
                             Spielhagen, Friedrich

       Problematische Naturen. Zweite Abtheilung (Durch Nacht zum Licht)

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                              Friedrich Spielhagen

                             Problematische Naturen

                               Zweite Abtheilung

                                        

                            (Durch Nacht zum Licht.)

                                 Erstes Capitel

Der rothe Sonnenball hing tief am Horizonte. In den Schluchten des Gebirges
dmmerten bereits blaue Schatten, whrend die waldbekrnten Hnge im warmen
Abendschein erglhten. Das Laubholz prangte in dem bunten Schmuck des Herbstes;
aber es kam seltener vor in diesem Theil der Berge, wo Schluchten ab, Schluchten
auf, ber die wellenfrmigen Rcken der Hgel weg tiefdunkle Tannenwaldungen
sich breiteten.
    Auf der Landstrae, die rechts und links mit zwerghaften Obstbumen besetzt,
in vielfachen Windungen dem Kamm des Hhenzuges zustrebte, fuhr langsam einer
jener altmodischen, breitsitzigen, mit Hemmschuh wohlversehenen und mit zwei
starkknochigen, steifbeinigen Gulen bespannten Wagen, wie man sie hier in den
Stdten miethet, wenn man eine mehrtgige Tour in das Gebirge machen will. Die
Pferde lagen mit vornbergebogenen Kpfen fest im Geschirr und arbeiteten sich
mhsam Schritt vor Schritt hinauf, denn der Weg war steil und der Wagen schwer,
obgleich der Kutscher mit einem gelegentlichen: Hot, Brauner! H, Fuchs! den
sinkenden Muth der Thiere anfeuernd, nebenher ging und die beiden Herren, welche
das Fuhrwerk seit einigen Tagen in Gebrauch gehabt hatten, schon am Fu des
Berges ausgestiegen waren und gemchlich ein paar hundert Schritt
hinterdreinschlenderten.
    Es waren ein paar junge Mnner, die nach ihrer Haltung und ihren Mienen
offenbar der besten Klasse der Gesellschaft angehrten. Sie waren beide
hochgewachsen und, wie es diesem Alter ziemt, schlank und elastisch; der Eine,
etwas Kleinere, um dessen Mund und Wangen sich ein dichter, glnzend schwarzer
Bart zog, wre mit seinem feinen, geistreichen Gesicht dem ruhig prfenden Auge
von Mnnern wohl als der Bedeutendere erschienen, obgleich er nicht ganz so gro
und bei weitem nicht so schn war, wie sein Gefhrte, der in den Stdtchen und
Drfern, durch die sie kamen, die Blicke der schmucken Weiber und Mdchen
ausschlielich auf sich zog.
    Die beiden jungen Mnner waren eine Zeit lang durch die Breite des Weges,
der hier, zur Verzweiflung der Pferde und Fugnger, mit kleinen Steinchen
beschttet war, getrennt, schweigend neben einander hergegangen; jetzt, nachdem
sie die bse Stelle passirt, nherten sie sich wieder und der mit dem dunklen
Bart, die Hand zutraulich auf seines Begleiters Schulter legend, sagte in
freundschaftlichem Ton: Eh bien, Oswald! weshalb so still?
    Ich gebe die Frage zurck, antwortete der Andere, die schnen ernsten Augen
auf den Gefhrten wendend.
    
    Ich geniee mit vollen Zgen die Herrlichkeit dieser abendlichen Landschaft,
sagte Doctor Braun, und der Genu, wissen Sie, ist wortkarg, weil er vor lauter
Genieen keine Zeit zum Sprechen hat. Aber sagen Sie selbst, ist es nicht
wundervoll, dieses Thringen? ist es nicht werth, das Herz Deutschlands, also
das Herz des Herzens dieses unseres Welttheils, und somit der bewohnten Erde zu
sein? Bleiben Sie einen Augenblick stehen; wir haben gerade hier einen Blick,
der einzig sein wrde, wenn er in diesen lieblichen Bergen nicht tausend und
aber tausend seines Gleichen htte. Da ist das Thal, aus dem wir heraufgestiegen
sind; Sie knnen jetzt deutlich den mandrischen Lauf des weidenbesetzten Baches
durch die Wiesen unterscheiden. Da liegt das Dorf, ein schmutziges Nest aus der
Nhe betrachtet und jetzt, wie schn! eingehllt in seinen bunten Blttermantel
und mit den blauen Rauchsulen, die so gerade aus den Schornsteinen steigen und
allmlig an der Wand des Berges zu einem blauen durchsichtigen Gewlk
auseinanderwehen! Und nun diese prachtvollen, mit Tannen bestandenen Hgel! Wie
sie sich in tiefen satten Farben hintereinander abheben! und nun dieser
Durchblick links auf die blauen Berge, ber die wir heute Morgen gekommen sind!
Und ber dem Allen dieser einzig schne Himmel, klar und tief und unergrndlich
wie eines geliebten Weibes Auge! O, es ist etwas Gttliches in diesen Linien und
Lichtern! Sie sind wahrlich mehr als eine bloe Augenweide, als eine Studie fr
den Maler; sie enthalten einen Trost fr uns und eine Mahnung. Ein Blick in das
zauberische Antlitz der Mutter Natur lullt unser wildes Herz zur Ruhe, lt uns
die abenteuerlichen Fratzen unserer sogenannten Cultur vergessen, stimmt uns
zurck auf den tiefen Grundton unseres Wesens und erweckt oder wiederbelebt in
uns den Glauben, da alles Wahre, Hohe und Schne unendlich einfach ist und da
der Quell der Befriedigung fr Jeden fliet, der nur mit reinen Sinnen darnach
sucht.
    Oswald hatte, whrend Doctor Braun diese Worte lebhaft und eindringlich, wie
es seine Weise war, sprach, die Arme bereinandergeschlagen, mit trben Blicken
in die Ferne gesehen. Jetzt, als sein Begleiter aufgehrt hatte zu sprechen,
sagte er, und es schwebte ein ironisches Lcheln um seinen Mund:
    Sind Sie dessen so gewi? Und gesetzt, es wre so, wie Sie sagen: was kann
der Unglckliche dafr, da seine Sinne nicht rein sind, da er mit Blindheit
geschlagen ist und den Quell der Befriedigung nimmer findet? Noch heute Abend
werden wir einem solchen Unglcklichen gegenberstehen. Oeffnen Sie ihm die
blinden Augen, reinigen Sie seine verstrten Sinne, und ich will Sie wie einen
Gott verehren!
    Doctor Braun schien ber diese Worte, die zuletzt in einem
leidenschaftlichen und bittern Ton gesprochen wurden, betroffen. Er schwieg
einige Augenblicke, whrend sie den Berg weiter hinauf schritten, dann sagte er:
    Ich glaubte, unsere lange Reise wrde Sie ruhiger und heiterer gestimmt
haben, Oswald. Ich beginne an meiner rztlichen Kunst zu verzweifeln, jetzt, da
ich sehe, da die alten bsen Trume noch so mchtig in Ihnen sind, wie zuvor.
Sie schienen fast geheilt von der verderblichen Sucht, sich, wie der Heine'sche
Jngling, an den Strand des Meeres zu setzen und die rauschenden Wogen nach den
uralten qualvollen Rthseln des Lebens zu fragen, und nun?
    Nun langweile ich Sie wieder mit den alten Jeremiaden? Nein, Franz, ich will
Ihrer Seelenheilkunst keine Schande machen und mir Mhe geben, die Welt so schn
und vernnftig zu finden, wie Sie. Es war das nur eine Reminiscenz aus der
Vergangenheit. Da sie mir gerade jetzt kommt, jetzt, wo wir dem Ziele unserer
Wallfahrt uns nhern, wo ich dem edlen unglcklichen Manne, den ich so unendlich
verehre und liebe, dem ich so viel verdanke, nach einer so langen Zeit, wo sich
fr ihn und mich so viel, so viel verndert hat, wieder unter die Augen treten
soll - ist das nicht so natrlich, so begreiflich! Ich bin treulich Ihrem Rath
gefolgt, so weit ich es vermochte. Ich habe das Vergangene vergangen sein
lassen; ich habe die Kunst des Vergessens fleiig gebt, ich habe der Lebenden
nicht gedacht und selbst die Schemen geliebter Todten, wenn sie sich an mich
drngten, in den Hades zurckgewiesen; aber hier erscheint die Gestalt eines
Lebendigen, der gestorben ist, eines Gestorbenen, der noch lebt, und ich finde
in meinem Hirn und Herzen keinen Zauberspruch, diese ehrfurchtgebietende,
thrnenwerthe Gestalt zu meistern, wie die anderen.
    So lassen Sie uns umkehren, sagte Dr. Braun mit groer Lebhaftigkeit. Wenn
Sie in sich nicht die Kraft fhlen, den Standpunkt, den Sie eingenommen haben,
zu behaupten gegen jeden Einwurf, gegen jede Autoritt, so wre es Wahnsinn,
sich in diese Gefahr zu strzen. Lassen Sie uns umkehren; noch ist es Zeit.
    Nein, sagte Oswald, das wre feig und thricht zugleich. Wir besiegen die
Gefahr nicht, vor der wir fliehen. Ich mu Berger sehen und sprechen. Diese
Zusammenkunft wird die Probe zu dem Exempel sein, an dem wir jetzt nun schon
vier Wochen rechnen. Entweder ich erhole mich an dem Anblick des Wahnsinnigen
vollends von meinem eigenen Wahnsinn, oder -
    Hier giebt es kein Oder, rief Franz. Wahrlich, Oswald, wenn ich Sie so reden
hre, ich knnte Sie hungern lassen, dursten lassen, bis Sie wieder zur Vernunft
kommen, oder der Vernunft die Ehre geben. Sie sind ein rthselhafter Mensch,
eine durch und durch problematische Natur. Es sind in Ihrem Charakter
Widersprche, zu denen ich selbst nach unserem intimen Verkehr noch immer nicht
die Erklrung gefunden habe. Die Factoren, aus deren Multiplication der fertige
Mensch als Product hervorgeht: Naturanlage und Erziehung mssen bei Ihnen in
einer ganz sonderbaren, seltenen Weise gemischt gewesen sein. Ich habe es bisher
immer vermieden, von Ihrer Jugendzeit zu sprechen, aus einer durch die
Zurckhaltung, der Sie sich auch im intimen Umgange befleiigen, sehr
erklrlichen Scheu. Aber meine Freundschaft zu Ihnen ist grer, als diese
Bedenken, die ja doch im Grunde sehr kleinlich sind. Wie wre es, Oswald, wenn
Sie mir, whrend die Sonne dort glorreich hinter den Bergen untergeht und unsere
armen Pferde sich mhsam den Berg hinaufqulen, etwas aus Ihrem frheren Leben
erzhlten - so wenig oder so viel, wie es Ihnen passend erscheint. Wollen Sie?
    Gern! sagte Oswald; ich selbst habe in diesen Tagen oft an meine Jugend
denken mssen. Wenn man, wie ich es jetzt thue, versucht, sich auf irgend einem
gegebenen Punkte seines Lebens zurechtzufinden, ist man genthigt, die Bahn bis
zum Anfang zurckzumessen. Freilich sind Sie der erste und vielleicht der
einzige Mensch, dem ich einen Blick in diese dunkeln Regionen meines Daseins
gewhre und gewhren mchte.
    Um desto aufmerksamer werde ich sein, antwortete Doctor Braun.

                                Zweites Capitel


Um mit dem Anfang anzufangen, sagte Oswald nach einer Pause, in welcher er seine
Erinnerung zusammenzurufen schien, so bin ich in der Residenz geboren. Mein
Vater war ein Sprachlehrer, meine Mutter eines Handwerkers Tochter. Sie sehen
also, da ich auf das Prdikat hochgeboren jedenfalls keinen Anspruch machen
kann, und da mein Ha gegen den Adel der ganz natrliche gesunde Ha des
Plebejers gegen die Aristokratie, des Parias gegen die Brahminenkaste ist.
    Weshalb mein Vater kurze Zeit nach meiner Geburt - ich war und blieb das
einzige Kind meiner Eltern - aus der Residenz nach dem kleinen pommerschen
Hafenort bersiedelte, habe ich nie erfahren knnen; wie ich denn berhaupt von
der Geschichte meiner Eltern, von Allem, was da vor meiner Geburt geschehen ist,
mglichst wenig erkundet habe. Ich wei nicht, ob ich berhaupt Verwandte
vterlicher oder mtterlicher Seite besitze. Sollte es der Fall sein, so sind
sie mir jedenfalls gnzlich unbekannt.
    Auch meiner Mutter erinnere ich mich nicht deutlicher, als wie man sich an
Wesen erinnert, die einem im Traume erschienen sind. Noch jetzt trume ich
manchmal von einer jungen schnen Frau mit groen, blauen, sen Augen. Sie
spricht in sanften Tnen Worte, die ich nicht verstehe, die mir aber wie Musik
des Himmels vorkommen und mich jedesmal selbst im Schlaf zu Thrnen rhren. Ich
wei, da dieses liebliche Traumbild, das stets ganz unverndert erscheint,
meine Mutter ist. Sie starb, als ich das vierte Jahr noch nicht zurckgelegt
hatte.
    Wenn es einem Manne je gelingen knnte, bei einem der Mutter beraubten Kinde
der Mutter Stelle zu ersetzen, so htte mein Vater diese Aufgabe gelst. Er hat
mich, als ich ein kleines Kind war, in den Schlaf gesungen und gesprochen; er
hat, wenn ich krank war, an meinem Bettchen Tag und Nacht gewacht; er hat mit
mir in der Bodenluke gesessen und aus einer kleinen Thonpfeife abwechselnd mit
mir bunte Seifenblasen in die Luft hinausgesandt; er hat mich das A B C gelehrt
und wie man aus Baumrinde Schiffe macht; er hat mir die ersten lateinischen
Vocabeln beigebracht, so gut wie Schwimmen und Schlittschuhlaufen; er hat mir
die ersten Lectionen im Griechischen und zugleich im Pistolenschieen und
Fechten gegeben. Ich habe, bis ich zur Universitt ging, keinen anderen Freund
gehabt, als ihn.
    Es war ein unergrndlich wunderlicher Mann, schon in seiner uern
Erscheinung. Denken Sie sich eine fast zwerghafte, aber sehr wohl
proportionirte, auerordentlich gewandte und bewegliche, Sommer und Winter, frh
und spt mit einem schwarzen abgeschabten Frack, schwarzen Kniebeinkleidern,
schwarzen Strmpfen und Schnallenschuhen bekleidete Gestalt, die, es mochte die
Sonne scheinen oder regnen, stets mit dem Hut in der Hand ber die Straen ging.
Denken Sie sich auf dieser kleinen Gestalt einen, vielleicht im Verhltni etwas
zu groen Kopf, mit einer festen, an den Schlfen kahlen Stirn, unter der ein
paar stechende Augen hervorblitzten, und mit einem Gesicht, das, scharf und fein
und streng, das Lachen entweder nie gekannt hatte oder es seit vielen, vielen
Jahren verlernt zu haben schien - so haben Sie das Bild meines Vaters, des
alten Candidaten, wie ihn in der Stadt Jedermann und selbst die Gassenjungen
nannten, mit denen ich, wenn sie sich ber seine Erscheinung lustig zu machen
wagten, manchen blutigen Strau ehrlich ausgefochten habe.
    Uebrigens pate, auer etwa dem Beiwort alt, jener Spitzname gar nicht auf
meinen Vater. Er hat sich, so viel ich wei, in seinem Leben um kein Amt, weder
geistliches noch weltliches, beworben; und er wre auch trotz seiner eminenten
Gelehrsamkeit, zu keinem tauglich gewesen, denn er htte sich bei seiner
wunderlichen Gemthsart und seinen Sonderlingslaunen in keines zu fgen
verstanden.
    Welche bitteren Erfahrungen, welch' trauriges Geschick meinen Vater zu dem
wunderlichen Heiligen, der er war, gemacht hatten, - ich habe in spteren Jahren
oft und vergebens darber gerthselt. Es war ein menschenscheuer Hypochonder,
der, so weit es ihm mglich war, jede Berhrung mit der Gesellschaft auf's
sorgfltigste mied, und der in Folge dessen auch von Jedermann auf's
sorgfltigste gemieden wurde. Die, welche auf Bildung und Religiositt Anspruch
machten, erklrten ihn fr einen Cyniker, weil er sich von allen
gesellschaftlichen Formen emancipirt hatte, und fr einen Atheisten, weil er
sich niemals in einer Kirche sehen lie; der Pbel bekreuzigte sich vor ihm, wie
vor einem, der offenbar mit dem Gottseibeiuns in nherem Verhltni stand, als
einem ehrlichen Christenmenschen lieb ist. Htte er zweihundert Jahre frher
gelebt, wrde man ihn ohne Zweifel als Hexenmeister und Zauberer verbrannt
haben.
    Allerdings mu ich gestehen, da der gebildete und ungebildete Pbel nicht
so ganz Unrecht hatte, wenn er meinem Vater Ideen und Ansichten zutraute, die in
das Hirn eines gewhnlichen Menschen nicht passen. Er hatte die unsglichste
Verachtung vor allem Autorittsglauben, da er sich durch denselben in der
Freiheit seines Denkens beeintrchtigt sah, und einen glhenden Ha gegen alle
weltliche Tyrannei, weil sie die Freiheit seines Handelns aufhob. Er erklrte
die Republik fr die einzige Staatsform, unter der sich ein Mann, der den
richtigen point d'honneur habe, glcklich fhlen knne. Jede Bevorzugung der
Einzelnen oder der Wenigen vor den Vielen sei eine Ungerechtigkeit, die nur
durch die Frechheit jener und durch die lammherzige Feigheit dieser erklrlich
werde. Zwischen einer Schafheerde, die sich von einem stumpfsinnigen Knecht und
einem bissigen Kter zur Schlachtbank treiben, und einem Volk, das sich von
einer, im Verhltni unendlich geringen Anzahl Menschen gngeln und hudeln lasse
- sei der Unterschied am Ende so gar gro nicht, nur da die Menschen ihrer
Schande ein hbsches Mntelchen umhngten, wozu die Schafe allerdings nicht im
Stande seien.
    Vor allem grimmig war der Ha, mit dem mein Vater den Adel hate. Er
verfgte ber ein ganzes Lexikon von schmhenden Beiwrtern, sobald er auf
diesen Stand zu sprechen kam. Nie setzte er einen Fu in das Haus eines
Adeligen, und Schler von Adel, die sich bei ihm meldeten, wurden ohne alle
Umstnde zurckgewiesen. Einmal, als wir mit der Pistole nach der Scheibe
schossen - eine Fertigkeit, in der er excellirte - sagte er mir, da er in
jngeren Jahren gehofft habe, sich durch eine Kugel an einem Adeligen zu rchen,
der ihn tdtlich beleidigt hatte. Unglcklicherweise sei der Mann vor der Zeit
gestorben. Das ist die einzige Andeutung, die ich je von meinem Vater ber sein
frheres Leben gehrt.
    Und in dem fast ausschlielichen Umgange mit diesem Mann bin ich
aufgewachsen. Wunderlich, wie er selbst, war auch das Verhltni, das zwischen
uns stattfand. Obgleich mein Vater mehr fr mich that, als sonst die Eltern
zusammen fr ihr Kind thun, obgleich er eigentlich nur fr mich lebte und darbte
- so glaube ich doch nicht, da er mich wahrhaft liebte. Er war ein rein
spiritualistischer Mensch. Entweder war sein Herz einmal in seinem Leben tdlich
getroffen von einem Schlage, den es nie wieder berwand, oder er hatte auf der
Retorte seines Skepticismus alle Gefhle zu Gedanken verflchtigt. Er that, was
er that, aus Pflicht, aus Ueberzeugung des Rechten; denn, wie er selbst sagte:
die Gerechtigkeit steht ber der Liebe; sie leistet Alles, was die Liebe leisten
kann und doch noch ein gut Theil mehr.
    Mehr und auch nicht so viel, warf Franz ein; was wir fr geliebte Menschen
aus Neigung thun, sollen wir fr die Andern aus Gefhl des Rechts thun, das
heit aus der Ueberzeugung, da die Interessen aller Menschen solidarisch sind.
Liebe und Gerechtigkeit verhalten sich wie Individuum und Gattung. Die eine darf
ohne die andere nicht sein, denn wir brauchen sie beide. All die tausend kleinen
Zrtlichkeiten, mit denen wir geliebte Menschen berschtten, kann die
Gerechtigkeit uns nicht lehren, ebenso wie uns die individuelle Liebe berall da
im Stich lt, wo es sich um die Andern, das heit um die Genossenschaft, die
Nation, die Menschheit handelt.
    Sie mgen recht haben, erwiederte Oswald; und das erleichtert mir auch ein
Gestndni, welches ich so eben thun wollte. Ich ehrte meinen Vater hoch, aber
ich liebte ihn nicht; ja, ich empfand oft - worber ich mir freilich erst viel
spter klar geworden bin - eine an Abneigung grenzende Scheu und Furcht vor dem
sonderbaren Mann. Ich wundere mich jetzt freilich kaum noch darber, seitdem ich
eingesehen habe, da zwei grundverschiedenere Wesen, wie meinen Vater und mich,
die Natur nicht leicht schaffen kann. Wir waren uns krperlich so unhnlich, wie
wir es an Gemthsart und Neigungen waren. Ich liebte schon als Knabe
leidenschaftlich Glanz und Pracht und Alles, was schn ist in Natur und
Menschenwelt. Ich begeisterte mich fr diejenigen unter meinen Schulkameraden,
die sich des Jugendschmuckes blonder Locken, rother Wangen und leuchtender Augen
erfreuten; ich verkehrte gern in den Husern, wo es, nach meinen damaligen
Begriffen, fein und vornehm herging. Ich hielt sehr viel auf meinen Anzug und
hrte es gar nicht ungern, da die Frauen mich einen hbschen Jungen nannten.
    Sie knnen sich denken, wie wenig im Grunde ein Bursche mit diesen Neigungen
und Bedrfnissen zu der Gesellschaft eines einsamen menschenscheuen Hypochonders
pate, dessen Lebensweise er natrlich halb und halb zu theilen gezwungen war.
Denn obgleich mein Vater mir eine Freiheit lie, die mit seinen sonstigen
strengen Ansichten nicht recht in Einklang zu bringen war, obgleich er meinen
aristokratischen Neigungen fr schne Kleider und den Comfort des Lebens in
einer Weise nachgab, die mir noch bis auf diese Stunde unbegreiflich ist, so
wute ich doch, da ich ihn durch diese meine Sympathien fr eine Welt, die er
verabscheute, auf's innigste krnkte, und gab mir deshalb Mhe, an dem Leben
mglichst wenig Geschmack zu finden. Das gelang mir um so eher, als ich sehr
bald in der Einsamkeit, zu der ich mich im Anfang nur mit Widerstreben
verurtheilte, eine Quelle entdeckte, durch welche die deste Wste in das
blhendste Paradies umgeschaffen wird - ich meine die kastalische Quelle der
Poesie.
    Wir bewohnten ein kleines Haus, dessen hintere Mauer ein Theil der
Stadtmauer war. In meinem Stbchen war das einzige niedrige Fenster durch die
ellendicke Mauer durchgebrochen, so da das Ganze einem Gefngnisse hnlicher
sah, als irgend etwas Anderm. Und doch, welche seligen Stunden habe ich in
diesem Stbchen verlebt! Aus meinem Fenster hatte ich einen unbegrenzten Blick
ber Wall und Graben der Stadt weg, auf glatte, mit schnen Baumgruppen garnirte
Teiche, ber saftige, hier und da mit Weiden bewachsene Wiesen bis zu dem Meere,
von dem ein dunkelblauer Streifen durch die grnen Bume herberblitzte.
    Hier an diesem Fenster sa ich des Sommerabends, wenn die Sonne, wie dort,
strahlend und herrlich unterging, das Herz bis zum Ueberflieen voll von
chaotischen Gefhlen, und in dem Hirn Gedanken spinnend, so bunt und schn und
ach! auch so vergnglich wie Seifenblasen. Ich erinnere mich noch an ein paar
Verse aus einem Gedicht, das ich als Student an einem trben Herbstabend in der
Residenz machte, whrend ich, in dumpfes Brten verloren, ber meinen Bchern
sa und der Tage dachte, die aus dem Becher der Zeit so hell und funkelnd
hinabgetropft waren in das Meer der Ewigkeit:

Und wenn des Abends dann der Sonne letzte Strahlen
Mich grten durch mein Fensterchen hinein,
Wie konnt' ich mir so schn die Zukunft malen,
Sie mute golden wie der Himmel sein!
Und dann ergriff mich ein unendlich Sehnen,
Ich wnschte hei mich in die Ferne weit; -
Jetzt bin ich fern - es flieen meine Thrnen -
O kmst du wieder, holde Jugendzeit!

Doch, was soll ich lnger bei der Schilderung eines Verhltnisses verweilen, das
mir selbst um so rthselhafter wird, je deutlicher ich es Ihnen zu schildern
versuche. Wenn ich je in meinen Kinderjahren eine herzliche Zuneigung zu meinem
Vater empfunden hatte, so nahm sie in demselben Mae ab, als ich lter und
selbstndiger wurde. All' die Gefhle, all' die Zrtlichkeit, die man in
natrlichen Verhltnissen an Mutter und Brder und Schwestern und Freunde
ausgiebt - ich mute sie in meinem Herzen verschlieen, denn ich hatte kein
Vertrauen zu dem, welcher mir, wie die Sache nun einmal lag, jene Alle htte
ersetzen mssen. Durch den bestndigen Umgang mit einem so dstern, so
skeptischen Geiste, nahm mein Gemth eine Farbe an, die zu meinem sanguinischen,
leidenschaftlichen Temperament sehr wenig stimmte. Ich war ein Epicurer in der
Schule eines Stoikers, ein Sybarit in dem Umgange eines cynischen Philosophen.
Meine ppige Phantasie trumte die herrlichsten Welten, die mein trockner
Verstand mitleidslos wieder zerstrte; ich verzehrte mich in spitzfindigen
Grbeleien, whrend mein heies Blut mir das Herz zum Zerspringen fllte; ich
sa in meiner Klause und studirte in alten staubigen Scharteken, whrend sich
mein abenteuerlustiger Sinn nach den Wundern des Orients und nach groen Thaten
sehnte.
    Das ging so fort, bis ich in meinem neunzehnten Jahre die Universitt bezog.
Von meinem Vater trennte ich mich ohne Schmerz. Wie er diese Trennung empfand -
ich wei es nicht. Er sprach zu mir beim Abschied wie ein Philosoph, der seinen
Jnger entlt, indem er mir noch einmal alle die Hauptlehren seiner herben
Weltweisheit in's Gedchtni rief; und in demselben Ton waren auch die Briefe,
die er mir in regelmigen Zwischenrumen schrieb. Es wurden ihrer nicht viele,
denn ungefhr ein halbes Jahr spter erhielt ich ein Schreiben von dem Magistrat
meines Heimathsortes, in welchem mir in kurzen, drren Worten der Tod meines
Vaters gemeldet wurde. Er hatte ein kleines Vermgen hinterlassen, das er nach
und nach aus seinen Ersparnissen fr mich gesammelt hatte und das bei migen
Ansprchen fr meine Studienzeit und vielleicht auch noch etwas lnger
ausreichen mochte. Ein Testament fand ich nicht, eben so wenig wie
Familienpapiere, Briefe, Tagebcher oder dergleichen, woraus ich mglicherweise
einige Aufklrung ber die Geschichte meiner Eltern htte gewinnen knnen.
    So stand ich denn ganz allein da in der Welt, ein Jngling an Jahren mit der
Lebensmdigkeit eines Greises; viel zu alt fr meine Commilitonen, die mir wie
spielende Kinder erschienen, und doch auch viel zu jung und viel zu unerfahren,
als da ich den Lockungen einer genuschtigen Stadt htte Widerstand leisten,
als da ich in diesem Babel, ohne mich vielfach zu verirren, htte umherwandern
knnen. Wie wre das auch einem Jngling mglich gewesen, bei dem der Strom des
vollen, jugendlichen Lebens so lange knstlich zurckgestaut war! Ich wurde der
Held mehr als einer Intrigue, der ich mich im Grunde schmte und auch zu schmen
groe Ursache hatte; ich wurde von den Frauen verhtschelt und das
unschuldig-schuldige Opfer herzloser Koketten. Ich machte viele Erfahrungen,
ohne weise zu werden - das Schlimmste, was einem Menschen begegnen kann. Und
dabei war das Merkwrdige, da ich die Gensse, denen ich frhnte, durchaus
verabscheute, da mein Herz, whrend ich es an unedle Weiber wegwarf, nach einer
edlen Liebe verschmachtete; da ich mich mit den ungeheuerlichsten Plnen trug,
whrend ich meine Krfte in lauter sinnlosen Zerstreuungen vergeudete.
    Ein Freund, der damals einigen Einflu auf mich ausbte, ri mich aus diesem
Strudel, in welchem ich ber kurz oder lang untersinken mute. Er rieth mir,
nach Grnwald zu gehen. Ich folgte seinem Rath.
    Von diesem Augenblick an kennen Sie die Geschichte meines Lebens, zum
wenigsten in den Umrissen. Sie wissen, da ich in Grnwald den unglcklichen
Mann kennen lernte, zu dem wir jetzt wallfahren. Sie werden sich nun auch
erklren knnen, wir jetzt wallfahren. Sie werden sich nun auch erklren knnen,
wie unmglich es gerade fr mich sein mute, dem Zauber von Berger's dmonischer
Persnlichkeit zu widerstehen; wie ich in seinem Umgang nur noch tiefer in die
Dornen der Widersprche gerieth, an denen mein Herz verblutete.
    Berger wollte, da ich nach Grenwitz ging, in einer adeligen Familie eine
Stelle zu bernehmen, fr die ich, wie der Erfolg gelehrt hat, genau so gut
pate, wie der Habicht in den Taubenschlag. Sie sind den einzelnen Phasen meines
dortigen Lebens als aufmerksamer Zuschauer mit den Augen des Philosophen und des
Freundes zugleich gefolgt. Wie viel Sie davon gesehen, wie viel Sie davon
begriffen, wie vieles Ihnen unklar geblieben ist - ich wei es nicht und will es
nicht wissen. Ueber einen Theil dieser Ereignisse mag ich nicht reden; ber
einen andern darf ich es nicht. Als die Katastrophe, die Sie vorausgeahnt
hatten, hereinbrach und die frivole Welt, in der ich mich dort bewegte, mir ber
dem Kopfe zusammenstrzte - da standen Sie treulich zu mir; Sie rissen mich aus
diesem Wirrsal und luden sich damit eine Last auf die Schultern, ber die Sie im
Stillen wohl schon mehr als einmal geseufzt haben werden. Aber nein! das ist
nicht mglich! Sie sind so klug, wie Sie weise, und so weise, wie Sie gut sind.
Sagen Sie, Franz, welcher Odysseus hat Sie erzeugt, welche Penelope geboren, da
Sie Pallas Athene, die Gttin der Weisheit, immerdar so sichtbarlich in ihren
gndigen Schutz genommen hat?
    Ich glaube, es ist in meinem Leben Alles auf ganz gewhnliche Weise
zugegangen, sagte Franz lachend, und denken Sie nur ja nicht, da ich von der
Scylla nicht gefhrdet und von der Charybdis nicht geschdigt worden bin! Ich
habe, wie Sie, auf dem Punkte gestanden, an mir selbst zu verzweifeln. Was mich
gerettet hat, ist eine Ueberzeugung, die zuerst in dmmernder Ahnung, dann immer
klarer und deutlicher und zuletzt mit siegreicher Gewiheit in meiner Seele
aufging, die Ueberzeugung nmlich, da diese Welt ein Kosmos ist, in welchem
Jeder von uns, er sei auch wer er sei, mit Nothwendigkeit seine bescheidene
Stelle auszufllen hat. Dieser Gedanke hat mein Herz mit der freudigen Ruhe
erfllt, ohne welche zuletzt das Leben unertrglich werden mu. Ich sagte mir:
diese Welt, von der Du im Grunde so wenig weit, ist ein so alter, solider,
wohlgegrndeter Bau, da Du an dem Plan nicht verzweifeln darfst, auch wenn Du
ihn nicht ganz begreifen solltest. Dieses Menschengeschlecht, dessen Geschichte
vielleicht auf eben so viel Millionen Jahre berechnet ist, als wir jetzt davon
Jahrtausende kennen, ist ein so unergrndlich wunderbares Phnomen der
schaffenden Kraft, da Du in Deinem Leben, und wenn es noch so lange whrte, nur
zu lernen und immer wieder zu lernen hast. Die Kunst, sagt Goethe, hat nie ein
einzelner Mensch besessen; aber, setze ich hinzu, die Philosophie eben so wenig.
    Von dieser Ueberzeugung ausgehend, fate ich den Entschlu, in dem Leben
Sinn und Verstand finden zu wollen, und ich kann nicht anders sagen, als da ich
meine Bemhungen von einigem Erfolg gekrnt gesehen habe. Schon auf der Schule
mitrauisch gegen die Resultate des rein speculativen Denkens, widmete ich mich
einer Wissenschaft, in welcher uns die psychischen Vorgnge gleichsam ad oculos
demonstrirt werden - der Medicin, zumal ihre praktische Ausbung noch den
Vortheil hat, uns in fortwhrende, intimste Berhrung mit den brigen Menschen
zu bringen, von denen wir uns - sage man, was man will, von der Poesie der
Einsamkeit - stets nur zu unserm eigenen Nachtheil entfernt halten. Wer die
Solidaritt aller menschlichen Interessen - das oberste Princip aller
politischen und moralischen Weisheit - begriffen hat, wei auch, da seine
individuelle Existenz nur ein Tropfen in dem ungeheuren Strome ist und da diese
Tropfen-Existenz weder das Recht noch die Mglichkeit der absoluten
Selbstndigkeit hat. Wenn die Menschen wie reife Frchte vom Baume fielen,
mchte es schon eher gehen. So aber, wo wir von einer Mutter mit Schmerzen
geboren werden, um Jahre lang die hlflosesten aller Geschpfe und der treuen
Pflege der Eltern ganz und gar berlassen zu sein, wo wir, wenn uns das
Schicksal hold ist, unter Brdern und Schwestern aufwachsen, um alle Freuden des
Lebens mit ihnen nicht nur zu theilen, sondern erst von ihnen zu erhalten; wo
wir noch spter jeden wahren Genu, jedes Fest der Seele nur mit Anderen
genieen und feiern knnen - da drfen wir uns denn auch nicht lnger struben,
zu sein, was wir wirklich sind: Menschenshne, Kinder dieser Erde, mit dem Recht
und der Pflicht, uns hier auf diesem unseren Erbe auszuleben nach allen Krften,
mit den anderen Menschenshnen, unseren Brdern, die mit uns gleiche Rechte und
freilich auch gleiche Pflichten haben.
    Sehen Sie, Oswald, so wird die Welt ein Kosmos und wir hren auf, Atome zu
sein, die, wer wei woher? und wohin? ohne ein vernnftiges Gesetz in dem
unendlichen Raum umherwirbeln. Der Fehler Ihres Lebens, in welchen Sie freilich
bei einer so wunderlich verlebten Jugend fast mit Nothwendigkeit fallen muten,
ist: da Sie stets nur fr sich, nie wahrhaft fr die Andern gelebt haben. So
sind Sie in eine ganz schiefe Stellung zur Welt gerathen, in der Sie der Welt
und die Welt Ihnen nichts ntzen konnte. Das wird jetzt anders werden. Sie haben
der Freundschaft zu mir das Opfer gebracht, einen Schritt zu thun, der, ich
fhle es wohl - und jetzt besser, als zuvor - Ihrem ganzen Naturell uerst
peinlich sein mute. Aber ich bin berzeugt, Sie werden spter diesen Schritt
segnen. Das Probejahr, welches Sie auf dem Grnwalder Gymnasium absolviren
wollen, wird auch in anderer Hinsicht fr Sie ein Probejahr werden. Es wird sich
zeigen, ob Sie den schwersten aller Siege, den Sieg ber sich selber, ber die
eigene souverne Willkr erkmpfen knnen. Ich wollte, Sie wren wie ich mit
einem guten und klugen Mdchen verlobt, und mten arbeiten und mten kmpfen,
wenn nicht zu eigenem Nutz und Frommen, so doch fr sie, die Ihnen tausendmal
theurer ist, als das eigene Leben, und Sie sollten sehen, wie leicht, wie
spielend leicht Ihnen dieser Kampf und dieser Sieg sein wrde!
    Oswald antwortete nicht. Er fhlte sich von der Wahrheit der Worte seines
Gefhrten berzeugt, aber auch zugleich in einer peinlichen Weise beschmt. Denn
das Antlitz der Wahrheit ist streng und flt dem, welcher ihr nicht mit
Hintansetzung aller individuellen Neigungen, mit ganzer Seele anhngt, ein
Grauen ein.
    So gingen sie schweigend neben einander her, bis sie den Gipfel des Berges
und zugleich den Wagen erreichten, der dort oben ihrer harrte. Sie stiegen
wieder ein, und bergab ging es jetzt in raschem Trabe dem Stdtchen zu, das in
dem Busen eines von waldumkrnzten Bergen ringsum eingeschlossenen Thales, schon
in duftiges Abendgrau gehllt, zu ihren Fen lag. Es war das Ziel ihrer
heutigen Fahrt, und wenigstens fr Oswald, der ganzen Reise - der Badeort
Fichtenau, weit und breit berhmt durch seine reizende Lage, durch seine
strkenden Fichtennadelbder und in neuester Zeit durch die groe und trefflich
geleitete Anstalt fr Geisteskranke, welche der intelligente und in der
Psychiatrie viel erfahrene Doctor Birkenhain vor einigen Jahren dort gegrndet
hatte.
    Es waren wunderliche Empfindungen, die Oswald's Herz erfllten, whrend er,
in seine Ecke gelehnt, Bume und Felsen an sich vorbeitanzen und sich mit jedem
Hufschlag der Pferde auf dem steinigen Boden dem Orte nher gefhrt sah, mit dem
sich in den letzten Monaten seine Gedanken so viel und so peinlich beschftigt
hatten. Wie gleichgltig war der Name desselben an sein Ohr geklungen, da er ihn
zuerst in Grenwitz, als des Aufenthaltsortes von Melitta von Berkow's krankem
Gemahl, erwhnen hrte! Kannte er doch da Melitta noch nicht, wute er doch
nicht, da er wenige Tage spter in den Fesseln der Liebe dieses liebenswrdigen
Weibes schmachten wrde! Dann hatte er, obgleich selten und immer nur mit
Widerstreben ausgesprochen, den Namen von ihren Lippen vernommen und der Ort
hatte fr ihn in seiner damaligen seligen Stimmung die unheimliche Bedeutung
gewonnen, welche fr den Besitzer eines herrlichen, prachtvollen Hauses ein
dunkles Zimmer hat, das er nicht gern ffnet und wovon er nur ungern spricht,
weil sich vor Jahren einmal eine ihm nahestehende Person darin entleibte. - Dann
war die Zeit gekommen, wo Melitta, Doctor Birkenhain's Einladung folgend, ihren
sterbenden Gemahl zu besuchen ging - dann die peinlichen, schlimmen Tage, wo er
sie in Fichtenau wute an der Seite des todtkranken Gatten; wo er von Fichtenau
aus ihre Briefe erhielt, in welchen jedes Wort ein sehnsuchtsvoller Ku war. Da
war ihm Fichtenau abwechselnd wie das Grab und die Wiege seines Glckes
erschienen, je nachdem er durch Herrn von Berkow's Tod die Hindernisse einer
Verbindung mit Melitta aus dem Wege gerumt, oder sich von ihr gerade durch
dieses Ereigni fr immer getrennt sah. - Dann kam der unselige Tag, wo er
erfuhr, da der Mann, in welchem er von vornherein instinctiv seinen
gefhrlichsten Nebenbuhler erkannt hatte, sich bei Melitta befand; als bse
Zungen ihm die gehssigsten Auslegungen dieses auffallenden Schrittes in's Ohr
zischelten, und er, der Unglckliche, diesen anstigen Verleumdungen mit nur zu
willigem Ohr lauschte, weil er selbst schon an seiner Liebe zum Verrther
geworden war, weil er, wie ein Schiffbrchiger, der, sich und seinen Raub zu
retten, den besten Freund mitleidslos von dem schaukelnden Brette in die Tiefe
stt, Melitta opferte, um seine neue Leidenschaft fr die schne Helene vor
sich selbst zu rechtfertigen. - Und endlich, um das Ma voll zu machen, dem
Verstrten, von tausend qualvollen Gefhlen Zerrissenen, gleichsam den Beweis zu
liefern, da die ganze Welt aus den Fugen sei und es auf eine Verirrung mehr
oder weniger nicht ankomme, mute dieser Ort, wo, wie er whnte, das vor kurzem
noch so heigeliebte Weib sich in den Armen eines geistreichen Rou's fr die
Augenblicke, die sie an dem Sterbebette ihres Gemahls zubrachte, entschdigte,
derselbe Ort sein, wohin man den von ihm so hochverehrten Freund und Lehrer
brachte, als sein Genius die strahlende Fackel in der den Nacht des Wahnsinns
ausgelscht hatte. Da - und besonders, als nun kurze Zeit darauf der Tod ihm den
Knaben raubte, den er mit brderlichster Liebe umfing und sein Verhltni mit
der hochadeligen Familie auf eine so eigenthmliche Weise gelst wurde - als er
den Nebenbuhler, von seiner Kugel auf den Tod verwundet, zu seinen Fen liegen
und er sich von dem geliebten Mdchen, und wre es nicht aus tausend anderen
Grnden, schon durch diese That fr immer getrennt sah - da war ihm zu Sinnen,
als ob es fr ihn auf Erden keine passendere Zufluchtssttte gebe, als eine
Zelle neben der seines Freundes und Lehrers in Doctor Birkenhain's berhmter
Heilanstalt fr Geisteskranke zu Fichtenau.
    So hatte er denn auch, als er mit Doctor Braun zu der Reise, die dieser
Letztere ursprnglich zur Verfolgung wissenschaftlicher Zwecke projectirt hatte,
aufbrach, sogleich nach Fichtenau gewollt; aber Braun hatte den Besuch dieses
Ortes unter diesem und jenem Vorwande immer hinauszuschieben gewut; und zwar
aus guten Grnden. Er hatte - ohne Oswald's Wissen - direct an Doctor Birkenhain
geschrieben und denselben um eine detaillirte Schilderung von Berger's Zustand
gebeten. Doctor Birkenhain antwortete, da bei Berger von Wahnsinn nur in so
weit die Rede sein knne, als er an der fixen Idee der absoluten Nichtigkeit
aller Existenz leide, im Uebrigen aber im Vollbesitz seiner geistigen Krfte
sei, ja da er denselben jetzt schon aus seiner Anstalt entlassen haben wrde,
wenn der Kranke nicht ausdrcklich eine Verlngerung seines Aufenthalts
gewnscht htte. Doctor Braun sagte sich nun, da unter diesen Umstnden ein
Besuch in Fichtenau fr Oswald's excentrisches und jetzt mehr als je aufgeregtes
Gemth mit der grten Gefahr verknpft sei. Der Anblick eines Wahnsinnigen
wrde ihn zur Besinnung gebracht haben, der Verkehr mit einem selbst noch in
seinen Verirrungen genialen Hypochonder konnte ihn mglicherweise in seinen
ausschweifenden Ideen noch bestrken.
    In dieser Besorgni hatte Franz den Besuch von Fichtenau an das Ende, und
nicht, wie Oswald wollte, an den Anfang der Reise gebracht, indem er hoffte, der
vielfache Verkehr mit fremden Menschen, die wohlthtigen Eindrcke einer Fahrt
durch die schnsten, im festlichsten Schmucke des Herbstes prangenden Gegenden
wrden Oswald zu einer ruhigeren, vernnftigeren Ansicht des Lebens bringen und
ihn so befhigen, Berger mit Ueberlegenheit, wenigstens ohne Gefahr fr sich
selbst, gegenberzutreten.
    Jetzt sah sich Franz in dieser Hoffnung betrogen. Oswald's aufgeregtes Wesen
gefiel ihm keineswegs, und er wre am liebsten umgekehrt, wenn dazu jetzt noch
eine Mglichkeit gewesen wre. So nahm er sich wenigstens vor, whrend er von
Zeit zu Zeit einen prfenden Blick auf Oswald warf, der, in seine Ecke gedrckt,
mit starren Augen auf das Stdtchen herab sah, den Besuch so viel als mglich
abzukrzen und den Freund whrend der Dauer desselben so wenig als mglich mit
Berger allein zu lassen.

                                Drittes Capitel


Die Sonne war bereits seit einer halben Stunde hinter dem breiten Rcken des
tannenbewaldeten Hgels, der Fichtenau von der Westseite einschliet,
untergegangen, als der Wagen mit den beiden Freunden aus den Bergen heraus in
die Thalebene gelangte, in welcher das Stdtchen liegt. Die mden Pferde,
erfreut ber den glatten Boden und das leichtere Rollen des Wagens, griffen
wacker aus in der sichern Hoffnung auf baldigen Abendhafer, und angefeuert durch
die schrillen Tne einer Clarinette, die nebst obligaten dumpfen Trommelschlgen
aus einem dichten Kreis von Menschen herberschallten, welcher sich auf der
Gemeindewiese unmittelbar vor dem Eingang in das Stdtchen um eine
Seiltnzerbande versammelt hatte. Der Weg fhrte an diesem Orte vorber, und da
die gaffende Menge die etwas hher liegende Landstrae dicht besetzt hatte, war
der Kutscher genthigt, langsamer zu fahren und zuletzt, da die Leute trotz
seines Scheltens und Fluchens sich in der Luft des Schauens nicht stren lieen
und wie angenagelt auf ihren Pltzen standen, still zu halten.
    Allerdings konnte man den guten Leuten ihre Unhflichkeit nicht so hoch
anrechnen, denn in diesem Augenblicke gaben die wandernden Knstler ihr
vorzglichstes Stck, welches sie immer bis zum Schlu der Vorstellung
aufsparten, um ihre Zuschauer mit einem mglichst gnstigen Eindruck zu
entlassen.
    Aus dem kleinen Circus war bis zu dem Gipfel einer mig hohen, aber
breitastigen Eiche, welche den Gemeindeanger schmckte, ein Seil gespannt, von
dem dnnere Stricke rechts und links nach dem Boden liefen, wo sie von stmmigen
Burschen, die sich im Interesse der Kunst freiwillig zu diesem Dienst erboten
hatten, festgehalten wurden. Die schriller kreischende Clarinette und die immer
lauter donnernde Pauke verkndeten, da der groe Augenblick gekommen sei, in
welchem, wie die Zettel an den Straenecken verkndet hatten, der berhmte
Acrobat, Herr John Cotterby aus Aegypten, genannt die fliegende Taube, eine an
der Spitze eines vierhundert Fu hohen Thurmes befestigte Fahne auf einem
ausgespannten Seile herabzuholen und dieselbe auf demselben Wege rckwrts
schreitend zurckzubringen, vor einem hohen Adel und kunstliebenden Publikum
Fichtenau's mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung auszufhren die Ehre haben
werde.
    Nun war freilich aus dem vierhundert Fu hohen Thurm eine vierzig Fu hohe
Eiche geworden; und die Feinde und Neider behaupteten, da durch diese
Abnderung des Programms das Wagstck an Gefhrlichkeit ebenso verliere, wie an
Interesse. Aber war es Herrn John Cotterby's aus Aegypten Schuld, da die
Kaiserlichen im dreiigjhrigen Kriege den Thurm der kleinen Kirche am Markt bei
einer Belagerung Fichtenau's, das von den Schweden besetzt gehalten wurde,
herunterkanonirten? da die Vter der Stadt schon seit zwei Sculis alljhrlich
beschlossen, diesen Thurm wieder aufzubauen, sobald einmal bessere Zeiten fr
Fichtenau kmen? und schlielich, da diese Zeiten noch immer nicht gekommen
waren?
    Und jetzt erschien unter dem Quinquiliren der Clarinette und dem Tam-tam der
Pauke, zu denen sich in diesem feierlichen Augenblicke noch das Geklingel eines
Triangels und das Kreischen einer verstimmten Fiedel gesellte, auf dem kleinen,
mit schmutzigen Laken behangenen Schaffot, dem irdischen Ausgangspunkt seiner
himmlischen Reise, ein hbscher, prchtig gewachsener Bursche mit dunklem, von
einem schmalen Messingreif zusammengehaltenen Lockenhaar, in weien,
enganliegenden Tricots und einem blauseidenen Wammse, auf dessen Schulterstcke
zwei Flgel genht waren.
    Ein ermuthigender Beifallsruf, in welchem das Zischen der Gegner ungehrt
verhallte, begrte den Knstler, der sich nach allen Seiten mit jener Grazie
verbeugte, die ein ausschlieliches Geheimni von Kunstreitern, Seiltnzern und
sonstigen Angehrigen der luftigen Gilde ist. Aber der Beifallsruf verstummte,
als jetzt gegen Aller Erwarten eine unfrmlich dicke Gestalt, welche sich durch
eine weie Zipfelmtze, groe blaue Schrze, und vor allem durch eine
unfrmliche purpurrothe Nase als Bierwirth oder dergleichen darstellte, hinter
dem sich verbeugenden Knstler auf das Schaffot geklettert kam, ihm derb
zwischen die Ikarusflgel auf den Nacken schlug und ihm einen ellenlangen
Streifen Papier prsentirte, der unter diesen Umstnden kaum etwas Anderes als
eine unbezahlte Rechnung sein konnte.
    Der Knstler schien durch dieses unerwartete Hereinbrechen der derben
Realitt in die heitern Gefilde der Kunst in die bitterste Verlegenheit gesetzt
zu werden. Eine pantomimische Scene folgte, in welcher er durch hufiges
Achselzucken und vergebliches Zupfen an den Stellen seiner Tricots, wo bei
Beinkleidern, die in greren Dimensionen angelegt sind, die Taschen zu sitzen
pflegen, seine Zahlungsunfhigkeit betheuerte und durch Hnderingen und
flehentliche Geberden den plumpen Wirth zu christlicher Nachsicht ermahnte,
whrend dieser durch schreckliche Grimassen und wiederholtes Schlagen mit der
Faust in die Flche der Hand seine unerbittliche Hartherzigkeit genugsam an den
Tag legte.
    Das Publikum von Fichtenau und Umgegend, von dem ein nicht kleiner Theil die
Sache fr baaren Ernst nehmen mochte, sperrte Mund und Nase bei diesem seltsamen
Schauspiel auf. Aber die Spannung wurde noch erhht, als jetzt auf einen Wink
des rothnasigen Wirthes zwei schnurrbrtige Gesellen in blauen Fracks und
schwarzen dreieckigen Hten, in welchen Niemand den strafenden Arm der irdischen
Gerechtigkeit verkennen konnte, auf die Bhne geklettert kamen, unter
frchterlichem Gesichterschneiden und Gesticulationen den unglcklichen Knstler
ergriffen und ihm die zahlungsunfhigen Hnde auf den geflgelten Rcken banden.
    Und jetzt trat aus den Zweigen der Eiche, da wo das Seil um den mchtigen
Ast geschlungen war, die Gestalt eines lieblichen Genius hervor, mit einem Kranz
im Haar und in der Hand eine bunte Fahne.
    Bei dem Erscheinen des himmlischen Boten befiel die Diener der irdischen
Gerechtigkeit und den hartherzigen Wirth ein jher Schrecken. Sie lieen ihr
Opfer los und strzten unter allen Zeichen tiefster Zerknirschung in die Kniee,
whrend die fliegende Taube die Bande von den Hnden streifte und mit einer
Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, die seinem Namen und Ruf alle Ehre machte,
den schwanken Pfad, der zum Himmel fhrte, hinan zu laufen begann. - In der
Mitte angekommen, lie er sich vor der himmlischen Erscheinung, die ihm ohne
Aufhren mit der bunten Fahne Ermuthigung zuwinkte, auf ein Knie nieder,
richtete sich sodann wieder auf, drehte sich um und machte, der Erde und aller
Erdenfurcht entrckt, den zerknirschten Verfolgern eine Geste, welche unter der
Bezeichnung Jemandem einen Esel bohren, bekannt ist. Beifallsruf und Gelchter
begleiteten den humoristischen Knstler bis hinauf in den Himmel, wo er aus den
Hnden des Genius, der dann in den Zweigen verschwand, den Kranz auf das Haupt
gesetzt und die Fahne in die Hand gedrckt erhielt, und wieder hinab zu dem
Schaffot, wo ihn die bekehrten Hscher mit vielen Bcklingen empfingen, whrend
der reuige Wirth in einer edlen Wallung die lange Rechnung von einem Ende bis
zum andern durchri und so den Zuschauern die trstliche Gewiheit gab, da die
Freiheit der fliegenden Taube fr heute wenigstens nicht weiter gefhrdet sei.
    Die Vorstellung war zu Ende. Die Ansprache des Wirthes und zugleich
Directors der Gesellschaft, welcher jetzt als Epilogus allein auf dem Schaffot
geblieben war und dem hohen Adel und kunstsinnigen Publikum von Fichtenau und
Umgegend fr morgen eine noch viel glnzendere Vorstellung versprach, wurde mit
lautem Jubel aufgenommen und die Zuschauer entfernten sich langsam, whrend seit
einigen Minuten ein gelegentliches Klappern von Geldstcken auf Tellern an eine
Pflicht erinnerte, der nachzukommen einigen Undankbaren unnthig schien, und
anderen Dankbaren, zu ihrem grten Bedauern, unmglich war.
    Indessen waren bei weitem die meisten der Zahlungsfhigen ehrlich genug, den
klappernden Teller an sich herankommen zu lassen, und wen die Ehrlichkeit nicht
hielt, den bannte die Neugier, wie wohl der Genius aus der Eiche, den man bis
jetzt nur aus der Ferne erblickt hatte, in der Nhe aussehen mchte. Denn
Niemand Geringeres als der Bote Apollos sammelte fr die Bedrfnisse seiner
Shne auf Erden.
    Und der schlaue Director htte keine bessere Wahl treffen knnen. Der Genius
(man wute kaum, war es ein Mdchen oder ein Knabe) blickte aus so einzig
schnen braunen Augen so bescheiden bittend in die Gesichter, da sich die
Brsen mit den Herzen ffneten. Freundliche Worte begleiteten das Kind berall
hin, und einer und der andere behbige Spiebrger glaubte sich fr seinen
Groschen auch das Recht erworben zu haben, es in die braunen Wangen zu kneifen -
eine Liebkosung, die indessen jedesmal sehr ungndig von dem Genius aufgenommen
wurde.
    Der Kutscher hatte, sobald sich das Gedrnge hinreichend verlaufen, weiter
fahren wollen, aber Franz und Oswald, welche dem Schauspiel von Knstlers
Erdenwallen und Apotheose mit groem Interesse und hier und da herzlichem Lachen
gefolgt waren, befahlen ihm, halten zu bleiben, bis der behend durch die Menge
schlpfende Genius auch zu ihnen gekommen wre. Der Genius lie nicht lange auf
sich warten - ein Reisewagen, mit zwei Herren darin, wog mindestens ein Dutzend
Fichtenauer Spiebrger auf.
    Franz suchte in seiner Brse nach kleiner Mnze, als er durch einen lauten
Ausruf Oswalds erschreckt wurde.
    Was giebt's? fragte er, verwundert zu Oswald aufblickend, der im Wagen in
die Hhe gesprungen war.
    Oswald antwortete nicht, sondern war mit einem Satze aus dem Wagen auf dem
Boden und eilte auf den Genius zu, der, sobald er den jungen Mann erblickte, den
Teller sammt den Silber- und Kupfermnzen fallen lie und sich ihm in die Arme
strzte.
    Czika, bist Du es denn wirklich?
    Ja, Mann mit den blauen Augen! antwortete das Kind, noch an seinem Halse,
zrtlich und innig; dann aber, sich pltzlich gewaltsam losreiend und ngstlich
nach dem Wagen blickend:
    Kommst Du mit dem Andern?
    Nein, Czika! sagte Oswald, wohl wissend, da Oldenburg mit dem Andern
gemeint sei. - Bist Du denn allein?
    Nein; Mutter ist bei mir; Mutter verlt die Czika nicht. Komm, Herr, hilf
mir das Geld sammeln; und das Kind bckte sich nieder und suchte nach den im
Sande zerstreuten Mnzen.
    Oldenburgs Kind in einer Seiltnzerbande! murmelte Oswald, in der
Verwirrung, die sich seiner Seele bemchtigt hatte, mechanisch Czika's Bitte
Folge leistend und neben ihr auf den Knieen das umhergestreute Geld
zusammenraffend.
    Das kunstliebende Publikum von Fichtenau fand diese Begrung und Umarmung
eines scheinbar vornehmen fremden Herrn und eines Seiltnzerkindes merkwrdiger
als Alles, was es an diesem Abend gesehen hatte. Jung und Alt drngte sich in
dichtem und immer dichter werdendem Kreise heran und schien entschlossen, nicht
vom Platz zu weichen, als bis es eine Aufklrung dieser rthselhaften
Begebenheit erhalten htte.
    Franz, der vom Wagen aus die Scene mit angesehen hatte, war kaum weniger
verwundert gewesen, als die Andern. Im nchsten Augenblick indessen fielen ihm
die mysterisen Gerchte ein, die ber ein Zigeunerkind, welches der Baron
Oldenburg mehrere Wochen lang auf seiner Solitde beherbergt habe, bis es ihm
eines Tages wieder entlaufen sei, in der Gegend circulirt hatten; und mit jener
Schnelligkeit der Combination, welche guten Kpfen eigenthmlich ist, schlo er,
da Oswald, der jedenfalls bei seiner Intimitt mit dem Baron um das Geheimni
wute, in dem schnen Genius das Zigeunerkind erkannt habe. Sein nchster
Gedanke war, in Oswalds eigenem Interesse die wunderliche Scene abzukrzen und
die Sensation, welche dieselbe schon erregt hatte, mglichst zu vertuschen. Er
sprang also aus dem Wagen, eilte auf Oswald zu und sagte:
    Um Himmelswillen, Oswald, lassen Sie uns fort. Es ist ja ein Leichtes, zu
erfahren, wo die Leute wohnen; Sie knnen sie ja zu jeder andern Zeit aufsuchen.
    Oswald, welcher jetzt, nachdem sich das erste berwltigende Erstaunen, die
Czika unter solchen Verhltnissen wieder zu finden, bei ihm gelegt hatte, die
Wunderlichkeit der Situation wohl erkannte, fand Franz' Rath zu vernnftig, als
da er demselben nicht htte folgen sollen.
    Die Czika hatte ruhig, als wre nichts vorgefallen, ihr Sammelgeschft
wieder begonnen; ja, sie warf nicht einmal einen Blick auf Oswald, der jetzt,
von Franz beinahe gezogen, nach dem Wagen zurckschritt.
    Der Wagen rollte davon. Die Menge verlief sich um so schleuniger, als die
Khle des bereits stark dunkelnden Abends sie an die warme Suppe in der warmen
Stube zu Hause mahnte.

                                Viertes Capitel


Es war etwa eine Stunde spter. Der Abend war vollends herabgesunken. Die Berge
von Fichtenau hatten sich in den doppelt dichten Schleier der Nacht und des
Nebels gehllt; vom dunkeln Himmel blinkten zwischen treibenden Wolken hier und
da einzelne Sterne hervor. In den Straen des Stdtchens war es still geworden;
aus den Fenstern der niedrigen Huser schimmerten Lichter. Die Leute saen nach
dem frugalen Abendessen um das Ofenfeuer und erzhlten einander von den Wundern
der Strke, Geschicklichkeit und Gewandtheit, deren Zeuge sie drauen auf der
Finkenwiese gewesen waren, und von dem verrckten Herrn, der das hbsche
Zigeunerkind, whrend es mit dem Teller umherging, vor allen Leuten umarmt
hatte. - Die alte halbtaube Gromutter, die neben dem Ofen in ihrem Lehnstuhl
nickte und die Geschichte nur halb gehrt hatte, meinte: Ja, ja, Zigeuner sind
Kinder des Satans, das wei alle Welt. Mein Ur-Grovater selig hat noch ihrer
fnf mit verbrennen helfen auf der Finkenwiese.
    In der Grnen Mtze, einer Fuhrmannskneipe am Eingange in das Stdtchen,
nahe an der Finkenwiese, ging es heute Abend sehr lebhaft zu. Die grne Mtze
war das Hauptquartier der wandernden Seiltnzerbande und mithin in diesen Tagen
fr das Fichtenauer Publikum ein anziehender Punkt.
    Der lange Tisch in der tabaksraucherfllten Trinkstube konnte heute die Zahl
der Gste nicht fassen, obgleich sie sich eng genug auf den Bnken
zusammendrngten; besonders nach dem obersten Ende zu, wo die Knstler im vollen
Gefhl ihrer Bedeutung und im Hochgenu einer freien Zeche saen und tranken.
Der Director, Herr Caspar Schmenckel, prsidirte, wie sich's gebhrte. Er hatte
die Zipfelmtze abgesetzt und die groe blaue Schrze sammt den hineingestopften
Kissen bei Seite gethan, und erschien nun in der ebenso bequemen, wie eleganten
Tracht eines Herrn, der Rock und Weste ausgezogen hat und sich ber die
mangelhafte Reinlichkeit seiner Wsche im Bewutsein seines Knstlerruhmes und
seiner breiten gestickten Beinkleidertrger hinwegsetzt. - Eine grere
Vernderung hatte Herr John Cotterby aus Aegypten, der seinem Herrn und Meister
zur Rechten sa, mit seiner Toilette vornehmen mssen. Er trug jetzt einen
grauen kurzen Rock mit grnen Aufschlgen und sah, Alles in Allem, einem
hbschen Tyroler-Burschen, der er in Wirklichkeit war, hnlicher als einem Sohne
des geheimnivollen Landes, welches der Nil durchstrmt, wenn nicht der schmale
Messingreif, der noch immer seine dunkeln Locken zusammenhielt, und das
entsetzliche Deutsch, welches er hchst kunstreich radebrechte, seine mystische
Abstammung hinreichend documentirt htten. - Von den beiden andern Knstlern,
die weiter unten am Tisch saen, war der Eine ein bescheidener, stiller, langer
Mensch, der es mit seiner Kunst ernst nahm und stets darber grbelte, wie er in
seiner berhmten Production das tanzende Riesenfa߫ noch einen neuen Zug
anbringen knnte, der andere, der Clown der Gesellschaft, eine kugelrunde,
possirliche Person, die jedesmal, wenn sie mit einem der Gste anstie, eine
neue Fratze schnitt.
    Der Vorfall heute Abend auf der Finkenwiese zwischen dem Reisenden und der
Czika, ber welchen sehr eifrig debattirt wurde, war zu merkwrdig, als da ihn
Herr Schmenckel nicht in seiner Weise htte ausbeuten sollen. Nun war freilich
die Zigeunerin erst vor einigen Tagen, als er mit seiner Truppe durch die Berge
von Braunburg nach Fichtenau zog, ganz zufllig mit ihrem Kinde zu ihm gestoen,
und Herr Schmenckel wute von ihrer Vergangenheit so wenig wie irgend einer der
Anwesenden; aber um so freieres Spiel hatte seine Phantasie bei der Erfindung
eines Mrchens, das sich den neugierigen Gsten aufheften lie.
    Ja, Ihr Herren, sagte Director Schmenckel, das ist eine geheimnivolle
Geschichte, und ich mchte sie wohl erzhlen, wenn selbige nicht gar so sehr
unglaublich wre.
    Erzhlen Sie, erzhlen Sie, Herr Director, schrie ein halbes Dutzend
Stimmen.
    Ein neues Seidel fr den Herrn Director, ein anderes halbes Dutzend.
    Darf ich erzhlen, Cotterby? fragte Herr Schmenckel.
    Fiderunkankinsavalilaloramei, antwortete der Aegypter, der keine Ahnung
hatte, wozu sein Herr und Meister die erbetene Erlaubni haben wollte.
    Danke, Cotterby, sagte Herr Schmenckel; meine Herren! Ihr Wohl! - also wie
ich die Bekanntschaft von Madame Xenobi, oder Kussuk Arnem, wie sie eigentlich
heit, gemacht habe. Aber die Geschichte ist fast unglaublich und spielt in
gewisse Regionen hinein, die mich zwingen, nur in allgemeinen Andeutungen -
    O, das thut nichts! - Erzhlen Sie nur! riefen die Zuhrer, noch nher
zusammenrckend.
    Na, so hren Sie denn! - Kurze Zeit, nachdem ich Herrn Cotterby in Aegypten
fr meine Gesellschaft gewonnen, gab ich einige Vorstellungen in Konstantinopel
auf dem Platze vor dem Palast des Sultans, der sich ganz ungemein fr unsere
Kunst interessirte und uns die Erlaubni gegeben hatte, das Seil an der obersten
Zinne des Palastes, auf dem flachen Dache selbst, zu befestigen. Nun mssen Sie
wissen, da in dem obersten Stockwerk dieses Palastes die Frauen des Sultans
wohnen, weshalb man denselben auch Harem nennt. Ich hatte immer gewaltiges
Verlangen danach gehabt, einmal in einen solchen Harem, der sonst fr Alle
streng verschlossen ist, zu gelangen; und nun erst recht, nachdem mir Cotterby
gesagt hatte, da, wenn er an dem obersten Stock vorbeikme, ihn immer die
schnsten schwarzen Augen durch die Ritzen der Bretter, mit denen die Fenster
des Harems vernagelt sind, anblitzten. - Was thue ich also? Ich sage zu
Cotterby: Cotterby, sage ich, Sie knnen ja Alles, was Sie wollen. Wie wr's,
wenn Sie mich morgen in die Karre nhmen und oben auf dem Dache absetzten? Ich
mu einmal sehen, wie's da oben aussieht. Sie knnen mich morgen ja wieder auf
demselben Wege zurckbringen. Wollen Sie? - Warum nicht? sagt Cotterby, wenn ich
Ihnen damit einen Gefallen thun kann. - Am nchsten Tage stecke ich mich in die
Karre; Cotterby karrt mich auf das Dach, stlpt die Karre um, und, da bin ich
denn oben auf dem Dach, ganz allein, denn Cotterby war, um kein Aufsehen zu
erregen, sogleich wieder umgekehrt. - Nun mgen Sie mir glauben oder nicht,
meine Herren; aber ich versichere Sie, da mir in dieser Situation doch etwas
wunderlich zu Muthe war. Wie leicht konnte aus den Dachluken der schwarze Kopf
eines Wchters auftauchen - und dann wre es um mein Leben geschehen gewesen.
Indessen ich sa nun einmal in der Falle. Als ich noch so berlege, was ich nun
beginnen soll, hre ich mit einem Male Sbelrasseln und Sporenklirren auf der
Treppe, die zu dem Dache fhrt. Es war der Sultan selbst, der Herrn Cotterby von
oben herab bewundern wollte. Ich, in meiner Herzensangst, laufe nach dem
nchsten Schornstein, der aus dem Dach herausragt, krieche hinein und plumps! -
zum Besinnen war keine Zeit - so eine zwanzig Fu heruntergerutscht und wohin
glauben die Herren? direct in den Kamin von der Schlafstube der Favoritin des
Sultans. - Hier mu ich indessen die geehrten Herren um Verzeihung bitten, wenn
ich, um die Ehre einer Dame nicht zu compromittiren, nur andeutungsweise so viel
sage, da die nchsten vierundzwanzig Stunden zu den schnsten gehren, die ich
in meinem Leben gehabt habe, da ich am folgenden Tage von Herrn Cotterby, der
etwas der Art geahnt haben mute und eine noch grere Karre wie gewhnlich
mitgebracht hatte, auf die angegebene Weise abgeholt wurde, - da wir noch in
derselben Nacht Konstantinopel verlieen und seit dieser Nacht meine
Gesellschaft um eine vorzgliche Knstlerin reicher und der Palast des Sultans
um seine schnste Blume rmer war.
    Herr Schmenckel sah sich triumphirend um. Er konnte mit dem Eindrucke, den
seine Geschichte auf die in athemloser Spannung Horchenden hervorbrachte,
zufrieden sein. - In diesem Augenblick kam die Dame, welche an der Kasse zu
sitzen pflegte und berhaupt die inneren Angelegenheiten der Gesellschaft
verwaltete, eilig in die Trinkstube gerannt und flsterte Herrn Director
Schmenckel etwas in's Ohr, wovon die Gesellschaft nur die Worte: braunes Weib -
fortgelaufen - verstehen konnte. Des Directors Gesicht verfinsterte sich
zusehendes. Er murmelte etwas von Teufel und Dreinschlagen und verlie den
Tisch, ohne auch nur sein Seidel auszutrinken.
    Die Nachricht aber, welche dem Director eben geworden, bestand in nichts
Geringerem, als darin, da die Zigeunerin sammt ihrem Kinde in ihrer Kammer, im
ganzen Hause nicht zu finden sei. Mamsell Adele hatte diese Entdeckung gemacht,
als sie die Beiden aus ihrer Kammer zum gemeinschaftlichen Mahle der Frauen der
Gesellschaft, welches in einer anderen Kammer servirt war, holen wollte. Fr
Herrn Schmenckel war diese Nachricht ein Blitz aus heiterm Himmel. Die Flucht
der Zigeunerin und ihres Kindes war ihm, was einem Menageriebesitzer der Tod
seiner besten Lwin sammt ihren Jungen ist. Er verlor in den Beiden ein Kapital,
das er fr so gut wie nichts erworben und welches doch die reichsten Zinsen zu
bringen versprach - den Schmuck, die Zierde, den Glanz, die Poesie seiner
Gesellschaft. Selbst Herr John Cotterby aus Aegypten wre leichter zu ersetzen
gewesen als ein Genius mit so schnen Augen, mit so freundlich-ernstem Lcheln,
das den filzigsten Spiebrger in einen leichtsinnigen Verschwender umwandelte.
Herr Schmenckel gerieth in einen ganz unglaublichen Zorn, dessen erster Ausbruch
sich natrlich gegen die Ueberbringerin der Hiobspost wendete, um so mehr, als
Herr Schmenckel das eiferschtige Temperament dieser Dame aus langjhrigem,
vertrautem Umgang hinreichend kannte. Er beschuldigte sie in beleidigenden
Ausdrcken, die Zigeunerin durch ihre Intriguen zur Flucht gezwungen zu haben. -
Mamsell Adele antwortete in einem Tone, der ihre innere Erregung nur zu deutlich
verrieth. Herr Schmenckel konnte, wenn er getrunken hatte, Widerspruch nur
schwer vertragen, und Mamsell Adele fhlte kaum die schwere Hand des Meisters
auf ihrer Wange, als sie so laut und schrill zu zetern begann, da die Trinker
drinnen von ihren Bierglsern in die Hhe fuhren und nach der Thr eilten, in
der Meinung, es sei auf dem Flur ein Unglck geschehen.
    Der Anblick so vieler ungebetener und unerwnschter Zeugen brachte den um
die Ehre seiner Gesellschaft besorgten Director einigermaen wieder zu sich und
die Dame, welche ihre Ehre vor so vielen Mnnern compromittirt sah, vollends
auer sich. Vorher hatte sie gedroht, den Director ihre Ngel fhlen zu lassen,
jetzt fgte sie der Drohung die That hinzu.
    Das Staunen des kunstsinnigen Publikums von Fichtenau, den gefeierten
Knstler, den Helden so vieler Abenteuer in solcher Noth und Bedrngni zu
sehen, war auerordentlich. Einige wollten Frieden stiften, Andere lachten und
hetzten, wieder Andere (Mnner in blauen Blousen und Gamaschen, die regelmig
mit Ro und Wagen in der Grnen Mtze einkehrten und die
Seiltnzerwirthschaft, die sie in ihrem gewhnlichen Comfort strte, mit
mignstigem Auge betrachteten) sprachen laut von Lumpenpack und Hinauswerfen,
was denn wieder von den Kunstenthusiasten uerst miliebig aufgenommen wurde.
Zornige Gesichter, drohend erhobene Arme; schimpfende Stimmen hinber und
herber; endlich ein Gewirr, in welchem selbst der Wirth der Grnen Mtze,
der, die kurze Pfeife im Munde, in der Kchenthr lehnte, nichts Einzelnes mehr
zu unterscheiden vermochte.

                                Fnftes Capitel


Oswald hatte, nachdem er mit Franz in dem eleganten Curhause von Fichtenau
gastliche Aufnahme gefunden, dem Verlangen, die kleine Czika noch heute Abend
aufzusuchen, nicht widerstehen knnen. Er hoffte von der braunen Grfin zu
erfahren, wie sie in diese wunderliche Gesellschaft gerathen sei, und zugleich
sie zu bereden, entweder zu Oldenburg zurckzukehren, oder ihm doch wenigstens
das Kind zu berlassen. Er glaubte durch odysseische Klugheit bewirken zu
knnen, was der achilleischen Heftigkeit des Barons unmglich gewesen war, um so
mehr, als die braune Grfin ihm wohlzuwollen schien und die kleine Czika
offenbar zu ihm greres Vertrauen hatte, als zu dem Andern, der ihr Vater
war. Ueberdies fhlte er eine persnliche Zuneigung zu dem schnen Kinde und der
Zigeunerin, die ihm an jenem verhngnivollen Nachmittage, als er sich auf dem
Wege zu Melitta im Walde verirrte, zuerst begegnet waren und so gleichsam sein
Verhltni zu Melitta vermittelt hatten. Hernach waren sie wieder auf so
seltsame Weise in seine Bekanntschaft mit Oldenburg verflochten worden. Und dann
war es noch ein anderes Gefhl, das Oswald zu raschem Handeln trieb. Die
Dankbarkeit, zu welcher ihn Oldenburg's ritterliche Hlfe bei Bruno's Tod und in
dem Duell mit Felix verpflichtet hatte, drckte ihn. Er mochte einem Manne nicht
verpflichtet sein, gegen den er von vornherein eine fast instinctive Abneigung
empfunden, den er hernach whrend seiner Liebe zu Melitta als seinen Nebenbuhler
gefrchtet hatte; einem Manne, dessen khne Kraft seinem schwankenden Geiste, so
sehr er sich dagegen strubte, gewaltig imponirte, und den er dennoch - der
Himmel wei, mit welchem Recht! - der Charakterlosigkeit und Zweideutigkeit des
Betragens zieh; ja, von dem er, wenn Oldenburg und Melitta's Verhltni dem
Bilde entsprach, welches die Barnewitz und andere Geberdenspher und
Geschichtentrger davon entwarfen - whrend der ganzen Zeit auf die
demthigendste Weise dpirt worden war. Gelang es ihm jetzt, diesem befreundeten
Feinde einen groen Dienst zu leisten, ihm sein Kind, welches er schon verloren
gegeben hatte, wieder zuzufhren - so war die drckende Schuld der Dankbarkeit
abgetragen, so war die Rechnung quitt, und Oswald Stein brauchte vor dem Baron
Oldenburg nicht die Augen beschmt niederzuschlagen!
    Diese Gedanken und Empfindungen erfllten Oswald's Seele, whrend er in
Begleitung des Hausknechtes aus dem Curhause durch die stillen Straen des
Stdtchens nach der Grnen Mtze schritt, die ihm von Franz als das
Hauptquartier der Seiltnzer bezeichnet worden war. Franz selbst war im Curhause
zurckgeblieben, da er zu discret war, sich in ein Geheimni zu drngen, welches
man vor ihm verbergen zu wollen schien. Oswald hatte nmlich, als er ihm lachend
erzhlte, wie er es angefangen habe, den Leuten die wunderliche Scene mit dem
Seiltnzerkinde zu erklren, ein Schweigen beobachtet, das Franz kaum anders
auslegen konnte, als: sein Gefhrte wolle oder drfe ber diese Angelegenheit
sich nicht weiter auslassen. Er hatte deshalb, als Oswald bemerkte, es sei heute
Abend wohl schon zu spt geworden, um Berger noch aufzusuchen, blos: ich glaube
auch! geantwortet und Oswald seine Begleitung nicht angeboten, als dieser,
nachdem er eine Viertelstunde lang schweigend in dem Zimmer auf- und abgegangen
war, erklrte, noch eine Promenade in der Abendkhle machen zu wollen. Franz
fgte sich in die Launen seines launenhaften Gefhrten um so leichter, als er in
diesem Augenblicke mit seinen eigenen Angelegenheiten beschftigt war. Er hatte
gehofft, in Fichtenau einen Brief seiner Braut vorzufinden, sich aber in seiner
Erwartung getuscht gesehen. Das Ausbleiben des Briefes erfllte ihn mit einiger
Sorge, um so mehr, als Sophie sonst sehr pnktlich zu schreiben pflegte und
ihren Ankunft in Fichtenau sich berdies schon um einige Tage versptet hatte.
Er trstete sich mit der Hoffnung, da die letzte Post, welche, wie man ihm
sagte, jeden Augenblick eintreffen msse, den sehnlichst erwarteten Brief
bringen wrde.
    Unterdessen erreichte Oswald das gastliche Dach der Grnen Mtze gerade in
dem Augenblicke, als es einen Theil des krausen Inhaltes, welchen es heute Abend
beherbergte, durch die offene Hausthr auf die Strae entsandte, wo der
Massenkampf, der bis dahin auf dem Flur gewthet, sich in einzelne Gruppen
aufzulsen begann, die, den Trmmern eines umhergestreuten Scheiterhaufens
gleich, noch fr einen Moment um so heller aufflackerten, um im nchsten aus
Mangel an Nahrung zu verlschen. Der Frieden wurde um so leichter hergestellt,
als eigentlich Niemand so recht wute, weshalb man sich berhaupt mit solcher
Wuth befehdet, und es fr nichts und wieder nichts gerade genug blaue Augen und
rothe Striemen gegeben hatte. Freilich war die Aufregung noch immer gro und der
Lrm noch immer laut genug, aber es war das nur die Brandung des Meeres nach dem
Sturm - hohe Wellen, deren beste Kraft schon gebrochen ist. Man fluchte und
schimpfte, man drohte und prahlte - aber man setzte sich wieder und ertrnkte
den Rest der Feindseligkeiten in Bier.
    Die Sorge um Czika hatte bei Oswald den Widerwillen, den ihm unter anderen
Umstnden diese wsten Scenen eingeflt htten, kaum aufkommen lassen;
glcklicherweise sah er weder sie noch Xenobi in diesem Wirrwarr, aber schon der
Gedanke, da die Beiden in ein solches Pandmonium geschleudert seien, war ihm
entsetzlich und befestigte in ihm den Entschlu, sie, es koste, was es wolle,
daraus zu erlsen. Er drngte sich durch die Streitenden und Scheltenden, die
seiner gar nicht achteten, hindurch, sich bei Diesem, bei Jenem nach der Ursache
des Streites und nach der Zigeunerin und ihrem Kinde erkundigend. Niemand hatte
Zeit oder Lust, ihm Rede zu stehen, bis er sich endlich zufllig an einen jungen
Menschen wandte, der etwas weniger wst als die brige Gesellschaft aussah, und
der ihm erzhlte: es seien ein Paar von der Seiltnzerbande davongelaufen - eine
Zigeunerin mit ihrem Kinde - und darber sei die Schlgerei entstanden.
Uebrigens sei der Mann dort, der sich eben das Blut aus dem Gesicht wische und
so lebhaft gesticulire, der Director der Truppe und an den mge sich der Herr
nur wenden, wenn er noch mehr wissen wolle.
    Oswald athmete bei diesen Worten des jungen Menschen hoch auf. Xenobi und
Czika waren fort, gleichviel wohin, wenn sie nur aus dieser Hlle erlst waren.
Er berlegte einen Augenblick, ob es nicht gerathener sei, umzukehren, ohne sich
mit den Seiltnzern weiter einzulassen; aber das Verlangen, mehr zu erfahren -
vielleicht den Ort, wohin sich Xenobi mglicherweise gewendet haben knnte,
berwand diese Bedenken und er trat auf die Person zu, welche ihm als der Chef
der Gesellschaft bezeichnet war.
    Herr Director Schmenckel besa, sobald sich nur der erste Sturm der
Leidenschaft gelegt hatte, in einem hohen Grade jene philosophische Resignation,
welche sich in das Unvermeidliche mit Wrde schickt und zu einem schlechten
Spiel mglichst gute Miene macht. Da die Zigeunerin einmal weg war, so konnte er
sich durch Lamentiren darber nur noch lcherlich machen, und einem edlen
Charakter ziemt es, zu vergessen und zu vergeben. Er that deshalb, als ob nichts
geschehen sei, was er nicht schon lngst erwartet htte. Undankbarkeit ist der
Welt Lohn. - Wie gewonnen, so zerronnen. - Heute mir, morgen dir! - Lassen's uns
wieder niedersitzen, Ihr Herren - Director Schmenckel lt sich durch so etwas
nicht aus der Fassung bringen - wir haben noch andere Mittel, ein
hochgeschtztes Publikum zu unterhalten, und Sie sollen sehen, da die
Vorstellung, die ich morgen mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung - was beliebt
dem Herrn? wnschen mich zu sprechen? steh' zu Diensten - ein Director mu immer
auf dem Platze sein - und Herr Schmenckel folgte Oswald, der ihn um eine
Unterredung gebeten hatte, um so lieber, als die Erscheinung eines elegant
gekleideten Herrn, welcher es nicht verschmhte, Herrn Schmenckel in der Grnen
Mtze aufzusuchen, ein Umstand war, der nicht verfehlen konnte, einiges Aufsehen
zu erregen.
    Was befehlen Euer Gnaden, fragte Herr Schmenckel, als sie drauen waren.
    Ich wollte Sie bitten, mir womglich ber die Zigeunerin, die, wie ich hre,
sich erst heute Abend von Ihrer Gesellschaft entfernt hat, einige Auskunft zu
geben, erwiderte Oswald.
    Herr Schmenckel stutzte; die Frage kam ihm verdchtig vor; er warf bei dem
trben Licht der Laterne vor dem Hause einen prfenden Blick in Oswalds Gesicht
und erkannte den Herrn, der die Czika umarmt hatte. Herr Schmenckel wute nicht
recht, was er von dem Interesse, welches der fremde junge Herr an dem hbschen
Zigeunerkinde nahm, denken sollte.
    Hm, sagte er, um Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen, weshalb wollen Euer
Gnaden das wissen?
    Das kann Ihnen gleich sein, antwortete Oswald; genug, wenn ich die Auskunft,
die ich wnsche, nicht umsonst haben will; und er drckte Herrn Schmenckel einen
Thaler in die Hand.
    Danke, Euer Gnaden, erwiderte Herr Schmenckel, Geld ist unter allen
Umstnden eine angenehme Sache, indessen mcht' ich doch gern -
    Aber ich begreife nicht, wehalb Sie Anstand nehmen, mir das Wenige, was Sie
von der Frau wissen, mitzutheilen.
    Hm, sagte Herr Schmenckel; vielleicht ist das, was ich wei, so wenig nicht.
Wenn man Jemand dreizehn Jahre lang in seiner Gesellschaft gehabt hat -
    Aber ich habe ja die Zigeunerin erst in diesem Sommer auf - gleich viel!
aber weit von hier, und allein getroffen.
    Wohl mglich, sagte der schlaue Director; es ist heute Abend nicht das erste
Mal, da mir die Xenobi weggelaufen ist, aber sie ist noch jedesmal
wiedergekommen.
    Seit dreizehn Jahren! sagte Oswald, dem dieses Mhrchen durchaus glaublich
schien; wie alt war denn das Kind, als sie zu Ihnen kam?
    Wie alt? fragte Herr Schmenckel; ei! Euer Gnaden, als sie zu mir kam, hatte
sie kein Kind - das mu ich am besten wissen.
    Sie? sagte Oswald und ein Schauder berlief ihn, Sie?
    Nun wehalb ich nicht, Euer Gnaden? Schau ich Euer Gnaden aus, als ob sich
ein hbsches junges Ding nicht in mich verlieben knnte, das noch dazu bei mir
in Lohn und Brot stand? Ich sage Euer Gnaden, ich hab' noch ganz andere
Eroberungen in meinem Leben gemacht. Sind Euer Gnaden je in Petersburg gewesen.
Da ist die Frstin - aber freilich, ich darf ber diese Dame nicht so sprechen,
wie -
    Mit einem Worte, sagte Oswald, sich gewaltsam zusammenraffend: so ist die
Czika Ihr Kind?
    Beschwren will ich's nicht, sagte Herr Schmenckel lchelnd; aber da es
mein's sein knnte und ich es immer als mein's angesehen habe, das kann ich
beschwren, Euer Gnaden.
    Und Sie glauben, da die Zigeunerin sich wieder einstellen wird?
    O, darauf knnen sich Euer Gnaden verlassen; sie hat es nirgends so gut wie
bei mir.
    Aber warum entfernt sie sich denn so oft von Ihnen?
    Ja schaun's Ihr Gnaden! Die Weiber sind ein wunderliches Volk; sagte Herr
Schmenckel; und je besser man es mit ihnen meint, desto sicherer kann man sein,
da sie uns ein X fr ein U machen. Treu und Glauben ist bei ihnen nicht zu
finden und besonders die Zigeunerinnen -
    Es ist gut, sagte Oswald, den der Ekel berwltigte; ich spreche mit Ihnen
ein ander Mal weiter darber.
    Und er entfernte sich eilig.
    Herr Director Schmenckel sah ihm einige Augenblicke nach und kam zu der
Ueberzeugung, da es mit dem feinen jungen Herrn offenbar nicht ganz richtig
sei. Er schttelte den Kopf, steckte den Thaler, den er noch in der Hand hielt,
in die Tasche, und verfgte sich in die Trinkstube zurck, wo mittlerweile der
Friede wieder so vollstndig hergestellt war, da sich smmtliche Anwesenden zur
gemeinschaftlichen unisonen Absingung des beliebten Volksliedes: Blau blht ein
Blmelein vereinigen konnten.
    Whrend Oswald diese so bedenklichen Mittheilungen ber die arme Czika
entgegennahm, erwartete Franz seine Rckkehr mit der grten Ungeduld. Die Post
hatte wirklich den sehnlichst herbeigewnschten Brief seiner Braut gebracht und
dieser Brief die unbestimmte Furcht, mit der er sich in diesen letzten Tagen
getragen, nur zu sehr besttigt. Sophie schrieb mit einer Hand, welche die Angst
beinahe unleserlich gemacht hatte, da ihr Vater von einem Schlaganfall
betroffen worden sei, der die Aerzte das Schlimmste befrchten lasse. Der Vater
sei noch in diesem Augenblick (mehrere Stunden nach dem in der Nacht
eingetretenen Anfall) sprachlos und unfhig sich zu bewegen. Wenn noch Rettung
fr ihren Vater sei, so knne die Hlfe nur von dem kommen, zu dem ihr Vertrauen
eben so gro sei, wie ihre Liebe.
    Franz' Entschlu war sofort gefat; er bestellte, da der Kutscher, mit dem
er gekommen war, nicht weiter fahren zu knnen erklrte, Extrapost, um die
nchste Station der Eisenbahn womglich noch in derselben Nacht zu erreichen.
Seine holde se Braut in so bittrer Noth und Bedrngni - wachend und weinend
an dem Krankenbette, vielleicht an dem Sarge ihres Vaters - und er, ihr Trost
und ihre Hoffnung, ber achtzig Meilen entfernt - es war ein Gedanke, der auch
ein so festes Herz, wie das seine, um die gewhnliche Ruhe bringen konnte. Der
Boden brannte ihm unter den Fen. Die paar Minuten, bis der Wagen aus der Post
herbeigeschafft wurde, erschienen ihm eine Ewigkeit.
    Da kam der Wagen und mit ihm Oswald. Franz theilte ihm die so eben erhaltene
Nachricht mit, sowie seinen Entschlu, sofort abzureisen. Er bat den Freund mit
fliegenden Worten, nicht lnger in Fichtenau zu verweilen, als es unumgnglich
nothwendig sei, und vor allem den Termin, zu welchem man ihn in Grnwald am
Gymnasium erwartete, inne zu halten. Oswald war durch die mancherlei
wunderlichen Abenteuer der letzten Stunden so gleichsam auf alles
Auerordentliche vorbereitet, da er die Mittheilung mit einer Art von
Gleichgltigkeit entgegennahm. Er versprach indessen, was Franz von ihm
verlangte, whrend er ihn zum Wagen begleitete.
    Wissen Sie was, Oswald, sagte Franz, schon im Wagen; kommen Sie mit mir! Sie
werden diese Zumuthung sonderbar finden, aber das Sonderbarste ist oft das
Vernnftigste.
    Es geht nicht, Franz, sagte Oswald; ich kann nicht wieder abreisen, ohne
Berger auch nur gesehen zu haben, und berdies -
    Ich wei Alles, was Sie mir sagen knnen, erwiderte Franz, und offen
gestanden, habe ich eigentliche Grnde fr meine Zumuthung gar nicht; nur ein
Gefhl, als ob ich Sie nicht allein hier lassen drfe, als ob die Luft hier
herum fr Sie mit Unheil angefllt sei. Kommen Sie mit mir, Oswald!
    Ich will Ihnen sobald als mglich folgen.
    Dann leben Sie wohl! Fort, Schwager!
    Franz drckte noch einmal Oswald's Hand. Der Wagen rollte eilends ber das
holprige Pflaster des Stdtchens davon.
    Schade, da der Herr so bald wieder fort mute, sagte Louis, der Oberkellner
des Curhauses, der mit der Serviette unter dem Arm und der Feder hinter dem
Ohr neben Oswald stand. Ein charmanter Herr! - Wollen der Herr Doctor jetzt
soupiren? Der Herr Doctor finden noch charmante Gesellschaft im Speisesaale.
    Oswald ging in das Haus zurck. Htte Franz in diesem Augenblick noch einmal
seine Aufforderung wiederholt, Oswald wrde sich nicht lnger geweigert haben,
ihm zu folgen. Seitdem ihn Franz verlassen, war es ihm, als ob sein guter Engel
von ihm gewichen und die Luft in Fichtenau fr ihn mit Unglck angefllt sei.

                                Sechstes Capitel


Am nchsten Tage erwachte Oswald spt aus einem durch wunderliche unheimliche
Trume vielfach gestrten, unerquicklichen Schlaf. Der Vormittag verging, ohne
da er sich htte entschlieen knnen, den schweren Gang zu Doctor Birkenhains
Anstalt anzutreten; er verschob den Besuch bis auf den Nachmittag und redete
sich ein, er werde dann in besserer Stimmung und besser vorbereitet sein, Berger
unter die Augen zu treten. -
    Er ging am Mittag zur Table d'hte hinab, die trotz der vorgerckten
Jahreszeit noch zahlreich von Vergngungsreisenden und Curgsten besucht war,
und mute, whrend er still hinter seiner Falsche sa, dem Gesprche einiger
junger Handlungsbeflissenen zuhren, das sich ber tausend Gegenstnde erging,
unter anderm auch ber die Flucht der Zigeunerin mit ihrem Kinde und ber den
Skandal, welcher in Folge dessen den Frieden der Grnen Mtze und die nchtliche
Ruhe eines nicht unbetrchtlichen Theils des Stdtchens gestrt htte. Einige
der jungen Herren, die gestern der Vorstellung auf der Finkenwiese beigewohnt
hatten, rhmten gegen die heute erst angekommenen Collegen die Schnheit der
Zigeunerin und bedauerten lebhaft das pltzliche Verschwinden einer so famosen
Person. Auch die Kleine sei ein famoses Ding gewesen, mit ganz famosen Augen.
Ein verrckter Englnder, der des Weges gekommen, habe sich sofort in sie
verliebt und es sei die allergrte Wahrscheinlichkeit, da besagter Englnder,
von dem man hernach weder etwas gehrt noch gesehen, die Zigeunerin entfhrt
habe.
    Ueber das Schicksal Xenobi's und der Czika nicht eben beruhigt, verlie
Oswald den Tisch, um sich wieder auf sein Zimmer zu begeben. Er war natrlich
jetzt noch weniger als vorher in der Stimmung, Berger aufzusuchen, und es
kostete ihn nicht geringe Ueberwindung, endlich dem Kellner zu klingeln und den
sofort erscheinenden ber den Weg nach Doctor Birkenhains Anstalt zu befragen.
    Doctor Birkenhains Anstalt, mein Herr? ganz in der Nhe, mein Herr! der
bequemste Weg fhrt durch unsern Garten auf die Hhe, dann immer links auf der
Hhe am Flu entlang fort, bis Sie an ein groes Haus kommen. Das ist Doctor
Birkenhains Anstalt, mein Herr! Haben vielleicht einen Verwandten oben? Kommen
oft Herrschaften zu uns, Verwandte bei Doctor Birkenhain zu besuchen. Erst in
diesem Sommer war eine Dame mehre Monate bei uns, auch aus Ihrer Gegend. Sehr
schne Dame, kennen der Herr vielleicht - eine Frau von Berkow mit ihrem Bruder,
einem Baron von Oldenburg - sehr langer Herr mit einem schwarzen Bart -
    Ist Baron Oldenburg ein Bruder der Dame? fragte Oswald nicht ohne einiges
Widerstreben.
    Ei ja wohl, mein Herr! Die Herrschaften waren ja fast zwei Wochen lang
zusammen hier. Aber der Herr Bruder muten fort, bevor der Herr von Berkow starb
- hartes Schicksal fr eine schne junge Frau. Werden der Herr zum Souper zurck
sein? Nein? aber doch die Nacht bei uns verweilen? dachte mir gleich! Sonst
nichts zu befehlen? - wie lange Sie gehen? o, hchstens zehn Minuten, werde den
Herrn selbst bis auf den Weg bringen.
    Oswald wanderte, nachdem der geschwtzige Kellner ihn verlassen, auf dem
Pfade, der an der Abdachung des langgestreckten Hgels allmlig hher fhrte,
dahin. Links unter ihm pltscherte, von hohen Bumen berwlbt, die Fichte, ein
klares, forellenreiches Bergwasser, von dem das Stdtchen seinen Namen hat. Hier
und da blickte es freundlich zwischen den Bumen hervor, um alsbald wieder zu
verschwinden, wie ein neckisches spielendes Kind. An einer Stelle hatte man den
Flchtling angehalten und ihn gezwungen, die Rder einer Mhle zu treiben. Das
mochte dem Wildfang schlecht gefallen. Er strzte sich wie im Zorn durch die
enge hlzerne Rinne, rttelte und schttelte aus Leibeskrften an den Schaufeln,
und strzte dann zischend und kochend in rgerlichem Ungestm davon.
    Oswald setzte sich der Mhle gegenber auf das niedrige Gelnder des Weges
und schaute lange in das Wasser hinab, wie es broddelte und schumte, Wirbel in
Wirbel drehend, Welle durch Welle verdrngend. Er dachte an Melitta, wie oft sie
wohl diesen Weg am Arm ihres Bruders zurckgelegt und an dieser Stelle, deren
malerische Schnheit ihrem Blick gewi nicht entgangen war, verweilt haben
mochte.
    Er fhlte sich zum Sterben traurig. Seine Gefhle kochten durcheinander wie
die Wasser zu seinen Fen, seine Gedanken wirbelten und kreisten, wie die
Schaumblasen auf den Wellen. War denn der Ha nicht so blind, wie die Liebe? gab
es denn ein Recht und ein Unrecht? Die Welt sollte ein Kosmos sein? ja, fr den,
dessen Blick nur immer auf der glatten Oberflche des Flusses weilt, da wo er
zwischen schattigen Bumen ber ebenen Boden lustig dahinstrmt; aber auch fr
den, der in seine Tiefe dringt, wo alles chaotisch durcheinander braust und
rauscht? Auf, auf! zu ihm, dem Mann der Schmerzen! er hat in des Lebens Tiefe
geblickt; er soll mir sagen, was er da erschaute, welche Larven und Gespenster,
da er voll Schauder und Grausen das edle Antlitz verhllte!
    Oswald sprang wieder auf und ging den Weg, der jetzt immer steiler wurde,
hinauf, bis er an ein groes Gebude kam, das, etwas von der Strae entfernt,
auf einer migen Anhhe zwischen Grten und Nebengebuden gelegen und von einer
hohen Mauer auf allen Seiten umgeben, fr die Wohnung eines Privatmannes zu
schloartig und fr ein Schlo zu gefngnimig aussah. Es war Doctor
Birkenhains Anstalt.
    Nicht ohne Herzklopfen klingelte Oswald an der verschlossenen eisernen
Gitterthr. In dem Pfrtnerhuschen ffnete sich ein Fenster; der Pfrtner
schaute heraus und fragte nach seinem Begehr.
    Oswald wnschte Doctor Birkenhain zu sprechen.
    Sind Sie schon gemeldet?
    Ja.
    Ihr Name?
    Oswald nannte seinen Namen.
    Der Mann blickte auf eine Tafel, welche die Namen der Angemeldeten enthalten
mochte; dann steckte er den Kopf wieder zum Fensterchen heraus:
    Nur gerade ber den Hof nach der Hauptthr; dort noch einmal zu klingeln.
    Die Thr that sich auf und schlo sich wieder hinter dem Eingetretenen.
Oswald ging ber den gerumigen, mit Kies bestreuten, hier und da mit Bschen
und Bumen bepflanzten Vorhof dem Hause zu. Auf einer Bank unter einem dieser
Bume sa in einer Gruppe von mehreren Personen ein junger, sehr wohlgekleideter
Mann. Als Oswald an ihm vorberschritt, erhob sich der junge Mann, trat auf ihn
zu und sagte, indem er mit einer hflichen Verbeugung den Hut zog:
    Ich habe gewi die Ehre, mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen?
    Als Oswald diese wunderliche Frage verneinte, schttelte der junge Mann
traurig den Kopf und sagte, indem er Oswald mit einem leeren Blick ansah:
    Es ist merkwrdig; der Kaiser hatte es mir doch so fest versprochen, mich
noch in diesem Sommer abzuholen, und der Sommer geht zu Ende und der Kaiser
kommt nicht; ich werde wohl bis nchsten Sommer warten mssen. Dann aber kommt
er ganz gewi. Meinen Sie nicht auch?
    Ich zweifle keinen Augenblick daran, erwiderte Oswald.
    Ein schwacher Strahl von Freude zuckte ber das blasse Gesicht des
Unglcklichen. Er verbeugte sich abermals, setzte seinen Hut wieder auf und
schritt zu seinem Platze auf der Bank zurck.
    Oswald gelangte zu der Hauptthr, klingelte und wurde von einem Diener,
welcher ffnete und nach seinem Namen fragte, in ein Zimmer gefhrt, mit der
Anweisung, ein wenig warten zu wollen, Doctor Birkenhain wrde alsbald
erscheinen.
    Es war ein hohes, schnes Gemach; ausgezeichnete Oelgemlde schmckten die
Wnde; zwischendurch antike Kpfe und Bsten auf Consolen: der Apoll von
Belvedere, der Zeus von Otricoli, die Ludovisische Juno; auf Tischen mitten in
dem Zimmer Bcher und Kupferwerke - Alles athmete den heitern Genu des Daseins;
nichts erinnerte daran, da man sich in einem Hause der Krankheit und des Todes
befinde.
    Nach einigen Minuten trat Doctor Birkenhain herein.
    Oswald hatte sich natrlich von diesem Manne, der in der letzten Zeit von
einer so verhngnivollen Bedeutung fr ihn geworden war, ein Bild entworfen und
war jetzt nicht wenig erstaunt, als er fand, da von diesem Bilde auch nicht ein
Zug pate. Er hatte sich Doctor Birkenhain als einen Ehrfurcht gebietenden Greis
vorgestellt, voll Gravitt und Wrde, und sah sich jetzt einem Manne gegenber,
der nicht viel lter sein konnte, als er selbst, zum wenigsten das dreiigste
Lebensjahr schwerlich berschritten hatte - lang und drr, mit schlichtem
hellbraunen, nicht allzu dichtem Haupthaar und sprlichem Schnurr- und Kinnbart
- ein mageres Gesicht von einer krnklich gelben Farbe, - eine hohe Stirn, groe
hellblaue Augen, denen man es auf den ersten Blick ansah, da sie gewohnt waren,
in der Seele des Menschen zu lesen und deren durchdringende Schrfe auf die
Dauer fast unertrglich wurde.
    Nach der ersten Begrung und nachdem Doctor Birkenhain bedauert hatte, da
es ihm nicht vergnnt gewesen sei, die Bekanntschaft seines Collegen Braun zu
machen, der sich durch seine Abhandlung ber den Typhus mit einem Schlage einen
Platz unter den ersten Pathologen Deutschlands erworben habe, sagte er:
    Ich habe Ihrem Besuch mit groer Spannung entgegengesehen, weil ich mir von
Ihrem Wiedersehen mit Berger fr den Letzteren sehr viel verspreche. Ich wei
durch Herrn Bemperlein, und auch aus Bergers eigenem Munde, da Sie der
vertrauteste Freund und so zu sagen der Liebling des unglcklichen Mannes sind -
es wenigstens vor dem Ausbruch seiner Krankheit waren. Wenn Etwas im Stande ist,
das bei Berger fast bis auf den letzten Funken erloschene Interesse am Leben
wieder zu entfachen, so ist es die Liebe - nicht die allgemeine Menschenliebe,
die nur ein anderer Ausdruck fr Egoismus ist, sondern die ganz specielle Liebe
fr ein bestimmtes Individuum, an dessen Freuden und Leiden er einen
sympathetischen Antheil nimmt. Die Liebe ist das realste aller Gefhle, ist das,
welches sich am krftigsten gegen die Vernichtung wehrt und alle anderen
berdauert. Der grte Psycholog, der vielleicht je gelebt hat und dem wir
Irrenrzte sehr viel verdanken, Shakespeare, lt seinen Lear noch kurz vor dem
Ausbruche des Wahnsinns zum Narren sagen: Mir blieb ein Stckchen vom Herzen
noch und das bedauert Dich. Dies Stckchen vom Herzen ist der gesunde Punkt, von
dem die Heilung ausgehen mu, auch bei Berger. Ich bitte Sie deshalb, Berger auf
alle Weise fr Ihr individuelles Schicksal zu interessiren. Erzhlen Sie ihm von
Ihren Plnen und Entwrfen, von Ihren Hoffnungen und Wnschen; von Ihren Freuden
und Leiden. Besonders von den letzteren, wenn Sie davon zu berichten haben und -
verzeihen Sie dem Arzt die Indiscretion! - ich glaube, da Ihre Mittheilungen
besonders nach dieser Seite hin ziemlich ausgiebig sein werden. Sie lcheln?
nun, vielleicht irre ich mich, und ein gewisses Etwas in Ihrem Gesicht ist der
Ausdruck eines physischen und nicht psychischen Vorganges - aber, wie dem auch
sein mag, verhllen Sie vor Berger nicht die Schatten- und Nachtseiten Ihrer
Existenz. Im Gegentheil: klagen Sie, und je eindringlicher, je schmerzlicher,
desto besser; aber klagen Sie wie ein Kranker, der nach Gesundheit schmachtet,
wie ein eingefangener Vogel, der sich nach Freiheit sehnt. Das Unglck geliebter
Menschen rhrt uns tausendmal mehr, als unser eigenes, und die Last, die Berger
bei sich selbst kaum noch beachtet, wird ihm unertrglich dnken, sobald er sie
auf den Schultern eines Andern sieht, den er liebt. Denn, ich wiederhole es, nur
so ist diesem Manne beizukommen. Gegen Vernunftgrnde ist er, der scharfsinnige
Denker, der alle Philosophen in- und auswendig kennt, in einen
undurchdringlichen Harnisch gehllt. Gegen einen Beweis von der Wrde und
Realitt des Lebens bringt er Ihnen zehn andere, die das Gegentheil darthun; und
wo Sie ein Haar spalten, spaltet er das gespaltene noch einmal. Uebrigens
brauchen Sie nicht zu frchten, da er Sie, wie sonst wohl, in philosophische
Dispte verwickeln wird. Die Wissenschaft, aus der er sonst in so vollen Zgen
trank, ist ihm ein Gruel; er mag nichts davon hren und sehen. Und nun noch
eins: wie lange gedenken Sie in Fichtenau zu verweilen?
    Vier bis fnf Tage hchstens.
    Sehr gut; ich wollte Sie eben bitten, Ihren Besuch nicht lnger auszudehnen.
Es handelt sich darum, auf Berger einen bedeutenden Eindruck zu machen, und zu
der Freude, Sie wiederzusehen, mu der Schmerz kommen, Sie so bald wieder zu
verlieren. Vielleicht, da wir ihn so in die Welt zurck locken, von der er sich
jetzt voll Ekel abwendet.
    Ist Berger von meiner Ankunft unterrichtet?
    Nein; ich wollte auch die Ueberraschung zu Hlfe nehmen. Damit wir den
Eindruck ganz rein haben, werde ich Sie nicht zu ihm begleiten. Sie werden mir
dann ja erzhlen, wie er Sie empfangen hat. Er pflegt um diese Zeit seinen
Spaziergang in die Berge zu machen, den er manchmal bis in den Abend ausdehnt.
Ich lasse ihn ganz frei gewhren, da jede Restriction schdlich sein wrde, wie
es denn berhaupt jetzt nur noch sein freier Wille ist, der ihn hier hlt.
Begleiten Sie ihn auf diesem Spaziergange, die Herzen erschlieen sich unter dem
Himmelsdome leichter, als unter einer Zimmerdecke.
    Noch eins; fuhr Doctor Birkenhain fort, whrend sie sich von ihren Pltzen
erhoben; Sie werden Berger auch in seinem Aeuern verndert finden; suchen Sie
auch da, mit aller Schonung natrlich, einzuwirken. Solche scheinbare
Kleinigkeiten sind von der grten Bedeutung; ein fehlender Handschuhknopf kann
einen Dandy um seine gute Laune bringen und wir haben eine andere Stimmung im
Schlafrock und eine andere im Frack. - Nun wollen wir gehen, wenn es Ihnen recht
ist; ich will Sie selbst bis an Bergers Thr bringen.
    Die beiden Herren gingen aus dem Empfangszimmer auf den mit Steinfliesen
ausgelegten Flur, die breiten steinernen Treppen hinauf, durch hohe, helle,
luftige Corridore.
    Es begegneten ihnen mehrere Personen, die Oswald nicht fr Kranke gehalten
haben wrde, wenn Doctor Birkenhain es ihm nicht gesagt htte; so vernnftige
Antworten gaben sie auf die hingeworfenen Fragen des Arztes.
    In diesem Flgel ist die Station fr die leichtesten Kranken, sagte Doctor
Birkenhain; bei dem schnen Wetter sind die meisten im Garten, oder auf dem
Hofplatz. - - Wie geht's, Herr Commerzienrath?
    Danke, Herr Doctor! erwiderte der Angeredete, ein auerordentlich wohlhbig
aussehender Mann, der mit einer Giekanne in der Hand vorberging; danke; es
wrde ganz gut gehen, wenn -
    Der Commerzienrath trat mit einem Blick auf Oswald dem Doctor nher und
flsterte ihm etwas in's Ohr, wovon Oswald nur die Worte: Bndel Heu - in der
Seite - verstehen konnte. O, das ist das Wenigste, erwiderte Birkenhain in einem
Ton, dessen Zuversichtlichkeit fr den grten Hypochonder berzeugend sein
mute, das wollen wir schon weg kriegen. - Der Kranke drckte seinem Arzt
dankbar die Hand und entfernte sich, augenscheinlich ber den glcklichen
Ausgang seines vermeintlichen Leidens beruhigt und getrstet.
    Ich wollte, Bergers Fall wre so leicht wie dieser, sagte Doctor Birkenhain,
whrend sie in dem Corridor weiter schritten; aber mit Pillen und Latwergen ist
seiner Krankheit nicht beizukommen. So, nun gehen Sie den Corridor zu Ende, die
letzte Thr links ist Bergers. Ich bin uerst begierig, was Sie mir zu erzhlen
haben werden. Wollen Sie morgen bei mir speisen? Ich werde mir ein Vergngen
daraus machen, Sie meiner Frau vorzustellen. Um drei Uhr. Ist's Ihnen recht?
also  revoir!
    Doctor Birkenhain reichte Oswald die Hand und trat in eine der Thren, an
denen sie eben vorbeigekommen waren. Oswald ging den Corridor allein zu Ende,
voll von dem bedeutenden Eindruck, den der Mann, welcher ihn so eben verlassen,
auf ihn gemacht hatte, und zugleich voll Unruhe ber die Rolle, die ihm
zugetheilt war. Er sollte in Berger die Freude an einem Leben wiedererwecken
helfen, das fr ihn selbst beinahe alles Interesse verloren hatte! War er unter
Allen nicht der am wenigsten zu einer solchen Mission Geeignete? Und doch hatte
er sie bernommen! Er mute sie ausfhren!
    Oswald kam an die bezeichnete Thr. Auf der braunen Tfelung stand mit
Kreide und offenbar von Bergers Hand geschrieben:
    Lasciate ogni speranza, voi ch' entrate!
    Ein Schauer durchrieselte Oswald. Er blieb unschlssig vor der Thr stehen,
bevor er es ber sich gewinnen konnte, zu klopfen. Er lauschte, ob sich nichts
drinnen rege; er hrte nichts. Endlich fate er sich ein Herz und klopfte mit
fester Hand. Da er keine Antwort erhielt, so klopfte er lauter; abermals keine
Antwort. Eine bange Furcht ergriff ihn; er ffnete hastig die Thr und trat in
das Zimmer.

                               Siebentes Capitel


Oswalds Furcht war unnthig gewesen. Mitten in dem groen, durch die
heruntergelassenen Vorhnge halbdunklen Gemache sa Berger an einem mit Bchern
bedeckten Tische. Er hatte den gesenkten Kopf in beide Hnde gesttzt und schien
zu schlafen, denn er regte sich, obgleich er mit dem Gesicht nach der Thr zu
sa, selbst dann noch nicht, als Oswald bis an den Tisch getreten war. Oswald
wagte nicht, ihn zu wecken. Er blieb an dem Tisch stehen und schaute mit Augen,
die sich, ihm kaum bewut, mit Thrnen fllten, auf den Dulder. Welche
Verwstungen hatten diese wenigen Monate in dem einst so stolzen energischen
Gesicht angerichtet! das dunkle lockige Haar war ergraut; die massive, wie aus
Granit gehauene Stirn schien, da die Schlfen kahl geworden waren, noch
gewaltiger und imponirender. Ein voller Bart, den Berger sonst nicht trug, flo
silbergrau von Wangen, Lippen und Kinn herab, da die Spitzen fast die
Tischplatte berhrten. Die Hnde, die einst so sorgsam gepflegten rundlichen
Hnde waren so mager, so durchsichtig mager geworden! Und dieser Anzug! eine
blaue Blouse anstatt des schwarzen Rockes, an dem kein Federchen geduldet wurde;
ein grobes, zerknittertes Hemd an ihm, der frher Luxus mit feinster,
blendendweier Wsche trieb! Auf dem Tisch ein abgetragener runder Filz und ein
Stock, der offenbar noch vor kurzer Zeit der integrirende Theil einer
Dornenhecke gewesen war, anstatt des sorgsam gebrsteten Pariser Hutes und des
Bambusrohres mit dem goldenen Knopf! - wenn solche Vernderungen mit dem uern
Menschen vorgehen konnten, welche Revolutionen muten in der Seele Tiefen
stattgefunden haben!
    Berger regte sich. Er hob die Stirn, schlug die Augen auf und blickte auf
Oswald. Die Augen waren tief und klar, und schienen grer als sonst: kein
Zucken verrieth Erstaunen, Verwunderung oder Schrecken ber den unerwarteten
Anblick.
    Ich hatte so eben nur von Dir getrumt, Oswald! sagte er, sich erhebend, mit
einer leisen Stimme, von der alle frhere Schrfe und Kraft gewichen schien.
    Oswald konnte sich nicht lnger beherrschen. Er schluchzte laut auf und warf
sich strmisch in Bergers Arme. All das Leid, das er erlitten - erst jetzt, an
der Brust dieses Mannes glaubte er es wahrhaft zu fhlen; alle Thrnen, die sein
Herz geblutet und sein Auge nicht geweint hatte, erst jetzt, in den Armen dieses
Mannes, der so viel erduldet, glaubte er sich ihrer nicht schmen zu drfen.
    Berger hielt ihn mit den Armen umfangen, wie ein Vater den Sohn, der aus der
Ferne heimkehrt, in welcher er sich von Trbern nhrte.
    Weine nur! sagte er, weine! In Thrnen erleichtert sich das allzuvolle junge
Herz. Als ich jung war, wie Du, da habe ich geweint, wie Du - jetzt hat mein
Auge das Weinen verlernt.
    Berger, lieber, lieber Berger!
    Ich wute, da ich Dich so wiedersehen wrde; ich habe Dich lngst erwartet.
Ich dachte nicht, da Du es in der den Wste auch nur so lange aushalten
wrdest. Weine nur! die Thrnen sind der Preis, um den wir unsere Seele
zurckkaufen aus dem klglichen Handel, den wir eingingen, noch ehe wir wuten,
was wir thaten. Bevor wir dem Dasein entsagen, mssen wir erkennen, da es
besser ist, nicht da zu sein. Der Eine kommt frher zu dieser Einsicht, der
Andere spter. Freue Dich, da Du zu denen gehrst, die in der bitteren Qual der
Sansara schon einen Vorschmack des sen Nirwana haben.
    Er lie Oswald aus seinen Armen und griff nach dem Hut und dem Stock auf dem
Tische.
    Komm! sagte er.
    Oswald war von dieser Scene so erschttert, da er nur an Bergers
wunderlichen Anzug dachte, um zu fhlen, da es schlechterdings unmglich sei,
diesem Manne von solchen Dingen zu sprechen. Er htte eben so gern eine Mutter,
die ber der Leiche ihres Kindes weint, an eine Nachlssigkeit der Toilette, an
eine Schleife, die sich verschoben, an ein Band, das aufgegangen ist, erinnert.
    Sie gingen durch die langen Corridore, die breite steinerne Treppe hinab zum
Hause hinaus. Als sie ber den Hof schritten, kam der junge Mann, der auf der
Bank sa, und wiederholte die Frage, die er vorhin an Oswald gerichtet hatte:
    Ich habe gewi die Ehre, mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen.
    Nein, antwortete Berger; der Kaiser kommt nicht, verlassen Sie sich darauf!
    Kommt nicht? sagte der junge Mann, und sein bleiches Gesicht wurde noch
bleicher und seine Augen irrten unruhig umher: kommt nicht? woher wissen Sie
das?
    Weil, wenn er kme, es Dir nicht zum Glck, wie Du whnst, sondern nur zu
Deinem gnzlichen Verderben gereichen wrde. Warum willst Du, da er kommt?
Damit er Dir Gold bringt, das Du verspielst, und Juwelen, die Du an Deine
Maitressen verschenkst; damit es Dir die Mittel zu einem Leben gewhrt, dem
entronnen zu sein, Du Deinem Gott, wenn Du an einen Gott glaubst, auf den Knieen
danken mtest. Was Du fr einen Stern der Verheiung hltst, ist nur ein
Irrlicht auf dem Sumpfe. Trau seinem Schimmer nicht, er lockt Dich hierhin und
dorthin und immer tiefer in den Morast. Kehr ihm entschlossen den Rcken zu!
Noch einmal sage ich Dir: der Kaiser kommt nicht, und es ist ein Glck fr Dich,
da er nicht kommt.
    Kennen Sie denn Se. Majestt so genau? stotterte der junge Mann.
    Sehr genau, sagte Berger, und ein eigenthmliches Lcheln spielte auf seinem
Gesicht; sehr genau, nur zu genau. Auch mich hat Se. Majestt lange genasfhrt.
Ihnen verspricht er Geld und Gut, mir versprach er - es bleibt sich gleich, was;
und so verspricht er Jedem etwas Anderes, um Jeden zu narren und zu ffen. Die
Einsicht, da es mit Sr. Majestt Versprechungen eitel Wind ist, das ist der
Weisheit Anfang - wie es denn auch ihr letzter Schlu ist.
    Diese Worte sprach Berger mit pltzlich abfallender Stimme, wie zu sich
selbst. Er achtete des jungen Mannes nicht weiter, der mit einem unbeschreiblich
traurigen Gesicht, den Hut in der Hand, dastand; auch Oswalds nicht, der
schweigend und durch die eben erlebte Scene auf's peinlichste berhrt, neben ihm
her weiter schritt.
    Berger mute ahnen, was in der Seele seines Begleiters vorging, denn als sie
durch die Pforte, die ihnen ohne Weiteres geffnet wurde, getreten waren und nun
auf der Landstrae, die erst an dem Flu entlang, dann ber eine Brcke auf das
jenseitige Ufer und von dort hher und immer hher in die Berge fhrte,
dahinschritten, unterbrach er pltzlich das Schweigen und sagte:
    Du wunderst Dich, da ich mit dem armen Schelm nicht glimpflicher verfuhr,
da ich ihm seine wahnwitzigen Illusionen so grausam zerstrte. Diese scheinbare
Grausamkeit ist im Grunde Wohlthat.
    Wer ist der Unglckliche?
    Ein Graf Maltan aus unserer Gegend. Er hat binnen wenigen Jahren ein
Vermgen von einer halben Million in sinnlosen Ausschweifungen durchgebracht.
Jetzt hofft und harrt er auf den fabelhaften Kaiser, der ihm wiederbringen soll,
was er verlor.
    Aber wenn der junge Mann dadurch, da Sie ihm diesen einzigen letzten Trost
rauben, den schwachen Rest seines Verstandes vollends verliert -
    Du sprichst, wie Doctor Birkenhain. Ich mu lachen, wenn ich sehe, wie
dieser Mann in seinem blinden Optimismus sich gegen die Kraft, die den Menschen
unaufhaltsam zur Vernichtung treibt, stemmt, dem Kinde gleich, das einen Strom
mit seinen Hndchen aufzuhalten versucht. Mein Studium hier besteht in der
Beobachtung dieses eigenthmlichen Kampfes, der erhaben sein wrde, wenn er
nicht lcherlich wre. Diese Aerzte tappen im Dunkeln, wie bei einem
Blindekuhspiel, und glauben die Krankheit zu curiren, wenn sie die Symptome
fortschaffen. Sie wissen nicht, sie ahnen nicht, da eben das Leben selbst der
Schuh ist, der uns drckt, das Nessuskleid, das uns bei lebendigem Leibe
verbrennt; und da diesen Schuh auszuziehen, dieses Kleid von sich zu streifen,
nicht nur das beste, sondern auch das einzige Mittel ist, der den Qual des
Daseins zu entrinnen.
    Sie waren, von der Landstrae abbiegend, auf eine Lichtung im Wald gelangt,
die mit Moos und Haidekraut dicht bersponnen war. Vor ihnen sah man ber die
Wipfel der Tannen weg in die Ebene, aus der sie emporgestiegen waren und weit in
das Hgelland hinein; hinter ihnen zog sich der Wald bergauf hher und hher. -
Es war still, lautlos still um sie her. Lange weie Fden wehten durch die dnne
klare Luft. Die Blumen waren verschwunden; die Vgel hatten ihre Lieder, die
Cicaden ihr Schwirren verlernt; der Sommer war todt und die Natur sa in stummen
Schmerz an seiner Leiche. Selbst der herbstliche Sonnenschein war wehmthig, wie
einer Wittwe Lcheln; das Blau des Himmels matt und krankhaft, wie einer
Trauernden verweintes Auge.
    Berger hatte sich auf einen niedrigen Baumstumpf gesetzt, Oswald sich neben
ihn in das dichte Haidekraut gelagert. In dieser Waldesstille, die ihn so
lebhaft an die Forsten von Grenwitz und Berkow und an die schmerzlich sen
Tage, die er dort verlebt, erinnerte, berkam ihn jener Drang, sich
mitzutheilen, der uns in manchen Momenten mit unwiderstehlicher Heftigkeit
befllt. Wie es den katholischen Christen treibt, die tiefverborgenen
Geheimnisse seiner Brust dem Priester, seinem personificirten Gewissen, in's Ohr
zu murmeln, so trieb es Oswald, dem unglcklichen Mann an seiner Seite, in
welchem er von Anfang an sein zweites Ich erkannt hatte, Alles zu beichten, was
er erlebt, erstrebt, gefehlt und gesndigt hatte in dieser letzten, fr ihn so
ereignireichen, verhngnivollen Zeit. Er dachte nicht an Doctor Birkenhains
Weisung, Berger auf jede Art fr sein Schicksal zu interessiren und dem Kranken
gegenber die Rolle eines Arztes zu spielen. War er doch selbst so krank! Aber,
wie es auch in seinem Herzen whlte, - der Mann an seiner Seite hatte
Schlimmeres erduldet; was er sich selbst kaum zu gestehen wagte - ihm, dem
Manne, der gesenkten Hauptes in dem dunklen Labyrinth der Seele umherwanderte
und keinen Weg zum Licht des Tages zu finden wute - ihm durfte er Alles, Alles
sagen. Und, stockend im Anfang, und dann immer lebhafter, leidenschaftlicher
erzhlte er ihm, was er zu erzhlen hatte: seine Liebe zu Melitta, seine Liebe
zu Helenen, seine Freundschaft fr Bruno; und wie ihm die Eifersucht und der
Wankelmuth des Herzens jene, und die Verkettung der Umstnde diese und der Tod
den herrlichen Knaben geraubt hatten.
    Berger hatte, das Kinn in die Hand sttzend und mit groen Augen unablssig
in die Ferne blickend, ohne Oswald auch nur einmal zu unterbrechen, schweigend
zugehrt. Endlich, als der junge Mann mit der schmerzlichen Klage: Warum haben
Sie mich in dieses Wirrsal geschickt? warum haben Sie mich so lange in der Irre
gelassen? schlo, erhob er das Haupt, wandte die Augen auf ihn und sagte langsam
und bedchtig:
    Weil Du auch dies erfahren mutest, weil Du, als Du in Grnwald bei mir
warst, noch immer an die groe Lge, die wir Leben nennen, glaubtest, weil der
Trotz, mit dem Du diese Lge bejahtest, gebrochen werden mute. Ich habe Dich
den krzesten und sichersten Weg zur Erkenntni gefhrt. Ich wute, da Du Dich
blenden lassen wrdest von der trgerischen Spiegelung, da Du mit pochendem
Herzen, mit lechzender Zunge durch den den, heien Sand eilen wrdest, weiter,
unaufhaltsam weiter, nach dem blauen See mit dem waldbekrnzten Ufer, der sich
vor Dir zurckzog in demselben Mae, in welchem Du Dich ihm zu nhern glaubtest,
bis Du endlich, in Deiner Qual Dir und Deinem Dasein fluchend, zusammenbrechen
wrdest. Freue Dich! Du hast es berstanden, und in eben so viel Wochen, als ich
dazu Jahre brauchte, den ersten, den schwersten Cursus durchgemacht: Du hast die
Augen aufgeschlagen und angesehen, was da war, und siehe! es war nicht gut! Dir
ist der Werth des Lebens, der Zweck des Lebens problematisch geworden: Du hast
angefangen zu begreifen, da es mit jener Behauptung schaler Optimisten: das
Leben sei des Lebens Zweck, wohl schwerlich seine Richtigkeit haben drfte, -
man mte denn seine Beruhigung in dem Erstreben eines Zieles finden, das sich
nie erreichen lt, oder das, wenn es in jedem Augenblick erreicht wird, in
keinem Augenblick erreicht zu werden verdient. Du hast gesehen, da Lug und Trug
und Dummheit und Gemeinheit sich in Wahrheit, Ehrlichkeit, Weisheit und Hoheit
unauflslich verweben. Diese Erkenntni, die nur den stumpfsinnigen Sklaven kalt
lt, der die Peitschenhiebe seines Treibers grinsend entgegennimmt, edle Seelen
aber zum Tode betrbt, ist der Anfang der Weisheit, ist die Vorhalle zum groen
Geheimni.
    Und das groe Geheimni?
    Berger antwortete nicht; er schaute wieder mit jenem trben starren Blick in
die Ferne. Oswald wagte nicht, seine Frage zu wiederholen.
    Tiefe Stille rings umher! Still flossen die feinen Sommerfden durch die
helle Luft; still wob der Abendsonnenschein sein goldenes Netz ber das
Haidekraut des Bodens und die dunkelgrnen Wipfel der Tannen.
    So saen sie stumm nebeneinander - stumm und traurig, wie zwei im Walde
verirrte Kinder. Aber whrend der Mann, der mit dem Leben abgeschlossen, dem es
frchterlicher Ernst war mit seiner Weltverachtung, sich widerstandslos tiefer
und tiefer in den Abgrund seiner Schmerzen sinken lie, kmpfte die junge
ungebrochene Lebenskraft in dem Andern gewaltsam hinauf zur Luft und zum Licht.
    Was ist es, das sich in mir in diesem Augenblicke, wo ich es am wenigsten
erwartete, gegen Ihre herbe Weisheit auflehnt? fragte er, zu Berger aufschauend.
Mein Verstand sagt mir, da Sie recht haben; aber - mein Auge trinkt den Zauber
dieser abendlichen Landschaft, trinkt ihn bis in's Herz hinein und in meinem
Herzen flstert eine Stimme: Die Welt ist so schn, so schn! und wenn auch das
Leben Dir Bitternisse ohne Zahl zu kosten giebt, doch ist es s - sagen Sie,
Berger, haben Sie je geliebt mit aller Kraft der Seele? und kann die Liebe
sterben, wie der Sommer und die Blumen und der warme Sonnenschein?
    Berger lchelte - es war ein sonderbares, unheimliches Lcheln.
    Ob ich geliebt habe?
    Er senkte den Blick und hob mit seinem Stabe von der Moosdecke zu seinen
Fen ein Stck ab.
    Was frommt es, sagte er, den Schleier heben, den so viele Jahre ber die
Vergangenheit breiteten? Du siehst, was drunter ist, ist Moder und Verwesung.
    Und doch, sagte er nach einer Pause, es ist gut, wenn Du auch das erfhrst.
Hre!
    Es sind jetzt dreiig Jahre her - ich stand damals in Deinem Alter, aber
ohne Deine Erfahrungen gemacht zu haben, in frischer ungebrochener Kraft mich an
das Leben klammernd, das mir s und kstlich schien, wie eine liebe Braut. Wenn
je ein Mensch geschwrmt hat fr Freiheit und Schnheit, fr all die bunten
Phantasmagorien, mit welchen der blinde Drang, der uns in's Dasein rief, sich
selbst zu beschnigen und die jmmerliche Hohlheit des Daseins zu verdecken
sucht - wenn je ein Mensch fr die blutlosen Schemen, die man Ideale nennt -
begeistert war - so bin ich es gewesen. Ich glaubte, Thor, der ich war, da die
ewige Seligkeit schon hier auf Erden erreicht sei, berall, wo im freien Lande
freie Menschen wohnten. Ich glaubte an ein Vaterland und habe auf den
Schlachtfeldern von Leipzig und Waterloo mit meinem Blute meinen Glauben
besiegelt. Ich kam zurck, voll des heien Dranges, das angefangene Werk zu
vollenden. Aber ehe ich daran gehen konnte, die Wunden, die der Krieg dem
Vaterlande geschlagen, zu heilen, mute ich an die Heilung meiner eigenen Wunden
denken. Man schickte den Reconvalescenten nach Fichtenau.
    Damals sah es noch anders aus in Fichtenau. Es existirte noch kein Curhaus
und keine Heilanstalt fr Geisteskranke - nichts desto weniger wurde der Ort
nicht leer von Fremden, denn der poetische Nimbus, den die groen Mnner von
Weimar ber diese Thler ausbreiteten, lockte die Menge. Ich hielt mich fern von
ihr, und lebte einzig meiner Gesundheit meinen Studien.
    Ich wohnte in dem Hause eines alten Rectors, mit dem ich bekannt geworden
war und dessen Freundschaft ich cultivirte, weil er eine verhltnimig groe
Bibliothek besa und Bcher dazumal, und besonders in diesem Winkel nicht so
leicht zu haben waren wie jetzt. Aber der alte Rector besa auer seiner
Bibliothek noch einen andern Schatz - eine wunderschne Tochter. Die Tochter
wurde mir bald interessanter, als die Bibliothek. Du hast mich gefragt, ob ich
je geliebt mit aller Kraft der Seele. Wenn Du Eleonoren gekannt httest und
wtest, wie voll und mchtig damals mein Herz schlug - Du wrdest nicht haben
zu fragen brauchen.
    Es war ein Sommertag - ein paradiesisch schner Sommertag. Wir waren nach
Tische in den Wald gezogen - eine bunte Gesellschaft - jung und alt. Wir
lagerten uns in dem Schatten der Tannen auf das schwellende Moos. Wir scherzten
und lachten - ich auch, obgleich es mir gar nicht nach Scherz und Lachen zu
Muthe war. Wie mein Auge an ihrer reizenden Gestalt hing, whrend sie in der
Gesellschaft mit schalkhafter Anmuth die Honneurs machte; wie mein Ohr den Ton
ihrer silberklaren sen Stimme trank! Es war das alte Sirenenlied, das schon
vor tausend und tausend Jahren erklungen ist, und nach tausend und tausend
Jahren noch immer erklingen wird - bis die Zeit erfllet ist.
    Nach dem Kaffee schweiften wir durch den Wald; gruppenweis, paarweis, wie
der Zufall und die Laune es wollten. Ich war Eleonoren gefolgt, die sich einen
Strau von Waldblumen pflckte - ich half ihr, obgleich ich nicht viel von
dergleichen verstand und wegen meiner Wahl von dem neckischen Mdchen ausgelacht
wurde. Aber sie wurde stiller und stiller, je tiefer wir in den Wald geriethen
und je weiter wir uns von den Andern entfernten. Je stiller und ngstlicher sie
wurde, desto lebhafter und khner wurde ich. Ihre Schweigsamkeit und ihre Rthe
auf den Wangen verriethen mir, was ich im Stillen gewnscht, vom Himmel in
heien Gebeten erfleht und doch nicht zu hoffen gewagt hatte.
    Da traten wir heraus auf diese Lichtung. Dieselben Berge, die dort vor uns
liegen, blauten herber, und dieselbe Sonne, die dort vom Himmel blickt, go ihr
blendendes Licht verschwenderisch auf uns hernieder. Und das goldene Licht
glnzte auf ihrem dunklen lockigen Haar und leuchtete auf ihren weien runden
Schultern - und hier auf dieser selben Stelle sind wir uns in die Arme gesunken
und haben uns unter heien Thrnen ewige Liebe und Treue geschworen.
    Der Stumpf, auf dem ich hier sitze, war damals eine junge schlanke, krftige
Tanne, und ich war jung und schlank und voll bermthiger Kraft. Der Baum ist
umgehauen und in's Feuer geworfen; ich - ich bin geworden, was ich bin.
    Berger schwieg und whlte mit seinem Stabe in dem Moose zu seinen Fen.
Oswald schaute voll Ehrfurcht auf den unglcklichen Mann; aber er wagte nicht,
zu sprechen, ja nicht einmal Bergers herabhngende Hand zu ergreifen. Auf
Bergers Gesicht lag eine hehre Ruhe; keine Miene verrieth, was in diesem
Augenblick in seinem Herzen vorging; aber er sah nicht aus wie Einer, der
Mitleid heischt und Mitleid erwartet.
    Nicht auf einmal, fuhr er pltzlich fort; die Kraft in mir war gro und
konnte nur allmlig gebrochen werden. - Ich sprach, als wir nach Hause gekommen
waren, mit dem Alten; er hatte mich lieb und freute sich von Herzen unsrer
Liebe. Wenige Tage darauf ging ich auf die Universitt zurck, um meine Studien,
die der Krieg unterbrochen hatte, wieder aufzunehmen. Ich studirte mit einem
eisernen Flei, denn mein Wissensdurst war nicht minder gro, als mein Wunsch,
sobald als mglich in den Stand gesetzt zu werden, Eleonoren als meine Gattin
heimfhren zu knnen. Ich kam deshalb nur selten und nur auf kurze Zeit nach
Fichtenau, um mich in Eleonorens Liebe zu sonnen und mit neuem Muth und neuen
Krften zu meinen Arbeiten zurckzukehren. Aber ich hatte noch eine andere
Geliebte, die ich mit nicht geringer Schwrmerei anbetete - die Freiheit. Ich
theilte diese Leidenschaft mit vielen andern edlen Jnglingen. Wir wollten unser
Blut auf so viel Schlachtfeldern nicht umsonst vergossen haben; wir wollten
nicht, nachdem wir den einen Lwen glcklich gebndigt, so vielen Schakalen und
Wlfen zur Beute fallen. Aber die Schakale waren auf ihrer Hut und die Wlfe
brachen in unsre Hrde.
    Ich bekleidete seit einem Jahr ein kleines Schulamt in der Provinz; ich
hatte Alles zu meiner Hochzeit vorbereitet - der Termin war festgesetzt; ich
zhlte die Tage und die Stunden, - da werde ich eines Nachts von Bewaffneten aus
dem Bette geholt. Meine Papiere wurden versiegelt - und die nchste Nacht
schlief ich in der Casematte einer Festung.
    Oder vielmehr: ich schlief nicht; ich tobte, ich ras'te, ich rang mir die
Hnde an den Gittern meines Kfigs blutig. Nach und nach trstete ich mich mit
der Hoffnung, da diese Gefangenschaft nicht lange dauern knne, und Eleonore -
nun! sie wrde dies bittre Loos ertragen wie eine Heldin. Ein zweiter Egmont sah
ich die Freiheit und die Geliebte nur in einem Bilde. Durch Nacht zum Licht!
Durch Kampf zum Sieg! Das war der Zauberspruch, mit dem ich das schlangenhaarige
Scheusal Verzweiflung, wenn es sich an mich drngen und seine Tatzen in mein
Herz schlagen wollte, zurckzuscheuchen suchte. Der Zauberspruch sollte Zeit
haben, seine Kraft zu erproben - ich blieb fnf Jahre lang ein Gefangener.
    Wohl war whrend dieser Zeit, die ich nach dem Schlag des Herzens und dem
Fall der Tropfen ma, die von der feuchten Decke des Kerkers sickerten, mein
Glaube an die vermeintliche Gttlichkeit der Weltordnung arg erschttert worden
- aber, ich sagte Dir, meine Lebenskraft war gro und mein Wille zum Leben
bermchtig. Ich hatte in den stillen den Nchten, wo ich mich ruhelos auf
meinem harten Lager wlzte, wohl das groe Wort, das uns erlst, vernommen, aber
ich hatte es nur halb und nicht einmal halb verstanden. Ich hatte es in der
langen Lehrzeit eben erst zu buchstabiren begonnen; das Leben sollte mich noch
in seine harte Schule nehmen, bevor ich es flieend lesen lernte.
    Ich war kaum aus meiner Haft entlassen, als ich - Du kannst Dir denken, mit
welchen Gefhlen - hierher nach Fichtenau eilte. Ich hatte im Anfange meiner
Gefangenschaft einen und den andern Brief von Leonore erhalten, in welchem sie
mich zur Standhaftigkeit, zum Ausharren beschwor, bei demselben Gott, zu dem sie
allstndlich ihre Gebete um meine Freiheit sende. Diese Briefe waren seltener
geworden, bis sie nach zwei Jahren ungefhr ganz ausblieben. Das war mir das
Schmerzlichste; aber ich glaubte stets, da nur die Grausamkeit meiner
Kerkermeister mir diese Labetropfen versage, und bi die Zhne zusammen und
fluchte meinen Peinigern.
    Ich hatte den Leuten Unrecht gethan.
    Tief in der Nacht kam ich nach Fichtenau. Ich fuhr direct nach dem
wohlbekannten Hause, ich sprang aus dem Wagen, ich ri an der Klingel. Da
ffnete sich oben ein Fenster, ein altes Weib schaute heraus und fragte nach
meinem Begehr. Ich fragte nach dem Rector. Der ist seit drei Jahren todt, war
die mrrische Antwort. Und wo ist seine Tochter? Da mssen Sie den vornehmen
Herrn fragen, der mit ihr vor drei Jahren davongelaufen ist; sagte das Weib und
warf das Fenster zu.
    Ich stand wie vom Donner gerhrt. Dann lachte ich laut auf, aber ich
verstummte pltzlich vor einem stechenden Schmerz in meinem Herzen, denn, Oswald
- ich hatte Eleonore geliebt.
    Wie ich in den Gasthof gekommen bin, wei ich nicht. In der Nacht schreckte
ich die guten Leute durch wildes Gelchter und wahnsinniges Toben aus dem Schlaf
- sie brachen in meine verschlossene Stube - ich lag im Delirium. Die Kerkerluft
hatte an meinen Nerven gezehrt und der frchterliche Schlag, der mich so
unvorbereitet getroffen, das morsche Gebude ganz erschttert. Ich rang vier
Wochen lang mit dem Tode, aber ich klammerte mich zu fest an das Leben und der
Tod lie seine Beute fahren. Wohl mir! der Tod wre nicht der rechte Tod
gewesen; er htte mich dem Leben wieder ausgeliefert. Wenn ich jetzt sterbe, so
sterbe ich fr immer.
    Ein Schauer durchrieselte Oswald. Was bedeuteten diese mystischen Worte: fr
immer sterben? enthielten sie das groe Geheimni, von dem ihn jetzt noch ein
dichter Vorhang trennte?
    Meine Reconvalescenz, fuhr Berger fort, dauerte lange, denn meine Krfte
waren bis auf's uerste erschpft worden. Ich schlich an einem Stabe durch die
Gassen des Stdtchens, und freute mich, wenn ich jeden Tag ein paar Fu hher
bergan steigen konnte, bis ich es endlich so weit gebracht hatte, da ich diesen
Platz hier erreichte - den Zeugen eines Schwures, der, wie ich erwhnte, fr die
Ewigkeit geschworen war, und der verweht war, wie der Hauch des Mundes. Hierher
kam ich jeden Tag, um ber mein verlornes Glck zu weinen und mit dem Himmel zu
hadern, der seine Sonne scheinen lt ber die Ungerechten, und auf Gerechte
seine Blitze schleudert. Denn ich war, wie Lear, ein Mann, an dem mehr gesndigt
war, als er sndigte. Ich hatte es treu und gut gemeint mit Allem, was ich
erstrebt und gewollt im Leben. Ich hatte mein Vaterland geliebt, wie ein Kind
die Eltern liebt, mit glubiger Seele - und zum Dank dafr hatte es mich fnf
Jahre im Kerker schmachten lassen; ich hatte Eleonore angebetet mit jedem
Blutstropfen meines Herzens - und zum Lohn dafr hatte sie mich verrathen. Ich
hatte bis zu diesem Augenblicke so gelebt, da ich hintreten konnte vor alle
Welt und sprechen: wer kann mich einer Snde zeihen - und doch! und doch! Ich
marterte mein Hirn mit dem Versuch der Lsung dieser Widersprche ab. Ich hatte
noch immer nicht begriffen, da das Leben selbst die groe Snde ist, aus der
alle andern mit derselben Nothwendigkeit flieen, mit welcher der Stein, der
einmal in Bewegung gesetzt ist, unaufhaltsam in den Abgrund rollt. Aber so viel
wurde mir doch klar, da es kein Gott der Liebe sein kann, der eine Welt erschuf
und schafft, in welcher die Snden der Vter an den Kindern und Kindeskindern
heimgesucht werden, eine Welt, die berall nach dem jesuitischen Grundsatz
regiert wird, da der Zweck die scheulichsten Mittel heiligt. Ich hatte bis
jetzt an den Dingen und Menschen nur berall die gute Seite aufgesucht, jetzt
hatte das Leid, das mich selbst betroffen, mein Auge aufgethan fr die Leiden
aller Creaturen. Ich dachte jetzt daran, da auf jedem Blatte der Geschichte
eine Schauderthat verzeichnet steht, vor der sich unser Haar strubt und unser
Blut gerinnt; ich dachte daran, da in jedem Menschenherzen eine dunkle Stelle
ist, an der er verhllten Angesichts vorberschreitet; da noch kein Mensch das
Licht erblickte, fr den nicht eine Stunde kam, in welcher er wnschte, er wre
nicht geboren; ich dachte daran, da das Leben unzhliger Menschen nichts weiter
als ein verzweifelter Kampf mit der grimmen Noth ist; da Krankheit und Snde
und Reue und Sorge - die trefflichen Minirer - unser Leben aushhlen, wie die
Maden die Frucht; da unsre beste Freude ein Tanz ber Grbern ist und da, wenn
das Leben wirklich kstlich war, der unerbittliche Tod ein Spott und ein Hohn
ist fr dies kstliche Leben. - Und ich sah mich um in der Natur, aus der die
Poeten eine Idylle machen, und sah, da sie entweder todt und fhllos ist, oder,
wo sie lebt und fhlt, das blutige Drama des menschlichen Daseins nur in
roherer, nackterer Form wiederholt. Ich sah, da die einzelnen Geschlechter der
Thiere in grimmiger, unvershnlicher, von keinem Gottesfrieden unterbrochener
Fehde begriffen sind und da ihre Kriege mit einer brutalen Grausamkeit gefhrt
werden, neben der sich manchmal die raffinirtesten Martern der Inquisition noch
sehr unschuldig ausnehmen.
    Und whrend ich so Stck fr Stck die bunten Lappen, mit denen die Feigheit
und der Aberwitz die Wunden und Pestbeulen des Lebens zu verhllen sucht, abri,
erwachte in mir ein Gefhl, das meinem Herzen bis dahin fremd gewesen war, der
Ha. Es war nur die Liebe in anderer Form, trotzdem ich mir einredete, ich htte
die Treulose vergessen; es war nur ein anderer Ausdruck der Bejahung des Lebens,
von dem ich noch immer nicht lassen konnte, trotzdem ich mir einbildete, ich
htte mit dem Leben abgeschlossen. Wenn man das Leben wirklich verneint, so wei
man nichts mehr von Ha und Liebe.
    Damals aber hate ich, hei, wie ich geliebt hatte. Mein ganzes Sinnen und
Trachten concentrirte sich bald in dem einen glhenden Wunsch der Rache. Rache!
Rache! an ihm, an ihr! so schrie eine Stimme in mir, die nicht zum Schweigen zu
bringen war.
    In Fichtenau kannte man mein Schicksal und interessirte sich dafr mit jener
wohlfeilen Sympathie, die sich von der Skandalsucht und der Schadenfreude
freihalten lt. Man erzhlte mir, ohne da ich darum fragte, Alles, was man von
Eleonorens Flucht wute.
    Um dieselbe Zeit, als ihre Briefe ausblieben, war ein junger polnischer Graf
nach Fichtenau gekommen und hatte bei dem alten Rector die Wohnung bezogen, die
ich frher gehabt hatte. Das ganze Stdtchen war bald voll gewesen von seiner
Schnheit und seinem Reichthum. Man hatte Eleonoren mit einem so gefhrlichen
Hausgenossen geneckt; sie hatte dergleichen Scherze ihrer Freundinnen mit groer
Indignation zurckgewiesen. Bald aber sagte man ihr nicht mehr in's Gesicht, was
man von ihrem Verhltni mit dem jungen Grafen dachte, sondern tuschelte sich
nur in die Ohren, da man sie da und da des Abends spt mit ihm gesehen habe;
da die goldene Kette, die sie auf einmal trage, auch wohl nicht aus dem Nachla
ihrer Mutter sei. Und dann kam ein Tag, wo man sich nicht mehr in's Ohr
tuschelte, sondern laut auf der Strae erzhlte: des Rectors Eleonore sei ber
Nacht mit dem schnen Grafen davongegangen und der alte Mann, ihr Vater, der so
schon lange gekrnkelt, sei ber diese Nachricht so erschrocken, da er auf den
Tod liege. Wirklich war der Alte ein paar Tage spter gestorben. Von Eleonoren
hatte man seitdem nichts gehrt.
    Glcklicherweise wute man auch den Namen des Grafen, und mehr bedurfte ich
nicht, um den Racheplan, den ich entworfen, auszufhren. Ich nahm den kleinen
Rest meines Vermgens und machte mich auf die Reise. Zuerst nach Warschau. Dort
kannte man den Grafen recht gut; es war ein junger Wstling, der aus der
Verfhrung von Frauen und Mdchen ein Gewerbe machte. Ein bekannter wollte ihn
vor zwei Jahren mit einem schnen Mdchen, das nach der Beschreibung Eleonore
sein mute, in Venedig gesehen haben.
    Ich reiste nach Venedig. Dort erinnerte man sich seiner wohl; er hatte zwei
Monate daselbst gelebt und war dann nach Mailand gegangen. Von Mailand schickte
man mich nach Rom. Dort traf ich einen Jugendfreund, einen Maler. Er hatte den
Grafen und Eleonore oft gesehen und das unglckliche Mdchen bedauert, noch ehe
er wute, in welchem Verhltni ich zu ihr stand. Er erzhlte mir, da der Graf
sie sehr schlecht behandelt habe, da er sie Jedem lachend angeboten habe, mit
dem Bemerken, man knne ihm keinen grern Freundschaftsdienst bezeigen, als
wenn man ihn von dieser Last befreie. - Hier stockte der Maler und wollte nicht
weiter berichten. Ich beschwor ihn, mir Alles zu sagen; ich sei auf das
Schlimmste gefat. Endlich theilte er mir denn mit, da sich zuletzt wirklich
ein Nachfolger des Grafen in der Person eines franzsischen Marquis, zum
mindesten eines soi-disant Marquis, gefunden habe, der mit Eleonoren nach Paris
gegangen sei. Das sei vor ungefhr einem Jahre geschehen. Der Graf halte sich
jetzt, so viel er wisse, in Neapel auf.
    Ich ging nach Neapel, mit meinem Freund, dem Maler. Ich hatte ihm
mitgetheilt, da ich an dem Grafen Rache nehmen wolle. Er meinte, das werde mir
sehr schwer fallen, denn der Graf sie ebenso muthig und verschlagen, als er
wollstig und grausam sei. Da ich aber auf meinem Vorsatz bestand, so erbot er
sich, mich zu begleiten. Ich nahm diesen Freundschaftsdienst an, denn der Maler
hatte viele Verbindungen mit dem Adel und konnte mich in die Kreise einfhren,
in denen sich mein Feind bewegte und die mir sonst verschlossen oder doch schwer
zugnglich gewesen wren.
    Wir kamen nach Neapel. Der Graf war noch da, der verhtschelte Liebling der
Frauen und der Schrecken der Vter und Ehemnner. Dem Maler gelang es ohne Mhe,
mich einzufhren. Ich besuchte jede Gesellschaft, um mit dem Grafen
zusammentreffen, was bisher der Zufall noch immer verhindert hatte. Endlich traf
ich ihn in einer groen Soire bei dem russischen Gesandten. Ich sah ihn in dem
ganzen Glanze seiner wirklich herrlichen Schnheit und mit dem Zauber seiner
chevaleresken Anmuth in einer Gruppe von Herren und Damen. Ich trat an der Hand
des Malers mitten in diese Gruppe hinein.
    Herr Graf, sagte der Maler. Der Doctor Berger aus Fichtenau wnscht Ihre
Bekanntschaft zu machen; erlauben Sie, da ich Ihnen denselben vorstelle.
    Bei dem Worte Fichtenau wurde der Graf bleich und verlor die Fassung so, da
es allen Herumstehenden auffiel.
    Ich will Sie nicht lange aufhalten, Herr Graf, sagte ich vortretend. Ich
wnsche nur von Ihnen den augenblicklichen Aufenthaltsort der jungen Dame zu
wissen, die Sie vor drei Jahren aus ihrem vterlichen Hause entfhrten und
zuletzt in Rom an einen franzsischen Schwindler verkuppelten.
    Ich sprach diese Worte ruhig, langsam, jede Silbe abwgend. Meine Stimme
beherrschte den ganzen Salon, denn es war nach meinen ersten Worten so still
geworden, da man eine Nadel htte fallen hren.
    Der Graf war noch bleicher geworden, aber er fate sich alsbald wieder und
sagte:
    Und was giebt Ihnen das Recht zu dieser Frage, fr die Sie in der That die
Zeit und den Ort uerst schicklich gewhlt haben?
    Ich hatte das Unglck, der Verlobte der jungen Dame zu sein.
    Und wenn ich Ihnen die erwnschte Auskunft verweigere?
    So erklre ich Sie vor diesen Damen und Herren fr das, was Sie vom Wirbel
bis zur Sohle sind: ein gemeiner Schurke.
    Bei diesen Worten schleuderte ich ihm meinen Handschuh in's Gesicht und
verlie, nachdem ich mich in kurzen Worten bei den Versammelten fr die von mir
provocirte Scene entschuldigt, vom Maler begleitet, die Gesellschaft.
    Eine Beleidigung der Art konnte nach der Anschauung der Welt, in welcher der
Graf lebte, nur mit Blut geshnt werden, um so mehr als ich, um dem Aristokraten
jede Ausflucht zu versperren, in meiner Officiers-Uniform in der Gesellschaft
erschienen war und der sehr geachtete Name des Malers mich vor dem Verdacht, ein
bloer Abenteurer zu sein, schtzte. Ueberdies hatte sich der Graf durch die
Gunst, in welcher er bei der Damenwelt stand, in der Mnnerwelt so verhat
gemacht, da ihm Jeder die von mir widerfahrene schmachvolle Behandlung gnnte
und er durch die Weigerung, sich mit mir zu schlagen, um den letzten Rest seines
Ansehens gekommen sein wrde. Er hatte unter dem Achselzucken seiner wenigen
Freunde und dem offenen Hohnlcheln seiner zahlreichen Feinde gleich nach mir
die Gesellschaft verlassen, und schon eine Stunde darauf erhielt ich von ihm
eine Herausforderung auf den Morgen des folgenden Tages. Das war Alles, was ich
gewollt hatte; ich vernahm die Nachricht mit einer Art von Jubel; die wenigen
Stunden bis zu dem Augenblicke, wo ich den Ruber Eleonorens, den Mrder meines
Erdenglcks vor der Mndung meiner Pistole haben wrde, erschienen mir eine
Ewigkeit. Ich konnte es in dem engen Zimmer unseres Hotels nicht aushalten; ich
mute das Rachefieber, das in mir brannte, in der balsamischen Nachtluft khlen.
Mein Freund bat mich, von diesem Vorsatze abzustehen, da ich mich, wie er mit
ironischem Lcheln sagte, unter diesen Umstnden bei einer nchtlichen Promenade
leicht auf den Tod erklten knnte. Als ich heftig und aufgeregt, wie ich war,
auf meinem Wunsche bestand, begleitete er mich zwar, aber nicht, ohne sich und
mich vorher mit Dolchen bewaffnet zu haben.
    Ich sollte bald erfahren, wie viel grndlicher der Maler den Charakter
meines Feindes und die Art des Volkes, in welchem wir uns befanden, studirt
hatte; denn wir waren kaum ein paar hundert Schritte von unserm Hotel entfernt
und wollten eben durch eine Seitengasse auf die Toledostrae biegen, als wir uns
von vier Mnnern, die pltzlich aus dem Schatten der Huser heraustraten, mit
einer unglaublichen Wuth angegriffen sahen. Glcklicherweise war der Maler ein
riesenstarker Mann und auch mir fehlte es weder an Kraft noch an
Geistesgegenwart. Die Mrder schienen auf einen so energischen Widerstand nicht
vorbereitet. Nach wenigen Augenblicken ergriffen sie die Flucht. Ich wollte
ihnen nachsetzen. La sie laufen, sagte der Maler, indem er seinen blutigen
Dolch abwischte; ich frchte, ich habe den Einen von ihnen etwas zu tief
geritzt. Aber der Kerl lie es sich auch gar zu angelegen sein, die paar
Zechinen des Grafen redlich zu verdienen.
    Mir war die Lust, noch weiter zu promeniren, vergangen. Wir kehrten auf dem
nchsten Wege in unser Hotel zurck und erwarteten voll Ungeduld die bezeichnete
Stunde.
    Der Maler suchte mir zu beweisen, da ich mich mit einem Menschen, der zum
Meuchelmord seine Zuflucht nehme, nicht schlagen knne, sondern ihn
niederschieen msse, wie einen tollen Hund; ich erwiderte ihm, da ich durchaus
die letztere Absicht habe und das Duell fr mich nichts weiter sei als eine
leere Form. Wir erzrnten uns beinahe bei diesem Disput.
    Ganz unnthiger Weise. Der Morgen kam, wir waren noch vor der Zeit auf dem
Platze; aber kein Gegner lie sich sehen. Endlich, nach einer Stunde, erschien
der Secundant des Grafen, ein junger italienischer Edelmann - bleich und
verstrt. Er sagte uns, da es ihm auerordentlich leid thue, uns so lange haben
warten zu lassen, aber es sei nicht seine Schuld. Der Graf sei gestern Abend
spt, nachdem er - der Sprecher - ihn verlassen, noch einmal ausgegangen mit der
Weisung an seinen Kammerdiener, nicht bis zu seiner Rckkunft aufzubleiben.
Seitdem sei er spurlos verschwunden. Es sei die hchste Wahrscheinlichkeit, da
ihn ein Unfall betroffen habe, denn da ein Mann von der hohen
gesellschaftlichen Stellung des Grafen sich einem Duell durch die Flucht
entziehen sollte, sei eine Annahme, deren Lcherlichkeit auf der Hand liege.
    Der Maler erwiderte, da wir Zeit zum Warten htten, und da aufgeschoben ja
darum noch nicht aufgehoben sei. Der Edelmann versprach uns sofort zu
benachrichtigen, sobald er etwas ber das Verbleiben des Grafen in Erfahrung
gebracht haben wrde.
    Aber der Graf blieb verschwunden, und ich mute zuletzt einem Verdachte
beipflichten, den der Maler schon am Abend des Zusammentreffens mit den
Meuchelmrdern ausgesprochen hatte, nmlich, da der Graf selbst bei dem
Attentat betheiligt und wahrscheinlich der von den Vieren gewesen sei, welcher
sich durch die Heftigkeit seines Angriffs vor den Andern so auszeichnete und in
Folge dessen von der starken Hand des Malers so empfindlich bestraft wurde.
Entweder war er in Folge der in dem Handgemenge erhaltenen Wunde gestorben,
oder, was grere Wahrscheinlichkeit hatte, er war nur verwundet und hielt sich
verborgen, um den Erklrungen, wie er in diesen Zustand gekommen sei, zu
entgehen; den Nachforschungen der Polizei, die sich - wahrscheinlich auf Antrieb
der Feinde des Grafen - bei dieser Gelegenheit ausnahmsweise sehr thtig zeigte,
auszuweichen und endlich einem Gegner zu entrinnen, der gewisse Dinge, fr die
man in seinen Kreisen nur ein frivoles Lcheln hatte, so plebejisch ernst nahm.
    Wie dem nun sein mochte: mein Gegner lie sich nicht wieder blicken und ich
mute, nachdem meine Angelegenheit vier Wochen lang das Thema aller Salons
gewesen war - denn die Sache hatte ungeheures Aufsehen gemacht - unverrichteter
Sache wieder von Neapel abreisen.
    Ich ging ber Rom - wo ich von meinem Freunde Abschied nahm - nach Paris.
Hatte ich doch meine Aufgabe erst halb und kaum halb erfllt! blieb mir doch
noch das Schwerste zu berstehen. Ich frchtete mich, Eleonore wiederzusehen;
eben so sehr, als ich es wnschte. Du wirst mich fragen, wie ich noch dies
Interesse an einem Wesen nehmen konnte, das mit meinem Glck ein so frevelhaftes
Spiel getrieben und durch ihr Davonlaufen mit dem Franzosen den Rest der
Achtung, den ihr die Flucht mit dem Polen aus dem vterlichen Hause etwa noch
gelassen, vollends verscherzt hatte. Aber, ich sagte Dir: ich hatte Eleonoren
geliebt, mit einer glhenden, dmonischen Liebe, deren Feuer noch immer nicht
ausgebrannt war und ach! noch lange, lange, nachdem ihr Gegenstand schon
verzehrt, brennen sollte; und dann: ich wute, da Eleonore, mochte sie auch
noch so leichtsinnig gehandelt haben, im Grunde nicht unedel dachte, da nur die
schrecklichste Noth sie in Rom zum Verlassen des Mannes, welchem sie
ursprnglich hierher aus Liebe folgte, gezwungen haben konnte und vor Allem, da
sie jetzt, im Falle sie ja noch lebte, sicherlich grenzenlos unglcklich war.
    Ich kam in Paris an. Ich kannte die Stadt sehr gut, denn ich hatte ihr schon
zweimal in Begleitung vieler Tausende bewaffneter Reisegefhrten einen Besuch
abgestattet. Ueberdies war ich mit Empfehlungsbriefen des Malers und vornehmer
Franzosen und Italiener, deren Bekanntschaft ich in Neapel gemacht hatte, wohl
versehen. Eine kurze Nachforschung besttigte den gleich zu Anfang von dem Maler
gehegten Verdacht, da der Marquis, der Eleonoren aus Rom entfhrte, ein
Charlatan gewesen sei. Ein Marquis solches Namens existirte nicht, hatte nie
existirt, jedenfalls nicht im Faubourg St. Germain. Ich mute meine
Nachforschungen anderen weniger aristokratischen Quartieren zuwenden.
    Auf meinen Kreuz- und Querzgen war ein Franzose, ein junger Gelehrter,
dessen Bekanntschaft ich schon frher gemacht hatte, mein bestndiger treuer
Begleiter. Es war ein liebenswrdiger Mensch, der mir sehr zugethan war und sein
Leben hindurch mein treuer Freund geblieben ist. Ich hatte ihm, wie ich wohl
nicht anders konnte, meine traurige Geschichte erzhlt; und er, der mir an
Welterfahrung, besonders Erfahrung der kleinen Welt Paris weit berlegen war,
hatte mich zuerst auf den Gedanken gebracht, Eleonoren im Quartier Latin und in
anderen noch geringeren Quartieren zu suchen. Paris, sagte der Franzose, ist ein
Ort, wo Menschen und Dinge selten lange denselben Werth behalten; sie steigen
oder fallen im Preise mit ungeheurer Geschwindigkeit. Whrend des einen Jahres
knnen sehr traurige Metamorphosen mit dem armen Mdchen vorgegangen sein. Hat
sie sich nicht das Leben genommen - und dieser Fall ist nicht wahrscheinlich,
weil sie sich schon in Rom getdtet haben wrde, wenn sie zum Sterben Muth htte
- so ist sie jedenfalls tief gesunken. Ich sage Ihnen: machen Sie sich auf das
Schlimmste gefat.
    Du kannst Dir denken, wie mein Herz bei solchen Worten, deren Richtigkeit
ich nur zu gut erkannte, bluten mute. Mir war zu Muthe, wie einem Manne, der
auf einem See nach der Leiche seines ertrunkenen Kindes fischt.
    Eines Abends, als wir ziellos durch eine der belebtesten Vorstdte irrten,
berraschte mich mein Begleiter durch die Frage: Hatte Eleonore Talent zum
Tanzen? Auf meine Erwiderung, da sie stets eine Meisterin in dieser Kunst
gewesen sei, sagte er: Wir htten eher daran denken sollen. Sonderbar, da es
mir nicht eingefallen ist, danach zu fragen. Er war von dem Gedanken, der ihm
pltzlich durch den Kopf geschossen war, so erfllt, da er mich nicht einmal
einer Antwort wrdigte, als ich zu wissen verlangte, was denn die Tanzkunst mit
unserer Angelegenheit zu thun habe? Er rief einen Fiaker an. Wir fuhren wieder
in die Stadt zurck. Wir stiegen aus. Es war eines jener Tanzlocale, die in
Paris damals nicht so glnzend wie heute, aber nicht weniger hufig und nicht
weniger besucht waren. Sehen Sie sich um, ob Sie Eleonore entdecken knnen. Wir
durchsuchten den Saal, Eleonore war nicht da. So lassen Sie uns weiter. Wir
fuhren nach einem zweiten Local; und als unsere Nachforschungen auch dort
fruchtlos waren, nach einem dritten und vierten. Ebenso vergebens. Ich war von
den wsten Scenen, die ich gesehen, von dem Staub und der Hitze, die in diesen
berfllten Slen herrschte, von der Anstrengung, aus so vielen Personen, die
fortwhrend den Ort verndern, eine bestimmte herauszufinden, durch die
Aufregung des Suchens und die Angst, zu finden, was ich suchte, so angegriffen,
da ich meinen Begleiter bat, fr heute wenigstens die nutzlose Jagd aufzugeben.
Nur noch ein einziges Local, erwiderte er; ich habe es mit Willen bis zuletzt
aufgespart, weil die Wahrscheinlichkeit, sie dort zu finden, freilich sehr gro,
aber auch sehr schrecklich ist. Wie meinen Sie das? Die Locale, die Sie bis
jetzt gesehen haben, erwiderte der Franzose, erfreuen sich, obgleich es schon
schlimm genug darin hergeht, noch einer gewissen Ehrbarkeit. Das Publicum ist
ber die Maen leichtsinnig, bermthig, frivol, aber mit wenigen Ausnahmen
nicht eigentlich verderbt. Es sind Etudiants mit ihren Frauen, Commis mit
ihren Grisetten, der bessere Ouvrier, der sich mit seinem Mdchen einen guten
Tag machen will. Die Gesellschaft, in die ich Sie jetzt fhren werde, ist
eleganter, aber bei weitem nicht so harmlos. Es ist ein Haus, das besonders von
jungen vornehmen Wstlingen aus den aristokratischen Quartieren, die sich fr
die in den Salons ausgestandene Langweile entschdigen wollen, von Auslndern,
welche nach Paris kommen, um ihre Gesundheit zu ruiniren und ihr Vermgen
durchzubringen, frequentirt wird, und das weibliche Publikum ist diesem Zwecke
entsprechend. Es besteht aus den schnsten, aber auch verderbtesten Mdchen,
gewandten Menschenfischerinnen, die heute mit vier Pferden fahren, um morgen im
Hospitale zu sterben, besonders Auslnderinnen: Creolinnen, Mdchen aus England,
Italien, Deutschland, die alle hier ihre Landsleute finden. Bereiten Sie sich
darauf vor, einen - hoffentlich vergeblichen - Blick in ein Pandmonium zu
werfen.
    Wir kamen an. Wir stiegen eine breite Marmortreppe hinauf. Mein Herz klopfte
furchtbar; ich konnte mich kaum auf den Fen halten; eine Ahnung sagte mir, da
ich an dem Ziele meiner Irrfahrten angekommen sei, da der entstellte Kopf der
Leiche im nchsten Augenblick aus den schwarzen Wassern auftauchen werde.
    Wir traten in den glnzend erleuchteten Saal. Von dem Orchester rauschte
eine bacchantische Musik und im bacchantischen Taumel ras'ten die Tanzenden
durcheinander. Der Glanz der Lichter, die schmetternden Trompeten, das Gedrnge,
die Hitze, der narkotische Duft von ppigen Parfums, mit denen der Saal erfllt
war, und die frchterliche Aufregung, in der ich mich befand, versetzten mir den
Athem. Ich mute mich fr einen Moment an eine Sule lehnen und die Augen
schlieen, um wieder zu mir selbst zu kommen. Als ich so in einer halben
Ohnmacht dastand, schlug eine Stimme an mein Ohr, bei deren erstem Laut ich, wie
von einer Natter gestochen, emporschnellte. Das Ohr ist ein treuer Mahner; es
vergit eine Stimme, deren Tne einst dem Herzen hold und lieb waren, im Leben
nicht wieder; es hatte mich nicht betrogen.
    Dicht vor mir so da ich sie beinahe mit der Hand htte erreichen knnen,
stand in lebhafter Unterhaltung mit einem jungen, schnen Cavalier ein Mdchen,
schlank und hoch, mit groen, braunen Augen, die im fieberhaften Glanze
leuchteten, mit einem Gesicht, das vielleicht fr ein so junges Geschpf zu
scharf, zu sehr vom Leben mitgenommen, aber noch immer schn war - und dieses
Mdchen - war Eleonore.
    Sonderbar! bei dem Ton ihrer Stimme hatte mein Herz zusammengezuckt wie
damals, als ich in Fichtenau in der Nacht vor dem Hause des Rectors stand und
das alte Weib mir aus dem Fenster herunterrief, Eleonore sei davon gelaufen.
Aber nach diesem Krampfe wurde es still, ganz still. Die zu straff gespannte
Saite war gesprungen; sie gab keinen Ton, weder des Jammers noch der Freude
mehr. Ich sah so kalt auf Eleonore herab, als sei sie ein Bild an der Wand. Ich
hrte die Worte, die sie zu ihrem Tnzer sprach, wie man Worte in dem Stadium
der Ohnmacht unmittelbar vor der Bewutlosigkeit hrt - als wrden sie am andern
Ende des Saales gesprochen. Ich musterte ihre ganze Erscheinung, selbst ihren
Anzug mit der khlen Ruhe eines Knstlers. Ich bemerkte, da sie geschminkt war
und da sie ihre dunklen Wimpern und Augenbrauen noch dunkler gefrbt hatte. Ich
bemerkte, da sie das Haar ganz in derselben Weise trug, wie ich es ihr selbst
einmal nach einem antiken Kopfe arrangirt, und wie sie es seitdem, so lange ich
sie sah, immer getragen. Ich hrte Alles, sah Alles und hrte und sah doch
nichts; denn ich hatte kein Verstndni mehr fr das, was ich sah und hrte.
    Mein Begleiter, der sich whrend der Zeit im Saal umgesehen hatte, trat in
diesem Augenblicke an mich heran. Ich habe Keine, die Ihrer Beschreibung
gleicht, entdecken knnen, sagte er. Gott sei Dank! ich athme ordentlich leicht,
ich mchte die, welche wir suchen, um Alles in der Welt nicht hier gefunden
haben. Aber mon Dieu, was ist Ihnen? Sie sehen ja aus wie eine Leiche.
    Ich habe sie gefunden.
    Wo?
    Da.
    Er nahm sein Glas und blickte mit gespanntestem Interesse einige Secunden
auf Eleonore, die noch immer, ohne zu ahnen, wer zwei Schritte von ihr entfernt
war, dastand und mit ihrem Tnzer conversirte und kokettirte.
    Dann lie er mit einem mitleidigen Achselzucken das Glas fallen. Sein
Gesicht war sehr ernst geworden.
    Pauvre homme, murmelte er.
    Da schmetterte die Musik noch lauter vom Orchester herab; eine neue Tour in
der Franaise begann; die Reihe kam an Eleonore. - Sie hatte sich, seitdem ich
sie zum letzten Male auf einem Balle der Brgerressource von Fichtenau hatte
tanzen sehen, sehr in ihrer Kunst vervollkommnet; ja - ich kann sagen, da ich
weder vorher noch nachher, etwas Vollendeteres gesehen habe. Es war die
entzckende Anmuth eines sich hinber- und herberwiegenden Wasserstrahls und
dabei eine Leidenschaftlichkeit, wie sie vielleicht sonst nur noch bei den
Zingarella's von Spanien und den Ghawazie's von Aegypten getroffen wird. In
diesem Moment war es das sanfte Werben schmachtenden Liebessehnens, im nchsten
die wahre Seele der Leidenschaft, die in jedem Nerv zuckt und jeder Muskel
zittert, aber in dem einen, wie in dem andern der herrlichste Rhythmus
wundervoll durcheinander verschlungener, und doch unendlich harmonischer
Bewegungen. Dieser Tanz war Gesang - ein Gesang der Liebe - aber nicht der
trumerischen, lindenduftathmenden, mondscheinbestrahlten deutschen, sondern der
sinnlichen, sonnedurchglhten, narkotischen, orientalischen Liebe. Und dabei war
ihr Gesicht ruhig, kaum eine Muskel regte sich, keine Spur von dem widerwrtigen
stereotypen Lcheln so vieler berhmter Tnzerinnen. Nur ihre Augen brannten in
einem unheimlichen und mit jedem ihrer Schritte, jeder ihrer Bewegungen
intensiver werdenden Feuer. Es war, als ob die Ruhe ihres Tnzers, der alle Pas
mit sehr viel Grazie, aber mit vornehmer Nachlssigkeit, als komme er sich bei
der ganzen Sache einigermaen lcherlich vor, mehr ging, als tanzte, das
leidenschaftliche Weib zur Verzweiflung bringe und sie ihn durch alle Knste, in
denen sie Meisterin war, aus seiner blasirten Apathie reien wollte. Vielleicht
war es wirklich so, vielleicht schien es auch nur - aber immerhin gewann der
Tanz dadurch ein reiches dramatisches Leben und gewhrte den Herumstehenden das
anziehendste Schauspiel.
    Ah, la belle Allemande! rief ein Enthusiast an meiner Seite.
    Grands Dieux, comme elle est jolie! ein anderer! bravo, bravo! und er
klatschte wthend in die Hnde, und die anderen Zuschauer folgten seinem
Beispiele: Bravo, bravo! Vive la reine Eleonore! vive la belle Allemande!
    Mein Freund fate mich am Arme und zog mich tiefer in die Colonnade, unter
der wir standen, zurck. Kommen Sie, sagte er. Wohin? Fort von hier. Nimmermehr!
Sie knnen sich doch unmglich fr ein Geschpf wie dieses noch interessiren!
Was wollen Sie von ihr? Ich sage Ihnen! sie ist verloren, rettungslos verloren!
Das wollen wir sehen! murmelte ich. Der Franzose zuckte die Achseln: Ihr
Deutschen seid eine seltsame Nation. Aber dann folgen Sie wenigstens meinem
Rathe: Geben Sie hier nicht zu einer Scene Veranlassung, die Ihnen ein halb
Dutzend Duelle auf den Hals ziehen knnte. Besuchen Sie das Mdchen morgen oder
wann Sie wollen. Was zu wissen nthig ist, will ich wenigen Minuten zusammen
haben.
    Ich sah ein, da sein Rath vernnftig war. Ich warf mich, whrend er durch
die Menge davon schlpfte, auf einen Sessel und sttzte meinen Kopf in meine
Hnde. Es waren ein paar grliche Augenblicke. Meine Schlfen hmmerten, meine
Glieder flogen - und doch war es still in mir, todtenstill und kalt. Und,
Oswald, in diesen Augenblicken, wo ich, das Gesicht in die Hnde gedrckt, in
stummem frchterlichem Schmerz, einsam unter der lrmenden Menge sa, whrend
mein Abgott, die Geliebte meiner Jugend, das Weib, zu dem ich in meiner
Kerkernacht gebetet hatte, wie zu einer glorreichen Heiligen, wenige Schritte
von mir entfernt nach den Klngen einer wollstigen Musik den wollstigen Tanz
der Herodias tanzte - da, Oswald, nahm ich fr immer Abschied von dem Glck, vom
Leben - da ri der Vorhang, der mir bis dahin das groe Geheimni verborgen
hatte, mitten auseinander, und ich stand schaudernd an der Schwelle, die ich
doch nicht zu berschreiten wagte und erst viele, viele Jahre spter
berschritten habe, denn noch hatte ich den Kelch nicht bis zur Hlfte geleert.
    Der Tanz hatte aufgehrt. Um mich her wurde es lebhafter; Lachen und
Scherzen, das Rauschen von Gewndern dicht an meinem Ohr. Man nahm an den
kleinen Tischen Platz, mit Eis und Champagner die Gluth zu khlen - auch an
meinen Tisch kam ein Paar, das keinen anderen Platz finden oder den Schlafenden
fr keinen gefhrlichen Lauscher halten mochte.
    Sie lieben mich wirklich, Eleonore? sagte eine weiche Mnnerstimme.
    Ja, Charles!
    Von ganzem Herzen?
    Von ganzem Herzen.
    Ich dachte, welchen Eindruck es wohl auf Eleonore machen wrde, wenn ich
pltzlich mein bleiches Gesicht von der Tischplatte erhbe und zu ihr sprche:
Das hast Du ja auch zu mir gesagt vor einigen Jahren auf der Wiese im Walde von
Fichtenau; aber ich bezwang mich und lauschte dem Gesprch, das noch eine Weile
in derselben Weise fortging. Zuletzt sagte der Cavalier:
    Und wann werde ich Sie wiedersehen?
    Wann Sie wollen -
    Das heit?
    Da ich fr meine Freunde immer zu Hause bin.
    Und wo ist zu Hause?
    Boulevard des Capucins numro dix sept, fragen Sie nur nach Mademoiselle
Eleonore -
    Adieu ma reine!
    Sie wollen schon fort?
    Leider mu ich.
    Weshalb?
    Meine Braut erwartet mich im Salon ihrer vortrefflichen Frau Mutter; und
wird au dsespoir sein, da ihr getreuer Seladon sie so lange schmachten lt.
    Sie haben eine Braut? O, Sie Unglcklicher!
    Ich hoffe, Sie werden mir mein Unglck tragen helfen.
    Nous verrons.
    Und das Paar entfernte sich lachend; Eleonorens seidenes Gewand streifte
mich, als sie an mir vorberschritt.
    Mein Begleiter trat wieder zu mir und legte die Hand auf meine Schulter.
    Ich wei Alles, sagte er.
    Ich auch, antwortete ich, den Kopf emporhebend.
    Woher?
    Sie hat es mir selbst gesagt.
    Der Freund glaubte, ich rede irre. Kommen Sie, sagte er, die Hitze greift
Sie sehr an.
    Du kannst Dir denken, da ich in dieser Nacht nicht viel schlief. Ich
entwarf und verwarf tausend Plne, wie ich Eleonore aus dieser Hlle retten
knne, denn da ich sie retten msse - daran hatte ich keinen Augenblick
gezweifelt.
    Ich stand am Morgen auf, ohne zu einem bestimmten Entschlusse gekommen zu
sein. Ich frchtete nicht fr mich. Denn mein Herz konnte nicht tiefer
zerfleischt werden, als es gestern Abend geschehen war; ich frchtete fr
Eleonoren, da ein pltzliches Wiedersehen sie zu entsetzlich demthigen,
vielleicht vernichten wrde. Und doch wute ich nach mehreren Tagen der
Unentschlossenheit keinen bessern Rath, als gerade zu ihr zu gehen. Mein Freund
schttelte zu Allem den Kopf. Aber, mon cher, rief er einmal ber das andere.
Sie lieben das Mdchen ja noch immer! Hatte er Recht? Ich wei es nicht.
Jedenfalls war diese Liebe anderer Art, als die gewhnliche, denn sie wute
nichts von verletztem Stolz, gedemthigter Eitelkeit - - ja, nicht einmal von
der Furcht, sich mglicherweise durch den Versuch der Rettung eines Wesens, das
gar nicht gerettet sein wollte, lcherlich zu machen.
    Ich ging, nachdem ich mit mir einig geworden, des Vormittags nach dem Hause
an dem Boulevard. Der Portier lchelte, als er auf meine Frage, ob hier
Mademoiselle Eleonore wohne, sein: Oui Monsieur, au troisime, antwortete:
Mademoiselle wird schwerlich schon zu sprechen sein, fgte er hinzu: sie ist
erst gegen Morgen nach Hause gekommen.
    Ich stieg die mit Teppichen belegten Treppen hinauf; in der dritten Etage
stand auf einem Porzellanschilde neben einem Klingelzug: Mademoiselle Elonore
de Saint - Georges. Der wievielte Name mochte dies sein, den die Unglckliche
fhrte, seitdem sie den ehrlichen Namen ihres Vaters abgelegt hatte?
    Ich schellte. Eine hliche Person, die halb Magd und halb Kammerfrau zu
sein schien und die durch die Reinlichkeit ihres Anzuges und die affectirte
Ehrbarkeit wo mglich nur noch hlicher wurde, ffnete und fragte nach meinem
Begehr. Ich wnschte Mademoiselle Eleonore zu sprechen. Mademoiselle ist unwohl
und nimmt heut keine Besuche an. - Ich mu sie sprechen. - Unmglich, sagte das
Weib; ich habe so eben nach einem Arzt geschickt; und sie wollte die Thr wieder
schlieen. - Aber, Madame, der Arzt bin ich. - Ah, c'est autre chose; entrez
Monsieur, entrez!
    Sie fhrte mich durch ein kleineres Vorzimmer in ein hohes, stattliches, mit
beinahe frstlicher Pracht ausgestattetes Gemach und bat mich, einige
Augenblicke zu verweilen, bis ihre Gebieterin erscheinen wrde.
    Ist Mademoiselle schon aufgestanden?
    Ja, ich komme sogleich zurck.
    Sie verschwand durch einen dichten Vorhang.
    Ich blieb mitten in dem Gemache stehen und blickte auf alle die Pracht, die
mich umgab, auf all' die herrlichen Spiegel, die ppigen Gemlde von Watteau und
Boucher in ihren breiten Goldrahmen, die chinesischen Pagoden auf dem marmornen
Kaminsims, die Vasen und Schalen von dem feinsten Porzellan, auf die
schwellenden Sophas und Divans mit derselben Andacht, mit welcher ein Arzt auf
die kostbare Manchette einer Hand blickt, die er amputiren soll. War ich doch
als Arzt hierher gekommen! hatte ich doch nur als Arzt das Recht, hier zu sein!
    Die Kammerfrau erschien wieder und bat mich, ihr zu folgen. Sie schlug den
Vorhang zurck, um mich durchzulassen. Ich trat in einen halbdunklen, mit
weichen Teppichen, wie alle die Zimmer belegten, und dunkelrothen Seiden-Tapeten
ausgeschlagenen Raum, das Schlafgemach der Gebieterin, und dann wieder durch
einen Vorhang in ein anderes schnes helles Gemach. Von der Ausstattung dieses
Gemachs sah ich nichts mehr; ich sah nur die schlanke weie Gestalt, die sich
bei meinem Eintreten von dem Divan, auf dem sie gekauert hatte, erhob, und mir
einige Schritte entgegentrat. Und diese schlanke weie Gestalt mit dem bleichen,
verfallenen, schnen Gesicht, aus dem die groen dunklen Augen mit fast
gespenstischer Klarheit leuchteten - dieses schne, geistig und physisch
gebrochene, verlorene Wesen war meine angebetete, einst wie eine Rose in
Unschuld und Jugend prangende Eleonore.
    Ich habe Sie rufen lassen, Doctor -, sagte sie mit leiser Stimme.
    Da sah sie mir genauer in's Gesicht. Ihr Mund verstummte; sie starrte mich
an mit Augen, die sich fast aus den Hhlen drngten - dann brach sie mit einem
gellenden Schrei zusammen, noch ehe ich, oder die daneben stehende Kammerfrau
sie in den Armen auffangen konnten.
    Wir trugen sie auf den Divan zurck. Sie war todtenbleich und kalt; ich
glaubte einen Augenblick, der jhe Schreck habe den dnnen Faden, an dem ihr
Leben hing, zerrissen. Ich htte den Tod als die Erlsung aus einer Hlle, als
eine Gnade des Himmels begrt. Bald aber berzeugte ich mich, da das Leben sie
noch nicht aus seinen Banden lassen wrde. Ich verstand genug von der Medicin,
um zu wissen, was ich in diesem Falle zu thun hatte. Whrend ich um die
Ohnmchtige beschftigt war, fragte ich die Kammerfrau, ob Eleonore dergleichen
Zuflle fter habe? wie es berhaupt mit ihrer Gesundheit stehe? Das Weib
glaubte einem Arzte gegenber die ehrbare Maske fallen lassen zu mssen. Sie sei
erst seit einem halben Jahre bei Mademoiselle in Dienst; seitdem sei es mit
Mademoiselle reiend bergab gegangen. Aber Mademoiselle lebe auch gar zu wild.
Alle Nchte bis drei, vier Uhr Morgens getanzt oder beim Champagner hingebracht
- das knne ja Niemand aushalten, zumal ein von Natur so zartes Geschpf. Sie
flehe Mademoiselle tglich an, dies Leben aufzugeben; aber sie erhalte jedesmal
zur Antwort: je schneller es vorbei ist, desto besser. Und vorbei wird es denn
wohl auch bald sein, heulte das Weib, und ich werde meine arme junge Gebieterin
verlieren, die ich, obgleich sie nicht lebt, wie sie sollte, lieb habe, wie mein
eigenes Kind.
    Da begann die Ohnmchtige sich zu regen. Ich schickte die Kammerfrau, mit
dem Auftrage, mir Riechsalz aus der Apotheke zu verschaffen, fort, weil ich,
wenn Eleonore vollends erwachte, ohne Zeugen mit ihr sein wollte. Die alte
Heuchlerin hatte sich kaum entfernt, als Eleonore die Augen wieder aufschlug und
mich mit wirren unglubigen Blicken ansah. Ich bemerkte, da in dem Mae, als
ihr das Bewutsein zurckkam, das Entsetzen ber meinen Anblick von neuem zunahm
und eine zweite Ohnmacht hereindrohte. Dies bleiche Zurckschrecken vor Einem,
dem sie sonst mit offenen Armen entgegenflog, war mir schmerzlicher als Alles
und rhrte mich bis zu Thrnen. Ich empfand in meinem Herzen keine Spur von Ha,
Zorn, nicht einmal von Verachtung - nein, nur Mitleid, grenzenloses unsgliches
Mitleid. Ich wei nicht, was ich sprach - aber es muten wohl gute, wilde Worte
der Liebe und Vergebung sein; denn die starren Zge fingen allmlig an, milder
zu werden; die schreckensgroen Augen wurden feucht, und zuletzt brach sie in
leidenschaftliches Weinen aus, ihren Kopf an meiner Brust, der ich noch immer an
ihrer Seite kniete, verbergend. Es war ein entsetzliches Weinen; es war, als ob
alle Thrnen dieser letzten Jahre, die sie unter Lachen und Scherzen verborgen,
aus ihren tiefsten Quellen hervorbrchen und sich nimmer erschpfen wrden -
dazwischen ein Schluchzen, als ob ihr das Herz brechen wollte, ein Schreien, als
ob ihr Inneres von zweischneidigen Schwertern durchwhlt wrde. - Ich habe nie,
weder vorher noch nachher etwas Aehnliches, einen solchen fhlbaren Ausbruch der
Reue einer mit Snden befleckten, aber von Natur nicht unedlen Seele gesehen.
    Unsere Rollen schienen auf eine seltsame Weise ausgetauscht. Es war, als ob
sie die Beleidigte, ich der Beleidiger wre; ich erschpfte mich in Bitten, in
flehenden Worten, um linderndes Oel in einen Schmerz zu gieen, der mit so
strmischer Heftigkeit wthete. Nach und nach gelang es mir, sie einigermaen zu
beruhigen. Sie weinte, den Kopf in die eine Hand gesttzt, nur noch still vor
sich hin, whrend ich, ihre andere Hand - wie wei und schlank und durchsichtig
ihre Finger geworden waren! - in meinen Hnden haltend, zu ihr sprach, wie ein
Bruder in einem solchen Falle zu seiner Schwester sprechen wrde. Ich bat sie,
in mir ihren Bruder zu sehen, mir zu vertrauen als ihrem besten, vielleicht
ihrem einzigen Freunde. Ich beschwor sie bei Allem, was ihr heilig sei, bei der
Erinnerung an ihre Jugendzeit, bei dem Andenken an ihre Eltern, die nun beide in
der khlen Erde ruhten - sich aus diesem Strudel, der sie ber kurz oder lang
verschlingen mte, zu reien, mir zu folgen, gleichviel, wohin; wenn sie
wollte, in eine menschenleere Wste, an das Ende der Welt, nur fort, fort von
hier, aus diesem glnzenden Elend. Es ist zu spt! zu spt! murmelte Eleonore;
Du bist gut, ich wei es, unsglich gut; aber es ist zu spt, zu spt.
    Ich wei nicht, wie lange dieser Kampf gedauert htte, wenn nicht ein
eigenthmlicher Zwischenfall eingetreten wre, der ihn wider all mein Erwarten
schnell zu meinen Gunsten entschied.
    Whrend ich noch an Eleonorens Seite kniete, hrte ich pltzlich ein:
superbe! hinter mir. Ich sprang erschrocken empor. Vor mir stand ein elegant
gekleideter junger Mann, der, das Glas im Auge, mich von oben bis unten und von
unten bis oben betrachtete: superbe, wiederholte er. Mademoiselle, ich wnsche
Ihnen Glck zu dieser neuen Eroberung.
    Der junge Mann war derjenige von Eleonorens Liebhabern, welcher sich durch
seine verschwenderische Freigebigkeit gewissermaen das Recht erworben hatte,
der einzige zu sein. Er wute, da Eleonore ihm nicht eine rigorose Treue
bewahrte, und kmmerte sich nicht eben darum; aber er liebte es nicht, mit
seinen Nebenbuhlern in derselben Wohnung zusammenzutreffen, die er mit
frstlicher Pracht fr seine Maitresse hatte herrichten lassen.
    Ich bitte mir eine Erklrung dieser Scene aus, Mademoiselle, sagte er, sich
von mir zu Eleonoren wendend, in einem Ton beleidigender Geringschtzung, der
mir alles Blut aus den Wangen zum Herzen trieb.
    Ich ffnete den Mund zu einer heftigen Antwort, aber Eleonore kam mir zuvor.
Sie war, sobald sie den Eingetretenen erblickte, emporgesprungen und stand
jetzt, mich ein wenig zurckdrngend, zwischen mir und ihm.
    Dieser Herr, sagte sie, auf mich deutend, hat sich ein Recht erworben, hier
zu sein.
    Wodurch?
    Durch das Unglck, mich einmal geliebt zu haben.
    Ah, Mademoiselle, erwiderte der junge Mann mit ironischem Lcheln, dies
Unglck theilt Monsieur mit vielen Anderen.
    Mein Herr! sagte ich, welche Ansprche Sie auch an Mademoiselle haben mgen,
ich habe ltere Rechte, und ich werde es nicht dulden, da Sie eine Dame, mit
der ich einst verlobt war, in meiner Gegenwart beschimpfen.
    Ah, sagte der junge Mann; Sie waren mit Mademoiselle verlobt? In der That!
da werden Sie sie auch wohl noch heirathen und ich - mit einem Blick in dem
Zimmer umher - werde die Dummheit haben, Mademoiselle auszustatten? Sehr gut
ausgedacht, in der That.
    Halten Sie ein, mein Herr! rief Eleonore, sich zu ihrer ganzen Hhe
emporrichtend; es ist genug. Sie denken mich halten zu knnen, mich beleidigen
zu knnen, weil ich Geschenke von Ihrer Hand entgegennahm. Hier haben Sie
zurck, was Sie mir gaben. Da! und da! und da! und sie ri mit fieberhafter Hast
die goldenen Armbnder und das andere Geschmeide, das sie trug, ab und warf es
dem jungen Mann vor die Fe.
    Die Leidenschaft, mit der sie dies Alles that, war zu augenscheinlich, um
verkannt zu werden, und imponirte dem Dandy sichtlich. Ich habe genug von dieser
Scene, murmelte er; wir sprechen uns wieder, Mademoiselle; hier ist meine Karte,
Monsieur! und er eilte zur Thr hinaus.
    Komm, komm! rief Eleonore; nicht einen Augenblick lnger bleibe ich hier;
lieber auf dem Grund der Seine als hier.
    Ich nahm sie beim Wort. Ich bat sie, sich umzukleiden, whrend ich in ihrem
Namen an den Marquis de Saintonge (so hie der Liebhaber Eleonorens) schrieb und
ihm die Wohnung, die er fr Eleonoren gemiethet und Alles, was er ihr sonst
geschenkt, wieder zur Verfgung stellte. Wir verlieen die Wohnung, bergaben
die Schlssel dem Portier und den Brief einem Commissionair zur sofortigen
Bestellung, und einige Stunden spter hatten wir, nachdem ich meine
Angelegenheiten geordnet und von meinem Freunde Abschied genommen, die Stadt
hinter uns.
    Unsere Reise sollte vorlufig nicht weit gehen. Schon wenige Stationen von
Paris erkrankte Eleonore so, da wir in einem Stdtchen Halt machen muten. Der
herbeigerufene Arzt, glcklicherweise ein geschickter Mann, erklrte, da sich
bei der Mademoiselle, meiner Schwester (dafr galt Eleonore) alle Symptome einer
Gehirnentzndung zeigten. Seine Diagnose war nur zu richtig gewesen. Schon am
folgenden Tage kam die frchterliche Krankheit zum Ausbruch. Whrend die Aermste
von den heien Orgien im Jardin aux Lilas und dem khlen Schatten ihrer
heimischen Wlder, vom Marquis de Saitonge und anderen Pariser Bekanntschaften
und von mir, der ich ihr bald als ein rettender Engel, bald als ein Rachegott
erschien, phantasirte, hatte ich, an ihrem Lager sitzend, Zeit genug zur
Ueberlegung. Bei meiner hartnckigen Verfolgung der Spur Eleonorens war ich viel
mehr von einem dunklen Drange als von klaren Absichten geleitet gewesen, am
wenigsten hatte ich an die Mglichkeit einer so wunderlichen Situation, als in
welcher ich mich jetzt befand, gedacht. Aber in der Rathlosigkeit war der eine
Gedanke ber jeden Zweifel erhaben: da ich Eleonoren, wenn sie die Krankheit
berstehen sollte, nimmer wieder verlassen drfe.
    In der That stellten sich nach einiger Zeit Zeichen der Besserung ein, und
eines Morgens verkndete mir der Arzt, da eine glckliche Krisis eingetreten
und Eleonore vorlufig aus aller Gefahr sei. Indessen, fgte er mit ernster
Miene hinzu, ich glaube Ihnen nicht verhehlen zu drfen, da nach menschlicher
Berechnung die Zeit, welche Ihrer Schwester noch zu leben bleibt, nicht mehr
sehr lang sein wird. Ich habe eine Lungenkrankheit diagnosticirt, die schon
entsetzliche Fortschritte gemacht hat. Ich kenne Ihre Verhltnisse nicht und
wei nicht, ob dieselben Ihnen erlauben werden, meinem Rathe zu folgen. Mein
Rath ist aber der: gehen Sie mit Ihrer Schwester in ein sdliches Klima, nach
Italien, wo mglich Aegypten. Einem rauheren Klima wrde Mademoiselle in der
krzesten Zeit erliegen.
    Mein Entschlu war sofort gefat. Ich hatte in Deutschland, wo mir als
Nachcur meiner fnfjhrigen Kerkerhaft jede ffentliche Lehrthtigkeit untersagt
war, nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren. Mein Vermgen war im Verlauf
meiner Irrfahrten bis auf einen sehr bescheidenen Rest zusammengeschrumpft; aber
ich konnte diesen Rest eben so gut in Italien ausgeben, als anderswo; berdies
glaubte ich im Auslande meine Sprachkenntnisse noch am besten verwerthen zu
knnen; und schlielich - ich hatte keine Wahl. Ich wrde lieber das Aeuerste
erduldet, als etwas, das zu Eleonorens Wohl dienen konnte, unterlassen haben.
Einige Tage spter waren wir nach Italien unterwegs.
    Ich siedelte mich zwei Meilen von Genua, unmittelbar an der Kste des
herrlichsten Meeres an. Das Glck wollte, da ich in der Familie eines reichen
Englnders, der sich zu einem hnlichen Zwecke, wie ich, in dem Orte aufhielt,
Unterrichtsstunden erhielt, deren Ertrag mich jeder uern Sorge berhob. Desto
grer war meine Sorge fr Eleonore.
    Die Flucht aus Paris war so eilig gewesen, und fr Eleonoren so ganz nur das
Resultat eines augenblicklichen Impulses; ihre gleich darauf eintretende
Krankheit hatte ihre Willenskraft so vollstndig gelhmt, da sie sich in einer
Art von Betubung allen meinen Anordnungen willig gefgt hatte und eigentlich
erst jetzt zu einem Verstndni ihrer Lage kam. Ich hatte nicht bedacht und
fhlte erst jetzt an Eleonorens Benehmen mir gegenber, da in dieser
Abhngigkeit von dem Manne, den sie so schmachvoll verrathen, in der bestndigen
Nhe dessen, vor dem sie sich am liebsten in der Tiefe der Erde verborgen htte,
zu leben, die hrteste Strafe fr ein Wesen sein mute, bei dem der letzte
Funken von Ehrgefhl noch nicht erloschen war. Eleonore sprach dies geradezu
aus; aber sie fgte hinzu: diese Shne ist hart, aber sie ist gerecht; nur so
konnte ich zu einer Erkenntni dessen kommen, was ich an Dir gefrevelt habe. -
Wenn Eleonore so in der Zerknirschung der Reue eine Milderung ihrer
Gewissensqualen fand, so hatte ich fr mein namenloses Leid nur den fr eine
bescheidene Seele sehr drftigen Trost: an Eleonoren zu handeln, wie es mir das
Gewissen vorschrieb. Ich konnte ungestrt den Schmerzenskelch bis auf den
letzten bittersten Tropfen leeren. Das war also die Erfllung des kstlichen
Glcks, von dem ich in den goldenen Tagen von Fichtenau und selbst noch in der
Nacht der Festungs-Casematten getrumt hatte! Diese bleiche kraftlose Gestalt,
die gesenkten Hauptes an meinem Arme auf der Hhe des Felsenufers im
Abendsonnenschein dahinschritt, an deren Schmerzenslager ich wachte, wenn sie
die Krankheit Tage lang in das Zimmer bannte, in deren gebrochenes Herz ich, der
ich selbst des Trostes ermangelte, lindernden Balsam zu trufeln hatte - war das
Mdchen, das ich mir zum Weibe erkoren, in dem ich die knftige Mutter meiner
Kinder ahnungsvoll angebetet hatte!
    Und doch ist es gut, da ich auch das erlebte.
    Es war eines Abends. Ich hatte die Kranke, die heute besonders aufgeregt war
und ngstlich nach Luft und Licht verlangte, auf meinem Arm aus dem
Fischerhuschen, in welchem wir wohnten, bis auf den Rand der schwarzen
Basaltfelsen, die hier das Meer umsumen, getragen und ihr dort von Kissen ein
Lager bereitet. Die Sonne ging in strahlender Herrlichkeit im Meere unter. Kaum
ein Lftchen kruselte die glatte Flche der See, von der, wie von einem
Spiegel, die smaragdnen und goldnen Lichter, die an dem Himmel prangten,
reflectirt wurden. Auch auf das bleiche Gesicht der Kranken fiel ihr
zauberischer Schimmer - die rosige Lge - mit der die Sonne und das Leben die
Nacht und den Tod verhhnen. Und in dieser Stunde nahm Eleonore Abschied von der
Sonne und dem Leben. Sie sagte mir, da sie mich stets geliebt habe, selbst in
dem Augenblicke, als Eitelkeit und Sinnlichkeit sie verblendeten; da ihr ganzes
Leben seit diesem Augenblick nur der stete qualvolle Versuch, sich zu betuben,
gewesen sei. Sie mchte nicht genesen, auch selbst nicht dann, wenn es mglich
wre, da ich ihr wieder meine Liebe schenkte. Sie sei nicht werth, meine
Sklavin, geschweige denn mein Weib zu sein. Sie schaudere vor diesem Gedanken
zurck. - O, nimmer, nimmermehr, fuhr sie fort, und aus ihren groen dunklen
Augen leuchtete ein himmlisches Feuer; nimmer hier auf dieser Erde, wo ich an
Dir so furchtbar gefrevelt habe. Aber, wenn dieser entweihte Leib zerfallen und
die Seele von der Fessel, die sie in den Staub zog, befreit ist, dann werde ich
Dich umschweben, dann werde ich Deiner harren, und wenn Du kommst, wird Deine
Seele meine Seele kssen, und ich werde in diesem Kusse erkennen, da Alles
geshnt und Alles vergessen und vergeben ist.
    Ich sagte ihr, da ich ihr Alles lngst vergeben habe, da ich sie liebe mit
einer reineren, heiligeren Liebe, als in den Tagen unseres Glcks.
    Ich kte weinend ihre weien Hnde und ihren bleichen Mund.
    Das ist unser Hochzeitstag! flsterte sie, armer, armer Mann! Sie sank in
die Kissen zurck.
    Ich trug die ganz Erschpfte nach der Htte und auf ihr Lager.
    Es war das letzte Mal.
    In dieser Nacht starb Eleonore.
    Berger war aufgestanden, Oswald war seinem Beispiele gefolgt. Jener war mit
den Erinnerungen, die so eben, von seiner mchtigen Phantasie mit aller Schrfe
und Klarheit der Wirklichkeit ausgestattet, an seines Geistes Auge
vorbergezogen waren, dieser mit dem eben Gehrten so vollauf beschftigt, da
sie kaum des Weges achteten, der sie durch dunkle Tannenwaldungen hher und
hher fhrte.
    Da traten sie heraus aus den Bumen auf den kahlen Gipfel des Berges, der
von den Bewohnern die Gockeleia genannt wird und der bei weitem hchste ist
ringsum unter seinen Brdern und Schwestern.
    Die Sonne war bereits untergesunken, aber der westliche Himmel prangte noch
in der Gluth des Abendroths, von dem ein schwcherer Abglanz selbst den
stlichen Horizont rosa frbte. Hier und da blickte eine der hheren Bergkuppen,
in Purpurlicht getaucht, dem scheidenden Gestirn des Tages nach; aber in den
weiteren Thlern lagerten schon graue Abendschatten und weiliche Nebel zogen in
den engeren Schluchten. Die Tannen, die zu den Fen der Wanderer ihre grnen
Hupter emporhoben, standen starr und still wie eine vor Erwartung athemlose
Menge.
    Berger blickte, auf seinen Stab gesttzt, in die Abendsonnengluth hinein,
von der in jedem Moment eine Farbe verschwand und eine andere verblate.
    Oswalds Auge hing an seinen Mienen, die sich - war es die Wirkung des
geisterhaften Lichts, war es nur der Ausdruck eines inneren Vorganges - mit
jedem Augenblick mehr zu vergeistigen schienen. Pltzlich lie Berger seinen
Stab fallen, breitete die erhobenen Hnde wie zum Gebet aus und sprach: Mutter
Nacht, urewige, urgewaltige, aus deren Schoo sich die Creatur in ihrem wilden
Lebensdrange losreit, um nach langer Irrfahrt reuig und demthig fr immer an
Deinen treuen mtterlichen Busen zurckzusinken, sei mir gegrt auch in Deinem
schwachen irdischen Abbild! Du abgrundtiefer Born der Vergessenheit, Du se
Wiege ungestrter Ruhe, wie sehne ich mich doch so nach Dir von ganzem Herzen! O
nimm sie von mir, diese de Qual des Lebens; erspare mir den tglichen Kummer,
diese mden Augen zu einem Lichte aufzuschlagen, das ihnen so verhat ist; nimm
diesen Erdenrest, der befleckend auf mir haftet und der in demselben Mae, da
er sich verringert, nur um so peinlicher wird! La ihn, o la ihn bald verzehrt
sein! Ich wei es wohl, ich knnte zu Dir kommen, wenn ich noch einen Schritt
thte auf diesem Felsenrande, aber ob auch mein Gebein im Sturz zerschmetterte,
doch wrde die Seele keine Ruhe finden, denn sie hatte in dem Kelch des Lebens
noch einige Tropfen, vielleicht, wer wei es? die bittersten von allen gelassen.
Nein, nein! weiche von mir, Teufel, der Du mich in den Abgrund lockst. Der
Abgrund ist nicht der Tod, sondern das Leben mit aller seiner Herrlichkeit. Ich
kenne das alte Stck; du hast es auch ihm gespielt, dem Sohne des Zimmermanns
von Nazareth! Aber er wies Deine Lockungen von sich - Ehre, Macht und
Weibergunst, um zu drsten, zu hungern und nicht zu haben, wohin er sein Haupt
lege, um in der Nacht auf dem Oelberge mit kalten Schweitropfen den letzten
Erdenrest von sich abzuwaschen und, im Leben schon verklrt und heilig, zu
Golgatha am Kreuz den Tod des Schchers zu sterben! O, da ich hinausziehen
knnte in die Lande und predigen das Wort, das heilige Wort, das uns erls't fr
nun und immerdar, das Wort, das uns wieder zurckbringt zur guten, lieben,
milden Mutter Nacht, die wir verlieen, um in der Sonnengluth des Lebens mit
lechzender Zunge und pochenden Schlfen Hllenqualen zu erdulden! das Wort, das
heilige, unaussprechliche Wort, das zu eitel Spott und Hohn geworden in dem
freveln Mummenschanz, mit welchem sie ihrem Gott zu dienen whnen. Vergieb
ihnen, Mutter, denn sie wissen nicht, was sie thun; sie wrden ja gern zu Dir
kommen, wenn sie Ohren htten, Deine sanfte Stimme zu hren, und Augen, Deine
milde Schnheit zu sehen. Ich sehe Dein heiliges Antlitz; es lchelt mir Trost
und Hoffnung zu; ich hre Deine Stimme, sie flstert: warte, warte nur noch eine
kurze Zeit, und Du sinkst zurck zur ewigen Ruh in meinen treuen Arm!
    Der rosige Schimmer war von dem Himmel verschwunden, graue Dmmerung
breitete sich in den Thlern; in den Wipfeln der Tannen begann der Abendwind zu
flstern und zu raunen.
    Ein Schauer packte Oswald. Ihm war, als ob die mystische Nacht, an die
Berger sein Gebet gerichtet, ihn schon mit ihrem Grabeshauch anwehte, als ob die
Sonne versunken sei, um niemals wieder aufzugehen. Aber dieser Schauer war nicht
ohne ein seltsames Gefhl der Lust. Der narkotische Duft der Todesgedanken, den
ihm Bergers ekstatische Worte zutrugen, drang ihm, mit dem Duft der Haidekruter
und der Tannen, bis in's Herz.
    Er dachte an Helene und Melitta, aber nicht mit der qualvollen Unruhe von
heute Morgen, sondern in stiller Wehmuth, wie man an geliebte Todte denkt; er
dachte an die Verwirrungen und Irrungen des bunten Dramas seiner Grenwitzer
Tage, aber es kam ihm vor wie ein Schattenspiel an der Wand; er dachte an die
Zukunft, aber sie hatte keinen Reiz mehr fr ihn, sie flte ihm weder Furcht
noch Hoffnung ein - es war, als ob sein ganzes Wesen sich in sich selbst
zurckziehe, als ob die Andern weder so viel Liebe noch so viel Ha verdienten.
    So sa er, den Kopf in die Hand gesttzt, auf einem Felsblock und schaute in
den Abend hinein, der seine dunklen Schwingen immer breiter ber den Himmel
spannte.
    Eine Hand legte sich auf seine Schulter.
    Komm! sagte Berger, la uns zu den Todten zurckkehren.
    Sie stiegen von dem Gipfel herunter und tauchten in die feuchte Waldesnacht.
Berger schien jeden Pfad und jeden Stein im Gebirge zu kennen. Er schritt, sich
von Zeit zu Zeit auf seinen Knotenstock sttzend, mit einer Rstigkeit voran die
Oswald, ein so guter Fugnger er war, das Folgen schwer machte.
    So waren sie an eine Wiese mitten im Herzen des Waldes gekommen. Als sie am
Saume des Holzes hinschritten, blinkte pltzlich von der andern Seite ein
Lichtschein herber. Er kam von der Flamme eines Reisighaufens, der eben
angezndet wurde. In dem hellen Kreis um die Flamme bewegten sich zwei Gestalten
- eine Frau, wie es schien, und ein Kind.
    Oswalds scharfes Auge besttigte eine Ahnung, die ihm sofort die Seele
durchzuckt hatte.
    Es waren Xenobi und die Czika.
    Er eilte, so schnell ihn seine Fe tragen konnten, quer ber die Wiese fort
nach der Flamme zu. - Aber er hatte kaum die Hlfte der Entfernung zurckgelegt,
als er bis an die Knchel im feuchten Grunde versank. Er sah, da er nicht
weiter kommen knne. Er rief hinber, so laut er konnte: Xenobi, Czika! ich
bin's, Oswald!
    Aber sein Ruf hatte kaum den stillen Wald aus seiner Ruhe geschreckt, als
das Feuer erlosch und mit dem Feuer die Gestalten der Zigeunerinnen
verschwanden.
    Alles war still - todtenstill. Oswald htte glauben knnen, seine Phantasie
habe ihm einen tckischen Streich gespielt.
    Was hattest Du? fragte Berger, als Oswald zu ihm zurckkam.
    Sahen Sie das Feuer nicht?
    Es war ein Irrlicht auf dem Sumpfe, erwiderte Berger. La uns weiter gehen!

