ausmarsch durch einen Kognak
zu strken, hatte Hans fest abgelehnt, und der Leutnant hatte gesagt:
    Alles in allem genommen, mgen Sie recht haben; mein Herr Bruder hat eine
ziemliche Nase und mchte durch dieselbe einen ungerechtfertigten Argwohn in
sich hineinziehen. Vorwrts!
    Schief hatte Hans den kandidatlichen Frack ber dem klopfenden Herzen
zugeknpft. Aus dem Fenster des Grnen Baumes hatte der Oberst von Bullau
spahaft-ironisch mit einem weien Taschentuch gewinkt; lchelnd, aber ohne
Ironie sah die Sonne vom Himmel auf den Przeptor herab. Das Wetter lie heute
weniger zu wnschen brig als die Stimmung des Leutnants. Auf dem ganzen Wege
sprach oder brummte der vielmehr mit sich selbst; die Mtze hatte er tief in die
Stirn gezogen, die Hnde schien er in den Taschen seines Oberrocks geballt zu
haben. Wie er kurz angebunden war, war durchaus nicht zum Entzcken, und recht
ordentlich fuhr der Przeptor zusammen, als der bellaunige Fhrer pltzlich
schnarrte: Verflucht, da sind wir ja schon!
    Sie hatten erst die lebensvolle, lrmvolle Geschftsstadt hinter sich
gelassen, hatten dann ein stilleres Viertel, vornehmeres Viertel durchwandert
und gelangten jetzt durch einen Teil des Parkes zu der letzten Huserreihe eines
noch vornehmeren Viertels, welche sich den Park entlangzog und von ihm durch
Fahr- und Reitwege getrennt war. Durch kleine, aber selbst in dieser frhen
Jahreszeit zierlich gehaltene Grten gelangte man zu den Husern dieser Strae;
und vor einem eleganten eisernen Gartentor stand jetzt der Leutnant still und
deutete grimmig auf das elegante Gebude jenseits des runden Rasenfleckens und
des leeren Springbrunnenbeckens.
    Grimmig zog der Leutnant die Glocke des Gartentores, Sesam tat sich auf, um
den Rasen und das Brunnenhecken schritten die beiden Herren. Drei Treppenstufen
- eine reich geschnitzte Tr, die sich ebenfalls von selbst zu ffnen schien -
ein dmmeriger, vornehmer Flur - bunte Glasscheiben - die Tne eines Fortepianos
- ein kreischender Papagei irgendwo in einem Zimmer - ein Bedienter in Grn und
Gold, welchem Hans Unwirrsch in der Verwirrung auf den Fu trat und der es
verachtete, von den gestammelten Entschuldigungen Notiz zu nehmen - eine
geffnete Tr - ein Frulein in Violett - ein melodisch vergngter, berraschter
Ausruf und ein helles Gelchter des Fruleins - drei Viertel auf zwlf!
    Der Onkel! Der schreckliche Onkel! Der Onkel Petz! O welch ein Glck!
Onkelchen Grimbart, vor allen Dingen einen Ku, mon vieux!
    Das Frulein in Violett hing so pltzlich am Halse des brbeiigen Alten,
da er den Ku dulden mute und ihn, wie es schien, etwas weniger migestimmt
erwiderte. Dann machte er sich aber schnell aus den schnen Armen los, schob das
Frulein in Violett zurck und wandte sich an seinen schwarzen Hans:
    Dies ist meine Nichte Kleophea, meine Nichte mit dem frommen Namen und dem
bsen Herzen. Hten Sie sich vor ihr, Herr Kandidate.
    Der Herr Kandidat trat der jungen, schnen Dame nicht auf den Fu, in
achtungsvollster Ferne verbeugte er sich vor ihr, und sie erwiderte seinen Gru
durchaus nicht unfreundlich. Das wechselnde, holdselige Licht ihrer Augen machte
einen groen Eindruck auf Hans trotz der Warnung seines treuen Eckarts.
    Wollen Sie mir den Herrn nicht gleichfalls vorstellen, Onkel Rudolf?
fragte Kleophea lchelnd. Meinen Namen und meinen Charakter haben Sie nach
Gebhr kundgemacht: Sie wissen, da in meinem bsen Herzen Sie das lichteste und
behaglichste Winkelchen innehaben. Nun seien Sie billig und -
    Herr Johannes Unwirrsch aus Neustadt, Kandidatus der Gottesgelahrtheit -
ein junger Mensch, wohlgeschickt, verzogene Rangen von beiden Geschlechtern zur
Rson zu bringen - ein Jngling, der meine ganze Billigung besitzt.
    Das ist sehr bel fr Sie, Herr Kandidat, sagte das Frulein. Was mein
Herr Onkel billigt, das wird in diesem Hause - Jean, ich bitte Sie um alles in
der Welt, starren Sie uns nicht so geistreich an; gehen Sie doch, vielleicht
existiert irgendwo doch noch eine ntzlichere Beschftigung fr Sie! -, wird in
diesem Hause sehr oft, ungemein oft nicht in seinem vollen Wert erkannt. Aber
Sie gefallen mir, und ich will Sie unter meinen allerleichtsinnigsten Schutz
nehmen, Herr Umquirl.
    Unwirrsch! Candidatus theologiae Unwirrsch! schnarrte der Leutnant.
    Bitte um Verzeihung! sagte Kleophea. Also Sie, Herr Kandidat, sind der
duldsame Herr, den wir fr unsern lieblichen, engelhaften Aim so lange und so
vergeblich gesucht haben? O wie interessant, Herr Rumwisch!
    Unwirrsch!! Zum Henker! rief der Leutnant. Ist dein Vater zu Hause,
Mdchen?
    Kleophea nickte. Marsch! kommandierte der Alte; Jeans hasenhaft
aufgesperrte Augen und imponierender Backenbart erschienen, als Kleophea, Hans
und der Leutnant die Treppe hinaufstiegen, von neuem auf dem Flur, und ihr
entrsteter Besitzer wartete mit Ungeduld auf den Wagen der gndigen Frau,
welcher die Nachricht, da der Hauslehrer in der Begleitung des Herrn Leutnants
Gtz angelangt sei, jedenfalls sehr interessant sein mute.
    An der Seite des Kandidaten stieg Kleophea die Treppe hinauf. Der Oheim
stieg ihnen brummend nach.
    Zwlf Stufen! Mit der dreizehnten wandte sich die Treppe nach rechts, und
als Hans oben auf dem Korridor sich nach dem Leutnant umsah, war dieser
verschwunden. Der Kandidat stand mit Kleophea allein, und das Frulein amsierte
sich sehr ber den verblfften Herrn Hauslehrer.
    Ja, wo ist er? Wo mag er geblieben sein? lachte sie. Kennen Sie ihn von
dieser Seite noch nicht? Er hat Sie hierher abgeliefert und ist verschwunden wie
ein alter, schnauzbrtiger Zauberer. Der Zauberwagen ist zu einer leeren
Nuschale geworden, die Rosse haben sich als Muse verkrochen; geben Sie nur das
Umsichblicken auf, Herr Unwirrsch. Der Alte wird hchstwahrscheinlich meine
Kusine Franziska aufgesucht haben. Sie sind jetzt auf sich und mich allein
angewiesen; - hier ist das Zimmer meines Papas, ich werde mir ein Vergngen
daraus machen, Sie vorzustellen. Ohne Schmeichelei, Sie gefallen mir recht gut,
und ich hoffe, da wir beide in diesem Hause uns das Leben nicht allzusehr
verbittern werden.
    Da sie ihn bei den letzten Worten ansah, so war Hans auerstande, sich vor
ihr zu hten, wie ihm der Leutnant so eindringlich anempfohlen hatte. Diese
braunen Augen besaen eine Zaubermacht ersten Ranges, und wenn Circe in nur
irgend hnlicher Weise geblickt hatte, so war es kein Wunder, wenn Gryllus
lieber ein Schwein in ihrem Dienst als ein Koch im Dienst des Odysseus sein
wollte.
    Aber die Tr ffnete sich. Durch einen eleganten Salon fhrte Kleophea den
Kandidaten in ein anderes Gemach voll Bcher- und Aktenschrnke. Drei
Verbeugungen machte Hans Unwirrsch gegen einen umfangreichen, mit grnem Tuch
berzogenen Tisch, der auch mit Bchern und Akten bedeckt war. Ein Herr sa
hinter dem Tisch und erhob sich bei dem Gru aus seinem Sessel, wuchs lang,
lang, immer lnger - dnn, schwarz, schattenhaft - empor und stand zuletzt lang,
dnn und schwarz, zugeknpft bis an die weie Halsbinde, hinter seinen Akten da,
gleich einem Pfahl mit der Warnungstafel: An diesem Ort darf nicht gelacht
werden.
    Kleophea lachte aber doch.
    Der Herr Kandidat Unwirrsch, Papa, sagte sie; wieder verbeugte sich Hans,
und der Geheime Rat Gtz rusperte sich, schien es sehr zu bedauern,
aufgestanden zu sein, blieb jedoch, da er einmal stand, stehen und fuhr mit dem
rechten Arm schnell nach dem Rcken, was in jedem andern als dem Kandidaten die
Vermutung erregt haben wrde, jetzt drcke er auf eine Feder oder drehe eine
Schraube oder ziehe an einem Faden.
    Was er aber auch an den beiden Knpfen am Hinterteil seines Frackes
vornehmen mochte, die Folge davon war eine schlechte Nachahmung einer der sechs
theologischen Verbeugungen.
    Der Herr Kandidat Unwirrsch, wiederholte Kleophea ihre Vorstellung,
whrend der Papa in einem wirklichen geheimen Rat zu berlegen schien, in
welcher Weise er den Przeptor empfangen solle. Jetzt entschlo er sich und
sagte:
    Ich sehe den Herrn, habe ihn auch bereits seit zehn Minuten erwartet, heie
denselben aber auch jetzt noch willkommen. Ist mei-ne Frau, deine Mutter zu
Haus, liebe Kleophea?
    Nein, Papa.
    Sehr leid! Herr Kandidat, ich hoffe, da ein lngeres nheres Zusammenleben
uns auch nher zusammenfhren wird. Kleophea, wann wird mei-ne Frau, deine
Mutter nach Haus kommen?
    Ich kann es nicht sagen, Papa. Du weit, da sich selten darber etwas
Genaues bestimmen lt.
    Es schnurrte jetzt in dem Geheimen Rat, und er rusperte sich bedenklich;
Hans Unwirrsch hielt es fr gelegen, seinen festen Willen kundzugeben, sich so
ntzlich als mglich zu machen und seinem schweren, aber auch segensreichen
Werke mit allen Krften obzuliegen. Er sprach dem Rate seinen besten Dank aus
fr das Vertrauen, welches er in einen unbekannten Mann gesetzt habe, und
gelobte freiwillig, es in keiner Weise zu tuschen.
    Der Geheime Rat hatte wieder hinten an seinem Mechanismus gedrckt und war
langsam in seinen Sessel, hinter seine Aktenhaufen hinabgesunken. Zweifelhaft
konnte es sein, ob er ber die Worte seines neuen Hauslehrers tief nachdenke
oder ob er dieselben gar nicht gehrt habe; aber wahrhaft magisch war's, wie er
wieder in die Hhe fuhr, als pltzlich der grn-goldne Lakai im Zimmer stand und
anzeigte, da die gndige Frau soeben nach Haus gekommen sei und auf der Stelle
den neuen Lehrer sehen und sprechen wolle.
    Gehen Sie, Jean, und sagen Sie mei-ner Frau, ich wrde ihr den Herrn
Kandidaten sogleich vorstellen. Liebe Kleophea, willst du nicht auch vorangehen
zu deiner Mutter?
    Jean verbeugte sich und ging; Kleophea zuckte die Achseln, lchelte ironisch
und ging ebenfalls. Als sie beide fort waren, geschah ein Wunder- der Geheime
Rat fate den Kandidaten am Knopf, zog ihn dicht zu sich heran und flsterte ihm
zu:
    Es ist mein Wunsch, da Sie in diesem Hause bleiben, Sie gefallen mir,
soweit sich Ihre Personalakte bis jetzt bersehen lie, sehr gut. Ich wnsche,
da Sie auch meiner Frau gefallen mgen. Tun Sie das Ihrige dazu, und nun kommen
Sie.
    Durch den schon erwhnten Salon fhrte der Geheime Rat jetzt den Kandidaten
zu dem gegenberliegenden Zimmer, an dessen Tr noch einmal eine merkliche
Vernderung ber den Mann kam. Die Federn in seinem Innern schienen pltzlich
ihre Spannkraft zu verlieren, das Rder- und Zugwerk versagte seinen Dienst, die
ganze Gestalt schien kleiner zu werden; - der Herr Geheime Rat klopfte an die
Tr seiner Gemahlin und schien Lust zu haben, vorher durch das Schlsselloch zu
sehen oder doch an demselben zu horchen. Einen Augenblick spter stand Hans
Unwirrsch vor der - Herrin des Hauses.
    Eine stattliche Dame in Schwarz mit Adlernase und Doppelkinn - ernst wie
eine sternenlose Nacht, auf einem dunkelfarbigen Diwan, hinter einem
dunkelfarbig behngten Tische! Feierlicher Eindruck des ganzen Gemaches! Jeder
Stuhl und Sessel ein Altar der Wrde. Ernst, keusch, feierlich und wrdig Wnde,
Plafond und Teppiche, Bilder und Vorhnge - alles in stattlicher Ordnung und
Gesetztheit bis auf den siebenjhrigen, kaffeegesichtigen, geschwollenen kleinen
Schlingel, der beim Anblick des Przeptors ein entsetzliches, widerliches,
wtendes Geheul erhob und mit einer Kinderpeitsche Angriffe auf die Beine des
Kandidaten Unwirrsch machte!
    O Aim, welch ein Betragen! sagte die Dame in Schwarz. Komm zu mir, mein
Liebling, rege dich nicht so schrecklich auf. Kleophea, willst du nicht dem Kind
das Peitschchen fortnehmen?
    Kleophea zuckte wiederum die Achseln:
    Ich danke, Mama. Aim und ich-
    Die gndige Frau, mit der Hand winkend, rief:
    Schweige nur; ich wei schon, was jetzt kommen wird. Sieh, mein Pppchen,
was ich dir fr deine Peitsche gebe!
    Einer Bonbontte konnte das liebliche Kind nicht widerstehen, es gab sein
Marterinstrument in die Hnde der Mutter, die dadurch alles erhielt, was ihr
noch zur letzten Vollendung ihrer imponierenden Erscheinung fehlte.
    Mit der Peitsche in der Hand widmete sich jetzt die Geheime Rtin gnzlich
dem neuen Hauslehrer. Sie unterwarf ihn einem strengen Examen und erbat sich die
allergenaueste Auskunft ber die Fhrung seines Lebens. Moral und Dogma des
jungen Mannes, dem ein so kostbares Juwel anvertraut werden sollte, waren ihr
sehr wichtig, und nicht ganz ging's bei einigen Einzelfragen ohne Stirnrunzeln
ab. Im ganzen jedoch fiel das Examen zugunsten des Examinanden aus, und der
Schlu war sogar recht befriedigend.
    Ich freue mich, hoffen zu knnen, da Ihr Wirken in diesem Hause ein
gesegnetes sein werde, sagte die gndige Frau. Sie werden finden, Herr
Kandidat, da der Herr Sie unter ein streng christliches Dach gefhrt hat. Sie
werden finden, da der Same des Heils in dem Herzen dieses kleinen, sensitiven
Engels bereits ausgestreut ist. Unter meiner speziellen mtterlichen Aufsicht
werden Sie zur Entfaltung aller schnen Blten in diesem jungen Herzen nach
Krften beitragen, und der Herr wird Ihr Werk uns zum Segen gereichen lassen.
Demtigen und einfltigen Herzens werden Sie unter uns wirken und sich durch
kein weltliches Lcheln und Sptteln (hier traf ein Blick und ein imaginierter
Peitschenhieb die schne Kleophea) beirren lassen. Aim, mein ses Blmchen, du
darfst jetzt dem Herrn Kandidaten die Hand geben.
    Das se Blmchen mute die Aufforderung jedenfalls falsch verstanden haben.
Statt dem Herrn Kandidaten die Hand zu geben, zeigte es ihm etwas anderes und
brach von neuem in jenes vorhin erwhnte, Mark und Bein durchdringende Geschrei
aus; und als der Hauslehrer es wagte, sich ihm zu nhern, stie es mit den Fen
nach seinen Schienbeinen, so da er schmerzlich bewegt zurckwich und nur aus
der Ferne die Hoffnung aussprach, da Aim und er bald vertrauter miteinander
werden wrden.
    Ich hoffe es auch, sagte die gndige Frau. Ich hoffe, da Sie alles
aufbieten werden, sich die Liebe und Zuneigung meines Knaben zu erwerben. Durch
ein kindlich einfltigliches und demtiges Wesen lt sich leicht die Liebe
eines Kindes erlangen. O welch einen Schatz lege ich in Ihre Hnde, Herr
Unwirrsch! O meine liebliche Sensitive, mein Aim!
    Der Geheime Rat hatte whrend der ganzen Verhandlung nicht ein einziges Wort
gesprochen. Er stand da und hielt, wenigstens uerlich, alles, was ward, fr
gut. Was er im Innern seines Busens bewegte, ward in keiner Weise kund - der
gute Mann hatte gelernt, in Gegenwart seiner Gemahlin stille in dem Herrn zu
sein.
    Kleophea war ganz verschwunden. Was sie hinter dem Fenstervorhang, hinter
den sie sich versteckt hatte, trieb, bleibt ebensosehr ein Geheimnis wie die
Gefhle des Papas. Die Gefhle des Herrn Hauslehrers waren nicht die
angenehmsten. Mit Unbehagen sah er in die Zukunft und gestand sich seufzend, da
auch Kohlenau seine Reize gehabt habe. Er fhlte sich von einer Luft umgeben,
die den Schwei befrderte, ihn aber auch zurckhielt. Mit nicht allzu heiem
Dank dachte er an den Leutnant Rudolf Gtz, der ihm die Ehre und das Vergngen
verschafft hatte, in diesem Hause Erzieher zu sein. Das rtselhafte Verschwinden
des Mannes im wichtigsten Augenblick und auf der Treppe konnte auch nicht zu
seinen Gunsten gedeutet werden; Hans Unwirrsch fing an, den Leutnant Rudolf Gtz
fr einen arglistigen Charakter zu halten - der getreue Eckart verwandelte sich
in einen heimtckischen Irrwisch, der mitten im Sumpf erlosch. Hans Unwirrsch
sank unter den Blicken der Geheimen Rtin Aurelia Gtz, geborener von
Lichtenhahn, langsam, aber sicher in die Tiefe, und weder hinter dem
Fenstervorhang noch hinter dem Rcken des Geheimen Rats kam eine helfende Hand
hervor.
    Von einer andern Seite streckte sich die hlfebringende Hand aus.
    Wo ist Franziska? fragte die gndige Frau. Kleophea hinter dem Vorhang
wute es nicht: der Geheime Rat wute es ebenfalls nicht.
    Bitte, Herr Unwirrsch, wollen Sie die Gte haben, die Glocke zu ziehen?
sagte die gndige Frau, und Hans Unwirrsch suchte mit den Blicken den Zug. In
dem Augenblick aber, wo er ihn gefunden hatte, ffnete sich bereits die Tr, die
aus dem Salon in das Gemach der gndigen Frau fhrte, und eine kleine,
unscheinbare Gestalt im grauen, unscheinbaren Kleide glitt mit gesenkten Augen
in das Gemach; - Hans Unwirrsch klingelte nicht. An Franziska Gtz hatte er
whrend der letzten halben Stunde nicht gedacht.
    Da bist du ja, Franziska, rief die Geheime Rtin. Meine Nichte, Frulein
Gtz - Herr Unwirrsch! fgte sie kurz hinzu und sah dabei womglich noch
stattlicher, aber auch noch viel gletscherhafter aus. La dem Herrn Kandidaten
sein Zimmer anweisen, Kind; wir haben ihn unter unsere Hausgenossen
aufgenommen.
    Franziska Gtz verneigte sich stumm, und als sie unhrbar an Hans
vorberglitt, hob sie die Augen zu ihm empor, um sie blitzschnell wieder zu
senken.
    Folgen Sie dem Frulein, Herr Kandidat, sagte die gndige Frau, die
Peitsche weglegend. Hans machte ihr abermals eine Verbeugung, von welcher
diesmal keine Notiz genommen wurde; er verbeugte sich vor dem Geheimen Rat, der
wenigstens ein klein wenig auf seinen Mechanismus drckte, und da der
Fenstervorhang sich jetzt leise bewegte, so machte Hans auch dem eine
Verbeugung; dann folgte er dem Frnzchen des Leutnants Rudolf und erlaubte sich,
auf dem Korridor tief, aber doch vorsichtig aufzuatmen.
    Da stand auch wieder der majesttische Bediente, dessen Backenbart immer
mehr anzuschwellen schien, je lnger man ihn betrachtete. ber seine
Achselschnre sah er mit legitimer Verachtung auf den neuen Hauslehrer und gab
nur zweifelhafte Geneigtheit kund, den ungentilen Hungerleider zurechtzuweisen.
    Frulein Franziska Gtz sah aber auch zweifelhaft auf den Mann in Grn und
Gold, wandte sich dann an Hans und sagte leise:
    Wenn Sie die Gte haben wollen, mir zu folgen, so werde ich Ihnen Ihr
Zimmer zeigen.
    Sanft war ihre Stimme, zrtlich und mild, ein kstlich Ding an Fraun, wie
der alte Knig Lear sagte, und auf den Hacken drehte sich Jean bei ihrem Klang
und schritt davon, mit ungebogenen Knien, sehr auswrts und sehr berzeugt, da
er seine Stellung zu wahren wisse.
    O mein Frulein, wie seltsam fhrt uns das Schicksal wieder zusammen, und
wie sehr habe ich demselben dafr zu danken! rief Hans; das Frulein aber legte
den Finger auf den Mund und flsterte:
    Ich habe meinen Onkel Rudolf gesehen - habe ihn gesprochen - - - er hat mir
von Ihnen erzhlt. O mein armer, treuer, lieber Onkel Rudolf!
    Sie schwieg, aber Hans Unwirrsch sah eine Trne an ihren Wimpern; er wagte
es nicht mehr, sie anzureden, sondern folgte ihr stumm in das zweite Stockwerk
des Hauses. Im Innersten seiner Seele sagte er: Gottlob! Er mute wohl Ursache
dazu haben.
    Hier ist Ihr Gemach, sagte Franziska, eine Tr aufschlieend. Mgen Sie
frohe und glckliche Stunden darin verleben! Es ist mein herzlicher Wunsch und
auch der meines Onkels Rudolf, welcher Sie sehr gern zu haben scheint.
    Wie danke ich Ihnen, wie dem Herrn Leutnant! Und es ist alles so
unverdient, was der Herr Leutnant an mir getan hat! Es ist so traumhaft, wie er
mein Geschick in die Hand genommen und mich in dieses Haus gefhrt hat.
    Er hat oft von Ihnen gesprochen seit jenem Abend, an welchem wir in jenem
Wirtshaus zusammentrafen. Ich war damals sehr bekmmert, sehr unglcklich. O der
gute Onkel Rudolf! Auch mein armes Leben hat er gefhrt. Ach wenn Sie ihn ganz,
ganz kennten, Herr Kandidat!
    Ich hoffe, ihn nach seinem vollen Wert kennen-und schtzenzulernen! rief
Hans. Bei lngerm Aufenthalt in diesem Hause -
    Wie erschrocken legte Franziska wieder den Finger auf den Mund.
    In diesem Hause drfen Sie nicht zuviel von dem Onkel Rudolf reden! sagte
sie. Die Tante liebt ihn nicht. Es ist recht traurig.
    Ah! seufzte Hans Unwirrsch, und im nchsten Augenblicke hatte ihn des
Leutnants Frnzchen allein in seinem neuen Aufenthaltsort gelassen; er konnte
sich ihn genauer betrachten und aus dem Fenster sehen, nachdem er die vier Wnde
und die Gertschaften gemustert hatte. Die blautapezierten Wnde, die vier
Sthle, der Tisch, der Kleiderstock, das kleine Sofa und der kleine Kanonenofen
hatten nichts Auergewhnliches an sich: der Blick aus dem Fenster dagegen war
nicht so leichthin abgetan.
    Jetzt sprang der Brunnen inmitten des Grasplatzes und spielte lustig im
Sonnenschein mit einer glnzenden Messingkugel. Da war das zierliche
Eisengitter, welches das geheimrtliche Besitztum von dem Spazierweg der groen
Stadt schied. Es war etwas Wunderbares fr Hans Unwirrsch, auf diesen Weg und
sein Gewhl von Wagen, Reitern und Fugngern hinabzublicken und vergeblich zu
warten, da der bunte Strom sich verlaufe. Und da war jenseits des Weges fr
Rosse, Wagen und Fugnger der waldhnliche Park und die schnurgraden Alleen, in
die man hineinsah wie in einen Guckkasten. Und wie mute das alles sein, wenn
erst die Bume grn waren! Wahrlich, diese Hoffnung auf dieses Grn konnte
allein schon einigen Trost im Grau der Gegenwart gewhren.
    Der Hausknecht vom Grnen Baum brachte jetzt mit einem Gru des Herrn
Leutnants Gtz die Reisetasche des Kandidaten und entri denselben dadurch
seinen Fensterbetrachtungen. An den Faktor zu Kohlenau mute der
zurckgelassenen Habseligkeiten wegen geschrieben werden; aus dem
Taschenexemplar des griechischen Neuen Testamentes, das Hans auf den Tisch
legte, fiel die Karte, auf welcher fein in Stahl gestochen zu lesen war:

                              Dr. Theophile Stein
                              Hedwigstr. 25, 2 Tr.

Hans Unwirrsch hatte keine Zeit mehr zu trumen; er mute berlegen, so gut ihm
das bei dem Durcheinander der Gestalten und Verhltnisse in seinem Innern
mglich war. Moses Freudenstein und der Leutnant Gtz, Moses Freudenstein und
Franziska Gtz, Franziska und die gndige Frau, die gndige Frau und Kleophea,
der Geheime Rat, Jean in Grn und Gold - bellum omnium contra omnes, und Hans
Unwirrsch, candidatus theologiae und Przeptor, mittendazwischen! Es war ein
Zustand, in welchem der Mensch wohl berechtigt war, nach der Stirn zu greifen,
wie jemand, der mit verbundenen Augen lngere Zeit im Kreise gedreht wurde und
der nach abgenommener Binde sich durchaus nicht fest auf den Fen fhlt und
noch weniger wei, was er von seiner Umgebung denken soll.
    Auch Hans Unwirrsch fhlte das unabweisbare Bedrfnis, einige Federn seines
Wesens schrfer anzuspannen und einige Schrauben desselben anzuziehen. Er las
ein Kapitel des Neuen Testamentes und darauf eine Seite in einer Taschenausgabe
des Epiktet. Nachher konnte er mit grerer Fassung dem stattlichen Jean unter
die Augen treten, als dieser ihn zum Diner herniederentbot und die Bemerkung
fallenlie, da es anstndig sei, mit weien Handschuhen dabei zu erscheinen.
    Zum erstenmal a Hans Salz und Brot mit seiner neuen Lebensgenossenschaft.
Wieder hatte er viele Fragen nach seiner Prexistenz zu beantworten, und es
zeigte sich, da in seiner Prexistenz viele der Dinge, welche auf die Tafel
kamen, noch nicht vorgekommen waren. Die gndige Frau blieb auch jetzt eine
Geborene von Lichtenhahn, der Geheime Rat blieb, was er war; Kleophea lchelte
und zuckte die Achseln, Aim war sehr unaimable, und Frnzchen sa zuunterst am
Tisch neben dem Kandidaten Hans Unwirrsch.

                              Achtzehntes Kapitel


Der neue Hauslehrer orientierte sich nun in dem Hause des Geheimen Rates Gtz,
so gut es angehen wollte. Den Leutnant bekam er richtig nicht wieder zu Gesicht,
und so war er im Anfang vollstndig auf sich allein angewiesen. Da das Regiment
des Hauses in den Hnden der gndigen Frau lag, mute auch dem Befangensten bald
klarwerden; in seinem Kollegio mochte der Geheime Rat eine Autoritt sein, in
seinem Heimwesen war er es jedenfalls nicht.
    Mit starker Hand fhrte Aurelia Gtz, geborene von Lichtenhahn, das Zepter,
nicht allein der Sitte, und lie selten etwas ber sich kommen. Bis an die
Grenzen des Reiches Kleopheas gebot sie unumschrnkt; Reunionskriege Ober jene
Grenzen hinaus waren jedoch immer erfolglos gewesen, und so herrschte zwischen
Mutter und Tochter das, was man in der Politik einen bewaffneten Frieden nennt.
    Kleophea erschien dem Hauslehrer als ein Wunder, und sie war es auch in
mancher Beziehung. Auergewhnlich schn, war sie auch auergewhnlich
talentreich. Sie zeichnete und malte vortrefflich, doch am liebsten Karikaturen,
sie spielte Klavier und sang, wenngleich ihre Stimme nicht zu den klangvollsten
gehrte; sie sprach und schrieb mehrere Sprachen, am liebsten aber die
franzsische. Sie las viel, berschlug aber auch viel, doch nie das, was junge
Damen lieber berschlagen sollten. Eine ihrer schrecklichsten Waffen gegen die
Mama war, da sie imstande war, in einem vollen Gesellschaftszimmer hchst
unbefangen Bcher und Schriftsteller zu zitieren, die einen ganzen Teetisch in
die Luft sprengen konnten. In einem Damentee, und noch dazu in einem frommen,
den Boccaccio und den Decamerone zu nennen mute freilich auf die Mama wirken
wie ein Flintenschu auf eine Schneealpe. Es kam eine Lawine herunter, aber
verschttet wurde weiter nichts als einige Tassen Tee. Das schne Haupt der
Snderin lie sich nicht so leicht verschtten; die glnzenden Augen leuchteten
munter durch alle eisigen, stubenden Wirbel, und es befand sich in dem
entsetzten Zirkel keine Matrone, die nicht ein Frulein, das sich in solcher
Weise blogeben konnte, zu vielen andern Dingen fhig hielt. -
    Wie zornig nach jedem solchen Vorfall die Geheime Rtin Gtz sein mochte und
wie sehr sie Recht dazu haben mochte: recht behielt sie nicht. Kleophea war eine
gewandte Dialektikerin, fast so gewandt in der groen Kunst wie Moses
Freudenstein. Mit tausend allerliebsten Bosheiten schlug sie die Mutter aus
allen ihren Verschanzungen, und es gab keinen Engel im Himmel, der das
Verhltnis zwischen der Geheimen Rtin Gtz und dem Frulein Kleophea Gtz
gebilligt htte.
    Kleophea hate ihre Mama schon des Namens wegen, welchen sie in der Taufe
von derselben erhalten hatte. Von frhester Jugend an hatte sie gegen diesen
Namen Opposition gemacht, und viel, sehr viel in ihrer jetzigen
Charakterentwicklung war aus diesem Namen und der Opposition dagegen abzuleiten.
    Die Geheime Rtin war sehr kirchlich gesinnt und hatte in ihrem Boudoir
einen sehr zierlich geschnitzten Betschemel aufgestellt, an welchem Kleophea in
ihrer Kindheit so oft und so lange hatte knien mssen, da sie es jetzt fast fr
ihre Pflicht hielt, sich an demselben und allem, was damit zusammenhing, zu
rchen. Sie wurde im vollsten Sinne das Enfant terrible des Hauses, und da
unter so bewandten Umstnden die Schrauben am und im Mechanismus ihres Vaters
vor ihren vorwitzigen Fingern sicher seien, war eigentlich nicht zu verlangen.
Der Geheime Rat hatte noch weniger Einflu auf die Tochter als die Geheime
Rtin; der Unterschied zu seinem Nutzen lag nur darin, da er, der Vater, nicht
so sehr darauf bestand, seine Autoritt auszuben. Seine Frau hatte ihn das
gelehrt.
    Um ihren Bruder kmmerte sich Kleophea durchaus nicht. Sie erklrte ihn fr
eine ekelhafte kleine Krte, und er durfte kaum sich in ihre Nhe wagen. Sie
war die einzige im Hause, welche die Tyrannei des krnklichen, verzogenen Kindes
nicht duldete, wodurch sich freilich das Verhltnis zur Mutter nicht
verbesserte.
    Ganz eigentmlicher Art aber war das Verhltnis der Tochter des Hauses zu
der darin aus Barmherzigkeit aufgenommenen armen Verwandten. Anfangs war ihr
Kleophea mit groer Freundlichkeit und Teilnahme entgegengekommen: eine
Bundesgenossin glaubte sie gewonnen zu haben, hatte sich darauf gefreut, mit ihr
zusammen den Schelm spielen zu knnen, und fhlte sich um so mehr enttuscht,
als sie das Frnzchen nach der ersten Stunde ihres Zusammenseins fr ein Lamm
erklren mute. Nun versuchte sie es, eine Sklavin aus der Kusine zu machen, und
dieses gelang ihr wenigstens zum Teil, In allen Dingen, bei denen es nicht auf
das Weh anderer abgesehen war, unterwarf sich das stille Frnzchen vollstndig
der schnen, muntern Kleophea; doch zu keinem der vielen Streiche, die das
Hauswesen dann und wann in Verwirrung brachten, bot Franziska Gtz ihre Hand und
Hlfe. So war sie bald Vertraute, bald das Gegenteil, so wurde sie jetzt
geliebkost und verhtschelt, um im nchsten Augenblick schnde und khl beiseite
geschoben zu werden. Je nachdem die Wolken am Himmel des Hauses wechselten, je
nachdem der Barometer der Mdchenlaune stieg oder fiel, wurde des Leutnants
Frnzchen aus dem Winkel hervorgeholt oder in denselben zurckgetrieben. Immer
gut, sanft und freundlich blieb des Leutnants Frnzchen, und nur ein scharfes
Auge konnte den oft so leidvollen Ausdruck ihrer Zge erfassen. Man lernte
Franziska Gtz doch nicht in der ersten Stunde kennen, wie Kleophea sich
einbildete.
    Von der Tante wurde die Nichte nicht ganz so gut behandelt, als man htte
wnschen sollen. Die Geheime Rtin hatte mit ihren beiden Schwgern nie auf dem
besten Fue gestanden; weder Felix noch Rudolf paten in den Kreis ihrer
Anschauungen; sie hielt sie beide fr gemeine Naturen, im besondern aber Felix
fr einen gechteten, gottlosen Freibeuter und Jakobiner - und Rudolf fr
einen leichtsinnigen Bettler und unsittlichen Vagabonden. Dessenungeachtet
hatte sie die Waise gern in ihr Haus aufgenommen; die Stadt sprach davon, und
man konnte auch selber davon sprechen. Es war Christenpflicht, der Verlorenen
eine hlfreiche Hand zu bieten; es war Verwandtenpflicht, den Versuch zu machen,
das bejammernswerte, verwahrloste Geschpf den anstndigen Kreisen der
Gesellschaft zu erhalten. Es gab keine Frau in der ganzen Stadt, die ihre
Pflichten genauer kannte als die Geheime Rtin Gtz; aber ein so groer
sittlicher Vorzug das auch sein mochte, Franziska fhlte sich darum nicht
glcklicher in der Temperatur dieser Pflichten; denn khl, sehr khl war diese
Temperatur. - -
    Von Kohlenau schickte der Buchhalter den Koffer mit einem Briefe, in welchem
er mitteilte, da der neue Hauslehrer eingerckt sei, da aber er - der
Buchhalter - kein Agio auf ihn gbe und da er brutto wie netto ein Artikel sei,
der keinem Menschen gefallen knne auer der Schwgerin. Dieses alles lie Hans
Unwirrsch auf sich beruhen; er packte seinen Koffer aus, und da fast mit jedem
Gegenstande, der darin verborgen war, eine Erinnerung frherer, freierer,
glcklicher Stunden ans Licht kam, so trug das viel dazu bei, ihm sein Gemach in
dem Hause des Geheimen Rates Gtz behaglicher zu machen. Viel hatte ihm die
Natur versagt, aber die Kunst, sich einzurichten, hatte sie ihm gegeben, und
damit ein groes Gut. - Den sen Aim durfte der Przeptor natrlich nur unter
den Augen der Mama unterrichten, und der Lehrer schwitzte dabei mehr als der
Schler. Manches hatte die Geheime Rtin an dem armen Hans auszusetzen; seine
Lehrmethode, seine Ansichten erschienen ihr oft im hchsten Grade tadelnswert,
und da er nicht schon jetzt ein Nervenfieber bekam, hatte er nur der ungemeinen
Zhigkeit seiner Nerven zu danken.
    Da Kleophea dann und wann bei den Lektionen zugegen war, machte dieselben
auch nicht behaglicher. Sie hatte eine Art, ber ihre Arbeit oder ihre Schulter
zu blicken, welche, zumal wenn die Mama redete, sehr leicht in Verlegenheit
bringen konnte. Sie war zu schn, um andere Leute ruhig sitzen zu lassen und
selber ruhig zu sitzen. Ihre Garnknule rollten nicht durch Zufall, sondern
meistens mit Absicht im Zimmer umher, und die Fden schlangen sich dann oft mit
groer Arglist um die Fe des Herrn Kandidaten, und sehr schwer wurde es dem
Herrn Kandidaten, sich von diesen bunten Fden loszumachen, whrend die Mutter
des jungen Gracchen, den er unterweisen sollte, stirnrunzelnd und drohend sich
ber ihn wunderte. Ob sich Franziska im Zimmer befinde, konnte oft sehr
zweifelhaft sein; meistens wurde ihre Anwesenheit erst durch eine
Seitenbemerkung oder einen frostig gegebenen Auftrag der gndigen Frau kund. Es
dauerte eine geraume Zeit, ehe Hans auch aus andern Zeichen ihre Gegenwart
erkannte. Der grte Trost fr den Przeptor lag in dieser Epoche in der
Gefrigkeit seines Zglings. Sehr oft berarbeitete, das heit bera sich
Aim, und an den Tagen, an welchen er dafr bte und sich etwas zu voll fhlte,
fhlte sich sein Lehrer verhltnismig erleichtert; ja er kam sich dann
stellenweise wie einer jener jugendlichen Engel vor, die beim Kinn aufhren und
fr alle andern Gliedmaen durch ein Paar hinter den Ohren befestigte Flgel
entschdigt sind. An einem solchen Tage fand er auch Gelegenheit und Zeit, von
der Karte Gebrauch zu machen, die ihm der Doktor Theophile Stein in die Hand
gedrckt hatte und die ihm schon so viele Sorgen gemacht hatte der schiefen
Stellung wegen, in welche er durch sie sowohl dem Leutnant Gtz als auch der
Hausgenossin Franziska gegenber kam. Der Gedanke, da Moses Freudenstein am
meisten zur Lsung dieses fr einen Menschen wie Hans so bedenklichen Knotens
beitragen knne, kam ihm natrlich auch allmhlich wieder in den Sinn.
    Wie ein Maikfer, der einem Knaben entwischte, aber noch den Faden, an dem
er gehalten wurde, am Beine trgt, flog Hans aus. Das wonnige Gefhl der
Freiheit und Selbstndigkeit, mit welchem er quer durch den Park und durch die
ersten Straen der Stadt schritt, wich jedoch mehr und mehr, je weiter er in dem
Gewhl vordrang. Als er vor dem eleganten, modernen Gebude in der Hedwigstrae,
in welchem der Doktor Stein den zweiten Stock bewohnte, stand, fhlte er sich
wieder bedeutend beklommen, starrte geraume Zeit nach den Fenstern hinauf und
htte viel darum gegeben, wenn der Moses oder Theophilus aus einem derselben
htte heraussehen und rufen wollen: Na, alter Kerl, was stehst du da und
gaffst? Es ist richtig, es ist meine Bude, komm herauf und salve!
    Da aber niemand aus dem Fenster sah als eine alte Dame im ersten Stock, und
diese sehr bedrohlich, so blieb fr Hans zuletzt doch nichts weiter brig, als
in das Haus hineinzutreten und die Treppe hinaufzusteigen. Er nahm es fr ein
gnstiges Zeichen, da jene alte, grimmige Dame nicht auch aus einer Tr guckte,
als er ber die Wachstuchdecke ihrer Hausregion schritt oder vielmehr auf den
Zehen schlich. Er htte nicht gewut, was er antworten sollte, wenn sie ihn
gefragt htte, was er suche und ob sie nach der Polizei schicken solle. Ohne
Fhrlichkeiten erreichte Hans das zweite Stockwerk und die Tr, an der ein
Porzellantfelchen den genderten Namen seines Jugendfreundes verkndete.
    Er klopfte, fuhr aber mit hchst charakteristischem Ruck des Oberkrpers
zurck, als nicht Moses, sondern eine frische, jugendliche Weiberstimme
Herein! rief. Er starrte nochmals das Schildchen mit dem Namen an: es war ganz
richtig - Dr. Theophile Stein! Wie lange er noch seine Zweifel hin und her
gewogen htte, wenn die Tr nicht von drinnen geffnet worden wre, knnen wir
nicht sagen. Aber sie wurde geffnet, und eine hbsche junge Dame mit sehr
schwarzem Haar und einem etwas aufgestlpten Nschen blickte auf den Korridor
hinaus und auf den schwarzen Theologen.
    Sie lachte sehr ber den letzteren, gab aber der Krze der Zeit wegen keinen
Grund dafr an. Hinter diesem heitern Frulein tauchte das Gesicht Theophiles
auf, und zwar mit etwas rgerlich verlegenem Ausdruck: er schien das Gebaren der
jungen Dame fr unpassend zu halten und suchte sie in das Zimmer zurckzuziehen.
Als er jedoch den Mann erkannte, der geklopft hatte, zuckte er die Achseln und
lchelte:
    Ah, du bist's, Hans. Komm herein! Du durftest auch ohne Anklopfen
hereintreten!
    Er flsterte dann der jungen Dame etwas sehr ernst, fast bse ins Ohr, diese
aber zuckte wiederum die Achseln - fast wie Kleophea Gtz - und lachte, ohne
viel auf die Worte des Doktors zu achten. Sie hpfte zurck in das Zimmer, griff
ein zierliches, rosiges Htchen von einem Stuhl, setzte dasselbe vor dem Spiegel
auf und warf zum grten Schrecken des Kandidaten der Theologie Johannes
Unwirrsch aus Neustadt diesem durch denselben Spiegel eine Kuhand zu, was der
Doktor Theophile Stein wieder sehr mibilligte. Den Zipfel eines schnen groen
Manteltuches reichte das Frulein dem Kandidaten Unwirrsch und deutete ihm durch
lebendige Zeichen an, da sie ohne seine spezielle Hlfe nicht imstande sei,
dieses Tuch um ihre hbschen Schultern zu legen. In seine Verlegenheit und in
die weiten Falten des Schals verwickelte sich der Kandidat natrlich so sehr,
da die Heiterkeit des Fruleins ihren Hhepunkt erreichte. Der Doktor Theophile
machte der Sache dadurch ein Ende, da er dem unbeholfenen Theologen den Umhang
entri und den Ritterdienst selber versah. Nun verbeugte sich das Frulein sehr
tief und feierlich vor beiden Herren, um jedoch in demselben Augenblick in ihre
vorherige Lustigkeit zu verfallen.
    Wieder kte sie die Hand gegen den Kandidaten Unwirrsch, und
merkwrdigerweise rief sie ihm, obgleich er ihr gar nicht vorgestellt worden
war, von der Tr aus zu:
    Bonjour, monsieur le cur!
    Zierlich wie ein Vogel entschlpfte sie, und der Doktor Stein folgte ihr auf
den Gang hinaus. Noch lngere Zeit vernahm Hans ihr helles Gelchter, whrend er
sich in dem Zimmer seines Jugendfreundes umsah.
    Famos! sagte er unwillkrlich beim ersten Blick, und dieser
Studentenausruf war ganz und gar an seinem Platze. Im reichsten Mae entfaltete
Moses Freudenstein den Luxus des gebildeten Mannes. Die Unordnung, die in dem
Gemache herrschte, war nur scheinbar: jedes Mbel stand da, wo es stehen mute,
um zur Bequemlichkeit beizutragen. Bei einem zweiten Blick schttelte der gute
Hans freilich den Kopf; manches gefiel ihm bei nherer Betrachtung doch nicht
ganz, einige Bilder und Statuetten erregten sogar seine hchste Mibilligung; -
die Reste eines ppigen Frhstcks auf dem Tische beunruhigten sein
Schicklichkeitsgefhl viel weniger als die Tiziansche Venus, welche sich auf
ihrem Ruhebett so breitmachte.
    Traitre, va! rief die helle Stimme drauen auf dem Gange, und einen
Augenblick spter trat Moses in das Zimmer zurck und begrte nun den
Jugendgenossen aufs freundlichste.
    Da bist du also endlich, alter Hans! rief er. Du hattest an jenem Abend,
wo du aus der Wolke tratest wie ein griechischer Gott, versumt, mir deine Karte
zu geben, ich wrde dich sonst jedenfalls selbst aufgesucht haben, denn ich
brenne vor Neugier, zu erfahren, wie du in jene Weinstube und in diese Stadt
kommst. Setze dich, Alter; hoffentlich hast du noch nicht gefrhstckt?
    Hans dankte sehr fr alle leibliche Nahrung; sein Herz war zu voll. ber die
alten Erinnerungen verga er alles andere, fr diesen Augenblick gewann Moses
den alten Einflu ber ihn in seinem ganzen Umfange zurck. brigens lie ihm
der Freund auch gar nicht Zeit, seine Ideen zu ordnen.
    Es wrde mir sehr leid tun, wenn ich dich eben gestrt htte, hub Hans an.
    Gestrt? In diesem Nest der Langeweile? Keineswegs. Du bist mir
willkommener als irgend jemand.
    Wahrscheinlich eine Verwandte von dir?
    Des sdlichen Teints, der schwarzen Locken und Augen wegen? Du irrst dich,
Schlaukopf. Es ist eine Tochter Frankreichs - echtes Pariser Vollblut, das
heit, es ist eine - eine arme Waise, eine kleine Putzmacherin - que sais je? -,
der ich in Paris allerlei Geflligkeiten erwiesen habe und die hierhergekommen
ist, um bei den Damen hiesiger Stadt ihr Glck zu machen. Denke nicht zu
schlecht von mir, du frommes Blut.
    Weshalb sollte Hans darum schlechter von dem Freunde denken, weil dieser
sich einer armen Waise in bedrngten Umstnden hlfreich angenommen hatte?
Eifrig sprach er ihm seine ganze Billigung aus und setzte hinzu, da er etwas
anderes auch gar nicht von dem Jugendgenossen erwartet habe. Moses Freudenstein
freute sich sehr, die Meinung des Theologen getroffen zu haben, und das Gesprch
wandte sich zu wichtigeren Dingen.
    Obgleich nun eigentlich Hans die meisten Fragen zu stellen hatte und
obgleich Moses Freudenstein von Rechts wegen htte Antwort darauf geben mssen,
so drehte letzterer sogleich das Verhltnis um: Moses fragte, und Hans
antwortete.
    Nun sage, alter Knabe, wie ist's gekommen, da du der Krppelgasse untreu
wurdest? Weshalb haben sie dich nicht zum Stadtpfarrer von Neustadt gemacht, die
Philister? Was treibst du hier in Babylon? Wo wohnst du? Wie lebst du?
    Hans berichtete, da er Hauslehrer im Hause des Geheimen Rats Gtz sei, und
der Freund sah hoch auf.
    Dort? Da?! Diable! Hans, weit du, da du ein beneidenswerter Gesell bist?
Wahrhaftig, ich bin berzeugt, da der Mensch sein Glck gar nicht kennt. Unter
demselben Dache mit der schnen Kleophea zu leben! Hans, Hans, manch einer wrde
viel darum geben, wenn er sich an deiner Stelle befnde!
    Mit einem tiefen Seufzer bemerkte der Hauslehrer, da er nicht einsehen
knne, worin hier das groe Glck bestehe, und immer heiterer wurde der Freund.
    Per Bacco! Ein kstlicher Kerl bist du immer gewesen, Hans, und du bist es
noch. O wenn du wtest, wie dankbar ich dir dafr bin, da du grade in diesem
Hause deine Erziehungsexperimente machst! Ich darf dich doch besuchen?
    Gewi, gewi - ich freue mich so sehr darauf! Erinnerst du dich wohl noch
der Abende, die wir in deines Vaters Hinterstbchen und spter auf der
Universitt zubrachten? Du hast mir oft den Angstschwei auf die Stirn
getrieben; aber es waren doch schne Zeiten.
    O ja, seufzte Moses, sehr schne Zeiten. Aber die Gegenwart ist auch
etwas wert. Ich werde gewi bald an deine Tr klopfen, Hans!
    Nun schob aber pltzlich der Przeptor seinen Stuhl zurck und sah den
Freund an:
    Moses, du hast schon eine Bekannte in dem Hause des Herrn Geheimen Rats,
und diese Kunde hat mir lange schwer auf der Seele gelegen. O weshalb hast du
niemals an mich geschrieben? Es war sehr, sehr unrecht von dir. Ich habe dich
deshalb auch nicht zur Verteidigung aufrufen knnen - gottlob, da ich es jetzt
kann. Weshalb ist der Leutnant Rudolf so erzrnt auf dich, und was hast du
seiner Nichte, dem Frulein Franziska, welche jetzt in dem Hause ihrer
Verwandten wohnt, getan?
    Leutnant Gtz? Frulein Franziska Gtz? fragte Moses ganz verwundert.
    Jawohl, jawohl! Im Posthorn zu Windheim haben sie deinen Namen genannt, und
sehr bse hat der Herr Leutnant ber dich gesprochen. Viel htte ich darum
gegeben, wenn ich damals deine Adresse gewut htte. O es war sehr unrecht von
dir, da du mir niemals schriebst.
    Nun erzhlte Hans, wie ernst der Leutnant Gtz behauptete, den Doktor
Freudenstein in Paris zu kennen: und Moses zog die dunkeln Brauen zusammen und
warf sehr finstere Blicke auf den armen Hans. Aber er war Herr ber sein
Mienenspiel, glatt ward seine Stirne, und nach einigen Augenblicken lchelte er
wie gewhnlich. Ruhig lie er Hans ausreden und sagte dann:
    Also das ist es? Sieh, Hans, dir gegenber mu ich mich verteidigen, so gut
ich es kann. Einem andern wrde ich wohl nicht das Recht zugestehen, solche
Fragen an mich zu stellen. Ich bin sehr jung in die Welt hinausgeworfen worden,
und weil ich immer nur auf die eigene Kraft angewiesen war, so war's kein
Wunder, wenn ich zuletzt einen sehr bertriebenen Begriff von derselben bekam.
So mute ich denn natrlich mein Lehrgeld bezahlen wie jedes andere
unglckselige Menschenkind. Trotzdem da ich als Doktor der Philosophie nach
Paris ging, gab's noch vielerlei zu lernen. Aber die echte Philosophie lernt
sich nicht auf den Schulbnken; wer davon das Seinige kapieren will, tut wohl,
sich auf einen Eckstein zu setzen, das Maul aufzusperren und zu warten, bis die
Weisheit zu Wagen, zu Pferd oder zu Fu vorbeikommt. So hab ich in Paris wie
anderwrts gesessen, und allerlei Volk habe ich kennengelernt. Viel Lehrer habe
ich gehabt und, wie gesagt, viel Lehrgeld bezahlt, ein gut Teil von dem letztern
an den Papa der jungen Dame, welche du vorhin erwhntest. Der Mann war ein
Trunkenbold und ein - Stck von einer Kanaille, ein Charakter, der jedem
lebhaften, jugendlichen Geiste gefhrlich werden mute. Er hatte viel erlebt und
wute gut davon zu erzhlen, wenn er nicht betrunken war; er ernhrte sich
dadurch, da er Fechtstunden gab und ein eigentmliches Talent besa, in den
Cafs der Boulevards oder den Schenken der Barriere junge Leute an sich zu
ziehen; und da er die Fechtstunden in seiner Wohnung hielt, so kam jeder sowohl
mit der Tochter wie dem Vater in Berhrung. Die edlern Naturen unter uns
bedauerten das arme, kummervolle Kind; die Taugenichtse gebrdeten sich nach
ihrer Art gegen sie. In seinen nchternen Momenten war der Chevalier - so nannte
man den Mann - ein grimmiger Wchter der Ehre seines fnften Stockwerks und
seines Kindes; aber er war selten nchtern, und die arme Franziska war dann
vllig auf sich selbst angewiesen. Da hat sie mir leid getan, und ich habe mich
ihr genhert; ohne ihr Wissen habe ich sie oft vor dem Hunger und vielleicht
auch manchem andern Unheil geschtzt. Ohne mich wrde der Teufel ihren Vater
noch viel frher geholt haben, als es geschah. Der alte Freibeuter starb im
Delirium tremens, und das Kind war ganz verlassen; auch da habe ich mich des
unglcklichen Mdchens angenommen, bis der Herr Oheim aus Deutschland kam, um es
heimzuholen. Ich war ein Jude, Hans Unwirrsch, und ich habe meinen Lohn dafr
genommen. Das Frulein meinte, ich habe meine Grenzen berschritten; - als ich
mich wehrte, wurde ich beleidigt und geschmht. Es war die alte Geschichte vom
Lohn der Welt; - der jungen Dame will ich brigens nicht den mindesten Vorwurf
machen; sie war stets ein Engel und wird es hoffentlich auch jetzt noch sein.
Deinen Leutnant habe ich kaum zu Gesicht bekommen. Deinem Willen habe ich nun
Genge geleistet; ich werde kein Wort mehr ber diese alte Geschichte verlieren;
- dreist kann ich dem Frulein Franziska Gtz unter die Augen treten.
    Moses schwieg und sah wieder finster auf den Freund; unruhig rckte dieser
auf seinem Stuhl hin und her; jetzt sprang er auf und lief durch die Stube.
Sollte er dem Freunde glauben oder dem Leutnant? Er wute keinen Rat; htte er
gesehen, auf welche Weise er whrend seines Umherlaufens von Moses beobachtet
wurde, er wrde dem Leutnant geglaubt haben; so aber blieb ihm nichts brig, als
mit einem tiefen Seufzer dieses Blatt fr jetzt umzuschlagen.
    So setze dich doch, Hans! rief endlich der Jugendgenosse. Glaube mir,
diese Sachen kmmern mich mehr als dich. Ich hatte schwerer daran zu tragen, und
es ist nicht recht von dir, da du die erste Stunde unsres Wiedersehens auf
solche Weise trbst.
    O Moses! Moses!
    Nenne mich nicht Moses! Ich heie Theophile - Theophile Stein; - ich habe
dem Glauben meiner Vter entsagt und bin Christ, katholischer Christ!
    Hans Unwirrsch setzte sich jetzt wirklich, und zwar auf den nchsten Sessel.
Grndlicher waren noch niemals seine Gedanken von einem Punkt auf den andern
gewendet worden. Es dauerte Minuten, ehe er sich so weit gefat hatte, da er
stammeln konnte:
    Du, du? Du, Moses Freudenstein? Du Katholik? Du Christ?
    Theophile, wie wir den Sohn des Trdlers aus der Krppelstrae von jetzt an
immer nennen drfen, nickte, indem er sich in seinem Sessel wiegte.
    Ich bin katholischer Christ. Ich, Theophile Stein, Doktor der Philosophie,
demnchst vielleicht auerordentlicher Professor der semitischen Sprachen an
hiesiger Universitt. Mein Leben ist wilder gewesen als das deinige, Hans
Unwirrsch, so bin ich auch dem Untergang dann und wann nher gewesen als du,
aber unschtzbare Weisheit habe ich aus den Strudeln und Wirbeln, aus dem
Abyssus mit emporgebracht.
    Und du glaubst? Du glaubst? Du bist glubig zur katholischen Kirche
bergetreten?
    Zur alleinseligmachenden, sagte Theophile. Ich, der Sohn Samuels, des
jdischen Trdlers, habe es vollbracht im Besitz meiner gesunden fnf Sinne und
bei vollstndigem geistigem Bewutsein. Ich hab's gewagt mit Sinnen, wie Herr
Ulrich von Hutten, der Ketzer, sagen wrde.
    O Moses, Moses!
    Theophile, liebster Freund! Theophile Stein. Der Moses aus dem Trdelladen,
der Moses aus der Krppelstrae ist tot und begraben und wird nicht
wiederauferstehen.
    
    Du, der Skeptiker? Der Zweifler? Ich fasse es nicht! rief Hans in halber
Verzweiflung.
    Lieber Alter, sagte Theophile, so schnell lt sich das auch nicht
begreifen. Du kennst allzu wenig von meinem Leben, um dir auf der Stelle ein
Urteil ber mich und meinen Weg bilden zu knnen. Es findet sich aber wohl noch
Gelegenheit, wo du klarsehen wirst. Ich rechne dann auf deine Billigung. Jetzt
la uns auch ber diesen Punkt schweigen; ich habe lngst damit abgeschlossen.
    Wortlos und wie vernichtet sa Hans Unwirrsch da. Was er vernommen hatte und
die Art, wie er es vernommen hatte, gefiel ihm gar nicht; schwindelnd sah er in
die unergrndlichen Tiefen fremden Lebens, die sich vor seinen Fen ffneten.
Er konnte seines Unbehagens in keiner Weise Herr werden.
    Wieder lenkte der Doktor Stein sein Gesprch auf das Haus des Geheimen Rates
Gtz, er nahm ein ungemeines Interesse an allem, was dasselbe betraf. ber
Kleophea erfuhr er allmhlich alles, was Hans von ihr, ihrem Wesen und Sein
wute.
    Ich bin dem Mdchen hier und da in der Gesellschaft begegnet, sagte
Theophile. Diese holde Sptterin mit dem biblischen Namen wird berall in einer
Weise besprochen, die mich sehr reizt, ihre nhere Bekanntschaft zu machen. Du
mut mich in dem Hause vorstellen, Hans.
    Ich?! fragte der Hauslehrer der Frau Geheimen Rtin Gtz mit einem solchen
Ausdruck klglichster Hlflosigkeit, da Theophile hell auflachte.
    Armer Kerl, ich verga! Nun, ich werde dich besuchen und - nous verrons.
Was das stille Veilchen anbetrifft, das da im verborgenen blht - die andere
junge Kreatur -
    Frulein Franziska! rief Hans. O Mo - Theophile, ich bitte dich, sprich
nicht in solchem Ton von ihr!
    Nein, nein: entschuldige mich, lieber Junge. Du kennst ja meine Art. Jenes
arme Kind hat freilich mehr Anspruch auf meine Achtung und Teilnahme als irgend
jemand! Was, du willst schon gehen?
    Meine Zeit ist abgelaufen, und ber das Wichtigste willst du doch nicht
mehr mit mir sprechen. So lebe denn fr jetzt wohl. O Moses - Theophile - wie
anders habe ich dich wiedergefunden!
    Aus Knaben werden Mnner, Hans. Du lebst immer noch sozusagen, auerhalb
deiner Zeit, sitzest still und hrst nur ein groes Sausen und Brausen in der
Ferne. Ich dagegen arbeite mitten im Sturm, und es ist oft ein schwieriges Ding,
sich dabei auf den Fuen zu halten. So lebe denn wohl fr jetzt. Wir werden uns
bald wiedersehen. Wenn du mir einen Gefallen erweisen willst, so sprich fr
jetzt daheim nicht von mir. Lebe wohl, Alter.
    Hans ging und wre jedenfalls an diesem Tage ein schlechter Lehrmeister
gewesen; aber glcklicherweise wurde seine Kunst nicht in Anspruch genommen;
Aims Verdauungsbeschwerden gestatteten noch immer nicht die kleinste geistige
Anstrengung. In seine Stube stieg der Przeptor hinauf, schlo die Tr hinter
sich ab und sann nach ber den Lebensgang seines Freundes, des Moses
Freudenstein, der sich jetzt Theophile Stein nannte und vom Judentum zur
christlichen Kirche bergetreten war. In seine bengstigenden Gedanken mischten
sich scharf die Tne von Kleopheas Stimme und Fortepiano. Die junge Dame sang
mit groer Bravour eine italienische Arie; aber der Gesang mifiel dem
Hauslehrer wie der Religionswechsel seines Jugendfreundes.