                                 Achtes Capitel


Als die beiden Wanderer aus den Bergen heraus an die ersten Huser des
Stdtchens gelangten, war es vollkommen Nacht. Oswald hatte sich ganz der
Fhrung Bergers anvertrauen mssen und war der Meinung gewesen, da derselbe auf
dem nchsten Wege zu Doctor Birkenhains Anstalt zurckkehren werde. Er war daher
einigermaen erstaunt, als er jetzt bemerkte, da sie sich dem Stdtchen vom
entgegengesetzten Ende genhert hatten. Da standen die hochbeladenen
Fuhrmannswagen, da sah man durch das offene Hofthor auf den gerumigen Hof, da
brannte in der Laterne von grnem Glase ber der Hausthr ein trbseliges Licht
und beleuchtete melancholisch die eine Hlfte der groen Mtze von Blech, welche
einst in den Tagen des Glanzes in grner Oelfarbe geprangt, seitdem aber manchen
Sturm erlebt und von Wind und Wetter und Regen um seine Jugendfrische gebracht
war; da erschallte aus den sprlich erhellten vier niedrigen Fenstern rechts von
der Hausthr das Geklirr von Glsern, welche von durstigen Trinkgsten energisch
auf den Tisch gestoen wurden, und der concentrirte Lrm einiger zwanzig nicht
allzu zarter Mnnerstimmen, die sich alle auf einmal vernehmen lieen.
    Es htte so vieler unverkennbarer Zeichen nicht bedurft, um Oswald daran zu
erinnern, da er sich in dem gastlichen Schatten der Grnen Mtze befand.
    Das ganz unverhoffte Wiedersehen der Zigeunerin im Walde hatte ihn auf das
lebhafteste an diese ganze Angelegenheit, die er ber der Begegnung mit Berger
beinahe vergessen hatte, erinnert.
    Er htte Berger, dessen Scharfsinn in der Entrthselung verworrener
Situationen und problematischer Naturen er frher oft zu bewundern Gelegenheit
gehabt, gern in dieser Sache um Rath gefragt, aber er scheute sich, einen Geist,
der fortwhrend in den geheimnivollen Tiefen der Mystik grbelnd umherwandelte,
mit Geschichten zu behelligen, in denen der Director Schmenckel eine Hauptrolle
spielte.
    Wie erstaunt war er daher, als Berger, als sie an der Thr der Grnen Mtze
angekommen waren, stehen blieb und sagte:
    Mich drstet; la uns hier einen Augenblick eintreten.
    Hier? sagte Oswald, der vor dem Gedanken, den schwrmerischen zartsinnigen
Mann, dem der Duft des Tabaks ein Gruel war, in eine so wste Gesellschaft zu
bringen, zurckschreckte. Es sind sehr rohe Gesellen, die hier verkehren.
    Was thut es? erwiderte Berger, sind es doch Menschenshne!
    Mit diesen Worten trat er durch die offene Hausthr auf den Flur, wo gestern
Abend der Kampf zwischen den Kunstenthusiasten und ihren Gegnern stattgefunden
hatte, und durch die ebenfalls offene Stubenthr in die Trinkstube.
    Dieselbe gewhrte heute so ziemlich denselben Anblick, wie gestern vor und
nach der Rauferei, nur da der Tisch, an welchem die Knstler saen, heute von
den brigen Gsten bedeutend weniger gesucht schien.
    Herr Schmenckel war ein viel zu guter Philosoph, als da er sich durch dies
beleidigende Benehmen seiner Freunde um seine gute Laune htte bringen lassen
sollen. Sein dickes Gesicht strahlte heute so rthlich wie je, seine
verschwollnen Aeuglein zwinkerten heute noch so listig wie je aus dem rohten
Gesicht; seine Wsche war heute noch vielleicht um eine Schattirung weniger
sauber, aber die Beinkleidertrger waren um keine Linie schmler und um keine
der gestickten Rosen rmer geworden.
    Wie findet Ihr das Bier, Cotterby? sagte er, die breite Faust auf die
Schulter der fliegenden Taube legend.
    Sauer! war die lakonische Antwort des Angeredeten, der heute, wo der Genius
in der Eiche seinen Flug nicht geweiht hatte, viel weniger applaudirt war.
    Pah, sagte Herr Schmenckel. Ihr seid verwhnt, Cotterby. Freilich so gut,
wie wir es in Aegypten tranken, ist es nicht; aber es ist doch gut, sehr gut.
Ihr Wohl, meine Herren!
    In diesem Augenblicke traten Berger und Oswald in die Trinkstube und
nherten sich dem Tische, an welchem die Knstler saen, als dem am wenigsten
besetzten. Herrn Schmenckels scharfes Auge hatte die neuen Ankmmlinge kaum
bemerkt, als er sich von seinem Platze erhob, auf Oswald zuschritt, sich tief
vor ihm verbeugte und mit einer Stimme, die darauf berechnet war, Alle zu
bertnen, sagte:
    Ah, Euer Gnaden, Herr Graf, das ist einmal schn, da Sie einen armen
Knstler in seiner niedrigen Herberge zu besuchen kommen! Ihr Wohl, Herr Graf,
und auch Ihres, alter Herr! Ach! Das war der erste Schluck, der mir heute Abend
geschmeckt hat. Merkwrdig! schlechte Gesellschaft verdirbt gutes Bier, gute
Gesellschaft macht schlechtes gut. Bin ein Freund von Geselligkeit, Herr Graf.
Sehe, da Sie es auch sind; wollen Sie die Gte haben, mich mit dem alten Herrn
bekannt zu machen. Director Schmenckel wei gern, mit wem er zu thun hat.
    Oswald warf einen Blick auf Berger, um zu sehen, welchen Eindruck diese
Umgebung und Gesellschaft auf ihn mache, und darnach sein Verhalten Herrn
Schmenckel gegenber zu bestimmen. Zu seiner Verwunderung schien Berger mit
einem gewissen Interesse dem Geschwtz des Seiltnzer-Directors zuzuhren. Er
hatte seinen Hut auf die Lehne des Stuhles gehngt, seinen Dornenstock neben
sich gestellt und lehnte sich jetzt mit beiden Armen auf den Tisch, ganz wie
Einer, der so schnell nicht wieder fortzugehen gedenkt.
    Ich heie Berger; sagte er auf die Frage des Directors.
    Professor Berger, fgte Oswald hinzu, in der guten Absicht, Herrn Schmenckel
durch den Titel zu imponiren und die Zudringlichkeit des Mannes in Schranken zu
halten.
    Professor? wiederholte Herr Schmenckel, mit einem Blick auf Bergers blaue
Blouse und verwirrten Bart. Sehr gut! Darf ich Sie mit meinem Freunde Cotterby
bekannt machen? Herr John Cotterby aus Aegypten, genannt die Fliegende Taube,
Herr Berger, genannt Professor.
    Wollen wir wieder aufbrechen? fragte Oswald, den das Benehmen Herrn
Schmenckels in nicht geringe Verlegenheit setzte.
    Ich denke, wir bleiben noch ein wenig, erwiderte Berger.
    Ihre Faust, alter Knabe, sagte Herr Schmenckel, Bergers magere, schmale Hand
ergreifend und krftig schttelnd. Sie gefallen mir ganz ausnehmend. Wenn Ihr
Filz einmal vollends aus dem Leim geht und Ihre Blouse weder Stich noch Fetzen
hlt - dann kommen Sie zu mir. Director Schmenckel wird sich ein Vergngen
daraus machen, einen Mann wie Sie als ein Mitglied seiner Gesellschaft zu
begren. Ihr Bart allein ist eine Zierde fr die Gesellschaft. Sie wrden in
einer Pantomime Furore machen. - Was sagen Sie zu unserer heutigen Vorstellung,
Herr Graf?
    Ich war leider verhindert, derselben beizuwohnen; erwiderte Oswald, den ein
Lcheln auf Bergers Lippen zu einem Eingehen auf die sonderbare Unterhaltung
ermuthigte.
    O, da haben Sie viel, sehr viel verloren, sagte der Director in dem Tone
aufrichtigen Bedauerns und seinen dicken Kopf hin und her wiegend. Die
Vorstellung war die glnzendste, die wir seit langer Zeit gegeben haben.
Director Schmenckel hat bewiesen, da die momentane Abwesenheit einiger
schtzenswerthen Mitglieder seiner Gesellschaft keinen Einflu auf die
Leistungen derselben im Allgemeinen ausbt. Ich will nicht von mir sprechen,
obgleich ich glaube, da mir mein berhmtes Schmenckel-Spiel mit den drei
achtundvierzigpfndigen Kanonenkugeln von Niemand auf der Welt nachgemacht wird
und meine Fontaine d'argent mit den zwanzig silbernen Bllen bis jetzt noch
unerreicht ist - aber, meine Herren, Sie htten heute Herrn Cotterby an dem
Trapez sehen sollen! Ich sage Ihnen, die Ringelaffen von der Insel Sumatra sind
Schufte dagegen, ganz elendigliche Schufte! Und dann Herr Stolzenberg mit seinem
Riesenfa! ich sage Ihnen - rcken Sie heran, Stolzenberg! Ein Knstler, wie
Sie, braucht nicht so bescheiden zu sein, und dem Herrn Grafen kommt es auf ein
Seidel mehr oder weniger nicht an. Und dann, Herrn Pierrot als Disloqueur! -
kommen Sie zu uns, Pierrot, - Knstler mssen zusammenhalten - ich sage Ihnen,
Herr Graf, Ihr Taschenmesser ist ein Ladestock gegen Herrn Pierrot. Ich habe
schon oft gesagt: Pierrot, wenn wir einmal zusammen auf der Eisenbahn fahren,
bezahle ich nur fr mich, Sie nehme ich franco in meiner Hutschachtel mit. Ein
guter Witz, Herr Graf, nicht wahr? aber der Professor hat ein leeres Glas, und
wahrhaftig ich auch! Ich glaube, der Kerl, der Stolzenberg, hat heimlich mein
Seidel ausgetrunken, und wei Gott, sein's dazu. Trinken Sie auch aus, Pierrot.
Sie ersparen dem hbschen Mdchen einen Weg! Hier, mein Schatz, fnf frische
Seidel; aber frisch, mein Engel, wie die Rosen auf Ihren schnen Wangen. Lieben
Sie die hbschen Weiber auch, Herr Graf? so'n schnes Kind mit braunen Augen,
dunklem Haar und schlankem Leibchen, wie die Czika? He? Die lassen's nur noch
ein paar Jahr lter sein; da sollen Sie Ihre Freude daran erleben.
    Haben Sie noch keine Nachricht von den Beiden? fragte Oswald.
    Herr Schmenckel, der keine Ahnung davon hatte, wo die Zigeunerinnen
mglicherweise geblieben sein knnten, der es aber fr unrecht hielt, die
Hoffnung des reichen Liebhabers schner Zigeunerkinder auf ein baldiges
Wiedersehen des jngsten Gegenstandes seiner Narrethei ganz zu vernichten,
zwinkerte schlau mit den verschwollenen Aeuglein, legte den Zeigefinger
nachdenklich an die Nase und sagte: Sind nicht weit von hier - im Walde - habe
sichere Kundschaft - knnte sie haben, wenn ich wollte - will nicht - Weiber
mssen sich ausschmollen - kommen dann ganz von selbst wieder und sind auf lange
Zeit von ihren Mucken curirt. Ja, das mu man kennen! Die Weiber sind ein
schwieriges Capitel. Sie sind sich alle gleich und doch ist keine wie die
andere. Was sagt Ihr dazu, alter Knabe?
    Ich glaube, da Sie ein groer Philosoph sind, von dem noch Mancher Manches
lernen knnte; erwiderte Berger, Herrn Schmenckel mit einem seltsamen Lcheln in
das Gesicht blickend.
    Ja, das wollte ich meinen, sagte der Director, seine breite Brust
hervordrngend und die Fuste in die Seite stemmend. Der Schmenckel wei, wie
der Hase luft, und wer ihm ein X fr ein U machen will, der mu frh aufstehen.
Aber es ist auch kein Wunder, wenn ich ein bischen in der Welt Bescheid wei;
bin ich doch darin herumgeschttelt worden, von oben nach unten, von unten nach
oben, wie ein Stpsel in einer leeren Flasche.
    Eine leere Flasche! sagte Berger; der Vergleich ist sehr wahr, sehr
treffend. Wie kommen Sie darauf?
    Wie ich darauf komme? erwiderte der Director mit verwunderter Miene. Wie ich
darauf komme? Vermuthlich, weil ich ein leeres Glas vor mir habe.
    Es scheint, als ob Ihnen der Trank des Lebens bis jetzt gemundet htte,
sagte Berger, whrend Herr Schmenckel die Zeit, bis das frische Glas kam, dazu
benutzte, sich eine kurze Thonpfeife zu stopfen.
    Ja, und warum denn nicht? erwiderte der Director, die Pfeife an der Flamme
des auf dem Tisch stehenden Talglichtes anzndend und fr einige Augenblicke den
Blicken der Anwesenden hinter blauen Wolken verschwindend. Das Leben ist ein
kreuzlustiges, pudelnrrisches Ding fr den, welcher, wie Caspar Schmenckel, das
Herz auf dem rechten Flecke hat. - Danke, mein Schatz!
    Ich bin nicht Ihr Schatz, Herr Director, sagte das Mdchen schnippisch,
indem es den Arm, welchen Herr Schmenckel um ihre Taille geschlungen hatte,
unsanft zurckstie und einen verstohlenen Blick auf Oswald warf.
    Herr Schmenckel erwiderte diese beleidigende Zurckweisung dadurch, da er
die fnf Fingerspitzen der rechten Hand gegen seine dicken Lippen drckte und
der Enteilenden einen Ku nachwarf, sodann das linke Auge schlo und mit dem
rechten den ihm gegenber sitzenden Oswald listig anzwinkerte.
    Schmuckes Ding, Euer Gnaden, he? Thut, als ob es mich fressen wollte und ist
bis ber die Ohren in mich verliebt.
    Sie scheinen viel Glck bei den Frauen zu haben, erwiderte Oswald, um doch
etwas zu sagen.
    Ja, wie man's nehmen will, Euer Gnaden, sagte Herr Schmenckel, wohlgefllig
lchelnd. Die Weiber sind wie das Wetter. Heute zu hei und morgen zu kalt;
heute scheint die Sonne, morgen regnet's. Man mu sich eben halt Alles von ihnen
gefallen lassen, wie vom lieben Herrgott selber.
    Das kme doch im Grunde nur auf Sie an, sagte Berger, dessen Blick
unverwandt nur auf dem jovialen Gesellen weilte, als knnte sein Geist ein so
wunderliches Phnomen nicht fassen.
    Wie das, alter Knabe? Ihr meint, man solle sie Alle zusammen laufen lassen?
Na, alter Herr, das mag fr Euch ganz gut sein, aber Caspar Schmenckel mt Ihr
so etwas nicht zumuthen. Der Tausend auch! die Weiber laufen lassen? lieber todt
und begraben sein.
    Das wre allerdings das Beste, sagte Berger.
    Hrt, alter Herr, erwiderte der Director, versndigt Euch nicht! Ich sage
noch einmal, das Leben ist ein gutes Ding, und den Teufel soll man nicht an die
Wand malen. Ei was! warum lat Ihr Euer Bier schal werden und schneidet ein
Gesicht, wie ein Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen sind? Hier, stot an
mit Caspar Schmenckel! So, das ist recht. Der Schmenckel ist ein lustiges Haus
und mag gern lustige Leute in seiner Gesellschaft sehen. He, Ihr Herren, wie
wr' es mit einem hbschen Lied? Cotterby, Ihr habt eine Stimme, wie eine
Nachtigall. Kommt, stimmt mit ein! Kennen Euer Gnaden das Lied von den Schwaben?
    Nein, aber singen Sie es nur.
    Na, Stolzenberg, Pierrot, singt mit!
    Und Herr Schmenckel nahm die Pfeife aus dem Mund, lehnte sich in seinen
Stuhl zurck und begann mit einem drhnenden Ba, whrend seine drei Gesellen
den Chor bildeten.

Guten Morgen, Spielmann,
Wo bleibst du so lang?
Da drunten, da droben,
Da tanzten die Schwoben
Mit der kleinen Killekeia,
Mit der groen Kumkum.

Da kamen die Weiber
Mit Sicheln und Scheiben,
Und wollten den Schwoben
Das Tanzen vertreiben
Mit der kleinen Killekeia,
Mit der groen Kumkum.

Gelt, Ihr Herren, das ist ein schnes Lied! rief Herr Schmenckel, nachdem er als
Finale den Tisch mit seinen beiden Fusten bearbeitet hatte, da die Glser zu
tanzen begannen.
    Sehr schn, sagte Berger; wissen Sie noch mehr dergleichen?
    Hunderte, sagte Herr Schmenckel; aber der Cotterby wei die schnsten. Singt
mal eins solo, Cotterby.
    Der Aegypter lchelte bescheiden selbstgefllig, drehte seinen kleinen
schwarzen Schnurrbart und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles, von Fett
glnzendes Haar, lehnte sich in seinen Stuhl zurck, drckte die Augen halb zu
und begann mit einer angenehmen Tenorstimme:

Es hatte ein Bauer ein schnes Weib,
Die blieb so gern zu Haus,
Sie bat oft ihren lieben Mann,
Er sollte doch fahren hinaus,
Er sollte doch fahren in's Heu.
Er sollte doch fahren in's
Ha, ha, ha, ha, ha, ha; Heidideldei,
Juchheisasa!
Er sollte doch fahren in's Heu.

Ho, ho, ho! lachte Director Schmenckel, das Lied ist gut, sehr gut. Das erinnert
mich an eine hbsche Geschichte, die ich den Herren doch erzhlen mu. Ihr knnt
hernach weiter singen, Cotterby!
    Der Aegypter schien diese Unterbrechung etwas bel zu nehmen; aber Herr
Schmenckel bemerkte es nicht oder wollte es nicht bemerken. Er that einen tiefen
Zug aus seinem Glase und sagte zu dem Schenkmdchen, das der Gesang oder die
Anwesenheit des jungen vornehmen Fremden wieder an den Tisch gelockt hatte:
Gehen Sie ein bischen weiter weg, mein Schatz. Die Geschichte, die Director
Schmenckel erzhlen will, ist keine Geschichte fr junge Mdchen.
    Die hbsche Kleine wurde bis ber die Ohren roth und entfernte sich
schleunig mit einem Blick auf Oswald. Herr Schmenckel rusperte sich, lehnte
sich vornber auf den Tisch und begann mit einer Stimme, die in diesem
gedmpften Ton noch heiserer klang, als gewhnlich:
    Meine Herren, Sie wissen: es giebt fr den denkenden Menschen zwei Arten von
Frauenzimmern, solche, die dienen, und solche, die sich bedienen lassen. Aber
fr die Liebe existirt dieser Unterschied nicht, denn die Liebe beherrscht sie
Beide. Diese Erfahrung habe ich nun zwar des Oefteren in meinem Leben gemacht,
niemals aber ist es mir so deutlich demonstrirt worden, als vor einigen - hier
sah sich Herr Schmenckel scheu um, ob auch kein unberufenes, besonders
weibliches Ohr die chronologische Notiz, die er zu geben im Begriffe war,
auffangen knnte - zwanzig Jahren in Petersburg. Ist einer von den Herren je in
Petersburg gewesen?
    Man verneinte die Frage.
    Wie kamen Sie nach Petersburg, Herr Director? sagte ein Fichtenauer
Brgerssohn, der sich mittlerweile der Gesellschaft angeschlossen hatte.
    Beim Schmenckel, erwiderte der Director im Ton der Belehrung, darf man sich
nimmer wundern, wenn er an einem Orte gewesen ist. - Petersburg, meine Herren,
ist eine schne Stadt, was Sie schon daraus ersehen knnen, da die Palste des
Kaisers und aller Groen aus blitzblankem, blauem und weiem Eis erbaut sind.
    Wie ist denn das mglich? fragte der Brgerssohn, die mssen doch im Sommer
schmelzen.
    Im Sommer? sagte Herr Schmenckel, ohne sich einschchtern zu lassen, im
Sommer? Ja, da kommen Sie schn an! Ich sage Ihnen, Herr, es giebt in Petersburg
keinen Sommer. Schnee und Eis und Eis und Schnee das liebe lange Jahr hindurch
von Sylvester bis wieder Sylvester.
    Also: wir waren in Petersburg, und es gefiel uns da sehr gut - uns, das
heit, der berhmten Kunstreiter-Gesellschaft meines Onkels und damaligen
Directors Franz Schmenckel, in welcher ich als Herkules engagirt zu sein die
Ehre hatte. Ich kann wohl sagen, da wir Furore machten, besonders unsere
Pferde; denn die Russen kennen Pferde nur von Hrensagen; hchstens da der
Kaiser vielleicht zwei oder drei zottige, wie groe Hunde aussehende Thiere in
seinen Stllen hat. Alle brigen fahren, wie ich schon bemerkte, nur mit
Rennthieren, selbst die Cavallerie ist darauf angewiesen, und ich versichere
Sie, meine Herren, da so ein russischer Garde-Krassier-Lieutenant auf seinem
Rennthierhengst sich gar nicht so bel ausnimmt.
    Wir hatten ganz ungeheuren Zulauf. Der Kaiser und der ganze Hof waren jeden
Abend in unserm Circus. Se. Majestt applaudirte so wthend, da er alle fnf
Minuten ein neues Paar weier Glacehandschuhe anziehen mute, weil sie die
andern zerklatscht hatte. In den Zwischenacten hatte ich an der Thr der
kaiserlichen Loge zu stehen, um Se. Majestt hinter die Coulissen und in die
Pferdestlle zu fhren, wo Allerhchst- dieselbe den besten Pferden huldvoll auf
den Hals zu patschen und den hbschesten Damen der Gesellschaft in die Wangen zu
kneifen geruhte. Vor allem aber hatte ich mich der Gunst des Kaisers zu
erfreuen. Warum, wei ich selbst nicht; aber so viel ist gewi, da der Kaiser
mich gleich am ersten Abend in seine Loge rufen lie und vor dem ganzen Hofe zu
mir sagte: Herr Schmenckel, sagte er, Sie sind nicht nur der strkste, sondern
auch der schnste Mann, den ich je gesehen habe. Bitten Sie sich eine Gnade aus.
- Eure Majestt, erwiderte ich, mich anmuthig verbeugend, ich bitte um Ihr
ferneres geschtztes Wohlwollen. Das sollen Sie haben, und den Adel dazu, rief
Se. Majestt im hchsten Enthusiasmus, geben Sie mir Ihre starke Hand, Herr von
Schmenckel! Mit einer Compagnie solcher Mnner, wie Sie, dictire ich die Gesetze
fr die Welt!
    Seit diesem Augenblicke waren wir geschworene Freunde. Von Schmenckel,
kommen Sie heute Abend zu einer Tasse Caravanenthee zu mir! - Wollen Sie heute
Abend nach der Vorstellung ein Glas Wutkipunsch mit mir trinken, lieber von
Schmenckel - Sie wissen, ganz unter uns, vielleicht ein paar Herren und Damen
vom Hofe? - wollen Sie? - so ging es einen Tag wie alle Tage.
    Nun, meine Herren, der Schmenckel aus Wien ist nicht stolz, aber er bewegt
sich gern in guter Gesellschaft -
    Hier machte Herr Schmenckel eine verbindliche Verbeugung gegen seine Zuhrer
-
    Und ein Kaiser ist und bleibt am Ende immer ein Kaiser und man freut sich
doch, wenn man mit ihm so zu sagen auf Du und Du steht.
    Es waren famose Abende, die ich so im Schooe der kaiserlichen Familie
zubrachte. Die Herren vom Hofe waren sehr liebenswrdig, und die Frauen -
    Herr Schmenckel drckte die Augen zu und warf eine Kuhand gegen die Decke
des Zimmers.
    Die Frauen! ich sage Ihnen, meine Herren, wer die russischen Frauen nicht
gesehen hat, hat gar keine Frauen gesehen. Diese Haare, diese Augen, dieser
Wuchs, dieses Feuer - und wenn der Schmenckel viertausend Jahre alt werden
sollte, er wird den Winter in Petersburg nicht vergessen.
    Die russischen Frauen sind schn, und Sie werden einen Anflug von Neid
empfinden, meine Herren, wenn ich Ihnen sage, da ich unter den schnsten der
schnen die Auswahl hatte. Das klingt wie Aufschneiderei, meine Herren; aber,
ich kann Ihnen nicht helfen, es war so. Ich bekam ganze Wagenladungen voll
Locken, Blumenstruer und Billets, die alle anfingen: Gttlicher Schmenckel
oder Apollo Schmenckel, und alle endigten: ich erwarte Sie da und da zu der und
der Stunde.
    Aber, wie das so zu gehen pflegt, diejenige, um deren Gunst es mir am
meisten zu thun war, gehrte nicht zu meinen Verehrerinnen. Es war eine junge,
sehr schne Dame, die ich Abend fr Abend im Circus sah. Aber sie that immer
entsetzlich vornehm und kalt, obgleich ich mich immer nur vor ihr verbeugte,
wenn ich beklatscht wurde.
    Wie gefallen Ihnen unsere Damen, Schmenckel? fragte mich der Kaiser eines
Abends, als wir Arm in Arm in seinem Salon auf- und abspazierten.
    So, so, la, la, Euer Majestt! erwiderte ich; denn Verschwiegenheit war
immer Caspar Schmenckels Strke.
    Sie sind schwer zu befriedigen, sagte der Kaiser; wie finden Sie die kleine
Malikowsky?
    Wie war der Name? fragte pltzlich Berger, der, die Stirn in die Hand
gesttzt, dagesessen hatte, den Kopf emporhebend.
    Malikowsky, alter Herr! wiederholte Herr Schmenckel. Noch ein Seidel, Herr
Wirth! Erlauben die Herren, da ich mir meine Pfeife frisch stopfe.
    Oswald blickte auf Berger. Es war ihm, als ob ein seltsames Zucken in den
stillen ernsten Zgen whlte und die Augen eine ungewhnliche Erregung
verriethen; aber schon im nchsten Moment hatte Berger den Kopf wieder in die
Hand gesttzt, und Herr Schmenckel fuhr in seiner Erzhlung fort.
    Die kleine Malikowsky? fragte ich; wer ist das?
    Haben Sie denn die Dame in Schwarz nicht bemerkt, gleich links neben der
kaiserlichen Loge. Blasses Gesicht, groes Auge, etwas langes Kinn?
    Doch, Majestt! aber die scheint mir ein scheuer Vogel.
    Possen, lieber Schmenckel! alles Possen. Im Vertrauen, die Dame stand in
etwas nherer Beziehung zu unserm Hause, als mir lieb war. Wir haben ihr einen
Mann verschafft, einen heruntergekommenen polnischen Edelmann; ihr Ruf ist nicht
gut, seiner ist schlecht; er hat nichts; sie hat eine halbe Million Seelen -
    Wie viel ist das in Preuisch Courant, Herr Director? fragte der dicke
Stammgast, ein Victualienhndler seines Zeichens.
    Fnf Millionen Thaler, sechsundzwanzig Silbergroschen, vier Pfennig - so
passen sie sehr gut zusammen. Wenn sie ihn einmal los sein will, schickt sie ihn
auf ihre Gter in Polen - eben jetzt ist er wieder unterwegs. Die erobern Sie
sich und ich will sagen, der Schmenckel ist nicht nur der strkste und schnste,
er ist auch der glcklichste Mann auf der Welt.
    Euer Majestt Wunsch ist fr mich Befehl; erwiderte ich, ging nach Hause und
berlegte, wie ich das Herz der Schnen gewinnen knnte. Nur dadurch, da Du
etwas thust, was vor Dir noch kein Mann gethan hat, sagte ich zu mir, und da,
meine Herren, erfand ich das berhmte Schmenckelspiel mit den drei
vierundachtzigpfndigen Kanonenkugeln. Am ersten Abend spielte ich mit einer
Fangeball - sie lchelte; am folgenden mit zweien - sie klatschte in die
Hndchen; am dritten mit allen dreien - sie warf mir einen Blumenstrau zu.
Jetzt war ich meiner Sache gewi. Hier aber, meine Herren, mu ich Sie um
Entschuldigung bitten, wenn ich meiner Gewohnheit gem, so oft eine Dame in's
Spiel kommt, von dem Verlauf der Geschichte nur andeutungsweise so viel sage,
da noch an demselben Abend ein allerliebstes Kammerktzchen bei mir erschien
und mich bat, sie zu ihrer Gebieterin zu begleiten, die vor Liebe zu mir sterbe;
da der Schmenckel aus Wien ein viel zu gutes Herz hat, als da er Jemand sollte
sterben lassen, und noch dazu aus Liebe zu ihm, wenn er's verhindern kann; und
da die folgenden vier Wochen zu den schnsten seines Lebens gehren.
    Ihr seid ein glcklicher Mensch, Director! sagte der Fichtenauer
Brgerssohn, der seit vier Jahren die Tochter eines Rathsherrn heimlich liebte
und schon so weit mit ihr gekommen war, da sie ihm einmal beinahe einen Ku
gegeben htte.
    Wie man's nehmen will, junger Mann, erwiderte Herr Schmenckel mit
vterlichem Wohlwollen; wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Ich wollte
hier eigentlich meine Geschichte zu Ende sein lassen; aber zu Nutz und Frommen
solcher jungen heibltigen Gesellen, wie Ihr, Herr Kanzleischreiber Mller, und
Ihr Cotterby, Ihr Tausendsacramenter, und Ihr Pierrot, Windbeutel, der Ihr seid,
mu ich selbige halt schon auserzhlen. Na, merken Sie auf, Ihr Herren! Das
Kammerktzchen war nicht weniger in mich verliebt, als ihre Herrin, denn, wie
ich schon vorher bemerkte, vor der Liebe sind alle Weiber gleich. Was geschieht
also? Eines schnen Abends, als ich - in allen Zchten und Ehren, Ihr Herren, so
wahr ich Caspar Schmenckel heie - bei der Dame, wie gewhnlich meinen Thee
trinke, klopft es pltzlich sehr heftig an die Thr, die in die Zimmer des
Grafen fhrte und die von innen verschlossen war. Aufgemacht! Aufgemacht! - Um
Gott, der Graf! flsterte die Grfin schreckenbleich; die Nadeska hat uns
verrathen! - Aufgemacht, Himmelelement, aufgemacht! - Na, das ist eine schne
Bescheerung, sage ich, was wird denn nun? - Schmenckel, retten Sie mich! - Mit
Plaisir, aber wie? - Ich eile in meine Schlafstube und schliee hinter mir ab. -
Sehr schn, aber ich? - Sie sind hier eingebrochen, durch das Fenster - dabei
ri sie die Fensterflgel auf, nahm den Armleuchter - verschwand durch die
zweite Thr, schlo ab und fing an, aus Leibeskrften: Hlfe! Hlfe! zu
schreien. Na, meine Herren, stellen Sie sich meine Situation vor. Ehe ich mich
noch besinnen konnte, was ich thun sollte, brachen die Thrflgel auseinander
und der Graf mit zwei Pistolen in der Hand strzte herein und vier bis fnf
Kerle mit Lichtern und Kntteln hinterher.
    Wie sah der Graf aus? fragte Berger dumpf, ohne den in die Hnde gesttzten
Kopf zu erheben.
    Ja, alter Herr, viel Zeit, ihn mir zu besehen, hatte ich nicht. Ich wei
nur, da es ein schner langer Kerl war mit vor Wuth blitzenden Augen. Habe ich
Dich, Schurke? brllte er - puff, simm! sauste mir die Kugel am linken; puff,
simm! eine andere am rechten Ohr vorbei. Na, Ihr Herren, das war doch am Ende
auch nicht die rechte Art und Weise, sich bei Caspar Schmenckel zu introduciren.
Was werde ich also thun? Ich packte meinen Herrn Grafen um den Leib und warf ihn
zum Fenster hinaus, und damit, im Fall er sich etwas zerbrochen htte, gleich
Hlfe zur Hand wre, einen seiner Bedienten hinterher. Die Andern ergriffen das
Hasenpanier und liefen, was sie laufen konnten; ich ihnen nach durch die Zimmer
auf den Vorsaal, die Treppe hinunter; und, meine Herren, als ich erst so weit
war - den Weg durch die Hausthr auf die Strae fand ich ganz allein. Wie findet
Ihr die Geschichte, Professor? und Herr Schmenckel legte seine breite Hand auf
Bergers Schulter.
    Berger hob den Kopf in die Hhe. Sein Gesicht war todtenbleich; seine Augen
rollten; das graue Haar hing ihm ber die Stirn.
    Wenn Du die Wahrheit sprechen kannst, Mensch! sagte er mit einer hohlen,
unheimlichen Stimme; antworte mir: hast Du die Wahrheit gesprochen?
    Ich glaub', der alte Herr hat ein wenig zu viel getrunken; sagte Herr
Schmenckel.
    Ja, ich habe zu viel getrunken, rief Berger, heftig mit den Hnden
gesticulirend; zu viel von dem eklen Gebru dieses jmmerlichen, nichtsnutzigen
Lebens, und der Trank ist mir zu Kopf gestiegen.
    Es war ein frchterliches Lachen; aber den halbberauschten Zechern kam es
sehr lustig vor.
    Ho, ho! nun kommt der Professor in Gang! schrie Herr Schmenckel, sich die
Seiten haltend. Rede halten, Rede halten! Der Professor soll 'ne Rede halten.
    Oswald war aufgesprungen und zu Berger getreten; er versuchte in seiner
Herzensangst den Exaltirten mit freundlichen Worten zu beruhigen und zum
Fortgehen zu bewegen.
    Berger achtete nicht auf ihn. Er stand da, sich mit beiden Hnden auf den
Tisch lehnend, wie Oswald es ihn im Auditorium hatte thun sehen.
    Schreiben Sie, meine Herren, rief er; es ist die Quintessenz des langen
Syllogismus, dessen einzelne Theile ich Ihnen so eben analysirt habe:

Ich stieg auf einen Birnenbaum,
Rben wollt' ich graben,
Da hab' ich all' mein Leben lang,
Keine besseren Pflaumen gegessen.

Sie werden mir antworten, da dies keine speculative Idee, sondern ein altes
Schlemperlied ist, aber, meine Herren, in einer Welt, wo die Guten verhhnt und
von schadenfrohen Dmonen genasfhrt werden; wo der Aberwitz mit der
Schellenkappe auf dem Haupt regiert und seine erhabenen Gedanken von der
Dummheit, der Gemeinheit, der Brutalitt ausfhren lt - da ist eben die
Speculation ein Schlemperstckchen und die Idee - die glorreiche, hochherrliche
Idee - das sind Sie ja eben selbst, meine Herren, gemeine, rohe Gesellen, wie
Sie sind.
    Oho, nit so grob, Alter, rief Herr Schmenckel, der kaum noch lachen konnte.
    Ja, ja, Sie selbst, fuhr Berger heftiger und immer heftiger werdend fort;
Sie selbst, Herr Director Caspar Schmenckel aus Wien, Sie reprsentiren die
Gerechtigkeit des Himmels. Die Idee kann nichts ohne Sie; Sie sind die Idee, die
incarnirte Idee! Ich sagte Ihnen, das Leben sei nichtswrdig, aber nein - das
ist noch viel zu viel - es ist Ihrer wrdig.
    An mein Herz, alter Knabe, rief Herr Schmenckel, Berger an seine breite
Brust drckend; Du bist ein kreuzfideles Haus; wir mssen Brderschaft trinken.
    Er lie Berger aus den Armen und griff nach dem Glase.
    In demselben Augenblick sank Berger, die Hand auf's Herz pressend, mit einem
gellenden Schrei ohnmchtig zusammen.
    Es war ein Schrei, frchterlich, wie der Hlferuf eines Ertrinkenden in dem
Augenblicke des Untersinkens; ein Schrei, der den wsten Lrm in der Stube
bertnte, das Singen und Geschnatter zum Schweigen brachte und die Zecher
bestrzt von ihren Sitzen in die Hhe fahren lie. Sie drngten sich mit
verstrten Gesichtern herzu und glotzten mit den stumpfsinnigen, von Bier
stieren Augen auf den Unglcklichen, den Oswald vom Boden aufzurichten sich
bemhte. Niemand legte Hand an, dem jungen Mann zu helfen. Der Schrecken schien
die Leute paralysirt zu haben.
    Will mir denn Keiner beistehen? rief Oswald, die Last des leblosen Krpers
in den Armen haltend.
    Diese letzten Worte wurden an Herrn Schmenckel gerichtet, der bis jetzt mit
offenem Munde und starren Augen, die Tabakspfeife in der einen, das Bierglas in
der andern Hand, regungslos dagestanden hatte.
    Oswalds Aufforderung brachte ihn wieder zur Besinnung.
    Habt recht, Herr Graf; sagte er; mssen was thun fr den alten Herrn.
    Er legte seine Pfeife auf den Tisch, nahm Oswald den noch immer
besinnungslosen Berger aus den Armen, hob ihn in die Hhe und trug ihn aus dem
Zimmer, wie ein Lwe eine todte Gazelle wegtrgt.
    Oswald und der Wirth folgten.
    Hier, hier herein, sagte der Wirth, die Thr, des auf der andern Seite des
Flurs liegenden Zimmers ffnend, wo die vornehmeren Reisenden abzusteigen
pflegten.
    Herr Schmenckel legte den Ohnmchtigen auf das Sopha.
    Der alte Herr hat nichts Ordentliches im Magen gehabt, sagte Director
Schmenckel im Ton der Belehrung flsternd zu Oswald, der sich um den Kranken
bemhte, Euer Gnaden htten ihm erst vorher ein tchtiges Stck Schinken mit
Schwarzbrod und einen Nordhuser geben lassen sollen.
    Da begann Berger sich zu regen. Er schlug die Augen auf und blickte die um
ihn Herumstehenden verwundert an, wie Jemand, der aus einem schweren Traum
erwacht. Dann richtete er sich mit Oswalds Hlfe vollends auf und sagte mit
leiser Stimme:
    Ich danke Euch, meine Freunde. Ich habe Euch Mhe gemacht. Wir sind in
diesem Leben Einer auf den Andern angewiesen. Ich denke, Euch bald wieder zu
sehen; vielleicht, da ich Euch noch einmal Eure Liebe vergelten kann. Komm,
Oswald, wir wollen gehen.
    Fhlen Sie sich krftig genug? Soll ich nicht lieber einen Wagen kommen
lassen?
    Nicht doch; Ro und Wagen ist nicht fr mich und meinesgleichen.
    Er schritt nach der Thr. Pltzlich blieb er wieder stehen.
    Gieb den Leuten, was wir schuldig sind, Oswald, wir drfen nichts schuldig
bleiben auf Erden.
    Oswald bezahlte dem Wirth die Zeche, in welche, zur sichtlichen Befriedigung
Herrn Schmenckels, auch was die Seiltnzer verzehrt hatten, eingerechnet wurde.
    Einige Augenblicke spter hatten er und Berger das Haus verlassen und
schritten durch die stillen Gassen von Fichtenau zurck nach Doctor Birkenhains
Anstalt.
    Berger beobachtete ein Schweigen, das Oswald nicht zu unterbrechen wagte.
Der junge Mann machte sich im Stillen heftige Vorwrfe ber seine
Unbesonnenheit, Berger so lange in solcher Gesellschaft gelassen zu haben. Er
glaubte, da es vor allen Dingen die Hitze und der ungewohnte Genu des starken
Bieres gewesen sei, was Berger in den exaltirten Zustand gebracht habe. Er hatte
keine Ahnung, in welch' enger Beziehung die fratzenhaft abenteuerliche
Geschichte des Seiltnzerdirectors, auf die er nebenbei kaum hingehrt hatte,
mit der Leidensgeschichte des unglcklichen Freundes stand. Er dachte an Doctor
Birkenhain, und wie schlecht er den Auftrag des Arztes erfllt habe; er
berlegte bei sich, ob seine Anwesenheit nicht eher schdlich als dienlich fr
Berger und ob es nicht, fr den Kranken sowohl, als fr ihn selbst, gerathener
sei, wenn er Fichtenau sobald als mglich wieder verliee.
    So waren sie schweigend bis auf den Weg gelangt, der an der Mhle vorbei zu
dem Thorweg von Doctor Birkenhains Anstalt zufhrte, als Berger pltzlich sagte:
    Du mut heute noch reisen, Oswald!
    Heute?
    Heute lieber, als morgen. Du mut noch einmal in die Wste hinaus; ich kann
es Dir nicht ersparen. Und ich selbst, ich habe noch viel zu lernen, worin Du
mir nicht helfen kannst. So mssen wir uns trennen. Geh' Du Deine Strae; ich
will die meine gehen; es ist dieselbe, und ob ich Dir auch ein wenig voraus bin,
Du lernst schnell und wirst mich bald einholen. Bis dahin, Oswald, lebe wohl!
    Berger schlo Oswald in seine Arme und kte ihn.
    Oswald war tief bewegt.
    La mich bei Dir bleiben, sagte er mit von Thrnen halb erstickter Stimme:
la mich bei Dir bleiben, um nie wieder von Dir zu gehen. Ich hasse die Welt,
ich verachte die Welt, wie Du.
    Ich wei es wohl, sagte Berger, aber die Welt verachten, ist nur das erste
Stadium von den dreien bis zu dem groen Geheimni.
    Und welches ist das zweite Stadium? Nenne es mir, da ich es im Fluge
durchmesse!
    Sich selbst verachten.
    Und - das dritte?
    Sie standen an dem Thorweg. Berger zog die Klingel, die Thr sprang auf.
    Und das dritte, letzte Stadium?
    Verachten, da man verachtet wird.
    Und das Geheimni selbst, das groe Geheimni?
    Wer die drei Stadien durchgemacht hat, wei es und versteht es, ohne da er
fragt. Wer darnach fragt, wei es nicht und wrde es nicht verstehen. Oswald,
lebe wohl! Auf Wiedersehen.
    Berger drckte Oswald noch einmal an sein Herz und trat durch die Pforte,
die sich sofort wieder hinter ihm schlo.
    Oswald blieb vor der Pforte stehen, einem Bettler gleich, dem der Trunk, um
den er bat, verweigert wurde. Dann ging er, gesenkten Hauptes, den Weg, den er
mit Berger gekommen war, zurck.
    Die Nacht war dunkel; kaum ein Stern an dem trben, wolkenbedeckten Himmel;
die Pappeln am Wege raunten und zischelten und der Mhlbach unten schwatzte es
nach: Die Welt verachten - sich selbst verachten - verachten, da man verachtet
wird!

                                Neuntes Capitel


Zu derselben Zeit, als Oswald mit Berger von dem Gipfel der Gockeleia die Sonne
in dem grnen Wldermeer der Berge versinken sah, war in dem Curhause, ein
Gast abgestiegen, dessen Ankunft in dem Hotel eine gewisse freudige Bewegung
hervorrief. Es war eine junge, schne, in einen dunkeln eleganten Anzug
gekleidete Dame in Begleitung eines nicht minder schnen, aber bla und
krnklich aussehenden Knaben von etwa zwlf Jahren, und eines alten Mannes, der
sich durch einen eisgrauen Schnurrbart und eine martialische Haltung
auszeichnete und halb der Freund, halb der Diener der Dame zu sein schien. Die
Dame war im Sommer desselben Jahres - damals ohne den Knaben - mehrere Wochen
lang in Fichtenau gewesen, um ihren Gemahl, der sich seit sieben Jahren in
Doctor Birkenhains Heilanstalt befand, dem Tode entgegensiechen und endlich
sterben zu sehen, und ihr trauriges Schicksal nicht minder als ihre unendliche
Gte und Milde gegen Jedermann, besonders gegen Kranke und Arme, hatten ihr die
Liebe und Verehrung der Einwohner des Stdtchens in so hohem Grade erworben, da
man noch jetzt in mehr als einer Familie das Andenken der guten Frau dankbar
segnete.
    Aber auch dieses Mal schien keine freudige Veranlassung die Dame nach
Fichtenau gefhrt zu haben, denn sie war kaum von dem Wirth selbst unter vielen
Bcklingen und Complimenten in den Salon der Bel-Etage gefhrt worden und hatte
sich in demselben und in den zwei links daran stoenden Zimmern - das Zimmer
rechts konnte der gndigen Frau leider nicht sofort eingerumt werden, da es
noch von einem Reisenden bewohnt sei, der aber jedenfalls nur bis morgen bleibe,
- mit Hlfe des alten Dieners einquartiert und den Knaben, der von der Reise
sehr angegriffen war, zu Bett gebracht, als sie sich hinsetzte und einige Zeilen
an Doctor Birkenhain schrieb, mit denen sich der alte Diener in Begleitung des
Hausknechts sogleich auf den Weg nach der Heilanstalt machte.
    Nach einer Stunde war Doctor Birkenhain, den alten Diener neben sich, in
seinem Einspnner vor dem Curhause vorgefahren, war zu der Dame in den Salon
gegangen und hatte eine lange Unterredung mit ihr gehabt, die wohl nicht sehr
erfreulichen Inhalts gewesen sein konnte, denn Jean, der Zimmerkellner, hatte,
als er den Thee in den Salon brachte, gesehen, da die gndige Frau geweint und
sich bei seinem Eintritt die Augen getrocknet hatte.
    Doctor Birkenhain war nach dieser Unterredung noch einmal an das Bett des
schlafenden Knaben getreten, hatte ihm die Hand auf das Herz gelegt, sich dann
ber ihn gebeugt, und, das Ohr auf die entblte Brust drckend, lngere Zeit
gehorcht, dann hatte er sich wieder aufgerichtet, den Schlfer sorgsam
zugedeckt, ihm das volle lockige Haar aus der bleichen feinen Stirn gestrichen
und sich mit einem Lcheln auf den Lippen, das die strengen ernsten Zge des
Mannes eigenthmlich verklrte, zu der Dame gewandt, die, das Licht in der Hand,
mit dem gespannten Ausdrucke schmerzlicher Ungewiheit in dem lieben schnen
Gesicht dagestanden hatte und den Arzt jetzt ngstlich fragend ansah.
    Beruhigen Sie sich, gndige Frau! sagte er, ich kann mich allerdings noch
nicht mit Gewiheit aussprechen, aber was ich bis jetzt beobachtet habe, flt
mir die beste Hoffnung ein, da es mit unserem kleinen Patienten nicht so
schlecht steht, als meine Grnwalder Herren Collegen angenommen haben.
    Ein Freudenstrahl erhellte das Gesicht der Dame, ihre groen dunklen Augen
fllten sich mit Thrnen.
    Doctor Birkenhain nahm ihr das Licht aus der Hand und geleitete sie in den
Salon zurck.
    Ich komme morgen frh wieder, sagte er, indem er Hut und Stock nahm; lassen
Sie, wenn es Sie beruhigt, den alten Baumann bei Julius wachen. Sie selbst legen
sich zeitig zu Bett und nehmen eins von diesen Pulvern. Sie sind sehr
angegriffen und bedrfen der Ruhe.
    Bleiben Sie noch einen Augenblick, Doctor! sagte die Dame. Ich mu Sie noch
etwas fragen.
    Ihre Zge verriethen eine groe Erregung; ihr Busen hob und senkte sich
unruhig; sie schien einen Gedanken aussprechen zu wollen, der ihr zu
frchterlich war, als da sie ihn htte in Worte kleiden knnen.
    Doctor Birkenhain legte Hut und Stock wieder auf den Stuhl.
    Setzen Sie sich, gndige Frau; sagte er, wieder neben ihr auf dem Sopha
Platz nehmend. Ich wei, was Sie mich fragen wollen; ich habe diese Frage schon
den ganzen Abend in Ihren angstvollen Augen, auf Ihren zitternden Lippen
gelesen. - Sie glauben nicht an die Herzkrankheit, welche die Grnwalder Aerzte
diagnosticirt haben; wenn Sie daran glaubten, wren Sie, so hoch Sie auch von
meinen geringen Erfahrungen und Kenntnissen denken mgen, doch nicht gerade zu
mir gekommen. Sie glauben, da das Uebel tiefer liegt, da es - mit einem Worte
- ein erbliches Uebel, der erste Keim, der Beginn einer Krankheit ist, die schon
einmal fr Sie so verhngnivoll geworden. Habe ich recht?
    Die Antwort der Dame war ein Strom von Thrnen, der wie eine lange
zurckgehaltene Fluth unwiderstehlich aus ihren Augen brach. Sie drckte
schluchzend ihr Taschentuch gegen das Gesicht.
    Liebe gndige Frau, sagte der Arzt, die Hand der Weinenden ergreifend; ich
bitte, ich beschwre Sie, beruhigen Sie sich. Es ist, so viel ich aus dem
schriftlichen Bericht meiner Collegen, aus Ihren eigenen Worten und aus meiner
Beobachtung urtheilen kann, auch nicht der mindeste Grund vorhanden, der Ihren
schrecklichen Verdacht besttigte. Der Wahnsinn ist erblich, ja; er pflanzt sich
viele Generationen fort, bald hier, bald dort, oft nach langen Zwischenrumen
wieder auftauchend, aber in der Familie Ihres Gemahls ist erwiesenermaen der
Fall Herrn von Berkows der erste, so lange die Familie existirt, d.h. seit
Jahrhunderten. Und dieser Ausnahmefall hatte seine besonderen, sehr traurigen
Ursachen, die sich nur auf das betreffende Individuum beziehen, und sich in
ihren Wirkungen nur an diesem Individuum uern. Herr von Berkow war von Natur
sehr gesund, ja auffallend krftig organisirt, aber - es spricht ein Arzt zu
Ihnen, gndige Frau - er hatte diese krftige Organisation durch ein
ausschweifendes Leben zerrttet. Was Anderen in seiner Lage zur Rettung wird -
die Ehe mit einem keuschen, reinen Wesen - wurde ihm zum Verderben, denn er
fhlte seine Unwrdigkeit, fhlte sie so tief, da er an Ihrer Verzeihung, an
Ihrer Liebe verzweifelte und sich widerstandslos einer finstern Melancholie
berlie, in der er bald seinen Lebensmuth vollends aufzehrte. - Die Snden des
Vaters werden nicht heimgesucht werden an dem Kinde. Sollte sich wirklich eine
Herzkrankheit herausstellen, so ist sie jedenfalls noch sehr wenig
vorgeschritten und kann, zumal bei Julius' Jugend und briger krftiger
Constitution erfolgreich bekmpft werden. Darum, gndige Frau, lassen Sie Ihre
Sorge fahren; vertrauen Sie mir und - vertrauen Sie Ihrem Stern, von dem doch
endlich einmal die Wolken verschwinden mssen, die ihn bis jetzt verschleierten.
    Meinem Stern? sagte die Dame mit einem wehmthigen Lcheln. Meinem Stern?
Ach, Doctor, ich frchte, der ist, wenn er jemals existirt hat, fr immer
untergegangen.
    Das wollen wir sehen, sagte Doctor Birkenhain, sich erhebend. Ich glaube nun
einmal an gute Sterne, und vor Allem an Ihren guten Stern. Wer so schn und so
lieb und so gut ist, wie Sie, der darf, der soll nicht unglcklich sein. Gute
Nacht!
    Doctor Birkenhain ergriff die Hand der Dame, fhrte sie ehrfurchtsvoll an
seine Lippen und verlie das Zimmer.
    Sie sa, nachdem der Arzt sie verlassen, lange Zeit den Kopf auf die Hand
gesttzt, in tiefes Sinnen versunken.
    Wie in einem Traum zogen die Bilder ihres Lebens an ihres Geistes Aug'
vorber.
    Sie sah sich als rothwangiges, wildes Kind in ihres Vaters Parke spielen mit
einem ernsten, ungelenken Knaben, dem sie manchmal herzlich gut war und den sie
ein anderes Mal nicht ausstehen konnte; der, bald stolz und herrisch, sich ihren
Launen widersetzte, bald, wenn sie ihm freundlich begegnete, keine Mhe und
keine Gefahr scheute, ihre kindischen Wnsche zu erfllen. Sie sah sich einige
Jahre spter in der Gesellschaft desselben Knaben und einiger anderer Knaben und
Mdchen in dem Saale ihres vterlichen Schlosses nach den Tnen einer Violine
sehr zierliche Pas machen, zum Entzcken vieler erwachsenen Mnner und Frauen,
welche die kleine Kokette mit Lobsprchen und Liebkosungen berschtteten; und
sie sah den Knaben, dessen Ungeschicklichkeit sie in ihrem Uebermuth verspottete
und verhhnte, in einer Fensternische sitzen und bitterlich weinen. Sie sah
sich, wieder einige Jahre spter, in dem morgenfrischen Glanze sechszehnjhriger
Schnheit und von allen Seiten umworben und gefeiert und den sen, kstlichen
Trank aus dem rosenumkrnzten Becher des Lebens mit durstigen Zgen ahnungslos
schlrfend; von Freude zu Freude gaukelnd, wie ein leichtbeschwingter
Schmetterling von Blume zu Blume, und doch in diesem seligen Genieen in der
Tiefe des Herzens von einer whlenden Unruhe erfllt, der die goldige Gegenwart
grau und farblos erschien im Vergleich mit der wunderherrlichen,
farbenprangenden Zukunft, die alle Trume, alle Wnsche erfllen wrde. Sie
hatte in dieser Zeit den ernsten, ungelenken Knaben aus den Augen verloren.
Welch' traurige Rolle htte er auch gespielt in dieser duftenden, blhenden,
nachtigallen-gesangerfllten, kosenden, tndelnden Feenwelt! Aber die Zukunft
war Gegenwart geworden und hatte von Allem, was sie verheien, nichts erfllt -
ein giftiger Thau war auf die bunten Blumen gefallen und hatte ihnen Farbe und
Duft geraubt; die Nachtigallen waren verstummt und ber der frhlingprangenden
Welt hing ein grauer, dsterer Schleier - ein Schleier, durch den hindurch
entsetzliche Scenen vorberhuschten - ein Vater, der vor der Tochter auf den
Knieen liegt und sie bei seinem grauen Haupt, das er sich zerschmettern msse,
wenn sie seinen Wnschen nicht nachkomme, beschwrt, einen Mann zu heirathen,
den sie nicht liebt, vor dem ein instinctives Gefhl die Reine, Unschuldige
warnt - ein Gatte, der - - weg, weg ihr Bilder, ihr grausigen Bilder, bei deren
Erinnerung die Unglckliche nach so vielen Jahren noch jetzt schaudernd ihr
Gesicht in den Hnden verbirgt! Und da tritt wieder die Gestalt des jetzt zu
einem stolzen, kalten Mann gewordenen dstern, trotzigen Knaben heran, der ihr
gegenber den Stolz in Demuth und die Klte in unendliche Gte und Liebe
verkehrt, der ihr rathend, trstend, helfend zur Seite steht, der, so viel er
vermag, das Leid von ihr wendet, und wo er es nicht vermag, es ihr tragen hilft,
ja, Alles womglich auf seine Schulter nimmt. Wohl kommt ihr in dieser Zeit der
Gedanke, da dieser Mann mehr werth sei, als alle ihre phantastischen Trume,
aber noch immer kann sie von den Idealen nicht lassen, die nun einmal ihr
jugendliches Herz erfllt haben. Sie qult den Mann, wie sie den Knaben qulte,
sie schickt ihn auf Reisen, wie sie ihn frher aus dem Garten schickte, wenn er
sich ihren Launen nicht sklavisch fgen wollte.
    Und nun kommen die friedlichen Bilder in der grnen Oede ihres Landguts
verlebter Jahre, in welchen die Gestalten eines schnen, zarten Knaben, eines
gutmthigen, pedantischen Gelehrten und eines alten graubrtigen Dieners in den
verschiedensten und immer hnlichen Situationen stets wiederkehren - friedliche
Bilder, ber deren heiteren Farben doch ein gewisser Hauch der Wemuth, der
unerfllten Hoffnung, der unbefriedigten Sehnsucht liegt. Zwar denkt sie noch
oft an den Mann, den sie in die Verbannung gesandt hat, aber nicht mehr mit dem
freundlichen Herzen, das sich seiner Undankbarkeit im Grunde schmt. Es hat sich
ein bitteres Etwas hineingemischt in ihre Gefhle gegen den Mann, seitdem er -
es war auf einer Reise in Italien - gewagt hat, offen mit seiner Liebe
hervorzutreten, sie ihn mit jener schlechten Logik, welche Verharren in einer
capricisen Laune fr Consequenz nimmt, zurckgewiesen, und er, stolz wie er
ist, sie sofort beim Worte genommen hat und seitdem in Aegypten und Nubien
verschwunden ist. Sie bildet sich ein, da sie angefangen hat, den Gespielen
ihrer Jugendjahre, den treuen Freund in aller Noth und Gefahr, zu hassen, und
ein Psycholog htte ihr sagen knnen, da der Ha der wilde Bruder der holden
Schwester Liebe und nur die Gleichgiltigkeit ein undurchdringlicher Panzer fr
ein Frauenherz ist.
    Und nun tritt in die friedliche Scenerie die Gestalt eines Mannes, dessen
Schnheit ihr kunstsinniges Auge entzckt, dessen sanfte Freundlichkeit sie
umspielt wie linder Frhlingshauch, dessen Melancholie in ihrem sich nach Glck
sehnenden Herzen ein Echo findet - eines Mannes, der Alles in Allem nur eine
Verkrperung ihrer Trume scheint. Und wie in einem Traume nimmt sie seine Liebe
entgegen, erwiedert sie mit tausendfacher Gluth - sie will die Gefahr nicht
sehen, sie will nicht erwachen, sie will einmal in ihrem Leben glcklich sein.
Aber der Morgen steigt herauf; es ist nicht mglich, die Augen lnger
geschlossen zu halten und den Traum zu bannen. Der wider alles Erwarten
zurckgekehrte Freund tritt warnend vor sie hin und schon im nchsten Moment
geht seine Prophezeiung in Erfllung. Schlag auf Schlag bricht das Unglck
herein, dessen Ahnung ihn aus den Ruinen von Karnak nach seiner nordischen
Heimath trieb. Die Nachricht von dem bevorstehenden Tode des Mannes, dessen
Namen sie fhrt, reit sie aus den Armen des Geliebten; sie eilt, eine Pflicht
zu erfllen, die ihr um so heiliger ist, je wonnenvoller das Glck, in welchem
sie sich in diesen letzten Wochen gewiegt - und sie kehrt zurck, das Herz voll
freudiger Hoffnung und zugleich voll banger Ahnung, und sie hrt und sieht, da
der Mann, dem sie sich mit grenzenloser Liebe hingegeben, sie verrathen hat, und
da, wie zur Strafe fr ihr kurzes, heimliches Glck, ihr einziges Kind, der
schne, liebenswrdige Knabe, ihr Trost, ihre Wonne, ihr Stolz, darniederliegt
an einer Krankheit, in der sie den Anfang eines Leidens sieht, dessen Ausgang
und frchterliches Ende sie eben an dem Vater des Kindes erfahren hat.
    Aber dieser zweite Schlag ist vielleicht fr sie ein Segen. Er betubt sie
so, da sie die Wunde, die ihrem Herzen geschlagen ist, kaum fhlt. Die Liebe
des Weibes versinkt in dem Abgrund der Mutterliebe. Sie wacht an des Knaben
Bette Tag und Nacht, sie hat nur Aug' und Ohr fr seine Bedrfnisse, seine
Wnsche; und als er sich etwas erholt, macht sie sich mit ihm auf die Reise zu
dem Manne, in dessen Erfahrung sie grenzenloses Vertrauen setzt, von dessen
Lippen sie die Entscheidung ber Leben und Tod - nein, was schlimmer, tausendmal
schlimmer ist, als der Tod! - entgegennehmen will. Und er hat entschieden; er
hat ihr nicht alle Hoffnung geraubt, er hat ihr Muth zugesprochen - ihr Knabe
wird leben; er wird gesunden; die Snden des Vaters sollen nicht heimgesucht
werden an dem Kinde.
    Und jetzt, wo ihre Seele von der entsetzlichen Last befreit ist, denkt sie
zum ersten Mal wieder an ihre verrathene Liebe.
    War dieser Verrath nicht eine Strafe fr sie, da sie zuerst nach ihrem und
dann nach ihres Kindes Glck gefragt? fr den Verrath, den sie an ihrem Kinde
gebt? war die Liebe zu einem Manne, der ihr ganzes Herz erfllte, nicht Verrath
an ihrem Kinde?
    Hier in diesem Zimmer hatte sie in den warmen Abenden des verflossenen
Sommers so oft von einer Zukunft getrumt, deren Erfllung diese Gegenwart war,
in welcher sie der Strom des Lebens zurckgetrieben hatte, an denselben Ort,
fast in dieselbe Situation. War es nicht, als wolle ihr das Schicksal Zeit
geben, noch einmal zu berlegen, ehe sie handelte, ehe sie ihr Glck und das
ihres Kindes in Hnde legte, die viel zu schwach waren, ein solches Gut mannhaft
zu vertheidigen?
    Hier in diesem Zimmer hatte sie der Freund vor jenen Hnden gewarnt, die mit
knabenhafter Khnheit nach allem Hchsten griffen, um in kindischer Laune das
Schnste und Herrlichste, als wre es Trdelwaare, wieder fortzuwerfen. Hier in
diesem Zimmer hatte er ihr eine Prophezeihung gemacht, die Wort fr Wort schon
jetzt in Erfllung gegangen war!
    Hier in diesem Zimmer hatte er die Worte zu ihr gesprochen: Und wenn Du dann
von diesem Schlage zerschmettert am Boden liegst und zu sterben wnschest und
doch nicht sterben kannst, dann wirst Du erkennen, welche Qualen ein Herz
erduldet, wenn es seine Liebe und Treue verschmht und verrathen sieht; dann
wirst Du mir im Herzen das Unrecht abbitten, das Du mir gethan!
    Wo war er jetzt, dieser treue, edle Mann, der - sie hatte es oft gefhlt,
aber nie mehr als in diesem Augenblicke - ihrethalben seine stolze Kraft in
Thatlosigkeit oder sinnlosen Abenteuern vergeudete, wie ein Baum, dem das Herz
gebrochen ist, ppig in Zweige und Bltter schiet, ohne jemals Frchte zu
bringen? Wieder irrte er, ruhelos wie Ahasver, durch die weite de Welt. Als
sollte er nie etwas sein eigen nennen, war ihm das Kind, das er geliebt, ehe er
wute, da es sein Kind war, wie ein kurzer schner Traum wieder verschwunden.
Er hatte es ziehen lassen, weil ihm sein Gerechtigkeitsgefhl sagte, da er kein
Anrecht habe an diesem Wesen, fr das er nichts gethan, als ihm zum Dasein
verholfen. Sollte es denn wirklich sein Schicksal sein, Liebe zu sen und
Gleichgltigkeit zu ernten?
    Nein, nein! nicht Gleichgltigkeit! wenn auch nicht Liebe, wie er sie
fhlte, wie er sie wollte, aber auch nicht Gleichgltigkeit! Empfand sie denn
nicht herzliche Freundschaft, aufrichtige tiefe Hochachtung fr ihn? Htte sie
nicht Jahre des Lebens darum geopfert, ihm sein Kind wieder zu schaffen?
    Wo war er jetzt? Sie hatte sich so daran gewhnt, ihn in allen trben
Stunden ihres Lebens an ihrer Seite zu sehen, da sie ihn nun, wo er zum ersten
Male fern blieb, schmerzlich vermite. Und doch, welche Ansprche hatte sie denn
an eine Liebe, die sie hundertmal zurckgewiesen, die sie durch ihre Liebe fr
einen Anderen so tief, so tief beleidigt hatte?
    Die junge Frau war so in diesen Gedanken verloren, da sie nicht hrte, wie
es leise an ihre Thre pochte. Die Thr wurde geffnet und ein altes,
schnauzbrtiges Gesicht schaute herein. Hinter dem schnauzbrtigen Gesicht stand
die hohe Gestalt eines Mannes.
    Gndige Frau! sagte der Schnauzbart, ein guter Freund, der eben angekommen
ist, wnscht wo mglich noch heute Abend seine Aufwartung zu machen.
    Wer ist es? fragte die Dame, sich erstaunt von ihrem Sitze emporhebend.
    Da trat die hohe Gestalt in das Zimmer.
    Oldenburg! rief die Dame. Oldenburg! Sind Sie es denn wirklich.
    Ja, Melitta! sagte der Baron, die ausgestreckte Hand der Dame ergreifend und
an seine Lippe fhrend. Ich bin es wirklich.
    Der alte Diener hatte whrend dieser Begrung, sich die Hnde reibend und
das Paar mit einem Blick betrachtend, in welchem sich Angst und Hoffnung malten,
dagestanden. Als er den unverkennbaren Ausdruck freudiger Ueberraschung auf dem
schnen Antlitz der geliebten Herrin bemerkte und die Thrne, die in ihrem Auge
erglnzte, als der Baron sich ber ihre Hand beugte, traten ihm selbst die
Thrnen in die Augen. Er ging mit geruschlosen Schritten aus dem Zimmer, schlo
leise die Thr - und wer den alten Mann weiter beobachtet htte - aber es
beobachtete ihn Keiner, wrde gesehen haben, da er vor der Thr die Hnde
faltete und mit zitternden Lippen ein heies Gebet in den grauen Bart murmelte -
ein Gebet, das Gott fr diese Begegnung zwischen seiner Herrin und dem Manne,
den er von Allen allein ihrer wrdig achtete, dankte und ihn anflehte, er mge
in seiner unendlichen Gnade noch jetzt in der elften Stunde - Alles, Alles zum
Besten wenden!
    Der Baron war, nachdem der alte Baumann das Zimmer verlassen, mit langen
Schritten, wie es seine Gewohnheit war, wenn er ein Gefhl, das ihn zu
berwltigen drohte, niederkmpfen wollte, schweigend auf- und abgegangen. -
Melitta hatte sich auf das Sopha gesetzt, da eine Erregung, die vielleicht nicht
minder gro war, als die Oldenburg's, ihr die Kraft zum Stehen raubte.
    Nach einigen Augenblicken kam der Baron, nahm neben ihr auf dem Sopha Platz
und sagte mit einer sanften Stimme, in der auch nicht die mindeste Spur der
rauhen Heftigkeit seines Wesens zu entdecken war:
    Und Sie fragen mich nicht, Melitta, was mich durch Nacht und Nebel hierher
in diese Berge, in dies Stdtchen und in dies Zimmer gefhrt hat?
    Nein! erwiderte Melitta, ihm voll und klar in die Augen sehend; nein! wei
ich es doch, ohne da ich frage.
    Ich danke Dir, Melitta!
    Weiter antwortete er nichts; aber die ganze Seele des Mannes lag in den
wenigen Worten.
    Ja, und noch mehr, fuhr Melitta fort; ich hatte nur eben noch lebhaft an Sie
gedacht, - an den treuen Freund, der mir noch stets in jedem Unglck mit Rath
und That zur Seite stand, so oft ich auch seinen Rath verschmhte und die Opfer,
die er mir brachte, mit Undank belohnte.
    Opfer - Undank; sagte Oldenburg, und es schwebte ein wehmthiges Lcheln auf
seinen Lippen; das sind Worte, Melitta, die ohne Bedeutung fr uns - ich will
sagen fr mich sind; es wenigstens jetzt sind, wie ich auch frher darber
gedacht haben mag. Endlich findet sich einmal jeder in sein Schicksal, und wenn
der gefangene Lwe seine Verzweiflung ausgetobt hat und seine Kraft an den
Eisenstben seines Kfigs erlahmt ist, legt er sich in die Ecke und ist fr die
Zukunft so fromm, wie ein Lamm. Doch lassen wir das! ich bin nicht hierher
gekommen, um fr mich zu plaidiren und eine Sache, die durch alle Instanzen
verloren ist, noch einmal hervorzusuchen; ich bin nicht meinethalben hier,
sondern Deinethalben. - Ich erfuhr in Grnwald, wohin mich Geschfte riefen, da
Julius gefhrlich erkrankt sei, da Du Dich mit ihm nach Fichtenau auf den Weg
gemacht habest. Ich frchtete sogleich das Schlimmste und bin Tag und Nacht
gereist, um Dir zu helfen, wenn ich konnte. Glcklicherweise ist unsere Angst
unnthig gewesen; ich habe unten Birkenhain gesprochen, der eben von Dir kam. Er
hat mich vollstndig beruhigt und meint, da Du, sobald Du Dich erholt, in
Gottes Namen zurckreisen kannst. Das ist Alles, was ich wissen wollte, und nun,
nachdem der Zweck meiner Reise erfllt und ich noch, als eine Zugabe gtiger
Gtter, Dich begrt und Deine liebe Hand in der meinen gehabt habe - Gott
befohlen, Melitta! und mge uns das Unglck - denn das Glck hat mit uns nichts
zu schaffen - sobald nicht wieder zusammenfhren!
    Der Baron sprach diese letzten Worte mit lchelnder Miene, aber durch den
Ton, in welchem er sie sprach, klang ein schmerzliches Weh - das Weh eines
gromthigen, liebreichen Herzens, fr das die weite, reiche Welt keine Heimath
hat.
    Er hatte zum Abschied Melitta's Hand genommen und wollte sich erheben; aber
er vermochte es nicht, denn die liebe Hand erwiederte nicht nur warm den Druck
der seinen - er fhlte, er glaubte zu fhlen, da Melitta ihn noch nicht von
sich lassen wolle; da sie es gern she, wenn er noch bliebe.
    Es war ihm das so neu; er blickte sie verwundert fragend an, ob es denn
wirklich mglich? ob denn wirklich seine Gegenwart fr sie nicht peinlich sei?
    Sie drfen noch nicht fort, fragte Melitta mit einer gewissen Hastigkeit,
whrend eine fliegende Rthe fr einen Augenblick ihre bleichen Wangen frbte;
ich kann es nicht ertragen, da, whrend alle Welt meine Freundlichkeit rhmt
und jeder Bettler zufrieden von mir geht, ich in Ihren Augen stets als eine
Bildsule erscheine, die niemals giebt und immer nur nimmt, ohne auch nur ein
Danke! zu sprechen. Sie haben mir noch kein Wort von sich selbst gesagt; kein
Wort darber, wie es Ihnen in aller dieser Zeit ergangen ist. Sie kommen hundert
Meilen weit her, um sich nach meinem Julius umzusehen und wollen fort, ohne da
ich nur htte fragen knnen, ob Sie von Ihrer Czika eine Kunde erhalten haben.
Ist das gromthig? ja, ist das auch nur recht von Ihnen?
    Der Baron sah Melitta, whrend sie dies sprach, fast erschrocken an.
    Melitta, antwortete er mit einem Ernst, der etwas Feierliches hatte, man
darf in einem Todtkranken die Sehnsucht nach dem Leben nicht entfachen.
Verwhnen Sie mich nicht aus purem Mitleid durch eine Freundlichkeit, die Ihnen
nicht von Herzen kommt!
    Nicht von Herzen? erwiderte Melitta mit leiser Stimme, freilich, ich habe
diesen Vorwurf verdient; ich darf mich nicht beklagen.
    Ich habe Ihnen keinen Vorwurf machen wollen, Melitta!
    Und doch trifft er mich. Ja, Oldenburg, es mu heraus; es drckt mir sonst
das Herz ab. Ich fhle mich Ihnen gegenber tief beschmt. Die Last der
Dankbarkeit, die Sie auf mich laden, drckt mich zu Boden.
    Eine Last, Melitta? Eine Last! ich habe Sie bei Gott durch das Wenige, was
ich im Leben fr Sie thun konnte, nicht belstigen wollen.
    Sie wollen mir nicht glauben! Ich kann die Worte nicht messen und wgen, wie
Sie! Wenn in Ihrem Herzen nichts fr mich spricht, wenn Sie nicht mit dem Herzen
hren wollen, dann -
    Thrnen erstickten ihre Stimme.
    Was ist das, sagte Oldenburg, sich mit beiden Hnden an den Kopf greifend.
Trume ich denn? Ist dies mein Kopf? dies meine Hand? Bin ich Oldenburg? Sind
Sie Melitta? Sie, die Sie weinen, weil ich, Adalbert Oldenburg, Sie nicht
verstehe? oder nicht verstehen will?
    Sie sollen mich verstehen, sagte Melitta, ihre Thrnen trocknend, mit einer
bei ihr ganz ungewhnlichen Heftigkeit. Sie haben mich im Leben so oft schwach
und haltlos gesehen, da Sie mir die Kraft zu einer Entschlieung gar nicht mehr
zutrauen. Und doch habe ich diese Kraft; und wenn ich sie habe, verdanke ich sie
Ihnen, Adalbert. Sie haben in der Krankheit meines Kindes zu mir gesprochen und
ich habe mein Herz gegen Ihre Stimme nicht verschlossen. Ich habe sie deutlich
gehrt in dem langen bangen Stunden der Nchte, die ich an dem Lager meines
Kindes wachend und weinend verbrachte. Da habe ich mein Kind mit stillen heien
Thrnen um Verzeihung gebeten, wenn ich jemals vergessen konnte, da ich Mutter
war; da habe ich mir gelobt, da ich es nun und nimmer wieder vergessen wollte,
da habe ich -
    Sie stockte, brennende Scham bergo ihre Wangen mit Purpurgluth; aber sie
raffte sich gewaltsam empor -
    Da habe ich eine Leidenschaft abgeschworen, die mich vor mir selbst, vor
meinem Kinde - und Adalbert, vor Ihnen erniedrigt.
    Halte ein, Melitta! halte ein! rief Oldenburg aufspringend. Du bist auer
Dir! Du bist nicht allein mit Dir! Du bist in der Gegenwart eines Dritten, eines
Mannes, der Dich liebt, Melitta! Er will nicht hren, was Du nur Dir selbst
vertrauen darfst?
    La mich ausreden, Adalbert! Ich vertraue Deiner Gte, wie ich Deiner Kraft
vertraue. Ich habe Dir noch nicht Alles gesagt, was ich mir zugeschworen an
meines Kindes Krankenlager. Ich habe da oft an Dein Kind gedacht und da Du
durch ein entsetzliches Schicksal um Deines Kindes Liebe betrogen bist, wie um
das Herz des Weibes, das Du liebst. Und da habe ich mir gelobt, da, wenn ich
Dich auch nicht beglcken kann, wie Du es verdienst; wenn auch zu viel, zu viel
geschehen ist, was Dich und mich auf immer trennt - ich doch Dir Dein Loos will
tragen helfen, so weit ich kann; ich Dich wieder mit dem Leben vershnen und
selber fr Dich leben will, so weit ich es vermag!
    Melitta hatte sich whrend der letzten Worte von dem Sopha erhoben. Sie
stand da mit hochgertheten Wangen und leuchtenden Augen.
    Oldenburg hatte ihr zugehrt mit athemloser Spannung, in einer Erregung, die
mit jedem ihrer Worte mchtiger wurde. Seine Augen blitzten, seine Brust wogte,
er prete die Hnde gegen sein Herz, das ihm schier zerspringen wollte vor
seliger Lust.
    Als Melitta's letztes Wort verklungen war, trat er auf sie zu, kniete vor
ihr nieder und sagte mit einer Stimme, tief und stark, wie der Klang eines
ehernen Schildes:
    Und nun hre meinen Schwur, Melitta! So wahr ich Dich geliebt habe, seit ich
denken kann, so wahr mir in der Nacht meines Lebens nur ein Stern gestrahlt hat;
so wahr ich in der Wste des Lebens nur deshalb ziel- und zweck- und ruhelos
umhergeirrt bin, weil ich verzweifelte, da dieser Stern mir jemals freundlich
leuchten knne - so wahr will ich von diesem Augenblicke an mit aller Kraft, die
mir gegeben ist, nach dem Hchsten ringen; abthun alle kleinliche Schwche und
Verzagtheit, und die Zeit wieder einbringen, die ich in Thatlosigkeit vergeudet
habe. Und, so wahr mein Herz jetzt von einer Seligkeit erfllt ist, die keine
Worte aussprechen knnen, so wahr will ich nicht ruhen und nicht rasten, bis Du
mich liebst, wie ich Dich liebe, bis Du die Meine bist - hrst Du, Melitta, mein
Weib!
    Er war aufgesprungen.
    Und nun, Melitta - rief er - und seine Worte waren wie Jubelgesang, lebe
wohl! es duldet mich nicht mehr unter diesem Dach; die ganze weite Welt ist zu
eng fr mich geworden. Leb wohl! leb wohl! bis wir uns wiedersehen!
    Er schlo Melitta strmisch in seine Arme und kte sie auf die Stirn. Dann
eilte er zum Zimmer hinaus.
    Melitta war wie versteinert mitten in dem Gemache stehen geblieben. Sie
hatte weder die Kraft gehabt, Oldenburg zurckzuhalten, noch sein Lebewohl zu
erwiedern.
    Sie legte die Hnde gegen ihren pochenden Schlfen.
    Was habe ich gethan? was habe ich gesagt? fragte sie sich. Und die Stimme in
ihrem Herzen antwortete: Nichts, dessen Du Dich vor Dir selbst, vor Deinem Kinde
zu schmen brauchtest.
    Sie eilte in das anstoende Gemach. Sie lehnte sich ber den schlafenden
Knaben.
    Da hrte sie das Rollen eines Wagens, der schnell von der Thr des Hotels
abfuhr.
    Er ist es! murmelte sie aufhorchend, und dann, ihr Gesicht in die Kissen
drckend, weinte sie bitterlich.

                                Zehntes Capitel


Oswald hatte, nachdem er Berger an der Pforte des Irrenhauses verlassen, durch
den Abschied von dem unglcklichen Manne und seine letzten grausigen Worte tief
erschttert, in trbes Sinnen verloren, den Weg von der Heilanstalt an dem Flu
entlang, fast wie ein Nachtwandler zurckgelegt.
    Was er seit seiner Ankunft gestern Abend in Fichtenau gehrt, gesehen,
erfahren - all die Eindrcke, die auf ihn losgestrmt, all die Gedanken, die in
ihm angeregt, all die Leidenschaften, die in ihm entfesselt waren, wirbelten in
seinem Hirn und Herzen chaotisch durcheinander. Er hatte ein dunkles Gefhl
davon, da dieser Zustand zuletzt zum Wahnsinn fhren msse, ja da derselbe
schon eine Art Wahnsinn sei.
    Sollte er nicht umkehren und an die Pforte pochen, die sich so eben hinter
Berger geschlossen? war dieses Haus mit seinen hohen Gefngnimauern nicht das
beste Asyl fr Herzen, die der Welt so mde waren wie das seine? Oder besser
noch: sollte er sich nicht ber das niedrige Gelnder hinab in den Flu strzen,
der unter ihm, tief und still, geruschlos wie eine Schlange, zwischen den
hohen, steilen Ufern dahinscho? konnte er so nicht sicher sein, die heie Stirn
fr immer zu khlen, die hmmernden Pulse in den Schlfen auf ewig zum Schweigen
zu bringen? Durfte er hoffen, aus einem Labyrinth, in welchem ein so hoher edler
Geist, wie der Bergers, rettungslos verwirrt war, den Ausgang zum rosigen Licht
zu finden? war ihm nicht Berger an Kraft des Geistes wie an Adel der Seele
berlegen? - und doch und doch!
    Oswald stand vor dem Curhause. Eine Chaise, die eben angekommen, hielt noch
angespannt vor der Thr. In dem Speisesaal sah er zwei Herren in eifrigem
Gesprch an dem Ende der langen Tafel sitzen. Es war ihm, als ob Doctor
Birkenhain der Eine sei. Es verlangte ihn durchaus nicht nach einer Begegnung
mit dem Arzte, dessen Auftrag in Betreff Berger's er so klglich ausgefhrt
hatte. Er wollte ihm, ehe er abreiste, einige Zeilen schreiben, in denen er sich
mit dringenden Geschften und Bergers speciellem Wunsch entschuldigte, wenn er,
ohne sich persnlich zu empfehlen, abgereist sei.
    Er ging auf sein Zimmer und schellte.
    Geht die Post noch heute Nacht?
    In einer halben Stunde, mein Herr.
    Ich will mit der Post fort. Besorgen Sie mir einen Platz und die Rechnung!
sagte Oswald, schon mit dem Packen seiner Sachen beschftigt.
    Sogleich, mein Herr!
    Ja, ja! ich will fort, fort von hier, murmelte Oswald mit
Leidenschaftlichkeit, sich in dem Entschlu der letzten Minute bestrkend. Fort
von hier, ehe noch mehr Unglck ber mich hereinbricht.
    Die Rechnung, mein Herr! sagte der wiedereintretende Kellner. Danke bestens,
mein Herr. Der Herr brauchen sich gar nicht so sehr zu beeilen. Sie haben noch
fnfundzwanzig Minuten Zeit; die Post ist drei Schritt von hier. Glaubten, der
Herr wrde noch die Nacht bleiben. Htten sonst dies Zimmer an eine Dame geben
knnen, die so eben angekommen ist und den Salon nebenan und zwei Zimmer
bestellt hat. Muten ihr die Zimmer links geben, die freilich fr eine so schne
Dame nicht gut genug sind.
    Der Kellner sprach diese Worte in einem Flstern, das auf eine gewisse
Undichtigkeit der Thren in dem Curhause schlieen lie.
    Wer ist die Dame? fragte Oswald, indem er seinen Koffer zuschnallte.
    Eine Frau von Berkow; alte Bekannte von uns. Erzhlte dem Herrn schon heute
Morgen davon. Werde sogleich den Hausknecht schicken, da er den Koffer auf die
Post trgt. Sonst nichts zu befehlen, mein Herr?
    Der Kellner verlie mit einer khnen Schwenkung seiner Serviette das Zimmer.
Oswald richtete sich in die Hhe. Sein Gesicht war todtenbleich. Er mute sich
an dem Tisch halten; seine Glieder flogen.
    Hatte er denn recht gehrt? Melitta hier? in diesem Hause? in dem nchsten
Zimmer? Wie kam sie hierher? Was wollte sie hier? wen suchte sie hier? hier an
diesem Orte, an den sich fr sie so wichtige Erinnerungen knpften? War dies ein
Zufall? war es Absicht? war es mglich, da sie seinethalben hier war? hatte sie
das Ziel seiner Reise in Erfahrung gebracht? suchte sie ihn? hatte sie den
Brief, den er ihr von Grenwitz aus, nach Bruno's Tode und eine Stunde vor dem
Duell mit Felix nach Berkow schrieb, den Brief, in welchem er ihr mit einer
apathischen Grausamkeit, die er fr Heroismus hielt, sagte, da sein Herz ihr
nicht mehr ganz gehre, da er sie und sich selbst nicht tuschen wolle und
knne, da er fr immer von ihr - und vielleicht von dem Leben - Abschied nehme,
nicht erhalten? oder hatte sie ihn erhalten und mit der Unglubigkeit eines
liebenden Herzens gelesen, das die Treulosigkeit nicht versteht, weil es selbst
nur treue Liebe kennt? War sie hier, ihm zu sagen, da sie ihm verziehen habe?
da sie noch immer seine Melitta sei? Wrde sie, wenn er jetzt zu ihr eilte und
ihr zu Fen snke, den Reuigen vom Boden aufheben, ihm sagen, da Alles
vergessen und vergeben sei? da sie ihm nie gezrnt habe?
    Er lauschte, ob sich nebenan etwas rege. Er hrte nichts, nichts als das
Klopfen seines ungestm pochenden Herzens.
    Sie war allein! sie harrte vielleicht seines Kommens! sollten sie wirklich
wiederkehren die seligen Tage von Berkow? sollte wirklich noch Alles, Alles gut
werden?
    Er lauschte; er hrte nebenan die Thr gehen.
    Es wird ein Kellner sein, der einen Auftrag ausgerichtet hat!
    Eine tiefe Mnnerstimme! die weiche Stimme einer Frau!
    Die weiche Stimme war Melitta's Stimme; aber die andere?
    Er lauschte. Die Stimmen wurden lauter, deutlicher.
    Ein convulsivisches Zucken flog ber das Gesicht des Lauschers; ein
heiseres, unheimliches Lachen brach aus seiner Kehle. Der Mann, der mit Melitta
so eifrig sprach, - war Baron Oldenburg!
    Das Sopha, auf dem die Redenden saen, stand dicht an der Thr, welche die
beiden Zimmer verband. Oswald konnte nicht Alles verstehen, was sie sprachen;
aber wozu denn auch das? Die Zusammenkunft der Beiden hier in diesem abgelegenen
Stdtchen, das schon einmal der Ort ihrer verstohlenen Rendezvous gewesen war,
sprach beredt genug. So hatte er denn doch recht gehabt! so hatten die Beiden
ihn von Anfang an genasfhrt! Er hatte an Melitta nicht gefrevelt, was sie nicht
an ihm gesndigt hatte. Die Rechnung war quitt!
    Es klopfte an die Thr.
    Der Hausknecht erschien, den Koffer des Herrn auf die Post zu bringen.
    Es ist die hchste Zeit, mein Herr. Der Postillon hat schon zweimal
geblasen.
    Oswald folgte mechanisch dem Manne ber den Corridor weg, zum Hause hinaus,
ber die dunkle Strae an den Postwagen.
    Eine Minute spter rollte der Wagen ber das holprige Pflaster davon. Der
Postillon blies ein lustiges Liedel in die stille Nacht hinaus und Oswald summte
zur Melodie den Text: Sich selbst verachten; die Welt verachten; verachten, da
man verachtet wird!

                                 Elftes Capitel


Es war in der ersten Frhstunde eines trben Herbsttages. In den Bergen um
Fichtenau braute der Nebel so dicht, da, wer auf der Landstrae, die sich
gleich hinter dem Stdtchen, steil aufsteigend, in die Wlder verliert,
dahinfuhr, kaum die ersten Tannen an dem Rande unterscheiden konnte.
    An dem Wegrande, an einer Stelle, wo sich zwei Straen kreuzten, saen
Xenobi und die Czika. In dem Graben vor ihnen weidete ihr treuer Gefhrte auf
allen Irrzgen, der kleine Esel mit dem rothen Federbusch auf dem Kopf und der
rothen Schabracke auf dem Rcken, das kurze, halbfaule Gras. Es schien ihm nicht
sonderlich zu munden: er schttelte oft unwillig den dicken Kopf, als wollte er
sagen: ich bin gengsam, aber es hat Alles seine Grenzen.
    Auch der Zigeunerin und dem Kinde konnte das Wetter nicht eben behagen. Sie
saen da, jedes in ein grobes Tuch gehllt, stumm und regungslos, wie zwei
gyptische Statuen. Diese Haltung, die an dem Weibe erklrlich sein mochte,
hatte etwas Unheimliches bei einem so jungen Geschpf wie Czika.
    Und auch Xenobi selbst war nicht mehr das stahlkrftige Weib, wie es Oswald
an jenem Sommernachmittage im Walde von Berkow gesehen hatte. War es nur der
Einflu des Wetters, oder war es Krankheit und Kummer - aber in ihren Zgen war
wenig mehr von der stolzen Energie, die sie frher so auszeichnete, zu
erblicken. Ihre Stirn war von schmalen Falten durchfurcht; ihre Augen waren
tiefer in den Kopf gesunken und leuchteten nicht mehr in dem alten Glanz, wie
sie jetzt, als ihr scharfes Ohr das Gerusch eines Wagens vernahm, der von
Fichtenau heraufkam, den Blick nach jener Gegend richtete.
    Sie sind es nicht; murmelte sie, den Kopf wieder sinken lassend.
    Nach einigen Minuten tauchte eine wohlverschlossene, von zwei Pferden
gezogene Reiseschaise aus dem Nebel auf. Vorn auf dem Bock neben dem Kutscher
sa ein alter Mann mit einem langen, eisgrauen Schnurrbart. Er wandte sich oft
halb um, einen Blick in das Innere des Wagens zu werfen und die Insassen - eine
Dame und einen Knaben - ehrerbietig freundlich anzulcheln.
    So hatte er auch die Zigeunerin nicht bemerkt, die, eine vornehme Dame im
Wagen erblickend, eine Gabe zu heischen, herantrat. Wie erstaunt war er deshalb,
als er sah, da die Dame ihm pltzlich, mit allen Zeichen uerster Bestrzung,
zurief, halten zu lassen, und noch ehe der Wagen hielt, auf der Landstrae
stand.
    Isabel, sind Sie es! und die Czika! Gott, welches Glck! rief Melitta, die
Zigeunerin bei den Hnden ergreifend; Nun lasse ich Euch nicht wieder fort!
Gott, welches Glck! welches Glck! und die junge Frau umarmte mit Thrnen in
den Augen das Zigeunerweib.
    Die aber machte sich fast gewaltsam los und trat einen Schritt zurck, die
Arme ber der Brust kreuzend und Melitta mit einem argwhnischen, beinahe
feindlichen Blick ansehend.
    Kennst Du mich nicht mehr, Isabel? sagte Melitta; ich bin es ja! Denkst Du
nicht mehr an die Tage in Berkow vor fnf Jahren? das ist mein Julius! Und wie
gro und schn die Czika geworden ist!
    Melitta eilte auf Czika zu, schlo das Kind in ihre Arme und herzte und
kte es.
    Julius war aus dem Wagen gesprungen, der alte Baumann vom Bock
herabgeklettert. Sie sprachen zu Xenobi, die ihrer nicht achtete, sondern mit
angstvollen Augen auf Melitta blickte, die jetzt, Czika an der Hand, wieder auf
sie zutrat.
    Isabel! sagte Melitta, Du mut, Du mut mir die Kleine geben. Ich darf, ich
kann nicht ohne sie weiter reisen.
    Warum willst Du uns nicht lassen, wie wir sind; sagte die Zigeunerin. Du
bist eine Edeldame, Du taugst fr das Haus; die Zigeunerin gehrt in den Wald.
Du stirbst im Wald; die Zigeunerin stirbt im Haus. Ich kann nicht mit Dir gehen.
    So gieb mir die Czika.
    Willst Du mir Deinen Knaben geben?
    Melitta wute nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie fhlte zu tief, da
die Zigeunerin nicht anders handeln knne, da sie an der Stelle der Zigeunerin
ebenso handeln wrde. Und doch! die Beiden wieder ziehen lassen in die weite
Welt? Oldenburg's Tchterchen, nach dem er sich so sehnte, das er noch immer
suchte, wieder verschwinden zu sehen, nachdem ein Zufall, wie er vielleicht nie
im Leben wieder eintrat, es ihr in den Weg gefhrt - sie konnte den Gedanken
nicht ertragen und brach, wie ein Kind, das sich hlflos und rathlos sieht, in
Thrnen aus.
    Die Zigeunerin schien gerhrt. Sie nahm und kte Melitta's Hand.
    Du bist sehr gut! sagte sie; ich wei es. Ich wrde Dir die Czika lieber
geben, als jedem Andern.
    Sie stand nachdenklich da; pltzlich ergriff sie Melitta wieder bei der Hand
und fhrte sie etwas an die Seite.
    Weit Du, sprach sie, wer der Czika Vater ist?
    Ja.
    Und thust Du, was Du thust, des Vaters halber, oder des Kindes?
    Melitta's Wangen frbten sich.
    Um Beider willen, antwortete sie nach einigem Zgern.
    
    Wohin gehst Du jetzt?
    Nach Hause, nach Berkow.
    Und bleibst dort?
    Ja, diesen Winter wenigstens.
    So hre mich. Ich schwre Dir bei dem groen Geist, ich will Dir die Czika
bringen, sobald ich verspre, da ich versammelt werden soll zu meinen Vtern.
Das ist vielleicht sehr bald. Mehr kann ich nicht, mehr darf ich nicht
versprechen.
    Melitta fhlte, da sie sich mit diesem Versprechen begngen msse. Sie
kannte den Charakter der braunen Grfin zu gut, um nicht zu wissen, da, wenn
sie einmal einen Entschlu gefat hatte, alle Bitten, alle Vorstellungen
vergeblich seien. So stieg sie denn, nachdem sie Xenobi und das Kind noch einmal
umarmt, traurig in den Wagen, der sich dann alsbald wieder in Bewegung setzte.
    Das Rollen der Rder und der Hufschlag der Pferde waren verhallt. Wieder
saen die Zigeuner am Rande des Weges.
    Da kam abermals ein Fuhrwerk von Fichtenau herauf. Man hrte schon von
weitem das Hot! und H! des Fuhrmanns und das Klirren der Ketten, mit denen die
Pferde angeschirrt waren.
    Wenige Minuten spter tauchte der Wagen aus dem Nebel auf. Es war ein
riesiger Kasten - ein ganzes Haus auf vier Rdern, bis unter das Dach und noch
hoch oben ber dem Dach mit Kasten und Kisten, Pauken und Trompeten, Coulissen,
Stangen und Leitern, Kchen- und Seiltnzer-Gerthschaften aller Art
vollgepfropft. Die vier Pferde, die diese Arche No zogen, hatten genug zu thun.
    Vor dem Wagen her gingen der Aegypter Cotterby, der Knstler mit dem
Riesenfa, Herr Stolzenberg, und der Komiker, Herr Pierrot. Smmtliche Herren
trugen bunte Shawls um den Hals gewunden, und kurze Pfeifen im Munde. Aus dem
offenen Fenster der Arche ertnte Kindergeschrei und die keifende Stimme Mamsell
Adele's. Hinter dem Wagen gingen in eifrigem Gesprch, wie es schien, Herr
Director Schmenckel (ebenfalls mit einem bunten Shawl um den Hals und einer
kurzen Pfeife im Munde) und ein Mann in blauer Blouse mit einem Knotenstock in
der Hand und einem alten Filz auf dem Kopf, dessen Bekanntschaft Director
Schmenckel vor einigen Abenden unter hchst eigenthmlichen Verhltnissen in der
Trinkstube zur Grnen Mtze machte, der sich seitdem fters in dem genannten
Gasthause hatte sehen lassen und sich heute Morgen, als die Seiltnzer kaum aus
dem Stdtchen heraus waren, ganz unerwartet zu ihnen gesellte.
    Als der Wagen an den Kreuzweg gekommen war, hielt der Fuhrmann an, um seine
dampfenden Pferde sich verschnaufen zu lassen. -
    Die Zigeunerin mit ihrem Kinde trat heran und wurde von den Seiltnzern
freundlich begrt.
    Herr Director Schmenckel schttelte ihr die Hand und patschte Czika
vterlich auf die braune Wange.
    Ist gut, Xenobi, da Ihr wieder hier seid! sagte er; es wollte, hol' mich
der Kuckuk, ohne Euch gar nicht mehr gehen. - Adies, Professor! Danke fr
freundliche Begleitung! Du mut hier umkehren; find'st sonst den Weg nicht
zurck nach Fichtenau.
    Ich gehe noch ein Streckchen mit; erwiderte der Mann in der Blouse.
    Mir soll's recht sein, sagte Herr Schmenckel, je weiter, je lieber. So ein
altes, braves Haus, wie Du, trifft man nicht alle Tage.
    Das Fuhrwerk setzte sich wieder in Bewegung. Nach einigen Augenblicken war
Alles - Wagen, Pferde und Menschen in dem dichten, grauen Nebel verschwunden.

                                Zwlftes Capitel


Die Stadt Grnwald spielte in vergangenen Zeiten eine bedeutendere Rolle, als
jetzt. Sie war ein angesehenes Glied der alten Hansa und rivalisirte mit
Hamburg, Lbeck und Bremen an Macht und Reichthum. Ihre Schiffe fuhren auf allen
nordischen Meeren, und auch in den Hfen von Genua und Venedig wehte nicht
selten die Grnwalder Flagge. Die Brger waren ein breitschultriges,
hartkpfiges, in Liebe und Ha starkes und alle Wege tchtiges Geschlecht, das
nicht ohne Grund auf seine Freiheiten und Gerechtsame stolz war, und auf die
zwischen sumpfigen Teichen und dem Meere geschtzte Lage und auf die hohen
Mauern und Wlle ihrer Stadt, noch mehr aber auf die breite Wehr an ihrer Seite
und das muthige Herz in der Brust felsenfest vertraute. Noch im dreiigjhrigen
Krieg bewhrte Grnwald im heien Kampfe gegen die Kaiserlichen seinen alten
Ruhm, und die Erinnerung an die glorreichen Thaten der Vter ist bis auf den
heutigen Tag lebendig in den Herzen der jetzigen Bewohner.
    Freilich, es mu jetzt von dem alten Ruhme zehren, denn die neue Zeit hat
nichts zur Vermehrung desselben gethan. Seitdem die Schifffahrt nicht mehr mit
den wenig tief gehenden Fahrzeugen auskommt, wie sie in den langen, vielfach
gewundenen Wasserstraen des Sundes, an dem die Stadt liegt, einzig verwandt
werden knnen; seitdem der Handel sich andere Wege gesucht und andere Mrkte
geschaffen hat, ist Grnwald langsam aber stetig von seiner stolzen Hhe
heruntergestiegen und zuletzt auf das Niveau einer simplen Provinzialstadt
herabgesunken, die in der groen Welt der Politik und des Handels nicht weiter
zhlt.
    Indessen, trotzdem der Hafen versandet ist, die Wlle geschleift und von der
ellendicken Stadtmauer nur noch Trmmer vorhanden sind, liegt auf der alten
Hansestadt noch immer ein melancholischer Hauch ehemaliger Gre, der den
sinnigen Wanderer anmuthet, wie den Gelehrten der Moderduft eines vergilbten
Pergaments. So sehr sich auch die jetzigen Bewohner bemht haben, ihrer Stadt
ein mglichst triviales, nchternes Aussehen zu geben - sie haben doch manche
poetisch winklige Gasse nicht gerade machen knnen, manches alte Haus mit
schmalem, hohem, reich verziertem Giebel stehen lassen mssen. Und ber dem
Gewirr der Straen, Gassen und Gchen ragen die gewaltigen Thrme herrlicher
Kathedralen, die fr die jetzigen Verhltnisse Grnwalds viel zu prchtig sind,
und des Abends, wenn man sich vom Meere her dem Hafen nhert, und der graue
Wassernebel ber das Ganze einen ahnungsvollen Schleier breitet, besonders aber
in der Nacht, wenn sie ihren ehrwrdigen Schatten weit hin ber die Stadt
werfen, die im Mondenschein zu ihren Fen schlft, die Illusion des
Alterthmlichen vollkommen machen.
    Im Uebrigen ist Grnwald fr die Provinz, in der es liegt, noch immer eine
wichtige Stadt. Wenn seine Flagge auch nicht wie sonst auf allen Meeren weht, so
wimmelt es doch zu allen Zeiten in seinem Hafen von kleineren
Kauffahrteischiffen und Booten, und auf den Werften liegen stets mehrere
Fahrzeuge auf dem Stapel. Wenn seine Mauer auch von den Kaiserlichen in Trmmer
geschossen ist, und seine Wlle von den Franzosen geschleift sind, so ist es
doch noch immer eine Festung, deren Commandant nicht ruhig schlafen wrde, bevor
nicht von allen Thorwachen der Rapport eingelaufen ist, da nichts Besonderes
vorgefallen. Wenn die Stadt auch ihre alten Privilegien verloren und die stolze
Freiheit und Selbststndigkeit eingebt hat, so ist sie doch wiederum als
intregrirender Theil eines groen Ganzen um manche Vortheile reicher geworden.
Grnwald ist nicht nur die Garnisonsstadt fr ein Bataillon Infanterie und ein
halbes Regiment Artillerie, sondern auch der Sitz der Regierung des Bezirks,
sowie eines hchsten Gerichtshofes, und vor Allem ist Grnwald, wie jeder wei,
eine Universitt, wenn auch das Licht, das von diesem Musensitz ausstrahlt,
nicht gerade weit in die Lande dringt.
    Ueberdies ist Grnwald die Residenz des in dieser Provinz und besonders in
diesem Theile der Provinz so mchtigen, reich begterten Adels. Wenn die
Kornernten auf ihren weiten Feldern eingeheimst sind, wenn die Bltter von den
Bumen ihres Parkes wehen und die Krhen aus den entlaubten Wldern in die
Stdte ziehen, dann kommen alle die Grafen und Barone und kleinen Herren drben
von der Insel und aus der Umgegend in ihren schwerflligen, vierspnnigen
Staatscarossen zur Stadt gefahren und richten sich mit Kindern, Dienerschaft und
Hauslehrern und Gouvernanten fr den Winter ein in den stattlichen Husern, die
sie berall in der Stadt besitzen und die sich den Sommer ber durch de
Schweigsamkeit, heruntergelassene Fenstervorhnge und das Gras, das zwischen den
Steinen der Rampen in idyllischer Ruhe wuchs, vor den gewhnlichen Husern
auszeichneten, die von ordinren, Steuer zahlenden, unprivilegirten, Sommer und
Winter arbeitenden Menschen bewohnt sind.