                              Neunzehntes Kapitel


Es blieb fr die nchste Zeit alles, wie es war. Der Hauslehrer tat seine
Pflicht so gut als mglich; die gndige Frau fand immer mehr heraus, da er
leider doch auch einen recht versteckten und heimtckischen Charakter besitze;
Kleophea fand einen neuen Namen fr Franziska, nannte sie l'eau dormante und
zeichnete Karikaturen ber Hans, von denen mehrere in seinen Besitz bergingen
und die er stets sorglich unter den brigen Gedenkblttern und Zeichen seines
Lebens aufhob. Franziskas Schritt ber den Boden blieb so unhrbar wie vorher,
und ihr freundlich-sorgenvolles Gesicht wurde selten durch ein flchtiges
Lcheln erhellt; von dem Leutnant kam weder Gru noch Botschaft, er war und
blieb verschwunden. Von dem Geheimen Rat war in des Geheimen Rates Hause am
wenigsten die Rede. Hans beklagte ihn von Tag zu Tag mehr und beneidete den
armen Mann nicht um die Grandezza, mit welcher er auf seinen armen Hauslehrer
herabsah. Jean, der Bediente, war ein freierer Mann als sein Herr, der sich aus
den Ketten der huslichen Tyrannei nur in den jammervollsten, stupidesten
Brokratendnkel, der je von einer freien Seele verlacht wurde, flchten konnte.
    Es sah um diese Zeit wunderlich aus in der Seele des Kandidaten der
Gottesgelahrtheit Johannes Unwirrsch aus der Krppelstrae. Inmitten des
Getriebes, nach welchem er sich so gesehnt hatte, stand er; niedergestiegen war
er, und das groe Brausen hatte sich aufgelst in einzelne Stimmen und Tne, und
mehr grelle und bse Stimmen als liebliche vernahm er um sich her.
    Er fhlte sich unbefriedigter als je, und sagen mute er sich, da er ein
Verstndnis fr diese Welt noch nicht gewonnen habe. Er gehrte nun einmal zu
jenen glcklich-unglcklichen Naturen, die jeden Widerspruch, der ihnen
entgegentritt, auflsen mssen, die nichts mit einem Apage! beiseite schieben
knnen. Er hatte eben jenen Hunger nach dem Ma und Gleichma aller Dinge, den
so wenige Menschen begreifen und welcher so schwer zu befriedigen ist und
vollstndig nur durch den Tod befriedigt wird.
    So sa er denn in seinem hochgelegenen Stbchen, dachte mit Seufzen seiner
fernen, stillen Jugend und horchte den Disharmonien der Gegenwart. Mit Seufzen
dachte er, wie er nun mitten in dem Nebel wandele, den er einst sah von seines
Vaters Hause. Mit Seufzen dachte er, da jeder Schritt vorwrts im Leben ihm nur
erneute Enttuschungen gebracht habe, da er nicht glcklicher geworden sei mit
den Jahren. Und zu seinen Fen wogte der bunte Strom der Existenzen.
Stundenlang konnte er hinabsehen auf die unbekannten Leute, die da vorbergingen
und - fuhren, auch wohl vorberhinkten und - krochen. Er hrte manch lautes
Lachen und sah in manch frhliches Gesicht; doch der Gesamteindruck der Menge
blieb ein trauriger. Einzelne Figuren wurden ihm allmhlich bekannter, und er
bemhte sich, ihr Schicksal aus ihrer Erscheinung zu lesen, wie sie
vorberglitten. Das waren Phantasien gefhrlicher Natur fr einen Charakter wie
Hans Unwirrsch, der mehr zu der melancholischen Philosophie des Mannes von
Ephesus als zu der heitern Lebensweisheit des Abderiten hinneigte. Es war fast
ein Glck, da sie ihn nur traurig, nicht verbissen und vergrillt machten. Die
Einzelheiten, welche sich aus der Allgemeinheit abhoben, drngten letztere nicht
so zurck, da er sie aus den Augen verloren htte, und das Allgemeine macht den
denkenden Menschen unter keinen Umstnden grillenhaft, sondern erweitert seine
Seele selbst durch den Kummer.
    Und die Anzeichen des wiederkehrenden Frhlings mehrten sich. Der Himmel
wurde blauer, das Gras um den Springbrunnen grner; auch ber die Wipfel des
Parkes lief ein freudiger Schein, und die Vgel wurden lustiger und lauter
darob. Kleopheas Klagelieder ber die Langweiligkeit und Nchternheit des
Winters schlugen um in Frhlingsbetrachtungen, die sich in mehr als einer
Hinsicht von den Ergssen der lyrischen Gedichtsammlungen unterschieden und
nicht ganz zu den penses musicales ber das erste Veilchen paten, die das
Frulein an ihrem Flgel so kunstfertig absang. Sie tadelte gern; denn es ist
viel leichter, geistreich zu tadeln, als geistreich zu loben. Zu allen andern
Bedrngnissen hatte sich Hans sehr gegen den Zauber zu wehren, welchen das
schne Mdchen auf ihn ausbte.
    Franziska war stiller als je.
    Doktor Theophile Stein machte dem Hauslehrer des Geheimen Rates Gtz seinen
ersten Besuch.
    Von Tag zu Tag hatte ihn Hans erwartet; doch er kam erst im Anfang des
April, und Jean, der Bediente, hatte seine Karte erst in das Zimmer der gndigen
Frau gebracht, ehe er den Besuch zu dem Zimmer des Przeptors geleitete.
    Hans empfing den Jugendfreund mit sehr gemischten Gefhlen aber seine
Gegenwart bte bald den alten Einflu aus und zerstreute die Wolken, die sich um
das Bild jenes Moses aus der Krppelstrae zusammengezogen hatten.
    Sehr gewinnend und liebenswrdig war der Doktor Stein; er spottete nicht
mehr ber die Unbeholfenheiten und Eigentmlichkeiten des armen Hans, sondern er
behandelte sie jetzt mit einem gewissen gutmtigen Humor, den Hans niemals an
ihm gekannt hatte und der ihm unendlich wohltat. Nach der Heimat und den
Bekannten von Neustadt erkundigte sich der elegante Doktor aufs eingehendste,
und die Art und Weise, wie er ber die Mutter des Freundes, ihr Leben und ihren
Tod sprach, konnte nicht inniger und teilnehmender sein. Er erkannte alte Bcher
in der kleinen Bibliothek des Jugendgenossen wieder und erinnerte sich des
Tages, an welchem er seinen Namen und das Wort des Chrysostomus vor eine
theologische Abhandlung vom Ursprung des Bsen gesetzt hatte: Pono sedem meam
in Aquilonem et ero similis Altissimo. Als er aber bemerkte, da er dadurch die
Rede auf seinen bertritt zum Christentum lenkte, brach er schnell ab und fing
an, allerlei Fragen zu stellen, die anfangs nur auf das Leben des Freundes im
allgemeinen Bezug hatten, dann aber allmhlich sich immer fester und bestimmter
auf das Leben des Hauslehrers des Geheimen Rates Gtz bezogen. Und sehr
aufmerksam und sehr zerstreut zu gleicher Zeit war der Doktor Stein whrend der
Fragen. Keine Antwort mute er sich wiederholen lassen, und doch horchte er auf
jedes Gerusch im Hause, auf alle Schritte und alles Trklappen. Als Kleophea
anfing zu singen, erhob er sich schnell, setzte sich aber ebenso schnell wieder
und fragte:
    Das ist nicht die Tochter des Chevaliers, des Kapitn Gtz?
    Nein, es ist Frulein Kleopheas Stimme.
    Ah!
    Er horchte einige Augenblicke, um dann seine Fragen von neuem aufzunehmen,
und gab Hans wiederum mehrfachen Grund zur Verwunderung. Nach der Bauart des
Hauses erkundigte er sich, nach der Lage und Einrichtung der Zimmer des ersten
Stocks, nach den Bildern an den Wnden und nach der Bedienung in der Kche. Die
Lieblingsneigungen der Geheimen Rtin waren ihm nicht gleichgltig und ihre
Abneigungen noch weniger. ber Aim verlangte er ebenfalls eingehende Auskunft,
ebenso ber den Herrn des Hauses. Endlich war er zu Ende, klappte innerlich sein
Notizbuch zu und brachte durch einen sehr feinen Schlu den armen Hans zu der
festen berzeugung, da er diese vielen Fragen nur aus Interesse an dem
Schicksal und jetzigen Leben des Jugendgenossen gestellt habe.
    O lieber Hans, schlo er, nicht vielerlei, aber viel hast du erlebt. Wer
wei, ob dir nicht der glcklichere Weg von den Gttern vorgezeichnet wurde? Du
bist am Ufer geblieben, und die Wellen haben dir gndig mitgespielt. Ich habe
mich weiter hinausgewagt in die See, weil ich mich fr einen tchtigeren
Schwimmer hielt; aber mit mancher harten Felsenkante habe ich auch Bekanntschaft
machen mssen. Du wirst Geduld mit mir haben mssen, wenn ich mich dann und wann
nicht mehr gleich in deinen Anschauungen zurechtfinden sollte.
    Wer konnte dem widerstehen? Innig gerhrt drckte Hans dem Freunde beide
Hnde, begleitete ihn mit Trnen im Auge die Treppen hinab und wrde ihn noch
weiter begleitet haben, wenn er nicht durch den Blick des olympischen Jeans
zurckgescheucht worden wre.
    Wieder war Hans Unwirrsch nicht tiefer in den Seelenzustand des Doktor
Theophilus eingedrungen; aber eine glckliche Stunde hatte er gewonnen, und das
Nachklingen derselben war auch was wert!
    An der Mittagstafel richtete die gndige Frau ihre groen Augen auf den
Hauslehrer.
    Sie haben heute einen Besuch gehabt, Herr Unwirrsch!
    Ein Jugendfreund - der Doktor Stein -, sagte Hans, sich verbeugend.
    Ich wei߫, sprach die Dame, und Kleophea richtete ihre groen Augen fast
noch forschender auf den Hauslehrer als die Mama.
    Man spricht augenblicklich viel von diesem Herrn in der Stadt, fuhr die
Geheime Rtin fort. Er soll sehr begabt sein, soll groe Reisen gemacht haben.
Wie kommen Sie zu dieser Bekanntschaft, Herr Unwirrsch?
    Das Herz trat, wie man sagt, dem Kandidaten auf die Zunge. Zum erstenmal
durfte er in diesem Hause sprechen, ohne unterbrochen zu werden: er erzhlte
alles, was er von Moses Freudenstein zu erzhlen wute. Er rhmte sein gutes
Herz, seinen scharfen Verstand, seine Gelehrsamkeit. Er wurde sehr warm in
seiner Apologie und bemerkte leider nicht, welch ein Schrecken des Leutnants
Frnzchen berkam, als sie erfuhr, wer heute das Haus betrat, in dem sie Schutz
gesucht hatte. Mit grtem Interesse vernahm die Frau des Hauses, wer der
bekannte, ja berhmte Doktor Theophile Stein sei; - Kleophea war gleichgltig
oder schien so; - der Geheime Rat war wie gewhnlich nur krperlich anwesend.
    Von der muntern franzsischen Waise erzhlte Hans nichts, da ihn der Doktor
Stein noch beim Abschied bescheiden und scherzhaft gebeten hatte, ihrer nicht zu
erwhnen.
    Am folgenden Tag erschien Franziska nicht bei Tische; sie war unwohl. Eine
ganze Woche lang mute sie das Bett hten, und Hans hatte zum erstenmal
Gelegenheit, zu bemerken, welch eine Lcke durch ihre Abwesenheit in dem Kreise
entstand, der ihn umgab. Sie hatte neben ihm gesessen an der Tafel, und er hatte
sich wohl und sicher in ihrer Nhe gefhlt. Kleophea stie ihn ebensosehr ab,
wie sie ihn anzog; die andern standen ihm kalt, fremd, feindselig gegenber.
Halb unbewut war das Gefhl gewesen, welches ihn mit dem Frnzchen verband; nun
das Frnzchen nicht da war, trat es klar ins Bewutsein.
    Es drangen nur unbestimmte Nachrichten ber das Befinden des jungen Mdchens
zu dem Kandidaten. Es habe nichts zu sagen - meinte man -, es sei eine leichte
Erkltung, ein unbedeutender Nervenzufall, die Sache werde bald vorbergehen.
    Alles, was der Leutnant Gtz ber seine Nichte dem Kandidaten mitgeteilt
hatte, rief sich dieser ins Gedchtnis zurck; pltzlich kam ihm der Gedanke,
da seine Tischrede ber Moses Freudenstein schuld an der Krankheit des armen
Kindes sein knne, und dieser Gedanke trieb ihm so sehr alles Blut gegen das
Herz, da er kaum zu atmen vermochte. Er glaubte fest, da seine Hlf- und
Ratlosigkeit, seine Unruhe und Angst ihren Hhepunkt erreicht htten, wurde aber
an demselben Morgen noch eines Bessern belehrt.
    Jean steckte den Kopf in sein Gemach und meldete mit Herablassung, die
gndige Frau wnsche den Herrn Hauslehrer zu sprechen und lasse ihn bitten, so
schnell als mglich in ihr Zimmer herabzukommen.
    Nun war Hans in diesem Augenblick zu aufgeregt und sorgenvoll, um bei dieser
Botschaft die gewohnte Beklemmung zu empfinden. Er vervollstndigte schnell
seine Toilette und stieg die Treppe hinab. Obgleich er nicht an der Tr horchte,
vernahm er doch, da die gndige Frau nicht allein war. Man sprach drinnen sehr
lebhaft. Kleophea lachte, es muten fremde Herren zugegen sein. Hans klopfte,
aber sein Klopfen wurde berhrt. So wagte er es denn, einzutreten, tamquam
cadaver blieb er jedoch auf der Schwelle stehen: neben der gndigen Frau und dem
Sessel Kleopheas gegenber sa sein Freund Theophilus Stein, alias Moses
Freudenstein, den kleinen Aim auf dem Knie schaukelnd, im lebhaftesten
Gesprch. Ein anderer lterer Herr im schwarzen Frack, mit langem, grauem, nach
hinten gekmmtem Haar sa daneben, lchelte und liebkoste das glattrasierte,
behgliche Kinn mit dem goldenen Stockknopf.
    Man hatte unbedingt von dem Kandidaten der Theologie Unwirrsch gesprochen;
das ging aus der Art hervor, wie man sich nach ihm umwandte und wie man ihn
ansah.
    Ach, da ist er ja - der Hungerpastor! rief der Doktor und gab somit zum
erstenmal unserm Hans offiziell den Titel, welchen wir diesem Buche vorgesetzt
haben. Sehen Sie ihn an, gndige Frau, so pflegt er immer auszusehen, wenn er
vor einer Unbegreiflichkeit steht. Komm zu dir, Johannes, ich bin es in Fleisch
und Blut!
    Selbst die gndige Frau lie sich herab, zu lcheln, ehe sie mit gerunzelter
Stirn ihrem Hauslehrer winkte, die Tr nicht allzu weit ber die Grenzen des
Anstandes hinaus offenzuhalten. Hans trat nher und durfte sich ebenfalls
setzen.
    Der Herr mit dem Christusscheitel, der weien Halsbinde und dem goldenen
Stockknopf wies sich als der auerordentliche Professor der sthetik Doktor
Blthemller aus, und es frappierte ihn, da der Herr Kandidat bis zu dieser
Stunde noch nicht das mindeste von ihm und seiner Wirksamkeit vernommen hatte.
Mit Fug und Recht nahm auch er deshalb gar keine Notiz weiter von Hansens
Anwesenheit, sondern lie sein Licht, das heit den merkwrdigen Schein seiner
Hornlaterne, auf die andern fallen.
    Der Herr Doktor Stein hat uns manche Einzelheiten aus Ihrem Leben erzhlt,
welche uns sehr amsiert haben, Herr Unwirrsch, sagte die gndige Frau. Es war
sehr unrecht von Ihnen, da Sie uns nur die uere Schale Ihrer frheren
Existenz zeigten.
    Nun htte Hans viel auf diese Worte entgegnen knnen; aber es kam ihm ein
Gefhl, als wrde er seiner Mutter Grab entheiligen, wenn er sich in dieser
Gesellschaft ber solchen Vorwurf rechtfertige. Er sagte nur kurz:
    Ich danke dem Doktor Stein fr alles Gute, was er von mir gesprochen hat.
Es gehrt viel Geist dazu, ber ein Leben wie das meinige etwas Geistreiches zu
sagen.
    Von einem Idyll verlangt man gerade nicht, da es sehr geistreich sei,
erwiderte Theophile. Und dein Leben ist ein Idyll, Johannes, und ich
wiederhole, was ich schon gesagt habe: du bist einer der Glcklichsten dieser
Welt.
    Mit groem Unbehagen sah Johannes auf den Redner; Kleophea zuckte die
Achseln, der auerordentliche Professor der sthetik rckte seinen Sessel so,
da er dem Hauslehrer den Rcken zukehrte, wandte sich zu der gndigen Frau und
brachte das Gesprch vom Besonderen auf das Allgemeine.
    Er sprach von der Kunst, schn zu leben, und redete sehr schn darber, aber
so ganz schulmig, da dem Kandidaten, welcher den Sinn dessen, was der Mann
sagen wollte, erst aus der sonderbarsten Terminologie heraushlsen mute, fters
der Verstand stillstand. Klglich hinkte er im Verstndnis der Rede nach und
blieb somit vollstndig auf die Rolle des Zuhrers beschrnkt.
    Nachdem der Professor Doktor Blthemller seinen Sack ausgeschttet hatte,
ffnete die Dame vom Hause den ihrigen.
    Mit einem gewissen seufzenden Pathos entwickelte sie ihre Ansicht vom Wege
zur christlich-sthetischen Ruhe in Gott; in dem Gott, den eine krankhafte
modische Schwrmerei durch ihre romantisch buntgefrbten
Kirchenfensterscheibenerkennt, den sie aber nicht sieht, nicht sehen will,
wenn die helle, prchtige vernnftige Sonne am Himmel steht und klar, prchtig
und verstndig jedwedes Ding in der Welt dem Menschen in der wahren, echten,
treuen Farbe und Gestalt zeigt.
    Die Geheime Rtin schwrmte sehr fr den Weg der Heiligen Gottes und fr die
altitalienischen Bilder mit ihren himmelwrts blickenden Jungfrauen, Mrtyrern
und Donatoren. Sie schwrmte fr die beseligten Knstler, welche die Bilder in
Tempera und l gemalt hatten, und Professor Blthemller stimmte ihr in Ekstase
bei und verriet nicht, was fr gottverlassene, heillose Kanaillen und Halunken
die Maler sowohl wie die Donatoren fters waren. Er machte es eben wie andere
Leute: die Seite der Geschichte, welche er nicht gebrauchen konnte, lie er im
Dunkel liegen, und seine Kollegiengelder als auerordentlicher Professor bezog
er ja dafr, da er nur die eine Seite der Medaille zeigte. Wenn dann auch ein
anderer gelehrter Mann von einem andern Lehrstuhl aus in den geschichtlichen
Sumpf schlug, so tat er das vor einem andern Publikum und in einem andern
Auditorio, und es war nicht jedermanns Sache, die beiden Seiten zusammenzulegen.
    Wenn wir es nicht gewi sagen knnen, so wollen wir doch zur Ehre der
Menschheit annehmen, da es nicht Perfidie war, als der Doktor Theophile Stein
seinen Jugendfreund fragte, ob er bereits das Museum der Stadt besucht und die
Bilder, von denen die gndige Frau spreche, gesehen habe. - Hans Unwirrsch hatte
das Museum besucht; er hatte die Bilder gesehen, und leider sagte er auch auf
die an ihn gestellte Frage, was er von ihnen dachte und hielt. Wir werden uns
geflligst hten, das Urteil des unerfahrenen jungen Mannes nachzusprechen; wir
knnen nur sagen, da der Doktor Theophile, wenn er seine Frage aus boshafter,
vorbedachter Absicht gestellt hatte, seinen Zweck vollstndig erreichte. Es
wurde sehr dunkel auf der Stirn der gndigen Frau, eine schwle Atmosphre
schien pltzlich das Gemach zu fllen; es blitzte, und wenn es nicht donnerte,
so hatte das seinen Grund nur darin, da solches Getn in der guten
Gesellschaft, wenn zwei fremde Herren zugegen sind, nicht zum guten Ton gehrt.
Geschenkt wurde der Donner dem Snder darum nicht; er kam nur etwas nach.
    Eine treffliche Abhandlung ber die Prraffaeliten gab nun der Doktor Stein
dem kleinen Kreise zum besten und zeigte seine Belesenheit, Kunsterfahrung und
Weltkenntnis aufs glnzendste. Geistreiche Blicke warf er nach allen Seiten hin
aufs Leben; und die groe Kunst, mittelmige oder gar alberne Gedanken
anwesender Leute, von denen man etwas zu erlangen wnscht, brillant
aufzupolieren und sie ihnen dann als ihr eigenstes Eigentum mit einer Verbeugung
zurckzugeben, verstand er vortrefflich. Er wute Bescheid um den Fang alles
mglichen Getiers und fing zuerst die Frau Geheime Rtin Gtz, geborene von
Lichtenhahn; aber whrend er den einen Fang auf das Land zog, lie er die
goldenen Schuppen, die purpurnen Flossen, die noch frei umherspielten, nicht aus
dem Auge.
    Kleophea Gtz, die bis jetzt von allen - den Hauslehrer nicht ausgenommen -
am schweigsamsten dagesessen hatte, regte sich nun und sagte zu Hans Unwirrschs
gewaltigem Schrecken:
    In einer Beziehung mu ich dem Herrn Kandidaten recht geben; - auch ich
finde jene Bilder, von welchen vorhin die Rede war, unbeschreiblich scheulich
und chinesisch. Die griechische, lustige, nackte Gtterwelt -
    Kleophea?! chzte die gndige Frau.
    Was kann ich dafr, liebste Mama? Ich liebe meine Verwandten und Freunde.
Ich rhme sie gern vor den Leuten und bin stolz auf ihre Schnheit und vergngt
ber ihre Heiterkeit. Da ist ein anbetender Knabe, von dem ich glaube, da er
seinen Ball wiederfangen will. Der Bube ist mein Bruder wie - wie Aime, und ich
wrde ihn ebenso gern auf dem Scho halten Herr Doktor.
    Der Herr Doktor lie den holden Aim sanft von seinem Knie herabgleiten und
lchelte ein wenig verlegen: Kleophea aber fuhr lachend fort:
    Sieh nicht so bse, gndige Mama! Mit meinen Verwandten lebe ich in
Harmonie am trbsten Regentage. Vergangene Nacht ist eine ganze Schar von ihnen
gekommen: die Venus von Melos, der Apoll von Belvedere, die attischen
Tauschwestern, der Dornzieher und der Antinous. Sie riefen mich: Kleophea!
Kleophea! und schienen sich sehr ber den Namen zu amsieren. Sie lachten so
herzlich laut und unschicklich, da es eine Lust war. Worber wir uns dann
ferner unterhielten, darf ich jedoch nicht verraten, da sonst meine Mama ein
Autillo, ein Miniatur-Autodaf fr mein Persnchen anznden wrde. Sie gingen
gttlich heiter fort auf beflgelten Sohlen und baten mich, sie meiner Mama zu
empfehlen, was ich hiermit tue.
    Die junge Dame neigte sich gegen ihre Mutter, die einem Krampfanfall nahe
war. Der Kandidat Unwirrsch kroch sehr in sich zusammen: eifrigst polierte der
Professor Blthemller sein Kinn; das schne, intelligente Gesicht des Doktors
Theophile Stein schien in diesem Augenblicke einer jener Statuen anzugehren,
welche Kleophea zu ihren Verwandten und Freunden rechnete. Kein Muskel regte
sich darin, aber es war ein schnes, intelligentes Gesicht; parteilos, wie aus
gelbweiem Marmor gebildet, lie es sich sowohl von Kleophea wie von ihrer
Mutter ruhig - ansehen.
    So fhren Sie doch den Knaben fort, Herr Kandidat! keuchte nach einer
ngstlichen Pause die gndige Frau. Fhren Sie ihn ein wenig in die freie Luft,
in den Garten - diese Atmosphre hier ist erstickend.
    Noch leiser keuchte sie: Abscheulich! Emprend! Doch was sie noch sagte
und was Kleophea darauf erwiderte, was der Professor Blthemller lispelte und
was der Doktor Stein sprach, ging fr Hans in dem Gezeter unter, das der
liebliche Knabe Aim erhub, als er von seinem Lehrer mit einiger Gewalt
hinausgeleitet wurde.
    Nach weitern fnf Minuten nahmen die beiden Herren Abschied; - dann zeterte
auch die Frau Geheime Rtin los; dann eilte Kleophea rauschend durch den
Korridor und schlug so heftig die Tr ihres Gemaches zu, da die arme Franziska
erschreckt von ihren Kissen emporfuhr. Dann mute sich Kleophea an ihr Klavier -
geworfen haben und fuhr mit Trillern und Lufen die Tasten hinauf und hinab wie
eine Gttin des Wirbelwindes. Es schien sehr ntig zu sein, da sie wieder einen
Besuch ihrer Freunde und Verwandten erhalte, um von denselben auf die Vorteile
und Vorzge der klassischen Ruhe aufmerksam gemacht zu werden.
    Am Rande des Parkes traf Hans, den widerwilligen Aim an der Hand fhrend,
noch einmal mit dem Professor Blthemller und dem Doktor zusammen.
    Fr diesmal sind wir glcklich entkommen, Hans! rief lachend der letztere.
Ein eigentmliches Haus; aber die Damen sind entzckend - jede in ihrer Art!
Welch ein reizendes Kind, Freund; es scheint eine groe Neigung zu dir zu haben.
Ich knnte dich darum beneiden.
    Ich habe mit dir zu sprechen - viel, sehr viel! sagte Hans, nicht mit der
gewohnten Freundlichkeit.
    Immer zu deinen Diensten, Alter! lchelte der Doktor. Wann willst du mich
besuchen? ... Wir werden uns brigens auch wohl noch fters in jenem Hause dort
sehen!
    Ich werde zu dir kommen, sagte Hans.
    Und ich werde dich mit Sehnsucht erwarten, erwiderte Theophile, Abschied
nehmend.
    Fnfzig Schritte weiter ab murmelte er zwischen den Zhnen:
    Die Frage ist nur, ob du mich frs erste zu Hause antreffen wirst, liebster
Hans!
    Den Arm des Professors nehmend, rief er lachend:
    Kommen Sie, Kollege. Allons diner. Ich bin Ihnen unendlich verbunden fr
Ihren Fhrerdienst, den Sie mir heute geleistet haben. Das Mdchen ist
herrlich!
    Und eine treffliche Partie, sagte der Professor Blthemller und kostete
ein imaginres Glas Madeira.
    Hans, das Handgelenk Aims krampfhaft festhaltend, sah den zwei Herren nach.
Das war alles, was er tun konnte, und wir knnen leider nicht leugnen, da er
etwas stupide dabei aussah.

                              Zwanzigstes Kapitel


Es geschah so, wie es sich der Doktor Theophile Stein vorgestellt hatte: Hans
klopfte einige Male an seine Tr, erhielt aber keine Antwort oder die, da der
Herr Doktor nicht zu Hause sei, und er kehrte jedesmal mimutiger und
niedergeschlagener in seinen unbehaglichen Kfig zurck. Er befand sich in
diesem Gefngnis jetzt gegen jedermann in einer falschen Stellung, selbst gegen
Franziska Gtz.
    Des Leutnants Frnzchen war noch stiller als zuvor aus ihrem Stbchen zum
Vorschein gekommen, und wenn in ihrem Verhalten gegen die brigen Hausbewohner
keine Vernderung eingetreten war, so fhlte Hans um so tiefer und
schmerzlicher, da ihr Wesen ihm gegenber nicht mehr das vorige war. Und er
kannte den Grund davon genau und konnte sie doch nicht fragen, ob das wahr sei,
was Moses Freudenstein von ihrem Vater erzhlt habe. Er hatte nicht das Recht,
diese Frage zu stellen; tragen mute er die Last, die auf seinem Herzen Von Tag
zu Tag schwerer wurde. Nun drckte und ngstete ihn die Gegenwart des Mdchens
um so mehr, je mehr Frieden und Ruhe ihm bis dahin ihre Nhe gebracht hatte;
seine Aufmerksamkeit aber mute sich in einem noch hheren Grade auf die arme
Nichte des Leutnants Rudolf richten. Er war jetzt sozusagen gezwungen, auf sie
mit ngstlicher Spannung zu achten; und bald berhrte er nicht mehr den leisen
Futritt hinter seinem Rcken, und kein Ton der sen Stimme ging mehr in den
grellen Dissonanzen dieses Hauses fr ihn verloren.
    Die glnzende Kleophea verlor in dem Mae an Einflu auf den Kandidaten
Unwirrsch, wie Franziska ihn gewann. Ihre Pracht, ihre Schnheit, ihr
funkensprhender Geist, ihr Widerstand gegen das ungesunde Wesen des Hauses
hrten auf, den dummen Hans zu verblenden. Das, was ihn zuerst so magisch
angezogen hatte, stie ihn auch ab; er erkannte immer mehr, da nicht jeder
Glanz echt ist, und die Opposition der jungen Dame erschien ihm bald fast ebenso
unberechtigt wie das, wogegen sie gerichtet war. Er fing an, auch Kleophea zu
bedauern, doch aus einem andern Grunde als Franziska. Oft konnte er den Gedanken
nicht loswerden, da jenem herrlichen Wesen all die geistigen und krperlichen
Vorzge dereinst zum grten Elend gereichen wrden.
    Der Doktor Theophile Stein wiederholte seinen Besuch in dem Hause des
Geheimen Rates Gtz. Er kam diesmal ohne den Professor Blthemller, und der
Kandidat Unwirrsch wurde nicht zu seiner Begrung in den Salon beordert. Auch
dem Herrn des Hauses war der Doktor von sehr einflureicher Seite empfohlen
worden, und er empfing ihn demgem, da auch die Gattin dazu das Haupt neigte,
mit all der Wrme, deren seine so ungemein tropisch angelegte Natur fhig war.
    Der Geheime Rat schrob sehr an seinem Mechanismus, ehe er aus seinem
Arbeitszimmer hervortrat. Dafr war dann aber auch das Rder- und Federwerk im
Gange wie selten, whrend - der ersten Viertelstunde, welche er dem Besucher
widmete. Nachher lief es freilich in gewohnter Weise ab, und wer den berhmten
Juristen nicht kannte, htte ihm in der folgenden Viertelstunde nicht die Ehre
gegeben, welche ihm gebhrte, die nmlich, die Pandekten und das Landrecht
auswendig zu wissen und in der Kontroversenliteratur bewanderter zu sein als
irgendeiner der Kollegen. Die Lebhaftigkeit, welche dem Gemahl abging, ersetzte
die Geheime Rtin vollkommen. Da Kleophea nicht zugegen war - sie besuchte eine
Freundin -, konnte der Doktor ohne Schaden eine tiefinnere bereinstimmung mit
den Meinungen der Hausherrin kundgeben und tat es, ohne zu errten. Er errtete
auch nicht, als Franziska in das Zimmer trat und beim Anblick des Besuchers
zusammenfuhr und totenbleich wurde. Ganz unbefangen blieb er bei der Vorstellung
und sprach ganz khl davon, da er bereits die Ehre gehabt habe, in Paris mit
dem gndigen Frulein zusammenzutreffen.
    berraschung und Staunen der Geheimen Rtin, ruckartiges Aufschnellen und
Aufhorchen des Geheimen Rates waren die Folgen dieser Erklrung. Dann kam ein
Durcheinander von Fragen, welchem Theophile mit melancholisch gesenktem Haupte
und sehr fein auswich, whrend Franziska mit zusammengepreten Lippen halb
bewutlos vor Schmerz und Zorn dastand.
    Es waren leider sehr trbe Verhltnisse, unter denen wir uns
kennenlernten, flsterte der Doktor. Die Krankheit, der Tod des Vaters des
gndigen Fruleins - die Verlassenheit des gndigen Fruleins in der
ungeheueren, erbarmungslosen Stadt o mein Frulein!
    Franziska Gtz wankte zur Tr und hielt sich auf ihrem Wege an den Mbeln,
um nicht zur Erde zu sinken. Der Oheim sah ihr mit offenem Munde nach, die Tante
rief scharf ihren Namen; aber sie hrte diesmal nicht darauf. Theophile
betrachtete mit groem Interesse die Blumen des Teppichs zu seinen Fen, was
ihn jedoch nicht hinderte, einen schrgen Blick sowohl auf die gndige Frau wie
auf die hinter dem Frnzchen sich schlieende Tr zu werfen.
    Welch eine Szene! Was ist das? rief die Geheime Rtin. Herr Doktor, ich
glaube, Sie sind uns einigen Aufschlu ber diesen wunderlichen Vorgang
schuldig. Was kann das Mdchen haben? Wann und unter welchen Umstnden haben Sie
meine Nichte in Paris getroffen? Theodor, ich bitte dich, die Tr zu verriegeln.
Sprechen Sie, sprechen Sie, Herr Doktor, Sie spannen mich auf die Folter!
    Mit beiden Hnden wehrte Theophile, whrend Theodor die Tr verriegelte, den
Verdacht ab, ein solches Verbrechen an der Menschheit und eine solche
Grausamkeit gegen eine solche Dame begehen zu wollen; da er aber der Aufregung
durch eine schnelle klare Darlegung der Tatsachen ein Ende gemacht hake, knnen
wir auch nicht sagen. Er sprach davon, wie er es tief bedauere, dem Frulein so
schmerzliche Erinnerungen zurckgerufen zu haben. Er hielt es fr seine Pflicht,
dieses Haus nie wieder zu betreten. Er trug allen Verhltnissen Rechnung und sah
deshalb auch dem Geheimen Rat tief bewegt in die glsernen Augen. Um so
merkwrdiger war es, da ihm sein Bericht zuletzt so glatt von der Zunge ging;
es wrde ein gnzlich falscher Ausdruck sein, wenn wir sagen wollten, da er ihn
herauswrgte. Er erzhlte sehr gut, der Doktor Theophile Stein, und seine sonore
Bruststimme war ganz dazu geeignet, alle Nuancen ins Tragische aufs zarteste
hervorzuheben - wir haben von seiner Kunst bereits an einer anderen Stelle
gesprochen. Dazu wurde ber Wahres, Halbwahres und Falsches stets das rechte
Licht gegossen; - es gab keinen greren Meister in der Kunst des Helldunkels
als den Doktor Theophile Stein.
    Der Geheime Rat Gtz und seine Gemahlin erfuhren dieselbe Geschichte, welche
Hans Unwirrsch vernommen hatte; doch das Kolorit war in jeder Beziehung ein
anderes. Der Doktor Theophile Stein nahm den grten Anteil an diesem
Familienunglck. Schmerzlich empfand er nach, was die gndige Frau um das Leben
und Sterben ihres Schwagers empfinden mute. Er hing mit ihr die Harfe an die
Weide und war so berwltigt von seinen Erinnerungen, wie man es nur von einem
verstndigen Menschen vernnftigerweise verlangen konnte. Von dem Geheimen Rate,
der sehr in sich zusammengesunken war und die Augen mit der Hand beschattete,
nahm er weniger Notiz; er berlie die Bemerkungen, welche direkt an denselben
zu richten waren, seiner Gattin und konnte nichts Besseres tun.
    Sehr oft unterbrach die gndige Frau den melancholischen Bericht Theophiles,
um ihren Gemahl zu fragen, wer nun recht gehabt habe, ob sie - Aurelie, geborene
von Lichtenhahn - das nicht immer gesagt habe usw. usw.
    Dann versicherte sie ihn, da das Ma ihrer Geduld gefllt bis zum Rande
sei, da der Herr Schwager Rudolf ihr Haus nicht wieder betreten solle, da sie
das unglckselige Geschpf, die Franziska, nicht auf die Strae stoen wolle,
da sie aber dafr dereinst im himmlischen Jerusalem eine ganz auergewhnliche
Belobung und Belohnung zu erwarten habe.
    Sie wurde sehr heftig und sehr bissig, die Frau Geheime Rtin Gtz; - sie
besann sich keinen Augenblick, sehr verchtlich und wegwerfend von der Familie
ihres Mannes zu sprechen. Sie wute eine Menge Zge aus dem Leben der beiden
Brder ihres Gatten, welche sie mit hexenmiger Zungenfertigkeit
durcheinanderquirlte und in die klangvolle, klagende Erzhlung des Doktor
Theophile hineinsprudelte. Der Abenteurer und der Bettler wurden beide nach
Gebhr gewrdigt, und die Tochter des Abenteurers bekam auch ihr Teil.
    Es mute fr den Geheimen Rat Gtz eine wahre Erlsung sein, als der Doktor
endlich den Armensarg des armen Felix durch die Barrire d'Aunay gebracht und
ihm im Armenviertel des Pre-Lachaise die klgliche Grube gegraben hatte.
    Oh, so hat mir Rudolf das nicht erzhlt! sthnte der Geheime Rat. Er lie
die Hand von der Stirn sinken, und wer ihn jetzt sah, mute eingestehen, da der
Mann noch nicht ganz Maschine war; aber er mute ihn deswegen bedauern.
    Und dies ist die Wahrheit! rief die gndige Frau. Der Herr Leutnant Gtz
betritt mein Haus nicht wieder!
    Ein Rauschen und ein Triller drauen! Ein Klopfen an der Tr.
    Kleophea? rief die Mutter. Theodor, schieb den Riegel zurck! Ich glaube,
wir haben genug vernommen. Herr Doktor, Sie haben sich ein groes Verdienst um
unser Haus erworben. Ich danke Ihnen herzlich dafr.
    Ein trauriges Verdienst, seufzte Theophile, die Hand aufs Herz legend; -
Kleophea hpfte in das Gemach.
    Sie brachte Sonnenschein mit sich und Jugendlust; ihre Augen leuchteten,
ihre roten Lippen lachten, sie berhrte den Boden kaum mit den Fen. Sie
begrte den Doktor mit solcher allerliebsten Ironie; sie war so voll kleiner,
boshafter Geschichten und wute dieselben so gut zu erzhlen. Sie war
auergewhnlich gut gelaunt und deshalb auch auergewhnlich aufgelegt, die
Gefhle ihrer Nebenmenschen durch kleine, anmutige, perfide Anspielungen zu
verletzen, und uerte eine groe Wibegierigkeit in Hinsicht auf gewisse
mosaische Gebruche und Gesetzesvorschriften. Es fand sich jedoch, da ihr der
Doktor Theophile mehr gewachsen war als die Mama; er lie sich nicht so leicht
aus dem Gleichgewicht bringen und konnte schon seiner anmutigen Gegnerin einen
Zug vorgeben.
    Er sprach sehr pathetisch ber das Judentum. Die auerhalb der Bibel
liegende Geschichte und berlieferung desselben ist unendlich reich an Zgen
individuellen Heldenmutes, stoischer Todesverachtung, reich an Zgen von
Standhaftigkeit und Glaubensstolz, wie sie kaum ein anderes Volk aufzuweisen
hat. Auch nach der Zerstrung des Tempels sind Helden und Propheten unter dem
zerstreuten Israel aufgetreten, und ber eine eigene Poesie, einen Schatz voll
ergreifender und hinreiender Anekdoten hat der zu gebieten, welcher diese so
tragische und so unbekannte Welt emporsteigen lassen kann. Theophile Stein wute
von der Heroen- und Mrtyrerhistorie seines Volkes den besten Gebrauch zu
machen, und wenn schon die Seelen der Weiber durch Anekdoten leicht zu fesseln
sind, mute man es doch dem Doktor lassen, da er die Kunst. Geschichten zu
erzhlen, bis zur Meisterschaft ausgebildet hatte. Er brachte sogar Kleophea zum
aufmerksamsten Lauschen, und nachdem er zum Schlu und besonders fr die gndige
Frau sich in seinen seraphweien Konvertitenmantel drapiert hatte, konnte er mit
einer demtig-stolzen Verbeugung sich empfehlen und mit den Erfolgen seines
Besuches zufrieden sein.
    Er war, was er sein wollte - Hausfreund! Von jetzt an konnte er, ohne
Schaden an seinem seelischen und krperlichen Wohlbefinden zu leiden, den Besuch
des Kandidaten Hans Unwirrsch annehmen. Er war der festen berzeugung, da ihm
derselbe nicht mehr gefhrlich sein knne: er beherrschte die ffentliche
Meinung des Hauses des Geheimen Rates und fhlte sich stark genug, ntigenfalls
den armen Hans so wie das Frnzchen, seine andere kleine Pariser Bekanntschaft,
vor die Tr zu setzen.
    Nun war der Frhling in seiner ganzen Pracht gekommen: das Getmmel auf dem
Spazierwege vor den Fenstern des Geheimen Rates Gtz hatte sich verdoppelt und
verdreifacht. Die Kinder der armen Leute liefen mit nackten Fen umher, und die
Kinder der besseren Stnde mit nackten Beinen. Der Park war grn, und es gab
seltsamerweise sogar Nachtigallen darin; aber Hans Unwirrsch zog nicht den Trost
heraus, den er davon gehofft hatte und welcher auch allenfalls darin htte
liegen knnen.
    Kaum war das Lustgehlz grn geworden, so fraen es die Raupen wieder kahl,
und eine abscheuliche Sorte von diesem Getier war's, die sich das Vergngen
machte. Wenn die Ungeheuer, welche durch ihre Zahl sehr imponierten, einen Baum
leer und sich voll gegessen hatten, bettigten sie einen ausgebildeten Sinn fr
das Schne. An langen Fden lieen sie sich von den Zweigen hernieder auf die
Kpfe und Nacken der lustwandelnden Damen, und der Kandidat Unwirrsch konnte
nicht aus dem Fenster sehen, ohne da er holde Frauen und Jungfrauen in Gruppen
oder einzeln in der berhmten Stellung der Venus Kallipygos, doch mit anderm
Gesichtsausdruck, stehen sah. Hans guckte jedoch wenig aus dem Fenster. Er hatte
keine Zeit dazu. Je tiefer er in der Gunst und Achtung der Geheimen Rtin sank,
desto weniger berlie sie ihn sich selbst, desto enger fesselte sie ihn an den
Pfahl, desto schrfer bewachte sie ihn.
    Sie hatte nun mal das Opfer gebracht und diesen Menschen auf Wunsch ihres
Gemahls ins Haus genommen, und tglich mute sie sich diese Schwachheit
vorwerfen; aber es war ihr Trost, sich sagen zu knnen, da sie auch unter
solchen Umstnden ihre Mutterpflicht nicht versume.
    Mit verdoppelten Krften griff sie in das Erziehungswerk des Hauslehrers
ein, wirkte sie allen schdlichen Einflssen entgegen, und glnzend waren die
Erfolge. Es ist ein Glck, fr uns sowohl wie fr den Leser, da wir dieselben
beiseite liegenlassen knnen, ohne irgend jemand Rechenschaft darber schuldig
zu sein, da Aim ein Charakter ist, dessen Wohl und Wehe uns in diesem Buche
wenig berhrt.
    Frnzchen - Frnzchen Gtz! - wie ein lieblicher Ton von jenem fernen,
fernen Gttereiland, welches den Ha, den Neid, den Eigennutz und die hundert
gleichen praktischen Weltlichkeiten nicht kennt, klingt uns dieser Name ins Ohr
und ins Herz.
    Aber tiefe Wehmut berfllt uns zugleich, da wir von solcher Stelle aus ihm
lauschen und ihn nachsprechen mssen, und von derselben Wehmut wute der
Kandidat Unwirrsch zu sagen. Ach, es war eine Trostlosigkeit sondergleichen,
sich diesen sen Namen innerhalb dieser kalten, bsen, im Katakombenstil
bemalten Mauern immer, immer wiederholen zu mssen. Tief in den Wald gehrt der
Klang oder noch besser an den Rand des Waldes, wo dicht neben dem khlen,
lieblichen Schatten das hrenfeld im Sonnenglanz sich wiegt, wo die Glocken der
Heimat aus dem Tal heraufklingen und der Bach, lustig aus dem Forst
hervorspringend, mit frhlich jugendlichem Geplauder ins Tal hinabhpft. Wie
mochte es kommen, da Hans Unwirrsch in dieser den Gegenwart den Namen
Frnzchen mit allen teuern Erinnerungen immer fester verknpfte? Er konnte nicht
an den Mondenschein seiner Kinderjahre gedenken, ohne da das Bild Franziskas
darin emporstieg. Was hatte das Frnzchen mit seinem groen Hunger nach dem
Wissen, der Welt und dem Leben zu schaffen? Was hatte sie zu schaffen mit seinen
Enttuschungen?
    In alles - in die geheimsten Winkel seines Herzens drngte sie sich. Es war
unmglich, an die Base Schlotterbeck, ja an den Oheim Grnebaum zu denken ohne
Franziska, des Leutnants Rudolf Gtz Nichte. Sie sa in der niedern, dunkeln
Stube zu Neustadt unter der magisch leuchtenden Glaskugel, sie sa zu Neustadt
auf dem Kirchhofe im Sonnenschein neben dem Grabe der Mutter und des Vaters.
    Fremd, fremd, fremd! Das Weltmeer htte zwischen dem Kandidaten Unwirrsch
und der Nichte des Leutnants Gtz rollen mgen, sie wrden dadurch nicht weiter
getrennt worden sein. Sie grten sich stumm, wenn sie einander in den Gngen
des Hauses begegneten, sie nahmen stumm ihre Pltze nebeneinander ein; der
giftige Schatten des Sohnes des Trdlers Samuel Freudenstein aus der
Krppelstrae lag zwischen ihnen.
    Hans suchte den Doktor Theophile wieder in dessen Wohnung auf, und zum
zweitenmal begegnete ihm die franzsische Waise, die dem Doktor so vielen Dank
schuldig war. Sie kam die Treppe herab dem Kandidaten entgegen und schritt
diesmal mit gebeugtem Haupte an ihm vorbei. Sie hpfte und lachte nicht mehr,
sie sttzte sich schwer auf das Gelnder der Treppe und trug das Haupt sehr
gesenkt. Sie sah sehr bleich aus, und ihr ueres hatte viel von der frheren
Eleganz verloren. Hans Unwirrsch nahm sich vor, den Doktor um den Grund dieser
Vernderung zu fragen, verga es jedoch, da er so viele andere Fragen zu stellen
hatte.
    Theophile beantwortete alle Fragen, die Hans an ihn richtete, und tat ihm
den Gefallen und lie sich ins Gebet nehmen; aber die Art und Weise, wie er sich
verantwortete, lie fr ein frommes, redliches Gemt doch viel zu wnschen
brig.
    Hans hielt es fr seine Pflicht, ihn mit ernsten Worten ber sein Auftreten
im Hause des Geheimen Rates zur Rede zu stellen, worauf der Doktor Stein
antwortete, da er - Theophile in keiner Weise die Grenzlinien des Anstandes und
der Bildung zu berschreiten gedenke, sich jedoch nur eines gewissen
elektrischen Lichtes in seinem eigensten Innern zur Beleuchtung des Weges
bedienen knne.
    Hans rgte in halber Verzweiflung die Indelikatesse des Freundes, sich in
das Haus zu drngen, in welchem Franziska Gtz Schutz gesucht habe. Theophile
fhlte sich bewogen, darauf zu versichern, da das Frulein, welches vordem
seine Theophiles - Gegenwart, Hlfe und Dienstfertigkeit in der Pariser Mansarde
nicht von sich gewiesen - ja sie ohne Scheu angenommen habe, im Kreise so
liebender Verwandten nichts Unrechtes von ihm zu befahren habe.
    Als der Kandidat Unwirrsch lauter als gewhnlich rief, da er berechtigt
sei, an der Liebe und Neigung der Verwandtschaft gegen das junge, arme Mdchen
zu zweifeln, zuckte der Doktor nur die Achseln und hielt sich fr berechtigt,
aus christlicher Liebe zu schweigen; aber er rieb dabei einmal wieder die Knie
aneinander nach der Art Moses Freudensteins.
    Der Doktor Theophile Stein schwieg auch in den ersten Augenblicken, nachdem
Hans von dem schillernden Stern Kleophea zu reden angefangen hatte; - ein
eigentmliches Gesicht machte der Herr Doktor aber dazu.
    Ei seht das Pffflein, dachte er. Fr so schlau htte ich es gar nicht
gehalten. Laut sagte er:
    Liebster Freund, was willst du? Das Mdchen ist schn, ist geistreich, wird
von der ganzen Stadt als ein Wunder angesehen: weshalb soll ich Vorzge, die von
jedermann anerkannt werden, nicht auch nach Gebhr schtzen? Ist denn Lieben ein
Verbrechen, darf kein Schwarzer glcklich sein?
    Aber es ist ein gefhrliches Spiel, das du mit dem Frulein treibst. Trotz
ihres scharfen Geistes ist sie dir nicht gewachsen. Mo - Theophile, nimm es mir
nicht bel, es kommt mir immer von neuem der Gedanke, du habest in diesem Hause
nichts zu suchen. Ich kann das Gefhl nicht loswerden, du mssest irgendein
groes Unglck ber diese Menschen bringen.
    Du ahnungsvoller Engel du! lachte der Doktor. Deine Sorgen zeugen von
einem hchst vortrefflichen Herzen, und bel will ich dir's nicht nehmen, wenn
du ihnen Ausdruck verleihst. Ich will dich sogar dafr belohnen, Gleiches mit
Gleichem vergelten und ungeheuer offen gegen dich sein. Du hast von deinem
Standpunkt aus ganz recht, wenn dir manches an mir mifllt. Mit Recht bist du
im unklaren ber den innersten Grund meines bertritts zum Katholizismus. Ist es
nicht so?
    Hans nickte mit einem Nachdruck, wie er ihn selten kundgab.
    So ffne deine Ohren, mein Sohn, um zu hren und deinen Mund, um deine
Billigung auszusprechen: die heilige Macht des - Hungers hat mich dazu
getrieben.
    Hans Unwirrsch griff nach seinem Hut.
    Der Hunger nach dem Ideal, seufzte Theophile, und Hans Unwirrsch setzte
seinen Hut wieder nieder.
    Ich wnsche Vortragender Rat im Kabinett Seiner Majestt des Knigs zu
werden! schlo Moses Freudenstein aus der Krppelstrae zu Neustadt, und Hans
Unwirrsch erhob sich und griff nach der Stirn, als ob er von einem pltzlichen
Schwindel ergriffen werde.
    Ich bin ganz offen, Hans. Es ist meine Absicht, mich um die Neigung und
spterhin um die kleine Hand des Fruleins Kleophea Gtz zu bewerben - die
Wasserflasche steht hinter dir.
    Moses! Moses! rief Hans Unwirrsch.
    Ja, nenne mich nur Moses. Bei allen schnen Erinnerungen welche sich an
diesen Namen knpfen, beschwre ich dich, deinen - Einflu in diesem Hause nicht
gegen den Freund deiner Jugend zu wenden. Bedenke, wie wenig du vom verworrenen
Lauf der Welt erfahren hast und wie schwierig es ist, recht zu richten. Das
Schicksal hat uns erfreulicherweise wieder zusammengefhrt; nur sind die
Gegenstze, welche in unserer Jugend bereits in uns vorhanden waren, etwas
schroffer herausgebildet. Lege immer, wenn ich dir in einem falschen Lichte
erscheinen mag, die Hand aufs Herz und frage dich ja recht, ob du tief genug in
den Gang meines Lebens eingeweiht seiest, um gegen mich auftreten und zeugen zu
knnen.
    Das war bewunderungswrdig gesprochen. Ohne den Gedanken an das bleiche
Frnzchen wrde der Kandidat der Theologie Johannes Unwirrsch an demselben Abend
noch ein Eisenbahnbillett in der Richtung nach Neustadt und der Krppelstrae
gelst haben.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Die Raupen im Park verschwanden, nachdem sie ihr Teil an der Tafel des Lebens
verzehrt hatten; aber der Doktor Stein verschwand nicht aus dem Hause des
Geheimen Rates Gtz. Er kam tglich und wurde tglich mit verbindlicherem
Lcheln von der gndigen Frau empfangen. Er las mit den Damen, er fuhr mit ihnen
aus, und es gab viele Leute in der Stadt, welche die Geheime Rtin um diese
interessante Bekanntschaft beneideten, denn der Doktor war ein Mann, dessen Ruf
sehr wuchs. Man hrte ihn wachsen, ohne da man im geringsten berechtigt war,
von auergewhnlicher Reklame und dergleichen zu reden. Vor einem ausgewhlten
Publikum beiderlei Geschlechts hielt Theophile Vorlesungen ber die Rechte und
Pflichten in der menschlichen Gesellschaft, welche dem exklusiven, eleganten
Bruchteil der Menschheit, fr welches sie berechnet waren, sehr gefielen. Doktor
Stein schttelte den Sack nicht roh und gewissenlos aus, nachdem er den Inhalt
krftig durcheinandergerttelt hatte; nein, reinlich, zart und zierlich
sortierte er die Rechte wie die Pflichten, legte die ersten mit Grazie neben das
Wachslicht zur Rechten und die zweiten mit der bekannten, das Gewissen so sehr
beruhigenden, lchelnden Wehmut neben das Licht zur Linken. Sodann lud er das
gegenwrtige Publikum ein, geflligst zu whlen, und es whlte mit Behagen. Die
Vorlesungen aber wurden gedruckt, und es sollte, wie man sagte, bis in die
hchsten Kreise hinein viel die Rede von ihnen sein. Die Geheime Rtin Gtz war
jedenfalls sehr entzckt von ihnen; - die Einwnde aber, die Kleophea machte,
gaben dem Doktor erwnschte Gelegenheit, hundert glnzende Schlingen um ihr
rebellisches Selbst zu werfen. Mit Kleophea Gtz sprach Theophile in einer
andern Weise als mit ihrer Mutter. Nicht blo die weiche, sanfte Desdemona wird
gewonnen, wenn der abenteuernde Afrikaner erzhlt von

...weiten Hhlen, wsten Steppen,
Steinbrchen, Felsen, himmelhohen Bergen;
Von Kannibalen, die einander schlachten,
Anthropophagen, Vlkern, deren Kopf
Wchst unter ihrer Schulter.

Der Zauber ist fast noch grer, wenn dem unbiegsamen, krftigen, feurigen
Weibe, das sich in Trotz und Unmut vergeblich gegen kleinliche Verhltnisse
abngstigt und in zorniger Schnheit an verachteten Ketten zerrt - in solcher
Weise vorgelogen wird. Es gehrt nicht viel dazu, unter solchen Umstnden die
Seele eines Weibes zu fangen. Von Schlachten und Belagerungen konnte nun
freilich Theophile nicht erzhlen, und als Sklav war er auch nicht verkauft
worden; aber er sprach von andern Dingen, die ihm Anspruch auf eine Welt von
Seufzern geben konnten. Er machte Kapital aus seiner Abstammung und dunkeln
Jugendexistenz und war elegisch und rhrend trotz Hans Unwirrsch. Wie leicht und
eben ihm der Weg in die Welt durch seinen armen Vater gemacht worden war,
verschwieg er weislich; durch eigene Manneskraft und eigenen Mannesmut hatte er
natrlich alle Hindernisse besiegt, die sich ihm entgegengestellt hatten. Er
klappte seinen Hemdkragen  la Byron um und deutete an, da er - lord of
himself: that heritage of woe! - nicht immer den graden Pfad gegangen sei, da
es Tiefen, dunkle, schwarze Tiefen in seinem Busen gebe, Abgrnde, in die er
nicht hinabsehen drfe, ohne schwindlig zu werden. Offen, aber mit dumpfer
Bitterkeit sprach er von einzelnen Epochen seiner Vergangenheit, von frhen
Irrtmern und Fehlern; er verlangte nicht das Mitleid der Menschen, aber er
duldete auch nicht ihre Vorwrfe; er schlo seine Rechnungen selber ab; finstere
Wolken hingen ringsumher, Nacht war es in seinem Innern; aber er hatte den
Hunger nach dem Licht noch nicht verloren, und deshalb allein - konnte er noch
unter den Lebenden wandeln, ohne von der Last des Daseins zum Krppel gedrckt
zu werden.
    Kleophea war in ihrem ganzen Leben nicht so schweigsam gewesen wie um diese
Zeit. Die Geheime Rtin fing an, von dem gnstigen Einflu zu reden, welchen der
Doktor auf das Mdchen ausbe. Was um diese Zeit der Herr des Hauses von dem
Verkehr Theophiles mit seiner Gemahlin und Tochter dachte, ist deshalb nicht
kundgeworden, weil er nicht um seine Meinung gefragt wurde. Aber eine Tatsache
ist, da er fter als je in tiefe Gedanken versunken schien und seltsamerweise
dann am ersten daraus erwachte, wenn Franziska ihn anredete oder auch nur den
andern antwortete. Da der Geheime Rat nicht ein Gegenstand der allgemeinen
Aufmerksamkeit genannt werden konnte, so gingen auch fr jeden andern als den
Hauslehrer die traurigen, ngstlichen Blicke verloren, mit welchen der Mann das
Frnzchen auf ihren scheuen Wegen durch die Zimmer seiner Frau begleitete. Es
war, als erwarte er von der selbst so Hlflosen irgendeinen Trost, eine Hlfe.
    In Frnzchens Verhltnis zu Hans war keine Vernderung eingetreten; sie
gingen umeinander herum und fhlten sich sehr unbehaglich. Der Leutnant Rudolf
lie sich nicht blicken; im Grnen Baum, wo sich Hans erkundigte, wute niemand
Bescheid von ihm zu geben: im Hause des Geheimen Rates wurde sein Name niemals
erwhnt; ob Franziska Nachricht oder Briefe von ihm erhielt, blieb fr Hans
unklar. Wenn es der Fall war, so muten sie ihr jedenfalls wenig Trost geben.
Hans Unwirrsch fhlte sich tglich jenem Star hnlicher, der in Yoricks
sentimentaler Reise an den Stben seines Kfigs rttelt und jammert: Ich kann
nicht heraus! Ich kann nicht heraus!
    Um die alten Leute in der Heimat nicht zu beunruhigen, hatte er immer an sie
gemeldet, da es ihm gut, sehr gut gehe, da er nach seinem Wunsche in einer
groen Stadt unter vielen Menschen und in einem vornehmen Hause lebe, und
dergleichen mehr. Aber es ging ihm nicht gut! Er konnte nicht heraus aus dem
verzauberten Kreis, den das Schicksal um ihn her gezogen hatte. Er fhlte, da
die Zeit nicht fern sei, wo er Moses Freudenstein hassen, wo er Franziska Gtz -
lieben werde, und er befand sich auf einer ewigen Flucht vor seinen eigenen
Gedanken. Es ging dem armen Hans Unwirrsch gar nicht gut.
    Der Sommer war frostig und regnicht; eine mit dem Doktor Stein verabredete
Badereise wurde von der Familie aufgegeben; man blieb zu Hause, um grmlich und
langweilig auf den triefenden, trpfelnden Park und die kotigen Spazierwege
hinauszusehen oder um mit Theophile, dem Professor Blthemller und einer langen
Reihe hnlicher Bekannten und Freunde beiderlei Geschlechts die Tage in
gewohnter, winterlicher Weise hinzubringen. Kleophea wre ohne den Doktor
Theophile in einem solchen Sommer verloren gewesen; sie wrde erst ihre Mama,
dann den holden Aim und zuletzt sich selbst umgebracht haben. Theophile aber
erzhlte ihr jetzt, wenn die Mama nicht anwesend war, Pariser Geschichten und
erhielt sie sowie die beiden lieben Angehrigen dadurch am Leben.
    Unter den strengen Augen der Geheimen Rtin unterrichtete der Hauslehrer
nach wie vor den Sohn des Hauses und duldete schrecklich. Er fing allmhlich an,
auch krperlich sich unwohl zu fhlen, litt an Schwindel und Kopfweh und wurde
von Tag zu Tag mehr zum Hypochonder. Er litt am Herzen und wute es, aber mehr
und mehr bildete er sich auch ein, an der Lunge zu leiden, fragte jedoch wenig
danach. Er hatte keinen Hunger mehr nach irgendeinem Dinge; nur dem Frnzchen
htte er sein ganzes Herz klar darlegen mgen, und dann - dann? Einerlei! Der
Tod war ja Ruhe, und Ruhe, Ruhe wnschte sich Johannes Unwirrsch, den Moses
Freudenstein den Hungerpastor genannt hatte.
    Es war ein Sonnabendnachmittag in den letzten Tagen des Augusts, und es
hatte wieder einmal vom frhesten Morgen an unaufhrlich geregnet.
    Am Fenster seines Stbchens sa Hans, dessen Kopfweh heute heftiger als
gewhnlich war und der Gott dankte, da er heute keine Lektionen mehr zu geben
hatte. Der Zgling befand sich im Zimmer der Mutter und zerfetzte zu den Fen
des Doktor Stein ein schnes Bilderbuch, welches dieser Herr ihm mitgebracht
hatte. Der Doktor Stein hatte fr Aim sehr hufig irgendein Spielzeug oder
dergleichen in der Tasche; er wute, da es in der Diplomatie nichts Groes und
nichts Kleines gibt.
    An diesem Sonnabendnachmittag, an welchem Kleophea Gtz trotz der
geistreichen Unterhaltung Theophiles mrrisch war und blieb, an diesem Tage, an
welchem der Kandidat Unwirrsch von seiner baldigen Auflsung fest berzeugt war,
an welchem es nicht nur drauen, sondern bis tief in seine Seele hinein regnete,
an diesem Sonnabendnachmittag erhielt der Kandidat Unwirrsch von der Post ein
Paket aus Neustadt, knstlich geschnrt und nicht nur mit Siegellack, sondern
auch zu grerer Vorsicht mit Pech verpicht, ein Paket, das Jean mit Ekel und
Verachtung auf den nchsten Stuhl neben der Tr fallen lie.
    In diesem Paket befanden sich ein Paar neuer Stiefel von Rindshaut, ein
Schchtelchen mit halbwelken Blumen, ein Brief von der Base Schlotterbeck und
ein Brief von dem Oheim Nikolaus Grnebaum.
    Des Oheims Schreiben aber ging folgendermaen seinen Weg:

Hochzuverehrender Nev,
insbesonderegeliebter Herr Theologus Kantidati,
Studio und Hausprzeptor, Wohlgeboren!

Insbesondere von wegen dem nassen Sommer, das ewige Geregne, dem Dreck und die
verwandtschaftliche Liebe und Affektion bersende ich ein Paar Stiebeln mit
doppelte Sohlen und dem Wunsch, da sie mit Gesundheit verrissen werden mchten.
Lieber Hans! Es freut mich sehr, zu vernehmen, da Du noch bei Krften bist, und
ich danke fr die gtigst zum Prsent geschickte Weste und Dabacksbeutel mits
Portrt vom Mohrenknig. Mir gehts hundebel und elend, man wird lter mit jedem
Tage, der Magen will nicht mehr fort, und die Augen sind auch nichts mehr wert,
und auf der Brille habe ich mir vorgestern hingesetzt, weswegen ich von wegen
diesem Brief um Verzeihung bitte, wenn er nicht zu lesen sein sollte. Dein Vater
hats ganz recht gemacht, da er frh abgefahren ist aus diesem Jammertal. Was
will der Mensch drin, wenn er sich den letzten Zahn an einer trockenen Brotrinde
ausgebissen hat und der Podagra in seine Zehen murxst; welches mich darauf
bringt, da der Nachbar Murx auch erlst ist, und ich habe sein Spanisches
erstanden in der Auktion. Lieber Hans, sonsten gehts gut und wir sind ganz
fidel; aber der alte Bierugel im Roten Bock hats Geschft abgegeben an seinen
Sohn, so das Haus verputzt hat innerlich und auswendig und Dapeten eingeklebt
hat und Bilder in goldem Rahmen aufgehngt hat undn groen Spiegel; weswegen das
Bier schandhaft und die Gemtlichkeit zum Henker ist und der Alte aus
natrlichem Kummer mitn Strick in die Tasche umgeht und sich nachm passenden und
haltbaren Nagel fr sich umsieht. So sind wir in die Traube gezogen, aber das
ist aus die Gewohnheit und dem Weg, und wenn man alt geworden ist, so bleibt man
am liebsten beis Gewohnte. Mit die Politik ists auch das alte nicht mehr. Da
mte man ja den Postkurier mitn franzsischem Wrterbuch verstudieren! bitt ich
Dir! Wars mir aber doch sehre angenehm, Deine Ansicht von denen Konstitutionen
zu vernehmen, so sie uns versprochen haben fr den vielen Kontributionen, so sie
uns in die Befreiungskriege aus die Nase gezogen haben, und halten nun nicht
Wort. Ich bleib aber derbei, der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden, und,
lieber Hans, was nun die Base Schlotterbeck anbetrifft, so hat sie immerdar noch
ihre Tcken, Schrullen und Spitzfindigkeiten, aber missen mcht ich ihr doch um
keinen Preis in die Welt. Eine Perschon ist sie, und im Sack hat sie mir, aber
wenn sie mir stramm hlt, so hlt sie mir doch auch warm, und ich wte nicht,
was ich ohne ihr anfangen sollte hier in Neustadt. Das istn gefhrlich Ding, ihr
vor die Haustr zu kommen, wenn sie sie schonsten verriegelt hat und im Bett
ist. Gnade Gott - der Schnabel ist ihr dann nicht zugewachsen, und man mchte
gewilich wohl lieber als einer von ihre Geister denn in Fleisch und Blut
anklopfen und ihr die Treppe herunterkommen hren.
    Lieber Hans, der Hauszins, so Du uns aus Gte lssest in unsere
Gebrechlichkeit, geht noch immer druf, aber wir wollen Dir die Lujedors aus die
ewige Seligkeit berschicken, wenn sie uns hereingelassen haben. Du kannst Dir
darauf verlassen! Wir haben es uns ganz feste vorgenommen.
    Die Stiebeln sind mit Schenie gearbeitet und haltbar; wenn Deine
Brinzipalitt Dir darin trapsen hrt, sag nur dreiste, Dein Oheim Niklas
Grnebaum sei der Mann zu so was, und damit Gott befohlen.
    Lebe wohl und gre bald von Dir Deinen alten betrbten Oheim
                                                              Niklas Grnebaum.

Der Brief der Base Schlotterbeck lautete:
Lieber Sohn!
    Wenn ich nur wte, was Dir wre und wie Dir zu helfen wre! Du schreibest
zwar, es ginge Dir recht gut, und schickst mir aus gutem Herzen eine warme Jacke
fr den Winter; aber dem ist nicht also, es geht Dir nicht zum besten. Das mit
dem Moses Freudenstein, da er ein Christ worden ist und seinen Namen
umverndert hat und soviel in Eurem Haus ein und aus gehet, solches will mir
nicht in den Sinn. Es gefllt mir gar nicht, und die alte Esther, die auch in
ihrem Elend noch lebt, ist gestern abend vor mein Fenster gehumpelt gekommen und
hat angeklopft und sich schlimm gehabt und gesagt, der Moses sei ein bser
Mensch und es gehe nicht gut mit ihm aus. Sein Vater sei um seinetwillen
gestorben und er sei ein schlechter Mensch und sie habe es nie geglaubt, da es
also sei, bis zum Tode des alten Samuel. Sie hat gebeten, ich mge Dir warnen
vorm Moses und seinen glatten Worten, er sei ein falscher Mensch bis in das Mark
von seine Knochen.
    O lieber Sohn, Du weit, es kommen auch noch andere Leute vor mein Fenster
oder ich begegne ihnen in den Gassen oder sie stehen vor den Husern und sehen
aus, als warteten sie auf jemanden, wo denn einer im Haus von ihrer Familie
sterbet und zu ihnen kommt. Deine Mutter und Dein Vater sind oft da gewesen in
der letzten Zeit und haben sehr betrbt ausgesehen und mit den Kpfen
geschttelt. Da wei ich nun, da es schlecht um Dich steht, und grme mich,
weil ich nicht wei, wo es Dir fehlt. Bitt Dich also von Herzen, lieber
Johannes, Du wolltest Dich recht fest stellen gegen alle Anfechtungen und den
Moses keine Macht ber Dich gewinnen lassen, trotzdem Ihr so gute Freunde
gewesen seid in Euerer Jugend. Der Herr Professor Fackler, der jetzt recht alt
und kmmerlich wird, und seine Eugenie hat gefreit, aber die andere ist noch zu
haben, hat dasselbe gesagt. Er hat noch darzugewelscht in lateinscher Sprache,
aber ich habe nur das Deutsch verstanden, und er hat den Moses auch nicht recht
leiden knnen, da er ihn noch unter der Rute hatte, und Du solltest ihm aus dem
Wege gehen.
    Es regnet hier dieses Jahr sehre, und bitte Dich, Du mgest mir schreiben,
ob das bei Euch auch so ist. Aber ich habe keine Langeweile, wenn ich am Fenster
sitze und denke an die alte Zeit und wie das Leben hingeht und wie wir zusammen
auf dem Christmarkt saen. Mit Deines Oheims Arbeit hats nie viel auf sich
gehabt und jetzt noch weniger; aber ich komme schon aus mit dem Mann, und je
lter er wird, desto stiller sitzt der Mensch, und selbsten der Niklas
Grnebaum. Nun denk ich mir auch, wen Du wohl heiraten wirst, wenn Du erst ein
Pastore bist, ich mchte sie wohl noch sehen, die junge Frau. Der Maurer zahlt
die Miete schlecht, denn es geht ihm schlecht bei das nasse Wetter. Wir behelfen
uns, wie es geht. Lieber Sohn Johannes, Geld kann ich Dir nicht schicken von
Deinem Eigentum, aber ich schicke Dir einen Strau von Deiner Eltern Grabstelle.
Ich habe sie im Regen gepflckt, und das wird sie wohl frisch er halten auf dem
langen Wege. Es ist wunderlich doch, die Blumen fahren so weit, und noch gar auf
die Eisenhahn, und ich sitze und kann nur die Gedanken fahren lassen Dir
entgegen. Meister Grnebaum mchte auch wohl die Eisenbahn sehen, aber wenn sie
nicht zu uns kommt, so wirds ein bel Ding darum sein. Lieber Sohn Johannes,
schreibe mir bald, und wenn der Moses Freudenstein mit dem fremden Namen darnach
fragt, was sie in Neustadt von ihm denken, so sage ihm nur gradheraus, was ich
Dir geschrieben habe, und Du, lieber Sohn, hte Dich vor ihm und gedenke an
Deine getreue Base Schlotterbeck.
    Nachschrift: Des Oheims Stiebeln trage nur ja bei dem feuchten Wetter, sie
mgen wohl schon einen Schnupfen und sonstige Verkhlungen abhalten.
    Nicht zu vergessen, empfiehl mich Deiner Herrschaft und sag ihnen, ich
machte ihr mein Kompliment und sie mchten aus gutem Herzen fr Dich sorgen, da
Du eine Waise bist und immer nicht selber auf Dich achtgibst. Sei nochmalen
gegrt von
                                                                   Deiner Base.

Die beiden Briefe waren im Original nicht so leicht zu lesen, wie sie hier im
Druck erscheinen. Nicht alle Buchstaben drin standen auf der rechten Stelle, und
nicht jedem Worte sah man's an, was es bedeuten sollte. Die Korrespondenten
hatten jeden Klecks, der ihnen passiert war, zierlich mit dem Zeigefinger
ausgewischt, dadurch freilich den Text nicht deutlicher gemacht. Die Buchstaben
lagen durcheinander wie ein Wald, in welchem der Orkan gehaust hatte; es war
keine Kleinigkeit, sich durch diese Wildnis zu arbeiten, noch dazu, wenn man
krperlich unwohl war und durch manchen Passus der Briefe tief gerhrt und
bewegt wurde. Als Hans endlich den Kopf wiederaufrichtete, war es ihm dunkel vor
den Augen, und die herankommende Dmmerung trug nicht allein die Schuld davon.
Eigentmliche Lichter zuckten durch den grauen Schleier, der vor den Augen des
Kandidaten lag: er mute den Kopf mit beiden Hnden fassen, es war ihm, als
wolle er zerspringen, und dumpf drhnte es vor seinen Ohren, als wrde dicht
neben ihm eine groe Glocke angezogen. Er wollte sich aufraffen, um das Fenster
zu ffnen, vermochte es aber nicht; - er war ernstlich krank, so krank, da sich
alle beln Gefhle in das tote Nichts der Bewutlosigkeit auflsten, um dann in
das geisterhafte, grausame Spiel des Phantasierens berzugehen.
    Hans Unwirrsch hatte eine Gehirnentzndung und war in der Tat whrend
mehrerer Tage dem Tode nahe genug; aber er hatte auch Visionen whrend dieser
Krankheit, die nicht zu teuer durch alle Schmerzen, die er dulden mute, erkauft
wurden.
    Der Herrin des Hauses war dieser Zufall, welcher den Hauslehrer betraf,
natrlich in hchstem Grade unangenehm und unbehaglich. Sie fhlte sich im
Grunde ihrer Seele nicht verpflichtet, diesen fremden Menschen mit solcher
gefhrlichen Krankheit im Hause zu behalten. Aber unangenehm war's ihr
anderseits der Welt wegen, von ihren innersten Gefhlen Gebrauch zu machen und
ihn aus der Tr zu werfen und nach dem Krankenhause bringen zu lassen. Sie hatte
einen Charakter zu bewahren, und sie war eine fromme Dame. Sie mute also
zulassen, was sie nicht ndern konnte, und fand wiederum eine groe Hlfe an dem
Doktor Theophilus Stein, der sich bereit erklrte, den Kranken unter seine
besondere Obhut zu nehmen und in betreff seiner alles Ntige zu besorgen.
    Der Doktor Theophilus Stein gehrte zu den Visionen Hans Unwirrschs!
    Es war am zweiten Tage nach dem Ausbruch des Fiebers, als sich Theophilus am
Bett des kranken Jugendgenossen allein befand - allein und unbeachtet, wie er
glaubte. Er war drauen auf dem Gange mit einer spttischen Verbeugung an
Franziska Gtz vorbergeschlpft und beugte sich nun ber das Lager des
Kandidaten. Auf Wunsch der Geheimen Rtin war er gekommen, um nachzusehen, was
der junge Mann mache.
    Wirr sah es in dem Geiste Hans Unwirrschs aus. Von seltsamen lichten
Augenblicken wurden seine Phantasien unterbrochen; Dunkelheit, Dmmerung und
Licht, Wirklichkeit und Traum wechselten fortwhrend. Die beiden Briefe aus der
Heimat, bei deren Lesung die Krankheit ihre giftige Hand auf sein Haupt gelegt
hatte, hatten das Ihrige getan, seine Seele mit den Bildern der Vergangenheit zu
fllen, obgleich das kaum noch ntig war. Der Brief der Base hatte die geistigen
Qualen der letzten Zeit mit der krperlichen Not in wahrhaft schrecklicher Weise
durcheinandergewhlt; - Theophile aber glaubte sich allein und unbeachtet.
    Er hatte den Arzt zu dem Kranken hinaufbegleitet: der Arzt hatte bedenklich
den Kopf geschttelt, ein neues Rezept geschrieben und war gegangen. Theophile
war geblieben, obgleich er eigentlich keinen Grund dazu hatte. Nachdem er einen
Augenblick dem Kranken in die fieberglhenden Augen geblickt hatte, wandte er
sich ab und sah sich mit einem mitleidigen Lcheln im Zimmer um. Er war sehr
neugierig, wie wir wissen, und schnffelte gern um und in anderer Leute Sachen
und Angelegenheiten, wenn es ohne Schaden und Unannehmlichkeiten geschehen oder
gar Nutzen bringen konnte. Die Sachen und Angelegenheiten des Kandidaten
Unwirrsch hatten fr ihn natrlich noch ein besonderes Interesse.
    So musterte er denn die kleine Bibliothek, zog das eine oder das andere Buch
hervor, warf einen Blick hinein, lchelte und stellte es wieder an seine Stelle.
Er hielt es nicht unter seiner Wrde, in den Kleiderschrank zu gucken; - zuletzt
wandte er sich zu dem Schreibtisch.
    Wir haben erzhlt, wie Hans von der Krankheit berrascht wurde; - Theophile
hielt es fr keine Indiskretion, in Schubladen zu schauen, welche offenstanden,
und in Briefe, welche geffnet dalagen. Er hob den welken Blumenstrau, den die
Base Schlotterbeck auf den Grbern von Anton und Christine Unwirrsch gepflckt
hatte, an die Nase und warf ihn dann mit Verachtung wieder hin. Er fand den
Brief des biedern Oheims Grnebaum und studierte ihn mit Behagen. Dann nahm er
das Schreiben der Base auf; - er fhlte sich angenehm gerhrt und gekitzelt
durch diese Laute aus jener lngst abgetanen Welt und zog einen Stuhl an den
Tisch, um sich seinen gemtlichen Empfindungen mit Bequemlichkeit hingeben zu
knnen. Er ghnte, als er den Brief der Base ffnete; aber er schlo den Mund
gleich darauf, nachdem er die ersten Zeilen entziffert hatte. Schnell drehte er
sich nach dem Kranken um und erhob sich halb vom Stuhl, den Brief in der Hand
zusammenknitternd. Hans Unwirrsch sthnte tief, aber er lag jetzt mit
geschlossenen Augen, Theophile konnte seine Lektre ungestrt beendigen.
    Er las, bi sich auf die Unterlippe und lachte; er sah nicht, da der
Jugendfreund die Augen von neuem geffnet hatte und ihn mit dem starren,
unheimlichen Blick des Fiebers anstarrte.
    Wie toll! Wie nrrisch! Wie albern! sagte Theophile, das Schreiben mit
Bedacht wieder glttend.
    Lcherlich originell! sagte er, die Arme auf der Brust kreuzend. Aber der
Tlpel knnte endlich doch unbequem werden; es wird das beste sein, ihn aus dem
Hause zu schaffen. Wir wollen sehen; - nimm dich in acht, liebster Hans; jedes
berma mu gefhrlich werden, selbst ein berma von Gemt.
    Er stand auf und schob den Stuhl ziemlich heftig zurck. Wieder trat er an
das Bett des Kranken. So vllig geistig gebunden glaubte er den armen Hans, da
er es fr gnzlich unntig hielt, sich irgendeinen Zwang aufzulegen; aber er
irrte sich Hans sah klar, ganz klar, erschrecklich klar. Zwischen Sein und
Nichtsein, Bewutsein und Bewutlosigkeit kam ihm die Erkenntnis gleich einem
Blitz. Er sah die Augen des Mannes, der vor ihm stand, leuchten wie die eines
bsen Geistes, der sich an einem Unglck weidet. Die ganze Herzlosigkeit dessen,
den er einst seinen Freund nannte, offenbarte sich in diesen Augen, diesem
Lcheln. Hans Unwirrsch fhlte zum erstenmal in seinem Leben, was der Ha sei;
er hate die schlpfrige, ewig wechselnde Kreatur, die sich einst Moses
Freudenstein nannte, von diesem Augenblick an mit ganzer Seele. Er htte laut
aufschreien mgen, aber seine Zunge war nicht in seiner Gewalt; er htte
aufspringen mgen, um diesen Moses Freudenstein mit den Fusten und Zhnen zu
packen; allein, sein armer Krper war eine bewegungslose Masse, ber die er
keine Macht hatte. Aber mit dem Auge konnte er ihn erreichen! - Theophile Stein
fuhr zusammen und zurck; er lchelte nicht mehr; - Johannes Unwirrsch versank
abermals in die Phantasien des Fiebers, doch die Gewiheit nahm er in sie mit
hinber, da er sich einen unvershnlichen Feind erworben habe.
    Als er von neuem aufwachte, war manch ein Tag vergangen.
    Zwei andere Gesichter und Gestalten sah er neben seinem Schmerzenslager. Zu
Fen des Bettes sa der Geheime Rat Gtz, gelblichbleich, mde und kummervoll,
ganz ohne Mechanik, aber als ein gebeugter Mann, der teilnehmen konnte an
fremdem Elend! Und neben ihm - neben ihm, mit der Hand auf seiner Schulter,
stand - Franziska - das Frnzchen, mitleidig und mild wie immer, und mit Trnen
in den Augen, des Leutnants Rudolf liebliches Frnzchen!
    Und dieses Frnzchen hatte keine Ahnung davon, wie scharf der Kranke auch in
diesem Augenblick sah. Es war doch sonst so ziemlich Herrin ber seine
Gesichtszge, zum Beispiel der Herrin des Hauses gegenber bei manchen bsen
Gelegenheiten; aber in dieser Stunde gab es sich nicht die geringste Mhe, sie
zu beherrschen.
    Es erschrak auch sehr, das Frnzchen, und errtete tief, als es pltzlich
bemerkte, da Hans Unwirrsch wache und sehe. Hans mute die Augen schlieen, und
als er sie wieder ffnete - er konnte die Zeit nicht recht angeben -, waren auch
diese beiden Gestalten nicht mehr da. Sie hatten der alten, rohen Wrterin aus
dem Hospital Platz gemacht; aber es schadete nichts.
    Die Sonne war aufgegangen in Hans Unwirrschs Seele; es wute, da er nicht
sterben wrde, und er wute ein noch viel Wichtigeres: er hatte erkannt, weshalb
der vagabundierende Bettelleutnant Rudolf Gtz ihn in dieses Haus, in so groes
rgernis und unbehagliches Wesen gebracht hatte!
    Nach allen Seiten hin nahmen die bsen Geister die Flucht. Segen ber den
Leutnant Rudolf Gtz! Gottes Segen ber des Leutnants Frnzchen! Es war groer
Jubel in der hungrigen Seele des Kandidaten Johannes Unwirrsch, und es schadete
auch nichts, da ihm noch einmal die Sinne vergingen; es war alles gut. Die
Fieberphantasien wiederholten sich nicht; es kamen die Tage der Genesung. Weder
Franziska noch der Doktor Theophile Stein zeigten sich ferner in dem Zimmer des
Kranken; aber der Geheime Rat Gtz zeigte sich fters, und zwar von einer sehr
guten Seite. Er war an dem Bette seines kranken Hausgenossen ein ganz anderer
Mensch als in seiner Studierstube oder gar in den Gemchern seiner Gemahlin.
Hans, der geglaubt hatte, das Haus und seine Bewohner durch und durch zu kennen,
erfuhr erst durch seine Krankheit, da ihm doch noch manches da verborgen
geblieben sei.
    O ber die einsamen, nachdenklichen, grbelnden Stunden der Genesung!
    Es kam der Tag, an welchem der Herr Hauslehrer, sehr hager und etwas
schwindlig, die Treppe wieder hinab in den Salon stieg, um der gndigen Frau und
Kleophea fr alle bewiesene Gte seinen Dank abzustatten. Die Sache war sehr
schnell abgetan. Ein paar kalte Worte der Geheimen Rtin, einige Anspielungen
auf die vielen Unannehmlichkeiten, welche durch diesen accident im Hauswesen
hervorgerufen worden waren - und das in dieser Beziehung Ntige war besprochen!
Kleophea sagte gar nichts; Aim aber schien das Wiedererscheinen seines Lehrers
fr eine persnliche Beleidigung zu nehmen.
    Am folgenden Tage hatte die gndige Frau eine zweite Unterredung mit dem
Kandidaten und drckte den Wunsch aus, bis zum Tage des Heiligen Christfestes
das bestehende Verhltnis zu lsen. Sie sprach ihre Meinung dahin aus, da sie
die Einwirkung des Herrn Kandidaten auf ihren Sohn fr nicht allzu segensreich
erachten knne, und dagegen konnte Hans nicht das geringste einwenden. Betubt
wankte er in sein Zimmer hinauf und murmelte nur den Namen:
    Franziska!

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Es hatte sich sehr vieles whrend der Krankheit des Kandidaten Unwirrsch zum
Schlimmern verndert. Wie sich die Verhltnisse im Hause des Geheimen Rates Gtz
weiter ineinander verschoben hatten, erkannte er nur allmhlich; aber da es
Herbst geworden war in der Welt, sah er mit Schrecken auf den ersten Blick. Der
Rasen und die Wege unter den Bumen des Parkes waren bereits mit den
abgefallenen Blttern bedeckt, der Park selbst fing an, einem verschossenen
Teppich mit sehr vielen Motten drin zu gleichen: es war fast ein Glck zu
nennen, da Hans keine Zeit hatte, sich darum zu bekmmern.
    Der Doktor Theophile hatte das Spiel der schnen, geistvollen Kleophea
gegenber vollstndig gewonnen. Kleophea liebte diesen Mann mit aller
Leidenschaft, deren eine Natur wie die ihrige fhig war. Es gehrte ein feines
Gefhl dazu, um das Feuer zu merken, welches unter dem blumengeschmckten Boden
glimmte, aber es war da, und durch es stand fr den Augenblick der Garten in
noch herrlicherer Pracht - es war sehr traurig, es war eine Geschichte zum
Weinen!
    Der Geheime Rat war, seit Hans wieder auf den Fen stand so unnahbar wie
frher fr ihn geworden: seine Frau hatte gesprochen, und er - er fgte sich
dieser hhern Macht. Hans sah ein, da dieser Mann die seinem Hause drohende
Gefahr nicht abwehren knne und da eine Warnung jedenfalls nichts helfen,
vielleicht sogar noch schaden und die Sache verschlimmern werde. Bei der
gndigen Frau hatte Theophile so trefflich vorgearbeitet, da von dieser Seite
auch nicht das geringste zu erwarten war: und Kleophea, die stolze, prchtige
Kleophea wrde sicher jeden Versuch der Einmischung in diese ihre eigensten,
innersten Angelegenheiten mit tiefster Verachtung zurckgewiesen haben. Sie
hatte viel zu oft mit Theophile ber den Hungerpastor gelacht, um sich nun von
demselben warnen zu lassen. Falschheit und freche Selbstsucht, bejammernswerte
Schwche, strrische Dummheit und frmmelnde Hoffart, Leichtsinn, berhebung,
bermut, Spott und Hohn auf allen Seiten o es war wahrlich eine Welt, um darin
Hunger zu empfinden, Hunger nach der Unschuld, der Treue, der Sanftmut, der
Liebe.
    O Frnzchen, Frnzchen Gtz, welch ein sanftes, ses Licht umstrahlte deine
holde Gestalt in diesem fratzenhaften Gewimmel! Wo anders konnte Friede, Schutz
und Ruhe sein als bei dir? O Frnzchen, Frnzchen, wie konnte es doch geschehen,
da du dem armen Hans so seltsame Schmerzen bereitetest? Wie konnte es doch
geschehen, da du um ihn so seltsame Schmerzen zu ertragen hattest? Wie konntet
ihr beide euch gegenseitig so sehr qulen, und noch dazu so ganz gegen den
Willen und die gute Absicht des Herrn Leutnants a. D. Rudolf Gtz?
    Ach, der Herr Leutnant Rudolf war auch nicht im Rat der Vorsehung
angestellt, er hatte mit sich selber oft die liebe Not: das Geschick hat seinen
eigenen Lauf, und jede Prfungszeit will ihr Ende auf ihrem eigenen Wege finden
in diesem hungrigen Erdengetriebe.
    Seit der Kandidat genesen war, wich ihm Frnzchen nicht mehr so scheu aus.
Je mehr Macht der Doktor Theophile Stein im Hause erhielt, desto mehr sah die
arme Nichte ein, da zwischen dem Doktor und dem guten Hans das Verhltnis doch
nicht ganz so sein knne, wie sie sich's zuerst vorgestellt hatte, und nicht
ohne Berechtigung. An dem Tage, an dem die Tante dem Kandidaten sein
Przeptorentum kndigte, sa das Frnzchen in ihrem Gemach und weinte
Freudentrnen und murmelte dazu den Namen ihrer Mutter, wie solche armen
verwaisten Dinger gerne tun, wenn ihnen ein groes, unerwartetes Glck begegnet
ist. Und dann trocknete sie ihre Trnen und lachte in ihr letztes Schluchzen und
ihr feuchtes Taschentuch hinein.
    Dank dir, Dank, du lieber Onkel Rudolf! Siehst du - nein, ja - Dank dir,
Dank dir!
    Dann kam sie herab, um ihren Platz an der Mittagstafel einzunehmen, und
obgleich die geistige Atmosphre whrend dieses Mahles noch drckender als
gewhnlich war und die Tante giftspitziger als je, so hatte des Frnzchens
liebliches Herz seit langer, langer Zeit nicht so frei und leicht geklopft. Und
es war, als ob der Kandidat Hans Unwirrsch das auf der Stelle verspre. Auch er
sah unbefangener und wohliger auf die Leute ringsum; ihr Sagen und Tun hatte
nicht mehr den frheren schlimmen Einflu auf ihn; Frnzchen Gtz wich seinen
Augen nicht mehr aus, und frei konnte er Atem holen.
    Es war nicht anders; - was sich so lange in eintniger Unerquicklichkeit
hingeschleppt hatte, mute sich endlich in seiner ganzen Nacktheit und
Trostlosigkeit zeigen. Die Krisis war nahe zur Hand, und wenn gegenwrtig das
bel sich ohne greifbare, fabare uerlichkeiten fortspann, so konnte der
elektrische Schlag, der das stille, vornehme Haus des Geheimen Rates in die
grtmglichste Verwirrung setzte und es zum Gesprch im Maule der ganzen Stadt
machte, nicht ausbleiben. Die bse Hand ballte sich und schlug drhnend an die
Pforte, um aller Verblendung, aber auch allem Schlaf ein Ende zu machen.
    In den ersten Tagen des Oktobers folgten auf den langen, widerlichen Regen
einige Tage, in denen die Natur ber ihre Milaunigkeit Reue zu empfinden schien
und sich bestrebte, durch verdoppelte Liebenswrdigkeit sich wiederum angenehm
zu machen. Die Sonne brach durch die Wolken, fr sechsunddreiig kurze Stunden
zeigte sich das Jahr in seiner matronenhaften Schnheit, und wer den holden
Augenblick benutzen konnte und wollte, mochte - sich beeilen; denn so ganz ist
doch eigentlich selten irgendeiner Reue zu trauen.
    Die gndige Frau gab ihrem Eheherrn den Befehl, fr einen oder zwei Tage
Urlaub zu nehmen, und entfhrte ihn wie den teuern Aim nach dem nicht allzu
fernen Landgute einer befreundeten Familie, die ber den lngst angekndigten
Besuch hchstwahrscheinlich sehr erfreut war.
    Kleophea hatte sich nicht mitentfhren lassen; sie hate das Land grndlich
und jene landbebauende Familie fast noch mehr. Und sowenig sie Sinn fr
Naturschnheiten besa, sowenig Geschmack fand sie an dem heiratsfhigen
Erstgeborenen jener achtbaren Familie, der das schne Mdchen mit seinen
glnzenden, gesunden, aber leider etwas glotzenden Augen und seinen
schchternen, meistens milingenden Konversationsversuchen bis zum Tode
langweilen konnte. Kleophea Gtz, die nicht gewohnt war, ber ihre Grillen,
Launen, Wege und Gnge Rechenschaft zu geben, blieb daheim, sah ihre Eltern mit
einem Seufzer der Befriedigung abfahren, litt den Nachmittag an Migrne, lie
den Doktor Theophile abweisen und fuhr am Abend mit einer ihr befreundeten
Familie in die Oper, wo sie den Doktor Theophile nicht abweisen konnte. Mit
heftigem Kopfweh kam sie nach Hause und schlo sich in ihr Zimmer ein, nachdem
sie seltsamerweise vorher ihrer Kusine einen Ku gegeben und sie ein armes,
gutes Kind genannt hatte. Sie mute wirklich eine unruhige Nacht gehabt haben,
denn am andern Morgen kam sie sehr spt und sehr abgespannt und nervs zum
Vorschein. Als sie von Frnzchen mitleidig auf den Sonnenschein aufmerksam
gemacht wurde, erklrte sie, da sie nichts darnach frage, und nannte die Kusine
ein einfltiges Ding, welches keinen Willen habe, auer zum Leiden. Dabei
weinte sie, setzte sich aber im folgenden Augenblick an den Flgel, um sich in
ein Gewirbel der gellendsten Arien zu verlieren. Gegen Mittag wurde sie fast
ausgelassen heiter, und whrend des Mahles forderte sie Hans auf, zu gestehen,
da er in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft erschrecklich in sie verliebt
gewesen sei, da sein ehrbarer Charakter allmhlich aber das Richtige gefunden
und sich jetzt zum sanften Frnzchen gewandt habe. Sie hatte sehr heie Wangen
und lachte sehr laut ber die Verwirrung, in welche sie ihre Tischgenossen
strzte. Sie sprach mit sehr unkindlichem Achselzucken von ihrer Mutter, nannte
ihren Vater einen armen Wurm und ihren Bruder einen Wurm, ohne Beiwort. Sie
forderte ihre Kusine auf, zu gestehen, da dieses Haus eine Hlle fr sie
gewesen sei, und den Kandidaten bat sie, offen zu sagen, da er behaglichere
Orte zum Atemholen kenne. Sie zeigte sich ber alle Beschreibung heftig gegen
den aufwartenden Diener und jagte ihn hinaus, um zu gestehen, da sie ein sehr
unartiges Mdchen und da Franziska ein armer Liebling sei. Sie trank auf
das Wohl von Hans und Frnzchen und bat, da man Nachsicht mit ihr haben mge.
Dann bekam sie von neuem die Migrne und verriegelte sich abermals in ihrem
Zimmer. Gegen fnf, als es bereits dmmerig wurde, ging sie aus.
    Hans sa den Nachmittag ber an seinem Fenster, ohne imstande zu sein, etwas
Vernnftiges vorzunehmen. Er schlug ein Buch auf, legte es aber wieder fort,
stopfte mit geheimem Zittern die Pfeife, die er von dem untersten Grunde seines
Koffers heraufholte; sie ging ihm jedoch bald wieder aus, als wisse auch sie,
da in diesem Hause nicht geraucht werden drfe. Auf das Gewimmel der drunten
vorbeiziehenden Reiter, Fugnger und Wagen sah er wie gewhnlich hinunter und
versuchte seine Aufmerksamkeit auf den alten, schnauzbrtigen Leierkastenmann
mit der Waterloo-Medaille zu richten; aber auch das wollte nicht recht gehen.
Alles zog ihn immer wieder in das Innere des Hauses zurck, und von einer
unwiderstehlichen Macht wurde er gezwungen, auf die leisesten Laute in den
Gngen und auf den Treppen zu horchen.
    Ihr leichter Futritt? ... Nein, nein, es war nur das Schleichen der
Kammerkatze, die samt dem betreten Jean beauftragt war, ein scharfes Auge
sowohl auf den Herrn Hauslehrer wie auch auf das Frulein Franziska zu haben, um
ber jeglichen Vorfall spter genauen Bericht geben zu knnen.
    Ihre se Stimme? Torheit; es war ein altes Weib drauen in der Allee, das
gerucherte Heringe den Liebhabern anbot.
    Ach, wenn Seufzer die Welt verbessern knnten, sie wre lngst keiner
Verbesserung mehr fhig. O wie oft und wie sehr der Kandidat Unwirrsch an diesem
ungesegneten Nachmittag seufzte! Er starrte auf seine Stubentr und dachte an
alle jene behaglichen Mrchen, in denen die Fee stets zur rechten Stunde
ungerufen und gerufen kommt. Als sie nicht kam und er sich hundertmal gesagt
hatte, da er ein Narr sei, ging er zum fnfzigstenmal zum Fenster zurck, um
wieder in das lustige Leben drunten hinabzustarren. Er legte die Stirn an die
Fensterscheibe und stand wieder lange so; aber auf einmal fuhr er schnell zurck
und sah schrfer hin. Ein Schatten glitt durch das bunte Gewhl, ein schwarzer,
bleicher Schatten. Unter den Bumen hervor kam langsam ein rmlich gekleidetes,
hageres junges Weib und stand still, dem Hause des Geheimen Rates Gtz
gegenber, und sah zu den Fenstern desselben empor. Hans aber erkannte dieses
Weib, obgleich er es nur zweimal gesehen hatte und obgleich es sich seit der
Zeit so sehr verndert hatte.
    Es war die kleine, einst so lustige Franzsin, die er in der Wohnung des
Doktors Stein getroffen hatte, und es war, als ob ihre Augen in schmerzlichster
Hlflosigkeit ihn, ihn, Hans Unwirrsch, suchten. Es berkam ihn so seltsam
bange; - er hatte nach seinem Hute gegriffen und befand sich auf der Treppe, ehe
er sich Rechenschaft ber diese Gefhle geben konnte. Er trat aus dem Hause und
schritt schnell um den Springbrunnen und den Rasenplatz, er schritt ber den
Fahrweg zu den Bumen des Parkes; aber da war der schwarze Schatten
verschwunden, und vergeblich sah Hans sich suchend nach ihm um. Hatte ihn seine
Phantasie wieder einmal in die Irre gelockt? Er stand einen Augenblick in
Zweifeln; aber die Sonne schien, die Luft war so erfrischend - er kehrte nicht
in das Haus zurck, sondern wandelte langsam weiter unter den Bumen. Natrlich
verlie er bald die breiten Wege, wo die meisten Leute gingen. Die gewundenen,
einsamen Pfade, welche sich durch das Gebsch zogen, suchte er auf, diese Pfade,
auf denen alle die, welche mit gesenktem Haupte gehen und gern ohne einen Grund
stehenbleiben, am hufigsten zu finden sind. Aber es gab an diesem Tage kaum
einen gnzlich verdeten Weg. Sie waren alle drauen - alle! Da waren die Leute,
welche zu Mittag gegessen hatten, und die, welche zuviel zu Mittag gegessen
hatten, und die, welche gar nicht zu Mittag gegessen hatten. Da waren die Leute,
welche fahren konnten, und die, welche auf Krcken gehen muten. Da waren die
altklugen Kinder, welche es unter ihrer Wrde hielten, durch den Reifen zu
springen, und die kindischen Greise, welche gern durch den Reifen gesprungen
wren, es jedoch nicht konnten und statt dessen nun den jungen Mdchen verliebte
Blicke nachsandten. Es war sehr schwierig, eine noch unbesetzte Bank zu finden.
Auf den Pltzen, die jedermann sehen konnte, saen die Leute, welche nichts zu
verbergen oder gar noch etwas zu zeigen hatten, in den Verstecken saen die
Liebespaare oder die Leute, welche sich ihrer schlechten Rcke schmten; und von
der einzigen Bank, welche Hans endlich noch leer fand, verscheuchte ihn eine
unorthographische Notiz an der Rcklehne.
    Mit Bleistift stand da gekritzelt:
    Da ich es vonwegen Louwisen nicht aushalten kann, so will ich nach
Amerikah, und wenn Berger aus Koblenz hierherkommen sollte und dies lesen, so
wrs ein Freundschaftstck, wenn er meine Alten in die Glockengasse die Sache
mit Maniehr beibrchte, auf da sie sich nicht allzusehre von Tage tten und
mits Essen warteten.
    Nun war freilich kein vernnftiger Grund vorhanden, da der Kandidat
Unwirrsch es sich zu Herzen gehen lie, wenn der Taugenichts durchbrannte und
Berger aus Koblenz nach der Glockengasse spazierte - er tat's aber doch. Nachdem
Hans eine Weile darber nachgedacht hatte, ob es nicht seine eigene Pflicht sei,
in der Glockengasse nachzufragen, ob der Koblenzer dagewesen sei und ob die
Alten auch nicht mehr mit dem Essen auf den verlorenen Sohn warteten, sprang er
auf, um sich einen andern Sitz zu suchen. Auf dieser Bank litt es ihn nicht
mehr.
    Ein kurzer Weg fhrte ihn zu jenen romantischen Wasserflchen, jenen
fettiggrnen Kanlen, die den entferntern Teil des Parkes verschnen und das
Herz jedes Liebhabers des Mikroskops und der Infusionstiere mit Entzcken fllen
mssen, jedenfalls aber in jedem neuen Frhling wahrhaft pharaonischen
Froschscharen ein frhliches und melodisches Dasein mglich machen.
    Hier war ein Pltzchen, wo keine Liebespaare sich hinsetzten, eine Bank vor
einer tiefern Wasserstelle, aus der man schon fters einen Leichnam ans Land
gezogen hatte, eine recht versteckte Bank an einem recht feuchten und dumpfigen
Orte, eine Bank, welche man selbst in dieser Jahreszeit, wo schon so manche
Bume und Bsche ihre Bltter verloren, nicht leicht auffand. Man bekam sie ganz
pltzlich zu Gesicht, indem der schmale Weg sich um ein dicht Verwirrtes,
dorniges Gestruch wand, um an dem Wasser zu enden; und es fehlte weiter nichts
als ein schwarzer Pfosten mit einem schwarzen Arm, der in die regungslose,
sumpfige Flut wies, um den klglichen, unbehaglichen Eindruck vollstndig zu
machen.
    Mit gesenktem Haupte folgte Hans dem engen Wege und trat hinter dem Gebsch
hervor, blieb aber starr und erschreckt stehen: dicht Vor ihm auf der
halbverrotteten Bank sa das, was er gegen seinen Willen suchte, was ihn vorhin
aus dem Hause des Geheimen Rates Gtz gezogen hatte - das Schattenbild des
kleinen franzsischen Mdchens, welches einst so hell in Theophiles Zimmer
gelacht hatte ber seine Unbeholfenheit.
    Jene Franzsin war es unzweifelhaft, und doch war von ihrer frheren
Erscheinung kaum noch etwas briggeblieben. Sie schien krank, recht krank zu
sein, sie trug noch Handschuhe, aber sie waren zerrissen wie ihre kleinen, einst
so hbschen Zeugstiefelchen; der Schal, in welchen sie sich frstelnd gehllt
hatte, war abgenutzt und verblichen; - ganz, ach ganz und gar das arme Grillchen
ihres Landsmanns Monsieur Jean de la Fontaine!
    Und sie erkannte den Kandidaten Unwirrsch auf der Stelle, denn schnell erhob
sie sich, zog ihren Schal zusammen und griff hastig nach dem Taschentuch,
welches auf der Bank neben ihr lag. Mit angstvollem, etwas theatralischem Zorn
sah sie auf den Kandidaten Unwirrsch.
    Ah, ce monsieur!
    Sie wollte an ihm vorber, aber er trat ihr in den Weg und hielt den
verchtlichen Blick ihrer schwarzen Augen ruhig aus.
    Monsieur, Ihr Freund ist eine canaille! rief sie, die Hand ballend. Lasse
Sie mik vorbei - wolle Sie?
    Mein Frulein, sagte Hans Unwirrsch sanft und traurig, der Doktor
Theophile Stein ist mein Freund nicht. Hren Sie mich, mein Frulein!
    Ik will Sie nik mehr hr! Ik will Sie nix seh! Ik will nix mehr seh von der
Welt als ma figure in dies hier Wasser!
    Das wurde mit einer Heftigkeit, einer Wildheit gerufen, da Hans
unwillkrlich ihren Arm fate, um sie vom Sprung in den Sumpf zurckzuhalten;
sie aber ri sich los, lachte bitter, um dann mit beiden Hnden das Gesicht zu
bedecken und ebenso bitter zu weinen.
    Mein Frulein, rief Hans, Sie haben harte Worte gegen mich gesprochen,
Sie haben mich tief betrbt. Ich bin mir keiner Schuld gegen Sie bewut, und ich
will Ihnen helfen, wenn ich es kann; - ich wiederhole es Ihnen: ich bin nicht
der Freund des Doktors Stein; - ich bin es nicht mehr!
    Sie lie langsam die Hnde sinken und sah abermals dem Kandidaten in die
Augen.
    Auch Sie klagen den an, welchen Sie eben nannten? Nennen Sie mir den Teil
seiner Schuld, den ich auf mich zu nehmen habe! sagte Hans leise, und sie - sie
musterte ihn vom Kopf bis zu den Fen, und dann - es war so seltsam! -, dann
berflog ein schwaches Lcheln ihre kummervollen, kranken Zge:
    Sie sind nicht sein Freund? fragte sie.
    Ich bin es nicht mehr, und es ist ein groer Schmerz fr mich.
    Jetzt fate die Franzsin die Hand des Kandidaten, und ihre Finger waren wie
Eisen.
    Monsieur le cur, ik bin ein armes Mdchen und ganz allein in die fremde
Land. Ik bin krank und ein leichtsinnlich Geschpf. Ik abe geabt ein ganz klein
Kind, aber es ist tot; - ik bin ganz alleingelassen in die fremde Land! O
monsieur, das ist eine bse, slekte Mensch, und wenn Ihr nik seid seine Freund,
so verzeihe Sie mir, was ik eben gesakt - je n'ai plus rien  dire!
    Hans verstand ihr gebrochenes Deutsch sehr schlecht und ihr schnelles
Franzsisch gar nicht, aber ihre Bewegungen, ihr Mienenspiel vervollstndigten
das, was zum Verstndnis fehlte. Er fhrte sie zu der Bank zurck, und sie lie
ihm ihre Hand, als er sich neben sie setzte und ihr sanft und beruhigend
zusprach. Es war fnf Uhr, die Sonne sank eben hinter die Bume, aus den Teichen
stieg der weiliche Nebel; es wurde kalt und grau - es war die Stunde, in
welcher die schne Kleophea Gtz ihr elterliches Haus verlie.
    So gut er es vermochte, erzhlte Hans dem franzsischen Mdchen das Ntige
ber sein Verhltnis zu dem Doktor Stein, und dann erfuhr er allmhlich die
traurige Geschichte ihres Lebens und die hliche Rolle, welche Moses
Freudenstein aus der Krppelstrae darin spielte.
    Henriette Trublet war nicht dazu gemacht, auf den gradesten Wegen durch das
Leben zu gehen, und es war sehr wahrscheinlich, da der Doktor Theophile in
dieser Hinsicht wenig an ihrem Schicksal vernderte. Sie trug ein
abenteuerliches Kpfchen auf den Schultern und glaubte nur an den Augenblick.
Sie war die Gehlfin einer Modistin zu Paris gewesen, und so hatte sie Theophile
kennengelernt und gewonnen. Geliebt hatte sie ihn eigentlich nicht, aber er
hatte ihr gefallen, und die Pariser Freunde des Doktors, seine Art, das Leben zu
genieen, sagten ihr zu. Sie war die schillernde Schleife an einem sehr bunten,
lustigen Kranze, und als derselbe, wie es zu geschehen pflegt, zerri und der
Doktor Theophile nach Deutschland zurckgegangen war, bekam sie bald die
Sehnsucht nach dem Doktor. Sie hatte mancherlei wunderliche Geschichten gehrt
von dieser armen guten Allemagne. Die Leute waren da so ehrlich und so
musikalisch und so blond; - sie waren wohl auch ein bichen zurck in der
Zivilisation und etwas einfltig; aber es war doch ein ganz ander Ding als um
die albernen, langen Englnder. Und sie holten alle ihre Hte und Hauben und
ihre knstlichen Blumen und ihren Champagner aus Paris, diese guten Deutschen;
und jedes hbsche, kluge Kind der Belle France mute sein Glck dort bei ihnen
machen trotz allem Nebel, Eis und Schnee, trotz allen Wlfen und Eisbren,
Erlknigen, Nixen und sonstigen Ungeheuern. Eines Morgens fand sich Henriette
auf dem Straburger Bahnhof ein mit einem Lederkoffer und ungemein vielen und
verschiedenartigen Schachteln und Schchtelchen - und gute Reisegesellschaft zum
Rhein fand sie auch allons enfants de la patrie gen Homburg, Baden-Baden usw. -
o le drapeau, l est la France, ubi bene, ibi patria! Und eines andern Morgens
vernahm der Doktor Theophile Stein ein leises Klopfen an seiner Tr und ein
leises Kichern vor seiner Tr; Henriette Trublet hatte ihn wiedergefunden.
    Soweit war das alles in der Ordnung, und keines von beiden hatte dem andern
etwas vorzuwerfen; aber nun, unter einem andern Himmelsstriche, gestaltete sich
das Verhltnis anders. Die arme Henriette, verlassen, rat- und hlflos, fand
sich ganz in die Hnde Theophiles gegeben: sie wurde zu einem verachteten,
mihandelten Spielzeug, und der flchtige, farbige Staub, der ihre
leichtsinnigen Schmetterlingsflgel bedeckte, war bald abgewischt und verblasen.
Der Doktor Stein hatte jetzt einen Ruf zu bewahren, und wenn er schwach genug
war, um die kleine, arme Pariserin nicht Von sich stoen zu knnen, so war er
doch stark genug, sie so tief hinabzudrcken und niederzuhalten, da sie ihm
dienen und gehorchen mute, aber in keiner Weise imstande war, seinen Plnen und
Hoffnungen hinderlich in den Weg zu treten. Durch seine Schuld und Intrige wurde
sie gehindert, von ihren kunstfertigen Hnden Gebrauch zu machen. Nur wenn sie
ganz von ihm abhngig war, konnte er seine Tyrannei ganz ausben an ihr. Als er
ihrer berdrssig war, hielt er sie auch fr gnzlich gebrochen und ganz
ungefhrlich: er verschlo ihr daher auch ohne Bedenken die Tr und berlie sie
ihrem Schicksal. Im Krankenhause gebar sie ein Kind gegen Mitte des Septembers,
und am zweiten Oktober starb dieses Kind. Es war ein bser Platz, diese Bank an
dem regungslosen, grnlichen Wasser, auf welcher der Kandidat Unwirrsch am
vierten Oktober die arme Henriette Trublet sitzend fand.
    Tratre - va!

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Henriette Trublet hatte ihre Geschichte erzhlt, und dem Kandidaten Unwirrsch
war hei und kalt dabei zumute geworden. Es war aber sein Unglck, da er sich
von so ganz gewhnlichen Dingen so sehr aufregen lie und da es ihm so schwer
wurde, jedes dritte Vorkommnis lcherlich zu finden oder unbedeutend. Betubt
sa er da, bis die Franzsin pltzlich aufsprang, leidenschaftlich mit dem Fu
aufstampfte und rief:
    O er hat bs an mir gehandelt, aber ik will mir rchen, wie ik kann. Ik
will doch in seine Weg treten, und wr's in der letzte Stund. Und ik will zu ihr
- ik will! Ik will sagen der schne Mademoiselle, wer er ist - le juif, le
misrable! Er soll nicht habe seine Willen -
    Kleophea! rief Hans. Mein Gott, jaja, auch das! Frulein, Frulein, Sie
wissen um das? O mein Kopf schwindelt - ich, wir, Sie mssen zu ihr, sie mu
dies wissen. Nein, nein, und abermals nein, sie soll nicht in seine Hnde
fallen; wir mssen sie retten, und geschhe es selbst gegen ihren Willen.
    Ik aben wohl gewut, da er nachgeht der schne junge Dam, dort in der Haus
am Park; ik bin gewesen viel giftig gegen sie - pauvre petite. Ik aben gesteht
vor ihre Fenster und gelacht, o mon Dieu, und meine Herz hat mir geblutet. Es
war sehre bs, es war sehre slekt - pauvre coeur, ik will ihr retten von diese
Mann! Venez, monsieur le cur!
    Kalt und dunkel war der Abend, das schne Wetter war ganz und gar vorbei,
und der Wind fing an, den Nebel ber den Teichen zu bewegen und die Zweige zu
schtteln. Er fing an zu sthnen und zu seufzen wie an jenem Tage, an dem Hans
von der Universitt zum Sterbebett der Mutter zog. Es rauschte in der Weite und
chzte in der Nhe, die Lichter und Laternen in der Ferne zwischen den Bumen
schienen hin und her geworfen zu werden wie das Gezweig. Der feurige Schein der
groen Stadt am schwarzen Himmel war wie das Hauchen des schrecklichsten,
letzten Abgrundes.
    Nun war freilich das Getmmel der Spaziergnger lngst zerstoben; die
Reichen wie die Armen hatten sich verkrochen, den schattenhaften Gestalten, die
noch in den Gngen des Parkes umherschlichen, war wenig zu trauen; man tat gut,
ihnen wo mglich auszuweichen. Aus einem fernen Vergngungslokal trug der Wind
die Tne einer Tanzmusik her, stckweise - in Fetzen. Dicht an der Seite des
Kandidaten schritt Henriette Trublet, und er gab ihr seinen Arm, als sie
erschpft hinter seinem hastigen Schritt zurckblieb. Immer hufiger und heller
blitzten die Gaslaternen durch die Bume - da war die Strae, und dort das Haus
des Geheimen Rates Gtz.
    Die beiden Wanderer standen einen Augenblick still.
    Nur ein einziges Fenster war erhellt.
    Das ist nicht ihr Licht! Da wohnt sie nicht! sagte die Franzsin.
    Hans Unwirrsch schttelte den Kopf; er konnte den Namen Franziska in dieser
Begleitung nicht aussprechen. O ber dieses erhellte Fenster in der unruhvollen,
wilden, finstern Nacht! Friede und Ruhe; - Gottes Segen ber das Frnzchen! Der
Kandidat neigte sein Haupt gegen den dmmerigen Schein in der Hhe, und dann
fate er sanft die Hand des armen Geschpfes, das beim Austritt aus dem Dunkel
der Bume sich wieder von seiner Seite zurckgezogen hatte.
    Kommen Sie, pauvre enfant - wir gehen einen guten Weg! sagte er.
    Sie gingen durch den kleinen Garten, und Hans zog die Trglocke. Sie muten
eine geraume Zeit warten, ehe es Jean gefiel, zu ffnen. Endlich kam er und
verwunderte sich sehr ber die Begleiterin des Hauslehrers, aber noch mehr ber
den Nachdruck, mit welchem Hans den uerungen seiner Verwunderung ein Ende
machte.
    Ist das gndige Frulein zu Hause?
    Jean starrte, starrte und schwieg; aber im nchsten Augenblick griff die
Faust des Kandidaten in seine Achselschnre:
    Weshalb antworten Sie nicht? Melden Sie mich auf der Stelle bei dem
Frulein - dem Frulein Kleophea!
    Diese unerhrte Frechheit brachte den eleganten Jngling fr einige
Augenblicke ganz aus dem gewohnten, lmmelhaften Gleichgewicht; als er sich
endlich besann, kannte aber auch seine Entrstung keine Grenzen. Und die
Haushlterin erschien und die Kammerjungfer der gndigen Frau; das kleine
Kchenmdchen sah im Hintergrunde scheu um eine Ecke, die arme Henriette zog
sich aus dem Lichte der Flurlampe so tief wie mglich in die Dunkelheit zurck.
Hans wollte vor Aufregung und Unmut unter all den unverschmten, zweifelhaften
Blicken fast vergehen, mit erhobener Stimme wiederholte er nochmals seine Frage
nach Kleophea. Da beugte sich ber das Gelnder der Treppe Franziska Gtz. Sie
trug ihre kleine Lampe in der Hand.
    Das gndige Frulein sind nicht zu Hause, schnarrte Jean. brigens
verbitte ich mir -
    Malheur  elle! rief die Franzsin.
    O Herr Unwirrsch, was ist geschehen? Was ist mit meiner Kusine? rief das
Frnzchen herniedersteigend.
    Ist sie nicht zu Hause? Wir mssen sie sprechen; - o mein Gott, wohin ist
sie gegangen?
    Sie hat es nicht gesagt, sie verlie in der Dmmerung das Haus.
    So mssen Sie hren, so mssen Sie uns raten! Ja vielleicht ist es noch
besser so.
    Auch Franziska sah verwundert auf die Fremde, dann sagte sie:
    Wenn ich Ihnen - meiner Kusine ntzlich sein kann; - o mein Gott, sie wird
ohnmchtig!
    Die Franzsin schttelte den Kopf:
    Nein, nein, es geht vorber - ce n'est rien!
    Kommen Sie auf mein Zimmer! Was ist geschehen? Was haben Sie mir zu sagen?
O wie bleich Sie sind - sttzen Sie sich auf meinen Arm.
    Die Franzsin schttelte wieder den Kopf, sie wich vor der stillen,
lieblichen, unschuldigen Erscheinung scheu zurck und wandte sich an Hans:
    Wenn die andere nicht ist da, was soll ik in diese Haus? Sage Sie es ihr,
monsieur le cur. Ik will nix eintret in diese Haus, ik will geh.
    Nein, nein - bleiben Sie, Frulein Henriette, rief Hans; aber die Fremde
zog ihr Tuch fester um sich, reichte dem Kandidaten die Hand:
    Adieu, monsieur le cur, Sie ist ein ehrlik Mann. Sie wandte sich gegen
das Frnzchen, neigte das Haupt und flsterte leise und langsam:
    Priez pour moi! - Vous!
    Franziska legte ihr die Hand auf die Schulter:
    Ich will Sie aber nicht so fortgehen lassen. Sie sind unglcklich und
krank: und Sie haben diesem Hause eine bse Nachricht zu bringen. Kommen Sie,
sttzen Sie sich auf meinen Arm, o kommen Sie, Herr Unwirrsch; - Kleophea wird
gewi bald zurckkehren. Sanft leitete das Frnzchen diese arme franzsische
Henriette die Treppe hinauf und winkte dem Kandidaten, zu folgen, whrend die
Dienstboten die Kpfe zusammensteckten und hmisch die Achseln zuckten.
    Zum erstenmal betrat Hans Unwirrsch das Gemach, welches Franziska in dem
Hause ihres Onkels bewohnte, und sein Herz erzitterte sehr, als er ber diese
Schwelle schritt.
    Es war gleich einem Traume. Der sthnende Wind vor den Fenstern, das
Rauschen und chzen der Bume - war alles nicht ganz wie damals, im Posthorn zu
Windheim, als zuerst das se Gesicht Frnzchens auftauchte aus der Finsternis,
als zum erstenmal der Leutnant Rudolf Gtz den Doktor Moses Freudenstein einen
Schuft nannte?!
    Wie lange Zeit lag zwischen dem heutigen bangen Abend und jenem Abend?
    Wer war die bleiche, abgehrmte Fremde in dem schlechten, abgetragenen Kleid
und Tuch? Wie kam sie hierher in dieses Haus? Was hatte sie zu schaffen mit dem
Frnzchen, und welch ein Haus war dies?
    Wo war der Jugendfreund? Wo war Moses Freudenstein aus der Krppelstrae?
    Der schaurige, unbarmherzige, kalte Wind da drauen war wie eine Antwort auf
alle diese Fragen:
    Wehrt euch, wehrt euch, wir siegen doch! Wir siegen ber den Frhling, ber
die Jugend, ber die Treue und Unschuld. Vergnglichkeit und Selbstsucht sind
eure Herren! Wehrt euch, wehrt euch! Es ist unsere Lust, wenn ihr euch wehrt!
Das einzige Treue, Unschuldige, Ewige sind doch - wir!
    Und die Dunkelheit sah auch wieder so drohend in die Fenster, als habe sie
jedes andere Licht verschlungen und als sei der Schein von Frnzchens kleiner
Lampe allein noch brig von allem Glanz und Leuchten in der Welt. Hans Unwirrsch
stand in dem engen Lichtkreise dieser Lampe mit dem Gefhl, als sei hier allein
noch Schutz in jeder Not, hier allein Befriedigung jeden Hungers, hier allein
Trost fr allen Schmerz zu finden. Er wagte kaum zu atmen.
    Auf dem Tische lag ein offenes Buch und eine weibliche Arbeit; - von jenem
Stuhl hatte Frnzchen sich erhoben, und jetzt sa dort das fremde, leichtfertige
junge Weib - es konnte nicht Wirklichkeit sein, es war eine Phantasie, eine der
Fieberphantasien der letzten Zeit!
    Nein, nein, das war des Frnzchens sanfte, se Stimme, und das Frnzchen
hatte die Hand auf die Schulter der armen Henriette gelegt, welche das Gesicht
verbarg, zitternd und schluchzend. Feines Pariser Franzsisch sprach Frnzchen
Gtz zu der armen Henriette Trublet, aber Hans, der die Sprache nur aus den
Bchern kannte, wute doch, was sie sagte. Und die Fremde hatte bei den ersten
Lauten ihrer Muttersprache die trnenvollen Augen erhoben, horchte mit ganzer
Seele und kte dann die Hand Frnzchens.
    In ihrer Muttersprache erzhlte sie zum zweitenmal ihre traurige Geschichte.
    Franziska sah im Verlauf derselben immer angstvoller auf den Kandidaten; sie
hielt sich mit zitternder Hand an dem Tisch, an welchem sie lehnte, und als die
Pariserin geendet hatte, rief sie:
    O Herr Unwirrsch, und Kleophea?! Kleophea! Wo ist Kleophea? Wenn sie doch
kme - jetzt, jetzt!
    Sie ging zu dem Fenster und ffnete es. Der Wind ri ihr den Flgel fast aus
der Hand, die Lampe flackerte vor seinem wilden Eindringen; die Gasflammen am
Rande des Parkes wurden in ihren Glasgehusen hin und her getrieben, sie warfen
rote, unsicher zuckende Lichter auf den Weg, aber der Weg war leer, und ein
Wagen, dessen Rollen unertrglich lange in der Ferne blieb, fuhr vorber, ohne
anzuhalten.
    Und ihr Vater, ihre Mutter! Was ist zu tun, o was ist zu tun, Herr
Unwirrsch?
    Hans sah nach seiner Uhr.
    Es ist neun, sagte er. Beruhigen Sie sich, Frulein Franziska. Sie wird
gewi nicht lange mehr ausbleiben; wir mssen sie in Geduld erwarten; es ist
alles, was wir tun knnen.
    Frnzchen hatte sich zu der Fremden gewendet; trotz ihrer Angst und
Aufregung hatte sie doch noch Trost genug fr die arme Henriette. Leise sprach
sie ihr zu, und Henriette kte immer von neuem ihre Hand. Hans stand am Fenster
und lauschte auf die leisen Worte der beiden Frauen, auf die laute Stimme des
Sturmwindes. Durch das flackernde Licht, welches die Gaslaternen gaben, glitt
dann und wann eine Gestalt, es fuhr noch manch ein Wagen vorber, aber Kleophea
Gtz wollte noch immer nicht kommen.
    Franziska schrte das Feuer im Ofen. Sie ffnete die Tr und erbat sich von
der Wirtschafterin, deren Ohr und Auge abwechselnd sich seit geraumer Zeit am
Schlsselloch befunden hatten, Tee und etwas zu essen fr die hungrige, halb
ohnmchtige Fremde. Je weiter die Nacht vorschritt, desto grer wurde ihre
Angst.
    Gierig a und trank Henriette Trublet, sah darauf mit starren, glsernen
Augen sich noch mal im Zimmer um und lie dann das Haupt auf die Brust sinken; -
sie schlief.
    Es war der Schlaf der tiefsten Erschpfung.
    Die Arme, die Unglckliche! seufzte Franziska. Welch eine Nacht! Welch
eine entsetzliche Nacht!
    Sie legte den Arm um die Schlafende, sie vor dem Fallen zu bewahren; ihre
Locken berhrten die Stirn der Snderin: und wenn Hans Unwirrsch tausend Jahre
alt geworden wre, so htte er das Bild nicht vergessen knnen.
    Sie sah zu ihm herber:
    O helfen Sie mir, wir wollen sie auf dem Diwan niederlegen! Horch - wovon
redet sie?
    Die Fremde murmelte im Schlaf - vielleicht den Namen ihrer Mutter -
vielleicht den Namen ihrer Schutzheiligen. Sie merkte es nicht, als Hans sie in
die Arme fate und sie zu dem kleinen Sofa trug, wo ihr das Frnzchen die Kissen
zurechtrckte und sie mit ihrem Mantel und Tuch bedeckte.
    Es schlug elf Uhr; Kleophea Gtz war immer noch nicht nach Haus gekommen.
    Welch eine Nacht! Welch eine Nacht! murmelte Frnzchen. Was sollen wir
tun? Was knnen wir tun?
    Sie fuhr pltzlich empor und streckte abwehrend beide Hnde aus.
    Wenn sie fortgegangen wre, um nie mehr heimzukehren? Wenn sie an diesem
Abend das Haus ihrer Eltern fr immer verlassen htte?! Nein, nein, der Gedanke
wre allzu schrecklich!
    Sie kann nicht so verblendet gewesen sein; es ist unmglich! rief Hans.
Das wre wirklich zu schrecklich - es ist unmglich!
    O diese tdliche Angst! murmelte Franziska. Ist das Regen?
    Es war Regen. Anfangs schlugen nur vereinzelte Tropfen gegen die Scheiben;
aber bald war es wieder das alte Rauschen und Pltschern. In Sten trieb der
Sturm die Schauer ber das Land, den weiten Park und die groe Stadt.
    Ihre Mutter wrde trotz allem diese Verbindung mit diesem - diesem Doktor
niemals zugegeben haben, sagte Franziska. Sie sieht den Doktor zwar gern in
ihrem Salon; aber sie ist eine stolze Frau und glaubt die Zukunft Kleopheas
bereits in ganz anderer Weise geordnet zu haben. Sie hat kurz vor ihrer Abreise
in ihrer Art von jener glnzenden Partie gesprochen; - o es wre freilich das
uerste, wenn meine Kusine in ihrem Widerspruchsgeiste einen solchen Schritt
getan htte. Horch - wieder ein Wagen - gottlob, da ist sie!
    Sie horchten wieder, und einen Augenblick spter schttelte Hans den Kopf,
und Frnzchen sank gebrochen auf einen Stuhl; Henriette Trublet schlief fest und
tief.
    Sie wre verloren fr ihr ganzes Leben! sagte Hans fr sich; aber
Franziska vernahm doch die leisen Worte; sie fuhr zusammen, schauderte und
nickte:
    Sie wre verloren.
    Dieser Mann wrde ihre Seele wie ihren Leib tten. Wehe mir, da dem so ist
und da ich es bin, der es sagen mu.
    Frnzchen stand wieder auf von ihrem Stuhl; sie schritt zu dem Kandidaten,
sie legte ihre kleine, zitternde Hand auf seinen Arm und flsterte kaum hrbar:
    Lieber Herr Unwirrsch, ich habe Ihnen ein groes Unrecht angetan. Knnen
Sie mir verzeihen? Wollen Sie mir vergeben? Ich habe schwer, schwer dafr
gebt. Es hat mich viele, viele Trnen und wache Nchte gekostet. O verzeihen
Sie mir dieses Mitrauen; verzeihen Sie mir um meines Oheims willen!
    Hans Unwirrsch schwankte auf den Fen vor diesem Worte.
    O Frulein - Franziska, stammelte er, nicht Sie, nicht Sie haben mir
unrecht getan. Wir sind beide im Wirrsal dieser Welt gefangen gewesen. Bse
Mchte haben ihr Spiel mit uns getrieben, und wir konnten uns nicht gegen sie
wehren! Das ist doch ganz einfach und klar!
    Es ist so, sagte das Frnzchen. Wir haben uns nicht wehren knnen.
    In Strmen rauschte der Regen hernieder; gleich einer wilden Bestie rttelte
der Wind an dem Fenster; aber sie mochten in Verbindung mit der Nacht ihr
Schlimmstes tun und drohen und sagen: sie hatten nunmehr selbst in dieser Nacht,
wo Kleophea Gtz nicht heimkehrte in ihr elterliches Haus, kaum noch etwas
Schreckliches, Unheimliches. Segnungen in der liebenden Hand Gottes waren auch
sie jetzt und nicht mehr Boten des Abgrundes, welche die Vernichtung - den Tod
und das Reich der Selbstsucht verkndeten.
    Es war lngst Mitternacht, und Kleophea war noch immer nicht gekommen. Hans
und Frnzchen saen neben der schlafenden Fremden und sprachen mit leiser Stimme
zueinander. Ach, sie hatten sich soviel zu sagen.
    Sie sprachen nicht von Liebe - sie dachten gar nicht daran. Sie sprachen
einfach davon, wie sie gelebt hatten; und alles, was so verworren geschienen
hatte, lste sich so leicht; und alles, was so dunkel und drohend gewesen war,
wurde licht und einfach und klar trstlich, oft durch ein einziges Wort.
    Von ihrem Vater erzhlte Franziska Gtz, und ganz anders sprach die Tochter
davon als der Leutnant Rudolf Gtz oder gar der Doktor Theophile Stein. Der
Tochter Auge leuchtete, als sie erzhlte, wie ihr Vater so stolz und tapfer
gewesen sei und wie er auf so manchem Schlachtfelde sein Blut fr die Freiheit
vergossen habe. Von ihrer Mutter erzhlte das Frnzchen, wie sie so lieblich und
gut gewesen sei, wie sie soviel Angst, Unruhe und Not in ihrem wechselvollen
Leben erlitten habe, ohne je zu klagen, und wie sie endlich im Jahre
achtzehnhundertsechsunddreiig nach langem Krankenlager zu Paris an der
Schwindsucht gestorben sei. Das gute Frnzchen erzhlte, wie tief der Tod der
Mutter den Vater gebeugt habe und wie er nach dem Begrbnis eigentlich nie mehr
freudig das Haupt erhoben habe. Sie erzhlte, wie der gute Onkel Rudolf zu
diesem Begrbnis gekommen sei, auch als ein alter invalider Kriegsmann mit einem
kleinen Bndel und einem dicken Knotenstock. Sie wute von der wunderlichen
Haushaltung der beiden Brder in Paris, und wie so viele andere Kriegsleute aus
allen Nationen, Deutsche, Franzosen, Polen, Italiener und Amerikaner, kamen und
gingen und alle dem Frnzchen so gut waren, viel zu erzhlen. Sie erzhlte von
den Fechtstunden, welche die beiden Brder gaben, und wie sie den jungen
Schlern von der Polytechnischen Schule und den Studenten aus dem Quartier latin
in einem Hof vor der Barriere das Pistolenschieen lehrten. Sie erzhlte von den
alten, abgedankten Brummbren von der alten Garde, die so gute Freunde der
beiden deutschen Bekannten von der Katzbach, von Leipzig und Waterloo wurden und
mit ihnen in ihrer Dachstube rauchten und tranken und gleichfalls ihre
Geschichten erzhlten.
    
    Mit gesenktem Haupte erzhlte sie dann, wie der gute Onkel Rudolf endlich
das Heimweh nach Deutschland bekommen habe, wie er fortgereist sei und wie
darauf so bse Zeiten kamen, Zeiten voll Elend und Kummer, bse, bse Zeiten.
Mit kaum vernehmbarer Stimme erzhlte Franziska Gtz, wie es ihrem Vater immer
schlimmer erging und wie seine Hlfsquellen immer mehr versiegten und wie er
seinen Trost immer hufiger in der Betubung durch starke Getrnke gesucht habe
und wie sich allmhlich so viele schlechte und tckische Menschen an ihn
gedrngt htten.
    Endlich sprach Franziska Gtz noch leiser von dem Doktor Theophile, wie er
in demselben Hause mit ihnen wohnte und wie der die Schwche des unglcklichen
Vaters in so abscheulicher Weise auszubeuten trachtete. Von ihrer grenzenlosen
Verlassenheit sprach Frnzchen, und Hans Unwirrsch zerbi die Lippen und
umspannte in der Einbildung die Kehle Moses Freudensteins aus der Krppelstrae
mit seinen zwei braven Fusten, um ihm die Seele aus dem Leibe zu drcken.
    Von dem Tode ihres Vaters erzhlte Franziska, und wie in ihrer hchsten Not
der Onkel Rudolf wiedergekommen sei, um sie zu retten.
    Einen Brief des Onkels Theodor zeigte Franziska dem Kandidaten, und da war
es wieder hchst merkwrdig, wie der Geheime Rat Gtz ganz anders schreiben
konnte, als er aussah und sprach.
    Der Leutnant Rudolf Gtz war sehr arm, hatte keine Heimat, in die er das
verwaiste Kind des Bruders fhren konnte; und jetzt erst erfuhr Hans recht, wie
der gute Alte lebte: wie er nomadisch, schier omnia sua secum portans
umherschweife und nur im Winter festes Quartier nehme bei irgendeinem
gleichaltrigen Kriegsgenossen und mit Vorliebe bei dem Herrn Obersten von Bullau
hinten an der Ostsee in Grunzenow.
    Der Leutnant Rudolf konnte die Waise nur abholen von Paris, ein sicheres
Dach konnte er ihr nicht anbieten. Da war der Brief des Onkels Theodor, den die
Geheime Rtin Gtz nicht diktiert hatte und der auch nicht unter ihren Augen
geschrieben worden war, sondern nur unter einem seiner Aktendeckel; und auf
diesen Brief hin hatte der Leutnant seine Nichte in das Haus seines Bruders
Theodor gebracht.
    Und da hatte ich das Glck, Sie in dem Posthorn zu Windheim zu treffen,
rief Hans. Ich wanderte zu meiner Mutter Sterbebett, und der Herr Leutnant
nannte den Moses einen Schuft, und der Sturmwind - und Sie, o Frulein
Franziska... mein Gott, mein Gott, und es ist eine Wahrheit und Wirklichkeit,
da wir hier sitzen und auf Frulein Kleophea warten!
    Sie fuhren beide bei diesem Namen zusammen und sahen nach den schwarzen
Fenstern, an welchen immer noch der Regen niederflo, an welchen immer noch der
Wind rttelte. Sie hofften nicht mehr auf die Heimkehr der Unglcklichen.
    Die Franzsin regte sich im Schlaf und rief ngstlich den Namen Theophile.
Franziska legte sanft und sorglich mit barmherziger Hand den Mantel wieder ber
die Schultern der Verlassenen und nahm dann ihren Sitz von neuem ein.
    Sie sprachen weiter von jenem Abend ihres ersten Zusammentreffens, und
Frnzchen erzhlte, wie der Kandidat dem Onkel Rudolf so gut gefallen habe und
wie er fters whrend der Reise von ihm gesprochen habe. Hans erzhlte von
seiner Mutter Tode, von dem Oheim Grnebaum und der Base Schlotterbeck und
suchte aus seiner Brieftasche den jngsten Brief der letzteren hervor, um ihn
dem Frnzchen zu zeigen. Er erzhlte, wie auch der Doktor Theophile diesen Brief
gelesen habe, als er - Hans Unwirrsch - im Fieber gelegen habe; er erzhlte, wie
ein schrecklicher Blick und Blitz ihm den Doktor Theophile in seiner ganzen
Bosheit und Falschherzigkeit gezeigt habe.
    Nun schlo Frnzchen ein Kstchen auf und wies dem Kandidaten eine ganze
Reihe von Briefen des Onkels Rudolf - alle fast so unleserlich wie die Schreiben
des Oheims Grnebaum, und die letzten alle von Grunzenow an der Ostsee datiert.
In Grunzenow, auf des Herrn von Bullau Gute, lag der Leutnant in groen
Schmerzen seit dem Sommer nun doch an der Gicht darnieder, und das Frnzchen
gestand mit Trnen in den Augen, da sie dem armen Onkel nur frhlich, heiter
und zufrieden geschrieben habe und da sie um alles in der Welt nicht anders
habe schreiben knnen. Da htte Hans wieder und immer wieder die kleine,
tapfere, segensreiche Hand kssen mgen; aber er wagte es nicht, und es war auch
so am besten. Zrnend ber sich selber aber bereute er tief die Segenswnsche,
die er zu gewissen Zeiten dem verlorengegangenen Leutnant nachgeschickt hatte.
Tief bereute er sie, zumal als er jene Briefe des Leutnants las, in denen der
alte Kriegsknecht klglich gestand, da er lieber dem Teufel seine Gromutter
entfhren, als noch einmal einen Przeptor nach seinem - nicht des Teufels -
Wunsche in das Haus seiner gndigen Frau Schwgerin einfhren und - schmuggeln
wolle.
    Sie hatten an jenem Abend seine ganze Seele gewonnen, Herr Unwirrsch,
sagte Frnzchen. Er sprach soviel von Ihnen auf unserer Reise hierher, und ich
- ich habe Sie auch nicht so ganz vergessen in den Jahren, die dann folgten.
Ach, ich hatte viel Zeit und ein groes Bedrfnis, aller derer zu gedenken,
welche mir je freundlich entgegengetreten waren. Ach, Herr Unwirrsch, wir haben
beide in diesem Hause nicht glcklich leben knnen, aber mein Los lie sich doch
am schwersten tragen. Ich habe oft, oft einen gar bittern Hunger nach einem
freundlichen Gesicht, nach einem freundlichen Wort gehabt. Ich wre gern
fortgegangen, um in irgendeiner Weise mein Brot selber zu verdienen, aber das
wollte die Tante ja nicht leiden. Doch Sie wissen ja das alles, Herr Unwirrsch -
was sollen wir noch darber sprechen? Es ist auch unrecht, in diesem Augenblicke
nur an uns selber zu denken.
    Es ist nicht unrecht, rief Hans mit ganz ungewohnter Heftigkeit. O
Frulein Franziska, wir drfen wohl in dieser Stunde von uns selber reden; die
harte, kalte Welt hat uns auf den innersten Punkt unseres Daseins zurckgedrngt
- wir drfen von uns selber reden, um uns selber zu erretten. Diese Nacht wird
vergehen, ein neuer Tag wird kommen. Was wird er uns bringen? In ganz neue
Verhltnisse wird er uns wahrscheinlicherweise hineinreien. Wie wird es morgen
in diesem Hause aussehen? Ich werde gehen mssen; aber Sie - Sie, Frulein
Franziska, was werden Sie tun und leiden? Wie dster, wie schauerlich de und
ausgestorben wird morgen dieses Haus sein! Jede andere Existenz wird eine
Seligkeit gegen das Leben in diesem Hause sein! O Franziska - Frulein
Frnzchen, schreiben Sie morgen an den Herrn Onkel, den Herrn Leutnant: oder -
oder lassen Sie mich an ihn schreiben! Bleiben Sie nicht hier; bleiben Sie nicht
in diesem Hause; seine Luft ist tdlich; o Frnzchen, Frnzchen, lassen Sie mich
an den Herrn Leutnant schreiben!
    Franziska schttelte sanft das Haupt und sagte einfach:
    Ich mu bleiben. Wenn ich frher nicht gehen konnte, so darf ich es jetzt
gar nicht. Ich bin nicht froh in diesem Hause gewesen, aber es hat mir doch
Schutz verliehen, und der Onkel Theodor - - - o nein, knnte ich jetzt den armen
Onkel Theodor verlassen? Jetzt schwindelt mir freilich mein Kopfber bleiben mu
ich - ich tusche mich nicht, es wird so recht sein, und ich will nichts
Unrechtes tun. Lieber Freund, ich darf nicht an den Onkel Rudolf schreiben, da
er mich von hier fortnehme, und Sie drfen es auch nicht. Ich wei, es wird so
recht sein.
    Hans Unwirrsch wagte es - er kte die kleine, milde, treue Hand, die sich
so scheu und doch in so unbesieglicher Macht gegen ihn ausstreckte. Heie Trnen
liefen ihm ber die Wangen.
    Ja, sie hatte recht! Sie hatte immer recht! Segen ber sie! Wie ein schnes,
liebliches Wunder sa sie in dieser strmischen Nacht, dieser Nacht des Elends
und Verderbens, neben dem fremdlndischen Mdchen und legte die reine,
unschuldige Hand auf die heie, fieberhafte Stirn desselben: jaja, barmherzig
und von groer Gte war sie, und bleiben mute sie in diesem trostlosen Hause:
das war gewi recht so!
    Zwei Uhr war lngst vorber.
    Lassen Sie uns jetzt scheiden, lieber Freund, sagte das Frnzchen. Sie
ist nicht heimgekommen - sie hat ihr Geschick auf sich genommen; Gott mag sich
ihrer erbarmen und sie schtzen auf ihrem finstern Wege. Lassen Sie uns jetzt
scheiden, lieber Freund: ich will ber diese Arme hier wachen, und morgen frh
wollen wir alles andere weiterbesprechen.
    Morgen frh, sagte Hans. Es ist mir, als wrde diese Nacht nie zu Ende
gehen. Ich frchte mich vor diesem Morgen, denn trotz aller Zweifel wei ich,
da er kommen wird. Ach, Frulein Frnzchen, es ist eine lange und doch eine
kurze, kurze Nacht gewesen. Schrecklich war sie und doch voll Sigkeit. Gott
segne Sie, Franziska - o was soll ich Ihnen sagen - wie werden wir sein, wenn
der neue Tag gekommen ist?
    Franziska senkte tief das Haupt und reichte stumm dem Kandidaten Unwirrsch
die Hand. Sie schieden voneinander in Sorgen und Seligkeit. Sie konnten den
Segen, welchen ihnen beiden diese finstere, unheimliche Nacht brachte, noch
nicht ganz fassen. Sie schieden voneinander, und ihre Herzen klopften laut.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


In graue Nebel gehllt kam der Morgen. Die entbltterten Wipfel des Parkes
tauchten auf im Dunst und feinen Regen; zerrissenes Gewlk fing sich in dem
Gezweig, und aus dem Gezweig trpfelte es unaufhrlich. Gekommen war der Morgen
unbemerkt wie so vieles in der Welt. Weder Hans noch Frnzchen hatten auf den
ersten trben Schein im Osten geachtet. Der Morgen war da, ehe sie es
vermuteten, und sie erhoben beide ihre Hupter und traten frstelnd beide an
ihre Fenster, um die Schatten weichen zu sehen.
    Sie hatten nicht geschlafen, sie hatten gar nicht an die Mglichkeit des
Schlafens gedacht; in einer dumpfen Betubung saen sie und mhten sich
vergeblich, klare Reihen von Gedanken, Urteilen und Schlssen zusammenzubringen.
Sie vermochten es nicht, und als sie in fieberhafter Unruhe und Verwirrung
aufsahen und erkannten, da es Tag werde, da wurde das, was sie vor einigen
Stunden so sehr gefrchtet hatten, doch zu einem Troste fr sie. Sie atmeten
tief auf und begrten dankbar das graue Licht; es brachte ihnen die vollste
berzeugung, da ein ganz neues und seres Leben fr sie begonnen habe. Sie
waren nicht mehr allein in einer Umgebung, die nur im Bsen auf sie achtete; -
viel, viel hatten Hans und Frnzchen in der Nacht, in der Kleophea Gtz ihr
Vaterhaus verlie, gewonnen.
    Frher als sonst wurde es an diesem Morgen in den untern Rumen des Hauses
lebendig. Die Haushlterin, der vornehme Jean, die Kchin und die Kammerjungfer
befanden sich in einer nicht gelinden Aufregung seit gestern abend und waren zu
jedem andern Ding als zum Horchen an den Tren und zum Austausch ihrer Gefhle
und Empfindungen unfhig. Es ist ein Trost fr uns, da wir uns mit den letztern
nicht zu beschftigen brauchen.
    Um sieben Uhr erwachte die Franzsin aus ihrem totenhnlichen Schlaf, und es
dauerte eine lange Zeit, ehe sie vollstndig begreifen konnte, wo sie sich
befinde, wie sie in diesen Raum gekommen sei. Als ihr alles wieder klargeworden
war, fing sie heftig an zu weinen und wollte vor dem Frnzchen niederknien, und
Frnzchen war darber sehr erschrocken und litt es nicht, aber es frchtete sich
nicht vor dieser Fremden und vor dem, was die Leute im Hause und die Leute vor
dem Hause sagten und sagen wrden. Liebevoll sprach Frnzchen mit der armen
Henriette Trublet von Dingen, von denen sie meinte, da das verlassene Mdchen
nicht darber weinen werde, von ihrer Jugend, von der schnen, groen,
lebendigen Stadt Paris, von den springenden Wassern zu Saint-Cloud und den
Elysischen Feldern; und als das franzsische Blut wieder etwas schneller und
wrmer durch die Adern lief, sprach sie ernst und eindringlich von der Zukunft.
Nun fing Henriette von neuem an, die Hnde zu ringen, und schluchzte und sagte,
da sie heimgehen wolle in ihr Vaterland und gut sein und recht arbeiten und
sich durch ihre Arbeit nhren nach Gottes Willen. Und Frnzchen Gtz legte in
ihre leeren Hnde all ihre weltlichen Schtze, und dann - dann klopfte monsieur
le cur an die Tr, und Frnzchen Gtz erschrak wieder sehr und drckte der
Franzsin mit flehentlicher Gebrde die Hand auf den Mund. Die Franzsin konnte
jedoch nicht schweigen: in gebrochenem Deutsch bat sie den Kandidaten Unwirrsch,
doch ebenfalls dem Engel vom Himmel zu sagen, da sie - Henriette Trublet, die
schlechte, bse, leichtsinnige Henriette - das Geld nicht nehmen knne und noch
weniger das goldene Kettchen mit dem Kreuz, das Granatarmband und den silbernen
Fingerhut und die silberne Schaumnze der Republik Bolivia.
    Hans aber sah auf das Frnzchen, und das Frnzchen sah ihm in die Augen.
Hans Unwirrsch schttelte den Kopf gegen das franzsische Mdchen zum Zeichen,
da er in dieser Sache ein schlechter Mittelsmann sei. Seines Vaters ehrwrdige
und merkwrdige Taschenuhr zog er hervor und legte sie zu den Schtzen
Franziskas, ebenso eine Brse, in welcher sich fnf harte Taler und wenig kleine
Mnzen befanden. Htte er an den silbernen Beschlag der kurzen Pfeife gedacht,
die ihm einst der Oheim Nikolaus Grnebaum schenkte, er wrde sie ebenfalls
geholt haben, er dachte jedoch nicht daran.
    Es war sehr schlimm fr Henriette, da sie den beiden schon soviel zu danken
hatte, es ward ihr um so schwieriger, sich gegen ihren Willen zu wehren, und sie
vermochte es auch zuletzt nicht mehr. Sie wurde gezwungen, alles zu nehmen, und
mit zitternden Hnden nahm sie es.
    Um acht Uhr trat Henriette Trublet wieder hervor aus dem Hause des Geheimen
Rates Gtz. Hans und Franziska geleiteten sie bis an das Gitter, das den Garten
von der Strae schied, um sie wenigstens vor den Worten der Dienerschaft zu
schtzen. Vor ihren Blicken konnten sie sie nicht schtzen.
    Mit gesenktem Haupte war die Fremde gegangen, jetzt hob sie es empor - ihre
ganze Gestalt schien sich aufzurichten, wie unter dem Antrieb eines festen,
unerschtterlichen Entschlusses. Sie neigte sich vor Hans und Frnzchen und
sagte:
    Der gute Gott wird euch vergelt, was ihr abt getan an mir. Ik will gedenk
an euch immer und immer. Ik will geh und nicht werd md; - ik will sie such und
find und gedenk an dieser Nakt und euch. Malheur  lui.
    Es war, als ob sie sich von jemand mit Gewalt losrisse, sie lief hastig ber
den durchweichten, schmutzigen Fahrweg, sie sah zurck von den ersten Bumen des
Parkes; dann war sie verschwunden in dem dichten Nebel. Und wenn jetzt Kleophea
Gtz ein Fenster geffnet htte, um den Kandidaten Unwirrsch und Franziska - den
Hungerpastor und das schlafende Wasser - nach ihrer Art zu gren, so htten
beide sich fr eben erweckte Nachtwandler gehalten und keinem ihrer Sinne,
keiner ihrer Empfindungen und Urteile mehr getraut.
    Aber Kleophea sah nicht neckisch und spttisch aus dem Fenster; nur Jean und
die Wirtschafterin fuhren etwas verlegen aus der Haustr zurck, als Hans und
Frnzchen sich umwandten.
    Hans und Frnzchen hatten nicht achtzehn Stunden so bitterse Dinge
getrumt; - es war kalt, bitter kalt, und es fing wieder an zu regnen: der
Morgen war eine Wahrheit, und der Nebel war eine Wahrheit; eine Wahrheit war der
Schatten, der im Nebel verschwand, und der Stadtbrieftrger, welcher eilig
herankam, seine Ledertasche ffnete und dem Kandidaten Unwirrsch einen Brief
reichte, den Kleophea geschrieben hatte und welcher die Adresse ihres Vaters
trug.
    Er schien, der Schwere nach zu urteilen, ein Doppelbrief zu sein und mute,
dem Poststempel zufolge, am vorigen Abend in den Briefkasten geworfen sein. Er
brannte wie Feuer in der Hand des Kandidaten, und Franziska wich scheu vor ihm
zurck wie vor einem gefhrlichen Tier.
    Sie gingen wortlos in das Haus zurck und fanden auf dem Flur die gesamte
Dienerschaft mit der Milchfrau und dem Semmeltrger in gespannter Erwartung
versammelt.
    Hans winkte ruhig dem Bedienten:
    Kommen Sie mit uns, Jean, wir haben mit Ihnen zu reden und Ihnen einen
Auftrag zu geben.
    Jean verbeugte sich mit ungewohnter Hflichkeit und Dienstwilligkeit, warf
der Kammerjungfer ber die Schulter einen vielsagenden Blick zu und hielt es
diesmal nicht unter seiner Wrde, dem Schulmeister und der Jungfer Nichte
die Treppe hinauf in den Salon zu folgen, um anzuhren, was sie ihm zu sagen
hatten.
    Es war unbehaglich kalt in dem weiten Gemache, es war, als liege unsichtbar
eine Leiche darin. Gespenstisch schien der graue Tag durch die niedergelassenen
Vorhnge, gespenstisch war der offene Flgel mit den durcheinandergeworfenen
Notenheften, den morceaux de salon, songes dors, cascades, carillons,
nocturnes, fleurs, penses fugitives, cloches du monastre Kleopheas.
Gespenstisch war das zerbrochene Steckenpferd Aims, welches auf dem Teppich
lag, und vor allem andern gespenstisch war auf dem lgemlde ber dem Flgel der
Kopf des Pharisers, der dem Heiland den Zinsgroschen lauernd entgegenhielt.
    Wir haben Ihrer Herrschaft schnell eine Nachricht zu geben, Jean, sagte
Hans. Wieviel Zeit werden Sie gebrauchen, um einen Brief dort abzuliefern?
    Jean sah einen Augenblick nach der Decke und meinte sodann, da er mit Hlfe
guter Pferde bis ein Uhr der gndigen Frau alles, was man nur wnsche,
berbringen oder mndlich berichten knne und da er trotz des unangenehmen
Wetters den Auftrag mit Vergngen bernehmen werde. Daraufhin ersuchte ihn Hans,
fr Wagen und Pferde zu sorgen und sich bereit zu halten.
    Um neun Uhr fuhr Jean ab mit einem Paket, welches das Schreiben Kleopheas
und einen Brief Franziskas enthielt; - um vier Uhr nachmittags konnten die
Eltern von ihrem Ausflug zurck sein.
    Frnzchen reichte dem Kandidaten die Hand und sagte:
    Wir mssen jetzt still sein und warten, lieber Freund.
    Hans neigte sich ber die kleine Hand und sagte:
    Wir wollen geduldig sein und warten.
    Sie schieden jetzt voneinander, und jedes verschlo sich in seiner Stube.
Still saen sie und vertieften sich in die Geheimnisse der eigenen Brust.
    Gegen Mittag klrte sich der Himmel ein wenig auf, die vornehme Welt fuhr
spazieren, und zu einem Teil derselben waren bereits dumpfe, verworrene Gerchte
von den Vorgngen im Hause des Geheimen Rats Gtz gedrungen. Die Nachbarschaft
zur Rechten und Linken beobachtete hinter den Vorhngen und Blumentpfen
neugierig-bedauernd oder auch wohl recht schadenfroh das Haus, und aus den
vorberrollenden Wagen wurden wunderliche Blicke auf es geworfen. Das war doch
noch einmal etwas, worber sich sprechen lie! Hans und Frnzchen zeigten sich
nicht mehr an ihren Fenstern; - Frnzchen lag frstelnd zusammengekauert auf
ihrem kleinen Diwan und hatte das Gesicht in den Kissen verborgen und ein Tuch
ber den Kopf gezogen; Hans schrieb an die Base Schlotterbeck und verwandte viel
Flei auf das Malen der Buchstaben, damit die gute Alte sie lesen knne.
    Er schrieb:
Liebe treue Seele!
Es ist keine Zeit in meinem Leben gewesen, in welcher ich mehr an das Vergangene
habe gedenken mssen als in den letzten Wochen und Tagen. Es war recht schwarze
Nacht um mich her geworden, und viel Angst und Kummer habe ich erdulden mssen.
Da hab ich wohl wieder einmal des Vaters leuchtende Glaskugel in der Finsternis
aufhngen mssen und habe mich in ihren frommen, milden Schein gerettet und alle
Menschen bedauert, die in solcher Zeit das nicht knnen. Ach, liebe Base, Ihr
und die Esther habt wohl recht gehabt mit dem Moses, und was Ihr, liebe Base, in
Eurer ngstlichen Seele gedacht und gesehen habt, das kann ich Euch leider nicht
mehr anfechten. Ich bin krank gewesen und in Sorgen, und Moses Freudenstein hat
sich als falsch erwiesen. Ein groes Unrecht hat er auf sich geladen, und ein
groes Unglck hat er ber das Haus gebracht, in welchem ich jetzt bin. Er ist
tot fr mich, und ich bedauere ihn tief, ich trage schweres Leid um ihn.
    Viel habe ich in der vorigen Nacht ber die vergangene Zeit nachgedacht und
darber, wie es gekommen ist, da also Verachtung aus der Freundschaft werden
mute. Ich habe mich wie durch einen dunkeln Irrgarten bis zu den Husern
unserer Vter in der Krppelstrae zurckgetastet und habe mit Seufzen gefunden,
was ich suchte. Der Hunger, der uns beide, den Moses Freudenstein wie den Hans
Unwirrsch, ausgetrieben hat in die Welt, hat den Moses zu dem gemacht, was er
ist. Und eine bittere Lehre ist es mir. Nach dem Wissen sind wir ausgezogen und
nach dem Glck: in dunkeln, armen Htten sind wir geboren und aufgewachsen, und
der Glanz, welcher durch die Spalten und Ritzen der niedern Dcher fiel, hat uns
gelockt. Es ist so wunderlich, wie ich so lange Zeit gemeint habe, wir gingen
denselben Weg diesem Glanze nach; aber es ist nicht so gewesen. Von unseren
Wiegen an haben sich unsere Wege geteilt, ich sehe es jetzt ganz klar, und das
Herz blutet mir darum. Bse Geister standen um die Wiege des armen Moses, nur
gute um die meinige. Er ist seinen Weg mit offenen, klaren, scharfen Augen
gegangen; ich bin wie trumend vorwrtsgeschritten. Sein Hunger ist berall
befriedigt worden, was er wnschte, hat er immer erlangt; auch in dieser Stunde
noch hat er, was er will. Das war nicht gut, und das ist jetzt schrecklich! Mein
Hunger ist nicht gestillt wie der seinige; ach, ich habe so oft nicht gewut,
was ich wollte, und wei es auch jetzt oft noch nicht. Es ist ein wundersam Ding
um des Menschen Seele, und des Menschen Herz kann sehr oft dann am glcklichsten
sein, wenn es sich so recht sehnt. Der arme Moses hat sich nie gesehnt; er hat
nur gerechnet, und seine Exempel sind immer richtig aufgegangen; das Herz blutet
mir darum. - Wenn ich bei der Base wre, so wollten wir die kleine Blechlampe
durch des Vaters glserne Kugel scheinen lassen am Abend, wenn die Laden
vorgesetzt wren; und wir wollten zuerst von meinem Vater und meiner Mutter und
den Grbern auf dem Kirchhofe sprechen, und dann wollt ich der Base alles sagen,
wie es mir ums Herz ist, und wollte nichts verschweigen, so aber kann ich der
Base nur schreiben, da sie keine Sorge mehr um mich zu haben braucht. ber den
Moses darf ich ihr augenblicklich nichts sagen; es ist zu viel Bitterkeit in
meinem Herzen und alles noch zu verworren umher; - ich will der Base so bald als
mglich wieder Nachricht geben.