                              Dreizehntes Capitel


Es ist Herbst. Die Thrme von Grnwald ragen aus dem Nebel, der aus dem Meere
steigt, wie graue Riesen der Vorzeit, und um die grauen Riesenthrme flattern
und schreien die Krhen und Dohlen, die aus den unwirthlichen Wldern in die
warme Stadt gezogen.
    Die Sonne ist bereits seit einer Stunde im Meere untergesunken. Der letzte
blutrothe Streifen der schweren, tief ziehenden Wolken ist verblichen. In den
Straen der Stadt ist es still geworden, und der Laternenmann entzndet eine
nach der andern die Oellampen, deren sprliches Licht nur dazu dient, den Nebel
noch dichter und die Dunkelheit noch dunkler zu machen. Eben hat er vor dem
Portale eines groen, massiven Hauses in einer der vornehmsten Straen zwei
besonders stattliche und helle Laternen angezndet, - zum ersten Male in diesem
Jahre - ein Beweis, da die hochadlige Familie, welcher dies Haus erb-und
eigenthmlich gehrt und die den Sommer stets und manchmal auch den Winter auf
ihren Gtern zu verleben pflegt, erst seit heute ihre Residenz in der Stadt
bezogen hat.
    Doch sind die nach der Strae blickenden Fenster des Hotels dunkel. Sie
erhellen sich berhaupt selten, nur bei feierlichen Gelegenheiten, wenn die
Familie eine der steifen Abendgesellschaften giebt, zu der selbstredend nur der
Adel und von den Brgerlichen hchstens die obersten Spitzen der Behrden
geladen werden. Fr gewhnlich aber bleiben diese Prunkgemcher verschlossen,
wie die hohen Sle und Zimmer auf dem Stammschlosse, und die Familie begngt
sich mit den weniger pomphaften Rumen, die nach dem Hof hinaus liegen und dem
beraus bescheidenen, anspruchslosen Sinn der Herrin bei weitem mehr zusagen,
besonders auch deshalb, weil diese Rume weniger schwer zu heizen und die
Forsten des Grenwitzer Majorats nur fr die lcherlich geringe Summe von
jhrlich zehntausend Thalern verpachtet sind.
    In einem dieser (brigens noch immer stattlichen) Zimmer sitzt die Baronin
Grenwitz auf dem Sopha an einem runden, teppichbedeckten Tische, auf dem zwei
Wachskerzen brennen. Sie scheint seit den letzten acht Wochen um eben so viel
Jahre gealtert. Ihre Stirn ist eckiger und schmaler geworden; ihre Augen sind
noch grer und noch um vieles starrer und unheimlicher als sonst. Ihr gegenber
in einem groen, weichgepolsterten Lehnstuhl lungert in einer halb liegenden
Stellung ihr Neffe Felix. Der junge Mann trgt den rechten Arm in einer Binde
und die krankhafte Blsse seines verwsteten Gesichts contrastirt seltsam mit
den, wie immer, sauber gescheitelten und gelockten Haaren und der, wie immer,
beraus sorgfltigen Toilette. Zwischen den Beiden auf dem Tische sind Briefe
und Papiere ausgestreut, die alle von derselben hbschen Hand geschrieben sind.
Die Baronin und Felix scheinen so eben die Lectre dieser Schriftstcke beendet
und die Gedanken, welche durch dieselbe in ihnen erregt sind, noch nicht so weit
gesammelt zu haben, um sie aussprechen zu knnen. Sie brten schweigend ber dem
empfangenen Eindrucke, whrend der Pendel in der Rococouhr auf dem Kamine sein
monotones Tictac durch die Stille des Zimmers ertnen lt.
    Endlich unterbrach der junge Mann das Schweigen.
    Die Sache sieht ernsthafter aus, als wir Beide gedacht haben, sagte er, sich
in seinem Lehnsessel in die Hhe richtend und das zuletzt gelesene Papier
wiederum zur Hand nehmend.
    Ich glaube noch immer von all Dem kein Wort, erwiderte die Baronin.
    Das ist stark, liebe Tante! trotzdem Sie die ganze miserable Geschichte
schwarz auf wei gelesen.
    In Timms Hand! von Timms Hand! was kann der Bube nicht Alles erfunden und
zusammengeschrieben haben!
    Sicher nichts, als was in den Originalen steht.
    Und weshalb schickt er uns nicht die Originale selbst?
    Aber, verzeihen Sie, liebe Tante, diese Frage ist beinahe naiv. Uns die
Originale ausliefern, das heit: die Waffen, die er gegen uns in Hnden hat,
wre ein Edelmuth oder ein Leichtsinn, den Sie einem so schlauen Fuchs, wie
meinem guten Freunde Timm, doch unmglich im Ernst zumuthen knnen. Da er nicht
entlarvt, sondern nur von uns berlistet oder berrumpelt zu werden frchtet,
beweist sein Anerbieten, die Originale jederzeit in Gegenwart eines
unparteiischen Dritten unserer genauesten Prfung zu unterwerfen. Nein, nein,
liebe Tante, geben Sie sich keinen leeren Hoffnungen hin. Diese Briefe und
Papiere existiren wirklich, darauf knnen Sie Gift nehmen.
    Was?
    Ich meine, darauf knnen Sie sich verlassen. Ich meinerseits bin von der
Verwandtschaft des Monsieur Stein mit der Familie der Grenwitz berzeugt, wie
von meinem eigenen Dasein und hasse demzufolge den Menschen, wie man einen
unbequemen Verwandten zu hassen pflegt, besonders wenn derselbe ein so
naseweiser, eitler, aufgeblasener, impertinenter, verdammter Schuft ist, wie
dieser Halunke von einem nichtsnutzigen Federfuchser.
    Diese Fluth von keineswegs salonfhigen Wrtern wrde unter andern Umstnden
unzweifelhaft dem Ex-Lieutenant eine Zurechtweisung seiner hochmoralischen Tante
zugezogen haben. In diesem Augenblick war die Dame mit wichtigeren Dingen
beschftigt.
    Aber bewiesen ist ja doch noch gar nichts, sagte sie mit halsstarriger
Heftigkeit; so lange die Identitt dieses Menschen mit dem Kinde dieser Marie
Montbert nicht durch unumstliche Documente festgestellt ist. Die Mglichkeit,
ja die Wahrscheinlichkeit der Sache zugegeben, so werden wir doch nicht fr
Mglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten Hunderte von Thalern wegwerfen sollen.
    Hunderte? erwiderte Felix mit einer Art von verchtlichem Lcheln. Sagen Sie
dreist Tausende! So billig lt uns Timm nicht aus seinen saubern Krallen.
    Das kann Ihr Ernst nicht sein, sagte die Baronin, ihre Augenbrauen in die
Hhe ziehend. So weit kann und wird der Mensch seine Unverschmtheit nicht
treiben.
    Nous verrons; antwortete der Dandy lakonisch und lie sich in seinen
Lehnstuhl zurcksinken.
    Eine Pause in dem Gesprch der Mitschuldigen trat ein, die von Felix dazu
benutzt wurde, die Ngel seiner Finger einer eingehenden Musterung zu
unterwerfen, und von der Baronin, die auf dem Tisch zerstreuten Papiere nach den
Nummern (denn sie waren alle sorgfltig numerirt) zusammenzulegen und zu ordnen.
    Der Herr bleibt lange, sagte die Baronin.
    Er spielt den Gleichgiltigen, erwiderte Felix. Ich kenne das von frher her.
Wenn er vorgab, mde zu werden und nach Hause gehen zu wollen, konnte man sicher
sein, da er entschlossen war, die Bank zu sprengen.
    In diesem Augenblicke meldete ein Diener: Herr Geometer Timm wnscht seine
Aufwartung zu machen.
    Lassen Sie ihn eintreten, sagte die Baronin, sich mit gewohnter Wrde
emporrichtend; aber ihre Stimme war weniger fest als sonst.
    Bewahren Sie um Himmelswillen Ihre Ruhe, Tante! sagte Felix in fliegender
Eile, whrend der Diener Timm zu rufen ging. Sobald der Schuft merkt, da unser
Puls schneller geht, zieht er die Daumschrauben um eine Windung fester an.
    Ich bin vollkommen ruhig, erwiderte die Baronin, whrend die ungewhnliche
Rthe auf ihren Wangen und der schnelle Athem gerade das Gegentheil verkndeten.
    Eine halbe Minute gespannter Erwartung von Seiten der im Zimmer
Befindlichen, und die Thr ging auf, und Herr Albert Timm trat mit leichten
Schritten in das Zimmer.
    Seine Erscheinung war, abgesehen von seiner Toilette, die ein wenig
stdtischer und sorgfltiger schien, genau dieselbe, wie Anna-Marie sie noch vom
Sommer her in der Erinnerung hatte: dieselbe weie klare Stirn, dieselben
hintenberkmmten blonden Haare, dieselben frischen, rothen Backen, dasselbe
bermthige Lcheln auf dem hbschen glatten Gesicht. Wenn die Baronin ihren
Liebling, trotzdem er sich so gar nicht verndert hatte, jetzt mit sehr anderen
Augen ansah, so lag die Schuld offenbar auf ihrer Seite, und Herr Timm konnte
dem kalten Empfang ohne Zweifel keinen Einflu auf die Wrme seiner Begrung
verstatten.
    Guten Abend, gndige Frau! guten Abend, Baron! sagte Herr Timm mit seiner
klaren, frischen Stimme, indem er Anna-Marie die ihm nur mit Widerstreben
dargebotene Rechte kte und Felix freundschaftlich die Linke (die andere Hand
lag in der Binde) schttelte. Freue mich ausnehmend, Sie so wohl und munter
aussehend zu finden, Frau Baronin; und was Sie angeht, Baron - na! so kann man
wenigstens sagen: den Umstnden angemessen. Sie erlauben, da ich Ihrem
Beispiele folge -
    Und Herr Timm rckte einen von den schweren Lehnsthlen, die um den Tisch
standen, heran, setzte sich hinein und schaute die Beiden mit Augen an, die,
soweit man es durch die Brillenglser sehen konnte, vor Uebermuth oder
Schadenfreude glitzerten.
    Hchst comfortable, fuhr er fort, die Fe von sich streckend und mit den
flachen Hnden auf die Lehnen klopfend. Und der Herr Baron ist noch auf Grenwitz
geblieben? mu jetzt verteufelt unheimlich sein in dem groen, alten, feuchten
Kasten.
    Der Baron hatte noch einige nothwendige Geschfte abzuwickeln, sagte die
Baronin, um doch etwas zu sagen.
    Geschfte! rief Herr Timm. Wie kann sich nur Jemand, wie der Baron, dessen
Geschft doch offenbar darin besteht, keine Geschfte zu haben, um Geschfte
bekmmern. Unbegreiflich!
    Sie mssen das doch ganz gut begreifen knnen, Timm, sagte Felix; ich wte
sonst nicht, weshalb Sie sich in eine bewute Angelegenheit gemischt htten.
    Eine Angelegenheit ist kein Geschft, replicirte Timm.
    Aber man macht manchmal eins daraus, sagte Felix.
    Zum Beispiel, wenn man von Juden Geld borgt und sie hernach, wenn's an das
Bezahlen geht, auf Wucher verklagt, erwiderte Timm.
    Diese Reminiscenz aus Felix' Cadettenleben war so wenig nach dem Geschmack
des Ex-Lieutenants, da er sich ungeduldig in seinem Stuhl herumwarf und mit
hrbar gereiztem Ton sagte:
    Ich dchte, wir kmen endlich einmal zur Sache.
    Mit Vergngen, sagte Herr Timm, seinen Stuhl um einige Zoll nher an den
Tisch rckend, mit einer Miene, die seine Worte durchaus nicht Lgen strafte.
    Sie haben die Gte gehabt, begann Felix, whrend die Baronin mit gefurchter
Stirn und gesenkten Augenlidern dster in ihren Schoo starrte, uns auf unseren
Wunsch Copien von den bewuten Briefen und so weiter zu senden, die Sie unter
den zurckgelassenen Acten Ihres verstorbenen Herrn Vaters gefunden haben wollen
-
    Sie meinen: gefunden haben, Baron.
    Meinetwegen: gefunden haben. Wir knnen das zugeben, ohne uns etwas zu ver
geben; denn wie Sie nun vermittelst dieser Papiere dem fabelhaften Sohne meines
Onkels Harald zu seinem Rechte verhelfen wollen - wie Sie in einem Ihrer Briefe
sich auszudrcken die Gte haben, - ist auf keine Weise abzusehen.
    Das kommt darauf an, welchen point de vue man berhaupt fr die Frage nimmt;
erwiderte Herr Timm.
    Und darf ich bitten, mir den Ihrigen etwas genauer anzudeuten?
    Warum nicht; ich mache mir sogar ein specielles Vergngen daraus. Meiner
Meinung nach liegt die Sache etwa so: Ich habe hier eine Reihe von Documenten
und Papieren, die nicht nur ber das Verhltni des Baron Harald mit
Mademoiselle Marie Montbert das klarste Licht verbreiten, sondern auch in der
Hand eines klugen, praktischen Mannes (wie es jeder beliebige gute Advocat ist)
einen Faden abgeben wrden, um ber das Verbleiben besagter Marie Montbert,
respective ihres Kindes, das heit also: ber das Verbleiben der im Testamente
des Baron Harald als Erben von Stantow und Brwalde bezeichneten Personen eine
sichere Kunde zu gewinnen.
    Was nennen Sie sicher, Herr Timm? fragte die Baronin.
    Was sich beweisen lt, gndige Frau. Beweisen lt sich aber, da die von
mir angedeutete Person, in welcher ich durch eine glckliche Verkettung hchst
eigenthmlicher, fast wunderbarer Umstnde den bewuten Erben gefunden zu haben
glaube, erstens: denselben Namen fhrt, welchen Monsieur d'Estein (ich bitte Sie
den Brief Nr. 25 einzusehen) nach der Entfhrung der Marie Montbert von Grenwitz
annehmen zu wollen erklrt; zweitens, da ein Mann, Namens Stein, in Begleitung
einer jungen Person, welche fr seine Frau, und eines Kindes, welches fr seinen
Sohn galt, kurze Zeit nach Baron Haralds Tod in W. einwanderte.
    Woher wissen Sie das? fragte Felix.
    Weil ich selbst in W. gewesen bin und die alte Frau gesprochen habe, in
deren Haus Herr Stein vom ersten bis zum letzten Tage seines Aufenthaltes in
jener Stadt gelebt hat.
    Weiter.
    Drittens, da dieser Herr Stein dieselbe Person ist, welche Marie Montbert
von Grenwitz entfhrte, d.h. Monsieur d'Estein, der, sich der jungen Dame
anzunehmen, einzig und allein das Recht und die Pflicht hatte.
    Weshalb dieselbe Person?
    Weil der Mann, welcher die Entfhrung bewerkstelligte, genau so aussah, wie
der Mann, welcher wenige Monate spter in W. einwanderte.
    Das drfte denn doch schwierig zu beweisen sein! rief Felix mit unglubigem
Lcheln.
    Nicht so schwierig, als Sie vielleicht glauben. Ich habe, ganz zufllig, den
Mann aufgefunden, bei dem sich Monsieur d'Estein - schon damals unter dem Namen
Stein - vierzehn Tage lang aufgehalten hat, um die Gelegenheit in Grenwitz zu
ersphen, und der auch hernach in der Nacht der Entfhrung das Paar in seinem
Wagen von Grenwitz bis an die Fhre, ber die Sie heute noch gekommen sind,
gebracht hat. Dieser Mann heit Clas Wendorf, wohnt in Faschwitz und ist
Jedermann, auch dem Pastor Jger, als ein durchaus glaubwrdiges Individuum
bekannt. Eine Confrontation dieses Mannes mit der Frau Pahnke in W. wrde die
Indentitt des Entfhrers der Marie Montbert, d.h. des Monsieur d'Estein, mit
dem franzsischen Sprachlehrer Stein in W. bis zur Evidenz klar machen.
    Die Baronin und Felix warfen sich whrend dieser Auseinandersetzung Blicke
zu, welche die Bestrzung, in die sie durch die unwiderstehliche Logik von Herrn
Timms Argumenten versetzt waren, deutlich genug verriethen.
    Sie haben die vier Wochen gut angewandt; sagte Felix.
    Es geht so, sagte Herr Timm gemthlich. Die Tage sind jetzt schon ein wenig
kurz. Ueberdies mute ich, um mein Versprechen zu halten, Niemand in die Sache
blicken zu lassen, bevor ich Ihnen vollstndige Mittheilung gemacht hatte, bei
den Erkundigungen, die ich einzog, sehr vorsichtig zu Werke zu gehen. Wenn wir
hernach ohne diese Vorsichtsmaregeln operiren und alle Hilfsmittel, die uns das
Gesetz an die Hand giebt, benutzen knnen, so lt sich in vier Tagen mehr thun,
als jetzt in eben so viel Wochen.
    Und Herr Timm rieb sich vergngt die Hnde.
    So denken Sie wirklich daran, diese abenteuerliche Geschichte in's Publikum
zu bringen? sagte Anna-Maria mit einem Ton, der ironisch sein sollte.
    Ich verstehe Sie nicht, gndige Frau, erwiderte Herr Timm mit einer Miene
treuherziger Einfalt, die ihm in einem Lustspiel den Applaus der Kenner des
Parquets eingetragen haben wrde.
    Ich meine: beabsichtigen Sie in der That gegen unsern Wunsch und Willen eine
Familienangelegenheit, die doch uns allein angeht, die nebenbei schon seit
vielen Jahren begraben und vergessen ist, der Oeffentlichkeit, das heit dem
Gesptt und dem Geklatsch plebejischer gemeiner Menschen preiszugeben?
    Der Applaus der Kenner wrde sich bei weiterer Beobachtung von Herrn Timms
ausdrucksvollem Gesicht erneuert haben.
    Gegen Ihren Wunsch und Willen - eine Angelegenheit, die Sie allein angeht -
ich habe wirklich nicht das Vergngen, zu wissen, wie ich die Worte der Frau
Baronin deuten soll. Ich kann unmglich glauben, da es gegen den Wunsch einer
Dame von dem bekannten strengen Rechtlichkeitsgefhl der Baronin von Grenwitz
ist, wenn der letzte Wille eines Sterbenden heilig gehalten wird; wenn der
Zufall oder die Vorsehung es so fgt, da dieser Wille gegen alles
Menschenerwarten nach so viel Jahren doch noch zur Ausfhrung gelangt; ich kann
nicht glauben, da Sie - aber was rede ich denn? Sie werden mich auslachen, da
ich den Scherz, mit dem Sie meine vielleicht bergroe Dienstfertigkeit
ironisirten, einen Augenblick fr Ernst genommen habe. Wei ich doch besser, als
Andere, da ich ganz in Ihrem Sinn gehandelt habe, wenn ich die aufgefundenen
Documente, das heilige Vermchtni Dahingeschiedener, als einen Schatz bewahrte;
wenn ich, so viel in meinen Krften lag, gethan habe, den Schatz zu heben. Wei
ich doch, da Ihr Zgern, Ihre Unglubigkeit, Ihr Mitrauen nur aus der edlen
Furcht stammt, in dem Herzen eines Ihrer Mitmenschen glnzende Hoffnungen zu
erwecken, die vielleicht - denn unmglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, ist
ja nicht, da wir uns irren - der Erfolg nicht realisirt. Wei ich doch, da
alle Betheiligten in dieser Sache nur einer Meinung sind, nur einer Meinung sein
knnen, da vor allem Ihr edler Herr Gemahl, dem Sie ohne Zweifel von dem Allem
ausfhrliche Mittheilung gemacht haben, sich freut, eine alte, glcklicherweise
noch nicht verjhrte Schuld abzutragen.
    Die Situation einer eingefangenen Brin, welche die immer heier werdenden
Platten ihres Kfigs zwingen, sich auf die Hinterfe zu stellen und gracis zu
tanzen, whrend sie am liebsten durch das Gitter brechen und ihre Peiniger
zerreien mchte, gleicht auf's Haar der, in welcher sich die Baronin von
Grenwitz befand, als Herr Timm mit so grausamer Ironie an eine Rechtlichkeit und
Billigkeit appellirte, die sie ihr Leben lang zur Schau getragen hatte und von
der sie eben nur den Schein besa. In ihrem stolzen, egoistischen Herzen kochte
es. Wuth und Rache erfllten ihre Seele. Sie htte Timm, der mit lchelnder
Miene vor ihr sa, vergiften, erdolchen, erwrgen mgen. Und sie konnte nichts:
nichts, als ihren ohnmchtigen Grimm verschlucken und mit so viel Ruhe, als sie
aufbringen konnte, sagen:
    Wie sehen die Sache nicht ganz so an, wie Sie, Herr Geometer; und es ist
auch kein Wunder, da Sie, der Sie drauen stehen, nur die Auenseite derselben
zu Gesicht bekommen. Ich fhle mich leider heute Abend zu angegriffen, um Ihnen
meine Ansicht von der Sache darzulegen. Ich habe meinen Neffen Felix gebeten,
dies an meiner Statt zu thun, und bitte Sie deshalb, was er Ihnen mittheilen
wird, so anzusehen, als ob ich selbst es Ihnen gesagt htte. Ich bin berzeugt,
da Ihnen die Wahl zwischen der Freundschaft der Familie Grenwitz und der eines
namenlosen Abenteurers nicht schwer fallen wird. Leben Sie wohl, Herr Geometer.
    Bedaure unendlich, da wir nicht lnger das Vergngen haben knnen, gndige
Frau; sagte Herr Timm, die fortgehende Baronin bis zur Thr des nchsten Zimmer
begleitend; hoffe da es nur eine vorbergehende Indisposition ist, welche eine
lngere Ruhe beseitigen wird. Wnsche wohl zu schlafen, gndige Frau!
    Und Herr Timm schlo die Thr hinter der Baronin, kam wieder zurck, setzte
sich Felix gegenber in den Lehnstuhl, stemmte die Hnde auf die Kniee und sagte
in einem kurzen, trocknen Ton, der seltsam mit der glatten Freundlichkeit seiner
bisherigen Redeweise contrastirte:
    Eh bien!
    Es erfolgte nicht sogleich eine Antwort. Die Beiden betrachteten ein paar
Secunden lang Einer den Andern mit scharfen, argwhnischen Blicken, wie zwei
Kmpfer, die sich ihre Blen gegenseitig ablauern wollen, wie zwei falsche
Spieler, von denen Jeder wei, da er dem Andern sehr genau auf die Finger sehen
mu und dabei doch noch immer vor einer Teufelei nicht sicher ist. Dazu kam, da
sie von der Zeit her, wo der Portepeefhnrich Baron von Grenwitz den
Porteefhnrich Albert Timm in der Schlinge stecken lie und sich selbst salvirte
(es handelte sich um eine fatale Wechselsache) eine alte Rechnung mit einander
abzumachen hatten und Felix wute sehr wohl, da Albert zu denen gehrte, die
sich, wenn das Gesetz oder die Macht auf ihrer Seite ist, von ihren Schuldnern
auf Heller und Pfennig bezahlen lassen.
    Er mute deshalb seine ganze Gewandtheit aufbieten, um trotz des
unbehaglichen Gefhls, das ihn, einem so gersteten, schonungslosen Gegner
gegenber, befiel, mit einer gewissen gutmthigen Offenheit, die ihm sehr
seltsam stand, zu antworten:
    Ich denke, Timm, wir behandeln die ganze Affaire ohne alle Heuchelei und
Winkelzge, wie zwei Mnner, welche die Welt kennen und wissen, was sie wollen.
    Wenn Sie so genau wissen, was Sie wollen, wie ich wei, was ich will, so
wird der ganze Handel sehr einfach sein; antwortete Albert trocken.
    Nun sagen Sie aufrichtig, was wollen Sie denn?
    Ich bin der Verkufer, Sie der Kufer; es kommt Ihnen also zuerst zu,
deutlich auszusprechen, was Sie von mir wollen.
    Wir wollen die Originale jener Copien dort auf dem Tisch und Ihr Ehrenwort,
da Sie niemals gegen Irgendwen, sei es, wer es sei, durch Schrift oder Rede
oder auf irgend eine Weise von der Entdeckung, die Sie gemacht haben, etwas
verlauten lassen.
    Bon! die Forderung ist klar.
    Und Ihre Gegenforderung?
    Albert beugte sich etwas vorn ber und sagte mit leiser, aber sehr
deutlicher Stimme - whrend seine Augen fest auf dem Gegner ruhten:
    Zwanzigtausend Thaler Preuisch Courant, zahlbar binnen hier und acht Tagen.
    Sie sind des Teufels; rief Felix, trotz seiner Schwche aus dem Lehnstuhl
auffahrend, und in dem Zimmer umherrennend; zwanzigtausend Thaler, das ist ja
ein ganzes Vermgen!
    Albert zuckte die Achseln:
    Die Zinsen zweier Jahre von dem Capitale, das in Stantow und Brwalde
steckt. Sie mssen ja am besten wissen, was Ihnen das Legat werth ist.
    Aber das ist ja horribel! rief Felix, noch immer im Zimmer umherlaufend,
horribel!
    Schreien Sie nicht so, Grenwitz; oder Ihre Leute hren es in der Kche.
Setzen Sie sich geflligst und lassen Sie uns von der Sache reden, wie zwei
Mnner, welche die Welt kennen.
    Die unerschtterliche Kaltbltigkeit und der schneidende Hohn, mit welchem
Albert diese Worte sprach, wirkten wie eine Douche auf Felix leidenschaftliche
Heftigkeit. Er setzte sich wieder und sagte in ruhigerem Tone:
    Meine Tante wird niemals eine so hohe Forderung bewilligen.
    Das sollte mir der Frau Baronin und Ihretwegen leid thun, denn, wenn Sie auf
meinen Vorschlag nicht eingehen, so - haben Sie sich fr die Folgen nur selbst
verantwortlich zu machen.
    Sie sprechen, als ob es einzig und allein von Ihnen abhinge, wer die beiden
Gter haben soll.
    Und von wem sonst sollte es abhngen? erwiderte Albert - und seine Lippen
schienen dnner, seine Nase spitzer, sein Gesicht schrfer zu werden, whrend er
sprach; ich sage Ihnen, ich habe das Netz bis auf einige Maschen, die ich
absichtlich offen lie, bis ich Ihre Entscheidung vernommen, so dicht und stark
gewebt, da ich es Ihnen jeder Zeit ber dem Kopf zusammenziehen kann und Sie
sich eher zu Tode zappeln, als es zerreien werden. Sie wissen, Grenwitz, da
ich mich eines guten Kopfes fr dergleichen erfreue, Sie wissen auch, da ich
Ihnen gegenber durchaus keine Veranlassung habe, den Gromthigen zu spielen.
    Mir gegenber? Ich persnlich habe nicht das mindeste Interesse an der
Sache.
    Ich glaube, Sie halten mich fr ein Kind, Grenwitz. Wollen Sie Frulein
Helene nicht heirathen und sind die beiden Gter nicht die Aussteuer der jungen
Dame?
    Ich Helene heirathen? Wer sagt das? Es fllt mir nicht im Traum ein.
    Gut, so heirathen Sie sie nicht; so berlassen Sie die junge Schnheit einem
Menschen, den Sie vor allen Andern zu hassen Ursache haben, der schon jetzt als
Ihr begnstigter Nebenbuhler - so sagt wenigstens die bse Welt - aufgetreten
ist und der in den Augen Frulein Helenens dadurch nicht gerade schlechter
werden wird, wenn er als Vetter und rechtmiger Erbe eines bedeutenden
Vermgens zum zweiten Male kommt.
    Felix war bei diesen Worten seines unerbittlichen Peinigers abwechselnd bla
und roth geworden. Seine durch die Erwhnung des fatalen Handels mit Oswald tief
verletzte Eitelkeit krmmte sich wie ein zertretener Wurm. Er konnte nicht
umhin, sich zu gestehen, da Albert in diesem Augenblicke der bei weitem
Strkere, und da er, der sich auf seine Klugheit und Gewandtheit so viel
einbildete, machtlos in der Hand eines im Grunde so verachteten Gegners war.
    Ziehen Sie mildere Saiten auf, Timm, sagte er fast kleinlaut. Ich will es
zugeben, mit liegt ungeheuer viel daran, da die Geschichte todt geschwiegen
wird, und wenn es auf mich ankme, so wrde ich mich vielleicht zur Zahlung der
Summe, die Sie fordern, verstehen. Aber Sie kennen meine Tante und wissen, da
sie es lieber auf das Aeuerste ankommen lassen, als sich so tief in's Fleisch
schneiden wird. Ich sage Ihnen, Timm: es geht nicht; es geht auf Ehre nicht! Und
was wollen Sie auch mit so vielem Gelde auf einmal? Sie knnen es in ein paar
Unglcksnchten beim Roulette verlieren und sind dann rmer, als Sie vorher
waren. Kommen Sie! ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir zahlen Ihnen ein
Jahr lang monatlich vierhundert Thaler und nach Ablauf des Jahres sechstausend
Thaler auf einem Brett.
    Macht zusammen zehntausendachthundert, antwortete Albert; reicht nicht; und
berdies, welche Sicherheit habe ich, da die Termine richtig gehalten werden?
    Die Documente, die in Ihrer Hand verbleiben und die erst bei Auszahlung der
sechstausend von Ihnen ausgeliefert werden.
    Hm! sagte Albert, es ist nicht viel; aber unter guten Freunden darf man die
Sache nicht so genau nehmen. Machen wir es schriftlich.
    Wozu? wenn wir unser Wort nicht halten wollen, brechen wir es doch, und
berdies - ein Dokument der Art knnte, wenn es in falsche Hnde kme, die Ehre
der Familie Grenwitz leicht strker compromittiren, als uns lieb sein drfte,
und wrde, Alles in Allem - nur eine Waffe mehr in Ihren Hnden sein. Wollen Sie
die ersten vierhundert sofort?
    Ich dchte, es wre das Beste.
    Felix stand auf, nahm eins der Lichter und ging an ein Schreibpult, das in
der Tiefe des Zimmers stand, ffnete einen Schrank, nahm ein paar Packete
Banknoten heraus und legte sie vor Albert auf den Tisch.
    Zhlen Sie!
    Ist nicht nthig, sagte Albert, nach einem kurzen scharfen Blick auf die
Packete; Ihre Frau Tante verzhlt sich nicht. - So, Grenwitz, die Angelegenheit
wre glcklich geordnet. Und nun lassen Sie uns eine Flasche Wein darauf
trinken: das viele Sprechen hat mich ganz durstig gemacht. Erlauben Sie, da ich
die Schelle ziehe.
    Bitte.
    Felix befahl dem eintretenden Bedienten, eine Flasche Rheinwein und zwei
Glser zu bringen.
    Es war Felix nicht unlieb, da Albert in eine gemthliche Stimmung gerieth;
er hatte ihn noch um etwas zu fragen, worber ihm Niemand bessere Auskunft geben
konnte.
    Sie haben gesehen, Timm, sagte er, whrend er die Glser fllte, da ich
Ihnen so weit entgegengekommen bin, als ich konnte. Eine Liebe ist der andern
werth. Wollen Sie mir einen Gefallen thun?
    Lassen Sie hren.
    So sagen Sie mir: Wie stehen Sie mit der kleinen Marguerite?
    Weshalb interessirt Sie das?
    Weil ich mich fr die Kleine interessire.
    Und weshalb glauben Sie, da es mir ebenso geht?
    Weil ich Euch Beide in Grenwitz beobachtet habe und sodann aus - nun, aus
verschiedenen anderen Grnden.
    Zum Beispiel?
    Ich will aufrichtig sein. Ich habe aus lieber langer Weile schon frher in
Grenwitz und noch mehr whrend meiner Krankheit angefangen, der Kleinen den Hof
zu machen, und damit aufgehrt, sie wirklich ganz charmant und hchst
begehrungswrdig zu finden. Die Kleine thut aber so sprde, da sie nothwendig
ein ernstliches Attachement haben mu. Ich wte Niemand, der mir den Rang
abgelaufen haben knnte, als Sie.
    Sehr schmeichelhaft, sagte Albert. Ich bin in der That mit der jungen Dame
so gut wie verlobt.
    Aber Timm, wollen Sie denn mit offenen Augen in's Verderben rennen! Sie und
eine Frau! und noch dazu eine arme Frau! Wo haben Sie den Ihre frheren
Grundstze gelassen. Aufrichtig, ich htte Ihnen eine solche Thorheit nicht
zugetraut.
    Ich mir auch nicht, erwiderte Albert, sein Glas leerend und wieder fllend.
    Lieben Sie das Mdchen?
    Da fragen Sie mich wirklich mehr als ich selber wei.
    Hren Sie, Timm, ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir sind heute
einmal in einer speculativen Stimmung. Lassen Sie mir das Mdchen und ich
bernehme die dreihundert Thaler, um die Sie die Aermste angepumpt haben.
    Wer sagt das? rief Albert auffahrend.
    Ihre augenblickliche Heftigkeit zum Beispiel; auerdem aber auch die kleine
Louise, Helenens Kammerjungfer, und nebenbei meines Kammerdieners Schatz, die
zufllig sah, wie Marguerite Ihnen im Grenwitzer Park das Geld gegeben hat.
    Dummes Zeug! sagte Albert.
    Aergern Sie sich nicht! sagte Felix, sondern seien Sie froh, da sich Jemand
findet, der gutmthig genug ist, Ihnen die unbequeme Last abzunehmen. Wollen
Sie?
    Wir sprechen schon noch darber, sagte Albert aufstehend und nach seinem Hut
greifend. Leben Sie wohl, Grenwitz!
    Adieu, Timm! seien Sie vernnftig und sehen Sie sich bald einmal wieder nach
Ihrem alten Kameraden um.
    Das wrdige Paar schttelte sich die Hand, Albert entfernte sich rasch. Sein
Gesicht war finsterer, als bei seiner Ankunft. Entweder hatte ihm der zweite
Theil der Unterhandlung nicht gefallen, oder er hielt es auch nur in seinem
Interesse, den Beleidigten zu spielen. Felix, der ihn von frher her ziemlich
genau kennen mute, neigte zu der letzteren Ansicht.

                              Vierzehntes Capitel


Um dieselbe Zeit, als im Hotel Grenwitz diese Verhandlung stattfand, wanderte
vor einem groen Hause in einer der Vorstdte Grnwalds ein junger Mann mit
jener Ungeduld auf und ab, welche das Herz eines rechtschaffenen Liebhabers
erfllt, der an einem khlen Herbstabend in dichtem Nebelgeriesel auf die Dame
seines Herzens wartet, die er Schlag sieben Uhr - aber komm ja pnktlich! aus
einem Krnzchen abholen sollte und um halb acht noch immer in lebhaftester
Conversation an dem hellerleuchteten Fenster hinter der weien Gardine sitzen
sieht, oder sitzen zu sehen glaubt.
    Da doch selbst die gescheidtesten Frauen eine so uerst vage Vorstellung
von der Zeit haben; murmelte der junge Mann, seine Uhr hervorziehend und bei dem
sprlichen Lichte einer glimmenden Cigarre die Zeit ablesend; es ist ein
psychologisches Factum, das ich nchstens in einer eigenen Monographie behandeln
werde.
    Er warf das Cigarren-Ende fort, das ihm den Schnurrbart zu versengen drohte
und schaute zu dem erleuchteten Fenster empor.
    Gott sei Dank! man bricht auf! dunkle Schatten schweben an den Gardinen hin
und her! Jetzt nur noch den Mantel umgebunden, den Hut aufgesetzt, einen
Abschiedsku - dann noch eine kurze Conversation von zehn Minuten ber den Ort
des nchsten Krnzchens - sodann noch einen Abschiedsku - das Fenster wird
dunkler, in dem Hausflur wird es heller - jetzt noch eine Schludebatte auf der
letzten Treppenstufe - enfin! -
    Kommst Du endlich, Kleine? sagte Doctor Braun, die schlanke Mdchengestalt,
welche aus dem Hause getreten und leichten Schrittes durch den kleinen Garten,
der das Haus von der Strae trennt, geeilt war, an der eisernen Gitterpforte in
Empfang nehmend.
    Armer Franz, Du hast doch nicht schon gewartet? antwortete das Mdchen, sich
zrtlich in den Arm ihres Brutigams schmiegend.
    O, nicht doch, kaum der Rede werth, eine halbe Stunde etwa.
    Ich wute wirklich nicht, wie spt es war. Die Zeit ist mir so schnell
vergangen, trotzdem das Krnzchen heute nur aus zwei Personen bestand. Rathe:
aus welchen?
    Aus Dir vielleicht?
    Sehr weise! und weiter?
    Helene Grenwitz?
    Richtig! Sie lt Dich schnstens gren. Denke Dir, sie wird nun doch wohl
bei der Brin bleiben, trotzdem ihre Eltern den Winter ber in der Stadt wohnen
werden, und, ich glaube, heute schon angekommen sind. Das wird einmal wieder
etwas zu klatschen geben. Die arme Helene thut mir von Herzen leid.
    Weshalb?
    Wie Du fragst! Ist es nicht schon schlimm genug, da die ganze Stadt es
merkwrdig findet, da ein Mdchen von sechszehn - nein sechszehn und einem
halben Jahr - noch einmal in Pension geschickt wird, nachdem sie kaum vier
Wochen zu Hause gewesen ist? Und so lange Grenwitzens nicht in der Stadt
wohnten, lie es sich noch zur Noth erklren, aber jetzt - ich finde es ganz
abscheulich. Die Leute mssen ja, wer wei was, von ihr denken, und man kann es
ihnen sogar nicht bel nehmen, wenn sie Helenen mit dem Duell zwischen ihrem
Vetter und Deinem liebenswrdigen Freund Stein in Verbindung bringen.
    Und was sagt Frulein Helene?
    Nichts; Du kennst sie ja. Sie spricht nie von Familienangelegenheiten;
hchstens, da sie einmal ihres alten Vaters erwhnt, den sie sehr zu lieben
scheint. Sie ist still und ernst, aber nicht eigentlich traurig.
    Ich glaube, sie ist viel zu stolz, als da sie wirklich traurig sein knnte.
    Wie das?
    Trauer ist eine passive Stimmung, die Stimmung Jemandes, der einsieht, da
er gegen das Geschick nicht ankmpfen kann und sich wohl oder bel zum Dulden
bequemt. Es giebt aber Charaktere, die sich wehren, so lange es geht, und wenn
es nicht mehr geht, nicht die Waffen in demthiger Ergebung strecken, sondern
sie zerbrechen und dem Sieger trotzig vor die Fe werfen.
    Sophie schmiegte sich inniger an den Geliebten und sagte nach einer Pause:
    Ich gehre nicht zu den Charakteren, Franz. Ich bin nicht zu stolz, um
traurig zu sein; ich bin in dieser letzten Zeit oft recht traurig gewesen. Ich
war es schon, als Du mit Herrn Stein abgereist warst, trotzdem ich doch damals
eigentlich gar keine Ursache dazu hatte. Und nun gar neulich, als Vater krank
wurde und ich an seinem Bette sa und meine grte Angst nchst der, Vater
knnte sterben, die war, da Du meinen Brief nicht erhalten httest, und Dich
immer weiter und weiter von mir entferntest, whrend mein Herz vor Sehnsucht
nach Dir fast zerbrach. Du bist doch, ehe Du mich abholtest, noch einmal da
gewesen?
    Natrlich. Es geht besser. Ich bat ihn, sich wieder niederzulegen; aber er
bestand darauf, bis zu unserer Zurckkunft aufzubleiben.
    Und ich habe so viel Zeit verplaudert! La uns schneller gehen!
    Es kommt nun auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an; und berdies
mchte ich gern definitiv mit Dir ber unsere Zukunft sprechen. Wir mssen
endlich einmal aus diesem Provisorium heraus, das weder Gott - ich meine der
Natur - noch den Menschen angenehm ist und mit jedem Tage lstiger wird. Ein
unverheiratheter Mann ist ein Fisch; aber ein Brutigam ist weder Fisch noch
Fleisch. Wenn zwei Menschen durch die Liebe Mann und Weib sind in ihrem eigenen
Herzen und Gewissen, so sollen sie es auch vor den Menschen sein, knnen anders
die ueren Bedingungen der Ehe erfllt werden. Das ist aber bei uns der Fall.
Wir haben genug zum Leben und mehr brauchen wir vorlufig nicht; das Andere
findet sich. Summa Summarum: Wollen wir unsere Hochzeit auf heute ber vier
Wochen festsetzen?
    Aber Franz, ich bin noch nicht zur Hlfte mit meiner Aussteuer fertig!
    So heirathen wir mit der halben Aussteuer.
    Und was wird der Vater dazu sagen; Du weit, wie unsglich schwer es ihm
wird, mich von sich zu lassen; und soll ich gerade jetzt dies Opfer von ihm
fordern, wo er meiner mehr als je bedarf? Ich habe nicht den Muth, ihm den
Vorschlag zu machen.
    Aber ich habe ihn; Dein Vater wei, da ich nicht weniger aufrichtig, als er
selbst, Dein Bestes will; und er ist viel zu verstndig, um nicht einzusehen,
da es so bei weitem am Besten ist. Komm, mein Mdchen, lasse den Kopf nicht
hngen. Heute ber vier Wochen sind wir Mann und Frau.
    Ach, Franz, ich wollte, wir wren es erst. Aber ich frchte, ich frchte;
Der Himmel meint es nicht so gut mit uns!
    Warum nicht? er meint es gut mit Allen, die den Muth haben, ihr Glck zu
wollen. Denn, wie sagt der Dichter: In unsrer Brust sind unsres Schicksals
Sterne.
    Die Eile, zu welcher Franz drngte, hatte in der Krankheit von Sophie's
Vater einen sehr triftigen Grund. Franz wute als Arzt am besten, da das Leben
des vortrefflichen Mannes nur noch an einem schwachen Faden hing. Er hatte sich
von dem Schlaganfall, der ihn vor nun ungefhr vierzehn Tagen betroffen,
allerdings sehr schnell erholt; aber mehrere bse Symptome verkndeten, da ein
zweiter und dann, bei der nervsen, beraus fein organisirten Natur des Mannes,
vielleicht tdtlicher Anfall mglich, ja sogar wahrscheinlich sei. Starb aber
der Vater, bevor die Verbindung zwischen seiner Tochter und Franz zu Stande
gekommen war, so wre das arme Mdchen, dessen Mutter schon lange in der Erde
ruhte und das weder Geschwister noch sonstige Verwandte hatte, in eine sehr
kritische Lage gekommen. Denn, da unter diesen Umstnden das Haus des Mannes,
den sie liebte, ihre einzige Heimath sei, wrde die Welt nicht haben begreifen
knnen.
    Heute zum ersten Male war der Geheimrath auf ein paar Stunden wieder
aufgestanden und hatte sich in einem Lehnstuhle aus seinem Schlafzimmer vor den
Kamin des Wohnzimmers rollen lassen. Er hatte darauf bestanden, da seine
Tochter, die seit dem Beginn seiner Krankheit sein Lager kaum verlassen hatte,
in ihr Krnzchen ging; er hatte seinen Schwiegersohn, der interimistisch seine
Praxis bernommen hatte und der gegen Abend ihn zu besuchen kam, nach wenigen
Minuten wieder weggeschickt: er wollte allein sein; er wollte die erste Stunde,
wo er den frchterlichen Druck auf seinem Gehirn geringer fhlte, zum Nachdenken
ber seine Situation benutzen. Er wrde eine so schdliche Aufregung freilich
als Arzt einem Patienten streng verboten haben; aber jetzt war er Arzt und
Kranker zugleich und konnte an sich selbst erfahren, da der Arzt gar Manches
fordern kann, was der Kranke beim besten Willen zu leisten nicht im Stande ist.
    Und wohl mochte es dem Geheimrath schwer werden, die graue Schattengestalt
der Sorge, die sich, je dunkler es im Zimmer wurde, immer dichter und dichter an
ihn herandrngte, zu verscheuchen. Wie schlimm es in physischer Hinsicht um ihn
stand, konnte ihm, der, wer wei wie viel hnliche Flle beobachtet und wieder
beobachtet hatte, am wenigsten verborgen sein. Er wute nur zu wohl, da er von
nun an geistig und krperlich ein Krppel sein und bleiben werde, da er nur
noch das Gnadenbrod des Lebens esse, da der Tod jeden Augenblick die verfallene
Schuld eincassiren knne. Und doch war dies, so sehr er auch am Leben hing, sein
geringster Kummer. Der Arzt strubte sich nicht gegen das allgewaltige Geschick,
dem er mit aller Kunst noch Keinen hatte entreien knnen; der Schler Epicurs
wute, da Wonnen und Schmerzen, Freuden und Leiden in dem Gewebe unserer
Existenz untrennbar vereinigt sind. Aber, was ihm das Herz unsglich schwer
machte, war der Gedanke, da es ihm nun unmglich sein wrde, seine zerrtteten
Vermgensverhltnisse zu ordnen, da er als ein Bankerotteur aus dem Leben
gehen, da er seine Glubiger durch seinen Tod um ihr Eigenthum betrgen wrde.
    Der Unglckliche seufzte, whrend er das tiefgebeugte Haupt in den Hnden
verbarg.
    Und seine Tochter, seine geliebte Tochter! Wo war die Hoffnung geblieben,
sie einst mit einem Vermgen ausstatten zu knnen, das die gemeinen Sorgen des
Lebens auf immer von der Verwhnten, Verzrtelten fern halten sollte? ihr die
Mittel gewhren sollte, immerdar eine behagliche Existenz zu fhren, wie sie
sich fr die feinbesaitete Natur des jungen Mdchens einzig zu ziemen schien?
Jetzt konnte er ihr nicht nur kein Vermgen - nein! nicht einmal einen
ehrlichen, fleckenlosen Namen hinterlassen!
    Sie hatte keine Ahnung von der milichen pecuniren Lage ihres Vaters. Er
hatte nie den Muth gehabt, ihr kindliches Gemth mit Sorgen zu verdstern, die
er von sich selbst, so lange es ging, fern hielt. Sie nahm mit Sicherheit an,
da ihr Vater, wenn nicht ein reicher, so doch ein vermgender Mann sei, da sie
sich den bescheidenen Luxus, mit dem sie sich umgab, unbedenklich gestatten
knne. -
    Und war sie die Einzige, die sich in diesem Wahne befand? die er aus Scheu
vor peinlichen Auseinandersetzungen in diesem Wahne gelassen hatte? dachten
seine Freunde nicht ebenso? vor allem der jngste und liebste seiner Freunde,
der Mann, welcher das Herz seiner Tochter gewonnen hatte und dem er selbst mit
herzlicher, freundschaftlich vterlicher Liebe zugethan war? der durch sein
biederes, edles Wesen, durch seinen Geist und seine Gte diese Liebe, diese
Freundschaft im reichsten Mae verdiente? Was wrde er sagen, was wrde er thun,
wenn er erfhre, was er ber kurz oder lang doch einmal erfahren mute; ja, was
ihm der Vater seiner Braut, wenn er nicht allen Ansprchen auf den Namen eines
ehrlichen Mannes entsagen wollte, unter diesen Umstnden ohne allen Verzug
mitzutheilen gezwungen war?
    Der Geheimrath drckte sein Gesicht fester in die zitternden Hnde und
sthnte laut, wie ein von grausamen Qualen Gefolterter.
    Und pltzlich fhlte er sich von weichen Armen sanft umschlungen und eine
Mdchenstimme rief ngstlich: Vater, liebes Vterchen, Du bist gewi wieder
recht krank! und die freundliche, feste Stimme eines Mannes, der eine seiner
Hnde ergriffen hatte, um nach dem Puls zu fhlen, sagte: Sie sind zu lange
aufgeblieben, Papa! Wir mssen machen, da wir wieder in's Bett kommen.
    Wie ein erquickender Regen auf eine sonneversengte Pflanze, so fielen diese
Stimmen, diese Worte lind und labend in das Herz des armen, an Leib und Seele
kranken Mannes. Er legte seine Arme um den schlanken Leib des Kindes und zog es
an sein Herz in langer, stummer Umarmung. Er htte weinen knnen, wenn er sich
nicht geschmt htte. Sophie fragte wieder und wieder, ob er sich krnker fhle;
Franz, der nach Licht geklingelt hatte, bat immer dringender, er mge nicht
durch lngeres Aufbleiben das mhsam Gewonnene wieder auf's Spiel setzen. Der
Geheimrath wollte nichts von Zubettgehen hren; er fhle sich in dem Lehnstuhl
ganz behaglich und durchaus nicht angegriffen. Ueberdies habe er mit Franz zu
sprechen, Sophie mge nur ruhig Abendbrot besorgen.
    Franz, dessen Scharfblick die Unruhe, die Aufregung des Patienten nicht
entgangen war, hielt es fr das Beste, seinem Wunsche Folge zu leisten, und
winkte seiner Braut, sie allein zu lassen. Sophie entfernte sich mit einem
ngstlich fragenden Blick auf Franz, den dieser mit einem ermuthigenden Lcheln
beantwortete.
    Die Thr hatte sich kaum hinter der schlanken Gestalt des jungen Mdchens
geschlossen, als der Geheimrath Franz' Hand ergriff und mit einer Stimme, die
vergebens nach Festigkeit rang, sagte:
    Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen, Franz, das ich unter diesen Umstnden, wo
ich jeden Augenblick auf den Tod gefat sein mu, nicht lnger verschweigen
kann, ohne ehrlos zu handeln.
    Was ist es, Papa? fragte Franz, einen Stuhl dicht an den Platz des
Geheimraths rckend und die Hnde desselben freundschaftlich in seine Hnde
nehmend.
    Das ist es! sagte der Geheimrath - und nun erzhlte er Franz, da er im
Laufe der Jahre, zum Theil in Folge eines Mangels an weiser Sparsamkeit, zum
Theil durch vielfltige Darlehen, die er an Arme, Bedrftige aller Art gemacht
und niemals wieder bekommen habe, tief in Schulden gerathen sei; da er gehofft
habe, sich durch verdoppelten Flei in den nchsten Jahren wieder
heraufzuarbeiten, eine Hoffnung, die wie er jetzt nur zu schmerzlich fhle,
nicht in Erfllung gehen werde.
    Der Geheimrath machte hier eine Pause, sei es, weil er fr den Moment zu
erschpft war, sei es, weil er von Franz eine Antwort erwartete. Als der junge
Mann aber mit niedergeschlagenen Augen in seinem Schweigen verharrte, fuhr der
Kranke nach dieser Pause mit leiserer und erregterer Stimme fort:
    Verzeihen Sie, lieber Franz, da ich in einem vielleicht strflichen, aber
sehr erklrlichen Egoismus so lange mit dieser Enthllung Ihnen gegenber
gezgert habe. Es ist eine schreckliche Aufgabe, Menschen betrben zu mssen,
die man lieb hat; Menschen rmer machen zu mssen, die man mit allen Gtern
dieser Erde berschtten mchte.
    Er schwieg und versuchte seine Hnde aus den Hnden des jungen Mannes zu
ziehen, gleichsam als habe die Entdeckung, die er so eben gemacht, die vertraute
Freundschaft gestrt und aufgehoben. Aber Franz rckte nur nher an den Kranken
und sagte, ihm mit seinen klaren, treuen, klugen Augen tief in die Augen sehend:
    Ich habe Sie ruhig aussprechen lassen, Papa; nun lassen Sie mich dasselbe
thun. - Wenn Jemand einem Freunde, den er liebt, einen unermelichen kostbaren
Schatz schenkt, einen Schatz, an dem das Herz des Freundes so hngt, da er ohne
denselben nicht mehr leben knnte und mchte und der Geber sprche nun zum
Freunde: Lieber, whrend ich diesen Schatz htete, habe ich, wie du dir denken
kannst, auf die Leitung und Regelung meiner brigen Angelegenheit nicht die
nthige Sorgfalt verwenden knnen. Es sind da einige Glubiger, die bezahlt sein
wollen und bezahlt werden mssen. Willst du nicht diese Sache bernehmen? Du
bist jnger und rstiger, und du hast keinen Widerwillen gegen Geschfte - wenn,
sage ich, der Geber also zu dem so reich Beschenkten sprche, und dieser wollte
antworten: den Schatz, der mich in alle Zukunft so unermelich reich macht,
nehme ich freilich, aber was deine brigen Angelegenheiten betrifft, so siehe
zu, wie du fertig wirst; ich will nichts damit zu schaffen haben; - wrde man
ihn, der so antwortete, nicht mit Recht fr ein Ungeheuer von Herzlosigkeit, fr
ein Scheusal von Undankbarkeit halten? Genau so aber liegt die Sache zwischen
uns. Der gromthige Geber sind Sie, der so berreich Beschenkte bin ich, der
unermelich kostbare Schatz ist meine, unsere Sophie. Zwischen uns kann nicht
mehr von Mein und Dein die Rede sein; was ich besitze, gehrt Ihnen, der Sie mir
in der dreifach ehrwrdigen Gestalt des Freundes, des Lehrers, des Vaters
erscheinen. Was ich aber besitze, sind zehn- bis elftausend Thaler, die ich von
einer Tante, die ich nie gesehen habe, erbte, und die Ihnen jeder Zeit zur
Verfgung stehen. Ich wei, da diese Summe nicht gengt, Sie von den
eingegangenen Verbindlichkeiten zu befreien. Aber eine Erleichterung, eine Hlfe
wird sie Ihnen immer sein, und ich bitte, ja ich beschwre Sie, von dieser Hlfe
den ausgedehntesten Gebrauch zu machen. - Nein, Papa, schtteln Sie nicht den
Kopf! Es hilft Ihnen nichts. Sie sind Sophie, mir und sich selbst die Erfllung
meiner Bitte schuldig. Und dann: ich will Sie nicht um eine Geflligkeit bitten,
ohne auf eine quivalente Gegenleistung zu dringen. Wir haben den Termin unserer
Hochzeit immer noch nicht festgesetzt. Wir scheuten uns, mit der Sprache
herauszurcken, weil wir Ihren Widerspruch, zum mindesten Ihre mit Widerstreben
gegebene Einwilligung frchteten. Jetzt bin ich khn geworden und bitte nicht um
Flandern, noch Gedankenfreiheit, Knig Philipp, sondern um die Erlaubni, Deine
Infantin, Donna Sophia, heute ber vier Wochen als mein ehelich Gemahl
heimfhren zu drfen. Sieh! da ist sie selbst! - Kniee nieder, Mdchen, und
danke Deinem Herrn und Vater fr seine Gte. Er willigt in unsere Vermhlung
heute ber vier Wochen.
    Sophie, die bei Franz' letzten Worten in das Zimmer getreten war, eilte auf
den Vater zu:
    Gutes, liebes Vterchen! herzallerliebstes Vterchen! rief sie, den
Geheimrath umarmend und ihn zrtlich auf Stirn und Lippen kssend. Der
Geheimrath war in einer unbeschreiblichen Erregung. Seine zitternden Lippen
versuchten umsonst ein Wort hervorzubringen; seine thrnenberstrmten Augen
wandten sich bald auf die vor ihm knieende Tochter, bald auf den edlen Mann, der
ber ihn gebeugt dastand und seinen Arm vertraulich um seinen Nacken geschlungen
hatte. Sein von der Krankheit angegriffenes Gehirn vermocht nicht das Chaos der
auf ihn einstrmenden Gedanken zu bewltigen, aber in seinem Herzen sagte
vernehmlich eine Stimme, da er nun ruhig sterben knne.
    Franz, der nicht ohne Grund frchtete, da die heftige Gemthserschtterung
eine Verschlimmerung in dem Zustande des Kranken herbeifhren knne, beeilte
sich, dieser Scene eine Ende zu machen. Er klingelte und hie den eintretenden
Bedienten, ihm beim Zubettbringen des Herrn zu helfen. Der Geheimrath lie Alles
ohne Widerrede mit sich geschehen. Franz und der Diener rollten den Stuhl bis an
die Thr des nchsten Gemachs, die schon von Sophie geffnet war, hoben ihn ber
die Schwelle und schlossen die Thr hinter sich, whrend Sophie allein in dem
Wohnzimmer zurckblieb.
    Nach einigen Minuten kam Franz zurck. Er war bewegt, wie Sophie ihn kaum
gesehen hatte; aber sie sah auch zugleich, da diese Bewegung keine schmerzliche
war. Seine Augen blitzten, sein Schritt war elastisch wie eines Siegers Schritt,
und seine sonst etwas scharfe Stimme klang weicher und voller, als er jetzt, die
Geliebte fast strmisch in seine Arme schlieend, sagte:
    Freue Dich, Mdchen, es geht Alles gut, vortrefflich. Ich habe dem Papa
seine Einwilligung abgeschmeichelt und abgetrotzt. Sagte ich Dir nicht, in vier
Wochen sind wir Mann und Frau? sagte ich Dir nicht: in unserer Brust sind unsers
Schicksals Sterne? O, ich fhle einen ganzen Himmel in meiner Brust! liebe,
liebe Sophie!
    Lieber, lieber Franz.
    Und die Liebenden hielten sich lange innig umschlungen.
    Dann, als die Fluth herrlichster Gefhle sich zu ruhigeren Wogen snftigte,
wanderten sie Arm in Arm in dem Gemache auf und ab, und ihre Stimmen waren
leise, wie ihre Schritte auf dem Teppich, und was sie flsterten war s und
traulich, wie das von einem rothen Schleier gedmpfte Licht der Lampe, die auf
dem Tische vor dem Sopha brannte.
    Sie waren so in ihr bald ernstes, bald heiteres, und von einem
gelegentlichen halb unterdrckten Lachen oder verstohlenen Ku unterbrochenes
Gesprch vertieft, da Jemand, der um diese Stunde fast tglich in das Haus des
Geheimraths kam, erst dreimal an die Thr pochen mute, ehe sie Beide zu
gleicher Zeit mit Herein antworteten.

                              Fnfzehntes Capitel


Guten Abend, hochverehrliches christliches Brautpaar, sagte der darauf in's
Zimmer Tretende; stre ich Sie vielleicht in Ihrer Andacht?
    Guten Abend, Bemperchen; erwiderte Sophie, sich aus Franz' Arm losmachend
und dem kleinen Mann, der zierlichen Schritts auf sie zukam, herzlich die
dargebotene Hand drckend; Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mich gegen diesen
Erzsptter in Schutz zu nehmen.
    Guten Abend, Bemperlein, sagte Franz; Sie kommen gerade zur rechten Zeit,
mir diese halsstarrige Snderin berzeugen zu helfen.
    Ehe ich das Eine thun und das Andere lassen kann, erwiderte Herr Bemperlein,
seine Handschuhe ausziehend und sie sorgfltig zusammenlegend, erlaube ich mir,
mich nach dem Befinden des Herrn Geheimraths pflichtschuldigst zu erkundigen.
    Es geht viel besser, erwiderte Franz.
    Ich schlo das aus Ihrer heitern Stimmung, sagte Bemperlein. Nun, das freut
mich sehr. So knnen wir doch heute Abend endlich einmal zu Abend essen, ohne
da uns, wie in den letzten vierzehn Tagen, jeder Bissen vor Wehmuth und Trauer
im Munde stecken bleibt. Ad vocem Abendessen: wie steht es damit, Frulein
Sophie? ich, der ich nicht, wie Sie, das Glck habe, mit dem Nektar der Liebe
meinen Durst und mit der Ambrosia traulichen Geschwtzes meinen Hunger stillen
zu knnen, empfinde eine nicht mizudeutende Regung nach irdischer Speise und
Trank.
    Ich glaube, das Abendessen steht schon seit einer halben Stunde auf dem
Tisch, sagt Sophie; ich hatte es wahrhaftig ganz vergessen.
    So lassen Sie uns keine Minute lnger zgern; sagte Bemperlein, Sophie den
Arm bietend und sie den wohlbekannten Weg in das anstoende Gemach fhrend, in
welchem stets gespeist wurde.
    Ich frchte, die Kartoffeln sind eiskalt, sagte Sophie, den Deckel von einer
Schale abhebend.
    So haben Sie genau die Temperatur dieses Fisches, sagte Franz, ihr die
Schssel prsentirend.
    Oder dieser Sauce, sagte Bemperlein, ihr die Sauciere von der andern Seite
darreichend.
    Sophie zuckte die Achseln:
    Nichts wird so warm gegessen, wie es gekocht ist, meine Herren. Das mu ich
als zuknftige Hausfrau wissen.
    Wir heirathen nmlich heut ber vier Wochen, Bemperlein, sagte Franz.
    Das heit, wenn Ihr Frack, den Sie schon, seitdem Sie in Grnwald sind,
machen lassen wollen, bis dahin fertig wird, Bemperchen; sonst unter keiner
Bedingung, sagte Sophie.
    Der Frack wird fertig! der Frack wird fertig! rief Herr Bemperlein, und
sollte ich ihn selber zurechtschneiden, nhen und bgeln.
    Das wrde ein schnes Kleidungsstck werden, Bemperchen.
    Vielleicht nicht so schlecht, wie Sie glauben. Es wre wenigstens nicht der
erste Frack, den ich mir hchst eigenhndig fertigte.
    Unmglich, Bemperlein! rief Franz voll Erstaunen.
    Was ich Ihnen sage. Es ist nun freilich schon ein wenig lange her - fnfzehn
Jahre etwa - und ich war dazumal, in meiner Robinson-Crusoe-Periode,
erfinderischer und fleiiger als jetzt; aber fr unmglich halte ich die Sache
auch noch heute nicht.
    Aber was zwang Sie denn, so wunderliche Experimente anzustellen?
    Die Erfinderin aller Knste, die Noth. Sie wissen, Frulein Sophie, da ich
zu denjenigen Kindern Gottes gehre, - oder vielmehr gehrte, denn jetzt bin ich
in eine andere Rangclasse versetzt - welches das Himmelreich versprochen ist,
weil sie auf Erden nichts ihr eigen nennen. In Folge dessen war ich, als ich
damals aus den elysischen Gefilden meines Heimathsdorfes hierher kam,
gezwungen, eine Art von Cicadendasein zu fhren und alle unnthigen Depensen zu
vermeiden. So verfiel ich denn unter anderm auf den sehr naheliegenden Gedanken,
ob es nicht mglich sein sollte, sich auch in unserem tinteklecksenden Sculum
die nthigen Kleidungsstcke selbst zu fertigen, wie weiland Eumus, der
gttliche Sauhirt. Gedacht, gethan. Ich hatte eine vertraute Freundschaft mit
einem Knaben geschlossen - er hie Christian Smilch, der Sohn von dem alten
Schneidermeister Smilch in der Langenstrae, - der durchaus Schneider werden
sollte und durchaus ein Gelehrter werden wollte. Wir machten einen Covenant, da
ich, wenn Papa Smilchs Stentorstimme Feierabend verkndet hatte, den Zumpt und
den Rost mit ihm tractirte, wogegen er mich lehren sollte, wie man die Nadel und
das Bgeleisen fhrt. Unsere Studien wurden mit eben so viel Eifer wie
Heimlichkeit betrieben, denn ich frchtete nicht ohne alle Ursache den Spott
meiner Mitschler und er die sicher treffende Elle seines Vaters und Lehrherrn.
O, es waren kstliche Stunden, die wir so zusammen verlebten, Stunden, die er
und ich nie vergessen werden. Ich sehe uns noch beim traulichen Schein einer
Thranlampe auf meinem kleinen Dachstben zusammensitzen - an einem Herbstabend
wie heute, wenn der Regen auf die Ziegel dicht ber unseren Kpfen tappte und
die Rinne gurgelte und die Eulen und Dohlen auf dem Thurm der nahen
Nicolaikirche krchzten und schrieen. Wir aber froren nicht, trotzdem kein Feuer
in dem kleinen Kanonenofen brannte, denn die heilige Flamme der Freundschaft
durchstrmte unsere Adern mit sanfter Gluth, und ich nhte, da der Faden
rauchte, und er lernte in seiner Grammatik, da ihm der Kopf dampfte, und wenn
ich dann die Naht nach allen Regeln der Kunst genht hatte und er sein tpto,
tpteis, tptei ohne Ansto aufsagen konnte, so sanken wir uns gerhrt in die
Arme und beneideten keinen Knig auf dem Thron um seine Herrlichkeit.
    Herr Bemperlein schwieg und blickte gerhrt in sein Glas.
    Die alte Zeit soll leben, Bemperlein! sagte Franz.
    Und die neue, erwiderte Bemperlein, mit dem Brautpaare anstoend.
    Aber wie war das mit dem Frack, Bemperchen? fragte Sophie; es war doch nicht
gar Ihr Confirmationsfrack?
    Richtig gerathen, schne Dame; es war mein Confirmationsfrack. Die Zeit der
Einsegnung war vor der Thr. Ich hatte von einem Kaufmann, dessen Kinder ich im
Lesen und Schreiben unterrichtete, und bei dem ich auch wchentlich einen
Freitisch hatte, Tuch zu einem Frack geschenkt bekommen. Der brave Mann sagte
mir sogar: ich solle ihn nur bei seinem Schneider auf seinen Kosten lassen. Ich
glaubte indessen, die Gte des Mannes zu mibrauchen, wenn ich auch dies
Geschenk noch annehme, und bat um die Erlaubni, den Frack bei meinem eignen
Schneider machen lassen zu drfen. Nun, wer der eigene Schneider war, knnen
Sie sich denken. Christian Smilch und ich wollten uns beinahe todt lachen ber
den genialen Witz; und wir beschlossen sofort an's Werk zu gehen und ein
Meisterstck zu liefern, das unserm eigenen Schneider Ehre machen sollte.
Aber, o des Jammers! Papa Smilch war hinter unsere verdammten Schliche
gekommen, wie er in seiner banausischen Redeweise die Weihestunden der
Freundschaft und Arbeit zu nennen beliebte. Er hatte eine griechische Grammatik
entdeckt, die Christian beim Eintritt des botischen Vaters in die Hlle unter
die Lumpen zu schleudern pflegte und eine Folge dieser entsetzlichen Entdeckung
war die, da er zuerst einmal seine Elle auf dem Rcken des attischen Jnglings
entzweischlug und zweitens ihm bei Androhung sofortiger Enterbung und Verbannung
aus dem vterlichen Hause kategorisch befahl, in Zukunft allen Umgang mit mir
gnzlich und durchaus abzubrechen. Weinend erzhlte mir der treue Freund das
Entsetzliche, als ich ihm Tags darauf an der Straenecke begegnete, wie er eben
ein fertiges Beinkleid zu einem der Kunden seines Vaters trug. Aber ich beuge
mich nicht lnger unter diese Tyrannei, rief er mit einer Armschwenkung, die
einem Demosthenes Ehre gemacht haben wrde; noch diesen einen Sclavendienst (und
er schlug dabei mit der geballten Faust auf die sauber zusammengefalteten
Inexpressiblen) und dann gehe ich hinaus in die weite Welt. Willst Du mit? Nur
mit Mhe konnte ich den armen Jungen beruhigen; ich wute, da ihm der Gedanke,
mir nun nicht bei meinem Frack helfen zu knnen, weher that, als alles Andere.
Ich erinnerte ihn an das Gebot, welches uns befiehlt, Vater und Mutter zu ehren,
auf da es uns wohl gehe und wir lange leben auf Erden; ich sagte ihm, da sein
Vater doch endlich nachgeben werde; und was den Frack betreffe, so wrde der
Schler seinem Meister Ehre machen. - Christian schttelte wehmthig den Kopf:
Du wirst nicht fertig, Anastasius, sagte er, Du wirst nicht fertig, auch
angenommen, da Du mit dem Zuschneiden zu Stande kommst. - Was gilt die Wette,
Christian? rief ich, Du siehst mich heute ber acht Tage bei der Einsegnung in
der Kirche in dem Frack, den ich ohne Deine Hlfe machen werde, und Du sollst
eingestehen, da er gut gemacht ist. Gewinn' ich, schenkst Du mir Deinen
Dompfaffen, gewinnst Du, gebe ich Dir die Odysse in der Heyne'schen Ausgabe.
Willst Du? - Topp! sagte Christian, trotz seines Jammers lchelnd. Ich sollte
eigentlich nicht wetten, weil Du doch verlierst; aber wenn Du willst, so sei's.
    Nun, und wer gewann die Wette? fragte Sophie eifrig.
    Am nchsten Sonntag, in der Nikolaikirche, sagte Herr Bemperlein, und seine
Stimme zitterte und seine Brillenglser wurden feucht; am nchsten Sonntag
kniete ich zwischen vielen Jnglingen an dem Altar, und die Orgeltne flutheten
durch die hohen Hallen und der Priester murmelte den Segen Gottes ber uns, aber
ich hrte von allem nichts; ich sah nur immer nach der Empore hinauf zu einem
Knaben mit langen braunen Haaren und braunen Augen, der mir Kuhnde zuwarf und
dessen liebes Gesicht vor Stolz und Freude darber, da sein Freund, gegen all'
sein Erwarten, so stattlich aussah, erglnzte und der, als an mich die Reihe
kam, da der Herr mich segnen und behten mchte und sein Antlitz leuchten
lassen ber mich, fromm die Hnde faltete und mit gebeugtem Haupte fr mich
inbrnstiglich betete.
    Bemperlein schwieg. Er hatte die Brille, die immer trber geworden war,
abgenommen und rieb die Glser mit dem Taschentuche wieder blank.
    Und was ist aus Christian geworden? fragte Franz.
    Er ist jetzt Professor der alten Sprachen an einem Belgischen hochberhmten
Lyceum; seine Grammatik ber den dorischen Dialect ist epochemachend fr die
Sprachwissenschaft. Ich hatte vorgestern einen sechszehn Seiten langen Brief von
ihm.
    Und was ist aus dem Frack geworden? fragte Sophie.
    Er hngt noch heut zu Tage wohlerhalten als theures Andenken in meinem
Schrank, erwiderte Herr Bemperlein, die Brille wieder aufsetzend und Sophie
schalkhaft anlchelnd; ja, und was noch mehr sagen will: er pat mir noch heute
so gut, als er mir damals pate, und ich kann mich in ihm jederzeit vorstellen,
falls mein gndiges Frulein an der Wahrheit dieser wahrhaftigen Geschichte
zweifeln sollte.
    Wollen Sie mir eine Bitte erfllen, Bemperchen? sagte Sophie mit
ungewhnlichem Ernst, ihm die Hand entgegenstreckend.
    Jede! sagte Bemperlein mit Enthusiasmus, die Hand des Mdchens ergreifend.
    Lassen Sie sich zu meiner Hochzeit keinen neuen Frack machen, sondern kommen
Sie in dem alten, der fr Sie durch so herrliche Erinnerungen geweiht.
    Ist das Ihr Ernst?
    Zweifeln Sie daran?
    Nun gut, sagte Herr Bemperlein, Sophien die Hand kssend, ich will in dem
Frack, den ich mir zu meiner Confirmation selbst gemacht habe, Ihr Brautfhrer
sein.
    Die kleine Gesellschaft beendigte ihr kaltes Abendbrod und begab sich in das
trauliche Wohnzimmer zurck, wo Sophie den Thee bereitete, whrend Franz ging,
sich nach des Geheimraths Befinden umzusehen. Er kam mit der erfreulichen Kunde
zurck, da Papa, seit dem Beginn seiner Krankheit zum ersten Male in einem
ruhigen, erquickenden Schlafe liege, in welchen er, wie der Diener, der diese
Nacht bei ihm wachte, erzhlte, alsbald gefallen sei, nachdem er noch eine Zeit
lang mit gefalteten Hnden abgebrochene Worte gemurmelt hatte.
    Franz sagte, da die Reconvalescenz von diesem Augenblick rasch
fortschreiten werde und da er jetzt die beste Hoffnung fr eine mglich
vollstndige Wiederherstellung habe. Sophie umarmte und kte ihn fr diese
frohe Botschaft und Herr Bemperlein schwur, da er von heute Abend an auer den
vier heiligen Evangelisten noch einen hchst unheiligen, Namens Franziskus,
kenne und verehre.
    Sie hatten sich um den Kamin herumgesetzt. Der Dampf der Theemaschine und
der Rauch der Cigarren, welche sich die Herren angezndet hatten, stieg in
Wolken zu der Bste des Zeus hinauf, der nun zu einem behaglichen Jupiter Xenius
wurde. Franz war in einer eigenthmlich aufgeregten Stimmung, die sich Sophie
durch die Freude ber die gnstige Wendung, welche die Krankheit des Vaters
genommen hatte, erklrte, die aber einen noch ganz andern Grund hatte. Es war
die nervse Erregung, die auch den Muthigsten vor dem Beginn der Schlacht
berkommt, und Franz fhlte und wute, da der Kampf des Lebens heute fr ihn in
Wahrheit entbrannt war. Hatte er doch die ernstesten Verpflichtungen, die von
unabsehbaren Folgen fr seine, fr Sophiens Zukunft sein konnten, bernommen!
Lag doch von heute an die ungeheuerste Verantwortung auf seinen Schultern! Sah
er doch pltzlich das Meer, auf welchem das Fahrzeug seines und ihres Glckes
schwamm, von den gefhrlichsten Klippen angefllt, die sicher zu durchsteuern,
es eines allzeit klaren Kopfes, eines allzeit muthigen Herzens, einer allzeit
festen Hand bedurfte! Sophie ahnte nicht, was ihr Verlobter empfand, als sie
jetzt, in Gemeinschaft mit Bemperlein, anfing, sich die Zukunft nach ihrem
Geschmack auszumalen - ein kleines, behagliches Paradies voll Ruhe, Frieden und
Sonnenschein.
    Sie mssen auch heirathen, Bemperchen, rief sie.
    Mit dem grten Vergngen, erwiderte Herr Bemperlein; finden Sie nur erst
die Hauptsache.
    Das wre?
    Ein Mdchen, das mich lieben will und das ich lieben kann.
    Ich werde Ihnen eins aussuchen, Bemperchen. Ich kenne Ihren Geschmack, und
wei ganz genau, wie die zuknftige Frau Professor Bemperlein beschaffen sein
mu.
    Da wre ich doch neugierig, sagte Herr Bemperlein, sich behaglich in seinem
Lehnstuhl zurechtrckend.
    Zuerst, sagte Sophie, was das Aeuere betrifft - denn Sie legen doch auch
etwas Gewicht auf das Aeuere, Bemperchen, oder nicht?
    Doch, doch! sagte Bemperlein eifrig.
    Nun wohl! so darf Ihre Zuknftige nicht eben gro sein.
    Weshalb nicht?
    Weil Sie selbst kein Riese sind, Bemperchen, und Sie wissen: nur Gleich und
Gleich gesellt sich gern. Ich schlage deshalb vor, da sie zierlich und
manierlich ist, ein hbsches kleines Figrchen mit dunkelm Haar und dito
Augenpaar, gewandt, anstellig, munter und beweglich. Sind Sie's zufrieden?
    Hm! sagte Herr Bemperlein; nicht bel; gar nicht bel! Weiter!
    Sodann, was die Vermgensumstnde angeht, so darf sie nicht reich sein. Sie
wissen, weshalb?
    Weil ich mit dem Gelde doch nichts anzufangen wte?
    Das meine ich. Habe ich recht?
    Vollkommen. Aber nun erklren Sie mir noch nachtrglich, weshalb die in
Frage stehende Dame gerade braunes Haar und braune Augen haben soll?
    Ich habe, soviel ich wei, nur von dunkelm Haar und dunkeln Augen
gesprochen; aber wenn Sie die braune Farbe vorziehen, Bemperchen -
    Ich vorziehen! sagte Herr Bemperlein eifrig, ich vorziehen! Warum nicht gar!
    Bemperchen, Sie sind roth dabei geworden! die Sache ist verdchtig! Meinst
Du nicht auch, Franz?
    Hchst verdchtig, besttigte Franz; ich trage darauf an, da der Inculpat
auf das allerschrfste inquiriret und auf jede Weise zu einem offenen und
umfassenden Gestndni persuadiret werde.
    Ja, er soll gestehen; er soll gestehen! rief das bermthige Mdchen in die
Hnde klatschend; er soll sich ber diese verrtherische Rthe seiner Wangen
verantworten. Angeklagter, ich frage Sie auf Ihr Gewissen: kennen Sie eine Dame
mit braunem Haar und Augenpaar?
    Aber, wie Sie auch fragen, Frulein Sophie? erwiderte Herr Bemperlein, noch
rther werdend, als vorhin.
    Eure Rede, Angeklagter, sei ja, ja! oder nein, nein! Was darber ist, ist
vom Uebel.
    Nun denn: ja! sagte Herr Bemperlein lachend.
    Haben Sie, als Sie von dem braunen Haar und Augenpaar sprachen, an diese
Dame gedacht?
    Ja, antwortete Herr Bemperlein nach einigem Zgern.
    Da haben wir's! Er hat an sie gedacht! Er hat an sie gedacht! rief Frulein
Sophie und schnippte vor Vergngen mit den Fingern.
    Aber wer ist sie? warf Franz ein.
    Wir werden es gleich erfahren. - Angeklagter, wohnt sie in dieser Stadt?
    Ja.
    Franz, nimm zu Protokoll: sie wohnt in dieser Stadt. Angeklagter: sehen Sie
sie oft?
    Nein.
    Hm! haben Sie sie heute gesehen?
    Aber, Frulein So -
    Keine Ausflchte! Haben Sie sie heute gesehen?
    Nun, ich merke schon, ich komme besser weg, wenn ich nur gleich Alles offen
gestehe, sagte Herr Bemperlein, der trotz seiner Bemhung, unbefangen
auszusehen, immer befangener geworden war. So hren Sie denn, gestrenger Herr
Untersuchungsrichter und Sie, diabolisch lchelnder Herr Beisitzer, die
sonderbare Geschichte, die mir heute passirt ist und die eigens darauf angelegt
scheint, mich aus einer Verlegenheit in die andere zu bringen.
    Erzhlen Sie, Bemperchen! erzhlen Sie, rief Sophie; die Sache wird
romantisch.
    Nun denn, Sie wissen, Frulein Sophie, da Grenwitzens heute Morgen in die
Stadt gekommen sind.
    Wir sind davon unterrichtet. Weiter, Angeklagter!
    Sie wissen aber noch nicht, da die Baronin gleich nach ihrer Ankunft an
mich geschrieben und mich gebeten hat, sie noch im Laufe des Tages zu besuchen.
Sie habe ber eine Sache von der uersten Wichtigkeit mit mir zu sprechen.
    Die Sachen der Baronin sind immer von der uersten Wichtigkeit, meinte
Franz.
    Das wute auch ich und beeilte mich deshalb nicht eben mit meiner Visite.
Gegen Abend indessen, kurz vorher, ehe ich hierher kam, war ich dort.
    Nun, um welche Bagatelle handelte es sich?
    Ich habe es nicht erfahren, denn ich hatte nicht das Glck, vorgelassen zu
werden. In der Hausthr begegnete ich Herrn Timm, der in solcher Eile war, da
er mich fast ber den Haufen lief und eben nur noch Zeit hatte, zu sagen: Wie
zum Teufel kommen denn Sie hierher, Bemperlein? Im Vorzimmer, in welches mich
der Bediente gewiesen hatte, traf ich Mademoiselle Marguerite.
    Hat sie braune Augen, Bemperchen?
    Sie hat braune Augen, Frulein Sophie, sehr schne braune Augen, die in
diesem Augenblicke um so glnzender erschienen, als sie voll heller Thrnen
standen.
    O! sagte Frulein Sophie, weshalb denn?
    Wei ich es? Ich war, weil ich Niemand im Zimmer vermuthete, ohne
anzuklopfen eingetreten. Bei meinem Erscheinen fuhr die junge Dame, welche mit
dem Kopf auf dem Tisch schluchzend dasa, empor und suchte, so gut es gehen
wollte, ihre Thrnen zu verbergen. Sie erwiederte auf meine Frage, ob die
Baronin zu sprechen sei: sie wolle gehen und nachsehen. Sie ging aber nicht,
wenigstens nur bis an die nchste Thr, wo sie stehen blieb, um abermals in
Thrnen auszubrechen. Sie knnen sich meine Verlegenheit denken. Ich kann
Niemand weinen sehen, geschweige denn ein so junges, armes, hlfloses Geschpf,
wie Mademoiselle Marguerite. Ich trat also auf sie zu, fate sie bei der Hand -
ich konnte bei Gott nicht anders - und sagte - was sollte ich sonst sagen? -
weshalb weinen Sie, Mademoiselle? Ihre Thrnen flossen nur noch reichlicher. Ich
wiederholte meine Frage wieder und wieder. Je suis si malheureuse! war Alles,
was sie endlich herausschluchzte. Dabei blieb es. Das arme Kind that mir von
Herzen leid. Ich fragte, ob ich ihr helfen knne? Sie schttelte weinend den
Kopf. Ich suchte sie zu trsten, und sagte Alles, was man in einer solchen
Situation zu sagen pflegt. Nach und nach wurde sie ruhiger, trocknete sich die
Augen, drckte mir die Hand und sagte: Oh vous tes bon. Damit schlpfte sie aus
der Thr. Ich war so klug, als ich vorher gewesen war. Nach einigen Minuten kam
nicht sie, sondern Baron Felix, um mir zu sagen, da seine Tante unendlich
bedauere, mich heute Abend nicht mehr sehen zu knnen. Sie sei von der Reise zu
angegriffen. Ich mchte morgen wieder kommen. Da Baron Felix es ebenfalls sehr
eilig zu haben schien, empfahl ich mich schleunigst. Als ich schon in der Thr
war, rief er mir nach: Apropos, Herr Bemperlein, wissen sie nicht, wann der
Doctor Stein zurckkommen wird? Ich glaube, in diesen Tagen, erwiderte ich und
ging. Da haben Sie meine romantische Geschichte.
    Die Manches zu denken giebt, sagte Franz. Ich mchte nebenbei auch wohl
wissen, wann Oswald zurckkommen wird. Er sollte eigentlich schon hier sein.
    In diesem Augenblick kam das Mdchen herein, um Franz eine Karte zu bringen.
    Ist der Herr noch drauen? rief Franz aufspringend.
    Nein, Herr Doctor. Er fragte ob Sie allein wren. Ich sagte, Herr Bemperlein
sei noch im Zimmer. Da sagte er, er wolle ein ander Mal wieder kommen, und ging
fort.
    Wer ist es? fragte Sophie.
    Oswald! erwiderte Franz. Fatal; ich htte ihn gern gesprochen.

                              Sechszehntes Capitel


Oswald war vor einigen Stunden in Grnwald angekommen. Der frhe Herbstabend
brach bereits herein, als er sich auf der Chaussee der alten Stadt nherte. Die
hohen Thrme dmmerten wie Ossianische Riesenleiber durch den wogenden grauen
Nebel; Nebel zog auf den tiefen Wiesen zwischen der Chaussee und dem Meere;
Nebel wallte auf der weiten Wasserflche zwischen dem Festlande und der Insel.
    Oswald hllte sich frstelnd dichter in seinen Mantel und drckte sich in
die Ecke des Cabriolets. Was wollte er in Grnwald? Er wute es selber nicht.
Auch die kleinen von den Nordoststrmen kahlgefegten Bume an der Westseite, die
an seinem dumpfen Blick in der Monotonie vorberhuschten, wuten es nicht; auch
die starkknochigen Postgule, die von der Nsse triefend, vornbergebeugten
Kopfes mechanisch dahintrotteten, wuten es nicht; auch der alte, schnauzbrtige
Conducteur, der vor lieber langer Weile eine Passagierliste zum hundertstenmale
aus der Seitentasche herausholte und durchbltterte, wute es nicht. Es wute es
eben Keiner, es htte denn die Krhe sein mssen, die sich im Walde versptet
hatte und jetzt einsam und melancholisch ber den Postwagen weg zur Stadt zog
und im Nebel verschwand.
    
    Einsam und melancholisch! und doch durfte sie sicher sein, in den Thrmen
der altersgrauen Kirchen, auf den langen Dchern der hohen Giebelhuser eine
Schaar von Brdern und Schwestern zu finden, die sie mit heiserem Gekrchz
willkommen heien wrden; und irgendwo ein Mauerloch, in welchem sie ber Nacht,
whrend der kalte Nachtwind durch die Schalllcher und um die Schornsteine
pfiff, von dem sommerlichen Leben im grnen Tannenwalde behaglich trumen
konnte. Wer aber harrte seiner in der ganzen den Stadt? wo sollte er einen
Ruheort finden?
    Und die Bume tanzen immer gespenstiger an dem Wagen vorber; und die Gule
schtteln immer ungeduldiger die schweren Kummete, und der Nebel ballt sich
immer dichter und finsterer zusammen, und durch den dichten, finstern Nebel
schauen trbugig einzelne Lichter, und jetzt schlgt der Huf der mden Pferde
auf das Pflaster, und jetzt rollt der Wagen ber die Zugbrcke, durch das enge
Thor in die engen, winkligen, schlechtgepflasterten Straen der Stadt und hlt
vor dem Postgebude still. Die pltzliche Ruhe nach dem viele Stunden lange
Klappern, Schtteln und Stoen ist unendlich s fr den, welcher das Ziel
seiner Reise erreichte, und unbeschreiblich unheimlich fr den, dessen Reise
kein Ziel hatte, oder dem das erreichte Ziel kein erwnschtes ist. Er mchte,
das Klappern, Schtteln und Stoen begnne von Neuem, und es klapperte,
schttelte und stiee ihn weiter und weiter, von allen Menschen weit in die
ewige Nacht.
    Ein des, unwohnliches Gemach; zwei eben angezndete Kerzen auf dem Tisch
vor dem Sopha; ein Koffer auf dem Gestell, eine Hutschachtel auf dem Stuhl
daneben; rings umher Stille, nachdem der Tritt des Kellners auf dem langen,
schmalen Corridor verhallte - Oswald fand diese Situation wenig dazu angethan,
einen Melancholischen heiter zu stimmen. Er beeilte sich, aus dem Gemache und
aus dem Hause zu kommen.
    Es war ursprnglich seine Absicht gewesen, Franz aufzusuchen, den einzigen
in Grnwald, von dem er eines herzlichen Empfanges, eines freudigen Willkommens
versichert sein durfte; aber er gab diese Absicht bald wieder auf und wanderte
ziellos und zwecklos durch die Straen. Er hatte sich niemals eben sehr heimisch
gefhlt in Grnwald; aber so wildfremd, wie heute, war ihm die Stadt selbst in
den allerersten Tagen seines ersten Aufenthalts nicht erschienen. War es nur die
Folge seiner dsteren Stimmung, war es der dunkle, neblige Abend - er erkannte
die Straen, die Pltze, durch die er doch schon so oft gewandert war, gar nicht
wieder, und wenn er sich wirklich an Dies oder Jenes zu erinnern glaubte, so war
es nur, wie man in einem Traum Unbekanntes und Weites, Nahes und Fernes
chaotisch durcheinander mischt. Endlich gerieth er in eine der Straen, die nach
dem Hafen fhren. Hier war er mehr zu Hause, denn der Hafen mit seinem Gewimmel
von Booten und Schiffen, seinem Meerdunst und Theergeruch, seinen monoton
klingenden Matrosenliedern und rastlos klopfenden Hmmern und Beilen und
knirschenden Sgen war ihm der liebste Punkt der Stadt und das beinahe tgliche
Ziel seiner Spaziergnge gewesen.
    Aber auch an dieser sonst belebtesten Stelle der alten Hansestadt war es
heute Abend de und todt. Hier und da schimmerte durch ein Kajtenfenster ein
Licht; dann und wann erscholl von dem Verdeck eines Schiffes das Bellen eines
Hundes oder der heisere Ruf eines Matrosen - sonst Nacht und Schweigen berall.
    Er wanderte auf dem weit in's Meer hineingebauten Damme, an welchem nach der
Seeseite zu Fahrzeug neben Fahrzeug ankerte, bis zu der uersten Spitze. Hier
stand er, in dumpfes Brten und Sinnen versunken, lange Zeit und schaute mit
untergeschlagenen Armen in die dichte Finsterni hinaus, die auf dem Meere
lagerte, und horchte auf das leise, gleichfrmige Pltschern des Wassers, das
unter ihm unaufhrlich an den Quadern des Dammes leckte und zngelte. War, was
da vor ihm lag, sein vielgeliebtes Meer, auf dem sich seine Trume, seine
Hoffnungen so oft dem Fluge der Mven gewiegt hatten? war es der dunkle Abgrund,
in den seine Hoffnungen und Trume wie die Schtze eines gescheiterten Schiffes
auf immer unwiederbringlich gesunken waren?
    Drben, jenseits der schwarzen Wasserwste, lag die Insel, so nah und doch
so fern, wie die Zeit, die er dort verlebte, die kurze Spanne Zeit, die Alles
umschlo, was er von Glck und Frieden je im Leben gekannt hatte. Ein Fhrboot,
das von der Insel herberkam, fuhr dicht an der uersten Spitze des Dammes, auf
der er stand, vorber. Er hrte das taktmige Eintauchen der schweren Ruder
in's Wasser und das eigenthmliche dumpfe Kreischen derselben gegen die Pflcke;
er hrte die verworrenen Stimmen der nchtigen Passagiere.
    Er ging in die Stadt zurck, und kam ber den Marktplatz. Er blieb vor dem
Hause stehen, in welchem Berger gewohnt hatte. Es war kein Licht in den
Fenstern. Er konnte bei dem Schein einer Laterne sehen, da die grnen Jalousien
geschlossen waren, wie in einem Hause, in welchem der Besitzer gestorben ist.
Von dem Thurm der Nicolaikirche tnten die feierlichen Accorde eines Chorals,
mit dem man, alter Sitte gem, in Grnwald allabendlich um neun Uhr dem
dahingeschwundenen Tag Lebewohl sagt.
    Oswald hrte zu, bis der letzte Ton verklungen war. Er dachte an den Tod und
an das groe Geheimni, welches das Grab nicht erschliet, sondern nur noch
dunkler macht, und wie glcklich doch die Menschen sein mten, die in dem
Glauben an den Heiland und Erlser ihre Zuversicht finden.
    Das langgezogene Heraus! des Postens vor der Hauptwache ri ihn aus seinen
Trumereien. Eine qukende Stimme kommandirte: Gewehr auf! Gewehr ab! Helme ab
zum Gebet! Frmmigkeit auf Commando - Herzensergieung nach dem Paragraphen des
Wachtdienstes! In einem wohlgeordneten Staate mu Alles geregelt sein.
    Warum bist du, sprach Oswald weiter bei sich, whrend er nach dem Thore
schritt, nicht ein Pedant unter Pedanten, da dir das Schicksal nun einmal
mignnt, unter Rmern ein Rmer zu sein? Weshalb strubst du dich gegen den
Kamm, ber den sich alle diese guten Schafe geduldig scheeren lassen? Du
knntest es ja doch auch bequemer haben, wie Andere! Es mag sich Alles in Allem,
gar nicht so schlecht in dem Grovaterstuhl eines Amtes, wie Berger es
ausdrckt, sitzen; die Schlafmtze einer Wrde mag vor manchem Rheumatismus, der
einen sonst aus der windigen Welt anweht, schtzen, und wer ein tugendsam Weib
hat, der lebt noch einmal so lange, und wenn er dann nun doch endlich gestorben,
so blasen sie hoch vom Thurm, da die ganze Stadt es vernimmt und fr das Heil
seiner Seele betet.
    Ueber ihm rauschten die Bume, mit denen die Vorstadtsstrae, in welcher die
Pensionsanstalt des Frulein Br lag, besetzt war. Der Nachtwind hatte die
Nebeldecke zerrissen und die Sichel des zunehmenden Mondes schwankte durch die
gespenstisch flatternden Wolken. Ein Reiter jagte nach der Stadt zu an ihm
vorber. Das Thier schnaufte und die Funken sprhten. Im nchsten Moment hallte
der Hufschlag auf dem Pflaster schon dumpf und fern, wieder lauter und wieder
dumpfer und verhallte endlich ganz. Gewi Jemand, der nach dem Arzt reitet -
ein Gatte vielleicht, dessen Frau in Kindesnthen, ein Vater vielleicht, dessen
einziger Sohn im Sterben liegt. - Oswald dachte an die Nacht, in welcher Bruno
starb, und an den grausigen Ritt ber die Haide von Grenwitz nach Faschwitz.
Wenn Bruno am Leben geblieben wre! Es war Oswald, als wrde dann Alles anders
gekommen sein; als wre er erst durch den Tod des vielgeliebten Knaben so
grenzenlos arm geworden; als htte er mit ihm gegen eine Welt in Waffen
ankmpfen knnen. Mit ihm und fr ihn! Fr Bruno wre ihm kein Opfer zu schwer
gewesen, selbst nicht das Opfer seiner Liebe zu Helene. Bruno, aber auch nur
ihm, htte er das schne Mdchen gern und willig gegeben. Gegeben? was hatte er
denn zu vergeben? er, der Bettler?
    Da stand er vor dem Hause, welches er suchte, und lehnte sich an das eiserne
Gitter des Gartens. In dem Hause war kein Fenster mehr erleuchtet. Die
Bewohnerinnen muten schon zur Ruhe gegangen sein. Er dachte an die
Sommernchte, wenn er im Park von Grenwitz stundenlang nach dem offenen Fenster
mit den heruntergelassenen Vorhngen emporschaute, aus dem die Tne des Claviers
durch die stille, weiche Luft zu ihm herberwehten; und dann noch stundenlang,
wenn das Licht hinter den rothen Vorhngen erloschen und die Musik verstummt
war, zwischen den Beeten und unter den Buchen des Walles auf und nieder
wandelte, manchmal bis der erste Purpurstreifen des Frhroths den stlichen
Horizont sumte und die Vgel in dem dichten Gezweig ber ihm schlaftrunken zu
zwitschern begannen.
    Ein Windsto sauste durch die beiden hohen Pappeln rechts und links von der
Pforte und zischelte unheimlich in den drren Blttern. In dem Hause klappte ein
Fensterladen - ein Hund in einem Nachbarhause begann zu heulen.
    Oswald schauderte, wie im Fieber. Die momentane Aufregung nach einer langen
Fahrt im Postwagen war vorber; er fhlte sich matt und krank. Er knpfte seinen
Ueberrock fester zu und wandte sich, in die Stadt zurckzukehren. Ein Wagen kam
ihm im schnellsten Rollen entgegen. Ein Reiter mit einer Laterne in der Hand
sprengte vorauf - derselbe wohl, der vorhin, wie toll, durch die schwarze Nacht
in die Stadt gejagt war.
    Sollte es wohl Doctor Braun sein, der da fhrt? - der Gedanke, den Freund
mglicherweise nicht zu Haus zu treffen, erweckte in Oswald den Wunsch, ihn zu
sehen und zu sprechen. In wenigen Minuten - denn die Entfernungen in Grnwald
sind nicht eben bedeutend - stand er vor dem Hause, welches ihm vom Kellner als
Franz' Wohnung bezeichnet war. Das Mdchen, welches die Hausthr ffnete, sagte,
der Herr Doctor sei nebenan beim Geheimrath; er sei des Abends stets beim
Geheimrath. Oswald erfuhr, da Herr Bemperlein im Salon sei - Bemperlein, der
Einzige, mit Ausnahme des alten Baumann, der von seinem Verhltnisse zu Melitta
wute, der Einzige, vor dessen Begegnung er zurckbebte, dessen vorwurfsvoller
Blick - im Fall er von den letzten Ereignissen noch nicht unterrichtet war - ihm
gleicherweise peinlich sein mute.
    Auf der Strae besann er sich erst, da sein Fortgehen, nachdem er einmal
dagewesen war, geradezu unerklrlich und lcherlich sei. Das verstimmte ihn
womglich noch mehr, als er es schon war. Er htte sich am liebsten in den
Tiefen der Erde verbergen, im Schlaf das Elend des Lebens vergessen mgen? Im
Schlaf? weshalb nicht im Wein, wenn der Schlaf nicht zur Hand ist? The best of
life is but intoxication, sagt Lord Byron und dort, wo die einsame Laterne in
der dstern Halle zwischen den Steinpilastern hervordmmert, ist der Eingang zum
alten Rathskeller. Hinab die lange breite Treppe mit den niedrigen Stufen, hinab
in den Bauch der Erde, wo man nichts fragt nach Gefhlen, die das Herz schwer,
und nach Gedanken, die den Kopf wirbeln machen.

                             Siebenzehntes Capitel


Oswald kannte von seinem ersten Aufenthalte her das Local wohl. Er war
gelegentlich mit Berger in dem Keller gewesen, ohne sich um die brige
Gesellschaft, die er noch etwa vorfand, zu kmmern. So hauchte ihn denn die
feuchtkhle, mit dem Modergeruch der jahrhundertjhrigen Mauern und der frischen
Blume heurigen Weines angefllte Atmosphre, die ihn empfing, befreundet an, und
er fand, ohne viel zu suchen, den Weg zu der niedrigen Thr, die links in die
Trinkstube fhrte.
    Es war in diesem Augenblicke auer dem Aufwrter Niemand in dem langen,
gewlbten, sprlich erhellten Raum, als ein einzelner Gast, der mit dem Rcken
nach der Thr sa und sich durch Oswalds Eintreten keineswegs in seiner
Beschftigung stren lie. Oswald, der, etwas von ihm entfernt, an einem kleinen
runden Tische Platz genommen hatte, bemerkte nicht ohne einige Verwunderung den
Berg von Schalen, der sich vor dem unermdlichen Esser bereits aufgethrmt hatte
und noch lange nicht seine hchste Hhe erreicht zu haben schien. Zum mindesten
lehnte sich der Mann nur von Zeit zu Zeit in seinen Stuhl zurck, um mit
augenscheinlichem Behagen ein Glas Wein zu schlrfen, und ging dann stets wieder
mit einem Eifer an's Werk, der fr die Gte der Austern nicht minder, als fr
die Vortrefflichkeit des Magens ihres Consumenten sprach.
    Die letzte Schale klappte auf den Berg herunter und die letzten Tropfen
flossen aus der Flasche in's Glas.
    Sic transit gloria mundi, sagte der Mann. - Indessen, diese Gloria ist
leicht wieder aufzufrischen. Carole, bringen Sie mir noch ein Dutzend dieser
wackern Meeresbewohner und eine halbe Flasche dieses hchst schtzenswerthen
Josephhfers.
    Oswald horchte auf. Die Stimme war ihm sehr bekannt, sie erinnerte ihn an
vergangene glcklichere Tage. Diese klare, frische Stimme hatte ihn schon
manchmal erquickt und ermuthigt, wie den Gefangenen der Wind, der durch das
offene Fenster seines Kerkers streicht; sie verfehlte auch heute nicht die
gewohnte Wirkung auf sein verdstertes Gemth. Unter Allen war dieser Mann
gerade derjenige, dessen Gesellschaft ihm heute Abend willkommen war.
    So stand er denn auf, trat auf ihn zu und begrte ihn mit Lebhaftigkeit.
    Ah! dottore, dottore! rief der Austernesser, in die Hhe fahrend und die
dargebotene Hand ergreifend. Sie hier? Nun das ist doch mal ein gescheidter
Einfall des sonst so dummen Zufalls! Carole, eine ganze Flasche statt einer
halben und einige Dutzend statt eines!
    Bin ich Ihnen in diesem Augenblicke wirklich eine persona grata, Timm? sagte
Oswald, neben Albert Platz nehmend.
    Persona grata? In diesem Augenblick! rief Albert Timm; Don Oswaldo, Don
Oswaldo! Ich habe Sie, bei Gott, seitdem wir in Grenwitz von einander Abschied
nahmen, schmerzlich vermit, und freue mich, freue mich sehr, da Sie endlich
wieder hier sind. Wo zum Kuckuck haben Sie denn nur so lange gesteckt? Ich habe
mich bei aller Welt nach Ihnen erkundigt. Seit wann sind Sie zurck?
    Seit drei Stunden etwa.
    Und sind natrlich so nchtern, wie Sie aus dem Postwagen gestiegen sind,
Sie sehen wenigstens gerade so aus; Carole, Carole! wo der Schlingel bleibt!
Endlich! Hier, Dottore, ist Speise fr einen gesunden Magen und ein Labetrunk
fr ein krankes Herz! Stoen Sie an! Willkommen in Grnwald!
    Eine Liebe ist der andern werth, Timm! sagte Oswald, whrend Albert die
Glser wieder fllte. Ich kann Ihnen sagen, da ich mich von ganzem Herzen
freue, gerade Ihnen an dem ersten Abend, den ich wieder in dieser Stadt verlebe,
zuerst begegnet zu sein. Lassen Sie uns noch einmal anstoen: auf gute
Kameradschaft!
    Ein Wort, ein Mann! rief Timm, krftig in Oswalds dargebotene Hand
einschlagend. Wir wollen redlich zusammenhalten. Wei es Gott, es ist in diesem
Krhwinkel kein Ueberflu an Leuten, mit denen man zusammenhalten knnte und
mchte. Aber dieser Bund zweier edlen Seelen mu auch in einem edleren Stoff
gefeiert werden. Carole! eine Flasche Sect - Rderer und frapp - sonst bei den
Gebeinen meines Roller, schlgt der Blitz meines Zorn in Deinen kahlen Schdel!
Und nun kommen Sie, Dottore mio, und erzhlen Sie mir von Ihren Irrfahrten. Oder
erzhlen Sie mir das auch ein ander Mal und sagen Sie mir zuvrderst, denn das
interessirt mich vor allem, ob die Fama nicht gelogen hat, die von den letzten
Scenen des Trauer- Schau- und Lustspiels Ihres Grenwitzer Lebens so
pudelnrrische Dinge in die Welt ausposaunt hat?
    Ehe ich diese Frage beantworten kann, sagte Oswald, den die Austern, der
Wein, Timm's Gesellschaft und die ganze Atmosphre nach und nach in eine
behaglichere Stimmung versetzten, mu ich vor Allem wissen, was denn die Fama
berichtet hat?
    Wollen Sie es wirklich wissen?
    Ohne Zweifel.
    Nun denn, mein wackerer Junker aus der Mancha, - es hrt's kein profanes Ohr
in diesen der Freundschaft und Liebe geweihten Hallen - stoen Sie an und
trinken Sie aus! aus, bis auf den letzten perlenden Schaum: ihr Wohl! ihr -
kleingeschrieben! das Wohl der Einzigen, Holden, Sen, des Mdchens mit dem
blulich schwarzen Rabenhaar und den dunklen, meerestiefen Augen! Aus! sage ich,
bei den Gebeinen der zehntausend Jungfrauen von Kln, aus! Wie, edler Don,
schmt Ihr Euch nicht, die Dame Eures liebeberflieenden Herzens zu verleugnen?
und wem gegenber zu verleugnen? mir, dem weisen Merlin, der ich das Gras kann
wachsen und die Augen kann seufzen hren! Habe ich das Seufzen Eurer schnen
Augen nicht gehrt in den sonnigen Tagen, die nicht mehr sind, als Ihr und sie,
zwei Kinder seltener Art, unter den Rosenbschen der Unschuld spieltet, und
glaubtet, es beobachte Euch keiner, selbst nicht der Schpfer Himmels und der
Erden, der Euch den warmen Odem einblies, mit dem Ihr kosend von ser Minne
flstertet? Und habe ich es nicht gehrt, wie Euch die Schlangenzungen
umzischelten? habe ich es nicht gesehen, mit welchem ingrimmigen Ha Euch die
Basiliskenblicke anstierten? O, ich habe dies Alles und noch mehr gesehen und
gehrt, und ich wute im voraus, da es so kommen wrde, aber ich schwieg, denn
Reden ist wohl Silber, aber Schweigen ist Gold, und wer sich in
Herzensangelegenheiten mischt, dem wre besser, er ginge hin und setzte sich in
die Nesseln.
    Sagen Sie, Timm, haben Sie - haben Sie sie gesehen, seitdem sie in Grnwald
ist?
    Ich habe sie gesehen, hoher Herr! nicht einmal, sondern viele Male, an der
Seite anderer junger Huldinnen, unter denen sie erschien, wie die glhende Rose
von Saron zwischen bescheidenen Gnseblmchen, dahinschreitend ber Grnwalds
Pflaster, durch Grnwalds Gassen - und die Pflastersteine auf den Straen und
die Mauersteine in den Husern, sie bekamen Sprache und redeten und sangen:
Gepriesen seist du, Gebenedeite unter den Weibern; Hallelujah!
    Sie ist bei Frulein Br, nicht? fragte Oswald, der es fr thricht hielt,
einem so scharfsinnigen Beobachter, wie Albert, gegenber, seine Liebe fr
Helene ganz und gar in Abrede zu stellen.
    Ja, sie ist bei der Brin, dieser Perle aller weiblichen Argusse. Dort weilt
sie und sitzt am Fenster und sieht die Wolken ziehen ber die Wipfel der Pappeln
hin - und wenn Sie des Mittags zwischen zwlf und eins dort vorbergehen wollen,
so knnen Sie selbst sie dort sitzen sehen, wie ich sie sah, so oft ich zu
dieser Stunde dort vorberkam. Und immer hob sie ihre dunklen Augen, und immer
blickte sie mich fragend an: Kannst Du von ihm mir keine Kunde sagen; von ihm,
dem einzig heigeliebten Mann? Ha, Oswald, ich, ein prosaischer Klotz, spreche
in Versen, wenn ich des holden Kindes denke, und Sie, der Sie ein Dichter sind,
wollen leugnen, da Sie sie lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von
ganzem Gemthe? Schmen Sie sich, Sie sind nicht werth, da ich mich so viel um
Sie kmmere, wie ich es thue; da ich in diesen Wochen vielleicht jeden Tag
fter an Sie gedacht habe, als Sie whrend der ganzen Zeit an mich. Aber Undank
ist der Welt Lohn und - he, Carole, wo bleibt der Sect? - ich werde mir in
Zukunft ber Sie und Ihr Schicksal nicht weiter den Kopf zerbrechen.
    Timm sttzte den Kopf in die Hand, wie es Oswald schon whrend der letzten
zehn Minuten gethan hatte. Eine Pause trat ein, whrend der kahlkpfige Carl
eine Flasche Champagner in einem Kbel mit Eis brachte, sie ein paar Mal in dem
Eise umdrehte und sich darauf geruschlos, wie er gekommen war, wieder
entfernte.
    Ich bin nicht undankbar, Timm, sagte Oswald herzlich, indem er sein und
Alberts Glas aus der Flasche fllte; ich bin es wirklich nicht, bin's auch in
diesem Falle nicht. Und wenn ich an Ihre Freundschaft bis jetzt nicht so recht
glaubte, so kam es daher, weil ich mir bewut war, sie so wenig verdient zu
haben. Stoen Sie mit mir an! Sie wissen, mit einem Melancholicus, wie ich einer
bin, darf man es nicht so genau nehmen!
    Ja, das soll Gott wissen! rief Timm mit dem alten lustigen Gelchter, das
blonde Haar, das ihm ber die Stirn gefallen war, nach hinten schlagend und sein
Glas mit einem Zuge leerend. Und ich habe oft schon darber gerthselt, wie doch
ein Kerl, der alle Anwartschaft auf den intensivesten Genu des Lebens hat, zu
einer Weltanschauung kommt, die sich einzig fr kranke Kanarienvgel und andere
Invaliden zu ziemen scheint. Wenn Sie aus blder Scheu niemals angefangen
htten, zu genieen, oder Ihre Kraft im Genu verbraucht htten, wollte ich
nichts sagen; aber da offenbar das Eine so wenig der Fall ist, wie das Andere,
so wte ich wirklich nur Eines, was Ihnen fehlen knnte.
    Und das wre?
    Herr Timm sttzte die Ellenbogen auf den Tisch und das glatte Gesicht in die
weien Hnde und lchelte Oswald schlau an.
    Und das wre, Timm?
    Zehntausend Thaler jhrlich Rente.
    Oswald lachte.
    Ein hchst prosaisches Mittel gegen den Weltschmerz.
    Aber ein radicales, und das gerade bei Ihnen unfehlbar anschlagen wrde.
    Wehalb gerade bei mir?
    Timm schenkte die Glser wieder voll, zndete sich eine frische Cigarre an
und sagte:
    Heine theilt, wie Sie wissen, die Menschen in zwei Classen: in fette
Griechen und magere Nazarener. Ich habe diese Unterscheidung stets eben so
praktisch wie tiefsinnig gefunden. Jene glaubten an die heilige Frau von Melos,
diese beten zur schmerzensreichen Mutter. Der heitere, frhliche Genu der guten
Dinge dieser Welt ist fr die Einen: mrrische Entsagung und grbelnde Ascese
fr die Anderen. Damit nun Beide zu ihrem Rechte kommen, die Griechen sich
ausleben und die Nazarener sich ausbeten knnen, mssen die Ersteren nothwendig
Geld und zwar viel Geld haben, und die Letzteren arm und zwar sehr arm sein.
    Ehe Sie in Ihrer Auseinandersetzung weiter gehen, Timm, sagen Sie mir
zuvrderst: in welche Classe gehren denn Sie?
    Zu beiden, oder in keine von beiden, wie Sie wollen. Ich habe den guten
Magen, die gesunden Zhne, die feinen Sinne, mit einem Worte, die Genusucht und
die Genufhigkeit des Griechen; aber auch die den Nazarenern zur Ausbung ihrer
specifischen Tugenden nthige Zhigkeit und Gengsamkeit. Ich habe das
unschtzbare Talent des Kameels, lange dursten zu knnen, ohne dabei den Muth
und die Kraft zu verlieren - im Gegentheil, bei mir dient die Entbehrung nur
dazu, den Appetit zu schrfen und den nchsten Trunk kstlicher zu wrzen. Wenn
ich die wste Strecke durchlaufen habe, und - wie jetzt zum Beispiel - die
Zweige der Mimose und die Fcher der Palme ber mir wehen und der eiskalte Quell
- wie jetzt zum Beispiel - aus dem Felsen - wollte sagen aus der Flasche schumt
und perlt - dann beuge ich meinen langen Kameelhals und trinke, trinke, trinke
und segne die drre, braune Wste, die mir zu diesem gttlichen Durst verhalf.
    Und Herr Timm strzte ein volles Glas Champagner hinunter mit der hastigen
Gier eines Wanderers, dessen Zunge am Gaumen klebt.
    Oswald betrachtete, den Kopf in die Hand gesttzt, den bermthigen Gesellen
ihm gegenber, mit einem eigenthmlichen neidischen Wohlgefallen. Wie scharf und
keck, und, bei aller Schrfe und Keckheit, fein und geistreich war dies fast
knabenhafte glatte hbsche Gesicht! Wie gut stand ihm der bermthige Hohn, der
um die beweglichen Nasenflgel zuckte und die scharfgernderten rothen Lippen
krmmte! Wie flogen von diesen Lippen die Worte, so schnell wie gefiederte
Pfeile, von denen jeder in's Schwarze trifft. Welche souverne Verachtung jeder
Phrase, aller Ziererei, aller Lappen, mit denen Heuchler und Thoren die nackte
Ble bemntelt, sprach aus des Mannes ganzer Haltung, aus der Art, wie er den
Kopf in den Nacken warf, oder den Dampf der Cigarre von sich blies, oder die
Flasche aus dem Khler nahm, umschttelte und sich das alle Augenblicke leere
Glas wieder voll schenkte! Wie leicht trug dieser Mann die schwere Brde des
Lebens! leicht wie ein Lwe mit der geraubten Gazelle ber Hecken und Grben
springt.
    Oswald war, sich Vergessenheit zu trinken, hierher gekommen. Er hatte, was
er gewollt. Seine Stirn glhte, whrend er, dem Beispiele seines Gefhrten
folgend, ein Glas nach dem andern hinuntergo. Er hatte sich seit langer, langer
Zeit nicht so frei und glcklich gefhlt, wie in diesem Augenblick.
    Was nun Sie anbetrifft, edler Ritter, fuhr Timm fort; so sind Sie ein
Grieche, ohne Mittel zu haben, es stets sein zu knnen, und ohne Kameelgabe, die
Zeit, wo Sie es nicht sein knnen, der nchsten vergnglichen Zukunft einfach
auf die Rechnung zu setzen. Statt dessen spielen Sie den Nazarener und befinden
sich dabei genau so wohl, wie ein Adler, dem man die Flgel und die Fnge
beschnitten und einen Ring um das Bein gelegt hat. So schlgt nun die nicht
verausgabte berflssige Kraft nach innen und hemmt den normalen Gang Ihrer
durchaus auf heiteres Genieen angewiesenen Natur. Es ist nicht das erste Mal,
da ich Sie auf diesen Widerspruch Ihres Wesens aufmerksam mache. Erinnern Sie
sich, was ich Ihnen schon in Grenwitz sagte? Sie hassen den Adel, Sie hassen die
Reichen, Sie hassen die Mchtigen, weil es Ihnen in allen zehn Fingern juckt,
adlig und reich und mchtig zu sein. Gehen Sie mir doch mit Ihrem moralischen
Firlefanz von dem Adel der Gesinnung, dem Reichthum des reinen Herzens, der
Macht der Wahrheit! Es ist ja Alles Trdelwaare fr den, welcher wei, wie es
auf dem Markt des Lebens zugeht. Pah! was hat ein Mann von Ihrer Jugend, Ihrer
Liebenswrdigkeit, Ihrer hbschen Fratze - denn, wei es Gott, Oswald, Sie sind
ein verdammt hbscher Kerl, ein Mann, dem die Weiber ungebeten um den Hals
fallen, mit Keuchheit; was hat ein Mann, wie Sie, von durchweg aristokratischen
Neigungen und Tendenzen, mit Armuth zu schaffen? Es ist ja geradezu lcherlich!
Sie mten nicht ein armer Schullehrer, sondern ein steinreicher Baron sein, wie
diese Grenwitzen's, mit denen Sie nebenbei eine mit jedem Tage frappanter
werdende Aehnlichkeit haben, da knnten Sie Ihr Leben genieen und sich hernach
mit einigem Grund eine Kugel durch den Kopf jagen: dann knnten Sie die schne
Helene heirathen, knnten mit einem Worte thun und lassen, was Sie wollten.
Dehalb wiederhole ich: Ihnen fehlen zehntausend Thaler jhrlicher Rente. Ich
wollte, ich knnte sie Ihnen verschaffen. Ich tht's, und sollte ich sie sonst
woher nehmen.
    Ich glaube, Sie wren dazu im Stande, Timm.
    Wehalb nicht? und wre es auch nur aus Neugierde, zu sehen, wie Sie sich in
diesem Falle gegen Ihren alten Freund benehmen wrden.
    Ich wrde es, davon seien Sie versichert, mit dem Mammon, wie ich es als
Junge mit den Kirschen machte, die ich geschenkt bekam -
    Was machten Sie damit?
    Ich theilte sie redlich mit meinen Freunden.
    Albert sah Oswald starr in die Augen. Pltzlich sagte er, wie aus einem
Traum erwachend:
    Ich bin ein schnurriger Kerl, Oswald, so unglubig wie ein Heide und doch an
allerlei Vorbedeutungen hangend, wie ein altes Weib. Als ich hier vorhin so
einsam sa und meine Austern a, da dachte ich: du hast zufllig ein paar Thaler
in der Tasche und mchtest sie gern mit einem guten Freund verkneipen. Und dabei
kam ich, wie Wallenstein in dem bekannten Monologe, auf die Frage: wer es wohl
von allen denen, mit welchen ich hier Abend fr Abend verkehre, mit mir am
besten und ehrlichsten meint, und da es der sein sollte, der zuerst zur Thr
herein kme. Aber seltsam: es ist, ganz gegen die Gewohnheit, Keiner von Allen
gekommen! Statt dessen kamen Sie, an den ich nicht im entferntesten gedacht
hatte, Oswald, ich wei nicht, wie Sie ber dergleichen denken, und es ist
mglich, da ich Sie mit meiner Bitte beleidige; ich bin es gewohnt, meine
Freunde Du zu nennen. Wollen wir uns Du nennen?
    Von Herzen gern, rief Oswald. Hier ist noch fr Jeden ein Glas in der
Flasche.
    Und aus dem Glase, aus dem ich mit Dir Smollis getrunken, soll kein Anderer
wieder trinken, rief Albert und schleuderte sein Glas an die Erde.
    Oswald that desgleichen; aber der Klang der zerspringenden Glser gellte
schrill und hlich durch sein Ohr, wie das Lachen schadenfroher Dmonen.
    Der kahle Carl, welcher an dem andern Ende der Halle hinter seinem Bureau
gesessen und genickt hatte, fuhr bei dem Lrm in die Hhe und kam schlaftrunken
herangeschlrft, in der Meinung, man habe ihn gerufen.
    Wie ist's, Oswald? sagte Timm; ich denke, wir trinken noch eine. Wir kommen
so jung nicht wieder zusammen.
    Nein! sagte Oswald; la es genug sein. Mir brennt der Kopf. Und ich mu
morgen bei Hinz und Kunz Visiten machen. Was haben wir zu bezahlen?
    Halt! rief Herr Timm, Oswald in den Arm fallend. Mein ist der Helm, und mir
gehrt er zu! Carole, wenn Du von diesem Herrn einen rothen Heller nimmst, so
zerschmettre ich diese leere Flasche auf Deinem kahlen Schdel. Hier! mach Dich
bezahlt von diesem Wische fr heute Abend und fr die letzten Male, und von dem,
was brig bleibt, kaufe Dir meinetwegen eine Perrcke, Carole!
    Bei diesen Worten hatte Herr Timm aus einem ansehnlichen Packet Banknoten,
das er aus der Rocktasche nahm, einen greren Schein gezogen und ihn dem
Kellner eingehndigt, der ber den pltzlichen Reichthum in den Hnden eines
seiner am schlechtesten zahlenden Gste einigermaen verwundert schien. Zum
mindesten grinste er hchst eigenthmlich, als er den Schein entgegennahm,
whrend Herr Timm das Packet mit der Miene uerster Sorglosigkeit wieder in die
Tasche schob und den Hut schief auf den Kopf drckend sang:

Im Walde haust der bse Wolf,
Im Stalle blken die Schafe;
Derweil ich trinke im Keller tief,
Schlafe, s' Liebchen, schlafe!

Sie standen oben auf der Strae. Der Nebel hatte sich gnzlich verzogen und der
Mond schien klar vom dunklen Himmel. Die Laternen waren ausgelscht und tiefe
Schatten wechselten mit hellen Streifen in den engen Gassen zwischen den hohen
Giebelhusern. Ein Nachtwchter, der mit langem Spie und urvorweltlichem Horn
an der Straenecke stand, rief die zwlfte Stunde ab. Sonst war Alles
todtenstill auf den leeren Straen, durch die Oswald und Albert jetzt Arm in
Arm, wie es guten Freunden und Duzbrdern zukommt, dahinschritten; Oswald,
ungewhnlich erhitzt und aufgeregt, Albert so munter und frisch, als ob er im
Rathskeller von Grnwald nur Wasser getrunken htte. Sie sprachen ber die
Herren vom Rath und vom Gymnasium, bei denen Oswald morgen Visite machen wollte,
ber Oswald's Gymnasialcarrire berhaupt, die Albert fr einen so
abenteuerlichen Plan erklrte, wie er eben nur einem edlen Manchaner in den Sinn
kommen knne, bis sie vor der Thr des Hotels anlangten. Hier wnschten sie sich
gute Nacht. Oswald trat in's Haus; Albert schlenderte, die Hnde in den Taschen,
weiter die Hauptstrae entlang. Pltzlich aber blieb er stehen und schien sich
einen Augenblick zu besinnen. Dann bog er in eine Nebenstrae und verschwand
endlich in einem Gchen kleiner und schlechtgebauter Huser, deren Aeueres
nicht besser war, als der Ruf, in welchem die Bewohner und Bewohnerinnen bei dem
soliden Theile der Bevlkerung Grnwalds standen.

                              Achtzehntes Capitel


Die Dienstwohnung des Gymnasialdirectors Doctor Moritz Clemens prangt heute
Abend in ungewhnlichem Glanz. Nicht nur sind in der guten Stube und in der
Wohnstube die Ueberzge von smmtlichen Sophas, Sophakissen und Sthlen entfernt
und ber die enthllte Pracht herrlichster Stickereien das verschwenderische
Licht zweier Lampen und eines halben Dutzend Stearinkerzen ausgegossen; auch das
Studirzimmer des Directors auf der einen und das Wohn- und Schlafgemach der
beiden Tchter auf der anderen Seite sind durch Wegrumung des Arbeitstisches
hier und der Betten dort in Salons umgeschaffen und ebenfalls mit je einer Lampe
und drei Kerzen erleuchtet worden. Durch smmtliche Rume wallt der aromatische
Duft des Rucherpulvers.
    Ich dchte, unsere lieben Gste lieen etwas lange auf sich warten, sagt
Director Clemens, zum zwlften Male seit den letzten zwlf Minuten nach seiner
Uhr sehend, whrend er in nervser Erregung im Zimmer auf und ab wandelt.
    Ich begreife auch nicht, wo die Leutchen bleiben, sagt Frau Director
Clemens, sich fr einen Augenblick auf dem Sopha niederlassend und sich die
erhitzte Stirn mit dem Taschentuche trocknend, ich hatte Doctor Stein noch
ausdrcklich gebeten, ja vor sieben hier zu sein, weil ich seine Rolle noch mit
ihm durchgehen wollte.
    Wird er denn den Hauptmann lesen knnen? meint Frulein Thusnelde Clemens,
vor dem Spiegel ihren Kopfputz in Ordnung bringend.
    Du denkst, Dein Wimmer kann ganz allein gut lesen, ruft Frulein Fredegunde
Clemens aus dem Nebenzimmer her, wo sie ebenfalls vor dem Spiegel noch mit Ihrer
Toilette beschftigt ist.
    Mindestens lies't er so gut, wie Breitfu, erwidert Frulein Thusnelde in
gereiztem Ton.
    Aber Kinder, Ihr werdet Euch doch nicht noch gar zanken, sagt die Mutter
beschwichtigend.
    Fredegunde kann das Necken nicht lassen, sagt Thusnelde.
    Und Du willst immer oben hinaus! ruft Fredegunde, in der Thr erscheinend.
    Um Gotteswillen, Kinder, ich bitte Euch, seid still, flstert Doctor Clemens
mit ngstlicher Stimme, die Hnde wie flehend erhebend: ich hre Jemand auf dem
Vorsaal.
    In der That wird in diesem Augenblick von dem Dienstmdchen die Thr
geffnet, und herein schreiten: Herr Professor Snellius, Frau Snellius und
Frulein Ida Snellius.
    Der gestrte Familienfriede der Familie Clemens ist sofort wieder
hergestellt. Man begrt die Eintretenden so herzlich wie mglich.
    Die lange Begrung zwischen den Familien Clemens und Snellius ist noch
nicht zu Ende, als sich abermals die Thr ffnet, um den Doctor Kbel nebst Frau
und Tochter einzulassen. Ihnen folgen die Herren Doctoren Wimmer und Breitfu.
    Da wre ja unser Krnzchen nun wohl beisammen, sagt Director Clemens, sich
sanft die Hnde reibend und die Stimme mig erhebend, und nur unsere lieben
Gste fehlen noch.
    Unsere Gste, liebster Collega? sagt Professor Snellius, ich denke, es
handelt sich nur um den Singularis von hospes.
    Minime! ruft der Director, ich habe Ihnen, meine Damen und Herren, heute
Abend einen Dualis, ja sogar einen Pluralis von Ueberraschungen zugedacht. Es
werden auer unserem neuen Collegen Stein noch zwei Gste kommen, von denen ich
mir fr unseren geselligen Kreis sehr viel verspreche. Rathen Sie, wer?
    Aber, Moritz, es sollte ja eine Ueberraschung sein, sagt Frau Clemens in
vorwurfsvollem Ton.
    Ich glaubte, Liebe, es ist besser, wir bereiten das Krnzchen darauf vor.
Ist es doch unser Wunsch, die Betreffenden nicht blos fr einen Abend als Gste
zu haben, sondern sie dauernd fr unser Krnzchen zu gewinnen, und mssen wir
doch zu diesem Zweck nach den Statuten, die Du selbst entworfen hast, die
Einwilligung smmtlicher Betheiligten haben.
    Wer ist es, Herr Director? fragt Doctor Wimmer. Sie spannen uns auf die
Folter.
    Ein Herr, dessen Name in der Gelehrtenrepublik einen guten Klang hat, und
eine Dame, die fr Sie, als lyrischer Dichter, von ganz besonderem Interesse
sein wird, College Wimmer.
    Eine Dame? ruft Herr Wimmer, indem er sich mit der Hand durch sein sorgsam
gepflegtes reiches Haar fhrt, fr welche unzeitige Regung der Eitelkeit er
durch einen strafenden Blick der Dame, deren Locke er auf dem Herzen trgt,
gestraft wird.
    Ja, eine Dame, College, ein hochbegabtes, lyrisches Talent.
    Ohne Zweifel Primula; ich meine Frau Professor Jger; ruft Herr Wimmer.
    Richtig gerathen, die Dichterin der Kornblumen und der Interpret der
Fragmente des Chrysophilos, werden heute Abend eine Gastvorstellung geben, die
hoffentlich zu einem dauernden Engagement fhren wird, sagt Herr Director
Clemens mit seinem sanftesten Lcheln.
    Ein erstauntes, langgezogenes Ah! bezeugt das Interesse, welches die
Gesellschaft an dieser Nachricht nimmt.
    Ich hatte auch noch einen andern Grund, Jgers gerade heute zu bitten, fhrt
der Director fort, es war, wenn Sie wollen, eine Rcksicht der Humanitt gegen
unsern neuen Collegen Stein. Er ist ganz fremd in unserm Kreis und scheint
berdies scheu, befangen und wenig gewohnt, sich in greren Cirkeln zu bewegen.
Nun aber sind, wie er mir selbst heute Morgen sagte, Jgers specielle Bekannte
von ihm aus frherer Zeit - aus der Zeit seines Hauslehrerlebens - und er wird
sich ohne Zweifel freuen, an diesem Abend unter so viel halb oder ganz fremden
Gesichtern auch einigen Bekannten zu begegnen.
    Diese zarte Rcksicht ehrt Sie, Collega, sagt Professor Snellius, dem
Director die Hand drckend, wobei der elegische Zug um seine Nasenflgel
deutlich hervortritt.
    Aber ich denke, Frau Director, die Rollen sind alle vertheilt, sagt Doctor
Wimmer, der den Max hat und jeder Vernderung umsomehr entgegen ist, als seine
geliebte Thusnelde, die Thekla lies't und er auf die Einstudirung seiner Rolle
vier Wochen angestrengtesten Studiums verwandt hat.
    Ich habe Doctor Stein den Hauptmann gegeben, der noch nicht besetzt war,
sagt Frau Director Clemens in dem Tone Jemandes, der keinen Widerspruch gewohnt
ist und keinen Widerspruch duldet. Das ist eine hbsche kleine Rolle und er kann
darin zeigen, ob er zu lesen versteht oder nicht. Ich htte sie freilich gern
einmal vorher mit ihm durchgelesen, aber er mag nun sehen, wie er fertig wird.
Was Jgers betrifft, so habe ich ihnen den Deveroux und Macdonald, die ebenfalls
noch unbesetzt waren, zuertheilt.
    Aber, verehrte Frau Director, meint Doctor Kbel, sollten diese Rollen fr
unsere Debtanten wohl ganz geeignet sein?
    Weshalb nicht, lieber Doctor? fragt die Frau Director mit einem ungeduldigen
Stirnrunzeln.
    Ich meine nur, weil es ihnen gerade nicht besonders lieb sein drfte, sich
bei uns gleich das erste Mal als Mrder zu introduciren? ruft Doctor Kbel.
    Frau Director, deren Stirn sich bei diesen Worten des scherzhaften Collegen
in noch tiefere Falten gelegt hat, will etwas erwidern, vermag es aber nicht, da
sich in diesem Augenblick die Thr ffnet, um Herrn und Frau Professor Jger
in's Zimmer zu lassen.
    Ah, mein wrdiger Freund! ruft Professor Jger, nachdem er Clemens und
Snellius begrt, dem Doctor Kbel, bei dem er selbst noch Unterricht gehabt
hat, mit Wrme die fetten, weien Hnde drckend; wie freue ich mich doch, mein
hochverehrter Lehrer, Sie in so herrlichem Wohlsein anzutreffen! Wahrhaftig, man
mchte von Ihnen, wie Wallenstein von sich selbst sagen; da ber Ihrem braunen
Scheitelhaar die schnellen Jahre machtlos hingezogen. Ja, ja: mens sana in
corpore sano - das habe ich in jener Zeit von Ihnen gelernt; aber Sie haben
selbst gebt, was Sie lehrten. - Herr Doctor Wimmer, ich freue mich ausnehmend,
Ihre persnliche Bekanntschaft zu machen; Sie sind mir und meiner Frau durch
ihre reizenden Maiglckchen schon lange lieb und werth. Erlauben Sie, da ich
Sie meiner Gustava vorstelle; ich mchte die Kornblumen und die Maiglckchen
gern zu einem Strau vereinigt sehen! Herr Doctor Breitfu, ich bin glcklich,
einem jungen Gelehrten von Ihren Verdiensten zu begegnen. Ihre herrlichen
Monographien ber Origines und Eusebius haben mir bei Abfassung meiner
Fragmente die wesentlichsten Dienste geleistet. Ich bin entzckt, meinen Dank
jetzt endlich persnlich abtragen zu knnen.
    Whrend so Professor Jger im Kreise der Herren sich schlangengleich von
einem zum andern windet, durchflattert Primula sylphenhaft den Cirkel der Damen.
Sie sagt den lteren Damen ein verbindliches Wort; sie beneidet Thusnelde und
Fredegunde Clemens um ihre reizenden, tiefpoetischen Namen; sie gratulirt Ida
Snellius zu ihren Fortschritten im Portugiesischen und klopft Marie Kbel auf
die errthenden Wangen und nennt sie ein liebes, gutes Kind.
    Aber der College bleibt auch wirklich ein wenig gar zu lange, sagt Director
Clemens, nach der Uhr sehend; ich dchte, Auguste, Du lieest den Thee serviren.
    
    Wen erwarten Sie noch, Werthgeschtzter? fragt Pastor Jger den Director.
    Wessen Fu trat noch ber diese Schwelle nicht? fragt Primula die
Directorin.
    In demselben Moment, wo die beiden Angeredeten den Mund zu einer Antwort
ffnen, ffnet sich auch die Thre und Oswalds hohe Gestalt erscheint in dem
Rahmen derselben.

                              Neunzehntes Capitel


Das Eintreten des Nachzglers erregte eine gewisse Sensation, um so mehr, als
man seiner Ankunft mit einiger Spannung entgegengesehen hatte. Oswald war in
diesem Kreise vollkommen fremd. Er hatte bis jetzt nur mit dem Director, und
auch mit diesem nur geschftlich, verkehrt. Die anderen Herren und Damen vom
Gymnasium hatte er zum Theil bei Gelegenheit seines frheren Aufenthalts in
Grnwald hier und da in Gesellschaften gesehen, ohne ihrer besonders zu achten,
oder von ihnen besonders beachtet zu werden. Heute Mittag, als er seine Visiten
machte, hatte er, mit Ausnahme der Familie Kbel, Niemand zu Hause getroffen.
Die Herren waren begierig, den neuen Collegen, die lteren Damen, einen jungen
Mann, der mglicherweise noch einmal ihr Schwiegersohn werden konnte, die jungen
Damen die neue Acquisition fr ihre geselligen Zusammenknfte zu sehen, zu
mustern, zu kritisiren. In Folge dessen entstand eine Pause in dem munter
schwirrenden Gesprch und Aller Augen richteten sich unverwandt auf ihn.
    Oswald schritt, uneingeschchtert durch dieses Kreuzfeuer von Blicken, auf
die Frau Director zu, kte ihr die Hand, entschuldigte sich mit wenigen Worten
wegen seines spten Kommens und bat sie, ihn den brigen Damen, die zu kennen er
noch nicht das Glck habe, vorzustellen. Nachdem diese Ceremonie in aller Form
ausgefhrt, wandte er sich zum Director mit der Bitte, ihn mit den Herren
bekannt zu machen; darauf wieder zu den Damen, um noch einmal der Frau Director
einige verbindliche Worte zu sagen und sodann mit Primula ein Gesprch
anzuknpfen, auf welches die Dichterin mit ganz besonderem, aufflligem Eifer
einging. Primula hatte Oswald wegen seiner schnen, ritterlichen, echt
romantischen Erscheinung, wie sie zu sagen beliebte, vom ersten Augenblicke in
ihr poetisches Herz geschlossen, und all die Abmahnungen ihres vorsichtigen
Gatten waren nicht im Stande gewesen, den Strom ihrer sympathetischen Empfindung
dauernd zu hemmen. Sie hatte zwar auf dem Lande den Verhltnissen Rechnung
tragen und schlielich die gefallene Gre auch ihrerseits fallen lassen mssen;
aber sie hatte sich vorgenommen, sobald ihre gebundene Psyche jemals freier die
Schwingen regen knnte, dem Zuge ihres Herzens frei zu folgen. Dieser
Augenblick war jetzt gekommen; sie begrte Oswald, der ihr durch die beraus
romantische Katastrophe auf Schlo Grenwitz noch viel interessanter geworden
war, mit der doppelten Wrme der Freundschaft und der Bewunderung. Indessen lie
sich Oswald, der entschlossen war, die Damen sich womglichst smmtlich geneigt
zu machen, nicht lange von der Dichterin aufhalten; er sprach ernst mit den
lteren; er scherzte mit den jngeren, und hatte nach Verlauf von zehn Minuten
offenbar das gewnschte Ziel erreicht.
    Whrend dessen war er von den Herren, die sich um Professor Jger versammelt
hatten, eifrig beobachtet worden. Der Interpret der Fragmente des Chrysophilos
hate Oswald mit einem ganz gesunden langathmigen Ha. Oswald war dem eitlen
Mann niemals mit der Aufmerksamkeit, die er beanspruchte, entgegengekommen,
hatte ihn im Gegentheil, besonders in der letzten Zeit in Grenwitz, mit ganz
unverhohlener Geringschtzung behandelt. Der Professor Jger hatte die dem
Pastor Jger angethane Beleidigung nicht vergessen und wartete nur auf eine
passende Gelegenheit, die so lange aufgesammelte Summe des Hasses abzutragen.
Indessen war er viel zu klug und zu feige, offen mit der Sprache herauszugehen,
als ihn jetzt die Herren vom Gymnasium ber Oswald, den er ganz genau zu
kennen behauptete, befragten. Er begngte sich mit mysterisen Andeutungen,
wie: Ein junger Mann, ber den sich viel sagen liee; - Sie werden ihn ja selbst
kennen lernen, meine Herren; - ich will wnschen, da er sich mittlerweile die
Hrner etwas abgelaufen hat; hm, hm! Er ist, wie Sie wissen, der Schler
Berger's. Nun, Berger war ein bedeutender Mann, ein glnzender Geist; aber er
sitzt jetzt in der Heilanstalt zu Fichtenau, und es zeigt sich wieder einmal,
da nicht alles Gold ist, was glnzt; hm, hm! -
    Wenn wir das gewut htten, Collega, sagte Director Clemens heimlich zu
Professor Snellius.
    Professor Snellius zuckte die Achseln und erwiderte: Ich hoffe viel von dem
Vortheil, den er aus unserm Umgang schpfen wird. Der Verkehr mit wahrhaft
gebildeten, gelehrten -
    Wahrhaft humanen - schaltete der Director ein.
    Wahrhaft humanen Menschen, fuhr der Professor fort, ist das beste Mittel der
Erziehung zur wahren Bildung und Gelehrsamkeit -
    Und Humanitt, ergnzte der Director.
    Was halten Sie von dem neuen Collegen, Wimmer? fragte Doctor Breitfu, der
mit groem Mifallen bemerkt hatte, wie lustig Fredegunde Clemens, die sich
sonst durch einen gewissen, mrrischen Ernst auszeichnete, mit Oswald scherzte
und lachte.
    Ich glaube, da der Herr ein groer Geck ist, erwiderte Herr Wimmer, sich
durch die Haare fahrend; er hat eine Manier, sich ber sitzende Damen zu beugen,
die geradezu unerhrt ist. Ich frchte, ich werde niemals sehr intim mit ihm
werden.
    Aber das wird zu arg! rief Herr Breitfu und schritt mit der Absicht, die
Converstaion Fredegunden's und Oswald's zu stren, auf das Paar zu, verlor aber
unterwegs den Muth und nahm, den verfehlten Angriff zu maskiren, dem ihm
begegnenden Dienstmdchen eine Tasse vom Prsentirbrette, mit welcher Hand er -
ein Bild hilfloser Verlegenheit - mitten im Zimmer stehen blieb.
    Aus dieser Situation befreite ihn die Frage der Directorin an die
Gesellschaft, ob man jetzt mit der Lectre des Wallenstein - dem eigentlichen
Zweck des Zusammenseins - beginnen wolle?
    Alles erhob sich; die Herren griffen nach den Bchern, die sie bei ihrem
Eintritt in die Fensterbretter und auf die Schrnke gelegt hatten. Die Damen
holten ihre Exemplare aus ihren Nhbeuteln; Frau Professor Jger brauchte nach
dem von ihr mitgebrachten nicht lange zu suchen; sie trug es seit ihrem
Eintreten in der Hand. Eine sanfte Rthe fieberhaft gespannter Erwartung ergo
sich ber ihre welken Zge; ihre wasserblauen Augen schmachteten Oswald mit
sanfter Begeisterung an, als er jetzt auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie
in's nchste Zimmer zu fhren.
    Mit welcher Rolle werden denn Sie uns erfreuen, Frau Professor? fragte
Oswald; doch was will ich denn? es giebt im Wallenstein nur eine Rolle fr Sie,
wie es in dieser Gesellschaft nur Eine fr diese Rolle giebt.
    Sie Sptter, sagte die Dichterin, ihn mit dem Buche sanft auf den Arm
schlagend: was htte denn ich vor Anderen voraus?
    Aber, Frau Professor, es kann doch nur eine Meinung darber sein, da der
poetische Charakter in dem Stck auch durch den poetischen Charakter in der
Gesellschaft repsentirt werden mu; und wiederum doch auch nur darber eine
Ansicht, wer jener und dieser ist.
    Und wer - ich will einmal die kindliche Schchternheit berwinden - wer wre
dieser und jener! fragte Primula mit schmelzender Stimme, die verklrten Augen
zu Oswald erhebend.
    Erlauben Sie mir fr einen Moment das Exemplar, das Sie da in der Hand
tragen. Danke! Ich bemerke, es liegt ein Zeichen darin. Lassen Sie uns sehen, wo
es liegt. Dritter Aufzug. Erste Scene. Grfin Terzky, Thekla, Frulein von
Neubrunn. Thekla unterstrichen. Ich danke Ihnen, Thekla!
    Das ist ein Zufall! rief die errthende Dichterin, das Buch, welches ihr
Oswald mit einer ironischen Verbeugung wieder berreicht hatte, an ihren Busen
drckend. Ich schwre es Ihnen bei allen neun Musen, da dies ein Zufall ist.
    Und ich schwre Ihnen beim Vater Apollo selber und bei smmtlichen brigen
Olympiern dazu, da ich an keinen Zufall glaube, hchstens an den glcklichen,
der mich heute Abend wider alles Erwarten mit einer Freundin - ich darf Sie ja
wohl so nennen? - zusammengefhrt hat.
    Ob Sie mich so nennen drfen? rief die Dichterin, Oswald's Arm zrtlich an
sich pressend; ob Sie es drfen? O, glauben Sie mir, Stein, ich bin seit dem
Augenblicke, da Sie den Fu ber unsere niedrige Schwelle setzten, Ihre Freundin
gewesen; ich habe Sie stets in Schutz genommen, wenn prosaische Gemther, die
keine Ehrfurcht vor dem Groen und Schnen haben -
    Primula mute dem berstrmenden Quell der Zrtlichkeit, welchen Oswald so
glcklich erschlossen hatte, Einhalt thun, denn sie langte in diesem Augenblicke
in dem Nebenzimmer an, wo ein Theil der Gesellschaft um einen langen Tisch, der
mit einem weien Tuch bedeckt und mit zwei Lampen und zwei Lichtern erleuchtet
war, bereits Platz genommen hatte. An dem oberen Ende stand Frau Director
Clemens, die Grnderin und Leiterin des dramatischen Krnzchens, berschaute
ihre Gesellschaft wie ein Hirt die Heerde und wies den noch umherirrenden
Gliedern ihre Pltze an, wobei sie heftig mit ihren starken Armen gesticulirte
und ihre tiefe Stimme lauter erschallen lie, als vielleicht unumgnglich nthig
war.
    Setzen Sie sich zu Fredegunde, Doctor Breitfu! Wollen Sie neben meiner
Tochter Thusnelde Platz nehmen, Doctor Stein! Frau Professor Jger, Sie placiren
sich geflligst bei Professor Snellius; Professor Jger, Sie bei Frau Doctor
Kbel. So, nun sen wir ja endlich!
    Frau Director ergriff nun eine groe Schelle, die vor ihr auf dem Tische
stand, und begann damit eine halbe Minute lang mit der Energie eines
Parlamentsprsidenten zu luten, der die zornigen Stimmen einiger hundert
durcheinander schreiender Volksvertreter bertnen will. Da die absolute Stille,
welche in der Gesellschaft herrschte, endlich durchaus keinen Vorwand fr die
Entfaltung einer so energischen Kraftanstrengung mehr bot, so setzte Frau
Director die Schelle wieder auf den Tisch und ergriff statt derselben einen
halben Bogen Papier, auf welchem, wie auf einem Theaterzettel die Rollen des
Stcks nebst den betreffenden Personen der Gesellschaft, denen sie zugetheilt
waren, verzeichnet standen.
    Meine Damen und Herren! sprach sie darauf, die Mienen der zu ihr
aufschauenden Gemeinde wohlgefllig musternd; Sie wissen, da wir in der
viertletzten Sitzung Wallenstein's Tod von Schiller fr die diesmalige
Zusammenkunft ausgewhlt haben. Da in dem herrlichen Stck leider mehr Rollen
sind, als wir besetzen knnen, so sah ich mich genthigt, unterschiedliche, die
mir weniger wichtig schienen, zu streichen. Indessen blieben doch auch so noch
einige unbesetzt und wrden unbesetzt geblieben sein, wenn uns nicht einige
liebe Gste heute Abend mit ihrer Gegenwart erfreut und mir es durch ihre gtig
zugesagte Untersttzung mglich gemacht htten, den Rollenzettel ganz nach
meinem Wunsch anzufertigen. Obgleich nun die Meisten von Ihnen schon wissen,
welches ihre Rolle ist, so will ich der Ordnung wegen und vor allem unserer
lieben Gste halber den Zettel von Anfang an noch einmal vorlesen.
    Frau Director rusperte sich und las unter dem ehrfurchtsvollen Schweigen
der Gesellschaft:

Wallenstein Director Clemens.
Octavio Piccolomini Professor Snellius.
Max Piccolomini Doctor Wimmer.
Terzky Fredegunde Clemens.
Illo Doctor Kbel.
Buttler Doctor Breitfu.
Gordon Frau Doctor Kbel.
Seni Frulein Ida Snellius.
Herzogin Frau Professor Snellius.
Grfin Terzky Meine Wenigkeit.
Thekla Thusnelde Clemens.
Frulein Neubrunn Marie Kbel.
Schwedischer Hauptmann Doctor Stein.
Deveroux, Macdonald Herr und Frau
(Hauptleute in der Professor Jger.
Wallenstein'schen Armee)

Oswald, dem diese originelle Besetzung nicht wenig Vergngen gemacht hatte,
mute sich auf die Lippen beien, um nicht laut herauszulachen ber die albernen
Gesichter, welche die beiden Letztgenannten machten, als sie ihre Namen in so
inniger Verbindung mit den Namen der Mrder des Helden nennen hrten. Der
Professor Jger zog die Mundwinkel so tief herunter, wie Oswald es noch nie
beobachtet hatte, und Primula, die so wei wie der Spitzenkragen auf ihrem
gelbseidenen Kleid geworden war, schien die grte Luft zu haben, in Thrnen
auszubrechen.
    Das also war der Triumph, den er, den sie sich fr den heutigen Abend
versprochen hatten! War dies das gastfreundliche Haus von Menschen, die sich so
viel auf ihre vollendete Humanitt zu gute thaten? war es die bluttriefende
Hhle verthierter Troglodyten? War er der Interpret der Fragmente des
Chrysophilos, oder war er es nicht? War sie die gefeierte Dichterin der
Kornblumen, oder war sie es nicht? Brach nicht ein Schrei der Entrstung aus den
Kehlen Aller, die mit eigenen Ohren die Entweihung in Wissenschaft und Kunst so
berhmter Namen vernommen hatten?
    Der Professor und die Professorin sahen sich ber den Tisch mit Augen an, in
welchen ein aufmerksamer Beobachter diese und noch mehr Fragen der Art htte
lesen mssen; lieen sodann ihre Blicke ber die Tafelrunde schweifen, den
Eindruck zu erkunden, den eine solche Blasphemie auf die Anwesenden nothwendig
hervorgebracht haben mute. Aber Niemand schien etwas Besonderes in diesem
schmhlichen Hohn auf alle gelehrte und dichterische Berhmtheit zu finden,
Niemand, mit Ausnahme vielleicht des alten dicken Doctor Kbel, der einen
erstaunt fragenden Blick des Professors mit einem freundlichen Grinsen
erwiderte, und Oswald, welcher Primula, die auf der linken Seite neben ihm sa
(auf der rechen hatte er Thusnelda Clemens), zum Zeichen seines Beileids unter
dem Tische die Hand drckte. Im Uebrigen achtete Niemand auf die verhhnten
Dulder; Jeder war in Gedanken mit seiner Rolle und mit dem Eindruck, den er auf
die Uebrigen hervorbringen wrde, beschftigt und erwartete nur das Signal zum
Anfang, das jetzt von der Directorin durch ein minutenlanges Luten mit der
Glocke gegeben wurde.
    Der Director Clemens stellte nun in seiner sanftesten Redeweise an Frulein
Ida Snellius die Aufforderung, herabzukommen, da der Tag anbreche und Mars die
Stunde regiere; worauf ihn die angeredete junge Dame mit einer Stimme, die
entweder durch die zu groe Entfernung des Astronomen, oder durch die
Befangenheit der Vortragenden bis zur Unhrbarkeit undeutlich war, bat, sie
noch die Venus betrachten zu lassen, die eben aufgehe und wie eine Sonne im
Osten glnze.
    Diesem interessanten Aufgang entsprach das Uebrige vollkommen; Director
Clemens machte aus dem Wallenstein das sanfte Mitglied einer friedlichen
Brdergemeinde, Professor Snellius aus dem klugen, verstellungsreichen Octavio
einen beraus hlzernen Pedanten; Doctor Wimmer winselte und heulte den edlen
Sohn des unedlen Vaters so, da unnennbarer Jammer jedes fhlende Herz befallen
mute; Doctor Kbel schien den wilden Illo fr die Waschfrau Chamisso's und
Doctor Breitfu den verschlossenen Buttler fr einen marktschreierischen
Zahnbrecher zu halten; Grfin Terzky wurde in Frau Director Clemens Munde zu
einem Pappenheimischen Krassier und Thekla in dem ihrer Tochter Thusnelde zu
einem verliebten Nhmdchen.
    Und dabei dieser heilige Eifer, der offenbar Alle beseelte, und sie trieb,
schon lange bevor sie wieder an die Reihe kamen, in ihrem Buche nach ihrer Rolle
zu blttern, wodurch ein fortwhrendes geheimnivolles Rauschen und Rascheln
hervorgebracht wurde; diese ungeschminkte Begeisterung, mit welcher man
besonders hervorragende Leistungen, wie die des Collegen Wimmer, aufnahm; diese
selbstlose Bescheidenheit, mit welcher sich weniger begabte Talente, wie
Frulein Marie Kbel, eine Zurechtweisung von Seiten der Directorin Clemens
gefallen lieen, welcher nach den Statuten des Krnzchens das Recht zustand, den
Leser zu unterbrechen und ihn auf diesen oder jenen Fehler im Vortrage
aufmerksam zu machen!
    Unterdessen sa Professor Jger in seinem Stuhle zusammengekauert
unbeweglich da, die Winkel des Mundes so energisch nach unten gezogen, da die
Linie desselben die Gestalt eines Hufeisens beschrieb, whrend er mit den
kleinen grnen Augen ber den Rand seiner groen runden Brillenglser seine
Gattin, die Gefhrtin seiner Leiden, die Theilhaberin seiner Schmach,
anblinzelte. Die Dichterin warf sich bald mit untereinander geschlagenen Armen
in den Stuhl zurck und lie die Blicke an der Decke haften, bald lehnte sie
sich vornber und sttzte das kornblumengeschmckte Haupt in die Hnde. Jetzt
lchelte sie das Lcheln unsglichster Verachtung; jetzt ghnte sie, wie von der
entsetzlichsten langen Weile geqult. Oswald war uerst begierig, zu sehen, was
sie thun wrde, wenn an sie die Reihe kme; denn sie hatte ihm schon gleich zu
Anfang in fieberhafter Aufregung zugeflstert: Ich lese nicht; verlassen Sie
sich darauf: ich lese nicht.
    Aber seine Neugier sollte nicht so schnell befriedigt werden, denn nachdem
sich Herr Wimmer am Schlu des dritten Actes mit Aufbieten all seiner
Stimmmittel zum Sterben bereit erklrt hatte, begann Frau Director Clemens
wiederum mit aller Macht zu luten und gab damit das Signal zu der groen Pause,
welche (nach . 25 der Statuten) bei fnfactigen Stcken jedesmal nach dem
dritten und bei vieractigen nach dem zweiten Act eintrat, und in welcher (nach
. 26.) Wein und Backwerk zur Erfrischung gereicht werden mute.
    Um den Bestimmungen dieses Paragraphen nachzukommen, verlie man den Tisch
und begab sich nach dem Salon in der lebhaft angeregten Stimmung einer
Gesellschaft, die eben von einem hohen Kunstgenu kommt. Man sa und stand mit
den Glsern in der Hand im Zimmer umher und sprach von dem Stcke und von der
Declamation. Man war darber einig, da College Wimmer diesmal, wie stets, den
Preis davongetragen habe, und da Frulein Marie Kbel noch immer nicht laut
genug spreche, obgleich ihre Fortschritte im Allgemeinen zu loben seien. Die
Herren stellten sich untereinander Censuren aus und gaben sich natrlich
gegenseitig die Nummer Eins. Die Damen sprachen von dem herrlichen Dichter, von
dem keuschen Adel seiner Verse. Frulein Ida Snellius behauptete, da Schiller
sie vielfach an Euripides erinnere, und nun wirbelten die Namen Sophokles,
Goethe, Shakespeare, Schiller, Aristophanes, Calderon, Aeschylus, Plautus und
Terenz wie Schneeflocken durcheinander.
    Oswald sphte nach der Dichterin der Kornblumen, die er seit dem Anfang der
Pause aus den Augen verloren hatte. Er fand sie in einer Fensternische des
zweiten Salons (sonst jungfruliches Schlafgemach der beiden Frulein Clemens)
mit ihrem Gemahl eifrig flstern. Er wollte sich bescheidentlich zurckziehen;
aber Primula sprang, sobald sie ihn erblickte, auf ihn zu, ergriff seine Hand
und zog ihn mit in die Fensternische.
    Reden Sie leise, sprach Primula mit hohler Geisterstimme.
    Was giebt es? fragte Oswald in demselben Ton.
    Sie sollen mir sagen, ob ich lesen darf? hauchte Primula. Jger hat kein
Gefhl fr diese Schmach.
    Doch, Gustchen, doch! flsterte der Professor; aber ich mchte eine Scene
vermeiden; ich bitte Dich, Gustchen, was werden die Leute sagen, wenn - o, ich
darf gar nicht daran denken.
    Ich mchte mich der Meinung des Herrn Professor anschlieen, sagte Oswald,
ich sehe nicht, wie Sie gerettet werden knnen, nachdem Sie einmal in die
Lwengrube gefallen sind.
    Ich, die Dichterin der Kornblumen ein Mrder, ein feiler Meuchelmrder,
wimmerte Primula, nimmermehr, nimmermehr!
    Es ist schndlich, besttigte Oswald, aber der Interpret des Chrysophilos
ist in derselben Lage, und Sie sehen: er ertrgt mit Wrde sein hartes Loos.
    Ein Hndedruck des eitlen Professors belohnte Oswald fr diese Schmeichelei.
    O, Ihr Mnner habt kein Gefhl fr Beleidigungen, schluchzte Primula, nun
gut, ich will es versuchen, aber wenn -
    Das Sturmluten der Prsidentinglocke aus dem Nebenzimmer, lie Primula
ihren Satz nicht beendigen. Sie schritt den beiden Herren voran mit der Miene
Jemands, der, geschehe, was da will, seinen Entschlu gefat hat.
    Jetzt kommt bald an Sie die Reihe, College, sagte Herr Wimmer zu Oswald;
whrend man (unter fortwhrendem Sturmluten) wieder Platz nahm; ngstigen Sie
sich nur nicht, und lesen Sie frisch drauf los. Wenn's auch das erste Mal ein
wenig hapert; das nchste Mal geht es schon besser und die Uebung macht den
Meister.
    Den ich in Ihnen verehre und bewundere; erwiderte Oswald, sich verbeugend.
    Nun, nun! sagte Herr Wimmer, sich lchelnd durch die Haare fahrend; es
knnte noch besser sein. Freilich, als ich vor einiger Zeit Holtei hrte,
gestehe ich, da mir das alte Wort: Anch io son' pittore unwillkrlich auf die
Lippen kam.
    Ich glaub' es gern; versicherte Oswald.
    Die Glocke schwieg und College Breitfu erhob (als Oberst Buttler) seine
Stimme und schrie, da die Fenster klirrten:

Er ist herein. Ihn fhrte das Verhngni.

Die Mordnacht in dem Schlosse zu Eger entwickelte sich nun rasch von Scene zu
Scene. Oswald war so gespannt darauf, wie Primula sich benehmen wrde, deren
Aufregung, je mehr man sich dem verhngnivollen Augenblick nherte, sichtbar
zunahm, da er die Nachricht des Frulein Neubrunn, der schwedische Herr sei
da; ohne alles Herzklopfen vernehmen und vier Zeilen spter ganz kalbltig die
Prinzessin Thekla - Thusnelde wegen seines unbesonnenen, raschen Wortes um
Verzeihung bitten, ja sogar die auffallende Wrme des Tons, mit welchem Frulein
Clemens die Worte sprach:

Ein unglcksvoller Zufall machte Sie
Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten

gnzlich berhren konnte, obgleich dieser Ton Herrn Wimmer alles Blut zum
Herzen trieb und Fredegunde ob desselben ihrem Doctor Breitfu einen sehr
bezeichnenden Blick zuwarf. Er achtete nicht des beiflligen Gemurmels, das ihm
seine Erzhlung von dem Tod des Reiterobersten einbrachte; auch die folgenden
Auftritte gingen spurlos an ihm vorber, bis denn endlich das verhngnivolle
Netz sich ganz ber dem Haupte des Friedlnders zusammenzieht und der finstere
Buttler in der Heimlichkeit seines Zimmers die Mrderrollen vertheilt. Schon ist
Major Geraldin mit seinem blutigen Auftrage davongeeilt und - jetzt ist der
Augenblick gekommen, wo auf der Bhne der Vorhang sich auseinanderthut und die
grimmen Hauptleute Deveroux und Macdonald in Koller und Kanonen, die langen
Schwerter an der Seite, vor ihrem Regimentschef erscheinen.
    Was wird sie thun? dachte Oswald, der sah, da das Gesicht der Dulderin bald
bla und bald roth wurde, sie wird nicht lesen.
    Aber Primula berwand den edlen Unwillen, der ihr Herz schwellen machte,
rusperte sich und sagte mit der sanften Stimme einer Heiligen, die sich in die
Hnde der Henkersknechte giebt:

Da sind wir, General.

Die Directorin, welcher, da es doch zwei waren, der Accent auf mir liegen zu
mssen schien, verbesserte, kraft des ihr nach . 73 der Statuten zustehenden
Rechtes:

Da sind wir, General.

Das war zu viel. Die zu straff gespannte Bogensehne ri; die beleidigte
Dichterin erhob sich, klappte ihr Buch zu und sagte mit bleichen Lippen:
    Es thut mir leid, wenn ich die Gesellschaft durch meine Erklrung, nicht
weiter lesen zu knnen, stren sollte. Aber, da ich eine Rolle, zu der ich mich
- mit Gewalt - zwingen mu, nicht einmal lesen - kann - ohne -
    Sie konnte nicht weiter sprechen und brach, in ihren Stuhl zurcksinkend, in
ein convulsivisches Weinen aus.
    Die Bestrzung, welche durch dieses Benehmen Primula's in der harmlosen
Gesellschaft hervorgebracht wurde, konnte nicht grer sein. Man sprang von den
Sthlen empor; man drngte sich um die schluchzende Dichterin; man fragte
einander, was der Professorin fehle? und den Professor, ob seine Gemahlin oft
dergleichen Anflle habe? Niemand ahnte die eigentliche Ursache von diesem
Zustande, dem die Herren durch Zureden, die Damen durch Eau de Cologne
beizukommen suchten. Aber Primula wollte von beidem nichts wissen. Sie sprang
nach wenigen Secunden vom Stuhle auf; erklrte mit Entschiedenheit, nach Hause
gehen zu mssen, und verschwand an dem Arme ihres Gatten, der zu dieser ganzen
Scene ein sehr albernes Gesicht gemacht hatte, ohne irgend Jemand gute Nacht zu
sagen.
    In dem Augenblicke, als die, durch das Verschwinden der Gastfreunde uerst
bestrzte Gesellschaft im Salon noch durcheinanderstand und sprach, wurde Oswald
ein Brief bergeben, den, wie das junge Mdchen sagte, ein junger Mann, welcher
auf Antwort warte, so eben berbracht habe.
    Oswald erbrach das Billet, in welchem weiter nichts stand, als:
    Mach', da Du fort kommst. Ich warte auf der Strae. Dein Timm.
    Oswald lie sich einen so vortrefflichen Vorwand, aus einer Gesellschaft zu
entkommen, die ihm mit jedem Augenblicke unertrglicher wurde, nicht entgehen.
Er habe eine Nachricht erhalten, die ihn nthige, sofort nach Hause zu eilen. In
der nchsten Minute stand er auf der Strae.
    Gott sei Dank! Da ich fort bin; rief er, Timm, der ihn lachend in Empfang
nahm, beim Arm ergreifend und mit sich fortziehend.
    Konnt's mir denken, rief Herr Timm, da Du Hllenpein ausstandst; dachte,
dem armen Schelm mu geholfen werden. Komm, wir wollen den gelehrten Staub, so
Du verschluckt hast, mit edlem Wein hinuntersplen.

                              Zwanzigstes Capitel


Ich glaube, Helene Grenwitz ist trotz ihrer schwarzen Haare und ihrer dunklen
strahlenden Augen eine heimliche Wasserfrau, sagte Sophie Robran zu ihrem Vater.
    Der Geheimrath lachte.
    Du mchtest nicht so ganz unrecht haben, sagte er, denn wenn in zwei
verschiedenen physischen Medien, wie Luft und Wasser, auch physisch
verschiedenartige Creaturen existiren, die keine wahre Gemeinschaft mit einander
haben knnen, so ist nichts logischer, als da verschiedene moralische
Atmosphren, wie die, in welcher der Adel lebt, und die, in welcher wir leben,
auch moralisch verschieden geartete Wesen hervorbringen mssen, die niemals so
recht von Grund der Seele aus Freunde werden knnen. Hast Du whrend der Zeit,
da Du bei Frulein Br warst, eine Freundschaft geschlossen, die ber die
Pension hinaus gedauert htte?
    Doch, Papa, mit Frulein Br selber, erwiderte schalkhaft Sophie.
    Da siehst Du's nun! sagte der Geheimrath mit seinem satirischen Lcheln, man
kann selbst mit Brinnen innige Freundschaft machen, aber nimmermehr mit -
Wasserfrauen.
    Sophie konnte das Mitrauen des Vaters, welcher ein langes Leben und eine
reiche Erfahrung fr sich hatte, in diesem Falle nicht theilen. Sie erklrte
sich Helenens Zurckhaltung durch eine angeborene oder anerzogene Scheu, aus
sich herauszutreten, und verzieh ihr diese Zurckhaltung um so lieber, als sie
sich selbst keineswegs frei davon fhlte. Galt sie doch selbst im allgemeinen
fr schroff und kalt, sagte man ihr doch manchmal offen, da sie, gar nicht sei
wie andere junge Mdchen. Sie kann nun einmal nichts dafr, dachte sie bei sich,
man soll nicht Feigen pflcken wollen von dem Dornstrauch. Helene wrde gegen
Dich nicht anders sein, und wenn die Robrans schon zu Zeiten Karl's des Groen
Barone gewesen wren.
    Wenn Sophie an dem Nachmittage des dritten Tages nach Oswald's Ankunft in
Grnwald, wo Helene in ihrem Zimmer sa und an ihre Freundin Mi Mary Burton
schrieb, einen Blick ber die Schulter der Schreiberin weg auf das Papier
geworfen htte, wrde sie sich vielleicht zu ihres Vaters Ansicht, da
Wasserfrauen wenigstens mit Wasserfrauen vertraulich umgehen knnen, bekehrt
haben.
    Helene schrieb:
    Es ist das erste Mal seit langer, langer Zeit, theuerste Mary, da ich den
Muth in mir fhle, Dir auf Deine Briefe - denn es liegt jetzt ein ganzes Packet
da - zu antworten. Aber ich konnte es nicht ber das Herz bringen, Dir, die Du
jetzt in die groe Welt, in die Du gehrst, eingetreten und neulich gar bei Hofe
vorgestellt bist, - Dir, der Braut und in kurzer Zeit der Gemahlin eines
englischen Peers, zu schreiben, da ich, Helene von Grenwitz, der Du eine so
glorreiche Zukunft prophezeitest, - vorlufig wieder erst einmal in die Pension
zurckgeschickt bin; in Pension geschickt wie ein ungezogenes Kind, in Pension
geschickt wie ein Gnschen vom Lande! - Du staunst, Du lchelst unglubig; Du
lispelst ein: 't is impossible! und wenn Du nun endlich meinen wiederholten
Versicherungen Glauben schenken mut, so fassest Du mich bei beiden Hnden und
rufft: aber was heit dies? warum dies? und zwingst mich, die traurige
Geschichte von Anfang an zu erzhlen. Nun; ich sehe keine Mglichkeit, dieser
Pein zu entrinnen, aber da ich sie abkrze, so viel ich vermag, wirst Du
begreiflich finden.
    Also kurz, wenn auch nicht gut.
    Das Verhltni zu meiner Mutter, ber das ich Dir im Anfang so befriedigend
schrieb, wurde in Folge meiner entschiedenen Weigerung, die Gattin meines
Vetters Felix zu werden, von Tag zu Tag schlimmer, bis der offene Bruch, den ich
schon lange vorausgesehen, zuletzt unvermeidlich war. Ich habe mich bei der
ganzen Affaire benommen, wie ich es mir und Dir schuldig zu sein glaubte. Es war
ein heier Kampf, das kann ich Dich versichern. Meiner Mutter entgegen zu
treten, erfordert Muth, und mein Vater untersttzte mich, schwach wie er ist,
nur schwach. Nun wohl! der Kampf ist vorber, - die Todten sind begraben und die
Wunden fangen an zu heilen. Ja, Mary, die Todten! Mein Bruno, mein Stolz, mein
Ritter ohne Furcht und Tadel, mein vielgeliebter Bruno ist nicht mehr! Er ist
gestorben im Kampfe fr mich und hat seine junge Heldenseele in einem Kusse auf
meine Lippen ausgehaucht. Der wilde Schmerz ber seinen Verlust - denn als ich
ihn nicht mehr hatte, wute ich erst, was ich an ihm besessen - machte mich
stumpf und gleichgiltig gegen Alles und gegen Alle um mich her. Wie dieser Knabe
mich geliebt hat, so kann und wird Niemand auf Erden mich wieder lieben. Ich war
ihm Sonne und Luft und Licht, ich war ihm Essen und Trinken; ich war ihm
Schlafen und Wachen, ich war ihm das Leben. Wie oft, wenn er es mich mit
glhenden Wangen und leuchtenden Augen und zitternden Lippen versicherte, habe
ich ihn wegen seiner Ueberschwenglichkeiten ausgelacht und gesagt: Bruno, Du
bist ein Nrrchen! jetzt gbe ich viele Jahre meines Lebens darum, knnt' ich es
aus seinem stolzen Munde nur noch einmal hren! Eine Ahnung, die ich nicht los
werden kann, sagt mir, da ich in Bruno, mit Bruno alles, was die Erde von
Seligkeit mir gewhren kann, gefunden haben wrde, und da ich mit ihm jede
Aussicht auf ein irdisches Glck unwiederbringlich verloren habe. Du lchelst,
Du meinst: ein Knabe! aber ich sage Dir: Du hast Bruno nicht gekannt.
    Verlange nicht, da ich Dir ber dies Alles ausfhrlich berichte. Ich kann
es nicht. Mein Herz ist zu voll. Die Erinnerung an meinen todten Liebling
verlt mich keinen Augenblick, und ich mchte am liebsten die Feder aus der
Hand legen und mich satt weinen. Sag', Mary, soll es denn wirklich unser
Schicksal sein, wie wir so oft in melancholischen Stunden behaupteten,
unbefriedigt, ohne Freude, ohne Glck durch das Leben zu gehen, und ohne
Hoffnung, da die Zukunft die Wnsche der Gegenwart erfllen wird? Soll das
Glck nur immer aufleuchten wie eine Fata Morgana - zauberisch schn und ebenso
vergnglich; oder uns stets in einer Gestalt erscheinen, die, mag ihr innerer
Werth noch so gro sein, doch unseren verwhnten Sinn, unsere Vorurtheile, wenn
Du willst, verletzt? Freilich, Dein Loos scheint ein anderes werden zu wollen.
In der Sphre, in die Du durch Geburt und Erziehung gehrst, findest Du den
Mann, der Deinem Herzen theuer gewesen sein wrde, selbst dann, wenn Dein
Verstand die Wahl Deines Herzens nicht gebilligt htte. Ein Held, ein Mann, ein
Lord! Glckliche, dreimal Glckliche, die Du Jemand gefunden hast, zu dem Du,
stolz, wie Du bist, hinaufschauen mut! Lchle Dein feines, aristokratisches
Lcheln ber - Deine Freundin in der Pension!
    Freilich, ich habe es sehr gut in dieser Pension. Man geht mit mir um, nicht
wie mit einer Schlerin, sondern wie mit einem Gast, und ich bin der
Vorsteherin, einem Frulein Br, aufrichtig dankbar fr die Gte, die zarte
Rcksicht, mit der sie mich behandelt, als wte sie Alles. Vielleicht wei sie
Alles. Dergleichen Ereignisse in Familien, wie die unsere, pflegen nicht
verschwiegen zu bleiben. Habe ich selbst doch Vieles, was im genauesten
Zusammenhang mit meiner Verlobungsangelegenheit steht, erst mehrere Wochen
spter erfahren, nicht durch meinen Vater, mit dem ich whrend dieser ganzen
Zeit correspondirte, der mich auch ein paar Mal von Grenwitz aus besuchte (mit
meiner Mutter, die seit einigen Tagen, wie ich hre, in Grnwald ist, bin ich
auer aller Verbindung), sondern durch eine junge Dame, ein Frulein Sophie
Robran, eine frhere Pensionrin der Anstalt, deren Bekanntschaft ich hier
machte und mit der ich eine Art von Freundschaft geschlossen habe. Sie ist die
Braut unseres Grenwitzer Arztes, der nach Grnwald bergesiedelt ist, und somit
sind ihre Nachrichten aus guter Quelle. Sie hat mir erzhlt, was erst nach
meiner Abreise von Grenwitz stattgefunden und der Vater mir sorgsam verschwiegen
hat, da der junge Mann, von dem ich Dir schon im Sommer schrieb, unser
Hauslehrer, der Doctor Stein, mein Ritter und mein Rcher geworden ist, insofern
wenigstens, als er sich mit Felix geschlagen und meinem Herrn Vetter, eine
Lection ertheilt hat, die dieser, wie ich aus derselben Quelle erfahren habe, so
leicht nicht wieder vergessen wird. Ich kann Dir nicht sagen, wie wunderlich
mich diese Nachricht berhrte. Zuerst - Dir darf ich es ja gestehen - verletzte
es meinen Stolz, da mein Name nun mit dem Namen eines Mannes, wie Herr Stein,
zusammen durch die Welt getragen werden sollte; da ein Fremder, ein Miethling,
sich in meine Angelegenheiten keck gemischt hatte, als wre er ein Verwandter
und ein Ebenbrtiger. Aber dann dachte ich an das alte Wort, da, wenn die
Menschen schweigen, die Steine reden wrden; dachte daran, da kein Bruder sich
brderlich, kein Ritter sich ritterlich gegen mich htte benehmen knnen, als es
dieser Mann vom ersten Augenblick an gethan hat: dachte vor allem daran, da
dieser Mann meines Bruno's theuerster Freund war - und ich verga meinen Stolz
und fhlte nicht ohne einige Verwunderung, da ich diesem Manne fr seine viele
Liebe und Gte dankbar sein konnte - ohne da mich dieser Dank, wie es doch
sonst stets bei mir ist, gedrckt htte. Ja, noch mehr, ich fhlte ein
Bedrfni, ihn, der, wie ich hrte, auf Reisen war, wieder zu sehen, ihm
persnlich meinen Dank abzustatten; und als ich ihn heute ganz unerwartet an dem
Fenster, an welchem ich sa, vorbergehen sah, da - Du wirst mich auslachen,
Mary! da fhlte ich, da, als ich seinen Gru erwiderte, mir alles Blut in die
Wangen scho, und, als er vorber war, habe ich ihm noch lange nachgesehen, und
dann habe ich mich in das Fenster zurckgelehnt und dem Andenken Bruno's, das
durch Stein's Anblick so pltzlich und so mchtig bei mir wach gerufen wurde,
heie Thrnen geweint. Ich mchte, ich knnte ihn einmal ungestrt sprechen.
    Doch hier mu ich abbrechen. Ich hre Frulein Robran, die mit mir zu
musiciren kommt, mit Frulein Br im Nebenzimmer.
    Helene erhob sich, den beiden Damen, die auf ihr entrez! in's Zimmer traten,
entgegenzugehen. Sophie Robran eilte Frulein Br voraus und umarmte Helenen mit
einer liebenswrdigen Lebhaftigkeit, die mit der salonmig vornehm ruhigen
Haltung der jungen Aristokratin einigermaen contrastierte. -
    Ich habe eine ordentliche Sehnsucht nach Ihnen gehabt. Helene! Warum haben
Sie mich seit neulich Abend nicht besucht, wie Sie versprachen? Frulein Malchen
hat Sie doch nicht gar etwa daran verhindert?
    Point du tout! erwiderte Frulein Br, die Brille auf die Stirn schiebend,
um wohlgefllig ihrem Liebling in die groen, freundlichen, blauen Augen zu
schauen; Du weit, Sophiechen, da Helene ganz frei ber ihre Zeit disponiren
kann. - Aber wehalb ich eigentlich komme, liebe Helene! Hier ist ein Brief fr
Sie, den einer Ihrer Diener berbrachte; ich glaube von Ihrem Herrn Vater.
    Helene nahm den Brief mit einer Verbeugung entgegen, warf einen Blick auf
die Adresse und sagte; in der That von meinem Vater! und legte ihn auf eine
Briefmappe, die sie beim Eintritt der Damen zugeklappt hatte.
    Ich will nicht lnger stren, sagte Frulein Br; Sophiechen kommt, Sie zum
Musiciren abzuholen. Soll ich Ihnen das Mdchen nachschicken? und wann?
    Sie kommen doch mit, Helene? sagte Sophie, die sich auf einen Stuhl an das
Instrument gesetzt hatte und einen Clavierauszug durchbltterte. Ich habe sehr
schne neue Lieder bekommen. Ein ganz herrliches von Schumann, das mssen wir
zusammen durchgehen.
    Recht gern, erwiderte Helene; indessen, ich mchte nicht lange bleiben, da
ich heute Abend nothwendig einen Brief nach England zu beendigen habe, der
morgen frh fort mu. Ich danke deshalb fr das Mdchen, Frulein Br. Ich werde
noch vor Dunkelwerden wieder zu Hause sein.
    Ganz wie Sie wollen, liebe Helene, sagte Frulein Malchen, erst Helene
flchtig und dann Sophie Robran herzlich auf die Stirn kssend. Adieu, mes
enfants!
    Und Frulein Br lie die Brille wieder auf die Nase gleiten, legte ihre
Stirn in die geschftsmigen Falten und rauschte davon.
    Wie geht es Ihrem Herrn Vater? fragte Helene.
    Danke, erwiderte Sophie; es geht ihm viel besser; er ist heute schon wieder
ein paar Stunden lnger aufgeblieben. Aber, nun lesen Sie auch Ihren Brief,
Helene; und dann machen Sie, da Sie fertig werden.
    Sogleich, sagte Helene, den Brief erbrechend; whrend Sophie weiter in den
Noten las. Nach einigen Minuten blickte sie auf und sah Helenen den Brief in der
herabhngenden Hand haltend, den Kopf in die andere gesttzt, offenbar in tiefes
Nachdenken versunken dasitzen. Die langen Wimpern verhllten die strahlenden
Augen und die dunklen Brauen waren, wie in Unwillen, zusammengezogen.
    Was ist Ihnen? rief Sophie, das Notenbuch zuklappend und auf's Clavier
legend, haben Sie schlimme Nachrichten erhalten?
    Nicht doch! erwiderte Helene, die bei dem ersten Ton von Sophiens Stimme
sich wieder zusammenraffte und zu lcheln versuchte. Nicht doch! Mein Vater wird
morgen kommen, das ist Alles.
    Um hier zu bleiben?
    Ja.
    Und - Sie, Helene?
    Ich dachte eben darber nach. Mein Vater stellt es mir frei; indessen -
    Das junge Mdchen schwieg, und derselbe halb nachdenkliche, halb trotzige
Gesichtsausdruck von vorhin war wieder da. Sie schien die Anwesenheit Sophiens
vergessen zu haben. Pltzlich fragte sie, die Blicke noch immer zu Boden
senkend: Wrden Sie, wenn Sie beleidigt wren, jemals zuerst die Hand zur
Vershnung bieten?
    Sophie wurde durch diese Frage, deren Sinn ihr nicht verborgen war,
einigermaen in Verlegenheit gesetzt. Helene hatte zu ihr niemals ber ihre
Angelegenheiten gesprochen, nicht einmal in Andeutungen. Sie wute also - durfte
also von alle dem nichts wissen, und doch vertrug es sich schlecht mit Sophiens
geradem Sinn und ihrer Freundschaft zu Helene, eine Unwissenheit und
Theilnahmlosigkeit zu affektiren, die ihr fremd waren.
    Es kommt darauf an, antwortete sie nach einer kleinen Pause: wie die
Beleidigung war, und vor allem, wer der Beleidiger war.
    Wie so?
    Es giebt Beleidigungen, mein' ich, die es nur dadurch werden, da wir ihnen
diese Bedeutung unterlegen, und Beleidiger, die es niemals werden knnen -
niemals werden sollten - ich meine, die uns so nahe stehen, mit denen wir durch
die Natur so eng verbunden sind, da es unnatrlich sein wrde, wenn -
    Sie uns haten, unterbrach Helene schnell Sophie. Wenn nun aber doch dieser
Fall einmal eintrte; wenn nun aber doch sich hate, was sich lieben sollte;
sich verfolgte, befeindete, bekmpfte, was sich untersttzen, gegenseitig helfen
und tragen sollte - wie dann?
    Helene war aufgestanden; ihr Gesicht glhte; ihre Augen funkelten; ihre
Hnde ballten sich - das Bild eines Wesens, das des Kampfes froh ist und nur den
Sieg oder Tod, aber nimmer Ergebung kennt.
    Ich wei es nicht, erwiderte Sophie, sich zu einer Ruhe zwingend, die sie
nicht besa; das wei ich aber, da ich fr meine Person niemals in die Lage
kommen knnte. Ich wrde Bruder oder Schwester, und nun gar Vater oder Mutter,
die mir das Leben gaben, niemals hassen, mchte geschehen, was da wollte. Sind
sie doch - ich selbst. Wie kann man sich selber hassen?
    Wissen Sie das wirklich so gewi? erwiderte Helene. Woher wissen Sie es? Sie
haben niemals weder Bruder noch Schwester gehabt, Ihre Mutter ist Ihnen so frh
gestorben; Ihr Vater hat Sie, wie Sie mir selbst sagten, von jeher mit
grenzenloser Liebe berschttet; alle Welt hat Sie geliebt und geehrt - wie Sie
es gewi verdienen; diese alte strenge Dame selbst sieht in Ihnen, dem jungen
Mdchen, das noch vor wenig Jahren ihre Schlerin war, heute schon eine
ebenbrtige Freundin - aber ich - ich habe andere - doch wir verplaudern die
Zeit und noch dazu ber recht sonderbare Dinge. Eilen wir, da wir an Ihren
Flgel kommen.
    Es war nicht das erste Mal, da Helene einem Gesprch, das vertraulich zu
werden drohte, pltzlich eine gleichgiltige Wendung gegeben hatte. Sophie mute
sich darein fgen, obgleich ihr dieser Mangel an Vertrauen weh that, um so mehr,
als sie fhlte, wie einsam Helene dastand, wie ganz nur auf sich angewiesen, und
welche Wohlthat es fr sie gewesen sein wrde, htte sie ihr bervolles Herz in
das theilnehmende Herz einer wahren Freundin ausschtten knnen. Sie fhlte sich
dehalb auch diesmal nicht durch Helenens stolze Schweigsamkeit beleidigt; im
Gegentheil! sie war mehr als je entschlossen, sich in Helenens Vertrauen lieber
hineinzustehlen und hineinzuschmeicheln, als Stolz mit Stolz, und Schweigsamkeit
mit Schweigsamkeit zu erwidern.
    Die jungen Damen, nachdem sie bei Sophie angelangt waren, hatten fast ohne
Unterbrechung musicirt, bis es in dem zu ebener Erde gelegen tiefen Zimmer zu
dunkeln begann. Sie hrten auf, weil sie nicht mehr gut sehen konnten, und
gingen nun Arm in Arm im Gemache auf und ab, whrend die Musik noch in ihren
Seelen nachzitterte und selbst Helenens stolzes Herz milder und weicher fhlte.
Es war vor allem ein neues, von einem jngeren Meister componirtes Lied gewesen,
das sie in schmerzlich ser Weise an ihren todten Liebling erinnert hatte. Noch
klangen ihr die traurig klagenden Worte mit der traurig klagenden Melodie im
Ohr:

Und soll ich sterben so frisch und jung,
Ade dann, du goldener Sonnenschein,
Und Mondenschimmer und Sternenlicht,
Und ade, schwarzugiges Mgdelein.
Ich hab' euch alle ja so geliebt,
Und soll nun sterben so jung!