Noch lie der Kandidat Unwirrsch den Oheim Nikolaus durch die Base Schlotterbeck
gren und versprach auch ihm demnchst ein ausfhrliches Schreiben; dann schlo
er und verblieb der beiden Alten getreuester Johannes Unwirrsch und - ja, und!
Als er erschrocken wieder auffuhr, wute er nicht, wie lange er geschlafen
hatte.
    Wer kennt nicht diesen Schlaf nach einer qualvoll aufgeregt durchwachten
Nacht, diesen Schlaf, der ber uns kommt und uns berwltigt, ohne da er uns
Erquickung bringt? Wer kennt nicht diesen Schlaf, der uns in der krzesten Zeit,
wenn er uns nicht das Bewutsein ganz nimmt, das Gehirn mit verworrenen Bildern
fllt, wie die lngste Nacht es nicht vermag?
    Eine Stunde schlief Hans Unwirrsch, und in dieser Stunde sah er fast soviel
wie jener Sultan des Morgenlandes, der den Kopf in das Wasserbecken des
Zauberers steckte und ein Weib wurde und, von einem Eckensteher gefreit, sieben
Kinder und viel Schlge bekam und den weisen Mann sehr rgerlich kpfen lassen
wollte, als er den Kopf wieder hervorzog aus dem Waschnapf.
    Bald glnzte hell die schwebende Kugel, bald war es Tag, bald Dmmerung,
bald Nacht. Straen, Pltze, Kirchen, dunkle und helle Stuben und Kammern, grne
Bume und beschneite Felder schoben sich durcheinander. Der Weihnachtsmarkt und
die Schulstube des Armenlehrers Silberlffel waren da und waren nicht da -
kindische Freude und kindische Angst wechselten fortwhrend. Seinen Stab schwang
der Zauberer Traum im Kreis, bis er ihn dann wieder deutend auf eine andere
Stelle hielt. Ein Knabe war Hans Unwirrsch, und ein Knabe war Moses
Freudenstein, und mit Hnden und Fen verteidigte Hans den Moses gegen die
Knaben der Krppelstrae. Hinunter in die Finsternis des Trdelladens aus dem
Schnee und Getmmel der Gasse! Blutend und zerschlagen die Treppe hinunter in
die Arme des Meisters Samuel! Aber der Meister Samuel war ja tot, und Moses
stand mit verschrnkten Armen neben dem Lager des Toten, und die Sanduhr war
ausgelaufen. Die kleine Sophie war auch gestorben; - war sie es nicht? Wie kam
auch sie in den Keller des Trdlers und legte den Finger auf den Mund, so ernst
und so schn? War das die kleine tote Sophie, welche sagte, da das Schne, das
Wahre, das Gute nicht sterbe in der Welt? War es die tote Sophie, welche sagte,
da der Mensch durch die Sehnsucht lebe? Hans Unwirrsch hatte doch die kleine
Sophie so gut gekannt, er hatte sie in ihrem Sarge gesehen gleich einem Pppchen
aus Wachs; war sie es wirklich, die so gro, schn und ernst zwischen ihm und
dem Doktor Theophile Stein, der erst Moses Freudenstein war, stand?
    Franziska! Frnzchen! rief Hans Unwirrsch, und mit diesem Ruf erwachte er.
    Es regnete augenblicklich nicht mehr; aber der Tag war darum nicht heller
geworden; es schien sogar, als wrde er noch immer dunkler, als senkten sich die
Wolken immer tiefer und erdrckender herab. Langsam, langsam schlichen die
Stunden vorber, und es gab kein Buch in der Bibliothek des Kandidaten, das
imstande war, auch nur fr Minuten den Lauf der Zeit zu beschleunigen. Auf und
nieder schritt Hans und blieb bei jedem Gerusch im Hause stehen und horchte,
obgleich er wute, da nur die Haushlterin oder die Kammerjungfer drauen sich
rege.
    Es wurde Mittag, und man brachte ihm zu essen; er zwang sich, etwas
herunterzuschlingen. Als er aber die Uhr eins schlagen hrte, legte er Messer
und Gabel nieder, denn jetzt mute Jean an seinem Bestimmungsorte angelangt und
der Brief Kleopheas in den Hnden der Eltern sein. Vielleicht befanden sich die
Eltern bereits auf dem Heimwege, und der vornehme Jean sa mit verschrnkten
Armen neben dem Kutscher, und der Kutscher wute auch schon, was zu Hause
vorgegangen war, zog die Backen ein und pfiff, und der Himmel war so grau und
der Weg so schlecht, und die Wolken zogen so niedrig ber die Felder hin. Auch
an Aim und sein Betragen whrend dieser Fahrt mute der Kandidat Unwirrsch
denken. Er war in keiner Weise mehr Herr ber seine Phantasie, und sie zog ihn
immer, immer wieder fort aus dem Stbchen Franziskas, wie er sich auch dagegen
wehrte.
    Stundenlang hatte Frnzchen unter ihrem Tuch auf ihrem kleinen Diwan
gelegen, gegen ein Uhr erhob sie sich, um doch notwendige Haushaltungsgeschfte
zu besorgen, und vernahm dabei, wie sich bereits die Welt unter den
mannigfaltigsten Vorwnden in das Haus eingedrngt hatte, um Nheres ber die
seltsamen Gerchte zu erfahren.
    Man hatte sich nach diesem und jenem erkundigt, man hatte geliehene Bcher
und Musikalien zurckgeschickt, man - d.h. eine intime Freundin - hatte sogar
Frulein Kleophea zum Tee einladen lassen; der Professor Blthemller war
persnlich gekommen, um sich zu erkundigen, wann die gndige Frau von ihrem
Ausflug zurckkehren wrde. Er hatte eine Visitenkarte mit einem Eselsohre und
seine besten Gre zurckgelassen.
    Die Haushlterin und das brige Dienstpersonal erwies sich auergewhnlich
teilnehmend und schlich flsternd auf den Zehen umher. Gegen zwei Uhr brannte
das Feuer im Studierzimmer des Geheimen Rates und im Gemach der gndigen Frau;
zwischen drei und vier kam die Herrschaft heim.
    Wenn man, sei es in freudiger oder in schmerzlicher Aufregung, lange auf das
Eintreffen eines Ereignisses, die Erfllung eines hchsten Wunsches, das
Niederfallen eines Schlages gewartet hat, dann merkt man, wenn das Erwartete
gekommen ist, so recht, aus wie flchtigen Momenten des Menschen Leben besteht.
Zu einem Augenblick zieht sich die lngste, unruhvolle Vergangenheit zusammen,
und der Lichtblitz, der an einem Regentage ber das Land fliegt, ist nicht
schneller vorber als die Stunde, auf welche wir hofften oder welche wir
frchteten.
    Hans Unwirrsch stand an seinem Fenster und sah den kotbespritzten Wagen des
Geheimen Rates heranfahren, und Jean sa wirklich neben dem Kutscher auf dem
Bocke als ein Mann, der sich seines Wertes bewut war. Hans verwunderte sich,
da er in diesem Augenblicke auf die Mienen des Bedienten achten konnte, aber es
war so.
    Im Hause wurden Tren geffnet und zugeschlagen: der Wagen hielt, die
Dienerschaft strzte heraus, Jean sprang herab, um den Schlag zu ffnen und den
Aussteigenden behlflich zu sein. Der Geheime Rat Gtz trat zuerst hervor, ihm
folgte seine Gemahlin tief verschleiert: sie fhrte den Knaben an der Hand und
trat schnellen und schallenden Schrittes zuerst in das Haus, ohne die
herbeigeeilte Nichte zu beachten. Der Geheime Rat stand einen Augenblick,
wankend wie ein von einem pltzlichen Schwindel Ergriffener, vor seiner Tr: er
stie den Arm Jeans zurck und griff nach der Hand Franziskas. Auf das Frnzchen
sttzte er sich, als er langsam und unsicher die Treppenstufen emporstieg: und
so begegnete er in dem Hausflur dem Kandidaten, an welchem ebenfalls die gndige
Frau gleich einem Sturmwind vorbeigefahren war.
    Dnn, schwarz und schattenhaft trotz seines Pelzes sah der Geheime Rat auch
jetzt aus; aber ach, das Federwerk in seinem Innern war nun ganz und gar in
Unordnung, und heftig mute Hans darber erschrecken, wie ber alle Maen
unglcklich und hlflos der Geheime Rat umhersah. Er reichte dem Hauslehrer die
Hand, die wie im Fieber zitterte, und sagte, er freue sich, den Herrn Kandidaten
so wohl zu sehen, und es sei ein recht unangenehmes Wetter heute. Und als in
diesem Augenblicke die Glocke der gndigen Frau, im heftigen Affekt angezogen,
durch das Haus gellte, fuhr er zusammen, fate den Arm Frnzchens fester und
flsterte:
    Mein armes Kind, arme Kleophea! Es konnte ja nicht anders kommen - arme
Kleophea.
    Mit Trnen in den Augen stand Hans Unwirrsch am Fue der Treppe und sah dem
Frnzchen nach, wie sie den gebrochenen Mann sttzte und fhrte.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Wenn es regnete, als wir den zweiten Teil unseres Buches schlossen, so regnet es
nicht weniger, indem wir den dritten Teil desselben anfangen. Wer etwas einem
Regenschirm nur irgend hnliches sein nannte, spannte es auf und schritt
darunter her, ohne sich zu schmen. Alle Hunde lieen die Ohren hngen und zogen
die Schwnze zwischen die Hinterbeine, alle ausgehngten Mietzettel an den
Fenstern drehten und wendeten sich im Winde und zeigten bald ihre Vorderseite,
bald ihre Rckseite. Man zhlte den sechsten Oktober, und es war neun Uhr
morgens; an der Ecke der Grinsegasse erschien das ungesegnete Individuum, das
bei solchem Wetter eine Wohnung suchte - Herr Johannes Unwirrsch, Kandidat der
Theologie aus Neustadt und der Krppelstrae.
    Den Kragen des berrockes in die Hhe geklappt, den Hut in die Stirn
gedrckt, den aufgespannten Regenschirm nach dem Nacken zu gesenkt, die Nase
suchend, forschend hoch in der Luft, wurde er herangeblasen, und alle Dachrinnen
der Grinsegasse begrten ihn lustig pltschernd. Es war durchaus nicht
angenehm, bei solchem Wetter vor die Tr gesetzt worden zu sein und eine andere
Tr suchen zu mssen; der Gedanke daran erregt Gefhle, die eine kleine
Abschweifung sehr verzeihlich erscheinen lassen.
    Unser Herr! Die Betonung dieser beiden Worte unterliegt den
verschiedenartigsten Abschattungen. Anders sprechen sie die Leute einer gewissen
Partei aus, anders die Frommen, anders die Bedienten, anders die bedrngten
Familien grerer Stdte, die auf der Grenze zwischen Kaum genug und Fast
zuwenig ihre pekuniren Umstnde dadurch zu verbessern sich bemhen, da sie
einen heimatlosen Junggesellen anlocken, einfangen und ihm ein mbliertes oder
unmbliertes Zimmer ihrer Wohnung veraftermieten. Unser Herr ist jener
Zugvogel, der, ohne ein eigenes Nest zu besitzen, kommt und unterkriecht, wo und
wie es ihm seine Mittel erlauben, und der verschwindet, wie er gekommen ist, nur
wenige und schlechte Spuren hinter sich lassend. Die bedrngte Familie wird
diesem oft sehr unsoliden Vogel gegenber eigentlich nur durch die Frau des
kleinen Beamten und Handwerkers oder die Frau an und fr sich, die redliche
Witwe, kurz und gut, die Madam reprsentiert. Sie ist es, der die Folgerungen
der Spekulation zufallen; sie ist es, die Unsern Herrn lobt, ber ihn schimpft
und ihn mit Klagen beim Bezirkspolizeileutnant bedroht. Sie ist es, die dafr
sorgt, da Unser Herr im Winter grad am Erfrieren vorbeirutscht; sie ist es, die
seine Vorrte beaufsichtigt und sich mit demselben Recht seine Haushlterin
nennt, mit welchem jene deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg, die Lothringen,
Elsa und so weiter und so weiter verjubilierten, sich allezeit Mehrer des
Reichs nannten, Sie ist es endlich, die auf Verlangen an jedem Morgen jenes
unergrndbare Gebru bereitet, welches Unser Herr unter dem Namen Kaffee am
liebsten - aus dem Fenster gsse.
    Unser Herr hat seinen Mietzettel ins Auge gefat, die Lage der Dinge und den
Inhalt seines Geldbeutels erwogen; er ist zu einem Entschlu gekommen und tritt
in das Haus. ber die Kpfe unzhliger Kinder weg steigt er vorsichtig zu dem
Stockwerk empor, in welchem er seine knftige Heimat zu finden hofft, und
gelangt auf einen nicht sehr hellen Vorplatz mit vielen Tren, an denen die
Visitenkarten der verschiedenartigsten Existenzen kleben. Aufs Geratewohl zieht
der Heimatlose einen Glockenstrang und wartet vergeblich einige Minuten auf
Antwort. Er zieht eine andere Glocke neben einer andern Tr und erhlt auf seine
Frage, ob hier eine Wohnung zu vermieten sei, von einem Rpel eine grobe
verneinende Antwort. Unser Herr mag die dritte Glocke ziehen, und nach einigem
Zgern entschliet er sich dazu. Diesmal taucht eine Weiberhaube in der
Dmmerung auf; die Frage wird wiederholt, und die Antwort lautet bejahend. Unser
Herr seufzt aus tiefster Brust und folgt der Dame, die ihn bittet, einzutreten.
Er tritt aus der Dmmerung in das Tageslicht, und seine Persnlichkeit wird
blitzschnell vom Kopf bis zu den Fen einer ungemein scharfen Kritik
unterworfen; er ist berechtigt, im geheimen die Frage aufzuwerfen, weshalb man
eigentlich nicht das schne Geschlecht mit der Staatspolizei beauftrage. - Fllt
die Kritik befriedigend aus, so wird Unser Herr in die zu vermietenden Gemcher
eingefhrt. Man erlaubt ihm, sich einige Minuten umzusehen, und man beantwortet
seine Fragen nach dem Mietzins mit einem gewissen unbeschreiblichen Lcheln, das
sich wie Goldschaum um eine unverschmt bittere Pille legt. Auf die Frage: Kann
ich gleich einziehen? folgt ein bejahender Knicks, und auf den Seufzer: Ich
werde diese Wohnung nehmen! ein zweiter Knicks und eine phantasielose
Schilderung aller mglichen Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten, die Unsern
Herrn, der das kennt, sehr kalt lt. Aber Unser Herr ist nun wirklich Unser
Herr geworden und hat das Recht, sich die Mbel und die Bilder an den Wnden
genauer anzusehen. Die Mbel lassen sehr viel von dem, was man von ihnen
verlangen kann, zu wnschen brig; die Bilder bestehen in einigen
grellkolorierten Lithographien weiblicher Gestalten in schlechten Goldrahmen.
Sehr luftig gekleidet sind diese Schnheiten, sie streicheln entweder
Schohndchen oder zerpflcken Blumen oder beschftigen sich mit Melancholie und
starren ber ein sehr blaues Meer. Klothilde - Die Sehnsucht - Er liebt
mich - Luzia oder etwas dem hnliches steht unter ihnen zu lesen, und wenn
Unser Herr nur den winzigsten Funken guten Geschmacks in sich trgt, sagt er:
    Aber Madam, ich mchte bitten, diese Kunstwerke von den Wnden zu
entfernen.
    Die Madam rgert sich zum erstenmal ber Unsern jetzigen Herrn. Unserm
Vorigen Herrn gefielen diese Bilder sehr gut, sagt sie etwas schnippisch; aber
die Jungfer soll sie fortnehmen, ganz, wie's beliebt.
    Ich bin Ihnen sehr verbunden, sagt Unser jetziger Herr und fgt hinzu: Da
hlt soeben eine leere Droschke; ich werde jetzt meine Sachen holen; in einer
halben Stunde bin ich zurck. Ach so - welche Hausnummer?
    Zweiundzwanzig! sagt die Madam. Sie werden bei Ihrer Rckkehr alles in
der besten Ordnung finden. Bitte, stoen Sie sich nicht; die Tr ist etwas
niedrig.
    Unser Herr, der sich bereits gestoen hat, zieht den Hut wieder von der Nase
in die Hhe, strzt die Treppe hinunter, wirft sich, in die angeschriene
Droschke und rasselt davon. Madam sieht ihm aus dem Fenster nach, bis das
Fuhrwerk um die Ecke verschwindet, und tritt dann zurck in die Mitte des
Zimmers. Mit einem Wiegen des Kopfes, das fr unsern Herrn nicht viel Gutes
bedeutet, berechnet sie, welcher Vorteil aus ihm zu ziehen sei, und grbelt nach
ber seine schwachen Seiten. Klothilde mit dem Schohund lchelt dumm herab von
der Wand, die Sehnsucht glotzt verwundert-schnupfig auf den blauen Klecks des
Meeres, Gretchen zerpflckt ihre Sternblumen: Er liebt mich, er liebt mich
nicht, er liebt mich. Unser Herr liebt meine Bilder nicht, schreit die Madam,
bah! Karl, Karl, komm herein, wir haben wieder einen Herrn!
    Karl, der Gemahl, erscheint scheu und schbig auf der Trschwelle, begleitet
von einem ganzen Haufen Kinder; und ein verwirrtes Getse und der wiederholte
Ruf: Wir haben wieder einen Herrn, wir haben wieder einen Herrn! erfllt den
Raum. Dann geht die bedrngte Familie in krampfhafter Aufregung ans Werk, die
vermietete Wohnung in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen. Man hngt den
Hausschlssel hinter die Tr und stellt eine gefllte Wasserflasche nebst einem
Glas auf einen Seitentisch. Die exilierten Damen steigen herab von den Wnden,
und an ihrer Stelle erscheinen auf der verblaten Tapete vier dunklere Flecken,
die dem Schnheitssinn Unseres Herrn auch nicht zum besten gefallen werden.
    Unser Herr! Unser Herr! flstert pltzlich der Gemahl. Unser Herr! Unser
Herr! schrillen alle Kinder. Eine Droschke hlt wieder vor der Haustr, und der
Kutscher sitzt nicht auf dem Bock, sondern auf einem Lederkoffer, der seinen
legitimen Platz einnimmt. Wie mit einem Zauberschlag ist die Familie aus dem
Zimmer Unseres Herrn verschwunden, und nur die Madam hat darin standgehalten,
wie es ihre Pflicht und ihr Recht ist. Ein aufgegriffener Bummler schleppt die
Habseligkeiten Unseres Herrn, welcher den Kutscher bezahlt, die Treppe hinauf.
Er setzt den bereits erwhnten Koffer mit einem Knacks auf den Boden ab und
chzt und sthnt und schnauft grlich. Unser Herr erscheint ebenfalls, einen
Reisesack in der einen Hand, eine Hutschachtel in der andern, ein Bndel
Pfeifen, Spazierstcke, Schirme, Rapiere unter dem Arm tragend; - Unser Herr ist
da! Unser Herr ist eingezogen! - Unser Herr ist gegangen, es lebe Unser Herr! Le
roi est mort, vive le roi! - NB, wenn die hochlbliche Polizei seine Papiere in
Ordnung gefunden und ihm eine Aufenthaltskarte gegeben hat. Es lebe Unser Herr,
der Kandidat Hans Unwirrsch aus Neustadt! Er fand in der Grinsegasse das, was er
suchte, eine Dachstube zu einem merkwrdig billigen Preise, und zog auf der
Stelle ein, ohne von seinem Rechte, bis zum Schlu des Jahres im Hause der
Geheimen Rtin Gtz zu bleiben, Gebrauch zu machen. Darber werden wir mehr
sagen mssen, wenn wir ihn glcklich unter Dach gebracht haben.
    Eine sehr taube, redliche Witib war's, die das Gela, dessen Luxus und Glanz
mit den Mitteln des Kandidaten bereinstimmte, zu vermieten hatte; und nicht
gefahrlos war der Weg zu ihr. Ein einziges Fenster erhellte den Verschlag, aber
die Aussicht ber die Dcher war vortrefflich. An den Wnden beleidigten keine
lithographischen Versndigungen am schnen Geschlecht das Auge und das Herz; die
Wnde waren nackt und kahl. Das Mobiliar konnte freilich nur auf einen zynischen
Philosophen einen angenehmen Eindruck machen; auf Hans Unwirrsch wirkten jedoch
der Stolz, mit welchem die taube Alte darauf blickte, und die Reinlichkeit
wohltuend. Er seufzte nur ganz gelinde, als er den Mietvertrag, der ihn zum
zeitweiligen Herrn von Bett, Tisch und Stuhl machte, abschlo und dadurch Besitz
ergriff, da er einen Efeuzweig mit drei oder vier grnen Blttern, den er bis
jetzt in der Hand getragen hatte, auf den Tisch niederlegte. Auch er holte
sodann seine Habseligkeiten in der bereits angegebenen Weise und richtete sich
ein. Wenn das Gefhl, sein eigener Herr zu sein, nicht ganz ohne Beimischung von
Wehmut war, so war es doch recht erquicklich. Schon der Gedanke, da der
grn-goldene Jean in diese Tr sein freches Gesicht und seinen Backenbart nicht
ohne ausdrckliche Erlaubnis schieben drfe, war etwas wert. Als die Einrichtung
vollendet war, jedes Ding seinen Platz hatte und der Kandidat sich auf seinen
Stuhl vor seinem Tische niederlie, berkam ihn ein Behagen, das er seit seiner
Studentenzeit nicht mehr gekannt hatte. Der Zugwind, der durch das schlecht
verwahrte Fenster zischte, war Hauch der Freiheit; alle Bequemlichkeiten und
Opulenz von Bocksdorf, Kohlenau und dem Hause des Geheimen Rates Gtz konnten
ersetzt werden durch das stoische frohe Frsteln, das er hervorbrachte. Wie sich
die Verhltnisse im Hause des Geheimen Rats weiterentwickelt hatten, knnen wir
jetzt erzhlen, da der Kandidat, wenn nicht warm, so doch trocken sitzt und der
Regen machtlos ber seinem Kopfe auf dem Dache trommelt.
    Die Glocke, die so gellend durch das Haus schallte, als der Vater Kleopheas
in sein Zimmer wankte, verkndigte der Hausgenossenschaft sehr bestimmt die
Stimmung, in welcher sich die Mutter befand. Krmpfe und Ohnmachten waren die
erste Folge des Briefes Kleopheas gewesen; whrend der Fahrt nach der Stadt
hatte die gndige Frau im apathisch brtenden Stumpfsinn in ihrer Wagenecke
gelegen; nach der Heimkehr brach die Leidenschaft des Weibes in wilder
Furienhaftigkeit hervor. Die Geheime Rtin wtete, und es war gefhrlich, in
ihre Nhe zu kommen, was fast alle Glieder des Hausstandes nacheinander
erfuhren. Selbst der Gedanke an die Welt war zuerst nicht imstande, ihr die
wnschenswerte Selbstbeherrschung wiederzugeben, obgleich der Schmerz und Zorn
der Dame sich im Grunde nur um diese Welt drehten. Nicht das Geschick, in
welches sich die Tochter gestrzt hatte, sondern der clat, den das abscheuliche
Begebnis machen mute und ohne Zweifel bereits machte, trieb die Mutter fast in
den Wahnsinn. Sie suchte nach jemand, an welchem sie ihren Grimm auslassen
konnte, und sie fand zwei fr einen.
    Da war das Frnzchen, welches anhren mute, was man ihm sagte, und da war
der Hauslehrer, der Kandidat Unwirrsch, welchem man sogar ins Gesicht schreien
konnte, da durch seine Schuld der schndliche Verrter, der Doktor Stein, der
Jude, in das Haus gekommen sei. Die Geheime Rtin war fhig, dem armen Hans die
ganze Schuld an dem grlichen Skandal aufzuladen, und vom medizinischen
Standpunkt aus betrachtet, war dieses ein groes Glck fr sie. Hans Unwirrsch
wehrte sich diesmal nach Krften, bis er einsah, da es unmglich sei, diesem
Weibe gegenber, und noch dazu im jetzigen Moment, einen Rechtsstandpunkt
behaupten zu wollen. Er lie das Unwetter ber sich ergehen in dem Gedanken, wie
das Frnzchen so unendlich viel schlimmer dran sei als er. Seine Angst um das
Frnzchen berwog alles andere.
    Zerschlagen an allen Gliedern, verwirrt in allen Sinnen, mit dem Gefhl,
plattgedrckt, auseinandergerissen und zu einem Knuel gewickelt zu sein,
verlie Hans das Gemach der gndigen Frau und stieg in sein Zimmer hinauf, um in
der Abenddmmerung seinen Koffer zu packen. Am andern Morgen schon mute er das
Haus verlassen, und bis zum andern Morgen sah er auer dem Bedienten niemanden
mehr von der Hausgenossenschaft, auch das Frnzchen nicht. Er schlief wenig in
der Nacht und war frh wach und angekleidet. Um acht Uhr erschien Jean mit der
Meldung, da der Herr Geheime Rat ihn zu sprechen wnsche, und ohne Verzug stieg
er zu der Studierstube desselben hinab.
    Er klopfte an und trat ein, obgleich ihn niemand dazu einlud, und als er
eingetreten war, stand er einige Augenblicke verdutzt an der Tr, weil er
glaubte, es befinde sich auch niemand im Zimmer.
    Da stand der gefrige Riesenpapierkorb, in den schon soviel nutzlos
beschriebenes Papier hinabgeworfen worden war, in welchem aber das klgliche
Dokument Theodor Gtz contra mundum noch nicht steckte, obgleich es vielleicht
so besser fr dasselbe gewesen wre. Da standen die vielen rechtsgelehrten
Bcher in langen, drren Reihen in Schrnken und Fchern. Da stand der
grnbeschlagene Riesenschreibtisch mit seinen berghohen Aktenhaufen, und hinter
diesen Aktenhaufen sah Hans, als er sich auf den Zehen erhob, den Geheimen Rat
sitzen im schwarzen Frack, mit weier Halsbinde, wie gewhnlich. Und die Arme
des Mannes lagen auf dem Tisch, und der Kopf lag auf den Armen; es war ein Kopf
mit recht dnn gesten grauen Haaren, ein trbseliges Haupt, welches der
Kandidat Unwirrsch tief bedauern mute.
    Hans trat einige Schritte nher; der Geheime Rat erhob das Gesicht, doch der
Ausdruck desselben war so berwacht, so kummergeschlagen nichtssagend, da Hans
nicht glauben konnte, von seiner Gegenwart im Zimmer sei bereits Kenntnis
genommen worden.
    Er trat noch einen Schritt heran und sagte:
    Herr Geheimer Rat, ich bin's; - ich bin gekommen, Abschied von Ihnen zu
nehmen und Ihnen - Ihnen - zu - zu -
    Er wute eigentlich nicht, was er sagen sollte, und es war ihm nicht
unangenehm, als ihm das Weiterreden erspart wurde. Der Geheime Rat erwachte aus
seiner Erstarrung und erhob sich aus seinem Sessel, wie ein von unten auf
Gerderter, der eine Stunde auf dem Rade gelegen hat, sich erheben wrde. Mit
einer Gebrde der Hlflosigkeit, die Hans niemals verga, sank er auch sogleich
wieder zurck und seufzte:
    Ja, Sie gehen fort, ich wei es. Sie haben auch recht. Was wollen Sie in
diesem Hause? Es lt sich nicht gut darin atmen. O Herr Unwirrsch!
    Er legte die Hand auf die Augen; Hans stand jetzt dicht neben ihm und sah,
da er einen Brief geschrieben und denselben vor sich liegen hatte. Das Licht,
an welchem er ihn zusiegelte, brannte noch. Wieder schien er in das vorige
Brten zu versinken, und es folgten einige peinliche Augenblicke, in denen dem
Exhauslehrer nichts einfiel, was er htte sagen oder tun knnen. Diese
Augenblicke waren jedoch nicht von langer Dauer; der Vater Kleopheas fate
pltzlich, ganz berraschend, die Hand des Kandidaten und sagte mit einer
Innigkeit, welche ihm der Chef seines Kollegiums gewi nicht zugetraut htte und
welche von seiner Gemahlin ebenso gewi nicht gewrdigt worden wre:
    Unwirrsch, Herr Unwirrsch, es tut mir sehr leid, da Sie gehen - gehen
mssen. Ich - wir haben Ihnen dieses Haus nicht zu einer behaglichen Sttte
gemacht. Wir haben ja selber kein behagliches Dasein darin gefhrt. Ich danke
Ihnen fr die treuen Dienste, die Sie meinem Sohne haben leisten wollen: ich
danke Ihnen dafr, da Sie nicht frher fortgegangen sind; ich danke Ihnen fr
die Art, in der Sie gestern unser Haus vertreten haben - meine Nichte Franziska
hat mir alles referiert, und ich danke Ihnen von Herzen dafr. Meine Nichte
Franziska wird es ebenfalls sehr bedauern, da Sie uns verlassen, und mein
Bruder Rudolf auch Herr Unwirrsch, Sie knnen keinen Begriff davon haben, wie
schwer das rasche, inkorrekte Vorgehen meiner Tochter auf meiner Seele wiegt.
Aber sie ist von frhester Jugend an eigenwilligen Sinnes gewesen, und unsere
Zucht hat zur bitteren Frucht gebracht, was im Temperament ausgeset lag; ich
habe nicht das Recht, meinem armen Kinde zornige Vorwrfe auf den Weg
nachzusenden, wir mssen nun die Noxa tragen, wie wir knnen. Sie ist nach Paris
gegangen, Herr Unwirrsch; sie notifizierte es uns gestern; ich habe in
vergangener Nacht und heute am Morgen wieder an sie geschrieben, um ihr meinen
Segen zu ihrer Heirat zu geben. Ich konnte nicht anders handeln, Gott schtze
sie! Wenn der Mann, der sie uns entfhrt hat, seine mir, beilufig gesagt,
vllig rtselhaften Intentionen klarer dargelegt haben wird, wird sich das
Weitere finden, aber wie ich die Sache ansehe, wird er sodann mit meiner Frau
verhandeln mssen, da unser Vermgen von ihr stammt. Mein Einflu ist in dieser
Beziehung ziemlich irrelevant, und ich vermag ipso facto nicht das geringste zu
tun. Ach, Herr Unwirrsch, ich bin ein kranker, schwacher Mann und habe meine
Welt aus den Bcherreihen dieser vier Wnde machen mssen. Wozu soll ich Ihnen
das zu verbergen suchen, was Sie wahrscheinlicherweise schon lngst erkannt
haben? Sie werden da drauen nicht ber den schwchlichen Narren spotten,
sondern Sie werden den Mann bedauern, der so vielen Kummer in seinem Leben hat
niederschlucken mssen. Leben Sie wohl, lieber Unwirrsch, meine besten Wnsche
begleiten Sie. Und wenn Sie eine glcklichere Sttte und weisere, strkere Leute
gefunden haben, so gedenken Sie - nein, so vergessen Sie, was Sie hier erfahren
haben, vergessen Sie vor allem mich einsamen, verlassenen Mann.
    O nicht einsam - nicht verlassen! rief eine weiche, innige Stimme, und an
der Seite des tiefbewegten Kandidaten vorber glitt Franziska Gtz zu dem
gebeugten Oheim und umfate ihn weinend mit beiden Armen.
    Nicht einsam und verlassen, mein lieber, lieber Onkel. Sage das nicht, es
soll nicht so sein. Denke daran, wieviel Treue und Liebe ich dir schuldig bin:
denke daran, wie ntig wir einander haben; wir wollen fest, so recht fest
zusammenhalten, also sprich nicht von Einsamkeit und Verlassenheit.
    Der Oheim legte ebenfalls den Arm um das Frnzchen.
    Bist du es, armes Kind? sagte er. Ja, du bist gut und geduldig; aber dein
Anblick mu mir ja der bitterste Vorwurf sein; - wie unbehaglich und traurig
haben wir auch dein junges Leben gemacht! Und du bist ganz hlflos und kannst
diesen Ort mit keinem andern vertauschen.
    Ich will es auch nicht! Ich mchte es auch nicht, um keinen Preis in der
Welt! rief Frnzchen. Bei dir ist jetzt meine Stelle, Onkel, und wenn du mich
nicht von dir stest und mich bsherzig in das Gouvernantentum hinausjagst, so
- so wirst du mich wohl bei dir behalten mssen.
    Sie lchelte bei den letzten Worten durch ihre Trnen, und der Oheim kte
die kleine Hand, die er zwischen seinen drren, kalten Schreiberfingern hielt.
Es war wunderlich anzusehen.
    Man sprach nun noch davon, da der Brief an Kleophea sogleich abgehen solle,
sobald sie ihre Adresse angegeben haben wrde, und dann sprach man von den
Plnen des Kandidaten Unwirrsch. Der Geheime Rat zahlte dem Kandidaten das
unermeliche Salarium fr das letzte Semester aus, und es war Hans sehr
angenehm, da dies in Gegenwart Frnzchens geschah; denn sie konnte daraus
ersehen, da der ausgewiesene Hauslehrer trotz seiner Ausweisung frs erste noch
nicht den klglichen Tod des Verhungerns in Aussicht habe. Hans Unwirrsch
erklrte, da es nicht seine Absicht sei, sich sogleich nach einer neuen
Stellung als Przeptor umzusehen, sondern da er den Winter ber als ein freier
Mann in dieser Stadt leben und - ein Buch schreiben wolle.
    Mit Errten sagte er das letztere, und er sagte es eigentlich auch nur fr
das Frnzchen, das denn auch lieblich berrascht auf- und den Kandidaten ansah.
    Ich habe so vieles erlebt, fuhr Hans fort, aber es sieht bunt in mir aus,
und es wird die hchste Zeit, da ich mich zusammennehme und mich besinne. So
will ich denn bis zum Frhling eine Stube mieten und still sitzen und zusehen
was daraus werden mag. Was ich schreiben mchte, wte ich wohl schon, aber wie
es herauskommt, das wei nur der Himmel.
    Frnzchen nickte lchelnd und, drckte die Hand auf das Herz, um sie dann
mit feuchten Augen dem alten, einfltigen Hans zu reichen. Auch der Geheime Rat
Gtz reichte ihm die Hand, indem er sich zum zweitenmal aus seinem Sessel erhob,
und wnschte ihm zu seinem Vorhaben in praesenti casu und in allen spteren
Angelegenheiten das beste Glck. Das Haus verlie Hans Unwirrsch recht gern;
aber diese beiden Menschen verlie er mit gar schwerem Herzen. Die Herrin des
Hauses bekam er nicht mehr zu Gesicht und seinen Zgling ebenfalls nicht. Das
Dienstpersonal htte ihn gern durch seine auf dem Hausflur aufgestellten Reihen
Spieruten laufen lassen; leider lie er sich aber angrinsen, ohne die
gewnschte rgerliche Notiz davon zu nehmen.
    Er schritt ber den knirschenden Kiesweg an dem Rasenrundstck und dem
wasserleeren Springbrunnen vorber, den er so oft von seinem Fenster aus mit der
glnzenden Messingkugel hatte spielen sehen. Er dachte daran, wie oft er den
Wasserstrahl mit der Lebenslust und Kraft der Jugend und die blanke Kugel mit
der schillernden Hoffnung der Jugend verglichen habe, und dann - dann spannte er
jenseits des zierlichen eisernen Gartentors seinen Regenschirm auf und sah unter
demselben hervor auf das Haus zurck. Er gedachte jenes Morgens, an welchem der
Bettelleutnant Rudolf Gtz ihn in diese Tr geschoben hatte, und er gedachte
daran, wie er den Mann so oft dafr verwnscht hatte. Jetzt verwnschte er ihn
nicht mehr; - mit heier Dankbarkeit gedachte er des Leutnants Rudolf. Er
pflckte noch einen kleinen Efeuzweig, der sich durch das eiserne Gitter wand;
dann ging er weiter, sein eigener Herr zwar, aber nicht mehr der Herr seines
Herzens. Er ging, suchte und fand die Wohnung in der Grinsegasse, legte den
Efeuzweig auf den Tisch, an welchem er sein Buch schreiben wollte, zum guten,
glcklichen und gesegneten Zeichen. Was daraus werden wrde, konnte in der Tat
nur der Himmel wissen, das war aber auch genug.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Es war ein eigentmliches Gefhl, nach so langen Jahren der pharaonischen
Dienstbarkeit endlich einmal wieder sein eigener Herr zu sein und einen Raum,
vierzehn Schuh lang und zehn breit, sein unbestrittenes Reich und Eigentum
nennen zu drfen. Was liegt alles in den wenigen Worten: Sein eigener Herr sei!
Wie viele Millionen und aber Millionen mehr oder weniger geplagter, mehr oder
weniger denkender Wesen sprechen diese Worte mit tiefen Seufzern aus! Wie viele
Millionen Menschen aus allen Stnden und Lebenslagen gelangen nie dazu, auch nur
fr die krzeste Zeit ihre eigenen Herren zu werden; wie viele sinken alt und
grau, mde und gebrochen ins Grab und werden mit ihren Ketten begraben, wie
Christoph Kolumbus mit den seinigen. Wie viele gehen aber auch ins Grab, die
sich ihr Leben lang fr frei gehalten haben und die doch mit Banden beladen
waren, tausendmal strker und schwerer als alle die, welche sie vielleicht ihren
Untergebenen und Abhngigen mit Bewutsein auflegten. Es ist ein trauriges
Thema, und manches liee sich darber sagen; aber wir wollen lieber den Mund
halten, da wir uns die letzte Zeit hindurch doch schon genug und bergenug mit
traurigen Dingen beschftigen muten. Es ist ein zu gutes Ding, diese Dachstube
mit der trefflichen Aussicht auf die Fenster so mancher andern Dachstube, mit
den drei wackligen Sthlen, dem spartanischen Bett, mit dem rotbraunen Tisch von
Tannenholz und mit dem freien Mann Hans Unwirrsch vor diesem Tische!
    Nachdem Hans von seinem Gemache Besitz ergriffen und die sehr taube
Vermieterin sich mit den besten Wnschen fr Glck und Wohlergehen im neuen
Loschi entfernt hatte, nachdem der Koffer angelangt war und seine Stelle im
Winkel erhalten hatte, sah Hans noch einmal aus dem Fenster in das Regenwetter,
verriegelte sodann vorsichtig die Tr, zhlte auf den Tisch die fabelhafte,
unermeliche, unendliche Summe von hundertfnfundzwanzig Talern und stand vor
diesem unerschpflichen Schatz eine lange Zeit in andchtigster Betrachtung.
Jedes Silberstck verwandelte sich zu einem mchtigen Baustein des
Luftschlosses, das er auffhrte, und mit den Papierscheinen lie sich prachtvoll
das Dach ebendieses Luftschlosses decken. Es war nach den Zeiten der
Gebundenheit eine Wonne, sich um das Verwaltungsfach der leiblichen Nahrung
selber kmmern zu mssen; es war ein unbeschreibliches Vergngen, im strmenden
Regen auszugehen und eine Flasche Dinte, ein halbes Ries Schreibpapier und die
ntigen, auerseelischen Federn fr das literarische Bedrfnis einzuziehen. In
grter Aufregung verging darber der Tag, und mit der Dmmerung kam die Zeit
des ruhigeren Nachdenkens.
    Seine Tr hatte Hans Unwirrsch von neuem verriegelt; in seinem neuen
Aufenthaltsorte hatte er sich jetzt so ziemlich orientiert; sein uerliches
Leben hatte er so ziemlich geregelt; jetzt, wo es sehr still um ihn her geworden
war, wo die Lichter der gegenberliegenden Dachstuben in sein Zimmer schienen
und er durch ihren Schein in der hereinbrechenden Nacht auf und ab ging - jetzt
mute er sich mit der Unordnung und Verwirrung, die in der Welt seines Inneren
herrschten, beschftigen, und als es acht Uhr schlug, da hatte er lngst
erkannt, da er sich nicht sogleich niedersetzen knne, um das Manuskript des
Buches vom Hunger zu beginnen.
    In dem Augenblick, wo er krperlich zur Ruhe kam, hub der Tumult in seiner
Seele an, und die aufgeregten Gespenster spotteten aller
Beschwichtigungsversuche.
    Whrend dreier Tage hielt sich der Kandidat Unwirrsch auf seiner Stube
eingeschlossen, verkehrte nur durch eine mglichst enge Trritze mit seiner
Wirtin und erregte in der Brust der guten Frau die merkwrdigsten Besorgnisse
ber den Geisteszustand ihres neuen Herrn und sein Verhltnis zu den staatlichen
Gewalten. Die gute Frau konnte freilich nicht ahnen, da der Kandidat Unwirrsch
whrend dieser drei wunderlichen Tage den Gewinn und Verlust des letzten Jahres
seines Lebens berschlug und das Fazit zog, da er mit Gewinn aus diesem
Zeitraum hervorgeschritten sei.
    Die Jugend mit ihren bunten Trumen lag jetzt freilich hinter ihm; es war
manche Blte in seiner Seele geknickt worden, es war manch heller Schein der
Welt verblat, und manches Ding, nach dem Hans Unwirrsch groen Hunger empfunden
hatte, widerte ihn nunmehr sehr an; aber wenn auch die weien und roten
Bltenbltter verweht waren, so reifte langsam manche gute Frucht. Nicht alles
in der armen, irrenden Welt war falsches Schimmern und Flimmern; das grte,
tiefste Sehnen war immer noch nicht gestillt, und das war das allerbeste. Am
dritten Tage seines Sinnens hatte dieses Sehnen den nackten, kahlen Raum des
Zimmers vollstndig verndert: Hans Unwirrsch bewirtete in seiner Dachstube das
Ideal! Die taube Frau Wirtin hatte somit recht, wenn sie glaubte, da ihr
Mietsmann ein wenig bergeschnappt sei.
    Es berkam den Hungerpastor eine vollkommen romantische Stimmung, jene ganz
polizeiwidrige Stimmung, in der man bittere, bittere Trnen vergiet, wenn man
in ihr das erhabene, feierliche, lustige Buch aufschlgt, die Abenteuer des
sinnreichen Ritters Don Quijote von La Mancha, welche Miguel Cervantes de
Saavedra, gebt in Trbsalen, im Gefngnis begonnen und in Armut und Elend,
behaftet mit der Wassersucht, vollendet hat.
    Es war eine liebenswrdige Prinzessin, die war in ein uneinnehmbares
verzaubertes Schlo mit himmelhohen Mauern, dessen Eingang harte Wchter und
bse Dmonen bewachten, gebannt. Und es war ein junger Ritter, der hatte die
Prinzessin durch ein Wunder und eine Spalte in der Mauer gesehen und hatte auch
ihre se Stimme vernommen. Da war er auch verzaubert worden. Er wurde freilich
nicht festgebannt, er durfte umhergehen und -laufen, wie es ihm beliebte, und
wenn er htte nach Amerika auswandern wollen, so htte ihm das freigestanden;
aber er ging nur um den Turm, in dem das Frulein im dunkeln Winkel sa und -
Geduld hatte. Whrend nun dieser Ritter um den Turm ging, dachte er nach ber
allen Zauber und alle Verzauberungen sowie ber die dahin einschlgigen Bcher -
eine sehr ntzliche Beschftigung, welche wohl Klarheit in die Verhltnisse der
menschlichen Natur bringen kann. Whrend dieser Ritter mit seiner Sehnsucht im
Herzen seinen eigenen Weg ging, mute er auf die Fustapfen vieler anderer
achten, und er sah, wie der eine einhergeht auf dem weiten Felde des Ehrgeizes,
der andere auf dem Schleichwege der knechtischen, niedertrchtigen Schmeichelei,
wieder ein anderer den Weg der heuchlerischen Betrger. Er sah, wie der
Menschen Pfade weit hinausliefen in die Welt, und er wurde besser, treuer und
mannhafter, indem er seinen Kreis um das Zauberschlo mit der sanften,
lieblichen Prinzessin beschritt. Es war kein enger Kreis - es hatte alles Raum
darin, was im Menschen und um ihn Echtes, Wahres und Schnes aufwchst. Allein
schon die berzeugung, da das Frulein im Turm erlst werden msse, dehnte den
Ring bis in die Ewigkeit aus und bewahrte vor Engherzigkeit und jeglicher
Verkmmerung. Da das zu schaffende Manuskript des Hungerbuches ebenfalls mit in
den Kreis gehre, schien keinem Zweifel zu unterliegen; wie es aber damit wurde,
sollte der Paladin baldigst erfahren.
    Am Abend des dritten Tages nach Hans Unwirrschs Einzug in die Grinsegasse
besserte sich das Wetter, und man konnte ohne Regenschirm ausgehen. Der Kandidat
trat hervor, um frische Luft zu schpfen, und natrlicherweise fhrte ihn sein
Weg nach der Parkstrae, vorber an dem Hause des Geheimen Rates Gtz. Das Haus
sah heute in der Dmmerung nicht anders aus als sonst zu dieser Tages- und
Jahreszeit, aber dem unter den Bumen hinschleichenden Hans schien es so tot und
ausgestorben, da es nicht auszusagen war. Der Mut sank ihm sehr; - vor einer
Stunde noch hatte ihm in seiner Dachstube die hochfliegende Phantasie vorgemalt,
wie der treue Ritter den bsen Mchten das Spiel abgewann und das verzauberte,
rosige Frulein hervorfhrte aus dem dunkeln Kerker in den Sonnenschein unter
die Rosenhecken, die singenden Bume, zu den murmelnden Quellen und Brunnen. Nun
waren die Gartentr und die Haustr in der Parkstrae fest verschlossen, und
wenn man den Glockenstrang zog, erschien Jean, der Pfrtner, welches nicht
angenehm war. Und die Rosenhecken standen leer, von den singenden Bumen war gar
nicht die Rede, der Springbrunnen war mit Stroh umwickelt, und das Abonnement
fr den lustigen Strahl war fr dieses Jahr abgelaufen.
    An den Fenstern des Hauses war niemand zu erblicken, Kleopheas Flgel war
verstummt: es war ein recht trauriges Gefhl, in der Dmmerung zu stehen und
nichts zu hren als pltzlich den sprechenden Vogel, nmlich den Papagei, der
mit abscheulich kreischender Stimme seine Gegenwart kundgab und sich sehr wohl
zu befinden schien.
    Hans wich in einen Nebenweg des Parkes zurck; als er aber in die Nhe jener
Bank kam, auf der er Henriette Trublet gefunden hatte, kehrte er schnell um und
eilte frstelnd heim mit der festen berzeugung, da es auch an diesem Abend
vergeblich sein wrde, das Manuskript zu beginnen. Mit Seufzen zndete er seine
Lampe an und legte nach einer guten Stunde den ersten Bogen des Buches weg,
nachdem er nichts als drei groe Kreuze auf das unschuldige Papier gemalt hatte.
    Er schrieb an die Base Schlotterbeck und den Oheim Grnebaum.
    Der erstern teilte er jetzt ziemlich ausfhrlich alles mit, was in den
letzten Tagen geschehen war, und es konnte nicht fehlen, da der Brief ziemlich
melancholisch ausfiel. An den biedern Oheim richtete er ein munteres Schreiben,
ber dessen Ton er sich nachher selber verwunderte. Am folgenden Tage nahm er
den Bogen mit den drei Kreuzen von neuem vor und schrieb eine Seite, die ihm am
Morgen sehr gefiel, welche er jedoch am Abend wieder zerri. Am zwanzigsten
Oktober zerri er den ersten Bogen des Manuskriptes und fand sich in einer
Stimmung, welche nicht zu den schnsten Hoffnungen fr die Zukunft
berechtigte. Er zhlte auch seinen Geldvorrat nach, und allmhlich dmmerte die
berzeugung in ihm, da ein Hauptflgel seines Luftschlosses dem Einsturz nahe
sei und da dem Fundament des Gebudes gar nicht recht zu trauen sei.
    Er hatte es sich so schn ausgemalt, ber den Hunger in der Flle und
zugleich ber den Frhling im Winter zu schreiben und als ein freier Mann
Gold-und Silberfden aus dem schwarzen Dintenfa zu ziehen. Nun fror ihn, und er
hatte gegrndete Ursache, die Ehrlichkeit seiner Wirtin seinem Holzvorrat
gegenber in Zweifel zu ziehen. Die Schneeflocken konnten aus dem grauen Gewlk
ber Nacht herabtanzen und - wirbeln und somit ihr Teil zur Verwirklichung der
behaglichen Phantasie beitragen; aber die tanzenden, wirbelnden Gedanken wollten
sich nicht bndigen und auf dem Konzeptpapier fesseln lassen. Hungrig ging Hans
auf die Jagd nach ihnen, whrend die Spatzen immer weniger whlerisch wurden,
was ihre Nahrung anbetraf. Es mute die Zeit kommen, wo der Hungerpastor
einsah, da es nichts half, die Gedanken zu jagen, wenn man von ihnen gejagt
wurde. Die Zeit, wo er auf den Bergen und in den Wldern der Universittsstadt
den Vgeln, Bumen, Blumen und Wolken im berstrmenden Gefhl so leicht die
schnsten Reden gehalten hatte, war auch vorbei. Der Mann, der von der Welt
soviel mehr erfahren hatte, als einst der Schler davon wute, konnte in solcher
Weise nicht mehr reden und schreiben. Die mit Fleisch und Blut begabten
Gestalten, die wirklichen, lebendigen Verhltnisse, kurz, die Dinge, wie sie
waren, hatten eine vllige Umwlzung im Gemt hervorgebracht. Eine so vllig
subjektive Natur wie Hans Unwirrsch wurde damit auf dem Papier nicht so leicht
fertig, wie es vor dem Versuche erschien, und am einundzwanzigsten Oktober
brachte ihm der Postbote einen Brief, welcher den in Sorgen, Wehmut und berdru
verlorenen Schriftsteller vollstndig verwirrte und die Vollendung des
Manuskriptes ganz und gar in Frage stellte.
    Es war ein nebeliger Nachmittag, am Himmel ber den Dchern konnte man nicht
eine scharf gezeichnete Wolkenbildung ausfindig machen und in ihrem langsamern
oder schnellern Zuge verfolgen. Mit bnglichen Gefhlen hatte Hans wieder in
seinen Geldbeutel geblickt, kein Gott half ihm fort ber die jammervolle
Gewiheit, da er nicht ein Millionr sei, wie er vor vierzehn Tagen geglaubt
hatte.
    Wenn man sich nur jedesmal das richtige, passende Wetter fr jede krankhafte
Stimmung verschreiben knnte, so wrde man viel leichter darber wegkommen. Es
war sehr unangenehm, da Hans sich fr diesen Nachmittag keinen klaren, blauen
Himmel oder ein lustiges Schneegestber bestellen konnte: der Nebel scheuchte
ihn immer tiefer in die Melancholey.
    Er sa also am Fenster, sttzte den Kopf mit der Hand, starrte auf die
Wsche, die vor den Fenstern gegenber trocknen sollte, und grbelte nach ber
des Erdballs rgernisse. In Wahrheit, es ging schlecht mit Hans, und der
Gedanke, da er fr die Freiheit vollstndig untauglich sei, erwies sich als
sehr peinigend. Was hatte der Kandidat in der gewnschten Freiheit begonnen?
Drei Tage lang hatte er Luftschlsser gebaut, dann hatte er an jedem Morgen bis
tief in den Tag hinein geschlafen; sehr billigen Tabak hatte er zu sehr
scheulichem Kaffee geraucht, und nun hatte er den ersten Bogen seines Buches
zerrissen. Am einundzwanzigsten Oktober hielt Hans Unwirrsch die Idee, durch
seine Hungerpredigten ein berhmter Mann und der Befreier des Frnzchens zu
werden, fr unpraktisch, tricht und albern, ohne da ihm ein Verleger seinen
Standpunkt klargemacht hatte. Der harte Knchel des Brieftrgers, welcher an
seine Tr pochte, ri ihn aus Betrachtungen empor, die nicht heitere genannt
werden konnten.
    Aber mit dem Brieftrger pochte wieder das Schicksal an seine Tr. Zum
zweitenmal rief der Oheim Niklas Grnebaum als heiserer Unglcksrabe seinen
Neffen zu einem Sterbebett, und folgendermaen schrieb er:
Hochverliebtester Herr Nef! Hochzuverachtender Herr Kandidatus! Mein lieber
Junge!
Wenn ich nicht wte, da Du als Pastor in guter Hoffnung und gottesfrchtiger
Mensche nicht belnehmerischer Natur wrest und es nicht Deinen Oheim entgelten
lieest, so tte ich Dir dieses nicht schreiben. Wir haben Deine Briefe erhalten
und uns sehr darber gefreut und uns noch sehrer darber verwundert, und ich
kann's nicht klein kriegen, da Du so von so 'n nobles Haus, gutes Futter und
Verpflegung abgegangen bist, aberst da die Base sagt, es sei recht, so ist's mir
auch recht, und Du mut's am besten wissen, ber welchen Leisten Du passest, und
ich bin auch wie vor 'm Kopf geschlagen von wegen die Base, weilen ich
vorgestern gedacht habe, sie geht mir unter den Hnden kaput, und wenn sie jetzt
auch noch pustet, so ist's doch mit ihrem neunten Leben alleweile bald zu Ende,
und ein anderes gibt's nicht fr keine Katze und ist auch nicht zu pretentieren
allhier auf dieser Erde. Liebster Hans. Du weit's, was es fr eine Perschon war
und wie sie einem die Leviten lesen konnte und wie sie bockbeinicht gegen einen
ansprang, wenn einer nicht wollte wie sie. Sie konnte eine grausame Kreatur und
Tyrann sein, als was den Hausschlssel anbetrifft und den Spirituohsa und was
sonsten des Menschen Herz erfreuet. Ich will ihr auch keine Eloschen halten,
denn es stt mir fast das Herz ab, aber ein honettes Frauenzimmer war sie und
ein mchtig gescheites, hat mir auch redlich in aller Not und Verlegenheit
beigestanden, und ich knnte nicht betrbter um ihr sein, wenn sie eine Fenus
wre, welches sie nicht ist und kein Mensche behaupten kann. Lieber Hans, Nev
und Patenkind, hab ich Dir zu Deiner Mutter gerufen, so mu ich Dir auch anjetzo
herbitten, von wegen da der Tod auf keinen wartet, und die Alte, wie ich aus
Experientz wei, gar nicht. Der Doktor sagt, es ist Altersschwche, und es mag
wohl auch so sein, aber was es auch sein mag, lange hlt der Schuh nicht mehr,
und was ein befahrener Meister ist, wei, da bei jedem Stiebel der Momang
kommt, wo das Flicken nichts mehr hilft und die ganze lbliche Gilde dem
Ausreien nicht steuern kann, wenn's auch der verehrenswrdige Publikus und hohe
Adel noch lange nicht glauben und an ein neues Paar will.
    Liebster Hans, ich fange eine neue Reihe an, weilen mir mein Gefhl
berwltigt, welches nicht zu verwundern ist, denn es ist ein Jammer, wenn man
sieht, wie der Deibel die Graden und die Ungraden holt, und die Wackersten
zuallererst. Sie hat es gut mit mir gemeint, wenn sie mir unter dem Daumen
gehalten, und ich wei nicht, was ich anfangen soll, wenn sie mir nicht mehr mit
Pauken und Bosaunen meinen Lebenswandel vorenthlt und mir in Deh- und Wehmut
hineinschndieret, - schimphieret und - tribulieret. Ich gebe keinen Pfennig fr
ihr Leben, aber fr hunderttausend dreidoppelte Lujedors wr's mir nicht feil.
Lieber Hans, da Du keine feste Stellung und Kondition und Prinzipalitt nicht
mehr hast und kein Mensche sich um Dich zu bekmmern braucht und Du Dir auch um
keinen Menschen und wenn's Dich nicht ans Beste als an Moses und die Propheten
ermangelt, so komme zu uns und trste die arme alte Seele, ehe sie zu ihre
Geister geht, die ihr und uns allewege soviel kujoniert haben hier in Neustadt.
Sie verlangt fast so sehr nach Dir als, weit Du, Deine Mutter damals, wo ich
Dir von Universtten abrief. Wir sein allesamt merkwrdig neugierig, Dich
nochmals mit leiblichen Augen zu sehen, und mit der Base Schlotterbeck
pressiert's, und ich brauche nicht mehr zu sagen.
    Seit acht Tagen bin ich nicht mehr vors Haus gekommen, sondern habe die Alte
abgewartet. Es gibt auch sonsten noch gute Seelen, die sie nicht verlassen
wollten; aberst der Oheim Niklas Grnebaum nimmt's mit allen in die
Anhnglichkeit und angenehmliche Dankbarkeit und Weiwassichschicktlichkeit auf,
vorzglich mit das Weibervolk, und da wiederum vorzglich mit denen Alten, so
der Base schon lngst mit Teen und Giftgebrude die Eingeweide aus dem Leibe
drangsaliert htten, wenn ich nicht wre, was man kennen mu, um es zu glauben
und nicht doll zu werden!
    Also, wertester Nev und Neffe, tu's der guten Seele und Deinem geplagten
und schickanierten, unglckseligen Oheim und Vormund zu Gefallen und verse sie
ihre letzten Stunden durch Deine geistliche Gegenwart und Trstungen. Was
mndlich noch zu sagen wre, will ich anjetzo noch fr mich behalten, da ich mir
doch schon ber diesen Brief verwundere, weil er so lang ist und woran Du meine
Betrbnis abmerken kannst und weilen ich Tag fr Tag bei der Base sitze und
nicht herauskomme aus dem Loch.
    Verbleibe in guter Gesundheit und mache Dir keine Sorgen wegen meiner.
    Es grt Dir in groer Beklemmung Dein Oheim
                                                                Niklas Grnebaum
                                                              Schuhmachermeister

Postskriptus: Bringe mich ein Pfund Luisianaknaster mit. Allhier ist keinem
Menschen und Kaufmann mehr zu trauen, und dem Bier gar nicht. Die Menschheit
verschmiert alle guten Dinge. Ich glaube fest, sie erfinden alleweile zuviel,
und wenn das so fortgeht, so wird's nach hundert Jahren einen schnen Brei
geben. Der einzigste Trost ist, da wir's nicht erleben.
    In groer Jammerhaftigkeit Dein Oheim
                                                                      Niklas G.