Sie dachte an die Nacht, als Baron Oldenburg sie mitten aus der Reihe Tanzenden
heraus an Bruno's Sterbebett holte: sie sah bei ihrem Eintritt das Auge des
Knaben dunkel aufflammen in dem todtenblassen Gesicht.

Und soll nun sterben so jung!

murmelte sie, wie wenn sie mit sich selbst sprche.
    Es scheint dies Lied auf Sie einen eben so groen Eindruck zu machen, wie
auf den Doctor Stein, sagte Sophie.
    Auf wen? rief Helene, jh aus ihrer Trumerei erwachend.
    Auf den Doctor Stein, wiederholte Sophie so ruhig, als htte sie sich nie
ber das Verhltni, das mglicherweise zwischen Oswald und Helene stattfand,
Gedanken gemacht.
    Wann haben Sie ihn gesehen? fragte Helene wieder in ihrer ruhig vornehmen
Weise.
    Gestern Abend, hier, zum ersten Mal. Er war schon zwei Tage in der Stadt,
ohne Franz gesprochen zu haben. Gestern traf Franz ihn zufllig auf der Strae
und brachte ihn mit. Sonst htten wir wohl noch lnger auf seine Visite warten
knnen.
    Wehalb das?
    Nun, er sah gerade nicht so aus, als ob ihm der Besuch besonderes Vergngen
mache. Indessen kann ich darber weniger urtheilen, da ich ihn gestern zum
ersten Male in meinem Leben sah. Mir schien es, offen gestanden, als ob ihm
berhaupt nichts auf Erden Vergngen machen knnte. Franz sagt, das sei durchaus
nicht der Fall, fand aber selbst, da Herr Stein sich in der kurzen Zeit, wo sie
sich nicht gesehen, merkwrdig verndert habe. Wie war er denn, so lange Sie ihn
kannten?
    Sophie glaubte zu fhlen, da Helenens Herz, als sie diese Frage mglichst
unbefangen that, hher schlug. Doch war von dieser Erregung nichts in dem Ton zu
merken, mit dem sie antwortete:
    Ich habe Herrn Stein selten oder nie anders als in Gesellschaft gesehen, und
Sie wissen, da hat man wenig Gelegenheit, die Menschen zu sehen, wie sie
wirklich sind. Er schien meistens ernst, fast traurig, sehr reservirt und
verschlossen, besonders in den letzten Wochen. Doch mochten dazu auch die in
meiner Familie herrschenden Verhltnisse nicht wenig beitragen. Wie war er denn
gestern?
    Es ist das schwer zu beschreiben fr Jemand, der, wie ich, kein groer
Psycholog ist, antwortete Sophie, entschlossen, auf jeden Fall, auch wenn sie
Helene verletzen sollte, die Wahrheit zu sagen. Er schien mir lustig, ja
ausgelassen, aber nicht heiter; gesprchig, aber nicht mittheilsam; witzig, aber
nicht unterhaltend; mit einem Wort, eine lebendige Vereinigung von lauter
Gegenstzen, welche auf mich, die ich das leicht Verstndliche, Klare, Einfache
liebe, offen gestanden, einen peinlichen Eindruck gemacht hat. Besonders mifiel
es mir wie er ber seinen Beruf und ber seine hiesigen Verhltnisse sprach. Er
schien Alles nur wie ein leeres Spiel zu betrachten. Er schilderte eine
Gesellschaft, die er bei Director Clemens mitgemacht, und schttete eine wahre
Fluth von Hohn und Sarkasmus ber die armen Menschen aus. Er beschrieb seine
feierliche Einfhrung in die Schule, die gerade an demselben Morgen
stattgefunden hatte, und stellte das Ganze wie eine Scene auf einem
Puppentheater dar. Franz hatte mir gesagt, da er etwas Faustisches in seinem
Wesen habe; mir ist er wie ein rechter Mephisto vorgekommen. Auch fand ich ihn
nicht so schn, wie Franz ihn mir geschildert hatte. Er sah bleich und verfallen
aus, als wre er krank oder htte mehrere Nchte nicht geschlafen. Die groen
Augen hatten etwas Unheimliches, Gespenstisches. Ich mute wahrlich an das: Es
steht ihm an der Stirn geschrieben, da er nicht mag eine Seele lieben, oder wie
es heit, denken.
    Da mu es sich allerdings sehr verndert haben, sagte Helene.
    Der Ton, in welchem das junge Mdchen diese Worte sprach, war so traurig. Es
that Sophie leid, da sie sich von der geheimen Antipathie, die sie gegen Oswald
empfand, noch mehr vielleicht aber von dem Wunsch, Helene durch lebhaften
Widerspruch zu reizen und sie so gleichsam fr ihre Verschlossenheit zu
bestrafen, hatte hinreien lassen.
    Doch soll dies, sagte sie einlenkend, nicht etwa mein endgiltiges Urtheil
ber Oswald Stein sein; es ist nur eben ein erster Eindruck. Wenn ich ihn fter
sehe, werde ich wohl anders ber ihn denken. Ich glaube sogar, da bei mir ein
wenig Eifersucht mit unterluft. Franz machte so gar viel aus ihm, und Sie
wissen, wie Brute sind in dieser Beziehung ein wenig engherzig. - Da fllt mir
brigens ein, da er jeden Augenblick kommen kann, rief sie, sich selbst
unterbrechend.
    Wer? fragte Helene; Oswald?
    Ich hatte es wahrhaftig ganz vergessen. Ich, gedankenloses Mdchen!
    Was ist es denn?
    Stein und Franz hatten sich verabredet, heute zusammen eine Vorlesung bei
Professor Benzeler zu besuchen. Und Franz ist gleich nach Tisch fr meinen Vater
auf's Land gefahren. Ich sollte es Stein absagen lassen! Ob's wohl noch Zeit
ist?
    Es ist halb sechs, sagte Helene, an's Fenster tretend, und nach der Uhr
sehend. Es ist beinahe dunkel geworden; ich mu machen, da ich nach Hause
komme.
    In diesem Augenblick wurde an die Thr gepocht.
    Er ist es, riefen die beiden jungen Damen, zusammenschreckend wie ein paar
Rehe, wenn im Walde ein Schu fllt.
    Das Pochen wiederholte sich.
    Was sollen wir thun? flsterte Helene, die ihre ganze Selbstbeherrschung
verloren zu haben schien.
    Offenbar Herein sagen! was sonst; erwiderte Sophie, unwillkrlich lachend.
Herein!
    In dem Halbdunkel, das in dem Gemach herrschte, mochte es dem Eintretenden
nicht mglich sein, die darin Befindlichen zu erkennen. Er blieb wie zaudernd an
der Thr stehen.
    Nur nher, Herr Doctor, sagte Sophie, Helenens Hand festhaltend. Ich bitte
um Entschuldigung, da ich Sie im Dunkeln empfange, aber es soll gleich hell
werden.
    Oswald war bei diesen Worten herangetreten und hatte sich vor den Damen
verbeugt. Offenbar hatte er Helene, die dem Fenster abgewandt stand, noch nicht
erkannt.
    Ich habe um Entschuldigung zu bitten, sagte er; denn ich habe die Damen ohne
Zweifel gestrt. Aber da ich Niemand auf dem Vorsaale fand -
    Er schwieg pltzlich; das Blut scho ihm zum Herzen. Ein Schauder
berrieselte ihn. War die stumme Gestalt neben Frulein Robran nicht Helene?
Dieser Kopf, dessen schne Umrisse er so oft andchtig bewundert hatte, - sie
mute es sein. Er hrte kaum noch, da Sophie sagte: Sie erkennen wohl Frulein
von Grenwitz gar nicht? Ich will nur selbst gehen, uns Licht zu besorgen; er
hrte nur die Thr sich hinter Frulein Robran schlieen; er wute nur, da er
mit ihr allein war. Er kniete vor ihr nieder und ergriff ihre Hand, um sie mit
heien Kssen zu bedecken.
    Die Ueberraschung und die Dunkelheit begnstigten Oswalds Khnheit. Helene
zitterte so heftig, da sie Alles geschehen lassen mute und nur noch eben die
Kraft hatte, zu sagen:
    Um Gottes willen, Oswald, - stehen Sie auf! Ich bitte Sie, stehen Sie auf!
    Es war die hchste Zeit; denn schon kam Sophie zurck, gefolgt von dem
Diener, der eine Lampe trug.
    Oswald gelang es, seiner Bewegung Herr zu werden; Helene dagegen wandte sich
unter dem Vorwande, da sie der pltzliche Lichtschein blende, nach dem Fenster
und blickte, whrend Sophie Franz' Abwesenheit erklrte, auf die Strae.
    Dann will ich die Damen keinen Augenblick lnger durch meine Gegenwart um
den Genu einer traulichen Unterhaltung bringen, sagte Oswald, sich zum Abschied
verbeugend.
    Ei, Herr Doctor, erwiderte Sophie munter, sind Sie ein solcher Feind von
traulichen Unterhaltungen, da Sie durch Ihre Gegenwart dergleichen unmglich
machen? Setzen Sie sich lieber, und strafen Sie meinen Franz nicht Lgen, der
Sie den unterhaltendsten Gesellschafter nennt. Kommen Sie, Helene, nehmen Sie
hier am Kamine Platz. Frulein Br wird sich die Augen nicht ausweinen, wenn Sie
auch etwas lnger ausbleiben.
    Oswald war im Begriff gewesen, den ihm angebotenen Platz anzunehmen; als er
indessen hrte, da Helene mglicherweise nicht bleiben wrde, begngte er sich,
Sophiens Aufforderung vorlufig mit einer stummen Verbeugung zu erwidern.
    Ich danke, liebe Sophie, sagte Helene, sich aus dem Fenster umwendend, aber
ich mu in der That fort - ein ander Mal.
    Sie hatte scheinbar ihre gewhnliche Ruhe wiedergewonnen; nur ein scharfer
Beobachter htte vielleicht in dem etwas intensiveren Roth der schnen Wangen
die letzte Spur einer vorangegangenen Erregung und in den gesenkten Augenlidern
die Absicht bemerkt, dieselbe vor den Blicken der Anderen zu verbergen.
    Oswald, der nach einem Mittel aussphte, Helene noch ein paar Augenblicke zu
halten, sah den Flgel geffnet und Notenbltter aufgeschlagen.
    O, bitte, bitte, mein gndiges Frulein, sagte er, wenn Sie noch eine Minute
Zeit haben, singen Sie dies Lied! Es verdient, von Ihnen gesungen zu werden.
    Wir sind es schon vorhin durchgegangen, sagte Sophie, es ist in der That
schn, und Frulein von Grenwitz singt es vortrefflich. Wollen Sie, liebe
Helene?
    Sie hatte schon, Helenens Einwilligung fr selbstverstndlich haltend, sich
an den Flgel gesetzt und blickte jetzt, ein paar prludirende Accorde greifend,
erwartend auf Helene.
    So sah sich diese genthigt, ihren Hut, den sie schon in der Hand hatte,
wieder hinzulegen und an den Flgel zu treten.
    Oswald stand in der Entfernung von wenigen Schritten an das Gesims des
Kamins gelehnt, die Blicke unverwandt auf die beiden schlanken Mdchengestalten
gerichtet, in diesem Augenblick zweifelnd, welche von den beiden Erscheinungen -
nicht die schnere, denn das war unbestritten Helene - aber die interessantere
war.
    Helene kam ihm beinahe fremd vor; er mute sich ordentlich erst in ihre
Schnheit wieder hineinleben, und doch machte sie nicht mehr den berwltigenden
Eindruck von ehemals. Er glaubte, es sei die ungewohnte Umgebung, die fesselnde
Erscheinung Sophiens, die ihn in seiner Andacht stre - er wute nicht, da seit
der Zeit, wo er Helene zuletzt gesehen hatte, der Spiegel seines Geistes trber
geworden und nicht mehr im Stande war, ein reines Bild auch rein zurckzuwerfen.
- Vergebens suchte er einen Blick Helenens zu erhaschen. Wenn Sophie, in ihre
vielgeliebte Musik vertieft, seine Anwesenheit wirklich vergessen hatte, so
schien es zum mindesten mit Helene nicht anders zu sein. Sie hob die Augen nicht
einmal von den Notenblttern auf. Oswald freute sich dessen. Er schlo daraus,
da seine strmische Begrung von vorhin, wenn auch vergeben, so doch nicht
vergessen war.
    Man war von einem Lied in's zweite und vom zweiten in's dritte und vierte
gekommen. Pltzlich aber erklrte Helene, nun nach Hause gehen zu mssen.
Oswald, der nicht anders glaubte, als da eine Dienerin aus der Pension drauen
warte, sann eben darber nach, wie er seine Bitte, sie begleiten zu drfen, am
schicklichsten einkleiden knne, als ihn Sophiens Frage: aber werden Sie denn
noch allein gehen knnen? dieser Mhe erhob. Was war natrlicher, als da er mit
einer hflichen Verbeugung Frulein von Grenwitz seine Begleitung anbot und
Frulein von Grenwitz mit einer kaum merklichen Neigung des stolzen Hauptes
dieselbe annahm.
    Sophie nestelte eben der jungen Dame den Sammetmantel zu und band ihr noch
ein weies Tchelchen um den Hals, auf da Ihrer Stimme kein Schaden geschieht,
liebe Helene! Oswald stand mit dem Hut in der Hand daneben, als die Thr, ohne
da man ein Klopfen gehrt htte, sich ffnete und Herr Bemperlein rasch in's
Zimmer trat.
    Oswald, der mit dem Rcken nach der Thr zu stand, wurde Bemperleins erst
gewahr, als er sich auf Sophiens Gru: Guten Tag, Bemperchen! nach dem Kommenden
umwandte. In demselben Moment erkannte auch Herr Bemperlein Oswald.
    Sie hatten sich seit jener Nacht, wo Bemperlein Melitta nach Fichtenau
abzuholen kam und die Liebenden im Park berraschte, nicht wieder gesehen. Sie
waren damals in herzlicher Freundschaft geschieden; und heute, als sie sich nach
Monaten wiedersahen, streckte Keiner dem Andern die Hand entgegen, lchelte
Keiner dem Andern freundlich zu, begrte Keiner den Andern mit einem herzlichen
Wort. Ihr ganzes Willkommen bestand aus einer frmlichen Verbeugung und einigen
nichtssagenden Phrasen, so da Sophie, welche bis jetzt geglaubt hatte, da
Bemperlein und Oswald auf dem besten Fue stnden, nicht wenig verwundert war
und nicht recht wute, wie sie sich in diesem ganz unvorhergesehenen Fall
benehmen sollte. Indessen dauerte diese peinliche Situation nicht lange; denn
Sophie hatte kaum Herrn Bemperlein Frulein von Grenwitz vorgestellt, die, wenn
sie sich wirklich des in frheren Jahren hufiger gesehenen Hauslehrers auf
Berkow erinnerte, jedenfalls nicht fr gut fand, dieser Erinnerung Worte zu
leihen, als Helene und Oswald das Zimmer verlieen. Sophie begleitete sie noch
zur Thr hinaus, whrend Bemperlein, die Hnde auf den Rcken, die Augen starr
auf den Boden geheftet, an dem Kamin stehen blieb.
    Es war beinahe Nacht, als Helene und Oswald auf die schlecht erleuchtete
Strae traten.
    Welchen Weg nehmen wir? fragte Oswald.
    Ich denke, es giebt nur einen.
    Nicht doch; wir knnen auch ber den Wall gehen. Der Weg ist nher und es
geht sich angenehmer dort, als auf dem schlechten Steinpflaster.
    Wie Sie wollen.
    Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?
    Es war das erste Mal, da Oswald Gelegenheit hatte, Helenen zu fhren. Er
beeilte sich nicht, das Vergngen, Arm in Arm mit dem geliebten Mdchen durch
die Nacht zu wandern, abzukrzen. Der Weg, den er vorgeschlagen, war nicht nur
der bei weitem lngere, sondern auch der bei weitem dunklere. Er fhrte zwischen
der Stadtmauer und dem Festungswalle hin - eine angenehme Promenade im Sommer
und bei Tage; aber jetzt an einem finstern Herbstabend wenig empfehlenswerth.
    Es ist doch dunkler, als ich gedacht, sagte Oswald, als sie aus dem
dumpfigen Stadtmauerthor, wo die letzte Laterne brannte, auf den Wall gekommen
waren; sollen wir lieber wieder umkehren?
    Meinethalben nicht; ich gehe ganz gern so.
    Hllen Sie sich wenigstens recht fest in Ihren Mantel; der Wind weht scharf
vom Meere herber und die Luft ist feucht und kalt.
    Sie gingen einige Minuten schweigend. Das trockene Laub der Bume, mit denen
die Promenade besetzt war, raschelte unter ihren Fen; klagende Tne strichen
durch die Luft.
    Wie mag es jetzt im Grenwitzer Park aussehen? fragte Oswald.
    Das dachte ich eben auch, erwiderte Helene.
    Ich mchte, ich knnte in diesem Augenblicke dort sein.
    Was wollten Sie da?
    Ich wollte in den wohlbekannten Gngen, zwischen den Taxushecken unten im
Garten, unter den Buchen oben auf dem Wall umherschweifen und mich mit der
Mondessichel, die durch die Wolken schwankt, und mit dem Nachtwind, der durch
die Bume und um das Schlo rauscht, unterhalten von seligen Stunden, die nicht
mehr sind und nimmer wiederkehren knnen.
    So denken Sie gern an Grenwitz zurck?
    Sollte ich es nicht? Habe ich doch die glcklichsten Tage meines freudelosen
Daseins dort verlebt! Was kmmern mich jetzt die Bitternisse, die in diesen
Kelch berauschender Sigkeit gemischt waren? Ich wei von ihnen nichts mehr.
Mir ist, als htte ich damals zum ersten und zum letzten Male in meinem Leben
wahrhaft gelebt, und als sei ich gestorben mit den Blumen auf den Beeten und mit
dem Sonnenschein, der des Morgens durch die thaufrischen Zweige spielte und
bunte Schatten auf den Weg streute. Wohl ihm, dessen Leben wirklich mit jenem
kstlichen Sommer zu Ende war!
    Wohl ihm! flsterte Helene.
    Ja, wohl ihm! er hat eine Stunde lang in dem Anschauen dessen, was ihm das
Schnste, das Herrlichste war, geschwelgt und ist dann dahingeschwunden, wie ein
rosiger Morgenduft vor den Strahlen der vielgeliebten Sonne. Er hat sie nicht zu
kosten gebraucht die schwle Hitze und den erdrckenden Staub des Mittags. Er
hat sich nicht vor dem scharfen Wind des Abends schaudernd zu verhllen
brauchen, er hat die schne bunte Welt nicht in de Nacht versinken sehen. -
Verzeihen Sie mir, mein gndiges Frulein; es ist heute Abend schon das zweite
Mal, da ich mich von der Erinnerung an meinen todten Liebling fortreien lasse.
Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie wunderbar Ihr Anblick und Ihre Nhe sein
Andenken in mir wachrufen. Die vernarbten Wunden fangen wieder an zu bluten; die
trockenen Augen wieder an zu tropfen.
    Geht es mir denn anders? sagte Helene, und ihre Stimme zitterte.
    So haben Sie ihn auch geliebt? Aber nein, das wollte ich nicht fragen. Wie
htten Sie ihn nicht lieben sollen, der so schn, so tapfer, so gut war, so
hinreiend liebenswrdig, und der Sie so liebte! so unsglich liebte! O,
Frulein von Grenwitz, wissen Sie denn wohl, wie sehr er Sie geliebt hat? wissen
Sie, da er Sie bis in den Tod, da er Sie mehr als sein Leben geliebt hat?
    Ich wei es! sagte Helene leise.
    Mehr als sein Leben, fuhr Oswald leidenschaftlich fort, ber den Tod hinaus.
Es war an dem letzten Tage, wenige Stunden vor seinem Tode, als er mir ein
Medaillon mit einer Locke von Ihrem Haar, das er auf der Brust trug, zeigte und
mich bat, es ihm in's Grab zu geben. Ich habe ihm seinen Wunsch nicht erfllen
knnen. Sie erinnern sich, da ich am nchsten Morgen schon das Schlo verlie,
ohne zu wissen, ob - ich jemals wieder den Fu ber die Schwelle wrde setzen,
ob ich den theuren Todten bis zum letzten Augenblicke wrde bewachen drfen. Der
Gedanke war mir entsetzlich, da jenes Kleinod in profane Hnde kommen knnte,
ich nahm es daher mit der Absicht, es Ihnen, die Sie den einzig rechtmigen
Anspruch darauf haben, zurckzustellen. Ich habe es stets - ich habe es noch in
meinem Gewahrsam. Wann, befehlen Sie, da ich es Ihnen zusende?
    Sie hatten das Festungsthor passirt und gingen in der Vorstadtstrae unter
den hohen, sausenden Pappeln. Bei dem ungewissen Licht des Mondes, der eben aus
den treibenden Wolken hervorlugte, suchte Oswald in Helenens Gesicht zu lesen.
Es schien ihm bleich und heftig erregt. Ihr Arm lehnte sich fester auf seinen
Arm, als sie nach einer Pause antwortete:
    Ist Ihnen das Medaillon sehr lieb?
    Das knnen Sie fragen?
    Nein, nein! verkennen Sie mich nicht - ich bin nicht undankbar, bin gegen
Liebe und Freundschaft nicht unempfindlich. Behalten Sie das Medaillon! behalten
Sie's zur Erinnerung an Ihren, an unsern Liebling.
    Nur zur Erinnerung an ihn? Es ist Ihr Haar, Frulein Helene! - nur zur
Erinnerung an ihn?
    Und - an mich!
    Oswald nahm die Hand, die auf seinem Arm ruhte und fhrte sie an die Lippen.
    Ich habe nichts gethan, wodurch ich so groe Huld und Gnade verdient htte;
aber freilich, wre Gnade denn noch Gnade, wenn man sie verdienen knnte?
    Sie wollen mich durch Ihre Bescheidenheit erdrcken. Sie wollen, da ich
Ihnen danken soll fr alle Ihre Gte, wie ich Ihnen danken mte und doch nicht
danken kann. Sie sind immer sehr gut gegen mich gewesen; Sie haben zu mir
gestanden, als ich selbst von meinen nchsten Verwandten angefeindet wurde, und
noch zuletzt -
    Habe ich nichts gethan, was ich nicht jeden Augenblick mit Gefahr meines
Lebens wieder thun wrde. - Doch hier sind wir an Frulein Brs Haus. Ist die
Gitterthr verschlossen?
    Nein.
    Sie gingen durch den kleinen Garten bis zur Hausthr. Oswald schellte.
    Werde ich Sie wiedersehen?
    Ich komme fter zu Robrans.
    Die Thr wurde von innen aufgeriegelt.
    Gute Nacht.
    Gute Nacht.
    Die Thr wurde aufgeschlossen.
    Auf Wiedersehen! flsterte Oswald, noch einen Ku auf Helenens Hand
drckend.
    Auf Wiedersehen! flsterte Helene.
    Im nchsten Augenblick war sie im Hause verschwunden.
    Ohne recht zu wissen wie, war Oswald in die Stadt zurckgekommen. Wo die
Marktstrae auf den Markt mndet, in dem groen Eckhause, waren die Fenster hell
erleuchtet; Wagen auf Wagen rollte vor die Thr; geputzte Damen und Herren
stiegen aus und verschwanden im Portale. Als Oswald, dicht an den Husern
hinschreitend, in unmittelbarste Nhe der Thr gekommen war, fuhr eben wieder
ein Wagen vor. Der Kutscher parirte die feurigen Thiere zu gewaltsam, und der
Bediente, der eben in Begriff stand, vom Bock zu springen, wurde unsanft auf die
Erde geschleudert. Er raffte sich sogleich wieder auf, aber der Schmerz mute
gar gro sein; er blieb wie betubt stehen. Oswald, der eine einzelne Dame im
Coup bemerkt hatte, die schon, des Oeffnens der Thr harrend, aufgestanden war,
griff nach dem Drcker, ffnete die Thr, und die Dame, ihre kleine
weibehandschuhte Hand ahnungslos auf seinen Arm legend, schwebte in einer Wolke
von Mousselin und Spitzen herab.
    In diesem Augenblick, wo das Licht aus dem Portale hell auf Beide fiel,
stie die Dame einen leisen Schrei aus, Oswald mit groen Augen anstarrend.
    Eine glhende Rthe ergo sich ber ihr Gesicht. Ihre Augen flammten auf -
es mochte unentschieden bleiben, ob in Liebe oder Ha. Ihre Lippen zuckten, -
augenscheinlich hatte die pltzliche Ueberraschung sie gnzlich berwltigt.
    Der Bediente, der mit dem Hut in der Hand herangehinkt kam, ls'te den
Zauber.
    Verzeihen Sie, gndige Frau - begann der Mann.
    Ueber Oswalds Gesicht zuckte ein spttisches Lcheln.
    Ich gratuliere, gndige Frau, sagte er leise, ihr die Hand bietend, sie die
Stufen hinaufzufhren.
    Oswald fhlte, da die schlanken Finger sich sehr fest in die seinen legten.
    Sie haben es ja gewollt, flsterte sie; und jetzt war es entschieden, da
die groen, grauen Augen nicht Ha, sondern Liebe blickten. Besten Dank! Lassen
Sie sich doch einmal bei mir sehen. Ich garantire, da Cloten Sie freundlich
empfangen wird.
    Sie waren auf der letzten Treppenstufe angelangt.
    Oswald verbeugte sich.
    Also auf Wiedersehen, Herr Doctor?
    Auf Wiedersehen!
    Die junge Dame rauschte in das Portal. Oswald stieg die Stufen hinab, an dem
lahmen Bedienten vorber, der, sich noch immer die Kniee reibend, seinen
improvisirten Collegen verwundert anblickte.
    Emilie von Breesen, murmelte Oswald, indem er weiter schritt; die reizende
Emilie - Frau von Cloten? Und blos, weil ich es gewollt? Und wenn ich es nun
nicht will, nicht lnger will? Was dann?

                           Einundzwanzigstes Capitel


In den nchsten acht Tagen waren die letzten Krhen aus den Wldern in die Stadt
gekommen und hatten ihre Winterquartie in den Kirchthrmen bezogen; auch
behauptete man in gut unterrichteten Kreisen, da von den adeligen Familien, die
den Winter in Grnwald zu residiren pflegten, keine von einiger Bedeutung mehr
drauen sei.
    Das regere Leben, das auf einmal in der sonst so stillen Stadt sich
bemerklich machte, bewies das zur Genge. In dem Theater waren jetzt die
Prosceniumslogen, die ausschlielich fr den Adel reservirt waren, stets
gefllt. Des Nachts wurden die guten Brger von Grnwald durch das Rollen
schnell fahrender Carossen aus ihrem ersten Schlaf aufgeschreckt, und zwlf
Stunden spter donnerten dieselben Carossen abermals durch die Straen, da die
nchtlichen Ruhestrer um diese Zeit ausgeschlafen hatten und das Bedrfni
fhlten, einander nach so langer Zeit wieder zu sehen und ihre Ansichten ber
die interessanten Ereignisse der letzten Ballnacht, - wie oft der junge Graf
Grieben mit dem jngsten Frulein von Nadelitz getanzt, und welch' sonderbaren
Kopfputz die alte Barone Renzien aufgehabt habe - gegenseitig auszutauschen.
    Gestern war bei Griebens groer Ball gewesen; auf morgen hatten Grenwitzens
zu einer Soire - der ersten, die sie in dieser Saison gaben - invitirt. Da die
Etiquette erforderte, da man sich nach einer Gesellschaft und ebenso vor einer
Gesellschaft nach dem Befinden der betreffenden Gastgeber erkundigte, so muten
heute bei Griebens und bei Grenwitzens Visiten gemacht werden. Das Rollen der
Carossen wollte deshalb heute Mittag kein Ende nehmen.
    Wenn Visiten in grerer Zahl zu erwarten standen, waren im Htel Grenwitz
die sonst verschlossenen Empfangszimmer nach vorn heraus geffnet. So auch
heute. Ein Dutzend Visiten waren schon abgefertigt, ein anderes Dutzend wurde
noch erwartet. Es befand sich augenblicklich Niemand im Salon, als die Baronin
und der Baron. Sie hatten eben die Frau von Nadelitz mit ihren drei Tchtern
unter Lcheln und Scherzen zum Salon hinauscomplimentirt; aber die Thr hatte
sich kaum hinter jenen Damen geschlossen, als der alte Herr sich mit der Miene
uerster Verdrossenheit in einen Lehnstuhl fallen lie und Anna-Marie sich ihm
gegenber auf das Sopha setzte mit einem Gesicht, von dem jede leiseste Spur von
Lcheln hinter Wolken tiefsten Unmuths verschwunden war. Augenscheinlich hatte,
ehe der Besuch kam, zwischen ihnen eine unerquickliche Scene stattgefunden, und
es handelte sich jetzt darum, wer von Beiden zuerst den unterbrochenen Dialog
wieder aufnehmen wrde.
    Diesmal war es gegen die Gewohnheit, da der alte Herr, der mit nervser
Erregung aus seiner goldenen Tabaksdose eine Prise nahm, den Deckel zuklappte
und sodann, als ob ihm Anna-Maria eben jetzt und nicht bereits vor einer halben
Stunde das Stichwort gebracht htte, sagte:
    Bleiben? es mu doch Alles einmal ein Ende nehmen - wir knnen doch Helene
nicht fr ewig bei Frulein Br lassen.
    Ich bin es nicht gewohnt, erwiderte Anna-Maria, ihre Stickerei zur Hand
nehmend, heute so zu sprechen und morgen so. Andere Leute mgen anders darber
denken. Wir wrden uns vor aller Welt lcherlich machen, wenn wir Helene nach
vier Wochen wieder in's Haus nhmen.
    Es sind beinahe sechs Wochen, brummte der Baron.
    Vier oder sechs, das bleibt sich gleich.
    Fr mich nicht; ich bin ein alter Mann, ich kann morgen sterben.
    Das sagst Du schon seit zehn Jahren.
    Wenn ich es seit zehn Jahren sage, erwiderte der Baron mit vor Aufregung
zitternder Stimme, so ist es, weil ich mich seit zehn Jahren noch keinen Tag
gesund gefhlt habe. Und einmal wird doch der Morgen kommen, wo ich nicht mehr
bin, und deshalb mchte ich meine Tochter so bald als mglich wieder um mich
haben.
    Nach Deinem Sohn fragst Du nichts; ob Malte krank oder gesund ist, das
kmmert Dich nicht. Und doch ist es Malte, auf dem alle unsere Hoffnungen ruhen.
Du solltest Gott danken, da Du einen Sohn hast, auf den das Majorat forterben
kann; statt dessen ist es Helene und immer wieder Helene, um die sich bei Dir
Alles dreht.
    Ich danke Gott, da ich einen Sohn habe, und danke Dir, da Du mir einen
Sohn geboren hast, nicht aber deshalb, weil er mein Erbe, sondern weil er mein
Fleisch und Blut ist, das ich lieben kann, wie meine Tochter auch. Was das
Majorat anbetrifft, so kennst Du meine Ansicht darber seit langer Zeit. Ich
verabscheue ein Institut, das nur dazu dient, Zwietracht in der Familie zu sen.
    Der Baron nahm abermals eine Prise, augenscheinlich in der Absicht, sich zu
beruhigen. Doch schien das Mittel diesmal die entgegengesetzte Wirkung zu haben,
denn er fuhr nach dieser Unterbrechung mit noch grerer Heftigkeit fort:
    Weshalb hast Du Deine Tochter durchaus an Felix verheirathen wollen? weil
Felix mglicherweise einmal Majoratsherr wird! Weshalb protegirst Du Felix? weil
er mglicherweise einmal Majoratsherr wird! Weshalb mu ich Felix um mich sehen,
den ich nicht leiden kann, und meine Tochter entbehren, die ich liebe? weil
Felix mglicherweise Majoratsherr wird.
    Wiederhole Dich nicht so oft, lieber Grenwitz, sagte Anna-Maria mit einer
Ruhe, die mit den rothen Flecken auf ihren Wangen und dem stechenden Blick ihrer
groen, grauen Augen nicht recht harmonirte; und ereifere Dich berhaupt nicht
ganz unnthigerweise so sehr; Du wirst Deinen Husten wieder bekommen. Du kannst,
Gott sei Dank, nichts daran ndern. Was aber mich anbetrifft, so erlaube, da
ich anders darber denke und da ich nach dieser Seite hin thue, was ich fr
meine Pflicht halte. Wenn Du gegen Deine Kinder keine Pflichten hast, ich habe
welche. Wenn Du Deine Tochter wo mglich dem ersten besten Abenteurer gbst, der
sie haben will, oder den sie haben will - Du brauchst nicht ungeduldig mit
Deinem kranken Fu zu stampfen und Du wirst Deinen Tabak auf den Teppich
schtten, wenn Du so heftig mit der Dose auf die Lehne klopfst - ich sage, wenn
Dir es gleichgiltig ist, wen Helene heirathet, mir ist es nicht gleich. Ich habe
die Heirath mit Felix befrwortet, nicht aus Eigensinn, den ich andern
berlasse, sondern weil ich die Heirath fr eine gute Partie hielt, fr die
beste, die ein Mdchen ohne Vermgen machen kann. Wie wenig eigensinnig ich bin,
kannst Du schon daraus sehen, da ich seit Felix' Unfall und seit der Doctor ihn
fr schwindschtig hlt, durchaus nicht mehr so sehr fr die Heirath bin. Im
Gegentheil, sobald es sich als sicher herausgestellt haben sollte, da Felix nur
noch kurze Zeit zu leben hat, so werde ich die Erste sein, die ihn fallen lt,
um so mehr, als von ihm nur Schulden zu erben sind.
    Der alte Herr schien durch diesen kaltbltigen Egoismus nichts weniger als
angenehm berhrt. Er hatte, wie schon oft in der letzten Zeit, ein dunkles
Gefhl davon, da seine Gattin eigentlich ein sehr schlechtes Herz habe, und er
seufzte tief.
    Sei wenigstens gut gegen sie, wenn sie heute Morgen uns zu besuchen kommt,
sagte er pltzlich, nachdem er einige Minuten in dumpfem Brten dagesessen
hatte.
    Ich habe noch stets gewut, was ich zu thun habe, antwortete die Baronin,
von ihrer Arbeit aufblickend und die Augenbrauen in die Hhe ziehend; ich werde
es auch in diesem Falle wissen.
    Der Baron war durch diese Versicherung innerlich keineswegs beruhigt. Aber
bevor er fr seine Bedenken die rechten Worte gefunden hatte, ffnete der
Bediente die Thr und meldete:
    Herr und Frau von Barnewitz.
    Haben wir endlich das Vergngen? sagte Anna-Maria, mit dem huldvollen
Lcheln, das sie fr solche Gelegenheiten, stets bereit hatte, den Eintretenden
ein paar Schritte entgegengehend.
    Ganz auf unserer Seite, gnd'ge Frau! rief der Fuchsjger, der Baronin die
magere Hand kssend; ganz auf unserer Seite. Konnten, bei Gott, nicht frher.
Gestern Mittag angekommen; gestern Abend bei Grieben's. Schade, da Sie nicht da
waren; famos, sage ich Ihnen, beinahe so gut amsirt, wie auf der letzten
Treibjagd. Meine Frau hat sich ennuyirt; hatte keinen rechten Anlauf. Leute
ennuyiren sich immer, wenn sie keinen Anlauf haben.
    Sie mssen Karl's Ausdrucksweise entschuldigen, sagte Hortense, bei der
Baronin auf dem Sopha Platz nehmend; er hat in den letzten sechs Wochen fast
ausschlielich mit seinen Reitknechten und Frstern verkehrt.
    Und mit Dir, mein Schatz, nicht zu vergessen! rief Herr von Barnewitz
berlaut lachend. Na, Hortense, brauchst nicht so bs zu werden. Ein Scherz mu
unter Eheleuten erlaubt sein.
    Wie sieht es denn bei uns aus? fragte Anna-Maria, der Unterhaltung eine
andre Wendung zu geben.
    O, es geht; sagte Herr von Barnewitz. Das Winterkorn steht im Allgemeinen
gut; stellenweise haben die Muse Schaden gethan. Der Sommer war gar zu hei.
Ich denke, da die Nsse sie jetzt ein bischen mrbe machen wird. A propos
Nsse, Grenwitz! Wir mssen die Grabenangelegenheit endlich einmal reguliren.
Wir ersaufen sonst, bei Gott, gelegentlich noch alle miteinander. Ich habe vor
einigen Tagen auch mit Oldenburg gesprochen. Er gehrt durch sein Vorwerk Cona
mit zu unserer Feldmark. Er war auch der Meinung, da die Sache wo mglich noch
in diesem Herbst in Angriff genommen werden mte.
    Ei, seit wann bekmmert sich denn der Baron um die Landwirthschaft? Das ist
ja ganz was Neues, sagte Anna-Maria.
    Ganz was Neues, gnd'ge Frau, besttigte Herr von Barnewitz, das
Allerneueste, seitdem er von seiner letzten Reise zurck ist; also ungefhr seit
vierzehn Tagen. Ich glaube, er schnappt nchstens ber.
    Oder heirathet Ihre Cousine Melitta, sagte die Baronin lchelnd.
    Sollte das nicht auf dasselbe herauskommen? warf Hortense dazwischen.
    Aber, liebe Hortense, wer wird so satyrisch sein! sagte die Baronin, der
spottschtigen Blondine schalkhaft mit dem Zeigefinger drohend.
    Bist eiferschtig, Schatz; bist eiferschtig! rief Herr von Barnewitz; hast
ihr stets ihre Pousseurs beneidet, weil sie immer an jedem Finger einen hatte!
    Es ist eine rechte Kunst, von den Herren gefeiert zu werden, wenn man kein
Mittel der Koketterie unbenutzt lt, sagte Hortense, ihre Mantille so weit
fallend lassend, da ihre weien Schultern zum Vorschein kamen.
    Na, so schlimm ist sie nun auch nicht, meinte der Gatte.
    Hortense zuckte die weien Schultern.
    Schlimm ist ein relativer Begriff. Melitta hat in ihrem Leben so viel Anla
zum Skandal gegeben, da man es bei ihr allerdings nicht so genau nimmt.
    Dasselbe drfte aber auch bei Baron Oldenburg der Fall sein, meinte
Anna-Maria.
    Mglich, sagte Hortense; ich kenne Oldenburg nicht nher -
    Hier mute der Fuchsjger nothwendig sein Taschentuch ziehen und sich mit
groem Gerusch schnuzen.
    Nicht nher, wiederholte Hortense, die irgend eine mysterise Verbindung
zwischen ihren Worten und dem Schnuzen ihres Gemahls entdecken mute, mit
Nachdruck: aber wenn er sich ber Melitta's letzte Affaire wegsetzen kann, so
mu er allerdings - viel vertragen knnen.
    Letzte Affaire? sagte Anna-Maria, ihre Augenbrauen in die Hhe ziehend; ei,
ei! das ist ja das Erste, was ich hre. -
    Geschwtz, gnd'ge Frau, Geschwtz; sagte Barnewitz, der sich erinnerte, da
Melitta seine leibliche Cousine sei, und da er als Junge von siebzehn Jahren
das schne zwlfjhrige Mdchen angebetet hatte; nichts als Geschwtz von
einigen alten Kathenweibern.
    
    Alte Kathenweiber haben oft noch recht unbequem scharfe Augen, bemerkte
Hortense mit einem aufmerksamen Blick nach den Stuck-Ornamenten der Zimmerdecke.
    Sie machen mich in der That neugierig, sagte Anna-Maria, sich in ihrer
Sophaecke zurechtrckend.
    Es ist dummes Zeug, gnd'ge Frau, ich versichere Sie, sagte Barnewitz
rgerlich. Ein paar alte Weiber aus unserm Dorfe, die Nachts im Berkower Forst
Holz stahlen - ich wte sonst nicht, was sie um die Zeit da zu thun htten -
erzhlen, da Melitta in ihrem Waldhuschen heimliche Zusammenknfte mit Gott
wei wem? gehabt hat.
    Das ist ja eine sehr pikante Geschichte, sagte Anna-Maria.
    Ja, und sie wird noch dadurch pikanter, sagte Hortense, die unverwandt die
Augen nach der Decke gerichtet hielt, da der glckliche Gott wei wer? stets
auf dem Wege von Grenwitz gekommen ist und sich auf demselben Wege wieder
entfernt hat.
    Anna-Maria's Augen wurden bei dieser Nachricht so gro, wie sie berhaupt
werden konnten.
    Wann soll dies geschehen sein? fragte sie streng. Ich will nicht hoffen -
    O, beunruhigen Sie sich nicht! unterbrach sie Hortense; Felix ist erst sehr
viel spter gekommen. Es war um die Zeit, als wir den Ball gaben und Oldenburg,
der mit Karl die Tischzettel vertheilte, meine Cousine von Ihrem Doctor Stein zu
Tisch fhren lie und ihn hernach in seinem Wagen nach Hause brachte; - eine
rhrende Aufmerksamkeit, die in diesem Fall etwas unwiderstehlich Komisches hat;
ebenso wie die Wrme, mit der sich Oldenburg hernach Herrn Stein's annahm, als
ihr Neffe Felix die fatale Geschichte mit ihm hatte! O, es ist wirklich zu
lustig! Aber das mu man meiner Cousine lassen, sie versteht's unter ihren -
Freunden Freundschaft zu stiften.
    Der alte Baron hatte whrend dieser Unterhaltung schweigend und, wie es
schien, vollkommen theilnahmlos dagesessen. Um so mehr berraschte die
Heftigkeit, mit der jetzt, den grauen Kopf unwillig schttelnd, sagte:
    Frau von Berkow ist eine liebe Dame, die ich schtze; Baron Oldenburg ist
ein Ehrenmann; ich habe ihn stets und krzlich, als ich in wichtigen Geschften
mit ihm zu thun hatte, als solchen kennen gelernt. Es thut mir weh, meine
Herrschaften, da ich Sie in dieser harten und lieblosen Weise sprechen hre -
sehr weh! sehr weh!
    Und der alte Mann zitterte vor innerer Erregung so, da er die Prise, die er
zwischen den Fingern hatte, kaum zur Nase fhren konnte.
    Von Barnewitz nickte mit dem Kopfe, als ob er sagen wollte: der Alte hat so
Unrecht nicht; aber Hortense war nicht in der Laune, die verdiente
Zurechtweisung geduldig hinzunehmen.
    Lassen Sie sich das nicht so unlieb sein, Herr Baron, erwiderte sie
hhnisch; Sie wissen, da der Name dieses Herrn Stein auch noch sonst eine
gewisse Berhmtheit in der Chronik dieses Sommers erlangt hat. Je fter man
denselben also mit meiner Cousine zusammennennt, desto seltener kann man ihn mit
den Namen anderer Damen in Verbindung bringen.
    Es war ein Glck fr den alten Herrn, da er diese auf Helene gemnzte
Anspielung nicht verstand, da es ihm nie auch nur im entferntesten in den Sinn
gekommen war, seine Tochter habe zu dem Streit zwischen Oswald und Felix die
Veranlassung gegeben.
    Indessen mochte Hortense doch fhlen, da sie zu weit gegangen sei. Sie
beeilte sich deshalb zu bemerken, es sei schon sehr spt, und wollte sich eben
zum Fortgehen erheben, als ein neuer Besuch gemeldet wurde, der zum Bleiben
zwang. Es sollte Niemand als Hortense von Barnewitz sagen, da sie einer
Nebenbuhlerin das Feld gerumt habe. Und das war in mehr als einer Hinsicht
Emilie von Cloten, die so eben ihrem Gatten voran in den Salon rauschte.
    Emilie war seit vierzehn Tagen verheirathet. Sie hatte es vorgezogen, keine
lngere Hochzeitsreise zu machen, als von dem Gute ihrer Eltern, wo die
Vermhlung stattgefunden hatte, nach Grnwald. Sie wollte den Anfang der Saison
nicht versumen. Sie durstete, auf dem Schauplatz ihrer nchsten Triumphe zu
erscheinen, um von vornherein jede Concurrenz unmglich zu machen. Emilie von
Breesen wollte nicht umsonst Frau von Cloten geworden sein, nicht umsonst die
Frau eines Mannes, mit dem sie sich in einer eiferschtigen Laune verlobt, den
sie aus purer Caprice geheirathet hatte.
    Der Erfolg den sie auf den ersten Bllen dieser Saison gehabt, entsprach
ihren khnsten Hoffnungen. Sie sah die Mnnerwelt zu ihren Fen, und das
Bewutsein der Macht ihrer Reize war ein vortreffliches Relief ihrer koketten
Schnheit. Siegesgewiheit strahlte aus ihren mandelfrmigen, grauen Augen,
Siegesgewiheit lchelte schalkhaft aus den Grbchen ihrer rosigen Wangen;
Siegesgewiheit verkndete selbst das Rauschen ihres langen, seidenen Kleides
und das Winken und Nicken der weien Strauenfeder auf dem reizenden Htchen von
schwarzem Sammet, unter dem das hellbraune glnzende Haar in ppigen Flechten
hervorquoll.
    Herr von Cloten seinerseits schien schon angefangen zu haben, das hohe
Glck, der Gemahl einer so glnzenden Dame zu sein, einigermaen problematisch
zu finden. Er hatte um die Augen herum ein ganz klein wenig von dem Ausdruck
einer Truthenne, die sich Wochenlang ber der Hoffnung des Glcks, dermaleinst
junge, anstndige Truthhner auf dem Hofe spazieren fhren zu knnen, halb
bldsinnig gesessen und getrumt hat, und nun pltzlich ihre Brut als wilde,
bermthige Entlein auf den Teich hinausschwimmen sieht. Wer ihn frher gekannt
hatte, mute die Bemerkung machen, da er seinen blonden Schnurrbart weniger
hufig drehte und seine Stimme nicht mehr ganz so selbstgefllig schnarrte.
Vielleicht trug zu dieser sichtlichen Verstimmung auch die unerwartete und
jedenfalls unerwnschte Begegnung mit seiner treulos und etwas feig verlassenen
Geliebten bei, wie umgekehrt dieser selbe Umstand die gute Laune der jungen Frau
noch wesentlich zu erhhen schien. Hatte sie doch das angenehme Bewutsein,
Hortense gestern Abend vollstndig verdunkelt zu haben; weshalb sollte sie jetzt
bei dem Anblick ihrer Nebenbuhlerin etwas Anderes als innige Freude empfinden?
sie mit allen Zeichen herzlichster Freundschaft bewillkommnen und theilnehmend
fragen, ob sie ihre Kopfschmerzen von gestern Abend verschlafen habe?
    Wie schade, liebe Barnewitz, da Ihre Migrne Sie zwang, vor dem Cotillon
wegzugehen. Ich versichere Sie, es war der reizendste Cotillon, den ich je
mitgebracht habe. Frst Waldernberg - Sie wissen, da ich mit dem Frsten den
Cotillon auffhrte - Max Grieben hatte uns dringend darum gebeten - kannte eine
Menge der reizendsten Touren, wie sie auf den Hofbllen in Berlin getanzt
werden. Ich sage Ihnen, ein solcher Cotillon ist in Grnwald noch nicht getanzt.
Nicht wahr, Arthur, es war zu allerliebst!
    O gewi, gewi! schnarrte der gehorsame Gatte, der mit der verwachsenen
Comtesse Stilow hatte tanzen mssen; ich versichere Sie, meine Herrschaften, es
war gottvoll, auf Ehre, gottvoll!
    Mir schien die Gesellschaft, offen gestanden, ein wenig gemischt, sagte
Hortense, die seit Emiliens Eintreten noch um einige Grade blasirter aussah; ich
habe nicht weniger als vier, sage vier, brgerliche Artillerie-Offiziere
gezhlt.
    Gott, das ist wohl mglich, sagte Emilie; obgleich ich allerdings keine Zeit
gehabt habe, sie zu zhlen. Ich habe sogar mit einem getanzt - Schulz oder
Mller, oder wie er hie, der nebenbei so ausgezeichnet walzte, wie man es sich
nur wnschen kann.
    Aber, liebe Emilie, konnten Sie denn das nicht vermeiden? fragte Hortense,
ihre Mantille in die Hhe ziehend.
    Ganz dieselbe Frage, die Frst Waldernberg an mich stellte. Durchlaucht,
antwortete ich, ich schwrme gerade auch nicht fr die Artillerie; aber ich
tanze doch noch lieber mit einem Brgerlichen, als da ich sitzen bleibe.
    Die Erwhnung eines Unglcks, welches Hortense gestern Abend zweimal
begegnet war, versetzte die genannte Dame in eine Aufregung, welche die zarte
Rosaschminke auf ihren Wangen vollstndig berflssig machte. Sie wollte eben
die Thorheit begehen, durch eine heftige Antwort zu verrathen, wie sicher sie
der von Emilien geschleuderte vergiftete Pfeil getroffen hatte, als der Bediente
Herr und Frau Professor Jger meldete.
    Der Mann war so wohl geschult, da er diesmal nicht, wie sonst, die
Gemeldeten sogleich in's Zimmer lie, sondern die Thr hinter sich schlo und,
der weiteren Befehle seiner Herrschaft gewrtig, kerzengrade an derselben stehen
blieb.
    Sie erlauben, meine Herrschaften, sagte Anna-Maria in entschuldigendem Tone,
zu der brigen Gesellschaft gewandt, da ich Herrn und Frau Professor Jger
empfange? Die Leute haben sich stets treugesinnt und ihrer Stellung bewut
gezeigt. Ich halte es fr unsere Pflicht, dergleichen Menschen zu protegiren.
    Auf einen Wink der Gebieterin entfernte sich der Bediente, und alsobald
erschienen der Fragmentist und die Dichterin, unter tiefen Verbeugungen, die von
der adligen Gesellschaft mit kaum merklichem Kopfnicken erwidert wurden. Nur der
alte Baron erhob sich, schttelte Beiden die Hand und hie sie in seiner
ungeschminkten, herzlichen Weise willkommen.
    Primula blickte etwas verschchtert aus den blauen Kornblumen, mit denen ihr
Hut garnirt war, hervor, whrend der Herausgeber des Chrysophilos mit gekrmmtem
Rcken heran trat, der Baronin die huldvoll dargebotene Hand kte, sich dann
tief vor den beiden anderen Damen, nicht ganz so tief vor den Herren verbeugte,
und sich nach einigem Zgern auf den Rand eines Stuhls, der etwas auerhalb des
Kreises stand, setzte, den Kopf auf die rechte Seite geneigt, harrend, ob Jemand
sich gemigt fhlen wrde, ihn mit einer Frage zu beehren.
    Das Gesprch der Herrschaften drehte sich eben um ein hchst interessantes
Thema, um die Person Sr. Durchlaucht, des Premierlieutenants Frsten
Waldernberg, der vor einigen Wochen von seinem Garderegiment in der Residenz
nach dem in Grnwald garnisonirenden Linienbataillon abcommandirt, und von dem
ersten Augenblick seines Auftretens der Lwe des in der Stadt versammelten
Landadels geworden war.
    Ich mchte nur wissen, weshalb er eigentlich abcommandirt ist, sagte von
Cloten. Felix, mit dem ich gestern ber ihn sprach -  propos, gnd'ge Frau, es
ist sehr gut, da Felix das Zimmer htet, er sieht wirklich recht schlecht aus;
- Felix meint, der Frst werde wohl wieder einen Ehrenhandel gehabt haben; er
soll der leidenschaftliche Mensch sein, der sich denken lt.
    Gott, Arthur, sagte Emilie, Du sprichst, als ob Leidenschaft ein Verbrechen
wre; ich wollte, es htte Mancher mehr davon.
    Sind die Waldernbergs nicht slavischer Abkunft? fragte Hortense; mir ducht,
der Frst sieht wie ein Mongole aus.
    O, Sie haben ihn nicht wie ich in der Nhe betrachtet, liebe Barnewitz,
sagte Emilie; er ist einer der schnsten Mnner, die ich je gesehen habe, und er
tanzt wie ein Gott.
    Ich glaube, da die Waldernbergs eine ursprnglich polnische Familie sind,
meinte Anna-Maria.
    Bewahre, gnd'ge Frau! rief von Cloten, rein germanisch, auf Ehre, rein
germanisch.
    Ich bin berzeugt, da uns Professor Jger darber etwas Genaueres
mittheilen kann, sagte die Baronin, sich mit huldvollem Lcheln zu dem Gelehrten
wendend.
    Allerdings, meine Gndigste; rief dieser, froh, eine Gelegenheit zum
Auskramen seines Wissens gefunden zu haben; allerdings, es hat mir stets bei
meinen historischen Studien ein ganz besonderes Vergngen gewhrt, den
Genealogien der adligen Geschlechter nachzuforschen, und so habe ich denn auch
der Geschichte der Familie Waldernberg, die in vieler Hinsicht eine sehr
interessante ist, eine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Die Waldernbergs
sind, wenn meine Gndigste mir diese Berichtigung verstatten will, in der That
rein germanischer Abkunft. Sie stammen ursprnglich aus Franken und sind erst
mit dem deutschen Orden nach Preuen gekommen. In spterer Zeit haben sie sich
allerdings mit polnischen adligen Familien vielfach verschwgert, wie sie denn
auer in der Lausitz, wo die Stammherrschaft Waldernberg liegt, in russisch
Polen reich begtert sind. Auch der jetzige Frst hat Beides, sarmatisches und
germanisches Blut in seinen Adern. Seine Mutter, die Frau Frstin Stephanie
Letbus aus dem Hause Waldernberg vermhlte sich im Jahre
achtzehnhundertzweiundzwanzig in Petersburg, wo sie seit ihrer frhesten Jugend
residirt hatte - ich erwhnte schon vorhin, da ein Theil der Besitzungen in
Ruland liegt - mit dem Grafen Constantin Malikowsky, dem letzten Sprossen einer
ehemals sehr reichen und mchtigen, spter aber verarmten polnischen Familie.
Der Kaiser Alexander, der, wie man sagt, nach beiden Seiten hin Verpflichtungen
hatte, (hier lchelte der Professor ein schchternes Lcheln) sowohl gegen die
junge Frstin, die Hofdame bei der Kaiserin war, und sehr schn gewesen sein
soll, als auch gegen den Grafen, dessen Familie hauptschlich durch russische
Gterconfiscationen ruinirt war, soll die Heirath zu Stande gebracht haben,
obgleich der Ruf des Grafen - die gndigen Herrschaften verzeihen die
Wahrhaftigkeit des historischen Forschers - einigermaen, wie soll ich gleich
sagen? anrchig war. Cavaliere mssen sich austoben - das versteht sich; aber
Graf Malikowsky hat es vermuthlich ein wenig zu arg getrieben. Wie dem auch sei
- aus der Ehe des Grafen Constantin Malikowsky mit der Frstin Stephanie Letbus
stammt der Frst, der bis vor wenigen Jahren in russischen Diensten stand, dann,
als mit dem letzten Frsten Waldernberg der Mannesstamm der Familie ausstarb und
die Herrschaft Waldernberg als erledigtes Lehen an die Krone fiel, durch die
Gnade seiner Majestt successionsfhig erklrt wurde und als gefrsteter Graf
von Malikowsky-Waldernberg - sein ganzer Name ist, wie den gndigen Herrschaften
vielleicht noch nicht bekannt ist: Raimund, Gregorius, Stephan, gefrsteter Graf
von Malikowsky-Waldernberg, Erbherr von Letbus - in unsere Dienste trat.
    Die Gesellschaft war mit der tiefsten Aufmerksamkeit dem genealogischen
Vortrag des gelehrten Professors gefolgt, mit derselben Aufmerksamkeit ungefhr,
mit welcher eine Gesellschaft gewhnlicher Krhen dem Bericht einer Eule ber
die Abstammung eines Kolkraben, der von einem Flgelende bis zum andern fnf
Schuh mit, zuhren wrde. In das andchtige Schweigen ertnte urpltzlich die
Stimme des Bedienten, der die Thr aufri und in das Zimmer schrie:
    Sr. Durchlaucht, der Frst von Waldernberg.
    Die Meldung des Bedienten elektrisirte die im Salon versammelte
Gesellschaft. Im nchsten Augenblick standen Alle ohne Ausnahme kerzengrade vor
ihren Sthlen, die erwartungsvollen Blicke starr nach der Thr gerichtet, durch
deren weit ausgesperrte Flgel der Frst so rasch hereintrat, da Anna-Maria ihm
nicht ganz die drei Schritte, welche die Etiquette erheischte, sondern nur einen
und einen halben vom Sopha aus entgegen gehen konnte.
    Sie haben die Gte gehabt, Madame, sagte der Frst im reinsten Franzsisch,
indem er der Baronin leicht die Hand kte, mir mit einer Einladung
zuvorgekommen, bevor ich Gelegenheit hatte, mich dieser Aufmerksamkeit wrdig zu
machen. Verstatten Sie mir, da ich versuche, das Versumte nachzuholen.
    Ein Versuch, mein Frst, antwortete Anna-Maria mit ihrem huldvollsten
Lcheln, ebenfalls auf franzsisch, der bei einem Cavalier, wie Sie, des
Erfolges sicher ist. Erlauben Sie, da ich Ihnen die Gesellschaft vorstelle. -
Der Baron, mein Gemahl - Herr und Frau von Barnewitz - Herr und Frau von Cloten
-
    Ich habe bereits die Ehre - sagte der Frst lchelnd.
    
    Professor Jger - ein vortrefflicher Gelehrter und treuer Freund unseres
Hauses; Frau Professor Jger, eine Dame, deren poetisches Talent Aufmunterung
verdient.
    Der Frst verbeugte sich gegen jede der ihm vorgestellten Personen mit Wrde
und Hflichkeit, und gab, indem er neben Anna-Maria auf einem Lehnsessel Platz
nahm, das Signal zum Niedersitzen.
    Der Frst und die Baronin nahmen die Kosten der Unterhaltung im Anfang fast
ausschlielich auf sich, bis es Hortense gelang, sich durch eine dazwischen
geworfene Bemerkung des Wortes zu bemchtigen und es eine Zeit lang zu
behaupten, zum grten Aerger Emiliens, die ihrer Gegnerin diesen Triumph
unbestritten lassen mute, da sie sehr mangelhaft franzsisch sprach und der
rapiden Rede der Nebenbuhlerin kaum zu folgen vermochte. Hortense, welche
Emiliens Schwche kannte, trieb die Bosheit sogar so weit, sich alle Augenblicke
mit einem qu'en dites vous, chre amie? n'est ce pas, Emilie! an sie zu wenden
und sie so zu Antworten zu zwingen, die mindestens in der Form sehr viel zu
wnschen lieen. Der ltern der beiden Damen gewhrte dieser Triumph ber ihre
jngere Rivalin ein Vergngen, das sich zum Entzcken steigerte, als der Frst
Emilie zuletzt kaum noch beachtete und sich ganz dem Reiz von Hortense's
pikanter Unterhaltung hingab.
    Indessen war Emilie zu keck und leichtsinnig, um sich durch eine momentane
Niederlage um ihren guten Humor bringen zu lassen. Der Frst war, obgleich sie
ihn vorhin, ihre Nebenbuhlerin zu rgern, so gerhmt hatte, gar nicht nach ihrem
Geschmack, und wenn er nicht, wie er es gestern den ganzen Abend gethan, deutsch
mit ihr sprechen wollte, so mochte er es bleiben lassen. Sie hatte schon whrend
der ganzen Visite eine Gelegenheit erspht, mit Frau Professor Jger in's
Gesprch zu kommen, von der sie vermuthete, da sie ihr Nachricht von Oswald,
den sie seit dem letzten Zusammentreffen neulich Abend nicht wieder gesehen
hatte, geben knne. So benutzte sie denn jetzt den gnstigsten Augenblick, wo
der Frst sich mit Hortense und der Baronin, der Baron mit dem Professor, und
von Barnewitz mit ihrem Gemahl unterhielt, um sich bei Primula nach dem jungen
Manne, der im Sommer bei Grenwitzens Hauslehrer war, Fels glaube ich, oder Berg,
oder wie er sonst hie, zu erkundigen, da eine ihr bekannte Familie einen
Erzieher suche. Emilie hatte sich nicht geirrt; Primula konnte ber Herrn Stein
- nicht Fels, obgleich er ein Felsenherz hat, nicht Berg, obgleich er berghoch
ber anderen Mnnern steht, - ganz genaue Auskunft geben. Er komme fast alle
Tage zu ihr (Oswald war einmal dagewesen); er sei wie ein Kind im Hause und ihr
in treuer Freundschaft ebenso verbunden, wie im gleichen Streben nach dem
Hchsten. Sie glaube freilich nicht, da Oswald jetzt eine Stelle annehmen
werde, da er in den dumpfen Banden der Schule schmachte, indessen sie wolle
ihm das Anerbieten mittheilen.
    Thun Sie das lieber nicht, beste Frau Professor, sagte Emilie nach kurzem
Bedenken; Sie wissen, da Herr Stein - wie konnt' ich doch den Namen vergessen!
- nicht ganz friedlich aus unserem Kreise geschieden ist. Er mchte das
Anerbieten, wenn es ihm so gebracht wird, ohne weiteres zurckweisen. Knnen Sie
nicht - wie machen wir das nur? - ja! so geht's! Knnen Sie es nicht so
einrichten, liebe Frau Professor, da ich, wie zufllig, einmal mit Herrn Stein
bei Ihnen zusammentreffe! Ich habe so schon lange den Wunsch gehabt, einmal den
Arbeitstisch der Dichterin der Kornblumen zu sehen!
    Sie entzcken mich durch Ihre Gte, rief Primula, ich kann nur, wenn Sie
wirklich in meine einfache Htte treten wollen, mit dem Zeus der getheilten Erde
sprechen: so oft Du kommst, sie soll Dir offen sein.
    Emilie war so in dies interessante Gesprch vertieft, da sie ihr Gemahl
daran erinnern mute, die Gesellschaft sei im Begriff aufzubrechen. Der Frst
hatte sich erhoben; die Andern waren seinem Beispiel gefolgt.
    Madame, sagte der Prinz, j'ai l'honneur - das Wort erstarb ihm auf den
Lippen, denn ihm gegenber in einem hohen Wandspiegel erschien pltzlich die
Gestalt eines wunderschnen Mdchens, das eben, ohne vom Bedienten angemeldet zu
werden, in den Salon getreten war. Er wandte sich fast erschrocken und nun trat
mit einer tiefen Verbeugung bei Seite, der jungen Dame Platz zu geben, damit sie
zur Baronin gelangen knnte.
    Die Allen, mit Ausnahme des Barons und der Baronin unerwartete Erscheinung
Helenens berraschte und interessirte Jeden in seiner Weise. Nur der Frst, der
sie heut zum ersten Male sah, wute nichts von dem Zwist, in der Familie; fr
die Andern war die Grenwitzer Katastrophe schon seit Wochen ein mit Eifer,
Grndlichkeit und Scharfsinn nach allen Seiten hin ventilirtes Thema der
Unterhaltung gewesen; und in Folge dessen diese erste Begegnung der Tochter und
der Eltern das fesselndste Schauspiel. Indessen, wenn man etwas
Auerordentliches erwartet hatte, so sah man sich getuscht. Der Baron, der
Helene entgegen gegangen war und sie auf die Stirn gekt hatte, verrieth
allerdings einige Erregung; aber Mutter und Tochter begrten sich mit einer
hflichen Klte, die der Neugier und Skandalsucht der versammelten
Geberdenspher und Geschichtentrger sehr wenig Stoff bot.
    Ah, guten Tag, liebes Kind, sagte die Baronin auf franzsisch, Helenen
ebenfalls, aber sehr flchtig auf die Stirn kssend, Du kommst ja zu recht
gelegener Zeit. Erlauben Sie, mein Frst, da ich Ihnen meine Tochter Helene
prsentire. - Seine Durchlaucht, der Frst von Waldernberg, liebe Tochter.
    Helene erwiderte ruhig die tiefe Verbeugung des Frsten, und wandte sich
dann zu Emilie von Cloten, von der sie mit groer Herzlichkeit bewillkommnet
wurde. Emiliens schnellem Blick war der Eindruck nicht entgangen, welche die
hinreiende Schnheit Helenens auf den Frsten gemacht hatte. Mochte doch der
Frst bewundern, wen er wollte, wenn nur Hortense um ihren Triumph kam.
    O, wie reizend, rief sie, Helene umarmend, da Du Dich einmal sehen lt.
Ich wollte schon alle Tage zu Dir kommen; wir haben uns ja eine Welt zu
erzhlen! Und sie fate die Freundin bei beiden Hnden und zog sie ein paar
Schritte fort, um mit leiserer Stimme zu sagen: Du, der Frst ist weg,
totalement weg! er verwendet keins seiner schwarzen Augen von Dir. Wenn Du ihn
haben willst, ich will ihn Dir lassen. Er tanzt sehr schn, aber er ist nicht
mein Genre. Muntre ihn ein wenig auf; die Barnewitz rgert sich so darber!
Denke Dir, die alte Kokette will noch immer die erste Rolle spielen, trotzdem
sie sich jetzt selbst die Adern blau schminkt und gestern bei Griebens zweimal
sitzen geblieben ist. Wie geht es Dir bei der Brin? und  propos: hast Du
nichts von Oswald Stein gehrt? Gott, ich werde den Abend bei Euch nicht
vergessen! Wir kamen mit unserer Warnung zu spt, aber er hat sich gut
herausgerissen. Selbst Arthur sagt, er habe sich ganz wie ein Cavalier gehalten.
Dreh' Dich nicht um, der Frst kommt hierher. Er wird Dich auf morgen zum ersten
Walzer engagiren wollen. Er tanzt trotz seiner Hnengestalt wundervoll.
    Die schlaue Emilie hatte ganz recht gehabt. Der Frst hatte in der That,
whrend er sich noch immer mit der Baronin unterhielt, fortwhrend nach Helene
hinbergeblickt und so zerstreut geantwortet, wie Jemand, dessen Gedanken ganz
wo anders sind, zu antworten pflegt. Pltzlich unterbrach er eine glnzende
Phrase Anna-Maria's mit der Frage, ob morgen getanzt wrde? und ob er in diesem
Falle die Erlaubni habe, Frulein von Grenwitz um einen Tanz zu bitten? Als
beide Fragen mit einem huldvollen oui, monseigneur! beantwortet wurden, trat er
mit einer Verbeugung zu den jungen Damen heran.
    Ich bitte um Verzeihung, sagte er auf Deutsch, wenn ich die Damen in Ihrer
Unterhaltung stre. Aber ich kann nicht fortgehen, ohne wenigstens den Versuch
gemacht zu haben, mich fr morgen eines Tanzes zu versichern. Darf ich hoffen,
gndige Frau? werde ich die Ehre haben, mein gndiges Frulein?
    Emilie und Helene verneigten sich, und der Frst verabschiedete sich darauf
mit einer Eile, die deutlich bewies, da ihn nur die Erledigung dieses wichtigen
Punktes noch gehalten hatte.
    Der Ausbruch Seiner Durchlaucht war fr die brige Gesellschaft, welche nur
darauf gewartet hatte, das Signal, sich ebenfalls zu verabschieden, zu groer
Zufriedenheit der Kutscher und Bedienten unten auf der Strae, die, ebenso wie
ihre Pferde, anfingen, nachgerade ungeduldig zu werden.
    Die Equipagen waren davongerollt. Das Empfangszimmer im Hotel war wieder
leer bis auf den Baron und die Baronin; Helenen hatten Clotens in ihrem Wagen
mitgenommen. Der unterbrochene Dialog konnte wieder aufgenommen werden. Aber es
geschah nicht. Der alte Mann fhlte sich zu angegriffen, und bei Anna-Maria war
die Frage: ob Helene in der Pension bleiben solle, oder nicht? in ein ganz neues
Stadium getreten, seitdem - und das war seit zehn Minuten ungefhr - ihrem
ehrgeizigen Kopfe der Gedanke gekommen war, ob es nicht doch, Alles in Allem,
besser sei, sich wieder mit ihrer Tochter zu vershnen, die mindestens
ebensoviel und vielleicht mehr Aussicht habe, als eine andere junge Dame,
Frstin von Waldernberg-Malikowsky, Grfin von Letbus zu werden.

                           Zweiundzwanzigstes Capitel


Franz hatte als einer der Vertreter des Geheimraths in seiner rztlichen Praxis
- einen andern Theil hatte ein College bernommen - whrend der nchsten Wochen
vollauf zu thun. Schwerer aber als seine Berufsgeschfte lasteten auf ihm die
Ordnung der Geschftsverhltnisse seines Schwiegervaters, die uerst
verwickelter Natur waren. Es stellte sich nach und nach heraus, da die Schulden
des Geheimraths keineswegs so bedeutend sein wrden, wenn es mglich wre, das
Geld, welches er berall ausstehen hatte, wieder zu bekommen. Aber darauf war in
den wenigsten Fllen zu rechnen. Die Schuldner des Geheimraths wohnten meistens
in Dachkammern und Kellerwohnungen; es waren Krppel, und Lahme, mit Gebrechen
aller Art Behaftete, sehr hufig Waisen und Wittwen; nicht minder hufig aber
auch schlechte Subjecte, welche die wohlbekannte Liberalitt des Geheimraths auf
schnde Weise gemibraucht hatten. Welche unerhrte und ach! so vergebliche
Anstrengungen hatte dieser Mann gemacht, das Danaidenfa des Proletariats zu
fllen! mit welchem Eifer sich zum armen Manne gemacht, um die Armuth rings um
sich her zu vertilgen, dem fabelhaften Pelikane gleich, der seine Jungen mit dem
eigenen Blute tzt! In welche Verlegenheiten hatte er sich gestrzt, um Andere
aus der Verlegenheit zu reien! wie oft sich um den Schlaf gebracht, damit sein
Nachbar ruhig schlafen knne! um anderer Leute Schulden zu bezahlen, sich selbst
zu Wucherzinsen Geld geborgt; um anderen Leuten in ihrem Geschft weiter zu
helfen, sich in Speculationen eingelassen, von denen er nichts verstand, die
aber, wenn man den Unternehmern glaubte, einschlagen und hundertfache Procente
bringen muten und die natrlich nie einschlugen und dem leichtglubigen,
gutmthigen Geheimrath neue und immer neue Verbindlichkeiten aufluden.
    In diesem Wust von mehr oder weniger unklaren Verhltnissen sich zurecht zu
finden, und in jedem Falle zu entscheiden, was fr den Augenblick und in Zukunft
dabei zu thun war, htte einem gewiegten Advokaten schwer fallen mssen,
geschweige denn Franz, der in solchen Geschften natrlich wenig bewandert war.
Aber die Liebe verlieh ihm hundertfache Kraft und schrfte sein natrliches
Zartgefhl in dem eigenthmlichen Verhltni zu seinem Schwiegervater, wo er
fortwhrend zu ermuthigen, zu beschwichtigen, zu berreden hatte. Wrde ich mich
doch keinen Augenblick besinnen, sagte er dann wohl, Ihnen in's Wasser
nachzuspringen, wenn ich Sie in der Gefahr des Ertrinkens she; und wrden Sie,
und wrde doch Jeder, das, Alles in Allem, natrlich finden. Jetzt, wo Sie in
einer Gefahr sind, die fr Manche etwas viel Grlicheres hat, als die
Todesgefahr - denn ihr zu entrinnen, strzen sich viele unbedenklich in den Tod
- riskire ich fr Sie, nicht etwa mein Leben, das Sie mir nicht wieder schaffen
- nein, nur ein paar tausend Thaler, die Sie mir, wenn Sie gesund werden, wozu
ja jetzt die schnste Hffnung ist, jeder Zeit zurckerstatten knnen, und an
denen, wenn sie wirklich verloren gingen, auch weiter nichts gelegen ist.
    So suchte Franz dem Schwiegervater ber manche trbe Stunde wegzuhelfen, in
welcher das Gefhl der Krankheit und das Bewutsein seiner Lage gar zu schwer
auf seiner Seele lastete. Franz hoffte, da die vortreffliche Natur des Mannes
das Uebrige thun wrde. In der That hatte der Geheimrath kaum die Ueberzeugung
gewonnen, da - Dank der umsichtigen, energischen Hlfe seines Schwiegersohnes -
auch wenn er sogleich sterben sollte, auf seinem Namen keine Unehre haften
bleiben wrde, als er sich aller Sterbegedanken entschlug und an nichts dachte,
als daran, sobald als mglich wieder gesund zu werden; nicht ganz gesund, sagte
er, denn das werde ich nicht wieder, aber halb gesund oder zwei Drittel, gerade
gesund genug, um das Heu, das jetzt na auf dem Schwaden liegt, trocken auf den
Boden bringen zu knnen. Ich fhl' es jetzt, ich habe noch ein paar Abendstunden
vor mir; ich will sie gut benutzen. Sie sollen mir, lieber Franz, auer Ihrem
baaren Gelde nicht auch noch Ihre Zukunft zum Opfer bringen.
    Gerade in dieser Zeit geschah es, da ein berhmter Universittslehrer in
der Residenz durch eine Monographie ber Typhus, die Franz in diesem Sommer
herausgegeben hatte, an einen seiner begabtesten Schler erinnert wurde. Er
schrieb an Franz, um ihm zu diesem Werke, das von seinem durchdringenden
Scharfsinn ebenso rhmliches Zeugni ablege, wie von seiner, bei einem so jungen
Manne staunenswrdigen Gelehrsamkeit, zu gratuliren. - Aber, fuhr der Brief
fort, indem ich Ihnen im Namen der Wissenschaft fr Ihr Buch danke, erlaube ich
mir zugleich, Ihnen einen Vorschlag zu machen, den ich in eben so schleunige wie
ernste Erwgung zu ziehen bitte. Zu Ostern wird die Stelle des ersten
Assistenzarztes an dem hiesigen groen Krankenhause frei. Ich wte unter
unseren jngeren Gelehrten Keinen, dem ich dieselbe so gern anvertrauen wrde,
wie Ihnen. Der Gelehrte verbreitete sich sodann weiter ber die Vortheile, die
fr Franz aus dieser Stellung erwachsen wrden, und schlo mit den Worten: Sie
sehen, es bietet sich Ihnen hier eine Aussicht, die gnstiger nicht gedacht
werden kann. Ich bin, wie sie wissen, ein sehr nchterner Beobachter der
Menschen und Dinge; aber wie die Verhltnisse an unserer Universitt sind, kann
es nicht ausbleiben, da Sie in wenig Jahren zum ordentlichen Professor
avanciren. Ich bin berzeugt, da mein Freund Robran, den ich bestens zu gren
bitte, die Sache ebenso ansehen wird. Sprechen Sie mit ihm darber und antworten
Sie mir mglichst bald.
    Franz hatte geantwortet - aber ohne mit seinem Schwiegervater gesprochen zu
haben. Er hatte das Anerbieten, dessen Vortheile ihm natrlich nicht entgangen
waren, abgelehnt. Die Carrire, in welche man ihn hineinhaben wollte, war,
obgleich sie dem Manne der Wissenschaft die besten Chancen bot und auch
schlielich den weltlichen Ehrgeiz glnzend zu befriedigen versprach, doch fr
die ersten Jahre voraussichtlich nicht nur sehr wenig lucrativ, sondern
erheischte ein unabhngiges, wenn auch kleines Vermgen, das Franz - seit
einigen Tagen nicht mehr besa. Er hatte sich durch seine Gromuth in die Lage
gebracht, in einer Zeit, die er nothwendig noch zu seiner wissenschaftlichen
Fortbildung bedurfte, auf den Gelderwerb bedacht sein zu mssen. Und zu diesem
Zwecke war Grnwald und die Situation, in welcher er sich hier als Schwiegersohn
des gesuchtesten Arztes befand, ausnehmend geeignet. Deshalb - fahr wohl du
glnzende Spiegelung von einem in der Flle geistiger Arbeit und geistigen
Genusses mchtig dahinrauschenden Lebens!

Weg du Traum, so hold du bist,
Hier auch Lieb' und Leben ist.

So trstete sich Franz, whrend er den geliebten Menschen seinen Ehrgeiz, seine
Hoffnungen zum Opfer brachte, und seine grte Sorge war nun die, da diese
geliebten Menschen, vor allem seine Braut, nicht etwas von diesem Opfern
erfhren.
    Diese Sorge schien indessen unnthig. Sophie erklrte sich die Wolken, die
sich auf Franz' Stirn in Augenblicken, wo er sich unbeobachtet glaubte,
lagerten, einfach aus der Ueberlast seiner rztlichen Geschfte, und seine
hufigen langen Zusammenknfte mit dem Vater aus demselben Grunde. Seitdem der
Zustand des Vaters keine directe Bersorgni mehr einflte, war der glckliche
leichte Sinn Sophiens wieder in seine Rechte getreten. Sie besorgte emsig ihre
Aussteuer und klagte gegen Franz in komischer Weise ber den Wirrwarr, der durch
die gleichzeitige Bersorgung so vieler und so verschiedenartiger Dinge in ihrem
Kopf hervorgebracht wrde. Wie sehr wrde die frohe Laune, deren sie sich in
dieser Zeit erfreute, wo sie sich, wie ein singendes, zwitscherndes, flatterndes
Vgelchen, ihr Nest zusammentrug, gestrt worden sein, wenn sie die
Verhandlungen zwischen dem Vater und Franz mit angehrt; wenn sie erfahren
htte, da das Geld, mit dem sie heiteren Muthes die langen Rechnungen bezahlte,
aus Franz' Kasse flo! Ueber den Kummer, bis zu dem Termin ihrer Hochzeit, auf
dessen Innehaltung Franz mit einer bei ihm ganz ungewhnlichen Hartnckigkeit
bestand, nicht fertig zu werden, hatte sie sich mittlerweile getrstet; ja im
Grunde hatte sie das Unglck, mit einigen Dutzend noch nicht gesumter oder
gezeichneter Handtcher, Tischtcher, Servietten, mehr oder weniger ihre
Wirthschaft anzufangen, niemals fr ein so gar groes gehalten.
    So war denn fr Sophie in dieser Sturm- und Drangperiode nichts
empfindlicher, als da der trauliche Cirkel, der sich allabendlich um den Kamin
des Wohnzimmers zu versammeln pflegte, so gut wie gestrt war. Der Vater mute,
obgleich er jetzt jeden Tag lnger aufblieb, doch sehr frh sein Lager
aufsuchen; Franz war oft bis tief in die Nacht hinein in der Stadt, oder hatte
in seiner Wohnung zu arbeiten; auch der Dritte im Bunde, der alte Student, wie
er sich selber nannte, Bemperlein lie sich seit einiger Zeit nicht mehr sehen,
so da Sophie sich endlich selbst auf den Weg gemacht hatte, um ihn in seiner
Wohnung aufzusuchen, da sie nicht anders glaubte, als er sei krank und Franz
habe es ihr aus bertriebener Zrtlichkeit verschwiegen. Aber sie fand den alten
Studenten in seinem Laboratorium, mitten unter Phiolen, Retorten, Bchsen und
Instrumenten - anzuschauen, wenn nicht wie Faust, so doch wenigstens wie Fausts
Famulus - jedenfalls sehr fleiig und beschftigt, aber offenbar nicht
lebensgefhrlich krank. Bemperlein entschuldigte sich mit seinen Arbeiten - eine
sehr complicirte chemische Analyse, bei der er sich nicht unterbrechen drfe -
wie Sophie wohl glauben knne, da er etwas bel genommen habe! er, etwas bel
nehmen! und Sophien bel nehmen! - es sei wirklich nur die Analyse schuld und
zum Beweise werde er noch heute Abend zur gewhnlichen Zeit kommen und die
gewhnliche Zeit dableiben.
    Sophiens blaue Augen konnten, obgleich sie ein wenig kurzsichtig waren, in
der Nhe doch recht scharf sehen, und so war ihnen ein gewisser Schleier von
Verlegenheit, der ber Bemperleins ehrlichem Gesichte hing, whrend er auf die
langweilige Analyse schimpfte, nicht entgangen. Als nun die junge Dame langsam
nach Haus schritt und darber nachdachte, was wohl von Bemperleins Fortbleiben
der eigentliche Grund sein mchte, stie sie, als sie um eine Straenecke bog,
beinahe an einen Herrn, der ihr sehr raschen Schritts entgegenkam.
    Pardon! sagte der Herr, an seinen Hut greifend und weiter eilend.
    Es war Oswald Stein. Er hatte Sophie offenbar nicht erkannt. -
    Diese unerwartete Begegnung gab Sophiens Gedanken pltzlich eine andere
Richtung. Es fiel ihr ein, da Bemperlein nicht wieder in ihrem Hause gewesen
sei, seitdem er Oswald, der eben mit Helenen fortgehen wollte, dort getroffen;
da die Begegnung der beiden Herren sehr kalt, befremdend kalt gewesen war, und
da Bemperlein, ber sein Verhltni mit Oswald gefragt, ausweichend geantwortet
hatte. Hatte Oswald, der seitdem einige Abende auf krzere Zeit, einmal zusammen
mit Helene Grenwitz, dagewesen war, Bemperlein verscheucht? War Bemperlein
eiferschtig?
    Da Sophie von Bemperleins frherem Verhltni zu Oswald nichts wute, so war
es erklrlich, da sie trotz ihres Scharfsinns in ihren Vermuthungen jetzt so
weit am Ziel vorbeischo. Die Wahrheit lag in der That ganz wo anders.
    Wenn Anastasius Bemperlein Jemand, den er einmal hochgeschtzt und innig
geliebt hatte, nicht mehr die Hand zum Gru reichen mochte, so konnte man
versichert sein, da in die Milch seiner Denkungsart ein sehr starkes Gift
getrufelt war. Anastasius Bemperlein hatte Oswald Stein ganz vertraut. Er hatte
ohne Furcht das Glck und das Leben geliebter Menschen in seiner Hand gesehen.
Er hatte all' seine schweren Bedenken gegen eine Verbindung, die so rasch
geschlossen, die auf der so unsicheren Basis gnzlich verschiedener socialer
Stellungen ruhte, bekmpft. Er hatte sich gesagt: das Alles sei ja eitel Tand im
Vergleich mit dem unschtzbaren Werth wahrer Liebe. Ist doch die Liebe strker
als Glaube und Hoffnung; wie sollte sie nicht mchtiger sein, als bornirte
Vorurtheile? - Er war schlielich dahin gelangt, in der Vereinigung Oswald's und
Melitta's einen Sieg der reinen Menschlichkeit ber die Barbarei der
Civilisation, einen Triumph der Wahrheit ber die Lge zu erblicken.
    Aber auch nur auf dieser sittlichen Hhe war das Verhltni gerechtfertigt
und mglich. Sank Einer der Beiden unter das Niveau, so waren Beide verloren.
Bemperlein kannte Frau von Berkow seit sieben Jahren; er wute, da ihr Herz gut
und treu war; Bemperlein kannte Oswald seit eben so viel Wochen, und er glaubte,
da Oswald ihrer werth sei. Er glaubte es, weil - er mute, weil ihm ein Zweifel
an dem Geliebten seiner vielgeliebten Herrin ein Frevel schien.
    Und doch hatte sich dieser Zweifel an ihn herangeschlichen, langsam, leise,
wie sich im Traum ein gruliches Ungeheuer, dem wir vergebens zu entrinnen
suchen, an uns heranwlzt. Er hatte diesen Zweifel bekmpft, bis er nicht lnger
mglich war.
    Melitta war von ihrer zweiten Reise nach Fichtenau, zu welcher Bemperlein
vergeblich seine Begleitung angeboten hatte, zurckgekehrt; aber, nachdem sie
sich eine Stunde in Grnwald aufgehalten, sogleich mit Julius nach Berkow weiter
gereist, ohne nach Bemperlein geschickt zu haben. Bemperlein erfuhr, da sie
dagewesen, erst durch den alten Baumann, der, Julius' Sachen zu ordnen und
andere Commissionen auszurichten, in der Stadt zurckgeblieben war. Bemperlein
hatte mit dem alten Mann niemals ber Oswald gesprochen. Diesmal fing jener
selbst davon an. Er erzhlte, da Herr Stein zu gleicher Zeit mit ihnen in
Fichtenau gewesen, aber, trotzdem er vom Kellner der gndigen Frau Anwesenheit
erfahren, ohne sich ihr vorzustellen, abgereist war. Hier schwieg er,
augenscheinlich um zu hren, wie Bemperlein diese Nachricht aufnehmen wrde. Als
Bemperlein aber nichts weiter, als: so, so! - in der That! darauf erwiderte,
vermochte der Alte nicht lnger an sich zu halten und schttete sein ganzes
volles Herz und damit die volle Schale seines Zornes ber Oswald aus.
    Er habe dem Musj vom ersten Augenblicke an nicht ber den Weg getraut, und
nun sei es ja sonnenklar, da der schlechte Mensch die arme gndige Frau
schndlich betrogen habe. Ueberdies habe er, Jakob Baumann, mit der gndigen
Frau gesprochen, in aller Ehrerbietung, denn er sei nur ein Dienstmann und kenne
seine Stellung, aber auch mit allem Ernst, denn er habe sie als Kind auf den
Armen getragen und sie immer vterlich geliebt, und sie habe ihm gebeichtet, wie
sie's noch stets bei solchen und hnlichen Gelegenheiten gethan, nicht ganz und
nicht halb, aber fr ihn, der sie so genau kenne, wie die Flche seiner Hand,
gerade genug. Und da habe er, Jakob Baumann, groes Verlangen gehabt, den Musj,
der seiner gndigen Frau so mitgespielt, niederzuschieen, wie einen tollen
Hund, und es habe wenig daran gefehlt, so htte er es auch gethan, einmal in
der Nacht auf der Haide zwischen Grenwitz und Faschwitz. Aber jetzt danke er
doch Gott, der seinen Arm zurckgehalten und ihm dies Verbrechen erspart habe,
um so mehr, als er es nicht hat geschehen lassen, da die Geschichte der armen
gndigen Frau das Herz brach, sondern ihr die Augen aufgethan und ihr den Weg
gezeigt hat, auf dem allein fr sie auf Erden Heil zu finden ist. Welches
dieser Weg sei, darber hatte sich der alte Mann nicht weiter ausgelassen,
sondern war aufgestanden und, als wolle er alle weiteren Fragen unmglich
machen, schnell zum Zimmer hinausmarschirt.
    Dies Gesprch, das seine schlimmsten Befrchtungen besttigte, hatte
Bemperlein tief ergriffen und es hatte den peinlichsten Eindruck auf ihn
gemacht, als er noch voll von diesen Empfindungen zu Robrans kam und der Erste,
der ihm dort entgegentrat, - Oswald war.
    Ja, diese Begegnung hatte ihn so peinlich berhrt, und eine mgliche
Wiederholung derselben dnkte ihn so abscheulich, da er ganze acht Tage
brauchte, sich von diesem Schrecken zu erholen, und wer wei, wie lange er noch
gebraucht haben wrde, wenn Sophie nicht gekommen wre und seiner
Unentschlossenheit ein Ende gemacht htte. Und doch hatte ihn in diesen acht
Tagen so nach seiner Freundin verlangt!
    Glcklicherweise traf er Sophie dieses Mal allein, als er nach einer Stunde
im Wohnzimmer erschien. Franz war eben dagewesen und hatte versprochen, spter
wieder zu kommen. Es fiel Sophie auf, da Bemperlein mehrmals fragte: aber wir
werden doch sonst keinen Besuch haben? und sie brachte diese Frage natrlich mit
den Vermuthungen, die sie ber Bemperleins Wegbleiben angestellt hatte, in
Verbindung. So sagte sie denn, nachdem sie Bemperlein, der mit dem Schreisen
unablssig in den Kohlen rhrte, eine Zeitlang schweigend beobachtet hatte:
    Nicht wahr, Bemperchen, der eigentliche Grund, weshalb Sie acht Tage lang
nicht gekommen sind, ist, weil Sie Oswald Stein hier zu begegnen frchteten?
    Wer sagte Ihnen das? fragte Bemperlein, erschrocken in seiner Beschftigung
inne haltend.
    Eine Frage ist keine Antwort, erwiderte Sophie. Nur heraus mit der Sprache,
Bemperchen! Geheimnikrmerei ist im Verkehr mit so klugen Leuten, wie ich, ein
schlecht rentirendes Geschft. Ich wei Alles.
    Was wissen Sie? rief Bemperlein in groer Aufregung von seinem Stuhl in die
Hhe fahrend.
    Aber, Bemperchen! sagte Sophie, wie knnen Sie nur so wenig Rcksicht auf
meine Nerven nehmen! Es wird Einem ja ganz unheimlich, wenn man Sie mit dem
glhenden Eisen in der Hand da stehen sieht, wie den Mann bei Shakespeare.
Beruhigen Sie sich nur wieder! Ich wei gar nichts. Aber Sie wrden mir in der
That einen Gefallen thun, wenn - aber erst setzen Sie sich einmal wieder und
stellen den Schrer aus der Hand! so! - wenn Sie mir in aller Ruhe und
Freundschaft sagten, was Sie eigentlich haben, denn je lnger ich Sie betrachte,
desto vernderter kommen Sie mir vor.
    Frulein Sophie, erwiderte Bemperchen, Sie wissen, man kann selbst gegen
seine vertrautesten Freunde - und ich habe zu Niemand in der weiten Welt
greres Vertrauen, als zu Ihnen - nicht immer ganz offen sein, weil unsere
Geheimnisse in vielen Fllen nicht blos unsere Geheimnisse, sondern auch die
Anderer sind, und insofern von uns heilig gehalten werden mssen.
    Aber, Bemperchen, sagte Sophie, Sie knnen doch unmglich glauben, da ich
mich in Ihre Geheimnisse stehlen will! Ich bin weder so unbescheiden, noch so
neugierig. Lassen wir die Sache ruhen und sprechen wir von was Anderm!
    Nein, nein, rief Herr Bemperlein eifrig, lassen Sie uns davon sprechen! Sie
glauben nicht, wie ich mich danach gesehnt habe, mit Ihnen ber - ber gewisse
Dinge - gewisse Personen - die -
    Herr Bemperlein hatte schon wieder das noch nicht erkaltete Schreisen
ergriffen und strte emsiger, als je in den glhenden Kohlen. Sophie sah diesem
seltsamen Treiben kopfschttelnd zu. Es kam ihr flchtig der Gedanke, Bemperlein
knnte sich bei seiner chemischen Analyse bermig angestrengt und sein Kopf in
Folge dessen etwas gelitten haben.
    Was mein Nichtkommen betrifft, fuhr Bemperlein pltzlich fort, so haben Sie
darin ganz Recht gehabt. Ich bin weggeblieben, weil ich mit Oswald Stein nicht
wieder zusammentreffen wollte.
    Aber, sagte Sophie, Franz hat mir doch gesagt, da Sie und Stein sehr gute
Freunde gewesen wren. Wodurch seid Ihr denn auseinandergekommen?
    Wodurch? antwortete Bemperlein. Ja, Frulein Sophie, das ist es ja eben, was
ich Ihnen so gern sagen mchte und doch nicht sagen darf. Wrden Sie mit Jemand
umgehen, oder vielmehr, wrden Sie nicht Jemand auf alle Weise auszuweichen
suchen, der einen Dritten, den Sie eben so sehr lieben wie verehren, tdtlich
beleidigt hat?
    Gewi, sagte Sophie, denn dann htte er ja mich selbst beleidigt. Aber sind
Sie auch gewi, da die Sache sich wirklich so verhlt? Haben Sie auch beide
Theile gehrt? Was mich betrifft, so bin ich eben nicht sehr entzckt von Herrn
Stein, oder offen gesagt, er mifllt mir desto mehr, je fter ich ihn sehe;
aber Franz, der sonst so klug ist und die Menschen so durchschaut, schwrmt doch
frmlich fr ihn. Wie wre das mglich, wenn Stein ein schlechter Mensch wre?
    Ich habe nicht gesagt, da er schlecht ist, erwiderte Bemperlein, eine groe
Kohle bearbeitend; schlecht ist berhaupt ein relativer Begriff; und was ich
schlecht gehandelt nenne, nennt Herr Stein vielleicht nur leichtsinnig, oder
cavalirement gehandelt oder dergleichen. Ich nenne aber schlecht gehandelt,
wenn Einer -
    Hier unterbrach sich Bemperlein und hieb wiederum auf die groe Kohle los.
    Wie wrden Sie es zum Beispiel nennen - ich spreche hier nicht von Herrn
Stein - wenn Einer einem armen abhngigen verwaisten, hlflosen Mdchen, das
Niemand, Niemand auf der weiten Welt hat, der es schtzen knnte und wrde, so
lange von Liebe vorschwatzt, bis das Mdchen an diese Liebe glaubt, sie zu
heirathen verspricht mit allen heiligen Eiden; und sie dann hernach an einen
Wstling verkauft und verrth, verkaufen, verrathen will - o, es ist schndlich,
schndlich!
    Aber, um Gotteswillen, Bemperchen! hat Oswald so etwas gethan!
    Ich sagte Ihnen schon, ich spreche nicht von Herrn Stein. Es giebt mehr
Cavaliere auf der Welt, von denen Einer dem Andern so hnlich sieht, wie eine
Natter der andern Natter.
    Liebes Bemperchen, bitte, bitte, stellen Sie den Schrer hin - ich kann es
wahrhaftig nicht mehr aushalten. Nehmen Sie diese Schlummerwalze, wenn Sie
durchaus etwas in den Hnden haben mssen.
    Danke! sagte Bemperlein, den Schrer fortstellend und die Walze nehmend, und
darauf, die Walze wie ein Kind im Arm haltend, in Schweigen versinkend.
    Sophie fing jetzt alles Ernstes an, sich ber Bemperleins aufgeregten
Zustand zu beunruhigen. Wie erschrocken war sie aber, als Bemperlein alsbald
wieder aufsprang, das Kissen aus dem Arm auf die Erde fallen lie, mit beiden
Knieen auf dasselbe hinkniete, eine ihrer Hnde mit seinen beiden Hnden ergriff
und das Gesicht tief herabbeugend, in jmmerlichsten Tnen sthnte: O, Frulein
Sophie! Frulein Sophie!
    Um Himmelswillen, Bemperchen, rief die junge Dame, stehen Sie auf! Wenn
Jemand Sie so she - uns so she! -
    Lassen Sie mich! murmelte Herr Bemperlein; ich mu es Ihnen sagen und kann
es Ihnen nicht sagen, wenn Sie mich mit Ihren groen Augen dabei ansehen.
    
    Sophie wute im ersten Augenblicke nicht, ob sie ber diese unerwartete
Liebeserklrung lachen oder weinen sollte. Um Bemperleins Willen hatte Sie fast
Luft zu dem letzteren, whrend sie fr ihre Person mehr zu dem ersteren geneigt
war.
    Bemperchen! rief sie, Bemperchen, besinnen Sie sich doch, was Sie sagen!
Bedenken Sie doch, was Sie thun?
    Ich wei es, murmelte Bemperlein, ich hab' es mir selbst hundert- und
tausendmal gesagt: in meinem Alter -
    Davon ganz abgesehen, sagte Sophie, bei der die Neigung zum Lachen allmlig
die Oberhand gewann, wie knnen Sie, Franz' bester Freund, und - wofr ich Sie
wenigstens bis zu diesem Augenblicke gehalten habe - mein bester Freund -
    Ich werde Ihr Freund, ich werde Franz' Freund bleiben, rief Bemperlein mit
Lebhaftigkeit; Liebe und Freundschaft werden zusammen in meinem Herzen Raum
finden; die eine wird die andere nur noch inniger, noch tiefer, noch reiner,
noch heiliger machen.
    Aber, Bemperchen, mit solcher hohen platonischen Liebe vertrgt es sich
nicht, da sie  la Don Corlos auf den Knieen liegen. Wenn Franz in diesem
Augenblick zur Thr herein kme - Und wenn er kme, rief Bemperlein
aufspringend; il n'y a que le premier pas qui cote; ich fhle jetzt, nachdem
ich das erste Wort gesprochen, nachdem ich mit Ihnen gesprochen, Muth, es aller
Welt zu sagen. Franz wird meine Wahl billigen, wenn er sie kennt, wie ich sie
kenne.
    Wie Sie mich kennen?
    Und auch Sie werden es thun, rief Bemperlein, ohne auf Sophiens
Unterbrechung zu achten, die Schlummerwalze wie eine Fahne schwenkend; Sie
werden dem armen Mdchen Freundin und Schwester sein; Sie werden es sein um
meinetwillen, der ich Sie so unendlich schtze und liebe; Sie werden es auch um
ihretwillen sein, denn, glauben Sie mir, Frulein Sophie, sie verdient es.
    Aber von wem reden Sie denn eigentlich, Bemperchen?
    Ich dachte, Sie wten es schon lngst, sagte Bemperlein, erschrocken stehen
bleibend; und dann setzte er mit leiserer Stimme hinzu: Marguerite Martin,
Grenwitzens Gouvernante.
    Glcklicherweise fr Sophie war die Aufregung, in der sich Bemperlein in
diesem Augenblicke befand, zu gro, als da er htte im Stande sein sollen, die
Verwirrung zu bemerken, in welche sie die unerwartete Lsung des Knotens
versetzt hatte. Sie war so nahe daran gewesen, eine groe Albernheit zu begehen,
indem sie ihrem Freunde eine so groe Albernheit zutraute! und doch rgerte sie
sich ein ganz klein wenig, da sie nicht selbst der einzige Gegenstand von
Bemperlein's Anbetung war. Freilich berhrte diese Regung Sophien's Seele nur
momentan, wie ein leichter Wind die spiegelklare Flche eines tiefen Sees nur im
Vorbergehen kruselt, und noch ehe Bemperlein sich von der Betubung erholen
konnte, in die ihn das Aussprechen des groen Worts versetzt hatte, war sie
wieder ganz die theilnehmende, kluge Freundin, nach der Bemperlein in seiner
Herzensnoth verlangte.
    Ueber das Factum selbst, da Bemperlein, der ruhige, jungfruliche
Bemperlein, von einer Leidenschaft ergriffen werden knnte, wunderte sie sich im
Grunde gar nicht. Ihre Hauptsorge war, da der bescheidene, arglose, trotz
seiner dreiig Jahre unerfahrene Freund in die Schlinge einer Kokette gefallen
sein knne, und diese Sorge war um so begrndeter, als sie die braunen Augen
Marguerite's schon einige Male in einem Zusammenhange hatte erwhnen hren, der
diesen Verdacht zu besttigen schien. Ihre erste Frage war deshalb:
    Kennen Sie denn Mademoiselle Marguerite auch, Bemperchen? Das heit, wissen
Sie, da sie ein gutes Mdchen ist, da sie ein gutes Herz hat - mit einem
Worte, da sie meines braven Bemperchens wrdig ist?
    Sie meiner wrdig? rief Bemperlein mit groem Enthusiasmus. Sie wollen
sagen: ob ich ihrer wrdig bin?
    Ich habe genau das sagen wollen, was ich gesagt habe. Ich, als Ihre beste
Freundin - denn diese Wrde lasse ich mir vorlufig noch nicht nehmen - habe das
Recht und die Pflicht, streng zu sein und zu prfen, ehe ich Ja und Amen sage.
    O, Frulein Sophie, ich versichere Sie, meine Marguerite ist ein Engel.
    Ihre Marguerite? ei sieh doch Einer das lwenkhne Bemperchen! seid Ihr
schon so weit? Aber, Scherz bei Seite, Bemperchen! Was wissen Sie von der
Engelhaftigkeit Ihrer Marguerite? ich meine von der Engelhaftigkeit, die auch
fr andere Sterbliche erkennbar ist? Kommen Sie her! setzen Sie sich ruhig zu
mir an das Feuer und erzhlen Sie mir Alles ordentlich von Anfang an. Hier haben
Sie die Schlummerwalze wieder - das Schreisen lassen Sie auf jeden Fall stehen.
    Trotz der scherzhaften Worte klang die Stimme Sophien's so treu und gut, und
ihre groen blauen Augen blickten so theilnehmend und freundlich, da Bemperlein
nicht die mindeste Scheu mehr sprte, das liebe Mdchen in das Allerheiligste
seines Herzens zu fhren und ihr Alles zu sagen, was er selbst kaum zu denken
wagte.
    Sie erinnern sich, Frulein Sophie, begann er, da ich Ihnen und Franz
neulich erzhlte, wie ich zu Grenwitzen's ging, um zu erfahren, was die Baronin,
die nach mir geschickt hatte, von mir wollte. Ich habe Ihnen auch erzhlt, da
ich in dem Vorzimmer Mademoiselle Marguerite traf und welch' eigenthmliche
Scene ich mit ihr erlebte. Ich habe Ihnen aber nicht erzhlt, und habe es mir
auch so wenig wie mglich merken lassen, welchen Eindruck diese Scene auf mich
gemacht hatte. Wenn Jemand, wie ich, in groer Armuth aufgewachsen ist und oft
mit Noth und Sorge zu kmpfen hatte, so lernt er aus dem Grunde, was es heit,
hilflos und verlassen sein. Deshalb ist es auch ganz selbstverstndlich, da
unser Einer, wenn er Jemand leiden sieht, ganz anders fhlt und denkt, als der,
welcher nie in hnlichen Lagen war; und so werden Sie es auch natrlich finden,
da ich das Bild des armen, verlassenen, weinenden Mdchens nicht wieder los
werden konnte. Immer sah ich sie vor mir stehen, wie sie an der Thr gestanden
hatte, die zu den Zimmern der Baronin fhrt, schluchzend und die kleinen
Hndchen auf die Augen drckend, whrend die hellen Thrnen durch die schlanken
Finger rieselten. Immer tnten mir die Worte im Ohr: oh, que je suis malheureuse
! und ich qulte mich damit ab, herauszukriegen, weshalb das arme Mdchen denn
so sehr unglcklich sei? Denn da es noch etwas mehr war, als das Gefhl ihrer
Abhngigkeit berhaupt, da sie nicht deshalb, weil sie wieder einmal, wer wei
zum wie vielten Male ungerechterweise Schelte bekommen, so meinte, - das htte
ich beschwren mgen.
    Ich qulte mich so darber, da ich die ganze folgende Nacht nicht schlafen
und am andern Tage kaum die Zeit erwarten konnte, wo die Baronin mich empfangen
wollte. Endlich schlug es zwei Uhr. Ich begab mich in das Hotel und wurde
sogleich vorgelassen. Die Baronin war allein in ihrem Zimmer. Sie war ausnehmend
gndig, erkundigte sich nach Frau von Berkow; fragte, wie es mir in Grnwald
gehe? ob ich sehr viel zu thun habe? und rckte endlich mit der Sprache heraus.
Sie knne sich nicht entschlieen, ihren Malte auf das Gymnasium zu schicken aus
Grnden, die sie mir auseinandersetzte, die aber zu dumm waren, als da ich sie
wiederholen mchte; ebensowenig aber wage sie es nach den traurigen Erfahrungen,
die sie gemacht - so lauteten ihre Worte - es noch einmal mit einem Hauslehrer
zu versuchen. Sie habe den Entschlu gefat, ihn jetzt im Hause durch
Privatlehrer unterrichten zu lassen, die natrlich erprobte und
gesinnungstchtige Mnner sein mten, und - dies war des Pudels Kern - ob ich,
den sie auerordentlich schtze, sie in diesem Werke untersttzen und ihrem
Sohne tglich ein bis zwei Stunden Unterricht in den alten Sprachen ertheilen
wolle? - Nun knnen Sie sich denken, Frulein Sophie, da ich unter anderen
Verhltnissen die Zumuthung rundweg zurckgewiesen haben wrde, denn, abgesehen
von Allem, was sonst dagegen sprach, kann ich offenbar meine Zeit besser
anwenden, als da ich sie dem albernen Jungen opfere, den ich noch dazu niemals
habe leiden knnen; aber ich bedachte, da ich auf diese Weise Gelegenheit
gewinnen wrde, fter mit der armen Marguerite zusammenzukommen, und da ich
nichts eifriger wnschte, als das, so schien mir der Vorschlag der Baronin ein
Wink des Himmels und ich acceptirte ihn ohne weiteres.
    Bravo, Bemperchen! sagte Sophie; ich sehe, da Sie fr eine harmlose kleine
Intrigue doch mehr Talent haben, als ich Ihnen zutraute.
    O, es kommt noch besser, erwiderte Bemperlein lchelnd; Sie werden ber
meine Genie staunen. Im weiteren Verlauf des Gesprchs kam die Baronin auch auf
den franzsischen Unterricht zu sprechen und uerte, es sei sehr unbequem, da
sie, trotzdem sie eine Franzsin im Hause habe, auch einen franzsischen Lehrer
werde nehmen mssen, da sie zu Mademoiselle's grammatikalischen Kenntnissen sehr
wenig Vertrauen habe. Ich sagte sogleich - ich wei noch jetzt nicht, wo ich den
Muth dazu hernahm - ich sei berzeugt, Mademoiselle wrde die Grammatik sehr
schnell lernen und hernach in alle Zukunft lehren knnen, wenn sie nur ein
einzigesmal einen grammatikalischen Cursus durchgemacht habe. Meine Zeit sei
freilich sehr beschrnkt, wenn aber eine halbe Stunde tglich - die Baronin lie
mich gar nicht ausreden und nahm ohne weiteres mein Anerbieten an. Schon am
nchsten Tage sollte der Unterricht beginnen.
    Wann hatten Sie die Zusammenkunft mit der Baronin, Bemperchen?
    Gestern vor acht Tagen, an demselben Tage, als ich, noch voll von dieser
Unterredung und von einer andern, die ich, gleich als ich nach Hause gekommen
war, mit - mit - ich kann nicht sagen, Frulein Sophie, mit wem, gehabt hatte,
zu Ihnen eilte und hier Herrn Stein traf.
    Bemperlein schwieg; sein gutmthiges Gesicht verdsterte sich, und er griff
wieder nach dem Schreisen.
    Sophie nahm ihm dasselbe ruhig aus der Hand, stellte es noch weiter weg und
sagte:
    Sie waren an dem Abend aufgeregt und gingen bald wieder fort. Steht denn die
andere Unterredung mit dem geheimnivollen Unbekannten in irgend einer
Verbindung mit Ihrer Geschichte?
    Nicht in directer, erwiderte Bemperlein, sich wieder an die Schlummerwalze
haltend, nur insofern, als sie mein Interesse an den armen Marguerite noch
steigerte, der - und die Folge hat meine Vermuthung auf die merkwrdigste Weise
besttigt - vielleicht etwas Aehnliches passirt sein konnte - doch lassen wir
das! Am nchsten Tage also begann der Unterricht. Die Lection mit dem Bengel,
dem Malte, war vorbei; ich war allein in dem Zimmer zurckgeblieben und
erwartete meine Schlerin; Ihnen kann ich es sagen, Frulein Sophie: nicht ohne
Herzklopfen. Warum? wei ich freilich selbst nicht. Ich wei blo noch, da ich
mir auf einmal wie ein recht schlechter Mensch vorkam. Ich hatte in meinem Leben
noch keine Komdie gespielt; und dieser grammatikalische Unterricht war doch
nichts weiter als eine Komdie. Ich hatte groe Lust wegzulaufen; aber da das
doch nun einmal nicht ging, konnte ich nichts weiter thun, als meine Vatermrder
zurecht zupfen, vor dem Spiegel eine zierliche Verbeugung machen und mit meinem
besten Accent fragen: Ah, bonjour, Mademoiselle, comment vous portez-vous? Als
ich diese Frage zum drittenmale - und diesmal zu meiner vollen Befriedigung -
wiederholt hatte, trat die Erwartete mit einem Buche in der Hand in's Zimmer,
und ich gerieth durch die Furcht, sie mchte meine Anstandsbungen vor dem
Spiegel gesehen haben, in eine solche Verwirrung, da ich ber und ber roth
wurde und etwas stammelte, was mglicherweise franzsisch war, jedenfalls aber
sehr dumm gewesen sein mu, denn Mademoiselle Marguerite lchelte und sagte
etwas von bont und enseigner, und dann wei ich nur, da wir einander gegenber
an dem Tische saen und ohne ein Wort zu sprechen, in den Bchern bltterten. -
Was soll ich Ihnen noch weiter erzhlen, Frulein Sophie? das Beste und
Nothwendigste wte ich doch nicht zu sagen. Ich bin seit einer Woche jeden Tag
eine Stunde lang mit Marguerite ungestrt zusammengewesen. Grammatik haben wir
nicht getrieben, zum wenigsten sind wir ber die erste Seite nicht
hinausgekommen - aber dafr hat sie mir das Buch ihres Lebens aufgeschlagen, und
ich habe es lesen drfen, Wort fr Wort, von der ersten bis zur letzten Seite.
Ich sage Ihnen, Frulein Sophie, es ist kein schlechtes Wort darin, und keine
Seite, deren sie sich zu schmen htte. Sie hat sich, wie ich, durch die Welt
schlagen mssen, das arme Ding - o, viel schlimmer als ich! Ihre Eltern sind so
frh gestorben, da sie sie nie gekannt; Geschwister, Verwandte hat sie nie
gehabt, auer einer bsen Tante, die ihr ein Hllenleben bereitet, bis sie mit
vierzehn Jahren unter fremde Leute gekommen ist, die sie doch wenigstens nicht
geschlagen haben, wie die hllische Tante. Ach, Frulein Sophie, wenn ich Ihnen
erzhlte, was das arme junge Ding schon gelitten hat, Sie wrden sagen: so etwas
ist nicht mglich: und Ihr Herz wrde berflieen vor Mitleid, wie meines
bergeflossen ist.
    Herr Bemperlein schwieg, weil er vor Bewegung nicht weiter sprechen konnte.
Sophie nahm seine Hand und sagte: Gutes Bemperchen! Bemperlein erwiderte warm
den Druck und fuhr, nachdem er sich einige Male, um seine Rhrung zu bemeistern,
laut geruspert hatte, also fort:
    Sie hat mir nichts verschwiegen; auch nicht, da sie in der letzten Zeit mit
einem schlechten Menschen (ich wiederhole, Frulein Sophie, da es nicht Herr
Stein ist) ein Verhltni gehabt hat; mit einem Menschen, der sie auf die
unwrdigste Weise genasfhrt und betrogen und an einen notorischen Rou hat
verkuppeln wollen. Doch diese Geschichte ist so niedrig, so gemein, da ich sie
Ihnen nicht einmal mittheilen mchte, selbst wenn ich Marguerite nicht
versprochen htte, Keinem, er sei, wer er sei, je die betreffenden Personen zu
nennen. - Und nun, - schlo Bemperlein, indem er Sophiens beide Hnde in die
seinen nahm, was sagen Sie zu dem Allen?
    Sophie wurde durch die pltzliche Frage einigermaen in Verlegenheit
gesetzt. Sie hatte sich aus einzelnen hingeworfenen Aeuerungen Helenens,
Oswalds und ihres Verlobten von Marguerite ein Bild entworfen, das keineswegs
sehr schmeichelhaft fr die junge Dame war; und auch Bemperleins Erzhlung war
nicht im Stande gewesen, ihr einmal gefates Vorurtheil ganz zu beseitigen. Es
that ihr weh, da sie den armen Mann, dessen gutes Gesicht jetzt mit einem
aufgeregten, ngstlichen Ausdruck, als ob von ihrem Ausspruch Leben und Tod
abhinge, auf sie gerichtet war, durch einen Zweifel an der Vollkommenheit seiner
Auserkorenen krnken sollte, und doch! lgen konnte und mochte sie nicht, und
antworten mute sie nun einmal. So sagte sie denn mit einer allerliebsten
Prceptormiene, das Kpfchen nachdenklich von einer Seite auf die andere
bewegend:
    Es ist mit der Liebe ein eigenes Ding, Bemperchen. Ich habe whrend der
Zeit, da ich Franz kenne und liebe, oft darber nachgedacht. Es ist nicht Alles
Gold, was glnzt, und nicht Alles Liebe, was wie Liebe aussieht. Es giebt
Empfindungen, die als solche sehr lobensweth, aber trotz all dem nicht Liebe
sind, und die wir uns ja hten mssen, fr Liebe zu nehmen. Und je edler ein
Herz ist, desto leichter gerth es in Gefahr, einen solchen Irrthum zu begehen,
gerade wie der Vertrauensvollste sich am leichtesten falsches Geld fr richtiges
in die Hnde stecken lt; ich zum Beispiel, die, wenn ein falsches
Viergroschenstck auf dem Markt war, es sicherlich, wenn ich nach Hause komme,
in meinem Portemonnaie habe. Es giebt aber keine Empfindung, die der Liebe so
hnlich sieht, und durch die sich deshalb ein edles Herz so leicht tuschen
lt, wie das Mitleid. Wre es nicht doch mglich, Bemperchen - und hier legte
die junge Dame ihre Hand auf Bemperchens Hand - da, wie Ihr Interesse fr
Frulein Marguerite zuerst aus dem Mitleid entsprang, es auch noch bis auf
diesen Augenblick nicht eigentliche Liebe, sondern eben nur Mitleid ist?
    Bemperlein's Gesicht war bei dieser gelehrten Auseinandersetzung immer
lnger geworden. Er hatte sich von Sophie eine wrmere Aufnahme seiner Nachricht
versprochen. Fast kleinlaut fragte er daher:
    Aber, Frulein Sophie, wie unterscheidet sich denn Liebe von Mitleid? Ist
nicht die Nchstenliebe, die doch die reinste Form der Liebe ist, mit dem
Mitleid identisch?
    Die Nchstenliebe wohl, erwiderte Sophie; aber nicht die Liebe, von der wir
sprechen, die Liebe, die man empfinden mu, wenn man Jemand heirathen will; die
Liebe zum Beispiel, die ich fr Franz empfinde und die Franz fr mich empfindet.
Das ist noch etwas ganz anderes, ganz anderes - und sie wiegte gedankenvoll das
Haupt.
    Aber was ist es denn? rief Bemperlein voll Verzweiflung, wie soll man
erfahren, ob man wirklich liebt?
    Das ist sehr schwer, erwiderte Sophie, und auch wieder sehr leicht. Haben
Sie zum Beispiel nur immer das Verlangen gehabt, Frulein Marguerite aus ihrer
abhngigen Stellung in eine bessere versetzt zu sehen, sie zu beschtzen, zu
beschirmen vor aller Noth und Gefahr; oder haben Sie auch manchmal gewnscht -
    Hier stockte Sophie und wurde roth.
    Nun? fragte Bemperlein eifrig.
    Ihr einen Ku zu geben; sagte Sophie, entschlossen, der Sache auf den Grund
zu kommen, selbst auf die Gefahr hin, indiscret zu werden.
    Wenn's weiter nichts ist, sagte Bemperlein triumphirend die Frage kann ich
mit Ja beantworten.
    Bravo, Bemperchen! Und haben Sie ihr auch schon einen Ku gegeben?
    Nein!
    Haben Sie ihr denn schon Ihre Liebe gestanden?
    Nein!
    Wissen Sie denn, da sie Sie wieder liebt?
    Nein!
    Die immer geringer werdende Herzhaftigkeit dieser Verneinungen war so
komisch, da sich Sophie des Lachens kaum enthalten konnte.
    Aber, Bemperchen, rief sie, wie wollen Sie denn das erfahren?
    Ich werde sie fragen, sagte Bemperlein entschlossen.
    Sehr gut! und wenn sie nun Nein antwortet?
    Das kann sie nicht, das wird sie nicht, rief Bemperlein, bla vor groer
Aufregung. Ich habe daran noch gar nicht gedacht, aber das wre schrecklich! Ich
- ich habe es mir so schn ausgemalt, wenn sie mein Weib wrde, fr das ich
arbeiten knnte, und das ich lieben knnte und das mich wieder liebte. Denn ich
mu Jemand von ganzem Herzen lieben, und ich mu fhlen, da ich von ganzem
Herzen geliebt werde, oder ich bin der unglcklichste Mensch von der Welt. O,
Frulein Sophie, nicht wahr, Marguerite wird nicht Nein sagen?
    Seine Stimme zitterte und seine Augen standen voll Thrnen. Das guthmthige
Mdchen war kaum weniger gerhrt. Die Leidenschaftlichkeit Bemperlein's hatte
eine sympathetische Saite in ihrem Herzen angeschlagen. Sie fhlte sich
pltzlich verpflichtet, die junge Liebe ihres dreiigjhrigen Schlers aus allen
Krften zu beschtzen.
    Wissen Sie was, Bemperchen, sagte sie mit groer Entschiedenheit, wir wollen
das bald erfahren. Bringen Sie die Marguerite einmal zu mir.
    Bemperlein athmete hoch auf.
    Darf ich das wirklich?
    Nun natrlich. Ich kann nicht gut zu ihr gehen, weil das auffallen wrde;
aber hierher kann sie ohne Aufsehen kommen. Sagen Sie ihr nur, ich wnschte sie
kennen zu lernen. Wenn sie Sie liebt, wird sie sich nicht lange bitten lassen.
Haben wir sie erst einmal hier, so findet sich das Andre von selbst. - Ja, ja,
fuhr die junge Dame fort, und schnippte vergngt mit den Fingern, so geht's, so
geht's. Und wenn wir gute Freundinnen werden, so habe ich noch einen andern Plan
- o, Bemperchen, einen andern Plan, wenn Sie den wten - ich sage Ihnen, einen
Plan, - nein, nein! - Sie kriegen es nicht zu wissen - und Franz auch nicht -
St! da kommt er! Kein Wort, Bemperchen, von unserm Geheimni!

                           Dreiundzwanzigstes Capitel


Mit Felix war in dieser Zeit eine traurige Vernderung vorgegangen. Wie an einem
Hause, dessen Holz der Schwamm zerfressen hat, nur ein Strebepfeiler weggenommen
zu werden braucht, um es der Gefahr des Einsturzes nahe zu bringen, so hatte die
an sich nicht gefhrliche Verwundung, welche er in dem Duell mit Oswald davon
getragen, seinen ganzen, durch ein beraus wstes Leben zerrtteten Organismus
vollends erschttert. Die Kugel hatte keine edleren Theile verletzt; an der
sorgfltigsten rztlichen Behandlung hatte es nicht gefehlt, dennoch wollten die
Wunden nicht heilen. Und als es damit anfing, besser zu gehen, hatten sich
pltzlich hchst bedenkliche Symptome einer schon weit vorgeschrittenen
Lungenkrankheit gezeigt. Die herbeigerufenen Aerzte schttelten den Kopf und
sprachen von der Nothwendigkeit einer Luftvernderung, eines lngeren
Aufenthaltes in sdlichen Klimaten.
    Aber Felix wollte von Allem, was Andere doch so deutlich sahen, nichts
sehen. Die lumpigen Schrammen? pah! ich bin schon anders gezeichnet gewesen! Das
bischen Fieber? lcherlich! mir ist nach einer tollen Nacht schon schlimmer zu
Muthe gewesen! Meine Lunge? dummes Zeug, was versteht die alte Perrcke, der
Balthasar, von meiner Lunge; ich pfeife was auf alle gelehrten Perrcken. Felix
von Grenwitz ist so leicht nicht todt zu machen.
    Seit einigen Tagen aber stand es mit seiner Gesundheit so schlecht, da
selbst sein Leichtsinn sich gegen die Mglichkeit einer ernsteren Gefahr nicht
lnger verschlieen konnte. Die kaum geheilten Wunden brachen wieder auf; ein
schleichendes Fieber nagte Tag und Nacht an seinen Nerven, und wenn er kaum
eingeschlafen war, weckte ihn ein qulender Husten aus so schrecklichen Trumen,
da Schlaflosigkeit im Vergleich noch eine Wohlthat schien. Zu der Sorge, die
ihm seine Krankheit machte, kamen andere, die er sonst sehr leicht genommen
hatte, die aber jetzt sein ohnedies angegriffenes Gehirn noch mehr verwirrten
und seine hypochondrische Stimmung verdsterten. In seine Krankenstube drngten
sich einzelne Leute, die sich durchaus durch die Bedienten nicht hatten abweisen
lassen - Leute mit hchst bedenklichen Physiognomien und auffallend schmutziger
Wsche, die, wenn sie denn endlich vorgelassen waren, eine groe Brieftasche
ffneten und dem Herrn Baron ein kleines Wechselchen prsentirten,
zweitausend, dreitausend Thaler - eine wahre Kleinigkeit fr den Herrn Baron.
    Vielleicht wre es Felix leicht gewesen, diese ominsen Papiere einzulsen,
wenn er jetzt war, was er zu sein hoffte, als er sie aus der Hand gab, nmlich:
der erklrte Brutigam Helenens, der Schwiegersohn eines der reichsten
Grundbesitzer der Provinz. Aber leider war er das doch nun nicht, hatte auch
keine Aussicht es zu werden und konnte sich in Folge dessen auch nicht weiter
wundern, wenn die Baronin in den Privataudienzen, die er jedesmal, so oft eine
jener verdchtigen Gestalten die Schwelle seines Zimmers berschritten hatte,
nachsuchte, sich bedeutend weniger geschmeidig zeigte, als vor einigen Wochen,
wo die Sonne seiner unberwindlichen Liebenswrdigkeit noch im Zenith stand.
Felix wute recht gut, da seine Tante sich zu einer Freigebigkeit, die ihrer
Natur so grndlich widersprach, nur darum verstand, weil sie in ihm den
Mitwisser des groen Familiengeheimnisses erblickte. Aber auch dieses einzige,
unersetzliche Band hielt nur noch an dem letzten Faden.
    Es unterlag nmlich keinen Zweifel, da nur die Furcht vor der bornirten
Ehrlichkeit des Barons, wie die Baronin sagte, sie abhielt, es in dem mit
Albert Timm entbrannten Kampfe auf's Aeuerste ankommen zu lassen, und Felix war
keineswegs ganz sicher, ob selbst diese Furcht sie bewegen knnte, den zwischen
ihm und Albert geschlossenen Contract zu sanctioniren. Er hatte deshalb bis zu
diesem Augenblick noch nicht gewagt, ihr die Hhe der Summe anzugeben, fr
welche er Alberts Verschwiegenheit erkauft hatte.
    Felix Zaghaftigkeit in dieser ganzen Angelegenheit hatte einen triftigen
Grund in seiner eigenen milichen Lage. Er mute die Tante in mglichst guter
Stimmung erhalten, um ihr die Summen abzulocken, die er fr seine persnlichen
Bedrfnisse brauchte. Es war ja spter noch immer Zeit, ihr in Betreff Timms
reinen Wein einzuschenken. Wie grimmig auch Felix Oswald hate und wie
entsetzlich es ihm auch gewesen wre, wenn es dem Verhaten mit Alberts Hlfe
gelang, sich in den Besitz des Vermgens zu setzen und am Ende doch Helene zu
gewinnen - so mute das Alles dem Augenblick und seinen gebieterischen
Forderungen untergeordnet werden.
    So standen die Sachen, als am Morgen nach der Soire, an der Felix natrlich
nicht Theil nehmen konnte, die Baronin, nachdem sie sich vorher hatte anmelden
lassen, dem Patienten einen Besuch abstattete, Felix sa in einen weiten
Schlafrock gehllt, frstelnd dicht an dem heien Ofen. Die groen, einst so
bermthigen, jetzt so glsern starren Augen, und die krankhafte, scharf
abgeschnittene Rthe auf seinen magern Wagen zeugten von den reienden
Fortschritten, welche die Krankheit in den letzten Tagen gemacht hatte. Er erhob
sich, ber diesen Besuch auer der gewhnlichen Zeit einigermaen verwundert,
halb aus seinem Stuhl und streckte der Tante seine abgemagerte, fieberheie Hand
entgegen:
    Bon jour, ma tante! soll ich sagen, so frh oder so spt noch auf? denn Ihr
habt ja beinahe bis an den hellen Morgen getanzt. Ich habe den Ba bis hier in
mein stilles Zimmer hinein hren knnen: brum! brum! brum! bis ich fast verrckt
ber dem Gebrumm wurde; und wenn Sie mir das Fluchen nicht abgewhnt htten, ma
tante, ich htte, hol' mich der Teufel, den verdammten Kerl, der das Gebrumm
fabricirte, bis in den tiefsten Pfuhl der Hlle verwnschen knnen.
    Ich hoffe, da es mit Ihrer Gesundheit heute nicht schlechter geht, als mit
Ihrem Fluchen, sagte Anna-Maria lchelnd, indem sie vor dem Kranken in einem
Lehnsessel Platz nahm und eine Handarbeit in Ordnung brachte, ein Beweis, da
sie es auf einen lngeren Besuch abgesehen hatte; aber im Ernst, lieber Felix,
ich habe Sie aufrichtig bedauert, und komme, Sie wegen der nchtlichen Strung
um Entschuldigung zu bitten.
    Sie sind ja heute auerordentlich gndig, liebe Tante.
    Ich dchte, das wre ich immer, erwiderte Anna-Maria, nur da es Leute
giebt, die sich durchaus nicht davon berzeugen knnen.
    Ich gehre nicht zu diesen, liebe Tante.
    Ich wei es, Felix, und Sie werden mir das Zeugni geben, da ich stets fr
Sie gethan habe, was in meinen Krften stand.
    Ja wohl, ja wohl, murmelte Felix, und berlegte, ob der Augenblick wohl
geeignet sei, gegen seine Tante ein kleines Geschft zu erwhnen, in das er sich
vor nun beinahe drei Monaten eingelassen hatte und das in wenigen Tagen regulirt
werden mute.
    Die Gesellschaft - die brigens pnktlich zwei Uhr fnfzehn Minuten
aufgebrochen ist, lieber Felix - war gestern Abend recht animirt, fuhr die
Baronin fort, und es hat mir von Herzen leid gethan, da Sie nicht daran Theil
nehmen konnten. Es wre wirklich Zeit, da Sie sich endlich einmal wieder gesund
meldeten.
    Das wei Gott, seufzte der Patient, sich ungeduldig in seinem Lehnstuhl
herumwerfend; man wird hier in dieser verdammten Spelunke noch ganz zum
Hypochonder. Aber erzhlen Sie ein wenig von gestern. Wer war denn Alles da?
    O, nicht eben viele; ich liebe, wie Sie wissen, die groen Ften nicht:
Griebens, Nadlitzens, Barnewitzens, Clotens -
    Die Zusammensetzung ist nicht schlecht, meinte Felix, haben sich denn
Hortense und Emilie nicht die Augen ausgekratzt?
    Nicht doch! sie sind die besten Freundinnen von der Welt, und berdies
hatten sie gestern um so weniger Ursache, sich gegenseitig den Vorrang streitig
zu machen, als darber, nach dem allgemeinen Urtheil der Gesellschaft
wenigstens, schon anderweitig entschieden war.
    O, in der That! und wer war denn der Vogel Phnix?
    Ihre Cousine, lieber Felix, sagte die Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit
zhlend; sie sah in der That ausnehmend schn aus, so da selbst ich davon
berrascht war, eben so wie von der Bewunderung, die ihr von allen Seiten
gezollt wurde.
    Felix horchte hoch auf. Das Lob Helenens aus der Mutter Munde war eine so
neue Melodie, da er seinen Ohren nicht traute.
    Es scheint, als ob die letzten Wochen doch einen recht guten Einflu auf sie
ausgebt haben, fuhr die Baronin fort; sie hat ein gut Theil von ihrer
hochmthigen Arroganz verloren; die Grfin Grieben machte mir gestern ein
Compliment ber ihre sittsame, echt weibliche Haltung.
    Sie verzeihen, liebe Tante, sagte Felix mit groer Bitterkeit, da ich mich
ber diese gnstige Metamorphose nicht eben so freue. Ich wollte, sie wre
einige Wochen frher eingetreten. Vielleicht lge ich dann nicht hier, hilflos
wie ein Pferd, dem die Flechsen durchgeschnitten sind; und er schlug heftig mit
der gesunden Hand auf die Lehne des Stuhls.
    Ich gestehe, da Sie einigen Grund haben, sich ber Helene zu beklagen,
sagte die Baronin, indessen, Ha und Rache sind sehr unchristliche Empfindungen,
zumal unter Verwandten, die von Natur darauf angewiesen sind, sich gegenseitig
zu lieben -
    O, gewi, unterbrach sie Felix; Sie haben ganz recht, liebe Tante! auf diese
Voraussetzung war ja auch unser ganzer Plan gebaut; nur schade, da Frulein
Helene nicht viel von der natrlich angewiesenen christlichen Verwandtenliebe
wissen wollte.
    Sie sind bitter, Felix, und wie gesagt, ich rume ein, Sie haben sich zu
beklagen. Aber lassen Sie uns jetzt von der Sache sprechen, die mich eigentlich
veranlat hat, Sie heute Morgen so frh zu besuchen. - Ihr Gesundheitszustand,
lieber Felix, macht mir so groe Sorge, da ich heute Nacht noch einmal
ernstlich darber nachgedacht habe und jetzt zu einem Entschlusse gekommen bin.
Sie mssen - und zwar so bald als mglich - die besprochene Reise nach Palermo
antreten.
    Felix sollte heute Morgen aus einer Verwunderung in die andere fallen. Die
von den Aerzten schon seit zwei Wochen dringend angerathene Reise war von
Anna-Maria einfach aus dem Grunde beanstandet worden, weil weder Felix, wie sie
glaube, noch sie selbst die dazu nthigen Mittel fr den Augenblick disponibel
hatten. Auf einmal waren diese Mittel vorhanden! Wer die Consequenz der Baronin
kannte, mute sich sagen, da nur etwas ganz Absonderliches sie zu dieser
pltzlichen Willensnderung bewogen haben konnte.
    Was dieses Etwas aber war, erfuhr Felix in dem weiteren Verlauf dieser
wichtigen Unterredung nicht. Es war ihm im Grunde auch gleichgiltig. Die letzten
qualvollen Tage und Nchte hatten seine Kraft gebrochen; der leichtsinnige
Uebermuth, den er bis dahin prahlerisch zur Schau getragen, war einer finstern
Verstimmung gewichen, in welcher nur der eine Gedanken lebendig war, um jeden
Preis wieder gesund zu werden. Zu diesem hchsten Zweck waren ihm alle Mittel
recht. Wollte seine Tante ihm zu der Reise, die auch er jetzt fr eine
Nothwendigkeit erkannt hatte, das nthige Geld geben - gut! und um so besser, je
mehr sie gab! warum sie gab? jetzt gab, nachdem sie vor wenigen Tagen die
Aufbringung der Reisekosten fr eine positive Unmglichkeit erklrt hatte, - was
fragte er danach? kaum mehr als Jemand, der in Gefahr ist zu ertrinken, danach
fragt, woher der rettende Balken geschwommen kommt, an den er sich im letzten
Moment noch anzuklammern vermag.
    Als die Baronin sich nach einer Stunde erhob und ihre Arbeit zusammenpackte,
war die italienische reise eine beschlossene Sache. Schon in den nchsten Tagen,
wenn Felix' Zustand sich nicht verschlimmerte, sollte sie angetreten werden. Sie
wissen, lieber Felix, sagte Anna-Maria, ich bin dafr, da etwas, was einmal
geschehen soll und mu, bald geschieht. Und hier ist noch dazu offenbar Gefahr
im Verzuge. Ich wrde mir ewig einen Vorwurf daraus machen, htte ich nicht, was
in meinen schwachen Krften steht, gethan, diese drohende Gefahr von Ihnen
abzuwenden.
    Felix fhrte die ihm gndig dargereichte kncherne Hand der Tante an seine
Lippen, und Anna-Maria verlie das Zimmer.
    Der alte Drache! murmelte Felix, indem er erschpft in seinen Lehnstuhl
zurcksank; was mag ihr nur in die Krone gefahren sein, da sie mit einem Male
so spendabel wird? Ein wahres Glck, da ich ihr nicht gesagt habe, wie viel der
Schuft, der Timm fordert. Einmal freilich wird sie's wohl erfahren mssen; aber
nicht, bevor ich in Sicilien bin. Uff! mein Arm! Ich mu eine grndliche Cur
gebrauchen, und am Ende ist sich doch jeder selbst der Nchste.
    Der leichtsinnige Patron! dachte Anna-Maria, whrend sie die langen
Corridore entlang nach ihrem Zimmer zurckschritt; es ist hart, da ich, nachdem
ich schon so viel fr ihn bezahlt habe, auch noch diese horrible Ausgabe fr ihn
machen soll. Aber es geht nicht anders. Aus dem Hause mu er, und dies ist die
anstndigste und am wenigsten auffallende Weise, auf die ich ihn los werde.

                           Vierundzwanzigstes Capitel


Es war spt am Abend desselben Tages. In der Pensionsanstalt des Frulein Br
waren die Fenster schon seit zwei Stunden dunkel, bis auf eins, das ich nach dem
Garten hinter dem Hause sah. Das Licht kam aus einer Lampe, welche ganz in der
Nhe auf einem Bureau stand, und an diesem Bureau sa Helene von Grenwitz und
schrieb:
    Du Kluge, Stille, mit Deinen klugen, stillen blauen Augen! Ach, wer wie Du,
so stets sich selber gleich, durch das Leben gehen knnte! Wer doch, wie Du, in
sich selbst den Frieden htte, in dem sich, wie in einem tiefen stillen See,
Alles in klaren Farben und scharfen Umrissen spiegelt! Was Dir heute gut
erscheint, erscheint Dir auch morgen so; was Du heute fr recht hltst, erklrst
Du auch morgen nicht fr unrecht. Das Ma, mit dem Du die Menschen missest, ist
das unwandelbar gleiche, strenge; wer es nicht erreicht, den erkennst Du nicht
fr Deines Gleichen und behandelst ihn danach heute wie morgen und alle Tage mit
der milden Freundlichkeit, die im Grunde eine khle Gleichgiltigkeit ist, und um
die ich Dich so oft beneidet habe. - Wie ist das Alles bei mir so anders, so
ganz anders! Mein Herz ist ein wildbewegtes Meer und die Bilder des Lebens
verzittern darin, schwankend und wechselnd und mich ngstigend wie ebensoviele
Gespenster. Zwar auf der Oberflche! - nun ja! da ist's scheinbar ruhig genug -
wenigstens sagen es die Leute und ich fhle es selbst; aber in der Tiefe? da
kocht es und whlt es - da keimen Wnsche, die ich mir kaum selbst zu gestehen
wage; da sprieen Gedanken, vor denen ich selbst erschrecke; da blht die
Sehnsucht nach einem unsglich hohen, unsglich kstlichen Glck, die Sehnsucht,
die ich Dir oft - und ach! niemals so, wie ich sie wirklich fhle - geklagt habe
und die Du lchelnd in das Reich der Trume verwiesest. Solltest Du Recht haben?
Sollte die Stimme, die oft in stiller Nacht - wie jetzt - aus meiner Seele ruft,
klagend, sehnsuchtsvoll, verzweifelnd - nie ein Echo finden? Mir glht die Stirn
- meine Augen brennen - mein Herz pocht in ungeduldigen Schlgen. Was willst Du,
ungestmes, wildes Herz? Liebe? ja! Macht und Ehre und Glanz und Herrlichkeit?
ja! - Wie aber, wenn Du beides nicht auf einmal haben kannst; wenn Du das Eine
oder das Andere opfern mtest? wie dann? was willst Du opfern? die Liebe -
nein! die Herrlichkeit? nein, o nein! - Nun denn! so poche rastlos unbefriedigt
weiter und qule mich ohn' Erbarmen, bis diese Hand und dieses Haupt es mde
werden, deine fiebernden Schlge zu zhlen.
    Ich sehe Deine weichen blauen Augen erwartungsvoll auf mich gerichtet; ich
sehe auf Deinen Lippen die Frage zittern: was hast du, dearest? O, Liebste,
Theuerste, Du sollst es mir sagen. Seit einiger Zeit verstehe ich mich selbst
nicht mehr.
    Ich schrieb Dir, da ich Herrn St. zufllig vom Fenster aus wiedergesehen
habe, und da ich sehr wnschte, ihn einmal allein zu sprechen. Dieser Wunsch
sollte noch an demselben Tage in Erfllung gehen. Ich traf ihn bei Frulein R.
und er begleitete mich, da die Dienerin nicht kam, nach Hause. Wir hatten
unterwegs ein Gesprch, das mich sehr erregte, da es von Bruno handelte, und ich
hatte endlich Gelegenheit, Herrn St. den Dank abzustatten, den ich ihm von
meiner Verlobungsaffaire her schuldete. Ich war tief bewegt, als er vor der Thr
Abschied von mir nahm. Der Zauber, den dieser Mann stets auf mich ausgebt hat
und den ich nur von mir abzuschtteln vermag, wenn ich von ihm nichts sehe und
hre, war in seiner Nhe wieder mchtig geworden. - Ich fhlte das und gerade
deshalb - Du kennst mich - vermied ich es nicht, ihn wieder zu sehen, obgleich
ich es leicht gekonnt htte.
    Zwei Abende darauf traf ich ihn abermals, ebenfalls bei Frulein R. Diesmal
war, als wir nach Hause gingen, die Dienerin zugegen, aber da wir franzsisch
sprachen, - das Herr St. entzckend schn spricht; er sagte mir, er sei durch
Abstammung ein halber Franzose - - war unsere Unterhaltung doch ungenirt. Was
die zwei Tage gut gemacht hatten, verdarben diese zwei Stunden Zusammensein
wieder, und ich erkannte zu meiner grten Beschmung - und mit Rthe der Scham
auf den Wangen schreibe ich es nieder, - da das Gefhl, welches mich in seiner
Nhe berkommt, strker ist, als mein Stolz. Nicht, als ob er mir durch
Geisteshoheit, durch Manneskraft eben imponirte! durchaus nicht. Er gleicht
streng genommen, gar nicht dem Ideal, das ich von dem Helden, den ich lieben
knnte, im Herzen trage: aber es ist in dem Ton seiner Stimme, in dem Blick
seiner groen blauen Augen, in seinem ganzen Wesen ein Etwas, das mich unsglich
rhrt. Und dann - ich will Dir ja Alles sagen, - ich wei, da er mich liebt,
und wie es wohl unter diesen Verhltnissen nicht anders sein kann, hoffnungslos
liebt, und das macht mir ihn werth, wie den Dolch mit der blanken
Damascenerklinge und dem goldenen Griffe, den ich als Mdchen von zwlf Jahren
einmal in der Rstkammer in Grenwitz fand, wie einen herrlichen Schatz mit mir
auf mein Zimmer nahm und von dem ich mich seitdem nicht wieder getrennt habe.
Ich wei es - Oswald und der Dolch - sie beide gehren mir, nur mir. Es ist so
unendlich s, etwas sein eigen zu nennen, von dem Niemand wei, Niemand ahnt
und das doch zu uns stehen wird, uns helfen wird in der letzten Gefahr, wenn
alle Andern uns verlassen haben. Wenn ich Oswalds Blick auf mich gerichtet sehe,
so ist mir zu Sinnen, wie wenn ich den Dolch halb aus seiner sammetnen Scheide
zcke und in der Sonne funkeln lasse.
    Aber es liegt Gefahr in diesem Funkeln. Wie oft hab' ich die Waffe dann ganz
herausgezogen, die haarscharfe Spitze mir auf's Herz gesetzt und zu mir gesagt:
ein Druck - und du athmest nicht mehr. Und es liegt Gefahr in der Nhe dieses
Mannes; ein Wort von ihm, und er hat aufgehrt fr mich zu leben, und wenn ich
schwach genug wre, es zu erwidern - - ich darf nicht daran denken; nicht daran
denken, wie nah ich schon an dem Abgrund gestanden habe!
    Ich hatte mir vorgenommen nicht wieder zu Frulein R. zu gehen und diesen
Entschlu auch durchgefhrt. Vorgestern gegen Abend, als ich allein im Garten
war - die Andern waren, Frulein Br an der Spitze, auf ihrem gewhnlichen
Spaziergange - hrte ich das Brausen des nahen Meeres so deutlich, da mich eine
unwiderstehliche Sehnsucht befiel, mein Lieblingselement einmal wieder von
Angesicht zu Angesicht zu sehen. Unser Garten stt an eine Parkanlage, die sich
unmittelbar bis an's Ufer erstreckt. Sie gehrt der Stadt und ist, wie ich hre,
im Sommer eine gesuchte Promenade. Im Herbst aber, noch dazu in dieser khlen,
feuchten Abendstunde, hatte ich in den breiten Alleen unter den hohen Bumen nie
Jemand bemerkt. So ffnete ich denn die nicht einmal verschlossene Pforte und
trat hinaus. Es war dunkler im Park, als es im Garten gewesen war; lauter
rauschte der Abendwind durch die kahlen Aeste der mchtigen Buchen; deutlicher
hrte ich das Brausen der See. Unter meinen Fen raschelte das Laub; ber mir
krchzten ein paar Krhen, die auf den schwankenden Zweigen keine Ruhe finden
mochten. Ich hllte mich fester in meinen Shawl und schritt weiter. Das mit
jedem Augenblick tiefer hereinsinkende Dunkel und der khle feuchte Athem des
Waldes und des Meeres bten den alten Zauber auf mich aus, den ich so oft als
kleines Mdchen empfunden hatte. Ich versprte nicht die mindeste Furcht; die
Seligkeit, einmal mit mir und meinen Gedanken allein zu sein, allein in einer
Umgebung, die so ganz zu meinen Gedanken stimmte, lie ein solches Gefhl gar
nicht aufkommen. Ich eilte weiter und immer weiter, wie in einem Traum, bis ich
an das Ende der groen Allee kam. Dort ffnet sich ein kleiner von hohen Bumen
fast berwlbter Platz, dessen eine Seite vom Meere selbst begrenzt wird, das
bis unmittelbar an das mig hohe, aber steile Ufer brandet. Ein eisernes
Gelnder fat den Rand ein. Bnke stehen hier und da fr Spaziergnger, welche
sich, von der Wanderung ermdet, an der Khle des Platzes und der Aussicht auf
das Meer erquicken wollen. Ich lehnte mich auf das Gelnder und blickte hinein
in die dunkelnde und im Dunkeln leuchtende Wasserwste und sah Welle auf Welle
rastlos heranrollen und auf den glatten Kieseln des schmalen Vorstandes
zerschumen. Ihr Donnern, das jedes andere Gerusch bertubte, war Wiegengesang
fr mein wildes Herz und lullte mich in wunderliche Trume von einem Glck, das
tief und grenzenlos war, wie das tiefe, grenzenlose Meer, an dessen in Dunkel
verzitterndem Horizont mein Blick hing; und - htte das Glck sonst einen Reiz
fr mich! - ebenso voll schauerlicher Geheimnisse und unberechenbarer Gefahren.
    Da schlug in unmittelbarster Nhe eine Menschenstimme an mein Ohr. Ich fuhr
aus meiner gebckten Stellung in die Hhe, und vor mir stand Herr St.
    Ich bitte um Verzeihung, sagte er, wenn ich Sie in Ihren Phantasien stre;
aber der Zufall, Sie zu dieser Stunde an diesem Platze zu treffen, ist zu
seltsam, als da ich darin nicht etwas mehr als einen bloen Zufall erblicken
sollte.
    Ich war ber diese pltzliche Begegnung so erschrocken, und das Unpassende
meines Schritts wurde mir mit einem Male so klar, da ich kalt und scharf
erwiderte:
    Wie meinen Sie das, mein Herr? Ich will hoffen, da es in der That ein
Zufall ist, was mir in diesem Augenblick das Vergngen Ihrer Gegenwart
verschafft.
    
    Er trat einen Schritt zurck.
    Verzeihen Sie, mein gndiges Frulein, sagte er; ich wute nicht, da meine
Gegenwart Ihnen so lstig war.
    Er verbeugte sich und ging.
    Der Ton, in dem er gesprochen hatte, schnitt mir in's Herz. Als er ein paar
Schritte fort war, konnte ich's nicht lnger ertragen. Ich nannte seinen Namen.
Im nchsten Augenblick war er wieder an meiner Seite.
    Herr St., sagte ich, verzeihen Sie mir. Ich war erschrocken; ich wute
nicht, was ich sagte.
    Nein, nein, sagte er, Sie hatten ganz recht. Es ist kein Zufall, der uns
hier zusammenfhrt; von meiner Seite wenigstens nicht. Ich sah Sie in den Park
treten; ich bin Ihnen gefolgt; ich hatte Sie keinen Augenblick aus den Augen
verloren.
    Und kommen Sie hufiger hierher? fragte ich, indem wir anfingen, die lange
Allee wieder hinaufzugehen.
    Ja, erwiderte er; fr einen Unglcklichen sind das Dunkel und die Einsamkeit
die passendsten Gefhrten.
    Ich hatte nicht den Muth zu fragen, weshalb er unglcklich sei; wir gingen
schweigend nebeneinander weiter. Ich beschleunigte den Schritt, denn der alte
Zauber kam wieder ber mich und ich wollte ihm entfliehen. Nach wenigen Minuten
nherten wir und der eisernen Gitterthr, die aus dem Park in den Garten fhrt.
Zwischen den dichten Bschen, unter den hohen Bumen war es sehr dunkel. Mein
Herz schlug zum Zerspringen. Ich war fest entschlossen, kostete es mich auch das
Leben, seine Liebe, sollte er jetzt von Liebe sprechen, zurckweisen und dennoch
- dennoch wnschte ich, da er sprche, zrnte ich ihm, da er nicht sprach. Es
waren vielleicht nur wenige Secunden, aber sie dnkten mich eine Ewigkeit - eine
Ewigkeit von Furcht und Hoffnung. Da standen wir an der Thr. Oswald ffnete
sie. Ich dankte ihm und wnschte ihm gute Nacht. Er antwortete nur mit einer
schweigenden Verbeugung. Als die Thr hinter mir in das Schlo fiel, zuckte ich
zusammen, wie ein Gefangener, der das Kerkerthor, das ihn fr immer vom Leben
trennt, hinter sich zuschlagen hrt. Ich wollte im ersten Augenblick die Hand
durch das Gitter strecken und ihm sagen - ich wei nicht was - aber ich bezwang
mich und ging, ohne mich umzusehen, raschen Schrittes nach dem Hause. Und als
ich auf meinem Zimmer angekommen war, habe ich mich auf das Sopha geworfen und
bitterlich, bitterlich geweint, wie ich nie in meinem Leben geweint habe, nie
geglaubt hatte, da Helene von Grenwitz weinen knne.
    Dann aber raffte ich mich empor und schwor mir zu, diese Schwche, die mich
so tief demthigte, koste es was es wolle, zu berwinden. Ist doch mein Stolz
mein einzig Gut, die blanke Waffe, mit der in der Hand ich mich jedem Gegner
gewachsen fhle; selbst meiner Mutter! - Ich dachte mit Schaudern an den Moment,
wo ich mich in dem Bewutsein, mich vor mir selbst erniedrigt zu haben, auch vor
ihr erniedrigen mte; wo ich ihr nicht mehr muthig in die groen, kalten,
strengen Augen schauen knnte! Ich wute, wute es mit unumstlicher Gewiheit,
da dieser Moment mein letzter sein wrde.
    Und so begab ich mich hernach zu Bett; aber es wollte kein Schlaf in meine
Augen kommen. Ich lag da, die Hnde ber der Brust gekreuzt, und wiederholte mir
unablssig, was ich mir zugeschworen und wenn das Herz vor einem unsglich
jammerreichen Gefhl, das mir die Thrnen in die Augen trieb, so schwer, ach so
schwer wurde - so setzte ich die Spitze des Dolches auf das ungehorsame,
rebellische Herz und dann wurde es wieder ruhiger, demthiger; es mochte fhlen,
da es in dem Kampfe zwischen Stolz und Liebe doch keine Aussicht auf den Sieg
habe. Zuletzt schlief ich ein und trumte, ich sei mit meiner Mutter vershnt.
Sie bedeckte mich mit Kssen und Juwelen; aber die Ksse waren eisig und die
Juwelen erklteten mich bis in's innerste Mark. Doch lie ich es geschehen und
sie nahm mich bei der Hand und fhrte mich durch dunkle Gnge in das
hellerleuchtete Schiff einer Kirche, das voll Menschen war. Die Augen aller
dieser Menschen waren starr auf mich gerichtet. Dann war es pltzlich nicht mehr
meine Mutter, die mich an der Hand hielt, sondern ein groer fremder Mann in
einer Uniform, die von Gold und Diamanten blitzte. Das Gesicht konnte ich nicht
sehen, er hielt es bestndig nach der andern Seite gewandt. So traten wir an den
Altar, auf dessen Stufen der Priester stand. Die Orgel brauste und Gesang
fluthete durch die hohen Hallen. Ueber dem Priester hing ein groes hlzernes
Cruzifix, so wie in der Capelle von Grenwitz eins hngt, das ich oft als Kind
voll Grausen betrachtet habe. Auch jetzt kam dieses Grausen wieder ber mich,
denn das Bild schttelte, whrend er sprach, immer mit dem Kopfe, und als ich
genauer hinsah, trug es die Zge von Oswald, aber verzerrt und todtenbleich und
in der Seite des Bildes stak mein Dolch bis an den goldenen Griff und schwarze
Blutstropfen fielen lang und langsam herunter. Da ffnete es den Mund und schrie
laut auf, laut und gellend und vor dem Schrei zerstob die Menge, die Gewlbe
krachten zusammen und der Mann an meiner Seite wurde zum Gerippe. Vergebens, da
ich mich seinem Griff zu entziehen suchte. Es umschlang mich mit seinen
Knochenarmen und fuhr mit mir hinab in finstere Tiefen - schneller, immer
schneller, bis ich vor allem Entsetzen erwachte. Der trbe Herbstmorgen blickte
in mein Zimmer, aber noch immer glaubte ich, die Posaunen zu hren und es
dauerte geraume Zeit, bis ich mich berzeugen konnte, da es die Hrnertne
eines Trauermarsches waren von einem militairischen Leichenzug, der an dem Hause
vorber nach dem nahen Friedhofe ging.
    Ich versuchte zu lcheln ber den wunderlichen Traum und es gelang mir, -
weil ich es wollte, weil ich den leeren Schreckenbildern einer aufgeregten
Phantasie keinen Einflu auf meine Entschlsse zugestehen wollte. Ueberdies
konnte ich mir bei ruhiger Ueberlegung wohl erklren, wie ich zu diesem Traum
gekommen war. Am Abend vorher hatte ich Oswald im Schmerz von mir Abschied
nehmen sehen; an diesem Tage sollte ich meiner Mutter nach langer, langer Zeit
zum ersten Male gegenbertreten. Mein Vater hatte diese Zusammenkunft
vermittelt; er wnschte, mich auf einer Gesellschaft zu haben, die man zu geben
beabsichtigte - ich mochte dem guten Vater diese Bitte nicht abschlagen.
    Ich ging am Morgen zur Visitenzeit hin. Das Wiedersehen war weniger
peinlich, als ich erwartet hatte. Es war glcklicherweise viel Besuch da -
Clotens, Barnewitzens etc., auch ein Officier - ein Frst Waldernberg - ein
auerordentlich stattlicher, stolzer, wenn auch nicht schner Mann. Er lie sich
mir natrlich vorstellen und bat mich um den ersten Walzer. Bald darauf brach
der Besuch auf, ich mit. Emilie von Cloten - ich habe Dir schon von ihr
geschrieben - gratulirte mir, whrend sie mich in ihrer Equipage nach der
Pension zurckfuhr, zu meiner Eroberung. Ich erwiderte ihr, da ich fr
Eroberungen, die so leicht zu machen wren, danke. Das ist Geschmacksache,
antwortete Emilie lachend. Ich fr mein Theil finde, da, was man nicht im Fluge
erobert, nicht des Eroberns werth ist. Bei mir heit es immer: l'amour ou la
vie. Freilich ich bin eine Schwalbe und lebe von Mcken. Knigsadler, wie Du,
mssen, eine stolze Beute haben, die sich auch nthigenfalls zur Wehr setzen
kann. Mir ist diese frstliche Beute, offen gestanden, zu stolz. Aber fr Dich -
c'est autre chose. Gleich und gleich gesellt sich gern.
    Die leichtfertigen Worte der Schwtzerin hatten meine Neugier rege gemacht;
ich nahm mir vor, whrend der Gesellschaft den Frsten etwas genauer zu
beobachten. In der Stimmung, in der ich war, kam es mir gelegen, meinen Stolz an
dem Stolz eines Andern zu messen. Hatte ich mir doch zugeschworen, nie wieder
einem weicheren Gefhl Eingang in mein Herz zu verstatten; und da war es mir
eine Art von Beruhigung, da es noch andere Menschen gbe, die ebenso dchten,
wie ich.
    Meine Mutter empfing mich am Abend des folgenden Tages mit einer Gte - die
ich zum mindesten nicht um sie verdient hatte. Es war offenbar ihre Absicht, mir
zu zeigen, da sie es auf eine wirkliche Vershnung abgesehen habe. Sie kte
mich auf die Stirn, nahm mich bei der Hand und fhrte mich zu den Damen, die
mich ebenfalls mit Zuvorkommenheiten berhuften. Es schien, als ob das ganze
Fest nur meinethalben gefeiert wrde; als ob sich Alles nur um mich drehte. Wo
ich sa und stand, hatte ich einen Kreis von Herren und Damen um mich, wie eine
Knigin.
    Es war das erste Mal, seit ich von Grenwitz fort bin, da ich mich wiederum
unter Meinesgleichen in stattlich schnen Zimmern bewegen konnte. Ich fhlte,
deutlicher, als ich es je gefhlt, da dies die Umgebung sei, in der ich einzig
frei auftreten, da dies die Luft, in der ich einzig frei athmen knne, da ich,
mit einem Worte, zum Herrschen und nicht zum Dienen geboren sei. Es erschien mir
auf einmal als eine keineswegs schwere Aufgabe, den Schwur zu halten, den ich in
der Nacht mit glhenden Thrnen in meine Seele gebrannt hatte; ich lchelte ber
- die Phantasien des Mdchens in der Pension! und lchelnd nahm ich die
Huldigungen entgegen, die man mir verschwenderisch zu Fen legte.
    Unter diesen Huldigenden befand sich auch Frst Waldernberg. Ich brauchte
mich nicht nher nach seinen Verhltnissen zu erkundigen. Alle Welt beeilte
sich, mir darber Auskunft zu geben. Es ist ein geborener Russe und unermelich
reich. Die Gter seiner Mutter, einer Frstin Letbus, liegen in allen Theilen
Rulands; Frst von Waldernberg ist er ebenfalls durch seine Mutter, die aus
diesem Hause stammt. Seit er zur Succession kam, ist er aus russischem in unsere
Dienste getreten. Sein Vater ist ein Graf Malikowsky. Die Eltern leben noch
beide, er ist das einzige Kind. Du siehst, liebe Mary, hier tritt zum ersten
Male in meinen Briefen ein wirklicher Grande auf, der Euren stolzen Herzgen und
Marquis ebenbrtig ist; und ich dachte an Dich, whrend die schwarzen Augen des
Frsten, mochte er noch so fern von mir stehen, bestndig zu mir
herberblitzten, ob ich in Deinen Augen, wrest Du zugegen, wohl ein
aufmunterndes Lcheln sehen und darin lesen wrde: Er ist Deiner werth! Ich
hoffte es, denn das Aussehen und die Haltung des Frsten ist so vornehm, wie
sein Rang. Ich bemerkte mit einiger Beschmung, wie traurig sich unsere jungen
Herren neben ihm ausnahmen und wie sie sich alle vergeblich bemhten, seine Art
zu gehen und sich zu tragen, nachzuffen. Er unterhielt sich mehremals
angelegentlich mit mir. Eine seiner Aeuerungen ist mir im Gedchtni geblieben,
weil sie mir aus der Seele gesprochen war. Ich fragte ihn, weshalb er, der
Tausende und aber Tausende von Leibeigenen habe, in der Armee diene, wie unsere
jungen Adeligen, die nichts auf der Welt besen, als ihren Degen? Weil,
antwortete er, ich zu stolz bin, da herrschen zu wollen, wo ich es nicht im
strengsten Sinne des Wortes kann. - Wie das, Durchlaucht? - Ich bin nicht
Souverain. Meine Ahnen waren es; ich mu jetzt ben fr die Schwche meiner
Ahnen. - Wrden Sie nicht die Oberhoheit aufgegeben haben? - Nimmermehr!
erwiderte er - und es war dies das einzige Mal, wo ich eine Art von Bewegung in
seinem kalten, stolzen Gesicht sah - nimmermehr! tausendmal lieber mein Leben!
Aber, fgte er nach einer kleinen Pause hinzu, ich kenne Jemand, der auch lieber
sterben, als sich demthigen wrde. - Und wer wre das? - Sie selbst, mein
gndiges Frulein.
    Die Gesellschaft endete tief in der Nacht. Papa lie mich in unserer
Equipage nach Hause fahren. Mama versprach, am nchsten Tage - das war heute -
meinen Besuch zu erwidern. Wirklich war sie am Vormittag bei mir. Sie war
wiederum sehr gtig, sagte mir viel Schmeichelhaftes ber mein Benehmen gestern
Abend und da sie (ebenso wie der Vater) dringend wnsche, mich wieder bei sich
zu Hause zu haben. Indessen solle es ganz bei mir stehen, ob ich berhaupt, und
wann ich zurckkommen wollte. Du hast nicht ganz Deinen freien Willen gehabt,
als Du gingst, sagte sie; so will ich wenigstens die Beruhigung haben, da Dein
Kommen ganz freiwillig ist.
    Und Vetter Felix? - Er reist in einigen Tagen nach Italien. Es versteht sich
von selbst, da ich Dir nicht zumuthe, mit ihm zusammen in unserm Hause zu sein.
    In der That, wenn meine Mutter es nicht redlich mit mir meint, so hat sie
zum mindesten den rechten Weg zu meinem Herzen getroffen. Ich bin halb und halb
entschlossen, zu thun, wie sie und der Vater wnschen. -
    Das junge Mdchen sa, die Arme ber dem Busen gekreuzt, in den Stuhl
zurckgelehnt und starrte, in Trumen versunken, vor sich hin. Mechanisch
horchte sie auf das Sausen des Nachtwindes in den Pappeln vor dem Fenster, in
das sich von Zeit zu Zeit der dumpfe Donner des am Ufer aufrauschenden Meeres
mischte. Diese Musik rief mit den Erinnerungen frhester Kindheit ganz andere
Empfindungen wach, als die, in welche sie sich zuletzt hineingeschrieben. Da
pltzlich fuhr sie zusammen und lauschte athemlos nach dem Fenster. Durch die
klagenden Laute des Windes ertnte der Gesang einer weichen, tiefen Stimme.
    Dann rauschte der Wind wieder laut auf, und die Stimme verwehte; dann klang
es wieder deutlich herauf.
    Helene bebte an allen Gliedern. Sie wute, da der Snger nicht bis in das
hochgelegene Zimmer sehen konnte; aber ihr war, als ob seine Augen - die blauen
trumerischen Augen - auf ihr ruhten. Sie wagte nicht, sich zu rhren, sie wagte
kaum zu athmen. Noch einmal, aber schon ferner, kaum noch vernehmlich, sang es:

Und mu nun sterben so jung!

Helene dachte des Bildes im Traum, des blassen Gekreuzigten, der so wehmuthvoll
sein Haupt schttelte, als der Priester ber sie den Segen sprach; und sie
dachte an den Dolch, der bis zum goldenen Griff ihm in die Seite gestoen war,
und an die Blutstropfen, die lang und langsam herunterfielen, und sie drckte
schaudernd ihr Antlitz in beide Hnde.

                           Fnfundzwanzigstes Capitel


Oswald war in dieser Zeit haltloser und unglcklicher, als er es je gewesen.
Bergers Lehre von der dreimaligen Verachtung war ein bser Same, der bei ihm auf
einen nur zu fruchtbaren Boden gefallen. Und seit er sich von Melitta verrathen
glaubte, um mit grerer Leichtigkeit an ihr zum Verrther werden zu knnen,
hatte er den besten Theil seiner Selbstachtung unwiderbringlich eingebt. Es
half ihm nicht, da er bei dem Bruch seines Verhltnisses zu Melitta alle Schuld
auf sie wlzte, da er sie eine herzlose Kokette nannte, die ihn auf die
schmhlichste Weise betrogen habe und jetzt in den Armen ihres Buhlen ber das
arme Opfer lache. Immer wieder raunte ihm eine Stimme, die nicht zum Schweigen
zu bringen war, zu: Du lgst, Du lgst! ein Weib, das so tiefe, liebevolle Augen
hat, ist nicht herzlos; ein Weib, das solcher Liebe fhig ist, ist keine
Kokette; ein Weib, das so edel fhlt und denkt, verrth den Mann nicht, von dem
sie wei, da sie sein Glck und seine Seligkeit ausmacht.
    Und selbst seine Liebe zu Helene war nur noch ein schwacher Abglanz jener
himmlisch reinen Flamme, die whrend seiner Liebe zu Melitta sein Herz, wie der
Mond die Nacht, erhellt hatte. Es war in dieser Liebe viel von dem dster
lodernden Feuer einer gierigen, verzehrenden Leidenschaft, einer Leidenschaft,
die keine heilige Scheu vor ihrem Gegenstande kennt.
    Zu dem Allem kam, da er sich in seiner Stellung grenzenlos unbehaglich
fhlte. Seine Thtigkeit am Gymnasium widerte ihn an, nachdem er kaum damit
begonnen hatte. Schon die dumpfe Luft einer Schulstube und der Lrm einer
ausgelassenen Knabenschaar waren eine Qual fr seine berreizten Nerven. Und nun
die Herren Collegen: dieser von verwaschener Humanitt berflieende Director
Clemens; dieser stocksteife, hlzerne Professor Snellius; dieser bei so wenig
Witz so uerst behagliche Doctor Kbel; diese gelehrten Lwen Wimmer und
Breitfu? Gulliver, als er den Jahoo's begegnete, konnte gegen sie keinen
greren Widerwillen empfinden, als Oswald gegen diese Schaar, mit der in
tagtgliche genaue Berhrung zu kommen, seine Stellung ihn zwang. Und diese
Jahoo's waren noch dazu uerst zuvorkommend und zuthunlich; schienen gar keine
Ahnung ihrer Hlichkeit zu haben; berhuften den Ankmmling mit allen
mglichen Liebenswrdigkeiten; luden ihn unablssig zu Kegelabenden,
Whistpartien, sthetischen Thee's und dramatischen Lesekrnzchen ein! schienen
sich an seine reservirte Haltung, an seine zurckweisende Klte gar nicht zu
kehren - im Gegentheil, das Alles nur fr die Unbehlflichkeit eines jungen
Mannes zu halten, der sich noch nicht eben viel in guter Gesellschaft bewegt hat
und nothwendig aufgemuntert werden mu. Auch die Damen muten von dieser Idee
ganz erfllt sein, besonders Frau Director Clemens, die offen erklrte, sie
wolle den scheuen jungen Menschen, der so allein in der Welt stehe, ein wenig
unter ihre mtterlichen Flgel nehmen, und bereits angefangen hatte, diese
Drohung in Ausfhrung zu bringen. Ich mag Sie gern, lieber Stein, sagte die
energische Dame; Sie haben sich durch Ihren Hauptmann einen Platz in unserm
Lesekrnzchen und in meinem Herzen erobert. Ich halte es fr meine Pflicht,
unsere jngeren Collegen heranzubilden. Die wahre Humanitt lernt sich nur im
Umgange mit gebildeten Frauen. Sehen Sie unsern Collegen Wimmer! Was war das fr
ein schchterner, unbeholfener Mensch, als er vor zwei Jahren von Halle hierher
kam, und was fr einen charmanten jungen Mann hab' ich seitdem aus ihm gemacht!
Nun, mit Gottes Hlfe wird's mir mit Ihnen nicht schlechter gelingen.
    Oswald bersah die wirkliche Gutherzigkeit, die diesen und hnlichen
Ergssen zu Grunde lag und hielt sich nur an die lcherliche Form, die er mit
Albert, welchen er jetzt regelmig des Abends aufsuchte, schonungslos
verspottete.
    Aber es gab in Grnwald, auer der Directrice des dramatischen Krnzchens,
eine andere Dame, welche lter und bessere Rechte auf die Humanisirung des
jungen Wildfangs zu haben glaubte und ihrer Rivalin die Rolle, welche dieselbe
sich angemat hatte, um so weniger gnnte, als sie von ihr noch anderweitig in
ihren heiligsten Gefhlen auf das tdtlichste beleidigt war.
    Primula zitterte noch immer, so oft sie an den schrecklichen Abend dachte,
wo man sie hatte zwingen wollen, der Mrder eines groen Feldherrn und Helden zu
werden, und ihr einziger Trost war, da sie die ihr zugemuthete schmhliche
Rolle kaum angefangen, geschweige denn zu Ende gelesen. Aber wie dem auch war,
ihr Ha und ihre Verachtung gegen die Menschen, welche sie so unwrdig behandelt
hatten, blieben sich gleich. Sie erklrte, da der pltzliche unvermuthete
Anblick der Director Clemens fr sie von den allergefhrlichsten Folgen sein
knne. Ja, sie trieb in den ersten Tagen nach dem Ereigni die Vorsicht so weit,
so oft sie ausging, ihren Gatten oder den Diener Lebrecht zwanzig Schritt vor
sich hergehen zu lassen, um rechtzeitig von der etwaigen Annherung des
Gorgonenhauptes benachrichtigt zu werden; und obgleich sich allerdings nach
kurzer Zeit diese krankhafte Reizbarkeit einigermaen legte, so versetzte doch
noch immer das bloe Aussprechenhren von dem Namen der Uebelthterin sie in
eine nervse Stimmung.
    Indessen ein so gleichsam passiver Widerstand gegen eine Nebenbuhlerin
gengte dem unternehmenden Geiste Primula's nicht. Die Feindin, und nicht blo
sie, sondern ihre ganze Sippe und ihr ganzer Anhang, durften nicht blo
stillschweigend verachtet, sondern muten positiv gedemthigt werden. In's Herz
mute man sie treffen, oder, wie die Dichterin sich ausdrckte: Der flammende
Brand mute ihnen auf den eigenen Herd geschleudert werden. Das konnte aber nur
auf eine Weise geschehen, nur dadurch, da man das dramatische Krnzchen in die
Luft sprengte, indem man ein anderes Krnzchen neben jenem errichtete, welches,
unter Primula's Vorsitz, die ganze Intelligenz von Grnwald in sich vereinigte
und das der Schulleute so verdunkelte, wie der Mond einen Fixstern letzter
Gre. Einem solchen Krnzchen in Grnwald vorzustehen, war Primula's seligster
Traum gewesen, als sie noch im sanften Schein der Abendrthe an der Seite des
Fragmentisten durch die Felder von Faschwitz wandelte und sich, in holder Ahnung
der Triumpfe, die sie dereinst feiern wrde, von blauen Cyanen einen Kranz fr
ihr blondes Haar wand. Diesen Traum glaubte sie der Erfllung nahe, als sie, den
Wallenstein in der Hand und die Rolle der Thekla Wort fr Wort im Kopf, ber die
Schwelle des Empfangszimmers bei Director Clemens schritt. Mute doch dieser
Abend zu einem Triumphe fr sie werden! stand es doch zu erwarten, da, sobald
sie die ersten Verse gelesen, ein ungeheurer Beifallsturm ausbrechen, Alle sich
erheben und Mnner und Frauen wie aus einem Munde rufen wrden:

Heil, dreimal Heil dem stolzen Licht,
Das jetzt in unser Dunkel bricht!
O, Sngerin mit hohem Sinn
Sei Du nun unsre Knigin!
O, sag' zu unsren Bitten: ja,
Liederreiche Primula!

Nun freilich war es sonnenklar, da sie den falschen Weg zum Ziele
eingeschlagen. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Was sollte sie, die
sinnige Kornblumenkrnzewinderin bei dem Kampfe tragischer Leidenschaften, die
Dichterin hochberhmter Oden in einem dramatischen Krnzchen? Ein lyrisches
Krnzchen mute es sein, und ein solches lyrisches Krnzchen im offenen
ausdrcklichen Gegensatz zu dem dramatischen Krnzchen der Director Clemens zu
grnden, war der groe Gedanke, der wie ein mchtiger Frhlingssturm, lind und
doch unwiderstehlich, tausend Keime weckend und doch alles Andre vor sich
niederwerfend, durch ihrer Seele tiefste Schluchten brauste. - Wer mochte
solchem Anhauch der Begeisterung widerstehen? gewi nicht der Fragmentist, der
von einem gleichen Ehrgeize erfllt und durch das Benehmen der Schulmnner in
seiner Eitelkeit auf das empfindlichste beleidigt war. Er wurde der erste
Schler der Prophetin.
    Aber eine Prophetin und ihr Schler, meinte Primula, machen noch keine
Gemeinde aus, und Mann und Frau, sie mgen so geistreich sein, wie sie wollen,
sind, wenn sie des Abends an ihrem Theetisch sitzen, noch kein Krnzchen. Die
erste Bedingung fr das Zustandekommen eines solchen war daher, da sich die
Prophetin und ihr Schler Theilnehmer fr ihr Krnzchen zu gewinnen suchten. Die
Sache war nicht so leicht. Der Professor Jger war in der Grnwalder Societt,
die er als armer Student nur aus der Ferne gesehen hatte, verhltnimig wenig
orientirt. Seine Gemahlin dagegen kannte als siebente Tochter des weiland
Grnwalder Superintendenten Doctor Dunkelmann freilich die Gesellschaft, aber
die Gesellschaft, fr die sie lange, lange Jahre durch ihre Ueberspanntheiten
ein Gegenstand des Schreckens und des Spottes zugleich gewesen war, kannte sie
auch; und obgleich die blonde Fischerin schon seit mehreren Tagen vom Morgen bis
zum Abend am Ufer sa und das Netz auswarf, hatten sich doch erst sehr wenige
Fische fangen lassen. Das wrde nun fr die ehrgeizige Dichterin hchst
schmerzlich gewesen sein, wenn unter den wenigen Gefangenen nicht auch ihr
erklrter Liebling Oswald gewesen wre.
    Sein Benehmen an jenem Abend hatte ihm das Herz Primula's, von dem er schon
ein groes Stck besa, ganz gewonnen und auch bis zu einem gewissen Punkte das
Herz des Fragmentisten. Beide hatten ihn dringend gebeten, die Gastfreunde von
Argos in den Ebenen des Skamander nicht zu vergessen und Oswald war in einer
Anwandlung von boshafter Neugier der Einladung gefolgt, hatte sich whrend des
Besuches mit dem Professor und der Professorin in Sarkasmen gegen die
Schulmnner und ihre Damen berboten und war zuletzt, als Primula ihren
Krnzchenplan auf's Tapet brachte, mit dem grten Enthusiasmus darauf
eingegangen. Er hatte versprochen, Herrn Geometer Albert Timm, der als
geistreicher Kopf Jedermann in Grnwald bekannt war, fr die Sache zu
interessiren und die Dichterin hatte ihn fr diesen glcklichen Gedanken vor den
Augen ihres Gemahls umarmt.
    Seit diesem Besuch war kein Tag verflossen, an welchem nicht ein poetisches
Epistelchen von Primula an Oswald eingelaufen wre, in welchem sie sich nach dem
Fortgang seiner Bemhungen erkundigte - Epistelchen, die Oswald sorgfltig
aufhob, um sie am Abend im Rathskeller einer geschlossenen Gesellschaft
vorzulesen, welche sich das Rattennest nannte und in welche er seit einigen
Tagen von Albert Timm eingefhrt war.
    Es war etwa eine Woche nach dem Ball bei Grenwitzen's, als ihm abermals eine
dieser auf rosa Papier geschriebenen Anfragen durch des Professors Diener
Lebrecht berbracht wurde. Es mute diesmal etwas Besonderes sein, denn
Leberecht, ein junger, blasser, verhungert aussehender Mensch von fnfzehn
Jahren, der bis noch vor wenig Monaten Waisenknabe gewesen war, blieb an der
Thr stehen und sagte mit seiner hohlen Waisenhausstimme: Um Antwort wird
gebeten. Der Brief war abermals ein poetischer und lautete:


                An einen jungen Aar, der durch die Wolken flog.

Der junge stolze Aar,
Warum doch weilt er fern
In grauer Krhenschaar,
Er, meines Lebens Stern?

Hab' ich es doch so gern
Das braune Adlerhaar
Des hochgebornen Herrn
Mit blauem Augenpaar!

Wei nicht, wie mir geschah!
O kstlicher Gewinn!
Seit ich in's Aug' ihm sah,
Ist meine Ruhe hin.

Doch sternhoch ist sein Sinn,
Er schtzt nicht, was ihm nah,
Da ich ihm gar nichts bin,
Ich wei es, - Primula.

Oswald las die Verse zwei, dreimal durch, ohne zu begreifen, wie man auf solchen
Unsinn eine Antwort verlangen oder geben knne, bis er ganz unten in der Ecke
ein mikroskopisches tournez s'il vous plat entdeckte. Er wandte das Blatt um;
auf der andern Seite stand: Lieber O., ich mu mich ausnahmsweise einmal zur
Prosa zwingen. Ich war neulich in einer hochadeligen Gesellschaft, aus der ich
Ihnen allerlei erzhlen kann, wenn Sie es hren wollen. Heute Abend besucht mich
eine Dame (aus eben der Gesellschaft), die sehr deutlich den Wunsch hat blicken
lassen, mit Ihnen bei mir zusammenzutreffen, und die Ihnen etwas mitzutheilen
hat, was vielleicht fr Ihre Zukunft entscheidend wird. Allerdings sollte es
mich innig schmerzen, wenn ich Sie verlre; aber meine Freundschaft fr den
jungen Adler (s.p. 1) ist so rein, wie das Element, das er mit seinen mchtigen
Flgeln peitscht. Wollen Sie um sieben Uhr sein bei Ihrer Dienerin
                                                                        Primula.

Ein freudiger Schrecken berfiel Oswald. Wer anders konnte die junge Dame sein
als Helene? Freilich der Schritt war khn; aber was wagt die Liebe nicht? - Er
warf mit fliegender Feder ein paar Zeilen auf's Papier und gab sie Lebrecht mit
der ernsten Mahnung, das Briefchen ja nicht zu verlieren - eine Mahnung, die
durch das uerst stupide Aussehen des gewesenen Waisenknaben einigermaen
gerechtfertigt schien.
    Die Stunden, die er noch bis zum Abend hinzubringen hatte, schienen ihm zu
schleichen. Dazu wollte das Unglck, da er gerade an diesem Nachmittag zwei
Lectionen geben mute in einer hheren Klasse, deren Schler er durch sein
ungleichmiges Benehmen gegen sich aufgebracht hatte. Sie lieen es heute, wo
ihr junger Lehrer launischer schien als je, nicht an Neckereien und
Widerspenstigkeiten aller Art fehlen, und Oswald lie sich dadurch zu einer
leidenschaftlichen Heftigkeit hinreien, die zwar die Ruhe in der Klasse sofort
wieder herstellte, ber die er sich aber mehr rgerte, als ber alles Andere.
    Mimuth und Zorn im Herzen verlie er das Gymnasium. Nicht weit davon
begegnete ihm Franz. Keine Begegnung konnte ihm in diesem Augenblick ungelegener
sein. Er hatte die Freundschaft dieses trefflichen Menschen sehr wenig gepflegt,
kaum da er ein oder das andere Mal ( und meistens nicht in der Absicht, Franz
zu treffen) bei Robrans gewesen war. Er wute, da er sich durch dies Benehmen
gegen einen Mann, dem er so viel verdankte, einer hlichen Undankbarkeit
schuldig machte; aber lieber das, als das peinliche Gefhl der Demthigung,
welches er jedesmal empfand, so oft der prfende Blick des Freundes auf ihm
ruhte.
    Wie geht's, Oswald? sagte Franz, von der andern Seite der Strae
herberkommend und ihm herzlich die Hand schttelnd. Sie mssen verteufelt viel
zu thun haben, da Sie sich gar so selten sehen lassen.
    Nicht eben viel; erwiderte Oswald; aber das Wenige, was ich zu thun habe,
ist desto unangenehmer.
    Wie so?
    Diese Schule! eine einzige Stunde in der schnden Tretmhle verdirbt mir die
Laune fr die brigen dreiundzwanzig des Tages. Lieber Straenkehrer, als
Schulmeister.
    Ich wute es zum voraus, da Ihnen das Ding anfnglich nicht behagen wrde,
sagte Franz mit seinem freundlichen warmen Lcheln; aber, Oswald, Sie wissen ja:
es nimmt ein Kind der Mutter Brust - und so weiter; und dann, bedenken Sie doch:
Entsagung, Opferfreudigkeit erfordert jeder Beruf und wre es der - eines
Straenkehrers. Adieu, Oswald; ich mu in dies Haus hinein. Kommen Sie recht
bald einmal zu uns; ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen.
    Damit ging Franz in das von ihm bezeichnete Haus; Oswald setzte seinen Weg
fort.
    Entsagung, Opferfreudigkeit, murmelte er; das klingt sehr schn von den
Lippen Jemandes, der sich in seinem Beruf behaglich fhlt. Es ist doch nichts
widerwrtiger, als ewig mit solchen allgemeinen Phrasen geschulmeistert zu
werden, die auf die Situation, in der wir uns befinden, passen, wie die Faust
auf's Auge. Timm hat wirklich recht: Franz ist ein langweiliger Pedant.
    Er lenkte seine Schritte nach der Wohnung seines Pylades. Albert wohnte im
Schatten der Brigittenkirche, in dem Hause des Ksters Tobias Gutherz, eines
Mannes, der in dem Geruch ganz besonderer Heiligkeit stand, so da Niemand recht
begreifen konnte, weshalb der hchst unheilige Miether gerade diesen Miethsherrn
gewhlt hatte, und noch weniger, wie sich Beide schon seit langen Jahren so gut
vertragen konnten.
    Albert war zu Hause. Er lag auf seinem Sopha und las. Der Duft einer feinen
Havannah erfllte das Gemach, welches in seiner grenzenlosen Unordnung ein
ausnehmend passender Rahmen fr den jungen Wstling war.
    Ah, sieh' da, Pompei, meorum prime sodalium, sagte er, bei Oswald's
Eintreten das Buch auf die Erde schleudernd und sich aufrichtend; ich dachte so
eben an Dich, ob Dir wohl der Horaz, wenn Du ihn Deinen Buben vom Katheder herab
interpretirst, ein so vergngtes Gesicht macht, wie mir, wenn ich ihn hier bei
einer echten Havannah auf dem Sopha lese. Ist das ein famoser Bengel! ich denke
mir ihn immer als einen kleinen Kerl mit etwas kahlem Kopf, einer Andeutung von
einem Buchelchen, lebhaften schwarzen Augen und ppigen kugewohnten Lippen,
der, die Hnde auf dem Rcken, durch die Straen Roms schlendert, nach links
einer hbschen Dirne zuwinkt, nach rechts eine malitise Bemerkung ber einen
Spiebrger macht und dessen ganze Moral sich in die Worte zusammenfat: Vivat
Falerner und schne Mdchen, ohne sie leben, lohnt nicht der Mh'. Habe ich
recht?
    Ich glaube wohl.
    O Himmel, diese Grabesstimme! Was ist denn nun wieder los? Hast Du einen
Wechsel zu bezahlen?
    Diese verdammte Schule!
    Ist's weiter nichts? Schick' sie zum Teufel, der sie erfunden hat.
    Mais il faut vivre, wie der Schneider zu Herrn von Talleyrand sagte.
    Je n'en vois pas la ncessit, wie Herr von Talleyrand antwortete, zum
wenigsten nicht die ncessit, so zu leben.
    Wie den anders? ich habe noch etwa dreihundert Thaler; wenn ich damit zu
Ende bin, und das drfte bald sein, mu ich arbeiten, oder mir eine Kugel durch
den Kopf jagen.
    Da Du ein Narr wrst! Ein Kerl, wie Du, der tausend Mittel und Wege hat,
fortune zu machen!
    Zum Exempel?
    Zum Exempel, wenn er die kleine Grenwitz heirathet, die, meiner Meinung
nach, nichts eifriger wnscht.
    Das ist leichter gesagt, als gethan.
    Vielleicht doch nicht, wenn man den rechten Weg einschlgt.
    Und der wre?
    Mache, da man Dir das Mdchen geben mu, man mag wollen oder nicht.
    Ws ist mit diesem Rthselwort gemeint?
    Du bist heute merkwrdig schwer von Begriffen.
    Albert legte sich in die Sophaecke zurck und blies blaue Ringe in die Luft;
Oswald brtete dster vor sich hin. Er berlegte, ob er Timm wohl das Geheimni
des Rendez-vous, zu dem er heute Abend eingeladen war, mittheilen knnte.
Endlich kam, fast gegen seinen Willen heraus:
    Ich habe heute einen curiosen Brief von Primula empfangen; ich mchte wohl
wissen, ob Du besser daraus klug werden kannst, als ich.
    La hren, erwiderte Albert, in die Bewunderung eines prachtvollen Ringes,
den er so eben zu Stande gebracht hatte, verloren.
    Oswald las die Ode an den jungen Aar und das mysterise Postscript. Albert
sprang vom Sopha in die Hhe.
    Kerl, Du bist der wahre Hans im Glck! rief er; die Sache ist ja sonnenklar.
Die junge Dame kann Niemand anders sein, als die kleine Grenwitz. Das Mdchen
ist wahrhaftig zehnmal gescheiter und muthiger, als ihr jngferlicher Galan, der
die edle Kunst, die Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen, so wenig versteht. Im
Ernst, Oswald, die Karten liegen jetzt so gut, wie Du sie Dir nicht besser
wnschen kannst. Freilich mit der Eroberung der Festung wird's nicht so schnell
gehen. Die Jgerin hat offenbar mehr geschwatzt, als sie sollte; aber
gleichviel: in den Laufgrben bist Du, und wenn Du nicht weiter kommst, so ist
es Deine Schuld. Wann sollst Du bei Primula sein?
    Um sieben.
    Jetzt ist es fnf; wir haben noch zwei Stunden Zeit. Komm! wir mssen den
Operationsplan reiflich bei einem Glase guten Stoffs berlegen. Karl der Kahle
hat einen herrlichen Markobrunner, und aus diesem Brunnen sollst Du zuvor
trinken, da Deine Unternehmung Mark und Nachdruck hat und keine Spur von des
Gedankens krnklicher Blsse. Komm!

                          Sechsundzwanzigstes Capitel


Primula sa in ihrem Studirzimmer an einem mit neuen Bchern, Journalen und
Papieren bedeckten Tische. Nach dem Empfangszimmer, das gleichfalls erleuchtet
war, stand die Thr offen. Sie hatte soeben ein lngeres Gedicht beendigt, das
noch heute Abend an die Redaction eines belletristischen Journals geschickt
werden mute, in dessen Briefkasten schon dreimal, unter der Chiffre P.V. in
Gr. die Notiz gestanden hatte: Hochverehrte Frau! wir harren sehnlichst auf das
versprochene Manuscript. - Da lag es nun, das versprochene Manuscript! Eben war
das letzte Pnktchen ber das letzte i gemacht und schon sollte es hinaus in die
weite, liebeleere Welt, bevor noch er, der sie zu all' diesen glhenden Strophen
begeisterte, eine Zeile davon gehrt hatte. - Wenn er nur so frh kme, da sie
ihm wenigstens doch ein paar Verse vorlesen knnte, ehe die junge Frau von
Cloten anlangte, in deren Beisein es natrlich nicht mglich war!
    Da, horch! war das nicht die Klingel an der Hausthr? Die Hausthr wird
geffnet - eine weiche Mnnerstimme - er ist's! er ist's! Dank, ihr gtigen
Gtter!
    Primula warf einen schnellen Blick in den Spiegel, der ber ihrem
Arbeitstische hing und strich sich die blonden Locken aus dem blassen Gesicht,
ergriff eine Feder und fing an (ohne Tinte darin zu haben) mit nervser
Heftigkeit auf einem weien Blatt Papier zu kritzeln.
    Stre ich, verehrte Frau? fragte bald darauf die weiche Stimme neben ihr.
    Ah, mein Gott! rief die Dichterin, die Feder aus der Hand werfend; Sie
sind's, Oswald! Hatte ich Sie doch gar nicht kommen hren!
    Sie waren so freundlich, verehrte Frau, mich in dem reizendsten Briefchen,
da ich je gelesen -
    Sie Schmeichler! Wenn Sie die einfachen Verse von heute Morgen so loben, was
werden Sie dann zu diesen sagen, die ich heute Abend, das Herz voll von Ihnen,
mit glhender Stirn und pochendem Herzen geschrieben habe. Ich mu Ihnen
wenigstens den Anfang vorlesen. Sie kommt vielleicht sobald noch nicht,
vielleicht gar nicht. Bitte, bitte, nehmen Sie Platz. In einer halben Stunde mu
es auf die Post. Hren Sie! Was sagen Sie zu diesen originellen Versen, die mich
eines Freiligrath nicht unwrdig dnken. Die Ueberschrift lautet: Der Lwe am
Cap. Mu ich Ihnen sagen, wer der Lwe ist?

Wenn die glhe Sonnenscheibe sank dem Hottentottenkrale,
Wenn die Nacht herniederthauet, die gespenstisch blasse, fahle,
Wenn am Horizontessaume sich erhebt des Mondes Schale,
Dann an der Lagune Rande brllt es laut mit einem Male.

Der einmal entfesselte kastalische Quell war nicht mehr zu hemmen. Oswald mute
sich in sein hartes Schicksal ergeben. Pltzlich ertnte die Hausglocke. Der Ton
schien fr die Dichterin nur ein Signal zu sein, mit doppelter und dreifacher
Geschwindigkeit zu lesen, wobei sie ihrem Hrer, gleichsam um ihn am Entfliehen
zu hindern, die Hand auf den Arm legte. Noch fehlten vielleicht nur noch dreiig
Strophen, da rauschte in dem Nebenzimmer ein seidenes Gewand, und in der offenen
Thr, die nach dem Empfangszimmer fhrte, stand pltzlich die gracise Gestalt
Emiliens von Cloten.
    Ich stre doch nicht, liebe Frau Professor? fragte die junge Dame, mit einem
halb scheuen, halb kecken Blick auf Oswald; sonst gehe ich sogleich wieder.
    O nein, nein, erwiderte Primula in einem wehmthigen Ton, das Manuscript auf
den Tisch legend und sich erhebend; durchaus nicht! Ich las nur eben meinem
jungen Freunde Stein ein paar Verse aus einem Gedicht - o Gott, es ist bereits
halb acht, das Packet mu vor acht auf der Post sein. Liebe Frau von Cloten,
bester Stein, entschuldigen Sie mich fr den hundertsten Theil eines
Augenblicks. Verweilen Sie so lange in dem Salon; sobald ich das Packet expedirt
habe, bin ich bei Ihnen.
    Damit schob die aufgeregte Dichterin ihre Gste ohne viele Umstnde in das
Nebenzimmer, indem sie dabei Oswald zuflsterte: Jammer, nur von einer
Dichterseele zu fassen! Die letzten Verse sind gerade die schnsten!
    Sie lie die Portiere fallen, sei es, um ungestrt zu sein, sei es, um nicht
zu stren; und Oswald und Emilie standen einander gegenber, Oswald sprachlos
vor Erstaunen ber die so seltsame und unerwartete Auflsung des Rthsels, und
Emilie ebenfalls trotz ihrer Gewandtheit und Keckheit fr einen Moment rathlos;
aber schon im nchsten hob sie die gesenkten Wimpern, lachte Oswald schelmisch
aus ihren groen grauen Augen an und sagte rasch und im Flsterton:
    Sie glaubten doch nicht, da es ein Zufall ist, der uns hier zusammenfhrt?
    Ich wei nicht, was ich glauben soll, antwortete Oswald, unwillkrlich
denselben raschen und heimlichen Ton anschlagend.
    So hat Ihnen die Professorin noch nichts mitgetheilt?
    Was?
    Ich habe ihr weis gemacht: ich htte den Auftrag, Sie zu fragen, ob Sie in
einer mir befreundeten Familie eine Stelle annehmen wollten. Natrlich ist kein
Wort davon wahr. Mich fhrt nichts hierher, als -
    Ein Blick der glnzenden Augen und ein Zucken des reizenden Mundes fllten
die Pause, welche die junge Dame in ihrer Rede machte, sehr beredt aus. Oswald
vermochte noch immer nicht, sich in die eigenthmliche Situation zu finden. Er
hatte Helenen erwartet, er fand Emilie, - Emilie, deren lieblich kokette
Erscheinung ihn so wunderbar an einige der reizendsten und zugleich peinlichsten
Scenen in dem wirren Drama seines Lebens mahnte, Emilie, der gegenber er sich
von vornherein zu einer entsagungsvollen Rolle verurtheilt hatte, aus welcher
der Uebergang in die eines Liebhabers nicht eben leicht war. Von den
verschiedensten Empfindungen auf einmal bestrmt, suchte er vergeblich nach
Worten.
    Weshalb sind Sie nicht zu uns gekommen, wie Sie neulich versprochen? fuhr
Emilie, durch Oswalds Schweigen einigermaen entmuthigt, in dem Tone eines
verzogenen Kindes fort, dem ein hbsches Spielzeug vorenthalten wird und das
deshalb groe Lust hat, in Thrnen auszubrechen; ist es recht, die Bitte - die
unschuldige Bitte einer Dame nicht zu erfllen und sie dadurch zu einem Schritt
zu zwingen, den sie kaum vor sich selbst, geschweige denn vor dem Urtheil der
Welt verantworten kann?
    Oswald trat unwillkrlich einen Schritt zurck und erwiderte in halb
ernstem, halb spttischem Ton: Es scheint, gndige Frau, da es mein Schicksal
ist, Ihnen stets durch meinen plebejischen Mangel an ritterlicher Galanterie
beschwerlich zu fallen.
    Emiliens liebreizendes Gesicht, das bis dahin im rosigsten Lcheln gestrahlt
hatte, wurde leichenbla. Ihre groen Augen wurden noch grer und starr, wie
die Augen Jemandes, der einen heftigen physischen oder psychischen Schmerz zu
erdulden hat; um ihre bleichen Lippen zuckte es krampfhaft, als ob sie etwas
sagen wolle und doch nicht die Kraft dazu finden knne. Ihre Glieder zitterten,
sie griff nach der Lehne eines Stuhls, der in ihrer Nhe stand.
    So tief hatte der Pfeil nicht verwunden sollen. Oswald schmte sich seiner
Grausamkeit, um so mehr, als es ihm mit der catonischen Strenge, die er
herausgekehrt hatte, so gar ernst nicht wahr. Er trat lebhaft auf Emilien zu; er
ergriff ihre Hand, die er fest hielt, obgleich sie schwache Anstrengungen
machte, ihm dieselbe wieder zu entziehen; er beschwor sie in leidenschaftlichen
Worten, ihm zu verzeihen: er bereue, was er gesagt habe; - sein Herz sei krank,
sein Kopf verwirrt, sein Mund spreche oft, wovon sein Kopf und sein Herz nichts
wten. - Sie solle ihm Gelegenheit geben, zu sich selbst zu kommen, sich vor
sich selbst und vor ihr zu rechtfertigen.
    Emiliens Schmerz schien durch diese Worte und vielleicht mehr noch durch den
innigen Ton, in welchem sie gesprochen wurden, einigermaen gelindert zu werden.
Sie hatte sich auf den Stuhl gesetzt, auf dessen Lehne ihre kleine Hand vorher
gezittert hatte; ihre Thrnen begannen reichlich zu flieen, sie duldete es, da
Oswald, der sich ber sie beugte, die Hand mit Kssen bedeckte, whrend er nur
noch in leisen Worten, die mit jedem Augenblick leidenschaftlicher und
zrtlicher wurden, ihre Verzeihung fr seinen Wahnsinn - wie er es nannte -
erflehte. Ihr Weinen wurde sanfter, wie eines kleinen Kindes Weinen, dem die
Puppe, die ihm verweigert wurde, nun endlich doch unter Kssen und Liebkosungen
in die Arme gelegt wird. Beide, Oswald sowohl wie Emilie, schienen ganz
vergessen zu haben, da sie sich in einem fremden Hause befanden, wo jeder
nchste Augenblick ihnen eine beschmende Verlegenheit bereiten konnte, und sie
durften von Glck sagen, da ein ebenso unerwarteter wie lcherlicher Zufall
ihnen die Besinnung wieder gab, die sie in der berauschenden Sigkeit des
ersten Neigens von Herzen zu Herzen verloren hatten.
    Pltzlich ertnte nmlich aus dem inneren Gemach ein so gellender Schrei,
da die Beiden entsetzt in die Hhe fuhren und von dem einen Gedanken, die
Dichterin stehe von oben bis unten in hellen Flammen, getrieben, in ihr Zimmer
strzten. Der erste Blick, als sie die Portiere auseinanderschlugen, belehrte
sie nun freilich, da Primula nicht in Lebensgefahr sei, und als sie nher
eilten, sahen sie denn auch, was geschehen war. Primula hatte, verloren in
Bewunderung einer ganz besonders gelungenen Strophe, der sie noch im letzten
Augenblick durch eine glckliche Verbesserung einen unbeschreiblich pathetischen
Charakter gegeben, statt der Sandbchse das Tintenfa ergriffen und den
reichlichen Inhalt desselben bis auf den letzten Tropfen ber ihr Manuscript und
von dort in einem schwarzen Sturzbach auf den Scho ihres gelbseidenen Kleides
geschttet. Und da stand sie nun, die vom grausamsten Zufall verhhnte Dulderin,
- stumm, nachdem der erste wilde Schrecken ihr den gellenden Schrei ausgepret
hatte, die mit Tinte arg besudelten Hnde und die wasserblauen thrnenden Augen
zur Zimmerdecke erhoben, als wollte sie den Vater Apollo selbst zum Zeugen
anrufen des grauenhaften Schicksals, welches eines seiner begabtesten Kinder
getroffen. Oswald und Emilie hatten Mhe, ihr Lachen ber diesen Anblick
zurckzuhalten; aber alle Anstrengung, ernst zu bleiben, war vergeblich, als
jetzt die Dichterin in tragischem Schmerz ihr Antlitz in beide Hnde drckte und
einen Augenblick nachher, wie der wildsten Zone wildster Krieger, mit
schauerlichen Flecken betupft, vor ihnen stand.
    Lacht nicht, meine Freunde, sagte die beleidigte Dame mit sanfter Stimme, es
ziemt den Freunden des verfolgten Genius nicht, zu jener argen Welt zu gehren,
die es liebt, das Strahlende zu schwrzen -
    Die zum Weinen wie zur ausgelassensten Lustigkeit alle Zeit gleich bereite
Emilie konnte hier nicht lnger widerstehen. Sie warf sich in einen Lehnstuhl
und lachte, da ihr die Thrnen in die Augen kamen.
    Frau von Cloten, sagte Primula mit Wrde, ich mu Ihnen sagen, da Ihr
Benehmen fr ein zartbesaitetes Gemth, wie das meinige, etwas tief Verletzendes
hat; dann sich zu Oswald wendend, mit dem Tone des sterbenden Csar: Oswald, das
habe ich nicht um Sie verdient! und sie wandte sich zu gehen.
    Liebste, beste Frau Professorin! rief Emilie aufspringend und ihr in den Weg
tretend, ich bitte tausend, tausendmal um Verzeihung, aber sehen Sie selbst, ob
es menschenmglich ist, dabei ernst zu bleiben.
    Und sie drngte Primula mit sanfter Gewalt an den Trmeau, vor welchem sich
sonst die Dichterin an ihrem eigenen musenhaften Anblick zu begeistern pflegte.
Jetzt aber war Hineinschauen, einen Schrei ausstoen, wie wenn sie das Haupt der
Gorgo erblickt htte, und dann ohne weitere Vorbereitung Oswald, der
glcklicherweise dicht hinter ihr stand, ohnmchtig in die Arme fallen, das Werk
eines Augenblicks.
    Bitte, klingeln Sie nach dem Mdchen, sagte Oswald, indem er die Ohnmchtige
nach dem Sopha trug.
    Auf Emiliens Sturmluten erschien denn auch alsbald Primula's Zofe; aber
schon hatte die Dichterin sich soweit erholt, da sie die Augen halb
aufgeschlagen und mit matter Stimme zu Oswald und Emilie sagen konnte: Ich danke
Euch, meine Freunde! Ich hattet ein Recht zu lachen: du sublime au ridicule il
n'y a qu'un pas. Aber jetzt verlat mich, verlat eine Unglckliche, die das
Leid, was sie betroffen, still in sich verwinden mu! Kein Wort, o kein Wort!
verlat mich!
    Einem so bestimmt ausgesprochenen Wunsch mute Folge geleistet werden. Fnf
Minuten spter standen Emilie und Oswald, denen der schlfrige Lebrecht die
Treppe hinuntergeleuchtet hatte, auf der Strae.
    Mais, mon Dieu! sagte Emilie, ich habe gar nicht daran gedacht, da ich
meinen Wagen erst eine halbe Stunde spter bestellt habe.
    So wird Ihnen wohl nichts brig bleiben, als meine Begleitung anzunehmen und
zu Fu zurckzukehren.
    Emilie legte ihren Arm in den Oswalds, und so gingen sie ein paar
Augenblicke schweigend nebeneinander.
    
    Es war ein sehr dunkler, stiller Abend. Die Herbststrme hatten die Bume
kahl gefegt und ruhten jetzt von ihrer wochenlangen Arbeit. Der Winter stand vor
der Thr, aber zgerte noch ein Weilchen, ehe er mit seiner starren Faust daran
klopfte. Auf den Straen war es uerst finster. Emilie schmiegte sich eng an
ihren Begleiter, der des Weges durchaus kundig schien.
    Wissen Sie unsere Wohnung? fragte sie.
    In der Sder-Vorstadt, meine ich? - Es war dies dieselbe, in welcher auch
die Pensionsanstalt des Frulein Br lag.
    Ja. Es ist ein weiter Weg.
    Desto besser.
    Ein sanfter Druck des runden Armes belohnte Oswald fr diese Galanterie.
    Sie waren, ohne weiter zu sprechen, in ziemlich raschem Gange bis an's Thor
gekommen. Sobald sie auerhalb der Stadt waren, fingen sie, wie auf Verabredung,
an, langsamer zu gehen. Oswald fhlte, da das junge Weib hier an seinem Arme in
seiner Gewalt sei, da es in seiner Macht stehe, sie - nach ihrem Sinne
wenigstens - glcklich zu machen. Die tugendhafte Wallung von vorhin, bei
welcher der Stolz, der sich nicht wegwerfen will, bedeutend mitgespielt hatte,
war lngst verflogen. Die koketten Reize Emiliens, deren Macht er in der
Fensternische von Barnewitz schon hinreichend empfunden, hatten ihre
unausbleibliche Wirkung nicht verfehlt; und wenn er in diesem Augenblicke auch
an die glnzendere Schnheit Helenens und an das dachte, was er seine wahre
Liebe nannte, so diente dies nur dazu, ihm die Sigkeit einer verstohlenen und
gewissermaen verbotenen Leidenschaft desto berauschender zu machen.
    Zrnen Sie - zrnst Du mir noch, Emilie? sagte er mit dem
einschmeichelndsten Ton seiner weichen tiefen Stimme.
    Ich Dir zrnen! erwiderte Emilie, und sie schmiegte sich noch enger und
inniger an ihren Begleiter; kann man da zrnen, wo man nichts mchte, als nur
immer lieben, unsglich lieben und -
    Und was, Du Holde -
    Vielleicht auch ein wenig wieder geliebt werden.
    Das klang so kindlich, treu und gut, da Oswald nicht begreifen konnte, wie
er jemals die Liebe dieses liebenswrdigen Geschpfes habe von sich weisen
knnen.
    Und doch, sagte er, hast Du mir einst gezrnt und hattest, wei es der
Himmel, der mit seinen goldenen Sternen auf uns herniederblickte, auch Ursache
dazu. Wie soll ich Dir vergelten, Du Gromthige, was ich - o, ich darf gar
nicht an jenen Abend auf dem Balle in Grenwitz denken!
    Wirklich? erwiderte Emilie heiter, o, dann ist Alles wieder gut, dann will
ich nichts beklagen von Allem, was seitdem geschehen ist.
    Von Allem, was geschehen ist? Was ist geschehen?
    Wie Du fragst! Bin ich nicht Frau von Cloten? Und weshalb bin ich es? Doch
nur, weil Du meine Liebe verschmhtest. O, Oswald, ich kann Dir nicht sagen, wie
es in mir tobte, als ich Dich an jenem Abend verlassen hatte. Mein Herz wollte
brechen; ich htte laut aufschreien knnen, ich htte mich an die Erde werfen
und mich todt weinen knnen. Und doch schickte ich Cloten zu meiner Tante; um
bei ihr um mich anzuhalten. Wie ich das konnte? Du kennst uns Frauen nicht, wenn
Du danach fragst. Cloten, oder ein Anderer, es war mir Alles gleich in diesem
Augenblick. Ich hatte nur den einzigen Gedanken, mich an Dir zu rchen, indem
ich mich so tief unglcklich machte, als nur mglich; damit Du mein Unglck auf
dem Gewissen httest, damit ich einst zu Dir sagen knnte: Du hast es ja nicht
anders gewollt.
    Dies Einst ist frher gekommen, als Du wohl selbst gedacht hast; ich wollte
freudig Jahre meines Lebens geben, ja auf der Stelle wollte ich sterben, knnte
ich Dich dadurch wieder so frei machen, wie Du warst, als wir uns zum ersten Mal
in Barnewitz sahen.
    Was htte ich von meiner Freiheit, wenn ich Dich verlieren mte? erwiderte
Emilie zrtlich und neckisch. Nein, nein, Oswald, zehntausendmal lieber so, wie
es jetzt ist. Wenn Du mich ein wenig lieb haben willst -
    Kannst Du daran zweifeln?
    Vielleicht; aber gleichviel, ein wenig nur und ich bin zufrieden; mag ich
dann immerhin Frau von Cloten heien; magst Du dann immerhin eine Andere lieben
-
    Eine Andere?
    Ja, mein Herr, eine Andere, die allerdings sehr schn, aber auch ebenso
stolz wie schn ist, und die, das knnen Sie versichert sein, ihrem Stolz
unbedenklich ihre Liebe opfern wrde, wenn sie, woran ich brigens zweifle,
wirklich lieben kann. O, Oswald, ich wollte, Du httest sie gestern Abend
gesehen! Ich wei, die Leute schelten mich kokett, und ich mag's auch wohl sein,
wenn's darauf ankommt, einen Narren am Seil zu fhren; aber dann thu' ich's
lustig und nicht mit keuschem Augenniederschlagen, wie Helene. Ich kann Dir
sagen, da ich mich gestern fr Dich geschmt habe. Ich dachte, der arme Mensch
verschmachtet vor Liebe, whrend die Dame seines Herzens sich hier nach
Herzenslust die Cour machen lt, und von wem? von dem Ausbund aller
dnkelhaften Aufgeblasenheit, die je in einem bunten Rock steckte; von dem Knig
aller Ballhelden in Lackstiefeln und tadellosen Glacs; von dem Musterbild
unsrer jungen Laffen, die ihm vergebens seine Kopfhaltung nachzuffen und sein
Non, Ma'am, oui, Ma'moiselle! nachzuschnarren suchen.
    Und wer ist dieser Held? fragte Oswald mit einem Lachen, das nicht ganz
natrlich klang.
    Ein russisch-preuischer Frst Waldernberg - Waldernberg-Malikowsky-Letbus -
    Ist es nicht ein schwarzer Mann, so lang, wie sein Name, mit einem Gesicht,
wie ein melancholischer Bulldog?
    Ganz derselbe. Schn ist er nicht; witzig ebensowenig, wahrscheinlich auch
nicht einmal gut - aber, was thut's? Bei der Aussicht, Frstin von
Waldernberg-Malikowsky-Letbus zu werden und ber einige hunderttausend Seelen zu
commandiren, kann man ber die Seelenlosigkeit seines Gemahls schon gndiglichst
den Schleier der dunklen seidenweichen Wimpern fallen lassen.
    Whrend Emilie so den Dmon der Eifersucht zu ihrer Hlfe rief, waren sie in
die unmittelbare Nhe von Frulein Brs Haus, an dem ihr Weg vorberfhrte,
gekommen. Emilie schwieg und zuckte zusammen, denn aus dem Schatten der Pappeln
vor der Gartenpforte lste sich pltzlich eine riesige, in einen langen Mantel
gehllte Gestalt, die dort gestanden haben mute, ab und kam langsam an ihren
vorber.
    Quand on parle du loup - flsterte Emilie, als sie einige Schritte weiter
gegangen waren; wenn es weniger dunkel wre, so wrde das ein interessantes
Rencontre gewesen sein.
    Die Begegnung des Frsten zu dieser Stunde, an diesem Orte war eine
Besttigung von Emiliens Worten, die nicht strker sein konnte. Der Tropfen
Eifersucht, der eben in sein Herz getrpfelt war, setzte sein Blut in Flammen
und brachte ihn mit jher Schnelligkeit in jene verzweifelte Stimmung, in
welcher Emilie an jenem Abend in Grenwitz war, als sie, von Oswald
zurckgewiesen, Zorn gegen ihn und Eifersucht gegen Helene im Herzen, hinging
und Clotens Braut wurde. Nur war der Unterschied, da Emilie den Mann, in dessen
Arme sie sich strzte, nie geliebt, und auf Oswalds Herz die reizende Frau, die
jetzt so verfhrerisch fest an seinem Arme hing, vom ersten Augenblick an einen
tiefen Eindruck gemacht hatte.
    Wir sind an Ort und Stelle, sagte Emilie, als sie bald darauf an einer auf
derselben Seite der Strae gelegenen Villa anlangten. Zwischen der Villa und dem
Nachbarhause fhrte ein Weg, den Oswald kannte, direct in den Park. Er lenkte in
diesen Weg ein; Emilie zauderte fr einen Moment.
    Frchtest Du Dich? flsterte er.
    Mit Dir! erwiderte sie noch leiser.
    Aber ihr Muth konnte doch so gro nicht sein, denn whrend sie die Strecke
zwischen den beiden Husern und dann den abschssigen Pfad, der zuletzt ber
eine kurze gewlbte Holzbrcke in den Park fhrte, hinabgingen, schlug ihr das
Herz zum Zerspringen, und als sie nun unter die hohen Bume traten, durch deren
entbltterte Zweige der Nachtwind in dumpfen Tnen rauschte, blieb sie stehen
und sagte:
    Es ist recht dunkel hier.
    So frchtest Du Dich doch, Du Liebe? erwiderte Oswald, sein Gesicht so tief
herabbeugend, da sie seinen Athem auf ihrer Wange fhlte.
    An Deiner Seite nicht, und ginge es in den Tod.
    Sie hing an seinem Hals; die Lippen, die sich heute nicht zum ersten Male
berhrten, vermhlten sich in einem langen, glhenden Ku.
    Sie wandelten in der Allee auf und ab. Was galt es ihnen, da sie kaum die
Stmme der Bume wenige Fu von ihnen erkennen konnten, da der kalte Hauch des
Meeres sie anwehte, - je dunkler es war, desto weiter war ihnen die Welt
entrckt, die von ihrer Liebe nichts wissen durfte; je klter es war, desto
fter konnte er ihr den seidenen Shawl dichter um den schlanken Leib hllen,
desto inniger konnte sie sich an seine Brust, in seine Arme schmiegen. Die ganze
Gluth der Leidenschaft, die in ihrem heien Herzen brannte, loderte auf in
wilden Feuergarben. Sie kte des Geliebten Hnde, sie kte seinen Mund, sie
lachte, sie weinte, sie war auer sich: O, nimm mich mit Dir, Oswald! wohin Du
willst, an's Ende der Welt, wo uns Niemand kennt, uns Niemand unsere Liebe
neidet. Ich frage nicht nach Rang und Reichthum. Ich habe nicht zu arbeiten
gelernt; aber fr Dich wird mir nichts zu schwer sein. - Du lachst, Du glaubst
mir nicht. O, stelle mich auf die Probe! nimm mich zu Deinem Weib, mach' mich zu
Deiner Sklavin, mir gilt es gleich, wenn ich nur bei Dir sein kann! - Und,
Oswald, wenn Du mich nicht mehr liebst, dann sag' es mir gerade heraus; oder
nein, sag' es mir lieber nicht! nimm, ohne ein Wort zu sprechen, einen Dolch und
stoe ihn mir in's Herz, und dann, wenn's ja doch vorbei ist, la mir aus
Barmherzigkeit die Wollust, meine Seele in einem Ku auf Deinen Lippen
auszuhauchen.
    So sprach unter Kssen und Kosen das leidenschaftliche Weib, bald klagend,
bald jubelnd, bald in abgebrochenen, stammelnden Lauten, bald in strmischen
fliegenden Worten - einem jungen Vgelchen gleich, das Alles, was seine
klopfende Brust erfllt, auf einmal herausschmettern und flten mchte und es
doch nur bis zum Zwitschern und hie und da zu einem hellen Ton bringt.
    Sie konnte es nicht begreifen, da Oswald sich weigerte, ihr morgen vor
aller Welt einen Besuch zu machen und fortan die Gesellschaften, die sich in
ihrem Hause versammelten, zu besuchen. Sie malte sich ein solches Verhltni mit
den reizendsten Farben aus. Cloten ist oft halbe Tage lang auer dem Hause. Wenn
Du erst einmal bei uns eingefhrt bist, so knnen wir die herrlichsten Stunden
ungestrt mit einander verleben.
    Nimmermehr.
    Wie, nimmermehr? mchtest Du das nicht?
    Wohl mchte ich es; aber die Frage ist, ob ich es kann? Wie kann ich aber in
Deine Gesellschaft zurckkehren, aus der ich so, wie ich es gethan, geschieden
bin? Es ist von je mein Grundsatz gewesen, nie wieder den Fu ber die Schwelle
eines Hauses zu setzten, in welchem man mich einmal, gleichviel, ob wissentlich
oder unwissentlich, beleidigte. Denn was einmal geschah, kann und wird fter
geschehen, und wenn es nicht geschieht - das Vertrauen und die Harmlosigkeit des
Verkehrs sind doch fort, und die kommen, wie die Unschuld, nimmer wieder.
    Aber was gehen Dich denn die andern Menschen an? Wen ich nicht sehen und
beachten will, den sehe und beachte ich eben nicht.
    Das kannst Du; aber siehst Du denn nicht, da das in meinem Falle ganz
unmglich ist? Oder glaubst Du, da Herr von Barnewitz, der junge Grieben, und
wer noch zu der Sippe gehrt, mich unbeachtet lassen wrden?
    Sie sollen nicht zu uns kommen, kein Einziger soll zu uns kommen. Ich will
Niemand empfangen und wen ich empfange, so empfangen, da ihm die Lust
wiederzukommen vergeht.
    Aber Emilie, Kind, das Alles sind ja bunte Seifenblasen, die vor dem ersten
Hauch der Wirklichkeit zerplatzen. Und wenn Du Dich wirklich mir zu Liebe mit
Deiner Gesellschaft in einen Kampf einlassen wolltest, in welchem Du nebenbei
immer den Krzeren ziehen mtest, wird Dein Mann mir, den er gewi nicht liebt,
zu lieben auch gar keine Ursache hat, dasselbe Opfer bringen?
    Arthur thut, was ich will; ich kann von Arthur Alles verlangen.
    Und wre er ein solcher Thor, sagte Oswald heftig; ich will in diesem
Blindekuhspiel nicht mitspielen. Wenn Dein Mann Dich wirklich liebt, um so
schlimmer fr Dich und mich und fr ihn. Ich wei, da Ihr Frauen in solchen
Fllen die beneidenswerthe Kunst besitzt, Eure rechte Hand nicht wissen zu
lassen, was die linke thut; aber wir Mnner sind anders organisirt; ich zum
wenigsten. Ich rede hier nicht von moralischen Bedenken, ber die man sich zur
Noth noch wegsetzen kann, wenn man den, dessen Vertrauen man tuscht, aus dem
Grunde verachtet; aber ich wrde Hllenqualen, die alle Wonne unsrer Liebe nicht
beschwichtigen knnte, erdulden, wenn ich mit meinen leiblichen Augen, den Mann,
den ich verachte, seinen Arm in plumper Vertraulichkeit um Deinen Leib schlingen
she; wenn ich des Abends von Euch ginge, und wte, da Du - o, ich mag es
nicht aussprechen, was ich nicht einmal auszudenken wage.
    Emilie warf sich schluchzend in Oswalds Arme: O, la mich immer bei Dir
bleiben: la mich nicht wieder in mein Haus zurckkehren! Ich will ihn nicht
wieder sehen! er soll nie wieder meine Hand berhren! ich habe ihn ja nie
geliebt! O, Oswald, hab' Erbarmen mit mir! la mich nicht so schwer ben fr
Etwas, das ich ja doch nur aus rasender Liebe zu Dir gethan habe.
    Armes, unglckliches Kind, murmelte Oswald, sie zrtlich an sich drckend,
armes unglckliches Kind; und unglcklich durch mich! das ist das bitterste
Leid! Emilie, Holde, Se, weine nicht so! Dein Schluchzen zerreit mein Herz!
La ab von dem Manne, der Dich schon so unglcklich gemacht hat, und nichts
weiter kann, als Dich nur noch unglcklicher machen! Vergi, da Du mich je
gesehen hast! Kehre zurck zu Deinem Gatten. Du wirst mit ihm nicht glcklich
werden, aber wer ist denn glcklich auf dieser Welt! Du wirst Dich an ihn
gewhnen, wie sich der Mensch zuletzt an Alles gewhnt. Und so wird Dir der
Strom des Lebens verflieen, im Anfang vielleicht noch unwillige Wellen
schlagend, dann allmlig ruhiger und trger, bis er zuletzt in das todte Meer
dumpfer Resignation gleichgiltig mndet. O, mein Gott, mein Gott! - Komm,
Emilie! es hilft uns nichts, da wir einander unser Leid klagen. Die Nacht ist
kalt, Deine Haare, Deine Kleider sind na von dem Nebelgeriesel, wie Deine Augen
von Thrnen. Du mut nach Haus.
    Er schlang seinen Arm um ihren Leib und fhrte sie den Weg, den sie gekommen
waren, zurck. Emilie lie es geschehen. Ihr leises Schluchzen hrte allmlig
auf; sie schien die Hilflosigkeit ihrer Lage zu begreifen. Pltzlich aber, als
sie auf der Brcke waren, die aus dem Park herausleitet, blieb sie stehen, fate
Oswalds beide Hnde und sagte mit leiser, fester Stimme: Ich hab' es mir
berlegt, und anders ist es nicht. Ich will ohne Dich nicht mehr leben, seitdem
ich wei, wie kstlich das Leben mit Dir ist. Wenn Du mich nicht lieben kannst,
so beschwre ich Dich bei Allem, was Dir heilig ist, sage es mir. Ich will kein
Wort erwidern, kein Wort. Ich will nicht weinen, nicht klagen. Du sollst von mir
nicht belstigt werden. Was ich dann thue, da wei ich.
    Emilie -
    Nein, la mich ausreden. Ich sage Dir, ich will nicht ohne Dich leben. Wenn
Du mich nicht liebst, kann es Dir ja gleichgiltig sein, was aus mir wird. Wenn
Du mich aber liebst, so wirst, so mut Du fhlen, da wir uns auch, so oder so
angehren mssen. Wie das geschehen kann, - ich wei es jetzt noch nicht; aber
ich werde darber nachdenken, und Du wirst darber nachdenken, und wir werden
einen Ausweg finden. Jetzt, sage mir: liebst Du mich, oder nicht?
    Ich liebe Dich! sagte Oswald, und er glaubte in diesem Augenblick, was er
sagte.
    Emilie warf sich in seine Arme: Und ich liebe Dich, Oswald, wie Dich nie ein
Weib geliebt hat, wie Dich nie ein Weib auf Erden lieben wird. Und nun, fuhr sie
in ruhigem Tone fort, whrend sie langsam weiter schritten, la uns unsre Lage
berdenken. Vorlufig, das sehe ich wohl, mu es so bleiben, wie es ist; aber
auch so mu ich Dich von Zeit zu Zeit sehen, wenn ich nicht wahnsinnig werden
soll. Hier in der Stadt, wo tausend Augen uns bewachen, ist es schwer; aber ich
habe einen andern Plan. Drben in Fhrdorf wohnt meine alte Amme, die mir
unbedingt ergeben ist. Sie ist Wittwe und hat einen einzigen Sohn in meinem
Alter, der fr mich durch Wasser und Feuer geht. Sie ist krnklich; ich schicke
ihr alle Tage etwas, habe sie auch schon besucht, und es wird nicht auffallen,
wenn ich sie wieder besuche. Ihr Sohn ist Steuermann auf einem Fhrboote, das
ihr gehrt, und er wird uns sicher und verstohlen hinber und herber bringen.
Wenn in einigen Wochen, vielleicht schon Tagen, das Eis hlt, ist die Sache noch
viel einfacher, - - willst Du Oswald?
    Der Plan ist gut, sagte Oswald, besonders deshalb, weil ich keinen besseren
wte. Wann wollen wir ihn in Ausfhrung bringen?
    Morgen, wenn Du willst.
    Wann?
    Um fnf Uhr Nachmittags. Das heit, wir drfen nicht zusammen hingehen. Ich
will schon frher fahren. Du kommst nach, wenn es dunkel ist. Die Rckfahrt
findet sich. Die Wohnung der Wittwe Lemberg - vergi den Namen nicht - ist das
letzte Haus links am Strand. O, Oswald, Oswald, denke die Seligkeit mit Dir
stundenlang ungestrt beisammen zu sein! Doch jetzt, mein Oswald, geh! man darf
Dich nicht sehen; ich mu allein nach Hause gekommen sein. Leb' wohl, - leb'
wohl - auf Wiedersehen.
    Die schlanke Gestalt Emiliens war heimlich durch das Dunkel bis an die Thr
der Villa geschlpft. Oswald hrte die Glocke ziehen. Die Thr wurde geffnet
und schlo sich wieder. Oswald war allein.
    Er war allein; allein mit einem Herzen, in dem es finster war, wie die
finstre Nacht, die wie ein schwarzes Leichentuch ber der kalten, starren Erde
lag. Kein Hoffnungsschimmer am Himmel und in seiner Seele; dunkel, Alles dunkel
vom Aufgang bis zum Niedergang.
    Er konnte es zu keinem bestimmten Gedanken bringen, nur zu dem einen, da er
sterben mchte, da es ein Glck fr ihn sein wrde, wenn er seinem Leben ein
Ende machte. Fr ihn und fr Andere! Heftet sich nicht das Unglck an seine
Fersen? war es nicht sein Schicksal, Verwirrung und Leid zu bringen, wohin er
kam? Und dieser neueste Bund, den er geschlossen, unwiderruflich, wenn er nicht
treulos sein wollte, wie - wie er es noch stets gewesen! Melitta - Helene -
Emilie! Was hatte Emilie vor den Andern voraus, als da sie zufllig die letzte
war?
    So irrte er, von den Furien des eigenen Gewissens gejagt, in dem Park umher
bis an den Strand und wieder zurck und wieder an den Strand und wieder zurck.
Die feuchtkalte Luft durchnte seine Kleider, er achtete es nicht; er stie
sich an den triefenden Stmmen, er ritzte seine Hnde an dem Hagedorn - er
fhlte es nicht. Verwnschungen gegen die Vorsehung, gegen die Menschen, gegen
sich selbst murmelnd, trank er in vollen Zgen aus dem Kelch der Leiden, die
sich der Mensch in seines Sinnes Thorheit gegen der Gtter Willen und des
Schicksals Schlu bereitet.
    Zuletzt fand er sich, - er wute nicht, wie er dahin gekommen war - vor der
Pforte des Gartens von Frulein Brs Pensionsanstalt. Aus einem der Fenster -
Helenens Zimmer - schimmerte Licht. Es war das erste Licht, das er jetzt seit
Stunden gesehen, und es war ihm, als ob in die Nacht seiner Seele ein Stern
hernieder leuchte. Zwar Trost und Hoffnung konnte ihm der Stern nicht bringen,
aber er lste seine Verzweiflung in Wehmuth auf, als er jetzt, sich aufraffend
und den Weg nach der Stadt einschlagend, die Stimme erhob und sang:

Und mu ich sterben so frisch und jung,
Ade dann, du goldener Sonnenschein,
Und Mondenschimmer und Sternenlicht,
Und ade, schwarzugiges Mgdelein,
Ich hab' euch alle ja so geliebt,
Und mu nun sterben so jung!


                          Siebenundzwanzigstes Capitel

Einige Tage spter war beim Geheimrath Robran in dem Wohnzimmer eine kleine
Gesellschaft versammelt, bestehend aus dem Geheimrath selbst, seiner Tochter,
Franz und einer jungen Dame, die von Bemperlein bei Robrans eingefhrt war:
Mademoiselle Marguerite Martin. Man hatte zu Abend gegessen, nachdem man
vergeblich eine Stunde lang auf Herrn Bemperlein gewartet. Jetzt sa man um den
Kamin; auf einem Tische in der Nhe Sophiens stand statt der Theesachen heute
eine kleine Bowle, aus der die junge Dame aber nur selten ein oder das andere
Glas fllte. Die Conversation war nicht eben belebt; es schien ein Schleier von
Wehmuth ber den Gesichtern Aller zu hangen. Kein Fremder htte glauben sollen,
da diese stille melancholische Gesellschaft nichts mehr oder nichts weniger
feierte, als was man im gewhnlichen Leben einen Polterabend zu nennen pflegt.
    Und doch war dies der Fall. Morgen in den ersten Vormittagsstunden sollte in
der Universittskirche das junge Paar von Professor Doctor Schwarz eingesegnet
werden, um dann eine Stunde spter nach der Residenz abzureisen, wohin Franz
dringende Geschfte riefen.
    In den Plnen, die Franz fr die Zukunft entworfen hatte, war nmlich noch
in der elften Stunde vor seiner Verheirathung eine groe Vernderung
eingetreten. Das Opfer, welches er in aller Stille und Heimlichkeit der Ruhe und
dem Glck der Seinigen bringen wollte, war nicht angenommen worden. Als er an
Professor Kurzenbach schrieb, da er die ihm zugedachte Ehre der Stelle eines
ersten Assistenzarztes an dem Universitts-Krankenhause ablehnen msse, glaubte
er die Sache ein fr allemal abgethan. Aber Kurzenbach war nicht der Mann, einen
ihm lieb gewordenen Gedanken so leicht aufzugeben. Er schrieb abermals an Franz,
und - das hatte Franz nicht erwartet - zugleich an dessen Schwiegervater. So
erfuhr der Geheimrath, was ihm, nach Franz' Absicht, wenigstens bis Alles
entschieden war, unbekannt bleiben sollte. Als Franz eine halbe Stunde spter
ihn zu besuchen kam, empfing er ihn mit dem Brief Kurzenbachs in der Hand. In
dieser Stunde der Entscheidung fand Robran seine ganze alte Geisteskraft und
Beredsamkeit wieder.
    Sehen Sie denn nicht, theuerster Franz, sagte er, da dies ungeheure Opfer,
welches Sie mir so leichten Muthes und - Sie mten sonst kein vom Weibe
Geborener sein, - schweren Herzens bringen, mich durch seine Gre niederdrckt
und so zu sagen moralisch vernichtet? Sie haben Ihr Vermgen fr mich
dahingegeben. Ich unterschtze das wahrhaftig nicht; indessen das hat schon
mancher Vater freudig fr seinen Sohn gethan, weshalb sollte es nicht auch
umgekehrt einmal ein Sohn fr einen Vater thun? Aber, indem Sie diese Stelle
ausschlagen, opfern Sie mir etwas, das sich nicht mehr zhlen und berechnen
lt. - Sie opfern mir Ihre Zukunft. Sie opfern mir den Ehrgeiz, der jedes edle,
mnnliche Herz erfllt, es in dem Berufe, dem man angehrt, zur hchstmglichen
Vollkommenheit zu bringen; ja, was am schwersten in die Wagschale fllt: Sie
opfern mir auch, worber Sie gar nicht frei verfgen knnen: die Pflicht, die
Sie gegen Ihre Mitmenschen haben. Wem, wie Ihnen, viel gegeben ist, von dem kann
und mu auch viel gefordert werden. Sie finden in der Residenz einen
Wirkungskreis, um den Sie selbst ein Csar beneiden wrde, wenn ein Csar
berhaupt jemals begreifen knnte, worin das wahre Herrscherthum des Menschen
besteht. Sie werden in Wirklichkeit sein, wie die rmischen Schmeichler ihre
Neronen und Heliogabale nannten: decus und deliciolae generis humani: eine
Zierde und Wonne des Menschengeschlechts, denn Sie werden, wie einst der
gttliche Nazarener, Blinde sehend und Lahme gehend und die unter der dumpfen
Grabesdecke ihrer Leiden Gebetteten vom Tode auferstehen machen. Und von Ihren
Worten und Werken begeisterte Schler werden ausziehen in alle Lande, und so
wird der Kreis Ihrer Wirksamkeit, wie der jedes wahrhaft groen und guten
Menschen, eine unendliche Peripherie gewinnen. Was Sie in Grnwald leisten
knnen, das knnen Andere auch. Was Sie dort leisten knnen, das knnen Wenige,
und es ist recht und billig, da jeder Soldat in der groen Fortschrittsarmee da
marschirt, wo seine Stelle ist in Reih' und Glied.
    Und nun abgesehen von diesen innern und moralischen Grnden, die Sie
gebieterisch zwingen, auf den Ruf des groen Geistes, der durch Kurzenbachs Mund
Ihnen geworden ist, mit Hier! zu antworten, so sprechen auch selbst die ueren
Verhltnisse mehr fr als gegen die Sache. Ich wei sehr wohl, welche Motive Sie
zu Ihrer Weigerung bestimmten; aber - verzeihen Sie, Franz, wenn ich ganz
aufrichtig spreche - sollten Sie dabei, wenn auch nicht Ihre Kraft berschtzt,
so doch die meinige zu gering angeschlagen haben? Ich wei es: der Tod hat mich
nur vorlufig gezeichnet, um mich bei nchster Gelegenheit desto sicherer zu
treffen; indessen sobald tritt diese Gelegenheit denn doch vielleicht nicht ein;
ich schtze, wenn Sie nicht etwas Besonderes dagegen haben, mein Leben immer
noch auf zwei, drei Jahre, vielleicht noch lnger. So lange werde ich meine
Collegien lesen und meine Kranken besuchen, nach wie vor, und wenn ich nicht
allein fertig werden sollte, so werde ich mir Jemand whlen, der mir nicht eine
so gefhrliche Concurrenz machen kann, wie mein vortrefflicher Schwiegersohn,
den man mir jetzt schon hier und da vorzuziehen anfngt. Im Ernst, Franz, wir
stehen uns vorlufig hier nur im Wege. Und wenn's doch einmal darauf ankommt,
Geld zu machen, so ist es besser: Sie gehen nach Osten, und scheren Ihre Schafe,
und ich schere hier im Westen die meinen.
    Franz war durch diese Argumente nicht ganz berzeugt; aber er fhlte, da
der Geheimrath als Mann von Ehre nicht anders handeln knne. So ging er denn zu
seiner Braut und sagte ihr: da er einen Ruf nach der Residenz erhalten habe.
Was sie dazu sage?
    Ob Du dem Ruf folgen mut, erwiderte Sophie nach kurzer Ueberlegung, das zu
unterscheiden, mu ich natrlich Dir und dem Vater berlassen, denn ich verstehe
nichts davon. Wenn's aber sein mu, werde ich gewi nicht Nein sagen. Wann
sollen wir fort?
    Ich mu gegen Weihnachten sptestens da sein; aber auch jetzt schon mu ich
gleich nach unserer Hochzeit auf ein paar Tage hinber, um das Terrain zu
recognosciren.
    So reise ich mit Dir. Du sollst sehen, da ich gar nicht so unpraktisch bin,
wie Du glaubst.
    Wenn Sophie so ruhig, beinahe khl ber einen Plan sprach, der fr ihre und
Franzens Zukunft entscheidend war, dessen Ausfhrung sie von Vaterstadt und von
Vaterhaus, von ihren Freundinnen und Bekanntinnen, von tausend und aber tausend
Gewohnheiten vielleicht fr immer trennte, so war ihr doch der Gedanke, von dem
Vater, den sie so liebte, von dem sie so sehr geliebt wurde, scheiden zu sollen,
unsglich schmerzlich; aber sie wute, da er in der Stunde der Entscheidung an
den Grundstzen, die er der Tochter eingeprgt, festhalten und von ihr dieselbe
Festigkeit erwarten wrde.
    Von diesem Momente an war Sophiens ganzes Sinnen und Trachten darauf
gerichtet, Alles im Hause zu ordnen, da der Vater nach ihrer Entfernung
wenigstens den Comfort des Lebens, an den er sich nun einmal gewhnt hatte,
nicht vermite. Vor Allem handelte es sich darum, ein weibliches Wesen zu
finden, das ihre Stelle an der Tafel und beim Theetisch ausfllen und berhaupt
die Leitung der huslichen Angelegenheiten bernehmen knnte. Ihre Wahl war bald
getroffen. Bemperlein hatte, auf Sophiens ausdrcklichen Wunsch, ihr
Mademoiselle Marguerite schon am nchsten Tage nach der denkwrdigen Unterredung
vor dem Kaminfeuer zugefhrt. Sophie hatte an der hbschen schwarzugigen
Franzsin groes Gefallen gehabt und Bemperlein aufrichtig zu seiner Wahl
gratulirt. Schon damals war Sophie der Gedanke gekommen, ob Marguerite nicht
spter, wenn sie selbst verheirathet war, dem Vater die Wirthschaft fhren
knnte. Jetzt beeilte sie sich, diesen Gedanken zur Ausfhrung zu bringen. Der
Vater, auf den die kleine Lacerte, wie er das zierliche Figrchen nannte,
einen sehr gnstigen Eindruck gemacht hatte, fand den Plan seiner Sophie so
bel nicht; Franz billigte ihn, und was Bemperchen anbetrifft, so verstand es
sich von selbst, da er mit Enthusiasmus darauf einging. Er, als die geeignetste
Person, erhielt demzufolge den Auftrag, Marguerite's Sinn in dieser Hinsicht zu
erforschen und bei einem so feinen Diplomaten wie Anastasius Bemperlein, meinte
Sophie, sei es selbstverstndlich, da der entschiedenste Erfolg seine delicate
Mission krne. Marguerite erklrte, da sie die ihr zugedachte Ehre annehmen
werde, sobald sie sich von ihren jetzigen Verhltnissen losgemacht habe. Jetzt
fehlte also weiter nichts, als die Entlassung der Demoiselle Marguerite Martin
aus ihrem bisherigen Verhltnisse zu bewirken. Dies ging zu Aller Erstaunen
leichter, als man erwartet hatte. Der Baronin waren die klugen Augen ihrer
Gouvernante schon lange unbequem gewesen, besonders, seitdem in ihrem Hause so
Mancherlei vor sich ging, was eine scharfe Kritik nicht wohl vertragen konnte.
Ueberdies hatte sie stets den Grundsatz gehabt, mit ihrem Dienstpersonal in
bestimmten Intervallen zu wechseln, da sie die Erfahrung gemacht haben wollte,
da nur neue Besen gut fegten; und Marguerite war schon weit ber die
gewhnliche Zeit in ihrem Hause gewesen. So gab sie derselben denn ohne weiteres
den geforderten Abschied und erlaubte sogar, da sie schon an einem der nchsten
Tage in das Haus des Geheimraths bersiedelte. Da Marguerite dabei, in
Anbetracht der bedeutenden Unbequemlichkeiten, ja offenbaren pecuniren
Einbuen, welche der Baronin aus ihrem pltzlichen Fortgehen erwchsen, auf das
Gehalt des laufenden Quartals verzichten mute, verstand sich um so mehr von
selbst, als die junge Person, wenn sie der Baronin fnf Jahre lang mit
unermdlichem Eifer gedient, doch am Ende nichts weiter gethan hatte, als ihre
Pflicht und Schuldigkeit.
    So war Marguerite ein Mitglied der Familie des Geheimraths geworden, und es
war daher natrlich, da sie heute Abend bei diesem, im engsten Kreise der
Familie gefeierten Feste nicht fehlen durfte.
    Auch war sie die Einzige, welche die Kosten der Unterhaltung ohne Mhe
bestreiten konnte. Zwar gab sie sich ersichtlich Mhe, dem Ernst des Augenblicks
gerecht zu werden und die Gefhle der Andern nicht durch unzeitige Lustigkeit zu
beleidigen, aber bei ihrer angeborenen Lebhaftigkeit wurde es ihr nicht leicht,
lange schweigsam zu sein, wie ein vergngter Kanarienvogel, dem man das Bauer
zugedeckt hat, sobald der erste Schreck vorber ist, wieder lustig anfngt zu
schmettern.
    Aber ich mchte doch um Alles in der Welt wissen, wo Bemperlein bleibt,
sagte Sophie, nach der Uhr sehend; er hatte versprochen, um acht Uhr hier zu
sein; jetzt ist es bereits halb zehn.
    Vielleicht kann uns Frulein Marguerite Auskunft geben, sagte der
Geheimrath.
    Moi? pas du tout! erwiderte Marguerite, froh eine Gelegenheit zum Sprechen
zu finden. Ich nicht habe ihn gesehen seit gestern Abend. Ich glaube beinahe,
da er ist krank, denn er sah diese Tage aus sehr aufgeregt.
    Ich war heute bei ihm, sagte Franz.
    Nun! sagte Sophie.
    Ja, denkt Euch: ich habe den seltsamen Menschen gar nicht zu Gesicht
bekommen. Er rief durch die verschlossene Thr: er knne mich nicht sehen; er
habe eine wichtige chemische Untersuchung, von der er keinen Augenblick fort
drfe.
    Es wird doch nichts passirt sein? fragte Sophie, willst Du nicht lieber noch
einmal zu ihm gehen, Franz?
    Recht gern, sagte Franz, sein Glas leerend und aufstehend.
    In demselben Augenblick erschallte aber vom Hausflur her das unterdrckte
Gelchter der Mdchen und des Bedienten. Alsbald ging auch die Thr auf, und
herein trat eine wunderlich herausgeputzte Gestalt, die sich durch zwei
mchtige, an den Schultern angeheftete Gnseflgel, durch einen Bogen in der
Hand, nebst obligatem Kcher mit Pfeilen auf dem Rcken, durch einen Kranz auf
dem Kopf unzweifelhaft als Amor prsentirte, wenn auch die Brille nicht ganz zu
der diesem Gott charakteristischen Blindheit und der schwarze Anzug zu der
classischen Nacktheit, in welcher sich der Sohn der Liebesgttin fast
ausschlielich gefllt, stimmen mochten.
    Diese seltsame Gestalt nherte sich zierlichen Schrittes der Gesellschaft am
Kamin, blieb in angemessener Entfernung stehen, verbeugte sich und sprach:
    Hochverehrliches christliches Brautpaar, sehr wrdiger christlicher
Brautvater und liebwerthe Demoiselle!

Ich bin, wie Jeder leicht erkennt,
Der groe Gott Amour.
Wenn's irgendwo im Herzen brennt,
Dann brennt durch mich es nur.
Wer meinen Kcher rasseln hrt,
Der schlgt die Augen nieder;
Der Pfeil, der von dem Bogen fhrt,
Durchbohret West' und Mieder.
Und wen so traf in's Herz der Schu,
Um den ist es gescheh'n;
Von meiner Kunst, o Publicus,
Sollst Du ein Prbchen seh'n.

Hier nahm Amor mit groer Ostentation einen Pfeil aus dem Kcher und sagte:
Haben Sie keine Angst, meine Herrschaften, die Sehne ist sehr schlaff und die
Pfeile haben, wie Sie geflligst bemerken werden, faustgroe Gummiblle statt
der Spitzen. Darauf legte er den harmlosen Pfeil auf den harmlosen Bogen und
schnellte ihn auf Sophie ab, die ihn geschickt mit der Hand auffing und mit
komischem Pathos an's Herz drckte. Diese Procedur wiederholte sich bei Franz
mit der Ausnahme, da dieser den Gummiball an den Kopf bekam. Nachdem Amor also
bewiesen, da er nicht vergeblich drohe, fuhr er fort:

Nun ist's den Beiden angethan,
Und hin ist ihre Ruh';
Man sieht es ihnen deutlich an:
Es drckt sie wo der Schuh.
Sie ruhen und sie rasten nicht,
Mag's brechen oder biegen,
Bis da der Pfaffe Amen spricht,
Und sie sich endlich kriegen.
Dann heit's: Ade, du Elternhaus,
Ich mu nun in die Welt hinaus!
Ade, ade, lieb' Vterlein,
Ade, es mu geschieden sein!
Ade, du traute Freundesschaar,
Fr die ich Licht und Leben war!
Ade, ihr lieben Leute!
Ihr habt mich nur noch heute;
Wann morgen blinkt der Abendstern,
Dann bin ich viele Meilen fern.

Diese letzten Verse sprach Amor mit sehr bewegter Stimme. Die Gesichter der
Gesellschaft um den Kamin, die im Anfang von Heiterkeit geglnzt hatten, waren
nach und nach ernster geworden; von der halboffenen Thr, in welcher sich die
Dienstleute drngten, vernahm man unterdrcktes Schluchzen.
    Trinken Sie ein Glas Bowle, Bemperchen, sagte Sophie, Amor ein Glas
prsentirend.
    Auf Ihr Wohl, Frulein Sophiechen, erwiderte Amor, das Glas auf einen Zug
leerend. Nun setzen Sie sich aber wieder, ich bin noch nicht fertig.
    Amor trat jetzt einen Schritt zurck, klapperte mit seinem Kcher, wie, um
sich zu berzeugen, da er sich noch nicht verschossen habe, und sprach darauf
also:

So schrecklich, wie dies Beispiel zeigt,
Ist Amor's grause Macht;
Doch wird's nicht immer ihm so leicht,
Manch' Herz ist streng bewacht;
Es schwrmt der gute Jngeling, -

Bei diesen Worten blickte Amor anbetungsvoll auf Mademoiselle Marguerite -

Sie aber ist ein schnippisch Ding.
Wenn er von seiner Liebe spricht,
So sagt sie: ick versteh' Sie nicht.

Bei dieser fr die Eingeweihten sehr verstndlichen Anspielung konnte sich
Niemand eines Lchelns erwehren, aus dem aber ein lautes Gelchter wurde, als
Mademoiselle Marguerite, die von Allem, was Amor sagte, kaum ein Wort verstand,
aus dem Lachen der Anderen aber merkte, da irgend etwas ganz besonders Witziges
gesagt sein msse, sich zu Sophie wandte und ganz laut fragte: Qu'est-ce qu'il
dit?
    Amor hatte Humor genug, in das Gelchter der Anderen mit einzustimmen; aber
alsobald fuhr er mit noch grerem Ernst als vorhin fort:

Da kommt in allergrter Eil'
Der Jngling denn zu mir,
Und fleht: Mit deinem schrfsten Pfeil
Triff's bse Mdchen hier -

Bei diesen Worten legte Amor die Hand auf's Herz.

Damit sie wisse, wie es thut,
Wenn Einer liebet treu und gut.
Und ich sodann: Mein feiner Knab',
Dein Flehen rhret mich,
Den schrfsten Pfeil, den ich nur hab',
Ich schie' ihn ab fr dich.
Wen dieser traf in's junge Herz,
Der fhlt gar bald den Liebesschmerz.

Amor prsentirte einen Pfeil, den er bei den letzten Worten aus dem Kcher
genommen hatte. An der Gummikugel war ein Zettel befestigt, auf dem etwas
geschrieben stand, was man aus der Entfernung nicht lesen konnte. Er zielte auf
Mademoiselle Marguerite und rief mit erhobener Stimme:

Wenn das nicht gut fr Liebe ist,
Sagt's mir, wenn Ihr was Bess'res wit.

Der Pfeil flog vom Bogen, Mademoiselle Marguerite in den Schoo. Amor aber
wartete den Erfolg seiner Heldenthat nicht ab, sondern wandte den mit
Gnseflgeln geschmckten Rcken und eilte, von dem Gelchter der Gesellschaft
gefolgt, zur Thr hinaus.
    Was steht auf dem Zettel, Marguerite?
    Den Zettel mssen Sie zeigen, Mademoiselle!
    Das versteht sich!
    So riefen Sophie, Franz und der Geheimrath durcheinander. Aber Marguerite
hatte kaum einen Blick auf den Zettel geworfen, als ihr ausdrucksvolles Gesicht
von dunkler Rthe bergossen wurde. Sie ri in aller Eile das Papier ab und warf
es in den Kamin; Sophie aber, die dies erwartet hatte, war sofort mit dem
Schreisen bei der Hand und schnellte den Zettel, ehe ihn die Flamme ergreifen
konnte, geschickt heraus. Marguerite wollte ihr das Document entreien, Sophie
lief damit fort, Marguerite hinterher, whrend Franz und der Geheimrath sich
ber die Anstrengungen der kleinen Lacerte, an der schlanken Sophie, der sie
kaum bis an die Schultern reichte, hinaufzuspringen, hchlichst ergtzten. Bei
ihrer Jagd kamen die jungen Damen in die Nhe der Thr, und da Bemperlein, der
sich unterdessen seiner himmlischen Attribute erledigt hatte, gerade hereintrat,
so strzte ihm Marguerite, die ihren Lauf nicht so schnell hemmen konnte, direct
in die Arme.
    Seht Amor's heilige Macht! rief Sophie bei diesem Anblick jubelnd. Hier
Marguerite, haben Sie Ihren Zettel wieder. Nachdem ich diesen Erfolg gesehen,
will ich gar nicht mehr wissen, was auf dem Recept gestanden hat.
    Bei diesen Worten berreichte sie mit einem tiefen Knix Marguerite den
Zettel, die ihn eiligst im Busen verbarg.
    Sie haben Ihre Sache brav gemacht, Bemperchen, sagte die bermthige junge
Dame sodann; ich mu Sie nothwendig auch umarmen.
    Damit nahm sie den hocherrthenden Bemperlein ohne weiteres bei den
Schultern und gab ihm einen herzlichen Ku.
    Ich rufe Sie zum Zeugen, Herr Geheimrath, rief Bemperlein, da die Damen
sich um mich reien, ohne da ich ihnen die geringsten Avancen mache, und da,
wenn Franz mich fordert, ich ihm keine Satisfaction zu geben brauche.
    Durch Bemperlein war ein anderer Geist in die Gesellschaft gekommen und
Scherz und Lachen die Ordnung des Abends geworden. Die gute Laune des kleinen
Kreises stieg in demselben Mae, als das Niveau in der Bowle sank. Nur
Marguerite war stiller als vorher, indessen man hatte den Scherz weit genug
getrieben und lie die kleine Lacerte in Ruh; achtete auch nicht weiter darauf,
wenn sie den Platz am Kamin verlie und in dem groen Zimmer auf und ab gehend,
ihren Gedanken nachhing; ja Franz, Sophie und der Geheimrath, die in ein
wichtiges Familiengesprch gerathen waren, bemerkten nicht, da Bemperlein
geruschlos aufgestanden war, sich Marguerite zugesellt und mit ihr ein leises
Gesprch angeknpft hatte, welches bald so interessant wurde, da sie nothwendig
das tiefe Erkerfenster aufsuchen muten, wo sie vor den Blicken der Gesellschaft
am Kamin durch die breiten Falten des schweren Vorhangs gnzlich verborgen
waren. Indessen war das Gewebe dieses Vorhangs nicht dicht genug, auch die
Schallwellen vollstndig zu brechen, und so geschah es denn, da nach Ablauf von
ungefhr fnf Minuten die am Kamine durch ein Gerusch erschreckt wurden, das
aus dem Erker kam und unmglich durch etwas Anderes hervorgebracht sein konnte,
als dadurch, da die Lippen zweier Menschen lngere Zeit auf einander geruht und
sich pltzlich wieder getrennt hatten.
    Mit der Entstehung dieses hchst eigenthmlichen Gerusches hing es aber so
zusammen:
    Als das promenirende Paar - ganz zufllig - in den dunklen Erker gerathen
war, hatte Mademoiselle Marguerite sogleich wieder umkehren wollen, der
lwenkhne Bemperlein aber hatte ihre Hand ergriffen und im eindringlichen Tone
gesagt:
    Haben Sie gelesen, was auf dem Zettel stand?
    Nun hatte Marguerite es allerdings gelesen, aber sie wre keine kleine
Lacerte gewesen, wenn sie auf eine so directe Frage nicht mit: Non, Monsieur!
htte antworten sollen.
    Erlauben Sie denn, da ich es Ihnen sage?
    Die kleine Lacerte fing hierauf ein ganz klein wenig an zu zittern, ohne
weder Ja noch Nein zu sagen; Herr Anastasius Bemperlein aber, der mit groem
Scharfsinn das Zittern und das Schweigen zu seinen Gunsten auslegte, schlang
seinen Arm um die feine Taille der kleinen Lacerte und flsterte ihr in's Ohr:
Mademoiselle Marguerite Martin! je vous aime de tout mon coeur.
    Da das Zittern in Folge dieser loyalen Erklrung nur noch zunahm, ohne da
von Seiten der Dame irgend ein Versuch gemacht wurde, sich den Armen des Ritters
zu entziehen, so sagte dieser noch leiser und dringender:
    Marguerite, antworten Sie mir: lieben Sie mich? Ja, oder nein?
    Da Marguerite auf diese kurze Frage mit einem kaum hrbaren: Oui!
geantwortet hatte, so blieb einem in Liebesaffairen so ausnehmend bewanderten
Manne, wie Herrn Anastasius Bemperlein, offenbar nichts anderes brig, als die
Dame noch fester in seine Arme zu schlieen und ihr einen schallenden Ku auf
die nicht widerstrebenden Lippen zu drcken.
    Oh, mon Dieu! rief die kleine Lacerte, erschrocken aus des Ritters Armen
schlpfend.
    Sei nur ruhig, erwiderte der Ritter; Sie mssen es ja doch erfahren.
    Sprach's, fate die kleine Dame bei der Hand, schlug den Vorhang zurck,
trat, wie der Edelknappe im Taucher, sanft und keck auf die Freunde zu und
sagte:
    Meine Freunde, ich habe das unaussprechliche Vergngen, Ihnen Frulein
Marguerite Martin als meine liebe Braut vorzustellen.
    Da Bemperlein unter dem Siegel der Verschwiegenheit Sophie in sein Geheimni
eingeweiht, und diese es unter demselben Siegel an Franz und den Vater
weitergegeben hatte, so konnte, besonders nach der Amorscene und nun gar nach
dem Ku im Erker, durch diese Nachricht eigentlich Niemand so recht grndlich
berrascht werden. Indessen waren die Glckwnsche von Seiten der Freunde darum
nicht weniger warm. Die Mnner schttelten sich herzlich die Hnde. Sophie kte
Marguerite mit einer bei ihr sehr ungewhnlichen Rhrung, und es dauerte eine
geraume Zeit, bis die hochgehenden Gefhlswogen sich wieder zu einem klaren
Spiegel ebneten.
    Wir mssen ein solches Ereigni auch uerlich durch eine entsprechende
Feierlichkeit documentiren, sagte der Geheimrath, griff nach der Klingel und
hie den eintretenden Diener, die letzte von den zwlf Flaschen Johannisberger
Cabinet bringen, die er alljhrlich von einem Frsten, den er durch seine Kunst
vom Tode errettet hatte, zum Geschenk erhielt. Und als der edle Wein in den
Glsern funkelte, sprach der Geheimrath:
    
    Meine Lieben! In froher Stunde spricht sich's gut von vergangenem Leid, und
so lat denn auch mich das heiter schne Bild des Augenblicks in einen dunklen
Rahmen fassen, aus dem seine glnzenden Farben noch um so viel heller strahlen
werden. - Ich habe in diesen letzten Leidenstagen, wo ich, dessen Pflicht und
Amt es ist, zu helfen, wo ich kann, selbst so ganz hlflos auf dem Krankenbette
lag, oft an ein Wort denken mssen, ein klagendes, thrnenreiches Wort, das die
von Kriegsdiensten berbrdeten rmischen Plebejer einst ihren stolzen irdischen
Gttern, den Patriciern, zuriefen: Sine missione nascimur! zu deutsch, Ihr
Mdchen: Ohne Urlaub werden wir geboren. Ob unsere Krfte in der endlosen
Reihe der Kriege, die Ihr im Namen des Vaterlandes zu Euerm Nutz und Frommen
fhrt, aufgerieben werden, ob unsere Aecker brach liegen und unsere Weiber und
Kinder sterben und verderben - Euch kmmert's nicht. Zu den Waffen, zu den
Waffen! tnt Euer Ruf Jahr aus, Jahr ein; und wir, wir mssen frohnden Jahr aus,
Jahr ein: Sine missione nascimur.
    Der Geheimrath that einen tiefen Zug aus seinem Glase und fuhr mit bewegter
Stimme fort:
    Auch wir, so dachte ich weiter, auch wir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts
werden ohne Urlaub geboren. Die ungeheuren Aufgaben, die uns gestellt sind in
der Wissenschaft, in der Politik, auf jedem Gebiete menschlicher Thtigkeit,
nehmen von frhester Jugend auf unsere Krfte in eine erdrckende Frohnde. Zu
den Waffen, zu den Waffen! - so ergeht auch an uns der ewige Ruf, ob unsere
Waffen nun Feder oder Pinsel, Pflug oder Hammer, Zirkel oder Lanzette sind. Und
die Arbeit, die unerbittliche, gebieterische Arbeit, was fragt sie nach dem
Arbeiter? ob seine Schlfen im Fieber pochen, ob sein Hirn bis zum Wahnsinn
berreizt ist, ob seine Glieder vor Ermattung zittern - sie kmmert es nicht.
Sie lohnt ihm mit Armuth, Krankheit und Noth und verlangt von ihm, dem
Gemihandelten, dem Gechteten die Thaten eines Hercules. Ja meine Freunde, auch
wir sind Proletarier im Frohndienst der Arbeit, wie jene rmischen Proletarier
im Frohndienst des Krieges und knnen mit ihnen klagen und sagen: Sine missione
nascimur!
    Und dennoch, fragte ich mich: wie ist es mglich, da wir, Schwchlinge und
Epigonen, wie wir sind, Thaten vollbringen, neben denen sich die des Hercules
und anderer Heroen wie die Spielereien von Pygmen ausnehmen? da unsere wegen
ihrer Schlaffheit und Thatlosigkeit vielgescholtene Zeit trotz all dem und all
dem ein kreisender Berg ist, der nicht lcherliche Muse, sondern schnaubende
Dampfrosse, Riesenwerke der Industrie, Triumphe der Erfindsamkeit aller Art ohne
Unterla gebiert? Nur dadurch, meine Freunde, da sich das Verhltni eines
Zeitalters, wo der Kampf und die Arbeit der Menschheit von einzelnen Heroen
gethan wurde, whrend die groe Masse als ein stumpfsinniges, thatenloses
Gesindel schreiend hinterherzog, gerade umgekehrt hat. Heut zu Tage gilt der
Einzelne, und wre er noch so bedeutend, wenig; die ganze Kraft liegt in der
Masse, die in dicht geschlossener Colonne, langsam aber unaufhaltsam auf der
Bahn des Fortschritts weiter drngt. Das ist noch nicht Vielen klar geworden; ja
Herrscher, Frsten und Frstenknechte, die eine dunkle Ahnung von der Sache
haben, mchten in ihrem brutalen Egoismus und ihrer frivolen Eitelkeit die alte
Zeit wieder herauffhren, wo der Einzelne Alles und die Menge nichts war; aber
es hilft ihnen wenig. Mit dem todesmuthigen Instinct der Wanderratte
ausgerstet, marschirt die Fortschrittsarmee in langer, unabsehbarer Linie
heran, Schulter an Schulter, der Hintermann in den Fustapfen des Vordermanns,
und wenn hier oder da eine Lcke entsteht, so schliet sie sich auch in
demselben Momente wieder.
    Und dieser Gedanke, meine Freunde, den ich mir so recht klar zu machen
suchte, hatte etwas wunderbar Trstendes fr mich. Ich dachte: was ist daran
gelegen, ob du heute oder morgen zusammenbrichst; hinter dir marschirt ein
jngerer, strkerer Krieger, der sofort ber dich weg an deine Stelle treten und
mit denselben Waffen, die deiner ermattenden Hand entfielen, Greres
vollbringen wird, denn du.
    Bei diesen Worten drckte der Geheimrath innig die Hand seines
Schwiegersohns; Sophie aber, die schon lange mit den Thrnen gekmpft hatte,
warf sich schluchzend in ihres Vaters Arme.
    Nein, nein, mein Kind, sagte dieser, ihr das weiche Haar liebevoll
streichelnd: Du mut nicht weinen; ich wollte Dir und Euch Allen ja eben
beweisen, wie wir nicht weinen und klagen, sondern uns freuen mssen, da wir in
den Andern und mit den Andern unberwindlich und unsterblich sind. Ja, es ist
ein schnes und wahres Wort, das ich noch heute in Freiligrath's
Glaubensbekenntni las: Am Baum der Menschheit drngt sich Blth' an Blthe.
Ich sehe hier um mich herum Alles knospen und blhen, einen ganzen
Menschenfrhling im Kleinen. Wie lang' wird es dauern, und diese Knospen und
Blthen werden zu herrlichen Blumen und Frchten reifen. Ob ich's erlebe? ich
wnsche es, ich hoffe es; aber selbst, wenn es nicht sein sollte, wenn es mir
nicht vergnnt wre, Eure Kinder um meine Kniee spielen zu sehen - nun denn, Ihr
Lieben: Leid will Freud' und Freud' will Leid haben. Wo Blthe sich an Blthe
drngen soll, da mu das drre Holz herausgehauen und in den Ofen geworfen
werden, und wenn's geschieden sein mu, sei's, wenn auch nicht frhlich, doch
muthig geschieden.
    Whrend der Geheimrath sprach, hatte man vor den Fenstern auf der Strae ein
dumpfes Gerusch von Tritten und das verworrene Gemurmel gedmpfter Stimmen
gehrt; dann war es wieder lautlos still geworden, und als der Geheimrath das
letzte Wort sprach, da erschallte in den prachtvollen Tnen eines gewaltigen
Mnnerchors, leise wie Frhlingswehen, und doch mchtig wie Donnersturm:

Es ist bestimmt in Gottes Rath,
Da man vom Liebsten, was man hat,
Mu scheiden;
Wiewohl doch nichts auf dieser Welt
Dem Herzen ach! so sauer fllt,
Als Scheiden.

Die im Zimmer ergriff es, wie wenn eine berirdische Stimme zu ihnen sprche.
Sophie lehnte schluchzend ihr Haupt an ihres Vaters Brust; in den Augen der
Mnner standen die hellen Thrnen; Marguerite, obgleich sie kein Wort verstand,
war so ergriffen, da sie ihr Taschentuch vor das Gesicht drckte und laut
weinte.
    Dann erhoben sich Alle und traten in den dunklen Erker. Unter dem Fenster
auf der sehr breiten Strae in einem weiten, von hellen Laternen bezeichneten
Halbkreis standen die Snger - Mnner des Handwerkervereins, den der Geheimrath
vor Jahren gestiftet hatte und dessen Prsident Franz in den letzten Wochen
gewesen war; weiterhin eine dunkle Menschenmenge, Kopf an Kopf, Mnner und
Frauen, Brger, Studenten, Arbeiter - lautlos, regungslos, wie in einer Kirche.
    Und mchtiger flutheten die Toneswellen:

Nur mut Du mich auch recht versteh'n:
Wenn Menschen auseinandergeh'n,
So sagen sie: Auf Wiedersehn!
Auf Wiedersehn!

Die Tne waren verhallt; die Laternen wurden ausgelscht; still, wie sie
gekommen war, entfernte sich die Menge. Wieder war es dunkel auf der Strae,
aber in den Herzen der Menschen, die da oben im Erker standen und sich innig
umfangen hielten, war es hell wie an einem wonnigen Maienmorgen.

                           Achtundzwanzigstes Capitel


Die weiten Wlder von Berkow standen entlaubt. Wo sonst durch grne Dmmerung
Vgel singend schlpften und Kfer und Mcken summend schwrmten, pfiff jetzt
der kalte Herbstwind durch kahle Aeste und Zweige, und wo an den knorrigen
Eichen das drre Laub noch haftete, da flsterte es nicht mehr lieblich, wie in
der schnen Sommerzeit, sondern raschelte unheimlich und unwirsch. Nur die
Tannen thaten, als ob die Jahreszeit nichts mit ihnen zu schaffen htte; aber
auch ihr Nadelhaar hatte sich dunkel gefrbt, und sie sahen, da Alles um sie her
kahl war, schwrzer und schauriger aus.
    Auch in dem Garten hinter dem Schlosse war der rauhe Herbst durch die dichte
Taxushecke, mit der derselbe von allen Seiten umgeben war, hereingeschnaubt,
hatte die Blumen von den Beeten gefegt und die langen Gnge voll drrer, nasser
Bltter geweht. Auf der Terrasse unter dem breitastigen Tannenbaum, dem
Lieblingspltzchen der Herrin, stand nur noch das runde Tischchen mit der
Marmorplatte, weil sein Fu fest in der Erde wurzelte; aber die grnen Bnke und
Sthle waren in's Gartenhaus getragen.
    Auf dem Platz vor dem Hause sah es melancholisch aus. Die nach dieser Seite
fast immer geschlossenen Lden wurden eben von innen durch eine alte runzlige
Hand geffnet, worauf ein altes runzliges Gesicht mit einem eisgrauen langen
Schnurrbart auf ein paar Minuten herausschaute, um zu beobachten, wie ein hoch
mit Holz beladener Wagen von vier krftigen Gulen mit Mhe durch den tiefen
Schlamm geschleppt wurde, der den Seiteneingang des Hofes zwischen den beiden
Scheunen selbst im Sommer zu einer bedenklichen Passage machte. Der alte Mann
zog unwillig die buschigen Augenbraunen zusammen, wie der Knecht mit Hot! und
H! und manchen Peitschenhieben die Kraft der Thiere auf's uerste antrieb. Er
murmelte etwas von: infamer Schlingel! in den grauen Bart; erhob aber seine
Stimme nicht zu einigen krftigen Flchen, wie's sonst wohl seine Gewohnheit;
denn schlielich war doch nicht der Knecht schuld, sondern der Pchter, der seit
fnf Jahren nicht dahin zu bringen gewesen war, die bse Stelle ausbessern zu
lassen. Der alte Mann versenkte sich in dies unerquikliche Thema, die alten
scharfen Augen dabei auf die bleichenden Gebeine eines Habichts heftend, den er
vor vielen Jahren scho, und zur Warnung aller Missethter in den Lften und auf
der Erde an die Scheunenthr nagelte, bis die Stimme eines Knaben, der eben aus
dem Garten getreten war und sich auf dem Hofraum umgesehen hatte, zu ihm
heraufschallte.
    Holla! Baumann!
    Beim Ton dieser Stimme hellte sich das Gesicht des alten Mannes auf, wie
wenn ein Sonnenschein ber eine rauhe Gebirgslandschaft gleitet. Es war dieselbe
Stimme, zum mindesten derselbe Ton in der Stimme, der dem alten Mann nun schon
seit dreiig Jahren und darber das Herz erwrmt hatte. Er legte sich mit den
beiden Ellbogen in das Fenster und schaute herab in das schne, zu ihm empor
gewandte Gesicht des Knaben mit den hellbraunen freundlichen Augen.
    Was giebt's Junker?
    Will Er nicht ein bischen mit mir ausreiten, Baumann?
    Der alte Mann warf einen prfenden Blick hinauf nach dem Himmel, an welchem
trbe, schwere Wolken zogen, schaute dann wieder hinab und sagte:
    Es sieht bedenklich aus, Junker. Ich vermeine, wir haben in einer halben
Stunde einen tchtigen Regen, oder auch Schnee, was noch vraisemblabler ist.
    Ach, Baumann, Er hat auch immer was einzuwenden, antwortete der hbsche
Junge schmollend; der Pony steht sich die Beine steif, und ich habe so groe
Lust zu reiten.
    Na, na! brummte der alte Mann, wir sind ja erst gestern bis nach Cona
gewesen.
    Das ist was Rechtes! die halbe Meile! Und der Doctor sagt: ich soll alle
Tage ausreiten.
    Ja, wenn es der Doctor sagt, so hilft es wohl nicht, erwiderte Baumann, der
nur nach einem triftigen Grund gesucht hatte, um mit Ehren nachgeben zu knnen.
Ich will nur noch hier die Fenster in dem Saal ffnen, dann komme ich hinab.
Gehen Sie nur derweilen zur Frau Mama und sagen Sie ihr Adieu!
    Ja, aber mach' Er nur schnell.
    Na, na! sagte der alte Mann, und sein grauer Kopf verschwand vom Fenster.
    Der Knabe eilte in das Haus zurck, aber seine Mutter war in dem
Gartensaal nicht zu finden, auch nicht in der rothen Stube nebenan. So
strmte der Knabe aus dem Gartensaal in den Garten, den langen Gang zwischen den
Taxuspyramiden hinab nach der Terrasse. Da er die Mutter hier nicht fand,
berlegte er, ob er sich nicht mit diesem Versuch begngen knne. Er stand einen
Augenblick nachdenklich da, und schon wollte er den Rcken wenden, als ihm
einfiel, da Baumann ihn ganz gewi unterwegs fragen wrde: Junker, haben Sie
der Frau Mama Adieu gesagt? und da er sich dann schmen wrde, wenn er, wie er
doch nicht anders knnte, mit Nein antworten mte; und er sprang mit einem Satz
die Stufen, die zur Terrasse fhrten, hinab und lief tiefer in den Garten, dabei
von Zeit zu Zeit Mama rufend.
    Hier! antwortete pltzlich eine Frauenstimme ganz in der Nhe, und rasch um
ein dichtes Gebsch biegend, das, im Schutz alter dickstmmiger Linden, noch
einen guten Theil seiner Bltter behalten hatte, strzte er beinahe seiner Mama
in die Arme.
    Was giebt's, mein Wildfang? sagte Melitta, ihre Hnde auf des Knaben
Schultern legend.
    Wir wollen ausreiten, sagte der Knabe, der vor lauter Eile kaum Zeit zum
Sprechen hatte.
    Aber der Himmel sieht sehr trbe aus.
    O, Baumann sagt - nein, das sagt Baumann auch. Aber ich habe so groe Lust
zum reiten. Bitte, bitte liebe Mama!
    Wenn es nicht schon so spt wre, sagte Melitta, nach ihrer Uhr sehend,
mchte ich wohl mit.
    Ach, bitte, liebe Mama, thu's ein ander Mal. Du mut Dich erst umziehen, und
dann fngt es vielleicht vorher noch an zu schneien; und es wird gar nichts
daraus.
    Da knntest Du Recht haben, antwortete Melitta lchelnd. Dann mach', da Du
fortkommst. Zieh Dir aber den Ueberrock an.
    Sie kte den Knaben auf den rothen Mund und der Knabe sprang lustig davon,
um nach fnf Minuten mit dem alten Baumann, der unterdessen Julius' Pony selbst
gesattelt hatte - er berlie das Satteln des Ponys ebenso wie das von Melitta's
Pferden nie dem Stallknecht - aus dem Hauptthore in die kahlen Felder
hineinzugaloppiren.
    Melitta wandelte, nachdem der Knabe davon geeilt war, wieder in den Gngen,
zwischen den langen knstlich verschnittenen Buchenhecken und den Taxuspyramiden
auf und ab. Es waren dies dieselben Gnge, in denen sie an einem schnen
Sommernachmittage, als die Sonne rothe Strahlen durch das grne Laubdach auf die
in ppigster Blumenflle prangenden Beete scho, Arm in Arm mit Oswald gewandelt
war. Wie hatte sich seitdem die Scene verndert! Wo war der rothe Sonnenschein
hingeschwunden? wohin das grne Laub? und die bunten Blumen? War dies dieselbe
Erde, deren weicher, balsamischer Odem war, wie ein Ku des Geliebten? dieselbe
Erde, deren Gewand so hochzeitlich prangte? die beim funkelnden Licht unzhliger
Sterne so brutlich den hohen Himmel umarmte?
    Auf dieser Bank hatte sie an Oswalds Seite an jenem Sommernachmittag
gesessen, der fr sie und ihn so verhngnivoll werden sollte; und sie hatten
zwei weien Schmetterlingen zugeschaut, die sich auf den weichen Flgeln ber
den Blumenwldern der Beete wiegten und sich haschten und verfolgten und dann
emporstiegen in die blaue Luft, einen Augenblick sich umarmend, dann sich
trennend, um hierhin und dorthin in die grne Wildni hineinzuflattern. Ob diese
Schmetterlinge sich wohl wiedersehen im Leben? hatte sie gefragt, und Oswald
hatte geantwortet: Wohl mglich; aber ob, wenn sie sich wiedersehen, es mit
derselben Lust geschieht, das ist eine andere Frage. Sie hatte Oswald seit der
Nacht, wo sie das erste Mal nach Fichtenau reiste, nicht wieder gesehen. Wenn
sie ihn jetzt wiedershe? sie bebte bei dem Gedanken zusammen; denn sie fhlte
in diesem Augenblick, da sie es wnschte. Hatte sie ihn doch so unendlich
geliebt, war sie doch mit ihm so unsglich glcklich gewesen! Aber nein!
Vernunft und Stolz geboten ihr, den Treulosen zu vergessen, der nur erobern,
aber nicht das Eroberte erhalten konnte.
    Sie kreuzte die Arme noch fester unter dem Busen und ihr Gesicht blickte
beinahe finster, als sie weiterschritt; aber bald erhellte es sich wieder; und
jetzt lachte sie sogar leise in sich hinein. Sie mute wieder an den Ausdruck
von Oldenburgs Gesicht denken, als sie neulich Abends, wo das Wetter so
furchtbar war und er dennoch zur gewhnlichen Zeit aufstand, um nach Haus zu
reiten, zu ihm sagte: Willst Du nicht lieber zur Nacht hier bleiben, Adalbert?
und er sie nun einen Moment scharf ansah und dann mit einer gewissen Hast und
Verlegenheit die Einladung kurz zurckwies und sich empfahl. Oldenburg, dessen
Moralitt man stets so arg verketzerte, der in dem Ruf stand, in seinem Leben
unzhlige liaisons dangereuses gehabt zu haben, so jungfrulich schchtern, so
zrtlich besorgt fr den guten Ruf einer Frau! - Warum behandelte er sie so
anders, als die Schaar der andern Weiber, an deren Lippen er sich so bald satt
gekt? - Wird er heut' wohl kommen? Die Stunde, in welcher der Huf seines
Almansor auf dem Pflaster des Hofes aufzuschlagen pflegt, ist schon vorber. Die
junge Frau blickte bedenklich zu den grauen Wolken hinauf, die immer tiefer und
tiefer sich senkten und aus denen jetzt einzelne Schneeflocken, die ersten in
diesem Jahr, lautlos herabschwebten, um auf der schwarzen Erde nach wenigen
Augenblicken wieder zu zerflieen. Wenn Julius nur nicht zu weit reitet! aber er
ist ja in des alten Baumanns Hut. Vielleicht sind sie nach Cona geritten und
kommen mit Oldenburg, der sich zwischen seinen Bchern versptet hat, zurck. -
Sie werden tchtig durchgefroren sein, wenn sie kommen: und da ist es wohl gut,
wenn der Thee schon fertig auf dem Tisch steht.
    Melitta ging in das Haus zurck und bestellte das Abendbrod und die Lampen,
denn es war beinahe dunkel geworden und sie wollte gern noch etwas in Oldenburgs
Tagebuch blttern. Er hatte ihr vor einiger Zeit daraus vorgelesen und als er an
dem Abend mit der Lectre nicht fertig wurde, das Buch dagelassen und sie
gebeten, fr sich selbst weiter zu blttern, und als sie ihn lchelnd an die
Gefahr erinnerte, sein Tagebuch in den Hnden einer Dame zu lassen, erwidert: es
stehe in dem Buche, so wenig wie in seinem Herzen etwas, das sie nicht erfahren
drfe. Im Gegentheil! er wnsche, da sie Alles lese, er wolle nicht besser und
auch nicht anders scheinen, als er sei.
    Sie ffnete das Buch und wie sie darin bltterte, stie sie auf eine Stelle,
die ihr bis dahin entgangen war:
    Man sagt, die Liebe sei fr die Mnner blos ein Luxus, fr die Frau aber ein
Bedrfni; ein passer le temps fr jene, eine Lebensaufgabe fr diese. Aber wie
oft ist gerade das Umgekehrte der Fall! Wie oft ist fr die thatenlose, mige
Frau (ich spreche hier von den wohlhabenden Klassen) die Liebe ein Luxusartikel
neben vielen anderen, fr den thatkrftigen, fleiigen Mann aber das reine
erquickende Element, aus dem er sich immerfort neue Kraft und neuen Muth saugen
mu! Fr den Arbeiter (und das ist am Ende jeder Mann, er mag Ministerprsident
oder des Ministerprsidenten Schuster sein) ist, wie Virgil es so schn
ausdrckt: die Nacht der Preis des Tages. Und dazu kommt noch dies. Der Mann ist
fr Zrtlichkeit viel dankbarer als die Frau. Eine Frau, besonders wenn sie
schn ist, wird von Jugend auf mit Aufmerksamkeit berhuft; wohin sie kommt,
sind hundert Hnde bereit, ihr zu dienen; stets hat sie einen Hof von
Schmeichlern und Bewunderern um sich her. Ist es nicht natrlich, da ihr, wie
den brigen Groen der Erde, der Kopf verdreht wird? da ihr die Huldigung des
Einzelnen nicht mehr so viel sein kann? da die Liebe in Folge des zu
reichlichen Angebots bei ihr sinkt? - Und nun der Mann! Wenn er nicht
ausnahmsweise ein Prinz ist, wird im Leben stets so kurzer Proce mit ihm
gemacht! Auf der Schule, auf der Universitt hat er wohl, wenn das Glck ihm
gnstig ist, sogenannte Freunde, die ihm das Dasein einigermaen verschnern;
aber kaum ist er in das praktische Leben eingetreten, ist auch die
Freundesschaar pltzlich, und zwar fr immer, zerstoben und er steht allein, mu
allein allen Schmerz, alle Noth und - was beinahe eben so schlimm ist, - alle
Freude tragen. Die Gesellschaft erschliet sich ihm; aber wann? nachdem er
Erfolge gehabt hat; und bis dahin? bis dahin ist ein langer, staubiger,
schattenloser, entsetzlicher Weg, der ihm den besten Theil seiner Lebenskraft
und Lebensfreude unwiederbringlich raubt. Hat er aber Erfolg gehabt, so wird er,
wenn er vorher mit Geieln gepeitscht war, jetzt mit Skorpionen gezchtigt.
Selbst sein Freunde werden jetzt seine Nebenbuhler; und er sieht sich, einzig
auf sich, auf seine Kraft, auf seinen Muth angewiesen, gegenber einer Welt in
Waffen, einer mitleidslosen, neidischen, schadenfrohen, im besten Falle
gleichgiltigen Welt. Und o! der Seligkeit, wenn nun hier, in diesem wsten
Gedrnge, eine warme, weiche Hand seine Hand treulich fat und eine liebe Stimme
zu ihm spricht: Sei stark! harre aus! wenn Alles Dich verlt, ich will Dich
nicht verlassen; wenn Andere Dir Deine Triumphe neiden, mich werden sie selig
machen, und wenn Dir Dein Werk milingt und sie Dich verspotten und verhhnen,
oder es Dir wohl gelungen ist, sie aber gleichgiltig und kalt daran vorbergehen
- dann sollst Du Dein mdes Haupt an diese Brust lehnen, dann will ich Dir die
fiebernden Schlfen mit meinen Kssen khlen, dann will ich Dir den kstlichen
Balsam guter, theilnehmender, trstender Worte trufeln in Dein armes,
zerrissenes Herz! - O, dreimal glckseliger Mann! jetzt la die Welt ihr
Aergstes thun, Du zitterst nicht, Du zagst nicht! In Deines Weibes Liebe hast Du
den Punkt des Archimedes, auf den Dich sttzend, Du die Welt aus den Angeln
hebst.
    Und so habe ich denn in meinem Leben mehr als einen Mann kennen gelernt, der
mit einer Liebe, die schlechterdings grenzenlos war, die mit dem stetigen Glanz
des Nordsterns unerlschlich, unwandelbar durch die Nacht seines Lebens brannte,
an dem Weibe seiner Wahl hing; und ganz gewi, wo wir in der Geschichte einen
Arnold Winkelried finden, der todesmuthig der Freiheit eine Gasse brach, der
that es um der Freiheit willen? ja! um des Vaterlandes willen? ja! aber vor
allem that er es fr Weib und Kind, die ihm der Auszug und die Quintessenz von
Welt und Leben waren.
    Melitta lie das Buch in den Schoo sinken, und schaute sinnend vor sich
nieder; dann legte sie es nieder auf den Tisch, und trat an das Fenster.
    Es war beinahe dunkel geworden, und statt der einzelnen Flocken von vorhin
fiel der Schnee jetzt ziemlich dicht herab, zerschmolz auch nicht mehr an der
Erde, sondern hatte bereits eine dnne weie Decke ber den Rasenplatz
gebreitet. -Melitta fing an, sich ber das lange Ausbleiben ihres Julius
ernstlich zu bekmmern. Sie machte sich Vorwrfe, da sie den Knaben noch so
spt hatte fortreiten lassen. Und auch Oldenburg kam nicht. Wenn er hier wre,
wrde sie ihn bitten, den Beiden entgegenzureiten. Wie gern wrde er's thun.
    Sie ging voll Sorge in das Speisezimmer, rechts neben dem Gartensaal, von
dessen Fenstern man eine kurze Strecke weit auf den Weg, der in den Wald ber
Grenwitz nach Cona fhrt, sehen konnte. Der Schnee fiel jetzt so dicht, da man
kaum noch den Waldrand hoher dsterer Tannen erblickte, obgleich er nur einige
hundert Schritte entfernt war. Sie ffnete das Fenster und lehnte sich, der
Flocken nicht achtend, die auf ihr dunkles Haar wehten und auf ihrer Stirn
zerflossen, weit hinaus. - War das nicht Hufschlag? - Da kommen sie aus dem
Walde, ein, zwei, drei dunkle Gestalten: Oldenburg, der Alte und zwischen ihnen
Julius; Almansor und Brownlock im Trabe, der Pony in der Mitte, um nur mitkommen
zu knnen, im vollen Lauf. Melitta weht mit dem Taschentuch und ruft, und Julius
antwortet mit seinem lustigen Halloh! und schlgt den Pony mit der Gerte ber
den Hals, worauf der Pony unwillig den krausen Kopf schttelt und in eine so
wthende Carriere fllt, da er seine langbeinigen Nebenbuhler schlielich doch
noch um die Lnge seiner eigenen stumpfen Nase schlgt.
    Die Reiter springen aus den Stteln. Julius luft auf das Fenster zu und
ruft: Ich war doch der Erste, Mama!
    Ja, erwiderte Melitta, mach' nur, da Du herein kommst, und sag' Onkel
Oldenburg, er solle sich nicht so lange bei Almansors Sattel aufhalten.

                           Neunundzwanzigstes Capitel


Es war nach dem Thee. Julius war bereits zu Bett gegangen. Der alte Baumann
hatte die Sachen abgerumt und sich dann mit einem wohlwollenden Blick auf seine
Herrin und ihren Besuch entfernt. Melitta und Oldenburg waren allein in der
rothen Stube
    Weshalb bist Du heute so verstimmt? sagte Melitta, die auf dem Sopha sa,
whrend der Baron seiner Gewohnheit gem langsam im Zimmer auf und abschritt.
    Ich bin nicht verstimmt.
    Nun denn, nachdenklich?
    Das eher. Ich habe heute Nachmittag einen Brief von Birkenhain gehabt.
Hattest Du in den letzten Tagen einen Brief von ihm?
    Nein; weshalb?
    Hm!
    Ist das eine Antwort?
    Gewi und zwar eine sehr vieldeutige. Hm! bedeutet sehr viel -
    In diesem Falle zum Beispiel?
    Weit Du, da wir aller Wahrscheinlichkeit nach, ohne eine Ahnung davon
gehabt zu haben, mit Czika und Xenobi und mit Oswald zu gleicher Zeit in
Fichtenau gewesen sind?
    Melitta wurde sehr roth und wute nicht sogleich, was sie erwidern sollte.
Oldenburg lie ihr aber auch keine Zeit zu einer Erwiderung, sondern nahm
Birkenhains Brief aus der Tasche, setzte sich an den Tisch, Melitta gegenber
und sagte:
    Birkenhain schreibt nmlich, nachdem er mir auf meine Anfrage wegen Julius
Auskunft ertheilt - Julius soll mindestens bis Neujahr mit allem Unterricht
verschont werden - Folgendes:
    Sie haben sich, Herr Baron, in Ihren Briefen so oft und so theilnehmend nach
dem Professor Berger erkundigt, dessen Bekanntschaft Sie bei mir im Sommer
gemacht hatten, da es Sie interessiren wird, von diesem in der That
auerordentlichen Manne wieder einmal zu hren. Sie erinnern sich aus den
Gesprchen, die Sie mit ihm gefhrt haben, da sein Wahnsinn zu der Kategorie
der philosophischen gehrte, und da er seinen Fundamentalsatz, oder vielmehr
seine fixe Idee von der absoluten Nichtigkeit alles Seins - dem groen Urnichts,
wie er es nannte - mit der ganzen Gelehrsamkeit und dem ganzen Scharfsinn, die
ihm in so reichem Mae zu Gebote standen, vertheidigte. Meine Hoffnung, den
ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit herstellen zu knnen, erwies sich leider als
vergeblich, und ich gestehe, da die Methode, welche ich bei ihm einschlug,
vielleicht nicht die richtige war. Ich wollte durch Claustration, Entziehung von
Bchern u.s.w. ihm die Empfindung des Verlassenseins, der Langweile wecken und
damit zugleich die Complementsempfindungen der Sehnsucht nach Gesellschaft, nach
Unterhaltung, mit anderen Worten: die Lust am Leben. Aber ich hatte den Fonds
von innerm Leben, welcher dem Kranken zu Gebote stand, bei weitem zu gering
angeschlagen. Er htte Jahre lang von den Schtzen seines Geistes zehren knnen,
und die einzige Folge meiner Bemhungen war, da er sich ungestrt tiefer in
sein bodenloses Urnichts versenkte. Indessen hoffte ich doch noch immer auf eine
gnstige Reaction, die meiner Meinung nach bei einem so krftigen Geiste, wie
Berger trotz alldem war, nicht ausbleiben konnte. In dieser Zeit - es war genau
an demselben Tage, als Sie mit Frau von Berkow hier waren, und ich verga damals
nur bei der Eile, welche Sie hatten, mit Ihnen von diesen Dingen, die mich
hchlichst interessirten, zu sprechen, kam mir ein Besuch, welcher sich bei mir
fr Berger angekndigt hatte, gerade recht. Es war dies ein junger Mann, Namens
Doctor Stein, - Oldenburg blickte nicht auf, als er an diese Stelle gekommen war
- von dem mir ein jngerer Grnwalder College, in dessen Gesellschaft er reiste,
geschrieben hatte, da er der Liebling und vertrauteste Freund Bergers gewesen
sei. Ich versprach mir von diesem Besuche die gnstigsten Resultate, eine
Hoffnung, die allerdings einigermaen abgeschwcht wurde, als ich die
persnliche Bekanntschaft des Herrn Stein machte, eines auffallend schnen,
vornehm aussehenden Mannes, der aber, bei offenbar bedeutenden Gaben und
tchtiger Bildung, mit sich und der Welt so zerfallen schien, wie wir das leider
in unserer that- und haltlosen Zeit, die weder wei, was sie will, noch, was sie
soll, nur zu hufig in hherem oder geringerem Grade bei den begabtesten
Individuen finden. Freilich htte ich bei reiflicher Ueberlegung mir voraus
sagen knnen, da Jemand, an den sich Berger in der allerletzten Zeit vor dem
Ausbruche seines Wahnsinns so innig attachirte, wohl ebenfalls ein Hypochonder
sein mute. Aber, er war nun einmal da und die Sache nicht mehr rckgngig zu
machen; berdies hatte ich Herrn Stein, ehe ich ihn zu Berger lie, sehr
bestimmte Instruction seines Verhaltens gegeben und erwartete nun mit groer
Spannung das Resultat dieser Zusammenkunft, bei der ich geflissentlich nicht
zugegen war. Dieses Resultat war eigenthmlich genug.
    Als ich von der Unterredung mit Ihnen und Frau von Berkow nach Hause kam,
begab ich mich sogleich zu dem Kranken, der unterde mit seinem Besuch auf
meinen Wunsch einen Spaziergang in den Wald gemacht hatte.
    Mein erster Blick berzeugte mich, da etwas Besonderes mit ihm vorgegangen
sein mute. Er ging in heftiger Erregung auf und ab. So wie er mich sah, blieb
er vor mir stehen und sagte: Was halten Sie von einer Theorie, Doctor, die sich
praktisch noch nicht erprobt hat? - Nicht viel! erwiderte ich, wie kommen Sie
aber darauf? - O, es ist mir heute Abend ein Gedanke gekommen, der so nahe
liegt, so nahe, da ich nicht begreife, wie ich nicht schon frher darauf
gekommen bin. - Ich bat ihn, sich nher zu erklren. Ich kann es jetzt nicht,
antwortete er, aber sobald ich dazu im Stande bin, soll es gewi geschehen. -
Ich mute mich mit diesem Versprechen begngen, denn es war vergebens, da ich
weiter in ihn drang. Ich hoffte von Herrn Stein mehr zu erfahren. Er war noch in
derselben Nacht abgereist, dringender Geschfte halber, wie er mir in einem
Briefchen, das von einer der nchsten Stationen datirt war, am folgenden Tage
schrieb. Was zwischen ihm und Berger verhandelt war, blieb fr mich ein
Geheimni; ich hrte nur von Andern, da sie am Abend in einer Fuhrmannskneipe
gesehen worden waren, wo sie mit Seiltnzern an einem Tisch gesessen und
getrunken hatten, die sich zufllig im Orte aufhielten und durch eine schne
Zigeunerin mit einem noch schneren Kinde, - Oldenburgs Stimme zitterte etwas,
als er diese Worte las - die zur Gesellschaft gehrten, eben so viel Furore
machten, als durch ihre Kunststcke. Berger war an den folgenden Tagen sehr
still und in sich gekehrt; ich lie ihn ruhig gewhren, denn ich wollte in die
Krise, die in seinem Zustande offenbar eingetreten war, nicht strend
eingreifen. Er hatte von Anfang an Freiheit gehabt, zu gehen und zu kommen, wann
er wollte. Es fiel deshalb auch weder den Wrtern, noch dem Pfrtner auf, da er
am Morgen des siebenten Tages - es war der Tag, an welchem Frau von B. abreiste
- gegen acht Uhr Morgens die Anstalt verlie. Aber diesmal stellte er sich im
Laufe des Tages nicht wieder ein, wie sonst stets, auch nicht zur Nacht, auch
nicht am folgenden Tage. Er war und blieb verschwunden.
    Meine Stimmung in Folge dieses Ereignisses knnen Sie sich leicht denken.
Indessen war ich, trotzdem die Recherchen, die sofort mit aller Energie und
Umsicht angestellt worden, kein Resultat hatten, fest berzeugt, da Berger
nicht gewaltsame Hand an sich gelegt haben knne. Er hatte sich zu oft und mit
zu groem Nachdruck gegen dieses Mittel, den gordischen Knoten nur noch fester
zu schlingen, wie er es nannte, ausgesprochen. Ein Brief von seiner Hand, den
ich kurze Zeit darauf mit dem Poststempel einer kleinen norddeutschen Stadt
erhielt, bewies mir zu meiner nicht geringen Freude, da ich mich nicht geirrt
hatte. In diesem Briefe bat mich der seltsame Mann um Verzeihung, wenn er mir
durch seine heimliche Entfernung von Fichtenau unruhige Tage bereitet haben
sollte; aber er habe nicht gewut, wie er den Gedanken, von dem er mir
Rechenschaft zu geben versprochen, anders htte ausfhren knnen. Die
Expedition, auf der er sich in diesem Augenblick in Gesellschaft sehr guter
Leute und schlechter Musikanten befinde, sei eben die Ausfhrung dieses
Gedankens, der Gedanke selbst aber sei der, da er die Ascese, die praktische
Seite seiner Theorie von der Nichtigkeit des Seins, nicht zwischen den vier
Wnden seines Zimmers, berhaupt nicht in der Einsamkeit, sondern nur in der
Menschenwelt und zwar vorzugsweise in den tiefsten Schichten dieser Welt, in die
er jetzt hinabgestiegen sei, zur Geltung bringen knne. Ich solle ihn, wenn ich
irgend ein Interesse an ihm nhme, dabei nicht stren, und gewrtig sein, da er
mir seiner Zeit die Resultate seiner Expedition, die sehr gnstig zu werden
versprchen, mittheilen wrde.
    Oldenburg faltete Birkenhains Brief, nachdem er ihn so weit gelesen, wieder
zusammen und blickte zu Melitta hinber.
    Wie ist es Melitta, sagte er, Du bist doch mehrere Tage in Fichtenau
gewesen; hast Du von dieser schnen Zigeunerin und ihrem Kinde, von denen mir
eine Ahnung sagt, da es Xenobia und Czika gewesen sind, auch etwas gehrt?
    Noch mehr, erwiderte Melitta; es waren Xenobi und Czika und ich habe sie
gesehen und gesprochen.
    Oldenburg sttzte den Kopf in die Hand. Also doch! murmelte er, und Du -
warum hast Du mir nichts gesagt?
    Weil ich Deinen Kummer um die Verlorne zu erneuern frchtete, weil ich -
hre mich an, Adalbert, ich will Dir sagen; ich htte es Dir lngst schon
gesagt, wenn ich dazu den Muth gehabt htte. - Und sie erzhlte Oldenburg ihr
Zusammentreffen mit der braunen Grfin im Walde von Fichtenau, wie sie sich
bemht, die Zigeunerin zu bereden, mit ihr zu kommen, welchen Schmerz es ihr
bereitet, als all ihr Bitten, all ihr Zureden nichts fruchteten; und
schlielich, wie sie Xenobia das Versprechen abgenommen habe, ihr das Kind zu
bringen, wenn sie einmal anderen Sinnes werden sollte, und da sie der festen
Ueberzeugung lebe, es werde dies frher oder spter geschehen.
    Whrend die junge Frau so sprach, liefen ihr die Thrnen ber die Wange, und
ihre Stimme zitterte vor innerlichster Erregung.
    Oldenburg stand auf und kte ihr schweigend die Hand; dann ging er mit
starken Schritten in dem Gemach auf und ab, whrend Melitta weiter erzhlte, wie
sie, kurz vorher, ehe sie die Zigeunerin getroffen, den Wagen der Seiltnzer
berholt habe, und da sie sich auch erinnere, einen Mann in blauer Blouse, den
sie fr einen Landmann gehalten, unter den Seiltnzern gesehen zu haben. Es ist
kein Zweifel, fuhr sie fort, da die guten Leute und schlechten Musikanten, von
denen Berger in seinem Briefe an Birkenhain spricht, Niemand anders sind, als
eben diese Seiltnzer, denen er sich angeschlossen und mit denen er, wie aus dem
Briefe hervorgeht, nach Norddeutschland, vielleicht sogar in unsere Nhe
gewandert ist. Wenn Birkenhain den Ort genannt htte, mchte ich Dir rathen,
sofort dahin zu reisen und Alles zu versuchen, Xenobi mit Dir zurckzubringen;
so aber wrdest Du Dich nur wieder auf eine Irrfahrt begeben, von der Du um eine
schne Hoffnung rmer, verstimmt und krank heimkehrtest. Ich rathe Dir deshalb:
schreibe an Birkenhain und warte, ehe Du etwas unternimmst, seine Antwort ab.
Freilich kann und will ich Dir nicht verhehlen, da ich es, Alles in Allem fr
besser halte, Du berlssest die Entwickelung dieses wunderbaren Verhltnisses
vertrauensvoll der Zukunft. Xenobi hat tausend Mittel und Wege, Dir zu
entschlpfen, wenn sie will; ihr Entschlu, zu uns zurckzukehren, oder uns
Czika zu berlassen, mu das Werk ihres freien Willens sein.
    Wenn Du meinst, da Abwarten in diesem Falle das Beste ist, weshalb rthst
Du mir denn, das Gegentheil zu thun?
    Weil ich frchte, da es Dir unmglich sein wird, ruhig still zu sitzen,
nachdem Du die Spur der Verlornen wieder aufgefunden hast; weil ich wei, da Du
Dich schmerzlich nach Deinem Kinde sehnst, weil ich fhle, da die Resignation,
zu der Du Dich jetzt verurtheilt hast, unnatrlich ist, und endlich -
    Endlich?
    Weil, wenn ich Dir zurede, nichts zu thun, um Czika wieder zu gewinnen, es
den Anschein haben mchte, als wnschte ich Dir ein solches Glck nicht, und ich
mchte um Alles nicht, da auch nur der leiseste Verdacht einer solchen
Lieblosigkeit auf mir haftete.
    Das Menschenherz ist ein wunderlich Ding, sagte Oldenburg, nachdem er seine
Zimmerpromenade eine Zeitlang schweigend fortgesetzt hatte; kannst Du es
glauben, Melitta, da ich jetzt beinahe mchte, Du zeigtest Dich weniger bereit,
mir mein Kind und das Weib, das es geboren, wiederzugeben?
    Unmglich, Adalbert!
    Und doch ist es so. Ich habe mir vorgenommen, stets gegen Dich so
rckhaltslos wahr zu sein, wie ich es gegen mich selbst bin, mich wenigstens zu
sein bemhe, und da kann ich Dir auch dies nicht verschweigen. Frher, als Du
mir unerreichbar fern schienst, wie die himmlischen Sterne, sehnte ich mich wohl
nach anderen warmen Menschenherzen, an ihnen zu erwarmen, an ihrem Schlage zu
fhlen, da es um mich her nicht todt sei, wie in mir; oder ich strzte mich in
tolle Excesse und halsbrechende Abenteuer, um doch wenigstens so zu irgend einem
Gefhl des Daseins zu kommen. Jetzt ist das mit einem Schlage anders geworden.
Seitdem mir der leiseste Hoffnungsschimmer, Du knntest doch noch dereinst mein
Weib werden, aufgegangen ist, steht die Welt in ewiger Jugendschne wieder vor
mir da; aber nun mchte ich auch die Quelle, aus der ich mir diese Verjngung
getrunken habe, von aller Beimischung rein und ungetrbt erhalten. Wie Du mir
Alles bist, so mchte ich, da ich Dir Alles wre; da Du kein anderes Verlangen
httest, als geliebt und immer mehr geliebt zu werden, wie ich kein anderes
Verlangen habe, als Dich zu lieben und immer mehr zu lieben. Was kmmert uns die
andere Welt? sie ist fr mich versunken und vergessen!
    Melitta hatte gesenkten Hauptes diesen Sturm von Leidenschaft ber sich
hinrauschen lassen. Als Oldenburg schwieg, griff sie nach dem Tagebuche, das
aufgeschlagen vor ihr auf dem Tische lag, wandte ein paar Bltter um und las:
    Der Mann strebt seiner Natur nach in's Allgemeine und Grenzenlose; bei der
Frau, wie sie denn berhaupt der Natur nher steht, ist der charakteristische
Zug aller Creatur, die Eigenliebe, viel schrfer ausgeprgt. Der Mann
reprsentirt die Centrifugal-, die Frau die Centripetalkraft der moralischen
Welt. Ginge es blo nach jenen, so wrde die Welt bald ein einziges groes
Wolkenkukucksheim sein, ginge es nur nach diesen, so erhben wir uns niemals
ber die Spitzen der Halme, welche ber dem Lerchennest in der Ackerfurche
nicken. Das Mittel, die beiden entgegengesetzten Pole zu binden, ist die Liebe.
In der Liebe zu einem reizenden Weibe lernt der Mann, da er nicht blos Brger
im Reiche der Geister ist; in der Liebe zu einem edlen Manne lernt die Frau, da
es noch hhere Interessen gibt, als die des huslichen Heerdes. Sie mssen sich
also gegenseitig ergnzen; sie mu ihn daran erinnern, da die Menschheit aus
Menschen besteht; er sie die groen Worte der Neuzeit: Freiheit, Brderlichkeit,
an denen unsere begabtesten Frauen erst buchstabiren, flieend lesen lehren.
    Melitta klappte das Buch zu und blickte zu Oldenburg hinauf, der, die Arme
ber die Brust gekreuzt, in einiger Entfernung vor ihr stand.
    Du hattest Recht, sagte er, mich nicht zum Apostaten meiner eigenen
Ueberzeugungen werden zu lassen: und nur das Eine mchte ich wissen, ob Dein
Bekehrungseifer ganz lauter ist, ob die Priesterin nicht blos deshalb den Snder
so eifrig an die Gottheit weis't, weil ihr die verlangenden Blicke, die er auf
sie selbst richtet, lstig werden.
    Oldenburg!
    Ja, Melitta, es mu heraus, es drckt mir sonst das Herz ab. Du weit, wie
unsglich, wie grenzenlos ich Dich liebe. Der Wunsch, Dich zu besitzen, ist
allmchtig in mir; ich habe ihn so lange genhrt, da mein ganzes Wesen ihm
zugestrmt ist, sich in ihm concentrirt hat. Ohne Dich bin ich nichts: mit Dir
wage ich es gegen eine Welt in Waffen. Ich wei es wohl, da man das Gute um des
Guten willen thun mu, und da, wer einen Lohn begehrt, seinen Lohn dahin hat;
aber ich bin kein Heiliger, ich bin ein Mensch mit menschlichen Schwchen und
Leidenschaften, die ihm, wie ein wildes Meer, ber dem Kopf zusammenschlagen,
wenn nicht die liebe, geliebte Hand rettend seine ausgestreckte Hand ergreift.
Melitta, sag', da Du die Meine sein willst, und meine Thaten sollen nicht
geringer sein, als meine Worte.
    Oldenburg war auf demselben Platze, in derselben Stellung stehen geblieben.
Wie in seiner Haltung, so lag in dem Ton seiner Stimme mehr Trotz als Bitte.
    Melitta fhlte das wohl; aber sein Stolz beleidigte sie diesmal nicht, wie
es doch schon so oft der Fall gewesen war. Sie antwortete in einem beinahe
demthigen Tone:
    La uns nicht bereilt handeln, Adalbert! Wie lieb Du mir bist, das weit Du
und das mu Dir vorlufig genug sein. Sieh', Adalbert, dieser Brief kommt gerade
recht, uns an unsere Pflichten zu erinnern. Du mut Dein Kind wieder haben; ich
wrde keine Stunde meines Lebens wieder froh werden, mte ich wirklich
frchten: die Liebe zu mir htte in Deinem edlen Herzen das heiligste Gefhl
erstickt. Und Adalbert, bedenke auch dies! Ich glaube es gern: Du liebst das
arme Weib nicht mehr, das einst die Leidenschaft des Jnglings entflammt hat;
aber sie ist die Mutter Deines Kindes! Was willst Du zu Deiner Czika sagen, wenn
sie Dich dereinst fragt, warum denn eine Andere, als das arme Weib, welches sie
Mutter nennt, die Gattin ihres Vaters ist?
    Wo hast Du Oswald Stein, seitdem Du ihn in Fichtenau gesprochen, zum letzten
Mal getroffen?
    Oldenburg sprach diese wenigen Worte langsam und mit schneidender Schrfe.
    Melitta wurde dunkelroth.
    Wer sagt Dir, da ich ihn berhaupt in Fichtenau gesehen habe?
    Ich dachte es mir nur. Vielleicht, da Du mir diese Begegnung verschwiegen
hast, wie jene andere.
    Und wenn ich ihn nun in Fichtenau gesehen htte?
    So wre das gerade, was ich erwartet habe.
    Und wenn ich ihn nun seitdem wieder gesehen htte?
    So beweise mir das, da mein Hierherkommen fr mich ebenso unschicklich, wie
fr Dich unbequem ist.
    Oldenburg ging quer durch das Zimmer und nahm von dem Tischchen vor dem
Spiegel Reitpeitsche und Handschuhe. Als er wieder vor Melitta vorberkam, blieb
er stehen und sagte: Gute Nacht, Melitta. - Gute Nacht, erwiderte die junge
Frau, ohne die Augen aufzuschlagen. Er wartete einen Augenblick und noch einen,
ob sie ihn ansehen, ob sie nicht noch ein Wort sagen werde, aber er wartete
vergeblich. Kein Wort, kein Seufzer entrang sich seiner gepreten Brust; er ging
nach der Thr, ffnete sie leise und schlo sie eben so geruschlos wieder.
    Melitta fuhr in die Hhe. Sie eilte nach der Thr; aber, anstatt dieselbe zu
ffnen, lehnte sie sich nur mit hocherhobenen Armen daran und brach in
leidenschaftliches Weinen aus. Ich wute es ja, da es so kommen wrde, murmelte
sie. Armer, armer Adalbert!
    Pltzlich ertnte Hufschlag dicht vor dem Fenster. Sie eilte von der Thr
nach dem Fenster und ri es auf, lehnte sich weit hinaus und rief: Adalbert,
Adalbert! aber der Sturm, der ihr die eisigen Schneeflocken in's Gesicht schlug,
verwehte ihre Stimme und der schwarze Schatten von Ro und Reiter, der noch eben
ber die weie Flche durch die graue Nacht lautlos dahinglitt, war im nchsten
Augenblick schon verschwunden.

                              Dreiigstes Capitel


Der Winter war whrend der Nacht ber die Insel gebraust, und noch immer
wirbelte der Schneestaub, den er bei seiner eiligen Fahrt vom Nordland her
aufstberte, dicht herab auf Dcher und Bume, auf Wiesen und Felder.
    Oldenburg schien sich heute an diesem melancholischen Schauspiel nicht satt
sehen zu knnen. Er stand am Fenster seiner Arbeitsstube auf der Solitde und
schaute unverwandt in die schneeerfllte Luft. Er hatte den Tag ber viele
Stunden so gestanden und kaum einmal seinen Hermann beachtet, der mit
sorgenvoller Miene ab- und zuging, und mehrere groe Koffer, die in dem Zimmer
offen standen, voll Kleider, Wsche und Bcher packte. Auch des treuen Dieners
treue Gattin Thusnelde, die behbige dicke Haushlterin, hatte sich wiederholt
in dem Zimmer zu schaffen gemacht und einmal sogar gewagt, dem Herrn zu sagen,
da das Essen fertig sei, darauf aber keine Antwort erhalten, als: es ist gut,
Alte!
    Seitdem waren schon wieder mehrere Stunden verflossen. Der Baron hatte
gleich nach Tische wegfahren wollen; aber er hatte noch immer nicht Befehl zum
Anspannen gegeben. Da sich das Wetter aufklren wrde, hoffte er wohl
schwerlich, denn die Vorratshuser des Schnee's schienen unerschpflich und
berdies wre es das erste Mal gewesen, da er sich von der Ausfhrung eines
Entschlusses durch schlechtes Wetter htte abhalten lassen; auch war, wenn er
noch vor Abend die Fhre erreichen wollte, Mittag die spteste Zeit der Abreise
gewesen. Er hatte im Laufe des Tages wiederholt gefragt: Ist Niemand dagewesen?
und dann jedesmal, wenn der alte Hermann, wie er wohl nicht anders konnte: Nein,
Herr Baron! geantwortet hatte, sich wieder zum Fenster gewandt und mit den
Fingern weiter auf den Scheiben getrommelt.
    Jetzt war es auch nicht eben mehr wahrscheinlich, da noch Jemand kommen
wrde. Der schmutzig rothe Streifen tief am westlichen Horizont verkndete, da
die Sonne, die den ganzen Tag unsichtbar gewesen war, im Meere versank. Der
Sturmwind, der gegen die Fenster rasselte und klagend und heulend um das Haus
und durch die hohen Wipfel der Tannen fuhr, zerri die Schneeluft, und die
unendliche graue Wasserwste mit ihren schaumgekrnten Wellen breitete sich vor
den Blicken des einsamen Mannes am Fenster aus in schauerlicher Erhabenheit. Er
ffnete die Thr und trat auf den Balkon; er lehnte sich auf das Gelnder, durch
dessen eiserne Stbe der Wind in schrillen Tnen pfiff. Er warf keinen Blick auf
die hohen Kreide-Ufer, die sich rechts und links weit und weiter erstreckten in
einem ungeheuren Halbkreise, und die jetzt mit den starren Wldern, die sie auf
ihren schroffen Stirnen trugen, von der untergehenden Sonne fr einen Augenblick
blutroth angestrahlt waren. Er schaute nur immer hinab, wo hundert Fu unter ihm
das wilde Meer zwischen den Felsblcken des Ufers donnernd brandete. Der weie
Gischt wirbelte in den scharfen Ecken der steilen Wnde, von dem wilden Winde
emporgetrieben, manchmal bis hinauf zu ihm und netzte ihm mit eiskalten Tropfen
Stirn und Haar und Bart. Aber er achtete es nicht. In seiner Seele sah es wilder
und strmischer aus als da drauen in der Natur. Es war ihm, als wre er ganz
allein in der verdeten Welt, als brche eben fr diese verdete Welt die ewige
Nacht herein und als wre er verdammt, weiter zu leben in dieser ewigen Nacht.
    Es ist ganz recht, murmelte er, warum warst Du der Hans Narr, der sich
wieder ruhig an dem Seile fhren lie, von dem er doch nun mittlerweile wissen
mute, wohin es ihn fhrte! Und doch! sie war so lieb, so gut in dieser Zeit,
wie sie es nie gewesen! Konnte ich mein Ohr dem Sirenengesange verstopfen, der
mir nie so nah und so s getnt hatte! Sirenengesang - das ist es eben! Was
wei ein Weib von der treuen Liebe, deren ein Mnnerherz fhig ist! Caprice
Alles, Alles eitel Tand und Spielerei! ein Paar blaue Augen, eine glatte Zunge
und hfliche Manieren dazu - so mu das Pppchen ausstaffirt sein, wenn es den
guten Kindern gefallen soll. Ob das Pppchen ein Herz in der Brust, Hirn im
Schdel hat, das kmmert sie nicht. Im Gegentheil: das ist so unbequem, so
langweilig, das pat so gar nicht in die Puppenstube.
    Und so sei es denn abgethan, das Narrenkleid fr nun und immer! wie das
Abendroth dort an den Felsen verbleicht, so will ich von meiner Seele wegwischen
diese rosige Lge, und rauh werden, wie das winterliche Meer, und wie mich
Niemand liebt, so will ich Niemand lieben. Ich will durch das Leben ziehen,
einsam, wie jener Schneevogel sich dort durch die pfadlose Luft schwingt,
unbekmmert, wie er, ob irgendwo am Ufer unter berhangenden Felsen das
schtzende Nest bereitet ist.
    Das werden Sie nicht; denn Sie sind ein Mensch, und der Mensch ist viel
mehr, als die Vgel unter dem Himmel.
    Oldenburg wandte sich verwundert um nach dem, der in einem tiefen, festen
Tone diese Worte gesprochen. Dicht hinter ihm stand Baumann.
    Ich komme, fuhr der alte Mann, Oldenburgs ngstlich fragenden Blick
beantwortend, fort, im Auftrage der Frau von Berkow.
    Was ist's? sagte Oldenburg, dem alles Blut aus den Wangen zum Herzen
getreten war; sprechen Sie es aus! Frau von Berkow ist sehr krank - nicht wahr?
    Nicht Frau von Berkow! erwiderte Baumann, eine andere Frau, die vor einer
Stunde sammt ihrem Kinde zu uns auf den Hof gekommen ist, und die Sie, Herr
Baron, vor ihrem Ende, das vielleicht nahe bevorsteht, noch einmal zu sehen
wnscht.
    Eine Frau - mit einem Kinde! wie ein Schleier fiel es dem Baron von den
Augen.
    Kommen Sie! sagte er. -
    Vor der Thr der Solitde stand Melitta's, mit zwei krftigen Braunen
bespannter Schlitten. Die Mnner stiegen ein, Oldenburg lie sich von dem
Kutscher hinten auf der Pritsche Zgel und Peitsche geben, und fort ging es im
Galopp durch die dstern Tannen; aus den Tannen hinaus in das ebene, sich nach
Faschwitz zu allmlig senkende Land, das jetzt eine weite, von dem grauen
Horizont begrenzte Schneeflche war, von der die sprlichen, mit Schnee
bedeckten Bume und Htten sich kaum abhoben. Auch der Weg war verschttet und
selbst die Gleise, die der Schlitten vorhin gemacht hatte, schon schon wieder
zugeweht. Man mute mit der Gegend sehr vertraut und berdies ein so kundiger
Rosselenker sein, wie es Oldenburg war, um in dieser Wildni hgelauf, hgelab,
zwischen bodenlos tiefen Mooren hindurch in vollem Rosseslauf dahinjagen zu
knnen. Kaum ein Wort wurde unterwegs gesprochen, nach einer halben Stunde hielt
der Schlitten mit den dampfenden Pferden vor dem Herrenhause von Berkow.
    Sie gingen in das Haus.
    Wollen der Herr Baron nur geflligst in den Gartensaal treten, sagte der
alte Baumann.
    Er ging voran in den Gartensaal, wo auf dem Tisch eine Lampe, und in dem
Kamin ein verlschendes Feuer brannte. Der Alte schob die Lampe hher, fachte
das Feuer wieder an, und verschwand dann durch die Thr, welche in die rothe
Stube fhrte.
    Oldenburg hatte sich an den Kamin gestellt, seine kalten Hnde zu wrmen.
Tausend Gedanken auf einmal wirbelten durch sein Hirn, er schritt ein paarmal
durch das Gemach, dann stellte er sich wieder an den Kamin.
    Melitta hatte Recht, murmelte er. Ehe dies Unrecht nicht geshnt ist, kann
von Glck fr mich nicht die Rede sein. Und wie soll es geshnt werden? Ist es
doch der Fluch der bsen That, da sie fortzeugend Bses mu gebren. Es war der
Schatten von heute, der gestern schon auf unsere Seele fiel. Wie stumpfsinnig
war ich, wie verblendet von Leidenschaft, da ich die Mahnung nicht verstand!
Aber es ist entsetzlich, da die Erinnyen uns bis in den Tempel verfolgen, wo
wir uns reinigen wollten von aller Schuld, bis in das Heiligthum, das unser
ganzes Glck umschliet.
    Das Rauschen eines Gewandes hinter ihm schreckte ihn empor. Er wandte sich
um, und vor ihm stand Melitta, bla und ernst, die schnen, lieben Augen
glnzend von der Spur frisch geweinter Thrnen.
    Melitta, sagte Oldenburg, die Hnde nach ihr ausstreckend, kannst Du mir
verzeihen?
    Ich habe Dir nichts zu verzeihen, Adalbert, erwiderte sie, ihre Hnde in die
seinen legend, la uns geduldig tragen, was wir doch tragen mssen.
    Sie sahen sich ein paar Momente schweigend in die Augen.
    Es liegt noch Manches zwischen uns, sagte Oldenburg traurig, ich kann Dir
nicht bis auf den Grund der Seele schauen.
    Wir mssen eben geduldig sein, sagte Melitta.
    Oldenburg lie ihre Hnde los.
    Wie geht es ihr?
    Sie ist sehr schwach; in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen; aber
sie erkennt mich wohl und hat schon mehrmals nach Dir gefragt.
    Ist Czika bei ihr?
    Ja.
    Darf ich sie sehen?
    La mich erst einmal allein hingehen. Ich komme alsbald zurck.
    Nach einigen Minuten, whrend deren Oldenburg mit untergeschlagenen Armen,
die Augen nicht vom Boden hebend, in dem Saale auf- und abgegangen war, erschien
Melitta wieder in der Thr:
    Komm!
    Oldenburg folgte ihr durch die rothe Stube, in ein halbdunkles Gemach,
Melitta's Schlafgemach. Es war das erste Mal in seinem Leben, da er es betrat,
und whrend sie hindurch gingen, fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, welch'
verhngnivoller Augenblick ihm dem Zutritt in dieses Heiligthum verschaffte. An
der Thr auf der entgegengesetzten Seite blieb Melitta stehen und flsterte:
hier ist sie.
    Sie traten ein. Es war ein groer, uerst stattlicher, in der Rococomanier
berladen decorirter und mblirter Raum, der zu den Fremdenzimmern in der Fronte
des Hauses gehrte. Schwere gelbseidene Vorhnge verhllten die Fenster; die
Sthle und Sophas waren mit demselben Stoff berzogen, der getfelte Fuboden
blinkte in dem Schein des Feuers, das in dem Kamin brannte. Auf dem von
Amoretten getragenen Sims des Kamins stand eine vergoldete Stutzuhr, die den von
Genien und Schmetterlingen umflatterten Eingang einer Grotte darstellte, aus
deren Oeffnung, so oft die Stunde schlug, ein Sensenmann hervortrat. Gemlde im
Geschmack jener Zeit, mit gezierten Schfern und wohlfrisirten Schferinnen in
breiten, verschnrkelten Goldrahmen schmckten die Wnde. Von der Stuckdecke
hing ein mchtiger Kronleuchter von Glaskrystallen, die bei dem wechselnden
Licht, das in dem Gemache herrschte, in allen Farben des Regenbogens spielten.
Und inmitten dieser Pracht, in einem groen Himmelbette, dessen seidene Vorhnge
halb zurckgeschlagen waren, ruhte auf schneeigen Kissen, ein armes, todtkrankes
Weib, das im fernen Ungarlande hinter einer Hecke das Licht der Sterne erblickt
und Zeit ihres Lebens nur in Scheunen und Stllen und fter noch auf der den
Haide unter freiem Himmel, oder im wilden Walde unter hohen Buchenhallen die
Nchte zugebracht hatte. Ihre groen, im Fieber erglnzenden Augen wanderten
unruhig ber all' die Herrlichkeiten, die sie umgaben, hin und blieben dann
immer wieder auf ihrem Kinde haften, als sei dies der einzige Punkt, wo ihr
gengstigter Geist sich wieder auf sich selbst besinnen knnte. Czika stand vor
dem Bett, gekleidet in die phantastisch bunte Tracht, die sie zu tragen pflegte.
Ihr schnes Gesichtchen war noch ernster und sorgenvoller als sonst. Sie
verwandte keinen Blick von der Mutter. Man sah ihr an, da sie ein volles
Verstndni der Lage hatte; da sie sehr wohl wute, da es der Tod sei, der
ihrer Mutter braune Wangen so gelb und die rothen Lippen so bleich machte, und
mit so groen kalten Schweitropfen die schmerzlich gefurchte Stirn bethaute.
    An einem Tischchen in der Nhe des Bettes stand der alte Baumann. Er war
eifrig beschftigt, einen khlenden Trank zu bereiten, und er blickte von seiner
Beschftigung kaum auf, als jetzt Melitta und Oldenburg geruschlos in das
Zimmer traten.
    Aber das scharfe Ohr der Kranken hatte sie wohl gehrt. Ein schwaches
Lcheln der Befriedigung flog ber ihr verwstetes Gesicht. Sie winkte die
Beiden mit den Augen zu sich heran.
    Czika war, wie sie an das Bett traten, zwischen sie zu stehen gekommen.
Xenobia schien das mit Befriedigung zu sehen. Das Lcheln wurde heller, dann
verschwand es wieder, und in ihrem gebrochenen Deutsch sagte sie:
    Legt Eure Hnde auf Czika's Kopf!
    Oldenburg und Melitta thaten es. Oldenburgs Hand zitterte, als er die
weichen Locken des schnen jungen Hauptes berhrte.
    Und gebt mir die beiden andern Hnde!
    Xenobi nahm die Hnde und als sie die Kette so geschlossen sah, murmelte sie
etwas, das Jene nicht verstanden und das ein Fluch oder Segen, oder Beides sein
mochte, denn der Ausdruck ihres Gesichts wechselte bei jedem Wort.
    Dann sagte sie:
    Schwrt, da Ihr die Czika nicht verlassen wollt.
    Wir schwren es, antwortete Oldenburg, whrend Melitta, unfhig, ein Wort
hervorzubringen, nur die Lippen bewegte.
    Xenobi lie ihre Hnde los, um ihre eigenen Hnde ber die Brust zu kreuzen.
    Nun lat Xenobi allein, sagte sie mit sehr leiser Stimme, nur Czika soll
hier bleiben und der alte Mann.
    Oldenburg und Melitta blickten sich und dann den Alten an, der jetzt mit dem
Trank in der Hand an das Bett trat. Er nickte mit dem ehrwrdigen grauen Haupte,
als wollte er sagen: Thut, was sie verlangt!
    Oldenburg wagte nicht zu widersprechen. Er nahm Melitta's Arm und fhrte sie
aus dem Zimmer. Die Uhr auf dem Kamin hackte zum Schlagen aus. Der Sensenmann
drinnen machte sich bereit, aus seiner Hhle hervorzutreten.
    Sie gingen in den Gartensaal zurck. Keines sprach ein Wort. Oldenburg warf
sich am Kamin in einen Lehnsessel und starrte dster in die verglimmten Kohlen;
Melitta's Hand legte sich auf seine Schulter:
    Adalbert!
    Er schaute fragend zu ihr empor.
    Nicht wahr, Du reisest nicht fort?
    Wenn Du es nicht wnschest - nein!
    Und Du willst geduldig warten, bis - bis Du mir auf den Grund der Seele
schauen kannst?
    Ja.
    Gieb mir die Hand darauf.
    Oldenburg drckte ihre Hand gegen sein Gesicht; sie fhlte seine Thrnen
flieen. Dann setzte sie sich ihm gegenber und versank, wie er, in stilles
Brten.
    Das Klingeln eines Schlittens unterbrach das Schweigen. Es war Doctor
Balthasar. Oldenburg sagte dem alten Herrn, whrend er sich die Hnde am
Kaminfeuer wrmte, um was es sich handle.
    Hm! Hm! sagte Doctor Balthasar; wei schon, war schon damals herzkrank -
rheumatisches Fieber - Reise bei dem Hundewetter - kommt nicht wieder auf - hm,
hm - wo ist sie denn? - wollen mal nachsehen.
    Als die Drei sich zu gehen wandten, that sich die Thr des Saales auf und
der alte Baumann trat, Czika an der Hand, herein.
    Sie kommen zu spt! sagte er zu Doctor Balthasar.
    Melitta zog Czika unter lautem Weinen an ihr Herz.
    Hm, hm! sagte Doctor Balthasar; alte Geschichte - immer gerufen, wenn nichts
mehr zu thun ist - hm, hm - wollen mal nachsehen.