Es dauerte seine Zeit, ehe sich Hans die ganze Bedeutung dieses Schreibens
klargemacht hatte. Es dauerte seine Zeit, ehe er aus der Erstarrung, der er
verfallen war, erwachte. Er mute diesem Briefe so gut folgen wie einst jenem,
welcher ihn zum Sterbebett seiner Mutter rief. Um ein gutes Stck Liebe wurde
sein Leben wiederum rmer, und wieder wurde eine Stelle dunkel, wo bis jetzt
Licht gewesen war. Da er so bald als mglich reisen mute, begriff er; aber die
berzeugung, da er jetzt aus dieser Dachstube in dieser Stadt nicht auf
dieselbe Weise fortgehen knne wie einst aus seiner Studentenstube, kam ihm
auch. Er lie jetzt mehr hinter sich zurck als damals auf der Universitt.
Seine Seele war gefesselt an das Haus in der Parkstrae, und grade weil er durch
so unbersteigliche Schranken von demselben ferngehalten wurde, erschien ihm der
Gedanke, noch weiter fortzugehen, um so schrecklicher. Auf welche Weise sollte
er das Frnzchen von diesem Schlage des Schicksals benachrichtigen? Verlassen
durfte er die Stadt nicht, ohne da sie Kunde davon erhielt, aber wie - wie
sollte das geschehen?
    Er zerrieb sich die Stirn, und mit erneutem Kummer machte er sich die
bittersten Vorwrfe, das Vertrauen, welches der Leutnant Rudolf in ihn gesetzt
hatte, so wenig gerechtfertigt zu haben. Wir mssen leider gestehen, da es
einen Augenblick gab, whrend welchem Hans Unwirrsch fest entschlossen war, dem
klglichen Ruf des Oheims Grnebaum nicht zu folgen, die Base Schlotterbeck
nicht auf ihrem Sterbebett zu trsten, sondern zu bleiben, wo er war, und
fernerhin um das verzauberte Schlo und das ebenso verzauberte Manuskript im
Kreis herumzulaufen. Aber dieser Augenblick ging gottlob blitzschnell vorber,
die bsen Geister entflohen, und Hans wute, was er zu tun habe. Er lie nicht
in den Kirchen fr einen Verreisenden bitten, wie der verliebte junge Bremenser
in des alten Musus prchtiger Geschichte von der Stummen Liebe. Er schrieb
einfach, und nur vom Standpunkt der Frau Geheimen Rtin aus unmotiviert, an den
Geheimen Rat Gtz, wie man an einen Mann schreibt, von dem man glaubt, da er
noch Interesse an einem frheren Lebensgenossen haben knne. Diesen Brief lie
er noch an demselben Abend in den nchsten Briefkasten gleiten und rstete sich
sodann zur Reise. Er wute, da jetzt Frnzchen ber sein Verbleiben Kenntnis
erhalten wrde, und seine Seele durfte sich nun ganz der alten Heimat zuwenden.
Die leuchtende Kugel, die in seiner Eltern Stube gehangen hatte, hatte ihr
ganzes Licht zurckgewonnen, und in alle Tiefen seines Herzens fiel ihr milder
Schein. Die taube Wirtin wurde von der bevorstehenden Reise in Kenntnis gesetzt,
und um fnf Uhr am andern Morgen befand sich Hans Unwirrsch auf dem Wege nach
Neustadt, das heit, er stand gerstet, aber frstelnd in der Dunkelheit vor dem
eisernen Gartengitter in der Parkstrae und nahm stummen Urlaub von dem Hause
des Geheimen Rates Gtz. Der Bahnzug, den er benutzen mute, ging erst um halb
sechs ab. Frnzchen Gtz schlief noch und trumte. Sie hrte ein Rauschen in
ihrem Traum gleich dem des Meeres, und jemand, den sie nicht kannte in ihrem
Traum, sagte, es sei auch das Meer.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Auf dem Bahnhofe lutete bereits die Glocke zum Einsteigen, als der Kandidat
Unwirrsch atemlos im vollen Lauf anlangte, ein Billett lste und sich in einen
Waggon und auf den Scho einer dicken, gegen die Klte wohlverwahrten Dame, die
sich spterhin als Menageriebesitzerin auswies, strzte. Mit mehr als sittlicher
Entrstung wurde er abgeschttelt und zurckgestoen und flog gegenber auf
einen Herrn von mrrischem Aussehen, der die Frage an ihn stellte, ob er etwa
als Gummielastikum in Hinterindien aus einem Baum geflossen sei und ob er einen
polizeilichen Erlaubnisschein fr solches Gehopse aufweisen knne. Nachdem
noch die trbe Laterne an der Decke des Wagens in bedrohliche Berhrung mit
seiner Stirn gekommen war, fand er endlich einen unbehaglichen Platz zwischen
zwei robusten Fruleins, die einen merkwrdig durchdringenden Wilden-Tier-Geruch
an sich hatten und deren eine auf dem Scho einen wohlverhllten Kasten mit
einem vor Frost schnatternden Titi oder Eichhornffchen hielt. Anderes
wunderliches Volk in Schnrenrcken, Troddelmtzen und mit eigentmlich
verwelschtem Jargon fllte die andern Abteilungen des Wagens und setzte die
wenigen gowhnlicheren Leute, die dazwischen eingeschachtelt waren, durch
vagabundenhaft geniales Gebaren und Rsonieren in Verwunderung.
    In eine bessere Gesellschaft htte der Kandidat Unwirrsch in seiner jetzigen
Stimmung vom Schicksal nicht geworfen werden knnen. Es war unertrglich, und um
so unertrglicher, als es sich baldigst zeigte, da die Gesellschaft der
Tierbndiger bis zum Abend nicht loszuwerden war. Sie fuhr desselbigen Weges wie
Hans, um irgendwo einen groen Jahrmarkt oder eine Messe durch ihre Gegenwart zu
vervollstndigen; es galt, sich in Geduld zu fassen.
    Rings um Hans her schwatzte und schnarrte das durcheinander: Flaschen mit
erwrmenden Getrnken gingen von Hand zu Hand, und Geschichten wurden erzhlt,
welche oft ebensogut ihre Verdienste hatten wie die der Neuntter im Grnen
Baum. Die dicke, bepelzte Dame, die Herrin der wandernden Bestien, empfing auf
jedem Halteplatz von den die Tierksten auf den Packwagen des Zuges bewachenden
Leuten Bericht ber ihre interessanten Ungeheuer und schimpfte mit gleicher
Zungenfertigkeit auf deutsch und franzsisch. Die junge Dame mit dem Titi
untersttzte die Mama darin aufs beste, und der mrrische Herr,
hchstwahrscheinlich eine Kreuzung zwischen Eisbr und braunem Br, geriet auf
jeder Station mit den Bahnbeamten in Streit und erging sich mit Seitenblicken
auf Hans in den schndesten Bemerkungen ber zudringliche Bagage, die nie
einsehen knne, da ein Kfig voll sei.
    Es war auch nicht sehr angenehm fr den Kandidaten Unwirrsch, zu erfahren,
da der Kasten mit den Klapperschlangen glcklich unter seinen Sitz geschmuggelt
sei. Er war bald so weit herunter, da er sich kaum noch gewehrt haben wrde,
wenn ihm die andere junge Dame das Stinktier zur sorgsamen Verpflegung in die
Arme gelegt htte. Da das Wetter nicht ganz so ungemtlich war wie die
Reisegesellschaft, kam unter diesen Umstnden kaum in Betracht. Mit den Hnden
auf den Knien sa Hans, ohne sich zu rhren, und der Zug klapperte durch den Tag
mit solcher Hast, als ob ihm selber daran gelegen sei, die Fahrt zu Ende zu
bringen und seiner jetzigen Last ledig zu werden. Der afrikanische Lwe brllte
in seinem Behlter, der asiatische Leopard heulte, und der deutsche Kandidat der
Gottesgelahrtheit dankte seinem Schpfer, als er endlich am Abend um sechs Uhr
die Station erreichte, von der aus man auf der Post weiter nach Neustadt fuhr.
    Aber die Post ging erst am folgenden Morgen ab, und Hans Unwirrsch war
gezwungen, einen unruhigen Schlaf in einem zu kurzen Wirtshausbett zu schlafen.
Er erwachte frh und wute kaum noch etwas von der gestrigen Fahrt und
Reisegesellschaft; das Gefhl der Nhe der Heimat hatte sich ganz und gar seines
Wesens bemchtigt, und der Gedanke, da er in einigen Stunden den heiligen
Boden, auf welchem er jung und glcklich gewesen war, in welchem seine Eltern
schliefen, nach so manchem unruhvollen Jahre wieder betreten solle, verscheuchte
alles andere. Am Fenster seines Zimmers stand Hans, sah auf den Marktplatz des
kleinen Stdtchens hinaus und erwartete den Tag mit melancholischem Frohlocken.
Gestern whrend der Fahrt hatte er wohl Zeit gehabt, der alten Freundin seiner
Jugend, der alten, guten Base Schlotterbeck, in Angst und Schmerz zu gedenken,
und darin wenigstens hatte ihn der Lrm umher nicht gestrt; - nun dachte er an
diesem Morgen zwar immer noch an die Base, aber in anderer Weise als gestern. Er
hatte keine Sorge und Angst mehr um sie; die Gestalt der treuen Hterin stand so
klar und ruhig vor seinem Geiste, da er fest berzeugt war, die Base sei gar
nicht so krank oder sei doch nicht mehr so krank, als wie der Oheim schrieb. Er
fhlte sein Herz ganz frei und leicht, und dem Briefe des biedern Oheims Niklas
traute er nicht recht mehr: die Base Schlotterbeck konnte nicht mehr so krank
sein, wie es der Oheim klglich ausmalte.
    Zu Fu htte der Kandidat auswandern mgen, der Heimat entgegen, aber er
bezwang sich in Anbetracht der aufgeweichten Wege und setzte sich auf die Post.
In jedem einsteigenden Mitpassagier glaubte er einen Bekannten aus alter Zeit zu
entdecken, und es berhrte ihn fast schmerzlich, da es zuletzt doch nur fremde
Gesichter waren, die ihn umgaben. Unter dem letzten Schlagbaum vor seiner
Vaterstadt bezwang er sich nicht mehr, sondern stieg aus und berlie seinen
Platz jedem beliebigen blinden Passagier, den der Schwager an seiner Stelle
aufnehmen wollte.
    Zu Fu schritt er weiter, und auf die aufgeweichte Landstrae schien die
Sonne so schn, wie man es zu dieser Jahreszeit von ihr verlangen konnte.
    Wie das Bekannte am Wege sich nun bei jedem Schritt vorwrts mehrte, wie die
Trme des guten Stdtchens auftauchten, wie der Kandidat Hans Unwirrsch
stillstand auf der letzten Hhe und seiner Erregung kaum Herr werden konnte,
kann wohl jeder sich vorstellen und nachempfinden.
    Da war die Mauer des Kirchhofs, an welcher der Weg vorberfhrte. ber die
Mauer heraus sahen die schwarzen Kreuze, die Knpfe der Trauerurnen und die
kahlen Zweige der Bume und Bsche. ber die Mauer hinein sah der heimkehrende
Hans. Eine frisch gegrabene Grube erblickte er ziemlich dicht vor sich, die
Grber seiner Eltern waren jedoch durch eine Erhhung des Bodens seinen Augen
entzogen. Die Tr des Gottesackers war verschlossen, und der Wanderer zog
frder, nachdem er das Haupt gegen den Ort geneigt hatte, wo sein Vater und
seine Mutter, die kleine Sophie, der Armenschullehrer Silberlffel und so viele,
viele andere schliefen. Er gedachte des Hungers seines Vaters und des Hungers
des Armenlehrers, und dann kam ihm der Gedanke, fr wen wohl dieses neue Grab
bestimmt sein mge. Es machte ihm Sorge, dieses neue Grab! Er htte grade jetzt
niemanden aus der Stadt Neustadt missen mgen. Es war so traurig, da jemand
begraben werden sollte, den er vielleicht gekannt hatte - begraben in dem
Augenblick seiner Heimkehr.
    Er schritt schneller weiter in diesen Gedanken, und der alte Torbogen, unter
dem einst der Oheim Grnebaum stand und ihm und dem Moses Freudenstein nachsah,
als sie zur Universitt zogen, warf seinen Schatten auf ihn. Er dachte an Moses
Freudenstein, solange der Schatten ber ihm lag, dann trat er in die sonnenhelle
Gasse, und die Glocke auf dem Valentinsturm schlug drei Uhr; der Klang duldete
es nicht, da er augenblicklich noch lnger an jenen Mann dachte, der sich jetzt
Theophile Stein nannte.
    Nun sah er mancherlei Leute, die er wohl kannte, aber niemand erkannte ihn.
Es hatte sich wenig in Neustadt verndert. Nur ein Haus am Markt war abgebrannt,
und an dessen Stelle war ein neues gebaut, sonst erschien alles, als ob es unter
einer Glasglocke aufbewahrt worden sei. Da die Menschen sich mehr verndert
hatten als die Gebude, erschien fast als ein Wunder.
    Jetzt zog es ihn so sehr nach seinem Hause in der Krppelstrae, da er
nicht aufblickte, aus Furcht, nun von jemand erkannt und festgehalten zu werden.
Schnell schritt er dicht an den Husern hin, bis er um die letzte Straenecke
bog, die das niedere Dach, unter welchem er geboren war, seinen Blicken entzog.
Nun ging er sehr langsam und verwunderte sich ber die Kinder, die sich vor
seiner Haustr versammelt hatten und auf den Flur starrten. Noch einige
Schritte, und er sah ber ihre Hupter weg auch in die Tr und sah vier Lichter
um einen Sarg brennen. Die Base Schlotterbeck war gestorben und lie ihn durch
den Oheim Grnebaum gren und lie ihm noch manches andere durch den Oheim
bestellen; der Sarg war schon am Morgen zugenagelt worden, und das Begrbnis war
auf vier Uhr nachmittags festgesetzt. Die Grube, die Hans Unwirrsch auf dem
Friedhof gesehen hatte, war eben fr die gute, alte Base Schlotterbeck bestimmt;
es war alles in der Ordnung zugegangen, aber Hans konnte doch nicht begreifen,
da es so sein msse.
    Da war der Oheim Grnebaum. Er erkannte den Neffen nicht, und es dauerte
geraume Zeit, ehe es ihm klar wurde, wer der Herr war, der solchen Anteil an ihm
und der Jungfer Schlotterbeck nahm. Es mochte viele Leute geben, die den Oheim
fr einen Schuster hielten, der sich um die meisten seiner fnf Sinne getrunken
hatte, aber sie taten ihm unrecht. Der Oheim hatte viel Durst in seinem Leben
gehabt und ihn oft gestillt, aber er hatte auch ein Herz im Leibe, und das
hatte ihm jetzo den Dampf angetan. Der Oheim Nikolaus Grnebaum war ein
hinflliger, halb kindischer Greis geworden; er sa im Winkel und winselte und
verlangte nach der Base.
    Es waren noch andere Leute zugegen: der Maurer mit seiner Familie, viele
Nachbarn und Nachbarinnen, die dem Leichenkuchen zugesprochen hatten und sich
jetzt halb verlegen, halb zudringlich um den Herrn Kandidaten drngten, um die
Verstorbene zu rhmen und ihre Meinung dahin auszusprechen, da es gut sein
wrde, wenn der Himmel nun auch baldigst den Meister Grnebaum zu sich nhme.
Hans zog halb mit Gewalt den guten Oheim aus dem klglichen Gewirr, das er nicht
aus dem Hause bannen konnte. Er fhrte ihn sorglich gleich einem guten Sohn die
Treppe hinauf in das Gemach, in welchem einst Anton Unwirrsch und der Oheim an
Hansens Geburtstag zusammengesessen hatten, welches dann des Schlers
Studierstube geworden war und wo zuletzt des Oheims Bett stand. Hier setzte der
Neffe den Alten nieder, setzte sich zu ihm und trstete ihn, so gut er es
vermochte, und hier kam der Oheim allmhlich wieder zu klarerem Bewutsein der
Vorgnge der letzten Tage.
    Sanft und schmerzlos war die Base eingeschlafen, nachdem sie vorher noch dem
Oheim aufgetragen hatte, wenn Hans ankme, ihm zu sagen, da sie ihn sehr, sehr
liebgehabt habe, da er immer in ihren Gedanken gewesen sei, da er nimmer aus
ihren Gedanken kommen knne und da sie im ewigen Leben fr ihn bitten wolle,
da es ihm gut gehe in seinem Erdenleben. Ferner lie sie vermelden, sie wisse
ganz genau, da das, womit ihr Hans sich jetzo plage, gut ausgehen msse, doch
knne sie nicht sagen, auf welche Art.
    Ja, mein Junge, wir haben viel ber dir konversieret, sagte der Oheim
Grnebaum. Wir hatten ja die gehrige Zeit darzu und gingen in allen Nhten
auf, wenn die Rede auf dir kam. Wenn wir uns tchtig gekatzebalgt haben, so
haben wir doch in punkto deiner in ein Loch geguckt, was ich nicht gedacht
htte, wenn ich dir in deine unschuldige Jugend bers Knie legte. O liebster
Hans, ich htte auch nie geglaubt, da 'n Schuster so knickebeinig werden knne
als wie ich anjetzo. 's ist aus mit dem Meister Grnebaum, und wenn du nicht fr
die Base zur rechten Zeit gekommen bist, so bist du's fr mich, was an und fr
ihm auch 'n Trost ist. Ach die Base, die Base, die Base! Solch ne kuraschierte
Perschon mit solchem Instinkt fr Klocke zehn und 's richtige Zubettegehen! Ich
kann nicht auskommen ohne die Base, und drunten haben sie ihr vernagelt, und
hier sitze ich nun noch und kann's mir nicht vorstellen. Jetzt gibt's keinen
mehr in der Welt, der mit einem ein vernnftiges Wort reden kann! Der Anton und
die Christine sind tot, und die Freundschaft ist auch immer mehr auf der Bank
zusammengerckt, und die Besten sind zuerst heruntergerutscht. Ich will mir auch
begraben lassen, Hans; ich will dich nicht lnger auf 'm Halse liegen. Du bist
zwar 'n guter Kerl und ein geistlicher Pastor, aber du hast auch deine Wege, und
verliebet bist du auch, wie die Base noch zu allerletzt herausspintisieret hat;
wir wollen derohalben adjes sagen am Wegweiser, Bruderherz, und 'n letzten
Schluck nehmen aufs vergngte Wiedersehen in die groe Herberge, wo Meister,
Altgesell, Gesell und Junge die Fe unter einen Tisch strecken.
    Vergeblich suchte Hans den alten Oheim zu ermuntern und aufzurichten. Er
wollte von keinem Trost hren und schttelte zu allen Ermahnungen nur den Kopf.
Er war jetzt in seiner Niedergeschlagenheit ebenso steifnackig und widerborstig
wie sonst.
    Der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden, sagte er. Erst hat er die
Base Schlotterbeck bei der Jacke genommen, und jetzt stellt er mir das Bein,
aberst, was dem einen recht ist, das ist dem andern billig. Komm, Hans, ich
hre, sie werden ungeduldig da unten; wir wollen ein Ende mit der Alten machen,
da sie zur Ruhe kommt. -
    Es gaben merkwrdig viele Menschen der Base Schlotterbeck das Geleit zu der
Grube, die Hans auf dem Friedhofe gesehen hatte, und Hans fhrte den Oheim
Grnebaum dicht hinter dem Sarge.
    Die Stadt wute bereits, da der Kandidat Unwirrsch angelangt sei, und
richtete ihre Augen auf ihn, whrend der Leichenzug sich durch die Straen wand.
Manch alter Bekannter schlo sich dem Grabgefolge an, und auf dem Kirchhofe
hielt der Hlfsprediger von der Valentinskirche eine wohlmeinende Rede ber die
Tote, den Oheim Grnebaum und den jungen geistlichen Kollegen. Nach dem
Begrbnis kamen viele, um den beiden Leidtragenden die Hnde zu schtteln, und
darunter befand sich mehr als einer, der mit Hans auf der Schulbank vor dem
Armenlehrer Silberlffel und dem Professor Fackler gesessen hatte.
    Nun waren der Oheim und Johannes wieder zu Hause und hatten sich des Maurers
und seiner Familie dadurch fr eine Zeit wenigstens entledigt, da sie die Tr
des Stbchens der seligen Base verriegelten. Der Oheim setzte sich in den
Lehnstuhl der Base, um vor Kummer und Ermdung einzuschlafen; der Kandidat
Unwirrsch, zum erstenmal seit seiner Heimkehr sich selber berlassen, konnte zum
erstenmal versuchen, es zu fassen, da dies das Haus sei, in welchem er geboren
wurde, in welchem die leuchtende Kugel hing, in welchem er eine so stille, so
reiche Jugend verlebte.
    Er sah sich um in der Stube der Base und erkannte jeden Gegenstand wieder;
auch die Glaskugel des Vaters war am Platz, und ein Strahl der Abendsonne fiel
darauf. Der alte Mann in dem Sorgenstuhl mute wirklich der Oheim Grnebaum
sein, und das war die Krppelstrae - kein Zweifel, kein Zweifel daran! Und
drben das alte, verfallene Haus mit der engen, niedern Tr und dem eisernen Arm
und Haken an der Tr! Alles, wie es war, nur, da der kniglich westflische
Lakai fehlte, und der hatte ja schon gefehlt, als Hans noch ein ganz junger Mann
und ein angehender Student war.
    Nun war die alte Zeit ganz und gar wieder lebendig geworden; Hans Unwirrsch
sah so viele Geister in der Krppelstrae, wie die Base Schlotterbeck nur jemals
gesehen haben mochte. Sie stiegen herauf und gingen vorber; sie kamen zurck
und versanken, um nher oder ferner wieder emporzusteigen. Immer mehr, immer
mehr drngten sich heran - fast erdrckend war diese Flle der Gesichte, man
konnte wohl darber sich und die gegenwrtige Stunde vergessen. Eine Bewegung
des Oheims ri endlich den Kandidaten Unwirrsch in die Wirklichkeit zurck. Es
war Dmmerung, der Oheim Grnebaum war aus dem Armstuhl in die Hhe gefahren und
rief mit seltsam unheimlicher Stimme:
    Alle Schuster 'ran! Immer herein, immer herein, wer 's Letzte von 's Spiel
sehen will! Base Schlotterbeck, Sie hat doch recht gehabt: Lustig gelebt und
selig gestorben, und auf den Rest kann ich mir nicht mehr besinnen. Bist du noch
da, Hans, so komme heran und gib mir die Hand. Wir sind gute Kameraden und
Verwandte gewesen, aber besser wr's vielleicht doch gewesen, wenn du 'n
Schuster geworden wrest, wie alle andern Grnebume und Unwirrsche, und kein
Pastore. Base Schlotterbeck, ich gre Ihr, 's ist mir alleweile ein Kompliment
und eine Ehre, in Ihre frivole und angenehme Gesellschaft zu sein. Wenn du was
an Vatern und Muttern zu bestellen hast, Hans, so rcke 'raus damit, 's ist, wie
ich's sagte, ich sage dir Valet, und der Deibel - nein, na du weit's ja. Gehab
dir wohl, mein Junge, und habe dir nicht. Ich wnsche dir alles mgliche Plsier
und sage Amen, und der Stiebel ist fertig! Amen, und der Stiebel ist fertig!
    Hans sprang entsetzt herzu und rief nach Licht und um Hlfe. Der Maurer mit
seiner Familie pochte an die verriegelte Tr: Hans ffnete mit zitternder Hand
Man beleuchtete den Oheim Grnebaum, und der Oheim Grnebaum war so gut gewesen
wie sein Wort; er war der Base Schlotterbeck nachgegangen, das aber, was er an
Krper und sonstigem Eigentum auf der Erde zurcklie, wollte nicht viel
bedeuten.
    Vergeblich wurde der Arzt herbeigerufen, der Oheim Nikolaus Grnebaum war
tot, und keine menschliche Kunst konnte ihn wiedererwecken. Nachdem er sich so
viele Jahre hindurch mit der Base gekatzbalgt hatte, fra ihm der Tod derselben
das Herz ab. Ein widerhaarigerer Schuster hatte seit lange nicht den Atem
aufgegeben, und jeder, welcher den Mann nher gekannt hatte und nun von seinem
Verscheiden hrte, fuhr mit der Hand durch die Haare, zog die Achseln in die
Hhe und sprach seine Meinung dahin aus, da es ein Verlust nicht blo fr das
menschliche Herz, sondern auch fr das menschliche Auge sei. Hans Unwirrsch
wurde sehr bedauert, und mehrere Leute boten ihm ihren Beistand in dieser
traurigen Zeit an, und der Maurer zeigte ihm an, da er geneigt sei, jetzt, wo
die beiden Alten tot seien, das Haus in der Krppelstrae gegen ein nicht
unbilliges an sich zu bringen.
    Und wieder stand Johannes auf dem Gottesacker, doch dieses Mal ganz allein.
Das kleine Grabgefolge, das dem Oheim die letzte Ehre angetan hatte, hatte sich
verlaufen: Hans hatte dem Totengrber versprochen, ihm den Schlssel des
Kirchhofes ins Fenster zu reichen - Hans Unwirrsch stand allein, und der
Schlssel wog schwer in seiner Hand.
    In dem gelben, zerwhlten Boden zu seinen Fen lagen jetzt alle, die einst,
jedes in seiner Art, so treu, freundlich und fest zwischen ihm und der harten,
kalten Welt der Wirklichkeit gestanden hatten. Unter den Hgeln lagen die
Wchter seiner Jugend, und er, den einst ein so mchtiges Sehnen aus ihrem
Kreise weggetrieben hatte, er stand jetzt und sehnte sich wieder, doch nicht
mehr in die Ferne. Der rostige Schlssel in seiner Hand zog ihn fast zur Erde
nieder; es war kein Gewicht der Welt dem seinigen zu vergleichen. Hinter der
Pforte, welche dieser Schlssel ffnete, war alles vollendet, und Hans Unwirrsch
hatte Lust, den andern nachzusteigen in die Tiefe.
    Da aber trat aus dem Dunkel und der Bedrngnis, die ihn umgaben, eine lichte
Gestalt; diese hielt ihn zurck, und um ihretwegen sagte er, da seine Zeit noch
nicht gekommen sei. Einen letzten Blick warf er ber die Grber, dann ging er
fort und schlo die Pforte des Kirchhofes hinter sich, wie er es versprochen
hatte. Er gab den Schlssel, der so rostig war, obgleich er doch soviel
gebraucht wurde, in der Wohnung des Totengrbers einem lachenden, hbschen
Kinde, das versprach, ihn an den Vater abzuliefern. Wie er den Rest des Tages
und die Nacht verbrachte, konnte er spter nicht sehr genau angeben; - er sa in
dem Stbchen der Base Schlotterbeck in dem Lehnstuhl, in welchem der Oheim
Grnebaum gestorben war, und sah die Lampe, die ihm in seiner Kindheit
geleuchtet hatte, durch die glserne Kugel scheinen. Er sah sie langsam
erlschen und sah den Morgen ber dem Hause dmmern, das einst der Trdler
Samuel Freudenstein mit seinem Sohn Moses bewohnt hatte.
    In den folgenden Tagen besuchte er alle Orte, an die sich eine
Kindheitserinnerung knpfte, und viele Menschen, die ihm einst nahegestanden
hatten, besuchte er auch. Der Professor Fackler war jetzt auch ein alter Mann
und ebenfalls ein wenig kindisch; er konnte den Namen des Kandidaten Unwirrsch
nicht behalten, und an Moses Freudenstein erinnerte er sich gar nicht. Seine
Frau war gestorben, aber auch das verga er dann und wann und redete seine
jngste Tochter mit dem Vornamen der Gefrchteten an. Der Kanzleidirektor
Trffler hatte lngst das Zeitliche gesegnet, und seine Nachkommen hatten die
Stadt verlassen. Auf der Schwelle eines rmlichen Judenhauses sah Hans auch
Esther, die Haushlterin des Trdlers Freudenstein. Sie war das lteste Weib der
Stadt, grade hundert Jahre alt. Der Segen des Herrn war bei ihr, ihre Augen
waren noch hell, ihr Geist war noch scharf und klar; doch in welcher Weise sie
gegen Hans ber Moses, den Sohn Samuels, sprach, darber redete Hans niemals.
    Ein Schulgenosse, der das Jus studiert hatte und jetzt eine hnliche Rolle
in Neustadt spielte wie der Armenadvokat Siebenks in Kuhschnappel, ordnete
whrenddem die Vermgensverhltnisse des Kandidaten Unwirrsch. Das Haus in der
Krppelstrae wurde versteigert und dem Maurer fr bare dreihundert Taler
zugeschlagen. Fnfzig blanke bare Taler wurden gelst aus der fahrenden Habe der
Base Schlotterbeck und des Oheims Grnebaum, aber die Glaskugel wurde nicht
verkauft. Hans Unwirrsch hatte soviel Geld niemals auf einem Tische zusammen
gesehen, aber auch niemals hatte ihn ein Haufen so angewidert und so unglcklich
gemacht. Mute es ihm doch zumute sein, als ob er alle seine sesten, liebsten
Erinnerungen zu Gelde gemacht habe; und von welcher Seite er auch den Mammon
ansehen mochte und wie vernnftig und verstndig er sich auch die Sache
vorstellen mochte, seine Gefhle blieben dieselben. Und wenn ihm jemand das Geld
gestohlen oder abgeschwindelt htte, so wrde er sich gewi nicht an die Polizei
gewendet haben, sondern wre dem Halunken noch dankbar gewesen.
    Es kam der Tag - ein schneedrohender Novembertag war's -, an dem Hans
Unwirrsch nichts mehr in seiner Vaterstadt zu schaffen hatte. Er konnte gehen,
wann es ihm beliebte und eine groe de lie er hinter sich zurck. Fr die
Grber auf dem Kirchhofe hatte er nach Krften gesorgt: Abschied hatte er von
den Toten und den Lebenden genommen; der Advokat gab ihm das Geleit zum
Posthause und sah ihn abfahren, kehrte frierend heim und dachte eine
Viertelstunde nachher nicht mehr an ihn. Als die Post sich mhsam zu den Hhen
hinaufarbeitete, fing es wirklich an zu schneien, und durch das runde Fenster an
der Hinterwand des Wagens sah Hans seine Heimat im Dunst und Nebel versinken. Er
war allein im Wagen und hatte Zeit und Gelegenheit zum Nachdenken, aber er war
nicht dazu imstande. Nur verworrene Bruchstcke von allerlei Erlebnissen,
Gedanken und Bildern durchfuhren seinen Geist. Krperlich und geistig
durchgerttelt und durchgeschttelt, erreichte er am Mittag die Eisenbahnstation
und kroch als der erste in einen leeren Waggon, der jedoch nach einigen
Augenblicken voll wurde. Es stiegen verschiedene Damen und Herren ein, die der
Kandidat Unwirrsch bereits kannte. Der Kasten mit dem Titi langte an unter dem
Arme jenes groen Barbaren, der so unhfliche Bemerkungen machen konnte. Die
beiden jungen Damen mit dem Wilden-Tier-Geruch waren nicht verlorengegangen, und
die Krone des Ganzen erschien, die Herrin der wandernden Horde, die dicke Madam
mit der mnnerhaften Stimme und dem ausgezeichneten Pelzrock. Nichts von
alledem, was die Herreise so gemtlich fr Hans machte, fehlte auf der
Rckreise, und da die Gesellschaft schlechte Geschfte auf ihrer Razzia gemacht
und dazu den Waschbren an der Schwindsucht verloren hatte, so war ihre Stimmung
womglich noch heiterer und liebenswrdiger als bei der ersten Begegnung.
    Mitten in der Nacht langte Hans in der Grinsegasse an und fand in seiner
Wohnung nicht alles in der richtigen Ordnung. Es wurde viel Kinderwsche darin
getrocknet, und sehr bse Dnste herrschten darin. Mit grimmigem Kopfweh
behaftet, sa Hans auf dem Rande seines Bettes, whrend die taube Wirtin das
Gemach zu einem Aufenthaltsort fr Menschen machte; aber die Karte, die der
Oberst von Bullau fr den Kandidaten zurckgelassen hatte, verga sie natrlich
und erinnerte sich erst am andern Morgen daran.
    Als am andern Morgen Hans die Karte erhielt, fuhr er freilich hoch empor von
seinem Stuhl und berhufte die gute Frau mit Fragen nach dem, welcher sie
gebracht, wann er sie gebracht und was er gesagt habe.
    Die Wirtin erschrak nicht wenig vor der Heftigkeit, mit welcher diese Fragen
gestellt wurden. Sie berichtete, es sei vor acht oder vierzehn Tagen ein alter
Herr mit einem weien Schnauzbart gekommen, der arg ber die Treppe und die
Dunkelheit auf der Treppe geschimpft und sich bse am Waschfa vor der Tr die
Knie zerstoen habe. Die Kinder htten vor Angst sehr geschrien, er aber habe
jedem ein Viergroschenstck geschenkt und sich dann nach dem Herrn Kandidaten
erkundigt und habe dabei sehr grimmig ausgesehen. Als er vernommen habe, da der
Herr Kandidat verreist sei, habe er wieder geflucht und habe die Karte auf den
Tisch geworfen und gesagt, wenn der Kandidat Unwirrsch heimkomme, mge er in den
Grnen Baum gehen, da werde er das Weitere erfahren. Darauf habe sie, die
Wirtin, ihre Lampe anznden und dem Alten die Treppe hinableuchten mssen,
obgleich es heller Tag gewesen sei. Auf der Strae habe er gesagt, sie mge sich
zum Teufel scheren, und die ganze Grinsegasse habe sich ber diesen Herrn
verwundert, und das sei auch nicht zum Verwundern gewesen.
    Nach dem Grnen Baum! O Frnzchen Gtz!

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Der Herr Oberst von Bullau? fragte Lmmert, der soldatische Wirt des Grnen
Baumes, als Hans, nchternen Magens, ganz auer Atem vor ihm erschien, und sehr
phlegmatisch wiederholte er:
    Ja, der Herr Oberst von Bullau!
    Ist er nicht hiergewesen? Hat er keine Bestellung fr mich hinterlassen?
rief Hans, der ebenso hei erschien, als der Wirt khl war.
    Sie sind der Herr Kandidat Unwirrsch und sind hier einmal mit dem Herrn
Leutnant Gtz eingekehrt?
    Jawohl; - ich bitte Sie -
    Wenn Sie der Herr Kandidat Unwirrsch sind, so sind Sie der Mann; allein,
aber - der Herr Oberst von Bullau sind nicht mehr hier.
    Aber er hat vielleicht eine Bestellung fr mich hier zurckgelassen! Ich
bin doch hierherbeschieden!
    Von neuem betrachtete Lmmert den Theologen vom Kopf bis zu den Fen,
verschlang das Wort: Putzig! und sagte mit Gelassenheit:
    Vielleicht wissen die Herren im Nest etwas davon, und wenn der Herr
Kandidat heute abend zur bekannten Zeit einfliegen will, so wird es ihm und den
Herren angenehm sein.
    Hans Unwirrsch konnte trotz der Versicherung des Wirtes den Gedanken, heute
abend die Gesellschaft der Neuntter zu genieen, nicht so angenehm finden. Er
sah befangen auf den Wirt, und der Wirt sah unbefangen auf ihn und meinte:
    Wenn der Herr Kandidate etwas Herz- und Magenstrkendes zu sich nehmen
wollten, so wrde das an diesem kalten Morgen und bei solcher Gesichtsfarbe
nicht von bel sein.
    Ja, ich will kommen. Ich mu wohl. Es wird wohl nichts anderes
brigbleiben! seufzte Hans, Lmmerts menschenfreundliche Anlockung berhrend.
Er nahm Abschied von dem Wirt zum Grnen Baum, und wenn derselbe vorhin seinem
Herzen nicht Luft-gemacht hatte, so tat er es jetzt.
    Sehr putzig! sagte er, dem Kandidaten Unwirrsch kopfschttelnd
nachblickend: Solch ein Vogel fehlte uns grade noch.
    Er trat in sein Haus zurck, um irgendeinem nachlssigen Kellner an den Kopf
zu fahren, und Hans Unwirrsch eilte, immer noch nchtern, nach dem Park, der
Parkstrae und dem Hause des Geheimen Rates Gtz.
    Da war es wieder, dieses Haus! Unverndert, frostig elegant. Und scheu
schlich Hans vorber und sah nach dem Fenster des Zimmers, welches er selber
bewohnt hatte, und sah nach einem andern Fenster. Die wahnsinnige Hoffnung
durchfuhr ihn, es msse jemand an die Scheibe klopfen, um ihn hereinzurufen;
aber da es nicht geschah, sagte er sich, da es nicht geschehen wrde, und
schlich vorber, durchkreuzte den Park, kam wieder in die Stadt zurck und
suchte die Expedition der meistgelesenen Zeitung auf, um ein Inserat abzugeben.
    Er zeigte der Haupt- und Residenzstadt und - dem Frnzchen in dem Hause in
der Parkstrae den Tod der Base Schlotterbeck und des Oheims Grnebaum an. Dann
trank er in einer Konditorei Kaffee; dann a er irgendwo mit dem dumpfen Gefhl,
dreihundert Taler zu besitzen, zu Mittag, und dann ging er nach Haus und
erwartete den Abend. Er war sehr mde und dachte nicht daran, das Manuskript des
Hungerbuches von neuem zu beginnen. An die Toten dachte er und an das Frnzchen,
und dann stieg er auf den Tisch, um einen Nagel in die Decke zu schlagen. An
diesen Nagel hing er die Glaskugel, bei deren Schein sein Vater Schuhe und
Gedichte gemacht hatte, in deren Schein seine Mutter sa und ihre Wiegenlieder
sang, in deren Scheine die Base Schlotterbeck auf ihrem niedrigen Schemel
kauerte und ihre Mrchen erzhlte. Vieles hatte er als Kind, vieles als Jngling
in dem zerbrechlichen Dinge gesehen; nun sa er als Mann dabei und sann nach
ber das, was sich verndert hatte, und das, was geblieben war. Dann stand er
auf und ging ruhiger nach den Grnen Baum, um von irgendeinem der Neuntter zu
erfahren, was ihm der Oberst von Bullau zu sagen habe.
    Er hatte seinen Weg einem heftigen Winde abzukmpfen; aber glcklich langte
er zuletzt doch an seinem Bestimmungsorte an und stand in der Tr jenes
Gemaches, in dem man ihm einst so viele und so merkwrdige Geschichten erzhlt
hatte. Alles noch ganz so, wie es damals war - der weise Heide Sokrates auf dem
Ofen und der alte Schwede Lebrecht Blcher an der Wand! Tabaksdampf zur Genge,
anmutige Dnste von Punsch, Grog und andern heien und kalten Erquickungen; -
ein halb Dutzend Neuntter um den runden, grinsenden Tisch und der einarmige
Herr mit der wackern Geschichte von der Wtenden Neie und dem ausgehungerten
Bauernhaus auf dem Prsidentenstuhl!
    Der Herr Kandidatus Drumwisch! rief Lmmert in den Qualm hinein, und wer
dem hlflosen Hans den Rcken zuwandte, drehte sich um, wedelte den Rauch vor
den Augen weg und stierte auf den Kandidaten.
    Holla, rief der einarmige Herr, eintreten! Tr zumachen! Abtreten,
Lmmert - alles in der Ordnung. Hierher, Herr Pastore!
    Da war der Vogel, der bald rechts, bald links war; da war der joviale Vogel
mit dem seltsamen Husten; da waren noch verschiedene andere Vgel, die der
Kandidat Unwirrsch bis jetzt noch nicht kannte, denen er aber nunmehr
Vorgestellt wurde, und zwar als junger Mann, der imstande sei, mehr zu halten,
als er verspreche, und der einmal einen recht brauchbaren Feldprediger abgeben
werde.
    Sie begrten ihn allesamt nach der Art der Neuntter, und jeder sammelte
feurige Kohlen nicht auf dem Haupte des Kandidaten, sondern unter seinen Fen.
    Sie sind der Mann meines Herzens, sagte der einarmige Herr. Setzen Sie
sich doch; ein Glas Grog sollen Sie auch haben. Setzen Sie sich; Sie sehen
wahrhaftig aus, als ob Ihnen etwas Warmes sehr gut bekommen wrde.
    O Herr Hauptmann, rief Hans, Sie werden mir Nachricht von dem Herrn
Oberst von Bullau und dem Herrn Leutnant Gtz geben knnen! Ich bitte Sie, sagen
Sie mir, was mir die beiden Herren sagen lassen. Ich habe so viel Bses und
Trauriges in der letzten Zeit erlebt, da ich kaum noch wei, wie ich mich
dagegen wehren soll. Es ist nicht etwas Warmes, was ich bedarf. Gestern abend
bin ich aus meiner Geburtsstadt hierher zurckgekehrt; ich habe dort meine
letzten Verwandten begraben; - ich bitte Sie, teilen Sie mir mit, was Sie mir zu
sagen haben.
    Aber mein Junge! rief der einarmige Herr, wahrhaftig, bei meiner Seele!
Kommen Sie, setzen Sie sich. Sie sehen in der Tat jmmerlich aus, und da mag der
Spa aufhren. Was haben Sie denn? Was ist Ihnen begegnet? Ich fr mein Teil
habe Ihnen weiter nichts zu sagen, als da Sie hinbeordert sind.
    Hinbeordert?! Wohin?! Zu wem?!
    Nun, alle Teufel, nach Grunzenow zum Kameraden Gtz. Der Oberst wollte Sie
auf der Stelle mit sich nehmen und hat nicht wenig rsoniert, als er Sie nicht
in Ihrem Bau fand. Er hat mir aufgetragen, Sie ihm zu schicken; das ist aber
auch alles, was ich Ihnen sagen kann. Sie tun vielleicht ein gutes Werk an dem
Kameraden Gtz, wenn Sie sich so bald als mglich auf die Beine machen; der arme
Teufel scheint sehr festzusitzen und in groer Not zu sein wegen des kleinen
Mdchens, seiner Nichte, die er vor einigen Jahren aus Paris holte. Sie werden
die Verhltnisse besser kennen als ich oder irgend jemand hier im Nest. Da war
das Frulein in dem Hause des Geheimen Rates Gtz, welches neulich mit dem Juden
durch die Lappen ging, und noch manche andere Dinge. Wir haben allerlei darber
gehrt; aber wir halten es nicht fr anstndig, in den Familientopf der
Kameraden zu schnffeln, wenn das Ding ernst und nicht mit einem schlechten Witz
abzumachen ist. Gehen Sie nach Grunzenow zu dem alten, braven Burschen; wer
wei, was fr einen Trost er von Ihnen erwartet.
    Morgen, morgen! rief Hans, und der Hauptmann gab ihm die Hand, welche
nicht nach der Schlacht an der Katzbach den Weg alles Nahrhaften und Delikaten
gewandelt war.
    So ist's recht! Sie sind ein wackerer Knabe und gefallen mir ganz
merkwrdig, und etwas Warmes sollen Sie trotz allem trinken, und dann rcken Sie
heraus mit ihrem eigenen Elend. Wir haben alle hier um den Tisch unser Teil
Trbsal im Ranzen, und ich glaube, mehr als einer lt manchmal innerlich das
Maul hngen, wenn er mit Lachen auf den Tisch schlgt. Auf Ihr Wohl, Herr
Kandidate, und nun geben Sie Ihr Ungemach von sich - Feuer!
    Hans sah ein, da es vergeblich sein wrde, sich gegen die gemtliche
Teilnahme der Neuntter zu wehren. Er erzhlte deshalb in kurzen Worten von
seiner Fahrt nach Neustadt und dem Tode seiner Base und des Oheims. Als er zu
Ende war, tranken smtliche anwesende Neuntter auf das Wohl der Base und des
Oheims und stieen ihnen zu Ehren die Glser mit Gekrach auf den Tisch. Sie
hatten auf diese Weise schon manchem Kameraden die letzten Honneurs gemacht;
es blieb Hans nichts brig, als sich im Namen der Base Schlotterbeck und des
Oheims Grnebaum zu bedanken. Die Sache hatte nichts Lcherliches und
Possenhaftes an sich; - der Kandidat Unwirrsch sprach seinen Dank fr die Ehre
mit Trnen in den Augen aus.
    Na, Sie rcken sehr auf Ihrem Stuhle, junger Mann, sagte der einarmige
Hauptmann von der Wtenden Neie. Es wre auch unrecht, Sie hier festhalten zu
wollen; machen Sie, da Sie fortkommen, und gehen Sie nach Grunzenow. Der Mensch
kann gesund von manchem Schlachtfeld marschieren, und wenn er ein gut, treu
Angedenken fr die behlt, welche darauf verfaulen mssen, so wird's ihm niemand
belnehmen, wenn er daneben an das kommende Quartier denkt, ob's trocken,
behaglich und wohlverproviantiert sein wird. Bestes Glck fr die Zukunft, Herr
Kandidate, marschieren Sie auf Grunzenow und gren Sie die beiden alten
Kameraden, Schwerenter und Neuntter dort: wir wren alleweile noch auf dem
Zweig; aber der Kamerad chsler sei weggeblasen worden und wir htten ihm
vorgestern das Geleit gegeben.
    Um den Tisch ging Hans, und jeder Neuntter schttelte ihm die Hand. Lmmert
gab ihm das Geleit bis zur Haustr, nachdem er ihm eigenhndig in den berrock
geholfen hatte.
    Es ist mich eine kuriose Ehre, Herr Pastore, sagte er. Ich werde mich
freuen, Sie bei Krften und bei besserer Witterung wiederzusehen. Meine
gehorsamste Empfehlung an den Herrn Leutnant und den Herrn Oberst.
    Auch dem Herrn Wirt zum Grnen Baum drckte Hans die Hand und merkte erst zu
Hause, welch ein schwerer Gegenstand ihm unterwegs fortwhrend gegen die
Schenkel geschlagen hatte. Eine wohlverpichte Flasche alten Rums war's,
gewickelt in einen Bogen weien Papiers mit dem Vermerk von Lmmerts Hand:

                        Zur Erquicklichkeit und Trstung
                                  unterwegens!

Nach Grunzenow! Nach Grunzenow! Alle Ermattung war verschwunden, alle Steifheit
aus den Gliedern gewichen. Mit weiten Schritten durchma Hans Unwirrsch beim
Schimmer der schwebenden Kugel sein Gemach und berlegte. Der Gedanke, mit dem
Leutnant Rudolf Gtz ber das Frnzchen und ber das Haus des Geheimen Rates zu
reden, stand so hell in seiner Seele, da alles brige davor mehr oder weniger
in die Dunkelheit zurckwich. Ja, das war das Rechte: Nach Grunzenow, nach
Grunzenow zu dem Leutnant Rudolf! Dort war Rat und Hlfe; von dort aus muten
sich alle diese Wirrnisse lsen. So leicht ums Herz wie in dieser Stunde war's
dem Hungerpastor lange nicht gewesen!
    Noch an demselben Abend wurde die taube Wirtin von der neuen Reise in
Kenntnis gesetzt, und sie legte eine schickliche Verwunderung darob an den Tag.
Hans Unwirrsch suchte von neuem sein Reisegepck zusammen, und am folgenden Tage
um Mittag folgte er bereits dem Rufe des Leutnants Rudolf Gtz, nachdem er noch
einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, den Geheimen Rat Theodor Gtz zu
sprechen. Schnde wurde er von Jean, dem Bedienten, abgewiesen, unter dem
Vorgeben, der Herr sei nicht zu Hause. Die Karte, die er zurcklie, gelangte
ebenfalls nicht an den Ort ihrer Bestimmung, Jean steckte sie aus alter
Anhnglichkeit an den frhern Hauslehrer an den Spiegel in seiner eigenen
Kammer, wo sie neben einer Pfauenfeder sechs neben schnen Liedern, gedruckt in
diesem Jahr, und einem Billetdoux der Kchin ein verfehltes Dasein fristete.
    Nordostwrts lag diesmal der Weg des Kandidaten Unwirrsch, und mit welcher
Hast sich auch die Rder des Dampfwagens drehen mochten, sie rissen den
hungrigen Hans doch nicht schnell genug vorwrts. Er sehnte sich allzusehr nach
Grunzenow und dem alten gichtbrchigen Bettelleutnant, der dort dem Oberst von
Bullau auf der Tasche lag.
    Seiner diesmaligen Reisegesellschaft wute er sich spter in keiner Weise zu
entsinnen; nur das wute er, da sich die Leute mit dem Titi und dem
Klapperschlangenkasten nicht darunter befanden und da er den mrrischen Herrn
von damals fast herbeiwnschte als Dmpfer seiner Aufregung.
    Was hatte er alles dem Leutnant zu berichten? Was konnte der Leutnant zu
diesem und jenem sagen? Wie mochte der Leutnant ber sein Verhalten im Hause des
Geheimen Rates denken?
    Und dazwischen fuhren dann wieder die Gedanken an die beiden Srge und
Grber zu Neustadt, an den schweren Schlssel, den er auf dem Kirchhof in der
Hand gehalten hatte, an das alte Haus in der Krppelstrae das nun einem andern
gehrte, trotzdem da er darin geboren und da seine ganze Verwandtschaft darin
gestorben war.
    Wahrlich, die Gedanken wirbelten schneller im Kreis, als sich die Rder um
ihre Achse drehen konnten. Weder Klte noch Hunger fhlte Hans auf dieser Fahrt,
und die erquickliche und trstliche Flasche des wackern Wirtes zum Grnen Baum
hatte er in der Grinsegasse vergessen, ohne mehr an sie zu denken als an das
Manuskript des Buches vom Hunger. Wohl aber dachte er viel an jenen Abend im
Posthorn zu Windheim, wo er den Leutnant Gtz und das Frnzchen zum erstenmal in
seinem Leben sah. Dann auch an die betrbten Tage in Kohlenau und jenen Tag, an
dem er im Fichtengehlz sa, auf das gute Glck wartete und den Herrn Leutnant
um die Waldecke traben sah. An jene Wanderung nach der groen Stadt dachte er,
jene Wanderung, whrend welcher er zuerst ausfhrlich die Geschichte der drei
Bruder Gtz und des Frnzchens vernahm. Als die neue Nacht kam und die vor den
Fenstern des Wagens vorbergleitende Landschaft sich den Blicken entzog, dachte
er an jenen Hgel, auf dem er mit dem Leutnant Rudolf stand und bnglich
hinabsah auf das feurige Leuchten und auf die Bewegung der Hunderttausende
horchte.
    In wie weiter Ferne das alles hinter ihm lag! Wie sich Menschen und Dinge,
das eigene Ich und die Welt seitdem verndert hatten! Es kam in dieser Stunde
ber den hungrigen Kandidaten Johannes Unwirrsch gleich einem ernsten Vorwurf,
wie er so oft scheu und gebrochen sich in sich selber zurckgezogen habe, wo er
mutig und tapfer sich und sein Gefhl, das, was er fr das Rechte, Gute, Schne
und Wahre hielt, vor aller Gegnerschaft htte verteidigen mssen. Er mute es
sich gestehen, da er nicht berall fr seine Ansichten und Wnsche so
selbstbewut eingetreten sei, wie es sich von Rechts wegen gehrt htte. Er
dachte an Moses Freudensteins unbesiegbaren Willen und lie das Haupt sinken und
schmte sich der eigenen Weichheit. Als der Zug hielt, war er ziemlich besorgt
ber den Empfang, den ihm der wackere Leutnant Rudolf in Grunzenow bereiten
werde, und ngstliche Trume qulten ihn die Nacht hindurch in seinem
ungemtlichen Gasthofzimmer. In diesen Trumen stellte der Leutnant ein scharfes
Examen mit ihm, dem Kandidaten, an, und dieses Examen fiel nicht ganz zu seinen
Gunsten aus.
    Am folgenden Morgen verfiel der erwachte Trumer wieder der Post, und zwar
sehr frh am Tage. Die Laternen auf dem Posthofe, die Laternen in den Hnden der
Schaffner, Stallknechte und Postillione hatten auch nichts von dem geheimen
Reize, den wohl anderer Lichter- und Feuerschein haben kann. Der Wind auf dem
Posthofe war widerlich zudringlich, und die Atmosphre in der Passagierstube war
widerlich ohne Beiwort. Es schwebten vereinzelte Schneeflocken in der Luft, und
es waren, alles in allem genommen. Grnde genug fr den reisenden Menschen
vorhanden, sich unbehaglich zu finden; den Kandidaten Unwirrsch fror, aber er
fhlte sich gehoben und bot mnnlich jeder Unverschmtheit der Menschen wie der
Witterung Trotz. Er setzte sich fest auf seinem Sitze, als der schwerfllige
Rderkasten aus dem Posthofe rumpelte. Viele verkmmerte, schmutzige Stdtchen,
Flecken und Drfer sah er, und eine wechselnde Reisegesellschaft aus allen
Stnden sah er auch. Langgelockte Mnner in schwarzen Kaftans stiegen ein und
aus unterwegs und dufteten nicht angenehm. Hans sprach hebrisch mit ihnen.
    Lang war die Fahrt, und die Schneeflocken in der Luft mehrten sich, man
blieb stellenweise im Schlamm stecken und arbeitete sich mit Energie wieder
heraus. Auf polnisch, und auf deutsch wurde arg geflucht und ein Jude von den
Vorspannbauern durchgeprgelt. Auch Hans sollte durchgeprgelt werden, aber er
war diesmal der Sachlage gewachsen. Er sprach lateinisch und griechisch mit den
Lmmeln, die ihn am Kragen genommen hatten; da bekamen die rohen Gemter
Respekt, und ihre schmierigen Fuste lieen den Kragen fahren.
    Weiter arbeiteten sich die mde Gule durch endlose Nadelholzwaldungen, bis
gegen Mittag ein kleines Stdtchen in der, unfruchtbarer Heidegegend erreicht
wurde. Bis hierher ging die Post, aber weiter ging sie nicht; die knigliche
Post- und Eisenbahndirektion wute nichts von Grunzenow, dem Oberst von Bullau
und dem Leutnant Gtz.
    Im kniehohen Schmutz versank der Kandidat Unwirrsch auf dem Forum dieses
hochpreislichen Gemeinwesens, als er aus dem Postwagen stieg, und groes
Aufsehen erregte seine Erscheinung sowohl unter den Eingeborenen, die einen
Kreis um den Postwagen schlossen, als auch unter denen, welche die den
Marktplatz umgebenden Huser bewohnten.
    Freudenstadt hie der Ort; doch woher und weshalb er grade diesen Namen
empfangen hatte, das hatte noch kein der vaterlndischen Geschichte kundiger
Mann entrtseln knnen. Selbst der Steuerinspektor, der am hiesigen Platze
geboren und eine Autoritt in allen Dingen welche denselben betrafen, war, der
Steuerinspektor von Freudenstadt, der seit mehr als zwanzig Jahren eine
Abhandlung ber den Gtzen Triglaff herausgeben wollte, sah hierin nicht klar
und gestand seufzend seiner Gattin, die nicht am Platze geboren war, zu, da
Freudenstadt jedenfalls kein Aufenthaltsort fr gebildete Menschen und geistig
strebende Naturen sei.
    Aus der innabilis unda des Marktes rettete sich der Kandidat Unwirrsch mit
Mhe und Gefahr auf eine hher gelegene Stelle, von welcher aus er sich nach dem
Wege gen Grunzenow erkundigen konnte; und das versammelte Volk umdrngte ihn und
ffnete die Muler, um ihm die gewnschte Auskunft zu geben. Aber das Schicksal,
das dem Menschen nicht immer wohlwill, hatte es gefgt, da die Frage nicht in
dem rechten Augenblick gestellt worden war. Zwlf Uhr schlug's auf dem Kirchturm
von Freudenstadt, und smtliche anwesende Bewohner von Freudenstadt schlossen
mit einem Ruck die zur Antwort geffneten Kau- und Schluckorgane, drehten sich
mit einem Ruck auf den Hacken und gingen davon - ohne Antwort, ein jeglicher zu
seinem Mittagessen. Mit offenem Munde aber stand Hans Unwirrsch da und sah ihnen
nach; der Eindruck, den diese Pnktlichkeit auf ihn machte, war wahrhaft
berwltigend; und wenn die alten, schiefen Giebelhuser sich ebenfalls
umgedreht htten und abmarschiert wren zum Essen, so wrde das kaum noch seine
Bewunderung erhht haben.
    Die alten, schiefen Huser blieben jedoch an ihrem Platz und sahen den
Kandidaten an. Er aber fate sich und schritt um die Hlfte des Marktviertels
vorsichtig durch den Schlamm auf ein Gebude zu, welches, dem Schilde nach zu
urteilen, ein Gasthof sein mute und das sich als der Polnische Bock auswies. Er
trat ein und fand auch hier jedermann am Werke. Sie aen alle, und niemand hatte
Zeit, dem Fremdling auch nur einen Blick zu schenken. Jener mde Wanderer, der
in jene Stadt kam, deren smtliche Bewohner durch ein Zauberwort zu Stein
geworden waren, konnte sich nicht verlegener und verlorener fhlen als Hans in
Freudenstadt um diese zwlfte Stunde des Tages. Um so merkwrdiger war's fr
ihn, als ihm der Zufall die magische Formel in den Mund legte, die den Bann,
wenigstens fr den Polnischen Bock, zerbrach.
    Der Name des Oberst Bullau erlste die Geister wenigstens fr einen
Augenblick aus den Banden der Materie und brachte den Mastikationsproze
momentan zum Stillstande.
    Der Hand des Wirtes zum Polnischen Bock entfiel bei diesem Namen der groe
Lffel, und mit offenem Munde sah er auf den Kandidaten, der dastand wie Aladin,
nachdem er die Wunderlampe gerieben hatte und der Geist erschienen war, um zu
fragen, was dem Herrn gefllig sei.
    Von seinem Sitze in der Mitte seines Hausgesindes erhob sich der Wirt zum
Polnischen Bock, ein Mann, der dem Oheim Grnebaum hchstwahrscheinlich sehr gut
gefallen haben wrde.
    Der Herr Oberst von Bullau? Ob ich den kenne? Jawohl kenne ich ihn.
Sackerment! Da kann der Herr weit 'rumfragen in der Stadt, ehe er einen findet,
der den Herrn Oberst von Bullau nicht kennt. Es ist in der ganzen Stadt kein
Hund, welcher den nicht mit Achtung bewedelt. Solch ein hflicher, angenehmer
und niedertrchtiger Herr, ein nobler Herr! - kommt nicht selten in den
Polnischen Bock. Ja, wenn der Herr zum Herrn Obersten von Bullau will, weshalb
hat Er denn das nicht gleich gesagt? Toffel, Trine, Louis, dieser Herr it in
der Honoratiorenstube zu Mittag, derenweilen angespannt wird! Wir haben unsern
besondern Wein fr den Herrn Oberst, und Sie sollen ihn kennenlernen.
    Fast gegen seinen Willen wurde Hans Von den krftigen Hnden des Wirtes in
die Honoratiorenstube geschoben, wo bereits einige unverheiratete Freudenstdter
aus den schreibenden Stnden ebenfalls die Hnde zum lecker bereiteten Mahle
erhoben und kaum aufsahen vom lblichen Werke. ber das, was man sprach, knnen
wir, ohne uns an unserm Leser zu versndigen, fortschlpfen; - um ein Uhr hielt
ein offenes, bedenklich aussehendes Fuhrwerk vor der Tr, und um zehn Minuten
nach eins fuhr Hans ber ein noch bedenklicheres Pflaster durch die Hauptstrae
von Freudenstadt dem Tore zu, das gen Grunzenow fhrte. Seine demtigsten
Komplimente an den Herrn Obersten von Bullau hatte ihm der Wirt aus dem
Polnischen Bock mitgegeben. -
    Kahle Felder, steinige Heiden und Nadelholzwaldungen lsten sich wieder im
anmutigen Wechsel ab, aber des Kandidaten Unwirrsch Herz schlug hoch, und hoch
trug er seine Nase in der Luft. Es kam ein Wehen von Norden her ihm entgegen,
und der Freudenstdter Mann, der neben ihm sa und die beiden Gule lenkte,
sagte, das sei der Seewind und weiterhin werde man schon das Salz auf der Zunge
merken.
    Die See, die See!
    Dem Meere fuhr Hans Unwirrsch entgegen, und wie nach so manchem andern Dinge
hatte er sich nach dem Meer gesehnt.
    Bezaubert war der Weg, und bezaubert waren die schrecklichen, verwahrlosten
Drfer am Wege. Ein gewisses unbeschreibliches Bangen erfllte die Seele des
Kandidaten, und dieses Bangen galt nicht allein dem grimmig-lustigen Obersten
von Bullau und den Fragen, welche der Leutnant Rudolf Gtz stellen mochte: die
See trug auch ihre Schuld an diesem Schauern.
    Nun wechselte Buchenwald mit den Tannenwldern, viel gebrochenes, kahles
Gezweig bedeckte den Boden, und der Fuhrmann fing an, von dem groen Wind vor
acht Tagen zu sprechen. Durch kahles, hgeliges Land wand sich der Weg, und der
Fuhrmann wies auf wunderlich aufgeschichtete Steinblcke, die auf der Hhe
dunkel sich gegen den grauen Himmel abhoben.
    Da sind in der Heidenzeit von den Riesen viele Menschen und Knige
geschlachtet, berichtete er.
    Das Rauschen der Wlder verhallte im Rcken, leise zischte der Wind durch
das trockene Heidekraut auf den Hgeln, unbekannte Vgel schwangen sich im
Kreise in den Lften, und der Fuhrmann nannte sie Mwen.
    Der Fuhrmann stopfte sich eine Pfeife, aber Hans stellte sich aufrecht im
Wagen, um sogleich durch einen Sto desselben belehrt zu werden, da er seine
Gefhle beherrschen und sich jedenfalls wieder setzen msse.
    Wiederum eine kahle Hhe und darber hinaus ein dumpfes Gerusch - nicht
Wind und Wald, sondern die See, die Stimme der See!
    Wenn der Herr jetzt ausstiege, so wrde er ein gutes Werk an seinen
gesunden Gliedern und meinen Pferden tun, sagte der Fuhrmann. Es geht ein gut
Stck jetzt durchs Moor, und der Sturm vor acht Tagen hat sein Teufelsspiel
getrieben. Es geht gradaus der See nach, und der Herr kann nicht fehlen, wenn er
die Ohren offenhlt, dort rechts auf dem Fusteig. 's ist der gradeste Weg auf
Grunzenow. Unsereins mu sehen, wie er durchkommt.
    Mit groer Bereitwilligkeit kam Hans dem Wunsche des Fuhrmannes nach und
sprang aus dem Wagen. Er hatte doch nur mit Mhe stillgesessen, und es war viel
besser, zu Fue rasch diesem Rauschen und Brausen entgegenzueilen.
    Eine Viertelstunde schritt er rasch auf dem angegebenen Fupfade vorwrts,
und lauter und lauter erklang die Stimme des Meeres. Einen letzten Hgel hatte
er zu erklimmen, als er oben stand, keuchend, atemlos, da lag es vor ihm, das
Meer, da breitete es sich in der fahlen Beleuchtung des Abends, und der Nebel
verschlang den Horizont und rollte ber die Wasser heran gegen den den Strand,
auf dem tiefer unten zur Rechten rtlich die Lichter aus den Httenfenstern von
Grunzenow schimmerten.
    So hatte sich Hans das Meer nicht vorgestellt. Unermelich im hellen Tage,
blitzend im hchsten Glanz, den Irdisches geben konnte, war es ihm in seinen
Trumen erschienen; - nun war auch das anders, ganz anders, aber er mute doch
die Hand aufs Herz drcken, und der Atem stockte in seiner Brust.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Mit dem Nebel kam die Nacht schneller ber das Land, und fast gleich einem
Kinde, das sich frchtet, lief der Kandidat hgelab ber Kiesgerll und
knirschenden Sand gegen die Lichter, die ihm zuletzt allein noch die Lage von
Grunzenow andeuteten. Er geriet bald in die Atmosphre von Teer und Tran, die
das Fischerdorf umgab, und kam einige Male dem Rauschen des Strandes so nahe,
da er scheu zur Seite wich und Schaumspritzer im Gesicht zu spren vermeinte.
Endlich erreichte er die ersten Htten des Ortes und verwirrte und fing sich
mehr als einmal in Netzen, die zum Trocknen ausgespannt waren; von lebenden
Wesen aber war ringsum nichts zu sehen. Die See sang eintnig ihre Weise, und
ein Hund bellte hinter einer Tr. Nach einigem Zgern klopfte der Wanderer an
eins der Fenster, blickte natrlich zugleich in das Gemach und sah, da er eine
ganze seefahrende Familie sehr erschreckt habe. Ein halbes Dutzend Kinder
drngte sich schchtern um eine mtterlich aussehende Frau, ein alter,
weihaariger Mann sah von einer groen aufgeschlagenen Bibel verwundert in die
Hhe, ein jngerer Mann in hohen Schifferstiefeln hatte sich von seinem Stuhl
erhoben, und nur ein uraltes Mtterlein spann ruhig am Ofen fort.
    Wer will da was? rief der jngere Mann in seiner Mundart. Er ffnete das
Fenster, und Hans grte sehr hflich, indem er seine Frage nach dem Gutsherrn
an den Mann brachte. Nicht sehr hflich erwiderte der Fischer den Gru, aber
sehr dienstfertig zeigte er sich und erschien sogleich vor der Tr seines
Hauses, um den Fremden zurechtzuweisen. Mit seiner kurzen Pfeife im Munde setzte
er sich, ohne weiter ein Wort zu verlieren, in Bewegung und trabte, ohne sich
nach dem Fremden umzusehen, in die Nacht hinein. Um manche Hausecke bog er, und
ber manchen Gegenstand, der im Wege lag und den er recht gut kannte, Hans
Unwirrsch aber nicht, trat er weg. Stolpernd, zwischen Fallen und Aufstehen,
folgte ihm der Kandidat und fhlte sich sehr erleichtert, als sein biederer,
aber wortkarger Fhrer, nachdem der Weg ein wenig hgelauf gefhrt hatte,
pltzlich stehenblieb und, wahrscheinlich mit der Pfeifenspitze, auf eine
unregelmige Schattenmasse deutend, sagte:
    Da!
    Wo? fragte Hans, allein seine Frage verhallte in der Nacht, und nur die
See gab Antwort darauf, aber eine ungengende. Der Fhrer in den
Schifferstiefeln hatte seine Pflicht getan und hatte sich umgedreht wie ein
Freudenstdter beim Klange der Eglocke. Er war abgetrabt ins Dunkle mit seiner
Pfeife und seiner bunten Zipfelmtze, und kein Hallo und Holla brachte ihn
zurck.
    Vorsichtig tastete Hans seinen Weg gegen die nchtlich schwarzen Massen, auf
die des meerkundigen Mannes Pfeifenspitze gewiesen hatte Er geriet richtig vor
ein groes, aber geschlossenes Hoftor mit der Stirn, und ein Hundegebell, wie
die Welt es noch nicht gehrt hatte, brach los, als er den Klopfer fand und ihn
gegen die eichenen Bohlen fallen lie. In allen Tonarten machte das entrstete
Vieh sich Luft; und ein Mann, der etwas auf seine Waden hielt, durfte mit
Unbehagen dem Konzert horchen.
    Nach einigen Minuten bnglichen Harrens fuhr jemand mit der Peitsche unter
die vierbeinigen Randalisten, die nunmehr zu heulen anfingen. Es fluchte jemand
grlich, und ein schwerer Schritt nherte sich dem Tor. Der Riegel rasselte,
das Schlo kreischte, Lichtschein fiel in die Nacht hinaus, aber es war
zweifelhaft, ob dieses Licht von der Laterne oder von der Nase ihres Trgers
ausging. Gleich einer Knigin in Purpur sa die Nase in dem verwetterten
Gesicht, welches jetzt aus dem Hoftor blickte und den Kandidaten Unwirrsch in
der Dunkelheit suchte.
    Wer da?! schnarrte eine Stimme, die ganz zu der Nase pate. Kein
Gottesgeschpfe zu sehen? Doch - da - hierher, Mann, was soll's? Wo juckt's
Euch? Was beliebt dem Herrn?
    Hans gab kund, wer er sei und wie er auf Wunsch und Befehl des Herrn
Obersten von Bullau und des Herrn Leutnant Gtz hier erschienen sei und
angeklopft habe.
    Warten! Rapportieren! sagte der Mann mit der Laterne und schlug die Tr
dem Kandidaten vor der Nase zu. Von neuem erhoben die Hunde ihre Stimme, und
Hans fand den Empfang zum mindesten ungewhnlich. Die Zeit wurde ihm sehr lang
whrend der folgenden Minuten, und unwillkrlich dachte er an verschiedene
Mrchen aus seiner Kindheit, die in hnlicher Weise begannen und stets damit
endeten, da irgend jemand in die Gewalt von Ogern oder Werwlfen fiel und
aufgefressen wurde, Aber nun lieen sich jenseits der Mauer und des Tores
mehrere Stimmen vernehmen, abermals wurde die Pforte aufgerissen, abermals hielt
der Mann mit der glhenden Nase seine Laterne in die Nacht hinaus, und der
Oberst von Bullau im grnen, bepelzten Jagdrock und in hohen Wasserstiefeln
griff zu, fate den Kandidaten, zog ihn ins Tor und rief:
    Richtig, er ist's mich! Bei Nacht und Nebel! - Mann Gottes, das gefllt mir
gar nicht bel - herein mit Euch! Willkommen in Grunzenow, wo kommt das
Menschenkind so spt her? Wie seid Ihr gekommen? Zu Fu, zu Wagen oder auf einem
Besenstiel?
    Hans berichtete kurz, wo er den Wagen verlassen habe, und in dem nmlichen
Augenblicke vernahm man das Rollen desselben im Dorfe.
    Sehr schn, rief der Oberst, herein mit Euch, Kandidate! Grips, sorge fr
die Karrete im Dorf! Marsch, mein Shnchen, der Leutnant hpft in seinem Stuhl
wie auf einem Senfpflaster. Ihr seid mir ein schner Hahn, Herr Kandidate, der
Alte hat's gut mit Euch im Sinne, er wird Euch schn den Text lesen.
    ber den, wie es schien, ziemlich umfangreichen Hof fhrte der Oberst von
Bullau seinen Gast in das Haus, Schlo oder Kastell von Grunzenow, in dem es
dann auch wild genug aussah. Die Dienerschaft, die in der groen steinernen
Halle erschien, htte dem Jean in der Parkstrae jedenfalls unsgliches
Entsetzen in die zarten Knochen gejagt, denn grimmige Kerle waren es. Jagd- und
Fischergertschaften aller Art hingen an den Wnden, und hie und da dazwischen
ein altes Portrt lngst vermoderter mnnlicher oder weiblicher Bullaus. Hunde
waren im berflu vorhanden, sie lagen, ghnten und knurrten in der Halle, sie
sahen aus geffneten, dunkeln Tren, sie schlichen hinter dem Kandidaten
Unwirrsch die Treppe hinauf. Und eine solche Treppe hatte Hans auch noch nicht
gesehen. Man htte hinaufreiten knnen, und es ging die Sage, da ein Bullau des
Dreiigjhrigen Krieges das Stcklein wirklich ausgefhrt habe. Des Obersten
drhnender Ba rollte durch den Korridor und erweckte die Echos des Hauses
Grunzenow bis in die tiefsten Keller.
    Hurra, Gtz, wir haben ihn, er ist's wirklich, aber mager und gelb wie ein
getrockneter Flunder und knielahm wie ein Gaul mit der Flugalle. Tillenius,
hier ist der Kollege Schwarzrock; wenn's jetzt kein Leben auf Grunzenow geben
wird, so mag der Teufel dazwischenfahren, ich geb's auf!
    Eine Tr wurde von einem Gesellen aufgerissen, der, wie alles in diesem
Hause, ein Drittel Seemann, ein Drittel Frstersmann und ein Drittel Kriegsmann
zu sein schien. Ein Schub von der Hand des Obersten befrderte den Gast in die
Mitte des Gemaches, wo der Leutnant Rudolf Gtz und ein greiser geistlicher Herr
vor einem mit Karten und Glsern bedeckten Tisch saen. Da ist er! rief der
Leutnant, den Versuch machend, sich aus seinem hochlehnigen Sessel zu erheben.
    Mit einem Schmerzensseufzer sank er zurck, seine Beine waren in Kissen und
Decken wohlverpackt, und sein linker Fu ruhte schwer auf einem niedern Schemel.
Der Leutnant hatte sich sehr verndert, er war viel lter geworden in kurzer
Zeit, und Hans mute wohl ber sein Aussehen erschrecken.
    Wie gebt es meinem Kinde, meinem Frnzchen? rief er mit zitternder Stimme.
Ich will es wissen, ich will es wissen! schrie er und schlug heftig mit seinem
Krckstock auf den Boden. Der Pfarrer von Grunzenow, Ehrn Tillenius, erhob
beschwichtigend die Hnde.
    Jaja, ich will es wissen! schrie der Leutnant. Hier sitze ich Jammermann
und lasse mir von der Sorge das Herz abfressen; - gib mir deine Hand, Hans - so,
nun heraus mit allem, was in dir steckt!
    Hans Unwirrsch stand vor Schmerz auf einem Beine - wenn die Fe des
Leutnants noch gelhmt waren, so konnte man das von seiner Faust nicht mehr
behaupten; dieser Griff hatte nichts, gar nichts mit dem Chiragra zu schaffen.
Wenn der Kandidat auch nicht mit der Absicht, alles zu sagen, was er wute, nach
Grunzenow gekommen wre, so htte er unter diesem eisernen Griffe doch beichten
mssen, und zwar alles, was der Leutnant verlangen mochte.
    Glcklicherweise hielt der Konfrater es fr seine Pflicht und Schuldigkeit,
dem jungen Amtsbruder zu Hlfe zu kommen.
    Aber Leutnant, sagte er, seid doch kein Wterich. Welch einen Randal Ihr
macht! Lat doch den jungen Herrn zu Atem kommen! Und Hunger und Durst wird er
auch haben. Alles der Reihe nach; Oberst, Ihr knnt mich auch dem Herrn
Kandidaten vorstellen - alles der Reihe nach.
    Ja, alles nach der Reihe, Pastor, Ihr habt recht! rief der Oberst von
Bullau. Also, Herr Kandidate, mir kennt Ihr von die Neunttersch her, den
Leutnant kennt Ihr auch, und hier habt Ihr unsern Feldprediger und Freund in
diesem Leben und unsern Trost frs andere, Josias Tillenius, derweilen mein
Pastor in Grunzenow, ein Mann, geschickt in vielen Dingen und welcher es mit
jedem Superndenten aufnehmen kann. Also: Ehrn Josias Tillenius - Ehrn Hans
Unwirrsch und umgekehrt. Nun gebt Euch einen Ku! Da ist Grips mit dem Rapport
aus der Kche.
    Einen Ku gaben sich die beiden Theologen zwar nicht, aber die Hnde
schttelten sie einander herzhaft. Das uere des Grunzenower Pastors gefiel dem
Kandidaten recht wohl - und zweiundachtzig Jahre ist der Mann alt; sehen Sie es
ihm an? sagte und fragte der Oberst.
    Auf festen Fen stand der alte Josias; seine Augen waren noch scharf und
klar, ein wenig rtlich schimmerte freilich sein Gesicht, aber die Haare waren
desto weier. Ein echter Schifferpastor war dieser alte Josias Tillenius und
konnte schon einen tchtigen Sturmwind aushalten; er pate ganz zu dem
wetterfesten Obersten von Bullau und dem Leutnant Rudolf Gtz. Es war ein
Kleeblatt, wie man selten ein hnliches unter einem Dache beisammen finden
konnte, und die Wirtschaft war auch sonderbar und toll genug.
    Nun setzte Grips, das Faktotum, nachdem die Spielkarten beiseite geschoben
worden waren, einen Rindsbraten auf den ungedeckten Tisch, stellte andere
Schsseln daneben und klapperte unbeholfen, aber gastesfroh mit Tellern, Messern
und Gabeln Alle anwesenden Hunde hoben die Nasen so hoch als mglich.
    Fallt zu! kommandierte der Oberst. Ruhe im Glied, Rudolf! Der Bursch
schiet mich nicht eher los, bis er geladen hat. Schiebe den Flaschenkorb heran,
Grips, und flle die Glser... Herr Kandidatus Unwirrsch, ich heie Ihnen
willkommen auf Hof Grunzenow, tun Sie mich ganz, als ob Sie zu Hause wren,
zieren Sie sich nicht, und ein langes Leben und gute Gesundheit - Prosit!
    Trotz seiner Fahrt und seines Marsches hatte Hans sowenig Appetit wie der
Leutnant Gtz, dem er gegenbersa und der ihn nicht aus den grollenden Augen
lie. Die beiden andern Strandbewohner sprachen jedoch den guten Dingen auf dem
Eichentisch mit Behagen zu, und die Hunde erhielten die Knochen. Grips rumte
sodann den Tisch ab und brachte die Pfeifen der Herren.
    Nun der Reihe nach, sagte der Oberst. Kandidatus der Gottesgelahrtheit
Unwirrsch, wo steckten Sie, als ich Ihnen in Ihrem Neste vergeblich aufsuchte
und mich die Schienbeine auf Ihrer Treppe zerstie?
    Ich befand mich in meiner Heimatstadt, wo ich meine beiden letzten
Verwandten begrub, antwortete Hans.
    Hm! brummte der Oberst, eine dichte Rauchwolke ausblasend; der Leutnant
aber legte die Pfeife nieder und sagte:
    Wen haben Sie verloren, Unwirrsch?
    Hans gab einen kurzen Bericht von dem Tode und dem Begrbnis der Base
Schlotterbeck und des Oheims Grnebaum. Aufmerksam hrten die drei alten Knaben
von Grunzenow zu und schttelten bedchtig die Hupter. Nach Schlu des
Berichtes sagte der Oberst:
    Ich glaube, Rudolf, da er in diesem Punkt entschuldigt ist, weil er seinen
Posten verlassen hat.
    Auch meine Meinung! sagte der Pastor. Ehre Vater und Mutter -
    Base, Oheim und die brige Sippschaft, fiel der Oberst ein, auf da es
dir wohl gehe et ceterum. Vorwrts, Leutnant, inquiriere mich ihn weiter, das
Gros steckt noch im Defilee.
    O Unwirrsch, rief der Leutnant Gtz klglich, ich habe mich in Ihnen
getuscht, ich habe mich sehr in Ihnen getuscht. Weshalb hatte ich Sie mit so
vieler Mhe in das Haus meines Bruders - meiner Schwgerin hineingebracht? Ich
konnte es Ihnen doch nicht unter die Nase reiben, da Sie mir auf mein
Frnzchen, mein armes Frnzchen achten helfen sollten. Was haben Sie getan? Was
haben Sie mir da gentzt? Sie haben den Wolf in das Haus gelassen, ohne mir
Nachricht davon zu geben, und dann haben Sie sich ohne jede Gegenwehr fortjagen
lassen und haben den Staub von Ihren Schuhen geschttelt. Ich hielt Sie fr
einen guten, harmlosen Gesellen, an welchem das Frnzchen eine Sttze und einen
Trost finden knnte, aber Sie haben sich schier noch mehr mihandeln lassen als
das Frnzchen. Sie sind mir ein schner Patron! Hier sitze ich auf meinem
Marterstuhl und hre von gar nichts, und das Kind schreibt mir ihre armen lieben
Briefe und lgt darin wie gedruckt; das ganze Leben im Hause ihrer Tante ist wie
ein einziges Christfest - zum Henker, eine schne Bescherung ist's in der Tat!
Drei Millionen blaue Teufel, Herr, habe ich Ihnen nicht schon damals in Windheim
gesagt, da Ihr Freund, den Sie so herausstrichen, eine Kanaille sei? Wie
konnten Sie es dulden, da er mit meinem Frnzchen dieselbe Luft in demselben
Hause atmete? Die Gicht soll mir auf der Stelle in den Magen steigen, wenn das
nicht das Schlimmste ist, was mir passieren konnte. Und sie hat es ertragen und
wird nur im stillen geweint haben, und ich armseliger Tropf mu hier fest liegen
und erfahre nicht das geringste davon, und dieser Herr konnte sich einen
Gotteslohn um das Frnzchen und mich er werben, wenn er blo das Maul aufsperrte
und gleich einem Mann auftrat. Bewahre, er lt Gott einen guten Mann sein -
wozu hat er auch sonst Theologie studiert? Was geht's ihn an, was aus der
bettelhaften Nichte des alten, abgedankten, verschollenen Bettelleutnants wird?
Als die Blase platzt und der Jude mit dem saubern Frulein Kleophea durchbrennt,
da salviert sich natrlich auch mein Herr Przeptor, und durch eine alte Zeitung
erfhrt der Leutnant Gtz zu Grunzenow von dem, was im Hause seines Bruders
vorgegangen ist; es wird's keiner glauben, dem ich es nicht auf mein Ehrenwort
versichere. Das Frnzchen schreibt einen Brief Voll Trnenflecke,
Gedankenstriche und Kleckse und meldet, der Onkel Theodor befinde sich nicht
wohl - was ich wohl glaube! -, die Tante - zum Teufel mit ihr! -, die Tante
halte sich meistens in ihrem Zimmer ein geschlossen und der Herr Kandidat
Unwirrsch habe gleich nach Kleopheas Eskapade das Haus verlassen. Und ich liege
hier wie ein Klotz und kann dem armen Wurm, meinem Frnzchen, nicht zu Hlfe
kommen, zapple mich ab, bis es dem Obersten zuviel wird und er das Elend nicht
mehr mit ansehen kann. Also packt er auf und rckt bei Nacht und Nebel auf
Kundschaft aus; als er dann wieder auf den Hof reitet, schttelt er einen leeren
Sack aus. Sie haben ihn fein abgefhrt vor der Haustr der Geheimen Rtin Gtz,
und die Neuntter haben nur das gewut, was die ganze Stadt wute, und der
Kandidat Unwirrsch -
    War nicht zu Hause, sagte der Oberst gravittisch.
    Ja, er war nicht zu Hause, aber jetzt haben wir ihn hier fest, und
ausquetschen will ich ihn wie eine Zitrone! schrie der Leutnant. Sage fr
dich, was du zu sagen hast, Hans Wischlappen, Du hast mich aussprechen lassen
und sollst wenigstens auch aussprechen.
    Hans sah von einem der drei Insassen des Hauses Grunzenow auf den andern,
und sosehr es ihn auch drngte, seinem Herzen Luft zu machen, so konnte er doch
durchaus keinen Anfang finden.
    Der Pastor Tillenius nahm nunmehr seine Pfeife aus dem Munde und sprach:
    Wre es nicht besser, wenn der Herr Kollege dir seine Enthllungen privatim
machte, Gtz! Wenn man die Sache von der rechten Seite betrachtet, so scheint's
mir, da der Oberst und ich ziemlich berflssige Beisitzer in diesem Falle
sind.
    Nein, nein, rief der Leutnant. Ihr beide kennt diese Verhltnisse so gut
wie ich selbst. Ich habe euch oft genug meine Jammerlieder darber vorgesungen;
ihr bleibt hier und hrt an, was der Herr Kandidat zu sagen hat; ich jetziger
Krppel kann ohne euren Rat und eure Hlfe ja doch nichts tun.
    Gebe Er dem Herrn Leutnant einen Fidibus, Grips, sagte der Oberst. Und
dann schere Er sich zum Tempel hinaus. Vorwrts!
    Marsch! kommandierte Grips sich selber und marschierte ab.
    Herr Leutnant, hub der Kandidat Unwirrsch an, ich wute es, da Sie in
hnlicher Weise zu mir sprechen wrden. Ich habe mich auf dem ganzen Weg hierher
damit getragen und habe es auch tief bedacht, was ich Ihnen erwidern knnte.
Ach, Herr Leutnant, dieses Jahr ist das schwerste meines Lebens gewesen, und
Sie. Herr Leutnant, Sie haben mich hineingestoen in alle Wirbel und Wirrnisse,
mit denen ich kmpfen mute, mit denen ich noch kmpfe. Ich bin Ihnen zufllig
auf der Landstrae begegnet, und Sie haben Gefallen an dem armen, unerfahrenen
Studenten gefunden; Sie haben spter den ebenso unerfahrenen Hauslehrer da
vorgeschoben, wo Sie selber nichts vermochten. Sie haben wenig daran gedacht,
was aus mir werden wrde. Sie wollten um Ihrer Frulein Nichte willen einen
Vermittler zwischen sich und das Haus Ihres Bruders stellen, und wenn dieses
Mitglied die ihm zufallende Rolle vielleicht gar nicht ahnte, so war das um so
besser. Ach, Herr Leutnant, wir sind beide nicht zu Diplomaten gemacht, wir
haben nicht das geringste am Lauf der Dinge gendert, und das Schicksal hat bse
Geister aufsteigen lassen, an die keiner von uns beiden gedacht hat. Sie haben
mir vorgeworfen. Herr Leutnant, da ich dem Doktor Theophile Stein nicht
entgegengetreten sei; das ist zum grten Teil Ihre Schuld, denn Sie haben mir
meine Rolle gegeben, ohne sie mir zu deuten, und haben mich in fremde
Verhltnisse geschoben, ohne die meinigen zu kennen. Bei unserm ersten Begegnen
sprachen Sie harte Worte ber denjenigen, welcher sich spter Theophile Stein
nannte, aber was Sie dazu trieb, haben Sie mir nicht erklrt. Und jener war mit
mir aufgewachsen und erzogen; ich hielt ihn fr meinen Freund und konnte ihn
nicht auf das flchtige Wort eines Fremden hin verleugnen, zumal da er fern war
und sich nicht verteidigen konnte. Als ich erkannte, da er falsch, treulos, ein
Egoist und Verchter des Gttlichen und Menschlichen sei, habe ich ihn aus
meinem Herzen gerissen, und sein Name ist ein leerer Schall fr mich geworden.
Schwer, schwer habe ich fr meinen Glauben an ihn gelitten. Sie, Herr Leutnant,
tragen die Schuld daran, da mich das Frnz - Ihre Nichte fr ebenso falsch und
heuchlerisch wie den Moses Freudenstein halten mute. Sie haben mich elend und
unglcklich ber alles Ma gemacht, denn Sie hatten mich in eine Lage gebracht,
in der ich mich nicht verteidigen konnte, in der ich es dem Zufall berlassen
mute, den stummen, trben Vorwurf der Gemeinheit und Treulosigkeit von mir zu
nehmen. Wie ich in dem Hause Ihres Bruders gelitten habe, kann ich nicht sagen;
Sie aber sind gewi nicht berechtigt, mehr Rechenschaft von mir zu verlangen,
als ich Ihnen geben will.
    In dieser Rede zeigte Hans Unwirrsch aus der Krppelstrae, da seine
Lehrjahre nicht nutzlos vorbergegangen waren. Er stand wie ein Mann vor dem
Leutnant Rudolf Gtz, und der Eindruck seiner Worte auf diesen sowohl wie auf
die beiden andern Herren war merkwrdig und dem Sachverhalt angemessen.
    Jetzt hatten alle drei ihre Tonpfeifen weggelegt und starrten auf den Redner
wie auf etwas ganz und gar Neues.
    Der erste, der sich von seiner Verwunderung erholte, war der Oberst von
Bullau.
    Potz Blitz. Rudolf, rief er, da rieche drauf! Davon kannst du mich
manches gebrauchen und in die Tasche stecken. Tillenius, Mann, nchsten Sonntag
soll dieser Jngling uns eine Predigt halten. Donner und Wetter, Herr Kandidate,
das geht Sie ja recht glatt ab, und ich glaube, einigemal haben Sie den Nagel
richtig auf den Kopf getroffen. Alert, Gtz, so was kann nicht ungerochen
hingehen! - Was hast du ihm nun wieder drauf zu antworten, Kamerade?
    Der Leutnant zog einen Seufzer aus seinem tiefsten Innersten hervor und
sagte, ohne den gesenkten grauen Kopf emporzuheben:
    Ich will mit Wissen keinem Menschen ein Unrecht antun, und wenn es mir doch
passiert ist, so will ich ihn gern um Verzeihung bitten. Jetzt bin ich wirblig
und konfus im Kopf und mu mich erst besinnen auf das, was ich noch zu sagen
habe. Gib mir die Hand, Hans, und erzhle mir morgen genau, wie es dir in meines
Bruders Haus ergangen ist, du wirst mit einem alten, kranken Burschen Geduld
haben; - o das Frnzchen, mein Frnzchen!
    Hans ergriff mit tiefer Rhrung die jetzt so zitternde Hand, die ihm
entgegengestreckt wurde. Er drckte sie heftig - er hatte ja dem Alten noch
soviel zu sagen. Er hatte ihm zu sagen, da er ihm auf den Knien danken msse
fr all die Unruhe, Sorge, all den Zwiespalt, Kummer und Schmerz, die er auf
seine Seele geladen habe. Er hatte ihm zu sagen, da er, der hungrige Hans
Unwirrsch, seinen schnsten, edelsten Hunger, sein schnstes, edelstes Sehnen
ihm, dem alten treuen Eckart, Rudolf Gtz, verdanke. Er hatte ihm soviel von
sich und dem Frnzchen zu erzhlen, aber es ging gleichfalls noch nicht an; der
Augenblick dazu war noch nicht gekommen.
    Der Schifferpastor Tillenius sah kopfschttelnd auf den Leutnant, der dem
Augenblick und der Gesellschaft gnzlich entrckt zu sein schien; dann sagte er
zu Hans:
    Sie werden von Ihrer Reise mde sein, Herr Amtsbruder. Grips soll Ihnen Ihr
Zimmer anweisen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde, wenn Sie lnger hier
verweilen. Der Wind, der ber die See kommt, macht die Haut hart und rauh; aber
dem inwendigen Menschen kann er weniger anhaben, als man glaubt. Geben Sie mir
Ihre Hand zur guten Nacht; ich will auch heim in mein Nest. Sie schlafen ja wohl
zum erstenmal beim Rauschen des Meeres? - Geben Sie Achtung auf Ihre ersten
Trume: es ist ein eigen Ding, sich von den Wellen in den Schlaf singen zu
lassen.
    Schlaft wohl, Tillenius, rief der Oberst. Ich empfehle Euch Eurer
Haushlterin. Nehmt einen Kerl mit einer Laterne vom Hofe mit und haltet Euch
rechts bei dem Graben; - Vorsicht ziert den Mann, selbsten wo er den Weg schon
seit vierzig Jahren kennt.
    Gute Nacht. Rudolf, seufzte der alte Pfarrer, dem Leutnant sanft die Hand
auf die Schulter legend. Richte den Kopf auf, mein Alter; morgen gibt's einen
heitern Tag.
    Wir wollen es wnschen! sagte Gtz. Grips, rolle mich in mein Loch. Gute
Nacht, ihr Herren! Gute Nacht, Hans Unwirrsch, mein Junge; du hast mir eine
harte Nu mit ins Bett gegeben. Halte dich selber an das Wort des Pastors und
la dich sanft in den Schlaf singen.
    Ehrn Josias Tillenius, der Pfarrer von Grunzenow, war abgehumpelt; Grips
hatte den Leutnant Gtz in seinem Rollstuhl zur Tr hinausgeschoben; jetzt griff
der Oberst von Bullau ein Licht von der Tafel auf und sagte:
    Ich werde Sie selber Ihr Zimmer zeigen, Herr Kandidat; nochmalen heie ich
Ihnen von Herzen willkommen auf Grunzenow. Wenn's Ihnen etwas wste scheint, so
nehmen Sie's nicht fr ungut, wir leben hier wie im Felde und halten uns das
Weibervolk soviel als mglich vom Leibe. Also gucken Sie mich nicht zu genau in
die Ecken, 's ist eine Wirtschaft von Kriegsleuten und Mannsleuten. Put, put,
mein Hhnchen.
    Hans Unwirrsch folgte dem Kastellan von Grunzenow durch den langen gewlbten
Korridor in das Gemach, das er bewohnen sollte. Der Oberst setzte das Licht auf
den Tisch, schttelte seinem Gast nochmals die Hand, und Hans war allein. Er
horchte, wie der schwere, soldatische Schritt seines braven Wirtes verhallte, er
horchte, wie noch mehrmals Tren in der Entfernung krachend zugeschlagen wurden;
er horchte nach dem Fenster hin, fuhr mit der Hand ber die Stirn und sah auf
und umher, doch nicht in die Ecken, wie es ihm der Oberst geraten hatte.
    Das Zimmer war nur auf das Notwendigste eingerichtet, die Sthle, der Tisch,
der Schrank von dunklem Eichenholz htten ein modernes Haus wahrscheinlich zum
Einsturz gebracht; von den Wnden hingen Fetzen einer uralten Ledertapete. Das
Bett war von spartanischer Einfachheit; aber auch in diesem Gemach verbreitete
ein uralter hollndischer Ofen eine wohltuende Wrme. Auf dem Tischchen neben
dem Bett stand zum Nachttrunk eine Flasche Bordeaux, die jedoch der Herr
Kandidat mit Abneigung betrachtete. Er schritt zu den Fenstern und fand zwischen
beiden eine Tr, die auf einen kleinen Balkon fhrte, der mit einer kugelfesten
Brstung von Stein umgeben war. Im kalten, schneidenden Nachtwind stand er,
bezaubert von dem, was er sah und was er hrte. Zur Linken lag das schweigende
Dorf, in welchem jetzt kein Licht mehr glimmte; vor ihm dehnte sich der kahle
Strand, ber den sich in den letzten Abendstunden eine leichte Schneedecke
gelagert hatte und der sich im weiten Bogen im Dunst und Nebel verlor. ber Dorf
und Strand aber hinaus bewegte sich das Meer, beleuchtet vom Monde, der,
verschleiert vom Gewlk, sich, dem Untergang zuneigte; das Meer gekleidet in
Wolken und in Dunkel eingewickelt wie in Windeln.
    O Frnzchen! sagte Hans, wute aber nicht, weshalb er es sagte. Dann
verging diese erste Nacht, die er in dem alten Herrenhause verbrachte, ruhiger,
friedlicher und stiller, als er geglaubt hatte. Er hrte das Meer in den
tiefsten Schlaf hinein; aber er hrte es nicht druend und unheilverkndend. Die
Geister der Wasser verliehen ihm keinen klaren, bestimmten Traum, wie es ihm der
Pastor Tillenius verheien hatte. Mancherlei Bilder und Gestalten sah er wieder;
er mute viel an die arme Kleophea denken. Als er erwachte, war es Morgen, und
was ihn weckte, war nicht der Wogenschlag an Fels und Dne, sondern Grips, der
mit der Faust an seiner Tr trommelte und dienstlich meldete, da das Frhstck
auf dem Tische stehe.