                           Einunddreiigstes Capitel


Zwei Mnner aus dem Dorfe hatten unter Aufsicht des alten Baumann in dem Park
von Berkow auf einer Stelle an dem Rande des Buchenwaldes den tiefen Schnee
weggeschaufelt und in der schwarzen Erde ein tiefes Grab gehackt und gewhlt,
und in dem tiefen Grabe schlief nun die Zigeunerin nach ihrer ruhelosen
Wanderung durch das bunte ruhelose Leben, das ihr so wenig Glck gebracht, den
tiefen, ewigen Schlaf.
    Als nach einigen Tagen das Wetter sich aufgeklrt hatte und es mglich
gemacht worden war, die Gnge im Garten und durch den Park bis zu der Stelle am
Waldesrande frei zu machen, wanderte Melitta mit ihrem Juluis und der kleinen
Czika den Weg nach dem Grabe, das jetzt mit einem Granitblocke bedeckt war, auf
dessen einer glattpolirten Seite der Name Xenobi stand. Melitta fhrte das
braune Kind an der Hand und sprach mit ihm viel fter, als mit ihrem Sohne, der
aber auch seinerseits mit einer Art von ritterlicher Zrtlichkeit um das Kind
bemht war. Wenn die Bahn erst ein bischen besser ist, dann will ich Dich im
Schlitten fahren, Czika. O, ich habe einen wunderschnen Schlitten; ich will ihn
Dir zeigen, wenn wir wieder nach Hause kommen. Und wir wollen beide ganz allein
fahren; der Pony kennt mich besser, als irgend Einen; ich brauche blos mit der
Zunge zu schnalzen, so geht er davon wie der Wind, und wenn ich sage: Brrr,
Pony! so steht er still wie ein Lamm. Nicht wahr, Mama, ich darf mit Czika ganz
allein spazieren fahren?
    Wenn Czika mit Dir fahren will, warum nicht.
    Czika's dunkles Gesichtchen hatte sich bei Juluis' khnen Worten ein wenig
aufgehellt; aber alsbald zog wieder eine Wolke ber ihre Stirn.
    Czika wollte, sie htte Hamet wieder, sagte sie, mit den braunen
Gazellenaugen in die Ferne starrend.
    Wer ist Hamet, Czika? fragte Julius.
    Hamet? Hamet ist Czika's Esel.
    Pah, ein Esel! rief der Knabe, die Oberlippe verchtlich krmmend; aber ein
Blick der Mutter gengte, ihm eine fliegende Schamesrthe ber das ganze Gesicht
zu jagen.
    Wo ist Dein Esel, Czika? fragte er mit freundlicher Theilnahme.
    Hamet ist todt. Mutter und ich haben ihn im Walde eingescharrt.
    Ach, das ist ja schade. La es gut sein, Czika; ich will Dir einen andern
kaufen. Weit Du, Mama, der Frster Griebenow in Faschwitz hat einen groen
Esel, mit so langen Ohren, Czika! der Pony scheut immer, wenn wir ihm begegnen.
Aber das schadet nichts. Er mu sich d'ran gewhnen, sonst giebt's was - bei
diesen Worten schwang Juluis seine Gerte - ich will's ihm schon austreiben.
Nicht wahr, Mama, ich darf mit Baumann hinberreiten und Czika den Esel kaufen?
Griebenow hat ihn mir schon ein paarmal angeboten. Nicht wahr, Mama?
    Gewi, sagte Melitta; er soll auch Hamet heien.
    O, das wird schn, rief Julius; und dann reiten wir alle Drei spazieren. Du
auf der Bella, ich auf dem Pony und Czika auf dem Hamet, und dann - aber, ich
frchte, Hamet wird nicht mitkommen knnen, unterbrach er sich selbst und machte
dabei ein sehr bedenkliches Gesicht.
    So reiten wir langsam.
    Ja, das ist auch wahr. Wir wollen ganz langsam reiten, Czika; ich mchte um
Alles nicht, da Du herunterfielst.
    So plauderte der Knabe und Melitta sah mit innigster Freude, da sein
Geplauder und munteres Wesen auf Czika nicht ohne Wirkung blieben. Sie dachte
der Zeit, wo die Braune Grfin zum ersten Mal nach Berkow kam und wie sie schon
damals, ehe sie noch eine Ahnung davon hatte, da dies Kind Oldenburgs Kind sei,
den Wunsch gehabt, es bei sich zu behalten und mit ihrem Julius zusammen zu
erziehen, und wie wunderbar ihr Wunsch nun doch endlich in Erfllung gegangen.
Und dann schweiften ihre Gedanken in die Zukunft hinaus, ob wohl eine Zeit
kommen werde, wo sie von diesen Kindern als von unsern Kindern sprechen
drfte; und als sie jetzt an dem Granitblock angelangt waren und sie einen Kranz
von Immortellen darauf gelegt hatte, da schlo sie die Beiden in ihre Arme,
herzte und kte sie und sagte: meine Kinder, meine lieben, lieben Kinder.
    Melitta beschftigte sich so viel mit Czika, da Julius, wenn er das hbsche
kleine Mdchen nicht selbst so lieb gehabt htte, deswegen htte leicht
eiferschtig werden knnen. Czika schlief auch bei der Mama und die Mama brachte
sie alle Abend selbst zu Bett - oder vielmehr auf ihr Lager, denn Czika's Bett
bestand vorlufig noch aus wollenen, auf der Diele ausgebreiteten Decken, da sie
mit ihrem gewhnlichen, melancholischen Ernst erklrt hatte, Czika stirbt, wenn
Ihr sie in ein Bett legt. Die Kleine suchte ihr Lager sehr frh auf, meistens
sobald es drauen dunkel geworden war, so da Oldenburg, der erst immer um diese
Zeit von Cona herberkam, sie nicht mehr im Zimmer fand. Einigemal war er dann
mit Melitta an das Lager getreten, aber er that es jetzt nicht mehr, da das Kind
einen so leisen Schlaf hatte, da das leichteste Gerusch es erweckte. Er
begngte sich deshalb, von Melitta zu hren, da es ihrer Tochter wohl gehe,
da sie mit ihren Kindern spazieren gewesen, oder ausgefahren, da ihre
Czika sie heute zum ersten Male Mutter genannt habe.
    Ich frchte, sie wird mich niemals Vater nennen mgen, sagte Oldenburg
traurig.
    Wir mssen Geduld haben, Adalbert, erwiderte Melitta.
    Hermann hatte die Koffer seines Herrn mit grerem Vergngen wieder
ausgepackt, als er sie an jenem melancholischen Tage vollgepackt hatte.
Oldenburg dachte nicht mehr daran, zu reisen, seitdem Melitta ihn zu bleiben
genthigt hatte, und das Haus von Berkow jetzt Alles umschlo, woran sein Herz
hing. Jeden Tag gegen Dunkelwerden klingelte sein Schlitten auf dem Hof von
Berkow, und die junge Frau begrte oft noch auf der Hausschwelle ihren
tglichen Gast. Seit dem Abend, der ihm sein Kind wiedergeschenkt hatte, war
Oldenburg ruhiger und heiterer, als er es je gewesen. Er schien sich Melitta's
Wort, da sie am besten geduldig trgen, was sie doch einmal tragen mten, zu
Herzen genommen zu haben. Er wute recht gut, was die Geliebte damit hatte sagen
wollen; recht gut, warum sie ihm noch immer nicht mit ihren lieben, schnen
Augen klar in die Augen sehen konnte. Er beklagte es, da es so war, aber er,
der den Adel von Melitta's Seele besser kannte, als irgend Jemand, htte sich am
meisten gewundert, wenn es anders gewesen wre. Melitta liebte den Mann nicht
mehr, der ihr Herz in einer unbewachten Stunde im Sturm der Leidenschaft
eroberte, aber die Wunde, die dieser Liebe Lust und Leid ihrem Herzen
geschlagen, blutete noch und auch hier mute die Zeit bewirken, was dem
Raisonnement nicht mglich war.
    Die eigenthmliche Situation, in welcher Oldenburg sich Melitta gegenber
befand, war nicht ohne Einflu auf seine ganze augenblickliche Denk- und
Empfindungsweise. Die Geduld, die Klugheit, die Vorsicht, deren er bedurfte, um
das Fahrzeug seines Glcks endlich in den Hafen zu steuern, lieen ihn auch die
Weltverbesserungsplne, mit denen er sich frher trug, als unausfhrbar, bei
Seite legen. Dafr widmete er sich mit allem Eifer der Verwaltung seiner Gter
und verfolgte die Politik des Tages mit nimmer mdem Interesse. Er bedauerte,
da er, als im Sommer der Landtag zusammentrat, die Zeit, welche er dem
Vaterlande schuldete, an den Ufern des Nil vertrumt hatte. Neue Quellen des
Volkswohls zu ffnen, schien ihm jetzt wichtiger, als die des Nil zu entdecken.
Er sprte in seiner stillen Solitde den Sturm der Revolution, der aus
Frankreich heraufdrohte und der mit seinem ersten Sto das Gewitter, das dumpf
ber dem eignen Vaterlande brtete, entfesseln konnte.
    Melitta nahm Theil an seinen Hoffnungen, Befrchtungen, an seinen Wnschen,
seinen Plnen, selbst an seiner Ungeduld, da die Stunde, von der er fhlte, da
sie kommen msse, bald kommen mge. Sie begriff es vollkommen, da er nach Paris
zu gehen wnschte, um mit den alten Freunden, die er dort hatte, die neu
gewonnenen Ansichten auszutauschen. Er wute, da sie nur an ihn dachte, und
gerade deshalb entschlo er sich zur Reise.
    Kurz vorher erfuhren sie von der jetzt mittheilsameren Czika einen
wunderlichen Umstand. Das Kind fing pltzlich, nachdem in ihrer Gegenwart Paris
mehreremal genannt war, an, von einem alten Manne zu sprechen, der schon lngere
Zeit bei ihnen gewesen sei, und zuletzt die Mutter und sie hierher geleitet
habe. Nicht weit von dem Hofthore von Berkow sei er erst umgekehrt. Der Mann
habe auch nach Paris gewollt. Sie drangen weiter in das Kind und konnten nicht
zweifeln, da der alte Mann, von dem es sprach, Berger gewesen war. Warum er die
so treu Begleiteten an der Schwelle des Hauses fast verlassen hatte? was er in
Paris wollte? Vielleicht, meinte Oldenburg, will er sich berzeugen, da der
kreisende Berg der Revolution abermals ein Nichts gebren wird.
    Dennoch berhrte ihn die Nachricht seltsam. Er hatte Berger in Fichtenau
kennen gelernt, als er whrend des Sommers Melitta dort besuchte, und damals mit
dem scharfsinnigen, enthusiastischen Manne manches philosophische und politische
Gesprch gefhrt, in welchem das Wort Revolution hufig genug vorkam.
    Der Moderdunst der Festungscasematten und die Stickluft des Polizeistaates,
welche ich mein Leben lang habe einathmen mssen - das hat mich gemacht, was die
Leute verrckt nennen - hatte der Professor einmal gesagt; mir ist manchmal, als
ob nur ein Athemzug freier Luft im Vaterlande mir die Last wegheben wrde, die
hier ruht; und dabei hatte er auf die Brust gedeutet.
    Ein Athemzug freier Luft im Vaterlande! Oldenburg wiederholte sich das Wort,
whrend er seinen Koffer packte; ja wohl! das wird uns Allen, Allen, die Brust
leichter machen.

                           Zweiunddreiigstes Capitel


Felix von Grenwitz hatte die von den Aerzten verordnete Reise nach Nizza
angetreten. Er war gern in die Verbannung gegangen. In Grnwald hatte er nichts
mehr zu gewinnen und hchstens den letzten Hoffnungsschimmer auf Genesung zu
verlieren. Seine Existenz in Italien war ihm von seiner gromthigen Tante, die
recht gut wute, da er kaum noch ein paar Monate zu leben habe, auf mehrere
Jahre hinaus zugesichert worden. Er hatte alle seine Angelegenheiten geordnet,
ber Alles mit seiner Tante gesprochen, und nur ber die eine fatale Geschichte
mit dem Menschen, dem Timm, nicht. Er lie Anna-Maria in dem guten Glauben, da
der freche junge Mann von ihm vollstndig eingeschchtert und mit ein paar
Hundert Thalern abgefunden sei, da er selbst durchaus keine Lust hatte, seiner
Tante durch Anrhren dieses wunden Punktes die so nothwendige gute Laune zu
verderben. Brieflich, dachte Felix, arrangirt sich so etwas am besten und wenn
sie sieht, da das Ding nicht zu ndern ist, wird sie sich schon darein finden.
So reiste er denn ab, begleitet von den aufrichtigen Glckwnschen seines Oheims
und den Ermahnungen seiner Tante.
    Gott sei Dank, da er weg ist, dachte die Baronin, whrend sie, das
Taschentuch vor die Augen drckend, durch die Schaar der Dienstboten nach ihrem
Zimmer zurckschritt; jetzt unverzglich Helene wieder her - das Andere findet
sich.
    Noch an demselben Tage machte sie einen Besuch in der Pension und hatte
zuvrderst eine lange Unterredung mit Frulein Br. Die Baronin war heute sehr
weich. Sie hatte so eben einem lieben Verwandten, dessen Schicksal ihr unendlich
am Herzen lag, voraussichtlich auf lange Zeit, vielleicht fr immer Lebewohl
gesagt. Ihr Herz war in Folge dessen tief betrbt. Ach glauben Sie mir, mein
liebes Frulein, sagte sie, es ist hart, sich von einem Jngling, den man wie
seinen eigenen Sohn geliebt hat, in dieser Weise trennen zu mssen; sehen zu
mssen, wie eine frhliche, junge Kraft so grausam gebrochen ist und mit ihr all
die Hoffnungen geknickt sind, die man fr die Zukunft auf sie gesetzt hatte. Und
auch die arme Helene wird den Schlag schmerzlich empfinden. War doch, wenn mich
nicht Alles trgt, eine reine Neigung zwischen den beiden jungen Verwandten, die
vom Himmel selbst so sichtbar fr einander bestimmt waren, emporgeblht, eine
Neigung, die sich, wie das ja so hufig ist, anfnglich hinter einer scheinbaren
Aversion keusch verbarg, da ich selbst eine Zeitlang getuscht wurde, und -
ganz entre nous, liebes Frulein - dem armen Kinde deshalb recht bse war. Jetzt
wei ich es besser. Aber um so grer ist mein Verlangen, das liebe Kind wieder
bei mir zu haben. Wrden Sie mir es sehr bel nehmen, liebes Frulein, wenn ich
das Ihren gtigen, klugen Hnden anvertraute theure Kleinod so bald wieder
entfhrte?
    Frulein Br's klarem Verstande entgingen die Widersprche zwischen dem
frheren und dem jetzigen Benehmen der Baronin keineswegs. Sie nahm also das
Vertrauen der gndigen Frau mit Zurckhaltung entgegen und fragte blos, ob
Helene gleich jetzt, oder erst spter in das elterliche Haus zurckkehren solle?
    Ich denke, wir berlassen das dem lieben Kinde selbst, erwiderte Anna-Maria,
die noch immer eine mgliche Weigerung Helenens frchtete, ich wei, sie ist
sehr gern bei Ihnen und berdies mchte ich sie durchaus nicht in ihren Studien,
Liebhabereien und Plnen derangiren. Helene ist bereits von meinen Wnschen
unterrichtet. Im Augenblick wollte ich weiter nichts, als Sie, liebes Frulein,
bitten, Ihren Einflu auf das Kind zu meinen Gunsten, zu Gunsten einer armen,
durch einen schweren Verlust betrbten Frau geltend zu machen.
    Anna-Maria hatte kaum die Pension verlassen, als Frulein Br sich zu Helene
begab, ihr die eben stattgehabte Unterredung mitzutheilen. Sie hatte zu diesem
Zweck ihre goldene Brille abgenommen und die officiellen Falten von der Stirn
gewischt.
    Lassen Sie uns offen gegen einander sein, liebe Helene, sagt sie, die
schlanke, weie Hand der jungen Dame vertraulich in ihre knchernen Finger
nehmend; meine liebe Sophie hat mir gleich im Anfang unserer Bekanntschaft
Andeutungen gemacht, welche das sonst unbegreifliche Benehmen Ihrer Frau Mutter
einigermaen erklren. Sie brauchen nicht roth zu werden, liebes Kind. Es ist
dabei kein Wort gesprochen worden, das Ihnen irgendwie zur Unehre gereichte; im
Gegentheil, wir Beide, Sophie und ich, haben Sie, die Sie in so frhen Jahren so
Vieles zu erdulden hatten, nur innig bedauert. Wir sahen in Ihrer Entfernung aus
dem elterlichen Hause nur eine Art von Verbannung, zu gleicher Zeit aber meinten
wir, da mein Haus unter diesen Umstnden Ihnen ein wnschenswerthes Asyl
gewhren knnte. Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, sollten Sie
vielleicht selbst jetzt noch dieses Asyl bedrfen, so sagen Sie es mir. Es ist
nicht meine Art, Zwietracht zu sen, noch dazu zwischen Mutter und Tochter, aber
wie die Sachen einmal liegen, halte ich es fr kein Unrecht, Partei zu
ergreifen.
    Das alte Frulein schwieg, Helene war bewegter, als es wohl sonst ihre Art
war, aber ihre Selbstbeherrschung verlie sie doch auch jetzt nicht. Mit einem
beinahe heiteren Tone sagte sie:
    Sie sind sehr gtig gegen mich, Frulein Br, gtiger als ich es verdiene;
aber Ihre frsorgliche Gte hat Ihnen, glaube ich, mein Verhltni zur Mutter in
einem allzu ungnstigen Lichte gezeigt; wir haben uns eine Zeit lang etwas
schroffer gegenber gestanden, doch das ist Alles von meiner Mutter hoffentlich
so vergessen, wie es von mir vergessen ist. Sie wissen, wie gern ich in Ihrem
Hause bin, wie wohl ich mich hier fhle; sollte aber meine Mutter, wie es den
Anschein hat, wnschen, da ich zu ihr zurckkomme, so halte ich es fr meine
Pflicht, diesem Wunsch zu gehorchen, ohne danach zu fragen, ob es mit meinen
persnlichen Neigungen bereinstimmt oder nicht.
    Frulein Br war durch diese Antwort keineswegs angenehm berrascht. Sie war
dem jungen Mdchen mit offenem Herzen entgegengekommen; sie hatte sich
gewissermaen, um Helene Vertrauen einzuflen, blogestellt, und nun anstatt
des Vertrauens, anstatt der Offenheit Zurckhaltung und diplomatische Klte! Die
gute alte Dame fhlte sich tief verletzt und verlie in dieser Stimmung das
Zimmer, nachdem sie mit vielem Geschick das Gesprch auf gleichgltigere Dinge
hinbergespielt hatte.
    Da die Baronin das Herz ihrer Tochter, zum wenigsten nach einer Seite hin,
kannte, hatte sie heute durch ihr Benehmen bewiesen. Es schmeichelte Helenens
Stolz, da die Mutter sich mit ihrem Wunsche nicht einmal direct an sie zu
wenden wagte, sondern sich dabei hinter Frulein Br steckte. Ihr Entschlu, in
das Haus ihrer Eltern zurckzukehren, war bereits an dem Abend gefat, als sie
den letzten Brief an Mary Burton schrieb.
    Die junge Englnderin hatte, aus ihrer Hamburger Pension kaum in ihr
Vaterland zurckgekehrt, eine der glnzendsten Partien gemacht, die zu jener
Zeit in England gemacht werden konnten. Helene erinnerte sich noch recht gut,
wie der Roman, der so unerwartet schnell und glcklich zu Ende gespielt worden
war, angefangen hatte. Sie und Mary hatten als Mdchen von vierzehn Jahren in
Gesellschaft der Pensionsvorsteherin und eines halben Dutzend anderer jungen
Mdchen von Hamburg aus einen Ausflug nach Helgoland gemacht und bei dieser
Gelegenheit ein englisches Kriegsschiff, das dort vor Anker lag, besichtigt. Die
Officiere hatten die reizende Gesellschaft mit grter Zuvorkommenheit empfangen
und bewirthet; ja zuletzt noch auf dem Quarterdeck einen Ball arrangirt, der
beraus heiter gewesen war. Besonders hatte der Capitn der Fregatte, ein noch
junger, schner, von der sdlichen Sonne gebrunter Mann, den jungen Damen
gefallen und wrde ihnen noch mehr gefallen haben, wenn er seine Landsmnnin
Mary Burton nicht so sehr vor den brigen Schnheiten ausgezeichnet htte. Mi
Mary Burton mute sich in Folge dessen hinterher gar viel mit ihrem
Fregattencapitn necken lassen, bis man die Fahrt nach Helgoland und Alles, was
damit zusammenhing, ber neueren und wichtigeren Ereignissen allmlig verga.
Aber zwei hatten die Sache nicht vergessen und das waren eben der
Fregattencapitn und Mi Mary Burton. Als die junge Dame drei Jahre spter nach
England zurckkehrte, war eine der ersten Personen, denen sie in dem Salon einer
vornehmen Verwandtin begegnete, Capitn Crawley, oder vielmehr, da sein Vater
und ein lterer Bruder inzwischen gestorben und er so ganz unerwartet die Titel
und die Reichthmer der Familie geerbt hatte: Lord Crawley de Crawley. Acht Tage
spter wurde die vornehme Welt durch die Verlobung Seiner Herrlichkeit mit Mi
Mary Burton (einer Dame, die schlechterdings Niemand kannte) auf das hchste
berrascht. Niemand aber konnte durch diese Nachricht eigenthmlicher berhrt
werden, als Helene von Grenwitz. Sie war die intimste Freundin Mary's gewesen;
man hatte sie stets mit Mary zusammen gesehen, zusammen genannt, aber man hatte
sie auch immer fr die bei weitem Schnere und Bedeutendere gehalten, und
Niemand hatte diesem Urtheil freudiger beigestimmt, als die bescheidene Mary
selbst. Mary betete ihre glnzende Freundin an; Helene Grenwitz war in ihren
Augen ein unerreichbares Ideal; sie ordnete sich ihr bei jeder Gelegenheit
unter, und wenn die jungen Mdchen fr die Zukunft sich ihre Plne und
Hoffnungen mittheilten, so baute Mary fr Helene die prachtvollsten Schlsser,
whrend sie sich mit einer strohbedeckten Htte am Rande eines murmelnden Baches
begngte. Helene hatte diese Huldigungen entgegengenommen, wie eine Prinzessin
die Aufmerksamkeiten ihrer Hofdame. Mary hatte ihr so oft gesagt, da sie viel
schner, reizender sei, als sie selbst.
    Und nun mute diese demthige Freundin die glnzendste Heirath machen, durch
die sie mit einem Male in die hchsten Sphren der Gesellschaft erhoben, ja mit
einigen regierenden Husern verschwgert wurde. Helene durfte gar nicht daran
denken. Aber jetzt, wo ihr eine Gelegenheit geboten wurde, mit Ehren aus dieser
sie demthigenden Lage zu kommen; jetzt, wo ihre stolze Mutter sich zu Bitten,
die sie nicht einmal selbst vorzubringen wagte, verstand; jetzt konnte ber den
Weg, den sie einzuschlagen hatte, kein Zweifel sein; und wenn Frulein Br in
ihrer Gutmthigkeit ihr die Pension als ein Asyl anbot, so wute sie eben nicht,
um was es sich in diesem Augenblick handelte.
    Helene ging, nachdem Frulein Br sie verlassen, mit verschrnkten Armen in
ihrem Zimmer auf und ab. Endlich trat sie an das Fenster und starrte in den
herbstlichen Abend hinein. An dem Himmel zogen langsam schwere, dunkle Wolken,
unter welchen leichte graue Wlkchen pfeilschnell dahinschwebten. Die beinahe
kahlen Zweige der schlanken Pappeln wiegten sich in dem scharfen Winde sausend
und zischend hinber und herber; eine Krhe, die des Weges kam, setzte sich auf
ein paar Augenblicke auf den obersten Wipfel eines der Bume, lie sich mit
herber und hinber wiegen, krchzte, als ob sie sich ber die ungastliche
Behandlung rgere und flog dann wieder davon. - Helene ffnete das Fenster. Der
khle, feuchte, mit dem herben Dufte der modernden Bltter vermischte Hauch des
Abends wehte sie an. Lauter rauschten die Pappeln in dem Garten und den hohen
Buchen des Parkes und zwischendurch tnte in monotonen Cadenzen der dumpfe
Donner der Meereswogen am Gestade.
    Sie lehnte sich hinaus; sie achtete nicht der Feuchtigkeit der Luft, die im
Nu ihre schwarzen Haare mit einem thauigen Schleier berzog. Sie starrte nur
immer hinein in den mit jedem Augenblick dunkler werdenden Abend. Seltsame
Visionen zogen durch ihr Hirn. Stolze Palste erhoben sich am Rande blauer
Seeen, in denen sich dunkle Wlder spiegelten; und aus dem Palast ritt ein
lustiger Jagdzug mit Hallo und Trara, und an der Spitze des Zuges eine junge
Dame auf einem Zelter neben einem Manne, der seinen schumenden Rappen lssig
lenkte und sein dunkles Gesicht fortwhrend auf die junge Dame neben ihm wandte;
und Alles, soweit das Auge reichte, - Schlo und See und Wald und Felder, die
sich weit und weiter am Ufer hinbreiteten, unabsehbar in's Land hinein - gehrte
der jungen Dame auf dem Zelter und ihrem Gemahl, dem Ritter auf dem feurigen
Rappen. Und dann versanken Schlo und Wlder und Felder in dem See, und der See
erweiterte sich zu einem Meer, das an dem hohen, mit Buchenwldern, gekrnten
Kreidefelsenufern aufrauschte; und oben auf den hohen Ufern in der
Abendsonnengluth stand dieselbe junge Dame, die vorhin auf dem Zelter ritt,
neben einem Mann - der nicht der Ritter auf dem Rappen war - und sie schauten
zusammen hinaus auf das wunderherrliche Schauspiel der in dem wogenden
Wellengebiete versinkenden Sonne, und wie sie so standen und schauten, fgten
sie, wie betende Kinder, ihre Hnde in einander und sahen sich an mit
liebevollen, thrnenberstrmten Augen.
    Da rauschte der Wind lauter in den schlanken Pappeln und das junge Mdchen
fuhr empor aus ihren Trumereien. - Sie warf einen Blick in die graue Dmmerung
des Parkes. Zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau - wandelten Arm in Arm an der
Oeffnung zwischen den Bosquets vorber - nur einen Augenblick lang, aber das
scharfe Auge des jungen Mdchens hatte Beide erkannt, glaubte mindestens Beide
erkannt zu haben. Ein Gefhl, wie sie es noch nie gehabt hatte, berkam sie. Sie
mute sich berzeugen, ob sie recht gesehen hatte, ob wirklich Oswald Stein mit
Emilie Cloten zu dieser Stunde an diesem Orte sich treffen konnten. Im nchsten
Augenblick war sie die Treppe, die nach dem Garten fhrte, hinab, durch den
Garten geeilt und stand jetzt an der Pforte, die aus dem Garten in den Park
fhrte. - Mit einem Male war ihr Muth verschwunden - sie schmte sich einer
Regung, die sie zu einem so unweiblichen, so hlichen Schritte verleiten
konnte. Eben wollte sie wieder in das Haus zurckkehren, als die beiden
Gestalten den Gang, der an der Gartenpforte vorberfhrte, wieder heraufkamen.
Sie drckte sich hinter den Pfeiler des Thors, um nicht gesehen zu werden; das
Herz schlug ihr zum Zerspringen, und jetzt - sie waren es, waren es, die hier,
in heimlichem, eifrigem Gesprch vorbergingen! Also genarrt! und genarrt! von
wem? von einem Menschen, den eine Emilie Cloten gewinnen konnte!
    Sie schritt, in tiefstes Sinnen verloren, nach ihrem Zimmer zurck. Einmal
blieb sie stehen und sagte, tief aufathmend: Gott sei Dank, da ich schon vorher
entschlossen war, zu meinen Eltern zurckzukehren!

                           Dreiunddreiigstes Capitel


Das Gercht - man wute nicht, wer es zuerst aufgebracht hatte, - Frst
Waldernberg bete die schne Helene von Grenwitz an, ja die Verlobung werde nicht
lange auf sich warten lassen, erhielt sich und wurde durch eine Menge
Einzelheiten, deren Auffindung dem Sprsinn der betreffenden Geschichtentrger
und Geberdenspher alle Ehre machte, bekrftigt. Die Grfin Grieben wute auf
das bestimmteste, da der Frst beinahe alle Abend zu Grenwitzens komme; Frau
von Nadelitz, da er jeden Mittag nach der Parade auf seinem prachtvollen
tscherkessichen Hengst an der Pension des Frulein Br vorberreite; Frau von
Sylow, da er, in seinen Mantel gehllt, mehrere Nchte stundenlang vor dem
Hause auf- und abpatrouillirt sei; Hortense Barnewitz flsterte der Comtesse
Stilow in's Ohr: Jetzt wei ich, weshalb der arme Felix Hals ber Kopf nach
Italien geschickt wurde, und Comtesse Stilow meinte darauf: Sie sollen sehen,
liebe Hortense, es dauert nicht acht Tage, so ist Helene, die fr immer verbannt
schien, wieder bei ihren Eltern.
    Ein Lcheln des Triumphes erhellte aber Aller Gesichter, als die
Prophezeiung der zahnlosen Comtesse Stilow nun wirklich in Erfllung ging und
Helene Grenwitz aus ihrem bescheidenen Stbchen in der Pension des Frulein Br
in die stattlichen Rume des Htel Grenwitz bersiedelte.
    Merkwrdigerweise schien der alte Baron, der diesen Schritt frher so
dringend gewnscht hatte, jetzt am wenigsten darber erfreut. Der alte Herr war
in der letzten Zeit ausnehmend launisch, widerspruchsvoll und heftig gewesen,
da man den sonst so gutmthigen, freundlichen Mann kaum wieder erkannte, und
Jedermann die arme Anna-Maria, die dieses Kreuz mit so christlicher Geduld und
Sanftmuth trug, bedauerte und bewunderte.
    Ach, glaube mir, liebe Helene, sagte die Baronin zu ihrer Tochter, als sie
Beide am ersten Abend auf dem Sopha im Salon saen, nachdem der Baron das Gemach
verlassen hatte, um zu Bett zu gehen; es ist jetzt recht schwer mit Deinem Vater
auszukommen, und ich bedarf Deiner freundlichen Sttze mehr als je. Malte ist
noch zu jung, und ich frchte zu herzlos, als da ich zu ihm Vertrauen haben
knnte. Ich bin so lange gewohnt, Alles allein zu tragen, da ich mich in das
Glck, eine Freundin und Vertraute zu haben, kaum zu finden wei; und die
Baronin vergo Thrnen, whrend sie ihre Nhsachen zusammenpackte, um dem Gemahl
in das eheliche Schlafgemach zu folgen.
    In der That schien das Verhltni zwischen Mutter und Tochter sich fr die
Zukunft viel gnstiger als frher gestalten zu wollen. Sie handelten sich wie
zwei Gegner, die ihre Strke gegenseitig erprobt und gefunden haben, da sie
doch besser thun, Hand in Hand zu gehen.
    Frst Waldernberg war, seitdem Helene wieder im Elternhause weilte, fast
allabendlicher Gast. Anna-Maria sorgte dafr, da der Frst und Helene stets
mglichst ungestrt blieben; und da in diesen Kreisen die lteren Herrschaften
ihre Zeit schlechterdings nur mit Kartenspielen hinzubringen vermochten, und
jngere Leute selten eingeladen wurden, so gelang ihr das meistens ganz
vortrefflich. Der Frst und Helene waren in dem kleinen einfenstrigen Boudoir,
neben dem groen dreifenstrigen Salon, wo die Kartentische standen, oft
stundenlang allein, bis man zur Tafel ging, wo sie dann, whrend die Andern die
Glcksflle des Spiels eifrig durchsprachen, wiederum so ziemlich auf sich
selbst angewiesen waren.
    Es sprach fr die conversationellen Talente des Frsten, da die junge
anspruchsvolle Dame seiner Unterhaltung nicht mde wurde. Und doch konnte sie,
was er vorbrachte, fr gewhnlich nicht eigentlich interessant nennen,
jedenfalls nicht die Art, wie er es vorbrachte. Niemals hrte sie ihn in
lebhafterem Ton und schnellerem Tempo sprechen; es war immer derselbe monotone
Silbenfall, wie wenn die einzelnen Worte Soldaten und die Stze Sectionen wren,
die in gleichmigem Schritt und Tritt vorbeimarschirten. Helene fand es deshalb
auch bezeichnend, da der Frst sich am liebsten der franzsischen Sprache
bediente, obgleich er auch das Deutsche correct und flieend sprach. Manchmal
meinte sie, der Umstand, da die Unterhaltung fast ausschlielich in dem fremden
Idiom gefhrt wurde, trge wesentlich dazu bei, ihr die Fremdartigkeit dieses
Geistes weniger fhlbar zu machen. Dazu kam, da der Frst, wie in seinem
Aeuern, so in seiner Denk- und Empfindungsweise, Russe und nicht Deutscher war.
Die Erinnerungen seiner Kindheit, seiner Knaben- und Jnglingsjahre, bis auf die
kurze Zeit, die er in Paris und jetzt nun in Deutschland verlebt hatte, waren
russisch. Er war Page an dem Hofe des Kaisers Nikolaus gewesen, und der tgliche
Anblick dieses prchtigen Monarchen, mit dem er sogar, wie man behauptete,
besonders in Gestalt und Haltung, eine gewisse Aehnlichkeit hatte, nicht ohne
Einflu auf seinen Charakter geblieben, wie er selbst sagte. Seine militrische
Erziehung hatte er in der Cadettenanstalt des Michailow'schen Palastes erhalten,
desselben Palastes, durch dessen gewaltige Rume in jener schauerlichen Nacht
der Kaisermord drhnend schritt, als die Gemahlin Pauls I., erschreckt durch das
dumpfe Getse verworrener Mnnerstimmen und des Waffengeklirres, die jngsten
Grofrsten Nikolaus und Michael aus den Betten ri, um mit ihnen durch die
langen Zimmerreichen zu der Wohnung des Kaisers zu eilen; ihr der finstere Graf
Pahlen entgegentrat, sie halb mit Gewalt nach ihren Zimmern zurcknthigte, und
bedchtig die Thr schlo: Restez tranquille, Madame; il n'y a pas de danger
pour vous.
    Aehnliche Geschichten wute der Frst gar manche zu erzhlen und sie
verfehlten ihre Wirkung nicht auf das Gemth des phantastischen Mdchens. Es war
damit wie mit den Abenteuern, mit denen der kriegerische Mohr die Seele des
venetianischen Patricierkindes berauschte. Desdemona mochte vor dem Blut, das in
jenen Erzhlungen in Strmen flo, schaudern; aber der Held erschien ihr nur um
desto bewundernswerther, und wenn es Helenen aus diesen Palasterinnerungen des
russischen Pagen auch oft eisig kalt anwehte, so bestrickte sie doch das
Geheimnivolle und Schauerliche derselben mit einem unwiderstehlichen Zauber.
Sie trumte sich in ein Leben hinein, im Vergleich mit welchem das Leben, das
sie jetzt fhrte, gar kleinlich und klglich erschien. Sie sah sich als
Ehrendame an einem Hofe, wo Schnheit und Geist noch so viel vermgen; sie
dachte sich als die Seele groartiger Unternehmungen, als die Vertraute von
Generalen und Staatsleuten; und dann blickte sie aus ihren Trumereien auf zu
dem finsteren ruhigen Antlitz des riesengewaltigen Mannes, der sie mit seinen
sonderbaren Geschichten in diese sonderbaren Phantasien gewiegt hatte, und
fragte sich, ob sie es wohl wagen wrde, an dieser Hand die hohen Regionen zu
betreten, wohin sie die heiesten Wnsche ihres stolzen, ehrgeizigen Herzens
trugen.
    Dem schnen jungen Mdchen gegenber legte der Frst die khle Zurckhaltung
ab, die er gegen alle Andern beobachtete. Er sprach selbst ber seine
Familienverhltnisse mit groer Offenheit. Er sagte, da er von seinen Eltern
eigentlich nur seine Mutter kenne, da er seinen Vater nur sehr selten zu sehen
bekomme. Seine Mutter lebe in Petersburg, wo ihr Einflu bei Hofe noch immer
sehr gro sei, obgleich eine unheilbare Krankheit die einst bildschne
lebenslustige Frau in wenigen Jahren verwstet und zur trbsinnigen Schwrmerin
gemacht habe. Sein Vater, Graf Malikowsky, bringe den grten Theil des Jahres
auf Reisen zu, besonders in Bdern, da er, trotz seiner Jahre und Krnklichkeit,
den heiteren Genu des Lebens noch immer leidenschaftlich liebe und stets das
Angenehme mit dem Ntzlichen zu verbinden suche. Er stehe zu seinem Vater
eigentlich in gar keinem Verhltni. Alle Jahr schrieben sie sich einmal oder
zweimal bei besonderen Gelegenheiten kurze Briefe; jetzt habe er den Grafen, als
er im Sommer in der Residenz dem Knige den Eid leistete, zum letzten Mal
gesehen und er sei ber sein verfallenes Aussehen, das der alte Herr vergebens
durch die raffinirtesten Toilettenknste zu verstecken sich bemhe, erschrocken
gewesen. Der Graf und die Grfin harmonirten, wie das bei so verschiedenen
Naturen erklrlich sei, sehr wenig mit einander. Der Graf komme alle Jahr einmal
nach Petersburg, stelle sich bei Hofe vor, zeige sich ein oder das andere Mal im
Palais Letbus und verschwinde dann wieder, um von Zeit zu Zeit aus Hamburg,
Baden-Baden, Wiesbaden freundliche Gre an seine Gemahlin zu senden.
    Auch da dem Frsten daran gelegen war, sie mit seinen Ansichten bekannt zu
machen, entging Helene nicht.
    Ich halte den Kriegerstand, sagte er einmal, nicht nur fr den edelsten,
sondern auch fr den ntzlichsten; fr den edelsten, weil er allein jede Kraft
des Mannes wach ruft und erprobt, fr den ntzlichsten, weil er die
Grundbedingung fr alle brigen Stnde ist, die ohne ihn gar nicht existiren
knnten. Da der Bauer in Frieden seinen Kohl bauen, der Handwerker ruhig in
seiner Werkstatt sitzen, der Knstler ungestrt in seinem Atelier, der Gelehrte
in seinem Studirzimmer arbeiten kann, das haben sie dem Krieger zu verdanken,
der fr sie am Thore schildert, des Nachts fr sie die Straen patrouillirt,
lrmende Pbelschaaren zu Paaren treibt und gegen den Feind, der das Land
bedroht, in den Kampf zieht. Mit diesem Stande verglichen sind alle andern
niedrig und gemein, und da er der unbestritten hchste und edelste ist, zeigen
auch die Herrscher, indem sie sich fr gewhnlich und nun gar bei feierlichen
Gelegenheiten in die Tracht desselben kleiden. Deshalb sollte aber auch nur ein
Adeliger Offizier werden drfen. Da man neuerdings auch angefangen hat, den
Brgerlichen Zutritt zu unsern Reihen zu verstatten, halte ich fr einen
beklagenswerthen Fehler, der sich frher oder spter empfindlich an uns rchen
wird.
    Aber glauben Sie denn, da der Brgerliche unbedingt zu dem Berufe
untauglich ist? fragte Helene.
    Ohne Zweifel, erwiderte der Frst mit Nachdruck. Jagd und Krieg mten
durchaus dem Adel reservirt bleiben, nicht, weil Brgerliche berhaupt nicht
auch eine Bchse abschieen oder einen Sbel schwingen, sondern weil sie es
nicht in dem rechten Geist, mit dem rechten Geiste knnen. Der brgerliche Geist
ist nun einmal ein specifisch anderer, als der adlige; es find das Unterschiede,
die sich nicht mehr in Worte fassen lassen, die aber nichtsdestoweniger
vorhanden und fr jeden - fr mich zum wenigstens - sehr fhlbar sind. Nehmen
Sie zum Beispiel den Begriff der Standesehre. Ein Brgerlicher, der keine Ahnen
hat, die denselben Degen fhrten, den er jetzt an der Seite trgt, - was kann es
ihm sein, ob er diesen Degen vor jedem Flecken rein bewahrt oder nicht? Ich habe
noch keinen brgerlichen Officier gekannt, bei dem es mir nicht mindestens
zweifelhaft gewesen wre, ob er bei einer thtlichen oder groben wrtlichen
Beleidigung den Beleidiger sofort niederstoen wrde. Nun aber frage ich Sie,
wie kann bei solch einem Mangel an dem richtigen point d'honneur berhaupt von
kriegerischem Sinn und Geist die Rede sein? Aber die Frage hat auch eine
practische Seite. Der Geist der Neuerung, des frechen Ungehorsams gegen die von
Gott eingesetzte Ordnung regt sich berall. Dieser Geist kann nicht, wie man in
unserem Staate leider angefangen hat, durch Gte und Concessionen, sondern nur
durch eiserne Strenge und Gewalt niedergehalten werden. Des gemeinen Soldaten,
der drei Jahre lang in unserer Zucht und Aufsicht gewesen ist, sind wir sicher,
nicht ebenso des brgerlichen Officiers. Schicken Sie einen Zug unter Anfhrung
eines Lieutenant Schulze oder Mller gegen einen rebellischen Pbelhaufen, und
es ist zehn gegen eins zu wetten, er wird in demselben irgend einen Bruder oder
Vetter Schulze oder Mller entdecken und in Folge dessen Anstand nehmen, im
rechten Augenblick Feuer! zu commandiren. Nehmen Sie dagegen die Officiere aus
dem Adel und nur aus dem Adel, so kann dergleichen gar nicht vorkommen, und Sie
knnen mit einem Bataillon den Aufruhr einer ganzen Stadt wie Grnwald zu Boden
schmettern.
    Gegen die Zugestndnisse, welche der Knig in dem Frhling desselben Jahres
durch die Zusammenberufung des versammelten Stndetages der liberalen Partei und
dem Zeitgeist berhaupt gemacht hatte, sprach sich der Frst wiederholt mit
groer Entschiedenheit aus.
    Ich sehe nicht ab, sagte er, wohin dies Treiben fhren soll. Wenn der Knig,
wie ich gern glaube, nicht will, da sich ein Blatt Papier zwischen ihn und sein
Volk stelle, nach dessen Paragraphen er regieren mu, so drfte er auch nicht
einmal den Schatten des Constitutionalismus heraufbeschwren. Dem Schatten folgt
der Krper. Ich gestehe, da ich ber die Langmuth des Knigs, diesen frechen
Schreiern gegenber, emprt bin und da ich lange Zeit Anstand genommen habe, ob
ich einem Monarchen, der so die ersten Pflichten eines gottbegnadeten Amtes
verkannte, mit Ehren dienen knne.
    Wenn so der Frst seine russisch absolutistischen Ideen zum Mastab der
Dinge machte, so geschah es wohl, da sich in Helenens Herzen etwas wie ein
Grauen gemischter Widerwillen gegen den, der in kaltem Ton so Unmenschliches
behauptete, zu regen begann. Aber wenn sie auch zu einer andern Zeit vor den
furchtbaren Consequenzen der Grundstze des Frsten zurckgeschaudert sein
wrde, so hatte jetzt die Wunde, die ihrem stolzen Herzen Oswalds Verrath
geschlagen, sie schwer gereizt und in das andere Extrem gestrzt. Helene hate
Oswald; sie meinte Thrnen des Zorns und der Scham, wenn sie dachte, wie theuer
ihr dieser Mann und wie nah sie der Gefahr gewesen war, ihm zu zeigen, wie lieb
sie ihn hatte. An dem Verrath selbst zweifelte sie jetzt durchaus nicht mehr.
Das Benehmen Emiliens war seit einiger Zeit so verndert, da es auch den
Unbefangensten auffiel. Die junge Frau floh jetzt die Gesellschaft ebenso, als
sie dieselbe frher gesucht hatte, und wenn sie es nicht vermeiden konnte, in
ihren alten Cirkeln zu erscheinen, hatte sie nur Spott und Hohn fr Alles, wofr
sie vormals schwrmte. Sie fand die Offiziere albern; erklrte Tanzen fr ein
kindisches Vergngen und einen Bal masqu fr den Gipfel aller Lcherlichkeit.
Sie behandelte die Damen mit unverhllter Ironie und die Herren mit offener
Verachtung, besonders ihren Gemahl, der bei dem Allem gar nicht wute, wie ihm
geschah. Die Meisten lachten und sagten: es ist eine Laune von der kleinen Frau;
sie wird schon wieder zur Vernunft kommen; Andere, die weniger harmlos waren,
meinten: dahinter steckt mehr. Wenn eine junge Frau die ganze Welt, ihren Gemahl
nicht ausgeschlossen, in dieser Weise behandelt, so thut sie es sicher einem
Mann zu Liebe, der fr sie die ganze Welt ist. - Wer dieser Glckliche sein
mochte, darber zerbrach man sich vergebens die Kpfe. Die Einen riethen auf den
jungen Grafen Grieben, der ihr frher den Hof gemacht hatte, die Andern auf
Herrn von Sylow, wieder Andere sogar auf den Frsten Waldernberg - und nur
Helene Grenwitz wute, da Alle sich irrten und da der Gegenstand von Emiliens
Liebe nicht in den aristokratischen Kreisen Grnwalds zu finden war.
    Htte Anna-Marie geahnt, welch trefflichen Bundesgenossen sie in diesem
Augenblick fr die Ausfhrung ihres groen Planes an Oswald Stein hatte, sie
wrde diesem so beraus abscheulichen und gefhrlichen jungen Mann weniger
gram gewesen sein. Jedenfalls schien sich das Verhltni zwischen dem Frsten
und Helene ganz nach ihrem Wunsche gestalten zu wollen. Sie hielt es wenigstens
fr ein gutes Zeichen, da Helene nicht darauf drang, die Unterhaltungen in dem
kleinen Salon neben dem Spielzimmer durch Hinzubitten anderer junger Leute zu
beleben, und als sie krzlich die Bemerkung wagte: das wre ein Schwiegersohn
nach meinem Sinn, nicht die schnen Brauen verchtlich zusammenzog sondern die
dunklen Wimpern auf die errthenden Wangen senkte.

                           Vierunddreiigstes Capitel


In das wilde Allegro von Oswalds jetzigem Leben tnte wie Aeolsharfenklnge die
Erinnerung an Alles, was sein einst war; an seine schwrmerische Jugendzeit,
wo rosige Wlkchen den Horizont umsumten, hinter dem die geheimni- und
wundervolle Zukunft lag; an die seligen Tage von Grenwitz, wo sich fr ihn die
alte Sage vom Paradiese wiederholen zu wollen schien; an seine Freundschaften
mit groen, zum mindesten guten Menschen: mit Berger, Oldenburg, Franz,
Bemperlein - wohin, wohin dies Alles? Die Jugend versunken fr immer und mit ihr
all' die holden rosigen Trume der Jugend; aus dem Paradiese nichts geblieben,
als der bittere Geschmack der Frucht von dem Baume der Erkenntni, da
Wankelmuth der Seele und treue Liebe nimmer Hand in Hand gehen knnen. Und seine
Freunde? - Von Berger hatte er am Thor des Irrenhauses wohl auf ewig Abschied
genommen; in Oldenburg hate er jetzt seinen Nebenbuhler und den reichen
Aristokraten, den Sohn des Glcks, der sich leicht hinwegschwingt ber die
Hindernisse, an denen Andere ihre Kraft ausgeben; - gegen Franz, der sich seiner
in einer der verwickeltesten Lagen seines Lebens so brderlich angenommen, hatte
er sich der grbsten Undankbarkeit schuldig gemacht, die er vergebens durch die
Unmglichkeit, mit dem in sich gefesteten, sich streng begrenzenden,
leidenschaftlosen Mann bei seiner entgegengesetzten Natur auf die Dauer
Freundschaft zu halten, zu rechtfertigen suchte; - und von Bemperlein, dem
guten, harmlosen, ehrlichen Menschen, der ihm eine so enthusiastische
Freundschaft entgegen getragen hatte, trennte ihn das qulende Bewutsein, ihn
in seiner geliebten Herrin tdlich beleidigt zu haben, so da, wenn er ihm auf
der Strae begegnete, er in peinlicher Verlegenheit nach der andern Seite
blickte.
    Und was hatte er fr so viel verlorenes Glck eingetauscht?
    Die allerdings seltenen Augenblicke, in denen Oswald nicht umhin konnte,
ber seine Situation ernstlich nachzudenken, waren unerfreulich genug. Seine
Stellung an der Schule war jetzt nach kaum drei Monaten so gut wie unhaltbar.
Director Clemens' vielgerhmte Humanitt reichte nicht mehr hin, alle die groen
und kleinen Snden, welcher sich Oswald in seinen dienstlichen Beziehungen
schuldig machte, mit dem Mantel der Liebe zuzudecken, und Frau Director Clemens
erklrte vor dem versammelten dramatischen Krnzchen, da sie eine Schlange an
ihrem Busen genhrt.
    Aber Oswald hatte noch mehr zu verantworten, als diese Treulosigkeit. Sein
Verhltni mit der jungen Frau von Cloten, in das er sich aus Laune halb und
halb aus wirklicher Neigung so Hals ber Kopf gestrzt hatte, fing an, auf
seiner Seele mit bleiernem Gewicht zu lasten, um so mehr, als die
leidenschaftlich unbesonnene Natur der Dame jeden Augenblick das Geheimni zu
verrathen drohte. - Dich zu lieben, von Dir geliebt zu werden, ist mein einziger
Wunsch und Wille - alles Andere ist mir gleichgiltig; sagte sie. Sollte sie
jetzt, wo ihr Herz zum ersten Male wute, was es wollte, ihre ausschweifenden
Wnsche zgeln? Vergebens, da Oswald sie an die Pflichten seiner Stellung, an
die uere Beschrnktheit seiner ganzen Lage erinnerte. - Ich begreife nicht,
wie Du zwischen der Langweile, Deine Buben zu unterrichten, und dem Vergngen,
das wir Eines in des Andern Gesellschaft haben, noch whlen kannst; la doch die
alte dumme Schule und lebe fr mich. - Aber, liebes Kind, ich lebe jetzt schon
beinahe nur fr Dich, und wenn das noch eine Zeit so fortgeht, wird mein
Director nicht nur nichts dagegen haben, sondern selbst den Wunsch aussprechen,
da ich ausschlielich fr Dich lebe. - O, das wre zu herrlich, rief Emilie, in
die Hnde klatschend; dann gehen wir nach Paris, oder nach irgend einem andern
Ort, wo uns nicht so viele alberne Menschen aus Tritt und Schritt belauern.
Oswald zuckte die Achseln. Und wovon leben in Paris? Emilie machte ein langes
Gesicht; im nchsten Moment aber lachte sie schon wieder und rief: das findet
sich, wenn wir nur erst fort wren.
    Das Verlangen, aus Grnwald, wo in der That ihr Verhltni jeden Augenblick
der Gefahr einer fr Beide gefhrlichen Entdeckung ausgesetzt war, wegzukommen,
war in der letzten Zeit bei Emilie so gro geworden, da sie bei jeder
Gelegenheit darauf zurckkam. Sie wollte Oswalds Liebe in vollen Zgen ungestrt
genieen und sich nicht jede halbe Stunde verstohlenen Zusammenseins durch
tagelange Sorge und Angst gewinnen. Bis jetzt hatten sie ihre Rendezvous
entweder in Primula's Boudoir, aber drben in Fhrdorf bei Emiliens alter Amme,
der Frau Lemberg, gehabt, wohin jetzt, da die Meerenge zwischen der Insel und
dem Festlande mit dickem Eis bedeckt war, die Ueberfahrt keine Schwierigkeit
machte. Primula war in das Verhltni eingeweiht, nachdem Emiliens Unbedachtheit
eine lcherliche Entdeckungsscene herbeigefhrt, und sie hatte, nachdem ihre
erste eiferschtige Regung glcklich vorber war, diesen Liebesbund ausnehmend
romantisch, die Liebenden in ihrer Hlflosigkeit, gegenber einen kalten,
lieblosen Welt, hchst bejammernswerth und sich selbst als Beschtzerin so
heroischer Leidenschaft vollkommen bewunderungswrdig gefunden. In diese Rolle
redete sie sich nun immer tiefer hinein, und die Abonnenten der Zeitlosen, in
deren Album Primula Veris jetzt ihre Gedichte schrieb, bekamen von nichts
weiter als von lichtscheu krummen Liebespfaden, geheimer Liebe still
verschwiegenem Thun; und vor allem von des treuen Bundes keuscher Wchterin
zu lesen, unter welcher letzteren Bezeichnung man, wie es in einem der folgenden
Strophen ausdrcklich hie, nicht etwa an den Mond, den kalten Gesellen zu
denken hatte.
    Fr Emiliens Plan schwrmte sie. Flieht, meine Freunde, sagte sie, flieht
unter einen milderen Himmel als diesen rauhen kimmerischen, der nur ber wilden
Cyklopen und seelenlosen Ichthyophagen graut. In Schnee und Eis will selbst der
Freundschaft blaue Cyane kaum gedeihen, geschweige denn der wilden Liebe rothe
Rose.
    Oswald war nicht so blind, da er das Wahnsinnige dieses Projectes nicht
htte einsehen sollen, aber einerseits sagte ihm auch wieder das Abenteuerliche
desselben zu, anderseits lockte ihn der Gedanke, sich aus all diesem Wirrsal mit
einem khnen Schritt befreien zu knnen, gleichviel, wohin der Schritt fhrte;
und schlielich war bei ihm aus der frivolen Koketterie mit der reizenden Emilie
eine Leidenschaft geworden, die, wenn sie nicht sein Herz erwrmte, zum
mindesten seine Phantasie entflammte, und gegen die er sich um so weniger
wehrte, als er in ihr eine Art von Entschuldigung fr seinen sonstigen
Wankelmuth fand. Er fing an, den Fluchtplan in ernstliche Ueberlegung zu ziehen,
um so mehr, als der Rest seines kleinen Vermgens, wie es bei der Lebensweise,
die er jetzt fhrte, wohl nicht anders sein konnte, sehr rasch zusammenschmolz,
und mithin, was einmal geschehen sollte, bald geschehen mute.
    Oswald htte in dieser Bedrngni gern Alberts Rath vernommen; aber er wagte
jetzt nicht mehr ber Emilie mit ihm zu sprechen. Im Anfang freilich hatte er
von seinem neuesten Roman dann und wann ein Wort fallen lassen, und der kluge
Albert hatte, ohne Oswald durch neugierige Fragen lstig zu fallen, in Kurzem so
ziemlich Alles, was er zu wissen wnschte, herausgebracht. Er wute, da Oswald
bei der Professor Jger und drben in Fhrdorf heimliche Zusammenknfte mit der
jungen leichtsinnigen Frau hatte, und er lie sich auch dadurch nicht irre
machen, da Oswald ber Emilie pltzlich zu sprechen aufhrte, sondern schlo
nur daraus, da das Verhltni in ein Stadium getreten sei, wo Schweigen Pflicht
war.
    So weit hatte es nun freilich nach Timms Wunsch nicht kommen sollen. Timm
hatte nichts dagegen, da Oswald seinen Geschmack am aristokratischen Leben
durch eine Liebelei mit der vornehmen Dame auffrischte und sich so noch mehr von
der Nothwendigkeit, ein Vermgen zu besitzen, berzeugte; aber es pate ihm gar
nicht, da aus dieser Liebelei eine Liebschaft in bester Form wurde, von der
sich gar nicht berechnen lie, was noch Alles daraus entstehen mochte, und die
vor Allem Oswalds romantischer Liebe zu Helenen verderblich zu werden drohte.
Und doch hatte auf diese Liebe Timm eigentlich seinen ganzen Plan gebaut. Wenn
Oswald nichts bewegen knnte, sich in den Erbschaftsstreit mit der Familie
Grenwitz einzulassen, so sollte die Hoffnung, auf diese Weise Helenen zu
erobern, den Ausschlag geben. So durfte denn Oswald nicht fr Helenen, aber auch
umgekehrt, Helene nicht fr Oswald verloren gehen. Und auch dieser letztere Fall
war neuerdings mglich geworden. Albert, der die Augen berall hatte, war es
nicht entgangen, da Frst Waldernberg tagtglich zu Grenwitzens kam; und auch
sonst hatte er mehrere verdchtige Zeichen eines im besten Fortgang begriffenen
Verhltnisses zwischen dem Frsten und Helene entdeckt; so bei einem Grtner
verschiedene herrliche Bouquets, die vom Frsten bestellt waren und heute Abend
ins Htel Grenwitz geschickt werden sollten. Auerdem hatte er, seitdem der
Schnee lag und die adelige Jugend Grnwalds glnzende Schlittenpartien nach
allen Richtungen arrangirte, Helene wiederholt an der Seite des Frsten in einem
prachtvollen Schlitten gesehen, dessen kostbare Decken und in russischer Weise
nebeneinander angeschirrte drei Pferde ihn als Eigenthum Sr. Durchlaucht
bezeichneten. Er hatte Oswald wiederholt auf einen so gefhrlichen Nebenbuhler
aufmerksam gemacht, aber immer nur ausweichende Antworten erhalten. Diese Lage
der Dinge mifiel Albert durchaus.
    Im Htel Grenwitz hatte er sich seit lngere Zeit nicht sehen lassen. Seine
vierhundert Thaler fr Monat November hatte ihm Felix, der die Summe von seinem
Reisegelde nahm, bei seiner Abreise zugeschickt: mit dem Ersuchen, sich fr die
Zukunft in allen geschftlichen Angelegenheiten direct an seine Tante, die
Frau Baronin, wenden zu wollen. Albert hatte von dieser Erlaubni bis jetzt noch
keinen Gebrauch gemacht, da es selbst fr ihn schwer hielt, in dem bescheidenen
Grnwald vierhundert Thaler in einem Monat durchzubringen und er berdies gerade
in der letzten Zeit Glck im Pharao gehabt hatte. Indessen nahm er sich vor,
diesen Besuch baldmglichst zu machen und bei der Gelegenheit die Situation
genauer zu studieren.
    Gerade in diesen Tagen geschah es, da Albert eines Abends, als er eben
ausgehen wollte, durch die Stadtpost einen Brief erhielt, dessen Lectre ihn so
verstimmte, da er seine ursprngliche Absicht, in den Rathskeller zu gehen,
vorlufig aufgab und statt dessen einen Besuch bei seinem Hauswirth, dem Kster
Tobias Gutherz machte, jenem Mann, der mit dem Geruch seines heiligen
Lebenswandels das ganze alte Quartier enger winkliger Straen um die alte
Brigittenkirche erfllte.
    Albert Timm trat mit dem Hut auf dem Kopfe in das Stbchen hinter dem
Sprechzimmer und fand Gutherz im Begriff, sich ein Glas seines Lieblingsgetrnks
zu bereiten.
    Kannst mir auch eins zurecht machen; sagte Albert, seinen Hut auf einen
Stuhl schleudernd und sich selbst in die Ecke des vortrefflich gepolsterten
Sophas werfend.
    Wie gewhnlich, Albertchen? sagte Tobias, ein zweites Glas nebst Theelffel
aus dem Wandschrank nehmend und neben dem dampfenden Wasserkessel auf den Tisch
stellend.
    Eher ein bischen mehr als weniger.
    Whrend Herr Tobias nach diesem Recept den heien Trank zurechtbraute,
starrte Albert schweigend vor sich hin.
    Du bist heute nicht in guter Laune, Albertchen! sagte Tobias, von seiner
Beschftigung ausblickend.
    Mte lgen, wenn ich das Gegentheil behaupten wollte.
    Was giebt's? Hat die kleine Louise Dir's angethun?
    Der Teufel soll die kleine Louise holen.
    Oder ist Dir ein Wechselchen prsentirt, an das Du nicht mehr gedacht
hattest?
    So etwas der Art.
    Na, was ist's denn? fragte Tobias, den fr Albert bereiteten Grog umrhrend
und das Glas vor ihn auf den Tisch setzend. Hier nimm einen Schluck, und dann
heraus mit der Sprache!
    Albert nahm das Glas, kostete und als er sich berzeugt, da in allen
Punkten das rechte Ma getroffen, leerte er es auf einen Zug bis ber die
Hlfte.
    Nun? sagte Tobias.
    Du erinnerst Dich, da ich in Grenwitz whrend des Sommers ein Verhltni
mit der kleinen schwarzugigen Hexe von Franzsin anfing, sagte Timm.
    Wei schon, sagte Tobias mit schlauem Lcheln, um was es sich handelt.
    Nichts weit Du; das Ding war in einer Hinsicht so scheu, wie eine wilde
Ente. In anderer Hinsicht war sie freilich auch wieder dumm genug, wie Du schon
daraus sehen kannst, da sie mir die Dreihundert borgte, die sie in der
Sparkasse hatte.
    Das war edel von ihr.
    Ja, aber jetzt will sie sie wieder haben.
    Hast Du ihr einen Wechsel gegeben?
    Nein.
    So sag', Du hast nichts bekommen, abgemacht Sela!
    Das geht nicht so leicht. Sie hat Freunde, mit denen ich es nicht gern
verderben mchte.
    Wie so?
    Ich sagte Dir doch, da Marguerite seit einiger Zeit nicht mehr bei
Grenwitzens ist?
    Nein, kein Wort. Wo denn?
    Beim Geheimrath Robran.
    Wie kommt sie dahin?
    Ich glaube, durch den Candidaten Bemperlein, den Duckmuser, der, wie ich
hre, jetzt des Geheimraths rechte Hand, und wie Andere sagen, mit meiner
Poussage verlobt ist.
    Wohl bekomm's; aber wer hat Dich denn nur eigentlich gemahnt?
    Der alte Geheimrath selbst. Hier -, bei diesen Worten zog Albert den Brief,
den er vor einer halben Stunde erhalten hatte, aus der Tasche; schreibt der alte
Snder: Geehrter Herr! Wie mir Frulein Marguerite Martin, die mir jetzt die
Ehre erweist und so weiter. Da die Beziehungen, welche frher zwischen Ihnen und
der jungen Dame bestanden, gnzlich und fr immer - Sie wissen am besten weshalb
- abgebrochen sind, so werden Sie es selbstverstndlich finden, da Sie, als
Mann von Ehre, ein Capital, welches Ihnen unter so ganz anderen Voraussetzungen
zur Disposition gestellt wurde, keinen Augenblick lnger behalten knnen.
Schlielich nach eine Bemerkung. Die junge Dame selbst wrde aus einer leicht
erklrlichen Scheu die ganze Sache wahrscheinlich auf sich haben beruhen lassen,
wenn ich nicht, zufllig von der Baronin Grenwitz hrend, da Frulein Martin
whrend der Zeit ihres Aufenthalts in jener Familie ein kleines Capital sich
erspart habe, in die junge Dame gedrungen wre und so den Sachverhalt erfahren
htte; und so weiter. Nun, was meinst Du dazu? fragte Albert, den zerknitterten
Brief wieder in die Tasche steckend.
    Die Sache liegt allerdings schlimm, erwiderte Ehren Tobias, sich den
ergrauenden Kopf kratzend. Der Geheimrath gilt so viel in der Stadt, besonders
jetzt, wo er, der Teufel mag wissen wie? seine Schulden bezahlt hat, da Du
nicht gegen ihn aufkommst; ich frchte, Du wirst blechen mssen.
    Ich frchte es auch, sagte Albert. Die verdammte Plaudertasche, die Baronin:
Es ist bloe Rache von ihr; aber sie soll's mir ben. Ich will die
Daumschrauben anziehen, da -
    Albert schwieg und go den Rest aus seinem Glase hinunter.
    Hre Albertchen, sagte Tobias; in welchem Verhltni stehst Du eigentlich
zur Baronin? Ich hoffe, Albertchen, mein Junge, da Du zu dem vielen Gelde,
welches Du in letzter Zeit - ich kann wohl sagen, sehr gegen Deine Gewohnheit -
hast blicken lassen, auf anstndige Weise gekommen bist?
    Erst sage mir, was es fr eine Bewandtni hat mit dem Verhltni zwischen
Dir und den Grenwitzens, auf das Du schon ein paarmal geheimnivoll hingedeutet
hast.
    Willst Du mir dann sagen, wie Du zu dem Gelde kommst?
    Ja.
    Gut! so wollen wir uns erst Jeder noch ein Glas zurecht machen und dann an's
Erzhlen gehen; aber reinen Mund gehalten, Albertchen, reinen Mund gehalten!
    Eine Krhe hackt der andern die Augen nicht aus.
    Herr Tobias nickte schmunzelnd, mischte mit kunstgerechter Hand den Grog,
knpfte seine schwarze Weste auf, lehnte sich in der Stuhl zurck und sprach:
    Ich war nicht immer in Grnwald und nicht immer Kster in St. Brigitten.
    Wei! die Residenz hat die unbestrittene Ehre, Dich den ihren zu nennen, und
wessen Kster Du gewesen bist, ehe Du Kster an St. Brigitten wurdest, wird der
Teufel wohl am Besten wissen.
    Tobias lchelte vergngt in sich hinein und schlrfte behaglich seinen Grog.
    Nicht so grob, Albertchen, sagte er, sonst erzhle ich nicht weiter. Mein
Vater war Bedienter, und ich wurde von der zartesten Jugend auf zu demselben
Berufe bestimmt. Wie gro mein Talent in dieser Beziehung war, magst Du daraus
entnehmen, da ich, als ich kaum zwanzig Sommer zhlte, mindestens schon ein
Dutzend Herren gehabt hatte. Um diese Zeit kam mir der Gedanke, endlich einmal
mein eigener Herr zu sein, und da ich mir whrend meiner Dienstzeit ein nicht
unerkleckliches Smmchen gespart hatte - hier lchelte Ehren Tobias mit dem
linken Auge und dem linken Winkel seines Mundes - besa ich Capital genug, um
eine kleine Wirthschaft anzufangen.
    Mag auch 'ne schne Wirthschaft gewesen sein, meinte Albert.
    Allerdings! sagte Tobias, indem er noch ein Stck Zucker in seinen Grog
that; zum mindesten war in meiner Wirthschaft das schne Geschlecht sehr stark
vertreten. Da ich das Princip hatte, nur weibliche Bedienung in meinem Loco! zu
haben und das Caf Gutherz immer stark frequentirt wurde, so hatte ich fast
immer sechs bis acht junge Damen, welche die Honneurs machten, bei mir.
    Albert Timm lehnte sich in seine Ecke zurck und brach in ein schallendes
Gelchter aus, whrend Ehren Tobias nur lchelte - diesmal mit dem rechten Auge
und dem rechten Mundwinkel.
    St! st! Albertchen, sagte er, die Leute hren es auf der Strae. Wie kann
ein kluger Jngling so unvorsichtig laut lachen; ich habe mein ganzes Leben lang
nur gelchelt und habe mich dabei sehr gut gestanden. Doch das bei Seite. - Die
jungen Mdchen waren natrlich immer hbsch, ja ich kann wohl sagen, da ich von
allen meinen Collegen stets die hbschesten hatte. Dies verdankte ich aber,
ehrlich gestanden, weniger mir selbst, als dem Scharfblick und dem Geschmack
einer Dame, mit welcher ich frher, als ich mal mit ihr bei einer Herrschaft
zusammen diente, ein Zrtliches Verhltni gehabt hatte und jetzt noch immer in
freundschaftlichem und geschftlichem Verkehr stand. Frau Rosa Pape war eine
vortreffliche Frau, deren Gesellschaft von den anstndigsten Damen nicht blos
gesucht, sondern auch obendrein mit schwerem Gelde bezahlt wurde und deren
Nachtklingel die ganze, sehr stark bevlkerte Strae, in welcher sie wohnte,
kannte. Aber Rosa Pape interessirte sich nicht blos fr junge Frauen, sondern
auch ganz konsequenterweise fr diejenigen, welche es noch einmal werden
konnten, und so hatte sie denn unter den hbschen Stubenmdchen und Rtherinnen
eine nicht minder ausgebreitete Kundschaft, als unter den Regierungs- und
Commerzienrthinnen.
    In Folge dessen war Niemand besser als sie im Stande, die Bekanntschaft
solcher jungen Personen mit jungen Cavalieren, die sich nach einer temporren
Lebensgefhrtin sehnten, zu vermitteln, und da sie sich immer sehr anstndig fr
ihre Hilfsleistungen bezahlen lie, so wahr ihr Publicum das nobelste, das sich
denken lt: lauter Herren von, Barone, Grafen, ja selbst Prinzen von Geblt
wandten sich vorkommenden Falls an die verwittwete Frau Rosa Pape.
    Eines schnen Tages kam nun Frau Rosa zu mir und theilte mir mit, da ein
steinreicher Baron ihrer Bekanntschaft sich sterblich in ein hbsches Kind
verliebt und sie beauftragt habe, ihm das Mdchen, koste es was es wolle, zu
schaffen. Sie habe auch schon mit dem Baron einen herrlichen Plan entworfen, zu
dessen Ausfhrung aber noch ein Kammerdiener nthig sei. Es sei Geld, viel
Geld bei der Affaire zu verdienen; ob ich Luft habe, mit von der Partie zu sein.
    Nun hatte ich gerade in der letzten Zeit einige unangenehme
Auseinandersetzungen mit der Polizei gehabt, die leicht zu noch unangenehmeren
Folgen fhren konnten; und ich ergriff daher mit Freuden die Gelegenheit, mich
in so anstndiger Gesellschaft eine Zeit lang aus der Residenz zu entfernen.
Vierundzwanzig Stunden spter war ich mit der jungen Dame, um die es sich
handelte, in dem Wagen meines neuen Herrn auf dem Wege nach - nun rathe einmal,
Albertchen?
    Das mag der Kukuk wissen! aber Du wolltest mir nicht Deine ganze
interessante Lebensgeschichte erzhlen, sondern sagen, wie Du nach Grenwitz
gekommen bist, sagte Albert, der, mit seinen Angelegenheiten beschftigt, der
Erzhlung Ehren Tobias' nicht die gewhnliche Aufmerksamkeit gewidmet hatte.
    Da hrt ja, da ich schon auf dem Wege dahin bin, sagte dieser, Albert ber
den Rand seines Glases mit dem linken Auge anzwinkernd; denn mein neuer Herr war
der Baron von Grenwitz und das Ziel unserer Reise Schlo Grenwitz, wo Du in
diesem Sommer gewesen bist.
    Ein Indianer, der in dem Grase der Prairie die Spur des Feindes entdeckt,
den er tagelang vergeblich verfolgt, kann nicht alle Sinne schrfer anspannen,
als er Albert that, sobald er diese letzten Worte vernommen, die ihn in Ehren
Tobias eben jenen Kammerdiener erkennen lieen, welcher in der Erzhlung der
Mutter Clausen eine so zweideutige Rolle gespielt hatte. Aber er verrieth mit
keiner Miene, keinem Worte, wie wichtig ihm die eben gemachte Entdeckung war,
sondern fragte mit vortrefflich gespielter Unbefangenheit:
    Der alte Baron? Der Tausend! wer htte dem alten Knaben dergleichen
zugetraut.
    Nicht der jetzige, sondern sein Vetter aus der lteren Linie, Baron Harald,
oder der wilde Harald, wie er noch immer bei denen, die ihn gekannt haben,
heit. Ich sage Dir, Albertchen, es war ein fideles Leben, das wir anno
achtzehnhundert zweiundzwanzig auf Schlo Grenwitz fhrten. Wein und Weiber die
Hlle und die Flle; und dabei Komdie gespielt, zum Todtschieen lcherlich.
Denke Dir: meine gute Freundin Rosa -
    War denn die auch da?
    Allerdings! habe ich Dir denn nicht gesagt, da der Baron sie als Grotante
engagirt hatte?
    Als was?
    Tobias lchelte - diesmal mit beiden Augen und Mundwinkeln:
    Sie spielte mit Perrcke und Krckstock die alte Grotante des Barons, da
das alberne Ding, die Marie, - Marie Montbert hie der Aff' und war ein
schmuckes Mdel, da einem die Augen bergingen, wenn man sie ansah, - was
wollte ich doch sagen? Ja! die Marie hatte eine Anstandsdame aus der Familie des
Barons als conditio sine qua non, wie wir Lateiner sagen, gemacht. Na, nun hatte
sie ihre Anstandsdame, eine famose Anstandsdame, he, Albertchen he! und Ehren
Tobias kicherte und stie Albert freundlich in die Seite.
    Und wie ging die Sache zu Ende? fragte Albert, der Eile hatte, ber das, was
er schon wute, wegzukommen.
    Ja, ich habe sie nicht zu Ende kommen sehen, denn wir, das heit: Rosa und
ich, brannten schon vorher durch. Offen gestanden frchteten wir: die Geschichte
mchte schief ablaufen, denn Marie hatte in der Residenz manche Freunde, die
Lrm machen und uns alle zusammen, zum wenigsten mich und Rosa, in des Teufels
Kche bringen konnten. So empfahlen wir uns denn eines schnen Tages, oder
vielmehr in einer schnen Nacht, ohne Abschied zu nehmen, nachdem wir noch Eines
oder das Andere, was uns gerade in die Hnde kam, als Andenken an Grenwitz
mitgenommen. Hier in Grnwald trennten wir uns, oder wurden getrennt. Ich wurde
nmlich so krank, vermuthlich von dem guten Leben, das ich in Grenwitz gefhrt,
da ich nicht weiter konnte und in's Spital gebracht werden mute. Was ich
damals fr ein Unglck hielt, schlug mir hinterher zum grten Glck aus. Denn
der verstorbene Superintendent Dunkelmann, der Vater von der Frau Professor
Jger, der damals Spitalgeistlicher war, verliebte sich so in mein bescheidenes
Lcheln, da er mich, als ich wieder gesund war, nothwendig zum Bedienten haben
mute - na! und von dem Bedienten eines Geistlichen bis zum Kster ist nur ein
Schritt; und Herr Tobias schlrfte behaglich den Rest aus seinem Glase.
    Und hast Du von Deiner Freundin Rosa je wieder etwas gehrt?
    Sie lebt in der Residenz und treibt ihr Geschft mit der doppelten
Buchfhrung schwunghafter als je. Wenn Du 'mal nach der Residenz kommst,
Albertchen, vergi ja nicht, sie zu besuchen. Sie wohnt Gertruden- und
Pferdestraenecke, zwei Treppen hoch.
    Wir wollen uns das doch gleich notiren, sagte Albert, die Adresse in seine
Brieftasche schreibend; aber was ist denn aus der Marie, aber wie das dumme Ding
hie, geworden?
    Ja, das ist eine curiose Geschichte. Kurze Zeit nachdem wir fort waren, ist
wirklich einer ihrer Freunde, ein Herr von Estein, gekommen und hat sie dem
Baron wegstibitzt, der sich darber so schwer gergert hat, da er bald darauf
gestorben ist. Aber nun kommt das Curioseste von Allem. Denke Dir, Rosa ist kaum
wieder in ihrem Geschft, als sie Nachts herausgeklingelt wird, von wem? von
eben dem Herrn von Estein, und zu wem? zu eben derselben Marie, die in
Kindesnthen liegt.
    Nicht mglich! rief Albert, einen Augenblick die angenommene
Gleichgiltigkeit vergessend.
    Was ich Dir sage. Rosa hat es mir damals gleich geschrieben und ich habe
mich halb todt gelacht ber den Spa. Erst ein Mdchen verkuppeln und dann -
Tobias lachte diesmal gegen seine Grundstze gerade heraus.
    Albert stimmte ein. Sehr gut, wirklich sehr gut! Vielleicht wei Frau Rosa
auch, was aus dem Kinde geworden ist?
    Mglich, sagte Tobias, aber ich glaube, sie will nichts davon wissen. Sonst
htte sie wohl, als Baron Harald damals in allen Blttern dem, welcher ihm ber
das Verbleiben der Marie Auskunft geben knnte, eine groe Belohnung bot, sich
gemeldet. Ich glaube, sie hat die Folgen der Geschichte gefrchtet und hat's
gemacht wie ich und reinen Mund gehalten, bis zwanzig und einige Jahre lang Gras
darber gewachsen ist. Na, aber nun, Albertchen, ist die Reihe an Dir, mir zu
erzhlen, wie Du in letzter Zeit zu Deinem Gelde kommst.
    Tausend! da fllt mir ein, da ich noch in den Keller mu, rief Albert
aufspringend. Adieu, Tobias, ein ander Mal - ich kann wahrhaftig nicht bleiben.
    Und Albert setzte seinen Hut auf und entfernte sich eiligst, ohne sich an
das Schmollen seines Wirthes und Gastfreundes zu kehren.

                           Fnfunddreiigstes Capitel


Seit einigen Tagen war Helene von Grenwitz die Braut Sr. Durchlaucht, des
Frsten Raimund von Waldernberg, Grafen von Malikowsky, Erbherrn zu Letbus.
    Vorlufig allerdings im Stillen, da es noch geraume Zeit brauchte, bis die
Prliminarien des Bundes, welcher die durchlauchtige Familie Waldernberg mit der
hochgeborenen Familie Grenwitz auf immer vereinigte, abgeschlossen waren, und
berdies die ffentliche Feier der Verlobung in der Residenz stattfinden sollte,
wohin der Frst gleich nach Neujahr zu seinem Regiment zurckkehrte und auch die
Eltern des Frsten - die Mutter aus Petersburg, der Vater aus Paris - zu kommen
versprochen hatten.
    So hatte die Baronin also ihr groes Ziel glcklich erreicht, und die
triumphirende Freude darber war ihr eine reichliche Entschdigung fr alle
Demthigungen und Enttuschungen, fr alle die in Sorge und Angst durchwachten
Nchte der letzten Monate. Sie trug ihr Haupt so stolz, wie nie zuvor. Verdankte
sie doch alle Erfolge, die sie im Leben gehabt hatte, und so auch diesen letzten
grten nur sich allein; verdankte sie doch nur ihrer Klugheit, Migung,
Umsicht und Schlauheit, da sie aus einem simplen adligen Frulein, das keinen
Pfennig im Vermgen hatte, Baronin von Grenwitz und Schwiegermutter des Frsten
Waldernberg geworden war! Hatte sie doch ihr Leben lang nicht blos mit den
Verhltnissen, sondern mit den ihr zunchst stehenden Personen kmpfen mssen:
mit ihrem schwachen, energielosen, fr groe Plne unzugnglichen Gemahl, mit
ihrer stolzen, eigenwilligen Tochter! Hatte sie doch fr Alle denken und sorgen,
ihnen gleichsam das Glck aufnthigen mssen!
    Die Mienen der Beglckten freilich verriethen wenig oder nichts von innerer
Freude und Erhebung; im Gegentheil, seitdem das entscheidende Wort gesprochen
war ein Schleier von Verlegenheit, ja von Unmuth ber ihre Mienen gefallen. Des
Frsten dunkles Gesicht war noch um eine Schattirung dunkler geworden, und seine
schwarzen Augen hingen oft mit einem eigenthmlichen unerklrlichen Ausdruck an
den schnen, stolzen Zgen seiner Verlobten, die auffallend bla und still
einherschritt und einer kalten Marmorstatue viel hnlicher sah, als einer
glcklichen Braut. Indessen diese melancholische Stimmung schien gerechtfertigt
durch die Sorge fr den Vater, der schon lange gekrnkelt hatte und nun mit
einem Male sehr ernstlich krank wurde.
    In der Nacht, die dem Verlobungstage folgte, hatte der alte Herr wieder
einen Gicht - Anfall bekommen, und die herbeigerufenen Aerzte erklrten sofort,
da sie diesmal fr den Ausgang nicht stehen knnten. Seit dem Augenblick war
Helene an das Schmerzenslager des Vaters gebannt, um so mehr, als derselbe nur
sie um sich sehen, nur aus ihren Hnden die Medicin nehmen, nur von ihr sein
Kissen geglttet haben wollte.
    Der frhe Winterabend begann hereinzubrechen. Auf der Strae, die mit hohem
Schnee bedeckt war, herrschte tiefe Stille, die nur von Zeit zu Zeit durch die
Klingel eines Schlittens unterbrochen wurde. Niemand war bei dem Kranken als
Helene. Sie sa dicht an seinem Bett, hielt seine welke, in Fieber zuckende Hand
in ihren warmen, weichen Hnden, und suchte, so gut es ging, seine immer grer
werdende Unruhe zu beschwichtigen.
    Unterdessen wandelte die Baronin in dem halbdunkeln Salon des Erdgeschosses
auf und nieder. Die Krankheit ihres Gemahls gab ihr viel zu denken. Wenn der
alte Mann sterben sollte - und die Aerzte machten so sehr ernste Gesichter - so
mute sich ihre Lage sehr wesentlich verndern, aber sie war im Ganzen mit
dieser Vernderung keineswegs unzufrieden. Freilich die Ersparnisse aus den
Einknften vom Majorat, die bis jetzt ihr und Helenen zu gute gekommen waren und
nach dem Tode des Barons bis zu Malte Einknften vom Majorat, die bis jetzt ihr
und Helenen zu gute gekommen waren und nach dem Tode des Barons bis zu Malte's
mndigem Alter zum Capital geschlagen wurden, gingen dann verloren; aber die
Gesammtsumme dieser Ersparnisse belief sich jetzt schon auf mehrere
hunderttausend Thaler, alle in guten Papieren angelegt - eine kleine Summe, wenn
man sie mit dem Majoratsvermgen verglich; aber immerhin genug, wenn man Stantow
und Brwalde, die beiden Gter aus dem Nachlasse Harald' s dazu rechnete.
    In diesem Augenblicke wurde der Baronin ein Brief gebracht. Von Felix,
murmelte sie, einen Blick auf das Couvert werfend, und sie trat an das Fenster.
    Der Brief, offenbar von der zitternden Hand eines Kranken mhsam
geschrieben, lautete:
    Liebe Tante! Seit einigen Tagen geht es mit meinem Befinden so
spottschlecht, da, wenn dieser Brief in Ihre Hnde gelangt, ich mglicherweise
nicht mehr am Leben bin, kann man dies von Schmerz geplagte, gottverdammte
Vegetiren berhaupt noch Leben nennen. Wie 's aber auch kommt, es ist die
hchste Zeit, da ich Ihnen ber die Timm'sche Angelegenheit reinen Wein
einschenke. Timm ist nicht, wie ich Ihnen gesagt habe, bereits abgefunden; er
hat, bis das Legat Onkel Harald's verjhrt ist, monatlich 400 Thlr., und dann,
wenn er bis dahin reinen Mund hlt, weitere 6000 Thlr. zu fordern, die Sie ihm
geben werden, wenn Sie nicht durch den Hallunken in des Teufels Kche gebracht
sein wollen. Pro Monat November habe ich ihm bereits 400 vor meiner Abreise von
Grnwald geschickt. Ich kann nicht weiter. Ihr treuer Felix.
    Die Baronin trat vom Fenster zurck, ging an den Kamin, legte den Brief auf
die glhenden Kohlen und wartete bis die Flamme ihn erfat und verzehrt hatte.
Dann schritt sie langsam in dem Zimmer, in welchem es bereits zu dunkeln begann,
auf und ab. Sie murmelte Verwnschungen gegen Felix, gegen Albert, gegen Oswald
leise durch die Zhne. Nicht einen Pfennig soll der Schuft haben, nicht einen
rothen Pfennig! Ich werde ihn zu mir kommen lassen und es ihm in's Gesicht
sagen, und da er sich hten soll, noch ein einziges Wort - Was giebt's?
unterbrach sie sich, als der Bediente abermals in's Gemach trat.
    Herr Geometer Timm wnscht in Geschftsangelegenheiten seine Aufwartung zu
machen.
    Anna-Maria schrak zusammen. Dieses ungerufene Kommen des gefhrlichen jungen
Menschen sah wie eine Drohung aus. Sie hatte auf einmal alle Luft verloren,
Herrn Timm in's Gesicht zu sagen, da er nicht einen rothen Pfennig von ihr zu
erwarten habe.
    Melden Sie Herrn Timm: ich liee sehr bedauern, ihn nicht empfangen zu
knnen; der Herr Baron sei gefhrlich erkrankt!
    Das habe ich ihm schon gesagt, Frau Baronin; aber er meint: er msse Sie in
wichtigen Angelegenheiten sprechen und wolle Sie nur zwei Minuten aufhalten.
    So lassen Sie ihn kommen, aber - Sie knnen Licht bringen, Johann, und dann
im Vorzimmer bleiben, im Fall ich etwas auszurichten htte.
    Zu Befehl, Frau Baronin.
    Gleich darauf trat, von dem Bedienten, der die Thr wieder hinter ihm
schlo, hereingefhrt, Albert Timm in das Zimmer.
    Guten Tag, oder vielmehr guten Abend, sagte der junge Mann, indem er sich
der Baronin mit scheinbar vollkommener Unbefangenheit nherte; ich bitte
tausendmal um Entschuldigung, wenn ich zu einer ungelegenen Zeit komme. Der alte
Herr ist krank, hre ich? hoffe, es wird nicht viel zu sagen haben; wre wieder
fortgegangen; aber ich habe Ihnen in der bewuten Angelegenheit eine neue
wichtige Entdeckung mitzutheilen die keinen Aufschub verstattet. Wollen wir uns
indessen nicht setzen? Sie erlauben?
    Und Herr Albert Timm schob mit einem Ruck der Baronin einen Lehnsessel hin
und hatte sich in dem nchsten Augenblick in einen andern gesetzt.
    Anna-Maria war noch immer nicht mit sich einig, welches Benehmen sie gegen
diesen Menschen annehmen sollte. Aber sie fhlte wohl, da man so leicht mit
Herrn Albert Timm nicht fertig werde. So nahm sie denn auf dem dargebotenen
Sessel Platz und sagte in ihrem feierlichsten Ton:
    Sie werden entschuldigen, wenn ich Sie unter den Ihnen schon vom Bedienten
mitgetheilten traurigen Umstnden ersuche, sich mglichst kurz zu fassen, Herr
Geometer.
    Bitte, bitte, sagte Albert; ganz mein Fall; bin im Handumdrehen fertig. Die
Sache ist die: Ganz zufllig, wie denn berhaupt der Zufall eine merkwrdige
Rolle in dieser Angelegenheit spielt, habe ich in Erfahrung gebracht, da zwei
Personen, die zu der Zeit, als Frulein Marie Monbert in Grenwitz lebte, im
Dienste des Baron Harald standen und von dem Herrn Baron mit seinem ganz
besonderen Vertrauen beehrt wurden, besonders auch in die ganze
Entfhrungsgeschichte vollkommen eingeweiht waren, noch existiren, und wie ich
nicht zweifle, bereit sein wrden, in einem etwaigen Erbschaftsprocesse vor dem
Gericht als Zeugen aufzutreten. Die Aussagen dieser Personen wrden um so
schwerer in's Gewicht fallen, als sie Beide sich nicht nur des besten Leumundes
erfreuen, sondern schon durch ihre Lebensstellung besonderes Vertrauen erwecken.
Die eine dieser Personen ist Kster in hiesiger Stadt, ein allgemein geachteter
Mann; die andere - eine Frau - lebt in der Residenz und ist trotz ihres hohen
Alters noch immer in ihrem Berufe - der nebenbei ein halb rztlicher ist -
thtig. Wenn ich berhaupt je gezweifelt htte, da der bewute junge Mann
wirklich, ich meine, vor Gericht erweislich, der Sohn des seligen Baron Harald
von Grenwitz sei, so wrde dieser Zweifel nach diesen neuesten Entdeckungen
vollkommen bei mir geschwunden sein, und ich glaube, Frau Baronin, da Sie mir
darin beistimmen werden.
    Darf ich Sie ersuchen, Herr Geometer, mir zu sagen, zu welchem Zwecke Sie
mich mit diesen Mittheilungen beehren? erwiderte die Baronin mit der Ruhe,
welche sie sich in Geschftsverhandlungen zur unumstlichen Pflicht gemacht
hatte.
    Recht gern, Frau Baronin; ich komme eigentlich nur deshalb. Sie wissen, da
man fr einen Vogel in der Hand mehr fordern kann, als fr einen, der vorlufig
noch auf dem Dache sitzt, und da, wer ein Ding billiger verkauft, als er werth
ist, gerechten Anspruch auf den Titel eines Narren hat. Nun kennen Sie die
Bedingungen, unter denen ich Baron Felix versprochen habe, in der bewuten
Erbschaftsangelegenheit reinen Mund zu halten -
    Verzeihen Sie, da ich Sie unterbreche, Herr Geometer. Ich wei nichts von
solchen Bedingungen; ich habe meinem Neffen Auftrag gegeben, Sie, einzig und
allein zu dem Zweck, uns vor Ihnen Ruhe zu verschaffen, durch irgend eine
beliebige Summe abzufinden, und mein Neffe hat mir noch vor seiner Abreise die
Versicherung gegeben, da diese Angelegenheit definitiv erledigt ist. Ich mu
Sie also ein fr allemal bitten, nicht wieder auf abgethane Sachen
zurckzukommen und mich zu entschuldigen, wenn ich Sie heute nicht lnger mehr
bei mir sehen kann.
    Die Baronin wollte sich erheben, als Albert mit einem so scharfen,
schneidenden Tone sagte: Bitte, behalten Sie noch einen Moment Platz, Frau
Baronin! da sie diesem Befehl halb aus Verwunderung und halb aus Furcht Folge
leistete.
    Ich habe es satt, lnger mit mir spielen zu lassen; fuhr Albert in demselben
Tone fort. Wenn Baron Felix Ihnen nicht gesagt hat, was wir untereinander
abgemacht haben, so ist er einfach zu feig dazu gewesen. Uebrigens kommt auch
gar nichts darauf an, ob Sie die alte Verabredung kennen oder nicht: denn ich
komme gerade deshalb, um Ihnen zu sagen, da ich nach den neuesten Entdeckungen
nicht lnger gesonnen bin, Sie so leichten Kaufes los zu lassen. Ich fordere
jetzt rund und klar vierzigtausend Thaler, zahlbar binnen hier und vierzehn
Tagen: und ersuche Sie, mir eben so rund und klar zu antworten, ob Sie zahlen
wollen oder nicht.
    Diese Unverschmtheit geht zu weit, sagte Anna-Maria, sich von ihrem Sitz
erhebend und nach der Schelle, die neben ihr auf dem Tische stand, greifend.
    Lassen Sie das Ding stehen, sagte Albert; das Klingling knnte Ihnen theuer
zu stehen kommen. Bedenken Sie wohl, was Sie thun! Wenn wir aufhren, gute
Freunde zu sein, so giebt's einen Kampf auf Tod und Leben; und seien Sie
versichert: Albert Timm giebt keinen Pardon. Noch einmal: wollen Sie zahlen,
oder nicht?
    In diesem Augenblick wurde die Thr geffnet. Der Bediente trat mit zwei
brennenden Armleuchtern herein, dicht hinter ihm kam der Frst. Der Bediente
stellte die Leuchter auf den Tisch und entfernte sich; der Frst bemerkte erst,
als er das halbe Zimmer schon durchschritten hatte, da auer der Baronin noch
Jemand da war.
    Ah pardon, Madame, sagte er, ich glaubte von dem Bedienten zu vernehmen, da
Sie allein seien. Befehlen Sie, da ich mich wieder entferne?
    Nicht doch, mein Frst, erwiderte Anna-Maria, ich habe mit dem jungen
Menschen nichts mehr zu reden, und sie machte gegen Albert eine Handbewegung,
die ausdrcken sollte, da er entlassen sei.
    Herr Albert Timm wedelte mit dem Hut, den er in den auf den Rcken gelegten
Hnden hielt und sagte, den einen Fu ein wenig vorstreckend:
    Es scheint mir, gndige Frau, Sie wollen, da ich meine letzte Frage in
Gegenwart dieses Herrn wiederhole?
    Wer ist der junge Mensch? fragte der Frst, einigermaen verwundert ber
Alberts Benehmen und das aufgeregte Wesen der Baronin.
    Ein Mensch, antwortete diese, der uns seit einiger Zeit unter dem Vorwande,
im Besitz von Gott wei welchen Familiengeheimnissen zu sein, mit unverschmten
Forderungen verfolgt, so da ich mich wohl genthigt sehen werde, die Polizei
gegen ihn in Anspruch zu nehmen.
    Der Frst blickte Albert aus seiner stattlichen Hhe herab von oben bis
unten an, ging dann langsam nach dem Tisch, nahm das silberne Glckchen und
schellte.
    Der Bediente trat sofort herein.
    Fhren Sie diesen Menschen hinaus! sagte der Frst.
    Der Bediente war ber diesen Befehl so erstaunt, da er nicht wute, ob er
recht gehrt hatte, oder nicht. Er blickte mit einem verlegenen Gesicht von dem
Frsten auf Herrn Albert Timm, der noch immer, mit dem Hute wedelnd, ruhig
dastand; von Herrn Albert Timm auf den Frsten.
    Haben Sie nicht gehrt, sagte dieser Letztere, die schwarzen Brauen drohend
zusammenziehend.
    Der Mann trat einen Schritt auf Timm zu.
    Ich will Ihnen die unangenehme Alternative, von mir die Nase eingeschlagen
zu bekommen oder aus dem Dienst gejagt zu werden, ersparen, guter Freund, sagte
Albert; und deshalb selber gehen. Was Sie anbetrifft Frau Baronin, so sprechen
wir uns in kurzer Zeit wieder, aber aus einem andern Ton; und was Sie angeht,
junger Mensch, so mchte ich Ihnen den guten Rath geben, sich knftig nicht in
Angelegenheiten zu mischen, die Sie trotz der pompsen Airs, die Sie sich geben,
durchaus nichts angehen.
    Der Frst machte eine Bewegung nach seiner linken Seite hin.
Glcklicherweise hatte er den Degen im Vorzimmer abgelegt. Albert aber wartete
weitere Entschlieungen des Schwergereizten nicht ab, sondern verlie mit einer
spttischen Verbeugung das Gemach.
    Der Frst sah ganz verblfft drein, die Baronin blickte verlegen zu Boden.
    So etwas knnte bei uns in Ruland nicht vorkommen, sagte der Frst.
    Ich bedaure, da Sie der Zufall zum Zeugen einer so unangenehmen Scene
gemacht hat, sagte die Baronin.
    In diesem Augenblick kam der Bediente schreckensbleich wieder in's Zimmer
gestrzt und rief athemlos:
    Gndige Frau, kommen Sie geschwind, der gndige Herr liegt im Sterben!
    Oh mon Dieu! rief die Baronin. Wo ist meine Tochter?
    Fassung, Madame, Fassung! sagte der Frst. Ertragen Sie, was ertragen werden
mu! Wollen Sie sich auf meinen Arm sttzen? Sie da, leuchten Sie uns!

                          Sechsunddreiigstes Capitel


Um dieselbe Zeit waren in der Conditorei neben der Hauptwache am Markt - der
Versammlungsorte der Grnwalder jeunesse dore - zwei Herren eifrig am
Billardtische. Die beiden Herren waren von Barnewitz und von Cloten. Von Cloten,
welcher in allen Knsten sich auszeichnete, die keinen guten Kopf, sondern nur
ein scharfes Auge und eine sichere Hand erfordern, hatte seinem Gegner alle
Partien abgenommen und war in einer ebenso vortrefflichen Stimmung, als der
Andere rgerlich drein schaute.
    Noch eine, Barnewitz? sagte Cloten triumphirend, als er eben die zwlfte
Partie mit einem glnzenden Ball beendigt hatte.
    Danke! sagte Barnewitz, seine Queue auf das Billard werfend; bin heute nicht
in der rechten Stimmung; kann berhaupt bei dem verdammten Zwielicht nicht gut
spielen.
    Wollen uns die Lampen anstecken lassen.
    Nein, danke! ein andermal! Kannst mir morgen Vormittag Revanche geben.
    Cloten legte jetzt seine Queue ebenfalls hin, trat vor den Spiegel und
drehte sich den blonden Schnurrbart, whrend Barnewitz sich auf ein Sopha warf
und ghnte.
    'S ist verdammt langweilig, sagte er; man weis doch bei Gott nicht, wie man
den Nachmittag hinbringen soll.
    Wollen spazieren gehen.
    Bei der Hundeklte?
    Partie Piquet?
    Ist auch langweilig.
    'ne Flasche Rothspon?
    Geht schon eher.
    Ernst! eine Flasche Pichon und Licht! der Kellner brachte das Verlangte.
Cloten warf sich Barnewitz gegenber in einen Lehnstuhl und streckte die Beine
von sich.
    Nun?
    Nun?
    Weit du nichts?
    Nein; Du?
    Nein.
    Eine lange Pause trat ein, whrend derer die Herren schweigend ihrer Wein
schlrften und ihre Cigarren rauchten.
    Wie geht's deiner Frau, Cloten? fragte von Barnewitz pltzlich.
    Danke gut; weshalb? erwiderte Cloten, ber diese brske Frage nicht wenig
verwundert.
    Nun, man wird doch nach Deiner Frau fragen drfen; aber ist auch das nicht
einmal erlaubt?
    Allerdings, aber wie kommst Du darauf?
    Weil sie in den letzten Tagen so auerordentlich liebenswrdig war.
    Ist das etwas so Merkwrdiges? fragte Cloten, nicht ohne einige Verlegenheit
seinen Schnurrbart drehend.
    Gewi; denn sie hatte die Zeit vorher Alle, Dich nicht ausgenommen, so
schauderhaft tractirt, da man ber diesen pltzlichen Wechsel einigermaen
erstaunt sein durfte. Uebrigens ist's nicht mir allein aufgefallen, alle Welt
spricht darber.
    Die Wellt sollte sich doch nur an ihre eigene Nase fassen, sagte Cloten, mir
vor Aerger zitternder Hand sein Glas fllend.
    Gewi; aber sie thut's nun einmal nicht.
    Der Teufel soll sie holen.
    Meinetwegen; aber wenn Du lieber von etwas Anderem sprechen willst, wir
ist's recht. Ich dachte nur, da ich, als Dein ltester Freund, die Pflicht
htte, Dich auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen.
    Nun, so komm endlich einmal heraus mit der Sprache, was soll's was giebt's?
    Ich werde mich wohl hten, wenn Du bei dem ersten Worte schon in eine so
verteufelte Aufregung gerthst.
    Ich bin nicht aufgeregt, rief Cloten und stie sein Glas auf den Tisch, da
der Fu abbrach und der Wein auf die Platte strmte.
    Du bist ein wunderlicher Mensch, sagte Barnewitz. Warte doch, bis Du Ursache
hast, Dich zu ereisern. Was ist's denn bis jetzt? Man erzhlt sich, da Ihr
nicht gerade Seide mit einander spinnt, da Deine Frau ihre eigenen Wege geht,
da Ihr Euch manchmal zankt, und so weiter!
    Wer erzhlt sich das?
    Alle Welt.
    Und was glaubst Du davon?
    Barnewitz zuckte die Achseln.
    Ich mchte Dir nicht gern weh thun, Arthur; aber leugnen kann ich's nicht,
da mir das Betragen Deiner Frau hchst verdchtig vorkommt. Es scheint mir, wie
so ziemlich unserem ganzen Kreise unzweifelhaft, da sie irgend ein Verhltni
hat, und ich glaube auch, da ich in Beziehung auf die Person die richtige
Fhrte habe.
    Ich beschwre Dich, da Du mir Alles sagst, was Du weit, sagte Cloten mit
pathetischer Geberde.
    Erinnerst Du Dich der Gesellschaft, die ich im Sommer gab? Aber, was
solltest Du nicht; wir wollten uns ja damals gegenseitig die Kpfe einschlagen!
Nun, schon auf dieser Gesellschaft hat Deine Frau mit dem verdammten Bengel, dem
Doctor Stein auf eine Weise coquettirt, da es Allen auffiel, auch mir. Ich
hatte die Sache indessen vollkommen vergessen, bis ich gestern wieder daran
erinnert wurde. Ich war gestern, wie Du Dich erinnerst, frher von Stilow's
weggegangen, weil mir, offen gestanden, der Wein zu schlecht war und ich groen
Durst hatte. So gerieth ich denn in den Rathskeller, wo die Gesellschaft
freilich gemein genug, der Wein aber vortrefflich ist. Es saen so ein Dutzend
Menschen: Literaten, Schauspieler und sonstiges Gesindel um einen Tisch, unter
ihnen unser alter Bekannter, der Feldmesser Timm, der das groe Wort fhrte. Ich
setzte mich in einiger Entfernung, lie mir ein paar Dutzend Austern und eine
Flasche Champagner geben und hrte zu, weil ich wohl zuhren mute. Sie sprachen
Gott wei was fr verrcktes Zeug, von dem ich kein Wort verstand, und wollte
eben einnicken, als pltzlich Dein Name genannt wurde, oder vielmehr nicht dein
Name, sondern der Deiner Frau. Natrlich war ich sofort wieder hell wach. - Wer
ist das? fragte Einer. Eine ganz famose Person, sagte Timm. - Nun, und die
poussirt Freund Stein? - So ist es. - Ein verteufelter Kerl, dieser Stein. - Wie
ist er denn an die gekommen? Das ist eine lange Geschichte, sagte Timm, und nun
steckten sie die Kpfe zusammen und sprachen so leise, da ich das Uebrige nicht
verstehen konnte. Jedenfalls lachten sie dabei wie toll, und ich hatte groe
Luft, ihnen meine Flasche an die Kpfe zu werfen.
    Weshalb hast Du's nicht gethan? fragte Cloten.
    Ich fange in einem fremden Lokal nicht gerne Skandal an; es ist mir zu oft
schlecht bekommen, erwiderte Barnewitz, sich den Rest in sein Glas gieend.
    Eine Pause entstand, die Cloten mit den in heftigem Ton ausgestoenen Worten
unterbrach: Ich glaube kein Wort von alldem!
    Barnewitz zuckte die Achseln.
    Es ist auch das Beste, was Du thun kannst.
    Ich verbitte mir dergleichen! rief Cloten auffahrend.
    Ich sage nichts, als was die Welt sagt; erwiederte Barnewitz, sein Glas
behaglich schlrfend.
    Du meinst wohl: ber Dich sagt die Welt nichts? fragte Cloten hhnisch.
    Was sagt die Welt von mir? rief Barnewitz, jetzt ebenfalls aufspringend. Der
Teufel soll den holen, der es wagt - und ich dchte, Du httest vor Allen Grund,
Deinen Mund zu halten.
    Grund oder nicht. Ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht eben so gut sprechen
darf, wie Du.
    Du! sagte Barnewitz, die Hnde in die Taschen steckend, mit hhnischem
Grinsen; Du denkst wohl Wunder, welches Glck Du bei den Damen machst.
    Die Herren waren gezwungen, ihren Wortwechsel abzubrechen, denn gerade jetzt
wurde die Thr zum Billardzimmer geffnet und der Professor Jger, nachdem er
durch seine runden Brillenglser eine vorsichtigen Blick hineingeworfen, schlich
in das Gemuch.
    Auf des Professors blassem Gesicht trat heute das stereotype Lcheln mit den
heruntergezogenen Mundwinkeln um so mehr hervor, als er sich offenbar Mhe gab,
die Stirn in die ernstesten Falten zu legen und durch die runden Brillenglser
mglichst melancholisch drein zu schauen.
    So nherte er sich den beiden Edelleuten, machte ihnen eine sehr
verbindliche Verbeugung und sagte:
    Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich die Herren stre, indessen
-
    Kommen Sie her, Professor, sagte Barnewitz, der sehr froh ber diese Strung
war, trinken Sie ein Glas Pichon mit; Kellner, noch eine -
    Bitte, bitte, danke ergebenst, bedaure nochmals unendlich, da ich die
Herren in diesem gemthlichen Plauderstndchen unterbreche; indessen ich hrte
in Ihrem Hause, Herr von Cloten, da ich Sie hier finden wrde, und eine Sache
von Wichtigkeit, die ich Ihnen mitzutheilen habe -
    Geniren sich die Herren nicht, sagte Barnewitz, ich gehe so lange in's
Lesezimmer.
    Bitte, bitte - ich habe nur drei Worte -
    Na, immerzu, ruft mich nur, wenn Ihr fertig seid.
    Mit diesen Worten ging Barnewitz in das Nebengemach, wo er, die Ellenbogen
auf den Tisch und das Haupt in die Hnde gestemmt, sich in die Lectre des
Grnwalder Amtsblattes vertiefte.
    Er war kaum fort, als Professor Jger sich zu Cloten wandte und in
geheimnisvollem Flsterton sagte:
    Herr von Cloten, ich habe Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, die Sie
erschrecken wird.
    Cloten wurde bla und trat einen Schritt zurck. Sein erster Gedanke war,
da sein Pferdestall in Brand gerathen und Arabella und Macdonald, seine beiden
Vollblutpferde, ein Raub der Flammen geworden. Aber der Professor lie ihn nicht
lange in dieser schrecklichen Ungewiheit, sondern sagte mit hohler Stimme, die
Mundwinkel so tief herunterziehend, da sie unter dem Kinn wieder
zusammenzustoen schienen:
    Ihre Frau Gemahlin -
    Ha! rief Cloten, was soll's, was giebt's?
    Ich wei es nicht, erwiderte Jger, aber ich frchte Schlimmes. Sehen Sie
dieses Blatt; ich hab' es so eben auf dem Schreibtisch meiner Frau gefunden, -
doch bevor ich Ihnen, was auf dem Blatte steht, vorlese, schwren Sie mir, da
Sie nie sagen wollen, von wem diese Nachricht ursprnglich stammt.
    Ich schwre, was Sie wollen, sagte Cloten, was hat's mit dem Blatt auf sich?
    Gleich, gleich, lassen Sie mich nur erst sagen, da seit einigen Monaten
eine Freundschaft zwischen Ihrer Frau Gemahlin und meiner Frau entstanden war,
deren Intimitt mich einigermaen in Verwunderung setzte, besonders nachdem ich
bemerkt hatte, da sich zu diesen Zusammenknften, die rein poetische Zwecke
verfolgen sollten - Sie wissen, Herr von Cloten, da meine Frau Directrice des
lyrischen Krnzchens ist - stets, oder doch wenigstens sehr oft, eine dritte
Persnlichkeit gesellte, gegen die ich, offen gestanden, von frher schon eine
unberwindliche Antipathie hatte. Diese Persnlichkeit ist -
    Der Doctor Stein, wei schon, weiter, sagte Cloten mit athemloser Hast.
    Sie wissen schon - in der That, sagte der Professor mit einem Lcheln, das
unheimlich hinter den Brillenglsern hervorglitzerte; o, so ist mir ja der
schwerste Theil meiner Mittheilungen erspart. Nun, Herr von Cloten, wenn Sie es
bereits wissen, will ich nicht weiter erwhnen, wie in meine ahnungslose Seele
der erste Feuerfunke des Verdachtes fiel, wie dieser Funke durch mancherlei
hchst eigenthmliche Beobachtung zur Flamme angeschrt wurde, die mein Herz,
das fr das Glck meiner Brder schlgt - hier legte der Professor die
schwarzbehandschuhte Hand auf die linke Brust - zu verzehren drohte. Meiner Frau
den Umgang mit der betreffenden Persnlichkeit zu verbieten, wagte ich nicht.
Sie wissen, Herr von Cloten, Dichtergemther sind exaltirt, und der sthetische
Standpunkt, -
    Aber ich bitte Sie, Herr Professor, kommen Sie zur Sache, rief Cloten, was
steht denn auf dem Blatte?
    Gehen Sie! sagte Jger, das Papier auseinanderfaltend, es ist das Concept
eines Gedichtes, das ich, noch na, auf dem Schreibtisch meiner Frau, die, wie
mir das Mdchen sagte, einen Besuch zu machen, ausgegangen war, so eben fand.
Darf ich es Ihnen lesen?
    Ja, in des Teufels Namen, rief Cloten; obgleich ich nicht begreife -
    Sie werden es sofort; erwiederte der Professor Jger, rckte sich seine
Brille zurecht, schob das Licht etwas nher und las mit halblauter, schnarrender
Stimme, whrend ihm der junge Edelmann ber die Achsel auf das Papier sah:
Grnwald, den zehnten December 1847 - Sie sehen, das Datum stimmt genau.


                          In's Album einer Fliehenden.

Du fliehst! - es leuchten die funkelnden Sterne
Bei der sausenden Jagd durch kimmerische Nacht;
Du fliehst! und ach, es folgte Dir gerne,
Die so treu deine heimliche Liebe bewacht!
Doch die eh'lichen Ketten, die harten, die kalten,
Mich fest auf dem Lager, dem freudlosen, halten -
Du fliehst - ich bleib in kimmerischer Nacht.

Sie sehen diese poetischen Uebertreibungen einer sonst so keuschen, liebevollen
Seele, sagte der Professor, der die letzten Verse mit etwas unsicherer Stimme
gelesen hatte.
    Weiter, weiter, rief Cloten.
    Der Professor fuhr fort:

Du fliehst! es blitzen die schnee'gen Gefilde,
Es donnert der Huf auf der Flche von Eis,
Es schreckt Dich die Nacht nicht, die schaurige, wilde,
Es lockt Dich der Liebe unendlicher Preis.
Du fliehst! und mit Recht, was soll denn die Stolze,
Die Schne beim Gatten, der Puppe aus Holze
Und Leder? was soll ihr ein Lager von Eis?

Das geht auf mich! sagte Cloten vor Wuth mit den Zhnen knirschend.
    Ohne Zweifel, ohne Zweifel, erwiederte der Professor, aber hren Sie weiter!

Du fliehst! und drben am felsigen Strande,
Im Huschen der Amme, so traut und so klein,
Da fallen die schweren, die fesselnden Bande,
Da nennst Du ihn Dein, da nennt er Dich sein.
Da strzen die feurigen Bche zusammen,
Da lohen zum Himmel die sprhenden Flamen,
In der Kammer der Alten, so nieder und klein.

Du fliehst! doch ach! nicht dort ist der Hafen;
Zu nah ist der Spher; sein Auge, es wacht;
Wollt Ihr selig den Schlaf der Vergessenheit schlafen,
Flieht, bis ein milderer Himmel Euch lacht!
Flieht bis zur Seine geweihetem Strome,
Wo Notre-Dame vom heiligen Dome
Mit Mutteraug' ber Liebende wacht.

Der Professor faltete das Blatt zusammen, schob es wieder in die Tasche und
sagte:
    Dieses Gedicht machte mich, der ich die Dichtweise meiner Gattin kenne und
wei, da sie ihre Stoffe gern aus dem Leben nimmt, sehr bestrzt. Wie erschrak
ich aber, als ich, von dem Vorrechte des Gatten Gebrauch machend und weiter
zwischen den umhergestreuten Papieren kramend, dies Zettelchen fand - hier fate
der Professor in die Westentasche - kennen Sie diese Handschrift, Herr von
Cloten?
    Es ist die Hand meiner Frau! rief der junge Edelmann, einen Blick auf das
Papier werfend: Es bleibt bei der Verabredung, liebe Primula! Alles ist bereit.
Rendezvous drben bei der Lemberg. Morgen um diese Zeit liegt eine Welt zwischen
uns. Werde ich Sie noch einmal umarmen? Ich bin bis drei Uhr zu Haus. Gern, sehr
gern she ich Sie - aber drfen Sie es wagen, ohne Verdacht auf sich zu lenken?
Ich berlasse es Ihnen. Adieu, adieu, Theuerste! Noch heute frei! O, ich kann
den Gedanken nicht fassen. Adieu! tausendmal adieu! - Himmelhllenelement! rief
Cloten, das Papier in der Hand zerknitternd und in die Tasche steckend. Jetzt
wird mir Alles klar! wute ich doch gar nicht, was dies ewige Besuchen der alten
Person in Fhrdorf zu bedeuten hatte! Aber ich will ihnen das Spiel verderben;
ich will -
    Da Herr von Cloten in diesem Augenblick so recht eigentlich noch nicht
wute, was er wollte, schwieg er und lief wie ein von heftigen Zahnschmerzen
Geplagter im Zimmer auf und ab.
    Professor Jger betrachtete ihn, den Kopf auf die rechte Schulter geneigt
und die Hnde ineinanderlegend, durch seine runden Brillenglser, wie eine Eule
das Flattern eines Gimpels, der sich auf einer Leimruthe gefangen hat.
    Sie knnen nicht glauben, theuerster Herr von Cloten, sagte er, wie tief
meine Seele ber dies Alles betrbt ist, und glauben Sie, ich htte gewi
geschwiegen, wenn es nicht eines guten Schfers Pflicht wre, das Lamm aus dem
Rachen des Wolfes zu reien. Denn ein Wolf ist dieser Mensch. Ich habe ihn vom
ersten Augenblick als solchen erkannt; aber man wollte ja nicht auf mich hren.
Jetzt kommt es an den Tag. Noch diesen Morgen war der Canonicus Schwarz, einer
der Scholarchen des Gymnasiums, bei mir und erzhlte mir, da auf Antrag des
Director Clemens bereits eine Disciplinaruntersuchung gegen den entsetzlichen
Menschen eingeleitet sei, deren Resultat ohne allen Zweifel die Entlassung, die
schimpfliche Entlassung desselben zur Folge haben werde; und whrend ich noch
berlege, wie man am besten, am schlagendsten documentiren knne, da man den
Wolf in Schafskleidern wohl erkannt habe, mu mir eben jetzt den Zufall diese
Papiere in die Hnde spielen, die den klarsten Beweis liefern, da alles
Schlimmste, was man diesem Menschen nachsagte, noch immer nicht schlimm genug
war. Ich wute vom ersten Augenblick an, was die Pflicht mir gebot. Sicher, da
meine Gattin nie erfahren werde, wie ich sie so zu sagen in dieser Sache
blogestellt habe; der Discretion eines Edelmanns gewi, eilte ich -
    Ich mu Barnewitz mit in's Vertrauen ziehen, rief pltzlich Cloten; und er
machte eine Bewegung nach dem Zimmer, in welches sich Barnewitz zurckgezogen
hatte.
    Um Gott, Herr von Cloten, rief der erschrockene Professor, wollen Sie mich
unglcklich machen? Bedenken Sie, Sie haben geschworen, mich und meine Frau
nicht zu verrathen -
    Dummes Zeug, sagte Cloten, Sie wollen doch nicht, da ich allein mich auf
eine solche verdammte Geschichte - Barnewitz!
    Was giebt's? sagte der Gerufene, von seinem Amtsblatt aufschauend.
    Komm einmal her! Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen.
    Barnewitz kam, und Cloten erzhlte ihm mit fliegenden Worten, um was es sich
handle, whrend der Professor, sich verlegen die Hnde reibend, daneben stand.
    Es ist kein Zweifel schlo Cloten, ich will's nur gestehen, ich habe auch
schon einen hnlichen Verdacht gehabt; freilich auf den Halunken, den Stein,
wre ich nicht gefallen. Aber es trifft Alles ein. Ich wei, das sie heute
wieder nach Fhrdorf hinber wollte, und jetzt fllt mir ein, da sie ganz gegen
ihre Gewohnheit ausdrcklich sagte, sie wrde vor Abend nicht zurckkommen und
da Du nun gestern Abend auch - o, es ist kein Zweifel, kein Zweifel! was soll
ich thun? was soll ich thun? - und der junge Mann schlug sich mit der geballten
Faust vor die Stirn.
    Was Du thun sollst? sagte Barnewitz; sie laufen lassen, wohin sie will.
    Verzeihen Sie, sagte der Professor, das wrde einen ungeheuren Skandal
geben, dem jetzt meiner Meinung nach durch energisches Handeln noch vorgebeugt
werden kann.
    Der Professor hat Recht, sagte Cloten; wir drfen sie nicht weg lassen; aber
ich allein - willst Du mir helfen, Barnewitz?
    Avec plaisir, antwortete Barnewitz, ich habe so stets eine Pique auf den
Bengel gehabt.
    Aber periculum in mora, meine Herren. Sie mssen sich sofort auf den Weg
machen; sagte der Professor.
    Das wollen wir, sagte Cloten; komm Barnewitz, ich kann Dir unterwegs
mittheilen, was ich fr einen Plan entworfen habe. Der Professor begleitet uns
noch ein Streckchen.
    Recht gern, recht gern, erwiderte der Professor: meine Zeit ist freilich
beschrnkt, sehr beschrnkt. Ah, - zu dieser Thr hinaus; bitte, bitte, gehen
Sie voran!
    Und die drei Herren verlieen eiligst das Local.

                          Siebenunddreiigstes Capitel


Die breite Eisflche zwischen dem Festlande und der Insel war seit Wochen schon
eine ungeheure Brcke. Man hatte beinahe vergessen, da der Fu auf gefrornes
Wasser trat und der Huf des Pferdes so laut an die Thr ber dem Abgrunde
pochte. Was sollte man auch frchten, wenn man die dicken Blcke sah, welche die
Fischer zur Warnung um die fr die Fische ausgehauenen groen Lcher stellen,
vorausgesetzt, da man nicht unvorsichtigerweise hineinlief, oder fuhr, was doch
am Tage kaum mglich war. Und so lange nun die schrgen Wintersonnenstrahlen auf
dem blanken Eise glitzern, das rechts und links von der Stadt meilenweit den
Sund bedeckt, wimmelt es auf der Bahn von Fugngern und Schlitten, die
meistens mit einem, oft aber auch mit zweien und gar nicht selten mit vier
Pferden bespannt sind.
    Wenn aber die Sonne untergegangen ist, wenn dann die Nebel anfangen, dichter
zu wallen, wird der schwarze bewegliche Faden, der sich den Tag ber von der
Stadt nach dem Fhrdorfe zog, dnner und dnner. Die Fischer, die meilenweit
drauen in den Waken gefischt haben, kommen auf ihren niedrigen Schlitten
herein. Aufrecht auf diesen Schlitten stehend, die sie mit einer langen, unten
mit einer eisernen Spitze versehenen Stange forttreiben, huschen sie mit
wunderbarer Geschwindigkeit, einer hinter dem andern, durch den grauen Nebel,
anzuschauen wie Gespenster der Oede, wie Geister des Nordlands. Und jetzt
leuchten hben und drben lichter auf, vereinzelt vor der Insel her, auf der
Stadtseite hufiger und weiterhin sichtbar; und jetzt beginnen auch die Sterne,
die vorher nur hier und da aus dem Abendhimmel herabschauten, in Masse zu
glnzen und zu funkeln und zu schimmern, da sich das Auge nicht satt sehen kann
an dieser Pracht. Aber es achtet Niemand darauf. Der schwarze bewegliche Faden
ist verschwunden, nur hier und da noch ein verspteter Wanderer, der seine
Schritte beschleunigt, obgleich er wei, da ihm kein Unglck passiren kann,
wenn er sich auf der Bahn hlt; oder ein einspnniger Schlitten, wie sie zur
Vermittelung des Verkehrs von Fischern und Fhrleuten in groer Anzahl whrend
des Winters ausgerstet und vom Publicum eifrigst benutzt werden.
    Ein solcher Schlitten fuhr jetzt eben in schnellem Trabe durch den Abend
dahin, der mit jedem Augenblicke dunkler und nebliger auf die Eisfelder
herabsank. In dem Schlitten sa auer dem Fuhrmann nur noch ein Passagier, der
eine Pelzmtze tief in das Gesicht gedrckt und den Mantelkragen hoch
herausgeschlagen hatte.
    So lange sie in der Nhe des Hafens noch heimkehrenden Schlitten und
Fugngern begegneten, wurde zwischen dem Fuhrmann und seinem Passagier kein
Wort gewechselt; als sie aber drauen hinauskamen auf die weite Eiswste, die
Lichter der Stadt hinter ihnen im Nebel verdmmerten und der Hufschlag des
krausmhnigen Kleppers dumpfer ertnte, richtete sich der Herr aus seiner Ecke
auf und sagte:
    Alles in Ordnung, Claus?
    Alles, Herr! erwiderte der Bursche, sich halb auf seinem Sitze umwendend.
    Hast Du von deinem Vetter Nachricht?
    Ich bin gestern selbst noch einmal da gewesen; er wird Schlag fnf bei Barow
am Strande halten. Er nimmt seine beiden besten Pferde. Sie knnen damit in
einem Trabe bis morgen um diese Zeit fahren.
    So viel braucht's gar nicht. Du kennst doch die Bahn bis Barow?
    Ob ich sie kenne! ich bin alle Tage herber gewesen. Aber ich mchte einem
der keinen Bescheid wei, nicht rathen, nach der Seite zu fahren.
    Weshalb?
    Die Barower haben Wake bei Wake in's Eis gehauen, und wo sie aufhren,
sangen unsere Fhr'schen an. Man hat rechts und links immer blankes Wasser neben
sich. H, Fo!
    Der Klepper beschleunigte sein Tempo, und die beiden Mnner versanken in
Schweigen. Beide sphten und horchten in die Nacht hinein, aber mit sehr
verschiedenen Empfindungen. Fr Claus Lemberg war das Ganze ein vergngliches
Abenteuer, das ihm ungemein zusagte, da es seine starken Nerven auf wohlthuende
Weise anregte und diejenigen Eigenschaften seines Charakters, auf welche er am
meisten Gewicht legte: Muth und Verschlagenheit zur Geltung brachte. Der Andre
war sich bewut, einen Schritt zu thun, der ber sein Schicksal und ber das
Schicksal eines anderen Wesens entscheiden mute, einer Frau, die sich durch
ihre hingebende, aufopfernde liebe Anspruch auf seiner Liebe erworben hatte, die
Rang und Reichthum - jeden Vorzug ihrer Geburt und ihres Standes vor sich
geworfen hatte, um ihm, nur ihm zu gehren, und die dort drben von wo jetzt die
Lichter herberzuschimmern begannen, voll Angst und Sorge seiner harrte. Und so
war denn auch sein Herz voll schwerer Sorge. Er hatte die Brcke hinter sich
abgebrochen; er eilte in eine Zukunft hinein, die so schwarz war, wie die Nacht,
die ihn umgab, aber bei weitem nicht so voll heller, funkelnder Sterne. Doch
gleichviel - der Wrfel ist geworfen; zurck geht's nicht mehr, so denn
vorwrts, vorwrts. - Was ist das! ist das nicht ein Schlitten, der hinter uns
her kommt?
    Oswald richtete sich halb in die Hhe und lauschte, aber Claus' scharfes Ohr
hatte schon die Richtung erfat, aus welcher der Schall kam.
    Es ist ein zweispnniger Schlitten von drben, sagte er, etwas rechts aus
der Bahn biegend; die Pferde greifen gut aus; gleich werden wir d'ran sein.
    Fast unmittelbar darauf sahen sie auch schon den Schlitten; - eine dunkle
Masse, die durch die Nacht blitzschnell dahinglitt. Als sie einander vorber
kamen, fragte eine Stimme:
    Wir sind doch auf der Bahn?
    Nur immerzu! war Claus' Antwort.
    Und das Eis hlt fr zwei Pferde?
    Auch fr vier.
    Danke!
    Keine Ursach!
    Und die Schlitten setzten sich wieder in rasche Bewegung.
    Sonderbar, murmelte Oswald; mir war, als ob ich Oldenburgs Stimme gehrt
htte. Welch wunderliche Streiche einem die Phantasie doch spielt.
    Die noch brige Strecke bis Fhrdorf wurde wieder schweigend zurckgelegt.
In wenigen Minuten langten sie an. Aus den Huserchen oben auf dem Uferrande
schimmerten Lichter. Unten an der Fhrbrcke, wo das Gasthaus steht, ging es
noch lebhaft zu. Die Fenster waren erleuchtet; Musik ertnte; Schlitten standen
vor der Thr.
    Claus hielt; Oswald stieg aus.
    Ich fahre am Strande hin, bis zu unserem Hause, sagte Claus, und warte, bis
Sie kommen. Aber eilen Sie sich. In einer halben Stunde geht der Mond auf.
    Hab' keine Sorge. Wir wollen Dich nicht warten lassen.
    Oswald ging an dem Gasthause vorber die steile Dorfstrae hinauf, bog dann
links ab und eilte an den kleinen Husern, die hart am Rande des Ufers erbaut
sind, dahin, bis er an das letzte derselben kam. Durch eine Ritze des Ladens,
mit dem das niedere Fenster verschlossen war, dmmerte ein schwaches Licht.
Oswald pochte dreimal in bestimmten Zwischenrumen an den Laden. Gleich darauf
wurde die Thr, vorsichtig geffnet. Oswald schlpfte hinein. Auf dem Flur stand
eine alte, hochgewachsene, starkknochige Frau, mit einem Licht in der Hand;
neben ihr eine junge schlanke Gestalt, die sich Oswald, sobald er eingetreten
war, in die Arme strzte:
    Kommst Du endlich?
    Ich komme auf die Minute.
    Gleichviel; ich bin fast gestorben von Ungeduld.
    Ist Alles bereit?
    Ja.
    Hat Dich Jemand gesehen, als Du fortfuhrst?
    Niemand, auer der Jgerin. Sie wollte mich durchaus herber begleiten; ich
konnte es ihr nicht ausreden. Sie ist drinnen im Zimmer.
    Die tolle Person.
    Schilt sie nicht, wir sind ihr viel Dank schuldig; sei freundlich zu ihr.
    Sie wird die Verfolger auf unsere Spur bringen.
    Ich frchte nichts. Cloten ist ganz sicher. Ich habe ihm gesagt, da ich vor
Abend nicht wieder zurckkme.
    Emilie zog Oswald in das niedere Stbchen, wo Primula an dem Tisch stand und
Thee machte. Sobald sie Oswald erblickte, eilte sie in seine Arme.
    Oswald, rief sie, dies ist der letzte Augenblick! noch eine Tasse Thee mit
Rum, dann sei's geschieden, khn und ohne Wanken!
    Die Augenblicke sind kostbar, sagte Oswald, sich aus der Umarmung Primula's
losmachend. Wir mssen fort, Emilie.
    Nicht, ohne vorher diesen Trank geschlrft zu haben, sagte Primula, den Thee
in die Tasse gieend. Sie wissen, Oswald, drauen ist's kalt, und bei dieser
Nachtluft frieren auch wir, wir ewigen Gtter.
    Primula's Versuch, scherzhaft zu sein, miglckte, Thrnen erstickten ihre
Stimme; sie setzte sich auf einen Schemel, drckte die Hnde vor das Gesicht und
schluchzte. Aber schon im nchsten Augenblicke sprang sie wieder empor.
    Keine weibliche Schwche, Primula! rief sie; hier heit es, stark sein.
Trinkt, meine Freunde! trinkt, und dann hinaus in die dunkle Nacht und das
sterneglnzende Leben!
    Komm, Oswald, sagte Emilie, die schon reisefertig dastand; die Jgerin hat
Recht; eine Tasse Thee kann uns nicht schaden; auf ein paar Minuten kommt es
nicht an.
    Ich wollte, wir wren fort, sagte Oswald, ihr die Tasse, die sie ihm bot,
aus der Hand nehmend.
    Er hatte kaum diese Worte gesprochen, als sehr stark an die Fensterladen
gepocht wurde.
    Alle sahen sich erschrocken an.
    Halloh! rief eine Stimme.
    Um Gotteswillen, es ist Arthur, sagte Emilie. Wir sind verloren.
    Lebt wohl, meine Freunde! rief Primula und sprang in die Kammer nebenan,
nachdem sie vorher vergeblich versucht hatte, die Thr des groen
Kleiderschranks aufzureien.
    Still! sagte die alte Frau, so leicht fngt man uns Fhr'sche nicht.
Sprechen Sie kein Wort! Sie trat an das Fenster und rief!
    Wer ist da?
    Ist vielleicht Frau von Cloten hier? ich habe ihr eine wichtige Nachricht zu
bringen.
    Die Alte wandte sich um und flsterte:
    Machen Sie, da Sie fortkommen; ich will sehen, da ich ihn hier aufhalte -
Was wollen Sie?
    Oswald und Emilie hrten die Antwort nicht mehr. Verstohlenen Schrittes,
sich an den Hnden haltend, schlichen sie aus dem Gemache, ber den Flur nach
der Thr, die hinten zum Hause hinaus auf den Rand des Ufers ging. Von dort
fhrte eine Treppe hinab an den Strand. Unten hielt der Schlitten. Einmal im
Schlitten, waren sie gerettet.
    Bleib' hinter mir, sagte Oswald, als sie an die Thr kamen.
    Die Thr war durch eine eiserne Krampe verschlossen. Oswald ffnete
vorsichtig. Alles war still. Der Winterhimmel mit seinen Sternen schaute herein.
    Es ist Niemand hier, flsterte Oswald, komm!
    Sie waren kaum herausgetreten, als die Thr mit groer Gewalt zugeschlagen
wurde, von Jemand, der hinter derselben gestanden hatte, um sich jetzt, wie um
den Fliehenden den Rckzug abzuschneiden, mit seinen breiten Schultern gegen
dieselbe lehnte. Oswald erkannte bei dem Licht der Sterne und des Schnees in der
breitschultrigen Gestalt den Herrn von Barnewitz.
    Wir sind verrathen murmelte er, aber sie sollen es ben. Fort, Emilie, in
den Schlitten; ich komme nach.
    Aber nicht sogleich! sagte von Barnewitz, auf Oswald zuspringend und ihn mit
beiden Hnden an den Schultern fassend.
    Oswald ri sich los und ein paar Schritte zurckspringend, um Spielraum zu
haben, ergriff er eine jener mit Eisen beschlagenen Piken, welcher sich die
Fischer bei ihren Schlitten bedienen und von denen einige dicht neben ihm an der
Wand lehnten, und fhrte damit einen so gewaltigen Streich nach seinem Gegner,
das dieser trotz seiner ungeheuern Krperkraft und riesigen Figur ohne einen
Laut von sich zu geben, zu Boden strzte.
    In einem Nu hatte Oswald Emilie eingeholt und seinen Arm um ihren Leib
schlingend, trug er sie beinahe die steile Treppe hinab.
    Unten an der Treppe auf dem Schnee des schmalen Strandes hielt der
Schlitten.
    Er hob Emilie hinein und stieg selbst nach.
    Wir sind verrathen, Claus, sagte er; fahr zu, es geht um Tod und Leben.
    Claus schnalzte mit der Zunge; der Klepper schttelte die krause Mhne und
trabte davon.
    Dacht's mir, sagte Claus, sich halb umdrehend; seit einer Minute hlt ein
Schlitten nicht hundert Schritte von hier am Strande. Ich sah, da zwei Mnner
ausstiegen und das Ufer hinaufkletterten; ich wollte eben nach und Sie warnen,
da kamen Sie schon die Treppe hinab. Nun hat's nichts mehr zu sagen. Ich wollte
die Pferde sehen, die Claus Lemberg seinen Fuchs einholen.
    Da kommen sie schon, sagte Oswald, der whrend dessen nach hinten geschaut
hatte. Wo steht das Kstchen, Claus, das ich Dir gab?
    Dicht hinter Ihnen im Stroh.
    Oswald ffnete das Kstchen, nahm eine der beiden Pistolen, die es enthielt,
heraus und spannte den Hahn.
    Um Gottes willen, Oswald, was willst Du thun? sagte Emilie, die, so lange
sie im Schlitten waren, noch kein Wort gesprochen hatte.
    Den Ersten, der Hand an mich zu legen wagt, ber den Haufen schieen.
    O, mein Gott, mein Gott!
    Fr wenn frchtest Du? fr mich oder fr ihn? Noch ist es Zeit. Es wird Dir
sicher verzeihen, wenn Du jetzt umkehrst; Dir hchstens in Barnewitz' Gegenwart
eine kleine Strafpredigt halten.
    Wie Du nur so sprechen magst! Ich umkehren! lieber todt auf dem Grunde des
Meeres.
    Auch dazu kann Rath werden, murmelte Oswald.
    Es schien Oswald klar, da der Klepper, so schnell er auch die
scharfbeschlagenen Hufe auf das Eis hieb, mit den zwei Racepferden, welche den
Schlitten der Verfolger zogen, nicht auf die Dauer und die Wette laufen konnte.
Der Vorsprung vor einigen tausend Schritten, den er hatte, konnte nicht gro in
Rechnung kommen, da die Entfernung von Fhrdorf bis nach dem Dorfe Barow auf dem
Festlande, wo sie Claus' Vetter - der Verwalter eines Breesen'schen Gutes, der
sich fr die junge Herrin Alles zu thun und zu leiden bereit erklrt hatte - mit
dem Schlitten erwartete, ber eine Meile betrug.
    Noch einmal, Emilie: Was wnschest Du, das ich thue, wenn sie uns einholen?
fragte Oswald, sich zu Emilie herabbeugend, die, in ihren Pelz gehllt,
schweigend dasa.
    Da Du Dich vertheidigst wie ein Mann.
    Und wenn ich unterliege?
    So springe ich in die erste Wake, der wir begegnen. Besser auf dem Grunde
des Meeres, als zurck zu ihm.
    Ist das Dein wohl erwogener Entschlu?
    So war ich lebe und Dich liebe.
    Oswald beugte sich herab und kte das schne blasse, kalte Antlitz.
    Nun ist es gut, sagte er, nun komme, was will.
    Es waren entsetzliche Minuten, und die schauerliche Umgebung erhhte noch
das Schauerliche der Situation. Lautlose Stille rings umher, nur unterbrochen
von dem rastlosen Hufschlag des flchtigen Kleppers und von dem eigenthmlich
sausenden chzenden Ton, den ein Gegenstand hervorbringt, der mit groer
Schnelligkeit ber eine Eisflche dahingleitet - und so weit das Auge reichte,
die frchterliche Oede einer mit dnnem Schnee berdeckten Ebene, ber welcher
der Horizont nach allen Seiten wie eine bleierne Glocke lag. Denn selbst die
Sterne waren jetzt in dem seinen Nebel verschwunden, und dennoch wurde es mit
jedem Augenblick heller und heller. Um grauen Himmel verkndete ein rthlicher
Streifen den aufgehenden Mond. Mann konnte den Schlitten der Verfolger
deutlicher sehen: ein groer, schwarzer Flecken, der immer grer und schwrzer
wurde, in dem Masse als die Helligkeit am Himmel zunahm.
    Seit sie Fhrdorf verlassen hatten, waren wenige Minuten verflossen, doch
dnkten sie Oswald eine Ewigkeit. Er sphte vorwrts aus nach dem Ufer, aber es
war noch nicht zu entdecken; er sah hinterwrts nach den Verfolgen; wieder war
der groe, schwarze Flecken grer und schwrzer geworden.
    Und heller und heller wurde es am Himmel; schon blinkte das geisterhafte
Licht auf dem schwarzen Wasser in den Waken und auf den weien Eisblcken, die
wie Prellsteine am Rande lagen, und immer grer und schwrzer wurde der groe
schwarze Flecken hinter ihnen.
    Wir holen es nicht, Claus, sagte Oswald.
    Was gilt die Wette, Herr? erwiderte Claus; ich will den Fuchs lebendig
fressen, wenn er nicht gewinnt. Herr, so ein Pferd giebt's nicht weiter. Wir
sind unser zwanzig Fhr'sche und dreiig Grnwald'sche, und jeder hat einen
guten Gaul vor dem Schlitten, aber der Fuchs schlgt sie alle, alle. H, Fuchs!
    Und als ob der Fuchs sich durch das Lob seines Herrn zu noch grerer
Schnelligkeit angespornt fhlte, schttelte er seine krause Mhne und hieb mit
noch rascherem Tempo seine scharfen Hufe auf das Eis.
    Aber die Pferde dort sind keine gewhnlichen.
    Claus lachte.
    Und deshalb gerade habe ich keine Sorge. Sie halten's nicht aus. Und
berdies frchten sie sich vor den Waken. Noch ein paar Minuten und sie bleiben
zurck, oder ich will den Fuchs lebendig fressen.
    Sei es, das die Pferde Clotens in der That bei dieser ungewohnten Jagd ber
das glatte Eis weg zu ermden begannen, oder die schwarzen Wasser der Waken den
Verfolgern den Muth raubten - aber Claus' Prophezeihung fing an in Erfllung zu
gehen, nachdem er sie kaum ausgesprochen hatte. Trotzdem es heller und heller am
Himmel heraufdmmerte, wurde der schwarze Punkt hinter ihnen merkbar kleiner und
undeutlicher; und als jetzt der Vollmond ber den Rand des Horizonts aufstieg
und sein bleiches Licht ber die weiten Flchen ausgo, war der schwarze Flecken
auf dem Schneegefielde verschwunden.
    Nun, habe ich's nicht gesagt? fragte Claus, sich umwendend und seine weien
Zhne zeigend, da er keine Pferde giebt, die den Fuchs auf dem Eise einholen?
H, Fuchs!
    Claus hatte sich wieder zu seinem Pferde gewandt. Ueber dumpfdonnernde
Tiefen weg, vorbei an unheimlich im Mondschein glitzernden Wassern ging die
pfeilschnelle Fahrt hinein in die de Nacht. Um ihre Ohren pfiff der eiskalte
Nachtwind, der klagend und heulend ber die Schneefelder strich. Oswald und
Emilie waren sich in die Arme gesunken. Froh der entronnenen Gefahr, in der
Seligkeit einer Liebe, deren holde Blumen sie am Rande des Abgrundes pflckten,
vergaen sie gern auf Augenblicke, wie tief und schreckenvoll dieser Abgrund
war.

                           Achtunddreiigstes Capitel


Es war im Mrz. In Frankreich war wenige Wochen vorher die Republik proklamirt
worden. Das ungeheure Ereigni verbreitete in concentrischen Kreisen seine
Wirkung ber die ganze civilisirte Erde. Auch die Residenz war seit einigen
Tagen davon erfat, und eine fieberhafte Aufregung hatte sich der Geister
bemchtigt - eine Verwirrung, ein nervses Zittern, wie sie den Menschen
ergreifen, der aus tiefem Schlaf urpltzlich zum hellen Licht des Tages
aufgeschreckt ist und noch nicht recht wei, wo ihm der Kopf steht. Und dabei
ein heimliches Grauen von dem Dunkel der Nacht, in welcher man so lange in den
dumpfen Banden eines unnatrlich tiefen Schlafes zugebracht, ein verworrenes
Gefhl, da es doch etwas sehr Herrliches um das Goldene Taglicht sei; ein
hoffnungsfrisches Recken, ein thatendurstiges Dehnen in allen Gliedern, so da
den Wchtern, die den riesengewaltigen Schlfer im Schlaf beobachtet und bewacht
hatten, schier unheimlich wurde und sie unter einander sprachen: wir werden ihn
in eiserne Banden schnren mssen, sonst steht er am Ende noch gar auf, und dann
wre es um uns geschehen.
    An einem schnen hellen Abend ging es Unter den Buden dem
Hauptvergngungsorte des soliden Brgers, sehr lebhaft zu. Wer indessen dem
Treiben der letzten Tage in der groen Stadt fremd geblieben war, htte fr den
ersten Augenblick zweifeln knnen, ob dies eine politische Versammlung oder ein
Volksfest sei. Vielleicht war es Beides. Hatte man doch die Arbeit, die strenge
Zuchtmeisterin, um einen Nachmittag, vielleicht nur um eine Stunde betrogen;
erweckte doch schon der Umstand, da man in Masse da war, da kein Polizist so
leicht wagen wrde, hineinzureden oder gar einzugreifen, ein Gefhl des
Uebermuthes und der Ueberkraft, eine nicht alltgliche, gehobenere, freudigere
Stimmung, zumal da der Frhlingshimmel so herrlich blauete, die schlanken,
bltterlosen Zweiglein und Aestlein der Baumwipfel des Parks sich so klar und
scharf von dem blauen Himmel abhoben, und die Abendsonne so warm und
hoffnungsreich herabschien auf die Tausende von Menschen, die unten auf dem
weiten Platze zwischen den Kaffeehusern und dem Flu auf der einen und dem
Parke auf der andern Seite durcheinanderwogten und drngten besonders nach der
hlzernen Tribne am Rande des Parkes, die sonst fr die Musici bestimmt war,
von der aber heute eine Musik gar eigener Art erschallte, eine Musik, dem Volke
so ganz ungewohnt, und vielleicht deshalb ihm kostbarer, als die herrlichsten
Walzer von Strau und Lanner. Weiter zu nach den Kaffeehusern aber, wo man die
Redner nicht mehr wohl verstehen konnte, ging es lustiger zu. Da konnten die
Kellner kaum so viel Glser voll Bieres herbeischaffen, wie von den durstigen
Kehlen geleert wurden; da boten Semmel- und Wurstverkufer ihre Waare an, da
qukten die Cigarrenjungen mit den schrillen, unreifen Stimmen, da trieben
selbst Gaukler und Taschenspieler ihr lustiges Handwerk.
    Durch die wogende Menge schlenderten Oldenburg und Berger. Der Professor
lie seine Augen unruhig ber die Menge schweifen und theilte seinem Begleiter
die Bemerkungen, die er machte, mit leidenschaftlicher Energie mit, worauf dann
Jener lchelnd mit dem Kopfe nickte, oder ein kurzes Wort erwiderte.
    Aber glauben Sie denn, da sich dies Volk jemals zu einer Revolution wird
aufrichten knnen? fragte Berger nach einer lngern Pause.
    Weshalb nicht?
    Sehen Sie diese stupiden Gesichter, hren Sie diese frivolen Scherze, mit
denen sie sich ber den Ernst der Situation und zugleich ber das dumpfe Gefhl
ihrer eigenen Nichtigkeit wegzuhelfen suchen; bemerken Sie dort, wie das Volk zu
derselben Stunde, wo zuerst von Freiheit und Recht ffentlich zu ihm gesprochen
wird, auch noch Zeit und Lust hat, an panem und circenses zu denken - und Sie
haben genug beisammen, um den letzten Funken der Hoffnung, da diese Menschen je
fr ihre Freiheit nicht blos reden, sondern auch kmpfen werden, zu ersticken.
    Der alte Pessimismus, Berger! und das jetzt, wo nach so vielen dunklen
Leidensjahren die goldene Sonne endlich wieder scheint!
    Gerade dieses Sonnenstrahl ist es, der mein Herz mit solcher Ungeduld
erfllt. In den grauen Wintertagen finden wir es natrlich, da die Bume die
kahlen Aeste zum Himmel strecken; wenn aber die ersten Frhlingslfte wehen und
der Himmel blaut, sehnen wir uns unendlich nach dem grnen, im Winde suselnden
und rauschenden Blttermeer. Und nun gar, wenn der Winter so lang und so hart
war, da er uns unsere Kraft unwiederbringlich geraubt hat und wir nicht hoffen
drfen, bis in den Sommer hinein zu leben!
    Die Todten reiten schnell! Sie haben es in Paris gesehen!
    In diesem Augenblicke trat ein Mann, der die beiden Herren schon seit
einiger Zeit beobachtet hatte, wie Jemand, der nicht recht wei, ob er seinen
Augen trauen soll oder nicht, an sie heran und sagte zu Berger:
    Seid Ihr es denn wirklich, Professor?
    Ei sieh da, Herr Director, erwiderte Berger, sich von Oldenburgs Arm
losmachen und dem, welcher ihn angeredet hatte, die Hand reichend; wie kommen
Sie denn hierher?
    Ach Gott, sagte der Mann, das ist 'ne traurige Geschichte; wollt Ihr ein
paar Schritte mit mir kommen, ich mcht' Euch gern allein sprechen.
    Oldenburg betrachtete die Gestalt nicht ohne Bewunderung. Es war ein
mchtiger Leib, mit breiter, hochgewlbter Brust und langen Armen, auf dem ein
nicht minder mchtiger Kopf sa. In den plumpen, aufgedunsenen Geschichtszgen
sprach sich neben viel Gutmthigkeit und jovialer Laune eine Art von Schlauheit
und Verschmitztheit aus, die aber durchaus harmloser Natur war. Es konnte dem
Manne, seiner ueren Erscheinung nach, nicht eben besonders gehen. Sein grauer
Filzhut hatte offenbar manchen Sturm erlebt, bevor er in diesen zerknitterten
Zustand kam. Der schwarze, uerst schbige, mit altersgrauen Schnren besetzte
Sammetrock hatte einstmals bessere Tage gesehen, ebenso wie die weiten leinenen
Beinkleider, deren Farbe jetzt nicht mehr wohl zu bestimmen war, oder die
Stiefel, die auf bedenkliche Weise aus den Nthen zu platzen begannen. Ein
rothseidenes, mit einer gewissen Absichtlichkeit nachlssig um den
sonnverbrannten, muskulsen Hals geschlungenes Tuch vollendete den Charakter
heruntergekommener Knstlerschaft, der dieser Erscheinung aufgeprgt war.
    Berger sprach einige Minuten lang angelegentlich mit dem Manne, darauf
enfernten sie sich noch mehr, und Oldenburg sah, wie der Professor seine Brse
zog und dem Andern mehrere Geldstcke in die Hand gleiten lie. Gleich darauf
trennten sie sich; der Mann verschwand in der Menge, Berger kam wieder zurck.
    Wer war diese sonderbare Figur?
    Ein Mann, von dem ich Ihnen schon viel erzhlt habe: Herr Director Caspar
Schmenckel aus Wien.
    O, rief Oldenburg; weshalb haben Sie mir das nicht gesagt? Ich htte Czika's
einstigen Brodherrn doch gern kennen gelernt.
    Er wird uns in den nchsten Tagen aufsuchen; der arme Mann ist in
Verzweiflung, seitdem ihn Xenobi und Czika verlassen, hat ihn Unglck ber
Unglck getroffen. Sein Clown ist ihm gestorben, sein erster Knstler
weggelaufen, und die andern hat er, weil er sie nicht bezahlen konnte, entlassen
mssen. Jetzt treibt er sich hier in den Kneipen der Residenz umher und giebt
Vorstellungen auf eigene Hand.
    Wir mssen fr ihn sorgen, sagte Oldenburg; er hat Czika gut behandelt und
sich meinen Dank verdient. Ueberdies scheint er ein braver Kerl. Doch lassen Sie
uns nach Hause gehen. Die Sache verluft sich, wie sich voraussehen lie, fr
heute im Sande.
    Als die Beiden gingen, stand gerade ein junger Mann auf der Rednerbhne, der
Allen unbekannt war und dessen eigenthmliche Erscheinung die Aufmerksamkeit der
Leute in ungewhnlich hohem Grade fesselte.
    Meine Herren, rief er mit lauter heller Stimme, whrend ein spttisches
Lcheln um seine feinen Lippen flog, was wrden Sie von einem Manne sagen, der
den schrfsten Pfeil im Kcher, und auch den strksten Bogen hat, diesen Pfeil
abzuschieen, und der es denn nur doch aus bergroer Gutmthigkeit vorzieht,
den Pfeil, anstatt vermittelst des Bogens, mit der schwachen Hand abzuschnellen?
Nun, meine Herren, wir gleichen durchaus diesem thrichten Manne. Der Pfeil im
Kcher ist die Adresse mit den neun Wnschen, wie wir die gerechten Forderungen
des Volkes bescheidentlich nennen; die Deputation aus unserer Mitte, durch
welche die Adresse Sr. Majestt morgen zugestellt werden soll, ist die schwache
Hand. Wie weit wird sie den Pfeil tragen? bis zur Schwelle des Knigsschlosses -
nicht weiter! Ich sage Ihnen, meine Herren, die schwache Hand der Deputation
wird vergeblich an die Pforte pochen; Seine Majestt wird unsere Wnsche nicht
entgegen zu nehmen geruhen, und die Deputation wird unverrichteter Sache
zurckkehren.
    Bei diesen Worte des Redners ging ein Brausen durch die Versammlung, wie
wenn ber das Meer ein heftiger Windsto fhrt. Einzelne riefen Bravo, so
besonders der starke Herr im abgetragenen Sammetrock, der sich bis dicht an die
Tribne durchgedrngt hatte und dem Redner mit groem Beifall, welchen er durch
Kopfnicken, Grunzen und Bravorufen kund gab, zuhrte. Aber der bei weitem grte
Theil war offenbar gegen alle extremen Schritte; auf jeden Bravorufer kamen
hundert Kopfschttler und Zischer.
    Der junge Mann lies sich durch diese Zeichen der Unzufriedenheit nicht
einschchtern, sondern wiederholte mit groem Nachdruck:
    Die Deputation wird unverrichteter Sache zurckkehren! und uns geschieht
damit ganz recht. Weshalb brauchen wir die Hand zum Pfeileschleudern, wenn der
Bogen unbenutzt daneben im Grase liegt? Wollen Sie wissen, wo der Bogen ist? der
Bogen sind wir, das heit: die ganze Versammlung. Wenn wir acht-bis zehntausend,
wie wir hier sind, in geschlossenem Zuge die Adresse von dem Sprecher
voraufgetragen, hinrcken vor das Schlo - ich wollte die Thren sehen, die sich
nicht vor uns ffneten, die Schranzen, die uns den Eingang zu verweigern wagten,
den Hfling, der sich erfrechte, und zu sagen: Meine Herren, Se. Majestt sitzt
beim Thee und kann Sie nicht empfangen.
    Bravo, bravo, schrie der starke Herr in dem Sammetrock und klatschte wthend
in die Hnde. Aber der Menge mifiel diese humoristische Behandlung einer so
ernsten Sache durchaus. Zischen, Pfeifen, Schreien ertnte von allen Seiten; nur
mit Mhe gelang es dem Prsidenten, einem Herrn in breitkrmpigen Hut und mit
langem Bart, durch energisches Klopfen mit seinem Rohr auf den Tisch die Ruhe so
weit wieder herzustellen, da der Redner fortfahren konnte. Der seinerseits nahm
jetzt die ganze Kraft seiner hellen Stimme zukommen und schmetterte in die
Versammlung hinein:
    Ich habe den Antrag, in corpore auf's Schlo zu ziehen, nicht gestellt, weil
ich glaubte, da er durchgehen werde, sondern nur, um Ihnen zu zeigen, we
Geistes Kinder Sie sind. Pioniere der Freiheit hat Sie ein Vorredner genannt! Ja
wohl! Die Freiheit wird es weit mit Ihnen bringen, wenn sie nicht einmal jetzt
im Stande sind, aus dem Vertrauensdusel sich aufzuraffen, in welchem Sie schier
dreiig Jahre geschlafen.
    Was der junge Mann etwa noch weiter sprach, konnte man nicht verstehen, denn
bei den letzten Worten war der Sturm, der schon lange gegrollt hatte,
losgebrochen und der kecke Redner wre schwerlich ungestraft davongekommen, wenn
nicht der starke Herr in dem Sammetrock ihn, sobald er von der Tribne herabkam,
enthusiastisch umarmt und damit zu seinem Freund und betreffenden Falls zu
seinem Schtzling erklrt htte. Mit einem Mann aber von so herkulischem Bau
anzubinden, machte Niemand Luft haben. Zum wenigsten erlaubte man den Beiden,
unangefochten die Versammlung zu verlassen.
    Die neuen Freunde bogen in eine der Alleen, die in der Nhe der Tribne vor
dem Platz der Volksversammlung in den Park fhrte. Sobald sie allein waren,
schttelte der Herr im Sammetrock noch einmal dem jungen Mann mit den blonden
Haaren die Hand und sagte mit groer Herzlichkeit:
    Ich freue mich ganz ausnehmend, die Bekanntschaft einer so kreuzbraven Haut
gemacht zu haben.
    Gleichfalls, gleichfalls, erwiderte der junge Mann, seinen Bewunderer mit
dem scharfen, schnellen Blick seiner blauen Augen musternd und zu diesem Zweck
seine Brille mit dem Zeigefinger hher auf die Nase schiebend: mit wem habe ich
die Ehre?
    Der Herr im Sammetrock trat einen Schritt zurck, warf sich in die Brust,
lftete seinen vielgeprften Filz und sagte:
    Ich bin der Director Caspar Schmenckel aus Wien.
    Ah! erwiderte der Andere leichthin; freue mich, Ihre Bekanntschaft zu
machen. Mein Name ist Timm, Albert Timm.
    Sie sind nicht von der Kunst? fragte Herr Schmenckel zutraulich.
    Wie meinen Sie? fragte Albert ausweichend.
    Herr Director Schmenckel machte die Geberde Jemandes, der einer sehr
schweren Gegenstand mit beiden Hnden schnur, gerade in die Luft wirft, um
denselben mit dem Nacken wieder aufzufangen.
    Aha! sagte Albert; verzeihen Sie, da mir ein Mann von Ihrer Bedeutung
persnlich noch nicht bekannt war; aber ich bin erst seit wenigen Tagen hier.
    Konnt's mir denken, erwiderte Herr Schmenckel, als sie jetzt Arm in Arm
weiter schritten; sind ein ganz andrer Kerl, wie die Lumpen hier zu Lande;
sprechen frei von der Leber weg, wie's Ihnen um's Herz ist. Caspar Schmenckel
liebt solche Leute, und wenn er Ihnen mit irgend Etwas dienen kann, sagen's nur
gerade heraus!
    Sehr verbunden, Herr Director, Die Ehre Ihrer Bekanntschaft ist schon
erfreulich genug. Ich vermuthe, da Sie mit Ihrer Truppe jetzt hier in der
Residenz Vorstellungen geben?
    Vorstellungen geben? fragte der Director Schmenckel und rusperte sich;
offen gestanden, finden Sie Caspar Schmenckel augenblicklich nicht in floribus.
Ich habe mich aus manchen Grnden genthigt gesehen, meine alte Truppe
aufzulsen, und bin jetzt mit der Organisation einer neuen beschftigt - eine
Aufgabe, die indessen, wie Sie sich wohl denken knnen, ihre Schwierigkeit hat.
Unterdessen -
    Privatisiren Sie?
    Gewissermaen ja; das heit, ich gebe noch immer von Zeit zu Zeit in
Freundeskreisen Vorstellungen, aber nur, um nicht aus der Uebung zu kommen,
wissen Sie.
    Natrlich.
    So bin ich heute Abend in einem sehr noblen Local, das von der besten
Gesellschaft besucht wird, gewissermaen engagirt und wenn Sie mir die Ehre
erzeigen wollen -
    Sehr gtig.
    Sie werden dort lauter brave Leute finden, vor denen man sich nicht zu
geniren braucht - alles Demokraten vom reinsten Wasser, obgleich sie verzweifelt
wenig Wasser trinken, sollt' ich meinen. Ich gehe schon den ganzen Winter in dem
Dustern Keller aus und ein, aber niemals so gern und so oft, als seit den
letzten acht Tagen, wo wir eine neue Wirthin haben.
    In der That?
    Ich werde stolz darauf sein, Sie mit ihr bekannt zu machen. Frau Rosa Pape
ist ein Muster ihres Geschlechts.
    Wie sagten Sie! fragte pltzlich Herr Timm mit groer Lebhaftigkeit.
    Ich sagte, Frau Rosa Pape sei ein capitales Frauenzimmer.
    Sagten Sie nicht, die Dame sei erst seit kurzem Inhaberin des Geschfts?
    Allerdings, sie war bis dahin in einer - andern Branche beschftigt; die
franzsische Revolution hat sie zur Kellerwirthin gemacht.
    Das ist originell.
    Nicht wahr? aber Frau Rosa ist auch ein Original. Sie hat einen wunderbaren
Blick fr's Geschft, und als in Paris der Spectakel losging, sagte sie: jetzt
kommt eine goldene Zeit fr Kellerwirthinnen mit weiblicher Bedienung! - Einen
Tag darauf hatte sie den Dustern Keller gepachtet.
    Ich bin uerst begierig, die Bekanntschaft einer so vortrefflichen Dame zu
machen.
    Unter diesen Gesprchen waren die beiden Freunde auf wenig betretenen
Parkpfaden in die Nhe des herrlichen Thores gekommen, das von dieser Seite
unmittelbar aus dem Park in die Stadt fhrt. Die Versammlung vor den Buden war,
gleich nachdem sie dieselbe verlassen hatten, auseinandergegangen; schon
berhrte die Spitze des unabsehbaren Zuges, der sich von jener Seite
heranwlzte, das Thor. Hier stieen die Massen der Hereinkommenden auf die
Schaaren derer, welche noch immer aus der Stadt nach dem Park zogen. Es konnte
nicht ausbleiben, da sich die Menge stopfte, zumal vor der Wache in
unmittelbarer Nhe des Thors, wo eine Compagnie, Gewehr bei Fu, aufmarschirt
war. Die Leute blieben stehen, sich ber diese auerordentliche Maregel ihre
Bemerkungen mitzutheilen; Andere traten heran, zu sehen, was da zu sehen sei; in
einem Nu war die Wache mit einem aus vielen Hunderten von Menschen, bestehenden
Halbkreis umringt, der mit jedem Augenblick enger wurde. Der die Compagnie
commandirende Hauptmann, ein langer Offizier mit einem verbissenen Ausdruck in
dem scharfmarkirten Gesicht, scho wthende Blicke auf die ihn umgebende Menge,
ohne sie indessen eines Wortes zu wrdigen. Man sah, wie es in ihm kochte.
Pltzlich commandirte er mit rgerlich qukendem Tone: Still gestanden, richt'
Euch! Gewehr auf! Bataillon soll chargiren, geladen!
    Die Ladestcke rasselten, in einem Nu war das Commando ausgefhrt.
    Es hatte vorlufig nur eine Drohung fr die Menge sein sollen; aber man
bewirkte gerade das Gegentheil von dem, was man gewollt hatte. Den
Zunchststehenden wurden durch die von hinten heran Drngenden das Zurckweichen
unmglich, und diese hatte das Rasseln der Ladestcke nur noch neugieriger
gemacht. Ein verderblicher Zusammensto des Militrs mit dem Publikum schien
unvermeidlich.
    Da drngte sich durch die Gaffer ein langer Herr und trat gerade auf den
Hauptmann zu:
    Erlauben Sie auf ein Wort.
    Was wollen Sie?
    Mein Name ist Oldenburg; ich habe die Ehre, mit Herrn Grafen Grieben zu
sprechen?
    Der Offizier fate salutirend an seinen Helm: Freue mich, Sie nach langen
Jahren wiederzusehen, Herr Baron. Kommen wie gerufen; werde mich genthigt
sehen, auf die Canaille de Feuer geben zu mssen.
    Gerade um das zu verhindern, erlaubte ich mir, mich Ihnen vorzustellen. Sie
haben ein einfaches, aber unfehlbares Mittel, alle diese Leute zum Weitergehen
zu bringen und so unsgliches Unglck zu verhten?
    Das wre?
    Lassen Sie Ihre Mannschaft in die Wache treten!
    Wo denken Sie hin? dem Pbel eine solche Concession machen! Ueberdies ist es
gegen die Instruction.
    So fordern Sie die Leute wenigstens auf, nach Hause zu gehen!
    Ich habe keine Luft, mich mit der Crapule in eine Unterhaltung einzulassen.
    Wollen Sie es mir den gestatten?
    Wie's Ihnen beliebt, erwiderte der Officier, sich mit kalter Hflichkeit von
Oldenburg abwendend.
    Oldenburg trat ein paar Schritte auf den dichten Kreis zu und sagte, seine
Stimme so laut wie mglich erhebend:
    Meine Herren, Ihr Stehenbleiben hier an dieser Stelle ist fr Sie nicht ohne
Gefahr. Viele von Ihnen sind ja selbst Soldat gewesen und wissen, da der Soldat
nach den Paragraphen seines Wachtbuchs handeln mu. Zwingen Sie deshalb Ihre
Brder, die hier in Waffen stehen, nicht, diese Waffen gegen Sie zu wenden.
Lassen Sie uns von unserem Rechte der freien Bewegung Gebrauch machen und weiter
gehen. Es wird ja auch nachgerade langweilig, hier immer auf demselben Fleck zu
stehen.
    Er hat Recht! rief ein vierschrtiger Brger mitten aus dem Gedrnge; ich
fange schon an, auseinanderzugehen!
    Die Leute lachten, und als die schrille Stimme eines Cigarrenbuben anfing zu
fingen: immer langsam voran, immer langsam voran! setzte sich der dichte Haufen
in Bewegung, zumal in diesem Augenblick Geschrei und Lrmen, das von einer
andern Seite ertnte, die Neugierigen lockte.
    Eine Strecke die herrliche Hauptstrae weiter hinauf war es zwischen dem
Publikum und einer der vielen Patrouillen, welche von dem Schlo nach dem Thor,
von dem Thor nach dem Schlo seit einigen Stunden hin und her marschirten, zu
dem Zusammensto gekommen, der an der Wache durch Oldenburgs kluges und muthiges
Dazwischentreten noch glcklich vermieden war. Der Fhrer der Patrouille - eine
zweite marschirte, sich mglichst in gleicher Hhe mit dieser haltend, auf der
andern Seite der Strae - war ein Offizier von riesigem Wuchs, dessen finster
drohende Miene den festen Entschlu verkndigte, die geringste Widersetzlichkeit
sofort zu ahnden. Auch war ihm, wie er an der Spitze seiner Mannschaft
einherschritt, bis jetzt Alles so scheu ausgewichen, da er zu dem
verachtungsvollen Lcheln, welches von Zeit zu Zeit ber sein dunkles Gesicht
zuckte, einigermaen recht zu haben schien. Da kam er an eine Stelle, wo sich
von der Strae ein enger, aber fr gewhnlich sehr stark frequentirter Durchgang
abzweigte. Diese Passage war mit Menschen, die sehen wollten, was auf der
Hauptstrae vorging, vollgestopft. Von dort drngten Andere dagegen. So sammelte
sich hier ein gewaltiger Menschenknuel, in welchem die Verwirrung den hchsten
Grad erreichte, als jetzt durch die heranmarschirende Patrouille eine zweite
Stockung in die sich so schon mit Mhe fortbewegende Masse kam.
    Platz da! Herrschte der Officier, rcksichtslos in den Haufen
hineinschreitend.
    Die zunchst Stehenden wichen rechts und links auf die Seite; aber die
Andern drngten wieder zu. Ein buntes Durcheinander entstand, in welchem der
Officier mit nur wenigen seiner Leute von der Truppe getrennt wurde.
    Platz da! wiederholte der Officier in noch barscherem Tone.
    Machen Sie nur selber Platz; rief ein junger Mann aus dem Haufen.
    Er hatte es kaum gerufen, als der Officier auf ihn zusprang, ihn am Kragen
ergriff und mit einem Ruck seines starken Armes seinen Leuten zuschleuderte:
    Nehmt der Schreihals fest; rief er.
    Die Soldaten ergriffen den jungen Mann, der vergeblich sich loszureien
versuchte.
    Stot den Hund nieder, wenn er sich widersetzt! herrschte der Officier.
    Ohne Zweifel wrden die Soldaten diesen Befehl ausgefhrt haben, wenn in
diesem Moment nicht Herr Schmenckel sich vor den Officier hingestellt und ihm
zugeschrieen htte:
    Geben Sie den Mann los, Eure Gnaden! oder das Wetter soll dreinschlagen!
    Der Gardeofficier und der Mann aus dem Volke standen sich einen Augenblick
lang gegenber, zwei riesengewaltige Mnner, berraschend hnlich an hohem
Wuchs, gewlbter Brust, breiten Schultern und langen, muskelkrftigen Armen; ja,
wie sie sich so mit zornigen Blicken anstarrten, hnlich im Ausdruck der
massiven plumpen Zge.
    Doch nur einen Augenblick standen sie so: im nchsten hatte der Officier
seinen Gegner mit aller Macht vor die Brust gestoen, um ihn aus seiner
unmittelbaren Nhe zu bringen und Raum fr seinen Degen zu gewinnen. Indessen,
er htte ebenso gut einen Felsen von der Stelle rcken knnen, als den Mann im
Sammetrock. Der aber reckte seine mchtigen Arme aus, ergriff den Officier um
den Leib, hob ihn vom Boden auf und schleuderte ihn mit solcher Gewalt gegen die
Soldaten, welche genug zu thun hatten, ihren Arrestanten zu halten, da
Officier, Soldaten und Arrestant in einem Haufen ber- und untereinander
rollten.
    Hurrah! schrie die entzckte Menge; hurrah! hurrah! drauf! nieder mit der
Soldateska!
    Herr Schmenckel mute sich von der Hlfe und dem Muth der Menge nicht viel
versprechen. Er zog mit einem Ruck den Arrestanten aus dem Haufen heraus und war
mit ihm, ehe sich noch der Officier nieder aufraffen konnte, in dem Gedrnge,
das ihm bereitwillig Platz machte, verschwunden.
    Es war die hchste Zeit, denn jetzt war es den von ihrem Fhrer getrennten
Sectionen gelungen, die Menschenmauer zu durchbrechen.
    Der Officier sprang auf die Fe und commandirte mit einer vor Wuth
kreischenden Stimme: links aufmarschirt! marsch! marsch! zur Attaque Gewehr
rechts! fllt das Gewehr!
    Hurrah, hurrah! riefen die Soldaten, indem sie im Geschwindschritt auf die
wehrlose Menge eindrangen, die heulend und schreiend auseinanderstob.

                           Neununddreiigstes Capitel


Whrend in dem Brennpunkte der Stadt solche Scenen stattfanden und die Bewohner
dieser und der nchstgelegenen Straen in fieberhafte Aufregung versetzten; hier
die Menge von einer anrckenden Militairtruppe davonlief, um sich an einem fr
den Augenblick nicht bedrohten Punkte abermals zu sammeln, Verhaltungen in Masse
vorgenommen wurden, Verwundungen nicht ausblieben und so die Erbitterung von
beiden Seiten in bengstigender Weise wuchs - lebten die Bewohner der
abgelegenen Quartiere ohne die geringste Kunde dieser Vorgnge in einem tiefen
Frieden, der in einem gemeindeangerumgebenen idyllischen Landstdtchen nicht
grer sein konnte.
    In einem kleinen einstckigen Hause einer dieser stillen Straen an einem
Fenster, das auf ein hbsches Vorgrtchen ging und durch eine Glaskugel mit
Goldfischen, einen Messingbauer mit einem grngelben Canarienvogel, durch Blumen
in Tpfen und Vasen als das Lieblingspltzchen einer Dame bezeichnet war, saen
kurz vor Sonnenuntergang Sophie und Bemperlein in eifriger Unterhaltung.
    Und Franz ist mit seinen hiesigen Verhltnissen ganz zufrieden?
    Ganz! wie wrde sich der gute Vater gefreut haben, wenn er -
    Die junge Frau vollendete den Satz nicht, sondern wandte sich nach dem
Fenster und machte sich etwas mit ihren Blumen zu schaffen. Bemperlein
betrachtete sie ein Weilchen liebevoll durch seine Brillenglser, dann legte er
leicht seine Hand auf ihren Arm und sagte:
    Sie mssen sich nicht blos stark zeigen, liebe Freundin; Sie mssen es auch
sein - Sie, die Tochter eines solchen Vaters!
    Sie haben Recht, Bemperchen; ich will versuchen, so stark und vernnftig zu
sein, wie ich aussehe. Aber jetzt lassen Sie uns von was Anderem sprechen. Was
sagt denn Marguerite zu dem neuen Plane?
    Sie ist entzckt oder charme, wie sie sagt. Ich glaube aber alles Ernstes
weniger ber die Verbesserung unserer Lage - obgleich, ganz entre nous, liebe
Freundin, ein verheiratheter Student ein hchst eigenthmliches Amphibium ist -
als darber, da sie jetzt wieder in Ihrer Nhe leben kann. Sie glauben gar
nicht, welchen Eindruck Sie auf ma petite femme gemacht haben!
    Das gute Herz! Und ich habe so wenig fr sie gethan, fr sie thun knnen!
habe sie eigentlich immer nur geneckt, und noch am letzten Abend - wissen Sie
noch Bemperchen, wie Sie als Amor erschienen, Ihr Euch in dem Fenster den
verhngnivollen Ku gabt und Papa hernach beim Hochheimer die kstliche Rede
hielt, die letzte, die ich aus seinem Munde gehrt habe? Jetzt wei ich erst,
was zu der Stunde sein edles Herz bewegte! Er nahm nicht blos fr damals, er
nahm fr immer von uns Abschied.
    Sophie kmpfte die Rhrung, die sie zu berwltigen drohte, gewaltsam nieder
und fuhr fort:
    Ich habe so wenig fr Marguerite gethan und sie im Gegentheil so viel fr
mich! Wissen Sie, Bemperchen, da ich schwach genug war, ordentlich eiferschtig
auf die Kleine zu werden, als ich aus Papa's Briefen sah, in wie hoher Gunst sie
bei ihm stand und wie er sich gegen Eure Verheirathung fast nicht weniger
hartnckig wehrte, als gegen die unsere?
    Und doch ist diese Verheirathung nur durch seine Bemhungen so bald zu
Stande gekommen; zum mindesten hat Marguerite es nur ihm zu danken, wenn unsere
Einrichtung so glnzend ausfiel, wie ich sie mit meinen schwachen Krften
allerdings nicht htte herstellen knnen. Sie wissen doch, was ich meine?
    Die Timm'sche Angelegenheit? Marguerite hat mir davon geschrieben. Was mich
dabei am meisten gewundert, ist, da Timm so prompt das Geld zurckbezahlt hat.
    Wir Alle sind erstaunt gewesen, Niemand mehr als ich, der ich wute, da er
bis ber die Ohren in Schulden steckte und schon aus diesem Grunde dem Papa
rieth, von seinem Versuch, als von einem ganz vergeblichen, abzustehen. Mir hat
die ganze Affaire viel Kopfzerbrechen verursacht, und so wenig Ursache gerade
ich habe, Herrn Timm hold zu sein, so hat's mir doch leid gethan, als er gleich
darauf, einer Wechselschuld wegen, die er vielleicht, nur um uns zu bezahlen,
contrahirt hatte, in den Thurm wandern mute, in dem er, so viel ich wei, noch
heute sitzt.
    Oh sagte Sophie, hat's mein alter Anbeter also endlich doch durchgesetzt?
    Ihr alter Anbeter?
    Ja, wissen Sie das nicht? Ich habe noch mit Timm zusammen Tanzstunde gehabt,
und ich kann sagen, da ich mit Niemand lieber getanzt und mich unterhalten
habe, als mit ihm. Er ist ein hchst geistreicher und, wenn er will, sehr
liebenswrdiger Mensch, um den es wahrhaftig Jammer und Schade ist, da er mit
seinen herrlichen Gaben so unverantwortlich wirthschaftet. Er hat in dieser
Beziehung die grte Aehnlichkeit mit -
    Mit Oswald Stein, wollen Sie sagen, nur zu! Ich habe das bittere Gefhl, das
mich, als wir noch in Grnwald zusammen waren, jedesmal bei Nennung dieses
Namens berkam, glcklich besiegt; er existirt fr mich nicht mehr, besonders
nach seinen letzten Abenteuern.
    Das ist nicht recht, Bemperchen. Sie wissen, ich habe Stein nie besonders
gemocht, aber seitdem Ihr Alle gegen ihn seid und selbst Franz, der ihn noch
immer in Schutz nahm, anfngt, mit in den Chor einzustimmen, habe ich groe
Lust, mich auf seine Seite zu schlagen.
    Natrlich, sagte Bemperlein, mit einem leisen Anflug von Bitterkeit, ist es
doch eine alte Erfahrung, da die Frauen viel, ich mchte sagen Alles einem
Manne verzeihen, der, was er thut, fr Euch thut oder doch zu thun scheint.
Mute ich doch neulich selbst von meiner Marguerite, die ihn sonst nicht
ausstehen konnte, ein in den sanftesten Tnen hingehauchtes pauvre homme! hren.
Pauvre homme! Nun frage ich einen vernnftigen Menschen! Also, wenn Jemand wie
ein ungezogenes Kind durch das Leben ras't, statt nach Grundstzen, stets nur
nach seinen souvernen Launen handelt; wenn er, wie ein Kind, Alles haben mu,
was ihm gefllt, um es, wenn's ihm nicht mehr gefllt, in thrichtem Zorn und
Uebermuth wieder zu zerbrechen - wenn er, statt seinen Nchsten zu lieben, mit
seines Nchsten Frau bei Nacht und Nebel durchgeht, so sagt man von ihm,
womglich mit einer Thrne des Mitleids im schnen Auge: Pauvre homme!
    Bravo, Bemperchen, rief Sophie beinahe mit der alten Lustigkeit, bravo! Sie
knnten nicht schner predigen, wenn Sie selbst der betreffende unglckliche
Nchste wren! Aber, sagen Sie, hat man denn von den losen Vgeln noch immer
keine Nachricht?
    So viel ich wei, nein! es ist, als htte die Erde sie eingeschluckt?
    Aber wie ertrgt denn der verrathene Gatte sein grenzenloses Leid?
    Ach, man sollte sich eigentlich dieser Menschen wegen gar nicht weiter
ereifern, erwiderte Bemperlein unmuthig, sie sind es nicht besser werth und
wollen es nicht anders haben. Denken Sie sich, Frulein Sophie, wollte sagen:
Frau Sophie - dieser Mensch, dieser Cloten, der, als Stein mit seiner keuschen
Penelope durchgegangen war, that, als ob die Sonne niemals wieder fr ihn
scheinen knne, hat sich nicht nur in berraschend kurzer Zeit getrstet,
sondern dasselbe Unglck, das jener in sein Haus getragen hat, in seines
Nachbars Hause ebenfalls angerichtet. Herr von Barnewitz, der Vetter der Frau
von Berkow - der mit dem breiten rothen Bart, wissen Sie, und den breiten
Schultern - o, Sie mssen ihn ja gesehen haben - nein? na, es kommt auch nichts
darauf an - eh bien, Herr von Barnewitz kommt neulich zu ungelegener Zeit nach
Hause, findet - so erzhlen sich die Leute - die Thr zum Zimmer seiner Frau
verschlossen, wittert Unrath, zerschlgt ein Fenster, reit den ganzen
Fensterflgel heraus, steigt in's Zimmer, erwischt Herrn von Cloten, der eben
von der Dame zu einer Hinterthr hinausgeschoben wird, und hat eine
Auseinandersetzung mit dem edlen Paar, in Folge deren Hortense nach Italien und
Herr von Cloten, nachdem er acht Tage lang das Bett gehtet, auf seine Gter
gereist ist, ohne von Jemand Abschied zu nehmen.
    Da haben ja die Grnwalder Klatschschwestern wieder etwas zu reden gehabt!
    Das knnen Sie glauben, fast so viel, als damals bei der Verlobung von
Helene Grenwitz mit dem Frsten Waldernberg.
    Wie steht es denn damit?
    So viel ich wei, soll die Verlobung, ich meine die eigentliche, officielle,
in diesen Tagen hier in der Residenz stattfinden. Anna-Maria sagte mir neulich,
da sie mit Helene Anfang Mrz hier eintreffen werde.
    So sind Sie also mit der Familie noch immer in Verbindung geblieben.
    Ich hatte keinen rechten Grund, meine Stunden aufzugeben. Anna-Maria beehrte
mich fortwhrend mit ihrer besondern Gnade, und berdies habe ich mich in der
letzten Zeit mehr mit ihrem Wesen ausgeshnt. Ich glaube, wir haben ihr vielfach
Unrecht gethan. Sie hat gewi ihre bedenklichen Seiten, aber man mu auch so
gerecht sein, anzuerkennen, da die Verhltnisse, in denen sie lebt,
eigenthmlich genug sind. Wenn sie Helene einen reichen Mann verschafft, so thut
sie nicht mehr und nicht weniger, als was alle Frauen in ihrer Lage auch thun
wrden. Und ihre Lage ist keineswegs so glnzend, wie wir glaubten. Seit dem
Tode des Barons hat sie von dem ganzen groen Vermgen auer dem, was sie bei
jetzt gespart hat, und das kann - fr die Ansprche solcher Leute wenigstens -
nicht allzuviel sein, eine verhltnimig geringe Wittwenpension; und auch die
fllt weg, im Falle Malte dem Beispiele seines Cousins Felix nachfolgen und auch
an der Auszehrung sterben sollte, was nebenbei im hchsten Grade wahrscheinlich
ist. Der Junge besteht jetzt schon nur aus Haut und Knochen.
    Da wre ja allerdings Helenens glnzende Heirath eine Art von Nothwendigkeit
im Sinn dieser Leute, obgleich ich berzeugt bin, da er fr Helene eine
traurige Nothwendigkeit ist.
    Weshalb?
    Im Vertrauen! ich glaube, ihr Herz hatte sich bereits nach einer andern
Seite entschieden, als sie dem Frsten das Jawort gab. Wollte Gott, sie wre von
Anfang an weniger zurckhaltend gegen mich gewesen; vielleicht wre alles anders
gekommen.
    Glauben Sie das nicht, in diesem Mdchen steckt ein hartnckiger Stolz, den
kein einzelner Mensch, den, glaube ich, nur das Schicksal beugen kann. Sie wird
Niemand einen unbedingten Einflu auf ihre Entschlieungen gestatten.
    Sagen Sie, Bemperchen, was ist denn eigentlich an dem Gercht, das Ihre Frau
von Berkow und den Baron mit einander in einem - sehr intimen Verhltnisse leben
lt? fragte Sophie nach einer kleinen Pause.
    Nichts, reinweg gar nichts, sagt Bemperlein mit groem Eifer, ich mchte nur
wissen, was die Leute eigentlich wollen! Es besteht eine Freundschaft zwischen
ihnen, die sich von ihren gemeinsam verlebten Jugendjahren her datirt. Das ist
Alles. Wenn sie Nachbarn sind und sich in Folge dessen hufig sehen, so ist doch
das wahrhaftig ganz unverfnglich. Sie knnten sich ja heiraten, wenn sie sonst
nur wollten. Anstatt dessen reis't der Baron nach Paris und lt sie in Schnee
und Eis auf dem einsamen Berkow. Das beweist doch sonnenklar, da von Liebe
zwischen ihnen die Rede nicht ist, oder es mte denn eine curiose Sorte Liebe
sein.
    In diesem Augenblick schrak Sophie freudig zusammen. In dem Fensterspiegel
hatte sie die Gestalt eines schlanken, eleganten, schwarzbrtigen Mannes
erblickt, der die nicht eben belebte Strae eiligen Schrittes heraufkam.
    Franz kommt! rief die junge Frau, whrend ihre groen blauen Augen
aufleuchteten und ein tieferes Roth ihre Wangen frbte; verstecken Sie sich,
Bemperchen!
    
    Aber, wohin? rief Herr Bemperlein, von dem Fenstertritt herabspringend.
    Nur dort hinter die Portire! Halten Sie in der Mitte fest, da sie nicht
auseinanderfllt - so!
    Die Klingel an der Hausthr ertnte, unmittelbar darauf wurde die Stubenthr
geffnet und Franz trat schnell heran.
    Ist Bemperlein nicht gekommen?
    Siehst Du ihn etwa hier?
    Nun sah Franz Herrn Anastasius Bemperlein freilich nicht, wohl aber auf
einem Stuhl einen Herrenhut und berdies die Falten der Portire in einer Weise
arrangirt, die nur dadurch mglich war, da eine Hand hineingegriffen hatte und
jetzt die beiden Theile fest zusammenhielt.
    Er fragte:
    Dieser Bemperlein ist doch ein ganz unzuverlssiger, leichtfertiger,
gewissenloser Springinsfeld; ein Mensch ohne Treu und Glauben, ohne Grundstze;
ein Charlatan, von dem es mir schon hundertmal leid gethan hat, da ich ihn
Herrn Plante als Director seiner chemischen Fabrik so lange empfohlen habe, bis
derselbe ihn mit tausend Thalern jhrlich und fnf Procent der Nettoeinnahme
engagirt hat; ein Don Juan von einem Bemperlein, der mit den Frauen seiner
Freunde heimliche Zusammenknfte hat, beim Nachhausekommen des Ehemanns sich
hinter der Portire versteckt und dabei so dumm ist, seinen Hut im Zimmer stehen
zu lassen; ein Harlequin von einem Bemperlein -
    Halt, sagte Bemperlein, den Vorhang auseinanderschlagend, ich bin erkannt.
    Die beiden Freunde eilten auf einander zu und umarmten sich mit groer
Herzlichkeit.
    Mit Ihr, wen ich so eben gesehen habe? sagte Franz, nachdem man das
Nothwendigste durchgesprochen.
    Nun? riefen Bemperlein und Sophie.
    Den Baron Oldenburg und Frau von Berkow.
    Unmglich! rief Bemperlein, einen verlegenen Blick auf Sophie werfend,
welchen diese mit einem schalkhaften Lcheln beantwortete.
    Was ich Euch sage. Ich begegnete ihnen in der Nhe des Schlosses Arm in Arm.
Frau von Berkow hat mir ihre Adresse gegeben und mich gebeten, sie zu besuchen.
Da! Sie hat die Kinder mit, und ich vermuthe, da sie lngere Zeit hier bleiben
wird. Ich sagte ihr, da wir Bemperchen heute erwarteten, und sie war ber diese
Nachricht sehr erfreut. Auch Baron Oldenburg lt gren und Ihnen sagen, da er
seit gestern mit Professor Berger von Paris zurck sei. Ihr wit doch, das sich
die Beiden in Paris getroffen und die ganze Revolution mitgemacht haben? Sie
logiren Hotel de Russie Unter den Akazien. Ich habe Frau von Berkow gerathen,
wenn sie nicht ganz besonders dringende Geschfte hier halten, die Stadt zu
verlassen, da wir voraussichtlich sehr unruhige Tage haben werden. In der
Albrechtsstadt schwirrt und wirrt es wie in einem Ameisenhaufen. Adjutanten und
Ordonnanzen jagen ventre  terre durch die Straen. Und der Albrechts- und
Brenstraen-Ecke sah ich sogar schon Kanonen aufgefahren. Unter den Akazien
soll es zu einem blutigen Zusammensto gekommen und ein Gardeoffizier von dem
Volke arg mihandelt sein. Einige nannten den Frsten Waldernberg. Der Lrm ist
so gro gewesen, da das Publikum das Opernhaus, trotzdem ein neues Ballet
gegeben wird, gleich nach Beginn der Vorstellung wieder verlassen hat. In der
Fischerstrae hat ein Volkshaufe einen Angriff auf einen Waffenladen gemacht,
und ein Bekannter will in der Gelbstrae die Anfnge einer Barricade gesehen
hoben. Mit einem Worte: die Stadt ist in einer fieberhaften Aufregung, und
deshalb, liebes Weibchen, wr' es recht gut, Du verschafftest uns Thee mit Rum,
anstatt hier zu stehen und mit offenem Munde den Schreckensnachrichten zu
lauschen.
    Sophie fiel ihrem Gatten um den Hals, drckte ihm einen Ru auf die Lippen
und eilte zur Thr hinaus, um das Abendbrod zu besorgen. Die beide Freunde
setzten sich unterdessen auf das Sopha und besprachen mit Ernst und
Grndlichkeit ihre eigenen und die ffentlichen Angelegenheiten.

                              Vierzigstes Capitel


Es war heute Abend kaum noch ein Platz zu haben in den vier oder fnf groen
Rumen, aus welchem der Dustre Keller bestand. Elise, Bertha und Pauline, die
Schenkmdchen, hatten zu thun, wenn sie jedem durstigen Gast das gefllte Seidel
bringen und bei jedem sich wenigstens doch so lange aufhalten wollten, bis er
Zeit gehabt, ihnen in die Wangen zu kneipen oder mindestens ein verbindliches
Wort zu sagen.
    Die Wirthin des Kellers hatte eben ihren Platz hinter dem Buffet verlassen,
um die Runde durch den Keller zu machen, hier einem Bekannten vertraulich auf
die Schulter zu klopfen, dort einen Fremden willkommen zu heien, hier ein
enthusiastisches Lob ber die Trefflichkeit des Biers huldvoll entgegen zu
nehmen, dort einen etwaigen Tadel dadurch zu entkrften, da sie das Glas des
Klgers an dem Mund fhrte und daraus einen Schluck that, der fr einen
durstigen Waidmann eben recht gewesen wre.
    So war sie denn jetzt auch an ein paar Mnner herangetreten, die in einer
Ecke allein an einem kleinen Tische saen und, die Kpfe zusammensteckend, sich
im Flsterton mit einem Eifer unterhielten, der deutlich genug bewies, da der
Gegenstand ihres Gesprches fr sie von ungewhnlichem Interesse war.
    Nun, Schmenckelchen, wie geht's? sagte Frau Rosalie, die fette Hand auf die
breite Schulter des starken Herrn im Sammetrock legend; mir ducht, Ihr seht ein
wenig echauffirt aus. Trinkt nur nicht zu viel, damit Ihr hernach Eure
Kunststcke ordentlich macht. Ihr habt heute ein groes Publicum.
    Ich frcht' ich werd' heute Abend nicht Gescheidtes mehr zusammenbringen;
sagte der Director, dessen aufgedunsenes Gesicht sehr stark gerthet war, mit
lallender Zunge.
    Aber, Schmenckel, Ihr habt es ja versprochen! erwiderte Frau Rosalie, und
ihre Augen blickten nichts weniger als freundlich; eine Liebe, wit Ihr, ist der
andern werth.
    Mein Freund Schmenckel besinnt sich noch, verehrte Frau! sagte der Begleiter
des Directors; er ist fr den Augenblick nur etwas angegriffen von einem
Rencontre, das wir von einer Stunde Unter den Akazien gehabt haben. Uebringens
freue ich mich ganz ausnehmend, verehrte Frau, da ich durch Herrn Schmenckel
Ihre neue Adresse erfahren habe; ich habe Sie nach Ihrer alten seit zwei Tagen
in der ganzen Stadt vergeblich gesucht.
    Frau Rosalie Pape warf einen prfenden Blick auf den Sprecher. Es lag in
seiner ganzen Erscheinung und in seiner Art zu sprechen ein Etwas, durch welches
sie sich angenehm berhrt fhlte.
    Mit wem habe ich das Vergngen? fragte sie.
    Ganz auf meiner Seite! Wollen Sie uns nicht fr einen Augenblick die Ehre
ihrer Gesellschaft gnnen? sagte der junge Mann, Frau Rosalien den noch
unbesetzten dritten Stuhl am Tische prsentirend; mein Name ist Albert Timm -
aus Grnwald - ich habe einen Empfehlungsbrief an Sie von einem alten Freunde,
der Sie bestens gren lt. Darf ich mir erlauben, dieses Document in Ihre
schnen Hnde zu legen? Und Herr Timm berreichte der Frau einen unversiegelten
Brief, den er aus einer sehr schbigen Brieftasche genommen hatte.
    Frau Rosalie schien ber diese Mittheilung ein wenig betreten. Sie warf
abermals einen noch schrfer prfenden Blick auf den Fremden, entfaltete den
Brief, wandte sich so, da das Licht der Gasflamme darauf fiel und las:
    Liebe Rosalie, Ueberbringer dieses ist ein sehr guter Freund von mir, dem du
unbedingt vertrauen kannst. Er wird dir in Beziehung auf die * witzer Geschichte
eine Mittheilung machen, da Dir die Augen bergehen werden. Wenn du und
Jeremias ihm beistehen wollt, zweifle ich nicht, da wir einem gewissen Erben zu
seiner Erbschaft und uns zu einem Profit verhelfen knnen, der sich gewaschen
hat. Adies! Es mag dir immerhin wohl gehen, aber auch Deinem, Dich noch immer
zrtlich liebenden T.G.
    Sie kennen die Hand? fragte Herr Timm, als die Frau, nachdem sie den Brief
zweimal sorgfltig gelesen, und dann nicht minder sorgfltig zusammengefaltet
und in die Tasche gesteckt hatte, jetzt mit einem mitrauischen Blick zu ihm
ausschaute.
    Die Hand kommt mir allerdings bekannt vor, erwiderte sie.
    Vorlufig die Hauptsache. Das Uebrige will ich Ihnen zur gelegenen Zeit
schon sagen. Ich hoffe, da Sie mir noch heute Abend das Vergngen und die Ehre
einer Vertraulichen Unterhaltung gewhren. Ich bin berzeugt, da wir vor morgen
frh die besten Freunde sind.
    Die Zuversicht und Bestimmtheit in dem Auftreten des jungen Mannes imponirte
Frau Rosalie entschieden. Sie erwiderte den vertraulichen Druck von Alberts Hand
und erhob sich, da gerade in diesem Augenblick eines der Mdchen des "Dustern
Kellers" herantrat, zu melden, da man am Buffet nach der Gebieterin verlange.
    Albert wandte sich zu Schmenckel, welche in seine Gedanken so vertieft war,
da er der Unterredung zwischen seinem Freunde und Frau Rosalie wenig oder gar
keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und sagte, die Abgebrochene Unterhaltung
wieder aufnehmend:
    Ich begreife nicht, wie Sie auch nur einen Augenblick zweifeln knnen. Ich
sage Ihnen, wie Ihr Euch so einander gegenber standet, fiel mir die
Aehnlichkeit auf, obgleich ich in dem Augenblicke wahrhaftig nicht viel Zeit
hatte, lange Beobachtungen zu machen. Ich gebe zu, der Zufall ist ganz
wunderbar, der Euch nach so vielen Jahren zum ersten Male, ohne das Ihr von
Eurer gegenseitigen hochverehrlichen Existenz auch nur eine Ahnung habt, an
diesem Orte und zu dieser Stunde zusammenbringt; aber was ist's denn weiter? ich
habe allen Respekt vor dem Zufall, denn er hat mir schon oft im Leben aus der
Patsche geholfen, wenn's mit allem Verstand der Verstndigen Matthi am letzten
war. Und dieser Zufall ist zu famos, als da er nicht etwas mehr als bloer
Zufall sein sollte. Und was ist's denn schlielich so Wunderbares? Sie sind vor
zweiundzwanzig Jahren der Galan eines wollstigen Weibes. Der Gemahl ist whrend
der ganzen Zeit verreist und kommt nur nach Hause, um nachzusehen, wie gro die
Hrner sind, die feine treue Gattin fr ihn in Bereitschaft hat, und sich
nebenbei von dem Galan zum Fenster hinauswerfen zu lassen. Die Dame hat in ihrer
Ehe nur ein Kind gehabt und dieses einzigen Kindes Alter stimmt auf ein Haar.
Sie sind, sagen Sie, im Herbst Achtzehnhundertfnfundzwanzig in Petersburg
gewesen, und der Frst ist im Juni sechsundzwanzig geboren. -
    Woher wissen Sie denn das aber? fragte Herr Schmenckel und kraute sich
unglubig den dicken Kopf.
    Ich sage Ihnen, Mann, da ich es wei. Das kann Ihnen doch genug sein. Und
gesetzten Falls, der Bursche wre Ihr Sohn nicht, so -
    Aber warum sollt' er denn nicht mein Sohn sein? rief Herr Schmenckel und
schlug mit seiner schweren Faust auf den Tisch; seh' ich aus, als ob ich dazu
nicht im Stande wre?
    Albert nahm die Brille ab, wischte die Glser rein, setzte sie sich wieder
auf, schaute lachend in des Seiltnzers hochgerthetes Gesicht und sagte
gemthlich:
    Hrt mal, Alter, Ihr seid der nrrischste Kauz, der mir in meinem Leben
begegnet ist. Erst spreche ich mich vergeblich heiser, um Euch zu beweisen, das
Ihr der Vater von diesem hoffnungsvollen Jngling seid, und bei der bloen
Annahme, Ihr wret es nicht, werdet Ihr grob und prgelt mich am Ende noch
durch. Ich wollte aber nur dies sagen: gesetzten Falls, der Bursche ist nicht
Euer Sohn, so kommt darauf auch nicht so viel an. Wir wollen vorlufig einmal
auf den Busch klopfen, vorlufig einmal anfragen, ob sich die gndige Frau
Frstin noch eines gewissen Herbstes in Petersburg erinnert und so weiter, und
so weiter - ich setze meinen Kopf gegen einen hohlen Krbis: wir jagen sie in's
Bockshorn, das ihnen die Rubel nur so aus den Aermeln fallen.
    Aber werden Sie uns nicht die Polizei auf den Hals schicken? meinte Herr
Schmenckel, den Kopf schttelnd.
    Pah! sie werden froh sein, wenn sich kein Dritter hineinmischt! Es giebt fr
Leute wie wir keinen besseren Bundesgenossen, als so ein schlechtes Gewissen -
ich sage Ihnen, ich habe Erfahrung in diesem Fach.
    Herr Schmenckel dachte ber den verzwickten Fall so tief nach, das ihm der
Kopf glhte. Pltzlich kam ihm ein Gedanke, der, wenn auch nicht Licht in die
rthselhafte Angelegenheit, so doch in den Charakter seines neuen Freundes
werfen konnte.
    Aber, sagte er, was habt den nur Ihr eigentlich fr ein Interesse an der
ganzen Geschichte?
    Pfui, Herr Director, antwortete Albert mit groer Indignation; eine solche
Frage htte ich Ihnen nicht zugetraut! Haben Sie mich nicht aus den Klauen der
Soldaten gerettet? Wscht eine Hand nicht die andere? giebt's auf der Welt nicht
ein solches Ding, wie Dankbarkeit? Wenn Sie partout ein armer Teufel bleiben und
auf den Jahrmrkten herumziehen wollen, whrend Sie eine anstndige Pension von
einigen Tausend Rubeln jhrlich in Ihrem eigenen Hause verzehren und in Ihrer
eigenen Equipage fahren knnen - mir ist es recht! Verzeihen Sie, da ich Sie
mit diesen Dingen behelligt habe, und lassen Sie uns von etwas Anderem sprechen.
    Aber so nehmen Sie doch Vernunft an, rief Schmenckel ngstlich; es fllt mir
ja gar nicht ein, es Ihnen irgendwie bel zu nehmen, da Sie mich partout zu dem
Vater von einem Frsten machen wollen. Aber das ich einen so vornehmen Sohn hab'
und gleich das erste Mal, da ich ihn erschau', sollt' durchgewammst haben, das
ist doch dann so erstaunlich, wenn Caspar Schmenckeln das Andere erzhlen
thten, er glaubt's nimmer.
    Ich sehe nicht ein, sagte Albert, weshalb das erstaunlicher ist, als da ich
von den Tausenden in der Volksversammlung ganz zuflligerweise Euere
Bekanntschaft mache, da wir unter tausend Officieren gerade dem Frsten in den
Weg laufen, ich ihn ganz zuflligerweise von frher her kenne, seinen Namen
weis, Ihnen den Namen nenne und Sie an den Namen eine Reminiscenz aus ihrem
Wanderleben knpfen, die uns zu einer so unbezahlbaren Entdeckung verhilft. Ich
kann Sie versichern, da ich im Anfang fast eben so erstaunt gewesen bin, wie
Sie, aber dergleichen dauert bei mir, Gott sei Dank, nicht lange.
    Albert warf sich in seinen Stuhl zurck und stocherte sich die Zhne.
Schmenckel betrachtete mit unendlicher Verwunderung, in die sich eine Art von
Grauen mischte, den Mann, der sich selbst durch eine so auerordentliche
Begebenheit nicht aus der Fassung bringen lie.
    Es war mehrere Stunden spter. In dem "Dustern Keller", in welchem es heute
nacht sehr lebhaft zugegangen, waren nur noch wenige Gste hier und da
zerstreut, kleine Gruppen von drei und vier Personen - Leute von zum Theil
wunderlichem Aussehen, Mnner in schbiger, manchmal phantastischer Kleidung mit
verwsteten, interessanten Gesichtern, aus denen die Augen bald in Leidenschaft
aufblitzen, bald stumpfsinnig in's Leere starrten - seltsame Gestalten, die,
ohne da sie den Mund ffneten, dem kundigen Auge lange Geschichten erzhlten
von stolzen Plnen und kindischen Thaten, von groen Talenten und noch grerer
Lderlichkeit, hohem Stolz und tiefer Schande, sinnloser Schwelgerei und
nagendem Hunger, von unerhrten Anstrengungen eines Fleies, der zu dem
Schicksal des Sisyphus, und eines Ehrgeizes, der zu den Qualen des Tantalus
verurtheilt ist, bis Flei und Ehrgeiz und jede Tugend, ja, jede Regung in dem
Sumpfe apathischer Gleichgltigkeit versinkt.
    Doch auch diese Gruppen lsten sich allmhlig auf; eine Flamme nach der
andern wurde von den armen Mdchen ausgelscht, die schon seit einer Stunde hier
und da in der Ecken, mit den hbschen Kpfen auf den runden Armen, geschlafen
hatten, und zuletzt war Niemand mehr da, als Herr Schmenckel, der auf einem der
Sophas schnarchte, und zwei andere Herren, welche mit der Wirthin des Locals an
einem runden Tischchen bei einer Flasche Champagner saen. Der eine dieser
Herren war Albert Timm, der andere ein Mann in mittleren Jahren, der erst vor
einer Stunde etwa gekommen und von Frau Rosalie Herrn Timm als der Bruder seines
Grnwalder Wirthes, Herr Jeremias Gutherz, vorgestellt worden war, und den
Albert seiner Kleidung und seinem ganzen Aussehen nach fr einen kleinen Brger
in nicht unebnen Verhltnissen gehalten haben wrde, fr eine Gewrzkrmer
vielleicht, oder Tabakshndler, wenn nicht in den schmalen, von dichten Brauen
berschatteten Augen ein Etwas gelegen htte, das anzudeuten schien: die
Beschftigung des Herrn sie keine ganz so harmlose, zum mindesten nicht immer
eine so harmlose gewesen.
    Die drei Personen hatten eine sehr eifrige Unterredung gefhrt deren
Resultat Albert jetzt zusammenfate.
    Es handelt sich also um zweierlei, sagte er; einmal, uns einen Einblick in
die Taufregister der St. Marienkirche, oder noch besser, eine vidimirte
Abschrift des Taufzeugnisses zu verschaffen, zweitens um die Auffindung der
Hauptperson in dieser Komdie, ich meine des Herrn Oswald Stein.
    Woraus wissen Sie denn aber, da er sich hierher wenden wird? fragte der
Mann mit den seltsamen Augen.
    Ich vermuthe es nur. Er schrieb mir vor acht Tagen aus Paris: er knne sich
dort nicht mehr halten und msse suchen, der Heimath nher zu kommen, so lange
er die Reise noch bezahlen knne. Mir scheint es unzweifelhaft, da er sich
hierher gewandt hat, oder wenden wird, wo er, wie ich von ihm selbst wei, schon
als Student literarische Verbindungen der verschiedensten Art angeknpft hatte
und deshalb noch am leichtesten hoffen darf, fr sich und seine Holde
Subsistenzmittel herbeizuschaffen. Nur glaube ich nicht, da er unter seinem
wahren Namen auftreten wird, um sich nicht etwaigen unangenehmen Begegnungen mit
den Verwandten der Frau von Cloten, die ihm, wie ich wei, berall nachspren
und ihn hier sicher sehr bald entdecken wrden, auszusetzen.
    Die Erledigung dieses Punktes berlassen Sie meinem Freunde hier; sagte Frau
Rosalie, dem Herrn mit den sonderbaren Augen die Hand vertraulich auf den Kopf
legend; und nun, Ihr Herren, glaube ich, ist es Zeit, da wir uns trennen.
Morgen ist auch wieder ein Tag. - Ja, aber was fangen wir denn mit dem dicken
Kerl da auf dem Sopha an, der heute fr zwlf getrunken hat?
    Wir werden ihn nach Hause bringen mssen, wenn Sie, schne Frau, nicht ein
Pltzchen fr ihn in Bereitschaft haben; erwiderte Albert mit einem
bezeichnenden Blick.
    Sie Schker! sagte die Dame, Albert in die Wangen kneipend; ich werde Ihnen
das lose Maul stopfen.
    Aber hoffentlich doch nur mit einem Kusse!
    Sie loser Vogel! rief die Frau und schien nicht bel Lust zu haben, das
Mittel in Anwendung zu bringen.
    Albert wandte sich pltzlich zu Herrn Schmenckel und fing an, ihn erst
schwcher, dann strker und zuletzt aus allen Leibeskrften zu schtteln.
    Uff, lallte der Riese im Schlaf; lat mich los, ich will schon mit dem Bub'
fertig werden.
    Was will er? sagte der Herr mit den sonderbaren Augen.
    O, er schwatzt im Schlaf, sagte Albert; geben Sie mir einmal ein Glas
Wasser, Elischen, ich glaube, das wird ihn am ersten zu sich bringen.
    Endlich stand der Kolo aufrecht da, und man gelangte, wenn auch nicht ohne
einige Mhe, die Kellertreppe hinauf, auf die Strae.
    Die Nacht war sehr finster, kein Stern am Himmel sichtbar. Der Wind wehte in
klagenden Sten durch die den Gassen und drohte die flackernden Gaslichter
ebenfalls auszulschen. Herr Schmenckel kam in der frischen Luft wenigstens so
weit zu sich, da er seine Begleiter zrtlich umarmte, ihnen ewige Freundschaft
schwur und jeder hunderttausend Silberrubel versprach, sobald es sich aus sicher
herausgestellt, da der Frst Waldernberg, den er heut' Unter den Akazien
durchgeprgelt, wirklich sein Sohn sei. So kamen sie an das Haus und schlielich
auch in das Stbchen des Hintergebudes, in welchem Herr Schmenckel seine
Wohnung aufgeschlagen. Der Riese taumelte auf sein drftiges Lager; und seine
beiden Begleiter entfernten sich, nachdem Herr Jeremias mit einer Blendlaterne
die er zu Timms nicht geringer Verwunderung aus der Tasche zog, in alle Winkel
des Zimmers geleuchtet, wo sonderbare Gerthschften: eiserne Kugeln, Reifen von
Messing, Stangen und Stbe von allen Sorten, Trommeln und Trompeten und
Flitterkram jeder Art in wster Unordnung aufeinander geschichtet waren.
    Nun mssen Sie das Ma Ihrer Gte voll machen, sagte Timm, als sie wieder
auf der Strae standen, und mir sagen, wie ich nach Hause komme. Ich wohne -
    Weies Ro in der Falkenstrae Nr. 43, nach hinten; Unterbrach ihn Herr
Jeremias Gutherz, indem er seine Laterne verschlo und in die Tasche steckte.
    Sind sie des Teufels, rief Herr Timm, unwillkrlich einen Schritt
zurcktretend. Wie knnen sie meine Wohnung wissen, die ich hier noch Niemand
gesagt habe?
    Glauben Sie, das ein so bedeutender Redner der Volksversammlung unter den
Buden uns lange unbekannt bleiben kann? sagte der Mann mit der Blendlaterne.
    Uns? wer ist uns? fragte Timm.
    Das kann Ihnen gleich sein. Jedenfalls mchte ich Ihnen den Rath geben, Ihre
Redebungen lieber innerhalb Ihrer vier Pfhle zu halten, schon unserer
Angelegenheit wegen, die arg in's Stocken gerathen mchte, wenn Sie eingesteckt
wrden.
    Pah, sagte Timm, glauben Sie denn, da mir etwas an der Ruhm eines
politischen Mrtyrers liegt? Ich habe den Leuten eine Rede gehalten, weil ich
berhaupt gern rede, und zweitens, weil ich mich ber die Spatzenkpfe rgerte.
    Desto besser; sagte der Andere trocken.
    Timm warf, indem sie eben jetzt unter einer Gaslaterne hinschritten, einen
Blick auf seinen Begleiter, und der rtselhafte Ausdruck der Augen des Mannes
und die Blendlaterne und das "Uns" wurde ihm pltzlich klar.
    Entschuldigen Sie, Herr Guthertz, sagte er: ich glaube von ihrem Herrn
Bruder gehrt zu haben, da Sie ein sehr geschtztes Mitglied der geheimen
Polizei sind.
    Der Mann mit den sonderbaren Augen lchelte:
    Ihr seid ein schlauer Fuchs! sagte er, und habt eine seine Nase. Mein Bruder
hat's Euch nun freilich nicht gesagt, denn der wei nichts davon, und Rosalie
auch nicht, denn die wei es freilich, hat aber ihre Grnde, reinen Mund zu
halten; also -
    Wird's wir wohl der Teufel gesagt haben, unterbrach ihn Timm, dem diese
gelungene Probe seines Scharfsinns die alte Sicherheit wiedergegeben hatte. Ich
glaube, ich htte es in Eurem Fache weit bringen knnen.
    Das kme vielleicht nur auf Sie an.
    Wie so?
    Der Mann mit den seltsamen Augen antwortete auf diese Frage nicht, sondern
sagte, als sie jetzt an einer Ecke angekommen waren:
    Das ist Ihre Strae. Ich komme heute Vormittag um elf Uhr zu Ihnen. Da
wollen wir den die Angelegenheit weiter besprechen.
    Die Mnner trennten sich. Ihr Futritt verhalte in den einsamen Straen,
whrend ber die hohen Dcher schon das graue Morgenlicht herberlugte.

                           Einundvierzigstes Capitel


In einem stattlichen Zimmer eines stattlichen Htels Unter den Akazien saen am
Abend des folgenden Tages Melitta und Oldenburg auf dem Sopha. Auf dem Tische
brannte eine Lampe; angezndete Lichter standen auf den Spiegeltischen und auf
dem Sims des Kamins. Frau von Berkow erwartete heute Abend noch mehr Besuch, und
Oldenburg hatte nur das Recht des Hausfreundes, vor der bestimmten Zeit zu
kommen, in Anspruch genommen.
    Ich finde, Du bist heute Abend sehr schweigsam, Adalbert! sagte Melitta, die
Arbeit, an der sie genht hatte, auf den Tisch legend und sich mit einem
freundlichen Lcheln zu Oldenburg wendend: ich schwatze Dir von den Kindern vor,
wie krftig der Junge geworden ist und wie hbsch Czika in den modernen Kleidern
aussieht, und du schaust d'rein, wie - nun wie nur gleich?
    Wie der Ritter von der traurigen Gestalt, ohne Zweifel; wenigstens fhle ich
mich so von dem Scheitel bis zur Sohle, erwiderte Oldenburg aufstehend und einen
Gang durch das Zimmer machend.
    Da ich nicht wte! sagte Melitta; ich dachte, Du nhmest Dich in diesem
grauen Anzug nach der neuesten Pariser Mode ganz besonders stattlich aus.
    Ohne Scherz, Melitta; ich bin in der That in einer traurigen
Gemthsverfassung.
    Das ist ein allerliebstes Compliment fr mich, die ich nur Dir zu Liebe -
hren Sie wohl, mein Herr, nur, um Ihnen eine, wie ich hoffte, angenehme
Ueberraschung zu bereiten - aus meinem traulichen Nest die lange Reise mit den
Kindern hierher mache in diese langweilige Stadt, und mir jetzt am Ende noch
sagen lassen mu: Du httest auch wohl zu Hause bleiben knnen.
    Willst Du es glauben, Melitta, da mir dieser Gedanke wirklich gestern und
heute schon ein paar Mal gekommen ist?
    Das ist stark! erwiderte Melitta und wute im Augenblick nicht, ob sie die
Worte Oldenburgs fr Wahrheit oder fr Scherz nehmen sollte.
    Der Baron lies sie nicht lange in dieser Ungewiheit; er setzte sich wieder
zu ihr, ergriff ihre Hand und sagte:
    Liebe Melitta, meine Worte klingen sehr hart, aber frage Dich selbst, ob ich
als Mann nicht so fhlen und denken mu. Da ich Dir fr Deine Gte in tiefster
Seele dankbar bin, das weit Du, solltest Du wenigstens wissen. Auch da Du fr
mich Deinen guten Ruf auf's Spiel setzest, schlage ich so hoch eben nicht an,
denn es ist ein jmmerlich Ding um das Urtheil der Welt; ich hab's mein
Lebenlang verachtet. Es ist etwas ganz Anderes, was mich hindert, rechte Freude
an diesem Wiedersehen zu haben; und ich will Dir offen sagen, was dieses Etwas
ist. Sieh, Melitta, es ist dem Manne angeboren, da er fr das, was er liebt,
auch sorgen und schaffen will, ja noch mehr, da er die Geliebte in einer
gewissen Abhngigkeit von sich sehen will, ich meine: abhngig von seiner Kraft,
seinem Muth, seiner Einsicht. An der Unmglichkeit, das Verhltni so zu
gestalten, ist manche starke liebe schon gestorben, verzehrt sich manche starke
Liebe. So auch meine Liebe zu Dir. Ich kann, wie die Sache jetzt liegt, nur, so
zu sagen, im Vorbeigehen fr Dich leben, sorgen und schaffen, nicht zu jeder
Stunde, jeder Minute, wie ich es wnsche, wie ich es mu, wenn ich glcklich
sein will. Auf dem Lande, wo wir, die Nachbarn ungestrt und unbelauscht oft
halbe Tage lang beisammen sein konnten, ging es noch: und dennoch war das Gefhl
der Halbheit so peinlich fr mich, da ich den politischen Verhltnissen dankbar
war und gern nach Paris ging, um mir einbilden zu knnen, es lge zwischen Dir
und mir nur die Entfernung und weiter nichts. Hier nun aber, in der groen
Stadt, berkommt mich das leidige Gefhl mit doppelter Gewalt; ja, es ist, als
ob der Moment, in welchem wir uns hier getroffen haben, ausgesucht wre, mir das
Verkehrte, das Geschraubte, das Unnatrliche unseres Verhltnisses so recht zu
Gemthe zu fhren. Wir stehen hier auf einem Vulkan, der jeden Augenblick zum
Ausbruch kommen kann. Schon schwankt der Boden unter unsern Fen, und ehe noch
viele Tage vergehen, werden wir unerhrte Dinge erleben. Ich zittere nicht vor
der Entscheidung; im Gegentheil, ich sehne sie herbei, denn sie ist nothwendig
und wird fr uns zum Heile ausschlagen. Aber um in den Tagen der Noth und
Gefahr, die ber unser Volk hereinbrechen, fest zu stehen, um ein ganzer Mann
nach auen sein zu knnen, mu ich erst in mir selbst zur Ruhe kommen, und das
kann ich unter diesen Verhltnissen nicht, das kann ich nur, wenn ich wei, da
ich fr Weib und Kinder rede, handle, kmpfe und, wenn es sein mu, falle.
    Des Barons Stimme zitterte, obgleich er sich augenscheinlich Mhe gab, so
ruhig und berzeugend wie mglich zu sprechen. Er hatte sich noch nher zu
Melitta gebeugt, die ihr schnes Haupt tief gesenkt hatte. Als er schwieg,
blickte sie auf und zeigte Oldenburg ein bleiches, thrnenberstrmtes Gesicht.
Sie sagte mit leiser Stimme:
    Wollte Gott, Adalbert, ich knnte Dir, um Deinet-, um meinet-, um unser
Aller willen, das Weib sein, dessen Du entbehrst. Weshalb kannst Du es nicht?
    Du weit es.
    Aber, Melitta, soll denn die Erinnerung an diesen Mann, den Du unmglich
noch Lieben kannst, von dem Du selbst sagst, da Du ihn nicht mehr liebst, uns
ewig trennen! Hast Du dein Unrecht, wenn es unrecht war, dem Zuge eines Herzens,
das sich frei wute, zu folgen, - nicht durch tausend Thrnen geshnt? Willst du
mir nicht noch, was Du mir immer warst? Und, wenn doch einmal zwischen uns
abgerechnet werden soll, hast Du mir, wenn Du mir wrdigst, Deine Gatte zu sein,
nicht mehr zu vergessen und zu verzeihen, als ich Dir? Ist es vernnftig, die
Frau zu dem Opfer eines rigorosen Sittengesetzes zu machen, ber das sich der
Mann mit Leichtigkeit hingesetzt? Wer hat dies unvernnftige Gesetz geschaffen?
Nicht ich, noch Du - was sollen denn Du und ich sich ihm beugen? Ich sage Dir,
der Tag der Freiheit, der heraufdmmert, wird diese und noch manche Satzung, die
ein finsterer Mnchsinn ausgrbelte, die Natur zu knebeln und zu qulen,
aufheben und die Bltter, auf denen sie verzeichnet stehen, in alle vier Winde
wehen.
    Wenn dieser Tag kommt - und wenn er mir kommt, erwiderte Melitta: ich will
ihn mit freudigem Herzen begren. Ist es wirklich ein Wahn, was mich hindert,
in Deine Arme zu fliegen, und zu sprechen: nimm mich, ich will Dein sein nun und
immerdar! - habe Mitleid mit mir! ich leide ja eben so viel darunter, wie Du;
aber Adalbert: ich bin ein Weib; und das Weib kann wohl auf den Tag der Erlsung
hoffen und harren, aber fr diesen Tag kmpfen, wie Ihr, kann es nicht. Und bis
dieser Tag kommt, bis ich mich so frei fhle, wie ich mich fhlen mu, wenn ich
mit Ehren die Deine sein will, mu es bleiben, wie es ist.
    Melitta hatte dies mit einer leisen, traurigen Stimme gesagt, und Oldenburg
fhlte, das es Grausamkeit sei, weiter in sie zu dringen. Er nahm ihre Hand,
kte sie und sagte:
    La es gut sein, Melitta! Ich bin geduldig. Und dann: der Tag der Erlsung,
den Du erharrst, mu ja doch einmal kommen.
    In diesem Augenblick wurde die Thr geffnet, und der alte Baumann meldete
den erwarteten Besuch an. Melitta fuhr sich mit dem Taschentuche ber die Augen,
whrend Oldenburg Sophie entgegenging, die von ihren Gatten und Bemperlein
begleitet, so eben zur Thr hereintrat.
    Melitta und Sophie sahen sich heute Abend zum ersten Male, aber man bemerkte
nichts von der Frmlichkeit einer ersten Begegnung. Die beiden Damen hatten von
einander (besonders Sophie von Melitta) so oft und so viel gehrt, da sie sich
selbst bis auf die Einzelheiten der uern Erscheinung bekannt waren. Dennoch
betrachteten sie sich, whrend sie sich die Hnde reichten und die ersten Worte
wechselten, mit nicht geringer Aufmerksamkeit, wobei denn Sophie die Bemerkung
machte, da Melitta viel weicher und milder erschien, als sie sich die vornehme
Dame gedacht hatte, und Melitta umgekehrt, da Sophie lange nicht so ernst und
athenenhaft drein schaute, wie nach Bemperleins Beschreibung die kluge,
geistreiche Tochter des Geheimraths drein schauen mute. Auch den Baron
Oldenburg sah Sophie heute zum ersten Male, ebenso wie er sie, und sie warf vom
Sopha aus manchen prfenden Blick nach dem langen, grau gekleideten Mann, der in
der Mitte des Zimmers mit der beiden Herren plauderte, whrend er ebenso von
seinem Standpunkte aus die beiden Damen beobachtete und fand, da sie in der
ppigen Flle des gleicherweise weichlockigen Haares und in dem Schnitt und
Ausdruck der groen Augen eine gewisse Aehnlichkeit hatten, wie zwei Rosen, von
denen die dunklere, vollere den schnen Kelch vollkommen erschlossen hat,
whrend die andere hellere, die zart gefrbten Bltter eben erst zum Licht des
Tages entfaltet.
    An Stoff zur Unterhaltung fehlte es dem Kreise nicht in diesen Aufgeregten
Tagen, wo eine fieberhafte Unruhe in den Geistern Aller whlte, weil auf alle
der Schatten, welchen die kommenden groen Ereignisse vor sich herwarfen,
gleicherweise drckte. - Ich bin im Herzen Republikaner, sagte Franz, aber ich
trage kein Verlangen danach, die Republik proclamirt zu sehen, weil ich nicht
glaube, da uns das eben wesentlich weiter bringen wird, so lange wird das Uebel
nicht bei der Wurzel erfassen. Des Uebels Wurzel sehe ich aber in dem dumpfen
Pfaffenglauben, welcher die Natur der Dinge auf den Kopf stellt und die Menschen
statt zu freien Brgern dieser Erde zu Heloten eines transcendenten Dogmas
erzieht, und anstatt die Solidaritt der Interessen aller Menschen zu
proclamiren, - eine These, welche die Vernunft begreifen und die Thatkraft ben
kann, - dunkel von einer allgemeinen Bruderliebe lallt, gegen die sich, in dem
Sinne wenigstens, wie man sie geist- und sinnlos von tausend Kanzeln und
Kathedern predigt, jedes gesunde Gefhl strubt.
    Ich wei nicht, Herr Doctor, erwiderte Oldenburg, ob Sie dabei die Wirkung,
welche ein nach den Principien der Vernunft geordnetes ffentliches Wesen - res
publica, meine Damen, nannten es die Rmer, und weil diese Bezeichnung die Sache
am besten deckt, kommen die modernen Vlker, welche aus dem geheimen Wesen, oder
vielmehr der offenbaren Verwesung des Polizeistaates ein freies und frhliches
Leben machen wollen, immer wieder auf dieselbe zurck - ich wei nicht, sage
ich, ob Sie der Unterschied zwischen einer vernunftgemen und einer
unvernnftigen Staatsform doch nicht zu gering anschlagen. Abgesehen davon, da
die persnliche und, so zu sagen, materielle Freiheit die freie Bewegung auf den
geistigen Gebieten nothwendig in Gefolge hat, so wird auch ganz gewi die
verderbliche Wirkung vernunftwidriger Religionslehren in der Republik viel
geringer sein, als in einem absoluten Staate, gerade so wie schdliche Dnste,
die in einem geschlossenen Raume vielleicht tdlich sind, in der freien Luft
ohne Gefahr eingeathmet werden knnen. Und dazu kommt noch dies: in einem
Staate, der despotisch regiert wird, ist es nur zu gewi, da die weltliche
Tyrannei mit der geistlichen ein Schutz- und Trutzbndni eingeht, was in einem
freien Staate, wo die Gewalt in Aller Hnden ruht, nicht wohl mglich ist. Das
Muckerthum in England zum Beispiel - obgleich ich England keineswegs als einen
freien Staat im hchsten Sinne des Wortes ansehe - flchtet sich in einsame
Fabrikdistricte, oder bildet in den Stdten obscure Conventikel, um die sich
schlielich Niemand kmmert; bei uns ist eine Macht, deren furchtbare Wirkung
wir Alle gefhlt haben, ein Gift, das sich in allen Andern des Staatskrpers
verbreitet und jede gesunde Kraft paralysirt. Um es mit einem Worte zu sagen: in
einem freien Staate kann der Einzelne noch so krank sein, aber das gemeine Wesen
ist und bleibt deshalb doch ein Geheimniswohl; in dem Polizeistaate giebt es
wohl gesunde Private, aber das gemeine Wesen ist nur eine groe allgemeine
Krankheit. Ich mchte, Sie htten die Verhandlung mit angehrt, die ich in Paris
mit Berger ber die schwere Noth einer Zeit gefhrt habe, die beinahe nur noch
problematische Naturen hervorbringt.
    Wo ist der Professor? Fragte Bemperlein; ich hatte der Frau Doctor Hoffnung
gemacht, den alten Freund ihres Vaters heute Abend hier zu sehen.
    Ich wei es nicht, erwiderte Melitta; wissen Sie es nicht, Oldenburg?
    Nein; ich habe ihn in der Volksversammlung von meinem Arme verloren. Ich
glaube indessen sicher, da er noch kommt.
    Problematische Naturen, sagte Franz, der, dem angeregten Gedanken
nachhngend, den letzten Theil des Gesprches berhrt hatte; wissen Sie, Herr
Baron, da ich diesen Goethe'schen Ausdruck schon in Verbindung mit Ihrem Namen
hrte und zwar aus dem Munde eines Mannes, der mit sehr theuer gewesen ist und
an dem auch Sie, so viel ich wei, groen Antheil genommen haben? - Sie brauchen
nicht ungeduldig auf den Tisch zu trommeln, Bemperlein; ich wei, da Sie sich,
ganz gegen ihre sonstige fromme Denkungsart, in einen hchst unfrommen Ha gegen
Oswald Stein hineingeredet haben, und ich erwhne unseres gewesenen Freundes
hier auch nur, weil er mir, ebenso wie sein Lehrer Berger, immer als ein Typus
der problematischen Naturen erschienen ist.
    Da Franz von dem Verhltni Oswald's zu Melitta auch nicht die mindeste
Ahnung hatte, so entging ihm natrlich die Rthe, welche so pltzlich in den
Wangen der Dame aufflammte, da sie sich, dieselbe zu verbergen, tief auf ihre
Arbeit beugte; und die Heftigkeit, mit welcher Bemperlein sagte: Ich dchte,
Franz, dieser Mensch wre einer Erwhnung gar nicht mehr werth; reizte ihn nur
zum Widerspruch.
    Denken Sie das auch, Herr Baron? sagte er, sich zu Oldenburg wendend;
sollten Sie auch einen Menschen schonungslos verdammen, dessen grtes Unglck
es vielleicht ist, in dieser Zeit geboren zu sein?
    Nein, sagte Oldenburg ruhig und ernst; ich habe das alte Wort, da wir nicht
richten sollen, um nicht selbst gerichtet zu werden, nicht vergessen. Ich habe
stets die herrlichen Gaben, mit welchen die Natur jenen Mann verschwenderisch
ausgestattet hat, aufrichtig bewundert, und es stets lebhaft bedauert, wie ich
es denn noch bis zu diesem Augenblick thue, da ein so reicher Geist, wie ein
allzu ppig emporgeschossener Baum, nur taube Blthen tragen sollte, von denen
keine sich zur Frucht entwickelt.
    Whrend Oldenburg so sprach, hatten seine Augen fest auf Melitta geruht, die
jetzt ihr Antlitz wieder erhoben hatte und ihn ihrerseits so prfend anblickte,
als wollte sie ihm bis auf den Grund der Seele schauen. Franz interessirte sich
fr Oswald noch immer zu sehr, als da ihn Oldenburg's Worte nicht innig htten
erfreuen sollen. Er erwiderte deshalb in lebhaftem und herzlichem Ton:
    Ich war berzeugt, da Sie so ber Herrn Stein urtheilen wrden. Wei ich
doch aus Stein's eigenem Munde manche Aeuerungen von Ihnen, die mir bewiesen,
ein wie tiefes Verstndni Sie fr seinen Seelenzustand hatten, und zeigte mir
doch Ihre Intimitt mit Berger, da Sie ein Arzt sind fr die Kranken, nicht
aber fr die Gesunden, - lieber Bemperlein, die bekanntlich keines Arztes
bedrfen. Berger und Stein sind zwei Naturen, die sich in Anlagen, Temperament
und Charakter in berraschender Weise gleichen. Wie htten sie, die sich an
Jahren so verschieden sind, auch sonst so schnell innige Freundschaft schlieen
knnen - eine Freundschaft, die, frchte ich, mehr als Alles dazu beigetragen
hat, in Stein die ausschweifenden Ideen zu nhern und zu befestigen, die ihn
ber kurz oder lang zum Wahnsinn oder Selbstmord fhren mssen.
    Aber sie sehen doch, Franz, sagte Bemperlein da Berger den Alp seiner
Krankheit, die jedenfalls mehr physische als physische Ursachen hatte, glcklich
von sich abgeschttelt und dadurch allein bewiesen hat, da in ihm eine ganz
andere Kraft steckt, als in Stein.
    Den Tag nicht preise, bevor der Abend kommt! erwiderte Franz, ich wnsche
natrlich so lebhaft, wie Jeder von Ihnen, da der Professor vollstndig genesen
sei, aber ich als Arzt nicht anders sagen, als da ich einen Rckfall keineswegs
fr unmglich halte, und wenn ich nicht sehr irre, Bemperlein, so erwhnten Sie
noch gestern Abend, da mein verstorbener Schwiegervater sich genau so ber
seinen Zustand ausgesprochen habe.
    Aber das wre ja entsetzlich! sagte Melitta.
    Ich behaupte nicht, gndige Frau, da es so kommen wird, ich sage nur, da
es so kommen kann.
    Haben Sie an Berger in der letzten Zeit etwas besonderes bemerkt? fragte
Melitta, zu Oldenburg gewandt.
    Ja, sagte dieser nach einigem Bedenken, ich kann es nicht leugnen, da mir
in der letzten Tagen sein Wesen viel aufgeregter vorgekommen ist. Seit der
Februar - Revolution, an der wir, wie Ihnen bekannt sein wird, thtigen Antheil
genommen haben, scheint eine fieberhafte Ungeduld in ihm zu whlen, die mich oft
an die Unruhe eines Lwen erinnert hat, der grollend hinter seinem Kfiggitter
rastlos auf- und abgeht. Die Minuten werden ihm zu Stunden, die Tage zu Wochen.
Vergeblich, da ich ihn daran erinnere, die Geschichte der Ideen zhle nach
Jahrtausenden. - Ich habe keine Zeit, ist seine stete Antwort; wenn Sie, wie
ich, vierzig Jahre durch die Wste gewandert wren, wrden Sie die Sehnsucht des
mden Pilgers, nur einmal die Luft des gelobten Landes der Freiheit zu athmen,
begreifen. Dieses Zaudern und Zagen, dieses Schwanken und Wanken werden mich nur
zur Verzweiflung bringen. - Aber meine Herren, was ist das?
    Alle lauschten. Von ferne her kam, das Rasseln der Wagen bertnend, ein
gleichfrmig zitternder dumpfer und doch starker Ton.
    Es ist der Generalmarsch, sagte Oldenburg, und seine Wangen rtheten sich;
ich kenne den Klang.
    Oldenburg hatte diese Worte kaum gesprochen, und die Gesellschaft erhob sich
eben, um an die Fenster zu treten, als die Thr aufgerissen wurde und ein Mann
in das Zimmer strzte, in welchem man Berger kaum noch wieder erkennen konnte.
Sein langes graues Haar hing in wahnsinnigen Streifen um sein Haupt; Gesicht und
Bart waren mit Blut besudelt, das aus einer Wunde auf der Stirn zu kommen
schien; sein Rock war hier und da zerfetzt, als wenn scharfe Instrumente
hineingeschnitten oder gestochen htten. Seine Augen glhten, sein Athem
keuchte, als er jetzt, dicht an den Tisch herantretend und die Gesellschaft
anstarrend mit heisern Tnen rief:
    Auf! auf! Ihr sitzt und schwatzt, whrend drauen Eure Brder und Schwestern
geworden werden! Auf! auf! mit diesen unsern bloen Hnden wollen wir ihre
Bajonette zerbrechen und die Henkersknechte erwrgen.
    Er wird ohnmchtig, rief Franz, indem er Berger, der schon, whrend er
sprach, wie ein Trunkener geschwankt hatte und jetzt zusammenbrach, in den Armen
auffing.
    Die Mnner sprangen hinzu und trugen den Ohnmchtigen auf das Sopha.
    Etwas Eau de Cologne, gndige Frau, sagte Franz; danke, ngstigen Sie sich
nicht, es hat diesmal noch nichts zu sagen, aber ich frchte fr die Zukunft.
    Die Gesellschaft umstand den Kranken, dessen Athemzge ruhiger wurden,
whrend drauen der Generalmarsch in der Ferne verhallte.

                           Zweiundvierzigstes Capitel


In einem Zimmer der dritten Etage desselben Hotels sa zu eben der Stunde eine
junge Dame, die mit ihrem Gatten - dafr nahm man wenigstens den Herrn, der sie
begleitete - unlngst in dem Hause angekommen war. Da auf den Reiseeffekten
"Paris" stand und der Herr mit der Dame franzsisch gesprochen hatte, so nahm
man im Hause an, da es Franzosen seien, um so mehr, als das Hotel gerade von
Franzosen sehr stark frequentirt wurde. Frau Hauptmann Schwartz, die Besitzerin
des Hotels, hatte selbst die Fremden auf ihr Zimmer gefhrt, und, da die junge
Dame angegriffen und leidend aussah, teilnehmend gefragt, ob sie etwas fr
Madame thun knne? Der Herr hatte gebeten, Thee zu besorgen, und im Uebrigen
alle Dienstleistungen abgelehnt: bald darauf war er ausgegangen.
    Er war kaum fnf Minuten fort, als eine Droschke, die seit dem Augenblick,
wo die fremden gekommen waren, ein paar Schritte die Strae weiter hinauf
gehalten hatte, vor dem Hause vorfuhr. Ein junger Mann stieg aus und fragte den
Portier, ob ein Herr oder eine Dame, die vor einer Viertelstunde etwa aus Paris
gekommen wren, zu Hause seien? Als der Portier antwortete, da der Herr so eben
mit dem Bemerken, er werde in einer Stunde etwa wieder kommen, das Haus
verlassen habe, Madame aber, so viel er wisse, sich auf ihrem Zimmer befinde,
bat der junge Mann, ihn unverzglich zu ihr zu fhren. Der Portier - ein
vielerfahrener Mann - sah, da der junge Mann, der brigens offenbar den hheren
Stnden angehrte, sehr aufgeregt war, und da ihm neun Uhr Abends nicht die ganz
geeignete Zeit schien, eine Dame, die allein auf ihrem Zimmer war, in einem
ehrbaren Hotel aufzusuchen, sagte er, er glaube nicht, da die Dame noch zu
sprechen sei; ob der Herr nicht lieber morgen frh wiederkommen wolle?
    Ich habe es sehr eilig, sagte der junge Mann: ich - ich mu die junge Dame
in - Familienangelegenheiten sprechen. Wollen Sie nicht einmal nachfragen
lassen, ob sie nicht noch Besuch empfngt, und ihr - er besann sich einen
Augenblick - und ihr diese Karte bringen.
    Die Hand des jungen Mannes zitterte so sehr, als er die Karte hinreichte,
und sein Gesicht war so bla und verstrt, da der Portier mehr wie berzeugt
war, die Sache sei nicht richtig und die Zusammenkunft des jungen Herrn mit der
franzsischen Dame knne nur auf Kosten des ausgegangenen Herrn stattfinden.
    Was will ich denn, sagte er, da hngt ja der Schlssel; sie sind alle Beide
ausgegangen.
    Der junge Mann hielt das Etui noch in der Hand.
    Ich bin berzeugt, sagte er, indem er ein Goldstck aus dem Etui nahm und es
dem Portier in die Hand drckte, da die Dame zu Hause ist und da sie mich
empfangen wird, wenn man ihr die Karte bringt.
    Der Portier war ein ehrlicher Mann, aber er hatte eine zahlreiche Familie
und mute morgen das Schulgeld fr die beiden ltesten Kinder bezahlen.
    Drei Treppen, die zweite Thr auf dem Corridor links, sagte er mrrisch.
    Der junge Mann sprang, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe
hinauf und klopfte an die bezeichnete Thr.
    Entrez! antwortete eine leise Stimme.
    Die junge Dame war, nachdem ihr Begleiter sie verlassen - er hatte nach der
langen Fahrt das Bedrfni gefhlt, noch ein Stndchen in den Straen
umherzuwandern - unbeweglich in der Sophaecke sitzen geblieben, den Kopf in die
eine Hand gesttzt, whrend die andere schlaff an ihrer Seite herabhing. Der
Schein der Lichter auf dem Tische vor ihr fiel hell in ihr Gesicht. Es mochte
ein gar reizendes Gesicht sein, wenn es, wie es wohl konnte, von Uebermuth und
Lebenslust strahlte; aber jetzt war es bla und die Zge vom Weinen wie
verzerrt. Die groen grauen Augen starrten auf den Fuboden; die schnen Brauen
waren dster zusammengezogen und die Lippen aufeinandergepret. Mechanisch hatte
sie entrez! gesagt, als der Kellner klopfte, um den Thee zu bringen; sie hatte
nicht einmal empor geblickt, whrend er die Sachen auf dem Tisch ordnete, und er
mute seine Frage: ob Madame noch etwas zu befehlen habe? zweimal wiederholen,
bevor sie mit einem kurzen Nein! antwortete; ja sie hatte, sobald er die Thr
hinter sich geschlossen, vergessen, da er da gewesen, und sagte, als es
unmittelbar darauf wiederum klopfte, ebenso mechanisch, wie das erste Mal:
entrez!
    Emilie!
    Die junge Dame fuhr mit einem Schrei in die Hhe und starrte den jungen
Mann, der vor ihr stand, mit weitgeffneten Augen an, als ob sie jh aus tiefem
Schlaf erwache und nicht wisse, ob das, was sie da vor sich sah, ein Traumbild
sei oder Wirklichkeit.
    Emilie! wiederholte der junge Mann und breitete seine Arme aus. Adolf! rief
sie, sich an seine Brust werfend, Adolf!
    Die Geschwister hielten sich umschlungen, wie sie sich in den Tagen ihrer
Kindheit umschlungen hatten, wenn der Bruder aus den Ferien nach Hause kam und
die Schwester ihm schon bis an die Grenze des Parks entgegengegangen war; aber
heute ri Emilie sich alsbald aus seinen Armen, und rief, die Hnde, wie um ihn
abzuwehren, vor sich streckend:
    Wo kommst Du her? was willst Du hier?
    Kannst Du das fragen, Emilie? erwiderte er traurig; was ich hier will? Dich!
woher ich komme? von Paris, wo ich nach monatelangem Suchen Deine Spur fand, in
dem Augenblicke, als Du abreistest, und von wo ich Dir von Stadt zu Stadt, von
Gasthof zu Gasthof gefolgt bin, ohne da es mir einmal gelungen wre, Dich
allein zu finden. - Nicht, als ob ich mich vor ihm frchtete! sagte der junge
Mann, indem er sich unwillkrlich stolz zu seiner vollen stattlichen Hhe
aufrichtete, aber ich wollte freundlich und gut mit Dir sprechen, und ich wute,
da mir das in seiner Gegenwart nicht mglich sein wrde.
    Adolf von Breesen nherte sich seiner Schwester und wollte ihre Hand
ergreifen; sie wich vor ihm zurck.
    Was willst Du von mir? murmelte sie.
    Emilie, sagte er traurig, ist das die alte Liebe? Emilie! Kind! besinne
Dich! was soll ich anders wollen, als Dich aus diesem unwrdigen Verhltni
befreien, das Dir schon lngst zur Qual geworden ist. O, sage nicht nein! ich
sehe es ja an Deinen Augen, an Deinem blassen Gesicht, da Du tief unglcklich
bist! Emilie, Schwester, liebe, liebe Schwester, folge mir! Bei unserm alten
Vater, der aus Gram um Dich vergeht, bei dem Andenken an unsere selige Mutter,
bei Allem, was Dir heilig ist, beschwre ich Dich, folge mir!
    Emilie hatte sich schluchzend und ihr Gesicht in den Hnden verbergend in
die Sophaecke geworfen. Adolf kniete vor ihr nieder. Er nahm ihre Hnde in die
seinen, er kte ihr die Stirn und Haar und Augen; er sprach zu ihr in beredten
Worten, wie sie auch einfache Menschen finden, wenn ihr Herz von treuer Liebe
voll ist. Er sagte ihr, da er nicht daran denke, sie zu ihrem Gatten
zurckzufhren, den er selbst niemals habe leiden knnen, den sie gegen seinen
Willen geheirathet habe; da sie niemals in ihre Heimath zurckkehren solle,
wenn sie es nicht wnsche, da er mit ihr in ein fernes Land gehen, da er sie
nie verlassen wolle. Er berhrte alle Saiten ihrer Seele, von denen er wute,
von denen er hoffte, da sie ihm antworten wrden. Aber es war lange Zeit
vergeblich.
    Ich kann ihn nicht verlassen, war Alles, was sie unter Schluchzen und
Thrnen immer wiederholte.
    Aber um Gotteswillen, Emilie, rief der junge Mann; ist es denn mglich, da
eine Thorheit so lange whrt? ist es denn mglich, da Du diesen Menschen noch
immer liebst?
    Ja, ja, ich liebe ihn; liebe ihn mehr, als ich ihn je geliebt habe;
schluchzte sie.
    Adolf sprang empor und ging ein paar Mal mit heftigen Schritten im Zimmer
auf und ab. Dann trat er wieder an Emilie heran und sagte:
    Ich will es glauben, weil Du es sagst; aber Emilie, bei Deiner Ehre - denn
Deine Ehre ist es, die auf dem Spiel steht - beantworte mir diese Frage: bist Du
ebenso auch noch von seiner Liebe berzeugt?
    Ein heftiges Weinen war Emilien's Antwort, und in dem Weinen schttelte sie
mit dem Kopfe.
    O, mein Gott, sagte Adolf bitter, bist Du so tief gesunken, da Du einem
Manne folgst, der Dich nicht liebt? dem Du zur Last bist? der viel darum gbe,
wenn er Dich nur wieder los wre? ist das meine stolze Schwester? so will ich
denn unser altes Wappen zerbrechen und vor jedem Lump auf der Strae die Augen
niederschlagen, und wenn mich Jemand einen Buben schimpft, thun, als htte ich
es nicht gehrt.
    Der junge Mann schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn, und
Thrnen des Zornes und der Scham drangen aus seinen Augen.
    Emilie sprang von dem Sopha auf.
    Komm! sagte sie hastig, komm! Du hast recht! ich bin ihm zur Last! er wird
froh sein, wenn er mich los ist, komm!
    Gott sei gelobt! rief Adolf.
    Sogleich wollen wir fort! sagte Emilie, in dem Gemache hin und her irrend
und leidenschaftlich die Hnde ringend; ich will ihn nicht wiedersehen. Ich will
ihm schreiben -
    Ja, ja! sagte Adolf; hier ist ein Blatt aus meinem Portefeuille, Tinte und
Feder ist hier; - schreib ihm, aber nur wenige Worte!
    Emilie setzte sich an den Tisch, aber sie hatte kaum ein paar Buchstaben
geschrieben, als sie von neuem in Thrnen ausbrach.
    O Gott, o Gott! sagte sie, die Feder sinken lassend, ich kann es nicht.
    Gieb mir! sagte Adolf, ihr die Feder aus der Hand nehmend; ich will es thun.
Binde unterdessen Deinen Mantel um; ich bin gleich fertig.
    Whrend Emilie sich den Mantel umband, schrieb Adolf mit fliegender Feder
ein paar Zeilen. Er war nicht eben gewandt in solchen Dingen, aber in diesem
Augenblick kamen ihm die Ausdrcke wie von selbst.
    Bist Du bereit?
    Ja!
    Sie gingen die Treppe hinunter. Es begegnete ihnen Niemand.
    Adolf gab dem Portier den Schlssel zum Zimmer.
    Sagen Sie dem Herrn, wenn er nach Hause kommt, Madame sei ausgegangen und
wrde wohl so bald nicht wieder kommen.
    Adolf hatte Emilie in die Droschke gehoben.
    Die Droschke fuhr in ungewhnlicher Eile davon.
    Hm! murmelte der Portier, indem er den Schlssel zu den andern hing; ich
dacht's mir gleich, da es so kommen wrde. Nun, ich kann die Leute nicht
halten, wenn sie partout davon wollen.

                           Dreiundvierzigstes Capitel


In der Williamsstrae, der vornehmsten Strae der Residenz, war kurz vor Neujahr
durch den Hausmeister des Frsten Waldernberg ein groes schnes Hotel, dessen
Besitzer vor einiger Zeit gestorben war, gekauft worden. Der Frst selbst, der
bald darauf von Grnwald eintraf, hatte die innere Einrichtung berwacht und
trotz der verschwenderischen Pracht, mit welcher sie ausgefhrt wurde, so
gefrdert, da er schon Ende Januar mit seiner zahlreichen Dienerschaft und
seinem Marstall aus dem Hotel in der Brenstrae, wo er bis dahin residirt
hatte, in die Wohnung bersiedeln konnte. Er bezog den einen Flgel des
Erdgeschosses. Der andere Theil blieb vorlufig leer, da der Frst in der
Einrichtung desselben dem Geschmack und den Wnschen seiner Braut, die nebst
ihrer Mutter Anfang Februar von Grnwald erwartet wurde, nicht vorgreifen
wollte. Mit desto grerem Eifer lie er an der Ausstattung der Beletage
arbeiten, deren prachtvolle Rume fr die Frstin Mutter, die den brigen Theil
des Winters in der Residenz zuzubringen gedachte, so wie zur Aufnahme der
erwarteten Gste bestimmt waren.
    Der Frst hatte die Freude, auch diese Arbeit vollendet zu sehen, als er am
1. Mrz die Residenz verlie, um seine Mutter von Stettin abzuholen, wo das
Dampfschiff, welches sie von Petersburg nach Deutschland brachte, am nchsten
Tage ankommen mute. Zu gleicher Zeit waren durch seinen Hausmeister fr seinen
Vater, den Grafen Malikowsky, der von Mnchen aus seine bevorstehende Ankunft
angekndigt hatte, in dem Hotel de Russie Unter den Akazien eine Reihe von
Zimmern gemiethet worden.
    In einem der prachtvollen Salons des Hotels Waldernberg, in einem
weichgepolsterten Lehnstuhl, der nahe an den Kamin gerckt war, in welchem ein
lustiges Feuer brannte, sa die Frstin Letbus. Dicht neben ihr, die hohe
Gestalt zu ihr herabgebeugt, wie um der Mutter selbst die Anstrengung des
lauteren Sprechens zu ersparen, stand der Frst.
    Adieu, liebe Mama, sagte der Frst, indem er sich noch tiefer herabbeugte
und die feine, welke Hand der Mutter an seine Lippen fhrte, es ist Zeit, da
ich gehe, wenn ich die Ankunft des Zuges nicht versumen will.
    Adieu, mein lieber Sohn, erwiderte die Frstin; heie Deine Braut in meinem
Namen willkommen. Sage ihr, da ihr meine Mutterarme geffnet sind. Hat der Graf
zugesagt, sich an dem Empfange der Damen zu betheiligen?
    Ja, liebe Mama?
    Nun denn, mein lieber Sohn, gehe mit Gott, der Deinen Ausgang und Deinen
Eingang segnen mge!
    Sie hauchte einen Ku auf die Stirn des Frsten, der sich erhob und ber die
dicken Teppiche des Fubodens geruschlos zur Thr hinausschritt.
    Die Frstin blieb, nachdem der Sohn sie verlassen hatte, in dem Lehnstuhl
zusammengekauert sitzen. Es waren keine trstlichen Gedanken, die in diesem
Augenblicke durch ihr Hirn zogen, denn der Ausdruck ihres bleichen Gesichtes
wurde immer dsterer und dsterer, und immer starrer blickten die schwarzen
Augen in die Flamme des Kamins, so da sie in dem Widerschein des Feuers
unheimlich funkelten und blitzten. Zuletzt schauderte sie aus dieser Starrheit
auf und drckte auf die Feder der silbernen Glocke, die dicht neben ihr auf
einem Tischchen stand.
    Unmittelbar darauf trat ihre erste Kammerfrau Nadeska herein.
    Was befiehlt meine Frstin? sagte Nadeska, mit einer Stimme, durch deren
leisen unterwrfigen Ton eine gewisse Vertraulichkeit hindurchklang.
    La die Lichter in den Zimmern anznden, Nadeska, und hrst Du, Nadeska, da
die ganze Dienerschaft sich zum Empfang der Damen in dem Hausflur aufstellt. Wen
hast Du zu ihrer speciellen Bedienung bestimmt?
    Ich dchte: Katinka, Mademoiselle Virginie und von den deutschen Mdchen
Marie und Louise.
    Es ist gut. Du selbst empfngst die Damen an der Thr und begleitest sie auf
ihr Zimmer.
    Hat meine Frstin sonst nichts zu befehlen?
    Nein, Nadeska.
    Die Kammerfrau verneigte sich und ging nach der Thr. Als sie dieselbe
beinahe erreicht hatte, rief die Frstin sie zurck. Sie trat wieder an den
Stuhl.
    Hast Du den Grafen heute Vormittag beobachtet, Nadeska?
    Ja, meine Frstin.
    Hast Du nichts Besonderes bemerkt?
    Er schien noch stutzerhafter und geschminkter als frher.
    Sonst nichts?
    Nein.
    Nadeska, ich habe eine unbeschreibliche Angst, da er etwas gegen uns im
Schilde fhrt.
    Sie haben diese Angst stets gehabt, meine Frstin, so oft der Graf einen
Besuch machte, und haben sie jetzt mehr als sonst, weil Sie ganz bestimmt
erwarteten, da er der Einladung des Frsten nicht folgen wrde.
    Ja, sieht es nicht wie Hohn aus, da er kommt? Was will er hier? Aber es ist
nicht das allein. Er hat gestern wiederum eine enorme Summe von mir verlangt.
    Die Sie ihm hoffentlich gegeben haben.
    Nein, Nadeska. Meine Geduld ist erschpft, wie meine Casse. Michail sagte
mir, da er das Geld nicht schaffen knne.
    Er mu es schaffen. Bedenken Sie, was auf dem Spiele steht!
    Aber diese Tyrannei ist unertrglich! rief die Frstin, und die groen
schwarzen Augen leuchteten im Wiederschein des Feuers wie glhende Kohlen.
    Nadeska zuckte die Achseln.
    Was wollen Sie dagegen thun! Sie wissen, der Graf hat Sie eben so sehr wie
den Frsten. Wenn er seinem Hasse nicht nachgiebt und das Wort ausspricht, das
Mutter und Sohn auf immer trennen wrde, so ist es nicht Furcht vor der Schande
- wann htte sich der Graf jemals etwas aus der Schande gemacht! - sondern nur
Furcht vor der Armuth, die er noch mehr hat, als Mutter und Sohn
zusammengenommen. Lassen Sie ihn heute erfahren, da ihm sein Schweigen nichts
mehr einbringt, und er wird es morgen brechen.
    Die Grfin chzte wie eine Gefolterte, indem sie ihre mageren Hnde
zusammenprete.
    O, Nadeska, Nadeska, wimmerte sie; warum mute der Graf in jenem
unglckseligen Augenblick kommen! warum mutest Du Deinen Posten verlassen in
dieser einen Stunde, die Alles entschied! Nur fnf Minuten vorher gewarnt, und
der Graf htte mich allein gefunden, und wie gro auch sein Verdacht sein
mochte, er htte auch diesmal keine Beweise gehabt.
    Nadeska stand seitwrts und etwas hinter der Gebieterin. Sie konnte also
ungestraft eine hhnische Fratze ziehen, bevor sie in noch demthigerem Tone
antwortete:
    Verzeihen Sie, Frstin! dieses Mal war doch auch ohne das ein sehr
sprechender Beweis da. Freilich, ein bser Zufall war es immer, da die Geburt
des Frsten neun Monate nach der Nacht erfolgte, in welcher er von einem fremden
Manne, den er im Zimmer seiner Gemahlin fand, zwanzig Fu hoch durch das Fenster
auf den Schnee geworfen wurde.
    Die Erinnerung an diesen Vorfall verscheuchte fr diesen Augenblick die
Melancholie der Frstin. Die lcherlichen, abscheulichen Scenen jener tollen
Nacht zogen mit Klarheit an ihrem inneren Auge vorber, und das Bild des Helden
derselben, des Mannes aus dem Volke, den die hochgeborene Dame mit ihrer Gunst
beehrt hatte, erschien ihr wieder, wie es ihr damals erschienen war: ein Ideal
bermthiger Jugend und Manneskraft.
    Ob er wohl noch lebt? fragte sie, ganz in diese Erinnerung verloren.
    Wer, meine Frstin? fragte Nadeska, die recht gut wute, an wen die
Gebieterin jetzt dachte.
    Die Frstin antwortete nicht, und Nadeska begann geruschlos die Lichter in
dem Salon anzuznden. Eine wollstige Dmmerung verbreitete sich in dem Gemache,
die heller und heller wurde, ohne den sanften Charakter zu verlieren, denn
smmtliche Lichter brannten in Kelchen von rosigem Glase. Es war dies das
einzige Licht, welches die reizbaren Nerven der Frstin ertragen konnten; auch
am Tage, der fr sie erst spt am Nachmittage anfing, waren die Fenster stets
mit rosenrothen Vorhngen geschlossen; Sptter behaupteten, die Frstin scheue
das freche Licht des Tages nur, weil es fr ihren durch eine ausschweifende
Jugend und ein frhes Alter verwsteten Teint allzu ungnstig sei.
    Nadeska hatte eben die letzte Kerze angezndet, als die diensthabende
Kammerzofe in das Gemach schlpfte und ihr etwas in's Ohr flsterte.
    Was giebt's, Nadeska? fragte die Frstin.
    Der Graf lt sich melden, erwiderte die Vertraute.
    Die Frstin schrak zusammen.
    Was kann er wollen? sagte sie; er sollte jetzt auf dem Bahnhofe sein!
    Er wird sich in der Zeit geirrt haben.
    Mglich. La ihn kommen, aber bleib' im Zimmer.
    Auf einen Wink Nadeska's entfernte sich die Kammerzofe, die in demthiger
Haltung an der Thr gewartet hatte. Gleich darauf trat raschen Schrittes der
Graf Malikowsky herein, kam auf die Frstin zu, kte ihr verbindlich die Hand
und sagte, indem er sich in einen der Lehnsthle, die um den Kamin herum
standen, sinken lie:
    Sie wundern sich, Alexandrine, da ich nicht mit den Andern zugleich
erscheine -
    In der That.
    Glauben Sie nicht, da es Mangel an Aufmerksamkeit fr die Braut meines
Sohnes ist - der Frst sprach dies letztere Wort mit ganz besonderer Betonung
und zeigte dabei seine falschen weien Zhne - im Gegentheil! gerade die zarte
Sorge, die ich dem Wohl des jungen Paares widme, treibt mich, ich kann sagen,
athemlos hierher. Eine Entdeckung, die ich heute - aber, darf ich bitten,
Alexandrine, da sich Ihre Kammerfrau entfernt; meine Mittheilung erfordert
unbedingtes Geheimni - flsterte der Graf, sich zu seiner Gemahlin
hinberbeugend.
    La und allein, Nadeska, aber bleib' im Nebenzimmer, sagte die Frstin.
    Alexandrine, sagte der Graf, als sich die Kammerfrau entfernt hatte, um in
dem Nebenzimmer ihr Ohr an das Schlsselloch zu legen; Sie hatten gestern nicht
die Gte, meiner, durch hartnckige Verluste im Spiel erschpften Casse mit der
geringen Summe, um die ich Sie bat, auszuhelfen. Nun htte ich das bel nehmen
knnen in Anbetracht des eigenthmlichen Verhltnisses, in welchem wir zu
einander stehen; indessen: ich fr meine Person wei mich einzuschrnken und
mchte um Alles in der Welt nicht Ihnen, oder meinem Sohne beschwerlich fallen.
Um so mehr thut es mir leid, da ich schon wieder Ihre Casse in Anspruch nehmen
mu, diesmal freilich nicht fr mich, sondern fr Jemand, der allerdings grere
Ansprche machen kann, als ich.
    Ich bin nicht so glcklich, den Sinn Ihrer Worte auch nur zu ahnen,
erwiderte die Frstin, sich mit halb geschlossenen Augen in die Kissen ihres
Stuhles zurcklehnend.
    Vielleicht, sagte der Frst, indem er in die Tasche seines Fracks fate und
einen Brief herausnahm, den er mit den in gelbe Glachandschuh gepreten
zitternden Hnden auf seinem Knie entfaltete, wird dieser Brief, der mir vor
einer halben Stunde durch einen jungen Menschen berbracht wurde, die gewnschte
Aufklrung geben. Erlauben Sie, da ich Sie mit der Lectre desselben behellige.
    Der Graf wartete keine Antwort ab, sondern klemmte seine goldene Lorgnette
auf die Nase und las, indem er dabei von Zeit zu Zeit ber die Glser weg auf
die Frstin hinberblickte:
    Hochgeborner Herr Graf! In dem Augenblicke, wo Se. Durchlaucht der Frst
Waldernberg seine junge Braut, Barone Helene von Grenwitz, in die Arme der
Frstin Mutter fhrt, ist es gewi wnschenswerth, da unter allen Mitgliedern
der Familie die Harmonie walte, ohne welche auch weniger wichtige Feste leicht
einen unerfreulichen Charakter annehmen. Sie selbst, hochgeborener Herr Graf,
haben, indem Sie ber gewisse Vorgnge, welche in der Nacht vom 21. bis 22.
September 1824 im Hotel Letbus in St. Petersburg stattfanden, den Schleier
christlicher Liebe und weiser Vergessenheit fallen lieen, ein Beispiel gegeben,
dem ich gern folgen wrde, wenn die Umstnde es mir erlaubten. So aber bleibt
mir nur die Alternative, meine Angelegenheit bei Sr. Durchlaucht selbst zu
befrworten, oder Denjenigen, welche Ursache haben, gewisse Dinge vor Sr.
Durchlaucht zu verheimlichen, mit derselben beschwerlich zu fallen. Ich erlaube
mir deshalb, mich an Se. Excellenz den Grafen Malikowsky, als die zur
Vermittelung des Geschfts geeignetste Person zu wenden, mit dem Ersuchen, mir
unverzglich 50,000 (schreibe fnfzigtausend) Silber-Rubel bei einem der
hiesigen Banquiers anzuweisen, widrigenfalls ich mich eben genthigt sehen
wrde, Sr. Durchlaucht selbst in Person meine Aufwartung zu machen.
    In der Zwischenzeit (die ich auf acht Tage de dato bestimmen mchte)
verharre ich u.s.w.
                                            Director Caspar Schmenckel aus Wien.

    P.S. Sollten Sie vorziehen, persnlich mit mir zu verhandeln, so bin ich
jeden Abend von 7 Uhr an im Dustern Keller, Gertrudenstrae Nr. 15. zu finden.
                                                                            D.O.

    Nun, was sagen Sie, Alexandrine? fragte der Graf, indem er seine Lorgnette
fallen lie und den Brief wieder in die Tasche steckte.
    Da das Ganze ein schlecht erfundenes Mrchen von Ihnen ist.
    Comment? rief der Graf in einem Erstaunen, das diesmal nicht affectirt war.
    Glauben Sie wirklich, mein Herr, sagte die Frstin, zitternd vor Wuth und
einer heimlichen Furcht, es knne doch etwas Wahres an der Sache sein, da ich
in eine so plumpe Falle gehen werde? da ich nicht sehe, wo das Alles hinaus
soll? da Sie auf diese schamlose Erfindung nur deshalb gefallen sind, weil ich
Ihrer tollen Verschwendung nicht auch noch den Rest meines Vermgens opfern
will?
    Wahrhaftig, Alexandrine, wer Sie so hrte, sollte glauben, da Ihr Gewissen
so rein wre, wie meine Handschuhe. Der Zorn macht Sie ja blind, Theuerste!
Bemerken Sie doch gtigst, da in dem Briefe Dinge vorkommen, von denen ich gar
keine Ahnung habe, noch haben kann, zum Beispiel: der so beraus aristokratische
Name des betreffenden Ehrenmannes. Bekanntlich hatte ich bis jetzt noch nicht
die Ehre, zu wissen, wessen Blut in den Adern meines Sohnes fliet. Und brigens
haben Sie ja ein unfehlbares Mittel, die Echtheit dieses Briefes zu ermitteln.
Lassen Sie sich den Verfasser - ich meine den des Briefes - kommen! er wird sich
doch in den fnfundzwanzig Jahren so sehr nicht verndert haben, da Sie ihn
nicht wieder erkennen sollten.
    Sie denken, ich werde das nicht thun? Sie irren sich. Ich bestehe darauf,
da Sie mir diesen Popanz, mit dem Sie mich einzuschchtern versuchen,
vorfhren. Geben Sie mir den Brief!
    Warum nicht? erwiderte der Frst; hier! Aber, Alexandrine, ich hoffe, da
diese Zusammenkunft in meinem Beisein geschieht, sonst wrde ich mich vor
Eifersucht nicht zu lassen wissen.
    Teufel!
    O, mein Engel, nennen Sie so den Mann, dem Sie so viel Dank schuldig sind?
    Dank schuldig? Ihnen? Ich, der ich Sie aus dem Elend aufgelesen habe!
    Wofr ich Ihnen einen ehrlichen Namen gab.
    Einen ehrlichen Namen, der durch jedes schndeste Laster und jede
schndlichste Snde geschleift -
    Und doch immer noch gut genug war fr die Freundin -
    Hten Sie sich!
    Weshalb? der Himmel ist hoch und der Czar ist weit. Uebrigens haben Sie
recht, zu verlangen, da auf dieses eine Verhltni kein bermiger Werth
gelegt werde. Wei doch Jedermann, da Ihnen in einer gewissen Beziehung jeder
Rang und Stand gleich war.
    Das geht zu weit, ich -
    Beruhigen Sie sich, ma chre! Ich hre so eben einen Wagen vorfahren.
Jedenfalls sind es die lieben Unsrigen. Wir mssen Ihnen ein Beispiel ehelicher
Liebe und Freundschaft geben.
    Es war ungefhr zwei Stunden spter. Helene von Grenwitz wanderte, nachdem
sie die Kammerfrau verlassen hatte, unruhig in ihrem Zimmer auf und ab. Die
Baronin, welche von der Reise sehr angegriffen war, hatte sich bereits in ihr
Schlafgemach begeben. Helene konnte nicht schlafen. Ihre Seele war von einer
unbestimmten und deshalb um so frchterlicheren Angst bedrckt. Sie kam sich
inmitten der Herrlichkeit, die sie umgab, vor, wie ein Kind in einem
verzauberten Schlosse, wo aus jedem Winkel, in welchen der Schein der Lichter
weniger hell fllt, hinter jeder seidenen Gardine, die der Luftzug leise bewegt,
ein unsgliches Grauen hervortreten kann. War das die Erfllung ihrer stolzen
Hoffnungen! Sie vermochte den Eindruck, den der Empfang im Salon der Frstin auf
sie gemacht hatte, nicht wieder los zu werden. Noch immer fhlte sie die eisig
kalten Lippen der Frstin auf ihrer Stirn; noch immer sah sie das widrig freche
Lcheln des Grafen und die finstere Miene des Frsten. Es war ein unheimlicher
Geist, der durch dieses Haus ging. Und diesem Geist hatte sie sich ergeben,
hatte sie ihre Freiheit, ihre Mdchentrume, ihre Zukunft geopfert! Um was dafr
zu gewinnen? hohe Stellung, Reichthum! - Wie wenig begehrenswerth ihr das Alles
in diesem Augenblicke vorkam! wie gern sie das Alles hingegeben htte, ein
Ahnung des seligen Glcks zurckzurufen, das in dem Sommer des vergangenen
Jahres ihr Herz erfllt hatte, wenn sie aus ihrem khlen Gemach in den goldigen
Morgensonnenschein des Parkes hinaustrat und, langsam zwischen den Blumenbeeten
auf - und abwandelnd, bei jeder Wendung um ein dichteres Bosquet Oswald zu
begegnen hoffte. Wie weit, wie unerreichbar weit lag jetzt dies Alles hinter
ihr! weit, wie das Paradies der Kinderjahre, das kein Sehnen und kein Frhling
zurckbringt!
    Wieder und immer wieder schweiften ihre Gedanken nach Grenwitz; tausend
kleine Scenen, die sie vergessen zu haben glaubte, erwachten in ihrer
Erinnerung, - ein Spaziergang mit Bruno und Oswald durch die Felder, als die
Abendsonne tief am Horizont wie ein ungeheurer Feuerball in dem goldstrahlenden
Aether hing und ber dem reifenden Korn glnzende Lichter wogten, whrend hoch
ber ihnen, verloren im tiefen Blau des Himmels, die Lerchen jubelten; ein
anderes Mal, als sie am heien Nachmittage, ermdet von dem monotonen Summen und
Schwirren der Insekten, auf einer Bank in einem khlen Baumgang des Gartens
eingeschlummert war und sie in dem Augenblick erwachte, als ihr Jemand - es war
Bruno - einen Kranz von dunkelrothen Rosen auf's Haupt setzte, whrend wenige
Schritte davon entfernt ein Anderer - Oswald war's - hinter einem Baum versteckt
lauschte. Und immer waren es Bruno und Oswald, welche die friedlichen Bilder
belebten - elysische Gestalten in elysischen Gefilden! Waren doch Beide todt; -
Helene hatte, als Oswalds Flucht mit Emilie das unerschpfliche Thema des
Gesprchs in Grnwald war, unbeschreiblich gelitten, denn erst jetzt, als sich
eine Welt zwischen ihn und sie gelegt, fhlte sie, wie theuer ihr dieser Mann
gewesen war. Zwar bemhte sie sich ernstlich, diese Leidenschaft zu bemeistern
und sich mit dem Schicksal, das sie sich doch schlielich selbst bereitet,
auszushnen; aber nur zu oft ertappte sie sich darauf, da sie die
Persnlichkeit ihres Verlobten mit der Oswalds verglich, um immer wieder zu dem
Resultat zu kommen, da Jenem Alles fehlte, was diesen in ihren Augen so
liebenswrdig gemacht hatte: die anmuthig elegante Gestalt und Haltung, die
geistvollen und doch so zrtlichen Augen, die tiefe und doch so weiche Stimme,
der immer wechselnde und immer interessante Ausdruck des edlen Gesichts. - - Nie
hatte sie lebhafter als an diesem Abend gefhlt, wie stumm ihr Herz ihrem
Verlobten gegenber war. Sie dachte mit Entsetzen daran, da, als der
Generalmarsch auf der Strae geschlagen wurde, von fern her das Brausen und
Toben der Volksmenge ertnte und der Frst aufsprang, um an seinen Posten zu
eilen, sie weiter nichts empfunden hatte, als da dies eine vortreffliche
Gelegenheit sei, sich in ihre Gemcher zurckzuziehen.
    Und immer schwerer wurde dem jungen Mdchen das Herz, und immer trber wurde
es vor ihren Augen. Sie kam sich grenzenlos unglcklich vor; sie hatte Mitleid
mit sich selbst, da sie so allein sei, da Niemand ihren Kummer theile. Aber
hatte sie sich denn diese isolirte Stellung nicht selbst bereitet? hatte sie die
guten Menschen, die ihr mit offenem Herzen entgegengekommen waren, nicht mit
khler Hflichkeit zurckgewiesen? Wie sehnte sie sich jetzt nach dem braven
alten Frulein Br, nach der klugen, herzigen Sophie Robran! Aber war nicht
Sophie in der Residenz? konnte sie die Freundin, die sie in der letzten Zeit in
Grnwald so vernachlssigt hatte, hier nicht wieder aufsuchen? Helene klammerte
sich an diesen Gedanken wie an einen Rettungsanker, und fragte sich seufzend,
whrend sie ihr schnes Haupt in den seidenen Kissen verbarg, ob sie denn
wirklich die stolze Helene sei, die gemeint hatte, einsam ihre Bahn, wie ein
Stern ber den Himmel, ziehen zu knnen, unbekmmert um das Treiben der
Menschlein da unten in den niederen Menschenhtten!

                           Vierundvierzigstes Capitel


Die Aufregung in der Stadt nahm mit jedem Tage zu. Vergebens, da man Truppen
ber Truppen ansammelte und Tag und Nacht in den Casernen zum Gefecht bereit
hielt; da man jeden Volkshaufen mit bewaffneter Hand auseinander trieb und die
Schreier auf alle Weise einzuschchtern suchte. Jeder Tag brachte neue und immer
verhngnivollere Unruhen; die Ansammlungen des Volks, besonders auf den weiten
Pltzen in der Nhe des Schlosses, wurden immer bedrohlicher: immer fter
ertnte die aus gellendem Pfeifen und Hurrahrufen eigenthmlich componirte
Volksfanfare, und immer seltener konnte das durch wochenlangen berstrengen
Dienst gegen das Volk erbitterte Militr diesem prickelnden Reizmittel
widerstehen. Immer hufiger wurde auf jener Seite von den Pflastersteinen, die
man schon hier und da aufzureien begann, auf dieser von der blanken Waffe
Gebrauch gemacht. Bereits war die Zahl der mehr oder weniger schwer Verwundeten,
welche in die ffentlichen Hospitler abgeliefert waren, sehr bedeutend.
Besonders verhngnivoll war der letzte Abend gewesen. Eine Abtheilung
Gardekrassiere hatte, mit verhngten Zgeln und gezogener Waffe dahersprengend,
einen Volkshaufen in eine der dem Schlosse benachbarten Straen hineingetrieben,
deren Ausgang von der andern Seite durch ein Piket Dragoner besetzt war, welche
Niemand durchlieen. Eine Scene grauenhafter Verwirrung entstand in dieser von
beiden Seiten zusammengequetschten Menge, in welche die Reiter, links und rechts
Sbelhiebe austheilend, erbarmungslos ihre Pferde hineinzwangen. In das
Angstgeheul der Weiber und Kinder, in das Rachegeschrei der Mnner mischten sich
die Flche der Soldaten, aber auch Drohungen und Verwnschungen, die ihnen aus
den Fenstern der Huser von friedlichen Menschen zugerufen wurden, welche erst
der Lrm in der Strae von ihrer Arbeit aufgeschreckt hatte. - So verbreitete
sich die Bewegung in immer weiteren Kreisen, und selbst in den entferntesten
Stadttheilen bildeten sich Gruppen auf den Straen, als man erfuhr, da auch die
wegen ihres Leichtsinns verrufene Kaiserstadt an der Donau eine vollstndige
Revolution gemacht, da auch dort das alte System gestrzt und der Vater der
vlkerberckenden Cabinetspolitik, der Altmeister, durch dessen erbrmliche
Knste ein ganzes Menschenalter sich hatte gngeln lassen, aus seiner
Herrscherstellung vertrieben sei. Man jauchzte diesen ungeheuren Thaten, die
noch einen Monat vorher die Sanguinischsten fr unmglich erklrt haben wrden,
tausendstimmigen Beifall zu, und Einer fragte den Andern: ob man die
schndlichen Mihandlungen einer Kaste dulden solle, wenn es nur eines muthigen
Entschlusses bedrfe, um Freiheit und Gleichheit im Staate wieder herzustellen?
    Whrend so nach und nach selbst die Gleichgiltigsten in den Strudel der
Revolution hineingezogen wurden, sa Einer auf seinem Zimmer, unbekmmert um
Alles, was rings um ihn her vorging, in apathischer Regungslosigkeit.
    Als Oswald gestern Abend von seinem ziellosen Umherirren in den
menschenberfllten Straen nach Hause kam, das Zimmer leer und den Brief von
Emiliens Bruder auf dem Tische fand, hatte er so laut aufgelacht, da eine alte
Dame, welche die Zimmer nebenan bewohnte, aus ihrem ersten Schlaf aufgeweckt
wurde. Dann hatte er sich auf das Sopha geworfen; er war zu abgespannt und mde,
um zu Bett gehen zu knnen. Aber nach einiger Zeit fuhr er mit einem Schrei in
die Hhe. Er war mit Emilien Arm in Arm am Rande eines Abgrunds, liebkosend und
Liebe flsternd, einherspaziert; pltzlich war sie von seiner Seite in die Tiefe
gestrzt, von Fels zu Fels, in schauderhafte Schlnde, aus denen ihr Jammern und
Hlferufen bis zu ihm empordrang. Oswald suchte lange vergeblich das
entsetzliche Bild loszuwerden, es hatte sich allzutief in sein berreiztes
Gehirn geprgt. Er htte gern im Schlaf Ruhe und Vergessenheit gesucht, aber
obgleich er sich noch matter wie vorher fhlte, war doch die Mdigkeit ganz von
ihm gewichen. Tausend Gedanken und Bilder jagten sich in regelloser Folge durch
seinen Kopf, ohne da er im Stande gewesen wre, diesen tollen Spuk zu bannen.
Er konnte nichts, als unthtig dem Treiben der Fiebergeister zusehen. Die Scenen
der letzten Tage vermischten sich unaufhrlich mit Bildern aus der frhesten
Jugend; und der groe Herr, mit dem sie auf der letzten Station in einem Coup
gefahren, verwandelte sich urpltzlich in den alten Ausrufer seiner Vaterstadt,
dessen Klingel fr die Buben so anziehend gewesen war, wie die Flte des
Rattenfngers von Hameln.
    Gewaltsam raffte er sich aus diesem Zustand auf. Er zog die Glocke und bat,
das Feuer, das ausgegangen war, wieder anzumachen. Dann setzte er sich an das
Feuer und dachte an die ersten Abende in Paris, wo er in seiner bescheidenen
Wohnung in dem fnften Stock eines Hauses im Quartier Latin mit Emilie am Kamin
sa und sie sich gegenseitig gratulirten, endlich einmal bei sich zu Hause zu
sein. Sie hatten sich ber das Bedenkliche ihrer Lage mit Scherzen und Kssen
hinwegzuhelfen gesucht und herrliche Plne fr die Zukunft geschmiedet. Aber aus
der goldigen hoffnungsreichen Zukunft war eine graue trostlose Gegenwart
geworden; die Scherze waren verstummt, und die Ksse waren klter und klter
geworden. Und dann kamen Abende, wo Oswald, verstimmt und mimuthig ber
vergebliche Wege zu Verlegern, die von seinen Manuscripten keinen Gebrauch
machen konnten, nach Hause kam und Emilie in Thrnen fand - in Thrnen, von
denen er sich sagen mute, da er und nur er allein sie verschuldet hatte. Dann
kamen unseligste Scenen, wo die Reue ber die eigene Thorheit sich hinter
Anklagen des Wankelmuthes und der Lieblosigkeit des Anderen verbarg und in dem
Hinber und Herber unfreundlicher Worte der Liebe zartes Blmlein mitleidslos
zertreten ward. Und doch war es hier immer Emilie gewesen, die die Hand zur
Vershnung geboten hatte. Ich mache Dir keine Vorwrfe, hatte sie dann oft
gesagt, ich wre ganz glcklich, wenn ich nur she, da Du es bist. Aber da Du
es nicht bist, durch meine Schuld nicht bist, das pret mir Thrnen aus. Oswald
hatte damals gezweifelt, da sie die Wahrheit gesprochen; - heute sagte ihm eine
Stimme, da es doch so war und da sie ihn nie verlassen haben wrde, wenn er
nicht selbst sie von sich getrieben htte. Er nahm den Brief, den er auf dem
Tische gefunden, und starrte auf das: Lieber, lieber Oswald - das von Emiliens
zitternder Hand geschrieben und hernach von der andern Hand durchgestrichen war
und auf die beiden Flecken auf dem Papier - die Spur der Thrnen, die ihr die
Trennung von ihm ausgepret hatte. Er lie den Brief in die Flamme fallen und
seufzte tief, als er sah, wie sie gierig das Blatt erfate und verzehrte und der
Zugwind die schwarze Asche davonfhrte. So war auch das vorbei, vorbei!
    Und wie er, den Kopf in die Hand gesttzt, in die verglimmenden Kohlen
starrte, fingen die Fiebergeister wieder an, ihre tollen Tnze zu tanzen.
Bildschne Gesichter sahen ihn an mit groen, liebevollen Augen und schnitten
dann pltzlich eine hliche Mohrenfratze; Director Clemens und Professor
Snellius kamen gravittisch einhergeschritten im wichtigen Gesprch, das sie auf
einmal abbrachen, um eine bermthige Polka zu tanzen; Melitta, Helene und
Emilie schwebten rosenbekrnzt in einer goldenen Wolke hernieder, die zu einem
Regen wurde, in welchem die drei Hexen aus dem Macbeth ihre Schlangenhaare
schttelten. - So verging die lange, bange Nacht. Als die Dmmerung in die
Fenster hereingraute, wurden die Fiebergeister blasser und immer blasser. Er
ffnete das Fenster und lie den kalten Morgenwind seine heien Schlfe khlen.
Das erquickte ihn etwas; aber als es auf der Strae anfing, lebhafter zu werden,
schlo er das Fenster wieder und lie die Vorhnge herunter; er mochte von dem
Leben, das er so hate, nichts sehen und nichts hren.
    In dem Hotel war Emiliens Flucht nicht eben aufgefallen. Der Einzige,
welcher etwas Genaueres von der Sache wute, der Portier, fhlte, im heimlichen
Bewutsein seiner Mitschuld, keine Neigung, sich weiter darber auszusprechen.
Man glaubte also, wenn man berhaupt in diesen vielbewegten Tagen Zeit hatte,
sich um solche Nebensachen zu bekmmern, da die Dame nicht, wie man anfnglich
gemeint, die Gemahlin, sondern die Schwester des Herrn, und der zweite Herr, der
sie abgeholt, der Gemahl der Dame gewesen sei.
    So nahm auch die Wirthin des Hotels, Frau Hauptmann Schwarz an, als sie am
Mittag des folgenden Tages sich bei Oswald, melden lie. Frau Hauptmann hatte
die Gewohnheit, sich, wenn ihre Gste drei Nchte unter ihrem Dache geschlafen,
am vierten Tage persnlich nach ihrem Befinden und etwaigen Wnschen zu
erkundigen, und auf diese Weise eine Art von persnlichem Verhltni anzubahnen,
wie es ihrem Herzen Bedrfni war. Nun war Oswald freilich erst gestern Abend
gekommen, aber der junge Mann hatte in dem Blick seiner Augen und dem Ton seiner
Sprache ein Etwas gehabt, das sie wunderbar an vergangene Zeiten und an ein
Wesen mahnte, das sie sehr geliebt und dessen Verlust sie noch immer nicht
verschmerzt hatte. Sodann kam er aus Frankreich, dem Lande, aus welchem jene
schne, junge unglckliche Freundin gestammt und wohin sie sich wahrscheinlich
spter gewandt hatte. Freilich, sie hatte nie wieder Nachricht von sich gegeben,
das arme Mdchen, und so war es nicht eben wahrscheinlich, da sie noch am Leben
war; aber das hinderte die Frau Hauptmann nicht, sich jedesmal ber die Ankunft
eines Franzosen in ihrem Hause ganz besonders zu freuen, weil ihr damit
wenigstens die Mglichkeit gegeben schien, etwas ber die Verlorene in Erfahrung
zu bringen.
    Wie erstaunt und betrbt war deshalb die gute Frau, als sie Oswald heute
Morgen so bleich und verfallen fand - ein Schatten nur noch des stattlichen
jungen Mannes von gestern Abend. Er hatte eine schlechte Nacht gehabt? Freilich,
das mute eine recht bse, schlechte Nacht gewesen sein, die einen jungen Mann
so herunterbringen konnte. Ob sie nach dem Doctor schicken solle? Nein? aber
eine Tasse Bouillon mit einem Ei abgerhrt? Die gute alte Dame trippelte davon,
um den Bouillon selber zu besorgen, den Niemand so gut, wie sie, zu bereiten
verstand. Und whrend sie in der Kche damit beschftigt war, schttelte sie
einmal ber das andere ihr graues Haupt, weil der Monsieur Oswald - so hatte
sich der Fremde genannt - so sehr gut deutsch sprach und so recht krank und
unglcklich schien und trotzdem der Verlorenen nur um so hnlicher sah. Ihr
kamen dabei die Thrnen in die Augen, und sie nahm sich vor, selbst auf die
Gefahr hin, indiscret zu werden, nach der Ursache seines Kummers zu fragen.
    Mit diesem Vorsatze betrat sie abermals Oswalds Zimmer und fand den jungen
Mann in derselben Stellung, wie sie ihn verlassen hatte, auf dem Sopha sitzend,
die Arme ber die Brust gekreuzt, die matten, schmerzlich starren Augen auf den
alten franzsischen Kupferstich an der Wand gegenber geheftet, der die an den
Felsen gekettete und von dem Drachen bewachte Andromeda darstellt, zu deren
Rettung Perseus mit dem Gorgohaupt durch die Lfte herbeieilt. Er hatte das Bild
heute Morgen in der Dmmerung zuerst bemerkt, und bei dem mangelhaften Lichte
lange gerthselt, was es wol darstellen mchte, bis er es endlich, als es heller
wurde, herausgebracht hatte. Das Bild war manierirt, wie alle Producte der Zeit,
in welcher es entstand. Die Andromeda war ein wenig zu klein gerathen, ein Kind
fast in dem Verhltni zu dem sehr langen und sehr schlanken Heros, der, eben
den Fu auf den Felsen setzend, zum Schlage gegen das Ungeheuer ausholt, das ihn
mit weit geffnetem Rachen anschnaubt und mit giftigen Basiliskenaugen anstiert.
Dennoch war es nicht ohne Geist in der Conception und nicht ohne Feinheit in der
Ausfhrung. Besonders war das Aufleuchten der Hoffnung in den kindlich schnen
Zgen des Mdchens und der heroische Zorn in dem Antlitz des Jnglings
vortrefflich wiedergegeben; und die Scenerie - ein einsamer Fels in dem
grenzenlosen Meere - ber dessen Horizont die Morgensonne aufsteigt, deren
Strahlen ber die Wellen fort bis an den Felsen zittern - hatte etwas von Claude
Lorraine's heiterer Kraft und Groheit. Oswald hatte mit einem Gefhl
schmerzlicher Wehmuth das Bild wieder und wieder betrachtet. Der schne Sinn der
alten Mythe, da khner Muth den, der ihn besitzt, mit Gtterflgeln ber Lnder
und Meere trgt, da der Held mit dem Blick seiner Augen schon die Gefahr
bndigt und schlielich nur ihm die holde Blume der Liebe und Schnheit auf
rauhem Felsen in dem den, unwirthlichen Meer des Lebens blht - hatte ihn, den
Muthlosen, den Trumer schmerzlich an Alles erinnert, was er Liebes und Schnes
im Leben schon besessen hatte, nur, um es nach so kurzer Zeit auf immer wieder
zu verlieren.
    Auch jetzt, whrend die Frau Hauptmann sich auf seine Bitte zu ihm gesetzt
hatte, und ihm von der Aufregung, die in der Stadt herrsche, von den blutigen
Scenen, die gestern Abend gar nicht weit von ihnen, in der Schwesterstrae,
vorgefallen wren, von den Volksversammlungen unter den Buden erzhlte und ber
die schlimme Zeit klagte, wo Alles drunter und drber gehe und man zuletzt nicht
mehr wisse, wer Koch und wer Kellner sei, richteten sich seine Augen wiederholt
auf das Bild an der Wand. Die Frau Hauptmann bemerkte es und sagte:
    Ja! so sah es vor fnfundzwanzig Jahren auch aus. Es gehrte einem Landsmann
von Ihnen, einem lieben, braven Herrn, der viele Jahre bei mir gewohnt hat und
den ich wie eine Schwester lieb hatte - das Bild ist noch hier, aber er -
    Hier seufzte sie so tief, da Oswald, den das eigene Leid nicht fr das Leid
Anderer abgestumpft hatte, mitleidig fragte:
    Er ist todt, der Herr, nicht wahr?
    Ich wei es nicht, erwiderte die alte Dame; er ist in die Welt
hineingezogen, um ein Mdchen, das ich als mein Kind erzogen hatte - ein ses,
herziges Geschpf, vom Verderben zu retten; aber er ist nicht wieder gekommen,
und sie ist nicht wieder gekommen, und ich beweine ihren Verlust, obgleich jetzt
beinahe fnfundzwanzig Jahre darber verflossen sind. Haben Sie, Monsieur - ach!
es ist eigentlich thricht, da ich darnach frage, aber mglich ist ja am Ende
Alles auf der Welt - haben Sie je etwas von einer Mademoiselle Marie Montbert
und einem Monsieur d'Estein gehrt?
    Die alte Dame hatte diese Frage so oft gethan und so oft nur ein kurzes non,
Madame zur Antwort erhalten, da sie kaum Oswalds bedauerndes Achselzucken
beachtete und mit Lebhaftigkeit fortfuhr:
    Ach, ich dachte es wohl; Niemand wei mir etwas von ihnen zu sagen. Die Welt
ist so gro und der Menschen sind so viele: und in dieser groen Welt und in dem
Menschengetreibe, wie leicht sind da zwei Unglckliche vergessen und
verschollen!
    Das Benehmen der alten Frau war bei aller Herzlichkeit so fein und wrdig,
die tiefliegenden, aber noch immer lebhaften Augen blickten so freundlich und
sanft, und ihre Stimme klang so treu und so gut, da Oswald sich wunderbar von
ihr angemuthet fhlte und sie mit einer Wrme, die ihm von Herzen kam, bat, ihm
etwas Nheres von jenen beiden Personen, deren unglckliches Schicksal sie nach
so langer Zeit noch so schmerzlich beklagte, mitzutheilen.
    Die Frau Hauptmann strich die schwarzseidene Schrze glatt und erzhlte in
schlichten Worten ihre Geschichte.
    Ihr Gemahl, eine tapfere, aber beraus wste und unbndige Natur, hatte sie
durch seine Verschwendung schon Jahre vorher, ehe er bei Waterloo durch einen
heldenmthigen Tod die Snden seines Lebens quitt machte, gezwungen, fr ihren
Unterhalt selbst zu sorgen. Sie hatte in einem Hintergebude des Hauses, dessen
Herrin sie jetzt war, eine gerumige Wohnung inne gehabt, von der sie den
greren Theil an einzelne Herren wieder vermiethete. Immer hatte sie gesucht,
mit ihren Abmiethern auf einem freundschaftlichen, zum wenigsten guten Fu zu
stehen. Mit keinem war ihr das so gut gelungen, als mit einem Herrn, Namens
d'Estein, dem Abkmmling einer Familie franzsischer Rfugis, der sich sein
mhseliges Brod durch Unterrichtgeben in der unvergessenen Sprache seiner
Heimath verdiente. Monsieur d'Estein war ein herzensguter, voller Schrullen
steckender Hagestolz, der mit der ganzen Welt zerfallen war und mit Jedem, der
ihn darum bat, seinen letzten Bissen Brod theilte. Er hatte ber Alles seine
ganz besonderen Ideen und trug sich fortwhrend mit weltumstrzenden Plnen,
whrend er dabei so harmlos wie eine Grille lebte.
    Monsieur d'Estein hatte bereits mehrere Jahre bei ihr gewohnt und war ihr in
dieser Zeit ein lieber treuer Freund geworden, dem sie ohne Bedenken ihre
mancherlei Sorgen und Nthe klagen konnte, als eines Tages Monsieur Montbert,
ein franzsischer Obrist, Monsieur d'Estein, seinen Verwandten, zu besuchen kam.
Der Obrist war auf dem Wege nach Ruland - es war im Jahre 1812 - und er hatte
ein Tchterchen von acht Jahren bei sich, ein liebliches Geschpf, das der
Obrist vielleicht um so zrtlicher liebte, als es sich nicht des Vorzuges einer
legitimen Geburt erfreute und Niemand auf der Welt hatte, der es liebte und
beschtzte, als den Vater, den die Kriegsstrme stets von einem Ende Europas
nach dem andern fegten. Bis jetzt hatte er sie auf allen seinen Zgen bei sich
gehabt: aber der sonst so tapfere Mann schauderte vor dem Gedanken, sein Kleinod
den Gefahren einer Wintercampagne, deren Ausgang er ahnen mochte, preiszugeben,
und die eigentliche Veranlassung seines diesmaligen Besuches - schon 1807 war er
auf einige Monate in der Residenz gewesen - war, Monsieur d'Estein zu bitten, so
lange der Feldzug dauere, die Sorge fr die kleine Marie zu bernehmen, und wenn
er nicht wiederkehren sollte - da waren die Familienpapiere, da war baar und in
Wechseln das Vermgen, das er besa und - die Freunde sahen sich in die Augen
und drckten sich die Hnde. Der Obrist kte sein Tchterchen, versprach ihr,
in einem Schlitten mit zwei Rennthieren aus Ruland zurckzukommen, kte sie
noch einmal, rief! Adieu, mon cher! adieu, ma petite! schwang sich auf sein
Pferd und ritt davon.
    Der Oberst Montbert machte sein Versprechen mit dem Rennthierschlitten nicht
wahr; sein Tchterchen wartete und wartete auf den Schlitten und auf den Vater,
bis sie ein groes Mdchen war, aber Schlitten und Vater kamen nicht.
    Marie war ein groes schnes Mdchen geworden, so schn, da sie in der
ganzen Nachbarschaft nur die schne Marie hie. Sie war auch ein gutes Mdchen,
mit einem Herzen, da sich mit den Frhlichen freuen und mit den Leidenden
weinen konnte. Ihr einziger Fehler war eine allzu lebhafte Phantasie, ein Hang
fr das Auerordentliche, Wunderbare - das Erbtheil ihres Vaters, des
franzsischen Reiterobristen, dessen abenteuerlustiger, phantastischer Sinn, wie
Monsieur d'Estein behauptete, nah an Wahnsinn gestreift hatte.
    Der Frau Hauptmann und Monsieur verursachte die Charaktereigenthmlichkeit
ihres Pfleglings viel schwere Sorge, besonders Monsieur, dem bei seiner herben,
nchternen Sinnesart alles Phantastische ein Gruel war. Das Mdchen darf keine
Zeit zum Trumen haben, pflegte er zu sagen; sie mu denken und handeln lernen.
Sie mu in der schweren Prosa des Lebens ein Gegengewicht gegen ihre bunte
Traumwelt haben. In spanischen Schlssern kann kein Mensch wohnen. Nach diesen
Maximen entwarf er einen Erziehungsplan fr die kleine Marie, dessen
Zweckmigkeit Frau Hauptmann trotz der unbegrenzten Achtung, die sie vor
Monsieur's Verstand und Charakter hatte, niemals recht einleuchten wollte. Marie
sollte in den einfachsten Kleidern gehen, wie die Kinder kleiner Handwerker; sie
sollte jede husliche Arbeit verrichten lernen, und als sie erwachsen war, trieb
Monsieur die Consequenz gar so weit, da er sie zu einer achtbaren Putzmacherin
in die Lehre gab - man konnte ja nicht wissen, ob ihr das in ihrem spteren
Leben nicht noch recht ntzlich wrde. Frau Hauptmann schttelte zu dem Allen
den Kopf; aber sie shnte sich auch wieder mit Monsieur's Handlungsweise aus,
wenn sie bedachte, wie gut er's doch meinte, und besonders, wenn sie sah, wie
trefflich das Mdchen dabei gedieh, wie es mit jedem Tage klger und schner
wurde und in seinem bescheidenen Kattunkleidchen und dem einfachen Strohhtchen
feiner und vornehmer aussah wie eine Geheimerathstochter.
    Frau Hauptmann war stolz auf das Mdchen; sie selbst hatte nie Kinder
gehabt, aber sie meinte, da sie ein eigen Kind nicht mehr geliebt haben wrde.
Und war sie denn nicht des Kindes Mutter? hatte sie es nicht in gesunden Tagen
gehegt und in kranken gepflegt? und hing es dafr nicht an ihr mit so zrtlicher
Liebe, wie nur eine Tochter an ihrer Mutter hangen kann? Frau Hauptmann war
ordentlich eiferschtig auf diese Liebe; sie hatte so wenig Liebe in ihrem Leben
erfahren! und sah es gar nicht so ungern, da Marie zu ihr offenbar mehr
Zutrauen und Liebe hatte, als zu ihrem Pflegevater. Aber dieser war seinerseits
nicht weniger eiferschtig; ja, es kam Frau Hauptmann manchmal vor, als ob
Monsieur noch andere als vterliche Empfindungen gegen die schne Nichte hege
und als ob seine Erziehungsmethode, die Marie ganz in den kleinen Kreis der
Huslichkeit bannte, nicht blos durch pdagogische Rcksichten bestimmt sei.
Monsieur war um diese Zeit erst vierzig Jahre alt. Es war dies kaum mehr als der
Schatten eines Verdachtes, dem aber die folgenden Ereignisse Krper gaben.
    Eines Abends - es war an einem Sonntag - kam Monsieur von dem Spaziergang,
den er mit Marie in den Park gemacht hatte, sehr verstimmt nach Hause. Auch
Marie schien aufgeregt und hatte die Spur von Thrnen in ihren schnen Augen.
Sie ging gleich nach dem Abendessen zu Bett, und Frau Hauptmann bat Monsieur nun
so lange, zu erzhlen, was sich ereignet, bis er ihr endlich willfahrte.
    Marie und er waren in traulichen Gesprchen in den schattigen Gngen des
Parks auf- und abgewandelt, und endlich in eine der Gartenrestaurationen
getreten, weil Monsieur dem durstigen Kinde ein Glas Limonade reichen lassen und
bei der Gelegenheit selbst ein Glschen Liqueur trinken wollte. Sie hatten kaum
Platz genommen, als zwei Herren, die vorher weiter weg gesessen hatten, sich an
dem Tischchen dicht neben ihnen niederlieen. Monsieur, der den Herren den
Rcken zukehrte, beachtete sie nicht weiter und wurde erst auf sie aufmerksam,
als er sah, da Marie, whrend er mit ihr sprach, einen halb verlegenen, halb
neugierigen Blick neben ihm vorbei nach jener Richtung warf. Er wandte sich um,
zu sehen, was es gbe. Es war ein auffallend schner Mann - Monsieur konnte das
trotz all seines Aergers nicht leugnen - eine hohe, ritterliche Gestalt, ein
herrlicher Kopf, ein edles, wenn auch etwas verwstetes Gesicht, groe,
dunkelblaue Augen, die vornehm und freundlich zugleich blickten, als der Herr
jetzt den Hut ziehend, in sehr gutem Franzsisch - Monsieur und Marie hatten,
wie gewhnlich, franzsisch gesprochen - fragte: ob es ihm und seinem Begleiter
vergnnt sei, sich der Gesellschaft von Monsieur und Mademoiselle anzuschlieen?
Nun war Monsieur der hflichste Mensch von der Welt; aber, behauptete er, es
habe in dem Wesen des vornehmen Herrn ein Etwas gelegen, das ihn sofort mit
tiefem Widerwillen gegen denselben erfllte, und er habe deshalb kurz und
trocken geantwortet, da er und Mademoiselle vorzgen, allein zu bleiben. Es
hatte darauf einen kurzen Wortwechsel zwischen ihm und dem Fremden gegeben, der
damit endete, da er selbst aufstand und, um der Sache ein Ende zu machen, Marie
aus dem Garten fhrte.
    Von diesem Abend an datirte sich eine merkliche Vernderung in Mariens
Benehmen. Sie, die sonst so Heitere, Gleichmthige, lie das Kpfchen hangen,
war bald bla und bald roth, bald ausgelassen lustig, bald zum Sterben traurig -
weder Monsieur noch Frau Hauptmann wuten, was sie daraus machen sollten. Zu
allem Unglck wurde Monsieur in der Zeit so krank, da er das Zimmer hten mute
und in Folge dessen die Pflege der Frau Hauptmann mehr wie gewhnlich in
Anspruch nahm, so da Marie sich vielfach selbst berlassen blieb. Sonst hatte
sie Monsieur regelmig des Abends aus dem Atelier, in welchem sie arbeitete,
abgeholt, jetzt mute sie den Weg allein machen. Was nun whrend dieser Zeit
geschehen, in welche Schlingen das arme unglckliche Mdchen gefallen ist - Frau
Hauptmann hatte es nie erfahren. Aber eines Morgens, als sie die Kleine wecken
wollte, fand sie das Zimmer leer und auf dem Tisch ein Briefchen, in welchem die
Unglckliche schrieb, da Grnde, ber die sie sich nicht nher erklren drfe,
sie zwngen, die Stadt zu verlassen; da sie ihre Wohlthter mit tausend Thrnen
um Verzeihung bitte, wenn sie ihnen jetzt fr all ihre Liebe nur mit scheinbarer
Undankbarkeit lohne; da sie aber zu Gott hoffe, es werde bald ein Tag kommen,
wo all dieses Leid sich in Freude verwandele.
    Dieser Tag war nie gekommen, dafr hatte sich fr die arme Frau Leid auf
Leid gehuft. Monsieur war ber die Nachricht von Mariens Flucht beinahe
wahnsinnig geworden und hatte mit furchtbarem Eid geschworen, da er von dieser
Stunde an nicht ruhen und nicht rasten wollte, bis er Marien aus den Hnden des
schndlichen Verfhrers befreit und sich persnlich an ihm gercht habe.
Monsieur d'Estein war der Mann, sein Wort zu halten. In dem kleinen,
schwchlichen Krper lebte ein energischer Geist. Das zeigte sich jetzt, wo eine
freche Hand das Glck seines Lebens grausam zerstrt hatte. Denn die Frau
Hauptmann konnte nicht lnger zweifeln, da der sonderbare Mann die Verlorene
mit all der Leidenschaft, die so verschlossenen, wunderlichen Naturen
eigenthmlich ist, geliebt habe. Er betrieb die Nachforschungen mit einer
rastlosen Thtigkeit, die von Erfolg gekrnt war. Er hatte die rechte Spur
gefunden. Wohin sie fhrte? - - er sprach sich darber nicht aus, wie er denn
berhaupt die ganze Angelegenheit selbst vor seiner alten Freundin in tiefes
Geheimni hllte. Er packte in seinen Koffer, was er zu einer lngeren Reise
brauchte, ri sich von der Weinenden los, mit dem Versprechen, in acht Tagen
sptestens Nachricht von sich zu geben - aber seitdem waren nun beinahe
fnfundzwanzig Jahre vergangen, und Frau Hauptmann wartete noch immer, da
Monsieur sein Versprechen erfllte.
    Die alte Dame hatte, in ihre Erinnerungen verloren, ganz vergessen, da es
nicht sowohl ihre Absicht gewesen, das eigene Leid zu klagen, als das des jungen
Fremden in Erfahrung zu bringen; und sie wurde erst durch die Blsse von Oswalds
Gesicht, die, whrend ihrer Erzhlung nur immer zugenommen hatte, daran
erinnert.
    Aber Sie sind wirklich krnker, als Sie glauben, lieber junger Herr,
unterbrach sie sich; Ihre Hand ist glhend hei und - verzeihen Sie einer alten
Frau! - Ihre Stirn brennt. Erlauben Sie mir, da ich nach unserm Arzt schicke!
    Bitte, lassen Sie das! sagte Oswald, sich gewaltsam emporraffend; ich will
Ihnen gestehen: ich bin die ganze Nacht schlaflos gewesen, wahrscheinlich aus
bergroer Abspannung in Folge der langen Reise.
    So legen Sie sich wenigstens jetzt noch einige Stunden hin! bat die alte
Dame. Ich wei es wohl: die Jugend kann des Schlafes nicht entbehren, wie wir
alten Leute.
    Das will ich, sagte Oswald, whrend sich Frau Hauptmann erhob. Sie sollen
sehen: der Schlaf macht Alles wieder gut.
    Das gebe Gott, erwiderte die alte Dame, Oswald noch einmal freundlich die
Hand drckend; bitte, bitte, keinen Schritt weiter! Ich werde nach einigen
Stunden wieder anfragen.
    Die Thr hatte sich kaum hinter der Frau Hauptmann geschlossen, als Oswald
wie vernichtet in den Sopha zurcksank.
    Was hatte er eben gehrt! Da dies die Fortsetzung der Geschichte sei, die
ihm im vorigen Sommer die alte Mutter Clausen in Grenwitz erzhlt hatte - an
jenem Abend, als er mit Timm in ihrer Htte Schutz vor dem Regen suchte - daran
hatte er schon nach den ersten Worten der Frau Hauptmann nicht mehr gezweifelt.
Stimmten doch alle Umstnde! - So, genau so, wie die alte Dame den fremden
Cavalier geschildert hatte, blickte noch heute das Portrt des Barons Harald von
Grenwitz aus seinem breiten Goldrahmen; und hatte nicht das arme schne Mdchen,
die unglckliche Verfhrte, Marie geheien, wie die Pflegetochter des Monsieur
d'Estein!
    Aber das war es nicht, was ihm jetzt das Blut erstarren machte und alle
seine Glieder wie im Fieber schttelte. Es war eine andere, furchtbare Ahnung,
die aus den Tiefen seiner Seele mit dmonischer Gewalt heraufstieg. Oder waren
es auch nur die Fiebergeister, die am lichten Tage ihren schauerlichen Spuck von
neuem begannen? war es Wahnsinn, da in seiner erhitzten Phantasie aus dem
Monsieur d'Estein, dem grillenhaften franzsischen Sprachmeister, sein Vater,
der alte wunderliche Mann wurde? und aus der schnen Tochter des franzsischen
Obristen die schne junge Frau mit den holdseligen Augen, um deren Kniee er als
Kind an hellen Sommermorgen in dem lauschigen Garten hinter der Stadtmauer
gespielt hatte, whrend die weien Schmetterlinge sich ber dem blauen
Rittersporn wiegten?
    Und in immer wilderer Hast jagten sich die tollen Gedanken. Alte, lngst
vergessene Eindrcke erwachten und gaben deutliche Antwort ber die Kluft der
Jahre hinweg; seltsame Zweifel, mit denen sich der Knabe, der Jngling getragen
hatte, kamen wieder und sagten: Du hast ja nun die Lsung! So vieles
Unerklrliche in seinem Leben zeigte auf einmal den tief verborgenen Sinn. Nicht
greisenhafte Schwche war es also gewesen, was die alte Mutter Clausen trieb, in
seinem Gesicht fortwhrend nach den Zgen des Barons Oskar zu suchen, der mit
dem Wodan strzte, und nicht eine phantastische Laune, da Albert Timm
erklrte: Sie haben das leibhaftige Gottseibeiunsgesicht der Grenwitzer Barone!
    Oswald sprang vom Sopha auf nach dem Spiegel. Ein todtenbleiches Gesicht mit
unheimlich leuchtenden Augen stierte ihn an: Sieh da! ist der bse Geist noch
immer nicht zur Ruhe? sind ihm noch nicht genug Opfer gefallen? erzeugt er sich
in seinen Opfern immer wieder? kann der Vampyr nicht an seinen eigenen Blicken
sterben? Eine Kugel? was? so gerade ber den pochenden Schlfen in's fiebernde
Hirn - sollte die dem Spuk nicht ein Ende machen? Doch, das ist der rechte Tod
nicht, sagt Berger; ist nur Tausch. Was bringt denn den rechten Tod, aus dem die
Seele nimmer wieder zu diesem gottverfluchten Dasein erwacht?
    Oswald fuhr mit einem Schrei zusammen - eine Hand erfate seinen Arm, und
ber die Schulter des Spiegelbildes weg schaute eine hhnisch lachende Fratze
ihn an.
    Hoho! sagte Albert Timm; willst Du unter die Komdianten, Dottore, da Du
vor dem Spiegel stehst und Monologe declamirst, die einem ehrlichen Menschen
eine Gnsehaut verursachen knnten? Gottverfluchtes Dasein? la Dich doch mal
bei Licht besehen, Schatz! In der That! Du siehst bedenklich aus! die kleine
Emilie, he? Sei froh, da sie fort ist, bevor sie Dich zum Schatten Deines
Schattens machte! Du siehst, ich wei Alles, und wei noch ein gut Theil mehr,
was, wenn Du's hrst, Dir wieder Lust zum Leben beibringen soll, Du
melancholischer Dnenprinz, Du! Aber, bevor ich mein Wissen auskrame - la eine
Flasche Portwein kommen oder dergleichen; ich bin heute Morgen noch so trocken,
wie ein Stockfisch.
    Albert Timm wartete Oswalds Antwort nicht ab, sondern klingelte selbst und
bestellte Portwein und Caviar. Haben keinen? Sehen Sie in den Dustern Keller,
gleich um die Ecke, Mann, nicht drei Schritt von hier. Machen Sie eine
Empfehlung von Albert Timm an Frau Rosalie Pape und kommen Sie im Fluge zurck,
Sie blondgelockter Jngling!
    Herrn Timms Behauptung, da er heute Morgen noch nichts getrunken habe, war
offenbar erlogen. Er verbreitete einen sehr merklichen Duft von Spirituosen um
sich her, sein Gesicht war stark gerthet und seine Augen weniger hell als
sonst. Seine Wsche war noch unsauberer als gewhnlich, und der braune Ueberrock
hatte mit verschiedenen weien Wnden und schmutzigen Tischen allzunahe
Bekanntschaft gemacht. Herrn Timms Umstnde hatten sich, seit ihn Oswald zum
letzten Mal sah, augenscheinlich bedeutend verschlechtert.
    Er stellte das auch gar nicht in Abrede, im Gegentheil, er hob
unaufgefordert den Schleier von dem reizlosen Bilde seiner letzten Monate.
    Das Pech hat mich auf Schritt und Tritt verfolgt, rief er, sich auf den
Sopha werfend und die Beine von sich streckend. In dem Augenblick, als ich die
Entdeckung gemacht hatte, die ich Dir mittheilen werde, sobald der Wein gekommen
sein wird, verschwandest Du spurlos aus Grnwald. Am nchsten Tage hob die
Polizei unseren Club auf, als wir beim Pharao saen, und confiscirte - ich hielt
gerade Bank - meine ganze Baarschaft von einigen hundert Thalern, die ich um so
nthiger brauchte, als am nchsten Morgen ein Wechsel von ebenfalls einigen
hundert Thalern fllig war, den ich natrlich nun nicht bezahlen konnte. Der
verdammte Manicher lie mich in's Loch sperren, wo ich denn bis vor acht Tagen
etwa gesessen habe. Wie ich losgekommen bin? Mein Wirth, - lassen wir das! ich
stehe wieder auf freien Fen, und da kommen der Wein und der Caviar. Hier,
Oswald! thu mir Bescheid! Es lebe, wer sich tapfer hlt! Kerl, ich sage Dir, ich
bin auer mir vor Freude, da ich Dich sobald aufgetrieben habe. Ich hatte mich
schon auf eine lange Jagd gefat gemacht. Und nun will ich Dir eine Geschichte
erzhlen, da Du vor Verwunderung die Hnde ber den Kopf zusammenschlagen und
vor Staunen aus der Haut fahren sollst. Ja wohl, aus der Haut! denn Du mut den
ganzen miserabeln Menschen, als welchen ich Dich hier vor mir sehe, aus-und den
andern anziehen, so ich fr Dich ohne alle Dein Verdienst und Wrdigkeit blos
aus purer Freundschaft mit saurer Mhe bereitet habe. Und nun noch einen Schluck
und dann an's Werk!
    Herr Timm schob den Teller, den er unterdessen geleert hatte, von sich,
strzte ein volles Glas hinunter, schenkte sich wieder ein, holte aus der Tasche
ein Bndel Papiere, die er vor sich auf den Tisch legte, stemmte die beiden Arme
auf, lachte Oswald an und sagte:
    Was giebst Du mir, mon cher, wenn ich Dich nun so nolens volens aus einem
armen Schlucker zu dem Sohne eines Barons mit nebenbei einem Erbe von circa
fnfzehn- bis zwanzigtausend jhrlicher Rente mache? Aber ich sehe, Du bist
wirklich etwas stark angegriffen. Ich will Dich nicht lnger auf die Folter
spannen. Hre!
    Da Timm ihm die Besttigung seiner Ahnung brachte, ihm gleichsam schwarz
auf wei bewies, da er nicht getrumt habe, jede ausschweifendste Phantasie
durch ein schriftliches Document zu einem Factum machte, welches sich vor
Gericht beweisen lie - Oswald bis zum Wahnwitz berreiztes Gehirn sah in dem
Allen nichts Auerordentliches. Da waren die Familienpapiere Marie Montberts.
Ihr eigentlicher Name war der ihrer deutschen Mutter, Marie Herzog, die, nach
Paris verschlagen, dort die Geliebte des Obristen Montbert geworden war. Und
Herzog, das wute Oswald, war der Familienname seiner Mutter. Hier war - durch
Timms unermdliche Thtigkeit und geheimnivolle Connexionen herbeigeschafft -
eine Abschrift aus dem Kirchenbuche ber die am 1. December 1823 in der St.
Marienkirche stattgehabte Trauung des Herrn d'Estein, genannt Stein, und der
Marie Elisabeth Herzog. Und dann hier die Abschrift eines Taufzeugnisses: Am 22.
December 1823 wurde dem Herrn Amadeus Stein und seiner Ehefrau Marie, geborene
Herzog, ein Sohn geboren, welcher in der heiligen Taufe, den 23. Januar 1824,
den Namen Oswald empfing. Hier waren die Briefe, die Baron Harald whrend seines
verhngnivollen Aufenthalts im Frhling 1823 in der Residenz an Marie
geschrieben, hier die Briefe, die Marie an den Baron gerichtet; hier ein Brief
Herrn d'Estein's an Marie aus dem Sommer desselben Jahres, worin er ihr
schreibt, da er endlich ihren Aufenthalt in Grenwitz erfahren; sie bei ihrer
Seelen Seligkeit beschwrt, ihm zu folgen; da er Alles zur Flucht bereit habe.
    Du siehst, es stimmt Alles auf's Haar, sagte Timm, nachdem er mit vielem
Scharfsinn alle Fden der verwickelten Angelegenheit entwirrt und zu einem
festen Gewebe vereinigt hatte; die Identitt der Personen kann durch Documente
und durch Zeugen zugleich bewiesen werden, und das Zeugni der Frau Rosalie
Pape, die Deine Mutter verkuppelt hat und hernach bei Deiner Geburt und bei
Deiner Taufe zugegen gewesen ist, schnellt alle mglichen Pfiffe und Kniffe der
Gegenpartei in die Luft. Zwar wird das Weib ein Zeugni, das es in der That
einigermaen compromittirt, nicht gern hergeben, aber fr Geld kann man den
Teufel tanzen sehen. Also dehalb habe ich keine Sorge. Meine einzige Sorge ist,
da Du die Sache nicht mit der nthigen Energie betreiben wirst. Ich will Dir
nur gestehen: Ich frchtete das bei den einigermaen verrckten Ansichten, die
Du ber manche Dinge hast, so da ich im Anfang ganz und gar zweifelte, ob es
sich berhaupt der Mhe verlohne, Dir von meiner Enteckung Mittheilung zu
machen, und ich in Folge dessen gegen die Baronin einige Winke fallen lie, die
aber nicht sehr gndig aufgenommen wurden.
    Mit einem Worte, sagte Oswald, und er wurde noch blasser, als er es schon
war, Du hast die Entdeckung an die Baronin verkaufen wollen und sie hat Dir
nicht den Preis bezahlt, den Du fordertest.
    Sieh! sieh! sagte Albert mit aufrichtiger Bewunderung, Du entwickelst da
einen Sinn fr Geschfte, den ich Dir gar nicht zugetraut htte. Nun, nimm an,
die Sache sei so, wie Du sagst. Das kann und wird Dich nicht hindern, von Deinem
guten Rechte Gebrauch zu machen. Aber, Freundchen, periculum in mora! Wenn Du
nicht blo der Neffe, sondern der Schwiegersohn Anna-Maria's werden willst, mut
Du Dich beeilen. Es ist so gekommen, wie ich Dir schon im Winter sagte, da es
kommen wrde. Helene hat sich mit dem Frsten Waldernberg versprochen; die
ffentliche Verlobung soll in diesen Tagen stattfinden und zwar hier. Anna-Maria
ist gestern Abend angekommen und im Hotel Waldernberg bei der alten Frstin
Letbus, der Mutter seiner Durchlaucht, abgestiegen. Nun habe ich, um in dem
feindlichen Lager die nthige Verwirrung zu bereiten, die unsern Angriff
untersttzen soll, bereits eine herrliche Mine gegraben, die noch heute platzen
mu. Ich bin wie von meinem Leben berzeugt, da Helene den Frsten nicht liebt
und da sie noch im letzten Augenblick nein sagen wrde, wenn sie wte, da Du
ihr Vetter bist und sie das Vermgen, welches sie durch ihre Vetterschaft
verliert, aus den Hnden des Gemahls zurckerhalten kann. Da sich die Sache
aber so verhlt, wird sie nur einem Menschen auf Erden glauben, und dieser
Mensch bist Du selbst. Oswald, bedenke, was auf dem Spiel steht. Ein einziger
muthiger Schritt - und das Mdchen, das Du - leugne es nicht! - zum Rasendwerden
liebst, ist Dein! Ein Vermgen, da Deine khnsten Wnsche bersteigt, ist Dein!
Du hast mit einem Schlage Alles, wonach Andre Jahre lang vergeblich rennen,
wofr sie, wenn sie die Chance htten, ohne sich lange zu besinnen, ihr Leben
einsetzen wrden! Die Ueberraschung bewirkt Wunder. Fahre nach dem Hotel
Waldernberg in der Williamsstrae; la Dich bei der jungen Barone melden! sag'
ihr, wenn es sein mu, in Gegenwart der Mutter, nicht, da Du sie heirathen
willst, - denn das versteht sich hernach von selbst, - sondern, da Du jetzt
unter den und den Umstnden die Entdeckung gemacht hast, und ich will meinen
eigenen Kopf fressen, wenn Dir das Mdel nicht um den Hals fllt und ihren
Frsten zum Teufel schickt.
    Albert hatte sich darauf gefat gemacht, diesen abenteuerlichen Plan von dem
zaghafteren Oswald zuerst auf das Entschiedenste verworfen und im besten Falle
erst nach langer Debatte angenommen zu sehen. Wie freudig war er deshalb
berrascht, als jener, der whrend der ganzen Verhandlung, den Kopf in die Hand
gesttzt, schweigend dagesessen hatte, jetzt sich erhob und sagte:
    Du hast Recht. Es giebt nur das eine Mittel. Ich mu selber hingehen und
zwar sogleich.
    Bruderherz! rief Timm aufspringend und Oswald mit Heftigkeit umarmend; das
ist das vernnftigste Wort, das Du in Deinem Leben gesprochen hast.
    Oswald machte sich mit einem Schauder, der dem aufgeregten Timm entging, aus
dieser Umarmung los.
    La mich jetzt allein, sagte er, ich bin, wie Du Dir denken kannst, von
dieser Unterredung angegriffen. Ich mu mich zu der Scene, die mir bevorsteht,
sammeln.
    Um Himmelswillen, nur keine neuen Bedenken! rief Timm; frische Fische, gute
Fische! Ich frchte, sobald ich Dir den Rcken kehre, fallen Dir tausend Aber
ein.
    Ich gebe Dir mein Wort, da ich noch in dieser Stunde hingehen werde. Die
Papiere lt Du mir doch hier? Ich knnte sie der Baronin gegenber gebrauchen.
    Albert warf einen mitrauischen Blick auf Oswald. Er gab die Papiere ungern
aus der Hand. Wenn Oswald falsch spielte, wenn - aber es war keine Zeit sich
lange zu bedenken. Und in Oswalds Wesen lag ein Etwas, das jeden Widerspruch
gewagt erscheinen lie - eine Entschiedenheit in dem festgeschlossenen blassen
Munde, ein dsteres Feuer in den groen Augen - Timm hatte ihn so noch nie
gesehen. Es war nicht mehr der alte wankelmthige Oswald Stein, es war der Sohn
Haralds von Grenwitz, der da vor ihm stand.
    Meinetwegen, sagte er, mache, was Du willst. Ich sehe wohl, da Du zum
Aeuersten entschlossen bist. Aber, Oswald, wenn der groe Wurf gelingt, und
jetzt zweifle ich nicht mehr, da er gelingt - vergi nicht den, der Dir die
Wrfel in die Hand gedrckt hat.
    Sei berzeugt, sagte Oswald mit einem unheimlichen Lcheln, da Du in dieser
Angelegenheit, was den materiellen Vortheil betrifft, nicht schlechter fahren
sollst, als ich selbst.
    Albert Timm wollte Oswald noch einmal umarmen. Der indessen machte eine
ungeduldig abwehrende Bewegung.
    Na, ich sehe, sagte Albert ohne alle Empfindlichkeit, Du bist schon mitten
in Deiner Rolle. Ich will Dich nicht lnger aufhalten. Adieu, Oswald! mache
Deine Sache gut! es ist jetzt drei Uhr. Ich komme um vier wieder und frage, wie
es abgelaufen ist. Adieu so lange!
    Oswald ging, als Albert fort war, mit langsamen Schritten im Zimmer auf und
ab. Dann trat er vor den Kupferstich und betrachtete ihn lange mit starren
Augen. Es ist zu spt, murmelte er; ich kann ihr Retter nicht werden, kann sie
nicht mehr befreien von dem Felsen, an den das Schicksal sie geschmiedet. Aber
sehen will ich sie noch einmal und mein Andenken von der Schmach reinigen, die
dieser Schurke auf mich gehuft hat. Sie soll nicht glauben, da ich mich je
unwrdiger Mittel bedienen konnte.
    Er trat an den Tisch und legte die Papiere zusammen. Dann fing er an, sich
zu dem Gange, den er vorhatte, anzukleiden. Er kam nicht schnell damit zu
Stande. Seine Glieder waren wie abgestorben; er mute sich mehrmals hinsetzen,
um einen Anfall von Schwindel vorbergehen zu lassen. Endlich war er fertig. Er
steckte die Papiere in die Tasche und verlie das Zimmer.