                              Dreiigstes Kapitel


Wochen gingen nun vorber, in denen der Kandidat Unwirrsch das Meer, das Dorf
Grunzenow, den Oberst von Bullau und den Pastor Josias Tillenius genauer
kennenlernte und in denen er dem Leutnant Rudolf Gtz hundert und aber hundert
Fragen zu beantworten hatte. Bis in die kleinsten Einzelheiten gab er dem Alten
Bericht von seinem Hauslehrertum im Hause des Geheimen Rates Gtz und verschwieg
ihm nichts als das, was sein eigenstes hohes und teures Geheimnis war und ber
welches er bis jetzt mit keinem andern Menschen sprechen konnte und mit sich
selbst kaum zu sprechen wagte. Er erzhlte aber dem Leutnant doch soviel von dem
Frnzchen, als er immer verlangen mochte. Es war ein unerschpfliches Thema, und
dem invaliden Krieger ging oft vor Rhrung die Pfeife darber aus; aber weder
der Leutnant Rudolf noch Hans wuten zu sagen, wie man dem Kinde helfen knne,
da es den Onkel Theodor nicht verlassen wolle. Der Oberst und der Pastor wuten
auch keinen Rat bei so bewandten Umstnden; sie schttelten nur die Kpfe, und
dadurch ist nur selten ein Ding besser geworden in der Welt.
    Die Alten sind brigens in solchen Umstnden schlimmer daran als die Jungen.
Obgleich Hans Unwirrsch sowenig Rat wute als der Leutnant, so konnte er doch
mit der Hoffnung auf die Zukunft am Ufer des Meeres spazierengehen, whrend die
Gedanken des alten Invaliden, die sich am hchsten erhoben, immer nach kurzem
Fluge auf dem kleinen Kirchhofe niedersanken, auf welchem die Leute von
Grunzenow ihre eigenen Toten und die fremden, die das Meer ihnen an den Strand
trieb, begruben.
    Hans Unwirrsch lernte das Meer in den verschiedenartigsten Stimmungen
kennen; er sah es in der Ruhe und sah es im Zorn; er sah es - in tristitia
hilare, in hilaritate triste. Wie ein Kind griff er nach dem bunten Spielzeug,
dessen die See berdrssig geworden war; er sammelte Muscheln, aber er sammelte
auch Gedanken. Der Oberst von Bullau machte ihn mit der Natur des wilden
Erdstriches bekannt; der Pfarrer Tillenius lehrte ihn die Menschen kennen,
welche diese de, unfruchtbare Scholle bewohnten, nur von dem lebten, was sie
der See abrangen, und die der stete, harte, gefahrvolle Kampf mit dem
grimmig-launischen Element so ernst, schweigsam, rauh und ausdauernd machte. Es
wurde dem Kandidaten Unwirrsch fast zu einem Traum, da er ein Buch des Hungers
voll Hauch und Glanz aus grnen Wiesen und hoffnungsreichen Kornfeldern her
hatte schreiben wollen. Nun stand er in einer ganz andern Welt, ein Kandidat des
Predigertums in der Wste, und der harte Boden, auf den sein Fu trat, gab einen
ganz andern Klang als die heilige Erde von Neustadt, als das Parkett und das
Straenpflaster der groen Stadt.
    In dem Pastorenhaus wurde der Kandidat ein tglicher Gast; er fand daselbst
einen sehr alten und einfachen Haushalt unter der Leitung einer ebenso alten
Haushlterin. Er fand den alten Josias sehr in Tabaksdampf gehllt, sehr in
seinem Schlafrock verwickelt, eifrigst uralte Folianten nach uralter Theologie
durchwhlend, um, wie er sagte, im Gange zu bleiben. Es war aber eine
eigentmliche Sache um dieses Im-Gange-Bleiben. Seine Kollegienhefte hatte er
schon lange vor Beginn der Befreiungskriege verloren; neue Schriften gelangten
nicht leicht nach Grunzenow, und so beschrnkte sich sein gelehrter Apparat auf
die Bcher, die seine Vorgnger seit hundertundfnfzig Jahren auf der Pfarre
zurckgelassen hatten und die ein Pastor bei dem Tode des andern bernommen
hatte, wie man sonst wohl die ehrsame Witib samt der brigen fahrenden Habe
seines Vorgngers bernimmt. Die Herren von Bullau, welche die Pfarre von
Grunzenow zu vergeben hatten, hatten einen gewaltigen Respekt vor dieser
Bibliothek und das seefahrende Volk von Grunzenow einen noch greren. Die
geistlichen Herren aber, die nacheinander in das Pastorenhaus einzogen, fanden
sich mit ihr ab, ein jeder nach seiner Weise. Wenn sie von dem einen
leichtgenommen wurde, so lag sie dem andern wie ein Alp auf den Schultern, und
zu den letzteren gehrte der wackere Pastor Josias Tillenius. Der Greis hatte
viel gesehen und erlebt in seiner Jugend, da er als Feldprediger mit gegen die
Franzosen auszog im Jahre siebenzehnhundertdreiundneunzig. Er war ein ehrlicher,
guter Mann, der es wohlmeinte und der jedem Menschen, vor allem jedoch dem
Patronatsherrn von Grunzenow gefallen mute. Bullau und Tillenius hatten
zusammen an einem Wachtfeuer gelegen; sie rckten nachher an einem Feuerherde
zusammen. Der Gutsherr fhlte sich so behaglich an dem Ofen im Pfarrhause wie
der Pastor an dem des Gutshofes, und der wandernde Leutnant Rudolf Gtz
vervollstndigte das Kleeblatt und die Behaglichkeit und wurde sehr vermit,
wenn ihn sein unruhiges Blut in die Weite getrieben hatte. Der Oberst verlie
seinen Stammsitz am Meere nur, um von Zeit zu Zeit den Neunttern in ihrem Nest
im Grnen Baum einen Besuch abzustatten; Josias Tillenius aber hatte in dieser
Beziehung schon lngst mit der Welt abgeschlossen. Wenn die beiden Freunde nicht
anwesend waren, gengten ihm die Leute des Dorfes, der Anblick der See, seine
Pfeife und seine Erinnerung; wenn sie wiederkehrten, gengte ihm das, was sie
von dem fernen Weltgetmmel zu erzhlen wuten. Ein beschaulicherer Philosoph
und Pastor hatte noch niemals am Meer in seiner Studierstube gesessen und im
Kampfe mit einer so merkwrdigen Bibliothek Weisheit gelernt aus dem einfrmigen
Rauschen der Wellen. Abseits von dieser Bibliothek baute er im Laufe seines
langen Lebens und seiner langen Amtsfhrung ganz allmhlich, fast ohne es zu
ahnen, seine eigene Theologie, sein eigenes System der Welt- und
Gottesanschauung auf, und in demselben hatten Dinge Platz, die den Kandidaten
Unwirrsch oft mit Rhrung, oft mit Staunen und sehr oft auch mit Verwunderung
aufblicken lieen. Wie in einen Spiegel sah Hans Unwirrsch in das Leben dieses
Greises, den seine Kollegen weiter hinten im fetten, fruchtbaren Lande den
Hungerpastor nannten und ihm somit denselben Namen im Ernst gaben, welchen der
Doktor Theophile Stein einst im Salon der Geheimen Rtin Gtz seinem
Jugendfreund im Scherz beigelegt hatte.
    Mein lieber Sohn, sagte der Alte, ich bin ein ungelehrter Mann; und wenn
ich heute aufgerufen wrde, mein Examen vor dem hochehrwrdigen Konsistorio zu
bestehen, so wrde man mir wohl nicht erlauben. Gottes Wort hier am Wasser zu
predigen. Die Bcher dort machen mir Kopfweh und viele Sorgen; ich bin ihnen
nicht gewachsen, und wenn ich den Kampf gegen sie aufnehme, so ziehe ich
regelmig den krzeren, Es ist auch so lange, lange her, als ich auf der
Schulbank sa, und ich bin allmhlich ein Solcher alter Bursch geworden, da es
gar kein Wunder ist, wenn ich mich verhaspele und wenn mir der Atem entgeht. Ich
bin da steckengeblieben in der Wissenschaft, wo andere erst anfangen, und als
ich Zeit gewann zum Lernen, da hatte mich das wilde Leben allbereits untauglich
dazu gemacht. Ich habe alle Begeisterung. Sturm und Drang, so der Mensch fhlen
kann, in meinem Herzen gefhlt; ich habe aber auch allen Menschenjammer gesehen
und in mir gesprt. Nun fahren mir die Erinnerungen immerdar zwischen die
Buchstaben und Zeilen, stellen dem Aufmerken ein Bein, schtteln die Gedanken
durcheinander, und es ist keine Abhlfe davon, als da ich herauswackele aus dem
Loch und auf irgendeiner Ofenbank oder einer Bank vor der Httentr im Dorfe
Posto fasse oder den Mwen zusehe, die um den Strand fahren oder ber die Wellen
schieen. Sehet, Herr Kandidat, Ihr seid ein junger Mensche und fallet dazu in
eine ganz andere Zeit, aber es gleicht sich manches auf Erden, was es nicht
glaubt. So ist es mit unsern Wegen in der Jugend. Der meinige ist durch
grimmiges Wetter, Mord und Tod gegangen, der Eurige gehet in der Stille fort;
aber auf diesen verschiedenen Wegen haben wir viel gleiche Gedanken gehabt, und
wenn Ihr, Herr Kollege, einmal so alt wie ich geworden seid: wer wei, ob dann
die hnlichkeit nicht noch viel grer ist? Wir haben uns beide recht gesehnt
auf unserm Wege: nach dem Wissen, nach der Welt, nach der Liebe. Mir hat der
Krieg die Bcher aus der Hand geschlagen, und die Welt habe ich gesehen, aber
zerstampft von Mann und Ro und Wagen und bergossen mit rotem Blut und
geschndet von der Brandfackel; meine Liebe aber (hier lftete der Alte das
schwarze Kppchen), meine Liebe - nun, deren sterbliches Teil habe ich begraben
dahinten im Lande auf einem grnen Kirchhof; es ist lange her. Nun sehne ich
mich nach Ruhe, und der Liebe unsterbliches Teil wird mir den Tod ser machen,
wie es mir das Leben sanft und alle Arbeit gering und leicht gemacht hat. Sie
haben wohl recht dahinten im Lande, wenn sie mich den Hungerpastor nennen; ich
habe groen Hunger gelitten im Leben; nun der Tag sich neiget, danke ich dem
Herrgott in Demut dafr. Erst am Abend erfhrt der Mensch so recht, was ihn
unter den Mhen des Tages aufrechterhalten hat. Ihr seid jung, Herr Konfrater,
und seid einen stilleren Weg gewandelt als ich; aber auch auf einem kurzen und
stillen Wege kann man viel erfahren. Euch hat nicht eine wilde Zeit von den
Bchern weggerissen; es hat Euch niemand gehindert, Euern Durst nach dem Wissen
zu stillen, und wenn Ihr auch nicht vom Werk abgelassen habt und nicht von ihm
ablassen knnt, so habt Ihr doch das Glck und die Ruhe nicht darin gefunden.
Und Euer Sehnen in die weite Welt, in der Menschen buntes Spiel und Treiben hat
auch Euch hinausgetrieben - eheu sudores et cruces Johannis Unwirrschii! - Ihr
habt wohl Stoff gesammelt zu vielen schnen Predigten; aber - ein traurig Wesen
war's doch. Ihr habt Euern Jugendgenossen in seinem Hunger seinen Weg gehen
lassen; Ihr habt sonst Kleinliches und Nichtiges gesehen und erfahren; der Tod
hat Euch die letzten Verwandten genommen, und was der eine Mensch leicht trgt
und abschttelt, das wird dem andern Menschen zu einer schweren Last, die ihn zu
Boden drckt und die er nicht von sich werfen kann. Du hast das Recht, betrbt
zu sein, Johannes, obgleich du nicht von den Schlachtfeldern der Menschheit
kommst und nicht von dem Grabe der Braut; - - soll ich nun von dem letzten
Sehnen, in welchem im Grunde jeglicher Hunger wurzelt, zu dir reden?
    Hans konnte nicht sprechen; er nickte nur und hielt in seiner Hand die Hand
des Greises, aber der Pastor Josias Tillenius, der so schweren Kampf mit der
Bibliothek seiner Vorgnger im geistlichen Amt zu Grunzenow kmpfte und doch so
viel, viel mehr wute, als in all den halbvermoderten Scharteken zu finden war -
der Pastor Tillenius konnte seine Rede nicht zum Schlu bringen. Es klopfte
jemand hastig an das Fenster; Grips mit seiner Laterne stand drauen im Schnee
und kalten Abendwind und entbot beide geistliche Herren zum Gutshofe mit dem
Anfgen, es msse wohl etwas Absonderliches passiert sein in der Zeitung, denn
der Herr Oberst und der Herr Leutnant seien in merkwrdiger Emotion, seit der
Christof mit ihr von Freudenstadt gekommen sei. Seit der Geschichte von Anno
fnfzehn habe er - Grips - so etwas nicht erlebt.
    Fragend sahen sich Hans und der Pastor von Grunzenow an.
    Was mag es sein? Was ist geschehen?
    Es soll mich wundern, meinte Ehrn Tillenius. Die beiden alten Freunde
treiben in ihrer Einsamkeit eine seltsame Alte-Soldaten-Politik, es wird
jedenfalls irgendeine kriegerische Wolke an ihrem Horizont aufgestiegen sein. Es
ist nur schade, da die Zeitung gewhnlich erst dann nach Grunzenow gelangt,
wenn die Welt um acht oder vierzehn Tage lter und klger geworden ist. Lassen
Sie uns aber gehen, Johannes; ich bin gerstet, und Geduld gehrt im Grunde
nicht zu den Haupttugenden der beiden Veteranen da oben.
    Mit der Laterne schritt Grips gravittisch den geistlichen Herren voran
durch den Schnee. Es war ziemlich strmisch, die See brauste gewaltig, der
Schnee stubte um die Wanderer und um die Htten des Dorfes - es war eine bse
Nacht geworden. Hans befand sich in sehr erregter Stimmung, er konnte nicht
glauben, da es eine politische Neuigkeit sei, die auf Schlo Grunzenow
angelangt war. Er hatte ein dumpfes Vorgefhl, da etwas sich ereignet haben
mute, was auch von tief eingreifender Wirkung auf sein eigenes Leben war.
Allerlei verworrene Gedanken und Fragen schossen ihm durch den Sinn, whrend er
den alten Pastor Tillenius sorgsam durch den Schnee fhrte; aber den Gedanken,
da eine Nachricht aus dem Hause in der Parkstrae gekommen sei, wurde er nicht
los, und es fand sich, da dem so war.
    Die Hnde auf dem Rcken, schritt der Oberst von Bullau in dem Gemache,
welches wir bereits kennen, auf und ab. In seine Decken gewickelt, sa der
Leutnant Rudolf Gtz in seinem Rollsessel, und das Zeitungsblatt, das Christof
von Freudenstadt gebracht hatte, lag vor ihm auf dem Tische.
    Beide alte Herren waren sehr ernst; der Leutnant seufzte von Zeit zu Zeit
tief und schwer, und der Oberst hielt von Zeit zu Zeit in seinem Marsche an, um
kopfschttelnd auf den Freund und Kameraden zu blicken. Er knurrte auch von Zeit
zu Zeit mitleidig, der Oberst von Bullau, und brummte: Na, na! oder
Schwerenot! oder Kopf in die Hhe! oder Brust heraus! oder dergleichen
Endlich blieb er sogar stehen, um sich durch ein herzhaftes
Kreuzhimmeldonnerwetter! mit dem Zusatz Luft zu machen: Wenn man die Papen
braucht, so sind sie nie vor der Front zu haben!
    Es war ein Glck, da einige Minuten spter Grips den beiden geistlichen
Herren die Tr ffnete.
    Der Leutnant Gtz sah auf, und Hans Unwirrsch wute nunmehr, da er in
seinen Ahnungen recht gehabt hatte; die Zeitungsnachricht betraf das Haus des
Geheimen Rates - betraf das Frnzchen.
    Was ist denn vorgefallen. Bullau? fragte der Pastor den Oberst leise.
    Es steht in der Zeitung - Geburts- und Todesnachrichten!
    Um Gottes willen, was ist s? Was steht in der Zeitung? Wer ist geboren oder
gestorben?
    Armer Teufel! seufzte der Oberst von Bullau. Sein Bruder natrlich -
Herzschlag - um stille Teilnahme bittet die trauernde Witwe, Aurelie Gtz,
geborene von Lichtenhahn.
    Der Pastor war bereits an der Seite des Leutnants und drckte ihm die Hand;
Rudolf Gtz hatte das Zeitungsblatt schon dem Kandidaten Unwirrsch gereicht:
    Lies, lies!
    Hans suchte in seiner Aufregung lngere Zeit vergeblich in den Spalten des
Blattes, endlich fand er die Anzeige und las:

    Den 10. Dezember 18.. Gestern morgen entschlief unerwartet schnell an den
Folgen eines Herzschlags mein teurer Gatte, der Geheime Rat Theodor Friedrich
Ferdinand Gtz, Ritter usw. usw.
    Ich weine, doch nicht wie jene, welche den Herrn nicht gefunden haben. Ich
weine, doch nicht wie jene, welche den Herrn nicht suchen wollen.
                                        Aurelie Gtz, geborene von Lichtenhahn.

Du mut Trost annehmen, Rudolf, sagte der Oberst. Wird dem armen Kerl fidel
zumute sein! Er hat wenig Freude in seinem Leben gehabt Nun hat ihm die
Geschichte, der Kummer um seine Tochter, den Rest gegeben - es ist klar; - er
wird einen guten, festen Schlaf haben nach seinem trbseligen Schreiberleben.
Richte den Kopf auf, Kamerad, du hast noch an andere Dinge zu denken.
    Mein Kind, mein Frnzchen! Was ist aus meinem Frnzchen geworden? Was soll
aus meinem Frnzchen werden? rief der Leutnant. Er stand trotz seiner Gicht
pltzlich auf den Fen, aber der Schmerz warf ihn sogleich wieder in den Sessel
zurck.
    Vom zehnten Dezember ist die Todesanzeige, heute schreiben wir den
neunzehnten, was kann das Kind in die kurze Zeit passiert sein?! sagte der
Oberst. Heute abend noch packt der hier gegenwrtige Hans Unwirrsch, ein junger
Mensch, auf welchen man sich verlassen kann, seinen Tornister. Wir haben Grips
und den Schlitten, wir haben die Post in Freudenstadt und dann die Eisenbahn.
Was aus deinem Kinde werden soll? Nach Grunzenow wird's vom Kandidaten Unwirrsch
geholt. Es hat ja nun keinen Grund mehr, sich dagegen zu wehren, wenn es sich
vor dem Schweinestall, dem Meer und dem kahlen Strande nicht allzusehr frchtet.
Und da es willkommen ist auf Grunzenow wie der Frhling und der Sonnenschein,
das brauche ich doch, beim Donnerwetter, nicht mehr zu sagen! Was sagst du,
Rudolf, und du, alter Feldpape, so nett und anmuselig htten wir uns unser Alter
auf Grunzenow gar nicht vorgestellt?! Aber Gott verlt kein ausrangiert
Dragonerpferd, also noch viel weniger solche drei saubere Burschen und
Haupthhne wie wir. Gebt den Toten eine Salve bers Grab und lat die Lebendigen
reiten. Da, schlag ein, Kamerade Gtz, wir wissen's wie wir's gegeneinander
halten! Gib dem jungen Schwarzrock stantepe deine Ordersch und deinen Segen und
schicke ihn mich aus nach unserm Kinde; es soll ein Glckstag fr uns alle
werden, wenn es durch das alte Tor von Grunzenow einfhrt.
    Ich wei wahrlich, wie wir's gegeneinander zu halten haben, lieber Alter,
sagte der Leutnant Gtz, dem zwei groe Trnen in den eisgrauen Bart liefen.
Was meinst du, Hans Unwirrsch willst du mein Kind ablsen von seinem schweren
Posten und es nach Grunzenow holen?
    Hans Unwirrsch antwortete nicht, er stand wie vom Blitz gerhrt; er stand,
ohne sich zu regen; wortlos stand er da.
    Der Pastor Tillenius fate ihn am Arm und schttelte ihn ein wenig.
    Wachet auf, ihr Christenleut! Der Leutnant hat eine Frage an Euch
gerichtet, Hans, gebt Antwort - sagt, ob Ihr besorgen wollt, was er verlangt.
Wie ist Euch, Freund Johannes? Der Kandidat fuhr mit der Hand ber die Stirn
und trat nher an den Sessel des Leutnants heran.
    O Herr Leutnant, sagte er, ich habe Ihnen an jenem Abend, als ich Ihnen
Rechenschaft gab ber meinen Aufenthalt in dem Hause Ihres Bruders, nicht alles
gesagt, nicht alles sagen knnen. Nun mu ich sprechen, ehe ich Ihren Auftrag
annehmen kann. Sie haben so vieles, vieles nicht bedacht, als Sie kamen, um
meine Schritte auf einen bestimmten Weg zu lenken. Sie haben auch daran nicht
gedacht, da die Seelen der Menschen sich in der Bedrngnis leichter
zusammenfinden, fester zusammenhalten als sonst. Es ist geschehen und kein
Widerstand mehr dagegen; - ich sollte eine Hlfe fr Ihre Nichte sein, nun liebe
ich das Frnzchen, ich liebe es in alle Ewigkeit; all mein Halt in der Welt ist
bei Ihrem Frnzchen, und ich kann es nicht nach Grunzenow holen, wenn Sie es
jetzt nicht noch einmal von mir fordern!
    Der Pastor Josias Tillenius beschattete die Augen mit der Hand, aber er
lchelte; der Oberst von Bullau lachte gutmtig und brummte: So mute es
kommen! Guck einer - o du liebster junger Himmel! Der Leutnant Rudolf Gtz aber
wute eigentlich nicht recht, ob er lachen oder weinen, segnen oder fluchen
sollte.
    O du meine Gte! sagte er zuletzt. Das ist freilich der Pfropfen auf die
Flasche! ... Bullau, Tillenius - was sagt ihr dazu?
    Ich trinke einmal auf den Schrecken! meinte der Oberst, aber der alte
Pastor von Grunzenow beugte sich zu dem Leutnant nieder, legte ihm sanft die
Hand auf die Schulter und sagte:
    Ich liee ihn sein Frnzchen holen; er soll mein Adjunkt auf der
Hungerpfarre werden; ihre Kinder sollen unsere Grber in Ordnung erhalten.
    So komm her, Hans Unwirrsch, und gib mir die Hand wie ein Mann, sich mir in
die Augen und sprich frei, ob mein Kind sich gern und willig von dir
hierherfhren lassen wird!
    Der Kandidat beugte sich ber den Stuhl des Greises, und was er sagte,
verstand weder der Oberst von Bullau noch der Pastor Tillenius, aber der
Leutnant legte ihm die Hand auf das Haupt und sagte fast ebenso leise:
    So geh, sag ihr, was du zu sagen hast, und hole sie. Gesegnet sei euer
Weg.
    An diesem Abend geleitete nicht Grips den Pastor Tillenius zu seiner
Pastorei. Hans Unwirrsch fhrte den Greis und trug die Laterne.
    Sieh, mein lieber Junge, ich wute wohl, da du das auf der Seele trugest.
Man braucht nicht grad in allem Weltgewhl sich umzutreiben, um die Herzen der
Menschen kennenzulernen. Man erfhrt viel, wenn man am Strande sitzt, dem Spiel
der Wellen zusieht und zuhrt und an das denkt, was einem selber begegnet ist im
Leben oder was das Huflein Menschentum in den umliegenden Htten angeht. Was
ich frher vernommen hatte, was du am Abend deiner Ankunft dem guten Leutnant
Rudolf erzhltest, das gengte mir, um daraus meinen Schlu aufzubauen Nun bist
du aber gebannt in die Wste, an dieses de Ufer, Hans Unwirrsch; - was ist aus
deinen glnzenden jungen Trumen und Hoffnungen geworden?
    Wirklichkeit! Wirklichkeit! rief Hans. O mein Gott, was sind alle Trume
und Hoffnungen gegen diesen Weg, den wir jetzt zusammen gehen!
    Halt einmal. Johannes, sagte der Alte. Der Wind nimmt einem wirklich den
Atem, und die See scheint auch immer toller zu werden. Hier ist ein Winkel, wo
du mich ein wenig ausruhen lassen mut, mein Kind.
    Sie traten an die Mauer eines kleinen Hauses, aus dessen Fenstern kein Licht
schimmerte, das ganz unbewohnt zu sein schien.
    Der Erblasserin dieses Hauses habe ich nicht lange vor deiner Ankunft die
Grabrede gehalten, sprach der Pastor. Ach, es ist nicht immer eine leichte
Sache, auf der Hungerpfarre zu Grunzenow zu sitzen! Eine stattliche, brave
Familie wohnte in dieser Htte - Vater und Mutter und sechs Shne. Der lteste
Sohn ging mit einer Hamburger Brigg an den Galapagosinseln verloren, der zweite
ist auf einem englischen Schiff im Opiumkriege von einem chinesischen Pfeil
getroffen worden, und der Vater ertrank mit den vier letzten Shnen im vorigen
Jahre im Angesicht des Dorfes. In Strke und Geduld hat sich, mehr wie jeder
andere, der Mann zu wappnen, dem die Wogen des Meeres mit in die Worte rauschen,
die er zu den Schiffern und Fischern von seiner Kanzel spricht. Das Volk, das
mit dem Pflug und der Sichel auf das Ackerfeld und die Wiese zieht, ist ein
anderes als das, welches im zerbrechlichen Boot stets ber seinem feuchten Grabe
schwebt. Viel Liebe mu der Prediger am Meer beweisen knnen, und viel vom
eigenen Glck mu er verleugnen knnen fr die Htten um seine Kirche. Es ist
nur der heiligste Hunger nach Liebe, der den Menschen fr solche Erdstelle stark
genug macht. Nun la uns gehen, mein lieber Sohn.
    Hans Unwirrsch legte die Hand an das Gemuer der unbewohnten Htte; er hatte
sein Herz dem Frnzchen Gtz vermhlt; er vermhlte seine Seele jetzt mit dem
hungrigen Strand von Grunzenow.
    Nun geleite mich heim, und dann geh und schlafe wohl, mein Kind, sagte
Ehrn Tillenius. es wird die Zeit kommen, wo dich die wildeste Musik der Wasser
nicht erweckt. Ich werde dich morgen frh wohl nicht sehen; so la uns denn fr
jetzt Abschied nehmen. Gre dein Frnzchen auch von dem alten Josias; bringe es
uns bald; wir wollen ihm eine freundliche Sttte zu bereiten suchen. Es soll
sanft ausruhen an dem wilden Strande von Grunzenow.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Mit Tagesanbruch hielt der Schlitten auf dem Gutshofe zu Grunzenow. Der Sturm
hatte sich gelegt, aber der Schnee lag ziemlich hoch.
    Einen angenehmen Weg werdet Ihr nicht haben. sagte der Oberst von Bullau,
seinem Gast die Hand zum Abschied reichend. Na, Grips und die Gule wissen, wie
sie sich zu benehmen haben. Alles in Ordnung? Nichts vergessen? Brennt die
Pfeife? Na, dann in Gottes Namen vorwrts ganze Batterie. Lat mir nicht
allzulang auf Euch warten, junger Schwarzspecht.
    Der Leutnant lag so weit als mglich aus dem Fenster schwang seine alte
Soldatenmtze und wiederholte in grter Aufregung dem abreisenden Hans eine
ganze Reihe von Verhaltungsmaregeln, die aber alle damit endeten, da er ihm
unntigerweise befahl, auf sein Mdchen zu achten wie auf seinen Augapfel.
    Fahr zu und mach ein Ende daran! schrie der Oberst. Ein Vivat frs
Frnzchen - und abermals - und nochmals - hoch!
    Smtliche Gutsleute schrien mit, und smtliche Hunde erhoben ihre Stimme.
Der Schlitten klingelte aus dem Hoftor und bog ein auf den Weg nach
Freudenstadt; nicht die Klte des Wintermorgens allein war's, was die Trnen in
das Auge des Kandidaten lockte. Er hatte seit so langen Jahren keine rechte
Heimat gehabt, nun war eine solche fr ihn gefunden - es war kein Wunder, da
sein Herz sich heftig bewegte, als der Turm von Grunzenow hinter den Dnenhgeln
verschwand, als die Stimme der See allmhlich schwcher und schwcher wurde und
zuletzt ganz verhallte und Grips, der Schlitten und die beiden schwarzen Gule
fr jetzt von dem Zauberschlo am Meer allein briggeblieben waren. -
    Wir wollen die Reise des Kandidaten dieses Mal nicht beschreiben. Sie war
beschwerlich genug, und mancherlei Hindernisse versperrten den Weg zu der
nchsten Eisenbahnstation hinter Freudenstadt. Hier war die Strae durch den
Schneefall unfahrbar gemacht, dort zerbrach ein Rad des Postwagens, und erst am
Abend des zweiten Reisetages bekam Hans Unwirrsch die feurige Dunstwolke ber
der groen Stadt von neuem zu Gesicht. Als der Zug in der Halle hielt, die
Lokomotive zischend ihre Dmpfe ausgespien hatte und Hans aus dem Gedrnge der
Reisenden seinen Weg ins Freie gefunden hatte, war es zu spt, um an dem
heutigen Tage noch einen Besuch in dem Hause der Geheimen Rtin Gtz abzustatten
und das verzauberte Kind aus dem Drachenloch herauszuholen.
    Mit der Reisetasche ber der Schulter lief aber der Kandidat durch den
verschneiten Park und an dem Hause vorber. Es hatte kein Zauberer aus dem Lande
Afrika die Wunderlampe gerieben und dem Genius der Lampe befohlen, das Gebude
mit der schnen Prinzessin aufzunehmen und in der Mandschurei niederzusetzen.
Das Haus stand noch auf dem alten Fleck, aber nicht ein Fenster daran war
erleuchtet; es war, als ob mit dem Herrn der letzte Schimmer von irgendwelcher
Lebendigkeit ausgelscht sei; es fror den Kandidaten Unwirrsch, und beinahe
htte er doch noch die Glocke gezogen, um das arme Frnzchen auf der Stelle dem
dunklen Gebude und der Frau Tante abzuverlangen.
    Er bezwang sich jedoch, und bald befand er sich mitten in dem Getmmel der
Stadt, auf dem Wege nach seiner Wohnung in der Grinsegasse. Abermals setzte er
durch sein pltzliches Erscheinen seine Wirtin in das grte Erstaunen, aber
frei von Wsche und Kindergeruch fand er dieses Mal seine Hungerbuchstube.
    Da stand er in der Mitte des Gemaches. An den Fensterscheiben glitzerten die
Eisblumen; die Lampe, die von der Wirtin angezndet war, erhellte kaum die
Platte des Tisches, die glserne Kugel hing dunkel an der Decke.
    Es war so wunderlich, so ber alle Maen wunderlich, hier zu stehen nach der
langen, kalten Fahrt und an das vernderte Leben und an das Frnzchen zu denken;
es war so wunderlich, so ber alle Maen wunderlich, hier in dem klglichen
Raume wach und vollstndig bei klaren Sinnen zu stehen und doch nicht zu wissen,
ob die Ostsee da vor dem Fenster sich bewege oder die groe Stadt! Trotzdem dem
Kandidaten Hans Unwirrsch einfiel, da er sich versprochen hatte, frs erste
nicht wieder dem gewohnten Tagtrumen sich hinzugeben, vermochte er nicht,
diesem Spiel der Gedanken und Empfindungen zu widerstehen. Er fhlte weder Klte
noch Mdigkeit - o wie hatte sich die Welt, seine Welt verschoben seit jenem
Abend, an welchem er, von dem Kirchhofe zu Neustadt zurckkehrend, die Karte des
Obersten von Bullau erhielt und im Grnen Baum die Neuntter um Erklrung
derselben bat.
    Aber nun kam der Augenblick, wo er sich ruhig hinsetzen und sich fassen
sollte. Das vermochte er nicht, Es trieb ihn immer von neuem auf, es trieb ihn
um, als htt er wen erschlagen, und die Unruhe stieg von Minute zu Minute.
    Weshalb war das Haus in der Parkstrae so ganz dunkel? Was konnte alles in
den letzten Tagen darin vorgefallen sein?
    Nun kam der Rckschlag nach den wonnigen Gefhlen, Gedanken und Bildern der
Reise. Es zerbrach der Becher so oft dem Menschen vor den Lippen. Der Kranz
zerri so oft in dem Augenblick, in welchem ihn die Hand des Ringers berhrte.
    Dieses Bangen, diese dumpfe Furcht vor verborgenem Unheil war nicht zu
ertragen - Hans Unwirrsch mute wieder hinaus in die Gassen, um einen Menschen
zu suchen, der ihm Nachricht von dem Hause des Geheimen Rates Gtz, Nachricht
von dem Frnzchen geben konnte.
    Es fiel ihm ein, da im Grnen Baum unter den Neunttern Mnner saen, die
in den Geschichten der Stadt nicht unerfahren waren; der Oberst von Bullau hatte
ihm einen ganzen Sack voll Gre an die Vgel mitgegeben - Hans eilte nach dem
Grnen Baum. Es schlug grade elf Uhr, als er von Lmmert und dem Nest mit dem
gewohnten, vergngten Wohlwollen begrt wurde - ehe er aber fragen durfte,
hatte er lange Zeit selber zu antworten. Was er dann in kurzen Worten erfuhr,
reichte freilich hin, ihn zur harmlosen Teilnahme an der ferneren Unterhaltung
der Neuntter ganz und gar untauglich zu machen. Ein frherer Kollege des
Geheimen Rates Gtz, der pensionierte Assessor Weitzel, wute dem Kandidaten
Unwirrsch die sichersten Mitteilungen ber das Haus in der Parkstrae zu machen,
und da heute kein Lgenabend war, so konnte sein Bericht vollkommen
glaubwrdig sein.
    Franziska Gtz befand sich nicht mehr in dem Hause ihrer Tante, sie hatte
es, wie der Assessor aus lauterster Quelle wute, am Begrbnistage ihres Onkels
verlassen oder verlassen mssen.
    Wohin sie sich gewendet habe, konnte der Assessor und Neuntter Weitzel
nicht sagen. Das Haus in der Parkstrae stehe brigens augenblicklich
verschlossen, erzhlte der Assessor; die Witwe des Kollegen Gtz habe sich fr
die erste Trauerzeit mit ihrem Shnchen zu einer alten, sehr frommen Verwandten
in einen andern, entlegenen Stadtteil zurckgezogen, und man murmele und munkele
in der Stadt, da sie - die Frau Geheime Rtin - sehr zerfallen mit der Welt und
von nicht sehr angenehmer Laune sei. Der Assessor war im Begriff, seiner Rede
noch manches zuzusetzen, aber da er von dem Frnzchen nichts weiter wute, so
war Hans nicht imstande, es anzuhren und zu schtzen. Der Kandidat Unwirrsch
erregte an diesem Abend durch seinen kurzen Abschied und sein tolles Fortstrzen
ein nicht geringes Aufsehen im Klub der Neuntter. Smtliche Vgel fragten ihn
mit groem Geschrei, ob ihn die Tarantel gestochen habe oder ob's in seinen
Feldkessel regne, da er so mit dem Deckel laufe Sie htten aber noch viel lauter
schreien mssen, um sich dem Kandidaten verstndlich zu machen. Er rannte den
Wirt Lmmert, der einen Prsentierteller mit vielen Flaschen und Glsern ins
Zimmer brachte, fast ber den Haufen. Er befand sich vor der Haustr im Schnee,
er rannte mit solcher Hast vorwrts, als ob er wirklich berzeugt sei, durch
mglichst rasche Beinbewegung dem Schicksal den Vorsprung abgewinnen zu knnen.
Er verlor aber nur den Atem und hielt keuchend an einer Straenkreuzung an. Das
Laufen half zu nichts, und Mitternacht war vorber, und langsam langte Hans in
seiner Grinsegasse wieder an, nachdem ihm noch von einem verwunderten
Polizeimann, der von einem Straenwinkel aus auf Nachtschwrmer, Betrunkene und
Diebe vigilierte, die Versicherung gegeben worden war, da es im Polizeigebude
ein Bureau gebe, von welchem man gegen Erlegung von zweiundeinemhalben
Silbergroschen die Angabe der Adresse einer jeden in der Stadt sich aufhaltenden
Person erwarten knne.
    In welcher Weise der Kandidat den Rest dieser Nacht verbrachte, entzieht
sich unserer Schilderung. Er warf sich auf das Bett, um wieder aufzuspringen;
mit dem besten Willen konnte er keine Ordnung in seine toll gewordene Phantasie
bringen; jeden Augenblick vernahm er ngstlichen, klglichen Hlferuf, und immer
war's das Frnzchen, das, Von aller Welt verlassen, krank, hungrig und frierend
in der Dunkelheit klagte.
    Endlich, endlich dmmerte der Morgen; endlich, endlich rollte der erste
Milchwagen, gezogen von zwei unmutigen Hunden, um die Ecke der Grinsegasse,
endlich, endlich war der Tag so weit vorgeschritten, da Hans sein Suchen nach
dem Frnzchen beginnen konnte.
    Er rannte natrlich, trotz dem Berichte des Assessors Weitzel, zuerst nach
der Parkstrae und zog die Glocke an der Gartentr und stand mit klopfendem
Herzen und horchte. Er stand und horchte vergeblich, weder Jean noch ein anderer
zeigte sich; das Haus war so stumm und tot wie die verschneite Fontne auf dem
verschneiten Grasplatz. Der Bckerjunge, welcher seinen Semmelkorb vorbeitrug,
besttigte die Erzhlung des Assessors: der Bckerjunge erklrte, abbestellt
zu sein, und dasselbe erklrte die Milchfrau. Der Brieftrger kam mit einem
Briefe Kleopheas an die Tr und schob ihn achselzuckend wieder in seine
Ledertasche. Hans Unwirrsch htte viel darum gegeben, wenn er das Geschrei des
grnen Papageis vernommen htte, aber der Papagei war ebenfalls gestorben oder
mit der gndigen Frau zu der alten Kusine gezogen.
    Eine frhe Droschke nahm den Kandidaten auf und fhrte ihn, viel zu langsam
fr seine qualvolle Aufregung, nach dem Polizeihause. Der Brief Kleopheas war
noch an den Vater gerichtet, wie ihm ein flchtiger Blick auf die Adresse
gezeigt hatte: der Poststempel trug das Wort Paris. Den Kandidaten fror noch
mehr, als er in dem klappernden Fuhrwerk, das ihn durch die schmutzigen Straen
trug, an diesen Brief dachte, dem sich die Tr des Hauses in der Parkstrae auch
nicht geffnet hatte, der nie mehr an seine Adresse gelangen konnte.
    Wir haben das Zentralpolizeihaus bei einer andern Gelegenheit, aber bei
hnlichem Wetter geschildert und sind deshalb einer nochmaligen Beschreibung
berhoben. Nach mehrfachen Fragen und lngerm Umherirren in den endlosen,
labyrinthischen Gngen des Gebudes fand Hans die gewnschte Tr und fand dazu,
da er nicht der einzige war, der den Aufenthaltsort eines Nebenmenschen
ausfindig machen wollte.
    Sehr viele Menschen wissen nicht, wo sehr viele Menschen wohnen. Glubiger
erkundigen sich mit unendlicher Zrtlichkeit nach den Schlupfwinkeln ihrer
Schuldner; junge Mdchen mit verweinten Augen erkundigen sich nach jungen
Mnnern, die pltzlich unerklrlicherweise ihre Wohnung gewechselt haben.
Abgehrmte Weiber mit oder ohne Kinder erscheinen auch; es kommen Lohndiener; es
kommen Fremde - Volk aus allerlei Vlkern! Tausenderlei Formen und Gestalten
nimmt die Frage an, und es ist auch ganz und gar nicht selten, da die
hochlbliche Polizei ihr Honorar einstreicht, ohne es zu verdienen. Selbst die
Polizei wei sehr oft nicht, wo sich der und der, die und die aufhalten. Es gibt
viele Leute, die viele Kunst und viel Geschick drauf wenden, sich und ihren
Aufenthaltsort allen polizeilichen und sonstigen Nachforschungen zu entziehen.
    Eine gute Stunde stand Hans und wartete, bis die Reihe an ihn kam; dann
reichte er seinen Zettel mit seiner Frage in das Gitter des Beamten und erhielt
nach fnfzehn weiteren Minuten den Zettel zurck mit der Antwort unter der
Frage:
    Annenstrae Nr. 34, 4 Treppen, bei der Witwe Brandauer, Wscherin.
    Das Papier war grau, das Gekritzel der Polizeipfote im hchsten Grade
unkalligraphisch, aber beides gab den glnzendsten Schein in der Hand des
Kandidaten; still und warm wurde es ihm ums Herz, verschwunden war alle Angst
und Unruhe da war Sicherheit, Gewiheit - da war das freie Frnzchen, das
Frnzchen, erlst von den bedrckenden Banden des Hauses in der Parkstrae!
    Annenstrae Nummer vierunddreiig, vier Treppen hoch! Ein grimmiger Sto
seines Hintermannes weckte den Kandidaten aus seiner Verzckung; er wute
wieder, wo er sich befand, und eilte fort, da er den Zettel an dieser Stelle
doch nicht kssen konnte. Wie ein Nachtwandler auf den Dchern, so fand sich
Hans auf dem Wege nach der Annenstrae zurecht. Es war keine Zeit zwischen dem
Augenblick, in welchem er das Gekritzel des Polizeibeamten las, und zwischen dem
Augenblick, in welchem er an die Tr klopfte, hinter der Franziska Gtz wohnen
sollte. Ein Jahrhundert lag zwischen seinem ersten und seinem zweiten Klopfen,
und eine Viertelstunde spter sa er still neben dem Frnzchen, beide Hnde des
Frnzchens in den seinigen haltend, und - das Wichtigste war gesagt; er hatte
sogar bereits das Mdchen gekt! Die Erde stand noch, der Himmel war nicht
eingefallen, aber die Sonne war auch nicht strahlend hinter dem winterlichen
Gewlk hervorgebrochen, es war nicht auf der Stelle Frhling geworden, und des
Frnzchens schwarzes Trauerkleid hatte sich nicht in ein lichtblaues Gewand der
Freude verwandelt.
    Sie hatten einander soviel zu sagen, und wenn auch das Wichtigste in den
flchtigsten Augenblicken ausgesprochen werden konnte, so blieb doch viel, viel
zurck, was nicht an einem Tage, in einer Woche oder einem Monat erzhlt werden
konnte.
    Was Hans zu berichten hatte, wissen wir; wir wollen jetzt versuchen,
nachzuerzhlen, was dem Frnzchen geschehen war und wie es lebte, seit der
Kandidat Unwirrsch das Haus des Geheimen Rates Gtz verlie, und das ist um so
schwieriger, da das Kind von sich selber eigentlich gar nicht sprach, sondern
nur von den andern.
    Die Lebendigkeit, welche Kleophea in dem Hause ihrer Eltern verbreitete, war
eine unnatrliche gewesen; das Licht, welches ihr Dasein ber die Umgebung
ausstrahlte, war ein ungesundes, irrwischartiges gewesen. Als beides aber fr
immer verschwand, setzten sich Schweigen, Klte und Dunkelheit an dem trostlosen
Herde so druend nieder, da der tolle Leichtsinn, all die buntschillernden,
glnzenden Fehler des entflohenen Mdchens fast als Tugenden erschienen. Die
frische Stimme, der leichte Futritt, das eilige Rauschen der seidenen Gewnder
auf den Treppen und in den Gngen waren verhallt; aber der arme Vater und das
Frnzchen saen doch, horchten auf und senkten die Hupter, wenn sie irgendein
anderes Gerusch fr den Schritt der Verlorenen genommen hatten. Am dritten Tage
nach der Flucht der Tochter trat die Mutter wieder aus ihren Gemchern hervor,
und wenn sie frher noch einige bunte Zeichen weltlicher Eitelkeit an sich trug,
so hatte sie solche jetzt vollstndig abgelegt. Sie war ein wenig hagerer und
gelblicher geworden, aber sie hatte auch ihre Seele ausgekehrt, kein Zug ihres
Gesichtes bewegte sich; ihre Stimme war ein wenig hohler, aber auch sie war von
aller sndhaften Leidenschaftlichkeit gereinigt und konnte im Notfall tonlos der
Welt den Anfang des Jngsten Gerichtes und das ewige Verderben von neun Zehnteln
aller Geschaffenen verknden. Augenblicklich aber verkndigte die gndige Frau
ihrem Gemahl, ihrer Nichte und dem brigen Hausstand nur, da der Name ihrer
Tochter nie mehr vor ihren Ohren genannt werden drfe. Sie lie sich von ihrem
Gatten den Brief geben, den Kleophea gleich nach ihrer Flucht geschrieben hatte,
und zerri ihn vor ihrem Hausgesinde. Sie war sich keiner Schuld an der
verderblichen Charakterentwicklung Kleopheas bewut, sie konnte sich deshalb
jetzt auch vollstndig von ihr lossagen; der Gott, welchem sie - Aurelie von
Lichtenhahn - angehrte, sah es mit Wohlgefallen. Die Mutter zrnte dem Doktor
Stein lange nicht so sehr wie ihrem Kinde; und in den Zorn gegen das letztere
mischte sich sogar eine gewisse Befriedigung, ein gewisser schrecklicher
Triumph. Die Mutter hatte recht behalten in ihrer Antipathie; alle Demtigungen
und alles Elend, die der Tochter widerfahren mochten, konnten nur das geheime
Gefhl der Befriedigung erhhen. Die Geheime Rtin konnte hier mit der Welt in
einer Weise abschlieen, bei der sich ein erkleckliches Guthaben ihrerseits
herausstellte, und so schlo sie ab.
    Auch der Vater Kleopheas zog das Fazit seines Lebens, ihm aber konnte
niemand helfen, und er sich selber am wenigsten; er war bankerott geworden und
leugnete es auch nicht. Viel nutzlose Arbeit hatte er in seinem mhseligen Leben
gehabt, nun ging er kummervoll und hungrig dem Grabe entgegen, und sein einziger
Halt war die treue, sanfte Hand des Frnzchens, die er jetzt hielt, wie sie auch
der tolle Felix in seinen letzten Schmerzenstagen gehalten hatte. Das war eins
der tragischen Wunder, welche auf dieser Erde geschehen, da das Frnzchen an
den Sterbebetten dieser beiden Mnner sa, die so verschiedene Pfade gegangen
waren, um am Ziel ihres Daseins in gleicher Weise verloren, bettelarm, mit
leerer Hand und leerem Herzen, aufgegeben von sich selber und der Welt,
anzulangen. Alles Licht, was in ihre letzten Stunden fiel, ging von diesem Kinde
aus, es war der Engel, welcher den Drstenden den letzten Tropfen khlen Wassers
in die Todesstunde trug, welcher den Hungernden die letzte Labung reichte. Sie
hatten, ein jeder in seiner Art, soviel erstrebt, jeder hatte soviel gewinnen
wollen, und als Almosen wurde ihnen das Herz dieses Kindes gegeben.
    Kleophea hatte an das Frnzchen geschrieben, und Hans las den Brief. Noch
sprach die alte Kleophea aus diesen flchtigen Zeilen, aber stellenweise
erschien bereits eine Gezwungenheit, eine Befangenheit in den Herzensergssen
und Schilderungen, mit welchen die frhere Kleophea nichts mehr zu tun hatte.
    Das Weib des Doktors Theophile Stein erinnerte sich inmitten ihres jetzigen
bewegten Lebens an manche Einzelheiten ihres frhesten harmlosen Verkehrs mit
der Kusine, da dem Frnzchen darber das Herz sehr schwer werden mute.
Kleophea Stein schrieb von einsamen, herzweichen Stunden, in denen sie sich
solcher minuties erinnere, und dann bat sie in dem nchsten Satze das Bschen,
den Papa zu kssen und ihm zu sagen, da sie soviel, soviel an ihn gedenke und
da sie ihn des Nachts im Traum in seiner Studierstube sehe und um ihn weine.
Auf dieses folgte eine Beschreibung eines glnzenden Balles und eines Murillo im
Louvre, dann kam eine Schilderung des kleinen Grafen von Paris sowie des
Brgerknigs Louis Philipp samt seinem Regenschirm und in Verbindung damit die
Frage, wie Aim den Verlust seiner Schwester ertrage. Von der Mutter war in dem
ganzen Briefe nicht die Rede, und der Doktor Stein erschien erst ganz gegen den
Schlu darin. Es wurde von ihm gesagt, da er einen groen Kreis von Bekannten
und Freunden in Paris habe, da er dadurch oft lnger vom Hause ferngehalten
werde, als einer jungen Frau lieb sein knne, da sie Kleophea - es aber
begreiflich finde und glcklich sei. Noch sprach die Schreiberin von den
Erfolgen des Doktors in der deutschen Stadt und den Verbindungen daselbst. Sie
sprach die feste berzeugung aus, da alle Verwirrungen sich bald durch
gegenseitiges Entgegenkommen lsen wrden und da man die Hoffnung auf eine
rosige Zukunft nie aufgeben drfe. In einem Postskript wrde der
liebenswrdige Herr Johannes Unwirrsch bestens gegrt, und es wurde
hinzugefgt, da man ihm mancherlei abzubitten habe und da man dafr in Zukunft
wohl ein ruhiges Stndchen finden werde. In sehr wehmtiger Stimmung schlo der
Brief, und unter tausend und aber tausend Gren und Kssen wurde das Frnzchen
gebeten, das dumme, nichtsnutzige Gekritzel zu zerreien und in alle vier
Winde zu verstreuen, damit es ihm gehe wie allem brigen Gedankenhirngespinst
der armen Kleophea, das auch zerrissen, von allen vier Winden umgetrieben,
durcheinanderflattere. -
    Franziska hatte ebenfalls wieder einen langen Brief an die Kusine
geschrieben und in demselben mit Trnen treue Nachricht von den Zustnden im
Elternhause Kleopheas gegeben. Franziska Gtz schrieb mit blutendem Herzen ber
den Vater und die Mutter, doch den Doktor Theophile konnte sie nicht erwhnen.
Von der Zukunft aber schrieb das Frnzchen ebenfalls; es bat die Kusine, in
keiner Not des Lebens zu vergessen, da das Frnzchen immer da sei, um
mitzufhlen und mitzuleiden, um zu trsten und wo mglich zu helfen.
    Diesen Brief hatte Franziska mit groem Bangen ganz verstohlen geschrieben,
und lngere Zeit whrte es, ehe sich eine Gelegenheit fand, ihn der Post zu
bergeben; denn wenngleich die Tante mit der Welt abgeschlossen hatte, so war es
doch nicht leicht, etwas gegen ihren Willen zu unternehmen und auszufhren, und
die Geheime Rtin Gtz wollte nicht, da jemand aus ihrem Hause mit der
entflohenen Tochter Briefe wechsele. -
    Das Frnzchen erzhlte nicht, wie schwer ihr von der Tante das Leben gemacht
worden war, aber selbst die schwchsten Andeutungen gengten dem Kandidaten.
Hei und kalt berlief es ihn, wenn er sich vorstellte, was das arme Mdchen zu
erdulden hatte, whrend er in seiner Stube in der Grinsegasse in seinen
Phantasien, mit der Pfeife im Munde, auf und ab spazierte und zwischen seinen
Gedanken an das Frnzchen - an sein groes Manuskript dachte. Das Billett, das
er nach Empfang des letzten Schreibens des Oheims Grnebaum an den Geheimen Rat
richtete, hatte dieser nicht erhalten; Jean hatte es aufgefangen, und die
gndige Frau hielt es nicht fr ntig, Gemahl und Nichte davon in Kenntnis zu
setzen. Den Tod der Base Schlotterbeck und des Oheims Grnebaum hatte Franziska
dagegen richtig durch die Zeitung erfahren, und Hans und Frnzchen sprachen in
der Annenstrae von der guten Base und dem biedern Oheim.
    Ach der Tod ist uns nichts Neues mehr! sagte Frnzchen. Beide haben wir oft
den kalten Flgelschlag ber und neben uns gehrt, es ist mancher Platz leer
geworden uns zur Seite. Es ist so traurig, o so traurig! Serrez les rangs,
sagten die alten Soldaten, die in Paris meinen Vater besuchten, wenn sie hrten,
da wieder ein Kamerad gestorben sei. Es ist ein bses Kommandowort in der
Schlacht, denn die kommenden Kugeln fahren immer wieder durch geschlossene
Kolonnen, aber es ist doch ein gutes Wort im Leben - serrez les rangs; wir
sollen die Liebe, die wir den Toten mit ins Grab geben, nicht den Lebenden
entziehen -.
    Nein, nein, nein! rief Hans, das sollen wir nicht. Was fr eine trostlose
Welt wrde das geben, wenn die Toten alle Liebe mit sich hinabnhmen in die
Gruft! Das wird geschehen, wenn die Erdenuhr ablaufen will, und dann erst wird
es recht sein, aber dann werden auch alle Sonnen und Sterne ihre leuchtenden
Augen abwenden, es wird dunkel werden und kalt, immer dunkler und klter - dann
wird es recht sein, da jeder Hunger, jedes Sehnen unter sich geht, da alle
Liebe mit in den Sarg gelegt wird. Dann drfen auch die letzten Blumen im Garten
zu den Totenkrnzen gebrochen werden - es wird ja niemand brigbleiben, der noch
seine Lust an ihnen haben knnte.
    Den Gestorbenen, welche die gute alte Frau in den Gassen sah, gehrt dann
die Welt, in der es kein Sehnen mehr gibt, in der alles ausgeglichen ist, sagte
Franziska. Sonne und Sterne haben dann der neuen Welt ihr Antlitz zugewendet,
und alle Nachtigallen der Erde steigen als Lerchen dort wieder aufwrts.
    Sie sprachen nun von dem Tode des Onkels Theodor, Franziska erzhlte, wie
seine Krfte tglich abnahmen, wie er aber auch tglich mehr von seinem frheren
frmlichen Wesen verlor, wie er so gern von seinem elterlichen Hause, seinen
beiden Brdern sprach und wie er einen Brief an den Onkel Rudolf anfing, ihn
aber nicht zu Ende bringen konnte. Franziska erzhlte, wie der Onkel Theodor den
Brief Kleopheas sich geben lie und ihn bis zu seiner Todesstunde in der
Brusttasche seines Frackes trug, nachdem jenes erste Schreiben, welches
anlangte, als Henriette Trublet das Haus in der Parkstrae verlie, von der
Gattin zerrissen worden war.
    Am neunten Dezember, morgens acht Uhr, fand Jean seinen Herrn vollstndig
angekleidet, im schwarzen Frack und mit weier Halsbinde, tot vor seinem
Schreibtisch sitzend und erfllte das Haus mit seinem Geschrei. Die Frau Geheime
Rtin kam und war sehr gefat; sie sandte zu dem Hausarzt der auch nur sagen
konnte, da der Herr Geheime Rat tot sei und dann sandte sie zu ihrem Notar.
Aim schrie jmmerlich und schlug mit Hnden und Fen aus, als man ihm seinen
Vater zum letztenmal zeigen wollte. Die Dienerschaft gehorchte zum erstenmal dem
Frnzchen ohne Widerstreben - das Frulein war von der Tante Aurelie mit der
Besorgung des Begrbnisses beauftragt worden, und die Dienerschaft scheute sich
vor dem Toten in hnlicher Weise wie der arme Aim.
    Auf dem Schreibtisch, an welchem sitzend der Geheime Rat Gtz starb, fand
man unter seiner erkalteten Hand, die noch im Krampf die Feder hielt, einen
Stempelbogen, auf welchem die Worte standen:
    Ich vergebe -
    Dann hatte die Feder in der Hand des vom Tod Getroffenen einen Strich ber
das Blatt gemacht; der Geheime Rat hatte nicht schreiben knnen, wem und was er
vergebe. Seine Witwe nahm das Blatt an sich, ohne zu sagen, wie sie darber
denke. Sie, die Witwe, erklrte auch, da es genge, den Verwandten ihres Gatten
den Todesfall durch die Zeitung anzuzeigen.
    Es war schade, da das Frnzchen das Leichenbegngnis des Geheimen Rates
nicht schilderte, denn es ging im hchsten Trauerstil vor sich. Die Spitzen der
Gesellschaft und der Justiz erschienen in Person dazu oder schickten doch
wenigstens ihre Kutschen; aber das Frnzchen sa im Hause, in der Studierstube
ihres Onkels, und weinte. Sie allein weinte wirklich; alle andern waren nur ein
wenig betubt durch den Duft von Knigsrucherpulver und Chlorkalk.

                           Zweiunddreiigstes Kapitel


Das war ein Wunder ber alle Wunder, so hoch oben in der Annenstrae bei der
Frau Brandauer zu sitzen - Hand in Hand -, whrend es wieder anfing zu schneien,
und von allen diesen Dingen und von dem, was kommen sollte, zu sprechen!
    Du armes Kind, was hast du alles erlitten! rief Hans, aber nun sage mir
auch, wie du in diesen Raum gekommen bist, wer dich hierhergefhrt hat - O Gott,
wie du gelebt hast in den letzten Tagen. Es ist so kalter Winter, und der
geringste Vogel hat sein Nest, das ihn vor der Klte birgt, dich aber hat man
hinausgejagt -
    Franziska schttelte wehmtig lchelnd den Kopf.
    Ich bin aus eigenem Willen gegangen, sagte sie. Man hat nicht das Fenster
geffnet und gerufen: Da flieg, Rotkehlchen! Ich bin freiwillig gegangen, und
niemand htte mich in jenem Hause zurckhalten knnen. Ach, es ist nicht viel
gewesen, was ich mit meinem Herzen und mit meinen Hnden tun konnte, und als das
Haus nach dem Begrbnis des guten Onkels wieder in Ordnung gebracht war, da
konnte ich gar nichts mehr tun. Mich fror so sehr in des Onkels Studierstube,
und einen andern Aufenthaltsort gab es nicht mehr fr mich im Hause; denn mein
Stbchen hatte ich an ein altes Frulein, das von der Kusine der Tante zum Trost
geschickt war, abtreten mssen, und dieses Frulein nahm auch alle Besorgungen,
die sonst mir anvertraut gewesen waren, ber sich. Die Tante sah ich fast gar
nicht mehr. Ich hatte kein Recht mehr in diesem Hause, seit der Onkel tot war,
und ich bin fortgegangen.
    Und du hattest niemand, um dir zu raten, um dir zu helfen! rief Hans; aber
das Frnzchen lchelte zum erstenmal ganz frhlich.
    Oh, bin ich nicht eine fast ebenso tapfere und gewandte Pariserin wie die
arme Henriette Trublet? Ich war nicht ganz von Geld entblt, und dann bin ich
ja auch das Kind des Kapitns Gtz, die Tochter des abenteuernden Soldaten und
Freiheitskmpfers. Es wre nicht sehr ehrenvoll fr mich gewesen, wenn ich
meinen Weg nicht gefunden htte. Ach Gott, trotz dem tiefen Schmerz um den Onkel
fhlte ich mich ja frei - meine eigene Herrin; es durfte niemand mehr zwischen
mich und mein Gefhl treten - alle schweren Ketten waren von mir abgefallen! Und
wahrlich, es war etwas von meines Vaters wildem Mut und Geist an dem Tage in
mir, an dem ich unter meinem Regenschirm auszog, um mir ein Schlupfwinkelchen zu
suchen. Ich habe dieses gefunden und nun gesessen whrend der letzten Tage und
habe der guten Frau Brandauer viele wunderliche Fragen ber mein junges Dasein
beantworten mssen; aber wir sind gut miteinander fertig geworden und haben
einander ordentlich ins Herz geschlossen. Ich habe an Kleophea und an den
Herzensonkel Rudolf geschrieben, jetzt werden sie die Briefe wohl erhalten
haben; ach, und ich wollte, ich wre jetzt bei Kleophea!
    Sie sprachen mit leiser Stimme von dem Doktor Theophile Stein, und wie er
auftreten werde, nun seine Frau von der reichen Mutter verstoen und enterbt
worden sei. Das Frnzchen weinte bitterlich ber das Los der unglckseligen
Kleophea; und drauen schneite es immerzu, es sollte ein harter, bser Winter
ber die Welt kommen. -
    Sie standen jetzt am Fenster und sahen auf das Gestber - schweigend standen
sie eine geraume Weile.
    Es ist ein weiter Weg nach Grunzenow, sagte Hans. Es wird auch ein
beschwerlicher Weg sein. Wie willst du die Mhen bestehen, mein Lieb? Jetzt
wollte ich wohl, ich bese den Zaubermantel, da ich ihn um dich schlagen und
dich warm darin ber das weie, winterliche Land forttragen knnte.
    Frnzchen hob das Gesichtchen zu dem Freunde empor und lchelte durch die
Trnen, welche es um Kleophea Stein geweint hatte:
    Deine Liebe ist ja der Mantel, in welchem du mich an dein Herz genommen
hast! Wie knnte mich frieren an deinem Herzen, in deiner Liebe? Und dazu soll
ich eine Heimat an jenem Orte finden, ich, die ich niemals eine rechte Heimat
gehabt habe, ich, die ich vom Leben immer so barsch hin und her geschoben worden
bin durch Mangel und berflu, durch allen Wirrwarr und Zwiespalt! Wie knnt ich
den Schnee, den Winter frchten unter deinem Mantel, Johannes, an deinem
Herzen?
    O Liebe. Liebe, rief Hans, ja du hast recht, wir sind gefeit gegen allen
Erdenfrost und - sturm. Wir hren den Wind brausen, aber wir fhlen ihn nicht -
    Und den Onkel Rudolf werde ich sehen - endlich, endlich werde ich ihn
wiedersehen! Auch an seinem Herzen bin ich so sanft gebettet! Gottes Segen ber
ihn! fuhr das Frnzchen fort. Und den guten Oberst und den guten, alten Pastor
werde ich sehen. O Johannes, wie groen Dank sind wir denen schuldig! Es ist so
mrchenhaft schn; o Gott, und das schnste ist, da aller Kinderlebensmut dazu
wieder herabgekommen ist vom Himmel. Ach, wre nicht Kleophea, die helle, reine
Kinderfreude kme auch wieder herab - O Johannes, Johannes, habe mich recht
lieb, recht, recht lieb!
    Johannes Unwirrsch antwortete nicht auf diese letzten Worte des Frnzchens
aus dem einfachen Grunde, weil er es nicht konnte. Er nahm die Braut nur fester
in die Arme, und sie barg ihr Gesicht an seiner Brust.
    Erst nach einiger Zeit sprachen sie weiter von dem Weihnachtsschnee und
davon, da es ganz und gar nicht recht sei, sich vor ihm zu frchten. Sie
sprachen von dem Onkel Rudolf, dem Obersten von Bullau samt seinem Grips und
seinen Hunden; sie sprachen von dem trefflichen Pfarrherrn Josias Tillenius, und
bis ins einzelnste beschrieb Hans nach besten Krften Land und Leute zu
Grunzenow an der Ostsee. Er beschrieb das Dorf, den Gutshof und das
Pastorenhaus; vor allem aber suchte er den Eindruck zu beschreiben, welchen das
Meer auf ihn gemacht hatte.
    Ich frchte mich nicht vor dem Meer, sagte Franziska. Manchmal kommt es
mir ganz traumhaft vor; dann bin ich ein ganz kleines Mdchen in den Armen
meiner Mutter, dann sehe ich den Mond aufsteigen ber den schwarzen Wassern, und
eine lebendige, tanzende Lichtstrae wird bis zum Horizont. Es ist wunderlich,
des Meeres im Sonnenlicht kann ich mich nicht mehr entsinnen, obgleich ich es
oft gesehen haben mu auf der langen Fahrt von Montevideo bis Havre-de-Grce Ich
entsinne mich auch keines Sturmes, obwohl wir einen sehr grimmigen auszuhalten
hatten, wie mir mein Vater nachmals erzhlt hat. Das Schiff hie der Amphitryon,
und im Jahr achtundzwanzig oder neunundzwanzig kamen wir nach Paris zurck. Ich
freue mich so sehr auf das Meer, es hat mich gar sanft geschaukelt in meiner
allerfrhesten Kindheit.
    Du hast soviel gesehen, soviel erfahren, mein Lieb, sagte Hans ganz
kleinmtig. Eine halbe Weltumseglerin bist du, und was ist alles in Paris vor
den Fenstern deines Stbchens vorbergezogen! Du hast so reiches, buntes Leben
kennengelernt, und nun ziehe ich dich mit mir in die tiefste Armut und
Einsamkeit, wo wir nur die alten Freunde, die armen Fischersleute, die See und
uns selber haben!
    O welch ein Reichtum - welch eine weite, weite Welt! rief das Frnzchen,
die Hnde faltend. Wie htte ich in meinen khnsten Trumen hoffen knnen, so
berschwenglich reich, so unsglich glcklich in so weitem Wirkungskreis zu
werden. O Johannes, wer htte es gedacht, da wir beide so glcklich werden
knnten? Aber wir wollen auch glcklich machen; wir wollen nicht selbstschtig
nur in uns allein leben, unsere Herzen sollen in unserer Liebe nicht enge
werden; - wir wollen Liebe und Glck geben, und beide sollen nicht weniger
werden.
    Das wollen wir! sagte Hans feierlich, und in seinen Gedanken stand er
wieder im nchtlichen Schneetreiben mit dem Pastor von Grunzenow an der Mauer
der dunklen Htte, in der kein Licht mehr brannte, auf deren Herde kein Feuer
mehr glimmte, deren Leben erloschen war fr alle Zeiten. -
    Es schneite immer lustiger. Die Kinder in der Gasse sprangen und jauchzten
in dem wirbelnden Gestber. Ein schwarzer Rabe flatterte ber die Dcher, setzte
sich auf einen Schornstein, schttelte den Schnee von den Fittichen und schrie
mit heiserer Stimme sein Behagen in die Welt hinaus. Hans hielt sein Mdchen
umschlungen, und immer tiefer und tiefer versanken alle die dunklen Zeichen und
Merksteine auf ihren jngst durchschrittenen Wegen. Trotz der frischen Grber,
trotz der armen Kleophea wurden Hans und Frnzchen immer mehr und mehr von der
sichern Ruhe des Glcks berkommen. Hans sah sich in dem Stbchen seiner Braut
um und verglich es mit seinem Aufenthaltsort in der Grinsegasse; er zeigte sich
als ein ungemein wrdiger und aufmerksamer Haushalter und Beobachter, bis das
Frnzchen zu seinem groen Unbehagen nach dem Hungerbuche fragte.
    Er wehrte sich anfnglich so gut als mglich gegen die Fragen, bis er
endlich zwischen Lachen und Errten gestand, wie es mit dem Ding bestellt sei
und wie oft er das vortreffliche Schriftstck wieder zerrissen habe.
    Nun war es sehr hbsch, wie das Frnzchen fr das berhmte, aber leider noch
nicht in Erscheinung getretene Werk Partei nahm und das Wort ergriff.
    Der Kandidat Unwirrsch konnte nur leise auf die Zeit der Mue zu Grunzenow
hindeuten und mit Behagen auch in dieser Hinsicht herrliche und liebliche Dinge
in Aussicht stellen, nachdem er wieder einmal alle Zweifel an der Mglichkeit
der saubersten Vollendung der Handschrift niedergekmpft hatte.
    Nun lie sich ein nicht sehr leichter Schritt auf der Treppe vernehmen, es
klopfte an der Tr, und eine recht martialische Frau trat, ohne den Hereinruf
abzuwarten, ein, setzte den schweren Marktkorb nieder und verwunderte sich nicht
wenig ber den Besucher ihres Fruleins. Als sie aber mit Namen, Stand und
sonstigen Eigenschaften und Wrden des jungen Herrn bekannt gemacht worden war,
erheiterte sich ihr Blick, sie reichte dem Kandidaten zum Gru eine Hand, die
ihn lebhaft an die arbeitsselige Hand seiner Mutter erinnerte. Und der Geruch
von Seife und frischer Wsche, welchen die Frau Brandauer in das Zimmer
mitbrachte, mute ihn ebenfalls ganz und gar anheimeln. Hans erkannte zu seiner
hohen Freude, da das Frnzchen wirklich hier in gute Hnde gefallen sei und da
das Geschick freundlich ber sie gewacht habe.
    Er stattete der Frau Brandauer seinen und des Herrn Leutnants Gtz besten
Dank ab, wurde aber grob angeschnauzt und gefragt, was er sich denke, ob solch
ein liebes Frulein einem nicht vom Himmel auf die Seele gebunden wrde wie ein
verlorenes Knigskind!
    Die Frau Brandauer verlangte den Dank des Herrn Leutnant Gtz und des Herrn
Kandidaten Unwirrsch nicht, aber sie lie den erstern Herrn bestens gren,
empfahl sich seinem gndigen Wohlgefallen und lie ihm sagen, da sie
verhoffe, er werde dankbar fr den Schatz sein, den ihm der liebe Gott in dem
lieben Frulein verliehen habe.
    Darauf htte sie den Kandidaten sehr entrstet fast beim Kragen genommen,
weil er sich nicht schmte, in solcher Jahreszeit und bei solchem Wetter solch
eine arme, herzige junge Dame zu den Mongolen. Tartaren und Lapplndern wollens
und nollens zu schleppen. Sie bat das Frnzchen, ja die Sache dreimal zu
berlegen; hier sei der Ofen warm, und jede Hyazinthe besehe sich bei solchem
Wetter den Schnee am besten durchs Fenster. Als ihr der Gedanke kam, da es da
oben sogar noch Wlfe und Bren gebe, wurde sie von ihren fast
mtterlich-sorglichen Gefhlen so sehr berwltigt, da alle trstenden
Versicherungen des Kandidaten und Franziskas sie nicht beruhigten; und nur die
Frage, ob es mglich sei, den Herrn Johannes zum Mittag einzuladen, konnte sie
wieder zum Bewutsein und auf die Fe bringen.
    Es mute mglich sein, und es war mglich. Ein kstlicheres, seligeres Mahl
hatte man dem armen, hungrigen Kandidaten noch niemals in seinem Leben bereitet.
Immer mrchenhafter wurde die Welt - immer mrchenhafter. Das geringste Gert in
dem Gemach und auf dem Tische war wie ein Stck Hausrat aus dem Haushalt der
guten Feen, der guten Waldmtterchen; - alles hatte ein Etwas an sich, was nicht
aus der Werkstatt, der Fabrik oder dem Kaufmannsladen stammte. Hans Unwirrsch
wrde sich gar nicht verwundert haben, wenn das irdene Salzfa einen Tanz um die
Suppenschale begonnen, wenn die Suppenschale ihm und der Braut aus der Tiefe
ihres Bauches Glck gewnscht htte und wenn der Rabe, der vorhin sich auf dem
Schornstein niederlie und den Schnee von den Flgeln schttelte, an das Fenster
gekommen wre, um dem Brautpaar einen Gru aus dem Reich der Zwerge und zwei
goldene Ringe von dem Knige der Bergkobolde zu berbringen.
    Da er - Hans Unwirrsch - dabei unaufhrlich an jene Zeit denken mute, in
welcher er ebenfalls an des Frnzchens Seite, aber an dem Tische der Frau
Geheimen Rtin Gtz gesessen hatte vermehrte nur noch den Zauber des
Augenblicks. Zu kurze Wochen waren seit jenen hlichen Tagen vergangen, als da
es nicht gespensterhaft aus ihnen in die blhende Gegenwart herbergehaucht
htte; aber dieses Gruseln gehrt zu dem Mrchenbehagen wie alles andere.
    Es wurde nun das Nhere ber die Reise nach Grunzenow verabredet, und die
Frau Brandauer gab auch ihren besten Rat dazu. Es war jedoch nicht viel zu
bereden, nachdem die Stunde der Abfahrt festgesetzt worden war. Frnzchens
Habseligkeiten hatten in einem winzigen Koffer Raum; sie war mit noch weniger
Gepck belastet als Hans, da sie keine Bibliothek mit sich herumschleppte wie
dieser gelehrte Thebaner. Auf den krzesten Wink konnte sie, ein echtes
Soldatenkind, zu jedem Marsch bereit sein.
    O ber diesen kleinen Koffer! Er wurde dem Kandidaten Unwirrsch gezeigt, und
der Kandidat Unwirrsch stand daneben und sah auf ihn und das Frnzchen, welches
kniend den Deckel abhob, um dem Freunde das Miniaturbild ihrer Mutter und den
polnischen Orden des Weien Adlers ihres Vaters zu zeigen. O ber diesen armen,
kleinen Koffer! So zierlich geglttet und gefltelt, so sorglich,
eingeschachtelt und knstlich an seinen Ort gelegt erschien alles darin! Wie die
Zaubernu, die drei Ballkleider und eine sechsspnnige Kutsche mit Kutscher,
Lufer und Lakaien barg, war dieser Koffer; - eine ganze behagliche und
wohleingerichtete, stille und friedliche Haushaltung stieg in der Phantasie des
Kandidaten daraus hervor, und hundert freundliche Geisterchen flogen empor,
summten um des Kandidaten Haupt und flsterten ihm von dem Meer, dem Gutshof und
dem Pfarrhof von Grunzenow, vom knisternden Feuer am Winterabend, von der
zerzausten Laube im Pfarrgarten am heien Sommernachmittag, von diesem und jenem
so vielerlei, so bunt durcheinander ins Ohr, da er sich - auf den nchsten
Stuhl setzen mute, weil ihm Kopf und Herz zu sehr aus dem Gleichgewicht
gerieten.
    Nicht das geringste fand sich, was das Frnzchen htte hindern knnen, schon
am folgenden Tage mit dem Mittagszug dem Kandidaten nach Grunzenow zu folgen; -
immer mrchenhafter, immer mrchenhafter wurde das Leben, je klarer und
einfacher es sich gestaltete Nun waren gar die Stunden zu zhlen bis zu dem
Augenblick, in welchem Hans die Braut aus dieser Stadt, die ihnen beiden so
wenige freundliche, freudige Tage, aber dabei das hchste Glck ihres Lebens
gegeben hatte, fortfhren konnte. Nun kam der Abend, und die Lichter flammten
auf in der Annenstrae, und es leuchteten alle Fenster hinaus auf den weien
Schnee, der keinen Schritt und kein Gerll der Rder laut werden lie. Die Frau
Brandauer zndete ebenfalls ihre kleine Lampe an, und der Tag, der fr den
Kandidaten Hans Unwirrsch in so groer Unruhe, Verwirrung und Angst begonnen
hatte, neigte sich in Seligkeit und im sesten Frieden seinem Ende zu.
    Jaja, seufzte die Frau Brandauer, junges Volk will seinen Weg gehen; es
liegt einmal so in der Natur. Wer htte gedacht, Herzensfrulein, als Sie
neulich so leise, leise an meine Tr klopften und fragten, ob hier das Stbchen
wre, das in der Zeitung stnde, wer htte gedacht, da Sie dem Stbchen und der
alten, dummen Witwe Brandauer so bald wieder untreu werden wrden. O je, o je,
Herr Kandidate - da in der Tr stand das Frulein in ihrem schwarzen Kleide wie
ein Engel, und die Hndchen waren so kalt und die Fe; und wir alle zwei beide
standen und sahen uns an, und dann gab es mir einen Knuff in den Rcken wie von
oben, und ich knickste und sagte: Ja, und der Nachbar Grillmann auf der andern
Seite des Ganges hintenheraus habe mir geholfen, es in die Zeitung zu bringen.
Da haben wir denn diese Wochen zusammengehalten wie zwei gute Leute. Ach Gott,
das Beste vergeht immer am schnellsten, und der Sommer dauert einem lange nicht
so lange als der Winter, und so ist denn keine Hlfe, morgen sitze ich wieder
allein, und diese Stube ist wie ein alter, leerer Scherben, in dem das
Winterrschen ausblhte.
    Wir wollen einander nie vergessen, rief Franziska, die Hand der guten Frau
gerhrt drckend, Der liebe Gott hat mich zu Ihnen gefhrt, und Sie haben die
Fremde empfangen, wie eine Mutter ihre Tochter in der Verlassenheit aufnehmen
wrde. Ich will auch immer wie eine Tochter an Sie denken, liebe, liebe Frau
Brandauer.
    Die gute Witwe lachte und weinte und kte das Frnzchen:
    Herzchen, es wre ja das grte Unrecht, wenn ich Ihnen das Glck
mignnte; - so einem kleinen, ngstlichen, abgejagten Vgelchen! Herr
Kandidate, Gott hat Ihnen ein gutes Gesicht gegeben, und so hoffe ich, da er
Ihnen ein gutes Herz dazu geschenkt hat; - in Gottes Namen denn, nehmen Sie das
Frulein mit sich fort, und Gott helfe Ihnen beiden weiter, anjetzt durch den
Schnee und dann durchs liebe lange Leben bis in die ewige Seligkeit, und ich
will an diese Tage und Wochen denken, als ob ich ein Zeichen in mein Leben
gelegt htte wie ins Gesangbuch.
    Hans dankte der guten Frau aus vollem Herzen fr ihr Vertrauen und ihre
guten Wnsche; dann aber mute er der Nachbarn wegen, und vorzglich des
Nachbars Grillmann wegen, der ein ziemlich neugieriger und naseweiser Patron zu
sein schien, fr diesen Abend Abschied nehmen. Wie schwer er sich, von dem
Stbchen im vierten Stockwerk der Nummer vierunddreiig in der Annenstrae
trennte, wollen wir nicht beschreiben; wie er dann unten im Schnee stand, die
Hand auf das jubelnde Herz drckte und nach dem Lichte in der Hhe starrte,
wollen wir der Einbildungskraft der Leser berlassen. Wie er, berauscht vom
Glck, es mglich machte, die Grinsegasse zu finden, wie er seiner tauben Wirtin
die Wohnung kndigte, wie er seinerseits seine Sachen zusammenpackte und die
Glaskugel des Vaters vorsichtig von der Decke nahm, wie er die letzte Nacht in
der Grinsegasse schlief - das alles mag der Leser sich ebenfalls ausmalen. Der
Morgen fand ihn wach, aufgeregt und reisefertig; der Mittag fand ihn an des
Frnzchens Seite im Eisenbahnwagen.
    Und die Sonne schien auf den Schnee; es war sehr kalt, und die Schaffner und
die Reisenden hatten sehr rote Nasen. Rotgeweinte Augen hatte die Frau
Brandauer, die mit dem Taschentuch zum Abschied winkte.
    Ja, junges Volk will seinen Weg gehen! Ein letzter Gru fr die brave Frau
aus der Annenstrae - ein letzter Blick auf das zurckbleibende
Menschengedrnge. - Alles fertig - vorwrts!

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


Es war der vierundzwanzigste Dezember, und alle die jungen Damen, welche
Pantoffeln und Zigarrentaschen und Polster und Kissen fr den Rcken gestickt
hatten, die Seelen der Mnner, der jungen und alten, zu fangen, nach dem Wort
des Propheten Ezechiel im dreizehnten Kapitel, Vers siebenzehn und achtzehn,
waren fertig mit ihrer Arbeit und erwarteten ihrerseits die Dinge, die da kommen
sollten. Es warteten sehr viele Leute - groe und kleine - auf kommende gute
Dinge; - der Himmel war am Morgen und Mittag so blau, wie man es sich nur
wnschen mochte, die Sonne bestrahlte glitzernd die weie Weihnachtswelt und
frbte sich erst am Nachmittag blutrot, als sie in den aufsteigenden Nebel
hinabsank. Es schien, als ob die Sonne es wisse, da hunderttausend Christbume
auf ihren Niedergang warteten, und es schien, als ob sie gutmtig-froh ihren
Lauf beschleunige. Um fnf Minuten nach vier Uhr war das letzte Stckchen
feuriges Gold hinter dem Horizont versunken - der Heilige Abend war da, war
endlich gekommen, nachdem sich Millionen Kinderherzen so lange nach ihm gesehnt
hatten. Um fnf Uhr luteten alle Glocken im Lande den morgenden Festtag ein,
und die Kuchen waren fertig; es wurde Friede in der Brust auch der
scheuereifrigsten Hausfrau, Um sechs Uhr stand jeder festlich geschmckte
Tannenbaum in vollem Lichterglanz, und wer noch froh und glcklich sein konnte,
der war es gewilich um diese Stunde, in welcher sich das Himmelreich derer, die
da sind wie die Kinder, auch dem trbsten Blick ffnet und das dunkelste Herz
hell macht.
    Das war ein Reisetag! Das war ein Tag, um der Heimat zuzueilen! Hans
Unwirrsch und Frnzchen Gtz bedurften keines Zaubermantels, keines
bernatrlichen Befrderungsmittels mehr; der Postwagen oder vielmehr
Postschlitten, der sie gen Freudenstadt fhrte, war selber ein zauberhaftes
Vehikel, das dreist mit Oberons fliegender Muschel, mit dem fliegenden Koffer
der arabischen Mrchen, mit dem hlzernen Gaul, auf welchem der Ritter Peter mit
dem silbernen Schlssel und die schne Magelone ritten, es aufnehmen konnte.
Hans hatte sich als der trefflichste Reisemarschall erwiesen, sowohl whrend der
Eisenbahnfahrt als auch am vergangenen Abend im Gasthof zu ***, wo er das
Frnzchen unter den besondersten Schutz der vornehmen Frau Wirtin stellte und
die freundliche Versicherung erhielt, da das Frulein unter keinem Dach in der
Welt sicherer und behaglicher schlafen solle. Richtig wurde es ihm am andern
Morgen vergnglich und wohlbehalten berliefert; sie nahmen Abschied von der
wackern Frau Wirtin, die dem Frnzchen noch einen Sack mit heiem Sande der
kalten Fe wegen nach dem Posthofe schickte; sie fanden ihre Pltze auf dem
Postschlitten und fuhren hinein in den vierundzwanzigsten Dezember, ohne die
Lerchen am klaren, hellblauen Himmel zu vermissen.
    Wahrlich war die Post und der Weg nach Freudenstadt verzaubert. Hans
Unwirrsch, der doch beides ziemlich genau kennengelernt hatte, erkannte beides
nicht wieder. Die Juden schienen bei solcher Klte nicht zu reisen, und die
Passagiere, die unterwegs ein-und ausstiegen, waren mit ihren mannigfaltigen
Paketen. Schachteln und Krben in heiterster Weihnachtsstimmung, und der alte
joviale Herr, welchem der Hanswurst, der den Enkel am Abend erfreuen sollte, aus
der Brusttasche guckte, konnte schon allein die Beschwerlichkeiten der Reise zu
einem Spa machen.
    Der Weg war vortrefflich, und kein grober Bauer brauchte mit seinen Gulen
Vorspann zu leisten. Auf der glatten Bahn flog der Schlitten pfeilschnell dahin,
und die Postillione wurden nicht mde, ihre Weihnachtsstimmung durch
Peitschengeknall und wohlgemeinte Hornmusik kundzugeben. Durch alle Orte, durch
welche die Post fuhr, war vor ihr der Weihnachtsmann geschritten, und jedermann
sah aus, als ob er ihm so lange als mglich nachgesehen habe. Auch der
bsartigste Stallknecht vor den Posthaltereien hatte sein Gesicht zu einem
Grinsen verzogen, dessen letzte Ursache nicht etwa in einem extraordinr nobeln
Trinkgeld zu suchen war.
    An solchem Tage muten die letzten Gedanken an die trbe Vergangenheit mit
ihren Kirchhofskreuzen aus der Brust entweichen. Die reine weie Decke des
Schnees hatte sich ber die Grber gebreitet, und der Sonnenschein glitzerte
darauf; - die Toten feierten die ewige Weihnacht jenseits der niedern Hgel und
auch jenseits des Sonnenscheines. Anton und Christine Unwirrsch, die Base
Schlotterbeck, der Oheim Grnebaum, der Geheime Rat Theodor Gtz, Felix Gtz und
des Frnzchens Mutter hatten nichts dagegen, da Hans und Frnzchen am Fest der
Kinder froh und selig wie Kinder der irdischen Weihnachtsfreude ihre Herzen
ffneten.
    Da waren die groen Nadelholzwlder und sahen heute ganz anders aus als an
jenem dunkeln Tage, an welchem der Kandidat sie zum erstenmal durchfuhr. Das
wilde Schwein, das vom Rande des Forstes grunzend in den Schatten zurcktrabte,
die Hasen, die komisch eilig ber den Schnee hpften, der Zug Schneegnse, der
mit Geschrei ber den Wald zog - alles machte einen angenehmen Eindruck auf das
Gemt. Nur vergnglich war's, heute dem Frnzchen die Stelle zu zeigen, an
welcher whrend der ersten Reise nach Grunzenow der Wagen im Schlamm
steckenblieb und wo der erzrnte Vorspannbauer erst den Juden durchprgelte und
dann das Wort Gottes, den Kandidaten Hans Unwirrsch, am Kragen nehmen wollte.
    Welch ein ander Ding war die Heide im sonnbeglnzten Weihnachtsschnee als
die Heide, ber welcher der Novembernebel lag! Welch ein ander Ding war die
Stadt Freudenstadt am vierundzwanzigsten Dezember als am trben Tage des Wind-
und Reifmonats, an dem der Kandidat Unwirrsch zum erstenmal das Vergngen hatte,
ihren Kirchturm am Horizont auftauchen zu sehen!
    Ja, da war die Stadt Freudenstadt wieder, und vor dem Tor stand wachehaltend
ein mchtiger Schneemann, und smtliche versammelte Jugend begrte die
heranklingelnde Post mit langhallendem Jubelgeschrei. Auch durch das Tor von
Freudenstadt war der Weihnachtsmann den Reisenden vorangeschritten, und jedes
Gesicht, das hinter den Fenstern der Gasse, durch welche das knigliche Posthorn
erschallte, erschien und neugierig der Post nachsah, mute ihn gesehen haben. Da
war der Marktplatz von Freudenstadt; - Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs
Pferd! blies der Schwager und - hielt mit einem Ruck die Gule zehn Minuten vor
der durch den Postzettel dem Publikum kundgemachten Zeit an; - es war der
vierundzwanzigste Dezember.
    Hans Unwirrsch hatte keine Zeit, an die merkwrdige Pnktlichkeit der
Freudenstdter um zwlf Uhr mittags zu denken und das Frnzchen damit bekannt zu
machen.
    Wer stand im Schnee vor der Tr der Posthalterei?
    Ein Mann, der ganz und gar aussah wie der Weihnachtsmann und jedenfalls ein
Vetter oder sonst ein naher Verwandter von ihm war! Ein Mann in hohen
Wasserstiefeln, Pelzrock und Pelzmtze. Ein Mann mit Pelzhandschuhen und einer
qualmenden, kurzen Tabakspfeife, ein Mann, der beim Anblick des Kandidaten
Unwirrsch unzweifelhafte Zeichen ungemeiner Befriedigung und hohen Vergngens zu
erkennen gab, ein Mann, bei dessen Anblick der Kandidat Unwirrsch, die Hand
Franziskas fassend, rief:
    Der Herr Oberst von Bullau!
    Ja, er selbsten! Hurra, wo ist mich das Wurm? Das ist es? Komm raus,
Herzenskind! Komm her, Liebchen! Dies ist unser Frnzchen Gtz? Vivat, nochmals
und abermals! Gott gr dir, Liebchen, und sei tausendmal willkommen und -
Tausendschwerenot, vom Erdboden stammst du wohl nicht?
    Die letzte Frage war sehr erklrlich; - der Oberst hatte den Schlag des
Postschlittens aufgerissen, hatte die junge Dame in die Arme gefat, um ihr
einen Schmatz zu geben und ihr das Aussteigen zu ersparen. Nun hielt er die
leichte Last hoch in den Lften und verwunderte sich, ehe er sie auf den Boden
absetzte, und das Frnzchen strubte sich gar nicht gegen seine rauhen
Liebesbezeugungen.
    Schtzchen, Schtzchen, haben wir dir? rief der Oberst von Bullau: Das
ist mir mein Christkind. Ein Hurra fr den Leutnant Rudolf Gtz und sein
Frulein! Schreit mit, ihr Dickkpfe!
    An das versammelte Volk von Freudenstadt war die Aufforderung gerichtet, und
das Volk schrie mit.
    Der Oberst drckte nun auch dem Kandidaten die Hand, gab ihm einige
wohlmeinende, vielsagende Ellenbogenste und verkndete, da der Onkel Rudolf
wohl bis aufs Pedal sei und mit Grips das Haus Grunzenow auf den Kopf stelle.
Er verkndete, da das Frhstck bereit sei im Polnischen Bock und da der
Schlitten von Grunzenow ebendaselbst warte. Mit ritterlichem Anstand fhrte er
das Frnzchen ber den Marktplatz von Freudenstadt, und alle Honoratioren von
Freudenstadt gerieten in die grtmglichste Aufregung ber den alten Krieger
und das fremde Frulein. Die seltsamsten Vermutungen wurden darber angestellt;
alle Damen einigten sich jedoch sehr bald dahin, da der Oberst des ehelosen
Lebens mde geworden und da die arme, junge Braut gekommen sei, sich die
Heidenwirtschaft in Grunzenow anzusehen. Die guten Seelen bedauerten das
Frnzchen sehr; und htten ihre Meinungen dem Oberst im Polnischen Bock den
Appetit verderben knnen, so wrde der wackere Kriegsmann gewi nicht so
seelenvergngt von Freudenstadt abgefahren sein, wie er daselbst ankam.
    Nun aber zeigte es sich, weshalb der Wirt zum Polnischen Bock einen solchen
Respekt vor dem Namen des Obersten von Bullau hatte. Ein solcher Gast mute ein
Segen fr jedes Wirtshaus in der Welt sein, ein solcher Gast fuhr nicht alle
Tage vor, um Kche und Keller zu revidieren.
    Der Polnische Bock befand sich in einer Aufregung wie ein Ameisenhaufen, den
ein Stockschlag oder Futritt traf. Es roch gut und nahrhaft im Polnischen Bock;
es war aber kein Wunder, wenn Hans und Franziska ber das Frhstck des Obersten
von Bullau ein wenig erschraken: der Oberst hatte ihren Hunger sehr berschtzt.
    Weihnacht! Weihnacht! Wir lassen das Frnzchen und den Obersten genauere
Bekanntschaft machen bei diesem trefflichen Frhstck, um ihnen und dem
Kandidaten vorauszueilen nach Grunzenow an der See, wo der Leutnant Rudolf vor
Ungeduld vergehen will und dem treuen Grips das Leben sauer macht.
    Das Meer im Weihnachtssonnenschein ist auch eine Vorstellung, die das Herz
weiter machen kann. Auch durch das Dorf Grunzenow war der Weihnachtsmann
geschritten und hatte grne Tannenzweige vor den Htten des seefahrenden Volkes
verloren. Der Rauch, der aus den Schornsteinen in die kalte Luft stieg, sah aus,
als ob er mehr als an andern Tagen zu bedeuten habe; die Seevgel, die Kinder,
die Alten und der Pastor Ehrn Josias Tillenius, der, durch das Dorf humpelnd,
fast vor jeder Tr stehenblieb, wuten, was sie von diesem Tage zu halten
hatten.
    Wenn wir, das Dorf verlassend und hinter dem Pfarrherrn her zu dem
Herrenhause emporsteigend, den Hof daselbst betreten, so drfen wir - starr
stehenbleiben vor Verwunderung.
    Auch auf dem Hofe von Grunzenow stand ein riesenhafter Schneemann und hielt
Wacht vor einer aus grnen Tannenbumen und Tannenzweigen knstlich errichteten
Ehrenpforte, ber der ein noch dunkles Transparent das Frnzchen und den
Kandidaten Unwirrsch willkommen hie. Das Hausgesinde schien das Fieber zu
haben, die Hunde wuten augenscheinlich, da etwas Auergewhnliches im Werke
sei; die Aufregung des Leutnants Gtz aber kannte keine Grenzen und mute jedem
mit den Verhltnissen Unbekannten nicht wenig bedenklich erscheinen.
    Der krperliche Zustand des Leutnants hatte sich so weit gebessert, da der
biedere Krieger mit Hlfe eines Krckstockes in wohlwattierten Pelzstiefeln
umherhinken konnte, und das war ein groes Glck, denn in seinem Rollsessel
htte er es an dem heutigen Tage nicht ausgehalten. Seit vier Uhr morgens war er
auf den Beinen, um das, was in dem Kastell noch auf dem Kopfe stand, auf die
Fe zu stellen, wobei ihm Grips an der Spitze des verwilderten Hausvolks
hlfreich zur Hand ging, whrend der Oberst sich zur Fahrt nach Freudenstadt
rstete.
    Haus Grunzenow war nicht wiederzuerkennen seit dem Tage, an welchem Hans
Unwirrsch es verlassen hatte, um das Frnzchen zu holen. Man hatte das
Weibervolk hereingelassen, und es war gekommen mit Besen und Brsten, mit Lauge
und Seife, mit warmem und kaltem Wasser und mit dem besten Willen, dem Greuel,
der Snde und der Schande ein Ende zu machen. Als das Aufgebot ins Dorf
gelangte, wre Grips, der es hinabtrug, beinahe ein Opfer desselben geworden.
Die Frauen htten ihn fast erdrckt, sie strzten sich auf ihn wie das
Tagesgevgel auf die Eule, die unvorsichtigerweise um Mittag ihren Schlupfwinkel
verlie. Sie wollten und konnten zuerst gar nicht glauben, was er ihnen
verkndete, und er, der mit groem Ekel vor ihrem Geschrei sich die Ohren
verstopfte, war nicht imstande, mit seinen erhobenen Ellenbogen sich gegen den
bermchtigen Andrang zu wehren. Glcklicherweise erschien Ehrn Josias Tillenius
zu seiner Hlfe, und in langem Zuge zogen die Weiber bewaffnet, wie wir bereits
schilderten, nach dem Hofe, und es bewhrte sich fr den Oberst und den Leutnant
wieder einmal das schne, alte Sprichwort vom Teufel, dem man den kleinen Finger
gibt.
    Es war keine Kleinigkeit, das Haus Grunzenow zu scheuern! - Wenn das Alter
ehrwrdig macht, so waren der Schmutz, der Staub, der Schimmel, das Wurmmehl und
die Spinnengewebe gewi im hchsten Grade ehrwrdig, sie wichen aber auch nur
den hartnckigsten Angriffen. Von allen Treppen rauschten die Wasserstrme, in
allen Gemchern wirbelte der Staub; die Hunde verkrochen sich heulend in die
entlegensten Winkel, um den Besenstielen zu entgehen, das Hausgesinde kroch
fluchend in den Stllen zusammen, und der Oberst und der Leutnant, die sich die
Sache doch nicht so vorgestellt hatten, retteten sich mit einem wohlgefllten
Flaschenkorb und einem entsprechenden Knastervorrat in das Pfarrhaus und lieen
Grips wie den grimmigsten aller Tritonen unter den Wasserweibern zurck, mit dem
Auftrag, Meldung zu tun, wenn die Arche wieder auf dem Trockenen sitze! Zwei
Tage hindurch sa Grips auf dem Treppengelnder, seinen Trost in diesem Jammer
weniger an einem Muschelhorn als an einer dickbuchigen Flasche echten alten
Wacholders findend. Am Ende des zweiten Tages sanken die Wasser, und gegen den
Mittag des dritten Tages meldete sich der Faktotus auf der Pfarre und zeigte
an, da das Haus rein, die Bestialitt zu Ende und das Frauengezimmer wieder
abgezogen sei.
    Gott straf mir, meine Herrens, sagte Grips, schne ist's, aber besser
roch es doch sonst! Grne Seife, Herr Oberst, allgemeiner Rasiertag -
Regimentswsche, Herr Leutnant! Sehr schne, meine Herren - kein Hund wagt mehr
fest aufzutreten.
    Grips, sagte der Oberst von Bullau, Grips, der Herrgott wei am besten,
was 'nem Menschen und 'nem alten Soldaten gut ist. Proppert ist 'ne angenehme
Tugend.
    Mit Ma - zu Befehl, Herr Oberst! erwiderte Grips gebrochen. Der Leutnant
wurde samt dem leeren Flaschenkorb wieder in den Schlitten gehoben; die beiden
alten Herren zogen in Begleitung des Pastors wieder in das alte Kastell ein,
alle zwei- und vierfigen Hausbewohner krochen mit Graus und Gewinsel aus ihren
Schlupflchern hervor.
    Alle Hagel! Alle Hagel! rief der Oberst einmal ber das andere, als er aus
einem Gemache in das andere schritt.
    Alle alten Herrens mchten sich an der Wand umdrehen! seufzte Grips,
wehmtig zu den Ahnenbildern des Hauses Bullau empornickend.
    Aber die Damen. Grips, aber die Damen! lachte Ehrn Josias Tillenius
frhlich und rieb sich die Hnde. Seht die Damen, Grips! Sie haben noch nie,
seit ich die Ehre habe, sie zu kennen, so frisch und vergngt ausgesehen.
Wahrlich, Bullau, es tat Eurem Bau not, da einmal in solcher Art Kehraus
gemacht wurde!
    An der Hofmauer liegt's, seufzte Grips. Viertehalb Fuder - sechs Scheffel
Prppe und drei Sack Tabaksasche darbei; - ist 'n Elend und Jammer, aber eine
Merkwrdigkeit ist's auch!
    Eine Prinzessin knnte auf dem Fuboden niedersitzen, schrie der Oberst,
pltzlich in Ekstase geratend. Hurra, Rudolf, jetzt kann das Mdel mit dem
Schwarzrock einrcken! Hurra, jetzt wird's mich aber Tag auf Grunzenow!
    Der Leutnant stand auf den Fen, als kenne er das Podagra noch nicht einmal
dem Namen nach; er schwang den Krckstock und die Kappe und schrie ebenfalls
hurra aus vollem Halse; aber die Trnen standen ihm in den Augen. Der Pastor sah
auch mit glnzenden Augen von dem Boden zur Decke und von einem der beiden
greisen Kriegsgefhrten auf den andern.
    Es ist uns eine gute Sttte bereitet fr unsere alten Tage, sagte er
leise. Schlagt ein, Kameraden! Wir haben gut zusammengehalten, und es soll so
bleiben bis zum letzten.
    Die drei alten Hhne schttelten sich energisch die Hnde, und dann
erkundigte sich der Oberst besorglich, ob die Weiber auch nicht ber den Keller
geraten seien, und erhielt von Grips die beruhigende Versicherung, da der
Schlssel nicht aus seiner Tasche gekommen sei. Bei einer dampfenden Bowle
Punsch wurde die Reinigung des Hauses Grunzenow gefeiert und bei ebenderselben
ein Kriegsrat gehalten bel die Frage, was nunmehr weiter zu beginnen sei, um
dem Kind den Aufenthalt in der Wste behaglich zu machen, letzt war der Pastor
der Mann, dessen Meinung den Ausschlag gab. Er bezeichnete das Eckzimmer, von
welchem aus man den weitesten Blick ber Land und Meer hatte, als das Gemach, in
dem sich das Frnzchen am heimischsten fhlen werde. Er bezeichnete die Mbel,
mit welchen dieses Zimmer auszufllen sei, und versprach, aus seinem Pfarrhause
einen Beitrag dazu zu liefern.
    Des Leutnants Hirn siedete und kochte; auch er brachte mancherlei Vorschlge
zur Verschnerung und Wohnlichmachung des Kastells an den Tag; aber gleich den
Plnen des Obersten litten diese Vorschlge meistenteils an einer
Abenteuerlichkeit, die dem Pfarrherrn fters ein hchst behagliches, doch
kopfschttelndes Lcheln entlockte.
    Grips wurde nach Freudenstadt gesendet, um allerlei notwendige Dinge zu
holen. Mit hochbepacktem Schlitten kam er zurck und bewies, da er ein Mann von
Geschmack, wenn auch vielleicht ein wenig zu sehr fr das Bunte sei. Es wurde
viel geklopft und gehmmert auf Haus Grunzenow; der weibliche Hausstand wurde
vermehrt und verbessert. Am dreiundzwanzigsten Dezember war alles zum Empfang
des jungen Gastes bereit, und das Stbchen, welches der Kandidat und
demnchstige Adjunktus. Hans Unwirrsch, auf der Hungerpfarre bewohnen sollte,
war ebenfalls aufs beste ausgekehrt und eingerichtet.
    Am Morgen des vierundzwanzigsten Dezember fuhr der Oberst nach Freudenstadt,
das ankommende Paar daselbst in Empfang zu nehmen, whrend der Leutnant, der
Pastor und Grips die Errichtung des Schneemanns und der Ehrenpforte
beaufsichtigten und noch andere wichtige Vorbereitungen trafen.
    In zappelnder Ungeduld, Hast und Aufregung verbrachte der Leutnant Gtz den
Tag. Die Vorstellung, da nunmehr sein Frnzchen ihm wiedergegeben werden
sollte, der Gedanke, da sich nun niemand mehr trennend zwischen ihn und das
arme Kind drngen drfe, trieben ihn alle Augenblicke von seinem Sessel in die
Hhe, jagten ihn alle Augenblicke ans Fenster oder vor die Tr. Der Rollsessel
war ein berwundener Standpunkt oder vielmehr Sitzpunkt; es zeigte sich wieder,
da die Hoffnung und die Freude die besten rzte sind. Der Leutnant Rudolf Gtz
war einfach auer sich, und seine Unruhe brachte nicht nur den Pastor Tillenius,
sondern sogar den praktischen, unbeweglichen Grips aus dem Gleichgewichte.
    Vergeblich zitierte der Pfarrer aus der Pfarrbibliothek und ermahnte zur
Selbstbeherrschung. Fassung und Geduld; - vergeblich erklrte Grips, da sich
die Zeit nicht vorschieben lasse, da die Laterne im Kopf des Schneemanns, die
Lampen hinter dem Transparent, die Lichter an der Weihnachtstanne im groen Saal
zum Anznden bereit, da die Bller geladen und Petersen und Gerd Classen zum
Losbrennen gerstet seien. Weder die Ermahnungen des Pastors noch die
Versicherungen des Hausmeiers von Grunzenow brachten den Leutnant zur Ruhe, und
als ihm gar noch um drei Uhr des Nachmittags einfiel, da das Frnzchen den
jungen Papen habe ablaufen lassen und da der Oberst von Bullau solus von
Freudenstadt heimkehren werde, da bedurfte Ehrn Josias Tillenius seiner ganzen
Beredsamkeit und berzeugungskraft, um den Onkel Rudolf vom Haarausraufen
zurckzuhalten.
    Hussa! Die Rappen des Obersten von Bullau wurden im Polnischen Bock mit
derselben Aufmerksamkeit behandelt wie ihr Herr, der noch dazu gewohnt war,
selbst im Stall ihre Verpflegung zu berwachen. Hussa! Mit freudigem Wiehern
galoppierten sie ber die glatte Bahn, ohne das Geknall der Schlittenpeitsche
und das Hallo des Obersten fr eine Drohung zu nehmen. Das war eine andere Fahrt
als jene auf dem elenden Marterfuhrwerk des Wirtes zum Polnischen Bock. Der
Oberst befand sich in der allerbesten Stimmung; auch seine ganze Seele hatte das
Frnzchen bereits gewonnen; er nannte es sein Kind, sein Liebchen, sein Lamm; er
fragte es einmal ber das andere, ob es ihm auch niemals gereuen werde, ihm und
dem Onkel Rudolf und dem da in ein so wildes, wstes Nest zu folgen; - er
schalt es, da es ihn, den Oberst, und den Onkel Rudolf und den Pastor Tillenius
so lange bei den Seelwen und Klabautermnnern allein habe sitzenlassen. Er
stie alle fnf Minuten den Herrn Kandidaten Unwirrsch in die Rippen und nannte
ihn einen ganz merkwrdigen Burschen; er zog ihn am Ohr und erinnerte ihn
grinsend an die Rede, die er neulich dem Leutnant gehalten habe; - es war ein
Wunder, da der Oberst von Bullau den Schlitten nicht um- und den Kandidaten und
das Frulein in den Schnee warf.
    Nun war der Augenblick da, in welchem die rote Sonnenscheibe hinter der
weien Heide versank.
    O sieh, sieh. Johannes, wie schn! rief Franziska. Es stieg der Mond
hinter dem Hnengrabe empor, und wie im Traum sprach Hans Unwirrsch:
    Viele Menschen und Knige sind da geschlachtet - in der Riesenzeit von den
Riesen.
    Und wieder erscholl durch die Dmmerung die groe Stimme des Meeres; erst
dumpf in weiter Ferne, dann immer nher und lauter.
    Nun war die Stunde, in der alle Christbume im deutschen Lande aufflammten -
die rechte Stunde, um in ein neues, glckliches Dasein mit freudig-vollem,
dankbarbewegtem Herzen einzuziehen. Nun sa die Freude nieder an jedem Herd, an
welchem sie nicht bereits die Sorge, die Krankheit, den Ha, den Neid und den
Tod sitzend fand: wahrlich, es war die Zeit, um, hungernd nach Frieden und
Liebe, die Heimat zu erreichen!
    Das bse Moor lag hinter den Reisenden, schnaufend arbeiteten sich die
Pferde die letzten Hgelreihen hinan. Hans hatte den Arm um seine Braut gelegt,
es war allmhlich sehr kalt geworden, und die Luft war so rein, der Mond schien
so hell, da weithin jeder Gegenstand sich aufs schrfste von der
schneebedeckten Erde abhob.
    Auf dem letzten Dnenhgel dicht am Wege stand eine dunkle Gestalt und -
    Kreuzhimmeldonnerwetter, schrie der Oberst von Bullau, die Zgel mit aller
Kraft fassend. Ein Blitz und ein Knall! Das war einer der Bller des Hauses
Grunzenow, und die dunkle Gestalt war der Posten, den Grips aufgestellt hatte,
das Nahen des Schlittens zu verknden.
    Die Gule bumten sich und schlugen aus; es bedurfte aller Geschicklichkeit
des rossekundigen Obersten, um sie zu beruhigen.
    Hier mal 'ran! Wer war mich denn dieser knallende Satan? rief der Oberst,
und die dunkle Gestalt kam im kurzen Trab an den Schlitten, um sich zu melden.
    Hurra fr Grunzenow! schrie der Oberst; eine Rakete stieg jenseits des
Hgelrckens auf; Grips mit den Seinigen meldete sich ebenfalls; - der Schlitten
erreichte die Hhe des Weges, und das weie Ufer, das Meer im Mondenschein und
die hellen Httenfenster von Grunzenow lagen vor den Blicken des Frnzchens.
    Da sind wir! Willkommen zu Hause, mein Liebling! rief der Oberst und gab
dem jungen Mdchen wiederum einen herzhaften Ku, gegen welchen es sich wiederum
nicht wehrte. Hgelabwrts ging's; - durch das Dorf klingelte der Schlitten; -
Weihnacht, Weihnacht! - Glanz und Lichter der Weihnacht aus allen Fenstern.
    Weit auf stand das Hoftor von Grunzenow, an dem Hans Unwirrsch einst so
lange hmmern mute. Grimmig leuchtete die Laterne aus Augen und Maul des
Schneemanns. - Willkommen! rief mit feurigen Lettern der Triumphbogen des
Tausendknstlers Grips; - Willkommen! brllte aus rauhen Kehlen das Hofgesinde.
Die Bller krachten, die Hunde bellten - der Leutnant Rudolf Gtz hielt sein
Kind in den Armen und htte es fast erdrckt und erstickt; Ehrn Josias Tillenius
hatte sich des Kandidaten Unwirrsch bemchtigt und flsterte ihm ins Ohr:
    Eheu, eheu, sudores et cruces Johannis Unwirrschii! Ei, ei - ei, ei, das
ist sie? Gott segne dich, Hans - das ist sie?
    Jaja, das ist sie! rief Hans Unwirrsch, und der Leutnant Rudolf
wiederholte dasselbe und legte das Frnzchen in die Arme des alten Pfarrherrn
von Grunzenow.
    Der Oberst schritt von einem zum andern und schttelte sich und den Freunden
fast die Hand ab. Grips zog grinsend den Mund bis zu beiden Ohren auseinander
und beleuchtete die Gruppe als gerhrter Statist.
    Da war der groe, alte Saal des Hauses Grunzenow! Die beiden riesenhaften
hollndischen Kachelfen glhten - ein riesenhafter Christbaum glnzte im Schein
von hundert Wachslichtern - Weihnacht, Weihnacht! Ein solches Weihnachtsfest
htte das Haus Grunzenow seit hundert Jahren nicht erlebt.
    Unter der Weihnachtstanne sa Frnzchen Gtz, umgeben von den drei greisen
Mnnern, und ein liebliches Bild war's. Die altersschwarzen Jgerbilder auf den
Tapeten schienen zu lcheln, es lchelten aus ihren dunkeln Rahmen die grimmigen
Herren und die zierlichen Frauen von Bullau, und Hans Unwirrsch lchelte auch,
aber durch Trnen.
    Viel war nun zu bereden - Vergangenes und Zuknftiges -, doch jetzt mute
sich ja eine Zeit fr alles finden, fr Leben und Tod, wie der Oberst von Bullau
sagte! Weihnacht, Weihnacht - das Frnzchen unter dem Christbaum zu Grunzenow an
der Ostsee! Wenn der Kandidat Unwirrsch am nchsten Morgen nicht in der
Grinsegasse vier Treppen hoch unter dem Dach erwachte, so hatte sich der Ring
seines Glckes geschlossen.