                           Fnfundvierzigstes Capitel


Durch die wenig belebte Strae, in welcher Doctor Braun wohnte, fuhr ein Wagen,
dessen rasches Rollen manches neugierige Gesicht an's Fenster lockte. Es war
eine herrschaftliche, mit zwei wundervollen Pferden bespannte Kutsche, an deren
Schlage ein groes Wappen prangte. Auf dem Bock neben dem Kutscher sa ein Jger
in glnzender Livre. Die Kutsche hielt vor dem Hause des Doctor Braun, der
Jger sprang vom Bock, ri den Schlag auf; eine junge, sehr elegant gekleidete
Dame stieg aus und trat rasch durch den kleinen Garten vor der Thr in's Haus.
    Ist Frau Doctor Braun zu sprechen?
    Ich wei nicht, antwortete das Mdchen, und warf dabei einen scheuen Blick
auf den schwarzen Sammetmantel und das reizende weie Htchen der Dame: ich will
nachsehen.
    Ist nicht nthig, sagte Sophie, die pltzlich im Schmuck einer sehr langen
Schrze in der Thr der Kche erschien, hier bin ich schon.
    Liebe Sophie!
    Liebe Helene!
    Sophie zog die Freundin in die Stube, nestelte ihr mit vor Freude zitternden
Hnden den Mantel los, nahm ihr den Hut ab, fate sie an beiden Hnden und rief:
    Nun, la Dich doch einmal beim Lichte besehen, Du Liebe - schn, wie immer,
wunderschn! aber so bla und so ernst und angegriffen, wie mir scheint. Kann
ich etwas zu Deiner Erquickung thun? Du siehst, ich habe die Kchenschrze noch
um.
    Helene lchelte. Es war ein schwermuthsvolles Lcheln, das ihre dunklen
Augen nur noch dunkler machte.
    Ich danke Dir, Sophie! ich wollte mich nur an Deinem Augenblick erquicken.
Ach, Du weit nicht, wie ich mich nach Dir gesehnt habe.
    Die beiden jungen Damen hatten sich bis zu Sophiens Abreise von Grnwald Sie
genannt. Die Freude des Wiedersehens hatte das schwesterliche Du geboren. Sophie
dachte daran, als sie das erste Du aus Helenens stolzem Munde hrte. Es rhrte
sie, und noch mehr der traurige Ton, in welchem Helene sagte, da sie sich nach
ihr so gesehnt habe. Ein solches Gestndni, da die Pensionrin von Frulein
Br sicher nicht gemacht htte, kleidete die Braut des Frsten Waldernberg gar
seltsam.
    Das Alles fuhr Sophie durch den Kopf, whrend sie, Helenens beide Hnde noch
immer festhaltend, ihr tief und tiefer in die dunklen Augen sah.
    Arme Helene! sagte sie; sie wute kaum, da sie es sagte.
    Aber in Helenens Herzen erweckten die leisen mitleidsvollen Worte alle die
Schmerzensgeister, welche die letzte bange Nacht mit ihr gewacht und kaum gegen
Morgen eine Stunde lang mit ihr in unruhigem Schlaf gelegen hatten. Mitleid mit
sich selbst, wie sie es nie gekannt hatte, ergriff sie, die Thrnen kamen ihr in
die Augen, und sie warf sich in Sophiens Arme, das schne blasse Antlitz an der
Freundin Busen verbergend.
    Um Himmelswillen, liebe Helene, was hast Du; sagte Sophie, jetzt ernstlich
bestrzt; ich habe Dich ja nie so gesehen, nie geahnt, da ich Dich so sehen
wrde und am wenigsten jetzt, wo ich glaubte, es sei in Deinem Leben Alles
Herrlichkeit und Freude.
    Hast Du das wirklich geglaubt? fragte Helene, sich aufrichtend und Sophie
mit den groen, schmerzlich starren Augen forschend anblickend.
    Sophie senkte vor diesem Blick die Wimpern. Sie mochte nicht Nein sagen, und
Ja zu sagen, erlaubte ihr ihre Ehrlichkeit nicht. Aber dieses Schwanken dauerte
bei ihr nicht lange. Jetzt oder nie war der Moment, Helenen Alles mitzutheilen,
was sie so lange schon auf dem Herzen gehabt hatte.
    Helene, sagte sie, klar und ruhig mit ihren tiefen blauen Augen aufblickend;
ich kann nicht lgen und mag nicht lgen, keinem Menschen gegenber und zumal
Dir gegenber nicht, die ich so herzlich lieb habe. Komm, se Seele, setze Dich
zu mir hier auf's Sopha und la uns sprechen, wie's Schwestern geziemt, die wir,
wenn nie wieder, doch wenigstens in dieser Stunde sein wollen. Wenn Du nicht
Aufrichtigkeit von mir wnschest, weshalb wrst Du denn, da Du so viel
glnzendere Freundinnen haben knntest, gerade zu mir gekommen? Habe ich recht?
    Sprich weiter! sagte Helene, als sei nur die Stimme der Freundin zu hren,
fr sie schon ein Trost und eine Erquickung.
    Du hast mich gefragt, fuhr Sophie immer muthiger werdend, fort, ob ich
wirklich glaube, da Du jetzt glcklich bist? Ich glaube es nicht. Du siehst
nicht aus wie eine Glckliche. Dein schnes blasses Gesicht sagt nein, wenn
Deine Zunge auch ja sagen sollte. Ich habe oft und oft in Deinem Gesicht
gelesen, lange, lange Geschichten, von denen Du Stolze, Schweigsame mir kein
Wort gesagt, und ich will Dir erzhlen, was ich gelesen. Darf ich?
    Sprich weiter, Sophie! sprich weiter!
    Ich habe hier auf Deiner Stirn gelesen, da Deinem Geiste nur das Groe, das
Auerordentliche gengt, und selbst das kaum - und hier in Deinen zauberisch
schnen Augen, da Dein Herz sich, wie nur ein Menschenherz es kann, nach Liebe
sehnt. So ist von jeher ein Zwiespalt gewesen zwischen Deinem Kopf und Deinem
Herzen. Du willst herrschen und willst lieben zu gleicher Zeit, und, liebe
Helene, das geht nicht an. Die Liebe, die echte Liebe - und es gibt ja nur die
eine - ist demthig; sie duldet Alles und glaubt Alles; sie will nichts, als
Eins sein mit dem Geliebten, in Freud und Leid. Sieh, se Seele, mir ist das
Glck solcher Liebe zu Theil geworden, und ich wei deshalb, was ich sage. Franz
und ich haben nur einen Willen. Er will das Gute, ich will's mit ihm, und
sollten unsere Ansichten wirklich einmal auseinandergehen - die Herzen bleiben
doch verbunden; da findet sich denn das Andere ganz von selbst. Alle Freude ist
doppelt gro, und alles Leid trgt sich doppelt leicht. Ich hab's erfahren, als
mein guter Vater starb. Was htte aus mir werden sollen, wenn ich Franz nicht
gehabt htte.
    Ich hatte, als mein Vater starb, Niemand, sagte Helene tonlos.
    Ich wei es, liebes Herz, und ich habe mich oft, wenn ich daran dachte, wie
einsam Du warst und wie Du so keine Menschenseele hattest, der Du Dein Leid
klagen konntest, an die Brust meines Franz geworfen, der dann manchmal gar nicht
wute, was mich so pltzlich und gewaltig zu ihm trieb. Du stehst allein, selbst
jetzt noch, wo Du im Begriff bist, Dich zu vermhlen, und, was tausendmal
schlimmer ist, Du bist in Deinem Herzen berzeugt, da es so bleiben, da Dein
Gatte nie Dein Freund, Dein Bruder, Dein Geliebter sein wird, vor dem Deine
Seele so klar und offen liegt, wie ein krystallheller Bergsee, in den die liebe
Sonne bis auf den tiefsten Grund hinabblickt.
    Nie, nie! murmelte Helene.
    Ich wute es ja, sagte Sophie traurig, aber Helene, wenn es schon schlimm
genug ist, da Du den Frsten heirathen willst, ohne ihn zu lieben, so ist es
noch viel, viel schlimmer, da Du sein Weib wirst, whrend Du in Deinem Herzen
das Bild eines anderen Mannes trgst.
    Eine dunkle Rthe ergo sich ber Helenens Gesicht, als Sophie mit fester
Stimme diese letzten Worte sprach und sie dabei mit den groen blauen Augen so
ernst und vorwurfsvoll anblickte.
    Nein, ses Mdchen, schme Dich nicht, da Du ihn geliebt hast. Deshalb
tadle ich Dich nicht, denn er ist ein ungewhnlicher Mensch, ausgestattet mit
Allem, was wohl ein Mdchenherz fesseln kann. Ich tadle Dich auch nicht, da Du
ihn noch liebst, - wer kann die Liebe so leicht aus seinem Herzen reien! -
aber, Helene, da dem so ist, heirathe den Frsten nicht! Du darfst es nicht, aus
Achtung vor Dir selbst, aus Achtung vor ihm, wenn er achtungswrdig ist.
    Es ist zu spt; sagte Helene, ihr Gesicht in den Hnden verbergend.
    Nun und nimmermehr! rief Sophie leidenschaftlich; nie ist es zu spt, einen
Irrthum zu bekennen, der Dich und ihn grenzenlos unglcklich machen mu.
Versteh' mich wohl, Helene! Ich spreche nicht fr jenen unglcklichen Mann, der
Deine Liebe, wenn er derselben je wrdig war, woran ich zweifle, jetzt durchaus
verscherzt hat. Ich bin niemals seine Freundin gewesen; die sogenannten
glnzenden Eigenschaften lassen mich ziemlich kalt, wenn sie die Gte des
Herzens nicht zur Folie haben. Aber weil er Deiner nicht wrdig, mut Du deshalb
einen Mann heirathen, fr den, mag er sonst noch so vortrefflich sein, nun
einmal Dein Herz stumm ist? O, Helene, ich wollte, ich knnte mit Engelszungen
reden, um Dein stolzes Herz zu rhren, da Du Dich demthigtest vor der
Wahrheit, da Du alle Herrlichkeit der Welt gering achtetest vor der Seligkeit,
mit Dir selbst bereinzustimmen.
    Helene bebte zusammen, als ob wirklich der Himmlischen Einer zu ihr sprche.
    O, Du bist gut, rief sie; wre ich doch, wie Du!
    Du kannst es sein, wenn Du nur willst!
    Aber wie entrinnen aus diesem Wirrsal? ich habe mein Wort gegeben; wie kann
ich es zurcknehmen?
    Sprich ganz offen mit dem Frsten, sagte Sophie, der dieser Ausgang das
Einfachste und Natrlichste schien.
    Lieber todt! murmelte Helene.
    In diesem Augenblick wurde an die Thr gepocht; der Jger trat herein mit
einem Billet in der Hand.
    Er blieb kerzengerade an der Thr stehen.
    Gndigen Baronesse gehorsamst zu vermelden, da dies Billet so eben aus dem
Palais hierher gesandt ist.
    Helene griff hastig nach dem Billet.
    Von meiner Mutter.
    Sie warf einen Blick hinein und zuckte heftig zusammen.
    Was ist's, Helene?
    Meine Mutter hat so eben Nachricht aus Grnwald erhalten, da mein Bruder
sehr schwer erkrankt ist. Sie mu augenblicklich zurck.
    Armes Mdchen! rief Sophie; wie bla und erschrocken Du bist! Soll ich mit
Dir fahren?
    Nein, nein! sagte Helene; bleib! Ich mu allein hin. Leb' wohl, liebe
Sophie! leb' wohl!
    Sie ri sich aus Sophie's Armen.
    Sophie geleitete sie bis zum Wagen. Sie hielt die Hand der Freundin fest in
der ihren und sagte: La von Dir hren, Helene! was Du auch thust, folge der
Stimme Deines warmen Herzens, es rth Dir besser als der kalte Verstand.
    Ich will es, erwiderte Helene, schon im Wagen; verla Dich d'rauf; ich will
es. Leb' wohl!
    Der Jger schlo die Thr. Der Wagen donnerte davon. Sophie sah ihm nach,
bis er um die nchste Ecke gebogen war. Dann schritt sie langsam, das liebe
Gesichtchen sinnend zur Erde geneigt, in das Haus zurck.

                          Sechsundvierzigstes Capitel


In einem Zimmer der Beletage des Hotel de Russie Unter den Akazien befanden sich
an diesem Nachmittag Berger und Director Schmenckel. Sie hatten eine lange
Unterredung mit einander gehabt, und Herr Schmenckel erhob sich, um zu gehen.
Berger stand ebenfalls auf.
    Sie wissen doch genau, was Sie sagen sollen?
    Ich sollt' halt meinen, erwiderte Herr Schmenckel und rusperte sich.
    Wollen wir's lieber doch noch einmal durchsprechen?
    'S knnte vielleicht nicht schaden; erwiderte Herr Schmenckel.
    Sagen Sie also: es thte Ihnen leid, da Sie der Frstin solche
Ungelegenheit bereitet. Sie selbst wrden nie auf diesen Plan gekommen sein,
wenn der Mensch,- wie nannten Sie ihn doch?
    Timm!
    - Sie nicht darauf gebracht htte. Jetzt wren Sie zur Einsicht gekommen,
da Ihre Handlungsweise sich fr einen ehrlichen Mann nicht zieme, und Sie gben
der Frstin Ihr Wort, da nimmer wieder ein Laut von dieser Angelegenheit ber
Ihre Lippen kommen solle.
    Kommen solle! wiederholte Herr Schmenckel.
    Was den Menschen, den Timm betrfe, so solle sich Ihre Durchlaucht nur nicht
ngstigen, und ihn, wenn er etwa die Frechheit htte, zu kommen und ihr Geld
abzufordern, durch ihre Bedienten zur Thr hinauswerfen lassen. Da Sie ihn in
keiner Weise untersttzen wrden, so htte der Skandal, den er mglicherweise
erregen knnte, nichts zu bedeuten. Haben Sie es jetzt ordentlich im Kopf?
    Ich denk', es wird nun gehen, sagte Herr Schmenckel nachdenklich.
    Und was die Hauptsache ist, Sie nehmen kein Geld von der Frstin an, weder
viel, noch wenig. Vergessen Sie das ja nicht!
    Will's schon machen! sagte der Director, mit einem pltzlichen Entschlu den
Hut auf den Kopf drckend; adies, Herr Professor.
    Adieu! sagte Berger, ihm die Hand reichend; gehen Sie, und werden Sie wieder
der ehrliche Mann, der Sie bis dahin gewesen sind.
    Und nun, murmelte Berger, als die Thr sich hinter Herrn Schmenckel
geschlossen hatte, ist der Augenblick gekommen, die alte Schuld quitt zu machen.
Er trat an das Bureau und nahm aus einer Schublade ein Kstchen von Ebenholz und
ein Medaillon. Dann verlie er sein Zimmer und ging den Corridor entlang, bis er
an eine Thr gelangte, an der er einen Augenblick lauschend stehen blieb. Der
Schlssel steckte im Schlo. Berger zog ihn geruschlos ab und klopfte:
    Entrez! rief eine krhende Stimme.
    Berger trat ein.
    Der, den er suchte, stand mit dem Rcken nach der Thr vor dem Spiegel,
eifrig beschftigt, die glnzend braunen Lckchen seiner Percke ber der Stirn
zu ordnen. Er wandte sich in der Meinung, da es der Kellner sei, nicht nach dem
Eintretenden um. Dieser lie einen schnellen Blick durch das Zimmer gleiten,
schlo die Thr und schritt dann bis mitten in das Gemach, wo er regungslos
stehen blieb.
    Was wollen Sie? sagte der Graf Malikowsky, der jetzt mit seiner Cravatte
beschftigt war.
    Mit Ihnen eine alte Rechnung quitt machen, erwiderte Berger.
    Der Graf wandte sich erschrocken um und starrte in Bergers bleiches, ernstes
Gesicht, das durch das schwarze Pflaster auf der Stirn noch bleicher und ernster
erschien.
    Wer sind Sie? Was wollen Sie? rief der Graf.
    Mein Name ist Berger. Was ich will, habe ich Ihnen bereits gesagt.
    Wenn Sie eine Forderung an mich haben, wenden Sie sich an meinen
Kammerdiener. Ich befasse mich mit dergleichen nicht.
    Ich wei es wohl, sagte Berger, ohne eine Miene zu verndern, das der Graf
Malikowsky Forderungen, die man an ihn persnlich gerichtet hat, gern durch
andere Leute beantworten lt, und wren diese Andern selbst Meuchelmrder;
diesmal aber, hoffe ich, werden Sie eine Ausnahme von der Regel machen.
    Bei diesen Worten trat er an den runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers
stand, setzte das Ebenholzkstchen darauf und nahm die beiden Pistolen, die es
enthielt, heraus.
    Der Graf hatte diesem Beginnen mit einem Erstaunen, das ihn sprachlos und
bewegungslos machte, zugesehen. Der Anblick der Pistolen brachte ihn indessen
wieder zu sich, er eilte nach der Thr.
    Berger vertrat ihm, die Pistolen in der Hand, den Weg.
    Ein Versuch noch, mir zu entwischen, sagte er, ein Hlferuf, und ich schiee
Sie nieder. Treten Sie an jene Seite des Tisches, mir gegenber; so!
    Der Mensch ist verrckt, murmelte der Graf, indem er, an allen Gliedern
zitternd, Bergers Befehl Folge leistete.
    Wohl mglich, sagte Berger mit einem unheimlichen Lcheln; wenn ich's aber
bin, so bin ich es zum nicht geringsten Theil durch Sie, mein Herr Graf. Sie
kennen mich nicht mehr.
    Nein! in der That, nein!
    Kann sein; ich habe mich, seitdem ich zum letzten Male die zweifelhafte Ehre
hatte, Ihnen gegenber zu stehen, einigermaen verndert; ich will Ihrem
Gedchtnisse zu Hlfe kommen. Kennen Sie auch diese nicht mehr?
    Er drckte das Medaillon auf und hielt es dem Grafen ber den Tisch hinber
entgegen. Der Graf setzte seine goldene Lorgnette auf und blickte auf das Bild
in der Kapsel. Es war das auf Email zierlich gemalte Portrait eines
wunderschnen braunugigen Mdchens, in der Tracht des Anfangs der zwanziger
Jahre.
    Eleonore! rief der Graf, einen Schritt zurckprallend.
    Ja, Eleonore; wiederholte Berger, das Medaillon wieder schlieend und zu
sich steckend; und nun werden Sie ja wohl auch hoffentlich wissen, wer ich bin
und was das fr eine Rechnung ist, die wir miteinander abzumachen haben.
    Der Graf war selbst durch seine Schminke hindurch todtenbleich geworden;
seine falschen Zhne klapperten, er mute sich in einen Stuhl, der an dem Tische
stand, sinken lassen, da er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.
    Berger schien sich an diesem klglichen Anblick zu weiden.
    Wie die Memme zittert, sagte er; wie ihm das faule Herz in der den Brust an
die Rippen pocht um das bischen nichtsnutzige Leben! Elender Feigling, der nur
den Muth hat, unschuldige Mdchen zu verfhren, und in die Kniee sinkt, sobald
ihm ein Mann entgegentritt! Hier, nimm die Pistole, und mach' einem Leben voll
Schande durch einen halbwegs ehrlichen Tod ein Ende.
    Ich kann nicht! keuchte der Graf, haben Sie Mitleid mit mir! Sie sehen, ich
bin ein vor der Zeit alter Mann; meine Hnde zittern vor Gicht; ich kann keine
Feder, geschweige denn eine Pistole fest halten.
    Freilich, sagte Berger; der Mensch ist weiter nichts als ein bertnchtes
Grab! da wre es wohl eine noch hrtere Strafe, wenn man ihn leben liee?
    Er senkte die Stirn und sann einen Augenblick nach.
    Sei's denn, murmelte er. Er legte die Pistolen wieder in das Kstchen. Der
Graf athmete auf.
    Ich habe mich nach dieser Stunde gesehnt dreiig Jahre lang; ich dachte
wunder, wie s der Trank der Rache sein wrde, aber das Gef, in welchem er
mir geboten wird, ekelt mich an; ich mag ihn nicht.
    Berger hatte das gesagt, als ob er mit sich selber sprche. Jetzt hob er den
Kopf, heftete seine durchdringenden Augen auf den Grafen, der noch immer
zusammengekauert in seinem Stuhl zitterte, und sagte:
    Ich bin mit Ihnen fertig. Ich will Ihnen Ihr jmmerliches Leben lassen, aber
unter einer Bedingung. Noch in dieser Stunde reisen Sie von hier ab und lassen
sich nie wieder in Deutschland sehen. Ich will nicht, da ein Bube, wie Sie,
deutsche Luft athmet.
    Wie Sie wollen, was Sie wollen, sagte der Graf; ich will froh sein, wenn ich
aus dem verdammten Lande weg bin.
    Berger steckte das Pistolenkstchen in die Tasche. Da tnte von der Strae
herauf wilder Lrm. Berger war mit einem Satze am Fenster, das er in wilder Hast
aufri. Volksschaaren, Mnner, Weiber und Kinder wlzten sich die Akazien hinab.
Wir sind verrathen! Man schiet auf uns! Zu den Waffen, zu den Waffen!
    Zu den Waffen, zu den Waffen! schrie Berger, die Arme in die Luft
schleudernd; endlich, endlich! Habe Dank, Du groer Geist!
    Er wandte sich vom Fenster, packte den Grafen, den die Neugier von seinem
Stuhle emporgetrieben hatte und der ihm jetzt in den Weg kam, an der Brust,
schttelte ihn mit Riesenkraft und schrie:
    Hrst Du, Memme, zu den Waffen! Ein ganzes Volk ruft es. Weiber und Kinder!
Jetzt sollen all die alten Snden quitt gemacht werden, die Du und
Deinesgleichen seit dreiig Jahren auf Euch geladen habt.
    Er stie den Halbentseelten verchtlich von sich, schlo die Thr auf und
strzte hinaus.
    Er rannte an einen Officier, der eilig zum Zimmer hinein wollte.
    Es war der Frst Waldernberg.
    Entschuldigen Sie, mein Vater, wenn ich meinem Versprechen, Sie zur Frstin
zu begleiten, nicht nachkommen kann, sagte der Frst athemlos. Sie hren, da
die Emeute wieder im besten Gange ist, ich erwarte jeden Augenblick, da
Generalmarsch geschlagen wird.
    Der Graf war von der Scene mit Berger noch ganz auer sich. Er stierte den
Frsten mit einem bleichen, verstrten Gesicht an.
    Was haben Sie, mein Vater? fragte der Frst, der jetzt erst diese
Vernderung bemerkte.
    Scheeren Sie sich zum Teufel, Herr, mit Ihrem Vater! rief der Graf, ich bin
Ihr Vater nicht, will nicht Ihr Vater sein. Wenn Sie Ihren Vater sehen wollen,
gehen Sie zu Ihrer Frau Mama, Sie werden ihn eben jetzt da finden.
    Was heit das, mein Vater, sagte der Frst, der zu frchten begann, der Graf
sei wahnsinnig geworden.
    Mein Vater! hhnte der Graf, kstlich, herrlich! Aber ich habe das
Possenspiel satt. Meinetwegen geht Alle zum Teufel!
    Er ri an dem Glockenzuge.
    Den Wagen vorfahren lassen, hren Sie! schrie er den Kellner an. Und dann
zum Frsten gewandt: Wollen Sie jetzt gehen, Herr, oder nicht?
    Der Frst sah aus, wie Jemand, der nicht wei, ob er seinen Augen und Ohren
trauen soll. Pltzlich schien er einen Entschlu gefat zu haben. Er warf noch
einen Blick auf den Grafen, der jetzt wie toll umherrannte, und verlie eilig
das Gemach.

                          Siebenundvierzigstes Capitel


Herr Schmenckel wanderte langsam die Akazien hinab nach der Williamsstrae. Er
hatte die Arme auf den Rcken gelegt und den Hut tief in die Stirn gedrckt; die
Leute gingen ihm aus dem Wege, denn er stierte unverwandt auf das
Straenpflaster und murmelte fortwhrend Unverstndliches durch die Zhne. Aber
Herr Schmenckel war keineswegs betrunken oder verrckt; er war nur etwas
aufgeregt und repetirte die Lection, die ihm Berger eingeprgt hatte. Es war ein
saurer Gang; aber Herr Schmenckel fhlte, da er nur seine Pflicht thue, wenn er
das Complot, in das der schlaue Timm ihn verwickelt, wieder zerstre. Ein wahres
Glck, da er sich in seiner Herzensangst dem Professor entdeckt hatte! wie der
zu reden wute! da es einem ordentlich angst und bange wurde. Der Schmenckel
hat's ja immer gesagt, da hinter dem Professor etwas ganz Besonderes stecke.
Und da die Czika nun schlielich doch ein Baronenkind war, das verwunderte den
Caspar Schmenckel aus Wien gar nicht. Es hatte so kreuznrrische Augen gehabt,
das Mdel, und er hatt's auch immer ganz besonders gut behandelt; da war's am
Ende gar nicht so wunderbar von dem Baron Oldenburg, da er dem alten ehrlichen
Casperle eine Hausmeisterstelle auf seinen Gtern angeboten hatte, wo er fortan
ohne Sorgen leben konnte. Nein, Caspar Schmenckel aus Wien brauchte von
Niemandem Geld zu erschwindeln, Caspar Schmenckel konnte wieder frei den Kopf
erheben.
    Zum Tausend, Alter, kommt Ihr erst jetzt? rief pltzlich eine scharfe
Stimme; Ihr solltet ja schon mit Eurer Visite fertig sein.
    Albert war in der Williamsstrae in der Nhe des Hotel Waldernberg auf und
ab patrouillirt, um den Erfolg von Oswalds Unterredung mit der Baronin Grenwitz
zu erfahren. Herrn Schmenckel glaubte er um diese Zeit schon auf dem Wege nach
dem Dustern Keller, wo sie sich ein Rendez-vous gegeben hatten fr den Fall, da
sie sich auf der Strae verfehlen sollten. Albert hatte nicht umsonst Schmenckel
eine Stunde frher als Oswald nach dem Palais geschickt. Damit Oswalds
Zusammenkunft mit der Baronin die rechten Frchte tragen konnte, mute die
Baronin zuvor einen gewissen Brief gelesen, und damit die Wirkung des Briefes
nicht paralysirt wrde, mute Herr Schmenckel mit der Frstin conferirt haben.
Er war deshalb ber Herrn Schmenckels Zusptkommen auf's hchste entrstet.
    Es ist rein um nrrisch zu werden, fuhr er in noch rgerlicherem Tone fort;
nicht einen Augenblick kann man Euch allein lassen, so giebt's eine Dummheit.
    Oho! nicht so grob, Freundchen, entgegnete Herr Schmenckel, der sich im
Bewutsein seiner tugendhaften Vorstze dem schlangenklugen Mitschuldigen
gewachsen fhlte; sonst komm' ich Dir auf den Buckel!
    Nun, nun, sagte Albert einlenkend, zwischen Freunden mu ein offenes Wort
erlaubt sein. Macht nur jetzt, da Ihr hineinkommt, so kann noch Alles nach
Wunsch ablaufen. Ihr seid doch heute Morgen beim Grafen gewesen?
    Nein, brummte Herr Schmenckel.
    Aber zum Teufel, weshalb denn nicht! rief Timm, dessen Aerger sich von neuem
regte.
    Weil ich nicht wollte, sagte Schmenckel trotzig; weil ich mit Euch berhaupt
nichts mehr zu thun haben will.
    Aha! sagte Timm, Ihr mchtet die Fettfedern allein ziehen? ich habe mir die
Finger verbrannt, um Euch die Kastanien aus dem Feuer zu holen? Nein, theuerster
Freund, so dumm sind wir nicht; fr Nichts ist Nichts.
    Ich will nicht einen Kreuzer von dem Sndengeld, rief Schmenckel; ich will
der Frstin sagen, da ich ein ehrlicher Kerl bin und da sie sich nicht weiter
ngstigen soll.
    Schaust Du aus dem Loch? sagte Timm; also blos ein klein wenig verrathen
wollt Ihr mich? Nehmt Euch in Acht, der Spa knnte Euch theuer zu stehen
kommen!
    Ich werde thun, was mir gefllt; sagte Schmenckel, eine sehr entschlossene
Miene annehmend und mit langen Schritten weiter gehend.
    Ihr kommt nicht in das Haus; rief Albert und packte Schmenckel fest am Arm.
    Schmenckels Antwort auf diese Herausforderung war ein Sto, der seinen
Gegner sehr unsanft ber das Trottoir weg gegen die Wand schleuderte. Im
nchsten Augenblick hatte sich die Thr des Palais hinter Schmenckel
geschlossen.
    Durch den Wortwechsel mit Albert war er in eine Art von heroischer Stimmung
gerathen, die sich ausnehmend zu der Unterredung, welcher er entgegenging,
eignete. So geschah es denn, da er sich weder durch die glnzende Livre des
Portiers, noch durch die Pracht der Zimmer, welche er durchschreiten mute,
imponiren lie. Aber der Muth sank ihm pltzlich wieder, und das Herz schlug ihm
hoch, als der Bediente jetzt vor einer Thr stehen blieb und leise sagte: Hier
befinden sich Ihre Durchlaucht, treten Sie nur ohne anzuklopfen ein; Sie werden
erwartet. Herr Schmenckel fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes Haar,
rusperte sich, klemmte den abgeschabten Hut fest unter den linken Arm, ffnete
mit der Rechten entschlossen, wenn auch vorsichtig, die Thr und trat ein.
    Eine rosige Dmmerung umgab ihn, und in der rosigen Dmmerung bemerkte er
zwei Frauen, von denen die eine in einem Lehnstuhl am Kamin sa, in welchem
trotz des warmen Wetters ein helles Feuer brannte, die andere etwas seitwrts
hinter dem Lehnstuhle stand. Beide Frauen richteten, als er sich ihnen nherte,
die Augen mit durchdringenden Blicken auf ihn. Dieser Empfang veranlate ihn,
kleinere und immer kleinere Schritte zu machen, und dann, nachdem er den Raum
zwischen Thr und Kamin kaum halb zurckgelegt hatte, pltzlich stehen zu
bleiben.
    Treten Sie nher, lieber Freund, sagte die Dame, die hinter dem Stuhle
stand.
    Herr Schmenckel trat noch zwei sehr kleine Schritte heran und blieb abermals
stehen, fest entschlossen, den auf ihn gerichteten funkelnden Augen, komme, was
da wollte, nicht eine Linie nher zu treten.
    Sie sind der Mann, der an den Grafen Malikowsky vorgestern geschrieben hat?
sagte die Dame hinter dem Stuhl.
    Ja, Ihr' Gnaden. Herr Schmenckel war es, als ob diese Worte, die er doch
ohne Zweifel selbst hervorgebracht hatte, am anderen Ende des Saals von einem
Andern gesprochen wren. Er wurde sehr roth und rusperte sich, um sich zu
berzeugen, da wirklich er es sei, der mit den Damen sich unterhalte.
    Sie heien Schmenckel? fragte die Dame hinter dem Stuhl.
    Ja, Ihr' Gnaden.
    Und waren vor vierundzwanzig Jahren in Petersburg?
    Ja, Ihr' Gnaden.
    Und kamen zu der Zeit manchmal in's Hotel Letbus?
    Ja, Ihr' Gnaden.
    Kennen Sie mich noch?
    Herr Schmenckel richtete seine Augen, die berall im Zimmer, nur nicht auf
den beiden Frauen geweilt hatten, auf die Sprecherin und sagte nach einigem
Bedenken:
    Ich sollt's halt meinen, obgleich ich's just nicht beschwren mcht'! Wenn's
nicht gar so lang her wr', wollt' ich sagen, Sie sind die Nadeska, das
Kammermdel von der gnd'gen Frau, die mir im Anfang immer die schnen Briefchen
und die Rosenbouquets von der gnd'gen Frau in den Schwarzen Bren brachte.
    Nadeska beugte sich ber die Gebieterin und flsterte ihr einige Worte in's
Ohr, worauf diese in demselben Ton etwas erwiederte. Darauf entfernte sich
Nadeska.
    Wollen Sie sich nicht setzen, Herr Schmenckel? sagte die Frstin, sobald sie
allein waren.
    Herr Schmenckel nahm ihr gegenber auf dem Rande eines Lehnstuhls Platz.
    Kennen Sie denn auch mich? fragte die Dame.
    Herr Schmenckel verbeugte sich, indem er dabei die Hand auf's Herz legte.
    Warum haben Sie sich nicht direct an mich gewandt? fuhr die Frstin im Tone
sanften Vorwurfs fort; weshalb muten Sie den Grafen in's Vertrauen ziehen? Bin
ich jemals ungromthig gegen Sie gewesen? war es meine Schuld, wenn unsre
letzte Zusammenkunft so endete?
    Herr Schmenckel wollte etwas erwiedern, aber die Frstin lie ihn nicht zu
Worte kommen.
    Wenn ich gewut htte, da Sie noch lebten und wo Sie lebten, ich wrde
reichlich fr Sie gesorgt haben; ja, ich bin noch diesen Augenblick gern dazu
bereit. Aber unter einer Bedingung: brechen Sie jede Verbindung mit dem Grafen
ab, lassen Sie sich nie wieder bei ihm sehen, und vor allen Dingen, wagen Sie
nie, sich dem Frsten zu nhren! So lange Sie diese Bedingungen halten, fordern
Sie, was Sie wollen, und wenn Alexandrine Letbus es erfllen kann - es soll
geschehen.
    Die Frstin streckte flehend ihre durchsichtigen Hnde aus; ihre schwarzen
Augen schimmerten wie von Thrnen; die rosige Dmmerung verklrte ihre bleichen,
noch immer schnen Zge. Herr Schmenckel fuhr sich mit der Hand ber die Augen.
    Lassen Sie mich auch einmal sprechen, gndige Frau; sagte er; ich bin der
Schandbub' nicht, den Sie aus mir machen. Es wr' mir ja nimmer eingefallen,
Ihro Gnaden, dem Herrn Grafen, je so ein' Brief zu schreiben, wenn ich nicht von
einem kreuzschlechten Menschen - Timm ist sein Name - dazu beredet worden wr'.
Ich wut' ja gar nicht, da der Caspar Schmenckel aus Wien einen so gar
vornehmen Herrn Sohn htt'! Aber der Timm sagt' zu mir: auf den Busch klopfen,
sagt' er, kann man immer, das schadet nicht. Da hat er mir den Brief geschrieben
und selbst zum Grafen getragen. Der ist noch an demselben Abend zu mir in den
Dustern Keller gekommen und hat gesagt, da es ihm recht sei, wenn ich Euer
Gnaden, der Frau Frstin, 's Leben bissel sauer machte; aber an den Frsten
selbst sollt' ich mich nicht wenden, dann wr' der Spa mit einem Male vorbei.
Und dann wr's auch zu viel, was ich gefordet htt', ein Viertel so viel wr'
auch genug; er wollt' selbst deswegen mit Euer Gnaden, der Frau Frstin,
sprechen, und heut' Vormittag sollt' ich zu ihm kommen und da sollt' ich's Geld
in Empfang nehmen. - Nun mgen Euer Gnaden, die Frau Frstin, es glauben oder
nicht, aber der Schmenckel aus Wien ist 'ne ehrliche Haut, die Niemand nichts zu
Leid thun kann, geschweige denn einer schnen Dame, die sehr gut gegen den armen
Caspar gewesen ist. Und als nun Euer Gnaden zu mir schickten und mir sagen
lieen: ich sollt' halt nur selber vorsprechen, da sagt' ich zu mir: Caspar,
sagt' ich, geh' zur gnd'gen Frau und sag' ihr so und so, und sie sollt' nur
ruhig sein, der Schmenckel wrd' sich nimmer wieder bei ihr sehen lassen, und
was das Geld anbetrifft, ich sag' Euer Gnaden, nicht ein' Kreuzer davon knnt'
ich anfassen, wenn auch gleich ein Gulden d'raus wrd'. Und so Euer Gnaden, Frau
Frstin, Gott befohlen! und wenn wir uns nicht wiedersehen sollten, bleiben's
hbsch gesund und haben's nur kein' Angst vor dem Caspar Schmenckel; der thut
Ihnen nimmer was. Ich k' die Hand, Euer Gnaden.
    Mit diesen Worten erhob er sich und machte seine schnste Verbeugung.
    Guter Mann, sagte die Frstin mit zitternder Stimme.
    Ihre Augen weilten mit Wohlgefallen an der herkulischen Gestalt des Mannes,
der der Vater ihres Sohnes war. Die auerordentliche Aehnlichkeit Beider sowohl
in Figur, als Gesichtsbildung, erfllte sie mit einer wehmthigen Freude. Sie
dachte der Tage, wo dieser Mann, ein Lwe an Kraft und Gewandtheit, wenn nicht
ihr Herz, so doch ihre Phantasie beherrscht; aber in demselben Augenblicke
berkam sie auch die Furcht, der Sohn knne den Vater bei ihr finden, - ihr
Sohn, der stolze, jhzornige Mann, knnte jemals erfahren, da der Possenreier,
der Seiltnzer sein Vater, der Vater des Frsten zu Waldernberg sei.
    Du mut fort, sagte sie hastig; hier - sie streifte von ihrem Finger einen
prachtvollen Ring, dessen Brillanten im Schein des Feuers in allen Farben des
Regenbogens blitzten, - keinen Widerspruch! nimm! ich habe ihn lange getragen,
schon damals, als Dich Nadeska zum ersten Male zu mir fhrte; nimm ihn zum
Andenken an Alexandrine Letbus! Doch jetzt fort, fort!
    Sie berhrte die Feder der silbernen Glocke, die neben ihr auf dem Tische
stand. Nadeska trat herein.
    Fhre ihn hinaus. Sorge, da Euch Niemand sieht.
    Nadeska ergriff Herrn Schmenckel, der gern noch etwas erwidert htte, aber
zu verlegen und zu verwirrt war, um ein Wort hervorzubringen zu knnen, bei der
Hand und zog ihn durch eine Tapetenthr, die links neben dem Kamine auf einen
schmalen Corridor ging, von welchem man auf eine Nebentreppe in den Hof
gelangte.
    Die Frstin sank erschpft in die Kissen ihres Lehnstuhls zurck und
bedeckte Stirn und Augen mit der Hand. Sie bemerkte nicht, da eine Portire,
rechts neben dem Kamin, deren Falten sich schon einige Male whrend ihrer
Unterredung mit Herrn Schmenckel leise bewegt hatten, auseinandergeschlagen
wurde und der Frst hereintrat. Sie hrte ihn erst, als er dicht vor ihr stand.
Sie schlug die Augen auf, und in demselben Momente stie sie einen Schrei des
Entsetzen aus, - sein unerwartetes Erscheinen und ein Blick in das todesbleiche,
wildverstrte Antlitz sagten ihr, da er Alles gehrt habe.
    Gnade, Raimund, Gnade! schrie sie, die krampfhaft gefalteten Hnde zu ihm
emporstreckend.
    Raimunds breite Brust hob und senkte sich, als wehre sie sich gegen eine
frchterliche, erdrckende Last, und seine Stimme klang wie ein heiseres
Rcheln, als er jetzt nach der Thr, durch die Schmenckel sich entfernt hatte,
deutend, sagte:
    War dieser Mann, der so eben von Dir ging, mein Vater?
    Gnade, Raimund, Gnade! willst Du Deine Mutter tdten?
    Besser, Du httest mich nie geboren, als von einem solchen Vater!
    Der gewaltige Mann zitterte, als ob ein heftiges Fieber ihn schttelte - ein
Sthnen, das schauerlich durch das prchtige Gemach hallte, brach aus seiner
Brust.
    Um aller Heiligen willen, Raimund, hre mich an; ich will Dir Alles sagen.
    Ich brauche nichts mehr zu hren. Ich wei nur schon zu viel. Der Graf hat
mich Bastard gescholten; ich glaubte, er sei wahnsinnig; er hat mir nur den
rechten Namen gegeben.
    Er griff mit den Hnden nach der Seite, - er hatte den Degen im Vorzimmer
abgelegt. Seine Augen blickten wild umher, als suche er eine Waffe. Seine Mutter
verstand den Blick:
    Raimund, Raimund, was willst Du thun?
    Der Sache so schnell als mglich ein Ende machen.
    Kein Mensch wird es je erfahren -
    Wird es erfahren? Wer wei es denn noch nicht! Nadeska, der Graf, dieser
Mann, - soll meine Ehre, mein Rang, mein Vermgen von der Lagune einer
Kammerfrau, von der Discretion eines herzlosen Rou, von der Schweigsamkeit
eines Straenhelden abhangen? soll ich warten, bis es die Leute auf der Gasse
mir nachrufen?
    Ich will die Menschen tdten, welche es wissen; sie sollen sterben - Alle
sollen sie sterben, wenn nur Du mir bleibst.
    Und wenn sie strben, und wenn Niemand es wte, als Du und ich; ja Mutter,
wenn Du gestorben wrst und das Geheimni wre in meiner Brust begraben, ich
wrde es selbst da nicht sicher glauben: ich wrde mich und meine Schmach in dem
tiefsten Grund der Erde verbergen.
    Die Frstin bedeckte das blasse Gesicht mit den mageren Hnden. Aber hier
war keine Zeit, sich migem Jammer hinzugeben. Sie kannte den Charakter ihres
Sohnes zu wohl, um nicht zu wissen, da es sich um Tod und Leben handele.
    Raimund, rief sie, wieder emporschnellend, Du tdtest nicht blos Dich, Du
tdtest auch mich. Bist Du doch mein Alles, meine Sonne und mein Licht! Ich habe
nie ein Kind gehabt, auer Dir. Du weit nicht, was es heit, ein Kind haben und
lieben, noch dazu, wenn man, wie ich, so unglcklich im Leben war! Ich habe den
Grafen nie geliebt. Wie konnte ich auch einen Menschen lieben, der seine Kraft
wie sein Vermgen in den abscheulichsten Ausschweifungen vergeudet hatte. Ich
wurde seine Gemahlin, weil - weil der Czar es wollte. Und ich war damals noch so
jung, und so leichtsinnig, aufgewachsen in dem Glanz und der Ueppigkeit des
glnzendsten und ppigsten Hofes. Ich war dem Grafen nicht treu - so wenig wie
er mir, ihm war es im Grunde gleich; aber er wollte eine Gewalt ber mich
erlangen, die mich zwang, seiner sinnlosen Verschwendung machtlos zuzusehen. Er
hatte mir sicher schon lange aufgelauert, bis es ihm endlich, ich wei noch
heute nicht, durch welchen unglcklichen Zufall oder durch welchen schndlichen
Verrath gelang, mir das Geheimni zu entreien. Seit dem Augenblick ist mein
Leben ein Leben unter des Henkers Beil gewesen, das mich vor der Zeit zu einer
alten Frau gemacht hat. Ich habe nichts gehabt, als Dich und Deine Liebe - die
einzige warme Stelle in einer eisig kalten Welt. Raubst Du mir die, so mu ich
unterliegen. Raimund, ist dies der Dank fr alle meine Liebe?
    Der Sohn hatte, whrend die Mutter so Wahrheit und Dichtung knstlich und
klglich mischte, mit einer Miene zugehrt, die so finster war, wie eine
schwarze Gewitterwand.
    Gieb mir die Mglichkeit, zu leben, sagte er, und ich will leben. So kann
ich es nicht. Ich kann nicht leben mit dem Bewutsein, da mein Blut nicht edler
ist, als das, welches in den Adern meines Stallknechts fliet.
    Bin ich nicht Deine Mutter?
    Ist jener Clown nicht mein Vater?
    Ja, Raimund, er ist es; und ihm verdankst Du die stolze Kraft, ihm verdankst
Du, da alle andern Mnner neben Dir Schwchlinge sind. Wolltest Du lieber des
Grafen Sohn sein, der Erbe seiner marklosen Schwche, seines vergifteten Blutes?
Und whnst Du denn, da in den Adern unseres Adels nur adeliges Blut rollt? da
Dein Fall der einzige ist, wo ein entartetes Geschlecht durch gesundes
Proletarierblut sich wieder regenerirt hat? Soll ich Dir aus unseren Kreisen
einige Geschichten erzhlen? Dir sagen, von wem Deine Freundin Ludmilla ihre
dunkle Farbe und ihre bezaubernden schwarzen Augen, und Dein Jugendfreund,
Michael Oronzoff, sein lockiges, blondes Haar hat? Und glaubst Du, da es in
anderen und hheren Regionen anders und besser ist?
    Die Frstin hob sich halb aus ihrem Stuhl empor und flsterte einige Worte
so leise, da sie nur eben das Ohr des Sohnes erreichen konnten. Er aber
schttelte finster den Kopf.
    Steht es so mit uns? sagte er, so mgen wir nur unsere Degen zerbrechen,
unsere Wappenschilder in den Koth werfen. Ich habe meine Ehre blank bewahrt; ich
habe keine Schuld, aber ich will die Schuld der Anderen shnen, ehe sie noch
grer wird, ehe ich, ohne es zu wissen und zu wollen, tiefer in diese Smpfe
gerathe. Weit Du, da der Mann, mit dem ich vor drei Tagen auf der Strae in
ein Handgemenge gerieth, jener Mann war? - der Frst deutete nach der Thr,
durch die sich Herr Schmenckel entfernt hatte - weit Du, da ich um ein Haar
meinen Degen mit dem Blute dessen gefrbt htte, der mich erzeugt hat? Nein,
nein! das Ma ist bervoll.
    Und Deine Braut?
    Der Frst zuckte zusammen.
    Die Frstin sah, wie tief dieser Pfeil ihm in's Herz gedrungen war. Ein
Schimmer von Hoffnung, sie knne in diesem Kampfe doch noch Siegerin bleiben,
ging ihr auf.
    Willst Du Dein hchstes Glck vernichten? diesen Engel von Dir weisen?
willst Du Dich vor ihr erniedrigen, vor ihr, der Stolzen, der Schnen? Unmglich
kannst Du das! Du bist gefesselt an das Leben mit Ketten von Stahl und mit
Ketten von Rosen. Die einen kannst Du, die anderen darfst Du nicht zerreien.
    Es ist vergeblich, sagte der Frst; Du kannst mir diese frchterliche Last
hier - er legte die Hand auf die Brust - nicht wegreden. Lebe wohl!
    Er wandte sich zu gehen.
    Raimund! kreischte die Frstin, von ihrem Stuhl emporfahrend und den Sohn
umklammernd, was hast Du vor?
    Nichts Schimpfliches, davon sei berzeugt, sagte er, indem er sich mit
sanfter Gewalt aus ihren Armen loszumachen suchte. Lebe wohl!
    So gehe hin, Barbar, und tdte - sie konnte nicht ausreden; die ungeheure
Aufregung dieser beiden letzten Scenen war zu viel fr ihre zerrtteten Nerven,
sie sank ohnmchtig in ihren Stuhl.
    In diesem Augenblick kam Nadeska zurck. Ein Blick auf die Scene im Salon
sagte ihr, was geschehen war.
    Sie werden die Aermste tdten, rief sie, indem sie der Ohnmchtigen zu Hlfe
eilte. Und weshalb das Alles? Es wird nie verrathen werden.
    Der Frst lachte. Es war ein schauerliches Lachen.
    Meinst Du, Nadeska? sagte er; wenn Du nun aber im Schlafe sprchest? oder
hast Du auch Deine Trume an die Frstin verkauft?

                           Achtundvierzigstes Capitel


Als der Frst, wie ein von den Furien gejagter Orest, durch die Vorzimmer eilte,
begegnete er der Baronin Grenwitz, die von der Frstin Abschied zu nehmen kam.
Er glaubte vor Scham in die Erde sinken zu mssen, als sie ihm mit ihren groen
Augen starr und prfend in's Gesicht sah. Sie sagte etwas zu ihm, aber er hrte
nicht, was es war. Es sauste ihm in den Ohren. Er stie ein paar unarticulirte
Tne aus, die eine Entschuldigung vorstellen sollten. Dann strzte er fort.
    Die Baronin sah ihm mit dsteren, mitrauischen Blicken nach.
    Anna-Maria hatte, seitdem sie das Palais betreten, keine frohe Minute
gehabt. Der Empfang gestern Abend hatte sie auf die peinlichste Weise berhrt.
Die erzwungene Haltung des Frsten, die vergeblichen Bemhungen der Frstin,
einen freundlicheren Ton in der Gesellschaft hervorzurufen, der kaum
verschleierte Hohn, mit welchem der Graf jedes wrmere Wort lcherlich zu machen
suchte - das Alles hatte sie mit banger Sorge fr Helenens Zukunft erfllt. Sie
hatte die ganze Nacht schlaflos dagelegen und darber gerthselt, und sie war -
sie wute selbst nicht warum - immer wieder zu dem Resultat gekommen, die
Frstin habe sich einmal in ihrem Leben eine Untreue zu Schulden kommen lassen
und msse dafr noch heute die brutale Tyrannei des Grafen dulden. Vielleicht,
da zu diesem Resultat die allerdings auffallende Unhnlichkeit des Vaters und
des Sohnes mitgewirkt hatte.
    So war sie in der belsten Laune und mit heftigstem nervsen Kopfschmerz
dazu, sehr spt aufgestanden und hatte es gar nicht ungern gesehen, da Helene
am Nachmittag ihre Freundin Sophie zu besuchen fuhr. Kaum war Helene aus dem
Hause, als ihr zwei Briefe berbracht wurden, der eine aus Grnwald, der andere
aus der Stadt. Sie erbrach den Grnwalder Brief zuerst. Die Nachricht von
Malte's Krankheit erfllte sie mit namenloser Angst. Sie hatte von seiner Geburt
an fr sein Leben gefrchtet; so sollte ihre Furcht also doch in Erfllung
gehen! Und wenn Malte starb - was Gott in seiner groen Gnade noch gndig
verhten wolle! - so fiel, da jetzt auch Felix nicht mehr war, das Majorat an
einen Hauptmann von Grenwitz, den Sohn von ihres verstorbenen Gemahls Vetter,
einen armen schwedischen Edelmann, den sie nie gesehen hatte, den sie niemals
hatte sehen wollen. Der sollte fortan Herr sein auf Grenwitz? Wahrhaftig, da
wre es ihr noch lieber gewesen, wenn es sich herausgestellt htte, da Oswald
Stein Haralds rechtmiger Sohn war.
    Mechanisch erbrach sie den zweiten Brief. Er war von Albert Timm und
lautete:
    Gndige Frau! Nach unserer letzten Begegnung werden Sie es
selbstverstndlich finden, da ich die Waffen, die ich bis dahin fr Sie
gebraucht hatte, gegen Sie wandte. Herr Stein ist von Allem unterrichtet. Ehe
ein Jahr vergeht, ist er - verlassen Sie sich darauf! - Herr von Stantow und
Brwalde, und Sie werden berdies die Zinsen von vierundzwanzig Jahren zu zahlen
haben, d.h. Sie werden ruinirt sein. Ich knnte mir nun schadenfroh die Hnde
reiben; aber Albert Timm ist eine gutmthige Seele und will Ihnen zum Dank fr
Ihren Undank einen guten Rath geben. Machen Sie Frieden mit Herrn Stein, bevor
es zu spt ist! Besser ein magerer Vergleich, als ein fetter Proce, den man
noch dazu verliert. Ich schicke Ihnen den Gegner noch heute zu, empfangen Sie
ihn freundlich, und wenn sie ganz klug sein wollen, geben Sie ihm Ihre Tochter,
die er bis zur Raserei liebt. Mit der frstlichen Heirath ist es so wie so
nichts, sintemalen der Frst nicht eines Grafen, sondern eines Seiltnzers Sohn
ist, und die Sache so steht, da die Welt nchstens mit einem groartigen
Scandal erfreut werden drfte. Doch widerstehe ich dem Wunsch, Ihnen ber diese
interessante Sache nhere Aufklrung zu geben, die Sie wahrscheinlich eben so
unbeachtet lassen wrden, als gewisse andere Enthllungen. Vielleicht, da Sie
nach der Unterredung mit Herrn Stein anderen Sinnes werden und sich vor allem
auch berzeugen von der aufrichtigen Freundschaft, mit der ich verbleibe der
gndigen Baronin unterthnigster Diener.
    Zu jeder anderen Zeit wrde die Baronin in diesem Brief nur einen Versuch
von Seiten des Herrn Timm, die verloren gegangene Position wiederzugewinnen,
gesehen haben; aber heute Morgen war ihr Gemth so verdstert, da ihr Alles und
so auch dieser Brief in einem anderen Lichte erschien. Was war denn am Ende in
dieser Welt des Lugs und Trugs nicht mglich? Da dieser Timm mehr wute als
andere Leute, lag auf der Hand, und jedenfalls war doch die Consequenz
merkwrdig, mit welcher er die Wahrheit seiner Behauptung aufrecht erhielt; ja,
hatte nicht Felix noch durch seine letzten Briefe bewiesen, da er an dem Factum
selbst in keiner Weise zweifle?
    Die sonst so energische Frau fhlte sich ganz erdrckt unter der Wucht all
dieser Sorgen. Und nun kam Helene, nach der sie geschickt hatte, gar nicht
wieder! und in einer Stunde ging der Zug, den sie benutzen mute, wenn sie noch
morgen frh in Grnwald sein wollte! und noch waren die Sachen nicht gepackt,
noch nicht entschieden, ob Helene bleiben oder mitkommen wollte, noch nicht von
der Frstin und dem Frsten Abschied genommen! Doch das Letztere konnte ja auch
in Helenens Abwesenheit geschehen. Der Drang des Augenblicks entband von den
strengen Vorschriften der Etiquette, und hatte sie doch die Frstin gestern
Abend gebeten, zu jeder Zeit unangemeldet zu ihr zu kommen!
    So verlie denn Anna-Maria ihr Gemach und schritt eilig ber die Corridore
und durch die Vorzimmer, als pltzlich die Thr, die zu dem Cabinet der Frstin
fhrte, aufgerissen wurde, der Frst, offenbar in der frchterlichsten
Aufregung, herausstrzte und, ohne ein Wort mit ihr zu sprechen, weiter eilte.
    Das ist doch seltsam; sagte die Baronin. Da wurde die Thr wieder
aufgerissen, Nadeska kam eilends mit verstrtem Gesicht heraus.
    Wo ist die Frstin? fragte die Baronin.
    Drinnen. Sie ist krank; es kommt Niemand auf mein Klingeln. Ich wollte eben
die Leute holen.
    Thun Sie das, sagte die Baronin, ich will unterdessen bei Ihrer Durchlaucht
bleiben.
    Nadeska schien dies Arrangement keineswegs zu gefallen, aber sie fand keinen
Vorwand, der Baronin den Zutritt zu verweigern. Sie eilte fort, whrend
Anna-Maria in die rosenrothe Dmmerung von der Frstin Gemach trat.
    Die Frstin lag in ihrem Lehnstuhl am Kamin. Die halbgeschlossenen Augen und
die krampfhaft zuckenden Finger zeigten, da der umnachtete Geist noch immer
vergebens nach Bewutsein rang.
    Schaff mir meinen Sohn zurck, Nadeska, murmelte sie; er soll nicht mit ihm
ringen: der Vater ist strker, als der Sohn. Siehst Du, siehst Du, wie er ihn um
den Leib packt und in die Hhe hebt, jetzt wird er ihn zu Boden schleudern, hier
gerade zu meinen Fen, da, da -
    Die Unglckliche verfiel in Weinkrmpfe, in die sich grliches Lachen
mischte. Zwischendurch phantasirte sie:
    Lat es nur den Grafen nicht wissen; der Graf sagt's der Baronin, die
Baronin sagt's der schnen Tochter, und hernach will die schne Tochter den
Seiltnzersohn nicht. Da kommt er schon mit dem zerschmetterten Kopfe -
    Ein frchterlicher Schrei brach aus der Brust der Gemarterten. Sie fuhr in
die Hhe und starrte die Baronin mit verstrten Blicken an. Gleich darauf sank
sie auf's Neue bewutlos in den Stuhl zurck. Nadeska kam mit ein paar
russischen Mgden. Der Kammerfrau schien sehr viel daran gelegen, die Baronin zu
entfernen.
    Die Frstin hat oft diese Anflle, sagte sie in ihrer glatten, demthigen
Weise, whrend die Dienerinnen die Ohnmchtige aufhoben und in ihr Schlafgemach
trugen. Sie mu dann ganz allein sein; die Nhe jeder fremden Person
verschlimmert ihren Zustand.
    Ich werde nicht stren, meine Liebe, sagte die Baronin kalt, um so weniger,
als ich noch in dieser Stunde abreisen mu. Ich werde mich schriftlich bei Ihrer
Durchlaucht entschuldigen.
    Was soll das bedeuten? fragte sich Nadeska; wei die auch schon mehr, als
sie wissen drfte?
    Die Baronin begab sich in einer unbeschreiblichen Aufregung in ihre Gemcher
zurck. Was hatte sie gesehen! was gehrt! der Anblick des halb wahnsinnigen
Frsten, das verdchtige Benehmen der Kammerfrau, die offenbar in diesem
Familiendrama hinter den Coulissen nur zu gut Bescheid wute - was sollte sie
denken? was sagen? was thun? Es war das erste Mal in ihrem Leben, da die kluge
und energische Frau vollstndig rathlos war. Aber sank nicht der Boden unter
ihren Fen? brach nicht wie morsches Rohr zusammen, was sie fr stolze
unzerstrbare Pfeiler ihres Glcks gehalten? Der Frst ein Bastard! ein
jahrelang mhsam verborgen gehaltenes Familiengeheimni der schimpflichsten
Entdeckung nahe! und in ihrem eigenen Hause, stand es denn da besser? ihr Sohn,
der rechtmige Erbe des Vermgens, zum Tode erkrankt - der illegitime Spro des
Vorgngers in der Herrschaft aus der Verschollenheit auftauchend, in der Rechten
ein Testament, das ihn zum Herrn des Vermgens machte, welches die Baronin seit
ihrer Verheirathung als das ihrige angesehen hatte! Wo ein Ausweg aus diesem
Labyrinth? Und was wrde Helene zu dem Allen sagen? wie wrde ihr Stolz sich
winden, wenn sie erfuhr, da der Diamantenschmuck des frstlichen Ranges nichts
war, als schndes schlechtes Glas, mit dem zu schmcken, eine Courtisane sich
wohl bedacht htte?
    Ein Wagen rollte schnell in den Hof des Palais. Helene kam zurck. Der
Baronin schlug das Herz, als ob jetzt erst die Entscheidung eintrete. Ein paar
bange Augenblicke, und die schne Tochter eilte, bleich und verstrt, in das
Zimmer und warf sich der Mutter mit einer Leidenschaftlichkeit in die Arme, die
gegen ihre sonstige gemessene, fast kalte Haltung eigenthmlich abstach.
    Gott sei Dank, da Du kommst! sagte Anna-Maria; ich mu fort; ich wollte
Dich fragen, ob Du mich begleiten willst?
    Kannst Du das fragen? rief Helene; ich hier bleiben und ohne Dich? hier, wo
mich die Mauern erdrcken! -
    So bist Du nicht gern hier, Helene?
    Nein, nein! ich liebe den Frsten nicht; ich habe ihn nie geliebt!
    Und Helene verbarg ihr Gesicht an dem Busen der Mutter.
    Die Baronin war auf's hchste berrascht. Was Helene da sagte und noch mehr,
der Ton, in welchem sie es sagte, dazu ihr seltsam von Leidenschaft durchglhtes
Wesen gaben ihr einen nie geahnten Einblick in das Herz des jungen Mdchens. Sie
hatte ein dunkles Gefhl davon, da ihr groe weite Regionen des Lebens bisher
gnzlich verborgen geblieben waren, und da sie, trotz all' der Klugheit, auf
die sie sich so viel zu Gute that, bisher im Dunkeln getappt hatte.
    Warum hast Du ihm denn Dein Wort gegeben? fragte sie.
    Ich wei es nicht; ich war - ich wute nicht, was ich that. Aber jetzt wei
ich es; ich kann den Frsten nicht heirathen; ich mu mein Wort zurck haben;
wenn Du darauf bestehst, da ich es halte, so mu ich sterben.
    Und wenn ich nun nicht darauf bestehe?
    Helene sah die Baronin mit starren, verwunderten Augen an.
    Hre mich an, mein Kind. Ich habe heute Morgen Entdeckungen gemacht, die
mich, milde gesprochen, uerst beunruhigt und mir die Ueberzeugung eingeflt
haben, da wir in der ganzen Angelegenheit mit einem Mangel an Vorsicht zu Werke
gegangen sind, der sich mglicherweise sehr schwer htte rchen knnen.
    Ich verstehe Dich nicht, Mutter, sagte Helene.
    Ach, es ist auch kaum zu begreifen, klagte Anna-Maria, ich wei gar nicht
mehr, wo mir der Kopf steht. Ich bin eine unglckliche Frau!
    Und die Baronin warf sich wie gebrochen in einen Stuhl und fing an,
bitterlich zu weinen.
    Helene hatte die Mutter noch nie weinen sehen. Der ungewohnte Anblick rhrte
sie tief. Sie kniete neben ihr nieder und suchte sie mit schmeichelnden,
freundlichen Worten zu trsten. Aber es war vergeblich.
    Es ist nicht nur dies, obschon es schon schlimm genug ist, schluchzte
Anna-Maria, auch wir sind mit einer hnlichen Schmach bedroht! - Und in dem
Drang des Momentes, getrieben von dem Verlangen, sich, koste es was es wolle, an
einen Andern anzuschlieen, erzhlte sie in fliegenden Worten von den
Ansprchen, die Oswald mglicherweise auf ihr Vermgen habe, und da, wenn die
Ansprche gerichtlich anerkannt wrden, sie, die Mutter und die Tochter,
Bettlerinnen seien.
    Helene hatte dieser Erzhlung in athemloser Spannung zugehrt. Ihre Farbe
wechselte in jedem Augenblick; ihre Augen waren fest auf die Mutter gerichtet;
ihre Hnde hielten die Hnde der Mutter krampfhaft umfat.
    Bettlerinnen, sagst Du? besser das, und ein reines Gewissen haben, als in
der Flle dieses Glanzes vor Angst vergehen! Komm, Mutter, ich frchte mich
nicht vor der Armuth! Du hast mir oft gesagt, da Du arm gewesen bist, ehe Du
den Vater heirathetest. Warum soll ich etwas vor Dir voraushaben? ich sehe
nicht, da Dich der Reichthum glcklich gemacht hat, auch den Vater nicht; er
hat es mir in seinen letzten Augenblicken gestanden. Ich habe es noch eben mit
meinen eigenen Augen gesehen, wie viel glcklicher als wir die Menschen sind,
die nichts haben, als ihre Liebe; auf nichts vertrauen, als auf ihre eigene
Kraft. Ich habe Kraft; ich kann und will fr Dich arbeiten, wenn es nthig sein
sollte. Aber jetzt la uns fort von hier. Du bist krank und angegriffen, Deine
Hnde sind eiskalt, und Deine Stirn brennt - bleib hier sitzen. Ich will Deine
Sachen packen. Du brauchst Dich um nichts zu bekmmern, ich bin in fnf Minuten
fertig.
    Nein, sagte die Baronin, la das mich mit Hlfe unserer Marie besorgen. Du
kannst ein anderes Geschft bernehmen. Wir knnen nicht fort, ohne wenigstens
schriftlich von der Frstin Abschied zu nehmen, da ihr Unwohlsein und unsere
Eile nichts Anderes zult. Schreib ihr in wenigen Worten: freundlich und
hflich, nicht mehr und nicht weniger, als das unumgnglich Nothwendige.
    Ich will es thun, sagte Helene, indem sie sich an das Bureau setzte, whrend
die Mutter sich in die Schlafgemcher begab.
    Helene hatte kaum die Feder in der Hand, als ein Gerusch hinter ihr sie von
dem Papier aufblicken machte. Mitten im Zimmer stand Oswald, bleich wie der Tod,
die groen, im Fieber leuchtenden Augen auf sie gerichtet. Helene war so
erschrocken, da ihr die Stimme versagte und da sie keine Bewegung zu machen im
Stande war. Sie glaubte im ersten Moment, eine Erscheinung zu sehen.
    Ich bin es wirklich, sagte Oswald; verzeihen Sie mein pltzliches
Erscheinen. Ich fragte nach der Baronin; man hat mich hieher gewiesen.
    Ich will die Mutter rufen, sagte Helene tief aufathmend, indem sie sich
erhob.
    Bleiben Sie, sagte Oswald; ich bitte Sie darum; ich habe nur zwei Worte zu
sagen; ich sage sie Ihnen lieber und leichter, als der Baronin.
    In Oswalds Erscheinen und Wesen lag etwas so Feierliches, da Helene nicht
den Muth fand, seine Bitte abzuschlagen.
    Wollen Sie sich nicht setzen, sagte sie tonlos, indem sie sich wieder in
ihren Stuhl sinken lie und auf einen anderen in ihrer Nhe deutete.
    Oswald regte sich nicht.
    Ich wei nicht, gndiges Frulein, sagte er, ob Ihnen Ihre Frau Mutter von
gewissen Intriguen erzhlt hat, mit denen sie seit einiger Zeit belstigt wird
und deren Seele Herr Timm ist?
    Ich habe heute Morgen das erste Wort davon gehrt.
    Ebenso wie ich. Und das ist es gerade, was mich hierher getrieben hat. Ich
kann den Gedanken nicht ertragen, ja ich knnte nicht ruhig sterben, wenn ich
denken mte, da Sie, Frulein von Grenwitz, glauben knnten, ich htte mich je
so unwrdiger Mittel und eines so niedrigen Werkzeugs gegen Sie bedienen knnen.
Wollen Sie das auch Ihrer Frau Mutter sagen?
    Ich will es.
    Und sagen Sie ihr auch, und glauben vor Allem Sie selbst es mir, da ich
nichts so schmerzlich beklage, als da man Sie je mit dieser Sache behelligt
hat.
    So ist Alles doch nur eine Erfindung des Herrn Timm?
    Nein, mein Frulein, erwiderte Oswald mit traurigem Lcheln, eine Erfindung
jenes Menschen ist es nun wohl nicht. Ich frchte nur zu sehr, da es die
lautere Wahrheit ist, und das ist der zweite Grund, weshalb Sie mich hier sehen.
    Sie glauben doch nicht, da wir uns jemals struben wrden, gerechte
Ansprche anzuerkennen?
    Sie werden gar nicht in diesen Fall kommen; ich fhle keinen Wunsch in mir,
diese Ansprche zu erheben. Ich wrde das nie und unter keinen Umstnden gethan
haben, und jetzt am allerwenigsten.
    Er warf einen Blick im Zimmer umher. Die Pracht der Ausstattung erinnerte
ihn schmerzlich daran, wo er war.
    Jetzt am allerwenigsten, wiederholte er; hier sind die Papiere, die in
dieser unglcklichsten aller Geschichten beweisend sind. Ich wnsche, da Ihre
Frau Mutter sie in Gewahrsam nimmt, um auf alle Flle gegen die Machinationen
jenes Menschen gesichert zu sein.
    Er legte das Packet Papiere, welche ihm Timm vor einigen Stunden berbracht
hatte, vor Helene auf das Bureau und verbeugte sich zum Abschied.
    Einen Augenblick noch, mein Herr, sagte Helene, indem sie sich ebenfalls
erhob; glauben Sie, da meine Mutter, da ich ein solches Geschenk annehmen
werde? Was hat Ihnen das Recht gegeben, so klein von uns zu denken?
    Ich glaube, mein gndiges Frulein, da Ihr Stolz diesmal irrt. Es handelt
sich selbstverstndlich nur um mich, der ich den sehr verzeihlichen Wunsch habe,
mich von einem hlichen Verdachte zu reinigen. Es war unnthig, mich daran zu
erinnern, da es der Mutter des Majorathsherrn von Grenwitz, da es der Braut
des Frsten zu Waldernberg ziemlich gleichgiltig sein kann, ob sie ein paar
hunderttausend Thaler mehr oder weniger im Vermgen haben.
    Die Verhltnisse haben keinen Einflu auf unsere Pflichten, erwiderte das
junge Mdchen, sich aufrichtend und die schne Lippe verchtlich krmmend: und
glauben Sie nur nicht, da es der Stolz des Rheichthums und des hohen Ranges
ist, der mich so gleichgiltig gegen Ihr Anerbieten macht. Diesen Augenblick sind
wir im Begriff, nach Grnwald abzureisen, wo mein Bruder auf den Tod erkrankt
ist, und dort auf dem Pult liegt der Anfang eines Briefes, worin ich der Frstin
zu schreiben gedacht, da ich nun und nimmermehr die Gattin ihres Sohnes werden
knne.
    Die dunklen Augen Helenes leuchteten, das heie Blut frbte das Incarnat der
lieblichen Wangen tiefer, sie war Oswald so schn, so einzig schn nie
erschienen. Und das in diesem Moment, wo er bereits im Herzen Abschied genommen
von einem Leben, das keinen Reiz mehr fr ihn hatte! gerade jetzt mute ihm das
Ideal seiner glnzendsten Trume, nicht in unerreichbarer Ferne - nein, in
unmittelbarer Nhe erscheinen, dem khnen Wunsch, dem festen Willen vielleicht
erreichbar! Weshalb sagte sie ihm, da sie den Frsten nicht heirathen werde,
und sagte es in diesem herausfordernden Ton, wenn sie ihn - den Schwankenden,
Treulosen, Wankelmthigen - nicht demthigen wollte durch die Kraft des
Entschlusses, mit welchem sie der Herrlichkeit entsagte, nur um sich selbst treu
zu bleiben?
    Diese Gedanken jagten in wilder Flucht durch Oswalds Gehirn, das, berreizt
durch Schlaflosigkeit und Fiebertrume, mit einer wunderbaren Schnelligkeit
arbeitete und die Resultate complicirtester Gedankenreihen in schwindelndem
Fluge erfate. Er wute, da sie ihm dies nimmermehr gesagt haben wrde, wenn
sie ihn nicht zu irgend einer Zeit geliebt htte, vielleicht noch liebte, und
dabei wute er auch mit unumstlicher Gewiheit, da er und sie durch Alles,
was geschehen war, auf immer unwiederbringlich von einander geschieden seien. Es
war deshalb keine Bitterkeit, sondern nur tiefste Trauer in dem Ton, in welchem
er jetzt, die Augen unverwandt auf das himmlisch schne Antlitz des Mdchens
gerichtet, sagte:
    Lassen Sie uns einander nicht mit heftigen, lieblosen Worten betrben. Wer
wei, ob wir im Leben noch viele Worte mit einander zu wechseln haben werden!
Mir ist zu Muthe, wie einem Sterbenden, und was ich spreche, spreche ich nicht
fr mich, der ich keine Wnsche mehr hege, sondern aus innerstem Drang nach der
Wahrheit, von deren heiligem Antlitz ich mich nur zu oft im Leben abgewandt
habe. Helene, ich habe Sie geliebt von dem Augenblick, als ich Sie zum ersten
Male an jenem unvergelichen Sommerabend im Park von Grenwitz sah; und ich wei
es auch: wenn ich mir selber treu geblieben wre, Sie wrden mich wieder geliebt
haben, Sie wrden einst die Meine geworden sein. Aber, weil ich mich selbst
verlassen, haben auch Sie sich von mir gewandt, und jetzt liegt zwischen uns
eine Kluft, die niemals ausgefllt werden kann. Und was uns einander auf immer
nahe zu bringen schien, - die Entdeckung, die ich heute Morgen machte - hat uns
erst recht auf ewig getrennt. Ich fhle es wohl: Sie werden nun und nimmermehr
ein Geschenk, wie Sie es nennen, von mir annehmen wollen; und ich wollte eher
meine Hand auf glhende Kohlen legen, als sie nach dem Erbe des Mannes
ausstrecken, der meine Mutter zur unglcklichsten aller Frauen gemacht hat.
Dazwischen giebt es keinen Vergleich, wre auch alles Andere, wie es sein
sollte. Und nun, Helene, ehe wir - wohl auf immer - scheiden, habe ich eine
Bitte: reichen Sie mir ber die Kluft weg, die uns trennt, die Hand, zum Beweis,
da Sie mir verziehen haben.
    Helene legte ihre Hand in die ausgestreckte Hand Oswalds.
    So standen sie und sahen sich einander tief in die Augen, und wie sie so
schauten, sahen sie alle die goldigen Sommermorgenstunden, die sie im Park von
Grenwitz unter suselnden Bumen verlebt, und alle die purpurnen Abende, an
denen sie durch den grnen Buchenwald bis zum Meeresstrande wanderten - und dann
sahen sie nichts mehr, denn ein grauer Thrnenschleier hatte sich ber die
lieblichen Bilder gedeckt.
    Leb' wohl, Helene!
    Leb' wohl, Oswald!
    Fr immer!
    Fr immer!
    Oswald prete die Geliebte nicht in die Arme. Eine heilige Scheu hielt ihn
gefesselt. Er ahnte es: die Zeit der Shne, die ihm noch blieb, war kurz, und,
einen neuen Schwur zu besiegeln, den zu halten er keine Kraft in sich fhlte,
war kein Entgelt fr so viele gebrochene Schwre.
    Er lie die Hand, die er noch immer in der seinigen hielt, los und - im
nchsten Augenblick war Helene allein.
    Sie stand noch, die Augen starr auf die Thr, durch die Oswald verschwunden
war, gerichtet, als die Baronin wieder in das Zimmer trat.
    Es ist die hchste Zeit, Helene, sagte sie; der Wagen hlt unten. Bist Du
bereit?
    Ja.
    Was sind das fr Papiere dort auf dem Tische?
    Hat er sie nicht wieder mitgenommen?
    Wer?
    Oswald.
    War er hier? was wollte er?
    Nimm die Papiere zu Dir, Mutter. Er brachte sie Dir.
    Helene, Du bist bleich und hast geweint; was bedeutet dies? Liebst Du diesen
Mann? soll ich auch mein letztes Kind verlieren?
    Sei ruhig Mutter; ich werde Dich im Unglck nicht verlassen. Doch da liegt
ja noch der Brief an die Frstin. Einen Augenblick, Mutter!
    Sie setzte sich an das Bureau und schrieb mit fliegender Feder einige
Zeilen.
    So, jetzt ist auch das geschehen, und ich bin wieder frei! Komm, Mutter, ich
will Dir zeigen, da ich noch Kraft und Muth genug zum Leben habe. Komm!
    Und sie zog die Baronin, die sich willig der hheren Energie ihrer Tochter
fgte, mit sich fort aus dem Gemach.
    Eine Minute darauf hatten die beiden Damen das Palais Waldernberg und eine
halbe Stunde darauf die Residenz verlassen.

                           Neunundvierzigstes Capitel


Als Oswald, ohne kaum zu wissen, wohin er sich wandte, die Strae hinabeilte,
fhlte er sich pltzlich von Jemand am Arm ergriffen.
    Es war Albert.
    Albert hatte nach dem Zusammentreffen mit Herrn Schmenckel seinen
Beobachtungsposten in der Nhe des Palais auf einige Zeit aufgeben mssen, um
sich in dem Hofe eines der nchsten Huser das Blut abzuwaschen, das nach der
Berhrung von Herrn Schmenckels schwerer Faust seiner Nase und seinem Munde
reichlich entstrmt war. Er war so zornig, wie er es kaum je im Leben gewesen.
Es war die Wuth des Jgers, dem das Wild die kunstreich gewebten, schlau
gestellten Netze plump zerrissen hat. Dieser Tlpel von einem Schmenckel mit
seiner dummen Ehrlichkeit! wie hatte er den Menschen bearbeitet, wie hatte er
ihm die Zukunft golden ausgemalt, und nun? Es war zum Rasendwerden! Der schne,
leichte, sichere Gewinn dahin! und weshalb? um nichts und wieder nichts, um
einer ehrlichen Laune willen. Und wenn nun Oswald eine hnliche Dummheit begeht!
man kann die Spatzenkpfe ja keinen Augenblick allein lassen. Und dabei will das
verdammte Blut gar nicht stehen.
    So hatte er weder Herrn Schmenckel noch den Frsten wieder aus dem Palais
kommen, noch hatte er Oswald hineingehen sehen, und er kam jetzt noch eben zur
rechten Zeit, um diesen, der die Strae hinabeilte, einzuholen.
    Holla, Herr!
    Was giebt's?
    Ja, das frage ich.
    Bist Du's?
    Wer sonst? Wie ist es abgelaufen? hat die Alte klein beigegeben? und er
wollte vertraulich seinen Arm in Oswalds Arm legen. Oswald trat einen Schritt
zurck:
    Rhre mich nicht an! sagte er; oder ich zerschmettere Dir den Kopf an der
Wand.
    Hoho! sagte Albert, jetzt seinerseits zurckweichend; ist der auch verrckt
geworden?
    Elender Bube! knirschte Oswald; Mensch, der aus dem Laster eine Speculation
und aus der Gemeinheit ein Gewerbe macht; lasse Dich nie wieder auf meinem Wege
sehen, oder Du wirst es bereuen!
    Er wandte sich von Timm, der in dem ersten Augenblick bla geworden war und
dann in ein tolles Gelchter ausbrach, und eilte weiter. Es war ihm einerlei,
wohin ihn seine Fe trugen! Er ging wie im Traum, und wie Traumbilder erschien
ihm auch, was er sah und hrte: die neugierigen, erschrockenen Gesichter von
Kindern und Frauen in den Fenstern und Thren; die dichten Haufen von Mnnern,
die sich unter wilden Gesticulationen und lauten Ausrufungen Unerhrtes
mitzutheilen schienen und dann auseinanderstoben, wenn eine Patrouille
anmarschirt kam; das Rennen und Laufen, das Schreien und Pfeifen von
Straenbuben; und dazwischen das Wimmern der Sturmglocken von den Thrmen. Dann,
je weiter sich Oswald von dem vornehmen Quartier, aus dem er kam, entfernte,
wurde ein anderer Ton deutlicher: ein eigenthmliches Knattern und Prasseln und
ein dumpfer Donner, vor dem die Huser selbst erzitterten.
    Aber das Alles vermochte nicht, ihn aus seinem wachen Traume aufzurtteln;
der Schmerz um das eigene zerstrte Lebensglck hatte ihn taub und blind gemacht
gegen den Schmerz eines ganzen gemihandelten Volkes. Da schreckte ihn jh ein
frchterlicher Anblick empor. Aus einer Seitenstrae kam eilenden Laufs ein
junger Mensch, rufend: Verrath, Verrath! sie schieen auf uns! Des jungen
Menschen Blouse war zerrissen und mit Blut befleckt; sein Antlitz war bleich,
sein Haar verwirrt; er taumelte, wie ein Trunkener, und pltzlich strzte er,
unmittelbar vor Oswald, zusammen. Oswald hob ihn auf; im Nu hatte sich ein Haufe
von Mnnern und Frauen um sie gesammelt. Er stirbt! riefen die Mnner; Fluch
ber unsere Henker! Die Weiber heulten; eines rief: Nehmt ihn doch dem Herrn ab!
seht Ihr nicht, da der sich selbst kaum auf den Beinen halten kann? Ein Mann
nahm den Sterbenden aus Oswalds Armen. Da fhlte Oswald sich von Jemand aus dem
Gedrnge gezogen. Als er sich umwandte, erblickte er Berger. Oswalds Seele war
in den letzten Stunden von so viel Auerordentlichem bestrmt worden, da selbst
das Seltsamste, Unerwartetste ihn vorbereitet traf. Und wenn es einen Menschen
gab, den er in diesem Augenblick zu sehen wnschte, so war es sein Freund und
Lehrer, sein Schicksalsgenosse. Oswald fragte nicht: wie? und woher? er strzte
sich dem Wiedergefundenen in die Arme.
    Gut, da Du da bist, sagte Berger hastig; komm, lasse die Todten ihre Todten
begraben. Wir wollen schaffen und arbeiten, so lange es Tag ist.
    Sie eilten zusammen weiter.
    Mit jedem Schritte, den sie machten, kamen sie dem Krater der Revolution,
die seit ein paar Stunden zum Ausbruch gekommen war, nher. In diesem Stadttheil
erhoben sich schon, von tausend tapfern und geschickten Hnden aufgethrmt,
Barricaden, die von todesmuthigen Mnnern und Knaben, meistens aus den niederen
Volksklassen, besetzt wurden. Man konnte von der Widerstandsfhigkeit dieser
improvisirten Festungen keine allzu groen Hoffnungen haben, wenn man sah, da
sie meistens aus einem, wenn es hoch kam, aus mehreren umgestrzten Wagen,
abgerissenen Planken und anderen in der Eile zusammengerafften Gegenstnden
erbaut waren, und da die Waffen ihrer Vertheidiger zumeist in alten rostigen
Sbeln, Lanzen, Flinten ohne Schlo und hnlichen Instrumenten bestanden.
    Berger blieb hier stehen, Rath ertheilend, anfeuernd, mit seiner tiefen
tnenden Stimme: zu den Waffen! zu den Barricaden! rufend; aber so oft Oswald
sich an dem Bau einer derselben betheiligen wollte, hielt er ihn davon zurck:
    Nicht hier! sagte er; dies sind nur unsere Vorposten, die doch wieder
eingezogen werden mssen. In diesen geraden breiten Straen lassen sich keine
Barricaden mit Erfolg vertheidigen. Das Gros der Revolution steht weiter zurck.
    So kamen sie in die Lange Strae, die von dem Schloplatz in ein
dichtbevlkertes Quartier des Kleinhandels und des Kleingewerbes fhrte. Aus der
Langen Strae gelangte man durch eine schmale Gasse, in welcher der Dustre
Keller lag, in die Schwesterstrae. Ueberall hier schwirrte und wirrte es wild
durcheinander. Vom Schloplatz her krachten die Gewehrsalven und schmetterten
die Kanonenschlge; aber noch nirgends sah man den Anfang von Barricaden.
    Sind diese Menschen wahnsinnig! rief Berger; wenn sie sich hier nicht
verschanzen wollen, wo soll es denn geschehen?
    Auf den Stufen eines Eckhauses, umdrngt von Volkshaufen, stand ein Herr mit
weier Halsbinde und sprach eifrig auf die Leute ein: Se. Majestt hat die
Deputation huldvollst zu empfangen geruth - Was da Majestt! schrie eine zornige
Stimme; - Se. Majestt geruht jetzt eben huldvollst, seine getreuen Unterthanen
niederzukarttschen! rief eine andere. Meine Herren, schrie der Redner, geben
Sie nicht Gefhlen des Hasses und der Rache Raum! Se. Majestt willigt in die
Zurckziehung des Militairs, sobald Sie die Waffen aus der Hand gelegt - Und
Ihre Kehlen dem Messer des Mrders dargeboten haben, rief mit gewaltiger Stimme
Berger, der pltzlich neben dem Redner in der weien Halsbinde auf der Treppe
erschien.
    Sein graues Haar hing ihm wild um das unbedeckte Haupt; seine Augen glhten,
es war, als ob die Revolution selbst Gestalt und Stimme angenommen htte. Nun,
rief er weiter, Ihr zaudert und verhandelt noch immer, whrend Eure Brder
wenige Straen von Euch ermordet werden? Mut Du ewig glauben, Du glubiges, so
oft und so schmhlich belogenes Volk, nun, so glaube: Dir wird keine Concession
gemacht, die Du nicht erkmpft, und keine Freiheit gewhrt, die Du nicht mit
Deinem Blute bezahlt hast. So feilscht und marktet denn nicht lnger, gebt ihn
her, den theuren Preis um das theure Gut! Um der Freiheit willen, greift zu den
Waffen!
    Zu den Waffen! zu den Waffen! donnerte es von allen Seiten. Wir wollen
siegen oder sterben! zu den Waffen!
    Die waffenlosen Arme streckten sich wie zum Schwur in die Luft.
    Berger war von der Treppe hinabgesprungen. Man umringte ihn; man drckte ihm
die Hnde. Einige forderten ihn auf, die Sache in die Hand zu nehmen, da es doch
ohne Fhrer nun einmal nicht gehe.
    Berger sah sich um. Pltzlich eilte er auf einen langen Herrn los, der sich
rasch durch die Menge drngte.
    Das ist der Mann, schrie er, den langen Herrn bei der Hand fassend. Er mu
unser Fhrer sein! Treten Sie auf die Treppe, Oldenburg, und sprechen Sie!
    Oldenburg war mit einem Satze auf der Treppe.
    Meine Herren! rief er, seinen Hut lftend, huldigen wir der Mode des Tages
und bauen wir eine Barricade. Ich habe vor zwei Wochen eine kurze Lehrzeit im
Barricadenbau auf den Straen von Paris durchgemacht. Wenn Sie in Ermangelung
eines Bessern sich meiner Knste bedienen wollen - ich bin herzlich gern bereit,
mit Ihnen zu bauen, mit Ihnen zu kmpfen, mit Ihnen zu siegen, wenn's sein kann,
mit Ihnen zu sterben, wenn's sein mu.
    In dem sthlernen Klang von Oldenburgs Stimme, in seiner leichten und doch
so eindringlichen Art zu sprechen, lag ein Zauber, dem der Volkshaufe nicht
widerstehen konnte. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es Aller Herzen.
    Sie sollen unser Fhrer sein, rief es von allen Seiten; der Schwarzbart soll
unser Fhrer sein.
    Nun denn! rief Oldenburg mit erhobener Stimme: Alle Mann hoch an die
Barricade!
    Ein wunderbares Treiben folgte diesem Zauberwort. In die wild durcheinander
wogende Menge kam pltzlich Ordnung. In all den Kpfen lebte nur der eine
Gedanke, sich ein Bollwerk zu schaffen, und alle Hnde arbeiteten nur nach dem
einen Ziel.
    Wir mssen in zehn Minuten fertig sein, meine Herren, rief Oldenburg, oder
wir thten besser, gar nicht anzufangen.
    Oldenburg machte durch unerschtterliche Kaltbltigkeit und geniale
Schnelligkeit des Blicks und des Entschlusses seinem Anfhrerposten Ehre. Er
schien auf allen Punkten zugleich zu sein, und seine klare tnende Stimme
glaubte man an allen Punkten zugleich zu hren. Hier wurde auf seine Anordnung
das Pflaster aufgerissen, dort wurden die Fliesen des Trottoirs ausgehoben und
mit denselben die umgeworfenen Wagen, die als Basis der Barricade dienen muten,
nach der Auenseite bepanzert. Thrflgel, Rinnsteinbrcken, mit Sand gefllte
Scke vervollstndigten die Festigkeit des Baues, der mit einer Schnelligkeit
heranwuchs, die mit dem Fieber der Leidenschaft, das in allen Pulsen pochte,
Schritt hielt. Jede Sehne, jede Muskel war bis zum Aeuersten gespannt; Knaben
trugen Lasten, die in ruhigen Augenblicken kaum ein Mann htte bewltigen
knnen; Mnner, die sonst vielleicht nur die Feder zu fhren gewohnt waren,
schienen pltzlich Muskeln von Stahl bekommen zu haben. Vor Allen aber zeichnete
sich ein Mann in einem abgeschabten Sammetrocke aus, in Vergleich mit dessen
Thaten die Leistungen der Anderen nur Pygmenwerk waren. Wo es etwas zu heben
oder zu schleppen gab, rief man lachend nach dem Hercules, wie den Mann im
Sammetrock der Volkswitz nach den ersten fnf Minuten getauft hatte, - und der
Hercules sprang hinzu, reckte seine mchtigen Arme aus, oder stemmte seine
breiten Schultern dagegen, und die Centnerlast schien pltzlich federleicht zu
werden.
    Bravo, Herr Schmenckel! rief Oldenburg, dem Hercules auf die Schultern
klopfend, aber schonen Sie Ihre Kraft; wir werden sie noch nthig haben.
    Pah, Euer Gnaden, Herr Baron, erwiederte Herr Schmenckel, indem er sich mit
dem Aermel ber sein von Schwei triefendes Gesicht fuhr, das will noch nicht
viel sagen.
    Hercules, hierher! erschallte es von einem anderen Punkte.
    Komm' schon! schrie Herr Schmenckel und sprang dahin, wo man seiner
bedurfte.
    Jetzt fehlt es am Besten noch, murmelte Oldenburg, indem er das mit jeder
Secunde wachsende Werk berschaute und einen prfenden Blick auf die Dcher der
die Barricade flankirenden Huser warf, die man auf seinen Rath abzudecken
begann; wenn Berger keine Waffen bringt, ist Mhe und Arbeit umsonst.
    Da kam Berger in Begleitung von zehn oder zwlf Mnnern. Jeder von ihnen
trug eine Bchse. Ein paar Andere schleppten Scke, in welchen sich Munition
befand.
    Berger, der schon Tage lang vorher die Gelegenheit zur Revolution, die er
vorausgeahnt, studirt hatte, kannte alle Waffenlden in der Runde und hatte sich
jetzt der Vorrthe eines derselben bemchtigt. Ein Jubelruf erschallte, als die
kleine Schaar bei der Barricade anlangte. Gleich darauf wurde noch eine alte
lange einlufige Vogelflinte und ein verrosteter Carabiner mit Pfannenschlo aus
irgend einer Rumpelkammer herbeigeschafft, und zuletzt noch zwei Paar Pistolen
aus den Wohnungen einiger Officiere, die man mit Hlfe des Adrekalenders in der
unmittelbarsten Nhe ausgekundschaftet hatte. Die Waffen wurden vertheilt, und
jedem Schtzen sein Posten auf der Barricade angewiesen; jeder Schtze hatte
einen Mann als Lader bei sich; in der Kche des Erdgeschosses eines der nchsten
Huser wurden unter Aufsicht eines alten einugigen Mannes, der schon die
Befreiungskriege mitgemacht und sich zu diesem Posten erboten hatte, Kugeln
gegossen; Straenjungen, die lustigen Sturmvgel des Barricadenkampfes, sollten
die Kugeln den Kmpfern zutragen.
    Die Viertelstunde, die Oldenburg als die lngste Zeit, in welcher man fertig
werden msse, bestimmt hatte, war verlaufen; und schon der nchste Moment
bewies, wie richtig er gerechnet. Die Bchsen waren kaum geladen und die Mnner
eben an ihre Posten getreten, als ein Bataillon Infanterie die Strae
heranmarschirt kam. An seiner Spitze ritt ein Major. Er lie in einiger
Entfernung von der Barricade seine Truppe Halt machen und ritt bis auf wenige
Schritte heran. Es war ein alter grauhaariger Mann mit einem gutmthigen
Gesicht, dem offenbar bei Erfllung seiner blutigen Pflicht nicht sonderlich
wohl war. Seine Stimme klang hohl und zitterte ein wenig, als er jetzt, so laut
er vermochte, rief:
    Ihr da! ich mu hier mit meinen Leuten durch, und wenn Ihr das Ding, das Ihr
da gebaut habt, nicht gutwillig wegrumt, so mu ich von der Schuwaffe Gebrauch
machen. Das sollte mir Eurethalben leid thun!
    Oldenburg trat auf die Barricade.
    Im Namen der Mnner hier, sagte er, seinen Hut hflich gegen den Major
lftend; erklre ich Ihnen, da wir entschlossen sind, Einer fr Alle und Alle
fr Einen zu stehen und die Barricade zu halten, so lange es uns mglich ist.
    Oldenburgs Erscheinung und seine Rede imponirten dem alten Krieger
sichtlich.
    Sie sind der Anfhrer von den Leuten?
    Ich habe die Ehre.
    Sie scheinen ein verstndiger Mann. Da mssen Sie doch einsehen, da das
Ding da nicht lange halten kann und da Ihr mit Euren paar Schssen nicht weit
kommen werdet. Reit das Ding herunter und die Sache ist gut.
    Es thut mir leid, Ihnen diesen Gefallen nicht thun zu knnen und meine erste
Entscheidung wiederholen zu mssen.
    Nun denn, rief der alte Mann mehr verdrielich als zornig, so soll Euch Alle
der Teufel holen!
    Mit diesen Worten warf er sein Pferd herum und galoppirte zu seiner Truppe
zurck.
    Oldenburg war froh, da die Unterredung zu Ende war. Sein schneller Blick
hatte ihm gezeigt, da das gtige Zureden des Majors seinen Einflu auf die
Menge nicht verfehlt hatte und da mehr als Einer unentschlossen und zaghaft
dreinschaute. Er wandte sich um und rief:
    Ist Einer unter Ihnen, der es ser findet, fr das Vaterland und die
Freiheit leben zu bleiben, als zu sterben, der mge es jetzt sagen! Noch ist es
Zeit.
    Die Mnner standen regungslos und lautlos. Wohl mochte manches Herz strker
gegen die Rippen pochen; aber Jeder fhlte, da der Wrfel geworfen und da
jetzt umzukehren, schimpflicher Verrath sei.
    Da schlugen drben die Trommeln den Sturmmarsch und ihr eherner Klang
schmetterte die letzten Bedenken weg.
    Jeder Mann an seinen Posten! rief Oldenburg mit einer Stimme, die hell wie
Trompetenton das Rasseln der Trommeln bertnte; kein Schu fllt, kein Stein
wird geschleudert, bevor ich das Zeichen gebe.
    Oldenburg blieb auf der Barricade stehen und sah die Colonne im Sturmschritt
heranrcken. In der Mitte die Tambours und der Major, der mit seiner Grabstimme
commandirte:
    Bataillon halt! Legt an! Feuer!
    Die Salve krachte, die Kugeln hagelten in die Barricade und gegen die Wnde
der Huser.
    Gewehr rechts, Marsch, Marsch!
    Hurrah! schrieen die Soldaten, indem sie sich mit geflltem Bajonnet gegen
die Barricade strzten.
    Hurrah! schrie Oldenburg, indem er noch immer auf der Barricade stehend, den
Hut schwenkte.
    Und die Bchsen der Barricadenvertheidiger krachten und die Steine
prasselten von den Dchern auf die Kpfe der unglcklichen Soldaten hinab, und
als der Rauch und Staub sich verzog, sah man die Compagnie, die in kriegerischer
Ordnung heranmarschirt gekommen war, in wilder Verwirrung sich zurckziehen,
vorauf ein reiterloses Pferd und zwischendurch kleine Truppen von drei, vier
Mann, welche Todte oder Verwundete eiligst aus dem Bereiche der Barricade
trugen.
    Von den Mnnern des Volkes war nur einer, und selbst der durch keine
feindliche Kugel verwundet. Der alte Carabiner war bei dem ersten Schusse
gesprungen, und ein Stck davon hatte den Nebenmann des Schtzen leicht am Kopf
gestreift. Dieser Unfall trug indessen nur zur Erhhung der guten Laune bei. Man
schrie Hurrah, man gratulirte einander, man lachte, man scherzte, man war in der
besten Stimmung.
    Oldenburg theilte die Siegesfreude nicht. Von der Nothwendigkeit des Kampfes
war er ebenso berzeugt, wie ihm ein glcklicher Ausgang desselben problematisch
war. Er hatte die Februartage in Paris mit durchlebt und durchfochten, und der
Unterschied der beiden Revolutionen konnte ihm nicht entgehen. Dort hatte er ein
Volk gesehen, das mit dem vollen Bewutsein der Unhaltbarkeit der Regierung,
gegen welche es sich auflehnte und mit dem vollen Verstndni der Situation in
den Kampf zog - hier fand er die grte Unklarheit ber die endlichen Ziele, und
zum Theil die naiveste Unkenntni in Betreff der gegenwrtigen Lage. Aber, sagte
er sich, ist es doch nicht immer die freie, geistgeborene That, deren der Genius
der Menschheit zu seinen Zwecken bedarf. Wirkt er doch auch in dem dunklen
Triebe, der aus geheimnivollen Tiefen unaufhaltsam zum Lichte drngt. Wenn
diese harmlosen und im Grunde wenig politischen Menschen, welche die geringsten
Zugestndnisse zur rechten Zeit befriedigt haben wrden, nicht fr den freien
Staat der Zukunft, sondern nur gegen die brutale Herrschaft einer einzelnen
Kaste fechten - die groen Folgen knnen nicht ausbleiben, und wer ein krankes
Glied abschneidet, rettet dadurch vielleicht den ganzen Krper.
    So suchte sich Oldenburg die schweren Bedenken, die ihm die Physiognomie
dieser Revolution einflte, weg zu philosophiren. Er war auf dem Platze vor dem
Schlosse gewesen, als die verhngnivollen zwei Schsse, die das Signal zum
Ausbruch wurden, fielen und das Militair seine ersten Attaquen auf das wehrlose
Volk machte. Er und andere wackere Mnner hatten vergeblich dem Blutvergieen
Einhalt zu thun gesucht, indem sie sich mit Gefahr des Lebens durch die Soldaten
drngten und den commandirenden Officieren den Wahnsinn dieser Metzeleien klar
zu machen sich bemhten. Offener Hohn und im besten Falle mrrisch grobe
Abweisung war Alles, was man ihren Grnden entgegenzusetzten hatte. Als
Oldenburg sah, da er so nichts mehr ntzen knne, und da es bis zum Aeuersten
gekommen sei, hatte er Melitta's Wohnung unter den Akazien zu erreichen gesucht,
um sie und die Kinder vor dem hereingebrochenen Sturm in Sicherheit zu bringen.
Aber er hatte einen weiten Umweg machen mssen, denn schon hielt das Militair
alle Zugnge von der Schloseite her besetzt, und nur mit Mhe entging er
mehrmals der Gefahr, verhaftet zu werden. So kam es, da er erst in dem
Augenblick im Hotel anlangte, als bereits die Sturmglocken ertnten, von der
Schloseite her die Gewehrsalven krachten und einzelne Kanonenschlge die
Fenster klirren machten. Er lie sich eben nur so viel Zeit, im Hotel nach
Melitta zu fragen, wo er denn zu seiner Freude vernahm, da sie schon seit einer
Stunde mit den Kindern zu Frau Doctor Braun (in eine Vorstadt, bis zu welcher
der Aufstand schwerlich dringen konnte) gefahren sei, und dann hatte er sich,
von seiner einzigen Sorge befreit, mit ausgebreiteten Armen in den Strom der
Revolution geworfen.
    Und jetzt stand er, nachdem der erste Sturm glcklich zurckgeschlagen war,
mit ber der Brust gekreuzten Armen auf der Barricade an einer sichern Stelle,
von wo er zugleich die Bewegungen des Feindes und den Raum hinter der
Verschanzung berschauen konnte, und erwartete voll Ungeduld die Rckkehr
Berges, der sich mit einer Patrouille aufgemacht hatte, um wo mglich noch mehr
Waffen aufzutreiben und sodann die Verbindung mit den nchsten Barricaden
herzustellen. Denn bis jetzt fehlte es noch gnzlich an einer Organisation des
Aufstandes. Kein gemeinsamer Plan machte ein gemeinsames Handeln mglich; an
jeder Barricade wurde eine isolirte Schlacht geschlagen. Dazu kam, da es
bereits stark zu dunkeln begann, und die Nacht, wenn sie auch dazu beitragen
mochte, das Militair ber die Strke seines Feindes im Unklaren zu lassen, doch
auch schon die nur allzu groe Verwirrung auf Seiten des Volks noch steigern
mute. Berger, der in diesem Augenblicke kam, brachte noch einige Gewehre, aber
sonst wenig trstliche Kunde. Die nchsten Straen waren zwar ebenfalls
verbarricadirt, aber die Barricaden meistens sehr schwach construirt und noch
schwcher besetzt, zumal die in der unmittelbar benachbarten Schwesterstrae.
    Ich glaube, sie werden sich dort nicht allzulange mehr halten, sagte Berger,
und dann sind wir verloren, weil uns das Militair durch diese enge Gasse hier -
er deutete auf die Gertrudenstrae, welche in einer flachen Curve aus der
Langenstrae in die Schwesterstrae fhrte - in den Rcken kommen kann. Wir
mssen nothwendig auch diese Gasse sperren und besetzten, was mit leichter Mhe
geschehen wird; ich habe Oswald und Schmenckel den Auftrag gegeben, diese Arbeit
auszufhren.
    Wem? sagte Oldenburg, der keine Ahnung hatte, wie Oswald hierher kommen
sollte, und sich deshalb verhrt zu haben glaubte.
    Aber er hatte keine Zeit, Bergers Antwort abzuwarten, denn schon ertnte
wiederum der Sturmmarsch, und die zweite Compagnie rckte heran. Diesmal ritt
der Major nicht auf seinem Schimmel mit. Der alte Mann, den bei dem ersten Sturm
eine Kugel am Kopf verwundet hatte, war bereits auf dem Wege in's Lazareth.
    Der zweite Sturm war hartnckiger, wenn auch nicht erfolgreicher als der
erste. Der commandirende Hauptmann lie in rascher Folge drei Salven hinter
einander geben, und dann warfen sich die Soldaten mit groem Ungestm auf die
Barricade. Aber da Oldenburg mit vollem Bedacht sein Feuer bis zu diesem Moment
aufgespart, so war der Anprall hchst verderblich fr die Strmenden, die in
allernchster Nhe von den Kugeln und Dachziegeln so arg mitgenommen wurden, da
sie abermals, ihre Todten und Verwundeten mit sich schleppend, eilend den
Rckzug antraten.
    Aber diesmal hatten auch die Vertheidiger ihre Verluste. Ein junger Mann,
der sich unbesonnen ausgesetzt hatte, wurde durch die Brust geschossen und war
auf der Stelle todt, einem Andern hatte eine von der Mauer zurckprallende Kugel
den Arm zerschmettert.
    So hatten die Barricadenmnner die Bluttaufe bekommen, und jetzt erst
fhlten sie sich mit der Sache der Revolution unauflslich verbunden. Mnner,
die sich heute zum ersten Male sahen, schttelten einander die Hnde und
gelobten sich, zusammen auszuharren und bis in den Tod gegen die Tyrannei zu
kmpfen. Frauen gingen zwischen den Kmpfern umher und reichten ihnen Wein und
Brod. Unter diesen Samariterinnen zeichneten sich mehrere durch ihre stattliche
Erscheinung oder sorgfltige, ja elegante Toilette aus. Es waren Damen aus der
guten Gesellschaft, die sonst jedem Volkshaufen sorgsam auszuweichen pflegten
und die heute Abend die Leidenschaft der Nchstenliebe, die sie sonst nur im
stillen Kreise ihrer Familie gebt, auf dem hallenden Markt des Lebens im
greren und heiligeren Sinne bethtigen durften.
    Und nun wurden auf Oldenburgs Rath, der die Vortheile dieser Maregel von
Paris her kannte, in den Fenstern aller Huser, die von der Barricade beherrscht
wurden, Lichter entzndet und so eine feierliche Illumination improvisirt, zu
welcher der volle Mond, der klar und mild aus dem blauen Frhlingshimmel
herabschaute, reichlich beisteuerte. Es war ein seltsamer Gegensatz: die hehre
Ruhe dort oben in den himmlischen Gefilden und hier unten die in dem Fieber der
Revolution zuckende Stadt, in welcher sich das Geheul der Sturmglocken mit dem
Krachen der Kanonen, dem Geprassel des Kleingewehrfeuers und dem Hurrahrufen und
Wuthgeschrei der Kmpfer vermischte. Und um das grausige Bild noch grausiger zu
machen, wlzten sich jetzt ber die Dcher fort lange glhende Rauchwolken. Es
war an mehreren Stellen zugleich Feuer ausgebrochen, welche die Stadt
einzuschern drohten; - wer hatte heute Nacht Zeit, zu lschen und zu retten!
    Oldenburg suchte mit den Augen Berger, der aber nirgends zu entdecken war.
Er wollte ihn fragen, was es mit Oswald zu bedeuten habe, denn es fiel ihm jetzt
ein, da er vorhin eine Gestalt gesehen, die ihn flchtig an Oswald Stein
erinnerte. Da ertnte lautes Geschrei aus der Gertrudengasse her, und einige
Schsse krachten. Oldenburg, der nicht anders glaubte, als da das Militair die
Barricade der Schwesterstrae genommen habe und jetzt durch die Gertrudengasse
herandringe, raffte eilig einen Theil seiner Leute zusammen und strzte mit
ihnen die Gasse hinein.
    In der That war hier ein Ueberfall im Werke gewesen und die Gefahr nur durch
Schmenckels Riesenkraft und Oswalds und Bergers todesmuthige Tapferkeit
abgewendet worden.
    Oswald hatte sich den Barricadenbauern in der Gertrudengasse angeschlossen,
um Oldenburg, den er zu seiner nicht geringen Verwunderung mitten in dem
Volksgewhl auf der Treppe des Eckhauses als Redner und hernach als Anfhrer der
Barricade erblickt hatte, aus den Augen zu kommen. Es war ihm unmglich, dem
Manne, den er bald wie ein hheres Wesen verehrt, und bald als seinen
schlimmsten Feind gehat hatte, jetzt gegenberzutreten und so den alten Streit
in seinem Busen von neuem anzufachen. Er war so mde, so sterbensmde! Der Sturm
um ihn her war wie Wiegengesang fr sein mdes, krankes Herz, und whrend er bei
dem ersten Sturm auf die Barricade, den er noch mit abschlagen half, die Kugeln
um sich pfeifen hrte, dachte er nichts, als: mchte doch eine davon fr dich
bestimmt sein!
    Er sprach dieses Gefhl gegen Berger aus, als sie, auf der fertigen
Barricade der Gertrudengasse sitzend, sich einen Augenblick von ihren ungeheuren
Anstrengungen ausruhten.
    Nein, erwiederte Berger, so ist es nicht recht. Der Tod als solcher bezahlt
die Zeche nicht; er zerreit die unbezahlten Rechnungen nur und wirft sie den
Glubigern vor die Fe. Aber der Tod fr die Freiheit, ja - der bezahlt sie.
    Er ergriff Oswalds Hand, sich scheu umsehend, wie um sich zu vergewissern,
da ihn Niemand hre:
    Ich frchte mich vor dem Leben, Oswald. Eine schauerliche Zufluchtssttte
ist der Tod, aus dem man wieder erwachen kann. Der Tod des Selbstmrders ist
nach meiner Philosophie solch ein Tod; wre er das nicht, so htte ich mir schon
lngst das Leben genommen. Denn sterben, um vor sich selbst zu fliehen, ist
leichter, als fr Andere zu leben. Ich habe es jetzt erfahren. Ich habe aus dem
Kelch des Menschensohnes, der sich zu den Zllnern und Sndern setzt, getrunken;
aber der Trank ist grauenhaft bitter, Oswald! Im Anfang hatte ich noch Muth und
Kraft; aber jetzt, nachdem ich dies Leben kaum ein halbes Jahr gefhrt, ist mein
Muth geschwunden und meine Kraft gebrochen. Meine Nerven ertragen es nicht mehr.
Darum habe ich diesen Tag, an dem das Volk sich endlich emporgerafft hat aus
seiner schmachvollen Apathie, mit namenlosem Jubel begrt. Wenn ich fr mein
Volk sterben kann heute, wo ich es zum ersten Male seit einem Menschenalter
nicht verchtlich finde - so ist dies ein Glck, wie ich es so gro und schn
nimmermehr gehofft habe. Und dann, fuhr er nach einer Pause fort, ist mir heute
auch noch viel anderes Glck beschieden. Ich habe meinen ltesten und am meisten
gehaten Feind und meinen jngsten und am meisten geliebten Freund
wiedergefunden.
    Er drckte Oswalds Hand, der lchelnd sprach:
    Den ltesten Feind wiedergefunden? das nennen Sie ein Glck?
    Berger erzhlte Oswald mit wenigen Worten seine Begegnung mit dem Grafen
Malikowsky heute Morgen, und da Schmenckel, der mit ihnen gewaltig an der
Barricade gearbeitet, der Vater des Frsten Waldernberg sei. Der Proletarier
eines Frsten Vater, der Frst eines Proletariers Sohn - das gbe einen hbschen
Stoff zu einem modernen Romane, sagte er mit dsterem Lcheln.
    Vielleicht kann ich Ihnen ein Pendant zu Ihrer Geschichte geben, erwiederte
Oswald; und er theilte Berger die Entdeckungen mit, die er vor wenigen Stunden
in Betreff seiner Geburt gemacht hatte.
    Das ist wunderbar, sagte Berger: sehr wunderbar. Und sagtest Du mir nicht,
da Du Helene geliebt hast?
    Mehr als mein Leben.
    Und hast die Welt und ihre Herrlichkeit doch von Dir gewiesen, um treu zu
bleiben Deiner alten Fahne?
    Oswald schttelte den Kopf.
    Nein, Berger, sagte er; ich bin nicht so gut und so gro, wie Sie in Ihrer
Gte und Gre glauben. Sie konnte nie die meine werden. Es war zu viel
geschehen, das sich nie vergiebt und noch weniger vergit. Ich hatte ihr eine
Andere vorgezogen und sie mir einen Andern. Eben jener Frst Waldernberg war ihr
Verlobter.
    Ist er es denn nicht mehr?
    Nein. Ich fand sie im Begriff, die Stadt zu verlassen. Sie hat sich noch in
der zwlften Stunde darauf besonnen, da sie ein Herz im Busen trgt, dessen
Sehnen aller Reichthum der Welt nicht stillen knnte.
    Wunderbar, wunderbar! murmelte Berger, Ihr Beide, der Baronensohn, der sich
zu den Proletariern hlt, der Proletariersohn, der unter den Frsten sitzt,
Nebenbuhler um die Gunst derselben Dame! und sie Dich verschmhend, weil sie von
Deiner noblen Abkunft keine Ahnung hat, und den Frsten whlend, weil sie
glaubt, da in seinen Adern dasselbe Blut rollt, auf das er so stolz ist.
Schade, schade, da dies die Welt nicht wei und wissen darf. Sie wrden dann
vielleicht dahinter kommen, was es mit dem Unterschiede von adeligem und
brgerlichem Blut auf sich hat!
    Sie scheinen es mit diesem Unterschied jetzt allerdings nicht mehr so genau
wie frher zu nehmen; ich erinnere mich einer Zeit, wo Sie es fr eine
moralische Unmglichkeit erklrten, der Freund eines Adligen zu sein.
    Du spielst auf meine Freundschaft zu Oldenburg an, sagte Berger ruhig. Ich
sage Dir, Oswald, wenn es je einen Menschen giebt, der es verdiente, da man ihn
liebt und ehrt, so ist es Oldenburg. Wenn ich mich je vor einem Menschen
demthigen und meinen Herrn und Meister in ihm erkennen knnte, so wre es
wiederum Oldenburg. Ich wei, da Du ihm grollst, weil die Frau, die Du
verlassen hast, in ihm schlielich ihre Welt fand. Das ist nicht recht, Oswald!
Oldenburg hat stets mit Freundschaft von Dir gesprochen. Es wre mir sehr lieb,
Oswald, wenn ich Euch vershnt wte, bevor ich von Euch auf immer scheide.
    Erst kommt die Reihe an mich, sagte Oswald; wissen Sie, Berger, was Sie in
Grnwald sagten? Du wirst vor mir sterben, sagten Sie, die groe Schlange hat
ein zhes Leben, und Du bist weich, viel zu weich fr diese harte Welt.
    Das war damals. Dies letzte Jahr hat die groe Schlange alt und stumpf
gemacht. Doch, was ist das?
    Ein Lrm, der aus einer Kellerkneipe, deren Treppe nicht weit von ihnen
mndete, herauftnte, machte die beiden Mnner von ihren Sitzen auffahren. Sie
ergriffen ihre Waffen und eilten, gefolgt von anderen Mnnern, die mit ihnen die
Barricade besetzt hielten, dem Keller zu, wo jetzt rasch hinter einander mehrere
Schsse fielen. Es waren dies dieselben Schsse, die auch Oldenburg aus seiner
momentanen Ruhe auf der Barricade in der Langen Strae emporgeschreckt hatten.

                              Fnfzigstes Capitel


Albert Timm war nach dem heftigen Wortwechsel mit Oswald stehen geblieben und
hatte dem Enteilenden mit einem so grellen Lachen, da die Vorbergehenden ihn
verwundert anschauten, nachgeblickt; dann war er in einer andern Richtung
davongeeilt, heftige Worte vor sich hinmurmelnd, mit den Zhnen knirschend und
die Fuste ballend. Albert Timm war wthend, und er hatte Ursache dazu. Seine
Lage war eine verzweifelte. Die Schulden, die er in Grnwald und anderswo
hinterlassen hatte, drckten ihn nicht besonders; aber auch mit der geringen
Baarschaft, die er mit nach der Residenz genommen, war er schon seit mehreren
Tagen zu Ende, und wenn selbst das nicht so viel sagen wollte, so waren doch all
die herrlichen Aussichten auf eine glnzende Zukunft, wie sie ihm seine lebhafte
Phantasie vorgegaukelt hatte, zerstoben wie bunte Seifenblasen.
    So hatte er, sich und die ganze Welt verfluchend, schon mehrere Straen
zurckgelegt und kam jetzt in Quartiere, wo die Revolution schon ihre Fahne
erhoben hatte. Er freute sich dessen, nicht weil er irgendwelche Sympathien fr
die Sache des Volks und der Freiheit gehabt htte, sondern aus dem instinctiven
Bewutsein, da er, der Abenteurer, der Heimatlose, in einer Zeit der Verwirrung
und des Umsturzes zwar nichts verlieren, mglicherweise aber viel gewinnen
knnte. Das gab ihm seine ganze Elasticitt wieder; er schrie lustig Hurrah mit
der Menge, stimmte aus voller Kehle in den Ruf: Zu den Waffen! auf die
Barricaden! ein und hatte ordentlich seine Freude daran, als der Lrmen und
Tumult, je weiter er nach dem Dustern Keller - dem Ziel seines Weges - kam, in
rascher Progression wuchs. So gelangte er in die Lange Strae, gerade in dem
Augenblicke, als auch Oswald und Berger von einer andern Seite dort eintrafen.
Er bemerkte die Beiden wohl, auch Herrn Schmenckel, der, halb Berger suchend,
halb sich von dem Strome der Revolution treiben lassend, ebenfalls bis hierher
gekommen war. Durchaus nicht gewillt, sich vor seinen beiden Feinden sehen zu
lassen, drckte er sich auf die Seite und wollte eben in die Gertrudengasse
hineinbiegen, als er sich von Jemand am Rockscho festgehalten fhlte. Als er
sich umsah, erblickte er seinen Freund und Gnner, Ehren Jeremias Gutherz.
    Nun, wie ist's abgelaufen? fragte der geheime Polizist, der mittlerweile
Timms Freundschaft sich erworben und in die Intriguen desselben vollkommen
eingeweith war.
    Alles vergebens! erwiederte Timm rgerlich, Mhe und Arbeit umsonst, ganz
umsonst! Ich knnte die beiden Schufte - er deutete auf Oswald und Schmenckel -
- in der Hlle braten lassen.
    So, so! sagte der Mann; das mt Ihr mir in Ruhe erzhlen. Kommt mit zu
Rosalien; aber erst wollen wir doch noch hren, was der verrckte Professor dort
zu sagen hat.
    Kennt Ihr den? fragte Timm.
    Still! wir kennen ihn! - belogenes Volk - sehr gut! - zu den Waffen -
ausgezeichnet! warte! Dich wollen wir kriegen! Und da kommt ja auch noch der
lange pommersche Baron, der in den Volksversammlungen so aufrhrerische Reden
fhrt - da haben wir ja das ganze Nest zusammen! - Barricaden bauen - bravo!
Hurrah! alle Mann an die Barricade, hurrah! schrie der Polizist und schwenkte
seinen Hut in vortrefflich gespielter Begeisterung. Dann griff er Timm beim Arm
und sagte: Nun wollen wir machen, da wir wegkommen, sonst bauen uns die Kerle
noch mit in die Barricade hinein.
    Die beiden Spiegesellen drckten sich in die Gertrudengasse und
verschwanden im Dustern Keller.
    Frau Rosalie Pape empfing sie mit ungewhnlicher Herzlichkeit:
    Nun, Ihr Schfchen, kommt Ihr mit vollem Beutel? hat's gefleckt, he?
    Ein ander Mal! sagte der Geheime, jetzt schaff' uns Bier, wir mssen bald
weiter.
    Ohne mir gesagt zu haben, wie's steht mit -; sagte die Frau entrstet und
machte mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Geldzhlens.
    Herr Timm zuckte statt der Antwort mit den Achseln und zog die beiden leeren
Taschen seines Beinkleides heraus.
    Frau Pape war eine cholerische Natur, und das Fehlschlagen so groer
Hoffnungen erfllte sie mit einer Entrstung, die sich in einer Fluth von
Schimpfwrtern Luft machte.
    In diesem Augenblick ertnten die Salven von dem Sturm auf die Barricade in
der Langen Strae. Und fast unmittelbar darauf erschallte groer Lrm vor den
Kellerfenstern. Man begann die Barricade zu bauen, welche die Gertrudengasse
sperren sollte. Der geheime Polizist und Timm, die durch eines der Fenster
verstohlen herausschauten, sahen Oswald, Berger, Schmenckel und andere Mnner
bei der Arbeit. Sie retirirten, gefolgt von der Wirthin, tiefer in den Keller
hinein.
    Das sieht reizend aus! sagte der Polizist, wir sind von allen Seiten
eingeschlossen, und wenn sie uns hier finden, schlagen uns die Schufte wo
mglich todt.
    So schlimm steht es noch nicht, sagte das Weib, ich will Euch glcklich
hinausbringen. Kommt nur mit!
    Sie fhrte die Beiden aus dem letzten Zimmer durch eine Thr ein paar Stufen
hinab in einen noch tieferen Keller, der als Vorrathsraum diente. An der Mauer
brannte ein Gasflmmchen. Das Weib drehte die Glasflamme hher.
    So! sagte sie, nun geht durch die Thr! - sie deutete auf eine eiserne Thr
der Wand gegenber; Ihr kommt dann auf einen langen schmalen Hof; auf dem haltet
Euch links; so kommt Ihr durch das Haus von meinem Bauer auf die
Schwesternstrae. Adieu!
    Ist sie immer offen? fragte Timm, als er fand, da die eiserne Thr nicht
verschlossen war.
    Nur heute, erwiederte Rschen, wir mssen noch mehr Bier herein haben. Die
Kerle sind ja wie die Schwmme.
    Als die Beiden durch die eiserne Thr auf den Hof des Nachbarhauses, von
diesem in das Haus und so schlielich oberhalb der Barricade auf die
Schwesternstrae, die an diesem Theil schon von Militair besetzt war, gelangt
waren, blieben sie stehen und blickten sich an. Ein und derselbe Gedanke scho
Beiden durch den Kopf.
    Das wre eine famose Mausefalle, sagte Albert.
    Wenn Ihr dabei helfen wollt, erwiederte der Geheime, so habt Ihr bei dem
Prsidenten gewonnen Spiel. Wir brauchen solche Leute wie Ihr. Ich habe schon
auf alle Flle ber Euch mit dem Alten gesprochen.
    Und Rache an den verdammten Schuften htten wir obenein.
    Die Sache ist freilich nicht ohne Gefahr, meinte der Andere.
    Wer nicht wagt, nicht gewinnt, sagte Timm; der Gedanke, meine Freunde auf
eine so angenehme Weise zu berraschen ist zu spahaft. Wenn Ihr nicht von der
Partie sein wollt, thu' ich es allein.
    Nun denn, kommt, sagte der Polizist, wollen sehen, ob die Herren vom
Militair darauf eingehen.
    Und die Beiden schritten geradenwegs auf den Oberst zu, der wthend ber den
hartnckigen Widerstand der Barricaden in der Langen- und Schwesternstrae, die
er zu nehmen commandirt war, umgeben von seinen Officieren, in einiger
Entfernung hielt.
    Als Frau Rosalie, nachdem sie ihren Freunden fortgeholfen, in das
Schenklokal zurckgelangte, fand sie Herrn Schmenckel mit zehn oder zwlf andern
Barricadenmnnern, die sich hier nach den Strapazen gtlich thun wollten. Es
waren meistens alte Kunden des Dustern Kellers, dieselben haarbuschigen
Gesellen, die schon so manche Nacht vorher hier die Kpfe zusammengesteckt und
auf die verrotteten Zustnde, die schndliche Polizeiwirthschaft, die
verthierte Soldateska geschimpft hatten. Herr Schmenckel hatte immer in hohem
Ansehen bei diesen Leuten gestanden; jetzt, wo man gesehen, da er nicht blos
freimthig reden, sondern auch muthig handeln konnte, war er der gefeierte Held
des Tages.
    Unter diesen Umstnden hielt Rosalie es fr gerathener, die Ausfhrung ihrer
Rache lieber noch etwas aufzuschieben und die Bedienung der Barricadenmnner dem
hbschen Elischen zu berlassen, whrend sie selbst sich an das Comptoir setzte.
    Das hbsche Elischen wollte Herrn Schmenckel ganz besonders wohl. Sie hatte
vorhin einen Theil des Gesprchs zwischen der Wirthin, Timm und Gutherz mit
angehrt, und es war ihr sehr verdchtig vorgekommen, da sich die Beiden durch
die Hinterthr entfernt. Elischen glaubte ihrem Liebling von dem Geschehenen
Mittheilung machen zu mssen, und wre es auch nur gewesen, um Herrn Schmenckel
zu beweisen - was sie schon hundertmal behauptet - da Frau Rosalie eine falsche
Katze sei. Schmenckel verkannte keinen Augenblick die Wichtigkeit von Elischen
Mittheilungen. Wenn es im Keller eine Hinterthr gab, durch die man in die
Schwesternstrae gelangen konnte, und Timm und Gutherz, dem Schmenckel gar nicht
traute, diese Thr kannten, so war es jedenfalls sehr rthlich, nachzusehen - ob
diese Thr auch wohl verschlossen sei.
    Schmenckel lie Elischen von seinem Schoo auf den Boden gleiten und
erzhlte den Mnnern am Tisch, was er so eben gehrt. Alle waren seiner Meinung,
da unverzglich eine Recognoscirung nach dieser Seite vorgenommen werden mte.
In dem Augenblick, als die Mnner ihre Waffen ergriffen und sich nach der Thr
wandten, die in den von dem Mdchen bezeichneten Lagerkeller fhrte, wurde
dieselbe von der andern Seite aufgestoen und ein Haufe Soldaten strzte herein,
zwischen ihnen Albert Timm und der Geheime.
    Das so pltzliche Erscheinen der blanken Helme und Gewehre und die Schsse,
welche die Soldaten, glcklicherweise ohne zu treffen, abfeuerten, erfllten
Einige der Barricadenmnner mit einem so panischen Schrecken, da sie Hals ber
Kopf die Kellertreppe hinauf auf die Strae strzten. Hier begegneten ihnen
Berger und Oswald, die durch die Schsse herbeigerufen waren, und nun Schmenckel
zu Hlfe eilten, der bis jetzt ganz allein gegen die Uebermacht kmpfte.
    Schmenckel hatte einem der Soldaten das Gewehr, das jener so eben erfolglos
auf ihn abgefeuert hatte, entrissen, und mit dem Kolben, und, als dieser
abgesprungen war, mit dem eisernen Lauf so mchtig auf die Eingedrungenen
losgeschlagen, da bereits zwei oder drei kampfunfhig am Boden lagen und die
Andern in vollem Entsetzen zur Thr wieder hinausretirirten. Dort aber trafen
sie auf ihre nachfolgenden Kameraden, und so entstand eine frchterliche
Verwirrung, die grauenhaft wurde, als Oswald, Berger, Schmenckel und die andern
Mnner, die sich von ihrer Ueberraschung erholt hatten, in den Lagerkeller
drangen, der nun der Schauplatz eines beraus grimmigen Kampfes wurde.
    Die Angreifer waren in diesem Augenblick vielleicht um die Hlfte strker
als ihre Gegner, und dazu waren sie viel besser bewaffnet; aber diese Vortheile
wurden durch die ungestme Tapferkeit Bergers und Oswalds und vor allem durch
Schmenckels Riesenkraft reichlich aufgewogen. Der gewaltige Mann schwang
unermdlich seine frchterliche Waffe, und kein Streich fiel vergeblich auf die
Kpfe der unglcklichen Soldaten. So mhte er sich bis zu der Thr durch, die
auf den Hof fhrte, und zu der jetzt einige der im Keller befindlichen, von
Entsetzen erfaten Soldaten hinauswollten, whrend immer neue von jener Seite
nachdrangen. Und nun hatte er dies Ziel erreicht. Mit den unwiderstehlichen
Hnden ein paar der zwischen Thr und Angel Eingekeilten am Genick packend und
sie in den Keller hinreiend, schlug er die schwere eiserne Thr zu, schob den
gewaltigen Riegel davor, lehnte sich mit seinem breiten Rcken dagegen, und
rief, whrend er seinen Flintenlauf im Wirbel schwang:
    Nun haben wir sie beisammen, Professor! Hinaus und herein kommt keiner mehr.
Dafr lassen's nur den Caspar sorgen.
    Das Grausige dieser entsetzlichen Scene, wo in einem engen, dumpfigen, kaum
erhellten, unterirdischen Raume Menschen wie wilde Thiere gegen einander
wtheten, hatte jetzt seinen hchsten Grad erreicht. Die Angreifer wehrten sich
wie Verzweifelte; aber da ihnen die donnernden Kolbenste ihrer Kameraden gegen
die eiserne Thr keine Hlfe gewhrten, so war der endliche Ausgang des Kampfes
nicht zweifelhaft. Doch htte das Gemetzel noch lange dauern knnen, wenn jetzt
nicht Oldenburg mit einem Theil seiner Mannschaft von der Barricade in dem
Keller erschienen wre und gedroht htte, jeden Soldaten, der nicht sofort die
Waffen strecken wrde, augenblicklich ber die Klinge springen zu lassen. Die
Soldaten, welche keine Aussicht auf Rettung mehr hatten, ergaben sich, und
stiegen einer nach dem andern aus dem tieferen Keller in das Lokal, wo sie
sofort entwaffnet wurden. Die armen Menschen gewhrten einen jmmerlichen
Anblick. Es war kaum Einer unter ihnen, der nicht mehrere Wunden davon getragen
htte. Ihre schmucken Uniformen zerfetzt, athemlos, bleich vor Schrecken und
Ermattung, mit Staub und Schmutz und Blut besudelt - so standen sie da - umringt
von den Barricadenmnnern, unter denen ebenfalls keiner war, der nicht hnliche
Spuren des Kampfes an sich getragen htte. Aber noch barg der Keller
Frchterlicheres. Als man mehr Licht herbeigeschafft hatte, entdeckte man, da
zwei Krper regungslos in ihrem Blute lagen, ein Soldat und ein Civilist. Der
Soldat hatte sich auf seiner wilden Flucht das Bajonnett seines eigenen Gewehrs
durch die Brust gerannt und war wohl augenblicklich todt gewesen; dem Civilisten
hatte ein frchterlicher Hieb den Schdel zerschmettert; er rchelte noch, als
man ihn die Treppe hinauftrug, verschied aber nach wenigen Augenblicken. Man
glaubte anfangs, es sei einer der Barricadenmnner, aber es kannte ihn Niemand.
Auch Oswald trat an den Tisch, auf dem der Todte lag, und als er einen
Augenblick prfend in das entstellte Antlitz geschaut hatte, sah er zu seinem
Entsetzen, da die starre blutende Masse Niemand anders war, als der Knig aller
lustigen Gesellen, der unerschpfliche Spavogel und Lustigmacher - sein buon
compagno so mancher durchschwrmten Nacht, derselbe Mann, von dem er sich vor
wenigen Stunden in Hader und Streit getrennt hatte - Albert Timm.

                           Einundfnfzigstes Capitel


Eine Stunde spter war in dem Kampf an der Barricade der Langen Strae eine
Pause eingetreten. Das Linienregiment, welches nun schon fnfmal vergeblich
gestrmt, war durch einige Bataillone Garde verstrkt worden, die bis jetzt in
der Frstenstrae gekmpft und schon mehrere Barricaden genommen hatten. Die
Taktik dieser Truppen bestand darin, da sie nicht in ganzen Colonnen, sondern
in aufgelsten Schtzenzgen rechts und links an den Husern der Strae so
gedeckt wie mglich vorgingen, um sich dicht vor der Barricade zu einer
Sturmcolonne zu vereinigen. Aber wenn so ihre Verluste weniger bedeutend waren,
konnten sie sich doch auch keiner bessern Erfolge rhmen. Die Belagerten sparten
ihr Feuer so systematisch und gaben in dem rechten Augenblicke ihre Salven, die
noch dazu seit der letzten Stunde viel krftiger geworden waren, so kaltbltig
ab, da ihre Position geradezu uneinnehmbar schien. Wirklich hatte seit einigen
Minuten das Feuern von Seiten des Militairs aufgehrt, und die Barricadenmnner
konnten sich ein wenig von ihrer blutigen Arbeit verschnaufen.
    Es that ihnen wahrlich Noth. Zum greren Theil auf das Aeuerste erschpft,
pulvergeschwrzt, fast Alle leichter oder schwerer verwundet, saen und lagen
sie einzeln und in Gruppen umher, wunderlich beleuchtet von dem rothen Lichte
der Wachtfeuer, welche man mitten auf der Strae entzndet hatte, dem weien
Schein der Kerzen in den Fenstern und den milden Strahlen des Vollmondes, der
noch immer gro und still oben in den blauen Aether schwamm. Zwischen den
Gruppen der Kmpfer sah man Frauen und Mdchen, die ihnen aus den Kchen der
Nachbarhuser Lebensmittel zutrugen. Auch an Wein und Bier fehlte es nicht, und
hier und da hatten die Leute des Guten zu viel gethan. Aus einer oder der andern
Gruppe erschallte von Zeit zu Zeit rohes Jauchzen, Johlen und Schreien, das aber
meistens bald einer Stille Platz machte, die nach solchem Ausbruch doppelt
unheimlich war.
    Auf einer der Barricade eingefgten Tonne sa Oldenburg. Er lie die langen
Beine herabhangen und blies mchtige Dampfwolken aus seiner Cigarre. Er
zweifelte keinen Augenblick daran, da, wenn die Barricade bergehen sollte, er
an der Spitze der Mnner, die er in den Kampf gefhrt, fallen wrde; aber daran
dachte er am wenigsten. Der Tod fr die Sache der Freiheit war ihm nicht
frchterlich, ja er glaubte etwas wie eine leise Todessehnsucht in seinem Herzen
zu verspren. Schien doch die se, fest gehegte Hoffnung, Melitta bald die
Seine nennen zu drfen, seit den letzten Tagen weiter als je hinausgerckt. Er
konnte sie nicht tadeln, da die Erinnerung ihres Verhltnisses mit Oswald wie
ein Alp auf ihrer Seele lastete, und es ihr unmglich machte, die Augen muthig
zu dem besseren und treueren Manne aufzuschlagen; aber gerade weil er das
Gefhl, das sie trennte, ehren mute, stand er rathlos und hoffnungslos da. Er
hatte sich oft das Wort wiederholt, das Melitta, wenn sie ihn traurig sah, so
rhrend zu sprechen wute, das Wort Geduld! - aber vergebens er verzehrte sich
in der Ungeduld, fr sein Glck nichts thun zu knnen, als mig die Hnde in
den Schoo zu legen und auf ein unbestimmtes Etwas mit glubiger Seele zu
harren.
    Da brach die Revolution aus, und Oldenburg athmete auf, wie Tausende mit
ihm. Hatte doch Jeder eine unertrgliche Last getragen, die er jetzt loszuwerden
hoffte! Es war Oldenburg lieb, da Melitta nicht zugegen war. Er hatte ihr
gleich beim Beginn des Barricadenbaues durch den alten Baumann Kunde sagen
lassen, und da er sie dringend bitte, an dem sichern Orte, wo sie sei, zu
bleiben. Er dachte bei sich, als er den alten Mann entsandte: wir sehen uns
entweder nie oder glcklicher als vorher wieder; jetzt mte nur noch Oswald da
sein und an meiner Seite fr die Freiheit und Melitta kmpfen. Der Ausgang
sollte mir ein Gottesurtheil sein und Melitta dem Ueberlebenden den Kranz des
Siegers reichen.
    Und sein Wunsch ging in Erfllung. Seit einer Stunde kmpfte Oswald an
seiner Seite, kmpfte, wie Jemand, dem der Tod lieber ist, als das Leben. Wo es
eine unter den feindlichen Kugeln schadhaft gewordene Stelle der Barricade
auszubessern, oder sonst etwas Gefhrliches zu thun gab, da war Oswald sicher zu
finden, und da Oldenburg gerade die bedenklichsten Posten fr sich selbst in
Anspruch nahm, so kamen sie sehr oft dicht nebeneinander zu stehen. Aber sobald
die Gefahr vorber, zog sich Oswald sofort zurck, und Oldenburg folgte ihm
nicht, da die Absicht, ihm auszuweichen, zu augenscheinlich war. Und doch
drngte es den edlen Mann, in dieser Stunde, die vielleicht fr Beide die letzte
werden konnte, dem ehemaligen Freunde zu sagen, da sie, was auch geschehen war,
vergessen und sich die Hnde reichen wollten, die so tapfer fr eine groe und
gute Sache zu streiten wuten.
    Seine Blicke hafteten jetzt auf Oswald, der in einiger Entfernung von ihm,
die Bchse in der Hand, mit Berger neben einem der Wachtfeuer stand. In der
wechselnden Beleuchtung traten die Gestalten bald in ein helles Licht, bald flog
ein schwarzer Schatten ber sie hin. Das gab ihnen etwas Seltsames,
Ueberirdisches. Oldenburg mute an die Schemen denken, die an den Ufern des
Acheron dem Fhrmann winken.
    Er erhob sich und trat auf die Beiden zu.
    Nun, Ihr Herren, sagte er, werden wir uns dieser Ruhe lange erfreuen?
    Ich glaube nicht, erwiederte Oswald; sie haben sich entweder nur momentan
verschossen, oder sie ziehen noch Verstrkungen heran.
    Das Letztere ist wohl das Wahrscheinlichere. Was meinen Sie, Berger?
    Berger hatte, die Arme ber der Brust gekreuzt und mit den groen Augen
unverwandt in die Flamme sehend, dagestanden. Pltzlich streckte er die Hnde
vor sich hin und sagte in einem hohlen geisterhaften Ton:
    Horch! sie kommen! Die Erde zittert unter ihnen. Wie sie die Gule
peitschen, die es mde sind, immer neue Gewaltsmittel gegen das arme Volk
herbeizuschleppen! Da springen sie herab. Und nun stopft nur die ehernen
Schlnde voll bis zum Bersten, wir wollen -
    Berger! sagte Oldenburg, ihm die Hand auf den Arm legend.
    Berger zuckte zusammen, wie Jemand, der jh aus einem tiefen Traume geweckt
wird. Er blickte verstrt umher.
    Was giebt's? fragte er, Oldenburg anstarrend.
    Sie sind durch die bermigen Anstrengungen erschpft, Berger, legen Sie
sich eine Stunde hin. Ich will Sie rufen lassen, wenn es Noth thut.
    Erschpft, sagte Berger, indem er wieder in seinen trumerischen Zustand
zurckfiel; ja wohl erschpft, bis zum Tode erschpft; aber deshalb gengt auch
eine Stunde nicht. Wenn ich schlafen soll, so sei es wenigstens den ewigen
Schlaf!
    In diesem Augenblick trat Schmenckel, der die Wache auf der Barricade gehabt
hatte, an die Gruppe heran und sagte:
    Es ist halt etwas Besonderes im Werk; ich glaube es geht jetzt mit Kanonen
los.
    Berger fuhr in die Hhe.
    Sagte ich es nicht? rief er, die Stunde der Entscheidung naht. Auf, auf, Ihr
wackern Mnner, allesammt! Noch einen lustigen Tanz mit den schlangenhaarigen
Furien des Lebens und dann zur ewigen Ruh' in die khle Todesnacht. Auf! auf!
    Bei diesem Ruf sprangen Einige der Kmpfer empor von ihren Lagerstellen am
Feuer, griffen zu den Waffen und eilten Berger nach an ihre Posten. Andere
blieben liegen und lachten ber den tollen Alten und den blinden Lrm. Aber auch
sie waren rasch genug auf den Beinen, als jetzt ein Schlag, der die Huser in
ihren Grundvesten erbeben machte, losschmetterte und Karttschenkugeln in die
Barricade gegen die Huserwnde prasselten.
    Jetzt wird es Ernst, sagte Oldenburg, sich zu Oswald wendend. Aber der
Platz, wo Oswald gestanden hatte, war leer.
    Er weicht mir aus, sprach Oldenburg traurig; und doch, mein Gewissen ist
rein; ich habe mir nichts gegen ihn vorzuwerfen.
    Er eilte nach der Barricade, wo jetzt die Anwesenheit des Hauptmanns
nthiger war als je.
    Zu der einen Kanone, die den Reigen erffnete, hatten sich noch drei andere
gesellt, und beinahe ununterbrochen krachte der Donner und rasselte der eiserne
Hagel gegen die Barricade. Es war kein Zweifel: man wollte Bresche legen und
dann den Sturm mit voraussichtlich besserem Erfolge wiederholen. Oldenburg, der
das Leben der Leute nicht unntz auf's Spiel setzen wollte, hatte Befehl
gegeben, so gedeckt wie nur mglich sich aufzustellen und das Feuer der
Belagerer nicht zu erwidern, sondern jeden Schu bis zu dem Augenblick des
Sturmes aufzusparen. Auerdem hatte er die Steinschleuderer auf den Dchern um
das Doppelte verstrkt. Zuletzt whlte er die Mnner, die sich bisher am
muthigsten gezeigt hatten, zu einem Elitecorps aus, das sich dem strmenden
Feinde blindlings entgegenwerfen und kmpfen sollte, bis die Anderen Zeit gehabt
htten, sich hinter die Barricaden der Nebenstrae zu retten.
    Oldenburg hatte kaum diese Anordnungen getroffen, als die Batterie mit noch
frchterlicherer Gewalt zu arbeiten begann und dann pltzlich verstummte.
    Einen Augenblick tiefe Stille,
    Tiefe Stille, und dann der eherne Klang von zwanzig Trommeln, die den
Sturmmarsch schlagen. Und mit jedem Schlage rckt die Colonne nher heran - eine
lebendige Mauer, scheinbar unaufhaltsam in ihrem Andrang.
    Kein Laut erschallt auf der Barricade. Oben auf den Dchern stehen die
Mnner und Knaben, die schweren Steine in den Hnden; in den Fenstern der
Huser, an den Schiescharten der Barricade selbst lauern die Schtzen, die
Bchse halb zur Wange schon erhoben.
    Und mit dem Tacte der Trommeln rckt die lebendige Mauer heran. Deutlich
schon sieht man die schmucken Gardeuniformen; man sieht die bartlosen Gesichter
der Leute und das schwarze, finstere, brtige Antlitz des riesigen Officiers,
der voranschreitet. Und jetzt ruft der Officier ein Commando, das die Trommeln
verschlingen, und wie er mit dem blitzenden Degen winkt, rufen die Soldaten:
Hurrah! hurrah! hurrah! und strzen eilenden Laufs heran. Aber ehe sie die
Barricade erreichen, krachen zwanzig Feuerschlnde, schmettern Hunderte von
Steinen in die lebendige Mauer und sie schwankt und wankt wie eine Meereswoge,
die mit vorberhngendem Kamm gegen den Felsenstrand heranschumt.
    Doch rollt sie weiter und jetzt prallt sie gegen die Barricade. Der Officier
reit mit seinen Hnden groe Stcke heraus. Nichts scheint seiner Riesenstrke
widerstehen zu knnen. Da springt ihm ein Mann im Sammtrock, der als Waffe den
Lauf eines Gewehrs schwingt, von dem der Kolben abgebrochen ist, entgegen. Als
der Officier den Mann erblickt, taumelt er wie vom Blitz getroffen zurck. Das
bringt seine Leute in Verwirrung und hemmt fr einen Moment ihr Anstrmen.
    Die Barricadenmnner benutzen diese Pause und geben eine volle Salve. Der
Officier fllt mit dem Gesicht vornber todt zur Erde; mit ihm strzt ein halbes
Dutzend seiner Leute mehr oder weniger schwer verwundet. Ein frchterlicher
Schrecken bemchtigt sich der Soldaten. Vergebens suchen die Officiere sie in
den Kampf zu treiben.
    Die Barricade ist abermals gerettet; man schreit einmal ber das andere
Hurrah, man umarmt sich mit Thrnen der Freude in den Augen. Aber der Sieg ist
theuer erkauft. Whrend ein Theil der Besatzung die halb zerstrte Barricade
wieder aufbaut, ist der andere Theil mit den Verwundeten und Todten beschftigt.
Der im Sammtrock trgt den Leichnam eines Mannes herbei, welcher in der ersten
Reihe wie ein Held gefochten hat, und von den feindlichen Bajonneten durchbohrt,
an ihrer Seite gefallen ist.
    Oldenburg eilte herbei, ihnen zu helfen.
    Ist er todt?
    Ja.
    Sie legen ihn neben einem der Feuer hin auf die Erde. Das bleiche Antlitz
ist so still, so voll Frieden, und um die blassen Lippen schwebt ein sanftes,
seliges Lcheln.
    Oldenburg schaut zu Oswald herber, der an der andern Seite neben der Leiche
kniet. Er erschrickt. Das Antlitz des jungen Mannes ist eben so bleich, wie des
Todten Antlitz, und seine Augen stieren wie im Wahnsinn.
    Mein Gott, Oswald, Sie sind verwundet?
    Ich frchte, ja, erwiedert Oswald und sinkt neben Bergers Leiche zusammen.

                           Zweiundfnfzigstes Capitel


Seit der Nacht der Barricaden ist die Sonne zweimal aufgegangen. Ein
wunderlieblicher Frhlingstag blaut ber der ungeheuren Stadt. Von dem lichten
Himmel heben sich scharf die prchtigen Palste ab, deren gewaltige Sulen und
reichgeschmckte Friese in der goldenen Morgensonne gebadet sind. Und in der
goldenen Morgensonne baden sich auch Tausende und aber Tausende glcklicher
Menschen, die in unabsehbaren festlichen Schaaren die Stadt durchwallen.
    Armes Volk! sprach Oldenburg bei sich, whrend er hinabschaute auf die
wogenden Menschen; armes, wunderschtiges Volk! Als ob alle Heiligen des
Kalenders die helfen knnten, wenn du dir nicht selbst hilfst! Als ob die Snden
eines Menschenalters in einer Nacht geshnt, als ob ein todtkranker Staat an
einem Tage gesunden knnte! Du willst schon vergeben und vergessen, Denen, die
dir noch niemals, niemals etwas vergeben und was du, nach ihrem Sinn, an ihnen
gesndigt, niemals vergessen haben; niemals vergessen werden; noch tragen deine
Huser die Spuren des brudermrderischen Kampfes, noch sind die Dcher, deren
Steine du in deiner Verzweiflung auf die Kpfe deiner Feinde hinabschleudertest,
abgedeckt; noch ist das Pflaster nicht wieder eingefgt, das du aufrissest, dir
einen Wall zu schaffen gegen frechen Uebermuth; noch sind die Todten nicht
begraben, die ihr Blut fr dich vergossen, - noch harren auf ihrem
Schmerzenslager zum Tode Verwundete der Stunde der Erlsung!
    Das Hotel beherbergte zwei dieser Opfer.
    Unten, ein paar Fu von der Strae, auf welcher die frhlichen Menschen
vorber wimmelten ber die Stelle, wo vorgestern Nacht die Barricade ragte, lag
in einem Sarge ein bleicher Mann, von dessen Wangen ein grauer Bart weit auf die
breite Brust herabflo ber eine tiefe Wunde, der vorgestern Nacht das Blut des
edelsten Herzens entstrmt war.
    Und hier in diesem selben Zimmer lag auf seinem Leidenslager hingestreckt
ein junger Mann, der an der Seite des grauen Schwrmers tdtlich verwundet
wurde, und dessen ppige Jugendkraft bis zu dieser Stunde unter unsglichen
Qualen mit dem unbarmherzigen Tode gekmpft hatte.
    Nach dem Sturm, bei welchem Berger fiel und Oswald die Todeswunde empfing,
hatte das Militair keinen neuen Angriff gemacht. Sei es, da man die Position
wirklich fr uneinnehmbar hielt, sei es, da die schwankenden Gemther, bei
denen die Entscheidung war, hemmend in die Operationen eingriffen, sei es, da
der Tod des Frsten Waldernberg, der mit einer an Raserei grenzenden Khnheit
den letzten Angriff geleitet hatte und bei dem Sturm gefallen war, eine
Bestrzung in den Reihen der Soldaten verbreitete, die ihre Fhrer die
Erfolglosigkeit eines abermaligen Versuchs voraussehen lie - man hatte sich
begngt, von Zeit zu Zeit durch eine Karttschenladung die Barricadenmnner
aufzuschrecken; endlich war gegen fnf Uhr Morgens der letzte Schu gefallen.
    Oldenburg hatte auf seinem Posten ausgehalten, bis er sich berzeugte, da
in der That kein abermaliger Angriff zu befrchten stehe und das Militair Befehl
zum Rckzug erhalten habe. Dann erst hatte er Schmenckel, der als sein treuer
Knappe kaum von seiner Seite gewichen war, zu sich gerufen und sie hatten
zusammen die schon halb abgerumte Barricade, als die letzten Aller, verlassen.
    Schmenckel hatte noch in der Nacht Oldenburg mit Thrnen in den Wimpern
erzhlt, da der Officier, der vor ihren Augen gefallen, sein Sohn gewesen sei.
Oldenburg hatte den sehr verworrenen Bericht von des ehrlichen Caspars sehr
verworrenem Leben mit nicht geringem Erstaunen angehrt, besonders die
Geschichte der letzten Tage - die Intriguen des unseligen Albert Timm, dessen
Leichnam in das Hospital getragen war, des schlauen Jeremias Gutherz, der den
Ueberfall in dem Dusteren Keller geleitet und der der Erste gewesen war, der
sich aus dem Staube machte; die Conferenzen mit dem Grafen Malikowsky und der
Frstin Letbus; und da Timm ihm auch gesagt habe, auf welche Weise er aus
Oswald Stein alle Tage, die er wolle, einen Baron Grenwitz machen knne.
    Oldenburg kannte die Welt und besonders die vornehmen Regionen, in welche
Schmenckels Geschichten hineinspielten, zu genau, als da er an der Mglichkeit,
ja Wahrscheinlichkeit solcher Vorkommnisse htte zweifeln sollen.
    Wute Oswald von seiner Abstammung? - doch das war ja am Ende so
gleichgiltig! Es war nicht anzunehmen, da der Tod zwischen dem Sohne des Barons
Harald oder des Sprachlehrers Stein einen besonderen Unterschied machen wrde,
und Oswald gehrte dem Tode.
    Eine Stunde nach seiner Verwundung war es entschieden. Um diese Zeit kam die
erste rztliche Hlfe, deren sich die Barricade zu erfreuen hatte, in der Person
des Doctor Braun, der in Begleitung Melitta's anlangte. Melitta war noch bei
Sophie gewesen, als der alte Baumann die Nachricht vom Ausbruch des Kampfes
brachte, und da Oldenburg in der Langen Strae die Barricade commandire.
Melitta war sogleich entschlossen gewesen, zu Oldenburg zu eilen, und Sophie sah
nur zu wohl, da es Franz in einer Stunde, wo Tausende ihr Leben auf's Spiel
setzten, nicht zu Hause litt, und trug es deshalb still, als er erklrte,
Melitta begleiten zu wollen. Der alte Baumann und Bemperlein, der ebenfalls
anwesend war, sollten bei Sophie bleiben und sich ihrer und der Kinder annehmen.
    Melitta und Franz hatten einen mhseligen Weg, bis sie endlich nach
mehrstndiger Wanderung auf den grten Umwegen und oft mit Gefahr des Lebens
ihr Ziel erreichten.
    Das Wiedersehen mit der Geliebten entschdigte Oldenburg tausendmal fr
Alles, was er ihrethalben gelitten hatte. Melitta umarmte und kte ihn unter
Thrnen in Brauns Gegenwart, sie hing sich an seinen Arm, sie konnte sich nicht
trennen von dem, dem sie nicht mehr am Leben zu finden gefrchtet hatte, und den
sie jetzt, von Pulver geschwrzt, in der ganzen Glorie seiner stolzen Mannheit
wiedersah, bis er ihr in's Ohr flsterte, da im Akazien-Hotel Oswald auf den
Tod verwundet liege. Da hatte Melitta ihren Arm aus seinem Arm gezogen und hatte
- ernst und bleich, aber nicht bestrzt - gesagt, da sie den Kranken pflegen
wolle, wie es ihre Pflicht sei.
    Seitdem war ein Tag und eine Nacht vergangen - eine Ewigkeit fr Die, welche
am Lager des von Hllenqualen Gefolterten wachten, der sich jetzt in seiner
Raserei im Bette aufbumte, so da es Schmenckels ganzer Kraft bedurfte, ihn zu
halten, und ein anderes Mal in sich berstrzender Hast die Bilder schilderte,
die sich in wahnsinniger Flle durch sein berreiztes Gehirn drngten. So hatte
er, der sonst so Verschwiegene, das Geheimni seiner Geburt enthllt und damit
Niemand so sehr berrascht, als die gute Frau Hauptmann, die sich lange nach
ihrer Marie gesehnt und nun den Sohn Mariens endlich gefunden hatte, nur, um ihn
sterben zu sehen. Die alte Dame schwebte wie ein guter Geist lautlos durch das
Zimmer, und wenn sie gerade im Augenblicke nicht beschftigt war, sah man, wie
sie die Hnde faltete und betete, da ihr der Sohn der geliebten Tochter
erhalten bleiben mge.
    Aber dazu war schon seit dem ersten Augenblick keine Hoffnung mehr gewesen.
Franz hatte sofort erklrt, da Oswald sterben msse, da er einen, hchstens
zwei Tage noch leben knne. Es sei nicht wahrscheinlich, da er vor dem Tode
noch einmal zum Bewutsein erwache.
    Melitta sah diesem Augenblick, wenn er ja eintreten sollte, mit Wehmuth
entgegen. Sie wute jetzt, da sie Oswald nur noch als einen unglcklichen
Bruder liebe. Oswald hatte in seinen Phantasien ihren Namen nicht einmal ber
die Lippen gebracht; er hatte immer nur von einer lieben, schnen Frau
gesprochen, gegen die er arg gesndigt habe, und die ihm, was er an ihr
gefrevelt, nicht verzeihen knne. Die Erinnerung daran hatte dem Unglcklichen
Thrnen ausgepret; und Melitta hatte ihm die Thrnen von den Wagen gewischt und
nur immer gewnscht, sie knnte ihm sagen, da sie ihm lngst verziehen habe.
    Da seufzte der Verwundete so tief, da Oldenburg sich schnell im Fenster
umwandte und an das Bett trat, an welchem Melitta sa. Aber das Seufzen war kein
Schmerzenslaut gewesen, nur der letzte tiefe Athemzug einer Brust, von der die
Last des Lebens fr immer genommen ist.

                           Dreiundfnfzigstes Capitel


Und wieder ist die leuchtende Frhlingssonne zweimal aufgegangen, wieder trgt
die ungeheure Stadt ein festliches Kleid; aber die Farbe des Kleides ist die der
Trauer, denn das Fest, das sie feiern, ist ein Todtenfest.
    Schwarze Fahnen wehen von den Thrmen und den Zinnen des Schlosses,
Trauerflore sieht man berall aus den Fenstern hangen, mit Trauerfloren sind die
Hte der Frauen, sind die Hte der Mnner, sind die Arme der Unzhligen alle
umwunden, die nach dem herrlichen Platz in dem Herzen der Stadt wallen, wo
zwischen den im Mittagssonnenschein gebadeten Tempeln auf einer Estrade die
Srge Derer stehen, die in der Schreckensnacht fielen -
einhundertsiebenundachtzig Todte - darunter Frauen und Kinder - unschuldige
Blumen, die dem grausen Schnitter, als er die Garben mhte, aus denen die Saat
der Freiheit geerntet werden sollte, unter die erbarmungslose Sense kamen. Und
selbst damit ist die blutige Ernte noch nicht vollendet. Noch liegen in den
Hospitlern, in den Husern berall in der Stadt Schwerverwundete, von denen
noch Mancher den goldenen Tag der Freiheit nimmer schauen wird.
    Und nun beginnen von allen Thrmen in feierlichen Klngen die Glocken zu
luten, - dieselben Glocken, die in der Barricadennacht den Schlachtruf heulten.
    Die kirchliche Handlung ist vollendet. Der Zug setzt sich in Bewegung.
    Ein Zug wie ihn die Stadt nimmer sah, wie er vielleicht einzig ist in der
Welt Geschichten.
    Da schweben die gelben, von reichen Krnzen umwundenen Srge in unabsehbarer
Reihe auf den Schultern der Brger hin durch die blaue Frhlingsluft und
zwanzigtausend Menschen jeden Alters und Standes geben ihnen das Geleit. An
jedem Sarge ist ein Zettel mit dem Namen des Todten. Namenlose Namen! Wer war
Oswald Stein? wer war Eberhard Wolfgang Berger?
    Was thut der Name? Was thut es, was sie im Leben waren? was sie im Leben
thaten und litten, fehlten und sndigten, strebten und irrten? Der Tod fr die
Freiheit krnt alles Streben, shnt alle Schuld. Das fhlen, das sagen die
Hunderttausende, die, rechts und links in gedrngten Reihen am Wege stehend, den
Zug an sich vorberziehen lassen, und vor jedem Sarge die Hupter ehrfurchtsvoll
entblen.
    Und so geht der unabsehbare Zug lang und langsam in lautloser feierlicher
Stille zum Thore hinaus nach seinem Ziel, dem Hgel vor der Stadt, wo von den
Barricadenkmpfern an den Tagen vorher ein groes Viereck ausgeschaufelt ist.
Der Zug geht in die Grube hinein. Die Trger setzen ihre Srge stille nieder und
schreiten weiter, und so die Anderen, bis der Zug hindurch ist.
    Und die Tausende stellen sich in andchtigem Schweigen rings umher.
Gewehrsalven krachen, und an den Grbern seiner Mrtyrer betet ein ganzes Volk.
    Und Einer aus dem Volke - ein langer, schwarzbrtiger Mann - erhebt seine
Stimme und spricht:
    Fr wen beten wir, lieben Brder?
    Fr die Todten?
    Sie bedrfen der frommen Wnsche nicht in ihrer khlen Grabesruhe, in ihrem
ewigen Schlaf.
    Aber wir, die Lebenden!
    Uns ist nicht das schlechtere, doch das schwerere Loos gefallen. Wir sollen
schaffen und wirken in dem heien Staub der Alltglichkeit, rastlos, ruhelos,
denn nimmer schlft die Tyrannei. Wir sollen arbeiten und schaffen, da die
Nacht nicht wieder hereinbreche, in welcher es dem Braven unheimlich und nur dem
Schlechten heimlich war; die Nacht, durch deren dunkle Schatten so viel
romantische Larven und phantastische Gespenster huschten; die Nacht, die so arm
war an gesunden Menschen und so reich an problematischen Naturen - die lange
schmachvolle Nacht, aus welcher nur der Donnersturm der Revolution durch blutige
Morgenrthe hinberfhrt zur Freiheit und zum Licht.

                                     Ende.