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Das Meer und nicht die groe Stadt bewegte sich rauschend am andern Morgen vor
den Fenstern Hans Unwirrschs; doch wollte er es anfangs nicht glauben. Lange vor
seinem Erwachen redete das Meer in seine Trume hinein, und ihm trumten
wunderliche Dinge. Die ganze Nacht hindurch hatte er sich gegen das rtselhafte
Sausen und Brausen zu wehren, das in der Ferne sich erhob und heran- und
heraufschwellend ihn zu ersticken drohte. Die ganze Nacht hindurch kmpfte er
gegen dieses geheimnisvolle Etwas, dieses Gewirr von tausend und aber tausend
Stimmen, in dem seine eigene Stimme so machtlos verklang wie der Hlferuf eines
Kindes im wildesten Orkan. Es war wie eine Erlsung, als er endlich erwachte und
nicht mehr zweifeln durfte, da er die See hre und nicht das Gerusch der Welt,
durch die ihn sein Lebensweg gefhrt hatte.
    Nachdem es ihm zur Gewiheit geworden war, da er sich unter dem Dach der
Hungerpfarre zu Grunzenow und nicht in der Grinsegasse oder gar in dem Hause in
der Parkstrae befinde, lag er noch eine geraume Zeit mit halbgeschlossenen
Augen und berlie sich dem wonnigen Gefhl des sichern Glckes und den
s-wehmtigen Gedanken und Erinnerungen, die immer und immer so unauflslich
mit diesem Gefhl verbunden sind. Der Augenblick, der dem Menschen seinen Gewinn
zeigt, lehrt ihn auch seinen Verlust am deutlichsten erkennen. Wie viele treue
Herzen und warme Hnde fehlen uns immer in der besten Stunde!
    Es war noch ganz dunkel, als Hans erwachte, nur der Schnee erhellte ein
wenig die Nacht; Hans brauchte nicht die Schatten der Toten mit Blut zu trnken,
um ihnen Stimme zu geben, er brauchte sie nicht zu rufen, sie kamen freiwillig;
- er aber legte ihnen Rechenschaft ab an diesem Christmorgen.
    Ein gebeugter hagerer Mann, mit mildem, ernst-heiterm Gesicht, stand vor
seinem geistigen Auge - der Meister Anton Unwirrsch, der so groen Hunger nach
dem Licht gehabt hatte und der in seinem Sohne sein Dasein, seine Wnsche und
Hoffnungen vollenden wollte O Vater, sagte Johannes, ich bin den Weg
gegangen, den du mir gewiesen hast, und habe mich in harter Arbeit abgemht, die
Wahrheit zu erfassen. Viel habe ich geirrt, und Ratlosigkeit und Kleinmut haben
mich oft erfat - ich habe nicht mit stetigem Schritte vorwrts schreiten
knnen. Die Welt war mir ein zu groes Wunder, als da ich so keck und khn wie
andere nach ihren Schleiern und Hllen greifen konnte; - sie erschien mir zu
ernst und feierlich, als da ich ihr gleich andern mit Lcheln entgegentreten
konnte. Vater, wer aus so armen, niedern Husern kommt wie wir, dem darf man es
nicht vorwerfen, wenn er die erste Strecke seines Weges nur scheu und zgernd
zurcklegt, wenn ihn Nichtigkeiten blenden, wenn ihn falsche Trugbilder
verwirren, wenn ihn Irrlichter verlocken. Vater, wer unter so niederm Dach
hervortritt wie wir, der mu im Guten oder im Bsen ein starkes Herz haben, um
nicht, nach, den ersten Schritten aufwrts, wieder umzukehren und in der Tiefe
sein dunkles Leben weiterzufhren. Selbst die ersten Kenntnisse und Erfahrungen,
die er erwirkt, dienen nur dazu, den Einklang seines Wesens zu zerstren; sie
machen ihn nicht glcklich. Zu allen andern Zweifeln erwecken sie ihm noch den
Zweifel an sich selber. O Vater, Vater, es ist schwer, ein rechter Mensch zu
sein und jedem Dinge sein rechtes Ma zu geben; wer aber mit der Sehnsucht
danach in der Tiefe geboren wird, der wird doch eher dazu kommen als jene, die
zwischen Gipfel und Niederung erwachen und denen das Oben wie das Unten gleich
unbekannt und gleichgltig bleibt. Aus der Tiefe steigen die Befreier der
Menschheit; und wie die Quellen aus der Tiefe kommen, das Land fruchtbar zu
machen, so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt. O Vater,
der Mensch hat doch nichts Besseres als dies schmerzliche Streben nach oben!
Ohne es bleibt er immerdar Erde, von Erde genommen, in ihm und durch es richtet
er sich aus aller Leibeigenschaft des Staubes auf, in ihm reicht er, wie wenig
es auch sei, was er erlange, allen himmlischen Mchten die Hand; in ihm steht er
auf der winzigsten Scholle, in dem engsten Kreise als Herrscher des
unendlichsten Gebietes da, als Herrscher seiner selbst. Auch der Zweifel ist ja
Gewinn in seinem Leben, und der Schmerz ist so edel - oft edler als das Glck,
die Freude. Vater, ich bin meinen Weg in Unruhe gegangen; aber ich habe die
Wahrheit gefunden: ich habe gelernt, das Nichtige von dem Echten, den Schein von
der Wirklichkeit zu unterscheiden. Ich frchte mich nicht mehr vor den Dingen,
denn die Liebe steht mir zur Seite; - Vater, segne deinen Sohn fr seinen
knftigen Weg und bitte fr ihn, da der Hunger, der ihn bis hierher geleitet
hat, ihn nicht verlasse, solange er lebt.
    Mit allen seinen Gestorbenen Verkehrte Hans an diesem dunkeln Christmorgen,
ehe die Dmmerung kam. Sie schritten im langen Zuge vorber, und er dankte jedem
fr das, was er von ihm als Mitgabe fr den Lebensweg erhalten hatte. Da die
Mutter, die kleine Sophie, der Armenlehrer Karl Silberlffel, die Base
Schlotterbeck und der Oheim Nikolaus Grnebaum vorbergingen und ihm lchelnd
zunickten, das war kein Wunder; aber es war fast ein Wunder, wie viele andere
Leute aus dem Dunkel hervortraten, um ihr Teil an seinem Werden und Wachsen in
Anspruch zu nehmen. Es war ein Wunder, an wie vielen Sttten die Geschichte
seiner Bildung haftete, wie weit zurck oft der Ausgangspunkt jeder Seelenregung
lag. Erst in diesen Augenblicken sah Hans so recht ein, wie reich sein
bisheriges Leben gewesen war, welchen Reichtum er aus der versunkenen Welt
seiner Jugend, aus der mit der Base Schlotterbeck und dem Oheim versunkenen Welt
von Neustadt, aus der versunkenen Welt seiner Wanderjahre mit hinbernahm in das
neue Leben zu Grunzenow an der Ostsee. Immer neue, immer wechselnde Bilder und
Gestalten zogen vorber und stiegen herauf, als die Kirchenglocke von Grunzenow
anfing zu luten.
    Die Glocke von Grunzenow, der neuen Heimat! Die Glocke der Weihnachtskirche!
Aufrecht sa Hans Unwirrsch auf seinem Lager und horchte; - sein Herz klopfte,
und alle Pulse schlugen! Nach Herz und Hirn drngte sich alles Blut - - - o
Frnzchen, Frnzchen!
    Alle Kindheitsgefhle waren in der Brust des Mannes wach geworden. Ehe er
die Treppe hinabstieg, kniete er nieder und barg minutenlang stumm das Gesicht
in den Hnden; er hrte es nicht, da die Tr hinter ihm sich ffnete.
    In seinem schwanen Predigerrock trat der alte Josias in die Kammer und
setzte leise das Licht, das er trug, neben die Lampe des Kandidaten. Regungslos
stand er, solange die kleine Glocke lutete, solange Johannes Unwirrsch neben
seinem Bette kniete. Als die Glocke schwieg und der junge Hausgenosse das Haupt
wieder erhob, legte er ihm die Hand auf die Schulter und sagte gerhrt, indem er
sich zu ihm niederbeugte:
    Es ist ein glckliches Zeichen, unter solchem Gelut zu neuer Arbeit, neuen
Sorgen, neuem Leben zu erwachen. Mein lieber, lieber Sohn, sei mir willkommen in
diesem armen und doch so reichen, diesem so begrenzten und doch so grenzenlosen
Wirkungskreise. Gott gebe dir Kraft und Segen an diesem Strand, unter diesen
Htten, unter diesem Dache. Gott behte dich in deinem Glcke und segne dich im
Leid!
    Zum zweitenmal lutete die Glocke, als Hans an der Seite des greisen
Pfarrherrn die Stufen emporstieg, die hinter dem Pastorenhaus auf den Kirchhof
des Dorfes fhrten. Quer ber den Kirchhof ging der Weg zur Kirche, und zwischen
den weien Grbern und den schwarzen Kreuzen, welche auch alle Schneehauben
trugen, blieben die beiden geistlichen Herren stehen, um auf das Dorf
zurckzuschauen. Das Meer rauschte in der Finsternis, aber im Dorf war fast
jedes Fenster erleuchtet, und ein reges Leben herrschte auf dem Kirchwege. Aus
seinen Htten stieg das Volk der Fischerleute zu seiner Kirche empor - Greise,
Mnner, Weiber, Kinder! Sie kamen mit Laternen und Lichtern, und wenn die
Erwachsenen, die lteren im Vorberschreiten mit vertraulicher Ehrerbietung
ihren Pfarrherrn grten, so kam fast jedes Kind zu ihm heran, um ihm die Hand
zu geben; er aber kannte sie alle bei ihrem Namen, kannte ihre kleine, kurze
Lebensgeschichte und hatte fast fr jedes ein anderes Liebkosungswort. Von Zeit
zu Zeit zgerte einer der Erwachsenen auf dem Wege oder wandte sich seitwrts,
um seine Laterne niederzusetzen und sich ber eins der verschneiten Grber zu
beugen; dann war der Pfarrherr von Grunzenow an der Seite der Trauernden und
sprach ihnen leise zu, und die Sterne lchelten am schwarzen Winterhimmel, und
es war, als ob das Meer sanfter rausche.
    Zum drittenmal zog der Kster von Grunzenow den Glockenstrang, als wieder
eine grere Gruppe in die Kirchhofspforte trat, und Grips war's, der hier die
Laterne vortrug. Ritterlich fhrte der Oberst von Bullau das Frnzchen an der
Spitze seiner Hofleute und sagte, als Hans Unwirrsch vor ihm stand und Grips
seine Laterne erhob, um die Begrung zu beleuchten:
    Also pflegt der Mensch auszusehen, der nicht sagen kann, wie wohl ihm
zumute ist Da, Herr Kandidatus, da habt Ihr Euer Mdchen; ich wnsche Euch
frhliche Feiertage und viel Plsier damit.
    Hand in Hand gingen Hans und Frnzchen mit den andern Leuten von Grunzenow
in die kleine Kirche, wo der Kster bereits vor der Orgel sa. Auf dem kurzen
Wege konnte Franziska dem verlobten und Hans der Braut wirklich nicht sagen, wie
ihnen zumute sei; aber beide wuten es doch. Den schnsten Gru von Onkel Rudolf
bestellte jedoch das Frnzchen; unter dem Christbaum im Kastell sa der Onkel
mit seiner Pfeife und hatte seine Weihnachtsgedanken so gut wie alle andern.
    Wohl hundert Lichter erhellten die kleine Kirche; niemand hatte sein
Lmpchen beim Eintritt ausgeblasen, und wunderbar feierlich erschien die
Versammlung dieser Gemeinde am Ufer der See.
    Auf einer der vordersten Bnke dicht vor dem Altar und der Kanzel sa der
Kandidat Unwirrsch neben seiner Braut und dem Obersten von Bullau nieder und
sang im rauhen Chor der Fischer das alte Weihnachtslied mit bis zum Ende; bis
unter den letzten Klngen der Orgel und des Gesanges Ehrn Josias Tillenius auf
seine Kanzel trat, um seine Weihnachtspredigt zu halten; bis alle die von der
Sonne gebrunten, vom Sturm und Wetter zerbissenen Gesichter der Mnner, bis
alle die ernsten Gesichter der Frauen, bis alle Kinderaugen sich zu dem alten,
treuen Berater und Trster emporhoben. Und keiner der berhmten und beliebten
Redner, die Hans in der groen Stadt gehrt hatte, keiner der berhmten
Professoren, die ihm auf der Universitt so viele gute Lehren gaben, htte eine
trefflichere Rede halten knnen als der Greis von der Hungerpfarre zu Grunzenow,
der sich in der Bibliothek seiner Vorgnger nicht zurechtfinden konnte und dem
die moderne Wissenschaft der Theologie ein Buch mit sieben Siegeln geblieben
war.
    Mit jenem Gru der Engel, ber welchen kein anderer in der Welt geht, grte
er seine Gemeinde: Ehre sei Gott in der Hhe und Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen! Dann wnschte er allen Glck zu dem hohen Feste, den
Jungen wie den Alten, den Greisen wie den Kindern; und er hatte recht, als er
einst zu Hans Unwirrsch sagte, da es ein seltsam Ding sei, wenn einem Pastor
das Meer in seine Worte klinge. Er sprach von dem Guten und Bsen, was geschehen
sei, seit man vor einem Jahre diesen Tag feierte; er sprach von dem, was werden
knne bis zu dem nchsten Weihnachtsglockenklang. Er hatte ein Wort fr die
Trauernden und fr die, welchen Freude gegeben worden war. Seine Vergleiche
konnte er nicht wie seine Amtsbrder weiter im Lande, die jetzt auch auf ihren
Kanzeln standen, der Arbeit des Ackermanns entnehmen; er konnte nicht sprechen
vom Sen, Blhen, Fruchtbringen und Verwelken - das Meer rauschte in seine
Worte.
    Er sprach von den Angehrigen seiner Gemeinde, die jetzt in der Fremde
schifften, von denen man nicht wute, ob sie lebten oder ob sie tot seien: die
Erde vom Nordpol bis zum Sdpol mute Raum finden in seiner Predigt. Er sprach
von den Verschollenen, deren Platz am Herde seit Jahren leer war, nannte zwei
weinende Mtter bei ihren Namen und trstete sie mit der Verheiung, da
niemand, niemand verlorengehen knne, so weit die Welt auch sei, da geschrieben
stehe, da Gott die Meere in der hohlen Hand halte. Er sprach von dem groen
Weihnachtsbaum der Ewigkeit, unter welchem einst alle, alle versammelt sein
wrden.
    Hans Unwirrsch dachte an die Hungerpredigten, welche er in der Grinsegasse
hatte schreiben wollen, um durch ihren Druck einen Namen zu erwerben und
Tausende dadurch zu rhren und zu erheben. Er lie das Haupt sinken vor der Rede
dieses Greises, die gewi nicht druckfhig war und doch den Hrern bis ins
tiefste Herz drang. Das Frnzchen weinte ihm zur Seite, der Oberst von Bullau
rusperte sich von Zeit zu Zeit sehr vernehmlich und murrte in den grauen Bart;
das Volk der Fischer seufzte und schluchzte; - der Kandidat Unwirrsch hatte
keine Zeit, die Erinnerung an sein Manuskript und die Grinsegasse
weiterzuverfolgen.
    Ehrn Josias Tillenius war an den Weihnachtsbaum jeder Htte seines Dorfes
getreten; nun stand er pltzlich im Schatten des Baumes der Weltgeschichte,
durch dessen Gezweig der Stern der Verkndigung auf die Krippe zu Bethlehem
niederleuchtete. In einfach-ergreifender Art erzhlte er seiner Gemeinde, wie es
aussah auf Erden, als die Engel ihren Gru vom Himmel niederbrachten. Von der
Stadt Rom erzhlte er und von dem rmischen Kaiser Augustus, von den stolzen
Tempeln, den stolzen Weisen. Kriegern und Poeten. Er sprach, davon, wie die
Sonne, der Mond und alle Gestirne damals so segensreich ihren Weg gingen als wie
heute, wie die Erde ihre Frchte trug, wie das Meer seine Schtze ebenso
gutwillig hergab als jetzt. Er erzhlte, wie die Menschen sich damals wie jetzt
in ihrer Zeit eingerichtet hatten: wie Zoll gefordert und gegeben wurde, wie die
Seen und Flsse und das Meer voll Schiffe wie die Landstraen voll Wanderer und
die Mrkte voll Kaufleute waren. Er berichtete, wie die Schtze der Nationen wie
heute hin und her getragen wurden, und dann - dann sprach er von dem groen
Hunger der Welt.
    Die schnen Gtterbilder in den herrlichen Tempeln waren Masken, die kein
Leben hatten. Die Priester, welche ihnen dienten, spotteten ihrer und des
Volkes, das vor ihnen kniete; die Weisen und Klugen aber schmten sich der
Gtter und der Priester. Die Welt war zu einem Durcheinander geworden, in dem es
keinen Halt mehr gab. Frieden fand der Mensch weder in seinem Herzen noch in
seinem Hause, noch drauen auf dem Markte. In dem rmischen Kaiserreich hatte
die Menschheit sich an sich selber verloren, sie lag in Ketten unter dem
Purpurmantel, der ihre blutenden, zerschlagenen Glieder deckte; der Himmel war
dunkel ber ihr, und das Licht, das von ihrem goldenen Diadem ausging, war nur
das fahle Leuchten in der Nacht des Todes. Trotz aller Pracht und Bewegung des
Lebens war die Erde wst und leer geworden wie vor dem Erschaffungswort. Ehrn
Josias Tillenius sagte das in Worten, die seine Gemeinde verstand Es wagte
niemand, sich zu regen; man hrte nur das schnellere Atmen der Zuhrer, und als
der fast hundertjhrigen Urgromutter Margarete Jrensen, die allein schlummerte
in der Versammlung und nach einem frheren Gebot des Predigers unter keiner
Bedingung geweckt werden durfte, das groe Gesangbuch vom Scho rutschte und zu
Boden fiel, ging es wie ein jher Schrecken durch jedes Herz, und die
abgehrtetsten Seeleute fuhren zusammen.
    Ehre sei Gott in der Hhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
Wohlgefallen! Es war, als ob das Wort den Bann, der auf dem Volk von Grunzenow
lag, lste, wie einst die Fesseln der ganzen Menschheit.
    ber der Htte zu Bethlehem stand der Stern der Erlsung; der Heiland war in
die Welt des Hungers geboren worden; der Schmerzenssohn der Menschheit, der Sohn
Gottes, der die Snde seiner Mutter auf sich nehmen sollte, war erschienen; und
vom Felde kamen die armen Hirten, denen die Knige und Weisen erst spter
folgten, hergelaufen, um das Kind in der Krippe zu begren, dieses Kind, das
nun noch mit in die Register der Bevlkerung des rmischen Reiches, die der
Kaiser Augustus anfertigen lie, aufgenommen werden konnte. Nun war die Zeit
erfllt und das Reich Gottes erschienen. Die hungrige Menschheit aber reckte die
Hnde auf nach dem Brot, das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt. Der
Himmel, der so finster und leer gewesen war, ffnete sich ber den Kindern der
Erde: alle Vlker sahen das groe Licht - die Menschheit ri die Krone von dem
gedemtigten Haupt und warf den Purpurmantel von den Schultern. Sie schmte sich
ihrer blutenden Wunden, ihrer gefesselten, zerschlagenen Glieder nicht mehr -
sie kniete und horchte. Wahrheit, jauchzte es vom Aufgang; Freiheit, jauchzte es
vom Niedergang; - Liebe! sangen die Engel um die Htte, in welcher die
Erbtochter des Stammes David und Joseph, der Zimmermann von Nazareth, den Hirten
das Kind zeigten, das in der Nacht geboren worden war. Ehrn Josias Tillenius
aber zeigte es jetzt den Kindern seines Dorfes; denn das Weihnachtsfest ist das
Fest des Kindes, welchem die erhabenen Ostern fremd bleiben, bis es ber den
ersten wahren Schmerz nachdenken mute. In die Weihnachtsworte aber, die der
alte Prediger zu den Kindern sprach, dmmerte der neue Tag. Es wurde Dmmerung
vor den Fenstern der kleinen Kirche, und das Licht der Lampen und Wachskerzen
erbleichte vor dem rosigen Schimmer, der den Winterhimmel berzog. Wieder
erklang die Orgel, die Gemeinde von Grunzenow sang den Schluvers des
Weihnachtsliedes, die Kirche war zu Ende.
    Hans und Frnzchen standen auf dem Kirchhofe neben dem Prediger und dem
alten Oberst, und alle Grunzenower, die an ihnen vorbergingen, um wieder in das
Dorf hinabzusteigen, nickten ihnen zu oder kamen auch wohl heran, um ihnen die
Hand zu geben und sie in ihrer Mitte willkommen zu heien. Rter und rter
frbte sich der Himmel, die Lichter des Dorfes erloschen in der Dmmerung wie
die Lichter in der Kirche. Die Orgel schwieg, der Kster kam auch
lchelnd-scheu, den Kandidaten Unwirrsch zu beglckwnschen. Es wurde Tag, aber
die Stimme des Meeres verklang nicht.
    Die letzten Bewohner des Dorfes hatten sich entfernt; Ehrn Josias Tillenius
sah auf das Brautpaar und sagte dann:
    Kommt, Oberst! Ihr mt mir wie gewhnlich Euren Arm leihen. Die jungen
Leute werden schon ihren Weg allein finden.
    Der Oberst von Bullau sah auf Hans und Frnzchen und zog die Hand des alten
Freundes unter seinen Arm.
    Auch der Pastor und der Herr von Bullau stiegen herab von dem Kirchhofe; -
Hans und seine Braut standen allein unter den schneebedeckten Grbern. Sie
standen und hielten einander fest umschlungen. Zu gleicher Zeit kam beiden
derselbe Gedanke, da sie dereinst auch auf diesem kleinen Kirchhof liegen und
schlafen wrden; aber sie lchelten und sehnten sich nicht fort.
    Arbeit und Liebe! zitterte es durch ihre Herzen, und sie wuten, da ihnen
beides gegeben worden war. Klar kam der Tag vom Osten; ber der See zerrissen
die Nebel - von der Freiheit sang das Meer, von der Wahrheit sang die Sonne; die
Welt aber gehrte nicht dem Doktor Theophile Stein, der einst Moses Freudenstein
hie; ber den Grbern des armen Dorfes Grunzenow standen Johannes und Franziska
und frchteten in der Liebe weder das Leben noch den Tod.

                           Fnfunddreiigstes Kapitel



                                    Herbst!

Auf alle Hhen Nun ist's geschehen; -
Da wollt ich steigen, Aus allen Rumen
Zu allen Tiefen Hab ich gewonnen
Mich niederneigen. Ein holdes Trumen.
Das Nah und Ferne Nun sind umschlossen
Wollt ich erknden, Im engsten Ringe,
Geheimste Wunder Im stillsten Herzen
Wollt ich ergrnden. Weltweite Dinge.
Gewaltig Sehnen, Lichtblauer Schleier
Unendlich Schweifen, Sank nieder leise;
Im ew'gen Streben Im Liebesweben,
Ein Nieergreifen - Goldzauberkreise -
 Das war mein Leben. Ist nun mein Leben.

Diese Reime standen mit abgebrochenen Stzen in Prosa, Gedankenbruchstcken
aller Art, griechischen und hebrischen Schriftschnitzeln und sonstigem
Federwirrwarr auf ein und demselben Blatte. Dieses Blatt aber lag auf dem
Schreibtische des Pastoradjunkt Unwirrsch, und der Pastoradjunkt sa davor,
sttzte die Stirn mit der Hand und blickte durch das offene Fenster auf die im
verschleierten Sonnenlicht glitzernde See, auf der weie Pnktchen - die Segel
der Fischerboote von Grunzenow - hin und her glitten.
    Herbst!
    Von dem verschleierten Kirchhof waren Hans und Frnzchen am Christmorgen des
vergangenen Jahres niedergestiegen in eine stille, glckliche Zeit der Arbeit
und Liebe. Auf dem Haus Grunzenow vernderte sich unter dem lieblichen Wirken
des jungen Mdchens das Leben sehr zu seinem Vorteile, und das wilde Volk wre
bald fr sein Frulein durch Wasser und Feuer gegangen. Die alten Herren in den
Bilderrahmen drehten nicht ihre verdunkelten Visagen der Wand zu; es fehlte
wenig, da Grips jetzt behauptet htte, sie lachten, als hingen ihre Damen nicht
neben ihnen. Grips war in die Bande des Frnzchens gefallen wie jeder Bewohner
des Dorfes und Kastells; es war ihm angetan, wie er sagte, und wir mssen zu
seinem Lobe melden, da er den Zauber mit grimmiger Vergnglichkeit trug und da
er niemals mehr von seiner martialischen Gravitt verlor, als wenn des Fruleins
Stimme bittend oder dankend erklang oder ihre kleine Hand winkte.
    Wenn in dieser Weise die Dienerschaft dem magischen Einflu unterlegen war,
so kann sich jedermann leicht vorstellen, wie leicht das Dasein dem Obersten und
dem Oheim durch das Kind gemacht wurde Der Oberst von Bullau hatte wiederum
sich das so nicht gedacht; er war glcklich und nur ein wenig eiferschtig auf
den Leutnant, der berglcklich war. Es war rhrend, zu sehen und zu fhlen, wie
zart die beiden alten Kriegsleute mit dem Mdchen umgingen, wie einer den andern
in Sorglichkeit und Aufmerksamkeit zu berbieten trachtete und wie sich der
Liebling wehren mute, da sie das Haus Grunzenow seinetwegen nicht auf eine
andere Stelle trugen. Des Obersten Kopf summte und brummte von den
wunderlichsten Plnen und Vorschlgen, wie man das wste Nest zum Paradies
machen knne; in jeder Nacht fiel ihm etwas ein, und an jedem Morgen rckte er
mit etwas heraus, was nicht immer so hchst praktisch, angenehm und leicht
ausfhrbar war, wie er es sich vorstellte. Grips, der knstliche Mann und
Faktotus, hatte niemals so hoch in der Achtung seines Herrn gestanden als
jetzt. Seine Talente fr Malerei, Schreinerei, Grtnerei und hhere
Dekorationskunst wurden alle Augenblicke in Anspruch genommen; der Oberst von
Bullau entwickelte selber Farbensinn und strich die unmglichsten Dinge so bunt
als mglich an. Noch niemals war seine Burg so sehr wie jetzt sein Haus gewesen;
er verga nicht nur den Polnischen Bock zu Freudenstadt, er verga sogar die
Neuntter in ihrem Neste darber.
    Die Pelzstiefel des Leutnants Rudolf wurden auf die Rauchkammer gebracht, um
sie gegen die Motten zu schtzen, der Rollsessel wurde in die Polterkammer
gerollt, das Podagra wanderte aus und zog zu Leuten, die seines Besuches
wrdiger waren. Der Leutnant marschierte frisch wie ein Jngling umher und
freute sich seines Frnzchens und seines Lebens; die heitere Gegenwart lie ihn
alle Trbnisse der Vergangenheit leicht vergessen. Er hatte seinen Bruder
zugleich betrauert und wegen seiner Erlsung beglckwnscht; von Kleophea sprach
er wenig, doch, wenn es geschah, nie gehssig, sondern bedauernd und mild
entschuldigend. Nur wenn der Name seiner Schwgerin und Theophiles genannt
wurde, fuhr er auf und schnaubte Grimm, Zorn und Verachtung; aber es wurde auf
Grunzenow von der verwitweten Geheimen Rtin Gtz, geborener von Lichtenhahn,
sowie von dem Doktor Stein wenig gesprochen. Die Gefhle und Auslassungen des
alten Herrn gegen den Verlobten seiner Nichte waren anfangs sehr wechselnder
Natur und verfestigten sich erst um die Zeit des lngsten Tages in gleichmiger
Gemtlichkeit. Wenn er ein wenig eiferschtig auf den Obersten war, so war er
auf den armen Hans sehr eiferschtig, Der lchelnde Gott, welcher die Karte, die
der schlaue Alte so fein in das Spiel schob, so glnzend bedient hatte, lchelte
gewi wieder ber den Seelenproze, dem der Leutnant Rudolf anheimfiel. Auf das
grenzenloseste Erstaunen folgte die langatmige, zweifelnde Verwunderung ber
sich selbst und die Welt; der weisen Betrachtung, da Geschehenes sich schwer
ndern lasse, folgten die bekannten philosophischen Versuche, das Ding im
rechten und besten Lichte zu betrachten. Erst um die Zeit der ersten Tag- und
Nachtgleiche war der Onkel Rudolf so weit in seinen Beweisfhrungen gekommen wie
der Oheim Grnebaum in hnlichen Fllen, nmlich, da er frischweg gegen sich
und die Welt behaupten konnte, er habe den Kandidaten Unwirrsch nur deshalb von
Kohlenau geholt und in das Haus des Bruders gefhrt, damit er sich in das
Frnzchen und das Frnzchen sich in ihn verliebe. Indem er auf diese Weise die
Leiter der Selbstberwindung hinaufstieg, wuchsen mit den wachsenden Tagen des
jungen Jahres seine Heiterkeit und Selbstzufriedenheit so sehr, da sie am
lngsten Tage ebenfalls unmglich mehr zunehmen konnten.
    Herbst! - In den Versen, die zu Anfang dieses Kapitels stehen, hat Hans
eigentlich alles gesagt, was wir ber seine vita nuova am Strande der Ostsee
berichten knnen; aber wenn sich auch sein Leben im engsten Ringe
zusammengezogen hatte, so war es doch kein enges Leben. Er hatte sich so sehr
nach der rechten, tchtigen Arbeit gesehnt; nun hatte er sein gutes, volles Teil
davon erlangt und tat seine Pflicht, wie ein echter Mann sie tun soll. Nachdem
ein hochehrwrdiges Oberkonsistorium und die Regierung sein Adjunktentum
besttigt hatten, lud ihm der greise Tillenius lchelnd ein gut Teil seiner
Amtsbrde auf den Rcken, und bereitwilliger hatte Hans Unwirrsch noch niemals
eine Last auf sich genommen. Trotzdem da er ein Mann aus dem Binnenlande war,
war das seefahrende Volk mit seinen Predigten zufrieden und gewann ihn lieb. Er
taufte das erste Kind und legte die erste Leiche in die Erde, er gab das erste
Paar zusammen und hatte sich nur selten von Ehrn Josias Tillenius sagen zu
lassen, da weder er - Ehrn Josias - noch die Leute von Grunzenow ihn - den
Herrn Pastoradjunkt - verstanden htten.
    Solch einen Frhling und solch einen Sommer wie im ersten gesegneten Jahre
seines Wohnens in Grunzenow hatte er noch nicht erlebt. Alle Herrlichkeiten des
Traumes reichten nicht an die Wirklichkeit dieser goldenen Tage seines
Brutigamsstandes am Ufer der Ostsee. Klar und mutig sah er in das Leben; alles
Unbestimmte und Schwankende, welches Natur und Schicksal in seinen Charakter
gelegt hatten, suchte er mit mnnlichem Willen von sich zu weisen. Soviel er dem
Glcke zu verdanken hatte, soviel und mehr suchte er durch treues Bemhen und
ernstestes Streben zu verdienen. Der unbestimmte Hunger seiner Jugend war nun zu
dem ruhigen, berlegten, still anhaltenden Streben geworden, das, in den
Millionen wirkend, die Menschheit auf ihrer Bahn erhlt und weiterfhrt.
Johannes Unwirrsch hatte das Leben wohl kennengelernt im Guten wie im Bsen. Nun
waren die Kreise, die er durchwandert hatte, mit allen ihren Gestalten,
lieblichen wie schreckhaften, versunken; er stand nun inmitten des Ringes, den
sein Wirken ausfllen sollte. Es war ihm nicht gleichgltig, da ihn kein Band
mehr an die Heimatstadt fesselte, da er aus der Krppelstrae in das neue Leben
nichts mit hinbernehmen konnte als die se, wehmtige Erinnerung an die
glnzende Glaskugel, welche vordem ber seines Vaters Tische hing. Diese
Glaskugel warf ihren Schein jetzt ber das Leben, welches der Meister Anton
Unwirrsch in seinen Trumen vom wahren Dasein auf Erden aufbaute; aber kein
Geschlecht der Menschen reicht weit genug in die kommenden Geschlechter, da es
seine Ideale, die dann selten noch die ganzen Ideale sind, erfllt she. -
    Herbst!
    Die Tage des Frhlings und des Sommers waren vorber; aber die Sonne des
Herbstes leuchtete so lieblich wie je, und Land und Meer freuten sich ihrer. Der
Adjunktus am offenen Fenster jedoch hatte das Recht, ihrer trotz aller
Holdseligkeit nicht zu achten; man schrieb den siebenten September, und morgen,
am achten September, einem Sonntag, sollte seine Hochzeit sein. Er hatte die
Reime nicht in dem Augenblick gemacht, in welchem er sie zwischen die andern
Gedankenschnitzel hinkritzelte.
    Der Pastor Tillenius hatte den Hochzeitstag ausgewhlt und bestimmt; der
Pastor Tillenius hatte dem Onkel Rudolf und dem Oberst von Bullau die
Einwilligung knstlich und diplomatisch genug abgelockt und sie festgehalten,
als die beiden alten Herren sie zurcknehmen und ihr Mdchen aus ihrem Kastell
nicht herausgehen wollten. Der Pastor Tillenius, gesttzt auf den apostolischen
Satz: Ein Bischof soll sein eines Weibes Mann, hatte das Feld gegen die beiden
hartnckigen, eigensinnigen Kriegsmnner behauptet. Es stand fest, da das
Frnzchen das Haus Grunzenow verlassen und auf die Hungerpfarre ziehen msse; -
das Frnzchen hatte ja ebenfalls seine Einwilligung dazu gegeben, und dies war
im Grunde ja doch das Wichtigste.
    Herbst! Was war alle Wonne des Frhlings und des Sommers gegen die
Seligkeit, die der Herbst zu geben versprach! Es war, als ob alle Zugvgel im
Lande bleiben mten, um die Hochzeit und die Flitterwochen mitzufeiern.
    Nachdem sich Haus Grunzenow in das Unabnderliche gefunden hatte, zog es
unendliches Vergngen aus der Notwendigkeit und strzte sich wieder mit einem
Eifer, der alles hinter sich zurcklie, in die Vorbereitungen zu dem festlichen
Tage. Der Oberst befand sich Tag und Nacht in einem gelinden Fieber, der
Leutnant in einem hnlichen Zustand; aber wahrhaft gro war Grips, der Mann fr
alles.
    Wer preist genug des Mannes kluge Hand? Hier schlug sie einen allzu
unbegrifflichen Hofjungen hinter den Lffel; dort schlug sie wohlberlegt
einen Nagel ein, um zierlich eine selbstgewundene Girlande daran aufzuhngen.
Grips hatte etwas gelernt auf seinen Feldzgen..
    Im Dorfe regte es sich ebenfalls. Alt und jung wollten das Ihre dazu tun,
den achten September zu einem Gedenktag in der Chronik von Grunzenow zu machen;
- wochenlang vorher waren die Frauen und Mdchen in Bewegung, wochenlang vorher
schlief der Kster, welcher der lieben Jugend die Hochzeitskantate einstudierte,
sehr schlecht vor innerer Aufregung und allzu lebendigen Trumen von Gelingen
und Glorie, von Milingen, Schmach und Jammer.
    Ehrn Josias Tillenius verfertigte seine Hochzeitsrede, und da er die
schnsten, wenn auch traurigsten Erinnerungen seines eigenen Lebens, sein
ganzes, gutes, altes, volles Herz dazu gab, so geriet sie vortrefflich, ohne
niedergeschrieben oder auswendig gelernt zu werden.
    Am siebenten September waren alle Vorbereitungen beendet; es mangelte auf
Haus Grunzenow weder an Speisen noch an Getrnk; die Pfosten und Sulen waren
bekrnzt, die Tren standen offen, den Hochzeitsjubel herein- und die Braut
herauszulassen. -

Lichtblauer Schleier
Sank nieder leise;
Im Liebesweben,
Goldzauberkreise -
Ist nun mein Leben,

hatte der Brutigam in seinem Studierstbchen auf der Hungerpfarre auf das
bekritzelte Blatt geschrieben. Es war alles bereit, und das Frnzchen legte
leise dem Verlobten die Hand auf die Schulter, sah lchelnd auf das Papier vor
ihm und fhrte ihn aus dem Haus zu ihrem Lieblingspltzchen am Ufer der See.
    Das war eine Hhe, wo zwischen Gestein und leichtbeweglichem Dnensand
niederes Gestruch und einige vom Wind wunderlich zerrissene hhere Bume in
mhseliger Zhigkeit ihr Dasein dem harten Boden, dem wehenden Sand und den
Strmen abkmpften. Ein einsames Fleckchen, wo sich gut mit Land und Meer, mit
den Wolken und Mwen, mit den eigensten Gedanken Zwiegesprch halten lie. Hier
hatte Grips dem Frulein einen einfachen Sitz gebaut, und hier saen am Abend
Vor ihrer Hochzeit Hans Unwirrsch und Franziska Gtz, sprachen von ihrem eigenen
Schicksal und von Kleophea und sahen die Sonne untergehen.
    Sie sprachen viel von Kleophea, whrend sie auf das Meer blickten, ber
welchem sich nach dem schnen, glnzenden Tage die Nebel zusammenzogen. Die arme
Kleophea war verschollen; auf keinen der Briefe, die Frnzchen im Laufe des
Jahres an sie geschrieben hatte, war eine Antwort gekommen. Die Verlobten wuten
nichts von ihr; - es war so seltsam, da sie gerade an diesem Abend immer von
neuem ihr Bild vor sich auftauchen sahen, da ihre Gedanken nicht in dem eigenen
Glck haften wollten. Hans und Franziska wuten nicht, da das Schiff, welches
Kleophea Stein trug, hinter dem grauen Nebel schwebe, der sich ber die Wellen
legte! Sie wuten nicht, da Kleophea auf dem Meere fuhr, whrend Ehrn Josias
Tillenius am folgenden Tage ihre Hnde fr Zeit und Ewigkeit ineinanderlegte! -
    Am achten September wollte die Sonne den ganzen Tag ber nicht hervorkommen.
Sie war, wie die Seeleute sagten, am Abend vorher in einem Sack untergegangen,
und das bedeutete trbes Wetter fr die nchste Zeit. Es wurde ein schwler Tag,
an welchem sich kein Lftchen regte, an welchem dasselbe traurige Grau Himmel
und Erde berzog, an welchem man sich nach einem tchtigen Regenschauer htte
sehnen mgen, wenn es nicht Hochzeitstag gewesen wre.
    Es regnete nicht in des Frnzchens Brautkrone, es regnete nicht in die
treffliche Rede des Pastors Tillenius, es regnete nicht in die grimmige Rhrung
des Onkels Rudolf und des Obersten von Bullau, es regnete auch nicht in den
Jubellrm des Hauses und Dorfes Grunzenow. Johannes Unwirrsch und Franziska Gtz
gaben sich die Hnde, wie sie sich die Herzen gegeben hatten; nach der Traurede
des Pastors hielt der Leutnant Gtz eine Tischrede, und auf den Orgelklang und
die Kantate des Ksters folgte lustig die Tanzmusik von Freudenstadt, welche der
Oberst von Bullau auf einem Leiterwagen hatte holen lassen. In seinem Kastell
bewirtete der Oberst das ganze Dorf, und Grips als Majordomus und arbiter
elegantiarum zeigte sich nicht als das, was er war, sondern als das, was er sein
konnte: liebenswrdig, zuvorkommend, zrtlich gegen das schne, hflich gegen
das starke Geschlecht.
    In dem groen Saale wurde getanzt, und unendlicher Beifall wurde laut, als
der Oberst mit der jungen Frau den Ball erffnete. Es war ein Vergngen, jetzt
dem Leutnant in die strahlenden Augen zu blicken; es war ein Vergngen, den
Pastor Josias Tillenius im Gesprch mit der Mutter Jrensen zu beobachten; und
ein Hauptvergngen war's, zu sehen, wie der Pastoradjunkt und Brutigam Hans
Unwirrsch der schwindelerregenden Gttin Terpsichore verfiel und, um einen
Ausdruck der anwesenden befahrenen Seeleute zu gebrauchen, durch den Saal
schlingerte. Die ltesten Leute, selbst die Urgromutter Margarete Jrensen,
wuten sich eines solchen Tages nicht zu erinnern; die Lust stieg von Augenblick
zu Augenblick und ri alt und jung fort; halb betubt blickte das Brautpaar, das
sich mit Mhe in einen stillen Winkel gerettet hatte, auf das Getmmel.
    Feuer auf See! Wer rief das? Wer hatte das gerufen?
    Feuer auf See! Feuer auf See! - Wie ein elektrischer Schlag fuhr es durch
das Fest. Die Musik brach ab, die Tanzenden hielten an wie gebannt; die
Zechenden sprangen von den Sitzen empor, und dem alten, einarmigen Hochbootsmann
Steffen Groote blieb das malaiische Lied, des er eben einem kleineren Zirkel von
Kennern zum besten gab, zur Hlfte in der Kehle stecken.
    Auch Hans und Frnzchen waren emporgesprungen, obgleich sie anfangs den
Grund des panischen Schreckens nicht begriffen. Der Oberst drngte sich durch
den Saal nach der Tr, und ihm nach strzte der grte Teil seiner mnnlichen
Gste. Die Zurckbleibenden liefen aufgeregt durcheinander oder zu den Fenstern,
welche auf das Meer gingen. Franziska fate den Arm des Pastors Tillenius:
    O mein Gott, was ist denn? Was ist geschehen?
    Dort, dort! Wahrhaftig! O Gott, erbarme dich ihrer! rief der Greis, der
das Fenster aufgerissen hatte und auf die See deutete. Ein Schiff im Brande -
dort, dort!
    Die Blicke des jungen Paares folgten der zitternden Hand; im tdlichsten
Schrecken stockte das Herzblut -
    Dort, dort!
    Es war halbe Abenddmmerung geworden, und der bergang aus dem grauen Tage
war so unmerklich geschehen, da keiner der frhlichen Hochzeitsleute darauf
geachtet hatte. Noch immer bewegte kein Luftzug den Dunst, der ber Land und
Meer lag und den Horizont vollstndig verschleierte; nur die Bewohner des
Strandes konnten wissen, was seewrts der rote Schein bedeutete; den beiden
Kindern des Binnenlandes aber mute bei dem unbekannten Schrecknis das Herz um
so wilder schlagen.
    Ein brennend Schiff! Hunderte von Menschen in der grlichsten Todesnot! Die
Sinne verwirrten sich bei dem Gedanken, bei den hundert furchtbaren Bildern, die
sich durch das Gehirn drngten.
    Das Haus Grunzenow wurde leer von seinen Gsten; auch die Weiber strzten
durch die Gnge und eilten nach dem Strande hinunter! Als Ehrn Josias Tillenius,
Hans und Frnzchen an dem Landungsplatz der Boote anlangten, fanden sie die
Fischer sowie den Oberst von Bullau, den Leutnant und die Hofleute in harter
Arbeit beschftigt, alles zur Ausfahrt fertig zumachen, whrend die Frauen in
fieberhafter Aufregung durcheinanderliefen und - schrien und nach dem Schein in
Nordwest winkten und deuteten. Unter die Mnner mischte sich Hans Unwirrsch und
zog und schob mit den andern; die Weiber suchte der Pastor zur Vernunft oder
doch wenigstens zur Ruhe zu bringen, wobei ihm Frau Franziska nach besten
Krften half. Zur glcklichsten Stunde entfaltete der Wind vom Sden, ein wahrer
Engel Gottes, seine Schwingen und griff in die Segel der Boote von Grunzenow;
nur die ltesten Mnner, die Frauen und die Kinder blieben am Ufer zurck,
whrend die jngeren Mnner hlfebringend ausfuhren. In dem ersten Boot, welches
vom Strande sich losmachte, befanden sich der Oberst und der Pastoradjunkt; der
Leutnant Rudolf Gtz war bis zum Tode erschpft hingesunken, und seine Nichte
kniete neben ihm und hielt sein weies Haupt im Scho; - das furchtbare Leuchten
in der Ferne aber erschien deutlicher und deutlicher.
    Es ist ein Dampfer, sie knnten sonst nicht so gegen den Wind arbeiten!
riefen einige der alten Seeleute, die zurckbleiben muten.
    Sie wollen den Strand anlaufen! meinte ein anderer.
    Allerlei Vermutungen ber den Kurs des Schiffes wurden angestellt. Die einen
hielten es fr ein Stettiner Schiff auf dem Wege nach Stockholm, aber dagegen
erhoben sich viele Einwendungen. Andere meinten, es sei das Petersburger
Paketboot auf der Fahrt von Lbeck nach Kronstadt. Dieser Ansicht fielen die
meisten und unter ihnen der Pastor Tillenius bei.
    Die Boote von Grunzenow waren lngst in der zunehmenden Dunkelheit
verschwunden. Man schleppte Brennmaterial am Strande zusammen und zndete ein
mchtiges Feuer an und traf sowohl am Ufer wie in den Htten andere
Vorbereitungen fr den Fall, da das Volk des brennenden Schiffes von den
Mnnern von Grunzenow heimgebracht wrde.
    Gott segne dich, mein Kind, mein ruhiges Herz, sagte Ehrn Josias, dem
Frnzchen die Hand drckend, dein Hochzeitstag geht bs zu Ende, aber du bist
recht zur Frau eines Fischerpastors geschaffen. Du trittst dein Amt in Ehren an;
Gott segne dich fr ein langes, hlfreiches, tapferes Leben!
    Der Leutnant Gtz sa auf einem umgestrzten Kahn; die alte Plage meldete
sich wieder, er hielt den Fu in beiden Hnden und bi die Zhne zusammen vor
Schmerz.
    Jaja, Alter, rief er. Da sitzen wir Krppel im Sande und halten Maulaffen
feil. Nimm mich in den Mantel, Frnzel, trag mich, nach Haus und koch mir ein
Sppchen! Sapperment, und Bullau ist zwei Jahre lter als ich!
    Ein Schrei der Menge unterbrach die klglichen Betrachtungen des Leutnants.
Der Feuerschein auf dem Meere verlor ziemlich schnell an Helligkeit und erlosch
pltzlich ganz. Ein tiefes Schweigen folgte auf das schreckhafte Rufen; die
Bemerkungen, die jetzt noch gemacht wurden, geschahen im leisesten Flsterton.
Es war, als ob niemand mehr laut zu atmen wage.
    Sie sind gerettet oder - verloren! sagte endlich der alte Pastor, nahm das
Kppchen ab und faltete die Hnde. Er sprach das Gebet fr die Schiffbrchigen,
und Mnner, Weiber und Kinder beteten inbrnstig mit; die Vter der betenden
Greise aber hatten noch das Strandrecht in seiner ganzen Scheulichkeit fr
Recht erkannt und ausgebt.
    Eine tdlich bange Stunde verflo, dann tauchten wieder Lichter in der
Finsternis seewrts auf. Es waren die Fackeln der heimkehrenden Boote, und nun
schrie wieder alles auf, was noch der Stimme irgendwie mchtig war. Nach einer
halben Stunde peinlichster Erwartung lief der erste bervolle Kahn an den
Landungsplatz.
    Rettung. Rettung! Sauv, sauv! schallte es durcheinander in deutscher und
franzsischer Sprache. In halb wahnsinniger Entzckung sanken die ersten der
Geretteten nieder, kten unter krampfhaftem Lachen und Weinen den festen Boden
der Erde, umarmten und kten die Leute von Grunzenow, die sich geschftig, alle
mgliche Strkung und Hlfe bietend, an sie drngten.
    Der Oberst von Bullau und der Pastoradjunkt befanden sich nicht in diesem
ersten Boot; man vernahm aber jetzt, da das verbrannte Schiff die Adelaide
von Havre-de-Grce sei, welche eine Ladung franzsischer Weine und einige
Passagiere nach Petersburg fhren sollte Die Aufregung war jedoch noch zu gro,
um ber die Einzelheiten des Brandes Nheres zu erfragen und zu erfahren.
    Vierundsechzig unglckliche, zum Teil verwundete Menschen hatten die
Grunzenower an das Land gebracht; es fehlte nur noch der letzte Fischerkahn mit
dem Oberst und Hans Unwirrsch.
    Sie bringen den Kapitn und die Frauen, lautete die Antwort auf die
ngstlichen Fragen des Frnzchens, Sie mssen gleich dasein; es ist ihnen
nichts passiert.
    Franziska Unwirrsch drckte die Hand auf das Herz und wandte sich wieder zu
ihrem Amt zurck. Sie mute die Dolmetscherin zwischen der franzsischen
Schiffsmannschaft und dem Dorfe Grunzenow sein. Gleich einem hlfe- und
trostbringenden Engel schritt sie in dem wirren, wilden Getmmel einher; der
Onkel Rudolf, der sein Franzsisch ebenfalls noch nicht gnzlich vergessen
hatte, hatte den Kopf viel mehr verloren als seine Nichte.
    Eben kniete sie neben einem brtigen, halbnackten provenzalischen Matrosen,
welcher beide Fe gebrochen hatte, als ein erneutes Rufen die Ankunft des
letzten Kahnes ankndete. Der Provenzale hielt in seinem Schmerz ihre Hnde so
fest, da sie sich nicht losmachen konnte, wenn sie es auch gewollt htte. Sie
konnte sich nicht einmal nach ihrem Gatten umwenden; aber zwischen den
Trostesworten, welche sie zu dem armen Verwundeten sprach, drngten sich doch
alle ihre Gedanken nach dem Landungsplatze, wo es pltzlich ganz still geworden
war.
    Sie horchte mit ganzer Seele, als eine Bewegung unter das Volk kam. Eine
helle Frauenstimme rief mit fremdartigem Akzent:
    Wo ist sie? O ciel, wo ist sie?
    Der Provenzale lie die barmherzige, milde Hand, die er bis jetzt so fest
gehalten hatte, frei; - ein Weib warf sich neben dem Frnzchen auf die Knie,
fate sie wild um den Leib, kte ihr Kleid, ihre Hand, schluchzte und schrie.
Der brennende Holzsto und die Fackeln warfen ihr flackernd Licht auf die
aufgeregte Fremde; auch Hans beugte sich bleich und bewegt zu der Gattin herab -
es war ein Traum, nur ein Traum! - Wie kam Henriette Trublet an den Strand von
Grunzenow?
    Sie ist's, sie ists! O alle Heiligen! O Mademoiselle! O Madame! Ma
mignonne, gesegnet sei das se Gesicht! Gelobt sei Gott! O Wunder! Wunder, sie
ist's!
    Henriette! Henriette Trublet! murmelte das Frnzchen, mit starren,
zweifelnden Augen auf die Franzsin sehend.
    Jaja, la pauvre Henriette! und die andere! die andere!
    Hans Unwirrsch hielt seine Frau im Arm und zog ihr Haupt an seine Brust:
    O Liebe, Liebe, wen haben wir mitgebracht an das Land, aus dem Feuer und
von der wilden See?!
    Er fhrte sie sanft zu dem Ufer hinab; sie zitterte heftig; sprachlos
schwankte sie zwischen dem Gatten und dem franzsischen Mdchen durch das
einheimische und fremde Volk, das ihr ehrerbietig Platz machte.
    Auf einem Stein sa der Kapitn der Adelaide und sttzte den Kopf mit
beiden Hnden. Neben ihm stand ernst und schweigend, wie auf einem seiner
Schlachtfelder, der Oberst von Bullau. Der Leutnant Rudolf Gtz aber kniete im
Sande und hielt in seinem Scho das Haupt eines bewutlosen Weibes -
    Kleophea! Kleophea! rief Franziska, mit gefalteten Hnden neben der
Ohnmchtigen niedersinkend.
    Ja, Kleophea! rief der Leutnant, und mit den Zhnen knirschend, setzte er
hinzu:
    Und sie ist allein! Gottlob!

                          Sechsunddreiigstes Kapitel


So hatte sich das Geschick erfllt, und so unbegreiflich seltsam alles im
Anfange erscheinen mute, so einfach und natrlich war es zugegangen. Das
Schicksal des Vogels, der pltzlich aus den Lften tot zu unsern Fen
niederfllt, begreifen wir auch nicht eher, bis wir die kleine Leiche eine Weile
in unserer Hand gehalten haben; - dann aber begreifen wir es.
    Sie trugen die arme Kleophea in das Pfarrhaus und bereiteten ihr zuerst ein
Lager in einem Zimmer, welches der See zu gelegen war; sie konnte jedoch die
Stimme des Meeres nicht ertragen, schauernd verlangte sie in ihren Fiebertrumen
von dieser Stelle fort, und man mute sie in ein anderes Gemach betten, wo der
Wellenschlag nicht so vernehmbar war.
    Da lag sie ber eine Woche betubt und bewutlos, ohne zu ahnen, da die
Freunde, welche sie im Fieber rief, ihr so nahe waren. Nur ganz allmhlich
gelangte sie ins Bewutsein zurck, und noch tagelang waren ihr Franziska, der
Leutnant Rudolf und Hans Unwirrsch nur Traumgestalten, an deren Wirklichkeit sie
nicht glauben konnte.
    Franziska Unwirrsch wich nicht von dem Lager der Kranken, und ihr - ihr
allein gelang es, die niedersinkende Lebensflamme der einst so lebensvollen,
schnen, prchtigen Kleophea noch einmal, aber nur fr kurze Zeit, vor dem
Erlschen zu bewahren. Die Zeit der Tuschung war abgelaufen, der Sand war
verronnen, das nackte, hlflose Ich des einst so stolzen Wesens lag zitternd und
blutend da, und im Erwarten der letzten dunkeln Stunde befreite Kleophea Stein
ihr Herz nach Mglichkeit von allem Irdischen. Sie hatte nichts mehr zu
verschweigen. Alle die buntfarbigen Schleier, die sie sonst ber ihr anmutiges
Haupt, ihr lachendes Leben gezogen hatte, alle die Schleier, unter denen sie so
neckisch, so leichtsinnig hervorlugte, waren zerrissen und zerfetzt; der
erbarmungslose Sturm des Lebens hatte sie wirbelnd entfhrt. Kleophea erzhlte
von dem Jahre, welches verging, seit sie ihr elterliches Haus verlie, so
tonlos, hoffnungslos, mde, da es ein Grauen war Ihr Haupt aber lag an der
Brust des Frnzchens, whrend sie sprach, und ihre Hand hatte sie dem
Pastoradjunkt gegeben; - nur Hans und seinem Weibe erzhlte sie alles.
    Ach, es war nur die wildeste Selbstsucht, die mich aus dem Hause meiner
Eltern trieb; ich habe keine, keine Entschuldigung fr mich. Mein Herz war so
kalt, so de; mich schaudert, wenn ich daran denke, in welcher schlechten, bsen
Stimmung ich jenem - jenem Manne folgte. Oh, was bin ich gewesen und wie sterbe
ich! Ihr Guten wit es ja, was ich in dem Hause meiner Mutter war. Was wute ich
von der Liebe? Ich bin nicht um der Liebe willen fortgegangen! - Seht, seht, ich
habe nur allzu gut zu dem Doktor Theophile Stein gepat - ich habe ihm auch
nichts, nichts vorzuwerfen. Es mute so kommen, ich habe es ja so gewollt. Der
Dmon, der in mir war, suchte in seinem wsten Hunger nach seinesgleichen, und
als er fand, was er suchte, da faten sich die Bestien mit den Zhnen - ah,
poverina, ich bin doch am schlimmsten dabei weggekommen!
    Hans und Franziska schauderten ber diese schreckliche Art der Klage; aber
in demselben Augenblick war's, als ob ein Teil der frheren lebendigen Grazie
der armen Kranken zurckkehre. Sie richtete sich lchelnd auf, fate aber die
Hand des Adjunkten fester und sagte:
    Wie ich euch geqult habe, wie ich ber euch gelacht habe! O Frnzchen,
Frnzchen, es war gestern, als wir in der Parkstrae zusammensaen - l'eau
dormante - der Hungerpastor - der arme kleine Aim. Wie habe ich euch geqult,
wie habe ich mich an euch versndigt - es war so komisch, und jedermann schnitt
solche Gesichter, ein Leichenstein htte lachen mssen.
    Das Lcheln verschwand von dem Gesichte Kleopheas, sie barg ihr Gesicht in
den Kissen und schluchzte leise. Als Franziska sich mit sanften, beruhigenden
Worten zu ihr niederbeugte, stie sie sie von sich und rief:
    Lat mich, geht weg! Lat mich allein sterben, ich habe von niemand,
niemand Liebe verdient, und meinen Vater habe ich gettet! Wit ihr es nicht,
da ich meinen Vater gettet habe? Weshalb lat ihr mich nicht allein mit dem
Gedanken? Ich habe genug daran bis zum Ende -.
    An einem andern Tage erfuhren Hans und Frnzchen mehr von dem Pariser Leben
der unglcklichen Frau. Je klarer es dem Doktor Theophile Stein wurde, da er
sich in seinen Voraussetzungen geirrt hatte, desto erbrmlicher wurde die Art
und Weise, in welcher er sein Weib behandelte. Die Gewiheit, da die Geheime
Rtin Gtz nie den Schritt ihrer Tochter verzeihen werde, entledigte einen
Charakter wie den Doktor Stein jeder Verpflichtung, die lchelnde Maske
vorzuhalten. Er hatte Geld, viel Geld haben wollen und hatte es nicht erhalten,
sondern sich nur eine Last aufgebrdet, die ihm jeden Schritt durch das Leben,
wie er es verstand, unendlich erschweren mute. Den Grund und Boden, den er so
fein in der groen deutschen Stadt gewann, auf dem sich so gut und fest bauen
lie, hatte er durch diesen falsch berechneten Zug gnzlich verloren. Er
knirschte mit den Zhnen, wenn er seinen Gewinn berdachte. Und er hatte doch
alle Wahrscheinlichkeiten so gut berechnet, er verstand doch so trefflich das
calculer les chances! Nichts, nichts! Nun sa er in Paris, und sein Weib hatte
ihm nichts zu geben als den Brief ihres Vaters, der ihr seine Verzeihung
ankndigte. Es war lcherlich, aber es war auch zum Tollwerden.
    Er hat den Brief zerrissen und mir die Stcke vor die Fe geworfen,
erzhlte Kleophea in dem Pfarrhause zu Grunzenow, und ich - ich hatte gedacht,
ich wre seine Herrin, ich htte die Strke, ich htte den Willen, ich htte den
Geist! Weil ich daheim ungestraft ausging, weil daheim keiner die Macht hatte,
mich zu bndigen, meinte ich, die Welt sei wie das Haus meiner Mutter und zu
bewegen durch ein Lachen, ein Lippenverziehen, ein Achselzucken. Ich habe es
versuchen mssen, sie durch Trnen zu bewegen, und habe den besten Willen dazu
gehabt, ihr knnt es mir glauben; es ist aber auch nicht gelungen, und ich habe
mir oft vorgestellt, solch ein elend, nrrisch, dumm und einfltig Ding wie ich
habe noch niemals fnf Stockwerk hoch im quartier du Marais gesessen und seinen
Jammer im Spiegel besehen. Ich habe viel, viel gelernt, Frau Frnzchen
Unwirrsch, aber das htte ich in meiner Mutter Haus doch nicht geglaubt, da ich
das Ghnen verlernen wrde. Langeweile habe ich nicht gehabt in Paris, ich mute
mir mein schwarzes Trauerkleid fr den toten Vater nhen und mute es gegen -
gegen meinen Gatten verteidigen. O mein Gatte hatte einen groen Umgang, es
kamen viele Leute, die alle die schwarze Farbe nicht leiden konnten. Es war ein
tolles Leben, und wenn mein dummer, wirrer, schmerzender Kopf nicht gewesen
wre, ich glaube, ich htte eine allerliebste Rolle spielen knnen. Ich glaube,
wir nahmen es nicht allzu genau mit unserer Ehre, wir hatten zu viel Geld ntig,
um uns mit lcherlichen Vorurteilen zu befassen. Wir knpften Korrespondenzen
mit allerlei merkwrdigen, hochgestellten Personen in Deutschland an und
schrieben Briefe, die uns sehr gut bezahlt wurden. Ich glaube, wir achteten im
Auftrage verschiedener Regierungen auf das Befinden mancher Landsleute, denen
man daheim nicht traute. Wir machten uns sehr ntzlich, denn wir waren sehr
hungrig; - ich hatte mich fr zwei zu schmen. Gesellschaften gaben wir auch, es
wurde hoch gespielt, und man kam sehr gern zu uns - die Schande stieg uns an den
Hals, und es war nur schade, da ich nicht so gut zu schwimmen verstand wie
monsieur mon poux. - Lat mich allein, o lat mich allein!
    Die Mannschaft der verbrannten Adelaide hatte nun allmhlich das Dorf
Grunzenow verlassen und sich ber Land nach der nchsten Hafenstadt begeben. Die
Verwundeten waren geheilt, und der letzte, welcher unter tausend Segenswnschen
von dem Obersten von Bullau Abschied nahm, war der Provenzale, der die Fe
gebrochen hatte. Grips fuhr ihn nach Freudenstadt, um ihn daselbst mit einem
gefllten Geldbeutel auf die Post zu setzen. Nur das Pfarrhaus behielt seine
Gste - noch fr eine kurze Zeit, und whrend derselben hatte auch Henriette
Trublet viel, viel zu erzhlen. Sie hatte ihr Wort gehalten, sie hatte den
Doktor Theophile Stein und Kleophea gesucht und hatte sie gefunden.
    Voyez, sagte sie, ik wr ihnen nachgegangen bis zu der End von der Welt;
aber sie war nur gelauf bis Paris. Oh, monsieur le cur, o mademoi - madame, der
gute Gott, der mik zu Euch fhrt' in jener Nacht, der hat mik auch gefhrt in
der Not zu der pauvre enfant und dem slekt Mann, da ik hab knn tun das Meinige
fr sie und gehalten gekonnt ma parole - voyezvous. Und wenn ik alt wrde
tausend Jahr, wollt ik nik verge der Nacht, in welcher Ihr mik zudecktet mit
Euer Mantel und mir gabet Euer Hand und mir sprachet aus Euer Herz in das
meinige. Da bin ik gekommen mit Euer Geld in ma patrie und nach Paris und hab
gedacht, ik hab getrumt ein Traum von der slimm Allemagne - vraiment un trs
mauvais songe! Da sind meine Bekannten gewesen et le Palais-Royal et les
Tuileries et Minette et Loulou et les Champs et Arthur, Albert et les autres,
und ik wie die Fisch in der Wasser. Aber ik haben gedacht an der cigale und der
fourmi und an der Allemagne, an monsieur le cur und mademoiselle l'ange und
habe stillgesessen wie ein Maus und hab gemacht der modes und nur gesucht den
Halunk monsieur Thophile und die arm Dame. Das war nicht schwer, die zu find.
Da ist gewesen Albert und Clestin, Armand, der Vicomte de la Draterie, dann
mon petit agent de change, die kann ik fragen in der Ga, und ik hab bald
gewut, was ik wissen wollt. O mon Dieu, voil la petite in schwarzer robe und
so bleich, so bleich, und solch Augen! Mein Herz hat mir geblutet; aber courage,
hab ik gesagt und hab den Concierge ausgefragt und seine Frau, und dann hab ik
gewut, was ik mu tun. Me voil en robe bleue bei Armand. Mon cher, sage ik, da
bin ik zurck aus der vilaine Allemagne. Vive Paris, mon petit coeur, wie
geht's? Was fangen wir an? Comment vont les plaisirs? Thophile ist auch zurck,
und gar mit einer Frau. Du weit, wie wir haben gestanden zusammen, er und ik,
je m'en vengerai; ik gehre wie frher zu euch, fhre mik zu ihm! Armand lakt
wie ein enrag, und wir schtteln uns die Hand. An die folgend Abend komm ik wie
der Commandeur in die festin de Pierre, und Armand wei gewilich nicht, wie
mein arm Herz schlgt auf der Trepp. Monsieur Armand! Mademoiselle Henriette
Trublet! - Voil les autres und die kleine, bleiche Dame en deuil und -
Thophile! Ah monsieur le cur, j'ai fait une scne  cet homme! Ik hab diesen
Mensch gut in Szene gesetzt.
    Frnzchen und Hans sahen erschreckt auf Kleophea; aber diese nickte nur,
lchelte matt und sagte:
    Es war wohlgetan. Gott segne sie fr ihr gutes Herz. Sie kam zur rechten
Zeit - doch es war wirklich eine recht komische Szene, und die Gesellschaft
lachte sehr ber uns. Ich kann freilich nicht leugnen, da ich am Anfang ein
wenig den Kopf verlor und sehr daran zweifelte, ob ich meinen gesunden Verstand
wohl ber die Nacht hinaus retten wrde; aber als ich aus der dummen Betubung
in den Armen Henriettes erwachte und sie mir zurief, das Frnzchen habe sie
geschickt - als sie mich, ihr armes, liebes Lamm nannte und mit den Fingerngeln
gegen meinen Herrn Gemahl anfuhr, da orientierte ich mich, o es war so lustig,
so lustig! War es nicht, Henriette?
    Henriette weinte zu sehr, um die Frage beantworten zu knnen. Sie schttelte
nur den Kopf und warf sich dann leidenschaftlich aufgeregt neben dem Lager der
Kranken auf die Knie, um ihr wieder und immer wieder Mund und Hnde zu kssen.
    Nun erzhlte Kleophea in ihrer Weise, wie von diesem Abend an Theophile ihr
das Leben noch mehr zur Hlle gemacht habe, wie sie die Tage im tatlosen,
unbeschftigten Abqulen verbracht habe, wie sie zitternd die Minuten in der
Nacht gezhlt und auf den gefrchteten Schritt auf der Treppe gehorcht habe. Sie
erzhlte von geheimen, scheuen Zusammenknften mit Henriette, von unsinnigen
Plnen, sich diesem unertrglichen, grlichen Dasein zu entziehen, von
Todesgedanken und Todeshoffnungen, und endlich, wie der Gedanke der Flucht
aufgetaucht sei, sich festgesetzt habe und zum Entschlu geworden sei. Es traf
sich, da aus Petersburg ein sehr schlecht stilisierter und sehr
unorthographischer Brief von Mademoiselle Euphrosyne Lechargeon, einer
Jugendfreundin von Henriette, anlangte. Diese Freundin schrieb begeistert von
dem Glck, das die Pariser putzverstndigen Demoiselles unter den Mongolen
machten, und meldete, da sie, Euphrosyne Lechargeon, Herrin eines groartigen
Etablissements und enfant gte aller mglichen Herrschaften auf - off, - ow, -
sky, - eff, - iew usw. sei und da es Eulalie. Vronique, Valrie und Georgette
auch nicht bel gehe und da Philippine eine glnzende Partie gemacht und den
Obersten Timotheus Trichinowitsch Resonowski geheiratet habe.
    Partons pour la Tartarie! hatte Henriette gerufen. Madame Kleophea hat
ihre Juwelen, ik habe fnfunddreiig Francs Ersparnisse. Allons au bout du
monde! Retten wir uns vor diesem Verrter, filou und slekten juif. Es ist
besser, zu betteln bei messieurs les Esquimaux, als mit dieser Fratz ebendasselb
Luft zu atmen. Wir wollen gehn wie swei Swestern, wir woll mach ein Geschft en
compagnie, wir woll setzen in Verwunderung die Eisbr, wir woll bau ein chteau
d'Espagne en Russie. Allons, allons, vive l'aventure!
    Kleophea hatte den Fluchtgedanken lange, bse Wochen hindurch mit sich
herumgetragen; sie hatte ihn vergeblich zu bekmpfen gesucht, er kam immer von
neuem, und immer unertrglicher wurden die Ketten, welche die unglckselige Frau
an diesen Mann fesselten. Es kam der Tag, an welchem der Doktor Theophile aus
der Krppelstrae die Hand gegen sein Weib erhob und es schlug; in der folgenden
Nacht floh Kleophea und verbarg sich in dem Dachstbchen Henriettes, bis die
Vorbereitungen zu der weiten Reise vollendet waren.
    Man wird mich nur in der Morgue gesucht haben! sagte die Gattin Moses
Freudensteins in dem Pfarrhause zu Grunzenow.
    Von Paris nach Havre-de-Grce, dann das Meer, das Schiff, die Seefahrt!
Alles unbestimmt, verschwommen, ungreifbar und unbegreiflich!
    Les ctes de l'Allemagne!
    Der Ruf geht durch Mark und Bein. Arme heimatlose, wandernde Seele! - Wer
doch still in seinem Grabe lge, dort, wo der dunkle, nebelhafte Strich, die
deutsche Kste, auf dem Horizont liegt. Es ist, als habe man einmal von festem,
grnem Boden, grnen Bumen, von einem stillen, friedlichen Kirchhof im Grn ein
Lied gehrt und knne sich auf die Weise nicht recht mehr besinnen und msse
sich doch immerdar mhen, sie wiederzufinden. Das Schiff geht seinen Weg chzend
und keuchend; wieder kommt der Abend, und die Kste der Heimat verschwindet in
der Dmmerung; - die alte traurige Weise ist noch immer nicht gefunden, und das
Schiff chzt und keucht die ganze Nacht durch und weiter durch den neuen Tag,
den grauen, verschleierten Tag.
    Am Rande des Schiffes lehnt Kleophea unbeweglich und blickt in den Dunst
ber den Wassern und sucht die alte Weise. Sie haben ihr gesagt, die deutsche
Kste sei wiederum ganz nahe, und ohne den Nebel wrde man sie lngst erblickt
haben!
    Henriette Trublet erzhlte, wie sie eine Viertelstunde vor dem Ausbruch des
Feuers Kleophea mit geschlossenen Augen bewutlos am Schiffsrand lehnend
gefunden habe und wie dieselbe in diesem Zustande whrend aller Schrecknisse,
die nun folgten, blieb. Erst in dem Pfarrhause zu Grunzenow, in den Armen
Frnzchens sollte Kleophea erwachen! - - - - - - -
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Wie die Wogen heranrollen gegen das Pfarrhaus, das von seinem Hgel hinausblickt
auf den Spiegel der Ostsee! Die Wogen der See erreichen das rmliche, kleine
Gebude nicht; sie vermgen ihm auch nichts zuleide zu tun, wie grimmig sie sich
manchmal stellen. Sie knnen Inseln verschlingen, Drfer, Stdte, Leuchttrme,
Kirchen und Kirchhfe. Sie knnen die morschen Srge lngst befriedeter
Geschlechter hervorwhlen und sie der schaudernden Gegenwart, umwunden mit
Seetang, bedeckt mit Schlamm, vor die Fe werfen. Grimmig, recht grimmig knnen
die Wellen des groen Meeres sein; aber das kleine Haus am Kirchhgel des armen
Dorfes Grunzenow ist gefeit, es steht auf einem sichern Grunde, und wer unter
dem niedern Dache seine Zuflucht gefunden hat, der ist wohl geborgen. Aber vor
allem wohl geborgen war das arme, irrende Herz Kleopheas; - es vor allem durfte
ausruhen!
    Bis in die Mitte des Winters lag das Weib Moses Freudensteins still und
friedlich und frchtete sich nicht mehr. Die grausamen Bilder der letzten
Vergangenheit verblaten, Gott schenkte der schnen Kleophea einen guten Tod.
    Wenn man sich an die Stimme des Meeres gewhnt hat, so lt es sich gar
sanft dabei einschlummern. Es ist, als ob die Ewigkeit eine Zunge bekommen habe,
die Kinder der Erde in den Schlaf zu singen.
    Rhrend war es, wie der alte Onkel Rudolf nicht von dem Lager seiner Nichte
weichen wollte, wie er ihr Haupt an seiner Brust hielt, wie er mit ihr sprach
und - wie er vor der Tr weinte. Sie weinten alle um die arme, schne Kleophea:
der Pastor Tillenius, der Adjunkt Hans Unwirrsch, Frnzchen Unwirrsch, Henriette
Trublet, der Oberst von Bullau - alle, alle!
    Noch einmal schrieb Kleophea an ihre Mutter, aber auch dieser Brief wurde
ungeffnet zurckgeschickt; das war die letzte Wunde, welche dieses abgejagte
Herz empfing. An den Doktor Theophile Stein hatte Hans Unwirrsch geschrieben,
und wenn dieses Schreiben auch nicht zurckkam, so kam doch keine Antwort
darauf. Man vernahm in Grunzenow nicht eher wieder etwas von dem Doktor
Theophile Stein, der in der Krppelstrae Moses Freudenstein hie, als im Jahre
achtzehnhundertzweiundfnfzig, wo er, verachtet von denen, welche ihn
gebrauchten, verachtet von denen, gegen die er gebraucht wurde, den Titel
Geheimer Hofrat erhalten hatte, brgerlich tot im furchtbarsten Sinne des
Wortes.
    Auf dem kleinen Kirchhofe zu Grunzenow befand sich ein halbversunkener
Grabhgel, unter dem ein unbekanntes Weib schlief, dessen Leichnam vor langen,
langen Jahren die Wellen hier an den Strand getrieben hatten. Neben diesem Hgel
wurde Kleophea begraben, von einem wildern Meer als der Ostsee hierhergeworfen.
Frnzchen hatte den Platz ausgesucht fr die arme Schiffbrchige, und ein
passenderer mochte in der ganzen weiten Welt nicht zu finden sein. Die Grabrede
sprach Johannes Unwirrsch; aber soviel er auch zu sagen hatte, sowenig vermochte
er in Worte zu fassen; doch die, welche zunchst um den Sarg und die offene
Grube standen, verstanden ihn alle.
    Eine gute Wrterin und Grtnerin am Grabe Kleopheas war Franziska Unwirrsch,
und manche Blume, die sonst an dem den Ufer nicht fortkommen wollte, von deren
Dasein das Dorf Grunzenow bis jetzt nichts gewut, blhte unter ihrer
glcklichen Hand hinter der Kirchhofsmauer, welche den Hgel vor dem Seewind
schtzte.
    Eine glckliche Hand hatte das Frnzchen, es gedieh alles unter ihr - die
Hungerpfarre, das Schlo, das Dorf.
    Der Leutnant Rudolf Gtz erholte sich nur langsam von der tiefen
Erschtterung, die in ihm durch den Tod seiner Nichte hervorgerufen war. Lange
Zeit wurde er wieder an seinen Lehnstuhl gefesselt, und nicht jeden Fluch, den
er dem Doktor Theophile Stein sandte, konnte das Frnzchen von seinen Lippen
wegkssen. Der Oberst wurde immer galanter, seine Burg immer wohnlicher, er sah
immer mehr ein, da die Welt ohne das Weibervolk keinen Schu Pulver wert sei.
Ihm nicht weniger als dem Leutnant Rudolf hatte das Schicksal noch manch gutes
Jahr aufgehoben.
    Henriette Trublet hielt es nur bis zum nchsten Frhling in Grunzenow aus.
Als die ersten Schwalben ankamen, regte sich das Pariser Blut. Sie wre
kmmerlich vergangen, wenn man ihr nicht die Mittel gegeben htte, ihre
Sehnsucht nach der Welt zu befriedigen. Sie weinte bitterlich beim Abschied
und glaubte ihn nicht berleben zu knnen, flatterte aber lustig fort, langte
glcklich auf dem Landwege bei Mademoiselle Euphrosyne in Petersburg an und
heiratete daselbst im folgenden Jahre einen sehr reichen deutschen Bcker, den
sie so glcklich machte, als sie es vermochte.
    In dem Frhling des folgenden Jahres entschlief sanft, ohne Krankheit, der
alte Josias Tillenius nach einem langen, schnen, segensreichen Dasein, und wenn
das harte, wetterfeste, seefahrende Volk dereinst ebenso an dem Sarge des
Pastors Unwirrsch weint wie an dem Sarge dieses Greises, so hat er sein Amt am
Ufer des Meeres wohl gefhrt.
    ber des Hungerpastors Arbeitstisch hngt die Glaskugel, durch die so
wundersames Licht auf den Arbeitstisch des Meisters Anton Unwirrsch fiel, bei
deren Leuchten der arme Handwerksmann in der Krppelstrae gleich seinem
Handwerksgenossen Jakob Bhme des Lebens Anfang und Ende entsann. Johannes hat
die Feder weggelegt, mit der er sein Leben und seinen Hunger nicht fr den Druck
und die Welt, sondern fr seinen Sohn beschreibt; er horcht in tiefen Gedanken
auf das Wiegenlied, welches sein Weib ihrem Bbchen singt. Der Schein der
glnzenden Kugel trifft auch das Kpfchen des Knaben; mit groen, verwunderten
Augen sieht das Kind empor zu ihr; es wundert sich ber das Licht!
    Drauen in der Nacht braust das Meer zornig und wild, und Vater und Mutter
horchen von Zeit zu Zeit ngstlich. Es gehen bse Geister um drauen in der
Finsternis, Geister, die keinen Platz in dem Lichtkreis der glnzenden Kugel
finden, und Vater und Mutter denken an die Zeit, wo auch ihr Kind hinaustreten
mu in den Streit mit den Dmonen. Bald wird die Stimme des Meeres der Mutter
Lied bertnen; - dann ist der Anfang des Kampfes gekommen.
    Wie die Augen des Kindes an der leuchtenden Kugel hangen! Regt sich schon
der Hunger, der die Welt zertrmmert und wiederaufbaut?
    Ein Geschlecht der Menschen vergeht nach dem andern, ein Geschlecht gibt die
Waffen des Lebens weiter an das andere; erst wenn der Ruf: Kommet wieder,
Menschenkinder! zum letztenmal erklungen ist, wird mit ihm zum letztenmal der
Hunger geboren werden, welcher die beiden Knaben aus der Krppelstrae durch die
Welt fhrt.
    Gib deine Waffen weiter, Hans Unwirrsch!
